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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 22:52:05 -0800 |
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Wenn ich häufiger das Glück hätte, solche Briefe zu +erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe +zu mir erfüllt wären, müßte ich schon längst viel klüger sein, als ich +es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen +will, jemand in irgendeiner Weise davon zu überzeugen, daß ich wissen +muß, was man über mich spricht, daß das die einzige Gelegenheit für mich +ist, etwas zu lernen, kurz, daß es einen Menschen gibt, dem man die +Wahrheit sagen muß, so hart und bitter sie auch sein mag, und für den +selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Haß und der +Lieblosigkeit entspringen, ein Bedürfnis sind? So war denn auch einer +der Gründe, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben -- das +Bedürfnis, zu lernen, und nicht etwa das -- andere zu belehren. Da man +jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als +dadurch, daß man ihn erzürnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe +mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen, +die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer +empfindlichsten Stelle treffen mußten. + +Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide außerordentlich +darunter, daß ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen +Umständen kennen müßte; ich leide darunter, daß ich eigentlich gar nicht +weiß, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, Ämter und aller +Bildungsstufen in Rußland darstellen. Alles, was ich hierüber bisher +unter einem ungeheuren Aufwand von Mühe ermitteln konnte, ist nicht +ausreichend, wenn meine »Toten Seelen« das werden sollen, was sie +eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach +dürste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschluß der +Bedienten und Lakaien über mein gegenwärtiges Buch sagen -- nicht +eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der +Beurteiler mit seinem Urteil über das Werk am besten charakterisiert. +Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst für +ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in +seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gütiger Mensch +oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser +Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, daß Sie es sich +heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewußtsein bringen +können, wie an diesem, was der Russe von heute für ein Mensch ist. Ich +kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen +Gebrechen leiden, einen wohltätigen Einfluß auszuüben, ich hatte +erwartet, daß sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten äußern würden, als das +wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter für mich, +vieles mitanhören zu müssen. Aber wie danke ich Gott heute dafür, daß es +gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt +unwillkürlich genötigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt +die Möglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu +lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von +ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, daß meine Persönlichkeit +hierbei Schaden gelitten hat (ich muß es Ihnen gestehen; ich brenne noch +heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaßend ich mich an vielen +Stellen ausgedrückt habe: fast à la Chlestakow), so muß man doch immer +Opfer bringen. Ich brauchte eine solche öffentliche Ohrfeige, ja ich +hatte sie vielleicht nötiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf +an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umständen Nutzen zu ziehen: +Gott hat plötzlich einen ganzen Haufen von Schätzen vor mir +ausgeschüttet, so daß ich mit beiden Händen danach greifen muß, wenn ich +sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas, +dessen nur ein Christ fähig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten für +mich auf, wo Sie sie immer finden mögen. Es wäre Ihnen ein leichtes, +sich täglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu +machen wie z. B. die folgenden: »Heute habe ich den und den, die und die +Meinung äußern hören; über das Leben dieses Menschen ist folgendes +bekannt, er hat einen solchen Charakter« (kurz, Sie könnten mir in +flüchtigen Zügen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts über +ihn bekannt, so schreiben Sie: über sein Leben kann ich nichts in +Erfahrung bringen, ich glaube aber, daß er das und das ist; äußerlich +macht er einen guten und anständigen (oder unanständigen) Eindruck; er +hält seine Hände so; schneuzt sich folgendermaßen; er schnupft Tabak und +zwar in folgender Weise; kurz, Sie dürfen keinen Zug vergessen, der +Ihnen ins Auge fällt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie +jeden geringfügigen Umstand sorgfältig buchen. + +Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder +eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und +Reihenfolge zu geschehen: man wirft bloß zwei, drei Zeilen aufs Papier, +ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar überzeugt, daß dies +eine angenehme Beschäftigung für Sie sein wird, weil Sie stets das +schöne Bewußtsein haben werden, daß Sie das für einen Menschen tun, der +Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so +große Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein +Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhält. Was soll ich machen, wenn dies +Spielzeug -- das wenigstens von anderen Leuten nur für ein Spielzeug +gehalten wird -- in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist; +es ist sogar so wenig ein Spielzeug, daß, wenn ich nicht genug von +diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen »Toten Seelen« +plötzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann +und lauter Dinge zum Vorschein kommen können, wie Sie sie in meinem +Buche gefunden und die Ihnen so mißfallen haben. Glauben Sie mir: wenn +dies Buch nicht erschienen wäre, hätte ich nie jene kunstlose +Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der »Toten +Seelen« herrschen muß, wenn sie jedermann für einen treuen Spiegel des +Lebens und nicht für eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch +großen Umweg man machen muß, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie +wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut +besser, hierüber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir -- das ist +alles, was ich zu sagen vermag. + +Was nun die Veröffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich +folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band +herauszugeben -- ist mir unmöglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor, +die nicht vergessen werden dürfen, und über meine ganze Zeit habe ich +schon disponiert; zudem würde ein ganz ähnliches Werk nicht einmal +Aufsehen erregen. Ich möchte nur, daß Wjasemski seine Bemerkungen dazu +macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch +einmal durchsehen und verbessern, so daß selbst der schlichteste Zensor, +auch ohne daß sie vor eine höhere Instanz zu gelangen brauchten, die +Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es +nur verständig auszudrücken versteht. Der Mißerfolg der besten und +hochherzigsten Unternehmungen rührt meist von unserer Ungeschicklichkeit +her -- da wir gewöhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken: +»Man muß Wasser in seinen Wein gießen« (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber +verdünne sie erst ein wenig). Wenn wir -- statt mit großer Sicherheit +und hochmütiger Miene Ratschläge zu erteilen, die wir in dem Tone eines +Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, daß er sich irren +könnte -- schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, können wir +sicher sein, daß unsere Gedanken von vielen Lesern beifällig aufgenommen +und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehört, mag +fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden; +wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrängt, da soll +sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch +eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon +gedruckten Sätze einen maßvolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen +diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders +veröffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine höhere +Bedeutung verleihen und die Menschen in Rußland an _Rußland_ erinnern +und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen +werden. Obwohl es große Mängel hat, -- es ist nicht auf kurze flüchtige +Eindrücke berechnet. Man muß es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur +für die, die es überhaupt nicht verstanden, sondern auch für die, die es +besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch +Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergründet werden +können. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne +genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wäre sehr schön, wenn +die vollständige Ausgabe im September erscheinen könnte. Das Buch wird +gekauft werden, man kann nämlich noch einiges hinzufügen, was dazu +beitragen könnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige +Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu +lesen. Sie danken mir dafür, daß ich Ihnen (durch die Bemühungen um mein +Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele näher kennen zu +lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafür, daß Sie mir einige +Mitteilungen über ihn zukommen ließen, um derentwillen ich ihn heute +noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit höher schätze als +je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem +schönen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich +kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich +dafür geben würde, wenn ich ihn jetzt sehen, persönlich mit ihm sprechen +und ihn an meine Brust drücken könnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie +aufs herzlichste, mein unschätzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich +Ihnen vielmals für Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr + + Gogol. + +_P. S._ Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Büchern +eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind. +Alle andern erhalten durch den Kurier die schönsten Sachen zugestellt; +sogar Buchweizengrütze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich +erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblättchen. + +Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu bestätigen. +Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar +senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn. + +[Fußnote 1: Getrocknete Rückensehne vom Stör, die in Rußland zur Füllung +von Backwerk verwendet wird. Anm. d. Hersg.] + + + + + Über den »Zeitgenossen« + (Sowremennik) + Ein Brief an P. A. Pletnew + + + Den 4. Dez. 1846. + +Endlich komme ich dazu, mit dir über den »Zeitgenossen« zu sprechen. +»Der Zeitgenosse« war eine schlechte Zeitschrift trotz des +vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses +schöne Ziel, um dessentwillen du ihn gegründet hast, war aus der +Zeitschrift für niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil, +alle Leute fragten betroffen: »Erklären Sie mir bitte, warum und zu +welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit +sagen? Was wollen diese Gemeinplätze in seinem Programm bedeuten, diese +vielen Wiederholungen über Unparteilichkeit, seine uneigennützige Liebe +zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die +jeder Journalist macht und doch keiner hält?« Der magere Inhalt dieser +dünnen Büchlein, der leblose, gleichgültige, matte, verwaschene Stil, in +dem seine Urteile über alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein +Rätsel auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir wollen +ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung: +weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung für alle +modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde für alle Fragen, die +die große Masse unserer Gesellschaft beschäftigen, noch endlich jenen +enzyklopädischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen +Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen +Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur +eine hohe Gabe zuteil -- sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blüten, +die im Garten der Poesie wachsen, zu ergötzen und die höchsten Regungen +der Menschenseele zu verstehen. Der Sänger des »Münnich« und einiger +anderer schöner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der +stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, hätte die polemische +Arena meiden sollen. »Der Zeitgenosse« war selbst unter Puschkin nicht +das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein +viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte. +Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften +schaffen, in der durchdachtere und gründlichere Abhandlungen zum Abdruck +kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die +Mitarbeiter zur Eile gedrängt werden und nicht einmal soviel Zeit haben, +das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen. +Übrigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht +allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als +er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er +zuerst sogar zurücktreten. Die ganze Schuld fällt auf mich: ich flehte +ihn an, seinen Plan doch auszuführen. Ich versprach ihm meine dauernde +Mitarbeit. In meinen Aufsätzen fand er vieles, was einer periodischen +Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen +konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu +jener Zeit tatsächlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu +hoch, als daß er noch ein solch jugendliches Gefühl in sich hätte bergen +können: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals +noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt ließ. Mein hartnäckiges +Zureden und mein Versprechen, tätig mitzuwirken, überzeugte ihn; aber +ich hätte mein Wort doch nicht halten können, selbst wenn er am Leben +geblieben wäre. Ich wußte noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung +führen würde, ich wußte nicht, daß ich einmal alle Kräfte und +Fähigkeiten für jede lebendige literarische Betätigung verlieren und +lange Zeit für alles absterben würde, was den Menschen von heute bewegt. +Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschüttert durch +diesen für alle so schmerzlichen Verlust, der für dich noch weit +schmerzlicher war als für alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der +Zeitschrift. Die Erkenntnis, daß die moderne Gesellschaft verwaist und +des Lichts der Poesie beraubt zurückgeblieben und dazu verurteilt sein +sollte, nichts wie törichte und unfruchtbare Diskussionen und +Streitereien über die Kunst anzuhören, statt sich an den Werken der +Kunst _selbst_ zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und +tief betrübt über diese Vereinsamung und Leere, die sich übrigens schon +zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemächtigt hatte, übernahmst du die +Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas +errichten, das zu Beginn der Puschkinschen Ära ganz von selbst +emporgeblüht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergaßt du +sogar, daß nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern daß +eine höhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht +einmal, daß du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe +periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise +erreichen ließ. »Der Zeitgenosse« hätte als Zeitschrift nicht einmal +dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten +Journalisten in dir vereinigt hättest. Ich muß gestehen, ich kann es mir +nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu +einer Notwendigkeit für unsere Epoche machen sollte. Eine solche +enzyklopädische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer +Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedürfnis mehr wie +früher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drängt uns +alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der +modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft +und die oberflächliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre +Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu +aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Kräfte und +seine Fähigkeiten genauer zu prüfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu +wählen, und zwar kein flüchtiges Augenblicksziel, sondern eine +lebensvolle, reiche und große Aufgabe, die allein den Fähigkeiten +entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner +Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem +Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen. +»Der Zeitgenosse« sollte gänzlich auf den Namen einer Zeitschrift +verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrängter +Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter +eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas Ähnliches darstellen wie +die »Blumen des Nordens« des Barons _Delwig_, dem du durch dein +Verständnis für den Wohllaut der Poesie und deine Fähigkeit, dich an ihr +zu erfreuen und sie intensiv zu genießen, so sehr gleichst. Es ist weit +besser, er erscheint bloß dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen: +das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum +ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus +der Sommerfrische in den Städten zusammenströmt, und das drittemal zu +Neujahr; kurz -- er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo +sich alles mit dem größten Heißhunger auf ein neues Buch stürzt. Alles, +was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektüre +trägt, muß wegbleiben: alle Berichte über Tagesneuigkeiten, jegliche +politischen Nachrichten oder Anzeigen sämtlicher neuen Bücher; höchstens +darf der Band einen ernsten kritischen Bericht über die bedeutsamsten +Werke enthalten, die während eines Jahrdrittels erschienen sind, und +zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen +literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert +werden, daß es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der +Literatur und daß es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz +konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei +Ähnlichkeit mit den übereilten hastigen und fragmentarischen Produkten +unserer Zeitschriftenliteratur haben, dürfen aufgenommen werden. Nur die +schönsten Blüten unserer modernen literarischen Produktion dürfen hier +vereinigt sein. Das aber läßt sich nur in einer Zeitschrift erreichen, +die nicht mehr als dreimal jährlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei +Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen. + +Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische +Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger +gestaltet werden als früher. Ich will hier ausdrücklich _die_ modernen +Schriftsteller anführen, deren Aufsätze unserm »Zeitgenossen« zur Zierde +gereichen würden. Vor allem müssen wir da den Grafen _Sollogub_ nennen, +der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzähler ist. Niemand darf +sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache +rühmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrücke und jede +seiner Wendungen ist prägnant und von einem feinen Anstandsgefühl +erfüllt. Er hat einen großen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist über +alles unterrichtet, was heute unsere höheren Gesellschaftskreise +beschäftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich +noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfüllt, und er ist +durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingeführt worden, sich +eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Käme noch solch +ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann könnte er ein treuer +Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke würden +um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. -- + +Gleich nach ihm müssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich +unter dem fingierten Namen: _Kosak Luganski_ verbirgt. Er ist kein Poet, +ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch, +wahrhaft produktive Schöpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die +Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus +solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe +Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil +eine große Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der +Natur geschöpft. Er braucht keinen Knoten zu schürzen und ihn dann +wieder zu lösen, worüber sich die Romanschreiber so sehr die Köpfe +zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die +sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er +miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine äußerst +interessante Erzählung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit +bedeutender als sämtliche Erzähler von großer Erfindungsgabe. Vielleicht +bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als +irgendein anderer meinem persönlichen Geschmack und den eigentümlichen +persönlichen Forderungen, die ich an einen Erzähler stelle, +entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schöpfe ich Belehrung und neue +Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes +besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies, +daß ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr nützlich sein +kann, ja daß er eine Notwendigkeit für uns ist. Seine Werke sind ein +lebendiger und getreuer statistischer Bericht über Rußland. Alles, was +er aus seinem umfassenden Gedächtnis schöpft und was er uns in seiner +wahrheitsgetreuen Sprache erzählt, wird ein wertvoller Beitrag für +deinen Almanach sein. + +Ich weiß nicht, warum _N. Pawlow_ so gänzlich verstummt ist, ein +Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzählungen sofort ein +Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben +und sich bloß dadurch geschadet bat, daß er es vorzog, nicht mehr _er +selbst_ zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen +Erzählungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer +stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen +poetischen Einfällen oder zu künstlichen mosaikartigen Ausschmückungen +des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht +zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges +psychologisches Phänomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in +seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzählen, um eine Novelle +mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schöpfungen zu +schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehören. + +Mancherlei Vorzüge hat meiner Ansicht nach auch ein Schriftsteller, +dessen Werke unter dem Namen _Kulisch_ erscheinen. Sein blühender Stil +und seine große Kenntnis der Sitten und Bräuche Kleinrußlands sprechen +dafür, daß er ganz vorzüglich dafür geeignet wäre, eine Geschichte +dieses Landes abzufassen. Auch hätte er sicherlich in noch höherem Grade +die Befähigung, frische und lebensvolle Aufsätze für den Almanach zu +schreiben und uns schlicht und einfach von den Sitten und Bräuchen der +alten Zeiten zu erzählen, ohne diese Schilderungen in den Rahmen einer +Novelle oder einer dramatischen Erzählung hineinzustellen, ganz ähnlich +wie uns einstmals _Kornilowitsch_ von dem Zeitalter Peters und von der +vorhergehenden Epoche erzählt hat. Sein Roman hat recht interessante +Partien, als Ganzes ist er jedoch matt und langweilig; die kostbaren +Perlen: sein großes historisches Wissen, die gediegenen Kenntnisse, die +über alle Seiten des Werkes verstreut sind, gehen gänzlich verloren, +ohne irgendeinen Nutzen zu bringen. + +Man hat mir gesagt, daß die _Novelle_ bei uns in der letzten Zeit im +allgemeinen einen großen Erfolg habe und daß einige junge Schriftsteller +eine besondere Neigung zur Beobachtung des wirklichen realen Lebens an +den Tag legten. In den Werken, die ich zu lesen Gelegenheit hatte, +konnte ich in der Tat eine ähnliche Tendenz konstatieren, obwohl der +Aufbau dieser Novellen mir außerordentlich primitiv und ungeschickt +vorkam; die Form der Erzählung erschien mir übertrieben und allzu +wortreich, und dem Stil mangelte es an der rechten Einfachheit. Aber ich +bin überzeugt: wenn in jedem dieser Schriftsteller erst einmal der +Mensch, die Persönlichkeit -- und zwar noch vor dem Schriftsteller -- +zum Durchbruch gekommen ist -- daß sich dann alles andere ganz von +selbst ergeben, daß jeder von ihnen eine starke schriftstellerische +Eigenart bekunden, und daß keiner dieser Fehler mehr an ihnen zu +bemerken sein wird. Ich muß hier noch _des_ Schriftstellers gedenken, +der seine literarische Wirksamkeit mit dem Drama »_Der Tod Ljapunows_« +begonnen hat. Diesem Drama fehlt es im Aufbau des Ganzen zwar noch an +der vollen szenentechnischen und dramatischen Reife, über die nur ein +erfahrener Bühnenschriftsteller verfügt, allein es besitzt viele +Vorzüge, die in seinem Schöpfer einen Schriftsteller von hervorragender +Bedeutung ahnen lassen. Das Vergangene so lebendig miterleben und in +einer so lebensvollen Sprache von ihr künden zu können -- das ist eine +große Gabe! An seiner Stelle würde ich mich förmlich in die alten +Chroniken vergraben, mich ganz an ihnen festsaugen und diese Lektüre +keinen Augenblick im Stiche lassen. Ihnen könnte er viele herrliche +Stoffe entnehmen. Wer weiß, vielleicht würde ihn eine solche Lektüre auf +den vortrefflichen Gedanken bringen, eine wahrheitsgetreue Geschichte +der Zeit zu schreiben, die sein Interesse am meisten fesseln würde. Ein +echt historisches Werk, aus der Feder eines Schriftstellers, der sich so +stark in die historischen Charaktere einzufühlen vermag, ein Werk, das +so lebendig und farbig geschrieben ist, ist weit wertvoller als alle +historischen Dramen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch etwas von +den jungen Schriftstellern sagen, die ihre Laufbahn erst beginnen. Ich +wünschte, du suchtest _Prokopowitsch_ auf und könntest ihn dazu +veranlassen, doch zur Feder zu greifen und sich im erzählenden Genre zu +versuchen. Von allen denen, die mit mir zusammen die Schule besucht +haben und zu gleicher Zeit mit mir zu schreiben begannen, zeigte er weit +früher als alle anderen ein großes Talent für eine anschauliche +Darstellungsweise, getreue Lebensschilderung und eine starke +Beobachtungsgabe. Seine Prosa hatte etwas Munteres und Freies; alles kam +bei ihm ungezwungen heraus und strömte ihm in reicher Fülle zu; alles +gelang ihm ohne große Anstrengung, aus allem schien hervorzugehen, daß +er einmal ein äußerst fruchtbarer Romanschriftsteller werden würde. Ich +weiß wohl, er ist heute verstummt, er hat den Drang nach einer +ausgebreiteten freien Tätigkeit in sich einschlafen lassen, sein +Wirkungskreis hat sich verengt, und es liegt kaum noch ein weites Feld +für die Beobachtung des Lebens vor ihm. Aber das Leben bleibt überall +das gleiche Leben, und je geringer der Raum, je enger der Kreis ist, in +dem es sich ausbreiten kann, um so gründlicher und tiefer können wir +gerade dies Stück Leben erforschen und durchdringen. Sogar die +Geschichte unserer Seele, die unser Erwachen aus einer totenähnlichen +Erstarrung zum Gegenstand hat, ein Erwachen, angesichts dessen der +Mensch mit Entsetzen auf sein in so tierischer Weise vergeudetes Leben +zurückblickt, kann einen herrlichen Stoff für einen Roman abgeben ... +Was für ein Festtag wäre das für meine Seele, wenn ich einmal im +»Zeitgenossen« eine Novelle fände, unter der sein Name stünde! Was +endlich mich selbst angeht, so kann ich nach wie vor kein fleißiger und +eifriger Mitarbeiter an deinem »Zeitgenossen« sein. Du hast schon selbst +bemerkt, daß man mich nicht einen Schriftsteller im strengen klassischen +Sinne nennen kann. Von all den jungen Leuten, die zugleich mit mir und +noch während unserer Schulzeit zu schriftstellern begannen, zeigte ich +in weit geringerem Grade als alle anderen jene Fähigkeiten, die die +notwendigen Vorbedingungen jedes literarischen Schaffens sind. Ich will +dir gestehen, daß selbst in meinen frühsten Projekten und in meinen +Träumen von einer künftigen Tätigkeit nie der Gedanke an die +Schriftstellerlaufbahn auftauchte. Ich wurde fast wie durch einen Zufall +darauf gestoßen. Ich hatte einige Beobachtungen über einzelne Seiten des +Lebens gemacht, deren ich für meine inneren geistigen Angelegenheiten +bedurfte, die mich von jeher aufs lebhafteste beschäftigten, und _sie_ +gaben den Anlaß dazu, daß ich zur Feder griff und beschloß, dem Leser +voreilig alles das mitzuteilen, was ich ihm erst später, d. h. nach +Vollendung meiner eigenen Erziehung hätte mitteilen sollen. Ich mußte +mir alles unter großen Mühen erringen, was einem geborenen +Schriftsteller mühelos zuteil wird. Bis auf den heutigen Tag will es mir +nicht gelingen, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, die rechte +Form für meine Sprache und meinen Stil, diese beiden wichtigsten +Werkzeuge jedes Schriftstellers, zu finden: bis auf den heutigen Tag +sind beide noch so ganz roh und formlos, wie bei keinem Schriftsteller, +nicht einmal bei einem von den schlechten, so daß selbst ein Anfänger, +ein Schuljunge das Recht hat, sich über mich lustig zu machen. Alles, +was ich geschrieben habe, ist nur von psychologischer Bedeutung, kann +aber nie als Muster schöner Literatur in Betracht kommen, und ein Lehrer +würde sehr unvorsichtig handeln, wenn er seinen Schülern den Rat geben +wollte, bei mir zu lernen, wie man schreiben oder wie man die Natur +schildern muß: er würde sie dazu anhalten, Karikaturen zu zeichnen. Den +Beweis dafür kannst du bei einzelnen jungen und unerfahrenen Nachahmern +meiner Manier finden, die gerade durch die Nachahmung weit unter das +Niveau ihres eigenen Könnens herabgesunken sind und ihre Selbständigkeit +und Eigenart verloren haben. Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Spiegel +der Dinge zu sein und die uns umgebende Wirklichkeit, ganz so wie sie +ist, in mir widerzuspiegeln -- ein Streben, von dem ein Dichter während +seines ganzen Lebens gespornt wird und das nur mit seinem eigenen Tode +zur Ruhe kommt. Ich kann auch heute nur von solchen Dingen reden, die in +einer nahen Beziehung zu meiner Seele stehen. Wenn ich also einmal das +Gefühl habe, daß jemand meiner offenherzigen aufrichtigen Meinung bedarf +und daß meine Worte einer Menschenseele den inneren Frieden zu geben +vermögen, dann sollst du einen Aufsatz von mir für deinen »Zeitgenossen« +erhalten; wenn nicht -- so wirst du keinen bekommen, und deswegen darfst +du mir nicht zürnen. + +Ich habe hier auch keinen von unseren heutigen Prosaschriftstellern +erwähnt, die teils selbst mit der Herausgabe von Zeitschriften +beschäftigt sind, teils an Schöpfungen abstrakteren Charakters arbeiten, +die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, Schriftsteller, die +weder die Möglichkeit noch Muße genug haben, an deinem »Zeitgenossen« +mitzuarbeiten. -- Diese sollst du gar nicht erst bemühen. Bei dieser +Gelegenheit muß ich dich ein wenig ausschelten. Du bist im Unrecht, wenn +du vielen Literaten Verständnislosigkeit und mangelnde Teilnahme für +deine Zeitschrift vorgeworfen und dies auf ihre Gleichgültigkeit gegen +die gemeinsame Sache, ihre mangelnde Liebe zur Kunst, ihre Geldgier usw. +zurückgeführt hast. Ein jeder Mensch ist mit irgendeiner eigenen inneren +Angelegenheit beschäftigt; in der Seele eines jeden geht etwas vor, gibt +es Erlebnisse, die ihn von der Mitarbeit an der allgemeinen, gemeinsamen +Sache abziehen; und man kann absolut nicht verlangen, daß ein anderer +sein eigenes Interesse einem Lieblingsgedanken von uns und unseren +Zielen zum Opfer bringen soll, denen wir nachzustreben entschlossen +sind. Gott weist jeglichem seinen Weg an, der immer ein ganz anderer ist +wie der, den ein anderer Mensch zurücklegen muß, und man darf nicht alle +Menschen mit derselben Elle messen. Daher mußt du selbst die ablehnende +Antwort und die Weigerung eines Menschen respektieren, auch dann noch, +wenn er den Grund nicht angeben will, weshalb er keinen Beitrag für den +»Zeitgenossen« zu liefern vermag. Sei zufrieden mit dem, was man dir +gibt. Wenn bloß die von mir namhaft gemachten Autoren dir Beiträge +liefern werden, so würde dies allein schon vollauf genügen. Aber ich +weiß, daß auch noch andere, die ich nicht genannt habe, dir welche zur +Verfügung stellen werden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute über +einen Mangel an talentvollen Schriftstellern klagen, finde ich, daß es +gegenwärtig weit mehr Talente gibt als je zuvor. Sie haben nur ihren Weg +noch nicht gefunden. Keiner von ihnen hat es bisher verstanden, _er +selbst_ zu sein, und das ist der Grund, warum man sie nicht bemerkt; +indessen viele von ihnen werden schon von diesem Wunsch gequält, obwohl +sie noch nicht wissen, wie sie ihn befriedigen sollen. Das Streben, +seine eigene Bestimmung kennen zu lernen, ist heutzutage der wunde +Punkt, an dem viele begabte Leute kranken. Das ist der wahre eigentliche +Grund der Trägheit und Tatenlosigkeit auf literarischem Gebiet. + +Der poetische Teil des »Zeitgenossen« kann gleichfalls sehr reichhaltig +gestaltet werden, trotzdem im heutigen Publikum der Geschmack an der +Poesie erloschen zu sein scheint; Gott sei Dank lebt der Patriarch +unserer Poesie noch, -- noch hat uns der Himmel ja _Schukowski_ +erhalten. Zum Dank für sein reines, makelloses Leben darf _er_ sich +allein unter uns allen noch im Greisenalter einer wahren Jugendfrische +erfreuen und jugendliche Kraft zu neuen poetischen Taten in sich fühlen. +Seine jetzigen Arbeiten sind weit ernster und bedeutsamer als seine +früheren. Man darf ihn nicht nach jenen Verserzählungen und Märchen +beurteilen, die in der letzten Zeit im »Zeitgenossen« zum Abdruck +gekommen sind. Sie konnten und sollten auch keinen Eindruck auf das +Publikum machen, und es ist kein Wunder, daß das Publikum, das jedes +neue Werk an seinen eigenen geistigen Bedürfnissen mißt und in ihm eine +Antwort auf sein unruhiges Fragen und Sehnen sucht, diese Gedichte für +eine »_Kinderei_« von Schukowski erklärt hat. Sie waren tatsächlich für +kleine Kinder geschrieben. Diese Märchen und Erzählungen hätten in Form +eines besonderen Buches unter dem Titel _»Eine Gabe für die Kinder« von +Schukowski_, erscheinen sollen. Es war ein Fehler von ihm, sie einer +Zeitschrift einzusenden. Ich habe ihm dies schon damals gesagt und ihm +geraten, entweder gar nichts oder doch nur etwas einzusenden, was dem +Empfinden eines erwachsenen Menschen entspricht. Jetzt aber weiß ich, +daß er dir für den Almanach einige von den Perlen überlassen wird, die +tief im Inneren seiner Seele gereift sind, in der sich während der +letzten Zeit soviel Herrliches ereignet hat. Noch leben Gott sei Dank +zwei andere von unseren erstklassigen Dichtern: Fürst Wjasemski und +Jasykow. Sie können den »Zeitgenossen« mit neuen Tönen bereichern, wie +man sie von ihnen noch nicht vernommen hat -- mit Tönen, die aus einem +gequälten, gepreßten Herzen hervorströmen, mit Liedern, die aus der +Seele selbst kommen, einer Seele, die sich bereits mit dem strengen +Gehalt der Poesie erfüllt hat. + +Die jüngeren von unseren Dichtern, die erst in jüngster Zeit aufgetreten +sind und die ich hier nicht mit Namen nenne, haben zwar bisher nur eine +gewisse Begabung für eine wohllautende, leichte und elegante Verskunst +an den Tag gelegt, aber noch nicht gezeigt, daß sie echte und wahre +Gefühle besitzen, allein auch sie können poetische Saiten anschlagen, +die unserem Empfinden näher liegen. Die Poesie ist die reine +Manifestation, die Offenbarung der Seele und nicht ein künstliches +Erzeugnis oder Produkt des menschlichen Wollens; die Poesie ist die +Wahrheit der Seele und kann daher allen in gleicher Weise zugänglich und +verständlich sein. Die Schöpferkraft, die Dichtergabe ist eine sehr hohe +Gabe und wird nur den universellen Genies verliehen, die nur ganz selten +auf der Erde erscheinen; für einen anderen ist es gefährlich, diesen Weg +zu betreten. Selbst von den erstklassigen Talenten sanken viele unter +ihr eigenes Niveau herab, wenn sie sich in die Sphäre der reinen +Erdichtung wagten, während sogar geringe Talente sich hoch über sich +selbst erhoben, wenn sie durch ihre eigenen seelischen Erlebnisse dazu +veranlaßt wurden, lediglich die reine nackte Wahrheit ihres geistigen +Erlebens darzustellen. Die Zeit rückt immer näher, wo der Drang nach +einer inneren Seelenbeichte immer lebhafter und lebhafter werden wird. +Selbst die, die nicht einmal daran denken, daß sie Dichter sein könnten, +werden Töne wahrer Poesie erklingen lassen; viele herrliche Blumen, +viele kostbare Schätze werden dir von allen Seiten für deinen +»Zeitgenossen« zufließen. Du selbst, der du die Leier schon längst +beiseitegelegt und vergessen, der du es schon lange nicht mehr versucht +hast, ihr einen Ton zu entlocken, du selbst wirst von neuem zu ihr +greifen. Du hast doch sicherlich in dieser Zeit auch nicht wenig +schmerzliche Augenblicke und manchen Kummer erlebt, von dem niemand +etwas erfahren hat; auch _deine_ Seele wurde sicherlich von dem +Verlangen verzehrt, sich jemand mitzuteilen und sich auszusprechen, sie +hat sicherlich nach einem Freunde gesucht, der Verständnis für all ihre +Bitternisse hätte; da sie ihn nicht finden konnte, hat sie sich +sicherlich an jenes uns allen verwandte und vertraute Wesen gewandt, das +es allein versteht, den Trauernden und Bekümmerten liebevoll an seinen +Busen zu ziehen, jenes Wesen, an das sich schließlich alles wendet, was +da lebt. Nun denn, so denke an alle diese Augenblicke, sowohl an die des +Kummers, wie an die der höheren Tröstung, die auf dich herabgesandt +wurde; nun denn, so finde einen Ausdruck für sie, stelle sie recht und +wahrhaft dar, wie du sie erlebt hast. Die Tränen der Rührung und die +innigsten Gefühle eines dankbaren Herzens werden dir dabei zu Hilfe +kommen und es dir ermöglichen, sie mit solcher Kraft zum Ausdruck zu +bringen, wie dies selbst ein großer, alle Zauberkünste der Dichtung +beherrschender Poet, der jedoch den wahren Schmerz noch nicht kennen +gelernt hat, nie vermöchte. Dann wird der »Zeitgenosse« seinen Namen +rechtfertigen, aber freilich in einem anderen -- höheren Sinne: er wird +allen höchsten Augenblicken, allen höchsten Empfindungen der russischen +Schriftsteller und Menschen Genüge tun. Dann wird er sich auch dem +eigentlichen Ziele weit mehr nähern, das deinem Geiste unklar und +entfernt vorschwebte; er wird alle Schriftsteller zu einem ästhetischen +Bund voll herrlicher brüderlicher Liebe vereinen. In ganz Rußland +vermagst nur du so ein Wagnis zu unternehmen und eine solche Zeitschrift +zu schaffen, weil du allein den Gedanken an sie fortwährend in dir +genährt hast; nur du hast keine pekuniären Interessen im Auge gehabt und +an keinen Lohn für deine Arbeit gedacht; nur du hast ganz unbewußt eine +reine, kindliche Liebe zur Kunst in dir gehegt, die dich unseren besten +Dichtern entfremdete und die die Kunst zu deiner eigensten, +vertrautesten Herzens- und Familienangelegenheit machte. Folglich kann +auch nur dir eine solche Zeitschrift anvertraut werden. Sie muß glänzend +ausgestattet sein; sie muß eine in jeder Beziehung kostbare und +wertvolle Gabe darstellen: der Druck muß so schön und vornehm wie nur +möglich, die Bücher müssen mit den schönsten Stichen und Vignetten, die +bei uns in Rußland hergestellt werden können, geschmückt sein (damit +mußt du russische Graveure beauftragen und keine Ausländer heranziehen). +Das Format der Bände mußt du nicht zu groß wählen, es sollte nur ein +wenig größer sein als das der »Blüten des Nordens«, kurz, das Werk muß +seinem inneren Wert und seiner äußeren Ausstattung nach den Eindruck +eines kostbaren Gegenstandes machen. Das alles aber vermagst nur du zu +bewerkstelligen; denn da du nicht die Absicht hast, die Einkünfte davon +für deine eigenen Bedürfnisse und deinen Unterhalt zu verbrauchen, +kannst du alles darauf verwenden, das Werk möglichst schön auszustatten +und hierdurch unseren armen Künstlern, die häufig bitteres Elend leiden +müssen, Gelegenheit geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. + +Und nun gehe, wenn alles, was ich dir hier gesagt habe, deinen Beifall +hat, in Gottes Namen an die Arbeit, stelle zunächst einmal das erste +Buch des »Zeitgenossen« zusammen und sorge dafür, daß es am kommenden +Osterfeste des Jahres 1847 erscheinen kann; meinen Brief kannst du als +ersten Aufsatz, als Programm oder als Einleitung zu dem Bande abdrucken. +Vorher aber gib ihn allen denen zu lesen, von denen du einen Aufsatz +haben möchtest. So matt und flüchtig er auch geschrieben sein mag, ich +bin trotzdem davon überzeugt, daß ein jeder, der ihn lesen wird, mit dir +und mir darin übereinstimmen wird, daß ein solches Werk eine +Notwendigkeit für Rußland ist, und er wird dir sicherlich die beste +seiner Arbeiten zur Verfügung stellen. In den Zeitungen brauchst du es +nur mit wenigen Worten anzukündigen und zwar brauchst du nur zu +erwähnen, -- daß vom »Zeitgenossen« dreimal im Jahre, zu den oben +angeführten Terminen, je ein Band erscheinen werde; füge nur noch die +Namen der Autoren hinzu, deren Aufsätze zum Abdruck kommen sollen -- das +wird vollständig genügen. Alles übrige -- der Gehalt und die Bedeutung +der Aufsätze sowie die Pracht und Schönheit der Ausstattung -- mag für +jeden Leser eine angenehme Überraschung sein. + + + + + Die Beichte des Dichters + + +Alle sind sich darüber einig, daß noch nie ein Buch soviel Aufsehen +gemacht und zu so verschiedenen Meinungen und Deutungen Anlaß gegeben +hat, wie die »Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«. Und was +das merkwürdigste ist, was bisher vielleicht in der Literatur noch +niemals passiert ist, der Gegenstand dieses Geredes und dieser Kritiken +war nicht das Buch selbst, sondern sein Autor. Jedes Wort wurde mit +Mißtrauen und Argwohn analysiert, und alle Leute wetteiferten +miteinander, die wahre Quelle aufzudecken, aus der es herstammte. An dem +lebenden Körper eines noch lebenden Menschen wurde jene furchtbare +anatomische Sektion vollzogen, bei der selbst ein Mensch von starker +Konstitution in kalten Schweiß ausbricht. So erschütternd und kränkend +jedoch für einen vornehm denkenden und anständigen Menschen viele von +diesen Schlüssen und Folgerungen auch sein mochten, ich nahm dennoch +alle die schwachen Kräfte, über die ich verfügte, zusammen, ich +beschloß, alles zu ertragen, mir dies Erlebnis wie einen Wink von oben +zunutze zu machen -- und strenge Einkehr in mich selbst zu halten. Auch +hierüber habe ich nie eine Meinung, einen Rat, einen Tadel oder einen +Vorwurf geringgeachtet und verschmäht, denn ich überzeugte mich mit der +Zeit immer mehr, daß, wenn der Mensch einmal alle jene empfindlichen +Saiten in sich vernichtet hat, die ihn zum Zorn und Ärger geneigt +machen, und wenn er sich erst einmal die Fähigkeit erworben hat, alles +ruhig anzuhören, er dann jene Stimme der rechten Mitte vernehmen muß, +die sich als Resultat ergibt, wenn man alle einzelnen Stimmen +zusammenfügt und die Extreme auf beiden Seiten in Erwägung zieht, kurz, +ich meine jene Stimme der rechten Mitte, von der es heißt: »Volkes +Stimme -- Gottes Stimme« und nach der alle suchen. Aber obwohl viele +Vorwürfe, die gegen mich gerichtet wurden, meiner Seele wirklich heilsam +waren, diese Stimme der Mitte konnte ich diesmal nicht vernehmen, und +ich vermag nicht zu sagen, welche Wendung die Sache genommen und welches +Urteil man über mein Buch zu fällen beschlossen hat. Wenn ich die Summe +von alledem ziehe, so sind im ganzen drei verschiedene Meinungen laut +geworden: nach der _ersten_ Ansicht ist mein Buch das Produkt eines +unerhörten Hochmuts, das Werk eines Menschen, der sich eingebildet hat, +er stünde hoch über allen seinen Lesern, habe ein Anrecht, von ganz +Rußland gehört und beachtet zu werden, und verfüge über die Kraft und +die Fähigkeit, die ganze Gesellschaft zu reformieren; nach der _zweiten_ +Ansicht ist dies Buch zwar das Werk eines guten, aber betörten Menschen, +der auf Abwege geraten ist und dem das Lob und der Beifall zu Kopfe +gestiegen sind; der Autor habe sich gar zu sehr an seinen Vorzügen +berauscht, seine Begriffe haben sich verwirrt, und so sei er vom rechten +Wege abgekommen; nach der Ansicht der _dritten_ endlich ist dies Buch +das Werk eines Christen, der die Dinge im rechten Lichte sieht und jeder +Sache ihren richtigen Platz anweist. Unter jeder Partei, die eine dieser +Ansichten vertritt, befinden sich gleichermaßen gescheite und +aufgeklärte Leute, wie auch gläubige Christen. Folglich kann keine der +Ansichten, die sicherlich alle einen Teil der Wahrheit enthalten, -- +_völlig_ wahr sein. Am richtigsten wäre es noch, dies Buch einen treuen +Spiegel des Menschen zu nennen. Dieses Buch hat das zum Inhalt, was in +jedem Menschen verborgen liegt: vor allem das Streben nach dem Guten, +dem das Buch selbst entsprungen, und das in jedem Menschen lebendig ist, +wenn er erst einmal erfahren hat, was das Gute ist; ferner eine +aufrichtige Erkenntnis seiner Fehler und daneben eine hohe Einschätzung +seiner Vorzüge; ein ehrliches Verlangen, von andern Menschen zu lernen, +und daneben die feste Überzeugung, daß auch die anderen viel von ihm +lernen können; Demut und Bescheidenheit, daneben aber auch Stolz, ja +vielleicht sogar ein gewisser Demutsstolz; Vorwürfe wider andere Leute +wegen solcher Dinge, an denen man selbst zu Fall gekommen ist und für +die man noch weit heftigere Vorwürfe verdiente -- kurz alles, was man in +der Seele jedes Menschen finden kann, nur mit dem Unterschiede, daß hier +alle Formen und Konventionen abgestreift sind, und daß alles, was der +Mensch in seinem Inneren verschließt, nach außen gekommen ist, sowie +ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in weit wilderer und +lauterer Weise äußert und förmlich zum Himmel schreit, eben wie in einem +Schriftsteller, in dem sich alles, was seine Seele erfüllt, nach außen +und ans Licht drängt; es tritt allen Leuten viel klarer und deutlicher +vor Augen, eben wie bei einem Menschen, dem größere Gaben und +Fähigkeiten verliehen sind als anderen Leuten. Kurz, dies Buch ist nur +ein Beweis für die ewige Wahrheit der Worte des Apostels Paulus, der da +gesagt hat: der ganze Mensch ist eine einzige Lüge. + +Zu diesem Schluß jedoch, der sich vielleicht der Wahrheit am meisten +nähert, ist niemand gekommen, weil der feierliche Ton des Buches und +seine ungewohnte Sprache alle mehr oder weniger verwirrt hat und niemand +das richtige Verhältnis zu ihm finden ließ. Als ich dies Buch schrieb, +stand ich unablässig unter dem Druck einer Todesfurcht, die mich während +der ganzen Zeit meines Krankseins verfolgte, selbst dann noch, als ich +mich außer jeder Gefahr befand. So kam es, daß ich ganz unmerklich in +einen mir sonst ganz fremden Ton verfiel, der einem noch lebenden +Menschen durchaus nicht ansteht. In meiner Angst, ich könnte vielleicht +das Werk nicht mehr vollenden, das während zehn Jahren alle meine +Gedanken beschäftigte, beging ich die Unvorsichtigkeit, schon im voraus +von solchen Dingen zu reden, die ich durch das Leben der Helden eines +epischen, erzählenden Kunstwerks hätte beweisen sollen. So verwandelten +sich meine Gedanken in eine recht unpassende Predigt, die sich im Munde +eines Autors sehr seltsam ausnimmt, in eine Anzahl mystischer, +unverständlicher Stücke, die keinen Zusammenhang mit den anderen Briefen +hatten. Dazu kam schließlich noch der völlig verschiedene Ton dieser +Briefe, die an Menschen von ganz verschiedenem Wesen und Charakter +gerichtet und zu verschiedenen Zeiten und in ganz entgegengesetzten +geistigen und seelischen Stimmungen geschrieben waren. Die einen von +ihnen waren in einer Zeit verfaßt, als ich selbst zu meiner Erziehung +des Tadels und der Rüge bedurfte, mir solche Rügen von anderen erbat und +forderte und sie daher auch anderen erteilte; andere Briefe wieder waren +zu einer Zeit geschrieben, als ich die Empfindung hatte, daß ich die +Vorwürfe für mich selbst aufsparen und in meinen an andere Leute +gerichteten Reden nur die brüderliche Liebe zum Worte kommen lassen +sollte: so geschah es, daß häufig Milde und Schärfe fast dicht +nebeneinander standen. Ferner sind viele Aufsätze, die für das Buch +bestimmt waren, die einen Zusammenhang zwischen einzelnen Stücken +herstellen und vieles näher erklären sollten, nicht aufgenommen worden. +Dazu kommt schließlich noch meine dunkle Sprache und Unfähigkeit, mich +auszudrücken, -- zwei Eigentümlichkeiten eines noch nicht ganz +ausgereiften und fertigen Schriftstellers --; das alles trug dazu bei, +mehr als einen Leser zu verwirren und zu zahllosen falschen Schlüssen +und Folgerungen Anlaß zu geben. Meinen Hochmut glaubte man gerade in +solchen Sätzen zu entdecken, die vielleicht ganz anderen Motiven +entsprungen waren; wo aber wirklicher Hochmut aus meinen Worten sprach, +da bemerkte man ihn nicht; man nannte _das_ Selbstverkleinerung, was +nichts weniger als Selbstverkleinerung war. Aber was die Hauptsache ist, +es gab keine zwei Menschen, die innerlich übereinstimmten, sowie sie an +die Analyse der einzelnen Teile dieses Buches herangingen, was einzelne +zu der sehr richtigen Bemerkung veranlaßte, daß ein jeder in der +Beurteilung meines Buches mehr seine eigene Denkungsart, als die meine, +als den Charakter meines Buches zum Ausdruck brachte. Es versteht sich +von selbst, daß die Schuld ganz -- auf meiner Seite ist. So kränkend +daher auch all diese Angriffe und Verdächtigungen seiner persönlichen +moralischen Qualitäten für einen Menschen sein mögen, in dem noch nicht +jedes Ehrgefühl erstorben ist, -- ich habe kein Recht, jemand deswegen +anzuklagen. + +Ich muß hier noch ein paar flüchtige Bemerkungen über eine Frage machen, +die nicht mit meinen moralischen Qualitäten zusammenhängt. Ich war +äußerst erstaunt, wenn gescheite und kluge Leute Anstoß an Worten +nahmen, die doch völlig klar waren, wenn sie sich an zwei, drei Stellen +klammerten und Schlüsse aus ihnen zogen, die in absolutem Gegensatz zu +dem Geist des ganzen Werkes standen. Aus zwei, drei Worten, die an einen +Gutsbesitzer gerichtet waren, dessen sämtliche Bauern Landwirte und von +schweren Sorgen und Arbeiten in Anspruch genommen sind, den Schluß zu +ziehen, daß ich gegen die Volksbildung zu Felde ziehe -- das erschien +mir äußerst sonderbar, um so mehr als ich mich ein halbes Leben lang mit +dem Gedanken getragen habe, ein wahrhaft nützliches Buch für das +einfache Volk zu schreiben, und nur deswegen davon abstand, weil ich das +Gefühl hatte, man müsse sehr klug sein, um zu wissen, was man dem Volk +in erster Linie vorsetzen müsse. Solange es jedoch noch keine so +gescheiten Bücher gibt, wollte es mir so erscheinen, als ob das +lebendige Wort der Diener der Kirche mehr Nutzen bringen könne und ein +stärkeres Bedürfnis für die Bauern darstelle, als alles, was ihnen +unsereiner, d. h. ein Schriftsteller, zu sagen vermag. Soweit meine +Erinnerung reicht, bin ich stets für die Volksbildung eingetreten; aber +es schien mir so, als ob es besser wäre, ehe man für die Bildung des +Volkes sorgt, erst einmal für die Bildung der Menschen zu sorgen, die in +engstem Verkehr mit dem Volke stehen, worunter das Volk oftmals zu +leiden hat. Und endlich kam es mir so vor, als ob jener niedere wenig +zahlreiche, heute jedoch an Zahl immer zunehmende Stand von Leuten, die +aus dem Bauernstande hervorgehen, die allerhand kleine Stellen besetzen, +denen es trotz ihrer allerdings geringen Bildung an der rechten +moralischen Grundlage fehlt, und die daher überall nur Schaden stiften, +weil sie bestrebt sind, auf Kosten der armen Leute zu leben, -- es kam +mir so vor, als ob dieser Stand weit mehr Anspruch auf unsere Beachtung +hätte als der Bauernstand. + +Dieser Stand schien mir weit mehr der Bücher zu bedürfen, die der Feder +kluger Schriftsteller entstammten, d. h. solcher Schriftsteller, die +Verständnis für ihre Pflichten haben und daher imstande sind, sie auch +jenen Leuten klarzumachen. Unser mit Ackerbau beschäftigter Bauer +dagegen schien mir stets weit sittlicher zu sein als die anderen Leute +und weniger als andere der Belehrung durch die Schriftsteller zu +bedürfen. Nicht weniger erstaunt war ich, als man aus einer Stelle +meines Buches, wo ich sage, daß die gegen mich gerichteten Kritiken viel +Wahres enthalten, den Schluß zog, ich spräche meinen Werken jegliche +Vorzüge ab und stimmte nicht mit den Kritikern überein, die sich zu +meinen Gunsten geäußert haben[2]. Ich erinnere mich sehr gut und habe es +keineswegs vergessen, daß meine geringen Vorzüge und Verdienste Anlaß zu +sehr bedeutsamen Kritiken gegeben haben, die ewige Denkmäler der +Kunstliebe bleiben werden und die dazu beigetragen haben, in den Augen +des Publikums den Wert und die Bedeutung dichterischer Werke zu erhöhen. +Aber es hätte sich doch nicht geschickt, wenn ich selbst von meinen +Vorzügen gesprochen hätte; ja und warum hätte ich das auch tun sollen? +Ich habe von den Fehlern gesprochen, die mir als Literaten anhaften, +weil eine psychologische Frage, die das Hauptthema meines Buches bildet, +Anlaß dazu bot. Wie kann man nur so etwas nicht verstehen! Nicht weniger +seltsam berührte es mich -- daß man daraus, daß ich die +Grundeigenschaften unseres russischen Wesens so stark betont und +hervorgehoben habe, den Schluß zog, ich leugnete die Notwendigkeit der +europäischen Bildung und hielt es für überflüssig, daß sich ein Russe +über den ganzen schweren Weg, auf dem die Menschheit sich zur +Vollkommenheit emporarbeitet, unterrichte. Früher sowohl als auch jetzt +war ich immer der Meinung, ein russischer Bürger müsse über die +europäischen Angelegenheiten unterrichtet sein. Aber ich war auch immer +überzeugt, daß, wenn man über diesem sehr löblichen glühenden Interesse +für die Fragen des Auslandes seine eigenen Grundlagen vergißt, eine +solche Kenntnis der ausländischen Dinge nicht zu unserem Wohl +ausschlagen, unsere Gedanken nur zerstreuen und verwirren, ihnen eine +falsche Richtung geben könne, statt sie in sich zu sammeln und zu +konzentrieren. Ich war von jeher davon überzeugt und bin es noch heute, +daß wir unser russisches Wesen sehr gut und sehr gründlich kennen lernen +müssen, und daß wir nur durch eine solche Kenntnis ein Gefühl dafür +bekommen können, was wir aus Europa entlehnen und uns aneignen sollen, +denn Europa selbst kann uns das nicht sagen. Mir ist es stets +vorgekommen, als ob wir, noch ehe wir etwas Neues bei uns einführen, das +Alte -- nicht nur oberflächlich sondern gründlich und in seiner Wurzel +-- kennen lernen müßten; denn sonst kann selbst die wohltätigste +Entdeckung der Wissenschaft nicht mit Erfolg angewendet werden. In +dieser Absicht habe ich in erster Linie von dem Alten gesprochen. + +[Fußnote 2: Auf mein Testament hätte man sich nicht berufen dürfen: in +einem solchen beurteilt man sich sehr streng, weil man sich rüstet, vor +das Angesicht _Des_ Richters zu treten, vor Dem kein Mensch bestehen +kann.] + +Kurz, alle diese einseitigen Folgerungen gescheiter Leute, die ich +überdies gar nicht für einseitig gehalten hatte, dieses Deuteln und am +Worte Hängenbleiben, statt sich an den Sinn und Geist des Buches zu +halten, beweisen mir nur, daß niemand sich bei der Lektüre meines Buches +in einer ruhigen Gemütsstimmung befand; daß sich schon ein bestimmtes +Vorurteil herausgebildet hatte, noch ehe das Buch erschienen war, und +daß jedermann es bereits von einem festen vorher eingenommenen +Standpunkt betrachtete; so kam es, daß alle nur das bemerkten, was sie +in ihrem Vorurteil bestärkte und reizte, und an allem vorübergingen, was +geeignet war, dies Vorurteil zu zerstören und den Leser zu beruhigen. +Diese seltsame Gereiztheit hatte einen so hohen Grad erreicht, daß sie +sogar alle Gesetze des Anstandes außer acht ließ, die man bisher einem +Schriftsteller gegenüber noch zu beobachten pflegte. Man sagte es dem +Verfasser beinahe ins Gesicht, daß er verrückt geworden sei, und man +empfahl ihm allerlei Rezepte gegen seine geistige Zerrüttung. Ich kann +nicht leugnen, daß es mich noch mehr betrübt hat, wenn ebenfalls +gescheite und nicht einmal sehr erregte und gereizte Leute öffentlich in +der Presse erklären, mein Buch enthalte nichts Neues, und wenn es etwas +Neues darin gäbe, so sei es nicht wahr, sondern unrichtig und unwahr. +Das erschien mir sehr hart. Wie es sich auch immer damit verhalten möge, +das Buch enthielt meine Seelenbeichte, es war der Erguß meines Herzens +und meines Inneren. Noch bin ich nicht öffentlich für einen ehrlosen +Menschen erklärt worden, dem man kein Vertrauen schenken darf. Ich kann +Fehler machen, ich kann mich irren wie jeder Mensch, ich kann eine +Unwahrheit sagen, wie ja der ganze Mensch -- eine einzige Lüge ist; aber +alles, was meinem Herzen und meiner Seele entströmt ist, eine Lüge zu +nennen -- das ist zu hart. Das ist ebenso ungerecht wie die Behauptung, +daß mein Buch nichts Neues enthalte. Die Bekenntnisse eines Menschen, +der mehrere Jahre ganz für sein inneres Ich gelebt hat, nur mit sich +selbst beschäftigt war, der sich selbst zu erziehen versucht hat wie +einen Schüler, um sich einen wenn auch späten Ersatz für die in seiner +Jugend verlorene Zeit zu schaffen, der überdies den andern Menschen +nicht völlig gleicht, sondern gewisse Eigenschaften besitzt, die ihm +allein angehören -- die Bekenntnisse eines solchen Menschen können +unmöglich so gar nichts Neues enthalten. Wie dem aber auch sei, in einer +Angelegenheit, an der die Seele beteiligt ist, darf man kein so +entscheidendes Urteil fällen. Einem solchen Fall gegenüber wird selbst +der tiefste Seelenkenner nachdenklich werden müssen. In Angelegenheiten, +die die Seele betreffen, ist es sogar schwierig, über einen gewöhnlichen +Menschen zu richten. Es gibt Dinge, die sich der kühlen Erwägung, dem +Räsonnement eines Menschen entziehen, selbst wenn dieser noch so klug +sein sollte, und die man nur in solchen Augenblicken und in einer +solchen Seelenstimmung versteht, wo unsere eigene Seele das Bedürfnis zu +einer Aussprache, zu einer Beichte hat, wo sie Verlangen trägt, in sich +zu gehen und nicht über andere, sondern über sich selbst Gericht zu +halten. Kurz, die große Sicherheit, mit der diese Urteile gefällt +wurden, schien mir von dem großen Selbstvertrauen des Urteilenden zu +zeugen -- von seinem stolzen Vertrauen auf seine Vernunft und die +Überlegenheit seiner Ansicht. Ich sage das hier nicht deswegen, um +jemand zu tadeln, sondern nur, um darauf hinzuweisen, wie wir bei jedem +Schritt Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir soeben +erst bei einem unserer Brüder gerügt haben; wie wir, indem wir einem +anderen sein hochmütiges Selbstvertrauen zum Vorwurf machen, zugleich +durch unsere eigenen Worte einen Beweis für unseren eigenen Hochmut und +unser Selbstvertrauen liefern; wie wir, während wir einem anderen +Intoleranz vorwerfen, zugleich selbst unduldsam und kleinlich werden. +Jedenfalls zeugt es von einer vornehmen Gesinnung, wenn jemand den Mut +hat, dies einzugestehen, und sich nicht schämt, öffentlich und vor allen +Leuten zu erklären, er habe sich geirrt. Aber genug davon. Nicht um +meine moralischen Qualitäten zu verteidigen, erhebe ich hier meine +Stimme. Nein, ich halte es lediglich für meine Pflicht, auf eine Frage +zu antworten, die fast einstimmig von seiten sämtlicher Leser aller +meiner früheren Werke an mich gerichtet worden ist -- auf die Frage +nämlich: warum ich jene literarische Gattung und jene Sphäre aufgegeben +habe, die ich einmal in Besitz genommen hatte und die ich beherrschte, +über die ich fast Herr war, und warum ich mich einem neuen, mir fremden +Genre zuwandte. + +Um auf diese Frage zu antworten, habe ich mich entschlossen, offenherzig +und in möglichster Kürze die ganze Geschichte meiner literarischen +Tätigkeit zu erzählen, um einem jeden Gelegenheit zu geben, mich +gerechter zu beurteilen. Der Leser soll sehen können, ob ich die Sphäre +meines Schaffens wirklich gewechselt und ob ich auf eigene Verantwortung +zu grübeln und klügeln begonnen habe, in der Absicht, meinem Schaffen +eine andere Richtung zu geben; man wird anerkennen müssen, daß sich an +meinem Schicksal wie an allen anderen Dingen der Eingriff Dessen +offenbart, Der über die Welt gebietet, und zwar nicht immer so, wie +_wir_ dies wünschen, und gegen Den der Mensch nicht anzukämpfen vermag. +Vielleicht wird meine treuherzige Geschichte wenigstens etwas davon +erklären, was vielen in meinem vor kurzem veröffentlichten Buche als ein +so unlösliches Rätsel erscheint. Wenn dies der Fall sein sollte, so +würde mich das aufrichtig freuen, weil diese ganze merkwürdige +Angelegenheit mich sehr mürbe und müde gemacht hat, und weil es mir nach +diesem Wirbelsturm von Mißverständnissen sehr schwer ums Herz ist. + +Ich kann nicht mit voller Bestimmtheit sagen, ob der Schriftstellerberuf +mein eigentlicher Beruf ist. Ich weiß nur das eine: daß in den Jahren, +als ich über meine Zukunft nachzudenken begann (und ich begann schon +sehr früh über meine Zukunft nachzudenken, d. h. zu einer Zeit, als alle +meine Altersgenossen nur ans Spielen dachten), daß mir damals der +Gedanke, ich könnte Schriftsteller werden, nie in den Sinn kam, obwohl +es mir immer so schien, daß ich noch einmal ein berühmter Mann werden +könnte, daß mir ein großes weites Wirkungsfeld offen stände und daß ich +einmal etwas für das allgemeine Wohl leisten würde. Ich dachte einfach, +ich würde mich empordienen und dies alles würde mir durch den +Staatsdienst gelingen. Daher hatte ich in meiner Jugend eine sehr starke +Neigung für den Staatsdienst. Mein Kopf war beständig davon erfüllt, und +alles, was ich tat und womit ich mich beschäftigte, tat ich im Hinblick +darauf. Meine ersten Versuche, meine ersten dichterischen Experimente, +in denen ich es während der letzten Schuljahre zu einer gewissen +Fertigkeit brachte, hatten fast alle einen ernsten und lyrischen +Charakter. Weder ich selbst, noch meine Schulkameraden, die sich mit mir +in der Schriftstellerei versuchten, dachten je daran, daß ich einmal ein +komischer und satirischer Autor werden könnte, obwohl ich trotz meiner +melancholischen Naturanlage oft zum Scherzen aufgelegt war und sogar +andere Leute mit meinen Späßen belästigte, und obgleich sich schon in +meinen frühesten Urteilen über die Menschen eine gewisse Fähigkeit, +bestimmte charakteristische Eigenheiten sowie gröbere und feinere und +komische Charakterzüge, die von anderen nicht bemerkt werden, zu +entdecken, bemerkbar machte. Man sagte, ich verstünde es, -- ich möchte +nicht sagen, die Menschen _nachzuäffen_ oder zu parodieren, -- sondern +sie zu _erraten_, d. h. zu erraten, was ein Mensch in dieser oder jener +Situation sagen würde, unter völliger Wahrung seiner Anschauungsweise, +seiner Denkart sowie seiner Art, sich auszudrücken. Aber ich brachte +dies alles nicht zu Papier, ja ich dachte gar nicht einmal daran, daß +ich diese Fähigkeit noch einmal verwerten würde. + +Die heitere fröhliche Stimmung, die sich in den ersten Schriften, die +von mir im Druck erschienen, bemerkbar machte, hatte ihren Grund in +einem gewissen seelischen Bedürfnis. Ich hatte oft unter Anfällen einer +mir selbst völlig unerklärlichen Melancholie zu leiden, die vielleicht +eine Folge meines krankhaften Zustandes war. Um mich zu zerstreuen, +dachte ich mir die komischsten Dinge aus, die sich nur ersinnen lassen. +Ich stellte mir komische Personen und Charaktere vor, die ich völlig aus +dem Kopfe erfand, und versetzte sie in Gedanken in die komischsten +Situationen, ohne mir viele Sorgen zu machen, wozu das gut sei und was +für einen Nutzen das haben könne. Es war die Jugend in mir, die mich +dazu veranlaßte, die Jugend, der ja noch keinerlei Fragen durch den Kopf +gehen. Das ist der Ursprung meiner ersten Werke, die die einen +ebensosehr zu einem sorglosen naiven Lachen reizten, wie mich selbst, +während sich andere erstaunt fragten, wie einem vernünftigen Menschen +nur solche Torheiten einfallen konnten. Vielleicht hätte diese +Lustigkeit allmählich und zugleich mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung +aufgehört, ebenso wie meine schriftstellerische Tätigkeit. Allein +Puschkin veranlaßte mich, diese Sache ernster anzusehen. Er hatte mich +schon längst dazu zu überreden gesucht, ich sollte ein großes Werk in +Angriff nehmen, und als ich ihm einmal den kurzen Entwurf einer kleinen +Szene vorlas, der jedoch einen weit stärkeren Eindruck auf ihn machte, +als alles, was ich ihm bis dahin vorgelesen hatte, sagte er zu mir: »Wie +ist es nur möglich, daß Sie bei dieser Fähigkeit, den Charakter eines +Menschen zu erraten und durch wenige Züge ganz vor einem erstehen zu +lassen, wie er leibt und lebt, -- wie ist es nur möglich, daß Sie sich +bei dieser Fähigkeit nicht entschließen, ein großes Werk zu schreiben! +Das ist einfach eine Sünde!« Hierauf hielt er mir meine schwächliche +Konstitution und meine körperlichen Gebrechen vor, die meinem Leben früh +ein Ziel setzen könnten; er führte das Beispiel des Cervantes an, der +zwar bereits früher ein paar ausgezeichnete, vortreffliche Erzählungen +verfaßt hatte, jedoch niemals _die_ Stelle unter den Schriftstellern +einnehmen würde, die er heute inne hat, wenn er sich nicht entschlossen +hätte, den Don Quijote zu schreiben, und schließlich trat er mir sein +eigenes Sujet ab, aus dem er eine Art Poem hatte machen wollen und das +er, wie er mir sagte, keinem anderen außer mir überlassen hätte. Dieser +Stoff waren »Die toten Seelen«. (Die Idee zum »Revisor« stammt +gleichfalls von ihm.) Diesmal wurde auch ich ernstlich nachdenklich -- +um so mehr, als ich bereits in die Jahre zu kommen begann, wo man sich +bei jeder Tat, die man vollbringen will, ganz von selbst die Frage +vorlegt: warum und zu welchem Zweck willst du dies tun? Ich erkannte, +daß ich in meinen Werken sinnlose Scherze trieb und spottete, ohne +eigentlich zu wissen, wozu ich das tat. Wenn man schon spottet, so ist +es doch besser, man lacht und spottet kraftvoll und über Dinge, die +wirklich den allgemeinen Spott verdienen. Im »Revisor« wollte ich alles +Schlechte und Häßliche, das es in Rußland gibt, soweit es mir damals +bekannt war, zusammentragen und anhäufen, alle Mißbräuche, die an allen +den Stellen und in allen den Fällen vorkommen, wo gerade Gerechtigkeit +und Redlichkeit vom Menschen verlangt werden, und dies alles auf einmal +verspotten. Die Wirkung war bekanntlich eine furchtbare, erschütternde. +Durch das Gelächter hindurch, das sich mir noch nie mit einer solchen +Gewalt entrungen hatte, vernahm der Leser etwas wie Kummer und Schmerz. +Ich selbst fühlte, daß mein Lachen nicht mehr das Lachen von ehedem war, +daß ich in meinen Werken nicht mehr derselbe sein konnte, der ich früher +war, und daß das Bedürfnis, mich durch harmlose heitere Szenen zu +zerstreuen, zugleich mit meinen jungen Jahren verschwunden war. Nach dem +Revisor empfand ich mehr denn je das Bedürfnis, ein umfassendes Werk zu +schreiben, das mehr enthielt als lediglich Dinge, über die man lachen +mußte. Puschkin fand, daß der Stoff der »Toten Seelen« sich gerade darum +so gut für mich eignete, weil er eine vortreffliche Gelegenheit bot, +ganz Rußland in Gesellschaft des Helden nach allen Richtungen zu +durchqueren und eine ganze Reihe völlig verschiedener Charaktere an uns +vorüberziehen zu lassen. Ich ging ans Werk und fing an zu schreiben, +ohne mir einen detaillierten Plan ausgearbeitet und ohne mir darüber +Rechenschaft gegeben zu haben, was für ein Mensch mein Held eigentlich +sein mußte. Ich dachte mir einfach, daß der komische Plan, mit dessen +Durchführung Tschitschikow beschäftigt war, mir schon von selbst die +Idee zu allerhand verschiedenen Personen und Charakteren eingeben und +daß die Spott- und Lachlust, die sich in mir regte, schon von selbst +eine Reihe von komischen Momenten und Phänomenen erzeugen würde, die ich +mit rührenden Elementen mischen wollte. Aber bei jedem Schritt, den ich +tat, mußte ich mir die Frage vorlegen: welchen Sinn? welchen Zweck hat +das? was soll dieser Charakter zum Ausdruck bringen? was hat diese +Erscheinung zu bedeuten? Es fragt sich nun: was soll man tun, wenn sich +einem derartige Fragen aufdrängen? Soll man sie verscheuchen? Ich +versuchte es damit; allein da erstanden Fragen vor mir, denen ich mich +nicht zu entziehen vermochte. Da ich nichts von einer Nötigung empfand, +meinen Helden gerade zu solch einem Menschen und zu keinem anderen zu +machen, konnte ich auch keine Liebe für die Aufgabe empfinden, ihn +darzustellen. Im Gegenteil, ich empfand etwas wie Ekel davor: alles kam +gewaltsam und gezwungen heraus, und sogar das, worüber ich lachte, +wirkte traurig und deprimierend. + +Ich sah mit voller Klarheit ein, daß ich nicht mehr ohne einen ganz +bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, daß ich mir erst +selbst den Zweck meines Werks völlig deutlich machen, mir über seinen +wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden müßte, was erst +den Dichter mit einer starken und wahren Liebe für sein Werk erfüllt, +die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwärtsschreitet -- +kurz, daß der Autor das Gefühl und die Überzeugung haben muß: indem er +an seinem Werk arbeite, erfülle er gerade _die_ Pflicht, die seine +irdische Bestimmung ausmache, und für die ihm alle seine Gaben und +Fähigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erfülle, diene +er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatsächlich im Staatsdienst +stünde. Der Gedanke an den Staatsdienst verließ mich nie. Ehe ich den +Schriftstellerberuf wählte, wechselte ich mehrmals meine Tätigkeit und +meine Stellung, um zu erfahren, für welchen Beruf ich mich am besten +eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit +denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wußte damals noch +nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu können, wie +ich ihm dienen wollte. Ich wußte damals nicht, daß man dazu jede +persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstüberhebung in sich +besiegen müsse und keinen Augenblick vergessen dürfe, daß man seine +Stellung nicht um seines persönlichen Glückes, sondern um des Wohles +vieler solcher willen innehat, die da unglücklich werden würden, wenn +ein edler Mann seinen Posten im Stiche läßt, und daß man allen +persönlichen Kummer und alle Kränkungen vergessen müsse. Ich wußte +damals noch nicht, daß der, der Rußland wahrhaft und ehrlich dienen +will, sehr viel Liebe für sein Vaterland besitzen muß, eine Liebe, die +alle anderen Gefühle in sich aufgesogen hat, daß man sehr viel Liebe für +den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen +Sinn dieses Wortes sein muß. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich, +der ich diese Eigenschaften nicht besaß, auch meinen Dienst nicht so +ausüben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatsächlich förmlich +darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fühlte, +daß ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich +alles andere auf: meine früheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft, +die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Rußland, um in der +Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwägen, wie ich +es durchführen, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den +Beweis liefern könnte, daß ich gleichfalls ein Bürger meines Vaterlandes +gewesen bin, und daß ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich über mein +Werk nachdachte, um so mehr fühlte ich, daß ich die Charaktere nicht auf +gut Glück wählen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur +solche Menschen darstellen mußte, an denen sich unsere wahren +wesenhaften russischen Charakterzüge am stärksten und deutlichsten +offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene höheren Züge der +russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig +eingeschätzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und +niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht genügend +verlacht und gegeißelt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten +charakteristischen psychologischen Phänomene zusammentragen und meine +Beobachtungen über die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen +Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier +hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewußt war, noch nicht die rechte +Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig +dargestellt, viel zur Enträtselung mancher Seiten unseres Lebens +beitragen, kurz -- ich wollte, daß dem Leser bei der Lektüre meines +Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben +und Fähigkeiten, die _ihm_ allein im Unterschiede von den anderen +Völkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen großen Menge von +Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Völkern +eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft, +von der ich einen genügenden Vorrat besaß, würde mir helfen, diese +Vorzüge so darzustellen, daß der Russe von einer heißen Liebe zu ihnen +entbrennen würde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls +einen genügenden Vorrat mein eigen nannte, würde es mir ermöglichen, +seine Fehler und Mängel in so leuchtenden Farben zu schildern, daß den +Leser ein tiefer Haß gegen sie erfassen würde, selbst wenn er sie in +sich selbst entdecken sollte. Aber ich fühlte zugleich, daß ich dies +alles nur dann vollbringen könnte, wenn ich mir selbst völlig darüber +klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzüge unseres Wesens und +welches seine wahren Mängel und Fehler sind. Man muß sich beides genau +überlegen und es gegeneinander abschätzen, man muß es sich ganz +klarmachen, um nicht eine unserer Schwächen in eine Tugend zu verwandeln +und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzüge dem Gelächter +preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unnütz vergeuden. Seitdem man +mir vorwarf, ich spottete nicht nur über die Fehler, sondern über die +Menschen, die gewisse Schwächen haben, im allgemeinen, und nicht nur +über den _ganzen_ Menschen, sondern auch über seine Stellung und das +Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist), +da sah ich ein, daß man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen müsse -- +um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur +irgendeine Seite einer Sache ins Lächerliche zu ziehen, damit die +Dümmsten und Stumpfsinnigsten sofort über deren sämtliche Seiten lachen. +Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, daß ich +nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau +darüber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die +Vorzüge und die Mängel unseres russischen Wesens bestehen; um sich +jedoch über das russische Wesen klar zu werden, muß man zunächst die +menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen +lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem +aus einem die Vorzüge und Mängel eines jeden Volkes deutlich sichtbar +werden. + +Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn +je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich für eine Zeitlang +gänzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene +ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im +allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher +und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektüre. +Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse +Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem +Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers, +und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne daß +ich selbst wußte, wie dies geschah, zu Christus geführt, denn ich sah, +daß er der Schlüssel zur Seele des Menschen war, und daß noch kein +Seelenkenner sich je auf jene Höhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die +er erreicht hat. Ich prüfte alles mit dem Verstande nach und überzeugte +mich so davon, was anderen durch den Glauben völlig klar ist und was ich +bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis +brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit +mathematischer Klarheit ein, daß man auf Grund von Vorstellungen unserer +Einbildungskraft nicht über die höheren Regungen und Gefühle des +Menschen reden und schreiben könne; man muß wenigstens etwas davon in +sich selbst tragen -- kurz, man muß zuvor selbst besser werden. Das mag +sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine +gründliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich muß jedoch sagen, +daß ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und +daher ist es kein Wunder, daß der Gedanke, ich müßte noch etwas lernen, +sich mir erst in reiferem Alter aufdrängte. Ich begann mein Studium mit +so elementaren Büchern, daß ich mich geradezu schämte, anderen Menschen +zu verraten, womit ich mich beschäftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu +verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Büchern +-- als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen Übungen auf mich zu +achten, wie ein Lehrer auf seinen Schüler, und ich betrachtete mich +selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die +ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht +etwa, um damit zu prahlen (ich wüßte auch nicht, womit man hier prahlen +könnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand +Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon überzeugt, daß viele gleich mir +eine schlechte Schulbildung genossen haben, plötzlich zur Besinnung +kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene +nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehört, daß viele sich +darüber beklagten, sie könnten sich nicht mehr von ihren schlechten +Gewohnheiten befreien, trotz des heißesten Wunsches, sie loszuwerden. +Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem +übrigen angepaßt hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich +durch die Erfahrung davon überzeugt hatte, daß sich manches davon +verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen +jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, daß ich mein ganzes Innere zur +Schau gestellt habe, kann ich erwidern, daß ich immerhin noch kein +Mönch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so +gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre +Seele bedrückte. Wenn Karamsin während seiner schriftstellerischen +Tätigkeit ein ähnliches Erlebnis gehabt hätte, er hätte es sicherlich in +derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend +eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die +dazu gehört, um ein Mensch und ein Bürger zu sein, ehe er als +Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken, +daß jemand daran Anstoß nehmen könnte, wenn ich öffentlich erklärte, ich +strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstößiges +dabei, daß ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller +Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch +selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu +sagen: »Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel!« + +Was endlich den Vorwurf anbelangt, daß ich in meinem Buch, nur um mit +meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an +den Tag gelegt hätte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so +muß ich darauf erwidern, daß bei mir weder von Selbstverkleinerung noch +Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat +sich durch die Ähnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale täuschen +lassen. Ich kam mir in der Tat widerwärtig vor, aber nicht etwa aus +Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher +das Ideal des schönen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild +des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich +daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber +ist nicht Demut, sondern eher ein Gefühl, das ein neidischer Mensch hat, +wenn er sieht, daß ein anderer einen besseren und schöneren Gegenstand +in Händen hält, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von +ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glück gehabt, während meines Lebens, +besonders aber während der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu +lernen, deren geistige und seelische Qualitäten mir so groß erschienen, +daß meine eigenen daneben verblaßten, und ich zürnte mir immerfort, weil +ich das nicht besaß, was andere besaßen. Man hätte also höchstens das +Recht, meinen mißgünstigen und neidischen Charakter im allgemeinen +verantwortlich zu machen und anzuklagen. + +Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurückkehren. Eine Zeitlang +waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Rußland und die Menschen +in Rußland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen. +Alles führte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer +Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die äußeren +Verhältnisse, über die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen +meinen Willen veranlaßten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden, +sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil +man mir den Vorwurf machte, ich täte nichts; ich wollte mich gewaltsam +dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzählung oder +irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu +produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein, +schweren Leiden und schließlich sogar mit solchen Anfällen, die mich +dazu nötigten, jede Beschäftigung für lange Zeit gänzlich aufzugeben. +Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, daß ich nicht imstande +war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jüngeren Jahren +gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten +Frühling gibt! Und wenn jeder Mensch beim Übergang aus einem Lebensalter +in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen muß, +warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist +denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von +meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt +immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war -- +das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in +Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Träumen unserer +Phantasie darstellt, und so fand ich schließlich Den, Der die Quelle des +Lebens ist. Seit meiner frühsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche +Vorliebe dafür, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen +feinsten Zügen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen, +-- und so wurde ich zu Ihm geführt, Der allein die Seele ganz +durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollständigen +Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als +bis ich die Lösung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst +bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir über einige Hauptfragen +im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch +bis heute noch ein Rätsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch +jenen Übergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch +nicht alles von sich abgestoßen hatte, was sich einmal von mir ablösen +sollte. + +Sowie dieser Zustand in mir überwunden und mein Verlangen nach +Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in +mir der lebhafte Wunsch zu regen, Rußland näher kennen zu lernen. Ich +knüpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und +von denen ich erfahren konnte, was in Rußland vorgeht; ich suchte +erfahrene Männer der Praxis aus allen Ständen kennen zu lernen, die alle +Mißbräuche und Machenschaften in Rußland kannten. Ich wollte +Bekanntschaft mit Menschen aus allen Ständen machen und von jedem etwas +erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschäftigung +hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen +genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem +Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit für jeden +Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht +einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen, +den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen, +den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, daß sich die +Lebenden daraus eine Lehre ziehen, daß sie daraus etwas lernen können. +Deshalb knüpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir +irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die übrigen bat ich, flüchtige +Porträts und Charakterskizzen von Leuten für mich herzustellen, und zwar +von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles +brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine genügende Anzahl von +Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt hätte; daran hatte ich +keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus +einer weit vollständigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen +Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen +ganz einfach, so wie ein Künstler, der ein großes Gemälde, eine eigene +Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er überträgt +diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hängt sie ringsum an den +Wänden auf, um sie beständig vor Augen zu haben, und um nie einen +Verstoß gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er +sich für die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der +Phantasie geschöpft und erzeugt, ich besaß nie diese Fähigkeit. Mir +glückte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus +Tatsachen schöpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte +ich nur dann, wenn ich mir seine äußere Gestalt bis auf die feinsten +Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Porträt im Sinne einer +bloßen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Porträt stets erschaffen, +ich erschuf es durch Nachdenken, mit Überlegung und nicht in der reinen +Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwägung zog, um so wahrer und treuer +ward das, was ich schuf. Ich mußte weit mehr wissen als jeder andere +Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu übersehen +oder nicht zu berücksichtigen -- damit das Unwahre und Unrechte der +Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen. +Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast +niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und +konnten es nicht begreifen, daß ich all diese Kleinigkeiten und +Torheiten wissen wollte, während ich doch eine Phantasie besaß, die +selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich +bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und +kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur +entdeckt hätte. + +Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene +Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen +Briefen ist die große Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich +jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern +gerade deswegen, damit man mich durch Anführung einzelner anekdotischer +Züge widerlegen sollte. Derartige Einwände von praktischen und +erfahrenen Leuten sind für mich deswegen so wichtig, weil sie mir die +Sache selbst näher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere +Wesen Rußlands gewähren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen, +die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie für die Fragen unseres +inneren Lebens, statt dessen beschäftigte man sich mit meiner +Persönlichkeit und schrieb ganze Bogen darüber voll, ob ich ein Recht +habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um +dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der »Toten Seelen« -- der nicht +sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wußte sehr gut, daß viele +sich über ihn lustig machen würden, aber ich war fest entschlossen, +jeden Spott zu ertragen, wenn ich bloß mein Ziel erreichte. Ich glaubte, +daß vielleicht fünf oder sechs Leser meine Bitte _so_ erfüllen würden, +wie ich es wünschte. Ich verlangte gar nicht, daß man die Fehler der +»Toten Seelen« verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande +bloß in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen +an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere +während seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten über +solche Vorfälle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an +Rußland gemahnt. Ich weiß, daß wir uns alle schwer aufraffen können und +daß wir träge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast +jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schöpfen; ich dachte +jedoch, die Lektüre der »Toten Seelen« würde die Menschen aufrütteln, +besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand hätten. +Ich gab meine Adresse an und bat darum, daß nur die mir in ihren Briefen +solche Fälle mitteilen möchten, die sie selbst nicht in der Presse +veröffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es für weit +nützlicher, sie überall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob +eine solche Verbreitung von Kenntnissen über Rußland in Form von +lebendigen Tatsachen gerade gegenwärtig eine dringende Notwendigkeit +sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine Übergangszeit +nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben +bemerkbar, überall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten, +ja dem Übel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte, +daß wir heute mehr denn je bemüht sein müssen, alles herauszustellen und +ans Licht zu bringen, was im Inneren Rußlands vorgeht, damit wir ein +Gefühl dafür bekommen, aus was für einer Menge verschiedener Elemente +der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen +wollen; da aber wäre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal +ordentlich umsähen und uns die Sache überlegten, bevor wir so über die +Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime +Hoffnung, daß die Lektüre der »Toten Seelen« viele auf die Idee bringen +würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und daß viele dazu +veranlaßt werden könnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor während +der Zeit, als er die »Toten Seelen« schrieb, eine solche Wendung nach +Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es könnte einem Menschen, der +bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch +abwärts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben +sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig für das allgemeine Wohl +und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewußtsein kommen, daß er durch +eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und +Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer +Wirksamkeit stehen, mit Rußland bekannt machen und sie damit in schöner +Weise für seine Untätigkeit entschädigen, ja mehr als entschädigen kann. +Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen +Anteilnahme für alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen +frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse +verfolgt, könnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des +Jünglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich täuschte mich in +manchen Leuten: ich glaubte, daß in einem Teil meiner Leser noch ein +Funke von Liebe lebte. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Name nur +deshalb so populär ist, weil er einzelnen Leuten die Möglichkeit und das +Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig +übereinander lustig zu machen. Ich glaubte, daß viele durch mein +Gelächter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das +ja gar nicht aus böser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt +keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den +Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich führe dies +alles nur deswegen an, um zu beweisen, daß ich alle meine Kräfte +angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, daß ich über alle nur +möglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit fördern könnten, +ich ließ es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen +Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit muß ich übrigens +erwähnen, daß viele ihr Erstaunen darüber geäußert haben, daß ich ein +solches Bedürfnis nach Daten über Rußland habe und dabei selbst fern von +Rußland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht überlegt, +daß ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der für mich einen +Aufenthalt in einem warmen Klima nötig machte, gerade eine solche +Entfernung von Rußland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver +in Rußland verweilen zu können. Für die, die mir das nicht nachzufühlen +vermögen, will ich mich hier näher erklären, obwohl es mir etwas schwer +wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht. + +Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher _schöpferischen_ +Begabung fehlt, besitzen eine Fähigkeit, die ich die Einbildungskraft +nennen will -- eine Fähigkeit, die darin besteht, sich Gegenstände, die +einem nicht gegenwärtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns +unmittelbar vor Augen stünden. Diese Fähigkeit ist nur dann in uns +wirksam, wenn wir uns von den Gegenständen entfernen, die wir +beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich +gewöhnlich solche Epochen zum Gegenstand wählen, die bereits hinter uns +liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit +uns von allem, was um uns ist, loslöst, versetzt sie unsere Seele in +eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich +hatte keine Vorliebe für die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die +Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen, +weil mein Geist stets eine Vorliebe für das Wesentliche und Faßliche und +für einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein +moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah +zugleich ein, daß man, wenn man das gegenwärtige Leben schildern will, +nicht beständig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren +konnte, deren man bedarf, um ein großes und formvollendetes Werk +hervorzubringen. Das Gegenwärtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen +und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz +unmerklich und ohne daß man es fühlt, von einer satirischen Anwandlung +erfaßt. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt +und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur _die_ Menschen vor +sich, die sich in unserer Nähe befinden: die ganze Masse, die Menge +sieht man nicht, denn man kann nicht alles übersehen. Ich fing also an, +darüber nachzugrübeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und +einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse +und nicht nur _die_ Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen +-- wie ich mich so vom Gegenwärtigen entfernen konnte, daß es sich für +mich gewissermaßen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschütterte +Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und +die ich heute mit Leichtigkeit ertragen hätte, mit denen ich dagegen +damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaßten mich dazu, das +Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Ländern hingezogen +gefühlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe für sie gehabt. +Auch besaß ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen +verzehrt, die nach starken Eindrücken dürsten. Aber seltsam! schon +während meiner Kinderjahre, selbst während meiner Schulzeit und damals, +als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran +dachte, daß ich Schriftsteller werden könnte, kam es mir immer so vor, +als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein +großes Opfer zu bringen, und daß ich gerade, um meinem Vaterlande zu +dienen, gezwungen sein würde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und +zu erziehen. Ich wußte nicht, _wie_ das geschehen würde, noch wozu das +nötig sei; ich dachte auch gar nicht darüber nach, ich sah mich jedoch +so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in +Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich +so häufig, daß es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene +unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal +beunruhigte und ihn veranlaßte, fremde Länder aufzusuchen, lediglich um, +wie er sich ausdrückt, + + Mich unterm Himmel Afrikas + Nach Rußlands trüben Gaun zu sehnen. + +Wie dem auch sein mag, dieser unwillkürliche Drang in mir war so stark, +daß noch keine fünf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen +waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte, +diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefühl zu widerstehen. Der Plan und +der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wußte nur das eine, +daß ich sicherlich nicht _deswegen_ auf Reisen ging, um mich an fremden +Ländern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als +ob ich ahnte, daß ich erst jenseits von Rußland den wahren Wert meines +Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfüllen +würde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter +fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich +keine Menschenseele aus Rußland befand), so wurde mir traurig zumute; +ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner +Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, daß +ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rückreise +dachte. Ich blieb nicht länger als drei Tage im Auslande, und obwohl +mich die Neuheit der Gegenstände reizte, beeilte ich mich, auf demselben +Dampfer nach Hause zurückzukehren, aus Furcht, daß es mir später +vielleicht nicht mehr gelingen könnte, den Weg nach Hause +zurückzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, überhaupt nicht mehr an +fremde Länder zu denken -- und während der ganzen Zeit meines +Petersburger Aufenthaltes, d. h. während voller sieben Jahre kam mir +nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand +meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein +Bedürfnis nach Einsamkeit mich dazu nötigten, Rußland zu verlassen. + +Zweimal bin ich nachher wieder nach Rußland zurückgekehrt, einmal sogar, +um für immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches +Verlangen erfaßt hatte, mir über alles klar zu werden, würde es mir +bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht +merkwürdig? Mitten im Herzen Rußlands, sah ich beinahe nichts von +Rußland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit großer +Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie +davon, was in Rußland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen +Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wußte. Es +ist bekannt, daß jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten +hat, und daher ist es sehr schwer für ihn, andere Leute, die nicht dazu +gehören, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich +verpflichtet fühlt, möglichst häufig mit den ihm nahestehenden Menschen +zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und +für sich so viel Angenehmes hat, daß man sehr viel Selbstaufopferung +besitzen muß, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen +lernte, teilten mir immer nur fertige Schlüsse und Folgerungen und nicht +bloß schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. Überhaupt +bemerkte ich, daß eine gewisse Veränderung in den Köpfen und in den +Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit +einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals früher zu tun +pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung +einer jeden Sache ergründen: ein Motiv, eine Regung, die darauf +hindeutete, daß die Gesellschaft einen mächtigen Schritt vorwärts +gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse Übereilung, +mit der man sogleich die Schlüsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis +drei Tatsachen über das Ganze urteilte; man übersah völlig, daß damit +noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und +in Erwägung gezogen waren. Ich bemerkte, daß sich beinahe jeder in +seinem Kopfe seine eigene Vorstellung über Rußland gebildet hatte, und +das war der Anlaß zu fortwährenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte +etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie +noch früher in den alten Zeiten üblich waren, wo jeder bloß das +erzählte, was er in seinem Leben gesehen und gehört hatte, und wo ein +Gespräch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das +brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkürlich selbst von dieser +hastigen Sucht, sofort übereilte Schlüsse und Folgerungen aus allem zu +ziehen -- dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit --, angesteckt war. + +Noch mehr aber mußte ich mich über unsere Provinz wundern. Dort hörte +man nicht einmal den Namen »Rußland« aussprechen. Wie mir schien, waren +nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur über solche +Gegenstände, die man in den neuesten aus dem Französischen übersetzten +Romanen gelesen hatte. Kurz -- während meines ganzen Aufenthalts in +Rußland zerfiel und zerstob Rußland förmlich in meinem Kopfe. Ich konnte +mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein +Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwächer. Sowie ich es jedoch +verließ, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen, +der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust, +jeden frischen Menschen, der frisch aus Rußland eingetroffen war, kennen +zu lernen, wurde wieder stark und mächtig in mir. Es bildete sich sogar +die Fähigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich +in einem Gespräch von der Dauer einer Stunde, was ich während meines +Aufenthaltes in Rußland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung +zu bringen vermochte. Jedermann weiß, daß man im Ausland viel leichter +Bekanntschaft macht, daß sich in den Bädern Deutschlands und in den +Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande +vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wären und die sich ihr +ganzes Leben lang nicht kennen gelernt hätten. Das war es, was mich +veranlaßte, einem Aufenthalt außerhalb Rußlands den Vorzug zu geben, +schon im Hinblick darauf, daß ich auf diese Weise mehr von Rußland +erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darüber nach, wie ich mich in +Rußland selbst über vieles unterrichten könnte, was dort vorgeht. Durch +Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man +davon im Kopfe behält, sind die Stationen und die Kneipen. In den +Städten und Dörfern Bekanntschaften anzuknüpfen, ist für einen Mann, der +nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man +wird leicht für einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist +höchstens ein Sujet für eine Komödie, die man: _Der Wirrwarr_ betiteln +könnte. Wenn man jedoch erfährt, daß der Reisende noch dazu ein +Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die +Hälfte aller russischen Leser ist fest davon überzeugt, daß ich nur +einen einzigen Lebenszweck habe, nämlich diesen, alles am Menschen vom +Kopf bis zu den Füßen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie +ein so lebhaftes Bedürfnis empfunden, die gegenwärtige Lebenslage des +Russen von heute kennen zu lernen -- um so mehr, als gerade heute die +Gegensätze in der Denkweise so groß geworden sind und alle Welt von +einem wahren Wirbel von Mißverständnissen erfaßt ist, so daß kein Mensch +mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und daß +man genötigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Händen zu betasten, da +man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren. +Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt für mein Werk ausersehen +habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir früher zum Vorwurf +genommen hatte. Je größer die Vorzüge einer bestimmten Persönlichkeit +sind, um so greifbarer und plastischer muß man sie vor dem Leser +erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und +Details, die dafür sprechen, daß diese bestimmte Person auch wirklich +gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt +und blaß und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag, +armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe muß wirklich das Gefühl +haben, daß die dargestellte Persönlichkeit aus demselben Leibe +herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehört, daß +sie etwas Lebendiges, daß sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von +seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins +zusammenfließen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm +ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Räsonnement und keine Predigt +hervorgebracht werden können. Eine solche volle Verkörperung, diese +letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich +nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen +Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erfülle, wenn ich alle großen +Charakterzüge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die +Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen täglich +umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles, +das Große wie das Kleine, berücksichtige und nichts außer acht lasse. In +dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim +größten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fähigkeit, +Schlüsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu +erdichten. Ich mußte immer erst eine große Menge von Menschen anhören, +wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die +Leute meine Meinung gesund und vernünftig. Hörte ich dagegen nicht alle +an und zog ich einen übereilten Schluß, so waren meine Ansichten bloß +schroff und ungewöhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem +»_Briefwechsel mit meinen Freunden_«, kommt vieles vor, das Ähnlichkeit +mit einer bloßen Präsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine +Voraussetzung ist. Es enthält nichts als Folgerungen, aber die einen +Schlüsse und Folgerungen sind unter Berücksichtigung sämtlicher Seiten +einer Sache gezogen und sind daher allen klar, während andere nur +Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt +sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach +als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir +gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in +dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schüler gleichzeitig +zu Worte kommen. + +Es war mir also nicht möglich, mir all das zu verschaffen, was ich +brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte -- ist es da +wohl ein Wunder, daß ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich +selbst kämpfen, wenn man solche Ansprüche an sich selbst zu stellen +gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben -- +selbst wenn sie vorhanden ist --, wo der Verstand bei jedem Schritt die +Frage nach dem »Warum« stellt? Warum mußten eine Reihe von Umständen +eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst +durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die +Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem +Verlangen erfaßt, den russischen Menschen darzustellen, als ich das +allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und +warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden +hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis +unserer Seele durchschaut? -- Warum wurde ich so von dem Verlangen +gequält, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich +solche Umstände ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich +jedoch nötigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele +hinabzutauchen? Warum blieb für mich die Fähigkeit, mich überall an der +Schönheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten +mochte, stets der Gipfel, die Krone aller ästhetischen Genüsse? Warum +wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhörlich von dem Verlangen +gequält, die menschliche Seele zu ergründen? Erklärt mir vor allem, +warum dies so kommen mußte, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so +schreiben kann, wie ich früher geschrieben habe. Ich wollte den +Umständen und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte, +Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich +es früher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heißt, +wie sich's traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts +mehr aus der Feder fließen. Voller Freude, daß ich durch meine an meine +Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaßen ins +Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen, +und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte +ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach +Möglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu +geben, damit das Buch den Charakter eines vernünftigen Werkes erhielte; +ich bedachte nicht, daß das Publikum vieles davon, was an einzelne +Personen gerichtet war, auf sich beziehen würde, besonders nach meinem +Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich fürchtete +mich davor, die Fehler und Mängel des Buches selbst nachzuprüfen, und +verschloß meine Augen, denn ich wußte, daß ich mein Buch, wenn ich es +einer strengeren Prüfung unterziehen würde, vielleicht ebenso vernichten +könnte, wie ich die »Toten Seelen« und alles, was ich in der letzten +Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch könnte +die Leser wenigstens in geringem Maße für mein langes Schweigen +entschädigen, ich glaubte, ich könnte darin meine schwierige Lage +schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben +unmöglich gemacht hatte, und ich würde die Aufmerksamkeit auf die +praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte +ferner, solche Dinge zu berühren, die mir einen tieferen Einblick in +Rußland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen würden, zur +Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt +überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich bekam nur Worte und Reden über Dinge +zu hören, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden können. Ich +ließ die Hände sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu +regen begonnen hatte, erlosch, und ich fühlte mich ganz von selbst und +ohne daß ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den +Sinn gekommen war: soll ich überhaupt noch etwas schreiben? Soll ich +noch weiter in diesem Berufe tätig sein, von dem mich in der letzten +Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, daß es mir +selbst gelingen sollte, mich zu überwinden, angenommen selbst, daß mein +Kiel wieder die nötige Leichtigkeit und Beständigkeit erlangen würde, +und daß mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder +fließen würde -- war meine seelische Verfassung wirklich derartig, daß +meine Werke der Gesellschaft von heute tatsächlich von Nutzen sein +konnten und heute eine Notwendigkeit für sie darstellten? Werfen wir +dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit: +begünstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner: +ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, günstig? + +Alle sind sich mehr oder weniger darüber einig, daß unsere heutige Zeit +eine Übergangszeit genannt werden kann. Alle fühlen heute mehr denn je, +daß sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist +nicht einmal eine Station, auf der man vorübergehend haltmacht, kein +Nachtquartier und kein Rasten während der Reise. Alles sucht etwas, aber +es sucht es nicht draußen, sondern in dem eigenen Inneren. Die +moralischen Fragen haben ein starkes Übergewicht über die politischen, +die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme +erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermögen das Interesse der +Welt mehr zu fesseln. Überall kommt mehr oder weniger deutlich der +Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum +Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren +harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus +sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr +Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren, +erleben Krisen und Umwälzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den +Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer +Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung möglich zu sein +schienen. Ein jeder fühlt mehr oder weniger, daß er sich nicht in der +richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden +sollte, wenn er auch nicht weiß, worin dieser ersehnte Zustand nun +eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem +ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich +dorthin, woher sie etwas über die Fragen, die heute alle beschäftigen, +zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht +wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthält. Bedarf man also wohl +in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der über ein +gewisses schöpferisches Talent verfügt, der lebendige Bilder von +Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben +eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, -- der +von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns +zunächst einmal klar, was das für ein Schriftsteller ist, dessen +Hauptbegabung sein schöpferisches Talent ist. + +Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin überein, daß ein produktiver +Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die +Ansprüche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig -- und mit Recht: +um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht, +herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die häufig ein +außergewöhnliches Talent für das beschreibende, malende Genre besitzen, +denen jedoch die _schöpferische_ Gabe völlig mangelt. Wer dagegen +_schafft_, wer viel Zeit und Mühe darauf verwendet, dem sein Werk teuer +zu stehen kommt, der darf seine Mühe und Arbeit nicht umsonst +verschwenden. Die Schöpfungen seiner Kunst müssen für unser Leben einen +Fortschritt bedeuten, er muß, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er +auf der Höhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld für die +Belehrung, die er aus ihr geschöpft hat, abtragen können, indem er auch +sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die Ästhetiker +unserer Zeit ebenso wie die früherer Zeiten das Wesen des Dichters oder +ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schöpferischer +Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich +aufgenommen hat, ist für einen schöpferischen Schriftsteller sogar +unmöglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der über +einen flinken Pinsel verfügt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag, +was an seinem Blick vorüberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln +gequält und beunruhigt wird. + +Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den +Fragen des Lebens beschäftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als +jemand anderes das lösende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen; +aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich +schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er +sich bei allen seinen großen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit +des Stils, zu der Adlerkraft und -schärfe des Blicks, zu dem +fortreißenden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines +Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes +bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum +Bürger seines Landes und zum Bürger der ganzen Menschheit herangebildet +hat und überall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein +Fels, unerschütterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn +antreten. Wenn er wirklich über solche Mittel und Werkzeuge verfügt, +dann wird er dem Publikum solche Menschen vorführen, wie er sie +gegenwärtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie +mit jener porträthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, daß +das Bild eines Menschen uns überallhin verfolgt, so daß wir es nicht +wieder loswerden können. Bei solchen Mitteln wird es ihm natürlich nicht +schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen +Schriftsteller unsere Köpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man +muß nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche +lebendige Bilder, die wie die rechtmäßigen Herren in der Seele der +Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, -- so werden sich +einem die Tore der Herzen von selbst öffnen, um sie aufzunehmen, wenn +man nur das Gefühl hat und nur das Geringste davon spürt, daß diese +Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschöpft sind, daß sie +unserem eigenen Körper entstammen. Wer könnte in solch einem Falle noch +daran zweifeln, daß heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuüben +vermöchte, wie solch ein Schriftsteller, und daß niemand unserer Zeit +und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch +tatsächlich über einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfügt, sich +aber noch nicht zu einem Bürger seines Landes und der Menschheit +herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend, +selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wäre es +für ihn sogar gefährlich, sich in die Öffentlichkeit hinauszuwagen; dann +kann seine Wirkung eher schädlich als nützlich sein. Diese Arbeit an +sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder +entstammt. Je weniger Ähnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je +ungewöhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen +unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtümern und +Mißverständnissen kann er überall Anlaß geben. Das, was in ihm lediglich +eine natürliche Äußerung, eine normale Funktion seines außergewöhnlichen +Organismus, ein vorübergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes +ist, kann anderen Menschen als ein Höhepunkt, als Zielpunkt erscheinen, +den alle erreichen müssen. Je liebevoller er sich für seine Helden und +Charaktere einsetzt, je gründlicher er sie ausführt, und je lebendiger +seine Darstellung ist, um so größer wird der Schaden sein. Wir alle +haben den Beweis dafür vor Augen. Eine bekannte französische +Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung überragt, hat in wenigen +Jahren eine gewaltigere Umwälzung in den Sitten hervorgerufen als +sämtliche Schriftsteller, die sich bemühten, die Menschen zu +korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die +Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren möglicherweise nur der +Ausdruck einer vorübergehenden Verirrung, der sie in einer späteren +Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der +sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen: +»_Ein Wort ist wie ein Spatz_,« sagt ein russisches Sprichwort, »_läßt +du es aus der Hand, so fängst du es nie mehr ein_.« + +Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schöpferischer +Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fähigkeiten, +in denen eine suggestiv fortreißende Kraft liegt. Der allgemeinen +Zeitströmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen +des Höchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und +Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fühle, daß +ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und daß +ich daher nicht öffentlich hervortreten sollte. Auch das unlängst +veröffentlichte Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« ist ein Beweis +dafür. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie +man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtümern Anlaß gibt und sogar +zur Verbreitung verkehrter Gedanken beiträgt, wenn schon von diesen +Briefen, wie man sagt, einem ganze Sätze und Seiten wie lebendige Bilder +im Kopf haften bleiben, was wäre erst dann geschehen, wenn ich, statt +mit diesen Briefen, mit einem erzählenden Werk voll lebendiger +Anschauungen hervorgetreten wäre? Ich fühle selbst, daß hierin weit mehr +meine Stärke liegt als in theoretischen Erörterungen. Jetzt kann die +Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wäre kaum jemand imstande +gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder hätten etwas Suggestives +gehabt und hätten sich so in den Köpfen festgesetzt, daß kein Kritiker +sie von dort hätte wieder austreiben können. Man darf nicht außer acht +lassen, daß alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit +meiner eigenen Überzeugungen hätten beweisen müssen und meine +Überzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten +»Toten Seelen« vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein für den +mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich +in meinem Briefwerk auf einem höheren Standpunkt als in den vernichteten +»Toten Seelen«. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen +den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer +ausgedrückt hätte, so hätten viele Leute unterlassen, mir Einwände zu +machen. In den von mir vernichteten »Toten Seelen« ist weit mehr von dem +Übergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck +gekommen, es steckt noch eine weit größere Unbestimmtheit in den +grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende, +treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel +Eindrucksvolles, mit sich Fortreißendes, und die Helden haben etwas +Suggestives. Kurz -- als ein ehrlicher Schriftsteller hätte ich die +Feder niederlegen müssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang +gefühlt hätte, sie zu ergreifen. Aber so etwas muß mit Besonnenheit +betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, daß ich +in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich +mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die +ganze Sache etwas genauer überlegen und alle Umstände in Betracht +ziehen, die kein Richter außer acht läßt, wenn er über jemand zu Gericht +sitzt. Ich habe den Eindruck, daß heute nicht nur ein Mensch, der +schriftstellerisch tätig ist, sondern jeder Kopf überhaupt sich der +Tätigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlüsse und +Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten +nur solche sich öffentlich betätigen, deren Erziehung vollendet ist und +die fertige Bürger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur +solche, die Rußland ebenso glühend lieben wie der, der sich Kosak +Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu +schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Böse an der +russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun, +die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt über +den wirklichen Zustand aufzuklären, in dem sich heute die Menschen in +Rußland befinden. + +Es wird _mir_ sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die +schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller +meiner Gedanken und Wünsche war, wo ich doch allem anderen, allen +Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mönch alle Bande, die mich an +alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um +an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht, +der schriftstellerischen Tätigkeit zu entsagen: gehörten doch gerade die +Augenblicke zu den schönsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in +Gedanken ausgebrütet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch +jetzt noch immer überzeugt, daß es kaum einen höheren Genuß gibt als den +des _Schaffens_. Aber -- ich wiederhole dies nochmals -- als ehrlicher +Mensch müßte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den +inneren Drang fühlte, sie zu ergreifen. + +Ich weiß nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wäre, so zu handeln, wenn +ich nicht die Fähigkeit zum Schreiben verloren hätte; denn -- um ganz +aufrichtig zu sein -- das Leben hätte dann plötzlich allen Wert für mich +eingebüßt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das hätte für mich +ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, für +den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafür ist, daß +der Schöpfer den Menschen keinen Augenblick verläßt. Das Herz bleibt +keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die +Erde, die eine Weile vom Pflug unberührt bleibt, andere und neue Kräuter +und Gräser wachsen läßt, bis sie sich in ein neues von ihnen +befruchtetes und gedüngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir, +als ich die Fähigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs +neue zu dem Gegenstand zurück, von dem ich in meiner Kindheit geträumt +hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und +unscheinbarste Stellung hätte mir genügt, wenn ich nur meinem Vaterlande +so hätte dienen können, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja +ich hätte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mögen, als ich +dies jemals gewünscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat +mich niemals verlassen. Ich söhnte mich auch erst mit meiner +schriftstellerischen Tätigkeit aus, als ich mich innerlich überzeugte, +daß man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen könne. Aber +auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein großes Werk +vollendet haben würde, ganz so wie die anderen Menschen in den +Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Pläne +und Absichten hatten bloß etwas Anmaßendes und entsprangen einer +hochmütigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafür ablegen +würde, daß ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und +seinen fundamentalsten Zügen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den +Zügen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen +sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern würde, daß ich +die Seele des Menschen nicht aus Büchern und Erzählungen, sondern aus +Erfahrung kenne, da ich schon von frühester Jugend auf von dem Wunsche +beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so würde man mir eine +Stellung anweisen, die es mir erlauben würde, mit Menschen aller Stände +und mit vielen Leuten in persönliche Berührung zu kommen, nicht erst +durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich +meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen +Leuten nützlich erweisen und mir selbst noch eine größere +Menschenkenntnis erwerben würde. Es schien mir so, als ob Rußland am +meisten unter den gegenseitigen Mißverständnissen leidet, und daß wir +vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele +und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen +Wunsche nach Frieden beseelt wären. Ich hatte gesehen und bereits die +Erfahrung gemacht, daß man durch persönliche Unterhandlungen und +Aufklärungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem +Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine +solche Stellungen gebe, so würde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig +und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich +entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen +wollte, wie ich mich Rußland durch die Fähigkeiten, die ich besaß, +nützlich und notwendig erweisen könnte. Ich schmiedete die kühnsten +Pläne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes +gründeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fähigkeit, +dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in +meinen Augen alle Ämter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten -- der +kleinste wie der größte -- hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur +mit dem gebührenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, daß man, +wenn man den Menschen nur ein wenig zu schätzen weiß und einen Begriff +von seiner Würde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der +Mensch viele Fehler und Mängel hat, daß man, sofern man nur etwas +wahrhaft christliche Liebe für ihn hat und endlich von wirklicher Liebe +zu Rußland erfüllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel +Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses übertrifft alles +andere. Ein Amt und eine Stellung wären für mich dasselbe wie ein Hafen +und das Festland für einen Seefahrer. Ich bin überzeugt, daß heutzutage +ein jeder, der von dem heißen Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der +ein Russe ist und dem Rußlands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und +mit demselben Eifer zu vielen Ämtern und Stellungen im Staate drängen +sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland +gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der Übel +sind groß, und sie haben schon viel Schmach über uns gebracht. +Andererseits aber bin ich auch überzeugt, daß wir schon um unserer +selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So stürmisch +und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die +Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand empört, +man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine +Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfüllen, daß man dem Himmel +Rechenschaft dafür abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schämen +braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist für uns kein Rätsel mehr. +Es war einmal ein Rätsel, als die klügsten unter den Menschen, die +Denker und Dichter, über es nachsannen und zur Überzeugung kamen, daß +sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer -- der +der klügste von ihnen allen war -- es mit voller Sicherheit und ohne zu +schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, _Er_ wisse, was das Leben +sei; seitdem dieser _Eine_ von allen anerkanntermaßen für den größten +aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht +zugeben wollen, daß Er Gott sei, gehalten wird, muß man Ihm aufs Wort +glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte. +Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelöst. + +Das aber genügt noch nicht. Uns ward ein vollständiges und umfassendes +Gesetz für alle unsere Handlungen gegeben -- ein Gesetz, das keine +Gewalt in seiner Wirkung zu hemmen oder zu beschränken vermag, das man +selbst bis in die Mauern des Gefängnisses tragen, das man jedoch nicht +erfüllen kann, wenn man in der Luft schwebt; dazu muß man zum mindesten +ein festes irdisches Fundament unter den Füßen haben. Wenn man ein Amt +und eine Stellung innehat, befindet man sich doch immer auf einem +bestimmten Wege; besitzt man dagegen keine bestimmte Stellung und kein +Amt, so geht man aufs Geratewohl durch Gestrüpp und Schluchten, wenn man +auch das gleiche Ziel im Auge behält. Auf einem Wege geht sich's +leichter als dort, wo es keine Wege gibt. Wenn man Amt und Stellung als +Mittel zu einem Ziel betrachtet, das nicht auf der Erde liegt, sondern +als einen Weg zum himmlischen Ziel -- zur Rettung unserer Seele -- +ansieht, so erkennt man, daß das Gesetz, das uns Christus gegeben hat, +nur für uns selbst gegeben ward, daß er sich gleichsam an uns selbst +wendet, um uns klar und deutlich zu zeigen, wie wir uns an der Stelle, +an der wir stehen, und in dem Berufe, den wir uns erwählt haben, +verhalten sollen. Es ward dem Christen mit aller Bestimmtheit und +Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen Höhergestellte benehmen soll, und +wenn er nur einen Teil davon erfüllt, so werden ihn alle, die über ihm +stehen, liebgewinnen. Es ward dem Christen in aller Bestimmtheit und +Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen die verhalten soll, die unter ihm +stehen, und wenn er nur einen Teil hiervon erfüllt, so werden ihm alle +unter ihm Stehenden von Herzen ergeben sein. Diese ganze Universalität +des menschenfreundlichen Gesetzes Christi, dieses Verhältnis der +Menschen untereinander kann von jedem von uns auf seine begrenzte Sphäre +angewandt und übertragen werden. Wir brauchen bloß alle Menschen, mit +denen wir so häufig in unangenehmster und peinlichster Art +zusammenstoßen, zu unseren Nächsten und unseren Brüdern zu machen, zu +jenen Nächsten, denen uns Christus am meisten zu vergeben und die Er uns +am meisten zu lieben geboten hat. Man braucht bloß nicht darauf zu +achten, wie die anderen sich gegen uns verhalten, und nur daran zu +denken, wie man selbst gegen andere Leute handelt. Man braucht bloß +nicht daran zu denken, wie die anderen uns lieben, sondern bloß darauf +zu achten, ob man sie auch _selbst_ liebt. Man braucht nur, ohne sich +durch irgend etwas gekränkt zu fühlen, dem ersten, dem man begegnet, die +Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken. Man braucht bloß eine kurze Zeit +lang so zu handeln und man wird bald inne werden, daß der Umgang mit +anderen Leuten uns selbst und daß ihnen der Umgang mit uns viel leichter +wird; dann wird man wirklich die Kraft in sich fühlen, auch an einer +unscheinbaren Stelle manch nützliche Tat zu vollbringen. Am schwersten +hat es der in der Welt, der noch nicht irgendwo festen Fuß gefaßt hat, +der sich's nicht klarmacht, worin sein Beruf besteht: ihm ist es am +schwersten, das Gesetz Christi auf sich anzuwenden, das doch dazu da +ist, um auf der Erde und nicht in der Luft verwirklicht zu werden; daher +muß auch das Leben ein ewiges Rätsel für ihn sein. Ihm gegenüber ist +sogar der Gefangene, der im Kerker schmachtet, noch im Vorteil: er weiß, +daß er ein Gefangener ist, und er weiß daher auch, was von dem Gesetz er +für sich auswählen muß. Ihm gegenüber ist noch der Bettler im Vorteil, +er hat auch ein Amt: er ist ein Bettler und weiß daher, was er für sich +aus dem Gesetz Christi schöpfen soll. Ein Mensch jedoch, der nicht weiß, +was sein Beruf, wo sein Platz ist, der sich nichts klar, der bei nichts +haltmacht und nirgends festen Fuß gefaßt hat, der hat weder in der Welt +noch außer der Welt ein Heim; er weiß nicht, wer sein Nächster ist, wer +seine Brüder sind, wen er lieben und wem er verzeihen soll (man kann +nicht die ganze Welt lieben, wenn man nicht erst einmal die lieben +lernt, die einem am nächsten stehen und die Gelegenheit haben, uns +Kummer zu bereiten): sein Gemütszustand hat die meiste Ähnlichkeit mit +einer trockenen mattherzigen Seelenverfassung. + +So war ich denn nach vielen Jahren langer Mühe und mancherlei Versuchen +und häufigem Nachdenken, auf meinem Wege sichtlich vorwärtsschreitend, +endlich zu dem Ergebnis gelangt, von dem ich schon während meiner +Kindheit geträumt hatte, daß das Dienen die Bestimmung des Menschen und +daß unser ganzes Leben ein einziger Dienst ist. Man darf nur nicht +vergessen, daß man ein Amt im irdischen Staate übernimmt, um dadurch dem +himmlischen König zu dienen, und daher Sein Gesetz stets im Auge +behalten muß. Nur wenn man seinen Dienst in dieser Weise auffaßt, kann +man es allen recht machen: dem König, dem Volk und seinem Vaterland. + +Als ich diese Überzeugung gewonnen hatte, war ich schon bereit, mich +voller Eifer jedem Amte zu widmen, obwohl ich natürlich bemüht war, mir +mit Rücksicht auf meine Fähigkeiten einen solchen Beruf zu wählen, der +mich auch weiter in den Stand setzen würde, die Menschen in Rußland auch +in der Praxis kennen zu lernen; damit ich, wenn sich bei mir die +Fähigkeit zum dichterischen Schaffen wieder einstellen sollte, über ein +ausreichendes Material verfügte. Und so war auch einer der Gründe meiner +Reise ins Heilige Land der ehrliche Wunsch, an jener Stelle zu Gott zu +beten und mir von Ihm, Der uns in jenen Gegenden, die einst Sein Fuß +durchschritten, das Geheimnis des Lebens offenbart hat, den Segen für +eine rechtschaffene Erfüllung meiner Pflicht und für meinen Eintritt ins +Leben zu erflehen; ich wollte Ihm für alles danken, was sich in meinem +Leben ereignet hatte, mir von Ihm eine Tätigkeit erbitten und Ihn um +Belebung und Erfrischung für den weiteren Weg und das Werk, für das ich +mich herangebildet und vorbereitet hatte, anflehen. Und darin finde ich +nichts Merkwürdiges, da doch auch der Schüler nach Beendigung seines +Lehrganges sich beeilt, dem Lehrer ein Wort des Dankes zu sagen. Wenn +doch auch der Sohn zum Grabe des Vaters eilt, bevor er seine Tätigkeit +beginnt, warum sollte _ich_ nicht jenem Grabe Ehre und Anbetung +erweisen, das alle verehren, an dem allen Trost und Kräftigung zuteil +wird und vor dem alle Menschen -- auch solche, die keine Dichter sind -- +von Begeisterung ergriffen werden. Es ist vielleicht recht sonderbar, +daß ich in einem gedruckten Buche hierüber geredet habe; aber ich hatte +mich damals gerade von einer schweren Krankheit erholt. Ich war noch +recht schwach und glaubte gar nicht, daß ich imstande sein würde, diese +Reise zu vollenden. Ich wollte, daß _die_ für mich beten sollten, deren +ganzes Leben ein einziges Gebet geworden war, wußte nicht, wie ich es +anstellen sollte, daß meine Stimme bis in die Tiefe der Klosterzellen +und in die Mauern der Einsiedler dränge, und ich dachte, daß vielleicht +einer von denen, die mein Buch lesen würden, mein Wort bis an das Ohr +jener tragen möchte. Ich bat auch die anderen, für mich zu beten, weil +ich nicht wußte, wessen Gebet Ihm wohlgefälliger ist, zu Dem wir alle +beten. Ich weiß nur das eine, daß der Geringste und Schlechteste unter +uns schon morgen ein besserer Mensch werden kann als wir alle und daß +sein Gebet eher bis an Gottes Ohr dringen kann als jedes andere Gebet. +Dafür hätte man mich nicht so strenge verurteilen sollen; man hätte +lieber an die Worte »_Bittet, so wird euch gegeben_« denken und dies +Gebot erfüllen sollen. + +Wie es geschehen konnte, daß ich nun genötigt bin, dem Leser über dies +alles Auskunft zu geben, das kann ich selbst nicht begreifen. Ich weiß +nur das eine: daß ich nie den Wunsch hatte, mich über meine geheimsten +und innersten Seelenregungen zu äußern -- nicht einmal meinen +aufrichtigsten Freunden gegenüber. Ich war fest entschlossen, nichts von +meinen Seelenerlebnissen zu verraten und alle Urteile, die über mich +gefällt wurden, ruhig über mich ergehen zu lassen, da ich fest davon +überzeugt war, daß, wenn erst der zweite und dritte Band der »Toten +Seelen« erscheinen würden, sich alles aufklären und niemand mehr die +Frage stellen würde: was ist der Autor selbst für ein Mensch? trotzdem +der Autor gänzlich hinter seinen Helden verschwinden sollte. Nachdem ich +mich jedoch einmal darauf eingelassen hatte, gewisse Erklärungen über +meine Werke abzugeben, war es ganz unvermeidlich, daß ich auch von mir +selbst reden mußte, weil meine Werke auf das engste mit meinen geistigen +und seelischen Angelegenheiten in Zusammenhang stehen. Gott weiß, +vielleicht geschah auch dies ohne den Willen Dessen, ohne Den in der +Welt nichts geschieht; ja, vielleicht mußte dies gerade deswegen +geschehen, damit ich einen Einblick in mein eigenes Innere gewinnen +konnte. Die Versuchung, hochmütig zu werden, lag mir sehr nahe, +besonders nachdem es mir gelungen war, mich tatsächlich von einigen +Fehlern und Mängeln zu befreien. Dieser Hochmut nistete beständig in +meiner Seele und niemand hat mich darauf aufmerksam gemacht. Bekanntlich +genügt es schon, sich eine gewisse Glätte, ein gewisses Gleichmaß und +eine gewisse Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den Menschen +anzueignen, damit sie unsere Fehler übersehen und nicht beachten. Wenn +man sich dagegen vor unbekannten Leuten und vor der ganzen Welt zur +Schau stellt, und wenn jede unserer Handlungen und Taten bis ins +einzelne zerfasert wird, wenn Menschen der verschiedensten Denkungsart, +der verschiedensten Anschauungen und mit den verschiedensten Vorurteilen +sich jeder nach seiner Weise ein Bild von uns machen, wenn dann von +allen Seiten berechtigte und unberechtigte Vorwürfe auf einen +niederhageln und mit Vorbedacht oder auch ohne böse Absicht an die +empfindlichsten Seiten unseres Wesens rühren, dann fängt man an -- ob +man nun will oder nicht -- sich von solch einer Seite zu sehen, von der +man sich noch nie gesehen hat, und man beginnt Fehler und Mängel in sich +zu suchen, die man sonst nie in sich gesucht hätte. Das ist eine +furchtbare Schule, die einen entweder um den Verstand bringt oder klüger +und vernünftiger macht, als man jemals war. Nicht ohne Scham und ohne +Erröten lese ich vieles in meinem Buche, trotzdem aber danke ich Gott, +daß Er mir die Kraft gegeben hatte, es herauszugeben. Ich brauchte einen +Spiegel, in dem ich mich erblicken und besser erkennen konnte, ohne dies +Buch aber wäre ich schwerlich in den Besitz eines solchen Spiegels +gekommen. Und so hat denn mein Buch, das aus der ehrlichen Absicht +entsprungen war, anderen zu nützen, vor allem mir selbst am meisten +genützt. + +Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auch einige Worte über den Nutzen +zu sagen, den mein Buch anderen Leuten bringen kann. Ist mein Buch +wirklich so ganz wertlos für andere Menschen, besonders aber für die +Gesellschaft, wie sie heute ist? Mir scheint, alle, die über dies Buch +geurteilt haben, haben es mit zu weit aufgerissenen Augen und gar zu +hitzig und heftig betrachtet. Man hätte es weit kaltblütiger beurteilen +sollen. Statt als Vorkämpfer der ganzen Gesellschaft aufzutreten und +mich im Angesicht des ganzen russischen Vaterlandes vor Gericht zu +laden, hätte man die Sache viel einfacher ansehen sollen. Man hätte das +Buch analysieren, man hätte feststellen sollen, was es seinem innersten +Wesen nach ist, und man hätte nicht eher auf die Einzelheiten und die +Teile eingehen dürfen, als bis man sich den inneren Sinn des Ganzen +völlig klargemacht hatte. Nun aber hatte das allerhand törichte +Wortstreitigkeiten zur Folge, ja vielem wurde ein solcher Sinn +untergelegt, von dem ich mir nie hatte etwas träumen lassen. + +Zunächst hätte ich jederzeit das Recht gehabt, davon zu reden, wovon ich +in meinem Buche gesprochen habe, wenn ich mich nur einfacher und +schicklicher ausgedrückt hätte. Es ist mir nie eingefallen, die Menschen +in der Weise belehren zu wollen, wie mir das einige imputieren wollten. +Das _Lehren_ verstand ich in dem einfachen Sinne, den die Kirche im Auge +hat, wenn sie gebietet, einander unaufhörlich zu belehren, wobei man es +verstehen muß, mit derselben Freude Ratschläge von anderen +entgegenzunehmen, mit der man selbst anderen welche erteilt. Ich aber +war damals wirklich bereit, Ratschläge von anderen Menschen +entgegenzunehmen. Ich stellte mir die Gesellschaft keineswegs als eine +Schule vor, die mit Schülern von mir angefüllt ist, deren Lehrer ich +bin. Ich bestieg mit meinem Buch kein Katheder und verlangte nicht, daß +alle aus diesem Buche lernen sollten. Ich kam zu meinen Mitbrüdern und +Mitschülern wie ein ihnen gleichgestellter Schulkamerad; ich brachte +einige Hefte mit, in denen ich die Worte des Lehrers nachgeschrieben +hatte, von Dem wir alle lernen; ich brachte vielerlei mit; mochte sich +jeder das davon wählen, was er brauchen konnte. Es waren Briefe +darunter, die an Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen +Anlagen und Neigungen gerichtet waren. Viele von diesen Personen standen +auf ganz verschiedenen Stufen der geistigen Entwicklung; daher konnten +sich diese Briefe unmöglich in gleicher Weise auf alle Menschen beziehen +und auf sie alle passen. Ich dachte mir, jeder würde sich nur das davon +aneignen, was er brauchte, und das andere nicht beachten. Ich hatte +nicht geglaubt, daß so mancher gerade danach greifen würde, dessen ein +anderer bedurfte, ausrufen würde: »Das kann ich nicht brauchen!« und mir +dann noch zürnen würde. Ich wollte auch keine neue Lehre verkünden. Als +ein Schüler, der in einigen Fächern etwas weiter fortgeschritten ist als +ein anderer Mitschüler, wollte ich es den übrigen Kameraden bloß +klarmachen, wie man die Lektion, die uns von dem besten aller Lehrer +aufgegeben wird, am schnellsten und leichtesten lernt. Ich hatte +geglaubt, wenn man mein Buch gelesen haben würde, würde man zu mir +sagen: »Ich danke dir, Mitbruder!« und nicht: »Ich danke dir, mein +Lehrer!« Wenn nur nicht mein »Testament« gewesen wäre, das ich +unvorsichtigerweise mitaufgenommen habe und in dem ich auf die Belehrung +anspielte, die jeder Autor seinen Mitmenschen mit seinen poetischen +Werken erteilen sollte, so wäre es niemand eingefallen, mir solche +apostolische Absichten zuzuschreiben, trotz meines ziemlich +entschiedenen Tons, ja sogar trotz der lyrischen Feierlichkeit meiner +Rede. Dagegen wird ein jeder, der bereits in seine eigene Seele zu +blicken vermag, meinem Buche mancherlei entnehmen können, was ihm von +Nutzen sein dürfte. + +Was ferner die Meinung anbetrifft, daß mein Buch schädlich wirken müsse, +so kann ich dies unter keinen Umständen zugeben. In dem Buche kommt +trotz all seiner Mängel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu +deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen +leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das +Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen Überzeugung: nämlich daß die +höchste Instanz in allen Fragen die Kirche und daß _sie_ der Schlüssel +zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der +Lektüre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, _in_ der +Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn +darüber belehren werden, was er sich aus meinem Buche für seine Zwecke +aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere +Bücher statt des meinen geben, um derentwillen er _mein_ Buch +beiseitelegen wird, so wie ein Schüler das Buchstabieren aufgibt, wenn +er frei lesen gelernt hat. + +Zum Schluß muß ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die über mein +Buch gefällt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und +keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir +gegenüber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen +selbst, ich hätte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine +Vorzüge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden, +einbilden können, daß ich höher stehe als alle anderen Menschen und daß +ich das Recht habe, über andere Leute zu richten, worauf aber könnte +sich der stützen, der mit solcher Sicherheit über mich zu Gericht sitzt +und nicht einmal das Gefühl hat, daß er höher steht als ich? Wie dem +auch sein mag, um ein allseitiges Urteil über einen Menschen zu fällen, +dazu muß man höher stehen als der, über den man richtet. Man kann wohl +gewisse Bemerkungen über diese oder jene Einzelheit machen, man kann +Meinungen äußern und Ratschläge erteilen, allein über den ganzen +Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschläge stützt, ihn für +völlig verrückt erklären, behaupten, er habe seinen Verstand verloren, +er sei ein Lügner und Betrüger, der die Maske der Frömmigkeit angelegt +habe, ihm gemeine und niederträchtige Absichten unterlegen -- nein, das +sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen +offenkundigen Schurken, der das Schandmal der öffentlichen Verachtung +trägt, vorzubringen imstande wäre. Mir scheint, ehe man solche +Beschuldigungen ausspricht, müßte man innerlich erschrecken und erbeben, +man sollte erst ein wenig darüber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei +zumute wäre, wenn öffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen +gegen uns erhoben würden! Es wäre wirklich gut, wenn man sich's erst ein +wenig überlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: »Irre ich +mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich +hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es +nicht für alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die äußere +scheinbare Ähnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die +geschicktesten Ärzte eine Krankheit für eine andere gehalten und ihren +Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten +secierten.« Nein, das Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« enthält, +so große Mängel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel +Derartiges, was nicht allen sofort verständlich sein kann. Es nützt +nichts, sich darauf zu berufen, daß man das Buch zwei- oder dreimal +gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts +dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, muß +man entweder eine sehr einfache und gütige Seele haben oder ein sehr +vielseitiger Mensch sein, der außer einem Verstande, der die Dinge von +allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch über ein hohes poetisches +Talent und eine Seele verfügt, die einer vollen, großen und tiefen Liebe +fähig ist. + +Ich kann nicht leugnen, daß diese ganzen Wirrnisse und diese +Mißverständnisse sehr bitter für mich waren -- um so mehr, als ich +geglaubt hatte, daß mein Buch eher den Keim zur Versöhnung als zu Streit +und Zwietracht enthalte. Meine Seele wäre unter all den Vorwürfen +zusammengebrochen; manche darunter waren so fürchterlich, daß Gott jeden +vor solchen Anklagen bewahren möge! Andererseits aber fühle ich mich +verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen +vieler Verfehlungen hätten mit Vorwürfen überschütten können, die mich +aber in dem Gefühl, daß sie bereits das Maß dessen überstiegen, was die +schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines +mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott möge es +ihnen vergelten! Ich kenne keine größere Tat, als einem Menschen, der +den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen. + + 1847. + + + + + An W. A. Schukowski + + + Neapel, den 10. Januar 1848./29. Dezember 1847. + +Ich bin in deiner Schuld, lieber Freund! Jeden Tag nehme ich mir vor, zu +schreiben -- aber eine unbegreifliche _Unlust_ hindert mich immer wieder +daran. Wieder liegen Neapel, der Vesuv und das Meer vor mir! Die Tage +fliehen in steter Beschäftigung dahin, die Zeit vergeht so schnell, daß +man nicht weiß, wie man eine Stunde erübrigen soll. Ich lerne wie ein +Schuljunge und hole alles nach, was ich in der Schule zu lernen +unterlassen habe. Aber wozu soll ich davon erzählen! Ich möchte davon +sprechen, wovon ich mit dir allein sprechen kann: nämlich von unserer +lieben _Kunst_, für die ich lebe und um derentwillen ich jetzt arbeite +und lerne wie ein Schulknabe. Da ich jetzt vor einer Reise nach +Jerusalem stehe, möchte ich dir mein Herz ausschütten; wem gegenüber +könnte ich das auch tun, wenn nicht dir gegenüber? Die Literatur hat ja +doch fast mein ganzes Leben ausgefüllt, und hier liegen meine +Hauptsünden. + +Nun sind es bald zwanzig Jahre, daß ich, ein Jüngling, der kaum ins +Leben getreten war, zum erstenmal zu _dir_ kam, der bereits den halben +Weg auf diesem Felde zurückgelegt hatte. Das war im Schlosse von +Schepelejow. Das Zimmer, wo diese Begegnung stattfand, existiert bereits +nicht mehr; aber ich sehe es noch deutlich und in allen Einzelheiten -- +bis auf das kleinste Möbelstück und die geringsten Sachen, die darin +standen, vor mir, wie wenn es heute wäre. Du reichtest mir die Hand und +warst ganz erfüllt vom Verlangen, dem künftigen Mitkämpfer zu helfen. +Wie wohlwollend und liebevoll war dein Blick! ... Was war es, das uns, +zwei Menschen von so verschiedenem Alter, zusammenführte? Es war die +Kunst! Wir fühlten, daß zwischen uns eine Verwandtschaft bestand, die +stärker war als die gewöhnliche Blutsverwandtschaft. Und woher kam das? +Weil wir beide etwas von der Heiligkeit der Kunst verspürt hatten. + +Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, in welchem Maße ich Dichter +bin; ich weiß nur das eine, daß ich, noch ehe ich die Bedeutung und das +Ziel der Kunst verstehen lernte, schon wie durch einen geheimen Instinkt +meiner ganzen Seele empfand, daß sie was Heiliges sein müsse. Und so +wurde sie denn, wohl von dieser unserer ersten Begegnung ab, das +_Erste_, die _wichtigste Angelegenheit_ meines Lebens, während alles +andere an die zweite Stelle rückte. Es schien mir so, als ob ich mich +von nun ab durch keine anderen Bande mehr an die Erde fesseln lassen +dürfte, weder durch die Familie, noch durch das amtliche Leben des +Bürgers, und daß die literarische Laufbahn auch eine Art Dienst sei. +Noch gab ich mir keine Rechenschaft (konnte ich sie mir denn damals auch +geben?), was der Gegenstand meiner literarischen Tätigkeit sein müsse, +aber schon regte sich die schöpferische Kraft in mir und ich wurde durch +die näheren Lebensumstände selbst auf bestimmte Gegenstände hingewiesen. +Dies alles spielte sich gleichsam unabhängig von meiner eigenen (freien) +Willkür ab. So dachte ich zum Beispiel niemals daran, daß ich einmal ein +satirischer Schriftsteller werden und meine Leser zum Lachen reizen +würde. Allerdings hatte ich schon in der Schule bisweilen eine gewisse +Neigung zur Lustigkeit und ich plagte meine Mitschüler mit unpassenden +Scherzen. Aber das waren vorübergehende Anwandlungen; im allgemeinen +hatte ich eher einen melancholischen Charakter und ein zum Nachdenken +neigendes Wesen. Später kamen noch Krankheit und Hypochondrie dazu, und +diese Krankheit und Hypochondrie waren die Ursache jener ausgelassenen +Lustigkeit, die sich in meinen ersten Werken bemerkbar macht. Um mich +selbst zu zerstreuen, pflegte ich mir ohne jede weitere Absicht und ganz +planlos gewisse Charaktere auszudenken, die ich dann in komische +Situationen versetzte -- und das war der Ursprung meiner Erzählungen! +Meine Leidenschaft für die Menschenbeobachtung, die mich schon seit den +frühesten Tagen meiner Kindheit erfüllte, verlieh meinen Gestalten etwas +Natürliches; man sagte sogar von ihnen, es seien getreue Porträts nach +der Natur. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: mein Lachen hatte +anfänglich etwas Gutmütiges, ich dachte gar nicht daran, irgendein Ding +in einer ganz bestimmten Absicht zu verspotten, und ich war aufs höchste +erstaunt, wenn ich hörte, es fühle sich jemand gekränkt oder ganze +Gesellschaftsklassen und -stände zürnten mir darob, so daß ich +schließlich nachdenklich wurde. »Wenn die Macht des Gelächters so groß +ist, daß man es fürchtet, so darf man es nicht mißbrauchen.« Ich +entschloß mich also, alles Schlechte, das mir bekannt war, zu sammeln, +in einem Ganzen zusammenzufassen und dann dieses Ganze dem Gelächter +preiszugeben -- so entstand der »Revisor«. Das war mein erstes Werk, das +aus der Absicht entsprang, einen heilsamen Einfluß auf die Gesellschaft +auszuüben, was mir übrigens nicht gelungen ist: man hat aus der Komödie +die Absicht herauserkennen wollen, die gesetzliche Ordnung und unsere +Regierungsform zu verspotten, während ich nur die eigenmächtige +Übertretung dieser rechtmäßigen und gesetzmäßig sanktionierten Ordnung +durch einzelne Personen verspotten wollte. Ich zürnte sowohl meinen +Zuschauern, die mich nicht verstanden hatten, als auch mir selbst, der +die Schuld daran trug, daß ich nicht verstanden worden war. Ich wollte +entfliehen und alles im Stiche lassen. Meine Seele dürstete nach der +Einsamkeit, ich hatte das Bedürfnis, aufs ernsthafteste über meinen +Beruf und meine Tätigkeit nachzudenken. Schon lange trug ich mich mit +dem Gedanken an ein _großes Werk_, in dem alles Gute und Böse, das es im +russischen Menschen gibt, dargestellt und in dem die _Eigenart_ unseres +russischen Wesens möglichst klar und deutlich sichtbar gemacht werden +sollte. Ich sah und konnte wohl viele von den Teilen einzeln erfassen, +aber der Plan des Ganzen wollte sich mir nicht zu voller Klarheit +gestalten und so bestimmte Formen annehmen, daß ich ans Werk gehen und +mit der Niederschrift beginnen konnte. Bei jedem Schritt fühlte ich, daß +mir noch vieles fehlte, daß ich es noch nicht verstand, den Knoten der +Vorgänge und Begebenheiten zu schürzen und ihn wieder zu lösen, und daß +ich erst bei den großen Meistern in die Schule gehen und von ihnen +lernen mußte, wie man ein großes Werk aufbauen und komponieren muß. Ich +begann also die großen Meister zu studieren und machte zunächst den +Anfang mit unserem lieben Homer. Schon kam es mir so vor, als ob ich +etwas zu verstehen begann und sogar anfing, mir ihre Methoden und sogar +ihre Kunstgriffe zu eigen zu machen, -- allein die schöpferische +Fähigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. Mein Kopf tat mir weh +von all der Anstrengung. Nur unter Aufwendung großer Mühen gelang es +mir, wenigstens den ersten Teil der »Toten Seelen« herauszugeben, +gleichsam um hierbei zu erkennen, wie weit ich noch von dem Ziele +entfernt war, nach dem ich strebte. Danach aber wurde ich wieder von +einer unfruchtbaren Stimmung erfaßt. Ich kaute an meiner Feder, meine +Nerven und alle meine Kräfte waren in einem Zustande der Erregung -- und +es kam nichts zustande, ich glaubte schon, ich hätte die Fähigkeit zum +literarischen Schaffen völlig verloren. Da ließen mich plötzlich +Krankheit und schwere seelische Zustände dies alles, ja sogar jeden +Gedanken an die Kunst vergessen und lenkten mich wieder auf das hin, +wozu ich schon früher, noch ehe ich Schriftsteller geworden war, immer +Lust verspürt hatte -- nämlich auf die Beobachtung des inneren Menschen +und der _Menschenseele_. Oh, um wieviel tiefer ist die Erkenntnis, die +einem aufgeht, wenn man mit seiner eigenen Seele beginnt! Auf diesem +Wege trifft man auch ganz unwillkürlich _näher_ mit _Ihm_ zusammen, Der +allein unter allen Menschen, die bisher auf Erden wandelten, in Seiner +Person eine volle Erkenntnis der Menschenseele an den Tag gelegt hat; +selbst wenn die Welt Seine Göttlichkeit leugnen wollte, diese +Eigenschaft könnte sie Ihm niemals abstreiten, es sei denn, daß sie +nicht bloß _blind_, sondern ganz einfach _dumm_ geworden wäre. Durch +diese schroffe Wendung, die nicht mit meinem Willen geschah, wurde ich +dazu veranlaßt, überhaupt tiefer in die Seele hinabzublicken, um zu +erfahren, daß es höhere Grade und höhere Erscheinungsformen des +Seelischen gibt. Von da ab begann die schöpferische Fähigkeit wieder in +mir zu erwachen: wieder beginnen lebendige Gestalten in voller Klarheit +vor mir aus dem Nebel emporzutauchen, ich fühle, daß die Arbeit mir +glücken, ja, daß selbst meine Sprache korrekt und klangvoll werden und +daß mein Stil erstarken wird. Vielleicht wird noch einmal ein künftiger +Kreisschullehrer unmittelbar nach einer Seite aus einem Werke von dir +seinen Schülern eine Seite aus meiner künftigen Prosa vorlesen und +erklärend hinzufügen: »Beide Schriftsteller haben richtig geschrieben, +obwohl sie einander nicht gleichen.« Die Herausgabe meines Buches +»Briefwechsel mit meinen Freunden«, mit der ich mich (aus lauter Freude, +daß meine Feder wieder einmal in Schwung gekommen war) so beeilt habe, +ohne zu überlegen, daß ich, bevor ich mit diesem Buche jemand zu nützen +vermochte, mit ihm vielen Leuten den Kopf verwirren konnte, hat mir +selbst manchen Vorteil gebracht. An diesem Buche ist es mir klar +geworden, wo und in welchem Punkte ich ein Opfer jener Maßlosigkeit und +des Überschwangs geworden bin, dem in dem Übergangszustande, in dem sich +die Gesellschaft gegenwärtig befindet, fast jeder vorwärtsschreitende +Mensch verfällt. Trotz der Parteilichkeit, mit der dieses Buch beurteilt +wurde, und trotz der Widersprüche in der Beurteilung, kam doch +schließlich die allgemeine Stimme zur Geltung, die mir meinen Platz +anwies und mich auf die Grenzen aufmerksam machte, die ich als +Schriftsteller nicht überschreiten durfte. In der Tat, es ist nicht +meine Aufgabe, durch Predigen zu belehren. Die Kunst ist auch ohnedies +schon eine Lehrmeisterin. Meine Aufgabe ist es, durch _lebendige Bilder_ +und nicht in der Form der Beweisführung zu den Menschen zu sprechen. Ich +muß das _Leben_ selbst und _als solches_ darstellen und nicht +Betrachtungen _über_ das Leben anstellen. Das ist eine völlig evidente +Wahrheit. Aber es ist die Frage: hätte ich auch ohne diesen großen Umweg +ein würdiger Vertreter der Kunst und ein schöpferischer Künstler werden +können? hätte ich das Leben so in seinen Tiefen darstellen können, daß +es den Menschen wirklich zur Belehrung dienen konnte? Wie vermöchte man +Menschen darzustellen, wenn man nicht vorher erkannt hat, was die _Seele +des Menschen_ ist? Ein Schriftsteller muß, wenn er bloß die +schöpferische Gabe besitzt, eigene Gestalten und Bilder zu produzieren, +erst einen Menschen und Bürger seines Landes aus sich machen; erst dann +darf er zur Feder greifen! Sonst wird ihm alles mißlingen. Was hilft's, +die Verächtlichen und Lasterhaften zu treffen, indem man sie vor allen +Menschen an den Pranger stellt, wenn das Ideal ihres Widerparts, das +Ideal des schönen Menschen in uns selbst noch nicht zur Klarheit und +Deutlichkeit gediehen ist? Wie soll man die Fehler und das Unwürdige im +Menschen darstellen, wenn man sich selbst noch nicht die Frage vorgelegt +hat: worin besteht denn eigentlich die Menschenwürde? und so lange man +noch keine einigermaßen befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden +hat? Wie soll man die Ausnahmen verspotten, wenn man sich noch nicht +ganz über die Regeln klar ist, deren Ausnahmen die dargestellten Objekte +bilden? Das hieße doch das alte Haus einreißen, ehe man die Möglichkeit +hat, ein neues an seiner Stelle zu erbauen. Aber Kunst hat nichts gemein +mit Zerstörung. In der Kunst liegt ein Keim des Schöpferischen, ein +aufbauendes Element und nicht ein Element der Zerstörung. Das hat man +stets empfunden, selbst in Zeiten der allgemeinen Finsternis und +Unwissenheit. Bei den Klängen der orphischen Leier wurden Städte erbaut. +Trotz des noch ungeklärten und ungeläuterten Begriffs, den unsere +Gesellschaft von der Kunst hat, hört man doch schon allgemein sagen: +»Die Kunst versöhnt mit dem Leben.« Das ist wirklich wahr. Ein echtes +Kunstwerk enthält etwas Beruhigendes, Versöhnendes in sich. Während wir +es lesen, erfüllt sich unsere Seele mit einer ebenmäßigen Harmonie, und +wenn man es zu Ende gelesen hat, fühlt sie sich befriedigt: man wünscht +nichts mehr, man verlangt nach nichts, es regt sich kein Zorn und keine +Entrüstung wider unseren Bruder in unseren Herzen, eher noch ergießt +sich in ihm der Balsam einer alles vergebenden Liebe zu unseren Brüdern; +überhaupt regt sich kein _Tadel_ gegen die Handlungsweise der anderen in +uns, sondern alles fordert uns zur _Betrachtung_ unseres eigenen Ichs +auf. Wenn vom Werk des Künstlers keine solche Wirkung ausgeht, so ist es +nichts als die edle Regung einer glühenden Seele, die Frucht einer +vorübergehenden Stimmung des Autors. Es wird wohl weiterleben, wie eine +beachtenswerte Erscheinung, aber sich nicht den Namen eines Kunstwerks +verdienen. Und das mit Recht. Die Kunst ist eine Macht, die mit dem +Leben versöhnt. + +Die Kunst soll unsere Seele mit Harmonie und Ordnung erfüllen und nicht +Verwirrung und Verstimmung in sie hineintragen. Die Kunst soll uns die +Menschen unserer Erde so darstellen, daß ein jeder das Gefühl hat: das +sind _lebendige_ Menschen, die demselben Leibe entstammen und aus +demselben Stoffe geschaffen sind wie wir. Die Kunst soll uns alle edlen +Züge und Eigenschaften unseres _Volks_charakters vor Augen führen, +selbst die nicht ausgenommen, denen es an einem Spielraum für ihre freie +Entfaltung fehlte und die daher noch nicht von allen beachtet und in dem +Maße gewürdigt sind, daß jeder sie in sich selbst entdeckt und von dem +glühenden Wunsche ergriffen wird, das bisher von ihm Vernachlässigte und +längst Vergessene zu pflegen und zur Entwicklung zu bringen. + +Die Kunst muß uns auch alle schlechten Züge und Eigenschaften unseres +Volkscharakters so vor Augen führen, daß jeder von uns ihre Keime vor +allem in sich selbst wiederfindet und veranlaßt wird, darüber +nachzudenken, wie er zunächst einmal in sich selbst alles, was die hohe +Würde unseres Wesens verdunkelt, ausrotten könne. Erst dann und erst auf +diese Weise wird die Kunst ihre Bestimmung erfüllen und Ordnung und +Harmonie in die menschliche Gesellschaft hineintragen. + +So laß uns denn, nachdem wir zu Gott gebetet und seinen Segen auf uns +herabgefleht haben, kraftvoller als je wieder an unsere liebe Kunst +gehen. Was mich anbetrifft, so will ich alles andere auf eine künftige +Zeit verschieben (wenn ich je durch Gottes Gnade dessen im geringsten +würdig werden sollte) und mich in intensivster Weise den »Toten Seelen« +widmen. Ich will nach Jerusalem reisen (dies muß ich um jeden Preis tun, +denn ich müßte mich schämen, wenn ich es nicht täte). Ich will dort, so +gut ich kann, Gott meinen Dank für alles Vergangene aussprechen; ich +will dort beten, daß meine Seele gekräftigt werde und meine Fähigkeiten +und Geisteskräfte sich sammeln und konzentrieren mögen, und dann mit +Gott an die Arbeit gehen. Wie lebhaft und innig wünschte ich, daß Gott +uns wieder einmal zusammenführen möge, und daß wir wieder einmal eine +Zeitlang in Moskau nahe beieinander leben könnten. Jetzt wäre es noch +notwendiger, uns das von uns Geschriebene noch einmal vorzulesen und +übereinander zu Gericht zu sitzen. Sodann gratuliere ich dir zum neuen +Jahr. Gebe Gott, daß es für uns beide ein recht fruchtbares Jahr werde, +weit fruchtbarer als die verflossenen Jahre. Und nun leb' wohl, mein +Lieber! Ich küsse dich und umarme dich innig. Schreibe mir. Dein Brief +wird mich noch in Neapel erreichen. Vor dem Februar gedenke ich nicht +aufzubrechen. + +Ich umarme deine ganze liebe Familie sowie die Reuterns. + + Dein G. + +Wenn du findest, daß dieser Brief einigen Wert hat, so hebe ihn auf. Man +könnte ihn in der zweiten Auflage des »Briefwechsels« an die Spitze des +Buches, d. h. an die Stelle des »Testaments« stellen, das fortgelassen +werden soll, und ihm den Titel geben: »_Die Kunst ist die Macht, die uns +mit dem Leben versöhnt._« + +Ich will dich immer noch etwas fragen und vergesse es jedesmal: besitzt +du nicht die lateinische Übersetzung der Odyssee mit untergelegtem Text, +die neulich in Paris erschienen ist. Es ist eine sehr schöne Ausgabe. +Der ganze Homer in einem Bande Groß-Oktav _editore Ambrosio Firmin Didot +Parisiis 1846_. Ich hatte den Eindruck, daß die Übersetzung recht +anständig sei, und sie könnte dir weit mehr nützen als alle anderen. + +Meine Adresse lautet: Neapel, _poste restante_, oder noch besser, _Hôtel +de Rome_; damit jedoch der Brief nicht nach der _Stadt_ Rom gesandt +wird, muß das Wort Neapel recht deutlich und in die Augen fallend +geschrieben werden. + + + + + Betrachtungen + über die + Heilige Liturgie + 1845-1852. + + + + Vom Moskauer Geistlichen Zensur-Komitee zum Druck + genehmigt. + + Moskau, den 9. Februar 1889. + + Der Zensor: Priester Grigori Djatschenko. + + + Vorrede + +Der Zweck dieses Buches ist, jungen Leuten und Anfängern, die noch +keinen rechten Begriff von der Bedeutung unserer Liturgie haben, zu +zeigen, in welcher Vollständigkeit sie bei uns zelebriert wird und welch +tiefer Zusammenhang in ihr herrscht. Aus allen den zahlreichen +Erklärungen, die von den Kirchenvätern und -lehrern herrühren, sind hier +nur die ausgewählt, die wegen ihrer Einfachheit und Verständlichkeit von +jedermann begriffen werden können und die in erster Linie dazu dienen, +die notwendige und richtige Ordnung, gemäß der eine Handlung aus der +anderen hervorgeht, begreiflich zu machen[3]. Der Zweck, den der Autor +mit der Herausgabe dieses Buches verfolgte, war der: dazu beizutragen, +daß sich der Leser eine Vorstellung von der Ordnung und Reihenfolge des +Ganzen bilde. Er ist überzeugt, daß sich jedem, der der Liturgie mit +Aufmerksamkeit folgt und jedes Wort bei sich wiederholt, ihre tiefe +innere Bedeutung von selbst erschließen wird. + +[Fußnote 3: Alle anderen Leser, die den Wunsch hegen, auch die +geheimnisvolleren und tieferen Erklärungen kennen zu lernen, können +solche in den Werken der Patriarchen: Hermann, Jeremias, Nikolaus +Kawassil, Simeon von Saloniki, in der Alten und Neuen Tafel, in den +Kommentaren Dimitrijews und endlich in einzelnen ... finden.] + + + Einleitung + +Die Göttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des großen +Liebeswerkes, das für uns geschehen ist. Tief bekümmert über ihre +Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen überall und an +allen Enden der Welt ihren Schöpfer um Hilfe angefleht -- sowohl die, +die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine +Gotteserkenntnis besaßen --, fühlten sie doch, daß hier auf Erden +Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden könnten, Der die +von Ihm selbst erschaffenen Welten geheißen hatte, sich in streng +geregelten Bahnen zu bewegen. Überall rief die schmerzbewegte Kreatur +ihren Schöpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins +empor, und diese Klagen tönten am lautesten und deutlichsten aus dem +Munde der Auserwählten und der Propheten. Man hatte ein dunkles +Vorgefühl, ja man wußte, daß der Schöpfer, Der sich hinter Seinen Werken +versteckt hatte, noch einmal persönlich vor die Menschen treten -- daß +Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem +Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen würde. Sowie sich die +Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen, +tauchte überall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf. +Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon +gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwählten Volkes. +Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den +Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren +Klarheit wie bei den Propheten. + +Diese Klagen fanden Erhörung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt +erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die +Menschen -- selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums +vorausgeahnt und dunkel gefühlt hatten -- nur nicht in _der_ Weise, wie +man es sich zufolge der noch ungeläuterten Begriffe vorgestellt hatte -- +nicht in stolzer Pracht und Majestät, nicht als Richter, der da kommt, +um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu +belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderkuß. Er +erschien in _der_ Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentümlich ist, und +wie sie die göttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war, +vorgebildet hatten. + + + Das Offertorium + (_Proscomidia_) + +Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, muß schon am Vorabend +auf körperliche und geistige Nüchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit +üben, er muß sich mit allen Menschen ausgesöhnt haben und sich davor +hüten, noch etwas wie Ärger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn +dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er +beugen sich anbetend vor der Königspforte, küssen das Bild des Heilands, +das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen +sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch +alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still +für sich die Worte des Psalms sprechen. »Ich aber will in Dein Haus +gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht.« Sodann +treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt] +dreimal vor ihm nieder und küssen das auf ihm liegende Evangelium, als +wäre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie küssen auch den +heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen +Gewänder zu hüllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen +zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien, +damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen +alltäglichen irdischen Geschäften nachgeht. Mit den Worten »Gott! +reinige mich armen Sünder und erbarme Dich meiner!« erfassen Priester +[und Diakon] die Gewänder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet +den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein +Untergewand von glänzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum +Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit +andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein +muß. Daher spricht er auch, während er sich den Rock anzieht, die Worte: +»Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott: +denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der +Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck +gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide.« + +Hierauf nimmt er die Stola und küßt sie; dies ist ein langes schmales +Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder +kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die +Sänger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen +und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum +heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der +Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trägt, und +das gleich einem ätherischen Flügel in der Luft flattert, sowie durch +sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des +Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar. + +Nachdem er das Band geküßt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann +legt er die Armbänder oder Überärmel an, die dicht über dem Handgelenk +zusammengebunden werden, um den Händen eine größere Freiheit und +Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu +verleihen. Während er sie anzieht, denkt er über die unablässig alles +erschaffende, überall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den +rechten Überärmel anzieht, spricht er: »Herr, Deine rechte Hand tut +große Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und +mit Deiner großen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwärtigen gestürzt.« +Dann zieht er den linken Überärmel an und denkt dabei an sich selbst, +daß er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn +erschaffen hat, Er möge ihn lenken und leiten und ihm Seine höchste +himmlische Führung zuteil werden lassen, und er spricht: »Deine Hand hat +mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, daß ich Deine Gebote lerne.« + +In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er +den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben +Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich +die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide +Schultern bedeckt, den Hals umschließt und deren beide Enden sich wieder +auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren +Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, daß +sich in seinem Amte zwei Ämter vereinigen -- das des Priesters und das +des Diakons. Auch heißt das Kleidungsstück nicht mehr Orarion, sondern +Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgießung +der himmlischen Gnade über die Priester; daher wird dieser Akt auch von +den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: »Gelobt sei Gott, +Der Seine Gnade ausgießet über seine Priester wie das Salböl, das von +dem Haupte Aarons herabfließet auf seinen Bart und auf den Saum seines +Kleides.« Sodann zieht der Priester beide Überärmel an, indem er diese +Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgürtet +sich mit einem Gürtel, der Chorrock und Stola umschließt, damit das +weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen +Handlung behindere und um durch diese Umgürtung seine Dienstbereitschaft +anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Gürtel anzulegen, wenn er sich +reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat +schreitet; so legt auch der Priester den Gürtel an, indem er seinen Weg +antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet +seinen Gürtel wie eine Feste der göttlichen Macht, die ihn stärkt und +kräftigt, und er spricht: »Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgürtet +und meinen Weg untrüglich macht, meine Füße geschwinder denn die des +Hirsches und stellt mich auf die Höhe,« d. h. in das Haus des Herrn. +Wenn er jedoch eine höhere priesterliche Würde innehat, so hängt er ein +viereckiges Stück Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es +symbolisiert das geistige Schwert, die alles überwindende Kraft des +göttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem +Menschen auf Erden bevorsteht -- und kennzeichnet den Sieg über den Tod, +den Christus vor aller Welt errungen hat, auf daß der unsterbliche Geist +des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht +dies Stück Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Gürtel an +der Lende aufgehängt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser +Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: »Gürte dein Schwert +an deiner Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen +in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei +Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen.« Endlich +legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der höchsten +alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese +Handlung mit den Worten: »Deine Priester laß sich kleiden mit +Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen.« + +Also ausgerüstet mit der göttlichen Rüstung steht der Priester nunmehr +als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich für ein +Mensch, so unwürdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel +weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen +Geist erfüllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide +die Hände, indem sie die Worte des Psalms sprechen: »Ich wasche meine +Hände in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar.« Dann verbeugen sie +sich dreimal, indem sie sprechen: »Gott, reinige mich Armen von meinen +Sünden und erbarme Dich meiner!« und erheben sich gereinigt und +erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere +Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen +gleichend. + +Der Diakon kündigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er +spricht: »Segne uns, o Herr!«, der Priester eröffnet die Feier mit den +Worten: »Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle +Ewigkeit!« und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des +Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer +heiligen Handlung erforderlich ist: während dieses Teils des +Gottesdienstes werden die Stücke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben +abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi repräsentieren und sich +sodann in ihn verwandeln sollen. + +Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloße Vorbereitung +auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten +Lebensjahre Christi an sie geknüpft, waren doch diese auch eine +Vorbereitung auf seine großen Werke, die er später auf Erden +vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes +bei geschlossenen Türen und zugezogenem Vorhang ab, ohne daß die +Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten +Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne daß das Volk etwas von +Ihm erfuhr. Für die andächtige Gemeinde aber werden während dieser Zeit +die »Horen«[4] gelesen -- eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die +Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die +erste Stunde, wenn für die Christen [der Morgen] begann, um die dritte, +d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die +sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlöser der Welt ans Kreuz +geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab. +Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablässigen +Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen +Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit +verlesen. + +[Fußnote 4: Tschassy.] + +Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die +sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer +des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um +aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich später in den Leib Christi +verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstück, +das den Namen Jesu Christi trägt. Durch die Absonderung eines Teils vom +ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi +vom Fleisch der Jungfrau -- deutet er auf die Geburt des Immateriellen +aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, daß Er geboren wird, +Der Sich für die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich für ihn +damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat +selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im +Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen +einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des +Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine +Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer, +die Zeugen der damaligen Vorgänge waren, er versetzt sich nicht in die +Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde: +dies geschieht später im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses +kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch +die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der +fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die +künftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des +Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit +vorausverkündigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des +Siegels stößt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: »Wie ein Lamm +wird Er zur Schlachtbank geführt,« dann stößt er die Lanze in den Teil, +der zur Linken liegt, und spricht: »Und wie ein unschuldiges Lamm sich +stumm scheren läßt, so öffnet er seinen Mund nicht,« dann versenkt er +die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: »Um Seiner Demut +willen ward Er verdammt,« stößt ihn dann in den unteren Teil, indem er +die Worte des Propheten wiederholt, der über die wunderbare Herkunft des +Opferlammes nachsinnt: »Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er +stammt?« + +Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstück des Brotes auf der +Lanze empor und spricht: »Denn Sein Leib ward von der Erde +hinweggenommen,« und schneidet hierauf kreuzweise -- den Kreuzestod des +Heilands symbolisierend -- das Opferzeichen hinein, gemäß dem es während +der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er: +»Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, zum Leben und +zum Heil der Welt.« Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, daß das +Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte +Lamm versinnbildlicht, stößt er die Lanze in die rechte Seite -- wodurch +die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf +hingedeutet werden soll, daß die Seite des Heilands von einem am Kreuze +stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er: +»Der Kriegsknechte einer öffnete Seine Seite mit einem Speer, und +alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es +bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr.« + +Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, daß nun die Zeit +gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gießen. Der +Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfürchtig und +andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen +Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: »Lasset +uns beten zu dem Herrn!« vor sich hinmurmelte, gießt nun Wein und Wasser +in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters +dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich während +der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren. + +Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten +Christen zu erfüllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch +an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote +und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nächsten +standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein +Stück zum Andenken an jene heraus und legt die Stücke auf dieselbe +Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja +auch jene von dem glühenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite +des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet +er ein Stück zum Gedächtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt +es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm +Davids spricht: »Die Königin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes +Gewand gehüllt und reichlich geschmückt.« Dann nimmt er das dritte Brot, +das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben +Speer neun Stücke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei +Stücken anordnet. Er schneidet ein Stück zu Ehren Johannes des Täufers, +ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel +heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen +ihren Abschluß erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen +Kirchenväter ein viertes Stück, ein fünftes zu Ehren der Märtyrer und +ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Väter und Mütter +heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der +Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stück zu +Ehren der Wundertäter und Uneigennützigen, ein achtes zu Ehren der +göttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein +neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Großen +heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird. +Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen +vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstücke, die er +herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das +heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am +nächsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im +Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Göttern und Mensch unter +Menschen. + +[Fußnote 5: Diskos.] + +Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an +alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stück zu Ehren +des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und +ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtgläubigen Christen +heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mögen, und endlich schneidet er +auch noch für jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und +dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stück heraus. Dann nimmt der +Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stücke zur Erinnerung an alle +Verstorbenen aus ihm heraus, indem er für sie betet und Vergebung der +Sünden für sie erfleht; er betet für die Patriarchen, für die Zaren, die +Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt +hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet für alle -- +bis auf den letzten Christen -- für den man sich bei ihm verwendet hat +oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stück heraus. Zum Schluß +fleht er selbst um Vergebung aller seiner Sünden, dann schneidet er ein +Stück für sich selbst heraus und legt alle Stücke auf die heilige Patene +unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um +das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche +versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kämpfende irdische. +Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er +Fleisch ward und ein Mensch wurde. + +Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krümchen auf der +Patene zusammen, auf daß nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und +auf daß alles erfüllet werde. + +Dann tritt der Priester vom Altar zurück und fällt vor ihm nieder, als +beuge er sich vor dem verkörperten Christus selbst; er begrüßt in dieser +Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen +Brotes auf Erden; er begrüßt es, indem er mit Thymian räuchert, nachdem +er das Rauchfaß zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: »Wir +bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf daß es dufte von +geistlichen Wohlgerüchen; nimm ihn an auf Deinen hohen über den Himmeln +thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen +Geistes.« + +Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der +Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwärtiges verwandelt, und er +blickt auf diesen Seitenaltar, als wäre er die geheimnisvolle Krippe, +darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel +war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel +verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit +einem Sterne darüber besteht, umräuchert und auf die Hostienschüssel +gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wäre, der einst +über dem Kindlein leuchtete, und er spricht: »Er kam, und der Stern +stand oben über, da das Kindlein war«: er blickt auf das heilige Brot, +das für die Opfer bestimmt ist, als wäre es das neugeborene Kindlein, +als wäre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wären +die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehüllt war. Nachdem er vor +der ersten Decke mit Weihrauch geräuchert hat, bedeckt er das heilige +Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: »Der Herr +ist König und herrlich geschmückt,« d. h. des Psalms, in dem die +wunderbare Größe und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf räuchert +er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen +Kelch mit ihr, indem er spricht: »O Herr Christus, Deine Güte bedeckt +die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll«. Er nimmt die große +Decke, die der heilige Aër genannt wird, und bedeckt nun beides: die +Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns +mit Seinem schützenden Flügel zu bedecken; indem dann beide von dem +Altar zurücktreten, verbeugen sie sich ehrfürchtig vor dem heiligen +Brote, ganz so, wie einst die Hirtenkönige das neugeborene Kindlein +anbeteten; hierauf räuchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung +an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein +zusamt dem kostbaren Golde darbrachten. + +Der Diakon steht auch während dieser Zeit beständig dem Priester +aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: »Laßt uns +beten zu dem Herrn« begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen +Handlung gibt. Endlich nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des +Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den für Ihn +zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll. +»Laßt uns beten zu dem Herrn für die kostbaren Gaben, die wir ihm +darbringen.« Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben +zunächst bloß für die Opferhandlung vorbereitet sind, dürfen sie von nun +ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei +sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der für +das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet +folgendermaßen: »Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die +Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren +Heiland, Erlöser und Wohltäter gesandt hast, Der uns gesegnet und +geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es +entgegen auf Deinem hoch über den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch +derer in Deiner Güte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben, +sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte +uns unschuldig in der Verrichtung Deiner göttlichen Sakramente.« Und +nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon räuchert +unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen +Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe +denn die Zeit war, der allgegenwärtig und der immerdar überall zugegen +war, und er spricht bei sich selbst: »Du warst leibhaftig im Grabe, mit +Deinem Geist in der Hölle, als Gott mit dem Übeltäter im Paradiese und +auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles +vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher.« + +Und er tritt mit dem Räucherfaß in der Hand aus dem Altarraum hervor, um +die ganze Kirche mit Wohlgerüchen zu erfüllen und alle, die sich zum +heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heißen. Diese +Räucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch +im häuslichen Leben aller alten Völker des Orients jedem Gast bei seinem +Eintritt eine Schüssel zum Waschen und Wohlgerüche dargebracht wurden. +Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknüpft, an +das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trägt, in der +sich der Gottesdienst und die brüderliche Bewirtung und Speisung aller +in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlöser selbst, +Der selbst allen diente und die Füße wusch, ein Beispiel gegeben hat. +Indem dann der Diakon räuchert und sich in gleicher Weise vor allen +verbeugt, vor den Reichsten wie vor den Ärmsten, heißt er, der Diener +Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gäste des +himmlischen Wirtes; er räuchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll +vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gäste, die zum +heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und +untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den +Tempel mit Wohlgeruch erfüllt hat, kehrt er in den Altarraum zurück, in +dem er nochmals räuchert; dann stellt er das Räucherfaß endlich +beiseite, nähert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen +Hochaltar. + +Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich, +sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen, +indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie +anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja +ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet +unterweist. »Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen,« sagt der +Apostel Paulus, »aber der Heilige Geist selbst tritt für uns ein, mit +unaussprechlichen Seufzern.« Der Priester und der Diakon flehen den +Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen +und für ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal +nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi +begrüßten: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen +ein Wohlgefallen.« Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der +Vorhang der Kirche zurückgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn +die Gedanken der Betenden auf die höchsten und erhabensten Gegenstände +hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die Öffnung des Tores zum +Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, daß die Geburt +Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, daß nur die Engel im +Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind +anzubeten, Kenntnis von ihr besaßen, und daß nur die Propheten sie von +ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: »O +Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden.« Der +Priester küßt das Evangelium, der Diakon küßt den heiligen Hochaltar, +senkt das Haupt und gibt das Zeichen für den Beginn der Liturgie, indem +er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: »Es ist +Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr!« und der Priester segnet +ihn mit den Worten: »Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort +und in alle Ewigkeit.« Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen +Handlung gedenkt, während der er den Flug des Engels vom Altar zur +Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist +und einer Seele vereinigen und gewissermaßen eine heilige, alles +erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefühl, daß er dieser Aufgabe +nicht würdig ist, fleht er den Priester demütig an: »Bete für mich, o +Herr!« »Gott lenke deine Schritte!« antwortet ihm der Priester. »Gedenke +meiner, heiliger Mann!« »Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche +immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon spricht +leise, aber mit kräftiger Stimme: »Amen!« und tritt aus der nördlichen +Tür vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Königspforte +gegenüberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: »Herr, öffne meinen +Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden!« und indem er sich dem +Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: »Segne mich, o Herr!« +Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen: +»Gesegnet sei das Reich ...«, und die Liturgie beginnt. + + + Die Liturgie der Katechumenen + +Der zweite Teil der Liturgie heißt die Liturgie der Katechumenen. Wie +der erste Teil, d. h. das Offertorium, den ersten Lebensjahren Christi, +Seiner Geburt, die nur den Engeln und wenigen Menschen offenbart war, +Seiner Kindheit und Seinem Aufenthalt in tiefster Zurückgezogenheit und +Verborgenheit, bis zu Seinem Auftreten in der Welt entspricht, so +entspricht der zweite Teil Seinem Leben inmitten der Welt und der +Menschen, denen Er das Wort der Wahrheit verkündigt hat. Dieser Teil +heißt auch deshalb noch die Liturgie der Katechumenen, weil während der +ersten christlichen Zeit auch die zu ihr zugelassen wurden, die erst +Christen werden wollten, die sich erst darauf vorbereiteten, noch nicht +die heilige Taufe empfangen hatten und zu den Katechumenen gehörten. +Dazu kommt noch, daß die heilige Handlung, die aus der Verlesung der +Propheten, der Epistel und des heiligen Evangeliums besteht, in erster +Linie einen verkündigenden Charakter trägt. + +Der Priester beginnt die Liturgie, indem er aus dem Inneren des +Altarraumes ruft: »Gelobt sei das Reich des Vaters, des Sohnes und des +Heiligen Geistes ...« Da durch die Fleischwerdung des Sohnes der Welt +das Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit deutlich geoffenbart ward, geht +und leuchtet die Verkündigung der Heiligen Dreieinigkeit dem Beginn +aller heiligen Handlungen voran; der Betende muß daher allem entsagen, +sich aller anderen Gedanken entledigen und sich gänzlich in das Reich +der Heiligen Dreieinigkeit versetzen. + +Der Diakon steht auf der Kanzel und hat sein Gesicht der Königspforte +zugewendet. So stellt er einen Engel und Erwecker dar, der die Menschen +zum Gebet anfeuert; er hebt mit drei Fingern seiner Hand das schmale +Band -- das Sinnbild des Engelsflügels -- empor und ruft das ganze +versammelte Volk auf, die Gebete zu sprechen, die die Kirche seit den +Zeiten der Apostel unablässig zum Himmel emporsendet, deren erstes die +Bitte um Frieden ist, ohne die man überhaupt nicht zu beten vermag. Die +versammelten Andächtigen bekreuzigen sich, suchen ihre Herzen in +harmonisch abgestimmte Saiten eines Instruments umzuwandeln, die bei +jedem Wort des Diakons mitschwingen, und rufen im Geiste zugleich mit +dem Chor der Sänger aus: »Herr, erbarme Dich unser!« + +Der Diakon steht auf der Kanzel, er hält die Gebetstola, die den +erhobenen Flügel eines Engels darstellt, der die Gemeinde zum Gebet +anfeuern soll, empor und ruft die Gemeinde zum Gebet auf: er fordert sie +auf, an die höhere Welt und die Rettung unserer Seelen zu denken und zu +beten für den Frieden der ganzen Welt, das Wohlergehen der heiligen +Kirchen und die Vereinigung ihrer aller, für den heiligen Tempel und +die, die ihn gläubig mit Andacht und Ehrfurcht betreten, für den Kaiser, +den Synod, die geistliche und weltliche Obrigkeit, den Richterstand und +den Militärstand, für die Stadt, für das Haus, darin die Liturgie +zelebriert wird, zu bitten um Reinheit und Gesundheit der Luft, um eine +reiche Ernte, um friedliche Zeiten, für die Seefahrer und Reisenden, für +die Kranken und Leidenden, für die Gefangenen und ihre Errettung; er +fordert die Gemeinde auf, Gott zu bitten, daß Er uns vor jeglichem +Kummer, Zorn und Not bewahren möge, und indem die Versammlung der +Andächtigen alles mit dieser allumschließenden Kette von Gebeten, die +die große Ektenia heißt, umschlingt, erwidert sie jedesmal, wenn sie +angerufen wird, zusammen mit dem Chor der Sänger: »Herr, erbarme Dich!« + +Im Bewußtsein der Ohnmacht unserer Gebete, denen es an Seelenweisheit +fehlt und denen kein reiner himmlischer Lebenswandel entspricht, fordert +der Diakon, derer gedenkend, die da besser zu beten verstanden als wir, +die Gemeinde auf, sich selbst, einander und das ganze Leben unserem +Gotte Christus zu weihen. In dem aufrichtigen Wunsch, sich selbst, +einander und ihr ganzes Leben Christus, unserem Gotte zu weihen, wie +dies die heilige Mutter Gottes, die Heiligen und die, die besser waren +als wir, verstanden, ruft die ganze Kirche zusammen mit dem Sängerchor: +»Dir, o Herr!« Der Diakon beschließt die Kette der Gebete mit einem +Lobgesang auf die Dreieinigkeit, die sich wie ein alles +zusammenhaltender Faden durch die ganze Liturgie hindurchzieht und jede +Handlung einleitet und beschließt. Die Versammlung der Andächtigen +antwortet mit einem bestätigenden »Amen! Ja, so geschehe es!« Der Diakon +steigt von der Kanzel herab, und es beginnt der Abgesang der Antiphone. + +Die Antiphone sind Wechselgesänge, d. h. Lieder, die den Psalmen +entnommen sind und das Erscheinen des göttlichen Sohnes in der Welt +prophetisch ankündigen; sie werden abwechselnd von einem der beiden +Sängerchöre, die auf beiden Chören postiert sind, gesungen; sie bilden +einen Ersatz für die älteren Psalmodien und sind kürzer als diese. + +Während des Abgesangs des ersten Antiphons betet der Priester im Inneren +des Altarraumes für sich; der Diakon steht unterdessen in betender +Stellung vor dem Bilde des Heilands, indem er die Stola mit drei Fingern +seiner Hand emporhält. Wenn der Gesang des ersten Antiphons beendet ist, +besteigt er aufs neue die Kanzel und wendet sich mit folgenden Worten an +die versammelten Andächtigen: »Laßt uns abermals und abermals zu Gott +beten!« Die versammelten Andächtigen rufen: »Herr, erbarme Dich unser!« +Der Diakon wendet sich nun den Bildern der Heiligen zu und fordert die +Gemeinde auf, der Mutter Gottes und aller Heiligen zu gedenken und sich +selbst, einander, sowie das ganze Leben unserem Gotte Christus zu +weihen. Die Gemeinde ruft aus: »Dir, o Gott!« Der Diakon beschließt +diesen Teil mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze +Kirche ruft bestätigend Amen, und dann folgt der Abgesang des zweiten +Antiphons. + +Während des zweiten Antiphons betet der Priester im Altarraum bei sich +selbst. Der Diakon tritt wieder in betender Stellung vor das +Heiligenbild des Erlösers, indem er die Gebetstola mit drei Fingern der +Hand emporhält; nach Beendigung des Gesanges besteigt er abermals die +Kanzel, blickt auf die Bilder der Heiligen und ruft die Gemeinde wie +vorhin mit den Worten auf: »Laßt uns in Frieden zu dem Herrn beten!« Die +Gemeinde erwidert: »Herr Gott, [erbarme Dich.« Der Diakon ruft aus]: »O +Gott, hilf uns, sei uns gnädig, errette uns, behüte uns durch Deine +Gnade!« Die Gemeinde erwidert: »Herr Gott, erbarme Dich unser!« Der +Diakon blickt auf die Bilder der Heiligen [und ruft aus]: »Laßt uns +unserer heiligen, unbefleckten, hochgelobten, herrlichen Gebieterin, der +Jungfrau und aller Heiligen gedenken und uns selbst, einander und unser +ganzes Leben Christus, unserem Gotte weihen!« Die Gemeinde antwortet: +»Dir, o Herr!« Das Gebet endet mit einer Lobpreisung der Heiligen +Dreieinigkeit. Die ganze Kirche antwortet bestätigend: »Amen,« und der +Diakon steigt von der Kanzel herab. Der Priester betet im Inneren des +Altarraumes bei sich selbst, indem er spricht: »Du, Der Du uns dies +gemeinsame einträchtige Gebet schenktest, Du, Der Du verhießest, wenn +zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind, zu gewähren, worum sie +bitten! erfülle die Bitten Deiner Knechte zu ihrem eigenen Besten; +schenke uns in diesem Leben die Erkenntnis Deiner Wahrheit und schenke +uns im künftigen das ewige Leben.« + +Jetzt werden vom Chor so laut, daß alle es hören können, die +Seligpreisungen verkündet, die uns in diesem Leben die Erkenntnis der +Wahrheit und im künftigen ein ewiges Leben verheißen. Die andächtige +Gemeinde spricht die Worte des weiseren Übeltäters, der Christus am +Kreuze anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst,« +und wiederholt nach dem Vorleser die Worte des Heilandes: »_Selig sind, +die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer_« -- d. h. +die, die sich nicht überheben und sich nicht mit ihrem Verstande +brüsten. + +»_Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden_« -- +d. h. die, die da noch mehr über ihre eigenen Unvollkommenheiten und +Verfehlungen, als über die Beleidigungen und Kränkungen trauern, die +ihnen zugefügt werden. + +»_Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen_« +-- d. h. die, die wider niemand Zorn in ihrem Herzen hegen, allen +vergeben und von Liebe erfüllet sind, deren Waffe die alles besiegende +Güte ist. + +»_Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn +sie sollen satt werden_« -- d. h. die, die nach der himmlischen +Gerechtigkeit dürsten und sich vor allem danach sehnen, sie in sich +selbst herzustellen. + +»_Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen_« +-- d. h. die, die jeden ihrer Brüder bemitleiden und in jedem, der ihnen +bittend naht, Christus selbst erkennen, der für ihn bittet. + +»_Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen_« -- +wie sich in dem reinen Spiegel eines ruhigen Gewässers, das weder durch +Sand noch Schlamm getrübt wird, das reine Himmelsgewölbe spiegelt, so +gibt es auch in dem Spiegel eines reinen Herzens, das von keinen +Leidenschaften aufgewühlt wird, kaum noch etwas Menschliches mehr, und +nur Gottes Bildnis spiegelt sich in ihm. + +»_Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen_« +-- gleich dem Sohne Gottes selbst, der auf die Erde herabstieg, um +unseren Seelen Frieden zu bringen, so sind auch die, die da Frieden und +Versöhnung in unser Heim tragen, wahrhafte Söhne Gottes. + +»_Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das +Himmelreich ist ihrer_« -- d. h. die, die verfolgt werden, weil sie die +Gerechtigkeit nicht bloß mit dem Munde, sondern durch die +Wohlgefälligkeit ihres ganzen Lebens verkündigen. + +»_Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und +verfolgen, und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen. Seid +fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden_«; -- +ihr Verdienst ist ein dreifaches; erstlich sind sie schon an und für +sich rein und unschuldig, zweitens werden sie geschmäht, obwohl sie rein +sind, und drittens freuen sie sich, daß sie um Christi willen leiden, +obwohl sie unschuldig sind. + +Die Gemeinde der Andächtigen spricht dem Vorleser mit vor Tränen +bebender Stimme diese Worte des Heilandes nach, die da verkündigen, wer +in der Zukunft auf ein ewiges Leben hoffen und warten darf, welche die +wahren Könige der Welt, die Erben des Himmels sind und am himmlischen +Reiche teilhaben. + +Jetzt öffnet sich feierlich die Königspforte, als wäre sie das Tor zum +himmlischen Königreiche, und dem Auge aller Anwesenden bietet sich der +schimmernde Hochaltar dar, der den Sitz des göttlichen Ruhms und die +höchste Lehrstätte darstellt, aus der wir die Erkenntnis der Wahrheit +schöpfen und die uns das _ewige Leben_ verheißt. Der Priester und der +Diakon nähern sich dem Altar, nehmen das Evangelium und bringen es dem +Volke dar; hierbei gehen sie nicht durch die Königspforte, sondern durch +eine Seitentür, die die Tür der Seitenkammer darstellt, der man in der +ersten Zeit die Bücher entnahm. Diese wurden dann in die Mitte des +Tempels getragen, worauf hier aus ihnen vorgelesen wurde. + +Die Gemeinde der Andächtigen richtet ihre Blicke auf das Evangelium, das +die demütigen Diener der Kirche in den Händen tragen, als wäre es der +Heiland selbst, der zum erstenmal hervortritt, um Gottes Wort zu +verkündigen; er schreitet durch die schmale nördliche Tür, gleichsam +unerkannt, bis in die Mitte der Kirche, um, nachdem er sich allen +gezeigt hat, durch die Königspforte wieder ins Allerheiligste +zurückzukehren. Die beiden Diener Gottes bleiben mitten in der Kirche +stehen; beide beugen ihr Haupt. Der Priester betet bei sich selbst, »Er, +Der im Himmel die Heerscharen der Engel und die himmlischen Würden +eingesetzt hat, auf daß sie Seinem Ruhm und Seiner Ehre dieneten, möge +diesen Engeln und himmlischen Kräften, die Ihm mit uns dienen, gebieten, +mit uns zusammen das Allerheiligste zu betreten«. Der Diakon weist mit +der Gebetstola auf die Königspforte und spricht zum Priester: »Segne, o +Herr den heiligen Eingang!« -- »Gesegnet sei der Eingang Deiner Heiligen +immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« erwidert der Priester. +Der Diakon reicht ihm das heilige Evangelium zum Kusse hin und trägt es +in den Altarraum, bleibt jedoch inmitten der Königspforte stehen, hebt +es hoch mit den Händen empor und ruft: »Höchste Weisheit!« wodurch er +ausdrücken will, daß das Wort Gottes, Sein Sohn, Seine ewige höchste +Weisheit der Welt durch das Evangelium verkündet ward, das er jetzt mit +seinen Händen emporhebt. Dann ruft er: »Verzeih!« d. h.: »Erwachet, +rafft euch auf, überwindet eure Trägheit und Lässigkeit!« Die Gemeinde +der Andächtigen richtet ihren Geist empor und singt zusammen mit dem +Chor: »Kommt, laßt uns vor Christus niederfallen und Ihn anbeten! +Errette uns, Du Sohn Gottes, uns, die wir Dir >_Halleluja_< singen!« Das +hebräische Wort Halleluja bedeutet soviel wie: »Der Herr _kommt +gegangen_, lobet den Herrn!« da jedoch das Wort kommt gegangen nach dem +Sinn der heiligen Sprache Gegenwart und Zukunft in einem ausdrückt, d. +h. es kommt der, der schon gekommen ist und der wiederkommen wird, so +begleitet dieses Wort _Halleluja_, das das ewige Wandeln Gottes +ankündigt, jedesmal solche heilige Handlungen, bei denen Gott selbst in +Gestalt des Evangeliums oder der heiligen Gaben zum Volke hinaustritt. + +Das Evangelium, das die frohe Botschaft vom Worte des Lebens verkündigt, +wird auf den Hochaltar gestellt. Auf dem Chor ertönen jetzt Gesänge zu +Ehren des Festtages, oder kurze Lobgesänge und Hymnen zu Ehren des +Heiligen, dem der Tag geweiht ist und den die Kirche feiert, weil er +denen gleicht, die Christus in den Seligpreisungen aufgezählt hat, und +weil Er durch das lebendige Beispiel Seines eigenen Lebens gelehrt hat, +wie wir Ihm nachfolgen und ins ewige Leben eingehen sollen. + +Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die Trichagien, d. h. der +Abgesang des Dreimalheilig. Der Diakon erbittet sich den Segen des +Priesters, betritt die Königspforte, schwingt die Stola und gibt den +Sängern das Zeichen. Feierlich und mit Donnerlaut dröhnt der Gesang des +Dreimalheilig durch die Kirche. Er besteht in folgendem Anrufe Gottes, +der dreimal wiederholt wird: »Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger +Unsterblicher, erbarme Dich unser!« Mit dem Ruf: heiliger Gott +verkündigt das Trichagion Gott den Vater; mit dem Ruf: heiliger Starker +-- Gott den Sohn, Seine Kraft, Sein schaffendes Wort; und mit dem Ruf: +heiliger Unsterblicher -- Seinen unsterblichen Gedanken, den ewigen +lebendigen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Dreimal stimmen die +Sänger diesen Gesang an, damit es bis ans Ohr aller Menschen dringe, daß +in dem ewigen Sein Gottes das ewige Sein der Dreieinigkeit mitenthalten +ist und daß es keine Zeit gab, wo Gottes Wort nicht bei Ihm gewesen wäre +und wo der Heilige Geist Seinem Worte gemangelt hätte. »Der Himmel ist +durch das Wort des Herrn gemacht, und all sein Heer durch den Geist +Seines Mundes,« sagt der Prophet David. Jeder in der Gemeinde ist sich +dessen bewußt, daß auch in ihm als dem Ebenbilde Gottes jene Dreiheit +enthalten ist: Er selbst, Sein Wort und Sein Geist oder der Gedanke, der +das Wort bewegt, daß jedoch sein menschliches Wort ohnmächtig ist, +vergebens ertönt und nichts schafft, daß sein Geist nicht ihm gehört, da +er von allen möglichen fremden Eindrücken beeinflußt wird, und daß nur +durch seine Erhebung zu Gott in ihm das eine wie das andere Kraft +gewinnt: im Worte spiegelt sich Gottes Wort, im Geiste Gottes Geist; das +Bild der Dreieinigkeit des Schöpfers drückt sich im Geschöpfe ab, und +das Geschöpf wird seinem Schöpfer ähnlich -- Indem dies jedem bewußt +wird, betet er, während er dem Trichagion lauscht, innerlich bei sich +selbst, daß der heilige, starke, unsterbliche Gott sein ganzes Ich +reinigen und es zu Seinem Tempel und Wohnhaus machen möge, und dabei +wiederholt er dreimal bei sich selbst: »Heiliger Gott, heiliger Starker, +heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!« Der Priester betet im +Inneren des Altarraums leise zu Gott, er möge dieses Trichagion gnädig +aufnehmen, wirft sich dreimal vor dem Altar nieder und wiederholt +dreimal bei sich selbst: »Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger +Unsterblicher!« Auch der Diakon wiederholt gleich ihm dreimal das +Trichagion und wirft sich zusammen mit dem Priester vor dem Altar +nieder. + +Nachdem der Priester den Kniefall getan hat, besteigt er den erhöhten +Platz im Allerheiligsten, als dränge er bis in die Tiefe der +Gotteserkenntnis ein, daher uns das Mysterium der Allerheiligsten +Dreieinigkeit gekommen ist; dieser Platz symbolisiert jenen höchsten +erhabensten über allem schwebenden Ort, da der Sohn im Schoße des Vaters +und in der Einheit mit dem Heiligen Geiste ruht. Durch dieses +Emporsteigen stellt der Priester das Emporsteigen Christi selbst samt +dem Fleische in den Schoß des Vaters dar, wodurch der Mensch gleichfalls +aufgefordert wird, Ihm in den Schoß des Vaters nachzufolgen -- eine +Wiedergeburt, die schon der Prophet Daniel von ferne vorausgeahnt hat, +als er in einem erhabenen Gesichte erschaute, wie des Menschen Sohn zu +dem »Alten der Tage« kam. + +Der Priester schreitet nun unerschütterlichen Schrittes voran und +spricht: »Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn.« Der Diakon +fleht ihn an: »Segne, o Herr den erhabenen Hochaltar!« und der Priester +segnet ihn, indem er spricht: »Gelobet seist Du auf dem Throne des Ruhms +in der Herrlichkeit Deines Reiches. Du thronest auf Cherubim immerdar, +jetzo, hinfort und von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Dann nimmt er auf dem +erhöhten Orte Platz, der für den Erzpriester bestimmt ist. Von hier aus +sucht er wie ein Apostel Gottes und als sein Stellvertreter mit dem +Gesicht zum Volke gewandt die Aufmerksamkeit der Gemeinde wach zu halten +und die Gemeinde auf die bevorstehende Vorlesung der Epistel +vorzubereiten -- er tut dies in sitzender Stellung und deutet hierdurch +an, daß er selbst den Aposteln gleichgestellt ist. + +Der Vorleser tritt mit den Episteln in der Hand in die Mitte des +Tempels. Mit dem Ruf: »Laßt uns aufmerken!« fordert der Diakon alle +Anwesenden zur Aufmerksamkeit auf. Der Priester fleht vom Inneren des +Altarraumes aus Frieden auf den Vorleser und die Anwesenden herab, und +die Gemeinde der Andächtigen erwidert diesen Wunsch des Priesters mit +dem gleichen Wunsche. Da sein Dienst jedoch ein rein geistlicher Dienst +sein muß, gleich dem der Apostel, deren Worte nicht aus ihnen selbst +kamen, sondern deren Lippen vom Heiligen Geist bewegt wurden, so sagen +sie nicht: »Friede sei mit dir!« sondern »mit deinem Geiste«! Der Diakon +ruft aus: »Höchste Weisheit!« Laut und ausdrucksvoll, so daß jedes Wort +einem jeden vernehmlich ist, beginnt der Vorleser seine Vorlesung; +aufmerksam, empfänglichen Herzens, mit suchender Seele und einem +Verständnis, das den inneren Sinn des Vorgelesenen zu erfassen sucht, +lauscht die Versammlung, denn die Vorlesung der Epistel ist eine Stufe +und Leiter zum besseren Verständnis der Evangelien. Wenn der Vorleser +seine Vorlesung beendigt hat, ruft ihm der Priester aus dem Inneren des +Altarraumes zu: »Friede sei mit dir!« Der Chor antwortet: »Und mit +deinem Geiste!« Der Diakon ruft aus: »Höchste Weisheit!« Der Chor singt +ein donnerndes »Halleluja!«, das das Nahen des Herrn ankündigt, Der +kommt, um durch den Mund des Evangeliums zum Volke zu sprechen. + +Nunmehr erscheint der Diakon mit dem Räucherfaß in der Hand, um den +Tempel mit Wohlgerüchen zu erfüllen und für den Empfang des Herrn, der +da naht, vorzubereiten; dieses Räuchern soll uns an die geistige +Reinigung unserer Seelen ermahnen, denn wir sollen die wohltönenden +Worte des Evangeliums reinen Herzens anhören. Der Priester betet im +Innern des Altarraumes bei sich selbst, er bittet, daß das Licht der +göttlichen Weisheit in unseren Herzen aufgehen und daß unsere geistigen +Augen sich öffnen mögen, auf daß wir die Predigt des Evangeliums +verständnisvoll in uns aufnehmen. Auch die Gemeinde betet leise bei sich +selbst, sie bittet, daß das gleiche Licht auch in ihrem Herzen aufgehen +möge, und bereitet sich auf die Vorlesung vor. Der Diakon erbittet sich +den Segen des Priesters, dieser erwidert ihm mit dem Wunsche: »Gott +verleihe auf Fürbitte des hochheiligen, hochgelobten Apostels und +Evangelisten [hier folgt sein Name] deiner Stimme große Kraft, daß du +die frohe Botschaft machtvoll verkündigest, auf daß erfüllet werde das +Evangelium Seines innig geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi!« +Hierauf besteigt der Diakon die Kanzel, wobei ihm eine Leuchte +vorangetragen wird, die das alles erleuchtende Licht Jesu Christi +symbolisiert. Der Priester ruft der Gemeinde aus dem Inneren des +Altarraumes zu: »Höchste Weisheit! Vergib! Laßt uns dem heiligen +Evangelium lauschen! Friede sei mit euch allen!« Der Chor antwortet: +»Und mit deinem Geiste!«, worauf der Diakon seine Vorlesung beginnt. + +Alle beugen andächtig ihr Haupt, als lauschten sie den Worten Christi +selbst, Der von der Kanzel zu ihnen spricht, und als bemühten sie sich, +die Saat des heiligen Wortes die der himmlische Säemann selbst durch den +Mund Seines Dieners ausstreut, in sich, in ihr Herz, aufzunehmen; -- +nicht mit einem Herzen, das der Heiland mit der Erde am Wege vergleicht, +auf die zwar auch einige Samenkörner fallen, um jedoch sofort von den +Vögeln -- den bösen Gedanken und Absichten -- aufgefressen zu werden; -- +auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem steinigen Erdreich +vergleicht, das nur ganz oberflächlich mit Erde bedeckt ist, sie, die +das Wort zwar willig aufnehmen, es aber nicht tief Wurzeln schlagen +lassen, da es ihnen an Herzenstiefe fehlt; -- auch nicht mit solch einem +Herzen, das Er mit dem verwahrlosten und ungesäuberten Acker vergleicht, +der von Dornen überwuchert ist, auf dem die Saat zwar aufgeht, dessen +eben aufsprießende Keime jedoch von den schnell emporwachsenden Dornen +-- den Dornen zeitlicher Sorgen und Mühen, den Dornen der Versuchungen +und der zahllosen Lockungen des ertötenden, weltlichen Lebens mit seinen +trügerischen Reizen und Annehmlichkeiten -- sofort erstickt werden, -- +so daß die Saat keine Frucht trägt; wohl aber mit jenem hingebungsvollen +Herzen, das Er mit gutem Lande vergleicht, welches Frucht trägt -- +etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig +--, das alles, was es in sich aufnimmt, beim Verlassen der Kirche, zu +Hause, in der Familie, im Dienst, während der Arbeit, während der +Mußestunden und Vergnügungen, im Gespräche mit anderen Menschen, und, +wenn es mit sich allein ist, wieder zurückerstattet. Kurz, jeder +Gläubige bemüht sich, ein Hörer und Täter des Wortes zugleich zu sein, +den der Heiland mit dem weisen Manne gleichzumachen verspricht, der sein +Haus nicht auf Sand, sondern auf einem Felsen erbaut, so daß sein +geistiges Heim, selbst wenn sich, gleich nachdem er die Kirche verlassen +hat, Regen, Flüsse und Wirbelstürme, alle möglichen Leiden und +Mißgeschick wider ihn erhöben, unerschütterlich dastehen wird, gleich +einer auf einem Felsen erbauten Feste. + +Nachdem die Vorlesung beendigt ist, ruft der Priester dem Diakon aus dem +Inneren des Tempels zu: »Friede sei mit dir, der du frohe Botschaft +verkündigst!« Alle Anwesenden erheben ihr Haupt und rufen im Gefühl +ihrer Dankbarkeit zugleich mit dem Chor: »Ehre sei Dir, unserem Gott, +Ehre sei Dir!« Der in der Königspforte stehende Priester nimmt das +Evangelium aus den Händen des Diakons entgegen und stellt es auf den +Altar, als das Wort, das von Gott ausgegangen ist und nun zu Ihm +zurückkehrt. Der Hochaltar, der die höchsten erhabensten Gefilde +darstellt, entzieht sich jetzt den Augen der Gemeinde -- die +Königspforte schließt sich, und die Tür zum Allerheiligsten wird +verhängt zum Zeichen, daß es keine andere Tür zum Himmelreiche gibt als +die, die uns Christus geöffnet hat, und daß wir nur mit Ihm durch sie +eintreten können, denn es heißt: »Ich bin die Tür.« + +Hiernach pflegte während der ersten christlichen Zeit die Predigt +stattzufinden, worauf die Erklärung und Interpretation der verlesenen +Evangelientexte folgte. Da jedoch in unserer Zeit meist über andere +Texte gepredigt wird, und da folglich die Predigt nicht zur Erklärung +der vorgelesenen Evangelientexte dient, so wird sie, um den Zusammenhang +und die strenge harmonische Ordnung der heiligen Liturgie nicht zu +stören, ans Ende gestellt. + +Der Diakon besteigt sodann, den Engel, der die Menschen zum Gebet +anfeuert, versinnbildlichend, die Kanzel, um die Gemeinde zu noch +inbrünstigerem Gebet aufzurufen. Er ruft: »Lasset uns beten aus ganzem +Herzen, ganzer Seele, lasset uns beten aus ganzem Gemüt,« indem er die +Gebetstola mit drei Fingern in die Höhe hebt; und während alle aus +tiefster Seele inbrünstige Gebete zum Himmel emporrichten, rufen sie +aus: »Herr, erbarme Dich!« Der Diakon aber unterstützt und verstärkt +seinerseits das Gebet noch, indem er dreimal um Erbarmen fleht, und er +fordert die Gemeinde nochmals auf, für alle Menschen zu beten, welchen +Rang und welches Amt sie auch immer bekleiden mögen; zunächst und in +erster Linie für die in den höchsten Ämtern und Stellungen, wo es der +Mensch am schwersten hat, wo er am leichtesten strauchelt und wo er der +Hilfe Gottes am meisten bedarf. Jeder von den Versammelten betet, da er +weiß, in wie hohem Grade die Wohlfahrt vieler Menschen davon abhängt, +daß die Mächtigen redlich ihre Pflicht erfüllen, inbrünstig und bittet +Gott, Er möge sie erleuchten und belehren, getreulich ihre Schuldigkeit +zu tun, und jedem Kraft verleihen, seine irdische Laufbahn in +ehrenhafter Weise zu vollenden. Darum beten alle inniglich, indem sie +nun nicht mehr einmal, sondern dreimal nacheinander rufen: »Herr, +erbarme Dich!« Die ganze Reihe dieser Gebete heißt: doppelte Ektenia +oder die Ektenia des inbrünstigen Gebets, und der Priester bittet im +Altar vor dem Gottestisch inniglich um Erhörung dieser allgemeinen +verstärkten Gebete, und sein Gebet heißt das Gebet der inbrünstigen +Bitte. + +Wenn an jenem Tage eine Seelenmesse zu Ehren der Toten stattfindet, so +wird gleich nach der doppelten Ektenia noch eine Ektenia zu Ehren der +Entschlafenen verkündigt. Der Diakon hält die Stola mit drei Fingern +seiner Hand empor und fordert die Gemeinde auf, für den Seelenfrieden +der Knechte Gottes zu beten, die er alle beim Namen nennt, auf daß Gott +ihnen alle ihre Sünden, ihre bewußten und unbewußten Verfehlungen +vergeben und ihre Seelen dorthin versetzen möge, wo die Gerechten in +Frieden weilen. Bei dieser Gelegenheit gedenkt jeder der Anwesenden +aller Verstorbenen, die seinem Herzen nahestanden, und beantwortet jeden +Ruf des Diakons mit einem dreimaligen: »Herr, erbarme Dich!« indem er +inbrünstig für seine Lieben und für alle entschlafenen Christen betet. +»Wir flehen Dich an, Christus, unser Gott, unsterblicher König, gewähre +uns Deine göttliche Gnade, das Himmelreich und Vergebung der Sünden!« +ruft der Diakon aus. Die Gemeinde erwidert zugleich mit dem Sängerchor: +»Gewähre es uns, o Herr!« Der Priester aber betet im Inneren des +Altarraums und bittet den Überwinder des Todes, Ihn, der uns das ewige +Leben schenkte, Er möge die Seelen Seiner entschlafenen Knechte in +Frieden in die friedlichen grünen Gefilde, die von Krankheiten, Kummer +und Seufzern gemieden werden, eingehen lassen; er bittet in seinem +Herzen, Er möge ihnen alle ihre Sünden erlassen und verkündet laut: +»Christus, unser Gott, da Du bist die Auferstehung, das Leben und der +Frieden Deiner entschlafenen Knechte, so singen wir Dir Preis und Ruhm +samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gütigen, +lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit.« Der Chor ruft +bestätigend: »Amen,« worauf der Diakon die Ektenia für die Katechumenen +beginnt. + +Obwohl die Zahl der noch nicht Getauften und derer, die noch zu den +Katechumenen zählen, heute nur noch gering ist, denkt doch jeder +Anwesende daran, wie weit er durch Glauben und Taten noch hinter den +Gläubigen zurücksteht, die gewürdigt wurden, an den Liebesmahlen der +ersten christlichen Zeit teilzunehmen, sieht ein, wie er gleichsam bloß +bei Christus in die Lehre gegangen ist, jedoch sein Leben noch nicht mit +Ihm erfüllt hat, wie er erst die Weisheit Seiner Worte versteht, sie +aber in seinem Leben noch nicht verwirklicht, wie kalt sein Glaube noch +ist, und wie es ihm noch an dem Feuer einer allesverzeihenden Liebe zu +seinem Bruder gebricht, einer Liebe, die alle Herzenskälte und Dürre +verzehrt, und wie er, obwohl er mit dem Wasser auf den Namen Christi +getauft ward, doch noch der geistigen Wiedergeburt nicht teilhaftig ist, +ohne die sein Christentum nach den eigenen Worten des Heilandes nichts +ist, Der da spricht: »Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, +kann er das Reich Gottes nicht sehen!« -- Indem also jeder Anwesende +dessen eingedenk ist, zählt er sich demutsvoll zu den Katechumenen, und +so antwortet er denn auch auf den Ruf des Diakons: »Lasset uns zu Gott +beten, Katechumenen!« aus der Tiefe seines Herzens: »Gott, erbarme Dich +unser!« + +Hierauf ruft der Diakon: »Ihr Gläubigen, lasset uns für die Katechumenen +beten und Ihn bitten, Er möge ihnen gnädig sein, sie erwecken mit dem +Worte der Wahrheit, ihnen das Evangelium der Gerechtigkeit offenbaren, +sie vereinigen in Seiner heiligen allgemeinen apostolischen Kirche, Er +möge sie erretten, Sich ihrer erbarmen, ihnen beistehen und sie erhalten +in Seiner Gnade.« + +Und die Gläubigen beten, tief durchdrungen von dem Gefühle, wie wenig +sie den Namen der Gläubigen verdienen, indem sie für die Katechumenen +bitten, auch für sich selbst und beantworten jeden Ruf des Diakons in +ihrem Innern, indem sie mit dem Sängerchor die Worte nachsprechen: +»Herr, erbarme Dich unser!« Der Diakon ruft: »Katechumenen, beugt euer +Haupt vor Gott!«, und alle beugen ihr Haupt, indem sie innerlich +ausrufen: »Vor Dir, o Herr!« + +Der Priester betet leise für die Katechumenen, sowie für die, die sich +in ihrer Herzensdemut unter die Katechumenen versetzt haben. Sein Gebet +hat folgenden Wortlaut: »Herr, unser Gott, Der Du in der Höhe wohnst und +herabsiehst auf die Demütigen, Der Du das Heil herabsandtest dem +menschlichen Geschlechte in Gestalt Jesu Christi, Deines Sohnes, unseres +Herrn und Gottes! Blicke nieder auf die Katechumenen, Deine Knechte, die +ihren Nacken vor Dir beugen! Nimm sie auf in Deine Kirche und in Deine +auserwählte Herde, auf daß sie mit uns Deinen hehren, herrlichen Namen +loben und preisen den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, jetzo, +hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Chor fällt mit einem donnernden +»Amen!« ein. Und in Erinnerung, daß nun der Augenblick gekommen ist, wo +ehemals die Katechumenen aus der Kirche herausgeführt wurden, ruft der +Diakon mit lauter Stimme: »Tretet heraus, Katechumenen!« Hierauf erhebt +er abermals die Stimme und ruft noch einmal: »Tretet heraus, +Katechumenen!« Und endlich ruft er noch ein drittes Mal aus: »Tretet +heraus, Katechumenen! Keiner von euch Katechumenen, sondern ihr +Gläubigen alleine, laßt uns abermals und abermals zu Gott beten!« + +Bei diesen Worten erbeben alle im Bewußtsein ihrer Unwürdigkeit. +Inbrünstig flehen sie in Gedanken Christus selbst um Gnade an, Der die +Käufer und die schamlosen Krämer, die Sein Heiligtum zu einer +Mördergrube gemacht hatten, aus dem Tempel Gottes jagte, und jeder +Anwesende bemüht sich, den Katechumenen, der noch nicht darauf +vorbereitet ist, in dem Heiligtume zu weilen, aus dem Tempel seiner +Seele zu vertreiben, und er betet zu Christus, Er möge selbst den +Gläubigen, der in die auserwählte Herde aufgenommen wird, in ihm +erwecken, denn von ihm sagt der Apostel: »Ein heiliges Volk, Menschen +der Erneuerung sind die Steine, aus denen der Tempel erbaut wird«; Er +möge ihn erwecken ihn, der zu den wahrhaften Gläubigen gehört, die +während der Zeit der ersten Christen, deren Gesichter von der +Ikonostasis auf den Andächtigen herabblicken, an der Liturgie +teilnahmen. Und indem er sie alle mit seinem Blick umfaßt, fleht er sie +um Hilfe an, als seine Brüder, die jetzt im Himmel anbeten, denn nunmehr +steht die allerheiligste Handlung bevor; es beginnt die Liturgie der +Gläubigen. + + + Die Liturgie der Gläubigen + +Im geschlossenen Altarraum breitet der Priester auf dem heiligen +Hochaltar das Antiminsion oder Corporale aus -- ein Tuch, auf dem der +Körper des Heilands abgebildet ist --, worauf das von ihm während des +Offertoriums zubereitete Brot und der mit Wasser und Wein gefüllte Kelch +gestellt werden, die jetzt im Angesicht aller Gläubigen vom Seitenaltar +herbeigetragen werden. Das Corporale, das der Priester über den +Hochaltar breitet, soll an die Zeiten der Christenverfolgungen erinnern, +als die Kirche noch kein ständiges Heim hatte; man bediente sich damals, +da der Altar nicht von einem Ort zum anderen getragen werden konnte, +dieses Tuches sowie einzelner Stücke von Reliquien; dies Corporale ist +noch heute im Gebrauch, um anzudeuten, daß die Kirche auch heute noch +nicht an ein einzelnes bestimmtes Haus, an eine Stadt oder an einen Ort +gebunden ist, sondern wie ein Schiff noch auf den Wellen dieser Welt +schwebt, ohne irgendwo vor Anker zu gehen, denn ihr Anker ruht im +Himmel. Nachdem also der Priester das Corporale ausgebreitet hat, tritt +er vor den Tisch, wie wenn er das erstemal vor ihn hinträte und als ob +er sich erst jetzt für die eigentliche heilige Handlung vorbereite: in +der ersten christlichen Zeit wurde nämlich der Altar erst in diesem +Augenblick geöffnet, bis dahin blieb er geschlossen und verhängt, weil +ja die Katechumenen noch anwesend waren, und erst jetzt begannen die +eigentlichen Gebete der Gläubigen. Der Priester fällt in dem noch immer +geschlossenen Altarraum vor dem Tische nieder und betet zwei Gebete der +Gläubigen, in denen er Gott bittet, seine Seele zu reinigen, und Ihn +anfleht, ihn gerecht vor den heiligen Altar treten zu lassen, auf daß er +würdig werde, das Opfer reinen Gewissens darzubringen. Der Diakon steht +indessen auf der Kanzel inmitten der Kirche, einen Engel darstellend, +der die Gemeinde zum Gebet anfeuert; er hält die Gebetstola mit drei +Fingern empor und ruft alle Gläubigen zu denselben Gebeten auf, mit +denen die Liturgie der Katechumenen begann. + +Alle Gläubigen sind bemüht, ihre Herzen mit einem einträchtigen, +friedlichen, versöhnlichen Gefühl zu erfüllen, das jetzt noch +notwendiger ist, und rufen: »Herr, erbarme Dich!«; sie beten noch +inbrünstiger und flehen Gott um den höheren Frieden, um Errettung +unserer Seelen, um den Frieden der Welt, die Wohlfahrt der Kirchen +Gottes und ihre Einigung an; sie beten für diesen heiligen Tempel und +für die, die ihn andächtig und gottesfürchtig betreten, und bitten Gott, +Er möge sie vor Kummer, Zorn und Not bewahren. Und sie rufen noch +inbrünstiger in ihrem Herzen: »Herr, erbarme Dich!« + +Der Priester ruft aus dem Inneren des Altarraumes: »Höchste Weisheit!«, +womit er andeutet, daß dieselbe höchste Weisheit, derselbe ewige Sohn, +Der in Gestalt des Evangeliums ausging, das Wort auszusäen, daraus wir +Belehrung schöpfen, wie wir leben sollen, Sich jetzt in das heilige Brot +verwandeln wird, um Sich für die ganze Welt aufzuopfern. Alle Anwesenden +bereiten sich, aufgerüttelt durch diese Vorstellung, begeistert auf den +nunmehr bevorstehenden hochheiligen Gottesdienst vor und richten ihre +Gedanken auf ihn. Der Priester, der die Liturgie zelebriert, betet leise +bei sich, fällt vor dem Tische nieder und spricht folgendes erhabene +Gebet: »Keiner, der noch durch fleischliche Lüste und Genüsse gefesselt +wird, ist würdig, sich Dir zu nahen, vor Dich hinzutreten oder Dir zu +dienen, Herr der Liebe; denn Dein Dienst ist groß und furchtbar, selbst +für die himmlischen Mächte. Allein da Du in Deiner unermeßlichen +Menschenliebe wahrhaftig und ewiglich Mensch, da Du selbst Hoherpriester +wurdest und selbst das Sakrament dieses Gottesdienstes und dieses +unblutigen Opfers einsetztest, als Herr unser aller -- denn Du allein, o +Gott, herrschst über alle himmlischen und irdischen Geschöpfe und +sitzest auf dem Throne, der von Cherubim getragen wird, Gott der +Seraphim und König von Israel, Der Du allein heilig bist und in den +Heiligen wohnest --, so flehe ich Dich an, Dich, den Einen, Guten, sieh +herab auf mich armen Sünder und Deinen unwürdigen Knecht, reinige meine +Seele und mein Herz von bösen Gedanken und mache mich würdig, bekleidet +mit der priesterlichen Gnade, mache mich würdig durch die Macht Deines +Heiligen Geistes, vor Deinen Tisch zu treten und Deinen heiligen reinen +Leib und Dein gerechtes Blut zu konsekrieren. Ich trete vor Dich hin, +beuge meinen Nacken und bete zu Dir: wende Dein Angesicht nicht von mir +ab und verstoße mich nicht aus der Schar Deiner Knechte, sondern laß es +geschehen, daß diese Deine Gaben Dir dargebracht werden durch mich +Unwürdigen. Denn Du bist der Darbringende und Dargebrachte, der +Empfangende und Der, Der sie austeilt, Christus unser Gott, wir singen +Dir Ruhm und Preis samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, +gütigen und lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle +Ewigkeit.« + +Mitten während des Gebetes öffnet sich die Königspforte, und man sieht +den Priester mit ausgebreiteten Armen und in betender Stellung knien. +Der Diakon kommt mit dem Räucherfaß in der Hand gegangen, um dem +höchsten König den Weg zu bereiten, er räuchert reichlich und läßt +Wolken von wohlriechendem Weihrauch aufsteigen, inmitten deren Er +erscheinen wird, getragen von Cherubim. So ermahnt er alle daran, ihr +Gebet zu reinigen, auf daß es lauter werde wie der Weihrauch vor dem +Herrn -- und fordert alle auf, die nach dem Wort des Apostels ein +Wohlgeruch vor Christus sind, dessen eingedenk zu sein, daß sie reine +Cherubim sein sollen, um den Herrn emportragen zu können. Die Sänger auf +beiden Chören stimmen im Angesicht der ganzen Kirche folgenden +Cherubimgesang an: »Die wir in geheimnisvoller Weise Cherubim darstellen +und das Trichagion zu Ehren der lebenspendenden Dreieinigkeit singen, +lasset uns nun alles andere vergessen und den höchsten König emporheben, +Der unsichtbar getragen wird von den Heerscharen der Engel und +beschattet von Lanzen.« + +Die alten Römer hatten den Brauch, den neugewählten König auf einem +Schilde, begleitet von seinen Legionen und beschattet von zahllosen +Lanzen, die über ihn gehalten wurden, vor das Volk hinauszutragen. +Diesen Gesang hat jener Kaiser selbst gedichtet, der in aller seiner +irdischen Größe vor der Erhabenheit des höchsten Königs in den Staub +sank, Der im Schatten der Lanzen von Cherubim und von den Legionen der +himmlischen Mächte getragen wird; in der ersten Zeit traten die Kaiser +selbst bescheiden in die Reihe der Diener der Kirche, wenn das heilige +Brot hinausgetragen wurde. + +Der Gesang dieses Liedes trägt einen angelischen Charakter und soll +daran erinnern, wie die unsichtbaren Heerscharen im Himmel gesungen +haben. Der Priester und der Diakon wiederholen diesen Cherubimgesang +leise bei sich selbst und treten sodann vor den Seitenaltar, vor dem +sich das Offertorium abspielte. Indem nun der Diakon vor die Gaben +hintritt, die mit dem Aër bedeckt sind, spricht er: »Nimm hin, o Herr!« +Der Priester zieht den Aër hinweg und legt ihn dem Diakon auf die linke +Schulter und spricht: »Erhebet eure Hände zu dem Heiligtume und segnet +den Herrn!« Sodann nimmt er die Patene samt dem Lamm und stellt sie dem +Diakon aufs Haupt; er selbst ergreift den heiligen Kelch und geht hinter +einer vorausgetragenen Leuchte oder Lampe zur Seitentür oder durch das +nördliche Tor zum Volke hinaus. Wenn jedoch der Gottesdienst im Beisein +der ganzen Geistlichkeit d. h. vieler Geistlicher und Diakonen +stattfindet, so trägt ein Priester die Patene, ein anderer den Kelch, +ein dritter den heiligen Löffel, mit dem der Priester das heilige +Abendmahl austeilt, ein vierter die Lanze, die in den heiligen Leib +gestoßen wurde. Alle heiligen Geräte werden hinausgetragen, sogar der +Schwamm, mit dem die Krümchen des heiligen Brotes auf der +Hostienschüssel zusammengelesen wurden und der jenen Schwamm darstellt, +welcher mit Essig und Galle gefüllt wurde und mit dem die Knechte ihren +Schöpfer tränkten. Diese feierliche Prozession, die der große Ausgang +genannt wird und die himmlischen Heerscharen versinnbildlicht, kommt +unter dem Absingen des Cherubimgesanges herangeschritten. + +Bei dem Anblick des höchsten Königs, Der in der bescheidenen Gestalt des +Lammes vorausgetragen wird, umgeben von den Werkzeugen irdischer Marter +wie von den Lanzen unzählbarer unsichtbarer Heerscharen und Hierarchien, +und auf der Patene ruhend wie auf einem Schilde, beugen alle tief ihr +Haupt und beten mit den Worten des Übeltäters, der den Herrn vom Kreuze +aus anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.« +Mitten im Tempel macht die Prozession halt. Der Priester benutzt diesen +großen Augenblick, um in Gegenwart aller derer, die die Gaben tragen, +und im Angesichte Gottes der Namen aller Christen zu gedenken, wobei er +mit denen beginnt, denen die schwierigsten und heiligsten Pflichten +auferlegt sind, von deren Erfüllung die Wohlfahrt aller Menschen und die +Rettung ihrer eigenen Seele abhängt, und er schließt mit den Worten: +»Gott der Herr gedenke euer und aller [rechtgläubigen] Christen in +Seinem Reiche [immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit]!« Die +Sänger beschließen den Cherubimgesang mit einem dreimaligen +»Halleluja!«, das das ewige Wandeln des Herrn verkündigt. Der Zug +betritt nun die Königspforte. Der Diakon nähert sich allen voran dem +Altar, bleibt zur Rechten vor der Tür stehen und begrüßt den Priester +mit den Worten: »Gott der Herr gedenke deiner Priesterschaft in Seinem +Reiche!« Der Priester erwidert: »Gott der Herr gedenke deines heiligen +Diakonenamtes in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle +Ewigkeit!« Und er stellt den heiligen Kelch und das Brot, das den Leib +Christi versinnbildlicht, auf den Tisch, als wäre er ein Sarg. Die +Königspforte schließt sich, als wäre sie das Tor zum Grabe des Herrn, +der Vorhang wird zugezogen, womit auf die Wache hingedeutet wird, die +vor dem Grabe aufgestellt wurde. Der Priester nimmt die heilige Patene +vom Haupte des Diakons, als nähme er den Leib des Heilands vom Kreuze +herunter, und stellt sie auf das ausgebreitete Corporale, als wäre es +das Grabtuch Christi, wozu er die Worte spricht: »Der ehrbare Joseph +nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein +reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen +niemand je gelegen war.« Und indem er der Allgegenwart Dessen gedenkt, +Der jetzt vor ihm im Grabe liegt, spricht er bei sich selbst: »Im Grabe +warst Du leibhaftig, in der Hölle mit der Seele und Gott gleich, im +Paradies mit dem Übeltäter und saßest doch zugleich auf dem Throne mit +dem Vater und dem Heiligen Geist, o Christe, der Du alles mit Dir +erfüllst, Unbeschreiblicher!« Und des Ruhms und der Ehre gedenkend, mit +der dieses Grab bedeckt ward, spricht er: »Als Lebenspender, als +wahrhaftiglich, herrlicher denn das Paradies und strahlender denn jeder +Königspalast erschien uns Dein Grab, o Christus, Quell aller +Auferstehung!« Dann zieht er die Decke von der Patene und vom Kelch +hinweg, nimmt den Aër von der Schulter des Diakons, der jetzt nicht mehr +die Linnen, darin das Kind Jesus gewickelt ward, sondern das Kopftuch +und die Grableinwand darstellt, in die Sein toter Leib gehüllt wurde, +räuchert mit Thymian und bedeckt hierauf die Patene und den Kelch +abermals, indem er spricht: »Der ehrbare Joseph nahm Deinen +allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch +mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegt +war.« Dann nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des Diakons entgegen, +räuchert vor den heiligen Gaben mit Weihrauch, indem er sich dreimal vor +ihnen verneigt, und wiederholt, während er sich zu den bevorstehenden +Opferhandlungen rüstet, leise bei sich selbst die Worte des Propheten +David: »Tue wohl an Zion nach Deiner Gnade, baue die Mauern zu +Jerusalem. Dann werden Dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit, die +Brandopfer und die ganzen Opfer, dann wird man Farren auf Deinem Altar +opfern,« denn solange Gott selbst uns nicht erhebt und unsere Seelen +nicht mit jerusalemischen Mauern wider alle Angriffe des Fleisches +schützt, sind wir nicht imstande, Ihm Opfer und Brandopfer darzubringen +und wird nie die Flamme eines geistigen Gebetes emporlodern, denn sie +wird zerstreut und verweht werden durch fremde nebensächliche Gedanken +und Rücksichten, durch den Ansturm der Leidenschaften und den Wirbelwind +eines seelischen Aufruhrs. + +Der Priester bittet Gott, seine Seele für das bevorstehende Opferwerk zu +reinigen, legt das Räucherfaß wieder in die Hände des Diakons, läßt das +Ornat herabfallen, beugt sein Haupt und spricht zu ihm: »Gedenke meiner, +mein Bruder und Amtsgenosse!« »Gott gedenke deiner Priesterschaft in +Seinem Reiche!« erwidert der Diakon, beugt seinerseits das Haupt, denkt +an seine Unwürdigkeit und spricht, indem er die Stola emporhält: »Bete +für mich, heiliger Herr!« Der Priester antwortet: »Der Heilige Geist +komme über dich, und die Kraft des Höchsten erleuchte dich!« -- +»Derselbige Geist helfe uns alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen +Bewußtsein seiner Unwürdigkeit fügt er [der Diakon] hinzu: »Gedenke +meiner, o heiliger Herr!« Der Priester erwidert: »Gott gedenke deiner in +Seinem Reiche immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon sagt: +»Amen!« küßt dem Priester die Hand und geht durch die nördliche +Seitentür hinaus, um alle Anwesenden zum Gebet für die dargebrachten und +auf dem Hochaltar stehenden heiligen Gaben aufzufordern. + +Er besteigt den Altar und richtet, das Gesicht der Königspforte +zugewandt und die Stola, gleich dem erhobenen Flügel eines Engels, der +zum Gebet erweckt und anfeuert, mit drei Fingern emporhebend, eine ganze +Reihe von Gebeten, die schon keine Ähnlichkeit mit den früheren mehr +haben, zum Himmel empor. Nachdem er die Gemeinde aufgefordert hat, in +ihren Gebeten der auf dem Hochaltar stehenden Gaben zu gedenken, geht er +alsbald zu solchen Gebeten über, die nur die Gläubigen, die in Christo +leben, an Gott richten. + +»Wir bitten Gott, daß Er diesen Tag zu einem vollkommenen, heiligen, +friedlichen und sündenlosen mache!« fleht der Diakon. + +Die Gemeinde der Betenden vereinigt ihre Stimme mit dem Chor der Sänger +und ruft aus tiefstem Herzen zu Gott empor: »Gewähre ihn uns, o Herr!« + +»Wir bitten Gott, daß Er uns einen friedlichen Engel, einen treuen +Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen und unserer Leiber sende!« + +Die Gemeinde: »Gewähre ihn uns, o Herr!« + +»Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und +Verfehlungen!« + +Die Gemeinde: »Gewähre sie uns, o Herr!« + +»Wir bitten Gott um alles Gute und um alles, was unserer Seele nützlich +ist, und um Frieden auf Erden!« + +Die Gemeinde: »Gewähre es uns, o Herr!« + +»Wir bitten Gott um ein ferneres Leben in Frieden und um ein reumütiges +Ende!« + +Die Gemeinde: »Gewähre es uns, o Herr!« + +»Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und +friedliches Ende unseres Lebens und darum, daß wir einst gute +Rechenschaft ablegen am Jüngsten Gerichte Christi!« + +Die Gemeinde: »Gewähre uns das, o Herr!« + +»Wir gedenken unserer hochheiligen, reinen, gesegneten, herrlichen +Gebärerin, unserer Heiligen Jungfrau, sowie aller Heiligen und weihen +uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott.« + +Und in dem innigen Wunsche, sich also selbst und einander Christus, +ihrem Herrn, zu weihen, rufen alle: »Dir, o Herr!« + +Die Ektenia wird mit folgendem Gebet beschlossen: »Durch die große Gnade +Deines eingeborenen Sohnes, sei gesegnet mit Ihm samt Deinem +allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in +alle Ewigkeit!« + +Der Chor singt ein donnerndes »Amen!« + +Noch immer bleibt der Altar geschlossen. Noch immer beginnt der Priester +nicht mit dem Opfer; denn noch muß vieles geschehen, ehe das heilige +Abendmahl stattfinden kann. Aus der Tiefe des Altarraumes ruft der +Priester der Gemeinde den Gruß des Heilands zu: »Friede sei mit euch +allen!« Die Gemeinde antwortet: »Und mit deinem Geiste!« Der Diakon +steht auf der Kanzel und ermahnt, wie dies bei den ersten Christen Sitte +war, alle, einander zu lieben, indem er spricht: »Laßt uns einander +lieben und einmütig bekennen ...« Hier fällt der Sängerchor ein, indem +er die Schlußworte: »Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die +alleinige unteilbare Dreieinigkeit!« mitsingt, wodurch wir daran +erinnert werden sollen, daß wir, wenn wir einander nicht liebhaben, auch +Den nicht liebgewinnen können, Der ganz Liebe, Der die ganze vollkommene +Liebe ist und Der in Seiner Heiligen Dreieinigkeit den Liebenden und den +Geliebten, sowie die Handlung der Liebe, mit der der Liebende den +Geliebten liebt, vereinigt: der Liebende ist Gott der Vater, der +Geliebte Gott der Sohn, und die Liebe selbst, die Sie vereinigt, Gott +der Heilige Geist. Dreimal verneigt sich der Priester im Inneren des +Altarraumes, indem er leise bei sich wiederholt: »Ich will Dich lieben, +o Herr, meine Stärke, mein Fels und mein Hort!« Er küßt die mit dem Tuch +verdeckte heilige Patene und den heiligen Kelch, küßt den Rand des +heiligen Hochaltars und alle Priester, die mit ihm am Gottesdienst +teilnehmen, tuen desgleichen; dann küssen sie sich alle untereinander +und der Hauptpriester spricht: »Christus ist mitten unter uns!« Man +antwortet ihm: »Er ist und wird sein!« Auch alle Diakone, die zugegen +sind, küssen zuerst die Stelle ihrer Stola, auf der das Kreuz abgebildet +ist, und dann einander, indem sie dieselben Worte sprechen. + +Früher küßten alle, die in der Kirche waren, einander gleichfalls, die +Männer die Männer, die Frauen die Frauen, indem sie sprachen: »Christus +ist mitten unter uns!« und gleich darauf die Antwort erhielten: »Er ist +und wird sein!« daher stellt sich auch heute ein jeder, der in der +Kirche anwesend ist, in Gedanken vor, daß er alle Christen vor sich hat, +nicht nur die, die in der Kirche sind, sondern auch die Abwesenden, +nicht nur die, die seinem Herzen nahestehen, sondern auch die, die ihm +fernstehen, beeilt sich, sich mit denen von ihnen auszusöhnen, gegen die +er etwas wie Mißgunst, Haß oder Zorn hegte -- und gibt jedem von ihnen +in Gedanken einen Kuß, indem er bei sich spricht: »Christus ist mitten +unter uns!« und in ihrem Namen antwortet: »Er ist und wird sein!« denn +ohne dies wäre er tot für alle folgenden heiligen Handlungen nach +Christi eigenem Wort: »So lasse allda vor dem Altar deine Gabe und gehe +zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und +opfere deine Gabe«; und an einer anderen Stelle heißt es: »Und wer da +sagt, ich liebe Gott und hasse meinen Bruder, der lügt; denn wenn er +seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, Den er +nicht sieht?« + +Der Diakon steht auf der Kanzel, er wendet sein Gesicht den Anwesenden +zu, hält die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und ruft nach +altem Brauch: »Die Tore, die Tore!« Ehedem wurde dieser Ruf an die +Pförtner gerichtet, die am Toreingang standen, damit sich keiner von den +Heiden, die den christlichen Gottesdienst zu stören pflegten, frech und +blasphemisch in die Kirche eindrängte; heute wird dieser Ruf an die +Anwesenden selbst gerichtet, die hierdurch ermahnt werden sollen, die +Tore ihres Herzens zu behüten, in denen die Liebe bereits Eingang +gefunden hat, auf daß kein Feind der Liebe sich in die Herzen eindränge, +und die Tore ihres Mundes und ihrer Ohren weit aufzutun und für die +Verlesung des Glaubenssymbols offen zu halten; zum Zeichen dafür wird +der Vorhang vor der Königspforte, oder die »hohe Pforte«, hinweggezogen, +die sich nur dann öffnet, wenn die Aufmerksamkeit des Geistes auf die +höchsten Mysterien hingelenkt werden soll. Der Diakon fordert die +Versammlung mit folgenden Worten zum Zuhören auf: »Laßt uns der höchsten +Weisheit lauschen!« Die Sänger stimmen einen kraftvollen mannhaften +Gesang an, der mehr einer Art Sprechgesang gleicht, und rufen laut und +ausdrucksvoll: »Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer +des Himmels und der Erden, alles Sichtbaren und Unsichtbaren.« Dann +machen sie eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die erste +Person der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott den Vater klar und deutlich +vorstellen, und fahren dann fort: »Und an Jesum Christum, Gottes +eingeborenen Sohn, unseren Herrn, vom Vater in Ewigkeit geboren, Licht +vom Licht, wahrhaftigen Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht +erschaffen, einerlei Wesens mit dem Vater, durch welchen alle Dinge +geworden sind. Um der Menschen und um des Heiles willen vom Himmel +Fleisch geworden aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und +Mensch geworden, um unseretwillen gekreuzigt unter Pontius Pilatus, +gelitten, gestorben und begraben. Am dritten Tage nach der Schrift +wiederauferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel und sitzend zur +Rechten des Vaters. Von dannen Er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu +richten die Lebendigen und die Toten und Dessen Reiches kein Ende sein +wird. Und an den Heiligen Geist, Der da machet lebendig und gehet aus +vom Vater, Der da zusammen mit dem Vater und dem Sohne angebetet und +verehret wird und durch die Propheten geredet hat.« Dann machen sie +wieder eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die dritte Person +der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott, den Heiligen Geist klar und deutlich +vorstellen, und fahren fort: »Und an eine heilige katholische und +apostolische Kirche. Ich glaube an eine Taufe zur Vergebung der Sünden +und hoffe auf die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben. Amen!« + +Mannhaft und kraftvoll ist der Gesang der Sänger und er prägt jedes Wort +des Glaubenssymbols den Herzen tief ein. Mit fester Stimme wiederholt +hierauf ein jeder die Worte des Symbols. Mutigen Herzens und voll +starken Geistes wiederholt auch der Priester vor dem heiligen Hochaltar, +der den heiligen Abendmahlstisch darstellen soll, leise bei sich selbst +das Glaubensbekenntnis, auch alle Zelebranten, die ihm zur Seite stehen, +wiederholen es still bei sich selbst, indem sie den heiligen Aër, der +über den heiligen Gaben ruht, hin und her bewegen. + +Festen Schrittes kommt jetzt der Diakon gegangen und verkündet: »Laßt +uns fromm, laßt uns ehrfurchtsvoll dastehen und aufmerken und das +heilige Opfer in Frieden darbringen,« d. h. laßt uns würdig vor Gott +hintreten, wie es sich für den Menschen geziemt, d. h. mit Zittern und +Ehrfurcht, zugleich aber auch tapfer und kühnen Mutes, indem wir Gott +loben, mit friedlichem versöhntem, einträchtigem Herzen, denn ohne dies +vermag man sich nicht zu Gott zu erheben. Und die ganze Kirche +wiederholt, diesen Ruf beantwortend, indem sie den Lobgesang, der aus +ihrem Munde emporsteigt, und die Besänftigung der Herzen als Opfergabe +darbringt mit dem Sängerchor: »Die Gnade des Friedens, das Opfer des +Dankes.« In der Urkirche herrschte die Sitte, bei dieser Gelegenheit +etwas Salböl als Opfergabe darzubringen, welches ein Symbol der +Besänftigung ist, denn Salböl und Barmherzigkeit bedeuten im +Griechischen dasselbe. + +Unterdessen zieht der Priester im Altarraum den Aër von den heiligen +Gaben hinweg, küßt ihn und legt ihn zur Seite, indem er spricht: »Die +Gnade unseres Herrn ...« Der Diakon aber betritt den Altarraum, nimmt +den Fächer oder das Rhipidion in die Hand und schwingt ihn andachtsvoll +über den heiligen Gaben. + +Indem nun der Priester sich anschickt, das heilige Abendmahl zu +zelebrieren, richtet er aus dem Inneren des Altarraums folgenden frohen +Ruf an das Volk: »Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes +des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch +allen!« worauf ihm alle Anwesenden antworten: »Und mit deinem Geiste!« +Der Altar, der vorhin die Krippe vorstellte, versinnbildlicht jetzt das +Zimmer, in dem das Abendmahl zubereitet wurde; und der Hochaltar, der +das Grab versinnbildlichte, stellt jetzt den Abendmahlstisch und nicht +mehr das Grab dar. Der Priester gedenkt des Erlösers, Der Seine Augen +zum Himmel emporrichtete, ehe Er Seinen Jüngern die göttliche Speise +darreichte, und ruft: »Laßt uns unsere Herzen zum Himmel erheben!« Und +jeder, der in der Kirche anwesend ist, richtet seine Gedanken auf das, +was nun geschehen wird -- und er denkt daran, daß in diesem Augenblick +das göttliche Lamm für ihn geschlachtet wird, daß das göttliche Blut des +Herrn selbst in den Kelch fließt, um ihn zu entsühnen, und daß alle +himmlischen Mächte sich mit dem Priester vereinigen, um für ihn zu +beten; und indem er seine Gedanken [hierauf] richtet und seine Seele von +der Erde abzieht und zum Himmel und aus der Finsternis zum Lichte +erhebt, ruft er zugleich mit allen anderen aus: »Wir wollen uns zu Gott +erheben!« + +Der Priester ruft, des Erlösers gedenkend, Der da dankte, nachdem Er +Seine Augen gen Himmel erhoben hatte: »Laßt uns unserem Gotte danken!« +Der Chor erwidert: »Geziemend ist es und fromm, anzubeten den Vater, den +Sohn und den Heiligen Geist, die Heilige Dreieinigkeit, Die eines Wesens +und unfehlbar ist.« Der Priester aber betet im stillen bei sich: +»Geziemend ist es und fromm, Dich zu verherrlichen, zu loben, Dir zu +danken und Dich anzubeten allerorten in Deinem Reiche, denn Du bist +Gott, der Unaussprechliche, Unergründliche, Unsichtbare und +Unbegreifliche, denn Du bist ewig Derselbe samt Deinem eingeborenen Sohn +und Deinem Heiligen Geist. Du hast uns aus dem Nichtsein zum Sein +erweckt, hast uns Abtrünnige wieder aufgerichtet und hast uns nicht +verlassen, sondern uns in den Himmel erhoben und uns Dein künftiges +Reich geschenkt. Für dieses alles danken wir Dir und Deinem eingeborenen +Sohn und Deinem Heiligen Geiste, danken Dir alle, für alle die +Wohltaten, die wir kennen und die wir nicht kennen, die offenkundigen +und die unbekannten, die Du an uns getan hast. Wir danken Dir auch für +diesen Gottesdienst und bitten Dich, ihn aus unserer Hand +entgegenzunehmen, obwohl Dir Tausende von Erzengeln und Legionen von +Engeln, Cherubim und sechsfach geflügelte Seraphim zur Verfügung stehen, +vieläugige, gefiederte, gen Himmel strebend, Dir Siegeslieder singen, +rufen, jauchzen und sprechen: »Heilig, heilig, heilig ist der Gott +Zebaoth; Himmel und Erde sind Deines Ruhmes voll!« + +Dieses Siegeslied der Seraphim, das die Propheten in ihren heiligen +Gesichten vernahmen, wird von dem ganzen Sängerchor aufgenommen; es +trägt die Gedanken der Gläubigen in unsichtbare Himmelsfernen mit sich +fort, nötigt alle, mit den Seraphim in den Ruf einzustimmen: »Heilig, +heilig, heilig ist der Herr Zebaoth!« und mit ihnen den Thron des +göttlichen Ruhmes zu umkreisen. Und da ferner die ganze Kirche in diesem +Augenblick erwartungsvoll dessen harrt, daß der Herr selbst herabsteigen +und Sich für alle zum Opfer darbringen wird, so vereinigt sich mit dem +Gesang der Seraphim, der im Himmel ertönt, noch der Gesang der +hebräischen Jünglinge, mit dem Ihn diese bei Seinem Einzug in Jerusalem +begrüßten, Zweige auf den Weg streuend: »Hosianna in der Höhe. Gelobt +sei, Der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!« Denn der +Herr bereitet sich, in den Tempel einzuziehen, wie in das mystische +Jerusalem. Der Diakon fährt fort, mit dem Fächer über die heiligen Gaben +hinzufächeln, damit kein Insekt auf sie herniederfalle, und symbolisiert +mit dieser Bewegung des Fächers das Walten der Gnade. Der Priester aber +betet im stillen weiter: »Mit diesen heiligen Mächten, o Herr, Der Du +die Menschen liebhast, flehen auch wir zu Dir und sprechen: Heilig und +hochheilig bist Du und Dein eingeborener Sohn und Dein Heiliger Geist. +Heilig bist Du und hochheilig, und herrlich ist Dein Ruhm, denn also +hast Du die Welt geliebt, daß Du Deinen eingeborenen Sohn gabst, auf daß +alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben +haben, Der da kam und alles erfüllte, was von uns verkündet ward; in der +Nacht, da Er verraten ward, oder besser, da Er Sich selbst dahingab für +das Leben der Welt, nahm Er das Brot in Seine reinen unschuldigen Hände, +dankte, segnete und heiligte es, brach es und gab es Seinen heiligen +Jüngern und Aposteln und sprach ...« Und mit lauter Stimme verkündete +der Priester die Worte des Heilandes: »Nehmet hin und esset, das ist +mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.« Bei +diesen Worten fallen die ganze Kirche und der Chor ein und rufen »Amen!« +Der Diakon aber weist, die Stola in der Hand haltend und sich zum +Priester hinwendend, auf die heilige Patene hin, auf welcher das Brot +ruht. Der Priester aber fährt leise fort: »Desselbigengleichen nahm Er +auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach ...« und er verkündet laut, +nachdem der Diakon auf den Kelch gedeutet hat: »Trinket alle daraus, +dies ist Mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für euch +und für viele zur Vergebung der Sünden.« Und die ganze Kirche antwortet +ebenso laut wie das erstemal: »Amen!« + +Der Priester fährt fort, leise zu beten: »Und indem wir also gedenken +dieses erlösenden Gebotes und alles dessen, das für uns getan ward: des +Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Himmelfahrt, +des Sitzens zur Rechten Gottes und der zweiten ruhmvollen Wiederkunft« +-- und nun, nachdem er dies leise vor sich hingesprochen, erhebt er die +Stimme und spricht: »-- bringen wir Dir dar das Deinige von den Deinigen +für alle und für alles!« Der Diakon legt nun den Fächer beiseite und +hebt die heilige Patene und den heiligen Kelch in die Höhe: in diesem +Augenblick stellt der Altar nicht mehr das Zimmer, in dem das heilige +Abendmahl stattfand, und der Hochaltar nicht mehr den Abendmahlstisch +dar; jetzt ist er der Opferaltar, auf dem das furchtbare Opfer für die +ganze Welt dargebracht wird -- das Golgatha, wo die furchtbare +Hinschlachtung des göttlichen Opferlamms sich vollzog. Dieser Augenblick +stellt den Augenblick des Opfers und den Moment dar, da ein jeder an das +dem Schöpfer dargebrachte Opfer gemahnt wird. Wir beugen uns ja auch vor +den irdischen Gewalten; wir verehren und achten ja auch die Menschen und +gehorchen ihnen, aber wir opfern nur dem alleinigen Gott. Und dies Opfer +hat nie aufgehört seit Erschaffung der Welt, in welcher Form es auch +immer dargebracht werden mochte, das, worauf es dabei ankam, war nicht +das Opfer selbst, sondern ein reumütiger Geist, mit dem es dargebracht +wurde. Daher muß jeder der Anwesenden dessen eingedenk sein, daß der +Priester in diesem Augenblick alles Gemeine und Diesseitige +geringschätzen und alle irdischen Begierden und Gedanken vergessen muß +gleichwie Abraham, der, als er zum Berg emporstieg, um das Opfer +darzubringen, seine Frau, seinen Knecht und seinen Esel unten ließ und +nur das Holz des bitteren Bekenntnisses seiner Sünden mit sich nahm, es +im Feuer seiner inneren Reue zu Asche verbrannte und mit der Flamme und +dem Schwerte des Geistes in sich jede Begierde nach irdischem Besitz und +irdischen Gütern tötete. Was aber sind alle unsere Opfer vor dem +Angesichte Gottes, wenn Er durch den Mund des Propheten zu uns spricht. +»Wie ein unreines Gewand sind alle unsere Taten.« + +Tief durchdrungen vom Bewußtsein, daß es auf Erden nichts gibt, das da +wert wäre, Gott zum Opfer gebracht zu werden, richtet jeder der +Anwesenden seine Gedanken auf den Kelch, den der Diener des Altars im +Altarraum emporhebt, und ruft im Inneren seines Herzens aus: »Also sei +Dir dargebracht das Deinige von den Deinigen, für alle und für alles!« +Der Chor singt: »Dir lobsingen wir, Dich segnen wir, Dir danken wir, o +Herr, und wir beten zu Dir, unser Gott!« + +Und nun folgt der Höhepunkt der ganzen Liturgie: die +Transsubstantiation. Im Inneren des Altarraumes wird jetzt der Heilige +Geist dreimal angerufen und angefleht, Sich auf die heiligen Gaben +herabzusenken -- derselbe Heilige Geist, durch Den die Fleischwerdung +Christi, Seine Geburt durch die Jungfrau, Sein Tod und Seine +Auferstehung vollzogen ward, und ohne Den sich das Brot und der Wein +nicht in den Leib und das Blut Christi verwandeln können. + +Der Priester fällt vor dem heiligen Hochaltar nieder, und auch der +Diakon verbeugt sich dreimal bis zur Erde, indem er bei sich selbst +spricht: »Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten +Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du +Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.« +Und nach diesem Anruf des Heiligen Geistes wiederholen alle bei sich den +Vers: »Gib mir, o Gott, ein reines Herz und erneure in meinem Inneren +einen gerechten Geist.« + +Noch einmal wird der Anruf wiederholt: »Herr Gott, Der Du in der dritten +Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, +nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren +werden, die wir zu Dir beten.« Und die Gemeinde singt den Vers: »Verwirf +mich nicht von Deinem Angesicht und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von +mir!« Und zum drittenmal erfolgt der Anruf: »Herr Gott, Der Du in der +dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel +herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns +wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.« Der Diakon weist gesenkten +Hauptes mit der Stola auf das heilige Brot hin und spricht bei sich +selbst: »Segne, o Herr, das heilige Brot!« Und der Priester segnet es +dreimal mit dem Kreuze und spricht: »Und mache dieses Brot zu dem +heiligen Leibe Deines Christus.« Der Diakon sagt: »Amen!« Und damit ist +das Brot in den Leib Christi verwandelt. Und abermals weist der Diakon +mit der Stola stumm auf den heiligen Kelch und spricht bei sich selbst: +»Segne, o Herr, den heiligen Kelch!« Und der Priester segnet ihn und +spricht: »Mache, den Inhalt dieses Kelches zum heiligen Blut Deines +Christus.« Der Diakon sagt: »Amen!« und spricht, indem er auf die beiden +heiligen Gaben hinweist: »Segne sie beide, o Herr!« Der Priester segnet +sie und spricht: »Verwandle sie durch Deinen Heiligen Geist!« Der Diakon +sagt dreimal: »Amen!« Und auf dem Hochaltar ruhen jetzt der Leib und das +Blut Christi selbst: die Transsubstantiation hat sich vollzogen! Ein +_Wort_ rief das _ewige Wort_ herbei. Der Priester, dessen Stimme das +Schwert vertritt, hat das Opfer vollbracht. Wer es auch sein möge -- ob +er Peter oder Iwan heißt --, in seiner Person hat der ewige Hohepriester +selbst dies Opfer vollbracht, und Er vollbringt es ewiglich durch die +Person Seiner Priester, wie auf das Wort: »Es werde Licht!« das Licht +ewiglich leuchtet und wie auf das Wort: »Es lasse die Erde aufgehen Gras +und Kraut!« die Erde sie ewiglich aufgehen läßt. Und es ist nicht ein +Bildnis oder die bloße Erscheinung des Leibes, die sich auf dem +Hochaltar befindet, sondern der Leib Christi selbst -- derselbe Leib, +der auf Erden Backenstreiche erhalten, bespien, gekreuzigt, begraben +ward, auferstand und mit dem Herrn gen Himmel fuhr und nun zur Rechten +des Vaters sitzt. Er behält nur deshalb auch weiter die Gestalt des +Brotes, um dem Menschen zur Speise zu dienen, und weil der Herr selbst +gesagt hat: »Ich bin das Brot.« + +Vom Kirchturm her ertönt jetzt Glockengeläut, um allen den großen +Augenblick zu verkündigen, auf daß der Mensch -- wo er sich in diesem +Moment auch befinden mag -- ob er unterwegs, ob er auf Reisen ist oder +seinen Acker bestellt, ob er zu Hause sitzt oder einer anderen +Beschäftigung nachgeht, ob er auf dem Krankenbett liegt oder in den +Mauern eines Gefängnisses schmachtet -- kurz, damit er überall, wo er +sich auch aufhält, in diesem furchtbaren Augenblick auch für sich beten +könne. Alles stürzt vor dem Leib und Blut Christi nieder und fleht den +Herrn mit den Worten des Übeltäters an: »Herr, gedenke an mich, wenn Du +in Dein Reich kommst.« + +Der Diakon beugt sein Haupt vor dem Priester und spricht: »Gedenke an +mich, o heiliger Herr!« und der Priester antwortet: »Gott gedenke deiner +in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Und nun +gedenkt der Priester aller vor dem Angesichte Gottes, indem er die ganze +Kirche, die triumphierende wie die kämpfende, mit in sein Gebet +einschließt und zwar in derselben Weise und Reihenfolge, wie ihrer aller +während des Offertoriums gedacht wurde, wobei er mit der heiligen, +reinen, göttlichen Jungfrau und Mutter Gottes beginnt. Ihr zu Ehren, als +der Fürsprecherin der ganzen Menschheit und als der einzigen, die für +ihre hohe Demut und Bescheidenheit würdig erachtet wurde, Gott in ihrem +Schoße zu tragen, stimmt die ganze Kirche zusamt dem Chor einen +Lobgesang an, damit ein jeder in diesem Augenblick vernehme, daß die +Demut die höchste Tugend und daß in dem Herzen des Demütigen Gott +lebendig sei. + +Nach der Mutter Gottes wird der Propheten, der Apostel und der +Kirchenväter gedacht und zwar in derselben Reihenfolge, in der während +des Offertoriums die Brotstücke für sie herausgeschnitten wurden; sodann +wird aller Entschlafenen gedacht, deren Namen der Diakon verliest, +sodann der Lebenden, wobei mit denen begonnen wird, denen die +wichtigsten und höchsten Pflichten anvertraut sind, -- d. h. mit denen, +die das Wort der Wahrheit gerecht verwalten, der geistlichen und +weltlichen Obrigkeit und dem Kaiser; [»Gott helfe ihm und unterstütze +ihn in seinem schweren Amt bei jedem Werke, das das allgemeine Wohl +betrifft; möge ihm in seinem edlen Streben das ganze Staatsschiff +einträchtiglich folgen, zusamt der Regierung und der Militärkammer, auf +daß sie getreulich ihre Pflicht erfüllen, und auch uns lasset im +Frieden, der von ihnen ausgeht, ein ruhiges Leben führen in aller +Frömmigkeit und Reinheit!« Bei dieser Gelegenheit betet der Priester +auch für alle anwesenden Christen bis auf den letzten, daß der allgütige +Gott Seine Gnade über sie alle ergießen, ihre Schatzkammern mit Gütern +füllen, die Eintracht und den Frieden in ihren Ehen walten, ihre Kinder +groß werden lassen, die Jugend belehren, das Alter stützen und +kräftigen, die Kleinmütigen trösten, die Zerstreuten sammeln, die +Verführten zurechtweisen und in Seine heilige allgemeine apostolische +Kirche aufnehmen möge. Für alle Christen bis auf den allerletzten, wo +sich ein solcher Christ auch immer aufhalten möge, betet bei dieser +Gelegenheit der demütige Priester;] ob der Christ unterwegs, auf der +Wanderschaft, auf der See oder auf Reisen ist, ob er an einer Krankheit +daniederliegt oder in der Verbannung, in Bergwerken oder unterirdischen +Schächten schmachtet. Für alle -- bis auf den allerletzten -- betet bei +dieser Gelegenheit die Kirche, und jeder Anwesende beteiligt sich nicht +allein an diesem gemeinsamen Gebete für alle Menschen, sondern er betet +auch für alle die Seinen, die seinem Herzen nahestehen, indem er sie +insgesamt im Angesichte des Leibes und Blutes Christi beim Namen nennt. +Dann ruft der Priester laut aus dem Altarraum: »Und laß uns preisen und +lobsingen wie aus einem Munde und aus einem Herzen Deinen heiligen und +herrlichen Namen, den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen +Geistes, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Die ganze Kirche +antwortet mit einem bestätigenden »Amen!« Der Priester ruft: »Die Gnade +des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi sei mit euch +allen!«, und die Gemeinde erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Hiermit +haben die Gebete für alle, die der Kirche Christi angehören, ihr Ende +erreicht, wie sie im Angesicht des Leibes und des Blutes Christi zu Gott +emporgerichtet werden. + +Nun besteigt der Diakon die Kanzel, um zum Gebet für die Gaben selbst +aufzufordern, die Gott dargebracht werden und die bereits verwandelt +sind, auf daß sie uns nicht zum Gericht und nicht zu einer Strafe für +uns werden. Er erhebt die Stola mit drei Fingern seiner rechten Hand und +ermuntert alle zum Gebet, indem er spricht: »Laßt uns aller Heiligen +gedenken und immer wieder und wieder in Frieden zu Gott beten!« Der Chor +singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns beten für die dargebrachten und +geweihten heiligen Gaben!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt +uns beten, daß unser Gott, Der die Menschen liebet, sie aufnehmen möge +auf Seinem heiligen, über dem Himmel thronenden geistigen Altar, duftend +von geistigen Wohlgerüchen, und daß Er uns herabsenden möge Seine +göttliche Gnade und die Gabe des Heiligen Geistes!« Der Chor singt: +»Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns zu Gott beten, daß Er uns bewahren möge +vor Kummer, Zorn und Not!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf, +rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« Der Chor +singt: »Herr, erbarme Dich!« »Wir bitten Gott um einen vollkommen +ungetrübten, vollkommen heiligen, friedlichen und sündlosen Tag!« Der +Chor singt: »Gewähre ihn uns, o Gott!« »Wir bitten Gott um einen +Friedensengel, einen treuen Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen +und Leiber!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott +um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und Verfehlungen!« Der Chor +singt: »Gewähre sie uns, o Gott!« »Wir bitten den Herrn um alles Gute, +was unserer Seele heilsam ist, und um Frieden auf Erden!« Der Chor +singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott um ein Leben in +Frieden und um ein reumütiges Ende!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o +Herr!« »Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und +friedliches Ende und darum, daß es uns beschieden sein möge, in Ehren +Rechenschaft abzulegen am Jüngsten Tage Christi!« Der Chor singt: +»Gewähre es uns, o Herr!« Und nun ruft der Diakon nicht mehr die +Heiligen um Hilfe an, sondern er wendet sich direkt an Gott: »Wir bitten +Dich um Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes +und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Jesus Christus, unserem +Gotte!« Und alle singen mit völliger und inniger Hingebung: »Dir, o +Herr!« + +Nun stimmt der Priester statt eines Trichagions folgenden Gesang an: +»Würdige uns, o Herr, daß wir Dich, Gott, unseren himmlischen Vater, +zuversichtlich und als Gerechtfertigte anrufen und lobsingen.« Und alle +Gläubigen beten nicht mehr wie mit Furcht erfüllte Sklaven, sondern wie +reine unschuldige Kinder, die sich durch das Gebet, den ganzen +Gottesdienst und die stetige Ausführung der heiligen Bräuche in jenen +engelhaften Gemütszustand himmlischer Rührung versetzt fühlen, in dem +der Mensch unmittelbar mit Gott sprechen kann wie mit seinem Vater, das +Gebet des Herrn: »Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde +Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch +auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere +Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in +Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.« + +Dieses Gebet umfaßt alles und schließt alles in sich ein, was wir +brauchen. Die Bitte: »Geheiligt werde Dein Name!« enthält das Erste, +worum wir zuerst und vor allem bitten müssen: wo Gottes Name geheiligt +wird, da ist allen wohl, da sind folglich alle in Liebe miteinander +verbunden, denn nur durch die Liebe wird Gottes Name geheiligt. Mit den +Worten: »Dein Reich komme!« flehen wir das Reich der Wahrheit und +Gerechtigkeit auf die Erde herab; ohne Gottes Herabkunft wird es nie +eine Gerechtigkeit geben: denn Gott ist die Gerechtigkeit. Bei den +Worten: »Dein Wille geschehe!« wird der Mensch durch den Glauben wie +durch die Vernunft geführt: denn wessen Wille kann wohl herrlicher sein, +als der Wille Gottes? Wer weiß denn besser als der Schöpfer, was Seinen +Geschöpfen not tut. Wem soll man also vertrauen, wenn nicht Ihm, Der +durch und durch nichts als die ewiglich nur Gutes zeugende Güte und +Vollkommenheit ist! Mit dem Worte: »Unser täglich Brot gib uns heute!« +bitten wir um alles, dessen wir zu unserem täglichen Lebensunterhalt +bedürfen. Unser Brot aber ist die höchste göttliche Weisheit und +Christus selbst. Er selbst hat gesagt: »Ich bin das Brot und wer von Mir +isset, wird nicht sterben.« Mit den Worten: »Vergib uns unsere Schuld!« +bitten wir, daß alle unsere schweren Sünden, die auf uns lasten, von uns +genommen werden mögen -- wir bitten, daß uns alles erlassen werden möge, +dessen wir uns gegenüber dem Schöpfer selbst schuldig gemacht haben, +indem wir uns an unseren Brüdern vergingen; streckt Er uns doch jeden +Tag und jede Minute in ihrer Gestalt Seine Hand entgegen, indem Er uns +mit herzzerreißendem Klagelaut um Mitleid und Erbarmen anfleht. Mit den +Worten: »Und führe uns nicht in Versuchung!« bitten wir Gott, uns vor +allem zu behüten, was unser Gemüt verwirrt, uns irre leitet und uns +unsere Seelenruhe raubt. Mit den Worten: »Sondern erlöse uns von dem +Übel!« bitten wir um die himmlische Seligkeit; denn sowie der Böse von +uns weicht, bemächtigt sich sogleich eine hohe Freudigkeit unserer +Seele, und wir fühlen uns schon auf Erden wie im Himmel. + +So umfaßt und schließt dieses Gebet alles in sich ein, was uns die +höchste göttliche Weisheit selbst beten gelehrt hat. Und zu wem beten +wir? Zum Vater der Weisheit, Der Seine ewige Weisheit vor Beginn aller +Zeiten zeugte. Da alle Anwesenden dieses Gebet bei sich wiederholen +müssen, nicht mit dem Munde, sondern in der reinsten Unschuld eines +kindlichen Herzens, so muß auch der Abgesang des Gebets auf den Chören +einen kindlichen Charakter tragen: nicht in rauhen männlichen Tönen, +sondern mit kindlicher Stimme, die die Seele selbst zu liebkosen +scheint, muß dieses Gebet gesungen werden, auf daß man in ihr den +Frühlingshauch des Himmels zu verspüren meine und daß in ihm etwas +erklinge, was uns wie die Liebkosungen der Engel selbst berührt, denn in +diesem Gebet reden wir ja Den, Der uns erschaffen hat, nicht mehr mit +Gott an, sondern ganz schlicht mit den Worten: »Vater unser!« + +Der Priester begrüßt die Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes mit +dem Gruße des Heilands: »Friede sei mit euch allen!« Die Gemeinde +erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Jetzt fordert der Diakon alle zu +einer inneren Herzensbeichte auf, die jeder nunmehr vor sich selbst +ablegen muß, indem er ruft: »Beugt eure Häupter vor dem Herrn!« Und +indem nun alle Anwesenden bis auf den letzten ihr Haupt beugen, sprechen +sie bei sich selbst etwa folgendes Gebet: »Ich beuge mein Haupt vor Dir, +mein Herr und Gott, ich bekenne meine Sünden aufrichtig und schreie zu +Dir: ich bin sündig, o Herr, und unwert, Dich um Vergebung zu bitten, +aber Du bist menschenfreundlich, so erbarme Dich denn meiner, obwohl ich +es nicht verdient habe, wie der verlorene Sohn, rechtfertige mich wie +den Zöllner und mache mich würdig, gleich dem Übeltäter in Dein +himmlisches Reich einzugehen.« Und während so alle gebeugten Hauptes in +innerer Herzenszerknirschung verharren, betet der Priester am Altare für +alle mit folgenden Worten bei sich selbst: »Wir danken Dir, unsichtbarer +König, Der Du in Deiner unermeßlichen Kraft alles erschaffen und durch +Deine große Gnade alles aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen hast; +blicke selbst vom Himmel auf die herab, o Herr, die ihr Haupt vor Dir +beugen, denn sie beugen es nicht vor dem Fleische und dem Blute, sondern +vor Dir, furchtbarer Gott. Wende alles, was uns bevorsteht, zu unserem +Besten, o Herr, so wie es jedem not tut: Laß den Seefahrer den Hafen und +den Reisenden sein Ziel erreichen, heile den Kranken, o Arzt der Seele +und des Leibes!« Dann stimmt der Priester den herrlichen Lobgesang auf +die Dreieinigkeit an, der sich an die himmlische Güte Gottes wendet: +»Gesegnet seist Du durch die Gnade, die Milde und die Menschenliebe +Deines eingeborenen Sohnes samt Ihm, Deinem Sohne und Deinem +Allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in +alle Ewigkeit!« Der Chor ruft: »Amen!« Nunmehr rüstet sich der Priester, +selbst, und in Gemeinschaft mit allen, den Leib und das Blut Christi in +sich aufzunehmen, indem er leise bei sich folgendes Gebet spricht: +»Blicke herab, Herr Jesus Christus, unser Gott, aus Deiner heiligen +Wohnung und vom ruhmvollen Thron Deines Reiches. Komm und heilige uns, +Der Du hoch oben neben dem Vater sitzest und unsichtbar bei uns weilst, +und mache uns [Priester] würdig, aus Deiner allmächtigen Hand Deinen +reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu empfangen und es allen den Deinen +darzureichen.« + +Während der Priester dies Gebet spricht, rüstet sich der Diakon zum +heiligen Abendmahl: er tritt vor die Königspforte, umgürtet sich mit der +Stola und kreuzt sie auf seiner Brust, gleich den Engeln, die ihre +Flügel kreuzweise zusammenlegen und ihr Antlitz mit ihnen verdecken vor +dem unnahbaren Lichte der Gottheit. Wie der Priester, verbeugt er sich +dreimal und spricht bei sich selbst: »O Gott, reinige mich Sünder und +erbarme Dich meiner!« Wenn dann der Priester seine Hand nach der +heiligen Patene ausstreckt, fordert er alle, die im Tempel anwesend +sind, durch das anfeuernde Wort: »Laßt uns aufmerken!« auf, alle ihre +Gedanken auf das, was nun geschieht, hinzulenken. Der Altar entzieht +sich dem Anblick des Volkes, der Vorhang wird zugezogen, damit zuerst +der Priester das Abendmahl empfange. Nur die Stimme des Priesters, der +die Patene in die Höhe hebt und ruft: »Das Heilige den Heiligen!« dringt +aus dem Altar hervor. Tief erschüttert von dieser Verkündigung, die da +besagt, daß man selbst heilig sein muß, um das Heilige in sich +aufzunehmen, erwidert die ganz im Gebet versunkene Gemeinde: »Einer ist +heilig, der eine Gott, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters!« +worauf eine Lobhymne auf den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist, +gesungen wird, um hierdurch anzudeuten, daß auch der Mensch heilig sein +kann, so wie auch der Heilige, zu dessen Preis die Hymne gesungen wird, +ein Heiliger werden konnte; auch er ward freilich heilig nicht durch +seine eigene Heiligkeit, sondern durch die Heiligkeit Christi selbst. +Durch sein Leben in Christo wird der Mensch geheiligt und in solchen +Augenblicken der Ruhe in Christo ist er heilig wie Christus selbst, +gleichwie das Eisen, wenn es im Feuer steckt, selbst zu Feuer wird und +sofort erlöscht, sowie man es aus dem Feuer herausnimmt, und wieder +gewöhnliches dunkles Eisen wird. + +Nun bricht der Priester das heilige Brot; zuerst bricht er es gemäß dem +Zeichen, das während des Offertoriums auf ihm gemacht wurde, in vier +Teile, indem er spricht: »Das Lamm Gottes wird zerlegt und zerteilt, das +zerlegt und doch unteilbar ist, das stets gegessen und nie aufgezehrt +wird, und das da heiligt, die davon essen.« Er legt eins von den Stücken +des heiligen Leibes noch unvermischt mit dem Blute für sich und den +Diakon zurück und zerlegt dann das Brot in so viele Teile, als die Zahl +der Kommunikanten beträgt; aber durch diese Teilung wird doch der Leib +Christi selbst nicht zerteilt, der Leib, dem kein Bein zerbrochen ward, +und in dem kleinsten Teil erhält sich der Christus ganz und unversehrt, +wie in jedem Gliede unseres Körpers dieselbe ganze und unteilbare Seele +zugegen ist, und wie sich in einem Spiegel, auch wenn er in hundert +Stücke zerspringt, selbst noch im kleinsten Splitter das Abbild +derselben Dinge erhält. Wie in einem Ton, der an unser Ohr dringt, +dieselbe Einheit erhalten bleibt oder wie derselbe ganze Ton sich +unversehrt erhält, auch wenn tausend Ohren ihn vernehmen. Die Stücke, +die während des Offertoriums zu Ehren der Heiligen und der Entschlafenen +und im Namen einzelner von den Lebenden herausgeschnitten wurden, werden +nicht alle in den Kelch getaucht. Sie bleiben einstweilen noch auf der +Patene; nur die Teile, die den Leib und das Blut des Herrn darstellen, +werden der Gemeinde während des heiligen Abendmahls dargereicht. In den +ersten Zeiten der Kirche wurden sie in getrennter Gestalt dargereicht, +wie sie auch heute noch von den Priestern genossen werden; ein jeglicher +nahm den Leib des Herrn in die Hand und trank dann selbst aus dem Kelch. +Aber da die heiligen Gaben infolge der Zuchtlosigkeit der neubekehrten +und noch unwissenden Christen, die bloß dem Namen nach Christen geworden +waren, oftmals von ihnen fortgetragen und mit nach Hause genommen +wurden, wo man sie zu abergläubischen Zwecken und Zauberkünsten +verwendete, oder da man in der Kirche in unwürdiger Weise mit ihnen +umging, sich hierbei stieß, Lärm machte und die heiligen Gaben sogar +verschüttete, als die Väter vieler Kirchen sich genötigt sahen, dem +Volke den Kelch völlig vorzuenthalten und ihn durch die Darreichung der +Oblate, als Symbol des Brotes, zu ersetzen, ein Brauch, den die +abendländische römisch-katholische Kirche bei sich eingeführt hat, da +ordnete der heilige Johannes Chrysostomus an, damit in der +morgenländischen Kirche nicht das gleiche geschähe: daß Leib und Blut +dem Volke nicht in getrennter und gesonderter, sondern in vereinigter +Gestalt dargereicht werden und daß ihm beides nicht in die Hand gegeben, +sondern in einem heiligen Löffel gereicht werden solle, der die Form +jener Zange haben müsse, mit der der feurige Seraphim die Lippen des +Propheten Jesaias berührte. Hierdurch sollen alle daran gemahnt werden, +was das für eine Berührung ist, deren ihr Mund gewürdigt wird, und ein +jeglicher deutlich erkennen, daß der Priester in diesem heiligen Löffel +jene glühende Kohle hält, die der Seraphim mit der geheimnisvollen Zange +vom Altar Gottes nahm, also daß bei der bloßen Berührung der Lippen des +Propheten alle seine Missetat von ihm genommen wurde. Derselbe Johannes +Chrysostomus ordnete ferner, um jeden Gedanken daran fernzuhalten, daß +eine solche Vereinigung von Leib und Blut ein Willkürakt des Priesters +sein könne, an, daß im Augenblick ihrer Vereinigung warmes Wasser in das +Gefäß gegossen werde, was die erwärmende Gnade des Heiligen Geistes +symbolisieren soll, der da ausgegossen wird, um diese Vereinigung zu +heiligen, woher auch der Diakon dabei die Worte spricht: »Die Wärme des +Glaubens, erfüllet vom Heiligen Geiste!« Beim Einschütten des warmen +Wassers wird die Gnade des Heiligen Geistes herabgefleht, damit nichts +ohne den Segen des Herrn dabei geschehe und auf daß die Wärme zugleich +zum Sinnbild der Blutwärme diene und, indem sie sich jedem fühlbar +macht, ihm zum Bewußtsein bringe, daß sie nicht aus einem toten Leib, +dem ja kein warmes Blut entfließt, sondern aus dem lebendigen, +lebenspendenden und lebenzeugenden Leibe des Herrn in ihn einströmt; +denn er soll auch hierbei daran erinnert werden, daß auch der tote Leib +des Herrn nicht von Seiner göttlichen Seele verlassen, daß er voll der +Wirkung des Heiligen Geistes ist, und daß die Gottheit Sich nicht von +ihm getrennt hat. + +Nachdem der Priester zuerst selbst das Abendmahl genommen und es dann +dem Diakon gereicht hat, steht der Diener Christi als ein neuer, durch +das Sakrament der Kommunion von allen seinen Sünden gereinigter Mensch +da; in diesem Augenblick ist er im wahren Sinn des Wortes ein Heiliger +und würdig, anderen das Abendmahl zu reichen. + +Die Königspforte tut sich auf, und der Diakon erhebt feierlich seine +Stimme: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben!« Nun erscheint der +verwandelte Seraphim -- d. h. der in der Königspforte stehende Priester +mit dem Kelch in der Hand -- vor der ganzen Gemeinde. + +Verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Gotte und von der heißen Flamme +der Liebe zu Ihm, treten alle Kommunikanten, einer nach dem anderen, die +Hände auf der Brust gekreuzt, vor den Priester und sprechen gebeugten +Hauptes leise bei sich selbst folgendes Gebet, in dem sie ihren Glauben +zu dem Gekreuzigten bekennen: »Ich glaube, o Herr, und bekenne, daß Du +in Wahrheit bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die +Welt gekommen ist, die Sünder zu erlösen, deren vornehmster ich selbst +bin. Ich glaube auch, daß dies Dein heiliger Leib und daß dies Dein +gerechtes Blut ist; daher bete ich zu Dir: erbarme Dich meiner und +vergib mir meine Sünden, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, deren +ich mich in Worten oder Taten, wissentlich oder unwissentlich schuldig +gemacht habe, und gib, daß ich nicht als Verworfener teilhaftig werde +Deines heiligen Sakramentes zur Vergebung der Sünden und zum ewigen +Leben.« Hier hält der Andächtige einen Augenblick inne, um die Bedeutung +dessen, wozu er sich anschickt, in Gedanken zu erfassen, und fährt +sodann aus innerstem Herzen fort, indem er folgende Worte spricht: + +»Laß mich heute Deines heiligen Abendmahls teilhaftig werden, o Sohn +Gottes, denn nicht als Dein Feind will ich Dein Geheimnis verraten, noch +Dich küssen mit dem Kusse des Judas, sondern ich will Dich bekennen +gleich dem Übeltäter, indem ich spreche: »Herr, gedenke an mich, wenn Du +in Dein Reich kommst.« Und indem der Betende in seinem Inneren einen +Augenblick andächtig innehält, fährt er fort: »Gib, o Herr, daß ich mir +aus Deinem heiligen Abendmahl nicht das Gericht und die Verdammnis esse +und trinke, sondern daß es mir zum Heil meiner Seele und meines Körpers +gereiche.« + +Nachdem nun ein jeglicher dieses Bekenntnis abgelegt hat, naht er sich +dem Geistlichen nicht wie einem gewöhnlichen Priester, sondern wie dem +feurigen Seraphim selbst, indem er sich bereit hält, mit offenem Munde +die glühende Kohle des heiligen göttlichen Leibes und Blutes, die ihm im +Löffel gereicht wird, in sich aufzunehmen, sie, die den ganzen häßlichen +Schmutz und Unrat seiner Sünden zu Asche verbrennen soll, wie trockenes +Reisig, die ewige Nacht aus seiner Seele verscheuchen und ihn selbst in +einen strahlenden Seraph verwandeln soll. Und wenn dann der Priester den +heiligen Löffel an seine Lippen führt, den Kommunikanten beim Namen +nennt und spricht: »Der Knecht Gottes empfängt das gerechte und heilige +Blut des Herrn und Gottes, unseres Heilandes Jesu Christi, zur Vergebung +der Sünden und zum ewigen Leben,« nimmt er den Leib und das Blut des +Herrn in sich auf; so steht er in seinem Inneren einen Augenblick seinem +Gott gegenüber, indem er Ihm selbst vor das Angesicht tritt. Dieser +Augenblick ist unzeitlich und er unterscheidet sich durch nichts von der +Ewigkeit, denn er ist erfüllt von Dem, Der da der Grund aller Ewigkeit +ist. + +Indem der Mensch durch den Genuß des Leibes und des Blutes dieses großen +Augenblicks teilhaftig geworden ist, steht er von heiliger Ehrfurcht +erfüllt da; nun wird sein Mund mit dem heiligen Aër abgetrocknet, und +diese Handlung wird mit den Worten des Seraphs begleitet, die dieser an +den Propheten Jesaias richtete: »Siehe, hiermit sind deine Lippen +gerühret, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde +versöhnet sei.« Nunmehr tritt er selbst als ein Heiliger von dem +heiligen Kelche zurück, indem er sich vor den Heiligen verbeugt, sie +grüßt und sich vor den Anwesenden verneigt, die seinem Herzen jetzt +soviel näher stehen als bis dahin und die nun durch das Band einer +heiligen himmlischen Blutsverwandtschaft mit ihm verbunden sind; dann +geht er wieder an seinen Platz zurück, ganz erfüllt von dem Gedanken, +daß er Christus selbst in sich aufgenommen hat, daß Christus in ihm +weilt und in fleischlicher Gestalt in seinen Leib hinabgestiegen ist, +wie in ein Grab, um bis in die geheimste Kammer seines Herzens +einzudringen und aufzuerstehen in seinem Geiste, denn in ihm selbst +vollzieht Er Sein Begräbnis und Seine Auferstehung. Und die ganze Kirche +leuchtet auf im Lichte dieser geistigen Auferstehung und jauchzend +stimmt der Sängerchor einen Jubelgesang an: + +»Wir haben gesehen Christi Auferstehung, so lasset uns anbeten den +heiligen Herrn Jesum, Ihn, den Einzigen, Sündlosen. Wir beten Dein Kreuz +an, o Christus, und lobsingen und preisen Deine heilige Auferstehung, +denn Du bist unser Gott, wir kennen keinen, außer Dir, und preisen +Deinen Namen. Kommet her, alle ihr Gläubigen, lasset uns anbeten die +heilige Auferstehung Christi, denn durch das Kreuz ward der ganzen Welt +große Freude zuteil. Wir segnen den Herrn ewiglich und preisen Seine +Auferstehung: denn Er erlitt und erduldete den Kreuzestod, und indem er +starb, hat Er den Tod überwunden.« Und hierauf singt der Chor gleich den +Engeln, die sich zu dieser Zeit versammeln: + +»Strahle auf und leuchte, neues Jerusalem, denn Gottes Ruhm ist über dir +aufgegangen. Jubele und freue dich nun, o Zion. Und du, reine Jungfrau +und Mutter Gottes schmücke dich, denn Er, Den du geboren hast, ist +auferstanden. O großes, heiligstes Passahfest Christi! O Weisheit, du +Wort und Kraft Gottes! laß uns deiner noch in vollkommener Weise +teilhaftig werden an dem nie endenden Tage deines Reiches!« + +Während die frohlockende Kirche also widerhallt von den +Auferstehungsliedern, stellt der Priester, im geschlossenen Altarraum, +den heiligen Kelch auf den heiligen Hochaltar, der gleich der Patene +wieder mit einer Decke zugedeckt wird, und richtet ein Dankgebet an den +Herrn und Wohltäter unserer Seelen dafür, daß Er alle durch Seine Gnade +teilnehmen ließ an Seinem himmlischen ewigen Sakramente, und er schließt +mit der Bitte, Gott möge uns auf den rechten Weg führen, uns alle in der +heiligen Ehrfurcht zu Ihm befestigen, unser Leben behüten und unseren +Schritten Kraft und Festigkeit verleihen. + +Und nun öffnet sich die Königspforte zum letztenmal, denn dieses offene +Tor soll die offenen Pforten des Himmelreiches versinnbildlichen, das +Christus allen zuteil werden ließ, indem Er Sich selbst der ganzen Welt +zur Speise darbrachte. Das Hinaustragen des heiligen Kelches, wobei der +Diakon die Worte spricht: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben,« +sowie das Zurücktragen des Kelches soll versinnbildlichen, daß Christus +zum Volke hinausgeht, um alle Menschen mit Sich in das Haus Seines +Vaters zurückzuführen. Vom Chor ertönt ein donnernder feierlicher +Jubelgesang zur Antwort: »Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn; +unser Herr und Gott erscheine, Der uns erscheint.« Und die ganze +Gemeinde vereinigt sich mit dem Chor und stimmt einen donnernden +geistlichen Lobgesang an, der aus der Tiefe des gewaltig erstarkten und +erhobenen Geistes kommt. Der Priester segnet die Anwesenden mit den +Worten: »Errette, o Herr, Deine Menschen und segne Dein Eigentum,« denn +er nimmt an, daß in diesem Augenblick alle durch ihre Reinheit zu Gottes +eigenstem Eigentum geworden sind -- dann schwingt er sich in Gedanken +empor und gedenkt der Himmelfahrt Christi, die den Abschluß Seines +Erdenwandels bildete: er tritt zusammen mit dem Diakon vor den heiligen +Hochaltar, verneigt sich und räuchert zum letztenmal, indem er spricht: +»Aufgefahren zum Himmel bist Du, o Herr, die ganze Erde ist Deines +Ruhmes voll,« inzwischen aber begeistert der Chor durch jauchzende +Jubelgesänge und Töne, die von strahlender geistiger Freude erfüllt +sind, die verklärten Gemüter der Anwesenden zu folgenden Worten, dem +höchsten Ausdruck geistiger Freude: »Wir haben das wahre Licht geschaut, +wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben uns mit dem +wahrhaften Glauben erfüllt und beten an die Heilige unteilbare +Dreieinigkeit, denn Sie hat uns erlöst.« + +Der Diakon erscheint mit der heiligen Patene auf dem Haupte im heiligen +Tor, er spricht kein Wort, blickt stumm auf die ganze Versammlung und +entfernt sich hierauf wieder, womit er andeuten will, daß Christus uns +verlassen hat und gen Himmel gefahren ist. Nach dem Diakon erscheint der +Priester mit dem heiligen Kelch im heiligen Tore und verkündigt, daß der +Herr, Der gen Himmel gefahren ist, alle Tage bis zum Ende der Welt bei +uns weilet, indem er spricht: »Immerdar, jetzo, hinfort und in alle +Ewigkeit,« worauf der Kelch und die Patene zurückgetragen und auf den +Seitenaltar gestellt werden, auf dem das Offertorium stattfand und der +jetzt nicht mehr die Krippe, die eine Zeugin der Geburt Christi war, +sondern jenen höchsten Ort des Ruhmes darstellt, auf dem sich die +Himmelfahrt Christi in den Schoß des Vaters vollzog. + +Hier vereinigt sich die ganze Kirche unter Führung des Sängerchors zu +einem feierlichen Dankgesang der Seelen, und dies sind die Worte des +Lobgesangs: »Laß unseren Mund sich erfüllen mit Deinem Lobe, o Herr, daß +wir Deinen Ruhm singen, Der Du uns würdigest, an Deinem heiligen, +göttlichen, unvergänglichen, lebenspendenden Sakramente teilzunehmen; +behüte uns in Deinem Heiligtume, auf daß wir den ganzen Tag Belehrung +schöpfen aus Deiner Weisheit!« Hierauf singt der Sängerchor dreimal ein +begeistertes: »Halleluja!«, das allen das ewige Wandeln und die +Allgegenwart Gottes in Erinnerung ruft. Der Diakon besteigt die Kanzel, +um die Anwesenden zum letztenmal zu Dankgebeten aufzufordern. Er hebt +die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und spricht: »Vergib! +lasset uns, nachdem wir empfangen haben das göttliche, heilige, reine, +unvergängliche, himmlische, lebenspendende und furchtbare Sakrament +Christi, würdig danken dem Herrn.« Und alle Anwesenden singen leise und +mit dankbarem Herzen: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf, rette, erbarme Dich +und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« ruft der Diakon zum +letztenmal. Und alle singen den Gesang: »Herr, erbarme Dich! Wir beten, +daß dieser ganze Tag heilig, friedlich und sündlos zu Ende gehe und +weihen uns, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte!« +Und mit der sanften Fügsamkeit eines Kindes und dem himmlischen +Vertrauen auf Gott rufen alle aus: »Dir, o Herr!« Der Priester hat +währenddessen das Corporale zusammengelegt und verkündigt nun mit dem +Evangelium in der Hand ... und stimmt einen Lobgesang auf die +Dreieinigkeit an, der bisher gleich einem alles erhellenden Leuchtturm +den ganzen Gang des Gottesdienstes erleuchtete und jetzt mit noch +hellerem Lichte in den verklärten Seelen aufstrahlt; diesmal aber lautet +der Lobgesang auf die Dreieinigkeit folgendermaßen: »Da Du bist unsere +Heiligung, so singen wir Dir Ruhm und Preis: dem Vater, dem Sohne und +dem Heiligen Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.« + +Dann tritt der Priester vor den Seitenaltar, auf dem der Kelch und die +Patene stehen. Alle die Stücke, die bisher auf der Patene lagen und die +während des Offertoriums zum Gedächtnis der Heiligen, zu Ehren der +Entschlafenen und für das geistige Wohlergehen der Lebenden +herausgeschnitten wurden, werden jetzt in den heiligen Kelch getaucht, +und durch diesen Akt des Eintauchens nimmt die ganze Kirche am Leibe und +Blute Christi teil -- sowohl die, die noch auf Erden umherirrt und +kämpft, als auch die, die bereits triumphieret im Himmel: die Mutter +Gottes, die Propheten, die Apostel, die Kirchenväter, die Priester, die +Einsiedler, die Märtyrer, alle Sünder, für die ein Stück aus dem Brote +herausgeschnitten wurde, sowohl die, die auf Erden leben, als auch die, +die schon dahingegangen sind, nehmen in diesem Augenblick am Leibe und +Blute Christi teil. Und der Priester, der in diesem Augenblick als der +Vertreter der ganzen Kirche vor Gottes Angesichte steht, trinkt aus dem +Kelche diese Kommunion aller und betet, nachdem er die Kommunion in sich +aufgenommen hat, für alle, auf daß ihre Sünden weggewaschen werden, denn +um der Erlösung aller willen ward dieses Opfer von Christus dargebracht, +sowohl für die, die vor Seinem Kommen gelebt haben, als auch für die, +die nach seinem Erscheinen leben. Und so sündhaft sein Gebet auch sein +mag, der Priester richtet es für alle zu Gott empor, selbst für die +heiligsten unter den Menschen, denn Johannes Chrysostomus hat gesagt: +»Die ganze Welt muß gereiniget werden.« + +Die Kirche ordnet ein allgemeines Gebet für alle an, und die hohe +Bedeutung eines solchen Gebets und seine strenge Notwendigkeit sind +nicht von den Philosophen und nicht von Gelehrten und Weltweisen des +Zeitalters, sondern von den erhabensten Menschen erkannt worden, die +durch ihre hohe geistige Vollkommenheit und durch ihr himmlisches +engelhaftes Leben bis zur Erkenntnis der tiefsten geistigen Geheimnisse +durchdrangen und klar einsahen, daß es keine Trennung unter denen, so in +Gott leben, gibt, daß ihr Verkehr infolge der momentanen Verweslichkeit +unseres Leibes nicht aufhört, daß die Liebe, die hier erblühte und uns +verband auf der Erde, im Himmel als in ihrer Heimat noch viel mächtiger +wird, und daß ein Bruder, der uns verlassen hat, uns durch die Macht der +Liebe noch weit näher gerückt wird. Und alles, was aus Christus +hervorgeht, ist ewig, wie die Quelle selbst ewig ist, aus der es +entspringt. Sie haben ja auch durch ihre höheren Sinnesorgane erfahren, +daß sogar die triumphierende Kirche im Himmel beten muß, und daß sie in +der Tat für ihre auf Erden herumirrenden Brüder betet; sie haben auch +erkannt, daß Gott uns im Gebet die höchste Seligkeit beschieden hat, +denn Gott tut nichts und erweist niemand eine Wohltat, ohne Sein +Geschöpf an Seinem Werke mitwirken zu lassen, auf daß es die hohe Wonne +des Wohltuns mitgenieße; der Engel, der der Überbringer Seines Befehls +ist, versinkt förmlich in Seligkeit, bloß weil er Seine Befehle +überbringen darf. Der Heilige betet im Himmel für seine Mitbrüder, die +hier auf Erden weilen, und versinkt in lauter Seligkeit, weil er beten +darf. Und alles nimmt mit Gott an allen Seinen höchsten Wonnen und an +Seiner Seligkeit teil: Millionen der vollkommensten Geschöpfe gehen aus +Gottes Hand hervor, um an der höchsten und erhabensten Seligkeit +teilzunehmen, und dies nimmt kein Ende, wie Gottes Seligkeit kein Ende +nimmt. + +Nachdem der Priester die Kommunion aller mit Gott aus dem Kelche +getrunken hat, verteilt er die Weihbrote, denen die Stücke entnommen und +aus denen sie herausgeschnitten wurden, an das Volk und übt damit den +alten hohen Brauch des Liebesmahls aus, der bei den ersten Christen +herrschte. Obwohl heute zu diesem Zweck kein Tisch mehr gedeckt wird, +weil die ungebildeten und noch rohen Christen durch törichte +Kundgebungen einer ungestümen Freude und durch Worte des Streits statt +durch Worte der Liebe die Heiligkeit dieses rührenden himmlischen Mahles +im Hause Gottes entweiht hatten, eines Mahles, bei dem alle Teilnehmer +Heilige waren, bei dem alle Teile in eins zusammenflossen und +währenddessen sie miteinander sprachen und sich unterhielten wie reine, +unschuldige Kindlein, als wenn sie bei Gott im Himmel weilten; obwohl +die Kirchen selbst einsahen, daß es unbedingt notwendig sei, diesen +Brauch aufzuheben und selbst die Erinnerung an dieses Festmahl in vielen +Kirchen zu tilgen, konnte die morgenländische Kirche sich +nichtsdestoweniger nicht entschließen, diese Sitte gänzlich +abzuschaffen, und so feiert sie auch heute noch in der Verteilung des +heiligen Brotes an das gesamte in der Kirche versammelte Volk das alte +Liebesmahl. Daher nimmt ein jeder, der das Weihbrot empfängt, dieses +statt des Brotes entgegen, das von jenem Mahle herstammt, bei dem der +Herr der Welt selbst Sich mit Seinen Jüngern unterredet hat, daher muß +er es voller Ehrfurcht genießen und sich vorstellen, er sei von allen +Menschen wie von lieben Brüdern umgeben, daher genießt er es denn auch, +wie das in der Urkirche Sitte war, vor jeder anderen Speise, nimmt es +mit sich nach Hause, oder er bringt es den Kranken, den Armen und +solchen, die an jenem Tage aus irgendeinem Grunde nicht in der Kirche +sein konnten. + +Nachdem der Priester die heiligen Brote verteilt hat, schließt er die +Liturgie mit einem Gebet und segnet sodann das ganze Volk mit den +Worten: »Christus, unser wahrhaftiger Gott, erbarme Sich unser auf die +Fürbitte Seiner reinen Mutter, auf Fürbitte unseres Erzbischofs Johannes +Chrysostomus (wenn an diesem ebenso wie am vergangenen Tage die Liturgie +des Chrysostomus stattfindet), auf Fürbitte des Heiligen (hier nennt er +den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist) sowie aller Heiligen; und +errette uns, denn Er ist gütig und menschenfreundlich.« Die Gemeinde +bekreuzigt sich, fällt auf die Knie und geht auseinander, während der +Chor einen lauten Gesang anstimmt und Gebete für das Leben des Kaisers +emporrichtet. + +Nunmehr legt der Priester im Inneren des Altarraumes seine Gewänder ab, +indem er spricht: »Nun entläßt Du Deinen Knecht!« und er begleitet diese +Handlung mit Lobgesängen und Hymnen zu Ehren des Vaters und Bischofs der +Kirche, dem zu Ehren die Liturgie zelebriert wurde, sowie zu Ehren der +heiligen reinen Jungfrau, in der sich die Menschenwerdung Dessen +vollzog, Dem die ganze Liturgie geweiht ist. Der Diakon verzehrt +unterdessen alles, was noch im Kelche enthalten ist, gießt noch etwas +Wein und Wasser hinein, spült die inneren Wände des Kelches ab, trinkt +sodann den Inhalt des Kelches aus und trocknet ihn sorgfältig mit dem +Schwamm ab, damit nichts mehr darin bleibe, dann räumt er die heiligen +Gefäße zusammen, bedeckt sie mit Decken, bindet sie zusammen und spricht +ebenso wie der Priester: »Nun entläßt Du Deinen Knecht!« worauf er +dieselben Gesänge und Gebete wiederholt. Und beide verlassen die Kirche +mit frischen, strahlenden Gesichtern, mit einem von jauchzender +Freudigkeit erfüllten Geist und Worten des Dankes für den Herrn auf den +Lippen. + + + Schluß + +Die Wirkung, die die heilige Liturgie auf den Geist ausübt, ist +gewaltig: sie vollzieht sich sichtbar und vor den Augen der ganzen Welt +und bleibt doch verborgen. Und wenn der Kirchenbesucher nur jeder +Handlung andächtig und aufmerksam und den Ermahnungen des Diakons +gehorsam gefolgt ist, -- so wird seine Seele von einer gehobenen +Stimmung ergriffen, Christi Gebote werden für ihn erfüllbar, das Joch +Christi wird sanft, und Seine Last wird leicht. Wenn er dann den Tempel +verlassen hat, woselbst er an dem göttlichen Liebesmahl teilgenommen +hat, sieht er alle Menschen als seine Brüder an. Was er auch tut, ob er +wieder an seine gewohnten Geschäfte geht, sich seinem Dienst oder seiner +Familie widmet, wo und in welchem -- -- -- es auch sei, stets schwebt +ihm ganz unwillkürlich das hohe Ziel eines liebevollen Verhaltens gegen +seine Mitmenschen vor der Seele, wie es uns der Gottmensch vom Himmel +mitgebracht hat; ohne daß er es selbst merkt, wird er freundlicher und +gütiger gegen seine Untergebenen. Wenn er selbst einen Vorgesetzten über +sich hat, so ordnet er sich ihm liebevoller unter, als wäre es der +Heiland selbst, dem er gehorcht. Wenn er einen Menschen sieht, der um +Hilfe bittet, ist sein Herz mehr denn sonst zur Hilfe geneigt, er findet +mehr [Freude] daran und schenkt dem Armen aus liebendem Herzen ein +Almosen. Ist er dagegen selbst arm, so nimmt er jede kleine Gabe voller +Dankbarkeit entgegen; sein Herz ist von Rührung ergriffen und will vor +Dank vergehen, und niemals betet er so dankerfüllt für seinen Wohltäter. +Und alle, die der göttlichen Liturgie aufmerksam gefolgt sind, verlassen +die Kirche sanftmütiger, sind gütiger im Umgang mit dem Menschen und +freundlicher und milder in allem, was sie tun. + +Daher muß ein jeder, der innerlich fortschreiten und besser werden will, +die göttliche Liturgie, so oft als nur möglich, besuchen und ihr +aufmerksam folgen: sie stimmt den Menschen ganz unmerklich und richtet +seine Seele empor. Und wenn sich unsere Gesellschaft noch nicht +vollständig aufgelöst hat, wenn die Menschen noch nicht von einem tiefen +unversöhnlichen Haß widereinander erfüllt sind, so liegt der letzte +tiefste Grund in der göttlichen Liturgie, die den Menschen an das +heilige himmlische Gebot der Liebe zu seinen Brüdern mahnt. Wer sich +daher in der Liebe stärken will, der sollte dem heiligen Liebesmahl so +oft als möglich, voller Furcht, voller Glauben und Liebe beiwohnen. Und +wenn er das Gefühl hat, daß er dessen noch nicht würdig ist, mit seinem +Munde den Gott in sich aufzunehmen, Der selbst ganz Liebe ist, so soll +er wenigstens der Liturgie als Zuschauer beiwohnen, er mag zusehen, wie +die anderen das heilige Abendmahl nehmen, um unmerklich und +unwillkürlich mit jeder Woche besser und vollkommener zu werden. + +Gewaltig und unermeßlich könnte die Wirkung der heiligen Liturgie sein, +wenn der Mensch ihr beiwohnte, um das, was er gehört hat, in sein Leben +aufzunehmen. + +Indem alle in gleicher Weise aus der Liturgie Belehrung schöpfen und +indem sie auf alle Glieder der Gesellschaft vom Zaren herab bis zum +letzten Bettler gleichermaßen wirkt, spricht sie zu allen in gleicher +Weise, wenngleich nicht in derselben Sprache, und unterweist alle in der +Liebe, die da ist das Band der Gesellschaft, die innerste Triebfeder +alles dessen, das sich harmonisch bewegt, und die Nahrung und das Leben +von allem. + +Wenn aber die heilige Liturgie schon, während sie zelebriert wird, so +stark auf die Anwesenden wirkt, so ist ihre Wirkung auf den Zelebranten +oder den Priester noch weit tiefer. Wenn er sie andächtig und mit +Ehrfurcht, Glauben und Liebe zelebriert, so reinigt sich sein ganzes +Wesen, gleich einem Gefäß, das später zu nichts mehr ...; und mag er nun +den ganzen Tag erregt in der Erfüllung seiner zahlreichen +seelsorgerischen Pflichten, inmitten seiner Familie, seiner Hausgenossen +oder seiner Pfarrkinder zubringen, der Heiland selbst wird sich in ihm +verkörpern. Christus wird in allen seinen Handlungen lebendig sein, und +der Heiland wird durch seinen Mund zu uns sprechen. Ob er die +Streitenden zu versöhnen oder den Starken oder den Zornigen zu bewegen +sucht, Gnade gegenüber dem Schwachen zu üben; ob er den Trauernden +tröstet und den Bedrückten zur Geduld ermahnt oder ... seine Worte +werden von der heilenden Kraft des Balsams erfüllt sein und überall und +allerorten zu Worten des Friedens und der Liebe werden. + + + + + Jugendschriften + + + 1834 + +Großer, feierlicher Augenblick! Gott, wie rauschen, wie drängen sich in +ihm die Wogen der mannigfaltigsten Gefühle zusammen! Nein, das ist kein +Traum. Das ist die verhängnisvolle unvermeidliche Grenzscheide zwischen +Erinnerung und Hoffnung ... Es gibt schon kein Erinnern mehr, schon +schwindet es dahin, schon wird es von der Hoffnung zurückgedrängt. Zu +meinen Füßen braust meine Vergangenheit; über mir, durch Nebelschleier +hindurch, schimmert geheimnisvoll die Zukunft. Ich flehe dich an, Leben +meiner Seele (mein Schutzgeist, mein Engel), mein Genius! Verbirg dich +nicht vor mir! Wache in diesem Augenblick über mir und weiche dieses +ganze Jahr, das für mich so vielversprechend beginnt, nicht von meiner +Seite. Wie wirst du aussehen, du, meine Zukunft? Liegst du glanzvoll, +groß vor mir, gärt es in dir von gewaltigen Taten, oder ... O mögest du +ruhmvoll, tatenreich und ganz der Arbeit und der Ruhe gewidmet sein! +Warum stehst du so geheimnisvoll vor mir, du [Jahr] 1834? Sei auch du +mein Schutzengel. Sollten sich Trägheit und Gefühllosigkeit auch nur +einen Augenblick erdreisten, sich mir zu nahen, -- oh, dann wecke mich +aus dem Schlummer, gib es nicht zu, daß sie Macht über mich gewinnen! +Laß deine so vielsagenden Zahlen wie eine nimmer ruhende Uhr, wie mein +Gewissen vor mir stehen: laß jede deiner Ziffern lauter denn eine +Sturmglocke an mein Ohr tönen, laß sie gleich einem galvanischen Stab +meinen ganzen Körper in Zuckungen versetzen und erschüttern. + +Geheimnisvolles, unbegreifliches Jahr 1834! Wo werde ich dich durch +große Werke kennzeichnen? Inmitten dieses Haufens aufeinandergetürmter +Häuser, dieser lärmenden Straßen, dieser siedenden Geschäftigkeit -- +dieser Menge, dieses Durcheinanders aller möglichen Moden, Paraden, +Beamten, dieser seltsamen nordischen Nächte, dieses Glanzes und dieser +gemeinen Farblosigkeit? In meinem herrlichen, alten, gelobten, mit +fruchtreichen Gärten geschmückten Kiew, das mein prachtvoller, +wundersamer, südlicher Himmel überwölbt und das wonneatmende Nächte +einhüllen, wo die Berge mit ihren schönen -- man möchte sagen +harmonischen -- Hängen, und wo mein klarer, wild dahinstürmender Dnjepr, +der es umspült, im Schmuck grünen Buschwerks prangt? -- Wird es dort +sein? ... Oh! Ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll, mein Genius! Du, +der du schon seit meiner Wiege im Vorüberfliegen mein Ohr mit deinen +harmonischen Liedern trafst, der du solch herrliche, mir bis heute noch +unbegreifliche Gedanken in mir erwecktest und solch unendliche +wonnevolle Träume in mir nährtest! Oh, blicke mich an! Herrlicher, +blicke herab auf mich mit deinen himmlischen Augen! Ich knie vor dir. +Ich liege zu deinen Füßen! Oh, verlasse mich nicht! Verweile bei mir auf +der Erde, wenn auch nur zwei Stunden an jedem Tage, als mein herrlicher +Bruder! Ich will es vollbringen. Ja, ich werde es vollbringen. In mir +kocht es und siedet's vor Lebenskraft. Meine Werke werden von +Begeisterung erfüllt sein. Die erhabene Gottheit, die über dieser Erde +thront, wird über ihnen schweben. Ich werde es vollbringen ... Oh, küsse +und segne mich! + + + Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken + +Es gibt bisher noch keine vollständige und befriedigende Darstellung der +Geschichte Kleinrußlands und des kleinrussischen Volkes. Die zahlreichen +kompilatorischen Darstellungen, die meist ohne strenge kritische +Gesichtspunkte plan- und ziellos aus verschiedenen Chroniken +zusammengetragen, dazu noch meist ganz unvollständig sind und durch die +bisher diesem Volke sein Platz in der Weltgeschichte noch nicht +angewiesen ward, diese Darstellungen nenne ich (trotzdem sie als +Material ganz wertvoll sein können) noch keine Geschichte. Ich habe mich +entschlossen, diese Arbeit auf mich zu nehmen und möglichst ausführlich +darzustellen, wie dieser Teil Rußlands sich loslöste (und selbständig +wurde), was für eine politische Verfassung er unter der fremden +Herrschaft erhielt, wie sich hier eine kriegerische Bevölkerung +heranbildete, die sich durch eine große Originalität des Charakters und +durch ihre Taten auszeichnete; wie sich dieses Volk drei Jahrhunderte +lang mit der Waffe in der Hand seine Rechte erobern mußte und hartnäckig +seine Religion verteidigte, und wie es sich schließlich für immer an +Rußland anschloß; wie es seinen kriegerischen Charakter verlor und sich +in ein Volk von Ackerbauern verwandelte; wie sich das ganze Land +allmählich statt der alten neue Rechte eroberte und endlich mit Rußland +völlig zu einem Ganzen verschmolz. Ungefähr fünf Jahre lang habe ich mit +großem Eifer Materialien gesammelt, die sich auf die Geschichte dieses +Landes beziehen. Die Hälfte meiner Geschichte ist bereits so gut wie +fertig, aber ich zögere noch, die ersten Bände herauszugeben, da ich +vermute, daß es noch viele Quellen gibt, die mir vielleicht noch nicht +bekannt sind, und die sich ohne Zweifel in den Händen von Privatpersonen +befinden. Daher wende ich mich an alle die, die irgendwelche +Materialien: Chroniken, Memoiren, Lieder, Erzählungen von +Bandurenspielern, Aktenstücke (besonders auch solche, die sich auf die +ersten Epochen der kleinrussischen Geschichte beziehen), besitzen (es +ist unmöglich, daß meine gebildeten und aufgeklärten Landsleute mir +diese Bitte abschlagen könnten). Ich bitte sie inniglich, mir diese +Materialien zuzuschicken: wenn nicht die Originale, so doch wenigstens +Kopien. + + + + + Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung + Der schreckliche Eber + + + I. + Der Lehrer + +Die Ankunft einer neuen Person in dem gesegneten Lande Goltwjan machte +mehr Aufsehen als das Gerücht, das vor zwei Jahren durch das Land ging, +die Zahl der Rekruten solle vermehrt werden, oder als die plötzliche +Erhöhung der Preise auf das Salz, das von den Steppenbewohnern der +Ukraine aus der Krim eingeführt wurde. In den Schenken, auf den Straßen, +in der Mühle, in der Branntweinbrennerei sprach man von nichts anderem +als von dem neu hierher versetzten Lehrer. Die schlauen Politiker in +ihren großen Kitteln und Kapuzen suchten, während sie mit höchst +phlegmatischen Mienen dichte Rauchwolken unter ihrer Nase emporsteigen +ließen, den Einfluß der Persönlichkeit festzustellen, der das Schicksal +scheinbar schon bei der Geburt einen so hohen Platz über den Köpfen +aller Bewohner der Welt angewiesen hatte, einer Person, die in den +herrschaftlichen Gemächern wohnte und an einem Tisch mit der Besitzerin +eines Gutes von fünfzig Seelen speiste. Man sprach davon, daß das +Lehramt nicht seine ganze Befugnis ausmache, und daß sich sein Einfluß +ohne allen Zweifel auch auf die wirtschaftliche Ordnung erstrecken +werde; jedenfalls werde die Bemessung der Vorspanndienste, die +Verteilung von Mehl, Speck usw. von keinem anderen abhängen als von ihm. +Einzelne ließen mit bedeutsamer Miene durchblicken, daß nunmehr +womöglich selbst der Verwalter zu einer bloßen Null herabsinken werde. +Nur der _Miroschnik_, d. h. der Müller Ssolopi Tschubko, wagte die +Behauptung aufzustellen, daß die Dorfältesten nichts von ihm zu +befürchten hätten, er sei bereit, eine Wette einzugehen, und setze eine +neue Mütze aus grauem reschetilowschem Lammfell zum Pfande --, daß der +Lehrer keine Ahnung davon habe, wie man ein Fünfgespann zum Stehen und +das stockende Mühlrad wieder in Schwung bringen müsse. Aber seine +wichtige Haltung, sein glänzender Triumph über den Kirchensänger und die +donnerähnliche Baßstimme, die alle Pfarrkinder in Rührung versetzt +hatte, waren noch im Gedächtnis aller lebendig, und so blieb denn die +vorteilhafte Meinung, die man von dem neuen Lehrer hatte, bestehen. Und +wenn auch zu Ehren des Gastes kein einziges Turnier zwischen den +angesehensten Bewohnern des Dorfes stattfand, so ließen sich dafür ihre +liebenswürdigen Gattinnen nicht lumpen: begabt mit jener kräftigen +Zunge, die so laute und durchdringende Töne hervorzubringen vermag und +die sich bei den Weibern nach dem unerforschlichen Ratschluß der +Vorsehung beinahe viermal so schnell bewegt wie bei den Männern, ließen +sie ihr bei der Widerlegung der Angriffe und bei der Verteidigung der +Vorzüge des Lehrers gewandt und behende freien Lauf. + +Lautes Geschrei und Geplapper, unterbrochen von plötzlichen Aufschreien +und Gezänk, erfüllte die friedlichen Winkelgassen des Dorfes Mandrykow. +Und da seine ehrenhaften Bewohnerinnen die löbliche Gewohnheit hatten, +ihrer Zunge auch noch mit den Händen nachzuhelfen, konnte man in den +Straßen fortwährend ein Paar kräftig ineinander verkrallter +Gevatterinnen antreffen, die so eng aneinanderhingen, wie ein +Schmeichler an einem Günstling des Glücks hängt oder wie ein Geizhals +seine Tasche festhält, wenn die Straßen öde werden und eine einsame +Laterne ihr erlöschendes Licht auf die gelben Mauern der schlafenden +Stadt wirft. Am meisten hatten jedoch die Männer zu leiden, die es +versuchten, sie zu trennen: Schnitzel und Scherben hagelten ihnen auf +den Kopf herab, und häufig verprügelte eine erregte Gevatterin in der +Hitze ihres Zornes statt eines fremden ihren eigenen Gatten. + +Inzwischen hatte sich unser Pädagoge völlig im Hause Anna Iwanownas +eingelebt. Er gehörte zu der Zahl jener Seminaristen, die einen _Schreck +vor der abgründigen Weisheit_ bekommen hatten, mit der das ***sche +Seminar die nicht allzu wohlhabenden Herren von Kleinrußland gegen etwa +hundert Rubel jährlich für ihren Beruf als Hauslehrer ausstattet. -- +Übrigens war Iwan Ossipowitsch sogar bis zur Theologie vorgedrungen, und +er wäre wohl gar weiß Gott wie weit, ja wahrscheinlich sogar noch weiter +gekommen, wenn seine lockeren Kameraden nicht gewesen wären, die sich +beständig über seinen Schnurrbart und seinen stacheligen Backenbart +lustig machten. Als von Jahr zu Jahr ein Teil die Schule verließ und +immer jüngere und jüngere an ihre Stelle traten, ließen sie ihm +überhaupt keine Ruhe mehr: bald warfen sie ihm klebrige Disteln in +seinen Bart und Schnurrbart, bald hängten sie ihm hinten am Rock +Schellen an, bald puderten sie ihm das Haar mit Sand oder schütteten ihm +Nieswurz in die Tabaksdose, bis Iwan Ossipowitsch es überdrüssig wurde, +der stumme Zeuge dieses ewigen Wechsels leichtsinniger Generationen und +ihr Kinderspielzeug zu sein, bis er sich genötigt sah, dem Seminar +Lebewohl zu sagen und sich in die »_Vakanz_« schicken zu lassen, d. h. +nach dem Sprachgebrauch der kleinrussischen Seminare: Hauslehrer zu +werden. + +Diese Veränderung bildete eine wichtige Epoche und einen Wendepunkt in +seinem Leben. An die Stelle der ewigen Spöttereien und Streiche seiner +mutwilligen Kameraden trat nun endlich etwas wie Achtung, Anhänglichkeit +und Sympathie. Mußte man denn auch nicht unwillkürlich Achtung vor ihm +empfinden, wenn er an Festtagen in seinem hellblauen Rock +dahergeschritten kam -- wohlgemerkt im hellblauen Rock -- denn das ist +von nicht geringer Bedeutung. Ich sehe es als meine Pflicht an, den +Leser darüber aufzuklären, daß ein Rock im allgemeinen (gar nicht erst +zu reden von einem blauen), wenn er bloß nicht aus grauem Stoff +gefertigt ist, in den Dörfern an den gesegneten Ufern der Goltwa einen +ganz wundersamen Eindruck macht: wo er sich auch zeigt, da fliegen +selbst von den trägsten und unbeweglichsten Köpfen die Mützen herab und +begeben sich in die Hände ihrer Besitzer; selbst die würdigen mit +schwarzen und grauen Schnurrbärten gezierten, sonnengebräunten Häupter +beugen sich tief bis zum Gürtel. Die Zahl aller Röcke im Dorfe betrug -- +wenn man auch den Mantel des Kirchensängers mitrechnet -- drei; aber so +wie ein majestätischer Kürbis sich stolz aufbläht und alle übrigen +Bewohner eines reichbepflanzten Melonenfeldes in den Schatten stellt, +also verdunkelte der Rock unseres Freundes seine sämtlichen Mitbrüder. +Was ihm den größten Reiz verlieh, das waren die Knochenknöpfe, die von +den in Haufen auf der Straße stehenden Straßenjungen mächtig angestaunt +wurden. Nicht ohne Vergnügen hörte unser stutzerhafter Erzieher der +Jugend, wie die Mütter ihre Säuglinge auf die Knöpfe aufmerksam machten, +und wie die Kleinen ihre Händchen ausstreckten und _Zga zga Zga zga_ (d. +h. gut, gut) lallten. Beim Mittagessen war es ein Genuß, zuzusehen, wie +würdig und mit welcher Rührung unser ehrenwerter Lehrer mit +vorgebundener Serviette die allgemeine Verrichtung irdischer Sättigung +besorgte. Da gab es kein überflüssiges Wort, keine unnötige Bewegung; er +schien sich völlig in seinen Teller zu verfügen und ganz in ihm +aufzugehen. Wenn er ihn so gründlich geleert hatte, daß kein +gastronomisches Gerät, als da sind Gabel und Messer, noch etwas vorfand, +dessen es sich bemächtigen konnte, schnitt er sich ein Stück Brot ab, +spießte es auf die Gabel auf und fuhr mit diesem Gerät noch einmal über +den Teller, wonach dieser so blank und rein war, als käme er eben aus +der Fabrik. Aber dies alles, kann man wohl sagen, waren nur äußere +Vorzüge, die seine Kenntnis der Sitten und Formen der feinen Welt +bezeugten, und der Leser würde sehr fehlgehen, wenn er hieraus schließen +wollte, daß damit alle seine Gaben und Fähigkeiten erschöpft gewesen +wären. Der würdige Pädagoge besaß für einen einfachen Mann geradezu +unermeßliche Kenntnisse, von denen er einige für sich behielt, wie z. B. +die Zubereitung einer Arznei gegen den Biß von tollen Hunden und die +Kunst, bloß aus Eichenrinde und Salpetersäure die schönste rote Farbe +herzustellen. Außerdem konnte er eigenhändig die herrlichste +Stiefelwichse und Tinte herstellen und für den kleinen Enkel Anna +Iwanownas Figuren aus Papier ausschneiden; und an Winterabenden wickelte +er Garn auf und spann er sogar. + +Ist es da wohl verwunderlich, wenn er sich bei solchen Gaben im Hause +bald unentbehrlich machte, und wenn alle Knechte und Mägde völlig in ihn +vernarrt waren, trotzdem sein Gesicht sowohl nach seiner Form wie nach +seiner Farbe völlig einer Flasche glich, obwohl sein gewaltiger Mund, +dessen dreisten Ansprüchen die abstehenden Ohren nur mit Mühe eine +Schranke zu setzen vermochten, sich fortwährend verzog und verzerrte, +indem er sich zu einem Lächeln zu zwingen suchte, und obwohl seine Augen +eine hellgrüne Farbe hatten -- zwei Augen, wie sie, soviel mir bekannt +ist, in den Annalen der Romane noch nie ein Held besessen hat. Aber +vielleicht sehen die Frauen mehr als wir? Wer will sie enträtseln? Wie +dem auch sein mag, genug, auch die alte Dame, die Frau des Hauses, war +sehr befriedigt von den Kenntnissen des Lehrers in den Geheimnissen der +Haushaltung und von seiner Kunst, aus Safran und _Herba rhabarbarum_ +Schnaps herzustellen, sowie von seiner Geschicklichkeit im Entwirren von +Garn und seiner großen Lebenserfahrung. Der Haushälterin gefiel am +meisten sein stutzerhafter Rock und seine Kunst, sich zu kleiden; +übrigens hatte auch sie bemerkt, daß der Lehrer eine wundersame gerührte +Miene machte, wenn er zu schweigen oder zu essen geruhte. Dem kleinen +Enkel machten die papierenen Hähne und Männchen außerordentlich viel +Spaß. Selbst der zottige _Browko_ pflegte ihm, sobald er ihn auf die +Treppe hinaustreten sah, sofort zärtlich mit dem Schweife wedelnd, +entgegenzulaufen und ihn ohne alle Förmlichkeit auf die Lippen zu +küssen, wenn der Lehrer, die Würde, die seinem Amte gebührte, +vergessend, sich unter dem majestätischen Giebel niederzusetzen +beliebte. Nur die beiden älteren Enkelkinder und die Jungen, die zum +Hause gehörten, mit denen er das A -- _Affe_, _Apfel_, _Be_ -- _Besen_, +_Bild_, _Bär_ durchnahm, fürchteten sich vor der beredten, höchst +ausdrucksvollen Rute des strengen Pädagogen. + +Während seines kurzen Aufenthaltes am neuen Orte hatte Iwan Ossipowitsch +schon selbst Zeit gefunden, seine Beobachtungen zu machen und sich in +seinem Kopfe wie in einem Hohlspiegel ein kleines Abbild der ihn +umgebenden Welt zu formen. Die erste Person, an der seine +Beobachtungsgabe mit dem gebührenden Respekt haften blieb, war, wie der +Leser sich wohl selbst denken wird, die Gutsherrin. In ihrem Gesicht, +das der scharfe Pinsel, der das menschliche Geschlecht seit undenklichen +Zeiten koloriert und den man, seit Gott weiß wie langer Zeit, mit dem +Namen »Falte« zu bezeichnen pflegt, nicht verschont hatte, in ihrer +dunkelkaffeefarbenen Kapotte, in der Haube (deren Form in dem Gewirr der +Ereignisse, die das achtzehnte Jahrhundert charakterisieren, verloren +gegangen ist), in ihrem braunen Wams und den Schuhen ohne Hackenleder, +erkannten seine Augen jene Lebensperiode wieder, die eine matte +schwächliche Wiederholung der vergangenen, eine kalte farblose +Übersetzung der Werke eines feurigen, von ewigen Leidenschaften +glühenden Poeten ist, -- jener Periode, wenn den Menschen nichts als die +Erinnerung, diese Repräsentantin der Gegenwart, Vergangenheit und +Zukunft übrigbleibt, wenn das verhängnisvolle siebente Jahrzehnt einem +Kälte durch die einstmals von Feuer durchströmten Adern treibt und das +Lebensthermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. Übrigens belebten die +ewigen Sorgen und die Passion, sich zu beschäftigen und sich zu schaffen +zu machen, einigermaßen das schon erloschene Leben in ihren Zügen, und +ihre Frische und Gesundheit waren ein sicheres Unterpfand, daß ihr noch +weitere dreißig Jahre des Lebens bevorstanden. Die ganze Zeit von fünf +Uhr morgens bis sechs Uhr abends, das heißt bis zur Stunde, wo man sich +Ruhe zu gönnen pflegt, bildete eine ununterbrochene Kette der Tätigkeit. +Bis sieben Uhr morgens hatte sie bereits alle Räume besucht und den +ganzen Haushalt durchmustert: Küche, Keller und Vorratskammern; sie +hatte Zeit gefunden, sich mit dem Verwalter zu zanken und die Hühner und +Gänse eigener Zucht, für die sie eine große Vorliebe hatte, zu füttern. +Vor dem Mittagessen, das nie später als um zwölf Uhr stattfand, blickte +sie in die Backstube hinein und half selbst beim Backen von Brot und +einer besonderen Art von Brezeln aus Honig und Eierteig, deren bloßer +Geruch den Pädagogen in eine unerklärliche Aufregung versetzte; besaß er +doch eine leidenschaftliche Sympathie für alles, was der geistigen und +physischen Natur der Menschen zur Nahrung dient. In der Zeit zwischen +Mittagessen und Abend gibt's für eine Hausfrau genug zu tun. -- Da +gibt's Wolle zu färben, Leinwand abzumessen, Gurken einzusalzen, Früchte +einzumachen, Liköre zu süßen. Wieviel Methoden, Geheimnisse und +Hausrezepte kommen während dieser Zeit zur Anwendung! Dem aufmerksamen +Auge unseres Pädagogen konnte es nicht entgehen, daß auch Anna Iwanowna +die Eitelkeit nicht ganz fremd war, und daher machte er es sich zur +Regel, sich, freilich nur soweit ihm dies seine angeborene +Schüchternheit erlaubte, in Lobeserhebungen über ihre außergewöhnlichen +wirtschaftlichen Künste und Fähigkeiten zu ergehen, und dies wurde ihm, +wie er später erfuhr, von großem Nutzen. Die würdige alte Dame verschloß +die süßen Liköre und die Gläser mit Eingemachtem nicht eher, als bis +Iwan Ossipowitsch davon gekostet und die außerordentliche Güte des einen +wie des anderen gerühmt hatte. Alle übrigen Personen standen im +Schatten, verglichen mit diesem leuchtenden Gestirn, so wie alle Gebäude +im Hofe vor dem herrlichen Bau mit dem prachtvollen Portal in den Staub +zu sinken schienen. Nur dem Auge eines scharfsinnigen Beobachters +enthüllten sich ihre gegenseitigen Beziehungen und das besondere +Kolorit, das jedem eigentümlich war, und dann erblickte er, fast wie in +einem Ameisenhaufen, eine ewige Unruhe und Bewegung und er vernahm ein +fortwährendes Geräusch, das keinen Augenblick verstummte. Unser Pädagoge +verstand es, wie wir bereits gesehen haben, es jedem recht zu machen und +sich gleich einem mächtigen Zauberer dauernd die allgemeine Achtung zu +erwerben. + +Gänzlich unbegreiflich waren allein die Gründe, die ihn veranlaßt +hatten, sich dem Küchenmeister anzuschließen. War es die hohe Achtung, +die Iwan Ossipowitsch unwillkürlich vor seiner Kunst empfand, oder war +es irgendein anderer Umstand -- das wagen wir nicht zu entscheiden. +Genug, es vergingen keine zwei Tage, da erstanden Mandrykow zwei +Dioskuren, der Orest und Pylades der neuen Welt. Aber noch +unbegreiflicher war die Macht, die der Küchenmeister über unseren +Pädagogen besaß, so daß der von Natur so bescheidene und schüchterne +Lehrer, der nichts in den Mund nahm außer einem medizinischen Dekokt von +_Betonica_ und _Herba rhabarbarum_, ihm unwillkürlich in die Schenken +und überallhin zu folgen begann, wo der verbummelte Küchenmeister seine +Nase hineinsteckte. Iwan Ossipowitsch gefiel die romantische Lage der +Gegend, in der er sich aufhielt. Bald hatte er die Küche, die Speicher, +die Scheunen, die Ställe und Vorratskammern, die einen unregelmäßigen +Kreis um den geräumigen Herrenhof bildeten, besichtigt; mit besonderem +Vergnügen verweilte er bei dem Garten, der üppig in die Breite +geschossen war und dessen gigantische Bewohner, in ihre dunkelgrünen +Mäntel gehüllt und von wundersamen Traumgestalten umschwebt, dastanden +und schlummerten oder, sich plötzlich ihren Träumen entreißend, die +unbotmäßige Luft wie Windmühlenflügel durchschnitten, und dann ging es +wie ein unverständliches Geflüster durch das Blattwerk, und die +gemessene majestätische Bewegung ihres ganzen Körpers gemahnte an die +alten Mimen, die die großen Schatten der Verstorbenen auf den Gerüsten +Melpomenes heraufbeschworen. Aber die Augen unseres Lehrers suchten ihr +Objekt und hafteten mehr an den weniger majestätischen Gartenbewohnern, +die dafür von unten bis oben mit Birnen und Äpfeln behangen waren, von +denen die üppige Ukraine förmlich strotzt. Von hier aus kämpften sie +sich bis zur Küche durch, hinter der zogen sich Plantagen von Erbsen, +Kohl, Kartoffeln, sowie aller Kräuter hin, die in die Apotheke der +Dorfküche gehören. Nicht ohne besonderes Vergnügen betrat er das reine, +sauber geweißte und aufgeräumte Zimmer, in dem er nun wohnen sollte, mit +dem Fenster, durch das man auf den Teich und die in violette Nebel +gehüllte Landschaft hinaussah. + +Wir hatten bereits Gelegenheit, etwas über den Eindruck, den unser +Lehrer auf die Schönen von Mandrykow gemacht hatte, zu bemerken: die +gesenkten Augen, das Geflüster und die tiefen Verbeugungen ließen +erkennen, daß seine Eroberung einer jeden von ihnen als keine geringe +Angelegenheit erschien. Übrigens ist es hier wohl am Platze, den +freundlichen Leser daran zu erinnern, daß Iwan Ossipowitsch einen Rock +aus blauem Fabrikstoff mit schwarzen Knochenknöpfen von der Größe eines +mächtigen Groschens anhatte; und so war es sehr verzeihlich, wenn er +sich das Augenblinzeln der schwarzbrauigen Schelminnen zu seinen Gunsten +auslegte. Zum Glück oder Unglück jedoch suchte das Gefühl, das der armen +Menschheit so gut bekannt ist und ihr seit undenklichen Zeiten ein +wahres Meer von unerträglichen Qualen beschert hat, unseren Pädagogen +nicht heim. In diesem Punkte war Iwan Ossipowitsch ein echter Stoiker, +und obwohl er noch nicht bis zur Philosophie vorgedrungen war, wußte er +doch genau, daß keiner der Philosophen von Seneca und Sokrates bis herab +zum Lektor des ***er Gymnasiums die wunderliche Hälfte des +Menschengeschlechts für nichts achtete: ergo gab es keine Liebe. An +solchen Prinzipien, die bei ihm schließlich die Festigkeit von +Grundsätzen angenommen hatten, hielt er sehr fest, ja allzu fest ... +_Homo proponit, Deus disponit_ pflegte der Lektor des ***er Gymnasiums +häufig zu sagen, indem er die Schläge zählte, die er seinen faulen +Schülern mit dem Lineal verabreichte; daher werden wir auch im folgenden +Kapitel einen kleinen Umstand kennen lernen, der die Philosophie unseres +Lehrers heftig erschütterte und seinen Verstand mit einer ganzen Wolke +von Mißverständnissen bestürmte, ihn, der bisher unbeugsam in den +Fußstapfen seiner großen Lehrmeister gewandelt war und sich mit +regelmäßigem Pulsschlag in seiner flaschenförmigen Sphäre bewegt hatte. + + + II. + Der Erfolg der Gesandtschaft + + (Der Küchenmeister entschließt sich trotz der eigenen Herzenswunde, + die er sich ganz plötzlich durch den Anblick der sich am Teiche + waschenden Katerina zugezogen hat, das Versprechen, das er dem + Lehrer gegeben hat, einzulösen und den Gesandten und Fürsprecher + seiner Leidenschaft zu spielen. In dieser Absicht begibt er sich in + die Hütte des Kosaken Charjka Potyliza.) + +Nachdem Onißko seine Toilette beendigt hatte, überschritt er nicht ganz +ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Böse schien ihn necken +zu wollen (er gab dies später selbst zu), indem er ihm fortwährend die +schlanken Füßchen seiner Nachbarin vorzauberte: »Ach, wenn doch der +Lehrer nicht wäre!« wiederholte er mehrmals bei sich selbst; »was hätte +es ihn gekostet, wenn er sich's hätte einfallen lassen, sich nur ein +klein wenig später zu verlieben?« Und nachdenklich durchmaß er langsamen +Schrittes die große Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchführte. +Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche +Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben +aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen +auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, daß er nicht mehr +weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch +ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken +hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band +leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hüpfte ihm in dem Busen ... die +blonde Schöne öffnete das Tor, trieb die lästigen Hunde mit einer langen +Rute auseinander und stand nun vor ihm. + +Der Hof Charjkas stellte ein großes Quadrat dar, das auf einer Böschung, +die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem +geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geöffnet war, sah man +unmittelbar vor sich eine sauber geweißte Hütte mit mächtigen Fenstern +von ungleicher Größe und eine eichene Tür, die schon ganz schwarz vor +Alter war; das Häuschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer +sogenannten Prisba), das nach der in Kleinrußland herrschenden Sitte mit +Wäsche, Suppenschüsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton, +bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied +bewilligt wird, und den man zum Dank für seine treuen Dienste mit +Spülwasser zu füllen pflegt. Zu beiden Seiten der Hütte befanden sich +Ställe und Speicher mit struppigen beschädigten Dächern. Hinter der +Hütte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag +überragt wurde, über den man nur noch die vorüberziehenden Wolken und +die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte +sich der Gemüsegarten gleich einem kostbaren türkischen Schal bis zum +Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man überall Strohhaufen, die +unordentlich herumlagen. + +Katerina schien ein wenig verwundert über Onißkos Besuch. Da sie annahm, +daß ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater geführt haben +konnte, öffnete sie das Tor nur zur Hälfte und sagte ein wenig verlegen: +»Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen.« + +»_Mag es ihm so leicht aufstoßen, wie es aus seinem Innern aufsteigt!_ +Was wär' ich für ein Tölpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei +fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen?« + +Die blonde Schöne blieb überrascht und verblüfft stehen, denn sie wußte +nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lächeln, das durch sein +seltsames Benehmen veranlaßt war, huschte über ihr Gesicht und schien +anzudeuten, daß sie auf weitere Aufklärung warte. + +Der Küchenmeister fühlte selbst, daß er sich nicht ganz deutlich +ausgedrückt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte; +er fuhr daher fort: »Da müßte mich doch schon der Böse selbst zum +_Alten_ führen, wenn dieser eine so hübsche Tochter hat.« + +»Ah, ist es das!« sagte Katerina lächelnd und leicht errötend. »Bitte, +tretet ein!« und sie schritt voraus und ging auf die Tür der Hütte zu. + +In Kleinrußland haben die Mädchen viel mehr Freiheit als irgendwo +anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, daß unsere Schöne, +ohne daß ihr Vater etwas davon wußte, einen Gast bei sich empfing. »Bist +du zu Fuß hierher gekommen, Onißko?« fragte sie ihn, indem sie sich auf +der Schwelle an der Tür der Hütte niederließ und eine würdige und +ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lächeln, bei +dem sie eine lange Reihe schöner Zähne sehen ließ, sie deutlich verriet. + +-- Wieso zu Fuß? -- Teufel auch! sollte sie über das, was gestern +vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Küchenmeister. -- »Gewiß +doch zu Fuß, meine Schöne. Wahrhaftig, der Teufel müßte mich reiten, +wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt hätte, bloß um +von einem Hof zum anderen zu gelangen!« + +»Aber von der Küche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit!« + +Hier aber konnte sie sich doch nicht mehr halten und lachte laut auf. + +-- Nein, du Schelmin! Der Böse selbst ist nicht schlauer als dieses +Mädel! wiederholte der Küchenmeister mehrmals bei sich selbst und +wünschte den Lehrer laut zum Teufel, alle Sympathie und Freundschaft +vergessend, die zwischen ihnen bestand. + +Ȇbrigens wäre ich damit einverstanden, daß mir die Karauschen samt den +frischgesalzenen Eierschwämmen auf der Pfanne anbrennen, wenn du nur +noch einmal so lachen wolltest, schönes Mädchen!« + +Bei diesen Worten konnte der Küchenmeister sich nicht mehr beherrschen +und umarmte sie. + +»Nein, das habe ich nicht gerne!« rief Katerina errötend, wobei sie eine +zornige Miene machte. »Bei Gott, Onißko, wenn du noch einmal so etwas +tust, so werfe ich dir ohne viel Umstände diesen Topf an den Kopf.« + +Bei diesen Worten hellte sich ihr zorniges Gesichtchen ein wenig auf, +und das Lächeln, das hierbei über ihr Antlitz huschte, schien deutlich +sagen zu wollen: »aber ich wäre dessen nicht fähig!« + +»Nein, nicht doch, nicht doch! _Ich habe dich doch nicht mit dem +Lastwagen gestreift._ Als ob das ein Grund ist, so böse zu werden! Als +ob das weiß Gott was für ein Verbrechen wäre, -- ein hübsches Mädchen zu +umarmen!« + +»Sieh, Onißko, ich bin ja gar nicht böse,« sagte sie, indem sie ein +wenig von ihm abrückte und wieder ein fröhliches Gesicht machte; +ȟbrigens schien es mir so, als hättest du den Lehrer erwähnt.« + +Da aber machte der Küchenmeister ein recht kümmerliches Gesicht, das +mindestens um ein paar Zoll länger wurde als gewöhnlich. »Der Lehrer ... +Iwan Ossipowitsch soll das heißen ... Pfui Teufel noch einmal! Ich +verschlucke die Worte, noch ehe sie meinem Munde entschlüpfen können, +ganz als ob ich Gewürzbranntwein getrunken hätte. Der Lehrer ... Sieh +mal, was ich dir sagen will, mein Herz! Iwan Ossipowitsch hat sich so in +dich verknallt, daß ... nun ... wie sich's halt nicht wiedergeben läßt. +Er grämt und härmt sich ab wie die selige braune Stute, die der Herr dem +Juden abgekauft hat und die einen Herzschlag bekam und krepierte. Was +soll man da machen? Der arme Mensch tat mir leid, und da bin ich halt +aufs Geratewohl hergekommen, um mich für ihn zu verwenden.« + +»Da hast du einen schönen Auftrag übernommen,« unterbrach ihn Katerina +ein wenig ärgerlich. »Bist du etwa sein Brautwerber oder sein +Verwandter? Ich würde dir doch raten, alle Landstreicher aus dem Dorfe +in die Küche zu laden und selbst betteln zu gehen und vor den Fenstern +um Almosen für sie zu bitten.« + +»Das ist schon ganz richtig; indes, ich weiß wohl, daß es dich freut, +und sogar sehr freut, daß der Lehrer auf den Einfall gekommen ist, dir +nachzulaufen.« + +»Das sollte mich freuen? Hör' mal, Onißko: wenn du das sagst, um dich +über mich lustig zu machen, so wirst du wenig Nutzen davon haben. Du +solltest dich schämen, ein armes Mädchen schlecht zu machen! Wenn du +aber _wirklich_ so denkst, so bist du wahrhaftig der dümmste Mensch im +ganzen Dorfe. Gottlob, ich bin noch nicht blind, Gott sei Dank, bin ich +noch bei Verstande ... Aber das hast du sicherlich nicht umsonst gesagt: +ich weiß wohl, etwas anderes hat dich dazu veranlaßt. Du hast wohl +geglaubt ... Nein, du bist ein schlechter Mensch.« + +Bei diesen Worten wischte sie sich mit dem gestickten Hemdärmel eine +Träne aus dem Gesicht, die plötzlich in ihrem Auge aufblitzte und ihr +über die glühende Wange rollte, wie eine Sternschnuppe den warmen +Abendhimmel hinunterschießt. + +-- Hol' der Teufel alle Lehrer der Welt! dachte Onißko bei sich, indem +er das glühende Gesicht Katerinas betrachtete, auf dem das Lächeln von +vorhin lange Zeit mit dem Ärger kämpfte, um ihn schließlich gänzlich zu +verscheuchen. + +»Der Donner treffe mich hier auf der Stelle!« rief er endlich aus, da er +seine innere Erregung nicht mehr unterdrücken konnte, und umfaßte ihre +rundliche Taille. »Der Donner treffe mich, wenn es mich nicht ebenso +freut, daß du Iwan Ossipowitsch nicht liebst, wie den alten Browko, wenn +ich ihm sein Spülwasser bringe.« + +»Wirklich, auch ein Grund, sich zu freuen! Du wirst wohl noch mehr +grinsen, wenn du erfährst, daß fast alle Mädchen im Dorf dasselbe +sagen.« + +»Nein, sag' das nicht, Katerina. Die Mädchen haben ihn lieb. Neulich +gingen wir beide zusammen durch das Dorf, da steckten sie fortwährend +ihre Köpfe über den Zaun, wie Frösche aus dem Sumpfe. Wir guckten nach +rechts -- da waren sie schon wieder verschwunden, aber zur Linken, da +streckte wieder eine andere ihr Köpfchen vor. Doch hol' sie der Teufel +alle mitsamt dem Lehrer! Ich gäbe ein Viertel vom besten Branntwein +dritter Güte dafür, wenn ich von dir erfahren könnte, Katerina, ob du +mich auch nur für einen Groschen liebhast?« + +»Ich weiß nicht, ob ich dich liebe; ich weiß nur, daß ich um alles in +der Welt keinen Trunkenbold heiraten möchte. Wer mag mit so einem +zusammenleben? Wie traurig ist das Los einer Familie, aus der solch ein +Mensch stammt; man mag gar nicht in die Hütte hineinschauen: da gibt's +nichts zu sehen als Armut und Elend, die Kinder hungern und weinen. +Nein, nein, nein! Gott behüte! Mich schaudert's schon beim bloßen +Gedanken daran! ...« + +Und Katerina warf ihm einen langen, tiefdringenden Blick zu. Gebeugten +Hauptes und wie ein Verdammter saß der Küchenmeister in seine +Vergangenheit versunken da. Schwere Gedanken, Ausgeburten geheimer +Gewissensnöte, gruben tiefe Spuren in sein Gesicht und bewiesen +deutlich, daß ihm nicht allzu heiter zumute war. Der durchbohrende Blick +Katerinas schien sein ganzes Innere zu versengen und brachte alle +ungestümen, wilden Streiche ans Licht, die in einer langen, nie endenden +Reihe an ihm vorüberzogen. + +»Wahrhaftig, was bin ich für ein Mensch? Wer mag mit mir leben? Ich +liege bloß meinem Pan auf dem Halse. Habe ich bisher etwas getan, wofür +mir ein guter Mensch gedankt hätte? Ich habe nur immer gebummelt und +gebummelt! Und habe ich auch nur einmal so gebummelt, daß Herz und Seele +sich dabei wohl fühlten? Man betrinkt sich wie ein Hund und wird wieder +nüchtern wie ein Hund, wenn andere einem nicht in noch peinlicherer +Weise den Rausch austreiben. Nein, hol's der Teufel ... es ist ein +Hundeleben, das ich führe!« + +Die schöne Katerina schien seine philosophischen Betrachtungen, die er +bei sich selbst anstellte, zu erraten; sie legte ihm ihr braunes +Händchen auf die Schulter und murmelte halblaut: »Nicht wahr, Onißko, du +wirst nie mehr trinken.« + +»Nie wieder, mein Herzchen, nie wieder! Mag kommen, was da will! Für +dich könnte ich alles tun.« + +Das Mädchen sah ihn gerührt an, und der Küchenmeister schloß sie +begeistert in seine Arme und bedachte sie mit einem wahren Hagelschauer +von Küssen, wie ihn der ruhige und gemütliche Gemüsegarten schon lange +nicht erlebt hatte. + +Kaum aber hatte der Laut der verliebten Küsse die Luft erschüttert, als +eine helle, durchdringende Stimme furchtbarer als das Grollen des +Donners das Ohr des sich zärtlich liebkosenden Paares traf. Der +Küchenmeister sah auf und erblickte zu seinem Entsetzen die auf dem +Zaune stehende Ssimonicha. + +»Herrlich, vortrefflich! Feine junge Leute das! Bei uns im Dorfe weiß +man noch nicht, wie Burschen und Mädel sich küssen, wenn der Vater nicht +zu Hause ist! Herrlich! Das ist mir ein nettes Mandrykowsches Lämmchen! +Man sage nun noch, das Sprichwort: >Stille Wasser sind tief< lüge. So +also treibt man's. Solche Streiche macht ihr! ...« + +Mit Tränen im Auge mußte sich das schöne Mädchen in die Hütte +zurückbegeben, wußte sie doch, daß sie den giftigen Reden der +Schenkenbesitzerin nicht anders entgehen konnte. + +»Wenn dir doch jemand ein Schloß vor den Mund hängte, alte Hexe!« sagte +der Küchenmeister. »Was geht denn dich das an?« + +»Was mich das angeht?« fuhr die unermüdliche Schankwirtin fort. »Das ist +noch schöner! Die Burschen machen sich einen Spaß draus, über den Zaun +und in fremde Gärten zu klettern, die Mädchen locken die Burschen zu +sich herein -- und das sollte mich nichts angehen! Sie liebäugeln und +küssen sich -- und das sollte mich nichts kümmern! Hast du's gehört, +Karno?« schrie sie plötzlich auf, indem sie sich schnell umdrehte und an +einen vorübergehenden Bauern wandte, der, ohne auf etwas zu achten, mit +einer langen Rute fuchtelnd, daherkam, gefolgt von einer ebenso langsam +einherschreitenden Kuh. »Hast du's gehört? Steh doch einen Augenblick +still. Was das für eine Geschichte ist! Charjkas Tochter ...« + +»Pfui Teufel!« schrie der Küchenmeister, indem er zur Seite spuckte und +völlig die Geduld verlor. »Der Teufel selbst hat sich vermummt und die +Gestalt dieses Weibes angenommen. Warte nur, Hexe! Ich werde schon +Gelegenheit finden, dir's heimzuzahlen!« + +Und der Küchenmeister setzte seinen Fuß auf den Zaun und war einen +Augenblick später im Garten des Herrn. + +Es war nicht mehr sehr früh, als er in die Küche zurückkehrte und sich +an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die große +Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte +Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach goß der Küchenmeister Essig in den mit +sauerem Rahm versetzten Brei oder er spießte mit wichtiger Miene die +Mütze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten. +Während des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen, +warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, daß +man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rücksicht auf +die Mühen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, ließ man den +Küchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wäre unser Held nicht so +leichten Kaufes davongekommen. + +»Nein, Herr Lehrer!« murmelte er, indem er sich auf seine hölzerne +Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, »die +Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren!« Und nachdem +er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener +Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern. + + + + + Das Weib + + +»Ausgeburt der Hölle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem +Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift, +das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt, +verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner +lichtspendenden Rechten zürnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine +wundersame Schöpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser +armseliges Glück: du wolltest nicht, daß der Mensch ewige Segenswünsche +aus den Gründen seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen ließ: +lieber mochten Flüche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du +schufst das Weib.« + +So sprach Telekles, ein junger Schüler des Platon, indem er vor seinen +Lehrer trat. Seine Augen sprühten Blitze; auf seinen Wangen wütete ein +Feuer, und die zitternden Lippen kündeten von wilden Stürmen einer +zerrissenen Seele. Seine Hand drängte zornig die purpurnen Wellen seines +weichen Gewandes zurück, und die geöffnete Schnalle fiel nachlässig auf +die jugendliche Brust des Jünglings herab. + +»Wie, mein göttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem +göttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen ließ? War es nicht +dein Wohllaut ausströmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis +ihrer milden Schönheit zu sagen wußte? Hast du uns nicht gelehrt, so +glühend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine göttliche +Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen +Abgründen des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten +einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du +kennst das Weib nicht.« + +Glühende Tränen entströmten seinen Augen; er verhüllte sein Haupt mit +dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Händen und lehnte sich an die +Marmorsäule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitäl, +das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer +entrang sich der Brust des Jünglings, wie wenn alle verborgenen Nerven +seines Wesens, alle Gefühle und alles, was das Innere des Menschen +ausfüllt, in schmerzlichen Klagelauten aufstöhnte, und diese Klagelaute +gingen wie eine Erschütterung durch seinen ganzen Körper, und seine +ganze körperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfaßbar ist, verwandelte +sich, unfähig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen, +in eine einzige schmerzliche Klage. + +Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht +spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die +ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein +herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem +Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt +der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht floß wie ein mächtiger, +wundervoller Wasserfall durch eine kühne Öffnung in der Kuppel auf den +Weisen hinab und überschüttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und +jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und +Gefühlen zu künden. + +»Kannst du denn auch lieben, Telekles?« fragte er ihn mit ruhiger +Stimme. + +»Ob ich lieben kann!« fiel der Jüngling rasch ein, »frag' doch den Zeus, +ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschüttern +vermag. Frag' Phidias, ob er Gefühle im kalten Marmor entzünden und dem +toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut +siedet, sondern eine heiße Flamme wütet, wenn alle meine Gefühle, alle +meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Töne verwandle, wenn diese +Töne in mir glühen und meine Seele nichts wie Liebe tönt, wenn meine +Rede ein Sturm und mein Atem -- Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es +nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser +wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefühl sein eigen nennt? Hat +am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt?« + +»Armer Jüngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das +Schicksal, das diesem sanften Geschöpf bereitet wird, in dem die Götter +die Schönheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum +Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen +wollten! Armer Jüngling! Du hättest dieses sanfte Wesen mit deinem +glühenden Atem versengt, du hättest dieses reine Leuchten durch einen +Sturm von Leidenschaft getrübt und in Aufruhr versetzt! Ich weiß, du +willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst +Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen, +die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich +auch im voraus geprüft? Glühte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner +Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die +Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie dürsten nach ewiger +Seligkeit, nach einem nie endenden Glück, und ein kurzer, flüchtiger +Schmerz genügt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam +errichtete Gebäude zerstören! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen +Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, daß die schöne Alkinoe +sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst +du, und was war _sie_ zu jener Zeit, als du Leben, Glück und ein Meer +von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blättere die +flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine +Seite finden, die beredter, die göttlicher ist als jene? Wolltest du +alle kostbaren Edelsteine der persischen Könige oder alles Gold Libyens +für jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die +höchsten Ehren in Athen und die höchste Gewalt im Volke im Vergleich zu +ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schöne, das es den +Göttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen +heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte -- willst du mit deinem +verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges +Gefühl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Tränen der Rührung vergießen +und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf daß er ihr +ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren +Haupte verscheuchen möge. + +»Betrachte dich mit prüfendem Auge: was warst du früher und was bist du +jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes göttlichen Zügen entdeckt hast: +wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und +enträtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel näher kamst +du dem höchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann? +Wenn wir das Weib tiefer und gründlicher verstehen lernen. Denk an die +üppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist +das Ergebnis? Sie haben kein Verständnis für das Gefühl des Schönen -- +dieses unendliche Meer geistiger Genüsse. Kein Funke schlägt aus ihrem +Herzen empor beim Anblick der Göttin des Praxiteles; ihre Seele spricht +nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und +kein verständnisvoller Laut tönt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib? +-- Die Sprache der Götter. Wir wundern uns über das milde heitere Haupt +des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Götter in ihm zu +sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst +bewundern wir die Götter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir +dagegen sind bloß seine Verkörperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck +von ihr glüht in unserer Seele, und je stärker und je umfassender und +größer die Wirkung ist, die er auf uns ausübt, um so edler und schöner +werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Künstlers weilt, sich +unkörperlich in ihm formt und gestaltet, ist es -- ein Weib; sobald es +sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum -- Manne. +Warum strebt aber dann der Künstler mit so unersättlicher Begierde +danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie +unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen +Gefühlen geleitet wird -- von dem Wunsche, die Gottheit der Materie +einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der +unendlichen Welt seines Inneren zugänglich zu machen, d. h. das Weib im +Manne zu verkörpern. Und wenn das Auge eines Jünglings, dessen Herz +glühend und verständnisvoll für die Kunst schlägt, zufällig auf das +unsterbliche Bild des Künstlers fällt, -- was sucht es, was ergreift es +in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er +erblickt die grenzenlose, unendliche, unkörperliche Idee des Künstlers +vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige +Lieder ertönen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie +auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist, +und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkörperlich umarmt seine +Seele die göttliche Seele des Künstlers! Wie verschmelzen ihre Geister +in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wären die hohen +Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmückt und nicht geformt würden +durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine +Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters würden sich in Barbarei +verwandeln. Raube der Welt das Licht -- und die bunte Vielfältigkeit der +Farben fällt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der +Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was +ist die Liebe? -- Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen +nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens +verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren +Stempel kindlicher Unschuld trägt und wo uns alles heimatlich berührt. +Und wenn die Seele versinkt im ätherischen Schoße der weiblichen Seele, +wenn sie in ihr ihren Vater -- den ewigen Gott -- und ihre Brüder, d. h. +Gefühle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fähig sind, +findet -- was geschieht dann mit ihr? Dann tönen in ihr die alten Klänge +wider, dann gedenkt sie des früheren paradiesischen Lebens am Busen +Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit.« + +Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich +hin: vor ihnen stand Alkinoe, die während ihres Gespräches unbemerkt +eingetreten war. Auf ein Götterbild gestützt, schien sie völlig in +stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte +häufig ganz plötzlich der Ausdruck einer göttlichen Seele. Die +marmorweiße Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia +durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der +schlanke, von den purpurroten Bändern des Beinharnischs umschlungene +Fuß, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hülle +abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berühren; der hohe +göttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und +das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb +verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den +Fußboden herab. Es schien, als ob der dünne lichte Äther, in dem sich +die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und bläulichen +Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen +zerstreut, für die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein +duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt -- es schien, als +ob dieser Äther sichtbare Form angenommen hätte und, indem er nun vor +ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklärte und +vergöttlichte. Die nachlässig zurückgeworfenen Locken umdrängten schwarz +wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in +dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die +ihren Augen entsprühten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein, +selbst die Königin der Liebe war nie so schön, nicht einmal in dem +Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfräulichen Wellen +entstieg. + +Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jüngling der +stolzen Schönen zu Füßen, und eine heiße Träne, die dem Auge der sich +über ihn beugenden Halbgöttin entstieg, tropfte auf seine brennenden +Wangen. + + + + + Fragmente + + + Gedichte und poetische Versuche + + + Sturm + + »Warum so trüb?« -- »Einst war ich heiter,« + Sag' ich zu meiner Lust Genossen. + »Ich hab' mein Herz dem Schmerz erschlossen; + Die Freude starb: ich lebe weiter. + Jung war ich, und mein heller Blick + hat Trauer nicht und Mißgeschick + Gekannt; jetzt welkt die Jugend hin, + Stirbt wie der Herbst, und ich verblute + Gleich ihm. Nie wird mir froh zumute. + Die Freude lockt nicht meinen Sinn.« + Die Freunde lachen: »Was du nur + Zu weinen hast! Das Wetter ist + So heiter klar, und die Natur + Nicht halb so trüb, wie du es bist.« + Und ich: »Mir gilt das alles nichts. + Ob Tag zu Tag und Jahr sich türmt, + Ob's hell, ob's dunkel ist, was ficht's + Mich an, wenn mir's im Herzen stürmt.« -- + + + Albumblatt + +Das Licht verliert im Auge des Träumers schnell seine Wärme. Er findet +die Hoffnungen, die ihn belebten, unerfüllt, seine Erwartungen +unbefriedigt, und die Glut des Genießens verraucht in seinem Herzen ... +Er befindet sich in einem Zustande der Starrheit und Leblosigkeit. Wie +glücklich ist er, wenn er den Wert der Erinnerungen vergangener Tage +erkennt: der Tage einer glücklichen Kindheit, da er die keimenden +Zukunftsträume von sich warf und seine Freunde verließ, die ihm von +ganzem Herzen ergeben waren. + + + + + Hans Küchelgarten + + + Eine Idylle + in ** Bildern + von + W. Alow + 1827 + + Deutsch von Ulrich Steindorff + +Das vorliegende Werk hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn nicht +besondere Umstände, die nur für den Verfasser von Bedeutung sind, die +Veranlassung dazu gegeben hätten. Dies Werk ist eine Frucht seiner +achtzehnjährigen Jugend. Wir haben nicht die Absicht, hier ein Urteil +über die Vorzüge oder Mängel dieser Dichtung abzugeben -- das überlassen +wir dem Publikum -- wir wollen nur bemerken, daß viele von den Bildern +dieser Idylle leider verloren gegangen sind; sie haben wahrscheinlich +das Band zwischen den nun unverbunden dastehenden Teilen gebildet und +die Zeichnung des im Mittelpunkt stehenden Charakters vollendet. Wir +rechnen es uns indessen zum Verdienst an, daß wir dem Publikum, soweit +dies möglich war, Gelegenheit gaben, das Werk eines jungen Talentes +kennen zu lernen. + + + Erstes Bild + + Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dämmerdunst + Mit seinen Häusern, seinen Gärten. Alles liegt + In hellem Licht. Der Glockenturm erglänzt + Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun + Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut + Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu + Das Konterfei von Zaun und Gärtchen gibt. + Und nichts hält Ruhe in dem Silberspiegel. + Blau wölbt der Himmel sich; die Wolken ziehn + Wie Wellen hin, und flüsternd rauscht der Wald. + Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt, + Da steht behaglich unter Lindenschatten + Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt + Von seinem greisen Herrn und arg verfallen. + Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz, + Von blüh'ndem Moos bedeckt das Mauerwerk; + Die Fenster windschief. Aber immer ist + Das Häuschen traulich nett. Um keinen Preis + Der Welt wär' es dem Alten feil. -- Dort steht + Die Linde, sein geliebter Ruheplatz. + Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht + Rings von den Rosenbäumen. Vögel nisten + In ihrem Dunkel und erfüllen Garten + Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall. + -- Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden, + Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier + Ein wenig in der Frische noch zu schlummern. + Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach + Schläft er. Der sanfte Wind kühlt sein Gesicht + Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren. + + Wer ist die Schöne, die mit Blicken + Ihm naht, in denen alle Glut, + Des Morgens ganze Frische ruht, + Und vor ihn tritt? Welch ein Entzücken, + Wie sie mit lilienweißer Hand + Ihn sanft berührt, um ihn zu wecken, + Bemüht, ihn ja nicht zu erschrecken. + Doch eh' er aus dem Schlaf sich fand + Zur Welt, sprach er, die Lider kaum + Geöffnet, leise wie im Traum: + + »Du wunder-, wunderbarer Gast, + Der du mein Heim besuchet hast, + Warum füllt Kummer mich und schwillt + Durch meine Seele. Was bewegt + Mich Greisen denn dein Engelsbild + So tief, so seltsam tief, und regt + Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt, + Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt + Und allem, was da lebt, längst kalt. + + Seit ich mich tot in mir verscharrte, + Ist's Ruhe nur, auf die ich warte, + Die ich begehre immerfort. + Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort. + Und nun kommst du, du Junge, mir + Zu Gaste, lockst mich heiß zu dir? + Ach nein, aus deinem lichten Munde + Flammt einer neuen Hoffnung Kunde. + Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde + Bin ich bereit. Allein mir fehlt + Die Würde. Meine Sündenlast + Ist groß. Ich war in dieser Welt + Ein arger Streiter und gehaßt + Von Hirt und Herde. Grausamkeit + War mir nicht fremd. Allein ich schwor + Den Teufel ab, und ich verlor + Zur Buße keinen Tag, allzeit + Entsühnend die Vergangenheit.« + + Voll schwerer Sorge und verwirrt + Fragt sie sich bang: »Soll ich's ihm sagen, -- + Wer weiß, wohin die Träume ihn verschlagen, -- + Sag' ich ihm, daß er phantasiert?« + Doch Nebel des Vergessens hängt + Um ihn, den neuer Schlaf umfängt. + Sie neigt sich über ihn, verstohlen. + Wie sanft er schläft, wie still er ruht! + Kaum merklich hebt beim Atemholen + Die Brust sich. Licht in Ätherflut + Hält ihn ein Engel in der Hut, + Und paradiesisch Lächeln flicht + Sich leuchtend um sein Angesicht. + + Nun öffnet er die Augen: »Wer, + Wer ist's? -- Luise? -- Seltsam, ach; + Mir träumte -- --, du, wo kommst du her? + Bist, Wildfang, du so früh schon wach? + Noch liegt der Tau. -- Es nebelt schwer.« -- + + »Großvater, nein, 's ist hell und klar. + Im Walde blitzt das Sonnenlicht. + Und schon am frühsten Morgen war + Es heiß wie jetzt. Es regt sich nicht + Ein Blatt. -- Weißt du, warum ich kam? + Es gibt ein Fest. Wir feiern heut. + Der alte Geiger Lodelham + Und auch der Fritz sind längst bereit. + Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit + Und dann -- --; ach, wenn nur Hans -- --!« Den Greis + Umspielt ein weises Lächeln. Still + Hört er, was sie erzählen will, + Das sorglos junge Blut. »Ich weiß, + Großväterchen, nur du hast Macht, + Ein bitter großes Weh zu bannen. + Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht + Und bald am Tag schleicht er von dannen + Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht, + Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt, + Dann hört er gar nicht, was man sagt. + Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht, + So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz + Noch lange quält, geht er zugrund. + >Zugrund<, wie zittert, wenn mein Mund + Das harte Wort gebraucht, mein Herz. + Meinst du, daß er vielleicht mit mir + Nicht mehr zufrieden ist, daß er + Mich nicht mehr liebt? Das träfe schwer + Und hart wie Stahl mein Herz. Sag's mir, + Du Engelsguter!« -- Und sie schlang + Die Arme fest um ihn. Kaum ging + Ihr Atem, als sie an ihm hing + In ihrer Liebe so verwirrt und bang. + Als sich die Träne ihr ins Auge stahl, + Wie war sie schön in ihrer Qual. + + »Gib Ruh', mein Kind, nicht weinen, nein. + Schämst du dich nicht?« Der Pfarrer mühte + Sich tröstend um sie. »Gottes Güte + Wird dir Geduld und Kraft verleihn. + Wenn du ihn innig bittest, wirst + Du auch bei ihm Erhörung finden. + Hans lebt ja nur für dich. Du irrst. + Du mußt die Zweifel überwinden. + Du darfst dir nicht mit solchen leeren + Gedanken deine Ruhe stören.« -- -- + + Und als er noch der weinenden Luise + Zuspricht, die an die welke Brust sich lehnt, + Da bringt die alte Gertrud schon den Kaffee, + Den heißen, bernsteinklaren, den der Greis + So gern im Freien nahm. Er liebte es, + Die Weichselpfeife dann dabei zu rauchen. + So stieg denn bald der Rauch in klaren Ringen. + Luise fütterte gedankenschwer + Den Kater, der mit lautem Schnurren, + Vom süßen Duft gelockt, sie lang umstrichen. + Der Greis erhob sich vom geblümten Sessel + Aus Väterzeit, sprach sein Gebet und drückte + Der Enkelin die Hand. Dann zog er sich + Den sonntäglichen, taftnen Schlafrock an, + Den silberschimmernden, und nahm das Käppchen, + Das Hans ihm kürzlich aus der Stadt gebracht + Und ihm geschenkt. So ging er denn gemächlich, + Sich auf Luisens weiße Schulter stützend, -- + Hell schlug der Sang der Lerchen himmelwärts -- + Ins Feld hinaus. -- Wie herrlich war der Tag! + Es ließ ein Wind das Gold der Felder wogen, + Das, überragt von dichten, früchteprangenden + Laubkronen, in der Sonne flimmerte. + Fern dunkelten die grünen Wälder. + Dem regenbogenfarbnen Sommerdunst + Entströmten Fluten wundersamster Düfte. + Die Bienen waren fleißig unterwegs + Und sogen Honig aus den jungen Blüten. + Die Grillen zirpten froh. Und aus der Weite + Klang laut und lauter kräft'ger Rudersang. + Und lichter ward der Wald. Das Tal erschien. + Das frohe Schrein der Herden scholl herauf. + Tief in der Ferne sah man schon das Dach + Vom Haus Luisens winken, sah das Rot + Der Ziegel schimmern, wenn die Sonnenstrahlen + In keckem Tanzspiel blitzend es umhuschten. -- -- + + + Zweites Bild + + Noch ungeklärt sind die Gedanken, + Die Hans bewegen, und sein Blick + Sieht wirr die Welt des Lebens wanken + Und sucht sein künftiges Geschick. -- + In stillem Frieden war die Zeit + Dem Tändelnden vorbeigeflossen; + Noch hatte keine Bitterkeit + Sich in der Seele Unschuld ihm gegossen. + Kind dieser Erdenwelt war er. + Doch ihrer Leidenschaften Brand + War seinem Herzen unbekannt. + Ganz sorglos war und leicht bisher + In Heiterkeit und Glück und Lust + Das Kind beim Spiel der Kinderschar. + Das Böse war noch seiner Brust + Ganz fremd. Ihm blühte wunderbar + Die Welt. -- Schon in der frühsten Zeit + Der Kindheit war sein Kamerad + Luise, deren Heiterkeit + Und Milde seinen Lebenspfad + Erhellt. Wenn sie im grünen Kleid + Zu tanzen anfing oder sang, + Dann schoß durchs blonde Ringelhaar + Manch Blitz, der zündend weitersprang. + Ihr rosa Miedertüchlein glitt + Herab. Man sah bei jedem Schritt + Das feine, zarte Füßchenpaar. + Sie war ein Kind, und kindlich war + Ihr Tun. -- Im Walde spielte sie + Mit ihm. Sie fingen sich. Dann lief + Sie fort, versteckte sich und schrie + Ihm plötzlich zu, daß er erschreckte. + Sie schwärzte heimlich, wenn er schlief, + Ihm sein Gesicht, und lachend weckte + Sie ihn dann aus dem süßen Schlafe. + Und er, er küßte sie zur Strafe. -- + + Und Lenz auf Lenz zog hin ins Land. + Die Spiele wollten nicht mehr taugen. + Die gegenseit'ge Keckheit schwand. + Es schwand das Feuer seiner Augen. + Und sie hält Traurigkeit gebannt + Und Schüchternheit. -- Ihr, junger Herzen + Verliebte, erste Worte, wart + Gekommen, und es blieben nicht erspart + Die Tage voller süßer Schmerzen. + Was blieb ihm denn zu wünschen weiter, + Wo er Luise bis zur Nacht, + Gefesselt wie von Zaubermacht, + Nicht ließ, ihr treuester Begleiter, + Ihr Schatten, wo sie ging und stand. + Mit innig tiefer Freude sahen + Die Eltern, wie das Glück sich fand, + Und sahen sich nicht satt. Die nahen, + Leidvollen, zweifelvollen Zeiten + hielt noch ein Engel sanft verhüllt den beiden. -- + + Doch allzubald befiel ein Schmerz, + Ein tiefer, ihn. Matt ward vor Gram + Sein Blick; er starrte himmelwärts + Und war ganz unstet, ach, und wundersam. + Es schien, als suchte stets sein Geist, + Als hegte er geheimen Groll. + Die Seele sehnte sich zumeist + Gedankenschwer und kummervoll. -- + Er sitzt und schaut hinab vom Strand + Hinaus aufs Meer wie festgebannt. + Und wenn im Takt die Wellen rauschen, + Scheint einer Stimme er zu lauschen. + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + Bald geht er grübelnd durch das Tal, + Die Augen feierlich voll Glanz, + Wenn bei der Wolken Wirbeltanz + Der Donner grollt, ein Feuerstrahl + Durchs Dunkel zuckt und wilder Regen + Heiß prasselt und mit einemmal + In Strömen rauscht auf allen Wegen. + Bald sitzt er in der Mitternacht + Vor alten Sagen auf und wacht + Und hofft, daß sich die Lettern regen + In ihrer Stummheit, wenn die Seiten + Er wendet, die so tiefe Kunde + Ihm bringen von den grauen Zeiten. + Ins Buch versunken manche Stunde, + Sitzt er und wendet kaum das Haupt. + Wer ihn in dieser schweren Not + Gesehn, der hätte fest geglaubt, + Die Zeit, da er gelebt, sei tot. + Gedanken, wunderbare, hatten + Mit ihrem Zauber ihn gebannt. + Er suchte dunkler Eichen Schatten + Auf seinem Weg durchs Sommerland. + Aus diesen tiefen Schatten sprach + Manch Rätsel, das er nicht verstand, + Und träumend streckte er die Hand + Liebkosend aus und griff darnach. -- + + Luise ist die ganze Zeit + Allein in ihrem tiefen Kummer. + Ihr Herz ist einzig ihm geweiht. + Sie findet nächtens keinen Schlummer + Und bringt die gleiche Zärtlichkeit + Ihm dennoch stets entgegen, hält + Die zarten Arme um ihn, küßt + Ihn sanft, daß er den Schmerz vergißt, + Bis er der Schwermut neu verfällt. + + Schön sind die Stunden, wunderbar, + Wenn ferne Träume ihn umschweben + Und der Gesichte lichte Schar + Ihn fortträgt in ein andres Leben. + Doch, wenn der Seele Land zerstört, + Der stille Erdenfleck vergessen, + Der Scholle nicht sein Herz gehört, + Die schlichten Menschen er vermessen + Nicht achtet, werden Traumgestalten + Auch dann noch froh im Herzen walten? -- -- + + Indessen laßt sein unstet Wesen + Belauschen uns. Macht euch bereit, + Die Rätsel seines Geists zu lösen + In ihrer Mannigfaltigkeit. -- + + + Drittes Bild + + Du klassisch schöner Werke klassisch schönes Land! + Des Ruhmes und der Freiheit Land, Athen! + An dich, in wundersamer Gluten Wehn, + Ist meine Seele festgebannt. + + Vom Tempel hoch bis hin zu des Piräus Mauern + Ergießen sich und wogen feierliche Massen. + Äschines' Worte blitzen, donnern und durchschauern, + Der Iliß Wassern gleich, und fassen + + Gebietrisch alle wie der laute Sturm der Welle. + Gewaltig ragt empor die Marmorherrlichkeit + Der Parthenon, wo Säule sich an Säule reiht; + Empor Minerva, von des Phidias Stahl geweiht. + Und Zeuxis' wie Parrhasios' Pinsel strahlen Helle. + + Im Portikus steht göttergleich ein Greis + Und redet weise von der andern Welt; + Sagt, wer für Tugend einst Unsterblichkeit erhält, + Wen Schande trifft und wen der Preis. + + Horch! Rohes Tosen mischt sich in das Springbrunnrauschen. + Der Tag ist wach, und dem Theater voll Verlangen + Zu strömt das Volk. Wie Persiens Farben prangen! + Sieh, wie die Tuniken sich bauschen! + + Noch eh' die Leidenschaft des Sophokles verklungen, + Schwirrt Kranz auf Kranz, von den Begeisterten geschwungen. + Von Epikurens Honigmund, dem liebgewohnten, + Enteilt sind Amors Diener, Krieger und Archonten, + Daß ihnen sich die hohe Wissenschaft enthülle, + Wie man Genüsse schlürft und trinkt des Lebens Fülle. + Aspasia kommt! Ihr Blick, vom Wimpernschwarz verbrämt, + Trifft einen Jüngling, und sein Atem stockt verschämt. + Wie heiß die Lippen sind! Wie loht der Rede Glut! + Die schwarzen, losen Locken fallen wie die Nacht + Auf ihrer Schultern Marmorpracht, + Auf ihre Brüste wie die Flut. -- + + Und jetzt? -- Tympane tosen und die Becher klirren. + Bacchantinnen in wilder Raserei, geschmückt + Mit Efeu, stürmen durch den heil'gen Hain in wirren, + Gehetzten Haufen. -- Wo? Wohin? -- Entrückt, entrückt. + + Allein! -- Verschwunden ist der Chor. + Und Gram befällt mich neu und Wehe. + Stieg' doch vom Tal ein Faun empor; + Dräng' aus des Gartens dunkler Nähe + Mir einer Nymphe Sang ans Ohr! + + Ihr Griechen, wunderbarlich habt + Die Welt mit Träumen ihr erfüllt, + In Zauber alles eingehüllt! + Heut ist sie ärmlich, grau, verschabt + Und wohl quadriert, mit Nichts begabt. -- -- + + * * * * * + + Doch neue Träume kommen und heben + Und ziehen ihn lockend himmelan + Empor aus der Sorgen Ozean, + hinweg von allem kleinlichen Leben. -- + + + Viertes Bild + + Im Land, wo des Lebens Wunderquellen + Entspringen und strahlend rings alles erhellen; + Wo schwer die Nächte vom Ambraduft, + Von Lotossüße geschwängert die Luft; + Wo Räucherwerkwolken die Bläue durchfluten + Und Mangostans Früchte golden gluten; + Wo Kandahars Wiesengrund samten sich breitet; + Wo kühn sich ob allem der Himmel weitet + Und Blüten regnet in üppigem Glanz; + Wo Schwärme von Faltern auffunkeln im Tanz: + Dort sieht mein Blick eine Peri: versunken, + Nichts sehend, nichts hörend; traumestrunken. + Gleich Sonnen leuchtet ihr Augenpaar, + Wie Hemasagara funkelt ihr Haar. + Ihr Atem gleicht dem, den die Lilie haucht, + Wenn die Nacht den Garten in Schlummer taucht + Und im Wind ihre Seufzer von dannen schwingen; + Ihre Stimme den nächtlichen Ton von Syringen, + Dem silbernen Tone, wenn Israfil + Die Flügel schlägt in mutwilligem Spiel; + Dem heimlichen Plätschern des Tschindara-Fluß. + Und ihr Lächeln erst! Und erst ihr Kuß! + Was ist? -- Sie hebt sich, ein Hauch, und entschwindet + In Himmeln, wo sie Verwandte findet. + Bleib! Blicke dich um! Bleib! -- Taub meinem Schrei, + Verrinnt sie im Regenbogen. -- Vorbei! + Erinnrung an sie bleibt und hält + Sich fest; und Duft erfüllt die Welt. -- + + * * * * * + + Bunt war sein Träumen überstrahlt; + Vom Drang der Jugend heiß durchflossen. + Die Hoheit, die sein Herz genossen, + Hat herrlich oft sich abgemalt + Auf seinem Angesicht. Allein, + Was ihn in seinen Träumerein, + Was die erregte Seele quälte, + Wonach er schrie, wonach er bangte, + In wilder Leidenschaft verlangte, + Als gält' es, daß er sich vermählte + Der ganzen Welt mit ganzer Lust, + Verstand er nicht. -- Voll Staub und Dust, + Von Dumpfheit voll und Schwere fand + Er diese Welt und wirr. Es flog + Sein Herz und schlug und schlug und zog + Ihn hin nach fernem, fernem Land. + Wer sah ihn so? Sein Atem ächzte. + Die Brust ging keuchend auf und nieder. + Stolz funkelte durch seine Lider. + Ach, wie die Seele darnach lechzte, + Am flücht'gen Traum sich festzusaugen. + Ach, welche Feuer in ihm brannten, + Wie ihn die Tränen übermannten, + Das Leben schürend in den heißen Augen. -- + + + Sechstes Bild + + Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf, + Wo unserer Geschichte Welt, die Welt, + Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet. + Das heitre Lünensdorf, so hieß es einst; + Doch weiß ich nicht, ob es noch heut so ist. -- + Weit schimmerte dem Wanderer entgegen + Das kleine, weiße Häuschen Wilhelm Bauchs, + Des Musikers, das er vor langer Zeit, + Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm, + Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus; + Grün war's gestrichen; rote Ziegelplatten + Erklirrten hell im Wind. Kastanienbäume + Umstanden es und drängten in die Fenster. + Durch ihre Stämme sah ein Weidenzaun, + Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten. + Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch. + Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange, + Behangen mit der Wäsche, die im Glanz + Der heißen Mittagssonne lustig blinkte. + Durch eine Speicherluke drängte sich + Laut girrend eine Taubenschar; es schrien + Die Puter, und mit seinen Flügeln schlagend + Entbot der Hofhahn seinen Morgengruß + Dem Tag und pickte den behäbig bunten Hennen + Die Körner fort. Zwei fromme Ziegen rupften + Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch + In krausen Wolken aus dem Schornstein auf + Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren. + Dort auf der Seite, wo der Mauerputz + Ein wenig abgebröckelt von den grauen Ziegeln, + Dort, wo die alten Bäume Schatten geben, + Stand schon seit frühstem Morgen säuberlich + Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge: + Radieschen, gelber Käse, eine Dose + In Entenform mit Butter; Wein und Bier, + Der süße Bischof, Zucker, Waffelkuchen + Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Früchten: + Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben + Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen + Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. -- + Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte + Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise + Der Töchter und des alten Pfarrherrn feiern. + Luise kam, doch ihre Schwester Fanny, + Die Jüngere, war fortgeeilt, um Hans + Zu holen, und war noch nicht zurück. + Vermutlich irrte er verträumt umher. + Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster + Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur + Zwei Schritt von ihr. -- Sie war nicht selbst gegangen, + Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn, + Aus ihren Augen keinen Vorwurf läse. + Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater, + Zu ihr und sprach: »Du mußt den Hans mal schelten, + Daß er so lange nicht mehr bei uns war. + Pass' auf, du hast ihn dir zu sehr verwöhnt.« + Doch sie war um die Antwort nicht verlegen: + »Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln. + Er ist schon ohnedies so bleich und elend.« + »Was, krank, sagst du?« fiel Mutter Berta ein. + »Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie, + Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen, + Seid ihr einmal vermählt. Ein junger Sproß, + Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft, + Fängt plötzlich an zu blühn. -- Ist denn die Frau + Nicht Lichtflut für den Mann?« -- »Ein kluges Wort,« + Warf da der Pfarrer ein. »Wenn Gott es will, + Glaubt mir, wird alles noch vorübergehn!« + Er klopfte wieder seine Pfeife aus. + Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten; + Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten, + Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Türken, + Von Missolunghi, von Kolokotroni, + Dem großen Führer, und vom argen Krieg, + Von Canning sprachen sie, vom Parlament, + Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid, + Als Hans erschien und sich Luise plötzlich + Mit einem Aufschrei ihm entgegenstürzte. + Der Jüngling schlang den Arm um ihre Hüfte + Und küßte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm: + »Nun schäm' dich, Hans, daß du so ganz vergessen + Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise + Vergißt, wie solltest du der Alten noch + Gedenken!« -- »Väterchen, laß sein, laß sein -- + Was schiltst du Hans denn immer!« sprach die Mutter. + »Laßt uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt: + Der Brei, der Reis, die duft'gen Zuckererbsen, + Der Glühwein und nicht minder der Kapaun, + Den mit Rosinen ich und Butter briet.« -- + So setzten sie sich friedlich an den Tisch + Und waren alle bald vom Wein belebt, + Die Seelen voller Glück und Heiterkeit. -- + Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flöte. + Es gab ein Stück -- der Feiernden zu Ehren. + Bald drehten allesamt im Walzer sich. + Selbst Wilhelm wurde lustig, und gerötet + Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau + Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog + Hans mit Luise toll dahin. Die Welt + Flog mit im gleichen, wundervollen Takt. + Luise wagte kaum zu atmen, kaum + Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen. + Der Pfarrer sagte: »Ach, ich sehe mich nicht satt + An ihnen, glaubt's mir. Welch ein herrlich Paar. + Luise, dieses heitre, liebe Kind, + Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden. + Sie sind doch füreinander wie geschaffen. + Ja, glücklich wird ihr ganzes Leben sein. + Ich danke Dir, mein güt'ger Gott, daß Du + Im hohen Alter mir die Gnade schenktest + Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst, + Damit ich solche Enkel schauen durfte. + Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme: + Auf Erden hab' ich Herrliches gesehn.« + + + Siebentes Bild + + Des Abends Kühle senkt sich still hernieder. + Die letzten, leisen Sonnenstrahlen küssen + Das finstre Meer. Von tausend Flimmerfunken + Durchsät, erglüht der Wald, und fern, fern her + Erschimmern durch den Meeresdunst die Felsen + In bunter Farbenpracht. Rings tiefe Stille. + Und nur der Hirtenflöten melanchol'scher Ruf + Tönt dann und wann von fernen, heitren Ufern; + Und dann und wann ein leises Plätschern, wenn + Ein Fisch im spiegelblanken Wasser ruckt, + Wenn eine Schwalbe mit den Flügeln, ehe + Sie auf zum Himmel steigt, es flüchtig streift. + -- Fern zeigt ein Kahn sich wie ein heller Punkt. + Wen trägt er wohl? Wer fährt wohl auf dem Meer? + Der Pfarrer ist's, der Greis im Silberhaare, + Und mit ihm Wilhelm mit der teuren Gattin. + Die übermüt'ge Fanny läßt die Hand, + Die von der Angelschnur herabgezogen, + Im Wasser spielen. Hinten in dem Schiff + Sitzt Hans mit seiner Braut. -- Sie sahen alle + In stummer Freude einer Welle zu, + Die breit dem Schiff gefolgt und unterm Schlag + Der Ruder feurig schäumend perlte. + Wie sich nun rasch die ros'ge Ferne klärte + Und voller Duft ein Hauch von Süden kam, + Da sprach der Pfarrer tief gerührt: »Wie schön + Ist dieser Abend Gottes doch! So still + Und herrlich wie das Leben des Gerechten. + Denn es vollendet ebenso voll Frieden + Den Weg, und auf den heil'gen Erdenrest + Ergießen sich die gleichen schönen Tränen. + Ja, auch für mich wird's Zeit. Auch meine Tage + Sind bald gezählt. Ich kann nicht lang mehr bleiben. + Doch werd' ich auch so herrlich schlafen gehen?« -- + Da weinten alle. Hans, der grad ein Lied + Auf der Oboe spielte, ließ das Instrument + Nachdenklich sinken. Es umspann ein Schlummer + Sein Haupt, und weithin schweiften seine Sinne. + Und Träume stürmten seltsam auf ihn ein. + Luise wandte sich ihm zu: »Sag' mir, sag', Hans, + Wenn du mich liebst, wenn ich in deiner Seele + Noch Mitleid, Mitgefühl wachrufen kann, + Was quälst du mich? Sag' mir einmal, warum + Sitzt du bei Nacht einsam bei deinen Büchern? + Ich weiß es. Unsre beiden Fenster liegen + Doch nicht umsonst einander gegenüber. + Warum weichst du uns allen aus und trauerst? + Dein trüber Blick, ach, nimmt mir alle Ruh', + Und deine Trauer macht mich selber trübe! --« + Das rührte Hans. Er wurde ganz verlegen. + Er drückte sie im Schmerz an seine Brust, + Und eine Träne stahl sich ihm ins Auge. + »Luise, frage nicht. Du mehrst doch nur + Durch deine Unruh' meinen tiefen Kummer. + Denn in Gedanken ich versunken scheine, + Glaub' mir, dann denk' ich immer nur an dich + Und sinne, wie sich all die schweren Zweifel + Von deiner Seele nehmen, wie dein Herz + Mit Freude sich und Frieden füllen ließe, + Daß deiner Jugend reinen Schlaf nichts störe, + Daß Böses dir nicht nahe, nicht der Schatten + Von einem Kummer dich berühre, daß + Dein Glück in alle Ewigkeiten währe!« + Da lehnte sie an seine Brust sich an + Und konnte in der Fülle des Gefühls, + Des Dankes ihm kein einzig Wort erwidern. -- + Still zog das Boot am Ufer hin. -- Man landet + Und steigt schnell aus. »Hört,« sprach der Vater Wilhelm, + »Hört, Kinder, nehmt euch recht in acht und seht, + Daß ihr euch nicht erkältet. Es ist feucht. + Der Nebel steigt.« -- Hans ging mit ihr und dachte: + Was wird, wenn sie erfährt, was sie doch nicht + Erfahren soll? Er sah ihr in die Augen. + In seinem Herzen ward ein Vorwurf laut. + Ihm war, als wenn er schlecht gehandelt hätte, + Als hätte er den ewigen Gott belogen. -- -- + + + Achtes Bild + + Vom Turme schlägt es Mitternacht. + Hans sitzt wie immer auf und wacht. + Dem Einsamen gewohnte Zeit. + Das Flackerlicht der Lampe leiht + Nur spärlich Helligkeit. Es fällt + Wie Saat des Zweifels in die Welt + Des Schlafs. -- Kein Blick träf' in der Runde + Nur eines Menschen Spur. Fern, ferne + Rauscht wie Gespräch aus Menschenmunde + Die Welle in dem Glanz der Sterne. + Die Stille läßt den Atem hören + Der Nacht. -- Jetzt wird ihn nicht mehr stören + Der laute Tag in seinem Denken, + Wo über seine Stirn sich senken + Friede und Ruh'. -- Und sie? Sie setzt + Sich auf im Bett; im Fenster jetzt: + »Er kann's nicht sehen, merkt's ja nicht; + Ich seh' mich satt an seinem Bild. + Er wacht, daß er mein Glück erfüllt. + Gott sei ihm gnädig, sei ihm mild.« -- + + * * * * * + + Die Welle rauscht im Mondeslicht. + Ein Traum sinkt nieder und umfängt + Ihr Haupt und beugt es leis, ganz leis. + Um Hans spielt der Gedankenkreis + Noch immer, dem er sich versenkt. + + + 1. + + Entschieden alles! Ist's Gebot, + Tiefinnerst jetzt zugrund zu gehn? + Gibt's andres Ziel nicht als den Tod? + Vermag ich Beßres nicht zu sehn? + Soll ich mich hin zum Opfer geben, + Tot für die Welt und ruhmlos leben? + + + 2. + + Soll denn ein Herz, das Ruhm geliebt, + Nur Nichtigkeiten lieben dürfen; + Kalt jedem Glück sein, das sich gibt, + Und niemals Seligkeiten schlürfen? + Der Erde Schönheit nie mehr finden, + Nie Wahres mehr in ihr ergründen? + + + 3. + + Was ruft, was lockt ihr mich so bang, + Ihr, dieser Erde schönste Lande. + Bei Tag und Nacht wie Vogelsang + Hör' ich in meiner Träume Bande, + Bei Tag und Nacht die süßen Töne, + Und bin berückt von eurer Schöne. + + + 4. + + Euch, euch gehör' ich. Bald, ach bald + Such' ich die seligen Gefilde, + Ein Pilgrim, der zum Heil'gen wallt. + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + Hin fliegt umschäumt des Schiffes Bug. + Hoch strebt der Sehnsucht froher Flug. + + + 5. + + Ja, fallen wird der trübe Flor, + In den euch stets der Traum gehüllt. + Aufschließen wird die Welt das Tor + Zur Wunderherrlichkeit, gewillt, + Den Jüngling freundlich zu begrüßen + Mit unversieglichen Genüssen. + + + 6. + + Der Schönheit Meister! Meine Augen + Bereiten sich, was ihr geschaffen + Mit Stift und Meißel, einzusaugen. + Mein Herz will eure Glut erraffen. + Rausch' hin, mein Meer, von Riff zu Riff! + Bring mich an Land, einsames Schiff! + + + 7. + + Du aber, enger Winkelfrieden, + Mein Wald, mein Feld, ihr müßt verzeihn. + Himmlischer Regen reich beschieden + Sei euch und Blüte und Gedeihn. + Das Herz, scheint's, härmt sich, euch zu lassen, + Und dürstet, euch noch einmal zu umfassen. + + + 8. + + Auch du, mein engelstilles Herz, + Vergib und geiz' mit deinen Tränen. + Gib dich nicht hin dem ersten Schmerz. + Verzeih dem armen Hans sein Sehnen. + Klag' nicht. Der Weg ist bald gemessen, + Und ich zurück. Wie könnt' ich dein vergessen! -- + + + Neuntes Bild + + Wer kommt noch zu so später Stunde + Behutsam durch die Nacht gewallt, + Den Wanderstab am Gürtelbunde, + Den Rucksack rüstig umgeschnallt? + Vor ihm ein Haus zur rechten Hand; + Zur linken führt ein Weg ins Weite. + Er will den weiten Weg ins Land, + Erfleht von Gott Kraft zum Geleite. + Allein er wendet, übermannt + Von stillem Weh, verzehrt von Gram, + Den Schritt zum Haus, woher er kam. + + * * * * * + + Vor einem offnen Fenster sitzt, + Den Kopf in seine Hand gestützt, + Und ruht ein wunderschönes Kind. + Mit seinem Flügel streicht sie mild + Und gibt ihr Träume ein -- der Wind, + Von denen sie nun ganz erfüllt, + Ein Lächeln zeigt. Und ihm entquillt, + Wie er sich peinvoll naht der Schönen + Und bebend ihr ins Antlitz schaut + Und kummerschwer, sein Weh in Tränen. + Sein Auge schimmert glanzbetaut. + Er beugt sich nieder glühend heiß + Und küßt sie seufzend, leis, ganz leis. + + * * * * * + + Den weiten Weg eilt er dahin. + Sein Innerstes durchbebt ein Schauer. + Unrast umdüstert seinen Sinn, + Und seine Seele tiefe Trauer. + Noch einmal wendet er den Blick + Zum Abschiedsgruß. -- Ein weißes Band, + Zieht schon der Nebel übers Land. + Sein stöhnend Herz weist ihn zurück. + Ein rauher Wind mit scharfem Tone + Stößt Eichenkron' an Eichenkrone. + Und grau verschwimmt im fernen Raum + Das Haus. Ganz unklar wie im Traum + Hat Pförtner Gottlieb nur vernommen, + Daß wer durchs Gartentor gekommen + Und daß einmal, als wenn er schälte, + Der treue Hund im Hofe bellte. + + + Zehntes Bild + + Spät wird der helle Führer wach, -- + Der Morgen ist nicht freundlich. Schwer + Wogt übers Feld ein Nebelmeer, + Und Regen rauscht und schlägt aufs Dach. + Des jungen Morgens Kühle fächelt + Die Schöne aus der Ruh'. Benommen + Vom Schlaf am Fenster und beklommen, + Streicht sie ihr Haar zurecht und lächelt. + Doch Ärger schleicht sich ein und feuchtet + Das Auge, daß es funkelnd leuchtet: + »Wann kommst du, Hans? Wie lang soll's dauern? + Du schwurst: beim ersten Tageslicht! + Der Tag ist da. Ein Tag zum Trauern, + Ein trüber Tag. Die Nebel schauern, + Der Sturmwind heult. Was kommst du nicht?« + Geängstigt halb und halb verdrossen, + Blickt sie zum Fenster ihres Hans. + Geschlossen ist's und bleibt geschlossen. + Er schläft gewiß, und Traumesglanz + Umgaukelt ihm sein Liebstes noch. + Lang hat's getagt. Vom Regen sind + Durchfurcht die Täler, und vom Wind + Gewiegt der Wald. Ach, käm' er doch! + + * * * * * + + Der Mittag naht. Unmerklich steigt + Der Nebel auf. Ganz matt, gezogen + Tönt Donner noch. Der Eichwald schweigt. + Auf flammt in siebenfarb'gem Bogen + Am Himmel paradiesisch Licht. + Mit Funken ist die Eiche übersprüht. + Froh klingt vom Dorfe Lied auf Lied. + Wo bist du, Hans, was kommst du nicht? + + * * * * * + + Warum? -- Die arge Brust umflicht + Schwermut. Das Ohr wird müd der Qual, + Zu horchen auf die Stundenzahl. + Die Türe geht. -- Er ist's! -- Nein, nicht: + Herein tritt Berta; wohlig fällt + Der rosa Morgenrock, der weiche, + Und farbenfroh die kantenreiche, + Gestickte Schürze. »Engelgleiche, + Was hat die Nachtruh' dir vergällt? + Bist bleich und matt. Was ist geschehn? + Störte der Regen, der so schwer + Herabgerauscht, das wilde Meer, + Der Hahn, der wüste Lärmer, den + Kein Schlaf nachts ankommt, dich so sehr? + Hat dich der Böse überkommen, + Dir deinen reinen Schlaf genommen, + Ins Herz gesenkt trübselig Trauern? + Tust mich von ganzer Seele dauern.« + + * * * * * + + »Nein, nicht des Regens Rauschen, ach, + Das wilde Meer nicht, nicht der Hahn, + Der wüste Lärmer, hat's getan. + Ach, was du nennst, hielt mich nicht wach. + Nicht solcher Traum hat mich benommen, + Bin solcher Trübsal nicht beklommen. + Der Traum, der mir zu Sinnen kam, + War anders, schwer und wundersam.« -- + + * * * * * + + »Mir träumte: Finstre Öde sei + Um meinen Weg. Rings Nebel nur + Vom Moor, und in der Wüstenei + Von trocknem Boden keine Spur. + Ein ekler Dunst! Die Erde weicht. + Bei jedem Schritt ein neuer Schlund, + Bei jedem Schritt ein neuer Grund + Zur Herzensangst. Und mich beschleicht + Unsäglich Wehe. Da erscheint + Urplötzlich Hans vor mir. Blut rinnt + Aus einer Wunde. Er beginnt + Zu schluchzen über mir und weint. + Doch statt der hellen Tränen floß + Ein trüber Strom. Ich wachte auf. + Und über Brust und Antlitz goß + Vom Blondhaar triefend wie der Lauf + Von tausend Bächen dummer Regen. + Mein Herze schlug in trüben Schlägen, + Und Traurigkeit befiel den Sinn. + Die Locken blieben feucht. In Sorgen + Sitz' ich verhärmt seit frühem Morgen. + Wann kommt er heim? Wo ist er hin?« + + * * * * * + + Die Mutter steht gedankenvoll + Kopfschüttelnd vor ihr, ehe sie + Ihr Antwort gibt: »Ach, wüßt' ich, wie + Ich deiner Not Herr werden soll, + Mein Töchterchen. Komm, laß uns sehn, -- + Gott geb' uns Kraft! -- was ihm geschehn.« + + * * * * * + + Sie treten in sein Zimmer. Leer, + Ganz leer! Im Winkel liegt umher + Ein alter Platoband, gar arg + Verstaubt, Tieck, Aristophanes, Petrark + Und Schillers Werke, die vermeßnen, + Bei Winkelmanns, den halb vergeßnen. + Und Fetzen von Papier. Es blühn + Die Blumen auf der Etagere. + Die Feder blinkt, mit der er kühn + Entlastet sich der Träume Schwere. + Sein Tisch, so tot! Doch nein, was hebt + Sich jetzt? Ein Zettel flirrt. Was ist? + Luise nimmt ihn auf und bebt. + Von wem? An wen? Und als sie liest, + Fängt ihre Zunge wie noch nie + Zu lallen an. Sie stürzt aufs Knie. + Gram, sengend Wehe warf sie nieder. + Und Grabeskälte rann durch ihre Glieder. + + + Elftes Bild + + Schau' her, Grausamer! Sieh, Tyrann, + Wie sie verhärmt im Staube kauert; + Die einsam Welkende, sieh' an, + Wie sie in trüber Öde trauert, + Vergessen, ach! Schau' hin einmal + Auf dein Geschöpf, in dessen Brust + Du Lebensglück und Lebenslust + Mit Gram vertauscht und Höllenqual. + Durchwühlte Grüfte, siehst du sie? + Und wie sie dich geliebt, ja, wie! + Mit welch lebend'ger Innigkeit + Klang ihrer Rede Melodie, + Die schlichte. Wo, wo ist die Zeit, + Da du gelauscht? Wie war von Schuld, + Von Trübsal rein des Blickes Brand, + Der dich versengt. Wie oft entschwand + Zu langsam ihrer Ungeduld + Der böse Tag, zeigte sich nicht, + Der Träumerischen, dein Gesicht. + Und du konntst sie verlassen, du? + Hast dich von allem abgewandt + Und wanderst fremd in fremdem Land? + Wem tust du das? Für wen, wozu? + Doch schau', Grausamer! Sieh, Tyrann! + Am Fenster harrt sie noch, verzehrt + Von Sehnsucht, daß er wiederkehrt + Zu ihr, er, der geliebte Mann. -- -- + Schon sinkt der Tag. Des Abends Helle + Liegt wundersam auf allen Dingen. + Ein kühler Wind regt seine Schwingen. + Kaum hörbar plätschert fern die Welle. + Die Nacht entbreitet ihre Schatten. + Leis tönt die Syrinx. Es ermatten + Im West die letzten Glutenschimmer. + Sie sitzt reglos und harrt noch immer. -- + + + Nächtliche Gesichte + + Allmählich dunkelt und vergeht + Des Abends Rot. Schon liegt die Welt + In süßem Schlaf, und überm Feld + Steigt auf des Mondes Majestät. + Das Meer erschimmert wie Kristall. + Durchsichtig scheint das ganze All. + + * * * * * + + Schatten wachsen auf und ziehen. + Wundersam gestaltet fliehen + Herrlich sie, weit, immer weiter, + Himmelwärts die Sternenleiter. + + * * * * * + + Heller wird's: zwei Lichter blitzen. + Da: zwei Ritter, zottig, fahl. + Zweier schart'ger Schwerter Spitzen, + Zweier Panzer Schmiedestahl! + Halt! Sie suchen, treten an; + Tauschen Platz um Platz jetzt. Hei! + Kämpfen, glitzern Mann an Mann. + Suchen wieder ... Da, vorbei! + Dunkel schwillt und deckt sie schwer. + Nur der Mond steht überm Meer. -- + + * * * * * + + Ein Lied der Kön'gin Nachtigall durchschallt + Den Forst; ein schmetternd Lied, das sacht verrauscht. + Die Erde atmet kaum, sie lauscht + Verträumt der Sängerin. Der Wald + Steht reglos. Alles schläft im Kreise. + Es tönt nur die verklärte Weise. + + * * * * * + + Luftgebaut ragt der Palast + Einer Märchenfee empor. + Vor dem Fenster dicht am Tor + Singt verklärt ein Minnegast. + Sieh, ein Silberteppich glänzt, + Ganz durchwebt mit Wolkenringen. + Drüber schwebt ein Geist, der grenzt + Nord und Süd mit seinen Schwingen. + Schlafen sieht der Gast, gebannt + Durch ein Gitter aus Koralle, + Seine Fee. Die Perlmuttwand + Bringt der Trän' Kristall zu Falle. -- + Dunkel eint und deckt sie schwer. + Nur der Mond steht überm Meer. -- -- + + * * * * * + + Kaum schimmert durch den Dunst das Land. + Geheime Wünsche ohne Zahl + Weckt uns die See. -- Ein Riesenwal, + Taucht aus dem Nebel. Übermannt + Hat Schlaf den Fischer längst. Er ruht; + Und unablässig rauscht die Flut. -- + + * * * * * + + Strandwärts schwimmen Meerjungfrauen + Herrlich schön. Den leuchtend hellen, + Weißen Schaum der glühend blauen + Wogen teilen sie. Die Wellen + Spielen kosend wie im Traum + Um die Schöne mit der weißen + Lilienbrust. Sie atmet kaum. + Um die zarten Glieder gleißen + Tropfen wie ein Funkensaum. + Ach, sie lächelt, kichert leise + Und schwimmt sinnend hin im Licht. + Bald voll Lust, bald wieder nicht. + Träumerisch singt sie die Weise, + Den Sirenensang der Klagen + Des Verrats, den sie ertragen, + Sie, die Junge. -- Reglos ruht + Mondbeglänzt die blaue Flut. -- + + * * * * * + + Ein Friedhof fern in fremder Flur, + Von einem alten Zaun umhegt. + Rings Steine, Kreuze. Moosbelegt + Der stummen Toten Häuser. Nur + Der Flug der Eulen und das schrille + Schrein zerreißt die Grabesstille. -- + + * * * * * + + Langsam steigt aus seinem Bette + Jetzt ein Leichnam. Weiß umwallt + Ihn sein Mantel. Vom Skelette + Klopft den Staub er würdig. Kalt + Weht vom Schädel Grabhauch. Feuer, + Gelbes Feuer glüht aus seinen + Augen. Mit den Knochenbeinen + Hält ein Roß, ein ungeheuer + Glänzend Roß er, einen Schimmel. + Und es wächst, wächst bis zum Himmel. + Leiche steht nach Leiche auf. + Zug des Grauns! Von seinem Lauf + Beben Erde, ach, und Lüfte. -- + Endlich schließen sich die Grüfte. -- + + * * * * * + + Ein Schrecken packt sie an. Sie schlägt + Das Fenster hastig zu. Ihr Blut + Von Eiseskälte, bald von Glut + Durchschauert, bebt gleichwie die Flut + Im Sturm. Ein schweres Wehe legt + Sich auf ihr Herz. Ihr Denken ruht. -- + Wenn mitleidlos des Schicksals Faust + Ein kalter Kieselstein entsaust + Und trifft ein armes Herz, wer hält + Die Treue, sagt, in aller Welt + Noch dem Verstand? Wes Seele ficht + Kein Übel an? Und wer verfällt, + Sich ewig gleich, im Unglück nicht + Dem Aberglauben? Wer erblaßt + Nicht, wenn solch Spukbild ihn erfaßt + Im Traum? -- Aufs Lager bang + Warf sie sich hin voll Schmerz und Kummer. + Vergeblich suchte sie den Schlummer. + Wenn ein Geräusch durchs Dunkel drang, + Ein Mäuslein strich, floh ihre Lider + Der Schlaf, der launenhafte, wieder. -- + + + Dreizehntes Bild + + Ein traurig Bild: Ruinen von Athen! + Die Säulenreih'n, die bildwerkreichen, + Sind morsch. In öden Tälern stehn + Sie traurig, müder Zeiten Zeichen. + Zertrümmert halb und halb verwittert + Das hehre Denkmal, und zersplittert + Selbst der Granit. -- Ein karger Rest. -- + Ein morscher Architrav nur prangt + Voll Majestät, und Efeu rankt + Und hält am Kapitäl sich fest. + In Gräben, die man längst verließ, + Herabgestürzt ein Giebelkranz; + Dort schimmert noch ein prächt'ger Fries + Und der Reliefmetopen Glanz. + Hier trauert eine reichgeschmückte + Korinthsche Säule noch. Und leise + Eidechsen schlüpfen scharenweise + Darüber hin. Voll Würde blickt + Er auf das Elend rings. Gerückt + In toter Zeiten dunkle Nacht, + Verdrängt, hat er für nichts mehr acht. + Athens Ruinen, ach! Trüb gleiten + Die Bilder von Vergangenheiten + Vorbei. An kaltem Marmor lehnt + Der Wanderer. Wie er sich auch sehnt, + Er weckt Erstorbnes nicht. Vergebens! + Das Bündel des vergangnen Lebens + Knüpft er nicht auf. Ohnmächt'ge Qual, + Verlorne Müh'! -- Allüberall + Liest nur Zerstörung, Schmach und Schande + Der trübe Blick. Im Sonnenbrande + Blinkt durch die Säulen dann und wann + Ein Turban wohl. Quer durch die Blöcke, + Durch Pfeiler, Gräber, Mauerstöcke + Treibt barsch sein Roß ein Muselmann. -- -- + Hufschlag stampft letzte Trümmer nieder. -- -- + Unsagbar tiefe Traurigkeit + Packt da den Fremden plötzlich wieder. + Wie stöhnt sein Herz so laut. Er kann + Den Schmerz nicht meistern. Bitter leid, + Daß er den weiten Weg gemessen, + Ist's ihm. Hat er sein Dach, den stillen, + Friedlichen Platz daheim vergessen, + Verlassen um der Gräber willen? + Ach, wären doch die Traumgespinste, + Die schönen, seinem Sinn geblieben. + Der reinen Schönheit Spiegelkünste, + Ach, hätten sie ihn nicht getrieben! + Nun sind die Träume tot und kalt + Und abgestreift ihr Zauberflor. -- + Mit unbarmherziger Gewalt + Habt ihr ihm schonungslos das Tor + Zur Glut der Traumeswelt verschlossen, + Ihr, öder Wirklichkeiten Sprossen! + Langsam verläßt und kummerschwer + Der Fremde nun den Trümmerort. + Er schwört, des blinden Einst nicht mehr + Zu denken, aber immerfort + Fliehn seine Opfer vor ihm her. -- -- -- + + + Sechzehntes Bild + + Zwei Jahre sind dahin. In Lünensdorf + Blüht alles noch und prankt wie ehedem. + Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stören + Den stillen Herzensfrieden der Bewohner. + Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel + Verändert. Lange ist der Pfarrer tot. + Er hat den dornenvollen Weg beendet + Und schläft den letzten tiefen, tiefen Schlaf. + + Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt, + Und alle hatten Tränen in den Augen, + Gedenkend seines Lebens, seines Tuns. + Er war es, der für unser Seelenheil, + Für unser geistig Brot von je gesorgt. + Er war es, der so schön das Gute lehrte; + Er war der Trauervollen steter Trost, + Der feste Schild der Witwen und der Waisen. + Wie voller Güte stieg er doch an Feiertagen + Auf seine Kanzel, und wie rührend sprach + Er von dem reinen Martertum, vom Leiden + Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschüttert + Und unter Tränen seinen tiefen Worten. -- + + Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht + Links von der Straße dicht an einem Friedhof + Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebückt + In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel + Der Zeit hat seine Runen eingegraben. + In ihrer Mitte leuchtet eine weiße Urne + Auf schwarzem Steine, von zwei grünen Erlen + Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten. + Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn. + Die braven Bauern waren gern bereit, + Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre + Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten + Verkündeten durch eine Inschrift, wie + Er lebte, wieviel stille Jahre er + Als Seelensorger zugebracht und endlich + Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. -- + + Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham + Errötend seine Flechten löst, und wo + Im Felde sich ein frischer Wind erhebt, + Der Tau die blitzend blanken Perlen streut, + Rotkehlchen in den dichten Büschen schlagen, + Und erst zur Hälfte noch der Sonnenball + Sich übers Land hebt, kommen Bäuerinnen + Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab + Und schmücken es mit duft'ger Blumen Fülle + Und gehen ihres Wegs. -- Nur eine bleibt, + Das Haupt in ihre Lilienhand gestützt, + Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen, + Als wollte sie Unfaßliches begreifen. + Wer würde, ach, in dieser kummervollen + Gestalt Luise wohl erkennen? Wer? + Der frohe Glanz der Augen ist erloschen, + Ihr unschuldreines Lächeln ist nicht mehr + Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht + Das Zeichen einer Freude drüber hin. + Und doch, wie schön ist sie in ihrem Harm! + Wie königlich ihr Blick trotz allen Wehs! + So trauert wohl der strahlende Seraph + Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach. + Voll Schönheit war die glückliche Luise, + Die trauernde war fast noch herrlicher. + Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden + Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied. + Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele + War sie dem Greise zugetan. Und nun + Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht + Erfüllt. Wie innig hattest du gewünscht, + Am heiligen Altare uns zu trauen, + Für alle Zeiten unsern Bund zu schließen. + Wie hattest du den träumerischen Hans + Geliebt -- -- Und er? -- -- -- + + Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Hütte. + Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim + An seiner Drechselbank und schneidet Platten + Aus Buchenholz mit feiner Maserung, + Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert. + Zu seinen Füßen liegt vergnügt geduckt + Hektor, sein lieber, treuer Kamerad. + Wie immer sorgt die tüchtige Hausfrau Berta + Vom frühsten Morgen an schon für sein Wohl. + Dicht vor dem Fenster drängt sich eine Schar + Von Gänsen, und die Hühner gackern auch + Noch unaufhörlich. Ganz wie ehedem + Hört man das ew'ge Zwitschern frecher Spatzen, + Die Tag für Tag im Küchenabfall picken. -- + Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern + Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes. + Die grünen Blätter wurden gelb und fielen, + Die Schwalben zogen über ferne Meere. -- + In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta: + »Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben. + Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei. + Jetzt wird's früh feucht, und dichte Nebel fallen + Und schicken ihre Schauer über uns. + Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not! + Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen. + Gott weiß, ob er am Leben ist, ob nicht.« -- + Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter! + Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still + In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll + Von Sehnsucht und vom Freunde träumend, + Und fast unhörbar sagt sie vor sich hin: + »Ich hätte ihn nicht minder stark geliebt!« + + + Siebzehntes Bild + + Wie trüb auch sonst die Tage schleichen + Im Herbst, das Heute ist voll Licht. + Die Sonne zeigt ein hell Gesicht, + Und blanke Silberwellen streichen + Am Himmel hin. Den Weg herab + Mit Rucksack kommt und Wanderstab + Ein Fremder matt und scheu daher. + Voll Trauer, wie ein Greis gebeugt, + Geht er die Postchaussee. Nichts zeugt + Vom alten Hans, fast gar nichts mehr. + Sein halberloschner Blick umschweift + Das Meer der gelben Ährenwellen, + Der Berge bunten Kranz. Es greift + Der schöne Traum sein Herz; es schwellen + Des Allvergessens Seligkeiten + Die Brust. Doch die Gedanken schreiten, + Ach, einem andern Ziele zu. + Nichts wär' ihm nötiger als Ruh'. + Er kommt, so scheint's, von weit, weit her. + Sein Atem keucht und schmerzt, und schwer + Schmerzt seine Seele ihn und ächzt. + Er denkt, doch kein Gedanke lechzt + Nach Ruh'. -- Wem gilt sein tiefes Grübeln? + Erstaunt, wie er mit allen Übeln + Von dem Geschick gemartert ward; + Des eitlen Tuns erstaunt, wie er genarrt, + Lacht bitter auf er, daß er trunken + Die Welt des Wahns, so hassenswert, + In seiner Unvernunft begehrt + Und ihrem leeren Glanz versunken; + Daß er sich in der Menschen Schoß, + Von ihrem eklen Tun wie toll + Berauscht, bezaubert, -- schwankungslos + Geworfen kühn und glaubensvoll. + Ach, kalt wie Gräber waren sie, + Habgier und Ehrsucht galt allein, + Nichts sonst, -- und wie verächtlich Vieh + So tierisch, ach, und so gemein. + Sie zogen in den Staub, was gut + Und hehr. Es schalten ihre Zungen + Verächtlich nur Begeisterungen + Und Geistestat. Falsch war die Glut; + Und wenn sie sich emporgeschwungen, + Verderben rings. Wer lauschte schon + Der Reden einschläferndem Ton + Und bebte nicht? Von Gift wie schwer + Ihr Atem, wie voll Lüge ist + Ihr Herzschlag und ihr Geist voll List; + Wie hohl die Worte und wie leer! + + * * * * * + + Ja, tausendfach war ihm die Wahrheit + Begegnet und von ihm erkannt. + Doch ward zu höherm Glück die Klarheit + Ihm in der Seele Träumerland? + Wie ferne Sternenhelle zog + Verlockend ihn der Ruhm. Allein + Sein blinkend Gift war scharf, es trog + Der dichte Qualm ihm vor den Schein. + + * * * * * + + Der Tag versinkt im West. Die Schatten + Des Abends wachsen, und die matten, + Hellweißen Wolkenränder glühen + In greller Röte auf. Die dunkeln + Vergilbten Blätter alle sprühen + Von goldnem Strahlenwerk und funkeln. + Der Wiesengrund der Heimat tut + Sich vor dem Wandrer auf. Es füllt + Den matten Blick urplötzlich Glut, + Und eine heiße Träne quillt. + Die Freuden aus vergangnen Jahren, + Harmloser Späße, alter Träume Scharen, + Sie engen ihm die Brust und rauben + Den Atem ihm. Er will's nicht glauben + Und sinnt dem Grund nach und beginnt + Zu weinen wie ein schwaches Kind. + + * * * * * + + + Meditationen + + Der Augenblick, da wunderbar + Ein Auserkorner im Gefühl + Der höchsten Kraft und Selbsterkenntnis + Erfaßt des Daseins höchstes Ziel, + Der sei gesegnet immerdar. + Nicht leerer Träume Schattenpracht + Und nicht des Ruhmes Flitterglanz + Stört ihn und lockt bei Tag und Nacht + Ihn in den lauten Wirbeltanz + Der Welt. Sein Sinn hat junge Kraft, + Ist Ansporn ihm und einz'ger Rat, + Reizt ihn und treibt die Leidenschaft + Zu Edlem ihn und großer Tat. + Für sie setzt er sein Leben ein; + Mag auch der Torenpöbel schrein, + Er wird lebend'ger Trümmer wegen + Nicht wankend, denn er hört allein + Der Enkelzeit rauschenden Segen. + + * * * * * + + Wenn aber Trug und Traumgestalten + Mit Sucht nach Glanz ein Herz beseelen, + Dem Willenskraft und Härte fehlen, + Im Wirrwarr standhaft sich zu halten, + Dann ist es besser, ohne Fülle + Das Feld des Lebens zu durchmessen, + In der Familie, in der Stille + Des Weltenlärmes zu vergessen. -- -- + + + Achtzehntes Bild + + Die Sterne gehen auf in Harmonie. + Mit mildem Blicke schweifen sie + Ob all der Schlafversunkenheit + Als Wächter leisen Menschenschlummers. + Sie senden Ruh' der Guten Leid, + Und Bösen -- des Gewissenskummers + Todbringend Gift. -- Was schickt ihr nicht + Der Trübsal Frieden jetzt? Ihr seid + Des Menschen Freude, tröstend Licht. -- + Wenn seine Blicke voller Leid + Und Kummer flehend an euch haften, + Hört er den Streit der Leidenschaften + Im Herzen; und er ruft euch laut, + Bis er die Schmerzen euch vertraut. -- + Noch ist Luise traurig-müd; + Und noch entkleidet nicht; sie blickt + Verträumt, weil aller Schlaf sie flieht, + Noch in die Herbstnacht unverrückt. + Ihr Sinn beschwört das alte Bild. + Da füllt sie Heiterkeit und weitet + Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt, + Das am Spinett sie froh begleitet. + + Das Laub fällt raschelnd von den Bäumen, + Durch die der Hofzaun blinkt. -- Hans steht + In des Vergessens süßen Träumen, + Vom Mantel eingehüllt, und späht + Und lauscht. -- Soll er noch länger säumen? -- + Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange + Der Stimme, die ihm nicht geklungen + Seit seiner Trennung, die ihm lange, + So lange, lange nicht gesungen! + Das Lied, das heißer Leidenschaft, + Das, sangesfrohem Mut entquollen + Und all dem Übermaß der Kraft, + Begeistert einst und froh erschollen, + Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen + Der Blätter wonnesam entgegen: + + Dich rufe ich! Ich rufe dich, + Des Lächeln mich bezaubert hat, + Mein Lieb! Viel Stunden setze ich + Mich zu dir, und es sehen sich + Die Augen doch an dir nicht satt. + + Du singst: -- geheimnisvolle Klänge, + Des Herzens reinste Töne hallen + Und zittern durch die Luft und schallen + Wie Schlag von tausend Nachtigallen, + Als ob ein Silberbach mir sänge. + + Schnell zu mir! Lehn' dich an mich, schnelle, + Durchbebt von Gluten, wundersamen. + Dein Herz brennt in der Stille helle, + Und deine Ruh' strömt Well' auf Welle + In mich die heißen Liebesflammen. + + Bist du mir fern, dann quält mich Wehe. + Vergessen gibt es nicht für mich. + Wenn ich erwach', zur Ruhe gehe, + Stets bete ich und stets erflehe + Ich Glück, mein Engel, nur für dich! -- + + * * * * * + + War's Täuschung, was sie sah? Es sprühten + Zwei Feuer auf; zwei Augen glühten + Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm, + Wie jemand seufzend näher kam. + Angst packt sie, Zittern fällt sie an; + Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann + Solch wundersames Wiedersehen, + Kann der Gefühle eignen Bann, + Der Blicke Flammensprach' verstehen? + Wer kann die Feuerworte finden, + Zu schildern recht, wie das Empfinden, + Aufwogend wild, die Brust durchspült + Und unser tiefstes Herz durchwühlt? + Man bebt, erblaßt, vor Freude schwach. + Gedanken, Worte fehlen; ach, + Voll Seligkeit entringt im Überschwang + Der Brust sich nur ein heller Klang. + + * * * * * + + Hans faßt allmählich sich. Er blickt + Durch Tränen ihr ins Angesicht + Und denkt: »In Traum bin ich entrückt; + Erwachte ich doch ewig nicht! + Sie ist noch die, die mich umfaßt + Mit kindlich innigem Verlangen. + Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last + Der Trauer. Wie verhärmt, verblaßt + Ist jetzt das frische Rot der Wangen. + Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen + Zu finden, floh von ihrem Herzen.« + Des Leidensschlafes Schwere sank + Von ihm; gesund und ruhig ward + Er wieder, er, den Stürme lang + Geschüttelt, wild durchtobt und hart. -- + So strahlt die Welt stets sonnenblank + Aufs neu. -- In Glut gehärtet Stahl + Glänzt stärker, heller tausendmal. -- + Die Gäste zechen. Ihre Runde + Gehn Glas und Becher und erklingen. + Die Alten plaudern manche Stunde. + Derweil sich heiß im Tanze schwingen + Die Jünglinge, da lärmt und schallt + Die heiterste Musik. In Saus und Braus + Herrscht Freude über Alt und Jung; + Und gastlich ladend lacht das Haus. + Der Bäuerinnen junge Schar + Bringt blaue Veilchen für die Braut, + Dem Bräut'gam Flammenrosen dar. + Sie schmücken das verliebte Paar. + »Bleibt lang noch jung,« so hallt es laut, + »Blüht, wie hier diese Veilchen blühn + Vom Felde, frisch und immer grün. + Mag euer Herz von Liebe, schaut, + Wie dieser Rosen Feuer glühn!« + + * * * * * + + Von Zärtlichkeit ganz hingerissen + harrt Hans erbebend schon. Sein Blick + Ist helle Freude, tiefes Glück. + Sein Herz will unverstellt genießen, + Nachdem des Zwanges Panzerkleid + Gefallen ist, die Seligkeit. + Euch, Träume voller Trug und List, + Wird nun nicht mehr vergöttern er, + Der ird'scher Schönheit Diener ist. -- + Doch was umdüstert ihn so schwer? + (Unfaßlich ist des Menschen Art!) + Von seinen Träumen scheidend, starrt + Er ihnen trauernd nach, verloren, + Wie einem, dem er Treu' geschworen. -- + So harrt der Schüler vor dem Schlage + Der Glocke am ersehnten Tage + Des letzten Unterrichts. Ganz voll + Von Plänen und vor Freude toll, + Spinnt er sich Träume. Ohne Klage, + Zufrieden mit der Welt und sich in lang + Entbehrter Freiheit Überschwang. + Doch wenn die Abschiedsstunde naht + Von Haus und Freund und Kamerad, + Mit denen Arbeit er und Ruh', die Zeit + Geteilt und Lust an tollen Streichen, + Dann seufzt er wohl und Tränen schleichen + Ins Aug' ihm, und er fühlt ein Leid. -- + + + Epilog + + Es heben in der Öde sich und steigen + In meines Tempels Einsamkeit, + Die unerkannt und unentweiht + Von eines Menschen Fuß, im Schweigen + Der Seele Träume auf. Wie weit + Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen? + Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht? + Wird einer Jungfrau heißes Herz sich neigen, + Wird eines Jünglings Sinn durch sie befreit? + Voll ungewollter Rührung singe + Mein Lied ich, rätselhaft erregt, + Das stille Lied, das mich bewegt + Und das ich dir als Loblied bringe, + Mein Deutschland! Hoher Pläne Land, + Der Feen und Geister Königtum, + Mein Herz ist voll von deinem Ruhm! + Der große Goethe hält die Hand + Als Schutzgeist über dein Gedeihn. + Mit seinen hohen Liedern bannt + Er jede Not von dir und Pein. -- -- + + + + + Beilage + Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski + + + I. + Gogols Brief an Bjelinski + + Um den 20. Juni 1847 (neuen Stils). + +Ich habe Ihren Aufsatz über mich im »Sowremennik« mit schmerzlichem +Bedauern gelesen -- nicht deshalb, weil mich die Art, wie Sie mich vor +allen herabzusetzen suchen, verletzt, sondern weil mir aus diesem +Aufsatz die Stimme eines Menschen entgegentönt, der mir zürnt. Ich aber +wünsche keinen Menschen, selbst keinen solchen, der mich nicht liebt, +gegen mich aufzubringen, am wenigsten Sie, von dem ich geglaubt habe, +daß er mich liebt. Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie durch eine +Stelle in meinem Buche zu betrüben. Wie konnte es nur geschehen, daß in +Rußland alle Menschen bis auf den letzten so über mich aufgebracht +waren? Das ist etwas, was ich bisher noch nicht zu verstehen vermag. Die +Östlinge, die Westlinge und die, die eine neutrale Stellung einnehmen, +sie alle fühlen sich schmerzlich berührt. Es ist wahr, ich wollte jedem +von ihnen einen kleinen Schlag versetzen, ich hielt das für nötig, weil +ich es an meiner eigenen Haut gespürt hatte, wie notwendig so etwas ist +[wir alle hätten etwas mehr Demut und Bescheidenheit nötig], aber ich +habe nicht geglaubt, daß die Schläge, die ich austeilte, so plump, so +ungeschickt und so verletzend ausfallen würden. Ich dachte, man würde +mir das alles großmütig verzeihen, und mein Buch würde den Grund zu +einer allgemeinen Versöhnung und nicht zu Streit und Zwietracht legen. +Sie haben mein Buch mit dem Auge eines zornigen, verärgerten Menschen +gelesen, und daher haben Sie alles unrichtig ausgelegt. Sehen Sie über +alle die Stellen hinweg, die bisher noch für viele, wenn nicht gar für +alle ein Rätsel, achten Sie vor allem auf die, die jedem gesunden und +einsichtsvollen Menschen verständlich sind, und Sie werden erkennen, daß +Sie sich in vielen Punkten geirrt haben. + +Ich habe nicht vergebens alle meine Leser angefleht, mein Buch mehrmals +zu lesen, da ich alle Mißverständnisse, denen es ausgesetzt sein würde, +schon vorausahnte. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht, ein Buch zu +beurteilen, das so eng mit der ganzen geistigen Entwicklung seines +Autors zusammenhängt, der lange Zeit im Verborgenen und ganz in sich +selbst zurückgezogen lebte und unter seiner Unfähigkeit, sich +auszudrücken, litt. Es war ja auch kein leichter Entschluß, sich selbst +an den Pranger zu stellen und dem allgemeinen Gespött auszusetzen, indem +man einen Teil seiner inneren Entwicklung, deren wahrer Sinn nicht so +bald verstanden wird, der Öffentlichkeit preisgab. Schon dieses Wagnis +allein hätte einen gescheiten Menschen nachdenklich stimmen und ihn +veranlassen müssen, mit der Abgabe seines Urteils über das Buch zu +warten und es zu verschiedenen Stunden und in einer ruhigeren, mehr zur +aufrichtigen Rechenschaftsablage über sich selbst geeigneten +Geistesstimmung aufs neue zu überlesen, denn nur in solchen Augenblicken +ist die Seele fähig, eine andere Seele zu verstehen, mein Buch ist aber +eine durchaus seelische, geistige Angelegenheit. Sie hätten dann +sicherlich nicht diese unüberlegten Folgerungen daraus gezogen, von +denen Ihr Aufsatz strotzt. Wie kann man zum Beispiel daraus, daß ich +gesagt habe, die Kritiker, die von meinen Fehlern und Mängeln reden, +enthielten viel Richtiges, folgern, die Kritiker, die meine Vorzüge +hervorgehoben haben, hätten unrecht. Eine solche Logik kann nur dem +Kopfe eines zornigen Menschen entspringen, der nur nach etwas sucht, was +ihn reizen und ärgern muß, und der einen Gegenstand nicht ruhig von +allen Seiten in Betracht zieht. Ich habe es mir in meinem Geiste lange +überlegt, wie ich mich über die Kritiker äußern sollte, die meine +Vorzüge hervorgehoben und anläßlich meiner Werke viele schöne Gedanken, +die die Kunst betrafen, ausgesprochen haben; ich wollte die Vorzüge und +die ästhetischen Gefühlsnuancen eines jeden von ihnen unvoreingenommen +feststellen und charakterisieren; ich wartete nur auf den Augenblick, wo +ich etwas hierüber sagen konnte, oder richtiger, wo es mir anstehen +würde, hierüber zu sprechen, damit man nachher nicht erklären sollte, +daß ich ein eigennütziges Ziel im Auge gehabt und mich nicht allein und +ganz vorurteilslos von meinem Gerechtigkeitsgefühl hätte lenken lassen. +Schreiben Sie die unbarmherzigsten Kritiken, wählen Sie die bittersten +Worte, über die Sie verfügen, um einen Menschen herabzusetzen, tragen +Sie das Ihre dazu bei, mich in den Augen Ihrer Leser lächerlich zu +machen, ohne die empfindlichsten Seiten des vielleicht zartfühlendsten +Herzens zu schonen -- meine Seele wird dies alles ertragen, wenn auch +nicht ohne Schmerz und ohne schmerzliche Erschütterungen; aber es ist +bitter, sehr bitter für mich -- dies erkläre ich Ihnen ganz aufrichtig +-- zu wissen, daß selbst ein böser Mensch Haß und Zorn gegen mich in +seinem Herzen hegt; und Sie habe ich doch für einen guten Menschen +gehalten. Dies der aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle. + + N. G. + + + II. + Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch + + Frankfurt, den 20. Juni (1847). + +Du wunderst dich, daß ich so begierig bin, zu hören, was man über mein +Buch spricht. Das kommt daher, weil ich sehr begierig bin, die Menschen +kennen zu lernen, und aus den Urteilen über mein Buch gewinne ich doch +etwas wie eine Vorstellung von den Menschen mit all ihrem Wissen und +ihrer Unwissenheit; was jedoch viel wichtiger ist, dadurch gewinne ich +einen Einblick in ihre Seelenverfassung, die für mich noch weit +bedeutsamer ist, als ihre äußere Charakteristik, und die ich, wie du +selbst zugeben wirst, ohne mein Buch nie hätte kennen lernen können. +Übrigens, da wir gerade darüber reden: Vor einigen Tagen las ich +_Bjelinskis_ Kritik im zweiten Heft des »Zeitgenossen« (Sowremennik). Er +scheint zu glauben, daß das ganze Buch auf ihn gemünzt ist, und hat aus +ihm einen offenen Angriff gegen alle, die seine Ansicht teilen, +herausgelesen. Das ist ganz falsch; in meinem Buche sind, wie du siehst, +Angriffe gegen alle und gegen alles enthalten, was sich ins Maßlose +verliert. Wahrscheinlich hat er die »Leithämmel«[6] auf sich bezogen, +und doch galt diese Bemerkung bloß den Journalisten im allgemeinen. +Diese Gereiztheit hat mich sehr betrübt, nicht wegen der harten Worte, +die ich angeblich nicht zu ertragen vermag -- du weißt doch, daß ich die +härtesten Worte vertragen kann --, sondern weil dieser Mensch doch +immerhin während zehn Jahren, trotz aller Übertreibungen und +Maßlosigkeiten, mit Teilnahme und Sympathie von mir gesprochen und dabei +doch auch in ganz richtiger Weise auf viele Züge in meinen Werken +aufmerksam gemacht hat, die die anderen nicht bemerkt haben, obwohl sie +glaubten, ein viel besseres Verständnis für diese Dinge zu besitzen als +er. Ich müßte undankbar gegen diese Menschen sein, wo ich es doch +verstehe, selbst denen gerecht zu werden, die nichts als Mängel und +Fehler in mir entdecken und nur auf diese hinweisen! Aber gerade das +Gegenteil trifft zu: in diesem Falle habe ich mich nur getäuscht; ich +hielt Bjelinski für größer und glaubte nicht, daß er solch einer +kurzsichtigen Ansicht und solch kleinlicher Folgerungen fähig sei. Ich +weiß nicht, warum es einem so schwer wird, den Vorwurf der Undankbarkeit +zu ertragen, aber für mich war dieser Vorwurf schwerer als alle anderen +Vorwürfe, weil meine Seele tatsächlich sehr zur Dankbarkeit neigt, und +ich bin gerne dankbar, weil mir das selbst Genuß bereitet. Bitte sprich +hierüber mit Bjelinski und schreibe mir, welches seine Stimmung gegen +mich ist. Wenn ihm die Galle überläuft und er eine Wut gegen mich hat, +so mag er sie im »Zeitgenossen« (Sowremennik) an mir auslassen und zwar +in jeder Form, die ihm recht ist, nur soll er sie nicht wider mich in +seinem Herzen hegen[7]. Wenn sich jedoch sein Unmut gelegt haben sollte, +so gib ihm den beifolgenden Brief zu lesen, den du gleichfalls lesen +darfst. + +[Fußnote 6: Vergl. Band 7: Von der Odyssee.] + +[Fußnote 7: Hierauf erwiderte Prokopowitsch: »Mir scheint, du bist sehr +im Irrtum, wenn du glaubst, daß Bjelinski seinen Aufsatz geschrieben +hat, weil er deine Ausfälle gegen die Journalisten im allgemeinen auf +sich bezogen hat. Ich kenne Bjelinski schon lange und kann nicht anders, +als fest davon überzeugt sein, daß er nie eine Zeile geschrieben hat, um +sich für eine persönliche Kränkung zu rächen.«] + +Aus alledem ersehe ich, daß ich genötigt sein werde, einige Erklärungen +über mein Buch abzugeben, weil nicht nur Bjelinski, sondern selbst +solche Leute, die mich und meine Persönlichkeit doch weit besser kennen +könnten als er, so seltsame Schlüsse aus meinem Werke ziehen, daß man +einfach starr ist. Offenbar enthält es weit mehr Dunkelheiten und +Unklarheiten, als ich selbst darin finde ... + + + III. + Bjelinskis Brief an Gogol + +Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines +_verärgerten_ Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu können. Dieses +Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu +charakterisieren, in die mich die Lektüre Ihres Briefes versetzt hat. +Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatsächlich +nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über die Verehrer Ihres Talentes +zurückführen. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund. +Eine Kränkung, eine Verletzung unseres Selbstgefühls läßt sich noch +ertragen, und ich wäre vernünftig genug gewesen, über diesen Gegenstand +zu schweigen, wenn es sich bloß darum gehandelt hätte; was der Mensch +jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefühls, +seiner Menschenwürde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem +Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lüge und +Unsittlichkeit für Wahrheit und Tugend ausgibt. + +Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft +geliebt, mit der ein Mensch -- den die Bande des Blutes mit seinem +Vaterlande verknüpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm -- einen +seiner großen Führer auf dem Wege zum Selbstbewußtsein, zum Fortschritt +und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begründeten Anlaß, einen +Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine +solche Liebe einbüßten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube, +meine Liebe sei ein würdiger Lohn für ein großes Talent, sondern +deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern +viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen +und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin +nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Empörung +zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von +dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die +unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie +alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen +sind. Sie sehen selbst, daß sogar Menschen von derselben Geistesrichtung +wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen. +Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen Überzeugung wäre, +selbst dann müßte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und +wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die +man kennen muß, um sich nicht über ihren Beifall zu freuen) das Buch für +einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege +über den Himmel einem höchst irdischen Ziel nachzujagen, -- so sind Sie +allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich, +erstaunlich ist nur das, daß Sie sich darüber wundern. Ich glaube, das +käme daher, weil Sie Rußland _nur als Künstler_ so tief und gründlich +kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem +phantastischen Buche mit so wenig Glück auf sich genommen haben. Und das +nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern +deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewöhnt haben, +Rußland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch +bekannt, daß nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so +zu sehen, wie man sie gerne sehen möchte; denn Sie leben ja auch in +dieser _schönen Ferne_ ganz für sich und in sich selbst, bleiben ihr +selbst fremd und bewegen sich in dem einförmigen Kreise gleichgestimmter +oder doch solcher Menschen, die nicht kräftig genug sind, sich Ihrem +Einfluß zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, daß Rußlands +Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus, +sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklärung und +der Humanität liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es +genug gehört!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es +braucht, ist, daß das Volk zum Gefühl seiner Menschenwürde erweckt wird, +ein Gefühl, das ihm für Jahrhunderte durch den Schmutz und die +Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht, +sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern +wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und +eine möglichst strenge und pünktliche Erfüllung dieser Gesetze. Statt +dessen aber bietet Rußland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem +Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu +können, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen, +die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in +dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen +Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Waßjka, Stjoschka, Palaschka +titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien für die +Integrität der Persönlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht +einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen +aller möglicher Diebe und Räuber in Ämtern und Würden gibt! Die +aktuellsten nationalen Fragen, die das Rußland von heute bewegen, sind +folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der +Prügelstrafe und die Sorge für eine möglichst strenge Durchführung zum +mindesten _der_ Gesetze, die es heute schon gibt. Das fühlt sogar die +Regierung selbst (die sehr gut weiß, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern +behandeln, und wie viele von den ersten alljährlich durch die Hand der +letzten umkommen), was durch die schwächlichen, fruchtlosen und halben +Regierungsmaßnahmen zugunsten der weißen Neger und durch die komische +Einführung der einschwänzigen Knute an Stelle der dreischwänzigen +Peitsche dokumentiert wird. + +Das sind die Fragen, die ganz Rußland während seines apathischen +Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein +großer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, künstlerischen, von +tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung +Rußlands zum Selbstbewußtsein mitgearbeitet und ihm die Möglichkeit +gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche +auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche +unterweist, wie sie ihren Bauern möglichst viel Geld abnehmen können, +und sie belehrt, daß sie sie möglichst viel schimpfen sollen ... Und das +sollte mich nicht empören? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben +unternommen hätten, könnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser +schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, daß man an die +Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein! +Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen +teuflischen Lehre erfüllt wären, so hätten Sie in Ihrem neuesten Buche +etwas ganz anderes geschrieben. Sie hätten zum Gutsbesitzer gesagt: Da +seine Bauern seine Brüder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der +Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet, +ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft +möglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die +Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen müßten, wie +unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhältnis +sei. + +Und dann der Ausdruck: »_O du ungewaschenes Maul!_« Welchem Nosdrjow, +welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der +Welt als eine große Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu +überliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie +ihren Brüdern glauben und sich selbst nicht für Menschen halten? Und +Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal +Sie in der törichten Redensart erblicken, daß man sowohl den, der recht, +wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch +ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit häufiger den +prügelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe +loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem +Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis +eines mühsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen +geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmöglich! Entweder Sie sind krank +... dann müssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich +wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute, +Apostel der Unwissenheit, Vorkämpfer des Obskurantismus und der +finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten -- was tuen Sie! +Blicken Sie vor sich hin -- Sie stehen vor einem Abgrund. Daß Sie für +diese Lehre eine Stütze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe +ich noch: sie war ja doch stets die Stütze der Knute und die Bediente +des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein? +Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber +der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den +Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und +Brüderlichkeit verkündete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein +Martyrium bekräftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so +lange das _Heil_ der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche +zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage +machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgemäß eine +Vorkämpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine +Feindin und Verfolgerin der Brüderlichkeit unter den Menschen -- und das +ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre +Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen +Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der +in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die +Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslöschte, natürlich in weit +höherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von +Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und +Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das weiß +doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich +möglich sein, daß Sie, der Verfasser des »Revisors« und der »Toten +Seelen«, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niederträchtige +russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch über die +katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wußten nicht, daß +diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, während die erste nie etwas war, +als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; -- wie --? sollten +Sie denn wirklich nicht wissen, daß unsere Geistlichkeit vom ganzen +russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem +erzählt das russische Volk obszöne Anekdoten? Vom Popen, von der +Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in +Rußland der Pope für jeden Russen der Inbegriff der Gefräßigkeit, des +Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie +alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk +das religiöseste Volk der Welt. Das ist eine Lüge. Die Grundlage der +Religiosität ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der +Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht +... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut -- so betet man zu +ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen -- so deckt man die Töpfe mit +ihnen zu. + +Blicken Sie aufmerksamer hin und Sie werden sich überzeugen, daß dies +ein seinem innersten Wesen nach von Grund aus atheistisches Volk ist. Es +besitzt noch sehr viel Aberglauben, aber keine Spur von Religiosität. +Der Aberglaube verschwindet mit dem Fortschritt der Zivilisation, die +Religiosität aber erhält sich daneben und verträgt sich häufig mit ihm: +ein lebendiges Beispiel dafür ist Frankreich, wo es auch heute noch +unter den aufgeklärten und gebildeten Leuten viele aufrichtige +Katholiken gibt und wo viele zwar das Christentum aufgegeben haben, +dennoch aber noch an einem Gott festhalten. Nicht so das russische Volk: +mystische Exaltationen liegen nicht in seiner Natur; dazu besitzt es +viel zu viel gesunde Menschenvernunft, Klarheit und positiven Verstand, +und darin liegt vielleicht gerade die Gewähr für die Größe seiner +künftigen historischen Schicksale. Die Religiosität hat nicht einmal in +der Geistlichkeit Wurzel geschlagen, denn die wenigen eximierten +Persönlichkeiten, die sich durch eine solche kalte asketische +kontemplative Geisteshaltung auszeichneten, beweisen noch nichts. Die +Mehrzahl unserer Geistlichen dagegen sind nur durch dicke Bäuche, +scholastische Pedanterie und rohe Unwissenheit ausgezeichnet. Man würde +ihnen unrecht tun, wenn man ihnen religiöse Intoleranz und Fanatismus +vorwerfen wollte, man hätte eher noch Grund, ihren vorbildlichen +Indifferentismus in Sachen des Glaubens zu loben. Echte Religiosität +findet sich bei uns nur bei den Sektierern und Ketzern, die in einem +solchen Gegensatz zu dem Volksgeist stehen und deren Anzahl im Vergleich +zu der Masse des Volkes gar nicht ins Gewicht fällt. + +Ich will nicht näher auf Ihren Dithyrambus auf das Band der Liebe +eingehen, das das russische Volk mit seinem Herrscher verknüpft. Ich +will es ohne Umschweife aussprechen: dieser Dithyrambus hat bei niemand +Sympathie gefunden und hat Ihnen selbst bei solchen Leuten geschadet, +die Ihnen in anderer Hinsicht, d. h. in ihren Anschauungen, sehr nahe +stehen. Was mich persönlich anbetrifft, so überlasse ich es Ihrem +Gewissen, ob Sie sich noch weiter verzückt in die Betrachtung der +göttlichen Schönheit des Selbstherrschertums versenken wollen (das ist +sehr bequem und daher sehr -- einträglich), nur bitte ich Sie, seien Sie +vernünftig und betrachten Sie es aus Ihrer _schönen Ferne_; aus der Nähe +gesehen ist es viel weniger schön und auch nicht so ungefährlich. -- Ich +will hier nur eins bemerken: wenn ein Europäer, besonders ein Katholik, +von dem religiösen Geist ergriffen wird, wird er zum Ankläger, der sich +gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit der Machthaber wendet, wie die +jüdischen Propheten, die die Ungerechtigkeiten und Missetaten der +Mächtigen an den Pranger stellten. Bei uns dagegen ist es umgekehrt: +wenn ein Mensch (selbst ein anständiger) von der Krankheit, die bei den +Psychiatern unter dem Namen _religiosa mania_ bekannt ist, ergriffen +wird, dann fängt er sofort an, dem irdischen Gotte mehr Weihrauch zu +spenden als dem himmlischen; dabei aber übertreibt er gleich und wird so +maßlos, daß der Gott, selbst wenn er ihn für seinen sklavischen +Diensteifer belohnen wollte, sieht, daß er sich damit vor der +Gesellschaft kompromittieren würde. -- Wir sind halt dumme Kerle --, wir +Russen. + +Hierbei fällt mir noch ein, daß Sie in Ihrem Buche behaupten und es als +eine große Wahrheit hinstellen, daß Lesen und Schreiben dem einfachen +Volke nicht nur nicht nützen, sondern sogar geradezu schaden würde. Was +soll ich Ihnen darauf sagen? + +Möge Ihnen Ihr byzantinischer Gott diesen byzantinischen Gedanken +verzeihen, wenn Sie nicht gewußt haben sollten, was Sie sagten, indem +Sie ihn niederschrieben. -- Aber vielleicht werden Sie entgegnen: »Es +ist möglich, daß ich mich geirrt habe und daß alle meine Gedanken falsch +sind, warum aber will man mir das Recht nehmen, mich zu irren, und warum +will man nicht an die Aufrichtigkeit meiner Irrtümer glauben?« Darauf +antworte ich Ihnen folgendes: weil eine solche Anschauung in Rußland +schon lange nichts Neues mehr ist. Erst vor kurzem ist sie von +Buratschok und Genossen in erschöpfender Weise vertreten worden. +Natürlich steckt in Ihrem Buche weit mehr Verstand und sogar Talent, als +in ihren Werken, obwohl es nicht allzu reich an beiden ist, dafür aber +haben jene die Ihnen gemeinsame Lehre mit viel größerer Energie und mit +weit größerer Konsequenz vertreten, sie sind kühn bis zu ihren letzten +Ergebnissen vorgedrungen, haben alles dem byzantinischen Gotte geopfert +und nichts für den Satan übriggelassen, während Sie jedem von beiden +eine Kerze stiften wollten, sich hierdurch in Widersprüche verwickelten +und für Puschkin, die Literatur und das Theater eintraten, die von Ihrem +Standpunkt aus, wenn Sie nur ehrlich genug gewesen wären, um konsequent +zu sein, nichts zum Heil unserer Seele, wohl aber sehr viel zu ihrem +Verderben beitragen können ... Wessen Hirn aber hätte den Gedanken von +der Identität Gogols und Buratschoks ertragen können? Sie haben sich +einen viel zu hohen Platz in der Meinung des russischen Publikums +erobert, als daß es Ihnen die Aufrichtigkeit solcher Überzeugungen zu +glauben vermöchte. Was uns bei einem Toren natürlich vorkommt, kann uns +bei einem genialen Mann nicht so erscheinen. Es gibt Menschen, die auf +den Gedanken gekommen sind, Ihr Buch sei die Frucht einer geistigen +Störung, die ganz positiv an Wahnsinn grenzt. Aber sie haben diese +Folgerung bald wieder fallen gelassen -- denn es ist doch ganz klar, daß +dies Buch nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder in einem +Monat, sondern vielleicht während eines ganzen Jahres geschrieben wurde, +oder daß Sie gar zwei oder drei Jahre lang daran gearbeitet haben; alles +darin hängt sehr genau zusammen, selbst die nachlässige Darstellung läßt +erkennen, daß viel Überlegung darin steckt, daß es wohl durchdacht ist. +Ein Hymnus auf die höchsten Machthaber ist ja doch auch sehr geeignet, +dem frommen Autor eine angenehme und gesicherte irdische Existenz zu +verschaffen. Das war der Grund, weshalb sich in Petersburg das Gerücht +verbreitete, Sie hätten dieses Buch geschrieben, um Erzieher bei dem +Sohne des Thronfolgers zu werden. Schon früher ist in Petersburg einer +Ihrer Briefe an Uwarow bekanntgeworden, in dem Sie mit Schmerz davon +sprechen, daß man in Rußland Ihre Werke falsch auslegt, Ihre +Unzufriedenheit mit Ihren früheren Schriften äußern und erklären, Ihre +Werke würden Sie erst dann befriedigen, wenn Sie den Beifall des Zaren +fänden. Und nun urteilen Sie selbst, ob man sich wundern kann, daß Ihr +Buch Ihnen beim Publikum sowohl als Schriftsteller, noch viel mehr aber +als Mensch geschadet hat. + +Sie verstehen, wie ich sehe, das russische Publikum nicht recht. Sein +Charakter wird durch die Situation bestimmt, in der sich die russische +Gesellschaft befindet. In ihr regen sich frische Kräfte, die nach außen +drängen, jedoch durch den schweren Druck, der auf ihr lastet, gehemmt +werden und, da sie keinen Ausweg finden, nichts wie Trübsinn, +Melancholie und Apathie erzeugen. Nur in der Literatur regt sich trotz +der tatarischen Zensur noch etwas wie Leben und Fortschritt. Daher ist +auch der Schriftstellerberuf bei uns etwas so Edles und Hohes, und daher +wird es bei uns selbst dem kleinsten Talent so leicht, einen +literarischen Erfolg zu erringen. Der Name des Poeten, der Titel des +Literaten haben bei uns schon längst den glänzenden Flitter der +Epauletten und der bunten Uniformen verdunkelt. Das ist auch der Grund, +weshalb bei uns jede sogenannte literarische Tendenz und Bewegung, +selbst bei einem geringen und dürftigen Talent, auf den Lohn der +allgemeinen Beachtung rechnen darf, und warum die Popularität der großen +Talente so schnell dahinsinkt, die ihre Kräfte aus ehrlicher Überzeugung +oder aus unehrlichen Motiven in den Dienst der Orthodoxie, des +Absolutismus und des Nationalismus stellen. Das treffendste Beispiel +hierfür ist Puschkin, der nur zwei oder drei untertänige Gedichte zu +schreiben und die Kammerjunkerlivree anzulegen brauchte, um mit einem +Schlage die Liebe seines Volkes zu verlieren! Sie sind in einem großen +Irrtum befangen, wenn Sie allen Ernstes glauben, daß der Mißerfolg Ihres +Buches nicht seiner schlimmen Tendenz, sondern der Härte der Wahrheiten +zuzuschreiben sei, die Sie allen und jedem ins Gesicht gesagt hätten. +Das konnten Sie vielleicht von den Literaten glauben, wie aber paßte das +Publikum in diese Kategorie? Wäre es wirklich möglich, daß Sie ihm im +»Revisor«, in den »Toten Seelen« mit geringerer Schärfe und weniger +Wahrheit und Talent weniger bittere Wahrheiten gesagt haben sollten? Die +alte Schule zürnte und grollte Ihnen ja auch tatsächlich bis zur +Raserei, aber der »Revisor« und die »Toten Seelen« sind darum doch nicht +vergessen, während Ihr Buch schmählich vom Orkus verschlungen wurde. Und +das Publikum hat in diesem Falle recht: es sieht in den russischen +Schriftstellern seine einzigen Führer, seine Beschützer und Erretter aus +dem russischen Absolutismus, der Orthodoxie und dem Nationalismus, daher +ist es stets bereit, einem Schriftsteller ein _schlechtes_ Buch zu +verzeihen, nie aber wird es ihm ein _schädliches_ Buch vergeben. Das +beweist, wieviel frische gesunde Instinkte, wenn auch erst keimhaft, in +unserer Gesellschaft schlummern, und es beweist auch, daß diese +Gesellschaft eine Zukunft hat. Wenn Sie Rußland lieben, so freuen Sie +sich über die Niederlage Ihres Buches. + +Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit darf ich Ihnen sagen, daß ich das +russische Publikum ein wenig zu kennen glaube. Ihr Buch hat mich +erschreckt, weil ich es für möglich hielt, daß es einen schlechten +Einfluß auf die Regierung und auf die Zensur ausüben, nicht aber, weil +ich daran glaubte, daß es das Publikum in schlechtem Sinne beeinflussen +könnte. Als sich in Petersburg das Gerücht verbreitete, die Regierung +wolle Ihr Buch in vielen tausend Exemplaren drucken und zu ganz billigem +Preise verkaufen lassen -- wurden meine Freunde mutlos; ich sagte ihnen +jedoch sogleich, daß das Buch trotz alledem keinen Erfolg haben und daß +es bald vergessen sein werde. Und so lebt es ja auch heute tatsächlich +mehr in den Aufsätzen, die über es geschrieben wurden, als durch sich +selbst in der Erinnerung des Publikums weiter. Ja, der Russe hat einen +tiefen, obwohl noch unentwickelten Wahrheitsinstinkt. + +Ihr Appell mag ja vielleicht ganz aufrichtig gewesen sein, aber Ihr +Gedanke, dem Publikum davon Mitteilung zu machen, war äußerst +unglücklich. Die Zeiten naiver Frömmigkeit sind selbst für _unsere_ +Gesellschaft längst vorüber. Sie begreift schon, daß es ganz gleich ist, +wo man betet, und daß nur solche Leute Christus in Jerusalem suchen, die +ihn entweder nie in ihrem Busen getragen oder die ihn doch wieder +verloren haben. Wer da fähig ist, beim Anblick fremder Leiden selbst zu +leiden, wem es schwer wird, mitanzusehen, wie Menschen, die ihm völlig +fremd sind, bedrückt werden, -- der trägt Christus in seiner Brust und +der braucht nicht zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern. Die Demut und +Ergebung, die Sie predigen, ist nichts Neues und schmeckt erstlich nach +furchtbarer Überhebung und zweitens nach einer höchst schmachvollen +Herabsetzung der eigenen Menschenwürde. Der Gedanke, sich in ein +abstraktes Vollkommenheitsideal zu verwandeln und sich durch seine Demut +über alle anderen Menschen zu erheben, kann nur die Frucht des Hochmuts +oder des Schwachsinns sein und führt in beiden Fällen nur zur Heuchelei, +zum Pharisäertum und zum Chinesentum. Und dabei haben Sie sich erlaubt, +sich nicht nur in unsauberen und zynischen Ausdrücken über andere zu +äußern (das wäre schließlich nur eine Unhöflichkeit gewesen), nein, Sie +sprechen auch so von sich selbst -- und das ist einfach häßlich; denn +wenn ein Mensch, der seinen Nächsten auf die Backe schlägt, uns zur +Empörung reizt, so erregt ein Mensch, der sich selbst ohrfeigt, unsere +Verachtung. Nein, Ihr Geist ist verfinstert und nicht erleuchtet: Sie +haben weder den Geist, noch die Form des Christentums unserer Zeit +verstanden. Nicht die Wahrheit der christlichen Liebe, sondern +krankhaftes Todesgrauen und Furcht vor Hölle und Teufel spricht aus +Ihrem Buch. + +Und welch eine Sprache, was für Sätze sind das: »Die Menschen sind heute +allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden.« Glauben Sie +wirklich, daß das heißt, sich biblisch ausdrücken, wenn Sie sagen, die +Menschen sind allzumal, statt alle? Welch große Wahrheit ist es doch, +daß, wenn der Mensch sich gänzlich der Lüge hingibt, ihn auch Verstand +und Talent im Stich lassen. Wenn nicht Ihr Name unter dem Titel Ihres +Buches stünde, wer hätte gedacht, daß dieser geschwollene und wirre +Wort- und Phrasenflitter -- ein Werk des Verfassers der »Toten Seelen« +und des »Revisors« sein könnte! + +Was endlich mich selbst anbetrifft, so erkläre ich Ihnen nochmals: Sie +haben sich geirrt, wenn Sie meinen Aufsatz für eine Frucht der +Verärgerung hielten, die durch Ihr Urteil über mich als einen Ihrer +Kritiker hervorgerufen sei. Wenn mich nur dies allein empört hätte, dann +hätte ich mich auch wirklich nur über dies eine empört und ärgerlich +geäußert und über das andere ganz ruhig und unvoreingenommen gesprochen. +Freilich ist es ganz richtig, daß Ihr Urteil über Ihre Verehrer in +doppelter Hinsicht sehr unschön war. Ich erkenne an, daß es notwendig +sein kann, einem Toren zuweilen einen kräftigen Schlag zu versetzen, +wenn er uns durch seine Lobeserhebungen und seine Begeisterung +lächerlich macht, aber auch das ist eine _bittere_ Notwendigkeit, denn +es ist nicht angenehm, nicht ganz menschlich, einem Menschen -- selbst +für seine falsche, auf einem Irrtum beruhende Liebe -- mit Haß und +Feindschaft zu zahlen. Sie aber hatten, wenn auch nicht gerade Menschen +von auserlesenen Verstandesfähigkeiten, zum mindesten solche, die auch +keine Toren sind, im Auge. Diese Leute haben voller Bewunderung über +Ihre Werke weit mehr Geschrei gemacht, als sie Vernünftiges über sie +gesagt haben, immerhin aber stammte ihr Enthusiasmus aus einer so reinen +und edlen Quelle, daß Sie sie keinesfalls ihrem gemeinsamen Feinde +bedingungslos hätten ausliefern und ihnen noch den Vorwurf machen +dürfen, sie strebten danach, Ihren Werken eine falsche Deutung zu geben. +Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, weil Sie sich +von dem Grundgedanken Ihres Buches fortreißen ließen, während +Wjasemskij, dieser Fürst unter den Aristokraten und dieser Lakai unter +den Literaten, Ihren Gedanken weiter ausführte und eine private +Denunziation gegen Ihre Verehrer (also in erster Linie gegen mich) +veröffentlichte. Er hat dies wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen Sie +getan, weil Sie diesen erbärmlichen Reimschmied zu einem großen Dichter +gemacht haben, wahrscheinlich, und soviel ich mich erinnere, wegen +seines »matten an der Erde klebenden Verses«. Das alles ist nicht schön. +Daß Sie jedoch nur auf den Zeitpunkt gewartet haben, wo es Ihnen möglich +sein würde, auch den Verehrern Ihres Talents Gerechtigkeit widerfahren +zu lassen (nachdem Sie Ihren Feinden mit stolzer Bescheidenheit gerecht +geworden waren) -- das war mir unbekannt; ich konnte es nicht wissen und +hätte es, offen gestanden, auch nicht wissen wollen. Vor mir lag Ihr +Buch und nicht Ihre Absichten! Ich las es, las es hundertmal +nacheinander und konnte dennoch nichts darin finden als das, was darin +steht, und das, was darin stand, beleidigte und empörte meine Seele aufs +tiefste. + +Wenn ich meinem Gefühl freien Lauf lassen wollte, würde sich dieser +Brief bald in ein dickes Heft verwandeln. Ich habe nie daran gedacht, +Ihnen hierüber zu schreiben, obwohl ich vom qualvollen Wunsche danach +verzehrt wurde, und obwohl Sie allen und jedem öffentlich das Recht +gegeben hatten, Ihnen ganz ungeniert zu schreiben, da Sie keine andere +Rücksicht kennten, als die der Wahrheit. In Rußland hätte ich das nicht +tun können, da die dortigen »Schpekins« fremde Briefe öffnen, und zwar +nicht zu ihrem persönlichen Vergnügen, sondern weil sie dienstlich dazu +verpflichtet sind und um andere Leute zu denunzieren. Im Sommer dieses +Jahres trieb mich eine beginnende Schwindsucht ins Ausland, und +Nekrassow sandte mir Ihren Brief nach Salzbrunn nach, von wo ich heute +in Gesellschaft Annenkows über Frankfurt am Main nach Paris weiterreise. +Der unerwartete Empfang Ihres Briefes gab mir die Möglichkeit, Ihnen +alles zu sagen, was mir auf der Seele lag und was ich gegen Sie und Ihr +Buch empfand. Ich kann keine Halbheiten sagen und keine Winkelzüge +machen, das liegt nicht in meiner Natur. Mögen Sie oder die Zeit mich +belehren, daß ich mich in meinen Schlüssen über Sie geirrt habe. Ich +würde der erste sein, der sich hierüber freuen würde, aber ich werde nie +bereuen, was ich Ihnen gesagt habe. Hier handelt es sich nicht um meine +oder Ihre Person, sondern um etwas weit Größeres und Höheres, als ich +und selbst Sie sind, hier handelt es sich um die Wahrheit, um die +russische Gesellschaft, um Rußland. + +Und dies ist mein letztes Wort, mit dem ich schließe: wenn Sie den +unglücklichen Einfall hatten, Ihre wahrhaft großen Werke mit stolzer +Bescheidenheit zu verleugnen, so müssen Sie nun mit aufrichtiger Demut +Ihr letztes Buch abschwören und die schwere Schuld, die Sie durch seine +Veröffentlichung auf sich geladen haben, durch neue Schöpfungen wieder +gutmachen, die an Ihre früheren Werke erinnern. + + Salzbrunn, den 15. Juli 1847. + + + IV. + Gogol an Bjelinski[8] + +[Fußnote 8: Von diesem Brief ist nur das ursprüngliche Konzept +vorhanden. Es umfaßt zwei auf Briefpapier geschriebene Hefte in +Oktavformat. Beide Hefte wurden von Gogol in Stücke gerissen, so daß +jedem Heft ungefähr zehn Blätter entsprachen. Der russische Herausgeber +hat die einzelnen Stücke wieder aneinander gelegt und den ursprünglichen +Wortlaut nach Möglichkeit durch entsprechende Ergänzungen und +Einschaltungen wiederherzustellen gesucht. Die fehlenden Stellen sind +durch Punkte ersetzt.] + +Womit sollte ich meine Antwort auf Ihr Schreiben beginnen, wenn nicht +mit Ihren eigenen Worten: »Kommen Sie zu sich, Sie stehen am Rande eines +Abgrundes!« Wie weit sind Sie vom geraden Weg abgekommen! In welch +verzerrter, entstellter Gestalt erscheinen Ihnen die Dinge! Welch rohe, +ungebildete Vorstellung haben Sie von meinem Buche gefaßt! Wie haben Sie +es ausgelegt! ... Oh, mögen die heiligen Mächte Frieden in Ihre leidende +Seele gießen! Wozu mußten Sie den einmal gewählten friedlichen Weg gegen +einen anderen vertauschen? Was konnte herrlicher sein, als die Leser auf +die Schönheiten in den Werken unserer Schriftsteller hinzuweisen, ihre +Seele und ihre Geisteskräfte bis zum Verständnis alles Schönen zu +erheben, die Schauer der in ihnen geweckten Sympathie zu genießen und so +unmerklich auf ihre Seele einzuwirken? Dieser Weg hätte Sie zur +Versöhnung mit dem Leben geführt, Sie gelehrt, alles in der Natur zu +segnen. Jetzt dagegen fließt Ihr Mund von Haß und Galle über ... Wozu +mußten Sie mit Ihrer feurigen Seele sich in diesen Strudel des +politischen Lebens, in diese trüben Tageskämpfe stürzen, bei denen +selbst ein vielseitiger Geist seine Festigkeit und Umsicht verlieren +muß. Wie sollten Sie mit Ihrem einseitigen Geist, der die Explosivkraft +des Pulvers hat und sich schon entzündet, noch ehe Sie sich davon +überzeugt haben, was Wahrheit und was Lüge ist, wie sollten Sie da nicht +die Orientierung verlieren? Sie werden verbrennen wie eine Kerze und +auch andere mit sich in den Flammentod reißen ... Oh, wie tut mir mein +Herz in diesem Augenblicke weh um Ihretwillen! Wie, wenn auch ich +mitschuldig wäre? Wie, wenn auch meine Werke an Ihren Verirrungen +teilhätten? Aber nein, wenn ich alle meine früheren Werke betrachte, so +sehe ich, daß _sie_ Sie nicht irreleiten konnten ... Als ich sie +schrieb, hatte ich Ehrfurcht vor allem, wovor sich der Mensch beugen +muß. Mein Spott und mein Haß galten nicht der Obrigkeit und nicht den +_höchsten_ Gesetzen unseres Staates, sondern ihrem Zerrbild, den +Abweichungen, ihrer falschen Auslegung und den verkehrten Anwendungen. +Nirgends habe ich über den Kern des russischen Charakters und die +gewaltigen Kräfte, die in ihm schlummern, gespottet. Ich habe nur über +das Kleinliche und Nichtige gespottet, das nicht zu seinen +Charakterzügen gehört. Mein Fehler bestand darin, daß ich den Russen +noch nicht deutlich genug charakterisiert, sein Wesen nicht völlig +entfaltet, daß ich die tiefen Quellen, die in seiner Seele verborgen +liegen, nicht aufgedeckt habe. Aber das ist keine leichte Sache. Wenn +ich den Russen auch gründlich erforscht habe und wenn mir auch eine +gewisse hellseherische Begabung dabei behilflich sein konnte, so war ich +doch nicht durch mich selbst geblendet, meine Augen waren klar. Ich sah, +daß ich noch nicht reif genug war, um den Kampf mit Ereignissen, die +bedeutsamer und von höherer Art waren, als die, die bis dahin in meinen +Werken vorkamen, und mit stärkeren Charakteren aufnehmen zu können. +Alles konnte übertrieben und gewaltsam erscheinen. Und so geschah es +auch mit diesem Buch, über das Sie so hergefallen sind. Sie haben es mit +glühenden Augen betrachtet, und alles darin ist Ihnen in ganz anderem +Lichte erschienen, als es in Wirklichkeit ist. Sie haben es nicht +verstanden. Ich will mein Buch nicht verteidigen. Ich selbst habe es +schlecht gemacht und mache es noch schlecht. Ich habe mich bei seiner +Veröffentlichung einer Hast und Übereilung schuldig gemacht, die sonst +nicht in meinem besonnenen und vorsichtigen Charakter liegt. Aber das +Motiv war ehrlich. Ich wollte niemand mit dem Buch schmeicheln oder +Weihrauch streuen. Ich wollte nur ein paar allzu stürmische Köpfe zur +Besonnenheit mahnen, die im Begriffe waren, sich zu verirren und in +diesen Strudel und diese Unordnung zu stürzen, in die plötzlich alle +Dinge dieser Welt gestürzt waren, zu einer Zeit, wo der Geist in unserem +Innern sich zu umnachten schien und gleichsam erlöschen wollte. Ich bin +in Übertreibungen verfallen, aber ich versichere es Ihnen, ich habe es +selbst nicht gemerkt. Eigennützige Ziele aber habe ich weder früher +gehabt, als mich die Lockungen der Welt anzogen, noch viel weniger aber +jetzt, wo es Zeit ist, daß ich an meinen Tod denke ... Ich wollte mir +nichts dadurch erbetteln. Das liegt nicht in meiner Art. Gottlob, ich +habe meine Armut liebgewonnen und würde sie niemals gegen jene Güter +eintauschen, die Ihnen so verlockend erscheinen. Sie hätten doch +mindestens daran denken sollen, daß ich keinen Winkel mein eigen nenne, +ja ich bin sogar darum bemüht, meinen kleinen Reisekoffer möglichst zu +erleichtern, damit mir der Abschied von der Welt nicht zu schwer wird. +Sie hätten sich also hüten sollen, solche beleidigende Verdächtigungen +gegen mich zu schleudern, die ich offen gestanden nicht einmal gegen den +gemeinsten Schuft zu erheben den Mut gehabt hätte ... Sie entschuldigen +sich damit, daß der Brief im Zustande heftiger Empörung geschrieben ist. +Aber in welch einer Stimmung wagen Sie es, so respektlos von den +wichtigsten Dingen zu reden? + +Wie soll ich mich gegen Ihre Angriffe verteidigen, wenn Ihre Angriffe +ihr Ziel verfehlen? -- Nein, ein jeder von uns muß daran erinnert +werden, daß sein Beruf heilig ist. -- Er sollte daran denken, welch +strenge Rechenschaft von ihm gefordert werden wird ... Aber wenn der +Beruf eines jeden von uns heilig ist, so ist es vor allem das Amt +dessen, dem die schwere und furchtbare Pflicht zugefallen ist, für +Millionen zu sorgen. Ja wir müßten einander sogar an die Heiligkeit +unserer Pflichten mahnen. Ohne dies würde der Mensch in rein materiellen +Gefühlen versinken. -- Oder glauben Sie, das wisse kein Mensch in +Rußland? Sehen wir einmal genauer zu, woher das kommt. Rührt diese +Neigung zum Luxus und diese furchtbare Häufung der Laster nicht daher, +weil jeder sein _eigenes Steckenpferd_ hat? Der eine guckt nach England, +ein anderer nach Preußen, ein dritter nach Frankreich hinüber; der eine +schwört auf die einen Prinzipien, ein anderer auf andere; der eine kommt +uns mit dem einen Projekt, ein anderer mit einem anderen. Soviel Köpfe +soviel Sinne ... Und da sollte es bei einer solchen Uneinigkeit keine +Diebe und Gauner und kein Unrecht aller Art geben, wenn ein jeder sieht, +daß sich uns überall Hindernisse in den Weg stellen, wo ein jeder nur an +sich und daran denkt, wie er sich ein recht warmes Plätzchen verschaffen +könnte? ... Sie sagen, Rußlands Heil liege in der europäischen +_Zivilisation_; aber was ist das für ein unbestimmtes uferloses Wort? +Wenn Sie doch wenigstens klar definiert hätten, was man unter dem Namen +der europäischen Zivilisation verstehen soll! Dazu gehören sowohl die +Phalanstère, die Roten und alle möglichen Kategorien anderer Leute, die +allesamt bereit sind, einander aufzufressen, und die alle solch +umstürzlerische destruktive Prinzipien haben, daß in Europa jeder +denkende Kopf zittert und sich unwillkürlich fragt: wo ist denn nun +unsere Zivilisation? Ein leeres Phantom hat die Gestalt dieser +Zivilisation angenommen ... + +Wo haben Sie ferner die Meinung hergenommen, daß ich einen Hymnus auf +unsere Geistlichkeit gedichtet habe? Ich habe gesagt, die Predigt des +Priesters der morgenländischen Kirche solle in seinem Leben und in +seinen Taten bestehen. Und woher kommt dieser Geist des Hasses bei +Ihnen? Ich habe sehr viel schlimme Pfarrer gekannt und kann Ihnen sehr +viele komische Anekdoten über sie erzählen, aber dafür bin ich auch +solchen Priestern begegnet, über deren heiligen Lebenswandel und über +deren hohe Taten ich staunen mußte, und ich sah, daß sie Produkte +unserer morgenländischen und nicht solche der abendländischen Kirche +waren. Es ist mir also gar nicht eingefallen, einen Hymnus auf unsere +Geistlichkeit zu singen, die unsere Kirche schändet, wohl aber auf die +Geistlichen, die dazu beitragen, sie zu erhöhen. + +Wie merkwürdig ist doch meine Lage, daß ich mich gegen Angriffe +verteidigen muß, die sich alle gar nicht gegen mich und gegen mein Buch +richten! Sie sagen, Sie hätten mein Buch angeblich hundertmal gelesen, +während Ihre eigenen Worte davon zeugen, daß Sie es nicht ein einziges +Mal gelesen haben. Der Zorn hat Ihre Augen umnebelt und trägt die +Schuld, daß Sie nichts in seinem wahren Lichte gesehen haben. Hie und da +leuchtet ein Funke von Wahrheit inmitten eines ungeheuren Haufens von +Sophismen und unüberlegter jugendlicher schwärmerischer Verirrungen auf. +Aber welcher Mangel an Bildung! Wie kann man es wagen, bei so einem +geringen Fond von Kenntnissen von so großen Erscheinungen zu sprechen? +Sie scheiden die Kirche vom Christentum, dieselbe Kirche und dieselben +Priester, die durch ihren Märtyrertod die Wahrheit jedes Wortes, das aus +Christi Munde kam, besiegelt haben, von denen Tausende durch das Messer +und das Schwert des Mörders umkamen, für den sie beteten, bis sie +schließlich ihre Henker ermüdeten, so daß die Sieger den Besiegten zu +Füßen fielen und die ganze Welt sich zu ihrer Lehre bekannte. Und diese +selben Priester, diese Bischöfe und Märtyrer, die das Heiligtum der +Kirche auf ihren Schultern durch alle Fährnisse hindurchgetragen und +gerettet haben, wollen Sie von Christus scheiden, indem Sie sie falsche +Ausleger der Lehre Christi nennen! Wer kann denn dann heute Ihrer +Ansicht nach Christus besser und genauer auslegen? Etwa die heutigen +Kommunisten und Sozialisten, die da behaupten, Christus habe geboten, +den Menschen ihr Eigentum wegzunehmen und die auszuplündern, die sich +ein Vermögen erworben haben? Kommen Sie doch zur Besinnung -- wohin sind +Sie geraten? Sie erklären, daß Voltaire dem Christentum einen Dienst +geleistet habe, und sagen, das sei jedem Gymnasiasten bekannt. Als ich +noch auf dem Gymnasium war, habe ich selbst _damals_ nicht für Voltaire +geschwärmt. Ich war schon damals klug genug, um zu sehen, daß Voltaire +ein gewandter Witzling, aber keineswegs ein tiefer Mensch war. Für einen +Voltaire konnte weder ein Puschkin, noch ein Ssuworow schwärmen, wie +überhaupt kein mehr oder weniger umfassender Geist. Voltaire ist trotz +aller seiner glänzenden _Aperçus_ immer nur der Franzose geblieben, der +davon überzeugt ist, daß man lachend und scherzend von allen hohen +Gegenständen sprechen kann. Von ihm kann man sagen, was Puschkin von den +Franzosen im allgemeinen gesagt hat: + + Der Franzos ist ein Kind, + Er stürzt geschwind + Einen Thron über Nacht, + Schafft Gesetz und Macht, + Ist schnell -- wie der Blitz + Und leer wie der Witz. + Er reizt und macht, + Daß man staunt und lacht + -- -- -- -- -- -- -- + +Man kann nicht auf Grund einer oberflächlichen journalistischen Bildung +über solche Gegenstände urteilen. Dazu muß man die Geschichte der Kirche +studiert haben. Dazu muß man die ganze Geschichte der Menschheit +verständnisvoll und mit Überlegung aus den Quellen selbst kennen lernen +und nicht etwa aus modernen oberflächlichen Broschüren, die Gott weiß +wer geschrieben hat. Dieses flache enzyklopädische Wissen zerstreut den +Geist nur und konzentriert ihn nicht. + +Was soll ich Ihnen auf Ihre schroffen Bemerkungen über den russischen +Bauern sagen -- Bemerkungen, die Sie mit so viel Selbstvertrauen und +Sicherheit vorbringen, als ob Sie Gott weiß wie lange mit den Bauern zu +tun gehabt hätten? Was soll ich dazu sagen, wenn doch Tausende von +Kirchen und Klöstern, die das russische Land erfüllen und die nicht aus +den Mitteln, die von den Reichen gestiftet, sondern aus den armseligen +Groschen der Besitzlosen erbaut werden, eine so überzeugende Sprache +sprechen! ... Nein, ein Mensch, der sein Leben lang in Petersburg +zugebracht hat und es beständig mit leichten Zeitungsaufsätzen +französischer Romanschreiber zu tun hat, die sich so in ihre Ideen +verrannt haben, und der nicht merkt, in welcher verzerrten Form und wie +töricht das Leben bei ihnen dargestellt ist, nein, ein solcher Mensch +kann nicht über das Volk urteilen. Gestatten Sie mir auch zu bemerken, +daß ich mehr Recht habe, über das russische Volk zu sprechen, _als Sie_. +Alle meine Werke zeugen, nach der einstimmigen Überzeugung aller Leute, +von einer gründlichen Kenntnis des russischen Wesens; sie sind die +Schöpfungen eines Schriftstellers, der das Volk ernsthaft studiert und +beobachtet hat und vielleicht schon die Gabe besitzt, sich in seine +Lebensgewohnheiten hineinzuversetzen, was auch Sie in Ihren Kritiken +zugestanden haben. Was aber wollen _Sie_ zum Beweise Ihrer Kenntnis des +russischen Wesens anführen? Was haben Sie geschrieben, woraus eine +solche Kenntnis hervorginge? Das ist ein großer Gegenstand, und darüber +könnte ich Ihnen ganze Bücher vollschreiben. Sie würden sich schämen, +daß Sie den Ratschlägen, die ich einem Gutsbesitzer erteile, solch einen +plumpen Sinn untergelegt haben. Diese Ratschläge mögen eine noch so +geringe Bedeutung haben, sie enthalten jedenfalls keineswegs einen +Protest gegen die Volksbildung ... sondern höchstens einen Protest gegen +die Korruption des russischen Volkes durch die Literatur, während doch +die Schriftkunde uns gegeben ward, um den Menschen zur höchsten Klarheit +zu führen. Überhaupt erinnern Ihre Urteile über die Gutsbesitzer an die +Zeiten Von-Wisins. Seit jener Zeit hat sich vieles, sehr vieles in +Rußland verändert, und seitdem ist sehr viel Neues entstanden. Daß die +Aufsicht und Autorität eines Gutsbesitzers, der die Universität besucht +und folglich für vieles ein Gefühl hat, ... weit günstiger und +vorteilhafter für die Bauern ist, ... wie es ja auch viele Gegenstände +gibt, über die wir rechtzeitig nachdenken sollten, ehe wir mit dem +himmelstürmenden Feuer des Jünglings oder Ritters darüber reden ... +Überhaupt bemüht man sich bei uns weit mehr um die Änderung der Namen +und der Ausdrücke, als um das Wesen der Sache ... Sie sollten sich +schämen, in unseren Diminutiven, mit denen wir mitunter sogar unsere +Freunde benennen, einen Ausdruck der Knechtung und Unterdrückung zu +sehen. Auf solche kindische Folgerungen wird man geführt, wenn man eine +falsche Ansicht von den wichtigsten und wesentlichsten Dingen hat. + +Sodann bin ich auch über das kühne Selbstvertrauen und die Sicherheit +erstaunt, mit der Sie erklären: »Ich kenne unsere Gesellschaft und den +Geist, der sie beseelt.« Wie kann man für dies sich jeden Augenblick +verwandelnde Chamäleon einstehen? Durch welche Tatsachen können Sie +beweisen, daß Sie die Gesellschaft kennen? Welche Mittel besitzen Sie +dazu? Haben Sie etwa irgendwo in Ihren Werken bewiesen, daß Sie ein +tiefer Kenner der menschlichen Seele sind? Sie, der Sie fast nie mit den +Menschen und der Welt in Berührung kommen, der Sie das friedliche Leben +eines Journalisten führen und stets nur mit Feuilletonartikeln +beschäftigt sind, wie sollten Sie einen Begriff von jenem furchtbaren +Schreckbilde haben, das uns durch unerwartete Erscheinungen in seine +Falle lockt; geraten doch alle jungen Schriftsteller in diese Falle +hinein, die über alles in der Welt und die ganze Menschheit reden, +während es um uns herum genug Dinge gibt, um die wir uns kümmern +sollten. Wir sollten zuerst einmal diese Aufgaben erfüllen, dann würde +es der Gesellschaft schon ganz von selbst gut gehen. Wenn wir dagegen +unsere Pflichten gegen die uns nahestehenden Menschen vernachlässigen +und dem Wohl der Gesellschaft nachjagen, so geraten wir auf Abwege ... +ebenso ... Ich bin in der letzten Zeit vielen vortrefflichen Menschen +begegnet, die über diese Sache völlig die Orientierung verloren haben. + +Viele denken, wenn sie sehen, daß die Gesellschaft sich auf einem Abweg +befindet und daß die Dinge immer verworrener werden, daß man die Welt +durch allerhand Reorganisationen und Reformen oder dadurch, daß man sie +in dieser oder jener Weise umgestaltet, verbessern könne. Andere +glauben, man könne mit Hilfe einer besonderen, recht mittelmäßigen +Literatur, die Sie Belletristik nennen, erzieherisch auf die +Gesellschaft wirken. Das sind Träume! Abgesehen davon, daß selbst die +gelesensten Bücher daliegen, ohne Nutzen zu bringen ... sind auch die +Früchte ... wenn überhaupt welche daraus erwachsen, ganz anderer Art, +als der Autor glaubt; vielmehr sind sie häufig so beschaffen, daß er +entsetzt vor ihnen zurückweicht ... Die Gesellschaft bildet sich von +selbst, sie setzt sich aus Einheiten zusammen. Jede dieser Einheiten muß +ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Der Mensch muß eingedenk sein, daß +er nichts weniger als ein Stück Materie, daß er kein Vieh ist, sondern +ein hoher Bürger des hohen himmlischen Bürgerreichs, und so lange nicht +ein jeder wenigstens zum Teil sein Leben dem Geiste dieses himmlischen +Bürgerreichs entsprechend gestalten wird, wird es auch im irdischen +Gemeinwesen keine Ordnung geben. + +Sie sagen, Rußland hätte lange vergeblich gebetet. O nein, Rußland hat +im Jahre 1612 gebetet und das Land vor den Polen gerettet; dann hat es +1812 noch einmal gebetet und das Land vor den Franzosen gerettet. Oder +nennen Sie das beten, wenn ein Tausendstel aller Menschen betet und alle +übrigen vom Morgen bis zum Abend bummeln und zechen ... wenn sie bei +jeder Schaustellung dabei sind und ihre letzte Habe verpfänden, um nur +allen Komfort zu genießen, den uns die europäische Zivilisation samt all +ihren Torheiten beschert hat. + +Nein, lassen wir diese Träume ... Lassen Sie uns ehrlich unsere Pflicht +tun. Wir wollen uns bemühen, unsere Talente nicht in der Erde zu +vergraben. Wir wollen unser Handwerk gewissenhaft ausüben. Dann wird +alles gut gehen, und die Lage der Gesellschaft wird sich ganz von selbst +bessern ... Die Gutsbesitzer werden auf ihre Güter zurückkehren. Die +Beamten werden erkennen, daß man kein üppiges, verschwenderisches Leben +zu führen braucht, und werden aufhören, Geschenke anzunehmen. Die +Ehrgeizigen aber werden sehen, daß eine hohe Stellung weder mit einem +hohen Gehalt, noch mit großen Geldeinnahmen verknüpft ist ... weder sie +noch ich sind geboren ... Gestatten Sie mir, Sie an Ihre frühere +Tätigkeit zu erinnern. Der Literat lebt für die Wahrheit. Er soll der +Kunst ehrlich dienen und den Seelen dieser Welt Frieden und nicht Haß +und Feindschaft einhauchen. Machen Sie den Anfang und fangen Sie noch +einmal an, zu lernen! Studieren Sie die Dichter und Weisheitslehrer, die +erzieherisch auf den Geist wirken. Die journalistische Tätigkeit laugt +die Seele aus, man entdeckt plötzlich eine innere Leere in sich. Denken +Sie daran, daß Sie nur eine oberflächliche Bildung genossen und nicht +einmal die Universität beendigt haben. Machen Sie das durch die Lektüre +großer Werke und nicht durch Beschäftigung mit modernen Broschüren +wieder gut, die aus einem erhitzten Gemüt entspringen, das von der +geraden gesunden Ansicht der Dinge ablenkt. + + + V. + Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle + aufgefunden worden ist + +Sie haben meine Worte über das Lesen und Schreiben ganz buchstäblich +verstanden und ihnen einen zu engen, begrenzten Sinn untergelegt. Diese +Worte waren an einen Gutsbesitzer gerichtet, dessen Bauern Landwirte +sind. Es kam mir beinahe komisch vor, daß Sie aus diesen Worten den +Schluß ziehen konnten, als wollte ich die elementare Volksbildung +bekämpfen; als ob jetzt davon die Rede wäre -- wo das doch eine Frage +ist, die unsere Väter längst gelöst haben! Unsere Väter und Großväter +haben, selbst wenn sie selbst Analphabeten waren, entschieden, daß die +Elementarbildung etwas Notwendiges sei. Aber darum handelt es sich ja +gar nicht. Der Gedanke, der mein ganzes Buch durchzieht, ist dieser: wie +man erst _die_ Menschen aufklären könne, die in nahem Verkehr mit dem +Volke stehen, und _dann erst_ das Volk selbst. Alle diese kleinen +Beamten und Regierungsvertreter, die alle lesen und schreiben können und +sich dabei doch soviel Mißbräuche zuschulden kommen lassen ... Glauben +Sie mir, es ist viel notwendiger, daß wir die Bücher, die Ihrer Ansicht +nach so nützlich für das Volk sind, für diese Leute herausgeben. Das +Volk ist weit weniger verdorben, als diese ganze lese- und +schreibkundige Gesellschaft. Dagegen Bücher für diese Leute +herauszugeben, Bücher, die ihnen das Geheimnis offenbaren, wie man mit +dem Volk und mit den ihnen anvertrauten Untergebenen umgehen muß -- +nicht in dem umfassenden Sinne, wie ihn die oft wiederholten Worte +ausdrücken: »_Stiehl nicht, sei rechtschaffen und ehrlich_« oder »Denke +daran, daß deine Untergebenen ebensolche Menschen sind wie du« -- +sondern, die sie belehren, wie man es anfängt, nicht zu stehlen, und daß +das Recht wirklich eingehalten werde ... + + + VI. + Gogol an W. G. Bjelinski[9] + +[Fußnote 9: Dieser Brief stellt Gogols Antwort auf Bjelinskis oben +mitgeteiltes Schreiben dar. Es ist offenbar ein zweiter Brief, den Gogol +an Stelle des oben abgedruckten ersten, später in Stücke gerissenen, +geschrieben hat.] + + Ostende, den 10. August 1847. + +Ich konnte nicht gleich auf Ihren Brief antworten. Meine Seele ist ganz +matt, ich fühle mich in meinem tiefsten Inneren erschüttert. Ich kann +wohl sagen, es gibt keine empfindliche Seite in mir, die nicht aufs +schwerste getroffen war, noch ehe ich Ihren Brief erhalten hatte. Ich +habe Ihren Brief beinahe in einem zustande völliger Gefühllosigkeit +gelesen, trotzdem aber war ich nicht imstande, ihn zu beantworten. Und +was hätte ich auch antworten sollen! Gott weiß, vielleicht enthalten +Ihre Worte wirklich etwas Wahres. Ich will Ihnen nur sagen, daß ich +gelegentlich meines Buches ungefähr fünfzig verschiedene Briefe erhalten +habe, aber kein einziger gleicht dem anderen, es gibt keine zwei Leute, +die dieselbe Ansicht über einen Gegenstand haben: was der eine verwirft, +das behauptet der andere. Und doch gibt es auf beiden Seiten gleich edle +und gescheite Menschen; die einzige nicht zu bezweifelnde Lehre, die ich +aus alledem entnehmen zu können glaubte, war die, daß ich Rußland +überhaupt nicht kenne, daß sich sehr vieles verändert hat, seit ich +nicht mehr dort war, und daß man heute beinahe alles, was es dort gibt, +von neuem kennen lernen muß, und daraus zog ich für meinen Teil +folgenden Schluß: daß ich nichts mehr veröffentlichen und vor das +Publikum bringen darf; weder lebendige Anschauungen meiner Phantasie, +noch selbst zwei Zeilen aus irgendeinem Werk, solange ich nicht in +Rußland war, eine Zeitlang dort gelebt und mich mit eigenen Augen von +vielem überzeugt und vieles mit eigenen Händen befühlt haben werde. Ich +sehe, daß viele, die mich beschuldigt haben, manches nicht zu kennen und +manche Seiten des Lebens nicht berücksichtigt zu haben, selbst in vielen +Punkten eine große Unkenntnis an den Tag legen und damit beweisen, daß +sie selbst viele Seiten des Lebens nicht in Betracht gezogen haben. +Nicht alle Klagen sind an unser Ohr gedrungen, und wir haben nicht alle +Leiden in ihrer ganzen Schwere ermessen. Mir will es sogar so scheinen, +daß nicht jeder von uns die gegenwärtige Zeit versteht, eine Zeit, in +der der Geist völliger Disharmonie und Unordnung deutlicher als je +zutage tritt. Wie dem auch sein mag, jetzt kommt alles zum Vorschein: +jedes Ding will berücksichtigt sein, das Alte und das Neue fordern +einander zum Kampfe heraus, und man braucht nur auf der einen Seite in +Übertreibungen und Maßlosigkeiten zu verfallen, damit sich auch die +andere Seite sofort derselben Übertreibungen und Maßlosigkeiten schuldig +macht. Die gegenwärtige Zeit ist das Zeitalter besonnener vernünftiger +Überlegung: ohne sich zu erhitzen, wägt sie alles ab und zieht sie alle +Seiten der Dinge in Betracht, denn ohne dies ist es unmöglich, die +rechte Mitte, das vernünftige Maß der Dinge kennen zu lernen. Sie +verlangt von uns, daß wir Umschau halten mit dem vielseitigen Blick des +Greises, und daß wir nicht mit dem heißen Draufgängertum der alten +Ritter vorgehen. Diesem Zeitalter gegenüber sind wir reine Kinder. +Glauben Sie mir, Sie und ich haben beide unsere Pflicht gegen unsere +Zeit nicht erfüllt. Ich wenigstens bin mir darüber klar, aber sind auch +Sie sich dessen bewußt? Ebenso wie ich die gegenwärtigen Dinge und viele +Umstände übersehen habe, die ich hätte berücksichtigen müssen, ebenso +haben auch Sie vieles übersehen; wenn ich mich zu sehr in mich selbst +zurückgezogen habe, so haben Sie sich zu sehr zerstreut. Wie ich noch +vieles kennen lernen muß, was Sie schon wissen und was ich nicht weiß, +so müßten Sie wenigstens einen Teil davon kennen lernen, was ich weiß +und was Sie zu Unrecht vernachlässigt und übersehen haben. Jetzt aber +denken Sie vor allem an Ihre Gesundheit; vergessen Sie die modernen +Probleme für eine Weile. Sie werden später mit größerer Frische und also +auch mit größerem Nutzen für Sie selbst wie für die Probleme zu diesen +zurückkehren. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Ihnen jener +Seelenfriede zuteil werde, der unser höchstes Gut ist, ohne den man +nicht wirken und auf keinem Gebiete vernünftig handeln kann. + + N. Gogol. + + + + + Nachtrag + + + Band VII und VIII + Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden + +(Die wörtliche Übersetzung des Titels lautet: _Ausgewählte Stellen_ aus +dem Briefwechsel mit meinen Freunden.) Den Plan, eine Auswahl von +Stücken aus seinem Briefwechsel herauszugeben, faßte Gogol bereits im +Beginn des Jahres 1845; an die Ausführung seiner Idee ging er jedoch +erst im April 1846 heran. Ehe er das Manuskript an Pletnjew absandte, +unterzog er sämtliche Stücke, die er in Buchform herauszugeben gedachte, +einer gründlichen Korrektur und Überarbeitung. Zu allererst wurde das +VII. Kapitel: _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An W. M. +Jasykow (Band VII, Seite 55 ff.) für den Druck umgearbeitet, redigiert +und dann am 4. Juli 1846 an Pletnjew zur Veröffentlichung in dessen +Zeitschrift gesandt. -- Am 30. Juli desselben Jahres erhält Pletnjew von +Gogol aus Schwalbach: _Die Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) und die +ersten sechs Stücke des »Briefwechsels« zugeschickt. Zwischen dem 13. +und 24. August folgen aus Ostende weitere sieben Aufsätze (Nr. 8-14, +Band VII, Seite 73-149) und am 12. September neuen Stils -- gleichfalls +aus Ostende -- nochmals sieben Kapitel (Nr. 15-21, Band VII, Seite +151-253). Am 26. September sendet Gogol Pletnjew aus Ostende ein viertes +Heft mit neun Kapiteln (Band VII, Nr. 22-30, Seite 255-367). Am 3. +Oktober neuen Stils schickt Gogol aus Frankfurt zwei Korrekturen zu dem +Aufsatz: An _einen hochgestellten Mann_ ein (Band VII, Nr. 28, Seite +323). Am 16. Oktober endlich erfolgt von Frankfurt a. M. aus die +Absendung der beiden letzten Kapitel und einer Korrektur zum 10. +Kapitel: _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski +(Band VII, Seite 85 ff.). + +Die _Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden_ erschien im +Dezember des Jahres 1846. Die Unterschrift des Zensors ist vom 18. +August 1846 datiert, bezieht sich jedoch wahrscheinlich nur auf das +erste Heft; im Oktober ergaben sich Schwierigkeiten bei der Drucklegung: +der Zensor wollte den Abdruck einzelner Partien und sogar ganzer Kapitel +nicht gestatten; daher mußten fünf Briefe: Nr. 19, 20, 21, 26 und 28 +(Band VII, Seite 203, 209, 227, 307 und 323) gänzlich wegfallen. Diese +Kapitel, sowie die von der Zensur gestrichenen Partien erschienen später +in der »Gesamtausgabe« von Gogols Werken vom Jahre 1867, die von +_Tschischow_ veranstaltet wurde. Die von der Zensur beanstandeten +Stellen stehen in unserer Ausgabe in eckigen Klammern. + +Ferner bat Gogol selbst Pletnjew in einem Brief vom 16. Oktober 1846, +»die ganze Stelle zu streichen, die von der Bedeutung der monarchischen +Gewalt und ihrer weltlichen Erscheinungsform handelt, und durch den +Abschnitt auf der letzten Seite des Heftes zu ersetzen«. Die neue +veränderte Fassung des Textes beginnt mit den Worten: »Diese Bedeutung +des Herrschers wird allmählich auch in Europa ...« (Band VII, Seite 100, +Zeile 3 v. o.) und schließt mit dem Satze: »daher nehmen ihre Töne einen +biblischen Charakter an« (Band VII, Seite 102, Zeile 3 v. o.). Wir +lassen hier die umgearbeitete Stelle folgen, wie sie von Tschischow nach +dem Manuskript nachträglich in seiner Gesamtausgabe der Werke Gogols +abgedruckt wurde (Band III, Seite 374 bis 376): »Die souveräne Gewalt +des Monarchen wird keineswegs an Bedeutung verlieren, sondern in dem +Maße, wie die ganze Menschheit an Bildung zunehmen wird, nur noch +wachsen. Je mehr jeder Beruf und Stand die ihm gesteckten gesetzlichen +Grenzen einhalten wird und die gegenseitigen Beziehungen aller Menschen +genauer bestimmt und normiert werden, um so deutlicher wird sich die +Notwendigkeit einer höchsten Obergewalt herausstellen, die die ganze +Macht der einzelnen Individuen in sich vereinigt und alle höchsten +Vorzüge und Tugenden, die den Menschen geradezu Gott ähnlich machen, in +Erscheinung treten läßt -- jene höchsten kollektiven Attribute und +Eigenschaften, die der einzelne Mensch nicht besitzen kann. Eine ganze +Million wie einen Menschen liebgewinnen -- das ist weit schwerer, als +nur wenige unter dieser Million lieben; die Leiden aller Menschen so +intensiv mitempfinden wie den Schmerz unseres liebsten Freundes und an +die Rettung aller Menschen bis auf den letzten denken, wie man wohl auf +die Rettung der eigenen Familie hofft, -- das kann nur _der_ in vollem +Maße, dem dies zum unerschütterlichen Gebot gemacht ward und der da +fühlt, daß er für die Verletzung dieses Gebotes vor Gott ebenso +furchtbare Rechenschaft wird ablegen müssen, wie jedes einzelne +Individuum für die Verletzung seiner Pflicht in seinem besonderen +Wirkungskreis Rechenschaft geben wird. Wenn diese höchste leitende +Obergewalt dahinfiele -- so würde der menschliche Geist verarmen. Diese +souveräne Herrschergewalt des Monarchen wird heute nur deshalb +angezweifelt, weil ihre ganze Bedeutung weder den Herrschern noch den +Untertanen aufgegangen ist. Die monarchische Gewalt -- ist eine Torheit, +wenn der Monarch nicht fühlt, daß er das Abbild Gottes auf Erden sein +soll. Selbst wenn er noch so sehr das Gute will, wird er sich in seinen +Handlungen nicht mehr zurechtfinden können, besonders bei der +gegenwärtigen Ordnung der Dinge in Europa; sowie er jedoch zur +Erkenntnis kommt, daß er die Aufgabe hat, den Menschen ein Abbild Gottes +zu sein, wird für ihn alles klar und deutlich werden und wird auch +Klarheit in sein Verhältnis zu seinen Untertanen kommen. Dann wird er +sich nicht mehr einen Napoleon, einen Friedrich, einen Peter, eine +Katharina oder einen Ludwig zum Muster nehmen, wie überhaupt keinen von +den Fürsten, denen die Welt den Namen des Großen beilegt, und deren +Bestimmung es war, infolge der zeitlichen Verhältnisse und Umstände +außer der königlichen Würde auch noch die Rolle eines Feldherrn, +Neugestalters oder Reformators auf sich zu nehmen, kurz nur eine +einzelne Seite glanzvoll in sich zu verkörpern, was die unbedeutenderen +Nachahmer irreleitet und so viele Fürsten in Versuchung führt. Er wird +sich vielmehr die Handlungen Gottes selbst zum Vorbild nehmen, die aus +der Geschichte der Menschheit so vernehmbar zu uns reden und die noch +deutlicher in der Geschichte _des_ Volkes in Erscheinung treten, das +Gott dazu auserwählt hatte, von Ihm Selbst regiert zu werden, um den +Königen zu zeigen, wie regiert werden muß. Und wie wahrhaft göttlich hat +Er regiert! Wie verstand Er es, Sein Volk mehr denn alle anderen Völker +zu lieben! Mit welch väterlicher Liebe lehrte und unterwies Er es und +mit welch himmlischer Geduld wartete Er auf seine Wandlung und +Besserung. Wie ungern erhob Er Seine strafende Geißel wider Sein Volk! +Wie beeilte Er Sich Selbst _dann_ noch nicht, als die Gottlosigkeit und +die Sünden des Volkes zum Himmel schrien, es zu strafen, sondern sprach: +>Ich will Selbst zur Erde hinabsteigen und zusehen, ob das Unrecht und +die Sündhaftigkeit wirklich so groß sind!< Und wer war es, der so +sprach? Der Allwissende, für alles Sorgende, der die Könige dieser Erde +zur Vorsicht und Behutsamkeit mahnt! Wie Er ja auch Seine Strafen nicht +deshalb verhängte, um den Menschen zu vernichten, den zu vernichten ja +gar nicht schwer ist, sondern um ihn zu erretten, weil es _sehr_ schwer +ist, ihn zu erretten, und um seine gefühllose Natur durch eine starke +Erschütterung und ein Weckmittel aufzurütteln, ihm die ganzen Schrecken +des Zieles, dem er in seiner Unwissenheit zustrebt, vor Augen zu führen +und ihn dadurch zu mahnen, daß es noch Zeit wäre, an seine Rettung zu +denken! Wie Er ja auch, da Er die unbestechliche sieghafte Macht Seiner +unüberwindlichen Wahrheit und Gerechtigkeit kannte, alles tat, auf daß +der schwache und ohnmächtige Mensch ihr nicht unterliege: sandte Er ihm +doch Seine Propheten, daß sie erfüllt von Liebe zu ihren Brüdern und, +nachdem sie eine Sprache gefunden, die den Menschen verständlich war, +sie zur Besinnung brächten; Er, der sich entschloß, da Er endlich sah, +daß alles vergeblich war, daß nichts sie zur Vernunft bringen könne und +daß es kein Mittel gäbe, die Menschen Seiner unabwendlichen +Gerechtigkeit zu entziehen, Sich Selbst für alle zum Opfer zu bringen, +um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit zu besiegen +und den Menschen zu beweisen, daß eine solche Liebe höher ist, denn +alles, was es gibt, daß sie an sich selbst die höchste himmlische +Gerechtigkeit ist! Alles ward von Gott gesagt für den, der vor den +Menschen in sich selbst Sein Abbild zur Darstellung bringen will, hat Er +ihn doch gelehrt, wie er handeln soll. Um aber die Könige zu +unterweisen, wie sie sich gegen Ihn Selbst, den Schöpfer alles +Sichtbaren und Unsichtbaren, verhalten sollen, schenkte Er ihnen die +Vorbilder der von Ihm Selbst gesalbten Könige David und Salomo, die mit +ihrem ganzen Sein in Gott lebten, wie in ihrem eigenen Hause und die in +ihrem Königstume das weise Zusammenwirken zweier Mächte -- der +geistlichen und weltlichen -- verkörperten, und zwar in der Weise, daß +nicht bloß keine von beiden die andere störte und hemmte, sondern daß +sie sich gegenseitig noch stärkten und befestigten. So enthält das +heilige Buch Gottes eine vollkommene Definition des Monarchen, dieses +völlig von uns isolierten Wesens, dem auf Erden eine so schwere Aufgabe +zuteil ward: nachdem er alles vollbracht, was jedes Menschen Aufgabe +ist, und Christus in seinem ganzen Tun und Handeln bis in die kleinsten +Einzelheiten seines Alltagslebens gleichgeworden ist, zu alledem auch +noch in den erhabensten Äußerungen seiner Tätigkeit gegenüber allen +Menschen Gott Vater gleich zu werden. In diesem Buche ist eine +vollkommene Definition des Monarchen enthalten, die man nirgends sonst +findet. Auf diese Definition ist noch keiner der europäischen +Rechtsgelehrten gekommen, bei uns aber haben die Dichter etwas von ihr +geahnt und vernommen, daher nehmen ihre Töne auch einen biblischen +Charakter an.« + +Der ursprüngliche Text der Aufsätze und Privatbriefe Gogols an seine +Freunde, die in dem »Briefwechsel« Aufnahme fanden und erst nach einer +durchgreifenden Reinigung und Umarbeitung zur Veröffentlichung an +Pletnjew gesandt wurden, stammt aus den verschiedensten Zeiten der +Periode von 1843-1846, und zwar ist die Zahl der Stücke um so geringer, +je mehr wir uns der ersten Hälfte des Jahres 1843 nähern. Von den +Briefen dieser Epoche hat Gogol nur sehr wenige der Aufnahme in die +Ausgewählten Stellen aus seinem Briefwechsel für würdig erachtet. Aus +dem Jahre 1843 stammen die ersten Entwürfe folgender Artikel: + +1) _Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen_ (Band VII, Nr. +5, Seite 43) und + +2) _Die drei ersten Briefe über die Toten Seelen_ (Band VII, Nr. 18, +Seite 175). + +Aus dem Jahre 1844 stammen folgende Aufsätze und Briefe: + +1) _Diskussionen._ Aus einem Briefe an L***. (Band VII, Nr. 11, Seite +111.) + +2) _Liebt unser russisches Vaterland._ Aus einem Briefe an den Grafen A. +T. (Band VII, Nr. 19, Seite 203.) Dieses Stück stammt aus der zweiten +Hälfte des Jahres 1844. + +3) _Etwas über die Bedeutung des Worts._ (Band VII, Nr. 4, Seite 35.) +Diese Betrachtung ist wahrscheinlich Ende Oktober des Jahres 1844 +niedergeschrieben. + +4) _Wie man den Armen helfen soll._ Aus einem Briefe an A. O. +Sm--rn--wa. (Band VII, Nr. 6, Seite 49.) Ist gegen Ende des Jahres 1844 +niedergeschrieben. + +5) _Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit._ Zwei Briefe +an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 15, Seite 151.) Der erste Brief ist vom +2. Dezember, der zweite vom 26. Dezember 1844 datiert. + +6) _An einen kurzsichtigen Freund._ (Band VII, Nr. 27, Seite 317.) + +Aus dem Jahre 1845 stammt der erste Entwurf folgender Stücke: + +1) _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An N. M. Jasykow. (Band +VII, Nr. 7, Seite 55.) Ein Brief, der zu Beginn des Jahres geschrieben +ist. + +2) _An einen hochgestellten Mann._ (Band VII, Nr. 28, Seite 323.) Die +Idee zu diesem Schreiben rührt vom Ende des Jahres 1844 her. +Niedergeschrieben wurde es im Februar und März des Jahres 1845. + +3) _Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von +der Einseitigkeit überhaupt._ An den Grafen A. P. T... (Band VII, Nr. +14, Seite 129) -- ist im März und April 1845 niedergeschrieben. + +4) _Lernt Rußland kennen._ Aus einem Briefe an den Grafen P. T. (Band +VII, Nr. 20, Seite 209) -- stammt aus derselben Zeit (oder vom Ende des +Jahres 1845?). + +5) _Mein Testament_ (Band VII, Nr. 1, Seite 9) stammt aus dem Juli(?) +1845. + +6) _Über ländliche Pflege und Gerichtsbarkeit_ (Band VII, Nr. 25, Seite +301). + +7) _Wessen Los auf Erden das beste ist._ Aus einem Briefe an U. (Band +VII, Nr. 29, Seite 359.) + +Mehr als die Hälfte der Briefe, die in die »Auswahl aus dem Briefwechsel +mit meinen Freunden« aufgenommen wurden, stammen aus dem Jahre 1846. In +einem Brief aus diesem Jahre schreibt Gogol an Schewyrjow: »Während +dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere +seelische Leiden gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen +Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nie geführt habe. +Und wie mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen +nahestehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie +alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und +verlangten Rat und Hilfe von mir« (vgl. Band VII, Seite 163 ff.). +»Während der letzten Zeit«, fährt Gogol fort, »kam es sogar vor, daß ich +Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und +daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte +erteilen können.« Am meisten von Krankheit gequält war Gogol in den +ersten zwei Monaten des Jahres 1846; dies war auch sonst eine sehr +schwere Zeit für ihn. Gogol arbeitete während dieser Monate intensiv an +der »Auswahl aus dem Briefwechsel«. »Gleichzeitig brauchte er eine Kur, +machte er Reisen, war er von schweren Sorgen gequält und mußte sich um +Dinge kümmern, von deren Schwierigkeit seine Freunde keine Ahnung +hatten.« Zugleich aber mußte er zahlreiche, sehr verschieden geartete +Briefe erwidern, die nicht in leichtfertiger, sondern in wohlüberlegter +Weise beantwortet sein wollten. Höchstwahrscheinlich erfolgte die +Antwort auf einzelne Briefe vor der Öffentlichkeit, d. h. in der +»Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«, und es wäre +vergeblich, nach dem ursprünglichen Text der Briefe, die unmittelbar an +die Fragesteller gerichtet waren, zu forschen. »Auf Ihren langen Brief«, +schreibt Gogol im Jahre 1846 an die Gräfin ***, »... antworte ich ... +nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern wie Sie sehen, _in +einem gedruckten Buche_, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in +Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird« (vgl. Band VII, Seite +309 ff.). Die an Schewyrjow gerichteten Briefe aus der »Auswahl« waren +unter den Papieren Schewyrjows nicht zu finden, wahrscheinlich hat er +sie auch erst gelesen, als sie bereits gedruckt in Buchform vorlagen. Es +ist daher heute noch für den größten Teil der Briefe vom Jahre 1846, die +in der »Auswahl« enthalten sind, kaum möglich, die chronologische +Reihenfolge genau festzustellen, ebensowenig wie sich zurzeit die Frage +beantworten läßt, ob _schriftliche_ Antworten auf die an Gogol +gerichteten Fragen vorliegen. In den Papieren Schewyrjows wurde nicht +ein Brief Gogols aus dem Jahre 1846 gefunden, der in die Auswahl aus dem +Briefwechsel usw. aufgenommen wurde. + +Aus dem Jahre 1846 stammen folgende Briefe und Aufsätze der »Auswahl«: + +1) _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski. (Band +VII, Nr. 10, Seite 85.) Dieses Stück wurde 1845 niedergeschrieben und +1846 nochmals umgearbeitet. + +2) _Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei den +heutigen Zuständen in Rußland sein kann._ (Band VII, Nr. 24, Seite 291.) +Dieses Stück stammt etwa aus dem September dieses Jahres und scheint +unmittelbar für den Druck bestimmt gewesen zu sein. + +3) _Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit._ Aus einem +Briefe an den Grafen A. P. T. (Band VII, Nr. 8, Seite 73) und + +4) _Über denselben Gegenstand._ Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T. +(Band VII, Nr. 9, Seite 79.) 3 und 4 stammen aus der ersten Hälfte des +Jahres 1846. + +5) _Der Historienmaler Iwanow._ An M. Ju. Weligurski. (Band VII, Nr. 23, +Seite 271.) Dieser Brief, der im Februar oder März dieses Jahres an den +Grafen W. abgesandt wurde, wurde nachträglich, d. h. im August oder +September, nochmals für den Druck umgearbeitet. + +7) _Karamsin._ Aus einem Briefe an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 13, +Seite 123.) Der erste Entwurf dieses Briefes ist am 5. Mai 1846 +niedergeschrieben. + +8) _Über die Aufklärung._ An W. A. Schukowski. (Band VII, Nr. 17, Seite +167.) Stammt aus dem Juni und Juli dieses Jahres. + +9) _Was eine Gouverneursgattin ist._ An Fr. A. O. S. (Band VII, Nr. 21, +Seite 227.) Der erste Entwurf dieses Briefes stammt aus der zweiten +Juli-Hälfte des Jahres 1845, er wurde am 4. Juli 1846 in neuer +verbesserter Fassung an Frau A. O. Smirnowa gesandt und endlich im +September 1846 und 1847 für die Drucklegung nochmals umgearbeitet. + +10) _Rußlands Schrecken und Grauen._ An die Gräfin *** (Band VII, Nr. +26, Seite 307) ist zu Beginn des August 1846 niedergeschrieben. + +11) _Wesen und Eigenart der russischen Poesie._ (Band VII, Nr. 31, Seite +369.) Dieser Aufsatz wurde »während dreier Epochen« geschrieben, er ist +1836 oder 1843 (?) begonnen und im September 1846 für die Drucklegung +vollendet. + +12) _Die Frau in der vornehmen Welt._ An Frau ***. (Band VII, Nr. 2, +Seite 21.) + +13) _Der Christ schreitet vorwärts._ An Schtsch--w. (Band VII, Nr. 12, +Seite 117.) + +14) _Ratschläge._ An S. P. Schewyrew. (Band VII, Nr. 16, Seite 161.) + +15) _Der vierte Brief über die Toten Seelen._ (Band VII, Nr. 18, IV, +Seite 199.) + +16) _Der russische Gutsbesitzer._ An B. N. B. (Band VII, Nr. 22, Seite +255.) Die Originalmanuskripte der letzten fünf Briefe sind unbekannt. +Wahrscheinlich sind diese Stücke gleich für die »Auswahl« geschrieben. +Der erste Brief wurde am 30. Juli druckfertig abgesandt, der zweite am +13. (25.) August, der dritte und vierte am 12. September neuen Stils, +der fünfte am 26. September. + +Die _Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) zur »Auswahl« stammt aus dem +August des Jahres 1846. + +Der Aufsatz: _Auferstehungstag_ (Band VII, Nr. 32, Seite 447) trägt kein +Datum. + + * * * * * + +Der Brief an _Arkadius Ossipowitsch Rosetti_ (Band VIII, Nr. 1, Seite 1) +ist in Neapel geschrieben und wurde am 15. April 1847 abgesandt. + +_Über den »Zeitgenossen«_; (Sowremennik); (Band VIII, Nr. 2, Seite 11), +ein Brief an P. A. Pletnjew, ist vom 4. Dezember 1846 datiert. + +_Die Beichte des Dichters_ (Band VIII, Nr. 3, Seite 33) ist im Mai 1847 +begonnen und noch in demselben Jahre vollendet. + +Der Brief an _W. A. Schukowski_ (Band VIII, Nr. 4, Seite 101) wurde am +10. Januar 1848 (den 29. Dezember 1847) aus Neapel an Schukowski +gesandt. + +_Die Betrachtungen über die Heilige Liturgie_ (Band VIII, Nr. 5, Seite +115 ff.) wurden im Januar und Februar des Jahres 1845 in Paris +konzipiert und in der ersten Fassung noch vor der Abreise nach Jerusalem +(d. h. vor dem Januar 1848) vollendet. Nachträglich wurden sie noch bis +zum Jahre 1852 mehrfach umgearbeitet[10]. + +_Hans Küchelgarten._ Dieses Jugendwerk Gogols wurde wahrscheinlich +bereits während seiner Schulzeit konzipiert und begonnen. Bald nach +Gogols Ankunft in St. Petersburg (1828) ließ er das Werk unter dem +Pseudonym _W. Alow_ drucken und gab es den Buchhändlern in Kommission. +Es wurde teils gar nicht beachtet teils wie z. B. von Polewoi +offenkundig abgelehnt. + +[Fußnote 10: 1911 ist eine deutsche Übersetzung von K. von Mickwitz in +Rendsburg (Heinrich Möller Söhne) erschienen, die dem Herausgeber bei +der vorliegenden Ausgabe, besonders für die Ermittlung der Bibelzitate, +wertvolle Dienste geleistet hat. + +Die bibliographischen Anmerkungen und Lesarten zu den bisher +aufgeführten Schriften sind der Ausgabe von Tichonrawow und Schenrock +entnommen.] + +_Beilage I-IV. Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski._ (Band VIII, Seite +369.) + +Dieser Briefwechsel mit dem berühmten russischen Kritiker Wissarion +Bjelinski bildet eine wichtige Ergänzung zu der »Auswahl«, da er ein +helles Licht auf die Stimmung wirft, aus der dieses Werk entsprungen +ist, und weil er geeignet ist, Gogols Ziele und Absichten, die er mit +dem Buche verfolgte, schärfer zu beleuchten und ein Bild von der Wirkung +zu geben, die der Briefwechsel auf die Zeitgenossen ausübte. Die +»Auswahl aus dem Briefwechsel« bezeichnet einen Wendepunkt in Gogols +Leben, das von diesem Augenblick an mit unheimlicher Schnelligkeit der +Katastrophe zutreibt. Bald nach dem Erscheinen des ersten Bandes der +»Toten Seelen« setzt jene innere Krise ein, die so verhängnisvoll für +Gogols Schaffen und sein persönliches Schicksal werden sollte. Der +Zweifel an dem Zweck und Sinn des Dichterberufs, insbesondere an der +Berechtigung seines eigenen dichterischen Stils steigert sich allmählich +bis zu einer selbstquälerischen Melancholie, die das ganze menschliche +Tun einseitig in den Blickpunkt der religiösen Zielsetzung einstellte. +Der religiös-sittliche Zweck allein darf Inhalt und Wesensart der +dichterischen Produktion bestimmen. Damit nimmt Gogols Schaffen immer +mehr jenen didaktischen Charakter an, wie er so deutlich in dem +Briefwerke zum Ausdruck kommt. Das Entwerfen von Mustern sittlicher +Größe und Schönheit, Belehrung und Erziehung werden nun zu den höchsten +Aufgaben des Dichters. Zugleich aber drängt sich immer kräftiger jener +rückwärtsgewandte Zug zu einer passiven, heteronomen sittlichen +Lebensauffassung vor, die in der demütigen Unterwerfung unter die +gottgewollten Bindungen, in ihrer fügsamen Hinnahme den Sieg der Tugend +und damit die Selbsterlösung aus der Wirrnis und den Unzulänglichkeiten +der menschlichen Zustände erblickt. Diese Geistesstimmung konnte den +»Briefwechsel« zu dem Grundbuch des rückständigen Rußland machen, zu dem +Arsenal aller reaktionären Ideologien, die auf alle folgenden +Generationen, so z. B. noch auf Dostojewski, bis in die neuere und +neueste Epoche fortwirkten. Gegen diese Tendenzen richtete sich schon zu +Gogols Zeit der stürmische Protest der europäisch gesinnten russischen +Jugend, wie er aus dem von wundervoller Leidenschaft durchpulsten Brief +Bjelinskis zu uns spricht. Dieser Brief wird sicherlich Gogol nicht +gerecht. In seinem prachtvollen Empörungsausbruch übersieht Bjelinski +die radikalen Konsequenzen, die sich aus Gogols Standpunkt ergeben und +für die der Zensor ein feineres Verständnis zeigte, als er nicht +unbeträchtliche Teile aus dem »Briefwechsel« herausstrich, ebenso wie +Bjelinski die tiefen inneren sittlichen Probleme des menschlichen und +künstlerischen Gewissens verkennt, die in diesem Werk ihren Ausdruck +finden. Und doch liegt in dieser Ungerechtigkeit zugleich eine höhere +geschichtliche Gerechtigkeit. In einer von freudigen Hoffnungen +kommender großer Ereignisse erfüllten Zeit, die schon den großen +Frühlingssturm des Jahres 1848 vorausahnte und sich auf ihn rüstete, +mußte Gogols Predigt als ein Produkt dunkelster Reaktion, als das Werk +eines finsteren rückwärtsdrängenden Geistes erscheinen. + +Die Empörung über das Buch war allgemein, nicht allein bei den +sogenannten Westlingen und den radikalen Slawophilen, sondern selbst bei +Gogols nächsten Freunden, die über den hochmütigen lehrhaften Ton, den +Gogol hier angeschlagen hatte, ungehalten waren. 1847 veröffentlichte +Bjelinski im zweiten Heft des »Sowremjennik« (Zeitgenossen) eine +außerordentlich ungünstige Kritik, die sich zwar aus Zensurrücksichten +eines maßvollen Tones befleißigte, aber Gogol, der bisher in Bjelinskis +Kritiken nur begeisterter Zustimmung begegnet war, aufs tiefste +verletzte. Da er sich den Grund zu Bjelinskis ablehnendem Urteil nicht +erklären konnte, war er geneigt, ihn auf persönliche Motive +zurückzuführen, wie dies aus Gogols durch die Rezension hervorgerufenem +Schreiben an Bjelinski deutlich hervorgeht. + +Bjelinski befand sich um diese Zeit auf Veranlassung seiner Freunde in +Salzbrunn, wo er eine Kur gegen die Schwindsucht brauchte. An einem +Julitag des Jahres 1847 setzte er sich hin und verfaßte jenen berühmten +Brief (Band VIII, Seite 361), der eine so große Rolle in dem geistigen +Freiheitskampf Rußlands gespielt hat. + +Dieser Brief ist das Manifest des revolutionären Rußland geworden. Zwei +weltgeschichtliche Gegensätze stoßen hier in heftigem Zusammenprall +aufeinander. Europäertum und konservatives Altrussentum halten hier ihre +große Abrechnung. Licht, Sonne, Heiterkeit, Klarheit, freie +Selbstbestimmung auf der einen, Dumpfheit, Enge, Gebundenheit, Autorität +auf der anderen Seite sind die Losungen, um die in diesem Briefwechsel +gekämpft wird. Und es unterliegt keinem Zweifel, auf wessen Seite der +Sieg sich neigt. Die Wirkung des Briefes war unbeschreiblich. In tausend +Abschriften wanderte er von Hand zu Hand, und bald gab es in den +entlegensten Provinzen, wie Asksakow schreibt, keinen Schullehrer, der +den Brief nicht auswendig kannte. In allen oppositionellen Konventikeln +wurde er mit Begeisterung gelesen und heimlich weiterverbreitet. Bloß +der Tod (Bjelinski starb am 28. Mai 1848) rettete den Autor vor der +Rache des Despotismus. Mußten doch zahlreiche junge Leute, darunter auch +Dostojewski, wegen dieses Schreibens nach Sibirien wandern, lediglich +weil sie der Polizei nicht von dessen Existenz Mitteilung gemacht +hatten. So kämpfte in diesem Brief der Geist des verstorbenen Bjelinski +noch nach seinem Tode tapfer weiter fort, wenn auch zunächst noch mit +geschlossenem Visier. Lange war der Brief in Rußland gänzlich verboten. +Alexander Herzen veröffentlichte ihn zum erstenmal in seinem in London +erscheinenden »Polarstern«. Danach wurde er im Auslande und endlich 1872 +auch in Rußland auszugsweise unter Weglassung der schärfsten Stellen +nachgedruckt. Der vollständige Abdruck im Jahre 1906 in der Bibliothek +Swetotsch (Die Fackel) durch Wengerow bezeichnet einen neuen Abschnitt +in der Geschichte des Briefes und zugleich eine neue Epoche in der +russischen Revolution. + + + Chronologische Tabelle der Werke Gogols + + Die Zahl des Bandes, in dem die einzelnen Schriften erschienen + sind, steht in eckigen Klammern hinter der Jahreszahl. + + Hans Küchelgarten (um 1828) [VIII] + Abende auf dem Gutshof bei Dikanka + I. Teil 1831 [III] + Abende auf dem Gutshof bei Dikanka + II. Teil 1832 [III] + Arabesken 1834 [VI] + Mirgorod, Teil I und II 1834 [IV] + Über die Strömungen der Zeitschriftenliteratur 1835 [VI] + der Jahre 1834-1835 + Der Revisor 1836 [V] + Die Equipage 1836 [IV] + Die Nase 1836 [II] + Petersburger Skizzen 1837 [VI] + Italienische Sommernächte 1839 [VI] + Szenen aus einer unvollendeten Komödie -- Der 1832-1842 [V] + Morgen eines vielbeschäftigten Herrn -- Der + Prozeß -- Das Vorzimmer -- Fragment + Eine Heiratsgeschichte 1833-1842 [V] + Die Toten Seelen, I. Teil 1835-1842 [I] + Die Spieler 1836-1842 [V] + Nach dem Theater 1836-1842 [V] + Das Porträt 1837-1842 [II] + Der Mantel 1839-1842 [II] + Rom 1839-1842 [VI] + Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden 1846 [VII u. + VIII] + Die Beichte des Dichters 1846 [VIII] + Betrachtungen über die Heilige Liturgie 1845-1848 [VIII] + Brief an Schukowski 1848 [VIII] + Die Toten Seelen, II. Teil 1845-1852 [II] + + + Inhalt des siebenten Bandes + + Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden I Seite + Vorrede 1 + I Mein Testament 9 + II Die Frau in der vornehmen Welt 21 + III Die Bestimmung der Krankheiten 30 + IV Etwas über die Bedeutung des Wortes 35 + V Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen 43 + VI Wie man den Armen helfen soll 49 + VII Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee 55 + VIII Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit 73 + IX Über denselben Gegenstand 79 + X Über das Lyrische bei unseren Poeten 85 + XI Diskussionen 111 + XII Der Christ schreitet vorwärts 117 + XIII Karamsin 123 + XIV Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das 129 + Theater und von der Einseitigkeit überhaupt + XV Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit 151 + XVI Ratschläge 161 + XVII Über die Aufklärung 167 + XVIII Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten 175 + Seelen« + XIX Liebt unser russisches Vaterland 203 + XX Lernt Rußland kennen! 209 + XXI Was eine Gouverneursgattin ist 227 + XXII Der russische Gutsbesitzer 255 + XXIII Der Historienmaler Iwanow 271 + XXIV Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags 291 + und bei den heutigen Zuständen in Rußland sein kann + XXV Über ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit 301 + XXVI Rußlands Schrecken und Grauen 307 + XXVII An einen kurzsichtigen Freund 317 + XXVIII In einen hochgestellten Mann 323 + XXIX Wessen Los auf Erden das beste ist 359 + XXX Ein Geleitspruch 363 + XXXI Wesen und Eigenart der russischen Poesie 369 + XXXII Auferstehungstag 447 + + + Inhalt des achten Bandes + + Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden II Seite + An Arkadius Ossipowitsch Rosetti 1 + Über den »Zeitgenossen« (Sowremjennik) 11 + Die Beichte des Dichters 33 + An W. A. Schukowski 101 + Betrachtungen über die Heilige Liturgie 115 + Einleitung 121 + Das Offertorium (_Proscomidia_) 125 + Die Liturgie der Katechumenen 145 + Die Liturgie der Gläubigen 169 + Schluß 217 + Jugendschriften 223 + 1834 225 + Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken 231 + Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung »Der 235 + schreckliche Eber« + I Der Lehrer 237 + II Der Erfolg der Gesandtschaft 251 + Das Weib 263 + Fragmente + Gedichte und poetische Versuche 275 + Sturm 277 + Albumblatt 279 + Hans Küchelgarten 283 + Beilage: Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski + I Gogol an Bjelinski 349 + II Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch 355 + III Bjelinskis Brief an Gogol 361 + IV Gogol an Bjelinski 381 + V Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle 395 + aufgefunden worden ist + VI Gogol an W. S. Bjelinski 399 + Nachtrag 405 + + + Berichtigungen + +Zu Band V, Seite 479, Zeile 5 von unten: Prozeß. Das Bedientenzimmer +usw. statt _Bedientenzimmer_ lies _Vorzimmer_ (Die Bedientenstube). + +Seite 480, Zeile 2 von unten statt _Die Bedientenstube_ lies _Das +Vorzimmer_ (Die Bedientenstube). + +Zu Band VI, Seite 538, Zeile 6 statt 1835 lies 1836. + + + Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch +Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht +verändert. + +Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt, teilweise +unter Verwendung der russischen Originaltexte (vorher/nachher): + + ... Deutsch von Ullrich Steindorf ... + ... Deutsch von Ulrich Steindorff ... + + [S. 1]: + ... An Arkadius Ossipowitsch Rossetti ... + ... An Arkadius Ossipowitsch Rosetti ... + + [S. 13]: + ... auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«. Wir ... + ... auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir ... + + [S. 15]: + ... ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Verspechen, ... + ... ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Versprechen, ... + + [S. 37]: + ... sowie ferner mit dem Unterschied, das sich dies alles in ... + ... sowie ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in ... + + [S. 64]: + ... würden, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und ... + ... würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und ... + + [S. 101]: + ... An W. A. Schukkowski ... + ... An W. A. Schukowski ... + + [S. 156]: + ... Nachdem die Lobhymmen beendigt sind, beginnen die ... + ... Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die ... + + [S. 159]: + ... ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmich ... + ... ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmlich ... + + [S. 179]: + ... alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen Bewußsein ... + ... alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen Bewußtsein ... + + [S. 183]: + ... an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels ... + ... an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer des Himmels ... + + [S. 184]: + ... dem heiligen Hochalter, der den heiligen Abendmahlstisch ... + ... dem heiligen Hochaltar, der den heiligen Abendmahlstisch ... + + [S. 372]: + ... behaupten nnd es als eine große Wahrheit hinstellen, ... + ... behaupten und es als eine große Wahrheit hinstellen, ... + + [S. 378]: + ... Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit und getan, ... + ... Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, ... + + [S. 411]: + ... um um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ... + ... um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ... + + [S. 417]: + ... Über den »Zeitgenossen«; (Sowremjennik); ... + ... Über den »Zeitgenossen«; (Sowremennik); ... + + [S. 427]: + ... Das Offertorium (Prosconidia) | 125 ... + ... Das Offertorium (Proscomidia) | 125 ... + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, +Hans Küchelgarten, by Nikolaj Gogol + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56475 *** diff --git a/56475-8.txt b/56475-8.txt deleted file mode 100644 index 6b935e4..0000000 --- a/56475-8.txt +++ /dev/null @@ -1,9295 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans -Küchelgarten, by Nikolaj Gogol - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten - Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen - über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente - / Hans Küchelgarten - -Author: Nikolaj Gogol - -Editor: Otto Buek - -Translator: Ullrich Steindorf - -Release Date: January 31, 2018 [EBook #56475] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library - - - - - - - Nikolaus Gogol - Briefwechsel II - - - - - Nikolaus Gogol - Sämmtliche Werke - In 8 Bänden - - - Herausgegeben - von - Otto Buek - - - Band 8 - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1914 - - - Nikolaus Gogol - - - - - Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden - - - - Zweiter Teil - - Hans Küchelgarten - - Deutsch von Ulrich Steindorff - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1914 - - - - - An Arkadius Ossipowitsch Rosetti - - - Neapel, im Jahre 1847. - -Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihren Brief und die zahlreichen -Mitteilungen danken soll, die er enthält, liebster, bester Arkadij -Ossipowitsch. Wenn ich häufiger das Glück hätte, solche Briefe zu -erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe -zu mir erfüllt wären, müßte ich schon längst viel klüger sein, als ich -es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen -will, jemand in irgendeiner Weise davon zu überzeugen, daß ich wissen -muß, was man über mich spricht, daß das die einzige Gelegenheit für mich -ist, etwas zu lernen, kurz, daß es einen Menschen gibt, dem man die -Wahrheit sagen muß, so hart und bitter sie auch sein mag, und für den -selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Haß und der -Lieblosigkeit entspringen, ein Bedürfnis sind? So war denn auch einer -der Gründe, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben -- das -Bedürfnis, zu lernen, und nicht etwa das -- andere zu belehren. Da man -jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als -dadurch, daß man ihn erzürnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe -mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen, -die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer -empfindlichsten Stelle treffen mußten. - -Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide außerordentlich -darunter, daß ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen -Umständen kennen müßte; ich leide darunter, daß ich eigentlich gar nicht -weiß, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, Ämter und aller -Bildungsstufen in Rußland darstellen. Alles, was ich hierüber bisher -unter einem ungeheuren Aufwand von Mühe ermitteln konnte, ist nicht -ausreichend, wenn meine »Toten Seelen« das werden sollen, was sie -eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach -dürste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschluß der -Bedienten und Lakaien über mein gegenwärtiges Buch sagen -- nicht -eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der -Beurteiler mit seinem Urteil über das Werk am besten charakterisiert. -Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst für -ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in -seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gütiger Mensch -oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser -Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, daß Sie es sich -heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewußtsein bringen -können, wie an diesem, was der Russe von heute für ein Mensch ist. Ich -kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen -Gebrechen leiden, einen wohltätigen Einfluß auszuüben, ich hatte -erwartet, daß sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten äußern würden, als das -wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter für mich, -vieles mitanhören zu müssen. Aber wie danke ich Gott heute dafür, daß es -gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt -unwillkürlich genötigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt -die Möglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu -lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von -ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, daß meine Persönlichkeit -hierbei Schaden gelitten hat (ich muß es Ihnen gestehen; ich brenne noch -heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaßend ich mich an vielen -Stellen ausgedrückt habe: fast à la Chlestakow), so muß man doch immer -Opfer bringen. Ich brauchte eine solche öffentliche Ohrfeige, ja ich -hatte sie vielleicht nötiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf -an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umständen Nutzen zu ziehen: -Gott hat plötzlich einen ganzen Haufen von Schätzen vor mir -ausgeschüttet, so daß ich mit beiden Händen danach greifen muß, wenn ich -sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas, -dessen nur ein Christ fähig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten für -mich auf, wo Sie sie immer finden mögen. Es wäre Ihnen ein leichtes, -sich täglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu -machen wie z. B. die folgenden: »Heute habe ich den und den, die und die -Meinung äußern hören; über das Leben dieses Menschen ist folgendes -bekannt, er hat einen solchen Charakter« (kurz, Sie könnten mir in -flüchtigen Zügen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts über -ihn bekannt, so schreiben Sie: über sein Leben kann ich nichts in -Erfahrung bringen, ich glaube aber, daß er das und das ist; äußerlich -macht er einen guten und anständigen (oder unanständigen) Eindruck; er -hält seine Hände so; schneuzt sich folgendermaßen; er schnupft Tabak und -zwar in folgender Weise; kurz, Sie dürfen keinen Zug vergessen, der -Ihnen ins Auge fällt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie -jeden geringfügigen Umstand sorgfältig buchen. - -Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder -eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und -Reihenfolge zu geschehen: man wirft bloß zwei, drei Zeilen aufs Papier, -ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar überzeugt, daß dies -eine angenehme Beschäftigung für Sie sein wird, weil Sie stets das -schöne Bewußtsein haben werden, daß Sie das für einen Menschen tun, der -Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so -große Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein -Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhält. Was soll ich machen, wenn dies -Spielzeug -- das wenigstens von anderen Leuten nur für ein Spielzeug -gehalten wird -- in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist; -es ist sogar so wenig ein Spielzeug, daß, wenn ich nicht genug von -diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen »Toten Seelen« -plötzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann -und lauter Dinge zum Vorschein kommen können, wie Sie sie in meinem -Buche gefunden und die Ihnen so mißfallen haben. Glauben Sie mir: wenn -dies Buch nicht erschienen wäre, hätte ich nie jene kunstlose -Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der »Toten -Seelen« herrschen muß, wenn sie jedermann für einen treuen Spiegel des -Lebens und nicht für eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch -großen Umweg man machen muß, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie -wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut -besser, hierüber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir -- das ist -alles, was ich zu sagen vermag. - -Was nun die Veröffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich -folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band -herauszugeben -- ist mir unmöglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor, -die nicht vergessen werden dürfen, und über meine ganze Zeit habe ich -schon disponiert; zudem würde ein ganz ähnliches Werk nicht einmal -Aufsehen erregen. Ich möchte nur, daß Wjasemski seine Bemerkungen dazu -macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch -einmal durchsehen und verbessern, so daß selbst der schlichteste Zensor, -auch ohne daß sie vor eine höhere Instanz zu gelangen brauchten, die -Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es -nur verständig auszudrücken versteht. Der Mißerfolg der besten und -hochherzigsten Unternehmungen rührt meist von unserer Ungeschicklichkeit -her -- da wir gewöhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken: -»Man muß Wasser in seinen Wein gießen« (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber -verdünne sie erst ein wenig). Wenn wir -- statt mit großer Sicherheit -und hochmütiger Miene Ratschläge zu erteilen, die wir in dem Tone eines -Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, daß er sich irren -könnte -- schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, können wir -sicher sein, daß unsere Gedanken von vielen Lesern beifällig aufgenommen -und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehört, mag -fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden; -wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrängt, da soll -sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch -eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon -gedruckten Sätze einen maßvolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen -diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders -veröffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine höhere -Bedeutung verleihen und die Menschen in Rußland an _Rußland_ erinnern -und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen -werden. Obwohl es große Mängel hat, -- es ist nicht auf kurze flüchtige -Eindrücke berechnet. Man muß es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur -für die, die es überhaupt nicht verstanden, sondern auch für die, die es -besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch -Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergründet werden -können. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne -genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wäre sehr schön, wenn -die vollständige Ausgabe im September erscheinen könnte. Das Buch wird -gekauft werden, man kann nämlich noch einiges hinzufügen, was dazu -beitragen könnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige -Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu -lesen. Sie danken mir dafür, daß ich Ihnen (durch die Bemühungen um mein -Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele näher kennen zu -lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafür, daß Sie mir einige -Mitteilungen über ihn zukommen ließen, um derentwillen ich ihn heute -noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit höher schätze als -je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem -schönen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich -kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich -dafür geben würde, wenn ich ihn jetzt sehen, persönlich mit ihm sprechen -und ihn an meine Brust drücken könnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie -aufs herzlichste, mein unschätzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich -Ihnen vielmals für Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr - - Gogol. - -_P. S._ Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Büchern -eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind. -Alle andern erhalten durch den Kurier die schönsten Sachen zugestellt; -sogar Buchweizengrütze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich -erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblättchen. - -Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu bestätigen. -Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar -senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn. - -[Fußnote 1: Getrocknete Rückensehne vom Stör, die in Rußland zur Füllung -von Backwerk verwendet wird. Anm. d. Hersg.] - - - - - Über den »Zeitgenossen« - (Sowremennik) - Ein Brief an P. A. Pletnew - - - Den 4. Dez. 1846. - -Endlich komme ich dazu, mit dir über den »Zeitgenossen« zu sprechen. -»Der Zeitgenosse« war eine schlechte Zeitschrift trotz des -vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses -schöne Ziel, um dessentwillen du ihn gegründet hast, war aus der -Zeitschrift für niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil, -alle Leute fragten betroffen: »Erklären Sie mir bitte, warum und zu -welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit -sagen? Was wollen diese Gemeinplätze in seinem Programm bedeuten, diese -vielen Wiederholungen über Unparteilichkeit, seine uneigennützige Liebe -zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die -jeder Journalist macht und doch keiner hält?« Der magere Inhalt dieser -dünnen Büchlein, der leblose, gleichgültige, matte, verwaschene Stil, in -dem seine Urteile über alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein -Rätsel auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir wollen -ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung: -weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung für alle -modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde für alle Fragen, die -die große Masse unserer Gesellschaft beschäftigen, noch endlich jenen -enzyklopädischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen -Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen -Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur -eine hohe Gabe zuteil -- sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blüten, -die im Garten der Poesie wachsen, zu ergötzen und die höchsten Regungen -der Menschenseele zu verstehen. Der Sänger des »Münnich« und einiger -anderer schöner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der -stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, hätte die polemische -Arena meiden sollen. »Der Zeitgenosse« war selbst unter Puschkin nicht -das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein -viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte. -Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften -schaffen, in der durchdachtere und gründlichere Abhandlungen zum Abdruck -kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die -Mitarbeiter zur Eile gedrängt werden und nicht einmal soviel Zeit haben, -das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen. -Übrigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht -allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als -er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er -zuerst sogar zurücktreten. Die ganze Schuld fällt auf mich: ich flehte -ihn an, seinen Plan doch auszuführen. Ich versprach ihm meine dauernde -Mitarbeit. In meinen Aufsätzen fand er vieles, was einer periodischen -Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen -konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu -jener Zeit tatsächlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu -hoch, als daß er noch ein solch jugendliches Gefühl in sich hätte bergen -können: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals -noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt ließ. Mein hartnäckiges -Zureden und mein Versprechen, tätig mitzuwirken, überzeugte ihn; aber -ich hätte mein Wort doch nicht halten können, selbst wenn er am Leben -geblieben wäre. Ich wußte noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung -führen würde, ich wußte nicht, daß ich einmal alle Kräfte und -Fähigkeiten für jede lebendige literarische Betätigung verlieren und -lange Zeit für alles absterben würde, was den Menschen von heute bewegt. -Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschüttert durch -diesen für alle so schmerzlichen Verlust, der für dich noch weit -schmerzlicher war als für alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der -Zeitschrift. Die Erkenntnis, daß die moderne Gesellschaft verwaist und -des Lichts der Poesie beraubt zurückgeblieben und dazu verurteilt sein -sollte, nichts wie törichte und unfruchtbare Diskussionen und -Streitereien über die Kunst anzuhören, statt sich an den Werken der -Kunst _selbst_ zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und -tief betrübt über diese Vereinsamung und Leere, die sich übrigens schon -zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemächtigt hatte, übernahmst du die -Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas -errichten, das zu Beginn der Puschkinschen Ära ganz von selbst -emporgeblüht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergaßt du -sogar, daß nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern daß -eine höhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht -einmal, daß du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe -periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise -erreichen ließ. »Der Zeitgenosse« hätte als Zeitschrift nicht einmal -dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten -Journalisten in dir vereinigt hättest. Ich muß gestehen, ich kann es mir -nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu -einer Notwendigkeit für unsere Epoche machen sollte. Eine solche -enzyklopädische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer -Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedürfnis mehr wie -früher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drängt uns -alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der -modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft -und die oberflächliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre -Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu -aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Kräfte und -seine Fähigkeiten genauer zu prüfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu -wählen, und zwar kein flüchtiges Augenblicksziel, sondern eine -lebensvolle, reiche und große Aufgabe, die allein den Fähigkeiten -entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner -Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem -Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen. -»Der Zeitgenosse« sollte gänzlich auf den Namen einer Zeitschrift -verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrängter -Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter -eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas Ähnliches darstellen wie -die »Blumen des Nordens« des Barons _Delwig_, dem du durch dein -Verständnis für den Wohllaut der Poesie und deine Fähigkeit, dich an ihr -zu erfreuen und sie intensiv zu genießen, so sehr gleichst. Es ist weit -besser, er erscheint bloß dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen: -das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum -ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus -der Sommerfrische in den Städten zusammenströmt, und das drittemal zu -Neujahr; kurz -- er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo -sich alles mit dem größten Heißhunger auf ein neues Buch stürzt. Alles, -was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektüre -trägt, muß wegbleiben: alle Berichte über Tagesneuigkeiten, jegliche -politischen Nachrichten oder Anzeigen sämtlicher neuen Bücher; höchstens -darf der Band einen ernsten kritischen Bericht über die bedeutsamsten -Werke enthalten, die während eines Jahrdrittels erschienen sind, und -zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen -literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert -werden, daß es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der -Literatur und daß es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz -konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei -Ähnlichkeit mit den übereilten hastigen und fragmentarischen Produkten -unserer Zeitschriftenliteratur haben, dürfen aufgenommen werden. Nur die -schönsten Blüten unserer modernen literarischen Produktion dürfen hier -vereinigt sein. Das aber läßt sich nur in einer Zeitschrift erreichen, -die nicht mehr als dreimal jährlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei -Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen. - -Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische -Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger -gestaltet werden als früher. Ich will hier ausdrücklich _die_ modernen -Schriftsteller anführen, deren Aufsätze unserm »Zeitgenossen« zur Zierde -gereichen würden. Vor allem müssen wir da den Grafen _Sollogub_ nennen, -der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzähler ist. Niemand darf -sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache -rühmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrücke und jede -seiner Wendungen ist prägnant und von einem feinen Anstandsgefühl -erfüllt. Er hat einen großen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist über -alles unterrichtet, was heute unsere höheren Gesellschaftskreise -beschäftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich -noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfüllt, und er ist -durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingeführt worden, sich -eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Käme noch solch -ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann könnte er ein treuer -Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke würden -um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. -- - -Gleich nach ihm müssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich -unter dem fingierten Namen: _Kosak Luganski_ verbirgt. Er ist kein Poet, -ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch, -wahrhaft produktive Schöpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die -Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus -solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe -Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil -eine große Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der -Natur geschöpft. Er braucht keinen Knoten zu schürzen und ihn dann -wieder zu lösen, worüber sich die Romanschreiber so sehr die Köpfe -zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die -sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er -miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine äußerst -interessante Erzählung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit -bedeutender als sämtliche Erzähler von großer Erfindungsgabe. Vielleicht -bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als -irgendein anderer meinem persönlichen Geschmack und den eigentümlichen -persönlichen Forderungen, die ich an einen Erzähler stelle, -entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schöpfe ich Belehrung und neue -Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes -besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies, -daß ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr nützlich sein -kann, ja daß er eine Notwendigkeit für uns ist. Seine Werke sind ein -lebendiger und getreuer statistischer Bericht über Rußland. Alles, was -er aus seinem umfassenden Gedächtnis schöpft und was er uns in seiner -wahrheitsgetreuen Sprache erzählt, wird ein wertvoller Beitrag für -deinen Almanach sein. - -Ich weiß nicht, warum _N. Pawlow_ so gänzlich verstummt ist, ein -Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzählungen sofort ein -Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben -und sich bloß dadurch geschadet bat, daß er es vorzog, nicht mehr _er -selbst_ zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen -Erzählungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer -stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen -poetischen Einfällen oder zu künstlichen mosaikartigen Ausschmückungen -des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht -zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges -psychologisches Phänomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in -seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzählen, um eine Novelle -mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schöpfungen zu -schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehören. - -Mancherlei Vorzüge hat meiner Ansicht nach auch ein Schriftsteller, -dessen Werke unter dem Namen _Kulisch_ erscheinen. Sein blühender Stil -und seine große Kenntnis der Sitten und Bräuche Kleinrußlands sprechen -dafür, daß er ganz vorzüglich dafür geeignet wäre, eine Geschichte -dieses Landes abzufassen. Auch hätte er sicherlich in noch höherem Grade -die Befähigung, frische und lebensvolle Aufsätze für den Almanach zu -schreiben und uns schlicht und einfach von den Sitten und Bräuchen der -alten Zeiten zu erzählen, ohne diese Schilderungen in den Rahmen einer -Novelle oder einer dramatischen Erzählung hineinzustellen, ganz ähnlich -wie uns einstmals _Kornilowitsch_ von dem Zeitalter Peters und von der -vorhergehenden Epoche erzählt hat. Sein Roman hat recht interessante -Partien, als Ganzes ist er jedoch matt und langweilig; die kostbaren -Perlen: sein großes historisches Wissen, die gediegenen Kenntnisse, die -über alle Seiten des Werkes verstreut sind, gehen gänzlich verloren, -ohne irgendeinen Nutzen zu bringen. - -Man hat mir gesagt, daß die _Novelle_ bei uns in der letzten Zeit im -allgemeinen einen großen Erfolg habe und daß einige junge Schriftsteller -eine besondere Neigung zur Beobachtung des wirklichen realen Lebens an -den Tag legten. In den Werken, die ich zu lesen Gelegenheit hatte, -konnte ich in der Tat eine ähnliche Tendenz konstatieren, obwohl der -Aufbau dieser Novellen mir außerordentlich primitiv und ungeschickt -vorkam; die Form der Erzählung erschien mir übertrieben und allzu -wortreich, und dem Stil mangelte es an der rechten Einfachheit. Aber ich -bin überzeugt: wenn in jedem dieser Schriftsteller erst einmal der -Mensch, die Persönlichkeit -- und zwar noch vor dem Schriftsteller -- -zum Durchbruch gekommen ist -- daß sich dann alles andere ganz von -selbst ergeben, daß jeder von ihnen eine starke schriftstellerische -Eigenart bekunden, und daß keiner dieser Fehler mehr an ihnen zu -bemerken sein wird. Ich muß hier noch _des_ Schriftstellers gedenken, -der seine literarische Wirksamkeit mit dem Drama »_Der Tod Ljapunows_« -begonnen hat. Diesem Drama fehlt es im Aufbau des Ganzen zwar noch an -der vollen szenentechnischen und dramatischen Reife, über die nur ein -erfahrener Bühnenschriftsteller verfügt, allein es besitzt viele -Vorzüge, die in seinem Schöpfer einen Schriftsteller von hervorragender -Bedeutung ahnen lassen. Das Vergangene so lebendig miterleben und in -einer so lebensvollen Sprache von ihr künden zu können -- das ist eine -große Gabe! An seiner Stelle würde ich mich förmlich in die alten -Chroniken vergraben, mich ganz an ihnen festsaugen und diese Lektüre -keinen Augenblick im Stiche lassen. Ihnen könnte er viele herrliche -Stoffe entnehmen. Wer weiß, vielleicht würde ihn eine solche Lektüre auf -den vortrefflichen Gedanken bringen, eine wahrheitsgetreue Geschichte -der Zeit zu schreiben, die sein Interesse am meisten fesseln würde. Ein -echt historisches Werk, aus der Feder eines Schriftstellers, der sich so -stark in die historischen Charaktere einzufühlen vermag, ein Werk, das -so lebendig und farbig geschrieben ist, ist weit wertvoller als alle -historischen Dramen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch etwas von -den jungen Schriftstellern sagen, die ihre Laufbahn erst beginnen. Ich -wünschte, du suchtest _Prokopowitsch_ auf und könntest ihn dazu -veranlassen, doch zur Feder zu greifen und sich im erzählenden Genre zu -versuchen. Von allen denen, die mit mir zusammen die Schule besucht -haben und zu gleicher Zeit mit mir zu schreiben begannen, zeigte er weit -früher als alle anderen ein großes Talent für eine anschauliche -Darstellungsweise, getreue Lebensschilderung und eine starke -Beobachtungsgabe. Seine Prosa hatte etwas Munteres und Freies; alles kam -bei ihm ungezwungen heraus und strömte ihm in reicher Fülle zu; alles -gelang ihm ohne große Anstrengung, aus allem schien hervorzugehen, daß -er einmal ein äußerst fruchtbarer Romanschriftsteller werden würde. Ich -weiß wohl, er ist heute verstummt, er hat den Drang nach einer -ausgebreiteten freien Tätigkeit in sich einschlafen lassen, sein -Wirkungskreis hat sich verengt, und es liegt kaum noch ein weites Feld -für die Beobachtung des Lebens vor ihm. Aber das Leben bleibt überall -das gleiche Leben, und je geringer der Raum, je enger der Kreis ist, in -dem es sich ausbreiten kann, um so gründlicher und tiefer können wir -gerade dies Stück Leben erforschen und durchdringen. Sogar die -Geschichte unserer Seele, die unser Erwachen aus einer totenähnlichen -Erstarrung zum Gegenstand hat, ein Erwachen, angesichts dessen der -Mensch mit Entsetzen auf sein in so tierischer Weise vergeudetes Leben -zurückblickt, kann einen herrlichen Stoff für einen Roman abgeben ... -Was für ein Festtag wäre das für meine Seele, wenn ich einmal im -»Zeitgenossen« eine Novelle fände, unter der sein Name stünde! Was -endlich mich selbst angeht, so kann ich nach wie vor kein fleißiger und -eifriger Mitarbeiter an deinem »Zeitgenossen« sein. Du hast schon selbst -bemerkt, daß man mich nicht einen Schriftsteller im strengen klassischen -Sinne nennen kann. Von all den jungen Leuten, die zugleich mit mir und -noch während unserer Schulzeit zu schriftstellern begannen, zeigte ich -in weit geringerem Grade als alle anderen jene Fähigkeiten, die die -notwendigen Vorbedingungen jedes literarischen Schaffens sind. Ich will -dir gestehen, daß selbst in meinen frühsten Projekten und in meinen -Träumen von einer künftigen Tätigkeit nie der Gedanke an die -Schriftstellerlaufbahn auftauchte. Ich wurde fast wie durch einen Zufall -darauf gestoßen. Ich hatte einige Beobachtungen über einzelne Seiten des -Lebens gemacht, deren ich für meine inneren geistigen Angelegenheiten -bedurfte, die mich von jeher aufs lebhafteste beschäftigten, und _sie_ -gaben den Anlaß dazu, daß ich zur Feder griff und beschloß, dem Leser -voreilig alles das mitzuteilen, was ich ihm erst später, d. h. nach -Vollendung meiner eigenen Erziehung hätte mitteilen sollen. Ich mußte -mir alles unter großen Mühen erringen, was einem geborenen -Schriftsteller mühelos zuteil wird. Bis auf den heutigen Tag will es mir -nicht gelingen, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, die rechte -Form für meine Sprache und meinen Stil, diese beiden wichtigsten -Werkzeuge jedes Schriftstellers, zu finden: bis auf den heutigen Tag -sind beide noch so ganz roh und formlos, wie bei keinem Schriftsteller, -nicht einmal bei einem von den schlechten, so daß selbst ein Anfänger, -ein Schuljunge das Recht hat, sich über mich lustig zu machen. Alles, -was ich geschrieben habe, ist nur von psychologischer Bedeutung, kann -aber nie als Muster schöner Literatur in Betracht kommen, und ein Lehrer -würde sehr unvorsichtig handeln, wenn er seinen Schülern den Rat geben -wollte, bei mir zu lernen, wie man schreiben oder wie man die Natur -schildern muß: er würde sie dazu anhalten, Karikaturen zu zeichnen. Den -Beweis dafür kannst du bei einzelnen jungen und unerfahrenen Nachahmern -meiner Manier finden, die gerade durch die Nachahmung weit unter das -Niveau ihres eigenen Könnens herabgesunken sind und ihre Selbständigkeit -und Eigenart verloren haben. Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Spiegel -der Dinge zu sein und die uns umgebende Wirklichkeit, ganz so wie sie -ist, in mir widerzuspiegeln -- ein Streben, von dem ein Dichter während -seines ganzen Lebens gespornt wird und das nur mit seinem eigenen Tode -zur Ruhe kommt. Ich kann auch heute nur von solchen Dingen reden, die in -einer nahen Beziehung zu meiner Seele stehen. Wenn ich also einmal das -Gefühl habe, daß jemand meiner offenherzigen aufrichtigen Meinung bedarf -und daß meine Worte einer Menschenseele den inneren Frieden zu geben -vermögen, dann sollst du einen Aufsatz von mir für deinen »Zeitgenossen« -erhalten; wenn nicht -- so wirst du keinen bekommen, und deswegen darfst -du mir nicht zürnen. - -Ich habe hier auch keinen von unseren heutigen Prosaschriftstellern -erwähnt, die teils selbst mit der Herausgabe von Zeitschriften -beschäftigt sind, teils an Schöpfungen abstrakteren Charakters arbeiten, -die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, Schriftsteller, die -weder die Möglichkeit noch Muße genug haben, an deinem »Zeitgenossen« -mitzuarbeiten. -- Diese sollst du gar nicht erst bemühen. Bei dieser -Gelegenheit muß ich dich ein wenig ausschelten. Du bist im Unrecht, wenn -du vielen Literaten Verständnislosigkeit und mangelnde Teilnahme für -deine Zeitschrift vorgeworfen und dies auf ihre Gleichgültigkeit gegen -die gemeinsame Sache, ihre mangelnde Liebe zur Kunst, ihre Geldgier usw. -zurückgeführt hast. Ein jeder Mensch ist mit irgendeiner eigenen inneren -Angelegenheit beschäftigt; in der Seele eines jeden geht etwas vor, gibt -es Erlebnisse, die ihn von der Mitarbeit an der allgemeinen, gemeinsamen -Sache abziehen; und man kann absolut nicht verlangen, daß ein anderer -sein eigenes Interesse einem Lieblingsgedanken von uns und unseren -Zielen zum Opfer bringen soll, denen wir nachzustreben entschlossen -sind. Gott weist jeglichem seinen Weg an, der immer ein ganz anderer ist -wie der, den ein anderer Mensch zurücklegen muß, und man darf nicht alle -Menschen mit derselben Elle messen. Daher mußt du selbst die ablehnende -Antwort und die Weigerung eines Menschen respektieren, auch dann noch, -wenn er den Grund nicht angeben will, weshalb er keinen Beitrag für den -»Zeitgenossen« zu liefern vermag. Sei zufrieden mit dem, was man dir -gibt. Wenn bloß die von mir namhaft gemachten Autoren dir Beiträge -liefern werden, so würde dies allein schon vollauf genügen. Aber ich -weiß, daß auch noch andere, die ich nicht genannt habe, dir welche zur -Verfügung stellen werden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute über -einen Mangel an talentvollen Schriftstellern klagen, finde ich, daß es -gegenwärtig weit mehr Talente gibt als je zuvor. Sie haben nur ihren Weg -noch nicht gefunden. Keiner von ihnen hat es bisher verstanden, _er -selbst_ zu sein, und das ist der Grund, warum man sie nicht bemerkt; -indessen viele von ihnen werden schon von diesem Wunsch gequält, obwohl -sie noch nicht wissen, wie sie ihn befriedigen sollen. Das Streben, -seine eigene Bestimmung kennen zu lernen, ist heutzutage der wunde -Punkt, an dem viele begabte Leute kranken. Das ist der wahre eigentliche -Grund der Trägheit und Tatenlosigkeit auf literarischem Gebiet. - -Der poetische Teil des »Zeitgenossen« kann gleichfalls sehr reichhaltig -gestaltet werden, trotzdem im heutigen Publikum der Geschmack an der -Poesie erloschen zu sein scheint; Gott sei Dank lebt der Patriarch -unserer Poesie noch, -- noch hat uns der Himmel ja _Schukowski_ -erhalten. Zum Dank für sein reines, makelloses Leben darf _er_ sich -allein unter uns allen noch im Greisenalter einer wahren Jugendfrische -erfreuen und jugendliche Kraft zu neuen poetischen Taten in sich fühlen. -Seine jetzigen Arbeiten sind weit ernster und bedeutsamer als seine -früheren. Man darf ihn nicht nach jenen Verserzählungen und Märchen -beurteilen, die in der letzten Zeit im »Zeitgenossen« zum Abdruck -gekommen sind. Sie konnten und sollten auch keinen Eindruck auf das -Publikum machen, und es ist kein Wunder, daß das Publikum, das jedes -neue Werk an seinen eigenen geistigen Bedürfnissen mißt und in ihm eine -Antwort auf sein unruhiges Fragen und Sehnen sucht, diese Gedichte für -eine »_Kinderei_« von Schukowski erklärt hat. Sie waren tatsächlich für -kleine Kinder geschrieben. Diese Märchen und Erzählungen hätten in Form -eines besonderen Buches unter dem Titel _»Eine Gabe für die Kinder« von -Schukowski_, erscheinen sollen. Es war ein Fehler von ihm, sie einer -Zeitschrift einzusenden. Ich habe ihm dies schon damals gesagt und ihm -geraten, entweder gar nichts oder doch nur etwas einzusenden, was dem -Empfinden eines erwachsenen Menschen entspricht. Jetzt aber weiß ich, -daß er dir für den Almanach einige von den Perlen überlassen wird, die -tief im Inneren seiner Seele gereift sind, in der sich während der -letzten Zeit soviel Herrliches ereignet hat. Noch leben Gott sei Dank -zwei andere von unseren erstklassigen Dichtern: Fürst Wjasemski und -Jasykow. Sie können den »Zeitgenossen« mit neuen Tönen bereichern, wie -man sie von ihnen noch nicht vernommen hat -- mit Tönen, die aus einem -gequälten, gepreßten Herzen hervorströmen, mit Liedern, die aus der -Seele selbst kommen, einer Seele, die sich bereits mit dem strengen -Gehalt der Poesie erfüllt hat. - -Die jüngeren von unseren Dichtern, die erst in jüngster Zeit aufgetreten -sind und die ich hier nicht mit Namen nenne, haben zwar bisher nur eine -gewisse Begabung für eine wohllautende, leichte und elegante Verskunst -an den Tag gelegt, aber noch nicht gezeigt, daß sie echte und wahre -Gefühle besitzen, allein auch sie können poetische Saiten anschlagen, -die unserem Empfinden näher liegen. Die Poesie ist die reine -Manifestation, die Offenbarung der Seele und nicht ein künstliches -Erzeugnis oder Produkt des menschlichen Wollens; die Poesie ist die -Wahrheit der Seele und kann daher allen in gleicher Weise zugänglich und -verständlich sein. Die Schöpferkraft, die Dichtergabe ist eine sehr hohe -Gabe und wird nur den universellen Genies verliehen, die nur ganz selten -auf der Erde erscheinen; für einen anderen ist es gefährlich, diesen Weg -zu betreten. Selbst von den erstklassigen Talenten sanken viele unter -ihr eigenes Niveau herab, wenn sie sich in die Sphäre der reinen -Erdichtung wagten, während sogar geringe Talente sich hoch über sich -selbst erhoben, wenn sie durch ihre eigenen seelischen Erlebnisse dazu -veranlaßt wurden, lediglich die reine nackte Wahrheit ihres geistigen -Erlebens darzustellen. Die Zeit rückt immer näher, wo der Drang nach -einer inneren Seelenbeichte immer lebhafter und lebhafter werden wird. -Selbst die, die nicht einmal daran denken, daß sie Dichter sein könnten, -werden Töne wahrer Poesie erklingen lassen; viele herrliche Blumen, -viele kostbare Schätze werden dir von allen Seiten für deinen -»Zeitgenossen« zufließen. Du selbst, der du die Leier schon längst -beiseitegelegt und vergessen, der du es schon lange nicht mehr versucht -hast, ihr einen Ton zu entlocken, du selbst wirst von neuem zu ihr -greifen. Du hast doch sicherlich in dieser Zeit auch nicht wenig -schmerzliche Augenblicke und manchen Kummer erlebt, von dem niemand -etwas erfahren hat; auch _deine_ Seele wurde sicherlich von dem -Verlangen verzehrt, sich jemand mitzuteilen und sich auszusprechen, sie -hat sicherlich nach einem Freunde gesucht, der Verständnis für all ihre -Bitternisse hätte; da sie ihn nicht finden konnte, hat sie sich -sicherlich an jenes uns allen verwandte und vertraute Wesen gewandt, das -es allein versteht, den Trauernden und Bekümmerten liebevoll an seinen -Busen zu ziehen, jenes Wesen, an das sich schließlich alles wendet, was -da lebt. Nun denn, so denke an alle diese Augenblicke, sowohl an die des -Kummers, wie an die der höheren Tröstung, die auf dich herabgesandt -wurde; nun denn, so finde einen Ausdruck für sie, stelle sie recht und -wahrhaft dar, wie du sie erlebt hast. Die Tränen der Rührung und die -innigsten Gefühle eines dankbaren Herzens werden dir dabei zu Hilfe -kommen und es dir ermöglichen, sie mit solcher Kraft zum Ausdruck zu -bringen, wie dies selbst ein großer, alle Zauberkünste der Dichtung -beherrschender Poet, der jedoch den wahren Schmerz noch nicht kennen -gelernt hat, nie vermöchte. Dann wird der »Zeitgenosse« seinen Namen -rechtfertigen, aber freilich in einem anderen -- höheren Sinne: er wird -allen höchsten Augenblicken, allen höchsten Empfindungen der russischen -Schriftsteller und Menschen Genüge tun. Dann wird er sich auch dem -eigentlichen Ziele weit mehr nähern, das deinem Geiste unklar und -entfernt vorschwebte; er wird alle Schriftsteller zu einem ästhetischen -Bund voll herrlicher brüderlicher Liebe vereinen. In ganz Rußland -vermagst nur du so ein Wagnis zu unternehmen und eine solche Zeitschrift -zu schaffen, weil du allein den Gedanken an sie fortwährend in dir -genährt hast; nur du hast keine pekuniären Interessen im Auge gehabt und -an keinen Lohn für deine Arbeit gedacht; nur du hast ganz unbewußt eine -reine, kindliche Liebe zur Kunst in dir gehegt, die dich unseren besten -Dichtern entfremdete und die die Kunst zu deiner eigensten, -vertrautesten Herzens- und Familienangelegenheit machte. Folglich kann -auch nur dir eine solche Zeitschrift anvertraut werden. Sie muß glänzend -ausgestattet sein; sie muß eine in jeder Beziehung kostbare und -wertvolle Gabe darstellen: der Druck muß so schön und vornehm wie nur -möglich, die Bücher müssen mit den schönsten Stichen und Vignetten, die -bei uns in Rußland hergestellt werden können, geschmückt sein (damit -mußt du russische Graveure beauftragen und keine Ausländer heranziehen). -Das Format der Bände mußt du nicht zu groß wählen, es sollte nur ein -wenig größer sein als das der »Blüten des Nordens«, kurz, das Werk muß -seinem inneren Wert und seiner äußeren Ausstattung nach den Eindruck -eines kostbaren Gegenstandes machen. Das alles aber vermagst nur du zu -bewerkstelligen; denn da du nicht die Absicht hast, die Einkünfte davon -für deine eigenen Bedürfnisse und deinen Unterhalt zu verbrauchen, -kannst du alles darauf verwenden, das Werk möglichst schön auszustatten -und hierdurch unseren armen Künstlern, die häufig bitteres Elend leiden -müssen, Gelegenheit geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. - -Und nun gehe, wenn alles, was ich dir hier gesagt habe, deinen Beifall -hat, in Gottes Namen an die Arbeit, stelle zunächst einmal das erste -Buch des »Zeitgenossen« zusammen und sorge dafür, daß es am kommenden -Osterfeste des Jahres 1847 erscheinen kann; meinen Brief kannst du als -ersten Aufsatz, als Programm oder als Einleitung zu dem Bande abdrucken. -Vorher aber gib ihn allen denen zu lesen, von denen du einen Aufsatz -haben möchtest. So matt und flüchtig er auch geschrieben sein mag, ich -bin trotzdem davon überzeugt, daß ein jeder, der ihn lesen wird, mit dir -und mir darin übereinstimmen wird, daß ein solches Werk eine -Notwendigkeit für Rußland ist, und er wird dir sicherlich die beste -seiner Arbeiten zur Verfügung stellen. In den Zeitungen brauchst du es -nur mit wenigen Worten anzukündigen und zwar brauchst du nur zu -erwähnen, -- daß vom »Zeitgenossen« dreimal im Jahre, zu den oben -angeführten Terminen, je ein Band erscheinen werde; füge nur noch die -Namen der Autoren hinzu, deren Aufsätze zum Abdruck kommen sollen -- das -wird vollständig genügen. Alles übrige -- der Gehalt und die Bedeutung -der Aufsätze sowie die Pracht und Schönheit der Ausstattung -- mag für -jeden Leser eine angenehme Überraschung sein. - - - - - Die Beichte des Dichters - - -Alle sind sich darüber einig, daß noch nie ein Buch soviel Aufsehen -gemacht und zu so verschiedenen Meinungen und Deutungen Anlaß gegeben -hat, wie die »Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«. Und was -das merkwürdigste ist, was bisher vielleicht in der Literatur noch -niemals passiert ist, der Gegenstand dieses Geredes und dieser Kritiken -war nicht das Buch selbst, sondern sein Autor. Jedes Wort wurde mit -Mißtrauen und Argwohn analysiert, und alle Leute wetteiferten -miteinander, die wahre Quelle aufzudecken, aus der es herstammte. An dem -lebenden Körper eines noch lebenden Menschen wurde jene furchtbare -anatomische Sektion vollzogen, bei der selbst ein Mensch von starker -Konstitution in kalten Schweiß ausbricht. So erschütternd und kränkend -jedoch für einen vornehm denkenden und anständigen Menschen viele von -diesen Schlüssen und Folgerungen auch sein mochten, ich nahm dennoch -alle die schwachen Kräfte, über die ich verfügte, zusammen, ich -beschloß, alles zu ertragen, mir dies Erlebnis wie einen Wink von oben -zunutze zu machen -- und strenge Einkehr in mich selbst zu halten. Auch -hierüber habe ich nie eine Meinung, einen Rat, einen Tadel oder einen -Vorwurf geringgeachtet und verschmäht, denn ich überzeugte mich mit der -Zeit immer mehr, daß, wenn der Mensch einmal alle jene empfindlichen -Saiten in sich vernichtet hat, die ihn zum Zorn und Ärger geneigt -machen, und wenn er sich erst einmal die Fähigkeit erworben hat, alles -ruhig anzuhören, er dann jene Stimme der rechten Mitte vernehmen muß, -die sich als Resultat ergibt, wenn man alle einzelnen Stimmen -zusammenfügt und die Extreme auf beiden Seiten in Erwägung zieht, kurz, -ich meine jene Stimme der rechten Mitte, von der es heißt: »Volkes -Stimme -- Gottes Stimme« und nach der alle suchen. Aber obwohl viele -Vorwürfe, die gegen mich gerichtet wurden, meiner Seele wirklich heilsam -waren, diese Stimme der Mitte konnte ich diesmal nicht vernehmen, und -ich vermag nicht zu sagen, welche Wendung die Sache genommen und welches -Urteil man über mein Buch zu fällen beschlossen hat. Wenn ich die Summe -von alledem ziehe, so sind im ganzen drei verschiedene Meinungen laut -geworden: nach der _ersten_ Ansicht ist mein Buch das Produkt eines -unerhörten Hochmuts, das Werk eines Menschen, der sich eingebildet hat, -er stünde hoch über allen seinen Lesern, habe ein Anrecht, von ganz -Rußland gehört und beachtet zu werden, und verfüge über die Kraft und -die Fähigkeit, die ganze Gesellschaft zu reformieren; nach der _zweiten_ -Ansicht ist dies Buch zwar das Werk eines guten, aber betörten Menschen, -der auf Abwege geraten ist und dem das Lob und der Beifall zu Kopfe -gestiegen sind; der Autor habe sich gar zu sehr an seinen Vorzügen -berauscht, seine Begriffe haben sich verwirrt, und so sei er vom rechten -Wege abgekommen; nach der Ansicht der _dritten_ endlich ist dies Buch -das Werk eines Christen, der die Dinge im rechten Lichte sieht und jeder -Sache ihren richtigen Platz anweist. Unter jeder Partei, die eine dieser -Ansichten vertritt, befinden sich gleichermaßen gescheite und -aufgeklärte Leute, wie auch gläubige Christen. Folglich kann keine der -Ansichten, die sicherlich alle einen Teil der Wahrheit enthalten, -- -_völlig_ wahr sein. Am richtigsten wäre es noch, dies Buch einen treuen -Spiegel des Menschen zu nennen. Dieses Buch hat das zum Inhalt, was in -jedem Menschen verborgen liegt: vor allem das Streben nach dem Guten, -dem das Buch selbst entsprungen, und das in jedem Menschen lebendig ist, -wenn er erst einmal erfahren hat, was das Gute ist; ferner eine -aufrichtige Erkenntnis seiner Fehler und daneben eine hohe Einschätzung -seiner Vorzüge; ein ehrliches Verlangen, von andern Menschen zu lernen, -und daneben die feste Überzeugung, daß auch die anderen viel von ihm -lernen können; Demut und Bescheidenheit, daneben aber auch Stolz, ja -vielleicht sogar ein gewisser Demutsstolz; Vorwürfe wider andere Leute -wegen solcher Dinge, an denen man selbst zu Fall gekommen ist und für -die man noch weit heftigere Vorwürfe verdiente -- kurz alles, was man in -der Seele jedes Menschen finden kann, nur mit dem Unterschiede, daß hier -alle Formen und Konventionen abgestreift sind, und daß alles, was der -Mensch in seinem Inneren verschließt, nach außen gekommen ist, sowie -ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in weit wilderer und -lauterer Weise äußert und förmlich zum Himmel schreit, eben wie in einem -Schriftsteller, in dem sich alles, was seine Seele erfüllt, nach außen -und ans Licht drängt; es tritt allen Leuten viel klarer und deutlicher -vor Augen, eben wie bei einem Menschen, dem größere Gaben und -Fähigkeiten verliehen sind als anderen Leuten. Kurz, dies Buch ist nur -ein Beweis für die ewige Wahrheit der Worte des Apostels Paulus, der da -gesagt hat: der ganze Mensch ist eine einzige Lüge. - -Zu diesem Schluß jedoch, der sich vielleicht der Wahrheit am meisten -nähert, ist niemand gekommen, weil der feierliche Ton des Buches und -seine ungewohnte Sprache alle mehr oder weniger verwirrt hat und niemand -das richtige Verhältnis zu ihm finden ließ. Als ich dies Buch schrieb, -stand ich unablässig unter dem Druck einer Todesfurcht, die mich während -der ganzen Zeit meines Krankseins verfolgte, selbst dann noch, als ich -mich außer jeder Gefahr befand. So kam es, daß ich ganz unmerklich in -einen mir sonst ganz fremden Ton verfiel, der einem noch lebenden -Menschen durchaus nicht ansteht. In meiner Angst, ich könnte vielleicht -das Werk nicht mehr vollenden, das während zehn Jahren alle meine -Gedanken beschäftigte, beging ich die Unvorsichtigkeit, schon im voraus -von solchen Dingen zu reden, die ich durch das Leben der Helden eines -epischen, erzählenden Kunstwerks hätte beweisen sollen. So verwandelten -sich meine Gedanken in eine recht unpassende Predigt, die sich im Munde -eines Autors sehr seltsam ausnimmt, in eine Anzahl mystischer, -unverständlicher Stücke, die keinen Zusammenhang mit den anderen Briefen -hatten. Dazu kam schließlich noch der völlig verschiedene Ton dieser -Briefe, die an Menschen von ganz verschiedenem Wesen und Charakter -gerichtet und zu verschiedenen Zeiten und in ganz entgegengesetzten -geistigen und seelischen Stimmungen geschrieben waren. Die einen von -ihnen waren in einer Zeit verfaßt, als ich selbst zu meiner Erziehung -des Tadels und der Rüge bedurfte, mir solche Rügen von anderen erbat und -forderte und sie daher auch anderen erteilte; andere Briefe wieder waren -zu einer Zeit geschrieben, als ich die Empfindung hatte, daß ich die -Vorwürfe für mich selbst aufsparen und in meinen an andere Leute -gerichteten Reden nur die brüderliche Liebe zum Worte kommen lassen -sollte: so geschah es, daß häufig Milde und Schärfe fast dicht -nebeneinander standen. Ferner sind viele Aufsätze, die für das Buch -bestimmt waren, die einen Zusammenhang zwischen einzelnen Stücken -herstellen und vieles näher erklären sollten, nicht aufgenommen worden. -Dazu kommt schließlich noch meine dunkle Sprache und Unfähigkeit, mich -auszudrücken, -- zwei Eigentümlichkeiten eines noch nicht ganz -ausgereiften und fertigen Schriftstellers --; das alles trug dazu bei, -mehr als einen Leser zu verwirren und zu zahllosen falschen Schlüssen -und Folgerungen Anlaß zu geben. Meinen Hochmut glaubte man gerade in -solchen Sätzen zu entdecken, die vielleicht ganz anderen Motiven -entsprungen waren; wo aber wirklicher Hochmut aus meinen Worten sprach, -da bemerkte man ihn nicht; man nannte _das_ Selbstverkleinerung, was -nichts weniger als Selbstverkleinerung war. Aber was die Hauptsache ist, -es gab keine zwei Menschen, die innerlich übereinstimmten, sowie sie an -die Analyse der einzelnen Teile dieses Buches herangingen, was einzelne -zu der sehr richtigen Bemerkung veranlaßte, daß ein jeder in der -Beurteilung meines Buches mehr seine eigene Denkungsart, als die meine, -als den Charakter meines Buches zum Ausdruck brachte. Es versteht sich -von selbst, daß die Schuld ganz -- auf meiner Seite ist. So kränkend -daher auch all diese Angriffe und Verdächtigungen seiner persönlichen -moralischen Qualitäten für einen Menschen sein mögen, in dem noch nicht -jedes Ehrgefühl erstorben ist, -- ich habe kein Recht, jemand deswegen -anzuklagen. - -Ich muß hier noch ein paar flüchtige Bemerkungen über eine Frage machen, -die nicht mit meinen moralischen Qualitäten zusammenhängt. Ich war -äußerst erstaunt, wenn gescheite und kluge Leute Anstoß an Worten -nahmen, die doch völlig klar waren, wenn sie sich an zwei, drei Stellen -klammerten und Schlüsse aus ihnen zogen, die in absolutem Gegensatz zu -dem Geist des ganzen Werkes standen. Aus zwei, drei Worten, die an einen -Gutsbesitzer gerichtet waren, dessen sämtliche Bauern Landwirte und von -schweren Sorgen und Arbeiten in Anspruch genommen sind, den Schluß zu -ziehen, daß ich gegen die Volksbildung zu Felde ziehe -- das erschien -mir äußerst sonderbar, um so mehr als ich mich ein halbes Leben lang mit -dem Gedanken getragen habe, ein wahrhaft nützliches Buch für das -einfache Volk zu schreiben, und nur deswegen davon abstand, weil ich das -Gefühl hatte, man müsse sehr klug sein, um zu wissen, was man dem Volk -in erster Linie vorsetzen müsse. Solange es jedoch noch keine so -gescheiten Bücher gibt, wollte es mir so erscheinen, als ob das -lebendige Wort der Diener der Kirche mehr Nutzen bringen könne und ein -stärkeres Bedürfnis für die Bauern darstelle, als alles, was ihnen -unsereiner, d. h. ein Schriftsteller, zu sagen vermag. Soweit meine -Erinnerung reicht, bin ich stets für die Volksbildung eingetreten; aber -es schien mir so, als ob es besser wäre, ehe man für die Bildung des -Volkes sorgt, erst einmal für die Bildung der Menschen zu sorgen, die in -engstem Verkehr mit dem Volke stehen, worunter das Volk oftmals zu -leiden hat. Und endlich kam es mir so vor, als ob jener niedere wenig -zahlreiche, heute jedoch an Zahl immer zunehmende Stand von Leuten, die -aus dem Bauernstande hervorgehen, die allerhand kleine Stellen besetzen, -denen es trotz ihrer allerdings geringen Bildung an der rechten -moralischen Grundlage fehlt, und die daher überall nur Schaden stiften, -weil sie bestrebt sind, auf Kosten der armen Leute zu leben, -- es kam -mir so vor, als ob dieser Stand weit mehr Anspruch auf unsere Beachtung -hätte als der Bauernstand. - -Dieser Stand schien mir weit mehr der Bücher zu bedürfen, die der Feder -kluger Schriftsteller entstammten, d. h. solcher Schriftsteller, die -Verständnis für ihre Pflichten haben und daher imstande sind, sie auch -jenen Leuten klarzumachen. Unser mit Ackerbau beschäftigter Bauer -dagegen schien mir stets weit sittlicher zu sein als die anderen Leute -und weniger als andere der Belehrung durch die Schriftsteller zu -bedürfen. Nicht weniger erstaunt war ich, als man aus einer Stelle -meines Buches, wo ich sage, daß die gegen mich gerichteten Kritiken viel -Wahres enthalten, den Schluß zog, ich spräche meinen Werken jegliche -Vorzüge ab und stimmte nicht mit den Kritikern überein, die sich zu -meinen Gunsten geäußert haben[2]. Ich erinnere mich sehr gut und habe es -keineswegs vergessen, daß meine geringen Vorzüge und Verdienste Anlaß zu -sehr bedeutsamen Kritiken gegeben haben, die ewige Denkmäler der -Kunstliebe bleiben werden und die dazu beigetragen haben, in den Augen -des Publikums den Wert und die Bedeutung dichterischer Werke zu erhöhen. -Aber es hätte sich doch nicht geschickt, wenn ich selbst von meinen -Vorzügen gesprochen hätte; ja und warum hätte ich das auch tun sollen? -Ich habe von den Fehlern gesprochen, die mir als Literaten anhaften, -weil eine psychologische Frage, die das Hauptthema meines Buches bildet, -Anlaß dazu bot. Wie kann man nur so etwas nicht verstehen! Nicht weniger -seltsam berührte es mich -- daß man daraus, daß ich die -Grundeigenschaften unseres russischen Wesens so stark betont und -hervorgehoben habe, den Schluß zog, ich leugnete die Notwendigkeit der -europäischen Bildung und hielt es für überflüssig, daß sich ein Russe -über den ganzen schweren Weg, auf dem die Menschheit sich zur -Vollkommenheit emporarbeitet, unterrichte. Früher sowohl als auch jetzt -war ich immer der Meinung, ein russischer Bürger müsse über die -europäischen Angelegenheiten unterrichtet sein. Aber ich war auch immer -überzeugt, daß, wenn man über diesem sehr löblichen glühenden Interesse -für die Fragen des Auslandes seine eigenen Grundlagen vergißt, eine -solche Kenntnis der ausländischen Dinge nicht zu unserem Wohl -ausschlagen, unsere Gedanken nur zerstreuen und verwirren, ihnen eine -falsche Richtung geben könne, statt sie in sich zu sammeln und zu -konzentrieren. Ich war von jeher davon überzeugt und bin es noch heute, -daß wir unser russisches Wesen sehr gut und sehr gründlich kennen lernen -müssen, und daß wir nur durch eine solche Kenntnis ein Gefühl dafür -bekommen können, was wir aus Europa entlehnen und uns aneignen sollen, -denn Europa selbst kann uns das nicht sagen. Mir ist es stets -vorgekommen, als ob wir, noch ehe wir etwas Neues bei uns einführen, das -Alte -- nicht nur oberflächlich sondern gründlich und in seiner Wurzel --- kennen lernen müßten; denn sonst kann selbst die wohltätigste -Entdeckung der Wissenschaft nicht mit Erfolg angewendet werden. In -dieser Absicht habe ich in erster Linie von dem Alten gesprochen. - -[Fußnote 2: Auf mein Testament hätte man sich nicht berufen dürfen: in -einem solchen beurteilt man sich sehr streng, weil man sich rüstet, vor -das Angesicht _Des_ Richters zu treten, vor Dem kein Mensch bestehen -kann.] - -Kurz, alle diese einseitigen Folgerungen gescheiter Leute, die ich -überdies gar nicht für einseitig gehalten hatte, dieses Deuteln und am -Worte Hängenbleiben, statt sich an den Sinn und Geist des Buches zu -halten, beweisen mir nur, daß niemand sich bei der Lektüre meines Buches -in einer ruhigen Gemütsstimmung befand; daß sich schon ein bestimmtes -Vorurteil herausgebildet hatte, noch ehe das Buch erschienen war, und -daß jedermann es bereits von einem festen vorher eingenommenen -Standpunkt betrachtete; so kam es, daß alle nur das bemerkten, was sie -in ihrem Vorurteil bestärkte und reizte, und an allem vorübergingen, was -geeignet war, dies Vorurteil zu zerstören und den Leser zu beruhigen. -Diese seltsame Gereiztheit hatte einen so hohen Grad erreicht, daß sie -sogar alle Gesetze des Anstandes außer acht ließ, die man bisher einem -Schriftsteller gegenüber noch zu beobachten pflegte. Man sagte es dem -Verfasser beinahe ins Gesicht, daß er verrückt geworden sei, und man -empfahl ihm allerlei Rezepte gegen seine geistige Zerrüttung. Ich kann -nicht leugnen, daß es mich noch mehr betrübt hat, wenn ebenfalls -gescheite und nicht einmal sehr erregte und gereizte Leute öffentlich in -der Presse erklären, mein Buch enthalte nichts Neues, und wenn es etwas -Neues darin gäbe, so sei es nicht wahr, sondern unrichtig und unwahr. -Das erschien mir sehr hart. Wie es sich auch immer damit verhalten möge, -das Buch enthielt meine Seelenbeichte, es war der Erguß meines Herzens -und meines Inneren. Noch bin ich nicht öffentlich für einen ehrlosen -Menschen erklärt worden, dem man kein Vertrauen schenken darf. Ich kann -Fehler machen, ich kann mich irren wie jeder Mensch, ich kann eine -Unwahrheit sagen, wie ja der ganze Mensch -- eine einzige Lüge ist; aber -alles, was meinem Herzen und meiner Seele entströmt ist, eine Lüge zu -nennen -- das ist zu hart. Das ist ebenso ungerecht wie die Behauptung, -daß mein Buch nichts Neues enthalte. Die Bekenntnisse eines Menschen, -der mehrere Jahre ganz für sein inneres Ich gelebt hat, nur mit sich -selbst beschäftigt war, der sich selbst zu erziehen versucht hat wie -einen Schüler, um sich einen wenn auch späten Ersatz für die in seiner -Jugend verlorene Zeit zu schaffen, der überdies den andern Menschen -nicht völlig gleicht, sondern gewisse Eigenschaften besitzt, die ihm -allein angehören -- die Bekenntnisse eines solchen Menschen können -unmöglich so gar nichts Neues enthalten. Wie dem aber auch sei, in einer -Angelegenheit, an der die Seele beteiligt ist, darf man kein so -entscheidendes Urteil fällen. Einem solchen Fall gegenüber wird selbst -der tiefste Seelenkenner nachdenklich werden müssen. In Angelegenheiten, -die die Seele betreffen, ist es sogar schwierig, über einen gewöhnlichen -Menschen zu richten. Es gibt Dinge, die sich der kühlen Erwägung, dem -Räsonnement eines Menschen entziehen, selbst wenn dieser noch so klug -sein sollte, und die man nur in solchen Augenblicken und in einer -solchen Seelenstimmung versteht, wo unsere eigene Seele das Bedürfnis zu -einer Aussprache, zu einer Beichte hat, wo sie Verlangen trägt, in sich -zu gehen und nicht über andere, sondern über sich selbst Gericht zu -halten. Kurz, die große Sicherheit, mit der diese Urteile gefällt -wurden, schien mir von dem großen Selbstvertrauen des Urteilenden zu -zeugen -- von seinem stolzen Vertrauen auf seine Vernunft und die -Überlegenheit seiner Ansicht. Ich sage das hier nicht deswegen, um -jemand zu tadeln, sondern nur, um darauf hinzuweisen, wie wir bei jedem -Schritt Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir soeben -erst bei einem unserer Brüder gerügt haben; wie wir, indem wir einem -anderen sein hochmütiges Selbstvertrauen zum Vorwurf machen, zugleich -durch unsere eigenen Worte einen Beweis für unseren eigenen Hochmut und -unser Selbstvertrauen liefern; wie wir, während wir einem anderen -Intoleranz vorwerfen, zugleich selbst unduldsam und kleinlich werden. -Jedenfalls zeugt es von einer vornehmen Gesinnung, wenn jemand den Mut -hat, dies einzugestehen, und sich nicht schämt, öffentlich und vor allen -Leuten zu erklären, er habe sich geirrt. Aber genug davon. Nicht um -meine moralischen Qualitäten zu verteidigen, erhebe ich hier meine -Stimme. Nein, ich halte es lediglich für meine Pflicht, auf eine Frage -zu antworten, die fast einstimmig von seiten sämtlicher Leser aller -meiner früheren Werke an mich gerichtet worden ist -- auf die Frage -nämlich: warum ich jene literarische Gattung und jene Sphäre aufgegeben -habe, die ich einmal in Besitz genommen hatte und die ich beherrschte, -über die ich fast Herr war, und warum ich mich einem neuen, mir fremden -Genre zuwandte. - -Um auf diese Frage zu antworten, habe ich mich entschlossen, offenherzig -und in möglichster Kürze die ganze Geschichte meiner literarischen -Tätigkeit zu erzählen, um einem jeden Gelegenheit zu geben, mich -gerechter zu beurteilen. Der Leser soll sehen können, ob ich die Sphäre -meines Schaffens wirklich gewechselt und ob ich auf eigene Verantwortung -zu grübeln und klügeln begonnen habe, in der Absicht, meinem Schaffen -eine andere Richtung zu geben; man wird anerkennen müssen, daß sich an -meinem Schicksal wie an allen anderen Dingen der Eingriff Dessen -offenbart, Der über die Welt gebietet, und zwar nicht immer so, wie -_wir_ dies wünschen, und gegen Den der Mensch nicht anzukämpfen vermag. -Vielleicht wird meine treuherzige Geschichte wenigstens etwas davon -erklären, was vielen in meinem vor kurzem veröffentlichten Buche als ein -so unlösliches Rätsel erscheint. Wenn dies der Fall sein sollte, so -würde mich das aufrichtig freuen, weil diese ganze merkwürdige -Angelegenheit mich sehr mürbe und müde gemacht hat, und weil es mir nach -diesem Wirbelsturm von Mißverständnissen sehr schwer ums Herz ist. - -Ich kann nicht mit voller Bestimmtheit sagen, ob der Schriftstellerberuf -mein eigentlicher Beruf ist. Ich weiß nur das eine: daß in den Jahren, -als ich über meine Zukunft nachzudenken begann (und ich begann schon -sehr früh über meine Zukunft nachzudenken, d. h. zu einer Zeit, als alle -meine Altersgenossen nur ans Spielen dachten), daß mir damals der -Gedanke, ich könnte Schriftsteller werden, nie in den Sinn kam, obwohl -es mir immer so schien, daß ich noch einmal ein berühmter Mann werden -könnte, daß mir ein großes weites Wirkungsfeld offen stände und daß ich -einmal etwas für das allgemeine Wohl leisten würde. Ich dachte einfach, -ich würde mich empordienen und dies alles würde mir durch den -Staatsdienst gelingen. Daher hatte ich in meiner Jugend eine sehr starke -Neigung für den Staatsdienst. Mein Kopf war beständig davon erfüllt, und -alles, was ich tat und womit ich mich beschäftigte, tat ich im Hinblick -darauf. Meine ersten Versuche, meine ersten dichterischen Experimente, -in denen ich es während der letzten Schuljahre zu einer gewissen -Fertigkeit brachte, hatten fast alle einen ernsten und lyrischen -Charakter. Weder ich selbst, noch meine Schulkameraden, die sich mit mir -in der Schriftstellerei versuchten, dachten je daran, daß ich einmal ein -komischer und satirischer Autor werden könnte, obwohl ich trotz meiner -melancholischen Naturanlage oft zum Scherzen aufgelegt war und sogar -andere Leute mit meinen Späßen belästigte, und obgleich sich schon in -meinen frühesten Urteilen über die Menschen eine gewisse Fähigkeit, -bestimmte charakteristische Eigenheiten sowie gröbere und feinere und -komische Charakterzüge, die von anderen nicht bemerkt werden, zu -entdecken, bemerkbar machte. Man sagte, ich verstünde es, -- ich möchte -nicht sagen, die Menschen _nachzuäffen_ oder zu parodieren, -- sondern -sie zu _erraten_, d. h. zu erraten, was ein Mensch in dieser oder jener -Situation sagen würde, unter völliger Wahrung seiner Anschauungsweise, -seiner Denkart sowie seiner Art, sich auszudrücken. Aber ich brachte -dies alles nicht zu Papier, ja ich dachte gar nicht einmal daran, daß -ich diese Fähigkeit noch einmal verwerten würde. - -Die heitere fröhliche Stimmung, die sich in den ersten Schriften, die -von mir im Druck erschienen, bemerkbar machte, hatte ihren Grund in -einem gewissen seelischen Bedürfnis. Ich hatte oft unter Anfällen einer -mir selbst völlig unerklärlichen Melancholie zu leiden, die vielleicht -eine Folge meines krankhaften Zustandes war. Um mich zu zerstreuen, -dachte ich mir die komischsten Dinge aus, die sich nur ersinnen lassen. -Ich stellte mir komische Personen und Charaktere vor, die ich völlig aus -dem Kopfe erfand, und versetzte sie in Gedanken in die komischsten -Situationen, ohne mir viele Sorgen zu machen, wozu das gut sei und was -für einen Nutzen das haben könne. Es war die Jugend in mir, die mich -dazu veranlaßte, die Jugend, der ja noch keinerlei Fragen durch den Kopf -gehen. Das ist der Ursprung meiner ersten Werke, die die einen -ebensosehr zu einem sorglosen naiven Lachen reizten, wie mich selbst, -während sich andere erstaunt fragten, wie einem vernünftigen Menschen -nur solche Torheiten einfallen konnten. Vielleicht hätte diese -Lustigkeit allmählich und zugleich mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung -aufgehört, ebenso wie meine schriftstellerische Tätigkeit. Allein -Puschkin veranlaßte mich, diese Sache ernster anzusehen. Er hatte mich -schon längst dazu zu überreden gesucht, ich sollte ein großes Werk in -Angriff nehmen, und als ich ihm einmal den kurzen Entwurf einer kleinen -Szene vorlas, der jedoch einen weit stärkeren Eindruck auf ihn machte, -als alles, was ich ihm bis dahin vorgelesen hatte, sagte er zu mir: »Wie -ist es nur möglich, daß Sie bei dieser Fähigkeit, den Charakter eines -Menschen zu erraten und durch wenige Züge ganz vor einem erstehen zu -lassen, wie er leibt und lebt, -- wie ist es nur möglich, daß Sie sich -bei dieser Fähigkeit nicht entschließen, ein großes Werk zu schreiben! -Das ist einfach eine Sünde!« Hierauf hielt er mir meine schwächliche -Konstitution und meine körperlichen Gebrechen vor, die meinem Leben früh -ein Ziel setzen könnten; er führte das Beispiel des Cervantes an, der -zwar bereits früher ein paar ausgezeichnete, vortreffliche Erzählungen -verfaßt hatte, jedoch niemals _die_ Stelle unter den Schriftstellern -einnehmen würde, die er heute inne hat, wenn er sich nicht entschlossen -hätte, den Don Quijote zu schreiben, und schließlich trat er mir sein -eigenes Sujet ab, aus dem er eine Art Poem hatte machen wollen und das -er, wie er mir sagte, keinem anderen außer mir überlassen hätte. Dieser -Stoff waren »Die toten Seelen«. (Die Idee zum »Revisor« stammt -gleichfalls von ihm.) Diesmal wurde auch ich ernstlich nachdenklich -- -um so mehr, als ich bereits in die Jahre zu kommen begann, wo man sich -bei jeder Tat, die man vollbringen will, ganz von selbst die Frage -vorlegt: warum und zu welchem Zweck willst du dies tun? Ich erkannte, -daß ich in meinen Werken sinnlose Scherze trieb und spottete, ohne -eigentlich zu wissen, wozu ich das tat. Wenn man schon spottet, so ist -es doch besser, man lacht und spottet kraftvoll und über Dinge, die -wirklich den allgemeinen Spott verdienen. Im »Revisor« wollte ich alles -Schlechte und Häßliche, das es in Rußland gibt, soweit es mir damals -bekannt war, zusammentragen und anhäufen, alle Mißbräuche, die an allen -den Stellen und in allen den Fällen vorkommen, wo gerade Gerechtigkeit -und Redlichkeit vom Menschen verlangt werden, und dies alles auf einmal -verspotten. Die Wirkung war bekanntlich eine furchtbare, erschütternde. -Durch das Gelächter hindurch, das sich mir noch nie mit einer solchen -Gewalt entrungen hatte, vernahm der Leser etwas wie Kummer und Schmerz. -Ich selbst fühlte, daß mein Lachen nicht mehr das Lachen von ehedem war, -daß ich in meinen Werken nicht mehr derselbe sein konnte, der ich früher -war, und daß das Bedürfnis, mich durch harmlose heitere Szenen zu -zerstreuen, zugleich mit meinen jungen Jahren verschwunden war. Nach dem -Revisor empfand ich mehr denn je das Bedürfnis, ein umfassendes Werk zu -schreiben, das mehr enthielt als lediglich Dinge, über die man lachen -mußte. Puschkin fand, daß der Stoff der »Toten Seelen« sich gerade darum -so gut für mich eignete, weil er eine vortreffliche Gelegenheit bot, -ganz Rußland in Gesellschaft des Helden nach allen Richtungen zu -durchqueren und eine ganze Reihe völlig verschiedener Charaktere an uns -vorüberziehen zu lassen. Ich ging ans Werk und fing an zu schreiben, -ohne mir einen detaillierten Plan ausgearbeitet und ohne mir darüber -Rechenschaft gegeben zu haben, was für ein Mensch mein Held eigentlich -sein mußte. Ich dachte mir einfach, daß der komische Plan, mit dessen -Durchführung Tschitschikow beschäftigt war, mir schon von selbst die -Idee zu allerhand verschiedenen Personen und Charakteren eingeben und -daß die Spott- und Lachlust, die sich in mir regte, schon von selbst -eine Reihe von komischen Momenten und Phänomenen erzeugen würde, die ich -mit rührenden Elementen mischen wollte. Aber bei jedem Schritt, den ich -tat, mußte ich mir die Frage vorlegen: welchen Sinn? welchen Zweck hat -das? was soll dieser Charakter zum Ausdruck bringen? was hat diese -Erscheinung zu bedeuten? Es fragt sich nun: was soll man tun, wenn sich -einem derartige Fragen aufdrängen? Soll man sie verscheuchen? Ich -versuchte es damit; allein da erstanden Fragen vor mir, denen ich mich -nicht zu entziehen vermochte. Da ich nichts von einer Nötigung empfand, -meinen Helden gerade zu solch einem Menschen und zu keinem anderen zu -machen, konnte ich auch keine Liebe für die Aufgabe empfinden, ihn -darzustellen. Im Gegenteil, ich empfand etwas wie Ekel davor: alles kam -gewaltsam und gezwungen heraus, und sogar das, worüber ich lachte, -wirkte traurig und deprimierend. - -Ich sah mit voller Klarheit ein, daß ich nicht mehr ohne einen ganz -bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, daß ich mir erst -selbst den Zweck meines Werks völlig deutlich machen, mir über seinen -wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden müßte, was erst -den Dichter mit einer starken und wahren Liebe für sein Werk erfüllt, -die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwärtsschreitet -- -kurz, daß der Autor das Gefühl und die Überzeugung haben muß: indem er -an seinem Werk arbeite, erfülle er gerade _die_ Pflicht, die seine -irdische Bestimmung ausmache, und für die ihm alle seine Gaben und -Fähigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erfülle, diene -er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatsächlich im Staatsdienst -stünde. Der Gedanke an den Staatsdienst verließ mich nie. Ehe ich den -Schriftstellerberuf wählte, wechselte ich mehrmals meine Tätigkeit und -meine Stellung, um zu erfahren, für welchen Beruf ich mich am besten -eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit -denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wußte damals noch -nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu können, wie -ich ihm dienen wollte. Ich wußte damals nicht, daß man dazu jede -persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstüberhebung in sich -besiegen müsse und keinen Augenblick vergessen dürfe, daß man seine -Stellung nicht um seines persönlichen Glückes, sondern um des Wohles -vieler solcher willen innehat, die da unglücklich werden würden, wenn -ein edler Mann seinen Posten im Stiche läßt, und daß man allen -persönlichen Kummer und alle Kränkungen vergessen müsse. Ich wußte -damals noch nicht, daß der, der Rußland wahrhaft und ehrlich dienen -will, sehr viel Liebe für sein Vaterland besitzen muß, eine Liebe, die -alle anderen Gefühle in sich aufgesogen hat, daß man sehr viel Liebe für -den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen -Sinn dieses Wortes sein muß. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich, -der ich diese Eigenschaften nicht besaß, auch meinen Dienst nicht so -ausüben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatsächlich förmlich -darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fühlte, -daß ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich -alles andere auf: meine früheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft, -die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Rußland, um in der -Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwägen, wie ich -es durchführen, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den -Beweis liefern könnte, daß ich gleichfalls ein Bürger meines Vaterlandes -gewesen bin, und daß ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich über mein -Werk nachdachte, um so mehr fühlte ich, daß ich die Charaktere nicht auf -gut Glück wählen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur -solche Menschen darstellen mußte, an denen sich unsere wahren -wesenhaften russischen Charakterzüge am stärksten und deutlichsten -offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene höheren Züge der -russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig -eingeschätzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und -niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht genügend -verlacht und gegeißelt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten -charakteristischen psychologischen Phänomene zusammentragen und meine -Beobachtungen über die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen -Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier -hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewußt war, noch nicht die rechte -Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig -dargestellt, viel zur Enträtselung mancher Seiten unseres Lebens -beitragen, kurz -- ich wollte, daß dem Leser bei der Lektüre meines -Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben -und Fähigkeiten, die _ihm_ allein im Unterschiede von den anderen -Völkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen großen Menge von -Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Völkern -eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft, -von der ich einen genügenden Vorrat besaß, würde mir helfen, diese -Vorzüge so darzustellen, daß der Russe von einer heißen Liebe zu ihnen -entbrennen würde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls -einen genügenden Vorrat mein eigen nannte, würde es mir ermöglichen, -seine Fehler und Mängel in so leuchtenden Farben zu schildern, daß den -Leser ein tiefer Haß gegen sie erfassen würde, selbst wenn er sie in -sich selbst entdecken sollte. Aber ich fühlte zugleich, daß ich dies -alles nur dann vollbringen könnte, wenn ich mir selbst völlig darüber -klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzüge unseres Wesens und -welches seine wahren Mängel und Fehler sind. Man muß sich beides genau -überlegen und es gegeneinander abschätzen, man muß es sich ganz -klarmachen, um nicht eine unserer Schwächen in eine Tugend zu verwandeln -und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzüge dem Gelächter -preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unnütz vergeuden. Seitdem man -mir vorwarf, ich spottete nicht nur über die Fehler, sondern über die -Menschen, die gewisse Schwächen haben, im allgemeinen, und nicht nur -über den _ganzen_ Menschen, sondern auch über seine Stellung und das -Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist), -da sah ich ein, daß man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen müsse -- -um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur -irgendeine Seite einer Sache ins Lächerliche zu ziehen, damit die -Dümmsten und Stumpfsinnigsten sofort über deren sämtliche Seiten lachen. -Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, daß ich -nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau -darüber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die -Vorzüge und die Mängel unseres russischen Wesens bestehen; um sich -jedoch über das russische Wesen klar zu werden, muß man zunächst die -menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen -lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem -aus einem die Vorzüge und Mängel eines jeden Volkes deutlich sichtbar -werden. - -Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn -je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich für eine Zeitlang -gänzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene -ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im -allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher -und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektüre. -Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse -Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem -Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers, -und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne daß -ich selbst wußte, wie dies geschah, zu Christus geführt, denn ich sah, -daß er der Schlüssel zur Seele des Menschen war, und daß noch kein -Seelenkenner sich je auf jene Höhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die -er erreicht hat. Ich prüfte alles mit dem Verstande nach und überzeugte -mich so davon, was anderen durch den Glauben völlig klar ist und was ich -bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis -brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit -mathematischer Klarheit ein, daß man auf Grund von Vorstellungen unserer -Einbildungskraft nicht über die höheren Regungen und Gefühle des -Menschen reden und schreiben könne; man muß wenigstens etwas davon in -sich selbst tragen -- kurz, man muß zuvor selbst besser werden. Das mag -sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine -gründliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich muß jedoch sagen, -daß ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und -daher ist es kein Wunder, daß der Gedanke, ich müßte noch etwas lernen, -sich mir erst in reiferem Alter aufdrängte. Ich begann mein Studium mit -so elementaren Büchern, daß ich mich geradezu schämte, anderen Menschen -zu verraten, womit ich mich beschäftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu -verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Büchern --- als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen Übungen auf mich zu -achten, wie ein Lehrer auf seinen Schüler, und ich betrachtete mich -selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die -ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht -etwa, um damit zu prahlen (ich wüßte auch nicht, womit man hier prahlen -könnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand -Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon überzeugt, daß viele gleich mir -eine schlechte Schulbildung genossen haben, plötzlich zur Besinnung -kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene -nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehört, daß viele sich -darüber beklagten, sie könnten sich nicht mehr von ihren schlechten -Gewohnheiten befreien, trotz des heißesten Wunsches, sie loszuwerden. -Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem -übrigen angepaßt hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich -durch die Erfahrung davon überzeugt hatte, daß sich manches davon -verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen -jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, daß ich mein ganzes Innere zur -Schau gestellt habe, kann ich erwidern, daß ich immerhin noch kein -Mönch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so -gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre -Seele bedrückte. Wenn Karamsin während seiner schriftstellerischen -Tätigkeit ein ähnliches Erlebnis gehabt hätte, er hätte es sicherlich in -derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend -eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die -dazu gehört, um ein Mensch und ein Bürger zu sein, ehe er als -Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken, -daß jemand daran Anstoß nehmen könnte, wenn ich öffentlich erklärte, ich -strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstößiges -dabei, daß ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller -Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch -selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu -sagen: »Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel!« - -Was endlich den Vorwurf anbelangt, daß ich in meinem Buch, nur um mit -meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an -den Tag gelegt hätte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so -muß ich darauf erwidern, daß bei mir weder von Selbstverkleinerung noch -Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat -sich durch die Ähnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale täuschen -lassen. Ich kam mir in der Tat widerwärtig vor, aber nicht etwa aus -Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher -das Ideal des schönen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild -des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich -daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber -ist nicht Demut, sondern eher ein Gefühl, das ein neidischer Mensch hat, -wenn er sieht, daß ein anderer einen besseren und schöneren Gegenstand -in Händen hält, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von -ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glück gehabt, während meines Lebens, -besonders aber während der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu -lernen, deren geistige und seelische Qualitäten mir so groß erschienen, -daß meine eigenen daneben verblaßten, und ich zürnte mir immerfort, weil -ich das nicht besaß, was andere besaßen. Man hätte also höchstens das -Recht, meinen mißgünstigen und neidischen Charakter im allgemeinen -verantwortlich zu machen und anzuklagen. - -Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurückkehren. Eine Zeitlang -waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Rußland und die Menschen -in Rußland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen. -Alles führte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer -Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die äußeren -Verhältnisse, über die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen -meinen Willen veranlaßten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden, -sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil -man mir den Vorwurf machte, ich täte nichts; ich wollte mich gewaltsam -dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzählung oder -irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu -produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein, -schweren Leiden und schließlich sogar mit solchen Anfällen, die mich -dazu nötigten, jede Beschäftigung für lange Zeit gänzlich aufzugeben. -Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, daß ich nicht imstande -war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jüngeren Jahren -gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten -Frühling gibt! Und wenn jeder Mensch beim Übergang aus einem Lebensalter -in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen muß, -warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist -denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von -meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt -immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war -- -das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in -Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Träumen unserer -Phantasie darstellt, und so fand ich schließlich Den, Der die Quelle des -Lebens ist. Seit meiner frühsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche -Vorliebe dafür, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen -feinsten Zügen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen, --- und so wurde ich zu Ihm geführt, Der allein die Seele ganz -durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollständigen -Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als -bis ich die Lösung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst -bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir über einige Hauptfragen -im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch -bis heute noch ein Rätsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch -jenen Übergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch -nicht alles von sich abgestoßen hatte, was sich einmal von mir ablösen -sollte. - -Sowie dieser Zustand in mir überwunden und mein Verlangen nach -Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in -mir der lebhafte Wunsch zu regen, Rußland näher kennen zu lernen. Ich -knüpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und -von denen ich erfahren konnte, was in Rußland vorgeht; ich suchte -erfahrene Männer der Praxis aus allen Ständen kennen zu lernen, die alle -Mißbräuche und Machenschaften in Rußland kannten. Ich wollte -Bekanntschaft mit Menschen aus allen Ständen machen und von jedem etwas -erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschäftigung -hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen -genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem -Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit für jeden -Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht -einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen, -den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen, -den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, daß sich die -Lebenden daraus eine Lehre ziehen, daß sie daraus etwas lernen können. -Deshalb knüpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir -irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die übrigen bat ich, flüchtige -Porträts und Charakterskizzen von Leuten für mich herzustellen, und zwar -von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles -brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine genügende Anzahl von -Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt hätte; daran hatte ich -keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus -einer weit vollständigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen -Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen -ganz einfach, so wie ein Künstler, der ein großes Gemälde, eine eigene -Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er überträgt -diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hängt sie ringsum an den -Wänden auf, um sie beständig vor Augen zu haben, und um nie einen -Verstoß gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er -sich für die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der -Phantasie geschöpft und erzeugt, ich besaß nie diese Fähigkeit. Mir -glückte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus -Tatsachen schöpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte -ich nur dann, wenn ich mir seine äußere Gestalt bis auf die feinsten -Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Porträt im Sinne einer -bloßen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Porträt stets erschaffen, -ich erschuf es durch Nachdenken, mit Überlegung und nicht in der reinen -Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwägung zog, um so wahrer und treuer -ward das, was ich schuf. Ich mußte weit mehr wissen als jeder andere -Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu übersehen -oder nicht zu berücksichtigen -- damit das Unwahre und Unrechte der -Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen. -Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast -niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und -konnten es nicht begreifen, daß ich all diese Kleinigkeiten und -Torheiten wissen wollte, während ich doch eine Phantasie besaß, die -selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich -bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und -kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur -entdeckt hätte. - -Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene -Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen -Briefen ist die große Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich -jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern -gerade deswegen, damit man mich durch Anführung einzelner anekdotischer -Züge widerlegen sollte. Derartige Einwände von praktischen und -erfahrenen Leuten sind für mich deswegen so wichtig, weil sie mir die -Sache selbst näher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere -Wesen Rußlands gewähren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen, -die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie für die Fragen unseres -inneren Lebens, statt dessen beschäftigte man sich mit meiner -Persönlichkeit und schrieb ganze Bogen darüber voll, ob ich ein Recht -habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um -dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der »Toten Seelen« -- der nicht -sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wußte sehr gut, daß viele -sich über ihn lustig machen würden, aber ich war fest entschlossen, -jeden Spott zu ertragen, wenn ich bloß mein Ziel erreichte. Ich glaubte, -daß vielleicht fünf oder sechs Leser meine Bitte _so_ erfüllen würden, -wie ich es wünschte. Ich verlangte gar nicht, daß man die Fehler der -»Toten Seelen« verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande -bloß in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen -an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere -während seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten über -solche Vorfälle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an -Rußland gemahnt. Ich weiß, daß wir uns alle schwer aufraffen können und -daß wir träge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast -jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schöpfen; ich dachte -jedoch, die Lektüre der »Toten Seelen« würde die Menschen aufrütteln, -besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand hätten. -Ich gab meine Adresse an und bat darum, daß nur die mir in ihren Briefen -solche Fälle mitteilen möchten, die sie selbst nicht in der Presse -veröffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es für weit -nützlicher, sie überall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob -eine solche Verbreitung von Kenntnissen über Rußland in Form von -lebendigen Tatsachen gerade gegenwärtig eine dringende Notwendigkeit -sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine Übergangszeit -nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben -bemerkbar, überall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten, -ja dem Übel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte, -daß wir heute mehr denn je bemüht sein müssen, alles herauszustellen und -ans Licht zu bringen, was im Inneren Rußlands vorgeht, damit wir ein -Gefühl dafür bekommen, aus was für einer Menge verschiedener Elemente -der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen -wollen; da aber wäre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal -ordentlich umsähen und uns die Sache überlegten, bevor wir so über die -Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime -Hoffnung, daß die Lektüre der »Toten Seelen« viele auf die Idee bringen -würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und daß viele dazu -veranlaßt werden könnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor während -der Zeit, als er die »Toten Seelen« schrieb, eine solche Wendung nach -Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es könnte einem Menschen, der -bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch -abwärts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben -sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig für das allgemeine Wohl -und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewußtsein kommen, daß er durch -eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und -Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer -Wirksamkeit stehen, mit Rußland bekannt machen und sie damit in schöner -Weise für seine Untätigkeit entschädigen, ja mehr als entschädigen kann. -Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen -Anteilnahme für alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen -frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse -verfolgt, könnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des -Jünglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich täuschte mich in -manchen Leuten: ich glaubte, daß in einem Teil meiner Leser noch ein -Funke von Liebe lebte. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Name nur -deshalb so populär ist, weil er einzelnen Leuten die Möglichkeit und das -Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig -übereinander lustig zu machen. Ich glaubte, daß viele durch mein -Gelächter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das -ja gar nicht aus böser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt -keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den -Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich führe dies -alles nur deswegen an, um zu beweisen, daß ich alle meine Kräfte -angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, daß ich über alle nur -möglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit fördern könnten, -ich ließ es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen -Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit muß ich übrigens -erwähnen, daß viele ihr Erstaunen darüber geäußert haben, daß ich ein -solches Bedürfnis nach Daten über Rußland habe und dabei selbst fern von -Rußland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht überlegt, -daß ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der für mich einen -Aufenthalt in einem warmen Klima nötig machte, gerade eine solche -Entfernung von Rußland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver -in Rußland verweilen zu können. Für die, die mir das nicht nachzufühlen -vermögen, will ich mich hier näher erklären, obwohl es mir etwas schwer -wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht. - -Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher _schöpferischen_ -Begabung fehlt, besitzen eine Fähigkeit, die ich die Einbildungskraft -nennen will -- eine Fähigkeit, die darin besteht, sich Gegenstände, die -einem nicht gegenwärtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns -unmittelbar vor Augen stünden. Diese Fähigkeit ist nur dann in uns -wirksam, wenn wir uns von den Gegenständen entfernen, die wir -beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich -gewöhnlich solche Epochen zum Gegenstand wählen, die bereits hinter uns -liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit -uns von allem, was um uns ist, loslöst, versetzt sie unsere Seele in -eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich -hatte keine Vorliebe für die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die -Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen, -weil mein Geist stets eine Vorliebe für das Wesentliche und Faßliche und -für einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein -moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah -zugleich ein, daß man, wenn man das gegenwärtige Leben schildern will, -nicht beständig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren -konnte, deren man bedarf, um ein großes und formvollendetes Werk -hervorzubringen. Das Gegenwärtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen -und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz -unmerklich und ohne daß man es fühlt, von einer satirischen Anwandlung -erfaßt. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt -und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur _die_ Menschen vor -sich, die sich in unserer Nähe befinden: die ganze Masse, die Menge -sieht man nicht, denn man kann nicht alles übersehen. Ich fing also an, -darüber nachzugrübeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und -einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse -und nicht nur _die_ Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen --- wie ich mich so vom Gegenwärtigen entfernen konnte, daß es sich für -mich gewissermaßen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschütterte -Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und -die ich heute mit Leichtigkeit ertragen hätte, mit denen ich dagegen -damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaßten mich dazu, das -Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Ländern hingezogen -gefühlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe für sie gehabt. -Auch besaß ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen -verzehrt, die nach starken Eindrücken dürsten. Aber seltsam! schon -während meiner Kinderjahre, selbst während meiner Schulzeit und damals, -als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran -dachte, daß ich Schriftsteller werden könnte, kam es mir immer so vor, -als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein -großes Opfer zu bringen, und daß ich gerade, um meinem Vaterlande zu -dienen, gezwungen sein würde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und -zu erziehen. Ich wußte nicht, _wie_ das geschehen würde, noch wozu das -nötig sei; ich dachte auch gar nicht darüber nach, ich sah mich jedoch -so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in -Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich -so häufig, daß es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene -unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal -beunruhigte und ihn veranlaßte, fremde Länder aufzusuchen, lediglich um, -wie er sich ausdrückt, - - Mich unterm Himmel Afrikas - Nach Rußlands trüben Gaun zu sehnen. - -Wie dem auch sein mag, dieser unwillkürliche Drang in mir war so stark, -daß noch keine fünf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen -waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte, -diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefühl zu widerstehen. Der Plan und -der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wußte nur das eine, -daß ich sicherlich nicht _deswegen_ auf Reisen ging, um mich an fremden -Ländern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als -ob ich ahnte, daß ich erst jenseits von Rußland den wahren Wert meines -Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfüllen -würde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter -fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich -keine Menschenseele aus Rußland befand), so wurde mir traurig zumute; -ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner -Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, daß -ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rückreise -dachte. Ich blieb nicht länger als drei Tage im Auslande, und obwohl -mich die Neuheit der Gegenstände reizte, beeilte ich mich, auf demselben -Dampfer nach Hause zurückzukehren, aus Furcht, daß es mir später -vielleicht nicht mehr gelingen könnte, den Weg nach Hause -zurückzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, überhaupt nicht mehr an -fremde Länder zu denken -- und während der ganzen Zeit meines -Petersburger Aufenthaltes, d. h. während voller sieben Jahre kam mir -nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand -meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein -Bedürfnis nach Einsamkeit mich dazu nötigten, Rußland zu verlassen. - -Zweimal bin ich nachher wieder nach Rußland zurückgekehrt, einmal sogar, -um für immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches -Verlangen erfaßt hatte, mir über alles klar zu werden, würde es mir -bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht -merkwürdig? Mitten im Herzen Rußlands, sah ich beinahe nichts von -Rußland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit großer -Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie -davon, was in Rußland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen -Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wußte. Es -ist bekannt, daß jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten -hat, und daher ist es sehr schwer für ihn, andere Leute, die nicht dazu -gehören, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich -verpflichtet fühlt, möglichst häufig mit den ihm nahestehenden Menschen -zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und -für sich so viel Angenehmes hat, daß man sehr viel Selbstaufopferung -besitzen muß, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen -lernte, teilten mir immer nur fertige Schlüsse und Folgerungen und nicht -bloß schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. Überhaupt -bemerkte ich, daß eine gewisse Veränderung in den Köpfen und in den -Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit -einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals früher zu tun -pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung -einer jeden Sache ergründen: ein Motiv, eine Regung, die darauf -hindeutete, daß die Gesellschaft einen mächtigen Schritt vorwärts -gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse Übereilung, -mit der man sogleich die Schlüsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis -drei Tatsachen über das Ganze urteilte; man übersah völlig, daß damit -noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und -in Erwägung gezogen waren. Ich bemerkte, daß sich beinahe jeder in -seinem Kopfe seine eigene Vorstellung über Rußland gebildet hatte, und -das war der Anlaß zu fortwährenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte -etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie -noch früher in den alten Zeiten üblich waren, wo jeder bloß das -erzählte, was er in seinem Leben gesehen und gehört hatte, und wo ein -Gespräch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das -brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkürlich selbst von dieser -hastigen Sucht, sofort übereilte Schlüsse und Folgerungen aus allem zu -ziehen -- dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit --, angesteckt war. - -Noch mehr aber mußte ich mich über unsere Provinz wundern. Dort hörte -man nicht einmal den Namen »Rußland« aussprechen. Wie mir schien, waren -nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur über solche -Gegenstände, die man in den neuesten aus dem Französischen übersetzten -Romanen gelesen hatte. Kurz -- während meines ganzen Aufenthalts in -Rußland zerfiel und zerstob Rußland förmlich in meinem Kopfe. Ich konnte -mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein -Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwächer. Sowie ich es jedoch -verließ, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen, -der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust, -jeden frischen Menschen, der frisch aus Rußland eingetroffen war, kennen -zu lernen, wurde wieder stark und mächtig in mir. Es bildete sich sogar -die Fähigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich -in einem Gespräch von der Dauer einer Stunde, was ich während meines -Aufenthaltes in Rußland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung -zu bringen vermochte. Jedermann weiß, daß man im Ausland viel leichter -Bekanntschaft macht, daß sich in den Bädern Deutschlands und in den -Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande -vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wären und die sich ihr -ganzes Leben lang nicht kennen gelernt hätten. Das war es, was mich -veranlaßte, einem Aufenthalt außerhalb Rußlands den Vorzug zu geben, -schon im Hinblick darauf, daß ich auf diese Weise mehr von Rußland -erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darüber nach, wie ich mich in -Rußland selbst über vieles unterrichten könnte, was dort vorgeht. Durch -Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man -davon im Kopfe behält, sind die Stationen und die Kneipen. In den -Städten und Dörfern Bekanntschaften anzuknüpfen, ist für einen Mann, der -nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man -wird leicht für einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist -höchstens ein Sujet für eine Komödie, die man: _Der Wirrwarr_ betiteln -könnte. Wenn man jedoch erfährt, daß der Reisende noch dazu ein -Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die -Hälfte aller russischen Leser ist fest davon überzeugt, daß ich nur -einen einzigen Lebenszweck habe, nämlich diesen, alles am Menschen vom -Kopf bis zu den Füßen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie -ein so lebhaftes Bedürfnis empfunden, die gegenwärtige Lebenslage des -Russen von heute kennen zu lernen -- um so mehr, als gerade heute die -Gegensätze in der Denkweise so groß geworden sind und alle Welt von -einem wahren Wirbel von Mißverständnissen erfaßt ist, so daß kein Mensch -mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und daß -man genötigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Händen zu betasten, da -man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren. -Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt für mein Werk ausersehen -habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir früher zum Vorwurf -genommen hatte. Je größer die Vorzüge einer bestimmten Persönlichkeit -sind, um so greifbarer und plastischer muß man sie vor dem Leser -erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und -Details, die dafür sprechen, daß diese bestimmte Person auch wirklich -gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt -und blaß und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag, -armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe muß wirklich das Gefühl -haben, daß die dargestellte Persönlichkeit aus demselben Leibe -herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehört, daß -sie etwas Lebendiges, daß sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von -seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins -zusammenfließen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm -ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Räsonnement und keine Predigt -hervorgebracht werden können. Eine solche volle Verkörperung, diese -letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich -nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen -Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erfülle, wenn ich alle großen -Charakterzüge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die -Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen täglich -umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles, -das Große wie das Kleine, berücksichtige und nichts außer acht lasse. In -dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim -größten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fähigkeit, -Schlüsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu -erdichten. Ich mußte immer erst eine große Menge von Menschen anhören, -wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die -Leute meine Meinung gesund und vernünftig. Hörte ich dagegen nicht alle -an und zog ich einen übereilten Schluß, so waren meine Ansichten bloß -schroff und ungewöhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem -»_Briefwechsel mit meinen Freunden_«, kommt vieles vor, das Ähnlichkeit -mit einer bloßen Präsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine -Voraussetzung ist. Es enthält nichts als Folgerungen, aber die einen -Schlüsse und Folgerungen sind unter Berücksichtigung sämtlicher Seiten -einer Sache gezogen und sind daher allen klar, während andere nur -Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt -sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach -als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir -gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in -dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schüler gleichzeitig -zu Worte kommen. - -Es war mir also nicht möglich, mir all das zu verschaffen, was ich -brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte -- ist es da -wohl ein Wunder, daß ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich -selbst kämpfen, wenn man solche Ansprüche an sich selbst zu stellen -gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben -- -selbst wenn sie vorhanden ist --, wo der Verstand bei jedem Schritt die -Frage nach dem »Warum« stellt? Warum mußten eine Reihe von Umständen -eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst -durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die -Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem -Verlangen erfaßt, den russischen Menschen darzustellen, als ich das -allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und -warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden -hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis -unserer Seele durchschaut? -- Warum wurde ich so von dem Verlangen -gequält, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich -solche Umstände ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich -jedoch nötigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele -hinabzutauchen? Warum blieb für mich die Fähigkeit, mich überall an der -Schönheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten -mochte, stets der Gipfel, die Krone aller ästhetischen Genüsse? Warum -wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhörlich von dem Verlangen -gequält, die menschliche Seele zu ergründen? Erklärt mir vor allem, -warum dies so kommen mußte, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so -schreiben kann, wie ich früher geschrieben habe. Ich wollte den -Umständen und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte, -Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich -es früher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heißt, -wie sich's traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts -mehr aus der Feder fließen. Voller Freude, daß ich durch meine an meine -Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaßen ins -Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen, -und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte -ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach -Möglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu -geben, damit das Buch den Charakter eines vernünftigen Werkes erhielte; -ich bedachte nicht, daß das Publikum vieles davon, was an einzelne -Personen gerichtet war, auf sich beziehen würde, besonders nach meinem -Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich fürchtete -mich davor, die Fehler und Mängel des Buches selbst nachzuprüfen, und -verschloß meine Augen, denn ich wußte, daß ich mein Buch, wenn ich es -einer strengeren Prüfung unterziehen würde, vielleicht ebenso vernichten -könnte, wie ich die »Toten Seelen« und alles, was ich in der letzten -Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch könnte -die Leser wenigstens in geringem Maße für mein langes Schweigen -entschädigen, ich glaubte, ich könnte darin meine schwierige Lage -schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben -unmöglich gemacht hatte, und ich würde die Aufmerksamkeit auf die -praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte -ferner, solche Dinge zu berühren, die mir einen tieferen Einblick in -Rußland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen würden, zur -Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt -überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich bekam nur Worte und Reden über Dinge -zu hören, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden können. Ich -ließ die Hände sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu -regen begonnen hatte, erlosch, und ich fühlte mich ganz von selbst und -ohne daß ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den -Sinn gekommen war: soll ich überhaupt noch etwas schreiben? Soll ich -noch weiter in diesem Berufe tätig sein, von dem mich in der letzten -Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, daß es mir -selbst gelingen sollte, mich zu überwinden, angenommen selbst, daß mein -Kiel wieder die nötige Leichtigkeit und Beständigkeit erlangen würde, -und daß mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder -fließen würde -- war meine seelische Verfassung wirklich derartig, daß -meine Werke der Gesellschaft von heute tatsächlich von Nutzen sein -konnten und heute eine Notwendigkeit für sie darstellten? Werfen wir -dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit: -begünstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner: -ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, günstig? - -Alle sind sich mehr oder weniger darüber einig, daß unsere heutige Zeit -eine Übergangszeit genannt werden kann. Alle fühlen heute mehr denn je, -daß sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist -nicht einmal eine Station, auf der man vorübergehend haltmacht, kein -Nachtquartier und kein Rasten während der Reise. Alles sucht etwas, aber -es sucht es nicht draußen, sondern in dem eigenen Inneren. Die -moralischen Fragen haben ein starkes Übergewicht über die politischen, -die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme -erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermögen das Interesse der -Welt mehr zu fesseln. Überall kommt mehr oder weniger deutlich der -Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum -Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren -harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus -sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr -Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren, -erleben Krisen und Umwälzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den -Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer -Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung möglich zu sein -schienen. Ein jeder fühlt mehr oder weniger, daß er sich nicht in der -richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden -sollte, wenn er auch nicht weiß, worin dieser ersehnte Zustand nun -eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem -ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich -dorthin, woher sie etwas über die Fragen, die heute alle beschäftigen, -zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht -wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthält. Bedarf man also wohl -in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der über ein -gewisses schöpferisches Talent verfügt, der lebendige Bilder von -Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben -eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, -- der -von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns -zunächst einmal klar, was das für ein Schriftsteller ist, dessen -Hauptbegabung sein schöpferisches Talent ist. - -Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin überein, daß ein produktiver -Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die -Ansprüche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig -- und mit Recht: -um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht, -herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die häufig ein -außergewöhnliches Talent für das beschreibende, malende Genre besitzen, -denen jedoch die _schöpferische_ Gabe völlig mangelt. Wer dagegen -_schafft_, wer viel Zeit und Mühe darauf verwendet, dem sein Werk teuer -zu stehen kommt, der darf seine Mühe und Arbeit nicht umsonst -verschwenden. Die Schöpfungen seiner Kunst müssen für unser Leben einen -Fortschritt bedeuten, er muß, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er -auf der Höhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld für die -Belehrung, die er aus ihr geschöpft hat, abtragen können, indem er auch -sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die Ästhetiker -unserer Zeit ebenso wie die früherer Zeiten das Wesen des Dichters oder -ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schöpferischer -Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich -aufgenommen hat, ist für einen schöpferischen Schriftsteller sogar -unmöglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der über -einen flinken Pinsel verfügt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag, -was an seinem Blick vorüberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln -gequält und beunruhigt wird. - -Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den -Fragen des Lebens beschäftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als -jemand anderes das lösende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen; -aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich -schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er -sich bei allen seinen großen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit -des Stils, zu der Adlerkraft und -schärfe des Blicks, zu dem -fortreißenden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines -Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes -bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum -Bürger seines Landes und zum Bürger der ganzen Menschheit herangebildet -hat und überall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein -Fels, unerschütterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn -antreten. Wenn er wirklich über solche Mittel und Werkzeuge verfügt, -dann wird er dem Publikum solche Menschen vorführen, wie er sie -gegenwärtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie -mit jener porträthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, daß -das Bild eines Menschen uns überallhin verfolgt, so daß wir es nicht -wieder loswerden können. Bei solchen Mitteln wird es ihm natürlich nicht -schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen -Schriftsteller unsere Köpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man -muß nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche -lebendige Bilder, die wie die rechtmäßigen Herren in der Seele der -Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, -- so werden sich -einem die Tore der Herzen von selbst öffnen, um sie aufzunehmen, wenn -man nur das Gefühl hat und nur das Geringste davon spürt, daß diese -Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschöpft sind, daß sie -unserem eigenen Körper entstammen. Wer könnte in solch einem Falle noch -daran zweifeln, daß heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuüben -vermöchte, wie solch ein Schriftsteller, und daß niemand unserer Zeit -und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch -tatsächlich über einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfügt, sich -aber noch nicht zu einem Bürger seines Landes und der Menschheit -herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend, -selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wäre es -für ihn sogar gefährlich, sich in die Öffentlichkeit hinauszuwagen; dann -kann seine Wirkung eher schädlich als nützlich sein. Diese Arbeit an -sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder -entstammt. Je weniger Ähnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je -ungewöhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen -unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtümern und -Mißverständnissen kann er überall Anlaß geben. Das, was in ihm lediglich -eine natürliche Äußerung, eine normale Funktion seines außergewöhnlichen -Organismus, ein vorübergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes -ist, kann anderen Menschen als ein Höhepunkt, als Zielpunkt erscheinen, -den alle erreichen müssen. Je liebevoller er sich für seine Helden und -Charaktere einsetzt, je gründlicher er sie ausführt, und je lebendiger -seine Darstellung ist, um so größer wird der Schaden sein. Wir alle -haben den Beweis dafür vor Augen. Eine bekannte französische -Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung überragt, hat in wenigen -Jahren eine gewaltigere Umwälzung in den Sitten hervorgerufen als -sämtliche Schriftsteller, die sich bemühten, die Menschen zu -korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die -Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren möglicherweise nur der -Ausdruck einer vorübergehenden Verirrung, der sie in einer späteren -Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der -sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen: -»_Ein Wort ist wie ein Spatz_,« sagt ein russisches Sprichwort, »_läßt -du es aus der Hand, so fängst du es nie mehr ein_.« - -Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schöpferischer -Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fähigkeiten, -in denen eine suggestiv fortreißende Kraft liegt. Der allgemeinen -Zeitströmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen -des Höchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und -Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fühle, daß -ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und daß -ich daher nicht öffentlich hervortreten sollte. Auch das unlängst -veröffentlichte Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« ist ein Beweis -dafür. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie -man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtümern Anlaß gibt und sogar -zur Verbreitung verkehrter Gedanken beiträgt, wenn schon von diesen -Briefen, wie man sagt, einem ganze Sätze und Seiten wie lebendige Bilder -im Kopf haften bleiben, was wäre erst dann geschehen, wenn ich, statt -mit diesen Briefen, mit einem erzählenden Werk voll lebendiger -Anschauungen hervorgetreten wäre? Ich fühle selbst, daß hierin weit mehr -meine Stärke liegt als in theoretischen Erörterungen. Jetzt kann die -Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wäre kaum jemand imstande -gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder hätten etwas Suggestives -gehabt und hätten sich so in den Köpfen festgesetzt, daß kein Kritiker -sie von dort hätte wieder austreiben können. Man darf nicht außer acht -lassen, daß alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit -meiner eigenen Überzeugungen hätten beweisen müssen und meine -Überzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten -»Toten Seelen« vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein für den -mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich -in meinem Briefwerk auf einem höheren Standpunkt als in den vernichteten -»Toten Seelen«. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen -den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer -ausgedrückt hätte, so hätten viele Leute unterlassen, mir Einwände zu -machen. In den von mir vernichteten »Toten Seelen« ist weit mehr von dem -Übergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck -gekommen, es steckt noch eine weit größere Unbestimmtheit in den -grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende, -treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel -Eindrucksvolles, mit sich Fortreißendes, und die Helden haben etwas -Suggestives. Kurz -- als ein ehrlicher Schriftsteller hätte ich die -Feder niederlegen müssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang -gefühlt hätte, sie zu ergreifen. Aber so etwas muß mit Besonnenheit -betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, daß ich -in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich -mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die -ganze Sache etwas genauer überlegen und alle Umstände in Betracht -ziehen, die kein Richter außer acht läßt, wenn er über jemand zu Gericht -sitzt. Ich habe den Eindruck, daß heute nicht nur ein Mensch, der -schriftstellerisch tätig ist, sondern jeder Kopf überhaupt sich der -Tätigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlüsse und -Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten -nur solche sich öffentlich betätigen, deren Erziehung vollendet ist und -die fertige Bürger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur -solche, die Rußland ebenso glühend lieben wie der, der sich Kosak -Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu -schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Böse an der -russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun, -die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt über -den wirklichen Zustand aufzuklären, in dem sich heute die Menschen in -Rußland befinden. - -Es wird _mir_ sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die -schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller -meiner Gedanken und Wünsche war, wo ich doch allem anderen, allen -Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mönch alle Bande, die mich an -alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um -an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht, -der schriftstellerischen Tätigkeit zu entsagen: gehörten doch gerade die -Augenblicke zu den schönsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in -Gedanken ausgebrütet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch -jetzt noch immer überzeugt, daß es kaum einen höheren Genuß gibt als den -des _Schaffens_. Aber -- ich wiederhole dies nochmals -- als ehrlicher -Mensch müßte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den -inneren Drang fühlte, sie zu ergreifen. - -Ich weiß nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wäre, so zu handeln, wenn -ich nicht die Fähigkeit zum Schreiben verloren hätte; denn -- um ganz -aufrichtig zu sein -- das Leben hätte dann plötzlich allen Wert für mich -eingebüßt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das hätte für mich -ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, für -den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafür ist, daß -der Schöpfer den Menschen keinen Augenblick verläßt. Das Herz bleibt -keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die -Erde, die eine Weile vom Pflug unberührt bleibt, andere und neue Kräuter -und Gräser wachsen läßt, bis sie sich in ein neues von ihnen -befruchtetes und gedüngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir, -als ich die Fähigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs -neue zu dem Gegenstand zurück, von dem ich in meiner Kindheit geträumt -hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und -unscheinbarste Stellung hätte mir genügt, wenn ich nur meinem Vaterlande -so hätte dienen können, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja -ich hätte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mögen, als ich -dies jemals gewünscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat -mich niemals verlassen. Ich söhnte mich auch erst mit meiner -schriftstellerischen Tätigkeit aus, als ich mich innerlich überzeugte, -daß man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen könne. Aber -auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein großes Werk -vollendet haben würde, ganz so wie die anderen Menschen in den -Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Pläne -und Absichten hatten bloß etwas Anmaßendes und entsprangen einer -hochmütigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafür ablegen -würde, daß ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und -seinen fundamentalsten Zügen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den -Zügen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen -sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern würde, daß ich -die Seele des Menschen nicht aus Büchern und Erzählungen, sondern aus -Erfahrung kenne, da ich schon von frühester Jugend auf von dem Wunsche -beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so würde man mir eine -Stellung anweisen, die es mir erlauben würde, mit Menschen aller Stände -und mit vielen Leuten in persönliche Berührung zu kommen, nicht erst -durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich -meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen -Leuten nützlich erweisen und mir selbst noch eine größere -Menschenkenntnis erwerben würde. Es schien mir so, als ob Rußland am -meisten unter den gegenseitigen Mißverständnissen leidet, und daß wir -vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele -und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen -Wunsche nach Frieden beseelt wären. Ich hatte gesehen und bereits die -Erfahrung gemacht, daß man durch persönliche Unterhandlungen und -Aufklärungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem -Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine -solche Stellungen gebe, so würde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig -und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich -entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen -wollte, wie ich mich Rußland durch die Fähigkeiten, die ich besaß, -nützlich und notwendig erweisen könnte. Ich schmiedete die kühnsten -Pläne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes -gründeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fähigkeit, -dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in -meinen Augen alle Ämter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten -- der -kleinste wie der größte -- hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur -mit dem gebührenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, daß man, -wenn man den Menschen nur ein wenig zu schätzen weiß und einen Begriff -von seiner Würde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der -Mensch viele Fehler und Mängel hat, daß man, sofern man nur etwas -wahrhaft christliche Liebe für ihn hat und endlich von wirklicher Liebe -zu Rußland erfüllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel -Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses übertrifft alles -andere. Ein Amt und eine Stellung wären für mich dasselbe wie ein Hafen -und das Festland für einen Seefahrer. Ich bin überzeugt, daß heutzutage -ein jeder, der von dem heißen Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der -ein Russe ist und dem Rußlands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und -mit demselben Eifer zu vielen Ämtern und Stellungen im Staate drängen -sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland -gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der Übel -sind groß, und sie haben schon viel Schmach über uns gebracht. -Andererseits aber bin ich auch überzeugt, daß wir schon um unserer -selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So stürmisch -und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die -Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand empört, -man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine -Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfüllen, daß man dem Himmel -Rechenschaft dafür abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schämen -braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist für uns kein Rätsel mehr. -Es war einmal ein Rätsel, als die klügsten unter den Menschen, die -Denker und Dichter, über es nachsannen und zur Überzeugung kamen, daß -sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer -- der -der klügste von ihnen allen war -- es mit voller Sicherheit und ohne zu -schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, _Er_ wisse, was das Leben -sei; seitdem dieser _Eine_ von allen anerkanntermaßen für den größten -aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht -zugeben wollen, daß Er Gott sei, gehalten wird, muß man Ihm aufs Wort -glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte. -Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelöst. - -Das aber genügt noch nicht. Uns ward ein vollständiges und umfassendes -Gesetz für alle unsere Handlungen gegeben -- ein Gesetz, das keine -Gewalt in seiner Wirkung zu hemmen oder zu beschränken vermag, das man -selbst bis in die Mauern des Gefängnisses tragen, das man jedoch nicht -erfüllen kann, wenn man in der Luft schwebt; dazu muß man zum mindesten -ein festes irdisches Fundament unter den Füßen haben. Wenn man ein Amt -und eine Stellung innehat, befindet man sich doch immer auf einem -bestimmten Wege; besitzt man dagegen keine bestimmte Stellung und kein -Amt, so geht man aufs Geratewohl durch Gestrüpp und Schluchten, wenn man -auch das gleiche Ziel im Auge behält. Auf einem Wege geht sich's -leichter als dort, wo es keine Wege gibt. Wenn man Amt und Stellung als -Mittel zu einem Ziel betrachtet, das nicht auf der Erde liegt, sondern -als einen Weg zum himmlischen Ziel -- zur Rettung unserer Seele -- -ansieht, so erkennt man, daß das Gesetz, das uns Christus gegeben hat, -nur für uns selbst gegeben ward, daß er sich gleichsam an uns selbst -wendet, um uns klar und deutlich zu zeigen, wie wir uns an der Stelle, -an der wir stehen, und in dem Berufe, den wir uns erwählt haben, -verhalten sollen. Es ward dem Christen mit aller Bestimmtheit und -Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen Höhergestellte benehmen soll, und -wenn er nur einen Teil davon erfüllt, so werden ihn alle, die über ihm -stehen, liebgewinnen. Es ward dem Christen in aller Bestimmtheit und -Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen die verhalten soll, die unter ihm -stehen, und wenn er nur einen Teil hiervon erfüllt, so werden ihm alle -unter ihm Stehenden von Herzen ergeben sein. Diese ganze Universalität -des menschenfreundlichen Gesetzes Christi, dieses Verhältnis der -Menschen untereinander kann von jedem von uns auf seine begrenzte Sphäre -angewandt und übertragen werden. Wir brauchen bloß alle Menschen, mit -denen wir so häufig in unangenehmster und peinlichster Art -zusammenstoßen, zu unseren Nächsten und unseren Brüdern zu machen, zu -jenen Nächsten, denen uns Christus am meisten zu vergeben und die Er uns -am meisten zu lieben geboten hat. Man braucht bloß nicht darauf zu -achten, wie die anderen sich gegen uns verhalten, und nur daran zu -denken, wie man selbst gegen andere Leute handelt. Man braucht bloß -nicht daran zu denken, wie die anderen uns lieben, sondern bloß darauf -zu achten, ob man sie auch _selbst_ liebt. Man braucht nur, ohne sich -durch irgend etwas gekränkt zu fühlen, dem ersten, dem man begegnet, die -Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken. Man braucht bloß eine kurze Zeit -lang so zu handeln und man wird bald inne werden, daß der Umgang mit -anderen Leuten uns selbst und daß ihnen der Umgang mit uns viel leichter -wird; dann wird man wirklich die Kraft in sich fühlen, auch an einer -unscheinbaren Stelle manch nützliche Tat zu vollbringen. Am schwersten -hat es der in der Welt, der noch nicht irgendwo festen Fuß gefaßt hat, -der sich's nicht klarmacht, worin sein Beruf besteht: ihm ist es am -schwersten, das Gesetz Christi auf sich anzuwenden, das doch dazu da -ist, um auf der Erde und nicht in der Luft verwirklicht zu werden; daher -muß auch das Leben ein ewiges Rätsel für ihn sein. Ihm gegenüber ist -sogar der Gefangene, der im Kerker schmachtet, noch im Vorteil: er weiß, -daß er ein Gefangener ist, und er weiß daher auch, was von dem Gesetz er -für sich auswählen muß. Ihm gegenüber ist noch der Bettler im Vorteil, -er hat auch ein Amt: er ist ein Bettler und weiß daher, was er für sich -aus dem Gesetz Christi schöpfen soll. Ein Mensch jedoch, der nicht weiß, -was sein Beruf, wo sein Platz ist, der sich nichts klar, der bei nichts -haltmacht und nirgends festen Fuß gefaßt hat, der hat weder in der Welt -noch außer der Welt ein Heim; er weiß nicht, wer sein Nächster ist, wer -seine Brüder sind, wen er lieben und wem er verzeihen soll (man kann -nicht die ganze Welt lieben, wenn man nicht erst einmal die lieben -lernt, die einem am nächsten stehen und die Gelegenheit haben, uns -Kummer zu bereiten): sein Gemütszustand hat die meiste Ähnlichkeit mit -einer trockenen mattherzigen Seelenverfassung. - -So war ich denn nach vielen Jahren langer Mühe und mancherlei Versuchen -und häufigem Nachdenken, auf meinem Wege sichtlich vorwärtsschreitend, -endlich zu dem Ergebnis gelangt, von dem ich schon während meiner -Kindheit geträumt hatte, daß das Dienen die Bestimmung des Menschen und -daß unser ganzes Leben ein einziger Dienst ist. Man darf nur nicht -vergessen, daß man ein Amt im irdischen Staate übernimmt, um dadurch dem -himmlischen König zu dienen, und daher Sein Gesetz stets im Auge -behalten muß. Nur wenn man seinen Dienst in dieser Weise auffaßt, kann -man es allen recht machen: dem König, dem Volk und seinem Vaterland. - -Als ich diese Überzeugung gewonnen hatte, war ich schon bereit, mich -voller Eifer jedem Amte zu widmen, obwohl ich natürlich bemüht war, mir -mit Rücksicht auf meine Fähigkeiten einen solchen Beruf zu wählen, der -mich auch weiter in den Stand setzen würde, die Menschen in Rußland auch -in der Praxis kennen zu lernen; damit ich, wenn sich bei mir die -Fähigkeit zum dichterischen Schaffen wieder einstellen sollte, über ein -ausreichendes Material verfügte. Und so war auch einer der Gründe meiner -Reise ins Heilige Land der ehrliche Wunsch, an jener Stelle zu Gott zu -beten und mir von Ihm, Der uns in jenen Gegenden, die einst Sein Fuß -durchschritten, das Geheimnis des Lebens offenbart hat, den Segen für -eine rechtschaffene Erfüllung meiner Pflicht und für meinen Eintritt ins -Leben zu erflehen; ich wollte Ihm für alles danken, was sich in meinem -Leben ereignet hatte, mir von Ihm eine Tätigkeit erbitten und Ihn um -Belebung und Erfrischung für den weiteren Weg und das Werk, für das ich -mich herangebildet und vorbereitet hatte, anflehen. Und darin finde ich -nichts Merkwürdiges, da doch auch der Schüler nach Beendigung seines -Lehrganges sich beeilt, dem Lehrer ein Wort des Dankes zu sagen. Wenn -doch auch der Sohn zum Grabe des Vaters eilt, bevor er seine Tätigkeit -beginnt, warum sollte _ich_ nicht jenem Grabe Ehre und Anbetung -erweisen, das alle verehren, an dem allen Trost und Kräftigung zuteil -wird und vor dem alle Menschen -- auch solche, die keine Dichter sind -- -von Begeisterung ergriffen werden. Es ist vielleicht recht sonderbar, -daß ich in einem gedruckten Buche hierüber geredet habe; aber ich hatte -mich damals gerade von einer schweren Krankheit erholt. Ich war noch -recht schwach und glaubte gar nicht, daß ich imstande sein würde, diese -Reise zu vollenden. Ich wollte, daß _die_ für mich beten sollten, deren -ganzes Leben ein einziges Gebet geworden war, wußte nicht, wie ich es -anstellen sollte, daß meine Stimme bis in die Tiefe der Klosterzellen -und in die Mauern der Einsiedler dränge, und ich dachte, daß vielleicht -einer von denen, die mein Buch lesen würden, mein Wort bis an das Ohr -jener tragen möchte. Ich bat auch die anderen, für mich zu beten, weil -ich nicht wußte, wessen Gebet Ihm wohlgefälliger ist, zu Dem wir alle -beten. Ich weiß nur das eine, daß der Geringste und Schlechteste unter -uns schon morgen ein besserer Mensch werden kann als wir alle und daß -sein Gebet eher bis an Gottes Ohr dringen kann als jedes andere Gebet. -Dafür hätte man mich nicht so strenge verurteilen sollen; man hätte -lieber an die Worte »_Bittet, so wird euch gegeben_« denken und dies -Gebot erfüllen sollen. - -Wie es geschehen konnte, daß ich nun genötigt bin, dem Leser über dies -alles Auskunft zu geben, das kann ich selbst nicht begreifen. Ich weiß -nur das eine: daß ich nie den Wunsch hatte, mich über meine geheimsten -und innersten Seelenregungen zu äußern -- nicht einmal meinen -aufrichtigsten Freunden gegenüber. Ich war fest entschlossen, nichts von -meinen Seelenerlebnissen zu verraten und alle Urteile, die über mich -gefällt wurden, ruhig über mich ergehen zu lassen, da ich fest davon -überzeugt war, daß, wenn erst der zweite und dritte Band der »Toten -Seelen« erscheinen würden, sich alles aufklären und niemand mehr die -Frage stellen würde: was ist der Autor selbst für ein Mensch? trotzdem -der Autor gänzlich hinter seinen Helden verschwinden sollte. Nachdem ich -mich jedoch einmal darauf eingelassen hatte, gewisse Erklärungen über -meine Werke abzugeben, war es ganz unvermeidlich, daß ich auch von mir -selbst reden mußte, weil meine Werke auf das engste mit meinen geistigen -und seelischen Angelegenheiten in Zusammenhang stehen. Gott weiß, -vielleicht geschah auch dies ohne den Willen Dessen, ohne Den in der -Welt nichts geschieht; ja, vielleicht mußte dies gerade deswegen -geschehen, damit ich einen Einblick in mein eigenes Innere gewinnen -konnte. Die Versuchung, hochmütig zu werden, lag mir sehr nahe, -besonders nachdem es mir gelungen war, mich tatsächlich von einigen -Fehlern und Mängeln zu befreien. Dieser Hochmut nistete beständig in -meiner Seele und niemand hat mich darauf aufmerksam gemacht. Bekanntlich -genügt es schon, sich eine gewisse Glätte, ein gewisses Gleichmaß und -eine gewisse Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den Menschen -anzueignen, damit sie unsere Fehler übersehen und nicht beachten. Wenn -man sich dagegen vor unbekannten Leuten und vor der ganzen Welt zur -Schau stellt, und wenn jede unserer Handlungen und Taten bis ins -einzelne zerfasert wird, wenn Menschen der verschiedensten Denkungsart, -der verschiedensten Anschauungen und mit den verschiedensten Vorurteilen -sich jeder nach seiner Weise ein Bild von uns machen, wenn dann von -allen Seiten berechtigte und unberechtigte Vorwürfe auf einen -niederhageln und mit Vorbedacht oder auch ohne böse Absicht an die -empfindlichsten Seiten unseres Wesens rühren, dann fängt man an -- ob -man nun will oder nicht -- sich von solch einer Seite zu sehen, von der -man sich noch nie gesehen hat, und man beginnt Fehler und Mängel in sich -zu suchen, die man sonst nie in sich gesucht hätte. Das ist eine -furchtbare Schule, die einen entweder um den Verstand bringt oder klüger -und vernünftiger macht, als man jemals war. Nicht ohne Scham und ohne -Erröten lese ich vieles in meinem Buche, trotzdem aber danke ich Gott, -daß Er mir die Kraft gegeben hatte, es herauszugeben. Ich brauchte einen -Spiegel, in dem ich mich erblicken und besser erkennen konnte, ohne dies -Buch aber wäre ich schwerlich in den Besitz eines solchen Spiegels -gekommen. Und so hat denn mein Buch, das aus der ehrlichen Absicht -entsprungen war, anderen zu nützen, vor allem mir selbst am meisten -genützt. - -Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auch einige Worte über den Nutzen -zu sagen, den mein Buch anderen Leuten bringen kann. Ist mein Buch -wirklich so ganz wertlos für andere Menschen, besonders aber für die -Gesellschaft, wie sie heute ist? Mir scheint, alle, die über dies Buch -geurteilt haben, haben es mit zu weit aufgerissenen Augen und gar zu -hitzig und heftig betrachtet. Man hätte es weit kaltblütiger beurteilen -sollen. Statt als Vorkämpfer der ganzen Gesellschaft aufzutreten und -mich im Angesicht des ganzen russischen Vaterlandes vor Gericht zu -laden, hätte man die Sache viel einfacher ansehen sollen. Man hätte das -Buch analysieren, man hätte feststellen sollen, was es seinem innersten -Wesen nach ist, und man hätte nicht eher auf die Einzelheiten und die -Teile eingehen dürfen, als bis man sich den inneren Sinn des Ganzen -völlig klargemacht hatte. Nun aber hatte das allerhand törichte -Wortstreitigkeiten zur Folge, ja vielem wurde ein solcher Sinn -untergelegt, von dem ich mir nie hatte etwas träumen lassen. - -Zunächst hätte ich jederzeit das Recht gehabt, davon zu reden, wovon ich -in meinem Buche gesprochen habe, wenn ich mich nur einfacher und -schicklicher ausgedrückt hätte. Es ist mir nie eingefallen, die Menschen -in der Weise belehren zu wollen, wie mir das einige imputieren wollten. -Das _Lehren_ verstand ich in dem einfachen Sinne, den die Kirche im Auge -hat, wenn sie gebietet, einander unaufhörlich zu belehren, wobei man es -verstehen muß, mit derselben Freude Ratschläge von anderen -entgegenzunehmen, mit der man selbst anderen welche erteilt. Ich aber -war damals wirklich bereit, Ratschläge von anderen Menschen -entgegenzunehmen. Ich stellte mir die Gesellschaft keineswegs als eine -Schule vor, die mit Schülern von mir angefüllt ist, deren Lehrer ich -bin. Ich bestieg mit meinem Buch kein Katheder und verlangte nicht, daß -alle aus diesem Buche lernen sollten. Ich kam zu meinen Mitbrüdern und -Mitschülern wie ein ihnen gleichgestellter Schulkamerad; ich brachte -einige Hefte mit, in denen ich die Worte des Lehrers nachgeschrieben -hatte, von Dem wir alle lernen; ich brachte vielerlei mit; mochte sich -jeder das davon wählen, was er brauchen konnte. Es waren Briefe -darunter, die an Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen -Anlagen und Neigungen gerichtet waren. Viele von diesen Personen standen -auf ganz verschiedenen Stufen der geistigen Entwicklung; daher konnten -sich diese Briefe unmöglich in gleicher Weise auf alle Menschen beziehen -und auf sie alle passen. Ich dachte mir, jeder würde sich nur das davon -aneignen, was er brauchte, und das andere nicht beachten. Ich hatte -nicht geglaubt, daß so mancher gerade danach greifen würde, dessen ein -anderer bedurfte, ausrufen würde: »Das kann ich nicht brauchen!« und mir -dann noch zürnen würde. Ich wollte auch keine neue Lehre verkünden. Als -ein Schüler, der in einigen Fächern etwas weiter fortgeschritten ist als -ein anderer Mitschüler, wollte ich es den übrigen Kameraden bloß -klarmachen, wie man die Lektion, die uns von dem besten aller Lehrer -aufgegeben wird, am schnellsten und leichtesten lernt. Ich hatte -geglaubt, wenn man mein Buch gelesen haben würde, würde man zu mir -sagen: »Ich danke dir, Mitbruder!« und nicht: »Ich danke dir, mein -Lehrer!« Wenn nur nicht mein »Testament« gewesen wäre, das ich -unvorsichtigerweise mitaufgenommen habe und in dem ich auf die Belehrung -anspielte, die jeder Autor seinen Mitmenschen mit seinen poetischen -Werken erteilen sollte, so wäre es niemand eingefallen, mir solche -apostolische Absichten zuzuschreiben, trotz meines ziemlich -entschiedenen Tons, ja sogar trotz der lyrischen Feierlichkeit meiner -Rede. Dagegen wird ein jeder, der bereits in seine eigene Seele zu -blicken vermag, meinem Buche mancherlei entnehmen können, was ihm von -Nutzen sein dürfte. - -Was ferner die Meinung anbetrifft, daß mein Buch schädlich wirken müsse, -so kann ich dies unter keinen Umständen zugeben. In dem Buche kommt -trotz all seiner Mängel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu -deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen -leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das -Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen Überzeugung: nämlich daß die -höchste Instanz in allen Fragen die Kirche und daß _sie_ der Schlüssel -zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der -Lektüre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, _in_ der -Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn -darüber belehren werden, was er sich aus meinem Buche für seine Zwecke -aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere -Bücher statt des meinen geben, um derentwillen er _mein_ Buch -beiseitelegen wird, so wie ein Schüler das Buchstabieren aufgibt, wenn -er frei lesen gelernt hat. - -Zum Schluß muß ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die über mein -Buch gefällt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und -keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir -gegenüber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen -selbst, ich hätte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine -Vorzüge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden, -einbilden können, daß ich höher stehe als alle anderen Menschen und daß -ich das Recht habe, über andere Leute zu richten, worauf aber könnte -sich der stützen, der mit solcher Sicherheit über mich zu Gericht sitzt -und nicht einmal das Gefühl hat, daß er höher steht als ich? Wie dem -auch sein mag, um ein allseitiges Urteil über einen Menschen zu fällen, -dazu muß man höher stehen als der, über den man richtet. Man kann wohl -gewisse Bemerkungen über diese oder jene Einzelheit machen, man kann -Meinungen äußern und Ratschläge erteilen, allein über den ganzen -Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschläge stützt, ihn für -völlig verrückt erklären, behaupten, er habe seinen Verstand verloren, -er sei ein Lügner und Betrüger, der die Maske der Frömmigkeit angelegt -habe, ihm gemeine und niederträchtige Absichten unterlegen -- nein, das -sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen -offenkundigen Schurken, der das Schandmal der öffentlichen Verachtung -trägt, vorzubringen imstande wäre. Mir scheint, ehe man solche -Beschuldigungen ausspricht, müßte man innerlich erschrecken und erbeben, -man sollte erst ein wenig darüber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei -zumute wäre, wenn öffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen -gegen uns erhoben würden! Es wäre wirklich gut, wenn man sich's erst ein -wenig überlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: »Irre ich -mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich -hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es -nicht für alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die äußere -scheinbare Ähnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die -geschicktesten Ärzte eine Krankheit für eine andere gehalten und ihren -Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten -secierten.« Nein, das Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« enthält, -so große Mängel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel -Derartiges, was nicht allen sofort verständlich sein kann. Es nützt -nichts, sich darauf zu berufen, daß man das Buch zwei- oder dreimal -gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts -dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, muß -man entweder eine sehr einfache und gütige Seele haben oder ein sehr -vielseitiger Mensch sein, der außer einem Verstande, der die Dinge von -allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch über ein hohes poetisches -Talent und eine Seele verfügt, die einer vollen, großen und tiefen Liebe -fähig ist. - -Ich kann nicht leugnen, daß diese ganzen Wirrnisse und diese -Mißverständnisse sehr bitter für mich waren -- um so mehr, als ich -geglaubt hatte, daß mein Buch eher den Keim zur Versöhnung als zu Streit -und Zwietracht enthalte. Meine Seele wäre unter all den Vorwürfen -zusammengebrochen; manche darunter waren so fürchterlich, daß Gott jeden -vor solchen Anklagen bewahren möge! Andererseits aber fühle ich mich -verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen -vieler Verfehlungen hätten mit Vorwürfen überschütten können, die mich -aber in dem Gefühl, daß sie bereits das Maß dessen überstiegen, was die -schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines -mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott möge es -ihnen vergelten! Ich kenne keine größere Tat, als einem Menschen, der -den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen. - - 1847. - - - - - An W. A. Schukowski - - - Neapel, den 10. Januar 1848./29. Dezember 1847. - -Ich bin in deiner Schuld, lieber Freund! Jeden Tag nehme ich mir vor, zu -schreiben -- aber eine unbegreifliche _Unlust_ hindert mich immer wieder -daran. Wieder liegen Neapel, der Vesuv und das Meer vor mir! Die Tage -fliehen in steter Beschäftigung dahin, die Zeit vergeht so schnell, daß -man nicht weiß, wie man eine Stunde erübrigen soll. Ich lerne wie ein -Schuljunge und hole alles nach, was ich in der Schule zu lernen -unterlassen habe. Aber wozu soll ich davon erzählen! Ich möchte davon -sprechen, wovon ich mit dir allein sprechen kann: nämlich von unserer -lieben _Kunst_, für die ich lebe und um derentwillen ich jetzt arbeite -und lerne wie ein Schulknabe. Da ich jetzt vor einer Reise nach -Jerusalem stehe, möchte ich dir mein Herz ausschütten; wem gegenüber -könnte ich das auch tun, wenn nicht dir gegenüber? Die Literatur hat ja -doch fast mein ganzes Leben ausgefüllt, und hier liegen meine -Hauptsünden. - -Nun sind es bald zwanzig Jahre, daß ich, ein Jüngling, der kaum ins -Leben getreten war, zum erstenmal zu _dir_ kam, der bereits den halben -Weg auf diesem Felde zurückgelegt hatte. Das war im Schlosse von -Schepelejow. Das Zimmer, wo diese Begegnung stattfand, existiert bereits -nicht mehr; aber ich sehe es noch deutlich und in allen Einzelheiten -- -bis auf das kleinste Möbelstück und die geringsten Sachen, die darin -standen, vor mir, wie wenn es heute wäre. Du reichtest mir die Hand und -warst ganz erfüllt vom Verlangen, dem künftigen Mitkämpfer zu helfen. -Wie wohlwollend und liebevoll war dein Blick! ... Was war es, das uns, -zwei Menschen von so verschiedenem Alter, zusammenführte? Es war die -Kunst! Wir fühlten, daß zwischen uns eine Verwandtschaft bestand, die -stärker war als die gewöhnliche Blutsverwandtschaft. Und woher kam das? -Weil wir beide etwas von der Heiligkeit der Kunst verspürt hatten. - -Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, in welchem Maße ich Dichter -bin; ich weiß nur das eine, daß ich, noch ehe ich die Bedeutung und das -Ziel der Kunst verstehen lernte, schon wie durch einen geheimen Instinkt -meiner ganzen Seele empfand, daß sie was Heiliges sein müsse. Und so -wurde sie denn, wohl von dieser unserer ersten Begegnung ab, das -_Erste_, die _wichtigste Angelegenheit_ meines Lebens, während alles -andere an die zweite Stelle rückte. Es schien mir so, als ob ich mich -von nun ab durch keine anderen Bande mehr an die Erde fesseln lassen -dürfte, weder durch die Familie, noch durch das amtliche Leben des -Bürgers, und daß die literarische Laufbahn auch eine Art Dienst sei. -Noch gab ich mir keine Rechenschaft (konnte ich sie mir denn damals auch -geben?), was der Gegenstand meiner literarischen Tätigkeit sein müsse, -aber schon regte sich die schöpferische Kraft in mir und ich wurde durch -die näheren Lebensumstände selbst auf bestimmte Gegenstände hingewiesen. -Dies alles spielte sich gleichsam unabhängig von meiner eigenen (freien) -Willkür ab. So dachte ich zum Beispiel niemals daran, daß ich einmal ein -satirischer Schriftsteller werden und meine Leser zum Lachen reizen -würde. Allerdings hatte ich schon in der Schule bisweilen eine gewisse -Neigung zur Lustigkeit und ich plagte meine Mitschüler mit unpassenden -Scherzen. Aber das waren vorübergehende Anwandlungen; im allgemeinen -hatte ich eher einen melancholischen Charakter und ein zum Nachdenken -neigendes Wesen. Später kamen noch Krankheit und Hypochondrie dazu, und -diese Krankheit und Hypochondrie waren die Ursache jener ausgelassenen -Lustigkeit, die sich in meinen ersten Werken bemerkbar macht. Um mich -selbst zu zerstreuen, pflegte ich mir ohne jede weitere Absicht und ganz -planlos gewisse Charaktere auszudenken, die ich dann in komische -Situationen versetzte -- und das war der Ursprung meiner Erzählungen! -Meine Leidenschaft für die Menschenbeobachtung, die mich schon seit den -frühesten Tagen meiner Kindheit erfüllte, verlieh meinen Gestalten etwas -Natürliches; man sagte sogar von ihnen, es seien getreue Porträts nach -der Natur. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: mein Lachen hatte -anfänglich etwas Gutmütiges, ich dachte gar nicht daran, irgendein Ding -in einer ganz bestimmten Absicht zu verspotten, und ich war aufs höchste -erstaunt, wenn ich hörte, es fühle sich jemand gekränkt oder ganze -Gesellschaftsklassen und -stände zürnten mir darob, so daß ich -schließlich nachdenklich wurde. »Wenn die Macht des Gelächters so groß -ist, daß man es fürchtet, so darf man es nicht mißbrauchen.« Ich -entschloß mich also, alles Schlechte, das mir bekannt war, zu sammeln, -in einem Ganzen zusammenzufassen und dann dieses Ganze dem Gelächter -preiszugeben -- so entstand der »Revisor«. Das war mein erstes Werk, das -aus der Absicht entsprang, einen heilsamen Einfluß auf die Gesellschaft -auszuüben, was mir übrigens nicht gelungen ist: man hat aus der Komödie -die Absicht herauserkennen wollen, die gesetzliche Ordnung und unsere -Regierungsform zu verspotten, während ich nur die eigenmächtige -Übertretung dieser rechtmäßigen und gesetzmäßig sanktionierten Ordnung -durch einzelne Personen verspotten wollte. Ich zürnte sowohl meinen -Zuschauern, die mich nicht verstanden hatten, als auch mir selbst, der -die Schuld daran trug, daß ich nicht verstanden worden war. Ich wollte -entfliehen und alles im Stiche lassen. Meine Seele dürstete nach der -Einsamkeit, ich hatte das Bedürfnis, aufs ernsthafteste über meinen -Beruf und meine Tätigkeit nachzudenken. Schon lange trug ich mich mit -dem Gedanken an ein _großes Werk_, in dem alles Gute und Böse, das es im -russischen Menschen gibt, dargestellt und in dem die _Eigenart_ unseres -russischen Wesens möglichst klar und deutlich sichtbar gemacht werden -sollte. Ich sah und konnte wohl viele von den Teilen einzeln erfassen, -aber der Plan des Ganzen wollte sich mir nicht zu voller Klarheit -gestalten und so bestimmte Formen annehmen, daß ich ans Werk gehen und -mit der Niederschrift beginnen konnte. Bei jedem Schritt fühlte ich, daß -mir noch vieles fehlte, daß ich es noch nicht verstand, den Knoten der -Vorgänge und Begebenheiten zu schürzen und ihn wieder zu lösen, und daß -ich erst bei den großen Meistern in die Schule gehen und von ihnen -lernen mußte, wie man ein großes Werk aufbauen und komponieren muß. Ich -begann also die großen Meister zu studieren und machte zunächst den -Anfang mit unserem lieben Homer. Schon kam es mir so vor, als ob ich -etwas zu verstehen begann und sogar anfing, mir ihre Methoden und sogar -ihre Kunstgriffe zu eigen zu machen, -- allein die schöpferische -Fähigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. Mein Kopf tat mir weh -von all der Anstrengung. Nur unter Aufwendung großer Mühen gelang es -mir, wenigstens den ersten Teil der »Toten Seelen« herauszugeben, -gleichsam um hierbei zu erkennen, wie weit ich noch von dem Ziele -entfernt war, nach dem ich strebte. Danach aber wurde ich wieder von -einer unfruchtbaren Stimmung erfaßt. Ich kaute an meiner Feder, meine -Nerven und alle meine Kräfte waren in einem Zustande der Erregung -- und -es kam nichts zustande, ich glaubte schon, ich hätte die Fähigkeit zum -literarischen Schaffen völlig verloren. Da ließen mich plötzlich -Krankheit und schwere seelische Zustände dies alles, ja sogar jeden -Gedanken an die Kunst vergessen und lenkten mich wieder auf das hin, -wozu ich schon früher, noch ehe ich Schriftsteller geworden war, immer -Lust verspürt hatte -- nämlich auf die Beobachtung des inneren Menschen -und der _Menschenseele_. Oh, um wieviel tiefer ist die Erkenntnis, die -einem aufgeht, wenn man mit seiner eigenen Seele beginnt! Auf diesem -Wege trifft man auch ganz unwillkürlich _näher_ mit _Ihm_ zusammen, Der -allein unter allen Menschen, die bisher auf Erden wandelten, in Seiner -Person eine volle Erkenntnis der Menschenseele an den Tag gelegt hat; -selbst wenn die Welt Seine Göttlichkeit leugnen wollte, diese -Eigenschaft könnte sie Ihm niemals abstreiten, es sei denn, daß sie -nicht bloß _blind_, sondern ganz einfach _dumm_ geworden wäre. Durch -diese schroffe Wendung, die nicht mit meinem Willen geschah, wurde ich -dazu veranlaßt, überhaupt tiefer in die Seele hinabzublicken, um zu -erfahren, daß es höhere Grade und höhere Erscheinungsformen des -Seelischen gibt. Von da ab begann die schöpferische Fähigkeit wieder in -mir zu erwachen: wieder beginnen lebendige Gestalten in voller Klarheit -vor mir aus dem Nebel emporzutauchen, ich fühle, daß die Arbeit mir -glücken, ja, daß selbst meine Sprache korrekt und klangvoll werden und -daß mein Stil erstarken wird. Vielleicht wird noch einmal ein künftiger -Kreisschullehrer unmittelbar nach einer Seite aus einem Werke von dir -seinen Schülern eine Seite aus meiner künftigen Prosa vorlesen und -erklärend hinzufügen: »Beide Schriftsteller haben richtig geschrieben, -obwohl sie einander nicht gleichen.« Die Herausgabe meines Buches -»Briefwechsel mit meinen Freunden«, mit der ich mich (aus lauter Freude, -daß meine Feder wieder einmal in Schwung gekommen war) so beeilt habe, -ohne zu überlegen, daß ich, bevor ich mit diesem Buche jemand zu nützen -vermochte, mit ihm vielen Leuten den Kopf verwirren konnte, hat mir -selbst manchen Vorteil gebracht. An diesem Buche ist es mir klar -geworden, wo und in welchem Punkte ich ein Opfer jener Maßlosigkeit und -des Überschwangs geworden bin, dem in dem Übergangszustande, in dem sich -die Gesellschaft gegenwärtig befindet, fast jeder vorwärtsschreitende -Mensch verfällt. Trotz der Parteilichkeit, mit der dieses Buch beurteilt -wurde, und trotz der Widersprüche in der Beurteilung, kam doch -schließlich die allgemeine Stimme zur Geltung, die mir meinen Platz -anwies und mich auf die Grenzen aufmerksam machte, die ich als -Schriftsteller nicht überschreiten durfte. In der Tat, es ist nicht -meine Aufgabe, durch Predigen zu belehren. Die Kunst ist auch ohnedies -schon eine Lehrmeisterin. Meine Aufgabe ist es, durch _lebendige Bilder_ -und nicht in der Form der Beweisführung zu den Menschen zu sprechen. Ich -muß das _Leben_ selbst und _als solches_ darstellen und nicht -Betrachtungen _über_ das Leben anstellen. Das ist eine völlig evidente -Wahrheit. Aber es ist die Frage: hätte ich auch ohne diesen großen Umweg -ein würdiger Vertreter der Kunst und ein schöpferischer Künstler werden -können? hätte ich das Leben so in seinen Tiefen darstellen können, daß -es den Menschen wirklich zur Belehrung dienen konnte? Wie vermöchte man -Menschen darzustellen, wenn man nicht vorher erkannt hat, was die _Seele -des Menschen_ ist? Ein Schriftsteller muß, wenn er bloß die -schöpferische Gabe besitzt, eigene Gestalten und Bilder zu produzieren, -erst einen Menschen und Bürger seines Landes aus sich machen; erst dann -darf er zur Feder greifen! Sonst wird ihm alles mißlingen. Was hilft's, -die Verächtlichen und Lasterhaften zu treffen, indem man sie vor allen -Menschen an den Pranger stellt, wenn das Ideal ihres Widerparts, das -Ideal des schönen Menschen in uns selbst noch nicht zur Klarheit und -Deutlichkeit gediehen ist? Wie soll man die Fehler und das Unwürdige im -Menschen darstellen, wenn man sich selbst noch nicht die Frage vorgelegt -hat: worin besteht denn eigentlich die Menschenwürde? und so lange man -noch keine einigermaßen befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden -hat? Wie soll man die Ausnahmen verspotten, wenn man sich noch nicht -ganz über die Regeln klar ist, deren Ausnahmen die dargestellten Objekte -bilden? Das hieße doch das alte Haus einreißen, ehe man die Möglichkeit -hat, ein neues an seiner Stelle zu erbauen. Aber Kunst hat nichts gemein -mit Zerstörung. In der Kunst liegt ein Keim des Schöpferischen, ein -aufbauendes Element und nicht ein Element der Zerstörung. Das hat man -stets empfunden, selbst in Zeiten der allgemeinen Finsternis und -Unwissenheit. Bei den Klängen der orphischen Leier wurden Städte erbaut. -Trotz des noch ungeklärten und ungeläuterten Begriffs, den unsere -Gesellschaft von der Kunst hat, hört man doch schon allgemein sagen: -»Die Kunst versöhnt mit dem Leben.« Das ist wirklich wahr. Ein echtes -Kunstwerk enthält etwas Beruhigendes, Versöhnendes in sich. Während wir -es lesen, erfüllt sich unsere Seele mit einer ebenmäßigen Harmonie, und -wenn man es zu Ende gelesen hat, fühlt sie sich befriedigt: man wünscht -nichts mehr, man verlangt nach nichts, es regt sich kein Zorn und keine -Entrüstung wider unseren Bruder in unseren Herzen, eher noch ergießt -sich in ihm der Balsam einer alles vergebenden Liebe zu unseren Brüdern; -überhaupt regt sich kein _Tadel_ gegen die Handlungsweise der anderen in -uns, sondern alles fordert uns zur _Betrachtung_ unseres eigenen Ichs -auf. Wenn vom Werk des Künstlers keine solche Wirkung ausgeht, so ist es -nichts als die edle Regung einer glühenden Seele, die Frucht einer -vorübergehenden Stimmung des Autors. Es wird wohl weiterleben, wie eine -beachtenswerte Erscheinung, aber sich nicht den Namen eines Kunstwerks -verdienen. Und das mit Recht. Die Kunst ist eine Macht, die mit dem -Leben versöhnt. - -Die Kunst soll unsere Seele mit Harmonie und Ordnung erfüllen und nicht -Verwirrung und Verstimmung in sie hineintragen. Die Kunst soll uns die -Menschen unserer Erde so darstellen, daß ein jeder das Gefühl hat: das -sind _lebendige_ Menschen, die demselben Leibe entstammen und aus -demselben Stoffe geschaffen sind wie wir. Die Kunst soll uns alle edlen -Züge und Eigenschaften unseres _Volks_charakters vor Augen führen, -selbst die nicht ausgenommen, denen es an einem Spielraum für ihre freie -Entfaltung fehlte und die daher noch nicht von allen beachtet und in dem -Maße gewürdigt sind, daß jeder sie in sich selbst entdeckt und von dem -glühenden Wunsche ergriffen wird, das bisher von ihm Vernachlässigte und -längst Vergessene zu pflegen und zur Entwicklung zu bringen. - -Die Kunst muß uns auch alle schlechten Züge und Eigenschaften unseres -Volkscharakters so vor Augen führen, daß jeder von uns ihre Keime vor -allem in sich selbst wiederfindet und veranlaßt wird, darüber -nachzudenken, wie er zunächst einmal in sich selbst alles, was die hohe -Würde unseres Wesens verdunkelt, ausrotten könne. Erst dann und erst auf -diese Weise wird die Kunst ihre Bestimmung erfüllen und Ordnung und -Harmonie in die menschliche Gesellschaft hineintragen. - -So laß uns denn, nachdem wir zu Gott gebetet und seinen Segen auf uns -herabgefleht haben, kraftvoller als je wieder an unsere liebe Kunst -gehen. Was mich anbetrifft, so will ich alles andere auf eine künftige -Zeit verschieben (wenn ich je durch Gottes Gnade dessen im geringsten -würdig werden sollte) und mich in intensivster Weise den »Toten Seelen« -widmen. Ich will nach Jerusalem reisen (dies muß ich um jeden Preis tun, -denn ich müßte mich schämen, wenn ich es nicht täte). Ich will dort, so -gut ich kann, Gott meinen Dank für alles Vergangene aussprechen; ich -will dort beten, daß meine Seele gekräftigt werde und meine Fähigkeiten -und Geisteskräfte sich sammeln und konzentrieren mögen, und dann mit -Gott an die Arbeit gehen. Wie lebhaft und innig wünschte ich, daß Gott -uns wieder einmal zusammenführen möge, und daß wir wieder einmal eine -Zeitlang in Moskau nahe beieinander leben könnten. Jetzt wäre es noch -notwendiger, uns das von uns Geschriebene noch einmal vorzulesen und -übereinander zu Gericht zu sitzen. Sodann gratuliere ich dir zum neuen -Jahr. Gebe Gott, daß es für uns beide ein recht fruchtbares Jahr werde, -weit fruchtbarer als die verflossenen Jahre. Und nun leb' wohl, mein -Lieber! Ich küsse dich und umarme dich innig. Schreibe mir. Dein Brief -wird mich noch in Neapel erreichen. Vor dem Februar gedenke ich nicht -aufzubrechen. - -Ich umarme deine ganze liebe Familie sowie die Reuterns. - - Dein G. - -Wenn du findest, daß dieser Brief einigen Wert hat, so hebe ihn auf. Man -könnte ihn in der zweiten Auflage des »Briefwechsels« an die Spitze des -Buches, d. h. an die Stelle des »Testaments« stellen, das fortgelassen -werden soll, und ihm den Titel geben: »_Die Kunst ist die Macht, die uns -mit dem Leben versöhnt._« - -Ich will dich immer noch etwas fragen und vergesse es jedesmal: besitzt -du nicht die lateinische Übersetzung der Odyssee mit untergelegtem Text, -die neulich in Paris erschienen ist. Es ist eine sehr schöne Ausgabe. -Der ganze Homer in einem Bande Groß-Oktav _editore Ambrosio Firmin Didot -Parisiis 1846_. Ich hatte den Eindruck, daß die Übersetzung recht -anständig sei, und sie könnte dir weit mehr nützen als alle anderen. - -Meine Adresse lautet: Neapel, _poste restante_, oder noch besser, _Hôtel -de Rome_; damit jedoch der Brief nicht nach der _Stadt_ Rom gesandt -wird, muß das Wort Neapel recht deutlich und in die Augen fallend -geschrieben werden. - - - - - Betrachtungen - über die - Heilige Liturgie - 1845-1852. - - - - Vom Moskauer Geistlichen Zensur-Komitee zum Druck - genehmigt. - - Moskau, den 9. Februar 1889. - - Der Zensor: Priester Grigori Djatschenko. - - - Vorrede - -Der Zweck dieses Buches ist, jungen Leuten und Anfängern, die noch -keinen rechten Begriff von der Bedeutung unserer Liturgie haben, zu -zeigen, in welcher Vollständigkeit sie bei uns zelebriert wird und welch -tiefer Zusammenhang in ihr herrscht. Aus allen den zahlreichen -Erklärungen, die von den Kirchenvätern und -lehrern herrühren, sind hier -nur die ausgewählt, die wegen ihrer Einfachheit und Verständlichkeit von -jedermann begriffen werden können und die in erster Linie dazu dienen, -die notwendige und richtige Ordnung, gemäß der eine Handlung aus der -anderen hervorgeht, begreiflich zu machen[3]. Der Zweck, den der Autor -mit der Herausgabe dieses Buches verfolgte, war der: dazu beizutragen, -daß sich der Leser eine Vorstellung von der Ordnung und Reihenfolge des -Ganzen bilde. Er ist überzeugt, daß sich jedem, der der Liturgie mit -Aufmerksamkeit folgt und jedes Wort bei sich wiederholt, ihre tiefe -innere Bedeutung von selbst erschließen wird. - -[Fußnote 3: Alle anderen Leser, die den Wunsch hegen, auch die -geheimnisvolleren und tieferen Erklärungen kennen zu lernen, können -solche in den Werken der Patriarchen: Hermann, Jeremias, Nikolaus -Kawassil, Simeon von Saloniki, in der Alten und Neuen Tafel, in den -Kommentaren Dimitrijews und endlich in einzelnen ... finden.] - - - Einleitung - -Die Göttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des großen -Liebeswerkes, das für uns geschehen ist. Tief bekümmert über ihre -Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen überall und an -allen Enden der Welt ihren Schöpfer um Hilfe angefleht -- sowohl die, -die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine -Gotteserkenntnis besaßen --, fühlten sie doch, daß hier auf Erden -Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden könnten, Der die -von Ihm selbst erschaffenen Welten geheißen hatte, sich in streng -geregelten Bahnen zu bewegen. Überall rief die schmerzbewegte Kreatur -ihren Schöpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins -empor, und diese Klagen tönten am lautesten und deutlichsten aus dem -Munde der Auserwählten und der Propheten. Man hatte ein dunkles -Vorgefühl, ja man wußte, daß der Schöpfer, Der sich hinter Seinen Werken -versteckt hatte, noch einmal persönlich vor die Menschen treten -- daß -Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem -Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen würde. Sowie sich die -Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen, -tauchte überall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf. -Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon -gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwählten Volkes. -Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den -Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren -Klarheit wie bei den Propheten. - -Diese Klagen fanden Erhörung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt -erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die -Menschen -- selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums -vorausgeahnt und dunkel gefühlt hatten -- nur nicht in _der_ Weise, wie -man es sich zufolge der noch ungeläuterten Begriffe vorgestellt hatte -- -nicht in stolzer Pracht und Majestät, nicht als Richter, der da kommt, -um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu -belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderkuß. Er -erschien in _der_ Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentümlich ist, und -wie sie die göttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war, -vorgebildet hatten. - - - Das Offertorium - (_Proscomidia_) - -Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, muß schon am Vorabend -auf körperliche und geistige Nüchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit -üben, er muß sich mit allen Menschen ausgesöhnt haben und sich davor -hüten, noch etwas wie Ärger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn -dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er -beugen sich anbetend vor der Königspforte, küssen das Bild des Heilands, -das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen -sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch -alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still -für sich die Worte des Psalms sprechen. »Ich aber will in Dein Haus -gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht.« Sodann -treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt] -dreimal vor ihm nieder und küssen das auf ihm liegende Evangelium, als -wäre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie küssen auch den -heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen -Gewänder zu hüllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen -zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien, -damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen -alltäglichen irdischen Geschäften nachgeht. Mit den Worten »Gott! -reinige mich armen Sünder und erbarme Dich meiner!« erfassen Priester -[und Diakon] die Gewänder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet -den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein -Untergewand von glänzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum -Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit -andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein -muß. Daher spricht er auch, während er sich den Rock anzieht, die Worte: -»Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott: -denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der -Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck -gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide.« - -Hierauf nimmt er die Stola und küßt sie; dies ist ein langes schmales -Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder -kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die -Sänger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen -und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum -heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der -Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trägt, und -das gleich einem ätherischen Flügel in der Luft flattert, sowie durch -sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des -Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar. - -Nachdem er das Band geküßt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann -legt er die Armbänder oder Überärmel an, die dicht über dem Handgelenk -zusammengebunden werden, um den Händen eine größere Freiheit und -Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu -verleihen. Während er sie anzieht, denkt er über die unablässig alles -erschaffende, überall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den -rechten Überärmel anzieht, spricht er: »Herr, Deine rechte Hand tut -große Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und -mit Deiner großen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwärtigen gestürzt.« -Dann zieht er den linken Überärmel an und denkt dabei an sich selbst, -daß er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn -erschaffen hat, Er möge ihn lenken und leiten und ihm Seine höchste -himmlische Führung zuteil werden lassen, und er spricht: »Deine Hand hat -mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, daß ich Deine Gebote lerne.« - -In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er -den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben -Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich -die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide -Schultern bedeckt, den Hals umschließt und deren beide Enden sich wieder -auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren -Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, daß -sich in seinem Amte zwei Ämter vereinigen -- das des Priesters und das -des Diakons. Auch heißt das Kleidungsstück nicht mehr Orarion, sondern -Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgießung -der himmlischen Gnade über die Priester; daher wird dieser Akt auch von -den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: »Gelobt sei Gott, -Der Seine Gnade ausgießet über seine Priester wie das Salböl, das von -dem Haupte Aarons herabfließet auf seinen Bart und auf den Saum seines -Kleides.« Sodann zieht der Priester beide Überärmel an, indem er diese -Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgürtet -sich mit einem Gürtel, der Chorrock und Stola umschließt, damit das -weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen -Handlung behindere und um durch diese Umgürtung seine Dienstbereitschaft -anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Gürtel anzulegen, wenn er sich -reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat -schreitet; so legt auch der Priester den Gürtel an, indem er seinen Weg -antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet -seinen Gürtel wie eine Feste der göttlichen Macht, die ihn stärkt und -kräftigt, und er spricht: »Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgürtet -und meinen Weg untrüglich macht, meine Füße geschwinder denn die des -Hirsches und stellt mich auf die Höhe,« d. h. in das Haus des Herrn. -Wenn er jedoch eine höhere priesterliche Würde innehat, so hängt er ein -viereckiges Stück Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es -symbolisiert das geistige Schwert, die alles überwindende Kraft des -göttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem -Menschen auf Erden bevorsteht -- und kennzeichnet den Sieg über den Tod, -den Christus vor aller Welt errungen hat, auf daß der unsterbliche Geist -des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht -dies Stück Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Gürtel an -der Lende aufgehängt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser -Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: »Gürte dein Schwert -an deiner Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen -in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei -Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen.« Endlich -legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der höchsten -alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese -Handlung mit den Worten: »Deine Priester laß sich kleiden mit -Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen.« - -Also ausgerüstet mit der göttlichen Rüstung steht der Priester nunmehr -als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich für ein -Mensch, so unwürdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel -weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen -Geist erfüllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide -die Hände, indem sie die Worte des Psalms sprechen: »Ich wasche meine -Hände in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar.« Dann verbeugen sie -sich dreimal, indem sie sprechen: »Gott, reinige mich Armen von meinen -Sünden und erbarme Dich meiner!« und erheben sich gereinigt und -erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere -Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen -gleichend. - -Der Diakon kündigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er -spricht: »Segne uns, o Herr!«, der Priester eröffnet die Feier mit den -Worten: »Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle -Ewigkeit!« und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des -Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer -heiligen Handlung erforderlich ist: während dieses Teils des -Gottesdienstes werden die Stücke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben -abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi repräsentieren und sich -sodann in ihn verwandeln sollen. - -Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloße Vorbereitung -auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten -Lebensjahre Christi an sie geknüpft, waren doch diese auch eine -Vorbereitung auf seine großen Werke, die er später auf Erden -vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes -bei geschlossenen Türen und zugezogenem Vorhang ab, ohne daß die -Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten -Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne daß das Volk etwas von -Ihm erfuhr. Für die andächtige Gemeinde aber werden während dieser Zeit -die »Horen«[4] gelesen -- eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die -Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die -erste Stunde, wenn für die Christen [der Morgen] begann, um die dritte, -d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die -sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlöser der Welt ans Kreuz -geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab. -Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablässigen -Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen -Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit -verlesen. - -[Fußnote 4: Tschassy.] - -Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die -sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer -des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um -aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich später in den Leib Christi -verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstück, -das den Namen Jesu Christi trägt. Durch die Absonderung eines Teils vom -ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi -vom Fleisch der Jungfrau -- deutet er auf die Geburt des Immateriellen -aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, daß Er geboren wird, -Der Sich für die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich für ihn -damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat -selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im -Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen -einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des -Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine -Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer, -die Zeugen der damaligen Vorgänge waren, er versetzt sich nicht in die -Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde: -dies geschieht später im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses -kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch -die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der -fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die -künftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des -Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit -vorausverkündigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des -Siegels stößt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: »Wie ein Lamm -wird Er zur Schlachtbank geführt,« dann stößt er die Lanze in den Teil, -der zur Linken liegt, und spricht: »Und wie ein unschuldiges Lamm sich -stumm scheren läßt, so öffnet er seinen Mund nicht,« dann versenkt er -die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: »Um Seiner Demut -willen ward Er verdammt,« stößt ihn dann in den unteren Teil, indem er -die Worte des Propheten wiederholt, der über die wunderbare Herkunft des -Opferlammes nachsinnt: »Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er -stammt?« - -Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstück des Brotes auf der -Lanze empor und spricht: »Denn Sein Leib ward von der Erde -hinweggenommen,« und schneidet hierauf kreuzweise -- den Kreuzestod des -Heilands symbolisierend -- das Opferzeichen hinein, gemäß dem es während -der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er: -»Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, zum Leben und -zum Heil der Welt.« Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, daß das -Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte -Lamm versinnbildlicht, stößt er die Lanze in die rechte Seite -- wodurch -die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf -hingedeutet werden soll, daß die Seite des Heilands von einem am Kreuze -stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er: -»Der Kriegsknechte einer öffnete Seine Seite mit einem Speer, und -alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es -bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr.« - -Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, daß nun die Zeit -gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gießen. Der -Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfürchtig und -andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen -Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: »Lasset -uns beten zu dem Herrn!« vor sich hinmurmelte, gießt nun Wein und Wasser -in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters -dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich während -der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren. - -Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten -Christen zu erfüllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch -an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote -und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nächsten -standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein -Stück zum Andenken an jene heraus und legt die Stücke auf dieselbe -Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja -auch jene von dem glühenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite -des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet -er ein Stück zum Gedächtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt -es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm -Davids spricht: »Die Königin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes -Gewand gehüllt und reichlich geschmückt.« Dann nimmt er das dritte Brot, -das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben -Speer neun Stücke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei -Stücken anordnet. Er schneidet ein Stück zu Ehren Johannes des Täufers, -ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel -heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen -ihren Abschluß erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen -Kirchenväter ein viertes Stück, ein fünftes zu Ehren der Märtyrer und -ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Väter und Mütter -heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der -Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stück zu -Ehren der Wundertäter und Uneigennützigen, ein achtes zu Ehren der -göttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein -neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Großen -heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird. -Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen -vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstücke, die er -herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das -heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am -nächsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im -Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Göttern und Mensch unter -Menschen. - -[Fußnote 5: Diskos.] - -Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an -alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stück zu Ehren -des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und -ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtgläubigen Christen -heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mögen, und endlich schneidet er -auch noch für jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und -dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stück heraus. Dann nimmt der -Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stücke zur Erinnerung an alle -Verstorbenen aus ihm heraus, indem er für sie betet und Vergebung der -Sünden für sie erfleht; er betet für die Patriarchen, für die Zaren, die -Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt -hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet für alle -- -bis auf den letzten Christen -- für den man sich bei ihm verwendet hat -oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stück heraus. Zum Schluß -fleht er selbst um Vergebung aller seiner Sünden, dann schneidet er ein -Stück für sich selbst heraus und legt alle Stücke auf die heilige Patene -unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um -das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche -versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kämpfende irdische. -Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er -Fleisch ward und ein Mensch wurde. - -Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krümchen auf der -Patene zusammen, auf daß nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und -auf daß alles erfüllet werde. - -Dann tritt der Priester vom Altar zurück und fällt vor ihm nieder, als -beuge er sich vor dem verkörperten Christus selbst; er begrüßt in dieser -Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen -Brotes auf Erden; er begrüßt es, indem er mit Thymian räuchert, nachdem -er das Rauchfaß zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: »Wir -bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf daß es dufte von -geistlichen Wohlgerüchen; nimm ihn an auf Deinen hohen über den Himmeln -thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen -Geistes.« - -Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der -Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwärtiges verwandelt, und er -blickt auf diesen Seitenaltar, als wäre er die geheimnisvolle Krippe, -darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel -war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel -verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit -einem Sterne darüber besteht, umräuchert und auf die Hostienschüssel -gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wäre, der einst -über dem Kindlein leuchtete, und er spricht: »Er kam, und der Stern -stand oben über, da das Kindlein war«: er blickt auf das heilige Brot, -das für die Opfer bestimmt ist, als wäre es das neugeborene Kindlein, -als wäre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wären -die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehüllt war. Nachdem er vor -der ersten Decke mit Weihrauch geräuchert hat, bedeckt er das heilige -Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: »Der Herr -ist König und herrlich geschmückt,« d. h. des Psalms, in dem die -wunderbare Größe und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf räuchert -er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen -Kelch mit ihr, indem er spricht: »O Herr Christus, Deine Güte bedeckt -die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll«. Er nimmt die große -Decke, die der heilige Aër genannt wird, und bedeckt nun beides: die -Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns -mit Seinem schützenden Flügel zu bedecken; indem dann beide von dem -Altar zurücktreten, verbeugen sie sich ehrfürchtig vor dem heiligen -Brote, ganz so, wie einst die Hirtenkönige das neugeborene Kindlein -anbeteten; hierauf räuchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung -an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein -zusamt dem kostbaren Golde darbrachten. - -Der Diakon steht auch während dieser Zeit beständig dem Priester -aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: »Laßt uns -beten zu dem Herrn« begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen -Handlung gibt. Endlich nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des -Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den für Ihn -zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll. -»Laßt uns beten zu dem Herrn für die kostbaren Gaben, die wir ihm -darbringen.« Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben -zunächst bloß für die Opferhandlung vorbereitet sind, dürfen sie von nun -ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei -sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der für -das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet -folgendermaßen: »Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die -Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren -Heiland, Erlöser und Wohltäter gesandt hast, Der uns gesegnet und -geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es -entgegen auf Deinem hoch über den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch -derer in Deiner Güte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben, -sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte -uns unschuldig in der Verrichtung Deiner göttlichen Sakramente.« Und -nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon räuchert -unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen -Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe -denn die Zeit war, der allgegenwärtig und der immerdar überall zugegen -war, und er spricht bei sich selbst: »Du warst leibhaftig im Grabe, mit -Deinem Geist in der Hölle, als Gott mit dem Übeltäter im Paradiese und -auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles -vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher.« - -Und er tritt mit dem Räucherfaß in der Hand aus dem Altarraum hervor, um -die ganze Kirche mit Wohlgerüchen zu erfüllen und alle, die sich zum -heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heißen. Diese -Räucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch -im häuslichen Leben aller alten Völker des Orients jedem Gast bei seinem -Eintritt eine Schüssel zum Waschen und Wohlgerüche dargebracht wurden. -Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknüpft, an -das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trägt, in der -sich der Gottesdienst und die brüderliche Bewirtung und Speisung aller -in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlöser selbst, -Der selbst allen diente und die Füße wusch, ein Beispiel gegeben hat. -Indem dann der Diakon räuchert und sich in gleicher Weise vor allen -verbeugt, vor den Reichsten wie vor den Ärmsten, heißt er, der Diener -Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gäste des -himmlischen Wirtes; er räuchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll -vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gäste, die zum -heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und -untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den -Tempel mit Wohlgeruch erfüllt hat, kehrt er in den Altarraum zurück, in -dem er nochmals räuchert; dann stellt er das Räucherfaß endlich -beiseite, nähert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen -Hochaltar. - -Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich, -sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen, -indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie -anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja -ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet -unterweist. »Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen,« sagt der -Apostel Paulus, »aber der Heilige Geist selbst tritt für uns ein, mit -unaussprechlichen Seufzern.« Der Priester und der Diakon flehen den -Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen -und für ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal -nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi -begrüßten: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen -ein Wohlgefallen.« Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der -Vorhang der Kirche zurückgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn -die Gedanken der Betenden auf die höchsten und erhabensten Gegenstände -hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die Öffnung des Tores zum -Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, daß die Geburt -Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, daß nur die Engel im -Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind -anzubeten, Kenntnis von ihr besaßen, und daß nur die Propheten sie von -ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: »O -Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden.« Der -Priester küßt das Evangelium, der Diakon küßt den heiligen Hochaltar, -senkt das Haupt und gibt das Zeichen für den Beginn der Liturgie, indem -er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: »Es ist -Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr!« und der Priester segnet -ihn mit den Worten: »Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort -und in alle Ewigkeit.« Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen -Handlung gedenkt, während der er den Flug des Engels vom Altar zur -Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist -und einer Seele vereinigen und gewissermaßen eine heilige, alles -erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefühl, daß er dieser Aufgabe -nicht würdig ist, fleht er den Priester demütig an: »Bete für mich, o -Herr!« »Gott lenke deine Schritte!« antwortet ihm der Priester. »Gedenke -meiner, heiliger Mann!« »Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche -immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon spricht -leise, aber mit kräftiger Stimme: »Amen!« und tritt aus der nördlichen -Tür vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Königspforte -gegenüberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: »Herr, öffne meinen -Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden!« und indem er sich dem -Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: »Segne mich, o Herr!« -Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen: -»Gesegnet sei das Reich ...«, und die Liturgie beginnt. - - - Die Liturgie der Katechumenen - -Der zweite Teil der Liturgie heißt die Liturgie der Katechumenen. Wie -der erste Teil, d. h. das Offertorium, den ersten Lebensjahren Christi, -Seiner Geburt, die nur den Engeln und wenigen Menschen offenbart war, -Seiner Kindheit und Seinem Aufenthalt in tiefster Zurückgezogenheit und -Verborgenheit, bis zu Seinem Auftreten in der Welt entspricht, so -entspricht der zweite Teil Seinem Leben inmitten der Welt und der -Menschen, denen Er das Wort der Wahrheit verkündigt hat. Dieser Teil -heißt auch deshalb noch die Liturgie der Katechumenen, weil während der -ersten christlichen Zeit auch die zu ihr zugelassen wurden, die erst -Christen werden wollten, die sich erst darauf vorbereiteten, noch nicht -die heilige Taufe empfangen hatten und zu den Katechumenen gehörten. -Dazu kommt noch, daß die heilige Handlung, die aus der Verlesung der -Propheten, der Epistel und des heiligen Evangeliums besteht, in erster -Linie einen verkündigenden Charakter trägt. - -Der Priester beginnt die Liturgie, indem er aus dem Inneren des -Altarraumes ruft: »Gelobt sei das Reich des Vaters, des Sohnes und des -Heiligen Geistes ...« Da durch die Fleischwerdung des Sohnes der Welt -das Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit deutlich geoffenbart ward, geht -und leuchtet die Verkündigung der Heiligen Dreieinigkeit dem Beginn -aller heiligen Handlungen voran; der Betende muß daher allem entsagen, -sich aller anderen Gedanken entledigen und sich gänzlich in das Reich -der Heiligen Dreieinigkeit versetzen. - -Der Diakon steht auf der Kanzel und hat sein Gesicht der Königspforte -zugewendet. So stellt er einen Engel und Erwecker dar, der die Menschen -zum Gebet anfeuert; er hebt mit drei Fingern seiner Hand das schmale -Band -- das Sinnbild des Engelsflügels -- empor und ruft das ganze -versammelte Volk auf, die Gebete zu sprechen, die die Kirche seit den -Zeiten der Apostel unablässig zum Himmel emporsendet, deren erstes die -Bitte um Frieden ist, ohne die man überhaupt nicht zu beten vermag. Die -versammelten Andächtigen bekreuzigen sich, suchen ihre Herzen in -harmonisch abgestimmte Saiten eines Instruments umzuwandeln, die bei -jedem Wort des Diakons mitschwingen, und rufen im Geiste zugleich mit -dem Chor der Sänger aus: »Herr, erbarme Dich unser!« - -Der Diakon steht auf der Kanzel, er hält die Gebetstola, die den -erhobenen Flügel eines Engels darstellt, der die Gemeinde zum Gebet -anfeuern soll, empor und ruft die Gemeinde zum Gebet auf: er fordert sie -auf, an die höhere Welt und die Rettung unserer Seelen zu denken und zu -beten für den Frieden der ganzen Welt, das Wohlergehen der heiligen -Kirchen und die Vereinigung ihrer aller, für den heiligen Tempel und -die, die ihn gläubig mit Andacht und Ehrfurcht betreten, für den Kaiser, -den Synod, die geistliche und weltliche Obrigkeit, den Richterstand und -den Militärstand, für die Stadt, für das Haus, darin die Liturgie -zelebriert wird, zu bitten um Reinheit und Gesundheit der Luft, um eine -reiche Ernte, um friedliche Zeiten, für die Seefahrer und Reisenden, für -die Kranken und Leidenden, für die Gefangenen und ihre Errettung; er -fordert die Gemeinde auf, Gott zu bitten, daß Er uns vor jeglichem -Kummer, Zorn und Not bewahren möge, und indem die Versammlung der -Andächtigen alles mit dieser allumschließenden Kette von Gebeten, die -die große Ektenia heißt, umschlingt, erwidert sie jedesmal, wenn sie -angerufen wird, zusammen mit dem Chor der Sänger: »Herr, erbarme Dich!« - -Im Bewußtsein der Ohnmacht unserer Gebete, denen es an Seelenweisheit -fehlt und denen kein reiner himmlischer Lebenswandel entspricht, fordert -der Diakon, derer gedenkend, die da besser zu beten verstanden als wir, -die Gemeinde auf, sich selbst, einander und das ganze Leben unserem -Gotte Christus zu weihen. In dem aufrichtigen Wunsch, sich selbst, -einander und ihr ganzes Leben Christus, unserem Gotte zu weihen, wie -dies die heilige Mutter Gottes, die Heiligen und die, die besser waren -als wir, verstanden, ruft die ganze Kirche zusammen mit dem Sängerchor: -»Dir, o Herr!« Der Diakon beschließt die Kette der Gebete mit einem -Lobgesang auf die Dreieinigkeit, die sich wie ein alles -zusammenhaltender Faden durch die ganze Liturgie hindurchzieht und jede -Handlung einleitet und beschließt. Die Versammlung der Andächtigen -antwortet mit einem bestätigenden »Amen! Ja, so geschehe es!« Der Diakon -steigt von der Kanzel herab, und es beginnt der Abgesang der Antiphone. - -Die Antiphone sind Wechselgesänge, d. h. Lieder, die den Psalmen -entnommen sind und das Erscheinen des göttlichen Sohnes in der Welt -prophetisch ankündigen; sie werden abwechselnd von einem der beiden -Sängerchöre, die auf beiden Chören postiert sind, gesungen; sie bilden -einen Ersatz für die älteren Psalmodien und sind kürzer als diese. - -Während des Abgesangs des ersten Antiphons betet der Priester im Inneren -des Altarraumes für sich; der Diakon steht unterdessen in betender -Stellung vor dem Bilde des Heilands, indem er die Stola mit drei Fingern -seiner Hand emporhält. Wenn der Gesang des ersten Antiphons beendet ist, -besteigt er aufs neue die Kanzel und wendet sich mit folgenden Worten an -die versammelten Andächtigen: »Laßt uns abermals und abermals zu Gott -beten!« Die versammelten Andächtigen rufen: »Herr, erbarme Dich unser!« -Der Diakon wendet sich nun den Bildern der Heiligen zu und fordert die -Gemeinde auf, der Mutter Gottes und aller Heiligen zu gedenken und sich -selbst, einander, sowie das ganze Leben unserem Gotte Christus zu -weihen. Die Gemeinde ruft aus: »Dir, o Gott!« Der Diakon beschließt -diesen Teil mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze -Kirche ruft bestätigend Amen, und dann folgt der Abgesang des zweiten -Antiphons. - -Während des zweiten Antiphons betet der Priester im Altarraum bei sich -selbst. Der Diakon tritt wieder in betender Stellung vor das -Heiligenbild des Erlösers, indem er die Gebetstola mit drei Fingern der -Hand emporhält; nach Beendigung des Gesanges besteigt er abermals die -Kanzel, blickt auf die Bilder der Heiligen und ruft die Gemeinde wie -vorhin mit den Worten auf: »Laßt uns in Frieden zu dem Herrn beten!« Die -Gemeinde erwidert: »Herr Gott, [erbarme Dich.« Der Diakon ruft aus]: »O -Gott, hilf uns, sei uns gnädig, errette uns, behüte uns durch Deine -Gnade!« Die Gemeinde erwidert: »Herr Gott, erbarme Dich unser!« Der -Diakon blickt auf die Bilder der Heiligen [und ruft aus]: »Laßt uns -unserer heiligen, unbefleckten, hochgelobten, herrlichen Gebieterin, der -Jungfrau und aller Heiligen gedenken und uns selbst, einander und unser -ganzes Leben Christus, unserem Gotte weihen!« Die Gemeinde antwortet: -»Dir, o Herr!« Das Gebet endet mit einer Lobpreisung der Heiligen -Dreieinigkeit. Die ganze Kirche antwortet bestätigend: »Amen,« und der -Diakon steigt von der Kanzel herab. Der Priester betet im Inneren des -Altarraumes bei sich selbst, indem er spricht: »Du, Der Du uns dies -gemeinsame einträchtige Gebet schenktest, Du, Der Du verhießest, wenn -zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind, zu gewähren, worum sie -bitten! erfülle die Bitten Deiner Knechte zu ihrem eigenen Besten; -schenke uns in diesem Leben die Erkenntnis Deiner Wahrheit und schenke -uns im künftigen das ewige Leben.« - -Jetzt werden vom Chor so laut, daß alle es hören können, die -Seligpreisungen verkündet, die uns in diesem Leben die Erkenntnis der -Wahrheit und im künftigen ein ewiges Leben verheißen. Die andächtige -Gemeinde spricht die Worte des weiseren Übeltäters, der Christus am -Kreuze anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst,« -und wiederholt nach dem Vorleser die Worte des Heilandes: »_Selig sind, -die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer_« -- d. h. -die, die sich nicht überheben und sich nicht mit ihrem Verstande -brüsten. - -»_Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden_« -- -d. h. die, die da noch mehr über ihre eigenen Unvollkommenheiten und -Verfehlungen, als über die Beleidigungen und Kränkungen trauern, die -ihnen zugefügt werden. - -»_Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen_« --- d. h. die, die wider niemand Zorn in ihrem Herzen hegen, allen -vergeben und von Liebe erfüllet sind, deren Waffe die alles besiegende -Güte ist. - -»_Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn -sie sollen satt werden_« -- d. h. die, die nach der himmlischen -Gerechtigkeit dürsten und sich vor allem danach sehnen, sie in sich -selbst herzustellen. - -»_Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen_« --- d. h. die, die jeden ihrer Brüder bemitleiden und in jedem, der ihnen -bittend naht, Christus selbst erkennen, der für ihn bittet. - -»_Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen_« -- -wie sich in dem reinen Spiegel eines ruhigen Gewässers, das weder durch -Sand noch Schlamm getrübt wird, das reine Himmelsgewölbe spiegelt, so -gibt es auch in dem Spiegel eines reinen Herzens, das von keinen -Leidenschaften aufgewühlt wird, kaum noch etwas Menschliches mehr, und -nur Gottes Bildnis spiegelt sich in ihm. - -»_Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen_« --- gleich dem Sohne Gottes selbst, der auf die Erde herabstieg, um -unseren Seelen Frieden zu bringen, so sind auch die, die da Frieden und -Versöhnung in unser Heim tragen, wahrhafte Söhne Gottes. - -»_Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das -Himmelreich ist ihrer_« -- d. h. die, die verfolgt werden, weil sie die -Gerechtigkeit nicht bloß mit dem Munde, sondern durch die -Wohlgefälligkeit ihres ganzen Lebens verkündigen. - -»_Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und -verfolgen, und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen. Seid -fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden_«; -- -ihr Verdienst ist ein dreifaches; erstlich sind sie schon an und für -sich rein und unschuldig, zweitens werden sie geschmäht, obwohl sie rein -sind, und drittens freuen sie sich, daß sie um Christi willen leiden, -obwohl sie unschuldig sind. - -Die Gemeinde der Andächtigen spricht dem Vorleser mit vor Tränen -bebender Stimme diese Worte des Heilandes nach, die da verkündigen, wer -in der Zukunft auf ein ewiges Leben hoffen und warten darf, welche die -wahren Könige der Welt, die Erben des Himmels sind und am himmlischen -Reiche teilhaben. - -Jetzt öffnet sich feierlich die Königspforte, als wäre sie das Tor zum -himmlischen Königreiche, und dem Auge aller Anwesenden bietet sich der -schimmernde Hochaltar dar, der den Sitz des göttlichen Ruhms und die -höchste Lehrstätte darstellt, aus der wir die Erkenntnis der Wahrheit -schöpfen und die uns das _ewige Leben_ verheißt. Der Priester und der -Diakon nähern sich dem Altar, nehmen das Evangelium und bringen es dem -Volke dar; hierbei gehen sie nicht durch die Königspforte, sondern durch -eine Seitentür, die die Tür der Seitenkammer darstellt, der man in der -ersten Zeit die Bücher entnahm. Diese wurden dann in die Mitte des -Tempels getragen, worauf hier aus ihnen vorgelesen wurde. - -Die Gemeinde der Andächtigen richtet ihre Blicke auf das Evangelium, das -die demütigen Diener der Kirche in den Händen tragen, als wäre es der -Heiland selbst, der zum erstenmal hervortritt, um Gottes Wort zu -verkündigen; er schreitet durch die schmale nördliche Tür, gleichsam -unerkannt, bis in die Mitte der Kirche, um, nachdem er sich allen -gezeigt hat, durch die Königspforte wieder ins Allerheiligste -zurückzukehren. Die beiden Diener Gottes bleiben mitten in der Kirche -stehen; beide beugen ihr Haupt. Der Priester betet bei sich selbst, »Er, -Der im Himmel die Heerscharen der Engel und die himmlischen Würden -eingesetzt hat, auf daß sie Seinem Ruhm und Seiner Ehre dieneten, möge -diesen Engeln und himmlischen Kräften, die Ihm mit uns dienen, gebieten, -mit uns zusammen das Allerheiligste zu betreten«. Der Diakon weist mit -der Gebetstola auf die Königspforte und spricht zum Priester: »Segne, o -Herr den heiligen Eingang!« -- »Gesegnet sei der Eingang Deiner Heiligen -immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« erwidert der Priester. -Der Diakon reicht ihm das heilige Evangelium zum Kusse hin und trägt es -in den Altarraum, bleibt jedoch inmitten der Königspforte stehen, hebt -es hoch mit den Händen empor und ruft: »Höchste Weisheit!« wodurch er -ausdrücken will, daß das Wort Gottes, Sein Sohn, Seine ewige höchste -Weisheit der Welt durch das Evangelium verkündet ward, das er jetzt mit -seinen Händen emporhebt. Dann ruft er: »Verzeih!« d. h.: »Erwachet, -rafft euch auf, überwindet eure Trägheit und Lässigkeit!« Die Gemeinde -der Andächtigen richtet ihren Geist empor und singt zusammen mit dem -Chor: »Kommt, laßt uns vor Christus niederfallen und Ihn anbeten! -Errette uns, Du Sohn Gottes, uns, die wir Dir >_Halleluja_< singen!« Das -hebräische Wort Halleluja bedeutet soviel wie: »Der Herr _kommt -gegangen_, lobet den Herrn!« da jedoch das Wort kommt gegangen nach dem -Sinn der heiligen Sprache Gegenwart und Zukunft in einem ausdrückt, d. -h. es kommt der, der schon gekommen ist und der wiederkommen wird, so -begleitet dieses Wort _Halleluja_, das das ewige Wandeln Gottes -ankündigt, jedesmal solche heilige Handlungen, bei denen Gott selbst in -Gestalt des Evangeliums oder der heiligen Gaben zum Volke hinaustritt. - -Das Evangelium, das die frohe Botschaft vom Worte des Lebens verkündigt, -wird auf den Hochaltar gestellt. Auf dem Chor ertönen jetzt Gesänge zu -Ehren des Festtages, oder kurze Lobgesänge und Hymnen zu Ehren des -Heiligen, dem der Tag geweiht ist und den die Kirche feiert, weil er -denen gleicht, die Christus in den Seligpreisungen aufgezählt hat, und -weil Er durch das lebendige Beispiel Seines eigenen Lebens gelehrt hat, -wie wir Ihm nachfolgen und ins ewige Leben eingehen sollen. - -Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die Trichagien, d. h. der -Abgesang des Dreimalheilig. Der Diakon erbittet sich den Segen des -Priesters, betritt die Königspforte, schwingt die Stola und gibt den -Sängern das Zeichen. Feierlich und mit Donnerlaut dröhnt der Gesang des -Dreimalheilig durch die Kirche. Er besteht in folgendem Anrufe Gottes, -der dreimal wiederholt wird: »Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger -Unsterblicher, erbarme Dich unser!« Mit dem Ruf: heiliger Gott -verkündigt das Trichagion Gott den Vater; mit dem Ruf: heiliger Starker --- Gott den Sohn, Seine Kraft, Sein schaffendes Wort; und mit dem Ruf: -heiliger Unsterblicher -- Seinen unsterblichen Gedanken, den ewigen -lebendigen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Dreimal stimmen die -Sänger diesen Gesang an, damit es bis ans Ohr aller Menschen dringe, daß -in dem ewigen Sein Gottes das ewige Sein der Dreieinigkeit mitenthalten -ist und daß es keine Zeit gab, wo Gottes Wort nicht bei Ihm gewesen wäre -und wo der Heilige Geist Seinem Worte gemangelt hätte. »Der Himmel ist -durch das Wort des Herrn gemacht, und all sein Heer durch den Geist -Seines Mundes,« sagt der Prophet David. Jeder in der Gemeinde ist sich -dessen bewußt, daß auch in ihm als dem Ebenbilde Gottes jene Dreiheit -enthalten ist: Er selbst, Sein Wort und Sein Geist oder der Gedanke, der -das Wort bewegt, daß jedoch sein menschliches Wort ohnmächtig ist, -vergebens ertönt und nichts schafft, daß sein Geist nicht ihm gehört, da -er von allen möglichen fremden Eindrücken beeinflußt wird, und daß nur -durch seine Erhebung zu Gott in ihm das eine wie das andere Kraft -gewinnt: im Worte spiegelt sich Gottes Wort, im Geiste Gottes Geist; das -Bild der Dreieinigkeit des Schöpfers drückt sich im Geschöpfe ab, und -das Geschöpf wird seinem Schöpfer ähnlich -- Indem dies jedem bewußt -wird, betet er, während er dem Trichagion lauscht, innerlich bei sich -selbst, daß der heilige, starke, unsterbliche Gott sein ganzes Ich -reinigen und es zu Seinem Tempel und Wohnhaus machen möge, und dabei -wiederholt er dreimal bei sich selbst: »Heiliger Gott, heiliger Starker, -heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!« Der Priester betet im -Inneren des Altarraums leise zu Gott, er möge dieses Trichagion gnädig -aufnehmen, wirft sich dreimal vor dem Altar nieder und wiederholt -dreimal bei sich selbst: »Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger -Unsterblicher!« Auch der Diakon wiederholt gleich ihm dreimal das -Trichagion und wirft sich zusammen mit dem Priester vor dem Altar -nieder. - -Nachdem der Priester den Kniefall getan hat, besteigt er den erhöhten -Platz im Allerheiligsten, als dränge er bis in die Tiefe der -Gotteserkenntnis ein, daher uns das Mysterium der Allerheiligsten -Dreieinigkeit gekommen ist; dieser Platz symbolisiert jenen höchsten -erhabensten über allem schwebenden Ort, da der Sohn im Schoße des Vaters -und in der Einheit mit dem Heiligen Geiste ruht. Durch dieses -Emporsteigen stellt der Priester das Emporsteigen Christi selbst samt -dem Fleische in den Schoß des Vaters dar, wodurch der Mensch gleichfalls -aufgefordert wird, Ihm in den Schoß des Vaters nachzufolgen -- eine -Wiedergeburt, die schon der Prophet Daniel von ferne vorausgeahnt hat, -als er in einem erhabenen Gesichte erschaute, wie des Menschen Sohn zu -dem »Alten der Tage« kam. - -Der Priester schreitet nun unerschütterlichen Schrittes voran und -spricht: »Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn.« Der Diakon -fleht ihn an: »Segne, o Herr den erhabenen Hochaltar!« und der Priester -segnet ihn, indem er spricht: »Gelobet seist Du auf dem Throne des Ruhms -in der Herrlichkeit Deines Reiches. Du thronest auf Cherubim immerdar, -jetzo, hinfort und von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Dann nimmt er auf dem -erhöhten Orte Platz, der für den Erzpriester bestimmt ist. Von hier aus -sucht er wie ein Apostel Gottes und als sein Stellvertreter mit dem -Gesicht zum Volke gewandt die Aufmerksamkeit der Gemeinde wach zu halten -und die Gemeinde auf die bevorstehende Vorlesung der Epistel -vorzubereiten -- er tut dies in sitzender Stellung und deutet hierdurch -an, daß er selbst den Aposteln gleichgestellt ist. - -Der Vorleser tritt mit den Episteln in der Hand in die Mitte des -Tempels. Mit dem Ruf: »Laßt uns aufmerken!« fordert der Diakon alle -Anwesenden zur Aufmerksamkeit auf. Der Priester fleht vom Inneren des -Altarraumes aus Frieden auf den Vorleser und die Anwesenden herab, und -die Gemeinde der Andächtigen erwidert diesen Wunsch des Priesters mit -dem gleichen Wunsche. Da sein Dienst jedoch ein rein geistlicher Dienst -sein muß, gleich dem der Apostel, deren Worte nicht aus ihnen selbst -kamen, sondern deren Lippen vom Heiligen Geist bewegt wurden, so sagen -sie nicht: »Friede sei mit dir!« sondern »mit deinem Geiste«! Der Diakon -ruft aus: »Höchste Weisheit!« Laut und ausdrucksvoll, so daß jedes Wort -einem jeden vernehmlich ist, beginnt der Vorleser seine Vorlesung; -aufmerksam, empfänglichen Herzens, mit suchender Seele und einem -Verständnis, das den inneren Sinn des Vorgelesenen zu erfassen sucht, -lauscht die Versammlung, denn die Vorlesung der Epistel ist eine Stufe -und Leiter zum besseren Verständnis der Evangelien. Wenn der Vorleser -seine Vorlesung beendigt hat, ruft ihm der Priester aus dem Inneren des -Altarraumes zu: »Friede sei mit dir!« Der Chor antwortet: »Und mit -deinem Geiste!« Der Diakon ruft aus: »Höchste Weisheit!« Der Chor singt -ein donnerndes »Halleluja!«, das das Nahen des Herrn ankündigt, Der -kommt, um durch den Mund des Evangeliums zum Volke zu sprechen. - -Nunmehr erscheint der Diakon mit dem Räucherfaß in der Hand, um den -Tempel mit Wohlgerüchen zu erfüllen und für den Empfang des Herrn, der -da naht, vorzubereiten; dieses Räuchern soll uns an die geistige -Reinigung unserer Seelen ermahnen, denn wir sollen die wohltönenden -Worte des Evangeliums reinen Herzens anhören. Der Priester betet im -Innern des Altarraumes bei sich selbst, er bittet, daß das Licht der -göttlichen Weisheit in unseren Herzen aufgehen und daß unsere geistigen -Augen sich öffnen mögen, auf daß wir die Predigt des Evangeliums -verständnisvoll in uns aufnehmen. Auch die Gemeinde betet leise bei sich -selbst, sie bittet, daß das gleiche Licht auch in ihrem Herzen aufgehen -möge, und bereitet sich auf die Vorlesung vor. Der Diakon erbittet sich -den Segen des Priesters, dieser erwidert ihm mit dem Wunsche: »Gott -verleihe auf Fürbitte des hochheiligen, hochgelobten Apostels und -Evangelisten [hier folgt sein Name] deiner Stimme große Kraft, daß du -die frohe Botschaft machtvoll verkündigest, auf daß erfüllet werde das -Evangelium Seines innig geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi!« -Hierauf besteigt der Diakon die Kanzel, wobei ihm eine Leuchte -vorangetragen wird, die das alles erleuchtende Licht Jesu Christi -symbolisiert. Der Priester ruft der Gemeinde aus dem Inneren des -Altarraumes zu: »Höchste Weisheit! Vergib! Laßt uns dem heiligen -Evangelium lauschen! Friede sei mit euch allen!« Der Chor antwortet: -»Und mit deinem Geiste!«, worauf der Diakon seine Vorlesung beginnt. - -Alle beugen andächtig ihr Haupt, als lauschten sie den Worten Christi -selbst, Der von der Kanzel zu ihnen spricht, und als bemühten sie sich, -die Saat des heiligen Wortes die der himmlische Säemann selbst durch den -Mund Seines Dieners ausstreut, in sich, in ihr Herz, aufzunehmen; -- -nicht mit einem Herzen, das der Heiland mit der Erde am Wege vergleicht, -auf die zwar auch einige Samenkörner fallen, um jedoch sofort von den -Vögeln -- den bösen Gedanken und Absichten -- aufgefressen zu werden; -- -auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem steinigen Erdreich -vergleicht, das nur ganz oberflächlich mit Erde bedeckt ist, sie, die -das Wort zwar willig aufnehmen, es aber nicht tief Wurzeln schlagen -lassen, da es ihnen an Herzenstiefe fehlt; -- auch nicht mit solch einem -Herzen, das Er mit dem verwahrlosten und ungesäuberten Acker vergleicht, -der von Dornen überwuchert ist, auf dem die Saat zwar aufgeht, dessen -eben aufsprießende Keime jedoch von den schnell emporwachsenden Dornen --- den Dornen zeitlicher Sorgen und Mühen, den Dornen der Versuchungen -und der zahllosen Lockungen des ertötenden, weltlichen Lebens mit seinen -trügerischen Reizen und Annehmlichkeiten -- sofort erstickt werden, -- -so daß die Saat keine Frucht trägt; wohl aber mit jenem hingebungsvollen -Herzen, das Er mit gutem Lande vergleicht, welches Frucht trägt -- -etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig ---, das alles, was es in sich aufnimmt, beim Verlassen der Kirche, zu -Hause, in der Familie, im Dienst, während der Arbeit, während der -Mußestunden und Vergnügungen, im Gespräche mit anderen Menschen, und, -wenn es mit sich allein ist, wieder zurückerstattet. Kurz, jeder -Gläubige bemüht sich, ein Hörer und Täter des Wortes zugleich zu sein, -den der Heiland mit dem weisen Manne gleichzumachen verspricht, der sein -Haus nicht auf Sand, sondern auf einem Felsen erbaut, so daß sein -geistiges Heim, selbst wenn sich, gleich nachdem er die Kirche verlassen -hat, Regen, Flüsse und Wirbelstürme, alle möglichen Leiden und -Mißgeschick wider ihn erhöben, unerschütterlich dastehen wird, gleich -einer auf einem Felsen erbauten Feste. - -Nachdem die Vorlesung beendigt ist, ruft der Priester dem Diakon aus dem -Inneren des Tempels zu: »Friede sei mit dir, der du frohe Botschaft -verkündigst!« Alle Anwesenden erheben ihr Haupt und rufen im Gefühl -ihrer Dankbarkeit zugleich mit dem Chor: »Ehre sei Dir, unserem Gott, -Ehre sei Dir!« Der in der Königspforte stehende Priester nimmt das -Evangelium aus den Händen des Diakons entgegen und stellt es auf den -Altar, als das Wort, das von Gott ausgegangen ist und nun zu Ihm -zurückkehrt. Der Hochaltar, der die höchsten erhabensten Gefilde -darstellt, entzieht sich jetzt den Augen der Gemeinde -- die -Königspforte schließt sich, und die Tür zum Allerheiligsten wird -verhängt zum Zeichen, daß es keine andere Tür zum Himmelreiche gibt als -die, die uns Christus geöffnet hat, und daß wir nur mit Ihm durch sie -eintreten können, denn es heißt: »Ich bin die Tür.« - -Hiernach pflegte während der ersten christlichen Zeit die Predigt -stattzufinden, worauf die Erklärung und Interpretation der verlesenen -Evangelientexte folgte. Da jedoch in unserer Zeit meist über andere -Texte gepredigt wird, und da folglich die Predigt nicht zur Erklärung -der vorgelesenen Evangelientexte dient, so wird sie, um den Zusammenhang -und die strenge harmonische Ordnung der heiligen Liturgie nicht zu -stören, ans Ende gestellt. - -Der Diakon besteigt sodann, den Engel, der die Menschen zum Gebet -anfeuert, versinnbildlichend, die Kanzel, um die Gemeinde zu noch -inbrünstigerem Gebet aufzurufen. Er ruft: »Lasset uns beten aus ganzem -Herzen, ganzer Seele, lasset uns beten aus ganzem Gemüt,« indem er die -Gebetstola mit drei Fingern in die Höhe hebt; und während alle aus -tiefster Seele inbrünstige Gebete zum Himmel emporrichten, rufen sie -aus: »Herr, erbarme Dich!« Der Diakon aber unterstützt und verstärkt -seinerseits das Gebet noch, indem er dreimal um Erbarmen fleht, und er -fordert die Gemeinde nochmals auf, für alle Menschen zu beten, welchen -Rang und welches Amt sie auch immer bekleiden mögen; zunächst und in -erster Linie für die in den höchsten Ämtern und Stellungen, wo es der -Mensch am schwersten hat, wo er am leichtesten strauchelt und wo er der -Hilfe Gottes am meisten bedarf. Jeder von den Versammelten betet, da er -weiß, in wie hohem Grade die Wohlfahrt vieler Menschen davon abhängt, -daß die Mächtigen redlich ihre Pflicht erfüllen, inbrünstig und bittet -Gott, Er möge sie erleuchten und belehren, getreulich ihre Schuldigkeit -zu tun, und jedem Kraft verleihen, seine irdische Laufbahn in -ehrenhafter Weise zu vollenden. Darum beten alle inniglich, indem sie -nun nicht mehr einmal, sondern dreimal nacheinander rufen: »Herr, -erbarme Dich!« Die ganze Reihe dieser Gebete heißt: doppelte Ektenia -oder die Ektenia des inbrünstigen Gebets, und der Priester bittet im -Altar vor dem Gottestisch inniglich um Erhörung dieser allgemeinen -verstärkten Gebete, und sein Gebet heißt das Gebet der inbrünstigen -Bitte. - -Wenn an jenem Tage eine Seelenmesse zu Ehren der Toten stattfindet, so -wird gleich nach der doppelten Ektenia noch eine Ektenia zu Ehren der -Entschlafenen verkündigt. Der Diakon hält die Stola mit drei Fingern -seiner Hand empor und fordert die Gemeinde auf, für den Seelenfrieden -der Knechte Gottes zu beten, die er alle beim Namen nennt, auf daß Gott -ihnen alle ihre Sünden, ihre bewußten und unbewußten Verfehlungen -vergeben und ihre Seelen dorthin versetzen möge, wo die Gerechten in -Frieden weilen. Bei dieser Gelegenheit gedenkt jeder der Anwesenden -aller Verstorbenen, die seinem Herzen nahestanden, und beantwortet jeden -Ruf des Diakons mit einem dreimaligen: »Herr, erbarme Dich!« indem er -inbrünstig für seine Lieben und für alle entschlafenen Christen betet. -»Wir flehen Dich an, Christus, unser Gott, unsterblicher König, gewähre -uns Deine göttliche Gnade, das Himmelreich und Vergebung der Sünden!« -ruft der Diakon aus. Die Gemeinde erwidert zugleich mit dem Sängerchor: -»Gewähre es uns, o Herr!« Der Priester aber betet im Inneren des -Altarraums und bittet den Überwinder des Todes, Ihn, der uns das ewige -Leben schenkte, Er möge die Seelen Seiner entschlafenen Knechte in -Frieden in die friedlichen grünen Gefilde, die von Krankheiten, Kummer -und Seufzern gemieden werden, eingehen lassen; er bittet in seinem -Herzen, Er möge ihnen alle ihre Sünden erlassen und verkündet laut: -»Christus, unser Gott, da Du bist die Auferstehung, das Leben und der -Frieden Deiner entschlafenen Knechte, so singen wir Dir Preis und Ruhm -samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gütigen, -lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit.« Der Chor ruft -bestätigend: »Amen,« worauf der Diakon die Ektenia für die Katechumenen -beginnt. - -Obwohl die Zahl der noch nicht Getauften und derer, die noch zu den -Katechumenen zählen, heute nur noch gering ist, denkt doch jeder -Anwesende daran, wie weit er durch Glauben und Taten noch hinter den -Gläubigen zurücksteht, die gewürdigt wurden, an den Liebesmahlen der -ersten christlichen Zeit teilzunehmen, sieht ein, wie er gleichsam bloß -bei Christus in die Lehre gegangen ist, jedoch sein Leben noch nicht mit -Ihm erfüllt hat, wie er erst die Weisheit Seiner Worte versteht, sie -aber in seinem Leben noch nicht verwirklicht, wie kalt sein Glaube noch -ist, und wie es ihm noch an dem Feuer einer allesverzeihenden Liebe zu -seinem Bruder gebricht, einer Liebe, die alle Herzenskälte und Dürre -verzehrt, und wie er, obwohl er mit dem Wasser auf den Namen Christi -getauft ward, doch noch der geistigen Wiedergeburt nicht teilhaftig ist, -ohne die sein Christentum nach den eigenen Worten des Heilandes nichts -ist, Der da spricht: »Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, -kann er das Reich Gottes nicht sehen!« -- Indem also jeder Anwesende -dessen eingedenk ist, zählt er sich demutsvoll zu den Katechumenen, und -so antwortet er denn auch auf den Ruf des Diakons: »Lasset uns zu Gott -beten, Katechumenen!« aus der Tiefe seines Herzens: »Gott, erbarme Dich -unser!« - -Hierauf ruft der Diakon: »Ihr Gläubigen, lasset uns für die Katechumenen -beten und Ihn bitten, Er möge ihnen gnädig sein, sie erwecken mit dem -Worte der Wahrheit, ihnen das Evangelium der Gerechtigkeit offenbaren, -sie vereinigen in Seiner heiligen allgemeinen apostolischen Kirche, Er -möge sie erretten, Sich ihrer erbarmen, ihnen beistehen und sie erhalten -in Seiner Gnade.« - -Und die Gläubigen beten, tief durchdrungen von dem Gefühle, wie wenig -sie den Namen der Gläubigen verdienen, indem sie für die Katechumenen -bitten, auch für sich selbst und beantworten jeden Ruf des Diakons in -ihrem Innern, indem sie mit dem Sängerchor die Worte nachsprechen: -»Herr, erbarme Dich unser!« Der Diakon ruft: »Katechumenen, beugt euer -Haupt vor Gott!«, und alle beugen ihr Haupt, indem sie innerlich -ausrufen: »Vor Dir, o Herr!« - -Der Priester betet leise für die Katechumenen, sowie für die, die sich -in ihrer Herzensdemut unter die Katechumenen versetzt haben. Sein Gebet -hat folgenden Wortlaut: »Herr, unser Gott, Der Du in der Höhe wohnst und -herabsiehst auf die Demütigen, Der Du das Heil herabsandtest dem -menschlichen Geschlechte in Gestalt Jesu Christi, Deines Sohnes, unseres -Herrn und Gottes! Blicke nieder auf die Katechumenen, Deine Knechte, die -ihren Nacken vor Dir beugen! Nimm sie auf in Deine Kirche und in Deine -auserwählte Herde, auf daß sie mit uns Deinen hehren, herrlichen Namen -loben und preisen den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, jetzo, -hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Chor fällt mit einem donnernden -»Amen!« ein. Und in Erinnerung, daß nun der Augenblick gekommen ist, wo -ehemals die Katechumenen aus der Kirche herausgeführt wurden, ruft der -Diakon mit lauter Stimme: »Tretet heraus, Katechumenen!« Hierauf erhebt -er abermals die Stimme und ruft noch einmal: »Tretet heraus, -Katechumenen!« Und endlich ruft er noch ein drittes Mal aus: »Tretet -heraus, Katechumenen! Keiner von euch Katechumenen, sondern ihr -Gläubigen alleine, laßt uns abermals und abermals zu Gott beten!« - -Bei diesen Worten erbeben alle im Bewußtsein ihrer Unwürdigkeit. -Inbrünstig flehen sie in Gedanken Christus selbst um Gnade an, Der die -Käufer und die schamlosen Krämer, die Sein Heiligtum zu einer -Mördergrube gemacht hatten, aus dem Tempel Gottes jagte, und jeder -Anwesende bemüht sich, den Katechumenen, der noch nicht darauf -vorbereitet ist, in dem Heiligtume zu weilen, aus dem Tempel seiner -Seele zu vertreiben, und er betet zu Christus, Er möge selbst den -Gläubigen, der in die auserwählte Herde aufgenommen wird, in ihm -erwecken, denn von ihm sagt der Apostel: »Ein heiliges Volk, Menschen -der Erneuerung sind die Steine, aus denen der Tempel erbaut wird«; Er -möge ihn erwecken ihn, der zu den wahrhaften Gläubigen gehört, die -während der Zeit der ersten Christen, deren Gesichter von der -Ikonostasis auf den Andächtigen herabblicken, an der Liturgie -teilnahmen. Und indem er sie alle mit seinem Blick umfaßt, fleht er sie -um Hilfe an, als seine Brüder, die jetzt im Himmel anbeten, denn nunmehr -steht die allerheiligste Handlung bevor; es beginnt die Liturgie der -Gläubigen. - - - Die Liturgie der Gläubigen - -Im geschlossenen Altarraum breitet der Priester auf dem heiligen -Hochaltar das Antiminsion oder Corporale aus -- ein Tuch, auf dem der -Körper des Heilands abgebildet ist --, worauf das von ihm während des -Offertoriums zubereitete Brot und der mit Wasser und Wein gefüllte Kelch -gestellt werden, die jetzt im Angesicht aller Gläubigen vom Seitenaltar -herbeigetragen werden. Das Corporale, das der Priester über den -Hochaltar breitet, soll an die Zeiten der Christenverfolgungen erinnern, -als die Kirche noch kein ständiges Heim hatte; man bediente sich damals, -da der Altar nicht von einem Ort zum anderen getragen werden konnte, -dieses Tuches sowie einzelner Stücke von Reliquien; dies Corporale ist -noch heute im Gebrauch, um anzudeuten, daß die Kirche auch heute noch -nicht an ein einzelnes bestimmtes Haus, an eine Stadt oder an einen Ort -gebunden ist, sondern wie ein Schiff noch auf den Wellen dieser Welt -schwebt, ohne irgendwo vor Anker zu gehen, denn ihr Anker ruht im -Himmel. Nachdem also der Priester das Corporale ausgebreitet hat, tritt -er vor den Tisch, wie wenn er das erstemal vor ihn hinträte und als ob -er sich erst jetzt für die eigentliche heilige Handlung vorbereite: in -der ersten christlichen Zeit wurde nämlich der Altar erst in diesem -Augenblick geöffnet, bis dahin blieb er geschlossen und verhängt, weil -ja die Katechumenen noch anwesend waren, und erst jetzt begannen die -eigentlichen Gebete der Gläubigen. Der Priester fällt in dem noch immer -geschlossenen Altarraum vor dem Tische nieder und betet zwei Gebete der -Gläubigen, in denen er Gott bittet, seine Seele zu reinigen, und Ihn -anfleht, ihn gerecht vor den heiligen Altar treten zu lassen, auf daß er -würdig werde, das Opfer reinen Gewissens darzubringen. Der Diakon steht -indessen auf der Kanzel inmitten der Kirche, einen Engel darstellend, -der die Gemeinde zum Gebet anfeuert; er hält die Gebetstola mit drei -Fingern empor und ruft alle Gläubigen zu denselben Gebeten auf, mit -denen die Liturgie der Katechumenen begann. - -Alle Gläubigen sind bemüht, ihre Herzen mit einem einträchtigen, -friedlichen, versöhnlichen Gefühl zu erfüllen, das jetzt noch -notwendiger ist, und rufen: »Herr, erbarme Dich!«; sie beten noch -inbrünstiger und flehen Gott um den höheren Frieden, um Errettung -unserer Seelen, um den Frieden der Welt, die Wohlfahrt der Kirchen -Gottes und ihre Einigung an; sie beten für diesen heiligen Tempel und -für die, die ihn andächtig und gottesfürchtig betreten, und bitten Gott, -Er möge sie vor Kummer, Zorn und Not bewahren. Und sie rufen noch -inbrünstiger in ihrem Herzen: »Herr, erbarme Dich!« - -Der Priester ruft aus dem Inneren des Altarraumes: »Höchste Weisheit!«, -womit er andeutet, daß dieselbe höchste Weisheit, derselbe ewige Sohn, -Der in Gestalt des Evangeliums ausging, das Wort auszusäen, daraus wir -Belehrung schöpfen, wie wir leben sollen, Sich jetzt in das heilige Brot -verwandeln wird, um Sich für die ganze Welt aufzuopfern. Alle Anwesenden -bereiten sich, aufgerüttelt durch diese Vorstellung, begeistert auf den -nunmehr bevorstehenden hochheiligen Gottesdienst vor und richten ihre -Gedanken auf ihn. Der Priester, der die Liturgie zelebriert, betet leise -bei sich, fällt vor dem Tische nieder und spricht folgendes erhabene -Gebet: »Keiner, der noch durch fleischliche Lüste und Genüsse gefesselt -wird, ist würdig, sich Dir zu nahen, vor Dich hinzutreten oder Dir zu -dienen, Herr der Liebe; denn Dein Dienst ist groß und furchtbar, selbst -für die himmlischen Mächte. Allein da Du in Deiner unermeßlichen -Menschenliebe wahrhaftig und ewiglich Mensch, da Du selbst Hoherpriester -wurdest und selbst das Sakrament dieses Gottesdienstes und dieses -unblutigen Opfers einsetztest, als Herr unser aller -- denn Du allein, o -Gott, herrschst über alle himmlischen und irdischen Geschöpfe und -sitzest auf dem Throne, der von Cherubim getragen wird, Gott der -Seraphim und König von Israel, Der Du allein heilig bist und in den -Heiligen wohnest --, so flehe ich Dich an, Dich, den Einen, Guten, sieh -herab auf mich armen Sünder und Deinen unwürdigen Knecht, reinige meine -Seele und mein Herz von bösen Gedanken und mache mich würdig, bekleidet -mit der priesterlichen Gnade, mache mich würdig durch die Macht Deines -Heiligen Geistes, vor Deinen Tisch zu treten und Deinen heiligen reinen -Leib und Dein gerechtes Blut zu konsekrieren. Ich trete vor Dich hin, -beuge meinen Nacken und bete zu Dir: wende Dein Angesicht nicht von mir -ab und verstoße mich nicht aus der Schar Deiner Knechte, sondern laß es -geschehen, daß diese Deine Gaben Dir dargebracht werden durch mich -Unwürdigen. Denn Du bist der Darbringende und Dargebrachte, der -Empfangende und Der, Der sie austeilt, Christus unser Gott, wir singen -Dir Ruhm und Preis samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, -gütigen und lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle -Ewigkeit.« - -Mitten während des Gebetes öffnet sich die Königspforte, und man sieht -den Priester mit ausgebreiteten Armen und in betender Stellung knien. -Der Diakon kommt mit dem Räucherfaß in der Hand gegangen, um dem -höchsten König den Weg zu bereiten, er räuchert reichlich und läßt -Wolken von wohlriechendem Weihrauch aufsteigen, inmitten deren Er -erscheinen wird, getragen von Cherubim. So ermahnt er alle daran, ihr -Gebet zu reinigen, auf daß es lauter werde wie der Weihrauch vor dem -Herrn -- und fordert alle auf, die nach dem Wort des Apostels ein -Wohlgeruch vor Christus sind, dessen eingedenk zu sein, daß sie reine -Cherubim sein sollen, um den Herrn emportragen zu können. Die Sänger auf -beiden Chören stimmen im Angesicht der ganzen Kirche folgenden -Cherubimgesang an: »Die wir in geheimnisvoller Weise Cherubim darstellen -und das Trichagion zu Ehren der lebenspendenden Dreieinigkeit singen, -lasset uns nun alles andere vergessen und den höchsten König emporheben, -Der unsichtbar getragen wird von den Heerscharen der Engel und -beschattet von Lanzen.« - -Die alten Römer hatten den Brauch, den neugewählten König auf einem -Schilde, begleitet von seinen Legionen und beschattet von zahllosen -Lanzen, die über ihn gehalten wurden, vor das Volk hinauszutragen. -Diesen Gesang hat jener Kaiser selbst gedichtet, der in aller seiner -irdischen Größe vor der Erhabenheit des höchsten Königs in den Staub -sank, Der im Schatten der Lanzen von Cherubim und von den Legionen der -himmlischen Mächte getragen wird; in der ersten Zeit traten die Kaiser -selbst bescheiden in die Reihe der Diener der Kirche, wenn das heilige -Brot hinausgetragen wurde. - -Der Gesang dieses Liedes trägt einen angelischen Charakter und soll -daran erinnern, wie die unsichtbaren Heerscharen im Himmel gesungen -haben. Der Priester und der Diakon wiederholen diesen Cherubimgesang -leise bei sich selbst und treten sodann vor den Seitenaltar, vor dem -sich das Offertorium abspielte. Indem nun der Diakon vor die Gaben -hintritt, die mit dem Aër bedeckt sind, spricht er: »Nimm hin, o Herr!« -Der Priester zieht den Aër hinweg und legt ihn dem Diakon auf die linke -Schulter und spricht: »Erhebet eure Hände zu dem Heiligtume und segnet -den Herrn!« Sodann nimmt er die Patene samt dem Lamm und stellt sie dem -Diakon aufs Haupt; er selbst ergreift den heiligen Kelch und geht hinter -einer vorausgetragenen Leuchte oder Lampe zur Seitentür oder durch das -nördliche Tor zum Volke hinaus. Wenn jedoch der Gottesdienst im Beisein -der ganzen Geistlichkeit d. h. vieler Geistlicher und Diakonen -stattfindet, so trägt ein Priester die Patene, ein anderer den Kelch, -ein dritter den heiligen Löffel, mit dem der Priester das heilige -Abendmahl austeilt, ein vierter die Lanze, die in den heiligen Leib -gestoßen wurde. Alle heiligen Geräte werden hinausgetragen, sogar der -Schwamm, mit dem die Krümchen des heiligen Brotes auf der -Hostienschüssel zusammengelesen wurden und der jenen Schwamm darstellt, -welcher mit Essig und Galle gefüllt wurde und mit dem die Knechte ihren -Schöpfer tränkten. Diese feierliche Prozession, die der große Ausgang -genannt wird und die himmlischen Heerscharen versinnbildlicht, kommt -unter dem Absingen des Cherubimgesanges herangeschritten. - -Bei dem Anblick des höchsten Königs, Der in der bescheidenen Gestalt des -Lammes vorausgetragen wird, umgeben von den Werkzeugen irdischer Marter -wie von den Lanzen unzählbarer unsichtbarer Heerscharen und Hierarchien, -und auf der Patene ruhend wie auf einem Schilde, beugen alle tief ihr -Haupt und beten mit den Worten des Übeltäters, der den Herrn vom Kreuze -aus anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.« -Mitten im Tempel macht die Prozession halt. Der Priester benutzt diesen -großen Augenblick, um in Gegenwart aller derer, die die Gaben tragen, -und im Angesichte Gottes der Namen aller Christen zu gedenken, wobei er -mit denen beginnt, denen die schwierigsten und heiligsten Pflichten -auferlegt sind, von deren Erfüllung die Wohlfahrt aller Menschen und die -Rettung ihrer eigenen Seele abhängt, und er schließt mit den Worten: -»Gott der Herr gedenke euer und aller [rechtgläubigen] Christen in -Seinem Reiche [immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit]!« Die -Sänger beschließen den Cherubimgesang mit einem dreimaligen -»Halleluja!«, das das ewige Wandeln des Herrn verkündigt. Der Zug -betritt nun die Königspforte. Der Diakon nähert sich allen voran dem -Altar, bleibt zur Rechten vor der Tür stehen und begrüßt den Priester -mit den Worten: »Gott der Herr gedenke deiner Priesterschaft in Seinem -Reiche!« Der Priester erwidert: »Gott der Herr gedenke deines heiligen -Diakonenamtes in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle -Ewigkeit!« Und er stellt den heiligen Kelch und das Brot, das den Leib -Christi versinnbildlicht, auf den Tisch, als wäre er ein Sarg. Die -Königspforte schließt sich, als wäre sie das Tor zum Grabe des Herrn, -der Vorhang wird zugezogen, womit auf die Wache hingedeutet wird, die -vor dem Grabe aufgestellt wurde. Der Priester nimmt die heilige Patene -vom Haupte des Diakons, als nähme er den Leib des Heilands vom Kreuze -herunter, und stellt sie auf das ausgebreitete Corporale, als wäre es -das Grabtuch Christi, wozu er die Worte spricht: »Der ehrbare Joseph -nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein -reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen -niemand je gelegen war.« Und indem er der Allgegenwart Dessen gedenkt, -Der jetzt vor ihm im Grabe liegt, spricht er bei sich selbst: »Im Grabe -warst Du leibhaftig, in der Hölle mit der Seele und Gott gleich, im -Paradies mit dem Übeltäter und saßest doch zugleich auf dem Throne mit -dem Vater und dem Heiligen Geist, o Christe, der Du alles mit Dir -erfüllst, Unbeschreiblicher!« Und des Ruhms und der Ehre gedenkend, mit -der dieses Grab bedeckt ward, spricht er: »Als Lebenspender, als -wahrhaftiglich, herrlicher denn das Paradies und strahlender denn jeder -Königspalast erschien uns Dein Grab, o Christus, Quell aller -Auferstehung!« Dann zieht er die Decke von der Patene und vom Kelch -hinweg, nimmt den Aër von der Schulter des Diakons, der jetzt nicht mehr -die Linnen, darin das Kind Jesus gewickelt ward, sondern das Kopftuch -und die Grableinwand darstellt, in die Sein toter Leib gehüllt wurde, -räuchert mit Thymian und bedeckt hierauf die Patene und den Kelch -abermals, indem er spricht: »Der ehrbare Joseph nahm Deinen -allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch -mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegt -war.« Dann nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des Diakons entgegen, -räuchert vor den heiligen Gaben mit Weihrauch, indem er sich dreimal vor -ihnen verneigt, und wiederholt, während er sich zu den bevorstehenden -Opferhandlungen rüstet, leise bei sich selbst die Worte des Propheten -David: »Tue wohl an Zion nach Deiner Gnade, baue die Mauern zu -Jerusalem. Dann werden Dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit, die -Brandopfer und die ganzen Opfer, dann wird man Farren auf Deinem Altar -opfern,« denn solange Gott selbst uns nicht erhebt und unsere Seelen -nicht mit jerusalemischen Mauern wider alle Angriffe des Fleisches -schützt, sind wir nicht imstande, Ihm Opfer und Brandopfer darzubringen -und wird nie die Flamme eines geistigen Gebetes emporlodern, denn sie -wird zerstreut und verweht werden durch fremde nebensächliche Gedanken -und Rücksichten, durch den Ansturm der Leidenschaften und den Wirbelwind -eines seelischen Aufruhrs. - -Der Priester bittet Gott, seine Seele für das bevorstehende Opferwerk zu -reinigen, legt das Räucherfaß wieder in die Hände des Diakons, läßt das -Ornat herabfallen, beugt sein Haupt und spricht zu ihm: »Gedenke meiner, -mein Bruder und Amtsgenosse!« »Gott gedenke deiner Priesterschaft in -Seinem Reiche!« erwidert der Diakon, beugt seinerseits das Haupt, denkt -an seine Unwürdigkeit und spricht, indem er die Stola emporhält: »Bete -für mich, heiliger Herr!« Der Priester antwortet: »Der Heilige Geist -komme über dich, und die Kraft des Höchsten erleuchte dich!« -- -»Derselbige Geist helfe uns alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen -Bewußtsein seiner Unwürdigkeit fügt er [der Diakon] hinzu: »Gedenke -meiner, o heiliger Herr!« Der Priester erwidert: »Gott gedenke deiner in -Seinem Reiche immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon sagt: -»Amen!« küßt dem Priester die Hand und geht durch die nördliche -Seitentür hinaus, um alle Anwesenden zum Gebet für die dargebrachten und -auf dem Hochaltar stehenden heiligen Gaben aufzufordern. - -Er besteigt den Altar und richtet, das Gesicht der Königspforte -zugewandt und die Stola, gleich dem erhobenen Flügel eines Engels, der -zum Gebet erweckt und anfeuert, mit drei Fingern emporhebend, eine ganze -Reihe von Gebeten, die schon keine Ähnlichkeit mit den früheren mehr -haben, zum Himmel empor. Nachdem er die Gemeinde aufgefordert hat, in -ihren Gebeten der auf dem Hochaltar stehenden Gaben zu gedenken, geht er -alsbald zu solchen Gebeten über, die nur die Gläubigen, die in Christo -leben, an Gott richten. - -»Wir bitten Gott, daß Er diesen Tag zu einem vollkommenen, heiligen, -friedlichen und sündenlosen mache!« fleht der Diakon. - -Die Gemeinde der Betenden vereinigt ihre Stimme mit dem Chor der Sänger -und ruft aus tiefstem Herzen zu Gott empor: »Gewähre ihn uns, o Herr!« - -»Wir bitten Gott, daß Er uns einen friedlichen Engel, einen treuen -Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen und unserer Leiber sende!« - -Die Gemeinde: »Gewähre ihn uns, o Herr!« - -»Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und -Verfehlungen!« - -Die Gemeinde: »Gewähre sie uns, o Herr!« - -»Wir bitten Gott um alles Gute und um alles, was unserer Seele nützlich -ist, und um Frieden auf Erden!« - -Die Gemeinde: »Gewähre es uns, o Herr!« - -»Wir bitten Gott um ein ferneres Leben in Frieden und um ein reumütiges -Ende!« - -Die Gemeinde: »Gewähre es uns, o Herr!« - -»Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und -friedliches Ende unseres Lebens und darum, daß wir einst gute -Rechenschaft ablegen am Jüngsten Gerichte Christi!« - -Die Gemeinde: »Gewähre uns das, o Herr!« - -»Wir gedenken unserer hochheiligen, reinen, gesegneten, herrlichen -Gebärerin, unserer Heiligen Jungfrau, sowie aller Heiligen und weihen -uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott.« - -Und in dem innigen Wunsche, sich also selbst und einander Christus, -ihrem Herrn, zu weihen, rufen alle: »Dir, o Herr!« - -Die Ektenia wird mit folgendem Gebet beschlossen: »Durch die große Gnade -Deines eingeborenen Sohnes, sei gesegnet mit Ihm samt Deinem -allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in -alle Ewigkeit!« - -Der Chor singt ein donnerndes »Amen!« - -Noch immer bleibt der Altar geschlossen. Noch immer beginnt der Priester -nicht mit dem Opfer; denn noch muß vieles geschehen, ehe das heilige -Abendmahl stattfinden kann. Aus der Tiefe des Altarraumes ruft der -Priester der Gemeinde den Gruß des Heilands zu: »Friede sei mit euch -allen!« Die Gemeinde antwortet: »Und mit deinem Geiste!« Der Diakon -steht auf der Kanzel und ermahnt, wie dies bei den ersten Christen Sitte -war, alle, einander zu lieben, indem er spricht: »Laßt uns einander -lieben und einmütig bekennen ...« Hier fällt der Sängerchor ein, indem -er die Schlußworte: »Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die -alleinige unteilbare Dreieinigkeit!« mitsingt, wodurch wir daran -erinnert werden sollen, daß wir, wenn wir einander nicht liebhaben, auch -Den nicht liebgewinnen können, Der ganz Liebe, Der die ganze vollkommene -Liebe ist und Der in Seiner Heiligen Dreieinigkeit den Liebenden und den -Geliebten, sowie die Handlung der Liebe, mit der der Liebende den -Geliebten liebt, vereinigt: der Liebende ist Gott der Vater, der -Geliebte Gott der Sohn, und die Liebe selbst, die Sie vereinigt, Gott -der Heilige Geist. Dreimal verneigt sich der Priester im Inneren des -Altarraumes, indem er leise bei sich wiederholt: »Ich will Dich lieben, -o Herr, meine Stärke, mein Fels und mein Hort!« Er küßt die mit dem Tuch -verdeckte heilige Patene und den heiligen Kelch, küßt den Rand des -heiligen Hochaltars und alle Priester, die mit ihm am Gottesdienst -teilnehmen, tuen desgleichen; dann küssen sie sich alle untereinander -und der Hauptpriester spricht: »Christus ist mitten unter uns!« Man -antwortet ihm: »Er ist und wird sein!« Auch alle Diakone, die zugegen -sind, küssen zuerst die Stelle ihrer Stola, auf der das Kreuz abgebildet -ist, und dann einander, indem sie dieselben Worte sprechen. - -Früher küßten alle, die in der Kirche waren, einander gleichfalls, die -Männer die Männer, die Frauen die Frauen, indem sie sprachen: »Christus -ist mitten unter uns!« und gleich darauf die Antwort erhielten: »Er ist -und wird sein!« daher stellt sich auch heute ein jeder, der in der -Kirche anwesend ist, in Gedanken vor, daß er alle Christen vor sich hat, -nicht nur die, die in der Kirche sind, sondern auch die Abwesenden, -nicht nur die, die seinem Herzen nahestehen, sondern auch die, die ihm -fernstehen, beeilt sich, sich mit denen von ihnen auszusöhnen, gegen die -er etwas wie Mißgunst, Haß oder Zorn hegte -- und gibt jedem von ihnen -in Gedanken einen Kuß, indem er bei sich spricht: »Christus ist mitten -unter uns!« und in ihrem Namen antwortet: »Er ist und wird sein!« denn -ohne dies wäre er tot für alle folgenden heiligen Handlungen nach -Christi eigenem Wort: »So lasse allda vor dem Altar deine Gabe und gehe -zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und -opfere deine Gabe«; und an einer anderen Stelle heißt es: »Und wer da -sagt, ich liebe Gott und hasse meinen Bruder, der lügt; denn wenn er -seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, Den er -nicht sieht?« - -Der Diakon steht auf der Kanzel, er wendet sein Gesicht den Anwesenden -zu, hält die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und ruft nach -altem Brauch: »Die Tore, die Tore!« Ehedem wurde dieser Ruf an die -Pförtner gerichtet, die am Toreingang standen, damit sich keiner von den -Heiden, die den christlichen Gottesdienst zu stören pflegten, frech und -blasphemisch in die Kirche eindrängte; heute wird dieser Ruf an die -Anwesenden selbst gerichtet, die hierdurch ermahnt werden sollen, die -Tore ihres Herzens zu behüten, in denen die Liebe bereits Eingang -gefunden hat, auf daß kein Feind der Liebe sich in die Herzen eindränge, -und die Tore ihres Mundes und ihrer Ohren weit aufzutun und für die -Verlesung des Glaubenssymbols offen zu halten; zum Zeichen dafür wird -der Vorhang vor der Königspforte, oder die »hohe Pforte«, hinweggezogen, -die sich nur dann öffnet, wenn die Aufmerksamkeit des Geistes auf die -höchsten Mysterien hingelenkt werden soll. Der Diakon fordert die -Versammlung mit folgenden Worten zum Zuhören auf: »Laßt uns der höchsten -Weisheit lauschen!« Die Sänger stimmen einen kraftvollen mannhaften -Gesang an, der mehr einer Art Sprechgesang gleicht, und rufen laut und -ausdrucksvoll: »Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer -des Himmels und der Erden, alles Sichtbaren und Unsichtbaren.« Dann -machen sie eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die erste -Person der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott den Vater klar und deutlich -vorstellen, und fahren dann fort: »Und an Jesum Christum, Gottes -eingeborenen Sohn, unseren Herrn, vom Vater in Ewigkeit geboren, Licht -vom Licht, wahrhaftigen Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht -erschaffen, einerlei Wesens mit dem Vater, durch welchen alle Dinge -geworden sind. Um der Menschen und um des Heiles willen vom Himmel -Fleisch geworden aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und -Mensch geworden, um unseretwillen gekreuzigt unter Pontius Pilatus, -gelitten, gestorben und begraben. Am dritten Tage nach der Schrift -wiederauferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel und sitzend zur -Rechten des Vaters. Von dannen Er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu -richten die Lebendigen und die Toten und Dessen Reiches kein Ende sein -wird. Und an den Heiligen Geist, Der da machet lebendig und gehet aus -vom Vater, Der da zusammen mit dem Vater und dem Sohne angebetet und -verehret wird und durch die Propheten geredet hat.« Dann machen sie -wieder eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die dritte Person -der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott, den Heiligen Geist klar und deutlich -vorstellen, und fahren fort: »Und an eine heilige katholische und -apostolische Kirche. Ich glaube an eine Taufe zur Vergebung der Sünden -und hoffe auf die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben. Amen!« - -Mannhaft und kraftvoll ist der Gesang der Sänger und er prägt jedes Wort -des Glaubenssymbols den Herzen tief ein. Mit fester Stimme wiederholt -hierauf ein jeder die Worte des Symbols. Mutigen Herzens und voll -starken Geistes wiederholt auch der Priester vor dem heiligen Hochaltar, -der den heiligen Abendmahlstisch darstellen soll, leise bei sich selbst -das Glaubensbekenntnis, auch alle Zelebranten, die ihm zur Seite stehen, -wiederholen es still bei sich selbst, indem sie den heiligen Aër, der -über den heiligen Gaben ruht, hin und her bewegen. - -Festen Schrittes kommt jetzt der Diakon gegangen und verkündet: »Laßt -uns fromm, laßt uns ehrfurchtsvoll dastehen und aufmerken und das -heilige Opfer in Frieden darbringen,« d. h. laßt uns würdig vor Gott -hintreten, wie es sich für den Menschen geziemt, d. h. mit Zittern und -Ehrfurcht, zugleich aber auch tapfer und kühnen Mutes, indem wir Gott -loben, mit friedlichem versöhntem, einträchtigem Herzen, denn ohne dies -vermag man sich nicht zu Gott zu erheben. Und die ganze Kirche -wiederholt, diesen Ruf beantwortend, indem sie den Lobgesang, der aus -ihrem Munde emporsteigt, und die Besänftigung der Herzen als Opfergabe -darbringt mit dem Sängerchor: »Die Gnade des Friedens, das Opfer des -Dankes.« In der Urkirche herrschte die Sitte, bei dieser Gelegenheit -etwas Salböl als Opfergabe darzubringen, welches ein Symbol der -Besänftigung ist, denn Salböl und Barmherzigkeit bedeuten im -Griechischen dasselbe. - -Unterdessen zieht der Priester im Altarraum den Aër von den heiligen -Gaben hinweg, küßt ihn und legt ihn zur Seite, indem er spricht: »Die -Gnade unseres Herrn ...« Der Diakon aber betritt den Altarraum, nimmt -den Fächer oder das Rhipidion in die Hand und schwingt ihn andachtsvoll -über den heiligen Gaben. - -Indem nun der Priester sich anschickt, das heilige Abendmahl zu -zelebrieren, richtet er aus dem Inneren des Altarraums folgenden frohen -Ruf an das Volk: »Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes -des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch -allen!« worauf ihm alle Anwesenden antworten: »Und mit deinem Geiste!« -Der Altar, der vorhin die Krippe vorstellte, versinnbildlicht jetzt das -Zimmer, in dem das Abendmahl zubereitet wurde; und der Hochaltar, der -das Grab versinnbildlichte, stellt jetzt den Abendmahlstisch und nicht -mehr das Grab dar. Der Priester gedenkt des Erlösers, Der Seine Augen -zum Himmel emporrichtete, ehe Er Seinen Jüngern die göttliche Speise -darreichte, und ruft: »Laßt uns unsere Herzen zum Himmel erheben!« Und -jeder, der in der Kirche anwesend ist, richtet seine Gedanken auf das, -was nun geschehen wird -- und er denkt daran, daß in diesem Augenblick -das göttliche Lamm für ihn geschlachtet wird, daß das göttliche Blut des -Herrn selbst in den Kelch fließt, um ihn zu entsühnen, und daß alle -himmlischen Mächte sich mit dem Priester vereinigen, um für ihn zu -beten; und indem er seine Gedanken [hierauf] richtet und seine Seele von -der Erde abzieht und zum Himmel und aus der Finsternis zum Lichte -erhebt, ruft er zugleich mit allen anderen aus: »Wir wollen uns zu Gott -erheben!« - -Der Priester ruft, des Erlösers gedenkend, Der da dankte, nachdem Er -Seine Augen gen Himmel erhoben hatte: »Laßt uns unserem Gotte danken!« -Der Chor erwidert: »Geziemend ist es und fromm, anzubeten den Vater, den -Sohn und den Heiligen Geist, die Heilige Dreieinigkeit, Die eines Wesens -und unfehlbar ist.« Der Priester aber betet im stillen bei sich: -»Geziemend ist es und fromm, Dich zu verherrlichen, zu loben, Dir zu -danken und Dich anzubeten allerorten in Deinem Reiche, denn Du bist -Gott, der Unaussprechliche, Unergründliche, Unsichtbare und -Unbegreifliche, denn Du bist ewig Derselbe samt Deinem eingeborenen Sohn -und Deinem Heiligen Geist. Du hast uns aus dem Nichtsein zum Sein -erweckt, hast uns Abtrünnige wieder aufgerichtet und hast uns nicht -verlassen, sondern uns in den Himmel erhoben und uns Dein künftiges -Reich geschenkt. Für dieses alles danken wir Dir und Deinem eingeborenen -Sohn und Deinem Heiligen Geiste, danken Dir alle, für alle die -Wohltaten, die wir kennen und die wir nicht kennen, die offenkundigen -und die unbekannten, die Du an uns getan hast. Wir danken Dir auch für -diesen Gottesdienst und bitten Dich, ihn aus unserer Hand -entgegenzunehmen, obwohl Dir Tausende von Erzengeln und Legionen von -Engeln, Cherubim und sechsfach geflügelte Seraphim zur Verfügung stehen, -vieläugige, gefiederte, gen Himmel strebend, Dir Siegeslieder singen, -rufen, jauchzen und sprechen: »Heilig, heilig, heilig ist der Gott -Zebaoth; Himmel und Erde sind Deines Ruhmes voll!« - -Dieses Siegeslied der Seraphim, das die Propheten in ihren heiligen -Gesichten vernahmen, wird von dem ganzen Sängerchor aufgenommen; es -trägt die Gedanken der Gläubigen in unsichtbare Himmelsfernen mit sich -fort, nötigt alle, mit den Seraphim in den Ruf einzustimmen: »Heilig, -heilig, heilig ist der Herr Zebaoth!« und mit ihnen den Thron des -göttlichen Ruhmes zu umkreisen. Und da ferner die ganze Kirche in diesem -Augenblick erwartungsvoll dessen harrt, daß der Herr selbst herabsteigen -und Sich für alle zum Opfer darbringen wird, so vereinigt sich mit dem -Gesang der Seraphim, der im Himmel ertönt, noch der Gesang der -hebräischen Jünglinge, mit dem Ihn diese bei Seinem Einzug in Jerusalem -begrüßten, Zweige auf den Weg streuend: »Hosianna in der Höhe. Gelobt -sei, Der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!« Denn der -Herr bereitet sich, in den Tempel einzuziehen, wie in das mystische -Jerusalem. Der Diakon fährt fort, mit dem Fächer über die heiligen Gaben -hinzufächeln, damit kein Insekt auf sie herniederfalle, und symbolisiert -mit dieser Bewegung des Fächers das Walten der Gnade. Der Priester aber -betet im stillen weiter: »Mit diesen heiligen Mächten, o Herr, Der Du -die Menschen liebhast, flehen auch wir zu Dir und sprechen: Heilig und -hochheilig bist Du und Dein eingeborener Sohn und Dein Heiliger Geist. -Heilig bist Du und hochheilig, und herrlich ist Dein Ruhm, denn also -hast Du die Welt geliebt, daß Du Deinen eingeborenen Sohn gabst, auf daß -alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben -haben, Der da kam und alles erfüllte, was von uns verkündet ward; in der -Nacht, da Er verraten ward, oder besser, da Er Sich selbst dahingab für -das Leben der Welt, nahm Er das Brot in Seine reinen unschuldigen Hände, -dankte, segnete und heiligte es, brach es und gab es Seinen heiligen -Jüngern und Aposteln und sprach ...« Und mit lauter Stimme verkündete -der Priester die Worte des Heilandes: »Nehmet hin und esset, das ist -mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.« Bei -diesen Worten fallen die ganze Kirche und der Chor ein und rufen »Amen!« -Der Diakon aber weist, die Stola in der Hand haltend und sich zum -Priester hinwendend, auf die heilige Patene hin, auf welcher das Brot -ruht. Der Priester aber fährt leise fort: »Desselbigengleichen nahm Er -auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach ...« und er verkündet laut, -nachdem der Diakon auf den Kelch gedeutet hat: »Trinket alle daraus, -dies ist Mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für euch -und für viele zur Vergebung der Sünden.« Und die ganze Kirche antwortet -ebenso laut wie das erstemal: »Amen!« - -Der Priester fährt fort, leise zu beten: »Und indem wir also gedenken -dieses erlösenden Gebotes und alles dessen, das für uns getan ward: des -Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Himmelfahrt, -des Sitzens zur Rechten Gottes und der zweiten ruhmvollen Wiederkunft« --- und nun, nachdem er dies leise vor sich hingesprochen, erhebt er die -Stimme und spricht: »-- bringen wir Dir dar das Deinige von den Deinigen -für alle und für alles!« Der Diakon legt nun den Fächer beiseite und -hebt die heilige Patene und den heiligen Kelch in die Höhe: in diesem -Augenblick stellt der Altar nicht mehr das Zimmer, in dem das heilige -Abendmahl stattfand, und der Hochaltar nicht mehr den Abendmahlstisch -dar; jetzt ist er der Opferaltar, auf dem das furchtbare Opfer für die -ganze Welt dargebracht wird -- das Golgatha, wo die furchtbare -Hinschlachtung des göttlichen Opferlamms sich vollzog. Dieser Augenblick -stellt den Augenblick des Opfers und den Moment dar, da ein jeder an das -dem Schöpfer dargebrachte Opfer gemahnt wird. Wir beugen uns ja auch vor -den irdischen Gewalten; wir verehren und achten ja auch die Menschen und -gehorchen ihnen, aber wir opfern nur dem alleinigen Gott. Und dies Opfer -hat nie aufgehört seit Erschaffung der Welt, in welcher Form es auch -immer dargebracht werden mochte, das, worauf es dabei ankam, war nicht -das Opfer selbst, sondern ein reumütiger Geist, mit dem es dargebracht -wurde. Daher muß jeder der Anwesenden dessen eingedenk sein, daß der -Priester in diesem Augenblick alles Gemeine und Diesseitige -geringschätzen und alle irdischen Begierden und Gedanken vergessen muß -gleichwie Abraham, der, als er zum Berg emporstieg, um das Opfer -darzubringen, seine Frau, seinen Knecht und seinen Esel unten ließ und -nur das Holz des bitteren Bekenntnisses seiner Sünden mit sich nahm, es -im Feuer seiner inneren Reue zu Asche verbrannte und mit der Flamme und -dem Schwerte des Geistes in sich jede Begierde nach irdischem Besitz und -irdischen Gütern tötete. Was aber sind alle unsere Opfer vor dem -Angesichte Gottes, wenn Er durch den Mund des Propheten zu uns spricht. -»Wie ein unreines Gewand sind alle unsere Taten.« - -Tief durchdrungen vom Bewußtsein, daß es auf Erden nichts gibt, das da -wert wäre, Gott zum Opfer gebracht zu werden, richtet jeder der -Anwesenden seine Gedanken auf den Kelch, den der Diener des Altars im -Altarraum emporhebt, und ruft im Inneren seines Herzens aus: »Also sei -Dir dargebracht das Deinige von den Deinigen, für alle und für alles!« -Der Chor singt: »Dir lobsingen wir, Dich segnen wir, Dir danken wir, o -Herr, und wir beten zu Dir, unser Gott!« - -Und nun folgt der Höhepunkt der ganzen Liturgie: die -Transsubstantiation. Im Inneren des Altarraumes wird jetzt der Heilige -Geist dreimal angerufen und angefleht, Sich auf die heiligen Gaben -herabzusenken -- derselbe Heilige Geist, durch Den die Fleischwerdung -Christi, Seine Geburt durch die Jungfrau, Sein Tod und Seine -Auferstehung vollzogen ward, und ohne Den sich das Brot und der Wein -nicht in den Leib und das Blut Christi verwandeln können. - -Der Priester fällt vor dem heiligen Hochaltar nieder, und auch der -Diakon verbeugt sich dreimal bis zur Erde, indem er bei sich selbst -spricht: »Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten -Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du -Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.« -Und nach diesem Anruf des Heiligen Geistes wiederholen alle bei sich den -Vers: »Gib mir, o Gott, ein reines Herz und erneure in meinem Inneren -einen gerechten Geist.« - -Noch einmal wird der Anruf wiederholt: »Herr Gott, Der Du in der dritten -Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, -nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren -werden, die wir zu Dir beten.« Und die Gemeinde singt den Vers: »Verwirf -mich nicht von Deinem Angesicht und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von -mir!« Und zum drittenmal erfolgt der Anruf: »Herr Gott, Der Du in der -dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel -herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns -wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.« Der Diakon weist gesenkten -Hauptes mit der Stola auf das heilige Brot hin und spricht bei sich -selbst: »Segne, o Herr, das heilige Brot!« Und der Priester segnet es -dreimal mit dem Kreuze und spricht: »Und mache dieses Brot zu dem -heiligen Leibe Deines Christus.« Der Diakon sagt: »Amen!« Und damit ist -das Brot in den Leib Christi verwandelt. Und abermals weist der Diakon -mit der Stola stumm auf den heiligen Kelch und spricht bei sich selbst: -»Segne, o Herr, den heiligen Kelch!« Und der Priester segnet ihn und -spricht: »Mache, den Inhalt dieses Kelches zum heiligen Blut Deines -Christus.« Der Diakon sagt: »Amen!« und spricht, indem er auf die beiden -heiligen Gaben hinweist: »Segne sie beide, o Herr!« Der Priester segnet -sie und spricht: »Verwandle sie durch Deinen Heiligen Geist!« Der Diakon -sagt dreimal: »Amen!« Und auf dem Hochaltar ruhen jetzt der Leib und das -Blut Christi selbst: die Transsubstantiation hat sich vollzogen! Ein -_Wort_ rief das _ewige Wort_ herbei. Der Priester, dessen Stimme das -Schwert vertritt, hat das Opfer vollbracht. Wer es auch sein möge -- ob -er Peter oder Iwan heißt --, in seiner Person hat der ewige Hohepriester -selbst dies Opfer vollbracht, und Er vollbringt es ewiglich durch die -Person Seiner Priester, wie auf das Wort: »Es werde Licht!« das Licht -ewiglich leuchtet und wie auf das Wort: »Es lasse die Erde aufgehen Gras -und Kraut!« die Erde sie ewiglich aufgehen läßt. Und es ist nicht ein -Bildnis oder die bloße Erscheinung des Leibes, die sich auf dem -Hochaltar befindet, sondern der Leib Christi selbst -- derselbe Leib, -der auf Erden Backenstreiche erhalten, bespien, gekreuzigt, begraben -ward, auferstand und mit dem Herrn gen Himmel fuhr und nun zur Rechten -des Vaters sitzt. Er behält nur deshalb auch weiter die Gestalt des -Brotes, um dem Menschen zur Speise zu dienen, und weil der Herr selbst -gesagt hat: »Ich bin das Brot.« - -Vom Kirchturm her ertönt jetzt Glockengeläut, um allen den großen -Augenblick zu verkündigen, auf daß der Mensch -- wo er sich in diesem -Moment auch befinden mag -- ob er unterwegs, ob er auf Reisen ist oder -seinen Acker bestellt, ob er zu Hause sitzt oder einer anderen -Beschäftigung nachgeht, ob er auf dem Krankenbett liegt oder in den -Mauern eines Gefängnisses schmachtet -- kurz, damit er überall, wo er -sich auch aufhält, in diesem furchtbaren Augenblick auch für sich beten -könne. Alles stürzt vor dem Leib und Blut Christi nieder und fleht den -Herrn mit den Worten des Übeltäters an: »Herr, gedenke an mich, wenn Du -in Dein Reich kommst.« - -Der Diakon beugt sein Haupt vor dem Priester und spricht: »Gedenke an -mich, o heiliger Herr!« und der Priester antwortet: »Gott gedenke deiner -in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Und nun -gedenkt der Priester aller vor dem Angesichte Gottes, indem er die ganze -Kirche, die triumphierende wie die kämpfende, mit in sein Gebet -einschließt und zwar in derselben Weise und Reihenfolge, wie ihrer aller -während des Offertoriums gedacht wurde, wobei er mit der heiligen, -reinen, göttlichen Jungfrau und Mutter Gottes beginnt. Ihr zu Ehren, als -der Fürsprecherin der ganzen Menschheit und als der einzigen, die für -ihre hohe Demut und Bescheidenheit würdig erachtet wurde, Gott in ihrem -Schoße zu tragen, stimmt die ganze Kirche zusamt dem Chor einen -Lobgesang an, damit ein jeder in diesem Augenblick vernehme, daß die -Demut die höchste Tugend und daß in dem Herzen des Demütigen Gott -lebendig sei. - -Nach der Mutter Gottes wird der Propheten, der Apostel und der -Kirchenväter gedacht und zwar in derselben Reihenfolge, in der während -des Offertoriums die Brotstücke für sie herausgeschnitten wurden; sodann -wird aller Entschlafenen gedacht, deren Namen der Diakon verliest, -sodann der Lebenden, wobei mit denen begonnen wird, denen die -wichtigsten und höchsten Pflichten anvertraut sind, -- d. h. mit denen, -die das Wort der Wahrheit gerecht verwalten, der geistlichen und -weltlichen Obrigkeit und dem Kaiser; [»Gott helfe ihm und unterstütze -ihn in seinem schweren Amt bei jedem Werke, das das allgemeine Wohl -betrifft; möge ihm in seinem edlen Streben das ganze Staatsschiff -einträchtiglich folgen, zusamt der Regierung und der Militärkammer, auf -daß sie getreulich ihre Pflicht erfüllen, und auch uns lasset im -Frieden, der von ihnen ausgeht, ein ruhiges Leben führen in aller -Frömmigkeit und Reinheit!« Bei dieser Gelegenheit betet der Priester -auch für alle anwesenden Christen bis auf den letzten, daß der allgütige -Gott Seine Gnade über sie alle ergießen, ihre Schatzkammern mit Gütern -füllen, die Eintracht und den Frieden in ihren Ehen walten, ihre Kinder -groß werden lassen, die Jugend belehren, das Alter stützen und -kräftigen, die Kleinmütigen trösten, die Zerstreuten sammeln, die -Verführten zurechtweisen und in Seine heilige allgemeine apostolische -Kirche aufnehmen möge. Für alle Christen bis auf den allerletzten, wo -sich ein solcher Christ auch immer aufhalten möge, betet bei dieser -Gelegenheit der demütige Priester;] ob der Christ unterwegs, auf der -Wanderschaft, auf der See oder auf Reisen ist, ob er an einer Krankheit -daniederliegt oder in der Verbannung, in Bergwerken oder unterirdischen -Schächten schmachtet. Für alle -- bis auf den allerletzten -- betet bei -dieser Gelegenheit die Kirche, und jeder Anwesende beteiligt sich nicht -allein an diesem gemeinsamen Gebete für alle Menschen, sondern er betet -auch für alle die Seinen, die seinem Herzen nahestehen, indem er sie -insgesamt im Angesichte des Leibes und Blutes Christi beim Namen nennt. -Dann ruft der Priester laut aus dem Altarraum: »Und laß uns preisen und -lobsingen wie aus einem Munde und aus einem Herzen Deinen heiligen und -herrlichen Namen, den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen -Geistes, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Die ganze Kirche -antwortet mit einem bestätigenden »Amen!« Der Priester ruft: »Die Gnade -des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi sei mit euch -allen!«, und die Gemeinde erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Hiermit -haben die Gebete für alle, die der Kirche Christi angehören, ihr Ende -erreicht, wie sie im Angesicht des Leibes und des Blutes Christi zu Gott -emporgerichtet werden. - -Nun besteigt der Diakon die Kanzel, um zum Gebet für die Gaben selbst -aufzufordern, die Gott dargebracht werden und die bereits verwandelt -sind, auf daß sie uns nicht zum Gericht und nicht zu einer Strafe für -uns werden. Er erhebt die Stola mit drei Fingern seiner rechten Hand und -ermuntert alle zum Gebet, indem er spricht: »Laßt uns aller Heiligen -gedenken und immer wieder und wieder in Frieden zu Gott beten!« Der Chor -singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns beten für die dargebrachten und -geweihten heiligen Gaben!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt -uns beten, daß unser Gott, Der die Menschen liebet, sie aufnehmen möge -auf Seinem heiligen, über dem Himmel thronenden geistigen Altar, duftend -von geistigen Wohlgerüchen, und daß Er uns herabsenden möge Seine -göttliche Gnade und die Gabe des Heiligen Geistes!« Der Chor singt: -»Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns zu Gott beten, daß Er uns bewahren möge -vor Kummer, Zorn und Not!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf, -rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« Der Chor -singt: »Herr, erbarme Dich!« »Wir bitten Gott um einen vollkommen -ungetrübten, vollkommen heiligen, friedlichen und sündlosen Tag!« Der -Chor singt: »Gewähre ihn uns, o Gott!« »Wir bitten Gott um einen -Friedensengel, einen treuen Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen -und Leiber!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott -um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und Verfehlungen!« Der Chor -singt: »Gewähre sie uns, o Gott!« »Wir bitten den Herrn um alles Gute, -was unserer Seele heilsam ist, und um Frieden auf Erden!« Der Chor -singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott um ein Leben in -Frieden und um ein reumütiges Ende!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o -Herr!« »Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und -friedliches Ende und darum, daß es uns beschieden sein möge, in Ehren -Rechenschaft abzulegen am Jüngsten Tage Christi!« Der Chor singt: -»Gewähre es uns, o Herr!« Und nun ruft der Diakon nicht mehr die -Heiligen um Hilfe an, sondern er wendet sich direkt an Gott: »Wir bitten -Dich um Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes -und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Jesus Christus, unserem -Gotte!« Und alle singen mit völliger und inniger Hingebung: »Dir, o -Herr!« - -Nun stimmt der Priester statt eines Trichagions folgenden Gesang an: -»Würdige uns, o Herr, daß wir Dich, Gott, unseren himmlischen Vater, -zuversichtlich und als Gerechtfertigte anrufen und lobsingen.« Und alle -Gläubigen beten nicht mehr wie mit Furcht erfüllte Sklaven, sondern wie -reine unschuldige Kinder, die sich durch das Gebet, den ganzen -Gottesdienst und die stetige Ausführung der heiligen Bräuche in jenen -engelhaften Gemütszustand himmlischer Rührung versetzt fühlen, in dem -der Mensch unmittelbar mit Gott sprechen kann wie mit seinem Vater, das -Gebet des Herrn: »Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde -Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch -auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere -Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in -Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.« - -Dieses Gebet umfaßt alles und schließt alles in sich ein, was wir -brauchen. Die Bitte: »Geheiligt werde Dein Name!« enthält das Erste, -worum wir zuerst und vor allem bitten müssen: wo Gottes Name geheiligt -wird, da ist allen wohl, da sind folglich alle in Liebe miteinander -verbunden, denn nur durch die Liebe wird Gottes Name geheiligt. Mit den -Worten: »Dein Reich komme!« flehen wir das Reich der Wahrheit und -Gerechtigkeit auf die Erde herab; ohne Gottes Herabkunft wird es nie -eine Gerechtigkeit geben: denn Gott ist die Gerechtigkeit. Bei den -Worten: »Dein Wille geschehe!« wird der Mensch durch den Glauben wie -durch die Vernunft geführt: denn wessen Wille kann wohl herrlicher sein, -als der Wille Gottes? Wer weiß denn besser als der Schöpfer, was Seinen -Geschöpfen not tut. Wem soll man also vertrauen, wenn nicht Ihm, Der -durch und durch nichts als die ewiglich nur Gutes zeugende Güte und -Vollkommenheit ist! Mit dem Worte: »Unser täglich Brot gib uns heute!« -bitten wir um alles, dessen wir zu unserem täglichen Lebensunterhalt -bedürfen. Unser Brot aber ist die höchste göttliche Weisheit und -Christus selbst. Er selbst hat gesagt: »Ich bin das Brot und wer von Mir -isset, wird nicht sterben.« Mit den Worten: »Vergib uns unsere Schuld!« -bitten wir, daß alle unsere schweren Sünden, die auf uns lasten, von uns -genommen werden mögen -- wir bitten, daß uns alles erlassen werden möge, -dessen wir uns gegenüber dem Schöpfer selbst schuldig gemacht haben, -indem wir uns an unseren Brüdern vergingen; streckt Er uns doch jeden -Tag und jede Minute in ihrer Gestalt Seine Hand entgegen, indem Er uns -mit herzzerreißendem Klagelaut um Mitleid und Erbarmen anfleht. Mit den -Worten: »Und führe uns nicht in Versuchung!« bitten wir Gott, uns vor -allem zu behüten, was unser Gemüt verwirrt, uns irre leitet und uns -unsere Seelenruhe raubt. Mit den Worten: »Sondern erlöse uns von dem -Übel!« bitten wir um die himmlische Seligkeit; denn sowie der Böse von -uns weicht, bemächtigt sich sogleich eine hohe Freudigkeit unserer -Seele, und wir fühlen uns schon auf Erden wie im Himmel. - -So umfaßt und schließt dieses Gebet alles in sich ein, was uns die -höchste göttliche Weisheit selbst beten gelehrt hat. Und zu wem beten -wir? Zum Vater der Weisheit, Der Seine ewige Weisheit vor Beginn aller -Zeiten zeugte. Da alle Anwesenden dieses Gebet bei sich wiederholen -müssen, nicht mit dem Munde, sondern in der reinsten Unschuld eines -kindlichen Herzens, so muß auch der Abgesang des Gebets auf den Chören -einen kindlichen Charakter tragen: nicht in rauhen männlichen Tönen, -sondern mit kindlicher Stimme, die die Seele selbst zu liebkosen -scheint, muß dieses Gebet gesungen werden, auf daß man in ihr den -Frühlingshauch des Himmels zu verspüren meine und daß in ihm etwas -erklinge, was uns wie die Liebkosungen der Engel selbst berührt, denn in -diesem Gebet reden wir ja Den, Der uns erschaffen hat, nicht mehr mit -Gott an, sondern ganz schlicht mit den Worten: »Vater unser!« - -Der Priester begrüßt die Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes mit -dem Gruße des Heilands: »Friede sei mit euch allen!« Die Gemeinde -erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Jetzt fordert der Diakon alle zu -einer inneren Herzensbeichte auf, die jeder nunmehr vor sich selbst -ablegen muß, indem er ruft: »Beugt eure Häupter vor dem Herrn!« Und -indem nun alle Anwesenden bis auf den letzten ihr Haupt beugen, sprechen -sie bei sich selbst etwa folgendes Gebet: »Ich beuge mein Haupt vor Dir, -mein Herr und Gott, ich bekenne meine Sünden aufrichtig und schreie zu -Dir: ich bin sündig, o Herr, und unwert, Dich um Vergebung zu bitten, -aber Du bist menschenfreundlich, so erbarme Dich denn meiner, obwohl ich -es nicht verdient habe, wie der verlorene Sohn, rechtfertige mich wie -den Zöllner und mache mich würdig, gleich dem Übeltäter in Dein -himmlisches Reich einzugehen.« Und während so alle gebeugten Hauptes in -innerer Herzenszerknirschung verharren, betet der Priester am Altare für -alle mit folgenden Worten bei sich selbst: »Wir danken Dir, unsichtbarer -König, Der Du in Deiner unermeßlichen Kraft alles erschaffen und durch -Deine große Gnade alles aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen hast; -blicke selbst vom Himmel auf die herab, o Herr, die ihr Haupt vor Dir -beugen, denn sie beugen es nicht vor dem Fleische und dem Blute, sondern -vor Dir, furchtbarer Gott. Wende alles, was uns bevorsteht, zu unserem -Besten, o Herr, so wie es jedem not tut: Laß den Seefahrer den Hafen und -den Reisenden sein Ziel erreichen, heile den Kranken, o Arzt der Seele -und des Leibes!« Dann stimmt der Priester den herrlichen Lobgesang auf -die Dreieinigkeit an, der sich an die himmlische Güte Gottes wendet: -»Gesegnet seist Du durch die Gnade, die Milde und die Menschenliebe -Deines eingeborenen Sohnes samt Ihm, Deinem Sohne und Deinem -Allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in -alle Ewigkeit!« Der Chor ruft: »Amen!« Nunmehr rüstet sich der Priester, -selbst, und in Gemeinschaft mit allen, den Leib und das Blut Christi in -sich aufzunehmen, indem er leise bei sich folgendes Gebet spricht: -»Blicke herab, Herr Jesus Christus, unser Gott, aus Deiner heiligen -Wohnung und vom ruhmvollen Thron Deines Reiches. Komm und heilige uns, -Der Du hoch oben neben dem Vater sitzest und unsichtbar bei uns weilst, -und mache uns [Priester] würdig, aus Deiner allmächtigen Hand Deinen -reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu empfangen und es allen den Deinen -darzureichen.« - -Während der Priester dies Gebet spricht, rüstet sich der Diakon zum -heiligen Abendmahl: er tritt vor die Königspforte, umgürtet sich mit der -Stola und kreuzt sie auf seiner Brust, gleich den Engeln, die ihre -Flügel kreuzweise zusammenlegen und ihr Antlitz mit ihnen verdecken vor -dem unnahbaren Lichte der Gottheit. Wie der Priester, verbeugt er sich -dreimal und spricht bei sich selbst: »O Gott, reinige mich Sünder und -erbarme Dich meiner!« Wenn dann der Priester seine Hand nach der -heiligen Patene ausstreckt, fordert er alle, die im Tempel anwesend -sind, durch das anfeuernde Wort: »Laßt uns aufmerken!« auf, alle ihre -Gedanken auf das, was nun geschieht, hinzulenken. Der Altar entzieht -sich dem Anblick des Volkes, der Vorhang wird zugezogen, damit zuerst -der Priester das Abendmahl empfange. Nur die Stimme des Priesters, der -die Patene in die Höhe hebt und ruft: »Das Heilige den Heiligen!« dringt -aus dem Altar hervor. Tief erschüttert von dieser Verkündigung, die da -besagt, daß man selbst heilig sein muß, um das Heilige in sich -aufzunehmen, erwidert die ganz im Gebet versunkene Gemeinde: »Einer ist -heilig, der eine Gott, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters!« -worauf eine Lobhymne auf den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist, -gesungen wird, um hierdurch anzudeuten, daß auch der Mensch heilig sein -kann, so wie auch der Heilige, zu dessen Preis die Hymne gesungen wird, -ein Heiliger werden konnte; auch er ward freilich heilig nicht durch -seine eigene Heiligkeit, sondern durch die Heiligkeit Christi selbst. -Durch sein Leben in Christo wird der Mensch geheiligt und in solchen -Augenblicken der Ruhe in Christo ist er heilig wie Christus selbst, -gleichwie das Eisen, wenn es im Feuer steckt, selbst zu Feuer wird und -sofort erlöscht, sowie man es aus dem Feuer herausnimmt, und wieder -gewöhnliches dunkles Eisen wird. - -Nun bricht der Priester das heilige Brot; zuerst bricht er es gemäß dem -Zeichen, das während des Offertoriums auf ihm gemacht wurde, in vier -Teile, indem er spricht: »Das Lamm Gottes wird zerlegt und zerteilt, das -zerlegt und doch unteilbar ist, das stets gegessen und nie aufgezehrt -wird, und das da heiligt, die davon essen.« Er legt eins von den Stücken -des heiligen Leibes noch unvermischt mit dem Blute für sich und den -Diakon zurück und zerlegt dann das Brot in so viele Teile, als die Zahl -der Kommunikanten beträgt; aber durch diese Teilung wird doch der Leib -Christi selbst nicht zerteilt, der Leib, dem kein Bein zerbrochen ward, -und in dem kleinsten Teil erhält sich der Christus ganz und unversehrt, -wie in jedem Gliede unseres Körpers dieselbe ganze und unteilbare Seele -zugegen ist, und wie sich in einem Spiegel, auch wenn er in hundert -Stücke zerspringt, selbst noch im kleinsten Splitter das Abbild -derselben Dinge erhält. Wie in einem Ton, der an unser Ohr dringt, -dieselbe Einheit erhalten bleibt oder wie derselbe ganze Ton sich -unversehrt erhält, auch wenn tausend Ohren ihn vernehmen. Die Stücke, -die während des Offertoriums zu Ehren der Heiligen und der Entschlafenen -und im Namen einzelner von den Lebenden herausgeschnitten wurden, werden -nicht alle in den Kelch getaucht. Sie bleiben einstweilen noch auf der -Patene; nur die Teile, die den Leib und das Blut des Herrn darstellen, -werden der Gemeinde während des heiligen Abendmahls dargereicht. In den -ersten Zeiten der Kirche wurden sie in getrennter Gestalt dargereicht, -wie sie auch heute noch von den Priestern genossen werden; ein jeglicher -nahm den Leib des Herrn in die Hand und trank dann selbst aus dem Kelch. -Aber da die heiligen Gaben infolge der Zuchtlosigkeit der neubekehrten -und noch unwissenden Christen, die bloß dem Namen nach Christen geworden -waren, oftmals von ihnen fortgetragen und mit nach Hause genommen -wurden, wo man sie zu abergläubischen Zwecken und Zauberkünsten -verwendete, oder da man in der Kirche in unwürdiger Weise mit ihnen -umging, sich hierbei stieß, Lärm machte und die heiligen Gaben sogar -verschüttete, als die Väter vieler Kirchen sich genötigt sahen, dem -Volke den Kelch völlig vorzuenthalten und ihn durch die Darreichung der -Oblate, als Symbol des Brotes, zu ersetzen, ein Brauch, den die -abendländische römisch-katholische Kirche bei sich eingeführt hat, da -ordnete der heilige Johannes Chrysostomus an, damit in der -morgenländischen Kirche nicht das gleiche geschähe: daß Leib und Blut -dem Volke nicht in getrennter und gesonderter, sondern in vereinigter -Gestalt dargereicht werden und daß ihm beides nicht in die Hand gegeben, -sondern in einem heiligen Löffel gereicht werden solle, der die Form -jener Zange haben müsse, mit der der feurige Seraphim die Lippen des -Propheten Jesaias berührte. Hierdurch sollen alle daran gemahnt werden, -was das für eine Berührung ist, deren ihr Mund gewürdigt wird, und ein -jeglicher deutlich erkennen, daß der Priester in diesem heiligen Löffel -jene glühende Kohle hält, die der Seraphim mit der geheimnisvollen Zange -vom Altar Gottes nahm, also daß bei der bloßen Berührung der Lippen des -Propheten alle seine Missetat von ihm genommen wurde. Derselbe Johannes -Chrysostomus ordnete ferner, um jeden Gedanken daran fernzuhalten, daß -eine solche Vereinigung von Leib und Blut ein Willkürakt des Priesters -sein könne, an, daß im Augenblick ihrer Vereinigung warmes Wasser in das -Gefäß gegossen werde, was die erwärmende Gnade des Heiligen Geistes -symbolisieren soll, der da ausgegossen wird, um diese Vereinigung zu -heiligen, woher auch der Diakon dabei die Worte spricht: »Die Wärme des -Glaubens, erfüllet vom Heiligen Geiste!« Beim Einschütten des warmen -Wassers wird die Gnade des Heiligen Geistes herabgefleht, damit nichts -ohne den Segen des Herrn dabei geschehe und auf daß die Wärme zugleich -zum Sinnbild der Blutwärme diene und, indem sie sich jedem fühlbar -macht, ihm zum Bewußtsein bringe, daß sie nicht aus einem toten Leib, -dem ja kein warmes Blut entfließt, sondern aus dem lebendigen, -lebenspendenden und lebenzeugenden Leibe des Herrn in ihn einströmt; -denn er soll auch hierbei daran erinnert werden, daß auch der tote Leib -des Herrn nicht von Seiner göttlichen Seele verlassen, daß er voll der -Wirkung des Heiligen Geistes ist, und daß die Gottheit Sich nicht von -ihm getrennt hat. - -Nachdem der Priester zuerst selbst das Abendmahl genommen und es dann -dem Diakon gereicht hat, steht der Diener Christi als ein neuer, durch -das Sakrament der Kommunion von allen seinen Sünden gereinigter Mensch -da; in diesem Augenblick ist er im wahren Sinn des Wortes ein Heiliger -und würdig, anderen das Abendmahl zu reichen. - -Die Königspforte tut sich auf, und der Diakon erhebt feierlich seine -Stimme: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben!« Nun erscheint der -verwandelte Seraphim -- d. h. der in der Königspforte stehende Priester -mit dem Kelch in der Hand -- vor der ganzen Gemeinde. - -Verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Gotte und von der heißen Flamme -der Liebe zu Ihm, treten alle Kommunikanten, einer nach dem anderen, die -Hände auf der Brust gekreuzt, vor den Priester und sprechen gebeugten -Hauptes leise bei sich selbst folgendes Gebet, in dem sie ihren Glauben -zu dem Gekreuzigten bekennen: »Ich glaube, o Herr, und bekenne, daß Du -in Wahrheit bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die -Welt gekommen ist, die Sünder zu erlösen, deren vornehmster ich selbst -bin. Ich glaube auch, daß dies Dein heiliger Leib und daß dies Dein -gerechtes Blut ist; daher bete ich zu Dir: erbarme Dich meiner und -vergib mir meine Sünden, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, deren -ich mich in Worten oder Taten, wissentlich oder unwissentlich schuldig -gemacht habe, und gib, daß ich nicht als Verworfener teilhaftig werde -Deines heiligen Sakramentes zur Vergebung der Sünden und zum ewigen -Leben.« Hier hält der Andächtige einen Augenblick inne, um die Bedeutung -dessen, wozu er sich anschickt, in Gedanken zu erfassen, und fährt -sodann aus innerstem Herzen fort, indem er folgende Worte spricht: - -»Laß mich heute Deines heiligen Abendmahls teilhaftig werden, o Sohn -Gottes, denn nicht als Dein Feind will ich Dein Geheimnis verraten, noch -Dich küssen mit dem Kusse des Judas, sondern ich will Dich bekennen -gleich dem Übeltäter, indem ich spreche: »Herr, gedenke an mich, wenn Du -in Dein Reich kommst.« Und indem der Betende in seinem Inneren einen -Augenblick andächtig innehält, fährt er fort: »Gib, o Herr, daß ich mir -aus Deinem heiligen Abendmahl nicht das Gericht und die Verdammnis esse -und trinke, sondern daß es mir zum Heil meiner Seele und meines Körpers -gereiche.« - -Nachdem nun ein jeglicher dieses Bekenntnis abgelegt hat, naht er sich -dem Geistlichen nicht wie einem gewöhnlichen Priester, sondern wie dem -feurigen Seraphim selbst, indem er sich bereit hält, mit offenem Munde -die glühende Kohle des heiligen göttlichen Leibes und Blutes, die ihm im -Löffel gereicht wird, in sich aufzunehmen, sie, die den ganzen häßlichen -Schmutz und Unrat seiner Sünden zu Asche verbrennen soll, wie trockenes -Reisig, die ewige Nacht aus seiner Seele verscheuchen und ihn selbst in -einen strahlenden Seraph verwandeln soll. Und wenn dann der Priester den -heiligen Löffel an seine Lippen führt, den Kommunikanten beim Namen -nennt und spricht: »Der Knecht Gottes empfängt das gerechte und heilige -Blut des Herrn und Gottes, unseres Heilandes Jesu Christi, zur Vergebung -der Sünden und zum ewigen Leben,« nimmt er den Leib und das Blut des -Herrn in sich auf; so steht er in seinem Inneren einen Augenblick seinem -Gott gegenüber, indem er Ihm selbst vor das Angesicht tritt. Dieser -Augenblick ist unzeitlich und er unterscheidet sich durch nichts von der -Ewigkeit, denn er ist erfüllt von Dem, Der da der Grund aller Ewigkeit -ist. - -Indem der Mensch durch den Genuß des Leibes und des Blutes dieses großen -Augenblicks teilhaftig geworden ist, steht er von heiliger Ehrfurcht -erfüllt da; nun wird sein Mund mit dem heiligen Aër abgetrocknet, und -diese Handlung wird mit den Worten des Seraphs begleitet, die dieser an -den Propheten Jesaias richtete: »Siehe, hiermit sind deine Lippen -gerühret, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde -versöhnet sei.« Nunmehr tritt er selbst als ein Heiliger von dem -heiligen Kelche zurück, indem er sich vor den Heiligen verbeugt, sie -grüßt und sich vor den Anwesenden verneigt, die seinem Herzen jetzt -soviel näher stehen als bis dahin und die nun durch das Band einer -heiligen himmlischen Blutsverwandtschaft mit ihm verbunden sind; dann -geht er wieder an seinen Platz zurück, ganz erfüllt von dem Gedanken, -daß er Christus selbst in sich aufgenommen hat, daß Christus in ihm -weilt und in fleischlicher Gestalt in seinen Leib hinabgestiegen ist, -wie in ein Grab, um bis in die geheimste Kammer seines Herzens -einzudringen und aufzuerstehen in seinem Geiste, denn in ihm selbst -vollzieht Er Sein Begräbnis und Seine Auferstehung. Und die ganze Kirche -leuchtet auf im Lichte dieser geistigen Auferstehung und jauchzend -stimmt der Sängerchor einen Jubelgesang an: - -»Wir haben gesehen Christi Auferstehung, so lasset uns anbeten den -heiligen Herrn Jesum, Ihn, den Einzigen, Sündlosen. Wir beten Dein Kreuz -an, o Christus, und lobsingen und preisen Deine heilige Auferstehung, -denn Du bist unser Gott, wir kennen keinen, außer Dir, und preisen -Deinen Namen. Kommet her, alle ihr Gläubigen, lasset uns anbeten die -heilige Auferstehung Christi, denn durch das Kreuz ward der ganzen Welt -große Freude zuteil. Wir segnen den Herrn ewiglich und preisen Seine -Auferstehung: denn Er erlitt und erduldete den Kreuzestod, und indem er -starb, hat Er den Tod überwunden.« Und hierauf singt der Chor gleich den -Engeln, die sich zu dieser Zeit versammeln: - -»Strahle auf und leuchte, neues Jerusalem, denn Gottes Ruhm ist über dir -aufgegangen. Jubele und freue dich nun, o Zion. Und du, reine Jungfrau -und Mutter Gottes schmücke dich, denn Er, Den du geboren hast, ist -auferstanden. O großes, heiligstes Passahfest Christi! O Weisheit, du -Wort und Kraft Gottes! laß uns deiner noch in vollkommener Weise -teilhaftig werden an dem nie endenden Tage deines Reiches!« - -Während die frohlockende Kirche also widerhallt von den -Auferstehungsliedern, stellt der Priester, im geschlossenen Altarraum, -den heiligen Kelch auf den heiligen Hochaltar, der gleich der Patene -wieder mit einer Decke zugedeckt wird, und richtet ein Dankgebet an den -Herrn und Wohltäter unserer Seelen dafür, daß Er alle durch Seine Gnade -teilnehmen ließ an Seinem himmlischen ewigen Sakramente, und er schließt -mit der Bitte, Gott möge uns auf den rechten Weg führen, uns alle in der -heiligen Ehrfurcht zu Ihm befestigen, unser Leben behüten und unseren -Schritten Kraft und Festigkeit verleihen. - -Und nun öffnet sich die Königspforte zum letztenmal, denn dieses offene -Tor soll die offenen Pforten des Himmelreiches versinnbildlichen, das -Christus allen zuteil werden ließ, indem Er Sich selbst der ganzen Welt -zur Speise darbrachte. Das Hinaustragen des heiligen Kelches, wobei der -Diakon die Worte spricht: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben,« -sowie das Zurücktragen des Kelches soll versinnbildlichen, daß Christus -zum Volke hinausgeht, um alle Menschen mit Sich in das Haus Seines -Vaters zurückzuführen. Vom Chor ertönt ein donnernder feierlicher -Jubelgesang zur Antwort: »Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn; -unser Herr und Gott erscheine, Der uns erscheint.« Und die ganze -Gemeinde vereinigt sich mit dem Chor und stimmt einen donnernden -geistlichen Lobgesang an, der aus der Tiefe des gewaltig erstarkten und -erhobenen Geistes kommt. Der Priester segnet die Anwesenden mit den -Worten: »Errette, o Herr, Deine Menschen und segne Dein Eigentum,« denn -er nimmt an, daß in diesem Augenblick alle durch ihre Reinheit zu Gottes -eigenstem Eigentum geworden sind -- dann schwingt er sich in Gedanken -empor und gedenkt der Himmelfahrt Christi, die den Abschluß Seines -Erdenwandels bildete: er tritt zusammen mit dem Diakon vor den heiligen -Hochaltar, verneigt sich und räuchert zum letztenmal, indem er spricht: -»Aufgefahren zum Himmel bist Du, o Herr, die ganze Erde ist Deines -Ruhmes voll,« inzwischen aber begeistert der Chor durch jauchzende -Jubelgesänge und Töne, die von strahlender geistiger Freude erfüllt -sind, die verklärten Gemüter der Anwesenden zu folgenden Worten, dem -höchsten Ausdruck geistiger Freude: »Wir haben das wahre Licht geschaut, -wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben uns mit dem -wahrhaften Glauben erfüllt und beten an die Heilige unteilbare -Dreieinigkeit, denn Sie hat uns erlöst.« - -Der Diakon erscheint mit der heiligen Patene auf dem Haupte im heiligen -Tor, er spricht kein Wort, blickt stumm auf die ganze Versammlung und -entfernt sich hierauf wieder, womit er andeuten will, daß Christus uns -verlassen hat und gen Himmel gefahren ist. Nach dem Diakon erscheint der -Priester mit dem heiligen Kelch im heiligen Tore und verkündigt, daß der -Herr, Der gen Himmel gefahren ist, alle Tage bis zum Ende der Welt bei -uns weilet, indem er spricht: »Immerdar, jetzo, hinfort und in alle -Ewigkeit,« worauf der Kelch und die Patene zurückgetragen und auf den -Seitenaltar gestellt werden, auf dem das Offertorium stattfand und der -jetzt nicht mehr die Krippe, die eine Zeugin der Geburt Christi war, -sondern jenen höchsten Ort des Ruhmes darstellt, auf dem sich die -Himmelfahrt Christi in den Schoß des Vaters vollzog. - -Hier vereinigt sich die ganze Kirche unter Führung des Sängerchors zu -einem feierlichen Dankgesang der Seelen, und dies sind die Worte des -Lobgesangs: »Laß unseren Mund sich erfüllen mit Deinem Lobe, o Herr, daß -wir Deinen Ruhm singen, Der Du uns würdigest, an Deinem heiligen, -göttlichen, unvergänglichen, lebenspendenden Sakramente teilzunehmen; -behüte uns in Deinem Heiligtume, auf daß wir den ganzen Tag Belehrung -schöpfen aus Deiner Weisheit!« Hierauf singt der Sängerchor dreimal ein -begeistertes: »Halleluja!«, das allen das ewige Wandeln und die -Allgegenwart Gottes in Erinnerung ruft. Der Diakon besteigt die Kanzel, -um die Anwesenden zum letztenmal zu Dankgebeten aufzufordern. Er hebt -die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und spricht: »Vergib! -lasset uns, nachdem wir empfangen haben das göttliche, heilige, reine, -unvergängliche, himmlische, lebenspendende und furchtbare Sakrament -Christi, würdig danken dem Herrn.« Und alle Anwesenden singen leise und -mit dankbarem Herzen: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf, rette, erbarme Dich -und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« ruft der Diakon zum -letztenmal. Und alle singen den Gesang: »Herr, erbarme Dich! Wir beten, -daß dieser ganze Tag heilig, friedlich und sündlos zu Ende gehe und -weihen uns, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte!« -Und mit der sanften Fügsamkeit eines Kindes und dem himmlischen -Vertrauen auf Gott rufen alle aus: »Dir, o Herr!« Der Priester hat -währenddessen das Corporale zusammengelegt und verkündigt nun mit dem -Evangelium in der Hand ... und stimmt einen Lobgesang auf die -Dreieinigkeit an, der bisher gleich einem alles erhellenden Leuchtturm -den ganzen Gang des Gottesdienstes erleuchtete und jetzt mit noch -hellerem Lichte in den verklärten Seelen aufstrahlt; diesmal aber lautet -der Lobgesang auf die Dreieinigkeit folgendermaßen: »Da Du bist unsere -Heiligung, so singen wir Dir Ruhm und Preis: dem Vater, dem Sohne und -dem Heiligen Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.« - -Dann tritt der Priester vor den Seitenaltar, auf dem der Kelch und die -Patene stehen. Alle die Stücke, die bisher auf der Patene lagen und die -während des Offertoriums zum Gedächtnis der Heiligen, zu Ehren der -Entschlafenen und für das geistige Wohlergehen der Lebenden -herausgeschnitten wurden, werden jetzt in den heiligen Kelch getaucht, -und durch diesen Akt des Eintauchens nimmt die ganze Kirche am Leibe und -Blute Christi teil -- sowohl die, die noch auf Erden umherirrt und -kämpft, als auch die, die bereits triumphieret im Himmel: die Mutter -Gottes, die Propheten, die Apostel, die Kirchenväter, die Priester, die -Einsiedler, die Märtyrer, alle Sünder, für die ein Stück aus dem Brote -herausgeschnitten wurde, sowohl die, die auf Erden leben, als auch die, -die schon dahingegangen sind, nehmen in diesem Augenblick am Leibe und -Blute Christi teil. Und der Priester, der in diesem Augenblick als der -Vertreter der ganzen Kirche vor Gottes Angesichte steht, trinkt aus dem -Kelche diese Kommunion aller und betet, nachdem er die Kommunion in sich -aufgenommen hat, für alle, auf daß ihre Sünden weggewaschen werden, denn -um der Erlösung aller willen ward dieses Opfer von Christus dargebracht, -sowohl für die, die vor Seinem Kommen gelebt haben, als auch für die, -die nach seinem Erscheinen leben. Und so sündhaft sein Gebet auch sein -mag, der Priester richtet es für alle zu Gott empor, selbst für die -heiligsten unter den Menschen, denn Johannes Chrysostomus hat gesagt: -»Die ganze Welt muß gereiniget werden.« - -Die Kirche ordnet ein allgemeines Gebet für alle an, und die hohe -Bedeutung eines solchen Gebets und seine strenge Notwendigkeit sind -nicht von den Philosophen und nicht von Gelehrten und Weltweisen des -Zeitalters, sondern von den erhabensten Menschen erkannt worden, die -durch ihre hohe geistige Vollkommenheit und durch ihr himmlisches -engelhaftes Leben bis zur Erkenntnis der tiefsten geistigen Geheimnisse -durchdrangen und klar einsahen, daß es keine Trennung unter denen, so in -Gott leben, gibt, daß ihr Verkehr infolge der momentanen Verweslichkeit -unseres Leibes nicht aufhört, daß die Liebe, die hier erblühte und uns -verband auf der Erde, im Himmel als in ihrer Heimat noch viel mächtiger -wird, und daß ein Bruder, der uns verlassen hat, uns durch die Macht der -Liebe noch weit näher gerückt wird. Und alles, was aus Christus -hervorgeht, ist ewig, wie die Quelle selbst ewig ist, aus der es -entspringt. Sie haben ja auch durch ihre höheren Sinnesorgane erfahren, -daß sogar die triumphierende Kirche im Himmel beten muß, und daß sie in -der Tat für ihre auf Erden herumirrenden Brüder betet; sie haben auch -erkannt, daß Gott uns im Gebet die höchste Seligkeit beschieden hat, -denn Gott tut nichts und erweist niemand eine Wohltat, ohne Sein -Geschöpf an Seinem Werke mitwirken zu lassen, auf daß es die hohe Wonne -des Wohltuns mitgenieße; der Engel, der der Überbringer Seines Befehls -ist, versinkt förmlich in Seligkeit, bloß weil er Seine Befehle -überbringen darf. Der Heilige betet im Himmel für seine Mitbrüder, die -hier auf Erden weilen, und versinkt in lauter Seligkeit, weil er beten -darf. Und alles nimmt mit Gott an allen Seinen höchsten Wonnen und an -Seiner Seligkeit teil: Millionen der vollkommensten Geschöpfe gehen aus -Gottes Hand hervor, um an der höchsten und erhabensten Seligkeit -teilzunehmen, und dies nimmt kein Ende, wie Gottes Seligkeit kein Ende -nimmt. - -Nachdem der Priester die Kommunion aller mit Gott aus dem Kelche -getrunken hat, verteilt er die Weihbrote, denen die Stücke entnommen und -aus denen sie herausgeschnitten wurden, an das Volk und übt damit den -alten hohen Brauch des Liebesmahls aus, der bei den ersten Christen -herrschte. Obwohl heute zu diesem Zweck kein Tisch mehr gedeckt wird, -weil die ungebildeten und noch rohen Christen durch törichte -Kundgebungen einer ungestümen Freude und durch Worte des Streits statt -durch Worte der Liebe die Heiligkeit dieses rührenden himmlischen Mahles -im Hause Gottes entweiht hatten, eines Mahles, bei dem alle Teilnehmer -Heilige waren, bei dem alle Teile in eins zusammenflossen und -währenddessen sie miteinander sprachen und sich unterhielten wie reine, -unschuldige Kindlein, als wenn sie bei Gott im Himmel weilten; obwohl -die Kirchen selbst einsahen, daß es unbedingt notwendig sei, diesen -Brauch aufzuheben und selbst die Erinnerung an dieses Festmahl in vielen -Kirchen zu tilgen, konnte die morgenländische Kirche sich -nichtsdestoweniger nicht entschließen, diese Sitte gänzlich -abzuschaffen, und so feiert sie auch heute noch in der Verteilung des -heiligen Brotes an das gesamte in der Kirche versammelte Volk das alte -Liebesmahl. Daher nimmt ein jeder, der das Weihbrot empfängt, dieses -statt des Brotes entgegen, das von jenem Mahle herstammt, bei dem der -Herr der Welt selbst Sich mit Seinen Jüngern unterredet hat, daher muß -er es voller Ehrfurcht genießen und sich vorstellen, er sei von allen -Menschen wie von lieben Brüdern umgeben, daher genießt er es denn auch, -wie das in der Urkirche Sitte war, vor jeder anderen Speise, nimmt es -mit sich nach Hause, oder er bringt es den Kranken, den Armen und -solchen, die an jenem Tage aus irgendeinem Grunde nicht in der Kirche -sein konnten. - -Nachdem der Priester die heiligen Brote verteilt hat, schließt er die -Liturgie mit einem Gebet und segnet sodann das ganze Volk mit den -Worten: »Christus, unser wahrhaftiger Gott, erbarme Sich unser auf die -Fürbitte Seiner reinen Mutter, auf Fürbitte unseres Erzbischofs Johannes -Chrysostomus (wenn an diesem ebenso wie am vergangenen Tage die Liturgie -des Chrysostomus stattfindet), auf Fürbitte des Heiligen (hier nennt er -den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist) sowie aller Heiligen; und -errette uns, denn Er ist gütig und menschenfreundlich.« Die Gemeinde -bekreuzigt sich, fällt auf die Knie und geht auseinander, während der -Chor einen lauten Gesang anstimmt und Gebete für das Leben des Kaisers -emporrichtet. - -Nunmehr legt der Priester im Inneren des Altarraumes seine Gewänder ab, -indem er spricht: »Nun entläßt Du Deinen Knecht!« und er begleitet diese -Handlung mit Lobgesängen und Hymnen zu Ehren des Vaters und Bischofs der -Kirche, dem zu Ehren die Liturgie zelebriert wurde, sowie zu Ehren der -heiligen reinen Jungfrau, in der sich die Menschenwerdung Dessen -vollzog, Dem die ganze Liturgie geweiht ist. Der Diakon verzehrt -unterdessen alles, was noch im Kelche enthalten ist, gießt noch etwas -Wein und Wasser hinein, spült die inneren Wände des Kelches ab, trinkt -sodann den Inhalt des Kelches aus und trocknet ihn sorgfältig mit dem -Schwamm ab, damit nichts mehr darin bleibe, dann räumt er die heiligen -Gefäße zusammen, bedeckt sie mit Decken, bindet sie zusammen und spricht -ebenso wie der Priester: »Nun entläßt Du Deinen Knecht!« worauf er -dieselben Gesänge und Gebete wiederholt. Und beide verlassen die Kirche -mit frischen, strahlenden Gesichtern, mit einem von jauchzender -Freudigkeit erfüllten Geist und Worten des Dankes für den Herrn auf den -Lippen. - - - Schluß - -Die Wirkung, die die heilige Liturgie auf den Geist ausübt, ist -gewaltig: sie vollzieht sich sichtbar und vor den Augen der ganzen Welt -und bleibt doch verborgen. Und wenn der Kirchenbesucher nur jeder -Handlung andächtig und aufmerksam und den Ermahnungen des Diakons -gehorsam gefolgt ist, -- so wird seine Seele von einer gehobenen -Stimmung ergriffen, Christi Gebote werden für ihn erfüllbar, das Joch -Christi wird sanft, und Seine Last wird leicht. Wenn er dann den Tempel -verlassen hat, woselbst er an dem göttlichen Liebesmahl teilgenommen -hat, sieht er alle Menschen als seine Brüder an. Was er auch tut, ob er -wieder an seine gewohnten Geschäfte geht, sich seinem Dienst oder seiner -Familie widmet, wo und in welchem -- -- -- es auch sei, stets schwebt -ihm ganz unwillkürlich das hohe Ziel eines liebevollen Verhaltens gegen -seine Mitmenschen vor der Seele, wie es uns der Gottmensch vom Himmel -mitgebracht hat; ohne daß er es selbst merkt, wird er freundlicher und -gütiger gegen seine Untergebenen. Wenn er selbst einen Vorgesetzten über -sich hat, so ordnet er sich ihm liebevoller unter, als wäre es der -Heiland selbst, dem er gehorcht. Wenn er einen Menschen sieht, der um -Hilfe bittet, ist sein Herz mehr denn sonst zur Hilfe geneigt, er findet -mehr [Freude] daran und schenkt dem Armen aus liebendem Herzen ein -Almosen. Ist er dagegen selbst arm, so nimmt er jede kleine Gabe voller -Dankbarkeit entgegen; sein Herz ist von Rührung ergriffen und will vor -Dank vergehen, und niemals betet er so dankerfüllt für seinen Wohltäter. -Und alle, die der göttlichen Liturgie aufmerksam gefolgt sind, verlassen -die Kirche sanftmütiger, sind gütiger im Umgang mit dem Menschen und -freundlicher und milder in allem, was sie tun. - -Daher muß ein jeder, der innerlich fortschreiten und besser werden will, -die göttliche Liturgie, so oft als nur möglich, besuchen und ihr -aufmerksam folgen: sie stimmt den Menschen ganz unmerklich und richtet -seine Seele empor. Und wenn sich unsere Gesellschaft noch nicht -vollständig aufgelöst hat, wenn die Menschen noch nicht von einem tiefen -unversöhnlichen Haß widereinander erfüllt sind, so liegt der letzte -tiefste Grund in der göttlichen Liturgie, die den Menschen an das -heilige himmlische Gebot der Liebe zu seinen Brüdern mahnt. Wer sich -daher in der Liebe stärken will, der sollte dem heiligen Liebesmahl so -oft als möglich, voller Furcht, voller Glauben und Liebe beiwohnen. Und -wenn er das Gefühl hat, daß er dessen noch nicht würdig ist, mit seinem -Munde den Gott in sich aufzunehmen, Der selbst ganz Liebe ist, so soll -er wenigstens der Liturgie als Zuschauer beiwohnen, er mag zusehen, wie -die anderen das heilige Abendmahl nehmen, um unmerklich und -unwillkürlich mit jeder Woche besser und vollkommener zu werden. - -Gewaltig und unermeßlich könnte die Wirkung der heiligen Liturgie sein, -wenn der Mensch ihr beiwohnte, um das, was er gehört hat, in sein Leben -aufzunehmen. - -Indem alle in gleicher Weise aus der Liturgie Belehrung schöpfen und -indem sie auf alle Glieder der Gesellschaft vom Zaren herab bis zum -letzten Bettler gleichermaßen wirkt, spricht sie zu allen in gleicher -Weise, wenngleich nicht in derselben Sprache, und unterweist alle in der -Liebe, die da ist das Band der Gesellschaft, die innerste Triebfeder -alles dessen, das sich harmonisch bewegt, und die Nahrung und das Leben -von allem. - -Wenn aber die heilige Liturgie schon, während sie zelebriert wird, so -stark auf die Anwesenden wirkt, so ist ihre Wirkung auf den Zelebranten -oder den Priester noch weit tiefer. Wenn er sie andächtig und mit -Ehrfurcht, Glauben und Liebe zelebriert, so reinigt sich sein ganzes -Wesen, gleich einem Gefäß, das später zu nichts mehr ...; und mag er nun -den ganzen Tag erregt in der Erfüllung seiner zahlreichen -seelsorgerischen Pflichten, inmitten seiner Familie, seiner Hausgenossen -oder seiner Pfarrkinder zubringen, der Heiland selbst wird sich in ihm -verkörpern. Christus wird in allen seinen Handlungen lebendig sein, und -der Heiland wird durch seinen Mund zu uns sprechen. Ob er die -Streitenden zu versöhnen oder den Starken oder den Zornigen zu bewegen -sucht, Gnade gegenüber dem Schwachen zu üben; ob er den Trauernden -tröstet und den Bedrückten zur Geduld ermahnt oder ... seine Worte -werden von der heilenden Kraft des Balsams erfüllt sein und überall und -allerorten zu Worten des Friedens und der Liebe werden. - - - - - Jugendschriften - - - 1834 - -Großer, feierlicher Augenblick! Gott, wie rauschen, wie drängen sich in -ihm die Wogen der mannigfaltigsten Gefühle zusammen! Nein, das ist kein -Traum. Das ist die verhängnisvolle unvermeidliche Grenzscheide zwischen -Erinnerung und Hoffnung ... Es gibt schon kein Erinnern mehr, schon -schwindet es dahin, schon wird es von der Hoffnung zurückgedrängt. Zu -meinen Füßen braust meine Vergangenheit; über mir, durch Nebelschleier -hindurch, schimmert geheimnisvoll die Zukunft. Ich flehe dich an, Leben -meiner Seele (mein Schutzgeist, mein Engel), mein Genius! Verbirg dich -nicht vor mir! Wache in diesem Augenblick über mir und weiche dieses -ganze Jahr, das für mich so vielversprechend beginnt, nicht von meiner -Seite. Wie wirst du aussehen, du, meine Zukunft? Liegst du glanzvoll, -groß vor mir, gärt es in dir von gewaltigen Taten, oder ... O mögest du -ruhmvoll, tatenreich und ganz der Arbeit und der Ruhe gewidmet sein! -Warum stehst du so geheimnisvoll vor mir, du [Jahr] 1834? Sei auch du -mein Schutzengel. Sollten sich Trägheit und Gefühllosigkeit auch nur -einen Augenblick erdreisten, sich mir zu nahen, -- oh, dann wecke mich -aus dem Schlummer, gib es nicht zu, daß sie Macht über mich gewinnen! -Laß deine so vielsagenden Zahlen wie eine nimmer ruhende Uhr, wie mein -Gewissen vor mir stehen: laß jede deiner Ziffern lauter denn eine -Sturmglocke an mein Ohr tönen, laß sie gleich einem galvanischen Stab -meinen ganzen Körper in Zuckungen versetzen und erschüttern. - -Geheimnisvolles, unbegreifliches Jahr 1834! Wo werde ich dich durch -große Werke kennzeichnen? Inmitten dieses Haufens aufeinandergetürmter -Häuser, dieser lärmenden Straßen, dieser siedenden Geschäftigkeit -- -dieser Menge, dieses Durcheinanders aller möglichen Moden, Paraden, -Beamten, dieser seltsamen nordischen Nächte, dieses Glanzes und dieser -gemeinen Farblosigkeit? In meinem herrlichen, alten, gelobten, mit -fruchtreichen Gärten geschmückten Kiew, das mein prachtvoller, -wundersamer, südlicher Himmel überwölbt und das wonneatmende Nächte -einhüllen, wo die Berge mit ihren schönen -- man möchte sagen -harmonischen -- Hängen, und wo mein klarer, wild dahinstürmender Dnjepr, -der es umspült, im Schmuck grünen Buschwerks prangt? -- Wird es dort -sein? ... Oh! Ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll, mein Genius! Du, -der du schon seit meiner Wiege im Vorüberfliegen mein Ohr mit deinen -harmonischen Liedern trafst, der du solch herrliche, mir bis heute noch -unbegreifliche Gedanken in mir erwecktest und solch unendliche -wonnevolle Träume in mir nährtest! Oh, blicke mich an! Herrlicher, -blicke herab auf mich mit deinen himmlischen Augen! Ich knie vor dir. -Ich liege zu deinen Füßen! Oh, verlasse mich nicht! Verweile bei mir auf -der Erde, wenn auch nur zwei Stunden an jedem Tage, als mein herrlicher -Bruder! Ich will es vollbringen. Ja, ich werde es vollbringen. In mir -kocht es und siedet's vor Lebenskraft. Meine Werke werden von -Begeisterung erfüllt sein. Die erhabene Gottheit, die über dieser Erde -thront, wird über ihnen schweben. Ich werde es vollbringen ... Oh, küsse -und segne mich! - - - Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken - -Es gibt bisher noch keine vollständige und befriedigende Darstellung der -Geschichte Kleinrußlands und des kleinrussischen Volkes. Die zahlreichen -kompilatorischen Darstellungen, die meist ohne strenge kritische -Gesichtspunkte plan- und ziellos aus verschiedenen Chroniken -zusammengetragen, dazu noch meist ganz unvollständig sind und durch die -bisher diesem Volke sein Platz in der Weltgeschichte noch nicht -angewiesen ward, diese Darstellungen nenne ich (trotzdem sie als -Material ganz wertvoll sein können) noch keine Geschichte. Ich habe mich -entschlossen, diese Arbeit auf mich zu nehmen und möglichst ausführlich -darzustellen, wie dieser Teil Rußlands sich loslöste (und selbständig -wurde), was für eine politische Verfassung er unter der fremden -Herrschaft erhielt, wie sich hier eine kriegerische Bevölkerung -heranbildete, die sich durch eine große Originalität des Charakters und -durch ihre Taten auszeichnete; wie sich dieses Volk drei Jahrhunderte -lang mit der Waffe in der Hand seine Rechte erobern mußte und hartnäckig -seine Religion verteidigte, und wie es sich schließlich für immer an -Rußland anschloß; wie es seinen kriegerischen Charakter verlor und sich -in ein Volk von Ackerbauern verwandelte; wie sich das ganze Land -allmählich statt der alten neue Rechte eroberte und endlich mit Rußland -völlig zu einem Ganzen verschmolz. Ungefähr fünf Jahre lang habe ich mit -großem Eifer Materialien gesammelt, die sich auf die Geschichte dieses -Landes beziehen. Die Hälfte meiner Geschichte ist bereits so gut wie -fertig, aber ich zögere noch, die ersten Bände herauszugeben, da ich -vermute, daß es noch viele Quellen gibt, die mir vielleicht noch nicht -bekannt sind, und die sich ohne Zweifel in den Händen von Privatpersonen -befinden. Daher wende ich mich an alle die, die irgendwelche -Materialien: Chroniken, Memoiren, Lieder, Erzählungen von -Bandurenspielern, Aktenstücke (besonders auch solche, die sich auf die -ersten Epochen der kleinrussischen Geschichte beziehen), besitzen (es -ist unmöglich, daß meine gebildeten und aufgeklärten Landsleute mir -diese Bitte abschlagen könnten). Ich bitte sie inniglich, mir diese -Materialien zuzuschicken: wenn nicht die Originale, so doch wenigstens -Kopien. - - - - - Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung - Der schreckliche Eber - - - I. - Der Lehrer - -Die Ankunft einer neuen Person in dem gesegneten Lande Goltwjan machte -mehr Aufsehen als das Gerücht, das vor zwei Jahren durch das Land ging, -die Zahl der Rekruten solle vermehrt werden, oder als die plötzliche -Erhöhung der Preise auf das Salz, das von den Steppenbewohnern der -Ukraine aus der Krim eingeführt wurde. In den Schenken, auf den Straßen, -in der Mühle, in der Branntweinbrennerei sprach man von nichts anderem -als von dem neu hierher versetzten Lehrer. Die schlauen Politiker in -ihren großen Kitteln und Kapuzen suchten, während sie mit höchst -phlegmatischen Mienen dichte Rauchwolken unter ihrer Nase emporsteigen -ließen, den Einfluß der Persönlichkeit festzustellen, der das Schicksal -scheinbar schon bei der Geburt einen so hohen Platz über den Köpfen -aller Bewohner der Welt angewiesen hatte, einer Person, die in den -herrschaftlichen Gemächern wohnte und an einem Tisch mit der Besitzerin -eines Gutes von fünfzig Seelen speiste. Man sprach davon, daß das -Lehramt nicht seine ganze Befugnis ausmache, und daß sich sein Einfluß -ohne allen Zweifel auch auf die wirtschaftliche Ordnung erstrecken -werde; jedenfalls werde die Bemessung der Vorspanndienste, die -Verteilung von Mehl, Speck usw. von keinem anderen abhängen als von ihm. -Einzelne ließen mit bedeutsamer Miene durchblicken, daß nunmehr -womöglich selbst der Verwalter zu einer bloßen Null herabsinken werde. -Nur der _Miroschnik_, d. h. der Müller Ssolopi Tschubko, wagte die -Behauptung aufzustellen, daß die Dorfältesten nichts von ihm zu -befürchten hätten, er sei bereit, eine Wette einzugehen, und setze eine -neue Mütze aus grauem reschetilowschem Lammfell zum Pfande --, daß der -Lehrer keine Ahnung davon habe, wie man ein Fünfgespann zum Stehen und -das stockende Mühlrad wieder in Schwung bringen müsse. Aber seine -wichtige Haltung, sein glänzender Triumph über den Kirchensänger und die -donnerähnliche Baßstimme, die alle Pfarrkinder in Rührung versetzt -hatte, waren noch im Gedächtnis aller lebendig, und so blieb denn die -vorteilhafte Meinung, die man von dem neuen Lehrer hatte, bestehen. Und -wenn auch zu Ehren des Gastes kein einziges Turnier zwischen den -angesehensten Bewohnern des Dorfes stattfand, so ließen sich dafür ihre -liebenswürdigen Gattinnen nicht lumpen: begabt mit jener kräftigen -Zunge, die so laute und durchdringende Töne hervorzubringen vermag und -die sich bei den Weibern nach dem unerforschlichen Ratschluß der -Vorsehung beinahe viermal so schnell bewegt wie bei den Männern, ließen -sie ihr bei der Widerlegung der Angriffe und bei der Verteidigung der -Vorzüge des Lehrers gewandt und behende freien Lauf. - -Lautes Geschrei und Geplapper, unterbrochen von plötzlichen Aufschreien -und Gezänk, erfüllte die friedlichen Winkelgassen des Dorfes Mandrykow. -Und da seine ehrenhaften Bewohnerinnen die löbliche Gewohnheit hatten, -ihrer Zunge auch noch mit den Händen nachzuhelfen, konnte man in den -Straßen fortwährend ein Paar kräftig ineinander verkrallter -Gevatterinnen antreffen, die so eng aneinanderhingen, wie ein -Schmeichler an einem Günstling des Glücks hängt oder wie ein Geizhals -seine Tasche festhält, wenn die Straßen öde werden und eine einsame -Laterne ihr erlöschendes Licht auf die gelben Mauern der schlafenden -Stadt wirft. Am meisten hatten jedoch die Männer zu leiden, die es -versuchten, sie zu trennen: Schnitzel und Scherben hagelten ihnen auf -den Kopf herab, und häufig verprügelte eine erregte Gevatterin in der -Hitze ihres Zornes statt eines fremden ihren eigenen Gatten. - -Inzwischen hatte sich unser Pädagoge völlig im Hause Anna Iwanownas -eingelebt. Er gehörte zu der Zahl jener Seminaristen, die einen _Schreck -vor der abgründigen Weisheit_ bekommen hatten, mit der das ***sche -Seminar die nicht allzu wohlhabenden Herren von Kleinrußland gegen etwa -hundert Rubel jährlich für ihren Beruf als Hauslehrer ausstattet. -- -Übrigens war Iwan Ossipowitsch sogar bis zur Theologie vorgedrungen, und -er wäre wohl gar weiß Gott wie weit, ja wahrscheinlich sogar noch weiter -gekommen, wenn seine lockeren Kameraden nicht gewesen wären, die sich -beständig über seinen Schnurrbart und seinen stacheligen Backenbart -lustig machten. Als von Jahr zu Jahr ein Teil die Schule verließ und -immer jüngere und jüngere an ihre Stelle traten, ließen sie ihm -überhaupt keine Ruhe mehr: bald warfen sie ihm klebrige Disteln in -seinen Bart und Schnurrbart, bald hängten sie ihm hinten am Rock -Schellen an, bald puderten sie ihm das Haar mit Sand oder schütteten ihm -Nieswurz in die Tabaksdose, bis Iwan Ossipowitsch es überdrüssig wurde, -der stumme Zeuge dieses ewigen Wechsels leichtsinniger Generationen und -ihr Kinderspielzeug zu sein, bis er sich genötigt sah, dem Seminar -Lebewohl zu sagen und sich in die »_Vakanz_« schicken zu lassen, d. h. -nach dem Sprachgebrauch der kleinrussischen Seminare: Hauslehrer zu -werden. - -Diese Veränderung bildete eine wichtige Epoche und einen Wendepunkt in -seinem Leben. An die Stelle der ewigen Spöttereien und Streiche seiner -mutwilligen Kameraden trat nun endlich etwas wie Achtung, Anhänglichkeit -und Sympathie. Mußte man denn auch nicht unwillkürlich Achtung vor ihm -empfinden, wenn er an Festtagen in seinem hellblauen Rock -dahergeschritten kam -- wohlgemerkt im hellblauen Rock -- denn das ist -von nicht geringer Bedeutung. Ich sehe es als meine Pflicht an, den -Leser darüber aufzuklären, daß ein Rock im allgemeinen (gar nicht erst -zu reden von einem blauen), wenn er bloß nicht aus grauem Stoff -gefertigt ist, in den Dörfern an den gesegneten Ufern der Goltwa einen -ganz wundersamen Eindruck macht: wo er sich auch zeigt, da fliegen -selbst von den trägsten und unbeweglichsten Köpfen die Mützen herab und -begeben sich in die Hände ihrer Besitzer; selbst die würdigen mit -schwarzen und grauen Schnurrbärten gezierten, sonnengebräunten Häupter -beugen sich tief bis zum Gürtel. Die Zahl aller Röcke im Dorfe betrug -- -wenn man auch den Mantel des Kirchensängers mitrechnet -- drei; aber so -wie ein majestätischer Kürbis sich stolz aufbläht und alle übrigen -Bewohner eines reichbepflanzten Melonenfeldes in den Schatten stellt, -also verdunkelte der Rock unseres Freundes seine sämtlichen Mitbrüder. -Was ihm den größten Reiz verlieh, das waren die Knochenknöpfe, die von -den in Haufen auf der Straße stehenden Straßenjungen mächtig angestaunt -wurden. Nicht ohne Vergnügen hörte unser stutzerhafter Erzieher der -Jugend, wie die Mütter ihre Säuglinge auf die Knöpfe aufmerksam machten, -und wie die Kleinen ihre Händchen ausstreckten und _Zga zga Zga zga_ (d. -h. gut, gut) lallten. Beim Mittagessen war es ein Genuß, zuzusehen, wie -würdig und mit welcher Rührung unser ehrenwerter Lehrer mit -vorgebundener Serviette die allgemeine Verrichtung irdischer Sättigung -besorgte. Da gab es kein überflüssiges Wort, keine unnötige Bewegung; er -schien sich völlig in seinen Teller zu verfügen und ganz in ihm -aufzugehen. Wenn er ihn so gründlich geleert hatte, daß kein -gastronomisches Gerät, als da sind Gabel und Messer, noch etwas vorfand, -dessen es sich bemächtigen konnte, schnitt er sich ein Stück Brot ab, -spießte es auf die Gabel auf und fuhr mit diesem Gerät noch einmal über -den Teller, wonach dieser so blank und rein war, als käme er eben aus -der Fabrik. Aber dies alles, kann man wohl sagen, waren nur äußere -Vorzüge, die seine Kenntnis der Sitten und Formen der feinen Welt -bezeugten, und der Leser würde sehr fehlgehen, wenn er hieraus schließen -wollte, daß damit alle seine Gaben und Fähigkeiten erschöpft gewesen -wären. Der würdige Pädagoge besaß für einen einfachen Mann geradezu -unermeßliche Kenntnisse, von denen er einige für sich behielt, wie z. B. -die Zubereitung einer Arznei gegen den Biß von tollen Hunden und die -Kunst, bloß aus Eichenrinde und Salpetersäure die schönste rote Farbe -herzustellen. Außerdem konnte er eigenhändig die herrlichste -Stiefelwichse und Tinte herstellen und für den kleinen Enkel Anna -Iwanownas Figuren aus Papier ausschneiden; und an Winterabenden wickelte -er Garn auf und spann er sogar. - -Ist es da wohl verwunderlich, wenn er sich bei solchen Gaben im Hause -bald unentbehrlich machte, und wenn alle Knechte und Mägde völlig in ihn -vernarrt waren, trotzdem sein Gesicht sowohl nach seiner Form wie nach -seiner Farbe völlig einer Flasche glich, obwohl sein gewaltiger Mund, -dessen dreisten Ansprüchen die abstehenden Ohren nur mit Mühe eine -Schranke zu setzen vermochten, sich fortwährend verzog und verzerrte, -indem er sich zu einem Lächeln zu zwingen suchte, und obwohl seine Augen -eine hellgrüne Farbe hatten -- zwei Augen, wie sie, soviel mir bekannt -ist, in den Annalen der Romane noch nie ein Held besessen hat. Aber -vielleicht sehen die Frauen mehr als wir? Wer will sie enträtseln? Wie -dem auch sein mag, genug, auch die alte Dame, die Frau des Hauses, war -sehr befriedigt von den Kenntnissen des Lehrers in den Geheimnissen der -Haushaltung und von seiner Kunst, aus Safran und _Herba rhabarbarum_ -Schnaps herzustellen, sowie von seiner Geschicklichkeit im Entwirren von -Garn und seiner großen Lebenserfahrung. Der Haushälterin gefiel am -meisten sein stutzerhafter Rock und seine Kunst, sich zu kleiden; -übrigens hatte auch sie bemerkt, daß der Lehrer eine wundersame gerührte -Miene machte, wenn er zu schweigen oder zu essen geruhte. Dem kleinen -Enkel machten die papierenen Hähne und Männchen außerordentlich viel -Spaß. Selbst der zottige _Browko_ pflegte ihm, sobald er ihn auf die -Treppe hinaustreten sah, sofort zärtlich mit dem Schweife wedelnd, -entgegenzulaufen und ihn ohne alle Förmlichkeit auf die Lippen zu -küssen, wenn der Lehrer, die Würde, die seinem Amte gebührte, -vergessend, sich unter dem majestätischen Giebel niederzusetzen -beliebte. Nur die beiden älteren Enkelkinder und die Jungen, die zum -Hause gehörten, mit denen er das A -- _Affe_, _Apfel_, _Be_ -- _Besen_, -_Bild_, _Bär_ durchnahm, fürchteten sich vor der beredten, höchst -ausdrucksvollen Rute des strengen Pädagogen. - -Während seines kurzen Aufenthaltes am neuen Orte hatte Iwan Ossipowitsch -schon selbst Zeit gefunden, seine Beobachtungen zu machen und sich in -seinem Kopfe wie in einem Hohlspiegel ein kleines Abbild der ihn -umgebenden Welt zu formen. Die erste Person, an der seine -Beobachtungsgabe mit dem gebührenden Respekt haften blieb, war, wie der -Leser sich wohl selbst denken wird, die Gutsherrin. In ihrem Gesicht, -das der scharfe Pinsel, der das menschliche Geschlecht seit undenklichen -Zeiten koloriert und den man, seit Gott weiß wie langer Zeit, mit dem -Namen »Falte« zu bezeichnen pflegt, nicht verschont hatte, in ihrer -dunkelkaffeefarbenen Kapotte, in der Haube (deren Form in dem Gewirr der -Ereignisse, die das achtzehnte Jahrhundert charakterisieren, verloren -gegangen ist), in ihrem braunen Wams und den Schuhen ohne Hackenleder, -erkannten seine Augen jene Lebensperiode wieder, die eine matte -schwächliche Wiederholung der vergangenen, eine kalte farblose -Übersetzung der Werke eines feurigen, von ewigen Leidenschaften -glühenden Poeten ist, -- jener Periode, wenn den Menschen nichts als die -Erinnerung, diese Repräsentantin der Gegenwart, Vergangenheit und -Zukunft übrigbleibt, wenn das verhängnisvolle siebente Jahrzehnt einem -Kälte durch die einstmals von Feuer durchströmten Adern treibt und das -Lebensthermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. Übrigens belebten die -ewigen Sorgen und die Passion, sich zu beschäftigen und sich zu schaffen -zu machen, einigermaßen das schon erloschene Leben in ihren Zügen, und -ihre Frische und Gesundheit waren ein sicheres Unterpfand, daß ihr noch -weitere dreißig Jahre des Lebens bevorstanden. Die ganze Zeit von fünf -Uhr morgens bis sechs Uhr abends, das heißt bis zur Stunde, wo man sich -Ruhe zu gönnen pflegt, bildete eine ununterbrochene Kette der Tätigkeit. -Bis sieben Uhr morgens hatte sie bereits alle Räume besucht und den -ganzen Haushalt durchmustert: Küche, Keller und Vorratskammern; sie -hatte Zeit gefunden, sich mit dem Verwalter zu zanken und die Hühner und -Gänse eigener Zucht, für die sie eine große Vorliebe hatte, zu füttern. -Vor dem Mittagessen, das nie später als um zwölf Uhr stattfand, blickte -sie in die Backstube hinein und half selbst beim Backen von Brot und -einer besonderen Art von Brezeln aus Honig und Eierteig, deren bloßer -Geruch den Pädagogen in eine unerklärliche Aufregung versetzte; besaß er -doch eine leidenschaftliche Sympathie für alles, was der geistigen und -physischen Natur der Menschen zur Nahrung dient. In der Zeit zwischen -Mittagessen und Abend gibt's für eine Hausfrau genug zu tun. -- Da -gibt's Wolle zu färben, Leinwand abzumessen, Gurken einzusalzen, Früchte -einzumachen, Liköre zu süßen. Wieviel Methoden, Geheimnisse und -Hausrezepte kommen während dieser Zeit zur Anwendung! Dem aufmerksamen -Auge unseres Pädagogen konnte es nicht entgehen, daß auch Anna Iwanowna -die Eitelkeit nicht ganz fremd war, und daher machte er es sich zur -Regel, sich, freilich nur soweit ihm dies seine angeborene -Schüchternheit erlaubte, in Lobeserhebungen über ihre außergewöhnlichen -wirtschaftlichen Künste und Fähigkeiten zu ergehen, und dies wurde ihm, -wie er später erfuhr, von großem Nutzen. Die würdige alte Dame verschloß -die süßen Liköre und die Gläser mit Eingemachtem nicht eher, als bis -Iwan Ossipowitsch davon gekostet und die außerordentliche Güte des einen -wie des anderen gerühmt hatte. Alle übrigen Personen standen im -Schatten, verglichen mit diesem leuchtenden Gestirn, so wie alle Gebäude -im Hofe vor dem herrlichen Bau mit dem prachtvollen Portal in den Staub -zu sinken schienen. Nur dem Auge eines scharfsinnigen Beobachters -enthüllten sich ihre gegenseitigen Beziehungen und das besondere -Kolorit, das jedem eigentümlich war, und dann erblickte er, fast wie in -einem Ameisenhaufen, eine ewige Unruhe und Bewegung und er vernahm ein -fortwährendes Geräusch, das keinen Augenblick verstummte. Unser Pädagoge -verstand es, wie wir bereits gesehen haben, es jedem recht zu machen und -sich gleich einem mächtigen Zauberer dauernd die allgemeine Achtung zu -erwerben. - -Gänzlich unbegreiflich waren allein die Gründe, die ihn veranlaßt -hatten, sich dem Küchenmeister anzuschließen. War es die hohe Achtung, -die Iwan Ossipowitsch unwillkürlich vor seiner Kunst empfand, oder war -es irgendein anderer Umstand -- das wagen wir nicht zu entscheiden. -Genug, es vergingen keine zwei Tage, da erstanden Mandrykow zwei -Dioskuren, der Orest und Pylades der neuen Welt. Aber noch -unbegreiflicher war die Macht, die der Küchenmeister über unseren -Pädagogen besaß, so daß der von Natur so bescheidene und schüchterne -Lehrer, der nichts in den Mund nahm außer einem medizinischen Dekokt von -_Betonica_ und _Herba rhabarbarum_, ihm unwillkürlich in die Schenken -und überallhin zu folgen begann, wo der verbummelte Küchenmeister seine -Nase hineinsteckte. Iwan Ossipowitsch gefiel die romantische Lage der -Gegend, in der er sich aufhielt. Bald hatte er die Küche, die Speicher, -die Scheunen, die Ställe und Vorratskammern, die einen unregelmäßigen -Kreis um den geräumigen Herrenhof bildeten, besichtigt; mit besonderem -Vergnügen verweilte er bei dem Garten, der üppig in die Breite -geschossen war und dessen gigantische Bewohner, in ihre dunkelgrünen -Mäntel gehüllt und von wundersamen Traumgestalten umschwebt, dastanden -und schlummerten oder, sich plötzlich ihren Träumen entreißend, die -unbotmäßige Luft wie Windmühlenflügel durchschnitten, und dann ging es -wie ein unverständliches Geflüster durch das Blattwerk, und die -gemessene majestätische Bewegung ihres ganzen Körpers gemahnte an die -alten Mimen, die die großen Schatten der Verstorbenen auf den Gerüsten -Melpomenes heraufbeschworen. Aber die Augen unseres Lehrers suchten ihr -Objekt und hafteten mehr an den weniger majestätischen Gartenbewohnern, -die dafür von unten bis oben mit Birnen und Äpfeln behangen waren, von -denen die üppige Ukraine förmlich strotzt. Von hier aus kämpften sie -sich bis zur Küche durch, hinter der zogen sich Plantagen von Erbsen, -Kohl, Kartoffeln, sowie aller Kräuter hin, die in die Apotheke der -Dorfküche gehören. Nicht ohne besonderes Vergnügen betrat er das reine, -sauber geweißte und aufgeräumte Zimmer, in dem er nun wohnen sollte, mit -dem Fenster, durch das man auf den Teich und die in violette Nebel -gehüllte Landschaft hinaussah. - -Wir hatten bereits Gelegenheit, etwas über den Eindruck, den unser -Lehrer auf die Schönen von Mandrykow gemacht hatte, zu bemerken: die -gesenkten Augen, das Geflüster und die tiefen Verbeugungen ließen -erkennen, daß seine Eroberung einer jeden von ihnen als keine geringe -Angelegenheit erschien. Übrigens ist es hier wohl am Platze, den -freundlichen Leser daran zu erinnern, daß Iwan Ossipowitsch einen Rock -aus blauem Fabrikstoff mit schwarzen Knochenknöpfen von der Größe eines -mächtigen Groschens anhatte; und so war es sehr verzeihlich, wenn er -sich das Augenblinzeln der schwarzbrauigen Schelminnen zu seinen Gunsten -auslegte. Zum Glück oder Unglück jedoch suchte das Gefühl, das der armen -Menschheit so gut bekannt ist und ihr seit undenklichen Zeiten ein -wahres Meer von unerträglichen Qualen beschert hat, unseren Pädagogen -nicht heim. In diesem Punkte war Iwan Ossipowitsch ein echter Stoiker, -und obwohl er noch nicht bis zur Philosophie vorgedrungen war, wußte er -doch genau, daß keiner der Philosophen von Seneca und Sokrates bis herab -zum Lektor des ***er Gymnasiums die wunderliche Hälfte des -Menschengeschlechts für nichts achtete: ergo gab es keine Liebe. An -solchen Prinzipien, die bei ihm schließlich die Festigkeit von -Grundsätzen angenommen hatten, hielt er sehr fest, ja allzu fest ... -_Homo proponit, Deus disponit_ pflegte der Lektor des ***er Gymnasiums -häufig zu sagen, indem er die Schläge zählte, die er seinen faulen -Schülern mit dem Lineal verabreichte; daher werden wir auch im folgenden -Kapitel einen kleinen Umstand kennen lernen, der die Philosophie unseres -Lehrers heftig erschütterte und seinen Verstand mit einer ganzen Wolke -von Mißverständnissen bestürmte, ihn, der bisher unbeugsam in den -Fußstapfen seiner großen Lehrmeister gewandelt war und sich mit -regelmäßigem Pulsschlag in seiner flaschenförmigen Sphäre bewegt hatte. - - - II. - Der Erfolg der Gesandtschaft - - (Der Küchenmeister entschließt sich trotz der eigenen Herzenswunde, - die er sich ganz plötzlich durch den Anblick der sich am Teiche - waschenden Katerina zugezogen hat, das Versprechen, das er dem - Lehrer gegeben hat, einzulösen und den Gesandten und Fürsprecher - seiner Leidenschaft zu spielen. In dieser Absicht begibt er sich in - die Hütte des Kosaken Charjka Potyliza.) - -Nachdem Onißko seine Toilette beendigt hatte, überschritt er nicht ganz -ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Böse schien ihn necken -zu wollen (er gab dies später selbst zu), indem er ihm fortwährend die -schlanken Füßchen seiner Nachbarin vorzauberte: »Ach, wenn doch der -Lehrer nicht wäre!« wiederholte er mehrmals bei sich selbst; »was hätte -es ihn gekostet, wenn er sich's hätte einfallen lassen, sich nur ein -klein wenig später zu verlieben?« Und nachdenklich durchmaß er langsamen -Schrittes die große Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchführte. -Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche -Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben -aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen -auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, daß er nicht mehr -weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch -ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken -hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band -leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hüpfte ihm in dem Busen ... die -blonde Schöne öffnete das Tor, trieb die lästigen Hunde mit einer langen -Rute auseinander und stand nun vor ihm. - -Der Hof Charjkas stellte ein großes Quadrat dar, das auf einer Böschung, -die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem -geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geöffnet war, sah man -unmittelbar vor sich eine sauber geweißte Hütte mit mächtigen Fenstern -von ungleicher Größe und eine eichene Tür, die schon ganz schwarz vor -Alter war; das Häuschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer -sogenannten Prisba), das nach der in Kleinrußland herrschenden Sitte mit -Wäsche, Suppenschüsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton, -bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied -bewilligt wird, und den man zum Dank für seine treuen Dienste mit -Spülwasser zu füllen pflegt. Zu beiden Seiten der Hütte befanden sich -Ställe und Speicher mit struppigen beschädigten Dächern. Hinter der -Hütte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag -überragt wurde, über den man nur noch die vorüberziehenden Wolken und -die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte -sich der Gemüsegarten gleich einem kostbaren türkischen Schal bis zum -Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man überall Strohhaufen, die -unordentlich herumlagen. - -Katerina schien ein wenig verwundert über Onißkos Besuch. Da sie annahm, -daß ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater geführt haben -konnte, öffnete sie das Tor nur zur Hälfte und sagte ein wenig verlegen: -»Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen.« - -»_Mag es ihm so leicht aufstoßen, wie es aus seinem Innern aufsteigt!_ -Was wär' ich für ein Tölpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei -fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen?« - -Die blonde Schöne blieb überrascht und verblüfft stehen, denn sie wußte -nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lächeln, das durch sein -seltsames Benehmen veranlaßt war, huschte über ihr Gesicht und schien -anzudeuten, daß sie auf weitere Aufklärung warte. - -Der Küchenmeister fühlte selbst, daß er sich nicht ganz deutlich -ausgedrückt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte; -er fuhr daher fort: »Da müßte mich doch schon der Böse selbst zum -_Alten_ führen, wenn dieser eine so hübsche Tochter hat.« - -»Ah, ist es das!« sagte Katerina lächelnd und leicht errötend. »Bitte, -tretet ein!« und sie schritt voraus und ging auf die Tür der Hütte zu. - -In Kleinrußland haben die Mädchen viel mehr Freiheit als irgendwo -anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, daß unsere Schöne, -ohne daß ihr Vater etwas davon wußte, einen Gast bei sich empfing. »Bist -du zu Fuß hierher gekommen, Onißko?« fragte sie ihn, indem sie sich auf -der Schwelle an der Tür der Hütte niederließ und eine würdige und -ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lächeln, bei -dem sie eine lange Reihe schöner Zähne sehen ließ, sie deutlich verriet. - --- Wieso zu Fuß? -- Teufel auch! sollte sie über das, was gestern -vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Küchenmeister. -- »Gewiß -doch zu Fuß, meine Schöne. Wahrhaftig, der Teufel müßte mich reiten, -wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt hätte, bloß um -von einem Hof zum anderen zu gelangen!« - -»Aber von der Küche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit!« - -Hier aber konnte sie sich doch nicht mehr halten und lachte laut auf. - --- Nein, du Schelmin! Der Böse selbst ist nicht schlauer als dieses -Mädel! wiederholte der Küchenmeister mehrmals bei sich selbst und -wünschte den Lehrer laut zum Teufel, alle Sympathie und Freundschaft -vergessend, die zwischen ihnen bestand. - -»Übrigens wäre ich damit einverstanden, daß mir die Karauschen samt den -frischgesalzenen Eierschwämmen auf der Pfanne anbrennen, wenn du nur -noch einmal so lachen wolltest, schönes Mädchen!« - -Bei diesen Worten konnte der Küchenmeister sich nicht mehr beherrschen -und umarmte sie. - -»Nein, das habe ich nicht gerne!« rief Katerina errötend, wobei sie eine -zornige Miene machte. »Bei Gott, Onißko, wenn du noch einmal so etwas -tust, so werfe ich dir ohne viel Umstände diesen Topf an den Kopf.« - -Bei diesen Worten hellte sich ihr zorniges Gesichtchen ein wenig auf, -und das Lächeln, das hierbei über ihr Antlitz huschte, schien deutlich -sagen zu wollen: »aber ich wäre dessen nicht fähig!« - -»Nein, nicht doch, nicht doch! _Ich habe dich doch nicht mit dem -Lastwagen gestreift._ Als ob das ein Grund ist, so böse zu werden! Als -ob das weiß Gott was für ein Verbrechen wäre, -- ein hübsches Mädchen zu -umarmen!« - -»Sieh, Onißko, ich bin ja gar nicht böse,« sagte sie, indem sie ein -wenig von ihm abrückte und wieder ein fröhliches Gesicht machte; -»übrigens schien es mir so, als hättest du den Lehrer erwähnt.« - -Da aber machte der Küchenmeister ein recht kümmerliches Gesicht, das -mindestens um ein paar Zoll länger wurde als gewöhnlich. »Der Lehrer ... -Iwan Ossipowitsch soll das heißen ... Pfui Teufel noch einmal! Ich -verschlucke die Worte, noch ehe sie meinem Munde entschlüpfen können, -ganz als ob ich Gewürzbranntwein getrunken hätte. Der Lehrer ... Sieh -mal, was ich dir sagen will, mein Herz! Iwan Ossipowitsch hat sich so in -dich verknallt, daß ... nun ... wie sich's halt nicht wiedergeben läßt. -Er grämt und härmt sich ab wie die selige braune Stute, die der Herr dem -Juden abgekauft hat und die einen Herzschlag bekam und krepierte. Was -soll man da machen? Der arme Mensch tat mir leid, und da bin ich halt -aufs Geratewohl hergekommen, um mich für ihn zu verwenden.« - -»Da hast du einen schönen Auftrag übernommen,« unterbrach ihn Katerina -ein wenig ärgerlich. »Bist du etwa sein Brautwerber oder sein -Verwandter? Ich würde dir doch raten, alle Landstreicher aus dem Dorfe -in die Küche zu laden und selbst betteln zu gehen und vor den Fenstern -um Almosen für sie zu bitten.« - -»Das ist schon ganz richtig; indes, ich weiß wohl, daß es dich freut, -und sogar sehr freut, daß der Lehrer auf den Einfall gekommen ist, dir -nachzulaufen.« - -»Das sollte mich freuen? Hör' mal, Onißko: wenn du das sagst, um dich -über mich lustig zu machen, so wirst du wenig Nutzen davon haben. Du -solltest dich schämen, ein armes Mädchen schlecht zu machen! Wenn du -aber _wirklich_ so denkst, so bist du wahrhaftig der dümmste Mensch im -ganzen Dorfe. Gottlob, ich bin noch nicht blind, Gott sei Dank, bin ich -noch bei Verstande ... Aber das hast du sicherlich nicht umsonst gesagt: -ich weiß wohl, etwas anderes hat dich dazu veranlaßt. Du hast wohl -geglaubt ... Nein, du bist ein schlechter Mensch.« - -Bei diesen Worten wischte sie sich mit dem gestickten Hemdärmel eine -Träne aus dem Gesicht, die plötzlich in ihrem Auge aufblitzte und ihr -über die glühende Wange rollte, wie eine Sternschnuppe den warmen -Abendhimmel hinunterschießt. - --- Hol' der Teufel alle Lehrer der Welt! dachte Onißko bei sich, indem -er das glühende Gesicht Katerinas betrachtete, auf dem das Lächeln von -vorhin lange Zeit mit dem Ärger kämpfte, um ihn schließlich gänzlich zu -verscheuchen. - -»Der Donner treffe mich hier auf der Stelle!« rief er endlich aus, da er -seine innere Erregung nicht mehr unterdrücken konnte, und umfaßte ihre -rundliche Taille. »Der Donner treffe mich, wenn es mich nicht ebenso -freut, daß du Iwan Ossipowitsch nicht liebst, wie den alten Browko, wenn -ich ihm sein Spülwasser bringe.« - -»Wirklich, auch ein Grund, sich zu freuen! Du wirst wohl noch mehr -grinsen, wenn du erfährst, daß fast alle Mädchen im Dorf dasselbe -sagen.« - -»Nein, sag' das nicht, Katerina. Die Mädchen haben ihn lieb. Neulich -gingen wir beide zusammen durch das Dorf, da steckten sie fortwährend -ihre Köpfe über den Zaun, wie Frösche aus dem Sumpfe. Wir guckten nach -rechts -- da waren sie schon wieder verschwunden, aber zur Linken, da -streckte wieder eine andere ihr Köpfchen vor. Doch hol' sie der Teufel -alle mitsamt dem Lehrer! Ich gäbe ein Viertel vom besten Branntwein -dritter Güte dafür, wenn ich von dir erfahren könnte, Katerina, ob du -mich auch nur für einen Groschen liebhast?« - -»Ich weiß nicht, ob ich dich liebe; ich weiß nur, daß ich um alles in -der Welt keinen Trunkenbold heiraten möchte. Wer mag mit so einem -zusammenleben? Wie traurig ist das Los einer Familie, aus der solch ein -Mensch stammt; man mag gar nicht in die Hütte hineinschauen: da gibt's -nichts zu sehen als Armut und Elend, die Kinder hungern und weinen. -Nein, nein, nein! Gott behüte! Mich schaudert's schon beim bloßen -Gedanken daran! ...« - -Und Katerina warf ihm einen langen, tiefdringenden Blick zu. Gebeugten -Hauptes und wie ein Verdammter saß der Küchenmeister in seine -Vergangenheit versunken da. Schwere Gedanken, Ausgeburten geheimer -Gewissensnöte, gruben tiefe Spuren in sein Gesicht und bewiesen -deutlich, daß ihm nicht allzu heiter zumute war. Der durchbohrende Blick -Katerinas schien sein ganzes Innere zu versengen und brachte alle -ungestümen, wilden Streiche ans Licht, die in einer langen, nie endenden -Reihe an ihm vorüberzogen. - -»Wahrhaftig, was bin ich für ein Mensch? Wer mag mit mir leben? Ich -liege bloß meinem Pan auf dem Halse. Habe ich bisher etwas getan, wofür -mir ein guter Mensch gedankt hätte? Ich habe nur immer gebummelt und -gebummelt! Und habe ich auch nur einmal so gebummelt, daß Herz und Seele -sich dabei wohl fühlten? Man betrinkt sich wie ein Hund und wird wieder -nüchtern wie ein Hund, wenn andere einem nicht in noch peinlicherer -Weise den Rausch austreiben. Nein, hol's der Teufel ... es ist ein -Hundeleben, das ich führe!« - -Die schöne Katerina schien seine philosophischen Betrachtungen, die er -bei sich selbst anstellte, zu erraten; sie legte ihm ihr braunes -Händchen auf die Schulter und murmelte halblaut: »Nicht wahr, Onißko, du -wirst nie mehr trinken.« - -»Nie wieder, mein Herzchen, nie wieder! Mag kommen, was da will! Für -dich könnte ich alles tun.« - -Das Mädchen sah ihn gerührt an, und der Küchenmeister schloß sie -begeistert in seine Arme und bedachte sie mit einem wahren Hagelschauer -von Küssen, wie ihn der ruhige und gemütliche Gemüsegarten schon lange -nicht erlebt hatte. - -Kaum aber hatte der Laut der verliebten Küsse die Luft erschüttert, als -eine helle, durchdringende Stimme furchtbarer als das Grollen des -Donners das Ohr des sich zärtlich liebkosenden Paares traf. Der -Küchenmeister sah auf und erblickte zu seinem Entsetzen die auf dem -Zaune stehende Ssimonicha. - -»Herrlich, vortrefflich! Feine junge Leute das! Bei uns im Dorfe weiß -man noch nicht, wie Burschen und Mädel sich küssen, wenn der Vater nicht -zu Hause ist! Herrlich! Das ist mir ein nettes Mandrykowsches Lämmchen! -Man sage nun noch, das Sprichwort: >Stille Wasser sind tief< lüge. So -also treibt man's. Solche Streiche macht ihr! ...« - -Mit Tränen im Auge mußte sich das schöne Mädchen in die Hütte -zurückbegeben, wußte sie doch, daß sie den giftigen Reden der -Schenkenbesitzerin nicht anders entgehen konnte. - -»Wenn dir doch jemand ein Schloß vor den Mund hängte, alte Hexe!« sagte -der Küchenmeister. »Was geht denn dich das an?« - -»Was mich das angeht?« fuhr die unermüdliche Schankwirtin fort. »Das ist -noch schöner! Die Burschen machen sich einen Spaß draus, über den Zaun -und in fremde Gärten zu klettern, die Mädchen locken die Burschen zu -sich herein -- und das sollte mich nichts angehen! Sie liebäugeln und -küssen sich -- und das sollte mich nichts kümmern! Hast du's gehört, -Karno?« schrie sie plötzlich auf, indem sie sich schnell umdrehte und an -einen vorübergehenden Bauern wandte, der, ohne auf etwas zu achten, mit -einer langen Rute fuchtelnd, daherkam, gefolgt von einer ebenso langsam -einherschreitenden Kuh. »Hast du's gehört? Steh doch einen Augenblick -still. Was das für eine Geschichte ist! Charjkas Tochter ...« - -»Pfui Teufel!« schrie der Küchenmeister, indem er zur Seite spuckte und -völlig die Geduld verlor. »Der Teufel selbst hat sich vermummt und die -Gestalt dieses Weibes angenommen. Warte nur, Hexe! Ich werde schon -Gelegenheit finden, dir's heimzuzahlen!« - -Und der Küchenmeister setzte seinen Fuß auf den Zaun und war einen -Augenblick später im Garten des Herrn. - -Es war nicht mehr sehr früh, als er in die Küche zurückkehrte und sich -an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die große -Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte -Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach goß der Küchenmeister Essig in den mit -sauerem Rahm versetzten Brei oder er spießte mit wichtiger Miene die -Mütze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten. -Während des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen, -warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, daß -man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rücksicht auf -die Mühen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, ließ man den -Küchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wäre unser Held nicht so -leichten Kaufes davongekommen. - -»Nein, Herr Lehrer!« murmelte er, indem er sich auf seine hölzerne -Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, »die -Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren!« Und nachdem -er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener -Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern. - - - - - Das Weib - - -»Ausgeburt der Hölle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem -Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift, -das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt, -verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner -lichtspendenden Rechten zürnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine -wundersame Schöpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser -armseliges Glück: du wolltest nicht, daß der Mensch ewige Segenswünsche -aus den Gründen seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen ließ: -lieber mochten Flüche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du -schufst das Weib.« - -So sprach Telekles, ein junger Schüler des Platon, indem er vor seinen -Lehrer trat. Seine Augen sprühten Blitze; auf seinen Wangen wütete ein -Feuer, und die zitternden Lippen kündeten von wilden Stürmen einer -zerrissenen Seele. Seine Hand drängte zornig die purpurnen Wellen seines -weichen Gewandes zurück, und die geöffnete Schnalle fiel nachlässig auf -die jugendliche Brust des Jünglings herab. - -»Wie, mein göttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem -göttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen ließ? War es nicht -dein Wohllaut ausströmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis -ihrer milden Schönheit zu sagen wußte? Hast du uns nicht gelehrt, so -glühend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine göttliche -Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen -Abgründen des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten -einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du -kennst das Weib nicht.« - -Glühende Tränen entströmten seinen Augen; er verhüllte sein Haupt mit -dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Händen und lehnte sich an die -Marmorsäule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitäl, -das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer -entrang sich der Brust des Jünglings, wie wenn alle verborgenen Nerven -seines Wesens, alle Gefühle und alles, was das Innere des Menschen -ausfüllt, in schmerzlichen Klagelauten aufstöhnte, und diese Klagelaute -gingen wie eine Erschütterung durch seinen ganzen Körper, und seine -ganze körperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfaßbar ist, verwandelte -sich, unfähig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen, -in eine einzige schmerzliche Klage. - -Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht -spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die -ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein -herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem -Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt -der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht floß wie ein mächtiger, -wundervoller Wasserfall durch eine kühne Öffnung in der Kuppel auf den -Weisen hinab und überschüttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und -jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und -Gefühlen zu künden. - -»Kannst du denn auch lieben, Telekles?« fragte er ihn mit ruhiger -Stimme. - -»Ob ich lieben kann!« fiel der Jüngling rasch ein, »frag' doch den Zeus, -ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschüttern -vermag. Frag' Phidias, ob er Gefühle im kalten Marmor entzünden und dem -toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut -siedet, sondern eine heiße Flamme wütet, wenn alle meine Gefühle, alle -meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Töne verwandle, wenn diese -Töne in mir glühen und meine Seele nichts wie Liebe tönt, wenn meine -Rede ein Sturm und mein Atem -- Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es -nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser -wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefühl sein eigen nennt? Hat -am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt?« - -»Armer Jüngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das -Schicksal, das diesem sanften Geschöpf bereitet wird, in dem die Götter -die Schönheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum -Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen -wollten! Armer Jüngling! Du hättest dieses sanfte Wesen mit deinem -glühenden Atem versengt, du hättest dieses reine Leuchten durch einen -Sturm von Leidenschaft getrübt und in Aufruhr versetzt! Ich weiß, du -willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst -Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen, -die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich -auch im voraus geprüft? Glühte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner -Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die -Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie dürsten nach ewiger -Seligkeit, nach einem nie endenden Glück, und ein kurzer, flüchtiger -Schmerz genügt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam -errichtete Gebäude zerstören! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen -Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, daß die schöne Alkinoe -sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst -du, und was war _sie_ zu jener Zeit, als du Leben, Glück und ein Meer -von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blättere die -flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine -Seite finden, die beredter, die göttlicher ist als jene? Wolltest du -alle kostbaren Edelsteine der persischen Könige oder alles Gold Libyens -für jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die -höchsten Ehren in Athen und die höchste Gewalt im Volke im Vergleich zu -ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schöne, das es den -Göttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen -heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte -- willst du mit deinem -verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges -Gefühl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Tränen der Rührung vergießen -und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf daß er ihr -ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren -Haupte verscheuchen möge. - -»Betrachte dich mit prüfendem Auge: was warst du früher und was bist du -jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes göttlichen Zügen entdeckt hast: -wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und -enträtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel näher kamst -du dem höchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann? -Wenn wir das Weib tiefer und gründlicher verstehen lernen. Denk an die -üppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist -das Ergebnis? Sie haben kein Verständnis für das Gefühl des Schönen -- -dieses unendliche Meer geistiger Genüsse. Kein Funke schlägt aus ihrem -Herzen empor beim Anblick der Göttin des Praxiteles; ihre Seele spricht -nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und -kein verständnisvoller Laut tönt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib? --- Die Sprache der Götter. Wir wundern uns über das milde heitere Haupt -des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Götter in ihm zu -sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst -bewundern wir die Götter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir -dagegen sind bloß seine Verkörperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck -von ihr glüht in unserer Seele, und je stärker und je umfassender und -größer die Wirkung ist, die er auf uns ausübt, um so edler und schöner -werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Künstlers weilt, sich -unkörperlich in ihm formt und gestaltet, ist es -- ein Weib; sobald es -sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum -- Manne. -Warum strebt aber dann der Künstler mit so unersättlicher Begierde -danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie -unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen -Gefühlen geleitet wird -- von dem Wunsche, die Gottheit der Materie -einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der -unendlichen Welt seines Inneren zugänglich zu machen, d. h. das Weib im -Manne zu verkörpern. Und wenn das Auge eines Jünglings, dessen Herz -glühend und verständnisvoll für die Kunst schlägt, zufällig auf das -unsterbliche Bild des Künstlers fällt, -- was sucht es, was ergreift es -in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er -erblickt die grenzenlose, unendliche, unkörperliche Idee des Künstlers -vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige -Lieder ertönen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie -auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist, -und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkörperlich umarmt seine -Seele die göttliche Seele des Künstlers! Wie verschmelzen ihre Geister -in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wären die hohen -Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmückt und nicht geformt würden -durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine -Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters würden sich in Barbarei -verwandeln. Raube der Welt das Licht -- und die bunte Vielfältigkeit der -Farben fällt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der -Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was -ist die Liebe? -- Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen -nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens -verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren -Stempel kindlicher Unschuld trägt und wo uns alles heimatlich berührt. -Und wenn die Seele versinkt im ätherischen Schoße der weiblichen Seele, -wenn sie in ihr ihren Vater -- den ewigen Gott -- und ihre Brüder, d. h. -Gefühle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fähig sind, -findet -- was geschieht dann mit ihr? Dann tönen in ihr die alten Klänge -wider, dann gedenkt sie des früheren paradiesischen Lebens am Busen -Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit.« - -Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich -hin: vor ihnen stand Alkinoe, die während ihres Gespräches unbemerkt -eingetreten war. Auf ein Götterbild gestützt, schien sie völlig in -stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte -häufig ganz plötzlich der Ausdruck einer göttlichen Seele. Die -marmorweiße Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia -durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der -schlanke, von den purpurroten Bändern des Beinharnischs umschlungene -Fuß, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hülle -abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berühren; der hohe -göttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und -das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb -verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den -Fußboden herab. Es schien, als ob der dünne lichte Äther, in dem sich -die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und bläulichen -Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen -zerstreut, für die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein -duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt -- es schien, als -ob dieser Äther sichtbare Form angenommen hätte und, indem er nun vor -ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklärte und -vergöttlichte. Die nachlässig zurückgeworfenen Locken umdrängten schwarz -wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in -dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die -ihren Augen entsprühten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein, -selbst die Königin der Liebe war nie so schön, nicht einmal in dem -Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfräulichen Wellen -entstieg. - -Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jüngling der -stolzen Schönen zu Füßen, und eine heiße Träne, die dem Auge der sich -über ihn beugenden Halbgöttin entstieg, tropfte auf seine brennenden -Wangen. - - - - - Fragmente - - - Gedichte und poetische Versuche - - - Sturm - - »Warum so trüb?« -- »Einst war ich heiter,« - Sag' ich zu meiner Lust Genossen. - »Ich hab' mein Herz dem Schmerz erschlossen; - Die Freude starb: ich lebe weiter. - Jung war ich, und mein heller Blick - hat Trauer nicht und Mißgeschick - Gekannt; jetzt welkt die Jugend hin, - Stirbt wie der Herbst, und ich verblute - Gleich ihm. Nie wird mir froh zumute. - Die Freude lockt nicht meinen Sinn.« - Die Freunde lachen: »Was du nur - Zu weinen hast! Das Wetter ist - So heiter klar, und die Natur - Nicht halb so trüb, wie du es bist.« - Und ich: »Mir gilt das alles nichts. - Ob Tag zu Tag und Jahr sich türmt, - Ob's hell, ob's dunkel ist, was ficht's - Mich an, wenn mir's im Herzen stürmt.« -- - - - Albumblatt - -Das Licht verliert im Auge des Träumers schnell seine Wärme. Er findet -die Hoffnungen, die ihn belebten, unerfüllt, seine Erwartungen -unbefriedigt, und die Glut des Genießens verraucht in seinem Herzen ... -Er befindet sich in einem Zustande der Starrheit und Leblosigkeit. Wie -glücklich ist er, wenn er den Wert der Erinnerungen vergangener Tage -erkennt: der Tage einer glücklichen Kindheit, da er die keimenden -Zukunftsträume von sich warf und seine Freunde verließ, die ihm von -ganzem Herzen ergeben waren. - - - - - Hans Küchelgarten - - - Eine Idylle - in ** Bildern - von - W. Alow - 1827 - - Deutsch von Ulrich Steindorff - -Das vorliegende Werk hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn nicht -besondere Umstände, die nur für den Verfasser von Bedeutung sind, die -Veranlassung dazu gegeben hätten. Dies Werk ist eine Frucht seiner -achtzehnjährigen Jugend. Wir haben nicht die Absicht, hier ein Urteil -über die Vorzüge oder Mängel dieser Dichtung abzugeben -- das überlassen -wir dem Publikum -- wir wollen nur bemerken, daß viele von den Bildern -dieser Idylle leider verloren gegangen sind; sie haben wahrscheinlich -das Band zwischen den nun unverbunden dastehenden Teilen gebildet und -die Zeichnung des im Mittelpunkt stehenden Charakters vollendet. Wir -rechnen es uns indessen zum Verdienst an, daß wir dem Publikum, soweit -dies möglich war, Gelegenheit gaben, das Werk eines jungen Talentes -kennen zu lernen. - - - Erstes Bild - - Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dämmerdunst - Mit seinen Häusern, seinen Gärten. Alles liegt - In hellem Licht. Der Glockenturm erglänzt - Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun - Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut - Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu - Das Konterfei von Zaun und Gärtchen gibt. - Und nichts hält Ruhe in dem Silberspiegel. - Blau wölbt der Himmel sich; die Wolken ziehn - Wie Wellen hin, und flüsternd rauscht der Wald. - Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt, - Da steht behaglich unter Lindenschatten - Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt - Von seinem greisen Herrn und arg verfallen. - Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz, - Von blüh'ndem Moos bedeckt das Mauerwerk; - Die Fenster windschief. Aber immer ist - Das Häuschen traulich nett. Um keinen Preis - Der Welt wär' es dem Alten feil. -- Dort steht - Die Linde, sein geliebter Ruheplatz. - Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht - Rings von den Rosenbäumen. Vögel nisten - In ihrem Dunkel und erfüllen Garten - Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall. - -- Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden, - Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier - Ein wenig in der Frische noch zu schlummern. - Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach - Schläft er. Der sanfte Wind kühlt sein Gesicht - Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren. - - Wer ist die Schöne, die mit Blicken - Ihm naht, in denen alle Glut, - Des Morgens ganze Frische ruht, - Und vor ihn tritt? Welch ein Entzücken, - Wie sie mit lilienweißer Hand - Ihn sanft berührt, um ihn zu wecken, - Bemüht, ihn ja nicht zu erschrecken. - Doch eh' er aus dem Schlaf sich fand - Zur Welt, sprach er, die Lider kaum - Geöffnet, leise wie im Traum: - - »Du wunder-, wunderbarer Gast, - Der du mein Heim besuchet hast, - Warum füllt Kummer mich und schwillt - Durch meine Seele. Was bewegt - Mich Greisen denn dein Engelsbild - So tief, so seltsam tief, und regt - Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt, - Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt - Und allem, was da lebt, längst kalt. - - Seit ich mich tot in mir verscharrte, - Ist's Ruhe nur, auf die ich warte, - Die ich begehre immerfort. - Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort. - Und nun kommst du, du Junge, mir - Zu Gaste, lockst mich heiß zu dir? - Ach nein, aus deinem lichten Munde - Flammt einer neuen Hoffnung Kunde. - Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde - Bin ich bereit. Allein mir fehlt - Die Würde. Meine Sündenlast - Ist groß. Ich war in dieser Welt - Ein arger Streiter und gehaßt - Von Hirt und Herde. Grausamkeit - War mir nicht fremd. Allein ich schwor - Den Teufel ab, und ich verlor - Zur Buße keinen Tag, allzeit - Entsühnend die Vergangenheit.« - - Voll schwerer Sorge und verwirrt - Fragt sie sich bang: »Soll ich's ihm sagen, -- - Wer weiß, wohin die Träume ihn verschlagen, -- - Sag' ich ihm, daß er phantasiert?« - Doch Nebel des Vergessens hängt - Um ihn, den neuer Schlaf umfängt. - Sie neigt sich über ihn, verstohlen. - Wie sanft er schläft, wie still er ruht! - Kaum merklich hebt beim Atemholen - Die Brust sich. Licht in Ätherflut - Hält ihn ein Engel in der Hut, - Und paradiesisch Lächeln flicht - Sich leuchtend um sein Angesicht. - - Nun öffnet er die Augen: »Wer, - Wer ist's? -- Luise? -- Seltsam, ach; - Mir träumte -- --, du, wo kommst du her? - Bist, Wildfang, du so früh schon wach? - Noch liegt der Tau. -- Es nebelt schwer.« -- - - »Großvater, nein, 's ist hell und klar. - Im Walde blitzt das Sonnenlicht. - Und schon am frühsten Morgen war - Es heiß wie jetzt. Es regt sich nicht - Ein Blatt. -- Weißt du, warum ich kam? - Es gibt ein Fest. Wir feiern heut. - Der alte Geiger Lodelham - Und auch der Fritz sind längst bereit. - Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit - Und dann -- --; ach, wenn nur Hans -- --!« Den Greis - Umspielt ein weises Lächeln. Still - Hört er, was sie erzählen will, - Das sorglos junge Blut. »Ich weiß, - Großväterchen, nur du hast Macht, - Ein bitter großes Weh zu bannen. - Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht - Und bald am Tag schleicht er von dannen - Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht, - Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt, - Dann hört er gar nicht, was man sagt. - Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht, - So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz - Noch lange quält, geht er zugrund. - >Zugrund<, wie zittert, wenn mein Mund - Das harte Wort gebraucht, mein Herz. - Meinst du, daß er vielleicht mit mir - Nicht mehr zufrieden ist, daß er - Mich nicht mehr liebt? Das träfe schwer - Und hart wie Stahl mein Herz. Sag's mir, - Du Engelsguter!« -- Und sie schlang - Die Arme fest um ihn. Kaum ging - Ihr Atem, als sie an ihm hing - In ihrer Liebe so verwirrt und bang. - Als sich die Träne ihr ins Auge stahl, - Wie war sie schön in ihrer Qual. - - »Gib Ruh', mein Kind, nicht weinen, nein. - Schämst du dich nicht?« Der Pfarrer mühte - Sich tröstend um sie. »Gottes Güte - Wird dir Geduld und Kraft verleihn. - Wenn du ihn innig bittest, wirst - Du auch bei ihm Erhörung finden. - Hans lebt ja nur für dich. Du irrst. - Du mußt die Zweifel überwinden. - Du darfst dir nicht mit solchen leeren - Gedanken deine Ruhe stören.« -- -- - - Und als er noch der weinenden Luise - Zuspricht, die an die welke Brust sich lehnt, - Da bringt die alte Gertrud schon den Kaffee, - Den heißen, bernsteinklaren, den der Greis - So gern im Freien nahm. Er liebte es, - Die Weichselpfeife dann dabei zu rauchen. - So stieg denn bald der Rauch in klaren Ringen. - Luise fütterte gedankenschwer - Den Kater, der mit lautem Schnurren, - Vom süßen Duft gelockt, sie lang umstrichen. - Der Greis erhob sich vom geblümten Sessel - Aus Väterzeit, sprach sein Gebet und drückte - Der Enkelin die Hand. Dann zog er sich - Den sonntäglichen, taftnen Schlafrock an, - Den silberschimmernden, und nahm das Käppchen, - Das Hans ihm kürzlich aus der Stadt gebracht - Und ihm geschenkt. So ging er denn gemächlich, - Sich auf Luisens weiße Schulter stützend, -- - Hell schlug der Sang der Lerchen himmelwärts -- - Ins Feld hinaus. -- Wie herrlich war der Tag! - Es ließ ein Wind das Gold der Felder wogen, - Das, überragt von dichten, früchteprangenden - Laubkronen, in der Sonne flimmerte. - Fern dunkelten die grünen Wälder. - Dem regenbogenfarbnen Sommerdunst - Entströmten Fluten wundersamster Düfte. - Die Bienen waren fleißig unterwegs - Und sogen Honig aus den jungen Blüten. - Die Grillen zirpten froh. Und aus der Weite - Klang laut und lauter kräft'ger Rudersang. - Und lichter ward der Wald. Das Tal erschien. - Das frohe Schrein der Herden scholl herauf. - Tief in der Ferne sah man schon das Dach - Vom Haus Luisens winken, sah das Rot - Der Ziegel schimmern, wenn die Sonnenstrahlen - In keckem Tanzspiel blitzend es umhuschten. -- -- - - - Zweites Bild - - Noch ungeklärt sind die Gedanken, - Die Hans bewegen, und sein Blick - Sieht wirr die Welt des Lebens wanken - Und sucht sein künftiges Geschick. -- - In stillem Frieden war die Zeit - Dem Tändelnden vorbeigeflossen; - Noch hatte keine Bitterkeit - Sich in der Seele Unschuld ihm gegossen. - Kind dieser Erdenwelt war er. - Doch ihrer Leidenschaften Brand - War seinem Herzen unbekannt. - Ganz sorglos war und leicht bisher - In Heiterkeit und Glück und Lust - Das Kind beim Spiel der Kinderschar. - Das Böse war noch seiner Brust - Ganz fremd. Ihm blühte wunderbar - Die Welt. -- Schon in der frühsten Zeit - Der Kindheit war sein Kamerad - Luise, deren Heiterkeit - Und Milde seinen Lebenspfad - Erhellt. Wenn sie im grünen Kleid - Zu tanzen anfing oder sang, - Dann schoß durchs blonde Ringelhaar - Manch Blitz, der zündend weitersprang. - Ihr rosa Miedertüchlein glitt - Herab. Man sah bei jedem Schritt - Das feine, zarte Füßchenpaar. - Sie war ein Kind, und kindlich war - Ihr Tun. -- Im Walde spielte sie - Mit ihm. Sie fingen sich. Dann lief - Sie fort, versteckte sich und schrie - Ihm plötzlich zu, daß er erschreckte. - Sie schwärzte heimlich, wenn er schlief, - Ihm sein Gesicht, und lachend weckte - Sie ihn dann aus dem süßen Schlafe. - Und er, er küßte sie zur Strafe. -- - - Und Lenz auf Lenz zog hin ins Land. - Die Spiele wollten nicht mehr taugen. - Die gegenseit'ge Keckheit schwand. - Es schwand das Feuer seiner Augen. - Und sie hält Traurigkeit gebannt - Und Schüchternheit. -- Ihr, junger Herzen - Verliebte, erste Worte, wart - Gekommen, und es blieben nicht erspart - Die Tage voller süßer Schmerzen. - Was blieb ihm denn zu wünschen weiter, - Wo er Luise bis zur Nacht, - Gefesselt wie von Zaubermacht, - Nicht ließ, ihr treuester Begleiter, - Ihr Schatten, wo sie ging und stand. - Mit innig tiefer Freude sahen - Die Eltern, wie das Glück sich fand, - Und sahen sich nicht satt. Die nahen, - Leidvollen, zweifelvollen Zeiten - hielt noch ein Engel sanft verhüllt den beiden. -- - - Doch allzubald befiel ein Schmerz, - Ein tiefer, ihn. Matt ward vor Gram - Sein Blick; er starrte himmelwärts - Und war ganz unstet, ach, und wundersam. - Es schien, als suchte stets sein Geist, - Als hegte er geheimen Groll. - Die Seele sehnte sich zumeist - Gedankenschwer und kummervoll. -- - Er sitzt und schaut hinab vom Strand - Hinaus aufs Meer wie festgebannt. - Und wenn im Takt die Wellen rauschen, - Scheint einer Stimme er zu lauschen. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Bald geht er grübelnd durch das Tal, - Die Augen feierlich voll Glanz, - Wenn bei der Wolken Wirbeltanz - Der Donner grollt, ein Feuerstrahl - Durchs Dunkel zuckt und wilder Regen - Heiß prasselt und mit einemmal - In Strömen rauscht auf allen Wegen. - Bald sitzt er in der Mitternacht - Vor alten Sagen auf und wacht - Und hofft, daß sich die Lettern regen - In ihrer Stummheit, wenn die Seiten - Er wendet, die so tiefe Kunde - Ihm bringen von den grauen Zeiten. - Ins Buch versunken manche Stunde, - Sitzt er und wendet kaum das Haupt. - Wer ihn in dieser schweren Not - Gesehn, der hätte fest geglaubt, - Die Zeit, da er gelebt, sei tot. - Gedanken, wunderbare, hatten - Mit ihrem Zauber ihn gebannt. - Er suchte dunkler Eichen Schatten - Auf seinem Weg durchs Sommerland. - Aus diesen tiefen Schatten sprach - Manch Rätsel, das er nicht verstand, - Und träumend streckte er die Hand - Liebkosend aus und griff darnach. -- - - Luise ist die ganze Zeit - Allein in ihrem tiefen Kummer. - Ihr Herz ist einzig ihm geweiht. - Sie findet nächtens keinen Schlummer - Und bringt die gleiche Zärtlichkeit - Ihm dennoch stets entgegen, hält - Die zarten Arme um ihn, küßt - Ihn sanft, daß er den Schmerz vergißt, - Bis er der Schwermut neu verfällt. - - Schön sind die Stunden, wunderbar, - Wenn ferne Träume ihn umschweben - Und der Gesichte lichte Schar - Ihn fortträgt in ein andres Leben. - Doch, wenn der Seele Land zerstört, - Der stille Erdenfleck vergessen, - Der Scholle nicht sein Herz gehört, - Die schlichten Menschen er vermessen - Nicht achtet, werden Traumgestalten - Auch dann noch froh im Herzen walten? -- -- - - Indessen laßt sein unstet Wesen - Belauschen uns. Macht euch bereit, - Die Rätsel seines Geists zu lösen - In ihrer Mannigfaltigkeit. -- - - - Drittes Bild - - Du klassisch schöner Werke klassisch schönes Land! - Des Ruhmes und der Freiheit Land, Athen! - An dich, in wundersamer Gluten Wehn, - Ist meine Seele festgebannt. - - Vom Tempel hoch bis hin zu des Piräus Mauern - Ergießen sich und wogen feierliche Massen. - Äschines' Worte blitzen, donnern und durchschauern, - Der Iliß Wassern gleich, und fassen - - Gebietrisch alle wie der laute Sturm der Welle. - Gewaltig ragt empor die Marmorherrlichkeit - Der Parthenon, wo Säule sich an Säule reiht; - Empor Minerva, von des Phidias Stahl geweiht. - Und Zeuxis' wie Parrhasios' Pinsel strahlen Helle. - - Im Portikus steht göttergleich ein Greis - Und redet weise von der andern Welt; - Sagt, wer für Tugend einst Unsterblichkeit erhält, - Wen Schande trifft und wen der Preis. - - Horch! Rohes Tosen mischt sich in das Springbrunnrauschen. - Der Tag ist wach, und dem Theater voll Verlangen - Zu strömt das Volk. Wie Persiens Farben prangen! - Sieh, wie die Tuniken sich bauschen! - - Noch eh' die Leidenschaft des Sophokles verklungen, - Schwirrt Kranz auf Kranz, von den Begeisterten geschwungen. - Von Epikurens Honigmund, dem liebgewohnten, - Enteilt sind Amors Diener, Krieger und Archonten, - Daß ihnen sich die hohe Wissenschaft enthülle, - Wie man Genüsse schlürft und trinkt des Lebens Fülle. - Aspasia kommt! Ihr Blick, vom Wimpernschwarz verbrämt, - Trifft einen Jüngling, und sein Atem stockt verschämt. - Wie heiß die Lippen sind! Wie loht der Rede Glut! - Die schwarzen, losen Locken fallen wie die Nacht - Auf ihrer Schultern Marmorpracht, - Auf ihre Brüste wie die Flut. -- - - Und jetzt? -- Tympane tosen und die Becher klirren. - Bacchantinnen in wilder Raserei, geschmückt - Mit Efeu, stürmen durch den heil'gen Hain in wirren, - Gehetzten Haufen. -- Wo? Wohin? -- Entrückt, entrückt. - - Allein! -- Verschwunden ist der Chor. - Und Gram befällt mich neu und Wehe. - Stieg' doch vom Tal ein Faun empor; - Dräng' aus des Gartens dunkler Nähe - Mir einer Nymphe Sang ans Ohr! - - Ihr Griechen, wunderbarlich habt - Die Welt mit Träumen ihr erfüllt, - In Zauber alles eingehüllt! - Heut ist sie ärmlich, grau, verschabt - Und wohl quadriert, mit Nichts begabt. -- -- - - * * * * * - - Doch neue Träume kommen und heben - Und ziehen ihn lockend himmelan - Empor aus der Sorgen Ozean, - hinweg von allem kleinlichen Leben. -- - - - Viertes Bild - - Im Land, wo des Lebens Wunderquellen - Entspringen und strahlend rings alles erhellen; - Wo schwer die Nächte vom Ambraduft, - Von Lotossüße geschwängert die Luft; - Wo Räucherwerkwolken die Bläue durchfluten - Und Mangostans Früchte golden gluten; - Wo Kandahars Wiesengrund samten sich breitet; - Wo kühn sich ob allem der Himmel weitet - Und Blüten regnet in üppigem Glanz; - Wo Schwärme von Faltern auffunkeln im Tanz: - Dort sieht mein Blick eine Peri: versunken, - Nichts sehend, nichts hörend; traumestrunken. - Gleich Sonnen leuchtet ihr Augenpaar, - Wie Hemasagara funkelt ihr Haar. - Ihr Atem gleicht dem, den die Lilie haucht, - Wenn die Nacht den Garten in Schlummer taucht - Und im Wind ihre Seufzer von dannen schwingen; - Ihre Stimme den nächtlichen Ton von Syringen, - Dem silbernen Tone, wenn Israfil - Die Flügel schlägt in mutwilligem Spiel; - Dem heimlichen Plätschern des Tschindara-Fluß. - Und ihr Lächeln erst! Und erst ihr Kuß! - Was ist? -- Sie hebt sich, ein Hauch, und entschwindet - In Himmeln, wo sie Verwandte findet. - Bleib! Blicke dich um! Bleib! -- Taub meinem Schrei, - Verrinnt sie im Regenbogen. -- Vorbei! - Erinnrung an sie bleibt und hält - Sich fest; und Duft erfüllt die Welt. -- - - * * * * * - - Bunt war sein Träumen überstrahlt; - Vom Drang der Jugend heiß durchflossen. - Die Hoheit, die sein Herz genossen, - Hat herrlich oft sich abgemalt - Auf seinem Angesicht. Allein, - Was ihn in seinen Träumerein, - Was die erregte Seele quälte, - Wonach er schrie, wonach er bangte, - In wilder Leidenschaft verlangte, - Als gält' es, daß er sich vermählte - Der ganzen Welt mit ganzer Lust, - Verstand er nicht. -- Voll Staub und Dust, - Von Dumpfheit voll und Schwere fand - Er diese Welt und wirr. Es flog - Sein Herz und schlug und schlug und zog - Ihn hin nach fernem, fernem Land. - Wer sah ihn so? Sein Atem ächzte. - Die Brust ging keuchend auf und nieder. - Stolz funkelte durch seine Lider. - Ach, wie die Seele darnach lechzte, - Am flücht'gen Traum sich festzusaugen. - Ach, welche Feuer in ihm brannten, - Wie ihn die Tränen übermannten, - Das Leben schürend in den heißen Augen. -- - - - Sechstes Bild - - Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf, - Wo unserer Geschichte Welt, die Welt, - Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet. - Das heitre Lünensdorf, so hieß es einst; - Doch weiß ich nicht, ob es noch heut so ist. -- - Weit schimmerte dem Wanderer entgegen - Das kleine, weiße Häuschen Wilhelm Bauchs, - Des Musikers, das er vor langer Zeit, - Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm, - Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus; - Grün war's gestrichen; rote Ziegelplatten - Erklirrten hell im Wind. Kastanienbäume - Umstanden es und drängten in die Fenster. - Durch ihre Stämme sah ein Weidenzaun, - Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten. - Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch. - Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange, - Behangen mit der Wäsche, die im Glanz - Der heißen Mittagssonne lustig blinkte. - Durch eine Speicherluke drängte sich - Laut girrend eine Taubenschar; es schrien - Die Puter, und mit seinen Flügeln schlagend - Entbot der Hofhahn seinen Morgengruß - Dem Tag und pickte den behäbig bunten Hennen - Die Körner fort. Zwei fromme Ziegen rupften - Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch - In krausen Wolken aus dem Schornstein auf - Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren. - Dort auf der Seite, wo der Mauerputz - Ein wenig abgebröckelt von den grauen Ziegeln, - Dort, wo die alten Bäume Schatten geben, - Stand schon seit frühstem Morgen säuberlich - Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge: - Radieschen, gelber Käse, eine Dose - In Entenform mit Butter; Wein und Bier, - Der süße Bischof, Zucker, Waffelkuchen - Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Früchten: - Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben - Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen - Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. -- - Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte - Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise - Der Töchter und des alten Pfarrherrn feiern. - Luise kam, doch ihre Schwester Fanny, - Die Jüngere, war fortgeeilt, um Hans - Zu holen, und war noch nicht zurück. - Vermutlich irrte er verträumt umher. - Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster - Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur - Zwei Schritt von ihr. -- Sie war nicht selbst gegangen, - Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn, - Aus ihren Augen keinen Vorwurf läse. - Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater, - Zu ihr und sprach: »Du mußt den Hans mal schelten, - Daß er so lange nicht mehr bei uns war. - Pass' auf, du hast ihn dir zu sehr verwöhnt.« - Doch sie war um die Antwort nicht verlegen: - »Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln. - Er ist schon ohnedies so bleich und elend.« - »Was, krank, sagst du?« fiel Mutter Berta ein. - »Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie, - Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen, - Seid ihr einmal vermählt. Ein junger Sproß, - Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft, - Fängt plötzlich an zu blühn. -- Ist denn die Frau - Nicht Lichtflut für den Mann?« -- »Ein kluges Wort,« - Warf da der Pfarrer ein. »Wenn Gott es will, - Glaubt mir, wird alles noch vorübergehn!« - Er klopfte wieder seine Pfeife aus. - Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten; - Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten, - Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Türken, - Von Missolunghi, von Kolokotroni, - Dem großen Führer, und vom argen Krieg, - Von Canning sprachen sie, vom Parlament, - Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid, - Als Hans erschien und sich Luise plötzlich - Mit einem Aufschrei ihm entgegenstürzte. - Der Jüngling schlang den Arm um ihre Hüfte - Und küßte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm: - »Nun schäm' dich, Hans, daß du so ganz vergessen - Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise - Vergißt, wie solltest du der Alten noch - Gedenken!« -- »Väterchen, laß sein, laß sein -- - Was schiltst du Hans denn immer!« sprach die Mutter. - »Laßt uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt: - Der Brei, der Reis, die duft'gen Zuckererbsen, - Der Glühwein und nicht minder der Kapaun, - Den mit Rosinen ich und Butter briet.« -- - So setzten sie sich friedlich an den Tisch - Und waren alle bald vom Wein belebt, - Die Seelen voller Glück und Heiterkeit. -- - Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flöte. - Es gab ein Stück -- der Feiernden zu Ehren. - Bald drehten allesamt im Walzer sich. - Selbst Wilhelm wurde lustig, und gerötet - Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau - Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog - Hans mit Luise toll dahin. Die Welt - Flog mit im gleichen, wundervollen Takt. - Luise wagte kaum zu atmen, kaum - Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen. - Der Pfarrer sagte: »Ach, ich sehe mich nicht satt - An ihnen, glaubt's mir. Welch ein herrlich Paar. - Luise, dieses heitre, liebe Kind, - Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden. - Sie sind doch füreinander wie geschaffen. - Ja, glücklich wird ihr ganzes Leben sein. - Ich danke Dir, mein güt'ger Gott, daß Du - Im hohen Alter mir die Gnade schenktest - Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst, - Damit ich solche Enkel schauen durfte. - Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme: - Auf Erden hab' ich Herrliches gesehn.« - - - Siebentes Bild - - Des Abends Kühle senkt sich still hernieder. - Die letzten, leisen Sonnenstrahlen küssen - Das finstre Meer. Von tausend Flimmerfunken - Durchsät, erglüht der Wald, und fern, fern her - Erschimmern durch den Meeresdunst die Felsen - In bunter Farbenpracht. Rings tiefe Stille. - Und nur der Hirtenflöten melanchol'scher Ruf - Tönt dann und wann von fernen, heitren Ufern; - Und dann und wann ein leises Plätschern, wenn - Ein Fisch im spiegelblanken Wasser ruckt, - Wenn eine Schwalbe mit den Flügeln, ehe - Sie auf zum Himmel steigt, es flüchtig streift. - -- Fern zeigt ein Kahn sich wie ein heller Punkt. - Wen trägt er wohl? Wer fährt wohl auf dem Meer? - Der Pfarrer ist's, der Greis im Silberhaare, - Und mit ihm Wilhelm mit der teuren Gattin. - Die übermüt'ge Fanny läßt die Hand, - Die von der Angelschnur herabgezogen, - Im Wasser spielen. Hinten in dem Schiff - Sitzt Hans mit seiner Braut. -- Sie sahen alle - In stummer Freude einer Welle zu, - Die breit dem Schiff gefolgt und unterm Schlag - Der Ruder feurig schäumend perlte. - Wie sich nun rasch die ros'ge Ferne klärte - Und voller Duft ein Hauch von Süden kam, - Da sprach der Pfarrer tief gerührt: »Wie schön - Ist dieser Abend Gottes doch! So still - Und herrlich wie das Leben des Gerechten. - Denn es vollendet ebenso voll Frieden - Den Weg, und auf den heil'gen Erdenrest - Ergießen sich die gleichen schönen Tränen. - Ja, auch für mich wird's Zeit. Auch meine Tage - Sind bald gezählt. Ich kann nicht lang mehr bleiben. - Doch werd' ich auch so herrlich schlafen gehen?« -- - Da weinten alle. Hans, der grad ein Lied - Auf der Oboe spielte, ließ das Instrument - Nachdenklich sinken. Es umspann ein Schlummer - Sein Haupt, und weithin schweiften seine Sinne. - Und Träume stürmten seltsam auf ihn ein. - Luise wandte sich ihm zu: »Sag' mir, sag', Hans, - Wenn du mich liebst, wenn ich in deiner Seele - Noch Mitleid, Mitgefühl wachrufen kann, - Was quälst du mich? Sag' mir einmal, warum - Sitzt du bei Nacht einsam bei deinen Büchern? - Ich weiß es. Unsre beiden Fenster liegen - Doch nicht umsonst einander gegenüber. - Warum weichst du uns allen aus und trauerst? - Dein trüber Blick, ach, nimmt mir alle Ruh', - Und deine Trauer macht mich selber trübe! --« - Das rührte Hans. Er wurde ganz verlegen. - Er drückte sie im Schmerz an seine Brust, - Und eine Träne stahl sich ihm ins Auge. - »Luise, frage nicht. Du mehrst doch nur - Durch deine Unruh' meinen tiefen Kummer. - Denn in Gedanken ich versunken scheine, - Glaub' mir, dann denk' ich immer nur an dich - Und sinne, wie sich all die schweren Zweifel - Von deiner Seele nehmen, wie dein Herz - Mit Freude sich und Frieden füllen ließe, - Daß deiner Jugend reinen Schlaf nichts störe, - Daß Böses dir nicht nahe, nicht der Schatten - Von einem Kummer dich berühre, daß - Dein Glück in alle Ewigkeiten währe!« - Da lehnte sie an seine Brust sich an - Und konnte in der Fülle des Gefühls, - Des Dankes ihm kein einzig Wort erwidern. -- - Still zog das Boot am Ufer hin. -- Man landet - Und steigt schnell aus. »Hört,« sprach der Vater Wilhelm, - »Hört, Kinder, nehmt euch recht in acht und seht, - Daß ihr euch nicht erkältet. Es ist feucht. - Der Nebel steigt.« -- Hans ging mit ihr und dachte: - Was wird, wenn sie erfährt, was sie doch nicht - Erfahren soll? Er sah ihr in die Augen. - In seinem Herzen ward ein Vorwurf laut. - Ihm war, als wenn er schlecht gehandelt hätte, - Als hätte er den ewigen Gott belogen. -- -- - - - Achtes Bild - - Vom Turme schlägt es Mitternacht. - Hans sitzt wie immer auf und wacht. - Dem Einsamen gewohnte Zeit. - Das Flackerlicht der Lampe leiht - Nur spärlich Helligkeit. Es fällt - Wie Saat des Zweifels in die Welt - Des Schlafs. -- Kein Blick träf' in der Runde - Nur eines Menschen Spur. Fern, ferne - Rauscht wie Gespräch aus Menschenmunde - Die Welle in dem Glanz der Sterne. - Die Stille läßt den Atem hören - Der Nacht. -- Jetzt wird ihn nicht mehr stören - Der laute Tag in seinem Denken, - Wo über seine Stirn sich senken - Friede und Ruh'. -- Und sie? Sie setzt - Sich auf im Bett; im Fenster jetzt: - »Er kann's nicht sehen, merkt's ja nicht; - Ich seh' mich satt an seinem Bild. - Er wacht, daß er mein Glück erfüllt. - Gott sei ihm gnädig, sei ihm mild.« -- - - * * * * * - - Die Welle rauscht im Mondeslicht. - Ein Traum sinkt nieder und umfängt - Ihr Haupt und beugt es leis, ganz leis. - Um Hans spielt der Gedankenkreis - Noch immer, dem er sich versenkt. - - - 1. - - Entschieden alles! Ist's Gebot, - Tiefinnerst jetzt zugrund zu gehn? - Gibt's andres Ziel nicht als den Tod? - Vermag ich Beßres nicht zu sehn? - Soll ich mich hin zum Opfer geben, - Tot für die Welt und ruhmlos leben? - - - 2. - - Soll denn ein Herz, das Ruhm geliebt, - Nur Nichtigkeiten lieben dürfen; - Kalt jedem Glück sein, das sich gibt, - Und niemals Seligkeiten schlürfen? - Der Erde Schönheit nie mehr finden, - Nie Wahres mehr in ihr ergründen? - - - 3. - - Was ruft, was lockt ihr mich so bang, - Ihr, dieser Erde schönste Lande. - Bei Tag und Nacht wie Vogelsang - Hör' ich in meiner Träume Bande, - Bei Tag und Nacht die süßen Töne, - Und bin berückt von eurer Schöne. - - - 4. - - Euch, euch gehör' ich. Bald, ach bald - Such' ich die seligen Gefilde, - Ein Pilgrim, der zum Heil'gen wallt. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Hin fliegt umschäumt des Schiffes Bug. - Hoch strebt der Sehnsucht froher Flug. - - - 5. - - Ja, fallen wird der trübe Flor, - In den euch stets der Traum gehüllt. - Aufschließen wird die Welt das Tor - Zur Wunderherrlichkeit, gewillt, - Den Jüngling freundlich zu begrüßen - Mit unversieglichen Genüssen. - - - 6. - - Der Schönheit Meister! Meine Augen - Bereiten sich, was ihr geschaffen - Mit Stift und Meißel, einzusaugen. - Mein Herz will eure Glut erraffen. - Rausch' hin, mein Meer, von Riff zu Riff! - Bring mich an Land, einsames Schiff! - - - 7. - - Du aber, enger Winkelfrieden, - Mein Wald, mein Feld, ihr müßt verzeihn. - Himmlischer Regen reich beschieden - Sei euch und Blüte und Gedeihn. - Das Herz, scheint's, härmt sich, euch zu lassen, - Und dürstet, euch noch einmal zu umfassen. - - - 8. - - Auch du, mein engelstilles Herz, - Vergib und geiz' mit deinen Tränen. - Gib dich nicht hin dem ersten Schmerz. - Verzeih dem armen Hans sein Sehnen. - Klag' nicht. Der Weg ist bald gemessen, - Und ich zurück. Wie könnt' ich dein vergessen! -- - - - Neuntes Bild - - Wer kommt noch zu so später Stunde - Behutsam durch die Nacht gewallt, - Den Wanderstab am Gürtelbunde, - Den Rucksack rüstig umgeschnallt? - Vor ihm ein Haus zur rechten Hand; - Zur linken führt ein Weg ins Weite. - Er will den weiten Weg ins Land, - Erfleht von Gott Kraft zum Geleite. - Allein er wendet, übermannt - Von stillem Weh, verzehrt von Gram, - Den Schritt zum Haus, woher er kam. - - * * * * * - - Vor einem offnen Fenster sitzt, - Den Kopf in seine Hand gestützt, - Und ruht ein wunderschönes Kind. - Mit seinem Flügel streicht sie mild - Und gibt ihr Träume ein -- der Wind, - Von denen sie nun ganz erfüllt, - Ein Lächeln zeigt. Und ihm entquillt, - Wie er sich peinvoll naht der Schönen - Und bebend ihr ins Antlitz schaut - Und kummerschwer, sein Weh in Tränen. - Sein Auge schimmert glanzbetaut. - Er beugt sich nieder glühend heiß - Und küßt sie seufzend, leis, ganz leis. - - * * * * * - - Den weiten Weg eilt er dahin. - Sein Innerstes durchbebt ein Schauer. - Unrast umdüstert seinen Sinn, - Und seine Seele tiefe Trauer. - Noch einmal wendet er den Blick - Zum Abschiedsgruß. -- Ein weißes Band, - Zieht schon der Nebel übers Land. - Sein stöhnend Herz weist ihn zurück. - Ein rauher Wind mit scharfem Tone - Stößt Eichenkron' an Eichenkrone. - Und grau verschwimmt im fernen Raum - Das Haus. Ganz unklar wie im Traum - Hat Pförtner Gottlieb nur vernommen, - Daß wer durchs Gartentor gekommen - Und daß einmal, als wenn er schälte, - Der treue Hund im Hofe bellte. - - - Zehntes Bild - - Spät wird der helle Führer wach, -- - Der Morgen ist nicht freundlich. Schwer - Wogt übers Feld ein Nebelmeer, - Und Regen rauscht und schlägt aufs Dach. - Des jungen Morgens Kühle fächelt - Die Schöne aus der Ruh'. Benommen - Vom Schlaf am Fenster und beklommen, - Streicht sie ihr Haar zurecht und lächelt. - Doch Ärger schleicht sich ein und feuchtet - Das Auge, daß es funkelnd leuchtet: - »Wann kommst du, Hans? Wie lang soll's dauern? - Du schwurst: beim ersten Tageslicht! - Der Tag ist da. Ein Tag zum Trauern, - Ein trüber Tag. Die Nebel schauern, - Der Sturmwind heult. Was kommst du nicht?« - Geängstigt halb und halb verdrossen, - Blickt sie zum Fenster ihres Hans. - Geschlossen ist's und bleibt geschlossen. - Er schläft gewiß, und Traumesglanz - Umgaukelt ihm sein Liebstes noch. - Lang hat's getagt. Vom Regen sind - Durchfurcht die Täler, und vom Wind - Gewiegt der Wald. Ach, käm' er doch! - - * * * * * - - Der Mittag naht. Unmerklich steigt - Der Nebel auf. Ganz matt, gezogen - Tönt Donner noch. Der Eichwald schweigt. - Auf flammt in siebenfarb'gem Bogen - Am Himmel paradiesisch Licht. - Mit Funken ist die Eiche übersprüht. - Froh klingt vom Dorfe Lied auf Lied. - Wo bist du, Hans, was kommst du nicht? - - * * * * * - - Warum? -- Die arge Brust umflicht - Schwermut. Das Ohr wird müd der Qual, - Zu horchen auf die Stundenzahl. - Die Türe geht. -- Er ist's! -- Nein, nicht: - Herein tritt Berta; wohlig fällt - Der rosa Morgenrock, der weiche, - Und farbenfroh die kantenreiche, - Gestickte Schürze. »Engelgleiche, - Was hat die Nachtruh' dir vergällt? - Bist bleich und matt. Was ist geschehn? - Störte der Regen, der so schwer - Herabgerauscht, das wilde Meer, - Der Hahn, der wüste Lärmer, den - Kein Schlaf nachts ankommt, dich so sehr? - Hat dich der Böse überkommen, - Dir deinen reinen Schlaf genommen, - Ins Herz gesenkt trübselig Trauern? - Tust mich von ganzer Seele dauern.« - - * * * * * - - »Nein, nicht des Regens Rauschen, ach, - Das wilde Meer nicht, nicht der Hahn, - Der wüste Lärmer, hat's getan. - Ach, was du nennst, hielt mich nicht wach. - Nicht solcher Traum hat mich benommen, - Bin solcher Trübsal nicht beklommen. - Der Traum, der mir zu Sinnen kam, - War anders, schwer und wundersam.« -- - - * * * * * - - »Mir träumte: Finstre Öde sei - Um meinen Weg. Rings Nebel nur - Vom Moor, und in der Wüstenei - Von trocknem Boden keine Spur. - Ein ekler Dunst! Die Erde weicht. - Bei jedem Schritt ein neuer Schlund, - Bei jedem Schritt ein neuer Grund - Zur Herzensangst. Und mich beschleicht - Unsäglich Wehe. Da erscheint - Urplötzlich Hans vor mir. Blut rinnt - Aus einer Wunde. Er beginnt - Zu schluchzen über mir und weint. - Doch statt der hellen Tränen floß - Ein trüber Strom. Ich wachte auf. - Und über Brust und Antlitz goß - Vom Blondhaar triefend wie der Lauf - Von tausend Bächen dummer Regen. - Mein Herze schlug in trüben Schlägen, - Und Traurigkeit befiel den Sinn. - Die Locken blieben feucht. In Sorgen - Sitz' ich verhärmt seit frühem Morgen. - Wann kommt er heim? Wo ist er hin?« - - * * * * * - - Die Mutter steht gedankenvoll - Kopfschüttelnd vor ihr, ehe sie - Ihr Antwort gibt: »Ach, wüßt' ich, wie - Ich deiner Not Herr werden soll, - Mein Töchterchen. Komm, laß uns sehn, -- - Gott geb' uns Kraft! -- was ihm geschehn.« - - * * * * * - - Sie treten in sein Zimmer. Leer, - Ganz leer! Im Winkel liegt umher - Ein alter Platoband, gar arg - Verstaubt, Tieck, Aristophanes, Petrark - Und Schillers Werke, die vermeßnen, - Bei Winkelmanns, den halb vergeßnen. - Und Fetzen von Papier. Es blühn - Die Blumen auf der Etagere. - Die Feder blinkt, mit der er kühn - Entlastet sich der Träume Schwere. - Sein Tisch, so tot! Doch nein, was hebt - Sich jetzt? Ein Zettel flirrt. Was ist? - Luise nimmt ihn auf und bebt. - Von wem? An wen? Und als sie liest, - Fängt ihre Zunge wie noch nie - Zu lallen an. Sie stürzt aufs Knie. - Gram, sengend Wehe warf sie nieder. - Und Grabeskälte rann durch ihre Glieder. - - - Elftes Bild - - Schau' her, Grausamer! Sieh, Tyrann, - Wie sie verhärmt im Staube kauert; - Die einsam Welkende, sieh' an, - Wie sie in trüber Öde trauert, - Vergessen, ach! Schau' hin einmal - Auf dein Geschöpf, in dessen Brust - Du Lebensglück und Lebenslust - Mit Gram vertauscht und Höllenqual. - Durchwühlte Grüfte, siehst du sie? - Und wie sie dich geliebt, ja, wie! - Mit welch lebend'ger Innigkeit - Klang ihrer Rede Melodie, - Die schlichte. Wo, wo ist die Zeit, - Da du gelauscht? Wie war von Schuld, - Von Trübsal rein des Blickes Brand, - Der dich versengt. Wie oft entschwand - Zu langsam ihrer Ungeduld - Der böse Tag, zeigte sich nicht, - Der Träumerischen, dein Gesicht. - Und du konntst sie verlassen, du? - Hast dich von allem abgewandt - Und wanderst fremd in fremdem Land? - Wem tust du das? Für wen, wozu? - Doch schau', Grausamer! Sieh, Tyrann! - Am Fenster harrt sie noch, verzehrt - Von Sehnsucht, daß er wiederkehrt - Zu ihr, er, der geliebte Mann. -- -- - Schon sinkt der Tag. Des Abends Helle - Liegt wundersam auf allen Dingen. - Ein kühler Wind regt seine Schwingen. - Kaum hörbar plätschert fern die Welle. - Die Nacht entbreitet ihre Schatten. - Leis tönt die Syrinx. Es ermatten - Im West die letzten Glutenschimmer. - Sie sitzt reglos und harrt noch immer. -- - - - Nächtliche Gesichte - - Allmählich dunkelt und vergeht - Des Abends Rot. Schon liegt die Welt - In süßem Schlaf, und überm Feld - Steigt auf des Mondes Majestät. - Das Meer erschimmert wie Kristall. - Durchsichtig scheint das ganze All. - - * * * * * - - Schatten wachsen auf und ziehen. - Wundersam gestaltet fliehen - Herrlich sie, weit, immer weiter, - Himmelwärts die Sternenleiter. - - * * * * * - - Heller wird's: zwei Lichter blitzen. - Da: zwei Ritter, zottig, fahl. - Zweier schart'ger Schwerter Spitzen, - Zweier Panzer Schmiedestahl! - Halt! Sie suchen, treten an; - Tauschen Platz um Platz jetzt. Hei! - Kämpfen, glitzern Mann an Mann. - Suchen wieder ... Da, vorbei! - Dunkel schwillt und deckt sie schwer. - Nur der Mond steht überm Meer. -- - - * * * * * - - Ein Lied der Kön'gin Nachtigall durchschallt - Den Forst; ein schmetternd Lied, das sacht verrauscht. - Die Erde atmet kaum, sie lauscht - Verträumt der Sängerin. Der Wald - Steht reglos. Alles schläft im Kreise. - Es tönt nur die verklärte Weise. - - * * * * * - - Luftgebaut ragt der Palast - Einer Märchenfee empor. - Vor dem Fenster dicht am Tor - Singt verklärt ein Minnegast. - Sieh, ein Silberteppich glänzt, - Ganz durchwebt mit Wolkenringen. - Drüber schwebt ein Geist, der grenzt - Nord und Süd mit seinen Schwingen. - Schlafen sieht der Gast, gebannt - Durch ein Gitter aus Koralle, - Seine Fee. Die Perlmuttwand - Bringt der Trän' Kristall zu Falle. -- - Dunkel eint und deckt sie schwer. - Nur der Mond steht überm Meer. -- -- - - * * * * * - - Kaum schimmert durch den Dunst das Land. - Geheime Wünsche ohne Zahl - Weckt uns die See. -- Ein Riesenwal, - Taucht aus dem Nebel. Übermannt - Hat Schlaf den Fischer längst. Er ruht; - Und unablässig rauscht die Flut. -- - - * * * * * - - Strandwärts schwimmen Meerjungfrauen - Herrlich schön. Den leuchtend hellen, - Weißen Schaum der glühend blauen - Wogen teilen sie. Die Wellen - Spielen kosend wie im Traum - Um die Schöne mit der weißen - Lilienbrust. Sie atmet kaum. - Um die zarten Glieder gleißen - Tropfen wie ein Funkensaum. - Ach, sie lächelt, kichert leise - Und schwimmt sinnend hin im Licht. - Bald voll Lust, bald wieder nicht. - Träumerisch singt sie die Weise, - Den Sirenensang der Klagen - Des Verrats, den sie ertragen, - Sie, die Junge. -- Reglos ruht - Mondbeglänzt die blaue Flut. -- - - * * * * * - - Ein Friedhof fern in fremder Flur, - Von einem alten Zaun umhegt. - Rings Steine, Kreuze. Moosbelegt - Der stummen Toten Häuser. Nur - Der Flug der Eulen und das schrille - Schrein zerreißt die Grabesstille. -- - - * * * * * - - Langsam steigt aus seinem Bette - Jetzt ein Leichnam. Weiß umwallt - Ihn sein Mantel. Vom Skelette - Klopft den Staub er würdig. Kalt - Weht vom Schädel Grabhauch. Feuer, - Gelbes Feuer glüht aus seinen - Augen. Mit den Knochenbeinen - Hält ein Roß, ein ungeheuer - Glänzend Roß er, einen Schimmel. - Und es wächst, wächst bis zum Himmel. - Leiche steht nach Leiche auf. - Zug des Grauns! Von seinem Lauf - Beben Erde, ach, und Lüfte. -- - Endlich schließen sich die Grüfte. -- - - * * * * * - - Ein Schrecken packt sie an. Sie schlägt - Das Fenster hastig zu. Ihr Blut - Von Eiseskälte, bald von Glut - Durchschauert, bebt gleichwie die Flut - Im Sturm. Ein schweres Wehe legt - Sich auf ihr Herz. Ihr Denken ruht. -- - Wenn mitleidlos des Schicksals Faust - Ein kalter Kieselstein entsaust - Und trifft ein armes Herz, wer hält - Die Treue, sagt, in aller Welt - Noch dem Verstand? Wes Seele ficht - Kein Übel an? Und wer verfällt, - Sich ewig gleich, im Unglück nicht - Dem Aberglauben? Wer erblaßt - Nicht, wenn solch Spukbild ihn erfaßt - Im Traum? -- Aufs Lager bang - Warf sie sich hin voll Schmerz und Kummer. - Vergeblich suchte sie den Schlummer. - Wenn ein Geräusch durchs Dunkel drang, - Ein Mäuslein strich, floh ihre Lider - Der Schlaf, der launenhafte, wieder. -- - - - Dreizehntes Bild - - Ein traurig Bild: Ruinen von Athen! - Die Säulenreih'n, die bildwerkreichen, - Sind morsch. In öden Tälern stehn - Sie traurig, müder Zeiten Zeichen. - Zertrümmert halb und halb verwittert - Das hehre Denkmal, und zersplittert - Selbst der Granit. -- Ein karger Rest. -- - Ein morscher Architrav nur prangt - Voll Majestät, und Efeu rankt - Und hält am Kapitäl sich fest. - In Gräben, die man längst verließ, - Herabgestürzt ein Giebelkranz; - Dort schimmert noch ein prächt'ger Fries - Und der Reliefmetopen Glanz. - Hier trauert eine reichgeschmückte - Korinthsche Säule noch. Und leise - Eidechsen schlüpfen scharenweise - Darüber hin. Voll Würde blickt - Er auf das Elend rings. Gerückt - In toter Zeiten dunkle Nacht, - Verdrängt, hat er für nichts mehr acht. - Athens Ruinen, ach! Trüb gleiten - Die Bilder von Vergangenheiten - Vorbei. An kaltem Marmor lehnt - Der Wanderer. Wie er sich auch sehnt, - Er weckt Erstorbnes nicht. Vergebens! - Das Bündel des vergangnen Lebens - Knüpft er nicht auf. Ohnmächt'ge Qual, - Verlorne Müh'! -- Allüberall - Liest nur Zerstörung, Schmach und Schande - Der trübe Blick. Im Sonnenbrande - Blinkt durch die Säulen dann und wann - Ein Turban wohl. Quer durch die Blöcke, - Durch Pfeiler, Gräber, Mauerstöcke - Treibt barsch sein Roß ein Muselmann. -- -- - Hufschlag stampft letzte Trümmer nieder. -- -- - Unsagbar tiefe Traurigkeit - Packt da den Fremden plötzlich wieder. - Wie stöhnt sein Herz so laut. Er kann - Den Schmerz nicht meistern. Bitter leid, - Daß er den weiten Weg gemessen, - Ist's ihm. Hat er sein Dach, den stillen, - Friedlichen Platz daheim vergessen, - Verlassen um der Gräber willen? - Ach, wären doch die Traumgespinste, - Die schönen, seinem Sinn geblieben. - Der reinen Schönheit Spiegelkünste, - Ach, hätten sie ihn nicht getrieben! - Nun sind die Träume tot und kalt - Und abgestreift ihr Zauberflor. -- - Mit unbarmherziger Gewalt - Habt ihr ihm schonungslos das Tor - Zur Glut der Traumeswelt verschlossen, - Ihr, öder Wirklichkeiten Sprossen! - Langsam verläßt und kummerschwer - Der Fremde nun den Trümmerort. - Er schwört, des blinden Einst nicht mehr - Zu denken, aber immerfort - Fliehn seine Opfer vor ihm her. -- -- -- - - - Sechzehntes Bild - - Zwei Jahre sind dahin. In Lünensdorf - Blüht alles noch und prankt wie ehedem. - Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stören - Den stillen Herzensfrieden der Bewohner. - Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel - Verändert. Lange ist der Pfarrer tot. - Er hat den dornenvollen Weg beendet - Und schläft den letzten tiefen, tiefen Schlaf. - - Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt, - Und alle hatten Tränen in den Augen, - Gedenkend seines Lebens, seines Tuns. - Er war es, der für unser Seelenheil, - Für unser geistig Brot von je gesorgt. - Er war es, der so schön das Gute lehrte; - Er war der Trauervollen steter Trost, - Der feste Schild der Witwen und der Waisen. - Wie voller Güte stieg er doch an Feiertagen - Auf seine Kanzel, und wie rührend sprach - Er von dem reinen Martertum, vom Leiden - Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschüttert - Und unter Tränen seinen tiefen Worten. -- - - Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht - Links von der Straße dicht an einem Friedhof - Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebückt - In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel - Der Zeit hat seine Runen eingegraben. - In ihrer Mitte leuchtet eine weiße Urne - Auf schwarzem Steine, von zwei grünen Erlen - Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten. - Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn. - Die braven Bauern waren gern bereit, - Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre - Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten - Verkündeten durch eine Inschrift, wie - Er lebte, wieviel stille Jahre er - Als Seelensorger zugebracht und endlich - Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. -- - - Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham - Errötend seine Flechten löst, und wo - Im Felde sich ein frischer Wind erhebt, - Der Tau die blitzend blanken Perlen streut, - Rotkehlchen in den dichten Büschen schlagen, - Und erst zur Hälfte noch der Sonnenball - Sich übers Land hebt, kommen Bäuerinnen - Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab - Und schmücken es mit duft'ger Blumen Fülle - Und gehen ihres Wegs. -- Nur eine bleibt, - Das Haupt in ihre Lilienhand gestützt, - Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen, - Als wollte sie Unfaßliches begreifen. - Wer würde, ach, in dieser kummervollen - Gestalt Luise wohl erkennen? Wer? - Der frohe Glanz der Augen ist erloschen, - Ihr unschuldreines Lächeln ist nicht mehr - Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht - Das Zeichen einer Freude drüber hin. - Und doch, wie schön ist sie in ihrem Harm! - Wie königlich ihr Blick trotz allen Wehs! - So trauert wohl der strahlende Seraph - Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach. - Voll Schönheit war die glückliche Luise, - Die trauernde war fast noch herrlicher. - Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden - Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied. - Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele - War sie dem Greise zugetan. Und nun - Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht - Erfüllt. Wie innig hattest du gewünscht, - Am heiligen Altare uns zu trauen, - Für alle Zeiten unsern Bund zu schließen. - Wie hattest du den träumerischen Hans - Geliebt -- -- Und er? -- -- -- - - Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Hütte. - Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim - An seiner Drechselbank und schneidet Platten - Aus Buchenholz mit feiner Maserung, - Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert. - Zu seinen Füßen liegt vergnügt geduckt - Hektor, sein lieber, treuer Kamerad. - Wie immer sorgt die tüchtige Hausfrau Berta - Vom frühsten Morgen an schon für sein Wohl. - Dicht vor dem Fenster drängt sich eine Schar - Von Gänsen, und die Hühner gackern auch - Noch unaufhörlich. Ganz wie ehedem - Hört man das ew'ge Zwitschern frecher Spatzen, - Die Tag für Tag im Küchenabfall picken. -- - Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern - Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes. - Die grünen Blätter wurden gelb und fielen, - Die Schwalben zogen über ferne Meere. -- - In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta: - »Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben. - Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei. - Jetzt wird's früh feucht, und dichte Nebel fallen - Und schicken ihre Schauer über uns. - Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not! - Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen. - Gott weiß, ob er am Leben ist, ob nicht.« -- - Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter! - Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still - In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll - Von Sehnsucht und vom Freunde träumend, - Und fast unhörbar sagt sie vor sich hin: - »Ich hätte ihn nicht minder stark geliebt!« - - - Siebzehntes Bild - - Wie trüb auch sonst die Tage schleichen - Im Herbst, das Heute ist voll Licht. - Die Sonne zeigt ein hell Gesicht, - Und blanke Silberwellen streichen - Am Himmel hin. Den Weg herab - Mit Rucksack kommt und Wanderstab - Ein Fremder matt und scheu daher. - Voll Trauer, wie ein Greis gebeugt, - Geht er die Postchaussee. Nichts zeugt - Vom alten Hans, fast gar nichts mehr. - Sein halberloschner Blick umschweift - Das Meer der gelben Ährenwellen, - Der Berge bunten Kranz. Es greift - Der schöne Traum sein Herz; es schwellen - Des Allvergessens Seligkeiten - Die Brust. Doch die Gedanken schreiten, - Ach, einem andern Ziele zu. - Nichts wär' ihm nötiger als Ruh'. - Er kommt, so scheint's, von weit, weit her. - Sein Atem keucht und schmerzt, und schwer - Schmerzt seine Seele ihn und ächzt. - Er denkt, doch kein Gedanke lechzt - Nach Ruh'. -- Wem gilt sein tiefes Grübeln? - Erstaunt, wie er mit allen Übeln - Von dem Geschick gemartert ward; - Des eitlen Tuns erstaunt, wie er genarrt, - Lacht bitter auf er, daß er trunken - Die Welt des Wahns, so hassenswert, - In seiner Unvernunft begehrt - Und ihrem leeren Glanz versunken; - Daß er sich in der Menschen Schoß, - Von ihrem eklen Tun wie toll - Berauscht, bezaubert, -- schwankungslos - Geworfen kühn und glaubensvoll. - Ach, kalt wie Gräber waren sie, - Habgier und Ehrsucht galt allein, - Nichts sonst, -- und wie verächtlich Vieh - So tierisch, ach, und so gemein. - Sie zogen in den Staub, was gut - Und hehr. Es schalten ihre Zungen - Verächtlich nur Begeisterungen - Und Geistestat. Falsch war die Glut; - Und wenn sie sich emporgeschwungen, - Verderben rings. Wer lauschte schon - Der Reden einschläferndem Ton - Und bebte nicht? Von Gift wie schwer - Ihr Atem, wie voll Lüge ist - Ihr Herzschlag und ihr Geist voll List; - Wie hohl die Worte und wie leer! - - * * * * * - - Ja, tausendfach war ihm die Wahrheit - Begegnet und von ihm erkannt. - Doch ward zu höherm Glück die Klarheit - Ihm in der Seele Träumerland? - Wie ferne Sternenhelle zog - Verlockend ihn der Ruhm. Allein - Sein blinkend Gift war scharf, es trog - Der dichte Qualm ihm vor den Schein. - - * * * * * - - Der Tag versinkt im West. Die Schatten - Des Abends wachsen, und die matten, - Hellweißen Wolkenränder glühen - In greller Röte auf. Die dunkeln - Vergilbten Blätter alle sprühen - Von goldnem Strahlenwerk und funkeln. - Der Wiesengrund der Heimat tut - Sich vor dem Wandrer auf. Es füllt - Den matten Blick urplötzlich Glut, - Und eine heiße Träne quillt. - Die Freuden aus vergangnen Jahren, - Harmloser Späße, alter Träume Scharen, - Sie engen ihm die Brust und rauben - Den Atem ihm. Er will's nicht glauben - Und sinnt dem Grund nach und beginnt - Zu weinen wie ein schwaches Kind. - - * * * * * - - - Meditationen - - Der Augenblick, da wunderbar - Ein Auserkorner im Gefühl - Der höchsten Kraft und Selbsterkenntnis - Erfaßt des Daseins höchstes Ziel, - Der sei gesegnet immerdar. - Nicht leerer Träume Schattenpracht - Und nicht des Ruhmes Flitterglanz - Stört ihn und lockt bei Tag und Nacht - Ihn in den lauten Wirbeltanz - Der Welt. Sein Sinn hat junge Kraft, - Ist Ansporn ihm und einz'ger Rat, - Reizt ihn und treibt die Leidenschaft - Zu Edlem ihn und großer Tat. - Für sie setzt er sein Leben ein; - Mag auch der Torenpöbel schrein, - Er wird lebend'ger Trümmer wegen - Nicht wankend, denn er hört allein - Der Enkelzeit rauschenden Segen. - - * * * * * - - Wenn aber Trug und Traumgestalten - Mit Sucht nach Glanz ein Herz beseelen, - Dem Willenskraft und Härte fehlen, - Im Wirrwarr standhaft sich zu halten, - Dann ist es besser, ohne Fülle - Das Feld des Lebens zu durchmessen, - In der Familie, in der Stille - Des Weltenlärmes zu vergessen. -- -- - - - Achtzehntes Bild - - Die Sterne gehen auf in Harmonie. - Mit mildem Blicke schweifen sie - Ob all der Schlafversunkenheit - Als Wächter leisen Menschenschlummers. - Sie senden Ruh' der Guten Leid, - Und Bösen -- des Gewissenskummers - Todbringend Gift. -- Was schickt ihr nicht - Der Trübsal Frieden jetzt? Ihr seid - Des Menschen Freude, tröstend Licht. -- - Wenn seine Blicke voller Leid - Und Kummer flehend an euch haften, - Hört er den Streit der Leidenschaften - Im Herzen; und er ruft euch laut, - Bis er die Schmerzen euch vertraut. -- - Noch ist Luise traurig-müd; - Und noch entkleidet nicht; sie blickt - Verträumt, weil aller Schlaf sie flieht, - Noch in die Herbstnacht unverrückt. - Ihr Sinn beschwört das alte Bild. - Da füllt sie Heiterkeit und weitet - Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt, - Das am Spinett sie froh begleitet. - - Das Laub fällt raschelnd von den Bäumen, - Durch die der Hofzaun blinkt. -- Hans steht - In des Vergessens süßen Träumen, - Vom Mantel eingehüllt, und späht - Und lauscht. -- Soll er noch länger säumen? -- - Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange - Der Stimme, die ihm nicht geklungen - Seit seiner Trennung, die ihm lange, - So lange, lange nicht gesungen! - Das Lied, das heißer Leidenschaft, - Das, sangesfrohem Mut entquollen - Und all dem Übermaß der Kraft, - Begeistert einst und froh erschollen, - Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen - Der Blätter wonnesam entgegen: - - Dich rufe ich! Ich rufe dich, - Des Lächeln mich bezaubert hat, - Mein Lieb! Viel Stunden setze ich - Mich zu dir, und es sehen sich - Die Augen doch an dir nicht satt. - - Du singst: -- geheimnisvolle Klänge, - Des Herzens reinste Töne hallen - Und zittern durch die Luft und schallen - Wie Schlag von tausend Nachtigallen, - Als ob ein Silberbach mir sänge. - - Schnell zu mir! Lehn' dich an mich, schnelle, - Durchbebt von Gluten, wundersamen. - Dein Herz brennt in der Stille helle, - Und deine Ruh' strömt Well' auf Welle - In mich die heißen Liebesflammen. - - Bist du mir fern, dann quält mich Wehe. - Vergessen gibt es nicht für mich. - Wenn ich erwach', zur Ruhe gehe, - Stets bete ich und stets erflehe - Ich Glück, mein Engel, nur für dich! -- - - * * * * * - - War's Täuschung, was sie sah? Es sprühten - Zwei Feuer auf; zwei Augen glühten - Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm, - Wie jemand seufzend näher kam. - Angst packt sie, Zittern fällt sie an; - Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann - Solch wundersames Wiedersehen, - Kann der Gefühle eignen Bann, - Der Blicke Flammensprach' verstehen? - Wer kann die Feuerworte finden, - Zu schildern recht, wie das Empfinden, - Aufwogend wild, die Brust durchspült - Und unser tiefstes Herz durchwühlt? - Man bebt, erblaßt, vor Freude schwach. - Gedanken, Worte fehlen; ach, - Voll Seligkeit entringt im Überschwang - Der Brust sich nur ein heller Klang. - - * * * * * - - Hans faßt allmählich sich. Er blickt - Durch Tränen ihr ins Angesicht - Und denkt: »In Traum bin ich entrückt; - Erwachte ich doch ewig nicht! - Sie ist noch die, die mich umfaßt - Mit kindlich innigem Verlangen. - Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last - Der Trauer. Wie verhärmt, verblaßt - Ist jetzt das frische Rot der Wangen. - Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen - Zu finden, floh von ihrem Herzen.« - Des Leidensschlafes Schwere sank - Von ihm; gesund und ruhig ward - Er wieder, er, den Stürme lang - Geschüttelt, wild durchtobt und hart. -- - So strahlt die Welt stets sonnenblank - Aufs neu. -- In Glut gehärtet Stahl - Glänzt stärker, heller tausendmal. -- - Die Gäste zechen. Ihre Runde - Gehn Glas und Becher und erklingen. - Die Alten plaudern manche Stunde. - Derweil sich heiß im Tanze schwingen - Die Jünglinge, da lärmt und schallt - Die heiterste Musik. In Saus und Braus - Herrscht Freude über Alt und Jung; - Und gastlich ladend lacht das Haus. - Der Bäuerinnen junge Schar - Bringt blaue Veilchen für die Braut, - Dem Bräut'gam Flammenrosen dar. - Sie schmücken das verliebte Paar. - »Bleibt lang noch jung,« so hallt es laut, - »Blüht, wie hier diese Veilchen blühn - Vom Felde, frisch und immer grün. - Mag euer Herz von Liebe, schaut, - Wie dieser Rosen Feuer glühn!« - - * * * * * - - Von Zärtlichkeit ganz hingerissen - harrt Hans erbebend schon. Sein Blick - Ist helle Freude, tiefes Glück. - Sein Herz will unverstellt genießen, - Nachdem des Zwanges Panzerkleid - Gefallen ist, die Seligkeit. - Euch, Träume voller Trug und List, - Wird nun nicht mehr vergöttern er, - Der ird'scher Schönheit Diener ist. -- - Doch was umdüstert ihn so schwer? - (Unfaßlich ist des Menschen Art!) - Von seinen Träumen scheidend, starrt - Er ihnen trauernd nach, verloren, - Wie einem, dem er Treu' geschworen. -- - So harrt der Schüler vor dem Schlage - Der Glocke am ersehnten Tage - Des letzten Unterrichts. Ganz voll - Von Plänen und vor Freude toll, - Spinnt er sich Träume. Ohne Klage, - Zufrieden mit der Welt und sich in lang - Entbehrter Freiheit Überschwang. - Doch wenn die Abschiedsstunde naht - Von Haus und Freund und Kamerad, - Mit denen Arbeit er und Ruh', die Zeit - Geteilt und Lust an tollen Streichen, - Dann seufzt er wohl und Tränen schleichen - Ins Aug' ihm, und er fühlt ein Leid. -- - - - Epilog - - Es heben in der Öde sich und steigen - In meines Tempels Einsamkeit, - Die unerkannt und unentweiht - Von eines Menschen Fuß, im Schweigen - Der Seele Träume auf. Wie weit - Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen? - Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht? - Wird einer Jungfrau heißes Herz sich neigen, - Wird eines Jünglings Sinn durch sie befreit? - Voll ungewollter Rührung singe - Mein Lied ich, rätselhaft erregt, - Das stille Lied, das mich bewegt - Und das ich dir als Loblied bringe, - Mein Deutschland! Hoher Pläne Land, - Der Feen und Geister Königtum, - Mein Herz ist voll von deinem Ruhm! - Der große Goethe hält die Hand - Als Schutzgeist über dein Gedeihn. - Mit seinen hohen Liedern bannt - Er jede Not von dir und Pein. -- -- - - - - - Beilage - Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski - - - I. - Gogols Brief an Bjelinski - - Um den 20. Juni 1847 (neuen Stils). - -Ich habe Ihren Aufsatz über mich im »Sowremennik« mit schmerzlichem -Bedauern gelesen -- nicht deshalb, weil mich die Art, wie Sie mich vor -allen herabzusetzen suchen, verletzt, sondern weil mir aus diesem -Aufsatz die Stimme eines Menschen entgegentönt, der mir zürnt. Ich aber -wünsche keinen Menschen, selbst keinen solchen, der mich nicht liebt, -gegen mich aufzubringen, am wenigsten Sie, von dem ich geglaubt habe, -daß er mich liebt. Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie durch eine -Stelle in meinem Buche zu betrüben. Wie konnte es nur geschehen, daß in -Rußland alle Menschen bis auf den letzten so über mich aufgebracht -waren? Das ist etwas, was ich bisher noch nicht zu verstehen vermag. Die -Östlinge, die Westlinge und die, die eine neutrale Stellung einnehmen, -sie alle fühlen sich schmerzlich berührt. Es ist wahr, ich wollte jedem -von ihnen einen kleinen Schlag versetzen, ich hielt das für nötig, weil -ich es an meiner eigenen Haut gespürt hatte, wie notwendig so etwas ist -[wir alle hätten etwas mehr Demut und Bescheidenheit nötig], aber ich -habe nicht geglaubt, daß die Schläge, die ich austeilte, so plump, so -ungeschickt und so verletzend ausfallen würden. Ich dachte, man würde -mir das alles großmütig verzeihen, und mein Buch würde den Grund zu -einer allgemeinen Versöhnung und nicht zu Streit und Zwietracht legen. -Sie haben mein Buch mit dem Auge eines zornigen, verärgerten Menschen -gelesen, und daher haben Sie alles unrichtig ausgelegt. Sehen Sie über -alle die Stellen hinweg, die bisher noch für viele, wenn nicht gar für -alle ein Rätsel, achten Sie vor allem auf die, die jedem gesunden und -einsichtsvollen Menschen verständlich sind, und Sie werden erkennen, daß -Sie sich in vielen Punkten geirrt haben. - -Ich habe nicht vergebens alle meine Leser angefleht, mein Buch mehrmals -zu lesen, da ich alle Mißverständnisse, denen es ausgesetzt sein würde, -schon vorausahnte. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht, ein Buch zu -beurteilen, das so eng mit der ganzen geistigen Entwicklung seines -Autors zusammenhängt, der lange Zeit im Verborgenen und ganz in sich -selbst zurückgezogen lebte und unter seiner Unfähigkeit, sich -auszudrücken, litt. Es war ja auch kein leichter Entschluß, sich selbst -an den Pranger zu stellen und dem allgemeinen Gespött auszusetzen, indem -man einen Teil seiner inneren Entwicklung, deren wahrer Sinn nicht so -bald verstanden wird, der Öffentlichkeit preisgab. Schon dieses Wagnis -allein hätte einen gescheiten Menschen nachdenklich stimmen und ihn -veranlassen müssen, mit der Abgabe seines Urteils über das Buch zu -warten und es zu verschiedenen Stunden und in einer ruhigeren, mehr zur -aufrichtigen Rechenschaftsablage über sich selbst geeigneten -Geistesstimmung aufs neue zu überlesen, denn nur in solchen Augenblicken -ist die Seele fähig, eine andere Seele zu verstehen, mein Buch ist aber -eine durchaus seelische, geistige Angelegenheit. Sie hätten dann -sicherlich nicht diese unüberlegten Folgerungen daraus gezogen, von -denen Ihr Aufsatz strotzt. Wie kann man zum Beispiel daraus, daß ich -gesagt habe, die Kritiker, die von meinen Fehlern und Mängeln reden, -enthielten viel Richtiges, folgern, die Kritiker, die meine Vorzüge -hervorgehoben haben, hätten unrecht. Eine solche Logik kann nur dem -Kopfe eines zornigen Menschen entspringen, der nur nach etwas sucht, was -ihn reizen und ärgern muß, und der einen Gegenstand nicht ruhig von -allen Seiten in Betracht zieht. Ich habe es mir in meinem Geiste lange -überlegt, wie ich mich über die Kritiker äußern sollte, die meine -Vorzüge hervorgehoben und anläßlich meiner Werke viele schöne Gedanken, -die die Kunst betrafen, ausgesprochen haben; ich wollte die Vorzüge und -die ästhetischen Gefühlsnuancen eines jeden von ihnen unvoreingenommen -feststellen und charakterisieren; ich wartete nur auf den Augenblick, wo -ich etwas hierüber sagen konnte, oder richtiger, wo es mir anstehen -würde, hierüber zu sprechen, damit man nachher nicht erklären sollte, -daß ich ein eigennütziges Ziel im Auge gehabt und mich nicht allein und -ganz vorurteilslos von meinem Gerechtigkeitsgefühl hätte lenken lassen. -Schreiben Sie die unbarmherzigsten Kritiken, wählen Sie die bittersten -Worte, über die Sie verfügen, um einen Menschen herabzusetzen, tragen -Sie das Ihre dazu bei, mich in den Augen Ihrer Leser lächerlich zu -machen, ohne die empfindlichsten Seiten des vielleicht zartfühlendsten -Herzens zu schonen -- meine Seele wird dies alles ertragen, wenn auch -nicht ohne Schmerz und ohne schmerzliche Erschütterungen; aber es ist -bitter, sehr bitter für mich -- dies erkläre ich Ihnen ganz aufrichtig --- zu wissen, daß selbst ein böser Mensch Haß und Zorn gegen mich in -seinem Herzen hegt; und Sie habe ich doch für einen guten Menschen -gehalten. Dies der aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle. - - N. G. - - - II. - Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch - - Frankfurt, den 20. Juni (1847). - -Du wunderst dich, daß ich so begierig bin, zu hören, was man über mein -Buch spricht. Das kommt daher, weil ich sehr begierig bin, die Menschen -kennen zu lernen, und aus den Urteilen über mein Buch gewinne ich doch -etwas wie eine Vorstellung von den Menschen mit all ihrem Wissen und -ihrer Unwissenheit; was jedoch viel wichtiger ist, dadurch gewinne ich -einen Einblick in ihre Seelenverfassung, die für mich noch weit -bedeutsamer ist, als ihre äußere Charakteristik, und die ich, wie du -selbst zugeben wirst, ohne mein Buch nie hätte kennen lernen können. -Übrigens, da wir gerade darüber reden: Vor einigen Tagen las ich -_Bjelinskis_ Kritik im zweiten Heft des »Zeitgenossen« (Sowremennik). Er -scheint zu glauben, daß das ganze Buch auf ihn gemünzt ist, und hat aus -ihm einen offenen Angriff gegen alle, die seine Ansicht teilen, -herausgelesen. Das ist ganz falsch; in meinem Buche sind, wie du siehst, -Angriffe gegen alle und gegen alles enthalten, was sich ins Maßlose -verliert. Wahrscheinlich hat er die »Leithämmel«[6] auf sich bezogen, -und doch galt diese Bemerkung bloß den Journalisten im allgemeinen. -Diese Gereiztheit hat mich sehr betrübt, nicht wegen der harten Worte, -die ich angeblich nicht zu ertragen vermag -- du weißt doch, daß ich die -härtesten Worte vertragen kann --, sondern weil dieser Mensch doch -immerhin während zehn Jahren, trotz aller Übertreibungen und -Maßlosigkeiten, mit Teilnahme und Sympathie von mir gesprochen und dabei -doch auch in ganz richtiger Weise auf viele Züge in meinen Werken -aufmerksam gemacht hat, die die anderen nicht bemerkt haben, obwohl sie -glaubten, ein viel besseres Verständnis für diese Dinge zu besitzen als -er. Ich müßte undankbar gegen diese Menschen sein, wo ich es doch -verstehe, selbst denen gerecht zu werden, die nichts als Mängel und -Fehler in mir entdecken und nur auf diese hinweisen! Aber gerade das -Gegenteil trifft zu: in diesem Falle habe ich mich nur getäuscht; ich -hielt Bjelinski für größer und glaubte nicht, daß er solch einer -kurzsichtigen Ansicht und solch kleinlicher Folgerungen fähig sei. Ich -weiß nicht, warum es einem so schwer wird, den Vorwurf der Undankbarkeit -zu ertragen, aber für mich war dieser Vorwurf schwerer als alle anderen -Vorwürfe, weil meine Seele tatsächlich sehr zur Dankbarkeit neigt, und -ich bin gerne dankbar, weil mir das selbst Genuß bereitet. Bitte sprich -hierüber mit Bjelinski und schreibe mir, welches seine Stimmung gegen -mich ist. Wenn ihm die Galle überläuft und er eine Wut gegen mich hat, -so mag er sie im »Zeitgenossen« (Sowremennik) an mir auslassen und zwar -in jeder Form, die ihm recht ist, nur soll er sie nicht wider mich in -seinem Herzen hegen[7]. Wenn sich jedoch sein Unmut gelegt haben sollte, -so gib ihm den beifolgenden Brief zu lesen, den du gleichfalls lesen -darfst. - -[Fußnote 6: Vergl. Band 7: Von der Odyssee.] - -[Fußnote 7: Hierauf erwiderte Prokopowitsch: »Mir scheint, du bist sehr -im Irrtum, wenn du glaubst, daß Bjelinski seinen Aufsatz geschrieben -hat, weil er deine Ausfälle gegen die Journalisten im allgemeinen auf -sich bezogen hat. Ich kenne Bjelinski schon lange und kann nicht anders, -als fest davon überzeugt sein, daß er nie eine Zeile geschrieben hat, um -sich für eine persönliche Kränkung zu rächen.«] - -Aus alledem ersehe ich, daß ich genötigt sein werde, einige Erklärungen -über mein Buch abzugeben, weil nicht nur Bjelinski, sondern selbst -solche Leute, die mich und meine Persönlichkeit doch weit besser kennen -könnten als er, so seltsame Schlüsse aus meinem Werke ziehen, daß man -einfach starr ist. Offenbar enthält es weit mehr Dunkelheiten und -Unklarheiten, als ich selbst darin finde ... - - - III. - Bjelinskis Brief an Gogol - -Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines -_verärgerten_ Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu können. Dieses -Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu -charakterisieren, in die mich die Lektüre Ihres Briefes versetzt hat. -Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatsächlich -nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über die Verehrer Ihres Talentes -zurückführen. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund. -Eine Kränkung, eine Verletzung unseres Selbstgefühls läßt sich noch -ertragen, und ich wäre vernünftig genug gewesen, über diesen Gegenstand -zu schweigen, wenn es sich bloß darum gehandelt hätte; was der Mensch -jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefühls, -seiner Menschenwürde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem -Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lüge und -Unsittlichkeit für Wahrheit und Tugend ausgibt. - -Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft -geliebt, mit der ein Mensch -- den die Bande des Blutes mit seinem -Vaterlande verknüpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm -- einen -seiner großen Führer auf dem Wege zum Selbstbewußtsein, zum Fortschritt -und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begründeten Anlaß, einen -Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine -solche Liebe einbüßten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube, -meine Liebe sei ein würdiger Lohn für ein großes Talent, sondern -deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern -viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen -und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin -nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Empörung -zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von -dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die -unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie -alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen -sind. Sie sehen selbst, daß sogar Menschen von derselben Geistesrichtung -wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen. -Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen Überzeugung wäre, -selbst dann müßte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und -wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die -man kennen muß, um sich nicht über ihren Beifall zu freuen) das Buch für -einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege -über den Himmel einem höchst irdischen Ziel nachzujagen, -- so sind Sie -allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich, -erstaunlich ist nur das, daß Sie sich darüber wundern. Ich glaube, das -käme daher, weil Sie Rußland _nur als Künstler_ so tief und gründlich -kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem -phantastischen Buche mit so wenig Glück auf sich genommen haben. Und das -nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern -deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewöhnt haben, -Rußland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch -bekannt, daß nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so -zu sehen, wie man sie gerne sehen möchte; denn Sie leben ja auch in -dieser _schönen Ferne_ ganz für sich und in sich selbst, bleiben ihr -selbst fremd und bewegen sich in dem einförmigen Kreise gleichgestimmter -oder doch solcher Menschen, die nicht kräftig genug sind, sich Ihrem -Einfluß zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, daß Rußlands -Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus, -sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklärung und -der Humanität liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es -genug gehört!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es -braucht, ist, daß das Volk zum Gefühl seiner Menschenwürde erweckt wird, -ein Gefühl, das ihm für Jahrhunderte durch den Schmutz und die -Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht, -sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern -wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und -eine möglichst strenge und pünktliche Erfüllung dieser Gesetze. Statt -dessen aber bietet Rußland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem -Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu -können, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen, -die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in -dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen -Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Waßjka, Stjoschka, Palaschka -titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien für die -Integrität der Persönlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht -einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen -aller möglicher Diebe und Räuber in Ämtern und Würden gibt! Die -aktuellsten nationalen Fragen, die das Rußland von heute bewegen, sind -folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der -Prügelstrafe und die Sorge für eine möglichst strenge Durchführung zum -mindesten _der_ Gesetze, die es heute schon gibt. Das fühlt sogar die -Regierung selbst (die sehr gut weiß, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern -behandeln, und wie viele von den ersten alljährlich durch die Hand der -letzten umkommen), was durch die schwächlichen, fruchtlosen und halben -Regierungsmaßnahmen zugunsten der weißen Neger und durch die komische -Einführung der einschwänzigen Knute an Stelle der dreischwänzigen -Peitsche dokumentiert wird. - -Das sind die Fragen, die ganz Rußland während seines apathischen -Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein -großer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, künstlerischen, von -tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung -Rußlands zum Selbstbewußtsein mitgearbeitet und ihm die Möglichkeit -gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche -auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche -unterweist, wie sie ihren Bauern möglichst viel Geld abnehmen können, -und sie belehrt, daß sie sie möglichst viel schimpfen sollen ... Und das -sollte mich nicht empören? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben -unternommen hätten, könnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser -schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, daß man an die -Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein! -Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen -teuflischen Lehre erfüllt wären, so hätten Sie in Ihrem neuesten Buche -etwas ganz anderes geschrieben. Sie hätten zum Gutsbesitzer gesagt: Da -seine Bauern seine Brüder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der -Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet, -ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft -möglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die -Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen müßten, wie -unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhältnis -sei. - -Und dann der Ausdruck: »_O du ungewaschenes Maul!_« Welchem Nosdrjow, -welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der -Welt als eine große Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu -überliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie -ihren Brüdern glauben und sich selbst nicht für Menschen halten? Und -Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal -Sie in der törichten Redensart erblicken, daß man sowohl den, der recht, -wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch -ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit häufiger den -prügelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe -loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem -Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis -eines mühsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen -geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmöglich! Entweder Sie sind krank -... dann müssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich -wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute, -Apostel der Unwissenheit, Vorkämpfer des Obskurantismus und der -finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten -- was tuen Sie! -Blicken Sie vor sich hin -- Sie stehen vor einem Abgrund. Daß Sie für -diese Lehre eine Stütze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe -ich noch: sie war ja doch stets die Stütze der Knute und die Bediente -des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein? -Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber -der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den -Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und -Brüderlichkeit verkündete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein -Martyrium bekräftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so -lange das _Heil_ der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche -zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage -machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgemäß eine -Vorkämpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine -Feindin und Verfolgerin der Brüderlichkeit unter den Menschen -- und das -ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre -Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen -Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der -in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die -Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslöschte, natürlich in weit -höherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von -Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und -Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das weiß -doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich -möglich sein, daß Sie, der Verfasser des »Revisors« und der »Toten -Seelen«, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niederträchtige -russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch über die -katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wußten nicht, daß -diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, während die erste nie etwas war, -als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; -- wie --? sollten -Sie denn wirklich nicht wissen, daß unsere Geistlichkeit vom ganzen -russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem -erzählt das russische Volk obszöne Anekdoten? Vom Popen, von der -Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in -Rußland der Pope für jeden Russen der Inbegriff der Gefräßigkeit, des -Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie -alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk -das religiöseste Volk der Welt. Das ist eine Lüge. Die Grundlage der -Religiosität ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der -Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht -... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut -- so betet man zu -ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen -- so deckt man die Töpfe mit -ihnen zu. - -Blicken Sie aufmerksamer hin und Sie werden sich überzeugen, daß dies -ein seinem innersten Wesen nach von Grund aus atheistisches Volk ist. Es -besitzt noch sehr viel Aberglauben, aber keine Spur von Religiosität. -Der Aberglaube verschwindet mit dem Fortschritt der Zivilisation, die -Religiosität aber erhält sich daneben und verträgt sich häufig mit ihm: -ein lebendiges Beispiel dafür ist Frankreich, wo es auch heute noch -unter den aufgeklärten und gebildeten Leuten viele aufrichtige -Katholiken gibt und wo viele zwar das Christentum aufgegeben haben, -dennoch aber noch an einem Gott festhalten. Nicht so das russische Volk: -mystische Exaltationen liegen nicht in seiner Natur; dazu besitzt es -viel zu viel gesunde Menschenvernunft, Klarheit und positiven Verstand, -und darin liegt vielleicht gerade die Gewähr für die Größe seiner -künftigen historischen Schicksale. Die Religiosität hat nicht einmal in -der Geistlichkeit Wurzel geschlagen, denn die wenigen eximierten -Persönlichkeiten, die sich durch eine solche kalte asketische -kontemplative Geisteshaltung auszeichneten, beweisen noch nichts. Die -Mehrzahl unserer Geistlichen dagegen sind nur durch dicke Bäuche, -scholastische Pedanterie und rohe Unwissenheit ausgezeichnet. Man würde -ihnen unrecht tun, wenn man ihnen religiöse Intoleranz und Fanatismus -vorwerfen wollte, man hätte eher noch Grund, ihren vorbildlichen -Indifferentismus in Sachen des Glaubens zu loben. Echte Religiosität -findet sich bei uns nur bei den Sektierern und Ketzern, die in einem -solchen Gegensatz zu dem Volksgeist stehen und deren Anzahl im Vergleich -zu der Masse des Volkes gar nicht ins Gewicht fällt. - -Ich will nicht näher auf Ihren Dithyrambus auf das Band der Liebe -eingehen, das das russische Volk mit seinem Herrscher verknüpft. Ich -will es ohne Umschweife aussprechen: dieser Dithyrambus hat bei niemand -Sympathie gefunden und hat Ihnen selbst bei solchen Leuten geschadet, -die Ihnen in anderer Hinsicht, d. h. in ihren Anschauungen, sehr nahe -stehen. Was mich persönlich anbetrifft, so überlasse ich es Ihrem -Gewissen, ob Sie sich noch weiter verzückt in die Betrachtung der -göttlichen Schönheit des Selbstherrschertums versenken wollen (das ist -sehr bequem und daher sehr -- einträglich), nur bitte ich Sie, seien Sie -vernünftig und betrachten Sie es aus Ihrer _schönen Ferne_; aus der Nähe -gesehen ist es viel weniger schön und auch nicht so ungefährlich. -- Ich -will hier nur eins bemerken: wenn ein Europäer, besonders ein Katholik, -von dem religiösen Geist ergriffen wird, wird er zum Ankläger, der sich -gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit der Machthaber wendet, wie die -jüdischen Propheten, die die Ungerechtigkeiten und Missetaten der -Mächtigen an den Pranger stellten. Bei uns dagegen ist es umgekehrt: -wenn ein Mensch (selbst ein anständiger) von der Krankheit, die bei den -Psychiatern unter dem Namen _religiosa mania_ bekannt ist, ergriffen -wird, dann fängt er sofort an, dem irdischen Gotte mehr Weihrauch zu -spenden als dem himmlischen; dabei aber übertreibt er gleich und wird so -maßlos, daß der Gott, selbst wenn er ihn für seinen sklavischen -Diensteifer belohnen wollte, sieht, daß er sich damit vor der -Gesellschaft kompromittieren würde. -- Wir sind halt dumme Kerle --, wir -Russen. - -Hierbei fällt mir noch ein, daß Sie in Ihrem Buche behaupten und es als -eine große Wahrheit hinstellen, daß Lesen und Schreiben dem einfachen -Volke nicht nur nicht nützen, sondern sogar geradezu schaden würde. Was -soll ich Ihnen darauf sagen? - -Möge Ihnen Ihr byzantinischer Gott diesen byzantinischen Gedanken -verzeihen, wenn Sie nicht gewußt haben sollten, was Sie sagten, indem -Sie ihn niederschrieben. -- Aber vielleicht werden Sie entgegnen: »Es -ist möglich, daß ich mich geirrt habe und daß alle meine Gedanken falsch -sind, warum aber will man mir das Recht nehmen, mich zu irren, und warum -will man nicht an die Aufrichtigkeit meiner Irrtümer glauben?« Darauf -antworte ich Ihnen folgendes: weil eine solche Anschauung in Rußland -schon lange nichts Neues mehr ist. Erst vor kurzem ist sie von -Buratschok und Genossen in erschöpfender Weise vertreten worden. -Natürlich steckt in Ihrem Buche weit mehr Verstand und sogar Talent, als -in ihren Werken, obwohl es nicht allzu reich an beiden ist, dafür aber -haben jene die Ihnen gemeinsame Lehre mit viel größerer Energie und mit -weit größerer Konsequenz vertreten, sie sind kühn bis zu ihren letzten -Ergebnissen vorgedrungen, haben alles dem byzantinischen Gotte geopfert -und nichts für den Satan übriggelassen, während Sie jedem von beiden -eine Kerze stiften wollten, sich hierdurch in Widersprüche verwickelten -und für Puschkin, die Literatur und das Theater eintraten, die von Ihrem -Standpunkt aus, wenn Sie nur ehrlich genug gewesen wären, um konsequent -zu sein, nichts zum Heil unserer Seele, wohl aber sehr viel zu ihrem -Verderben beitragen können ... Wessen Hirn aber hätte den Gedanken von -der Identität Gogols und Buratschoks ertragen können? Sie haben sich -einen viel zu hohen Platz in der Meinung des russischen Publikums -erobert, als daß es Ihnen die Aufrichtigkeit solcher Überzeugungen zu -glauben vermöchte. Was uns bei einem Toren natürlich vorkommt, kann uns -bei einem genialen Mann nicht so erscheinen. Es gibt Menschen, die auf -den Gedanken gekommen sind, Ihr Buch sei die Frucht einer geistigen -Störung, die ganz positiv an Wahnsinn grenzt. Aber sie haben diese -Folgerung bald wieder fallen gelassen -- denn es ist doch ganz klar, daß -dies Buch nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder in einem -Monat, sondern vielleicht während eines ganzen Jahres geschrieben wurde, -oder daß Sie gar zwei oder drei Jahre lang daran gearbeitet haben; alles -darin hängt sehr genau zusammen, selbst die nachlässige Darstellung läßt -erkennen, daß viel Überlegung darin steckt, daß es wohl durchdacht ist. -Ein Hymnus auf die höchsten Machthaber ist ja doch auch sehr geeignet, -dem frommen Autor eine angenehme und gesicherte irdische Existenz zu -verschaffen. Das war der Grund, weshalb sich in Petersburg das Gerücht -verbreitete, Sie hätten dieses Buch geschrieben, um Erzieher bei dem -Sohne des Thronfolgers zu werden. Schon früher ist in Petersburg einer -Ihrer Briefe an Uwarow bekanntgeworden, in dem Sie mit Schmerz davon -sprechen, daß man in Rußland Ihre Werke falsch auslegt, Ihre -Unzufriedenheit mit Ihren früheren Schriften äußern und erklären, Ihre -Werke würden Sie erst dann befriedigen, wenn Sie den Beifall des Zaren -fänden. Und nun urteilen Sie selbst, ob man sich wundern kann, daß Ihr -Buch Ihnen beim Publikum sowohl als Schriftsteller, noch viel mehr aber -als Mensch geschadet hat. - -Sie verstehen, wie ich sehe, das russische Publikum nicht recht. Sein -Charakter wird durch die Situation bestimmt, in der sich die russische -Gesellschaft befindet. In ihr regen sich frische Kräfte, die nach außen -drängen, jedoch durch den schweren Druck, der auf ihr lastet, gehemmt -werden und, da sie keinen Ausweg finden, nichts wie Trübsinn, -Melancholie und Apathie erzeugen. Nur in der Literatur regt sich trotz -der tatarischen Zensur noch etwas wie Leben und Fortschritt. Daher ist -auch der Schriftstellerberuf bei uns etwas so Edles und Hohes, und daher -wird es bei uns selbst dem kleinsten Talent so leicht, einen -literarischen Erfolg zu erringen. Der Name des Poeten, der Titel des -Literaten haben bei uns schon längst den glänzenden Flitter der -Epauletten und der bunten Uniformen verdunkelt. Das ist auch der Grund, -weshalb bei uns jede sogenannte literarische Tendenz und Bewegung, -selbst bei einem geringen und dürftigen Talent, auf den Lohn der -allgemeinen Beachtung rechnen darf, und warum die Popularität der großen -Talente so schnell dahinsinkt, die ihre Kräfte aus ehrlicher Überzeugung -oder aus unehrlichen Motiven in den Dienst der Orthodoxie, des -Absolutismus und des Nationalismus stellen. Das treffendste Beispiel -hierfür ist Puschkin, der nur zwei oder drei untertänige Gedichte zu -schreiben und die Kammerjunkerlivree anzulegen brauchte, um mit einem -Schlage die Liebe seines Volkes zu verlieren! Sie sind in einem großen -Irrtum befangen, wenn Sie allen Ernstes glauben, daß der Mißerfolg Ihres -Buches nicht seiner schlimmen Tendenz, sondern der Härte der Wahrheiten -zuzuschreiben sei, die Sie allen und jedem ins Gesicht gesagt hätten. -Das konnten Sie vielleicht von den Literaten glauben, wie aber paßte das -Publikum in diese Kategorie? Wäre es wirklich möglich, daß Sie ihm im -»Revisor«, in den »Toten Seelen« mit geringerer Schärfe und weniger -Wahrheit und Talent weniger bittere Wahrheiten gesagt haben sollten? Die -alte Schule zürnte und grollte Ihnen ja auch tatsächlich bis zur -Raserei, aber der »Revisor« und die »Toten Seelen« sind darum doch nicht -vergessen, während Ihr Buch schmählich vom Orkus verschlungen wurde. Und -das Publikum hat in diesem Falle recht: es sieht in den russischen -Schriftstellern seine einzigen Führer, seine Beschützer und Erretter aus -dem russischen Absolutismus, der Orthodoxie und dem Nationalismus, daher -ist es stets bereit, einem Schriftsteller ein _schlechtes_ Buch zu -verzeihen, nie aber wird es ihm ein _schädliches_ Buch vergeben. Das -beweist, wieviel frische gesunde Instinkte, wenn auch erst keimhaft, in -unserer Gesellschaft schlummern, und es beweist auch, daß diese -Gesellschaft eine Zukunft hat. Wenn Sie Rußland lieben, so freuen Sie -sich über die Niederlage Ihres Buches. - -Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit darf ich Ihnen sagen, daß ich das -russische Publikum ein wenig zu kennen glaube. Ihr Buch hat mich -erschreckt, weil ich es für möglich hielt, daß es einen schlechten -Einfluß auf die Regierung und auf die Zensur ausüben, nicht aber, weil -ich daran glaubte, daß es das Publikum in schlechtem Sinne beeinflussen -könnte. Als sich in Petersburg das Gerücht verbreitete, die Regierung -wolle Ihr Buch in vielen tausend Exemplaren drucken und zu ganz billigem -Preise verkaufen lassen -- wurden meine Freunde mutlos; ich sagte ihnen -jedoch sogleich, daß das Buch trotz alledem keinen Erfolg haben und daß -es bald vergessen sein werde. Und so lebt es ja auch heute tatsächlich -mehr in den Aufsätzen, die über es geschrieben wurden, als durch sich -selbst in der Erinnerung des Publikums weiter. Ja, der Russe hat einen -tiefen, obwohl noch unentwickelten Wahrheitsinstinkt. - -Ihr Appell mag ja vielleicht ganz aufrichtig gewesen sein, aber Ihr -Gedanke, dem Publikum davon Mitteilung zu machen, war äußerst -unglücklich. Die Zeiten naiver Frömmigkeit sind selbst für _unsere_ -Gesellschaft längst vorüber. Sie begreift schon, daß es ganz gleich ist, -wo man betet, und daß nur solche Leute Christus in Jerusalem suchen, die -ihn entweder nie in ihrem Busen getragen oder die ihn doch wieder -verloren haben. Wer da fähig ist, beim Anblick fremder Leiden selbst zu -leiden, wem es schwer wird, mitanzusehen, wie Menschen, die ihm völlig -fremd sind, bedrückt werden, -- der trägt Christus in seiner Brust und -der braucht nicht zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern. Die Demut und -Ergebung, die Sie predigen, ist nichts Neues und schmeckt erstlich nach -furchtbarer Überhebung und zweitens nach einer höchst schmachvollen -Herabsetzung der eigenen Menschenwürde. Der Gedanke, sich in ein -abstraktes Vollkommenheitsideal zu verwandeln und sich durch seine Demut -über alle anderen Menschen zu erheben, kann nur die Frucht des Hochmuts -oder des Schwachsinns sein und führt in beiden Fällen nur zur Heuchelei, -zum Pharisäertum und zum Chinesentum. Und dabei haben Sie sich erlaubt, -sich nicht nur in unsauberen und zynischen Ausdrücken über andere zu -äußern (das wäre schließlich nur eine Unhöflichkeit gewesen), nein, Sie -sprechen auch so von sich selbst -- und das ist einfach häßlich; denn -wenn ein Mensch, der seinen Nächsten auf die Backe schlägt, uns zur -Empörung reizt, so erregt ein Mensch, der sich selbst ohrfeigt, unsere -Verachtung. Nein, Ihr Geist ist verfinstert und nicht erleuchtet: Sie -haben weder den Geist, noch die Form des Christentums unserer Zeit -verstanden. Nicht die Wahrheit der christlichen Liebe, sondern -krankhaftes Todesgrauen und Furcht vor Hölle und Teufel spricht aus -Ihrem Buch. - -Und welch eine Sprache, was für Sätze sind das: »Die Menschen sind heute -allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden.« Glauben Sie -wirklich, daß das heißt, sich biblisch ausdrücken, wenn Sie sagen, die -Menschen sind allzumal, statt alle? Welch große Wahrheit ist es doch, -daß, wenn der Mensch sich gänzlich der Lüge hingibt, ihn auch Verstand -und Talent im Stich lassen. Wenn nicht Ihr Name unter dem Titel Ihres -Buches stünde, wer hätte gedacht, daß dieser geschwollene und wirre -Wort- und Phrasenflitter -- ein Werk des Verfassers der »Toten Seelen« -und des »Revisors« sein könnte! - -Was endlich mich selbst anbetrifft, so erkläre ich Ihnen nochmals: Sie -haben sich geirrt, wenn Sie meinen Aufsatz für eine Frucht der -Verärgerung hielten, die durch Ihr Urteil über mich als einen Ihrer -Kritiker hervorgerufen sei. Wenn mich nur dies allein empört hätte, dann -hätte ich mich auch wirklich nur über dies eine empört und ärgerlich -geäußert und über das andere ganz ruhig und unvoreingenommen gesprochen. -Freilich ist es ganz richtig, daß Ihr Urteil über Ihre Verehrer in -doppelter Hinsicht sehr unschön war. Ich erkenne an, daß es notwendig -sein kann, einem Toren zuweilen einen kräftigen Schlag zu versetzen, -wenn er uns durch seine Lobeserhebungen und seine Begeisterung -lächerlich macht, aber auch das ist eine _bittere_ Notwendigkeit, denn -es ist nicht angenehm, nicht ganz menschlich, einem Menschen -- selbst -für seine falsche, auf einem Irrtum beruhende Liebe -- mit Haß und -Feindschaft zu zahlen. Sie aber hatten, wenn auch nicht gerade Menschen -von auserlesenen Verstandesfähigkeiten, zum mindesten solche, die auch -keine Toren sind, im Auge. Diese Leute haben voller Bewunderung über -Ihre Werke weit mehr Geschrei gemacht, als sie Vernünftiges über sie -gesagt haben, immerhin aber stammte ihr Enthusiasmus aus einer so reinen -und edlen Quelle, daß Sie sie keinesfalls ihrem gemeinsamen Feinde -bedingungslos hätten ausliefern und ihnen noch den Vorwurf machen -dürfen, sie strebten danach, Ihren Werken eine falsche Deutung zu geben. -Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, weil Sie sich -von dem Grundgedanken Ihres Buches fortreißen ließen, während -Wjasemskij, dieser Fürst unter den Aristokraten und dieser Lakai unter -den Literaten, Ihren Gedanken weiter ausführte und eine private -Denunziation gegen Ihre Verehrer (also in erster Linie gegen mich) -veröffentlichte. Er hat dies wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen Sie -getan, weil Sie diesen erbärmlichen Reimschmied zu einem großen Dichter -gemacht haben, wahrscheinlich, und soviel ich mich erinnere, wegen -seines »matten an der Erde klebenden Verses«. Das alles ist nicht schön. -Daß Sie jedoch nur auf den Zeitpunkt gewartet haben, wo es Ihnen möglich -sein würde, auch den Verehrern Ihres Talents Gerechtigkeit widerfahren -zu lassen (nachdem Sie Ihren Feinden mit stolzer Bescheidenheit gerecht -geworden waren) -- das war mir unbekannt; ich konnte es nicht wissen und -hätte es, offen gestanden, auch nicht wissen wollen. Vor mir lag Ihr -Buch und nicht Ihre Absichten! Ich las es, las es hundertmal -nacheinander und konnte dennoch nichts darin finden als das, was darin -steht, und das, was darin stand, beleidigte und empörte meine Seele aufs -tiefste. - -Wenn ich meinem Gefühl freien Lauf lassen wollte, würde sich dieser -Brief bald in ein dickes Heft verwandeln. Ich habe nie daran gedacht, -Ihnen hierüber zu schreiben, obwohl ich vom qualvollen Wunsche danach -verzehrt wurde, und obwohl Sie allen und jedem öffentlich das Recht -gegeben hatten, Ihnen ganz ungeniert zu schreiben, da Sie keine andere -Rücksicht kennten, als die der Wahrheit. In Rußland hätte ich das nicht -tun können, da die dortigen »Schpekins« fremde Briefe öffnen, und zwar -nicht zu ihrem persönlichen Vergnügen, sondern weil sie dienstlich dazu -verpflichtet sind und um andere Leute zu denunzieren. Im Sommer dieses -Jahres trieb mich eine beginnende Schwindsucht ins Ausland, und -Nekrassow sandte mir Ihren Brief nach Salzbrunn nach, von wo ich heute -in Gesellschaft Annenkows über Frankfurt am Main nach Paris weiterreise. -Der unerwartete Empfang Ihres Briefes gab mir die Möglichkeit, Ihnen -alles zu sagen, was mir auf der Seele lag und was ich gegen Sie und Ihr -Buch empfand. Ich kann keine Halbheiten sagen und keine Winkelzüge -machen, das liegt nicht in meiner Natur. Mögen Sie oder die Zeit mich -belehren, daß ich mich in meinen Schlüssen über Sie geirrt habe. Ich -würde der erste sein, der sich hierüber freuen würde, aber ich werde nie -bereuen, was ich Ihnen gesagt habe. Hier handelt es sich nicht um meine -oder Ihre Person, sondern um etwas weit Größeres und Höheres, als ich -und selbst Sie sind, hier handelt es sich um die Wahrheit, um die -russische Gesellschaft, um Rußland. - -Und dies ist mein letztes Wort, mit dem ich schließe: wenn Sie den -unglücklichen Einfall hatten, Ihre wahrhaft großen Werke mit stolzer -Bescheidenheit zu verleugnen, so müssen Sie nun mit aufrichtiger Demut -Ihr letztes Buch abschwören und die schwere Schuld, die Sie durch seine -Veröffentlichung auf sich geladen haben, durch neue Schöpfungen wieder -gutmachen, die an Ihre früheren Werke erinnern. - - Salzbrunn, den 15. Juli 1847. - - - IV. - Gogol an Bjelinski[8] - -[Fußnote 8: Von diesem Brief ist nur das ursprüngliche Konzept -vorhanden. Es umfaßt zwei auf Briefpapier geschriebene Hefte in -Oktavformat. Beide Hefte wurden von Gogol in Stücke gerissen, so daß -jedem Heft ungefähr zehn Blätter entsprachen. Der russische Herausgeber -hat die einzelnen Stücke wieder aneinander gelegt und den ursprünglichen -Wortlaut nach Möglichkeit durch entsprechende Ergänzungen und -Einschaltungen wiederherzustellen gesucht. Die fehlenden Stellen sind -durch Punkte ersetzt.] - -Womit sollte ich meine Antwort auf Ihr Schreiben beginnen, wenn nicht -mit Ihren eigenen Worten: »Kommen Sie zu sich, Sie stehen am Rande eines -Abgrundes!« Wie weit sind Sie vom geraden Weg abgekommen! In welch -verzerrter, entstellter Gestalt erscheinen Ihnen die Dinge! Welch rohe, -ungebildete Vorstellung haben Sie von meinem Buche gefaßt! Wie haben Sie -es ausgelegt! ... Oh, mögen die heiligen Mächte Frieden in Ihre leidende -Seele gießen! Wozu mußten Sie den einmal gewählten friedlichen Weg gegen -einen anderen vertauschen? Was konnte herrlicher sein, als die Leser auf -die Schönheiten in den Werken unserer Schriftsteller hinzuweisen, ihre -Seele und ihre Geisteskräfte bis zum Verständnis alles Schönen zu -erheben, die Schauer der in ihnen geweckten Sympathie zu genießen und so -unmerklich auf ihre Seele einzuwirken? Dieser Weg hätte Sie zur -Versöhnung mit dem Leben geführt, Sie gelehrt, alles in der Natur zu -segnen. Jetzt dagegen fließt Ihr Mund von Haß und Galle über ... Wozu -mußten Sie mit Ihrer feurigen Seele sich in diesen Strudel des -politischen Lebens, in diese trüben Tageskämpfe stürzen, bei denen -selbst ein vielseitiger Geist seine Festigkeit und Umsicht verlieren -muß. Wie sollten Sie mit Ihrem einseitigen Geist, der die Explosivkraft -des Pulvers hat und sich schon entzündet, noch ehe Sie sich davon -überzeugt haben, was Wahrheit und was Lüge ist, wie sollten Sie da nicht -die Orientierung verlieren? Sie werden verbrennen wie eine Kerze und -auch andere mit sich in den Flammentod reißen ... Oh, wie tut mir mein -Herz in diesem Augenblicke weh um Ihretwillen! Wie, wenn auch ich -mitschuldig wäre? Wie, wenn auch meine Werke an Ihren Verirrungen -teilhätten? Aber nein, wenn ich alle meine früheren Werke betrachte, so -sehe ich, daß _sie_ Sie nicht irreleiten konnten ... Als ich sie -schrieb, hatte ich Ehrfurcht vor allem, wovor sich der Mensch beugen -muß. Mein Spott und mein Haß galten nicht der Obrigkeit und nicht den -_höchsten_ Gesetzen unseres Staates, sondern ihrem Zerrbild, den -Abweichungen, ihrer falschen Auslegung und den verkehrten Anwendungen. -Nirgends habe ich über den Kern des russischen Charakters und die -gewaltigen Kräfte, die in ihm schlummern, gespottet. Ich habe nur über -das Kleinliche und Nichtige gespottet, das nicht zu seinen -Charakterzügen gehört. Mein Fehler bestand darin, daß ich den Russen -noch nicht deutlich genug charakterisiert, sein Wesen nicht völlig -entfaltet, daß ich die tiefen Quellen, die in seiner Seele verborgen -liegen, nicht aufgedeckt habe. Aber das ist keine leichte Sache. Wenn -ich den Russen auch gründlich erforscht habe und wenn mir auch eine -gewisse hellseherische Begabung dabei behilflich sein konnte, so war ich -doch nicht durch mich selbst geblendet, meine Augen waren klar. Ich sah, -daß ich noch nicht reif genug war, um den Kampf mit Ereignissen, die -bedeutsamer und von höherer Art waren, als die, die bis dahin in meinen -Werken vorkamen, und mit stärkeren Charakteren aufnehmen zu können. -Alles konnte übertrieben und gewaltsam erscheinen. Und so geschah es -auch mit diesem Buch, über das Sie so hergefallen sind. Sie haben es mit -glühenden Augen betrachtet, und alles darin ist Ihnen in ganz anderem -Lichte erschienen, als es in Wirklichkeit ist. Sie haben es nicht -verstanden. Ich will mein Buch nicht verteidigen. Ich selbst habe es -schlecht gemacht und mache es noch schlecht. Ich habe mich bei seiner -Veröffentlichung einer Hast und Übereilung schuldig gemacht, die sonst -nicht in meinem besonnenen und vorsichtigen Charakter liegt. Aber das -Motiv war ehrlich. Ich wollte niemand mit dem Buch schmeicheln oder -Weihrauch streuen. Ich wollte nur ein paar allzu stürmische Köpfe zur -Besonnenheit mahnen, die im Begriffe waren, sich zu verirren und in -diesen Strudel und diese Unordnung zu stürzen, in die plötzlich alle -Dinge dieser Welt gestürzt waren, zu einer Zeit, wo der Geist in unserem -Innern sich zu umnachten schien und gleichsam erlöschen wollte. Ich bin -in Übertreibungen verfallen, aber ich versichere es Ihnen, ich habe es -selbst nicht gemerkt. Eigennützige Ziele aber habe ich weder früher -gehabt, als mich die Lockungen der Welt anzogen, noch viel weniger aber -jetzt, wo es Zeit ist, daß ich an meinen Tod denke ... Ich wollte mir -nichts dadurch erbetteln. Das liegt nicht in meiner Art. Gottlob, ich -habe meine Armut liebgewonnen und würde sie niemals gegen jene Güter -eintauschen, die Ihnen so verlockend erscheinen. Sie hätten doch -mindestens daran denken sollen, daß ich keinen Winkel mein eigen nenne, -ja ich bin sogar darum bemüht, meinen kleinen Reisekoffer möglichst zu -erleichtern, damit mir der Abschied von der Welt nicht zu schwer wird. -Sie hätten sich also hüten sollen, solche beleidigende Verdächtigungen -gegen mich zu schleudern, die ich offen gestanden nicht einmal gegen den -gemeinsten Schuft zu erheben den Mut gehabt hätte ... Sie entschuldigen -sich damit, daß der Brief im Zustande heftiger Empörung geschrieben ist. -Aber in welch einer Stimmung wagen Sie es, so respektlos von den -wichtigsten Dingen zu reden? - -Wie soll ich mich gegen Ihre Angriffe verteidigen, wenn Ihre Angriffe -ihr Ziel verfehlen? -- Nein, ein jeder von uns muß daran erinnert -werden, daß sein Beruf heilig ist. -- Er sollte daran denken, welch -strenge Rechenschaft von ihm gefordert werden wird ... Aber wenn der -Beruf eines jeden von uns heilig ist, so ist es vor allem das Amt -dessen, dem die schwere und furchtbare Pflicht zugefallen ist, für -Millionen zu sorgen. Ja wir müßten einander sogar an die Heiligkeit -unserer Pflichten mahnen. Ohne dies würde der Mensch in rein materiellen -Gefühlen versinken. -- Oder glauben Sie, das wisse kein Mensch in -Rußland? Sehen wir einmal genauer zu, woher das kommt. Rührt diese -Neigung zum Luxus und diese furchtbare Häufung der Laster nicht daher, -weil jeder sein _eigenes Steckenpferd_ hat? Der eine guckt nach England, -ein anderer nach Preußen, ein dritter nach Frankreich hinüber; der eine -schwört auf die einen Prinzipien, ein anderer auf andere; der eine kommt -uns mit dem einen Projekt, ein anderer mit einem anderen. Soviel Köpfe -soviel Sinne ... Und da sollte es bei einer solchen Uneinigkeit keine -Diebe und Gauner und kein Unrecht aller Art geben, wenn ein jeder sieht, -daß sich uns überall Hindernisse in den Weg stellen, wo ein jeder nur an -sich und daran denkt, wie er sich ein recht warmes Plätzchen verschaffen -könnte? ... Sie sagen, Rußlands Heil liege in der europäischen -_Zivilisation_; aber was ist das für ein unbestimmtes uferloses Wort? -Wenn Sie doch wenigstens klar definiert hätten, was man unter dem Namen -der europäischen Zivilisation verstehen soll! Dazu gehören sowohl die -Phalanstère, die Roten und alle möglichen Kategorien anderer Leute, die -allesamt bereit sind, einander aufzufressen, und die alle solch -umstürzlerische destruktive Prinzipien haben, daß in Europa jeder -denkende Kopf zittert und sich unwillkürlich fragt: wo ist denn nun -unsere Zivilisation? Ein leeres Phantom hat die Gestalt dieser -Zivilisation angenommen ... - -Wo haben Sie ferner die Meinung hergenommen, daß ich einen Hymnus auf -unsere Geistlichkeit gedichtet habe? Ich habe gesagt, die Predigt des -Priesters der morgenländischen Kirche solle in seinem Leben und in -seinen Taten bestehen. Und woher kommt dieser Geist des Hasses bei -Ihnen? Ich habe sehr viel schlimme Pfarrer gekannt und kann Ihnen sehr -viele komische Anekdoten über sie erzählen, aber dafür bin ich auch -solchen Priestern begegnet, über deren heiligen Lebenswandel und über -deren hohe Taten ich staunen mußte, und ich sah, daß sie Produkte -unserer morgenländischen und nicht solche der abendländischen Kirche -waren. Es ist mir also gar nicht eingefallen, einen Hymnus auf unsere -Geistlichkeit zu singen, die unsere Kirche schändet, wohl aber auf die -Geistlichen, die dazu beitragen, sie zu erhöhen. - -Wie merkwürdig ist doch meine Lage, daß ich mich gegen Angriffe -verteidigen muß, die sich alle gar nicht gegen mich und gegen mein Buch -richten! Sie sagen, Sie hätten mein Buch angeblich hundertmal gelesen, -während Ihre eigenen Worte davon zeugen, daß Sie es nicht ein einziges -Mal gelesen haben. Der Zorn hat Ihre Augen umnebelt und trägt die -Schuld, daß Sie nichts in seinem wahren Lichte gesehen haben. Hie und da -leuchtet ein Funke von Wahrheit inmitten eines ungeheuren Haufens von -Sophismen und unüberlegter jugendlicher schwärmerischer Verirrungen auf. -Aber welcher Mangel an Bildung! Wie kann man es wagen, bei so einem -geringen Fond von Kenntnissen von so großen Erscheinungen zu sprechen? -Sie scheiden die Kirche vom Christentum, dieselbe Kirche und dieselben -Priester, die durch ihren Märtyrertod die Wahrheit jedes Wortes, das aus -Christi Munde kam, besiegelt haben, von denen Tausende durch das Messer -und das Schwert des Mörders umkamen, für den sie beteten, bis sie -schließlich ihre Henker ermüdeten, so daß die Sieger den Besiegten zu -Füßen fielen und die ganze Welt sich zu ihrer Lehre bekannte. Und diese -selben Priester, diese Bischöfe und Märtyrer, die das Heiligtum der -Kirche auf ihren Schultern durch alle Fährnisse hindurchgetragen und -gerettet haben, wollen Sie von Christus scheiden, indem Sie sie falsche -Ausleger der Lehre Christi nennen! Wer kann denn dann heute Ihrer -Ansicht nach Christus besser und genauer auslegen? Etwa die heutigen -Kommunisten und Sozialisten, die da behaupten, Christus habe geboten, -den Menschen ihr Eigentum wegzunehmen und die auszuplündern, die sich -ein Vermögen erworben haben? Kommen Sie doch zur Besinnung -- wohin sind -Sie geraten? Sie erklären, daß Voltaire dem Christentum einen Dienst -geleistet habe, und sagen, das sei jedem Gymnasiasten bekannt. Als ich -noch auf dem Gymnasium war, habe ich selbst _damals_ nicht für Voltaire -geschwärmt. Ich war schon damals klug genug, um zu sehen, daß Voltaire -ein gewandter Witzling, aber keineswegs ein tiefer Mensch war. Für einen -Voltaire konnte weder ein Puschkin, noch ein Ssuworow schwärmen, wie -überhaupt kein mehr oder weniger umfassender Geist. Voltaire ist trotz -aller seiner glänzenden _Aperçus_ immer nur der Franzose geblieben, der -davon überzeugt ist, daß man lachend und scherzend von allen hohen -Gegenständen sprechen kann. Von ihm kann man sagen, was Puschkin von den -Franzosen im allgemeinen gesagt hat: - - Der Franzos ist ein Kind, - Er stürzt geschwind - Einen Thron über Nacht, - Schafft Gesetz und Macht, - Ist schnell -- wie der Blitz - Und leer wie der Witz. - Er reizt und macht, - Daß man staunt und lacht - -- -- -- -- -- -- -- - -Man kann nicht auf Grund einer oberflächlichen journalistischen Bildung -über solche Gegenstände urteilen. Dazu muß man die Geschichte der Kirche -studiert haben. Dazu muß man die ganze Geschichte der Menschheit -verständnisvoll und mit Überlegung aus den Quellen selbst kennen lernen -und nicht etwa aus modernen oberflächlichen Broschüren, die Gott weiß -wer geschrieben hat. Dieses flache enzyklopädische Wissen zerstreut den -Geist nur und konzentriert ihn nicht. - -Was soll ich Ihnen auf Ihre schroffen Bemerkungen über den russischen -Bauern sagen -- Bemerkungen, die Sie mit so viel Selbstvertrauen und -Sicherheit vorbringen, als ob Sie Gott weiß wie lange mit den Bauern zu -tun gehabt hätten? Was soll ich dazu sagen, wenn doch Tausende von -Kirchen und Klöstern, die das russische Land erfüllen und die nicht aus -den Mitteln, die von den Reichen gestiftet, sondern aus den armseligen -Groschen der Besitzlosen erbaut werden, eine so überzeugende Sprache -sprechen! ... Nein, ein Mensch, der sein Leben lang in Petersburg -zugebracht hat und es beständig mit leichten Zeitungsaufsätzen -französischer Romanschreiber zu tun hat, die sich so in ihre Ideen -verrannt haben, und der nicht merkt, in welcher verzerrten Form und wie -töricht das Leben bei ihnen dargestellt ist, nein, ein solcher Mensch -kann nicht über das Volk urteilen. Gestatten Sie mir auch zu bemerken, -daß ich mehr Recht habe, über das russische Volk zu sprechen, _als Sie_. -Alle meine Werke zeugen, nach der einstimmigen Überzeugung aller Leute, -von einer gründlichen Kenntnis des russischen Wesens; sie sind die -Schöpfungen eines Schriftstellers, der das Volk ernsthaft studiert und -beobachtet hat und vielleicht schon die Gabe besitzt, sich in seine -Lebensgewohnheiten hineinzuversetzen, was auch Sie in Ihren Kritiken -zugestanden haben. Was aber wollen _Sie_ zum Beweise Ihrer Kenntnis des -russischen Wesens anführen? Was haben Sie geschrieben, woraus eine -solche Kenntnis hervorginge? Das ist ein großer Gegenstand, und darüber -könnte ich Ihnen ganze Bücher vollschreiben. Sie würden sich schämen, -daß Sie den Ratschlägen, die ich einem Gutsbesitzer erteile, solch einen -plumpen Sinn untergelegt haben. Diese Ratschläge mögen eine noch so -geringe Bedeutung haben, sie enthalten jedenfalls keineswegs einen -Protest gegen die Volksbildung ... sondern höchstens einen Protest gegen -die Korruption des russischen Volkes durch die Literatur, während doch -die Schriftkunde uns gegeben ward, um den Menschen zur höchsten Klarheit -zu führen. Überhaupt erinnern Ihre Urteile über die Gutsbesitzer an die -Zeiten Von-Wisins. Seit jener Zeit hat sich vieles, sehr vieles in -Rußland verändert, und seitdem ist sehr viel Neues entstanden. Daß die -Aufsicht und Autorität eines Gutsbesitzers, der die Universität besucht -und folglich für vieles ein Gefühl hat, ... weit günstiger und -vorteilhafter für die Bauern ist, ... wie es ja auch viele Gegenstände -gibt, über die wir rechtzeitig nachdenken sollten, ehe wir mit dem -himmelstürmenden Feuer des Jünglings oder Ritters darüber reden ... -Überhaupt bemüht man sich bei uns weit mehr um die Änderung der Namen -und der Ausdrücke, als um das Wesen der Sache ... Sie sollten sich -schämen, in unseren Diminutiven, mit denen wir mitunter sogar unsere -Freunde benennen, einen Ausdruck der Knechtung und Unterdrückung zu -sehen. Auf solche kindische Folgerungen wird man geführt, wenn man eine -falsche Ansicht von den wichtigsten und wesentlichsten Dingen hat. - -Sodann bin ich auch über das kühne Selbstvertrauen und die Sicherheit -erstaunt, mit der Sie erklären: »Ich kenne unsere Gesellschaft und den -Geist, der sie beseelt.« Wie kann man für dies sich jeden Augenblick -verwandelnde Chamäleon einstehen? Durch welche Tatsachen können Sie -beweisen, daß Sie die Gesellschaft kennen? Welche Mittel besitzen Sie -dazu? Haben Sie etwa irgendwo in Ihren Werken bewiesen, daß Sie ein -tiefer Kenner der menschlichen Seele sind? Sie, der Sie fast nie mit den -Menschen und der Welt in Berührung kommen, der Sie das friedliche Leben -eines Journalisten führen und stets nur mit Feuilletonartikeln -beschäftigt sind, wie sollten Sie einen Begriff von jenem furchtbaren -Schreckbilde haben, das uns durch unerwartete Erscheinungen in seine -Falle lockt; geraten doch alle jungen Schriftsteller in diese Falle -hinein, die über alles in der Welt und die ganze Menschheit reden, -während es um uns herum genug Dinge gibt, um die wir uns kümmern -sollten. Wir sollten zuerst einmal diese Aufgaben erfüllen, dann würde -es der Gesellschaft schon ganz von selbst gut gehen. Wenn wir dagegen -unsere Pflichten gegen die uns nahestehenden Menschen vernachlässigen -und dem Wohl der Gesellschaft nachjagen, so geraten wir auf Abwege ... -ebenso ... Ich bin in der letzten Zeit vielen vortrefflichen Menschen -begegnet, die über diese Sache völlig die Orientierung verloren haben. - -Viele denken, wenn sie sehen, daß die Gesellschaft sich auf einem Abweg -befindet und daß die Dinge immer verworrener werden, daß man die Welt -durch allerhand Reorganisationen und Reformen oder dadurch, daß man sie -in dieser oder jener Weise umgestaltet, verbessern könne. Andere -glauben, man könne mit Hilfe einer besonderen, recht mittelmäßigen -Literatur, die Sie Belletristik nennen, erzieherisch auf die -Gesellschaft wirken. Das sind Träume! Abgesehen davon, daß selbst die -gelesensten Bücher daliegen, ohne Nutzen zu bringen ... sind auch die -Früchte ... wenn überhaupt welche daraus erwachsen, ganz anderer Art, -als der Autor glaubt; vielmehr sind sie häufig so beschaffen, daß er -entsetzt vor ihnen zurückweicht ... Die Gesellschaft bildet sich von -selbst, sie setzt sich aus Einheiten zusammen. Jede dieser Einheiten muß -ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Der Mensch muß eingedenk sein, daß -er nichts weniger als ein Stück Materie, daß er kein Vieh ist, sondern -ein hoher Bürger des hohen himmlischen Bürgerreichs, und so lange nicht -ein jeder wenigstens zum Teil sein Leben dem Geiste dieses himmlischen -Bürgerreichs entsprechend gestalten wird, wird es auch im irdischen -Gemeinwesen keine Ordnung geben. - -Sie sagen, Rußland hätte lange vergeblich gebetet. O nein, Rußland hat -im Jahre 1612 gebetet und das Land vor den Polen gerettet; dann hat es -1812 noch einmal gebetet und das Land vor den Franzosen gerettet. Oder -nennen Sie das beten, wenn ein Tausendstel aller Menschen betet und alle -übrigen vom Morgen bis zum Abend bummeln und zechen ... wenn sie bei -jeder Schaustellung dabei sind und ihre letzte Habe verpfänden, um nur -allen Komfort zu genießen, den uns die europäische Zivilisation samt all -ihren Torheiten beschert hat. - -Nein, lassen wir diese Träume ... Lassen Sie uns ehrlich unsere Pflicht -tun. Wir wollen uns bemühen, unsere Talente nicht in der Erde zu -vergraben. Wir wollen unser Handwerk gewissenhaft ausüben. Dann wird -alles gut gehen, und die Lage der Gesellschaft wird sich ganz von selbst -bessern ... Die Gutsbesitzer werden auf ihre Güter zurückkehren. Die -Beamten werden erkennen, daß man kein üppiges, verschwenderisches Leben -zu führen braucht, und werden aufhören, Geschenke anzunehmen. Die -Ehrgeizigen aber werden sehen, daß eine hohe Stellung weder mit einem -hohen Gehalt, noch mit großen Geldeinnahmen verknüpft ist ... weder sie -noch ich sind geboren ... Gestatten Sie mir, Sie an Ihre frühere -Tätigkeit zu erinnern. Der Literat lebt für die Wahrheit. Er soll der -Kunst ehrlich dienen und den Seelen dieser Welt Frieden und nicht Haß -und Feindschaft einhauchen. Machen Sie den Anfang und fangen Sie noch -einmal an, zu lernen! Studieren Sie die Dichter und Weisheitslehrer, die -erzieherisch auf den Geist wirken. Die journalistische Tätigkeit laugt -die Seele aus, man entdeckt plötzlich eine innere Leere in sich. Denken -Sie daran, daß Sie nur eine oberflächliche Bildung genossen und nicht -einmal die Universität beendigt haben. Machen Sie das durch die Lektüre -großer Werke und nicht durch Beschäftigung mit modernen Broschüren -wieder gut, die aus einem erhitzten Gemüt entspringen, das von der -geraden gesunden Ansicht der Dinge ablenkt. - - - V. - Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle - aufgefunden worden ist - -Sie haben meine Worte über das Lesen und Schreiben ganz buchstäblich -verstanden und ihnen einen zu engen, begrenzten Sinn untergelegt. Diese -Worte waren an einen Gutsbesitzer gerichtet, dessen Bauern Landwirte -sind. Es kam mir beinahe komisch vor, daß Sie aus diesen Worten den -Schluß ziehen konnten, als wollte ich die elementare Volksbildung -bekämpfen; als ob jetzt davon die Rede wäre -- wo das doch eine Frage -ist, die unsere Väter längst gelöst haben! Unsere Väter und Großväter -haben, selbst wenn sie selbst Analphabeten waren, entschieden, daß die -Elementarbildung etwas Notwendiges sei. Aber darum handelt es sich ja -gar nicht. Der Gedanke, der mein ganzes Buch durchzieht, ist dieser: wie -man erst _die_ Menschen aufklären könne, die in nahem Verkehr mit dem -Volke stehen, und _dann erst_ das Volk selbst. Alle diese kleinen -Beamten und Regierungsvertreter, die alle lesen und schreiben können und -sich dabei doch soviel Mißbräuche zuschulden kommen lassen ... Glauben -Sie mir, es ist viel notwendiger, daß wir die Bücher, die Ihrer Ansicht -nach so nützlich für das Volk sind, für diese Leute herausgeben. Das -Volk ist weit weniger verdorben, als diese ganze lese- und -schreibkundige Gesellschaft. Dagegen Bücher für diese Leute -herauszugeben, Bücher, die ihnen das Geheimnis offenbaren, wie man mit -dem Volk und mit den ihnen anvertrauten Untergebenen umgehen muß -- -nicht in dem umfassenden Sinne, wie ihn die oft wiederholten Worte -ausdrücken: »_Stiehl nicht, sei rechtschaffen und ehrlich_« oder »Denke -daran, daß deine Untergebenen ebensolche Menschen sind wie du« -- -sondern, die sie belehren, wie man es anfängt, nicht zu stehlen, und daß -das Recht wirklich eingehalten werde ... - - - VI. - Gogol an W. G. Bjelinski[9] - -[Fußnote 9: Dieser Brief stellt Gogols Antwort auf Bjelinskis oben -mitgeteiltes Schreiben dar. Es ist offenbar ein zweiter Brief, den Gogol -an Stelle des oben abgedruckten ersten, später in Stücke gerissenen, -geschrieben hat.] - - Ostende, den 10. August 1847. - -Ich konnte nicht gleich auf Ihren Brief antworten. Meine Seele ist ganz -matt, ich fühle mich in meinem tiefsten Inneren erschüttert. Ich kann -wohl sagen, es gibt keine empfindliche Seite in mir, die nicht aufs -schwerste getroffen war, noch ehe ich Ihren Brief erhalten hatte. Ich -habe Ihren Brief beinahe in einem zustande völliger Gefühllosigkeit -gelesen, trotzdem aber war ich nicht imstande, ihn zu beantworten. Und -was hätte ich auch antworten sollen! Gott weiß, vielleicht enthalten -Ihre Worte wirklich etwas Wahres. Ich will Ihnen nur sagen, daß ich -gelegentlich meines Buches ungefähr fünfzig verschiedene Briefe erhalten -habe, aber kein einziger gleicht dem anderen, es gibt keine zwei Leute, -die dieselbe Ansicht über einen Gegenstand haben: was der eine verwirft, -das behauptet der andere. Und doch gibt es auf beiden Seiten gleich edle -und gescheite Menschen; die einzige nicht zu bezweifelnde Lehre, die ich -aus alledem entnehmen zu können glaubte, war die, daß ich Rußland -überhaupt nicht kenne, daß sich sehr vieles verändert hat, seit ich -nicht mehr dort war, und daß man heute beinahe alles, was es dort gibt, -von neuem kennen lernen muß, und daraus zog ich für meinen Teil -folgenden Schluß: daß ich nichts mehr veröffentlichen und vor das -Publikum bringen darf; weder lebendige Anschauungen meiner Phantasie, -noch selbst zwei Zeilen aus irgendeinem Werk, solange ich nicht in -Rußland war, eine Zeitlang dort gelebt und mich mit eigenen Augen von -vielem überzeugt und vieles mit eigenen Händen befühlt haben werde. Ich -sehe, daß viele, die mich beschuldigt haben, manches nicht zu kennen und -manche Seiten des Lebens nicht berücksichtigt zu haben, selbst in vielen -Punkten eine große Unkenntnis an den Tag legen und damit beweisen, daß -sie selbst viele Seiten des Lebens nicht in Betracht gezogen haben. -Nicht alle Klagen sind an unser Ohr gedrungen, und wir haben nicht alle -Leiden in ihrer ganzen Schwere ermessen. Mir will es sogar so scheinen, -daß nicht jeder von uns die gegenwärtige Zeit versteht, eine Zeit, in -der der Geist völliger Disharmonie und Unordnung deutlicher als je -zutage tritt. Wie dem auch sein mag, jetzt kommt alles zum Vorschein: -jedes Ding will berücksichtigt sein, das Alte und das Neue fordern -einander zum Kampfe heraus, und man braucht nur auf der einen Seite in -Übertreibungen und Maßlosigkeiten zu verfallen, damit sich auch die -andere Seite sofort derselben Übertreibungen und Maßlosigkeiten schuldig -macht. Die gegenwärtige Zeit ist das Zeitalter besonnener vernünftiger -Überlegung: ohne sich zu erhitzen, wägt sie alles ab und zieht sie alle -Seiten der Dinge in Betracht, denn ohne dies ist es unmöglich, die -rechte Mitte, das vernünftige Maß der Dinge kennen zu lernen. Sie -verlangt von uns, daß wir Umschau halten mit dem vielseitigen Blick des -Greises, und daß wir nicht mit dem heißen Draufgängertum der alten -Ritter vorgehen. Diesem Zeitalter gegenüber sind wir reine Kinder. -Glauben Sie mir, Sie und ich haben beide unsere Pflicht gegen unsere -Zeit nicht erfüllt. Ich wenigstens bin mir darüber klar, aber sind auch -Sie sich dessen bewußt? Ebenso wie ich die gegenwärtigen Dinge und viele -Umstände übersehen habe, die ich hätte berücksichtigen müssen, ebenso -haben auch Sie vieles übersehen; wenn ich mich zu sehr in mich selbst -zurückgezogen habe, so haben Sie sich zu sehr zerstreut. Wie ich noch -vieles kennen lernen muß, was Sie schon wissen und was ich nicht weiß, -so müßten Sie wenigstens einen Teil davon kennen lernen, was ich weiß -und was Sie zu Unrecht vernachlässigt und übersehen haben. Jetzt aber -denken Sie vor allem an Ihre Gesundheit; vergessen Sie die modernen -Probleme für eine Weile. Sie werden später mit größerer Frische und also -auch mit größerem Nutzen für Sie selbst wie für die Probleme zu diesen -zurückkehren. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Ihnen jener -Seelenfriede zuteil werde, der unser höchstes Gut ist, ohne den man -nicht wirken und auf keinem Gebiete vernünftig handeln kann. - - N. Gogol. - - - - - Nachtrag - - - Band VII und VIII - Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden - -(Die wörtliche Übersetzung des Titels lautet: _Ausgewählte Stellen_ aus -dem Briefwechsel mit meinen Freunden.) Den Plan, eine Auswahl von -Stücken aus seinem Briefwechsel herauszugeben, faßte Gogol bereits im -Beginn des Jahres 1845; an die Ausführung seiner Idee ging er jedoch -erst im April 1846 heran. Ehe er das Manuskript an Pletnjew absandte, -unterzog er sämtliche Stücke, die er in Buchform herauszugeben gedachte, -einer gründlichen Korrektur und Überarbeitung. Zu allererst wurde das -VII. Kapitel: _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An W. M. -Jasykow (Band VII, Seite 55 ff.) für den Druck umgearbeitet, redigiert -und dann am 4. Juli 1846 an Pletnjew zur Veröffentlichung in dessen -Zeitschrift gesandt. -- Am 30. Juli desselben Jahres erhält Pletnjew von -Gogol aus Schwalbach: _Die Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) und die -ersten sechs Stücke des »Briefwechsels« zugeschickt. Zwischen dem 13. -und 24. August folgen aus Ostende weitere sieben Aufsätze (Nr. 8-14, -Band VII, Seite 73-149) und am 12. September neuen Stils -- gleichfalls -aus Ostende -- nochmals sieben Kapitel (Nr. 15-21, Band VII, Seite -151-253). Am 26. September sendet Gogol Pletnjew aus Ostende ein viertes -Heft mit neun Kapiteln (Band VII, Nr. 22-30, Seite 255-367). Am 3. -Oktober neuen Stils schickt Gogol aus Frankfurt zwei Korrekturen zu dem -Aufsatz: An _einen hochgestellten Mann_ ein (Band VII, Nr. 28, Seite -323). Am 16. Oktober endlich erfolgt von Frankfurt a. M. aus die -Absendung der beiden letzten Kapitel und einer Korrektur zum 10. -Kapitel: _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski -(Band VII, Seite 85 ff.). - -Die _Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden_ erschien im -Dezember des Jahres 1846. Die Unterschrift des Zensors ist vom 18. -August 1846 datiert, bezieht sich jedoch wahrscheinlich nur auf das -erste Heft; im Oktober ergaben sich Schwierigkeiten bei der Drucklegung: -der Zensor wollte den Abdruck einzelner Partien und sogar ganzer Kapitel -nicht gestatten; daher mußten fünf Briefe: Nr. 19, 20, 21, 26 und 28 -(Band VII, Seite 203, 209, 227, 307 und 323) gänzlich wegfallen. Diese -Kapitel, sowie die von der Zensur gestrichenen Partien erschienen später -in der »Gesamtausgabe« von Gogols Werken vom Jahre 1867, die von -_Tschischow_ veranstaltet wurde. Die von der Zensur beanstandeten -Stellen stehen in unserer Ausgabe in eckigen Klammern. - -Ferner bat Gogol selbst Pletnjew in einem Brief vom 16. Oktober 1846, -»die ganze Stelle zu streichen, die von der Bedeutung der monarchischen -Gewalt und ihrer weltlichen Erscheinungsform handelt, und durch den -Abschnitt auf der letzten Seite des Heftes zu ersetzen«. Die neue -veränderte Fassung des Textes beginnt mit den Worten: »Diese Bedeutung -des Herrschers wird allmählich auch in Europa ...« (Band VII, Seite 100, -Zeile 3 v. o.) und schließt mit dem Satze: »daher nehmen ihre Töne einen -biblischen Charakter an« (Band VII, Seite 102, Zeile 3 v. o.). Wir -lassen hier die umgearbeitete Stelle folgen, wie sie von Tschischow nach -dem Manuskript nachträglich in seiner Gesamtausgabe der Werke Gogols -abgedruckt wurde (Band III, Seite 374 bis 376): »Die souveräne Gewalt -des Monarchen wird keineswegs an Bedeutung verlieren, sondern in dem -Maße, wie die ganze Menschheit an Bildung zunehmen wird, nur noch -wachsen. Je mehr jeder Beruf und Stand die ihm gesteckten gesetzlichen -Grenzen einhalten wird und die gegenseitigen Beziehungen aller Menschen -genauer bestimmt und normiert werden, um so deutlicher wird sich die -Notwendigkeit einer höchsten Obergewalt herausstellen, die die ganze -Macht der einzelnen Individuen in sich vereinigt und alle höchsten -Vorzüge und Tugenden, die den Menschen geradezu Gott ähnlich machen, in -Erscheinung treten läßt -- jene höchsten kollektiven Attribute und -Eigenschaften, die der einzelne Mensch nicht besitzen kann. Eine ganze -Million wie einen Menschen liebgewinnen -- das ist weit schwerer, als -nur wenige unter dieser Million lieben; die Leiden aller Menschen so -intensiv mitempfinden wie den Schmerz unseres liebsten Freundes und an -die Rettung aller Menschen bis auf den letzten denken, wie man wohl auf -die Rettung der eigenen Familie hofft, -- das kann nur _der_ in vollem -Maße, dem dies zum unerschütterlichen Gebot gemacht ward und der da -fühlt, daß er für die Verletzung dieses Gebotes vor Gott ebenso -furchtbare Rechenschaft wird ablegen müssen, wie jedes einzelne -Individuum für die Verletzung seiner Pflicht in seinem besonderen -Wirkungskreis Rechenschaft geben wird. Wenn diese höchste leitende -Obergewalt dahinfiele -- so würde der menschliche Geist verarmen. Diese -souveräne Herrschergewalt des Monarchen wird heute nur deshalb -angezweifelt, weil ihre ganze Bedeutung weder den Herrschern noch den -Untertanen aufgegangen ist. Die monarchische Gewalt -- ist eine Torheit, -wenn der Monarch nicht fühlt, daß er das Abbild Gottes auf Erden sein -soll. Selbst wenn er noch so sehr das Gute will, wird er sich in seinen -Handlungen nicht mehr zurechtfinden können, besonders bei der -gegenwärtigen Ordnung der Dinge in Europa; sowie er jedoch zur -Erkenntnis kommt, daß er die Aufgabe hat, den Menschen ein Abbild Gottes -zu sein, wird für ihn alles klar und deutlich werden und wird auch -Klarheit in sein Verhältnis zu seinen Untertanen kommen. Dann wird er -sich nicht mehr einen Napoleon, einen Friedrich, einen Peter, eine -Katharina oder einen Ludwig zum Muster nehmen, wie überhaupt keinen von -den Fürsten, denen die Welt den Namen des Großen beilegt, und deren -Bestimmung es war, infolge der zeitlichen Verhältnisse und Umstände -außer der königlichen Würde auch noch die Rolle eines Feldherrn, -Neugestalters oder Reformators auf sich zu nehmen, kurz nur eine -einzelne Seite glanzvoll in sich zu verkörpern, was die unbedeutenderen -Nachahmer irreleitet und so viele Fürsten in Versuchung führt. Er wird -sich vielmehr die Handlungen Gottes selbst zum Vorbild nehmen, die aus -der Geschichte der Menschheit so vernehmbar zu uns reden und die noch -deutlicher in der Geschichte _des_ Volkes in Erscheinung treten, das -Gott dazu auserwählt hatte, von Ihm Selbst regiert zu werden, um den -Königen zu zeigen, wie regiert werden muß. Und wie wahrhaft göttlich hat -Er regiert! Wie verstand Er es, Sein Volk mehr denn alle anderen Völker -zu lieben! Mit welch väterlicher Liebe lehrte und unterwies Er es und -mit welch himmlischer Geduld wartete Er auf seine Wandlung und -Besserung. Wie ungern erhob Er Seine strafende Geißel wider Sein Volk! -Wie beeilte Er Sich Selbst _dann_ noch nicht, als die Gottlosigkeit und -die Sünden des Volkes zum Himmel schrien, es zu strafen, sondern sprach: ->Ich will Selbst zur Erde hinabsteigen und zusehen, ob das Unrecht und -die Sündhaftigkeit wirklich so groß sind!< Und wer war es, der so -sprach? Der Allwissende, für alles Sorgende, der die Könige dieser Erde -zur Vorsicht und Behutsamkeit mahnt! Wie Er ja auch Seine Strafen nicht -deshalb verhängte, um den Menschen zu vernichten, den zu vernichten ja -gar nicht schwer ist, sondern um ihn zu erretten, weil es _sehr_ schwer -ist, ihn zu erretten, und um seine gefühllose Natur durch eine starke -Erschütterung und ein Weckmittel aufzurütteln, ihm die ganzen Schrecken -des Zieles, dem er in seiner Unwissenheit zustrebt, vor Augen zu führen -und ihn dadurch zu mahnen, daß es noch Zeit wäre, an seine Rettung zu -denken! Wie Er ja auch, da Er die unbestechliche sieghafte Macht Seiner -unüberwindlichen Wahrheit und Gerechtigkeit kannte, alles tat, auf daß -der schwache und ohnmächtige Mensch ihr nicht unterliege: sandte Er ihm -doch Seine Propheten, daß sie erfüllt von Liebe zu ihren Brüdern und, -nachdem sie eine Sprache gefunden, die den Menschen verständlich war, -sie zur Besinnung brächten; Er, der sich entschloß, da Er endlich sah, -daß alles vergeblich war, daß nichts sie zur Vernunft bringen könne und -daß es kein Mittel gäbe, die Menschen Seiner unabwendlichen -Gerechtigkeit zu entziehen, Sich Selbst für alle zum Opfer zu bringen, -um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit zu besiegen -und den Menschen zu beweisen, daß eine solche Liebe höher ist, denn -alles, was es gibt, daß sie an sich selbst die höchste himmlische -Gerechtigkeit ist! Alles ward von Gott gesagt für den, der vor den -Menschen in sich selbst Sein Abbild zur Darstellung bringen will, hat Er -ihn doch gelehrt, wie er handeln soll. Um aber die Könige zu -unterweisen, wie sie sich gegen Ihn Selbst, den Schöpfer alles -Sichtbaren und Unsichtbaren, verhalten sollen, schenkte Er ihnen die -Vorbilder der von Ihm Selbst gesalbten Könige David und Salomo, die mit -ihrem ganzen Sein in Gott lebten, wie in ihrem eigenen Hause und die in -ihrem Königstume das weise Zusammenwirken zweier Mächte -- der -geistlichen und weltlichen -- verkörperten, und zwar in der Weise, daß -nicht bloß keine von beiden die andere störte und hemmte, sondern daß -sie sich gegenseitig noch stärkten und befestigten. So enthält das -heilige Buch Gottes eine vollkommene Definition des Monarchen, dieses -völlig von uns isolierten Wesens, dem auf Erden eine so schwere Aufgabe -zuteil ward: nachdem er alles vollbracht, was jedes Menschen Aufgabe -ist, und Christus in seinem ganzen Tun und Handeln bis in die kleinsten -Einzelheiten seines Alltagslebens gleichgeworden ist, zu alledem auch -noch in den erhabensten Äußerungen seiner Tätigkeit gegenüber allen -Menschen Gott Vater gleich zu werden. In diesem Buche ist eine -vollkommene Definition des Monarchen enthalten, die man nirgends sonst -findet. Auf diese Definition ist noch keiner der europäischen -Rechtsgelehrten gekommen, bei uns aber haben die Dichter etwas von ihr -geahnt und vernommen, daher nehmen ihre Töne auch einen biblischen -Charakter an.« - -Der ursprüngliche Text der Aufsätze und Privatbriefe Gogols an seine -Freunde, die in dem »Briefwechsel« Aufnahme fanden und erst nach einer -durchgreifenden Reinigung und Umarbeitung zur Veröffentlichung an -Pletnjew gesandt wurden, stammt aus den verschiedensten Zeiten der -Periode von 1843-1846, und zwar ist die Zahl der Stücke um so geringer, -je mehr wir uns der ersten Hälfte des Jahres 1843 nähern. Von den -Briefen dieser Epoche hat Gogol nur sehr wenige der Aufnahme in die -Ausgewählten Stellen aus seinem Briefwechsel für würdig erachtet. Aus -dem Jahre 1843 stammen die ersten Entwürfe folgender Artikel: - -1) _Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen_ (Band VII, Nr. -5, Seite 43) und - -2) _Die drei ersten Briefe über die Toten Seelen_ (Band VII, Nr. 18, -Seite 175). - -Aus dem Jahre 1844 stammen folgende Aufsätze und Briefe: - -1) _Diskussionen._ Aus einem Briefe an L***. (Band VII, Nr. 11, Seite -111.) - -2) _Liebt unser russisches Vaterland._ Aus einem Briefe an den Grafen A. -T. (Band VII, Nr. 19, Seite 203.) Dieses Stück stammt aus der zweiten -Hälfte des Jahres 1844. - -3) _Etwas über die Bedeutung des Worts._ (Band VII, Nr. 4, Seite 35.) -Diese Betrachtung ist wahrscheinlich Ende Oktober des Jahres 1844 -niedergeschrieben. - -4) _Wie man den Armen helfen soll._ Aus einem Briefe an A. O. -Sm--rn--wa. (Band VII, Nr. 6, Seite 49.) Ist gegen Ende des Jahres 1844 -niedergeschrieben. - -5) _Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit._ Zwei Briefe -an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 15, Seite 151.) Der erste Brief ist vom -2. Dezember, der zweite vom 26. Dezember 1844 datiert. - -6) _An einen kurzsichtigen Freund._ (Band VII, Nr. 27, Seite 317.) - -Aus dem Jahre 1845 stammt der erste Entwurf folgender Stücke: - -1) _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An N. M. Jasykow. (Band -VII, Nr. 7, Seite 55.) Ein Brief, der zu Beginn des Jahres geschrieben -ist. - -2) _An einen hochgestellten Mann._ (Band VII, Nr. 28, Seite 323.) Die -Idee zu diesem Schreiben rührt vom Ende des Jahres 1844 her. -Niedergeschrieben wurde es im Februar und März des Jahres 1845. - -3) _Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von -der Einseitigkeit überhaupt._ An den Grafen A. P. T... (Band VII, Nr. -14, Seite 129) -- ist im März und April 1845 niedergeschrieben. - -4) _Lernt Rußland kennen._ Aus einem Briefe an den Grafen P. T. (Band -VII, Nr. 20, Seite 209) -- stammt aus derselben Zeit (oder vom Ende des -Jahres 1845?). - -5) _Mein Testament_ (Band VII, Nr. 1, Seite 9) stammt aus dem Juli(?) -1845. - -6) _Über ländliche Pflege und Gerichtsbarkeit_ (Band VII, Nr. 25, Seite -301). - -7) _Wessen Los auf Erden das beste ist._ Aus einem Briefe an U. (Band -VII, Nr. 29, Seite 359.) - -Mehr als die Hälfte der Briefe, die in die »Auswahl aus dem Briefwechsel -mit meinen Freunden« aufgenommen wurden, stammen aus dem Jahre 1846. In -einem Brief aus diesem Jahre schreibt Gogol an Schewyrjow: »Während -dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere -seelische Leiden gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen -Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nie geführt habe. -Und wie mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen -nahestehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie -alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und -verlangten Rat und Hilfe von mir« (vgl. Band VII, Seite 163 ff.). -»Während der letzten Zeit«, fährt Gogol fort, »kam es sogar vor, daß ich -Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und -daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte -erteilen können.« Am meisten von Krankheit gequält war Gogol in den -ersten zwei Monaten des Jahres 1846; dies war auch sonst eine sehr -schwere Zeit für ihn. Gogol arbeitete während dieser Monate intensiv an -der »Auswahl aus dem Briefwechsel«. »Gleichzeitig brauchte er eine Kur, -machte er Reisen, war er von schweren Sorgen gequält und mußte sich um -Dinge kümmern, von deren Schwierigkeit seine Freunde keine Ahnung -hatten.« Zugleich aber mußte er zahlreiche, sehr verschieden geartete -Briefe erwidern, die nicht in leichtfertiger, sondern in wohlüberlegter -Weise beantwortet sein wollten. Höchstwahrscheinlich erfolgte die -Antwort auf einzelne Briefe vor der Öffentlichkeit, d. h. in der -»Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«, und es wäre -vergeblich, nach dem ursprünglichen Text der Briefe, die unmittelbar an -die Fragesteller gerichtet waren, zu forschen. »Auf Ihren langen Brief«, -schreibt Gogol im Jahre 1846 an die Gräfin ***, »... antworte ich ... -nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern wie Sie sehen, _in -einem gedruckten Buche_, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in -Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird« (vgl. Band VII, Seite -309 ff.). Die an Schewyrjow gerichteten Briefe aus der »Auswahl« waren -unter den Papieren Schewyrjows nicht zu finden, wahrscheinlich hat er -sie auch erst gelesen, als sie bereits gedruckt in Buchform vorlagen. Es -ist daher heute noch für den größten Teil der Briefe vom Jahre 1846, die -in der »Auswahl« enthalten sind, kaum möglich, die chronologische -Reihenfolge genau festzustellen, ebensowenig wie sich zurzeit die Frage -beantworten läßt, ob _schriftliche_ Antworten auf die an Gogol -gerichteten Fragen vorliegen. In den Papieren Schewyrjows wurde nicht -ein Brief Gogols aus dem Jahre 1846 gefunden, der in die Auswahl aus dem -Briefwechsel usw. aufgenommen wurde. - -Aus dem Jahre 1846 stammen folgende Briefe und Aufsätze der »Auswahl«: - -1) _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski. (Band -VII, Nr. 10, Seite 85.) Dieses Stück wurde 1845 niedergeschrieben und -1846 nochmals umgearbeitet. - -2) _Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei den -heutigen Zuständen in Rußland sein kann._ (Band VII, Nr. 24, Seite 291.) -Dieses Stück stammt etwa aus dem September dieses Jahres und scheint -unmittelbar für den Druck bestimmt gewesen zu sein. - -3) _Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit._ Aus einem -Briefe an den Grafen A. P. T. (Band VII, Nr. 8, Seite 73) und - -4) _Über denselben Gegenstand._ Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T. -(Band VII, Nr. 9, Seite 79.) 3 und 4 stammen aus der ersten Hälfte des -Jahres 1846. - -5) _Der Historienmaler Iwanow._ An M. Ju. Weligurski. (Band VII, Nr. 23, -Seite 271.) Dieser Brief, der im Februar oder März dieses Jahres an den -Grafen W. abgesandt wurde, wurde nachträglich, d. h. im August oder -September, nochmals für den Druck umgearbeitet. - -7) _Karamsin._ Aus einem Briefe an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 13, -Seite 123.) Der erste Entwurf dieses Briefes ist am 5. Mai 1846 -niedergeschrieben. - -8) _Über die Aufklärung._ An W. A. Schukowski. (Band VII, Nr. 17, Seite -167.) Stammt aus dem Juni und Juli dieses Jahres. - -9) _Was eine Gouverneursgattin ist._ An Fr. A. O. S. (Band VII, Nr. 21, -Seite 227.) Der erste Entwurf dieses Briefes stammt aus der zweiten -Juli-Hälfte des Jahres 1845, er wurde am 4. Juli 1846 in neuer -verbesserter Fassung an Frau A. O. Smirnowa gesandt und endlich im -September 1846 und 1847 für die Drucklegung nochmals umgearbeitet. - -10) _Rußlands Schrecken und Grauen._ An die Gräfin *** (Band VII, Nr. -26, Seite 307) ist zu Beginn des August 1846 niedergeschrieben. - -11) _Wesen und Eigenart der russischen Poesie._ (Band VII, Nr. 31, Seite -369.) Dieser Aufsatz wurde »während dreier Epochen« geschrieben, er ist -1836 oder 1843 (?) begonnen und im September 1846 für die Drucklegung -vollendet. - -12) _Die Frau in der vornehmen Welt._ An Frau ***. (Band VII, Nr. 2, -Seite 21.) - -13) _Der Christ schreitet vorwärts._ An Schtsch--w. (Band VII, Nr. 12, -Seite 117.) - -14) _Ratschläge._ An S. P. Schewyrew. (Band VII, Nr. 16, Seite 161.) - -15) _Der vierte Brief über die Toten Seelen._ (Band VII, Nr. 18, IV, -Seite 199.) - -16) _Der russische Gutsbesitzer._ An B. N. B. (Band VII, Nr. 22, Seite -255.) Die Originalmanuskripte der letzten fünf Briefe sind unbekannt. -Wahrscheinlich sind diese Stücke gleich für die »Auswahl« geschrieben. -Der erste Brief wurde am 30. Juli druckfertig abgesandt, der zweite am -13. (25.) August, der dritte und vierte am 12. September neuen Stils, -der fünfte am 26. September. - -Die _Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) zur »Auswahl« stammt aus dem -August des Jahres 1846. - -Der Aufsatz: _Auferstehungstag_ (Band VII, Nr. 32, Seite 447) trägt kein -Datum. - - * * * * * - -Der Brief an _Arkadius Ossipowitsch Rosetti_ (Band VIII, Nr. 1, Seite 1) -ist in Neapel geschrieben und wurde am 15. April 1847 abgesandt. - -_Über den »Zeitgenossen«_; (Sowremennik); (Band VIII, Nr. 2, Seite 11), -ein Brief an P. A. Pletnjew, ist vom 4. Dezember 1846 datiert. - -_Die Beichte des Dichters_ (Band VIII, Nr. 3, Seite 33) ist im Mai 1847 -begonnen und noch in demselben Jahre vollendet. - -Der Brief an _W. A. Schukowski_ (Band VIII, Nr. 4, Seite 101) wurde am -10. Januar 1848 (den 29. Dezember 1847) aus Neapel an Schukowski -gesandt. - -_Die Betrachtungen über die Heilige Liturgie_ (Band VIII, Nr. 5, Seite -115 ff.) wurden im Januar und Februar des Jahres 1845 in Paris -konzipiert und in der ersten Fassung noch vor der Abreise nach Jerusalem -(d. h. vor dem Januar 1848) vollendet. Nachträglich wurden sie noch bis -zum Jahre 1852 mehrfach umgearbeitet[10]. - -_Hans Küchelgarten._ Dieses Jugendwerk Gogols wurde wahrscheinlich -bereits während seiner Schulzeit konzipiert und begonnen. Bald nach -Gogols Ankunft in St. Petersburg (1828) ließ er das Werk unter dem -Pseudonym _W. Alow_ drucken und gab es den Buchhändlern in Kommission. -Es wurde teils gar nicht beachtet teils wie z. B. von Polewoi -offenkundig abgelehnt. - -[Fußnote 10: 1911 ist eine deutsche Übersetzung von K. von Mickwitz in -Rendsburg (Heinrich Möller Söhne) erschienen, die dem Herausgeber bei -der vorliegenden Ausgabe, besonders für die Ermittlung der Bibelzitate, -wertvolle Dienste geleistet hat. - -Die bibliographischen Anmerkungen und Lesarten zu den bisher -aufgeführten Schriften sind der Ausgabe von Tichonrawow und Schenrock -entnommen.] - -_Beilage I-IV. Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski._ (Band VIII, Seite -369.) - -Dieser Briefwechsel mit dem berühmten russischen Kritiker Wissarion -Bjelinski bildet eine wichtige Ergänzung zu der »Auswahl«, da er ein -helles Licht auf die Stimmung wirft, aus der dieses Werk entsprungen -ist, und weil er geeignet ist, Gogols Ziele und Absichten, die er mit -dem Buche verfolgte, schärfer zu beleuchten und ein Bild von der Wirkung -zu geben, die der Briefwechsel auf die Zeitgenossen ausübte. Die -»Auswahl aus dem Briefwechsel« bezeichnet einen Wendepunkt in Gogols -Leben, das von diesem Augenblick an mit unheimlicher Schnelligkeit der -Katastrophe zutreibt. Bald nach dem Erscheinen des ersten Bandes der -»Toten Seelen« setzt jene innere Krise ein, die so verhängnisvoll für -Gogols Schaffen und sein persönliches Schicksal werden sollte. Der -Zweifel an dem Zweck und Sinn des Dichterberufs, insbesondere an der -Berechtigung seines eigenen dichterischen Stils steigert sich allmählich -bis zu einer selbstquälerischen Melancholie, die das ganze menschliche -Tun einseitig in den Blickpunkt der religiösen Zielsetzung einstellte. -Der religiös-sittliche Zweck allein darf Inhalt und Wesensart der -dichterischen Produktion bestimmen. Damit nimmt Gogols Schaffen immer -mehr jenen didaktischen Charakter an, wie er so deutlich in dem -Briefwerke zum Ausdruck kommt. Das Entwerfen von Mustern sittlicher -Größe und Schönheit, Belehrung und Erziehung werden nun zu den höchsten -Aufgaben des Dichters. Zugleich aber drängt sich immer kräftiger jener -rückwärtsgewandte Zug zu einer passiven, heteronomen sittlichen -Lebensauffassung vor, die in der demütigen Unterwerfung unter die -gottgewollten Bindungen, in ihrer fügsamen Hinnahme den Sieg der Tugend -und damit die Selbsterlösung aus der Wirrnis und den Unzulänglichkeiten -der menschlichen Zustände erblickt. Diese Geistesstimmung konnte den -»Briefwechsel« zu dem Grundbuch des rückständigen Rußland machen, zu dem -Arsenal aller reaktionären Ideologien, die auf alle folgenden -Generationen, so z. B. noch auf Dostojewski, bis in die neuere und -neueste Epoche fortwirkten. Gegen diese Tendenzen richtete sich schon zu -Gogols Zeit der stürmische Protest der europäisch gesinnten russischen -Jugend, wie er aus dem von wundervoller Leidenschaft durchpulsten Brief -Bjelinskis zu uns spricht. Dieser Brief wird sicherlich Gogol nicht -gerecht. In seinem prachtvollen Empörungsausbruch übersieht Bjelinski -die radikalen Konsequenzen, die sich aus Gogols Standpunkt ergeben und -für die der Zensor ein feineres Verständnis zeigte, als er nicht -unbeträchtliche Teile aus dem »Briefwechsel« herausstrich, ebenso wie -Bjelinski die tiefen inneren sittlichen Probleme des menschlichen und -künstlerischen Gewissens verkennt, die in diesem Werk ihren Ausdruck -finden. Und doch liegt in dieser Ungerechtigkeit zugleich eine höhere -geschichtliche Gerechtigkeit. In einer von freudigen Hoffnungen -kommender großer Ereignisse erfüllten Zeit, die schon den großen -Frühlingssturm des Jahres 1848 vorausahnte und sich auf ihn rüstete, -mußte Gogols Predigt als ein Produkt dunkelster Reaktion, als das Werk -eines finsteren rückwärtsdrängenden Geistes erscheinen. - -Die Empörung über das Buch war allgemein, nicht allein bei den -sogenannten Westlingen und den radikalen Slawophilen, sondern selbst bei -Gogols nächsten Freunden, die über den hochmütigen lehrhaften Ton, den -Gogol hier angeschlagen hatte, ungehalten waren. 1847 veröffentlichte -Bjelinski im zweiten Heft des »Sowremjennik« (Zeitgenossen) eine -außerordentlich ungünstige Kritik, die sich zwar aus Zensurrücksichten -eines maßvollen Tones befleißigte, aber Gogol, der bisher in Bjelinskis -Kritiken nur begeisterter Zustimmung begegnet war, aufs tiefste -verletzte. Da er sich den Grund zu Bjelinskis ablehnendem Urteil nicht -erklären konnte, war er geneigt, ihn auf persönliche Motive -zurückzuführen, wie dies aus Gogols durch die Rezension hervorgerufenem -Schreiben an Bjelinski deutlich hervorgeht. - -Bjelinski befand sich um diese Zeit auf Veranlassung seiner Freunde in -Salzbrunn, wo er eine Kur gegen die Schwindsucht brauchte. An einem -Julitag des Jahres 1847 setzte er sich hin und verfaßte jenen berühmten -Brief (Band VIII, Seite 361), der eine so große Rolle in dem geistigen -Freiheitskampf Rußlands gespielt hat. - -Dieser Brief ist das Manifest des revolutionären Rußland geworden. Zwei -weltgeschichtliche Gegensätze stoßen hier in heftigem Zusammenprall -aufeinander. Europäertum und konservatives Altrussentum halten hier ihre -große Abrechnung. Licht, Sonne, Heiterkeit, Klarheit, freie -Selbstbestimmung auf der einen, Dumpfheit, Enge, Gebundenheit, Autorität -auf der anderen Seite sind die Losungen, um die in diesem Briefwechsel -gekämpft wird. Und es unterliegt keinem Zweifel, auf wessen Seite der -Sieg sich neigt. Die Wirkung des Briefes war unbeschreiblich. In tausend -Abschriften wanderte er von Hand zu Hand, und bald gab es in den -entlegensten Provinzen, wie Asksakow schreibt, keinen Schullehrer, der -den Brief nicht auswendig kannte. In allen oppositionellen Konventikeln -wurde er mit Begeisterung gelesen und heimlich weiterverbreitet. Bloß -der Tod (Bjelinski starb am 28. Mai 1848) rettete den Autor vor der -Rache des Despotismus. Mußten doch zahlreiche junge Leute, darunter auch -Dostojewski, wegen dieses Schreibens nach Sibirien wandern, lediglich -weil sie der Polizei nicht von dessen Existenz Mitteilung gemacht -hatten. So kämpfte in diesem Brief der Geist des verstorbenen Bjelinski -noch nach seinem Tode tapfer weiter fort, wenn auch zunächst noch mit -geschlossenem Visier. Lange war der Brief in Rußland gänzlich verboten. -Alexander Herzen veröffentlichte ihn zum erstenmal in seinem in London -erscheinenden »Polarstern«. Danach wurde er im Auslande und endlich 1872 -auch in Rußland auszugsweise unter Weglassung der schärfsten Stellen -nachgedruckt. Der vollständige Abdruck im Jahre 1906 in der Bibliothek -Swetotsch (Die Fackel) durch Wengerow bezeichnet einen neuen Abschnitt -in der Geschichte des Briefes und zugleich eine neue Epoche in der -russischen Revolution. - - - Chronologische Tabelle der Werke Gogols - - Die Zahl des Bandes, in dem die einzelnen Schriften erschienen - sind, steht in eckigen Klammern hinter der Jahreszahl. - - Hans Küchelgarten (um 1828) [VIII] - Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - I. Teil 1831 [III] - Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - II. Teil 1832 [III] - Arabesken 1834 [VI] - Mirgorod, Teil I und II 1834 [IV] - Über die Strömungen der Zeitschriftenliteratur 1835 [VI] - der Jahre 1834-1835 - Der Revisor 1836 [V] - Die Equipage 1836 [IV] - Die Nase 1836 [II] - Petersburger Skizzen 1837 [VI] - Italienische Sommernächte 1839 [VI] - Szenen aus einer unvollendeten Komödie -- Der 1832-1842 [V] - Morgen eines vielbeschäftigten Herrn -- Der - Prozeß -- Das Vorzimmer -- Fragment - Eine Heiratsgeschichte 1833-1842 [V] - Die Toten Seelen, I. Teil 1835-1842 [I] - Die Spieler 1836-1842 [V] - Nach dem Theater 1836-1842 [V] - Das Porträt 1837-1842 [II] - Der Mantel 1839-1842 [II] - Rom 1839-1842 [VI] - Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden 1846 [VII u. - VIII] - Die Beichte des Dichters 1846 [VIII] - Betrachtungen über die Heilige Liturgie 1845-1848 [VIII] - Brief an Schukowski 1848 [VIII] - Die Toten Seelen, II. Teil 1845-1852 [II] - - - Inhalt des siebenten Bandes - - Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden I Seite - Vorrede 1 - I Mein Testament 9 - II Die Frau in der vornehmen Welt 21 - III Die Bestimmung der Krankheiten 30 - IV Etwas über die Bedeutung des Wortes 35 - V Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen 43 - VI Wie man den Armen helfen soll 49 - VII Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee 55 - VIII Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit 73 - IX Über denselben Gegenstand 79 - X Über das Lyrische bei unseren Poeten 85 - XI Diskussionen 111 - XII Der Christ schreitet vorwärts 117 - XIII Karamsin 123 - XIV Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das 129 - Theater und von der Einseitigkeit überhaupt - XV Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit 151 - XVI Ratschläge 161 - XVII Über die Aufklärung 167 - XVIII Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten 175 - Seelen« - XIX Liebt unser russisches Vaterland 203 - XX Lernt Rußland kennen! 209 - XXI Was eine Gouverneursgattin ist 227 - XXII Der russische Gutsbesitzer 255 - XXIII Der Historienmaler Iwanow 271 - XXIV Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags 291 - und bei den heutigen Zuständen in Rußland sein kann - XXV Über ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit 301 - XXVI Rußlands Schrecken und Grauen 307 - XXVII An einen kurzsichtigen Freund 317 - XXVIII In einen hochgestellten Mann 323 - XXIX Wessen Los auf Erden das beste ist 359 - XXX Ein Geleitspruch 363 - XXXI Wesen und Eigenart der russischen Poesie 369 - XXXII Auferstehungstag 447 - - - Inhalt des achten Bandes - - Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden II Seite - An Arkadius Ossipowitsch Rosetti 1 - Über den »Zeitgenossen« (Sowremjennik) 11 - Die Beichte des Dichters 33 - An W. A. Schukowski 101 - Betrachtungen über die Heilige Liturgie 115 - Einleitung 121 - Das Offertorium (_Proscomidia_) 125 - Die Liturgie der Katechumenen 145 - Die Liturgie der Gläubigen 169 - Schluß 217 - Jugendschriften 223 - 1834 225 - Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken 231 - Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung »Der 235 - schreckliche Eber« - I Der Lehrer 237 - II Der Erfolg der Gesandtschaft 251 - Das Weib 263 - Fragmente - Gedichte und poetische Versuche 275 - Sturm 277 - Albumblatt 279 - Hans Küchelgarten 283 - Beilage: Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski - I Gogol an Bjelinski 349 - II Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch 355 - III Bjelinskis Brief an Gogol 361 - IV Gogol an Bjelinski 381 - V Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle 395 - aufgefunden worden ist - VI Gogol an W. S. Bjelinski 399 - Nachtrag 405 - - - Berichtigungen - -Zu Band V, Seite 479, Zeile 5 von unten: Prozeß. Das Bedientenzimmer -usw. statt _Bedientenzimmer_ lies _Vorzimmer_ (Die Bedientenstube). - -Seite 480, Zeile 2 von unten statt _Die Bedientenstube_ lies _Das -Vorzimmer_ (Die Bedientenstube). - -Zu Band VI, Seite 538, Zeile 6 statt 1835 lies 1836. - - - Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht -verändert. - -Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt, teilweise -unter Verwendung der russischen Originaltexte (vorher/nachher): - - ... Deutsch von Ullrich Steindorf ... - ... Deutsch von Ulrich Steindorff ... - - [S. 1]: - ... An Arkadius Ossipowitsch Rossetti ... - ... An Arkadius Ossipowitsch Rosetti ... - - [S. 13]: - ... auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«. Wir ... - ... auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir ... - - [S. 15]: - ... ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Verspechen, ... - ... ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Versprechen, ... - - [S. 37]: - ... sowie ferner mit dem Unterschied, das sich dies alles in ... - ... sowie ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in ... - - [S. 64]: - ... würden, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und ... - ... würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und ... - - [S. 101]: - ... An W. A. Schukkowski ... - ... An W. A. Schukowski ... - - [S. 156]: - ... Nachdem die Lobhymmen beendigt sind, beginnen die ... - ... Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die ... - - [S. 159]: - ... ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmich ... - ... ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmlich ... - - [S. 179]: - ... alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen Bewußsein ... - ... alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen Bewußtsein ... - - [S. 183]: - ... an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels ... - ... an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer des Himmels ... - - [S. 184]: - ... dem heiligen Hochalter, der den heiligen Abendmahlstisch ... - ... dem heiligen Hochaltar, der den heiligen Abendmahlstisch ... - - [S. 372]: - ... behaupten nnd es als eine große Wahrheit hinstellen, ... - ... behaupten und es als eine große Wahrheit hinstellen, ... - - [S. 378]: - ... Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit und getan, ... - ... Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, ... - - [S. 411]: - ... um um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ... - ... um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ... - - [S. 417]: - ... Über den »Zeitgenossen«; (Sowremjennik); ... - ... Über den »Zeitgenossen«; (Sowremennik); ... - - [S. 427]: - ... Das Offertorium (Prosconidia) | 125 ... - ... Das Offertorium (Proscomidia) | 125 ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, -Hans Küchelgarten, by Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: *** - -***** This file should be named 56475-8.txt or 56475-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/4/7/56475/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/56475-h/56475-h.htm b/56475-h/56475-h.htm index 6078053..10c1233 100644 --- a/56475-h/56475-h.htm +++ b/56475-h/56475-h.htm @@ -155,53 +155,7 @@ div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } <body> -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans -Küchelgarten, by Nikolaj Gogol - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten - Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen - über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente - / Hans Küchelgarten - -Author: Nikolaj Gogol - -Editor: Otto Buek - -Translator: Ullrich Steindorf - -Release Date: January 31, 2018 [EBook #56475] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library - - - - - - -</pre> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56475 ***</div> <div class="frontmatter"> @@ -12783,380 +12737,7 @@ unter Verwendung der russischen Originaltexte (vorher/nachher): -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, -Hans Küchelgarten, by Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: *** - -***** This file should be named 56475-h.htm or 56475-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/4/7/56475/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. 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The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. 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