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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-07 22:52:05 -0800
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56475 ***
+
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+ Nikolaus Gogol
+ Briefwechsel II
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+ Nikolaus Gogol
+ Sämmtliche Werke
+ In 8 Bänden
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+ Herausgegeben
+ von
+ Otto Buek
+
+
+ Band 8
+
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+ München und Leipzig
+ bei Georg Müller
+ 1914
+
+
+ Nikolaus Gogol
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+
+ Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden
+
+
+
+ Zweiter Teil
+
+ Hans Küchelgarten
+
+ Deutsch von Ulrich Steindorff
+
+
+ München und Leipzig
+ bei Georg Müller
+ 1914
+
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+
+ An Arkadius Ossipowitsch Rosetti
+
+
+ Neapel, im Jahre 1847.
+
+Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihren Brief und die zahlreichen
+Mitteilungen danken soll, die er enthält, liebster, bester Arkadij
+Ossipowitsch. Wenn ich häufiger das Glück hätte, solche Briefe zu
+erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe
+zu mir erfüllt wären, müßte ich schon längst viel klüger sein, als ich
+es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen
+will, jemand in irgendeiner Weise davon zu überzeugen, daß ich wissen
+muß, was man über mich spricht, daß das die einzige Gelegenheit für mich
+ist, etwas zu lernen, kurz, daß es einen Menschen gibt, dem man die
+Wahrheit sagen muß, so hart und bitter sie auch sein mag, und für den
+selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Haß und der
+Lieblosigkeit entspringen, ein Bedürfnis sind? So war denn auch einer
+der Gründe, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben -- das
+Bedürfnis, zu lernen, und nicht etwa das -- andere zu belehren. Da man
+jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als
+dadurch, daß man ihn erzürnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe
+mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen,
+die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer
+empfindlichsten Stelle treffen mußten.
+
+Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide außerordentlich
+darunter, daß ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen
+Umständen kennen müßte; ich leide darunter, daß ich eigentlich gar nicht
+weiß, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, Ämter und aller
+Bildungsstufen in Rußland darstellen. Alles, was ich hierüber bisher
+unter einem ungeheuren Aufwand von Mühe ermitteln konnte, ist nicht
+ausreichend, wenn meine »Toten Seelen« das werden sollen, was sie
+eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach
+dürste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschluß der
+Bedienten und Lakaien über mein gegenwärtiges Buch sagen -- nicht
+eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der
+Beurteiler mit seinem Urteil über das Werk am besten charakterisiert.
+Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst für
+ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in
+seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gütiger Mensch
+oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser
+Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, daß Sie es sich
+heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewußtsein bringen
+können, wie an diesem, was der Russe von heute für ein Mensch ist. Ich
+kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen
+Gebrechen leiden, einen wohltätigen Einfluß auszuüben, ich hatte
+erwartet, daß sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten äußern würden, als das
+wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter für mich,
+vieles mitanhören zu müssen. Aber wie danke ich Gott heute dafür, daß es
+gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt
+unwillkürlich genötigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt
+die Möglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu
+lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von
+ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, daß meine Persönlichkeit
+hierbei Schaden gelitten hat (ich muß es Ihnen gestehen; ich brenne noch
+heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaßend ich mich an vielen
+Stellen ausgedrückt habe: fast à la Chlestakow), so muß man doch immer
+Opfer bringen. Ich brauchte eine solche öffentliche Ohrfeige, ja ich
+hatte sie vielleicht nötiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf
+an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umständen Nutzen zu ziehen:
+Gott hat plötzlich einen ganzen Haufen von Schätzen vor mir
+ausgeschüttet, so daß ich mit beiden Händen danach greifen muß, wenn ich
+sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas,
+dessen nur ein Christ fähig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten für
+mich auf, wo Sie sie immer finden mögen. Es wäre Ihnen ein leichtes,
+sich täglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu
+machen wie z. B. die folgenden: »Heute habe ich den und den, die und die
+Meinung äußern hören; über das Leben dieses Menschen ist folgendes
+bekannt, er hat einen solchen Charakter« (kurz, Sie könnten mir in
+flüchtigen Zügen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts über
+ihn bekannt, so schreiben Sie: über sein Leben kann ich nichts in
+Erfahrung bringen, ich glaube aber, daß er das und das ist; äußerlich
+macht er einen guten und anständigen (oder unanständigen) Eindruck; er
+hält seine Hände so; schneuzt sich folgendermaßen; er schnupft Tabak und
+zwar in folgender Weise; kurz, Sie dürfen keinen Zug vergessen, der
+Ihnen ins Auge fällt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie
+jeden geringfügigen Umstand sorgfältig buchen.
+
+Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder
+eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und
+Reihenfolge zu geschehen: man wirft bloß zwei, drei Zeilen aufs Papier,
+ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar überzeugt, daß dies
+eine angenehme Beschäftigung für Sie sein wird, weil Sie stets das
+schöne Bewußtsein haben werden, daß Sie das für einen Menschen tun, der
+Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so
+große Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein
+Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhält. Was soll ich machen, wenn dies
+Spielzeug -- das wenigstens von anderen Leuten nur für ein Spielzeug
+gehalten wird -- in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist;
+es ist sogar so wenig ein Spielzeug, daß, wenn ich nicht genug von
+diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen »Toten Seelen«
+plötzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann
+und lauter Dinge zum Vorschein kommen können, wie Sie sie in meinem
+Buche gefunden und die Ihnen so mißfallen haben. Glauben Sie mir: wenn
+dies Buch nicht erschienen wäre, hätte ich nie jene kunstlose
+Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der »Toten
+Seelen« herrschen muß, wenn sie jedermann für einen treuen Spiegel des
+Lebens und nicht für eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch
+großen Umweg man machen muß, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie
+wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut
+besser, hierüber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir -- das ist
+alles, was ich zu sagen vermag.
+
+Was nun die Veröffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich
+folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band
+herauszugeben -- ist mir unmöglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor,
+die nicht vergessen werden dürfen, und über meine ganze Zeit habe ich
+schon disponiert; zudem würde ein ganz ähnliches Werk nicht einmal
+Aufsehen erregen. Ich möchte nur, daß Wjasemski seine Bemerkungen dazu
+macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch
+einmal durchsehen und verbessern, so daß selbst der schlichteste Zensor,
+auch ohne daß sie vor eine höhere Instanz zu gelangen brauchten, die
+Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es
+nur verständig auszudrücken versteht. Der Mißerfolg der besten und
+hochherzigsten Unternehmungen rührt meist von unserer Ungeschicklichkeit
+her -- da wir gewöhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken:
+»Man muß Wasser in seinen Wein gießen« (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber
+verdünne sie erst ein wenig). Wenn wir -- statt mit großer Sicherheit
+und hochmütiger Miene Ratschläge zu erteilen, die wir in dem Tone eines
+Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, daß er sich irren
+könnte -- schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, können wir
+sicher sein, daß unsere Gedanken von vielen Lesern beifällig aufgenommen
+und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehört, mag
+fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden;
+wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrängt, da soll
+sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch
+eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon
+gedruckten Sätze einen maßvolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen
+diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders
+veröffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine höhere
+Bedeutung verleihen und die Menschen in Rußland an _Rußland_ erinnern
+und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen
+werden. Obwohl es große Mängel hat, -- es ist nicht auf kurze flüchtige
+Eindrücke berechnet. Man muß es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur
+für die, die es überhaupt nicht verstanden, sondern auch für die, die es
+besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch
+Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergründet werden
+können. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne
+genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wäre sehr schön, wenn
+die vollständige Ausgabe im September erscheinen könnte. Das Buch wird
+gekauft werden, man kann nämlich noch einiges hinzufügen, was dazu
+beitragen könnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige
+Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu
+lesen. Sie danken mir dafür, daß ich Ihnen (durch die Bemühungen um mein
+Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele näher kennen zu
+lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafür, daß Sie mir einige
+Mitteilungen über ihn zukommen ließen, um derentwillen ich ihn heute
+noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit höher schätze als
+je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem
+schönen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich
+kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich
+dafür geben würde, wenn ich ihn jetzt sehen, persönlich mit ihm sprechen
+und ihn an meine Brust drücken könnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie
+aufs herzlichste, mein unschätzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich
+Ihnen vielmals für Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr
+
+ Gogol.
+
+_P. S._ Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Büchern
+eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind.
+Alle andern erhalten durch den Kurier die schönsten Sachen zugestellt;
+sogar Buchweizengrütze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich
+erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblättchen.
+
+Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu bestätigen.
+Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar
+senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn.
+
+[Fußnote 1: Getrocknete Rückensehne vom Stör, die in Rußland zur Füllung
+von Backwerk verwendet wird. Anm. d. Hersg.]
+
+
+
+
+ Über den »Zeitgenossen«
+ (Sowremennik)
+ Ein Brief an P. A. Pletnew
+
+
+ Den 4. Dez. 1846.
+
+Endlich komme ich dazu, mit dir über den »Zeitgenossen« zu sprechen.
+»Der Zeitgenosse« war eine schlechte Zeitschrift trotz des
+vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses
+schöne Ziel, um dessentwillen du ihn gegründet hast, war aus der
+Zeitschrift für niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil,
+alle Leute fragten betroffen: »Erklären Sie mir bitte, warum und zu
+welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit
+sagen? Was wollen diese Gemeinplätze in seinem Programm bedeuten, diese
+vielen Wiederholungen über Unparteilichkeit, seine uneigennützige Liebe
+zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die
+jeder Journalist macht und doch keiner hält?« Der magere Inhalt dieser
+dünnen Büchlein, der leblose, gleichgültige, matte, verwaschene Stil, in
+dem seine Urteile über alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein
+Rätsel auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir wollen
+ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung:
+weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung für alle
+modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde für alle Fragen, die
+die große Masse unserer Gesellschaft beschäftigen, noch endlich jenen
+enzyklopädischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen
+Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen
+Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur
+eine hohe Gabe zuteil -- sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blüten,
+die im Garten der Poesie wachsen, zu ergötzen und die höchsten Regungen
+der Menschenseele zu verstehen. Der Sänger des »Münnich« und einiger
+anderer schöner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der
+stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, hätte die polemische
+Arena meiden sollen. »Der Zeitgenosse« war selbst unter Puschkin nicht
+das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein
+viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte.
+Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften
+schaffen, in der durchdachtere und gründlichere Abhandlungen zum Abdruck
+kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die
+Mitarbeiter zur Eile gedrängt werden und nicht einmal soviel Zeit haben,
+das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen.
+Übrigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht
+allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als
+er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er
+zuerst sogar zurücktreten. Die ganze Schuld fällt auf mich: ich flehte
+ihn an, seinen Plan doch auszuführen. Ich versprach ihm meine dauernde
+Mitarbeit. In meinen Aufsätzen fand er vieles, was einer periodischen
+Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen
+konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu
+jener Zeit tatsächlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu
+hoch, als daß er noch ein solch jugendliches Gefühl in sich hätte bergen
+können: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals
+noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt ließ. Mein hartnäckiges
+Zureden und mein Versprechen, tätig mitzuwirken, überzeugte ihn; aber
+ich hätte mein Wort doch nicht halten können, selbst wenn er am Leben
+geblieben wäre. Ich wußte noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung
+führen würde, ich wußte nicht, daß ich einmal alle Kräfte und
+Fähigkeiten für jede lebendige literarische Betätigung verlieren und
+lange Zeit für alles absterben würde, was den Menschen von heute bewegt.
+Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschüttert durch
+diesen für alle so schmerzlichen Verlust, der für dich noch weit
+schmerzlicher war als für alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der
+Zeitschrift. Die Erkenntnis, daß die moderne Gesellschaft verwaist und
+des Lichts der Poesie beraubt zurückgeblieben und dazu verurteilt sein
+sollte, nichts wie törichte und unfruchtbare Diskussionen und
+Streitereien über die Kunst anzuhören, statt sich an den Werken der
+Kunst _selbst_ zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und
+tief betrübt über diese Vereinsamung und Leere, die sich übrigens schon
+zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemächtigt hatte, übernahmst du die
+Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas
+errichten, das zu Beginn der Puschkinschen Ära ganz von selbst
+emporgeblüht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergaßt du
+sogar, daß nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern daß
+eine höhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht
+einmal, daß du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe
+periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise
+erreichen ließ. »Der Zeitgenosse« hätte als Zeitschrift nicht einmal
+dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten
+Journalisten in dir vereinigt hättest. Ich muß gestehen, ich kann es mir
+nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu
+einer Notwendigkeit für unsere Epoche machen sollte. Eine solche
+enzyklopädische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer
+Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedürfnis mehr wie
+früher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drängt uns
+alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der
+modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft
+und die oberflächliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre
+Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu
+aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Kräfte und
+seine Fähigkeiten genauer zu prüfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu
+wählen, und zwar kein flüchtiges Augenblicksziel, sondern eine
+lebensvolle, reiche und große Aufgabe, die allein den Fähigkeiten
+entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner
+Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem
+Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen.
+»Der Zeitgenosse« sollte gänzlich auf den Namen einer Zeitschrift
+verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrängter
+Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter
+eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas Ähnliches darstellen wie
+die »Blumen des Nordens« des Barons _Delwig_, dem du durch dein
+Verständnis für den Wohllaut der Poesie und deine Fähigkeit, dich an ihr
+zu erfreuen und sie intensiv zu genießen, so sehr gleichst. Es ist weit
+besser, er erscheint bloß dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen:
+das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum
+ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus
+der Sommerfrische in den Städten zusammenströmt, und das drittemal zu
+Neujahr; kurz -- er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo
+sich alles mit dem größten Heißhunger auf ein neues Buch stürzt. Alles,
+was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektüre
+trägt, muß wegbleiben: alle Berichte über Tagesneuigkeiten, jegliche
+politischen Nachrichten oder Anzeigen sämtlicher neuen Bücher; höchstens
+darf der Band einen ernsten kritischen Bericht über die bedeutsamsten
+Werke enthalten, die während eines Jahrdrittels erschienen sind, und
+zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen
+literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert
+werden, daß es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der
+Literatur und daß es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz
+konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei
+Ähnlichkeit mit den übereilten hastigen und fragmentarischen Produkten
+unserer Zeitschriftenliteratur haben, dürfen aufgenommen werden. Nur die
+schönsten Blüten unserer modernen literarischen Produktion dürfen hier
+vereinigt sein. Das aber läßt sich nur in einer Zeitschrift erreichen,
+die nicht mehr als dreimal jährlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei
+Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen.
+
+Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische
+Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger
+gestaltet werden als früher. Ich will hier ausdrücklich _die_ modernen
+Schriftsteller anführen, deren Aufsätze unserm »Zeitgenossen« zur Zierde
+gereichen würden. Vor allem müssen wir da den Grafen _Sollogub_ nennen,
+der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzähler ist. Niemand darf
+sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache
+rühmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrücke und jede
+seiner Wendungen ist prägnant und von einem feinen Anstandsgefühl
+erfüllt. Er hat einen großen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist über
+alles unterrichtet, was heute unsere höheren Gesellschaftskreise
+beschäftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich
+noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfüllt, und er ist
+durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingeführt worden, sich
+eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Käme noch solch
+ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann könnte er ein treuer
+Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke würden
+um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. --
+
+Gleich nach ihm müssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich
+unter dem fingierten Namen: _Kosak Luganski_ verbirgt. Er ist kein Poet,
+ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch,
+wahrhaft produktive Schöpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die
+Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus
+solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe
+Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil
+eine große Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der
+Natur geschöpft. Er braucht keinen Knoten zu schürzen und ihn dann
+wieder zu lösen, worüber sich die Romanschreiber so sehr die Köpfe
+zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die
+sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er
+miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine äußerst
+interessante Erzählung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit
+bedeutender als sämtliche Erzähler von großer Erfindungsgabe. Vielleicht
+bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als
+irgendein anderer meinem persönlichen Geschmack und den eigentümlichen
+persönlichen Forderungen, die ich an einen Erzähler stelle,
+entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schöpfe ich Belehrung und neue
+Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes
+besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies,
+daß ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr nützlich sein
+kann, ja daß er eine Notwendigkeit für uns ist. Seine Werke sind ein
+lebendiger und getreuer statistischer Bericht über Rußland. Alles, was
+er aus seinem umfassenden Gedächtnis schöpft und was er uns in seiner
+wahrheitsgetreuen Sprache erzählt, wird ein wertvoller Beitrag für
+deinen Almanach sein.
+
+Ich weiß nicht, warum _N. Pawlow_ so gänzlich verstummt ist, ein
+Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzählungen sofort ein
+Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben
+und sich bloß dadurch geschadet bat, daß er es vorzog, nicht mehr _er
+selbst_ zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen
+Erzählungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer
+stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen
+poetischen Einfällen oder zu künstlichen mosaikartigen Ausschmückungen
+des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht
+zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges
+psychologisches Phänomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in
+seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzählen, um eine Novelle
+mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schöpfungen zu
+schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehören.
+
+Mancherlei Vorzüge hat meiner Ansicht nach auch ein Schriftsteller,
+dessen Werke unter dem Namen _Kulisch_ erscheinen. Sein blühender Stil
+und seine große Kenntnis der Sitten und Bräuche Kleinrußlands sprechen
+dafür, daß er ganz vorzüglich dafür geeignet wäre, eine Geschichte
+dieses Landes abzufassen. Auch hätte er sicherlich in noch höherem Grade
+die Befähigung, frische und lebensvolle Aufsätze für den Almanach zu
+schreiben und uns schlicht und einfach von den Sitten und Bräuchen der
+alten Zeiten zu erzählen, ohne diese Schilderungen in den Rahmen einer
+Novelle oder einer dramatischen Erzählung hineinzustellen, ganz ähnlich
+wie uns einstmals _Kornilowitsch_ von dem Zeitalter Peters und von der
+vorhergehenden Epoche erzählt hat. Sein Roman hat recht interessante
+Partien, als Ganzes ist er jedoch matt und langweilig; die kostbaren
+Perlen: sein großes historisches Wissen, die gediegenen Kenntnisse, die
+über alle Seiten des Werkes verstreut sind, gehen gänzlich verloren,
+ohne irgendeinen Nutzen zu bringen.
+
+Man hat mir gesagt, daß die _Novelle_ bei uns in der letzten Zeit im
+allgemeinen einen großen Erfolg habe und daß einige junge Schriftsteller
+eine besondere Neigung zur Beobachtung des wirklichen realen Lebens an
+den Tag legten. In den Werken, die ich zu lesen Gelegenheit hatte,
+konnte ich in der Tat eine ähnliche Tendenz konstatieren, obwohl der
+Aufbau dieser Novellen mir außerordentlich primitiv und ungeschickt
+vorkam; die Form der Erzählung erschien mir übertrieben und allzu
+wortreich, und dem Stil mangelte es an der rechten Einfachheit. Aber ich
+bin überzeugt: wenn in jedem dieser Schriftsteller erst einmal der
+Mensch, die Persönlichkeit -- und zwar noch vor dem Schriftsteller --
+zum Durchbruch gekommen ist -- daß sich dann alles andere ganz von
+selbst ergeben, daß jeder von ihnen eine starke schriftstellerische
+Eigenart bekunden, und daß keiner dieser Fehler mehr an ihnen zu
+bemerken sein wird. Ich muß hier noch _des_ Schriftstellers gedenken,
+der seine literarische Wirksamkeit mit dem Drama »_Der Tod Ljapunows_«
+begonnen hat. Diesem Drama fehlt es im Aufbau des Ganzen zwar noch an
+der vollen szenentechnischen und dramatischen Reife, über die nur ein
+erfahrener Bühnenschriftsteller verfügt, allein es besitzt viele
+Vorzüge, die in seinem Schöpfer einen Schriftsteller von hervorragender
+Bedeutung ahnen lassen. Das Vergangene so lebendig miterleben und in
+einer so lebensvollen Sprache von ihr künden zu können -- das ist eine
+große Gabe! An seiner Stelle würde ich mich förmlich in die alten
+Chroniken vergraben, mich ganz an ihnen festsaugen und diese Lektüre
+keinen Augenblick im Stiche lassen. Ihnen könnte er viele herrliche
+Stoffe entnehmen. Wer weiß, vielleicht würde ihn eine solche Lektüre auf
+den vortrefflichen Gedanken bringen, eine wahrheitsgetreue Geschichte
+der Zeit zu schreiben, die sein Interesse am meisten fesseln würde. Ein
+echt historisches Werk, aus der Feder eines Schriftstellers, der sich so
+stark in die historischen Charaktere einzufühlen vermag, ein Werk, das
+so lebendig und farbig geschrieben ist, ist weit wertvoller als alle
+historischen Dramen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch etwas von
+den jungen Schriftstellern sagen, die ihre Laufbahn erst beginnen. Ich
+wünschte, du suchtest _Prokopowitsch_ auf und könntest ihn dazu
+veranlassen, doch zur Feder zu greifen und sich im erzählenden Genre zu
+versuchen. Von allen denen, die mit mir zusammen die Schule besucht
+haben und zu gleicher Zeit mit mir zu schreiben begannen, zeigte er weit
+früher als alle anderen ein großes Talent für eine anschauliche
+Darstellungsweise, getreue Lebensschilderung und eine starke
+Beobachtungsgabe. Seine Prosa hatte etwas Munteres und Freies; alles kam
+bei ihm ungezwungen heraus und strömte ihm in reicher Fülle zu; alles
+gelang ihm ohne große Anstrengung, aus allem schien hervorzugehen, daß
+er einmal ein äußerst fruchtbarer Romanschriftsteller werden würde. Ich
+weiß wohl, er ist heute verstummt, er hat den Drang nach einer
+ausgebreiteten freien Tätigkeit in sich einschlafen lassen, sein
+Wirkungskreis hat sich verengt, und es liegt kaum noch ein weites Feld
+für die Beobachtung des Lebens vor ihm. Aber das Leben bleibt überall
+das gleiche Leben, und je geringer der Raum, je enger der Kreis ist, in
+dem es sich ausbreiten kann, um so gründlicher und tiefer können wir
+gerade dies Stück Leben erforschen und durchdringen. Sogar die
+Geschichte unserer Seele, die unser Erwachen aus einer totenähnlichen
+Erstarrung zum Gegenstand hat, ein Erwachen, angesichts dessen der
+Mensch mit Entsetzen auf sein in so tierischer Weise vergeudetes Leben
+zurückblickt, kann einen herrlichen Stoff für einen Roman abgeben ...
+Was für ein Festtag wäre das für meine Seele, wenn ich einmal im
+»Zeitgenossen« eine Novelle fände, unter der sein Name stünde! Was
+endlich mich selbst angeht, so kann ich nach wie vor kein fleißiger und
+eifriger Mitarbeiter an deinem »Zeitgenossen« sein. Du hast schon selbst
+bemerkt, daß man mich nicht einen Schriftsteller im strengen klassischen
+Sinne nennen kann. Von all den jungen Leuten, die zugleich mit mir und
+noch während unserer Schulzeit zu schriftstellern begannen, zeigte ich
+in weit geringerem Grade als alle anderen jene Fähigkeiten, die die
+notwendigen Vorbedingungen jedes literarischen Schaffens sind. Ich will
+dir gestehen, daß selbst in meinen frühsten Projekten und in meinen
+Träumen von einer künftigen Tätigkeit nie der Gedanke an die
+Schriftstellerlaufbahn auftauchte. Ich wurde fast wie durch einen Zufall
+darauf gestoßen. Ich hatte einige Beobachtungen über einzelne Seiten des
+Lebens gemacht, deren ich für meine inneren geistigen Angelegenheiten
+bedurfte, die mich von jeher aufs lebhafteste beschäftigten, und _sie_
+gaben den Anlaß dazu, daß ich zur Feder griff und beschloß, dem Leser
+voreilig alles das mitzuteilen, was ich ihm erst später, d. h. nach
+Vollendung meiner eigenen Erziehung hätte mitteilen sollen. Ich mußte
+mir alles unter großen Mühen erringen, was einem geborenen
+Schriftsteller mühelos zuteil wird. Bis auf den heutigen Tag will es mir
+nicht gelingen, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, die rechte
+Form für meine Sprache und meinen Stil, diese beiden wichtigsten
+Werkzeuge jedes Schriftstellers, zu finden: bis auf den heutigen Tag
+sind beide noch so ganz roh und formlos, wie bei keinem Schriftsteller,
+nicht einmal bei einem von den schlechten, so daß selbst ein Anfänger,
+ein Schuljunge das Recht hat, sich über mich lustig zu machen. Alles,
+was ich geschrieben habe, ist nur von psychologischer Bedeutung, kann
+aber nie als Muster schöner Literatur in Betracht kommen, und ein Lehrer
+würde sehr unvorsichtig handeln, wenn er seinen Schülern den Rat geben
+wollte, bei mir zu lernen, wie man schreiben oder wie man die Natur
+schildern muß: er würde sie dazu anhalten, Karikaturen zu zeichnen. Den
+Beweis dafür kannst du bei einzelnen jungen und unerfahrenen Nachahmern
+meiner Manier finden, die gerade durch die Nachahmung weit unter das
+Niveau ihres eigenen Könnens herabgesunken sind und ihre Selbständigkeit
+und Eigenart verloren haben. Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Spiegel
+der Dinge zu sein und die uns umgebende Wirklichkeit, ganz so wie sie
+ist, in mir widerzuspiegeln -- ein Streben, von dem ein Dichter während
+seines ganzen Lebens gespornt wird und das nur mit seinem eigenen Tode
+zur Ruhe kommt. Ich kann auch heute nur von solchen Dingen reden, die in
+einer nahen Beziehung zu meiner Seele stehen. Wenn ich also einmal das
+Gefühl habe, daß jemand meiner offenherzigen aufrichtigen Meinung bedarf
+und daß meine Worte einer Menschenseele den inneren Frieden zu geben
+vermögen, dann sollst du einen Aufsatz von mir für deinen »Zeitgenossen«
+erhalten; wenn nicht -- so wirst du keinen bekommen, und deswegen darfst
+du mir nicht zürnen.
+
+Ich habe hier auch keinen von unseren heutigen Prosaschriftstellern
+erwähnt, die teils selbst mit der Herausgabe von Zeitschriften
+beschäftigt sind, teils an Schöpfungen abstrakteren Charakters arbeiten,
+die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, Schriftsteller, die
+weder die Möglichkeit noch Muße genug haben, an deinem »Zeitgenossen«
+mitzuarbeiten. -- Diese sollst du gar nicht erst bemühen. Bei dieser
+Gelegenheit muß ich dich ein wenig ausschelten. Du bist im Unrecht, wenn
+du vielen Literaten Verständnislosigkeit und mangelnde Teilnahme für
+deine Zeitschrift vorgeworfen und dies auf ihre Gleichgültigkeit gegen
+die gemeinsame Sache, ihre mangelnde Liebe zur Kunst, ihre Geldgier usw.
+zurückgeführt hast. Ein jeder Mensch ist mit irgendeiner eigenen inneren
+Angelegenheit beschäftigt; in der Seele eines jeden geht etwas vor, gibt
+es Erlebnisse, die ihn von der Mitarbeit an der allgemeinen, gemeinsamen
+Sache abziehen; und man kann absolut nicht verlangen, daß ein anderer
+sein eigenes Interesse einem Lieblingsgedanken von uns und unseren
+Zielen zum Opfer bringen soll, denen wir nachzustreben entschlossen
+sind. Gott weist jeglichem seinen Weg an, der immer ein ganz anderer ist
+wie der, den ein anderer Mensch zurücklegen muß, und man darf nicht alle
+Menschen mit derselben Elle messen. Daher mußt du selbst die ablehnende
+Antwort und die Weigerung eines Menschen respektieren, auch dann noch,
+wenn er den Grund nicht angeben will, weshalb er keinen Beitrag für den
+»Zeitgenossen« zu liefern vermag. Sei zufrieden mit dem, was man dir
+gibt. Wenn bloß die von mir namhaft gemachten Autoren dir Beiträge
+liefern werden, so würde dies allein schon vollauf genügen. Aber ich
+weiß, daß auch noch andere, die ich nicht genannt habe, dir welche zur
+Verfügung stellen werden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute über
+einen Mangel an talentvollen Schriftstellern klagen, finde ich, daß es
+gegenwärtig weit mehr Talente gibt als je zuvor. Sie haben nur ihren Weg
+noch nicht gefunden. Keiner von ihnen hat es bisher verstanden, _er
+selbst_ zu sein, und das ist der Grund, warum man sie nicht bemerkt;
+indessen viele von ihnen werden schon von diesem Wunsch gequält, obwohl
+sie noch nicht wissen, wie sie ihn befriedigen sollen. Das Streben,
+seine eigene Bestimmung kennen zu lernen, ist heutzutage der wunde
+Punkt, an dem viele begabte Leute kranken. Das ist der wahre eigentliche
+Grund der Trägheit und Tatenlosigkeit auf literarischem Gebiet.
+
+Der poetische Teil des »Zeitgenossen« kann gleichfalls sehr reichhaltig
+gestaltet werden, trotzdem im heutigen Publikum der Geschmack an der
+Poesie erloschen zu sein scheint; Gott sei Dank lebt der Patriarch
+unserer Poesie noch, -- noch hat uns der Himmel ja _Schukowski_
+erhalten. Zum Dank für sein reines, makelloses Leben darf _er_ sich
+allein unter uns allen noch im Greisenalter einer wahren Jugendfrische
+erfreuen und jugendliche Kraft zu neuen poetischen Taten in sich fühlen.
+Seine jetzigen Arbeiten sind weit ernster und bedeutsamer als seine
+früheren. Man darf ihn nicht nach jenen Verserzählungen und Märchen
+beurteilen, die in der letzten Zeit im »Zeitgenossen« zum Abdruck
+gekommen sind. Sie konnten und sollten auch keinen Eindruck auf das
+Publikum machen, und es ist kein Wunder, daß das Publikum, das jedes
+neue Werk an seinen eigenen geistigen Bedürfnissen mißt und in ihm eine
+Antwort auf sein unruhiges Fragen und Sehnen sucht, diese Gedichte für
+eine »_Kinderei_« von Schukowski erklärt hat. Sie waren tatsächlich für
+kleine Kinder geschrieben. Diese Märchen und Erzählungen hätten in Form
+eines besonderen Buches unter dem Titel _»Eine Gabe für die Kinder« von
+Schukowski_, erscheinen sollen. Es war ein Fehler von ihm, sie einer
+Zeitschrift einzusenden. Ich habe ihm dies schon damals gesagt und ihm
+geraten, entweder gar nichts oder doch nur etwas einzusenden, was dem
+Empfinden eines erwachsenen Menschen entspricht. Jetzt aber weiß ich,
+daß er dir für den Almanach einige von den Perlen überlassen wird, die
+tief im Inneren seiner Seele gereift sind, in der sich während der
+letzten Zeit soviel Herrliches ereignet hat. Noch leben Gott sei Dank
+zwei andere von unseren erstklassigen Dichtern: Fürst Wjasemski und
+Jasykow. Sie können den »Zeitgenossen« mit neuen Tönen bereichern, wie
+man sie von ihnen noch nicht vernommen hat -- mit Tönen, die aus einem
+gequälten, gepreßten Herzen hervorströmen, mit Liedern, die aus der
+Seele selbst kommen, einer Seele, die sich bereits mit dem strengen
+Gehalt der Poesie erfüllt hat.
+
+Die jüngeren von unseren Dichtern, die erst in jüngster Zeit aufgetreten
+sind und die ich hier nicht mit Namen nenne, haben zwar bisher nur eine
+gewisse Begabung für eine wohllautende, leichte und elegante Verskunst
+an den Tag gelegt, aber noch nicht gezeigt, daß sie echte und wahre
+Gefühle besitzen, allein auch sie können poetische Saiten anschlagen,
+die unserem Empfinden näher liegen. Die Poesie ist die reine
+Manifestation, die Offenbarung der Seele und nicht ein künstliches
+Erzeugnis oder Produkt des menschlichen Wollens; die Poesie ist die
+Wahrheit der Seele und kann daher allen in gleicher Weise zugänglich und
+verständlich sein. Die Schöpferkraft, die Dichtergabe ist eine sehr hohe
+Gabe und wird nur den universellen Genies verliehen, die nur ganz selten
+auf der Erde erscheinen; für einen anderen ist es gefährlich, diesen Weg
+zu betreten. Selbst von den erstklassigen Talenten sanken viele unter
+ihr eigenes Niveau herab, wenn sie sich in die Sphäre der reinen
+Erdichtung wagten, während sogar geringe Talente sich hoch über sich
+selbst erhoben, wenn sie durch ihre eigenen seelischen Erlebnisse dazu
+veranlaßt wurden, lediglich die reine nackte Wahrheit ihres geistigen
+Erlebens darzustellen. Die Zeit rückt immer näher, wo der Drang nach
+einer inneren Seelenbeichte immer lebhafter und lebhafter werden wird.
+Selbst die, die nicht einmal daran denken, daß sie Dichter sein könnten,
+werden Töne wahrer Poesie erklingen lassen; viele herrliche Blumen,
+viele kostbare Schätze werden dir von allen Seiten für deinen
+»Zeitgenossen« zufließen. Du selbst, der du die Leier schon längst
+beiseitegelegt und vergessen, der du es schon lange nicht mehr versucht
+hast, ihr einen Ton zu entlocken, du selbst wirst von neuem zu ihr
+greifen. Du hast doch sicherlich in dieser Zeit auch nicht wenig
+schmerzliche Augenblicke und manchen Kummer erlebt, von dem niemand
+etwas erfahren hat; auch _deine_ Seele wurde sicherlich von dem
+Verlangen verzehrt, sich jemand mitzuteilen und sich auszusprechen, sie
+hat sicherlich nach einem Freunde gesucht, der Verständnis für all ihre
+Bitternisse hätte; da sie ihn nicht finden konnte, hat sie sich
+sicherlich an jenes uns allen verwandte und vertraute Wesen gewandt, das
+es allein versteht, den Trauernden und Bekümmerten liebevoll an seinen
+Busen zu ziehen, jenes Wesen, an das sich schließlich alles wendet, was
+da lebt. Nun denn, so denke an alle diese Augenblicke, sowohl an die des
+Kummers, wie an die der höheren Tröstung, die auf dich herabgesandt
+wurde; nun denn, so finde einen Ausdruck für sie, stelle sie recht und
+wahrhaft dar, wie du sie erlebt hast. Die Tränen der Rührung und die
+innigsten Gefühle eines dankbaren Herzens werden dir dabei zu Hilfe
+kommen und es dir ermöglichen, sie mit solcher Kraft zum Ausdruck zu
+bringen, wie dies selbst ein großer, alle Zauberkünste der Dichtung
+beherrschender Poet, der jedoch den wahren Schmerz noch nicht kennen
+gelernt hat, nie vermöchte. Dann wird der »Zeitgenosse« seinen Namen
+rechtfertigen, aber freilich in einem anderen -- höheren Sinne: er wird
+allen höchsten Augenblicken, allen höchsten Empfindungen der russischen
+Schriftsteller und Menschen Genüge tun. Dann wird er sich auch dem
+eigentlichen Ziele weit mehr nähern, das deinem Geiste unklar und
+entfernt vorschwebte; er wird alle Schriftsteller zu einem ästhetischen
+Bund voll herrlicher brüderlicher Liebe vereinen. In ganz Rußland
+vermagst nur du so ein Wagnis zu unternehmen und eine solche Zeitschrift
+zu schaffen, weil du allein den Gedanken an sie fortwährend in dir
+genährt hast; nur du hast keine pekuniären Interessen im Auge gehabt und
+an keinen Lohn für deine Arbeit gedacht; nur du hast ganz unbewußt eine
+reine, kindliche Liebe zur Kunst in dir gehegt, die dich unseren besten
+Dichtern entfremdete und die die Kunst zu deiner eigensten,
+vertrautesten Herzens- und Familienangelegenheit machte. Folglich kann
+auch nur dir eine solche Zeitschrift anvertraut werden. Sie muß glänzend
+ausgestattet sein; sie muß eine in jeder Beziehung kostbare und
+wertvolle Gabe darstellen: der Druck muß so schön und vornehm wie nur
+möglich, die Bücher müssen mit den schönsten Stichen und Vignetten, die
+bei uns in Rußland hergestellt werden können, geschmückt sein (damit
+mußt du russische Graveure beauftragen und keine Ausländer heranziehen).
+Das Format der Bände mußt du nicht zu groß wählen, es sollte nur ein
+wenig größer sein als das der »Blüten des Nordens«, kurz, das Werk muß
+seinem inneren Wert und seiner äußeren Ausstattung nach den Eindruck
+eines kostbaren Gegenstandes machen. Das alles aber vermagst nur du zu
+bewerkstelligen; denn da du nicht die Absicht hast, die Einkünfte davon
+für deine eigenen Bedürfnisse und deinen Unterhalt zu verbrauchen,
+kannst du alles darauf verwenden, das Werk möglichst schön auszustatten
+und hierdurch unseren armen Künstlern, die häufig bitteres Elend leiden
+müssen, Gelegenheit geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
+
+Und nun gehe, wenn alles, was ich dir hier gesagt habe, deinen Beifall
+hat, in Gottes Namen an die Arbeit, stelle zunächst einmal das erste
+Buch des »Zeitgenossen« zusammen und sorge dafür, daß es am kommenden
+Osterfeste des Jahres 1847 erscheinen kann; meinen Brief kannst du als
+ersten Aufsatz, als Programm oder als Einleitung zu dem Bande abdrucken.
+Vorher aber gib ihn allen denen zu lesen, von denen du einen Aufsatz
+haben möchtest. So matt und flüchtig er auch geschrieben sein mag, ich
+bin trotzdem davon überzeugt, daß ein jeder, der ihn lesen wird, mit dir
+und mir darin übereinstimmen wird, daß ein solches Werk eine
+Notwendigkeit für Rußland ist, und er wird dir sicherlich die beste
+seiner Arbeiten zur Verfügung stellen. In den Zeitungen brauchst du es
+nur mit wenigen Worten anzukündigen und zwar brauchst du nur zu
+erwähnen, -- daß vom »Zeitgenossen« dreimal im Jahre, zu den oben
+angeführten Terminen, je ein Band erscheinen werde; füge nur noch die
+Namen der Autoren hinzu, deren Aufsätze zum Abdruck kommen sollen -- das
+wird vollständig genügen. Alles übrige -- der Gehalt und die Bedeutung
+der Aufsätze sowie die Pracht und Schönheit der Ausstattung -- mag für
+jeden Leser eine angenehme Überraschung sein.
+
+
+
+
+ Die Beichte des Dichters
+
+
+Alle sind sich darüber einig, daß noch nie ein Buch soviel Aufsehen
+gemacht und zu so verschiedenen Meinungen und Deutungen Anlaß gegeben
+hat, wie die »Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«. Und was
+das merkwürdigste ist, was bisher vielleicht in der Literatur noch
+niemals passiert ist, der Gegenstand dieses Geredes und dieser Kritiken
+war nicht das Buch selbst, sondern sein Autor. Jedes Wort wurde mit
+Mißtrauen und Argwohn analysiert, und alle Leute wetteiferten
+miteinander, die wahre Quelle aufzudecken, aus der es herstammte. An dem
+lebenden Körper eines noch lebenden Menschen wurde jene furchtbare
+anatomische Sektion vollzogen, bei der selbst ein Mensch von starker
+Konstitution in kalten Schweiß ausbricht. So erschütternd und kränkend
+jedoch für einen vornehm denkenden und anständigen Menschen viele von
+diesen Schlüssen und Folgerungen auch sein mochten, ich nahm dennoch
+alle die schwachen Kräfte, über die ich verfügte, zusammen, ich
+beschloß, alles zu ertragen, mir dies Erlebnis wie einen Wink von oben
+zunutze zu machen -- und strenge Einkehr in mich selbst zu halten. Auch
+hierüber habe ich nie eine Meinung, einen Rat, einen Tadel oder einen
+Vorwurf geringgeachtet und verschmäht, denn ich überzeugte mich mit der
+Zeit immer mehr, daß, wenn der Mensch einmal alle jene empfindlichen
+Saiten in sich vernichtet hat, die ihn zum Zorn und Ärger geneigt
+machen, und wenn er sich erst einmal die Fähigkeit erworben hat, alles
+ruhig anzuhören, er dann jene Stimme der rechten Mitte vernehmen muß,
+die sich als Resultat ergibt, wenn man alle einzelnen Stimmen
+zusammenfügt und die Extreme auf beiden Seiten in Erwägung zieht, kurz,
+ich meine jene Stimme der rechten Mitte, von der es heißt: »Volkes
+Stimme -- Gottes Stimme« und nach der alle suchen. Aber obwohl viele
+Vorwürfe, die gegen mich gerichtet wurden, meiner Seele wirklich heilsam
+waren, diese Stimme der Mitte konnte ich diesmal nicht vernehmen, und
+ich vermag nicht zu sagen, welche Wendung die Sache genommen und welches
+Urteil man über mein Buch zu fällen beschlossen hat. Wenn ich die Summe
+von alledem ziehe, so sind im ganzen drei verschiedene Meinungen laut
+geworden: nach der _ersten_ Ansicht ist mein Buch das Produkt eines
+unerhörten Hochmuts, das Werk eines Menschen, der sich eingebildet hat,
+er stünde hoch über allen seinen Lesern, habe ein Anrecht, von ganz
+Rußland gehört und beachtet zu werden, und verfüge über die Kraft und
+die Fähigkeit, die ganze Gesellschaft zu reformieren; nach der _zweiten_
+Ansicht ist dies Buch zwar das Werk eines guten, aber betörten Menschen,
+der auf Abwege geraten ist und dem das Lob und der Beifall zu Kopfe
+gestiegen sind; der Autor habe sich gar zu sehr an seinen Vorzügen
+berauscht, seine Begriffe haben sich verwirrt, und so sei er vom rechten
+Wege abgekommen; nach der Ansicht der _dritten_ endlich ist dies Buch
+das Werk eines Christen, der die Dinge im rechten Lichte sieht und jeder
+Sache ihren richtigen Platz anweist. Unter jeder Partei, die eine dieser
+Ansichten vertritt, befinden sich gleichermaßen gescheite und
+aufgeklärte Leute, wie auch gläubige Christen. Folglich kann keine der
+Ansichten, die sicherlich alle einen Teil der Wahrheit enthalten, --
+_völlig_ wahr sein. Am richtigsten wäre es noch, dies Buch einen treuen
+Spiegel des Menschen zu nennen. Dieses Buch hat das zum Inhalt, was in
+jedem Menschen verborgen liegt: vor allem das Streben nach dem Guten,
+dem das Buch selbst entsprungen, und das in jedem Menschen lebendig ist,
+wenn er erst einmal erfahren hat, was das Gute ist; ferner eine
+aufrichtige Erkenntnis seiner Fehler und daneben eine hohe Einschätzung
+seiner Vorzüge; ein ehrliches Verlangen, von andern Menschen zu lernen,
+und daneben die feste Überzeugung, daß auch die anderen viel von ihm
+lernen können; Demut und Bescheidenheit, daneben aber auch Stolz, ja
+vielleicht sogar ein gewisser Demutsstolz; Vorwürfe wider andere Leute
+wegen solcher Dinge, an denen man selbst zu Fall gekommen ist und für
+die man noch weit heftigere Vorwürfe verdiente -- kurz alles, was man in
+der Seele jedes Menschen finden kann, nur mit dem Unterschiede, daß hier
+alle Formen und Konventionen abgestreift sind, und daß alles, was der
+Mensch in seinem Inneren verschließt, nach außen gekommen ist, sowie
+ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in weit wilderer und
+lauterer Weise äußert und förmlich zum Himmel schreit, eben wie in einem
+Schriftsteller, in dem sich alles, was seine Seele erfüllt, nach außen
+und ans Licht drängt; es tritt allen Leuten viel klarer und deutlicher
+vor Augen, eben wie bei einem Menschen, dem größere Gaben und
+Fähigkeiten verliehen sind als anderen Leuten. Kurz, dies Buch ist nur
+ein Beweis für die ewige Wahrheit der Worte des Apostels Paulus, der da
+gesagt hat: der ganze Mensch ist eine einzige Lüge.
+
+Zu diesem Schluß jedoch, der sich vielleicht der Wahrheit am meisten
+nähert, ist niemand gekommen, weil der feierliche Ton des Buches und
+seine ungewohnte Sprache alle mehr oder weniger verwirrt hat und niemand
+das richtige Verhältnis zu ihm finden ließ. Als ich dies Buch schrieb,
+stand ich unablässig unter dem Druck einer Todesfurcht, die mich während
+der ganzen Zeit meines Krankseins verfolgte, selbst dann noch, als ich
+mich außer jeder Gefahr befand. So kam es, daß ich ganz unmerklich in
+einen mir sonst ganz fremden Ton verfiel, der einem noch lebenden
+Menschen durchaus nicht ansteht. In meiner Angst, ich könnte vielleicht
+das Werk nicht mehr vollenden, das während zehn Jahren alle meine
+Gedanken beschäftigte, beging ich die Unvorsichtigkeit, schon im voraus
+von solchen Dingen zu reden, die ich durch das Leben der Helden eines
+epischen, erzählenden Kunstwerks hätte beweisen sollen. So verwandelten
+sich meine Gedanken in eine recht unpassende Predigt, die sich im Munde
+eines Autors sehr seltsam ausnimmt, in eine Anzahl mystischer,
+unverständlicher Stücke, die keinen Zusammenhang mit den anderen Briefen
+hatten. Dazu kam schließlich noch der völlig verschiedene Ton dieser
+Briefe, die an Menschen von ganz verschiedenem Wesen und Charakter
+gerichtet und zu verschiedenen Zeiten und in ganz entgegengesetzten
+geistigen und seelischen Stimmungen geschrieben waren. Die einen von
+ihnen waren in einer Zeit verfaßt, als ich selbst zu meiner Erziehung
+des Tadels und der Rüge bedurfte, mir solche Rügen von anderen erbat und
+forderte und sie daher auch anderen erteilte; andere Briefe wieder waren
+zu einer Zeit geschrieben, als ich die Empfindung hatte, daß ich die
+Vorwürfe für mich selbst aufsparen und in meinen an andere Leute
+gerichteten Reden nur die brüderliche Liebe zum Worte kommen lassen
+sollte: so geschah es, daß häufig Milde und Schärfe fast dicht
+nebeneinander standen. Ferner sind viele Aufsätze, die für das Buch
+bestimmt waren, die einen Zusammenhang zwischen einzelnen Stücken
+herstellen und vieles näher erklären sollten, nicht aufgenommen worden.
+Dazu kommt schließlich noch meine dunkle Sprache und Unfähigkeit, mich
+auszudrücken, -- zwei Eigentümlichkeiten eines noch nicht ganz
+ausgereiften und fertigen Schriftstellers --; das alles trug dazu bei,
+mehr als einen Leser zu verwirren und zu zahllosen falschen Schlüssen
+und Folgerungen Anlaß zu geben. Meinen Hochmut glaubte man gerade in
+solchen Sätzen zu entdecken, die vielleicht ganz anderen Motiven
+entsprungen waren; wo aber wirklicher Hochmut aus meinen Worten sprach,
+da bemerkte man ihn nicht; man nannte _das_ Selbstverkleinerung, was
+nichts weniger als Selbstverkleinerung war. Aber was die Hauptsache ist,
+es gab keine zwei Menschen, die innerlich übereinstimmten, sowie sie an
+die Analyse der einzelnen Teile dieses Buches herangingen, was einzelne
+zu der sehr richtigen Bemerkung veranlaßte, daß ein jeder in der
+Beurteilung meines Buches mehr seine eigene Denkungsart, als die meine,
+als den Charakter meines Buches zum Ausdruck brachte. Es versteht sich
+von selbst, daß die Schuld ganz -- auf meiner Seite ist. So kränkend
+daher auch all diese Angriffe und Verdächtigungen seiner persönlichen
+moralischen Qualitäten für einen Menschen sein mögen, in dem noch nicht
+jedes Ehrgefühl erstorben ist, -- ich habe kein Recht, jemand deswegen
+anzuklagen.
+
+Ich muß hier noch ein paar flüchtige Bemerkungen über eine Frage machen,
+die nicht mit meinen moralischen Qualitäten zusammenhängt. Ich war
+äußerst erstaunt, wenn gescheite und kluge Leute Anstoß an Worten
+nahmen, die doch völlig klar waren, wenn sie sich an zwei, drei Stellen
+klammerten und Schlüsse aus ihnen zogen, die in absolutem Gegensatz zu
+dem Geist des ganzen Werkes standen. Aus zwei, drei Worten, die an einen
+Gutsbesitzer gerichtet waren, dessen sämtliche Bauern Landwirte und von
+schweren Sorgen und Arbeiten in Anspruch genommen sind, den Schluß zu
+ziehen, daß ich gegen die Volksbildung zu Felde ziehe -- das erschien
+mir äußerst sonderbar, um so mehr als ich mich ein halbes Leben lang mit
+dem Gedanken getragen habe, ein wahrhaft nützliches Buch für das
+einfache Volk zu schreiben, und nur deswegen davon abstand, weil ich das
+Gefühl hatte, man müsse sehr klug sein, um zu wissen, was man dem Volk
+in erster Linie vorsetzen müsse. Solange es jedoch noch keine so
+gescheiten Bücher gibt, wollte es mir so erscheinen, als ob das
+lebendige Wort der Diener der Kirche mehr Nutzen bringen könne und ein
+stärkeres Bedürfnis für die Bauern darstelle, als alles, was ihnen
+unsereiner, d. h. ein Schriftsteller, zu sagen vermag. Soweit meine
+Erinnerung reicht, bin ich stets für die Volksbildung eingetreten; aber
+es schien mir so, als ob es besser wäre, ehe man für die Bildung des
+Volkes sorgt, erst einmal für die Bildung der Menschen zu sorgen, die in
+engstem Verkehr mit dem Volke stehen, worunter das Volk oftmals zu
+leiden hat. Und endlich kam es mir so vor, als ob jener niedere wenig
+zahlreiche, heute jedoch an Zahl immer zunehmende Stand von Leuten, die
+aus dem Bauernstande hervorgehen, die allerhand kleine Stellen besetzen,
+denen es trotz ihrer allerdings geringen Bildung an der rechten
+moralischen Grundlage fehlt, und die daher überall nur Schaden stiften,
+weil sie bestrebt sind, auf Kosten der armen Leute zu leben, -- es kam
+mir so vor, als ob dieser Stand weit mehr Anspruch auf unsere Beachtung
+hätte als der Bauernstand.
+
+Dieser Stand schien mir weit mehr der Bücher zu bedürfen, die der Feder
+kluger Schriftsteller entstammten, d. h. solcher Schriftsteller, die
+Verständnis für ihre Pflichten haben und daher imstande sind, sie auch
+jenen Leuten klarzumachen. Unser mit Ackerbau beschäftigter Bauer
+dagegen schien mir stets weit sittlicher zu sein als die anderen Leute
+und weniger als andere der Belehrung durch die Schriftsteller zu
+bedürfen. Nicht weniger erstaunt war ich, als man aus einer Stelle
+meines Buches, wo ich sage, daß die gegen mich gerichteten Kritiken viel
+Wahres enthalten, den Schluß zog, ich spräche meinen Werken jegliche
+Vorzüge ab und stimmte nicht mit den Kritikern überein, die sich zu
+meinen Gunsten geäußert haben[2]. Ich erinnere mich sehr gut und habe es
+keineswegs vergessen, daß meine geringen Vorzüge und Verdienste Anlaß zu
+sehr bedeutsamen Kritiken gegeben haben, die ewige Denkmäler der
+Kunstliebe bleiben werden und die dazu beigetragen haben, in den Augen
+des Publikums den Wert und die Bedeutung dichterischer Werke zu erhöhen.
+Aber es hätte sich doch nicht geschickt, wenn ich selbst von meinen
+Vorzügen gesprochen hätte; ja und warum hätte ich das auch tun sollen?
+Ich habe von den Fehlern gesprochen, die mir als Literaten anhaften,
+weil eine psychologische Frage, die das Hauptthema meines Buches bildet,
+Anlaß dazu bot. Wie kann man nur so etwas nicht verstehen! Nicht weniger
+seltsam berührte es mich -- daß man daraus, daß ich die
+Grundeigenschaften unseres russischen Wesens so stark betont und
+hervorgehoben habe, den Schluß zog, ich leugnete die Notwendigkeit der
+europäischen Bildung und hielt es für überflüssig, daß sich ein Russe
+über den ganzen schweren Weg, auf dem die Menschheit sich zur
+Vollkommenheit emporarbeitet, unterrichte. Früher sowohl als auch jetzt
+war ich immer der Meinung, ein russischer Bürger müsse über die
+europäischen Angelegenheiten unterrichtet sein. Aber ich war auch immer
+überzeugt, daß, wenn man über diesem sehr löblichen glühenden Interesse
+für die Fragen des Auslandes seine eigenen Grundlagen vergißt, eine
+solche Kenntnis der ausländischen Dinge nicht zu unserem Wohl
+ausschlagen, unsere Gedanken nur zerstreuen und verwirren, ihnen eine
+falsche Richtung geben könne, statt sie in sich zu sammeln und zu
+konzentrieren. Ich war von jeher davon überzeugt und bin es noch heute,
+daß wir unser russisches Wesen sehr gut und sehr gründlich kennen lernen
+müssen, und daß wir nur durch eine solche Kenntnis ein Gefühl dafür
+bekommen können, was wir aus Europa entlehnen und uns aneignen sollen,
+denn Europa selbst kann uns das nicht sagen. Mir ist es stets
+vorgekommen, als ob wir, noch ehe wir etwas Neues bei uns einführen, das
+Alte -- nicht nur oberflächlich sondern gründlich und in seiner Wurzel
+-- kennen lernen müßten; denn sonst kann selbst die wohltätigste
+Entdeckung der Wissenschaft nicht mit Erfolg angewendet werden. In
+dieser Absicht habe ich in erster Linie von dem Alten gesprochen.
+
+[Fußnote 2: Auf mein Testament hätte man sich nicht berufen dürfen: in
+einem solchen beurteilt man sich sehr streng, weil man sich rüstet, vor
+das Angesicht _Des_ Richters zu treten, vor Dem kein Mensch bestehen
+kann.]
+
+Kurz, alle diese einseitigen Folgerungen gescheiter Leute, die ich
+überdies gar nicht für einseitig gehalten hatte, dieses Deuteln und am
+Worte Hängenbleiben, statt sich an den Sinn und Geist des Buches zu
+halten, beweisen mir nur, daß niemand sich bei der Lektüre meines Buches
+in einer ruhigen Gemütsstimmung befand; daß sich schon ein bestimmtes
+Vorurteil herausgebildet hatte, noch ehe das Buch erschienen war, und
+daß jedermann es bereits von einem festen vorher eingenommenen
+Standpunkt betrachtete; so kam es, daß alle nur das bemerkten, was sie
+in ihrem Vorurteil bestärkte und reizte, und an allem vorübergingen, was
+geeignet war, dies Vorurteil zu zerstören und den Leser zu beruhigen.
+Diese seltsame Gereiztheit hatte einen so hohen Grad erreicht, daß sie
+sogar alle Gesetze des Anstandes außer acht ließ, die man bisher einem
+Schriftsteller gegenüber noch zu beobachten pflegte. Man sagte es dem
+Verfasser beinahe ins Gesicht, daß er verrückt geworden sei, und man
+empfahl ihm allerlei Rezepte gegen seine geistige Zerrüttung. Ich kann
+nicht leugnen, daß es mich noch mehr betrübt hat, wenn ebenfalls
+gescheite und nicht einmal sehr erregte und gereizte Leute öffentlich in
+der Presse erklären, mein Buch enthalte nichts Neues, und wenn es etwas
+Neues darin gäbe, so sei es nicht wahr, sondern unrichtig und unwahr.
+Das erschien mir sehr hart. Wie es sich auch immer damit verhalten möge,
+das Buch enthielt meine Seelenbeichte, es war der Erguß meines Herzens
+und meines Inneren. Noch bin ich nicht öffentlich für einen ehrlosen
+Menschen erklärt worden, dem man kein Vertrauen schenken darf. Ich kann
+Fehler machen, ich kann mich irren wie jeder Mensch, ich kann eine
+Unwahrheit sagen, wie ja der ganze Mensch -- eine einzige Lüge ist; aber
+alles, was meinem Herzen und meiner Seele entströmt ist, eine Lüge zu
+nennen -- das ist zu hart. Das ist ebenso ungerecht wie die Behauptung,
+daß mein Buch nichts Neues enthalte. Die Bekenntnisse eines Menschen,
+der mehrere Jahre ganz für sein inneres Ich gelebt hat, nur mit sich
+selbst beschäftigt war, der sich selbst zu erziehen versucht hat wie
+einen Schüler, um sich einen wenn auch späten Ersatz für die in seiner
+Jugend verlorene Zeit zu schaffen, der überdies den andern Menschen
+nicht völlig gleicht, sondern gewisse Eigenschaften besitzt, die ihm
+allein angehören -- die Bekenntnisse eines solchen Menschen können
+unmöglich so gar nichts Neues enthalten. Wie dem aber auch sei, in einer
+Angelegenheit, an der die Seele beteiligt ist, darf man kein so
+entscheidendes Urteil fällen. Einem solchen Fall gegenüber wird selbst
+der tiefste Seelenkenner nachdenklich werden müssen. In Angelegenheiten,
+die die Seele betreffen, ist es sogar schwierig, über einen gewöhnlichen
+Menschen zu richten. Es gibt Dinge, die sich der kühlen Erwägung, dem
+Räsonnement eines Menschen entziehen, selbst wenn dieser noch so klug
+sein sollte, und die man nur in solchen Augenblicken und in einer
+solchen Seelenstimmung versteht, wo unsere eigene Seele das Bedürfnis zu
+einer Aussprache, zu einer Beichte hat, wo sie Verlangen trägt, in sich
+zu gehen und nicht über andere, sondern über sich selbst Gericht zu
+halten. Kurz, die große Sicherheit, mit der diese Urteile gefällt
+wurden, schien mir von dem großen Selbstvertrauen des Urteilenden zu
+zeugen -- von seinem stolzen Vertrauen auf seine Vernunft und die
+Überlegenheit seiner Ansicht. Ich sage das hier nicht deswegen, um
+jemand zu tadeln, sondern nur, um darauf hinzuweisen, wie wir bei jedem
+Schritt Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir soeben
+erst bei einem unserer Brüder gerügt haben; wie wir, indem wir einem
+anderen sein hochmütiges Selbstvertrauen zum Vorwurf machen, zugleich
+durch unsere eigenen Worte einen Beweis für unseren eigenen Hochmut und
+unser Selbstvertrauen liefern; wie wir, während wir einem anderen
+Intoleranz vorwerfen, zugleich selbst unduldsam und kleinlich werden.
+Jedenfalls zeugt es von einer vornehmen Gesinnung, wenn jemand den Mut
+hat, dies einzugestehen, und sich nicht schämt, öffentlich und vor allen
+Leuten zu erklären, er habe sich geirrt. Aber genug davon. Nicht um
+meine moralischen Qualitäten zu verteidigen, erhebe ich hier meine
+Stimme. Nein, ich halte es lediglich für meine Pflicht, auf eine Frage
+zu antworten, die fast einstimmig von seiten sämtlicher Leser aller
+meiner früheren Werke an mich gerichtet worden ist -- auf die Frage
+nämlich: warum ich jene literarische Gattung und jene Sphäre aufgegeben
+habe, die ich einmal in Besitz genommen hatte und die ich beherrschte,
+über die ich fast Herr war, und warum ich mich einem neuen, mir fremden
+Genre zuwandte.
+
+Um auf diese Frage zu antworten, habe ich mich entschlossen, offenherzig
+und in möglichster Kürze die ganze Geschichte meiner literarischen
+Tätigkeit zu erzählen, um einem jeden Gelegenheit zu geben, mich
+gerechter zu beurteilen. Der Leser soll sehen können, ob ich die Sphäre
+meines Schaffens wirklich gewechselt und ob ich auf eigene Verantwortung
+zu grübeln und klügeln begonnen habe, in der Absicht, meinem Schaffen
+eine andere Richtung zu geben; man wird anerkennen müssen, daß sich an
+meinem Schicksal wie an allen anderen Dingen der Eingriff Dessen
+offenbart, Der über die Welt gebietet, und zwar nicht immer so, wie
+_wir_ dies wünschen, und gegen Den der Mensch nicht anzukämpfen vermag.
+Vielleicht wird meine treuherzige Geschichte wenigstens etwas davon
+erklären, was vielen in meinem vor kurzem veröffentlichten Buche als ein
+so unlösliches Rätsel erscheint. Wenn dies der Fall sein sollte, so
+würde mich das aufrichtig freuen, weil diese ganze merkwürdige
+Angelegenheit mich sehr mürbe und müde gemacht hat, und weil es mir nach
+diesem Wirbelsturm von Mißverständnissen sehr schwer ums Herz ist.
+
+Ich kann nicht mit voller Bestimmtheit sagen, ob der Schriftstellerberuf
+mein eigentlicher Beruf ist. Ich weiß nur das eine: daß in den Jahren,
+als ich über meine Zukunft nachzudenken begann (und ich begann schon
+sehr früh über meine Zukunft nachzudenken, d. h. zu einer Zeit, als alle
+meine Altersgenossen nur ans Spielen dachten), daß mir damals der
+Gedanke, ich könnte Schriftsteller werden, nie in den Sinn kam, obwohl
+es mir immer so schien, daß ich noch einmal ein berühmter Mann werden
+könnte, daß mir ein großes weites Wirkungsfeld offen stände und daß ich
+einmal etwas für das allgemeine Wohl leisten würde. Ich dachte einfach,
+ich würde mich empordienen und dies alles würde mir durch den
+Staatsdienst gelingen. Daher hatte ich in meiner Jugend eine sehr starke
+Neigung für den Staatsdienst. Mein Kopf war beständig davon erfüllt, und
+alles, was ich tat und womit ich mich beschäftigte, tat ich im Hinblick
+darauf. Meine ersten Versuche, meine ersten dichterischen Experimente,
+in denen ich es während der letzten Schuljahre zu einer gewissen
+Fertigkeit brachte, hatten fast alle einen ernsten und lyrischen
+Charakter. Weder ich selbst, noch meine Schulkameraden, die sich mit mir
+in der Schriftstellerei versuchten, dachten je daran, daß ich einmal ein
+komischer und satirischer Autor werden könnte, obwohl ich trotz meiner
+melancholischen Naturanlage oft zum Scherzen aufgelegt war und sogar
+andere Leute mit meinen Späßen belästigte, und obgleich sich schon in
+meinen frühesten Urteilen über die Menschen eine gewisse Fähigkeit,
+bestimmte charakteristische Eigenheiten sowie gröbere und feinere und
+komische Charakterzüge, die von anderen nicht bemerkt werden, zu
+entdecken, bemerkbar machte. Man sagte, ich verstünde es, -- ich möchte
+nicht sagen, die Menschen _nachzuäffen_ oder zu parodieren, -- sondern
+sie zu _erraten_, d. h. zu erraten, was ein Mensch in dieser oder jener
+Situation sagen würde, unter völliger Wahrung seiner Anschauungsweise,
+seiner Denkart sowie seiner Art, sich auszudrücken. Aber ich brachte
+dies alles nicht zu Papier, ja ich dachte gar nicht einmal daran, daß
+ich diese Fähigkeit noch einmal verwerten würde.
+
+Die heitere fröhliche Stimmung, die sich in den ersten Schriften, die
+von mir im Druck erschienen, bemerkbar machte, hatte ihren Grund in
+einem gewissen seelischen Bedürfnis. Ich hatte oft unter Anfällen einer
+mir selbst völlig unerklärlichen Melancholie zu leiden, die vielleicht
+eine Folge meines krankhaften Zustandes war. Um mich zu zerstreuen,
+dachte ich mir die komischsten Dinge aus, die sich nur ersinnen lassen.
+Ich stellte mir komische Personen und Charaktere vor, die ich völlig aus
+dem Kopfe erfand, und versetzte sie in Gedanken in die komischsten
+Situationen, ohne mir viele Sorgen zu machen, wozu das gut sei und was
+für einen Nutzen das haben könne. Es war die Jugend in mir, die mich
+dazu veranlaßte, die Jugend, der ja noch keinerlei Fragen durch den Kopf
+gehen. Das ist der Ursprung meiner ersten Werke, die die einen
+ebensosehr zu einem sorglosen naiven Lachen reizten, wie mich selbst,
+während sich andere erstaunt fragten, wie einem vernünftigen Menschen
+nur solche Torheiten einfallen konnten. Vielleicht hätte diese
+Lustigkeit allmählich und zugleich mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung
+aufgehört, ebenso wie meine schriftstellerische Tätigkeit. Allein
+Puschkin veranlaßte mich, diese Sache ernster anzusehen. Er hatte mich
+schon längst dazu zu überreden gesucht, ich sollte ein großes Werk in
+Angriff nehmen, und als ich ihm einmal den kurzen Entwurf einer kleinen
+Szene vorlas, der jedoch einen weit stärkeren Eindruck auf ihn machte,
+als alles, was ich ihm bis dahin vorgelesen hatte, sagte er zu mir: »Wie
+ist es nur möglich, daß Sie bei dieser Fähigkeit, den Charakter eines
+Menschen zu erraten und durch wenige Züge ganz vor einem erstehen zu
+lassen, wie er leibt und lebt, -- wie ist es nur möglich, daß Sie sich
+bei dieser Fähigkeit nicht entschließen, ein großes Werk zu schreiben!
+Das ist einfach eine Sünde!« Hierauf hielt er mir meine schwächliche
+Konstitution und meine körperlichen Gebrechen vor, die meinem Leben früh
+ein Ziel setzen könnten; er führte das Beispiel des Cervantes an, der
+zwar bereits früher ein paar ausgezeichnete, vortreffliche Erzählungen
+verfaßt hatte, jedoch niemals _die_ Stelle unter den Schriftstellern
+einnehmen würde, die er heute inne hat, wenn er sich nicht entschlossen
+hätte, den Don Quijote zu schreiben, und schließlich trat er mir sein
+eigenes Sujet ab, aus dem er eine Art Poem hatte machen wollen und das
+er, wie er mir sagte, keinem anderen außer mir überlassen hätte. Dieser
+Stoff waren »Die toten Seelen«. (Die Idee zum »Revisor« stammt
+gleichfalls von ihm.) Diesmal wurde auch ich ernstlich nachdenklich --
+um so mehr, als ich bereits in die Jahre zu kommen begann, wo man sich
+bei jeder Tat, die man vollbringen will, ganz von selbst die Frage
+vorlegt: warum und zu welchem Zweck willst du dies tun? Ich erkannte,
+daß ich in meinen Werken sinnlose Scherze trieb und spottete, ohne
+eigentlich zu wissen, wozu ich das tat. Wenn man schon spottet, so ist
+es doch besser, man lacht und spottet kraftvoll und über Dinge, die
+wirklich den allgemeinen Spott verdienen. Im »Revisor« wollte ich alles
+Schlechte und Häßliche, das es in Rußland gibt, soweit es mir damals
+bekannt war, zusammentragen und anhäufen, alle Mißbräuche, die an allen
+den Stellen und in allen den Fällen vorkommen, wo gerade Gerechtigkeit
+und Redlichkeit vom Menschen verlangt werden, und dies alles auf einmal
+verspotten. Die Wirkung war bekanntlich eine furchtbare, erschütternde.
+Durch das Gelächter hindurch, das sich mir noch nie mit einer solchen
+Gewalt entrungen hatte, vernahm der Leser etwas wie Kummer und Schmerz.
+Ich selbst fühlte, daß mein Lachen nicht mehr das Lachen von ehedem war,
+daß ich in meinen Werken nicht mehr derselbe sein konnte, der ich früher
+war, und daß das Bedürfnis, mich durch harmlose heitere Szenen zu
+zerstreuen, zugleich mit meinen jungen Jahren verschwunden war. Nach dem
+Revisor empfand ich mehr denn je das Bedürfnis, ein umfassendes Werk zu
+schreiben, das mehr enthielt als lediglich Dinge, über die man lachen
+mußte. Puschkin fand, daß der Stoff der »Toten Seelen« sich gerade darum
+so gut für mich eignete, weil er eine vortreffliche Gelegenheit bot,
+ganz Rußland in Gesellschaft des Helden nach allen Richtungen zu
+durchqueren und eine ganze Reihe völlig verschiedener Charaktere an uns
+vorüberziehen zu lassen. Ich ging ans Werk und fing an zu schreiben,
+ohne mir einen detaillierten Plan ausgearbeitet und ohne mir darüber
+Rechenschaft gegeben zu haben, was für ein Mensch mein Held eigentlich
+sein mußte. Ich dachte mir einfach, daß der komische Plan, mit dessen
+Durchführung Tschitschikow beschäftigt war, mir schon von selbst die
+Idee zu allerhand verschiedenen Personen und Charakteren eingeben und
+daß die Spott- und Lachlust, die sich in mir regte, schon von selbst
+eine Reihe von komischen Momenten und Phänomenen erzeugen würde, die ich
+mit rührenden Elementen mischen wollte. Aber bei jedem Schritt, den ich
+tat, mußte ich mir die Frage vorlegen: welchen Sinn? welchen Zweck hat
+das? was soll dieser Charakter zum Ausdruck bringen? was hat diese
+Erscheinung zu bedeuten? Es fragt sich nun: was soll man tun, wenn sich
+einem derartige Fragen aufdrängen? Soll man sie verscheuchen? Ich
+versuchte es damit; allein da erstanden Fragen vor mir, denen ich mich
+nicht zu entziehen vermochte. Da ich nichts von einer Nötigung empfand,
+meinen Helden gerade zu solch einem Menschen und zu keinem anderen zu
+machen, konnte ich auch keine Liebe für die Aufgabe empfinden, ihn
+darzustellen. Im Gegenteil, ich empfand etwas wie Ekel davor: alles kam
+gewaltsam und gezwungen heraus, und sogar das, worüber ich lachte,
+wirkte traurig und deprimierend.
+
+Ich sah mit voller Klarheit ein, daß ich nicht mehr ohne einen ganz
+bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, daß ich mir erst
+selbst den Zweck meines Werks völlig deutlich machen, mir über seinen
+wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden müßte, was erst
+den Dichter mit einer starken und wahren Liebe für sein Werk erfüllt,
+die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwärtsschreitet --
+kurz, daß der Autor das Gefühl und die Überzeugung haben muß: indem er
+an seinem Werk arbeite, erfülle er gerade _die_ Pflicht, die seine
+irdische Bestimmung ausmache, und für die ihm alle seine Gaben und
+Fähigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erfülle, diene
+er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatsächlich im Staatsdienst
+stünde. Der Gedanke an den Staatsdienst verließ mich nie. Ehe ich den
+Schriftstellerberuf wählte, wechselte ich mehrmals meine Tätigkeit und
+meine Stellung, um zu erfahren, für welchen Beruf ich mich am besten
+eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit
+denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wußte damals noch
+nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu können, wie
+ich ihm dienen wollte. Ich wußte damals nicht, daß man dazu jede
+persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstüberhebung in sich
+besiegen müsse und keinen Augenblick vergessen dürfe, daß man seine
+Stellung nicht um seines persönlichen Glückes, sondern um des Wohles
+vieler solcher willen innehat, die da unglücklich werden würden, wenn
+ein edler Mann seinen Posten im Stiche läßt, und daß man allen
+persönlichen Kummer und alle Kränkungen vergessen müsse. Ich wußte
+damals noch nicht, daß der, der Rußland wahrhaft und ehrlich dienen
+will, sehr viel Liebe für sein Vaterland besitzen muß, eine Liebe, die
+alle anderen Gefühle in sich aufgesogen hat, daß man sehr viel Liebe für
+den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen
+Sinn dieses Wortes sein muß. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich,
+der ich diese Eigenschaften nicht besaß, auch meinen Dienst nicht so
+ausüben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatsächlich förmlich
+darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fühlte,
+daß ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich
+alles andere auf: meine früheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft,
+die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Rußland, um in der
+Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwägen, wie ich
+es durchführen, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den
+Beweis liefern könnte, daß ich gleichfalls ein Bürger meines Vaterlandes
+gewesen bin, und daß ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich über mein
+Werk nachdachte, um so mehr fühlte ich, daß ich die Charaktere nicht auf
+gut Glück wählen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur
+solche Menschen darstellen mußte, an denen sich unsere wahren
+wesenhaften russischen Charakterzüge am stärksten und deutlichsten
+offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene höheren Züge der
+russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig
+eingeschätzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und
+niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht genügend
+verlacht und gegeißelt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten
+charakteristischen psychologischen Phänomene zusammentragen und meine
+Beobachtungen über die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen
+Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier
+hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewußt war, noch nicht die rechte
+Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig
+dargestellt, viel zur Enträtselung mancher Seiten unseres Lebens
+beitragen, kurz -- ich wollte, daß dem Leser bei der Lektüre meines
+Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben
+und Fähigkeiten, die _ihm_ allein im Unterschiede von den anderen
+Völkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen großen Menge von
+Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Völkern
+eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft,
+von der ich einen genügenden Vorrat besaß, würde mir helfen, diese
+Vorzüge so darzustellen, daß der Russe von einer heißen Liebe zu ihnen
+entbrennen würde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls
+einen genügenden Vorrat mein eigen nannte, würde es mir ermöglichen,
+seine Fehler und Mängel in so leuchtenden Farben zu schildern, daß den
+Leser ein tiefer Haß gegen sie erfassen würde, selbst wenn er sie in
+sich selbst entdecken sollte. Aber ich fühlte zugleich, daß ich dies
+alles nur dann vollbringen könnte, wenn ich mir selbst völlig darüber
+klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzüge unseres Wesens und
+welches seine wahren Mängel und Fehler sind. Man muß sich beides genau
+überlegen und es gegeneinander abschätzen, man muß es sich ganz
+klarmachen, um nicht eine unserer Schwächen in eine Tugend zu verwandeln
+und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzüge dem Gelächter
+preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unnütz vergeuden. Seitdem man
+mir vorwarf, ich spottete nicht nur über die Fehler, sondern über die
+Menschen, die gewisse Schwächen haben, im allgemeinen, und nicht nur
+über den _ganzen_ Menschen, sondern auch über seine Stellung und das
+Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist),
+da sah ich ein, daß man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen müsse --
+um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur
+irgendeine Seite einer Sache ins Lächerliche zu ziehen, damit die
+Dümmsten und Stumpfsinnigsten sofort über deren sämtliche Seiten lachen.
+Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, daß ich
+nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau
+darüber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die
+Vorzüge und die Mängel unseres russischen Wesens bestehen; um sich
+jedoch über das russische Wesen klar zu werden, muß man zunächst die
+menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen
+lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem
+aus einem die Vorzüge und Mängel eines jeden Volkes deutlich sichtbar
+werden.
+
+Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn
+je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich für eine Zeitlang
+gänzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene
+ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im
+allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher
+und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektüre.
+Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse
+Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem
+Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers,
+und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne daß
+ich selbst wußte, wie dies geschah, zu Christus geführt, denn ich sah,
+daß er der Schlüssel zur Seele des Menschen war, und daß noch kein
+Seelenkenner sich je auf jene Höhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die
+er erreicht hat. Ich prüfte alles mit dem Verstande nach und überzeugte
+mich so davon, was anderen durch den Glauben völlig klar ist und was ich
+bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis
+brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit
+mathematischer Klarheit ein, daß man auf Grund von Vorstellungen unserer
+Einbildungskraft nicht über die höheren Regungen und Gefühle des
+Menschen reden und schreiben könne; man muß wenigstens etwas davon in
+sich selbst tragen -- kurz, man muß zuvor selbst besser werden. Das mag
+sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine
+gründliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich muß jedoch sagen,
+daß ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und
+daher ist es kein Wunder, daß der Gedanke, ich müßte noch etwas lernen,
+sich mir erst in reiferem Alter aufdrängte. Ich begann mein Studium mit
+so elementaren Büchern, daß ich mich geradezu schämte, anderen Menschen
+zu verraten, womit ich mich beschäftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu
+verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Büchern
+-- als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen Übungen auf mich zu
+achten, wie ein Lehrer auf seinen Schüler, und ich betrachtete mich
+selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die
+ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht
+etwa, um damit zu prahlen (ich wüßte auch nicht, womit man hier prahlen
+könnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand
+Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon überzeugt, daß viele gleich mir
+eine schlechte Schulbildung genossen haben, plötzlich zur Besinnung
+kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene
+nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehört, daß viele sich
+darüber beklagten, sie könnten sich nicht mehr von ihren schlechten
+Gewohnheiten befreien, trotz des heißesten Wunsches, sie loszuwerden.
+Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem
+übrigen angepaßt hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich
+durch die Erfahrung davon überzeugt hatte, daß sich manches davon
+verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen
+jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, daß ich mein ganzes Innere zur
+Schau gestellt habe, kann ich erwidern, daß ich immerhin noch kein
+Mönch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so
+gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre
+Seele bedrückte. Wenn Karamsin während seiner schriftstellerischen
+Tätigkeit ein ähnliches Erlebnis gehabt hätte, er hätte es sicherlich in
+derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend
+eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die
+dazu gehört, um ein Mensch und ein Bürger zu sein, ehe er als
+Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken,
+daß jemand daran Anstoß nehmen könnte, wenn ich öffentlich erklärte, ich
+strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstößiges
+dabei, daß ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller
+Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch
+selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu
+sagen: »Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel!«
+
+Was endlich den Vorwurf anbelangt, daß ich in meinem Buch, nur um mit
+meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an
+den Tag gelegt hätte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so
+muß ich darauf erwidern, daß bei mir weder von Selbstverkleinerung noch
+Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat
+sich durch die Ähnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale täuschen
+lassen. Ich kam mir in der Tat widerwärtig vor, aber nicht etwa aus
+Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher
+das Ideal des schönen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild
+des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich
+daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber
+ist nicht Demut, sondern eher ein Gefühl, das ein neidischer Mensch hat,
+wenn er sieht, daß ein anderer einen besseren und schöneren Gegenstand
+in Händen hält, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von
+ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glück gehabt, während meines Lebens,
+besonders aber während der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu
+lernen, deren geistige und seelische Qualitäten mir so groß erschienen,
+daß meine eigenen daneben verblaßten, und ich zürnte mir immerfort, weil
+ich das nicht besaß, was andere besaßen. Man hätte also höchstens das
+Recht, meinen mißgünstigen und neidischen Charakter im allgemeinen
+verantwortlich zu machen und anzuklagen.
+
+Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurückkehren. Eine Zeitlang
+waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Rußland und die Menschen
+in Rußland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen.
+Alles führte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer
+Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die äußeren
+Verhältnisse, über die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen
+meinen Willen veranlaßten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden,
+sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil
+man mir den Vorwurf machte, ich täte nichts; ich wollte mich gewaltsam
+dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzählung oder
+irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu
+produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein,
+schweren Leiden und schließlich sogar mit solchen Anfällen, die mich
+dazu nötigten, jede Beschäftigung für lange Zeit gänzlich aufzugeben.
+Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, daß ich nicht imstande
+war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jüngeren Jahren
+gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten
+Frühling gibt! Und wenn jeder Mensch beim Übergang aus einem Lebensalter
+in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen muß,
+warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist
+denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von
+meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt
+immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war --
+das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in
+Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Träumen unserer
+Phantasie darstellt, und so fand ich schließlich Den, Der die Quelle des
+Lebens ist. Seit meiner frühsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche
+Vorliebe dafür, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen
+feinsten Zügen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen,
+-- und so wurde ich zu Ihm geführt, Der allein die Seele ganz
+durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollständigen
+Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als
+bis ich die Lösung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst
+bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir über einige Hauptfragen
+im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch
+bis heute noch ein Rätsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch
+jenen Übergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch
+nicht alles von sich abgestoßen hatte, was sich einmal von mir ablösen
+sollte.
+
+Sowie dieser Zustand in mir überwunden und mein Verlangen nach
+Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in
+mir der lebhafte Wunsch zu regen, Rußland näher kennen zu lernen. Ich
+knüpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und
+von denen ich erfahren konnte, was in Rußland vorgeht; ich suchte
+erfahrene Männer der Praxis aus allen Ständen kennen zu lernen, die alle
+Mißbräuche und Machenschaften in Rußland kannten. Ich wollte
+Bekanntschaft mit Menschen aus allen Ständen machen und von jedem etwas
+erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschäftigung
+hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen
+genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem
+Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit für jeden
+Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht
+einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen,
+den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen,
+den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, daß sich die
+Lebenden daraus eine Lehre ziehen, daß sie daraus etwas lernen können.
+Deshalb knüpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir
+irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die übrigen bat ich, flüchtige
+Porträts und Charakterskizzen von Leuten für mich herzustellen, und zwar
+von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles
+brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine genügende Anzahl von
+Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt hätte; daran hatte ich
+keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus
+einer weit vollständigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen
+Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen
+ganz einfach, so wie ein Künstler, der ein großes Gemälde, eine eigene
+Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er überträgt
+diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hängt sie ringsum an den
+Wänden auf, um sie beständig vor Augen zu haben, und um nie einen
+Verstoß gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er
+sich für die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der
+Phantasie geschöpft und erzeugt, ich besaß nie diese Fähigkeit. Mir
+glückte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus
+Tatsachen schöpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte
+ich nur dann, wenn ich mir seine äußere Gestalt bis auf die feinsten
+Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Porträt im Sinne einer
+bloßen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Porträt stets erschaffen,
+ich erschuf es durch Nachdenken, mit Überlegung und nicht in der reinen
+Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwägung zog, um so wahrer und treuer
+ward das, was ich schuf. Ich mußte weit mehr wissen als jeder andere
+Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu übersehen
+oder nicht zu berücksichtigen -- damit das Unwahre und Unrechte der
+Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen.
+Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast
+niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und
+konnten es nicht begreifen, daß ich all diese Kleinigkeiten und
+Torheiten wissen wollte, während ich doch eine Phantasie besaß, die
+selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich
+bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und
+kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur
+entdeckt hätte.
+
+Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene
+Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen
+Briefen ist die große Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich
+jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern
+gerade deswegen, damit man mich durch Anführung einzelner anekdotischer
+Züge widerlegen sollte. Derartige Einwände von praktischen und
+erfahrenen Leuten sind für mich deswegen so wichtig, weil sie mir die
+Sache selbst näher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere
+Wesen Rußlands gewähren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen,
+die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie für die Fragen unseres
+inneren Lebens, statt dessen beschäftigte man sich mit meiner
+Persönlichkeit und schrieb ganze Bogen darüber voll, ob ich ein Recht
+habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um
+dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der »Toten Seelen« -- der nicht
+sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wußte sehr gut, daß viele
+sich über ihn lustig machen würden, aber ich war fest entschlossen,
+jeden Spott zu ertragen, wenn ich bloß mein Ziel erreichte. Ich glaubte,
+daß vielleicht fünf oder sechs Leser meine Bitte _so_ erfüllen würden,
+wie ich es wünschte. Ich verlangte gar nicht, daß man die Fehler der
+»Toten Seelen« verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande
+bloß in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen
+an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere
+während seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten über
+solche Vorfälle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an
+Rußland gemahnt. Ich weiß, daß wir uns alle schwer aufraffen können und
+daß wir träge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast
+jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schöpfen; ich dachte
+jedoch, die Lektüre der »Toten Seelen« würde die Menschen aufrütteln,
+besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand hätten.
+Ich gab meine Adresse an und bat darum, daß nur die mir in ihren Briefen
+solche Fälle mitteilen möchten, die sie selbst nicht in der Presse
+veröffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es für weit
+nützlicher, sie überall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob
+eine solche Verbreitung von Kenntnissen über Rußland in Form von
+lebendigen Tatsachen gerade gegenwärtig eine dringende Notwendigkeit
+sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine Übergangszeit
+nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben
+bemerkbar, überall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten,
+ja dem Übel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte,
+daß wir heute mehr denn je bemüht sein müssen, alles herauszustellen und
+ans Licht zu bringen, was im Inneren Rußlands vorgeht, damit wir ein
+Gefühl dafür bekommen, aus was für einer Menge verschiedener Elemente
+der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen
+wollen; da aber wäre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal
+ordentlich umsähen und uns die Sache überlegten, bevor wir so über die
+Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime
+Hoffnung, daß die Lektüre der »Toten Seelen« viele auf die Idee bringen
+würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und daß viele dazu
+veranlaßt werden könnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor während
+der Zeit, als er die »Toten Seelen« schrieb, eine solche Wendung nach
+Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es könnte einem Menschen, der
+bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch
+abwärts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben
+sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig für das allgemeine Wohl
+und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewußtsein kommen, daß er durch
+eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und
+Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer
+Wirksamkeit stehen, mit Rußland bekannt machen und sie damit in schöner
+Weise für seine Untätigkeit entschädigen, ja mehr als entschädigen kann.
+Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen
+Anteilnahme für alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen
+frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse
+verfolgt, könnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des
+Jünglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich täuschte mich in
+manchen Leuten: ich glaubte, daß in einem Teil meiner Leser noch ein
+Funke von Liebe lebte. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Name nur
+deshalb so populär ist, weil er einzelnen Leuten die Möglichkeit und das
+Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig
+übereinander lustig zu machen. Ich glaubte, daß viele durch mein
+Gelächter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das
+ja gar nicht aus böser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt
+keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den
+Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich führe dies
+alles nur deswegen an, um zu beweisen, daß ich alle meine Kräfte
+angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, daß ich über alle nur
+möglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit fördern könnten,
+ich ließ es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen
+Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit muß ich übrigens
+erwähnen, daß viele ihr Erstaunen darüber geäußert haben, daß ich ein
+solches Bedürfnis nach Daten über Rußland habe und dabei selbst fern von
+Rußland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht überlegt,
+daß ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der für mich einen
+Aufenthalt in einem warmen Klima nötig machte, gerade eine solche
+Entfernung von Rußland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver
+in Rußland verweilen zu können. Für die, die mir das nicht nachzufühlen
+vermögen, will ich mich hier näher erklären, obwohl es mir etwas schwer
+wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht.
+
+Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher _schöpferischen_
+Begabung fehlt, besitzen eine Fähigkeit, die ich die Einbildungskraft
+nennen will -- eine Fähigkeit, die darin besteht, sich Gegenstände, die
+einem nicht gegenwärtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns
+unmittelbar vor Augen stünden. Diese Fähigkeit ist nur dann in uns
+wirksam, wenn wir uns von den Gegenständen entfernen, die wir
+beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich
+gewöhnlich solche Epochen zum Gegenstand wählen, die bereits hinter uns
+liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit
+uns von allem, was um uns ist, loslöst, versetzt sie unsere Seele in
+eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich
+hatte keine Vorliebe für die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die
+Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen,
+weil mein Geist stets eine Vorliebe für das Wesentliche und Faßliche und
+für einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein
+moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah
+zugleich ein, daß man, wenn man das gegenwärtige Leben schildern will,
+nicht beständig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren
+konnte, deren man bedarf, um ein großes und formvollendetes Werk
+hervorzubringen. Das Gegenwärtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen
+und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz
+unmerklich und ohne daß man es fühlt, von einer satirischen Anwandlung
+erfaßt. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt
+und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur _die_ Menschen vor
+sich, die sich in unserer Nähe befinden: die ganze Masse, die Menge
+sieht man nicht, denn man kann nicht alles übersehen. Ich fing also an,
+darüber nachzugrübeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und
+einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse
+und nicht nur _die_ Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen
+-- wie ich mich so vom Gegenwärtigen entfernen konnte, daß es sich für
+mich gewissermaßen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschütterte
+Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und
+die ich heute mit Leichtigkeit ertragen hätte, mit denen ich dagegen
+damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaßten mich dazu, das
+Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Ländern hingezogen
+gefühlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe für sie gehabt.
+Auch besaß ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen
+verzehrt, die nach starken Eindrücken dürsten. Aber seltsam! schon
+während meiner Kinderjahre, selbst während meiner Schulzeit und damals,
+als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran
+dachte, daß ich Schriftsteller werden könnte, kam es mir immer so vor,
+als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein
+großes Opfer zu bringen, und daß ich gerade, um meinem Vaterlande zu
+dienen, gezwungen sein würde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und
+zu erziehen. Ich wußte nicht, _wie_ das geschehen würde, noch wozu das
+nötig sei; ich dachte auch gar nicht darüber nach, ich sah mich jedoch
+so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in
+Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich
+so häufig, daß es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene
+unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal
+beunruhigte und ihn veranlaßte, fremde Länder aufzusuchen, lediglich um,
+wie er sich ausdrückt,
+
+ Mich unterm Himmel Afrikas
+ Nach Rußlands trüben Gaun zu sehnen.
+
+Wie dem auch sein mag, dieser unwillkürliche Drang in mir war so stark,
+daß noch keine fünf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen
+waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte,
+diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefühl zu widerstehen. Der Plan und
+der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wußte nur das eine,
+daß ich sicherlich nicht _deswegen_ auf Reisen ging, um mich an fremden
+Ländern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als
+ob ich ahnte, daß ich erst jenseits von Rußland den wahren Wert meines
+Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfüllen
+würde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter
+fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich
+keine Menschenseele aus Rußland befand), so wurde mir traurig zumute;
+ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner
+Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, daß
+ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rückreise
+dachte. Ich blieb nicht länger als drei Tage im Auslande, und obwohl
+mich die Neuheit der Gegenstände reizte, beeilte ich mich, auf demselben
+Dampfer nach Hause zurückzukehren, aus Furcht, daß es mir später
+vielleicht nicht mehr gelingen könnte, den Weg nach Hause
+zurückzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, überhaupt nicht mehr an
+fremde Länder zu denken -- und während der ganzen Zeit meines
+Petersburger Aufenthaltes, d. h. während voller sieben Jahre kam mir
+nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand
+meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein
+Bedürfnis nach Einsamkeit mich dazu nötigten, Rußland zu verlassen.
+
+Zweimal bin ich nachher wieder nach Rußland zurückgekehrt, einmal sogar,
+um für immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches
+Verlangen erfaßt hatte, mir über alles klar zu werden, würde es mir
+bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht
+merkwürdig? Mitten im Herzen Rußlands, sah ich beinahe nichts von
+Rußland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit großer
+Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie
+davon, was in Rußland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen
+Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wußte. Es
+ist bekannt, daß jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten
+hat, und daher ist es sehr schwer für ihn, andere Leute, die nicht dazu
+gehören, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich
+verpflichtet fühlt, möglichst häufig mit den ihm nahestehenden Menschen
+zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und
+für sich so viel Angenehmes hat, daß man sehr viel Selbstaufopferung
+besitzen muß, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen
+lernte, teilten mir immer nur fertige Schlüsse und Folgerungen und nicht
+bloß schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. Überhaupt
+bemerkte ich, daß eine gewisse Veränderung in den Köpfen und in den
+Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit
+einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals früher zu tun
+pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung
+einer jeden Sache ergründen: ein Motiv, eine Regung, die darauf
+hindeutete, daß die Gesellschaft einen mächtigen Schritt vorwärts
+gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse Übereilung,
+mit der man sogleich die Schlüsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis
+drei Tatsachen über das Ganze urteilte; man übersah völlig, daß damit
+noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und
+in Erwägung gezogen waren. Ich bemerkte, daß sich beinahe jeder in
+seinem Kopfe seine eigene Vorstellung über Rußland gebildet hatte, und
+das war der Anlaß zu fortwährenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte
+etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie
+noch früher in den alten Zeiten üblich waren, wo jeder bloß das
+erzählte, was er in seinem Leben gesehen und gehört hatte, und wo ein
+Gespräch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das
+brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkürlich selbst von dieser
+hastigen Sucht, sofort übereilte Schlüsse und Folgerungen aus allem zu
+ziehen -- dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit --, angesteckt war.
+
+Noch mehr aber mußte ich mich über unsere Provinz wundern. Dort hörte
+man nicht einmal den Namen »Rußland« aussprechen. Wie mir schien, waren
+nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur über solche
+Gegenstände, die man in den neuesten aus dem Französischen übersetzten
+Romanen gelesen hatte. Kurz -- während meines ganzen Aufenthalts in
+Rußland zerfiel und zerstob Rußland förmlich in meinem Kopfe. Ich konnte
+mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein
+Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwächer. Sowie ich es jedoch
+verließ, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen,
+der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust,
+jeden frischen Menschen, der frisch aus Rußland eingetroffen war, kennen
+zu lernen, wurde wieder stark und mächtig in mir. Es bildete sich sogar
+die Fähigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich
+in einem Gespräch von der Dauer einer Stunde, was ich während meines
+Aufenthaltes in Rußland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung
+zu bringen vermochte. Jedermann weiß, daß man im Ausland viel leichter
+Bekanntschaft macht, daß sich in den Bädern Deutschlands und in den
+Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande
+vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wären und die sich ihr
+ganzes Leben lang nicht kennen gelernt hätten. Das war es, was mich
+veranlaßte, einem Aufenthalt außerhalb Rußlands den Vorzug zu geben,
+schon im Hinblick darauf, daß ich auf diese Weise mehr von Rußland
+erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darüber nach, wie ich mich in
+Rußland selbst über vieles unterrichten könnte, was dort vorgeht. Durch
+Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man
+davon im Kopfe behält, sind die Stationen und die Kneipen. In den
+Städten und Dörfern Bekanntschaften anzuknüpfen, ist für einen Mann, der
+nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man
+wird leicht für einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist
+höchstens ein Sujet für eine Komödie, die man: _Der Wirrwarr_ betiteln
+könnte. Wenn man jedoch erfährt, daß der Reisende noch dazu ein
+Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die
+Hälfte aller russischen Leser ist fest davon überzeugt, daß ich nur
+einen einzigen Lebenszweck habe, nämlich diesen, alles am Menschen vom
+Kopf bis zu den Füßen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie
+ein so lebhaftes Bedürfnis empfunden, die gegenwärtige Lebenslage des
+Russen von heute kennen zu lernen -- um so mehr, als gerade heute die
+Gegensätze in der Denkweise so groß geworden sind und alle Welt von
+einem wahren Wirbel von Mißverständnissen erfaßt ist, so daß kein Mensch
+mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und daß
+man genötigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Händen zu betasten, da
+man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren.
+Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt für mein Werk ausersehen
+habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir früher zum Vorwurf
+genommen hatte. Je größer die Vorzüge einer bestimmten Persönlichkeit
+sind, um so greifbarer und plastischer muß man sie vor dem Leser
+erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und
+Details, die dafür sprechen, daß diese bestimmte Person auch wirklich
+gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt
+und blaß und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag,
+armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe muß wirklich das Gefühl
+haben, daß die dargestellte Persönlichkeit aus demselben Leibe
+herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehört, daß
+sie etwas Lebendiges, daß sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von
+seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins
+zusammenfließen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm
+ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Räsonnement und keine Predigt
+hervorgebracht werden können. Eine solche volle Verkörperung, diese
+letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich
+nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen
+Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erfülle, wenn ich alle großen
+Charakterzüge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die
+Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen täglich
+umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles,
+das Große wie das Kleine, berücksichtige und nichts außer acht lasse. In
+dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim
+größten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fähigkeit,
+Schlüsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu
+erdichten. Ich mußte immer erst eine große Menge von Menschen anhören,
+wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die
+Leute meine Meinung gesund und vernünftig. Hörte ich dagegen nicht alle
+an und zog ich einen übereilten Schluß, so waren meine Ansichten bloß
+schroff und ungewöhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem
+»_Briefwechsel mit meinen Freunden_«, kommt vieles vor, das Ähnlichkeit
+mit einer bloßen Präsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine
+Voraussetzung ist. Es enthält nichts als Folgerungen, aber die einen
+Schlüsse und Folgerungen sind unter Berücksichtigung sämtlicher Seiten
+einer Sache gezogen und sind daher allen klar, während andere nur
+Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt
+sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach
+als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir
+gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in
+dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schüler gleichzeitig
+zu Worte kommen.
+
+Es war mir also nicht möglich, mir all das zu verschaffen, was ich
+brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte -- ist es da
+wohl ein Wunder, daß ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich
+selbst kämpfen, wenn man solche Ansprüche an sich selbst zu stellen
+gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben --
+selbst wenn sie vorhanden ist --, wo der Verstand bei jedem Schritt die
+Frage nach dem »Warum« stellt? Warum mußten eine Reihe von Umständen
+eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst
+durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die
+Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem
+Verlangen erfaßt, den russischen Menschen darzustellen, als ich das
+allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und
+warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden
+hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis
+unserer Seele durchschaut? -- Warum wurde ich so von dem Verlangen
+gequält, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich
+solche Umstände ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich
+jedoch nötigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele
+hinabzutauchen? Warum blieb für mich die Fähigkeit, mich überall an der
+Schönheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten
+mochte, stets der Gipfel, die Krone aller ästhetischen Genüsse? Warum
+wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhörlich von dem Verlangen
+gequält, die menschliche Seele zu ergründen? Erklärt mir vor allem,
+warum dies so kommen mußte, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so
+schreiben kann, wie ich früher geschrieben habe. Ich wollte den
+Umständen und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte,
+Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich
+es früher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heißt,
+wie sich's traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts
+mehr aus der Feder fließen. Voller Freude, daß ich durch meine an meine
+Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaßen ins
+Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen,
+und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte
+ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach
+Möglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu
+geben, damit das Buch den Charakter eines vernünftigen Werkes erhielte;
+ich bedachte nicht, daß das Publikum vieles davon, was an einzelne
+Personen gerichtet war, auf sich beziehen würde, besonders nach meinem
+Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich fürchtete
+mich davor, die Fehler und Mängel des Buches selbst nachzuprüfen, und
+verschloß meine Augen, denn ich wußte, daß ich mein Buch, wenn ich es
+einer strengeren Prüfung unterziehen würde, vielleicht ebenso vernichten
+könnte, wie ich die »Toten Seelen« und alles, was ich in der letzten
+Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch könnte
+die Leser wenigstens in geringem Maße für mein langes Schweigen
+entschädigen, ich glaubte, ich könnte darin meine schwierige Lage
+schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben
+unmöglich gemacht hatte, und ich würde die Aufmerksamkeit auf die
+praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte
+ferner, solche Dinge zu berühren, die mir einen tieferen Einblick in
+Rußland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen würden, zur
+Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt
+überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich bekam nur Worte und Reden über Dinge
+zu hören, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden können. Ich
+ließ die Hände sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu
+regen begonnen hatte, erlosch, und ich fühlte mich ganz von selbst und
+ohne daß ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den
+Sinn gekommen war: soll ich überhaupt noch etwas schreiben? Soll ich
+noch weiter in diesem Berufe tätig sein, von dem mich in der letzten
+Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, daß es mir
+selbst gelingen sollte, mich zu überwinden, angenommen selbst, daß mein
+Kiel wieder die nötige Leichtigkeit und Beständigkeit erlangen würde,
+und daß mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder
+fließen würde -- war meine seelische Verfassung wirklich derartig, daß
+meine Werke der Gesellschaft von heute tatsächlich von Nutzen sein
+konnten und heute eine Notwendigkeit für sie darstellten? Werfen wir
+dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit:
+begünstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner:
+ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, günstig?
+
+Alle sind sich mehr oder weniger darüber einig, daß unsere heutige Zeit
+eine Übergangszeit genannt werden kann. Alle fühlen heute mehr denn je,
+daß sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist
+nicht einmal eine Station, auf der man vorübergehend haltmacht, kein
+Nachtquartier und kein Rasten während der Reise. Alles sucht etwas, aber
+es sucht es nicht draußen, sondern in dem eigenen Inneren. Die
+moralischen Fragen haben ein starkes Übergewicht über die politischen,
+die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme
+erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermögen das Interesse der
+Welt mehr zu fesseln. Überall kommt mehr oder weniger deutlich der
+Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum
+Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren
+harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus
+sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr
+Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren,
+erleben Krisen und Umwälzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den
+Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer
+Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung möglich zu sein
+schienen. Ein jeder fühlt mehr oder weniger, daß er sich nicht in der
+richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden
+sollte, wenn er auch nicht weiß, worin dieser ersehnte Zustand nun
+eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem
+ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich
+dorthin, woher sie etwas über die Fragen, die heute alle beschäftigen,
+zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht
+wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthält. Bedarf man also wohl
+in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der über ein
+gewisses schöpferisches Talent verfügt, der lebendige Bilder von
+Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben
+eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, -- der
+von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns
+zunächst einmal klar, was das für ein Schriftsteller ist, dessen
+Hauptbegabung sein schöpferisches Talent ist.
+
+Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin überein, daß ein produktiver
+Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die
+Ansprüche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig -- und mit Recht:
+um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht,
+herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die häufig ein
+außergewöhnliches Talent für das beschreibende, malende Genre besitzen,
+denen jedoch die _schöpferische_ Gabe völlig mangelt. Wer dagegen
+_schafft_, wer viel Zeit und Mühe darauf verwendet, dem sein Werk teuer
+zu stehen kommt, der darf seine Mühe und Arbeit nicht umsonst
+verschwenden. Die Schöpfungen seiner Kunst müssen für unser Leben einen
+Fortschritt bedeuten, er muß, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er
+auf der Höhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld für die
+Belehrung, die er aus ihr geschöpft hat, abtragen können, indem er auch
+sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die Ästhetiker
+unserer Zeit ebenso wie die früherer Zeiten das Wesen des Dichters oder
+ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schöpferischer
+Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich
+aufgenommen hat, ist für einen schöpferischen Schriftsteller sogar
+unmöglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der über
+einen flinken Pinsel verfügt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag,
+was an seinem Blick vorüberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln
+gequält und beunruhigt wird.
+
+Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den
+Fragen des Lebens beschäftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als
+jemand anderes das lösende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen;
+aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich
+schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er
+sich bei allen seinen großen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit
+des Stils, zu der Adlerkraft und -schärfe des Blicks, zu dem
+fortreißenden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines
+Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes
+bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum
+Bürger seines Landes und zum Bürger der ganzen Menschheit herangebildet
+hat und überall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein
+Fels, unerschütterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn
+antreten. Wenn er wirklich über solche Mittel und Werkzeuge verfügt,
+dann wird er dem Publikum solche Menschen vorführen, wie er sie
+gegenwärtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie
+mit jener porträthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, daß
+das Bild eines Menschen uns überallhin verfolgt, so daß wir es nicht
+wieder loswerden können. Bei solchen Mitteln wird es ihm natürlich nicht
+schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen
+Schriftsteller unsere Köpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man
+muß nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche
+lebendige Bilder, die wie die rechtmäßigen Herren in der Seele der
+Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, -- so werden sich
+einem die Tore der Herzen von selbst öffnen, um sie aufzunehmen, wenn
+man nur das Gefühl hat und nur das Geringste davon spürt, daß diese
+Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschöpft sind, daß sie
+unserem eigenen Körper entstammen. Wer könnte in solch einem Falle noch
+daran zweifeln, daß heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuüben
+vermöchte, wie solch ein Schriftsteller, und daß niemand unserer Zeit
+und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch
+tatsächlich über einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfügt, sich
+aber noch nicht zu einem Bürger seines Landes und der Menschheit
+herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend,
+selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wäre es
+für ihn sogar gefährlich, sich in die Öffentlichkeit hinauszuwagen; dann
+kann seine Wirkung eher schädlich als nützlich sein. Diese Arbeit an
+sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder
+entstammt. Je weniger Ähnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je
+ungewöhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen
+unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtümern und
+Mißverständnissen kann er überall Anlaß geben. Das, was in ihm lediglich
+eine natürliche Äußerung, eine normale Funktion seines außergewöhnlichen
+Organismus, ein vorübergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes
+ist, kann anderen Menschen als ein Höhepunkt, als Zielpunkt erscheinen,
+den alle erreichen müssen. Je liebevoller er sich für seine Helden und
+Charaktere einsetzt, je gründlicher er sie ausführt, und je lebendiger
+seine Darstellung ist, um so größer wird der Schaden sein. Wir alle
+haben den Beweis dafür vor Augen. Eine bekannte französische
+Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung überragt, hat in wenigen
+Jahren eine gewaltigere Umwälzung in den Sitten hervorgerufen als
+sämtliche Schriftsteller, die sich bemühten, die Menschen zu
+korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die
+Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren möglicherweise nur der
+Ausdruck einer vorübergehenden Verirrung, der sie in einer späteren
+Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der
+sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen:
+»_Ein Wort ist wie ein Spatz_,« sagt ein russisches Sprichwort, »_läßt
+du es aus der Hand, so fängst du es nie mehr ein_.«
+
+Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schöpferischer
+Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fähigkeiten,
+in denen eine suggestiv fortreißende Kraft liegt. Der allgemeinen
+Zeitströmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen
+des Höchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und
+Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fühle, daß
+ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und daß
+ich daher nicht öffentlich hervortreten sollte. Auch das unlängst
+veröffentlichte Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« ist ein Beweis
+dafür. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie
+man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtümern Anlaß gibt und sogar
+zur Verbreitung verkehrter Gedanken beiträgt, wenn schon von diesen
+Briefen, wie man sagt, einem ganze Sätze und Seiten wie lebendige Bilder
+im Kopf haften bleiben, was wäre erst dann geschehen, wenn ich, statt
+mit diesen Briefen, mit einem erzählenden Werk voll lebendiger
+Anschauungen hervorgetreten wäre? Ich fühle selbst, daß hierin weit mehr
+meine Stärke liegt als in theoretischen Erörterungen. Jetzt kann die
+Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wäre kaum jemand imstande
+gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder hätten etwas Suggestives
+gehabt und hätten sich so in den Köpfen festgesetzt, daß kein Kritiker
+sie von dort hätte wieder austreiben können. Man darf nicht außer acht
+lassen, daß alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit
+meiner eigenen Überzeugungen hätten beweisen müssen und meine
+Überzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten
+»Toten Seelen« vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein für den
+mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich
+in meinem Briefwerk auf einem höheren Standpunkt als in den vernichteten
+»Toten Seelen«. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen
+den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer
+ausgedrückt hätte, so hätten viele Leute unterlassen, mir Einwände zu
+machen. In den von mir vernichteten »Toten Seelen« ist weit mehr von dem
+Übergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck
+gekommen, es steckt noch eine weit größere Unbestimmtheit in den
+grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende,
+treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel
+Eindrucksvolles, mit sich Fortreißendes, und die Helden haben etwas
+Suggestives. Kurz -- als ein ehrlicher Schriftsteller hätte ich die
+Feder niederlegen müssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang
+gefühlt hätte, sie zu ergreifen. Aber so etwas muß mit Besonnenheit
+betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, daß ich
+in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich
+mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die
+ganze Sache etwas genauer überlegen und alle Umstände in Betracht
+ziehen, die kein Richter außer acht läßt, wenn er über jemand zu Gericht
+sitzt. Ich habe den Eindruck, daß heute nicht nur ein Mensch, der
+schriftstellerisch tätig ist, sondern jeder Kopf überhaupt sich der
+Tätigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlüsse und
+Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten
+nur solche sich öffentlich betätigen, deren Erziehung vollendet ist und
+die fertige Bürger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur
+solche, die Rußland ebenso glühend lieben wie der, der sich Kosak
+Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu
+schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Böse an der
+russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun,
+die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt über
+den wirklichen Zustand aufzuklären, in dem sich heute die Menschen in
+Rußland befinden.
+
+Es wird _mir_ sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die
+schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller
+meiner Gedanken und Wünsche war, wo ich doch allem anderen, allen
+Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mönch alle Bande, die mich an
+alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um
+an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht,
+der schriftstellerischen Tätigkeit zu entsagen: gehörten doch gerade die
+Augenblicke zu den schönsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in
+Gedanken ausgebrütet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch
+jetzt noch immer überzeugt, daß es kaum einen höheren Genuß gibt als den
+des _Schaffens_. Aber -- ich wiederhole dies nochmals -- als ehrlicher
+Mensch müßte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den
+inneren Drang fühlte, sie zu ergreifen.
+
+Ich weiß nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wäre, so zu handeln, wenn
+ich nicht die Fähigkeit zum Schreiben verloren hätte; denn -- um ganz
+aufrichtig zu sein -- das Leben hätte dann plötzlich allen Wert für mich
+eingebüßt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das hätte für mich
+ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, für
+den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafür ist, daß
+der Schöpfer den Menschen keinen Augenblick verläßt. Das Herz bleibt
+keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die
+Erde, die eine Weile vom Pflug unberührt bleibt, andere und neue Kräuter
+und Gräser wachsen läßt, bis sie sich in ein neues von ihnen
+befruchtetes und gedüngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir,
+als ich die Fähigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs
+neue zu dem Gegenstand zurück, von dem ich in meiner Kindheit geträumt
+hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und
+unscheinbarste Stellung hätte mir genügt, wenn ich nur meinem Vaterlande
+so hätte dienen können, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja
+ich hätte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mögen, als ich
+dies jemals gewünscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat
+mich niemals verlassen. Ich söhnte mich auch erst mit meiner
+schriftstellerischen Tätigkeit aus, als ich mich innerlich überzeugte,
+daß man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen könne. Aber
+auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein großes Werk
+vollendet haben würde, ganz so wie die anderen Menschen in den
+Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Pläne
+und Absichten hatten bloß etwas Anmaßendes und entsprangen einer
+hochmütigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafür ablegen
+würde, daß ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und
+seinen fundamentalsten Zügen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den
+Zügen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen
+sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern würde, daß ich
+die Seele des Menschen nicht aus Büchern und Erzählungen, sondern aus
+Erfahrung kenne, da ich schon von frühester Jugend auf von dem Wunsche
+beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so würde man mir eine
+Stellung anweisen, die es mir erlauben würde, mit Menschen aller Stände
+und mit vielen Leuten in persönliche Berührung zu kommen, nicht erst
+durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich
+meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen
+Leuten nützlich erweisen und mir selbst noch eine größere
+Menschenkenntnis erwerben würde. Es schien mir so, als ob Rußland am
+meisten unter den gegenseitigen Mißverständnissen leidet, und daß wir
+vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele
+und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen
+Wunsche nach Frieden beseelt wären. Ich hatte gesehen und bereits die
+Erfahrung gemacht, daß man durch persönliche Unterhandlungen und
+Aufklärungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem
+Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine
+solche Stellungen gebe, so würde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig
+und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich
+entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen
+wollte, wie ich mich Rußland durch die Fähigkeiten, die ich besaß,
+nützlich und notwendig erweisen könnte. Ich schmiedete die kühnsten
+Pläne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes
+gründeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fähigkeit,
+dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in
+meinen Augen alle Ämter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten -- der
+kleinste wie der größte -- hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur
+mit dem gebührenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, daß man,
+wenn man den Menschen nur ein wenig zu schätzen weiß und einen Begriff
+von seiner Würde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der
+Mensch viele Fehler und Mängel hat, daß man, sofern man nur etwas
+wahrhaft christliche Liebe für ihn hat und endlich von wirklicher Liebe
+zu Rußland erfüllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel
+Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses übertrifft alles
+andere. Ein Amt und eine Stellung wären für mich dasselbe wie ein Hafen
+und das Festland für einen Seefahrer. Ich bin überzeugt, daß heutzutage
+ein jeder, der von dem heißen Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der
+ein Russe ist und dem Rußlands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und
+mit demselben Eifer zu vielen Ämtern und Stellungen im Staate drängen
+sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland
+gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der Übel
+sind groß, und sie haben schon viel Schmach über uns gebracht.
+Andererseits aber bin ich auch überzeugt, daß wir schon um unserer
+selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So stürmisch
+und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die
+Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand empört,
+man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine
+Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfüllen, daß man dem Himmel
+Rechenschaft dafür abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schämen
+braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist für uns kein Rätsel mehr.
+Es war einmal ein Rätsel, als die klügsten unter den Menschen, die
+Denker und Dichter, über es nachsannen und zur Überzeugung kamen, daß
+sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer -- der
+der klügste von ihnen allen war -- es mit voller Sicherheit und ohne zu
+schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, _Er_ wisse, was das Leben
+sei; seitdem dieser _Eine_ von allen anerkanntermaßen für den größten
+aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht
+zugeben wollen, daß Er Gott sei, gehalten wird, muß man Ihm aufs Wort
+glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte.
+Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelöst.
+
+Das aber genügt noch nicht. Uns ward ein vollständiges und umfassendes
+Gesetz für alle unsere Handlungen gegeben -- ein Gesetz, das keine
+Gewalt in seiner Wirkung zu hemmen oder zu beschränken vermag, das man
+selbst bis in die Mauern des Gefängnisses tragen, das man jedoch nicht
+erfüllen kann, wenn man in der Luft schwebt; dazu muß man zum mindesten
+ein festes irdisches Fundament unter den Füßen haben. Wenn man ein Amt
+und eine Stellung innehat, befindet man sich doch immer auf einem
+bestimmten Wege; besitzt man dagegen keine bestimmte Stellung und kein
+Amt, so geht man aufs Geratewohl durch Gestrüpp und Schluchten, wenn man
+auch das gleiche Ziel im Auge behält. Auf einem Wege geht sich's
+leichter als dort, wo es keine Wege gibt. Wenn man Amt und Stellung als
+Mittel zu einem Ziel betrachtet, das nicht auf der Erde liegt, sondern
+als einen Weg zum himmlischen Ziel -- zur Rettung unserer Seele --
+ansieht, so erkennt man, daß das Gesetz, das uns Christus gegeben hat,
+nur für uns selbst gegeben ward, daß er sich gleichsam an uns selbst
+wendet, um uns klar und deutlich zu zeigen, wie wir uns an der Stelle,
+an der wir stehen, und in dem Berufe, den wir uns erwählt haben,
+verhalten sollen. Es ward dem Christen mit aller Bestimmtheit und
+Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen Höhergestellte benehmen soll, und
+wenn er nur einen Teil davon erfüllt, so werden ihn alle, die über ihm
+stehen, liebgewinnen. Es ward dem Christen in aller Bestimmtheit und
+Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen die verhalten soll, die unter ihm
+stehen, und wenn er nur einen Teil hiervon erfüllt, so werden ihm alle
+unter ihm Stehenden von Herzen ergeben sein. Diese ganze Universalität
+des menschenfreundlichen Gesetzes Christi, dieses Verhältnis der
+Menschen untereinander kann von jedem von uns auf seine begrenzte Sphäre
+angewandt und übertragen werden. Wir brauchen bloß alle Menschen, mit
+denen wir so häufig in unangenehmster und peinlichster Art
+zusammenstoßen, zu unseren Nächsten und unseren Brüdern zu machen, zu
+jenen Nächsten, denen uns Christus am meisten zu vergeben und die Er uns
+am meisten zu lieben geboten hat. Man braucht bloß nicht darauf zu
+achten, wie die anderen sich gegen uns verhalten, und nur daran zu
+denken, wie man selbst gegen andere Leute handelt. Man braucht bloß
+nicht daran zu denken, wie die anderen uns lieben, sondern bloß darauf
+zu achten, ob man sie auch _selbst_ liebt. Man braucht nur, ohne sich
+durch irgend etwas gekränkt zu fühlen, dem ersten, dem man begegnet, die
+Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken. Man braucht bloß eine kurze Zeit
+lang so zu handeln und man wird bald inne werden, daß der Umgang mit
+anderen Leuten uns selbst und daß ihnen der Umgang mit uns viel leichter
+wird; dann wird man wirklich die Kraft in sich fühlen, auch an einer
+unscheinbaren Stelle manch nützliche Tat zu vollbringen. Am schwersten
+hat es der in der Welt, der noch nicht irgendwo festen Fuß gefaßt hat,
+der sich's nicht klarmacht, worin sein Beruf besteht: ihm ist es am
+schwersten, das Gesetz Christi auf sich anzuwenden, das doch dazu da
+ist, um auf der Erde und nicht in der Luft verwirklicht zu werden; daher
+muß auch das Leben ein ewiges Rätsel für ihn sein. Ihm gegenüber ist
+sogar der Gefangene, der im Kerker schmachtet, noch im Vorteil: er weiß,
+daß er ein Gefangener ist, und er weiß daher auch, was von dem Gesetz er
+für sich auswählen muß. Ihm gegenüber ist noch der Bettler im Vorteil,
+er hat auch ein Amt: er ist ein Bettler und weiß daher, was er für sich
+aus dem Gesetz Christi schöpfen soll. Ein Mensch jedoch, der nicht weiß,
+was sein Beruf, wo sein Platz ist, der sich nichts klar, der bei nichts
+haltmacht und nirgends festen Fuß gefaßt hat, der hat weder in der Welt
+noch außer der Welt ein Heim; er weiß nicht, wer sein Nächster ist, wer
+seine Brüder sind, wen er lieben und wem er verzeihen soll (man kann
+nicht die ganze Welt lieben, wenn man nicht erst einmal die lieben
+lernt, die einem am nächsten stehen und die Gelegenheit haben, uns
+Kummer zu bereiten): sein Gemütszustand hat die meiste Ähnlichkeit mit
+einer trockenen mattherzigen Seelenverfassung.
+
+So war ich denn nach vielen Jahren langer Mühe und mancherlei Versuchen
+und häufigem Nachdenken, auf meinem Wege sichtlich vorwärtsschreitend,
+endlich zu dem Ergebnis gelangt, von dem ich schon während meiner
+Kindheit geträumt hatte, daß das Dienen die Bestimmung des Menschen und
+daß unser ganzes Leben ein einziger Dienst ist. Man darf nur nicht
+vergessen, daß man ein Amt im irdischen Staate übernimmt, um dadurch dem
+himmlischen König zu dienen, und daher Sein Gesetz stets im Auge
+behalten muß. Nur wenn man seinen Dienst in dieser Weise auffaßt, kann
+man es allen recht machen: dem König, dem Volk und seinem Vaterland.
+
+Als ich diese Überzeugung gewonnen hatte, war ich schon bereit, mich
+voller Eifer jedem Amte zu widmen, obwohl ich natürlich bemüht war, mir
+mit Rücksicht auf meine Fähigkeiten einen solchen Beruf zu wählen, der
+mich auch weiter in den Stand setzen würde, die Menschen in Rußland auch
+in der Praxis kennen zu lernen; damit ich, wenn sich bei mir die
+Fähigkeit zum dichterischen Schaffen wieder einstellen sollte, über ein
+ausreichendes Material verfügte. Und so war auch einer der Gründe meiner
+Reise ins Heilige Land der ehrliche Wunsch, an jener Stelle zu Gott zu
+beten und mir von Ihm, Der uns in jenen Gegenden, die einst Sein Fuß
+durchschritten, das Geheimnis des Lebens offenbart hat, den Segen für
+eine rechtschaffene Erfüllung meiner Pflicht und für meinen Eintritt ins
+Leben zu erflehen; ich wollte Ihm für alles danken, was sich in meinem
+Leben ereignet hatte, mir von Ihm eine Tätigkeit erbitten und Ihn um
+Belebung und Erfrischung für den weiteren Weg und das Werk, für das ich
+mich herangebildet und vorbereitet hatte, anflehen. Und darin finde ich
+nichts Merkwürdiges, da doch auch der Schüler nach Beendigung seines
+Lehrganges sich beeilt, dem Lehrer ein Wort des Dankes zu sagen. Wenn
+doch auch der Sohn zum Grabe des Vaters eilt, bevor er seine Tätigkeit
+beginnt, warum sollte _ich_ nicht jenem Grabe Ehre und Anbetung
+erweisen, das alle verehren, an dem allen Trost und Kräftigung zuteil
+wird und vor dem alle Menschen -- auch solche, die keine Dichter sind --
+von Begeisterung ergriffen werden. Es ist vielleicht recht sonderbar,
+daß ich in einem gedruckten Buche hierüber geredet habe; aber ich hatte
+mich damals gerade von einer schweren Krankheit erholt. Ich war noch
+recht schwach und glaubte gar nicht, daß ich imstande sein würde, diese
+Reise zu vollenden. Ich wollte, daß _die_ für mich beten sollten, deren
+ganzes Leben ein einziges Gebet geworden war, wußte nicht, wie ich es
+anstellen sollte, daß meine Stimme bis in die Tiefe der Klosterzellen
+und in die Mauern der Einsiedler dränge, und ich dachte, daß vielleicht
+einer von denen, die mein Buch lesen würden, mein Wort bis an das Ohr
+jener tragen möchte. Ich bat auch die anderen, für mich zu beten, weil
+ich nicht wußte, wessen Gebet Ihm wohlgefälliger ist, zu Dem wir alle
+beten. Ich weiß nur das eine, daß der Geringste und Schlechteste unter
+uns schon morgen ein besserer Mensch werden kann als wir alle und daß
+sein Gebet eher bis an Gottes Ohr dringen kann als jedes andere Gebet.
+Dafür hätte man mich nicht so strenge verurteilen sollen; man hätte
+lieber an die Worte »_Bittet, so wird euch gegeben_« denken und dies
+Gebot erfüllen sollen.
+
+Wie es geschehen konnte, daß ich nun genötigt bin, dem Leser über dies
+alles Auskunft zu geben, das kann ich selbst nicht begreifen. Ich weiß
+nur das eine: daß ich nie den Wunsch hatte, mich über meine geheimsten
+und innersten Seelenregungen zu äußern -- nicht einmal meinen
+aufrichtigsten Freunden gegenüber. Ich war fest entschlossen, nichts von
+meinen Seelenerlebnissen zu verraten und alle Urteile, die über mich
+gefällt wurden, ruhig über mich ergehen zu lassen, da ich fest davon
+überzeugt war, daß, wenn erst der zweite und dritte Band der »Toten
+Seelen« erscheinen würden, sich alles aufklären und niemand mehr die
+Frage stellen würde: was ist der Autor selbst für ein Mensch? trotzdem
+der Autor gänzlich hinter seinen Helden verschwinden sollte. Nachdem ich
+mich jedoch einmal darauf eingelassen hatte, gewisse Erklärungen über
+meine Werke abzugeben, war es ganz unvermeidlich, daß ich auch von mir
+selbst reden mußte, weil meine Werke auf das engste mit meinen geistigen
+und seelischen Angelegenheiten in Zusammenhang stehen. Gott weiß,
+vielleicht geschah auch dies ohne den Willen Dessen, ohne Den in der
+Welt nichts geschieht; ja, vielleicht mußte dies gerade deswegen
+geschehen, damit ich einen Einblick in mein eigenes Innere gewinnen
+konnte. Die Versuchung, hochmütig zu werden, lag mir sehr nahe,
+besonders nachdem es mir gelungen war, mich tatsächlich von einigen
+Fehlern und Mängeln zu befreien. Dieser Hochmut nistete beständig in
+meiner Seele und niemand hat mich darauf aufmerksam gemacht. Bekanntlich
+genügt es schon, sich eine gewisse Glätte, ein gewisses Gleichmaß und
+eine gewisse Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den Menschen
+anzueignen, damit sie unsere Fehler übersehen und nicht beachten. Wenn
+man sich dagegen vor unbekannten Leuten und vor der ganzen Welt zur
+Schau stellt, und wenn jede unserer Handlungen und Taten bis ins
+einzelne zerfasert wird, wenn Menschen der verschiedensten Denkungsart,
+der verschiedensten Anschauungen und mit den verschiedensten Vorurteilen
+sich jeder nach seiner Weise ein Bild von uns machen, wenn dann von
+allen Seiten berechtigte und unberechtigte Vorwürfe auf einen
+niederhageln und mit Vorbedacht oder auch ohne böse Absicht an die
+empfindlichsten Seiten unseres Wesens rühren, dann fängt man an -- ob
+man nun will oder nicht -- sich von solch einer Seite zu sehen, von der
+man sich noch nie gesehen hat, und man beginnt Fehler und Mängel in sich
+zu suchen, die man sonst nie in sich gesucht hätte. Das ist eine
+furchtbare Schule, die einen entweder um den Verstand bringt oder klüger
+und vernünftiger macht, als man jemals war. Nicht ohne Scham und ohne
+Erröten lese ich vieles in meinem Buche, trotzdem aber danke ich Gott,
+daß Er mir die Kraft gegeben hatte, es herauszugeben. Ich brauchte einen
+Spiegel, in dem ich mich erblicken und besser erkennen konnte, ohne dies
+Buch aber wäre ich schwerlich in den Besitz eines solchen Spiegels
+gekommen. Und so hat denn mein Buch, das aus der ehrlichen Absicht
+entsprungen war, anderen zu nützen, vor allem mir selbst am meisten
+genützt.
+
+Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auch einige Worte über den Nutzen
+zu sagen, den mein Buch anderen Leuten bringen kann. Ist mein Buch
+wirklich so ganz wertlos für andere Menschen, besonders aber für die
+Gesellschaft, wie sie heute ist? Mir scheint, alle, die über dies Buch
+geurteilt haben, haben es mit zu weit aufgerissenen Augen und gar zu
+hitzig und heftig betrachtet. Man hätte es weit kaltblütiger beurteilen
+sollen. Statt als Vorkämpfer der ganzen Gesellschaft aufzutreten und
+mich im Angesicht des ganzen russischen Vaterlandes vor Gericht zu
+laden, hätte man die Sache viel einfacher ansehen sollen. Man hätte das
+Buch analysieren, man hätte feststellen sollen, was es seinem innersten
+Wesen nach ist, und man hätte nicht eher auf die Einzelheiten und die
+Teile eingehen dürfen, als bis man sich den inneren Sinn des Ganzen
+völlig klargemacht hatte. Nun aber hatte das allerhand törichte
+Wortstreitigkeiten zur Folge, ja vielem wurde ein solcher Sinn
+untergelegt, von dem ich mir nie hatte etwas träumen lassen.
+
+Zunächst hätte ich jederzeit das Recht gehabt, davon zu reden, wovon ich
+in meinem Buche gesprochen habe, wenn ich mich nur einfacher und
+schicklicher ausgedrückt hätte. Es ist mir nie eingefallen, die Menschen
+in der Weise belehren zu wollen, wie mir das einige imputieren wollten.
+Das _Lehren_ verstand ich in dem einfachen Sinne, den die Kirche im Auge
+hat, wenn sie gebietet, einander unaufhörlich zu belehren, wobei man es
+verstehen muß, mit derselben Freude Ratschläge von anderen
+entgegenzunehmen, mit der man selbst anderen welche erteilt. Ich aber
+war damals wirklich bereit, Ratschläge von anderen Menschen
+entgegenzunehmen. Ich stellte mir die Gesellschaft keineswegs als eine
+Schule vor, die mit Schülern von mir angefüllt ist, deren Lehrer ich
+bin. Ich bestieg mit meinem Buch kein Katheder und verlangte nicht, daß
+alle aus diesem Buche lernen sollten. Ich kam zu meinen Mitbrüdern und
+Mitschülern wie ein ihnen gleichgestellter Schulkamerad; ich brachte
+einige Hefte mit, in denen ich die Worte des Lehrers nachgeschrieben
+hatte, von Dem wir alle lernen; ich brachte vielerlei mit; mochte sich
+jeder das davon wählen, was er brauchen konnte. Es waren Briefe
+darunter, die an Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen
+Anlagen und Neigungen gerichtet waren. Viele von diesen Personen standen
+auf ganz verschiedenen Stufen der geistigen Entwicklung; daher konnten
+sich diese Briefe unmöglich in gleicher Weise auf alle Menschen beziehen
+und auf sie alle passen. Ich dachte mir, jeder würde sich nur das davon
+aneignen, was er brauchte, und das andere nicht beachten. Ich hatte
+nicht geglaubt, daß so mancher gerade danach greifen würde, dessen ein
+anderer bedurfte, ausrufen würde: »Das kann ich nicht brauchen!« und mir
+dann noch zürnen würde. Ich wollte auch keine neue Lehre verkünden. Als
+ein Schüler, der in einigen Fächern etwas weiter fortgeschritten ist als
+ein anderer Mitschüler, wollte ich es den übrigen Kameraden bloß
+klarmachen, wie man die Lektion, die uns von dem besten aller Lehrer
+aufgegeben wird, am schnellsten und leichtesten lernt. Ich hatte
+geglaubt, wenn man mein Buch gelesen haben würde, würde man zu mir
+sagen: »Ich danke dir, Mitbruder!« und nicht: »Ich danke dir, mein
+Lehrer!« Wenn nur nicht mein »Testament« gewesen wäre, das ich
+unvorsichtigerweise mitaufgenommen habe und in dem ich auf die Belehrung
+anspielte, die jeder Autor seinen Mitmenschen mit seinen poetischen
+Werken erteilen sollte, so wäre es niemand eingefallen, mir solche
+apostolische Absichten zuzuschreiben, trotz meines ziemlich
+entschiedenen Tons, ja sogar trotz der lyrischen Feierlichkeit meiner
+Rede. Dagegen wird ein jeder, der bereits in seine eigene Seele zu
+blicken vermag, meinem Buche mancherlei entnehmen können, was ihm von
+Nutzen sein dürfte.
+
+Was ferner die Meinung anbetrifft, daß mein Buch schädlich wirken müsse,
+so kann ich dies unter keinen Umständen zugeben. In dem Buche kommt
+trotz all seiner Mängel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu
+deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen
+leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das
+Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen Überzeugung: nämlich daß die
+höchste Instanz in allen Fragen die Kirche und daß _sie_ der Schlüssel
+zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der
+Lektüre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, _in_ der
+Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn
+darüber belehren werden, was er sich aus meinem Buche für seine Zwecke
+aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere
+Bücher statt des meinen geben, um derentwillen er _mein_ Buch
+beiseitelegen wird, so wie ein Schüler das Buchstabieren aufgibt, wenn
+er frei lesen gelernt hat.
+
+Zum Schluß muß ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die über mein
+Buch gefällt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und
+keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir
+gegenüber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen
+selbst, ich hätte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine
+Vorzüge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden,
+einbilden können, daß ich höher stehe als alle anderen Menschen und daß
+ich das Recht habe, über andere Leute zu richten, worauf aber könnte
+sich der stützen, der mit solcher Sicherheit über mich zu Gericht sitzt
+und nicht einmal das Gefühl hat, daß er höher steht als ich? Wie dem
+auch sein mag, um ein allseitiges Urteil über einen Menschen zu fällen,
+dazu muß man höher stehen als der, über den man richtet. Man kann wohl
+gewisse Bemerkungen über diese oder jene Einzelheit machen, man kann
+Meinungen äußern und Ratschläge erteilen, allein über den ganzen
+Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschläge stützt, ihn für
+völlig verrückt erklären, behaupten, er habe seinen Verstand verloren,
+er sei ein Lügner und Betrüger, der die Maske der Frömmigkeit angelegt
+habe, ihm gemeine und niederträchtige Absichten unterlegen -- nein, das
+sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen
+offenkundigen Schurken, der das Schandmal der öffentlichen Verachtung
+trägt, vorzubringen imstande wäre. Mir scheint, ehe man solche
+Beschuldigungen ausspricht, müßte man innerlich erschrecken und erbeben,
+man sollte erst ein wenig darüber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei
+zumute wäre, wenn öffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen
+gegen uns erhoben würden! Es wäre wirklich gut, wenn man sich's erst ein
+wenig überlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: »Irre ich
+mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich
+hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es
+nicht für alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die äußere
+scheinbare Ähnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die
+geschicktesten Ärzte eine Krankheit für eine andere gehalten und ihren
+Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten
+secierten.« Nein, das Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« enthält,
+so große Mängel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel
+Derartiges, was nicht allen sofort verständlich sein kann. Es nützt
+nichts, sich darauf zu berufen, daß man das Buch zwei- oder dreimal
+gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts
+dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, muß
+man entweder eine sehr einfache und gütige Seele haben oder ein sehr
+vielseitiger Mensch sein, der außer einem Verstande, der die Dinge von
+allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch über ein hohes poetisches
+Talent und eine Seele verfügt, die einer vollen, großen und tiefen Liebe
+fähig ist.
+
+Ich kann nicht leugnen, daß diese ganzen Wirrnisse und diese
+Mißverständnisse sehr bitter für mich waren -- um so mehr, als ich
+geglaubt hatte, daß mein Buch eher den Keim zur Versöhnung als zu Streit
+und Zwietracht enthalte. Meine Seele wäre unter all den Vorwürfen
+zusammengebrochen; manche darunter waren so fürchterlich, daß Gott jeden
+vor solchen Anklagen bewahren möge! Andererseits aber fühle ich mich
+verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen
+vieler Verfehlungen hätten mit Vorwürfen überschütten können, die mich
+aber in dem Gefühl, daß sie bereits das Maß dessen überstiegen, was die
+schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines
+mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott möge es
+ihnen vergelten! Ich kenne keine größere Tat, als einem Menschen, der
+den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen.
+
+ 1847.
+
+
+
+
+ An W. A. Schukowski
+
+
+ Neapel, den 10. Januar 1848./29. Dezember 1847.
+
+Ich bin in deiner Schuld, lieber Freund! Jeden Tag nehme ich mir vor, zu
+schreiben -- aber eine unbegreifliche _Unlust_ hindert mich immer wieder
+daran. Wieder liegen Neapel, der Vesuv und das Meer vor mir! Die Tage
+fliehen in steter Beschäftigung dahin, die Zeit vergeht so schnell, daß
+man nicht weiß, wie man eine Stunde erübrigen soll. Ich lerne wie ein
+Schuljunge und hole alles nach, was ich in der Schule zu lernen
+unterlassen habe. Aber wozu soll ich davon erzählen! Ich möchte davon
+sprechen, wovon ich mit dir allein sprechen kann: nämlich von unserer
+lieben _Kunst_, für die ich lebe und um derentwillen ich jetzt arbeite
+und lerne wie ein Schulknabe. Da ich jetzt vor einer Reise nach
+Jerusalem stehe, möchte ich dir mein Herz ausschütten; wem gegenüber
+könnte ich das auch tun, wenn nicht dir gegenüber? Die Literatur hat ja
+doch fast mein ganzes Leben ausgefüllt, und hier liegen meine
+Hauptsünden.
+
+Nun sind es bald zwanzig Jahre, daß ich, ein Jüngling, der kaum ins
+Leben getreten war, zum erstenmal zu _dir_ kam, der bereits den halben
+Weg auf diesem Felde zurückgelegt hatte. Das war im Schlosse von
+Schepelejow. Das Zimmer, wo diese Begegnung stattfand, existiert bereits
+nicht mehr; aber ich sehe es noch deutlich und in allen Einzelheiten --
+bis auf das kleinste Möbelstück und die geringsten Sachen, die darin
+standen, vor mir, wie wenn es heute wäre. Du reichtest mir die Hand und
+warst ganz erfüllt vom Verlangen, dem künftigen Mitkämpfer zu helfen.
+Wie wohlwollend und liebevoll war dein Blick! ... Was war es, das uns,
+zwei Menschen von so verschiedenem Alter, zusammenführte? Es war die
+Kunst! Wir fühlten, daß zwischen uns eine Verwandtschaft bestand, die
+stärker war als die gewöhnliche Blutsverwandtschaft. Und woher kam das?
+Weil wir beide etwas von der Heiligkeit der Kunst verspürt hatten.
+
+Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, in welchem Maße ich Dichter
+bin; ich weiß nur das eine, daß ich, noch ehe ich die Bedeutung und das
+Ziel der Kunst verstehen lernte, schon wie durch einen geheimen Instinkt
+meiner ganzen Seele empfand, daß sie was Heiliges sein müsse. Und so
+wurde sie denn, wohl von dieser unserer ersten Begegnung ab, das
+_Erste_, die _wichtigste Angelegenheit_ meines Lebens, während alles
+andere an die zweite Stelle rückte. Es schien mir so, als ob ich mich
+von nun ab durch keine anderen Bande mehr an die Erde fesseln lassen
+dürfte, weder durch die Familie, noch durch das amtliche Leben des
+Bürgers, und daß die literarische Laufbahn auch eine Art Dienst sei.
+Noch gab ich mir keine Rechenschaft (konnte ich sie mir denn damals auch
+geben?), was der Gegenstand meiner literarischen Tätigkeit sein müsse,
+aber schon regte sich die schöpferische Kraft in mir und ich wurde durch
+die näheren Lebensumstände selbst auf bestimmte Gegenstände hingewiesen.
+Dies alles spielte sich gleichsam unabhängig von meiner eigenen (freien)
+Willkür ab. So dachte ich zum Beispiel niemals daran, daß ich einmal ein
+satirischer Schriftsteller werden und meine Leser zum Lachen reizen
+würde. Allerdings hatte ich schon in der Schule bisweilen eine gewisse
+Neigung zur Lustigkeit und ich plagte meine Mitschüler mit unpassenden
+Scherzen. Aber das waren vorübergehende Anwandlungen; im allgemeinen
+hatte ich eher einen melancholischen Charakter und ein zum Nachdenken
+neigendes Wesen. Später kamen noch Krankheit und Hypochondrie dazu, und
+diese Krankheit und Hypochondrie waren die Ursache jener ausgelassenen
+Lustigkeit, die sich in meinen ersten Werken bemerkbar macht. Um mich
+selbst zu zerstreuen, pflegte ich mir ohne jede weitere Absicht und ganz
+planlos gewisse Charaktere auszudenken, die ich dann in komische
+Situationen versetzte -- und das war der Ursprung meiner Erzählungen!
+Meine Leidenschaft für die Menschenbeobachtung, die mich schon seit den
+frühesten Tagen meiner Kindheit erfüllte, verlieh meinen Gestalten etwas
+Natürliches; man sagte sogar von ihnen, es seien getreue Porträts nach
+der Natur. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: mein Lachen hatte
+anfänglich etwas Gutmütiges, ich dachte gar nicht daran, irgendein Ding
+in einer ganz bestimmten Absicht zu verspotten, und ich war aufs höchste
+erstaunt, wenn ich hörte, es fühle sich jemand gekränkt oder ganze
+Gesellschaftsklassen und -stände zürnten mir darob, so daß ich
+schließlich nachdenklich wurde. »Wenn die Macht des Gelächters so groß
+ist, daß man es fürchtet, so darf man es nicht mißbrauchen.« Ich
+entschloß mich also, alles Schlechte, das mir bekannt war, zu sammeln,
+in einem Ganzen zusammenzufassen und dann dieses Ganze dem Gelächter
+preiszugeben -- so entstand der »Revisor«. Das war mein erstes Werk, das
+aus der Absicht entsprang, einen heilsamen Einfluß auf die Gesellschaft
+auszuüben, was mir übrigens nicht gelungen ist: man hat aus der Komödie
+die Absicht herauserkennen wollen, die gesetzliche Ordnung und unsere
+Regierungsform zu verspotten, während ich nur die eigenmächtige
+Übertretung dieser rechtmäßigen und gesetzmäßig sanktionierten Ordnung
+durch einzelne Personen verspotten wollte. Ich zürnte sowohl meinen
+Zuschauern, die mich nicht verstanden hatten, als auch mir selbst, der
+die Schuld daran trug, daß ich nicht verstanden worden war. Ich wollte
+entfliehen und alles im Stiche lassen. Meine Seele dürstete nach der
+Einsamkeit, ich hatte das Bedürfnis, aufs ernsthafteste über meinen
+Beruf und meine Tätigkeit nachzudenken. Schon lange trug ich mich mit
+dem Gedanken an ein _großes Werk_, in dem alles Gute und Böse, das es im
+russischen Menschen gibt, dargestellt und in dem die _Eigenart_ unseres
+russischen Wesens möglichst klar und deutlich sichtbar gemacht werden
+sollte. Ich sah und konnte wohl viele von den Teilen einzeln erfassen,
+aber der Plan des Ganzen wollte sich mir nicht zu voller Klarheit
+gestalten und so bestimmte Formen annehmen, daß ich ans Werk gehen und
+mit der Niederschrift beginnen konnte. Bei jedem Schritt fühlte ich, daß
+mir noch vieles fehlte, daß ich es noch nicht verstand, den Knoten der
+Vorgänge und Begebenheiten zu schürzen und ihn wieder zu lösen, und daß
+ich erst bei den großen Meistern in die Schule gehen und von ihnen
+lernen mußte, wie man ein großes Werk aufbauen und komponieren muß. Ich
+begann also die großen Meister zu studieren und machte zunächst den
+Anfang mit unserem lieben Homer. Schon kam es mir so vor, als ob ich
+etwas zu verstehen begann und sogar anfing, mir ihre Methoden und sogar
+ihre Kunstgriffe zu eigen zu machen, -- allein die schöpferische
+Fähigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. Mein Kopf tat mir weh
+von all der Anstrengung. Nur unter Aufwendung großer Mühen gelang es
+mir, wenigstens den ersten Teil der »Toten Seelen« herauszugeben,
+gleichsam um hierbei zu erkennen, wie weit ich noch von dem Ziele
+entfernt war, nach dem ich strebte. Danach aber wurde ich wieder von
+einer unfruchtbaren Stimmung erfaßt. Ich kaute an meiner Feder, meine
+Nerven und alle meine Kräfte waren in einem Zustande der Erregung -- und
+es kam nichts zustande, ich glaubte schon, ich hätte die Fähigkeit zum
+literarischen Schaffen völlig verloren. Da ließen mich plötzlich
+Krankheit und schwere seelische Zustände dies alles, ja sogar jeden
+Gedanken an die Kunst vergessen und lenkten mich wieder auf das hin,
+wozu ich schon früher, noch ehe ich Schriftsteller geworden war, immer
+Lust verspürt hatte -- nämlich auf die Beobachtung des inneren Menschen
+und der _Menschenseele_. Oh, um wieviel tiefer ist die Erkenntnis, die
+einem aufgeht, wenn man mit seiner eigenen Seele beginnt! Auf diesem
+Wege trifft man auch ganz unwillkürlich _näher_ mit _Ihm_ zusammen, Der
+allein unter allen Menschen, die bisher auf Erden wandelten, in Seiner
+Person eine volle Erkenntnis der Menschenseele an den Tag gelegt hat;
+selbst wenn die Welt Seine Göttlichkeit leugnen wollte, diese
+Eigenschaft könnte sie Ihm niemals abstreiten, es sei denn, daß sie
+nicht bloß _blind_, sondern ganz einfach _dumm_ geworden wäre. Durch
+diese schroffe Wendung, die nicht mit meinem Willen geschah, wurde ich
+dazu veranlaßt, überhaupt tiefer in die Seele hinabzublicken, um zu
+erfahren, daß es höhere Grade und höhere Erscheinungsformen des
+Seelischen gibt. Von da ab begann die schöpferische Fähigkeit wieder in
+mir zu erwachen: wieder beginnen lebendige Gestalten in voller Klarheit
+vor mir aus dem Nebel emporzutauchen, ich fühle, daß die Arbeit mir
+glücken, ja, daß selbst meine Sprache korrekt und klangvoll werden und
+daß mein Stil erstarken wird. Vielleicht wird noch einmal ein künftiger
+Kreisschullehrer unmittelbar nach einer Seite aus einem Werke von dir
+seinen Schülern eine Seite aus meiner künftigen Prosa vorlesen und
+erklärend hinzufügen: »Beide Schriftsteller haben richtig geschrieben,
+obwohl sie einander nicht gleichen.« Die Herausgabe meines Buches
+»Briefwechsel mit meinen Freunden«, mit der ich mich (aus lauter Freude,
+daß meine Feder wieder einmal in Schwung gekommen war) so beeilt habe,
+ohne zu überlegen, daß ich, bevor ich mit diesem Buche jemand zu nützen
+vermochte, mit ihm vielen Leuten den Kopf verwirren konnte, hat mir
+selbst manchen Vorteil gebracht. An diesem Buche ist es mir klar
+geworden, wo und in welchem Punkte ich ein Opfer jener Maßlosigkeit und
+des Überschwangs geworden bin, dem in dem Übergangszustande, in dem sich
+die Gesellschaft gegenwärtig befindet, fast jeder vorwärtsschreitende
+Mensch verfällt. Trotz der Parteilichkeit, mit der dieses Buch beurteilt
+wurde, und trotz der Widersprüche in der Beurteilung, kam doch
+schließlich die allgemeine Stimme zur Geltung, die mir meinen Platz
+anwies und mich auf die Grenzen aufmerksam machte, die ich als
+Schriftsteller nicht überschreiten durfte. In der Tat, es ist nicht
+meine Aufgabe, durch Predigen zu belehren. Die Kunst ist auch ohnedies
+schon eine Lehrmeisterin. Meine Aufgabe ist es, durch _lebendige Bilder_
+und nicht in der Form der Beweisführung zu den Menschen zu sprechen. Ich
+muß das _Leben_ selbst und _als solches_ darstellen und nicht
+Betrachtungen _über_ das Leben anstellen. Das ist eine völlig evidente
+Wahrheit. Aber es ist die Frage: hätte ich auch ohne diesen großen Umweg
+ein würdiger Vertreter der Kunst und ein schöpferischer Künstler werden
+können? hätte ich das Leben so in seinen Tiefen darstellen können, daß
+es den Menschen wirklich zur Belehrung dienen konnte? Wie vermöchte man
+Menschen darzustellen, wenn man nicht vorher erkannt hat, was die _Seele
+des Menschen_ ist? Ein Schriftsteller muß, wenn er bloß die
+schöpferische Gabe besitzt, eigene Gestalten und Bilder zu produzieren,
+erst einen Menschen und Bürger seines Landes aus sich machen; erst dann
+darf er zur Feder greifen! Sonst wird ihm alles mißlingen. Was hilft's,
+die Verächtlichen und Lasterhaften zu treffen, indem man sie vor allen
+Menschen an den Pranger stellt, wenn das Ideal ihres Widerparts, das
+Ideal des schönen Menschen in uns selbst noch nicht zur Klarheit und
+Deutlichkeit gediehen ist? Wie soll man die Fehler und das Unwürdige im
+Menschen darstellen, wenn man sich selbst noch nicht die Frage vorgelegt
+hat: worin besteht denn eigentlich die Menschenwürde? und so lange man
+noch keine einigermaßen befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden
+hat? Wie soll man die Ausnahmen verspotten, wenn man sich noch nicht
+ganz über die Regeln klar ist, deren Ausnahmen die dargestellten Objekte
+bilden? Das hieße doch das alte Haus einreißen, ehe man die Möglichkeit
+hat, ein neues an seiner Stelle zu erbauen. Aber Kunst hat nichts gemein
+mit Zerstörung. In der Kunst liegt ein Keim des Schöpferischen, ein
+aufbauendes Element und nicht ein Element der Zerstörung. Das hat man
+stets empfunden, selbst in Zeiten der allgemeinen Finsternis und
+Unwissenheit. Bei den Klängen der orphischen Leier wurden Städte erbaut.
+Trotz des noch ungeklärten und ungeläuterten Begriffs, den unsere
+Gesellschaft von der Kunst hat, hört man doch schon allgemein sagen:
+»Die Kunst versöhnt mit dem Leben.« Das ist wirklich wahr. Ein echtes
+Kunstwerk enthält etwas Beruhigendes, Versöhnendes in sich. Während wir
+es lesen, erfüllt sich unsere Seele mit einer ebenmäßigen Harmonie, und
+wenn man es zu Ende gelesen hat, fühlt sie sich befriedigt: man wünscht
+nichts mehr, man verlangt nach nichts, es regt sich kein Zorn und keine
+Entrüstung wider unseren Bruder in unseren Herzen, eher noch ergießt
+sich in ihm der Balsam einer alles vergebenden Liebe zu unseren Brüdern;
+überhaupt regt sich kein _Tadel_ gegen die Handlungsweise der anderen in
+uns, sondern alles fordert uns zur _Betrachtung_ unseres eigenen Ichs
+auf. Wenn vom Werk des Künstlers keine solche Wirkung ausgeht, so ist es
+nichts als die edle Regung einer glühenden Seele, die Frucht einer
+vorübergehenden Stimmung des Autors. Es wird wohl weiterleben, wie eine
+beachtenswerte Erscheinung, aber sich nicht den Namen eines Kunstwerks
+verdienen. Und das mit Recht. Die Kunst ist eine Macht, die mit dem
+Leben versöhnt.
+
+Die Kunst soll unsere Seele mit Harmonie und Ordnung erfüllen und nicht
+Verwirrung und Verstimmung in sie hineintragen. Die Kunst soll uns die
+Menschen unserer Erde so darstellen, daß ein jeder das Gefühl hat: das
+sind _lebendige_ Menschen, die demselben Leibe entstammen und aus
+demselben Stoffe geschaffen sind wie wir. Die Kunst soll uns alle edlen
+Züge und Eigenschaften unseres _Volks_charakters vor Augen führen,
+selbst die nicht ausgenommen, denen es an einem Spielraum für ihre freie
+Entfaltung fehlte und die daher noch nicht von allen beachtet und in dem
+Maße gewürdigt sind, daß jeder sie in sich selbst entdeckt und von dem
+glühenden Wunsche ergriffen wird, das bisher von ihm Vernachlässigte und
+längst Vergessene zu pflegen und zur Entwicklung zu bringen.
+
+Die Kunst muß uns auch alle schlechten Züge und Eigenschaften unseres
+Volkscharakters so vor Augen führen, daß jeder von uns ihre Keime vor
+allem in sich selbst wiederfindet und veranlaßt wird, darüber
+nachzudenken, wie er zunächst einmal in sich selbst alles, was die hohe
+Würde unseres Wesens verdunkelt, ausrotten könne. Erst dann und erst auf
+diese Weise wird die Kunst ihre Bestimmung erfüllen und Ordnung und
+Harmonie in die menschliche Gesellschaft hineintragen.
+
+So laß uns denn, nachdem wir zu Gott gebetet und seinen Segen auf uns
+herabgefleht haben, kraftvoller als je wieder an unsere liebe Kunst
+gehen. Was mich anbetrifft, so will ich alles andere auf eine künftige
+Zeit verschieben (wenn ich je durch Gottes Gnade dessen im geringsten
+würdig werden sollte) und mich in intensivster Weise den »Toten Seelen«
+widmen. Ich will nach Jerusalem reisen (dies muß ich um jeden Preis tun,
+denn ich müßte mich schämen, wenn ich es nicht täte). Ich will dort, so
+gut ich kann, Gott meinen Dank für alles Vergangene aussprechen; ich
+will dort beten, daß meine Seele gekräftigt werde und meine Fähigkeiten
+und Geisteskräfte sich sammeln und konzentrieren mögen, und dann mit
+Gott an die Arbeit gehen. Wie lebhaft und innig wünschte ich, daß Gott
+uns wieder einmal zusammenführen möge, und daß wir wieder einmal eine
+Zeitlang in Moskau nahe beieinander leben könnten. Jetzt wäre es noch
+notwendiger, uns das von uns Geschriebene noch einmal vorzulesen und
+übereinander zu Gericht zu sitzen. Sodann gratuliere ich dir zum neuen
+Jahr. Gebe Gott, daß es für uns beide ein recht fruchtbares Jahr werde,
+weit fruchtbarer als die verflossenen Jahre. Und nun leb' wohl, mein
+Lieber! Ich küsse dich und umarme dich innig. Schreibe mir. Dein Brief
+wird mich noch in Neapel erreichen. Vor dem Februar gedenke ich nicht
+aufzubrechen.
+
+Ich umarme deine ganze liebe Familie sowie die Reuterns.
+
+ Dein G.
+
+Wenn du findest, daß dieser Brief einigen Wert hat, so hebe ihn auf. Man
+könnte ihn in der zweiten Auflage des »Briefwechsels« an die Spitze des
+Buches, d. h. an die Stelle des »Testaments« stellen, das fortgelassen
+werden soll, und ihm den Titel geben: »_Die Kunst ist die Macht, die uns
+mit dem Leben versöhnt._«
+
+Ich will dich immer noch etwas fragen und vergesse es jedesmal: besitzt
+du nicht die lateinische Übersetzung der Odyssee mit untergelegtem Text,
+die neulich in Paris erschienen ist. Es ist eine sehr schöne Ausgabe.
+Der ganze Homer in einem Bande Groß-Oktav _editore Ambrosio Firmin Didot
+Parisiis 1846_. Ich hatte den Eindruck, daß die Übersetzung recht
+anständig sei, und sie könnte dir weit mehr nützen als alle anderen.
+
+Meine Adresse lautet: Neapel, _poste restante_, oder noch besser, _Hôtel
+de Rome_; damit jedoch der Brief nicht nach der _Stadt_ Rom gesandt
+wird, muß das Wort Neapel recht deutlich und in die Augen fallend
+geschrieben werden.
+
+
+
+
+ Betrachtungen
+ über die
+ Heilige Liturgie
+ 1845-1852.
+
+
+
+ Vom Moskauer Geistlichen Zensur-Komitee zum Druck
+ genehmigt.
+
+ Moskau, den 9. Februar 1889.
+
+ Der Zensor: Priester Grigori Djatschenko.
+
+
+ Vorrede
+
+Der Zweck dieses Buches ist, jungen Leuten und Anfängern, die noch
+keinen rechten Begriff von der Bedeutung unserer Liturgie haben, zu
+zeigen, in welcher Vollständigkeit sie bei uns zelebriert wird und welch
+tiefer Zusammenhang in ihr herrscht. Aus allen den zahlreichen
+Erklärungen, die von den Kirchenvätern und -lehrern herrühren, sind hier
+nur die ausgewählt, die wegen ihrer Einfachheit und Verständlichkeit von
+jedermann begriffen werden können und die in erster Linie dazu dienen,
+die notwendige und richtige Ordnung, gemäß der eine Handlung aus der
+anderen hervorgeht, begreiflich zu machen[3]. Der Zweck, den der Autor
+mit der Herausgabe dieses Buches verfolgte, war der: dazu beizutragen,
+daß sich der Leser eine Vorstellung von der Ordnung und Reihenfolge des
+Ganzen bilde. Er ist überzeugt, daß sich jedem, der der Liturgie mit
+Aufmerksamkeit folgt und jedes Wort bei sich wiederholt, ihre tiefe
+innere Bedeutung von selbst erschließen wird.
+
+[Fußnote 3: Alle anderen Leser, die den Wunsch hegen, auch die
+geheimnisvolleren und tieferen Erklärungen kennen zu lernen, können
+solche in den Werken der Patriarchen: Hermann, Jeremias, Nikolaus
+Kawassil, Simeon von Saloniki, in der Alten und Neuen Tafel, in den
+Kommentaren Dimitrijews und endlich in einzelnen ... finden.]
+
+
+ Einleitung
+
+Die Göttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des großen
+Liebeswerkes, das für uns geschehen ist. Tief bekümmert über ihre
+Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen überall und an
+allen Enden der Welt ihren Schöpfer um Hilfe angefleht -- sowohl die,
+die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine
+Gotteserkenntnis besaßen --, fühlten sie doch, daß hier auf Erden
+Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden könnten, Der die
+von Ihm selbst erschaffenen Welten geheißen hatte, sich in streng
+geregelten Bahnen zu bewegen. Überall rief die schmerzbewegte Kreatur
+ihren Schöpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins
+empor, und diese Klagen tönten am lautesten und deutlichsten aus dem
+Munde der Auserwählten und der Propheten. Man hatte ein dunkles
+Vorgefühl, ja man wußte, daß der Schöpfer, Der sich hinter Seinen Werken
+versteckt hatte, noch einmal persönlich vor die Menschen treten -- daß
+Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem
+Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen würde. Sowie sich die
+Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen,
+tauchte überall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf.
+Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon
+gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwählten Volkes.
+Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den
+Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren
+Klarheit wie bei den Propheten.
+
+Diese Klagen fanden Erhörung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt
+erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die
+Menschen -- selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums
+vorausgeahnt und dunkel gefühlt hatten -- nur nicht in _der_ Weise, wie
+man es sich zufolge der noch ungeläuterten Begriffe vorgestellt hatte --
+nicht in stolzer Pracht und Majestät, nicht als Richter, der da kommt,
+um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu
+belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderkuß. Er
+erschien in _der_ Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentümlich ist, und
+wie sie die göttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war,
+vorgebildet hatten.
+
+
+ Das Offertorium
+ (_Proscomidia_)
+
+Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, muß schon am Vorabend
+auf körperliche und geistige Nüchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit
+üben, er muß sich mit allen Menschen ausgesöhnt haben und sich davor
+hüten, noch etwas wie Ärger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn
+dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er
+beugen sich anbetend vor der Königspforte, küssen das Bild des Heilands,
+das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen
+sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch
+alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still
+für sich die Worte des Psalms sprechen. »Ich aber will in Dein Haus
+gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht.« Sodann
+treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt]
+dreimal vor ihm nieder und küssen das auf ihm liegende Evangelium, als
+wäre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie küssen auch den
+heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen
+Gewänder zu hüllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen
+zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien,
+damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen
+alltäglichen irdischen Geschäften nachgeht. Mit den Worten »Gott!
+reinige mich armen Sünder und erbarme Dich meiner!« erfassen Priester
+[und Diakon] die Gewänder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet
+den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein
+Untergewand von glänzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum
+Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit
+andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein
+muß. Daher spricht er auch, während er sich den Rock anzieht, die Worte:
+»Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott:
+denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der
+Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck
+gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide.«
+
+Hierauf nimmt er die Stola und küßt sie; dies ist ein langes schmales
+Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder
+kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die
+Sänger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen
+und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum
+heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der
+Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trägt, und
+das gleich einem ätherischen Flügel in der Luft flattert, sowie durch
+sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des
+Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar.
+
+Nachdem er das Band geküßt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann
+legt er die Armbänder oder Überärmel an, die dicht über dem Handgelenk
+zusammengebunden werden, um den Händen eine größere Freiheit und
+Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu
+verleihen. Während er sie anzieht, denkt er über die unablässig alles
+erschaffende, überall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den
+rechten Überärmel anzieht, spricht er: »Herr, Deine rechte Hand tut
+große Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und
+mit Deiner großen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwärtigen gestürzt.«
+Dann zieht er den linken Überärmel an und denkt dabei an sich selbst,
+daß er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn
+erschaffen hat, Er möge ihn lenken und leiten und ihm Seine höchste
+himmlische Führung zuteil werden lassen, und er spricht: »Deine Hand hat
+mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, daß ich Deine Gebote lerne.«
+
+In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er
+den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben
+Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich
+die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide
+Schultern bedeckt, den Hals umschließt und deren beide Enden sich wieder
+auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren
+Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, daß
+sich in seinem Amte zwei Ämter vereinigen -- das des Priesters und das
+des Diakons. Auch heißt das Kleidungsstück nicht mehr Orarion, sondern
+Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgießung
+der himmlischen Gnade über die Priester; daher wird dieser Akt auch von
+den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: »Gelobt sei Gott,
+Der Seine Gnade ausgießet über seine Priester wie das Salböl, das von
+dem Haupte Aarons herabfließet auf seinen Bart und auf den Saum seines
+Kleides.« Sodann zieht der Priester beide Überärmel an, indem er diese
+Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgürtet
+sich mit einem Gürtel, der Chorrock und Stola umschließt, damit das
+weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen
+Handlung behindere und um durch diese Umgürtung seine Dienstbereitschaft
+anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Gürtel anzulegen, wenn er sich
+reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat
+schreitet; so legt auch der Priester den Gürtel an, indem er seinen Weg
+antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet
+seinen Gürtel wie eine Feste der göttlichen Macht, die ihn stärkt und
+kräftigt, und er spricht: »Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgürtet
+und meinen Weg untrüglich macht, meine Füße geschwinder denn die des
+Hirsches und stellt mich auf die Höhe,« d. h. in das Haus des Herrn.
+Wenn er jedoch eine höhere priesterliche Würde innehat, so hängt er ein
+viereckiges Stück Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es
+symbolisiert das geistige Schwert, die alles überwindende Kraft des
+göttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem
+Menschen auf Erden bevorsteht -- und kennzeichnet den Sieg über den Tod,
+den Christus vor aller Welt errungen hat, auf daß der unsterbliche Geist
+des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht
+dies Stück Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Gürtel an
+der Lende aufgehängt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser
+Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: »Gürte dein Schwert
+an deiner Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen
+in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei
+Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen.« Endlich
+legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der höchsten
+alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese
+Handlung mit den Worten: »Deine Priester laß sich kleiden mit
+Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen.«
+
+Also ausgerüstet mit der göttlichen Rüstung steht der Priester nunmehr
+als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich für ein
+Mensch, so unwürdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel
+weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen
+Geist erfüllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide
+die Hände, indem sie die Worte des Psalms sprechen: »Ich wasche meine
+Hände in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar.« Dann verbeugen sie
+sich dreimal, indem sie sprechen: »Gott, reinige mich Armen von meinen
+Sünden und erbarme Dich meiner!« und erheben sich gereinigt und
+erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere
+Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen
+gleichend.
+
+Der Diakon kündigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er
+spricht: »Segne uns, o Herr!«, der Priester eröffnet die Feier mit den
+Worten: »Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle
+Ewigkeit!« und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des
+Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer
+heiligen Handlung erforderlich ist: während dieses Teils des
+Gottesdienstes werden die Stücke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben
+abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi repräsentieren und sich
+sodann in ihn verwandeln sollen.
+
+Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloße Vorbereitung
+auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten
+Lebensjahre Christi an sie geknüpft, waren doch diese auch eine
+Vorbereitung auf seine großen Werke, die er später auf Erden
+vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes
+bei geschlossenen Türen und zugezogenem Vorhang ab, ohne daß die
+Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten
+Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne daß das Volk etwas von
+Ihm erfuhr. Für die andächtige Gemeinde aber werden während dieser Zeit
+die »Horen«[4] gelesen -- eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die
+Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die
+erste Stunde, wenn für die Christen [der Morgen] begann, um die dritte,
+d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die
+sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlöser der Welt ans Kreuz
+geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab.
+Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablässigen
+Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen
+Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit
+verlesen.
+
+[Fußnote 4: Tschassy.]
+
+Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die
+sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer
+des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um
+aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich später in den Leib Christi
+verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstück,
+das den Namen Jesu Christi trägt. Durch die Absonderung eines Teils vom
+ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi
+vom Fleisch der Jungfrau -- deutet er auf die Geburt des Immateriellen
+aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, daß Er geboren wird,
+Der Sich für die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich für ihn
+damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat
+selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im
+Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen
+einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des
+Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine
+Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer,
+die Zeugen der damaligen Vorgänge waren, er versetzt sich nicht in die
+Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde:
+dies geschieht später im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses
+kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch
+die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der
+fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die
+künftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des
+Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit
+vorausverkündigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des
+Siegels stößt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: »Wie ein Lamm
+wird Er zur Schlachtbank geführt,« dann stößt er die Lanze in den Teil,
+der zur Linken liegt, und spricht: »Und wie ein unschuldiges Lamm sich
+stumm scheren läßt, so öffnet er seinen Mund nicht,« dann versenkt er
+die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: »Um Seiner Demut
+willen ward Er verdammt,« stößt ihn dann in den unteren Teil, indem er
+die Worte des Propheten wiederholt, der über die wunderbare Herkunft des
+Opferlammes nachsinnt: »Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er
+stammt?«
+
+Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstück des Brotes auf der
+Lanze empor und spricht: »Denn Sein Leib ward von der Erde
+hinweggenommen,« und schneidet hierauf kreuzweise -- den Kreuzestod des
+Heilands symbolisierend -- das Opferzeichen hinein, gemäß dem es während
+der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er:
+»Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, zum Leben und
+zum Heil der Welt.« Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, daß das
+Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte
+Lamm versinnbildlicht, stößt er die Lanze in die rechte Seite -- wodurch
+die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf
+hingedeutet werden soll, daß die Seite des Heilands von einem am Kreuze
+stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er:
+»Der Kriegsknechte einer öffnete Seine Seite mit einem Speer, und
+alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es
+bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr.«
+
+Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, daß nun die Zeit
+gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gießen. Der
+Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfürchtig und
+andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen
+Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: »Lasset
+uns beten zu dem Herrn!« vor sich hinmurmelte, gießt nun Wein und Wasser
+in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters
+dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich während
+der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren.
+
+Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten
+Christen zu erfüllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch
+an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote
+und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nächsten
+standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein
+Stück zum Andenken an jene heraus und legt die Stücke auf dieselbe
+Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja
+auch jene von dem glühenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite
+des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet
+er ein Stück zum Gedächtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt
+es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm
+Davids spricht: »Die Königin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes
+Gewand gehüllt und reichlich geschmückt.« Dann nimmt er das dritte Brot,
+das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben
+Speer neun Stücke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei
+Stücken anordnet. Er schneidet ein Stück zu Ehren Johannes des Täufers,
+ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel
+heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen
+ihren Abschluß erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen
+Kirchenväter ein viertes Stück, ein fünftes zu Ehren der Märtyrer und
+ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Väter und Mütter
+heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der
+Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stück zu
+Ehren der Wundertäter und Uneigennützigen, ein achtes zu Ehren der
+göttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein
+neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Großen
+heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird.
+Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen
+vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstücke, die er
+herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das
+heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am
+nächsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im
+Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Göttern und Mensch unter
+Menschen.
+
+[Fußnote 5: Diskos.]
+
+Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an
+alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stück zu Ehren
+des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und
+ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtgläubigen Christen
+heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mögen, und endlich schneidet er
+auch noch für jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und
+dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stück heraus. Dann nimmt der
+Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stücke zur Erinnerung an alle
+Verstorbenen aus ihm heraus, indem er für sie betet und Vergebung der
+Sünden für sie erfleht; er betet für die Patriarchen, für die Zaren, die
+Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt
+hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet für alle --
+bis auf den letzten Christen -- für den man sich bei ihm verwendet hat
+oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stück heraus. Zum Schluß
+fleht er selbst um Vergebung aller seiner Sünden, dann schneidet er ein
+Stück für sich selbst heraus und legt alle Stücke auf die heilige Patene
+unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um
+das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche
+versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kämpfende irdische.
+Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er
+Fleisch ward und ein Mensch wurde.
+
+Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krümchen auf der
+Patene zusammen, auf daß nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und
+auf daß alles erfüllet werde.
+
+Dann tritt der Priester vom Altar zurück und fällt vor ihm nieder, als
+beuge er sich vor dem verkörperten Christus selbst; er begrüßt in dieser
+Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen
+Brotes auf Erden; er begrüßt es, indem er mit Thymian räuchert, nachdem
+er das Rauchfaß zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: »Wir
+bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf daß es dufte von
+geistlichen Wohlgerüchen; nimm ihn an auf Deinen hohen über den Himmeln
+thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen
+Geistes.«
+
+Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der
+Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwärtiges verwandelt, und er
+blickt auf diesen Seitenaltar, als wäre er die geheimnisvolle Krippe,
+darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel
+war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel
+verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit
+einem Sterne darüber besteht, umräuchert und auf die Hostienschüssel
+gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wäre, der einst
+über dem Kindlein leuchtete, und er spricht: »Er kam, und der Stern
+stand oben über, da das Kindlein war«: er blickt auf das heilige Brot,
+das für die Opfer bestimmt ist, als wäre es das neugeborene Kindlein,
+als wäre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wären
+die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehüllt war. Nachdem er vor
+der ersten Decke mit Weihrauch geräuchert hat, bedeckt er das heilige
+Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: »Der Herr
+ist König und herrlich geschmückt,« d. h. des Psalms, in dem die
+wunderbare Größe und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf räuchert
+er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen
+Kelch mit ihr, indem er spricht: »O Herr Christus, Deine Güte bedeckt
+die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll«. Er nimmt die große
+Decke, die der heilige Aër genannt wird, und bedeckt nun beides: die
+Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns
+mit Seinem schützenden Flügel zu bedecken; indem dann beide von dem
+Altar zurücktreten, verbeugen sie sich ehrfürchtig vor dem heiligen
+Brote, ganz so, wie einst die Hirtenkönige das neugeborene Kindlein
+anbeteten; hierauf räuchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung
+an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein
+zusamt dem kostbaren Golde darbrachten.
+
+Der Diakon steht auch während dieser Zeit beständig dem Priester
+aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: »Laßt uns
+beten zu dem Herrn« begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen
+Handlung gibt. Endlich nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des
+Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den für Ihn
+zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll.
+»Laßt uns beten zu dem Herrn für die kostbaren Gaben, die wir ihm
+darbringen.« Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben
+zunächst bloß für die Opferhandlung vorbereitet sind, dürfen sie von nun
+ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei
+sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der für
+das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet
+folgendermaßen: »Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die
+Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren
+Heiland, Erlöser und Wohltäter gesandt hast, Der uns gesegnet und
+geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es
+entgegen auf Deinem hoch über den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch
+derer in Deiner Güte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben,
+sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte
+uns unschuldig in der Verrichtung Deiner göttlichen Sakramente.« Und
+nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon räuchert
+unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen
+Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe
+denn die Zeit war, der allgegenwärtig und der immerdar überall zugegen
+war, und er spricht bei sich selbst: »Du warst leibhaftig im Grabe, mit
+Deinem Geist in der Hölle, als Gott mit dem Übeltäter im Paradiese und
+auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles
+vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher.«
+
+Und er tritt mit dem Räucherfaß in der Hand aus dem Altarraum hervor, um
+die ganze Kirche mit Wohlgerüchen zu erfüllen und alle, die sich zum
+heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heißen. Diese
+Räucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch
+im häuslichen Leben aller alten Völker des Orients jedem Gast bei seinem
+Eintritt eine Schüssel zum Waschen und Wohlgerüche dargebracht wurden.
+Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknüpft, an
+das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trägt, in der
+sich der Gottesdienst und die brüderliche Bewirtung und Speisung aller
+in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlöser selbst,
+Der selbst allen diente und die Füße wusch, ein Beispiel gegeben hat.
+Indem dann der Diakon räuchert und sich in gleicher Weise vor allen
+verbeugt, vor den Reichsten wie vor den Ärmsten, heißt er, der Diener
+Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gäste des
+himmlischen Wirtes; er räuchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll
+vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gäste, die zum
+heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und
+untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den
+Tempel mit Wohlgeruch erfüllt hat, kehrt er in den Altarraum zurück, in
+dem er nochmals räuchert; dann stellt er das Räucherfaß endlich
+beiseite, nähert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen
+Hochaltar.
+
+Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich,
+sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen,
+indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie
+anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja
+ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet
+unterweist. »Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen,« sagt der
+Apostel Paulus, »aber der Heilige Geist selbst tritt für uns ein, mit
+unaussprechlichen Seufzern.« Der Priester und der Diakon flehen den
+Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen
+und für ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal
+nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi
+begrüßten: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen
+ein Wohlgefallen.« Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der
+Vorhang der Kirche zurückgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn
+die Gedanken der Betenden auf die höchsten und erhabensten Gegenstände
+hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die Öffnung des Tores zum
+Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, daß die Geburt
+Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, daß nur die Engel im
+Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind
+anzubeten, Kenntnis von ihr besaßen, und daß nur die Propheten sie von
+ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: »O
+Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden.« Der
+Priester küßt das Evangelium, der Diakon küßt den heiligen Hochaltar,
+senkt das Haupt und gibt das Zeichen für den Beginn der Liturgie, indem
+er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: »Es ist
+Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr!« und der Priester segnet
+ihn mit den Worten: »Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort
+und in alle Ewigkeit.« Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen
+Handlung gedenkt, während der er den Flug des Engels vom Altar zur
+Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist
+und einer Seele vereinigen und gewissermaßen eine heilige, alles
+erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefühl, daß er dieser Aufgabe
+nicht würdig ist, fleht er den Priester demütig an: »Bete für mich, o
+Herr!« »Gott lenke deine Schritte!« antwortet ihm der Priester. »Gedenke
+meiner, heiliger Mann!« »Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche
+immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon spricht
+leise, aber mit kräftiger Stimme: »Amen!« und tritt aus der nördlichen
+Tür vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Königspforte
+gegenüberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: »Herr, öffne meinen
+Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden!« und indem er sich dem
+Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: »Segne mich, o Herr!«
+Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen:
+»Gesegnet sei das Reich ...«, und die Liturgie beginnt.
+
+
+ Die Liturgie der Katechumenen
+
+Der zweite Teil der Liturgie heißt die Liturgie der Katechumenen. Wie
+der erste Teil, d. h. das Offertorium, den ersten Lebensjahren Christi,
+Seiner Geburt, die nur den Engeln und wenigen Menschen offenbart war,
+Seiner Kindheit und Seinem Aufenthalt in tiefster Zurückgezogenheit und
+Verborgenheit, bis zu Seinem Auftreten in der Welt entspricht, so
+entspricht der zweite Teil Seinem Leben inmitten der Welt und der
+Menschen, denen Er das Wort der Wahrheit verkündigt hat. Dieser Teil
+heißt auch deshalb noch die Liturgie der Katechumenen, weil während der
+ersten christlichen Zeit auch die zu ihr zugelassen wurden, die erst
+Christen werden wollten, die sich erst darauf vorbereiteten, noch nicht
+die heilige Taufe empfangen hatten und zu den Katechumenen gehörten.
+Dazu kommt noch, daß die heilige Handlung, die aus der Verlesung der
+Propheten, der Epistel und des heiligen Evangeliums besteht, in erster
+Linie einen verkündigenden Charakter trägt.
+
+Der Priester beginnt die Liturgie, indem er aus dem Inneren des
+Altarraumes ruft: »Gelobt sei das Reich des Vaters, des Sohnes und des
+Heiligen Geistes ...« Da durch die Fleischwerdung des Sohnes der Welt
+das Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit deutlich geoffenbart ward, geht
+und leuchtet die Verkündigung der Heiligen Dreieinigkeit dem Beginn
+aller heiligen Handlungen voran; der Betende muß daher allem entsagen,
+sich aller anderen Gedanken entledigen und sich gänzlich in das Reich
+der Heiligen Dreieinigkeit versetzen.
+
+Der Diakon steht auf der Kanzel und hat sein Gesicht der Königspforte
+zugewendet. So stellt er einen Engel und Erwecker dar, der die Menschen
+zum Gebet anfeuert; er hebt mit drei Fingern seiner Hand das schmale
+Band -- das Sinnbild des Engelsflügels -- empor und ruft das ganze
+versammelte Volk auf, die Gebete zu sprechen, die die Kirche seit den
+Zeiten der Apostel unablässig zum Himmel emporsendet, deren erstes die
+Bitte um Frieden ist, ohne die man überhaupt nicht zu beten vermag. Die
+versammelten Andächtigen bekreuzigen sich, suchen ihre Herzen in
+harmonisch abgestimmte Saiten eines Instruments umzuwandeln, die bei
+jedem Wort des Diakons mitschwingen, und rufen im Geiste zugleich mit
+dem Chor der Sänger aus: »Herr, erbarme Dich unser!«
+
+Der Diakon steht auf der Kanzel, er hält die Gebetstola, die den
+erhobenen Flügel eines Engels darstellt, der die Gemeinde zum Gebet
+anfeuern soll, empor und ruft die Gemeinde zum Gebet auf: er fordert sie
+auf, an die höhere Welt und die Rettung unserer Seelen zu denken und zu
+beten für den Frieden der ganzen Welt, das Wohlergehen der heiligen
+Kirchen und die Vereinigung ihrer aller, für den heiligen Tempel und
+die, die ihn gläubig mit Andacht und Ehrfurcht betreten, für den Kaiser,
+den Synod, die geistliche und weltliche Obrigkeit, den Richterstand und
+den Militärstand, für die Stadt, für das Haus, darin die Liturgie
+zelebriert wird, zu bitten um Reinheit und Gesundheit der Luft, um eine
+reiche Ernte, um friedliche Zeiten, für die Seefahrer und Reisenden, für
+die Kranken und Leidenden, für die Gefangenen und ihre Errettung; er
+fordert die Gemeinde auf, Gott zu bitten, daß Er uns vor jeglichem
+Kummer, Zorn und Not bewahren möge, und indem die Versammlung der
+Andächtigen alles mit dieser allumschließenden Kette von Gebeten, die
+die große Ektenia heißt, umschlingt, erwidert sie jedesmal, wenn sie
+angerufen wird, zusammen mit dem Chor der Sänger: »Herr, erbarme Dich!«
+
+Im Bewußtsein der Ohnmacht unserer Gebete, denen es an Seelenweisheit
+fehlt und denen kein reiner himmlischer Lebenswandel entspricht, fordert
+der Diakon, derer gedenkend, die da besser zu beten verstanden als wir,
+die Gemeinde auf, sich selbst, einander und das ganze Leben unserem
+Gotte Christus zu weihen. In dem aufrichtigen Wunsch, sich selbst,
+einander und ihr ganzes Leben Christus, unserem Gotte zu weihen, wie
+dies die heilige Mutter Gottes, die Heiligen und die, die besser waren
+als wir, verstanden, ruft die ganze Kirche zusammen mit dem Sängerchor:
+»Dir, o Herr!« Der Diakon beschließt die Kette der Gebete mit einem
+Lobgesang auf die Dreieinigkeit, die sich wie ein alles
+zusammenhaltender Faden durch die ganze Liturgie hindurchzieht und jede
+Handlung einleitet und beschließt. Die Versammlung der Andächtigen
+antwortet mit einem bestätigenden »Amen! Ja, so geschehe es!« Der Diakon
+steigt von der Kanzel herab, und es beginnt der Abgesang der Antiphone.
+
+Die Antiphone sind Wechselgesänge, d. h. Lieder, die den Psalmen
+entnommen sind und das Erscheinen des göttlichen Sohnes in der Welt
+prophetisch ankündigen; sie werden abwechselnd von einem der beiden
+Sängerchöre, die auf beiden Chören postiert sind, gesungen; sie bilden
+einen Ersatz für die älteren Psalmodien und sind kürzer als diese.
+
+Während des Abgesangs des ersten Antiphons betet der Priester im Inneren
+des Altarraumes für sich; der Diakon steht unterdessen in betender
+Stellung vor dem Bilde des Heilands, indem er die Stola mit drei Fingern
+seiner Hand emporhält. Wenn der Gesang des ersten Antiphons beendet ist,
+besteigt er aufs neue die Kanzel und wendet sich mit folgenden Worten an
+die versammelten Andächtigen: »Laßt uns abermals und abermals zu Gott
+beten!« Die versammelten Andächtigen rufen: »Herr, erbarme Dich unser!«
+Der Diakon wendet sich nun den Bildern der Heiligen zu und fordert die
+Gemeinde auf, der Mutter Gottes und aller Heiligen zu gedenken und sich
+selbst, einander, sowie das ganze Leben unserem Gotte Christus zu
+weihen. Die Gemeinde ruft aus: »Dir, o Gott!« Der Diakon beschließt
+diesen Teil mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze
+Kirche ruft bestätigend Amen, und dann folgt der Abgesang des zweiten
+Antiphons.
+
+Während des zweiten Antiphons betet der Priester im Altarraum bei sich
+selbst. Der Diakon tritt wieder in betender Stellung vor das
+Heiligenbild des Erlösers, indem er die Gebetstola mit drei Fingern der
+Hand emporhält; nach Beendigung des Gesanges besteigt er abermals die
+Kanzel, blickt auf die Bilder der Heiligen und ruft die Gemeinde wie
+vorhin mit den Worten auf: »Laßt uns in Frieden zu dem Herrn beten!« Die
+Gemeinde erwidert: »Herr Gott, [erbarme Dich.« Der Diakon ruft aus]: »O
+Gott, hilf uns, sei uns gnädig, errette uns, behüte uns durch Deine
+Gnade!« Die Gemeinde erwidert: »Herr Gott, erbarme Dich unser!« Der
+Diakon blickt auf die Bilder der Heiligen [und ruft aus]: »Laßt uns
+unserer heiligen, unbefleckten, hochgelobten, herrlichen Gebieterin, der
+Jungfrau und aller Heiligen gedenken und uns selbst, einander und unser
+ganzes Leben Christus, unserem Gotte weihen!« Die Gemeinde antwortet:
+»Dir, o Herr!« Das Gebet endet mit einer Lobpreisung der Heiligen
+Dreieinigkeit. Die ganze Kirche antwortet bestätigend: »Amen,« und der
+Diakon steigt von der Kanzel herab. Der Priester betet im Inneren des
+Altarraumes bei sich selbst, indem er spricht: »Du, Der Du uns dies
+gemeinsame einträchtige Gebet schenktest, Du, Der Du verhießest, wenn
+zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind, zu gewähren, worum sie
+bitten! erfülle die Bitten Deiner Knechte zu ihrem eigenen Besten;
+schenke uns in diesem Leben die Erkenntnis Deiner Wahrheit und schenke
+uns im künftigen das ewige Leben.«
+
+Jetzt werden vom Chor so laut, daß alle es hören können, die
+Seligpreisungen verkündet, die uns in diesem Leben die Erkenntnis der
+Wahrheit und im künftigen ein ewiges Leben verheißen. Die andächtige
+Gemeinde spricht die Worte des weiseren Übeltäters, der Christus am
+Kreuze anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst,«
+und wiederholt nach dem Vorleser die Worte des Heilandes: »_Selig sind,
+die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer_« -- d. h.
+die, die sich nicht überheben und sich nicht mit ihrem Verstande
+brüsten.
+
+»_Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden_« --
+d. h. die, die da noch mehr über ihre eigenen Unvollkommenheiten und
+Verfehlungen, als über die Beleidigungen und Kränkungen trauern, die
+ihnen zugefügt werden.
+
+»_Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen_«
+-- d. h. die, die wider niemand Zorn in ihrem Herzen hegen, allen
+vergeben und von Liebe erfüllet sind, deren Waffe die alles besiegende
+Güte ist.
+
+»_Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn
+sie sollen satt werden_« -- d. h. die, die nach der himmlischen
+Gerechtigkeit dürsten und sich vor allem danach sehnen, sie in sich
+selbst herzustellen.
+
+»_Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen_«
+-- d. h. die, die jeden ihrer Brüder bemitleiden und in jedem, der ihnen
+bittend naht, Christus selbst erkennen, der für ihn bittet.
+
+»_Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen_« --
+wie sich in dem reinen Spiegel eines ruhigen Gewässers, das weder durch
+Sand noch Schlamm getrübt wird, das reine Himmelsgewölbe spiegelt, so
+gibt es auch in dem Spiegel eines reinen Herzens, das von keinen
+Leidenschaften aufgewühlt wird, kaum noch etwas Menschliches mehr, und
+nur Gottes Bildnis spiegelt sich in ihm.
+
+»_Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen_«
+-- gleich dem Sohne Gottes selbst, der auf die Erde herabstieg, um
+unseren Seelen Frieden zu bringen, so sind auch die, die da Frieden und
+Versöhnung in unser Heim tragen, wahrhafte Söhne Gottes.
+
+»_Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das
+Himmelreich ist ihrer_« -- d. h. die, die verfolgt werden, weil sie die
+Gerechtigkeit nicht bloß mit dem Munde, sondern durch die
+Wohlgefälligkeit ihres ganzen Lebens verkündigen.
+
+»_Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und
+verfolgen, und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen. Seid
+fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden_«; --
+ihr Verdienst ist ein dreifaches; erstlich sind sie schon an und für
+sich rein und unschuldig, zweitens werden sie geschmäht, obwohl sie rein
+sind, und drittens freuen sie sich, daß sie um Christi willen leiden,
+obwohl sie unschuldig sind.
+
+Die Gemeinde der Andächtigen spricht dem Vorleser mit vor Tränen
+bebender Stimme diese Worte des Heilandes nach, die da verkündigen, wer
+in der Zukunft auf ein ewiges Leben hoffen und warten darf, welche die
+wahren Könige der Welt, die Erben des Himmels sind und am himmlischen
+Reiche teilhaben.
+
+Jetzt öffnet sich feierlich die Königspforte, als wäre sie das Tor zum
+himmlischen Königreiche, und dem Auge aller Anwesenden bietet sich der
+schimmernde Hochaltar dar, der den Sitz des göttlichen Ruhms und die
+höchste Lehrstätte darstellt, aus der wir die Erkenntnis der Wahrheit
+schöpfen und die uns das _ewige Leben_ verheißt. Der Priester und der
+Diakon nähern sich dem Altar, nehmen das Evangelium und bringen es dem
+Volke dar; hierbei gehen sie nicht durch die Königspforte, sondern durch
+eine Seitentür, die die Tür der Seitenkammer darstellt, der man in der
+ersten Zeit die Bücher entnahm. Diese wurden dann in die Mitte des
+Tempels getragen, worauf hier aus ihnen vorgelesen wurde.
+
+Die Gemeinde der Andächtigen richtet ihre Blicke auf das Evangelium, das
+die demütigen Diener der Kirche in den Händen tragen, als wäre es der
+Heiland selbst, der zum erstenmal hervortritt, um Gottes Wort zu
+verkündigen; er schreitet durch die schmale nördliche Tür, gleichsam
+unerkannt, bis in die Mitte der Kirche, um, nachdem er sich allen
+gezeigt hat, durch die Königspforte wieder ins Allerheiligste
+zurückzukehren. Die beiden Diener Gottes bleiben mitten in der Kirche
+stehen; beide beugen ihr Haupt. Der Priester betet bei sich selbst, »Er,
+Der im Himmel die Heerscharen der Engel und die himmlischen Würden
+eingesetzt hat, auf daß sie Seinem Ruhm und Seiner Ehre dieneten, möge
+diesen Engeln und himmlischen Kräften, die Ihm mit uns dienen, gebieten,
+mit uns zusammen das Allerheiligste zu betreten«. Der Diakon weist mit
+der Gebetstola auf die Königspforte und spricht zum Priester: »Segne, o
+Herr den heiligen Eingang!« -- »Gesegnet sei der Eingang Deiner Heiligen
+immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« erwidert der Priester.
+Der Diakon reicht ihm das heilige Evangelium zum Kusse hin und trägt es
+in den Altarraum, bleibt jedoch inmitten der Königspforte stehen, hebt
+es hoch mit den Händen empor und ruft: »Höchste Weisheit!« wodurch er
+ausdrücken will, daß das Wort Gottes, Sein Sohn, Seine ewige höchste
+Weisheit der Welt durch das Evangelium verkündet ward, das er jetzt mit
+seinen Händen emporhebt. Dann ruft er: »Verzeih!« d. h.: »Erwachet,
+rafft euch auf, überwindet eure Trägheit und Lässigkeit!« Die Gemeinde
+der Andächtigen richtet ihren Geist empor und singt zusammen mit dem
+Chor: »Kommt, laßt uns vor Christus niederfallen und Ihn anbeten!
+Errette uns, Du Sohn Gottes, uns, die wir Dir >_Halleluja_< singen!« Das
+hebräische Wort Halleluja bedeutet soviel wie: »Der Herr _kommt
+gegangen_, lobet den Herrn!« da jedoch das Wort kommt gegangen nach dem
+Sinn der heiligen Sprache Gegenwart und Zukunft in einem ausdrückt, d.
+h. es kommt der, der schon gekommen ist und der wiederkommen wird, so
+begleitet dieses Wort _Halleluja_, das das ewige Wandeln Gottes
+ankündigt, jedesmal solche heilige Handlungen, bei denen Gott selbst in
+Gestalt des Evangeliums oder der heiligen Gaben zum Volke hinaustritt.
+
+Das Evangelium, das die frohe Botschaft vom Worte des Lebens verkündigt,
+wird auf den Hochaltar gestellt. Auf dem Chor ertönen jetzt Gesänge zu
+Ehren des Festtages, oder kurze Lobgesänge und Hymnen zu Ehren des
+Heiligen, dem der Tag geweiht ist und den die Kirche feiert, weil er
+denen gleicht, die Christus in den Seligpreisungen aufgezählt hat, und
+weil Er durch das lebendige Beispiel Seines eigenen Lebens gelehrt hat,
+wie wir Ihm nachfolgen und ins ewige Leben eingehen sollen.
+
+Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die Trichagien, d. h. der
+Abgesang des Dreimalheilig. Der Diakon erbittet sich den Segen des
+Priesters, betritt die Königspforte, schwingt die Stola und gibt den
+Sängern das Zeichen. Feierlich und mit Donnerlaut dröhnt der Gesang des
+Dreimalheilig durch die Kirche. Er besteht in folgendem Anrufe Gottes,
+der dreimal wiederholt wird: »Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger
+Unsterblicher, erbarme Dich unser!« Mit dem Ruf: heiliger Gott
+verkündigt das Trichagion Gott den Vater; mit dem Ruf: heiliger Starker
+-- Gott den Sohn, Seine Kraft, Sein schaffendes Wort; und mit dem Ruf:
+heiliger Unsterblicher -- Seinen unsterblichen Gedanken, den ewigen
+lebendigen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Dreimal stimmen die
+Sänger diesen Gesang an, damit es bis ans Ohr aller Menschen dringe, daß
+in dem ewigen Sein Gottes das ewige Sein der Dreieinigkeit mitenthalten
+ist und daß es keine Zeit gab, wo Gottes Wort nicht bei Ihm gewesen wäre
+und wo der Heilige Geist Seinem Worte gemangelt hätte. »Der Himmel ist
+durch das Wort des Herrn gemacht, und all sein Heer durch den Geist
+Seines Mundes,« sagt der Prophet David. Jeder in der Gemeinde ist sich
+dessen bewußt, daß auch in ihm als dem Ebenbilde Gottes jene Dreiheit
+enthalten ist: Er selbst, Sein Wort und Sein Geist oder der Gedanke, der
+das Wort bewegt, daß jedoch sein menschliches Wort ohnmächtig ist,
+vergebens ertönt und nichts schafft, daß sein Geist nicht ihm gehört, da
+er von allen möglichen fremden Eindrücken beeinflußt wird, und daß nur
+durch seine Erhebung zu Gott in ihm das eine wie das andere Kraft
+gewinnt: im Worte spiegelt sich Gottes Wort, im Geiste Gottes Geist; das
+Bild der Dreieinigkeit des Schöpfers drückt sich im Geschöpfe ab, und
+das Geschöpf wird seinem Schöpfer ähnlich -- Indem dies jedem bewußt
+wird, betet er, während er dem Trichagion lauscht, innerlich bei sich
+selbst, daß der heilige, starke, unsterbliche Gott sein ganzes Ich
+reinigen und es zu Seinem Tempel und Wohnhaus machen möge, und dabei
+wiederholt er dreimal bei sich selbst: »Heiliger Gott, heiliger Starker,
+heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!« Der Priester betet im
+Inneren des Altarraums leise zu Gott, er möge dieses Trichagion gnädig
+aufnehmen, wirft sich dreimal vor dem Altar nieder und wiederholt
+dreimal bei sich selbst: »Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger
+Unsterblicher!« Auch der Diakon wiederholt gleich ihm dreimal das
+Trichagion und wirft sich zusammen mit dem Priester vor dem Altar
+nieder.
+
+Nachdem der Priester den Kniefall getan hat, besteigt er den erhöhten
+Platz im Allerheiligsten, als dränge er bis in die Tiefe der
+Gotteserkenntnis ein, daher uns das Mysterium der Allerheiligsten
+Dreieinigkeit gekommen ist; dieser Platz symbolisiert jenen höchsten
+erhabensten über allem schwebenden Ort, da der Sohn im Schoße des Vaters
+und in der Einheit mit dem Heiligen Geiste ruht. Durch dieses
+Emporsteigen stellt der Priester das Emporsteigen Christi selbst samt
+dem Fleische in den Schoß des Vaters dar, wodurch der Mensch gleichfalls
+aufgefordert wird, Ihm in den Schoß des Vaters nachzufolgen -- eine
+Wiedergeburt, die schon der Prophet Daniel von ferne vorausgeahnt hat,
+als er in einem erhabenen Gesichte erschaute, wie des Menschen Sohn zu
+dem »Alten der Tage« kam.
+
+Der Priester schreitet nun unerschütterlichen Schrittes voran und
+spricht: »Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn.« Der Diakon
+fleht ihn an: »Segne, o Herr den erhabenen Hochaltar!« und der Priester
+segnet ihn, indem er spricht: »Gelobet seist Du auf dem Throne des Ruhms
+in der Herrlichkeit Deines Reiches. Du thronest auf Cherubim immerdar,
+jetzo, hinfort und von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Dann nimmt er auf dem
+erhöhten Orte Platz, der für den Erzpriester bestimmt ist. Von hier aus
+sucht er wie ein Apostel Gottes und als sein Stellvertreter mit dem
+Gesicht zum Volke gewandt die Aufmerksamkeit der Gemeinde wach zu halten
+und die Gemeinde auf die bevorstehende Vorlesung der Epistel
+vorzubereiten -- er tut dies in sitzender Stellung und deutet hierdurch
+an, daß er selbst den Aposteln gleichgestellt ist.
+
+Der Vorleser tritt mit den Episteln in der Hand in die Mitte des
+Tempels. Mit dem Ruf: »Laßt uns aufmerken!« fordert der Diakon alle
+Anwesenden zur Aufmerksamkeit auf. Der Priester fleht vom Inneren des
+Altarraumes aus Frieden auf den Vorleser und die Anwesenden herab, und
+die Gemeinde der Andächtigen erwidert diesen Wunsch des Priesters mit
+dem gleichen Wunsche. Da sein Dienst jedoch ein rein geistlicher Dienst
+sein muß, gleich dem der Apostel, deren Worte nicht aus ihnen selbst
+kamen, sondern deren Lippen vom Heiligen Geist bewegt wurden, so sagen
+sie nicht: »Friede sei mit dir!« sondern »mit deinem Geiste«! Der Diakon
+ruft aus: »Höchste Weisheit!« Laut und ausdrucksvoll, so daß jedes Wort
+einem jeden vernehmlich ist, beginnt der Vorleser seine Vorlesung;
+aufmerksam, empfänglichen Herzens, mit suchender Seele und einem
+Verständnis, das den inneren Sinn des Vorgelesenen zu erfassen sucht,
+lauscht die Versammlung, denn die Vorlesung der Epistel ist eine Stufe
+und Leiter zum besseren Verständnis der Evangelien. Wenn der Vorleser
+seine Vorlesung beendigt hat, ruft ihm der Priester aus dem Inneren des
+Altarraumes zu: »Friede sei mit dir!« Der Chor antwortet: »Und mit
+deinem Geiste!« Der Diakon ruft aus: »Höchste Weisheit!« Der Chor singt
+ein donnerndes »Halleluja!«, das das Nahen des Herrn ankündigt, Der
+kommt, um durch den Mund des Evangeliums zum Volke zu sprechen.
+
+Nunmehr erscheint der Diakon mit dem Räucherfaß in der Hand, um den
+Tempel mit Wohlgerüchen zu erfüllen und für den Empfang des Herrn, der
+da naht, vorzubereiten; dieses Räuchern soll uns an die geistige
+Reinigung unserer Seelen ermahnen, denn wir sollen die wohltönenden
+Worte des Evangeliums reinen Herzens anhören. Der Priester betet im
+Innern des Altarraumes bei sich selbst, er bittet, daß das Licht der
+göttlichen Weisheit in unseren Herzen aufgehen und daß unsere geistigen
+Augen sich öffnen mögen, auf daß wir die Predigt des Evangeliums
+verständnisvoll in uns aufnehmen. Auch die Gemeinde betet leise bei sich
+selbst, sie bittet, daß das gleiche Licht auch in ihrem Herzen aufgehen
+möge, und bereitet sich auf die Vorlesung vor. Der Diakon erbittet sich
+den Segen des Priesters, dieser erwidert ihm mit dem Wunsche: »Gott
+verleihe auf Fürbitte des hochheiligen, hochgelobten Apostels und
+Evangelisten [hier folgt sein Name] deiner Stimme große Kraft, daß du
+die frohe Botschaft machtvoll verkündigest, auf daß erfüllet werde das
+Evangelium Seines innig geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi!«
+Hierauf besteigt der Diakon die Kanzel, wobei ihm eine Leuchte
+vorangetragen wird, die das alles erleuchtende Licht Jesu Christi
+symbolisiert. Der Priester ruft der Gemeinde aus dem Inneren des
+Altarraumes zu: »Höchste Weisheit! Vergib! Laßt uns dem heiligen
+Evangelium lauschen! Friede sei mit euch allen!« Der Chor antwortet:
+»Und mit deinem Geiste!«, worauf der Diakon seine Vorlesung beginnt.
+
+Alle beugen andächtig ihr Haupt, als lauschten sie den Worten Christi
+selbst, Der von der Kanzel zu ihnen spricht, und als bemühten sie sich,
+die Saat des heiligen Wortes die der himmlische Säemann selbst durch den
+Mund Seines Dieners ausstreut, in sich, in ihr Herz, aufzunehmen; --
+nicht mit einem Herzen, das der Heiland mit der Erde am Wege vergleicht,
+auf die zwar auch einige Samenkörner fallen, um jedoch sofort von den
+Vögeln -- den bösen Gedanken und Absichten -- aufgefressen zu werden; --
+auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem steinigen Erdreich
+vergleicht, das nur ganz oberflächlich mit Erde bedeckt ist, sie, die
+das Wort zwar willig aufnehmen, es aber nicht tief Wurzeln schlagen
+lassen, da es ihnen an Herzenstiefe fehlt; -- auch nicht mit solch einem
+Herzen, das Er mit dem verwahrlosten und ungesäuberten Acker vergleicht,
+der von Dornen überwuchert ist, auf dem die Saat zwar aufgeht, dessen
+eben aufsprießende Keime jedoch von den schnell emporwachsenden Dornen
+-- den Dornen zeitlicher Sorgen und Mühen, den Dornen der Versuchungen
+und der zahllosen Lockungen des ertötenden, weltlichen Lebens mit seinen
+trügerischen Reizen und Annehmlichkeiten -- sofort erstickt werden, --
+so daß die Saat keine Frucht trägt; wohl aber mit jenem hingebungsvollen
+Herzen, das Er mit gutem Lande vergleicht, welches Frucht trägt --
+etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig
+--, das alles, was es in sich aufnimmt, beim Verlassen der Kirche, zu
+Hause, in der Familie, im Dienst, während der Arbeit, während der
+Mußestunden und Vergnügungen, im Gespräche mit anderen Menschen, und,
+wenn es mit sich allein ist, wieder zurückerstattet. Kurz, jeder
+Gläubige bemüht sich, ein Hörer und Täter des Wortes zugleich zu sein,
+den der Heiland mit dem weisen Manne gleichzumachen verspricht, der sein
+Haus nicht auf Sand, sondern auf einem Felsen erbaut, so daß sein
+geistiges Heim, selbst wenn sich, gleich nachdem er die Kirche verlassen
+hat, Regen, Flüsse und Wirbelstürme, alle möglichen Leiden und
+Mißgeschick wider ihn erhöben, unerschütterlich dastehen wird, gleich
+einer auf einem Felsen erbauten Feste.
+
+Nachdem die Vorlesung beendigt ist, ruft der Priester dem Diakon aus dem
+Inneren des Tempels zu: »Friede sei mit dir, der du frohe Botschaft
+verkündigst!« Alle Anwesenden erheben ihr Haupt und rufen im Gefühl
+ihrer Dankbarkeit zugleich mit dem Chor: »Ehre sei Dir, unserem Gott,
+Ehre sei Dir!« Der in der Königspforte stehende Priester nimmt das
+Evangelium aus den Händen des Diakons entgegen und stellt es auf den
+Altar, als das Wort, das von Gott ausgegangen ist und nun zu Ihm
+zurückkehrt. Der Hochaltar, der die höchsten erhabensten Gefilde
+darstellt, entzieht sich jetzt den Augen der Gemeinde -- die
+Königspforte schließt sich, und die Tür zum Allerheiligsten wird
+verhängt zum Zeichen, daß es keine andere Tür zum Himmelreiche gibt als
+die, die uns Christus geöffnet hat, und daß wir nur mit Ihm durch sie
+eintreten können, denn es heißt: »Ich bin die Tür.«
+
+Hiernach pflegte während der ersten christlichen Zeit die Predigt
+stattzufinden, worauf die Erklärung und Interpretation der verlesenen
+Evangelientexte folgte. Da jedoch in unserer Zeit meist über andere
+Texte gepredigt wird, und da folglich die Predigt nicht zur Erklärung
+der vorgelesenen Evangelientexte dient, so wird sie, um den Zusammenhang
+und die strenge harmonische Ordnung der heiligen Liturgie nicht zu
+stören, ans Ende gestellt.
+
+Der Diakon besteigt sodann, den Engel, der die Menschen zum Gebet
+anfeuert, versinnbildlichend, die Kanzel, um die Gemeinde zu noch
+inbrünstigerem Gebet aufzurufen. Er ruft: »Lasset uns beten aus ganzem
+Herzen, ganzer Seele, lasset uns beten aus ganzem Gemüt,« indem er die
+Gebetstola mit drei Fingern in die Höhe hebt; und während alle aus
+tiefster Seele inbrünstige Gebete zum Himmel emporrichten, rufen sie
+aus: »Herr, erbarme Dich!« Der Diakon aber unterstützt und verstärkt
+seinerseits das Gebet noch, indem er dreimal um Erbarmen fleht, und er
+fordert die Gemeinde nochmals auf, für alle Menschen zu beten, welchen
+Rang und welches Amt sie auch immer bekleiden mögen; zunächst und in
+erster Linie für die in den höchsten Ämtern und Stellungen, wo es der
+Mensch am schwersten hat, wo er am leichtesten strauchelt und wo er der
+Hilfe Gottes am meisten bedarf. Jeder von den Versammelten betet, da er
+weiß, in wie hohem Grade die Wohlfahrt vieler Menschen davon abhängt,
+daß die Mächtigen redlich ihre Pflicht erfüllen, inbrünstig und bittet
+Gott, Er möge sie erleuchten und belehren, getreulich ihre Schuldigkeit
+zu tun, und jedem Kraft verleihen, seine irdische Laufbahn in
+ehrenhafter Weise zu vollenden. Darum beten alle inniglich, indem sie
+nun nicht mehr einmal, sondern dreimal nacheinander rufen: »Herr,
+erbarme Dich!« Die ganze Reihe dieser Gebete heißt: doppelte Ektenia
+oder die Ektenia des inbrünstigen Gebets, und der Priester bittet im
+Altar vor dem Gottestisch inniglich um Erhörung dieser allgemeinen
+verstärkten Gebete, und sein Gebet heißt das Gebet der inbrünstigen
+Bitte.
+
+Wenn an jenem Tage eine Seelenmesse zu Ehren der Toten stattfindet, so
+wird gleich nach der doppelten Ektenia noch eine Ektenia zu Ehren der
+Entschlafenen verkündigt. Der Diakon hält die Stola mit drei Fingern
+seiner Hand empor und fordert die Gemeinde auf, für den Seelenfrieden
+der Knechte Gottes zu beten, die er alle beim Namen nennt, auf daß Gott
+ihnen alle ihre Sünden, ihre bewußten und unbewußten Verfehlungen
+vergeben und ihre Seelen dorthin versetzen möge, wo die Gerechten in
+Frieden weilen. Bei dieser Gelegenheit gedenkt jeder der Anwesenden
+aller Verstorbenen, die seinem Herzen nahestanden, und beantwortet jeden
+Ruf des Diakons mit einem dreimaligen: »Herr, erbarme Dich!« indem er
+inbrünstig für seine Lieben und für alle entschlafenen Christen betet.
+»Wir flehen Dich an, Christus, unser Gott, unsterblicher König, gewähre
+uns Deine göttliche Gnade, das Himmelreich und Vergebung der Sünden!«
+ruft der Diakon aus. Die Gemeinde erwidert zugleich mit dem Sängerchor:
+»Gewähre es uns, o Herr!« Der Priester aber betet im Inneren des
+Altarraums und bittet den Überwinder des Todes, Ihn, der uns das ewige
+Leben schenkte, Er möge die Seelen Seiner entschlafenen Knechte in
+Frieden in die friedlichen grünen Gefilde, die von Krankheiten, Kummer
+und Seufzern gemieden werden, eingehen lassen; er bittet in seinem
+Herzen, Er möge ihnen alle ihre Sünden erlassen und verkündet laut:
+»Christus, unser Gott, da Du bist die Auferstehung, das Leben und der
+Frieden Deiner entschlafenen Knechte, so singen wir Dir Preis und Ruhm
+samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gütigen,
+lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit.« Der Chor ruft
+bestätigend: »Amen,« worauf der Diakon die Ektenia für die Katechumenen
+beginnt.
+
+Obwohl die Zahl der noch nicht Getauften und derer, die noch zu den
+Katechumenen zählen, heute nur noch gering ist, denkt doch jeder
+Anwesende daran, wie weit er durch Glauben und Taten noch hinter den
+Gläubigen zurücksteht, die gewürdigt wurden, an den Liebesmahlen der
+ersten christlichen Zeit teilzunehmen, sieht ein, wie er gleichsam bloß
+bei Christus in die Lehre gegangen ist, jedoch sein Leben noch nicht mit
+Ihm erfüllt hat, wie er erst die Weisheit Seiner Worte versteht, sie
+aber in seinem Leben noch nicht verwirklicht, wie kalt sein Glaube noch
+ist, und wie es ihm noch an dem Feuer einer allesverzeihenden Liebe zu
+seinem Bruder gebricht, einer Liebe, die alle Herzenskälte und Dürre
+verzehrt, und wie er, obwohl er mit dem Wasser auf den Namen Christi
+getauft ward, doch noch der geistigen Wiedergeburt nicht teilhaftig ist,
+ohne die sein Christentum nach den eigenen Worten des Heilandes nichts
+ist, Der da spricht: »Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde,
+kann er das Reich Gottes nicht sehen!« -- Indem also jeder Anwesende
+dessen eingedenk ist, zählt er sich demutsvoll zu den Katechumenen, und
+so antwortet er denn auch auf den Ruf des Diakons: »Lasset uns zu Gott
+beten, Katechumenen!« aus der Tiefe seines Herzens: »Gott, erbarme Dich
+unser!«
+
+Hierauf ruft der Diakon: »Ihr Gläubigen, lasset uns für die Katechumenen
+beten und Ihn bitten, Er möge ihnen gnädig sein, sie erwecken mit dem
+Worte der Wahrheit, ihnen das Evangelium der Gerechtigkeit offenbaren,
+sie vereinigen in Seiner heiligen allgemeinen apostolischen Kirche, Er
+möge sie erretten, Sich ihrer erbarmen, ihnen beistehen und sie erhalten
+in Seiner Gnade.«
+
+Und die Gläubigen beten, tief durchdrungen von dem Gefühle, wie wenig
+sie den Namen der Gläubigen verdienen, indem sie für die Katechumenen
+bitten, auch für sich selbst und beantworten jeden Ruf des Diakons in
+ihrem Innern, indem sie mit dem Sängerchor die Worte nachsprechen:
+»Herr, erbarme Dich unser!« Der Diakon ruft: »Katechumenen, beugt euer
+Haupt vor Gott!«, und alle beugen ihr Haupt, indem sie innerlich
+ausrufen: »Vor Dir, o Herr!«
+
+Der Priester betet leise für die Katechumenen, sowie für die, die sich
+in ihrer Herzensdemut unter die Katechumenen versetzt haben. Sein Gebet
+hat folgenden Wortlaut: »Herr, unser Gott, Der Du in der Höhe wohnst und
+herabsiehst auf die Demütigen, Der Du das Heil herabsandtest dem
+menschlichen Geschlechte in Gestalt Jesu Christi, Deines Sohnes, unseres
+Herrn und Gottes! Blicke nieder auf die Katechumenen, Deine Knechte, die
+ihren Nacken vor Dir beugen! Nimm sie auf in Deine Kirche und in Deine
+auserwählte Herde, auf daß sie mit uns Deinen hehren, herrlichen Namen
+loben und preisen den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, jetzo,
+hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Chor fällt mit einem donnernden
+»Amen!« ein. Und in Erinnerung, daß nun der Augenblick gekommen ist, wo
+ehemals die Katechumenen aus der Kirche herausgeführt wurden, ruft der
+Diakon mit lauter Stimme: »Tretet heraus, Katechumenen!« Hierauf erhebt
+er abermals die Stimme und ruft noch einmal: »Tretet heraus,
+Katechumenen!« Und endlich ruft er noch ein drittes Mal aus: »Tretet
+heraus, Katechumenen! Keiner von euch Katechumenen, sondern ihr
+Gläubigen alleine, laßt uns abermals und abermals zu Gott beten!«
+
+Bei diesen Worten erbeben alle im Bewußtsein ihrer Unwürdigkeit.
+Inbrünstig flehen sie in Gedanken Christus selbst um Gnade an, Der die
+Käufer und die schamlosen Krämer, die Sein Heiligtum zu einer
+Mördergrube gemacht hatten, aus dem Tempel Gottes jagte, und jeder
+Anwesende bemüht sich, den Katechumenen, der noch nicht darauf
+vorbereitet ist, in dem Heiligtume zu weilen, aus dem Tempel seiner
+Seele zu vertreiben, und er betet zu Christus, Er möge selbst den
+Gläubigen, der in die auserwählte Herde aufgenommen wird, in ihm
+erwecken, denn von ihm sagt der Apostel: »Ein heiliges Volk, Menschen
+der Erneuerung sind die Steine, aus denen der Tempel erbaut wird«; Er
+möge ihn erwecken ihn, der zu den wahrhaften Gläubigen gehört, die
+während der Zeit der ersten Christen, deren Gesichter von der
+Ikonostasis auf den Andächtigen herabblicken, an der Liturgie
+teilnahmen. Und indem er sie alle mit seinem Blick umfaßt, fleht er sie
+um Hilfe an, als seine Brüder, die jetzt im Himmel anbeten, denn nunmehr
+steht die allerheiligste Handlung bevor; es beginnt die Liturgie der
+Gläubigen.
+
+
+ Die Liturgie der Gläubigen
+
+Im geschlossenen Altarraum breitet der Priester auf dem heiligen
+Hochaltar das Antiminsion oder Corporale aus -- ein Tuch, auf dem der
+Körper des Heilands abgebildet ist --, worauf das von ihm während des
+Offertoriums zubereitete Brot und der mit Wasser und Wein gefüllte Kelch
+gestellt werden, die jetzt im Angesicht aller Gläubigen vom Seitenaltar
+herbeigetragen werden. Das Corporale, das der Priester über den
+Hochaltar breitet, soll an die Zeiten der Christenverfolgungen erinnern,
+als die Kirche noch kein ständiges Heim hatte; man bediente sich damals,
+da der Altar nicht von einem Ort zum anderen getragen werden konnte,
+dieses Tuches sowie einzelner Stücke von Reliquien; dies Corporale ist
+noch heute im Gebrauch, um anzudeuten, daß die Kirche auch heute noch
+nicht an ein einzelnes bestimmtes Haus, an eine Stadt oder an einen Ort
+gebunden ist, sondern wie ein Schiff noch auf den Wellen dieser Welt
+schwebt, ohne irgendwo vor Anker zu gehen, denn ihr Anker ruht im
+Himmel. Nachdem also der Priester das Corporale ausgebreitet hat, tritt
+er vor den Tisch, wie wenn er das erstemal vor ihn hinträte und als ob
+er sich erst jetzt für die eigentliche heilige Handlung vorbereite: in
+der ersten christlichen Zeit wurde nämlich der Altar erst in diesem
+Augenblick geöffnet, bis dahin blieb er geschlossen und verhängt, weil
+ja die Katechumenen noch anwesend waren, und erst jetzt begannen die
+eigentlichen Gebete der Gläubigen. Der Priester fällt in dem noch immer
+geschlossenen Altarraum vor dem Tische nieder und betet zwei Gebete der
+Gläubigen, in denen er Gott bittet, seine Seele zu reinigen, und Ihn
+anfleht, ihn gerecht vor den heiligen Altar treten zu lassen, auf daß er
+würdig werde, das Opfer reinen Gewissens darzubringen. Der Diakon steht
+indessen auf der Kanzel inmitten der Kirche, einen Engel darstellend,
+der die Gemeinde zum Gebet anfeuert; er hält die Gebetstola mit drei
+Fingern empor und ruft alle Gläubigen zu denselben Gebeten auf, mit
+denen die Liturgie der Katechumenen begann.
+
+Alle Gläubigen sind bemüht, ihre Herzen mit einem einträchtigen,
+friedlichen, versöhnlichen Gefühl zu erfüllen, das jetzt noch
+notwendiger ist, und rufen: »Herr, erbarme Dich!«; sie beten noch
+inbrünstiger und flehen Gott um den höheren Frieden, um Errettung
+unserer Seelen, um den Frieden der Welt, die Wohlfahrt der Kirchen
+Gottes und ihre Einigung an; sie beten für diesen heiligen Tempel und
+für die, die ihn andächtig und gottesfürchtig betreten, und bitten Gott,
+Er möge sie vor Kummer, Zorn und Not bewahren. Und sie rufen noch
+inbrünstiger in ihrem Herzen: »Herr, erbarme Dich!«
+
+Der Priester ruft aus dem Inneren des Altarraumes: »Höchste Weisheit!«,
+womit er andeutet, daß dieselbe höchste Weisheit, derselbe ewige Sohn,
+Der in Gestalt des Evangeliums ausging, das Wort auszusäen, daraus wir
+Belehrung schöpfen, wie wir leben sollen, Sich jetzt in das heilige Brot
+verwandeln wird, um Sich für die ganze Welt aufzuopfern. Alle Anwesenden
+bereiten sich, aufgerüttelt durch diese Vorstellung, begeistert auf den
+nunmehr bevorstehenden hochheiligen Gottesdienst vor und richten ihre
+Gedanken auf ihn. Der Priester, der die Liturgie zelebriert, betet leise
+bei sich, fällt vor dem Tische nieder und spricht folgendes erhabene
+Gebet: »Keiner, der noch durch fleischliche Lüste und Genüsse gefesselt
+wird, ist würdig, sich Dir zu nahen, vor Dich hinzutreten oder Dir zu
+dienen, Herr der Liebe; denn Dein Dienst ist groß und furchtbar, selbst
+für die himmlischen Mächte. Allein da Du in Deiner unermeßlichen
+Menschenliebe wahrhaftig und ewiglich Mensch, da Du selbst Hoherpriester
+wurdest und selbst das Sakrament dieses Gottesdienstes und dieses
+unblutigen Opfers einsetztest, als Herr unser aller -- denn Du allein, o
+Gott, herrschst über alle himmlischen und irdischen Geschöpfe und
+sitzest auf dem Throne, der von Cherubim getragen wird, Gott der
+Seraphim und König von Israel, Der Du allein heilig bist und in den
+Heiligen wohnest --, so flehe ich Dich an, Dich, den Einen, Guten, sieh
+herab auf mich armen Sünder und Deinen unwürdigen Knecht, reinige meine
+Seele und mein Herz von bösen Gedanken und mache mich würdig, bekleidet
+mit der priesterlichen Gnade, mache mich würdig durch die Macht Deines
+Heiligen Geistes, vor Deinen Tisch zu treten und Deinen heiligen reinen
+Leib und Dein gerechtes Blut zu konsekrieren. Ich trete vor Dich hin,
+beuge meinen Nacken und bete zu Dir: wende Dein Angesicht nicht von mir
+ab und verstoße mich nicht aus der Schar Deiner Knechte, sondern laß es
+geschehen, daß diese Deine Gaben Dir dargebracht werden durch mich
+Unwürdigen. Denn Du bist der Darbringende und Dargebrachte, der
+Empfangende und Der, Der sie austeilt, Christus unser Gott, wir singen
+Dir Ruhm und Preis samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten,
+gütigen und lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle
+Ewigkeit.«
+
+Mitten während des Gebetes öffnet sich die Königspforte, und man sieht
+den Priester mit ausgebreiteten Armen und in betender Stellung knien.
+Der Diakon kommt mit dem Räucherfaß in der Hand gegangen, um dem
+höchsten König den Weg zu bereiten, er räuchert reichlich und läßt
+Wolken von wohlriechendem Weihrauch aufsteigen, inmitten deren Er
+erscheinen wird, getragen von Cherubim. So ermahnt er alle daran, ihr
+Gebet zu reinigen, auf daß es lauter werde wie der Weihrauch vor dem
+Herrn -- und fordert alle auf, die nach dem Wort des Apostels ein
+Wohlgeruch vor Christus sind, dessen eingedenk zu sein, daß sie reine
+Cherubim sein sollen, um den Herrn emportragen zu können. Die Sänger auf
+beiden Chören stimmen im Angesicht der ganzen Kirche folgenden
+Cherubimgesang an: »Die wir in geheimnisvoller Weise Cherubim darstellen
+und das Trichagion zu Ehren der lebenspendenden Dreieinigkeit singen,
+lasset uns nun alles andere vergessen und den höchsten König emporheben,
+Der unsichtbar getragen wird von den Heerscharen der Engel und
+beschattet von Lanzen.«
+
+Die alten Römer hatten den Brauch, den neugewählten König auf einem
+Schilde, begleitet von seinen Legionen und beschattet von zahllosen
+Lanzen, die über ihn gehalten wurden, vor das Volk hinauszutragen.
+Diesen Gesang hat jener Kaiser selbst gedichtet, der in aller seiner
+irdischen Größe vor der Erhabenheit des höchsten Königs in den Staub
+sank, Der im Schatten der Lanzen von Cherubim und von den Legionen der
+himmlischen Mächte getragen wird; in der ersten Zeit traten die Kaiser
+selbst bescheiden in die Reihe der Diener der Kirche, wenn das heilige
+Brot hinausgetragen wurde.
+
+Der Gesang dieses Liedes trägt einen angelischen Charakter und soll
+daran erinnern, wie die unsichtbaren Heerscharen im Himmel gesungen
+haben. Der Priester und der Diakon wiederholen diesen Cherubimgesang
+leise bei sich selbst und treten sodann vor den Seitenaltar, vor dem
+sich das Offertorium abspielte. Indem nun der Diakon vor die Gaben
+hintritt, die mit dem Aër bedeckt sind, spricht er: »Nimm hin, o Herr!«
+Der Priester zieht den Aër hinweg und legt ihn dem Diakon auf die linke
+Schulter und spricht: »Erhebet eure Hände zu dem Heiligtume und segnet
+den Herrn!« Sodann nimmt er die Patene samt dem Lamm und stellt sie dem
+Diakon aufs Haupt; er selbst ergreift den heiligen Kelch und geht hinter
+einer vorausgetragenen Leuchte oder Lampe zur Seitentür oder durch das
+nördliche Tor zum Volke hinaus. Wenn jedoch der Gottesdienst im Beisein
+der ganzen Geistlichkeit d. h. vieler Geistlicher und Diakonen
+stattfindet, so trägt ein Priester die Patene, ein anderer den Kelch,
+ein dritter den heiligen Löffel, mit dem der Priester das heilige
+Abendmahl austeilt, ein vierter die Lanze, die in den heiligen Leib
+gestoßen wurde. Alle heiligen Geräte werden hinausgetragen, sogar der
+Schwamm, mit dem die Krümchen des heiligen Brotes auf der
+Hostienschüssel zusammengelesen wurden und der jenen Schwamm darstellt,
+welcher mit Essig und Galle gefüllt wurde und mit dem die Knechte ihren
+Schöpfer tränkten. Diese feierliche Prozession, die der große Ausgang
+genannt wird und die himmlischen Heerscharen versinnbildlicht, kommt
+unter dem Absingen des Cherubimgesanges herangeschritten.
+
+Bei dem Anblick des höchsten Königs, Der in der bescheidenen Gestalt des
+Lammes vorausgetragen wird, umgeben von den Werkzeugen irdischer Marter
+wie von den Lanzen unzählbarer unsichtbarer Heerscharen und Hierarchien,
+und auf der Patene ruhend wie auf einem Schilde, beugen alle tief ihr
+Haupt und beten mit den Worten des Übeltäters, der den Herrn vom Kreuze
+aus anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.«
+Mitten im Tempel macht die Prozession halt. Der Priester benutzt diesen
+großen Augenblick, um in Gegenwart aller derer, die die Gaben tragen,
+und im Angesichte Gottes der Namen aller Christen zu gedenken, wobei er
+mit denen beginnt, denen die schwierigsten und heiligsten Pflichten
+auferlegt sind, von deren Erfüllung die Wohlfahrt aller Menschen und die
+Rettung ihrer eigenen Seele abhängt, und er schließt mit den Worten:
+»Gott der Herr gedenke euer und aller [rechtgläubigen] Christen in
+Seinem Reiche [immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit]!« Die
+Sänger beschließen den Cherubimgesang mit einem dreimaligen
+»Halleluja!«, das das ewige Wandeln des Herrn verkündigt. Der Zug
+betritt nun die Königspforte. Der Diakon nähert sich allen voran dem
+Altar, bleibt zur Rechten vor der Tür stehen und begrüßt den Priester
+mit den Worten: »Gott der Herr gedenke deiner Priesterschaft in Seinem
+Reiche!« Der Priester erwidert: »Gott der Herr gedenke deines heiligen
+Diakonenamtes in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle
+Ewigkeit!« Und er stellt den heiligen Kelch und das Brot, das den Leib
+Christi versinnbildlicht, auf den Tisch, als wäre er ein Sarg. Die
+Königspforte schließt sich, als wäre sie das Tor zum Grabe des Herrn,
+der Vorhang wird zugezogen, womit auf die Wache hingedeutet wird, die
+vor dem Grabe aufgestellt wurde. Der Priester nimmt die heilige Patene
+vom Haupte des Diakons, als nähme er den Leib des Heilands vom Kreuze
+herunter, und stellt sie auf das ausgebreitete Corporale, als wäre es
+das Grabtuch Christi, wozu er die Worte spricht: »Der ehrbare Joseph
+nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein
+reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen
+niemand je gelegen war.« Und indem er der Allgegenwart Dessen gedenkt,
+Der jetzt vor ihm im Grabe liegt, spricht er bei sich selbst: »Im Grabe
+warst Du leibhaftig, in der Hölle mit der Seele und Gott gleich, im
+Paradies mit dem Übeltäter und saßest doch zugleich auf dem Throne mit
+dem Vater und dem Heiligen Geist, o Christe, der Du alles mit Dir
+erfüllst, Unbeschreiblicher!« Und des Ruhms und der Ehre gedenkend, mit
+der dieses Grab bedeckt ward, spricht er: »Als Lebenspender, als
+wahrhaftiglich, herrlicher denn das Paradies und strahlender denn jeder
+Königspalast erschien uns Dein Grab, o Christus, Quell aller
+Auferstehung!« Dann zieht er die Decke von der Patene und vom Kelch
+hinweg, nimmt den Aër von der Schulter des Diakons, der jetzt nicht mehr
+die Linnen, darin das Kind Jesus gewickelt ward, sondern das Kopftuch
+und die Grableinwand darstellt, in die Sein toter Leib gehüllt wurde,
+räuchert mit Thymian und bedeckt hierauf die Patene und den Kelch
+abermals, indem er spricht: »Der ehrbare Joseph nahm Deinen
+allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch
+mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegt
+war.« Dann nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des Diakons entgegen,
+räuchert vor den heiligen Gaben mit Weihrauch, indem er sich dreimal vor
+ihnen verneigt, und wiederholt, während er sich zu den bevorstehenden
+Opferhandlungen rüstet, leise bei sich selbst die Worte des Propheten
+David: »Tue wohl an Zion nach Deiner Gnade, baue die Mauern zu
+Jerusalem. Dann werden Dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit, die
+Brandopfer und die ganzen Opfer, dann wird man Farren auf Deinem Altar
+opfern,« denn solange Gott selbst uns nicht erhebt und unsere Seelen
+nicht mit jerusalemischen Mauern wider alle Angriffe des Fleisches
+schützt, sind wir nicht imstande, Ihm Opfer und Brandopfer darzubringen
+und wird nie die Flamme eines geistigen Gebetes emporlodern, denn sie
+wird zerstreut und verweht werden durch fremde nebensächliche Gedanken
+und Rücksichten, durch den Ansturm der Leidenschaften und den Wirbelwind
+eines seelischen Aufruhrs.
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+Der Priester bittet Gott, seine Seele für das bevorstehende Opferwerk zu
+reinigen, legt das Räucherfaß wieder in die Hände des Diakons, läßt das
+Ornat herabfallen, beugt sein Haupt und spricht zu ihm: »Gedenke meiner,
+mein Bruder und Amtsgenosse!« »Gott gedenke deiner Priesterschaft in
+Seinem Reiche!« erwidert der Diakon, beugt seinerseits das Haupt, denkt
+an seine Unwürdigkeit und spricht, indem er die Stola emporhält: »Bete
+für mich, heiliger Herr!« Der Priester antwortet: »Der Heilige Geist
+komme über dich, und die Kraft des Höchsten erleuchte dich!« --
+»Derselbige Geist helfe uns alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen
+Bewußtsein seiner Unwürdigkeit fügt er [der Diakon] hinzu: »Gedenke
+meiner, o heiliger Herr!« Der Priester erwidert: »Gott gedenke deiner in
+Seinem Reiche immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon sagt:
+»Amen!« küßt dem Priester die Hand und geht durch die nördliche
+Seitentür hinaus, um alle Anwesenden zum Gebet für die dargebrachten und
+auf dem Hochaltar stehenden heiligen Gaben aufzufordern.
+
+Er besteigt den Altar und richtet, das Gesicht der Königspforte
+zugewandt und die Stola, gleich dem erhobenen Flügel eines Engels, der
+zum Gebet erweckt und anfeuert, mit drei Fingern emporhebend, eine ganze
+Reihe von Gebeten, die schon keine Ähnlichkeit mit den früheren mehr
+haben, zum Himmel empor. Nachdem er die Gemeinde aufgefordert hat, in
+ihren Gebeten der auf dem Hochaltar stehenden Gaben zu gedenken, geht er
+alsbald zu solchen Gebeten über, die nur die Gläubigen, die in Christo
+leben, an Gott richten.
+
+»Wir bitten Gott, daß Er diesen Tag zu einem vollkommenen, heiligen,
+friedlichen und sündenlosen mache!« fleht der Diakon.
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+Die Gemeinde der Betenden vereinigt ihre Stimme mit dem Chor der Sänger
+und ruft aus tiefstem Herzen zu Gott empor: »Gewähre ihn uns, o Herr!«
+
+»Wir bitten Gott, daß Er uns einen friedlichen Engel, einen treuen
+Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen und unserer Leiber sende!«
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+Die Gemeinde: »Gewähre ihn uns, o Herr!«
+
+»Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und
+Verfehlungen!«
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+Die Gemeinde: »Gewähre sie uns, o Herr!«
+
+»Wir bitten Gott um alles Gute und um alles, was unserer Seele nützlich
+ist, und um Frieden auf Erden!«
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+Die Gemeinde: »Gewähre es uns, o Herr!«
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+»Wir bitten Gott um ein ferneres Leben in Frieden und um ein reumütiges
+Ende!«
+
+Die Gemeinde: »Gewähre es uns, o Herr!«
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+»Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und
+friedliches Ende unseres Lebens und darum, daß wir einst gute
+Rechenschaft ablegen am Jüngsten Gerichte Christi!«
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+Die Gemeinde: »Gewähre uns das, o Herr!«
+
+»Wir gedenken unserer hochheiligen, reinen, gesegneten, herrlichen
+Gebärerin, unserer Heiligen Jungfrau, sowie aller Heiligen und weihen
+uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott.«
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+Und in dem innigen Wunsche, sich also selbst und einander Christus,
+ihrem Herrn, zu weihen, rufen alle: »Dir, o Herr!«
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+Die Ektenia wird mit folgendem Gebet beschlossen: »Durch die große Gnade
+Deines eingeborenen Sohnes, sei gesegnet mit Ihm samt Deinem
+allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in
+alle Ewigkeit!«
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+Der Chor singt ein donnerndes »Amen!«
+
+Noch immer bleibt der Altar geschlossen. Noch immer beginnt der Priester
+nicht mit dem Opfer; denn noch muß vieles geschehen, ehe das heilige
+Abendmahl stattfinden kann. Aus der Tiefe des Altarraumes ruft der
+Priester der Gemeinde den Gruß des Heilands zu: »Friede sei mit euch
+allen!« Die Gemeinde antwortet: »Und mit deinem Geiste!« Der Diakon
+steht auf der Kanzel und ermahnt, wie dies bei den ersten Christen Sitte
+war, alle, einander zu lieben, indem er spricht: »Laßt uns einander
+lieben und einmütig bekennen ...« Hier fällt der Sängerchor ein, indem
+er die Schlußworte: »Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die
+alleinige unteilbare Dreieinigkeit!« mitsingt, wodurch wir daran
+erinnert werden sollen, daß wir, wenn wir einander nicht liebhaben, auch
+Den nicht liebgewinnen können, Der ganz Liebe, Der die ganze vollkommene
+Liebe ist und Der in Seiner Heiligen Dreieinigkeit den Liebenden und den
+Geliebten, sowie die Handlung der Liebe, mit der der Liebende den
+Geliebten liebt, vereinigt: der Liebende ist Gott der Vater, der
+Geliebte Gott der Sohn, und die Liebe selbst, die Sie vereinigt, Gott
+der Heilige Geist. Dreimal verneigt sich der Priester im Inneren des
+Altarraumes, indem er leise bei sich wiederholt: »Ich will Dich lieben,
+o Herr, meine Stärke, mein Fels und mein Hort!« Er küßt die mit dem Tuch
+verdeckte heilige Patene und den heiligen Kelch, küßt den Rand des
+heiligen Hochaltars und alle Priester, die mit ihm am Gottesdienst
+teilnehmen, tuen desgleichen; dann küssen sie sich alle untereinander
+und der Hauptpriester spricht: »Christus ist mitten unter uns!« Man
+antwortet ihm: »Er ist und wird sein!« Auch alle Diakone, die zugegen
+sind, küssen zuerst die Stelle ihrer Stola, auf der das Kreuz abgebildet
+ist, und dann einander, indem sie dieselben Worte sprechen.
+
+Früher küßten alle, die in der Kirche waren, einander gleichfalls, die
+Männer die Männer, die Frauen die Frauen, indem sie sprachen: »Christus
+ist mitten unter uns!« und gleich darauf die Antwort erhielten: »Er ist
+und wird sein!« daher stellt sich auch heute ein jeder, der in der
+Kirche anwesend ist, in Gedanken vor, daß er alle Christen vor sich hat,
+nicht nur die, die in der Kirche sind, sondern auch die Abwesenden,
+nicht nur die, die seinem Herzen nahestehen, sondern auch die, die ihm
+fernstehen, beeilt sich, sich mit denen von ihnen auszusöhnen, gegen die
+er etwas wie Mißgunst, Haß oder Zorn hegte -- und gibt jedem von ihnen
+in Gedanken einen Kuß, indem er bei sich spricht: »Christus ist mitten
+unter uns!« und in ihrem Namen antwortet: »Er ist und wird sein!« denn
+ohne dies wäre er tot für alle folgenden heiligen Handlungen nach
+Christi eigenem Wort: »So lasse allda vor dem Altar deine Gabe und gehe
+zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und
+opfere deine Gabe«; und an einer anderen Stelle heißt es: »Und wer da
+sagt, ich liebe Gott und hasse meinen Bruder, der lügt; denn wenn er
+seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, Den er
+nicht sieht?«
+
+Der Diakon steht auf der Kanzel, er wendet sein Gesicht den Anwesenden
+zu, hält die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und ruft nach
+altem Brauch: »Die Tore, die Tore!« Ehedem wurde dieser Ruf an die
+Pförtner gerichtet, die am Toreingang standen, damit sich keiner von den
+Heiden, die den christlichen Gottesdienst zu stören pflegten, frech und
+blasphemisch in die Kirche eindrängte; heute wird dieser Ruf an die
+Anwesenden selbst gerichtet, die hierdurch ermahnt werden sollen, die
+Tore ihres Herzens zu behüten, in denen die Liebe bereits Eingang
+gefunden hat, auf daß kein Feind der Liebe sich in die Herzen eindränge,
+und die Tore ihres Mundes und ihrer Ohren weit aufzutun und für die
+Verlesung des Glaubenssymbols offen zu halten; zum Zeichen dafür wird
+der Vorhang vor der Königspforte, oder die »hohe Pforte«, hinweggezogen,
+die sich nur dann öffnet, wenn die Aufmerksamkeit des Geistes auf die
+höchsten Mysterien hingelenkt werden soll. Der Diakon fordert die
+Versammlung mit folgenden Worten zum Zuhören auf: »Laßt uns der höchsten
+Weisheit lauschen!« Die Sänger stimmen einen kraftvollen mannhaften
+Gesang an, der mehr einer Art Sprechgesang gleicht, und rufen laut und
+ausdrucksvoll: »Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer
+des Himmels und der Erden, alles Sichtbaren und Unsichtbaren.« Dann
+machen sie eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die erste
+Person der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott den Vater klar und deutlich
+vorstellen, und fahren dann fort: »Und an Jesum Christum, Gottes
+eingeborenen Sohn, unseren Herrn, vom Vater in Ewigkeit geboren, Licht
+vom Licht, wahrhaftigen Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht
+erschaffen, einerlei Wesens mit dem Vater, durch welchen alle Dinge
+geworden sind. Um der Menschen und um des Heiles willen vom Himmel
+Fleisch geworden aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und
+Mensch geworden, um unseretwillen gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
+gelitten, gestorben und begraben. Am dritten Tage nach der Schrift
+wiederauferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel und sitzend zur
+Rechten des Vaters. Von dannen Er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu
+richten die Lebendigen und die Toten und Dessen Reiches kein Ende sein
+wird. Und an den Heiligen Geist, Der da machet lebendig und gehet aus
+vom Vater, Der da zusammen mit dem Vater und dem Sohne angebetet und
+verehret wird und durch die Propheten geredet hat.« Dann machen sie
+wieder eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die dritte Person
+der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott, den Heiligen Geist klar und deutlich
+vorstellen, und fahren fort: »Und an eine heilige katholische und
+apostolische Kirche. Ich glaube an eine Taufe zur Vergebung der Sünden
+und hoffe auf die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben. Amen!«
+
+Mannhaft und kraftvoll ist der Gesang der Sänger und er prägt jedes Wort
+des Glaubenssymbols den Herzen tief ein. Mit fester Stimme wiederholt
+hierauf ein jeder die Worte des Symbols. Mutigen Herzens und voll
+starken Geistes wiederholt auch der Priester vor dem heiligen Hochaltar,
+der den heiligen Abendmahlstisch darstellen soll, leise bei sich selbst
+das Glaubensbekenntnis, auch alle Zelebranten, die ihm zur Seite stehen,
+wiederholen es still bei sich selbst, indem sie den heiligen Aër, der
+über den heiligen Gaben ruht, hin und her bewegen.
+
+Festen Schrittes kommt jetzt der Diakon gegangen und verkündet: »Laßt
+uns fromm, laßt uns ehrfurchtsvoll dastehen und aufmerken und das
+heilige Opfer in Frieden darbringen,« d. h. laßt uns würdig vor Gott
+hintreten, wie es sich für den Menschen geziemt, d. h. mit Zittern und
+Ehrfurcht, zugleich aber auch tapfer und kühnen Mutes, indem wir Gott
+loben, mit friedlichem versöhntem, einträchtigem Herzen, denn ohne dies
+vermag man sich nicht zu Gott zu erheben. Und die ganze Kirche
+wiederholt, diesen Ruf beantwortend, indem sie den Lobgesang, der aus
+ihrem Munde emporsteigt, und die Besänftigung der Herzen als Opfergabe
+darbringt mit dem Sängerchor: »Die Gnade des Friedens, das Opfer des
+Dankes.« In der Urkirche herrschte die Sitte, bei dieser Gelegenheit
+etwas Salböl als Opfergabe darzubringen, welches ein Symbol der
+Besänftigung ist, denn Salböl und Barmherzigkeit bedeuten im
+Griechischen dasselbe.
+
+Unterdessen zieht der Priester im Altarraum den Aër von den heiligen
+Gaben hinweg, küßt ihn und legt ihn zur Seite, indem er spricht: »Die
+Gnade unseres Herrn ...« Der Diakon aber betritt den Altarraum, nimmt
+den Fächer oder das Rhipidion in die Hand und schwingt ihn andachtsvoll
+über den heiligen Gaben.
+
+Indem nun der Priester sich anschickt, das heilige Abendmahl zu
+zelebrieren, richtet er aus dem Inneren des Altarraums folgenden frohen
+Ruf an das Volk: »Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes
+des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch
+allen!« worauf ihm alle Anwesenden antworten: »Und mit deinem Geiste!«
+Der Altar, der vorhin die Krippe vorstellte, versinnbildlicht jetzt das
+Zimmer, in dem das Abendmahl zubereitet wurde; und der Hochaltar, der
+das Grab versinnbildlichte, stellt jetzt den Abendmahlstisch und nicht
+mehr das Grab dar. Der Priester gedenkt des Erlösers, Der Seine Augen
+zum Himmel emporrichtete, ehe Er Seinen Jüngern die göttliche Speise
+darreichte, und ruft: »Laßt uns unsere Herzen zum Himmel erheben!« Und
+jeder, der in der Kirche anwesend ist, richtet seine Gedanken auf das,
+was nun geschehen wird -- und er denkt daran, daß in diesem Augenblick
+das göttliche Lamm für ihn geschlachtet wird, daß das göttliche Blut des
+Herrn selbst in den Kelch fließt, um ihn zu entsühnen, und daß alle
+himmlischen Mächte sich mit dem Priester vereinigen, um für ihn zu
+beten; und indem er seine Gedanken [hierauf] richtet und seine Seele von
+der Erde abzieht und zum Himmel und aus der Finsternis zum Lichte
+erhebt, ruft er zugleich mit allen anderen aus: »Wir wollen uns zu Gott
+erheben!«
+
+Der Priester ruft, des Erlösers gedenkend, Der da dankte, nachdem Er
+Seine Augen gen Himmel erhoben hatte: »Laßt uns unserem Gotte danken!«
+Der Chor erwidert: »Geziemend ist es und fromm, anzubeten den Vater, den
+Sohn und den Heiligen Geist, die Heilige Dreieinigkeit, Die eines Wesens
+und unfehlbar ist.« Der Priester aber betet im stillen bei sich:
+»Geziemend ist es und fromm, Dich zu verherrlichen, zu loben, Dir zu
+danken und Dich anzubeten allerorten in Deinem Reiche, denn Du bist
+Gott, der Unaussprechliche, Unergründliche, Unsichtbare und
+Unbegreifliche, denn Du bist ewig Derselbe samt Deinem eingeborenen Sohn
+und Deinem Heiligen Geist. Du hast uns aus dem Nichtsein zum Sein
+erweckt, hast uns Abtrünnige wieder aufgerichtet und hast uns nicht
+verlassen, sondern uns in den Himmel erhoben und uns Dein künftiges
+Reich geschenkt. Für dieses alles danken wir Dir und Deinem eingeborenen
+Sohn und Deinem Heiligen Geiste, danken Dir alle, für alle die
+Wohltaten, die wir kennen und die wir nicht kennen, die offenkundigen
+und die unbekannten, die Du an uns getan hast. Wir danken Dir auch für
+diesen Gottesdienst und bitten Dich, ihn aus unserer Hand
+entgegenzunehmen, obwohl Dir Tausende von Erzengeln und Legionen von
+Engeln, Cherubim und sechsfach geflügelte Seraphim zur Verfügung stehen,
+vieläugige, gefiederte, gen Himmel strebend, Dir Siegeslieder singen,
+rufen, jauchzen und sprechen: »Heilig, heilig, heilig ist der Gott
+Zebaoth; Himmel und Erde sind Deines Ruhmes voll!«
+
+Dieses Siegeslied der Seraphim, das die Propheten in ihren heiligen
+Gesichten vernahmen, wird von dem ganzen Sängerchor aufgenommen; es
+trägt die Gedanken der Gläubigen in unsichtbare Himmelsfernen mit sich
+fort, nötigt alle, mit den Seraphim in den Ruf einzustimmen: »Heilig,
+heilig, heilig ist der Herr Zebaoth!« und mit ihnen den Thron des
+göttlichen Ruhmes zu umkreisen. Und da ferner die ganze Kirche in diesem
+Augenblick erwartungsvoll dessen harrt, daß der Herr selbst herabsteigen
+und Sich für alle zum Opfer darbringen wird, so vereinigt sich mit dem
+Gesang der Seraphim, der im Himmel ertönt, noch der Gesang der
+hebräischen Jünglinge, mit dem Ihn diese bei Seinem Einzug in Jerusalem
+begrüßten, Zweige auf den Weg streuend: »Hosianna in der Höhe. Gelobt
+sei, Der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!« Denn der
+Herr bereitet sich, in den Tempel einzuziehen, wie in das mystische
+Jerusalem. Der Diakon fährt fort, mit dem Fächer über die heiligen Gaben
+hinzufächeln, damit kein Insekt auf sie herniederfalle, und symbolisiert
+mit dieser Bewegung des Fächers das Walten der Gnade. Der Priester aber
+betet im stillen weiter: »Mit diesen heiligen Mächten, o Herr, Der Du
+die Menschen liebhast, flehen auch wir zu Dir und sprechen: Heilig und
+hochheilig bist Du und Dein eingeborener Sohn und Dein Heiliger Geist.
+Heilig bist Du und hochheilig, und herrlich ist Dein Ruhm, denn also
+hast Du die Welt geliebt, daß Du Deinen eingeborenen Sohn gabst, auf daß
+alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben
+haben, Der da kam und alles erfüllte, was von uns verkündet ward; in der
+Nacht, da Er verraten ward, oder besser, da Er Sich selbst dahingab für
+das Leben der Welt, nahm Er das Brot in Seine reinen unschuldigen Hände,
+dankte, segnete und heiligte es, brach es und gab es Seinen heiligen
+Jüngern und Aposteln und sprach ...« Und mit lauter Stimme verkündete
+der Priester die Worte des Heilandes: »Nehmet hin und esset, das ist
+mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.« Bei
+diesen Worten fallen die ganze Kirche und der Chor ein und rufen »Amen!«
+Der Diakon aber weist, die Stola in der Hand haltend und sich zum
+Priester hinwendend, auf die heilige Patene hin, auf welcher das Brot
+ruht. Der Priester aber fährt leise fort: »Desselbigengleichen nahm Er
+auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach ...« und er verkündet laut,
+nachdem der Diakon auf den Kelch gedeutet hat: »Trinket alle daraus,
+dies ist Mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für euch
+und für viele zur Vergebung der Sünden.« Und die ganze Kirche antwortet
+ebenso laut wie das erstemal: »Amen!«
+
+Der Priester fährt fort, leise zu beten: »Und indem wir also gedenken
+dieses erlösenden Gebotes und alles dessen, das für uns getan ward: des
+Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Himmelfahrt,
+des Sitzens zur Rechten Gottes und der zweiten ruhmvollen Wiederkunft«
+-- und nun, nachdem er dies leise vor sich hingesprochen, erhebt er die
+Stimme und spricht: »-- bringen wir Dir dar das Deinige von den Deinigen
+für alle und für alles!« Der Diakon legt nun den Fächer beiseite und
+hebt die heilige Patene und den heiligen Kelch in die Höhe: in diesem
+Augenblick stellt der Altar nicht mehr das Zimmer, in dem das heilige
+Abendmahl stattfand, und der Hochaltar nicht mehr den Abendmahlstisch
+dar; jetzt ist er der Opferaltar, auf dem das furchtbare Opfer für die
+ganze Welt dargebracht wird -- das Golgatha, wo die furchtbare
+Hinschlachtung des göttlichen Opferlamms sich vollzog. Dieser Augenblick
+stellt den Augenblick des Opfers und den Moment dar, da ein jeder an das
+dem Schöpfer dargebrachte Opfer gemahnt wird. Wir beugen uns ja auch vor
+den irdischen Gewalten; wir verehren und achten ja auch die Menschen und
+gehorchen ihnen, aber wir opfern nur dem alleinigen Gott. Und dies Opfer
+hat nie aufgehört seit Erschaffung der Welt, in welcher Form es auch
+immer dargebracht werden mochte, das, worauf es dabei ankam, war nicht
+das Opfer selbst, sondern ein reumütiger Geist, mit dem es dargebracht
+wurde. Daher muß jeder der Anwesenden dessen eingedenk sein, daß der
+Priester in diesem Augenblick alles Gemeine und Diesseitige
+geringschätzen und alle irdischen Begierden und Gedanken vergessen muß
+gleichwie Abraham, der, als er zum Berg emporstieg, um das Opfer
+darzubringen, seine Frau, seinen Knecht und seinen Esel unten ließ und
+nur das Holz des bitteren Bekenntnisses seiner Sünden mit sich nahm, es
+im Feuer seiner inneren Reue zu Asche verbrannte und mit der Flamme und
+dem Schwerte des Geistes in sich jede Begierde nach irdischem Besitz und
+irdischen Gütern tötete. Was aber sind alle unsere Opfer vor dem
+Angesichte Gottes, wenn Er durch den Mund des Propheten zu uns spricht.
+»Wie ein unreines Gewand sind alle unsere Taten.«
+
+Tief durchdrungen vom Bewußtsein, daß es auf Erden nichts gibt, das da
+wert wäre, Gott zum Opfer gebracht zu werden, richtet jeder der
+Anwesenden seine Gedanken auf den Kelch, den der Diener des Altars im
+Altarraum emporhebt, und ruft im Inneren seines Herzens aus: »Also sei
+Dir dargebracht das Deinige von den Deinigen, für alle und für alles!«
+Der Chor singt: »Dir lobsingen wir, Dich segnen wir, Dir danken wir, o
+Herr, und wir beten zu Dir, unser Gott!«
+
+Und nun folgt der Höhepunkt der ganzen Liturgie: die
+Transsubstantiation. Im Inneren des Altarraumes wird jetzt der Heilige
+Geist dreimal angerufen und angefleht, Sich auf die heiligen Gaben
+herabzusenken -- derselbe Heilige Geist, durch Den die Fleischwerdung
+Christi, Seine Geburt durch die Jungfrau, Sein Tod und Seine
+Auferstehung vollzogen ward, und ohne Den sich das Brot und der Wein
+nicht in den Leib und das Blut Christi verwandeln können.
+
+Der Priester fällt vor dem heiligen Hochaltar nieder, und auch der
+Diakon verbeugt sich dreimal bis zur Erde, indem er bei sich selbst
+spricht: »Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten
+Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du
+Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.«
+Und nach diesem Anruf des Heiligen Geistes wiederholen alle bei sich den
+Vers: »Gib mir, o Gott, ein reines Herz und erneure in meinem Inneren
+einen gerechten Geist.«
+
+Noch einmal wird der Anruf wiederholt: »Herr Gott, Der Du in der dritten
+Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest,
+nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren
+werden, die wir zu Dir beten.« Und die Gemeinde singt den Vers: »Verwirf
+mich nicht von Deinem Angesicht und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von
+mir!« Und zum drittenmal erfolgt der Anruf: »Herr Gott, Der Du in der
+dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel
+herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns
+wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.« Der Diakon weist gesenkten
+Hauptes mit der Stola auf das heilige Brot hin und spricht bei sich
+selbst: »Segne, o Herr, das heilige Brot!« Und der Priester segnet es
+dreimal mit dem Kreuze und spricht: »Und mache dieses Brot zu dem
+heiligen Leibe Deines Christus.« Der Diakon sagt: »Amen!« Und damit ist
+das Brot in den Leib Christi verwandelt. Und abermals weist der Diakon
+mit der Stola stumm auf den heiligen Kelch und spricht bei sich selbst:
+»Segne, o Herr, den heiligen Kelch!« Und der Priester segnet ihn und
+spricht: »Mache, den Inhalt dieses Kelches zum heiligen Blut Deines
+Christus.« Der Diakon sagt: »Amen!« und spricht, indem er auf die beiden
+heiligen Gaben hinweist: »Segne sie beide, o Herr!« Der Priester segnet
+sie und spricht: »Verwandle sie durch Deinen Heiligen Geist!« Der Diakon
+sagt dreimal: »Amen!« Und auf dem Hochaltar ruhen jetzt der Leib und das
+Blut Christi selbst: die Transsubstantiation hat sich vollzogen! Ein
+_Wort_ rief das _ewige Wort_ herbei. Der Priester, dessen Stimme das
+Schwert vertritt, hat das Opfer vollbracht. Wer es auch sein möge -- ob
+er Peter oder Iwan heißt --, in seiner Person hat der ewige Hohepriester
+selbst dies Opfer vollbracht, und Er vollbringt es ewiglich durch die
+Person Seiner Priester, wie auf das Wort: »Es werde Licht!« das Licht
+ewiglich leuchtet und wie auf das Wort: »Es lasse die Erde aufgehen Gras
+und Kraut!« die Erde sie ewiglich aufgehen läßt. Und es ist nicht ein
+Bildnis oder die bloße Erscheinung des Leibes, die sich auf dem
+Hochaltar befindet, sondern der Leib Christi selbst -- derselbe Leib,
+der auf Erden Backenstreiche erhalten, bespien, gekreuzigt, begraben
+ward, auferstand und mit dem Herrn gen Himmel fuhr und nun zur Rechten
+des Vaters sitzt. Er behält nur deshalb auch weiter die Gestalt des
+Brotes, um dem Menschen zur Speise zu dienen, und weil der Herr selbst
+gesagt hat: »Ich bin das Brot.«
+
+Vom Kirchturm her ertönt jetzt Glockengeläut, um allen den großen
+Augenblick zu verkündigen, auf daß der Mensch -- wo er sich in diesem
+Moment auch befinden mag -- ob er unterwegs, ob er auf Reisen ist oder
+seinen Acker bestellt, ob er zu Hause sitzt oder einer anderen
+Beschäftigung nachgeht, ob er auf dem Krankenbett liegt oder in den
+Mauern eines Gefängnisses schmachtet -- kurz, damit er überall, wo er
+sich auch aufhält, in diesem furchtbaren Augenblick auch für sich beten
+könne. Alles stürzt vor dem Leib und Blut Christi nieder und fleht den
+Herrn mit den Worten des Übeltäters an: »Herr, gedenke an mich, wenn Du
+in Dein Reich kommst.«
+
+Der Diakon beugt sein Haupt vor dem Priester und spricht: »Gedenke an
+mich, o heiliger Herr!« und der Priester antwortet: »Gott gedenke deiner
+in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Und nun
+gedenkt der Priester aller vor dem Angesichte Gottes, indem er die ganze
+Kirche, die triumphierende wie die kämpfende, mit in sein Gebet
+einschließt und zwar in derselben Weise und Reihenfolge, wie ihrer aller
+während des Offertoriums gedacht wurde, wobei er mit der heiligen,
+reinen, göttlichen Jungfrau und Mutter Gottes beginnt. Ihr zu Ehren, als
+der Fürsprecherin der ganzen Menschheit und als der einzigen, die für
+ihre hohe Demut und Bescheidenheit würdig erachtet wurde, Gott in ihrem
+Schoße zu tragen, stimmt die ganze Kirche zusamt dem Chor einen
+Lobgesang an, damit ein jeder in diesem Augenblick vernehme, daß die
+Demut die höchste Tugend und daß in dem Herzen des Demütigen Gott
+lebendig sei.
+
+Nach der Mutter Gottes wird der Propheten, der Apostel und der
+Kirchenväter gedacht und zwar in derselben Reihenfolge, in der während
+des Offertoriums die Brotstücke für sie herausgeschnitten wurden; sodann
+wird aller Entschlafenen gedacht, deren Namen der Diakon verliest,
+sodann der Lebenden, wobei mit denen begonnen wird, denen die
+wichtigsten und höchsten Pflichten anvertraut sind, -- d. h. mit denen,
+die das Wort der Wahrheit gerecht verwalten, der geistlichen und
+weltlichen Obrigkeit und dem Kaiser; [»Gott helfe ihm und unterstütze
+ihn in seinem schweren Amt bei jedem Werke, das das allgemeine Wohl
+betrifft; möge ihm in seinem edlen Streben das ganze Staatsschiff
+einträchtiglich folgen, zusamt der Regierung und der Militärkammer, auf
+daß sie getreulich ihre Pflicht erfüllen, und auch uns lasset im
+Frieden, der von ihnen ausgeht, ein ruhiges Leben führen in aller
+Frömmigkeit und Reinheit!« Bei dieser Gelegenheit betet der Priester
+auch für alle anwesenden Christen bis auf den letzten, daß der allgütige
+Gott Seine Gnade über sie alle ergießen, ihre Schatzkammern mit Gütern
+füllen, die Eintracht und den Frieden in ihren Ehen walten, ihre Kinder
+groß werden lassen, die Jugend belehren, das Alter stützen und
+kräftigen, die Kleinmütigen trösten, die Zerstreuten sammeln, die
+Verführten zurechtweisen und in Seine heilige allgemeine apostolische
+Kirche aufnehmen möge. Für alle Christen bis auf den allerletzten, wo
+sich ein solcher Christ auch immer aufhalten möge, betet bei dieser
+Gelegenheit der demütige Priester;] ob der Christ unterwegs, auf der
+Wanderschaft, auf der See oder auf Reisen ist, ob er an einer Krankheit
+daniederliegt oder in der Verbannung, in Bergwerken oder unterirdischen
+Schächten schmachtet. Für alle -- bis auf den allerletzten -- betet bei
+dieser Gelegenheit die Kirche, und jeder Anwesende beteiligt sich nicht
+allein an diesem gemeinsamen Gebete für alle Menschen, sondern er betet
+auch für alle die Seinen, die seinem Herzen nahestehen, indem er sie
+insgesamt im Angesichte des Leibes und Blutes Christi beim Namen nennt.
+Dann ruft der Priester laut aus dem Altarraum: »Und laß uns preisen und
+lobsingen wie aus einem Munde und aus einem Herzen Deinen heiligen und
+herrlichen Namen, den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
+Geistes, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Die ganze Kirche
+antwortet mit einem bestätigenden »Amen!« Der Priester ruft: »Die Gnade
+des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi sei mit euch
+allen!«, und die Gemeinde erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Hiermit
+haben die Gebete für alle, die der Kirche Christi angehören, ihr Ende
+erreicht, wie sie im Angesicht des Leibes und des Blutes Christi zu Gott
+emporgerichtet werden.
+
+Nun besteigt der Diakon die Kanzel, um zum Gebet für die Gaben selbst
+aufzufordern, die Gott dargebracht werden und die bereits verwandelt
+sind, auf daß sie uns nicht zum Gericht und nicht zu einer Strafe für
+uns werden. Er erhebt die Stola mit drei Fingern seiner rechten Hand und
+ermuntert alle zum Gebet, indem er spricht: »Laßt uns aller Heiligen
+gedenken und immer wieder und wieder in Frieden zu Gott beten!« Der Chor
+singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns beten für die dargebrachten und
+geweihten heiligen Gaben!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt
+uns beten, daß unser Gott, Der die Menschen liebet, sie aufnehmen möge
+auf Seinem heiligen, über dem Himmel thronenden geistigen Altar, duftend
+von geistigen Wohlgerüchen, und daß Er uns herabsenden möge Seine
+göttliche Gnade und die Gabe des Heiligen Geistes!« Der Chor singt:
+»Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns zu Gott beten, daß Er uns bewahren möge
+vor Kummer, Zorn und Not!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf,
+rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« Der Chor
+singt: »Herr, erbarme Dich!« »Wir bitten Gott um einen vollkommen
+ungetrübten, vollkommen heiligen, friedlichen und sündlosen Tag!« Der
+Chor singt: »Gewähre ihn uns, o Gott!« »Wir bitten Gott um einen
+Friedensengel, einen treuen Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen
+und Leiber!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott
+um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und Verfehlungen!« Der Chor
+singt: »Gewähre sie uns, o Gott!« »Wir bitten den Herrn um alles Gute,
+was unserer Seele heilsam ist, und um Frieden auf Erden!« Der Chor
+singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott um ein Leben in
+Frieden und um ein reumütiges Ende!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o
+Herr!« »Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und
+friedliches Ende und darum, daß es uns beschieden sein möge, in Ehren
+Rechenschaft abzulegen am Jüngsten Tage Christi!« Der Chor singt:
+»Gewähre es uns, o Herr!« Und nun ruft der Diakon nicht mehr die
+Heiligen um Hilfe an, sondern er wendet sich direkt an Gott: »Wir bitten
+Dich um Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
+und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Jesus Christus, unserem
+Gotte!« Und alle singen mit völliger und inniger Hingebung: »Dir, o
+Herr!«
+
+Nun stimmt der Priester statt eines Trichagions folgenden Gesang an:
+»Würdige uns, o Herr, daß wir Dich, Gott, unseren himmlischen Vater,
+zuversichtlich und als Gerechtfertigte anrufen und lobsingen.« Und alle
+Gläubigen beten nicht mehr wie mit Furcht erfüllte Sklaven, sondern wie
+reine unschuldige Kinder, die sich durch das Gebet, den ganzen
+Gottesdienst und die stetige Ausführung der heiligen Bräuche in jenen
+engelhaften Gemütszustand himmlischer Rührung versetzt fühlen, in dem
+der Mensch unmittelbar mit Gott sprechen kann wie mit seinem Vater, das
+Gebet des Herrn: »Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde
+Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch
+auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere
+Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in
+Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.«
+
+Dieses Gebet umfaßt alles und schließt alles in sich ein, was wir
+brauchen. Die Bitte: »Geheiligt werde Dein Name!« enthält das Erste,
+worum wir zuerst und vor allem bitten müssen: wo Gottes Name geheiligt
+wird, da ist allen wohl, da sind folglich alle in Liebe miteinander
+verbunden, denn nur durch die Liebe wird Gottes Name geheiligt. Mit den
+Worten: »Dein Reich komme!« flehen wir das Reich der Wahrheit und
+Gerechtigkeit auf die Erde herab; ohne Gottes Herabkunft wird es nie
+eine Gerechtigkeit geben: denn Gott ist die Gerechtigkeit. Bei den
+Worten: »Dein Wille geschehe!« wird der Mensch durch den Glauben wie
+durch die Vernunft geführt: denn wessen Wille kann wohl herrlicher sein,
+als der Wille Gottes? Wer weiß denn besser als der Schöpfer, was Seinen
+Geschöpfen not tut. Wem soll man also vertrauen, wenn nicht Ihm, Der
+durch und durch nichts als die ewiglich nur Gutes zeugende Güte und
+Vollkommenheit ist! Mit dem Worte: »Unser täglich Brot gib uns heute!«
+bitten wir um alles, dessen wir zu unserem täglichen Lebensunterhalt
+bedürfen. Unser Brot aber ist die höchste göttliche Weisheit und
+Christus selbst. Er selbst hat gesagt: »Ich bin das Brot und wer von Mir
+isset, wird nicht sterben.« Mit den Worten: »Vergib uns unsere Schuld!«
+bitten wir, daß alle unsere schweren Sünden, die auf uns lasten, von uns
+genommen werden mögen -- wir bitten, daß uns alles erlassen werden möge,
+dessen wir uns gegenüber dem Schöpfer selbst schuldig gemacht haben,
+indem wir uns an unseren Brüdern vergingen; streckt Er uns doch jeden
+Tag und jede Minute in ihrer Gestalt Seine Hand entgegen, indem Er uns
+mit herzzerreißendem Klagelaut um Mitleid und Erbarmen anfleht. Mit den
+Worten: »Und führe uns nicht in Versuchung!« bitten wir Gott, uns vor
+allem zu behüten, was unser Gemüt verwirrt, uns irre leitet und uns
+unsere Seelenruhe raubt. Mit den Worten: »Sondern erlöse uns von dem
+Übel!« bitten wir um die himmlische Seligkeit; denn sowie der Böse von
+uns weicht, bemächtigt sich sogleich eine hohe Freudigkeit unserer
+Seele, und wir fühlen uns schon auf Erden wie im Himmel.
+
+So umfaßt und schließt dieses Gebet alles in sich ein, was uns die
+höchste göttliche Weisheit selbst beten gelehrt hat. Und zu wem beten
+wir? Zum Vater der Weisheit, Der Seine ewige Weisheit vor Beginn aller
+Zeiten zeugte. Da alle Anwesenden dieses Gebet bei sich wiederholen
+müssen, nicht mit dem Munde, sondern in der reinsten Unschuld eines
+kindlichen Herzens, so muß auch der Abgesang des Gebets auf den Chören
+einen kindlichen Charakter tragen: nicht in rauhen männlichen Tönen,
+sondern mit kindlicher Stimme, die die Seele selbst zu liebkosen
+scheint, muß dieses Gebet gesungen werden, auf daß man in ihr den
+Frühlingshauch des Himmels zu verspüren meine und daß in ihm etwas
+erklinge, was uns wie die Liebkosungen der Engel selbst berührt, denn in
+diesem Gebet reden wir ja Den, Der uns erschaffen hat, nicht mehr mit
+Gott an, sondern ganz schlicht mit den Worten: »Vater unser!«
+
+Der Priester begrüßt die Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes mit
+dem Gruße des Heilands: »Friede sei mit euch allen!« Die Gemeinde
+erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Jetzt fordert der Diakon alle zu
+einer inneren Herzensbeichte auf, die jeder nunmehr vor sich selbst
+ablegen muß, indem er ruft: »Beugt eure Häupter vor dem Herrn!« Und
+indem nun alle Anwesenden bis auf den letzten ihr Haupt beugen, sprechen
+sie bei sich selbst etwa folgendes Gebet: »Ich beuge mein Haupt vor Dir,
+mein Herr und Gott, ich bekenne meine Sünden aufrichtig und schreie zu
+Dir: ich bin sündig, o Herr, und unwert, Dich um Vergebung zu bitten,
+aber Du bist menschenfreundlich, so erbarme Dich denn meiner, obwohl ich
+es nicht verdient habe, wie der verlorene Sohn, rechtfertige mich wie
+den Zöllner und mache mich würdig, gleich dem Übeltäter in Dein
+himmlisches Reich einzugehen.« Und während so alle gebeugten Hauptes in
+innerer Herzenszerknirschung verharren, betet der Priester am Altare für
+alle mit folgenden Worten bei sich selbst: »Wir danken Dir, unsichtbarer
+König, Der Du in Deiner unermeßlichen Kraft alles erschaffen und durch
+Deine große Gnade alles aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen hast;
+blicke selbst vom Himmel auf die herab, o Herr, die ihr Haupt vor Dir
+beugen, denn sie beugen es nicht vor dem Fleische und dem Blute, sondern
+vor Dir, furchtbarer Gott. Wende alles, was uns bevorsteht, zu unserem
+Besten, o Herr, so wie es jedem not tut: Laß den Seefahrer den Hafen und
+den Reisenden sein Ziel erreichen, heile den Kranken, o Arzt der Seele
+und des Leibes!« Dann stimmt der Priester den herrlichen Lobgesang auf
+die Dreieinigkeit an, der sich an die himmlische Güte Gottes wendet:
+»Gesegnet seist Du durch die Gnade, die Milde und die Menschenliebe
+Deines eingeborenen Sohnes samt Ihm, Deinem Sohne und Deinem
+Allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in
+alle Ewigkeit!« Der Chor ruft: »Amen!« Nunmehr rüstet sich der Priester,
+selbst, und in Gemeinschaft mit allen, den Leib und das Blut Christi in
+sich aufzunehmen, indem er leise bei sich folgendes Gebet spricht:
+»Blicke herab, Herr Jesus Christus, unser Gott, aus Deiner heiligen
+Wohnung und vom ruhmvollen Thron Deines Reiches. Komm und heilige uns,
+Der Du hoch oben neben dem Vater sitzest und unsichtbar bei uns weilst,
+und mache uns [Priester] würdig, aus Deiner allmächtigen Hand Deinen
+reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu empfangen und es allen den Deinen
+darzureichen.«
+
+Während der Priester dies Gebet spricht, rüstet sich der Diakon zum
+heiligen Abendmahl: er tritt vor die Königspforte, umgürtet sich mit der
+Stola und kreuzt sie auf seiner Brust, gleich den Engeln, die ihre
+Flügel kreuzweise zusammenlegen und ihr Antlitz mit ihnen verdecken vor
+dem unnahbaren Lichte der Gottheit. Wie der Priester, verbeugt er sich
+dreimal und spricht bei sich selbst: »O Gott, reinige mich Sünder und
+erbarme Dich meiner!« Wenn dann der Priester seine Hand nach der
+heiligen Patene ausstreckt, fordert er alle, die im Tempel anwesend
+sind, durch das anfeuernde Wort: »Laßt uns aufmerken!« auf, alle ihre
+Gedanken auf das, was nun geschieht, hinzulenken. Der Altar entzieht
+sich dem Anblick des Volkes, der Vorhang wird zugezogen, damit zuerst
+der Priester das Abendmahl empfange. Nur die Stimme des Priesters, der
+die Patene in die Höhe hebt und ruft: »Das Heilige den Heiligen!« dringt
+aus dem Altar hervor. Tief erschüttert von dieser Verkündigung, die da
+besagt, daß man selbst heilig sein muß, um das Heilige in sich
+aufzunehmen, erwidert die ganz im Gebet versunkene Gemeinde: »Einer ist
+heilig, der eine Gott, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters!«
+worauf eine Lobhymne auf den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist,
+gesungen wird, um hierdurch anzudeuten, daß auch der Mensch heilig sein
+kann, so wie auch der Heilige, zu dessen Preis die Hymne gesungen wird,
+ein Heiliger werden konnte; auch er ward freilich heilig nicht durch
+seine eigene Heiligkeit, sondern durch die Heiligkeit Christi selbst.
+Durch sein Leben in Christo wird der Mensch geheiligt und in solchen
+Augenblicken der Ruhe in Christo ist er heilig wie Christus selbst,
+gleichwie das Eisen, wenn es im Feuer steckt, selbst zu Feuer wird und
+sofort erlöscht, sowie man es aus dem Feuer herausnimmt, und wieder
+gewöhnliches dunkles Eisen wird.
+
+Nun bricht der Priester das heilige Brot; zuerst bricht er es gemäß dem
+Zeichen, das während des Offertoriums auf ihm gemacht wurde, in vier
+Teile, indem er spricht: »Das Lamm Gottes wird zerlegt und zerteilt, das
+zerlegt und doch unteilbar ist, das stets gegessen und nie aufgezehrt
+wird, und das da heiligt, die davon essen.« Er legt eins von den Stücken
+des heiligen Leibes noch unvermischt mit dem Blute für sich und den
+Diakon zurück und zerlegt dann das Brot in so viele Teile, als die Zahl
+der Kommunikanten beträgt; aber durch diese Teilung wird doch der Leib
+Christi selbst nicht zerteilt, der Leib, dem kein Bein zerbrochen ward,
+und in dem kleinsten Teil erhält sich der Christus ganz und unversehrt,
+wie in jedem Gliede unseres Körpers dieselbe ganze und unteilbare Seele
+zugegen ist, und wie sich in einem Spiegel, auch wenn er in hundert
+Stücke zerspringt, selbst noch im kleinsten Splitter das Abbild
+derselben Dinge erhält. Wie in einem Ton, der an unser Ohr dringt,
+dieselbe Einheit erhalten bleibt oder wie derselbe ganze Ton sich
+unversehrt erhält, auch wenn tausend Ohren ihn vernehmen. Die Stücke,
+die während des Offertoriums zu Ehren der Heiligen und der Entschlafenen
+und im Namen einzelner von den Lebenden herausgeschnitten wurden, werden
+nicht alle in den Kelch getaucht. Sie bleiben einstweilen noch auf der
+Patene; nur die Teile, die den Leib und das Blut des Herrn darstellen,
+werden der Gemeinde während des heiligen Abendmahls dargereicht. In den
+ersten Zeiten der Kirche wurden sie in getrennter Gestalt dargereicht,
+wie sie auch heute noch von den Priestern genossen werden; ein jeglicher
+nahm den Leib des Herrn in die Hand und trank dann selbst aus dem Kelch.
+Aber da die heiligen Gaben infolge der Zuchtlosigkeit der neubekehrten
+und noch unwissenden Christen, die bloß dem Namen nach Christen geworden
+waren, oftmals von ihnen fortgetragen und mit nach Hause genommen
+wurden, wo man sie zu abergläubischen Zwecken und Zauberkünsten
+verwendete, oder da man in der Kirche in unwürdiger Weise mit ihnen
+umging, sich hierbei stieß, Lärm machte und die heiligen Gaben sogar
+verschüttete, als die Väter vieler Kirchen sich genötigt sahen, dem
+Volke den Kelch völlig vorzuenthalten und ihn durch die Darreichung der
+Oblate, als Symbol des Brotes, zu ersetzen, ein Brauch, den die
+abendländische römisch-katholische Kirche bei sich eingeführt hat, da
+ordnete der heilige Johannes Chrysostomus an, damit in der
+morgenländischen Kirche nicht das gleiche geschähe: daß Leib und Blut
+dem Volke nicht in getrennter und gesonderter, sondern in vereinigter
+Gestalt dargereicht werden und daß ihm beides nicht in die Hand gegeben,
+sondern in einem heiligen Löffel gereicht werden solle, der die Form
+jener Zange haben müsse, mit der der feurige Seraphim die Lippen des
+Propheten Jesaias berührte. Hierdurch sollen alle daran gemahnt werden,
+was das für eine Berührung ist, deren ihr Mund gewürdigt wird, und ein
+jeglicher deutlich erkennen, daß der Priester in diesem heiligen Löffel
+jene glühende Kohle hält, die der Seraphim mit der geheimnisvollen Zange
+vom Altar Gottes nahm, also daß bei der bloßen Berührung der Lippen des
+Propheten alle seine Missetat von ihm genommen wurde. Derselbe Johannes
+Chrysostomus ordnete ferner, um jeden Gedanken daran fernzuhalten, daß
+eine solche Vereinigung von Leib und Blut ein Willkürakt des Priesters
+sein könne, an, daß im Augenblick ihrer Vereinigung warmes Wasser in das
+Gefäß gegossen werde, was die erwärmende Gnade des Heiligen Geistes
+symbolisieren soll, der da ausgegossen wird, um diese Vereinigung zu
+heiligen, woher auch der Diakon dabei die Worte spricht: »Die Wärme des
+Glaubens, erfüllet vom Heiligen Geiste!« Beim Einschütten des warmen
+Wassers wird die Gnade des Heiligen Geistes herabgefleht, damit nichts
+ohne den Segen des Herrn dabei geschehe und auf daß die Wärme zugleich
+zum Sinnbild der Blutwärme diene und, indem sie sich jedem fühlbar
+macht, ihm zum Bewußtsein bringe, daß sie nicht aus einem toten Leib,
+dem ja kein warmes Blut entfließt, sondern aus dem lebendigen,
+lebenspendenden und lebenzeugenden Leibe des Herrn in ihn einströmt;
+denn er soll auch hierbei daran erinnert werden, daß auch der tote Leib
+des Herrn nicht von Seiner göttlichen Seele verlassen, daß er voll der
+Wirkung des Heiligen Geistes ist, und daß die Gottheit Sich nicht von
+ihm getrennt hat.
+
+Nachdem der Priester zuerst selbst das Abendmahl genommen und es dann
+dem Diakon gereicht hat, steht der Diener Christi als ein neuer, durch
+das Sakrament der Kommunion von allen seinen Sünden gereinigter Mensch
+da; in diesem Augenblick ist er im wahren Sinn des Wortes ein Heiliger
+und würdig, anderen das Abendmahl zu reichen.
+
+Die Königspforte tut sich auf, und der Diakon erhebt feierlich seine
+Stimme: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben!« Nun erscheint der
+verwandelte Seraphim -- d. h. der in der Königspforte stehende Priester
+mit dem Kelch in der Hand -- vor der ganzen Gemeinde.
+
+Verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Gotte und von der heißen Flamme
+der Liebe zu Ihm, treten alle Kommunikanten, einer nach dem anderen, die
+Hände auf der Brust gekreuzt, vor den Priester und sprechen gebeugten
+Hauptes leise bei sich selbst folgendes Gebet, in dem sie ihren Glauben
+zu dem Gekreuzigten bekennen: »Ich glaube, o Herr, und bekenne, daß Du
+in Wahrheit bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die
+Welt gekommen ist, die Sünder zu erlösen, deren vornehmster ich selbst
+bin. Ich glaube auch, daß dies Dein heiliger Leib und daß dies Dein
+gerechtes Blut ist; daher bete ich zu Dir: erbarme Dich meiner und
+vergib mir meine Sünden, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, deren
+ich mich in Worten oder Taten, wissentlich oder unwissentlich schuldig
+gemacht habe, und gib, daß ich nicht als Verworfener teilhaftig werde
+Deines heiligen Sakramentes zur Vergebung der Sünden und zum ewigen
+Leben.« Hier hält der Andächtige einen Augenblick inne, um die Bedeutung
+dessen, wozu er sich anschickt, in Gedanken zu erfassen, und fährt
+sodann aus innerstem Herzen fort, indem er folgende Worte spricht:
+
+»Laß mich heute Deines heiligen Abendmahls teilhaftig werden, o Sohn
+Gottes, denn nicht als Dein Feind will ich Dein Geheimnis verraten, noch
+Dich küssen mit dem Kusse des Judas, sondern ich will Dich bekennen
+gleich dem Übeltäter, indem ich spreche: »Herr, gedenke an mich, wenn Du
+in Dein Reich kommst.« Und indem der Betende in seinem Inneren einen
+Augenblick andächtig innehält, fährt er fort: »Gib, o Herr, daß ich mir
+aus Deinem heiligen Abendmahl nicht das Gericht und die Verdammnis esse
+und trinke, sondern daß es mir zum Heil meiner Seele und meines Körpers
+gereiche.«
+
+Nachdem nun ein jeglicher dieses Bekenntnis abgelegt hat, naht er sich
+dem Geistlichen nicht wie einem gewöhnlichen Priester, sondern wie dem
+feurigen Seraphim selbst, indem er sich bereit hält, mit offenem Munde
+die glühende Kohle des heiligen göttlichen Leibes und Blutes, die ihm im
+Löffel gereicht wird, in sich aufzunehmen, sie, die den ganzen häßlichen
+Schmutz und Unrat seiner Sünden zu Asche verbrennen soll, wie trockenes
+Reisig, die ewige Nacht aus seiner Seele verscheuchen und ihn selbst in
+einen strahlenden Seraph verwandeln soll. Und wenn dann der Priester den
+heiligen Löffel an seine Lippen führt, den Kommunikanten beim Namen
+nennt und spricht: »Der Knecht Gottes empfängt das gerechte und heilige
+Blut des Herrn und Gottes, unseres Heilandes Jesu Christi, zur Vergebung
+der Sünden und zum ewigen Leben,« nimmt er den Leib und das Blut des
+Herrn in sich auf; so steht er in seinem Inneren einen Augenblick seinem
+Gott gegenüber, indem er Ihm selbst vor das Angesicht tritt. Dieser
+Augenblick ist unzeitlich und er unterscheidet sich durch nichts von der
+Ewigkeit, denn er ist erfüllt von Dem, Der da der Grund aller Ewigkeit
+ist.
+
+Indem der Mensch durch den Genuß des Leibes und des Blutes dieses großen
+Augenblicks teilhaftig geworden ist, steht er von heiliger Ehrfurcht
+erfüllt da; nun wird sein Mund mit dem heiligen Aër abgetrocknet, und
+diese Handlung wird mit den Worten des Seraphs begleitet, die dieser an
+den Propheten Jesaias richtete: »Siehe, hiermit sind deine Lippen
+gerühret, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde
+versöhnet sei.« Nunmehr tritt er selbst als ein Heiliger von dem
+heiligen Kelche zurück, indem er sich vor den Heiligen verbeugt, sie
+grüßt und sich vor den Anwesenden verneigt, die seinem Herzen jetzt
+soviel näher stehen als bis dahin und die nun durch das Band einer
+heiligen himmlischen Blutsverwandtschaft mit ihm verbunden sind; dann
+geht er wieder an seinen Platz zurück, ganz erfüllt von dem Gedanken,
+daß er Christus selbst in sich aufgenommen hat, daß Christus in ihm
+weilt und in fleischlicher Gestalt in seinen Leib hinabgestiegen ist,
+wie in ein Grab, um bis in die geheimste Kammer seines Herzens
+einzudringen und aufzuerstehen in seinem Geiste, denn in ihm selbst
+vollzieht Er Sein Begräbnis und Seine Auferstehung. Und die ganze Kirche
+leuchtet auf im Lichte dieser geistigen Auferstehung und jauchzend
+stimmt der Sängerchor einen Jubelgesang an:
+
+»Wir haben gesehen Christi Auferstehung, so lasset uns anbeten den
+heiligen Herrn Jesum, Ihn, den Einzigen, Sündlosen. Wir beten Dein Kreuz
+an, o Christus, und lobsingen und preisen Deine heilige Auferstehung,
+denn Du bist unser Gott, wir kennen keinen, außer Dir, und preisen
+Deinen Namen. Kommet her, alle ihr Gläubigen, lasset uns anbeten die
+heilige Auferstehung Christi, denn durch das Kreuz ward der ganzen Welt
+große Freude zuteil. Wir segnen den Herrn ewiglich und preisen Seine
+Auferstehung: denn Er erlitt und erduldete den Kreuzestod, und indem er
+starb, hat Er den Tod überwunden.« Und hierauf singt der Chor gleich den
+Engeln, die sich zu dieser Zeit versammeln:
+
+»Strahle auf und leuchte, neues Jerusalem, denn Gottes Ruhm ist über dir
+aufgegangen. Jubele und freue dich nun, o Zion. Und du, reine Jungfrau
+und Mutter Gottes schmücke dich, denn Er, Den du geboren hast, ist
+auferstanden. O großes, heiligstes Passahfest Christi! O Weisheit, du
+Wort und Kraft Gottes! laß uns deiner noch in vollkommener Weise
+teilhaftig werden an dem nie endenden Tage deines Reiches!«
+
+Während die frohlockende Kirche also widerhallt von den
+Auferstehungsliedern, stellt der Priester, im geschlossenen Altarraum,
+den heiligen Kelch auf den heiligen Hochaltar, der gleich der Patene
+wieder mit einer Decke zugedeckt wird, und richtet ein Dankgebet an den
+Herrn und Wohltäter unserer Seelen dafür, daß Er alle durch Seine Gnade
+teilnehmen ließ an Seinem himmlischen ewigen Sakramente, und er schließt
+mit der Bitte, Gott möge uns auf den rechten Weg führen, uns alle in der
+heiligen Ehrfurcht zu Ihm befestigen, unser Leben behüten und unseren
+Schritten Kraft und Festigkeit verleihen.
+
+Und nun öffnet sich die Königspforte zum letztenmal, denn dieses offene
+Tor soll die offenen Pforten des Himmelreiches versinnbildlichen, das
+Christus allen zuteil werden ließ, indem Er Sich selbst der ganzen Welt
+zur Speise darbrachte. Das Hinaustragen des heiligen Kelches, wobei der
+Diakon die Worte spricht: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben,«
+sowie das Zurücktragen des Kelches soll versinnbildlichen, daß Christus
+zum Volke hinausgeht, um alle Menschen mit Sich in das Haus Seines
+Vaters zurückzuführen. Vom Chor ertönt ein donnernder feierlicher
+Jubelgesang zur Antwort: »Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn;
+unser Herr und Gott erscheine, Der uns erscheint.« Und die ganze
+Gemeinde vereinigt sich mit dem Chor und stimmt einen donnernden
+geistlichen Lobgesang an, der aus der Tiefe des gewaltig erstarkten und
+erhobenen Geistes kommt. Der Priester segnet die Anwesenden mit den
+Worten: »Errette, o Herr, Deine Menschen und segne Dein Eigentum,« denn
+er nimmt an, daß in diesem Augenblick alle durch ihre Reinheit zu Gottes
+eigenstem Eigentum geworden sind -- dann schwingt er sich in Gedanken
+empor und gedenkt der Himmelfahrt Christi, die den Abschluß Seines
+Erdenwandels bildete: er tritt zusammen mit dem Diakon vor den heiligen
+Hochaltar, verneigt sich und räuchert zum letztenmal, indem er spricht:
+»Aufgefahren zum Himmel bist Du, o Herr, die ganze Erde ist Deines
+Ruhmes voll,« inzwischen aber begeistert der Chor durch jauchzende
+Jubelgesänge und Töne, die von strahlender geistiger Freude erfüllt
+sind, die verklärten Gemüter der Anwesenden zu folgenden Worten, dem
+höchsten Ausdruck geistiger Freude: »Wir haben das wahre Licht geschaut,
+wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben uns mit dem
+wahrhaften Glauben erfüllt und beten an die Heilige unteilbare
+Dreieinigkeit, denn Sie hat uns erlöst.«
+
+Der Diakon erscheint mit der heiligen Patene auf dem Haupte im heiligen
+Tor, er spricht kein Wort, blickt stumm auf die ganze Versammlung und
+entfernt sich hierauf wieder, womit er andeuten will, daß Christus uns
+verlassen hat und gen Himmel gefahren ist. Nach dem Diakon erscheint der
+Priester mit dem heiligen Kelch im heiligen Tore und verkündigt, daß der
+Herr, Der gen Himmel gefahren ist, alle Tage bis zum Ende der Welt bei
+uns weilet, indem er spricht: »Immerdar, jetzo, hinfort und in alle
+Ewigkeit,« worauf der Kelch und die Patene zurückgetragen und auf den
+Seitenaltar gestellt werden, auf dem das Offertorium stattfand und der
+jetzt nicht mehr die Krippe, die eine Zeugin der Geburt Christi war,
+sondern jenen höchsten Ort des Ruhmes darstellt, auf dem sich die
+Himmelfahrt Christi in den Schoß des Vaters vollzog.
+
+Hier vereinigt sich die ganze Kirche unter Führung des Sängerchors zu
+einem feierlichen Dankgesang der Seelen, und dies sind die Worte des
+Lobgesangs: »Laß unseren Mund sich erfüllen mit Deinem Lobe, o Herr, daß
+wir Deinen Ruhm singen, Der Du uns würdigest, an Deinem heiligen,
+göttlichen, unvergänglichen, lebenspendenden Sakramente teilzunehmen;
+behüte uns in Deinem Heiligtume, auf daß wir den ganzen Tag Belehrung
+schöpfen aus Deiner Weisheit!« Hierauf singt der Sängerchor dreimal ein
+begeistertes: »Halleluja!«, das allen das ewige Wandeln und die
+Allgegenwart Gottes in Erinnerung ruft. Der Diakon besteigt die Kanzel,
+um die Anwesenden zum letztenmal zu Dankgebeten aufzufordern. Er hebt
+die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und spricht: »Vergib!
+lasset uns, nachdem wir empfangen haben das göttliche, heilige, reine,
+unvergängliche, himmlische, lebenspendende und furchtbare Sakrament
+Christi, würdig danken dem Herrn.« Und alle Anwesenden singen leise und
+mit dankbarem Herzen: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf, rette, erbarme Dich
+und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« ruft der Diakon zum
+letztenmal. Und alle singen den Gesang: »Herr, erbarme Dich! Wir beten,
+daß dieser ganze Tag heilig, friedlich und sündlos zu Ende gehe und
+weihen uns, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte!«
+Und mit der sanften Fügsamkeit eines Kindes und dem himmlischen
+Vertrauen auf Gott rufen alle aus: »Dir, o Herr!« Der Priester hat
+währenddessen das Corporale zusammengelegt und verkündigt nun mit dem
+Evangelium in der Hand ... und stimmt einen Lobgesang auf die
+Dreieinigkeit an, der bisher gleich einem alles erhellenden Leuchtturm
+den ganzen Gang des Gottesdienstes erleuchtete und jetzt mit noch
+hellerem Lichte in den verklärten Seelen aufstrahlt; diesmal aber lautet
+der Lobgesang auf die Dreieinigkeit folgendermaßen: »Da Du bist unsere
+Heiligung, so singen wir Dir Ruhm und Preis: dem Vater, dem Sohne und
+dem Heiligen Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.«
+
+Dann tritt der Priester vor den Seitenaltar, auf dem der Kelch und die
+Patene stehen. Alle die Stücke, die bisher auf der Patene lagen und die
+während des Offertoriums zum Gedächtnis der Heiligen, zu Ehren der
+Entschlafenen und für das geistige Wohlergehen der Lebenden
+herausgeschnitten wurden, werden jetzt in den heiligen Kelch getaucht,
+und durch diesen Akt des Eintauchens nimmt die ganze Kirche am Leibe und
+Blute Christi teil -- sowohl die, die noch auf Erden umherirrt und
+kämpft, als auch die, die bereits triumphieret im Himmel: die Mutter
+Gottes, die Propheten, die Apostel, die Kirchenväter, die Priester, die
+Einsiedler, die Märtyrer, alle Sünder, für die ein Stück aus dem Brote
+herausgeschnitten wurde, sowohl die, die auf Erden leben, als auch die,
+die schon dahingegangen sind, nehmen in diesem Augenblick am Leibe und
+Blute Christi teil. Und der Priester, der in diesem Augenblick als der
+Vertreter der ganzen Kirche vor Gottes Angesichte steht, trinkt aus dem
+Kelche diese Kommunion aller und betet, nachdem er die Kommunion in sich
+aufgenommen hat, für alle, auf daß ihre Sünden weggewaschen werden, denn
+um der Erlösung aller willen ward dieses Opfer von Christus dargebracht,
+sowohl für die, die vor Seinem Kommen gelebt haben, als auch für die,
+die nach seinem Erscheinen leben. Und so sündhaft sein Gebet auch sein
+mag, der Priester richtet es für alle zu Gott empor, selbst für die
+heiligsten unter den Menschen, denn Johannes Chrysostomus hat gesagt:
+»Die ganze Welt muß gereiniget werden.«
+
+Die Kirche ordnet ein allgemeines Gebet für alle an, und die hohe
+Bedeutung eines solchen Gebets und seine strenge Notwendigkeit sind
+nicht von den Philosophen und nicht von Gelehrten und Weltweisen des
+Zeitalters, sondern von den erhabensten Menschen erkannt worden, die
+durch ihre hohe geistige Vollkommenheit und durch ihr himmlisches
+engelhaftes Leben bis zur Erkenntnis der tiefsten geistigen Geheimnisse
+durchdrangen und klar einsahen, daß es keine Trennung unter denen, so in
+Gott leben, gibt, daß ihr Verkehr infolge der momentanen Verweslichkeit
+unseres Leibes nicht aufhört, daß die Liebe, die hier erblühte und uns
+verband auf der Erde, im Himmel als in ihrer Heimat noch viel mächtiger
+wird, und daß ein Bruder, der uns verlassen hat, uns durch die Macht der
+Liebe noch weit näher gerückt wird. Und alles, was aus Christus
+hervorgeht, ist ewig, wie die Quelle selbst ewig ist, aus der es
+entspringt. Sie haben ja auch durch ihre höheren Sinnesorgane erfahren,
+daß sogar die triumphierende Kirche im Himmel beten muß, und daß sie in
+der Tat für ihre auf Erden herumirrenden Brüder betet; sie haben auch
+erkannt, daß Gott uns im Gebet die höchste Seligkeit beschieden hat,
+denn Gott tut nichts und erweist niemand eine Wohltat, ohne Sein
+Geschöpf an Seinem Werke mitwirken zu lassen, auf daß es die hohe Wonne
+des Wohltuns mitgenieße; der Engel, der der Überbringer Seines Befehls
+ist, versinkt förmlich in Seligkeit, bloß weil er Seine Befehle
+überbringen darf. Der Heilige betet im Himmel für seine Mitbrüder, die
+hier auf Erden weilen, und versinkt in lauter Seligkeit, weil er beten
+darf. Und alles nimmt mit Gott an allen Seinen höchsten Wonnen und an
+Seiner Seligkeit teil: Millionen der vollkommensten Geschöpfe gehen aus
+Gottes Hand hervor, um an der höchsten und erhabensten Seligkeit
+teilzunehmen, und dies nimmt kein Ende, wie Gottes Seligkeit kein Ende
+nimmt.
+
+Nachdem der Priester die Kommunion aller mit Gott aus dem Kelche
+getrunken hat, verteilt er die Weihbrote, denen die Stücke entnommen und
+aus denen sie herausgeschnitten wurden, an das Volk und übt damit den
+alten hohen Brauch des Liebesmahls aus, der bei den ersten Christen
+herrschte. Obwohl heute zu diesem Zweck kein Tisch mehr gedeckt wird,
+weil die ungebildeten und noch rohen Christen durch törichte
+Kundgebungen einer ungestümen Freude und durch Worte des Streits statt
+durch Worte der Liebe die Heiligkeit dieses rührenden himmlischen Mahles
+im Hause Gottes entweiht hatten, eines Mahles, bei dem alle Teilnehmer
+Heilige waren, bei dem alle Teile in eins zusammenflossen und
+währenddessen sie miteinander sprachen und sich unterhielten wie reine,
+unschuldige Kindlein, als wenn sie bei Gott im Himmel weilten; obwohl
+die Kirchen selbst einsahen, daß es unbedingt notwendig sei, diesen
+Brauch aufzuheben und selbst die Erinnerung an dieses Festmahl in vielen
+Kirchen zu tilgen, konnte die morgenländische Kirche sich
+nichtsdestoweniger nicht entschließen, diese Sitte gänzlich
+abzuschaffen, und so feiert sie auch heute noch in der Verteilung des
+heiligen Brotes an das gesamte in der Kirche versammelte Volk das alte
+Liebesmahl. Daher nimmt ein jeder, der das Weihbrot empfängt, dieses
+statt des Brotes entgegen, das von jenem Mahle herstammt, bei dem der
+Herr der Welt selbst Sich mit Seinen Jüngern unterredet hat, daher muß
+er es voller Ehrfurcht genießen und sich vorstellen, er sei von allen
+Menschen wie von lieben Brüdern umgeben, daher genießt er es denn auch,
+wie das in der Urkirche Sitte war, vor jeder anderen Speise, nimmt es
+mit sich nach Hause, oder er bringt es den Kranken, den Armen und
+solchen, die an jenem Tage aus irgendeinem Grunde nicht in der Kirche
+sein konnten.
+
+Nachdem der Priester die heiligen Brote verteilt hat, schließt er die
+Liturgie mit einem Gebet und segnet sodann das ganze Volk mit den
+Worten: »Christus, unser wahrhaftiger Gott, erbarme Sich unser auf die
+Fürbitte Seiner reinen Mutter, auf Fürbitte unseres Erzbischofs Johannes
+Chrysostomus (wenn an diesem ebenso wie am vergangenen Tage die Liturgie
+des Chrysostomus stattfindet), auf Fürbitte des Heiligen (hier nennt er
+den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist) sowie aller Heiligen; und
+errette uns, denn Er ist gütig und menschenfreundlich.« Die Gemeinde
+bekreuzigt sich, fällt auf die Knie und geht auseinander, während der
+Chor einen lauten Gesang anstimmt und Gebete für das Leben des Kaisers
+emporrichtet.
+
+Nunmehr legt der Priester im Inneren des Altarraumes seine Gewänder ab,
+indem er spricht: »Nun entläßt Du Deinen Knecht!« und er begleitet diese
+Handlung mit Lobgesängen und Hymnen zu Ehren des Vaters und Bischofs der
+Kirche, dem zu Ehren die Liturgie zelebriert wurde, sowie zu Ehren der
+heiligen reinen Jungfrau, in der sich die Menschenwerdung Dessen
+vollzog, Dem die ganze Liturgie geweiht ist. Der Diakon verzehrt
+unterdessen alles, was noch im Kelche enthalten ist, gießt noch etwas
+Wein und Wasser hinein, spült die inneren Wände des Kelches ab, trinkt
+sodann den Inhalt des Kelches aus und trocknet ihn sorgfältig mit dem
+Schwamm ab, damit nichts mehr darin bleibe, dann räumt er die heiligen
+Gefäße zusammen, bedeckt sie mit Decken, bindet sie zusammen und spricht
+ebenso wie der Priester: »Nun entläßt Du Deinen Knecht!« worauf er
+dieselben Gesänge und Gebete wiederholt. Und beide verlassen die Kirche
+mit frischen, strahlenden Gesichtern, mit einem von jauchzender
+Freudigkeit erfüllten Geist und Worten des Dankes für den Herrn auf den
+Lippen.
+
+
+ Schluß
+
+Die Wirkung, die die heilige Liturgie auf den Geist ausübt, ist
+gewaltig: sie vollzieht sich sichtbar und vor den Augen der ganzen Welt
+und bleibt doch verborgen. Und wenn der Kirchenbesucher nur jeder
+Handlung andächtig und aufmerksam und den Ermahnungen des Diakons
+gehorsam gefolgt ist, -- so wird seine Seele von einer gehobenen
+Stimmung ergriffen, Christi Gebote werden für ihn erfüllbar, das Joch
+Christi wird sanft, und Seine Last wird leicht. Wenn er dann den Tempel
+verlassen hat, woselbst er an dem göttlichen Liebesmahl teilgenommen
+hat, sieht er alle Menschen als seine Brüder an. Was er auch tut, ob er
+wieder an seine gewohnten Geschäfte geht, sich seinem Dienst oder seiner
+Familie widmet, wo und in welchem -- -- -- es auch sei, stets schwebt
+ihm ganz unwillkürlich das hohe Ziel eines liebevollen Verhaltens gegen
+seine Mitmenschen vor der Seele, wie es uns der Gottmensch vom Himmel
+mitgebracht hat; ohne daß er es selbst merkt, wird er freundlicher und
+gütiger gegen seine Untergebenen. Wenn er selbst einen Vorgesetzten über
+sich hat, so ordnet er sich ihm liebevoller unter, als wäre es der
+Heiland selbst, dem er gehorcht. Wenn er einen Menschen sieht, der um
+Hilfe bittet, ist sein Herz mehr denn sonst zur Hilfe geneigt, er findet
+mehr [Freude] daran und schenkt dem Armen aus liebendem Herzen ein
+Almosen. Ist er dagegen selbst arm, so nimmt er jede kleine Gabe voller
+Dankbarkeit entgegen; sein Herz ist von Rührung ergriffen und will vor
+Dank vergehen, und niemals betet er so dankerfüllt für seinen Wohltäter.
+Und alle, die der göttlichen Liturgie aufmerksam gefolgt sind, verlassen
+die Kirche sanftmütiger, sind gütiger im Umgang mit dem Menschen und
+freundlicher und milder in allem, was sie tun.
+
+Daher muß ein jeder, der innerlich fortschreiten und besser werden will,
+die göttliche Liturgie, so oft als nur möglich, besuchen und ihr
+aufmerksam folgen: sie stimmt den Menschen ganz unmerklich und richtet
+seine Seele empor. Und wenn sich unsere Gesellschaft noch nicht
+vollständig aufgelöst hat, wenn die Menschen noch nicht von einem tiefen
+unversöhnlichen Haß widereinander erfüllt sind, so liegt der letzte
+tiefste Grund in der göttlichen Liturgie, die den Menschen an das
+heilige himmlische Gebot der Liebe zu seinen Brüdern mahnt. Wer sich
+daher in der Liebe stärken will, der sollte dem heiligen Liebesmahl so
+oft als möglich, voller Furcht, voller Glauben und Liebe beiwohnen. Und
+wenn er das Gefühl hat, daß er dessen noch nicht würdig ist, mit seinem
+Munde den Gott in sich aufzunehmen, Der selbst ganz Liebe ist, so soll
+er wenigstens der Liturgie als Zuschauer beiwohnen, er mag zusehen, wie
+die anderen das heilige Abendmahl nehmen, um unmerklich und
+unwillkürlich mit jeder Woche besser und vollkommener zu werden.
+
+Gewaltig und unermeßlich könnte die Wirkung der heiligen Liturgie sein,
+wenn der Mensch ihr beiwohnte, um das, was er gehört hat, in sein Leben
+aufzunehmen.
+
+Indem alle in gleicher Weise aus der Liturgie Belehrung schöpfen und
+indem sie auf alle Glieder der Gesellschaft vom Zaren herab bis zum
+letzten Bettler gleichermaßen wirkt, spricht sie zu allen in gleicher
+Weise, wenngleich nicht in derselben Sprache, und unterweist alle in der
+Liebe, die da ist das Band der Gesellschaft, die innerste Triebfeder
+alles dessen, das sich harmonisch bewegt, und die Nahrung und das Leben
+von allem.
+
+Wenn aber die heilige Liturgie schon, während sie zelebriert wird, so
+stark auf die Anwesenden wirkt, so ist ihre Wirkung auf den Zelebranten
+oder den Priester noch weit tiefer. Wenn er sie andächtig und mit
+Ehrfurcht, Glauben und Liebe zelebriert, so reinigt sich sein ganzes
+Wesen, gleich einem Gefäß, das später zu nichts mehr ...; und mag er nun
+den ganzen Tag erregt in der Erfüllung seiner zahlreichen
+seelsorgerischen Pflichten, inmitten seiner Familie, seiner Hausgenossen
+oder seiner Pfarrkinder zubringen, der Heiland selbst wird sich in ihm
+verkörpern. Christus wird in allen seinen Handlungen lebendig sein, und
+der Heiland wird durch seinen Mund zu uns sprechen. Ob er die
+Streitenden zu versöhnen oder den Starken oder den Zornigen zu bewegen
+sucht, Gnade gegenüber dem Schwachen zu üben; ob er den Trauernden
+tröstet und den Bedrückten zur Geduld ermahnt oder ... seine Worte
+werden von der heilenden Kraft des Balsams erfüllt sein und überall und
+allerorten zu Worten des Friedens und der Liebe werden.
+
+
+
+
+ Jugendschriften
+
+
+ 1834
+
+Großer, feierlicher Augenblick! Gott, wie rauschen, wie drängen sich in
+ihm die Wogen der mannigfaltigsten Gefühle zusammen! Nein, das ist kein
+Traum. Das ist die verhängnisvolle unvermeidliche Grenzscheide zwischen
+Erinnerung und Hoffnung ... Es gibt schon kein Erinnern mehr, schon
+schwindet es dahin, schon wird es von der Hoffnung zurückgedrängt. Zu
+meinen Füßen braust meine Vergangenheit; über mir, durch Nebelschleier
+hindurch, schimmert geheimnisvoll die Zukunft. Ich flehe dich an, Leben
+meiner Seele (mein Schutzgeist, mein Engel), mein Genius! Verbirg dich
+nicht vor mir! Wache in diesem Augenblick über mir und weiche dieses
+ganze Jahr, das für mich so vielversprechend beginnt, nicht von meiner
+Seite. Wie wirst du aussehen, du, meine Zukunft? Liegst du glanzvoll,
+groß vor mir, gärt es in dir von gewaltigen Taten, oder ... O mögest du
+ruhmvoll, tatenreich und ganz der Arbeit und der Ruhe gewidmet sein!
+Warum stehst du so geheimnisvoll vor mir, du [Jahr] 1834? Sei auch du
+mein Schutzengel. Sollten sich Trägheit und Gefühllosigkeit auch nur
+einen Augenblick erdreisten, sich mir zu nahen, -- oh, dann wecke mich
+aus dem Schlummer, gib es nicht zu, daß sie Macht über mich gewinnen!
+Laß deine so vielsagenden Zahlen wie eine nimmer ruhende Uhr, wie mein
+Gewissen vor mir stehen: laß jede deiner Ziffern lauter denn eine
+Sturmglocke an mein Ohr tönen, laß sie gleich einem galvanischen Stab
+meinen ganzen Körper in Zuckungen versetzen und erschüttern.
+
+Geheimnisvolles, unbegreifliches Jahr 1834! Wo werde ich dich durch
+große Werke kennzeichnen? Inmitten dieses Haufens aufeinandergetürmter
+Häuser, dieser lärmenden Straßen, dieser siedenden Geschäftigkeit --
+dieser Menge, dieses Durcheinanders aller möglichen Moden, Paraden,
+Beamten, dieser seltsamen nordischen Nächte, dieses Glanzes und dieser
+gemeinen Farblosigkeit? In meinem herrlichen, alten, gelobten, mit
+fruchtreichen Gärten geschmückten Kiew, das mein prachtvoller,
+wundersamer, südlicher Himmel überwölbt und das wonneatmende Nächte
+einhüllen, wo die Berge mit ihren schönen -- man möchte sagen
+harmonischen -- Hängen, und wo mein klarer, wild dahinstürmender Dnjepr,
+der es umspült, im Schmuck grünen Buschwerks prangt? -- Wird es dort
+sein? ... Oh! Ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll, mein Genius! Du,
+der du schon seit meiner Wiege im Vorüberfliegen mein Ohr mit deinen
+harmonischen Liedern trafst, der du solch herrliche, mir bis heute noch
+unbegreifliche Gedanken in mir erwecktest und solch unendliche
+wonnevolle Träume in mir nährtest! Oh, blicke mich an! Herrlicher,
+blicke herab auf mich mit deinen himmlischen Augen! Ich knie vor dir.
+Ich liege zu deinen Füßen! Oh, verlasse mich nicht! Verweile bei mir auf
+der Erde, wenn auch nur zwei Stunden an jedem Tage, als mein herrlicher
+Bruder! Ich will es vollbringen. Ja, ich werde es vollbringen. In mir
+kocht es und siedet's vor Lebenskraft. Meine Werke werden von
+Begeisterung erfüllt sein. Die erhabene Gottheit, die über dieser Erde
+thront, wird über ihnen schweben. Ich werde es vollbringen ... Oh, küsse
+und segne mich!
+
+
+ Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken
+
+Es gibt bisher noch keine vollständige und befriedigende Darstellung der
+Geschichte Kleinrußlands und des kleinrussischen Volkes. Die zahlreichen
+kompilatorischen Darstellungen, die meist ohne strenge kritische
+Gesichtspunkte plan- und ziellos aus verschiedenen Chroniken
+zusammengetragen, dazu noch meist ganz unvollständig sind und durch die
+bisher diesem Volke sein Platz in der Weltgeschichte noch nicht
+angewiesen ward, diese Darstellungen nenne ich (trotzdem sie als
+Material ganz wertvoll sein können) noch keine Geschichte. Ich habe mich
+entschlossen, diese Arbeit auf mich zu nehmen und möglichst ausführlich
+darzustellen, wie dieser Teil Rußlands sich loslöste (und selbständig
+wurde), was für eine politische Verfassung er unter der fremden
+Herrschaft erhielt, wie sich hier eine kriegerische Bevölkerung
+heranbildete, die sich durch eine große Originalität des Charakters und
+durch ihre Taten auszeichnete; wie sich dieses Volk drei Jahrhunderte
+lang mit der Waffe in der Hand seine Rechte erobern mußte und hartnäckig
+seine Religion verteidigte, und wie es sich schließlich für immer an
+Rußland anschloß; wie es seinen kriegerischen Charakter verlor und sich
+in ein Volk von Ackerbauern verwandelte; wie sich das ganze Land
+allmählich statt der alten neue Rechte eroberte und endlich mit Rußland
+völlig zu einem Ganzen verschmolz. Ungefähr fünf Jahre lang habe ich mit
+großem Eifer Materialien gesammelt, die sich auf die Geschichte dieses
+Landes beziehen. Die Hälfte meiner Geschichte ist bereits so gut wie
+fertig, aber ich zögere noch, die ersten Bände herauszugeben, da ich
+vermute, daß es noch viele Quellen gibt, die mir vielleicht noch nicht
+bekannt sind, und die sich ohne Zweifel in den Händen von Privatpersonen
+befinden. Daher wende ich mich an alle die, die irgendwelche
+Materialien: Chroniken, Memoiren, Lieder, Erzählungen von
+Bandurenspielern, Aktenstücke (besonders auch solche, die sich auf die
+ersten Epochen der kleinrussischen Geschichte beziehen), besitzen (es
+ist unmöglich, daß meine gebildeten und aufgeklärten Landsleute mir
+diese Bitte abschlagen könnten). Ich bitte sie inniglich, mir diese
+Materialien zuzuschicken: wenn nicht die Originale, so doch wenigstens
+Kopien.
+
+
+
+
+ Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung
+ Der schreckliche Eber
+
+
+ I.
+ Der Lehrer
+
+Die Ankunft einer neuen Person in dem gesegneten Lande Goltwjan machte
+mehr Aufsehen als das Gerücht, das vor zwei Jahren durch das Land ging,
+die Zahl der Rekruten solle vermehrt werden, oder als die plötzliche
+Erhöhung der Preise auf das Salz, das von den Steppenbewohnern der
+Ukraine aus der Krim eingeführt wurde. In den Schenken, auf den Straßen,
+in der Mühle, in der Branntweinbrennerei sprach man von nichts anderem
+als von dem neu hierher versetzten Lehrer. Die schlauen Politiker in
+ihren großen Kitteln und Kapuzen suchten, während sie mit höchst
+phlegmatischen Mienen dichte Rauchwolken unter ihrer Nase emporsteigen
+ließen, den Einfluß der Persönlichkeit festzustellen, der das Schicksal
+scheinbar schon bei der Geburt einen so hohen Platz über den Köpfen
+aller Bewohner der Welt angewiesen hatte, einer Person, die in den
+herrschaftlichen Gemächern wohnte und an einem Tisch mit der Besitzerin
+eines Gutes von fünfzig Seelen speiste. Man sprach davon, daß das
+Lehramt nicht seine ganze Befugnis ausmache, und daß sich sein Einfluß
+ohne allen Zweifel auch auf die wirtschaftliche Ordnung erstrecken
+werde; jedenfalls werde die Bemessung der Vorspanndienste, die
+Verteilung von Mehl, Speck usw. von keinem anderen abhängen als von ihm.
+Einzelne ließen mit bedeutsamer Miene durchblicken, daß nunmehr
+womöglich selbst der Verwalter zu einer bloßen Null herabsinken werde.
+Nur der _Miroschnik_, d. h. der Müller Ssolopi Tschubko, wagte die
+Behauptung aufzustellen, daß die Dorfältesten nichts von ihm zu
+befürchten hätten, er sei bereit, eine Wette einzugehen, und setze eine
+neue Mütze aus grauem reschetilowschem Lammfell zum Pfande --, daß der
+Lehrer keine Ahnung davon habe, wie man ein Fünfgespann zum Stehen und
+das stockende Mühlrad wieder in Schwung bringen müsse. Aber seine
+wichtige Haltung, sein glänzender Triumph über den Kirchensänger und die
+donnerähnliche Baßstimme, die alle Pfarrkinder in Rührung versetzt
+hatte, waren noch im Gedächtnis aller lebendig, und so blieb denn die
+vorteilhafte Meinung, die man von dem neuen Lehrer hatte, bestehen. Und
+wenn auch zu Ehren des Gastes kein einziges Turnier zwischen den
+angesehensten Bewohnern des Dorfes stattfand, so ließen sich dafür ihre
+liebenswürdigen Gattinnen nicht lumpen: begabt mit jener kräftigen
+Zunge, die so laute und durchdringende Töne hervorzubringen vermag und
+die sich bei den Weibern nach dem unerforschlichen Ratschluß der
+Vorsehung beinahe viermal so schnell bewegt wie bei den Männern, ließen
+sie ihr bei der Widerlegung der Angriffe und bei der Verteidigung der
+Vorzüge des Lehrers gewandt und behende freien Lauf.
+
+Lautes Geschrei und Geplapper, unterbrochen von plötzlichen Aufschreien
+und Gezänk, erfüllte die friedlichen Winkelgassen des Dorfes Mandrykow.
+Und da seine ehrenhaften Bewohnerinnen die löbliche Gewohnheit hatten,
+ihrer Zunge auch noch mit den Händen nachzuhelfen, konnte man in den
+Straßen fortwährend ein Paar kräftig ineinander verkrallter
+Gevatterinnen antreffen, die so eng aneinanderhingen, wie ein
+Schmeichler an einem Günstling des Glücks hängt oder wie ein Geizhals
+seine Tasche festhält, wenn die Straßen öde werden und eine einsame
+Laterne ihr erlöschendes Licht auf die gelben Mauern der schlafenden
+Stadt wirft. Am meisten hatten jedoch die Männer zu leiden, die es
+versuchten, sie zu trennen: Schnitzel und Scherben hagelten ihnen auf
+den Kopf herab, und häufig verprügelte eine erregte Gevatterin in der
+Hitze ihres Zornes statt eines fremden ihren eigenen Gatten.
+
+Inzwischen hatte sich unser Pädagoge völlig im Hause Anna Iwanownas
+eingelebt. Er gehörte zu der Zahl jener Seminaristen, die einen _Schreck
+vor der abgründigen Weisheit_ bekommen hatten, mit der das ***sche
+Seminar die nicht allzu wohlhabenden Herren von Kleinrußland gegen etwa
+hundert Rubel jährlich für ihren Beruf als Hauslehrer ausstattet. --
+Übrigens war Iwan Ossipowitsch sogar bis zur Theologie vorgedrungen, und
+er wäre wohl gar weiß Gott wie weit, ja wahrscheinlich sogar noch weiter
+gekommen, wenn seine lockeren Kameraden nicht gewesen wären, die sich
+beständig über seinen Schnurrbart und seinen stacheligen Backenbart
+lustig machten. Als von Jahr zu Jahr ein Teil die Schule verließ und
+immer jüngere und jüngere an ihre Stelle traten, ließen sie ihm
+überhaupt keine Ruhe mehr: bald warfen sie ihm klebrige Disteln in
+seinen Bart und Schnurrbart, bald hängten sie ihm hinten am Rock
+Schellen an, bald puderten sie ihm das Haar mit Sand oder schütteten ihm
+Nieswurz in die Tabaksdose, bis Iwan Ossipowitsch es überdrüssig wurde,
+der stumme Zeuge dieses ewigen Wechsels leichtsinniger Generationen und
+ihr Kinderspielzeug zu sein, bis er sich genötigt sah, dem Seminar
+Lebewohl zu sagen und sich in die »_Vakanz_« schicken zu lassen, d. h.
+nach dem Sprachgebrauch der kleinrussischen Seminare: Hauslehrer zu
+werden.
+
+Diese Veränderung bildete eine wichtige Epoche und einen Wendepunkt in
+seinem Leben. An die Stelle der ewigen Spöttereien und Streiche seiner
+mutwilligen Kameraden trat nun endlich etwas wie Achtung, Anhänglichkeit
+und Sympathie. Mußte man denn auch nicht unwillkürlich Achtung vor ihm
+empfinden, wenn er an Festtagen in seinem hellblauen Rock
+dahergeschritten kam -- wohlgemerkt im hellblauen Rock -- denn das ist
+von nicht geringer Bedeutung. Ich sehe es als meine Pflicht an, den
+Leser darüber aufzuklären, daß ein Rock im allgemeinen (gar nicht erst
+zu reden von einem blauen), wenn er bloß nicht aus grauem Stoff
+gefertigt ist, in den Dörfern an den gesegneten Ufern der Goltwa einen
+ganz wundersamen Eindruck macht: wo er sich auch zeigt, da fliegen
+selbst von den trägsten und unbeweglichsten Köpfen die Mützen herab und
+begeben sich in die Hände ihrer Besitzer; selbst die würdigen mit
+schwarzen und grauen Schnurrbärten gezierten, sonnengebräunten Häupter
+beugen sich tief bis zum Gürtel. Die Zahl aller Röcke im Dorfe betrug --
+wenn man auch den Mantel des Kirchensängers mitrechnet -- drei; aber so
+wie ein majestätischer Kürbis sich stolz aufbläht und alle übrigen
+Bewohner eines reichbepflanzten Melonenfeldes in den Schatten stellt,
+also verdunkelte der Rock unseres Freundes seine sämtlichen Mitbrüder.
+Was ihm den größten Reiz verlieh, das waren die Knochenknöpfe, die von
+den in Haufen auf der Straße stehenden Straßenjungen mächtig angestaunt
+wurden. Nicht ohne Vergnügen hörte unser stutzerhafter Erzieher der
+Jugend, wie die Mütter ihre Säuglinge auf die Knöpfe aufmerksam machten,
+und wie die Kleinen ihre Händchen ausstreckten und _Zga zga Zga zga_ (d.
+h. gut, gut) lallten. Beim Mittagessen war es ein Genuß, zuzusehen, wie
+würdig und mit welcher Rührung unser ehrenwerter Lehrer mit
+vorgebundener Serviette die allgemeine Verrichtung irdischer Sättigung
+besorgte. Da gab es kein überflüssiges Wort, keine unnötige Bewegung; er
+schien sich völlig in seinen Teller zu verfügen und ganz in ihm
+aufzugehen. Wenn er ihn so gründlich geleert hatte, daß kein
+gastronomisches Gerät, als da sind Gabel und Messer, noch etwas vorfand,
+dessen es sich bemächtigen konnte, schnitt er sich ein Stück Brot ab,
+spießte es auf die Gabel auf und fuhr mit diesem Gerät noch einmal über
+den Teller, wonach dieser so blank und rein war, als käme er eben aus
+der Fabrik. Aber dies alles, kann man wohl sagen, waren nur äußere
+Vorzüge, die seine Kenntnis der Sitten und Formen der feinen Welt
+bezeugten, und der Leser würde sehr fehlgehen, wenn er hieraus schließen
+wollte, daß damit alle seine Gaben und Fähigkeiten erschöpft gewesen
+wären. Der würdige Pädagoge besaß für einen einfachen Mann geradezu
+unermeßliche Kenntnisse, von denen er einige für sich behielt, wie z. B.
+die Zubereitung einer Arznei gegen den Biß von tollen Hunden und die
+Kunst, bloß aus Eichenrinde und Salpetersäure die schönste rote Farbe
+herzustellen. Außerdem konnte er eigenhändig die herrlichste
+Stiefelwichse und Tinte herstellen und für den kleinen Enkel Anna
+Iwanownas Figuren aus Papier ausschneiden; und an Winterabenden wickelte
+er Garn auf und spann er sogar.
+
+Ist es da wohl verwunderlich, wenn er sich bei solchen Gaben im Hause
+bald unentbehrlich machte, und wenn alle Knechte und Mägde völlig in ihn
+vernarrt waren, trotzdem sein Gesicht sowohl nach seiner Form wie nach
+seiner Farbe völlig einer Flasche glich, obwohl sein gewaltiger Mund,
+dessen dreisten Ansprüchen die abstehenden Ohren nur mit Mühe eine
+Schranke zu setzen vermochten, sich fortwährend verzog und verzerrte,
+indem er sich zu einem Lächeln zu zwingen suchte, und obwohl seine Augen
+eine hellgrüne Farbe hatten -- zwei Augen, wie sie, soviel mir bekannt
+ist, in den Annalen der Romane noch nie ein Held besessen hat. Aber
+vielleicht sehen die Frauen mehr als wir? Wer will sie enträtseln? Wie
+dem auch sein mag, genug, auch die alte Dame, die Frau des Hauses, war
+sehr befriedigt von den Kenntnissen des Lehrers in den Geheimnissen der
+Haushaltung und von seiner Kunst, aus Safran und _Herba rhabarbarum_
+Schnaps herzustellen, sowie von seiner Geschicklichkeit im Entwirren von
+Garn und seiner großen Lebenserfahrung. Der Haushälterin gefiel am
+meisten sein stutzerhafter Rock und seine Kunst, sich zu kleiden;
+übrigens hatte auch sie bemerkt, daß der Lehrer eine wundersame gerührte
+Miene machte, wenn er zu schweigen oder zu essen geruhte. Dem kleinen
+Enkel machten die papierenen Hähne und Männchen außerordentlich viel
+Spaß. Selbst der zottige _Browko_ pflegte ihm, sobald er ihn auf die
+Treppe hinaustreten sah, sofort zärtlich mit dem Schweife wedelnd,
+entgegenzulaufen und ihn ohne alle Förmlichkeit auf die Lippen zu
+küssen, wenn der Lehrer, die Würde, die seinem Amte gebührte,
+vergessend, sich unter dem majestätischen Giebel niederzusetzen
+beliebte. Nur die beiden älteren Enkelkinder und die Jungen, die zum
+Hause gehörten, mit denen er das A -- _Affe_, _Apfel_, _Be_ -- _Besen_,
+_Bild_, _Bär_ durchnahm, fürchteten sich vor der beredten, höchst
+ausdrucksvollen Rute des strengen Pädagogen.
+
+Während seines kurzen Aufenthaltes am neuen Orte hatte Iwan Ossipowitsch
+schon selbst Zeit gefunden, seine Beobachtungen zu machen und sich in
+seinem Kopfe wie in einem Hohlspiegel ein kleines Abbild der ihn
+umgebenden Welt zu formen. Die erste Person, an der seine
+Beobachtungsgabe mit dem gebührenden Respekt haften blieb, war, wie der
+Leser sich wohl selbst denken wird, die Gutsherrin. In ihrem Gesicht,
+das der scharfe Pinsel, der das menschliche Geschlecht seit undenklichen
+Zeiten koloriert und den man, seit Gott weiß wie langer Zeit, mit dem
+Namen »Falte« zu bezeichnen pflegt, nicht verschont hatte, in ihrer
+dunkelkaffeefarbenen Kapotte, in der Haube (deren Form in dem Gewirr der
+Ereignisse, die das achtzehnte Jahrhundert charakterisieren, verloren
+gegangen ist), in ihrem braunen Wams und den Schuhen ohne Hackenleder,
+erkannten seine Augen jene Lebensperiode wieder, die eine matte
+schwächliche Wiederholung der vergangenen, eine kalte farblose
+Übersetzung der Werke eines feurigen, von ewigen Leidenschaften
+glühenden Poeten ist, -- jener Periode, wenn den Menschen nichts als die
+Erinnerung, diese Repräsentantin der Gegenwart, Vergangenheit und
+Zukunft übrigbleibt, wenn das verhängnisvolle siebente Jahrzehnt einem
+Kälte durch die einstmals von Feuer durchströmten Adern treibt und das
+Lebensthermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. Übrigens belebten die
+ewigen Sorgen und die Passion, sich zu beschäftigen und sich zu schaffen
+zu machen, einigermaßen das schon erloschene Leben in ihren Zügen, und
+ihre Frische und Gesundheit waren ein sicheres Unterpfand, daß ihr noch
+weitere dreißig Jahre des Lebens bevorstanden. Die ganze Zeit von fünf
+Uhr morgens bis sechs Uhr abends, das heißt bis zur Stunde, wo man sich
+Ruhe zu gönnen pflegt, bildete eine ununterbrochene Kette der Tätigkeit.
+Bis sieben Uhr morgens hatte sie bereits alle Räume besucht und den
+ganzen Haushalt durchmustert: Küche, Keller und Vorratskammern; sie
+hatte Zeit gefunden, sich mit dem Verwalter zu zanken und die Hühner und
+Gänse eigener Zucht, für die sie eine große Vorliebe hatte, zu füttern.
+Vor dem Mittagessen, das nie später als um zwölf Uhr stattfand, blickte
+sie in die Backstube hinein und half selbst beim Backen von Brot und
+einer besonderen Art von Brezeln aus Honig und Eierteig, deren bloßer
+Geruch den Pädagogen in eine unerklärliche Aufregung versetzte; besaß er
+doch eine leidenschaftliche Sympathie für alles, was der geistigen und
+physischen Natur der Menschen zur Nahrung dient. In der Zeit zwischen
+Mittagessen und Abend gibt's für eine Hausfrau genug zu tun. -- Da
+gibt's Wolle zu färben, Leinwand abzumessen, Gurken einzusalzen, Früchte
+einzumachen, Liköre zu süßen. Wieviel Methoden, Geheimnisse und
+Hausrezepte kommen während dieser Zeit zur Anwendung! Dem aufmerksamen
+Auge unseres Pädagogen konnte es nicht entgehen, daß auch Anna Iwanowna
+die Eitelkeit nicht ganz fremd war, und daher machte er es sich zur
+Regel, sich, freilich nur soweit ihm dies seine angeborene
+Schüchternheit erlaubte, in Lobeserhebungen über ihre außergewöhnlichen
+wirtschaftlichen Künste und Fähigkeiten zu ergehen, und dies wurde ihm,
+wie er später erfuhr, von großem Nutzen. Die würdige alte Dame verschloß
+die süßen Liköre und die Gläser mit Eingemachtem nicht eher, als bis
+Iwan Ossipowitsch davon gekostet und die außerordentliche Güte des einen
+wie des anderen gerühmt hatte. Alle übrigen Personen standen im
+Schatten, verglichen mit diesem leuchtenden Gestirn, so wie alle Gebäude
+im Hofe vor dem herrlichen Bau mit dem prachtvollen Portal in den Staub
+zu sinken schienen. Nur dem Auge eines scharfsinnigen Beobachters
+enthüllten sich ihre gegenseitigen Beziehungen und das besondere
+Kolorit, das jedem eigentümlich war, und dann erblickte er, fast wie in
+einem Ameisenhaufen, eine ewige Unruhe und Bewegung und er vernahm ein
+fortwährendes Geräusch, das keinen Augenblick verstummte. Unser Pädagoge
+verstand es, wie wir bereits gesehen haben, es jedem recht zu machen und
+sich gleich einem mächtigen Zauberer dauernd die allgemeine Achtung zu
+erwerben.
+
+Gänzlich unbegreiflich waren allein die Gründe, die ihn veranlaßt
+hatten, sich dem Küchenmeister anzuschließen. War es die hohe Achtung,
+die Iwan Ossipowitsch unwillkürlich vor seiner Kunst empfand, oder war
+es irgendein anderer Umstand -- das wagen wir nicht zu entscheiden.
+Genug, es vergingen keine zwei Tage, da erstanden Mandrykow zwei
+Dioskuren, der Orest und Pylades der neuen Welt. Aber noch
+unbegreiflicher war die Macht, die der Küchenmeister über unseren
+Pädagogen besaß, so daß der von Natur so bescheidene und schüchterne
+Lehrer, der nichts in den Mund nahm außer einem medizinischen Dekokt von
+_Betonica_ und _Herba rhabarbarum_, ihm unwillkürlich in die Schenken
+und überallhin zu folgen begann, wo der verbummelte Küchenmeister seine
+Nase hineinsteckte. Iwan Ossipowitsch gefiel die romantische Lage der
+Gegend, in der er sich aufhielt. Bald hatte er die Küche, die Speicher,
+die Scheunen, die Ställe und Vorratskammern, die einen unregelmäßigen
+Kreis um den geräumigen Herrenhof bildeten, besichtigt; mit besonderem
+Vergnügen verweilte er bei dem Garten, der üppig in die Breite
+geschossen war und dessen gigantische Bewohner, in ihre dunkelgrünen
+Mäntel gehüllt und von wundersamen Traumgestalten umschwebt, dastanden
+und schlummerten oder, sich plötzlich ihren Träumen entreißend, die
+unbotmäßige Luft wie Windmühlenflügel durchschnitten, und dann ging es
+wie ein unverständliches Geflüster durch das Blattwerk, und die
+gemessene majestätische Bewegung ihres ganzen Körpers gemahnte an die
+alten Mimen, die die großen Schatten der Verstorbenen auf den Gerüsten
+Melpomenes heraufbeschworen. Aber die Augen unseres Lehrers suchten ihr
+Objekt und hafteten mehr an den weniger majestätischen Gartenbewohnern,
+die dafür von unten bis oben mit Birnen und Äpfeln behangen waren, von
+denen die üppige Ukraine förmlich strotzt. Von hier aus kämpften sie
+sich bis zur Küche durch, hinter der zogen sich Plantagen von Erbsen,
+Kohl, Kartoffeln, sowie aller Kräuter hin, die in die Apotheke der
+Dorfküche gehören. Nicht ohne besonderes Vergnügen betrat er das reine,
+sauber geweißte und aufgeräumte Zimmer, in dem er nun wohnen sollte, mit
+dem Fenster, durch das man auf den Teich und die in violette Nebel
+gehüllte Landschaft hinaussah.
+
+Wir hatten bereits Gelegenheit, etwas über den Eindruck, den unser
+Lehrer auf die Schönen von Mandrykow gemacht hatte, zu bemerken: die
+gesenkten Augen, das Geflüster und die tiefen Verbeugungen ließen
+erkennen, daß seine Eroberung einer jeden von ihnen als keine geringe
+Angelegenheit erschien. Übrigens ist es hier wohl am Platze, den
+freundlichen Leser daran zu erinnern, daß Iwan Ossipowitsch einen Rock
+aus blauem Fabrikstoff mit schwarzen Knochenknöpfen von der Größe eines
+mächtigen Groschens anhatte; und so war es sehr verzeihlich, wenn er
+sich das Augenblinzeln der schwarzbrauigen Schelminnen zu seinen Gunsten
+auslegte. Zum Glück oder Unglück jedoch suchte das Gefühl, das der armen
+Menschheit so gut bekannt ist und ihr seit undenklichen Zeiten ein
+wahres Meer von unerträglichen Qualen beschert hat, unseren Pädagogen
+nicht heim. In diesem Punkte war Iwan Ossipowitsch ein echter Stoiker,
+und obwohl er noch nicht bis zur Philosophie vorgedrungen war, wußte er
+doch genau, daß keiner der Philosophen von Seneca und Sokrates bis herab
+zum Lektor des ***er Gymnasiums die wunderliche Hälfte des
+Menschengeschlechts für nichts achtete: ergo gab es keine Liebe. An
+solchen Prinzipien, die bei ihm schließlich die Festigkeit von
+Grundsätzen angenommen hatten, hielt er sehr fest, ja allzu fest ...
+_Homo proponit, Deus disponit_ pflegte der Lektor des ***er Gymnasiums
+häufig zu sagen, indem er die Schläge zählte, die er seinen faulen
+Schülern mit dem Lineal verabreichte; daher werden wir auch im folgenden
+Kapitel einen kleinen Umstand kennen lernen, der die Philosophie unseres
+Lehrers heftig erschütterte und seinen Verstand mit einer ganzen Wolke
+von Mißverständnissen bestürmte, ihn, der bisher unbeugsam in den
+Fußstapfen seiner großen Lehrmeister gewandelt war und sich mit
+regelmäßigem Pulsschlag in seiner flaschenförmigen Sphäre bewegt hatte.
+
+
+ II.
+ Der Erfolg der Gesandtschaft
+
+ (Der Küchenmeister entschließt sich trotz der eigenen Herzenswunde,
+ die er sich ganz plötzlich durch den Anblick der sich am Teiche
+ waschenden Katerina zugezogen hat, das Versprechen, das er dem
+ Lehrer gegeben hat, einzulösen und den Gesandten und Fürsprecher
+ seiner Leidenschaft zu spielen. In dieser Absicht begibt er sich in
+ die Hütte des Kosaken Charjka Potyliza.)
+
+Nachdem Onißko seine Toilette beendigt hatte, überschritt er nicht ganz
+ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Böse schien ihn necken
+zu wollen (er gab dies später selbst zu), indem er ihm fortwährend die
+schlanken Füßchen seiner Nachbarin vorzauberte: »Ach, wenn doch der
+Lehrer nicht wäre!« wiederholte er mehrmals bei sich selbst; »was hätte
+es ihn gekostet, wenn er sich's hätte einfallen lassen, sich nur ein
+klein wenig später zu verlieben?« Und nachdenklich durchmaß er langsamen
+Schrittes die große Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchführte.
+Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche
+Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben
+aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen
+auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, daß er nicht mehr
+weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch
+ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken
+hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band
+leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hüpfte ihm in dem Busen ... die
+blonde Schöne öffnete das Tor, trieb die lästigen Hunde mit einer langen
+Rute auseinander und stand nun vor ihm.
+
+Der Hof Charjkas stellte ein großes Quadrat dar, das auf einer Böschung,
+die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem
+geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geöffnet war, sah man
+unmittelbar vor sich eine sauber geweißte Hütte mit mächtigen Fenstern
+von ungleicher Größe und eine eichene Tür, die schon ganz schwarz vor
+Alter war; das Häuschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer
+sogenannten Prisba), das nach der in Kleinrußland herrschenden Sitte mit
+Wäsche, Suppenschüsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton,
+bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied
+bewilligt wird, und den man zum Dank für seine treuen Dienste mit
+Spülwasser zu füllen pflegt. Zu beiden Seiten der Hütte befanden sich
+Ställe und Speicher mit struppigen beschädigten Dächern. Hinter der
+Hütte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag
+überragt wurde, über den man nur noch die vorüberziehenden Wolken und
+die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte
+sich der Gemüsegarten gleich einem kostbaren türkischen Schal bis zum
+Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man überall Strohhaufen, die
+unordentlich herumlagen.
+
+Katerina schien ein wenig verwundert über Onißkos Besuch. Da sie annahm,
+daß ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater geführt haben
+konnte, öffnete sie das Tor nur zur Hälfte und sagte ein wenig verlegen:
+»Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen.«
+
+»_Mag es ihm so leicht aufstoßen, wie es aus seinem Innern aufsteigt!_
+Was wär' ich für ein Tölpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei
+fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen?«
+
+Die blonde Schöne blieb überrascht und verblüfft stehen, denn sie wußte
+nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lächeln, das durch sein
+seltsames Benehmen veranlaßt war, huschte über ihr Gesicht und schien
+anzudeuten, daß sie auf weitere Aufklärung warte.
+
+Der Küchenmeister fühlte selbst, daß er sich nicht ganz deutlich
+ausgedrückt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte;
+er fuhr daher fort: »Da müßte mich doch schon der Böse selbst zum
+_Alten_ führen, wenn dieser eine so hübsche Tochter hat.«
+
+»Ah, ist es das!« sagte Katerina lächelnd und leicht errötend. »Bitte,
+tretet ein!« und sie schritt voraus und ging auf die Tür der Hütte zu.
+
+In Kleinrußland haben die Mädchen viel mehr Freiheit als irgendwo
+anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, daß unsere Schöne,
+ohne daß ihr Vater etwas davon wußte, einen Gast bei sich empfing. »Bist
+du zu Fuß hierher gekommen, Onißko?« fragte sie ihn, indem sie sich auf
+der Schwelle an der Tür der Hütte niederließ und eine würdige und
+ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lächeln, bei
+dem sie eine lange Reihe schöner Zähne sehen ließ, sie deutlich verriet.
+
+-- Wieso zu Fuß? -- Teufel auch! sollte sie über das, was gestern
+vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Küchenmeister. -- »Gewiß
+doch zu Fuß, meine Schöne. Wahrhaftig, der Teufel müßte mich reiten,
+wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt hätte, bloß um
+von einem Hof zum anderen zu gelangen!«
+
+»Aber von der Küche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit!«
+
+Hier aber konnte sie sich doch nicht mehr halten und lachte laut auf.
+
+-- Nein, du Schelmin! Der Böse selbst ist nicht schlauer als dieses
+Mädel! wiederholte der Küchenmeister mehrmals bei sich selbst und
+wünschte den Lehrer laut zum Teufel, alle Sympathie und Freundschaft
+vergessend, die zwischen ihnen bestand.
+
+»Übrigens wäre ich damit einverstanden, daß mir die Karauschen samt den
+frischgesalzenen Eierschwämmen auf der Pfanne anbrennen, wenn du nur
+noch einmal so lachen wolltest, schönes Mädchen!«
+
+Bei diesen Worten konnte der Küchenmeister sich nicht mehr beherrschen
+und umarmte sie.
+
+»Nein, das habe ich nicht gerne!« rief Katerina errötend, wobei sie eine
+zornige Miene machte. »Bei Gott, Onißko, wenn du noch einmal so etwas
+tust, so werfe ich dir ohne viel Umstände diesen Topf an den Kopf.«
+
+Bei diesen Worten hellte sich ihr zorniges Gesichtchen ein wenig auf,
+und das Lächeln, das hierbei über ihr Antlitz huschte, schien deutlich
+sagen zu wollen: »aber ich wäre dessen nicht fähig!«
+
+»Nein, nicht doch, nicht doch! _Ich habe dich doch nicht mit dem
+Lastwagen gestreift._ Als ob das ein Grund ist, so böse zu werden! Als
+ob das weiß Gott was für ein Verbrechen wäre, -- ein hübsches Mädchen zu
+umarmen!«
+
+»Sieh, Onißko, ich bin ja gar nicht böse,« sagte sie, indem sie ein
+wenig von ihm abrückte und wieder ein fröhliches Gesicht machte;
+»übrigens schien es mir so, als hättest du den Lehrer erwähnt.«
+
+Da aber machte der Küchenmeister ein recht kümmerliches Gesicht, das
+mindestens um ein paar Zoll länger wurde als gewöhnlich. »Der Lehrer ...
+Iwan Ossipowitsch soll das heißen ... Pfui Teufel noch einmal! Ich
+verschlucke die Worte, noch ehe sie meinem Munde entschlüpfen können,
+ganz als ob ich Gewürzbranntwein getrunken hätte. Der Lehrer ... Sieh
+mal, was ich dir sagen will, mein Herz! Iwan Ossipowitsch hat sich so in
+dich verknallt, daß ... nun ... wie sich's halt nicht wiedergeben läßt.
+Er grämt und härmt sich ab wie die selige braune Stute, die der Herr dem
+Juden abgekauft hat und die einen Herzschlag bekam und krepierte. Was
+soll man da machen? Der arme Mensch tat mir leid, und da bin ich halt
+aufs Geratewohl hergekommen, um mich für ihn zu verwenden.«
+
+»Da hast du einen schönen Auftrag übernommen,« unterbrach ihn Katerina
+ein wenig ärgerlich. »Bist du etwa sein Brautwerber oder sein
+Verwandter? Ich würde dir doch raten, alle Landstreicher aus dem Dorfe
+in die Küche zu laden und selbst betteln zu gehen und vor den Fenstern
+um Almosen für sie zu bitten.«
+
+»Das ist schon ganz richtig; indes, ich weiß wohl, daß es dich freut,
+und sogar sehr freut, daß der Lehrer auf den Einfall gekommen ist, dir
+nachzulaufen.«
+
+»Das sollte mich freuen? Hör' mal, Onißko: wenn du das sagst, um dich
+über mich lustig zu machen, so wirst du wenig Nutzen davon haben. Du
+solltest dich schämen, ein armes Mädchen schlecht zu machen! Wenn du
+aber _wirklich_ so denkst, so bist du wahrhaftig der dümmste Mensch im
+ganzen Dorfe. Gottlob, ich bin noch nicht blind, Gott sei Dank, bin ich
+noch bei Verstande ... Aber das hast du sicherlich nicht umsonst gesagt:
+ich weiß wohl, etwas anderes hat dich dazu veranlaßt. Du hast wohl
+geglaubt ... Nein, du bist ein schlechter Mensch.«
+
+Bei diesen Worten wischte sie sich mit dem gestickten Hemdärmel eine
+Träne aus dem Gesicht, die plötzlich in ihrem Auge aufblitzte und ihr
+über die glühende Wange rollte, wie eine Sternschnuppe den warmen
+Abendhimmel hinunterschießt.
+
+-- Hol' der Teufel alle Lehrer der Welt! dachte Onißko bei sich, indem
+er das glühende Gesicht Katerinas betrachtete, auf dem das Lächeln von
+vorhin lange Zeit mit dem Ärger kämpfte, um ihn schließlich gänzlich zu
+verscheuchen.
+
+»Der Donner treffe mich hier auf der Stelle!« rief er endlich aus, da er
+seine innere Erregung nicht mehr unterdrücken konnte, und umfaßte ihre
+rundliche Taille. »Der Donner treffe mich, wenn es mich nicht ebenso
+freut, daß du Iwan Ossipowitsch nicht liebst, wie den alten Browko, wenn
+ich ihm sein Spülwasser bringe.«
+
+»Wirklich, auch ein Grund, sich zu freuen! Du wirst wohl noch mehr
+grinsen, wenn du erfährst, daß fast alle Mädchen im Dorf dasselbe
+sagen.«
+
+»Nein, sag' das nicht, Katerina. Die Mädchen haben ihn lieb. Neulich
+gingen wir beide zusammen durch das Dorf, da steckten sie fortwährend
+ihre Köpfe über den Zaun, wie Frösche aus dem Sumpfe. Wir guckten nach
+rechts -- da waren sie schon wieder verschwunden, aber zur Linken, da
+streckte wieder eine andere ihr Köpfchen vor. Doch hol' sie der Teufel
+alle mitsamt dem Lehrer! Ich gäbe ein Viertel vom besten Branntwein
+dritter Güte dafür, wenn ich von dir erfahren könnte, Katerina, ob du
+mich auch nur für einen Groschen liebhast?«
+
+»Ich weiß nicht, ob ich dich liebe; ich weiß nur, daß ich um alles in
+der Welt keinen Trunkenbold heiraten möchte. Wer mag mit so einem
+zusammenleben? Wie traurig ist das Los einer Familie, aus der solch ein
+Mensch stammt; man mag gar nicht in die Hütte hineinschauen: da gibt's
+nichts zu sehen als Armut und Elend, die Kinder hungern und weinen.
+Nein, nein, nein! Gott behüte! Mich schaudert's schon beim bloßen
+Gedanken daran! ...«
+
+Und Katerina warf ihm einen langen, tiefdringenden Blick zu. Gebeugten
+Hauptes und wie ein Verdammter saß der Küchenmeister in seine
+Vergangenheit versunken da. Schwere Gedanken, Ausgeburten geheimer
+Gewissensnöte, gruben tiefe Spuren in sein Gesicht und bewiesen
+deutlich, daß ihm nicht allzu heiter zumute war. Der durchbohrende Blick
+Katerinas schien sein ganzes Innere zu versengen und brachte alle
+ungestümen, wilden Streiche ans Licht, die in einer langen, nie endenden
+Reihe an ihm vorüberzogen.
+
+»Wahrhaftig, was bin ich für ein Mensch? Wer mag mit mir leben? Ich
+liege bloß meinem Pan auf dem Halse. Habe ich bisher etwas getan, wofür
+mir ein guter Mensch gedankt hätte? Ich habe nur immer gebummelt und
+gebummelt! Und habe ich auch nur einmal so gebummelt, daß Herz und Seele
+sich dabei wohl fühlten? Man betrinkt sich wie ein Hund und wird wieder
+nüchtern wie ein Hund, wenn andere einem nicht in noch peinlicherer
+Weise den Rausch austreiben. Nein, hol's der Teufel ... es ist ein
+Hundeleben, das ich führe!«
+
+Die schöne Katerina schien seine philosophischen Betrachtungen, die er
+bei sich selbst anstellte, zu erraten; sie legte ihm ihr braunes
+Händchen auf die Schulter und murmelte halblaut: »Nicht wahr, Onißko, du
+wirst nie mehr trinken.«
+
+»Nie wieder, mein Herzchen, nie wieder! Mag kommen, was da will! Für
+dich könnte ich alles tun.«
+
+Das Mädchen sah ihn gerührt an, und der Küchenmeister schloß sie
+begeistert in seine Arme und bedachte sie mit einem wahren Hagelschauer
+von Küssen, wie ihn der ruhige und gemütliche Gemüsegarten schon lange
+nicht erlebt hatte.
+
+Kaum aber hatte der Laut der verliebten Küsse die Luft erschüttert, als
+eine helle, durchdringende Stimme furchtbarer als das Grollen des
+Donners das Ohr des sich zärtlich liebkosenden Paares traf. Der
+Küchenmeister sah auf und erblickte zu seinem Entsetzen die auf dem
+Zaune stehende Ssimonicha.
+
+»Herrlich, vortrefflich! Feine junge Leute das! Bei uns im Dorfe weiß
+man noch nicht, wie Burschen und Mädel sich küssen, wenn der Vater nicht
+zu Hause ist! Herrlich! Das ist mir ein nettes Mandrykowsches Lämmchen!
+Man sage nun noch, das Sprichwort: >Stille Wasser sind tief< lüge. So
+also treibt man's. Solche Streiche macht ihr! ...«
+
+Mit Tränen im Auge mußte sich das schöne Mädchen in die Hütte
+zurückbegeben, wußte sie doch, daß sie den giftigen Reden der
+Schenkenbesitzerin nicht anders entgehen konnte.
+
+»Wenn dir doch jemand ein Schloß vor den Mund hängte, alte Hexe!« sagte
+der Küchenmeister. »Was geht denn dich das an?«
+
+»Was mich das angeht?« fuhr die unermüdliche Schankwirtin fort. »Das ist
+noch schöner! Die Burschen machen sich einen Spaß draus, über den Zaun
+und in fremde Gärten zu klettern, die Mädchen locken die Burschen zu
+sich herein -- und das sollte mich nichts angehen! Sie liebäugeln und
+küssen sich -- und das sollte mich nichts kümmern! Hast du's gehört,
+Karno?« schrie sie plötzlich auf, indem sie sich schnell umdrehte und an
+einen vorübergehenden Bauern wandte, der, ohne auf etwas zu achten, mit
+einer langen Rute fuchtelnd, daherkam, gefolgt von einer ebenso langsam
+einherschreitenden Kuh. »Hast du's gehört? Steh doch einen Augenblick
+still. Was das für eine Geschichte ist! Charjkas Tochter ...«
+
+»Pfui Teufel!« schrie der Küchenmeister, indem er zur Seite spuckte und
+völlig die Geduld verlor. »Der Teufel selbst hat sich vermummt und die
+Gestalt dieses Weibes angenommen. Warte nur, Hexe! Ich werde schon
+Gelegenheit finden, dir's heimzuzahlen!«
+
+Und der Küchenmeister setzte seinen Fuß auf den Zaun und war einen
+Augenblick später im Garten des Herrn.
+
+Es war nicht mehr sehr früh, als er in die Küche zurückkehrte und sich
+an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die große
+Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte
+Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach goß der Küchenmeister Essig in den mit
+sauerem Rahm versetzten Brei oder er spießte mit wichtiger Miene die
+Mütze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten.
+Während des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen,
+warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, daß
+man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rücksicht auf
+die Mühen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, ließ man den
+Küchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wäre unser Held nicht so
+leichten Kaufes davongekommen.
+
+»Nein, Herr Lehrer!« murmelte er, indem er sich auf seine hölzerne
+Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, »die
+Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren!« Und nachdem
+er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener
+Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern.
+
+
+
+
+ Das Weib
+
+
+»Ausgeburt der Hölle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem
+Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift,
+das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt,
+verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner
+lichtspendenden Rechten zürnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine
+wundersame Schöpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser
+armseliges Glück: du wolltest nicht, daß der Mensch ewige Segenswünsche
+aus den Gründen seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen ließ:
+lieber mochten Flüche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du
+schufst das Weib.«
+
+So sprach Telekles, ein junger Schüler des Platon, indem er vor seinen
+Lehrer trat. Seine Augen sprühten Blitze; auf seinen Wangen wütete ein
+Feuer, und die zitternden Lippen kündeten von wilden Stürmen einer
+zerrissenen Seele. Seine Hand drängte zornig die purpurnen Wellen seines
+weichen Gewandes zurück, und die geöffnete Schnalle fiel nachlässig auf
+die jugendliche Brust des Jünglings herab.
+
+»Wie, mein göttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem
+göttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen ließ? War es nicht
+dein Wohllaut ausströmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis
+ihrer milden Schönheit zu sagen wußte? Hast du uns nicht gelehrt, so
+glühend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine göttliche
+Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen
+Abgründen des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten
+einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du
+kennst das Weib nicht.«
+
+Glühende Tränen entströmten seinen Augen; er verhüllte sein Haupt mit
+dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Händen und lehnte sich an die
+Marmorsäule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitäl,
+das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer
+entrang sich der Brust des Jünglings, wie wenn alle verborgenen Nerven
+seines Wesens, alle Gefühle und alles, was das Innere des Menschen
+ausfüllt, in schmerzlichen Klagelauten aufstöhnte, und diese Klagelaute
+gingen wie eine Erschütterung durch seinen ganzen Körper, und seine
+ganze körperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfaßbar ist, verwandelte
+sich, unfähig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen,
+in eine einzige schmerzliche Klage.
+
+Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht
+spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die
+ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein
+herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem
+Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt
+der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht floß wie ein mächtiger,
+wundervoller Wasserfall durch eine kühne Öffnung in der Kuppel auf den
+Weisen hinab und überschüttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und
+jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und
+Gefühlen zu künden.
+
+»Kannst du denn auch lieben, Telekles?« fragte er ihn mit ruhiger
+Stimme.
+
+»Ob ich lieben kann!« fiel der Jüngling rasch ein, »frag' doch den Zeus,
+ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschüttern
+vermag. Frag' Phidias, ob er Gefühle im kalten Marmor entzünden und dem
+toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut
+siedet, sondern eine heiße Flamme wütet, wenn alle meine Gefühle, alle
+meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Töne verwandle, wenn diese
+Töne in mir glühen und meine Seele nichts wie Liebe tönt, wenn meine
+Rede ein Sturm und mein Atem -- Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es
+nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser
+wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefühl sein eigen nennt? Hat
+am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt?«
+
+»Armer Jüngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das
+Schicksal, das diesem sanften Geschöpf bereitet wird, in dem die Götter
+die Schönheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum
+Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen
+wollten! Armer Jüngling! Du hättest dieses sanfte Wesen mit deinem
+glühenden Atem versengt, du hättest dieses reine Leuchten durch einen
+Sturm von Leidenschaft getrübt und in Aufruhr versetzt! Ich weiß, du
+willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst
+Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen,
+die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich
+auch im voraus geprüft? Glühte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner
+Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die
+Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie dürsten nach ewiger
+Seligkeit, nach einem nie endenden Glück, und ein kurzer, flüchtiger
+Schmerz genügt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam
+errichtete Gebäude zerstören! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen
+Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, daß die schöne Alkinoe
+sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst
+du, und was war _sie_ zu jener Zeit, als du Leben, Glück und ein Meer
+von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blättere die
+flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine
+Seite finden, die beredter, die göttlicher ist als jene? Wolltest du
+alle kostbaren Edelsteine der persischen Könige oder alles Gold Libyens
+für jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die
+höchsten Ehren in Athen und die höchste Gewalt im Volke im Vergleich zu
+ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schöne, das es den
+Göttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen
+heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte -- willst du mit deinem
+verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges
+Gefühl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Tränen der Rührung vergießen
+und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf daß er ihr
+ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren
+Haupte verscheuchen möge.
+
+»Betrachte dich mit prüfendem Auge: was warst du früher und was bist du
+jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes göttlichen Zügen entdeckt hast:
+wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und
+enträtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel näher kamst
+du dem höchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann?
+Wenn wir das Weib tiefer und gründlicher verstehen lernen. Denk an die
+üppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist
+das Ergebnis? Sie haben kein Verständnis für das Gefühl des Schönen --
+dieses unendliche Meer geistiger Genüsse. Kein Funke schlägt aus ihrem
+Herzen empor beim Anblick der Göttin des Praxiteles; ihre Seele spricht
+nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und
+kein verständnisvoller Laut tönt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib?
+-- Die Sprache der Götter. Wir wundern uns über das milde heitere Haupt
+des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Götter in ihm zu
+sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst
+bewundern wir die Götter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir
+dagegen sind bloß seine Verkörperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck
+von ihr glüht in unserer Seele, und je stärker und je umfassender und
+größer die Wirkung ist, die er auf uns ausübt, um so edler und schöner
+werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Künstlers weilt, sich
+unkörperlich in ihm formt und gestaltet, ist es -- ein Weib; sobald es
+sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum -- Manne.
+Warum strebt aber dann der Künstler mit so unersättlicher Begierde
+danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie
+unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen
+Gefühlen geleitet wird -- von dem Wunsche, die Gottheit der Materie
+einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der
+unendlichen Welt seines Inneren zugänglich zu machen, d. h. das Weib im
+Manne zu verkörpern. Und wenn das Auge eines Jünglings, dessen Herz
+glühend und verständnisvoll für die Kunst schlägt, zufällig auf das
+unsterbliche Bild des Künstlers fällt, -- was sucht es, was ergreift es
+in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er
+erblickt die grenzenlose, unendliche, unkörperliche Idee des Künstlers
+vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige
+Lieder ertönen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie
+auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist,
+und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkörperlich umarmt seine
+Seele die göttliche Seele des Künstlers! Wie verschmelzen ihre Geister
+in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wären die hohen
+Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmückt und nicht geformt würden
+durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine
+Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters würden sich in Barbarei
+verwandeln. Raube der Welt das Licht -- und die bunte Vielfältigkeit der
+Farben fällt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der
+Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was
+ist die Liebe? -- Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen
+nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens
+verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren
+Stempel kindlicher Unschuld trägt und wo uns alles heimatlich berührt.
+Und wenn die Seele versinkt im ätherischen Schoße der weiblichen Seele,
+wenn sie in ihr ihren Vater -- den ewigen Gott -- und ihre Brüder, d. h.
+Gefühle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fähig sind,
+findet -- was geschieht dann mit ihr? Dann tönen in ihr die alten Klänge
+wider, dann gedenkt sie des früheren paradiesischen Lebens am Busen
+Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit.«
+
+Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich
+hin: vor ihnen stand Alkinoe, die während ihres Gespräches unbemerkt
+eingetreten war. Auf ein Götterbild gestützt, schien sie völlig in
+stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte
+häufig ganz plötzlich der Ausdruck einer göttlichen Seele. Die
+marmorweiße Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia
+durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der
+schlanke, von den purpurroten Bändern des Beinharnischs umschlungene
+Fuß, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hülle
+abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berühren; der hohe
+göttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und
+das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb
+verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den
+Fußboden herab. Es schien, als ob der dünne lichte Äther, in dem sich
+die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und bläulichen
+Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen
+zerstreut, für die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein
+duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt -- es schien, als
+ob dieser Äther sichtbare Form angenommen hätte und, indem er nun vor
+ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklärte und
+vergöttlichte. Die nachlässig zurückgeworfenen Locken umdrängten schwarz
+wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in
+dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die
+ihren Augen entsprühten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein,
+selbst die Königin der Liebe war nie so schön, nicht einmal in dem
+Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfräulichen Wellen
+entstieg.
+
+Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jüngling der
+stolzen Schönen zu Füßen, und eine heiße Träne, die dem Auge der sich
+über ihn beugenden Halbgöttin entstieg, tropfte auf seine brennenden
+Wangen.
+
+
+
+
+ Fragmente
+
+
+ Gedichte und poetische Versuche
+
+
+ Sturm
+
+ »Warum so trüb?« -- »Einst war ich heiter,«
+ Sag' ich zu meiner Lust Genossen.
+ »Ich hab' mein Herz dem Schmerz erschlossen;
+ Die Freude starb: ich lebe weiter.
+ Jung war ich, und mein heller Blick
+ hat Trauer nicht und Mißgeschick
+ Gekannt; jetzt welkt die Jugend hin,
+ Stirbt wie der Herbst, und ich verblute
+ Gleich ihm. Nie wird mir froh zumute.
+ Die Freude lockt nicht meinen Sinn.«
+ Die Freunde lachen: »Was du nur
+ Zu weinen hast! Das Wetter ist
+ So heiter klar, und die Natur
+ Nicht halb so trüb, wie du es bist.«
+ Und ich: »Mir gilt das alles nichts.
+ Ob Tag zu Tag und Jahr sich türmt,
+ Ob's hell, ob's dunkel ist, was ficht's
+ Mich an, wenn mir's im Herzen stürmt.« --
+
+
+ Albumblatt
+
+Das Licht verliert im Auge des Träumers schnell seine Wärme. Er findet
+die Hoffnungen, die ihn belebten, unerfüllt, seine Erwartungen
+unbefriedigt, und die Glut des Genießens verraucht in seinem Herzen ...
+Er befindet sich in einem Zustande der Starrheit und Leblosigkeit. Wie
+glücklich ist er, wenn er den Wert der Erinnerungen vergangener Tage
+erkennt: der Tage einer glücklichen Kindheit, da er die keimenden
+Zukunftsträume von sich warf und seine Freunde verließ, die ihm von
+ganzem Herzen ergeben waren.
+
+
+
+
+ Hans Küchelgarten
+
+
+ Eine Idylle
+ in ** Bildern
+ von
+ W. Alow
+ 1827
+
+ Deutsch von Ulrich Steindorff
+
+Das vorliegende Werk hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn nicht
+besondere Umstände, die nur für den Verfasser von Bedeutung sind, die
+Veranlassung dazu gegeben hätten. Dies Werk ist eine Frucht seiner
+achtzehnjährigen Jugend. Wir haben nicht die Absicht, hier ein Urteil
+über die Vorzüge oder Mängel dieser Dichtung abzugeben -- das überlassen
+wir dem Publikum -- wir wollen nur bemerken, daß viele von den Bildern
+dieser Idylle leider verloren gegangen sind; sie haben wahrscheinlich
+das Band zwischen den nun unverbunden dastehenden Teilen gebildet und
+die Zeichnung des im Mittelpunkt stehenden Charakters vollendet. Wir
+rechnen es uns indessen zum Verdienst an, daß wir dem Publikum, soweit
+dies möglich war, Gelegenheit gaben, das Werk eines jungen Talentes
+kennen zu lernen.
+
+
+ Erstes Bild
+
+ Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dämmerdunst
+ Mit seinen Häusern, seinen Gärten. Alles liegt
+ In hellem Licht. Der Glockenturm erglänzt
+ Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun
+ Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut
+ Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu
+ Das Konterfei von Zaun und Gärtchen gibt.
+ Und nichts hält Ruhe in dem Silberspiegel.
+ Blau wölbt der Himmel sich; die Wolken ziehn
+ Wie Wellen hin, und flüsternd rauscht der Wald.
+ Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt,
+ Da steht behaglich unter Lindenschatten
+ Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt
+ Von seinem greisen Herrn und arg verfallen.
+ Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz,
+ Von blüh'ndem Moos bedeckt das Mauerwerk;
+ Die Fenster windschief. Aber immer ist
+ Das Häuschen traulich nett. Um keinen Preis
+ Der Welt wär' es dem Alten feil. -- Dort steht
+ Die Linde, sein geliebter Ruheplatz.
+ Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht
+ Rings von den Rosenbäumen. Vögel nisten
+ In ihrem Dunkel und erfüllen Garten
+ Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall.
+ -- Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden,
+ Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier
+ Ein wenig in der Frische noch zu schlummern.
+ Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach
+ Schläft er. Der sanfte Wind kühlt sein Gesicht
+ Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren.
+
+ Wer ist die Schöne, die mit Blicken
+ Ihm naht, in denen alle Glut,
+ Des Morgens ganze Frische ruht,
+ Und vor ihn tritt? Welch ein Entzücken,
+ Wie sie mit lilienweißer Hand
+ Ihn sanft berührt, um ihn zu wecken,
+ Bemüht, ihn ja nicht zu erschrecken.
+ Doch eh' er aus dem Schlaf sich fand
+ Zur Welt, sprach er, die Lider kaum
+ Geöffnet, leise wie im Traum:
+
+ »Du wunder-, wunderbarer Gast,
+ Der du mein Heim besuchet hast,
+ Warum füllt Kummer mich und schwillt
+ Durch meine Seele. Was bewegt
+ Mich Greisen denn dein Engelsbild
+ So tief, so seltsam tief, und regt
+ Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt,
+ Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt
+ Und allem, was da lebt, längst kalt.
+
+ Seit ich mich tot in mir verscharrte,
+ Ist's Ruhe nur, auf die ich warte,
+ Die ich begehre immerfort.
+ Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort.
+ Und nun kommst du, du Junge, mir
+ Zu Gaste, lockst mich heiß zu dir?
+ Ach nein, aus deinem lichten Munde
+ Flammt einer neuen Hoffnung Kunde.
+ Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde
+ Bin ich bereit. Allein mir fehlt
+ Die Würde. Meine Sündenlast
+ Ist groß. Ich war in dieser Welt
+ Ein arger Streiter und gehaßt
+ Von Hirt und Herde. Grausamkeit
+ War mir nicht fremd. Allein ich schwor
+ Den Teufel ab, und ich verlor
+ Zur Buße keinen Tag, allzeit
+ Entsühnend die Vergangenheit.«
+
+ Voll schwerer Sorge und verwirrt
+ Fragt sie sich bang: »Soll ich's ihm sagen, --
+ Wer weiß, wohin die Träume ihn verschlagen, --
+ Sag' ich ihm, daß er phantasiert?«
+ Doch Nebel des Vergessens hängt
+ Um ihn, den neuer Schlaf umfängt.
+ Sie neigt sich über ihn, verstohlen.
+ Wie sanft er schläft, wie still er ruht!
+ Kaum merklich hebt beim Atemholen
+ Die Brust sich. Licht in Ätherflut
+ Hält ihn ein Engel in der Hut,
+ Und paradiesisch Lächeln flicht
+ Sich leuchtend um sein Angesicht.
+
+ Nun öffnet er die Augen: »Wer,
+ Wer ist's? -- Luise? -- Seltsam, ach;
+ Mir träumte -- --, du, wo kommst du her?
+ Bist, Wildfang, du so früh schon wach?
+ Noch liegt der Tau. -- Es nebelt schwer.« --
+
+ »Großvater, nein, 's ist hell und klar.
+ Im Walde blitzt das Sonnenlicht.
+ Und schon am frühsten Morgen war
+ Es heiß wie jetzt. Es regt sich nicht
+ Ein Blatt. -- Weißt du, warum ich kam?
+ Es gibt ein Fest. Wir feiern heut.
+ Der alte Geiger Lodelham
+ Und auch der Fritz sind längst bereit.
+ Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit
+ Und dann -- --; ach, wenn nur Hans -- --!« Den Greis
+ Umspielt ein weises Lächeln. Still
+ Hört er, was sie erzählen will,
+ Das sorglos junge Blut. »Ich weiß,
+ Großväterchen, nur du hast Macht,
+ Ein bitter großes Weh zu bannen.
+ Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht
+ Und bald am Tag schleicht er von dannen
+ Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht,
+ Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt,
+ Dann hört er gar nicht, was man sagt.
+ Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht,
+ So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz
+ Noch lange quält, geht er zugrund.
+ >Zugrund<, wie zittert, wenn mein Mund
+ Das harte Wort gebraucht, mein Herz.
+ Meinst du, daß er vielleicht mit mir
+ Nicht mehr zufrieden ist, daß er
+ Mich nicht mehr liebt? Das träfe schwer
+ Und hart wie Stahl mein Herz. Sag's mir,
+ Du Engelsguter!« -- Und sie schlang
+ Die Arme fest um ihn. Kaum ging
+ Ihr Atem, als sie an ihm hing
+ In ihrer Liebe so verwirrt und bang.
+ Als sich die Träne ihr ins Auge stahl,
+ Wie war sie schön in ihrer Qual.
+
+ »Gib Ruh', mein Kind, nicht weinen, nein.
+ Schämst du dich nicht?« Der Pfarrer mühte
+ Sich tröstend um sie. »Gottes Güte
+ Wird dir Geduld und Kraft verleihn.
+ Wenn du ihn innig bittest, wirst
+ Du auch bei ihm Erhörung finden.
+ Hans lebt ja nur für dich. Du irrst.
+ Du mußt die Zweifel überwinden.
+ Du darfst dir nicht mit solchen leeren
+ Gedanken deine Ruhe stören.« -- --
+
+ Und als er noch der weinenden Luise
+ Zuspricht, die an die welke Brust sich lehnt,
+ Da bringt die alte Gertrud schon den Kaffee,
+ Den heißen, bernsteinklaren, den der Greis
+ So gern im Freien nahm. Er liebte es,
+ Die Weichselpfeife dann dabei zu rauchen.
+ So stieg denn bald der Rauch in klaren Ringen.
+ Luise fütterte gedankenschwer
+ Den Kater, der mit lautem Schnurren,
+ Vom süßen Duft gelockt, sie lang umstrichen.
+ Der Greis erhob sich vom geblümten Sessel
+ Aus Väterzeit, sprach sein Gebet und drückte
+ Der Enkelin die Hand. Dann zog er sich
+ Den sonntäglichen, taftnen Schlafrock an,
+ Den silberschimmernden, und nahm das Käppchen,
+ Das Hans ihm kürzlich aus der Stadt gebracht
+ Und ihm geschenkt. So ging er denn gemächlich,
+ Sich auf Luisens weiße Schulter stützend, --
+ Hell schlug der Sang der Lerchen himmelwärts --
+ Ins Feld hinaus. -- Wie herrlich war der Tag!
+ Es ließ ein Wind das Gold der Felder wogen,
+ Das, überragt von dichten, früchteprangenden
+ Laubkronen, in der Sonne flimmerte.
+ Fern dunkelten die grünen Wälder.
+ Dem regenbogenfarbnen Sommerdunst
+ Entströmten Fluten wundersamster Düfte.
+ Die Bienen waren fleißig unterwegs
+ Und sogen Honig aus den jungen Blüten.
+ Die Grillen zirpten froh. Und aus der Weite
+ Klang laut und lauter kräft'ger Rudersang.
+ Und lichter ward der Wald. Das Tal erschien.
+ Das frohe Schrein der Herden scholl herauf.
+ Tief in der Ferne sah man schon das Dach
+ Vom Haus Luisens winken, sah das Rot
+ Der Ziegel schimmern, wenn die Sonnenstrahlen
+ In keckem Tanzspiel blitzend es umhuschten. -- --
+
+
+ Zweites Bild
+
+ Noch ungeklärt sind die Gedanken,
+ Die Hans bewegen, und sein Blick
+ Sieht wirr die Welt des Lebens wanken
+ Und sucht sein künftiges Geschick. --
+ In stillem Frieden war die Zeit
+ Dem Tändelnden vorbeigeflossen;
+ Noch hatte keine Bitterkeit
+ Sich in der Seele Unschuld ihm gegossen.
+ Kind dieser Erdenwelt war er.
+ Doch ihrer Leidenschaften Brand
+ War seinem Herzen unbekannt.
+ Ganz sorglos war und leicht bisher
+ In Heiterkeit und Glück und Lust
+ Das Kind beim Spiel der Kinderschar.
+ Das Böse war noch seiner Brust
+ Ganz fremd. Ihm blühte wunderbar
+ Die Welt. -- Schon in der frühsten Zeit
+ Der Kindheit war sein Kamerad
+ Luise, deren Heiterkeit
+ Und Milde seinen Lebenspfad
+ Erhellt. Wenn sie im grünen Kleid
+ Zu tanzen anfing oder sang,
+ Dann schoß durchs blonde Ringelhaar
+ Manch Blitz, der zündend weitersprang.
+ Ihr rosa Miedertüchlein glitt
+ Herab. Man sah bei jedem Schritt
+ Das feine, zarte Füßchenpaar.
+ Sie war ein Kind, und kindlich war
+ Ihr Tun. -- Im Walde spielte sie
+ Mit ihm. Sie fingen sich. Dann lief
+ Sie fort, versteckte sich und schrie
+ Ihm plötzlich zu, daß er erschreckte.
+ Sie schwärzte heimlich, wenn er schlief,
+ Ihm sein Gesicht, und lachend weckte
+ Sie ihn dann aus dem süßen Schlafe.
+ Und er, er küßte sie zur Strafe. --
+
+ Und Lenz auf Lenz zog hin ins Land.
+ Die Spiele wollten nicht mehr taugen.
+ Die gegenseit'ge Keckheit schwand.
+ Es schwand das Feuer seiner Augen.
+ Und sie hält Traurigkeit gebannt
+ Und Schüchternheit. -- Ihr, junger Herzen
+ Verliebte, erste Worte, wart
+ Gekommen, und es blieben nicht erspart
+ Die Tage voller süßer Schmerzen.
+ Was blieb ihm denn zu wünschen weiter,
+ Wo er Luise bis zur Nacht,
+ Gefesselt wie von Zaubermacht,
+ Nicht ließ, ihr treuester Begleiter,
+ Ihr Schatten, wo sie ging und stand.
+ Mit innig tiefer Freude sahen
+ Die Eltern, wie das Glück sich fand,
+ Und sahen sich nicht satt. Die nahen,
+ Leidvollen, zweifelvollen Zeiten
+ hielt noch ein Engel sanft verhüllt den beiden. --
+
+ Doch allzubald befiel ein Schmerz,
+ Ein tiefer, ihn. Matt ward vor Gram
+ Sein Blick; er starrte himmelwärts
+ Und war ganz unstet, ach, und wundersam.
+ Es schien, als suchte stets sein Geist,
+ Als hegte er geheimen Groll.
+ Die Seele sehnte sich zumeist
+ Gedankenschwer und kummervoll. --
+ Er sitzt und schaut hinab vom Strand
+ Hinaus aufs Meer wie festgebannt.
+ Und wenn im Takt die Wellen rauschen,
+ Scheint einer Stimme er zu lauschen.
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ Bald geht er grübelnd durch das Tal,
+ Die Augen feierlich voll Glanz,
+ Wenn bei der Wolken Wirbeltanz
+ Der Donner grollt, ein Feuerstrahl
+ Durchs Dunkel zuckt und wilder Regen
+ Heiß prasselt und mit einemmal
+ In Strömen rauscht auf allen Wegen.
+ Bald sitzt er in der Mitternacht
+ Vor alten Sagen auf und wacht
+ Und hofft, daß sich die Lettern regen
+ In ihrer Stummheit, wenn die Seiten
+ Er wendet, die so tiefe Kunde
+ Ihm bringen von den grauen Zeiten.
+ Ins Buch versunken manche Stunde,
+ Sitzt er und wendet kaum das Haupt.
+ Wer ihn in dieser schweren Not
+ Gesehn, der hätte fest geglaubt,
+ Die Zeit, da er gelebt, sei tot.
+ Gedanken, wunderbare, hatten
+ Mit ihrem Zauber ihn gebannt.
+ Er suchte dunkler Eichen Schatten
+ Auf seinem Weg durchs Sommerland.
+ Aus diesen tiefen Schatten sprach
+ Manch Rätsel, das er nicht verstand,
+ Und träumend streckte er die Hand
+ Liebkosend aus und griff darnach. --
+
+ Luise ist die ganze Zeit
+ Allein in ihrem tiefen Kummer.
+ Ihr Herz ist einzig ihm geweiht.
+ Sie findet nächtens keinen Schlummer
+ Und bringt die gleiche Zärtlichkeit
+ Ihm dennoch stets entgegen, hält
+ Die zarten Arme um ihn, küßt
+ Ihn sanft, daß er den Schmerz vergißt,
+ Bis er der Schwermut neu verfällt.
+
+ Schön sind die Stunden, wunderbar,
+ Wenn ferne Träume ihn umschweben
+ Und der Gesichte lichte Schar
+ Ihn fortträgt in ein andres Leben.
+ Doch, wenn der Seele Land zerstört,
+ Der stille Erdenfleck vergessen,
+ Der Scholle nicht sein Herz gehört,
+ Die schlichten Menschen er vermessen
+ Nicht achtet, werden Traumgestalten
+ Auch dann noch froh im Herzen walten? -- --
+
+ Indessen laßt sein unstet Wesen
+ Belauschen uns. Macht euch bereit,
+ Die Rätsel seines Geists zu lösen
+ In ihrer Mannigfaltigkeit. --
+
+
+ Drittes Bild
+
+ Du klassisch schöner Werke klassisch schönes Land!
+ Des Ruhmes und der Freiheit Land, Athen!
+ An dich, in wundersamer Gluten Wehn,
+ Ist meine Seele festgebannt.
+
+ Vom Tempel hoch bis hin zu des Piräus Mauern
+ Ergießen sich und wogen feierliche Massen.
+ Äschines' Worte blitzen, donnern und durchschauern,
+ Der Iliß Wassern gleich, und fassen
+
+ Gebietrisch alle wie der laute Sturm der Welle.
+ Gewaltig ragt empor die Marmorherrlichkeit
+ Der Parthenon, wo Säule sich an Säule reiht;
+ Empor Minerva, von des Phidias Stahl geweiht.
+ Und Zeuxis' wie Parrhasios' Pinsel strahlen Helle.
+
+ Im Portikus steht göttergleich ein Greis
+ Und redet weise von der andern Welt;
+ Sagt, wer für Tugend einst Unsterblichkeit erhält,
+ Wen Schande trifft und wen der Preis.
+
+ Horch! Rohes Tosen mischt sich in das Springbrunnrauschen.
+ Der Tag ist wach, und dem Theater voll Verlangen
+ Zu strömt das Volk. Wie Persiens Farben prangen!
+ Sieh, wie die Tuniken sich bauschen!
+
+ Noch eh' die Leidenschaft des Sophokles verklungen,
+ Schwirrt Kranz auf Kranz, von den Begeisterten geschwungen.
+ Von Epikurens Honigmund, dem liebgewohnten,
+ Enteilt sind Amors Diener, Krieger und Archonten,
+ Daß ihnen sich die hohe Wissenschaft enthülle,
+ Wie man Genüsse schlürft und trinkt des Lebens Fülle.
+ Aspasia kommt! Ihr Blick, vom Wimpernschwarz verbrämt,
+ Trifft einen Jüngling, und sein Atem stockt verschämt.
+ Wie heiß die Lippen sind! Wie loht der Rede Glut!
+ Die schwarzen, losen Locken fallen wie die Nacht
+ Auf ihrer Schultern Marmorpracht,
+ Auf ihre Brüste wie die Flut. --
+
+ Und jetzt? -- Tympane tosen und die Becher klirren.
+ Bacchantinnen in wilder Raserei, geschmückt
+ Mit Efeu, stürmen durch den heil'gen Hain in wirren,
+ Gehetzten Haufen. -- Wo? Wohin? -- Entrückt, entrückt.
+
+ Allein! -- Verschwunden ist der Chor.
+ Und Gram befällt mich neu und Wehe.
+ Stieg' doch vom Tal ein Faun empor;
+ Dräng' aus des Gartens dunkler Nähe
+ Mir einer Nymphe Sang ans Ohr!
+
+ Ihr Griechen, wunderbarlich habt
+ Die Welt mit Träumen ihr erfüllt,
+ In Zauber alles eingehüllt!
+ Heut ist sie ärmlich, grau, verschabt
+ Und wohl quadriert, mit Nichts begabt. -- --
+
+ * * * * *
+
+ Doch neue Träume kommen und heben
+ Und ziehen ihn lockend himmelan
+ Empor aus der Sorgen Ozean,
+ hinweg von allem kleinlichen Leben. --
+
+
+ Viertes Bild
+
+ Im Land, wo des Lebens Wunderquellen
+ Entspringen und strahlend rings alles erhellen;
+ Wo schwer die Nächte vom Ambraduft,
+ Von Lotossüße geschwängert die Luft;
+ Wo Räucherwerkwolken die Bläue durchfluten
+ Und Mangostans Früchte golden gluten;
+ Wo Kandahars Wiesengrund samten sich breitet;
+ Wo kühn sich ob allem der Himmel weitet
+ Und Blüten regnet in üppigem Glanz;
+ Wo Schwärme von Faltern auffunkeln im Tanz:
+ Dort sieht mein Blick eine Peri: versunken,
+ Nichts sehend, nichts hörend; traumestrunken.
+ Gleich Sonnen leuchtet ihr Augenpaar,
+ Wie Hemasagara funkelt ihr Haar.
+ Ihr Atem gleicht dem, den die Lilie haucht,
+ Wenn die Nacht den Garten in Schlummer taucht
+ Und im Wind ihre Seufzer von dannen schwingen;
+ Ihre Stimme den nächtlichen Ton von Syringen,
+ Dem silbernen Tone, wenn Israfil
+ Die Flügel schlägt in mutwilligem Spiel;
+ Dem heimlichen Plätschern des Tschindara-Fluß.
+ Und ihr Lächeln erst! Und erst ihr Kuß!
+ Was ist? -- Sie hebt sich, ein Hauch, und entschwindet
+ In Himmeln, wo sie Verwandte findet.
+ Bleib! Blicke dich um! Bleib! -- Taub meinem Schrei,
+ Verrinnt sie im Regenbogen. -- Vorbei!
+ Erinnrung an sie bleibt und hält
+ Sich fest; und Duft erfüllt die Welt. --
+
+ * * * * *
+
+ Bunt war sein Träumen überstrahlt;
+ Vom Drang der Jugend heiß durchflossen.
+ Die Hoheit, die sein Herz genossen,
+ Hat herrlich oft sich abgemalt
+ Auf seinem Angesicht. Allein,
+ Was ihn in seinen Träumerein,
+ Was die erregte Seele quälte,
+ Wonach er schrie, wonach er bangte,
+ In wilder Leidenschaft verlangte,
+ Als gält' es, daß er sich vermählte
+ Der ganzen Welt mit ganzer Lust,
+ Verstand er nicht. -- Voll Staub und Dust,
+ Von Dumpfheit voll und Schwere fand
+ Er diese Welt und wirr. Es flog
+ Sein Herz und schlug und schlug und zog
+ Ihn hin nach fernem, fernem Land.
+ Wer sah ihn so? Sein Atem ächzte.
+ Die Brust ging keuchend auf und nieder.
+ Stolz funkelte durch seine Lider.
+ Ach, wie die Seele darnach lechzte,
+ Am flücht'gen Traum sich festzusaugen.
+ Ach, welche Feuer in ihm brannten,
+ Wie ihn die Tränen übermannten,
+ Das Leben schürend in den heißen Augen. --
+
+
+ Sechstes Bild
+
+ Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf,
+ Wo unserer Geschichte Welt, die Welt,
+ Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet.
+ Das heitre Lünensdorf, so hieß es einst;
+ Doch weiß ich nicht, ob es noch heut so ist. --
+ Weit schimmerte dem Wanderer entgegen
+ Das kleine, weiße Häuschen Wilhelm Bauchs,
+ Des Musikers, das er vor langer Zeit,
+ Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm,
+ Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus;
+ Grün war's gestrichen; rote Ziegelplatten
+ Erklirrten hell im Wind. Kastanienbäume
+ Umstanden es und drängten in die Fenster.
+ Durch ihre Stämme sah ein Weidenzaun,
+ Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten.
+ Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch.
+ Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange,
+ Behangen mit der Wäsche, die im Glanz
+ Der heißen Mittagssonne lustig blinkte.
+ Durch eine Speicherluke drängte sich
+ Laut girrend eine Taubenschar; es schrien
+ Die Puter, und mit seinen Flügeln schlagend
+ Entbot der Hofhahn seinen Morgengruß
+ Dem Tag und pickte den behäbig bunten Hennen
+ Die Körner fort. Zwei fromme Ziegen rupften
+ Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch
+ In krausen Wolken aus dem Schornstein auf
+ Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren.
+ Dort auf der Seite, wo der Mauerputz
+ Ein wenig abgebröckelt von den grauen Ziegeln,
+ Dort, wo die alten Bäume Schatten geben,
+ Stand schon seit frühstem Morgen säuberlich
+ Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge:
+ Radieschen, gelber Käse, eine Dose
+ In Entenform mit Butter; Wein und Bier,
+ Der süße Bischof, Zucker, Waffelkuchen
+ Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Früchten:
+ Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben
+ Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen
+ Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. --
+ Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte
+ Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise
+ Der Töchter und des alten Pfarrherrn feiern.
+ Luise kam, doch ihre Schwester Fanny,
+ Die Jüngere, war fortgeeilt, um Hans
+ Zu holen, und war noch nicht zurück.
+ Vermutlich irrte er verträumt umher.
+ Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster
+ Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur
+ Zwei Schritt von ihr. -- Sie war nicht selbst gegangen,
+ Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn,
+ Aus ihren Augen keinen Vorwurf läse.
+ Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater,
+ Zu ihr und sprach: »Du mußt den Hans mal schelten,
+ Daß er so lange nicht mehr bei uns war.
+ Pass' auf, du hast ihn dir zu sehr verwöhnt.«
+ Doch sie war um die Antwort nicht verlegen:
+ »Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln.
+ Er ist schon ohnedies so bleich und elend.«
+ »Was, krank, sagst du?« fiel Mutter Berta ein.
+ »Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie,
+ Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen,
+ Seid ihr einmal vermählt. Ein junger Sproß,
+ Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft,
+ Fängt plötzlich an zu blühn. -- Ist denn die Frau
+ Nicht Lichtflut für den Mann?« -- »Ein kluges Wort,«
+ Warf da der Pfarrer ein. »Wenn Gott es will,
+ Glaubt mir, wird alles noch vorübergehn!«
+ Er klopfte wieder seine Pfeife aus.
+ Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten;
+ Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten,
+ Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Türken,
+ Von Missolunghi, von Kolokotroni,
+ Dem großen Führer, und vom argen Krieg,
+ Von Canning sprachen sie, vom Parlament,
+ Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid,
+ Als Hans erschien und sich Luise plötzlich
+ Mit einem Aufschrei ihm entgegenstürzte.
+ Der Jüngling schlang den Arm um ihre Hüfte
+ Und küßte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm:
+ »Nun schäm' dich, Hans, daß du so ganz vergessen
+ Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise
+ Vergißt, wie solltest du der Alten noch
+ Gedenken!« -- »Väterchen, laß sein, laß sein --
+ Was schiltst du Hans denn immer!« sprach die Mutter.
+ »Laßt uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt:
+ Der Brei, der Reis, die duft'gen Zuckererbsen,
+ Der Glühwein und nicht minder der Kapaun,
+ Den mit Rosinen ich und Butter briet.« --
+ So setzten sie sich friedlich an den Tisch
+ Und waren alle bald vom Wein belebt,
+ Die Seelen voller Glück und Heiterkeit. --
+ Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flöte.
+ Es gab ein Stück -- der Feiernden zu Ehren.
+ Bald drehten allesamt im Walzer sich.
+ Selbst Wilhelm wurde lustig, und gerötet
+ Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau
+ Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog
+ Hans mit Luise toll dahin. Die Welt
+ Flog mit im gleichen, wundervollen Takt.
+ Luise wagte kaum zu atmen, kaum
+ Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen.
+ Der Pfarrer sagte: »Ach, ich sehe mich nicht satt
+ An ihnen, glaubt's mir. Welch ein herrlich Paar.
+ Luise, dieses heitre, liebe Kind,
+ Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden.
+ Sie sind doch füreinander wie geschaffen.
+ Ja, glücklich wird ihr ganzes Leben sein.
+ Ich danke Dir, mein güt'ger Gott, daß Du
+ Im hohen Alter mir die Gnade schenktest
+ Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst,
+ Damit ich solche Enkel schauen durfte.
+ Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme:
+ Auf Erden hab' ich Herrliches gesehn.«
+
+
+ Siebentes Bild
+
+ Des Abends Kühle senkt sich still hernieder.
+ Die letzten, leisen Sonnenstrahlen küssen
+ Das finstre Meer. Von tausend Flimmerfunken
+ Durchsät, erglüht der Wald, und fern, fern her
+ Erschimmern durch den Meeresdunst die Felsen
+ In bunter Farbenpracht. Rings tiefe Stille.
+ Und nur der Hirtenflöten melanchol'scher Ruf
+ Tönt dann und wann von fernen, heitren Ufern;
+ Und dann und wann ein leises Plätschern, wenn
+ Ein Fisch im spiegelblanken Wasser ruckt,
+ Wenn eine Schwalbe mit den Flügeln, ehe
+ Sie auf zum Himmel steigt, es flüchtig streift.
+ -- Fern zeigt ein Kahn sich wie ein heller Punkt.
+ Wen trägt er wohl? Wer fährt wohl auf dem Meer?
+ Der Pfarrer ist's, der Greis im Silberhaare,
+ Und mit ihm Wilhelm mit der teuren Gattin.
+ Die übermüt'ge Fanny läßt die Hand,
+ Die von der Angelschnur herabgezogen,
+ Im Wasser spielen. Hinten in dem Schiff
+ Sitzt Hans mit seiner Braut. -- Sie sahen alle
+ In stummer Freude einer Welle zu,
+ Die breit dem Schiff gefolgt und unterm Schlag
+ Der Ruder feurig schäumend perlte.
+ Wie sich nun rasch die ros'ge Ferne klärte
+ Und voller Duft ein Hauch von Süden kam,
+ Da sprach der Pfarrer tief gerührt: »Wie schön
+ Ist dieser Abend Gottes doch! So still
+ Und herrlich wie das Leben des Gerechten.
+ Denn es vollendet ebenso voll Frieden
+ Den Weg, und auf den heil'gen Erdenrest
+ Ergießen sich die gleichen schönen Tränen.
+ Ja, auch für mich wird's Zeit. Auch meine Tage
+ Sind bald gezählt. Ich kann nicht lang mehr bleiben.
+ Doch werd' ich auch so herrlich schlafen gehen?« --
+ Da weinten alle. Hans, der grad ein Lied
+ Auf der Oboe spielte, ließ das Instrument
+ Nachdenklich sinken. Es umspann ein Schlummer
+ Sein Haupt, und weithin schweiften seine Sinne.
+ Und Träume stürmten seltsam auf ihn ein.
+ Luise wandte sich ihm zu: »Sag' mir, sag', Hans,
+ Wenn du mich liebst, wenn ich in deiner Seele
+ Noch Mitleid, Mitgefühl wachrufen kann,
+ Was quälst du mich? Sag' mir einmal, warum
+ Sitzt du bei Nacht einsam bei deinen Büchern?
+ Ich weiß es. Unsre beiden Fenster liegen
+ Doch nicht umsonst einander gegenüber.
+ Warum weichst du uns allen aus und trauerst?
+ Dein trüber Blick, ach, nimmt mir alle Ruh',
+ Und deine Trauer macht mich selber trübe! --«
+ Das rührte Hans. Er wurde ganz verlegen.
+ Er drückte sie im Schmerz an seine Brust,
+ Und eine Träne stahl sich ihm ins Auge.
+ »Luise, frage nicht. Du mehrst doch nur
+ Durch deine Unruh' meinen tiefen Kummer.
+ Denn in Gedanken ich versunken scheine,
+ Glaub' mir, dann denk' ich immer nur an dich
+ Und sinne, wie sich all die schweren Zweifel
+ Von deiner Seele nehmen, wie dein Herz
+ Mit Freude sich und Frieden füllen ließe,
+ Daß deiner Jugend reinen Schlaf nichts störe,
+ Daß Böses dir nicht nahe, nicht der Schatten
+ Von einem Kummer dich berühre, daß
+ Dein Glück in alle Ewigkeiten währe!«
+ Da lehnte sie an seine Brust sich an
+ Und konnte in der Fülle des Gefühls,
+ Des Dankes ihm kein einzig Wort erwidern. --
+ Still zog das Boot am Ufer hin. -- Man landet
+ Und steigt schnell aus. »Hört,« sprach der Vater Wilhelm,
+ »Hört, Kinder, nehmt euch recht in acht und seht,
+ Daß ihr euch nicht erkältet. Es ist feucht.
+ Der Nebel steigt.« -- Hans ging mit ihr und dachte:
+ Was wird, wenn sie erfährt, was sie doch nicht
+ Erfahren soll? Er sah ihr in die Augen.
+ In seinem Herzen ward ein Vorwurf laut.
+ Ihm war, als wenn er schlecht gehandelt hätte,
+ Als hätte er den ewigen Gott belogen. -- --
+
+
+ Achtes Bild
+
+ Vom Turme schlägt es Mitternacht.
+ Hans sitzt wie immer auf und wacht.
+ Dem Einsamen gewohnte Zeit.
+ Das Flackerlicht der Lampe leiht
+ Nur spärlich Helligkeit. Es fällt
+ Wie Saat des Zweifels in die Welt
+ Des Schlafs. -- Kein Blick träf' in der Runde
+ Nur eines Menschen Spur. Fern, ferne
+ Rauscht wie Gespräch aus Menschenmunde
+ Die Welle in dem Glanz der Sterne.
+ Die Stille läßt den Atem hören
+ Der Nacht. -- Jetzt wird ihn nicht mehr stören
+ Der laute Tag in seinem Denken,
+ Wo über seine Stirn sich senken
+ Friede und Ruh'. -- Und sie? Sie setzt
+ Sich auf im Bett; im Fenster jetzt:
+ »Er kann's nicht sehen, merkt's ja nicht;
+ Ich seh' mich satt an seinem Bild.
+ Er wacht, daß er mein Glück erfüllt.
+ Gott sei ihm gnädig, sei ihm mild.« --
+
+ * * * * *
+
+ Die Welle rauscht im Mondeslicht.
+ Ein Traum sinkt nieder und umfängt
+ Ihr Haupt und beugt es leis, ganz leis.
+ Um Hans spielt der Gedankenkreis
+ Noch immer, dem er sich versenkt.
+
+
+ 1.
+
+ Entschieden alles! Ist's Gebot,
+ Tiefinnerst jetzt zugrund zu gehn?
+ Gibt's andres Ziel nicht als den Tod?
+ Vermag ich Beßres nicht zu sehn?
+ Soll ich mich hin zum Opfer geben,
+ Tot für die Welt und ruhmlos leben?
+
+
+ 2.
+
+ Soll denn ein Herz, das Ruhm geliebt,
+ Nur Nichtigkeiten lieben dürfen;
+ Kalt jedem Glück sein, das sich gibt,
+ Und niemals Seligkeiten schlürfen?
+ Der Erde Schönheit nie mehr finden,
+ Nie Wahres mehr in ihr ergründen?
+
+
+ 3.
+
+ Was ruft, was lockt ihr mich so bang,
+ Ihr, dieser Erde schönste Lande.
+ Bei Tag und Nacht wie Vogelsang
+ Hör' ich in meiner Träume Bande,
+ Bei Tag und Nacht die süßen Töne,
+ Und bin berückt von eurer Schöne.
+
+
+ 4.
+
+ Euch, euch gehör' ich. Bald, ach bald
+ Such' ich die seligen Gefilde,
+ Ein Pilgrim, der zum Heil'gen wallt.
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ Hin fliegt umschäumt des Schiffes Bug.
+ Hoch strebt der Sehnsucht froher Flug.
+
+
+ 5.
+
+ Ja, fallen wird der trübe Flor,
+ In den euch stets der Traum gehüllt.
+ Aufschließen wird die Welt das Tor
+ Zur Wunderherrlichkeit, gewillt,
+ Den Jüngling freundlich zu begrüßen
+ Mit unversieglichen Genüssen.
+
+
+ 6.
+
+ Der Schönheit Meister! Meine Augen
+ Bereiten sich, was ihr geschaffen
+ Mit Stift und Meißel, einzusaugen.
+ Mein Herz will eure Glut erraffen.
+ Rausch' hin, mein Meer, von Riff zu Riff!
+ Bring mich an Land, einsames Schiff!
+
+
+ 7.
+
+ Du aber, enger Winkelfrieden,
+ Mein Wald, mein Feld, ihr müßt verzeihn.
+ Himmlischer Regen reich beschieden
+ Sei euch und Blüte und Gedeihn.
+ Das Herz, scheint's, härmt sich, euch zu lassen,
+ Und dürstet, euch noch einmal zu umfassen.
+
+
+ 8.
+
+ Auch du, mein engelstilles Herz,
+ Vergib und geiz' mit deinen Tränen.
+ Gib dich nicht hin dem ersten Schmerz.
+ Verzeih dem armen Hans sein Sehnen.
+ Klag' nicht. Der Weg ist bald gemessen,
+ Und ich zurück. Wie könnt' ich dein vergessen! --
+
+
+ Neuntes Bild
+
+ Wer kommt noch zu so später Stunde
+ Behutsam durch die Nacht gewallt,
+ Den Wanderstab am Gürtelbunde,
+ Den Rucksack rüstig umgeschnallt?
+ Vor ihm ein Haus zur rechten Hand;
+ Zur linken führt ein Weg ins Weite.
+ Er will den weiten Weg ins Land,
+ Erfleht von Gott Kraft zum Geleite.
+ Allein er wendet, übermannt
+ Von stillem Weh, verzehrt von Gram,
+ Den Schritt zum Haus, woher er kam.
+
+ * * * * *
+
+ Vor einem offnen Fenster sitzt,
+ Den Kopf in seine Hand gestützt,
+ Und ruht ein wunderschönes Kind.
+ Mit seinem Flügel streicht sie mild
+ Und gibt ihr Träume ein -- der Wind,
+ Von denen sie nun ganz erfüllt,
+ Ein Lächeln zeigt. Und ihm entquillt,
+ Wie er sich peinvoll naht der Schönen
+ Und bebend ihr ins Antlitz schaut
+ Und kummerschwer, sein Weh in Tränen.
+ Sein Auge schimmert glanzbetaut.
+ Er beugt sich nieder glühend heiß
+ Und küßt sie seufzend, leis, ganz leis.
+
+ * * * * *
+
+ Den weiten Weg eilt er dahin.
+ Sein Innerstes durchbebt ein Schauer.
+ Unrast umdüstert seinen Sinn,
+ Und seine Seele tiefe Trauer.
+ Noch einmal wendet er den Blick
+ Zum Abschiedsgruß. -- Ein weißes Band,
+ Zieht schon der Nebel übers Land.
+ Sein stöhnend Herz weist ihn zurück.
+ Ein rauher Wind mit scharfem Tone
+ Stößt Eichenkron' an Eichenkrone.
+ Und grau verschwimmt im fernen Raum
+ Das Haus. Ganz unklar wie im Traum
+ Hat Pförtner Gottlieb nur vernommen,
+ Daß wer durchs Gartentor gekommen
+ Und daß einmal, als wenn er schälte,
+ Der treue Hund im Hofe bellte.
+
+
+ Zehntes Bild
+
+ Spät wird der helle Führer wach, --
+ Der Morgen ist nicht freundlich. Schwer
+ Wogt übers Feld ein Nebelmeer,
+ Und Regen rauscht und schlägt aufs Dach.
+ Des jungen Morgens Kühle fächelt
+ Die Schöne aus der Ruh'. Benommen
+ Vom Schlaf am Fenster und beklommen,
+ Streicht sie ihr Haar zurecht und lächelt.
+ Doch Ärger schleicht sich ein und feuchtet
+ Das Auge, daß es funkelnd leuchtet:
+ »Wann kommst du, Hans? Wie lang soll's dauern?
+ Du schwurst: beim ersten Tageslicht!
+ Der Tag ist da. Ein Tag zum Trauern,
+ Ein trüber Tag. Die Nebel schauern,
+ Der Sturmwind heult. Was kommst du nicht?«
+ Geängstigt halb und halb verdrossen,
+ Blickt sie zum Fenster ihres Hans.
+ Geschlossen ist's und bleibt geschlossen.
+ Er schläft gewiß, und Traumesglanz
+ Umgaukelt ihm sein Liebstes noch.
+ Lang hat's getagt. Vom Regen sind
+ Durchfurcht die Täler, und vom Wind
+ Gewiegt der Wald. Ach, käm' er doch!
+
+ * * * * *
+
+ Der Mittag naht. Unmerklich steigt
+ Der Nebel auf. Ganz matt, gezogen
+ Tönt Donner noch. Der Eichwald schweigt.
+ Auf flammt in siebenfarb'gem Bogen
+ Am Himmel paradiesisch Licht.
+ Mit Funken ist die Eiche übersprüht.
+ Froh klingt vom Dorfe Lied auf Lied.
+ Wo bist du, Hans, was kommst du nicht?
+
+ * * * * *
+
+ Warum? -- Die arge Brust umflicht
+ Schwermut. Das Ohr wird müd der Qual,
+ Zu horchen auf die Stundenzahl.
+ Die Türe geht. -- Er ist's! -- Nein, nicht:
+ Herein tritt Berta; wohlig fällt
+ Der rosa Morgenrock, der weiche,
+ Und farbenfroh die kantenreiche,
+ Gestickte Schürze. »Engelgleiche,
+ Was hat die Nachtruh' dir vergällt?
+ Bist bleich und matt. Was ist geschehn?
+ Störte der Regen, der so schwer
+ Herabgerauscht, das wilde Meer,
+ Der Hahn, der wüste Lärmer, den
+ Kein Schlaf nachts ankommt, dich so sehr?
+ Hat dich der Böse überkommen,
+ Dir deinen reinen Schlaf genommen,
+ Ins Herz gesenkt trübselig Trauern?
+ Tust mich von ganzer Seele dauern.«
+
+ * * * * *
+
+ »Nein, nicht des Regens Rauschen, ach,
+ Das wilde Meer nicht, nicht der Hahn,
+ Der wüste Lärmer, hat's getan.
+ Ach, was du nennst, hielt mich nicht wach.
+ Nicht solcher Traum hat mich benommen,
+ Bin solcher Trübsal nicht beklommen.
+ Der Traum, der mir zu Sinnen kam,
+ War anders, schwer und wundersam.« --
+
+ * * * * *
+
+ »Mir träumte: Finstre Öde sei
+ Um meinen Weg. Rings Nebel nur
+ Vom Moor, und in der Wüstenei
+ Von trocknem Boden keine Spur.
+ Ein ekler Dunst! Die Erde weicht.
+ Bei jedem Schritt ein neuer Schlund,
+ Bei jedem Schritt ein neuer Grund
+ Zur Herzensangst. Und mich beschleicht
+ Unsäglich Wehe. Da erscheint
+ Urplötzlich Hans vor mir. Blut rinnt
+ Aus einer Wunde. Er beginnt
+ Zu schluchzen über mir und weint.
+ Doch statt der hellen Tränen floß
+ Ein trüber Strom. Ich wachte auf.
+ Und über Brust und Antlitz goß
+ Vom Blondhaar triefend wie der Lauf
+ Von tausend Bächen dummer Regen.
+ Mein Herze schlug in trüben Schlägen,
+ Und Traurigkeit befiel den Sinn.
+ Die Locken blieben feucht. In Sorgen
+ Sitz' ich verhärmt seit frühem Morgen.
+ Wann kommt er heim? Wo ist er hin?«
+
+ * * * * *
+
+ Die Mutter steht gedankenvoll
+ Kopfschüttelnd vor ihr, ehe sie
+ Ihr Antwort gibt: »Ach, wüßt' ich, wie
+ Ich deiner Not Herr werden soll,
+ Mein Töchterchen. Komm, laß uns sehn, --
+ Gott geb' uns Kraft! -- was ihm geschehn.«
+
+ * * * * *
+
+ Sie treten in sein Zimmer. Leer,
+ Ganz leer! Im Winkel liegt umher
+ Ein alter Platoband, gar arg
+ Verstaubt, Tieck, Aristophanes, Petrark
+ Und Schillers Werke, die vermeßnen,
+ Bei Winkelmanns, den halb vergeßnen.
+ Und Fetzen von Papier. Es blühn
+ Die Blumen auf der Etagere.
+ Die Feder blinkt, mit der er kühn
+ Entlastet sich der Träume Schwere.
+ Sein Tisch, so tot! Doch nein, was hebt
+ Sich jetzt? Ein Zettel flirrt. Was ist?
+ Luise nimmt ihn auf und bebt.
+ Von wem? An wen? Und als sie liest,
+ Fängt ihre Zunge wie noch nie
+ Zu lallen an. Sie stürzt aufs Knie.
+ Gram, sengend Wehe warf sie nieder.
+ Und Grabeskälte rann durch ihre Glieder.
+
+
+ Elftes Bild
+
+ Schau' her, Grausamer! Sieh, Tyrann,
+ Wie sie verhärmt im Staube kauert;
+ Die einsam Welkende, sieh' an,
+ Wie sie in trüber Öde trauert,
+ Vergessen, ach! Schau' hin einmal
+ Auf dein Geschöpf, in dessen Brust
+ Du Lebensglück und Lebenslust
+ Mit Gram vertauscht und Höllenqual.
+ Durchwühlte Grüfte, siehst du sie?
+ Und wie sie dich geliebt, ja, wie!
+ Mit welch lebend'ger Innigkeit
+ Klang ihrer Rede Melodie,
+ Die schlichte. Wo, wo ist die Zeit,
+ Da du gelauscht? Wie war von Schuld,
+ Von Trübsal rein des Blickes Brand,
+ Der dich versengt. Wie oft entschwand
+ Zu langsam ihrer Ungeduld
+ Der böse Tag, zeigte sich nicht,
+ Der Träumerischen, dein Gesicht.
+ Und du konntst sie verlassen, du?
+ Hast dich von allem abgewandt
+ Und wanderst fremd in fremdem Land?
+ Wem tust du das? Für wen, wozu?
+ Doch schau', Grausamer! Sieh, Tyrann!
+ Am Fenster harrt sie noch, verzehrt
+ Von Sehnsucht, daß er wiederkehrt
+ Zu ihr, er, der geliebte Mann. -- --
+ Schon sinkt der Tag. Des Abends Helle
+ Liegt wundersam auf allen Dingen.
+ Ein kühler Wind regt seine Schwingen.
+ Kaum hörbar plätschert fern die Welle.
+ Die Nacht entbreitet ihre Schatten.
+ Leis tönt die Syrinx. Es ermatten
+ Im West die letzten Glutenschimmer.
+ Sie sitzt reglos und harrt noch immer. --
+
+
+ Nächtliche Gesichte
+
+ Allmählich dunkelt und vergeht
+ Des Abends Rot. Schon liegt die Welt
+ In süßem Schlaf, und überm Feld
+ Steigt auf des Mondes Majestät.
+ Das Meer erschimmert wie Kristall.
+ Durchsichtig scheint das ganze All.
+
+ * * * * *
+
+ Schatten wachsen auf und ziehen.
+ Wundersam gestaltet fliehen
+ Herrlich sie, weit, immer weiter,
+ Himmelwärts die Sternenleiter.
+
+ * * * * *
+
+ Heller wird's: zwei Lichter blitzen.
+ Da: zwei Ritter, zottig, fahl.
+ Zweier schart'ger Schwerter Spitzen,
+ Zweier Panzer Schmiedestahl!
+ Halt! Sie suchen, treten an;
+ Tauschen Platz um Platz jetzt. Hei!
+ Kämpfen, glitzern Mann an Mann.
+ Suchen wieder ... Da, vorbei!
+ Dunkel schwillt und deckt sie schwer.
+ Nur der Mond steht überm Meer. --
+
+ * * * * *
+
+ Ein Lied der Kön'gin Nachtigall durchschallt
+ Den Forst; ein schmetternd Lied, das sacht verrauscht.
+ Die Erde atmet kaum, sie lauscht
+ Verträumt der Sängerin. Der Wald
+ Steht reglos. Alles schläft im Kreise.
+ Es tönt nur die verklärte Weise.
+
+ * * * * *
+
+ Luftgebaut ragt der Palast
+ Einer Märchenfee empor.
+ Vor dem Fenster dicht am Tor
+ Singt verklärt ein Minnegast.
+ Sieh, ein Silberteppich glänzt,
+ Ganz durchwebt mit Wolkenringen.
+ Drüber schwebt ein Geist, der grenzt
+ Nord und Süd mit seinen Schwingen.
+ Schlafen sieht der Gast, gebannt
+ Durch ein Gitter aus Koralle,
+ Seine Fee. Die Perlmuttwand
+ Bringt der Trän' Kristall zu Falle. --
+ Dunkel eint und deckt sie schwer.
+ Nur der Mond steht überm Meer. -- --
+
+ * * * * *
+
+ Kaum schimmert durch den Dunst das Land.
+ Geheime Wünsche ohne Zahl
+ Weckt uns die See. -- Ein Riesenwal,
+ Taucht aus dem Nebel. Übermannt
+ Hat Schlaf den Fischer längst. Er ruht;
+ Und unablässig rauscht die Flut. --
+
+ * * * * *
+
+ Strandwärts schwimmen Meerjungfrauen
+ Herrlich schön. Den leuchtend hellen,
+ Weißen Schaum der glühend blauen
+ Wogen teilen sie. Die Wellen
+ Spielen kosend wie im Traum
+ Um die Schöne mit der weißen
+ Lilienbrust. Sie atmet kaum.
+ Um die zarten Glieder gleißen
+ Tropfen wie ein Funkensaum.
+ Ach, sie lächelt, kichert leise
+ Und schwimmt sinnend hin im Licht.
+ Bald voll Lust, bald wieder nicht.
+ Träumerisch singt sie die Weise,
+ Den Sirenensang der Klagen
+ Des Verrats, den sie ertragen,
+ Sie, die Junge. -- Reglos ruht
+ Mondbeglänzt die blaue Flut. --
+
+ * * * * *
+
+ Ein Friedhof fern in fremder Flur,
+ Von einem alten Zaun umhegt.
+ Rings Steine, Kreuze. Moosbelegt
+ Der stummen Toten Häuser. Nur
+ Der Flug der Eulen und das schrille
+ Schrein zerreißt die Grabesstille. --
+
+ * * * * *
+
+ Langsam steigt aus seinem Bette
+ Jetzt ein Leichnam. Weiß umwallt
+ Ihn sein Mantel. Vom Skelette
+ Klopft den Staub er würdig. Kalt
+ Weht vom Schädel Grabhauch. Feuer,
+ Gelbes Feuer glüht aus seinen
+ Augen. Mit den Knochenbeinen
+ Hält ein Roß, ein ungeheuer
+ Glänzend Roß er, einen Schimmel.
+ Und es wächst, wächst bis zum Himmel.
+ Leiche steht nach Leiche auf.
+ Zug des Grauns! Von seinem Lauf
+ Beben Erde, ach, und Lüfte. --
+ Endlich schließen sich die Grüfte. --
+
+ * * * * *
+
+ Ein Schrecken packt sie an. Sie schlägt
+ Das Fenster hastig zu. Ihr Blut
+ Von Eiseskälte, bald von Glut
+ Durchschauert, bebt gleichwie die Flut
+ Im Sturm. Ein schweres Wehe legt
+ Sich auf ihr Herz. Ihr Denken ruht. --
+ Wenn mitleidlos des Schicksals Faust
+ Ein kalter Kieselstein entsaust
+ Und trifft ein armes Herz, wer hält
+ Die Treue, sagt, in aller Welt
+ Noch dem Verstand? Wes Seele ficht
+ Kein Übel an? Und wer verfällt,
+ Sich ewig gleich, im Unglück nicht
+ Dem Aberglauben? Wer erblaßt
+ Nicht, wenn solch Spukbild ihn erfaßt
+ Im Traum? -- Aufs Lager bang
+ Warf sie sich hin voll Schmerz und Kummer.
+ Vergeblich suchte sie den Schlummer.
+ Wenn ein Geräusch durchs Dunkel drang,
+ Ein Mäuslein strich, floh ihre Lider
+ Der Schlaf, der launenhafte, wieder. --
+
+
+ Dreizehntes Bild
+
+ Ein traurig Bild: Ruinen von Athen!
+ Die Säulenreih'n, die bildwerkreichen,
+ Sind morsch. In öden Tälern stehn
+ Sie traurig, müder Zeiten Zeichen.
+ Zertrümmert halb und halb verwittert
+ Das hehre Denkmal, und zersplittert
+ Selbst der Granit. -- Ein karger Rest. --
+ Ein morscher Architrav nur prangt
+ Voll Majestät, und Efeu rankt
+ Und hält am Kapitäl sich fest.
+ In Gräben, die man längst verließ,
+ Herabgestürzt ein Giebelkranz;
+ Dort schimmert noch ein prächt'ger Fries
+ Und der Reliefmetopen Glanz.
+ Hier trauert eine reichgeschmückte
+ Korinthsche Säule noch. Und leise
+ Eidechsen schlüpfen scharenweise
+ Darüber hin. Voll Würde blickt
+ Er auf das Elend rings. Gerückt
+ In toter Zeiten dunkle Nacht,
+ Verdrängt, hat er für nichts mehr acht.
+ Athens Ruinen, ach! Trüb gleiten
+ Die Bilder von Vergangenheiten
+ Vorbei. An kaltem Marmor lehnt
+ Der Wanderer. Wie er sich auch sehnt,
+ Er weckt Erstorbnes nicht. Vergebens!
+ Das Bündel des vergangnen Lebens
+ Knüpft er nicht auf. Ohnmächt'ge Qual,
+ Verlorne Müh'! -- Allüberall
+ Liest nur Zerstörung, Schmach und Schande
+ Der trübe Blick. Im Sonnenbrande
+ Blinkt durch die Säulen dann und wann
+ Ein Turban wohl. Quer durch die Blöcke,
+ Durch Pfeiler, Gräber, Mauerstöcke
+ Treibt barsch sein Roß ein Muselmann. -- --
+ Hufschlag stampft letzte Trümmer nieder. -- --
+ Unsagbar tiefe Traurigkeit
+ Packt da den Fremden plötzlich wieder.
+ Wie stöhnt sein Herz so laut. Er kann
+ Den Schmerz nicht meistern. Bitter leid,
+ Daß er den weiten Weg gemessen,
+ Ist's ihm. Hat er sein Dach, den stillen,
+ Friedlichen Platz daheim vergessen,
+ Verlassen um der Gräber willen?
+ Ach, wären doch die Traumgespinste,
+ Die schönen, seinem Sinn geblieben.
+ Der reinen Schönheit Spiegelkünste,
+ Ach, hätten sie ihn nicht getrieben!
+ Nun sind die Träume tot und kalt
+ Und abgestreift ihr Zauberflor. --
+ Mit unbarmherziger Gewalt
+ Habt ihr ihm schonungslos das Tor
+ Zur Glut der Traumeswelt verschlossen,
+ Ihr, öder Wirklichkeiten Sprossen!
+ Langsam verläßt und kummerschwer
+ Der Fremde nun den Trümmerort.
+ Er schwört, des blinden Einst nicht mehr
+ Zu denken, aber immerfort
+ Fliehn seine Opfer vor ihm her. -- -- --
+
+
+ Sechzehntes Bild
+
+ Zwei Jahre sind dahin. In Lünensdorf
+ Blüht alles noch und prankt wie ehedem.
+ Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stören
+ Den stillen Herzensfrieden der Bewohner.
+ Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel
+ Verändert. Lange ist der Pfarrer tot.
+ Er hat den dornenvollen Weg beendet
+ Und schläft den letzten tiefen, tiefen Schlaf.
+
+ Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt,
+ Und alle hatten Tränen in den Augen,
+ Gedenkend seines Lebens, seines Tuns.
+ Er war es, der für unser Seelenheil,
+ Für unser geistig Brot von je gesorgt.
+ Er war es, der so schön das Gute lehrte;
+ Er war der Trauervollen steter Trost,
+ Der feste Schild der Witwen und der Waisen.
+ Wie voller Güte stieg er doch an Feiertagen
+ Auf seine Kanzel, und wie rührend sprach
+ Er von dem reinen Martertum, vom Leiden
+ Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschüttert
+ Und unter Tränen seinen tiefen Worten. --
+
+ Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht
+ Links von der Straße dicht an einem Friedhof
+ Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebückt
+ In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel
+ Der Zeit hat seine Runen eingegraben.
+ In ihrer Mitte leuchtet eine weiße Urne
+ Auf schwarzem Steine, von zwei grünen Erlen
+ Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten.
+ Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn.
+ Die braven Bauern waren gern bereit,
+ Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre
+ Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten
+ Verkündeten durch eine Inschrift, wie
+ Er lebte, wieviel stille Jahre er
+ Als Seelensorger zugebracht und endlich
+ Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. --
+
+ Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham
+ Errötend seine Flechten löst, und wo
+ Im Felde sich ein frischer Wind erhebt,
+ Der Tau die blitzend blanken Perlen streut,
+ Rotkehlchen in den dichten Büschen schlagen,
+ Und erst zur Hälfte noch der Sonnenball
+ Sich übers Land hebt, kommen Bäuerinnen
+ Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab
+ Und schmücken es mit duft'ger Blumen Fülle
+ Und gehen ihres Wegs. -- Nur eine bleibt,
+ Das Haupt in ihre Lilienhand gestützt,
+ Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen,
+ Als wollte sie Unfaßliches begreifen.
+ Wer würde, ach, in dieser kummervollen
+ Gestalt Luise wohl erkennen? Wer?
+ Der frohe Glanz der Augen ist erloschen,
+ Ihr unschuldreines Lächeln ist nicht mehr
+ Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht
+ Das Zeichen einer Freude drüber hin.
+ Und doch, wie schön ist sie in ihrem Harm!
+ Wie königlich ihr Blick trotz allen Wehs!
+ So trauert wohl der strahlende Seraph
+ Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach.
+ Voll Schönheit war die glückliche Luise,
+ Die trauernde war fast noch herrlicher.
+ Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden
+ Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied.
+ Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele
+ War sie dem Greise zugetan. Und nun
+ Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht
+ Erfüllt. Wie innig hattest du gewünscht,
+ Am heiligen Altare uns zu trauen,
+ Für alle Zeiten unsern Bund zu schließen.
+ Wie hattest du den träumerischen Hans
+ Geliebt -- -- Und er? -- -- --
+
+ Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Hütte.
+ Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim
+ An seiner Drechselbank und schneidet Platten
+ Aus Buchenholz mit feiner Maserung,
+ Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert.
+ Zu seinen Füßen liegt vergnügt geduckt
+ Hektor, sein lieber, treuer Kamerad.
+ Wie immer sorgt die tüchtige Hausfrau Berta
+ Vom frühsten Morgen an schon für sein Wohl.
+ Dicht vor dem Fenster drängt sich eine Schar
+ Von Gänsen, und die Hühner gackern auch
+ Noch unaufhörlich. Ganz wie ehedem
+ Hört man das ew'ge Zwitschern frecher Spatzen,
+ Die Tag für Tag im Küchenabfall picken. --
+ Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern
+ Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes.
+ Die grünen Blätter wurden gelb und fielen,
+ Die Schwalben zogen über ferne Meere. --
+ In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta:
+ »Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben.
+ Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei.
+ Jetzt wird's früh feucht, und dichte Nebel fallen
+ Und schicken ihre Schauer über uns.
+ Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not!
+ Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen.
+ Gott weiß, ob er am Leben ist, ob nicht.« --
+ Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter!
+ Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still
+ In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll
+ Von Sehnsucht und vom Freunde träumend,
+ Und fast unhörbar sagt sie vor sich hin:
+ »Ich hätte ihn nicht minder stark geliebt!«
+
+
+ Siebzehntes Bild
+
+ Wie trüb auch sonst die Tage schleichen
+ Im Herbst, das Heute ist voll Licht.
+ Die Sonne zeigt ein hell Gesicht,
+ Und blanke Silberwellen streichen
+ Am Himmel hin. Den Weg herab
+ Mit Rucksack kommt und Wanderstab
+ Ein Fremder matt und scheu daher.
+ Voll Trauer, wie ein Greis gebeugt,
+ Geht er die Postchaussee. Nichts zeugt
+ Vom alten Hans, fast gar nichts mehr.
+ Sein halberloschner Blick umschweift
+ Das Meer der gelben Ährenwellen,
+ Der Berge bunten Kranz. Es greift
+ Der schöne Traum sein Herz; es schwellen
+ Des Allvergessens Seligkeiten
+ Die Brust. Doch die Gedanken schreiten,
+ Ach, einem andern Ziele zu.
+ Nichts wär' ihm nötiger als Ruh'.
+ Er kommt, so scheint's, von weit, weit her.
+ Sein Atem keucht und schmerzt, und schwer
+ Schmerzt seine Seele ihn und ächzt.
+ Er denkt, doch kein Gedanke lechzt
+ Nach Ruh'. -- Wem gilt sein tiefes Grübeln?
+ Erstaunt, wie er mit allen Übeln
+ Von dem Geschick gemartert ward;
+ Des eitlen Tuns erstaunt, wie er genarrt,
+ Lacht bitter auf er, daß er trunken
+ Die Welt des Wahns, so hassenswert,
+ In seiner Unvernunft begehrt
+ Und ihrem leeren Glanz versunken;
+ Daß er sich in der Menschen Schoß,
+ Von ihrem eklen Tun wie toll
+ Berauscht, bezaubert, -- schwankungslos
+ Geworfen kühn und glaubensvoll.
+ Ach, kalt wie Gräber waren sie,
+ Habgier und Ehrsucht galt allein,
+ Nichts sonst, -- und wie verächtlich Vieh
+ So tierisch, ach, und so gemein.
+ Sie zogen in den Staub, was gut
+ Und hehr. Es schalten ihre Zungen
+ Verächtlich nur Begeisterungen
+ Und Geistestat. Falsch war die Glut;
+ Und wenn sie sich emporgeschwungen,
+ Verderben rings. Wer lauschte schon
+ Der Reden einschläferndem Ton
+ Und bebte nicht? Von Gift wie schwer
+ Ihr Atem, wie voll Lüge ist
+ Ihr Herzschlag und ihr Geist voll List;
+ Wie hohl die Worte und wie leer!
+
+ * * * * *
+
+ Ja, tausendfach war ihm die Wahrheit
+ Begegnet und von ihm erkannt.
+ Doch ward zu höherm Glück die Klarheit
+ Ihm in der Seele Träumerland?
+ Wie ferne Sternenhelle zog
+ Verlockend ihn der Ruhm. Allein
+ Sein blinkend Gift war scharf, es trog
+ Der dichte Qualm ihm vor den Schein.
+
+ * * * * *
+
+ Der Tag versinkt im West. Die Schatten
+ Des Abends wachsen, und die matten,
+ Hellweißen Wolkenränder glühen
+ In greller Röte auf. Die dunkeln
+ Vergilbten Blätter alle sprühen
+ Von goldnem Strahlenwerk und funkeln.
+ Der Wiesengrund der Heimat tut
+ Sich vor dem Wandrer auf. Es füllt
+ Den matten Blick urplötzlich Glut,
+ Und eine heiße Träne quillt.
+ Die Freuden aus vergangnen Jahren,
+ Harmloser Späße, alter Träume Scharen,
+ Sie engen ihm die Brust und rauben
+ Den Atem ihm. Er will's nicht glauben
+ Und sinnt dem Grund nach und beginnt
+ Zu weinen wie ein schwaches Kind.
+
+ * * * * *
+
+
+ Meditationen
+
+ Der Augenblick, da wunderbar
+ Ein Auserkorner im Gefühl
+ Der höchsten Kraft und Selbsterkenntnis
+ Erfaßt des Daseins höchstes Ziel,
+ Der sei gesegnet immerdar.
+ Nicht leerer Träume Schattenpracht
+ Und nicht des Ruhmes Flitterglanz
+ Stört ihn und lockt bei Tag und Nacht
+ Ihn in den lauten Wirbeltanz
+ Der Welt. Sein Sinn hat junge Kraft,
+ Ist Ansporn ihm und einz'ger Rat,
+ Reizt ihn und treibt die Leidenschaft
+ Zu Edlem ihn und großer Tat.
+ Für sie setzt er sein Leben ein;
+ Mag auch der Torenpöbel schrein,
+ Er wird lebend'ger Trümmer wegen
+ Nicht wankend, denn er hört allein
+ Der Enkelzeit rauschenden Segen.
+
+ * * * * *
+
+ Wenn aber Trug und Traumgestalten
+ Mit Sucht nach Glanz ein Herz beseelen,
+ Dem Willenskraft und Härte fehlen,
+ Im Wirrwarr standhaft sich zu halten,
+ Dann ist es besser, ohne Fülle
+ Das Feld des Lebens zu durchmessen,
+ In der Familie, in der Stille
+ Des Weltenlärmes zu vergessen. -- --
+
+
+ Achtzehntes Bild
+
+ Die Sterne gehen auf in Harmonie.
+ Mit mildem Blicke schweifen sie
+ Ob all der Schlafversunkenheit
+ Als Wächter leisen Menschenschlummers.
+ Sie senden Ruh' der Guten Leid,
+ Und Bösen -- des Gewissenskummers
+ Todbringend Gift. -- Was schickt ihr nicht
+ Der Trübsal Frieden jetzt? Ihr seid
+ Des Menschen Freude, tröstend Licht. --
+ Wenn seine Blicke voller Leid
+ Und Kummer flehend an euch haften,
+ Hört er den Streit der Leidenschaften
+ Im Herzen; und er ruft euch laut,
+ Bis er die Schmerzen euch vertraut. --
+ Noch ist Luise traurig-müd;
+ Und noch entkleidet nicht; sie blickt
+ Verträumt, weil aller Schlaf sie flieht,
+ Noch in die Herbstnacht unverrückt.
+ Ihr Sinn beschwört das alte Bild.
+ Da füllt sie Heiterkeit und weitet
+ Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt,
+ Das am Spinett sie froh begleitet.
+
+ Das Laub fällt raschelnd von den Bäumen,
+ Durch die der Hofzaun blinkt. -- Hans steht
+ In des Vergessens süßen Träumen,
+ Vom Mantel eingehüllt, und späht
+ Und lauscht. -- Soll er noch länger säumen? --
+ Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange
+ Der Stimme, die ihm nicht geklungen
+ Seit seiner Trennung, die ihm lange,
+ So lange, lange nicht gesungen!
+ Das Lied, das heißer Leidenschaft,
+ Das, sangesfrohem Mut entquollen
+ Und all dem Übermaß der Kraft,
+ Begeistert einst und froh erschollen,
+ Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen
+ Der Blätter wonnesam entgegen:
+
+ Dich rufe ich! Ich rufe dich,
+ Des Lächeln mich bezaubert hat,
+ Mein Lieb! Viel Stunden setze ich
+ Mich zu dir, und es sehen sich
+ Die Augen doch an dir nicht satt.
+
+ Du singst: -- geheimnisvolle Klänge,
+ Des Herzens reinste Töne hallen
+ Und zittern durch die Luft und schallen
+ Wie Schlag von tausend Nachtigallen,
+ Als ob ein Silberbach mir sänge.
+
+ Schnell zu mir! Lehn' dich an mich, schnelle,
+ Durchbebt von Gluten, wundersamen.
+ Dein Herz brennt in der Stille helle,
+ Und deine Ruh' strömt Well' auf Welle
+ In mich die heißen Liebesflammen.
+
+ Bist du mir fern, dann quält mich Wehe.
+ Vergessen gibt es nicht für mich.
+ Wenn ich erwach', zur Ruhe gehe,
+ Stets bete ich und stets erflehe
+ Ich Glück, mein Engel, nur für dich! --
+
+ * * * * *
+
+ War's Täuschung, was sie sah? Es sprühten
+ Zwei Feuer auf; zwei Augen glühten
+ Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm,
+ Wie jemand seufzend näher kam.
+ Angst packt sie, Zittern fällt sie an;
+ Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann
+ Solch wundersames Wiedersehen,
+ Kann der Gefühle eignen Bann,
+ Der Blicke Flammensprach' verstehen?
+ Wer kann die Feuerworte finden,
+ Zu schildern recht, wie das Empfinden,
+ Aufwogend wild, die Brust durchspült
+ Und unser tiefstes Herz durchwühlt?
+ Man bebt, erblaßt, vor Freude schwach.
+ Gedanken, Worte fehlen; ach,
+ Voll Seligkeit entringt im Überschwang
+ Der Brust sich nur ein heller Klang.
+
+ * * * * *
+
+ Hans faßt allmählich sich. Er blickt
+ Durch Tränen ihr ins Angesicht
+ Und denkt: »In Traum bin ich entrückt;
+ Erwachte ich doch ewig nicht!
+ Sie ist noch die, die mich umfaßt
+ Mit kindlich innigem Verlangen.
+ Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last
+ Der Trauer. Wie verhärmt, verblaßt
+ Ist jetzt das frische Rot der Wangen.
+ Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen
+ Zu finden, floh von ihrem Herzen.«
+ Des Leidensschlafes Schwere sank
+ Von ihm; gesund und ruhig ward
+ Er wieder, er, den Stürme lang
+ Geschüttelt, wild durchtobt und hart. --
+ So strahlt die Welt stets sonnenblank
+ Aufs neu. -- In Glut gehärtet Stahl
+ Glänzt stärker, heller tausendmal. --
+ Die Gäste zechen. Ihre Runde
+ Gehn Glas und Becher und erklingen.
+ Die Alten plaudern manche Stunde.
+ Derweil sich heiß im Tanze schwingen
+ Die Jünglinge, da lärmt und schallt
+ Die heiterste Musik. In Saus und Braus
+ Herrscht Freude über Alt und Jung;
+ Und gastlich ladend lacht das Haus.
+ Der Bäuerinnen junge Schar
+ Bringt blaue Veilchen für die Braut,
+ Dem Bräut'gam Flammenrosen dar.
+ Sie schmücken das verliebte Paar.
+ »Bleibt lang noch jung,« so hallt es laut,
+ »Blüht, wie hier diese Veilchen blühn
+ Vom Felde, frisch und immer grün.
+ Mag euer Herz von Liebe, schaut,
+ Wie dieser Rosen Feuer glühn!«
+
+ * * * * *
+
+ Von Zärtlichkeit ganz hingerissen
+ harrt Hans erbebend schon. Sein Blick
+ Ist helle Freude, tiefes Glück.
+ Sein Herz will unverstellt genießen,
+ Nachdem des Zwanges Panzerkleid
+ Gefallen ist, die Seligkeit.
+ Euch, Träume voller Trug und List,
+ Wird nun nicht mehr vergöttern er,
+ Der ird'scher Schönheit Diener ist. --
+ Doch was umdüstert ihn so schwer?
+ (Unfaßlich ist des Menschen Art!)
+ Von seinen Träumen scheidend, starrt
+ Er ihnen trauernd nach, verloren,
+ Wie einem, dem er Treu' geschworen. --
+ So harrt der Schüler vor dem Schlage
+ Der Glocke am ersehnten Tage
+ Des letzten Unterrichts. Ganz voll
+ Von Plänen und vor Freude toll,
+ Spinnt er sich Träume. Ohne Klage,
+ Zufrieden mit der Welt und sich in lang
+ Entbehrter Freiheit Überschwang.
+ Doch wenn die Abschiedsstunde naht
+ Von Haus und Freund und Kamerad,
+ Mit denen Arbeit er und Ruh', die Zeit
+ Geteilt und Lust an tollen Streichen,
+ Dann seufzt er wohl und Tränen schleichen
+ Ins Aug' ihm, und er fühlt ein Leid. --
+
+
+ Epilog
+
+ Es heben in der Öde sich und steigen
+ In meines Tempels Einsamkeit,
+ Die unerkannt und unentweiht
+ Von eines Menschen Fuß, im Schweigen
+ Der Seele Träume auf. Wie weit
+ Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen?
+ Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht?
+ Wird einer Jungfrau heißes Herz sich neigen,
+ Wird eines Jünglings Sinn durch sie befreit?
+ Voll ungewollter Rührung singe
+ Mein Lied ich, rätselhaft erregt,
+ Das stille Lied, das mich bewegt
+ Und das ich dir als Loblied bringe,
+ Mein Deutschland! Hoher Pläne Land,
+ Der Feen und Geister Königtum,
+ Mein Herz ist voll von deinem Ruhm!
+ Der große Goethe hält die Hand
+ Als Schutzgeist über dein Gedeihn.
+ Mit seinen hohen Liedern bannt
+ Er jede Not von dir und Pein. -- --
+
+
+
+
+ Beilage
+ Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski
+
+
+ I.
+ Gogols Brief an Bjelinski
+
+ Um den 20. Juni 1847 (neuen Stils).
+
+Ich habe Ihren Aufsatz über mich im »Sowremennik« mit schmerzlichem
+Bedauern gelesen -- nicht deshalb, weil mich die Art, wie Sie mich vor
+allen herabzusetzen suchen, verletzt, sondern weil mir aus diesem
+Aufsatz die Stimme eines Menschen entgegentönt, der mir zürnt. Ich aber
+wünsche keinen Menschen, selbst keinen solchen, der mich nicht liebt,
+gegen mich aufzubringen, am wenigsten Sie, von dem ich geglaubt habe,
+daß er mich liebt. Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie durch eine
+Stelle in meinem Buche zu betrüben. Wie konnte es nur geschehen, daß in
+Rußland alle Menschen bis auf den letzten so über mich aufgebracht
+waren? Das ist etwas, was ich bisher noch nicht zu verstehen vermag. Die
+Östlinge, die Westlinge und die, die eine neutrale Stellung einnehmen,
+sie alle fühlen sich schmerzlich berührt. Es ist wahr, ich wollte jedem
+von ihnen einen kleinen Schlag versetzen, ich hielt das für nötig, weil
+ich es an meiner eigenen Haut gespürt hatte, wie notwendig so etwas ist
+[wir alle hätten etwas mehr Demut und Bescheidenheit nötig], aber ich
+habe nicht geglaubt, daß die Schläge, die ich austeilte, so plump, so
+ungeschickt und so verletzend ausfallen würden. Ich dachte, man würde
+mir das alles großmütig verzeihen, und mein Buch würde den Grund zu
+einer allgemeinen Versöhnung und nicht zu Streit und Zwietracht legen.
+Sie haben mein Buch mit dem Auge eines zornigen, verärgerten Menschen
+gelesen, und daher haben Sie alles unrichtig ausgelegt. Sehen Sie über
+alle die Stellen hinweg, die bisher noch für viele, wenn nicht gar für
+alle ein Rätsel, achten Sie vor allem auf die, die jedem gesunden und
+einsichtsvollen Menschen verständlich sind, und Sie werden erkennen, daß
+Sie sich in vielen Punkten geirrt haben.
+
+Ich habe nicht vergebens alle meine Leser angefleht, mein Buch mehrmals
+zu lesen, da ich alle Mißverständnisse, denen es ausgesetzt sein würde,
+schon vorausahnte. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht, ein Buch zu
+beurteilen, das so eng mit der ganzen geistigen Entwicklung seines
+Autors zusammenhängt, der lange Zeit im Verborgenen und ganz in sich
+selbst zurückgezogen lebte und unter seiner Unfähigkeit, sich
+auszudrücken, litt. Es war ja auch kein leichter Entschluß, sich selbst
+an den Pranger zu stellen und dem allgemeinen Gespött auszusetzen, indem
+man einen Teil seiner inneren Entwicklung, deren wahrer Sinn nicht so
+bald verstanden wird, der Öffentlichkeit preisgab. Schon dieses Wagnis
+allein hätte einen gescheiten Menschen nachdenklich stimmen und ihn
+veranlassen müssen, mit der Abgabe seines Urteils über das Buch zu
+warten und es zu verschiedenen Stunden und in einer ruhigeren, mehr zur
+aufrichtigen Rechenschaftsablage über sich selbst geeigneten
+Geistesstimmung aufs neue zu überlesen, denn nur in solchen Augenblicken
+ist die Seele fähig, eine andere Seele zu verstehen, mein Buch ist aber
+eine durchaus seelische, geistige Angelegenheit. Sie hätten dann
+sicherlich nicht diese unüberlegten Folgerungen daraus gezogen, von
+denen Ihr Aufsatz strotzt. Wie kann man zum Beispiel daraus, daß ich
+gesagt habe, die Kritiker, die von meinen Fehlern und Mängeln reden,
+enthielten viel Richtiges, folgern, die Kritiker, die meine Vorzüge
+hervorgehoben haben, hätten unrecht. Eine solche Logik kann nur dem
+Kopfe eines zornigen Menschen entspringen, der nur nach etwas sucht, was
+ihn reizen und ärgern muß, und der einen Gegenstand nicht ruhig von
+allen Seiten in Betracht zieht. Ich habe es mir in meinem Geiste lange
+überlegt, wie ich mich über die Kritiker äußern sollte, die meine
+Vorzüge hervorgehoben und anläßlich meiner Werke viele schöne Gedanken,
+die die Kunst betrafen, ausgesprochen haben; ich wollte die Vorzüge und
+die ästhetischen Gefühlsnuancen eines jeden von ihnen unvoreingenommen
+feststellen und charakterisieren; ich wartete nur auf den Augenblick, wo
+ich etwas hierüber sagen konnte, oder richtiger, wo es mir anstehen
+würde, hierüber zu sprechen, damit man nachher nicht erklären sollte,
+daß ich ein eigennütziges Ziel im Auge gehabt und mich nicht allein und
+ganz vorurteilslos von meinem Gerechtigkeitsgefühl hätte lenken lassen.
+Schreiben Sie die unbarmherzigsten Kritiken, wählen Sie die bittersten
+Worte, über die Sie verfügen, um einen Menschen herabzusetzen, tragen
+Sie das Ihre dazu bei, mich in den Augen Ihrer Leser lächerlich zu
+machen, ohne die empfindlichsten Seiten des vielleicht zartfühlendsten
+Herzens zu schonen -- meine Seele wird dies alles ertragen, wenn auch
+nicht ohne Schmerz und ohne schmerzliche Erschütterungen; aber es ist
+bitter, sehr bitter für mich -- dies erkläre ich Ihnen ganz aufrichtig
+-- zu wissen, daß selbst ein böser Mensch Haß und Zorn gegen mich in
+seinem Herzen hegt; und Sie habe ich doch für einen guten Menschen
+gehalten. Dies der aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle.
+
+ N. G.
+
+
+ II.
+ Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch
+
+ Frankfurt, den 20. Juni (1847).
+
+Du wunderst dich, daß ich so begierig bin, zu hören, was man über mein
+Buch spricht. Das kommt daher, weil ich sehr begierig bin, die Menschen
+kennen zu lernen, und aus den Urteilen über mein Buch gewinne ich doch
+etwas wie eine Vorstellung von den Menschen mit all ihrem Wissen und
+ihrer Unwissenheit; was jedoch viel wichtiger ist, dadurch gewinne ich
+einen Einblick in ihre Seelenverfassung, die für mich noch weit
+bedeutsamer ist, als ihre äußere Charakteristik, und die ich, wie du
+selbst zugeben wirst, ohne mein Buch nie hätte kennen lernen können.
+Übrigens, da wir gerade darüber reden: Vor einigen Tagen las ich
+_Bjelinskis_ Kritik im zweiten Heft des »Zeitgenossen« (Sowremennik). Er
+scheint zu glauben, daß das ganze Buch auf ihn gemünzt ist, und hat aus
+ihm einen offenen Angriff gegen alle, die seine Ansicht teilen,
+herausgelesen. Das ist ganz falsch; in meinem Buche sind, wie du siehst,
+Angriffe gegen alle und gegen alles enthalten, was sich ins Maßlose
+verliert. Wahrscheinlich hat er die »Leithämmel«[6] auf sich bezogen,
+und doch galt diese Bemerkung bloß den Journalisten im allgemeinen.
+Diese Gereiztheit hat mich sehr betrübt, nicht wegen der harten Worte,
+die ich angeblich nicht zu ertragen vermag -- du weißt doch, daß ich die
+härtesten Worte vertragen kann --, sondern weil dieser Mensch doch
+immerhin während zehn Jahren, trotz aller Übertreibungen und
+Maßlosigkeiten, mit Teilnahme und Sympathie von mir gesprochen und dabei
+doch auch in ganz richtiger Weise auf viele Züge in meinen Werken
+aufmerksam gemacht hat, die die anderen nicht bemerkt haben, obwohl sie
+glaubten, ein viel besseres Verständnis für diese Dinge zu besitzen als
+er. Ich müßte undankbar gegen diese Menschen sein, wo ich es doch
+verstehe, selbst denen gerecht zu werden, die nichts als Mängel und
+Fehler in mir entdecken und nur auf diese hinweisen! Aber gerade das
+Gegenteil trifft zu: in diesem Falle habe ich mich nur getäuscht; ich
+hielt Bjelinski für größer und glaubte nicht, daß er solch einer
+kurzsichtigen Ansicht und solch kleinlicher Folgerungen fähig sei. Ich
+weiß nicht, warum es einem so schwer wird, den Vorwurf der Undankbarkeit
+zu ertragen, aber für mich war dieser Vorwurf schwerer als alle anderen
+Vorwürfe, weil meine Seele tatsächlich sehr zur Dankbarkeit neigt, und
+ich bin gerne dankbar, weil mir das selbst Genuß bereitet. Bitte sprich
+hierüber mit Bjelinski und schreibe mir, welches seine Stimmung gegen
+mich ist. Wenn ihm die Galle überläuft und er eine Wut gegen mich hat,
+so mag er sie im »Zeitgenossen« (Sowremennik) an mir auslassen und zwar
+in jeder Form, die ihm recht ist, nur soll er sie nicht wider mich in
+seinem Herzen hegen[7]. Wenn sich jedoch sein Unmut gelegt haben sollte,
+so gib ihm den beifolgenden Brief zu lesen, den du gleichfalls lesen
+darfst.
+
+[Fußnote 6: Vergl. Band 7: Von der Odyssee.]
+
+[Fußnote 7: Hierauf erwiderte Prokopowitsch: »Mir scheint, du bist sehr
+im Irrtum, wenn du glaubst, daß Bjelinski seinen Aufsatz geschrieben
+hat, weil er deine Ausfälle gegen die Journalisten im allgemeinen auf
+sich bezogen hat. Ich kenne Bjelinski schon lange und kann nicht anders,
+als fest davon überzeugt sein, daß er nie eine Zeile geschrieben hat, um
+sich für eine persönliche Kränkung zu rächen.«]
+
+Aus alledem ersehe ich, daß ich genötigt sein werde, einige Erklärungen
+über mein Buch abzugeben, weil nicht nur Bjelinski, sondern selbst
+solche Leute, die mich und meine Persönlichkeit doch weit besser kennen
+könnten als er, so seltsame Schlüsse aus meinem Werke ziehen, daß man
+einfach starr ist. Offenbar enthält es weit mehr Dunkelheiten und
+Unklarheiten, als ich selbst darin finde ...
+
+
+ III.
+ Bjelinskis Brief an Gogol
+
+Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines
+_verärgerten_ Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu können. Dieses
+Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu
+charakterisieren, in die mich die Lektüre Ihres Briefes versetzt hat.
+Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatsächlich
+nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über die Verehrer Ihres Talentes
+zurückführen. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund.
+Eine Kränkung, eine Verletzung unseres Selbstgefühls läßt sich noch
+ertragen, und ich wäre vernünftig genug gewesen, über diesen Gegenstand
+zu schweigen, wenn es sich bloß darum gehandelt hätte; was der Mensch
+jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefühls,
+seiner Menschenwürde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem
+Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lüge und
+Unsittlichkeit für Wahrheit und Tugend ausgibt.
+
+Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft
+geliebt, mit der ein Mensch -- den die Bande des Blutes mit seinem
+Vaterlande verknüpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm -- einen
+seiner großen Führer auf dem Wege zum Selbstbewußtsein, zum Fortschritt
+und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begründeten Anlaß, einen
+Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine
+solche Liebe einbüßten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube,
+meine Liebe sei ein würdiger Lohn für ein großes Talent, sondern
+deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern
+viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen
+und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin
+nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Empörung
+zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von
+dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die
+unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie
+alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen
+sind. Sie sehen selbst, daß sogar Menschen von derselben Geistesrichtung
+wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen.
+Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen Überzeugung wäre,
+selbst dann müßte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und
+wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die
+man kennen muß, um sich nicht über ihren Beifall zu freuen) das Buch für
+einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege
+über den Himmel einem höchst irdischen Ziel nachzujagen, -- so sind Sie
+allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich,
+erstaunlich ist nur das, daß Sie sich darüber wundern. Ich glaube, das
+käme daher, weil Sie Rußland _nur als Künstler_ so tief und gründlich
+kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem
+phantastischen Buche mit so wenig Glück auf sich genommen haben. Und das
+nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern
+deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewöhnt haben,
+Rußland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch
+bekannt, daß nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so
+zu sehen, wie man sie gerne sehen möchte; denn Sie leben ja auch in
+dieser _schönen Ferne_ ganz für sich und in sich selbst, bleiben ihr
+selbst fremd und bewegen sich in dem einförmigen Kreise gleichgestimmter
+oder doch solcher Menschen, die nicht kräftig genug sind, sich Ihrem
+Einfluß zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, daß Rußlands
+Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus,
+sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklärung und
+der Humanität liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es
+genug gehört!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es
+braucht, ist, daß das Volk zum Gefühl seiner Menschenwürde erweckt wird,
+ein Gefühl, das ihm für Jahrhunderte durch den Schmutz und die
+Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht,
+sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern
+wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und
+eine möglichst strenge und pünktliche Erfüllung dieser Gesetze. Statt
+dessen aber bietet Rußland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem
+Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu
+können, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen,
+die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in
+dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen
+Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Waßjka, Stjoschka, Palaschka
+titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien für die
+Integrität der Persönlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht
+einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen
+aller möglicher Diebe und Räuber in Ämtern und Würden gibt! Die
+aktuellsten nationalen Fragen, die das Rußland von heute bewegen, sind
+folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der
+Prügelstrafe und die Sorge für eine möglichst strenge Durchführung zum
+mindesten _der_ Gesetze, die es heute schon gibt. Das fühlt sogar die
+Regierung selbst (die sehr gut weiß, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern
+behandeln, und wie viele von den ersten alljährlich durch die Hand der
+letzten umkommen), was durch die schwächlichen, fruchtlosen und halben
+Regierungsmaßnahmen zugunsten der weißen Neger und durch die komische
+Einführung der einschwänzigen Knute an Stelle der dreischwänzigen
+Peitsche dokumentiert wird.
+
+Das sind die Fragen, die ganz Rußland während seines apathischen
+Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein
+großer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, künstlerischen, von
+tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung
+Rußlands zum Selbstbewußtsein mitgearbeitet und ihm die Möglichkeit
+gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche
+auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche
+unterweist, wie sie ihren Bauern möglichst viel Geld abnehmen können,
+und sie belehrt, daß sie sie möglichst viel schimpfen sollen ... Und das
+sollte mich nicht empören? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben
+unternommen hätten, könnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser
+schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, daß man an die
+Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein!
+Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen
+teuflischen Lehre erfüllt wären, so hätten Sie in Ihrem neuesten Buche
+etwas ganz anderes geschrieben. Sie hätten zum Gutsbesitzer gesagt: Da
+seine Bauern seine Brüder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der
+Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet,
+ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft
+möglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die
+Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen müßten, wie
+unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhältnis
+sei.
+
+Und dann der Ausdruck: »_O du ungewaschenes Maul!_« Welchem Nosdrjow,
+welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der
+Welt als eine große Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu
+überliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie
+ihren Brüdern glauben und sich selbst nicht für Menschen halten? Und
+Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal
+Sie in der törichten Redensart erblicken, daß man sowohl den, der recht,
+wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch
+ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit häufiger den
+prügelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe
+loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem
+Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis
+eines mühsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen
+geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmöglich! Entweder Sie sind krank
+... dann müssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich
+wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute,
+Apostel der Unwissenheit, Vorkämpfer des Obskurantismus und der
+finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten -- was tuen Sie!
+Blicken Sie vor sich hin -- Sie stehen vor einem Abgrund. Daß Sie für
+diese Lehre eine Stütze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe
+ich noch: sie war ja doch stets die Stütze der Knute und die Bediente
+des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein?
+Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber
+der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den
+Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und
+Brüderlichkeit verkündete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein
+Martyrium bekräftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so
+lange das _Heil_ der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche
+zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage
+machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgemäß eine
+Vorkämpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine
+Feindin und Verfolgerin der Brüderlichkeit unter den Menschen -- und das
+ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre
+Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen
+Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der
+in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die
+Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslöschte, natürlich in weit
+höherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von
+Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und
+Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das weiß
+doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich
+möglich sein, daß Sie, der Verfasser des »Revisors« und der »Toten
+Seelen«, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niederträchtige
+russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch über die
+katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wußten nicht, daß
+diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, während die erste nie etwas war,
+als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; -- wie --? sollten
+Sie denn wirklich nicht wissen, daß unsere Geistlichkeit vom ganzen
+russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem
+erzählt das russische Volk obszöne Anekdoten? Vom Popen, von der
+Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in
+Rußland der Pope für jeden Russen der Inbegriff der Gefräßigkeit, des
+Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie
+alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk
+das religiöseste Volk der Welt. Das ist eine Lüge. Die Grundlage der
+Religiosität ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der
+Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht
+... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut -- so betet man zu
+ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen -- so deckt man die Töpfe mit
+ihnen zu.
+
+Blicken Sie aufmerksamer hin und Sie werden sich überzeugen, daß dies
+ein seinem innersten Wesen nach von Grund aus atheistisches Volk ist. Es
+besitzt noch sehr viel Aberglauben, aber keine Spur von Religiosität.
+Der Aberglaube verschwindet mit dem Fortschritt der Zivilisation, die
+Religiosität aber erhält sich daneben und verträgt sich häufig mit ihm:
+ein lebendiges Beispiel dafür ist Frankreich, wo es auch heute noch
+unter den aufgeklärten und gebildeten Leuten viele aufrichtige
+Katholiken gibt und wo viele zwar das Christentum aufgegeben haben,
+dennoch aber noch an einem Gott festhalten. Nicht so das russische Volk:
+mystische Exaltationen liegen nicht in seiner Natur; dazu besitzt es
+viel zu viel gesunde Menschenvernunft, Klarheit und positiven Verstand,
+und darin liegt vielleicht gerade die Gewähr für die Größe seiner
+künftigen historischen Schicksale. Die Religiosität hat nicht einmal in
+der Geistlichkeit Wurzel geschlagen, denn die wenigen eximierten
+Persönlichkeiten, die sich durch eine solche kalte asketische
+kontemplative Geisteshaltung auszeichneten, beweisen noch nichts. Die
+Mehrzahl unserer Geistlichen dagegen sind nur durch dicke Bäuche,
+scholastische Pedanterie und rohe Unwissenheit ausgezeichnet. Man würde
+ihnen unrecht tun, wenn man ihnen religiöse Intoleranz und Fanatismus
+vorwerfen wollte, man hätte eher noch Grund, ihren vorbildlichen
+Indifferentismus in Sachen des Glaubens zu loben. Echte Religiosität
+findet sich bei uns nur bei den Sektierern und Ketzern, die in einem
+solchen Gegensatz zu dem Volksgeist stehen und deren Anzahl im Vergleich
+zu der Masse des Volkes gar nicht ins Gewicht fällt.
+
+Ich will nicht näher auf Ihren Dithyrambus auf das Band der Liebe
+eingehen, das das russische Volk mit seinem Herrscher verknüpft. Ich
+will es ohne Umschweife aussprechen: dieser Dithyrambus hat bei niemand
+Sympathie gefunden und hat Ihnen selbst bei solchen Leuten geschadet,
+die Ihnen in anderer Hinsicht, d. h. in ihren Anschauungen, sehr nahe
+stehen. Was mich persönlich anbetrifft, so überlasse ich es Ihrem
+Gewissen, ob Sie sich noch weiter verzückt in die Betrachtung der
+göttlichen Schönheit des Selbstherrschertums versenken wollen (das ist
+sehr bequem und daher sehr -- einträglich), nur bitte ich Sie, seien Sie
+vernünftig und betrachten Sie es aus Ihrer _schönen Ferne_; aus der Nähe
+gesehen ist es viel weniger schön und auch nicht so ungefährlich. -- Ich
+will hier nur eins bemerken: wenn ein Europäer, besonders ein Katholik,
+von dem religiösen Geist ergriffen wird, wird er zum Ankläger, der sich
+gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit der Machthaber wendet, wie die
+jüdischen Propheten, die die Ungerechtigkeiten und Missetaten der
+Mächtigen an den Pranger stellten. Bei uns dagegen ist es umgekehrt:
+wenn ein Mensch (selbst ein anständiger) von der Krankheit, die bei den
+Psychiatern unter dem Namen _religiosa mania_ bekannt ist, ergriffen
+wird, dann fängt er sofort an, dem irdischen Gotte mehr Weihrauch zu
+spenden als dem himmlischen; dabei aber übertreibt er gleich und wird so
+maßlos, daß der Gott, selbst wenn er ihn für seinen sklavischen
+Diensteifer belohnen wollte, sieht, daß er sich damit vor der
+Gesellschaft kompromittieren würde. -- Wir sind halt dumme Kerle --, wir
+Russen.
+
+Hierbei fällt mir noch ein, daß Sie in Ihrem Buche behaupten und es als
+eine große Wahrheit hinstellen, daß Lesen und Schreiben dem einfachen
+Volke nicht nur nicht nützen, sondern sogar geradezu schaden würde. Was
+soll ich Ihnen darauf sagen?
+
+Möge Ihnen Ihr byzantinischer Gott diesen byzantinischen Gedanken
+verzeihen, wenn Sie nicht gewußt haben sollten, was Sie sagten, indem
+Sie ihn niederschrieben. -- Aber vielleicht werden Sie entgegnen: »Es
+ist möglich, daß ich mich geirrt habe und daß alle meine Gedanken falsch
+sind, warum aber will man mir das Recht nehmen, mich zu irren, und warum
+will man nicht an die Aufrichtigkeit meiner Irrtümer glauben?« Darauf
+antworte ich Ihnen folgendes: weil eine solche Anschauung in Rußland
+schon lange nichts Neues mehr ist. Erst vor kurzem ist sie von
+Buratschok und Genossen in erschöpfender Weise vertreten worden.
+Natürlich steckt in Ihrem Buche weit mehr Verstand und sogar Talent, als
+in ihren Werken, obwohl es nicht allzu reich an beiden ist, dafür aber
+haben jene die Ihnen gemeinsame Lehre mit viel größerer Energie und mit
+weit größerer Konsequenz vertreten, sie sind kühn bis zu ihren letzten
+Ergebnissen vorgedrungen, haben alles dem byzantinischen Gotte geopfert
+und nichts für den Satan übriggelassen, während Sie jedem von beiden
+eine Kerze stiften wollten, sich hierdurch in Widersprüche verwickelten
+und für Puschkin, die Literatur und das Theater eintraten, die von Ihrem
+Standpunkt aus, wenn Sie nur ehrlich genug gewesen wären, um konsequent
+zu sein, nichts zum Heil unserer Seele, wohl aber sehr viel zu ihrem
+Verderben beitragen können ... Wessen Hirn aber hätte den Gedanken von
+der Identität Gogols und Buratschoks ertragen können? Sie haben sich
+einen viel zu hohen Platz in der Meinung des russischen Publikums
+erobert, als daß es Ihnen die Aufrichtigkeit solcher Überzeugungen zu
+glauben vermöchte. Was uns bei einem Toren natürlich vorkommt, kann uns
+bei einem genialen Mann nicht so erscheinen. Es gibt Menschen, die auf
+den Gedanken gekommen sind, Ihr Buch sei die Frucht einer geistigen
+Störung, die ganz positiv an Wahnsinn grenzt. Aber sie haben diese
+Folgerung bald wieder fallen gelassen -- denn es ist doch ganz klar, daß
+dies Buch nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder in einem
+Monat, sondern vielleicht während eines ganzen Jahres geschrieben wurde,
+oder daß Sie gar zwei oder drei Jahre lang daran gearbeitet haben; alles
+darin hängt sehr genau zusammen, selbst die nachlässige Darstellung läßt
+erkennen, daß viel Überlegung darin steckt, daß es wohl durchdacht ist.
+Ein Hymnus auf die höchsten Machthaber ist ja doch auch sehr geeignet,
+dem frommen Autor eine angenehme und gesicherte irdische Existenz zu
+verschaffen. Das war der Grund, weshalb sich in Petersburg das Gerücht
+verbreitete, Sie hätten dieses Buch geschrieben, um Erzieher bei dem
+Sohne des Thronfolgers zu werden. Schon früher ist in Petersburg einer
+Ihrer Briefe an Uwarow bekanntgeworden, in dem Sie mit Schmerz davon
+sprechen, daß man in Rußland Ihre Werke falsch auslegt, Ihre
+Unzufriedenheit mit Ihren früheren Schriften äußern und erklären, Ihre
+Werke würden Sie erst dann befriedigen, wenn Sie den Beifall des Zaren
+fänden. Und nun urteilen Sie selbst, ob man sich wundern kann, daß Ihr
+Buch Ihnen beim Publikum sowohl als Schriftsteller, noch viel mehr aber
+als Mensch geschadet hat.
+
+Sie verstehen, wie ich sehe, das russische Publikum nicht recht. Sein
+Charakter wird durch die Situation bestimmt, in der sich die russische
+Gesellschaft befindet. In ihr regen sich frische Kräfte, die nach außen
+drängen, jedoch durch den schweren Druck, der auf ihr lastet, gehemmt
+werden und, da sie keinen Ausweg finden, nichts wie Trübsinn,
+Melancholie und Apathie erzeugen. Nur in der Literatur regt sich trotz
+der tatarischen Zensur noch etwas wie Leben und Fortschritt. Daher ist
+auch der Schriftstellerberuf bei uns etwas so Edles und Hohes, und daher
+wird es bei uns selbst dem kleinsten Talent so leicht, einen
+literarischen Erfolg zu erringen. Der Name des Poeten, der Titel des
+Literaten haben bei uns schon längst den glänzenden Flitter der
+Epauletten und der bunten Uniformen verdunkelt. Das ist auch der Grund,
+weshalb bei uns jede sogenannte literarische Tendenz und Bewegung,
+selbst bei einem geringen und dürftigen Talent, auf den Lohn der
+allgemeinen Beachtung rechnen darf, und warum die Popularität der großen
+Talente so schnell dahinsinkt, die ihre Kräfte aus ehrlicher Überzeugung
+oder aus unehrlichen Motiven in den Dienst der Orthodoxie, des
+Absolutismus und des Nationalismus stellen. Das treffendste Beispiel
+hierfür ist Puschkin, der nur zwei oder drei untertänige Gedichte zu
+schreiben und die Kammerjunkerlivree anzulegen brauchte, um mit einem
+Schlage die Liebe seines Volkes zu verlieren! Sie sind in einem großen
+Irrtum befangen, wenn Sie allen Ernstes glauben, daß der Mißerfolg Ihres
+Buches nicht seiner schlimmen Tendenz, sondern der Härte der Wahrheiten
+zuzuschreiben sei, die Sie allen und jedem ins Gesicht gesagt hätten.
+Das konnten Sie vielleicht von den Literaten glauben, wie aber paßte das
+Publikum in diese Kategorie? Wäre es wirklich möglich, daß Sie ihm im
+»Revisor«, in den »Toten Seelen« mit geringerer Schärfe und weniger
+Wahrheit und Talent weniger bittere Wahrheiten gesagt haben sollten? Die
+alte Schule zürnte und grollte Ihnen ja auch tatsächlich bis zur
+Raserei, aber der »Revisor« und die »Toten Seelen« sind darum doch nicht
+vergessen, während Ihr Buch schmählich vom Orkus verschlungen wurde. Und
+das Publikum hat in diesem Falle recht: es sieht in den russischen
+Schriftstellern seine einzigen Führer, seine Beschützer und Erretter aus
+dem russischen Absolutismus, der Orthodoxie und dem Nationalismus, daher
+ist es stets bereit, einem Schriftsteller ein _schlechtes_ Buch zu
+verzeihen, nie aber wird es ihm ein _schädliches_ Buch vergeben. Das
+beweist, wieviel frische gesunde Instinkte, wenn auch erst keimhaft, in
+unserer Gesellschaft schlummern, und es beweist auch, daß diese
+Gesellschaft eine Zukunft hat. Wenn Sie Rußland lieben, so freuen Sie
+sich über die Niederlage Ihres Buches.
+
+Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit darf ich Ihnen sagen, daß ich das
+russische Publikum ein wenig zu kennen glaube. Ihr Buch hat mich
+erschreckt, weil ich es für möglich hielt, daß es einen schlechten
+Einfluß auf die Regierung und auf die Zensur ausüben, nicht aber, weil
+ich daran glaubte, daß es das Publikum in schlechtem Sinne beeinflussen
+könnte. Als sich in Petersburg das Gerücht verbreitete, die Regierung
+wolle Ihr Buch in vielen tausend Exemplaren drucken und zu ganz billigem
+Preise verkaufen lassen -- wurden meine Freunde mutlos; ich sagte ihnen
+jedoch sogleich, daß das Buch trotz alledem keinen Erfolg haben und daß
+es bald vergessen sein werde. Und so lebt es ja auch heute tatsächlich
+mehr in den Aufsätzen, die über es geschrieben wurden, als durch sich
+selbst in der Erinnerung des Publikums weiter. Ja, der Russe hat einen
+tiefen, obwohl noch unentwickelten Wahrheitsinstinkt.
+
+Ihr Appell mag ja vielleicht ganz aufrichtig gewesen sein, aber Ihr
+Gedanke, dem Publikum davon Mitteilung zu machen, war äußerst
+unglücklich. Die Zeiten naiver Frömmigkeit sind selbst für _unsere_
+Gesellschaft längst vorüber. Sie begreift schon, daß es ganz gleich ist,
+wo man betet, und daß nur solche Leute Christus in Jerusalem suchen, die
+ihn entweder nie in ihrem Busen getragen oder die ihn doch wieder
+verloren haben. Wer da fähig ist, beim Anblick fremder Leiden selbst zu
+leiden, wem es schwer wird, mitanzusehen, wie Menschen, die ihm völlig
+fremd sind, bedrückt werden, -- der trägt Christus in seiner Brust und
+der braucht nicht zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern. Die Demut und
+Ergebung, die Sie predigen, ist nichts Neues und schmeckt erstlich nach
+furchtbarer Überhebung und zweitens nach einer höchst schmachvollen
+Herabsetzung der eigenen Menschenwürde. Der Gedanke, sich in ein
+abstraktes Vollkommenheitsideal zu verwandeln und sich durch seine Demut
+über alle anderen Menschen zu erheben, kann nur die Frucht des Hochmuts
+oder des Schwachsinns sein und führt in beiden Fällen nur zur Heuchelei,
+zum Pharisäertum und zum Chinesentum. Und dabei haben Sie sich erlaubt,
+sich nicht nur in unsauberen und zynischen Ausdrücken über andere zu
+äußern (das wäre schließlich nur eine Unhöflichkeit gewesen), nein, Sie
+sprechen auch so von sich selbst -- und das ist einfach häßlich; denn
+wenn ein Mensch, der seinen Nächsten auf die Backe schlägt, uns zur
+Empörung reizt, so erregt ein Mensch, der sich selbst ohrfeigt, unsere
+Verachtung. Nein, Ihr Geist ist verfinstert und nicht erleuchtet: Sie
+haben weder den Geist, noch die Form des Christentums unserer Zeit
+verstanden. Nicht die Wahrheit der christlichen Liebe, sondern
+krankhaftes Todesgrauen und Furcht vor Hölle und Teufel spricht aus
+Ihrem Buch.
+
+Und welch eine Sprache, was für Sätze sind das: »Die Menschen sind heute
+allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden.« Glauben Sie
+wirklich, daß das heißt, sich biblisch ausdrücken, wenn Sie sagen, die
+Menschen sind allzumal, statt alle? Welch große Wahrheit ist es doch,
+daß, wenn der Mensch sich gänzlich der Lüge hingibt, ihn auch Verstand
+und Talent im Stich lassen. Wenn nicht Ihr Name unter dem Titel Ihres
+Buches stünde, wer hätte gedacht, daß dieser geschwollene und wirre
+Wort- und Phrasenflitter -- ein Werk des Verfassers der »Toten Seelen«
+und des »Revisors« sein könnte!
+
+Was endlich mich selbst anbetrifft, so erkläre ich Ihnen nochmals: Sie
+haben sich geirrt, wenn Sie meinen Aufsatz für eine Frucht der
+Verärgerung hielten, die durch Ihr Urteil über mich als einen Ihrer
+Kritiker hervorgerufen sei. Wenn mich nur dies allein empört hätte, dann
+hätte ich mich auch wirklich nur über dies eine empört und ärgerlich
+geäußert und über das andere ganz ruhig und unvoreingenommen gesprochen.
+Freilich ist es ganz richtig, daß Ihr Urteil über Ihre Verehrer in
+doppelter Hinsicht sehr unschön war. Ich erkenne an, daß es notwendig
+sein kann, einem Toren zuweilen einen kräftigen Schlag zu versetzen,
+wenn er uns durch seine Lobeserhebungen und seine Begeisterung
+lächerlich macht, aber auch das ist eine _bittere_ Notwendigkeit, denn
+es ist nicht angenehm, nicht ganz menschlich, einem Menschen -- selbst
+für seine falsche, auf einem Irrtum beruhende Liebe -- mit Haß und
+Feindschaft zu zahlen. Sie aber hatten, wenn auch nicht gerade Menschen
+von auserlesenen Verstandesfähigkeiten, zum mindesten solche, die auch
+keine Toren sind, im Auge. Diese Leute haben voller Bewunderung über
+Ihre Werke weit mehr Geschrei gemacht, als sie Vernünftiges über sie
+gesagt haben, immerhin aber stammte ihr Enthusiasmus aus einer so reinen
+und edlen Quelle, daß Sie sie keinesfalls ihrem gemeinsamen Feinde
+bedingungslos hätten ausliefern und ihnen noch den Vorwurf machen
+dürfen, sie strebten danach, Ihren Werken eine falsche Deutung zu geben.
+Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, weil Sie sich
+von dem Grundgedanken Ihres Buches fortreißen ließen, während
+Wjasemskij, dieser Fürst unter den Aristokraten und dieser Lakai unter
+den Literaten, Ihren Gedanken weiter ausführte und eine private
+Denunziation gegen Ihre Verehrer (also in erster Linie gegen mich)
+veröffentlichte. Er hat dies wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen Sie
+getan, weil Sie diesen erbärmlichen Reimschmied zu einem großen Dichter
+gemacht haben, wahrscheinlich, und soviel ich mich erinnere, wegen
+seines »matten an der Erde klebenden Verses«. Das alles ist nicht schön.
+Daß Sie jedoch nur auf den Zeitpunkt gewartet haben, wo es Ihnen möglich
+sein würde, auch den Verehrern Ihres Talents Gerechtigkeit widerfahren
+zu lassen (nachdem Sie Ihren Feinden mit stolzer Bescheidenheit gerecht
+geworden waren) -- das war mir unbekannt; ich konnte es nicht wissen und
+hätte es, offen gestanden, auch nicht wissen wollen. Vor mir lag Ihr
+Buch und nicht Ihre Absichten! Ich las es, las es hundertmal
+nacheinander und konnte dennoch nichts darin finden als das, was darin
+steht, und das, was darin stand, beleidigte und empörte meine Seele aufs
+tiefste.
+
+Wenn ich meinem Gefühl freien Lauf lassen wollte, würde sich dieser
+Brief bald in ein dickes Heft verwandeln. Ich habe nie daran gedacht,
+Ihnen hierüber zu schreiben, obwohl ich vom qualvollen Wunsche danach
+verzehrt wurde, und obwohl Sie allen und jedem öffentlich das Recht
+gegeben hatten, Ihnen ganz ungeniert zu schreiben, da Sie keine andere
+Rücksicht kennten, als die der Wahrheit. In Rußland hätte ich das nicht
+tun können, da die dortigen »Schpekins« fremde Briefe öffnen, und zwar
+nicht zu ihrem persönlichen Vergnügen, sondern weil sie dienstlich dazu
+verpflichtet sind und um andere Leute zu denunzieren. Im Sommer dieses
+Jahres trieb mich eine beginnende Schwindsucht ins Ausland, und
+Nekrassow sandte mir Ihren Brief nach Salzbrunn nach, von wo ich heute
+in Gesellschaft Annenkows über Frankfurt am Main nach Paris weiterreise.
+Der unerwartete Empfang Ihres Briefes gab mir die Möglichkeit, Ihnen
+alles zu sagen, was mir auf der Seele lag und was ich gegen Sie und Ihr
+Buch empfand. Ich kann keine Halbheiten sagen und keine Winkelzüge
+machen, das liegt nicht in meiner Natur. Mögen Sie oder die Zeit mich
+belehren, daß ich mich in meinen Schlüssen über Sie geirrt habe. Ich
+würde der erste sein, der sich hierüber freuen würde, aber ich werde nie
+bereuen, was ich Ihnen gesagt habe. Hier handelt es sich nicht um meine
+oder Ihre Person, sondern um etwas weit Größeres und Höheres, als ich
+und selbst Sie sind, hier handelt es sich um die Wahrheit, um die
+russische Gesellschaft, um Rußland.
+
+Und dies ist mein letztes Wort, mit dem ich schließe: wenn Sie den
+unglücklichen Einfall hatten, Ihre wahrhaft großen Werke mit stolzer
+Bescheidenheit zu verleugnen, so müssen Sie nun mit aufrichtiger Demut
+Ihr letztes Buch abschwören und die schwere Schuld, die Sie durch seine
+Veröffentlichung auf sich geladen haben, durch neue Schöpfungen wieder
+gutmachen, die an Ihre früheren Werke erinnern.
+
+ Salzbrunn, den 15. Juli 1847.
+
+
+ IV.
+ Gogol an Bjelinski[8]
+
+[Fußnote 8: Von diesem Brief ist nur das ursprüngliche Konzept
+vorhanden. Es umfaßt zwei auf Briefpapier geschriebene Hefte in
+Oktavformat. Beide Hefte wurden von Gogol in Stücke gerissen, so daß
+jedem Heft ungefähr zehn Blätter entsprachen. Der russische Herausgeber
+hat die einzelnen Stücke wieder aneinander gelegt und den ursprünglichen
+Wortlaut nach Möglichkeit durch entsprechende Ergänzungen und
+Einschaltungen wiederherzustellen gesucht. Die fehlenden Stellen sind
+durch Punkte ersetzt.]
+
+Womit sollte ich meine Antwort auf Ihr Schreiben beginnen, wenn nicht
+mit Ihren eigenen Worten: »Kommen Sie zu sich, Sie stehen am Rande eines
+Abgrundes!« Wie weit sind Sie vom geraden Weg abgekommen! In welch
+verzerrter, entstellter Gestalt erscheinen Ihnen die Dinge! Welch rohe,
+ungebildete Vorstellung haben Sie von meinem Buche gefaßt! Wie haben Sie
+es ausgelegt! ... Oh, mögen die heiligen Mächte Frieden in Ihre leidende
+Seele gießen! Wozu mußten Sie den einmal gewählten friedlichen Weg gegen
+einen anderen vertauschen? Was konnte herrlicher sein, als die Leser auf
+die Schönheiten in den Werken unserer Schriftsteller hinzuweisen, ihre
+Seele und ihre Geisteskräfte bis zum Verständnis alles Schönen zu
+erheben, die Schauer der in ihnen geweckten Sympathie zu genießen und so
+unmerklich auf ihre Seele einzuwirken? Dieser Weg hätte Sie zur
+Versöhnung mit dem Leben geführt, Sie gelehrt, alles in der Natur zu
+segnen. Jetzt dagegen fließt Ihr Mund von Haß und Galle über ... Wozu
+mußten Sie mit Ihrer feurigen Seele sich in diesen Strudel des
+politischen Lebens, in diese trüben Tageskämpfe stürzen, bei denen
+selbst ein vielseitiger Geist seine Festigkeit und Umsicht verlieren
+muß. Wie sollten Sie mit Ihrem einseitigen Geist, der die Explosivkraft
+des Pulvers hat und sich schon entzündet, noch ehe Sie sich davon
+überzeugt haben, was Wahrheit und was Lüge ist, wie sollten Sie da nicht
+die Orientierung verlieren? Sie werden verbrennen wie eine Kerze und
+auch andere mit sich in den Flammentod reißen ... Oh, wie tut mir mein
+Herz in diesem Augenblicke weh um Ihretwillen! Wie, wenn auch ich
+mitschuldig wäre? Wie, wenn auch meine Werke an Ihren Verirrungen
+teilhätten? Aber nein, wenn ich alle meine früheren Werke betrachte, so
+sehe ich, daß _sie_ Sie nicht irreleiten konnten ... Als ich sie
+schrieb, hatte ich Ehrfurcht vor allem, wovor sich der Mensch beugen
+muß. Mein Spott und mein Haß galten nicht der Obrigkeit und nicht den
+_höchsten_ Gesetzen unseres Staates, sondern ihrem Zerrbild, den
+Abweichungen, ihrer falschen Auslegung und den verkehrten Anwendungen.
+Nirgends habe ich über den Kern des russischen Charakters und die
+gewaltigen Kräfte, die in ihm schlummern, gespottet. Ich habe nur über
+das Kleinliche und Nichtige gespottet, das nicht zu seinen
+Charakterzügen gehört. Mein Fehler bestand darin, daß ich den Russen
+noch nicht deutlich genug charakterisiert, sein Wesen nicht völlig
+entfaltet, daß ich die tiefen Quellen, die in seiner Seele verborgen
+liegen, nicht aufgedeckt habe. Aber das ist keine leichte Sache. Wenn
+ich den Russen auch gründlich erforscht habe und wenn mir auch eine
+gewisse hellseherische Begabung dabei behilflich sein konnte, so war ich
+doch nicht durch mich selbst geblendet, meine Augen waren klar. Ich sah,
+daß ich noch nicht reif genug war, um den Kampf mit Ereignissen, die
+bedeutsamer und von höherer Art waren, als die, die bis dahin in meinen
+Werken vorkamen, und mit stärkeren Charakteren aufnehmen zu können.
+Alles konnte übertrieben und gewaltsam erscheinen. Und so geschah es
+auch mit diesem Buch, über das Sie so hergefallen sind. Sie haben es mit
+glühenden Augen betrachtet, und alles darin ist Ihnen in ganz anderem
+Lichte erschienen, als es in Wirklichkeit ist. Sie haben es nicht
+verstanden. Ich will mein Buch nicht verteidigen. Ich selbst habe es
+schlecht gemacht und mache es noch schlecht. Ich habe mich bei seiner
+Veröffentlichung einer Hast und Übereilung schuldig gemacht, die sonst
+nicht in meinem besonnenen und vorsichtigen Charakter liegt. Aber das
+Motiv war ehrlich. Ich wollte niemand mit dem Buch schmeicheln oder
+Weihrauch streuen. Ich wollte nur ein paar allzu stürmische Köpfe zur
+Besonnenheit mahnen, die im Begriffe waren, sich zu verirren und in
+diesen Strudel und diese Unordnung zu stürzen, in die plötzlich alle
+Dinge dieser Welt gestürzt waren, zu einer Zeit, wo der Geist in unserem
+Innern sich zu umnachten schien und gleichsam erlöschen wollte. Ich bin
+in Übertreibungen verfallen, aber ich versichere es Ihnen, ich habe es
+selbst nicht gemerkt. Eigennützige Ziele aber habe ich weder früher
+gehabt, als mich die Lockungen der Welt anzogen, noch viel weniger aber
+jetzt, wo es Zeit ist, daß ich an meinen Tod denke ... Ich wollte mir
+nichts dadurch erbetteln. Das liegt nicht in meiner Art. Gottlob, ich
+habe meine Armut liebgewonnen und würde sie niemals gegen jene Güter
+eintauschen, die Ihnen so verlockend erscheinen. Sie hätten doch
+mindestens daran denken sollen, daß ich keinen Winkel mein eigen nenne,
+ja ich bin sogar darum bemüht, meinen kleinen Reisekoffer möglichst zu
+erleichtern, damit mir der Abschied von der Welt nicht zu schwer wird.
+Sie hätten sich also hüten sollen, solche beleidigende Verdächtigungen
+gegen mich zu schleudern, die ich offen gestanden nicht einmal gegen den
+gemeinsten Schuft zu erheben den Mut gehabt hätte ... Sie entschuldigen
+sich damit, daß der Brief im Zustande heftiger Empörung geschrieben ist.
+Aber in welch einer Stimmung wagen Sie es, so respektlos von den
+wichtigsten Dingen zu reden?
+
+Wie soll ich mich gegen Ihre Angriffe verteidigen, wenn Ihre Angriffe
+ihr Ziel verfehlen? -- Nein, ein jeder von uns muß daran erinnert
+werden, daß sein Beruf heilig ist. -- Er sollte daran denken, welch
+strenge Rechenschaft von ihm gefordert werden wird ... Aber wenn der
+Beruf eines jeden von uns heilig ist, so ist es vor allem das Amt
+dessen, dem die schwere und furchtbare Pflicht zugefallen ist, für
+Millionen zu sorgen. Ja wir müßten einander sogar an die Heiligkeit
+unserer Pflichten mahnen. Ohne dies würde der Mensch in rein materiellen
+Gefühlen versinken. -- Oder glauben Sie, das wisse kein Mensch in
+Rußland? Sehen wir einmal genauer zu, woher das kommt. Rührt diese
+Neigung zum Luxus und diese furchtbare Häufung der Laster nicht daher,
+weil jeder sein _eigenes Steckenpferd_ hat? Der eine guckt nach England,
+ein anderer nach Preußen, ein dritter nach Frankreich hinüber; der eine
+schwört auf die einen Prinzipien, ein anderer auf andere; der eine kommt
+uns mit dem einen Projekt, ein anderer mit einem anderen. Soviel Köpfe
+soviel Sinne ... Und da sollte es bei einer solchen Uneinigkeit keine
+Diebe und Gauner und kein Unrecht aller Art geben, wenn ein jeder sieht,
+daß sich uns überall Hindernisse in den Weg stellen, wo ein jeder nur an
+sich und daran denkt, wie er sich ein recht warmes Plätzchen verschaffen
+könnte? ... Sie sagen, Rußlands Heil liege in der europäischen
+_Zivilisation_; aber was ist das für ein unbestimmtes uferloses Wort?
+Wenn Sie doch wenigstens klar definiert hätten, was man unter dem Namen
+der europäischen Zivilisation verstehen soll! Dazu gehören sowohl die
+Phalanstère, die Roten und alle möglichen Kategorien anderer Leute, die
+allesamt bereit sind, einander aufzufressen, und die alle solch
+umstürzlerische destruktive Prinzipien haben, daß in Europa jeder
+denkende Kopf zittert und sich unwillkürlich fragt: wo ist denn nun
+unsere Zivilisation? Ein leeres Phantom hat die Gestalt dieser
+Zivilisation angenommen ...
+
+Wo haben Sie ferner die Meinung hergenommen, daß ich einen Hymnus auf
+unsere Geistlichkeit gedichtet habe? Ich habe gesagt, die Predigt des
+Priesters der morgenländischen Kirche solle in seinem Leben und in
+seinen Taten bestehen. Und woher kommt dieser Geist des Hasses bei
+Ihnen? Ich habe sehr viel schlimme Pfarrer gekannt und kann Ihnen sehr
+viele komische Anekdoten über sie erzählen, aber dafür bin ich auch
+solchen Priestern begegnet, über deren heiligen Lebenswandel und über
+deren hohe Taten ich staunen mußte, und ich sah, daß sie Produkte
+unserer morgenländischen und nicht solche der abendländischen Kirche
+waren. Es ist mir also gar nicht eingefallen, einen Hymnus auf unsere
+Geistlichkeit zu singen, die unsere Kirche schändet, wohl aber auf die
+Geistlichen, die dazu beitragen, sie zu erhöhen.
+
+Wie merkwürdig ist doch meine Lage, daß ich mich gegen Angriffe
+verteidigen muß, die sich alle gar nicht gegen mich und gegen mein Buch
+richten! Sie sagen, Sie hätten mein Buch angeblich hundertmal gelesen,
+während Ihre eigenen Worte davon zeugen, daß Sie es nicht ein einziges
+Mal gelesen haben. Der Zorn hat Ihre Augen umnebelt und trägt die
+Schuld, daß Sie nichts in seinem wahren Lichte gesehen haben. Hie und da
+leuchtet ein Funke von Wahrheit inmitten eines ungeheuren Haufens von
+Sophismen und unüberlegter jugendlicher schwärmerischer Verirrungen auf.
+Aber welcher Mangel an Bildung! Wie kann man es wagen, bei so einem
+geringen Fond von Kenntnissen von so großen Erscheinungen zu sprechen?
+Sie scheiden die Kirche vom Christentum, dieselbe Kirche und dieselben
+Priester, die durch ihren Märtyrertod die Wahrheit jedes Wortes, das aus
+Christi Munde kam, besiegelt haben, von denen Tausende durch das Messer
+und das Schwert des Mörders umkamen, für den sie beteten, bis sie
+schließlich ihre Henker ermüdeten, so daß die Sieger den Besiegten zu
+Füßen fielen und die ganze Welt sich zu ihrer Lehre bekannte. Und diese
+selben Priester, diese Bischöfe und Märtyrer, die das Heiligtum der
+Kirche auf ihren Schultern durch alle Fährnisse hindurchgetragen und
+gerettet haben, wollen Sie von Christus scheiden, indem Sie sie falsche
+Ausleger der Lehre Christi nennen! Wer kann denn dann heute Ihrer
+Ansicht nach Christus besser und genauer auslegen? Etwa die heutigen
+Kommunisten und Sozialisten, die da behaupten, Christus habe geboten,
+den Menschen ihr Eigentum wegzunehmen und die auszuplündern, die sich
+ein Vermögen erworben haben? Kommen Sie doch zur Besinnung -- wohin sind
+Sie geraten? Sie erklären, daß Voltaire dem Christentum einen Dienst
+geleistet habe, und sagen, das sei jedem Gymnasiasten bekannt. Als ich
+noch auf dem Gymnasium war, habe ich selbst _damals_ nicht für Voltaire
+geschwärmt. Ich war schon damals klug genug, um zu sehen, daß Voltaire
+ein gewandter Witzling, aber keineswegs ein tiefer Mensch war. Für einen
+Voltaire konnte weder ein Puschkin, noch ein Ssuworow schwärmen, wie
+überhaupt kein mehr oder weniger umfassender Geist. Voltaire ist trotz
+aller seiner glänzenden _Aperçus_ immer nur der Franzose geblieben, der
+davon überzeugt ist, daß man lachend und scherzend von allen hohen
+Gegenständen sprechen kann. Von ihm kann man sagen, was Puschkin von den
+Franzosen im allgemeinen gesagt hat:
+
+ Der Franzos ist ein Kind,
+ Er stürzt geschwind
+ Einen Thron über Nacht,
+ Schafft Gesetz und Macht,
+ Ist schnell -- wie der Blitz
+ Und leer wie der Witz.
+ Er reizt und macht,
+ Daß man staunt und lacht
+ -- -- -- -- -- -- --
+
+Man kann nicht auf Grund einer oberflächlichen journalistischen Bildung
+über solche Gegenstände urteilen. Dazu muß man die Geschichte der Kirche
+studiert haben. Dazu muß man die ganze Geschichte der Menschheit
+verständnisvoll und mit Überlegung aus den Quellen selbst kennen lernen
+und nicht etwa aus modernen oberflächlichen Broschüren, die Gott weiß
+wer geschrieben hat. Dieses flache enzyklopädische Wissen zerstreut den
+Geist nur und konzentriert ihn nicht.
+
+Was soll ich Ihnen auf Ihre schroffen Bemerkungen über den russischen
+Bauern sagen -- Bemerkungen, die Sie mit so viel Selbstvertrauen und
+Sicherheit vorbringen, als ob Sie Gott weiß wie lange mit den Bauern zu
+tun gehabt hätten? Was soll ich dazu sagen, wenn doch Tausende von
+Kirchen und Klöstern, die das russische Land erfüllen und die nicht aus
+den Mitteln, die von den Reichen gestiftet, sondern aus den armseligen
+Groschen der Besitzlosen erbaut werden, eine so überzeugende Sprache
+sprechen! ... Nein, ein Mensch, der sein Leben lang in Petersburg
+zugebracht hat und es beständig mit leichten Zeitungsaufsätzen
+französischer Romanschreiber zu tun hat, die sich so in ihre Ideen
+verrannt haben, und der nicht merkt, in welcher verzerrten Form und wie
+töricht das Leben bei ihnen dargestellt ist, nein, ein solcher Mensch
+kann nicht über das Volk urteilen. Gestatten Sie mir auch zu bemerken,
+daß ich mehr Recht habe, über das russische Volk zu sprechen, _als Sie_.
+Alle meine Werke zeugen, nach der einstimmigen Überzeugung aller Leute,
+von einer gründlichen Kenntnis des russischen Wesens; sie sind die
+Schöpfungen eines Schriftstellers, der das Volk ernsthaft studiert und
+beobachtet hat und vielleicht schon die Gabe besitzt, sich in seine
+Lebensgewohnheiten hineinzuversetzen, was auch Sie in Ihren Kritiken
+zugestanden haben. Was aber wollen _Sie_ zum Beweise Ihrer Kenntnis des
+russischen Wesens anführen? Was haben Sie geschrieben, woraus eine
+solche Kenntnis hervorginge? Das ist ein großer Gegenstand, und darüber
+könnte ich Ihnen ganze Bücher vollschreiben. Sie würden sich schämen,
+daß Sie den Ratschlägen, die ich einem Gutsbesitzer erteile, solch einen
+plumpen Sinn untergelegt haben. Diese Ratschläge mögen eine noch so
+geringe Bedeutung haben, sie enthalten jedenfalls keineswegs einen
+Protest gegen die Volksbildung ... sondern höchstens einen Protest gegen
+die Korruption des russischen Volkes durch die Literatur, während doch
+die Schriftkunde uns gegeben ward, um den Menschen zur höchsten Klarheit
+zu führen. Überhaupt erinnern Ihre Urteile über die Gutsbesitzer an die
+Zeiten Von-Wisins. Seit jener Zeit hat sich vieles, sehr vieles in
+Rußland verändert, und seitdem ist sehr viel Neues entstanden. Daß die
+Aufsicht und Autorität eines Gutsbesitzers, der die Universität besucht
+und folglich für vieles ein Gefühl hat, ... weit günstiger und
+vorteilhafter für die Bauern ist, ... wie es ja auch viele Gegenstände
+gibt, über die wir rechtzeitig nachdenken sollten, ehe wir mit dem
+himmelstürmenden Feuer des Jünglings oder Ritters darüber reden ...
+Überhaupt bemüht man sich bei uns weit mehr um die Änderung der Namen
+und der Ausdrücke, als um das Wesen der Sache ... Sie sollten sich
+schämen, in unseren Diminutiven, mit denen wir mitunter sogar unsere
+Freunde benennen, einen Ausdruck der Knechtung und Unterdrückung zu
+sehen. Auf solche kindische Folgerungen wird man geführt, wenn man eine
+falsche Ansicht von den wichtigsten und wesentlichsten Dingen hat.
+
+Sodann bin ich auch über das kühne Selbstvertrauen und die Sicherheit
+erstaunt, mit der Sie erklären: »Ich kenne unsere Gesellschaft und den
+Geist, der sie beseelt.« Wie kann man für dies sich jeden Augenblick
+verwandelnde Chamäleon einstehen? Durch welche Tatsachen können Sie
+beweisen, daß Sie die Gesellschaft kennen? Welche Mittel besitzen Sie
+dazu? Haben Sie etwa irgendwo in Ihren Werken bewiesen, daß Sie ein
+tiefer Kenner der menschlichen Seele sind? Sie, der Sie fast nie mit den
+Menschen und der Welt in Berührung kommen, der Sie das friedliche Leben
+eines Journalisten führen und stets nur mit Feuilletonartikeln
+beschäftigt sind, wie sollten Sie einen Begriff von jenem furchtbaren
+Schreckbilde haben, das uns durch unerwartete Erscheinungen in seine
+Falle lockt; geraten doch alle jungen Schriftsteller in diese Falle
+hinein, die über alles in der Welt und die ganze Menschheit reden,
+während es um uns herum genug Dinge gibt, um die wir uns kümmern
+sollten. Wir sollten zuerst einmal diese Aufgaben erfüllen, dann würde
+es der Gesellschaft schon ganz von selbst gut gehen. Wenn wir dagegen
+unsere Pflichten gegen die uns nahestehenden Menschen vernachlässigen
+und dem Wohl der Gesellschaft nachjagen, so geraten wir auf Abwege ...
+ebenso ... Ich bin in der letzten Zeit vielen vortrefflichen Menschen
+begegnet, die über diese Sache völlig die Orientierung verloren haben.
+
+Viele denken, wenn sie sehen, daß die Gesellschaft sich auf einem Abweg
+befindet und daß die Dinge immer verworrener werden, daß man die Welt
+durch allerhand Reorganisationen und Reformen oder dadurch, daß man sie
+in dieser oder jener Weise umgestaltet, verbessern könne. Andere
+glauben, man könne mit Hilfe einer besonderen, recht mittelmäßigen
+Literatur, die Sie Belletristik nennen, erzieherisch auf die
+Gesellschaft wirken. Das sind Träume! Abgesehen davon, daß selbst die
+gelesensten Bücher daliegen, ohne Nutzen zu bringen ... sind auch die
+Früchte ... wenn überhaupt welche daraus erwachsen, ganz anderer Art,
+als der Autor glaubt; vielmehr sind sie häufig so beschaffen, daß er
+entsetzt vor ihnen zurückweicht ... Die Gesellschaft bildet sich von
+selbst, sie setzt sich aus Einheiten zusammen. Jede dieser Einheiten muß
+ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Der Mensch muß eingedenk sein, daß
+er nichts weniger als ein Stück Materie, daß er kein Vieh ist, sondern
+ein hoher Bürger des hohen himmlischen Bürgerreichs, und so lange nicht
+ein jeder wenigstens zum Teil sein Leben dem Geiste dieses himmlischen
+Bürgerreichs entsprechend gestalten wird, wird es auch im irdischen
+Gemeinwesen keine Ordnung geben.
+
+Sie sagen, Rußland hätte lange vergeblich gebetet. O nein, Rußland hat
+im Jahre 1612 gebetet und das Land vor den Polen gerettet; dann hat es
+1812 noch einmal gebetet und das Land vor den Franzosen gerettet. Oder
+nennen Sie das beten, wenn ein Tausendstel aller Menschen betet und alle
+übrigen vom Morgen bis zum Abend bummeln und zechen ... wenn sie bei
+jeder Schaustellung dabei sind und ihre letzte Habe verpfänden, um nur
+allen Komfort zu genießen, den uns die europäische Zivilisation samt all
+ihren Torheiten beschert hat.
+
+Nein, lassen wir diese Träume ... Lassen Sie uns ehrlich unsere Pflicht
+tun. Wir wollen uns bemühen, unsere Talente nicht in der Erde zu
+vergraben. Wir wollen unser Handwerk gewissenhaft ausüben. Dann wird
+alles gut gehen, und die Lage der Gesellschaft wird sich ganz von selbst
+bessern ... Die Gutsbesitzer werden auf ihre Güter zurückkehren. Die
+Beamten werden erkennen, daß man kein üppiges, verschwenderisches Leben
+zu führen braucht, und werden aufhören, Geschenke anzunehmen. Die
+Ehrgeizigen aber werden sehen, daß eine hohe Stellung weder mit einem
+hohen Gehalt, noch mit großen Geldeinnahmen verknüpft ist ... weder sie
+noch ich sind geboren ... Gestatten Sie mir, Sie an Ihre frühere
+Tätigkeit zu erinnern. Der Literat lebt für die Wahrheit. Er soll der
+Kunst ehrlich dienen und den Seelen dieser Welt Frieden und nicht Haß
+und Feindschaft einhauchen. Machen Sie den Anfang und fangen Sie noch
+einmal an, zu lernen! Studieren Sie die Dichter und Weisheitslehrer, die
+erzieherisch auf den Geist wirken. Die journalistische Tätigkeit laugt
+die Seele aus, man entdeckt plötzlich eine innere Leere in sich. Denken
+Sie daran, daß Sie nur eine oberflächliche Bildung genossen und nicht
+einmal die Universität beendigt haben. Machen Sie das durch die Lektüre
+großer Werke und nicht durch Beschäftigung mit modernen Broschüren
+wieder gut, die aus einem erhitzten Gemüt entspringen, das von der
+geraden gesunden Ansicht der Dinge ablenkt.
+
+
+ V.
+ Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle
+ aufgefunden worden ist
+
+Sie haben meine Worte über das Lesen und Schreiben ganz buchstäblich
+verstanden und ihnen einen zu engen, begrenzten Sinn untergelegt. Diese
+Worte waren an einen Gutsbesitzer gerichtet, dessen Bauern Landwirte
+sind. Es kam mir beinahe komisch vor, daß Sie aus diesen Worten den
+Schluß ziehen konnten, als wollte ich die elementare Volksbildung
+bekämpfen; als ob jetzt davon die Rede wäre -- wo das doch eine Frage
+ist, die unsere Väter längst gelöst haben! Unsere Väter und Großväter
+haben, selbst wenn sie selbst Analphabeten waren, entschieden, daß die
+Elementarbildung etwas Notwendiges sei. Aber darum handelt es sich ja
+gar nicht. Der Gedanke, der mein ganzes Buch durchzieht, ist dieser: wie
+man erst _die_ Menschen aufklären könne, die in nahem Verkehr mit dem
+Volke stehen, und _dann erst_ das Volk selbst. Alle diese kleinen
+Beamten und Regierungsvertreter, die alle lesen und schreiben können und
+sich dabei doch soviel Mißbräuche zuschulden kommen lassen ... Glauben
+Sie mir, es ist viel notwendiger, daß wir die Bücher, die Ihrer Ansicht
+nach so nützlich für das Volk sind, für diese Leute herausgeben. Das
+Volk ist weit weniger verdorben, als diese ganze lese- und
+schreibkundige Gesellschaft. Dagegen Bücher für diese Leute
+herauszugeben, Bücher, die ihnen das Geheimnis offenbaren, wie man mit
+dem Volk und mit den ihnen anvertrauten Untergebenen umgehen muß --
+nicht in dem umfassenden Sinne, wie ihn die oft wiederholten Worte
+ausdrücken: »_Stiehl nicht, sei rechtschaffen und ehrlich_« oder »Denke
+daran, daß deine Untergebenen ebensolche Menschen sind wie du« --
+sondern, die sie belehren, wie man es anfängt, nicht zu stehlen, und daß
+das Recht wirklich eingehalten werde ...
+
+
+ VI.
+ Gogol an W. G. Bjelinski[9]
+
+[Fußnote 9: Dieser Brief stellt Gogols Antwort auf Bjelinskis oben
+mitgeteiltes Schreiben dar. Es ist offenbar ein zweiter Brief, den Gogol
+an Stelle des oben abgedruckten ersten, später in Stücke gerissenen,
+geschrieben hat.]
+
+ Ostende, den 10. August 1847.
+
+Ich konnte nicht gleich auf Ihren Brief antworten. Meine Seele ist ganz
+matt, ich fühle mich in meinem tiefsten Inneren erschüttert. Ich kann
+wohl sagen, es gibt keine empfindliche Seite in mir, die nicht aufs
+schwerste getroffen war, noch ehe ich Ihren Brief erhalten hatte. Ich
+habe Ihren Brief beinahe in einem zustande völliger Gefühllosigkeit
+gelesen, trotzdem aber war ich nicht imstande, ihn zu beantworten. Und
+was hätte ich auch antworten sollen! Gott weiß, vielleicht enthalten
+Ihre Worte wirklich etwas Wahres. Ich will Ihnen nur sagen, daß ich
+gelegentlich meines Buches ungefähr fünfzig verschiedene Briefe erhalten
+habe, aber kein einziger gleicht dem anderen, es gibt keine zwei Leute,
+die dieselbe Ansicht über einen Gegenstand haben: was der eine verwirft,
+das behauptet der andere. Und doch gibt es auf beiden Seiten gleich edle
+und gescheite Menschen; die einzige nicht zu bezweifelnde Lehre, die ich
+aus alledem entnehmen zu können glaubte, war die, daß ich Rußland
+überhaupt nicht kenne, daß sich sehr vieles verändert hat, seit ich
+nicht mehr dort war, und daß man heute beinahe alles, was es dort gibt,
+von neuem kennen lernen muß, und daraus zog ich für meinen Teil
+folgenden Schluß: daß ich nichts mehr veröffentlichen und vor das
+Publikum bringen darf; weder lebendige Anschauungen meiner Phantasie,
+noch selbst zwei Zeilen aus irgendeinem Werk, solange ich nicht in
+Rußland war, eine Zeitlang dort gelebt und mich mit eigenen Augen von
+vielem überzeugt und vieles mit eigenen Händen befühlt haben werde. Ich
+sehe, daß viele, die mich beschuldigt haben, manches nicht zu kennen und
+manche Seiten des Lebens nicht berücksichtigt zu haben, selbst in vielen
+Punkten eine große Unkenntnis an den Tag legen und damit beweisen, daß
+sie selbst viele Seiten des Lebens nicht in Betracht gezogen haben.
+Nicht alle Klagen sind an unser Ohr gedrungen, und wir haben nicht alle
+Leiden in ihrer ganzen Schwere ermessen. Mir will es sogar so scheinen,
+daß nicht jeder von uns die gegenwärtige Zeit versteht, eine Zeit, in
+der der Geist völliger Disharmonie und Unordnung deutlicher als je
+zutage tritt. Wie dem auch sein mag, jetzt kommt alles zum Vorschein:
+jedes Ding will berücksichtigt sein, das Alte und das Neue fordern
+einander zum Kampfe heraus, und man braucht nur auf der einen Seite in
+Übertreibungen und Maßlosigkeiten zu verfallen, damit sich auch die
+andere Seite sofort derselben Übertreibungen und Maßlosigkeiten schuldig
+macht. Die gegenwärtige Zeit ist das Zeitalter besonnener vernünftiger
+Überlegung: ohne sich zu erhitzen, wägt sie alles ab und zieht sie alle
+Seiten der Dinge in Betracht, denn ohne dies ist es unmöglich, die
+rechte Mitte, das vernünftige Maß der Dinge kennen zu lernen. Sie
+verlangt von uns, daß wir Umschau halten mit dem vielseitigen Blick des
+Greises, und daß wir nicht mit dem heißen Draufgängertum der alten
+Ritter vorgehen. Diesem Zeitalter gegenüber sind wir reine Kinder.
+Glauben Sie mir, Sie und ich haben beide unsere Pflicht gegen unsere
+Zeit nicht erfüllt. Ich wenigstens bin mir darüber klar, aber sind auch
+Sie sich dessen bewußt? Ebenso wie ich die gegenwärtigen Dinge und viele
+Umstände übersehen habe, die ich hätte berücksichtigen müssen, ebenso
+haben auch Sie vieles übersehen; wenn ich mich zu sehr in mich selbst
+zurückgezogen habe, so haben Sie sich zu sehr zerstreut. Wie ich noch
+vieles kennen lernen muß, was Sie schon wissen und was ich nicht weiß,
+so müßten Sie wenigstens einen Teil davon kennen lernen, was ich weiß
+und was Sie zu Unrecht vernachlässigt und übersehen haben. Jetzt aber
+denken Sie vor allem an Ihre Gesundheit; vergessen Sie die modernen
+Probleme für eine Weile. Sie werden später mit größerer Frische und also
+auch mit größerem Nutzen für Sie selbst wie für die Probleme zu diesen
+zurückkehren. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Ihnen jener
+Seelenfriede zuteil werde, der unser höchstes Gut ist, ohne den man
+nicht wirken und auf keinem Gebiete vernünftig handeln kann.
+
+ N. Gogol.
+
+
+
+
+ Nachtrag
+
+
+ Band VII und VIII
+ Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden
+
+(Die wörtliche Übersetzung des Titels lautet: _Ausgewählte Stellen_ aus
+dem Briefwechsel mit meinen Freunden.) Den Plan, eine Auswahl von
+Stücken aus seinem Briefwechsel herauszugeben, faßte Gogol bereits im
+Beginn des Jahres 1845; an die Ausführung seiner Idee ging er jedoch
+erst im April 1846 heran. Ehe er das Manuskript an Pletnjew absandte,
+unterzog er sämtliche Stücke, die er in Buchform herauszugeben gedachte,
+einer gründlichen Korrektur und Überarbeitung. Zu allererst wurde das
+VII. Kapitel: _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An W. M.
+Jasykow (Band VII, Seite 55 ff.) für den Druck umgearbeitet, redigiert
+und dann am 4. Juli 1846 an Pletnjew zur Veröffentlichung in dessen
+Zeitschrift gesandt. -- Am 30. Juli desselben Jahres erhält Pletnjew von
+Gogol aus Schwalbach: _Die Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) und die
+ersten sechs Stücke des »Briefwechsels« zugeschickt. Zwischen dem 13.
+und 24. August folgen aus Ostende weitere sieben Aufsätze (Nr. 8-14,
+Band VII, Seite 73-149) und am 12. September neuen Stils -- gleichfalls
+aus Ostende -- nochmals sieben Kapitel (Nr. 15-21, Band VII, Seite
+151-253). Am 26. September sendet Gogol Pletnjew aus Ostende ein viertes
+Heft mit neun Kapiteln (Band VII, Nr. 22-30, Seite 255-367). Am 3.
+Oktober neuen Stils schickt Gogol aus Frankfurt zwei Korrekturen zu dem
+Aufsatz: An _einen hochgestellten Mann_ ein (Band VII, Nr. 28, Seite
+323). Am 16. Oktober endlich erfolgt von Frankfurt a. M. aus die
+Absendung der beiden letzten Kapitel und einer Korrektur zum 10.
+Kapitel: _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski
+(Band VII, Seite 85 ff.).
+
+Die _Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden_ erschien im
+Dezember des Jahres 1846. Die Unterschrift des Zensors ist vom 18.
+August 1846 datiert, bezieht sich jedoch wahrscheinlich nur auf das
+erste Heft; im Oktober ergaben sich Schwierigkeiten bei der Drucklegung:
+der Zensor wollte den Abdruck einzelner Partien und sogar ganzer Kapitel
+nicht gestatten; daher mußten fünf Briefe: Nr. 19, 20, 21, 26 und 28
+(Band VII, Seite 203, 209, 227, 307 und 323) gänzlich wegfallen. Diese
+Kapitel, sowie die von der Zensur gestrichenen Partien erschienen später
+in der »Gesamtausgabe« von Gogols Werken vom Jahre 1867, die von
+_Tschischow_ veranstaltet wurde. Die von der Zensur beanstandeten
+Stellen stehen in unserer Ausgabe in eckigen Klammern.
+
+Ferner bat Gogol selbst Pletnjew in einem Brief vom 16. Oktober 1846,
+»die ganze Stelle zu streichen, die von der Bedeutung der monarchischen
+Gewalt und ihrer weltlichen Erscheinungsform handelt, und durch den
+Abschnitt auf der letzten Seite des Heftes zu ersetzen«. Die neue
+veränderte Fassung des Textes beginnt mit den Worten: »Diese Bedeutung
+des Herrschers wird allmählich auch in Europa ...« (Band VII, Seite 100,
+Zeile 3 v. o.) und schließt mit dem Satze: »daher nehmen ihre Töne einen
+biblischen Charakter an« (Band VII, Seite 102, Zeile 3 v. o.). Wir
+lassen hier die umgearbeitete Stelle folgen, wie sie von Tschischow nach
+dem Manuskript nachträglich in seiner Gesamtausgabe der Werke Gogols
+abgedruckt wurde (Band III, Seite 374 bis 376): »Die souveräne Gewalt
+des Monarchen wird keineswegs an Bedeutung verlieren, sondern in dem
+Maße, wie die ganze Menschheit an Bildung zunehmen wird, nur noch
+wachsen. Je mehr jeder Beruf und Stand die ihm gesteckten gesetzlichen
+Grenzen einhalten wird und die gegenseitigen Beziehungen aller Menschen
+genauer bestimmt und normiert werden, um so deutlicher wird sich die
+Notwendigkeit einer höchsten Obergewalt herausstellen, die die ganze
+Macht der einzelnen Individuen in sich vereinigt und alle höchsten
+Vorzüge und Tugenden, die den Menschen geradezu Gott ähnlich machen, in
+Erscheinung treten läßt -- jene höchsten kollektiven Attribute und
+Eigenschaften, die der einzelne Mensch nicht besitzen kann. Eine ganze
+Million wie einen Menschen liebgewinnen -- das ist weit schwerer, als
+nur wenige unter dieser Million lieben; die Leiden aller Menschen so
+intensiv mitempfinden wie den Schmerz unseres liebsten Freundes und an
+die Rettung aller Menschen bis auf den letzten denken, wie man wohl auf
+die Rettung der eigenen Familie hofft, -- das kann nur _der_ in vollem
+Maße, dem dies zum unerschütterlichen Gebot gemacht ward und der da
+fühlt, daß er für die Verletzung dieses Gebotes vor Gott ebenso
+furchtbare Rechenschaft wird ablegen müssen, wie jedes einzelne
+Individuum für die Verletzung seiner Pflicht in seinem besonderen
+Wirkungskreis Rechenschaft geben wird. Wenn diese höchste leitende
+Obergewalt dahinfiele -- so würde der menschliche Geist verarmen. Diese
+souveräne Herrschergewalt des Monarchen wird heute nur deshalb
+angezweifelt, weil ihre ganze Bedeutung weder den Herrschern noch den
+Untertanen aufgegangen ist. Die monarchische Gewalt -- ist eine Torheit,
+wenn der Monarch nicht fühlt, daß er das Abbild Gottes auf Erden sein
+soll. Selbst wenn er noch so sehr das Gute will, wird er sich in seinen
+Handlungen nicht mehr zurechtfinden können, besonders bei der
+gegenwärtigen Ordnung der Dinge in Europa; sowie er jedoch zur
+Erkenntnis kommt, daß er die Aufgabe hat, den Menschen ein Abbild Gottes
+zu sein, wird für ihn alles klar und deutlich werden und wird auch
+Klarheit in sein Verhältnis zu seinen Untertanen kommen. Dann wird er
+sich nicht mehr einen Napoleon, einen Friedrich, einen Peter, eine
+Katharina oder einen Ludwig zum Muster nehmen, wie überhaupt keinen von
+den Fürsten, denen die Welt den Namen des Großen beilegt, und deren
+Bestimmung es war, infolge der zeitlichen Verhältnisse und Umstände
+außer der königlichen Würde auch noch die Rolle eines Feldherrn,
+Neugestalters oder Reformators auf sich zu nehmen, kurz nur eine
+einzelne Seite glanzvoll in sich zu verkörpern, was die unbedeutenderen
+Nachahmer irreleitet und so viele Fürsten in Versuchung führt. Er wird
+sich vielmehr die Handlungen Gottes selbst zum Vorbild nehmen, die aus
+der Geschichte der Menschheit so vernehmbar zu uns reden und die noch
+deutlicher in der Geschichte _des_ Volkes in Erscheinung treten, das
+Gott dazu auserwählt hatte, von Ihm Selbst regiert zu werden, um den
+Königen zu zeigen, wie regiert werden muß. Und wie wahrhaft göttlich hat
+Er regiert! Wie verstand Er es, Sein Volk mehr denn alle anderen Völker
+zu lieben! Mit welch väterlicher Liebe lehrte und unterwies Er es und
+mit welch himmlischer Geduld wartete Er auf seine Wandlung und
+Besserung. Wie ungern erhob Er Seine strafende Geißel wider Sein Volk!
+Wie beeilte Er Sich Selbst _dann_ noch nicht, als die Gottlosigkeit und
+die Sünden des Volkes zum Himmel schrien, es zu strafen, sondern sprach:
+>Ich will Selbst zur Erde hinabsteigen und zusehen, ob das Unrecht und
+die Sündhaftigkeit wirklich so groß sind!< Und wer war es, der so
+sprach? Der Allwissende, für alles Sorgende, der die Könige dieser Erde
+zur Vorsicht und Behutsamkeit mahnt! Wie Er ja auch Seine Strafen nicht
+deshalb verhängte, um den Menschen zu vernichten, den zu vernichten ja
+gar nicht schwer ist, sondern um ihn zu erretten, weil es _sehr_ schwer
+ist, ihn zu erretten, und um seine gefühllose Natur durch eine starke
+Erschütterung und ein Weckmittel aufzurütteln, ihm die ganzen Schrecken
+des Zieles, dem er in seiner Unwissenheit zustrebt, vor Augen zu führen
+und ihn dadurch zu mahnen, daß es noch Zeit wäre, an seine Rettung zu
+denken! Wie Er ja auch, da Er die unbestechliche sieghafte Macht Seiner
+unüberwindlichen Wahrheit und Gerechtigkeit kannte, alles tat, auf daß
+der schwache und ohnmächtige Mensch ihr nicht unterliege: sandte Er ihm
+doch Seine Propheten, daß sie erfüllt von Liebe zu ihren Brüdern und,
+nachdem sie eine Sprache gefunden, die den Menschen verständlich war,
+sie zur Besinnung brächten; Er, der sich entschloß, da Er endlich sah,
+daß alles vergeblich war, daß nichts sie zur Vernunft bringen könne und
+daß es kein Mittel gäbe, die Menschen Seiner unabwendlichen
+Gerechtigkeit zu entziehen, Sich Selbst für alle zum Opfer zu bringen,
+um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit zu besiegen
+und den Menschen zu beweisen, daß eine solche Liebe höher ist, denn
+alles, was es gibt, daß sie an sich selbst die höchste himmlische
+Gerechtigkeit ist! Alles ward von Gott gesagt für den, der vor den
+Menschen in sich selbst Sein Abbild zur Darstellung bringen will, hat Er
+ihn doch gelehrt, wie er handeln soll. Um aber die Könige zu
+unterweisen, wie sie sich gegen Ihn Selbst, den Schöpfer alles
+Sichtbaren und Unsichtbaren, verhalten sollen, schenkte Er ihnen die
+Vorbilder der von Ihm Selbst gesalbten Könige David und Salomo, die mit
+ihrem ganzen Sein in Gott lebten, wie in ihrem eigenen Hause und die in
+ihrem Königstume das weise Zusammenwirken zweier Mächte -- der
+geistlichen und weltlichen -- verkörperten, und zwar in der Weise, daß
+nicht bloß keine von beiden die andere störte und hemmte, sondern daß
+sie sich gegenseitig noch stärkten und befestigten. So enthält das
+heilige Buch Gottes eine vollkommene Definition des Monarchen, dieses
+völlig von uns isolierten Wesens, dem auf Erden eine so schwere Aufgabe
+zuteil ward: nachdem er alles vollbracht, was jedes Menschen Aufgabe
+ist, und Christus in seinem ganzen Tun und Handeln bis in die kleinsten
+Einzelheiten seines Alltagslebens gleichgeworden ist, zu alledem auch
+noch in den erhabensten Äußerungen seiner Tätigkeit gegenüber allen
+Menschen Gott Vater gleich zu werden. In diesem Buche ist eine
+vollkommene Definition des Monarchen enthalten, die man nirgends sonst
+findet. Auf diese Definition ist noch keiner der europäischen
+Rechtsgelehrten gekommen, bei uns aber haben die Dichter etwas von ihr
+geahnt und vernommen, daher nehmen ihre Töne auch einen biblischen
+Charakter an.«
+
+Der ursprüngliche Text der Aufsätze und Privatbriefe Gogols an seine
+Freunde, die in dem »Briefwechsel« Aufnahme fanden und erst nach einer
+durchgreifenden Reinigung und Umarbeitung zur Veröffentlichung an
+Pletnjew gesandt wurden, stammt aus den verschiedensten Zeiten der
+Periode von 1843-1846, und zwar ist die Zahl der Stücke um so geringer,
+je mehr wir uns der ersten Hälfte des Jahres 1843 nähern. Von den
+Briefen dieser Epoche hat Gogol nur sehr wenige der Aufnahme in die
+Ausgewählten Stellen aus seinem Briefwechsel für würdig erachtet. Aus
+dem Jahre 1843 stammen die ersten Entwürfe folgender Artikel:
+
+1) _Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen_ (Band VII, Nr.
+5, Seite 43) und
+
+2) _Die drei ersten Briefe über die Toten Seelen_ (Band VII, Nr. 18,
+Seite 175).
+
+Aus dem Jahre 1844 stammen folgende Aufsätze und Briefe:
+
+1) _Diskussionen._ Aus einem Briefe an L***. (Band VII, Nr. 11, Seite
+111.)
+
+2) _Liebt unser russisches Vaterland._ Aus einem Briefe an den Grafen A.
+T. (Band VII, Nr. 19, Seite 203.) Dieses Stück stammt aus der zweiten
+Hälfte des Jahres 1844.
+
+3) _Etwas über die Bedeutung des Worts._ (Band VII, Nr. 4, Seite 35.)
+Diese Betrachtung ist wahrscheinlich Ende Oktober des Jahres 1844
+niedergeschrieben.
+
+4) _Wie man den Armen helfen soll._ Aus einem Briefe an A. O.
+Sm--rn--wa. (Band VII, Nr. 6, Seite 49.) Ist gegen Ende des Jahres 1844
+niedergeschrieben.
+
+5) _Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit._ Zwei Briefe
+an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 15, Seite 151.) Der erste Brief ist vom
+2. Dezember, der zweite vom 26. Dezember 1844 datiert.
+
+6) _An einen kurzsichtigen Freund._ (Band VII, Nr. 27, Seite 317.)
+
+Aus dem Jahre 1845 stammt der erste Entwurf folgender Stücke:
+
+1) _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An N. M. Jasykow. (Band
+VII, Nr. 7, Seite 55.) Ein Brief, der zu Beginn des Jahres geschrieben
+ist.
+
+2) _An einen hochgestellten Mann._ (Band VII, Nr. 28, Seite 323.) Die
+Idee zu diesem Schreiben rührt vom Ende des Jahres 1844 her.
+Niedergeschrieben wurde es im Februar und März des Jahres 1845.
+
+3) _Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von
+der Einseitigkeit überhaupt._ An den Grafen A. P. T... (Band VII, Nr.
+14, Seite 129) -- ist im März und April 1845 niedergeschrieben.
+
+4) _Lernt Rußland kennen._ Aus einem Briefe an den Grafen P. T. (Band
+VII, Nr. 20, Seite 209) -- stammt aus derselben Zeit (oder vom Ende des
+Jahres 1845?).
+
+5) _Mein Testament_ (Band VII, Nr. 1, Seite 9) stammt aus dem Juli(?)
+1845.
+
+6) _Über ländliche Pflege und Gerichtsbarkeit_ (Band VII, Nr. 25, Seite
+301).
+
+7) _Wessen Los auf Erden das beste ist._ Aus einem Briefe an U. (Band
+VII, Nr. 29, Seite 359.)
+
+Mehr als die Hälfte der Briefe, die in die »Auswahl aus dem Briefwechsel
+mit meinen Freunden« aufgenommen wurden, stammen aus dem Jahre 1846. In
+einem Brief aus diesem Jahre schreibt Gogol an Schewyrjow: »Während
+dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere
+seelische Leiden gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen
+Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nie geführt habe.
+Und wie mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen
+nahestehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie
+alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und
+verlangten Rat und Hilfe von mir« (vgl. Band VII, Seite 163 ff.).
+»Während der letzten Zeit«, fährt Gogol fort, »kam es sogar vor, daß ich
+Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und
+daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte
+erteilen können.« Am meisten von Krankheit gequält war Gogol in den
+ersten zwei Monaten des Jahres 1846; dies war auch sonst eine sehr
+schwere Zeit für ihn. Gogol arbeitete während dieser Monate intensiv an
+der »Auswahl aus dem Briefwechsel«. »Gleichzeitig brauchte er eine Kur,
+machte er Reisen, war er von schweren Sorgen gequält und mußte sich um
+Dinge kümmern, von deren Schwierigkeit seine Freunde keine Ahnung
+hatten.« Zugleich aber mußte er zahlreiche, sehr verschieden geartete
+Briefe erwidern, die nicht in leichtfertiger, sondern in wohlüberlegter
+Weise beantwortet sein wollten. Höchstwahrscheinlich erfolgte die
+Antwort auf einzelne Briefe vor der Öffentlichkeit, d. h. in der
+»Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«, und es wäre
+vergeblich, nach dem ursprünglichen Text der Briefe, die unmittelbar an
+die Fragesteller gerichtet waren, zu forschen. »Auf Ihren langen Brief«,
+schreibt Gogol im Jahre 1846 an die Gräfin ***, »... antworte ich ...
+nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern wie Sie sehen, _in
+einem gedruckten Buche_, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in
+Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird« (vgl. Band VII, Seite
+309 ff.). Die an Schewyrjow gerichteten Briefe aus der »Auswahl« waren
+unter den Papieren Schewyrjows nicht zu finden, wahrscheinlich hat er
+sie auch erst gelesen, als sie bereits gedruckt in Buchform vorlagen. Es
+ist daher heute noch für den größten Teil der Briefe vom Jahre 1846, die
+in der »Auswahl« enthalten sind, kaum möglich, die chronologische
+Reihenfolge genau festzustellen, ebensowenig wie sich zurzeit die Frage
+beantworten läßt, ob _schriftliche_ Antworten auf die an Gogol
+gerichteten Fragen vorliegen. In den Papieren Schewyrjows wurde nicht
+ein Brief Gogols aus dem Jahre 1846 gefunden, der in die Auswahl aus dem
+Briefwechsel usw. aufgenommen wurde.
+
+Aus dem Jahre 1846 stammen folgende Briefe und Aufsätze der »Auswahl«:
+
+1) _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski. (Band
+VII, Nr. 10, Seite 85.) Dieses Stück wurde 1845 niedergeschrieben und
+1846 nochmals umgearbeitet.
+
+2) _Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei den
+heutigen Zuständen in Rußland sein kann._ (Band VII, Nr. 24, Seite 291.)
+Dieses Stück stammt etwa aus dem September dieses Jahres und scheint
+unmittelbar für den Druck bestimmt gewesen zu sein.
+
+3) _Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit._ Aus einem
+Briefe an den Grafen A. P. T. (Band VII, Nr. 8, Seite 73) und
+
+4) _Über denselben Gegenstand._ Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.
+(Band VII, Nr. 9, Seite 79.) 3 und 4 stammen aus der ersten Hälfte des
+Jahres 1846.
+
+5) _Der Historienmaler Iwanow._ An M. Ju. Weligurski. (Band VII, Nr. 23,
+Seite 271.) Dieser Brief, der im Februar oder März dieses Jahres an den
+Grafen W. abgesandt wurde, wurde nachträglich, d. h. im August oder
+September, nochmals für den Druck umgearbeitet.
+
+7) _Karamsin._ Aus einem Briefe an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 13,
+Seite 123.) Der erste Entwurf dieses Briefes ist am 5. Mai 1846
+niedergeschrieben.
+
+8) _Über die Aufklärung._ An W. A. Schukowski. (Band VII, Nr. 17, Seite
+167.) Stammt aus dem Juni und Juli dieses Jahres.
+
+9) _Was eine Gouverneursgattin ist._ An Fr. A. O. S. (Band VII, Nr. 21,
+Seite 227.) Der erste Entwurf dieses Briefes stammt aus der zweiten
+Juli-Hälfte des Jahres 1845, er wurde am 4. Juli 1846 in neuer
+verbesserter Fassung an Frau A. O. Smirnowa gesandt und endlich im
+September 1846 und 1847 für die Drucklegung nochmals umgearbeitet.
+
+10) _Rußlands Schrecken und Grauen._ An die Gräfin *** (Band VII, Nr.
+26, Seite 307) ist zu Beginn des August 1846 niedergeschrieben.
+
+11) _Wesen und Eigenart der russischen Poesie._ (Band VII, Nr. 31, Seite
+369.) Dieser Aufsatz wurde »während dreier Epochen« geschrieben, er ist
+1836 oder 1843 (?) begonnen und im September 1846 für die Drucklegung
+vollendet.
+
+12) _Die Frau in der vornehmen Welt._ An Frau ***. (Band VII, Nr. 2,
+Seite 21.)
+
+13) _Der Christ schreitet vorwärts._ An Schtsch--w. (Band VII, Nr. 12,
+Seite 117.)
+
+14) _Ratschläge._ An S. P. Schewyrew. (Band VII, Nr. 16, Seite 161.)
+
+15) _Der vierte Brief über die Toten Seelen._ (Band VII, Nr. 18, IV,
+Seite 199.)
+
+16) _Der russische Gutsbesitzer._ An B. N. B. (Band VII, Nr. 22, Seite
+255.) Die Originalmanuskripte der letzten fünf Briefe sind unbekannt.
+Wahrscheinlich sind diese Stücke gleich für die »Auswahl« geschrieben.
+Der erste Brief wurde am 30. Juli druckfertig abgesandt, der zweite am
+13. (25.) August, der dritte und vierte am 12. September neuen Stils,
+der fünfte am 26. September.
+
+Die _Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) zur »Auswahl« stammt aus dem
+August des Jahres 1846.
+
+Der Aufsatz: _Auferstehungstag_ (Band VII, Nr. 32, Seite 447) trägt kein
+Datum.
+
+ * * * * *
+
+Der Brief an _Arkadius Ossipowitsch Rosetti_ (Band VIII, Nr. 1, Seite 1)
+ist in Neapel geschrieben und wurde am 15. April 1847 abgesandt.
+
+_Über den »Zeitgenossen«_; (Sowremennik); (Band VIII, Nr. 2, Seite 11),
+ein Brief an P. A. Pletnjew, ist vom 4. Dezember 1846 datiert.
+
+_Die Beichte des Dichters_ (Band VIII, Nr. 3, Seite 33) ist im Mai 1847
+begonnen und noch in demselben Jahre vollendet.
+
+Der Brief an _W. A. Schukowski_ (Band VIII, Nr. 4, Seite 101) wurde am
+10. Januar 1848 (den 29. Dezember 1847) aus Neapel an Schukowski
+gesandt.
+
+_Die Betrachtungen über die Heilige Liturgie_ (Band VIII, Nr. 5, Seite
+115 ff.) wurden im Januar und Februar des Jahres 1845 in Paris
+konzipiert und in der ersten Fassung noch vor der Abreise nach Jerusalem
+(d. h. vor dem Januar 1848) vollendet. Nachträglich wurden sie noch bis
+zum Jahre 1852 mehrfach umgearbeitet[10].
+
+_Hans Küchelgarten._ Dieses Jugendwerk Gogols wurde wahrscheinlich
+bereits während seiner Schulzeit konzipiert und begonnen. Bald nach
+Gogols Ankunft in St. Petersburg (1828) ließ er das Werk unter dem
+Pseudonym _W. Alow_ drucken und gab es den Buchhändlern in Kommission.
+Es wurde teils gar nicht beachtet teils wie z. B. von Polewoi
+offenkundig abgelehnt.
+
+[Fußnote 10: 1911 ist eine deutsche Übersetzung von K. von Mickwitz in
+Rendsburg (Heinrich Möller Söhne) erschienen, die dem Herausgeber bei
+der vorliegenden Ausgabe, besonders für die Ermittlung der Bibelzitate,
+wertvolle Dienste geleistet hat.
+
+Die bibliographischen Anmerkungen und Lesarten zu den bisher
+aufgeführten Schriften sind der Ausgabe von Tichonrawow und Schenrock
+entnommen.]
+
+_Beilage I-IV. Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski._ (Band VIII, Seite
+369.)
+
+Dieser Briefwechsel mit dem berühmten russischen Kritiker Wissarion
+Bjelinski bildet eine wichtige Ergänzung zu der »Auswahl«, da er ein
+helles Licht auf die Stimmung wirft, aus der dieses Werk entsprungen
+ist, und weil er geeignet ist, Gogols Ziele und Absichten, die er mit
+dem Buche verfolgte, schärfer zu beleuchten und ein Bild von der Wirkung
+zu geben, die der Briefwechsel auf die Zeitgenossen ausübte. Die
+»Auswahl aus dem Briefwechsel« bezeichnet einen Wendepunkt in Gogols
+Leben, das von diesem Augenblick an mit unheimlicher Schnelligkeit der
+Katastrophe zutreibt. Bald nach dem Erscheinen des ersten Bandes der
+»Toten Seelen« setzt jene innere Krise ein, die so verhängnisvoll für
+Gogols Schaffen und sein persönliches Schicksal werden sollte. Der
+Zweifel an dem Zweck und Sinn des Dichterberufs, insbesondere an der
+Berechtigung seines eigenen dichterischen Stils steigert sich allmählich
+bis zu einer selbstquälerischen Melancholie, die das ganze menschliche
+Tun einseitig in den Blickpunkt der religiösen Zielsetzung einstellte.
+Der religiös-sittliche Zweck allein darf Inhalt und Wesensart der
+dichterischen Produktion bestimmen. Damit nimmt Gogols Schaffen immer
+mehr jenen didaktischen Charakter an, wie er so deutlich in dem
+Briefwerke zum Ausdruck kommt. Das Entwerfen von Mustern sittlicher
+Größe und Schönheit, Belehrung und Erziehung werden nun zu den höchsten
+Aufgaben des Dichters. Zugleich aber drängt sich immer kräftiger jener
+rückwärtsgewandte Zug zu einer passiven, heteronomen sittlichen
+Lebensauffassung vor, die in der demütigen Unterwerfung unter die
+gottgewollten Bindungen, in ihrer fügsamen Hinnahme den Sieg der Tugend
+und damit die Selbsterlösung aus der Wirrnis und den Unzulänglichkeiten
+der menschlichen Zustände erblickt. Diese Geistesstimmung konnte den
+»Briefwechsel« zu dem Grundbuch des rückständigen Rußland machen, zu dem
+Arsenal aller reaktionären Ideologien, die auf alle folgenden
+Generationen, so z. B. noch auf Dostojewski, bis in die neuere und
+neueste Epoche fortwirkten. Gegen diese Tendenzen richtete sich schon zu
+Gogols Zeit der stürmische Protest der europäisch gesinnten russischen
+Jugend, wie er aus dem von wundervoller Leidenschaft durchpulsten Brief
+Bjelinskis zu uns spricht. Dieser Brief wird sicherlich Gogol nicht
+gerecht. In seinem prachtvollen Empörungsausbruch übersieht Bjelinski
+die radikalen Konsequenzen, die sich aus Gogols Standpunkt ergeben und
+für die der Zensor ein feineres Verständnis zeigte, als er nicht
+unbeträchtliche Teile aus dem »Briefwechsel« herausstrich, ebenso wie
+Bjelinski die tiefen inneren sittlichen Probleme des menschlichen und
+künstlerischen Gewissens verkennt, die in diesem Werk ihren Ausdruck
+finden. Und doch liegt in dieser Ungerechtigkeit zugleich eine höhere
+geschichtliche Gerechtigkeit. In einer von freudigen Hoffnungen
+kommender großer Ereignisse erfüllten Zeit, die schon den großen
+Frühlingssturm des Jahres 1848 vorausahnte und sich auf ihn rüstete,
+mußte Gogols Predigt als ein Produkt dunkelster Reaktion, als das Werk
+eines finsteren rückwärtsdrängenden Geistes erscheinen.
+
+Die Empörung über das Buch war allgemein, nicht allein bei den
+sogenannten Westlingen und den radikalen Slawophilen, sondern selbst bei
+Gogols nächsten Freunden, die über den hochmütigen lehrhaften Ton, den
+Gogol hier angeschlagen hatte, ungehalten waren. 1847 veröffentlichte
+Bjelinski im zweiten Heft des »Sowremjennik« (Zeitgenossen) eine
+außerordentlich ungünstige Kritik, die sich zwar aus Zensurrücksichten
+eines maßvollen Tones befleißigte, aber Gogol, der bisher in Bjelinskis
+Kritiken nur begeisterter Zustimmung begegnet war, aufs tiefste
+verletzte. Da er sich den Grund zu Bjelinskis ablehnendem Urteil nicht
+erklären konnte, war er geneigt, ihn auf persönliche Motive
+zurückzuführen, wie dies aus Gogols durch die Rezension hervorgerufenem
+Schreiben an Bjelinski deutlich hervorgeht.
+
+Bjelinski befand sich um diese Zeit auf Veranlassung seiner Freunde in
+Salzbrunn, wo er eine Kur gegen die Schwindsucht brauchte. An einem
+Julitag des Jahres 1847 setzte er sich hin und verfaßte jenen berühmten
+Brief (Band VIII, Seite 361), der eine so große Rolle in dem geistigen
+Freiheitskampf Rußlands gespielt hat.
+
+Dieser Brief ist das Manifest des revolutionären Rußland geworden. Zwei
+weltgeschichtliche Gegensätze stoßen hier in heftigem Zusammenprall
+aufeinander. Europäertum und konservatives Altrussentum halten hier ihre
+große Abrechnung. Licht, Sonne, Heiterkeit, Klarheit, freie
+Selbstbestimmung auf der einen, Dumpfheit, Enge, Gebundenheit, Autorität
+auf der anderen Seite sind die Losungen, um die in diesem Briefwechsel
+gekämpft wird. Und es unterliegt keinem Zweifel, auf wessen Seite der
+Sieg sich neigt. Die Wirkung des Briefes war unbeschreiblich. In tausend
+Abschriften wanderte er von Hand zu Hand, und bald gab es in den
+entlegensten Provinzen, wie Asksakow schreibt, keinen Schullehrer, der
+den Brief nicht auswendig kannte. In allen oppositionellen Konventikeln
+wurde er mit Begeisterung gelesen und heimlich weiterverbreitet. Bloß
+der Tod (Bjelinski starb am 28. Mai 1848) rettete den Autor vor der
+Rache des Despotismus. Mußten doch zahlreiche junge Leute, darunter auch
+Dostojewski, wegen dieses Schreibens nach Sibirien wandern, lediglich
+weil sie der Polizei nicht von dessen Existenz Mitteilung gemacht
+hatten. So kämpfte in diesem Brief der Geist des verstorbenen Bjelinski
+noch nach seinem Tode tapfer weiter fort, wenn auch zunächst noch mit
+geschlossenem Visier. Lange war der Brief in Rußland gänzlich verboten.
+Alexander Herzen veröffentlichte ihn zum erstenmal in seinem in London
+erscheinenden »Polarstern«. Danach wurde er im Auslande und endlich 1872
+auch in Rußland auszugsweise unter Weglassung der schärfsten Stellen
+nachgedruckt. Der vollständige Abdruck im Jahre 1906 in der Bibliothek
+Swetotsch (Die Fackel) durch Wengerow bezeichnet einen neuen Abschnitt
+in der Geschichte des Briefes und zugleich eine neue Epoche in der
+russischen Revolution.
+
+
+ Chronologische Tabelle der Werke Gogols
+
+ Die Zahl des Bandes, in dem die einzelnen Schriften erschienen
+ sind, steht in eckigen Klammern hinter der Jahreszahl.
+
+ Hans Küchelgarten (um 1828) [VIII]
+ Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
+ I. Teil 1831 [III]
+ Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
+ II. Teil 1832 [III]
+ Arabesken 1834 [VI]
+ Mirgorod, Teil I und II 1834 [IV]
+ Über die Strömungen der Zeitschriftenliteratur 1835 [VI]
+ der Jahre 1834-1835
+ Der Revisor 1836 [V]
+ Die Equipage 1836 [IV]
+ Die Nase 1836 [II]
+ Petersburger Skizzen 1837 [VI]
+ Italienische Sommernächte 1839 [VI]
+ Szenen aus einer unvollendeten Komödie -- Der 1832-1842 [V]
+ Morgen eines vielbeschäftigten Herrn -- Der
+ Prozeß -- Das Vorzimmer -- Fragment
+ Eine Heiratsgeschichte 1833-1842 [V]
+ Die Toten Seelen, I. Teil 1835-1842 [I]
+ Die Spieler 1836-1842 [V]
+ Nach dem Theater 1836-1842 [V]
+ Das Porträt 1837-1842 [II]
+ Der Mantel 1839-1842 [II]
+ Rom 1839-1842 [VI]
+ Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden 1846 [VII u.
+ VIII]
+ Die Beichte des Dichters 1846 [VIII]
+ Betrachtungen über die Heilige Liturgie 1845-1848 [VIII]
+ Brief an Schukowski 1848 [VIII]
+ Die Toten Seelen, II. Teil 1845-1852 [II]
+
+
+ Inhalt des siebenten Bandes
+
+ Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden I Seite
+ Vorrede 1
+ I Mein Testament 9
+ II Die Frau in der vornehmen Welt 21
+ III Die Bestimmung der Krankheiten 30
+ IV Etwas über die Bedeutung des Wortes 35
+ V Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen 43
+ VI Wie man den Armen helfen soll 49
+ VII Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee 55
+ VIII Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit 73
+ IX Über denselben Gegenstand 79
+ X Über das Lyrische bei unseren Poeten 85
+ XI Diskussionen 111
+ XII Der Christ schreitet vorwärts 117
+ XIII Karamsin 123
+ XIV Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das 129
+ Theater und von der Einseitigkeit überhaupt
+ XV Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit 151
+ XVI Ratschläge 161
+ XVII Über die Aufklärung 167
+ XVIII Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten 175
+ Seelen«
+ XIX Liebt unser russisches Vaterland 203
+ XX Lernt Rußland kennen! 209
+ XXI Was eine Gouverneursgattin ist 227
+ XXII Der russische Gutsbesitzer 255
+ XXIII Der Historienmaler Iwanow 271
+ XXIV Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags 291
+ und bei den heutigen Zuständen in Rußland sein kann
+ XXV Über ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit 301
+ XXVI Rußlands Schrecken und Grauen 307
+ XXVII An einen kurzsichtigen Freund 317
+ XXVIII In einen hochgestellten Mann 323
+ XXIX Wessen Los auf Erden das beste ist 359
+ XXX Ein Geleitspruch 363
+ XXXI Wesen und Eigenart der russischen Poesie 369
+ XXXII Auferstehungstag 447
+
+
+ Inhalt des achten Bandes
+
+ Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden II Seite
+ An Arkadius Ossipowitsch Rosetti 1
+ Über den »Zeitgenossen« (Sowremjennik) 11
+ Die Beichte des Dichters 33
+ An W. A. Schukowski 101
+ Betrachtungen über die Heilige Liturgie 115
+ Einleitung 121
+ Das Offertorium (_Proscomidia_) 125
+ Die Liturgie der Katechumenen 145
+ Die Liturgie der Gläubigen 169
+ Schluß 217
+ Jugendschriften 223
+ 1834 225
+ Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken 231
+ Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung »Der 235
+ schreckliche Eber«
+ I Der Lehrer 237
+ II Der Erfolg der Gesandtschaft 251
+ Das Weib 263
+ Fragmente
+ Gedichte und poetische Versuche 275
+ Sturm 277
+ Albumblatt 279
+ Hans Küchelgarten 283
+ Beilage: Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski
+ I Gogol an Bjelinski 349
+ II Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch 355
+ III Bjelinskis Brief an Gogol 361
+ IV Gogol an Bjelinski 381
+ V Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle 395
+ aufgefunden worden ist
+ VI Gogol an W. S. Bjelinski 399
+ Nachtrag 405
+
+
+ Berichtigungen
+
+Zu Band V, Seite 479, Zeile 5 von unten: Prozeß. Das Bedientenzimmer
+usw. statt _Bedientenzimmer_ lies _Vorzimmer_ (Die Bedientenstube).
+
+Seite 480, Zeile 2 von unten statt _Die Bedientenstube_ lies _Das
+Vorzimmer_ (Die Bedientenstube).
+
+Zu Band VI, Seite 538, Zeile 6 statt 1835 lies 1836.
+
+
+ Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
+Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
+verändert.
+
+Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt, teilweise
+unter Verwendung der russischen Originaltexte (vorher/nachher):
+
+ ... Deutsch von Ullrich Steindorf ...
+ ... Deutsch von Ulrich Steindorff ...
+
+ [S. 1]:
+ ... An Arkadius Ossipowitsch Rossetti ...
+ ... An Arkadius Ossipowitsch Rosetti ...
+
+ [S. 13]:
+ ... auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«. Wir ...
+ ... auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir ...
+
+ [S. 15]:
+ ... ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Verspechen, ...
+ ... ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Versprechen, ...
+
+ [S. 37]:
+ ... sowie ferner mit dem Unterschied, das sich dies alles in ...
+ ... sowie ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in ...
+
+ [S. 64]:
+ ... würden, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und ...
+ ... würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und ...
+
+ [S. 101]:
+ ... An W. A. Schukkowski ...
+ ... An W. A. Schukowski ...
+
+ [S. 156]:
+ ... Nachdem die Lobhymmen beendigt sind, beginnen die ...
+ ... Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die ...
+
+ [S. 159]:
+ ... ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmich ...
+ ... ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmlich ...
+
+ [S. 179]:
+ ... alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen Bewußsein ...
+ ... alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen Bewußtsein ...
+
+ [S. 183]:
+ ... an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels ...
+ ... an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer des Himmels ...
+
+ [S. 184]:
+ ... dem heiligen Hochalter, der den heiligen Abendmahlstisch ...
+ ... dem heiligen Hochaltar, der den heiligen Abendmahlstisch ...
+
+ [S. 372]:
+ ... behaupten nnd es als eine große Wahrheit hinstellen, ...
+ ... behaupten und es als eine große Wahrheit hinstellen, ...
+
+ [S. 378]:
+ ... Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit und getan, ...
+ ... Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, ...
+
+ [S. 411]:
+ ... um um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ...
+ ... um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ...
+
+ [S. 417]:
+ ... Über den »Zeitgenossen«; (Sowremjennik); ...
+ ... Über den »Zeitgenossen«; (Sowremennik); ...
+
+ [S. 427]:
+ ... Das Offertorium (Prosconidia) | 125 ...
+ ... Das Offertorium (Proscomidia) | 125 ...
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II,
+Hans Küchelgarten, by Nikolaj Gogol
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56475 ***
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-The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans
-Küchelgarten, by Nikolaj Gogol
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-
-Title: Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten
- Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen
- über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente
- / Hans Küchelgarten
-
-Author: Nikolaj Gogol
-
-Editor: Otto Buek
-
-Translator: Ullrich Steindorf
-
-Release Date: January 31, 2018 [EBook #56475]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library
-
-
-
-
-
-
- Nikolaus Gogol
- Briefwechsel II
-
-
-
-
- Nikolaus Gogol
- Sämmtliche Werke
- In 8 Bänden
-
-
- Herausgegeben
- von
- Otto Buek
-
-
- Band 8
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1914
-
-
- Nikolaus Gogol
-
-
-
-
- Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden
-
-
-
- Zweiter Teil
-
- Hans Küchelgarten
-
- Deutsch von Ulrich Steindorff
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1914
-
-
-
-
- An Arkadius Ossipowitsch Rosetti
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- Neapel, im Jahre 1847.
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-Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihren Brief und die zahlreichen
-Mitteilungen danken soll, die er enthält, liebster, bester Arkadij
-Ossipowitsch. Wenn ich häufiger das Glück hätte, solche Briefe zu
-erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe
-zu mir erfüllt wären, müßte ich schon längst viel klüger sein, als ich
-es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen
-will, jemand in irgendeiner Weise davon zu überzeugen, daß ich wissen
-muß, was man über mich spricht, daß das die einzige Gelegenheit für mich
-ist, etwas zu lernen, kurz, daß es einen Menschen gibt, dem man die
-Wahrheit sagen muß, so hart und bitter sie auch sein mag, und für den
-selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Haß und der
-Lieblosigkeit entspringen, ein Bedürfnis sind? So war denn auch einer
-der Gründe, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben -- das
-Bedürfnis, zu lernen, und nicht etwa das -- andere zu belehren. Da man
-jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als
-dadurch, daß man ihn erzürnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe
-mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen,
-die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer
-empfindlichsten Stelle treffen mußten.
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-Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide außerordentlich
-darunter, daß ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen
-Umständen kennen müßte; ich leide darunter, daß ich eigentlich gar nicht
-weiß, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, Ämter und aller
-Bildungsstufen in Rußland darstellen. Alles, was ich hierüber bisher
-unter einem ungeheuren Aufwand von Mühe ermitteln konnte, ist nicht
-ausreichend, wenn meine »Toten Seelen« das werden sollen, was sie
-eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach
-dürste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschluß der
-Bedienten und Lakaien über mein gegenwärtiges Buch sagen -- nicht
-eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der
-Beurteiler mit seinem Urteil über das Werk am besten charakterisiert.
-Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst für
-ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in
-seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gütiger Mensch
-oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser
-Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, daß Sie es sich
-heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewußtsein bringen
-können, wie an diesem, was der Russe von heute für ein Mensch ist. Ich
-kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen
-Gebrechen leiden, einen wohltätigen Einfluß auszuüben, ich hatte
-erwartet, daß sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten äußern würden, als das
-wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter für mich,
-vieles mitanhören zu müssen. Aber wie danke ich Gott heute dafür, daß es
-gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt
-unwillkürlich genötigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt
-die Möglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu
-lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von
-ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, daß meine Persönlichkeit
-hierbei Schaden gelitten hat (ich muß es Ihnen gestehen; ich brenne noch
-heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaßend ich mich an vielen
-Stellen ausgedrückt habe: fast à la Chlestakow), so muß man doch immer
-Opfer bringen. Ich brauchte eine solche öffentliche Ohrfeige, ja ich
-hatte sie vielleicht nötiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf
-an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umständen Nutzen zu ziehen:
-Gott hat plötzlich einen ganzen Haufen von Schätzen vor mir
-ausgeschüttet, so daß ich mit beiden Händen danach greifen muß, wenn ich
-sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas,
-dessen nur ein Christ fähig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten für
-mich auf, wo Sie sie immer finden mögen. Es wäre Ihnen ein leichtes,
-sich täglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu
-machen wie z. B. die folgenden: »Heute habe ich den und den, die und die
-Meinung äußern hören; über das Leben dieses Menschen ist folgendes
-bekannt, er hat einen solchen Charakter« (kurz, Sie könnten mir in
-flüchtigen Zügen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts über
-ihn bekannt, so schreiben Sie: über sein Leben kann ich nichts in
-Erfahrung bringen, ich glaube aber, daß er das und das ist; äußerlich
-macht er einen guten und anständigen (oder unanständigen) Eindruck; er
-hält seine Hände so; schneuzt sich folgendermaßen; er schnupft Tabak und
-zwar in folgender Weise; kurz, Sie dürfen keinen Zug vergessen, der
-Ihnen ins Auge fällt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie
-jeden geringfügigen Umstand sorgfältig buchen.
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-Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder
-eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und
-Reihenfolge zu geschehen: man wirft bloß zwei, drei Zeilen aufs Papier,
-ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar überzeugt, daß dies
-eine angenehme Beschäftigung für Sie sein wird, weil Sie stets das
-schöne Bewußtsein haben werden, daß Sie das für einen Menschen tun, der
-Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so
-große Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein
-Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhält. Was soll ich machen, wenn dies
-Spielzeug -- das wenigstens von anderen Leuten nur für ein Spielzeug
-gehalten wird -- in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist;
-es ist sogar so wenig ein Spielzeug, daß, wenn ich nicht genug von
-diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen »Toten Seelen«
-plötzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann
-und lauter Dinge zum Vorschein kommen können, wie Sie sie in meinem
-Buche gefunden und die Ihnen so mißfallen haben. Glauben Sie mir: wenn
-dies Buch nicht erschienen wäre, hätte ich nie jene kunstlose
-Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der »Toten
-Seelen« herrschen muß, wenn sie jedermann für einen treuen Spiegel des
-Lebens und nicht für eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch
-großen Umweg man machen muß, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie
-wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut
-besser, hierüber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir -- das ist
-alles, was ich zu sagen vermag.
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-Was nun die Veröffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich
-folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band
-herauszugeben -- ist mir unmöglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor,
-die nicht vergessen werden dürfen, und über meine ganze Zeit habe ich
-schon disponiert; zudem würde ein ganz ähnliches Werk nicht einmal
-Aufsehen erregen. Ich möchte nur, daß Wjasemski seine Bemerkungen dazu
-macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch
-einmal durchsehen und verbessern, so daß selbst der schlichteste Zensor,
-auch ohne daß sie vor eine höhere Instanz zu gelangen brauchten, die
-Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es
-nur verständig auszudrücken versteht. Der Mißerfolg der besten und
-hochherzigsten Unternehmungen rührt meist von unserer Ungeschicklichkeit
-her -- da wir gewöhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken:
-»Man muß Wasser in seinen Wein gießen« (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber
-verdünne sie erst ein wenig). Wenn wir -- statt mit großer Sicherheit
-und hochmütiger Miene Ratschläge zu erteilen, die wir in dem Tone eines
-Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, daß er sich irren
-könnte -- schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, können wir
-sicher sein, daß unsere Gedanken von vielen Lesern beifällig aufgenommen
-und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehört, mag
-fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden;
-wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrängt, da soll
-sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch
-eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon
-gedruckten Sätze einen maßvolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen
-diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders
-veröffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine höhere
-Bedeutung verleihen und die Menschen in Rußland an _Rußland_ erinnern
-und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen
-werden. Obwohl es große Mängel hat, -- es ist nicht auf kurze flüchtige
-Eindrücke berechnet. Man muß es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur
-für die, die es überhaupt nicht verstanden, sondern auch für die, die es
-besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch
-Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergründet werden
-können. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne
-genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wäre sehr schön, wenn
-die vollständige Ausgabe im September erscheinen könnte. Das Buch wird
-gekauft werden, man kann nämlich noch einiges hinzufügen, was dazu
-beitragen könnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige
-Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu
-lesen. Sie danken mir dafür, daß ich Ihnen (durch die Bemühungen um mein
-Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele näher kennen zu
-lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafür, daß Sie mir einige
-Mitteilungen über ihn zukommen ließen, um derentwillen ich ihn heute
-noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit höher schätze als
-je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem
-schönen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich
-kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich
-dafür geben würde, wenn ich ihn jetzt sehen, persönlich mit ihm sprechen
-und ihn an meine Brust drücken könnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie
-aufs herzlichste, mein unschätzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich
-Ihnen vielmals für Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr
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- Gogol.
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-_P. S._ Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Büchern
-eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind.
-Alle andern erhalten durch den Kurier die schönsten Sachen zugestellt;
-sogar Buchweizengrütze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich
-erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblättchen.
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-Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu bestätigen.
-Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar
-senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn.
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-[Fußnote 1: Getrocknete Rückensehne vom Stör, die in Rußland zur Füllung
-von Backwerk verwendet wird. Anm. d. Hersg.]
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- Über den »Zeitgenossen«
- (Sowremennik)
- Ein Brief an P. A. Pletnew
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- Den 4. Dez. 1846.
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-Endlich komme ich dazu, mit dir über den »Zeitgenossen« zu sprechen.
-»Der Zeitgenosse« war eine schlechte Zeitschrift trotz des
-vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses
-schöne Ziel, um dessentwillen du ihn gegründet hast, war aus der
-Zeitschrift für niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil,
-alle Leute fragten betroffen: »Erklären Sie mir bitte, warum und zu
-welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit
-sagen? Was wollen diese Gemeinplätze in seinem Programm bedeuten, diese
-vielen Wiederholungen über Unparteilichkeit, seine uneigennützige Liebe
-zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die
-jeder Journalist macht und doch keiner hält?« Der magere Inhalt dieser
-dünnen Büchlein, der leblose, gleichgültige, matte, verwaschene Stil, in
-dem seine Urteile über alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein
-Rätsel auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir wollen
-ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung:
-weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung für alle
-modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde für alle Fragen, die
-die große Masse unserer Gesellschaft beschäftigen, noch endlich jenen
-enzyklopädischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen
-Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen
-Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur
-eine hohe Gabe zuteil -- sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blüten,
-die im Garten der Poesie wachsen, zu ergötzen und die höchsten Regungen
-der Menschenseele zu verstehen. Der Sänger des »Münnich« und einiger
-anderer schöner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der
-stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, hätte die polemische
-Arena meiden sollen. »Der Zeitgenosse« war selbst unter Puschkin nicht
-das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein
-viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte.
-Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften
-schaffen, in der durchdachtere und gründlichere Abhandlungen zum Abdruck
-kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die
-Mitarbeiter zur Eile gedrängt werden und nicht einmal soviel Zeit haben,
-das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen.
-Übrigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht
-allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als
-er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er
-zuerst sogar zurücktreten. Die ganze Schuld fällt auf mich: ich flehte
-ihn an, seinen Plan doch auszuführen. Ich versprach ihm meine dauernde
-Mitarbeit. In meinen Aufsätzen fand er vieles, was einer periodischen
-Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen
-konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu
-jener Zeit tatsächlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu
-hoch, als daß er noch ein solch jugendliches Gefühl in sich hätte bergen
-können: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals
-noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt ließ. Mein hartnäckiges
-Zureden und mein Versprechen, tätig mitzuwirken, überzeugte ihn; aber
-ich hätte mein Wort doch nicht halten können, selbst wenn er am Leben
-geblieben wäre. Ich wußte noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung
-führen würde, ich wußte nicht, daß ich einmal alle Kräfte und
-Fähigkeiten für jede lebendige literarische Betätigung verlieren und
-lange Zeit für alles absterben würde, was den Menschen von heute bewegt.
-Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschüttert durch
-diesen für alle so schmerzlichen Verlust, der für dich noch weit
-schmerzlicher war als für alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der
-Zeitschrift. Die Erkenntnis, daß die moderne Gesellschaft verwaist und
-des Lichts der Poesie beraubt zurückgeblieben und dazu verurteilt sein
-sollte, nichts wie törichte und unfruchtbare Diskussionen und
-Streitereien über die Kunst anzuhören, statt sich an den Werken der
-Kunst _selbst_ zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und
-tief betrübt über diese Vereinsamung und Leere, die sich übrigens schon
-zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemächtigt hatte, übernahmst du die
-Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas
-errichten, das zu Beginn der Puschkinschen Ära ganz von selbst
-emporgeblüht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergaßt du
-sogar, daß nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern daß
-eine höhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht
-einmal, daß du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe
-periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise
-erreichen ließ. »Der Zeitgenosse« hätte als Zeitschrift nicht einmal
-dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten
-Journalisten in dir vereinigt hättest. Ich muß gestehen, ich kann es mir
-nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu
-einer Notwendigkeit für unsere Epoche machen sollte. Eine solche
-enzyklopädische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer
-Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedürfnis mehr wie
-früher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drängt uns
-alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der
-modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft
-und die oberflächliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre
-Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu
-aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Kräfte und
-seine Fähigkeiten genauer zu prüfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu
-wählen, und zwar kein flüchtiges Augenblicksziel, sondern eine
-lebensvolle, reiche und große Aufgabe, die allein den Fähigkeiten
-entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner
-Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem
-Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen.
-»Der Zeitgenosse« sollte gänzlich auf den Namen einer Zeitschrift
-verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrängter
-Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter
-eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas Ähnliches darstellen wie
-die »Blumen des Nordens« des Barons _Delwig_, dem du durch dein
-Verständnis für den Wohllaut der Poesie und deine Fähigkeit, dich an ihr
-zu erfreuen und sie intensiv zu genießen, so sehr gleichst. Es ist weit
-besser, er erscheint bloß dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen:
-das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum
-ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus
-der Sommerfrische in den Städten zusammenströmt, und das drittemal zu
-Neujahr; kurz -- er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo
-sich alles mit dem größten Heißhunger auf ein neues Buch stürzt. Alles,
-was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektüre
-trägt, muß wegbleiben: alle Berichte über Tagesneuigkeiten, jegliche
-politischen Nachrichten oder Anzeigen sämtlicher neuen Bücher; höchstens
-darf der Band einen ernsten kritischen Bericht über die bedeutsamsten
-Werke enthalten, die während eines Jahrdrittels erschienen sind, und
-zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen
-literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert
-werden, daß es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der
-Literatur und daß es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz
-konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei
-Ähnlichkeit mit den übereilten hastigen und fragmentarischen Produkten
-unserer Zeitschriftenliteratur haben, dürfen aufgenommen werden. Nur die
-schönsten Blüten unserer modernen literarischen Produktion dürfen hier
-vereinigt sein. Das aber läßt sich nur in einer Zeitschrift erreichen,
-die nicht mehr als dreimal jährlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei
-Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen.
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-Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische
-Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger
-gestaltet werden als früher. Ich will hier ausdrücklich _die_ modernen
-Schriftsteller anführen, deren Aufsätze unserm »Zeitgenossen« zur Zierde
-gereichen würden. Vor allem müssen wir da den Grafen _Sollogub_ nennen,
-der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzähler ist. Niemand darf
-sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache
-rühmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrücke und jede
-seiner Wendungen ist prägnant und von einem feinen Anstandsgefühl
-erfüllt. Er hat einen großen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist über
-alles unterrichtet, was heute unsere höheren Gesellschaftskreise
-beschäftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich
-noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfüllt, und er ist
-durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingeführt worden, sich
-eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Käme noch solch
-ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann könnte er ein treuer
-Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke würden
-um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. --
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-Gleich nach ihm müssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich
-unter dem fingierten Namen: _Kosak Luganski_ verbirgt. Er ist kein Poet,
-ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch,
-wahrhaft produktive Schöpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die
-Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus
-solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe
-Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil
-eine große Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der
-Natur geschöpft. Er braucht keinen Knoten zu schürzen und ihn dann
-wieder zu lösen, worüber sich die Romanschreiber so sehr die Köpfe
-zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die
-sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er
-miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine äußerst
-interessante Erzählung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit
-bedeutender als sämtliche Erzähler von großer Erfindungsgabe. Vielleicht
-bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als
-irgendein anderer meinem persönlichen Geschmack und den eigentümlichen
-persönlichen Forderungen, die ich an einen Erzähler stelle,
-entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schöpfe ich Belehrung und neue
-Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes
-besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies,
-daß ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr nützlich sein
-kann, ja daß er eine Notwendigkeit für uns ist. Seine Werke sind ein
-lebendiger und getreuer statistischer Bericht über Rußland. Alles, was
-er aus seinem umfassenden Gedächtnis schöpft und was er uns in seiner
-wahrheitsgetreuen Sprache erzählt, wird ein wertvoller Beitrag für
-deinen Almanach sein.
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-Ich weiß nicht, warum _N. Pawlow_ so gänzlich verstummt ist, ein
-Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzählungen sofort ein
-Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben
-und sich bloß dadurch geschadet bat, daß er es vorzog, nicht mehr _er
-selbst_ zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen
-Erzählungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer
-stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen
-poetischen Einfällen oder zu künstlichen mosaikartigen Ausschmückungen
-des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht
-zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges
-psychologisches Phänomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in
-seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzählen, um eine Novelle
-mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schöpfungen zu
-schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehören.
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-Mancherlei Vorzüge hat meiner Ansicht nach auch ein Schriftsteller,
-dessen Werke unter dem Namen _Kulisch_ erscheinen. Sein blühender Stil
-und seine große Kenntnis der Sitten und Bräuche Kleinrußlands sprechen
-dafür, daß er ganz vorzüglich dafür geeignet wäre, eine Geschichte
-dieses Landes abzufassen. Auch hätte er sicherlich in noch höherem Grade
-die Befähigung, frische und lebensvolle Aufsätze für den Almanach zu
-schreiben und uns schlicht und einfach von den Sitten und Bräuchen der
-alten Zeiten zu erzählen, ohne diese Schilderungen in den Rahmen einer
-Novelle oder einer dramatischen Erzählung hineinzustellen, ganz ähnlich
-wie uns einstmals _Kornilowitsch_ von dem Zeitalter Peters und von der
-vorhergehenden Epoche erzählt hat. Sein Roman hat recht interessante
-Partien, als Ganzes ist er jedoch matt und langweilig; die kostbaren
-Perlen: sein großes historisches Wissen, die gediegenen Kenntnisse, die
-über alle Seiten des Werkes verstreut sind, gehen gänzlich verloren,
-ohne irgendeinen Nutzen zu bringen.
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-Man hat mir gesagt, daß die _Novelle_ bei uns in der letzten Zeit im
-allgemeinen einen großen Erfolg habe und daß einige junge Schriftsteller
-eine besondere Neigung zur Beobachtung des wirklichen realen Lebens an
-den Tag legten. In den Werken, die ich zu lesen Gelegenheit hatte,
-konnte ich in der Tat eine ähnliche Tendenz konstatieren, obwohl der
-Aufbau dieser Novellen mir außerordentlich primitiv und ungeschickt
-vorkam; die Form der Erzählung erschien mir übertrieben und allzu
-wortreich, und dem Stil mangelte es an der rechten Einfachheit. Aber ich
-bin überzeugt: wenn in jedem dieser Schriftsteller erst einmal der
-Mensch, die Persönlichkeit -- und zwar noch vor dem Schriftsteller --
-zum Durchbruch gekommen ist -- daß sich dann alles andere ganz von
-selbst ergeben, daß jeder von ihnen eine starke schriftstellerische
-Eigenart bekunden, und daß keiner dieser Fehler mehr an ihnen zu
-bemerken sein wird. Ich muß hier noch _des_ Schriftstellers gedenken,
-der seine literarische Wirksamkeit mit dem Drama »_Der Tod Ljapunows_«
-begonnen hat. Diesem Drama fehlt es im Aufbau des Ganzen zwar noch an
-der vollen szenentechnischen und dramatischen Reife, über die nur ein
-erfahrener Bühnenschriftsteller verfügt, allein es besitzt viele
-Vorzüge, die in seinem Schöpfer einen Schriftsteller von hervorragender
-Bedeutung ahnen lassen. Das Vergangene so lebendig miterleben und in
-einer so lebensvollen Sprache von ihr künden zu können -- das ist eine
-große Gabe! An seiner Stelle würde ich mich förmlich in die alten
-Chroniken vergraben, mich ganz an ihnen festsaugen und diese Lektüre
-keinen Augenblick im Stiche lassen. Ihnen könnte er viele herrliche
-Stoffe entnehmen. Wer weiß, vielleicht würde ihn eine solche Lektüre auf
-den vortrefflichen Gedanken bringen, eine wahrheitsgetreue Geschichte
-der Zeit zu schreiben, die sein Interesse am meisten fesseln würde. Ein
-echt historisches Werk, aus der Feder eines Schriftstellers, der sich so
-stark in die historischen Charaktere einzufühlen vermag, ein Werk, das
-so lebendig und farbig geschrieben ist, ist weit wertvoller als alle
-historischen Dramen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch etwas von
-den jungen Schriftstellern sagen, die ihre Laufbahn erst beginnen. Ich
-wünschte, du suchtest _Prokopowitsch_ auf und könntest ihn dazu
-veranlassen, doch zur Feder zu greifen und sich im erzählenden Genre zu
-versuchen. Von allen denen, die mit mir zusammen die Schule besucht
-haben und zu gleicher Zeit mit mir zu schreiben begannen, zeigte er weit
-früher als alle anderen ein großes Talent für eine anschauliche
-Darstellungsweise, getreue Lebensschilderung und eine starke
-Beobachtungsgabe. Seine Prosa hatte etwas Munteres und Freies; alles kam
-bei ihm ungezwungen heraus und strömte ihm in reicher Fülle zu; alles
-gelang ihm ohne große Anstrengung, aus allem schien hervorzugehen, daß
-er einmal ein äußerst fruchtbarer Romanschriftsteller werden würde. Ich
-weiß wohl, er ist heute verstummt, er hat den Drang nach einer
-ausgebreiteten freien Tätigkeit in sich einschlafen lassen, sein
-Wirkungskreis hat sich verengt, und es liegt kaum noch ein weites Feld
-für die Beobachtung des Lebens vor ihm. Aber das Leben bleibt überall
-das gleiche Leben, und je geringer der Raum, je enger der Kreis ist, in
-dem es sich ausbreiten kann, um so gründlicher und tiefer können wir
-gerade dies Stück Leben erforschen und durchdringen. Sogar die
-Geschichte unserer Seele, die unser Erwachen aus einer totenähnlichen
-Erstarrung zum Gegenstand hat, ein Erwachen, angesichts dessen der
-Mensch mit Entsetzen auf sein in so tierischer Weise vergeudetes Leben
-zurückblickt, kann einen herrlichen Stoff für einen Roman abgeben ...
-Was für ein Festtag wäre das für meine Seele, wenn ich einmal im
-»Zeitgenossen« eine Novelle fände, unter der sein Name stünde! Was
-endlich mich selbst angeht, so kann ich nach wie vor kein fleißiger und
-eifriger Mitarbeiter an deinem »Zeitgenossen« sein. Du hast schon selbst
-bemerkt, daß man mich nicht einen Schriftsteller im strengen klassischen
-Sinne nennen kann. Von all den jungen Leuten, die zugleich mit mir und
-noch während unserer Schulzeit zu schriftstellern begannen, zeigte ich
-in weit geringerem Grade als alle anderen jene Fähigkeiten, die die
-notwendigen Vorbedingungen jedes literarischen Schaffens sind. Ich will
-dir gestehen, daß selbst in meinen frühsten Projekten und in meinen
-Träumen von einer künftigen Tätigkeit nie der Gedanke an die
-Schriftstellerlaufbahn auftauchte. Ich wurde fast wie durch einen Zufall
-darauf gestoßen. Ich hatte einige Beobachtungen über einzelne Seiten des
-Lebens gemacht, deren ich für meine inneren geistigen Angelegenheiten
-bedurfte, die mich von jeher aufs lebhafteste beschäftigten, und _sie_
-gaben den Anlaß dazu, daß ich zur Feder griff und beschloß, dem Leser
-voreilig alles das mitzuteilen, was ich ihm erst später, d. h. nach
-Vollendung meiner eigenen Erziehung hätte mitteilen sollen. Ich mußte
-mir alles unter großen Mühen erringen, was einem geborenen
-Schriftsteller mühelos zuteil wird. Bis auf den heutigen Tag will es mir
-nicht gelingen, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, die rechte
-Form für meine Sprache und meinen Stil, diese beiden wichtigsten
-Werkzeuge jedes Schriftstellers, zu finden: bis auf den heutigen Tag
-sind beide noch so ganz roh und formlos, wie bei keinem Schriftsteller,
-nicht einmal bei einem von den schlechten, so daß selbst ein Anfänger,
-ein Schuljunge das Recht hat, sich über mich lustig zu machen. Alles,
-was ich geschrieben habe, ist nur von psychologischer Bedeutung, kann
-aber nie als Muster schöner Literatur in Betracht kommen, und ein Lehrer
-würde sehr unvorsichtig handeln, wenn er seinen Schülern den Rat geben
-wollte, bei mir zu lernen, wie man schreiben oder wie man die Natur
-schildern muß: er würde sie dazu anhalten, Karikaturen zu zeichnen. Den
-Beweis dafür kannst du bei einzelnen jungen und unerfahrenen Nachahmern
-meiner Manier finden, die gerade durch die Nachahmung weit unter das
-Niveau ihres eigenen Könnens herabgesunken sind und ihre Selbständigkeit
-und Eigenart verloren haben. Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Spiegel
-der Dinge zu sein und die uns umgebende Wirklichkeit, ganz so wie sie
-ist, in mir widerzuspiegeln -- ein Streben, von dem ein Dichter während
-seines ganzen Lebens gespornt wird und das nur mit seinem eigenen Tode
-zur Ruhe kommt. Ich kann auch heute nur von solchen Dingen reden, die in
-einer nahen Beziehung zu meiner Seele stehen. Wenn ich also einmal das
-Gefühl habe, daß jemand meiner offenherzigen aufrichtigen Meinung bedarf
-und daß meine Worte einer Menschenseele den inneren Frieden zu geben
-vermögen, dann sollst du einen Aufsatz von mir für deinen »Zeitgenossen«
-erhalten; wenn nicht -- so wirst du keinen bekommen, und deswegen darfst
-du mir nicht zürnen.
-
-Ich habe hier auch keinen von unseren heutigen Prosaschriftstellern
-erwähnt, die teils selbst mit der Herausgabe von Zeitschriften
-beschäftigt sind, teils an Schöpfungen abstrakteren Charakters arbeiten,
-die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, Schriftsteller, die
-weder die Möglichkeit noch Muße genug haben, an deinem »Zeitgenossen«
-mitzuarbeiten. -- Diese sollst du gar nicht erst bemühen. Bei dieser
-Gelegenheit muß ich dich ein wenig ausschelten. Du bist im Unrecht, wenn
-du vielen Literaten Verständnislosigkeit und mangelnde Teilnahme für
-deine Zeitschrift vorgeworfen und dies auf ihre Gleichgültigkeit gegen
-die gemeinsame Sache, ihre mangelnde Liebe zur Kunst, ihre Geldgier usw.
-zurückgeführt hast. Ein jeder Mensch ist mit irgendeiner eigenen inneren
-Angelegenheit beschäftigt; in der Seele eines jeden geht etwas vor, gibt
-es Erlebnisse, die ihn von der Mitarbeit an der allgemeinen, gemeinsamen
-Sache abziehen; und man kann absolut nicht verlangen, daß ein anderer
-sein eigenes Interesse einem Lieblingsgedanken von uns und unseren
-Zielen zum Opfer bringen soll, denen wir nachzustreben entschlossen
-sind. Gott weist jeglichem seinen Weg an, der immer ein ganz anderer ist
-wie der, den ein anderer Mensch zurücklegen muß, und man darf nicht alle
-Menschen mit derselben Elle messen. Daher mußt du selbst die ablehnende
-Antwort und die Weigerung eines Menschen respektieren, auch dann noch,
-wenn er den Grund nicht angeben will, weshalb er keinen Beitrag für den
-»Zeitgenossen« zu liefern vermag. Sei zufrieden mit dem, was man dir
-gibt. Wenn bloß die von mir namhaft gemachten Autoren dir Beiträge
-liefern werden, so würde dies allein schon vollauf genügen. Aber ich
-weiß, daß auch noch andere, die ich nicht genannt habe, dir welche zur
-Verfügung stellen werden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute über
-einen Mangel an talentvollen Schriftstellern klagen, finde ich, daß es
-gegenwärtig weit mehr Talente gibt als je zuvor. Sie haben nur ihren Weg
-noch nicht gefunden. Keiner von ihnen hat es bisher verstanden, _er
-selbst_ zu sein, und das ist der Grund, warum man sie nicht bemerkt;
-indessen viele von ihnen werden schon von diesem Wunsch gequält, obwohl
-sie noch nicht wissen, wie sie ihn befriedigen sollen. Das Streben,
-seine eigene Bestimmung kennen zu lernen, ist heutzutage der wunde
-Punkt, an dem viele begabte Leute kranken. Das ist der wahre eigentliche
-Grund der Trägheit und Tatenlosigkeit auf literarischem Gebiet.
-
-Der poetische Teil des »Zeitgenossen« kann gleichfalls sehr reichhaltig
-gestaltet werden, trotzdem im heutigen Publikum der Geschmack an der
-Poesie erloschen zu sein scheint; Gott sei Dank lebt der Patriarch
-unserer Poesie noch, -- noch hat uns der Himmel ja _Schukowski_
-erhalten. Zum Dank für sein reines, makelloses Leben darf _er_ sich
-allein unter uns allen noch im Greisenalter einer wahren Jugendfrische
-erfreuen und jugendliche Kraft zu neuen poetischen Taten in sich fühlen.
-Seine jetzigen Arbeiten sind weit ernster und bedeutsamer als seine
-früheren. Man darf ihn nicht nach jenen Verserzählungen und Märchen
-beurteilen, die in der letzten Zeit im »Zeitgenossen« zum Abdruck
-gekommen sind. Sie konnten und sollten auch keinen Eindruck auf das
-Publikum machen, und es ist kein Wunder, daß das Publikum, das jedes
-neue Werk an seinen eigenen geistigen Bedürfnissen mißt und in ihm eine
-Antwort auf sein unruhiges Fragen und Sehnen sucht, diese Gedichte für
-eine »_Kinderei_« von Schukowski erklärt hat. Sie waren tatsächlich für
-kleine Kinder geschrieben. Diese Märchen und Erzählungen hätten in Form
-eines besonderen Buches unter dem Titel _»Eine Gabe für die Kinder« von
-Schukowski_, erscheinen sollen. Es war ein Fehler von ihm, sie einer
-Zeitschrift einzusenden. Ich habe ihm dies schon damals gesagt und ihm
-geraten, entweder gar nichts oder doch nur etwas einzusenden, was dem
-Empfinden eines erwachsenen Menschen entspricht. Jetzt aber weiß ich,
-daß er dir für den Almanach einige von den Perlen überlassen wird, die
-tief im Inneren seiner Seele gereift sind, in der sich während der
-letzten Zeit soviel Herrliches ereignet hat. Noch leben Gott sei Dank
-zwei andere von unseren erstklassigen Dichtern: Fürst Wjasemski und
-Jasykow. Sie können den »Zeitgenossen« mit neuen Tönen bereichern, wie
-man sie von ihnen noch nicht vernommen hat -- mit Tönen, die aus einem
-gequälten, gepreßten Herzen hervorströmen, mit Liedern, die aus der
-Seele selbst kommen, einer Seele, die sich bereits mit dem strengen
-Gehalt der Poesie erfüllt hat.
-
-Die jüngeren von unseren Dichtern, die erst in jüngster Zeit aufgetreten
-sind und die ich hier nicht mit Namen nenne, haben zwar bisher nur eine
-gewisse Begabung für eine wohllautende, leichte und elegante Verskunst
-an den Tag gelegt, aber noch nicht gezeigt, daß sie echte und wahre
-Gefühle besitzen, allein auch sie können poetische Saiten anschlagen,
-die unserem Empfinden näher liegen. Die Poesie ist die reine
-Manifestation, die Offenbarung der Seele und nicht ein künstliches
-Erzeugnis oder Produkt des menschlichen Wollens; die Poesie ist die
-Wahrheit der Seele und kann daher allen in gleicher Weise zugänglich und
-verständlich sein. Die Schöpferkraft, die Dichtergabe ist eine sehr hohe
-Gabe und wird nur den universellen Genies verliehen, die nur ganz selten
-auf der Erde erscheinen; für einen anderen ist es gefährlich, diesen Weg
-zu betreten. Selbst von den erstklassigen Talenten sanken viele unter
-ihr eigenes Niveau herab, wenn sie sich in die Sphäre der reinen
-Erdichtung wagten, während sogar geringe Talente sich hoch über sich
-selbst erhoben, wenn sie durch ihre eigenen seelischen Erlebnisse dazu
-veranlaßt wurden, lediglich die reine nackte Wahrheit ihres geistigen
-Erlebens darzustellen. Die Zeit rückt immer näher, wo der Drang nach
-einer inneren Seelenbeichte immer lebhafter und lebhafter werden wird.
-Selbst die, die nicht einmal daran denken, daß sie Dichter sein könnten,
-werden Töne wahrer Poesie erklingen lassen; viele herrliche Blumen,
-viele kostbare Schätze werden dir von allen Seiten für deinen
-»Zeitgenossen« zufließen. Du selbst, der du die Leier schon längst
-beiseitegelegt und vergessen, der du es schon lange nicht mehr versucht
-hast, ihr einen Ton zu entlocken, du selbst wirst von neuem zu ihr
-greifen. Du hast doch sicherlich in dieser Zeit auch nicht wenig
-schmerzliche Augenblicke und manchen Kummer erlebt, von dem niemand
-etwas erfahren hat; auch _deine_ Seele wurde sicherlich von dem
-Verlangen verzehrt, sich jemand mitzuteilen und sich auszusprechen, sie
-hat sicherlich nach einem Freunde gesucht, der Verständnis für all ihre
-Bitternisse hätte; da sie ihn nicht finden konnte, hat sie sich
-sicherlich an jenes uns allen verwandte und vertraute Wesen gewandt, das
-es allein versteht, den Trauernden und Bekümmerten liebevoll an seinen
-Busen zu ziehen, jenes Wesen, an das sich schließlich alles wendet, was
-da lebt. Nun denn, so denke an alle diese Augenblicke, sowohl an die des
-Kummers, wie an die der höheren Tröstung, die auf dich herabgesandt
-wurde; nun denn, so finde einen Ausdruck für sie, stelle sie recht und
-wahrhaft dar, wie du sie erlebt hast. Die Tränen der Rührung und die
-innigsten Gefühle eines dankbaren Herzens werden dir dabei zu Hilfe
-kommen und es dir ermöglichen, sie mit solcher Kraft zum Ausdruck zu
-bringen, wie dies selbst ein großer, alle Zauberkünste der Dichtung
-beherrschender Poet, der jedoch den wahren Schmerz noch nicht kennen
-gelernt hat, nie vermöchte. Dann wird der »Zeitgenosse« seinen Namen
-rechtfertigen, aber freilich in einem anderen -- höheren Sinne: er wird
-allen höchsten Augenblicken, allen höchsten Empfindungen der russischen
-Schriftsteller und Menschen Genüge tun. Dann wird er sich auch dem
-eigentlichen Ziele weit mehr nähern, das deinem Geiste unklar und
-entfernt vorschwebte; er wird alle Schriftsteller zu einem ästhetischen
-Bund voll herrlicher brüderlicher Liebe vereinen. In ganz Rußland
-vermagst nur du so ein Wagnis zu unternehmen und eine solche Zeitschrift
-zu schaffen, weil du allein den Gedanken an sie fortwährend in dir
-genährt hast; nur du hast keine pekuniären Interessen im Auge gehabt und
-an keinen Lohn für deine Arbeit gedacht; nur du hast ganz unbewußt eine
-reine, kindliche Liebe zur Kunst in dir gehegt, die dich unseren besten
-Dichtern entfremdete und die die Kunst zu deiner eigensten,
-vertrautesten Herzens- und Familienangelegenheit machte. Folglich kann
-auch nur dir eine solche Zeitschrift anvertraut werden. Sie muß glänzend
-ausgestattet sein; sie muß eine in jeder Beziehung kostbare und
-wertvolle Gabe darstellen: der Druck muß so schön und vornehm wie nur
-möglich, die Bücher müssen mit den schönsten Stichen und Vignetten, die
-bei uns in Rußland hergestellt werden können, geschmückt sein (damit
-mußt du russische Graveure beauftragen und keine Ausländer heranziehen).
-Das Format der Bände mußt du nicht zu groß wählen, es sollte nur ein
-wenig größer sein als das der »Blüten des Nordens«, kurz, das Werk muß
-seinem inneren Wert und seiner äußeren Ausstattung nach den Eindruck
-eines kostbaren Gegenstandes machen. Das alles aber vermagst nur du zu
-bewerkstelligen; denn da du nicht die Absicht hast, die Einkünfte davon
-für deine eigenen Bedürfnisse und deinen Unterhalt zu verbrauchen,
-kannst du alles darauf verwenden, das Werk möglichst schön auszustatten
-und hierdurch unseren armen Künstlern, die häufig bitteres Elend leiden
-müssen, Gelegenheit geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
-
-Und nun gehe, wenn alles, was ich dir hier gesagt habe, deinen Beifall
-hat, in Gottes Namen an die Arbeit, stelle zunächst einmal das erste
-Buch des »Zeitgenossen« zusammen und sorge dafür, daß es am kommenden
-Osterfeste des Jahres 1847 erscheinen kann; meinen Brief kannst du als
-ersten Aufsatz, als Programm oder als Einleitung zu dem Bande abdrucken.
-Vorher aber gib ihn allen denen zu lesen, von denen du einen Aufsatz
-haben möchtest. So matt und flüchtig er auch geschrieben sein mag, ich
-bin trotzdem davon überzeugt, daß ein jeder, der ihn lesen wird, mit dir
-und mir darin übereinstimmen wird, daß ein solches Werk eine
-Notwendigkeit für Rußland ist, und er wird dir sicherlich die beste
-seiner Arbeiten zur Verfügung stellen. In den Zeitungen brauchst du es
-nur mit wenigen Worten anzukündigen und zwar brauchst du nur zu
-erwähnen, -- daß vom »Zeitgenossen« dreimal im Jahre, zu den oben
-angeführten Terminen, je ein Band erscheinen werde; füge nur noch die
-Namen der Autoren hinzu, deren Aufsätze zum Abdruck kommen sollen -- das
-wird vollständig genügen. Alles übrige -- der Gehalt und die Bedeutung
-der Aufsätze sowie die Pracht und Schönheit der Ausstattung -- mag für
-jeden Leser eine angenehme Überraschung sein.
-
-
-
-
- Die Beichte des Dichters
-
-
-Alle sind sich darüber einig, daß noch nie ein Buch soviel Aufsehen
-gemacht und zu so verschiedenen Meinungen und Deutungen Anlaß gegeben
-hat, wie die »Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«. Und was
-das merkwürdigste ist, was bisher vielleicht in der Literatur noch
-niemals passiert ist, der Gegenstand dieses Geredes und dieser Kritiken
-war nicht das Buch selbst, sondern sein Autor. Jedes Wort wurde mit
-Mißtrauen und Argwohn analysiert, und alle Leute wetteiferten
-miteinander, die wahre Quelle aufzudecken, aus der es herstammte. An dem
-lebenden Körper eines noch lebenden Menschen wurde jene furchtbare
-anatomische Sektion vollzogen, bei der selbst ein Mensch von starker
-Konstitution in kalten Schweiß ausbricht. So erschütternd und kränkend
-jedoch für einen vornehm denkenden und anständigen Menschen viele von
-diesen Schlüssen und Folgerungen auch sein mochten, ich nahm dennoch
-alle die schwachen Kräfte, über die ich verfügte, zusammen, ich
-beschloß, alles zu ertragen, mir dies Erlebnis wie einen Wink von oben
-zunutze zu machen -- und strenge Einkehr in mich selbst zu halten. Auch
-hierüber habe ich nie eine Meinung, einen Rat, einen Tadel oder einen
-Vorwurf geringgeachtet und verschmäht, denn ich überzeugte mich mit der
-Zeit immer mehr, daß, wenn der Mensch einmal alle jene empfindlichen
-Saiten in sich vernichtet hat, die ihn zum Zorn und Ärger geneigt
-machen, und wenn er sich erst einmal die Fähigkeit erworben hat, alles
-ruhig anzuhören, er dann jene Stimme der rechten Mitte vernehmen muß,
-die sich als Resultat ergibt, wenn man alle einzelnen Stimmen
-zusammenfügt und die Extreme auf beiden Seiten in Erwägung zieht, kurz,
-ich meine jene Stimme der rechten Mitte, von der es heißt: »Volkes
-Stimme -- Gottes Stimme« und nach der alle suchen. Aber obwohl viele
-Vorwürfe, die gegen mich gerichtet wurden, meiner Seele wirklich heilsam
-waren, diese Stimme der Mitte konnte ich diesmal nicht vernehmen, und
-ich vermag nicht zu sagen, welche Wendung die Sache genommen und welches
-Urteil man über mein Buch zu fällen beschlossen hat. Wenn ich die Summe
-von alledem ziehe, so sind im ganzen drei verschiedene Meinungen laut
-geworden: nach der _ersten_ Ansicht ist mein Buch das Produkt eines
-unerhörten Hochmuts, das Werk eines Menschen, der sich eingebildet hat,
-er stünde hoch über allen seinen Lesern, habe ein Anrecht, von ganz
-Rußland gehört und beachtet zu werden, und verfüge über die Kraft und
-die Fähigkeit, die ganze Gesellschaft zu reformieren; nach der _zweiten_
-Ansicht ist dies Buch zwar das Werk eines guten, aber betörten Menschen,
-der auf Abwege geraten ist und dem das Lob und der Beifall zu Kopfe
-gestiegen sind; der Autor habe sich gar zu sehr an seinen Vorzügen
-berauscht, seine Begriffe haben sich verwirrt, und so sei er vom rechten
-Wege abgekommen; nach der Ansicht der _dritten_ endlich ist dies Buch
-das Werk eines Christen, der die Dinge im rechten Lichte sieht und jeder
-Sache ihren richtigen Platz anweist. Unter jeder Partei, die eine dieser
-Ansichten vertritt, befinden sich gleichermaßen gescheite und
-aufgeklärte Leute, wie auch gläubige Christen. Folglich kann keine der
-Ansichten, die sicherlich alle einen Teil der Wahrheit enthalten, --
-_völlig_ wahr sein. Am richtigsten wäre es noch, dies Buch einen treuen
-Spiegel des Menschen zu nennen. Dieses Buch hat das zum Inhalt, was in
-jedem Menschen verborgen liegt: vor allem das Streben nach dem Guten,
-dem das Buch selbst entsprungen, und das in jedem Menschen lebendig ist,
-wenn er erst einmal erfahren hat, was das Gute ist; ferner eine
-aufrichtige Erkenntnis seiner Fehler und daneben eine hohe Einschätzung
-seiner Vorzüge; ein ehrliches Verlangen, von andern Menschen zu lernen,
-und daneben die feste Überzeugung, daß auch die anderen viel von ihm
-lernen können; Demut und Bescheidenheit, daneben aber auch Stolz, ja
-vielleicht sogar ein gewisser Demutsstolz; Vorwürfe wider andere Leute
-wegen solcher Dinge, an denen man selbst zu Fall gekommen ist und für
-die man noch weit heftigere Vorwürfe verdiente -- kurz alles, was man in
-der Seele jedes Menschen finden kann, nur mit dem Unterschiede, daß hier
-alle Formen und Konventionen abgestreift sind, und daß alles, was der
-Mensch in seinem Inneren verschließt, nach außen gekommen ist, sowie
-ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in weit wilderer und
-lauterer Weise äußert und förmlich zum Himmel schreit, eben wie in einem
-Schriftsteller, in dem sich alles, was seine Seele erfüllt, nach außen
-und ans Licht drängt; es tritt allen Leuten viel klarer und deutlicher
-vor Augen, eben wie bei einem Menschen, dem größere Gaben und
-Fähigkeiten verliehen sind als anderen Leuten. Kurz, dies Buch ist nur
-ein Beweis für die ewige Wahrheit der Worte des Apostels Paulus, der da
-gesagt hat: der ganze Mensch ist eine einzige Lüge.
-
-Zu diesem Schluß jedoch, der sich vielleicht der Wahrheit am meisten
-nähert, ist niemand gekommen, weil der feierliche Ton des Buches und
-seine ungewohnte Sprache alle mehr oder weniger verwirrt hat und niemand
-das richtige Verhältnis zu ihm finden ließ. Als ich dies Buch schrieb,
-stand ich unablässig unter dem Druck einer Todesfurcht, die mich während
-der ganzen Zeit meines Krankseins verfolgte, selbst dann noch, als ich
-mich außer jeder Gefahr befand. So kam es, daß ich ganz unmerklich in
-einen mir sonst ganz fremden Ton verfiel, der einem noch lebenden
-Menschen durchaus nicht ansteht. In meiner Angst, ich könnte vielleicht
-das Werk nicht mehr vollenden, das während zehn Jahren alle meine
-Gedanken beschäftigte, beging ich die Unvorsichtigkeit, schon im voraus
-von solchen Dingen zu reden, die ich durch das Leben der Helden eines
-epischen, erzählenden Kunstwerks hätte beweisen sollen. So verwandelten
-sich meine Gedanken in eine recht unpassende Predigt, die sich im Munde
-eines Autors sehr seltsam ausnimmt, in eine Anzahl mystischer,
-unverständlicher Stücke, die keinen Zusammenhang mit den anderen Briefen
-hatten. Dazu kam schließlich noch der völlig verschiedene Ton dieser
-Briefe, die an Menschen von ganz verschiedenem Wesen und Charakter
-gerichtet und zu verschiedenen Zeiten und in ganz entgegengesetzten
-geistigen und seelischen Stimmungen geschrieben waren. Die einen von
-ihnen waren in einer Zeit verfaßt, als ich selbst zu meiner Erziehung
-des Tadels und der Rüge bedurfte, mir solche Rügen von anderen erbat und
-forderte und sie daher auch anderen erteilte; andere Briefe wieder waren
-zu einer Zeit geschrieben, als ich die Empfindung hatte, daß ich die
-Vorwürfe für mich selbst aufsparen und in meinen an andere Leute
-gerichteten Reden nur die brüderliche Liebe zum Worte kommen lassen
-sollte: so geschah es, daß häufig Milde und Schärfe fast dicht
-nebeneinander standen. Ferner sind viele Aufsätze, die für das Buch
-bestimmt waren, die einen Zusammenhang zwischen einzelnen Stücken
-herstellen und vieles näher erklären sollten, nicht aufgenommen worden.
-Dazu kommt schließlich noch meine dunkle Sprache und Unfähigkeit, mich
-auszudrücken, -- zwei Eigentümlichkeiten eines noch nicht ganz
-ausgereiften und fertigen Schriftstellers --; das alles trug dazu bei,
-mehr als einen Leser zu verwirren und zu zahllosen falschen Schlüssen
-und Folgerungen Anlaß zu geben. Meinen Hochmut glaubte man gerade in
-solchen Sätzen zu entdecken, die vielleicht ganz anderen Motiven
-entsprungen waren; wo aber wirklicher Hochmut aus meinen Worten sprach,
-da bemerkte man ihn nicht; man nannte _das_ Selbstverkleinerung, was
-nichts weniger als Selbstverkleinerung war. Aber was die Hauptsache ist,
-es gab keine zwei Menschen, die innerlich übereinstimmten, sowie sie an
-die Analyse der einzelnen Teile dieses Buches herangingen, was einzelne
-zu der sehr richtigen Bemerkung veranlaßte, daß ein jeder in der
-Beurteilung meines Buches mehr seine eigene Denkungsart, als die meine,
-als den Charakter meines Buches zum Ausdruck brachte. Es versteht sich
-von selbst, daß die Schuld ganz -- auf meiner Seite ist. So kränkend
-daher auch all diese Angriffe und Verdächtigungen seiner persönlichen
-moralischen Qualitäten für einen Menschen sein mögen, in dem noch nicht
-jedes Ehrgefühl erstorben ist, -- ich habe kein Recht, jemand deswegen
-anzuklagen.
-
-Ich muß hier noch ein paar flüchtige Bemerkungen über eine Frage machen,
-die nicht mit meinen moralischen Qualitäten zusammenhängt. Ich war
-äußerst erstaunt, wenn gescheite und kluge Leute Anstoß an Worten
-nahmen, die doch völlig klar waren, wenn sie sich an zwei, drei Stellen
-klammerten und Schlüsse aus ihnen zogen, die in absolutem Gegensatz zu
-dem Geist des ganzen Werkes standen. Aus zwei, drei Worten, die an einen
-Gutsbesitzer gerichtet waren, dessen sämtliche Bauern Landwirte und von
-schweren Sorgen und Arbeiten in Anspruch genommen sind, den Schluß zu
-ziehen, daß ich gegen die Volksbildung zu Felde ziehe -- das erschien
-mir äußerst sonderbar, um so mehr als ich mich ein halbes Leben lang mit
-dem Gedanken getragen habe, ein wahrhaft nützliches Buch für das
-einfache Volk zu schreiben, und nur deswegen davon abstand, weil ich das
-Gefühl hatte, man müsse sehr klug sein, um zu wissen, was man dem Volk
-in erster Linie vorsetzen müsse. Solange es jedoch noch keine so
-gescheiten Bücher gibt, wollte es mir so erscheinen, als ob das
-lebendige Wort der Diener der Kirche mehr Nutzen bringen könne und ein
-stärkeres Bedürfnis für die Bauern darstelle, als alles, was ihnen
-unsereiner, d. h. ein Schriftsteller, zu sagen vermag. Soweit meine
-Erinnerung reicht, bin ich stets für die Volksbildung eingetreten; aber
-es schien mir so, als ob es besser wäre, ehe man für die Bildung des
-Volkes sorgt, erst einmal für die Bildung der Menschen zu sorgen, die in
-engstem Verkehr mit dem Volke stehen, worunter das Volk oftmals zu
-leiden hat. Und endlich kam es mir so vor, als ob jener niedere wenig
-zahlreiche, heute jedoch an Zahl immer zunehmende Stand von Leuten, die
-aus dem Bauernstande hervorgehen, die allerhand kleine Stellen besetzen,
-denen es trotz ihrer allerdings geringen Bildung an der rechten
-moralischen Grundlage fehlt, und die daher überall nur Schaden stiften,
-weil sie bestrebt sind, auf Kosten der armen Leute zu leben, -- es kam
-mir so vor, als ob dieser Stand weit mehr Anspruch auf unsere Beachtung
-hätte als der Bauernstand.
-
-Dieser Stand schien mir weit mehr der Bücher zu bedürfen, die der Feder
-kluger Schriftsteller entstammten, d. h. solcher Schriftsteller, die
-Verständnis für ihre Pflichten haben und daher imstande sind, sie auch
-jenen Leuten klarzumachen. Unser mit Ackerbau beschäftigter Bauer
-dagegen schien mir stets weit sittlicher zu sein als die anderen Leute
-und weniger als andere der Belehrung durch die Schriftsteller zu
-bedürfen. Nicht weniger erstaunt war ich, als man aus einer Stelle
-meines Buches, wo ich sage, daß die gegen mich gerichteten Kritiken viel
-Wahres enthalten, den Schluß zog, ich spräche meinen Werken jegliche
-Vorzüge ab und stimmte nicht mit den Kritikern überein, die sich zu
-meinen Gunsten geäußert haben[2]. Ich erinnere mich sehr gut und habe es
-keineswegs vergessen, daß meine geringen Vorzüge und Verdienste Anlaß zu
-sehr bedeutsamen Kritiken gegeben haben, die ewige Denkmäler der
-Kunstliebe bleiben werden und die dazu beigetragen haben, in den Augen
-des Publikums den Wert und die Bedeutung dichterischer Werke zu erhöhen.
-Aber es hätte sich doch nicht geschickt, wenn ich selbst von meinen
-Vorzügen gesprochen hätte; ja und warum hätte ich das auch tun sollen?
-Ich habe von den Fehlern gesprochen, die mir als Literaten anhaften,
-weil eine psychologische Frage, die das Hauptthema meines Buches bildet,
-Anlaß dazu bot. Wie kann man nur so etwas nicht verstehen! Nicht weniger
-seltsam berührte es mich -- daß man daraus, daß ich die
-Grundeigenschaften unseres russischen Wesens so stark betont und
-hervorgehoben habe, den Schluß zog, ich leugnete die Notwendigkeit der
-europäischen Bildung und hielt es für überflüssig, daß sich ein Russe
-über den ganzen schweren Weg, auf dem die Menschheit sich zur
-Vollkommenheit emporarbeitet, unterrichte. Früher sowohl als auch jetzt
-war ich immer der Meinung, ein russischer Bürger müsse über die
-europäischen Angelegenheiten unterrichtet sein. Aber ich war auch immer
-überzeugt, daß, wenn man über diesem sehr löblichen glühenden Interesse
-für die Fragen des Auslandes seine eigenen Grundlagen vergißt, eine
-solche Kenntnis der ausländischen Dinge nicht zu unserem Wohl
-ausschlagen, unsere Gedanken nur zerstreuen und verwirren, ihnen eine
-falsche Richtung geben könne, statt sie in sich zu sammeln und zu
-konzentrieren. Ich war von jeher davon überzeugt und bin es noch heute,
-daß wir unser russisches Wesen sehr gut und sehr gründlich kennen lernen
-müssen, und daß wir nur durch eine solche Kenntnis ein Gefühl dafür
-bekommen können, was wir aus Europa entlehnen und uns aneignen sollen,
-denn Europa selbst kann uns das nicht sagen. Mir ist es stets
-vorgekommen, als ob wir, noch ehe wir etwas Neues bei uns einführen, das
-Alte -- nicht nur oberflächlich sondern gründlich und in seiner Wurzel
--- kennen lernen müßten; denn sonst kann selbst die wohltätigste
-Entdeckung der Wissenschaft nicht mit Erfolg angewendet werden. In
-dieser Absicht habe ich in erster Linie von dem Alten gesprochen.
-
-[Fußnote 2: Auf mein Testament hätte man sich nicht berufen dürfen: in
-einem solchen beurteilt man sich sehr streng, weil man sich rüstet, vor
-das Angesicht _Des_ Richters zu treten, vor Dem kein Mensch bestehen
-kann.]
-
-Kurz, alle diese einseitigen Folgerungen gescheiter Leute, die ich
-überdies gar nicht für einseitig gehalten hatte, dieses Deuteln und am
-Worte Hängenbleiben, statt sich an den Sinn und Geist des Buches zu
-halten, beweisen mir nur, daß niemand sich bei der Lektüre meines Buches
-in einer ruhigen Gemütsstimmung befand; daß sich schon ein bestimmtes
-Vorurteil herausgebildet hatte, noch ehe das Buch erschienen war, und
-daß jedermann es bereits von einem festen vorher eingenommenen
-Standpunkt betrachtete; so kam es, daß alle nur das bemerkten, was sie
-in ihrem Vorurteil bestärkte und reizte, und an allem vorübergingen, was
-geeignet war, dies Vorurteil zu zerstören und den Leser zu beruhigen.
-Diese seltsame Gereiztheit hatte einen so hohen Grad erreicht, daß sie
-sogar alle Gesetze des Anstandes außer acht ließ, die man bisher einem
-Schriftsteller gegenüber noch zu beobachten pflegte. Man sagte es dem
-Verfasser beinahe ins Gesicht, daß er verrückt geworden sei, und man
-empfahl ihm allerlei Rezepte gegen seine geistige Zerrüttung. Ich kann
-nicht leugnen, daß es mich noch mehr betrübt hat, wenn ebenfalls
-gescheite und nicht einmal sehr erregte und gereizte Leute öffentlich in
-der Presse erklären, mein Buch enthalte nichts Neues, und wenn es etwas
-Neues darin gäbe, so sei es nicht wahr, sondern unrichtig und unwahr.
-Das erschien mir sehr hart. Wie es sich auch immer damit verhalten möge,
-das Buch enthielt meine Seelenbeichte, es war der Erguß meines Herzens
-und meines Inneren. Noch bin ich nicht öffentlich für einen ehrlosen
-Menschen erklärt worden, dem man kein Vertrauen schenken darf. Ich kann
-Fehler machen, ich kann mich irren wie jeder Mensch, ich kann eine
-Unwahrheit sagen, wie ja der ganze Mensch -- eine einzige Lüge ist; aber
-alles, was meinem Herzen und meiner Seele entströmt ist, eine Lüge zu
-nennen -- das ist zu hart. Das ist ebenso ungerecht wie die Behauptung,
-daß mein Buch nichts Neues enthalte. Die Bekenntnisse eines Menschen,
-der mehrere Jahre ganz für sein inneres Ich gelebt hat, nur mit sich
-selbst beschäftigt war, der sich selbst zu erziehen versucht hat wie
-einen Schüler, um sich einen wenn auch späten Ersatz für die in seiner
-Jugend verlorene Zeit zu schaffen, der überdies den andern Menschen
-nicht völlig gleicht, sondern gewisse Eigenschaften besitzt, die ihm
-allein angehören -- die Bekenntnisse eines solchen Menschen können
-unmöglich so gar nichts Neues enthalten. Wie dem aber auch sei, in einer
-Angelegenheit, an der die Seele beteiligt ist, darf man kein so
-entscheidendes Urteil fällen. Einem solchen Fall gegenüber wird selbst
-der tiefste Seelenkenner nachdenklich werden müssen. In Angelegenheiten,
-die die Seele betreffen, ist es sogar schwierig, über einen gewöhnlichen
-Menschen zu richten. Es gibt Dinge, die sich der kühlen Erwägung, dem
-Räsonnement eines Menschen entziehen, selbst wenn dieser noch so klug
-sein sollte, und die man nur in solchen Augenblicken und in einer
-solchen Seelenstimmung versteht, wo unsere eigene Seele das Bedürfnis zu
-einer Aussprache, zu einer Beichte hat, wo sie Verlangen trägt, in sich
-zu gehen und nicht über andere, sondern über sich selbst Gericht zu
-halten. Kurz, die große Sicherheit, mit der diese Urteile gefällt
-wurden, schien mir von dem großen Selbstvertrauen des Urteilenden zu
-zeugen -- von seinem stolzen Vertrauen auf seine Vernunft und die
-Überlegenheit seiner Ansicht. Ich sage das hier nicht deswegen, um
-jemand zu tadeln, sondern nur, um darauf hinzuweisen, wie wir bei jedem
-Schritt Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir soeben
-erst bei einem unserer Brüder gerügt haben; wie wir, indem wir einem
-anderen sein hochmütiges Selbstvertrauen zum Vorwurf machen, zugleich
-durch unsere eigenen Worte einen Beweis für unseren eigenen Hochmut und
-unser Selbstvertrauen liefern; wie wir, während wir einem anderen
-Intoleranz vorwerfen, zugleich selbst unduldsam und kleinlich werden.
-Jedenfalls zeugt es von einer vornehmen Gesinnung, wenn jemand den Mut
-hat, dies einzugestehen, und sich nicht schämt, öffentlich und vor allen
-Leuten zu erklären, er habe sich geirrt. Aber genug davon. Nicht um
-meine moralischen Qualitäten zu verteidigen, erhebe ich hier meine
-Stimme. Nein, ich halte es lediglich für meine Pflicht, auf eine Frage
-zu antworten, die fast einstimmig von seiten sämtlicher Leser aller
-meiner früheren Werke an mich gerichtet worden ist -- auf die Frage
-nämlich: warum ich jene literarische Gattung und jene Sphäre aufgegeben
-habe, die ich einmal in Besitz genommen hatte und die ich beherrschte,
-über die ich fast Herr war, und warum ich mich einem neuen, mir fremden
-Genre zuwandte.
-
-Um auf diese Frage zu antworten, habe ich mich entschlossen, offenherzig
-und in möglichster Kürze die ganze Geschichte meiner literarischen
-Tätigkeit zu erzählen, um einem jeden Gelegenheit zu geben, mich
-gerechter zu beurteilen. Der Leser soll sehen können, ob ich die Sphäre
-meines Schaffens wirklich gewechselt und ob ich auf eigene Verantwortung
-zu grübeln und klügeln begonnen habe, in der Absicht, meinem Schaffen
-eine andere Richtung zu geben; man wird anerkennen müssen, daß sich an
-meinem Schicksal wie an allen anderen Dingen der Eingriff Dessen
-offenbart, Der über die Welt gebietet, und zwar nicht immer so, wie
-_wir_ dies wünschen, und gegen Den der Mensch nicht anzukämpfen vermag.
-Vielleicht wird meine treuherzige Geschichte wenigstens etwas davon
-erklären, was vielen in meinem vor kurzem veröffentlichten Buche als ein
-so unlösliches Rätsel erscheint. Wenn dies der Fall sein sollte, so
-würde mich das aufrichtig freuen, weil diese ganze merkwürdige
-Angelegenheit mich sehr mürbe und müde gemacht hat, und weil es mir nach
-diesem Wirbelsturm von Mißverständnissen sehr schwer ums Herz ist.
-
-Ich kann nicht mit voller Bestimmtheit sagen, ob der Schriftstellerberuf
-mein eigentlicher Beruf ist. Ich weiß nur das eine: daß in den Jahren,
-als ich über meine Zukunft nachzudenken begann (und ich begann schon
-sehr früh über meine Zukunft nachzudenken, d. h. zu einer Zeit, als alle
-meine Altersgenossen nur ans Spielen dachten), daß mir damals der
-Gedanke, ich könnte Schriftsteller werden, nie in den Sinn kam, obwohl
-es mir immer so schien, daß ich noch einmal ein berühmter Mann werden
-könnte, daß mir ein großes weites Wirkungsfeld offen stände und daß ich
-einmal etwas für das allgemeine Wohl leisten würde. Ich dachte einfach,
-ich würde mich empordienen und dies alles würde mir durch den
-Staatsdienst gelingen. Daher hatte ich in meiner Jugend eine sehr starke
-Neigung für den Staatsdienst. Mein Kopf war beständig davon erfüllt, und
-alles, was ich tat und womit ich mich beschäftigte, tat ich im Hinblick
-darauf. Meine ersten Versuche, meine ersten dichterischen Experimente,
-in denen ich es während der letzten Schuljahre zu einer gewissen
-Fertigkeit brachte, hatten fast alle einen ernsten und lyrischen
-Charakter. Weder ich selbst, noch meine Schulkameraden, die sich mit mir
-in der Schriftstellerei versuchten, dachten je daran, daß ich einmal ein
-komischer und satirischer Autor werden könnte, obwohl ich trotz meiner
-melancholischen Naturanlage oft zum Scherzen aufgelegt war und sogar
-andere Leute mit meinen Späßen belästigte, und obgleich sich schon in
-meinen frühesten Urteilen über die Menschen eine gewisse Fähigkeit,
-bestimmte charakteristische Eigenheiten sowie gröbere und feinere und
-komische Charakterzüge, die von anderen nicht bemerkt werden, zu
-entdecken, bemerkbar machte. Man sagte, ich verstünde es, -- ich möchte
-nicht sagen, die Menschen _nachzuäffen_ oder zu parodieren, -- sondern
-sie zu _erraten_, d. h. zu erraten, was ein Mensch in dieser oder jener
-Situation sagen würde, unter völliger Wahrung seiner Anschauungsweise,
-seiner Denkart sowie seiner Art, sich auszudrücken. Aber ich brachte
-dies alles nicht zu Papier, ja ich dachte gar nicht einmal daran, daß
-ich diese Fähigkeit noch einmal verwerten würde.
-
-Die heitere fröhliche Stimmung, die sich in den ersten Schriften, die
-von mir im Druck erschienen, bemerkbar machte, hatte ihren Grund in
-einem gewissen seelischen Bedürfnis. Ich hatte oft unter Anfällen einer
-mir selbst völlig unerklärlichen Melancholie zu leiden, die vielleicht
-eine Folge meines krankhaften Zustandes war. Um mich zu zerstreuen,
-dachte ich mir die komischsten Dinge aus, die sich nur ersinnen lassen.
-Ich stellte mir komische Personen und Charaktere vor, die ich völlig aus
-dem Kopfe erfand, und versetzte sie in Gedanken in die komischsten
-Situationen, ohne mir viele Sorgen zu machen, wozu das gut sei und was
-für einen Nutzen das haben könne. Es war die Jugend in mir, die mich
-dazu veranlaßte, die Jugend, der ja noch keinerlei Fragen durch den Kopf
-gehen. Das ist der Ursprung meiner ersten Werke, die die einen
-ebensosehr zu einem sorglosen naiven Lachen reizten, wie mich selbst,
-während sich andere erstaunt fragten, wie einem vernünftigen Menschen
-nur solche Torheiten einfallen konnten. Vielleicht hätte diese
-Lustigkeit allmählich und zugleich mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung
-aufgehört, ebenso wie meine schriftstellerische Tätigkeit. Allein
-Puschkin veranlaßte mich, diese Sache ernster anzusehen. Er hatte mich
-schon längst dazu zu überreden gesucht, ich sollte ein großes Werk in
-Angriff nehmen, und als ich ihm einmal den kurzen Entwurf einer kleinen
-Szene vorlas, der jedoch einen weit stärkeren Eindruck auf ihn machte,
-als alles, was ich ihm bis dahin vorgelesen hatte, sagte er zu mir: »Wie
-ist es nur möglich, daß Sie bei dieser Fähigkeit, den Charakter eines
-Menschen zu erraten und durch wenige Züge ganz vor einem erstehen zu
-lassen, wie er leibt und lebt, -- wie ist es nur möglich, daß Sie sich
-bei dieser Fähigkeit nicht entschließen, ein großes Werk zu schreiben!
-Das ist einfach eine Sünde!« Hierauf hielt er mir meine schwächliche
-Konstitution und meine körperlichen Gebrechen vor, die meinem Leben früh
-ein Ziel setzen könnten; er führte das Beispiel des Cervantes an, der
-zwar bereits früher ein paar ausgezeichnete, vortreffliche Erzählungen
-verfaßt hatte, jedoch niemals _die_ Stelle unter den Schriftstellern
-einnehmen würde, die er heute inne hat, wenn er sich nicht entschlossen
-hätte, den Don Quijote zu schreiben, und schließlich trat er mir sein
-eigenes Sujet ab, aus dem er eine Art Poem hatte machen wollen und das
-er, wie er mir sagte, keinem anderen außer mir überlassen hätte. Dieser
-Stoff waren »Die toten Seelen«. (Die Idee zum »Revisor« stammt
-gleichfalls von ihm.) Diesmal wurde auch ich ernstlich nachdenklich --
-um so mehr, als ich bereits in die Jahre zu kommen begann, wo man sich
-bei jeder Tat, die man vollbringen will, ganz von selbst die Frage
-vorlegt: warum und zu welchem Zweck willst du dies tun? Ich erkannte,
-daß ich in meinen Werken sinnlose Scherze trieb und spottete, ohne
-eigentlich zu wissen, wozu ich das tat. Wenn man schon spottet, so ist
-es doch besser, man lacht und spottet kraftvoll und über Dinge, die
-wirklich den allgemeinen Spott verdienen. Im »Revisor« wollte ich alles
-Schlechte und Häßliche, das es in Rußland gibt, soweit es mir damals
-bekannt war, zusammentragen und anhäufen, alle Mißbräuche, die an allen
-den Stellen und in allen den Fällen vorkommen, wo gerade Gerechtigkeit
-und Redlichkeit vom Menschen verlangt werden, und dies alles auf einmal
-verspotten. Die Wirkung war bekanntlich eine furchtbare, erschütternde.
-Durch das Gelächter hindurch, das sich mir noch nie mit einer solchen
-Gewalt entrungen hatte, vernahm der Leser etwas wie Kummer und Schmerz.
-Ich selbst fühlte, daß mein Lachen nicht mehr das Lachen von ehedem war,
-daß ich in meinen Werken nicht mehr derselbe sein konnte, der ich früher
-war, und daß das Bedürfnis, mich durch harmlose heitere Szenen zu
-zerstreuen, zugleich mit meinen jungen Jahren verschwunden war. Nach dem
-Revisor empfand ich mehr denn je das Bedürfnis, ein umfassendes Werk zu
-schreiben, das mehr enthielt als lediglich Dinge, über die man lachen
-mußte. Puschkin fand, daß der Stoff der »Toten Seelen« sich gerade darum
-so gut für mich eignete, weil er eine vortreffliche Gelegenheit bot,
-ganz Rußland in Gesellschaft des Helden nach allen Richtungen zu
-durchqueren und eine ganze Reihe völlig verschiedener Charaktere an uns
-vorüberziehen zu lassen. Ich ging ans Werk und fing an zu schreiben,
-ohne mir einen detaillierten Plan ausgearbeitet und ohne mir darüber
-Rechenschaft gegeben zu haben, was für ein Mensch mein Held eigentlich
-sein mußte. Ich dachte mir einfach, daß der komische Plan, mit dessen
-Durchführung Tschitschikow beschäftigt war, mir schon von selbst die
-Idee zu allerhand verschiedenen Personen und Charakteren eingeben und
-daß die Spott- und Lachlust, die sich in mir regte, schon von selbst
-eine Reihe von komischen Momenten und Phänomenen erzeugen würde, die ich
-mit rührenden Elementen mischen wollte. Aber bei jedem Schritt, den ich
-tat, mußte ich mir die Frage vorlegen: welchen Sinn? welchen Zweck hat
-das? was soll dieser Charakter zum Ausdruck bringen? was hat diese
-Erscheinung zu bedeuten? Es fragt sich nun: was soll man tun, wenn sich
-einem derartige Fragen aufdrängen? Soll man sie verscheuchen? Ich
-versuchte es damit; allein da erstanden Fragen vor mir, denen ich mich
-nicht zu entziehen vermochte. Da ich nichts von einer Nötigung empfand,
-meinen Helden gerade zu solch einem Menschen und zu keinem anderen zu
-machen, konnte ich auch keine Liebe für die Aufgabe empfinden, ihn
-darzustellen. Im Gegenteil, ich empfand etwas wie Ekel davor: alles kam
-gewaltsam und gezwungen heraus, und sogar das, worüber ich lachte,
-wirkte traurig und deprimierend.
-
-Ich sah mit voller Klarheit ein, daß ich nicht mehr ohne einen ganz
-bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, daß ich mir erst
-selbst den Zweck meines Werks völlig deutlich machen, mir über seinen
-wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden müßte, was erst
-den Dichter mit einer starken und wahren Liebe für sein Werk erfüllt,
-die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwärtsschreitet --
-kurz, daß der Autor das Gefühl und die Überzeugung haben muß: indem er
-an seinem Werk arbeite, erfülle er gerade _die_ Pflicht, die seine
-irdische Bestimmung ausmache, und für die ihm alle seine Gaben und
-Fähigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erfülle, diene
-er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatsächlich im Staatsdienst
-stünde. Der Gedanke an den Staatsdienst verließ mich nie. Ehe ich den
-Schriftstellerberuf wählte, wechselte ich mehrmals meine Tätigkeit und
-meine Stellung, um zu erfahren, für welchen Beruf ich mich am besten
-eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit
-denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wußte damals noch
-nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu können, wie
-ich ihm dienen wollte. Ich wußte damals nicht, daß man dazu jede
-persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstüberhebung in sich
-besiegen müsse und keinen Augenblick vergessen dürfe, daß man seine
-Stellung nicht um seines persönlichen Glückes, sondern um des Wohles
-vieler solcher willen innehat, die da unglücklich werden würden, wenn
-ein edler Mann seinen Posten im Stiche läßt, und daß man allen
-persönlichen Kummer und alle Kränkungen vergessen müsse. Ich wußte
-damals noch nicht, daß der, der Rußland wahrhaft und ehrlich dienen
-will, sehr viel Liebe für sein Vaterland besitzen muß, eine Liebe, die
-alle anderen Gefühle in sich aufgesogen hat, daß man sehr viel Liebe für
-den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen
-Sinn dieses Wortes sein muß. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich,
-der ich diese Eigenschaften nicht besaß, auch meinen Dienst nicht so
-ausüben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatsächlich förmlich
-darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fühlte,
-daß ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich
-alles andere auf: meine früheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft,
-die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Rußland, um in der
-Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwägen, wie ich
-es durchführen, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den
-Beweis liefern könnte, daß ich gleichfalls ein Bürger meines Vaterlandes
-gewesen bin, und daß ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich über mein
-Werk nachdachte, um so mehr fühlte ich, daß ich die Charaktere nicht auf
-gut Glück wählen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur
-solche Menschen darstellen mußte, an denen sich unsere wahren
-wesenhaften russischen Charakterzüge am stärksten und deutlichsten
-offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene höheren Züge der
-russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig
-eingeschätzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und
-niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht genügend
-verlacht und gegeißelt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten
-charakteristischen psychologischen Phänomene zusammentragen und meine
-Beobachtungen über die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen
-Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier
-hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewußt war, noch nicht die rechte
-Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig
-dargestellt, viel zur Enträtselung mancher Seiten unseres Lebens
-beitragen, kurz -- ich wollte, daß dem Leser bei der Lektüre meines
-Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben
-und Fähigkeiten, die _ihm_ allein im Unterschiede von den anderen
-Völkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen großen Menge von
-Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Völkern
-eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft,
-von der ich einen genügenden Vorrat besaß, würde mir helfen, diese
-Vorzüge so darzustellen, daß der Russe von einer heißen Liebe zu ihnen
-entbrennen würde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls
-einen genügenden Vorrat mein eigen nannte, würde es mir ermöglichen,
-seine Fehler und Mängel in so leuchtenden Farben zu schildern, daß den
-Leser ein tiefer Haß gegen sie erfassen würde, selbst wenn er sie in
-sich selbst entdecken sollte. Aber ich fühlte zugleich, daß ich dies
-alles nur dann vollbringen könnte, wenn ich mir selbst völlig darüber
-klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzüge unseres Wesens und
-welches seine wahren Mängel und Fehler sind. Man muß sich beides genau
-überlegen und es gegeneinander abschätzen, man muß es sich ganz
-klarmachen, um nicht eine unserer Schwächen in eine Tugend zu verwandeln
-und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzüge dem Gelächter
-preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unnütz vergeuden. Seitdem man
-mir vorwarf, ich spottete nicht nur über die Fehler, sondern über die
-Menschen, die gewisse Schwächen haben, im allgemeinen, und nicht nur
-über den _ganzen_ Menschen, sondern auch über seine Stellung und das
-Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist),
-da sah ich ein, daß man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen müsse --
-um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur
-irgendeine Seite einer Sache ins Lächerliche zu ziehen, damit die
-Dümmsten und Stumpfsinnigsten sofort über deren sämtliche Seiten lachen.
-Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, daß ich
-nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau
-darüber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die
-Vorzüge und die Mängel unseres russischen Wesens bestehen; um sich
-jedoch über das russische Wesen klar zu werden, muß man zunächst die
-menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen
-lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem
-aus einem die Vorzüge und Mängel eines jeden Volkes deutlich sichtbar
-werden.
-
-Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn
-je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich für eine Zeitlang
-gänzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene
-ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im
-allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher
-und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektüre.
-Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse
-Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem
-Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers,
-und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne daß
-ich selbst wußte, wie dies geschah, zu Christus geführt, denn ich sah,
-daß er der Schlüssel zur Seele des Menschen war, und daß noch kein
-Seelenkenner sich je auf jene Höhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die
-er erreicht hat. Ich prüfte alles mit dem Verstande nach und überzeugte
-mich so davon, was anderen durch den Glauben völlig klar ist und was ich
-bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis
-brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit
-mathematischer Klarheit ein, daß man auf Grund von Vorstellungen unserer
-Einbildungskraft nicht über die höheren Regungen und Gefühle des
-Menschen reden und schreiben könne; man muß wenigstens etwas davon in
-sich selbst tragen -- kurz, man muß zuvor selbst besser werden. Das mag
-sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine
-gründliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich muß jedoch sagen,
-daß ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und
-daher ist es kein Wunder, daß der Gedanke, ich müßte noch etwas lernen,
-sich mir erst in reiferem Alter aufdrängte. Ich begann mein Studium mit
-so elementaren Büchern, daß ich mich geradezu schämte, anderen Menschen
-zu verraten, womit ich mich beschäftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu
-verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Büchern
--- als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen Übungen auf mich zu
-achten, wie ein Lehrer auf seinen Schüler, und ich betrachtete mich
-selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die
-ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht
-etwa, um damit zu prahlen (ich wüßte auch nicht, womit man hier prahlen
-könnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand
-Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon überzeugt, daß viele gleich mir
-eine schlechte Schulbildung genossen haben, plötzlich zur Besinnung
-kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene
-nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehört, daß viele sich
-darüber beklagten, sie könnten sich nicht mehr von ihren schlechten
-Gewohnheiten befreien, trotz des heißesten Wunsches, sie loszuwerden.
-Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem
-übrigen angepaßt hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich
-durch die Erfahrung davon überzeugt hatte, daß sich manches davon
-verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen
-jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, daß ich mein ganzes Innere zur
-Schau gestellt habe, kann ich erwidern, daß ich immerhin noch kein
-Mönch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so
-gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre
-Seele bedrückte. Wenn Karamsin während seiner schriftstellerischen
-Tätigkeit ein ähnliches Erlebnis gehabt hätte, er hätte es sicherlich in
-derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend
-eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die
-dazu gehört, um ein Mensch und ein Bürger zu sein, ehe er als
-Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken,
-daß jemand daran Anstoß nehmen könnte, wenn ich öffentlich erklärte, ich
-strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstößiges
-dabei, daß ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller
-Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch
-selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu
-sagen: »Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel!«
-
-Was endlich den Vorwurf anbelangt, daß ich in meinem Buch, nur um mit
-meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an
-den Tag gelegt hätte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so
-muß ich darauf erwidern, daß bei mir weder von Selbstverkleinerung noch
-Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat
-sich durch die Ähnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale täuschen
-lassen. Ich kam mir in der Tat widerwärtig vor, aber nicht etwa aus
-Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher
-das Ideal des schönen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild
-des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich
-daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber
-ist nicht Demut, sondern eher ein Gefühl, das ein neidischer Mensch hat,
-wenn er sieht, daß ein anderer einen besseren und schöneren Gegenstand
-in Händen hält, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von
-ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glück gehabt, während meines Lebens,
-besonders aber während der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu
-lernen, deren geistige und seelische Qualitäten mir so groß erschienen,
-daß meine eigenen daneben verblaßten, und ich zürnte mir immerfort, weil
-ich das nicht besaß, was andere besaßen. Man hätte also höchstens das
-Recht, meinen mißgünstigen und neidischen Charakter im allgemeinen
-verantwortlich zu machen und anzuklagen.
-
-Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurückkehren. Eine Zeitlang
-waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Rußland und die Menschen
-in Rußland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen.
-Alles führte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer
-Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die äußeren
-Verhältnisse, über die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen
-meinen Willen veranlaßten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden,
-sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil
-man mir den Vorwurf machte, ich täte nichts; ich wollte mich gewaltsam
-dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzählung oder
-irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu
-produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein,
-schweren Leiden und schließlich sogar mit solchen Anfällen, die mich
-dazu nötigten, jede Beschäftigung für lange Zeit gänzlich aufzugeben.
-Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, daß ich nicht imstande
-war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jüngeren Jahren
-gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten
-Frühling gibt! Und wenn jeder Mensch beim Übergang aus einem Lebensalter
-in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen muß,
-warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist
-denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von
-meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt
-immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war --
-das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in
-Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Träumen unserer
-Phantasie darstellt, und so fand ich schließlich Den, Der die Quelle des
-Lebens ist. Seit meiner frühsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche
-Vorliebe dafür, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen
-feinsten Zügen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen,
--- und so wurde ich zu Ihm geführt, Der allein die Seele ganz
-durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollständigen
-Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als
-bis ich die Lösung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst
-bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir über einige Hauptfragen
-im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch
-bis heute noch ein Rätsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch
-jenen Übergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch
-nicht alles von sich abgestoßen hatte, was sich einmal von mir ablösen
-sollte.
-
-Sowie dieser Zustand in mir überwunden und mein Verlangen nach
-Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in
-mir der lebhafte Wunsch zu regen, Rußland näher kennen zu lernen. Ich
-knüpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und
-von denen ich erfahren konnte, was in Rußland vorgeht; ich suchte
-erfahrene Männer der Praxis aus allen Ständen kennen zu lernen, die alle
-Mißbräuche und Machenschaften in Rußland kannten. Ich wollte
-Bekanntschaft mit Menschen aus allen Ständen machen und von jedem etwas
-erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschäftigung
-hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen
-genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem
-Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit für jeden
-Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht
-einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen,
-den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen,
-den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, daß sich die
-Lebenden daraus eine Lehre ziehen, daß sie daraus etwas lernen können.
-Deshalb knüpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir
-irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die übrigen bat ich, flüchtige
-Porträts und Charakterskizzen von Leuten für mich herzustellen, und zwar
-von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles
-brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine genügende Anzahl von
-Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt hätte; daran hatte ich
-keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus
-einer weit vollständigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen
-Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen
-ganz einfach, so wie ein Künstler, der ein großes Gemälde, eine eigene
-Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er überträgt
-diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hängt sie ringsum an den
-Wänden auf, um sie beständig vor Augen zu haben, und um nie einen
-Verstoß gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er
-sich für die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der
-Phantasie geschöpft und erzeugt, ich besaß nie diese Fähigkeit. Mir
-glückte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus
-Tatsachen schöpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte
-ich nur dann, wenn ich mir seine äußere Gestalt bis auf die feinsten
-Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Porträt im Sinne einer
-bloßen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Porträt stets erschaffen,
-ich erschuf es durch Nachdenken, mit Überlegung und nicht in der reinen
-Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwägung zog, um so wahrer und treuer
-ward das, was ich schuf. Ich mußte weit mehr wissen als jeder andere
-Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu übersehen
-oder nicht zu berücksichtigen -- damit das Unwahre und Unrechte der
-Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen.
-Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast
-niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und
-konnten es nicht begreifen, daß ich all diese Kleinigkeiten und
-Torheiten wissen wollte, während ich doch eine Phantasie besaß, die
-selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich
-bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und
-kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur
-entdeckt hätte.
-
-Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene
-Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen
-Briefen ist die große Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich
-jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern
-gerade deswegen, damit man mich durch Anführung einzelner anekdotischer
-Züge widerlegen sollte. Derartige Einwände von praktischen und
-erfahrenen Leuten sind für mich deswegen so wichtig, weil sie mir die
-Sache selbst näher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere
-Wesen Rußlands gewähren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen,
-die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie für die Fragen unseres
-inneren Lebens, statt dessen beschäftigte man sich mit meiner
-Persönlichkeit und schrieb ganze Bogen darüber voll, ob ich ein Recht
-habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um
-dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der »Toten Seelen« -- der nicht
-sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wußte sehr gut, daß viele
-sich über ihn lustig machen würden, aber ich war fest entschlossen,
-jeden Spott zu ertragen, wenn ich bloß mein Ziel erreichte. Ich glaubte,
-daß vielleicht fünf oder sechs Leser meine Bitte _so_ erfüllen würden,
-wie ich es wünschte. Ich verlangte gar nicht, daß man die Fehler der
-»Toten Seelen« verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande
-bloß in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen
-an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere
-während seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten über
-solche Vorfälle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an
-Rußland gemahnt. Ich weiß, daß wir uns alle schwer aufraffen können und
-daß wir träge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast
-jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schöpfen; ich dachte
-jedoch, die Lektüre der »Toten Seelen« würde die Menschen aufrütteln,
-besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand hätten.
-Ich gab meine Adresse an und bat darum, daß nur die mir in ihren Briefen
-solche Fälle mitteilen möchten, die sie selbst nicht in der Presse
-veröffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es für weit
-nützlicher, sie überall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob
-eine solche Verbreitung von Kenntnissen über Rußland in Form von
-lebendigen Tatsachen gerade gegenwärtig eine dringende Notwendigkeit
-sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine Übergangszeit
-nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben
-bemerkbar, überall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten,
-ja dem Übel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte,
-daß wir heute mehr denn je bemüht sein müssen, alles herauszustellen und
-ans Licht zu bringen, was im Inneren Rußlands vorgeht, damit wir ein
-Gefühl dafür bekommen, aus was für einer Menge verschiedener Elemente
-der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen
-wollen; da aber wäre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal
-ordentlich umsähen und uns die Sache überlegten, bevor wir so über die
-Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime
-Hoffnung, daß die Lektüre der »Toten Seelen« viele auf die Idee bringen
-würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und daß viele dazu
-veranlaßt werden könnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor während
-der Zeit, als er die »Toten Seelen« schrieb, eine solche Wendung nach
-Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es könnte einem Menschen, der
-bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch
-abwärts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben
-sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig für das allgemeine Wohl
-und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewußtsein kommen, daß er durch
-eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und
-Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer
-Wirksamkeit stehen, mit Rußland bekannt machen und sie damit in schöner
-Weise für seine Untätigkeit entschädigen, ja mehr als entschädigen kann.
-Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen
-Anteilnahme für alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen
-frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse
-verfolgt, könnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des
-Jünglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich täuschte mich in
-manchen Leuten: ich glaubte, daß in einem Teil meiner Leser noch ein
-Funke von Liebe lebte. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Name nur
-deshalb so populär ist, weil er einzelnen Leuten die Möglichkeit und das
-Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig
-übereinander lustig zu machen. Ich glaubte, daß viele durch mein
-Gelächter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das
-ja gar nicht aus böser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt
-keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den
-Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich führe dies
-alles nur deswegen an, um zu beweisen, daß ich alle meine Kräfte
-angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, daß ich über alle nur
-möglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit fördern könnten,
-ich ließ es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen
-Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit muß ich übrigens
-erwähnen, daß viele ihr Erstaunen darüber geäußert haben, daß ich ein
-solches Bedürfnis nach Daten über Rußland habe und dabei selbst fern von
-Rußland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht überlegt,
-daß ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der für mich einen
-Aufenthalt in einem warmen Klima nötig machte, gerade eine solche
-Entfernung von Rußland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver
-in Rußland verweilen zu können. Für die, die mir das nicht nachzufühlen
-vermögen, will ich mich hier näher erklären, obwohl es mir etwas schwer
-wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht.
-
-Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher _schöpferischen_
-Begabung fehlt, besitzen eine Fähigkeit, die ich die Einbildungskraft
-nennen will -- eine Fähigkeit, die darin besteht, sich Gegenstände, die
-einem nicht gegenwärtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns
-unmittelbar vor Augen stünden. Diese Fähigkeit ist nur dann in uns
-wirksam, wenn wir uns von den Gegenständen entfernen, die wir
-beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich
-gewöhnlich solche Epochen zum Gegenstand wählen, die bereits hinter uns
-liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit
-uns von allem, was um uns ist, loslöst, versetzt sie unsere Seele in
-eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich
-hatte keine Vorliebe für die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die
-Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen,
-weil mein Geist stets eine Vorliebe für das Wesentliche und Faßliche und
-für einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein
-moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah
-zugleich ein, daß man, wenn man das gegenwärtige Leben schildern will,
-nicht beständig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren
-konnte, deren man bedarf, um ein großes und formvollendetes Werk
-hervorzubringen. Das Gegenwärtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen
-und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz
-unmerklich und ohne daß man es fühlt, von einer satirischen Anwandlung
-erfaßt. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt
-und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur _die_ Menschen vor
-sich, die sich in unserer Nähe befinden: die ganze Masse, die Menge
-sieht man nicht, denn man kann nicht alles übersehen. Ich fing also an,
-darüber nachzugrübeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und
-einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse
-und nicht nur _die_ Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen
--- wie ich mich so vom Gegenwärtigen entfernen konnte, daß es sich für
-mich gewissermaßen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschütterte
-Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und
-die ich heute mit Leichtigkeit ertragen hätte, mit denen ich dagegen
-damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaßten mich dazu, das
-Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Ländern hingezogen
-gefühlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe für sie gehabt.
-Auch besaß ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen
-verzehrt, die nach starken Eindrücken dürsten. Aber seltsam! schon
-während meiner Kinderjahre, selbst während meiner Schulzeit und damals,
-als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran
-dachte, daß ich Schriftsteller werden könnte, kam es mir immer so vor,
-als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein
-großes Opfer zu bringen, und daß ich gerade, um meinem Vaterlande zu
-dienen, gezwungen sein würde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und
-zu erziehen. Ich wußte nicht, _wie_ das geschehen würde, noch wozu das
-nötig sei; ich dachte auch gar nicht darüber nach, ich sah mich jedoch
-so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in
-Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich
-so häufig, daß es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene
-unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal
-beunruhigte und ihn veranlaßte, fremde Länder aufzusuchen, lediglich um,
-wie er sich ausdrückt,
-
- Mich unterm Himmel Afrikas
- Nach Rußlands trüben Gaun zu sehnen.
-
-Wie dem auch sein mag, dieser unwillkürliche Drang in mir war so stark,
-daß noch keine fünf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen
-waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte,
-diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefühl zu widerstehen. Der Plan und
-der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wußte nur das eine,
-daß ich sicherlich nicht _deswegen_ auf Reisen ging, um mich an fremden
-Ländern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als
-ob ich ahnte, daß ich erst jenseits von Rußland den wahren Wert meines
-Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfüllen
-würde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter
-fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich
-keine Menschenseele aus Rußland befand), so wurde mir traurig zumute;
-ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner
-Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, daß
-ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rückreise
-dachte. Ich blieb nicht länger als drei Tage im Auslande, und obwohl
-mich die Neuheit der Gegenstände reizte, beeilte ich mich, auf demselben
-Dampfer nach Hause zurückzukehren, aus Furcht, daß es mir später
-vielleicht nicht mehr gelingen könnte, den Weg nach Hause
-zurückzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, überhaupt nicht mehr an
-fremde Länder zu denken -- und während der ganzen Zeit meines
-Petersburger Aufenthaltes, d. h. während voller sieben Jahre kam mir
-nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand
-meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein
-Bedürfnis nach Einsamkeit mich dazu nötigten, Rußland zu verlassen.
-
-Zweimal bin ich nachher wieder nach Rußland zurückgekehrt, einmal sogar,
-um für immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches
-Verlangen erfaßt hatte, mir über alles klar zu werden, würde es mir
-bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht
-merkwürdig? Mitten im Herzen Rußlands, sah ich beinahe nichts von
-Rußland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit großer
-Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie
-davon, was in Rußland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen
-Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wußte. Es
-ist bekannt, daß jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten
-hat, und daher ist es sehr schwer für ihn, andere Leute, die nicht dazu
-gehören, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich
-verpflichtet fühlt, möglichst häufig mit den ihm nahestehenden Menschen
-zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und
-für sich so viel Angenehmes hat, daß man sehr viel Selbstaufopferung
-besitzen muß, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen
-lernte, teilten mir immer nur fertige Schlüsse und Folgerungen und nicht
-bloß schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. Überhaupt
-bemerkte ich, daß eine gewisse Veränderung in den Köpfen und in den
-Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit
-einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals früher zu tun
-pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung
-einer jeden Sache ergründen: ein Motiv, eine Regung, die darauf
-hindeutete, daß die Gesellschaft einen mächtigen Schritt vorwärts
-gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse Übereilung,
-mit der man sogleich die Schlüsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis
-drei Tatsachen über das Ganze urteilte; man übersah völlig, daß damit
-noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und
-in Erwägung gezogen waren. Ich bemerkte, daß sich beinahe jeder in
-seinem Kopfe seine eigene Vorstellung über Rußland gebildet hatte, und
-das war der Anlaß zu fortwährenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte
-etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie
-noch früher in den alten Zeiten üblich waren, wo jeder bloß das
-erzählte, was er in seinem Leben gesehen und gehört hatte, und wo ein
-Gespräch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das
-brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkürlich selbst von dieser
-hastigen Sucht, sofort übereilte Schlüsse und Folgerungen aus allem zu
-ziehen -- dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit --, angesteckt war.
-
-Noch mehr aber mußte ich mich über unsere Provinz wundern. Dort hörte
-man nicht einmal den Namen »Rußland« aussprechen. Wie mir schien, waren
-nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur über solche
-Gegenstände, die man in den neuesten aus dem Französischen übersetzten
-Romanen gelesen hatte. Kurz -- während meines ganzen Aufenthalts in
-Rußland zerfiel und zerstob Rußland förmlich in meinem Kopfe. Ich konnte
-mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein
-Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwächer. Sowie ich es jedoch
-verließ, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen,
-der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust,
-jeden frischen Menschen, der frisch aus Rußland eingetroffen war, kennen
-zu lernen, wurde wieder stark und mächtig in mir. Es bildete sich sogar
-die Fähigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich
-in einem Gespräch von der Dauer einer Stunde, was ich während meines
-Aufenthaltes in Rußland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung
-zu bringen vermochte. Jedermann weiß, daß man im Ausland viel leichter
-Bekanntschaft macht, daß sich in den Bädern Deutschlands und in den
-Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande
-vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wären und die sich ihr
-ganzes Leben lang nicht kennen gelernt hätten. Das war es, was mich
-veranlaßte, einem Aufenthalt außerhalb Rußlands den Vorzug zu geben,
-schon im Hinblick darauf, daß ich auf diese Weise mehr von Rußland
-erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darüber nach, wie ich mich in
-Rußland selbst über vieles unterrichten könnte, was dort vorgeht. Durch
-Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man
-davon im Kopfe behält, sind die Stationen und die Kneipen. In den
-Städten und Dörfern Bekanntschaften anzuknüpfen, ist für einen Mann, der
-nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man
-wird leicht für einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist
-höchstens ein Sujet für eine Komödie, die man: _Der Wirrwarr_ betiteln
-könnte. Wenn man jedoch erfährt, daß der Reisende noch dazu ein
-Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die
-Hälfte aller russischen Leser ist fest davon überzeugt, daß ich nur
-einen einzigen Lebenszweck habe, nämlich diesen, alles am Menschen vom
-Kopf bis zu den Füßen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie
-ein so lebhaftes Bedürfnis empfunden, die gegenwärtige Lebenslage des
-Russen von heute kennen zu lernen -- um so mehr, als gerade heute die
-Gegensätze in der Denkweise so groß geworden sind und alle Welt von
-einem wahren Wirbel von Mißverständnissen erfaßt ist, so daß kein Mensch
-mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und daß
-man genötigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Händen zu betasten, da
-man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren.
-Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt für mein Werk ausersehen
-habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir früher zum Vorwurf
-genommen hatte. Je größer die Vorzüge einer bestimmten Persönlichkeit
-sind, um so greifbarer und plastischer muß man sie vor dem Leser
-erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und
-Details, die dafür sprechen, daß diese bestimmte Person auch wirklich
-gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt
-und blaß und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag,
-armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe muß wirklich das Gefühl
-haben, daß die dargestellte Persönlichkeit aus demselben Leibe
-herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehört, daß
-sie etwas Lebendiges, daß sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von
-seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins
-zusammenfließen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm
-ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Räsonnement und keine Predigt
-hervorgebracht werden können. Eine solche volle Verkörperung, diese
-letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich
-nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen
-Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erfülle, wenn ich alle großen
-Charakterzüge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die
-Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen täglich
-umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles,
-das Große wie das Kleine, berücksichtige und nichts außer acht lasse. In
-dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim
-größten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fähigkeit,
-Schlüsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu
-erdichten. Ich mußte immer erst eine große Menge von Menschen anhören,
-wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die
-Leute meine Meinung gesund und vernünftig. Hörte ich dagegen nicht alle
-an und zog ich einen übereilten Schluß, so waren meine Ansichten bloß
-schroff und ungewöhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem
-»_Briefwechsel mit meinen Freunden_«, kommt vieles vor, das Ähnlichkeit
-mit einer bloßen Präsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine
-Voraussetzung ist. Es enthält nichts als Folgerungen, aber die einen
-Schlüsse und Folgerungen sind unter Berücksichtigung sämtlicher Seiten
-einer Sache gezogen und sind daher allen klar, während andere nur
-Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt
-sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach
-als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir
-gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in
-dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schüler gleichzeitig
-zu Worte kommen.
-
-Es war mir also nicht möglich, mir all das zu verschaffen, was ich
-brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte -- ist es da
-wohl ein Wunder, daß ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich
-selbst kämpfen, wenn man solche Ansprüche an sich selbst zu stellen
-gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben --
-selbst wenn sie vorhanden ist --, wo der Verstand bei jedem Schritt die
-Frage nach dem »Warum« stellt? Warum mußten eine Reihe von Umständen
-eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst
-durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die
-Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem
-Verlangen erfaßt, den russischen Menschen darzustellen, als ich das
-allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und
-warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden
-hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis
-unserer Seele durchschaut? -- Warum wurde ich so von dem Verlangen
-gequält, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich
-solche Umstände ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich
-jedoch nötigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele
-hinabzutauchen? Warum blieb für mich die Fähigkeit, mich überall an der
-Schönheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten
-mochte, stets der Gipfel, die Krone aller ästhetischen Genüsse? Warum
-wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhörlich von dem Verlangen
-gequält, die menschliche Seele zu ergründen? Erklärt mir vor allem,
-warum dies so kommen mußte, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so
-schreiben kann, wie ich früher geschrieben habe. Ich wollte den
-Umständen und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte,
-Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich
-es früher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heißt,
-wie sich's traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts
-mehr aus der Feder fließen. Voller Freude, daß ich durch meine an meine
-Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaßen ins
-Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen,
-und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte
-ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach
-Möglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu
-geben, damit das Buch den Charakter eines vernünftigen Werkes erhielte;
-ich bedachte nicht, daß das Publikum vieles davon, was an einzelne
-Personen gerichtet war, auf sich beziehen würde, besonders nach meinem
-Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich fürchtete
-mich davor, die Fehler und Mängel des Buches selbst nachzuprüfen, und
-verschloß meine Augen, denn ich wußte, daß ich mein Buch, wenn ich es
-einer strengeren Prüfung unterziehen würde, vielleicht ebenso vernichten
-könnte, wie ich die »Toten Seelen« und alles, was ich in der letzten
-Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch könnte
-die Leser wenigstens in geringem Maße für mein langes Schweigen
-entschädigen, ich glaubte, ich könnte darin meine schwierige Lage
-schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben
-unmöglich gemacht hatte, und ich würde die Aufmerksamkeit auf die
-praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte
-ferner, solche Dinge zu berühren, die mir einen tieferen Einblick in
-Rußland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen würden, zur
-Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt
-überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich bekam nur Worte und Reden über Dinge
-zu hören, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden können. Ich
-ließ die Hände sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu
-regen begonnen hatte, erlosch, und ich fühlte mich ganz von selbst und
-ohne daß ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den
-Sinn gekommen war: soll ich überhaupt noch etwas schreiben? Soll ich
-noch weiter in diesem Berufe tätig sein, von dem mich in der letzten
-Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, daß es mir
-selbst gelingen sollte, mich zu überwinden, angenommen selbst, daß mein
-Kiel wieder die nötige Leichtigkeit und Beständigkeit erlangen würde,
-und daß mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder
-fließen würde -- war meine seelische Verfassung wirklich derartig, daß
-meine Werke der Gesellschaft von heute tatsächlich von Nutzen sein
-konnten und heute eine Notwendigkeit für sie darstellten? Werfen wir
-dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit:
-begünstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner:
-ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, günstig?
-
-Alle sind sich mehr oder weniger darüber einig, daß unsere heutige Zeit
-eine Übergangszeit genannt werden kann. Alle fühlen heute mehr denn je,
-daß sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist
-nicht einmal eine Station, auf der man vorübergehend haltmacht, kein
-Nachtquartier und kein Rasten während der Reise. Alles sucht etwas, aber
-es sucht es nicht draußen, sondern in dem eigenen Inneren. Die
-moralischen Fragen haben ein starkes Übergewicht über die politischen,
-die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme
-erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermögen das Interesse der
-Welt mehr zu fesseln. Überall kommt mehr oder weniger deutlich der
-Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum
-Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren
-harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus
-sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr
-Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren,
-erleben Krisen und Umwälzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den
-Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer
-Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung möglich zu sein
-schienen. Ein jeder fühlt mehr oder weniger, daß er sich nicht in der
-richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden
-sollte, wenn er auch nicht weiß, worin dieser ersehnte Zustand nun
-eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem
-ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich
-dorthin, woher sie etwas über die Fragen, die heute alle beschäftigen,
-zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht
-wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthält. Bedarf man also wohl
-in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der über ein
-gewisses schöpferisches Talent verfügt, der lebendige Bilder von
-Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben
-eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, -- der
-von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns
-zunächst einmal klar, was das für ein Schriftsteller ist, dessen
-Hauptbegabung sein schöpferisches Talent ist.
-
-Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin überein, daß ein produktiver
-Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die
-Ansprüche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig -- und mit Recht:
-um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht,
-herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die häufig ein
-außergewöhnliches Talent für das beschreibende, malende Genre besitzen,
-denen jedoch die _schöpferische_ Gabe völlig mangelt. Wer dagegen
-_schafft_, wer viel Zeit und Mühe darauf verwendet, dem sein Werk teuer
-zu stehen kommt, der darf seine Mühe und Arbeit nicht umsonst
-verschwenden. Die Schöpfungen seiner Kunst müssen für unser Leben einen
-Fortschritt bedeuten, er muß, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er
-auf der Höhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld für die
-Belehrung, die er aus ihr geschöpft hat, abtragen können, indem er auch
-sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die Ästhetiker
-unserer Zeit ebenso wie die früherer Zeiten das Wesen des Dichters oder
-ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schöpferischer
-Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich
-aufgenommen hat, ist für einen schöpferischen Schriftsteller sogar
-unmöglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der über
-einen flinken Pinsel verfügt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag,
-was an seinem Blick vorüberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln
-gequält und beunruhigt wird.
-
-Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den
-Fragen des Lebens beschäftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als
-jemand anderes das lösende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen;
-aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich
-schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er
-sich bei allen seinen großen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit
-des Stils, zu der Adlerkraft und -schärfe des Blicks, zu dem
-fortreißenden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines
-Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes
-bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum
-Bürger seines Landes und zum Bürger der ganzen Menschheit herangebildet
-hat und überall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein
-Fels, unerschütterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn
-antreten. Wenn er wirklich über solche Mittel und Werkzeuge verfügt,
-dann wird er dem Publikum solche Menschen vorführen, wie er sie
-gegenwärtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie
-mit jener porträthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, daß
-das Bild eines Menschen uns überallhin verfolgt, so daß wir es nicht
-wieder loswerden können. Bei solchen Mitteln wird es ihm natürlich nicht
-schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen
-Schriftsteller unsere Köpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man
-muß nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche
-lebendige Bilder, die wie die rechtmäßigen Herren in der Seele der
-Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, -- so werden sich
-einem die Tore der Herzen von selbst öffnen, um sie aufzunehmen, wenn
-man nur das Gefühl hat und nur das Geringste davon spürt, daß diese
-Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschöpft sind, daß sie
-unserem eigenen Körper entstammen. Wer könnte in solch einem Falle noch
-daran zweifeln, daß heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuüben
-vermöchte, wie solch ein Schriftsteller, und daß niemand unserer Zeit
-und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch
-tatsächlich über einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfügt, sich
-aber noch nicht zu einem Bürger seines Landes und der Menschheit
-herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend,
-selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wäre es
-für ihn sogar gefährlich, sich in die Öffentlichkeit hinauszuwagen; dann
-kann seine Wirkung eher schädlich als nützlich sein. Diese Arbeit an
-sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder
-entstammt. Je weniger Ähnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je
-ungewöhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen
-unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtümern und
-Mißverständnissen kann er überall Anlaß geben. Das, was in ihm lediglich
-eine natürliche Äußerung, eine normale Funktion seines außergewöhnlichen
-Organismus, ein vorübergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes
-ist, kann anderen Menschen als ein Höhepunkt, als Zielpunkt erscheinen,
-den alle erreichen müssen. Je liebevoller er sich für seine Helden und
-Charaktere einsetzt, je gründlicher er sie ausführt, und je lebendiger
-seine Darstellung ist, um so größer wird der Schaden sein. Wir alle
-haben den Beweis dafür vor Augen. Eine bekannte französische
-Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung überragt, hat in wenigen
-Jahren eine gewaltigere Umwälzung in den Sitten hervorgerufen als
-sämtliche Schriftsteller, die sich bemühten, die Menschen zu
-korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die
-Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren möglicherweise nur der
-Ausdruck einer vorübergehenden Verirrung, der sie in einer späteren
-Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der
-sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen:
-»_Ein Wort ist wie ein Spatz_,« sagt ein russisches Sprichwort, »_läßt
-du es aus der Hand, so fängst du es nie mehr ein_.«
-
-Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schöpferischer
-Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fähigkeiten,
-in denen eine suggestiv fortreißende Kraft liegt. Der allgemeinen
-Zeitströmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen
-des Höchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und
-Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fühle, daß
-ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und daß
-ich daher nicht öffentlich hervortreten sollte. Auch das unlängst
-veröffentlichte Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« ist ein Beweis
-dafür. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie
-man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtümern Anlaß gibt und sogar
-zur Verbreitung verkehrter Gedanken beiträgt, wenn schon von diesen
-Briefen, wie man sagt, einem ganze Sätze und Seiten wie lebendige Bilder
-im Kopf haften bleiben, was wäre erst dann geschehen, wenn ich, statt
-mit diesen Briefen, mit einem erzählenden Werk voll lebendiger
-Anschauungen hervorgetreten wäre? Ich fühle selbst, daß hierin weit mehr
-meine Stärke liegt als in theoretischen Erörterungen. Jetzt kann die
-Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wäre kaum jemand imstande
-gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder hätten etwas Suggestives
-gehabt und hätten sich so in den Köpfen festgesetzt, daß kein Kritiker
-sie von dort hätte wieder austreiben können. Man darf nicht außer acht
-lassen, daß alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit
-meiner eigenen Überzeugungen hätten beweisen müssen und meine
-Überzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten
-»Toten Seelen« vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein für den
-mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich
-in meinem Briefwerk auf einem höheren Standpunkt als in den vernichteten
-»Toten Seelen«. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen
-den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer
-ausgedrückt hätte, so hätten viele Leute unterlassen, mir Einwände zu
-machen. In den von mir vernichteten »Toten Seelen« ist weit mehr von dem
-Übergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck
-gekommen, es steckt noch eine weit größere Unbestimmtheit in den
-grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende,
-treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel
-Eindrucksvolles, mit sich Fortreißendes, und die Helden haben etwas
-Suggestives. Kurz -- als ein ehrlicher Schriftsteller hätte ich die
-Feder niederlegen müssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang
-gefühlt hätte, sie zu ergreifen. Aber so etwas muß mit Besonnenheit
-betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, daß ich
-in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich
-mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die
-ganze Sache etwas genauer überlegen und alle Umstände in Betracht
-ziehen, die kein Richter außer acht läßt, wenn er über jemand zu Gericht
-sitzt. Ich habe den Eindruck, daß heute nicht nur ein Mensch, der
-schriftstellerisch tätig ist, sondern jeder Kopf überhaupt sich der
-Tätigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlüsse und
-Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten
-nur solche sich öffentlich betätigen, deren Erziehung vollendet ist und
-die fertige Bürger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur
-solche, die Rußland ebenso glühend lieben wie der, der sich Kosak
-Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu
-schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Böse an der
-russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun,
-die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt über
-den wirklichen Zustand aufzuklären, in dem sich heute die Menschen in
-Rußland befinden.
-
-Es wird _mir_ sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die
-schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller
-meiner Gedanken und Wünsche war, wo ich doch allem anderen, allen
-Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mönch alle Bande, die mich an
-alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um
-an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht,
-der schriftstellerischen Tätigkeit zu entsagen: gehörten doch gerade die
-Augenblicke zu den schönsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in
-Gedanken ausgebrütet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch
-jetzt noch immer überzeugt, daß es kaum einen höheren Genuß gibt als den
-des _Schaffens_. Aber -- ich wiederhole dies nochmals -- als ehrlicher
-Mensch müßte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den
-inneren Drang fühlte, sie zu ergreifen.
-
-Ich weiß nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wäre, so zu handeln, wenn
-ich nicht die Fähigkeit zum Schreiben verloren hätte; denn -- um ganz
-aufrichtig zu sein -- das Leben hätte dann plötzlich allen Wert für mich
-eingebüßt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das hätte für mich
-ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, für
-den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafür ist, daß
-der Schöpfer den Menschen keinen Augenblick verläßt. Das Herz bleibt
-keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die
-Erde, die eine Weile vom Pflug unberührt bleibt, andere und neue Kräuter
-und Gräser wachsen läßt, bis sie sich in ein neues von ihnen
-befruchtetes und gedüngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir,
-als ich die Fähigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs
-neue zu dem Gegenstand zurück, von dem ich in meiner Kindheit geträumt
-hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und
-unscheinbarste Stellung hätte mir genügt, wenn ich nur meinem Vaterlande
-so hätte dienen können, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja
-ich hätte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mögen, als ich
-dies jemals gewünscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat
-mich niemals verlassen. Ich söhnte mich auch erst mit meiner
-schriftstellerischen Tätigkeit aus, als ich mich innerlich überzeugte,
-daß man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen könne. Aber
-auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein großes Werk
-vollendet haben würde, ganz so wie die anderen Menschen in den
-Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Pläne
-und Absichten hatten bloß etwas Anmaßendes und entsprangen einer
-hochmütigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafür ablegen
-würde, daß ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und
-seinen fundamentalsten Zügen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den
-Zügen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen
-sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern würde, daß ich
-die Seele des Menschen nicht aus Büchern und Erzählungen, sondern aus
-Erfahrung kenne, da ich schon von frühester Jugend auf von dem Wunsche
-beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so würde man mir eine
-Stellung anweisen, die es mir erlauben würde, mit Menschen aller Stände
-und mit vielen Leuten in persönliche Berührung zu kommen, nicht erst
-durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich
-meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen
-Leuten nützlich erweisen und mir selbst noch eine größere
-Menschenkenntnis erwerben würde. Es schien mir so, als ob Rußland am
-meisten unter den gegenseitigen Mißverständnissen leidet, und daß wir
-vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele
-und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen
-Wunsche nach Frieden beseelt wären. Ich hatte gesehen und bereits die
-Erfahrung gemacht, daß man durch persönliche Unterhandlungen und
-Aufklärungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem
-Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine
-solche Stellungen gebe, so würde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig
-und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich
-entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen
-wollte, wie ich mich Rußland durch die Fähigkeiten, die ich besaß,
-nützlich und notwendig erweisen könnte. Ich schmiedete die kühnsten
-Pläne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes
-gründeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fähigkeit,
-dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in
-meinen Augen alle Ämter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten -- der
-kleinste wie der größte -- hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur
-mit dem gebührenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, daß man,
-wenn man den Menschen nur ein wenig zu schätzen weiß und einen Begriff
-von seiner Würde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der
-Mensch viele Fehler und Mängel hat, daß man, sofern man nur etwas
-wahrhaft christliche Liebe für ihn hat und endlich von wirklicher Liebe
-zu Rußland erfüllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel
-Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses übertrifft alles
-andere. Ein Amt und eine Stellung wären für mich dasselbe wie ein Hafen
-und das Festland für einen Seefahrer. Ich bin überzeugt, daß heutzutage
-ein jeder, der von dem heißen Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der
-ein Russe ist und dem Rußlands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und
-mit demselben Eifer zu vielen Ämtern und Stellungen im Staate drängen
-sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland
-gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der Übel
-sind groß, und sie haben schon viel Schmach über uns gebracht.
-Andererseits aber bin ich auch überzeugt, daß wir schon um unserer
-selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So stürmisch
-und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die
-Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand empört,
-man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine
-Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfüllen, daß man dem Himmel
-Rechenschaft dafür abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schämen
-braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist für uns kein Rätsel mehr.
-Es war einmal ein Rätsel, als die klügsten unter den Menschen, die
-Denker und Dichter, über es nachsannen und zur Überzeugung kamen, daß
-sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer -- der
-der klügste von ihnen allen war -- es mit voller Sicherheit und ohne zu
-schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, _Er_ wisse, was das Leben
-sei; seitdem dieser _Eine_ von allen anerkanntermaßen für den größten
-aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht
-zugeben wollen, daß Er Gott sei, gehalten wird, muß man Ihm aufs Wort
-glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte.
-Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelöst.
-
-Das aber genügt noch nicht. Uns ward ein vollständiges und umfassendes
-Gesetz für alle unsere Handlungen gegeben -- ein Gesetz, das keine
-Gewalt in seiner Wirkung zu hemmen oder zu beschränken vermag, das man
-selbst bis in die Mauern des Gefängnisses tragen, das man jedoch nicht
-erfüllen kann, wenn man in der Luft schwebt; dazu muß man zum mindesten
-ein festes irdisches Fundament unter den Füßen haben. Wenn man ein Amt
-und eine Stellung innehat, befindet man sich doch immer auf einem
-bestimmten Wege; besitzt man dagegen keine bestimmte Stellung und kein
-Amt, so geht man aufs Geratewohl durch Gestrüpp und Schluchten, wenn man
-auch das gleiche Ziel im Auge behält. Auf einem Wege geht sich's
-leichter als dort, wo es keine Wege gibt. Wenn man Amt und Stellung als
-Mittel zu einem Ziel betrachtet, das nicht auf der Erde liegt, sondern
-als einen Weg zum himmlischen Ziel -- zur Rettung unserer Seele --
-ansieht, so erkennt man, daß das Gesetz, das uns Christus gegeben hat,
-nur für uns selbst gegeben ward, daß er sich gleichsam an uns selbst
-wendet, um uns klar und deutlich zu zeigen, wie wir uns an der Stelle,
-an der wir stehen, und in dem Berufe, den wir uns erwählt haben,
-verhalten sollen. Es ward dem Christen mit aller Bestimmtheit und
-Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen Höhergestellte benehmen soll, und
-wenn er nur einen Teil davon erfüllt, so werden ihn alle, die über ihm
-stehen, liebgewinnen. Es ward dem Christen in aller Bestimmtheit und
-Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen die verhalten soll, die unter ihm
-stehen, und wenn er nur einen Teil hiervon erfüllt, so werden ihm alle
-unter ihm Stehenden von Herzen ergeben sein. Diese ganze Universalität
-des menschenfreundlichen Gesetzes Christi, dieses Verhältnis der
-Menschen untereinander kann von jedem von uns auf seine begrenzte Sphäre
-angewandt und übertragen werden. Wir brauchen bloß alle Menschen, mit
-denen wir so häufig in unangenehmster und peinlichster Art
-zusammenstoßen, zu unseren Nächsten und unseren Brüdern zu machen, zu
-jenen Nächsten, denen uns Christus am meisten zu vergeben und die Er uns
-am meisten zu lieben geboten hat. Man braucht bloß nicht darauf zu
-achten, wie die anderen sich gegen uns verhalten, und nur daran zu
-denken, wie man selbst gegen andere Leute handelt. Man braucht bloß
-nicht daran zu denken, wie die anderen uns lieben, sondern bloß darauf
-zu achten, ob man sie auch _selbst_ liebt. Man braucht nur, ohne sich
-durch irgend etwas gekränkt zu fühlen, dem ersten, dem man begegnet, die
-Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken. Man braucht bloß eine kurze Zeit
-lang so zu handeln und man wird bald inne werden, daß der Umgang mit
-anderen Leuten uns selbst und daß ihnen der Umgang mit uns viel leichter
-wird; dann wird man wirklich die Kraft in sich fühlen, auch an einer
-unscheinbaren Stelle manch nützliche Tat zu vollbringen. Am schwersten
-hat es der in der Welt, der noch nicht irgendwo festen Fuß gefaßt hat,
-der sich's nicht klarmacht, worin sein Beruf besteht: ihm ist es am
-schwersten, das Gesetz Christi auf sich anzuwenden, das doch dazu da
-ist, um auf der Erde und nicht in der Luft verwirklicht zu werden; daher
-muß auch das Leben ein ewiges Rätsel für ihn sein. Ihm gegenüber ist
-sogar der Gefangene, der im Kerker schmachtet, noch im Vorteil: er weiß,
-daß er ein Gefangener ist, und er weiß daher auch, was von dem Gesetz er
-für sich auswählen muß. Ihm gegenüber ist noch der Bettler im Vorteil,
-er hat auch ein Amt: er ist ein Bettler und weiß daher, was er für sich
-aus dem Gesetz Christi schöpfen soll. Ein Mensch jedoch, der nicht weiß,
-was sein Beruf, wo sein Platz ist, der sich nichts klar, der bei nichts
-haltmacht und nirgends festen Fuß gefaßt hat, der hat weder in der Welt
-noch außer der Welt ein Heim; er weiß nicht, wer sein Nächster ist, wer
-seine Brüder sind, wen er lieben und wem er verzeihen soll (man kann
-nicht die ganze Welt lieben, wenn man nicht erst einmal die lieben
-lernt, die einem am nächsten stehen und die Gelegenheit haben, uns
-Kummer zu bereiten): sein Gemütszustand hat die meiste Ähnlichkeit mit
-einer trockenen mattherzigen Seelenverfassung.
-
-So war ich denn nach vielen Jahren langer Mühe und mancherlei Versuchen
-und häufigem Nachdenken, auf meinem Wege sichtlich vorwärtsschreitend,
-endlich zu dem Ergebnis gelangt, von dem ich schon während meiner
-Kindheit geträumt hatte, daß das Dienen die Bestimmung des Menschen und
-daß unser ganzes Leben ein einziger Dienst ist. Man darf nur nicht
-vergessen, daß man ein Amt im irdischen Staate übernimmt, um dadurch dem
-himmlischen König zu dienen, und daher Sein Gesetz stets im Auge
-behalten muß. Nur wenn man seinen Dienst in dieser Weise auffaßt, kann
-man es allen recht machen: dem König, dem Volk und seinem Vaterland.
-
-Als ich diese Überzeugung gewonnen hatte, war ich schon bereit, mich
-voller Eifer jedem Amte zu widmen, obwohl ich natürlich bemüht war, mir
-mit Rücksicht auf meine Fähigkeiten einen solchen Beruf zu wählen, der
-mich auch weiter in den Stand setzen würde, die Menschen in Rußland auch
-in der Praxis kennen zu lernen; damit ich, wenn sich bei mir die
-Fähigkeit zum dichterischen Schaffen wieder einstellen sollte, über ein
-ausreichendes Material verfügte. Und so war auch einer der Gründe meiner
-Reise ins Heilige Land der ehrliche Wunsch, an jener Stelle zu Gott zu
-beten und mir von Ihm, Der uns in jenen Gegenden, die einst Sein Fuß
-durchschritten, das Geheimnis des Lebens offenbart hat, den Segen für
-eine rechtschaffene Erfüllung meiner Pflicht und für meinen Eintritt ins
-Leben zu erflehen; ich wollte Ihm für alles danken, was sich in meinem
-Leben ereignet hatte, mir von Ihm eine Tätigkeit erbitten und Ihn um
-Belebung und Erfrischung für den weiteren Weg und das Werk, für das ich
-mich herangebildet und vorbereitet hatte, anflehen. Und darin finde ich
-nichts Merkwürdiges, da doch auch der Schüler nach Beendigung seines
-Lehrganges sich beeilt, dem Lehrer ein Wort des Dankes zu sagen. Wenn
-doch auch der Sohn zum Grabe des Vaters eilt, bevor er seine Tätigkeit
-beginnt, warum sollte _ich_ nicht jenem Grabe Ehre und Anbetung
-erweisen, das alle verehren, an dem allen Trost und Kräftigung zuteil
-wird und vor dem alle Menschen -- auch solche, die keine Dichter sind --
-von Begeisterung ergriffen werden. Es ist vielleicht recht sonderbar,
-daß ich in einem gedruckten Buche hierüber geredet habe; aber ich hatte
-mich damals gerade von einer schweren Krankheit erholt. Ich war noch
-recht schwach und glaubte gar nicht, daß ich imstande sein würde, diese
-Reise zu vollenden. Ich wollte, daß _die_ für mich beten sollten, deren
-ganzes Leben ein einziges Gebet geworden war, wußte nicht, wie ich es
-anstellen sollte, daß meine Stimme bis in die Tiefe der Klosterzellen
-und in die Mauern der Einsiedler dränge, und ich dachte, daß vielleicht
-einer von denen, die mein Buch lesen würden, mein Wort bis an das Ohr
-jener tragen möchte. Ich bat auch die anderen, für mich zu beten, weil
-ich nicht wußte, wessen Gebet Ihm wohlgefälliger ist, zu Dem wir alle
-beten. Ich weiß nur das eine, daß der Geringste und Schlechteste unter
-uns schon morgen ein besserer Mensch werden kann als wir alle und daß
-sein Gebet eher bis an Gottes Ohr dringen kann als jedes andere Gebet.
-Dafür hätte man mich nicht so strenge verurteilen sollen; man hätte
-lieber an die Worte »_Bittet, so wird euch gegeben_« denken und dies
-Gebot erfüllen sollen.
-
-Wie es geschehen konnte, daß ich nun genötigt bin, dem Leser über dies
-alles Auskunft zu geben, das kann ich selbst nicht begreifen. Ich weiß
-nur das eine: daß ich nie den Wunsch hatte, mich über meine geheimsten
-und innersten Seelenregungen zu äußern -- nicht einmal meinen
-aufrichtigsten Freunden gegenüber. Ich war fest entschlossen, nichts von
-meinen Seelenerlebnissen zu verraten und alle Urteile, die über mich
-gefällt wurden, ruhig über mich ergehen zu lassen, da ich fest davon
-überzeugt war, daß, wenn erst der zweite und dritte Band der »Toten
-Seelen« erscheinen würden, sich alles aufklären und niemand mehr die
-Frage stellen würde: was ist der Autor selbst für ein Mensch? trotzdem
-der Autor gänzlich hinter seinen Helden verschwinden sollte. Nachdem ich
-mich jedoch einmal darauf eingelassen hatte, gewisse Erklärungen über
-meine Werke abzugeben, war es ganz unvermeidlich, daß ich auch von mir
-selbst reden mußte, weil meine Werke auf das engste mit meinen geistigen
-und seelischen Angelegenheiten in Zusammenhang stehen. Gott weiß,
-vielleicht geschah auch dies ohne den Willen Dessen, ohne Den in der
-Welt nichts geschieht; ja, vielleicht mußte dies gerade deswegen
-geschehen, damit ich einen Einblick in mein eigenes Innere gewinnen
-konnte. Die Versuchung, hochmütig zu werden, lag mir sehr nahe,
-besonders nachdem es mir gelungen war, mich tatsächlich von einigen
-Fehlern und Mängeln zu befreien. Dieser Hochmut nistete beständig in
-meiner Seele und niemand hat mich darauf aufmerksam gemacht. Bekanntlich
-genügt es schon, sich eine gewisse Glätte, ein gewisses Gleichmaß und
-eine gewisse Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den Menschen
-anzueignen, damit sie unsere Fehler übersehen und nicht beachten. Wenn
-man sich dagegen vor unbekannten Leuten und vor der ganzen Welt zur
-Schau stellt, und wenn jede unserer Handlungen und Taten bis ins
-einzelne zerfasert wird, wenn Menschen der verschiedensten Denkungsart,
-der verschiedensten Anschauungen und mit den verschiedensten Vorurteilen
-sich jeder nach seiner Weise ein Bild von uns machen, wenn dann von
-allen Seiten berechtigte und unberechtigte Vorwürfe auf einen
-niederhageln und mit Vorbedacht oder auch ohne böse Absicht an die
-empfindlichsten Seiten unseres Wesens rühren, dann fängt man an -- ob
-man nun will oder nicht -- sich von solch einer Seite zu sehen, von der
-man sich noch nie gesehen hat, und man beginnt Fehler und Mängel in sich
-zu suchen, die man sonst nie in sich gesucht hätte. Das ist eine
-furchtbare Schule, die einen entweder um den Verstand bringt oder klüger
-und vernünftiger macht, als man jemals war. Nicht ohne Scham und ohne
-Erröten lese ich vieles in meinem Buche, trotzdem aber danke ich Gott,
-daß Er mir die Kraft gegeben hatte, es herauszugeben. Ich brauchte einen
-Spiegel, in dem ich mich erblicken und besser erkennen konnte, ohne dies
-Buch aber wäre ich schwerlich in den Besitz eines solchen Spiegels
-gekommen. Und so hat denn mein Buch, das aus der ehrlichen Absicht
-entsprungen war, anderen zu nützen, vor allem mir selbst am meisten
-genützt.
-
-Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auch einige Worte über den Nutzen
-zu sagen, den mein Buch anderen Leuten bringen kann. Ist mein Buch
-wirklich so ganz wertlos für andere Menschen, besonders aber für die
-Gesellschaft, wie sie heute ist? Mir scheint, alle, die über dies Buch
-geurteilt haben, haben es mit zu weit aufgerissenen Augen und gar zu
-hitzig und heftig betrachtet. Man hätte es weit kaltblütiger beurteilen
-sollen. Statt als Vorkämpfer der ganzen Gesellschaft aufzutreten und
-mich im Angesicht des ganzen russischen Vaterlandes vor Gericht zu
-laden, hätte man die Sache viel einfacher ansehen sollen. Man hätte das
-Buch analysieren, man hätte feststellen sollen, was es seinem innersten
-Wesen nach ist, und man hätte nicht eher auf die Einzelheiten und die
-Teile eingehen dürfen, als bis man sich den inneren Sinn des Ganzen
-völlig klargemacht hatte. Nun aber hatte das allerhand törichte
-Wortstreitigkeiten zur Folge, ja vielem wurde ein solcher Sinn
-untergelegt, von dem ich mir nie hatte etwas träumen lassen.
-
-Zunächst hätte ich jederzeit das Recht gehabt, davon zu reden, wovon ich
-in meinem Buche gesprochen habe, wenn ich mich nur einfacher und
-schicklicher ausgedrückt hätte. Es ist mir nie eingefallen, die Menschen
-in der Weise belehren zu wollen, wie mir das einige imputieren wollten.
-Das _Lehren_ verstand ich in dem einfachen Sinne, den die Kirche im Auge
-hat, wenn sie gebietet, einander unaufhörlich zu belehren, wobei man es
-verstehen muß, mit derselben Freude Ratschläge von anderen
-entgegenzunehmen, mit der man selbst anderen welche erteilt. Ich aber
-war damals wirklich bereit, Ratschläge von anderen Menschen
-entgegenzunehmen. Ich stellte mir die Gesellschaft keineswegs als eine
-Schule vor, die mit Schülern von mir angefüllt ist, deren Lehrer ich
-bin. Ich bestieg mit meinem Buch kein Katheder und verlangte nicht, daß
-alle aus diesem Buche lernen sollten. Ich kam zu meinen Mitbrüdern und
-Mitschülern wie ein ihnen gleichgestellter Schulkamerad; ich brachte
-einige Hefte mit, in denen ich die Worte des Lehrers nachgeschrieben
-hatte, von Dem wir alle lernen; ich brachte vielerlei mit; mochte sich
-jeder das davon wählen, was er brauchen konnte. Es waren Briefe
-darunter, die an Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen
-Anlagen und Neigungen gerichtet waren. Viele von diesen Personen standen
-auf ganz verschiedenen Stufen der geistigen Entwicklung; daher konnten
-sich diese Briefe unmöglich in gleicher Weise auf alle Menschen beziehen
-und auf sie alle passen. Ich dachte mir, jeder würde sich nur das davon
-aneignen, was er brauchte, und das andere nicht beachten. Ich hatte
-nicht geglaubt, daß so mancher gerade danach greifen würde, dessen ein
-anderer bedurfte, ausrufen würde: »Das kann ich nicht brauchen!« und mir
-dann noch zürnen würde. Ich wollte auch keine neue Lehre verkünden. Als
-ein Schüler, der in einigen Fächern etwas weiter fortgeschritten ist als
-ein anderer Mitschüler, wollte ich es den übrigen Kameraden bloß
-klarmachen, wie man die Lektion, die uns von dem besten aller Lehrer
-aufgegeben wird, am schnellsten und leichtesten lernt. Ich hatte
-geglaubt, wenn man mein Buch gelesen haben würde, würde man zu mir
-sagen: »Ich danke dir, Mitbruder!« und nicht: »Ich danke dir, mein
-Lehrer!« Wenn nur nicht mein »Testament« gewesen wäre, das ich
-unvorsichtigerweise mitaufgenommen habe und in dem ich auf die Belehrung
-anspielte, die jeder Autor seinen Mitmenschen mit seinen poetischen
-Werken erteilen sollte, so wäre es niemand eingefallen, mir solche
-apostolische Absichten zuzuschreiben, trotz meines ziemlich
-entschiedenen Tons, ja sogar trotz der lyrischen Feierlichkeit meiner
-Rede. Dagegen wird ein jeder, der bereits in seine eigene Seele zu
-blicken vermag, meinem Buche mancherlei entnehmen können, was ihm von
-Nutzen sein dürfte.
-
-Was ferner die Meinung anbetrifft, daß mein Buch schädlich wirken müsse,
-so kann ich dies unter keinen Umständen zugeben. In dem Buche kommt
-trotz all seiner Mängel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu
-deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen
-leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das
-Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen Überzeugung: nämlich daß die
-höchste Instanz in allen Fragen die Kirche und daß _sie_ der Schlüssel
-zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der
-Lektüre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, _in_ der
-Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn
-darüber belehren werden, was er sich aus meinem Buche für seine Zwecke
-aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere
-Bücher statt des meinen geben, um derentwillen er _mein_ Buch
-beiseitelegen wird, so wie ein Schüler das Buchstabieren aufgibt, wenn
-er frei lesen gelernt hat.
-
-Zum Schluß muß ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die über mein
-Buch gefällt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und
-keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir
-gegenüber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen
-selbst, ich hätte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine
-Vorzüge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden,
-einbilden können, daß ich höher stehe als alle anderen Menschen und daß
-ich das Recht habe, über andere Leute zu richten, worauf aber könnte
-sich der stützen, der mit solcher Sicherheit über mich zu Gericht sitzt
-und nicht einmal das Gefühl hat, daß er höher steht als ich? Wie dem
-auch sein mag, um ein allseitiges Urteil über einen Menschen zu fällen,
-dazu muß man höher stehen als der, über den man richtet. Man kann wohl
-gewisse Bemerkungen über diese oder jene Einzelheit machen, man kann
-Meinungen äußern und Ratschläge erteilen, allein über den ganzen
-Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschläge stützt, ihn für
-völlig verrückt erklären, behaupten, er habe seinen Verstand verloren,
-er sei ein Lügner und Betrüger, der die Maske der Frömmigkeit angelegt
-habe, ihm gemeine und niederträchtige Absichten unterlegen -- nein, das
-sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen
-offenkundigen Schurken, der das Schandmal der öffentlichen Verachtung
-trägt, vorzubringen imstande wäre. Mir scheint, ehe man solche
-Beschuldigungen ausspricht, müßte man innerlich erschrecken und erbeben,
-man sollte erst ein wenig darüber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei
-zumute wäre, wenn öffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen
-gegen uns erhoben würden! Es wäre wirklich gut, wenn man sich's erst ein
-wenig überlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: »Irre ich
-mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich
-hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es
-nicht für alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die äußere
-scheinbare Ähnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die
-geschicktesten Ärzte eine Krankheit für eine andere gehalten und ihren
-Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten
-secierten.« Nein, das Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« enthält,
-so große Mängel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel
-Derartiges, was nicht allen sofort verständlich sein kann. Es nützt
-nichts, sich darauf zu berufen, daß man das Buch zwei- oder dreimal
-gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts
-dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, muß
-man entweder eine sehr einfache und gütige Seele haben oder ein sehr
-vielseitiger Mensch sein, der außer einem Verstande, der die Dinge von
-allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch über ein hohes poetisches
-Talent und eine Seele verfügt, die einer vollen, großen und tiefen Liebe
-fähig ist.
-
-Ich kann nicht leugnen, daß diese ganzen Wirrnisse und diese
-Mißverständnisse sehr bitter für mich waren -- um so mehr, als ich
-geglaubt hatte, daß mein Buch eher den Keim zur Versöhnung als zu Streit
-und Zwietracht enthalte. Meine Seele wäre unter all den Vorwürfen
-zusammengebrochen; manche darunter waren so fürchterlich, daß Gott jeden
-vor solchen Anklagen bewahren möge! Andererseits aber fühle ich mich
-verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen
-vieler Verfehlungen hätten mit Vorwürfen überschütten können, die mich
-aber in dem Gefühl, daß sie bereits das Maß dessen überstiegen, was die
-schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines
-mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott möge es
-ihnen vergelten! Ich kenne keine größere Tat, als einem Menschen, der
-den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen.
-
- 1847.
-
-
-
-
- An W. A. Schukowski
-
-
- Neapel, den 10. Januar 1848./29. Dezember 1847.
-
-Ich bin in deiner Schuld, lieber Freund! Jeden Tag nehme ich mir vor, zu
-schreiben -- aber eine unbegreifliche _Unlust_ hindert mich immer wieder
-daran. Wieder liegen Neapel, der Vesuv und das Meer vor mir! Die Tage
-fliehen in steter Beschäftigung dahin, die Zeit vergeht so schnell, daß
-man nicht weiß, wie man eine Stunde erübrigen soll. Ich lerne wie ein
-Schuljunge und hole alles nach, was ich in der Schule zu lernen
-unterlassen habe. Aber wozu soll ich davon erzählen! Ich möchte davon
-sprechen, wovon ich mit dir allein sprechen kann: nämlich von unserer
-lieben _Kunst_, für die ich lebe und um derentwillen ich jetzt arbeite
-und lerne wie ein Schulknabe. Da ich jetzt vor einer Reise nach
-Jerusalem stehe, möchte ich dir mein Herz ausschütten; wem gegenüber
-könnte ich das auch tun, wenn nicht dir gegenüber? Die Literatur hat ja
-doch fast mein ganzes Leben ausgefüllt, und hier liegen meine
-Hauptsünden.
-
-Nun sind es bald zwanzig Jahre, daß ich, ein Jüngling, der kaum ins
-Leben getreten war, zum erstenmal zu _dir_ kam, der bereits den halben
-Weg auf diesem Felde zurückgelegt hatte. Das war im Schlosse von
-Schepelejow. Das Zimmer, wo diese Begegnung stattfand, existiert bereits
-nicht mehr; aber ich sehe es noch deutlich und in allen Einzelheiten --
-bis auf das kleinste Möbelstück und die geringsten Sachen, die darin
-standen, vor mir, wie wenn es heute wäre. Du reichtest mir die Hand und
-warst ganz erfüllt vom Verlangen, dem künftigen Mitkämpfer zu helfen.
-Wie wohlwollend und liebevoll war dein Blick! ... Was war es, das uns,
-zwei Menschen von so verschiedenem Alter, zusammenführte? Es war die
-Kunst! Wir fühlten, daß zwischen uns eine Verwandtschaft bestand, die
-stärker war als die gewöhnliche Blutsverwandtschaft. Und woher kam das?
-Weil wir beide etwas von der Heiligkeit der Kunst verspürt hatten.
-
-Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, in welchem Maße ich Dichter
-bin; ich weiß nur das eine, daß ich, noch ehe ich die Bedeutung und das
-Ziel der Kunst verstehen lernte, schon wie durch einen geheimen Instinkt
-meiner ganzen Seele empfand, daß sie was Heiliges sein müsse. Und so
-wurde sie denn, wohl von dieser unserer ersten Begegnung ab, das
-_Erste_, die _wichtigste Angelegenheit_ meines Lebens, während alles
-andere an die zweite Stelle rückte. Es schien mir so, als ob ich mich
-von nun ab durch keine anderen Bande mehr an die Erde fesseln lassen
-dürfte, weder durch die Familie, noch durch das amtliche Leben des
-Bürgers, und daß die literarische Laufbahn auch eine Art Dienst sei.
-Noch gab ich mir keine Rechenschaft (konnte ich sie mir denn damals auch
-geben?), was der Gegenstand meiner literarischen Tätigkeit sein müsse,
-aber schon regte sich die schöpferische Kraft in mir und ich wurde durch
-die näheren Lebensumstände selbst auf bestimmte Gegenstände hingewiesen.
-Dies alles spielte sich gleichsam unabhängig von meiner eigenen (freien)
-Willkür ab. So dachte ich zum Beispiel niemals daran, daß ich einmal ein
-satirischer Schriftsteller werden und meine Leser zum Lachen reizen
-würde. Allerdings hatte ich schon in der Schule bisweilen eine gewisse
-Neigung zur Lustigkeit und ich plagte meine Mitschüler mit unpassenden
-Scherzen. Aber das waren vorübergehende Anwandlungen; im allgemeinen
-hatte ich eher einen melancholischen Charakter und ein zum Nachdenken
-neigendes Wesen. Später kamen noch Krankheit und Hypochondrie dazu, und
-diese Krankheit und Hypochondrie waren die Ursache jener ausgelassenen
-Lustigkeit, die sich in meinen ersten Werken bemerkbar macht. Um mich
-selbst zu zerstreuen, pflegte ich mir ohne jede weitere Absicht und ganz
-planlos gewisse Charaktere auszudenken, die ich dann in komische
-Situationen versetzte -- und das war der Ursprung meiner Erzählungen!
-Meine Leidenschaft für die Menschenbeobachtung, die mich schon seit den
-frühesten Tagen meiner Kindheit erfüllte, verlieh meinen Gestalten etwas
-Natürliches; man sagte sogar von ihnen, es seien getreue Porträts nach
-der Natur. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: mein Lachen hatte
-anfänglich etwas Gutmütiges, ich dachte gar nicht daran, irgendein Ding
-in einer ganz bestimmten Absicht zu verspotten, und ich war aufs höchste
-erstaunt, wenn ich hörte, es fühle sich jemand gekränkt oder ganze
-Gesellschaftsklassen und -stände zürnten mir darob, so daß ich
-schließlich nachdenklich wurde. »Wenn die Macht des Gelächters so groß
-ist, daß man es fürchtet, so darf man es nicht mißbrauchen.« Ich
-entschloß mich also, alles Schlechte, das mir bekannt war, zu sammeln,
-in einem Ganzen zusammenzufassen und dann dieses Ganze dem Gelächter
-preiszugeben -- so entstand der »Revisor«. Das war mein erstes Werk, das
-aus der Absicht entsprang, einen heilsamen Einfluß auf die Gesellschaft
-auszuüben, was mir übrigens nicht gelungen ist: man hat aus der Komödie
-die Absicht herauserkennen wollen, die gesetzliche Ordnung und unsere
-Regierungsform zu verspotten, während ich nur die eigenmächtige
-Übertretung dieser rechtmäßigen und gesetzmäßig sanktionierten Ordnung
-durch einzelne Personen verspotten wollte. Ich zürnte sowohl meinen
-Zuschauern, die mich nicht verstanden hatten, als auch mir selbst, der
-die Schuld daran trug, daß ich nicht verstanden worden war. Ich wollte
-entfliehen und alles im Stiche lassen. Meine Seele dürstete nach der
-Einsamkeit, ich hatte das Bedürfnis, aufs ernsthafteste über meinen
-Beruf und meine Tätigkeit nachzudenken. Schon lange trug ich mich mit
-dem Gedanken an ein _großes Werk_, in dem alles Gute und Böse, das es im
-russischen Menschen gibt, dargestellt und in dem die _Eigenart_ unseres
-russischen Wesens möglichst klar und deutlich sichtbar gemacht werden
-sollte. Ich sah und konnte wohl viele von den Teilen einzeln erfassen,
-aber der Plan des Ganzen wollte sich mir nicht zu voller Klarheit
-gestalten und so bestimmte Formen annehmen, daß ich ans Werk gehen und
-mit der Niederschrift beginnen konnte. Bei jedem Schritt fühlte ich, daß
-mir noch vieles fehlte, daß ich es noch nicht verstand, den Knoten der
-Vorgänge und Begebenheiten zu schürzen und ihn wieder zu lösen, und daß
-ich erst bei den großen Meistern in die Schule gehen und von ihnen
-lernen mußte, wie man ein großes Werk aufbauen und komponieren muß. Ich
-begann also die großen Meister zu studieren und machte zunächst den
-Anfang mit unserem lieben Homer. Schon kam es mir so vor, als ob ich
-etwas zu verstehen begann und sogar anfing, mir ihre Methoden und sogar
-ihre Kunstgriffe zu eigen zu machen, -- allein die schöpferische
-Fähigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. Mein Kopf tat mir weh
-von all der Anstrengung. Nur unter Aufwendung großer Mühen gelang es
-mir, wenigstens den ersten Teil der »Toten Seelen« herauszugeben,
-gleichsam um hierbei zu erkennen, wie weit ich noch von dem Ziele
-entfernt war, nach dem ich strebte. Danach aber wurde ich wieder von
-einer unfruchtbaren Stimmung erfaßt. Ich kaute an meiner Feder, meine
-Nerven und alle meine Kräfte waren in einem Zustande der Erregung -- und
-es kam nichts zustande, ich glaubte schon, ich hätte die Fähigkeit zum
-literarischen Schaffen völlig verloren. Da ließen mich plötzlich
-Krankheit und schwere seelische Zustände dies alles, ja sogar jeden
-Gedanken an die Kunst vergessen und lenkten mich wieder auf das hin,
-wozu ich schon früher, noch ehe ich Schriftsteller geworden war, immer
-Lust verspürt hatte -- nämlich auf die Beobachtung des inneren Menschen
-und der _Menschenseele_. Oh, um wieviel tiefer ist die Erkenntnis, die
-einem aufgeht, wenn man mit seiner eigenen Seele beginnt! Auf diesem
-Wege trifft man auch ganz unwillkürlich _näher_ mit _Ihm_ zusammen, Der
-allein unter allen Menschen, die bisher auf Erden wandelten, in Seiner
-Person eine volle Erkenntnis der Menschenseele an den Tag gelegt hat;
-selbst wenn die Welt Seine Göttlichkeit leugnen wollte, diese
-Eigenschaft könnte sie Ihm niemals abstreiten, es sei denn, daß sie
-nicht bloß _blind_, sondern ganz einfach _dumm_ geworden wäre. Durch
-diese schroffe Wendung, die nicht mit meinem Willen geschah, wurde ich
-dazu veranlaßt, überhaupt tiefer in die Seele hinabzublicken, um zu
-erfahren, daß es höhere Grade und höhere Erscheinungsformen des
-Seelischen gibt. Von da ab begann die schöpferische Fähigkeit wieder in
-mir zu erwachen: wieder beginnen lebendige Gestalten in voller Klarheit
-vor mir aus dem Nebel emporzutauchen, ich fühle, daß die Arbeit mir
-glücken, ja, daß selbst meine Sprache korrekt und klangvoll werden und
-daß mein Stil erstarken wird. Vielleicht wird noch einmal ein künftiger
-Kreisschullehrer unmittelbar nach einer Seite aus einem Werke von dir
-seinen Schülern eine Seite aus meiner künftigen Prosa vorlesen und
-erklärend hinzufügen: »Beide Schriftsteller haben richtig geschrieben,
-obwohl sie einander nicht gleichen.« Die Herausgabe meines Buches
-»Briefwechsel mit meinen Freunden«, mit der ich mich (aus lauter Freude,
-daß meine Feder wieder einmal in Schwung gekommen war) so beeilt habe,
-ohne zu überlegen, daß ich, bevor ich mit diesem Buche jemand zu nützen
-vermochte, mit ihm vielen Leuten den Kopf verwirren konnte, hat mir
-selbst manchen Vorteil gebracht. An diesem Buche ist es mir klar
-geworden, wo und in welchem Punkte ich ein Opfer jener Maßlosigkeit und
-des Überschwangs geworden bin, dem in dem Übergangszustande, in dem sich
-die Gesellschaft gegenwärtig befindet, fast jeder vorwärtsschreitende
-Mensch verfällt. Trotz der Parteilichkeit, mit der dieses Buch beurteilt
-wurde, und trotz der Widersprüche in der Beurteilung, kam doch
-schließlich die allgemeine Stimme zur Geltung, die mir meinen Platz
-anwies und mich auf die Grenzen aufmerksam machte, die ich als
-Schriftsteller nicht überschreiten durfte. In der Tat, es ist nicht
-meine Aufgabe, durch Predigen zu belehren. Die Kunst ist auch ohnedies
-schon eine Lehrmeisterin. Meine Aufgabe ist es, durch _lebendige Bilder_
-und nicht in der Form der Beweisführung zu den Menschen zu sprechen. Ich
-muß das _Leben_ selbst und _als solches_ darstellen und nicht
-Betrachtungen _über_ das Leben anstellen. Das ist eine völlig evidente
-Wahrheit. Aber es ist die Frage: hätte ich auch ohne diesen großen Umweg
-ein würdiger Vertreter der Kunst und ein schöpferischer Künstler werden
-können? hätte ich das Leben so in seinen Tiefen darstellen können, daß
-es den Menschen wirklich zur Belehrung dienen konnte? Wie vermöchte man
-Menschen darzustellen, wenn man nicht vorher erkannt hat, was die _Seele
-des Menschen_ ist? Ein Schriftsteller muß, wenn er bloß die
-schöpferische Gabe besitzt, eigene Gestalten und Bilder zu produzieren,
-erst einen Menschen und Bürger seines Landes aus sich machen; erst dann
-darf er zur Feder greifen! Sonst wird ihm alles mißlingen. Was hilft's,
-die Verächtlichen und Lasterhaften zu treffen, indem man sie vor allen
-Menschen an den Pranger stellt, wenn das Ideal ihres Widerparts, das
-Ideal des schönen Menschen in uns selbst noch nicht zur Klarheit und
-Deutlichkeit gediehen ist? Wie soll man die Fehler und das Unwürdige im
-Menschen darstellen, wenn man sich selbst noch nicht die Frage vorgelegt
-hat: worin besteht denn eigentlich die Menschenwürde? und so lange man
-noch keine einigermaßen befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden
-hat? Wie soll man die Ausnahmen verspotten, wenn man sich noch nicht
-ganz über die Regeln klar ist, deren Ausnahmen die dargestellten Objekte
-bilden? Das hieße doch das alte Haus einreißen, ehe man die Möglichkeit
-hat, ein neues an seiner Stelle zu erbauen. Aber Kunst hat nichts gemein
-mit Zerstörung. In der Kunst liegt ein Keim des Schöpferischen, ein
-aufbauendes Element und nicht ein Element der Zerstörung. Das hat man
-stets empfunden, selbst in Zeiten der allgemeinen Finsternis und
-Unwissenheit. Bei den Klängen der orphischen Leier wurden Städte erbaut.
-Trotz des noch ungeklärten und ungeläuterten Begriffs, den unsere
-Gesellschaft von der Kunst hat, hört man doch schon allgemein sagen:
-»Die Kunst versöhnt mit dem Leben.« Das ist wirklich wahr. Ein echtes
-Kunstwerk enthält etwas Beruhigendes, Versöhnendes in sich. Während wir
-es lesen, erfüllt sich unsere Seele mit einer ebenmäßigen Harmonie, und
-wenn man es zu Ende gelesen hat, fühlt sie sich befriedigt: man wünscht
-nichts mehr, man verlangt nach nichts, es regt sich kein Zorn und keine
-Entrüstung wider unseren Bruder in unseren Herzen, eher noch ergießt
-sich in ihm der Balsam einer alles vergebenden Liebe zu unseren Brüdern;
-überhaupt regt sich kein _Tadel_ gegen die Handlungsweise der anderen in
-uns, sondern alles fordert uns zur _Betrachtung_ unseres eigenen Ichs
-auf. Wenn vom Werk des Künstlers keine solche Wirkung ausgeht, so ist es
-nichts als die edle Regung einer glühenden Seele, die Frucht einer
-vorübergehenden Stimmung des Autors. Es wird wohl weiterleben, wie eine
-beachtenswerte Erscheinung, aber sich nicht den Namen eines Kunstwerks
-verdienen. Und das mit Recht. Die Kunst ist eine Macht, die mit dem
-Leben versöhnt.
-
-Die Kunst soll unsere Seele mit Harmonie und Ordnung erfüllen und nicht
-Verwirrung und Verstimmung in sie hineintragen. Die Kunst soll uns die
-Menschen unserer Erde so darstellen, daß ein jeder das Gefühl hat: das
-sind _lebendige_ Menschen, die demselben Leibe entstammen und aus
-demselben Stoffe geschaffen sind wie wir. Die Kunst soll uns alle edlen
-Züge und Eigenschaften unseres _Volks_charakters vor Augen führen,
-selbst die nicht ausgenommen, denen es an einem Spielraum für ihre freie
-Entfaltung fehlte und die daher noch nicht von allen beachtet und in dem
-Maße gewürdigt sind, daß jeder sie in sich selbst entdeckt und von dem
-glühenden Wunsche ergriffen wird, das bisher von ihm Vernachlässigte und
-längst Vergessene zu pflegen und zur Entwicklung zu bringen.
-
-Die Kunst muß uns auch alle schlechten Züge und Eigenschaften unseres
-Volkscharakters so vor Augen führen, daß jeder von uns ihre Keime vor
-allem in sich selbst wiederfindet und veranlaßt wird, darüber
-nachzudenken, wie er zunächst einmal in sich selbst alles, was die hohe
-Würde unseres Wesens verdunkelt, ausrotten könne. Erst dann und erst auf
-diese Weise wird die Kunst ihre Bestimmung erfüllen und Ordnung und
-Harmonie in die menschliche Gesellschaft hineintragen.
-
-So laß uns denn, nachdem wir zu Gott gebetet und seinen Segen auf uns
-herabgefleht haben, kraftvoller als je wieder an unsere liebe Kunst
-gehen. Was mich anbetrifft, so will ich alles andere auf eine künftige
-Zeit verschieben (wenn ich je durch Gottes Gnade dessen im geringsten
-würdig werden sollte) und mich in intensivster Weise den »Toten Seelen«
-widmen. Ich will nach Jerusalem reisen (dies muß ich um jeden Preis tun,
-denn ich müßte mich schämen, wenn ich es nicht täte). Ich will dort, so
-gut ich kann, Gott meinen Dank für alles Vergangene aussprechen; ich
-will dort beten, daß meine Seele gekräftigt werde und meine Fähigkeiten
-und Geisteskräfte sich sammeln und konzentrieren mögen, und dann mit
-Gott an die Arbeit gehen. Wie lebhaft und innig wünschte ich, daß Gott
-uns wieder einmal zusammenführen möge, und daß wir wieder einmal eine
-Zeitlang in Moskau nahe beieinander leben könnten. Jetzt wäre es noch
-notwendiger, uns das von uns Geschriebene noch einmal vorzulesen und
-übereinander zu Gericht zu sitzen. Sodann gratuliere ich dir zum neuen
-Jahr. Gebe Gott, daß es für uns beide ein recht fruchtbares Jahr werde,
-weit fruchtbarer als die verflossenen Jahre. Und nun leb' wohl, mein
-Lieber! Ich küsse dich und umarme dich innig. Schreibe mir. Dein Brief
-wird mich noch in Neapel erreichen. Vor dem Februar gedenke ich nicht
-aufzubrechen.
-
-Ich umarme deine ganze liebe Familie sowie die Reuterns.
-
- Dein G.
-
-Wenn du findest, daß dieser Brief einigen Wert hat, so hebe ihn auf. Man
-könnte ihn in der zweiten Auflage des »Briefwechsels« an die Spitze des
-Buches, d. h. an die Stelle des »Testaments« stellen, das fortgelassen
-werden soll, und ihm den Titel geben: »_Die Kunst ist die Macht, die uns
-mit dem Leben versöhnt._«
-
-Ich will dich immer noch etwas fragen und vergesse es jedesmal: besitzt
-du nicht die lateinische Übersetzung der Odyssee mit untergelegtem Text,
-die neulich in Paris erschienen ist. Es ist eine sehr schöne Ausgabe.
-Der ganze Homer in einem Bande Groß-Oktav _editore Ambrosio Firmin Didot
-Parisiis 1846_. Ich hatte den Eindruck, daß die Übersetzung recht
-anständig sei, und sie könnte dir weit mehr nützen als alle anderen.
-
-Meine Adresse lautet: Neapel, _poste restante_, oder noch besser, _Hôtel
-de Rome_; damit jedoch der Brief nicht nach der _Stadt_ Rom gesandt
-wird, muß das Wort Neapel recht deutlich und in die Augen fallend
-geschrieben werden.
-
-
-
-
- Betrachtungen
- über die
- Heilige Liturgie
- 1845-1852.
-
-
-
- Vom Moskauer Geistlichen Zensur-Komitee zum Druck
- genehmigt.
-
- Moskau, den 9. Februar 1889.
-
- Der Zensor: Priester Grigori Djatschenko.
-
-
- Vorrede
-
-Der Zweck dieses Buches ist, jungen Leuten und Anfängern, die noch
-keinen rechten Begriff von der Bedeutung unserer Liturgie haben, zu
-zeigen, in welcher Vollständigkeit sie bei uns zelebriert wird und welch
-tiefer Zusammenhang in ihr herrscht. Aus allen den zahlreichen
-Erklärungen, die von den Kirchenvätern und -lehrern herrühren, sind hier
-nur die ausgewählt, die wegen ihrer Einfachheit und Verständlichkeit von
-jedermann begriffen werden können und die in erster Linie dazu dienen,
-die notwendige und richtige Ordnung, gemäß der eine Handlung aus der
-anderen hervorgeht, begreiflich zu machen[3]. Der Zweck, den der Autor
-mit der Herausgabe dieses Buches verfolgte, war der: dazu beizutragen,
-daß sich der Leser eine Vorstellung von der Ordnung und Reihenfolge des
-Ganzen bilde. Er ist überzeugt, daß sich jedem, der der Liturgie mit
-Aufmerksamkeit folgt und jedes Wort bei sich wiederholt, ihre tiefe
-innere Bedeutung von selbst erschließen wird.
-
-[Fußnote 3: Alle anderen Leser, die den Wunsch hegen, auch die
-geheimnisvolleren und tieferen Erklärungen kennen zu lernen, können
-solche in den Werken der Patriarchen: Hermann, Jeremias, Nikolaus
-Kawassil, Simeon von Saloniki, in der Alten und Neuen Tafel, in den
-Kommentaren Dimitrijews und endlich in einzelnen ... finden.]
-
-
- Einleitung
-
-Die Göttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des großen
-Liebeswerkes, das für uns geschehen ist. Tief bekümmert über ihre
-Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen überall und an
-allen Enden der Welt ihren Schöpfer um Hilfe angefleht -- sowohl die,
-die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine
-Gotteserkenntnis besaßen --, fühlten sie doch, daß hier auf Erden
-Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden könnten, Der die
-von Ihm selbst erschaffenen Welten geheißen hatte, sich in streng
-geregelten Bahnen zu bewegen. Überall rief die schmerzbewegte Kreatur
-ihren Schöpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins
-empor, und diese Klagen tönten am lautesten und deutlichsten aus dem
-Munde der Auserwählten und der Propheten. Man hatte ein dunkles
-Vorgefühl, ja man wußte, daß der Schöpfer, Der sich hinter Seinen Werken
-versteckt hatte, noch einmal persönlich vor die Menschen treten -- daß
-Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem
-Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen würde. Sowie sich die
-Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen,
-tauchte überall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf.
-Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon
-gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwählten Volkes.
-Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den
-Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren
-Klarheit wie bei den Propheten.
-
-Diese Klagen fanden Erhörung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt
-erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die
-Menschen -- selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums
-vorausgeahnt und dunkel gefühlt hatten -- nur nicht in _der_ Weise, wie
-man es sich zufolge der noch ungeläuterten Begriffe vorgestellt hatte --
-nicht in stolzer Pracht und Majestät, nicht als Richter, der da kommt,
-um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu
-belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderkuß. Er
-erschien in _der_ Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentümlich ist, und
-wie sie die göttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war,
-vorgebildet hatten.
-
-
- Das Offertorium
- (_Proscomidia_)
-
-Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, muß schon am Vorabend
-auf körperliche und geistige Nüchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit
-üben, er muß sich mit allen Menschen ausgesöhnt haben und sich davor
-hüten, noch etwas wie Ärger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn
-dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er
-beugen sich anbetend vor der Königspforte, küssen das Bild des Heilands,
-das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen
-sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch
-alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still
-für sich die Worte des Psalms sprechen. »Ich aber will in Dein Haus
-gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht.« Sodann
-treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt]
-dreimal vor ihm nieder und küssen das auf ihm liegende Evangelium, als
-wäre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie küssen auch den
-heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen
-Gewänder zu hüllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen
-zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien,
-damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen
-alltäglichen irdischen Geschäften nachgeht. Mit den Worten »Gott!
-reinige mich armen Sünder und erbarme Dich meiner!« erfassen Priester
-[und Diakon] die Gewänder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet
-den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein
-Untergewand von glänzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum
-Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit
-andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein
-muß. Daher spricht er auch, während er sich den Rock anzieht, die Worte:
-»Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott:
-denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der
-Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck
-gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide.«
-
-Hierauf nimmt er die Stola und küßt sie; dies ist ein langes schmales
-Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder
-kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die
-Sänger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen
-und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum
-heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der
-Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trägt, und
-das gleich einem ätherischen Flügel in der Luft flattert, sowie durch
-sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des
-Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar.
-
-Nachdem er das Band geküßt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann
-legt er die Armbänder oder Überärmel an, die dicht über dem Handgelenk
-zusammengebunden werden, um den Händen eine größere Freiheit und
-Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu
-verleihen. Während er sie anzieht, denkt er über die unablässig alles
-erschaffende, überall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den
-rechten Überärmel anzieht, spricht er: »Herr, Deine rechte Hand tut
-große Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und
-mit Deiner großen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwärtigen gestürzt.«
-Dann zieht er den linken Überärmel an und denkt dabei an sich selbst,
-daß er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn
-erschaffen hat, Er möge ihn lenken und leiten und ihm Seine höchste
-himmlische Führung zuteil werden lassen, und er spricht: »Deine Hand hat
-mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, daß ich Deine Gebote lerne.«
-
-In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er
-den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben
-Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich
-die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide
-Schultern bedeckt, den Hals umschließt und deren beide Enden sich wieder
-auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren
-Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, daß
-sich in seinem Amte zwei Ämter vereinigen -- das des Priesters und das
-des Diakons. Auch heißt das Kleidungsstück nicht mehr Orarion, sondern
-Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgießung
-der himmlischen Gnade über die Priester; daher wird dieser Akt auch von
-den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: »Gelobt sei Gott,
-Der Seine Gnade ausgießet über seine Priester wie das Salböl, das von
-dem Haupte Aarons herabfließet auf seinen Bart und auf den Saum seines
-Kleides.« Sodann zieht der Priester beide Überärmel an, indem er diese
-Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgürtet
-sich mit einem Gürtel, der Chorrock und Stola umschließt, damit das
-weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen
-Handlung behindere und um durch diese Umgürtung seine Dienstbereitschaft
-anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Gürtel anzulegen, wenn er sich
-reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat
-schreitet; so legt auch der Priester den Gürtel an, indem er seinen Weg
-antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet
-seinen Gürtel wie eine Feste der göttlichen Macht, die ihn stärkt und
-kräftigt, und er spricht: »Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgürtet
-und meinen Weg untrüglich macht, meine Füße geschwinder denn die des
-Hirsches und stellt mich auf die Höhe,« d. h. in das Haus des Herrn.
-Wenn er jedoch eine höhere priesterliche Würde innehat, so hängt er ein
-viereckiges Stück Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es
-symbolisiert das geistige Schwert, die alles überwindende Kraft des
-göttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem
-Menschen auf Erden bevorsteht -- und kennzeichnet den Sieg über den Tod,
-den Christus vor aller Welt errungen hat, auf daß der unsterbliche Geist
-des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht
-dies Stück Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Gürtel an
-der Lende aufgehängt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser
-Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: »Gürte dein Schwert
-an deiner Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen
-in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei
-Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen.« Endlich
-legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der höchsten
-alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese
-Handlung mit den Worten: »Deine Priester laß sich kleiden mit
-Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen.«
-
-Also ausgerüstet mit der göttlichen Rüstung steht der Priester nunmehr
-als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich für ein
-Mensch, so unwürdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel
-weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen
-Geist erfüllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide
-die Hände, indem sie die Worte des Psalms sprechen: »Ich wasche meine
-Hände in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar.« Dann verbeugen sie
-sich dreimal, indem sie sprechen: »Gott, reinige mich Armen von meinen
-Sünden und erbarme Dich meiner!« und erheben sich gereinigt und
-erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere
-Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen
-gleichend.
-
-Der Diakon kündigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er
-spricht: »Segne uns, o Herr!«, der Priester eröffnet die Feier mit den
-Worten: »Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle
-Ewigkeit!« und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des
-Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer
-heiligen Handlung erforderlich ist: während dieses Teils des
-Gottesdienstes werden die Stücke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben
-abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi repräsentieren und sich
-sodann in ihn verwandeln sollen.
-
-Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloße Vorbereitung
-auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten
-Lebensjahre Christi an sie geknüpft, waren doch diese auch eine
-Vorbereitung auf seine großen Werke, die er später auf Erden
-vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes
-bei geschlossenen Türen und zugezogenem Vorhang ab, ohne daß die
-Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten
-Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne daß das Volk etwas von
-Ihm erfuhr. Für die andächtige Gemeinde aber werden während dieser Zeit
-die »Horen«[4] gelesen -- eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die
-Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die
-erste Stunde, wenn für die Christen [der Morgen] begann, um die dritte,
-d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die
-sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlöser der Welt ans Kreuz
-geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab.
-Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablässigen
-Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen
-Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit
-verlesen.
-
-[Fußnote 4: Tschassy.]
-
-Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die
-sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer
-des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um
-aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich später in den Leib Christi
-verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstück,
-das den Namen Jesu Christi trägt. Durch die Absonderung eines Teils vom
-ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi
-vom Fleisch der Jungfrau -- deutet er auf die Geburt des Immateriellen
-aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, daß Er geboren wird,
-Der Sich für die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich für ihn
-damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat
-selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im
-Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen
-einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des
-Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine
-Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer,
-die Zeugen der damaligen Vorgänge waren, er versetzt sich nicht in die
-Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde:
-dies geschieht später im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses
-kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch
-die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der
-fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die
-künftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des
-Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit
-vorausverkündigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des
-Siegels stößt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: »Wie ein Lamm
-wird Er zur Schlachtbank geführt,« dann stößt er die Lanze in den Teil,
-der zur Linken liegt, und spricht: »Und wie ein unschuldiges Lamm sich
-stumm scheren läßt, so öffnet er seinen Mund nicht,« dann versenkt er
-die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: »Um Seiner Demut
-willen ward Er verdammt,« stößt ihn dann in den unteren Teil, indem er
-die Worte des Propheten wiederholt, der über die wunderbare Herkunft des
-Opferlammes nachsinnt: »Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er
-stammt?«
-
-Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstück des Brotes auf der
-Lanze empor und spricht: »Denn Sein Leib ward von der Erde
-hinweggenommen,« und schneidet hierauf kreuzweise -- den Kreuzestod des
-Heilands symbolisierend -- das Opferzeichen hinein, gemäß dem es während
-der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er:
-»Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, zum Leben und
-zum Heil der Welt.« Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, daß das
-Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte
-Lamm versinnbildlicht, stößt er die Lanze in die rechte Seite -- wodurch
-die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf
-hingedeutet werden soll, daß die Seite des Heilands von einem am Kreuze
-stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er:
-»Der Kriegsknechte einer öffnete Seine Seite mit einem Speer, und
-alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es
-bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr.«
-
-Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, daß nun die Zeit
-gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gießen. Der
-Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfürchtig und
-andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen
-Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: »Lasset
-uns beten zu dem Herrn!« vor sich hinmurmelte, gießt nun Wein und Wasser
-in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters
-dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich während
-der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren.
-
-Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten
-Christen zu erfüllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch
-an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote
-und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nächsten
-standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein
-Stück zum Andenken an jene heraus und legt die Stücke auf dieselbe
-Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja
-auch jene von dem glühenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite
-des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet
-er ein Stück zum Gedächtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt
-es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm
-Davids spricht: »Die Königin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes
-Gewand gehüllt und reichlich geschmückt.« Dann nimmt er das dritte Brot,
-das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben
-Speer neun Stücke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei
-Stücken anordnet. Er schneidet ein Stück zu Ehren Johannes des Täufers,
-ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel
-heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen
-ihren Abschluß erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen
-Kirchenväter ein viertes Stück, ein fünftes zu Ehren der Märtyrer und
-ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Väter und Mütter
-heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der
-Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stück zu
-Ehren der Wundertäter und Uneigennützigen, ein achtes zu Ehren der
-göttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein
-neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Großen
-heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird.
-Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen
-vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstücke, die er
-herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das
-heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am
-nächsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im
-Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Göttern und Mensch unter
-Menschen.
-
-[Fußnote 5: Diskos.]
-
-Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an
-alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stück zu Ehren
-des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und
-ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtgläubigen Christen
-heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mögen, und endlich schneidet er
-auch noch für jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und
-dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stück heraus. Dann nimmt der
-Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stücke zur Erinnerung an alle
-Verstorbenen aus ihm heraus, indem er für sie betet und Vergebung der
-Sünden für sie erfleht; er betet für die Patriarchen, für die Zaren, die
-Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt
-hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet für alle --
-bis auf den letzten Christen -- für den man sich bei ihm verwendet hat
-oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stück heraus. Zum Schluß
-fleht er selbst um Vergebung aller seiner Sünden, dann schneidet er ein
-Stück für sich selbst heraus und legt alle Stücke auf die heilige Patene
-unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um
-das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche
-versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kämpfende irdische.
-Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er
-Fleisch ward und ein Mensch wurde.
-
-Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krümchen auf der
-Patene zusammen, auf daß nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und
-auf daß alles erfüllet werde.
-
-Dann tritt der Priester vom Altar zurück und fällt vor ihm nieder, als
-beuge er sich vor dem verkörperten Christus selbst; er begrüßt in dieser
-Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen
-Brotes auf Erden; er begrüßt es, indem er mit Thymian räuchert, nachdem
-er das Rauchfaß zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: »Wir
-bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf daß es dufte von
-geistlichen Wohlgerüchen; nimm ihn an auf Deinen hohen über den Himmeln
-thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen
-Geistes.«
-
-Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der
-Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwärtiges verwandelt, und er
-blickt auf diesen Seitenaltar, als wäre er die geheimnisvolle Krippe,
-darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel
-war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel
-verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit
-einem Sterne darüber besteht, umräuchert und auf die Hostienschüssel
-gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wäre, der einst
-über dem Kindlein leuchtete, und er spricht: »Er kam, und der Stern
-stand oben über, da das Kindlein war«: er blickt auf das heilige Brot,
-das für die Opfer bestimmt ist, als wäre es das neugeborene Kindlein,
-als wäre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wären
-die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehüllt war. Nachdem er vor
-der ersten Decke mit Weihrauch geräuchert hat, bedeckt er das heilige
-Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: »Der Herr
-ist König und herrlich geschmückt,« d. h. des Psalms, in dem die
-wunderbare Größe und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf räuchert
-er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen
-Kelch mit ihr, indem er spricht: »O Herr Christus, Deine Güte bedeckt
-die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll«. Er nimmt die große
-Decke, die der heilige Aër genannt wird, und bedeckt nun beides: die
-Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns
-mit Seinem schützenden Flügel zu bedecken; indem dann beide von dem
-Altar zurücktreten, verbeugen sie sich ehrfürchtig vor dem heiligen
-Brote, ganz so, wie einst die Hirtenkönige das neugeborene Kindlein
-anbeteten; hierauf räuchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung
-an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein
-zusamt dem kostbaren Golde darbrachten.
-
-Der Diakon steht auch während dieser Zeit beständig dem Priester
-aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: »Laßt uns
-beten zu dem Herrn« begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen
-Handlung gibt. Endlich nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des
-Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den für Ihn
-zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll.
-»Laßt uns beten zu dem Herrn für die kostbaren Gaben, die wir ihm
-darbringen.« Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben
-zunächst bloß für die Opferhandlung vorbereitet sind, dürfen sie von nun
-ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei
-sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der für
-das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet
-folgendermaßen: »Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die
-Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren
-Heiland, Erlöser und Wohltäter gesandt hast, Der uns gesegnet und
-geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es
-entgegen auf Deinem hoch über den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch
-derer in Deiner Güte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben,
-sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte
-uns unschuldig in der Verrichtung Deiner göttlichen Sakramente.« Und
-nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon räuchert
-unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen
-Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe
-denn die Zeit war, der allgegenwärtig und der immerdar überall zugegen
-war, und er spricht bei sich selbst: »Du warst leibhaftig im Grabe, mit
-Deinem Geist in der Hölle, als Gott mit dem Übeltäter im Paradiese und
-auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles
-vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher.«
-
-Und er tritt mit dem Räucherfaß in der Hand aus dem Altarraum hervor, um
-die ganze Kirche mit Wohlgerüchen zu erfüllen und alle, die sich zum
-heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heißen. Diese
-Räucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch
-im häuslichen Leben aller alten Völker des Orients jedem Gast bei seinem
-Eintritt eine Schüssel zum Waschen und Wohlgerüche dargebracht wurden.
-Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknüpft, an
-das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trägt, in der
-sich der Gottesdienst und die brüderliche Bewirtung und Speisung aller
-in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlöser selbst,
-Der selbst allen diente und die Füße wusch, ein Beispiel gegeben hat.
-Indem dann der Diakon räuchert und sich in gleicher Weise vor allen
-verbeugt, vor den Reichsten wie vor den Ärmsten, heißt er, der Diener
-Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gäste des
-himmlischen Wirtes; er räuchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll
-vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gäste, die zum
-heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und
-untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den
-Tempel mit Wohlgeruch erfüllt hat, kehrt er in den Altarraum zurück, in
-dem er nochmals räuchert; dann stellt er das Räucherfaß endlich
-beiseite, nähert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen
-Hochaltar.
-
-Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich,
-sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen,
-indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie
-anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja
-ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet
-unterweist. »Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen,« sagt der
-Apostel Paulus, »aber der Heilige Geist selbst tritt für uns ein, mit
-unaussprechlichen Seufzern.« Der Priester und der Diakon flehen den
-Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen
-und für ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal
-nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi
-begrüßten: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen
-ein Wohlgefallen.« Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der
-Vorhang der Kirche zurückgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn
-die Gedanken der Betenden auf die höchsten und erhabensten Gegenstände
-hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die Öffnung des Tores zum
-Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, daß die Geburt
-Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, daß nur die Engel im
-Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind
-anzubeten, Kenntnis von ihr besaßen, und daß nur die Propheten sie von
-ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: »O
-Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden.« Der
-Priester küßt das Evangelium, der Diakon küßt den heiligen Hochaltar,
-senkt das Haupt und gibt das Zeichen für den Beginn der Liturgie, indem
-er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: »Es ist
-Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr!« und der Priester segnet
-ihn mit den Worten: »Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort
-und in alle Ewigkeit.« Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen
-Handlung gedenkt, während der er den Flug des Engels vom Altar zur
-Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist
-und einer Seele vereinigen und gewissermaßen eine heilige, alles
-erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefühl, daß er dieser Aufgabe
-nicht würdig ist, fleht er den Priester demütig an: »Bete für mich, o
-Herr!« »Gott lenke deine Schritte!« antwortet ihm der Priester. »Gedenke
-meiner, heiliger Mann!« »Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche
-immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon spricht
-leise, aber mit kräftiger Stimme: »Amen!« und tritt aus der nördlichen
-Tür vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Königspforte
-gegenüberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: »Herr, öffne meinen
-Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden!« und indem er sich dem
-Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: »Segne mich, o Herr!«
-Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen:
-»Gesegnet sei das Reich ...«, und die Liturgie beginnt.
-
-
- Die Liturgie der Katechumenen
-
-Der zweite Teil der Liturgie heißt die Liturgie der Katechumenen. Wie
-der erste Teil, d. h. das Offertorium, den ersten Lebensjahren Christi,
-Seiner Geburt, die nur den Engeln und wenigen Menschen offenbart war,
-Seiner Kindheit und Seinem Aufenthalt in tiefster Zurückgezogenheit und
-Verborgenheit, bis zu Seinem Auftreten in der Welt entspricht, so
-entspricht der zweite Teil Seinem Leben inmitten der Welt und der
-Menschen, denen Er das Wort der Wahrheit verkündigt hat. Dieser Teil
-heißt auch deshalb noch die Liturgie der Katechumenen, weil während der
-ersten christlichen Zeit auch die zu ihr zugelassen wurden, die erst
-Christen werden wollten, die sich erst darauf vorbereiteten, noch nicht
-die heilige Taufe empfangen hatten und zu den Katechumenen gehörten.
-Dazu kommt noch, daß die heilige Handlung, die aus der Verlesung der
-Propheten, der Epistel und des heiligen Evangeliums besteht, in erster
-Linie einen verkündigenden Charakter trägt.
-
-Der Priester beginnt die Liturgie, indem er aus dem Inneren des
-Altarraumes ruft: »Gelobt sei das Reich des Vaters, des Sohnes und des
-Heiligen Geistes ...« Da durch die Fleischwerdung des Sohnes der Welt
-das Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit deutlich geoffenbart ward, geht
-und leuchtet die Verkündigung der Heiligen Dreieinigkeit dem Beginn
-aller heiligen Handlungen voran; der Betende muß daher allem entsagen,
-sich aller anderen Gedanken entledigen und sich gänzlich in das Reich
-der Heiligen Dreieinigkeit versetzen.
-
-Der Diakon steht auf der Kanzel und hat sein Gesicht der Königspforte
-zugewendet. So stellt er einen Engel und Erwecker dar, der die Menschen
-zum Gebet anfeuert; er hebt mit drei Fingern seiner Hand das schmale
-Band -- das Sinnbild des Engelsflügels -- empor und ruft das ganze
-versammelte Volk auf, die Gebete zu sprechen, die die Kirche seit den
-Zeiten der Apostel unablässig zum Himmel emporsendet, deren erstes die
-Bitte um Frieden ist, ohne die man überhaupt nicht zu beten vermag. Die
-versammelten Andächtigen bekreuzigen sich, suchen ihre Herzen in
-harmonisch abgestimmte Saiten eines Instruments umzuwandeln, die bei
-jedem Wort des Diakons mitschwingen, und rufen im Geiste zugleich mit
-dem Chor der Sänger aus: »Herr, erbarme Dich unser!«
-
-Der Diakon steht auf der Kanzel, er hält die Gebetstola, die den
-erhobenen Flügel eines Engels darstellt, der die Gemeinde zum Gebet
-anfeuern soll, empor und ruft die Gemeinde zum Gebet auf: er fordert sie
-auf, an die höhere Welt und die Rettung unserer Seelen zu denken und zu
-beten für den Frieden der ganzen Welt, das Wohlergehen der heiligen
-Kirchen und die Vereinigung ihrer aller, für den heiligen Tempel und
-die, die ihn gläubig mit Andacht und Ehrfurcht betreten, für den Kaiser,
-den Synod, die geistliche und weltliche Obrigkeit, den Richterstand und
-den Militärstand, für die Stadt, für das Haus, darin die Liturgie
-zelebriert wird, zu bitten um Reinheit und Gesundheit der Luft, um eine
-reiche Ernte, um friedliche Zeiten, für die Seefahrer und Reisenden, für
-die Kranken und Leidenden, für die Gefangenen und ihre Errettung; er
-fordert die Gemeinde auf, Gott zu bitten, daß Er uns vor jeglichem
-Kummer, Zorn und Not bewahren möge, und indem die Versammlung der
-Andächtigen alles mit dieser allumschließenden Kette von Gebeten, die
-die große Ektenia heißt, umschlingt, erwidert sie jedesmal, wenn sie
-angerufen wird, zusammen mit dem Chor der Sänger: »Herr, erbarme Dich!«
-
-Im Bewußtsein der Ohnmacht unserer Gebete, denen es an Seelenweisheit
-fehlt und denen kein reiner himmlischer Lebenswandel entspricht, fordert
-der Diakon, derer gedenkend, die da besser zu beten verstanden als wir,
-die Gemeinde auf, sich selbst, einander und das ganze Leben unserem
-Gotte Christus zu weihen. In dem aufrichtigen Wunsch, sich selbst,
-einander und ihr ganzes Leben Christus, unserem Gotte zu weihen, wie
-dies die heilige Mutter Gottes, die Heiligen und die, die besser waren
-als wir, verstanden, ruft die ganze Kirche zusammen mit dem Sängerchor:
-»Dir, o Herr!« Der Diakon beschließt die Kette der Gebete mit einem
-Lobgesang auf die Dreieinigkeit, die sich wie ein alles
-zusammenhaltender Faden durch die ganze Liturgie hindurchzieht und jede
-Handlung einleitet und beschließt. Die Versammlung der Andächtigen
-antwortet mit einem bestätigenden »Amen! Ja, so geschehe es!« Der Diakon
-steigt von der Kanzel herab, und es beginnt der Abgesang der Antiphone.
-
-Die Antiphone sind Wechselgesänge, d. h. Lieder, die den Psalmen
-entnommen sind und das Erscheinen des göttlichen Sohnes in der Welt
-prophetisch ankündigen; sie werden abwechselnd von einem der beiden
-Sängerchöre, die auf beiden Chören postiert sind, gesungen; sie bilden
-einen Ersatz für die älteren Psalmodien und sind kürzer als diese.
-
-Während des Abgesangs des ersten Antiphons betet der Priester im Inneren
-des Altarraumes für sich; der Diakon steht unterdessen in betender
-Stellung vor dem Bilde des Heilands, indem er die Stola mit drei Fingern
-seiner Hand emporhält. Wenn der Gesang des ersten Antiphons beendet ist,
-besteigt er aufs neue die Kanzel und wendet sich mit folgenden Worten an
-die versammelten Andächtigen: »Laßt uns abermals und abermals zu Gott
-beten!« Die versammelten Andächtigen rufen: »Herr, erbarme Dich unser!«
-Der Diakon wendet sich nun den Bildern der Heiligen zu und fordert die
-Gemeinde auf, der Mutter Gottes und aller Heiligen zu gedenken und sich
-selbst, einander, sowie das ganze Leben unserem Gotte Christus zu
-weihen. Die Gemeinde ruft aus: »Dir, o Gott!« Der Diakon beschließt
-diesen Teil mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze
-Kirche ruft bestätigend Amen, und dann folgt der Abgesang des zweiten
-Antiphons.
-
-Während des zweiten Antiphons betet der Priester im Altarraum bei sich
-selbst. Der Diakon tritt wieder in betender Stellung vor das
-Heiligenbild des Erlösers, indem er die Gebetstola mit drei Fingern der
-Hand emporhält; nach Beendigung des Gesanges besteigt er abermals die
-Kanzel, blickt auf die Bilder der Heiligen und ruft die Gemeinde wie
-vorhin mit den Worten auf: »Laßt uns in Frieden zu dem Herrn beten!« Die
-Gemeinde erwidert: »Herr Gott, [erbarme Dich.« Der Diakon ruft aus]: »O
-Gott, hilf uns, sei uns gnädig, errette uns, behüte uns durch Deine
-Gnade!« Die Gemeinde erwidert: »Herr Gott, erbarme Dich unser!« Der
-Diakon blickt auf die Bilder der Heiligen [und ruft aus]: »Laßt uns
-unserer heiligen, unbefleckten, hochgelobten, herrlichen Gebieterin, der
-Jungfrau und aller Heiligen gedenken und uns selbst, einander und unser
-ganzes Leben Christus, unserem Gotte weihen!« Die Gemeinde antwortet:
-»Dir, o Herr!« Das Gebet endet mit einer Lobpreisung der Heiligen
-Dreieinigkeit. Die ganze Kirche antwortet bestätigend: »Amen,« und der
-Diakon steigt von der Kanzel herab. Der Priester betet im Inneren des
-Altarraumes bei sich selbst, indem er spricht: »Du, Der Du uns dies
-gemeinsame einträchtige Gebet schenktest, Du, Der Du verhießest, wenn
-zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind, zu gewähren, worum sie
-bitten! erfülle die Bitten Deiner Knechte zu ihrem eigenen Besten;
-schenke uns in diesem Leben die Erkenntnis Deiner Wahrheit und schenke
-uns im künftigen das ewige Leben.«
-
-Jetzt werden vom Chor so laut, daß alle es hören können, die
-Seligpreisungen verkündet, die uns in diesem Leben die Erkenntnis der
-Wahrheit und im künftigen ein ewiges Leben verheißen. Die andächtige
-Gemeinde spricht die Worte des weiseren Übeltäters, der Christus am
-Kreuze anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst,«
-und wiederholt nach dem Vorleser die Worte des Heilandes: »_Selig sind,
-die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer_« -- d. h.
-die, die sich nicht überheben und sich nicht mit ihrem Verstande
-brüsten.
-
-»_Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden_« --
-d. h. die, die da noch mehr über ihre eigenen Unvollkommenheiten und
-Verfehlungen, als über die Beleidigungen und Kränkungen trauern, die
-ihnen zugefügt werden.
-
-»_Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen_«
--- d. h. die, die wider niemand Zorn in ihrem Herzen hegen, allen
-vergeben und von Liebe erfüllet sind, deren Waffe die alles besiegende
-Güte ist.
-
-»_Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn
-sie sollen satt werden_« -- d. h. die, die nach der himmlischen
-Gerechtigkeit dürsten und sich vor allem danach sehnen, sie in sich
-selbst herzustellen.
-
-»_Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen_«
--- d. h. die, die jeden ihrer Brüder bemitleiden und in jedem, der ihnen
-bittend naht, Christus selbst erkennen, der für ihn bittet.
-
-»_Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen_« --
-wie sich in dem reinen Spiegel eines ruhigen Gewässers, das weder durch
-Sand noch Schlamm getrübt wird, das reine Himmelsgewölbe spiegelt, so
-gibt es auch in dem Spiegel eines reinen Herzens, das von keinen
-Leidenschaften aufgewühlt wird, kaum noch etwas Menschliches mehr, und
-nur Gottes Bildnis spiegelt sich in ihm.
-
-»_Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen_«
--- gleich dem Sohne Gottes selbst, der auf die Erde herabstieg, um
-unseren Seelen Frieden zu bringen, so sind auch die, die da Frieden und
-Versöhnung in unser Heim tragen, wahrhafte Söhne Gottes.
-
-»_Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das
-Himmelreich ist ihrer_« -- d. h. die, die verfolgt werden, weil sie die
-Gerechtigkeit nicht bloß mit dem Munde, sondern durch die
-Wohlgefälligkeit ihres ganzen Lebens verkündigen.
-
-»_Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und
-verfolgen, und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen. Seid
-fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden_«; --
-ihr Verdienst ist ein dreifaches; erstlich sind sie schon an und für
-sich rein und unschuldig, zweitens werden sie geschmäht, obwohl sie rein
-sind, und drittens freuen sie sich, daß sie um Christi willen leiden,
-obwohl sie unschuldig sind.
-
-Die Gemeinde der Andächtigen spricht dem Vorleser mit vor Tränen
-bebender Stimme diese Worte des Heilandes nach, die da verkündigen, wer
-in der Zukunft auf ein ewiges Leben hoffen und warten darf, welche die
-wahren Könige der Welt, die Erben des Himmels sind und am himmlischen
-Reiche teilhaben.
-
-Jetzt öffnet sich feierlich die Königspforte, als wäre sie das Tor zum
-himmlischen Königreiche, und dem Auge aller Anwesenden bietet sich der
-schimmernde Hochaltar dar, der den Sitz des göttlichen Ruhms und die
-höchste Lehrstätte darstellt, aus der wir die Erkenntnis der Wahrheit
-schöpfen und die uns das _ewige Leben_ verheißt. Der Priester und der
-Diakon nähern sich dem Altar, nehmen das Evangelium und bringen es dem
-Volke dar; hierbei gehen sie nicht durch die Königspforte, sondern durch
-eine Seitentür, die die Tür der Seitenkammer darstellt, der man in der
-ersten Zeit die Bücher entnahm. Diese wurden dann in die Mitte des
-Tempels getragen, worauf hier aus ihnen vorgelesen wurde.
-
-Die Gemeinde der Andächtigen richtet ihre Blicke auf das Evangelium, das
-die demütigen Diener der Kirche in den Händen tragen, als wäre es der
-Heiland selbst, der zum erstenmal hervortritt, um Gottes Wort zu
-verkündigen; er schreitet durch die schmale nördliche Tür, gleichsam
-unerkannt, bis in die Mitte der Kirche, um, nachdem er sich allen
-gezeigt hat, durch die Königspforte wieder ins Allerheiligste
-zurückzukehren. Die beiden Diener Gottes bleiben mitten in der Kirche
-stehen; beide beugen ihr Haupt. Der Priester betet bei sich selbst, »Er,
-Der im Himmel die Heerscharen der Engel und die himmlischen Würden
-eingesetzt hat, auf daß sie Seinem Ruhm und Seiner Ehre dieneten, möge
-diesen Engeln und himmlischen Kräften, die Ihm mit uns dienen, gebieten,
-mit uns zusammen das Allerheiligste zu betreten«. Der Diakon weist mit
-der Gebetstola auf die Königspforte und spricht zum Priester: »Segne, o
-Herr den heiligen Eingang!« -- »Gesegnet sei der Eingang Deiner Heiligen
-immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« erwidert der Priester.
-Der Diakon reicht ihm das heilige Evangelium zum Kusse hin und trägt es
-in den Altarraum, bleibt jedoch inmitten der Königspforte stehen, hebt
-es hoch mit den Händen empor und ruft: »Höchste Weisheit!« wodurch er
-ausdrücken will, daß das Wort Gottes, Sein Sohn, Seine ewige höchste
-Weisheit der Welt durch das Evangelium verkündet ward, das er jetzt mit
-seinen Händen emporhebt. Dann ruft er: »Verzeih!« d. h.: »Erwachet,
-rafft euch auf, überwindet eure Trägheit und Lässigkeit!« Die Gemeinde
-der Andächtigen richtet ihren Geist empor und singt zusammen mit dem
-Chor: »Kommt, laßt uns vor Christus niederfallen und Ihn anbeten!
-Errette uns, Du Sohn Gottes, uns, die wir Dir >_Halleluja_< singen!« Das
-hebräische Wort Halleluja bedeutet soviel wie: »Der Herr _kommt
-gegangen_, lobet den Herrn!« da jedoch das Wort kommt gegangen nach dem
-Sinn der heiligen Sprache Gegenwart und Zukunft in einem ausdrückt, d.
-h. es kommt der, der schon gekommen ist und der wiederkommen wird, so
-begleitet dieses Wort _Halleluja_, das das ewige Wandeln Gottes
-ankündigt, jedesmal solche heilige Handlungen, bei denen Gott selbst in
-Gestalt des Evangeliums oder der heiligen Gaben zum Volke hinaustritt.
-
-Das Evangelium, das die frohe Botschaft vom Worte des Lebens verkündigt,
-wird auf den Hochaltar gestellt. Auf dem Chor ertönen jetzt Gesänge zu
-Ehren des Festtages, oder kurze Lobgesänge und Hymnen zu Ehren des
-Heiligen, dem der Tag geweiht ist und den die Kirche feiert, weil er
-denen gleicht, die Christus in den Seligpreisungen aufgezählt hat, und
-weil Er durch das lebendige Beispiel Seines eigenen Lebens gelehrt hat,
-wie wir Ihm nachfolgen und ins ewige Leben eingehen sollen.
-
-Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die Trichagien, d. h. der
-Abgesang des Dreimalheilig. Der Diakon erbittet sich den Segen des
-Priesters, betritt die Königspforte, schwingt die Stola und gibt den
-Sängern das Zeichen. Feierlich und mit Donnerlaut dröhnt der Gesang des
-Dreimalheilig durch die Kirche. Er besteht in folgendem Anrufe Gottes,
-der dreimal wiederholt wird: »Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger
-Unsterblicher, erbarme Dich unser!« Mit dem Ruf: heiliger Gott
-verkündigt das Trichagion Gott den Vater; mit dem Ruf: heiliger Starker
--- Gott den Sohn, Seine Kraft, Sein schaffendes Wort; und mit dem Ruf:
-heiliger Unsterblicher -- Seinen unsterblichen Gedanken, den ewigen
-lebendigen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Dreimal stimmen die
-Sänger diesen Gesang an, damit es bis ans Ohr aller Menschen dringe, daß
-in dem ewigen Sein Gottes das ewige Sein der Dreieinigkeit mitenthalten
-ist und daß es keine Zeit gab, wo Gottes Wort nicht bei Ihm gewesen wäre
-und wo der Heilige Geist Seinem Worte gemangelt hätte. »Der Himmel ist
-durch das Wort des Herrn gemacht, und all sein Heer durch den Geist
-Seines Mundes,« sagt der Prophet David. Jeder in der Gemeinde ist sich
-dessen bewußt, daß auch in ihm als dem Ebenbilde Gottes jene Dreiheit
-enthalten ist: Er selbst, Sein Wort und Sein Geist oder der Gedanke, der
-das Wort bewegt, daß jedoch sein menschliches Wort ohnmächtig ist,
-vergebens ertönt und nichts schafft, daß sein Geist nicht ihm gehört, da
-er von allen möglichen fremden Eindrücken beeinflußt wird, und daß nur
-durch seine Erhebung zu Gott in ihm das eine wie das andere Kraft
-gewinnt: im Worte spiegelt sich Gottes Wort, im Geiste Gottes Geist; das
-Bild der Dreieinigkeit des Schöpfers drückt sich im Geschöpfe ab, und
-das Geschöpf wird seinem Schöpfer ähnlich -- Indem dies jedem bewußt
-wird, betet er, während er dem Trichagion lauscht, innerlich bei sich
-selbst, daß der heilige, starke, unsterbliche Gott sein ganzes Ich
-reinigen und es zu Seinem Tempel und Wohnhaus machen möge, und dabei
-wiederholt er dreimal bei sich selbst: »Heiliger Gott, heiliger Starker,
-heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!« Der Priester betet im
-Inneren des Altarraums leise zu Gott, er möge dieses Trichagion gnädig
-aufnehmen, wirft sich dreimal vor dem Altar nieder und wiederholt
-dreimal bei sich selbst: »Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger
-Unsterblicher!« Auch der Diakon wiederholt gleich ihm dreimal das
-Trichagion und wirft sich zusammen mit dem Priester vor dem Altar
-nieder.
-
-Nachdem der Priester den Kniefall getan hat, besteigt er den erhöhten
-Platz im Allerheiligsten, als dränge er bis in die Tiefe der
-Gotteserkenntnis ein, daher uns das Mysterium der Allerheiligsten
-Dreieinigkeit gekommen ist; dieser Platz symbolisiert jenen höchsten
-erhabensten über allem schwebenden Ort, da der Sohn im Schoße des Vaters
-und in der Einheit mit dem Heiligen Geiste ruht. Durch dieses
-Emporsteigen stellt der Priester das Emporsteigen Christi selbst samt
-dem Fleische in den Schoß des Vaters dar, wodurch der Mensch gleichfalls
-aufgefordert wird, Ihm in den Schoß des Vaters nachzufolgen -- eine
-Wiedergeburt, die schon der Prophet Daniel von ferne vorausgeahnt hat,
-als er in einem erhabenen Gesichte erschaute, wie des Menschen Sohn zu
-dem »Alten der Tage« kam.
-
-Der Priester schreitet nun unerschütterlichen Schrittes voran und
-spricht: »Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn.« Der Diakon
-fleht ihn an: »Segne, o Herr den erhabenen Hochaltar!« und der Priester
-segnet ihn, indem er spricht: »Gelobet seist Du auf dem Throne des Ruhms
-in der Herrlichkeit Deines Reiches. Du thronest auf Cherubim immerdar,
-jetzo, hinfort und von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Dann nimmt er auf dem
-erhöhten Orte Platz, der für den Erzpriester bestimmt ist. Von hier aus
-sucht er wie ein Apostel Gottes und als sein Stellvertreter mit dem
-Gesicht zum Volke gewandt die Aufmerksamkeit der Gemeinde wach zu halten
-und die Gemeinde auf die bevorstehende Vorlesung der Epistel
-vorzubereiten -- er tut dies in sitzender Stellung und deutet hierdurch
-an, daß er selbst den Aposteln gleichgestellt ist.
-
-Der Vorleser tritt mit den Episteln in der Hand in die Mitte des
-Tempels. Mit dem Ruf: »Laßt uns aufmerken!« fordert der Diakon alle
-Anwesenden zur Aufmerksamkeit auf. Der Priester fleht vom Inneren des
-Altarraumes aus Frieden auf den Vorleser und die Anwesenden herab, und
-die Gemeinde der Andächtigen erwidert diesen Wunsch des Priesters mit
-dem gleichen Wunsche. Da sein Dienst jedoch ein rein geistlicher Dienst
-sein muß, gleich dem der Apostel, deren Worte nicht aus ihnen selbst
-kamen, sondern deren Lippen vom Heiligen Geist bewegt wurden, so sagen
-sie nicht: »Friede sei mit dir!« sondern »mit deinem Geiste«! Der Diakon
-ruft aus: »Höchste Weisheit!« Laut und ausdrucksvoll, so daß jedes Wort
-einem jeden vernehmlich ist, beginnt der Vorleser seine Vorlesung;
-aufmerksam, empfänglichen Herzens, mit suchender Seele und einem
-Verständnis, das den inneren Sinn des Vorgelesenen zu erfassen sucht,
-lauscht die Versammlung, denn die Vorlesung der Epistel ist eine Stufe
-und Leiter zum besseren Verständnis der Evangelien. Wenn der Vorleser
-seine Vorlesung beendigt hat, ruft ihm der Priester aus dem Inneren des
-Altarraumes zu: »Friede sei mit dir!« Der Chor antwortet: »Und mit
-deinem Geiste!« Der Diakon ruft aus: »Höchste Weisheit!« Der Chor singt
-ein donnerndes »Halleluja!«, das das Nahen des Herrn ankündigt, Der
-kommt, um durch den Mund des Evangeliums zum Volke zu sprechen.
-
-Nunmehr erscheint der Diakon mit dem Räucherfaß in der Hand, um den
-Tempel mit Wohlgerüchen zu erfüllen und für den Empfang des Herrn, der
-da naht, vorzubereiten; dieses Räuchern soll uns an die geistige
-Reinigung unserer Seelen ermahnen, denn wir sollen die wohltönenden
-Worte des Evangeliums reinen Herzens anhören. Der Priester betet im
-Innern des Altarraumes bei sich selbst, er bittet, daß das Licht der
-göttlichen Weisheit in unseren Herzen aufgehen und daß unsere geistigen
-Augen sich öffnen mögen, auf daß wir die Predigt des Evangeliums
-verständnisvoll in uns aufnehmen. Auch die Gemeinde betet leise bei sich
-selbst, sie bittet, daß das gleiche Licht auch in ihrem Herzen aufgehen
-möge, und bereitet sich auf die Vorlesung vor. Der Diakon erbittet sich
-den Segen des Priesters, dieser erwidert ihm mit dem Wunsche: »Gott
-verleihe auf Fürbitte des hochheiligen, hochgelobten Apostels und
-Evangelisten [hier folgt sein Name] deiner Stimme große Kraft, daß du
-die frohe Botschaft machtvoll verkündigest, auf daß erfüllet werde das
-Evangelium Seines innig geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi!«
-Hierauf besteigt der Diakon die Kanzel, wobei ihm eine Leuchte
-vorangetragen wird, die das alles erleuchtende Licht Jesu Christi
-symbolisiert. Der Priester ruft der Gemeinde aus dem Inneren des
-Altarraumes zu: »Höchste Weisheit! Vergib! Laßt uns dem heiligen
-Evangelium lauschen! Friede sei mit euch allen!« Der Chor antwortet:
-»Und mit deinem Geiste!«, worauf der Diakon seine Vorlesung beginnt.
-
-Alle beugen andächtig ihr Haupt, als lauschten sie den Worten Christi
-selbst, Der von der Kanzel zu ihnen spricht, und als bemühten sie sich,
-die Saat des heiligen Wortes die der himmlische Säemann selbst durch den
-Mund Seines Dieners ausstreut, in sich, in ihr Herz, aufzunehmen; --
-nicht mit einem Herzen, das der Heiland mit der Erde am Wege vergleicht,
-auf die zwar auch einige Samenkörner fallen, um jedoch sofort von den
-Vögeln -- den bösen Gedanken und Absichten -- aufgefressen zu werden; --
-auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem steinigen Erdreich
-vergleicht, das nur ganz oberflächlich mit Erde bedeckt ist, sie, die
-das Wort zwar willig aufnehmen, es aber nicht tief Wurzeln schlagen
-lassen, da es ihnen an Herzenstiefe fehlt; -- auch nicht mit solch einem
-Herzen, das Er mit dem verwahrlosten und ungesäuberten Acker vergleicht,
-der von Dornen überwuchert ist, auf dem die Saat zwar aufgeht, dessen
-eben aufsprießende Keime jedoch von den schnell emporwachsenden Dornen
--- den Dornen zeitlicher Sorgen und Mühen, den Dornen der Versuchungen
-und der zahllosen Lockungen des ertötenden, weltlichen Lebens mit seinen
-trügerischen Reizen und Annehmlichkeiten -- sofort erstickt werden, --
-so daß die Saat keine Frucht trägt; wohl aber mit jenem hingebungsvollen
-Herzen, das Er mit gutem Lande vergleicht, welches Frucht trägt --
-etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig
---, das alles, was es in sich aufnimmt, beim Verlassen der Kirche, zu
-Hause, in der Familie, im Dienst, während der Arbeit, während der
-Mußestunden und Vergnügungen, im Gespräche mit anderen Menschen, und,
-wenn es mit sich allein ist, wieder zurückerstattet. Kurz, jeder
-Gläubige bemüht sich, ein Hörer und Täter des Wortes zugleich zu sein,
-den der Heiland mit dem weisen Manne gleichzumachen verspricht, der sein
-Haus nicht auf Sand, sondern auf einem Felsen erbaut, so daß sein
-geistiges Heim, selbst wenn sich, gleich nachdem er die Kirche verlassen
-hat, Regen, Flüsse und Wirbelstürme, alle möglichen Leiden und
-Mißgeschick wider ihn erhöben, unerschütterlich dastehen wird, gleich
-einer auf einem Felsen erbauten Feste.
-
-Nachdem die Vorlesung beendigt ist, ruft der Priester dem Diakon aus dem
-Inneren des Tempels zu: »Friede sei mit dir, der du frohe Botschaft
-verkündigst!« Alle Anwesenden erheben ihr Haupt und rufen im Gefühl
-ihrer Dankbarkeit zugleich mit dem Chor: »Ehre sei Dir, unserem Gott,
-Ehre sei Dir!« Der in der Königspforte stehende Priester nimmt das
-Evangelium aus den Händen des Diakons entgegen und stellt es auf den
-Altar, als das Wort, das von Gott ausgegangen ist und nun zu Ihm
-zurückkehrt. Der Hochaltar, der die höchsten erhabensten Gefilde
-darstellt, entzieht sich jetzt den Augen der Gemeinde -- die
-Königspforte schließt sich, und die Tür zum Allerheiligsten wird
-verhängt zum Zeichen, daß es keine andere Tür zum Himmelreiche gibt als
-die, die uns Christus geöffnet hat, und daß wir nur mit Ihm durch sie
-eintreten können, denn es heißt: »Ich bin die Tür.«
-
-Hiernach pflegte während der ersten christlichen Zeit die Predigt
-stattzufinden, worauf die Erklärung und Interpretation der verlesenen
-Evangelientexte folgte. Da jedoch in unserer Zeit meist über andere
-Texte gepredigt wird, und da folglich die Predigt nicht zur Erklärung
-der vorgelesenen Evangelientexte dient, so wird sie, um den Zusammenhang
-und die strenge harmonische Ordnung der heiligen Liturgie nicht zu
-stören, ans Ende gestellt.
-
-Der Diakon besteigt sodann, den Engel, der die Menschen zum Gebet
-anfeuert, versinnbildlichend, die Kanzel, um die Gemeinde zu noch
-inbrünstigerem Gebet aufzurufen. Er ruft: »Lasset uns beten aus ganzem
-Herzen, ganzer Seele, lasset uns beten aus ganzem Gemüt,« indem er die
-Gebetstola mit drei Fingern in die Höhe hebt; und während alle aus
-tiefster Seele inbrünstige Gebete zum Himmel emporrichten, rufen sie
-aus: »Herr, erbarme Dich!« Der Diakon aber unterstützt und verstärkt
-seinerseits das Gebet noch, indem er dreimal um Erbarmen fleht, und er
-fordert die Gemeinde nochmals auf, für alle Menschen zu beten, welchen
-Rang und welches Amt sie auch immer bekleiden mögen; zunächst und in
-erster Linie für die in den höchsten Ämtern und Stellungen, wo es der
-Mensch am schwersten hat, wo er am leichtesten strauchelt und wo er der
-Hilfe Gottes am meisten bedarf. Jeder von den Versammelten betet, da er
-weiß, in wie hohem Grade die Wohlfahrt vieler Menschen davon abhängt,
-daß die Mächtigen redlich ihre Pflicht erfüllen, inbrünstig und bittet
-Gott, Er möge sie erleuchten und belehren, getreulich ihre Schuldigkeit
-zu tun, und jedem Kraft verleihen, seine irdische Laufbahn in
-ehrenhafter Weise zu vollenden. Darum beten alle inniglich, indem sie
-nun nicht mehr einmal, sondern dreimal nacheinander rufen: »Herr,
-erbarme Dich!« Die ganze Reihe dieser Gebete heißt: doppelte Ektenia
-oder die Ektenia des inbrünstigen Gebets, und der Priester bittet im
-Altar vor dem Gottestisch inniglich um Erhörung dieser allgemeinen
-verstärkten Gebete, und sein Gebet heißt das Gebet der inbrünstigen
-Bitte.
-
-Wenn an jenem Tage eine Seelenmesse zu Ehren der Toten stattfindet, so
-wird gleich nach der doppelten Ektenia noch eine Ektenia zu Ehren der
-Entschlafenen verkündigt. Der Diakon hält die Stola mit drei Fingern
-seiner Hand empor und fordert die Gemeinde auf, für den Seelenfrieden
-der Knechte Gottes zu beten, die er alle beim Namen nennt, auf daß Gott
-ihnen alle ihre Sünden, ihre bewußten und unbewußten Verfehlungen
-vergeben und ihre Seelen dorthin versetzen möge, wo die Gerechten in
-Frieden weilen. Bei dieser Gelegenheit gedenkt jeder der Anwesenden
-aller Verstorbenen, die seinem Herzen nahestanden, und beantwortet jeden
-Ruf des Diakons mit einem dreimaligen: »Herr, erbarme Dich!« indem er
-inbrünstig für seine Lieben und für alle entschlafenen Christen betet.
-»Wir flehen Dich an, Christus, unser Gott, unsterblicher König, gewähre
-uns Deine göttliche Gnade, das Himmelreich und Vergebung der Sünden!«
-ruft der Diakon aus. Die Gemeinde erwidert zugleich mit dem Sängerchor:
-»Gewähre es uns, o Herr!« Der Priester aber betet im Inneren des
-Altarraums und bittet den Überwinder des Todes, Ihn, der uns das ewige
-Leben schenkte, Er möge die Seelen Seiner entschlafenen Knechte in
-Frieden in die friedlichen grünen Gefilde, die von Krankheiten, Kummer
-und Seufzern gemieden werden, eingehen lassen; er bittet in seinem
-Herzen, Er möge ihnen alle ihre Sünden erlassen und verkündet laut:
-»Christus, unser Gott, da Du bist die Auferstehung, das Leben und der
-Frieden Deiner entschlafenen Knechte, so singen wir Dir Preis und Ruhm
-samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gütigen,
-lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit.« Der Chor ruft
-bestätigend: »Amen,« worauf der Diakon die Ektenia für die Katechumenen
-beginnt.
-
-Obwohl die Zahl der noch nicht Getauften und derer, die noch zu den
-Katechumenen zählen, heute nur noch gering ist, denkt doch jeder
-Anwesende daran, wie weit er durch Glauben und Taten noch hinter den
-Gläubigen zurücksteht, die gewürdigt wurden, an den Liebesmahlen der
-ersten christlichen Zeit teilzunehmen, sieht ein, wie er gleichsam bloß
-bei Christus in die Lehre gegangen ist, jedoch sein Leben noch nicht mit
-Ihm erfüllt hat, wie er erst die Weisheit Seiner Worte versteht, sie
-aber in seinem Leben noch nicht verwirklicht, wie kalt sein Glaube noch
-ist, und wie es ihm noch an dem Feuer einer allesverzeihenden Liebe zu
-seinem Bruder gebricht, einer Liebe, die alle Herzenskälte und Dürre
-verzehrt, und wie er, obwohl er mit dem Wasser auf den Namen Christi
-getauft ward, doch noch der geistigen Wiedergeburt nicht teilhaftig ist,
-ohne die sein Christentum nach den eigenen Worten des Heilandes nichts
-ist, Der da spricht: »Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde,
-kann er das Reich Gottes nicht sehen!« -- Indem also jeder Anwesende
-dessen eingedenk ist, zählt er sich demutsvoll zu den Katechumenen, und
-so antwortet er denn auch auf den Ruf des Diakons: »Lasset uns zu Gott
-beten, Katechumenen!« aus der Tiefe seines Herzens: »Gott, erbarme Dich
-unser!«
-
-Hierauf ruft der Diakon: »Ihr Gläubigen, lasset uns für die Katechumenen
-beten und Ihn bitten, Er möge ihnen gnädig sein, sie erwecken mit dem
-Worte der Wahrheit, ihnen das Evangelium der Gerechtigkeit offenbaren,
-sie vereinigen in Seiner heiligen allgemeinen apostolischen Kirche, Er
-möge sie erretten, Sich ihrer erbarmen, ihnen beistehen und sie erhalten
-in Seiner Gnade.«
-
-Und die Gläubigen beten, tief durchdrungen von dem Gefühle, wie wenig
-sie den Namen der Gläubigen verdienen, indem sie für die Katechumenen
-bitten, auch für sich selbst und beantworten jeden Ruf des Diakons in
-ihrem Innern, indem sie mit dem Sängerchor die Worte nachsprechen:
-»Herr, erbarme Dich unser!« Der Diakon ruft: »Katechumenen, beugt euer
-Haupt vor Gott!«, und alle beugen ihr Haupt, indem sie innerlich
-ausrufen: »Vor Dir, o Herr!«
-
-Der Priester betet leise für die Katechumenen, sowie für die, die sich
-in ihrer Herzensdemut unter die Katechumenen versetzt haben. Sein Gebet
-hat folgenden Wortlaut: »Herr, unser Gott, Der Du in der Höhe wohnst und
-herabsiehst auf die Demütigen, Der Du das Heil herabsandtest dem
-menschlichen Geschlechte in Gestalt Jesu Christi, Deines Sohnes, unseres
-Herrn und Gottes! Blicke nieder auf die Katechumenen, Deine Knechte, die
-ihren Nacken vor Dir beugen! Nimm sie auf in Deine Kirche und in Deine
-auserwählte Herde, auf daß sie mit uns Deinen hehren, herrlichen Namen
-loben und preisen den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, jetzo,
-hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Chor fällt mit einem donnernden
-»Amen!« ein. Und in Erinnerung, daß nun der Augenblick gekommen ist, wo
-ehemals die Katechumenen aus der Kirche herausgeführt wurden, ruft der
-Diakon mit lauter Stimme: »Tretet heraus, Katechumenen!« Hierauf erhebt
-er abermals die Stimme und ruft noch einmal: »Tretet heraus,
-Katechumenen!« Und endlich ruft er noch ein drittes Mal aus: »Tretet
-heraus, Katechumenen! Keiner von euch Katechumenen, sondern ihr
-Gläubigen alleine, laßt uns abermals und abermals zu Gott beten!«
-
-Bei diesen Worten erbeben alle im Bewußtsein ihrer Unwürdigkeit.
-Inbrünstig flehen sie in Gedanken Christus selbst um Gnade an, Der die
-Käufer und die schamlosen Krämer, die Sein Heiligtum zu einer
-Mördergrube gemacht hatten, aus dem Tempel Gottes jagte, und jeder
-Anwesende bemüht sich, den Katechumenen, der noch nicht darauf
-vorbereitet ist, in dem Heiligtume zu weilen, aus dem Tempel seiner
-Seele zu vertreiben, und er betet zu Christus, Er möge selbst den
-Gläubigen, der in die auserwählte Herde aufgenommen wird, in ihm
-erwecken, denn von ihm sagt der Apostel: »Ein heiliges Volk, Menschen
-der Erneuerung sind die Steine, aus denen der Tempel erbaut wird«; Er
-möge ihn erwecken ihn, der zu den wahrhaften Gläubigen gehört, die
-während der Zeit der ersten Christen, deren Gesichter von der
-Ikonostasis auf den Andächtigen herabblicken, an der Liturgie
-teilnahmen. Und indem er sie alle mit seinem Blick umfaßt, fleht er sie
-um Hilfe an, als seine Brüder, die jetzt im Himmel anbeten, denn nunmehr
-steht die allerheiligste Handlung bevor; es beginnt die Liturgie der
-Gläubigen.
-
-
- Die Liturgie der Gläubigen
-
-Im geschlossenen Altarraum breitet der Priester auf dem heiligen
-Hochaltar das Antiminsion oder Corporale aus -- ein Tuch, auf dem der
-Körper des Heilands abgebildet ist --, worauf das von ihm während des
-Offertoriums zubereitete Brot und der mit Wasser und Wein gefüllte Kelch
-gestellt werden, die jetzt im Angesicht aller Gläubigen vom Seitenaltar
-herbeigetragen werden. Das Corporale, das der Priester über den
-Hochaltar breitet, soll an die Zeiten der Christenverfolgungen erinnern,
-als die Kirche noch kein ständiges Heim hatte; man bediente sich damals,
-da der Altar nicht von einem Ort zum anderen getragen werden konnte,
-dieses Tuches sowie einzelner Stücke von Reliquien; dies Corporale ist
-noch heute im Gebrauch, um anzudeuten, daß die Kirche auch heute noch
-nicht an ein einzelnes bestimmtes Haus, an eine Stadt oder an einen Ort
-gebunden ist, sondern wie ein Schiff noch auf den Wellen dieser Welt
-schwebt, ohne irgendwo vor Anker zu gehen, denn ihr Anker ruht im
-Himmel. Nachdem also der Priester das Corporale ausgebreitet hat, tritt
-er vor den Tisch, wie wenn er das erstemal vor ihn hinträte und als ob
-er sich erst jetzt für die eigentliche heilige Handlung vorbereite: in
-der ersten christlichen Zeit wurde nämlich der Altar erst in diesem
-Augenblick geöffnet, bis dahin blieb er geschlossen und verhängt, weil
-ja die Katechumenen noch anwesend waren, und erst jetzt begannen die
-eigentlichen Gebete der Gläubigen. Der Priester fällt in dem noch immer
-geschlossenen Altarraum vor dem Tische nieder und betet zwei Gebete der
-Gläubigen, in denen er Gott bittet, seine Seele zu reinigen, und Ihn
-anfleht, ihn gerecht vor den heiligen Altar treten zu lassen, auf daß er
-würdig werde, das Opfer reinen Gewissens darzubringen. Der Diakon steht
-indessen auf der Kanzel inmitten der Kirche, einen Engel darstellend,
-der die Gemeinde zum Gebet anfeuert; er hält die Gebetstola mit drei
-Fingern empor und ruft alle Gläubigen zu denselben Gebeten auf, mit
-denen die Liturgie der Katechumenen begann.
-
-Alle Gläubigen sind bemüht, ihre Herzen mit einem einträchtigen,
-friedlichen, versöhnlichen Gefühl zu erfüllen, das jetzt noch
-notwendiger ist, und rufen: »Herr, erbarme Dich!«; sie beten noch
-inbrünstiger und flehen Gott um den höheren Frieden, um Errettung
-unserer Seelen, um den Frieden der Welt, die Wohlfahrt der Kirchen
-Gottes und ihre Einigung an; sie beten für diesen heiligen Tempel und
-für die, die ihn andächtig und gottesfürchtig betreten, und bitten Gott,
-Er möge sie vor Kummer, Zorn und Not bewahren. Und sie rufen noch
-inbrünstiger in ihrem Herzen: »Herr, erbarme Dich!«
-
-Der Priester ruft aus dem Inneren des Altarraumes: »Höchste Weisheit!«,
-womit er andeutet, daß dieselbe höchste Weisheit, derselbe ewige Sohn,
-Der in Gestalt des Evangeliums ausging, das Wort auszusäen, daraus wir
-Belehrung schöpfen, wie wir leben sollen, Sich jetzt in das heilige Brot
-verwandeln wird, um Sich für die ganze Welt aufzuopfern. Alle Anwesenden
-bereiten sich, aufgerüttelt durch diese Vorstellung, begeistert auf den
-nunmehr bevorstehenden hochheiligen Gottesdienst vor und richten ihre
-Gedanken auf ihn. Der Priester, der die Liturgie zelebriert, betet leise
-bei sich, fällt vor dem Tische nieder und spricht folgendes erhabene
-Gebet: »Keiner, der noch durch fleischliche Lüste und Genüsse gefesselt
-wird, ist würdig, sich Dir zu nahen, vor Dich hinzutreten oder Dir zu
-dienen, Herr der Liebe; denn Dein Dienst ist groß und furchtbar, selbst
-für die himmlischen Mächte. Allein da Du in Deiner unermeßlichen
-Menschenliebe wahrhaftig und ewiglich Mensch, da Du selbst Hoherpriester
-wurdest und selbst das Sakrament dieses Gottesdienstes und dieses
-unblutigen Opfers einsetztest, als Herr unser aller -- denn Du allein, o
-Gott, herrschst über alle himmlischen und irdischen Geschöpfe und
-sitzest auf dem Throne, der von Cherubim getragen wird, Gott der
-Seraphim und König von Israel, Der Du allein heilig bist und in den
-Heiligen wohnest --, so flehe ich Dich an, Dich, den Einen, Guten, sieh
-herab auf mich armen Sünder und Deinen unwürdigen Knecht, reinige meine
-Seele und mein Herz von bösen Gedanken und mache mich würdig, bekleidet
-mit der priesterlichen Gnade, mache mich würdig durch die Macht Deines
-Heiligen Geistes, vor Deinen Tisch zu treten und Deinen heiligen reinen
-Leib und Dein gerechtes Blut zu konsekrieren. Ich trete vor Dich hin,
-beuge meinen Nacken und bete zu Dir: wende Dein Angesicht nicht von mir
-ab und verstoße mich nicht aus der Schar Deiner Knechte, sondern laß es
-geschehen, daß diese Deine Gaben Dir dargebracht werden durch mich
-Unwürdigen. Denn Du bist der Darbringende und Dargebrachte, der
-Empfangende und Der, Der sie austeilt, Christus unser Gott, wir singen
-Dir Ruhm und Preis samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten,
-gütigen und lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle
-Ewigkeit.«
-
-Mitten während des Gebetes öffnet sich die Königspforte, und man sieht
-den Priester mit ausgebreiteten Armen und in betender Stellung knien.
-Der Diakon kommt mit dem Räucherfaß in der Hand gegangen, um dem
-höchsten König den Weg zu bereiten, er räuchert reichlich und läßt
-Wolken von wohlriechendem Weihrauch aufsteigen, inmitten deren Er
-erscheinen wird, getragen von Cherubim. So ermahnt er alle daran, ihr
-Gebet zu reinigen, auf daß es lauter werde wie der Weihrauch vor dem
-Herrn -- und fordert alle auf, die nach dem Wort des Apostels ein
-Wohlgeruch vor Christus sind, dessen eingedenk zu sein, daß sie reine
-Cherubim sein sollen, um den Herrn emportragen zu können. Die Sänger auf
-beiden Chören stimmen im Angesicht der ganzen Kirche folgenden
-Cherubimgesang an: »Die wir in geheimnisvoller Weise Cherubim darstellen
-und das Trichagion zu Ehren der lebenspendenden Dreieinigkeit singen,
-lasset uns nun alles andere vergessen und den höchsten König emporheben,
-Der unsichtbar getragen wird von den Heerscharen der Engel und
-beschattet von Lanzen.«
-
-Die alten Römer hatten den Brauch, den neugewählten König auf einem
-Schilde, begleitet von seinen Legionen und beschattet von zahllosen
-Lanzen, die über ihn gehalten wurden, vor das Volk hinauszutragen.
-Diesen Gesang hat jener Kaiser selbst gedichtet, der in aller seiner
-irdischen Größe vor der Erhabenheit des höchsten Königs in den Staub
-sank, Der im Schatten der Lanzen von Cherubim und von den Legionen der
-himmlischen Mächte getragen wird; in der ersten Zeit traten die Kaiser
-selbst bescheiden in die Reihe der Diener der Kirche, wenn das heilige
-Brot hinausgetragen wurde.
-
-Der Gesang dieses Liedes trägt einen angelischen Charakter und soll
-daran erinnern, wie die unsichtbaren Heerscharen im Himmel gesungen
-haben. Der Priester und der Diakon wiederholen diesen Cherubimgesang
-leise bei sich selbst und treten sodann vor den Seitenaltar, vor dem
-sich das Offertorium abspielte. Indem nun der Diakon vor die Gaben
-hintritt, die mit dem Aër bedeckt sind, spricht er: »Nimm hin, o Herr!«
-Der Priester zieht den Aër hinweg und legt ihn dem Diakon auf die linke
-Schulter und spricht: »Erhebet eure Hände zu dem Heiligtume und segnet
-den Herrn!« Sodann nimmt er die Patene samt dem Lamm und stellt sie dem
-Diakon aufs Haupt; er selbst ergreift den heiligen Kelch und geht hinter
-einer vorausgetragenen Leuchte oder Lampe zur Seitentür oder durch das
-nördliche Tor zum Volke hinaus. Wenn jedoch der Gottesdienst im Beisein
-der ganzen Geistlichkeit d. h. vieler Geistlicher und Diakonen
-stattfindet, so trägt ein Priester die Patene, ein anderer den Kelch,
-ein dritter den heiligen Löffel, mit dem der Priester das heilige
-Abendmahl austeilt, ein vierter die Lanze, die in den heiligen Leib
-gestoßen wurde. Alle heiligen Geräte werden hinausgetragen, sogar der
-Schwamm, mit dem die Krümchen des heiligen Brotes auf der
-Hostienschüssel zusammengelesen wurden und der jenen Schwamm darstellt,
-welcher mit Essig und Galle gefüllt wurde und mit dem die Knechte ihren
-Schöpfer tränkten. Diese feierliche Prozession, die der große Ausgang
-genannt wird und die himmlischen Heerscharen versinnbildlicht, kommt
-unter dem Absingen des Cherubimgesanges herangeschritten.
-
-Bei dem Anblick des höchsten Königs, Der in der bescheidenen Gestalt des
-Lammes vorausgetragen wird, umgeben von den Werkzeugen irdischer Marter
-wie von den Lanzen unzählbarer unsichtbarer Heerscharen und Hierarchien,
-und auf der Patene ruhend wie auf einem Schilde, beugen alle tief ihr
-Haupt und beten mit den Worten des Übeltäters, der den Herrn vom Kreuze
-aus anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.«
-Mitten im Tempel macht die Prozession halt. Der Priester benutzt diesen
-großen Augenblick, um in Gegenwart aller derer, die die Gaben tragen,
-und im Angesichte Gottes der Namen aller Christen zu gedenken, wobei er
-mit denen beginnt, denen die schwierigsten und heiligsten Pflichten
-auferlegt sind, von deren Erfüllung die Wohlfahrt aller Menschen und die
-Rettung ihrer eigenen Seele abhängt, und er schließt mit den Worten:
-»Gott der Herr gedenke euer und aller [rechtgläubigen] Christen in
-Seinem Reiche [immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit]!« Die
-Sänger beschließen den Cherubimgesang mit einem dreimaligen
-»Halleluja!«, das das ewige Wandeln des Herrn verkündigt. Der Zug
-betritt nun die Königspforte. Der Diakon nähert sich allen voran dem
-Altar, bleibt zur Rechten vor der Tür stehen und begrüßt den Priester
-mit den Worten: »Gott der Herr gedenke deiner Priesterschaft in Seinem
-Reiche!« Der Priester erwidert: »Gott der Herr gedenke deines heiligen
-Diakonenamtes in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle
-Ewigkeit!« Und er stellt den heiligen Kelch und das Brot, das den Leib
-Christi versinnbildlicht, auf den Tisch, als wäre er ein Sarg. Die
-Königspforte schließt sich, als wäre sie das Tor zum Grabe des Herrn,
-der Vorhang wird zugezogen, womit auf die Wache hingedeutet wird, die
-vor dem Grabe aufgestellt wurde. Der Priester nimmt die heilige Patene
-vom Haupte des Diakons, als nähme er den Leib des Heilands vom Kreuze
-herunter, und stellt sie auf das ausgebreitete Corporale, als wäre es
-das Grabtuch Christi, wozu er die Worte spricht: »Der ehrbare Joseph
-nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein
-reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen
-niemand je gelegen war.« Und indem er der Allgegenwart Dessen gedenkt,
-Der jetzt vor ihm im Grabe liegt, spricht er bei sich selbst: »Im Grabe
-warst Du leibhaftig, in der Hölle mit der Seele und Gott gleich, im
-Paradies mit dem Übeltäter und saßest doch zugleich auf dem Throne mit
-dem Vater und dem Heiligen Geist, o Christe, der Du alles mit Dir
-erfüllst, Unbeschreiblicher!« Und des Ruhms und der Ehre gedenkend, mit
-der dieses Grab bedeckt ward, spricht er: »Als Lebenspender, als
-wahrhaftiglich, herrlicher denn das Paradies und strahlender denn jeder
-Königspalast erschien uns Dein Grab, o Christus, Quell aller
-Auferstehung!« Dann zieht er die Decke von der Patene und vom Kelch
-hinweg, nimmt den Aër von der Schulter des Diakons, der jetzt nicht mehr
-die Linnen, darin das Kind Jesus gewickelt ward, sondern das Kopftuch
-und die Grableinwand darstellt, in die Sein toter Leib gehüllt wurde,
-räuchert mit Thymian und bedeckt hierauf die Patene und den Kelch
-abermals, indem er spricht: »Der ehrbare Joseph nahm Deinen
-allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch
-mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegt
-war.« Dann nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des Diakons entgegen,
-räuchert vor den heiligen Gaben mit Weihrauch, indem er sich dreimal vor
-ihnen verneigt, und wiederholt, während er sich zu den bevorstehenden
-Opferhandlungen rüstet, leise bei sich selbst die Worte des Propheten
-David: »Tue wohl an Zion nach Deiner Gnade, baue die Mauern zu
-Jerusalem. Dann werden Dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit, die
-Brandopfer und die ganzen Opfer, dann wird man Farren auf Deinem Altar
-opfern,« denn solange Gott selbst uns nicht erhebt und unsere Seelen
-nicht mit jerusalemischen Mauern wider alle Angriffe des Fleisches
-schützt, sind wir nicht imstande, Ihm Opfer und Brandopfer darzubringen
-und wird nie die Flamme eines geistigen Gebetes emporlodern, denn sie
-wird zerstreut und verweht werden durch fremde nebensächliche Gedanken
-und Rücksichten, durch den Ansturm der Leidenschaften und den Wirbelwind
-eines seelischen Aufruhrs.
-
-Der Priester bittet Gott, seine Seele für das bevorstehende Opferwerk zu
-reinigen, legt das Räucherfaß wieder in die Hände des Diakons, läßt das
-Ornat herabfallen, beugt sein Haupt und spricht zu ihm: »Gedenke meiner,
-mein Bruder und Amtsgenosse!« »Gott gedenke deiner Priesterschaft in
-Seinem Reiche!« erwidert der Diakon, beugt seinerseits das Haupt, denkt
-an seine Unwürdigkeit und spricht, indem er die Stola emporhält: »Bete
-für mich, heiliger Herr!« Der Priester antwortet: »Der Heilige Geist
-komme über dich, und die Kraft des Höchsten erleuchte dich!« --
-»Derselbige Geist helfe uns alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen
-Bewußtsein seiner Unwürdigkeit fügt er [der Diakon] hinzu: »Gedenke
-meiner, o heiliger Herr!« Der Priester erwidert: »Gott gedenke deiner in
-Seinem Reiche immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon sagt:
-»Amen!« küßt dem Priester die Hand und geht durch die nördliche
-Seitentür hinaus, um alle Anwesenden zum Gebet für die dargebrachten und
-auf dem Hochaltar stehenden heiligen Gaben aufzufordern.
-
-Er besteigt den Altar und richtet, das Gesicht der Königspforte
-zugewandt und die Stola, gleich dem erhobenen Flügel eines Engels, der
-zum Gebet erweckt und anfeuert, mit drei Fingern emporhebend, eine ganze
-Reihe von Gebeten, die schon keine Ähnlichkeit mit den früheren mehr
-haben, zum Himmel empor. Nachdem er die Gemeinde aufgefordert hat, in
-ihren Gebeten der auf dem Hochaltar stehenden Gaben zu gedenken, geht er
-alsbald zu solchen Gebeten über, die nur die Gläubigen, die in Christo
-leben, an Gott richten.
-
-»Wir bitten Gott, daß Er diesen Tag zu einem vollkommenen, heiligen,
-friedlichen und sündenlosen mache!« fleht der Diakon.
-
-Die Gemeinde der Betenden vereinigt ihre Stimme mit dem Chor der Sänger
-und ruft aus tiefstem Herzen zu Gott empor: »Gewähre ihn uns, o Herr!«
-
-»Wir bitten Gott, daß Er uns einen friedlichen Engel, einen treuen
-Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen und unserer Leiber sende!«
-
-Die Gemeinde: »Gewähre ihn uns, o Herr!«
-
-»Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und
-Verfehlungen!«
-
-Die Gemeinde: »Gewähre sie uns, o Herr!«
-
-»Wir bitten Gott um alles Gute und um alles, was unserer Seele nützlich
-ist, und um Frieden auf Erden!«
-
-Die Gemeinde: »Gewähre es uns, o Herr!«
-
-»Wir bitten Gott um ein ferneres Leben in Frieden und um ein reumütiges
-Ende!«
-
-Die Gemeinde: »Gewähre es uns, o Herr!«
-
-»Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und
-friedliches Ende unseres Lebens und darum, daß wir einst gute
-Rechenschaft ablegen am Jüngsten Gerichte Christi!«
-
-Die Gemeinde: »Gewähre uns das, o Herr!«
-
-»Wir gedenken unserer hochheiligen, reinen, gesegneten, herrlichen
-Gebärerin, unserer Heiligen Jungfrau, sowie aller Heiligen und weihen
-uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott.«
-
-Und in dem innigen Wunsche, sich also selbst und einander Christus,
-ihrem Herrn, zu weihen, rufen alle: »Dir, o Herr!«
-
-Die Ektenia wird mit folgendem Gebet beschlossen: »Durch die große Gnade
-Deines eingeborenen Sohnes, sei gesegnet mit Ihm samt Deinem
-allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in
-alle Ewigkeit!«
-
-Der Chor singt ein donnerndes »Amen!«
-
-Noch immer bleibt der Altar geschlossen. Noch immer beginnt der Priester
-nicht mit dem Opfer; denn noch muß vieles geschehen, ehe das heilige
-Abendmahl stattfinden kann. Aus der Tiefe des Altarraumes ruft der
-Priester der Gemeinde den Gruß des Heilands zu: »Friede sei mit euch
-allen!« Die Gemeinde antwortet: »Und mit deinem Geiste!« Der Diakon
-steht auf der Kanzel und ermahnt, wie dies bei den ersten Christen Sitte
-war, alle, einander zu lieben, indem er spricht: »Laßt uns einander
-lieben und einmütig bekennen ...« Hier fällt der Sängerchor ein, indem
-er die Schlußworte: »Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die
-alleinige unteilbare Dreieinigkeit!« mitsingt, wodurch wir daran
-erinnert werden sollen, daß wir, wenn wir einander nicht liebhaben, auch
-Den nicht liebgewinnen können, Der ganz Liebe, Der die ganze vollkommene
-Liebe ist und Der in Seiner Heiligen Dreieinigkeit den Liebenden und den
-Geliebten, sowie die Handlung der Liebe, mit der der Liebende den
-Geliebten liebt, vereinigt: der Liebende ist Gott der Vater, der
-Geliebte Gott der Sohn, und die Liebe selbst, die Sie vereinigt, Gott
-der Heilige Geist. Dreimal verneigt sich der Priester im Inneren des
-Altarraumes, indem er leise bei sich wiederholt: »Ich will Dich lieben,
-o Herr, meine Stärke, mein Fels und mein Hort!« Er küßt die mit dem Tuch
-verdeckte heilige Patene und den heiligen Kelch, küßt den Rand des
-heiligen Hochaltars und alle Priester, die mit ihm am Gottesdienst
-teilnehmen, tuen desgleichen; dann küssen sie sich alle untereinander
-und der Hauptpriester spricht: »Christus ist mitten unter uns!« Man
-antwortet ihm: »Er ist und wird sein!« Auch alle Diakone, die zugegen
-sind, küssen zuerst die Stelle ihrer Stola, auf der das Kreuz abgebildet
-ist, und dann einander, indem sie dieselben Worte sprechen.
-
-Früher küßten alle, die in der Kirche waren, einander gleichfalls, die
-Männer die Männer, die Frauen die Frauen, indem sie sprachen: »Christus
-ist mitten unter uns!« und gleich darauf die Antwort erhielten: »Er ist
-und wird sein!« daher stellt sich auch heute ein jeder, der in der
-Kirche anwesend ist, in Gedanken vor, daß er alle Christen vor sich hat,
-nicht nur die, die in der Kirche sind, sondern auch die Abwesenden,
-nicht nur die, die seinem Herzen nahestehen, sondern auch die, die ihm
-fernstehen, beeilt sich, sich mit denen von ihnen auszusöhnen, gegen die
-er etwas wie Mißgunst, Haß oder Zorn hegte -- und gibt jedem von ihnen
-in Gedanken einen Kuß, indem er bei sich spricht: »Christus ist mitten
-unter uns!« und in ihrem Namen antwortet: »Er ist und wird sein!« denn
-ohne dies wäre er tot für alle folgenden heiligen Handlungen nach
-Christi eigenem Wort: »So lasse allda vor dem Altar deine Gabe und gehe
-zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und
-opfere deine Gabe«; und an einer anderen Stelle heißt es: »Und wer da
-sagt, ich liebe Gott und hasse meinen Bruder, der lügt; denn wenn er
-seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, Den er
-nicht sieht?«
-
-Der Diakon steht auf der Kanzel, er wendet sein Gesicht den Anwesenden
-zu, hält die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und ruft nach
-altem Brauch: »Die Tore, die Tore!« Ehedem wurde dieser Ruf an die
-Pförtner gerichtet, die am Toreingang standen, damit sich keiner von den
-Heiden, die den christlichen Gottesdienst zu stören pflegten, frech und
-blasphemisch in die Kirche eindrängte; heute wird dieser Ruf an die
-Anwesenden selbst gerichtet, die hierdurch ermahnt werden sollen, die
-Tore ihres Herzens zu behüten, in denen die Liebe bereits Eingang
-gefunden hat, auf daß kein Feind der Liebe sich in die Herzen eindränge,
-und die Tore ihres Mundes und ihrer Ohren weit aufzutun und für die
-Verlesung des Glaubenssymbols offen zu halten; zum Zeichen dafür wird
-der Vorhang vor der Königspforte, oder die »hohe Pforte«, hinweggezogen,
-die sich nur dann öffnet, wenn die Aufmerksamkeit des Geistes auf die
-höchsten Mysterien hingelenkt werden soll. Der Diakon fordert die
-Versammlung mit folgenden Worten zum Zuhören auf: »Laßt uns der höchsten
-Weisheit lauschen!« Die Sänger stimmen einen kraftvollen mannhaften
-Gesang an, der mehr einer Art Sprechgesang gleicht, und rufen laut und
-ausdrucksvoll: »Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer
-des Himmels und der Erden, alles Sichtbaren und Unsichtbaren.« Dann
-machen sie eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die erste
-Person der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott den Vater klar und deutlich
-vorstellen, und fahren dann fort: »Und an Jesum Christum, Gottes
-eingeborenen Sohn, unseren Herrn, vom Vater in Ewigkeit geboren, Licht
-vom Licht, wahrhaftigen Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht
-erschaffen, einerlei Wesens mit dem Vater, durch welchen alle Dinge
-geworden sind. Um der Menschen und um des Heiles willen vom Himmel
-Fleisch geworden aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und
-Mensch geworden, um unseretwillen gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
-gelitten, gestorben und begraben. Am dritten Tage nach der Schrift
-wiederauferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel und sitzend zur
-Rechten des Vaters. Von dannen Er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu
-richten die Lebendigen und die Toten und Dessen Reiches kein Ende sein
-wird. Und an den Heiligen Geist, Der da machet lebendig und gehet aus
-vom Vater, Der da zusammen mit dem Vater und dem Sohne angebetet und
-verehret wird und durch die Propheten geredet hat.« Dann machen sie
-wieder eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die dritte Person
-der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott, den Heiligen Geist klar und deutlich
-vorstellen, und fahren fort: »Und an eine heilige katholische und
-apostolische Kirche. Ich glaube an eine Taufe zur Vergebung der Sünden
-und hoffe auf die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben. Amen!«
-
-Mannhaft und kraftvoll ist der Gesang der Sänger und er prägt jedes Wort
-des Glaubenssymbols den Herzen tief ein. Mit fester Stimme wiederholt
-hierauf ein jeder die Worte des Symbols. Mutigen Herzens und voll
-starken Geistes wiederholt auch der Priester vor dem heiligen Hochaltar,
-der den heiligen Abendmahlstisch darstellen soll, leise bei sich selbst
-das Glaubensbekenntnis, auch alle Zelebranten, die ihm zur Seite stehen,
-wiederholen es still bei sich selbst, indem sie den heiligen Aër, der
-über den heiligen Gaben ruht, hin und her bewegen.
-
-Festen Schrittes kommt jetzt der Diakon gegangen und verkündet: »Laßt
-uns fromm, laßt uns ehrfurchtsvoll dastehen und aufmerken und das
-heilige Opfer in Frieden darbringen,« d. h. laßt uns würdig vor Gott
-hintreten, wie es sich für den Menschen geziemt, d. h. mit Zittern und
-Ehrfurcht, zugleich aber auch tapfer und kühnen Mutes, indem wir Gott
-loben, mit friedlichem versöhntem, einträchtigem Herzen, denn ohne dies
-vermag man sich nicht zu Gott zu erheben. Und die ganze Kirche
-wiederholt, diesen Ruf beantwortend, indem sie den Lobgesang, der aus
-ihrem Munde emporsteigt, und die Besänftigung der Herzen als Opfergabe
-darbringt mit dem Sängerchor: »Die Gnade des Friedens, das Opfer des
-Dankes.« In der Urkirche herrschte die Sitte, bei dieser Gelegenheit
-etwas Salböl als Opfergabe darzubringen, welches ein Symbol der
-Besänftigung ist, denn Salböl und Barmherzigkeit bedeuten im
-Griechischen dasselbe.
-
-Unterdessen zieht der Priester im Altarraum den Aër von den heiligen
-Gaben hinweg, küßt ihn und legt ihn zur Seite, indem er spricht: »Die
-Gnade unseres Herrn ...« Der Diakon aber betritt den Altarraum, nimmt
-den Fächer oder das Rhipidion in die Hand und schwingt ihn andachtsvoll
-über den heiligen Gaben.
-
-Indem nun der Priester sich anschickt, das heilige Abendmahl zu
-zelebrieren, richtet er aus dem Inneren des Altarraums folgenden frohen
-Ruf an das Volk: »Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes
-des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch
-allen!« worauf ihm alle Anwesenden antworten: »Und mit deinem Geiste!«
-Der Altar, der vorhin die Krippe vorstellte, versinnbildlicht jetzt das
-Zimmer, in dem das Abendmahl zubereitet wurde; und der Hochaltar, der
-das Grab versinnbildlichte, stellt jetzt den Abendmahlstisch und nicht
-mehr das Grab dar. Der Priester gedenkt des Erlösers, Der Seine Augen
-zum Himmel emporrichtete, ehe Er Seinen Jüngern die göttliche Speise
-darreichte, und ruft: »Laßt uns unsere Herzen zum Himmel erheben!« Und
-jeder, der in der Kirche anwesend ist, richtet seine Gedanken auf das,
-was nun geschehen wird -- und er denkt daran, daß in diesem Augenblick
-das göttliche Lamm für ihn geschlachtet wird, daß das göttliche Blut des
-Herrn selbst in den Kelch fließt, um ihn zu entsühnen, und daß alle
-himmlischen Mächte sich mit dem Priester vereinigen, um für ihn zu
-beten; und indem er seine Gedanken [hierauf] richtet und seine Seele von
-der Erde abzieht und zum Himmel und aus der Finsternis zum Lichte
-erhebt, ruft er zugleich mit allen anderen aus: »Wir wollen uns zu Gott
-erheben!«
-
-Der Priester ruft, des Erlösers gedenkend, Der da dankte, nachdem Er
-Seine Augen gen Himmel erhoben hatte: »Laßt uns unserem Gotte danken!«
-Der Chor erwidert: »Geziemend ist es und fromm, anzubeten den Vater, den
-Sohn und den Heiligen Geist, die Heilige Dreieinigkeit, Die eines Wesens
-und unfehlbar ist.« Der Priester aber betet im stillen bei sich:
-»Geziemend ist es und fromm, Dich zu verherrlichen, zu loben, Dir zu
-danken und Dich anzubeten allerorten in Deinem Reiche, denn Du bist
-Gott, der Unaussprechliche, Unergründliche, Unsichtbare und
-Unbegreifliche, denn Du bist ewig Derselbe samt Deinem eingeborenen Sohn
-und Deinem Heiligen Geist. Du hast uns aus dem Nichtsein zum Sein
-erweckt, hast uns Abtrünnige wieder aufgerichtet und hast uns nicht
-verlassen, sondern uns in den Himmel erhoben und uns Dein künftiges
-Reich geschenkt. Für dieses alles danken wir Dir und Deinem eingeborenen
-Sohn und Deinem Heiligen Geiste, danken Dir alle, für alle die
-Wohltaten, die wir kennen und die wir nicht kennen, die offenkundigen
-und die unbekannten, die Du an uns getan hast. Wir danken Dir auch für
-diesen Gottesdienst und bitten Dich, ihn aus unserer Hand
-entgegenzunehmen, obwohl Dir Tausende von Erzengeln und Legionen von
-Engeln, Cherubim und sechsfach geflügelte Seraphim zur Verfügung stehen,
-vieläugige, gefiederte, gen Himmel strebend, Dir Siegeslieder singen,
-rufen, jauchzen und sprechen: »Heilig, heilig, heilig ist der Gott
-Zebaoth; Himmel und Erde sind Deines Ruhmes voll!«
-
-Dieses Siegeslied der Seraphim, das die Propheten in ihren heiligen
-Gesichten vernahmen, wird von dem ganzen Sängerchor aufgenommen; es
-trägt die Gedanken der Gläubigen in unsichtbare Himmelsfernen mit sich
-fort, nötigt alle, mit den Seraphim in den Ruf einzustimmen: »Heilig,
-heilig, heilig ist der Herr Zebaoth!« und mit ihnen den Thron des
-göttlichen Ruhmes zu umkreisen. Und da ferner die ganze Kirche in diesem
-Augenblick erwartungsvoll dessen harrt, daß der Herr selbst herabsteigen
-und Sich für alle zum Opfer darbringen wird, so vereinigt sich mit dem
-Gesang der Seraphim, der im Himmel ertönt, noch der Gesang der
-hebräischen Jünglinge, mit dem Ihn diese bei Seinem Einzug in Jerusalem
-begrüßten, Zweige auf den Weg streuend: »Hosianna in der Höhe. Gelobt
-sei, Der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!« Denn der
-Herr bereitet sich, in den Tempel einzuziehen, wie in das mystische
-Jerusalem. Der Diakon fährt fort, mit dem Fächer über die heiligen Gaben
-hinzufächeln, damit kein Insekt auf sie herniederfalle, und symbolisiert
-mit dieser Bewegung des Fächers das Walten der Gnade. Der Priester aber
-betet im stillen weiter: »Mit diesen heiligen Mächten, o Herr, Der Du
-die Menschen liebhast, flehen auch wir zu Dir und sprechen: Heilig und
-hochheilig bist Du und Dein eingeborener Sohn und Dein Heiliger Geist.
-Heilig bist Du und hochheilig, und herrlich ist Dein Ruhm, denn also
-hast Du die Welt geliebt, daß Du Deinen eingeborenen Sohn gabst, auf daß
-alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben
-haben, Der da kam und alles erfüllte, was von uns verkündet ward; in der
-Nacht, da Er verraten ward, oder besser, da Er Sich selbst dahingab für
-das Leben der Welt, nahm Er das Brot in Seine reinen unschuldigen Hände,
-dankte, segnete und heiligte es, brach es und gab es Seinen heiligen
-Jüngern und Aposteln und sprach ...« Und mit lauter Stimme verkündete
-der Priester die Worte des Heilandes: »Nehmet hin und esset, das ist
-mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.« Bei
-diesen Worten fallen die ganze Kirche und der Chor ein und rufen »Amen!«
-Der Diakon aber weist, die Stola in der Hand haltend und sich zum
-Priester hinwendend, auf die heilige Patene hin, auf welcher das Brot
-ruht. Der Priester aber fährt leise fort: »Desselbigengleichen nahm Er
-auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach ...« und er verkündet laut,
-nachdem der Diakon auf den Kelch gedeutet hat: »Trinket alle daraus,
-dies ist Mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für euch
-und für viele zur Vergebung der Sünden.« Und die ganze Kirche antwortet
-ebenso laut wie das erstemal: »Amen!«
-
-Der Priester fährt fort, leise zu beten: »Und indem wir also gedenken
-dieses erlösenden Gebotes und alles dessen, das für uns getan ward: des
-Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Himmelfahrt,
-des Sitzens zur Rechten Gottes und der zweiten ruhmvollen Wiederkunft«
--- und nun, nachdem er dies leise vor sich hingesprochen, erhebt er die
-Stimme und spricht: »-- bringen wir Dir dar das Deinige von den Deinigen
-für alle und für alles!« Der Diakon legt nun den Fächer beiseite und
-hebt die heilige Patene und den heiligen Kelch in die Höhe: in diesem
-Augenblick stellt der Altar nicht mehr das Zimmer, in dem das heilige
-Abendmahl stattfand, und der Hochaltar nicht mehr den Abendmahlstisch
-dar; jetzt ist er der Opferaltar, auf dem das furchtbare Opfer für die
-ganze Welt dargebracht wird -- das Golgatha, wo die furchtbare
-Hinschlachtung des göttlichen Opferlamms sich vollzog. Dieser Augenblick
-stellt den Augenblick des Opfers und den Moment dar, da ein jeder an das
-dem Schöpfer dargebrachte Opfer gemahnt wird. Wir beugen uns ja auch vor
-den irdischen Gewalten; wir verehren und achten ja auch die Menschen und
-gehorchen ihnen, aber wir opfern nur dem alleinigen Gott. Und dies Opfer
-hat nie aufgehört seit Erschaffung der Welt, in welcher Form es auch
-immer dargebracht werden mochte, das, worauf es dabei ankam, war nicht
-das Opfer selbst, sondern ein reumütiger Geist, mit dem es dargebracht
-wurde. Daher muß jeder der Anwesenden dessen eingedenk sein, daß der
-Priester in diesem Augenblick alles Gemeine und Diesseitige
-geringschätzen und alle irdischen Begierden und Gedanken vergessen muß
-gleichwie Abraham, der, als er zum Berg emporstieg, um das Opfer
-darzubringen, seine Frau, seinen Knecht und seinen Esel unten ließ und
-nur das Holz des bitteren Bekenntnisses seiner Sünden mit sich nahm, es
-im Feuer seiner inneren Reue zu Asche verbrannte und mit der Flamme und
-dem Schwerte des Geistes in sich jede Begierde nach irdischem Besitz und
-irdischen Gütern tötete. Was aber sind alle unsere Opfer vor dem
-Angesichte Gottes, wenn Er durch den Mund des Propheten zu uns spricht.
-»Wie ein unreines Gewand sind alle unsere Taten.«
-
-Tief durchdrungen vom Bewußtsein, daß es auf Erden nichts gibt, das da
-wert wäre, Gott zum Opfer gebracht zu werden, richtet jeder der
-Anwesenden seine Gedanken auf den Kelch, den der Diener des Altars im
-Altarraum emporhebt, und ruft im Inneren seines Herzens aus: »Also sei
-Dir dargebracht das Deinige von den Deinigen, für alle und für alles!«
-Der Chor singt: »Dir lobsingen wir, Dich segnen wir, Dir danken wir, o
-Herr, und wir beten zu Dir, unser Gott!«
-
-Und nun folgt der Höhepunkt der ganzen Liturgie: die
-Transsubstantiation. Im Inneren des Altarraumes wird jetzt der Heilige
-Geist dreimal angerufen und angefleht, Sich auf die heiligen Gaben
-herabzusenken -- derselbe Heilige Geist, durch Den die Fleischwerdung
-Christi, Seine Geburt durch die Jungfrau, Sein Tod und Seine
-Auferstehung vollzogen ward, und ohne Den sich das Brot und der Wein
-nicht in den Leib und das Blut Christi verwandeln können.
-
-Der Priester fällt vor dem heiligen Hochaltar nieder, und auch der
-Diakon verbeugt sich dreimal bis zur Erde, indem er bei sich selbst
-spricht: »Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten
-Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du
-Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.«
-Und nach diesem Anruf des Heiligen Geistes wiederholen alle bei sich den
-Vers: »Gib mir, o Gott, ein reines Herz und erneure in meinem Inneren
-einen gerechten Geist.«
-
-Noch einmal wird der Anruf wiederholt: »Herr Gott, Der Du in der dritten
-Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest,
-nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren
-werden, die wir zu Dir beten.« Und die Gemeinde singt den Vers: »Verwirf
-mich nicht von Deinem Angesicht und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von
-mir!« Und zum drittenmal erfolgt der Anruf: »Herr Gott, Der Du in der
-dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel
-herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns
-wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.« Der Diakon weist gesenkten
-Hauptes mit der Stola auf das heilige Brot hin und spricht bei sich
-selbst: »Segne, o Herr, das heilige Brot!« Und der Priester segnet es
-dreimal mit dem Kreuze und spricht: »Und mache dieses Brot zu dem
-heiligen Leibe Deines Christus.« Der Diakon sagt: »Amen!« Und damit ist
-das Brot in den Leib Christi verwandelt. Und abermals weist der Diakon
-mit der Stola stumm auf den heiligen Kelch und spricht bei sich selbst:
-»Segne, o Herr, den heiligen Kelch!« Und der Priester segnet ihn und
-spricht: »Mache, den Inhalt dieses Kelches zum heiligen Blut Deines
-Christus.« Der Diakon sagt: »Amen!« und spricht, indem er auf die beiden
-heiligen Gaben hinweist: »Segne sie beide, o Herr!« Der Priester segnet
-sie und spricht: »Verwandle sie durch Deinen Heiligen Geist!« Der Diakon
-sagt dreimal: »Amen!« Und auf dem Hochaltar ruhen jetzt der Leib und das
-Blut Christi selbst: die Transsubstantiation hat sich vollzogen! Ein
-_Wort_ rief das _ewige Wort_ herbei. Der Priester, dessen Stimme das
-Schwert vertritt, hat das Opfer vollbracht. Wer es auch sein möge -- ob
-er Peter oder Iwan heißt --, in seiner Person hat der ewige Hohepriester
-selbst dies Opfer vollbracht, und Er vollbringt es ewiglich durch die
-Person Seiner Priester, wie auf das Wort: »Es werde Licht!« das Licht
-ewiglich leuchtet und wie auf das Wort: »Es lasse die Erde aufgehen Gras
-und Kraut!« die Erde sie ewiglich aufgehen läßt. Und es ist nicht ein
-Bildnis oder die bloße Erscheinung des Leibes, die sich auf dem
-Hochaltar befindet, sondern der Leib Christi selbst -- derselbe Leib,
-der auf Erden Backenstreiche erhalten, bespien, gekreuzigt, begraben
-ward, auferstand und mit dem Herrn gen Himmel fuhr und nun zur Rechten
-des Vaters sitzt. Er behält nur deshalb auch weiter die Gestalt des
-Brotes, um dem Menschen zur Speise zu dienen, und weil der Herr selbst
-gesagt hat: »Ich bin das Brot.«
-
-Vom Kirchturm her ertönt jetzt Glockengeläut, um allen den großen
-Augenblick zu verkündigen, auf daß der Mensch -- wo er sich in diesem
-Moment auch befinden mag -- ob er unterwegs, ob er auf Reisen ist oder
-seinen Acker bestellt, ob er zu Hause sitzt oder einer anderen
-Beschäftigung nachgeht, ob er auf dem Krankenbett liegt oder in den
-Mauern eines Gefängnisses schmachtet -- kurz, damit er überall, wo er
-sich auch aufhält, in diesem furchtbaren Augenblick auch für sich beten
-könne. Alles stürzt vor dem Leib und Blut Christi nieder und fleht den
-Herrn mit den Worten des Übeltäters an: »Herr, gedenke an mich, wenn Du
-in Dein Reich kommst.«
-
-Der Diakon beugt sein Haupt vor dem Priester und spricht: »Gedenke an
-mich, o heiliger Herr!« und der Priester antwortet: »Gott gedenke deiner
-in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Und nun
-gedenkt der Priester aller vor dem Angesichte Gottes, indem er die ganze
-Kirche, die triumphierende wie die kämpfende, mit in sein Gebet
-einschließt und zwar in derselben Weise und Reihenfolge, wie ihrer aller
-während des Offertoriums gedacht wurde, wobei er mit der heiligen,
-reinen, göttlichen Jungfrau und Mutter Gottes beginnt. Ihr zu Ehren, als
-der Fürsprecherin der ganzen Menschheit und als der einzigen, die für
-ihre hohe Demut und Bescheidenheit würdig erachtet wurde, Gott in ihrem
-Schoße zu tragen, stimmt die ganze Kirche zusamt dem Chor einen
-Lobgesang an, damit ein jeder in diesem Augenblick vernehme, daß die
-Demut die höchste Tugend und daß in dem Herzen des Demütigen Gott
-lebendig sei.
-
-Nach der Mutter Gottes wird der Propheten, der Apostel und der
-Kirchenväter gedacht und zwar in derselben Reihenfolge, in der während
-des Offertoriums die Brotstücke für sie herausgeschnitten wurden; sodann
-wird aller Entschlafenen gedacht, deren Namen der Diakon verliest,
-sodann der Lebenden, wobei mit denen begonnen wird, denen die
-wichtigsten und höchsten Pflichten anvertraut sind, -- d. h. mit denen,
-die das Wort der Wahrheit gerecht verwalten, der geistlichen und
-weltlichen Obrigkeit und dem Kaiser; [»Gott helfe ihm und unterstütze
-ihn in seinem schweren Amt bei jedem Werke, das das allgemeine Wohl
-betrifft; möge ihm in seinem edlen Streben das ganze Staatsschiff
-einträchtiglich folgen, zusamt der Regierung und der Militärkammer, auf
-daß sie getreulich ihre Pflicht erfüllen, und auch uns lasset im
-Frieden, der von ihnen ausgeht, ein ruhiges Leben führen in aller
-Frömmigkeit und Reinheit!« Bei dieser Gelegenheit betet der Priester
-auch für alle anwesenden Christen bis auf den letzten, daß der allgütige
-Gott Seine Gnade über sie alle ergießen, ihre Schatzkammern mit Gütern
-füllen, die Eintracht und den Frieden in ihren Ehen walten, ihre Kinder
-groß werden lassen, die Jugend belehren, das Alter stützen und
-kräftigen, die Kleinmütigen trösten, die Zerstreuten sammeln, die
-Verführten zurechtweisen und in Seine heilige allgemeine apostolische
-Kirche aufnehmen möge. Für alle Christen bis auf den allerletzten, wo
-sich ein solcher Christ auch immer aufhalten möge, betet bei dieser
-Gelegenheit der demütige Priester;] ob der Christ unterwegs, auf der
-Wanderschaft, auf der See oder auf Reisen ist, ob er an einer Krankheit
-daniederliegt oder in der Verbannung, in Bergwerken oder unterirdischen
-Schächten schmachtet. Für alle -- bis auf den allerletzten -- betet bei
-dieser Gelegenheit die Kirche, und jeder Anwesende beteiligt sich nicht
-allein an diesem gemeinsamen Gebete für alle Menschen, sondern er betet
-auch für alle die Seinen, die seinem Herzen nahestehen, indem er sie
-insgesamt im Angesichte des Leibes und Blutes Christi beim Namen nennt.
-Dann ruft der Priester laut aus dem Altarraum: »Und laß uns preisen und
-lobsingen wie aus einem Munde und aus einem Herzen Deinen heiligen und
-herrlichen Namen, den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
-Geistes, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Die ganze Kirche
-antwortet mit einem bestätigenden »Amen!« Der Priester ruft: »Die Gnade
-des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi sei mit euch
-allen!«, und die Gemeinde erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Hiermit
-haben die Gebete für alle, die der Kirche Christi angehören, ihr Ende
-erreicht, wie sie im Angesicht des Leibes und des Blutes Christi zu Gott
-emporgerichtet werden.
-
-Nun besteigt der Diakon die Kanzel, um zum Gebet für die Gaben selbst
-aufzufordern, die Gott dargebracht werden und die bereits verwandelt
-sind, auf daß sie uns nicht zum Gericht und nicht zu einer Strafe für
-uns werden. Er erhebt die Stola mit drei Fingern seiner rechten Hand und
-ermuntert alle zum Gebet, indem er spricht: »Laßt uns aller Heiligen
-gedenken und immer wieder und wieder in Frieden zu Gott beten!« Der Chor
-singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns beten für die dargebrachten und
-geweihten heiligen Gaben!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt
-uns beten, daß unser Gott, Der die Menschen liebet, sie aufnehmen möge
-auf Seinem heiligen, über dem Himmel thronenden geistigen Altar, duftend
-von geistigen Wohlgerüchen, und daß Er uns herabsenden möge Seine
-göttliche Gnade und die Gabe des Heiligen Geistes!« Der Chor singt:
-»Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns zu Gott beten, daß Er uns bewahren möge
-vor Kummer, Zorn und Not!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf,
-rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« Der Chor
-singt: »Herr, erbarme Dich!« »Wir bitten Gott um einen vollkommen
-ungetrübten, vollkommen heiligen, friedlichen und sündlosen Tag!« Der
-Chor singt: »Gewähre ihn uns, o Gott!« »Wir bitten Gott um einen
-Friedensengel, einen treuen Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen
-und Leiber!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott
-um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und Verfehlungen!« Der Chor
-singt: »Gewähre sie uns, o Gott!« »Wir bitten den Herrn um alles Gute,
-was unserer Seele heilsam ist, und um Frieden auf Erden!« Der Chor
-singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott um ein Leben in
-Frieden und um ein reumütiges Ende!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o
-Herr!« »Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und
-friedliches Ende und darum, daß es uns beschieden sein möge, in Ehren
-Rechenschaft abzulegen am Jüngsten Tage Christi!« Der Chor singt:
-»Gewähre es uns, o Herr!« Und nun ruft der Diakon nicht mehr die
-Heiligen um Hilfe an, sondern er wendet sich direkt an Gott: »Wir bitten
-Dich um Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
-und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Jesus Christus, unserem
-Gotte!« Und alle singen mit völliger und inniger Hingebung: »Dir, o
-Herr!«
-
-Nun stimmt der Priester statt eines Trichagions folgenden Gesang an:
-»Würdige uns, o Herr, daß wir Dich, Gott, unseren himmlischen Vater,
-zuversichtlich und als Gerechtfertigte anrufen und lobsingen.« Und alle
-Gläubigen beten nicht mehr wie mit Furcht erfüllte Sklaven, sondern wie
-reine unschuldige Kinder, die sich durch das Gebet, den ganzen
-Gottesdienst und die stetige Ausführung der heiligen Bräuche in jenen
-engelhaften Gemütszustand himmlischer Rührung versetzt fühlen, in dem
-der Mensch unmittelbar mit Gott sprechen kann wie mit seinem Vater, das
-Gebet des Herrn: »Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde
-Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch
-auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere
-Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in
-Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.«
-
-Dieses Gebet umfaßt alles und schließt alles in sich ein, was wir
-brauchen. Die Bitte: »Geheiligt werde Dein Name!« enthält das Erste,
-worum wir zuerst und vor allem bitten müssen: wo Gottes Name geheiligt
-wird, da ist allen wohl, da sind folglich alle in Liebe miteinander
-verbunden, denn nur durch die Liebe wird Gottes Name geheiligt. Mit den
-Worten: »Dein Reich komme!« flehen wir das Reich der Wahrheit und
-Gerechtigkeit auf die Erde herab; ohne Gottes Herabkunft wird es nie
-eine Gerechtigkeit geben: denn Gott ist die Gerechtigkeit. Bei den
-Worten: »Dein Wille geschehe!« wird der Mensch durch den Glauben wie
-durch die Vernunft geführt: denn wessen Wille kann wohl herrlicher sein,
-als der Wille Gottes? Wer weiß denn besser als der Schöpfer, was Seinen
-Geschöpfen not tut. Wem soll man also vertrauen, wenn nicht Ihm, Der
-durch und durch nichts als die ewiglich nur Gutes zeugende Güte und
-Vollkommenheit ist! Mit dem Worte: »Unser täglich Brot gib uns heute!«
-bitten wir um alles, dessen wir zu unserem täglichen Lebensunterhalt
-bedürfen. Unser Brot aber ist die höchste göttliche Weisheit und
-Christus selbst. Er selbst hat gesagt: »Ich bin das Brot und wer von Mir
-isset, wird nicht sterben.« Mit den Worten: »Vergib uns unsere Schuld!«
-bitten wir, daß alle unsere schweren Sünden, die auf uns lasten, von uns
-genommen werden mögen -- wir bitten, daß uns alles erlassen werden möge,
-dessen wir uns gegenüber dem Schöpfer selbst schuldig gemacht haben,
-indem wir uns an unseren Brüdern vergingen; streckt Er uns doch jeden
-Tag und jede Minute in ihrer Gestalt Seine Hand entgegen, indem Er uns
-mit herzzerreißendem Klagelaut um Mitleid und Erbarmen anfleht. Mit den
-Worten: »Und führe uns nicht in Versuchung!« bitten wir Gott, uns vor
-allem zu behüten, was unser Gemüt verwirrt, uns irre leitet und uns
-unsere Seelenruhe raubt. Mit den Worten: »Sondern erlöse uns von dem
-Übel!« bitten wir um die himmlische Seligkeit; denn sowie der Böse von
-uns weicht, bemächtigt sich sogleich eine hohe Freudigkeit unserer
-Seele, und wir fühlen uns schon auf Erden wie im Himmel.
-
-So umfaßt und schließt dieses Gebet alles in sich ein, was uns die
-höchste göttliche Weisheit selbst beten gelehrt hat. Und zu wem beten
-wir? Zum Vater der Weisheit, Der Seine ewige Weisheit vor Beginn aller
-Zeiten zeugte. Da alle Anwesenden dieses Gebet bei sich wiederholen
-müssen, nicht mit dem Munde, sondern in der reinsten Unschuld eines
-kindlichen Herzens, so muß auch der Abgesang des Gebets auf den Chören
-einen kindlichen Charakter tragen: nicht in rauhen männlichen Tönen,
-sondern mit kindlicher Stimme, die die Seele selbst zu liebkosen
-scheint, muß dieses Gebet gesungen werden, auf daß man in ihr den
-Frühlingshauch des Himmels zu verspüren meine und daß in ihm etwas
-erklinge, was uns wie die Liebkosungen der Engel selbst berührt, denn in
-diesem Gebet reden wir ja Den, Der uns erschaffen hat, nicht mehr mit
-Gott an, sondern ganz schlicht mit den Worten: »Vater unser!«
-
-Der Priester begrüßt die Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes mit
-dem Gruße des Heilands: »Friede sei mit euch allen!« Die Gemeinde
-erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Jetzt fordert der Diakon alle zu
-einer inneren Herzensbeichte auf, die jeder nunmehr vor sich selbst
-ablegen muß, indem er ruft: »Beugt eure Häupter vor dem Herrn!« Und
-indem nun alle Anwesenden bis auf den letzten ihr Haupt beugen, sprechen
-sie bei sich selbst etwa folgendes Gebet: »Ich beuge mein Haupt vor Dir,
-mein Herr und Gott, ich bekenne meine Sünden aufrichtig und schreie zu
-Dir: ich bin sündig, o Herr, und unwert, Dich um Vergebung zu bitten,
-aber Du bist menschenfreundlich, so erbarme Dich denn meiner, obwohl ich
-es nicht verdient habe, wie der verlorene Sohn, rechtfertige mich wie
-den Zöllner und mache mich würdig, gleich dem Übeltäter in Dein
-himmlisches Reich einzugehen.« Und während so alle gebeugten Hauptes in
-innerer Herzenszerknirschung verharren, betet der Priester am Altare für
-alle mit folgenden Worten bei sich selbst: »Wir danken Dir, unsichtbarer
-König, Der Du in Deiner unermeßlichen Kraft alles erschaffen und durch
-Deine große Gnade alles aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen hast;
-blicke selbst vom Himmel auf die herab, o Herr, die ihr Haupt vor Dir
-beugen, denn sie beugen es nicht vor dem Fleische und dem Blute, sondern
-vor Dir, furchtbarer Gott. Wende alles, was uns bevorsteht, zu unserem
-Besten, o Herr, so wie es jedem not tut: Laß den Seefahrer den Hafen und
-den Reisenden sein Ziel erreichen, heile den Kranken, o Arzt der Seele
-und des Leibes!« Dann stimmt der Priester den herrlichen Lobgesang auf
-die Dreieinigkeit an, der sich an die himmlische Güte Gottes wendet:
-»Gesegnet seist Du durch die Gnade, die Milde und die Menschenliebe
-Deines eingeborenen Sohnes samt Ihm, Deinem Sohne und Deinem
-Allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in
-alle Ewigkeit!« Der Chor ruft: »Amen!« Nunmehr rüstet sich der Priester,
-selbst, und in Gemeinschaft mit allen, den Leib und das Blut Christi in
-sich aufzunehmen, indem er leise bei sich folgendes Gebet spricht:
-»Blicke herab, Herr Jesus Christus, unser Gott, aus Deiner heiligen
-Wohnung und vom ruhmvollen Thron Deines Reiches. Komm und heilige uns,
-Der Du hoch oben neben dem Vater sitzest und unsichtbar bei uns weilst,
-und mache uns [Priester] würdig, aus Deiner allmächtigen Hand Deinen
-reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu empfangen und es allen den Deinen
-darzureichen.«
-
-Während der Priester dies Gebet spricht, rüstet sich der Diakon zum
-heiligen Abendmahl: er tritt vor die Königspforte, umgürtet sich mit der
-Stola und kreuzt sie auf seiner Brust, gleich den Engeln, die ihre
-Flügel kreuzweise zusammenlegen und ihr Antlitz mit ihnen verdecken vor
-dem unnahbaren Lichte der Gottheit. Wie der Priester, verbeugt er sich
-dreimal und spricht bei sich selbst: »O Gott, reinige mich Sünder und
-erbarme Dich meiner!« Wenn dann der Priester seine Hand nach der
-heiligen Patene ausstreckt, fordert er alle, die im Tempel anwesend
-sind, durch das anfeuernde Wort: »Laßt uns aufmerken!« auf, alle ihre
-Gedanken auf das, was nun geschieht, hinzulenken. Der Altar entzieht
-sich dem Anblick des Volkes, der Vorhang wird zugezogen, damit zuerst
-der Priester das Abendmahl empfange. Nur die Stimme des Priesters, der
-die Patene in die Höhe hebt und ruft: »Das Heilige den Heiligen!« dringt
-aus dem Altar hervor. Tief erschüttert von dieser Verkündigung, die da
-besagt, daß man selbst heilig sein muß, um das Heilige in sich
-aufzunehmen, erwidert die ganz im Gebet versunkene Gemeinde: »Einer ist
-heilig, der eine Gott, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters!«
-worauf eine Lobhymne auf den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist,
-gesungen wird, um hierdurch anzudeuten, daß auch der Mensch heilig sein
-kann, so wie auch der Heilige, zu dessen Preis die Hymne gesungen wird,
-ein Heiliger werden konnte; auch er ward freilich heilig nicht durch
-seine eigene Heiligkeit, sondern durch die Heiligkeit Christi selbst.
-Durch sein Leben in Christo wird der Mensch geheiligt und in solchen
-Augenblicken der Ruhe in Christo ist er heilig wie Christus selbst,
-gleichwie das Eisen, wenn es im Feuer steckt, selbst zu Feuer wird und
-sofort erlöscht, sowie man es aus dem Feuer herausnimmt, und wieder
-gewöhnliches dunkles Eisen wird.
-
-Nun bricht der Priester das heilige Brot; zuerst bricht er es gemäß dem
-Zeichen, das während des Offertoriums auf ihm gemacht wurde, in vier
-Teile, indem er spricht: »Das Lamm Gottes wird zerlegt und zerteilt, das
-zerlegt und doch unteilbar ist, das stets gegessen und nie aufgezehrt
-wird, und das da heiligt, die davon essen.« Er legt eins von den Stücken
-des heiligen Leibes noch unvermischt mit dem Blute für sich und den
-Diakon zurück und zerlegt dann das Brot in so viele Teile, als die Zahl
-der Kommunikanten beträgt; aber durch diese Teilung wird doch der Leib
-Christi selbst nicht zerteilt, der Leib, dem kein Bein zerbrochen ward,
-und in dem kleinsten Teil erhält sich der Christus ganz und unversehrt,
-wie in jedem Gliede unseres Körpers dieselbe ganze und unteilbare Seele
-zugegen ist, und wie sich in einem Spiegel, auch wenn er in hundert
-Stücke zerspringt, selbst noch im kleinsten Splitter das Abbild
-derselben Dinge erhält. Wie in einem Ton, der an unser Ohr dringt,
-dieselbe Einheit erhalten bleibt oder wie derselbe ganze Ton sich
-unversehrt erhält, auch wenn tausend Ohren ihn vernehmen. Die Stücke,
-die während des Offertoriums zu Ehren der Heiligen und der Entschlafenen
-und im Namen einzelner von den Lebenden herausgeschnitten wurden, werden
-nicht alle in den Kelch getaucht. Sie bleiben einstweilen noch auf der
-Patene; nur die Teile, die den Leib und das Blut des Herrn darstellen,
-werden der Gemeinde während des heiligen Abendmahls dargereicht. In den
-ersten Zeiten der Kirche wurden sie in getrennter Gestalt dargereicht,
-wie sie auch heute noch von den Priestern genossen werden; ein jeglicher
-nahm den Leib des Herrn in die Hand und trank dann selbst aus dem Kelch.
-Aber da die heiligen Gaben infolge der Zuchtlosigkeit der neubekehrten
-und noch unwissenden Christen, die bloß dem Namen nach Christen geworden
-waren, oftmals von ihnen fortgetragen und mit nach Hause genommen
-wurden, wo man sie zu abergläubischen Zwecken und Zauberkünsten
-verwendete, oder da man in der Kirche in unwürdiger Weise mit ihnen
-umging, sich hierbei stieß, Lärm machte und die heiligen Gaben sogar
-verschüttete, als die Väter vieler Kirchen sich genötigt sahen, dem
-Volke den Kelch völlig vorzuenthalten und ihn durch die Darreichung der
-Oblate, als Symbol des Brotes, zu ersetzen, ein Brauch, den die
-abendländische römisch-katholische Kirche bei sich eingeführt hat, da
-ordnete der heilige Johannes Chrysostomus an, damit in der
-morgenländischen Kirche nicht das gleiche geschähe: daß Leib und Blut
-dem Volke nicht in getrennter und gesonderter, sondern in vereinigter
-Gestalt dargereicht werden und daß ihm beides nicht in die Hand gegeben,
-sondern in einem heiligen Löffel gereicht werden solle, der die Form
-jener Zange haben müsse, mit der der feurige Seraphim die Lippen des
-Propheten Jesaias berührte. Hierdurch sollen alle daran gemahnt werden,
-was das für eine Berührung ist, deren ihr Mund gewürdigt wird, und ein
-jeglicher deutlich erkennen, daß der Priester in diesem heiligen Löffel
-jene glühende Kohle hält, die der Seraphim mit der geheimnisvollen Zange
-vom Altar Gottes nahm, also daß bei der bloßen Berührung der Lippen des
-Propheten alle seine Missetat von ihm genommen wurde. Derselbe Johannes
-Chrysostomus ordnete ferner, um jeden Gedanken daran fernzuhalten, daß
-eine solche Vereinigung von Leib und Blut ein Willkürakt des Priesters
-sein könne, an, daß im Augenblick ihrer Vereinigung warmes Wasser in das
-Gefäß gegossen werde, was die erwärmende Gnade des Heiligen Geistes
-symbolisieren soll, der da ausgegossen wird, um diese Vereinigung zu
-heiligen, woher auch der Diakon dabei die Worte spricht: »Die Wärme des
-Glaubens, erfüllet vom Heiligen Geiste!« Beim Einschütten des warmen
-Wassers wird die Gnade des Heiligen Geistes herabgefleht, damit nichts
-ohne den Segen des Herrn dabei geschehe und auf daß die Wärme zugleich
-zum Sinnbild der Blutwärme diene und, indem sie sich jedem fühlbar
-macht, ihm zum Bewußtsein bringe, daß sie nicht aus einem toten Leib,
-dem ja kein warmes Blut entfließt, sondern aus dem lebendigen,
-lebenspendenden und lebenzeugenden Leibe des Herrn in ihn einströmt;
-denn er soll auch hierbei daran erinnert werden, daß auch der tote Leib
-des Herrn nicht von Seiner göttlichen Seele verlassen, daß er voll der
-Wirkung des Heiligen Geistes ist, und daß die Gottheit Sich nicht von
-ihm getrennt hat.
-
-Nachdem der Priester zuerst selbst das Abendmahl genommen und es dann
-dem Diakon gereicht hat, steht der Diener Christi als ein neuer, durch
-das Sakrament der Kommunion von allen seinen Sünden gereinigter Mensch
-da; in diesem Augenblick ist er im wahren Sinn des Wortes ein Heiliger
-und würdig, anderen das Abendmahl zu reichen.
-
-Die Königspforte tut sich auf, und der Diakon erhebt feierlich seine
-Stimme: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben!« Nun erscheint der
-verwandelte Seraphim -- d. h. der in der Königspforte stehende Priester
-mit dem Kelch in der Hand -- vor der ganzen Gemeinde.
-
-Verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Gotte und von der heißen Flamme
-der Liebe zu Ihm, treten alle Kommunikanten, einer nach dem anderen, die
-Hände auf der Brust gekreuzt, vor den Priester und sprechen gebeugten
-Hauptes leise bei sich selbst folgendes Gebet, in dem sie ihren Glauben
-zu dem Gekreuzigten bekennen: »Ich glaube, o Herr, und bekenne, daß Du
-in Wahrheit bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die
-Welt gekommen ist, die Sünder zu erlösen, deren vornehmster ich selbst
-bin. Ich glaube auch, daß dies Dein heiliger Leib und daß dies Dein
-gerechtes Blut ist; daher bete ich zu Dir: erbarme Dich meiner und
-vergib mir meine Sünden, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, deren
-ich mich in Worten oder Taten, wissentlich oder unwissentlich schuldig
-gemacht habe, und gib, daß ich nicht als Verworfener teilhaftig werde
-Deines heiligen Sakramentes zur Vergebung der Sünden und zum ewigen
-Leben.« Hier hält der Andächtige einen Augenblick inne, um die Bedeutung
-dessen, wozu er sich anschickt, in Gedanken zu erfassen, und fährt
-sodann aus innerstem Herzen fort, indem er folgende Worte spricht:
-
-»Laß mich heute Deines heiligen Abendmahls teilhaftig werden, o Sohn
-Gottes, denn nicht als Dein Feind will ich Dein Geheimnis verraten, noch
-Dich küssen mit dem Kusse des Judas, sondern ich will Dich bekennen
-gleich dem Übeltäter, indem ich spreche: »Herr, gedenke an mich, wenn Du
-in Dein Reich kommst.« Und indem der Betende in seinem Inneren einen
-Augenblick andächtig innehält, fährt er fort: »Gib, o Herr, daß ich mir
-aus Deinem heiligen Abendmahl nicht das Gericht und die Verdammnis esse
-und trinke, sondern daß es mir zum Heil meiner Seele und meines Körpers
-gereiche.«
-
-Nachdem nun ein jeglicher dieses Bekenntnis abgelegt hat, naht er sich
-dem Geistlichen nicht wie einem gewöhnlichen Priester, sondern wie dem
-feurigen Seraphim selbst, indem er sich bereit hält, mit offenem Munde
-die glühende Kohle des heiligen göttlichen Leibes und Blutes, die ihm im
-Löffel gereicht wird, in sich aufzunehmen, sie, die den ganzen häßlichen
-Schmutz und Unrat seiner Sünden zu Asche verbrennen soll, wie trockenes
-Reisig, die ewige Nacht aus seiner Seele verscheuchen und ihn selbst in
-einen strahlenden Seraph verwandeln soll. Und wenn dann der Priester den
-heiligen Löffel an seine Lippen führt, den Kommunikanten beim Namen
-nennt und spricht: »Der Knecht Gottes empfängt das gerechte und heilige
-Blut des Herrn und Gottes, unseres Heilandes Jesu Christi, zur Vergebung
-der Sünden und zum ewigen Leben,« nimmt er den Leib und das Blut des
-Herrn in sich auf; so steht er in seinem Inneren einen Augenblick seinem
-Gott gegenüber, indem er Ihm selbst vor das Angesicht tritt. Dieser
-Augenblick ist unzeitlich und er unterscheidet sich durch nichts von der
-Ewigkeit, denn er ist erfüllt von Dem, Der da der Grund aller Ewigkeit
-ist.
-
-Indem der Mensch durch den Genuß des Leibes und des Blutes dieses großen
-Augenblicks teilhaftig geworden ist, steht er von heiliger Ehrfurcht
-erfüllt da; nun wird sein Mund mit dem heiligen Aër abgetrocknet, und
-diese Handlung wird mit den Worten des Seraphs begleitet, die dieser an
-den Propheten Jesaias richtete: »Siehe, hiermit sind deine Lippen
-gerühret, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde
-versöhnet sei.« Nunmehr tritt er selbst als ein Heiliger von dem
-heiligen Kelche zurück, indem er sich vor den Heiligen verbeugt, sie
-grüßt und sich vor den Anwesenden verneigt, die seinem Herzen jetzt
-soviel näher stehen als bis dahin und die nun durch das Band einer
-heiligen himmlischen Blutsverwandtschaft mit ihm verbunden sind; dann
-geht er wieder an seinen Platz zurück, ganz erfüllt von dem Gedanken,
-daß er Christus selbst in sich aufgenommen hat, daß Christus in ihm
-weilt und in fleischlicher Gestalt in seinen Leib hinabgestiegen ist,
-wie in ein Grab, um bis in die geheimste Kammer seines Herzens
-einzudringen und aufzuerstehen in seinem Geiste, denn in ihm selbst
-vollzieht Er Sein Begräbnis und Seine Auferstehung. Und die ganze Kirche
-leuchtet auf im Lichte dieser geistigen Auferstehung und jauchzend
-stimmt der Sängerchor einen Jubelgesang an:
-
-»Wir haben gesehen Christi Auferstehung, so lasset uns anbeten den
-heiligen Herrn Jesum, Ihn, den Einzigen, Sündlosen. Wir beten Dein Kreuz
-an, o Christus, und lobsingen und preisen Deine heilige Auferstehung,
-denn Du bist unser Gott, wir kennen keinen, außer Dir, und preisen
-Deinen Namen. Kommet her, alle ihr Gläubigen, lasset uns anbeten die
-heilige Auferstehung Christi, denn durch das Kreuz ward der ganzen Welt
-große Freude zuteil. Wir segnen den Herrn ewiglich und preisen Seine
-Auferstehung: denn Er erlitt und erduldete den Kreuzestod, und indem er
-starb, hat Er den Tod überwunden.« Und hierauf singt der Chor gleich den
-Engeln, die sich zu dieser Zeit versammeln:
-
-»Strahle auf und leuchte, neues Jerusalem, denn Gottes Ruhm ist über dir
-aufgegangen. Jubele und freue dich nun, o Zion. Und du, reine Jungfrau
-und Mutter Gottes schmücke dich, denn Er, Den du geboren hast, ist
-auferstanden. O großes, heiligstes Passahfest Christi! O Weisheit, du
-Wort und Kraft Gottes! laß uns deiner noch in vollkommener Weise
-teilhaftig werden an dem nie endenden Tage deines Reiches!«
-
-Während die frohlockende Kirche also widerhallt von den
-Auferstehungsliedern, stellt der Priester, im geschlossenen Altarraum,
-den heiligen Kelch auf den heiligen Hochaltar, der gleich der Patene
-wieder mit einer Decke zugedeckt wird, und richtet ein Dankgebet an den
-Herrn und Wohltäter unserer Seelen dafür, daß Er alle durch Seine Gnade
-teilnehmen ließ an Seinem himmlischen ewigen Sakramente, und er schließt
-mit der Bitte, Gott möge uns auf den rechten Weg führen, uns alle in der
-heiligen Ehrfurcht zu Ihm befestigen, unser Leben behüten und unseren
-Schritten Kraft und Festigkeit verleihen.
-
-Und nun öffnet sich die Königspforte zum letztenmal, denn dieses offene
-Tor soll die offenen Pforten des Himmelreiches versinnbildlichen, das
-Christus allen zuteil werden ließ, indem Er Sich selbst der ganzen Welt
-zur Speise darbrachte. Das Hinaustragen des heiligen Kelches, wobei der
-Diakon die Worte spricht: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben,«
-sowie das Zurücktragen des Kelches soll versinnbildlichen, daß Christus
-zum Volke hinausgeht, um alle Menschen mit Sich in das Haus Seines
-Vaters zurückzuführen. Vom Chor ertönt ein donnernder feierlicher
-Jubelgesang zur Antwort: »Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn;
-unser Herr und Gott erscheine, Der uns erscheint.« Und die ganze
-Gemeinde vereinigt sich mit dem Chor und stimmt einen donnernden
-geistlichen Lobgesang an, der aus der Tiefe des gewaltig erstarkten und
-erhobenen Geistes kommt. Der Priester segnet die Anwesenden mit den
-Worten: »Errette, o Herr, Deine Menschen und segne Dein Eigentum,« denn
-er nimmt an, daß in diesem Augenblick alle durch ihre Reinheit zu Gottes
-eigenstem Eigentum geworden sind -- dann schwingt er sich in Gedanken
-empor und gedenkt der Himmelfahrt Christi, die den Abschluß Seines
-Erdenwandels bildete: er tritt zusammen mit dem Diakon vor den heiligen
-Hochaltar, verneigt sich und räuchert zum letztenmal, indem er spricht:
-»Aufgefahren zum Himmel bist Du, o Herr, die ganze Erde ist Deines
-Ruhmes voll,« inzwischen aber begeistert der Chor durch jauchzende
-Jubelgesänge und Töne, die von strahlender geistiger Freude erfüllt
-sind, die verklärten Gemüter der Anwesenden zu folgenden Worten, dem
-höchsten Ausdruck geistiger Freude: »Wir haben das wahre Licht geschaut,
-wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben uns mit dem
-wahrhaften Glauben erfüllt und beten an die Heilige unteilbare
-Dreieinigkeit, denn Sie hat uns erlöst.«
-
-Der Diakon erscheint mit der heiligen Patene auf dem Haupte im heiligen
-Tor, er spricht kein Wort, blickt stumm auf die ganze Versammlung und
-entfernt sich hierauf wieder, womit er andeuten will, daß Christus uns
-verlassen hat und gen Himmel gefahren ist. Nach dem Diakon erscheint der
-Priester mit dem heiligen Kelch im heiligen Tore und verkündigt, daß der
-Herr, Der gen Himmel gefahren ist, alle Tage bis zum Ende der Welt bei
-uns weilet, indem er spricht: »Immerdar, jetzo, hinfort und in alle
-Ewigkeit,« worauf der Kelch und die Patene zurückgetragen und auf den
-Seitenaltar gestellt werden, auf dem das Offertorium stattfand und der
-jetzt nicht mehr die Krippe, die eine Zeugin der Geburt Christi war,
-sondern jenen höchsten Ort des Ruhmes darstellt, auf dem sich die
-Himmelfahrt Christi in den Schoß des Vaters vollzog.
-
-Hier vereinigt sich die ganze Kirche unter Führung des Sängerchors zu
-einem feierlichen Dankgesang der Seelen, und dies sind die Worte des
-Lobgesangs: »Laß unseren Mund sich erfüllen mit Deinem Lobe, o Herr, daß
-wir Deinen Ruhm singen, Der Du uns würdigest, an Deinem heiligen,
-göttlichen, unvergänglichen, lebenspendenden Sakramente teilzunehmen;
-behüte uns in Deinem Heiligtume, auf daß wir den ganzen Tag Belehrung
-schöpfen aus Deiner Weisheit!« Hierauf singt der Sängerchor dreimal ein
-begeistertes: »Halleluja!«, das allen das ewige Wandeln und die
-Allgegenwart Gottes in Erinnerung ruft. Der Diakon besteigt die Kanzel,
-um die Anwesenden zum letztenmal zu Dankgebeten aufzufordern. Er hebt
-die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und spricht: »Vergib!
-lasset uns, nachdem wir empfangen haben das göttliche, heilige, reine,
-unvergängliche, himmlische, lebenspendende und furchtbare Sakrament
-Christi, würdig danken dem Herrn.« Und alle Anwesenden singen leise und
-mit dankbarem Herzen: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf, rette, erbarme Dich
-und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« ruft der Diakon zum
-letztenmal. Und alle singen den Gesang: »Herr, erbarme Dich! Wir beten,
-daß dieser ganze Tag heilig, friedlich und sündlos zu Ende gehe und
-weihen uns, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte!«
-Und mit der sanften Fügsamkeit eines Kindes und dem himmlischen
-Vertrauen auf Gott rufen alle aus: »Dir, o Herr!« Der Priester hat
-währenddessen das Corporale zusammengelegt und verkündigt nun mit dem
-Evangelium in der Hand ... und stimmt einen Lobgesang auf die
-Dreieinigkeit an, der bisher gleich einem alles erhellenden Leuchtturm
-den ganzen Gang des Gottesdienstes erleuchtete und jetzt mit noch
-hellerem Lichte in den verklärten Seelen aufstrahlt; diesmal aber lautet
-der Lobgesang auf die Dreieinigkeit folgendermaßen: »Da Du bist unsere
-Heiligung, so singen wir Dir Ruhm und Preis: dem Vater, dem Sohne und
-dem Heiligen Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.«
-
-Dann tritt der Priester vor den Seitenaltar, auf dem der Kelch und die
-Patene stehen. Alle die Stücke, die bisher auf der Patene lagen und die
-während des Offertoriums zum Gedächtnis der Heiligen, zu Ehren der
-Entschlafenen und für das geistige Wohlergehen der Lebenden
-herausgeschnitten wurden, werden jetzt in den heiligen Kelch getaucht,
-und durch diesen Akt des Eintauchens nimmt die ganze Kirche am Leibe und
-Blute Christi teil -- sowohl die, die noch auf Erden umherirrt und
-kämpft, als auch die, die bereits triumphieret im Himmel: die Mutter
-Gottes, die Propheten, die Apostel, die Kirchenväter, die Priester, die
-Einsiedler, die Märtyrer, alle Sünder, für die ein Stück aus dem Brote
-herausgeschnitten wurde, sowohl die, die auf Erden leben, als auch die,
-die schon dahingegangen sind, nehmen in diesem Augenblick am Leibe und
-Blute Christi teil. Und der Priester, der in diesem Augenblick als der
-Vertreter der ganzen Kirche vor Gottes Angesichte steht, trinkt aus dem
-Kelche diese Kommunion aller und betet, nachdem er die Kommunion in sich
-aufgenommen hat, für alle, auf daß ihre Sünden weggewaschen werden, denn
-um der Erlösung aller willen ward dieses Opfer von Christus dargebracht,
-sowohl für die, die vor Seinem Kommen gelebt haben, als auch für die,
-die nach seinem Erscheinen leben. Und so sündhaft sein Gebet auch sein
-mag, der Priester richtet es für alle zu Gott empor, selbst für die
-heiligsten unter den Menschen, denn Johannes Chrysostomus hat gesagt:
-»Die ganze Welt muß gereiniget werden.«
-
-Die Kirche ordnet ein allgemeines Gebet für alle an, und die hohe
-Bedeutung eines solchen Gebets und seine strenge Notwendigkeit sind
-nicht von den Philosophen und nicht von Gelehrten und Weltweisen des
-Zeitalters, sondern von den erhabensten Menschen erkannt worden, die
-durch ihre hohe geistige Vollkommenheit und durch ihr himmlisches
-engelhaftes Leben bis zur Erkenntnis der tiefsten geistigen Geheimnisse
-durchdrangen und klar einsahen, daß es keine Trennung unter denen, so in
-Gott leben, gibt, daß ihr Verkehr infolge der momentanen Verweslichkeit
-unseres Leibes nicht aufhört, daß die Liebe, die hier erblühte und uns
-verband auf der Erde, im Himmel als in ihrer Heimat noch viel mächtiger
-wird, und daß ein Bruder, der uns verlassen hat, uns durch die Macht der
-Liebe noch weit näher gerückt wird. Und alles, was aus Christus
-hervorgeht, ist ewig, wie die Quelle selbst ewig ist, aus der es
-entspringt. Sie haben ja auch durch ihre höheren Sinnesorgane erfahren,
-daß sogar die triumphierende Kirche im Himmel beten muß, und daß sie in
-der Tat für ihre auf Erden herumirrenden Brüder betet; sie haben auch
-erkannt, daß Gott uns im Gebet die höchste Seligkeit beschieden hat,
-denn Gott tut nichts und erweist niemand eine Wohltat, ohne Sein
-Geschöpf an Seinem Werke mitwirken zu lassen, auf daß es die hohe Wonne
-des Wohltuns mitgenieße; der Engel, der der Überbringer Seines Befehls
-ist, versinkt förmlich in Seligkeit, bloß weil er Seine Befehle
-überbringen darf. Der Heilige betet im Himmel für seine Mitbrüder, die
-hier auf Erden weilen, und versinkt in lauter Seligkeit, weil er beten
-darf. Und alles nimmt mit Gott an allen Seinen höchsten Wonnen und an
-Seiner Seligkeit teil: Millionen der vollkommensten Geschöpfe gehen aus
-Gottes Hand hervor, um an der höchsten und erhabensten Seligkeit
-teilzunehmen, und dies nimmt kein Ende, wie Gottes Seligkeit kein Ende
-nimmt.
-
-Nachdem der Priester die Kommunion aller mit Gott aus dem Kelche
-getrunken hat, verteilt er die Weihbrote, denen die Stücke entnommen und
-aus denen sie herausgeschnitten wurden, an das Volk und übt damit den
-alten hohen Brauch des Liebesmahls aus, der bei den ersten Christen
-herrschte. Obwohl heute zu diesem Zweck kein Tisch mehr gedeckt wird,
-weil die ungebildeten und noch rohen Christen durch törichte
-Kundgebungen einer ungestümen Freude und durch Worte des Streits statt
-durch Worte der Liebe die Heiligkeit dieses rührenden himmlischen Mahles
-im Hause Gottes entweiht hatten, eines Mahles, bei dem alle Teilnehmer
-Heilige waren, bei dem alle Teile in eins zusammenflossen und
-währenddessen sie miteinander sprachen und sich unterhielten wie reine,
-unschuldige Kindlein, als wenn sie bei Gott im Himmel weilten; obwohl
-die Kirchen selbst einsahen, daß es unbedingt notwendig sei, diesen
-Brauch aufzuheben und selbst die Erinnerung an dieses Festmahl in vielen
-Kirchen zu tilgen, konnte die morgenländische Kirche sich
-nichtsdestoweniger nicht entschließen, diese Sitte gänzlich
-abzuschaffen, und so feiert sie auch heute noch in der Verteilung des
-heiligen Brotes an das gesamte in der Kirche versammelte Volk das alte
-Liebesmahl. Daher nimmt ein jeder, der das Weihbrot empfängt, dieses
-statt des Brotes entgegen, das von jenem Mahle herstammt, bei dem der
-Herr der Welt selbst Sich mit Seinen Jüngern unterredet hat, daher muß
-er es voller Ehrfurcht genießen und sich vorstellen, er sei von allen
-Menschen wie von lieben Brüdern umgeben, daher genießt er es denn auch,
-wie das in der Urkirche Sitte war, vor jeder anderen Speise, nimmt es
-mit sich nach Hause, oder er bringt es den Kranken, den Armen und
-solchen, die an jenem Tage aus irgendeinem Grunde nicht in der Kirche
-sein konnten.
-
-Nachdem der Priester die heiligen Brote verteilt hat, schließt er die
-Liturgie mit einem Gebet und segnet sodann das ganze Volk mit den
-Worten: »Christus, unser wahrhaftiger Gott, erbarme Sich unser auf die
-Fürbitte Seiner reinen Mutter, auf Fürbitte unseres Erzbischofs Johannes
-Chrysostomus (wenn an diesem ebenso wie am vergangenen Tage die Liturgie
-des Chrysostomus stattfindet), auf Fürbitte des Heiligen (hier nennt er
-den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist) sowie aller Heiligen; und
-errette uns, denn Er ist gütig und menschenfreundlich.« Die Gemeinde
-bekreuzigt sich, fällt auf die Knie und geht auseinander, während der
-Chor einen lauten Gesang anstimmt und Gebete für das Leben des Kaisers
-emporrichtet.
-
-Nunmehr legt der Priester im Inneren des Altarraumes seine Gewänder ab,
-indem er spricht: »Nun entläßt Du Deinen Knecht!« und er begleitet diese
-Handlung mit Lobgesängen und Hymnen zu Ehren des Vaters und Bischofs der
-Kirche, dem zu Ehren die Liturgie zelebriert wurde, sowie zu Ehren der
-heiligen reinen Jungfrau, in der sich die Menschenwerdung Dessen
-vollzog, Dem die ganze Liturgie geweiht ist. Der Diakon verzehrt
-unterdessen alles, was noch im Kelche enthalten ist, gießt noch etwas
-Wein und Wasser hinein, spült die inneren Wände des Kelches ab, trinkt
-sodann den Inhalt des Kelches aus und trocknet ihn sorgfältig mit dem
-Schwamm ab, damit nichts mehr darin bleibe, dann räumt er die heiligen
-Gefäße zusammen, bedeckt sie mit Decken, bindet sie zusammen und spricht
-ebenso wie der Priester: »Nun entläßt Du Deinen Knecht!« worauf er
-dieselben Gesänge und Gebete wiederholt. Und beide verlassen die Kirche
-mit frischen, strahlenden Gesichtern, mit einem von jauchzender
-Freudigkeit erfüllten Geist und Worten des Dankes für den Herrn auf den
-Lippen.
-
-
- Schluß
-
-Die Wirkung, die die heilige Liturgie auf den Geist ausübt, ist
-gewaltig: sie vollzieht sich sichtbar und vor den Augen der ganzen Welt
-und bleibt doch verborgen. Und wenn der Kirchenbesucher nur jeder
-Handlung andächtig und aufmerksam und den Ermahnungen des Diakons
-gehorsam gefolgt ist, -- so wird seine Seele von einer gehobenen
-Stimmung ergriffen, Christi Gebote werden für ihn erfüllbar, das Joch
-Christi wird sanft, und Seine Last wird leicht. Wenn er dann den Tempel
-verlassen hat, woselbst er an dem göttlichen Liebesmahl teilgenommen
-hat, sieht er alle Menschen als seine Brüder an. Was er auch tut, ob er
-wieder an seine gewohnten Geschäfte geht, sich seinem Dienst oder seiner
-Familie widmet, wo und in welchem -- -- -- es auch sei, stets schwebt
-ihm ganz unwillkürlich das hohe Ziel eines liebevollen Verhaltens gegen
-seine Mitmenschen vor der Seele, wie es uns der Gottmensch vom Himmel
-mitgebracht hat; ohne daß er es selbst merkt, wird er freundlicher und
-gütiger gegen seine Untergebenen. Wenn er selbst einen Vorgesetzten über
-sich hat, so ordnet er sich ihm liebevoller unter, als wäre es der
-Heiland selbst, dem er gehorcht. Wenn er einen Menschen sieht, der um
-Hilfe bittet, ist sein Herz mehr denn sonst zur Hilfe geneigt, er findet
-mehr [Freude] daran und schenkt dem Armen aus liebendem Herzen ein
-Almosen. Ist er dagegen selbst arm, so nimmt er jede kleine Gabe voller
-Dankbarkeit entgegen; sein Herz ist von Rührung ergriffen und will vor
-Dank vergehen, und niemals betet er so dankerfüllt für seinen Wohltäter.
-Und alle, die der göttlichen Liturgie aufmerksam gefolgt sind, verlassen
-die Kirche sanftmütiger, sind gütiger im Umgang mit dem Menschen und
-freundlicher und milder in allem, was sie tun.
-
-Daher muß ein jeder, der innerlich fortschreiten und besser werden will,
-die göttliche Liturgie, so oft als nur möglich, besuchen und ihr
-aufmerksam folgen: sie stimmt den Menschen ganz unmerklich und richtet
-seine Seele empor. Und wenn sich unsere Gesellschaft noch nicht
-vollständig aufgelöst hat, wenn die Menschen noch nicht von einem tiefen
-unversöhnlichen Haß widereinander erfüllt sind, so liegt der letzte
-tiefste Grund in der göttlichen Liturgie, die den Menschen an das
-heilige himmlische Gebot der Liebe zu seinen Brüdern mahnt. Wer sich
-daher in der Liebe stärken will, der sollte dem heiligen Liebesmahl so
-oft als möglich, voller Furcht, voller Glauben und Liebe beiwohnen. Und
-wenn er das Gefühl hat, daß er dessen noch nicht würdig ist, mit seinem
-Munde den Gott in sich aufzunehmen, Der selbst ganz Liebe ist, so soll
-er wenigstens der Liturgie als Zuschauer beiwohnen, er mag zusehen, wie
-die anderen das heilige Abendmahl nehmen, um unmerklich und
-unwillkürlich mit jeder Woche besser und vollkommener zu werden.
-
-Gewaltig und unermeßlich könnte die Wirkung der heiligen Liturgie sein,
-wenn der Mensch ihr beiwohnte, um das, was er gehört hat, in sein Leben
-aufzunehmen.
-
-Indem alle in gleicher Weise aus der Liturgie Belehrung schöpfen und
-indem sie auf alle Glieder der Gesellschaft vom Zaren herab bis zum
-letzten Bettler gleichermaßen wirkt, spricht sie zu allen in gleicher
-Weise, wenngleich nicht in derselben Sprache, und unterweist alle in der
-Liebe, die da ist das Band der Gesellschaft, die innerste Triebfeder
-alles dessen, das sich harmonisch bewegt, und die Nahrung und das Leben
-von allem.
-
-Wenn aber die heilige Liturgie schon, während sie zelebriert wird, so
-stark auf die Anwesenden wirkt, so ist ihre Wirkung auf den Zelebranten
-oder den Priester noch weit tiefer. Wenn er sie andächtig und mit
-Ehrfurcht, Glauben und Liebe zelebriert, so reinigt sich sein ganzes
-Wesen, gleich einem Gefäß, das später zu nichts mehr ...; und mag er nun
-den ganzen Tag erregt in der Erfüllung seiner zahlreichen
-seelsorgerischen Pflichten, inmitten seiner Familie, seiner Hausgenossen
-oder seiner Pfarrkinder zubringen, der Heiland selbst wird sich in ihm
-verkörpern. Christus wird in allen seinen Handlungen lebendig sein, und
-der Heiland wird durch seinen Mund zu uns sprechen. Ob er die
-Streitenden zu versöhnen oder den Starken oder den Zornigen zu bewegen
-sucht, Gnade gegenüber dem Schwachen zu üben; ob er den Trauernden
-tröstet und den Bedrückten zur Geduld ermahnt oder ... seine Worte
-werden von der heilenden Kraft des Balsams erfüllt sein und überall und
-allerorten zu Worten des Friedens und der Liebe werden.
-
-
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- Jugendschriften
-
-
- 1834
-
-Großer, feierlicher Augenblick! Gott, wie rauschen, wie drängen sich in
-ihm die Wogen der mannigfaltigsten Gefühle zusammen! Nein, das ist kein
-Traum. Das ist die verhängnisvolle unvermeidliche Grenzscheide zwischen
-Erinnerung und Hoffnung ... Es gibt schon kein Erinnern mehr, schon
-schwindet es dahin, schon wird es von der Hoffnung zurückgedrängt. Zu
-meinen Füßen braust meine Vergangenheit; über mir, durch Nebelschleier
-hindurch, schimmert geheimnisvoll die Zukunft. Ich flehe dich an, Leben
-meiner Seele (mein Schutzgeist, mein Engel), mein Genius! Verbirg dich
-nicht vor mir! Wache in diesem Augenblick über mir und weiche dieses
-ganze Jahr, das für mich so vielversprechend beginnt, nicht von meiner
-Seite. Wie wirst du aussehen, du, meine Zukunft? Liegst du glanzvoll,
-groß vor mir, gärt es in dir von gewaltigen Taten, oder ... O mögest du
-ruhmvoll, tatenreich und ganz der Arbeit und der Ruhe gewidmet sein!
-Warum stehst du so geheimnisvoll vor mir, du [Jahr] 1834? Sei auch du
-mein Schutzengel. Sollten sich Trägheit und Gefühllosigkeit auch nur
-einen Augenblick erdreisten, sich mir zu nahen, -- oh, dann wecke mich
-aus dem Schlummer, gib es nicht zu, daß sie Macht über mich gewinnen!
-Laß deine so vielsagenden Zahlen wie eine nimmer ruhende Uhr, wie mein
-Gewissen vor mir stehen: laß jede deiner Ziffern lauter denn eine
-Sturmglocke an mein Ohr tönen, laß sie gleich einem galvanischen Stab
-meinen ganzen Körper in Zuckungen versetzen und erschüttern.
-
-Geheimnisvolles, unbegreifliches Jahr 1834! Wo werde ich dich durch
-große Werke kennzeichnen? Inmitten dieses Haufens aufeinandergetürmter
-Häuser, dieser lärmenden Straßen, dieser siedenden Geschäftigkeit --
-dieser Menge, dieses Durcheinanders aller möglichen Moden, Paraden,
-Beamten, dieser seltsamen nordischen Nächte, dieses Glanzes und dieser
-gemeinen Farblosigkeit? In meinem herrlichen, alten, gelobten, mit
-fruchtreichen Gärten geschmückten Kiew, das mein prachtvoller,
-wundersamer, südlicher Himmel überwölbt und das wonneatmende Nächte
-einhüllen, wo die Berge mit ihren schönen -- man möchte sagen
-harmonischen -- Hängen, und wo mein klarer, wild dahinstürmender Dnjepr,
-der es umspült, im Schmuck grünen Buschwerks prangt? -- Wird es dort
-sein? ... Oh! Ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll, mein Genius! Du,
-der du schon seit meiner Wiege im Vorüberfliegen mein Ohr mit deinen
-harmonischen Liedern trafst, der du solch herrliche, mir bis heute noch
-unbegreifliche Gedanken in mir erwecktest und solch unendliche
-wonnevolle Träume in mir nährtest! Oh, blicke mich an! Herrlicher,
-blicke herab auf mich mit deinen himmlischen Augen! Ich knie vor dir.
-Ich liege zu deinen Füßen! Oh, verlasse mich nicht! Verweile bei mir auf
-der Erde, wenn auch nur zwei Stunden an jedem Tage, als mein herrlicher
-Bruder! Ich will es vollbringen. Ja, ich werde es vollbringen. In mir
-kocht es und siedet's vor Lebenskraft. Meine Werke werden von
-Begeisterung erfüllt sein. Die erhabene Gottheit, die über dieser Erde
-thront, wird über ihnen schweben. Ich werde es vollbringen ... Oh, küsse
-und segne mich!
-
-
- Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken
-
-Es gibt bisher noch keine vollständige und befriedigende Darstellung der
-Geschichte Kleinrußlands und des kleinrussischen Volkes. Die zahlreichen
-kompilatorischen Darstellungen, die meist ohne strenge kritische
-Gesichtspunkte plan- und ziellos aus verschiedenen Chroniken
-zusammengetragen, dazu noch meist ganz unvollständig sind und durch die
-bisher diesem Volke sein Platz in der Weltgeschichte noch nicht
-angewiesen ward, diese Darstellungen nenne ich (trotzdem sie als
-Material ganz wertvoll sein können) noch keine Geschichte. Ich habe mich
-entschlossen, diese Arbeit auf mich zu nehmen und möglichst ausführlich
-darzustellen, wie dieser Teil Rußlands sich loslöste (und selbständig
-wurde), was für eine politische Verfassung er unter der fremden
-Herrschaft erhielt, wie sich hier eine kriegerische Bevölkerung
-heranbildete, die sich durch eine große Originalität des Charakters und
-durch ihre Taten auszeichnete; wie sich dieses Volk drei Jahrhunderte
-lang mit der Waffe in der Hand seine Rechte erobern mußte und hartnäckig
-seine Religion verteidigte, und wie es sich schließlich für immer an
-Rußland anschloß; wie es seinen kriegerischen Charakter verlor und sich
-in ein Volk von Ackerbauern verwandelte; wie sich das ganze Land
-allmählich statt der alten neue Rechte eroberte und endlich mit Rußland
-völlig zu einem Ganzen verschmolz. Ungefähr fünf Jahre lang habe ich mit
-großem Eifer Materialien gesammelt, die sich auf die Geschichte dieses
-Landes beziehen. Die Hälfte meiner Geschichte ist bereits so gut wie
-fertig, aber ich zögere noch, die ersten Bände herauszugeben, da ich
-vermute, daß es noch viele Quellen gibt, die mir vielleicht noch nicht
-bekannt sind, und die sich ohne Zweifel in den Händen von Privatpersonen
-befinden. Daher wende ich mich an alle die, die irgendwelche
-Materialien: Chroniken, Memoiren, Lieder, Erzählungen von
-Bandurenspielern, Aktenstücke (besonders auch solche, die sich auf die
-ersten Epochen der kleinrussischen Geschichte beziehen), besitzen (es
-ist unmöglich, daß meine gebildeten und aufgeklärten Landsleute mir
-diese Bitte abschlagen könnten). Ich bitte sie inniglich, mir diese
-Materialien zuzuschicken: wenn nicht die Originale, so doch wenigstens
-Kopien.
-
-
-
-
- Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung
- Der schreckliche Eber
-
-
- I.
- Der Lehrer
-
-Die Ankunft einer neuen Person in dem gesegneten Lande Goltwjan machte
-mehr Aufsehen als das Gerücht, das vor zwei Jahren durch das Land ging,
-die Zahl der Rekruten solle vermehrt werden, oder als die plötzliche
-Erhöhung der Preise auf das Salz, das von den Steppenbewohnern der
-Ukraine aus der Krim eingeführt wurde. In den Schenken, auf den Straßen,
-in der Mühle, in der Branntweinbrennerei sprach man von nichts anderem
-als von dem neu hierher versetzten Lehrer. Die schlauen Politiker in
-ihren großen Kitteln und Kapuzen suchten, während sie mit höchst
-phlegmatischen Mienen dichte Rauchwolken unter ihrer Nase emporsteigen
-ließen, den Einfluß der Persönlichkeit festzustellen, der das Schicksal
-scheinbar schon bei der Geburt einen so hohen Platz über den Köpfen
-aller Bewohner der Welt angewiesen hatte, einer Person, die in den
-herrschaftlichen Gemächern wohnte und an einem Tisch mit der Besitzerin
-eines Gutes von fünfzig Seelen speiste. Man sprach davon, daß das
-Lehramt nicht seine ganze Befugnis ausmache, und daß sich sein Einfluß
-ohne allen Zweifel auch auf die wirtschaftliche Ordnung erstrecken
-werde; jedenfalls werde die Bemessung der Vorspanndienste, die
-Verteilung von Mehl, Speck usw. von keinem anderen abhängen als von ihm.
-Einzelne ließen mit bedeutsamer Miene durchblicken, daß nunmehr
-womöglich selbst der Verwalter zu einer bloßen Null herabsinken werde.
-Nur der _Miroschnik_, d. h. der Müller Ssolopi Tschubko, wagte die
-Behauptung aufzustellen, daß die Dorfältesten nichts von ihm zu
-befürchten hätten, er sei bereit, eine Wette einzugehen, und setze eine
-neue Mütze aus grauem reschetilowschem Lammfell zum Pfande --, daß der
-Lehrer keine Ahnung davon habe, wie man ein Fünfgespann zum Stehen und
-das stockende Mühlrad wieder in Schwung bringen müsse. Aber seine
-wichtige Haltung, sein glänzender Triumph über den Kirchensänger und die
-donnerähnliche Baßstimme, die alle Pfarrkinder in Rührung versetzt
-hatte, waren noch im Gedächtnis aller lebendig, und so blieb denn die
-vorteilhafte Meinung, die man von dem neuen Lehrer hatte, bestehen. Und
-wenn auch zu Ehren des Gastes kein einziges Turnier zwischen den
-angesehensten Bewohnern des Dorfes stattfand, so ließen sich dafür ihre
-liebenswürdigen Gattinnen nicht lumpen: begabt mit jener kräftigen
-Zunge, die so laute und durchdringende Töne hervorzubringen vermag und
-die sich bei den Weibern nach dem unerforschlichen Ratschluß der
-Vorsehung beinahe viermal so schnell bewegt wie bei den Männern, ließen
-sie ihr bei der Widerlegung der Angriffe und bei der Verteidigung der
-Vorzüge des Lehrers gewandt und behende freien Lauf.
-
-Lautes Geschrei und Geplapper, unterbrochen von plötzlichen Aufschreien
-und Gezänk, erfüllte die friedlichen Winkelgassen des Dorfes Mandrykow.
-Und da seine ehrenhaften Bewohnerinnen die löbliche Gewohnheit hatten,
-ihrer Zunge auch noch mit den Händen nachzuhelfen, konnte man in den
-Straßen fortwährend ein Paar kräftig ineinander verkrallter
-Gevatterinnen antreffen, die so eng aneinanderhingen, wie ein
-Schmeichler an einem Günstling des Glücks hängt oder wie ein Geizhals
-seine Tasche festhält, wenn die Straßen öde werden und eine einsame
-Laterne ihr erlöschendes Licht auf die gelben Mauern der schlafenden
-Stadt wirft. Am meisten hatten jedoch die Männer zu leiden, die es
-versuchten, sie zu trennen: Schnitzel und Scherben hagelten ihnen auf
-den Kopf herab, und häufig verprügelte eine erregte Gevatterin in der
-Hitze ihres Zornes statt eines fremden ihren eigenen Gatten.
-
-Inzwischen hatte sich unser Pädagoge völlig im Hause Anna Iwanownas
-eingelebt. Er gehörte zu der Zahl jener Seminaristen, die einen _Schreck
-vor der abgründigen Weisheit_ bekommen hatten, mit der das ***sche
-Seminar die nicht allzu wohlhabenden Herren von Kleinrußland gegen etwa
-hundert Rubel jährlich für ihren Beruf als Hauslehrer ausstattet. --
-Übrigens war Iwan Ossipowitsch sogar bis zur Theologie vorgedrungen, und
-er wäre wohl gar weiß Gott wie weit, ja wahrscheinlich sogar noch weiter
-gekommen, wenn seine lockeren Kameraden nicht gewesen wären, die sich
-beständig über seinen Schnurrbart und seinen stacheligen Backenbart
-lustig machten. Als von Jahr zu Jahr ein Teil die Schule verließ und
-immer jüngere und jüngere an ihre Stelle traten, ließen sie ihm
-überhaupt keine Ruhe mehr: bald warfen sie ihm klebrige Disteln in
-seinen Bart und Schnurrbart, bald hängten sie ihm hinten am Rock
-Schellen an, bald puderten sie ihm das Haar mit Sand oder schütteten ihm
-Nieswurz in die Tabaksdose, bis Iwan Ossipowitsch es überdrüssig wurde,
-der stumme Zeuge dieses ewigen Wechsels leichtsinniger Generationen und
-ihr Kinderspielzeug zu sein, bis er sich genötigt sah, dem Seminar
-Lebewohl zu sagen und sich in die »_Vakanz_« schicken zu lassen, d. h.
-nach dem Sprachgebrauch der kleinrussischen Seminare: Hauslehrer zu
-werden.
-
-Diese Veränderung bildete eine wichtige Epoche und einen Wendepunkt in
-seinem Leben. An die Stelle der ewigen Spöttereien und Streiche seiner
-mutwilligen Kameraden trat nun endlich etwas wie Achtung, Anhänglichkeit
-und Sympathie. Mußte man denn auch nicht unwillkürlich Achtung vor ihm
-empfinden, wenn er an Festtagen in seinem hellblauen Rock
-dahergeschritten kam -- wohlgemerkt im hellblauen Rock -- denn das ist
-von nicht geringer Bedeutung. Ich sehe es als meine Pflicht an, den
-Leser darüber aufzuklären, daß ein Rock im allgemeinen (gar nicht erst
-zu reden von einem blauen), wenn er bloß nicht aus grauem Stoff
-gefertigt ist, in den Dörfern an den gesegneten Ufern der Goltwa einen
-ganz wundersamen Eindruck macht: wo er sich auch zeigt, da fliegen
-selbst von den trägsten und unbeweglichsten Köpfen die Mützen herab und
-begeben sich in die Hände ihrer Besitzer; selbst die würdigen mit
-schwarzen und grauen Schnurrbärten gezierten, sonnengebräunten Häupter
-beugen sich tief bis zum Gürtel. Die Zahl aller Röcke im Dorfe betrug --
-wenn man auch den Mantel des Kirchensängers mitrechnet -- drei; aber so
-wie ein majestätischer Kürbis sich stolz aufbläht und alle übrigen
-Bewohner eines reichbepflanzten Melonenfeldes in den Schatten stellt,
-also verdunkelte der Rock unseres Freundes seine sämtlichen Mitbrüder.
-Was ihm den größten Reiz verlieh, das waren die Knochenknöpfe, die von
-den in Haufen auf der Straße stehenden Straßenjungen mächtig angestaunt
-wurden. Nicht ohne Vergnügen hörte unser stutzerhafter Erzieher der
-Jugend, wie die Mütter ihre Säuglinge auf die Knöpfe aufmerksam machten,
-und wie die Kleinen ihre Händchen ausstreckten und _Zga zga Zga zga_ (d.
-h. gut, gut) lallten. Beim Mittagessen war es ein Genuß, zuzusehen, wie
-würdig und mit welcher Rührung unser ehrenwerter Lehrer mit
-vorgebundener Serviette die allgemeine Verrichtung irdischer Sättigung
-besorgte. Da gab es kein überflüssiges Wort, keine unnötige Bewegung; er
-schien sich völlig in seinen Teller zu verfügen und ganz in ihm
-aufzugehen. Wenn er ihn so gründlich geleert hatte, daß kein
-gastronomisches Gerät, als da sind Gabel und Messer, noch etwas vorfand,
-dessen es sich bemächtigen konnte, schnitt er sich ein Stück Brot ab,
-spießte es auf die Gabel auf und fuhr mit diesem Gerät noch einmal über
-den Teller, wonach dieser so blank und rein war, als käme er eben aus
-der Fabrik. Aber dies alles, kann man wohl sagen, waren nur äußere
-Vorzüge, die seine Kenntnis der Sitten und Formen der feinen Welt
-bezeugten, und der Leser würde sehr fehlgehen, wenn er hieraus schließen
-wollte, daß damit alle seine Gaben und Fähigkeiten erschöpft gewesen
-wären. Der würdige Pädagoge besaß für einen einfachen Mann geradezu
-unermeßliche Kenntnisse, von denen er einige für sich behielt, wie z. B.
-die Zubereitung einer Arznei gegen den Biß von tollen Hunden und die
-Kunst, bloß aus Eichenrinde und Salpetersäure die schönste rote Farbe
-herzustellen. Außerdem konnte er eigenhändig die herrlichste
-Stiefelwichse und Tinte herstellen und für den kleinen Enkel Anna
-Iwanownas Figuren aus Papier ausschneiden; und an Winterabenden wickelte
-er Garn auf und spann er sogar.
-
-Ist es da wohl verwunderlich, wenn er sich bei solchen Gaben im Hause
-bald unentbehrlich machte, und wenn alle Knechte und Mägde völlig in ihn
-vernarrt waren, trotzdem sein Gesicht sowohl nach seiner Form wie nach
-seiner Farbe völlig einer Flasche glich, obwohl sein gewaltiger Mund,
-dessen dreisten Ansprüchen die abstehenden Ohren nur mit Mühe eine
-Schranke zu setzen vermochten, sich fortwährend verzog und verzerrte,
-indem er sich zu einem Lächeln zu zwingen suchte, und obwohl seine Augen
-eine hellgrüne Farbe hatten -- zwei Augen, wie sie, soviel mir bekannt
-ist, in den Annalen der Romane noch nie ein Held besessen hat. Aber
-vielleicht sehen die Frauen mehr als wir? Wer will sie enträtseln? Wie
-dem auch sein mag, genug, auch die alte Dame, die Frau des Hauses, war
-sehr befriedigt von den Kenntnissen des Lehrers in den Geheimnissen der
-Haushaltung und von seiner Kunst, aus Safran und _Herba rhabarbarum_
-Schnaps herzustellen, sowie von seiner Geschicklichkeit im Entwirren von
-Garn und seiner großen Lebenserfahrung. Der Haushälterin gefiel am
-meisten sein stutzerhafter Rock und seine Kunst, sich zu kleiden;
-übrigens hatte auch sie bemerkt, daß der Lehrer eine wundersame gerührte
-Miene machte, wenn er zu schweigen oder zu essen geruhte. Dem kleinen
-Enkel machten die papierenen Hähne und Männchen außerordentlich viel
-Spaß. Selbst der zottige _Browko_ pflegte ihm, sobald er ihn auf die
-Treppe hinaustreten sah, sofort zärtlich mit dem Schweife wedelnd,
-entgegenzulaufen und ihn ohne alle Förmlichkeit auf die Lippen zu
-küssen, wenn der Lehrer, die Würde, die seinem Amte gebührte,
-vergessend, sich unter dem majestätischen Giebel niederzusetzen
-beliebte. Nur die beiden älteren Enkelkinder und die Jungen, die zum
-Hause gehörten, mit denen er das A -- _Affe_, _Apfel_, _Be_ -- _Besen_,
-_Bild_, _Bär_ durchnahm, fürchteten sich vor der beredten, höchst
-ausdrucksvollen Rute des strengen Pädagogen.
-
-Während seines kurzen Aufenthaltes am neuen Orte hatte Iwan Ossipowitsch
-schon selbst Zeit gefunden, seine Beobachtungen zu machen und sich in
-seinem Kopfe wie in einem Hohlspiegel ein kleines Abbild der ihn
-umgebenden Welt zu formen. Die erste Person, an der seine
-Beobachtungsgabe mit dem gebührenden Respekt haften blieb, war, wie der
-Leser sich wohl selbst denken wird, die Gutsherrin. In ihrem Gesicht,
-das der scharfe Pinsel, der das menschliche Geschlecht seit undenklichen
-Zeiten koloriert und den man, seit Gott weiß wie langer Zeit, mit dem
-Namen »Falte« zu bezeichnen pflegt, nicht verschont hatte, in ihrer
-dunkelkaffeefarbenen Kapotte, in der Haube (deren Form in dem Gewirr der
-Ereignisse, die das achtzehnte Jahrhundert charakterisieren, verloren
-gegangen ist), in ihrem braunen Wams und den Schuhen ohne Hackenleder,
-erkannten seine Augen jene Lebensperiode wieder, die eine matte
-schwächliche Wiederholung der vergangenen, eine kalte farblose
-Übersetzung der Werke eines feurigen, von ewigen Leidenschaften
-glühenden Poeten ist, -- jener Periode, wenn den Menschen nichts als die
-Erinnerung, diese Repräsentantin der Gegenwart, Vergangenheit und
-Zukunft übrigbleibt, wenn das verhängnisvolle siebente Jahrzehnt einem
-Kälte durch die einstmals von Feuer durchströmten Adern treibt und das
-Lebensthermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. Übrigens belebten die
-ewigen Sorgen und die Passion, sich zu beschäftigen und sich zu schaffen
-zu machen, einigermaßen das schon erloschene Leben in ihren Zügen, und
-ihre Frische und Gesundheit waren ein sicheres Unterpfand, daß ihr noch
-weitere dreißig Jahre des Lebens bevorstanden. Die ganze Zeit von fünf
-Uhr morgens bis sechs Uhr abends, das heißt bis zur Stunde, wo man sich
-Ruhe zu gönnen pflegt, bildete eine ununterbrochene Kette der Tätigkeit.
-Bis sieben Uhr morgens hatte sie bereits alle Räume besucht und den
-ganzen Haushalt durchmustert: Küche, Keller und Vorratskammern; sie
-hatte Zeit gefunden, sich mit dem Verwalter zu zanken und die Hühner und
-Gänse eigener Zucht, für die sie eine große Vorliebe hatte, zu füttern.
-Vor dem Mittagessen, das nie später als um zwölf Uhr stattfand, blickte
-sie in die Backstube hinein und half selbst beim Backen von Brot und
-einer besonderen Art von Brezeln aus Honig und Eierteig, deren bloßer
-Geruch den Pädagogen in eine unerklärliche Aufregung versetzte; besaß er
-doch eine leidenschaftliche Sympathie für alles, was der geistigen und
-physischen Natur der Menschen zur Nahrung dient. In der Zeit zwischen
-Mittagessen und Abend gibt's für eine Hausfrau genug zu tun. -- Da
-gibt's Wolle zu färben, Leinwand abzumessen, Gurken einzusalzen, Früchte
-einzumachen, Liköre zu süßen. Wieviel Methoden, Geheimnisse und
-Hausrezepte kommen während dieser Zeit zur Anwendung! Dem aufmerksamen
-Auge unseres Pädagogen konnte es nicht entgehen, daß auch Anna Iwanowna
-die Eitelkeit nicht ganz fremd war, und daher machte er es sich zur
-Regel, sich, freilich nur soweit ihm dies seine angeborene
-Schüchternheit erlaubte, in Lobeserhebungen über ihre außergewöhnlichen
-wirtschaftlichen Künste und Fähigkeiten zu ergehen, und dies wurde ihm,
-wie er später erfuhr, von großem Nutzen. Die würdige alte Dame verschloß
-die süßen Liköre und die Gläser mit Eingemachtem nicht eher, als bis
-Iwan Ossipowitsch davon gekostet und die außerordentliche Güte des einen
-wie des anderen gerühmt hatte. Alle übrigen Personen standen im
-Schatten, verglichen mit diesem leuchtenden Gestirn, so wie alle Gebäude
-im Hofe vor dem herrlichen Bau mit dem prachtvollen Portal in den Staub
-zu sinken schienen. Nur dem Auge eines scharfsinnigen Beobachters
-enthüllten sich ihre gegenseitigen Beziehungen und das besondere
-Kolorit, das jedem eigentümlich war, und dann erblickte er, fast wie in
-einem Ameisenhaufen, eine ewige Unruhe und Bewegung und er vernahm ein
-fortwährendes Geräusch, das keinen Augenblick verstummte. Unser Pädagoge
-verstand es, wie wir bereits gesehen haben, es jedem recht zu machen und
-sich gleich einem mächtigen Zauberer dauernd die allgemeine Achtung zu
-erwerben.
-
-Gänzlich unbegreiflich waren allein die Gründe, die ihn veranlaßt
-hatten, sich dem Küchenmeister anzuschließen. War es die hohe Achtung,
-die Iwan Ossipowitsch unwillkürlich vor seiner Kunst empfand, oder war
-es irgendein anderer Umstand -- das wagen wir nicht zu entscheiden.
-Genug, es vergingen keine zwei Tage, da erstanden Mandrykow zwei
-Dioskuren, der Orest und Pylades der neuen Welt. Aber noch
-unbegreiflicher war die Macht, die der Küchenmeister über unseren
-Pädagogen besaß, so daß der von Natur so bescheidene und schüchterne
-Lehrer, der nichts in den Mund nahm außer einem medizinischen Dekokt von
-_Betonica_ und _Herba rhabarbarum_, ihm unwillkürlich in die Schenken
-und überallhin zu folgen begann, wo der verbummelte Küchenmeister seine
-Nase hineinsteckte. Iwan Ossipowitsch gefiel die romantische Lage der
-Gegend, in der er sich aufhielt. Bald hatte er die Küche, die Speicher,
-die Scheunen, die Ställe und Vorratskammern, die einen unregelmäßigen
-Kreis um den geräumigen Herrenhof bildeten, besichtigt; mit besonderem
-Vergnügen verweilte er bei dem Garten, der üppig in die Breite
-geschossen war und dessen gigantische Bewohner, in ihre dunkelgrünen
-Mäntel gehüllt und von wundersamen Traumgestalten umschwebt, dastanden
-und schlummerten oder, sich plötzlich ihren Träumen entreißend, die
-unbotmäßige Luft wie Windmühlenflügel durchschnitten, und dann ging es
-wie ein unverständliches Geflüster durch das Blattwerk, und die
-gemessene majestätische Bewegung ihres ganzen Körpers gemahnte an die
-alten Mimen, die die großen Schatten der Verstorbenen auf den Gerüsten
-Melpomenes heraufbeschworen. Aber die Augen unseres Lehrers suchten ihr
-Objekt und hafteten mehr an den weniger majestätischen Gartenbewohnern,
-die dafür von unten bis oben mit Birnen und Äpfeln behangen waren, von
-denen die üppige Ukraine förmlich strotzt. Von hier aus kämpften sie
-sich bis zur Küche durch, hinter der zogen sich Plantagen von Erbsen,
-Kohl, Kartoffeln, sowie aller Kräuter hin, die in die Apotheke der
-Dorfküche gehören. Nicht ohne besonderes Vergnügen betrat er das reine,
-sauber geweißte und aufgeräumte Zimmer, in dem er nun wohnen sollte, mit
-dem Fenster, durch das man auf den Teich und die in violette Nebel
-gehüllte Landschaft hinaussah.
-
-Wir hatten bereits Gelegenheit, etwas über den Eindruck, den unser
-Lehrer auf die Schönen von Mandrykow gemacht hatte, zu bemerken: die
-gesenkten Augen, das Geflüster und die tiefen Verbeugungen ließen
-erkennen, daß seine Eroberung einer jeden von ihnen als keine geringe
-Angelegenheit erschien. Übrigens ist es hier wohl am Platze, den
-freundlichen Leser daran zu erinnern, daß Iwan Ossipowitsch einen Rock
-aus blauem Fabrikstoff mit schwarzen Knochenknöpfen von der Größe eines
-mächtigen Groschens anhatte; und so war es sehr verzeihlich, wenn er
-sich das Augenblinzeln der schwarzbrauigen Schelminnen zu seinen Gunsten
-auslegte. Zum Glück oder Unglück jedoch suchte das Gefühl, das der armen
-Menschheit so gut bekannt ist und ihr seit undenklichen Zeiten ein
-wahres Meer von unerträglichen Qualen beschert hat, unseren Pädagogen
-nicht heim. In diesem Punkte war Iwan Ossipowitsch ein echter Stoiker,
-und obwohl er noch nicht bis zur Philosophie vorgedrungen war, wußte er
-doch genau, daß keiner der Philosophen von Seneca und Sokrates bis herab
-zum Lektor des ***er Gymnasiums die wunderliche Hälfte des
-Menschengeschlechts für nichts achtete: ergo gab es keine Liebe. An
-solchen Prinzipien, die bei ihm schließlich die Festigkeit von
-Grundsätzen angenommen hatten, hielt er sehr fest, ja allzu fest ...
-_Homo proponit, Deus disponit_ pflegte der Lektor des ***er Gymnasiums
-häufig zu sagen, indem er die Schläge zählte, die er seinen faulen
-Schülern mit dem Lineal verabreichte; daher werden wir auch im folgenden
-Kapitel einen kleinen Umstand kennen lernen, der die Philosophie unseres
-Lehrers heftig erschütterte und seinen Verstand mit einer ganzen Wolke
-von Mißverständnissen bestürmte, ihn, der bisher unbeugsam in den
-Fußstapfen seiner großen Lehrmeister gewandelt war und sich mit
-regelmäßigem Pulsschlag in seiner flaschenförmigen Sphäre bewegt hatte.
-
-
- II.
- Der Erfolg der Gesandtschaft
-
- (Der Küchenmeister entschließt sich trotz der eigenen Herzenswunde,
- die er sich ganz plötzlich durch den Anblick der sich am Teiche
- waschenden Katerina zugezogen hat, das Versprechen, das er dem
- Lehrer gegeben hat, einzulösen und den Gesandten und Fürsprecher
- seiner Leidenschaft zu spielen. In dieser Absicht begibt er sich in
- die Hütte des Kosaken Charjka Potyliza.)
-
-Nachdem Onißko seine Toilette beendigt hatte, überschritt er nicht ganz
-ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Böse schien ihn necken
-zu wollen (er gab dies später selbst zu), indem er ihm fortwährend die
-schlanken Füßchen seiner Nachbarin vorzauberte: »Ach, wenn doch der
-Lehrer nicht wäre!« wiederholte er mehrmals bei sich selbst; »was hätte
-es ihn gekostet, wenn er sich's hätte einfallen lassen, sich nur ein
-klein wenig später zu verlieben?« Und nachdenklich durchmaß er langsamen
-Schrittes die große Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchführte.
-Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche
-Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben
-aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen
-auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, daß er nicht mehr
-weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch
-ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken
-hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band
-leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hüpfte ihm in dem Busen ... die
-blonde Schöne öffnete das Tor, trieb die lästigen Hunde mit einer langen
-Rute auseinander und stand nun vor ihm.
-
-Der Hof Charjkas stellte ein großes Quadrat dar, das auf einer Böschung,
-die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem
-geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geöffnet war, sah man
-unmittelbar vor sich eine sauber geweißte Hütte mit mächtigen Fenstern
-von ungleicher Größe und eine eichene Tür, die schon ganz schwarz vor
-Alter war; das Häuschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer
-sogenannten Prisba), das nach der in Kleinrußland herrschenden Sitte mit
-Wäsche, Suppenschüsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton,
-bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied
-bewilligt wird, und den man zum Dank für seine treuen Dienste mit
-Spülwasser zu füllen pflegt. Zu beiden Seiten der Hütte befanden sich
-Ställe und Speicher mit struppigen beschädigten Dächern. Hinter der
-Hütte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag
-überragt wurde, über den man nur noch die vorüberziehenden Wolken und
-die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte
-sich der Gemüsegarten gleich einem kostbaren türkischen Schal bis zum
-Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man überall Strohhaufen, die
-unordentlich herumlagen.
-
-Katerina schien ein wenig verwundert über Onißkos Besuch. Da sie annahm,
-daß ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater geführt haben
-konnte, öffnete sie das Tor nur zur Hälfte und sagte ein wenig verlegen:
-»Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen.«
-
-»_Mag es ihm so leicht aufstoßen, wie es aus seinem Innern aufsteigt!_
-Was wär' ich für ein Tölpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei
-fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen?«
-
-Die blonde Schöne blieb überrascht und verblüfft stehen, denn sie wußte
-nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lächeln, das durch sein
-seltsames Benehmen veranlaßt war, huschte über ihr Gesicht und schien
-anzudeuten, daß sie auf weitere Aufklärung warte.
-
-Der Küchenmeister fühlte selbst, daß er sich nicht ganz deutlich
-ausgedrückt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte;
-er fuhr daher fort: »Da müßte mich doch schon der Böse selbst zum
-_Alten_ führen, wenn dieser eine so hübsche Tochter hat.«
-
-»Ah, ist es das!« sagte Katerina lächelnd und leicht errötend. »Bitte,
-tretet ein!« und sie schritt voraus und ging auf die Tür der Hütte zu.
-
-In Kleinrußland haben die Mädchen viel mehr Freiheit als irgendwo
-anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, daß unsere Schöne,
-ohne daß ihr Vater etwas davon wußte, einen Gast bei sich empfing. »Bist
-du zu Fuß hierher gekommen, Onißko?« fragte sie ihn, indem sie sich auf
-der Schwelle an der Tür der Hütte niederließ und eine würdige und
-ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lächeln, bei
-dem sie eine lange Reihe schöner Zähne sehen ließ, sie deutlich verriet.
-
--- Wieso zu Fuß? -- Teufel auch! sollte sie über das, was gestern
-vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Küchenmeister. -- »Gewiß
-doch zu Fuß, meine Schöne. Wahrhaftig, der Teufel müßte mich reiten,
-wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt hätte, bloß um
-von einem Hof zum anderen zu gelangen!«
-
-»Aber von der Küche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit!«
-
-Hier aber konnte sie sich doch nicht mehr halten und lachte laut auf.
-
--- Nein, du Schelmin! Der Böse selbst ist nicht schlauer als dieses
-Mädel! wiederholte der Küchenmeister mehrmals bei sich selbst und
-wünschte den Lehrer laut zum Teufel, alle Sympathie und Freundschaft
-vergessend, die zwischen ihnen bestand.
-
-»Übrigens wäre ich damit einverstanden, daß mir die Karauschen samt den
-frischgesalzenen Eierschwämmen auf der Pfanne anbrennen, wenn du nur
-noch einmal so lachen wolltest, schönes Mädchen!«
-
-Bei diesen Worten konnte der Küchenmeister sich nicht mehr beherrschen
-und umarmte sie.
-
-»Nein, das habe ich nicht gerne!« rief Katerina errötend, wobei sie eine
-zornige Miene machte. »Bei Gott, Onißko, wenn du noch einmal so etwas
-tust, so werfe ich dir ohne viel Umstände diesen Topf an den Kopf.«
-
-Bei diesen Worten hellte sich ihr zorniges Gesichtchen ein wenig auf,
-und das Lächeln, das hierbei über ihr Antlitz huschte, schien deutlich
-sagen zu wollen: »aber ich wäre dessen nicht fähig!«
-
-»Nein, nicht doch, nicht doch! _Ich habe dich doch nicht mit dem
-Lastwagen gestreift._ Als ob das ein Grund ist, so böse zu werden! Als
-ob das weiß Gott was für ein Verbrechen wäre, -- ein hübsches Mädchen zu
-umarmen!«
-
-»Sieh, Onißko, ich bin ja gar nicht böse,« sagte sie, indem sie ein
-wenig von ihm abrückte und wieder ein fröhliches Gesicht machte;
-»übrigens schien es mir so, als hättest du den Lehrer erwähnt.«
-
-Da aber machte der Küchenmeister ein recht kümmerliches Gesicht, das
-mindestens um ein paar Zoll länger wurde als gewöhnlich. »Der Lehrer ...
-Iwan Ossipowitsch soll das heißen ... Pfui Teufel noch einmal! Ich
-verschlucke die Worte, noch ehe sie meinem Munde entschlüpfen können,
-ganz als ob ich Gewürzbranntwein getrunken hätte. Der Lehrer ... Sieh
-mal, was ich dir sagen will, mein Herz! Iwan Ossipowitsch hat sich so in
-dich verknallt, daß ... nun ... wie sich's halt nicht wiedergeben läßt.
-Er grämt und härmt sich ab wie die selige braune Stute, die der Herr dem
-Juden abgekauft hat und die einen Herzschlag bekam und krepierte. Was
-soll man da machen? Der arme Mensch tat mir leid, und da bin ich halt
-aufs Geratewohl hergekommen, um mich für ihn zu verwenden.«
-
-»Da hast du einen schönen Auftrag übernommen,« unterbrach ihn Katerina
-ein wenig ärgerlich. »Bist du etwa sein Brautwerber oder sein
-Verwandter? Ich würde dir doch raten, alle Landstreicher aus dem Dorfe
-in die Küche zu laden und selbst betteln zu gehen und vor den Fenstern
-um Almosen für sie zu bitten.«
-
-»Das ist schon ganz richtig; indes, ich weiß wohl, daß es dich freut,
-und sogar sehr freut, daß der Lehrer auf den Einfall gekommen ist, dir
-nachzulaufen.«
-
-»Das sollte mich freuen? Hör' mal, Onißko: wenn du das sagst, um dich
-über mich lustig zu machen, so wirst du wenig Nutzen davon haben. Du
-solltest dich schämen, ein armes Mädchen schlecht zu machen! Wenn du
-aber _wirklich_ so denkst, so bist du wahrhaftig der dümmste Mensch im
-ganzen Dorfe. Gottlob, ich bin noch nicht blind, Gott sei Dank, bin ich
-noch bei Verstande ... Aber das hast du sicherlich nicht umsonst gesagt:
-ich weiß wohl, etwas anderes hat dich dazu veranlaßt. Du hast wohl
-geglaubt ... Nein, du bist ein schlechter Mensch.«
-
-Bei diesen Worten wischte sie sich mit dem gestickten Hemdärmel eine
-Träne aus dem Gesicht, die plötzlich in ihrem Auge aufblitzte und ihr
-über die glühende Wange rollte, wie eine Sternschnuppe den warmen
-Abendhimmel hinunterschießt.
-
--- Hol' der Teufel alle Lehrer der Welt! dachte Onißko bei sich, indem
-er das glühende Gesicht Katerinas betrachtete, auf dem das Lächeln von
-vorhin lange Zeit mit dem Ärger kämpfte, um ihn schließlich gänzlich zu
-verscheuchen.
-
-»Der Donner treffe mich hier auf der Stelle!« rief er endlich aus, da er
-seine innere Erregung nicht mehr unterdrücken konnte, und umfaßte ihre
-rundliche Taille. »Der Donner treffe mich, wenn es mich nicht ebenso
-freut, daß du Iwan Ossipowitsch nicht liebst, wie den alten Browko, wenn
-ich ihm sein Spülwasser bringe.«
-
-»Wirklich, auch ein Grund, sich zu freuen! Du wirst wohl noch mehr
-grinsen, wenn du erfährst, daß fast alle Mädchen im Dorf dasselbe
-sagen.«
-
-»Nein, sag' das nicht, Katerina. Die Mädchen haben ihn lieb. Neulich
-gingen wir beide zusammen durch das Dorf, da steckten sie fortwährend
-ihre Köpfe über den Zaun, wie Frösche aus dem Sumpfe. Wir guckten nach
-rechts -- da waren sie schon wieder verschwunden, aber zur Linken, da
-streckte wieder eine andere ihr Köpfchen vor. Doch hol' sie der Teufel
-alle mitsamt dem Lehrer! Ich gäbe ein Viertel vom besten Branntwein
-dritter Güte dafür, wenn ich von dir erfahren könnte, Katerina, ob du
-mich auch nur für einen Groschen liebhast?«
-
-»Ich weiß nicht, ob ich dich liebe; ich weiß nur, daß ich um alles in
-der Welt keinen Trunkenbold heiraten möchte. Wer mag mit so einem
-zusammenleben? Wie traurig ist das Los einer Familie, aus der solch ein
-Mensch stammt; man mag gar nicht in die Hütte hineinschauen: da gibt's
-nichts zu sehen als Armut und Elend, die Kinder hungern und weinen.
-Nein, nein, nein! Gott behüte! Mich schaudert's schon beim bloßen
-Gedanken daran! ...«
-
-Und Katerina warf ihm einen langen, tiefdringenden Blick zu. Gebeugten
-Hauptes und wie ein Verdammter saß der Küchenmeister in seine
-Vergangenheit versunken da. Schwere Gedanken, Ausgeburten geheimer
-Gewissensnöte, gruben tiefe Spuren in sein Gesicht und bewiesen
-deutlich, daß ihm nicht allzu heiter zumute war. Der durchbohrende Blick
-Katerinas schien sein ganzes Innere zu versengen und brachte alle
-ungestümen, wilden Streiche ans Licht, die in einer langen, nie endenden
-Reihe an ihm vorüberzogen.
-
-»Wahrhaftig, was bin ich für ein Mensch? Wer mag mit mir leben? Ich
-liege bloß meinem Pan auf dem Halse. Habe ich bisher etwas getan, wofür
-mir ein guter Mensch gedankt hätte? Ich habe nur immer gebummelt und
-gebummelt! Und habe ich auch nur einmal so gebummelt, daß Herz und Seele
-sich dabei wohl fühlten? Man betrinkt sich wie ein Hund und wird wieder
-nüchtern wie ein Hund, wenn andere einem nicht in noch peinlicherer
-Weise den Rausch austreiben. Nein, hol's der Teufel ... es ist ein
-Hundeleben, das ich führe!«
-
-Die schöne Katerina schien seine philosophischen Betrachtungen, die er
-bei sich selbst anstellte, zu erraten; sie legte ihm ihr braunes
-Händchen auf die Schulter und murmelte halblaut: »Nicht wahr, Onißko, du
-wirst nie mehr trinken.«
-
-»Nie wieder, mein Herzchen, nie wieder! Mag kommen, was da will! Für
-dich könnte ich alles tun.«
-
-Das Mädchen sah ihn gerührt an, und der Küchenmeister schloß sie
-begeistert in seine Arme und bedachte sie mit einem wahren Hagelschauer
-von Küssen, wie ihn der ruhige und gemütliche Gemüsegarten schon lange
-nicht erlebt hatte.
-
-Kaum aber hatte der Laut der verliebten Küsse die Luft erschüttert, als
-eine helle, durchdringende Stimme furchtbarer als das Grollen des
-Donners das Ohr des sich zärtlich liebkosenden Paares traf. Der
-Küchenmeister sah auf und erblickte zu seinem Entsetzen die auf dem
-Zaune stehende Ssimonicha.
-
-»Herrlich, vortrefflich! Feine junge Leute das! Bei uns im Dorfe weiß
-man noch nicht, wie Burschen und Mädel sich küssen, wenn der Vater nicht
-zu Hause ist! Herrlich! Das ist mir ein nettes Mandrykowsches Lämmchen!
-Man sage nun noch, das Sprichwort: >Stille Wasser sind tief< lüge. So
-also treibt man's. Solche Streiche macht ihr! ...«
-
-Mit Tränen im Auge mußte sich das schöne Mädchen in die Hütte
-zurückbegeben, wußte sie doch, daß sie den giftigen Reden der
-Schenkenbesitzerin nicht anders entgehen konnte.
-
-»Wenn dir doch jemand ein Schloß vor den Mund hängte, alte Hexe!« sagte
-der Küchenmeister. »Was geht denn dich das an?«
-
-»Was mich das angeht?« fuhr die unermüdliche Schankwirtin fort. »Das ist
-noch schöner! Die Burschen machen sich einen Spaß draus, über den Zaun
-und in fremde Gärten zu klettern, die Mädchen locken die Burschen zu
-sich herein -- und das sollte mich nichts angehen! Sie liebäugeln und
-küssen sich -- und das sollte mich nichts kümmern! Hast du's gehört,
-Karno?« schrie sie plötzlich auf, indem sie sich schnell umdrehte und an
-einen vorübergehenden Bauern wandte, der, ohne auf etwas zu achten, mit
-einer langen Rute fuchtelnd, daherkam, gefolgt von einer ebenso langsam
-einherschreitenden Kuh. »Hast du's gehört? Steh doch einen Augenblick
-still. Was das für eine Geschichte ist! Charjkas Tochter ...«
-
-»Pfui Teufel!« schrie der Küchenmeister, indem er zur Seite spuckte und
-völlig die Geduld verlor. »Der Teufel selbst hat sich vermummt und die
-Gestalt dieses Weibes angenommen. Warte nur, Hexe! Ich werde schon
-Gelegenheit finden, dir's heimzuzahlen!«
-
-Und der Küchenmeister setzte seinen Fuß auf den Zaun und war einen
-Augenblick später im Garten des Herrn.
-
-Es war nicht mehr sehr früh, als er in die Küche zurückkehrte und sich
-an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die große
-Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte
-Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach goß der Küchenmeister Essig in den mit
-sauerem Rahm versetzten Brei oder er spießte mit wichtiger Miene die
-Mütze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten.
-Während des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen,
-warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, daß
-man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rücksicht auf
-die Mühen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, ließ man den
-Küchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wäre unser Held nicht so
-leichten Kaufes davongekommen.
-
-»Nein, Herr Lehrer!« murmelte er, indem er sich auf seine hölzerne
-Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, »die
-Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren!« Und nachdem
-er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener
-Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern.
-
-
-
-
- Das Weib
-
-
-»Ausgeburt der Hölle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem
-Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift,
-das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt,
-verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner
-lichtspendenden Rechten zürnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine
-wundersame Schöpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser
-armseliges Glück: du wolltest nicht, daß der Mensch ewige Segenswünsche
-aus den Gründen seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen ließ:
-lieber mochten Flüche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du
-schufst das Weib.«
-
-So sprach Telekles, ein junger Schüler des Platon, indem er vor seinen
-Lehrer trat. Seine Augen sprühten Blitze; auf seinen Wangen wütete ein
-Feuer, und die zitternden Lippen kündeten von wilden Stürmen einer
-zerrissenen Seele. Seine Hand drängte zornig die purpurnen Wellen seines
-weichen Gewandes zurück, und die geöffnete Schnalle fiel nachlässig auf
-die jugendliche Brust des Jünglings herab.
-
-»Wie, mein göttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem
-göttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen ließ? War es nicht
-dein Wohllaut ausströmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis
-ihrer milden Schönheit zu sagen wußte? Hast du uns nicht gelehrt, so
-glühend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine göttliche
-Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen
-Abgründen des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten
-einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du
-kennst das Weib nicht.«
-
-Glühende Tränen entströmten seinen Augen; er verhüllte sein Haupt mit
-dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Händen und lehnte sich an die
-Marmorsäule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitäl,
-das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer
-entrang sich der Brust des Jünglings, wie wenn alle verborgenen Nerven
-seines Wesens, alle Gefühle und alles, was das Innere des Menschen
-ausfüllt, in schmerzlichen Klagelauten aufstöhnte, und diese Klagelaute
-gingen wie eine Erschütterung durch seinen ganzen Körper, und seine
-ganze körperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfaßbar ist, verwandelte
-sich, unfähig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen,
-in eine einzige schmerzliche Klage.
-
-Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht
-spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die
-ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein
-herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem
-Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt
-der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht floß wie ein mächtiger,
-wundervoller Wasserfall durch eine kühne Öffnung in der Kuppel auf den
-Weisen hinab und überschüttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und
-jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und
-Gefühlen zu künden.
-
-»Kannst du denn auch lieben, Telekles?« fragte er ihn mit ruhiger
-Stimme.
-
-»Ob ich lieben kann!« fiel der Jüngling rasch ein, »frag' doch den Zeus,
-ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschüttern
-vermag. Frag' Phidias, ob er Gefühle im kalten Marmor entzünden und dem
-toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut
-siedet, sondern eine heiße Flamme wütet, wenn alle meine Gefühle, alle
-meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Töne verwandle, wenn diese
-Töne in mir glühen und meine Seele nichts wie Liebe tönt, wenn meine
-Rede ein Sturm und mein Atem -- Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es
-nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser
-wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefühl sein eigen nennt? Hat
-am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt?«
-
-»Armer Jüngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das
-Schicksal, das diesem sanften Geschöpf bereitet wird, in dem die Götter
-die Schönheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum
-Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen
-wollten! Armer Jüngling! Du hättest dieses sanfte Wesen mit deinem
-glühenden Atem versengt, du hättest dieses reine Leuchten durch einen
-Sturm von Leidenschaft getrübt und in Aufruhr versetzt! Ich weiß, du
-willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst
-Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen,
-die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich
-auch im voraus geprüft? Glühte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner
-Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die
-Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie dürsten nach ewiger
-Seligkeit, nach einem nie endenden Glück, und ein kurzer, flüchtiger
-Schmerz genügt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam
-errichtete Gebäude zerstören! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen
-Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, daß die schöne Alkinoe
-sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst
-du, und was war _sie_ zu jener Zeit, als du Leben, Glück und ein Meer
-von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blättere die
-flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine
-Seite finden, die beredter, die göttlicher ist als jene? Wolltest du
-alle kostbaren Edelsteine der persischen Könige oder alles Gold Libyens
-für jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die
-höchsten Ehren in Athen und die höchste Gewalt im Volke im Vergleich zu
-ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schöne, das es den
-Göttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen
-heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte -- willst du mit deinem
-verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges
-Gefühl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Tränen der Rührung vergießen
-und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf daß er ihr
-ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren
-Haupte verscheuchen möge.
-
-»Betrachte dich mit prüfendem Auge: was warst du früher und was bist du
-jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes göttlichen Zügen entdeckt hast:
-wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und
-enträtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel näher kamst
-du dem höchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann?
-Wenn wir das Weib tiefer und gründlicher verstehen lernen. Denk an die
-üppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist
-das Ergebnis? Sie haben kein Verständnis für das Gefühl des Schönen --
-dieses unendliche Meer geistiger Genüsse. Kein Funke schlägt aus ihrem
-Herzen empor beim Anblick der Göttin des Praxiteles; ihre Seele spricht
-nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und
-kein verständnisvoller Laut tönt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib?
--- Die Sprache der Götter. Wir wundern uns über das milde heitere Haupt
-des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Götter in ihm zu
-sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst
-bewundern wir die Götter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir
-dagegen sind bloß seine Verkörperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck
-von ihr glüht in unserer Seele, und je stärker und je umfassender und
-größer die Wirkung ist, die er auf uns ausübt, um so edler und schöner
-werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Künstlers weilt, sich
-unkörperlich in ihm formt und gestaltet, ist es -- ein Weib; sobald es
-sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum -- Manne.
-Warum strebt aber dann der Künstler mit so unersättlicher Begierde
-danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie
-unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen
-Gefühlen geleitet wird -- von dem Wunsche, die Gottheit der Materie
-einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der
-unendlichen Welt seines Inneren zugänglich zu machen, d. h. das Weib im
-Manne zu verkörpern. Und wenn das Auge eines Jünglings, dessen Herz
-glühend und verständnisvoll für die Kunst schlägt, zufällig auf das
-unsterbliche Bild des Künstlers fällt, -- was sucht es, was ergreift es
-in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er
-erblickt die grenzenlose, unendliche, unkörperliche Idee des Künstlers
-vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige
-Lieder ertönen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie
-auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist,
-und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkörperlich umarmt seine
-Seele die göttliche Seele des Künstlers! Wie verschmelzen ihre Geister
-in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wären die hohen
-Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmückt und nicht geformt würden
-durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine
-Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters würden sich in Barbarei
-verwandeln. Raube der Welt das Licht -- und die bunte Vielfältigkeit der
-Farben fällt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der
-Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was
-ist die Liebe? -- Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen
-nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens
-verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren
-Stempel kindlicher Unschuld trägt und wo uns alles heimatlich berührt.
-Und wenn die Seele versinkt im ätherischen Schoße der weiblichen Seele,
-wenn sie in ihr ihren Vater -- den ewigen Gott -- und ihre Brüder, d. h.
-Gefühle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fähig sind,
-findet -- was geschieht dann mit ihr? Dann tönen in ihr die alten Klänge
-wider, dann gedenkt sie des früheren paradiesischen Lebens am Busen
-Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit.«
-
-Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich
-hin: vor ihnen stand Alkinoe, die während ihres Gespräches unbemerkt
-eingetreten war. Auf ein Götterbild gestützt, schien sie völlig in
-stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte
-häufig ganz plötzlich der Ausdruck einer göttlichen Seele. Die
-marmorweiße Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia
-durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der
-schlanke, von den purpurroten Bändern des Beinharnischs umschlungene
-Fuß, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hülle
-abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berühren; der hohe
-göttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und
-das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb
-verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den
-Fußboden herab. Es schien, als ob der dünne lichte Äther, in dem sich
-die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und bläulichen
-Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen
-zerstreut, für die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein
-duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt -- es schien, als
-ob dieser Äther sichtbare Form angenommen hätte und, indem er nun vor
-ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklärte und
-vergöttlichte. Die nachlässig zurückgeworfenen Locken umdrängten schwarz
-wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in
-dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die
-ihren Augen entsprühten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein,
-selbst die Königin der Liebe war nie so schön, nicht einmal in dem
-Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfräulichen Wellen
-entstieg.
-
-Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jüngling der
-stolzen Schönen zu Füßen, und eine heiße Träne, die dem Auge der sich
-über ihn beugenden Halbgöttin entstieg, tropfte auf seine brennenden
-Wangen.
-
-
-
-
- Fragmente
-
-
- Gedichte und poetische Versuche
-
-
- Sturm
-
- »Warum so trüb?« -- »Einst war ich heiter,«
- Sag' ich zu meiner Lust Genossen.
- »Ich hab' mein Herz dem Schmerz erschlossen;
- Die Freude starb: ich lebe weiter.
- Jung war ich, und mein heller Blick
- hat Trauer nicht und Mißgeschick
- Gekannt; jetzt welkt die Jugend hin,
- Stirbt wie der Herbst, und ich verblute
- Gleich ihm. Nie wird mir froh zumute.
- Die Freude lockt nicht meinen Sinn.«
- Die Freunde lachen: »Was du nur
- Zu weinen hast! Das Wetter ist
- So heiter klar, und die Natur
- Nicht halb so trüb, wie du es bist.«
- Und ich: »Mir gilt das alles nichts.
- Ob Tag zu Tag und Jahr sich türmt,
- Ob's hell, ob's dunkel ist, was ficht's
- Mich an, wenn mir's im Herzen stürmt.« --
-
-
- Albumblatt
-
-Das Licht verliert im Auge des Träumers schnell seine Wärme. Er findet
-die Hoffnungen, die ihn belebten, unerfüllt, seine Erwartungen
-unbefriedigt, und die Glut des Genießens verraucht in seinem Herzen ...
-Er befindet sich in einem Zustande der Starrheit und Leblosigkeit. Wie
-glücklich ist er, wenn er den Wert der Erinnerungen vergangener Tage
-erkennt: der Tage einer glücklichen Kindheit, da er die keimenden
-Zukunftsträume von sich warf und seine Freunde verließ, die ihm von
-ganzem Herzen ergeben waren.
-
-
-
-
- Hans Küchelgarten
-
-
- Eine Idylle
- in ** Bildern
- von
- W. Alow
- 1827
-
- Deutsch von Ulrich Steindorff
-
-Das vorliegende Werk hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn nicht
-besondere Umstände, die nur für den Verfasser von Bedeutung sind, die
-Veranlassung dazu gegeben hätten. Dies Werk ist eine Frucht seiner
-achtzehnjährigen Jugend. Wir haben nicht die Absicht, hier ein Urteil
-über die Vorzüge oder Mängel dieser Dichtung abzugeben -- das überlassen
-wir dem Publikum -- wir wollen nur bemerken, daß viele von den Bildern
-dieser Idylle leider verloren gegangen sind; sie haben wahrscheinlich
-das Band zwischen den nun unverbunden dastehenden Teilen gebildet und
-die Zeichnung des im Mittelpunkt stehenden Charakters vollendet. Wir
-rechnen es uns indessen zum Verdienst an, daß wir dem Publikum, soweit
-dies möglich war, Gelegenheit gaben, das Werk eines jungen Talentes
-kennen zu lernen.
-
-
- Erstes Bild
-
- Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dämmerdunst
- Mit seinen Häusern, seinen Gärten. Alles liegt
- In hellem Licht. Der Glockenturm erglänzt
- Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun
- Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut
- Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu
- Das Konterfei von Zaun und Gärtchen gibt.
- Und nichts hält Ruhe in dem Silberspiegel.
- Blau wölbt der Himmel sich; die Wolken ziehn
- Wie Wellen hin, und flüsternd rauscht der Wald.
- Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt,
- Da steht behaglich unter Lindenschatten
- Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt
- Von seinem greisen Herrn und arg verfallen.
- Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz,
- Von blüh'ndem Moos bedeckt das Mauerwerk;
- Die Fenster windschief. Aber immer ist
- Das Häuschen traulich nett. Um keinen Preis
- Der Welt wär' es dem Alten feil. -- Dort steht
- Die Linde, sein geliebter Ruheplatz.
- Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht
- Rings von den Rosenbäumen. Vögel nisten
- In ihrem Dunkel und erfüllen Garten
- Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall.
- -- Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden,
- Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier
- Ein wenig in der Frische noch zu schlummern.
- Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach
- Schläft er. Der sanfte Wind kühlt sein Gesicht
- Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren.
-
- Wer ist die Schöne, die mit Blicken
- Ihm naht, in denen alle Glut,
- Des Morgens ganze Frische ruht,
- Und vor ihn tritt? Welch ein Entzücken,
- Wie sie mit lilienweißer Hand
- Ihn sanft berührt, um ihn zu wecken,
- Bemüht, ihn ja nicht zu erschrecken.
- Doch eh' er aus dem Schlaf sich fand
- Zur Welt, sprach er, die Lider kaum
- Geöffnet, leise wie im Traum:
-
- »Du wunder-, wunderbarer Gast,
- Der du mein Heim besuchet hast,
- Warum füllt Kummer mich und schwillt
- Durch meine Seele. Was bewegt
- Mich Greisen denn dein Engelsbild
- So tief, so seltsam tief, und regt
- Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt,
- Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt
- Und allem, was da lebt, längst kalt.
-
- Seit ich mich tot in mir verscharrte,
- Ist's Ruhe nur, auf die ich warte,
- Die ich begehre immerfort.
- Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort.
- Und nun kommst du, du Junge, mir
- Zu Gaste, lockst mich heiß zu dir?
- Ach nein, aus deinem lichten Munde
- Flammt einer neuen Hoffnung Kunde.
- Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde
- Bin ich bereit. Allein mir fehlt
- Die Würde. Meine Sündenlast
- Ist groß. Ich war in dieser Welt
- Ein arger Streiter und gehaßt
- Von Hirt und Herde. Grausamkeit
- War mir nicht fremd. Allein ich schwor
- Den Teufel ab, und ich verlor
- Zur Buße keinen Tag, allzeit
- Entsühnend die Vergangenheit.«
-
- Voll schwerer Sorge und verwirrt
- Fragt sie sich bang: »Soll ich's ihm sagen, --
- Wer weiß, wohin die Träume ihn verschlagen, --
- Sag' ich ihm, daß er phantasiert?«
- Doch Nebel des Vergessens hängt
- Um ihn, den neuer Schlaf umfängt.
- Sie neigt sich über ihn, verstohlen.
- Wie sanft er schläft, wie still er ruht!
- Kaum merklich hebt beim Atemholen
- Die Brust sich. Licht in Ätherflut
- Hält ihn ein Engel in der Hut,
- Und paradiesisch Lächeln flicht
- Sich leuchtend um sein Angesicht.
-
- Nun öffnet er die Augen: »Wer,
- Wer ist's? -- Luise? -- Seltsam, ach;
- Mir träumte -- --, du, wo kommst du her?
- Bist, Wildfang, du so früh schon wach?
- Noch liegt der Tau. -- Es nebelt schwer.« --
-
- »Großvater, nein, 's ist hell und klar.
- Im Walde blitzt das Sonnenlicht.
- Und schon am frühsten Morgen war
- Es heiß wie jetzt. Es regt sich nicht
- Ein Blatt. -- Weißt du, warum ich kam?
- Es gibt ein Fest. Wir feiern heut.
- Der alte Geiger Lodelham
- Und auch der Fritz sind längst bereit.
- Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit
- Und dann -- --; ach, wenn nur Hans -- --!« Den Greis
- Umspielt ein weises Lächeln. Still
- Hört er, was sie erzählen will,
- Das sorglos junge Blut. »Ich weiß,
- Großväterchen, nur du hast Macht,
- Ein bitter großes Weh zu bannen.
- Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht
- Und bald am Tag schleicht er von dannen
- Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht,
- Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt,
- Dann hört er gar nicht, was man sagt.
- Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht,
- So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz
- Noch lange quält, geht er zugrund.
- >Zugrund<, wie zittert, wenn mein Mund
- Das harte Wort gebraucht, mein Herz.
- Meinst du, daß er vielleicht mit mir
- Nicht mehr zufrieden ist, daß er
- Mich nicht mehr liebt? Das träfe schwer
- Und hart wie Stahl mein Herz. Sag's mir,
- Du Engelsguter!« -- Und sie schlang
- Die Arme fest um ihn. Kaum ging
- Ihr Atem, als sie an ihm hing
- In ihrer Liebe so verwirrt und bang.
- Als sich die Träne ihr ins Auge stahl,
- Wie war sie schön in ihrer Qual.
-
- »Gib Ruh', mein Kind, nicht weinen, nein.
- Schämst du dich nicht?« Der Pfarrer mühte
- Sich tröstend um sie. »Gottes Güte
- Wird dir Geduld und Kraft verleihn.
- Wenn du ihn innig bittest, wirst
- Du auch bei ihm Erhörung finden.
- Hans lebt ja nur für dich. Du irrst.
- Du mußt die Zweifel überwinden.
- Du darfst dir nicht mit solchen leeren
- Gedanken deine Ruhe stören.« -- --
-
- Und als er noch der weinenden Luise
- Zuspricht, die an die welke Brust sich lehnt,
- Da bringt die alte Gertrud schon den Kaffee,
- Den heißen, bernsteinklaren, den der Greis
- So gern im Freien nahm. Er liebte es,
- Die Weichselpfeife dann dabei zu rauchen.
- So stieg denn bald der Rauch in klaren Ringen.
- Luise fütterte gedankenschwer
- Den Kater, der mit lautem Schnurren,
- Vom süßen Duft gelockt, sie lang umstrichen.
- Der Greis erhob sich vom geblümten Sessel
- Aus Väterzeit, sprach sein Gebet und drückte
- Der Enkelin die Hand. Dann zog er sich
- Den sonntäglichen, taftnen Schlafrock an,
- Den silberschimmernden, und nahm das Käppchen,
- Das Hans ihm kürzlich aus der Stadt gebracht
- Und ihm geschenkt. So ging er denn gemächlich,
- Sich auf Luisens weiße Schulter stützend, --
- Hell schlug der Sang der Lerchen himmelwärts --
- Ins Feld hinaus. -- Wie herrlich war der Tag!
- Es ließ ein Wind das Gold der Felder wogen,
- Das, überragt von dichten, früchteprangenden
- Laubkronen, in der Sonne flimmerte.
- Fern dunkelten die grünen Wälder.
- Dem regenbogenfarbnen Sommerdunst
- Entströmten Fluten wundersamster Düfte.
- Die Bienen waren fleißig unterwegs
- Und sogen Honig aus den jungen Blüten.
- Die Grillen zirpten froh. Und aus der Weite
- Klang laut und lauter kräft'ger Rudersang.
- Und lichter ward der Wald. Das Tal erschien.
- Das frohe Schrein der Herden scholl herauf.
- Tief in der Ferne sah man schon das Dach
- Vom Haus Luisens winken, sah das Rot
- Der Ziegel schimmern, wenn die Sonnenstrahlen
- In keckem Tanzspiel blitzend es umhuschten. -- --
-
-
- Zweites Bild
-
- Noch ungeklärt sind die Gedanken,
- Die Hans bewegen, und sein Blick
- Sieht wirr die Welt des Lebens wanken
- Und sucht sein künftiges Geschick. --
- In stillem Frieden war die Zeit
- Dem Tändelnden vorbeigeflossen;
- Noch hatte keine Bitterkeit
- Sich in der Seele Unschuld ihm gegossen.
- Kind dieser Erdenwelt war er.
- Doch ihrer Leidenschaften Brand
- War seinem Herzen unbekannt.
- Ganz sorglos war und leicht bisher
- In Heiterkeit und Glück und Lust
- Das Kind beim Spiel der Kinderschar.
- Das Böse war noch seiner Brust
- Ganz fremd. Ihm blühte wunderbar
- Die Welt. -- Schon in der frühsten Zeit
- Der Kindheit war sein Kamerad
- Luise, deren Heiterkeit
- Und Milde seinen Lebenspfad
- Erhellt. Wenn sie im grünen Kleid
- Zu tanzen anfing oder sang,
- Dann schoß durchs blonde Ringelhaar
- Manch Blitz, der zündend weitersprang.
- Ihr rosa Miedertüchlein glitt
- Herab. Man sah bei jedem Schritt
- Das feine, zarte Füßchenpaar.
- Sie war ein Kind, und kindlich war
- Ihr Tun. -- Im Walde spielte sie
- Mit ihm. Sie fingen sich. Dann lief
- Sie fort, versteckte sich und schrie
- Ihm plötzlich zu, daß er erschreckte.
- Sie schwärzte heimlich, wenn er schlief,
- Ihm sein Gesicht, und lachend weckte
- Sie ihn dann aus dem süßen Schlafe.
- Und er, er küßte sie zur Strafe. --
-
- Und Lenz auf Lenz zog hin ins Land.
- Die Spiele wollten nicht mehr taugen.
- Die gegenseit'ge Keckheit schwand.
- Es schwand das Feuer seiner Augen.
- Und sie hält Traurigkeit gebannt
- Und Schüchternheit. -- Ihr, junger Herzen
- Verliebte, erste Worte, wart
- Gekommen, und es blieben nicht erspart
- Die Tage voller süßer Schmerzen.
- Was blieb ihm denn zu wünschen weiter,
- Wo er Luise bis zur Nacht,
- Gefesselt wie von Zaubermacht,
- Nicht ließ, ihr treuester Begleiter,
- Ihr Schatten, wo sie ging und stand.
- Mit innig tiefer Freude sahen
- Die Eltern, wie das Glück sich fand,
- Und sahen sich nicht satt. Die nahen,
- Leidvollen, zweifelvollen Zeiten
- hielt noch ein Engel sanft verhüllt den beiden. --
-
- Doch allzubald befiel ein Schmerz,
- Ein tiefer, ihn. Matt ward vor Gram
- Sein Blick; er starrte himmelwärts
- Und war ganz unstet, ach, und wundersam.
- Es schien, als suchte stets sein Geist,
- Als hegte er geheimen Groll.
- Die Seele sehnte sich zumeist
- Gedankenschwer und kummervoll. --
- Er sitzt und schaut hinab vom Strand
- Hinaus aufs Meer wie festgebannt.
- Und wenn im Takt die Wellen rauschen,
- Scheint einer Stimme er zu lauschen.
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Bald geht er grübelnd durch das Tal,
- Die Augen feierlich voll Glanz,
- Wenn bei der Wolken Wirbeltanz
- Der Donner grollt, ein Feuerstrahl
- Durchs Dunkel zuckt und wilder Regen
- Heiß prasselt und mit einemmal
- In Strömen rauscht auf allen Wegen.
- Bald sitzt er in der Mitternacht
- Vor alten Sagen auf und wacht
- Und hofft, daß sich die Lettern regen
- In ihrer Stummheit, wenn die Seiten
- Er wendet, die so tiefe Kunde
- Ihm bringen von den grauen Zeiten.
- Ins Buch versunken manche Stunde,
- Sitzt er und wendet kaum das Haupt.
- Wer ihn in dieser schweren Not
- Gesehn, der hätte fest geglaubt,
- Die Zeit, da er gelebt, sei tot.
- Gedanken, wunderbare, hatten
- Mit ihrem Zauber ihn gebannt.
- Er suchte dunkler Eichen Schatten
- Auf seinem Weg durchs Sommerland.
- Aus diesen tiefen Schatten sprach
- Manch Rätsel, das er nicht verstand,
- Und träumend streckte er die Hand
- Liebkosend aus und griff darnach. --
-
- Luise ist die ganze Zeit
- Allein in ihrem tiefen Kummer.
- Ihr Herz ist einzig ihm geweiht.
- Sie findet nächtens keinen Schlummer
- Und bringt die gleiche Zärtlichkeit
- Ihm dennoch stets entgegen, hält
- Die zarten Arme um ihn, küßt
- Ihn sanft, daß er den Schmerz vergißt,
- Bis er der Schwermut neu verfällt.
-
- Schön sind die Stunden, wunderbar,
- Wenn ferne Träume ihn umschweben
- Und der Gesichte lichte Schar
- Ihn fortträgt in ein andres Leben.
- Doch, wenn der Seele Land zerstört,
- Der stille Erdenfleck vergessen,
- Der Scholle nicht sein Herz gehört,
- Die schlichten Menschen er vermessen
- Nicht achtet, werden Traumgestalten
- Auch dann noch froh im Herzen walten? -- --
-
- Indessen laßt sein unstet Wesen
- Belauschen uns. Macht euch bereit,
- Die Rätsel seines Geists zu lösen
- In ihrer Mannigfaltigkeit. --
-
-
- Drittes Bild
-
- Du klassisch schöner Werke klassisch schönes Land!
- Des Ruhmes und der Freiheit Land, Athen!
- An dich, in wundersamer Gluten Wehn,
- Ist meine Seele festgebannt.
-
- Vom Tempel hoch bis hin zu des Piräus Mauern
- Ergießen sich und wogen feierliche Massen.
- Äschines' Worte blitzen, donnern und durchschauern,
- Der Iliß Wassern gleich, und fassen
-
- Gebietrisch alle wie der laute Sturm der Welle.
- Gewaltig ragt empor die Marmorherrlichkeit
- Der Parthenon, wo Säule sich an Säule reiht;
- Empor Minerva, von des Phidias Stahl geweiht.
- Und Zeuxis' wie Parrhasios' Pinsel strahlen Helle.
-
- Im Portikus steht göttergleich ein Greis
- Und redet weise von der andern Welt;
- Sagt, wer für Tugend einst Unsterblichkeit erhält,
- Wen Schande trifft und wen der Preis.
-
- Horch! Rohes Tosen mischt sich in das Springbrunnrauschen.
- Der Tag ist wach, und dem Theater voll Verlangen
- Zu strömt das Volk. Wie Persiens Farben prangen!
- Sieh, wie die Tuniken sich bauschen!
-
- Noch eh' die Leidenschaft des Sophokles verklungen,
- Schwirrt Kranz auf Kranz, von den Begeisterten geschwungen.
- Von Epikurens Honigmund, dem liebgewohnten,
- Enteilt sind Amors Diener, Krieger und Archonten,
- Daß ihnen sich die hohe Wissenschaft enthülle,
- Wie man Genüsse schlürft und trinkt des Lebens Fülle.
- Aspasia kommt! Ihr Blick, vom Wimpernschwarz verbrämt,
- Trifft einen Jüngling, und sein Atem stockt verschämt.
- Wie heiß die Lippen sind! Wie loht der Rede Glut!
- Die schwarzen, losen Locken fallen wie die Nacht
- Auf ihrer Schultern Marmorpracht,
- Auf ihre Brüste wie die Flut. --
-
- Und jetzt? -- Tympane tosen und die Becher klirren.
- Bacchantinnen in wilder Raserei, geschmückt
- Mit Efeu, stürmen durch den heil'gen Hain in wirren,
- Gehetzten Haufen. -- Wo? Wohin? -- Entrückt, entrückt.
-
- Allein! -- Verschwunden ist der Chor.
- Und Gram befällt mich neu und Wehe.
- Stieg' doch vom Tal ein Faun empor;
- Dräng' aus des Gartens dunkler Nähe
- Mir einer Nymphe Sang ans Ohr!
-
- Ihr Griechen, wunderbarlich habt
- Die Welt mit Träumen ihr erfüllt,
- In Zauber alles eingehüllt!
- Heut ist sie ärmlich, grau, verschabt
- Und wohl quadriert, mit Nichts begabt. -- --
-
- * * * * *
-
- Doch neue Träume kommen und heben
- Und ziehen ihn lockend himmelan
- Empor aus der Sorgen Ozean,
- hinweg von allem kleinlichen Leben. --
-
-
- Viertes Bild
-
- Im Land, wo des Lebens Wunderquellen
- Entspringen und strahlend rings alles erhellen;
- Wo schwer die Nächte vom Ambraduft,
- Von Lotossüße geschwängert die Luft;
- Wo Räucherwerkwolken die Bläue durchfluten
- Und Mangostans Früchte golden gluten;
- Wo Kandahars Wiesengrund samten sich breitet;
- Wo kühn sich ob allem der Himmel weitet
- Und Blüten regnet in üppigem Glanz;
- Wo Schwärme von Faltern auffunkeln im Tanz:
- Dort sieht mein Blick eine Peri: versunken,
- Nichts sehend, nichts hörend; traumestrunken.
- Gleich Sonnen leuchtet ihr Augenpaar,
- Wie Hemasagara funkelt ihr Haar.
- Ihr Atem gleicht dem, den die Lilie haucht,
- Wenn die Nacht den Garten in Schlummer taucht
- Und im Wind ihre Seufzer von dannen schwingen;
- Ihre Stimme den nächtlichen Ton von Syringen,
- Dem silbernen Tone, wenn Israfil
- Die Flügel schlägt in mutwilligem Spiel;
- Dem heimlichen Plätschern des Tschindara-Fluß.
- Und ihr Lächeln erst! Und erst ihr Kuß!
- Was ist? -- Sie hebt sich, ein Hauch, und entschwindet
- In Himmeln, wo sie Verwandte findet.
- Bleib! Blicke dich um! Bleib! -- Taub meinem Schrei,
- Verrinnt sie im Regenbogen. -- Vorbei!
- Erinnrung an sie bleibt und hält
- Sich fest; und Duft erfüllt die Welt. --
-
- * * * * *
-
- Bunt war sein Träumen überstrahlt;
- Vom Drang der Jugend heiß durchflossen.
- Die Hoheit, die sein Herz genossen,
- Hat herrlich oft sich abgemalt
- Auf seinem Angesicht. Allein,
- Was ihn in seinen Träumerein,
- Was die erregte Seele quälte,
- Wonach er schrie, wonach er bangte,
- In wilder Leidenschaft verlangte,
- Als gält' es, daß er sich vermählte
- Der ganzen Welt mit ganzer Lust,
- Verstand er nicht. -- Voll Staub und Dust,
- Von Dumpfheit voll und Schwere fand
- Er diese Welt und wirr. Es flog
- Sein Herz und schlug und schlug und zog
- Ihn hin nach fernem, fernem Land.
- Wer sah ihn so? Sein Atem ächzte.
- Die Brust ging keuchend auf und nieder.
- Stolz funkelte durch seine Lider.
- Ach, wie die Seele darnach lechzte,
- Am flücht'gen Traum sich festzusaugen.
- Ach, welche Feuer in ihm brannten,
- Wie ihn die Tränen übermannten,
- Das Leben schürend in den heißen Augen. --
-
-
- Sechstes Bild
-
- Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf,
- Wo unserer Geschichte Welt, die Welt,
- Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet.
- Das heitre Lünensdorf, so hieß es einst;
- Doch weiß ich nicht, ob es noch heut so ist. --
- Weit schimmerte dem Wanderer entgegen
- Das kleine, weiße Häuschen Wilhelm Bauchs,
- Des Musikers, das er vor langer Zeit,
- Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm,
- Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus;
- Grün war's gestrichen; rote Ziegelplatten
- Erklirrten hell im Wind. Kastanienbäume
- Umstanden es und drängten in die Fenster.
- Durch ihre Stämme sah ein Weidenzaun,
- Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten.
- Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch.
- Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange,
- Behangen mit der Wäsche, die im Glanz
- Der heißen Mittagssonne lustig blinkte.
- Durch eine Speicherluke drängte sich
- Laut girrend eine Taubenschar; es schrien
- Die Puter, und mit seinen Flügeln schlagend
- Entbot der Hofhahn seinen Morgengruß
- Dem Tag und pickte den behäbig bunten Hennen
- Die Körner fort. Zwei fromme Ziegen rupften
- Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch
- In krausen Wolken aus dem Schornstein auf
- Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren.
- Dort auf der Seite, wo der Mauerputz
- Ein wenig abgebröckelt von den grauen Ziegeln,
- Dort, wo die alten Bäume Schatten geben,
- Stand schon seit frühstem Morgen säuberlich
- Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge:
- Radieschen, gelber Käse, eine Dose
- In Entenform mit Butter; Wein und Bier,
- Der süße Bischof, Zucker, Waffelkuchen
- Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Früchten:
- Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben
- Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen
- Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. --
- Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte
- Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise
- Der Töchter und des alten Pfarrherrn feiern.
- Luise kam, doch ihre Schwester Fanny,
- Die Jüngere, war fortgeeilt, um Hans
- Zu holen, und war noch nicht zurück.
- Vermutlich irrte er verträumt umher.
- Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster
- Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur
- Zwei Schritt von ihr. -- Sie war nicht selbst gegangen,
- Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn,
- Aus ihren Augen keinen Vorwurf läse.
- Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater,
- Zu ihr und sprach: »Du mußt den Hans mal schelten,
- Daß er so lange nicht mehr bei uns war.
- Pass' auf, du hast ihn dir zu sehr verwöhnt.«
- Doch sie war um die Antwort nicht verlegen:
- »Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln.
- Er ist schon ohnedies so bleich und elend.«
- »Was, krank, sagst du?« fiel Mutter Berta ein.
- »Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie,
- Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen,
- Seid ihr einmal vermählt. Ein junger Sproß,
- Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft,
- Fängt plötzlich an zu blühn. -- Ist denn die Frau
- Nicht Lichtflut für den Mann?« -- »Ein kluges Wort,«
- Warf da der Pfarrer ein. »Wenn Gott es will,
- Glaubt mir, wird alles noch vorübergehn!«
- Er klopfte wieder seine Pfeife aus.
- Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten;
- Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten,
- Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Türken,
- Von Missolunghi, von Kolokotroni,
- Dem großen Führer, und vom argen Krieg,
- Von Canning sprachen sie, vom Parlament,
- Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid,
- Als Hans erschien und sich Luise plötzlich
- Mit einem Aufschrei ihm entgegenstürzte.
- Der Jüngling schlang den Arm um ihre Hüfte
- Und küßte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm:
- »Nun schäm' dich, Hans, daß du so ganz vergessen
- Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise
- Vergißt, wie solltest du der Alten noch
- Gedenken!« -- »Väterchen, laß sein, laß sein --
- Was schiltst du Hans denn immer!« sprach die Mutter.
- »Laßt uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt:
- Der Brei, der Reis, die duft'gen Zuckererbsen,
- Der Glühwein und nicht minder der Kapaun,
- Den mit Rosinen ich und Butter briet.« --
- So setzten sie sich friedlich an den Tisch
- Und waren alle bald vom Wein belebt,
- Die Seelen voller Glück und Heiterkeit. --
- Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flöte.
- Es gab ein Stück -- der Feiernden zu Ehren.
- Bald drehten allesamt im Walzer sich.
- Selbst Wilhelm wurde lustig, und gerötet
- Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau
- Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog
- Hans mit Luise toll dahin. Die Welt
- Flog mit im gleichen, wundervollen Takt.
- Luise wagte kaum zu atmen, kaum
- Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen.
- Der Pfarrer sagte: »Ach, ich sehe mich nicht satt
- An ihnen, glaubt's mir. Welch ein herrlich Paar.
- Luise, dieses heitre, liebe Kind,
- Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden.
- Sie sind doch füreinander wie geschaffen.
- Ja, glücklich wird ihr ganzes Leben sein.
- Ich danke Dir, mein güt'ger Gott, daß Du
- Im hohen Alter mir die Gnade schenktest
- Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst,
- Damit ich solche Enkel schauen durfte.
- Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme:
- Auf Erden hab' ich Herrliches gesehn.«
-
-
- Siebentes Bild
-
- Des Abends Kühle senkt sich still hernieder.
- Die letzten, leisen Sonnenstrahlen küssen
- Das finstre Meer. Von tausend Flimmerfunken
- Durchsät, erglüht der Wald, und fern, fern her
- Erschimmern durch den Meeresdunst die Felsen
- In bunter Farbenpracht. Rings tiefe Stille.
- Und nur der Hirtenflöten melanchol'scher Ruf
- Tönt dann und wann von fernen, heitren Ufern;
- Und dann und wann ein leises Plätschern, wenn
- Ein Fisch im spiegelblanken Wasser ruckt,
- Wenn eine Schwalbe mit den Flügeln, ehe
- Sie auf zum Himmel steigt, es flüchtig streift.
- -- Fern zeigt ein Kahn sich wie ein heller Punkt.
- Wen trägt er wohl? Wer fährt wohl auf dem Meer?
- Der Pfarrer ist's, der Greis im Silberhaare,
- Und mit ihm Wilhelm mit der teuren Gattin.
- Die übermüt'ge Fanny läßt die Hand,
- Die von der Angelschnur herabgezogen,
- Im Wasser spielen. Hinten in dem Schiff
- Sitzt Hans mit seiner Braut. -- Sie sahen alle
- In stummer Freude einer Welle zu,
- Die breit dem Schiff gefolgt und unterm Schlag
- Der Ruder feurig schäumend perlte.
- Wie sich nun rasch die ros'ge Ferne klärte
- Und voller Duft ein Hauch von Süden kam,
- Da sprach der Pfarrer tief gerührt: »Wie schön
- Ist dieser Abend Gottes doch! So still
- Und herrlich wie das Leben des Gerechten.
- Denn es vollendet ebenso voll Frieden
- Den Weg, und auf den heil'gen Erdenrest
- Ergießen sich die gleichen schönen Tränen.
- Ja, auch für mich wird's Zeit. Auch meine Tage
- Sind bald gezählt. Ich kann nicht lang mehr bleiben.
- Doch werd' ich auch so herrlich schlafen gehen?« --
- Da weinten alle. Hans, der grad ein Lied
- Auf der Oboe spielte, ließ das Instrument
- Nachdenklich sinken. Es umspann ein Schlummer
- Sein Haupt, und weithin schweiften seine Sinne.
- Und Träume stürmten seltsam auf ihn ein.
- Luise wandte sich ihm zu: »Sag' mir, sag', Hans,
- Wenn du mich liebst, wenn ich in deiner Seele
- Noch Mitleid, Mitgefühl wachrufen kann,
- Was quälst du mich? Sag' mir einmal, warum
- Sitzt du bei Nacht einsam bei deinen Büchern?
- Ich weiß es. Unsre beiden Fenster liegen
- Doch nicht umsonst einander gegenüber.
- Warum weichst du uns allen aus und trauerst?
- Dein trüber Blick, ach, nimmt mir alle Ruh',
- Und deine Trauer macht mich selber trübe! --«
- Das rührte Hans. Er wurde ganz verlegen.
- Er drückte sie im Schmerz an seine Brust,
- Und eine Träne stahl sich ihm ins Auge.
- »Luise, frage nicht. Du mehrst doch nur
- Durch deine Unruh' meinen tiefen Kummer.
- Denn in Gedanken ich versunken scheine,
- Glaub' mir, dann denk' ich immer nur an dich
- Und sinne, wie sich all die schweren Zweifel
- Von deiner Seele nehmen, wie dein Herz
- Mit Freude sich und Frieden füllen ließe,
- Daß deiner Jugend reinen Schlaf nichts störe,
- Daß Böses dir nicht nahe, nicht der Schatten
- Von einem Kummer dich berühre, daß
- Dein Glück in alle Ewigkeiten währe!«
- Da lehnte sie an seine Brust sich an
- Und konnte in der Fülle des Gefühls,
- Des Dankes ihm kein einzig Wort erwidern. --
- Still zog das Boot am Ufer hin. -- Man landet
- Und steigt schnell aus. »Hört,« sprach der Vater Wilhelm,
- »Hört, Kinder, nehmt euch recht in acht und seht,
- Daß ihr euch nicht erkältet. Es ist feucht.
- Der Nebel steigt.« -- Hans ging mit ihr und dachte:
- Was wird, wenn sie erfährt, was sie doch nicht
- Erfahren soll? Er sah ihr in die Augen.
- In seinem Herzen ward ein Vorwurf laut.
- Ihm war, als wenn er schlecht gehandelt hätte,
- Als hätte er den ewigen Gott belogen. -- --
-
-
- Achtes Bild
-
- Vom Turme schlägt es Mitternacht.
- Hans sitzt wie immer auf und wacht.
- Dem Einsamen gewohnte Zeit.
- Das Flackerlicht der Lampe leiht
- Nur spärlich Helligkeit. Es fällt
- Wie Saat des Zweifels in die Welt
- Des Schlafs. -- Kein Blick träf' in der Runde
- Nur eines Menschen Spur. Fern, ferne
- Rauscht wie Gespräch aus Menschenmunde
- Die Welle in dem Glanz der Sterne.
- Die Stille läßt den Atem hören
- Der Nacht. -- Jetzt wird ihn nicht mehr stören
- Der laute Tag in seinem Denken,
- Wo über seine Stirn sich senken
- Friede und Ruh'. -- Und sie? Sie setzt
- Sich auf im Bett; im Fenster jetzt:
- »Er kann's nicht sehen, merkt's ja nicht;
- Ich seh' mich satt an seinem Bild.
- Er wacht, daß er mein Glück erfüllt.
- Gott sei ihm gnädig, sei ihm mild.« --
-
- * * * * *
-
- Die Welle rauscht im Mondeslicht.
- Ein Traum sinkt nieder und umfängt
- Ihr Haupt und beugt es leis, ganz leis.
- Um Hans spielt der Gedankenkreis
- Noch immer, dem er sich versenkt.
-
-
- 1.
-
- Entschieden alles! Ist's Gebot,
- Tiefinnerst jetzt zugrund zu gehn?
- Gibt's andres Ziel nicht als den Tod?
- Vermag ich Beßres nicht zu sehn?
- Soll ich mich hin zum Opfer geben,
- Tot für die Welt und ruhmlos leben?
-
-
- 2.
-
- Soll denn ein Herz, das Ruhm geliebt,
- Nur Nichtigkeiten lieben dürfen;
- Kalt jedem Glück sein, das sich gibt,
- Und niemals Seligkeiten schlürfen?
- Der Erde Schönheit nie mehr finden,
- Nie Wahres mehr in ihr ergründen?
-
-
- 3.
-
- Was ruft, was lockt ihr mich so bang,
- Ihr, dieser Erde schönste Lande.
- Bei Tag und Nacht wie Vogelsang
- Hör' ich in meiner Träume Bande,
- Bei Tag und Nacht die süßen Töne,
- Und bin berückt von eurer Schöne.
-
-
- 4.
-
- Euch, euch gehör' ich. Bald, ach bald
- Such' ich die seligen Gefilde,
- Ein Pilgrim, der zum Heil'gen wallt.
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Hin fliegt umschäumt des Schiffes Bug.
- Hoch strebt der Sehnsucht froher Flug.
-
-
- 5.
-
- Ja, fallen wird der trübe Flor,
- In den euch stets der Traum gehüllt.
- Aufschließen wird die Welt das Tor
- Zur Wunderherrlichkeit, gewillt,
- Den Jüngling freundlich zu begrüßen
- Mit unversieglichen Genüssen.
-
-
- 6.
-
- Der Schönheit Meister! Meine Augen
- Bereiten sich, was ihr geschaffen
- Mit Stift und Meißel, einzusaugen.
- Mein Herz will eure Glut erraffen.
- Rausch' hin, mein Meer, von Riff zu Riff!
- Bring mich an Land, einsames Schiff!
-
-
- 7.
-
- Du aber, enger Winkelfrieden,
- Mein Wald, mein Feld, ihr müßt verzeihn.
- Himmlischer Regen reich beschieden
- Sei euch und Blüte und Gedeihn.
- Das Herz, scheint's, härmt sich, euch zu lassen,
- Und dürstet, euch noch einmal zu umfassen.
-
-
- 8.
-
- Auch du, mein engelstilles Herz,
- Vergib und geiz' mit deinen Tränen.
- Gib dich nicht hin dem ersten Schmerz.
- Verzeih dem armen Hans sein Sehnen.
- Klag' nicht. Der Weg ist bald gemessen,
- Und ich zurück. Wie könnt' ich dein vergessen! --
-
-
- Neuntes Bild
-
- Wer kommt noch zu so später Stunde
- Behutsam durch die Nacht gewallt,
- Den Wanderstab am Gürtelbunde,
- Den Rucksack rüstig umgeschnallt?
- Vor ihm ein Haus zur rechten Hand;
- Zur linken führt ein Weg ins Weite.
- Er will den weiten Weg ins Land,
- Erfleht von Gott Kraft zum Geleite.
- Allein er wendet, übermannt
- Von stillem Weh, verzehrt von Gram,
- Den Schritt zum Haus, woher er kam.
-
- * * * * *
-
- Vor einem offnen Fenster sitzt,
- Den Kopf in seine Hand gestützt,
- Und ruht ein wunderschönes Kind.
- Mit seinem Flügel streicht sie mild
- Und gibt ihr Träume ein -- der Wind,
- Von denen sie nun ganz erfüllt,
- Ein Lächeln zeigt. Und ihm entquillt,
- Wie er sich peinvoll naht der Schönen
- Und bebend ihr ins Antlitz schaut
- Und kummerschwer, sein Weh in Tränen.
- Sein Auge schimmert glanzbetaut.
- Er beugt sich nieder glühend heiß
- Und küßt sie seufzend, leis, ganz leis.
-
- * * * * *
-
- Den weiten Weg eilt er dahin.
- Sein Innerstes durchbebt ein Schauer.
- Unrast umdüstert seinen Sinn,
- Und seine Seele tiefe Trauer.
- Noch einmal wendet er den Blick
- Zum Abschiedsgruß. -- Ein weißes Band,
- Zieht schon der Nebel übers Land.
- Sein stöhnend Herz weist ihn zurück.
- Ein rauher Wind mit scharfem Tone
- Stößt Eichenkron' an Eichenkrone.
- Und grau verschwimmt im fernen Raum
- Das Haus. Ganz unklar wie im Traum
- Hat Pförtner Gottlieb nur vernommen,
- Daß wer durchs Gartentor gekommen
- Und daß einmal, als wenn er schälte,
- Der treue Hund im Hofe bellte.
-
-
- Zehntes Bild
-
- Spät wird der helle Führer wach, --
- Der Morgen ist nicht freundlich. Schwer
- Wogt übers Feld ein Nebelmeer,
- Und Regen rauscht und schlägt aufs Dach.
- Des jungen Morgens Kühle fächelt
- Die Schöne aus der Ruh'. Benommen
- Vom Schlaf am Fenster und beklommen,
- Streicht sie ihr Haar zurecht und lächelt.
- Doch Ärger schleicht sich ein und feuchtet
- Das Auge, daß es funkelnd leuchtet:
- »Wann kommst du, Hans? Wie lang soll's dauern?
- Du schwurst: beim ersten Tageslicht!
- Der Tag ist da. Ein Tag zum Trauern,
- Ein trüber Tag. Die Nebel schauern,
- Der Sturmwind heult. Was kommst du nicht?«
- Geängstigt halb und halb verdrossen,
- Blickt sie zum Fenster ihres Hans.
- Geschlossen ist's und bleibt geschlossen.
- Er schläft gewiß, und Traumesglanz
- Umgaukelt ihm sein Liebstes noch.
- Lang hat's getagt. Vom Regen sind
- Durchfurcht die Täler, und vom Wind
- Gewiegt der Wald. Ach, käm' er doch!
-
- * * * * *
-
- Der Mittag naht. Unmerklich steigt
- Der Nebel auf. Ganz matt, gezogen
- Tönt Donner noch. Der Eichwald schweigt.
- Auf flammt in siebenfarb'gem Bogen
- Am Himmel paradiesisch Licht.
- Mit Funken ist die Eiche übersprüht.
- Froh klingt vom Dorfe Lied auf Lied.
- Wo bist du, Hans, was kommst du nicht?
-
- * * * * *
-
- Warum? -- Die arge Brust umflicht
- Schwermut. Das Ohr wird müd der Qual,
- Zu horchen auf die Stundenzahl.
- Die Türe geht. -- Er ist's! -- Nein, nicht:
- Herein tritt Berta; wohlig fällt
- Der rosa Morgenrock, der weiche,
- Und farbenfroh die kantenreiche,
- Gestickte Schürze. »Engelgleiche,
- Was hat die Nachtruh' dir vergällt?
- Bist bleich und matt. Was ist geschehn?
- Störte der Regen, der so schwer
- Herabgerauscht, das wilde Meer,
- Der Hahn, der wüste Lärmer, den
- Kein Schlaf nachts ankommt, dich so sehr?
- Hat dich der Böse überkommen,
- Dir deinen reinen Schlaf genommen,
- Ins Herz gesenkt trübselig Trauern?
- Tust mich von ganzer Seele dauern.«
-
- * * * * *
-
- »Nein, nicht des Regens Rauschen, ach,
- Das wilde Meer nicht, nicht der Hahn,
- Der wüste Lärmer, hat's getan.
- Ach, was du nennst, hielt mich nicht wach.
- Nicht solcher Traum hat mich benommen,
- Bin solcher Trübsal nicht beklommen.
- Der Traum, der mir zu Sinnen kam,
- War anders, schwer und wundersam.« --
-
- * * * * *
-
- »Mir träumte: Finstre Öde sei
- Um meinen Weg. Rings Nebel nur
- Vom Moor, und in der Wüstenei
- Von trocknem Boden keine Spur.
- Ein ekler Dunst! Die Erde weicht.
- Bei jedem Schritt ein neuer Schlund,
- Bei jedem Schritt ein neuer Grund
- Zur Herzensangst. Und mich beschleicht
- Unsäglich Wehe. Da erscheint
- Urplötzlich Hans vor mir. Blut rinnt
- Aus einer Wunde. Er beginnt
- Zu schluchzen über mir und weint.
- Doch statt der hellen Tränen floß
- Ein trüber Strom. Ich wachte auf.
- Und über Brust und Antlitz goß
- Vom Blondhaar triefend wie der Lauf
- Von tausend Bächen dummer Regen.
- Mein Herze schlug in trüben Schlägen,
- Und Traurigkeit befiel den Sinn.
- Die Locken blieben feucht. In Sorgen
- Sitz' ich verhärmt seit frühem Morgen.
- Wann kommt er heim? Wo ist er hin?«
-
- * * * * *
-
- Die Mutter steht gedankenvoll
- Kopfschüttelnd vor ihr, ehe sie
- Ihr Antwort gibt: »Ach, wüßt' ich, wie
- Ich deiner Not Herr werden soll,
- Mein Töchterchen. Komm, laß uns sehn, --
- Gott geb' uns Kraft! -- was ihm geschehn.«
-
- * * * * *
-
- Sie treten in sein Zimmer. Leer,
- Ganz leer! Im Winkel liegt umher
- Ein alter Platoband, gar arg
- Verstaubt, Tieck, Aristophanes, Petrark
- Und Schillers Werke, die vermeßnen,
- Bei Winkelmanns, den halb vergeßnen.
- Und Fetzen von Papier. Es blühn
- Die Blumen auf der Etagere.
- Die Feder blinkt, mit der er kühn
- Entlastet sich der Träume Schwere.
- Sein Tisch, so tot! Doch nein, was hebt
- Sich jetzt? Ein Zettel flirrt. Was ist?
- Luise nimmt ihn auf und bebt.
- Von wem? An wen? Und als sie liest,
- Fängt ihre Zunge wie noch nie
- Zu lallen an. Sie stürzt aufs Knie.
- Gram, sengend Wehe warf sie nieder.
- Und Grabeskälte rann durch ihre Glieder.
-
-
- Elftes Bild
-
- Schau' her, Grausamer! Sieh, Tyrann,
- Wie sie verhärmt im Staube kauert;
- Die einsam Welkende, sieh' an,
- Wie sie in trüber Öde trauert,
- Vergessen, ach! Schau' hin einmal
- Auf dein Geschöpf, in dessen Brust
- Du Lebensglück und Lebenslust
- Mit Gram vertauscht und Höllenqual.
- Durchwühlte Grüfte, siehst du sie?
- Und wie sie dich geliebt, ja, wie!
- Mit welch lebend'ger Innigkeit
- Klang ihrer Rede Melodie,
- Die schlichte. Wo, wo ist die Zeit,
- Da du gelauscht? Wie war von Schuld,
- Von Trübsal rein des Blickes Brand,
- Der dich versengt. Wie oft entschwand
- Zu langsam ihrer Ungeduld
- Der böse Tag, zeigte sich nicht,
- Der Träumerischen, dein Gesicht.
- Und du konntst sie verlassen, du?
- Hast dich von allem abgewandt
- Und wanderst fremd in fremdem Land?
- Wem tust du das? Für wen, wozu?
- Doch schau', Grausamer! Sieh, Tyrann!
- Am Fenster harrt sie noch, verzehrt
- Von Sehnsucht, daß er wiederkehrt
- Zu ihr, er, der geliebte Mann. -- --
- Schon sinkt der Tag. Des Abends Helle
- Liegt wundersam auf allen Dingen.
- Ein kühler Wind regt seine Schwingen.
- Kaum hörbar plätschert fern die Welle.
- Die Nacht entbreitet ihre Schatten.
- Leis tönt die Syrinx. Es ermatten
- Im West die letzten Glutenschimmer.
- Sie sitzt reglos und harrt noch immer. --
-
-
- Nächtliche Gesichte
-
- Allmählich dunkelt und vergeht
- Des Abends Rot. Schon liegt die Welt
- In süßem Schlaf, und überm Feld
- Steigt auf des Mondes Majestät.
- Das Meer erschimmert wie Kristall.
- Durchsichtig scheint das ganze All.
-
- * * * * *
-
- Schatten wachsen auf und ziehen.
- Wundersam gestaltet fliehen
- Herrlich sie, weit, immer weiter,
- Himmelwärts die Sternenleiter.
-
- * * * * *
-
- Heller wird's: zwei Lichter blitzen.
- Da: zwei Ritter, zottig, fahl.
- Zweier schart'ger Schwerter Spitzen,
- Zweier Panzer Schmiedestahl!
- Halt! Sie suchen, treten an;
- Tauschen Platz um Platz jetzt. Hei!
- Kämpfen, glitzern Mann an Mann.
- Suchen wieder ... Da, vorbei!
- Dunkel schwillt und deckt sie schwer.
- Nur der Mond steht überm Meer. --
-
- * * * * *
-
- Ein Lied der Kön'gin Nachtigall durchschallt
- Den Forst; ein schmetternd Lied, das sacht verrauscht.
- Die Erde atmet kaum, sie lauscht
- Verträumt der Sängerin. Der Wald
- Steht reglos. Alles schläft im Kreise.
- Es tönt nur die verklärte Weise.
-
- * * * * *
-
- Luftgebaut ragt der Palast
- Einer Märchenfee empor.
- Vor dem Fenster dicht am Tor
- Singt verklärt ein Minnegast.
- Sieh, ein Silberteppich glänzt,
- Ganz durchwebt mit Wolkenringen.
- Drüber schwebt ein Geist, der grenzt
- Nord und Süd mit seinen Schwingen.
- Schlafen sieht der Gast, gebannt
- Durch ein Gitter aus Koralle,
- Seine Fee. Die Perlmuttwand
- Bringt der Trän' Kristall zu Falle. --
- Dunkel eint und deckt sie schwer.
- Nur der Mond steht überm Meer. -- --
-
- * * * * *
-
- Kaum schimmert durch den Dunst das Land.
- Geheime Wünsche ohne Zahl
- Weckt uns die See. -- Ein Riesenwal,
- Taucht aus dem Nebel. Übermannt
- Hat Schlaf den Fischer längst. Er ruht;
- Und unablässig rauscht die Flut. --
-
- * * * * *
-
- Strandwärts schwimmen Meerjungfrauen
- Herrlich schön. Den leuchtend hellen,
- Weißen Schaum der glühend blauen
- Wogen teilen sie. Die Wellen
- Spielen kosend wie im Traum
- Um die Schöne mit der weißen
- Lilienbrust. Sie atmet kaum.
- Um die zarten Glieder gleißen
- Tropfen wie ein Funkensaum.
- Ach, sie lächelt, kichert leise
- Und schwimmt sinnend hin im Licht.
- Bald voll Lust, bald wieder nicht.
- Träumerisch singt sie die Weise,
- Den Sirenensang der Klagen
- Des Verrats, den sie ertragen,
- Sie, die Junge. -- Reglos ruht
- Mondbeglänzt die blaue Flut. --
-
- * * * * *
-
- Ein Friedhof fern in fremder Flur,
- Von einem alten Zaun umhegt.
- Rings Steine, Kreuze. Moosbelegt
- Der stummen Toten Häuser. Nur
- Der Flug der Eulen und das schrille
- Schrein zerreißt die Grabesstille. --
-
- * * * * *
-
- Langsam steigt aus seinem Bette
- Jetzt ein Leichnam. Weiß umwallt
- Ihn sein Mantel. Vom Skelette
- Klopft den Staub er würdig. Kalt
- Weht vom Schädel Grabhauch. Feuer,
- Gelbes Feuer glüht aus seinen
- Augen. Mit den Knochenbeinen
- Hält ein Roß, ein ungeheuer
- Glänzend Roß er, einen Schimmel.
- Und es wächst, wächst bis zum Himmel.
- Leiche steht nach Leiche auf.
- Zug des Grauns! Von seinem Lauf
- Beben Erde, ach, und Lüfte. --
- Endlich schließen sich die Grüfte. --
-
- * * * * *
-
- Ein Schrecken packt sie an. Sie schlägt
- Das Fenster hastig zu. Ihr Blut
- Von Eiseskälte, bald von Glut
- Durchschauert, bebt gleichwie die Flut
- Im Sturm. Ein schweres Wehe legt
- Sich auf ihr Herz. Ihr Denken ruht. --
- Wenn mitleidlos des Schicksals Faust
- Ein kalter Kieselstein entsaust
- Und trifft ein armes Herz, wer hält
- Die Treue, sagt, in aller Welt
- Noch dem Verstand? Wes Seele ficht
- Kein Übel an? Und wer verfällt,
- Sich ewig gleich, im Unglück nicht
- Dem Aberglauben? Wer erblaßt
- Nicht, wenn solch Spukbild ihn erfaßt
- Im Traum? -- Aufs Lager bang
- Warf sie sich hin voll Schmerz und Kummer.
- Vergeblich suchte sie den Schlummer.
- Wenn ein Geräusch durchs Dunkel drang,
- Ein Mäuslein strich, floh ihre Lider
- Der Schlaf, der launenhafte, wieder. --
-
-
- Dreizehntes Bild
-
- Ein traurig Bild: Ruinen von Athen!
- Die Säulenreih'n, die bildwerkreichen,
- Sind morsch. In öden Tälern stehn
- Sie traurig, müder Zeiten Zeichen.
- Zertrümmert halb und halb verwittert
- Das hehre Denkmal, und zersplittert
- Selbst der Granit. -- Ein karger Rest. --
- Ein morscher Architrav nur prangt
- Voll Majestät, und Efeu rankt
- Und hält am Kapitäl sich fest.
- In Gräben, die man längst verließ,
- Herabgestürzt ein Giebelkranz;
- Dort schimmert noch ein prächt'ger Fries
- Und der Reliefmetopen Glanz.
- Hier trauert eine reichgeschmückte
- Korinthsche Säule noch. Und leise
- Eidechsen schlüpfen scharenweise
- Darüber hin. Voll Würde blickt
- Er auf das Elend rings. Gerückt
- In toter Zeiten dunkle Nacht,
- Verdrängt, hat er für nichts mehr acht.
- Athens Ruinen, ach! Trüb gleiten
- Die Bilder von Vergangenheiten
- Vorbei. An kaltem Marmor lehnt
- Der Wanderer. Wie er sich auch sehnt,
- Er weckt Erstorbnes nicht. Vergebens!
- Das Bündel des vergangnen Lebens
- Knüpft er nicht auf. Ohnmächt'ge Qual,
- Verlorne Müh'! -- Allüberall
- Liest nur Zerstörung, Schmach und Schande
- Der trübe Blick. Im Sonnenbrande
- Blinkt durch die Säulen dann und wann
- Ein Turban wohl. Quer durch die Blöcke,
- Durch Pfeiler, Gräber, Mauerstöcke
- Treibt barsch sein Roß ein Muselmann. -- --
- Hufschlag stampft letzte Trümmer nieder. -- --
- Unsagbar tiefe Traurigkeit
- Packt da den Fremden plötzlich wieder.
- Wie stöhnt sein Herz so laut. Er kann
- Den Schmerz nicht meistern. Bitter leid,
- Daß er den weiten Weg gemessen,
- Ist's ihm. Hat er sein Dach, den stillen,
- Friedlichen Platz daheim vergessen,
- Verlassen um der Gräber willen?
- Ach, wären doch die Traumgespinste,
- Die schönen, seinem Sinn geblieben.
- Der reinen Schönheit Spiegelkünste,
- Ach, hätten sie ihn nicht getrieben!
- Nun sind die Träume tot und kalt
- Und abgestreift ihr Zauberflor. --
- Mit unbarmherziger Gewalt
- Habt ihr ihm schonungslos das Tor
- Zur Glut der Traumeswelt verschlossen,
- Ihr, öder Wirklichkeiten Sprossen!
- Langsam verläßt und kummerschwer
- Der Fremde nun den Trümmerort.
- Er schwört, des blinden Einst nicht mehr
- Zu denken, aber immerfort
- Fliehn seine Opfer vor ihm her. -- -- --
-
-
- Sechzehntes Bild
-
- Zwei Jahre sind dahin. In Lünensdorf
- Blüht alles noch und prankt wie ehedem.
- Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stören
- Den stillen Herzensfrieden der Bewohner.
- Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel
- Verändert. Lange ist der Pfarrer tot.
- Er hat den dornenvollen Weg beendet
- Und schläft den letzten tiefen, tiefen Schlaf.
-
- Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt,
- Und alle hatten Tränen in den Augen,
- Gedenkend seines Lebens, seines Tuns.
- Er war es, der für unser Seelenheil,
- Für unser geistig Brot von je gesorgt.
- Er war es, der so schön das Gute lehrte;
- Er war der Trauervollen steter Trost,
- Der feste Schild der Witwen und der Waisen.
- Wie voller Güte stieg er doch an Feiertagen
- Auf seine Kanzel, und wie rührend sprach
- Er von dem reinen Martertum, vom Leiden
- Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschüttert
- Und unter Tränen seinen tiefen Worten. --
-
- Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht
- Links von der Straße dicht an einem Friedhof
- Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebückt
- In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel
- Der Zeit hat seine Runen eingegraben.
- In ihrer Mitte leuchtet eine weiße Urne
- Auf schwarzem Steine, von zwei grünen Erlen
- Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten.
- Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn.
- Die braven Bauern waren gern bereit,
- Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre
- Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten
- Verkündeten durch eine Inschrift, wie
- Er lebte, wieviel stille Jahre er
- Als Seelensorger zugebracht und endlich
- Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. --
-
- Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham
- Errötend seine Flechten löst, und wo
- Im Felde sich ein frischer Wind erhebt,
- Der Tau die blitzend blanken Perlen streut,
- Rotkehlchen in den dichten Büschen schlagen,
- Und erst zur Hälfte noch der Sonnenball
- Sich übers Land hebt, kommen Bäuerinnen
- Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab
- Und schmücken es mit duft'ger Blumen Fülle
- Und gehen ihres Wegs. -- Nur eine bleibt,
- Das Haupt in ihre Lilienhand gestützt,
- Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen,
- Als wollte sie Unfaßliches begreifen.
- Wer würde, ach, in dieser kummervollen
- Gestalt Luise wohl erkennen? Wer?
- Der frohe Glanz der Augen ist erloschen,
- Ihr unschuldreines Lächeln ist nicht mehr
- Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht
- Das Zeichen einer Freude drüber hin.
- Und doch, wie schön ist sie in ihrem Harm!
- Wie königlich ihr Blick trotz allen Wehs!
- So trauert wohl der strahlende Seraph
- Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach.
- Voll Schönheit war die glückliche Luise,
- Die trauernde war fast noch herrlicher.
- Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden
- Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied.
- Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele
- War sie dem Greise zugetan. Und nun
- Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht
- Erfüllt. Wie innig hattest du gewünscht,
- Am heiligen Altare uns zu trauen,
- Für alle Zeiten unsern Bund zu schließen.
- Wie hattest du den träumerischen Hans
- Geliebt -- -- Und er? -- -- --
-
- Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Hütte.
- Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim
- An seiner Drechselbank und schneidet Platten
- Aus Buchenholz mit feiner Maserung,
- Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert.
- Zu seinen Füßen liegt vergnügt geduckt
- Hektor, sein lieber, treuer Kamerad.
- Wie immer sorgt die tüchtige Hausfrau Berta
- Vom frühsten Morgen an schon für sein Wohl.
- Dicht vor dem Fenster drängt sich eine Schar
- Von Gänsen, und die Hühner gackern auch
- Noch unaufhörlich. Ganz wie ehedem
- Hört man das ew'ge Zwitschern frecher Spatzen,
- Die Tag für Tag im Küchenabfall picken. --
- Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern
- Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes.
- Die grünen Blätter wurden gelb und fielen,
- Die Schwalben zogen über ferne Meere. --
- In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta:
- »Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben.
- Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei.
- Jetzt wird's früh feucht, und dichte Nebel fallen
- Und schicken ihre Schauer über uns.
- Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not!
- Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen.
- Gott weiß, ob er am Leben ist, ob nicht.« --
- Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter!
- Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still
- In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll
- Von Sehnsucht und vom Freunde träumend,
- Und fast unhörbar sagt sie vor sich hin:
- »Ich hätte ihn nicht minder stark geliebt!«
-
-
- Siebzehntes Bild
-
- Wie trüb auch sonst die Tage schleichen
- Im Herbst, das Heute ist voll Licht.
- Die Sonne zeigt ein hell Gesicht,
- Und blanke Silberwellen streichen
- Am Himmel hin. Den Weg herab
- Mit Rucksack kommt und Wanderstab
- Ein Fremder matt und scheu daher.
- Voll Trauer, wie ein Greis gebeugt,
- Geht er die Postchaussee. Nichts zeugt
- Vom alten Hans, fast gar nichts mehr.
- Sein halberloschner Blick umschweift
- Das Meer der gelben Ährenwellen,
- Der Berge bunten Kranz. Es greift
- Der schöne Traum sein Herz; es schwellen
- Des Allvergessens Seligkeiten
- Die Brust. Doch die Gedanken schreiten,
- Ach, einem andern Ziele zu.
- Nichts wär' ihm nötiger als Ruh'.
- Er kommt, so scheint's, von weit, weit her.
- Sein Atem keucht und schmerzt, und schwer
- Schmerzt seine Seele ihn und ächzt.
- Er denkt, doch kein Gedanke lechzt
- Nach Ruh'. -- Wem gilt sein tiefes Grübeln?
- Erstaunt, wie er mit allen Übeln
- Von dem Geschick gemartert ward;
- Des eitlen Tuns erstaunt, wie er genarrt,
- Lacht bitter auf er, daß er trunken
- Die Welt des Wahns, so hassenswert,
- In seiner Unvernunft begehrt
- Und ihrem leeren Glanz versunken;
- Daß er sich in der Menschen Schoß,
- Von ihrem eklen Tun wie toll
- Berauscht, bezaubert, -- schwankungslos
- Geworfen kühn und glaubensvoll.
- Ach, kalt wie Gräber waren sie,
- Habgier und Ehrsucht galt allein,
- Nichts sonst, -- und wie verächtlich Vieh
- So tierisch, ach, und so gemein.
- Sie zogen in den Staub, was gut
- Und hehr. Es schalten ihre Zungen
- Verächtlich nur Begeisterungen
- Und Geistestat. Falsch war die Glut;
- Und wenn sie sich emporgeschwungen,
- Verderben rings. Wer lauschte schon
- Der Reden einschläferndem Ton
- Und bebte nicht? Von Gift wie schwer
- Ihr Atem, wie voll Lüge ist
- Ihr Herzschlag und ihr Geist voll List;
- Wie hohl die Worte und wie leer!
-
- * * * * *
-
- Ja, tausendfach war ihm die Wahrheit
- Begegnet und von ihm erkannt.
- Doch ward zu höherm Glück die Klarheit
- Ihm in der Seele Träumerland?
- Wie ferne Sternenhelle zog
- Verlockend ihn der Ruhm. Allein
- Sein blinkend Gift war scharf, es trog
- Der dichte Qualm ihm vor den Schein.
-
- * * * * *
-
- Der Tag versinkt im West. Die Schatten
- Des Abends wachsen, und die matten,
- Hellweißen Wolkenränder glühen
- In greller Röte auf. Die dunkeln
- Vergilbten Blätter alle sprühen
- Von goldnem Strahlenwerk und funkeln.
- Der Wiesengrund der Heimat tut
- Sich vor dem Wandrer auf. Es füllt
- Den matten Blick urplötzlich Glut,
- Und eine heiße Träne quillt.
- Die Freuden aus vergangnen Jahren,
- Harmloser Späße, alter Träume Scharen,
- Sie engen ihm die Brust und rauben
- Den Atem ihm. Er will's nicht glauben
- Und sinnt dem Grund nach und beginnt
- Zu weinen wie ein schwaches Kind.
-
- * * * * *
-
-
- Meditationen
-
- Der Augenblick, da wunderbar
- Ein Auserkorner im Gefühl
- Der höchsten Kraft und Selbsterkenntnis
- Erfaßt des Daseins höchstes Ziel,
- Der sei gesegnet immerdar.
- Nicht leerer Träume Schattenpracht
- Und nicht des Ruhmes Flitterglanz
- Stört ihn und lockt bei Tag und Nacht
- Ihn in den lauten Wirbeltanz
- Der Welt. Sein Sinn hat junge Kraft,
- Ist Ansporn ihm und einz'ger Rat,
- Reizt ihn und treibt die Leidenschaft
- Zu Edlem ihn und großer Tat.
- Für sie setzt er sein Leben ein;
- Mag auch der Torenpöbel schrein,
- Er wird lebend'ger Trümmer wegen
- Nicht wankend, denn er hört allein
- Der Enkelzeit rauschenden Segen.
-
- * * * * *
-
- Wenn aber Trug und Traumgestalten
- Mit Sucht nach Glanz ein Herz beseelen,
- Dem Willenskraft und Härte fehlen,
- Im Wirrwarr standhaft sich zu halten,
- Dann ist es besser, ohne Fülle
- Das Feld des Lebens zu durchmessen,
- In der Familie, in der Stille
- Des Weltenlärmes zu vergessen. -- --
-
-
- Achtzehntes Bild
-
- Die Sterne gehen auf in Harmonie.
- Mit mildem Blicke schweifen sie
- Ob all der Schlafversunkenheit
- Als Wächter leisen Menschenschlummers.
- Sie senden Ruh' der Guten Leid,
- Und Bösen -- des Gewissenskummers
- Todbringend Gift. -- Was schickt ihr nicht
- Der Trübsal Frieden jetzt? Ihr seid
- Des Menschen Freude, tröstend Licht. --
- Wenn seine Blicke voller Leid
- Und Kummer flehend an euch haften,
- Hört er den Streit der Leidenschaften
- Im Herzen; und er ruft euch laut,
- Bis er die Schmerzen euch vertraut. --
- Noch ist Luise traurig-müd;
- Und noch entkleidet nicht; sie blickt
- Verträumt, weil aller Schlaf sie flieht,
- Noch in die Herbstnacht unverrückt.
- Ihr Sinn beschwört das alte Bild.
- Da füllt sie Heiterkeit und weitet
- Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt,
- Das am Spinett sie froh begleitet.
-
- Das Laub fällt raschelnd von den Bäumen,
- Durch die der Hofzaun blinkt. -- Hans steht
- In des Vergessens süßen Träumen,
- Vom Mantel eingehüllt, und späht
- Und lauscht. -- Soll er noch länger säumen? --
- Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange
- Der Stimme, die ihm nicht geklungen
- Seit seiner Trennung, die ihm lange,
- So lange, lange nicht gesungen!
- Das Lied, das heißer Leidenschaft,
- Das, sangesfrohem Mut entquollen
- Und all dem Übermaß der Kraft,
- Begeistert einst und froh erschollen,
- Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen
- Der Blätter wonnesam entgegen:
-
- Dich rufe ich! Ich rufe dich,
- Des Lächeln mich bezaubert hat,
- Mein Lieb! Viel Stunden setze ich
- Mich zu dir, und es sehen sich
- Die Augen doch an dir nicht satt.
-
- Du singst: -- geheimnisvolle Klänge,
- Des Herzens reinste Töne hallen
- Und zittern durch die Luft und schallen
- Wie Schlag von tausend Nachtigallen,
- Als ob ein Silberbach mir sänge.
-
- Schnell zu mir! Lehn' dich an mich, schnelle,
- Durchbebt von Gluten, wundersamen.
- Dein Herz brennt in der Stille helle,
- Und deine Ruh' strömt Well' auf Welle
- In mich die heißen Liebesflammen.
-
- Bist du mir fern, dann quält mich Wehe.
- Vergessen gibt es nicht für mich.
- Wenn ich erwach', zur Ruhe gehe,
- Stets bete ich und stets erflehe
- Ich Glück, mein Engel, nur für dich! --
-
- * * * * *
-
- War's Täuschung, was sie sah? Es sprühten
- Zwei Feuer auf; zwei Augen glühten
- Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm,
- Wie jemand seufzend näher kam.
- Angst packt sie, Zittern fällt sie an;
- Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann
- Solch wundersames Wiedersehen,
- Kann der Gefühle eignen Bann,
- Der Blicke Flammensprach' verstehen?
- Wer kann die Feuerworte finden,
- Zu schildern recht, wie das Empfinden,
- Aufwogend wild, die Brust durchspült
- Und unser tiefstes Herz durchwühlt?
- Man bebt, erblaßt, vor Freude schwach.
- Gedanken, Worte fehlen; ach,
- Voll Seligkeit entringt im Überschwang
- Der Brust sich nur ein heller Klang.
-
- * * * * *
-
- Hans faßt allmählich sich. Er blickt
- Durch Tränen ihr ins Angesicht
- Und denkt: »In Traum bin ich entrückt;
- Erwachte ich doch ewig nicht!
- Sie ist noch die, die mich umfaßt
- Mit kindlich innigem Verlangen.
- Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last
- Der Trauer. Wie verhärmt, verblaßt
- Ist jetzt das frische Rot der Wangen.
- Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen
- Zu finden, floh von ihrem Herzen.«
- Des Leidensschlafes Schwere sank
- Von ihm; gesund und ruhig ward
- Er wieder, er, den Stürme lang
- Geschüttelt, wild durchtobt und hart. --
- So strahlt die Welt stets sonnenblank
- Aufs neu. -- In Glut gehärtet Stahl
- Glänzt stärker, heller tausendmal. --
- Die Gäste zechen. Ihre Runde
- Gehn Glas und Becher und erklingen.
- Die Alten plaudern manche Stunde.
- Derweil sich heiß im Tanze schwingen
- Die Jünglinge, da lärmt und schallt
- Die heiterste Musik. In Saus und Braus
- Herrscht Freude über Alt und Jung;
- Und gastlich ladend lacht das Haus.
- Der Bäuerinnen junge Schar
- Bringt blaue Veilchen für die Braut,
- Dem Bräut'gam Flammenrosen dar.
- Sie schmücken das verliebte Paar.
- »Bleibt lang noch jung,« so hallt es laut,
- »Blüht, wie hier diese Veilchen blühn
- Vom Felde, frisch und immer grün.
- Mag euer Herz von Liebe, schaut,
- Wie dieser Rosen Feuer glühn!«
-
- * * * * *
-
- Von Zärtlichkeit ganz hingerissen
- harrt Hans erbebend schon. Sein Blick
- Ist helle Freude, tiefes Glück.
- Sein Herz will unverstellt genießen,
- Nachdem des Zwanges Panzerkleid
- Gefallen ist, die Seligkeit.
- Euch, Träume voller Trug und List,
- Wird nun nicht mehr vergöttern er,
- Der ird'scher Schönheit Diener ist. --
- Doch was umdüstert ihn so schwer?
- (Unfaßlich ist des Menschen Art!)
- Von seinen Träumen scheidend, starrt
- Er ihnen trauernd nach, verloren,
- Wie einem, dem er Treu' geschworen. --
- So harrt der Schüler vor dem Schlage
- Der Glocke am ersehnten Tage
- Des letzten Unterrichts. Ganz voll
- Von Plänen und vor Freude toll,
- Spinnt er sich Träume. Ohne Klage,
- Zufrieden mit der Welt und sich in lang
- Entbehrter Freiheit Überschwang.
- Doch wenn die Abschiedsstunde naht
- Von Haus und Freund und Kamerad,
- Mit denen Arbeit er und Ruh', die Zeit
- Geteilt und Lust an tollen Streichen,
- Dann seufzt er wohl und Tränen schleichen
- Ins Aug' ihm, und er fühlt ein Leid. --
-
-
- Epilog
-
- Es heben in der Öde sich und steigen
- In meines Tempels Einsamkeit,
- Die unerkannt und unentweiht
- Von eines Menschen Fuß, im Schweigen
- Der Seele Träume auf. Wie weit
- Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen?
- Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht?
- Wird einer Jungfrau heißes Herz sich neigen,
- Wird eines Jünglings Sinn durch sie befreit?
- Voll ungewollter Rührung singe
- Mein Lied ich, rätselhaft erregt,
- Das stille Lied, das mich bewegt
- Und das ich dir als Loblied bringe,
- Mein Deutschland! Hoher Pläne Land,
- Der Feen und Geister Königtum,
- Mein Herz ist voll von deinem Ruhm!
- Der große Goethe hält die Hand
- Als Schutzgeist über dein Gedeihn.
- Mit seinen hohen Liedern bannt
- Er jede Not von dir und Pein. -- --
-
-
-
-
- Beilage
- Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski
-
-
- I.
- Gogols Brief an Bjelinski
-
- Um den 20. Juni 1847 (neuen Stils).
-
-Ich habe Ihren Aufsatz über mich im »Sowremennik« mit schmerzlichem
-Bedauern gelesen -- nicht deshalb, weil mich die Art, wie Sie mich vor
-allen herabzusetzen suchen, verletzt, sondern weil mir aus diesem
-Aufsatz die Stimme eines Menschen entgegentönt, der mir zürnt. Ich aber
-wünsche keinen Menschen, selbst keinen solchen, der mich nicht liebt,
-gegen mich aufzubringen, am wenigsten Sie, von dem ich geglaubt habe,
-daß er mich liebt. Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie durch eine
-Stelle in meinem Buche zu betrüben. Wie konnte es nur geschehen, daß in
-Rußland alle Menschen bis auf den letzten so über mich aufgebracht
-waren? Das ist etwas, was ich bisher noch nicht zu verstehen vermag. Die
-Östlinge, die Westlinge und die, die eine neutrale Stellung einnehmen,
-sie alle fühlen sich schmerzlich berührt. Es ist wahr, ich wollte jedem
-von ihnen einen kleinen Schlag versetzen, ich hielt das für nötig, weil
-ich es an meiner eigenen Haut gespürt hatte, wie notwendig so etwas ist
-[wir alle hätten etwas mehr Demut und Bescheidenheit nötig], aber ich
-habe nicht geglaubt, daß die Schläge, die ich austeilte, so plump, so
-ungeschickt und so verletzend ausfallen würden. Ich dachte, man würde
-mir das alles großmütig verzeihen, und mein Buch würde den Grund zu
-einer allgemeinen Versöhnung und nicht zu Streit und Zwietracht legen.
-Sie haben mein Buch mit dem Auge eines zornigen, verärgerten Menschen
-gelesen, und daher haben Sie alles unrichtig ausgelegt. Sehen Sie über
-alle die Stellen hinweg, die bisher noch für viele, wenn nicht gar für
-alle ein Rätsel, achten Sie vor allem auf die, die jedem gesunden und
-einsichtsvollen Menschen verständlich sind, und Sie werden erkennen, daß
-Sie sich in vielen Punkten geirrt haben.
-
-Ich habe nicht vergebens alle meine Leser angefleht, mein Buch mehrmals
-zu lesen, da ich alle Mißverständnisse, denen es ausgesetzt sein würde,
-schon vorausahnte. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht, ein Buch zu
-beurteilen, das so eng mit der ganzen geistigen Entwicklung seines
-Autors zusammenhängt, der lange Zeit im Verborgenen und ganz in sich
-selbst zurückgezogen lebte und unter seiner Unfähigkeit, sich
-auszudrücken, litt. Es war ja auch kein leichter Entschluß, sich selbst
-an den Pranger zu stellen und dem allgemeinen Gespött auszusetzen, indem
-man einen Teil seiner inneren Entwicklung, deren wahrer Sinn nicht so
-bald verstanden wird, der Öffentlichkeit preisgab. Schon dieses Wagnis
-allein hätte einen gescheiten Menschen nachdenklich stimmen und ihn
-veranlassen müssen, mit der Abgabe seines Urteils über das Buch zu
-warten und es zu verschiedenen Stunden und in einer ruhigeren, mehr zur
-aufrichtigen Rechenschaftsablage über sich selbst geeigneten
-Geistesstimmung aufs neue zu überlesen, denn nur in solchen Augenblicken
-ist die Seele fähig, eine andere Seele zu verstehen, mein Buch ist aber
-eine durchaus seelische, geistige Angelegenheit. Sie hätten dann
-sicherlich nicht diese unüberlegten Folgerungen daraus gezogen, von
-denen Ihr Aufsatz strotzt. Wie kann man zum Beispiel daraus, daß ich
-gesagt habe, die Kritiker, die von meinen Fehlern und Mängeln reden,
-enthielten viel Richtiges, folgern, die Kritiker, die meine Vorzüge
-hervorgehoben haben, hätten unrecht. Eine solche Logik kann nur dem
-Kopfe eines zornigen Menschen entspringen, der nur nach etwas sucht, was
-ihn reizen und ärgern muß, und der einen Gegenstand nicht ruhig von
-allen Seiten in Betracht zieht. Ich habe es mir in meinem Geiste lange
-überlegt, wie ich mich über die Kritiker äußern sollte, die meine
-Vorzüge hervorgehoben und anläßlich meiner Werke viele schöne Gedanken,
-die die Kunst betrafen, ausgesprochen haben; ich wollte die Vorzüge und
-die ästhetischen Gefühlsnuancen eines jeden von ihnen unvoreingenommen
-feststellen und charakterisieren; ich wartete nur auf den Augenblick, wo
-ich etwas hierüber sagen konnte, oder richtiger, wo es mir anstehen
-würde, hierüber zu sprechen, damit man nachher nicht erklären sollte,
-daß ich ein eigennütziges Ziel im Auge gehabt und mich nicht allein und
-ganz vorurteilslos von meinem Gerechtigkeitsgefühl hätte lenken lassen.
-Schreiben Sie die unbarmherzigsten Kritiken, wählen Sie die bittersten
-Worte, über die Sie verfügen, um einen Menschen herabzusetzen, tragen
-Sie das Ihre dazu bei, mich in den Augen Ihrer Leser lächerlich zu
-machen, ohne die empfindlichsten Seiten des vielleicht zartfühlendsten
-Herzens zu schonen -- meine Seele wird dies alles ertragen, wenn auch
-nicht ohne Schmerz und ohne schmerzliche Erschütterungen; aber es ist
-bitter, sehr bitter für mich -- dies erkläre ich Ihnen ganz aufrichtig
--- zu wissen, daß selbst ein böser Mensch Haß und Zorn gegen mich in
-seinem Herzen hegt; und Sie habe ich doch für einen guten Menschen
-gehalten. Dies der aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle.
-
- N. G.
-
-
- II.
- Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch
-
- Frankfurt, den 20. Juni (1847).
-
-Du wunderst dich, daß ich so begierig bin, zu hören, was man über mein
-Buch spricht. Das kommt daher, weil ich sehr begierig bin, die Menschen
-kennen zu lernen, und aus den Urteilen über mein Buch gewinne ich doch
-etwas wie eine Vorstellung von den Menschen mit all ihrem Wissen und
-ihrer Unwissenheit; was jedoch viel wichtiger ist, dadurch gewinne ich
-einen Einblick in ihre Seelenverfassung, die für mich noch weit
-bedeutsamer ist, als ihre äußere Charakteristik, und die ich, wie du
-selbst zugeben wirst, ohne mein Buch nie hätte kennen lernen können.
-Übrigens, da wir gerade darüber reden: Vor einigen Tagen las ich
-_Bjelinskis_ Kritik im zweiten Heft des »Zeitgenossen« (Sowremennik). Er
-scheint zu glauben, daß das ganze Buch auf ihn gemünzt ist, und hat aus
-ihm einen offenen Angriff gegen alle, die seine Ansicht teilen,
-herausgelesen. Das ist ganz falsch; in meinem Buche sind, wie du siehst,
-Angriffe gegen alle und gegen alles enthalten, was sich ins Maßlose
-verliert. Wahrscheinlich hat er die »Leithämmel«[6] auf sich bezogen,
-und doch galt diese Bemerkung bloß den Journalisten im allgemeinen.
-Diese Gereiztheit hat mich sehr betrübt, nicht wegen der harten Worte,
-die ich angeblich nicht zu ertragen vermag -- du weißt doch, daß ich die
-härtesten Worte vertragen kann --, sondern weil dieser Mensch doch
-immerhin während zehn Jahren, trotz aller Übertreibungen und
-Maßlosigkeiten, mit Teilnahme und Sympathie von mir gesprochen und dabei
-doch auch in ganz richtiger Weise auf viele Züge in meinen Werken
-aufmerksam gemacht hat, die die anderen nicht bemerkt haben, obwohl sie
-glaubten, ein viel besseres Verständnis für diese Dinge zu besitzen als
-er. Ich müßte undankbar gegen diese Menschen sein, wo ich es doch
-verstehe, selbst denen gerecht zu werden, die nichts als Mängel und
-Fehler in mir entdecken und nur auf diese hinweisen! Aber gerade das
-Gegenteil trifft zu: in diesem Falle habe ich mich nur getäuscht; ich
-hielt Bjelinski für größer und glaubte nicht, daß er solch einer
-kurzsichtigen Ansicht und solch kleinlicher Folgerungen fähig sei. Ich
-weiß nicht, warum es einem so schwer wird, den Vorwurf der Undankbarkeit
-zu ertragen, aber für mich war dieser Vorwurf schwerer als alle anderen
-Vorwürfe, weil meine Seele tatsächlich sehr zur Dankbarkeit neigt, und
-ich bin gerne dankbar, weil mir das selbst Genuß bereitet. Bitte sprich
-hierüber mit Bjelinski und schreibe mir, welches seine Stimmung gegen
-mich ist. Wenn ihm die Galle überläuft und er eine Wut gegen mich hat,
-so mag er sie im »Zeitgenossen« (Sowremennik) an mir auslassen und zwar
-in jeder Form, die ihm recht ist, nur soll er sie nicht wider mich in
-seinem Herzen hegen[7]. Wenn sich jedoch sein Unmut gelegt haben sollte,
-so gib ihm den beifolgenden Brief zu lesen, den du gleichfalls lesen
-darfst.
-
-[Fußnote 6: Vergl. Band 7: Von der Odyssee.]
-
-[Fußnote 7: Hierauf erwiderte Prokopowitsch: »Mir scheint, du bist sehr
-im Irrtum, wenn du glaubst, daß Bjelinski seinen Aufsatz geschrieben
-hat, weil er deine Ausfälle gegen die Journalisten im allgemeinen auf
-sich bezogen hat. Ich kenne Bjelinski schon lange und kann nicht anders,
-als fest davon überzeugt sein, daß er nie eine Zeile geschrieben hat, um
-sich für eine persönliche Kränkung zu rächen.«]
-
-Aus alledem ersehe ich, daß ich genötigt sein werde, einige Erklärungen
-über mein Buch abzugeben, weil nicht nur Bjelinski, sondern selbst
-solche Leute, die mich und meine Persönlichkeit doch weit besser kennen
-könnten als er, so seltsame Schlüsse aus meinem Werke ziehen, daß man
-einfach starr ist. Offenbar enthält es weit mehr Dunkelheiten und
-Unklarheiten, als ich selbst darin finde ...
-
-
- III.
- Bjelinskis Brief an Gogol
-
-Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines
-_verärgerten_ Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu können. Dieses
-Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu
-charakterisieren, in die mich die Lektüre Ihres Briefes versetzt hat.
-Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatsächlich
-nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über die Verehrer Ihres Talentes
-zurückführen. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund.
-Eine Kränkung, eine Verletzung unseres Selbstgefühls läßt sich noch
-ertragen, und ich wäre vernünftig genug gewesen, über diesen Gegenstand
-zu schweigen, wenn es sich bloß darum gehandelt hätte; was der Mensch
-jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefühls,
-seiner Menschenwürde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem
-Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lüge und
-Unsittlichkeit für Wahrheit und Tugend ausgibt.
-
-Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft
-geliebt, mit der ein Mensch -- den die Bande des Blutes mit seinem
-Vaterlande verknüpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm -- einen
-seiner großen Führer auf dem Wege zum Selbstbewußtsein, zum Fortschritt
-und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begründeten Anlaß, einen
-Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine
-solche Liebe einbüßten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube,
-meine Liebe sei ein würdiger Lohn für ein großes Talent, sondern
-deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern
-viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen
-und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin
-nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Empörung
-zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von
-dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die
-unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie
-alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen
-sind. Sie sehen selbst, daß sogar Menschen von derselben Geistesrichtung
-wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen.
-Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen Überzeugung wäre,
-selbst dann müßte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und
-wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die
-man kennen muß, um sich nicht über ihren Beifall zu freuen) das Buch für
-einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege
-über den Himmel einem höchst irdischen Ziel nachzujagen, -- so sind Sie
-allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich,
-erstaunlich ist nur das, daß Sie sich darüber wundern. Ich glaube, das
-käme daher, weil Sie Rußland _nur als Künstler_ so tief und gründlich
-kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem
-phantastischen Buche mit so wenig Glück auf sich genommen haben. Und das
-nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern
-deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewöhnt haben,
-Rußland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch
-bekannt, daß nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so
-zu sehen, wie man sie gerne sehen möchte; denn Sie leben ja auch in
-dieser _schönen Ferne_ ganz für sich und in sich selbst, bleiben ihr
-selbst fremd und bewegen sich in dem einförmigen Kreise gleichgestimmter
-oder doch solcher Menschen, die nicht kräftig genug sind, sich Ihrem
-Einfluß zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, daß Rußlands
-Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus,
-sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklärung und
-der Humanität liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es
-genug gehört!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es
-braucht, ist, daß das Volk zum Gefühl seiner Menschenwürde erweckt wird,
-ein Gefühl, das ihm für Jahrhunderte durch den Schmutz und die
-Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht,
-sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern
-wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und
-eine möglichst strenge und pünktliche Erfüllung dieser Gesetze. Statt
-dessen aber bietet Rußland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem
-Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu
-können, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen,
-die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in
-dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen
-Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Waßjka, Stjoschka, Palaschka
-titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien für die
-Integrität der Persönlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht
-einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen
-aller möglicher Diebe und Räuber in Ämtern und Würden gibt! Die
-aktuellsten nationalen Fragen, die das Rußland von heute bewegen, sind
-folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der
-Prügelstrafe und die Sorge für eine möglichst strenge Durchführung zum
-mindesten _der_ Gesetze, die es heute schon gibt. Das fühlt sogar die
-Regierung selbst (die sehr gut weiß, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern
-behandeln, und wie viele von den ersten alljährlich durch die Hand der
-letzten umkommen), was durch die schwächlichen, fruchtlosen und halben
-Regierungsmaßnahmen zugunsten der weißen Neger und durch die komische
-Einführung der einschwänzigen Knute an Stelle der dreischwänzigen
-Peitsche dokumentiert wird.
-
-Das sind die Fragen, die ganz Rußland während seines apathischen
-Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein
-großer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, künstlerischen, von
-tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung
-Rußlands zum Selbstbewußtsein mitgearbeitet und ihm die Möglichkeit
-gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche
-auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche
-unterweist, wie sie ihren Bauern möglichst viel Geld abnehmen können,
-und sie belehrt, daß sie sie möglichst viel schimpfen sollen ... Und das
-sollte mich nicht empören? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben
-unternommen hätten, könnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser
-schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, daß man an die
-Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein!
-Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen
-teuflischen Lehre erfüllt wären, so hätten Sie in Ihrem neuesten Buche
-etwas ganz anderes geschrieben. Sie hätten zum Gutsbesitzer gesagt: Da
-seine Bauern seine Brüder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der
-Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet,
-ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft
-möglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die
-Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen müßten, wie
-unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhältnis
-sei.
-
-Und dann der Ausdruck: »_O du ungewaschenes Maul!_« Welchem Nosdrjow,
-welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der
-Welt als eine große Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu
-überliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie
-ihren Brüdern glauben und sich selbst nicht für Menschen halten? Und
-Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal
-Sie in der törichten Redensart erblicken, daß man sowohl den, der recht,
-wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch
-ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit häufiger den
-prügelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe
-loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem
-Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis
-eines mühsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen
-geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmöglich! Entweder Sie sind krank
-... dann müssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich
-wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute,
-Apostel der Unwissenheit, Vorkämpfer des Obskurantismus und der
-finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten -- was tuen Sie!
-Blicken Sie vor sich hin -- Sie stehen vor einem Abgrund. Daß Sie für
-diese Lehre eine Stütze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe
-ich noch: sie war ja doch stets die Stütze der Knute und die Bediente
-des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein?
-Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber
-der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den
-Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und
-Brüderlichkeit verkündete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein
-Martyrium bekräftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so
-lange das _Heil_ der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche
-zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage
-machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgemäß eine
-Vorkämpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine
-Feindin und Verfolgerin der Brüderlichkeit unter den Menschen -- und das
-ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre
-Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen
-Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der
-in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die
-Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslöschte, natürlich in weit
-höherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von
-Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und
-Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das weiß
-doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich
-möglich sein, daß Sie, der Verfasser des »Revisors« und der »Toten
-Seelen«, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niederträchtige
-russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch über die
-katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wußten nicht, daß
-diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, während die erste nie etwas war,
-als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; -- wie --? sollten
-Sie denn wirklich nicht wissen, daß unsere Geistlichkeit vom ganzen
-russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem
-erzählt das russische Volk obszöne Anekdoten? Vom Popen, von der
-Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in
-Rußland der Pope für jeden Russen der Inbegriff der Gefräßigkeit, des
-Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie
-alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk
-das religiöseste Volk der Welt. Das ist eine Lüge. Die Grundlage der
-Religiosität ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der
-Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht
-... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut -- so betet man zu
-ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen -- so deckt man die Töpfe mit
-ihnen zu.
-
-Blicken Sie aufmerksamer hin und Sie werden sich überzeugen, daß dies
-ein seinem innersten Wesen nach von Grund aus atheistisches Volk ist. Es
-besitzt noch sehr viel Aberglauben, aber keine Spur von Religiosität.
-Der Aberglaube verschwindet mit dem Fortschritt der Zivilisation, die
-Religiosität aber erhält sich daneben und verträgt sich häufig mit ihm:
-ein lebendiges Beispiel dafür ist Frankreich, wo es auch heute noch
-unter den aufgeklärten und gebildeten Leuten viele aufrichtige
-Katholiken gibt und wo viele zwar das Christentum aufgegeben haben,
-dennoch aber noch an einem Gott festhalten. Nicht so das russische Volk:
-mystische Exaltationen liegen nicht in seiner Natur; dazu besitzt es
-viel zu viel gesunde Menschenvernunft, Klarheit und positiven Verstand,
-und darin liegt vielleicht gerade die Gewähr für die Größe seiner
-künftigen historischen Schicksale. Die Religiosität hat nicht einmal in
-der Geistlichkeit Wurzel geschlagen, denn die wenigen eximierten
-Persönlichkeiten, die sich durch eine solche kalte asketische
-kontemplative Geisteshaltung auszeichneten, beweisen noch nichts. Die
-Mehrzahl unserer Geistlichen dagegen sind nur durch dicke Bäuche,
-scholastische Pedanterie und rohe Unwissenheit ausgezeichnet. Man würde
-ihnen unrecht tun, wenn man ihnen religiöse Intoleranz und Fanatismus
-vorwerfen wollte, man hätte eher noch Grund, ihren vorbildlichen
-Indifferentismus in Sachen des Glaubens zu loben. Echte Religiosität
-findet sich bei uns nur bei den Sektierern und Ketzern, die in einem
-solchen Gegensatz zu dem Volksgeist stehen und deren Anzahl im Vergleich
-zu der Masse des Volkes gar nicht ins Gewicht fällt.
-
-Ich will nicht näher auf Ihren Dithyrambus auf das Band der Liebe
-eingehen, das das russische Volk mit seinem Herrscher verknüpft. Ich
-will es ohne Umschweife aussprechen: dieser Dithyrambus hat bei niemand
-Sympathie gefunden und hat Ihnen selbst bei solchen Leuten geschadet,
-die Ihnen in anderer Hinsicht, d. h. in ihren Anschauungen, sehr nahe
-stehen. Was mich persönlich anbetrifft, so überlasse ich es Ihrem
-Gewissen, ob Sie sich noch weiter verzückt in die Betrachtung der
-göttlichen Schönheit des Selbstherrschertums versenken wollen (das ist
-sehr bequem und daher sehr -- einträglich), nur bitte ich Sie, seien Sie
-vernünftig und betrachten Sie es aus Ihrer _schönen Ferne_; aus der Nähe
-gesehen ist es viel weniger schön und auch nicht so ungefährlich. -- Ich
-will hier nur eins bemerken: wenn ein Europäer, besonders ein Katholik,
-von dem religiösen Geist ergriffen wird, wird er zum Ankläger, der sich
-gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit der Machthaber wendet, wie die
-jüdischen Propheten, die die Ungerechtigkeiten und Missetaten der
-Mächtigen an den Pranger stellten. Bei uns dagegen ist es umgekehrt:
-wenn ein Mensch (selbst ein anständiger) von der Krankheit, die bei den
-Psychiatern unter dem Namen _religiosa mania_ bekannt ist, ergriffen
-wird, dann fängt er sofort an, dem irdischen Gotte mehr Weihrauch zu
-spenden als dem himmlischen; dabei aber übertreibt er gleich und wird so
-maßlos, daß der Gott, selbst wenn er ihn für seinen sklavischen
-Diensteifer belohnen wollte, sieht, daß er sich damit vor der
-Gesellschaft kompromittieren würde. -- Wir sind halt dumme Kerle --, wir
-Russen.
-
-Hierbei fällt mir noch ein, daß Sie in Ihrem Buche behaupten und es als
-eine große Wahrheit hinstellen, daß Lesen und Schreiben dem einfachen
-Volke nicht nur nicht nützen, sondern sogar geradezu schaden würde. Was
-soll ich Ihnen darauf sagen?
-
-Möge Ihnen Ihr byzantinischer Gott diesen byzantinischen Gedanken
-verzeihen, wenn Sie nicht gewußt haben sollten, was Sie sagten, indem
-Sie ihn niederschrieben. -- Aber vielleicht werden Sie entgegnen: »Es
-ist möglich, daß ich mich geirrt habe und daß alle meine Gedanken falsch
-sind, warum aber will man mir das Recht nehmen, mich zu irren, und warum
-will man nicht an die Aufrichtigkeit meiner Irrtümer glauben?« Darauf
-antworte ich Ihnen folgendes: weil eine solche Anschauung in Rußland
-schon lange nichts Neues mehr ist. Erst vor kurzem ist sie von
-Buratschok und Genossen in erschöpfender Weise vertreten worden.
-Natürlich steckt in Ihrem Buche weit mehr Verstand und sogar Talent, als
-in ihren Werken, obwohl es nicht allzu reich an beiden ist, dafür aber
-haben jene die Ihnen gemeinsame Lehre mit viel größerer Energie und mit
-weit größerer Konsequenz vertreten, sie sind kühn bis zu ihren letzten
-Ergebnissen vorgedrungen, haben alles dem byzantinischen Gotte geopfert
-und nichts für den Satan übriggelassen, während Sie jedem von beiden
-eine Kerze stiften wollten, sich hierdurch in Widersprüche verwickelten
-und für Puschkin, die Literatur und das Theater eintraten, die von Ihrem
-Standpunkt aus, wenn Sie nur ehrlich genug gewesen wären, um konsequent
-zu sein, nichts zum Heil unserer Seele, wohl aber sehr viel zu ihrem
-Verderben beitragen können ... Wessen Hirn aber hätte den Gedanken von
-der Identität Gogols und Buratschoks ertragen können? Sie haben sich
-einen viel zu hohen Platz in der Meinung des russischen Publikums
-erobert, als daß es Ihnen die Aufrichtigkeit solcher Überzeugungen zu
-glauben vermöchte. Was uns bei einem Toren natürlich vorkommt, kann uns
-bei einem genialen Mann nicht so erscheinen. Es gibt Menschen, die auf
-den Gedanken gekommen sind, Ihr Buch sei die Frucht einer geistigen
-Störung, die ganz positiv an Wahnsinn grenzt. Aber sie haben diese
-Folgerung bald wieder fallen gelassen -- denn es ist doch ganz klar, daß
-dies Buch nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder in einem
-Monat, sondern vielleicht während eines ganzen Jahres geschrieben wurde,
-oder daß Sie gar zwei oder drei Jahre lang daran gearbeitet haben; alles
-darin hängt sehr genau zusammen, selbst die nachlässige Darstellung läßt
-erkennen, daß viel Überlegung darin steckt, daß es wohl durchdacht ist.
-Ein Hymnus auf die höchsten Machthaber ist ja doch auch sehr geeignet,
-dem frommen Autor eine angenehme und gesicherte irdische Existenz zu
-verschaffen. Das war der Grund, weshalb sich in Petersburg das Gerücht
-verbreitete, Sie hätten dieses Buch geschrieben, um Erzieher bei dem
-Sohne des Thronfolgers zu werden. Schon früher ist in Petersburg einer
-Ihrer Briefe an Uwarow bekanntgeworden, in dem Sie mit Schmerz davon
-sprechen, daß man in Rußland Ihre Werke falsch auslegt, Ihre
-Unzufriedenheit mit Ihren früheren Schriften äußern und erklären, Ihre
-Werke würden Sie erst dann befriedigen, wenn Sie den Beifall des Zaren
-fänden. Und nun urteilen Sie selbst, ob man sich wundern kann, daß Ihr
-Buch Ihnen beim Publikum sowohl als Schriftsteller, noch viel mehr aber
-als Mensch geschadet hat.
-
-Sie verstehen, wie ich sehe, das russische Publikum nicht recht. Sein
-Charakter wird durch die Situation bestimmt, in der sich die russische
-Gesellschaft befindet. In ihr regen sich frische Kräfte, die nach außen
-drängen, jedoch durch den schweren Druck, der auf ihr lastet, gehemmt
-werden und, da sie keinen Ausweg finden, nichts wie Trübsinn,
-Melancholie und Apathie erzeugen. Nur in der Literatur regt sich trotz
-der tatarischen Zensur noch etwas wie Leben und Fortschritt. Daher ist
-auch der Schriftstellerberuf bei uns etwas so Edles und Hohes, und daher
-wird es bei uns selbst dem kleinsten Talent so leicht, einen
-literarischen Erfolg zu erringen. Der Name des Poeten, der Titel des
-Literaten haben bei uns schon längst den glänzenden Flitter der
-Epauletten und der bunten Uniformen verdunkelt. Das ist auch der Grund,
-weshalb bei uns jede sogenannte literarische Tendenz und Bewegung,
-selbst bei einem geringen und dürftigen Talent, auf den Lohn der
-allgemeinen Beachtung rechnen darf, und warum die Popularität der großen
-Talente so schnell dahinsinkt, die ihre Kräfte aus ehrlicher Überzeugung
-oder aus unehrlichen Motiven in den Dienst der Orthodoxie, des
-Absolutismus und des Nationalismus stellen. Das treffendste Beispiel
-hierfür ist Puschkin, der nur zwei oder drei untertänige Gedichte zu
-schreiben und die Kammerjunkerlivree anzulegen brauchte, um mit einem
-Schlage die Liebe seines Volkes zu verlieren! Sie sind in einem großen
-Irrtum befangen, wenn Sie allen Ernstes glauben, daß der Mißerfolg Ihres
-Buches nicht seiner schlimmen Tendenz, sondern der Härte der Wahrheiten
-zuzuschreiben sei, die Sie allen und jedem ins Gesicht gesagt hätten.
-Das konnten Sie vielleicht von den Literaten glauben, wie aber paßte das
-Publikum in diese Kategorie? Wäre es wirklich möglich, daß Sie ihm im
-»Revisor«, in den »Toten Seelen« mit geringerer Schärfe und weniger
-Wahrheit und Talent weniger bittere Wahrheiten gesagt haben sollten? Die
-alte Schule zürnte und grollte Ihnen ja auch tatsächlich bis zur
-Raserei, aber der »Revisor« und die »Toten Seelen« sind darum doch nicht
-vergessen, während Ihr Buch schmählich vom Orkus verschlungen wurde. Und
-das Publikum hat in diesem Falle recht: es sieht in den russischen
-Schriftstellern seine einzigen Führer, seine Beschützer und Erretter aus
-dem russischen Absolutismus, der Orthodoxie und dem Nationalismus, daher
-ist es stets bereit, einem Schriftsteller ein _schlechtes_ Buch zu
-verzeihen, nie aber wird es ihm ein _schädliches_ Buch vergeben. Das
-beweist, wieviel frische gesunde Instinkte, wenn auch erst keimhaft, in
-unserer Gesellschaft schlummern, und es beweist auch, daß diese
-Gesellschaft eine Zukunft hat. Wenn Sie Rußland lieben, so freuen Sie
-sich über die Niederlage Ihres Buches.
-
-Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit darf ich Ihnen sagen, daß ich das
-russische Publikum ein wenig zu kennen glaube. Ihr Buch hat mich
-erschreckt, weil ich es für möglich hielt, daß es einen schlechten
-Einfluß auf die Regierung und auf die Zensur ausüben, nicht aber, weil
-ich daran glaubte, daß es das Publikum in schlechtem Sinne beeinflussen
-könnte. Als sich in Petersburg das Gerücht verbreitete, die Regierung
-wolle Ihr Buch in vielen tausend Exemplaren drucken und zu ganz billigem
-Preise verkaufen lassen -- wurden meine Freunde mutlos; ich sagte ihnen
-jedoch sogleich, daß das Buch trotz alledem keinen Erfolg haben und daß
-es bald vergessen sein werde. Und so lebt es ja auch heute tatsächlich
-mehr in den Aufsätzen, die über es geschrieben wurden, als durch sich
-selbst in der Erinnerung des Publikums weiter. Ja, der Russe hat einen
-tiefen, obwohl noch unentwickelten Wahrheitsinstinkt.
-
-Ihr Appell mag ja vielleicht ganz aufrichtig gewesen sein, aber Ihr
-Gedanke, dem Publikum davon Mitteilung zu machen, war äußerst
-unglücklich. Die Zeiten naiver Frömmigkeit sind selbst für _unsere_
-Gesellschaft längst vorüber. Sie begreift schon, daß es ganz gleich ist,
-wo man betet, und daß nur solche Leute Christus in Jerusalem suchen, die
-ihn entweder nie in ihrem Busen getragen oder die ihn doch wieder
-verloren haben. Wer da fähig ist, beim Anblick fremder Leiden selbst zu
-leiden, wem es schwer wird, mitanzusehen, wie Menschen, die ihm völlig
-fremd sind, bedrückt werden, -- der trägt Christus in seiner Brust und
-der braucht nicht zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern. Die Demut und
-Ergebung, die Sie predigen, ist nichts Neues und schmeckt erstlich nach
-furchtbarer Überhebung und zweitens nach einer höchst schmachvollen
-Herabsetzung der eigenen Menschenwürde. Der Gedanke, sich in ein
-abstraktes Vollkommenheitsideal zu verwandeln und sich durch seine Demut
-über alle anderen Menschen zu erheben, kann nur die Frucht des Hochmuts
-oder des Schwachsinns sein und führt in beiden Fällen nur zur Heuchelei,
-zum Pharisäertum und zum Chinesentum. Und dabei haben Sie sich erlaubt,
-sich nicht nur in unsauberen und zynischen Ausdrücken über andere zu
-äußern (das wäre schließlich nur eine Unhöflichkeit gewesen), nein, Sie
-sprechen auch so von sich selbst -- und das ist einfach häßlich; denn
-wenn ein Mensch, der seinen Nächsten auf die Backe schlägt, uns zur
-Empörung reizt, so erregt ein Mensch, der sich selbst ohrfeigt, unsere
-Verachtung. Nein, Ihr Geist ist verfinstert und nicht erleuchtet: Sie
-haben weder den Geist, noch die Form des Christentums unserer Zeit
-verstanden. Nicht die Wahrheit der christlichen Liebe, sondern
-krankhaftes Todesgrauen und Furcht vor Hölle und Teufel spricht aus
-Ihrem Buch.
-
-Und welch eine Sprache, was für Sätze sind das: »Die Menschen sind heute
-allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden.« Glauben Sie
-wirklich, daß das heißt, sich biblisch ausdrücken, wenn Sie sagen, die
-Menschen sind allzumal, statt alle? Welch große Wahrheit ist es doch,
-daß, wenn der Mensch sich gänzlich der Lüge hingibt, ihn auch Verstand
-und Talent im Stich lassen. Wenn nicht Ihr Name unter dem Titel Ihres
-Buches stünde, wer hätte gedacht, daß dieser geschwollene und wirre
-Wort- und Phrasenflitter -- ein Werk des Verfassers der »Toten Seelen«
-und des »Revisors« sein könnte!
-
-Was endlich mich selbst anbetrifft, so erkläre ich Ihnen nochmals: Sie
-haben sich geirrt, wenn Sie meinen Aufsatz für eine Frucht der
-Verärgerung hielten, die durch Ihr Urteil über mich als einen Ihrer
-Kritiker hervorgerufen sei. Wenn mich nur dies allein empört hätte, dann
-hätte ich mich auch wirklich nur über dies eine empört und ärgerlich
-geäußert und über das andere ganz ruhig und unvoreingenommen gesprochen.
-Freilich ist es ganz richtig, daß Ihr Urteil über Ihre Verehrer in
-doppelter Hinsicht sehr unschön war. Ich erkenne an, daß es notwendig
-sein kann, einem Toren zuweilen einen kräftigen Schlag zu versetzen,
-wenn er uns durch seine Lobeserhebungen und seine Begeisterung
-lächerlich macht, aber auch das ist eine _bittere_ Notwendigkeit, denn
-es ist nicht angenehm, nicht ganz menschlich, einem Menschen -- selbst
-für seine falsche, auf einem Irrtum beruhende Liebe -- mit Haß und
-Feindschaft zu zahlen. Sie aber hatten, wenn auch nicht gerade Menschen
-von auserlesenen Verstandesfähigkeiten, zum mindesten solche, die auch
-keine Toren sind, im Auge. Diese Leute haben voller Bewunderung über
-Ihre Werke weit mehr Geschrei gemacht, als sie Vernünftiges über sie
-gesagt haben, immerhin aber stammte ihr Enthusiasmus aus einer so reinen
-und edlen Quelle, daß Sie sie keinesfalls ihrem gemeinsamen Feinde
-bedingungslos hätten ausliefern und ihnen noch den Vorwurf machen
-dürfen, sie strebten danach, Ihren Werken eine falsche Deutung zu geben.
-Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, weil Sie sich
-von dem Grundgedanken Ihres Buches fortreißen ließen, während
-Wjasemskij, dieser Fürst unter den Aristokraten und dieser Lakai unter
-den Literaten, Ihren Gedanken weiter ausführte und eine private
-Denunziation gegen Ihre Verehrer (also in erster Linie gegen mich)
-veröffentlichte. Er hat dies wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen Sie
-getan, weil Sie diesen erbärmlichen Reimschmied zu einem großen Dichter
-gemacht haben, wahrscheinlich, und soviel ich mich erinnere, wegen
-seines »matten an der Erde klebenden Verses«. Das alles ist nicht schön.
-Daß Sie jedoch nur auf den Zeitpunkt gewartet haben, wo es Ihnen möglich
-sein würde, auch den Verehrern Ihres Talents Gerechtigkeit widerfahren
-zu lassen (nachdem Sie Ihren Feinden mit stolzer Bescheidenheit gerecht
-geworden waren) -- das war mir unbekannt; ich konnte es nicht wissen und
-hätte es, offen gestanden, auch nicht wissen wollen. Vor mir lag Ihr
-Buch und nicht Ihre Absichten! Ich las es, las es hundertmal
-nacheinander und konnte dennoch nichts darin finden als das, was darin
-steht, und das, was darin stand, beleidigte und empörte meine Seele aufs
-tiefste.
-
-Wenn ich meinem Gefühl freien Lauf lassen wollte, würde sich dieser
-Brief bald in ein dickes Heft verwandeln. Ich habe nie daran gedacht,
-Ihnen hierüber zu schreiben, obwohl ich vom qualvollen Wunsche danach
-verzehrt wurde, und obwohl Sie allen und jedem öffentlich das Recht
-gegeben hatten, Ihnen ganz ungeniert zu schreiben, da Sie keine andere
-Rücksicht kennten, als die der Wahrheit. In Rußland hätte ich das nicht
-tun können, da die dortigen »Schpekins« fremde Briefe öffnen, und zwar
-nicht zu ihrem persönlichen Vergnügen, sondern weil sie dienstlich dazu
-verpflichtet sind und um andere Leute zu denunzieren. Im Sommer dieses
-Jahres trieb mich eine beginnende Schwindsucht ins Ausland, und
-Nekrassow sandte mir Ihren Brief nach Salzbrunn nach, von wo ich heute
-in Gesellschaft Annenkows über Frankfurt am Main nach Paris weiterreise.
-Der unerwartete Empfang Ihres Briefes gab mir die Möglichkeit, Ihnen
-alles zu sagen, was mir auf der Seele lag und was ich gegen Sie und Ihr
-Buch empfand. Ich kann keine Halbheiten sagen und keine Winkelzüge
-machen, das liegt nicht in meiner Natur. Mögen Sie oder die Zeit mich
-belehren, daß ich mich in meinen Schlüssen über Sie geirrt habe. Ich
-würde der erste sein, der sich hierüber freuen würde, aber ich werde nie
-bereuen, was ich Ihnen gesagt habe. Hier handelt es sich nicht um meine
-oder Ihre Person, sondern um etwas weit Größeres und Höheres, als ich
-und selbst Sie sind, hier handelt es sich um die Wahrheit, um die
-russische Gesellschaft, um Rußland.
-
-Und dies ist mein letztes Wort, mit dem ich schließe: wenn Sie den
-unglücklichen Einfall hatten, Ihre wahrhaft großen Werke mit stolzer
-Bescheidenheit zu verleugnen, so müssen Sie nun mit aufrichtiger Demut
-Ihr letztes Buch abschwören und die schwere Schuld, die Sie durch seine
-Veröffentlichung auf sich geladen haben, durch neue Schöpfungen wieder
-gutmachen, die an Ihre früheren Werke erinnern.
-
- Salzbrunn, den 15. Juli 1847.
-
-
- IV.
- Gogol an Bjelinski[8]
-
-[Fußnote 8: Von diesem Brief ist nur das ursprüngliche Konzept
-vorhanden. Es umfaßt zwei auf Briefpapier geschriebene Hefte in
-Oktavformat. Beide Hefte wurden von Gogol in Stücke gerissen, so daß
-jedem Heft ungefähr zehn Blätter entsprachen. Der russische Herausgeber
-hat die einzelnen Stücke wieder aneinander gelegt und den ursprünglichen
-Wortlaut nach Möglichkeit durch entsprechende Ergänzungen und
-Einschaltungen wiederherzustellen gesucht. Die fehlenden Stellen sind
-durch Punkte ersetzt.]
-
-Womit sollte ich meine Antwort auf Ihr Schreiben beginnen, wenn nicht
-mit Ihren eigenen Worten: »Kommen Sie zu sich, Sie stehen am Rande eines
-Abgrundes!« Wie weit sind Sie vom geraden Weg abgekommen! In welch
-verzerrter, entstellter Gestalt erscheinen Ihnen die Dinge! Welch rohe,
-ungebildete Vorstellung haben Sie von meinem Buche gefaßt! Wie haben Sie
-es ausgelegt! ... Oh, mögen die heiligen Mächte Frieden in Ihre leidende
-Seele gießen! Wozu mußten Sie den einmal gewählten friedlichen Weg gegen
-einen anderen vertauschen? Was konnte herrlicher sein, als die Leser auf
-die Schönheiten in den Werken unserer Schriftsteller hinzuweisen, ihre
-Seele und ihre Geisteskräfte bis zum Verständnis alles Schönen zu
-erheben, die Schauer der in ihnen geweckten Sympathie zu genießen und so
-unmerklich auf ihre Seele einzuwirken? Dieser Weg hätte Sie zur
-Versöhnung mit dem Leben geführt, Sie gelehrt, alles in der Natur zu
-segnen. Jetzt dagegen fließt Ihr Mund von Haß und Galle über ... Wozu
-mußten Sie mit Ihrer feurigen Seele sich in diesen Strudel des
-politischen Lebens, in diese trüben Tageskämpfe stürzen, bei denen
-selbst ein vielseitiger Geist seine Festigkeit und Umsicht verlieren
-muß. Wie sollten Sie mit Ihrem einseitigen Geist, der die Explosivkraft
-des Pulvers hat und sich schon entzündet, noch ehe Sie sich davon
-überzeugt haben, was Wahrheit und was Lüge ist, wie sollten Sie da nicht
-die Orientierung verlieren? Sie werden verbrennen wie eine Kerze und
-auch andere mit sich in den Flammentod reißen ... Oh, wie tut mir mein
-Herz in diesem Augenblicke weh um Ihretwillen! Wie, wenn auch ich
-mitschuldig wäre? Wie, wenn auch meine Werke an Ihren Verirrungen
-teilhätten? Aber nein, wenn ich alle meine früheren Werke betrachte, so
-sehe ich, daß _sie_ Sie nicht irreleiten konnten ... Als ich sie
-schrieb, hatte ich Ehrfurcht vor allem, wovor sich der Mensch beugen
-muß. Mein Spott und mein Haß galten nicht der Obrigkeit und nicht den
-_höchsten_ Gesetzen unseres Staates, sondern ihrem Zerrbild, den
-Abweichungen, ihrer falschen Auslegung und den verkehrten Anwendungen.
-Nirgends habe ich über den Kern des russischen Charakters und die
-gewaltigen Kräfte, die in ihm schlummern, gespottet. Ich habe nur über
-das Kleinliche und Nichtige gespottet, das nicht zu seinen
-Charakterzügen gehört. Mein Fehler bestand darin, daß ich den Russen
-noch nicht deutlich genug charakterisiert, sein Wesen nicht völlig
-entfaltet, daß ich die tiefen Quellen, die in seiner Seele verborgen
-liegen, nicht aufgedeckt habe. Aber das ist keine leichte Sache. Wenn
-ich den Russen auch gründlich erforscht habe und wenn mir auch eine
-gewisse hellseherische Begabung dabei behilflich sein konnte, so war ich
-doch nicht durch mich selbst geblendet, meine Augen waren klar. Ich sah,
-daß ich noch nicht reif genug war, um den Kampf mit Ereignissen, die
-bedeutsamer und von höherer Art waren, als die, die bis dahin in meinen
-Werken vorkamen, und mit stärkeren Charakteren aufnehmen zu können.
-Alles konnte übertrieben und gewaltsam erscheinen. Und so geschah es
-auch mit diesem Buch, über das Sie so hergefallen sind. Sie haben es mit
-glühenden Augen betrachtet, und alles darin ist Ihnen in ganz anderem
-Lichte erschienen, als es in Wirklichkeit ist. Sie haben es nicht
-verstanden. Ich will mein Buch nicht verteidigen. Ich selbst habe es
-schlecht gemacht und mache es noch schlecht. Ich habe mich bei seiner
-Veröffentlichung einer Hast und Übereilung schuldig gemacht, die sonst
-nicht in meinem besonnenen und vorsichtigen Charakter liegt. Aber das
-Motiv war ehrlich. Ich wollte niemand mit dem Buch schmeicheln oder
-Weihrauch streuen. Ich wollte nur ein paar allzu stürmische Köpfe zur
-Besonnenheit mahnen, die im Begriffe waren, sich zu verirren und in
-diesen Strudel und diese Unordnung zu stürzen, in die plötzlich alle
-Dinge dieser Welt gestürzt waren, zu einer Zeit, wo der Geist in unserem
-Innern sich zu umnachten schien und gleichsam erlöschen wollte. Ich bin
-in Übertreibungen verfallen, aber ich versichere es Ihnen, ich habe es
-selbst nicht gemerkt. Eigennützige Ziele aber habe ich weder früher
-gehabt, als mich die Lockungen der Welt anzogen, noch viel weniger aber
-jetzt, wo es Zeit ist, daß ich an meinen Tod denke ... Ich wollte mir
-nichts dadurch erbetteln. Das liegt nicht in meiner Art. Gottlob, ich
-habe meine Armut liebgewonnen und würde sie niemals gegen jene Güter
-eintauschen, die Ihnen so verlockend erscheinen. Sie hätten doch
-mindestens daran denken sollen, daß ich keinen Winkel mein eigen nenne,
-ja ich bin sogar darum bemüht, meinen kleinen Reisekoffer möglichst zu
-erleichtern, damit mir der Abschied von der Welt nicht zu schwer wird.
-Sie hätten sich also hüten sollen, solche beleidigende Verdächtigungen
-gegen mich zu schleudern, die ich offen gestanden nicht einmal gegen den
-gemeinsten Schuft zu erheben den Mut gehabt hätte ... Sie entschuldigen
-sich damit, daß der Brief im Zustande heftiger Empörung geschrieben ist.
-Aber in welch einer Stimmung wagen Sie es, so respektlos von den
-wichtigsten Dingen zu reden?
-
-Wie soll ich mich gegen Ihre Angriffe verteidigen, wenn Ihre Angriffe
-ihr Ziel verfehlen? -- Nein, ein jeder von uns muß daran erinnert
-werden, daß sein Beruf heilig ist. -- Er sollte daran denken, welch
-strenge Rechenschaft von ihm gefordert werden wird ... Aber wenn der
-Beruf eines jeden von uns heilig ist, so ist es vor allem das Amt
-dessen, dem die schwere und furchtbare Pflicht zugefallen ist, für
-Millionen zu sorgen. Ja wir müßten einander sogar an die Heiligkeit
-unserer Pflichten mahnen. Ohne dies würde der Mensch in rein materiellen
-Gefühlen versinken. -- Oder glauben Sie, das wisse kein Mensch in
-Rußland? Sehen wir einmal genauer zu, woher das kommt. Rührt diese
-Neigung zum Luxus und diese furchtbare Häufung der Laster nicht daher,
-weil jeder sein _eigenes Steckenpferd_ hat? Der eine guckt nach England,
-ein anderer nach Preußen, ein dritter nach Frankreich hinüber; der eine
-schwört auf die einen Prinzipien, ein anderer auf andere; der eine kommt
-uns mit dem einen Projekt, ein anderer mit einem anderen. Soviel Köpfe
-soviel Sinne ... Und da sollte es bei einer solchen Uneinigkeit keine
-Diebe und Gauner und kein Unrecht aller Art geben, wenn ein jeder sieht,
-daß sich uns überall Hindernisse in den Weg stellen, wo ein jeder nur an
-sich und daran denkt, wie er sich ein recht warmes Plätzchen verschaffen
-könnte? ... Sie sagen, Rußlands Heil liege in der europäischen
-_Zivilisation_; aber was ist das für ein unbestimmtes uferloses Wort?
-Wenn Sie doch wenigstens klar definiert hätten, was man unter dem Namen
-der europäischen Zivilisation verstehen soll! Dazu gehören sowohl die
-Phalanstère, die Roten und alle möglichen Kategorien anderer Leute, die
-allesamt bereit sind, einander aufzufressen, und die alle solch
-umstürzlerische destruktive Prinzipien haben, daß in Europa jeder
-denkende Kopf zittert und sich unwillkürlich fragt: wo ist denn nun
-unsere Zivilisation? Ein leeres Phantom hat die Gestalt dieser
-Zivilisation angenommen ...
-
-Wo haben Sie ferner die Meinung hergenommen, daß ich einen Hymnus auf
-unsere Geistlichkeit gedichtet habe? Ich habe gesagt, die Predigt des
-Priesters der morgenländischen Kirche solle in seinem Leben und in
-seinen Taten bestehen. Und woher kommt dieser Geist des Hasses bei
-Ihnen? Ich habe sehr viel schlimme Pfarrer gekannt und kann Ihnen sehr
-viele komische Anekdoten über sie erzählen, aber dafür bin ich auch
-solchen Priestern begegnet, über deren heiligen Lebenswandel und über
-deren hohe Taten ich staunen mußte, und ich sah, daß sie Produkte
-unserer morgenländischen und nicht solche der abendländischen Kirche
-waren. Es ist mir also gar nicht eingefallen, einen Hymnus auf unsere
-Geistlichkeit zu singen, die unsere Kirche schändet, wohl aber auf die
-Geistlichen, die dazu beitragen, sie zu erhöhen.
-
-Wie merkwürdig ist doch meine Lage, daß ich mich gegen Angriffe
-verteidigen muß, die sich alle gar nicht gegen mich und gegen mein Buch
-richten! Sie sagen, Sie hätten mein Buch angeblich hundertmal gelesen,
-während Ihre eigenen Worte davon zeugen, daß Sie es nicht ein einziges
-Mal gelesen haben. Der Zorn hat Ihre Augen umnebelt und trägt die
-Schuld, daß Sie nichts in seinem wahren Lichte gesehen haben. Hie und da
-leuchtet ein Funke von Wahrheit inmitten eines ungeheuren Haufens von
-Sophismen und unüberlegter jugendlicher schwärmerischer Verirrungen auf.
-Aber welcher Mangel an Bildung! Wie kann man es wagen, bei so einem
-geringen Fond von Kenntnissen von so großen Erscheinungen zu sprechen?
-Sie scheiden die Kirche vom Christentum, dieselbe Kirche und dieselben
-Priester, die durch ihren Märtyrertod die Wahrheit jedes Wortes, das aus
-Christi Munde kam, besiegelt haben, von denen Tausende durch das Messer
-und das Schwert des Mörders umkamen, für den sie beteten, bis sie
-schließlich ihre Henker ermüdeten, so daß die Sieger den Besiegten zu
-Füßen fielen und die ganze Welt sich zu ihrer Lehre bekannte. Und diese
-selben Priester, diese Bischöfe und Märtyrer, die das Heiligtum der
-Kirche auf ihren Schultern durch alle Fährnisse hindurchgetragen und
-gerettet haben, wollen Sie von Christus scheiden, indem Sie sie falsche
-Ausleger der Lehre Christi nennen! Wer kann denn dann heute Ihrer
-Ansicht nach Christus besser und genauer auslegen? Etwa die heutigen
-Kommunisten und Sozialisten, die da behaupten, Christus habe geboten,
-den Menschen ihr Eigentum wegzunehmen und die auszuplündern, die sich
-ein Vermögen erworben haben? Kommen Sie doch zur Besinnung -- wohin sind
-Sie geraten? Sie erklären, daß Voltaire dem Christentum einen Dienst
-geleistet habe, und sagen, das sei jedem Gymnasiasten bekannt. Als ich
-noch auf dem Gymnasium war, habe ich selbst _damals_ nicht für Voltaire
-geschwärmt. Ich war schon damals klug genug, um zu sehen, daß Voltaire
-ein gewandter Witzling, aber keineswegs ein tiefer Mensch war. Für einen
-Voltaire konnte weder ein Puschkin, noch ein Ssuworow schwärmen, wie
-überhaupt kein mehr oder weniger umfassender Geist. Voltaire ist trotz
-aller seiner glänzenden _Aperçus_ immer nur der Franzose geblieben, der
-davon überzeugt ist, daß man lachend und scherzend von allen hohen
-Gegenständen sprechen kann. Von ihm kann man sagen, was Puschkin von den
-Franzosen im allgemeinen gesagt hat:
-
- Der Franzos ist ein Kind,
- Er stürzt geschwind
- Einen Thron über Nacht,
- Schafft Gesetz und Macht,
- Ist schnell -- wie der Blitz
- Und leer wie der Witz.
- Er reizt und macht,
- Daß man staunt und lacht
- -- -- -- -- -- -- --
-
-Man kann nicht auf Grund einer oberflächlichen journalistischen Bildung
-über solche Gegenstände urteilen. Dazu muß man die Geschichte der Kirche
-studiert haben. Dazu muß man die ganze Geschichte der Menschheit
-verständnisvoll und mit Überlegung aus den Quellen selbst kennen lernen
-und nicht etwa aus modernen oberflächlichen Broschüren, die Gott weiß
-wer geschrieben hat. Dieses flache enzyklopädische Wissen zerstreut den
-Geist nur und konzentriert ihn nicht.
-
-Was soll ich Ihnen auf Ihre schroffen Bemerkungen über den russischen
-Bauern sagen -- Bemerkungen, die Sie mit so viel Selbstvertrauen und
-Sicherheit vorbringen, als ob Sie Gott weiß wie lange mit den Bauern zu
-tun gehabt hätten? Was soll ich dazu sagen, wenn doch Tausende von
-Kirchen und Klöstern, die das russische Land erfüllen und die nicht aus
-den Mitteln, die von den Reichen gestiftet, sondern aus den armseligen
-Groschen der Besitzlosen erbaut werden, eine so überzeugende Sprache
-sprechen! ... Nein, ein Mensch, der sein Leben lang in Petersburg
-zugebracht hat und es beständig mit leichten Zeitungsaufsätzen
-französischer Romanschreiber zu tun hat, die sich so in ihre Ideen
-verrannt haben, und der nicht merkt, in welcher verzerrten Form und wie
-töricht das Leben bei ihnen dargestellt ist, nein, ein solcher Mensch
-kann nicht über das Volk urteilen. Gestatten Sie mir auch zu bemerken,
-daß ich mehr Recht habe, über das russische Volk zu sprechen, _als Sie_.
-Alle meine Werke zeugen, nach der einstimmigen Überzeugung aller Leute,
-von einer gründlichen Kenntnis des russischen Wesens; sie sind die
-Schöpfungen eines Schriftstellers, der das Volk ernsthaft studiert und
-beobachtet hat und vielleicht schon die Gabe besitzt, sich in seine
-Lebensgewohnheiten hineinzuversetzen, was auch Sie in Ihren Kritiken
-zugestanden haben. Was aber wollen _Sie_ zum Beweise Ihrer Kenntnis des
-russischen Wesens anführen? Was haben Sie geschrieben, woraus eine
-solche Kenntnis hervorginge? Das ist ein großer Gegenstand, und darüber
-könnte ich Ihnen ganze Bücher vollschreiben. Sie würden sich schämen,
-daß Sie den Ratschlägen, die ich einem Gutsbesitzer erteile, solch einen
-plumpen Sinn untergelegt haben. Diese Ratschläge mögen eine noch so
-geringe Bedeutung haben, sie enthalten jedenfalls keineswegs einen
-Protest gegen die Volksbildung ... sondern höchstens einen Protest gegen
-die Korruption des russischen Volkes durch die Literatur, während doch
-die Schriftkunde uns gegeben ward, um den Menschen zur höchsten Klarheit
-zu führen. Überhaupt erinnern Ihre Urteile über die Gutsbesitzer an die
-Zeiten Von-Wisins. Seit jener Zeit hat sich vieles, sehr vieles in
-Rußland verändert, und seitdem ist sehr viel Neues entstanden. Daß die
-Aufsicht und Autorität eines Gutsbesitzers, der die Universität besucht
-und folglich für vieles ein Gefühl hat, ... weit günstiger und
-vorteilhafter für die Bauern ist, ... wie es ja auch viele Gegenstände
-gibt, über die wir rechtzeitig nachdenken sollten, ehe wir mit dem
-himmelstürmenden Feuer des Jünglings oder Ritters darüber reden ...
-Überhaupt bemüht man sich bei uns weit mehr um die Änderung der Namen
-und der Ausdrücke, als um das Wesen der Sache ... Sie sollten sich
-schämen, in unseren Diminutiven, mit denen wir mitunter sogar unsere
-Freunde benennen, einen Ausdruck der Knechtung und Unterdrückung zu
-sehen. Auf solche kindische Folgerungen wird man geführt, wenn man eine
-falsche Ansicht von den wichtigsten und wesentlichsten Dingen hat.
-
-Sodann bin ich auch über das kühne Selbstvertrauen und die Sicherheit
-erstaunt, mit der Sie erklären: »Ich kenne unsere Gesellschaft und den
-Geist, der sie beseelt.« Wie kann man für dies sich jeden Augenblick
-verwandelnde Chamäleon einstehen? Durch welche Tatsachen können Sie
-beweisen, daß Sie die Gesellschaft kennen? Welche Mittel besitzen Sie
-dazu? Haben Sie etwa irgendwo in Ihren Werken bewiesen, daß Sie ein
-tiefer Kenner der menschlichen Seele sind? Sie, der Sie fast nie mit den
-Menschen und der Welt in Berührung kommen, der Sie das friedliche Leben
-eines Journalisten führen und stets nur mit Feuilletonartikeln
-beschäftigt sind, wie sollten Sie einen Begriff von jenem furchtbaren
-Schreckbilde haben, das uns durch unerwartete Erscheinungen in seine
-Falle lockt; geraten doch alle jungen Schriftsteller in diese Falle
-hinein, die über alles in der Welt und die ganze Menschheit reden,
-während es um uns herum genug Dinge gibt, um die wir uns kümmern
-sollten. Wir sollten zuerst einmal diese Aufgaben erfüllen, dann würde
-es der Gesellschaft schon ganz von selbst gut gehen. Wenn wir dagegen
-unsere Pflichten gegen die uns nahestehenden Menschen vernachlässigen
-und dem Wohl der Gesellschaft nachjagen, so geraten wir auf Abwege ...
-ebenso ... Ich bin in der letzten Zeit vielen vortrefflichen Menschen
-begegnet, die über diese Sache völlig die Orientierung verloren haben.
-
-Viele denken, wenn sie sehen, daß die Gesellschaft sich auf einem Abweg
-befindet und daß die Dinge immer verworrener werden, daß man die Welt
-durch allerhand Reorganisationen und Reformen oder dadurch, daß man sie
-in dieser oder jener Weise umgestaltet, verbessern könne. Andere
-glauben, man könne mit Hilfe einer besonderen, recht mittelmäßigen
-Literatur, die Sie Belletristik nennen, erzieherisch auf die
-Gesellschaft wirken. Das sind Träume! Abgesehen davon, daß selbst die
-gelesensten Bücher daliegen, ohne Nutzen zu bringen ... sind auch die
-Früchte ... wenn überhaupt welche daraus erwachsen, ganz anderer Art,
-als der Autor glaubt; vielmehr sind sie häufig so beschaffen, daß er
-entsetzt vor ihnen zurückweicht ... Die Gesellschaft bildet sich von
-selbst, sie setzt sich aus Einheiten zusammen. Jede dieser Einheiten muß
-ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Der Mensch muß eingedenk sein, daß
-er nichts weniger als ein Stück Materie, daß er kein Vieh ist, sondern
-ein hoher Bürger des hohen himmlischen Bürgerreichs, und so lange nicht
-ein jeder wenigstens zum Teil sein Leben dem Geiste dieses himmlischen
-Bürgerreichs entsprechend gestalten wird, wird es auch im irdischen
-Gemeinwesen keine Ordnung geben.
-
-Sie sagen, Rußland hätte lange vergeblich gebetet. O nein, Rußland hat
-im Jahre 1612 gebetet und das Land vor den Polen gerettet; dann hat es
-1812 noch einmal gebetet und das Land vor den Franzosen gerettet. Oder
-nennen Sie das beten, wenn ein Tausendstel aller Menschen betet und alle
-übrigen vom Morgen bis zum Abend bummeln und zechen ... wenn sie bei
-jeder Schaustellung dabei sind und ihre letzte Habe verpfänden, um nur
-allen Komfort zu genießen, den uns die europäische Zivilisation samt all
-ihren Torheiten beschert hat.
-
-Nein, lassen wir diese Träume ... Lassen Sie uns ehrlich unsere Pflicht
-tun. Wir wollen uns bemühen, unsere Talente nicht in der Erde zu
-vergraben. Wir wollen unser Handwerk gewissenhaft ausüben. Dann wird
-alles gut gehen, und die Lage der Gesellschaft wird sich ganz von selbst
-bessern ... Die Gutsbesitzer werden auf ihre Güter zurückkehren. Die
-Beamten werden erkennen, daß man kein üppiges, verschwenderisches Leben
-zu führen braucht, und werden aufhören, Geschenke anzunehmen. Die
-Ehrgeizigen aber werden sehen, daß eine hohe Stellung weder mit einem
-hohen Gehalt, noch mit großen Geldeinnahmen verknüpft ist ... weder sie
-noch ich sind geboren ... Gestatten Sie mir, Sie an Ihre frühere
-Tätigkeit zu erinnern. Der Literat lebt für die Wahrheit. Er soll der
-Kunst ehrlich dienen und den Seelen dieser Welt Frieden und nicht Haß
-und Feindschaft einhauchen. Machen Sie den Anfang und fangen Sie noch
-einmal an, zu lernen! Studieren Sie die Dichter und Weisheitslehrer, die
-erzieherisch auf den Geist wirken. Die journalistische Tätigkeit laugt
-die Seele aus, man entdeckt plötzlich eine innere Leere in sich. Denken
-Sie daran, daß Sie nur eine oberflächliche Bildung genossen und nicht
-einmal die Universität beendigt haben. Machen Sie das durch die Lektüre
-großer Werke und nicht durch Beschäftigung mit modernen Broschüren
-wieder gut, die aus einem erhitzten Gemüt entspringen, das von der
-geraden gesunden Ansicht der Dinge ablenkt.
-
-
- V.
- Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle
- aufgefunden worden ist
-
-Sie haben meine Worte über das Lesen und Schreiben ganz buchstäblich
-verstanden und ihnen einen zu engen, begrenzten Sinn untergelegt. Diese
-Worte waren an einen Gutsbesitzer gerichtet, dessen Bauern Landwirte
-sind. Es kam mir beinahe komisch vor, daß Sie aus diesen Worten den
-Schluß ziehen konnten, als wollte ich die elementare Volksbildung
-bekämpfen; als ob jetzt davon die Rede wäre -- wo das doch eine Frage
-ist, die unsere Väter längst gelöst haben! Unsere Väter und Großväter
-haben, selbst wenn sie selbst Analphabeten waren, entschieden, daß die
-Elementarbildung etwas Notwendiges sei. Aber darum handelt es sich ja
-gar nicht. Der Gedanke, der mein ganzes Buch durchzieht, ist dieser: wie
-man erst _die_ Menschen aufklären könne, die in nahem Verkehr mit dem
-Volke stehen, und _dann erst_ das Volk selbst. Alle diese kleinen
-Beamten und Regierungsvertreter, die alle lesen und schreiben können und
-sich dabei doch soviel Mißbräuche zuschulden kommen lassen ... Glauben
-Sie mir, es ist viel notwendiger, daß wir die Bücher, die Ihrer Ansicht
-nach so nützlich für das Volk sind, für diese Leute herausgeben. Das
-Volk ist weit weniger verdorben, als diese ganze lese- und
-schreibkundige Gesellschaft. Dagegen Bücher für diese Leute
-herauszugeben, Bücher, die ihnen das Geheimnis offenbaren, wie man mit
-dem Volk und mit den ihnen anvertrauten Untergebenen umgehen muß --
-nicht in dem umfassenden Sinne, wie ihn die oft wiederholten Worte
-ausdrücken: »_Stiehl nicht, sei rechtschaffen und ehrlich_« oder »Denke
-daran, daß deine Untergebenen ebensolche Menschen sind wie du« --
-sondern, die sie belehren, wie man es anfängt, nicht zu stehlen, und daß
-das Recht wirklich eingehalten werde ...
-
-
- VI.
- Gogol an W. G. Bjelinski[9]
-
-[Fußnote 9: Dieser Brief stellt Gogols Antwort auf Bjelinskis oben
-mitgeteiltes Schreiben dar. Es ist offenbar ein zweiter Brief, den Gogol
-an Stelle des oben abgedruckten ersten, später in Stücke gerissenen,
-geschrieben hat.]
-
- Ostende, den 10. August 1847.
-
-Ich konnte nicht gleich auf Ihren Brief antworten. Meine Seele ist ganz
-matt, ich fühle mich in meinem tiefsten Inneren erschüttert. Ich kann
-wohl sagen, es gibt keine empfindliche Seite in mir, die nicht aufs
-schwerste getroffen war, noch ehe ich Ihren Brief erhalten hatte. Ich
-habe Ihren Brief beinahe in einem zustande völliger Gefühllosigkeit
-gelesen, trotzdem aber war ich nicht imstande, ihn zu beantworten. Und
-was hätte ich auch antworten sollen! Gott weiß, vielleicht enthalten
-Ihre Worte wirklich etwas Wahres. Ich will Ihnen nur sagen, daß ich
-gelegentlich meines Buches ungefähr fünfzig verschiedene Briefe erhalten
-habe, aber kein einziger gleicht dem anderen, es gibt keine zwei Leute,
-die dieselbe Ansicht über einen Gegenstand haben: was der eine verwirft,
-das behauptet der andere. Und doch gibt es auf beiden Seiten gleich edle
-und gescheite Menschen; die einzige nicht zu bezweifelnde Lehre, die ich
-aus alledem entnehmen zu können glaubte, war die, daß ich Rußland
-überhaupt nicht kenne, daß sich sehr vieles verändert hat, seit ich
-nicht mehr dort war, und daß man heute beinahe alles, was es dort gibt,
-von neuem kennen lernen muß, und daraus zog ich für meinen Teil
-folgenden Schluß: daß ich nichts mehr veröffentlichen und vor das
-Publikum bringen darf; weder lebendige Anschauungen meiner Phantasie,
-noch selbst zwei Zeilen aus irgendeinem Werk, solange ich nicht in
-Rußland war, eine Zeitlang dort gelebt und mich mit eigenen Augen von
-vielem überzeugt und vieles mit eigenen Händen befühlt haben werde. Ich
-sehe, daß viele, die mich beschuldigt haben, manches nicht zu kennen und
-manche Seiten des Lebens nicht berücksichtigt zu haben, selbst in vielen
-Punkten eine große Unkenntnis an den Tag legen und damit beweisen, daß
-sie selbst viele Seiten des Lebens nicht in Betracht gezogen haben.
-Nicht alle Klagen sind an unser Ohr gedrungen, und wir haben nicht alle
-Leiden in ihrer ganzen Schwere ermessen. Mir will es sogar so scheinen,
-daß nicht jeder von uns die gegenwärtige Zeit versteht, eine Zeit, in
-der der Geist völliger Disharmonie und Unordnung deutlicher als je
-zutage tritt. Wie dem auch sein mag, jetzt kommt alles zum Vorschein:
-jedes Ding will berücksichtigt sein, das Alte und das Neue fordern
-einander zum Kampfe heraus, und man braucht nur auf der einen Seite in
-Übertreibungen und Maßlosigkeiten zu verfallen, damit sich auch die
-andere Seite sofort derselben Übertreibungen und Maßlosigkeiten schuldig
-macht. Die gegenwärtige Zeit ist das Zeitalter besonnener vernünftiger
-Überlegung: ohne sich zu erhitzen, wägt sie alles ab und zieht sie alle
-Seiten der Dinge in Betracht, denn ohne dies ist es unmöglich, die
-rechte Mitte, das vernünftige Maß der Dinge kennen zu lernen. Sie
-verlangt von uns, daß wir Umschau halten mit dem vielseitigen Blick des
-Greises, und daß wir nicht mit dem heißen Draufgängertum der alten
-Ritter vorgehen. Diesem Zeitalter gegenüber sind wir reine Kinder.
-Glauben Sie mir, Sie und ich haben beide unsere Pflicht gegen unsere
-Zeit nicht erfüllt. Ich wenigstens bin mir darüber klar, aber sind auch
-Sie sich dessen bewußt? Ebenso wie ich die gegenwärtigen Dinge und viele
-Umstände übersehen habe, die ich hätte berücksichtigen müssen, ebenso
-haben auch Sie vieles übersehen; wenn ich mich zu sehr in mich selbst
-zurückgezogen habe, so haben Sie sich zu sehr zerstreut. Wie ich noch
-vieles kennen lernen muß, was Sie schon wissen und was ich nicht weiß,
-so müßten Sie wenigstens einen Teil davon kennen lernen, was ich weiß
-und was Sie zu Unrecht vernachlässigt und übersehen haben. Jetzt aber
-denken Sie vor allem an Ihre Gesundheit; vergessen Sie die modernen
-Probleme für eine Weile. Sie werden später mit größerer Frische und also
-auch mit größerem Nutzen für Sie selbst wie für die Probleme zu diesen
-zurückkehren. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Ihnen jener
-Seelenfriede zuteil werde, der unser höchstes Gut ist, ohne den man
-nicht wirken und auf keinem Gebiete vernünftig handeln kann.
-
- N. Gogol.
-
-
-
-
- Nachtrag
-
-
- Band VII und VIII
- Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden
-
-(Die wörtliche Übersetzung des Titels lautet: _Ausgewählte Stellen_ aus
-dem Briefwechsel mit meinen Freunden.) Den Plan, eine Auswahl von
-Stücken aus seinem Briefwechsel herauszugeben, faßte Gogol bereits im
-Beginn des Jahres 1845; an die Ausführung seiner Idee ging er jedoch
-erst im April 1846 heran. Ehe er das Manuskript an Pletnjew absandte,
-unterzog er sämtliche Stücke, die er in Buchform herauszugeben gedachte,
-einer gründlichen Korrektur und Überarbeitung. Zu allererst wurde das
-VII. Kapitel: _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An W. M.
-Jasykow (Band VII, Seite 55 ff.) für den Druck umgearbeitet, redigiert
-und dann am 4. Juli 1846 an Pletnjew zur Veröffentlichung in dessen
-Zeitschrift gesandt. -- Am 30. Juli desselben Jahres erhält Pletnjew von
-Gogol aus Schwalbach: _Die Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) und die
-ersten sechs Stücke des »Briefwechsels« zugeschickt. Zwischen dem 13.
-und 24. August folgen aus Ostende weitere sieben Aufsätze (Nr. 8-14,
-Band VII, Seite 73-149) und am 12. September neuen Stils -- gleichfalls
-aus Ostende -- nochmals sieben Kapitel (Nr. 15-21, Band VII, Seite
-151-253). Am 26. September sendet Gogol Pletnjew aus Ostende ein viertes
-Heft mit neun Kapiteln (Band VII, Nr. 22-30, Seite 255-367). Am 3.
-Oktober neuen Stils schickt Gogol aus Frankfurt zwei Korrekturen zu dem
-Aufsatz: An _einen hochgestellten Mann_ ein (Band VII, Nr. 28, Seite
-323). Am 16. Oktober endlich erfolgt von Frankfurt a. M. aus die
-Absendung der beiden letzten Kapitel und einer Korrektur zum 10.
-Kapitel: _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski
-(Band VII, Seite 85 ff.).
-
-Die _Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden_ erschien im
-Dezember des Jahres 1846. Die Unterschrift des Zensors ist vom 18.
-August 1846 datiert, bezieht sich jedoch wahrscheinlich nur auf das
-erste Heft; im Oktober ergaben sich Schwierigkeiten bei der Drucklegung:
-der Zensor wollte den Abdruck einzelner Partien und sogar ganzer Kapitel
-nicht gestatten; daher mußten fünf Briefe: Nr. 19, 20, 21, 26 und 28
-(Band VII, Seite 203, 209, 227, 307 und 323) gänzlich wegfallen. Diese
-Kapitel, sowie die von der Zensur gestrichenen Partien erschienen später
-in der »Gesamtausgabe« von Gogols Werken vom Jahre 1867, die von
-_Tschischow_ veranstaltet wurde. Die von der Zensur beanstandeten
-Stellen stehen in unserer Ausgabe in eckigen Klammern.
-
-Ferner bat Gogol selbst Pletnjew in einem Brief vom 16. Oktober 1846,
-»die ganze Stelle zu streichen, die von der Bedeutung der monarchischen
-Gewalt und ihrer weltlichen Erscheinungsform handelt, und durch den
-Abschnitt auf der letzten Seite des Heftes zu ersetzen«. Die neue
-veränderte Fassung des Textes beginnt mit den Worten: »Diese Bedeutung
-des Herrschers wird allmählich auch in Europa ...« (Band VII, Seite 100,
-Zeile 3 v. o.) und schließt mit dem Satze: »daher nehmen ihre Töne einen
-biblischen Charakter an« (Band VII, Seite 102, Zeile 3 v. o.). Wir
-lassen hier die umgearbeitete Stelle folgen, wie sie von Tschischow nach
-dem Manuskript nachträglich in seiner Gesamtausgabe der Werke Gogols
-abgedruckt wurde (Band III, Seite 374 bis 376): »Die souveräne Gewalt
-des Monarchen wird keineswegs an Bedeutung verlieren, sondern in dem
-Maße, wie die ganze Menschheit an Bildung zunehmen wird, nur noch
-wachsen. Je mehr jeder Beruf und Stand die ihm gesteckten gesetzlichen
-Grenzen einhalten wird und die gegenseitigen Beziehungen aller Menschen
-genauer bestimmt und normiert werden, um so deutlicher wird sich die
-Notwendigkeit einer höchsten Obergewalt herausstellen, die die ganze
-Macht der einzelnen Individuen in sich vereinigt und alle höchsten
-Vorzüge und Tugenden, die den Menschen geradezu Gott ähnlich machen, in
-Erscheinung treten läßt -- jene höchsten kollektiven Attribute und
-Eigenschaften, die der einzelne Mensch nicht besitzen kann. Eine ganze
-Million wie einen Menschen liebgewinnen -- das ist weit schwerer, als
-nur wenige unter dieser Million lieben; die Leiden aller Menschen so
-intensiv mitempfinden wie den Schmerz unseres liebsten Freundes und an
-die Rettung aller Menschen bis auf den letzten denken, wie man wohl auf
-die Rettung der eigenen Familie hofft, -- das kann nur _der_ in vollem
-Maße, dem dies zum unerschütterlichen Gebot gemacht ward und der da
-fühlt, daß er für die Verletzung dieses Gebotes vor Gott ebenso
-furchtbare Rechenschaft wird ablegen müssen, wie jedes einzelne
-Individuum für die Verletzung seiner Pflicht in seinem besonderen
-Wirkungskreis Rechenschaft geben wird. Wenn diese höchste leitende
-Obergewalt dahinfiele -- so würde der menschliche Geist verarmen. Diese
-souveräne Herrschergewalt des Monarchen wird heute nur deshalb
-angezweifelt, weil ihre ganze Bedeutung weder den Herrschern noch den
-Untertanen aufgegangen ist. Die monarchische Gewalt -- ist eine Torheit,
-wenn der Monarch nicht fühlt, daß er das Abbild Gottes auf Erden sein
-soll. Selbst wenn er noch so sehr das Gute will, wird er sich in seinen
-Handlungen nicht mehr zurechtfinden können, besonders bei der
-gegenwärtigen Ordnung der Dinge in Europa; sowie er jedoch zur
-Erkenntnis kommt, daß er die Aufgabe hat, den Menschen ein Abbild Gottes
-zu sein, wird für ihn alles klar und deutlich werden und wird auch
-Klarheit in sein Verhältnis zu seinen Untertanen kommen. Dann wird er
-sich nicht mehr einen Napoleon, einen Friedrich, einen Peter, eine
-Katharina oder einen Ludwig zum Muster nehmen, wie überhaupt keinen von
-den Fürsten, denen die Welt den Namen des Großen beilegt, und deren
-Bestimmung es war, infolge der zeitlichen Verhältnisse und Umstände
-außer der königlichen Würde auch noch die Rolle eines Feldherrn,
-Neugestalters oder Reformators auf sich zu nehmen, kurz nur eine
-einzelne Seite glanzvoll in sich zu verkörpern, was die unbedeutenderen
-Nachahmer irreleitet und so viele Fürsten in Versuchung führt. Er wird
-sich vielmehr die Handlungen Gottes selbst zum Vorbild nehmen, die aus
-der Geschichte der Menschheit so vernehmbar zu uns reden und die noch
-deutlicher in der Geschichte _des_ Volkes in Erscheinung treten, das
-Gott dazu auserwählt hatte, von Ihm Selbst regiert zu werden, um den
-Königen zu zeigen, wie regiert werden muß. Und wie wahrhaft göttlich hat
-Er regiert! Wie verstand Er es, Sein Volk mehr denn alle anderen Völker
-zu lieben! Mit welch väterlicher Liebe lehrte und unterwies Er es und
-mit welch himmlischer Geduld wartete Er auf seine Wandlung und
-Besserung. Wie ungern erhob Er Seine strafende Geißel wider Sein Volk!
-Wie beeilte Er Sich Selbst _dann_ noch nicht, als die Gottlosigkeit und
-die Sünden des Volkes zum Himmel schrien, es zu strafen, sondern sprach:
->Ich will Selbst zur Erde hinabsteigen und zusehen, ob das Unrecht und
-die Sündhaftigkeit wirklich so groß sind!< Und wer war es, der so
-sprach? Der Allwissende, für alles Sorgende, der die Könige dieser Erde
-zur Vorsicht und Behutsamkeit mahnt! Wie Er ja auch Seine Strafen nicht
-deshalb verhängte, um den Menschen zu vernichten, den zu vernichten ja
-gar nicht schwer ist, sondern um ihn zu erretten, weil es _sehr_ schwer
-ist, ihn zu erretten, und um seine gefühllose Natur durch eine starke
-Erschütterung und ein Weckmittel aufzurütteln, ihm die ganzen Schrecken
-des Zieles, dem er in seiner Unwissenheit zustrebt, vor Augen zu führen
-und ihn dadurch zu mahnen, daß es noch Zeit wäre, an seine Rettung zu
-denken! Wie Er ja auch, da Er die unbestechliche sieghafte Macht Seiner
-unüberwindlichen Wahrheit und Gerechtigkeit kannte, alles tat, auf daß
-der schwache und ohnmächtige Mensch ihr nicht unterliege: sandte Er ihm
-doch Seine Propheten, daß sie erfüllt von Liebe zu ihren Brüdern und,
-nachdem sie eine Sprache gefunden, die den Menschen verständlich war,
-sie zur Besinnung brächten; Er, der sich entschloß, da Er endlich sah,
-daß alles vergeblich war, daß nichts sie zur Vernunft bringen könne und
-daß es kein Mittel gäbe, die Menschen Seiner unabwendlichen
-Gerechtigkeit zu entziehen, Sich Selbst für alle zum Opfer zu bringen,
-um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit zu besiegen
-und den Menschen zu beweisen, daß eine solche Liebe höher ist, denn
-alles, was es gibt, daß sie an sich selbst die höchste himmlische
-Gerechtigkeit ist! Alles ward von Gott gesagt für den, der vor den
-Menschen in sich selbst Sein Abbild zur Darstellung bringen will, hat Er
-ihn doch gelehrt, wie er handeln soll. Um aber die Könige zu
-unterweisen, wie sie sich gegen Ihn Selbst, den Schöpfer alles
-Sichtbaren und Unsichtbaren, verhalten sollen, schenkte Er ihnen die
-Vorbilder der von Ihm Selbst gesalbten Könige David und Salomo, die mit
-ihrem ganzen Sein in Gott lebten, wie in ihrem eigenen Hause und die in
-ihrem Königstume das weise Zusammenwirken zweier Mächte -- der
-geistlichen und weltlichen -- verkörperten, und zwar in der Weise, daß
-nicht bloß keine von beiden die andere störte und hemmte, sondern daß
-sie sich gegenseitig noch stärkten und befestigten. So enthält das
-heilige Buch Gottes eine vollkommene Definition des Monarchen, dieses
-völlig von uns isolierten Wesens, dem auf Erden eine so schwere Aufgabe
-zuteil ward: nachdem er alles vollbracht, was jedes Menschen Aufgabe
-ist, und Christus in seinem ganzen Tun und Handeln bis in die kleinsten
-Einzelheiten seines Alltagslebens gleichgeworden ist, zu alledem auch
-noch in den erhabensten Äußerungen seiner Tätigkeit gegenüber allen
-Menschen Gott Vater gleich zu werden. In diesem Buche ist eine
-vollkommene Definition des Monarchen enthalten, die man nirgends sonst
-findet. Auf diese Definition ist noch keiner der europäischen
-Rechtsgelehrten gekommen, bei uns aber haben die Dichter etwas von ihr
-geahnt und vernommen, daher nehmen ihre Töne auch einen biblischen
-Charakter an.«
-
-Der ursprüngliche Text der Aufsätze und Privatbriefe Gogols an seine
-Freunde, die in dem »Briefwechsel« Aufnahme fanden und erst nach einer
-durchgreifenden Reinigung und Umarbeitung zur Veröffentlichung an
-Pletnjew gesandt wurden, stammt aus den verschiedensten Zeiten der
-Periode von 1843-1846, und zwar ist die Zahl der Stücke um so geringer,
-je mehr wir uns der ersten Hälfte des Jahres 1843 nähern. Von den
-Briefen dieser Epoche hat Gogol nur sehr wenige der Aufnahme in die
-Ausgewählten Stellen aus seinem Briefwechsel für würdig erachtet. Aus
-dem Jahre 1843 stammen die ersten Entwürfe folgender Artikel:
-
-1) _Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen_ (Band VII, Nr.
-5, Seite 43) und
-
-2) _Die drei ersten Briefe über die Toten Seelen_ (Band VII, Nr. 18,
-Seite 175).
-
-Aus dem Jahre 1844 stammen folgende Aufsätze und Briefe:
-
-1) _Diskussionen._ Aus einem Briefe an L***. (Band VII, Nr. 11, Seite
-111.)
-
-2) _Liebt unser russisches Vaterland._ Aus einem Briefe an den Grafen A.
-T. (Band VII, Nr. 19, Seite 203.) Dieses Stück stammt aus der zweiten
-Hälfte des Jahres 1844.
-
-3) _Etwas über die Bedeutung des Worts._ (Band VII, Nr. 4, Seite 35.)
-Diese Betrachtung ist wahrscheinlich Ende Oktober des Jahres 1844
-niedergeschrieben.
-
-4) _Wie man den Armen helfen soll._ Aus einem Briefe an A. O.
-Sm--rn--wa. (Band VII, Nr. 6, Seite 49.) Ist gegen Ende des Jahres 1844
-niedergeschrieben.
-
-5) _Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit._ Zwei Briefe
-an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 15, Seite 151.) Der erste Brief ist vom
-2. Dezember, der zweite vom 26. Dezember 1844 datiert.
-
-6) _An einen kurzsichtigen Freund._ (Band VII, Nr. 27, Seite 317.)
-
-Aus dem Jahre 1845 stammt der erste Entwurf folgender Stücke:
-
-1) _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An N. M. Jasykow. (Band
-VII, Nr. 7, Seite 55.) Ein Brief, der zu Beginn des Jahres geschrieben
-ist.
-
-2) _An einen hochgestellten Mann._ (Band VII, Nr. 28, Seite 323.) Die
-Idee zu diesem Schreiben rührt vom Ende des Jahres 1844 her.
-Niedergeschrieben wurde es im Februar und März des Jahres 1845.
-
-3) _Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von
-der Einseitigkeit überhaupt._ An den Grafen A. P. T... (Band VII, Nr.
-14, Seite 129) -- ist im März und April 1845 niedergeschrieben.
-
-4) _Lernt Rußland kennen._ Aus einem Briefe an den Grafen P. T. (Band
-VII, Nr. 20, Seite 209) -- stammt aus derselben Zeit (oder vom Ende des
-Jahres 1845?).
-
-5) _Mein Testament_ (Band VII, Nr. 1, Seite 9) stammt aus dem Juli(?)
-1845.
-
-6) _Über ländliche Pflege und Gerichtsbarkeit_ (Band VII, Nr. 25, Seite
-301).
-
-7) _Wessen Los auf Erden das beste ist._ Aus einem Briefe an U. (Band
-VII, Nr. 29, Seite 359.)
-
-Mehr als die Hälfte der Briefe, die in die »Auswahl aus dem Briefwechsel
-mit meinen Freunden« aufgenommen wurden, stammen aus dem Jahre 1846. In
-einem Brief aus diesem Jahre schreibt Gogol an Schewyrjow: »Während
-dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere
-seelische Leiden gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen
-Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nie geführt habe.
-Und wie mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen
-nahestehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie
-alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und
-verlangten Rat und Hilfe von mir« (vgl. Band VII, Seite 163 ff.).
-»Während der letzten Zeit«, fährt Gogol fort, »kam es sogar vor, daß ich
-Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und
-daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte
-erteilen können.« Am meisten von Krankheit gequält war Gogol in den
-ersten zwei Monaten des Jahres 1846; dies war auch sonst eine sehr
-schwere Zeit für ihn. Gogol arbeitete während dieser Monate intensiv an
-der »Auswahl aus dem Briefwechsel«. »Gleichzeitig brauchte er eine Kur,
-machte er Reisen, war er von schweren Sorgen gequält und mußte sich um
-Dinge kümmern, von deren Schwierigkeit seine Freunde keine Ahnung
-hatten.« Zugleich aber mußte er zahlreiche, sehr verschieden geartete
-Briefe erwidern, die nicht in leichtfertiger, sondern in wohlüberlegter
-Weise beantwortet sein wollten. Höchstwahrscheinlich erfolgte die
-Antwort auf einzelne Briefe vor der Öffentlichkeit, d. h. in der
-»Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«, und es wäre
-vergeblich, nach dem ursprünglichen Text der Briefe, die unmittelbar an
-die Fragesteller gerichtet waren, zu forschen. »Auf Ihren langen Brief«,
-schreibt Gogol im Jahre 1846 an die Gräfin ***, »... antworte ich ...
-nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern wie Sie sehen, _in
-einem gedruckten Buche_, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in
-Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird« (vgl. Band VII, Seite
-309 ff.). Die an Schewyrjow gerichteten Briefe aus der »Auswahl« waren
-unter den Papieren Schewyrjows nicht zu finden, wahrscheinlich hat er
-sie auch erst gelesen, als sie bereits gedruckt in Buchform vorlagen. Es
-ist daher heute noch für den größten Teil der Briefe vom Jahre 1846, die
-in der »Auswahl« enthalten sind, kaum möglich, die chronologische
-Reihenfolge genau festzustellen, ebensowenig wie sich zurzeit die Frage
-beantworten läßt, ob _schriftliche_ Antworten auf die an Gogol
-gerichteten Fragen vorliegen. In den Papieren Schewyrjows wurde nicht
-ein Brief Gogols aus dem Jahre 1846 gefunden, der in die Auswahl aus dem
-Briefwechsel usw. aufgenommen wurde.
-
-Aus dem Jahre 1846 stammen folgende Briefe und Aufsätze der »Auswahl«:
-
-1) _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski. (Band
-VII, Nr. 10, Seite 85.) Dieses Stück wurde 1845 niedergeschrieben und
-1846 nochmals umgearbeitet.
-
-2) _Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei den
-heutigen Zuständen in Rußland sein kann._ (Band VII, Nr. 24, Seite 291.)
-Dieses Stück stammt etwa aus dem September dieses Jahres und scheint
-unmittelbar für den Druck bestimmt gewesen zu sein.
-
-3) _Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit._ Aus einem
-Briefe an den Grafen A. P. T. (Band VII, Nr. 8, Seite 73) und
-
-4) _Über denselben Gegenstand._ Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.
-(Band VII, Nr. 9, Seite 79.) 3 und 4 stammen aus der ersten Hälfte des
-Jahres 1846.
-
-5) _Der Historienmaler Iwanow._ An M. Ju. Weligurski. (Band VII, Nr. 23,
-Seite 271.) Dieser Brief, der im Februar oder März dieses Jahres an den
-Grafen W. abgesandt wurde, wurde nachträglich, d. h. im August oder
-September, nochmals für den Druck umgearbeitet.
-
-7) _Karamsin._ Aus einem Briefe an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 13,
-Seite 123.) Der erste Entwurf dieses Briefes ist am 5. Mai 1846
-niedergeschrieben.
-
-8) _Über die Aufklärung._ An W. A. Schukowski. (Band VII, Nr. 17, Seite
-167.) Stammt aus dem Juni und Juli dieses Jahres.
-
-9) _Was eine Gouverneursgattin ist._ An Fr. A. O. S. (Band VII, Nr. 21,
-Seite 227.) Der erste Entwurf dieses Briefes stammt aus der zweiten
-Juli-Hälfte des Jahres 1845, er wurde am 4. Juli 1846 in neuer
-verbesserter Fassung an Frau A. O. Smirnowa gesandt und endlich im
-September 1846 und 1847 für die Drucklegung nochmals umgearbeitet.
-
-10) _Rußlands Schrecken und Grauen._ An die Gräfin *** (Band VII, Nr.
-26, Seite 307) ist zu Beginn des August 1846 niedergeschrieben.
-
-11) _Wesen und Eigenart der russischen Poesie._ (Band VII, Nr. 31, Seite
-369.) Dieser Aufsatz wurde »während dreier Epochen« geschrieben, er ist
-1836 oder 1843 (?) begonnen und im September 1846 für die Drucklegung
-vollendet.
-
-12) _Die Frau in der vornehmen Welt._ An Frau ***. (Band VII, Nr. 2,
-Seite 21.)
-
-13) _Der Christ schreitet vorwärts._ An Schtsch--w. (Band VII, Nr. 12,
-Seite 117.)
-
-14) _Ratschläge._ An S. P. Schewyrew. (Band VII, Nr. 16, Seite 161.)
-
-15) _Der vierte Brief über die Toten Seelen._ (Band VII, Nr. 18, IV,
-Seite 199.)
-
-16) _Der russische Gutsbesitzer._ An B. N. B. (Band VII, Nr. 22, Seite
-255.) Die Originalmanuskripte der letzten fünf Briefe sind unbekannt.
-Wahrscheinlich sind diese Stücke gleich für die »Auswahl« geschrieben.
-Der erste Brief wurde am 30. Juli druckfertig abgesandt, der zweite am
-13. (25.) August, der dritte und vierte am 12. September neuen Stils,
-der fünfte am 26. September.
-
-Die _Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) zur »Auswahl« stammt aus dem
-August des Jahres 1846.
-
-Der Aufsatz: _Auferstehungstag_ (Band VII, Nr. 32, Seite 447) trägt kein
-Datum.
-
- * * * * *
-
-Der Brief an _Arkadius Ossipowitsch Rosetti_ (Band VIII, Nr. 1, Seite 1)
-ist in Neapel geschrieben und wurde am 15. April 1847 abgesandt.
-
-_Über den »Zeitgenossen«_; (Sowremennik); (Band VIII, Nr. 2, Seite 11),
-ein Brief an P. A. Pletnjew, ist vom 4. Dezember 1846 datiert.
-
-_Die Beichte des Dichters_ (Band VIII, Nr. 3, Seite 33) ist im Mai 1847
-begonnen und noch in demselben Jahre vollendet.
-
-Der Brief an _W. A. Schukowski_ (Band VIII, Nr. 4, Seite 101) wurde am
-10. Januar 1848 (den 29. Dezember 1847) aus Neapel an Schukowski
-gesandt.
-
-_Die Betrachtungen über die Heilige Liturgie_ (Band VIII, Nr. 5, Seite
-115 ff.) wurden im Januar und Februar des Jahres 1845 in Paris
-konzipiert und in der ersten Fassung noch vor der Abreise nach Jerusalem
-(d. h. vor dem Januar 1848) vollendet. Nachträglich wurden sie noch bis
-zum Jahre 1852 mehrfach umgearbeitet[10].
-
-_Hans Küchelgarten._ Dieses Jugendwerk Gogols wurde wahrscheinlich
-bereits während seiner Schulzeit konzipiert und begonnen. Bald nach
-Gogols Ankunft in St. Petersburg (1828) ließ er das Werk unter dem
-Pseudonym _W. Alow_ drucken und gab es den Buchhändlern in Kommission.
-Es wurde teils gar nicht beachtet teils wie z. B. von Polewoi
-offenkundig abgelehnt.
-
-[Fußnote 10: 1911 ist eine deutsche Übersetzung von K. von Mickwitz in
-Rendsburg (Heinrich Möller Söhne) erschienen, die dem Herausgeber bei
-der vorliegenden Ausgabe, besonders für die Ermittlung der Bibelzitate,
-wertvolle Dienste geleistet hat.
-
-Die bibliographischen Anmerkungen und Lesarten zu den bisher
-aufgeführten Schriften sind der Ausgabe von Tichonrawow und Schenrock
-entnommen.]
-
-_Beilage I-IV. Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski._ (Band VIII, Seite
-369.)
-
-Dieser Briefwechsel mit dem berühmten russischen Kritiker Wissarion
-Bjelinski bildet eine wichtige Ergänzung zu der »Auswahl«, da er ein
-helles Licht auf die Stimmung wirft, aus der dieses Werk entsprungen
-ist, und weil er geeignet ist, Gogols Ziele und Absichten, die er mit
-dem Buche verfolgte, schärfer zu beleuchten und ein Bild von der Wirkung
-zu geben, die der Briefwechsel auf die Zeitgenossen ausübte. Die
-»Auswahl aus dem Briefwechsel« bezeichnet einen Wendepunkt in Gogols
-Leben, das von diesem Augenblick an mit unheimlicher Schnelligkeit der
-Katastrophe zutreibt. Bald nach dem Erscheinen des ersten Bandes der
-»Toten Seelen« setzt jene innere Krise ein, die so verhängnisvoll für
-Gogols Schaffen und sein persönliches Schicksal werden sollte. Der
-Zweifel an dem Zweck und Sinn des Dichterberufs, insbesondere an der
-Berechtigung seines eigenen dichterischen Stils steigert sich allmählich
-bis zu einer selbstquälerischen Melancholie, die das ganze menschliche
-Tun einseitig in den Blickpunkt der religiösen Zielsetzung einstellte.
-Der religiös-sittliche Zweck allein darf Inhalt und Wesensart der
-dichterischen Produktion bestimmen. Damit nimmt Gogols Schaffen immer
-mehr jenen didaktischen Charakter an, wie er so deutlich in dem
-Briefwerke zum Ausdruck kommt. Das Entwerfen von Mustern sittlicher
-Größe und Schönheit, Belehrung und Erziehung werden nun zu den höchsten
-Aufgaben des Dichters. Zugleich aber drängt sich immer kräftiger jener
-rückwärtsgewandte Zug zu einer passiven, heteronomen sittlichen
-Lebensauffassung vor, die in der demütigen Unterwerfung unter die
-gottgewollten Bindungen, in ihrer fügsamen Hinnahme den Sieg der Tugend
-und damit die Selbsterlösung aus der Wirrnis und den Unzulänglichkeiten
-der menschlichen Zustände erblickt. Diese Geistesstimmung konnte den
-»Briefwechsel« zu dem Grundbuch des rückständigen Rußland machen, zu dem
-Arsenal aller reaktionären Ideologien, die auf alle folgenden
-Generationen, so z. B. noch auf Dostojewski, bis in die neuere und
-neueste Epoche fortwirkten. Gegen diese Tendenzen richtete sich schon zu
-Gogols Zeit der stürmische Protest der europäisch gesinnten russischen
-Jugend, wie er aus dem von wundervoller Leidenschaft durchpulsten Brief
-Bjelinskis zu uns spricht. Dieser Brief wird sicherlich Gogol nicht
-gerecht. In seinem prachtvollen Empörungsausbruch übersieht Bjelinski
-die radikalen Konsequenzen, die sich aus Gogols Standpunkt ergeben und
-für die der Zensor ein feineres Verständnis zeigte, als er nicht
-unbeträchtliche Teile aus dem »Briefwechsel« herausstrich, ebenso wie
-Bjelinski die tiefen inneren sittlichen Probleme des menschlichen und
-künstlerischen Gewissens verkennt, die in diesem Werk ihren Ausdruck
-finden. Und doch liegt in dieser Ungerechtigkeit zugleich eine höhere
-geschichtliche Gerechtigkeit. In einer von freudigen Hoffnungen
-kommender großer Ereignisse erfüllten Zeit, die schon den großen
-Frühlingssturm des Jahres 1848 vorausahnte und sich auf ihn rüstete,
-mußte Gogols Predigt als ein Produkt dunkelster Reaktion, als das Werk
-eines finsteren rückwärtsdrängenden Geistes erscheinen.
-
-Die Empörung über das Buch war allgemein, nicht allein bei den
-sogenannten Westlingen und den radikalen Slawophilen, sondern selbst bei
-Gogols nächsten Freunden, die über den hochmütigen lehrhaften Ton, den
-Gogol hier angeschlagen hatte, ungehalten waren. 1847 veröffentlichte
-Bjelinski im zweiten Heft des »Sowremjennik« (Zeitgenossen) eine
-außerordentlich ungünstige Kritik, die sich zwar aus Zensurrücksichten
-eines maßvollen Tones befleißigte, aber Gogol, der bisher in Bjelinskis
-Kritiken nur begeisterter Zustimmung begegnet war, aufs tiefste
-verletzte. Da er sich den Grund zu Bjelinskis ablehnendem Urteil nicht
-erklären konnte, war er geneigt, ihn auf persönliche Motive
-zurückzuführen, wie dies aus Gogols durch die Rezension hervorgerufenem
-Schreiben an Bjelinski deutlich hervorgeht.
-
-Bjelinski befand sich um diese Zeit auf Veranlassung seiner Freunde in
-Salzbrunn, wo er eine Kur gegen die Schwindsucht brauchte. An einem
-Julitag des Jahres 1847 setzte er sich hin und verfaßte jenen berühmten
-Brief (Band VIII, Seite 361), der eine so große Rolle in dem geistigen
-Freiheitskampf Rußlands gespielt hat.
-
-Dieser Brief ist das Manifest des revolutionären Rußland geworden. Zwei
-weltgeschichtliche Gegensätze stoßen hier in heftigem Zusammenprall
-aufeinander. Europäertum und konservatives Altrussentum halten hier ihre
-große Abrechnung. Licht, Sonne, Heiterkeit, Klarheit, freie
-Selbstbestimmung auf der einen, Dumpfheit, Enge, Gebundenheit, Autorität
-auf der anderen Seite sind die Losungen, um die in diesem Briefwechsel
-gekämpft wird. Und es unterliegt keinem Zweifel, auf wessen Seite der
-Sieg sich neigt. Die Wirkung des Briefes war unbeschreiblich. In tausend
-Abschriften wanderte er von Hand zu Hand, und bald gab es in den
-entlegensten Provinzen, wie Asksakow schreibt, keinen Schullehrer, der
-den Brief nicht auswendig kannte. In allen oppositionellen Konventikeln
-wurde er mit Begeisterung gelesen und heimlich weiterverbreitet. Bloß
-der Tod (Bjelinski starb am 28. Mai 1848) rettete den Autor vor der
-Rache des Despotismus. Mußten doch zahlreiche junge Leute, darunter auch
-Dostojewski, wegen dieses Schreibens nach Sibirien wandern, lediglich
-weil sie der Polizei nicht von dessen Existenz Mitteilung gemacht
-hatten. So kämpfte in diesem Brief der Geist des verstorbenen Bjelinski
-noch nach seinem Tode tapfer weiter fort, wenn auch zunächst noch mit
-geschlossenem Visier. Lange war der Brief in Rußland gänzlich verboten.
-Alexander Herzen veröffentlichte ihn zum erstenmal in seinem in London
-erscheinenden »Polarstern«. Danach wurde er im Auslande und endlich 1872
-auch in Rußland auszugsweise unter Weglassung der schärfsten Stellen
-nachgedruckt. Der vollständige Abdruck im Jahre 1906 in der Bibliothek
-Swetotsch (Die Fackel) durch Wengerow bezeichnet einen neuen Abschnitt
-in der Geschichte des Briefes und zugleich eine neue Epoche in der
-russischen Revolution.
-
-
- Chronologische Tabelle der Werke Gogols
-
- Die Zahl des Bandes, in dem die einzelnen Schriften erschienen
- sind, steht in eckigen Klammern hinter der Jahreszahl.
-
- Hans Küchelgarten (um 1828) [VIII]
- Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
- I. Teil 1831 [III]
- Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
- II. Teil 1832 [III]
- Arabesken 1834 [VI]
- Mirgorod, Teil I und II 1834 [IV]
- Über die Strömungen der Zeitschriftenliteratur 1835 [VI]
- der Jahre 1834-1835
- Der Revisor 1836 [V]
- Die Equipage 1836 [IV]
- Die Nase 1836 [II]
- Petersburger Skizzen 1837 [VI]
- Italienische Sommernächte 1839 [VI]
- Szenen aus einer unvollendeten Komödie -- Der 1832-1842 [V]
- Morgen eines vielbeschäftigten Herrn -- Der
- Prozeß -- Das Vorzimmer -- Fragment
- Eine Heiratsgeschichte 1833-1842 [V]
- Die Toten Seelen, I. Teil 1835-1842 [I]
- Die Spieler 1836-1842 [V]
- Nach dem Theater 1836-1842 [V]
- Das Porträt 1837-1842 [II]
- Der Mantel 1839-1842 [II]
- Rom 1839-1842 [VI]
- Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden 1846 [VII u.
- VIII]
- Die Beichte des Dichters 1846 [VIII]
- Betrachtungen über die Heilige Liturgie 1845-1848 [VIII]
- Brief an Schukowski 1848 [VIII]
- Die Toten Seelen, II. Teil 1845-1852 [II]
-
-
- Inhalt des siebenten Bandes
-
- Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden I Seite
- Vorrede 1
- I Mein Testament 9
- II Die Frau in der vornehmen Welt 21
- III Die Bestimmung der Krankheiten 30
- IV Etwas über die Bedeutung des Wortes 35
- V Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen 43
- VI Wie man den Armen helfen soll 49
- VII Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee 55
- VIII Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit 73
- IX Über denselben Gegenstand 79
- X Über das Lyrische bei unseren Poeten 85
- XI Diskussionen 111
- XII Der Christ schreitet vorwärts 117
- XIII Karamsin 123
- XIV Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das 129
- Theater und von der Einseitigkeit überhaupt
- XV Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit 151
- XVI Ratschläge 161
- XVII Über die Aufklärung 167
- XVIII Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten 175
- Seelen«
- XIX Liebt unser russisches Vaterland 203
- XX Lernt Rußland kennen! 209
- XXI Was eine Gouverneursgattin ist 227
- XXII Der russische Gutsbesitzer 255
- XXIII Der Historienmaler Iwanow 271
- XXIV Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags 291
- und bei den heutigen Zuständen in Rußland sein kann
- XXV Über ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit 301
- XXVI Rußlands Schrecken und Grauen 307
- XXVII An einen kurzsichtigen Freund 317
- XXVIII In einen hochgestellten Mann 323
- XXIX Wessen Los auf Erden das beste ist 359
- XXX Ein Geleitspruch 363
- XXXI Wesen und Eigenart der russischen Poesie 369
- XXXII Auferstehungstag 447
-
-
- Inhalt des achten Bandes
-
- Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden II Seite
- An Arkadius Ossipowitsch Rosetti 1
- Über den »Zeitgenossen« (Sowremjennik) 11
- Die Beichte des Dichters 33
- An W. A. Schukowski 101
- Betrachtungen über die Heilige Liturgie 115
- Einleitung 121
- Das Offertorium (_Proscomidia_) 125
- Die Liturgie der Katechumenen 145
- Die Liturgie der Gläubigen 169
- Schluß 217
- Jugendschriften 223
- 1834 225
- Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken 231
- Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung »Der 235
- schreckliche Eber«
- I Der Lehrer 237
- II Der Erfolg der Gesandtschaft 251
- Das Weib 263
- Fragmente
- Gedichte und poetische Versuche 275
- Sturm 277
- Albumblatt 279
- Hans Küchelgarten 283
- Beilage: Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski
- I Gogol an Bjelinski 349
- II Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch 355
- III Bjelinskis Brief an Gogol 361
- IV Gogol an Bjelinski 381
- V Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle 395
- aufgefunden worden ist
- VI Gogol an W. S. Bjelinski 399
- Nachtrag 405
-
-
- Berichtigungen
-
-Zu Band V, Seite 479, Zeile 5 von unten: Prozeß. Das Bedientenzimmer
-usw. statt _Bedientenzimmer_ lies _Vorzimmer_ (Die Bedientenstube).
-
-Seite 480, Zeile 2 von unten statt _Die Bedientenstube_ lies _Das
-Vorzimmer_ (Die Bedientenstube).
-
-Zu Band VI, Seite 538, Zeile 6 statt 1835 lies 1836.
-
-
- Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
-Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
-verändert.
-
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt, teilweise
-unter Verwendung der russischen Originaltexte (vorher/nachher):
-
- ... Deutsch von Ullrich Steindorf ...
- ... Deutsch von Ulrich Steindorff ...
-
- [S. 1]:
- ... An Arkadius Ossipowitsch Rossetti ...
- ... An Arkadius Ossipowitsch Rosetti ...
-
- [S. 13]:
- ... auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«. Wir ...
- ... auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir ...
-
- [S. 15]:
- ... ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Verspechen, ...
- ... ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Versprechen, ...
-
- [S. 37]:
- ... sowie ferner mit dem Unterschied, das sich dies alles in ...
- ... sowie ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in ...
-
- [S. 64]:
- ... würden, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und ...
- ... würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und ...
-
- [S. 101]:
- ... An W. A. Schukkowski ...
- ... An W. A. Schukowski ...
-
- [S. 156]:
- ... Nachdem die Lobhymmen beendigt sind, beginnen die ...
- ... Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die ...
-
- [S. 159]:
- ... ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmich ...
- ... ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmlich ...
-
- [S. 179]:
- ... alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen Bewußsein ...
- ... alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen Bewußtsein ...
-
- [S. 183]:
- ... an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels ...
- ... an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer des Himmels ...
-
- [S. 184]:
- ... dem heiligen Hochalter, der den heiligen Abendmahlstisch ...
- ... dem heiligen Hochaltar, der den heiligen Abendmahlstisch ...
-
- [S. 372]:
- ... behaupten nnd es als eine große Wahrheit hinstellen, ...
- ... behaupten und es als eine große Wahrheit hinstellen, ...
-
- [S. 378]:
- ... Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit und getan, ...
- ... Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, ...
-
- [S. 411]:
- ... um um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ...
- ... um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ...
-
- [S. 417]:
- ... Über den »Zeitgenossen«; (Sowremjennik); ...
- ... Über den »Zeitgenossen«; (Sowremennik); ...
-
- [S. 427]:
- ... Das Offertorium (Prosconidia) | 125 ...
- ... Das Offertorium (Proscomidia) | 125 ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II,
-Hans Küchelgarten, by Nikolaj Gogol
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: ***
-
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- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
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- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
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- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
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-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
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-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
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-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
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-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
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-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/56475-h/56475-h.htm b/56475-h/56475-h.htm
index 6078053..10c1233 100644
--- a/56475-h/56475-h.htm
+++ b/56475-h/56475-h.htm
@@ -155,53 +155,7 @@ div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; }
<body>
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans
-Küchelgarten, by Nikolaj Gogol
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten
- Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen
- über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente
- / Hans Küchelgarten
-
-Author: Nikolaj Gogol
-
-Editor: Otto Buek
-
-Translator: Ullrich Steindorf
-
-Release Date: January 31, 2018 [EBook #56475]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library
-
-
-
-
-
-
-</pre>
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56475 ***</div>
<div class="frontmatter">
@@ -12783,380 +12737,7 @@ unter Verwendung der russischen Originaltexte (vorher/nachher):
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II,
-Hans Küchelgarten, by Nikolaj Gogol
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: ***
-
-***** This file should be named 56475-h.htm or 56475-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/6/4/7/56475/
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
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-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
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-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
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-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
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-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
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-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
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-facility: www.gutenberg.org
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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