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-Project Gutenberg's Die selige Christina von Stommeln, by Arnold Steffens
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die selige Christina von Stommeln
-
-Author: Arnold Steffens
-
-Release Date: August 31, 2017 [EBook #55466]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SELIGE CHRISTINA VON STOMMELN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Franz L Kuhlmann and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
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-
-
- Abb. 1. Haupt der h. Christina von Stommeln.
-
-
-
-
- Die selige Christina
- von Stommeln.
-
- Von
- Dr. Arnold Steffens,
- Domkapitular.
-
- 1912.
-
- Druck und Kommissionsverlag der Fuldaer Actiendruckerei
- in Fulda.
-
-
- _Imprimatur_.
-
- _=Fuldae=, 29. Okt. 1912._
-
- _Dr. =Arenhold=_,
- _Vic. gen._
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Die selige Christina von Stommeln, die vielgenannte und vielfach
-verkannte hervorragendste Vertreterin des beschaulichen Lebens im
-Cölner Erzbistum aus dem dreizehnten Jahrhundert, ist in letzter
-Zeit infolge der seitens des h. apostolischen Stuhles erfolgten
-Bestätigung ihrer unvordenklichen Verehrung Gegenstand besonderer
-Aufmerksamkeit geworden. Die Nachfragen nach einer eingehenden
-Darstellung ihres Lebens mehrten sich. Das im Jahre 1859 über
-sie erschienene Buch von Pfarrer Theodor Wollersheim ist längst
-im Buchhandel vergriffen. Eine Neuauflage desselben empfahl
-sich nicht, weil es mehr eine Uebersetzung der Materialien zur
-Geschichte Christinas ist, und zudem noch eine vielfach ungenaue und
-irrtümliche, als eine durchgearbeitete Darstellung ihres Lebens.
-
-Da der Verfasser gegenwärtiger Arbeit im kirchlichen Prozeß
-der Bestätigung der Verehrung Christinas als Antragsteller das
-Beweismaterial beizubringen hatte und sich deshalb mit allem, was
-auf die Dienerin Gottes Bezug hatte, vertraut machen mußte, wurde
-er von verschiedenen Seiten ersucht, eine neue Darstellung ihres
-Lebens zu bearbeiten, zumal am 6. November dieses Jahres die sechste
-Jahrhundertfeier ihres Todes eintrifft.
-
-Die Aufgabe hat ihr Verlockendes, aber auch ihr Schwieriges.
-
-Verlockend ist sie, weil es sich darum handelt, eine innige,
-gottliebende, durch das Feuer der Trübsale erprobte starkmütige
-Frauengestalt der an Heiligen jederzeit fruchtbaren Cölner Kirche zu
-schildern.
-
-Schwierig ist sie, weil Christina zu jenen zählt, die auf dem
-Wege der innigsten Gottvereinigung, die ein Ausfluß der Gaben
-des h. Geistes ist und gewöhnlich als mystische bezeichnet wird,
-zur beseligenden Anschauung Gottes im himmlischen Vaterlande
-geführt wurde. Solche Seelen aber sind regelmäßig durch Gottes
-Zulassung Gegenstand außergewöhnlicher Anfechtungen und Quälereien
-seitens der bösen Geister. Auch in Christinas Leben treten sie
-in die Erscheinung, sind jedoch beschränkt auf die Bußzeiten des
-Kirchenjahres und finden sich auch nur in den beiden mittleren
-Jahrzehnten ihrer siebenzigjährigen Lebensdauer. Da alles Dämonische
-stets seine dunklen Seiten hat, eine eingehende Nachprüfung der
-vielgestaltigen, stets neuen Arten der angeblichen teuflischen
-Quälereien, die über sechshundert Jahre zurückliegen, im Einzelnen
-kaum möglich ist, auch ermüdend wirken würde, erschien es dem
-Verfasser am zweckmäßigsten, Christina so zu schildern, wie sie sich
-selbst gibt, und den Ideenkreis ihrer Zeit getreu wiederzugeben.
-Einzelne der berichteten Vorgänge lassen sich freilich als
-Krankheitserscheinungen erklären; allein die meisten haben mit
-Krankheitserscheinungen nicht den mindesten Zusammenhang, sie
-sind einfach körperliche Mißhandlungen, die von unsichtbarer Hand
-ausgeführt wurden.
-
-Selbstverständlich bleibt es einem jeden überlassen, sich über diese
-Vorgänge sein Urteil zu bilden. Die Verehrungswürdigkeit Christinas
-hängt nicht davon ab, ob ihre Leiden natürlichen oder teuflischen
-Ursprunges waren. Sie hat dieselben mit heldenmütiger Geduld
-ertragen. Auch für solche, die geneigt sind, Christinas Leiden und
-Anfechtungen auf natürliche Gründe zurückzuführen, gilt sie als eine
-fromme und heilige Person.
-
-Quelle der Darstellung ist vor allem der handschriftliche Kodex des
-Pfarrarchivs zu Jülich, der den Titel führt: _Legenda et passio
-sancte christine virginis_.Er ist auf Pergament geschrieben, in Holz
-und Leder gebunden und besteht aus drei Büchern. Das erste Buch
-hat die Ueberschrift: _Incipit liber primus de virtutibus sponsae
-Cristi Cristinae compilatus a fratre Petro de ordine predicatorum_.
-Es zählte 39 Blätter, von denen jedoch 22 fehlen. Im Anschluß an
-43 Hexameter handelt es von den Tugenden, die Christina besonders
-zierten, ohne daß jedoch ihr Name genannt wird. Abgesehen von den
-Hexametern ist dasselbe noch nicht veröffentlicht. Das zweite Buch
-hat die Aufschrift: _Incipit liber secundus de vita benedicte
-virginis Cristi Cristine_. Es zählt 55 Blätter. Dasselbe wurde
-auf Kosten der schwedischen Staatsregierung in mustergültiger
-Weise herausgegeben im Jahre 1896 durch Professor Johannes
-Paulson in Gotenburg (Wettergren und Kerber). Das dritte Buch ist
-überschrieben: _Incipit liber tertius de passionibus sepe benedicte
-virginis cristi cristine, quem compilavit magister Johannes
-capellanus virginis_. Es zählte gleichfalls 55 Blätter; die Zählung
-schließt sich jedoch an die des zweiten Buches an. Das vorletzte
-Blatt fehlt. Es ist veröffentlicht bei den Bollandisten unter dem
-22. Juni, und auch Professor Paulson hat im Appendix seiner Schrift:
-_In tertiam partem libri Juliacensis annotationes_, Blatt 66-72 und
-110 aus demselben abgedruckt. Verfaßt ist der Kodex zur Zeit, als
-Christina und Petrus noch lebten, also noch vor 1288. Der Kodex, wie
-er jetzt ist, wurde zusammengestellt und geschrieben um das Jahr
-1340, wahrscheinlich auf Veranlassung des Grafen Dietrich von Cleve.
-
-Das dritte Buch enthält ausgesprochenermaßen Berichte über Vorgänge
-visionärer Natur und kommt daher für die Geschichte wenig in
-Betracht.
-
-Die bei den Bollandisten unter dem 22. Juni abgedruckte _Vita
-anonyma_ ist eine bald nach Christinas Tode aus dem im Jülicher
-Kodex vorhandenen Material zusammengestellte Lebensbeschreibung
-Christinas, die wohl zur Einleitung ihrer Heiligsprechung dienen
-sollte. Sie kommt nebst einer Nachschrift zum zweiten Buch der
-Jülicher Handschrift in Betracht für das Lebensende Christinas und
-den Beginn ihrer kirchlichen Verehrung.
-
-Unsere Darstellung fußt, was Christinas Leben anbelangt, im
-Wesentlichen auf dem zweiten Buch der Jülicher Handschrift, das
-Petrus von Dazien als Augenzeuge der Vorgänge geschrieben und sein
-Landsmann, Professor Johannes Paulson im Jahre 1896 herausgegeben
-hat.
-
-Petrus von Dazien war ein gewissenhafter Schriftsteller, der
-außerordentlich sorgfältig arbeitete. Die ungemein zahlreichen,
-in dem Buch vorkommenden Orts- und Zeitangaben, desgleichen die
-Angaben über Persönlichkeiten und Zeitverhältnisse, überhaupt alle
-Angaben, die eben nachgeprüft werden können, erweisen sich als
-zutreffend, sodaß kein Grund, Dingen, die sich der Nachprüfung
-entziehen, die Glaubwürdigkeit abzusprechen. Er berichtet getreulich
-und umständlich, was er gesehen und gehört. Ob er die Natur der
-außergewöhnlichen Vorgänge im Leben Christinas richtig erfaßt und
-beurteilt hat, bleibt dahingestellt. Man tut ihm jedoch Unrecht,
-wenn man sagt, er habe alles Außergewöhnliche gleich für Teufelswerk
-gehalten. Im Gegenteil forschte er mitunter nach, ob nicht äußere
-Ursachen, etwa mutwillige Menschen, die Vorgänge bewirkt hätten. Daß
-auch innere Ursachen im Spiel sein konnten und einzelne Vorgänge als
-Krankheitserscheinungen sich deuten lassen, scheint ihm freilich
-nicht in den Sinn gekommen zu sein, weil eben Christina nicht
-krankhaft veranlagt war.
-
-=Der Verfasser dieser Schrift hat seinen persönlichen Anschauungen
-rückhaltlos Ausdruck gegeben. Er will aber dadurch andere nicht
-verpflichten und unterwirft dieselben ebenso rückhaltlos dem Urteile
-der Kirche.=
-
- =Cöln=, den 24. Juli 1912.
-
- $Dr. Arnold Steffens.$
-
-
-
-
-Literatur.
-
-
-I. =Vollständige Bücher.=
-
- 1. _Petri de Dacia vita Christinae Stumbelensis. Johannes
- Paulson, Gotoburgi 1896. Fasc. II secundum de vita Christinae
- librum continens._
-
- 2. _In tertiam partem libri Juliacensis annotationes._ Johannes
- Paulson, Göteburg 1896.
-
- 3. _Jülicher-handskriften till Petrus de Dacia._ Johannes
- Paulson, Göteburg 1894.
-
- 4. _Lilium inter spinas_ (deutsch geschrieben). Kaspar Peter
- Lull, Cöln 1689.
-
- 5. Leben und Leiden der sogenannten wunderbarlichen Christinae
- von Stommeln im Herzogtum Jülich, Prediger Ordens der dritten
- Regel des h. Dominici, durch einen Prediger des Prediger
- Ordens. _F. L. F. O. P._ Cöln. 2. Aufl. 1744.
-
- 6. Das Leben der ekstatischen und stigmatischen Jungfrau
- Christina von Stommeln. Theodor Wollersheim, Köln 1859.
-
-
-II. =Ausführliche Abhandlungen in größeren Werken.=
-
- 1. _Acta Sanctorum Junii tom. IV pag. 270-454. Antwerpiae 1707._
-
- 2. _Novale Sanctorum. Joannes Gillemannus, canonicus in
- Rougecloître 1487._
-
- 3. Die Legend deren Heiligen. _P. Dionysius de Luxemburg_ (†
- 1703).
-
- 4. Legende der Heiligen. Martin von Kochem. Augsburg 1705.
-
- 5. Die christliche Mystik. Johann Josef von Görres. 4 Bde.
- Regensburg und Landshut 1836-1842 (2. Bd. S. 249 ff. S. 416;
- 3. Bd. S. 416).
-
- 6. Legende oder der christliche Sternhimmel. Alban Stolz, Freiburg
- 1851-1860 (unter dem 22. Juni).
-
- 7. _Histoire littéraire de la France XXVIII (1881). Ernest Renan.
- La bienheureuse Christine de Stommeln._ S. 1-16.
-
- 8. Der Marien-Psalter. Dülmen 1891/1892 S. 33 und 222; 1896/1897
- S. 41-47.
-
- 9. Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein. Heft 68
- (1892). Die Verlegung des Kollegiatkapitels von Stommeln nach
- Nideggen und von Nideggen nach Jülich. Dr. Arnold Steffens
- (S. 109-132).
-
- 10. Geschichte des deutschen Volkes vom 13. Jahrh. bis zum Ausgang
- des Mittelalters. Emil Michael, Freiburg i. B. 1903. 3. Bd.
- S. 165-167.
-
-
-III. =Kürzere Notizen in größeren Werken.=
-
- 1. Martyrologium des Usuard, Greven'sche Ausgabe v. J. 1515.
-
- 2. Martyrologium des Kanisius. Dillingen 1570.
-
- 3. _De Archiepiscoporum ac episcoporum Coloniensium origine et
- successu. Petrus Merssaeus. Coloniae 1580 (S. 115)._
-
- 4. _Annales Novesienses_ von Werner aus Titz bei Martène _„Veterum
- scriptorum amplissima collectio“ tom. IV pag. 584._
-
- 5. _De admiranda ... magnitudine Coloniae. Aegidius Gelenius,
- Coloniae 1645 sub 23. Junii u. 6. Nov._
-
- 6. Von den Wunden Christi. Petrus de Wael S. J. Antwerpen 1649.
-
- 7. _Annales Juliae. Wernerius Perarius_ (Teschenmacher).
-
- 8. _Animae illustres Juliae etc. Theodorus Ray S. J. Neoburgi
- 1663_ (unter dem 22. Juni).
-
- 9. _Theses de gratia. Jos. Hartzheim S. J. Coloniae 1734._
-
- 10. _Bibliotheca Coloniensis. Jos. Hartzheim S. J. Coloniae 1747._
-
- 11. _Repertoire des sources historiques du moyen âge, Ulysse
- Chevalier. Paris 1857 (col. 450)._
-
- 12. _Trésor de chronologie etc. De Mas Latrie. Paris 1889. Table
- alphabétique générale des Saints col. 700; classément des
- principaux Saints. Allemagne occidentale col. 903._
-
- 13. Geschichte der alten Jülich'schen Residenz Nideggen. Martin
- Aschenbroich, Bochum 1867 (S. 132).
-
- 14. Alte und neue Erzdiözese Cöln. 4 Bde. Binterim und Mooren
- 1828-1831. Neubearbeitet von Mooren 1892 (I S. 177).
-
- 15. Beiträge zur Geschichte der Stadt Cleve. Dr. Scholten. S.
- 127-127, 134-135.
-
- 16. Geschichte des früheren Gymnasiums zu Jülich. Prof. Dr. Kuhl,
- Jülich 1891 (I S. 26-27; 253-254).
-
- 17. Die Hubertusschlacht bei Linnich. Der hohe Orden vom h.
- Hubertus. Dr. Heinrich Oidtmann. Jülich 1904. S. 67 und 69.
-
- 18. Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz von Paul Clemen. VIII.
- Bd. Kreis Jülich, von K. Frank, Oberaspach und Edmund Renard,
- Düsseldorf.
- IX. Bd. Kreis Düren, von Paul Hartmann und Edmund Renard,
- Düsseldorf 1910 (S. 234-235).
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- 1. Kapitel: Christinas Herkunft und Kindheit 1
-
- 2. Kapitel: Christina bei den Beginen in Cöln 9
-
- 3. Kapitel: Christina in Stommeln bis zum ersten 19
- Besuch des Petrus von Dazien (1259-1277)
-
- 4. Kapitel: Zur Beurteilung des Dämonischen 24
-
- 5. Kapitel: Erster Besuch des Petrus von Dazien bei 39
- Christina im Advent 1267
-
- 6. Kapitel: Zweiter Besuch des Petrus. Christinas 45
- Entrückung und Seelenjubel
-
- 7. Kapitel: Dritter und vierter Besuch des Petrus. 49
- Christina empfängt die Wundmale des
- Herrn
-
- 8. Kapitel: Drei weitere Besuche des Petrus an den 56
- Festen Kreuzauffindung, Pfingsten u.
- Maria Magdalena
-
- 9. Kapitel: Achter, neunter und zehnter Besuch des 64
- Petrus zu Allerheiligen, im Advent und
- zu Weihnachten 1268. -- Seelenjubel,
- Besudelung
-
- 10. Kapitel: Fastenzeit des Jahres 1269. Sinnliche 74
- Versuchung. Elfter und zwölfter Besuch
- des Petrus
-
- 11. Kapitel: Christinas Briefwechsel mit Petrus 84
- während dessen Aufenthalt in Paris (Mai
- 1269 bis Juli 1270)
-
- 12. Kapitel: Besuche des Petrus in Stommeln bei 97
- seiner Rückkehr von Paris.
-
- 13. Kapitel: Briefwechsel nach des Petrus Rückreise 101
- nach Schweden. Christinas Eltern und
- Pfarrer Johannes sterben. 1270-1279
-
- 14. Kapitel: Bruder Petrus kommt aus Schweden nach 113
- Stommeln, um Christina zu besuchen. 1279
-
- 15. Kapitel: Vom Advent 1279 bis zum Advent 1280 118
-
- 16. Kapitel: Christina bewirkt die Bekehrung der 135
- Sünder und die Befreiung der armen
- Seelen aus dem Fegfeuer
-
- 17. Kapitel: Christinas letzte Prüfungen, 149
- friedevoller Lebensabend und seliges
- Ende.
-
- 18. Kapitel: Christinas Verehrung nach dem Tode und 162
- deren Bestätigung durch Papst Pius X.
-
-
-
-
-Verzeichnis der Abbildungen.
-
-
- 1. Haupt der h. Christina von Stommeln.
-
- 2. Kirchhügel zu Stommeln.
-
- 3. Beginenfigur (14. Jahrh.).
-
- 4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639).
-
- 5. Handschuh und Buchtäschchen Christinas.
-
- 6. Gebetstäfelchen Christinas.
-
- 7. Bild Christinas am Cölner Dom.
-
- 8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.
-
- 9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.
-
- 10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.
-
- 11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.
-
- 12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.
-
- 13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Christinas Herkunft und Kindheit.
-
-
-Eine Passionsblume erblühte im alten Jülicherland, viele hundert Jahre
-sind es her. Gar lieblich war ihr Duft und tief purpurn ihre Farbe.
-Entzückt neigten sich Gottes Enkel über sie und gute Menschen staunten
-sie bewundernd an. Auch heute noch ist ihr Duft nicht verweht und ihre
-Farbenglut nicht verblaßt. Im Gegenteil, köstlicher als je weht uns in
-diesem Jahre der Wohlgeruch ihrer Tugenden entgegen, herrlicher als je
-prangt heuer ihr verehrungswürdiger Name. Am 6. November dieses Jahres
-werden nämlich sechshundert Jahre verflossen sein, seitdem diese Blume
-aus dem Garten der Cölner Kirche ins himmlische Paradies verpflanzt
-wurde. Die selige Christina von Stommeln meine ich, die im Jahre 1242
-zu Stommeln geboren wurde, dort am 6. November 1312 starb, seit dem
-22. Juni 1586 in einem Hochgrabe in der Hauptkirche zu Jülich ruht und
-deren unvordenkliche Verehrung durch Papst Pius X. am 12. August 1908
-die höchste Bestätigung erhielt.
-
-In eine gewaltig bewegte Zeit fiel das Leben Christinas. Ein
-jugendfrisches Geschlecht bevölkerte damals unsere heimischen Gauen,
-das zwar mit Begeisterung dem christlichen Glauben anhing, aber die
-angestammte heidnische Wildheit noch nicht vollständig überwunden
-hatte. Christlicher Heldensinn und lasterhafter Frevelmut, zarte
-Gottinnigkeit und leidenschaftliche Roheit, grausige Verbrechen und
-strenge Bußübung gedeihen nebeneinander. Es ist das Zeitalter, in dem
-Papst und Kaiser in Fehde lagen, es ist das Zeitalter der letzten
-Kreuzzüge, aber auch die kaiserlose, schreckliche Zeit, in der
-Räuberhorden sich allerorts breitmachten, eine Zeit, die an Kampf und
-Streit ihre Freude hatte, eine Zeit großen Wohlstandes und mächtigen
-Aufblühens in Handel und Gewerbe, Kunst und Wissenschaft, eine Zeit,
-wo der ungestüme Freiheitsdrang der Bürger erfolgreich ankämpfte gegen
-die Macht des Adels und der Geistlichkeit, es ist die Zeit, in der
-Konradin, der letzte Hohenstaufe, auf dem Blutgerüste zu Neapel sein
-junges Leben lassen mußte, die Zeit, die den Cölner Dom gebaut, aber
-auch die streitbaren, herrschgewaltigen Cölner Erzbischöfe im Kerker
-geschaut.
-
-Das alte Stumbelo, etwa 3½ Stunden nordwestlich von Cöln gelegen, dort,
-wo die von Cöln über München-Gladbach nach Venlo führende Straße sich
-kreuzt mit dem von Worringen nach Bergheim gehenden Wege, gehörte zur
-Grafschaft Jülich, die 1336 zur Markgrafschaft und 1356 zum Herzogtum
-erhoben wurde.
-
-Die Grafen von Jülich waren kühne Haudegen, die, wiewohl sie in
-ihrem Lande die Frömmigkeit pflegten, doch vor keiner Gewalttat
-zurückschreckten, wenn es galt, ihren Machtbereich auf Unkosten des
-Reiches und besonders der Cölner Kirche zu erweitern. Wilhelm II., der
-Große genannt, war ein höchst lasterhafter Mensch, der im Kriege der
-Gegenkönige Philipp von Schwaben und Otto von Braunschweig aus Wut
-darüber, daß sein Land mit dem Interdikt belegt worden war, die dem
-h. Stuhl ergebene Geistlichkeit plünderte, mißhandelte und wegjagte
-und dafür seine Kreaturen eindrängte. Er war verrufen weit und breit
-wegen seiner Gewalttätigkeit, Grausamkeit und Wollust. Sein Ende
-entsprach seinem gottlosen Leben. Nicht weit von Stommeln führte die
-alte Heerstraße, die von Jülich nach Cöln geht, vorbei. Sie ging damals
-über Brauweiler. Auf dieser wohl ritt i. J. 1207 der Große Wilhelm
-gen Cöln. Plötzlich wurde er von einer Herzschwäche befallen und sank
-zu Boden mit den Worten: „Cöln werde ich nicht wiedersehen.“ Sein
-Kaplan eilte herzu und sprach zu ihm: „Herr und Gebieter, entlaß die
-Buhlerin und nimm Dein Weib zu Dir.“ Er hatte nämlich seine rechtmäßige
-Gemahlin verstoßen. „Nimmermehr,“ erwiderte der Sterbende. Zur Buhlerin
-aber, die gleichfalls herbeigeeilt war und unter Tränen ihn fragte,
-was aus ihr werden solle, wenn er tot sei, sprach er: „Heirate einen
-jungen Soldaten.“ Und so starb der trotzige Sünder. Sein Nachfolger
-Wilhelm III. nahm das Kreuz und starb 1219 auf dem Kreuzzuge in
-Aegypten. Wilhelm IV. war gleich seinen Vorgängern ein rauflustiger
-Held, der in seiner langen Regierungszeit namentlich mit den Cölner
-Erzbischöfen scharfe Fehde führte. Im Geburtsjahre Christinas fand
-zwischen Lechenich und Brühl ein Treffen statt, bei dem Erzbischof
-Konrad von Hochstaden in die Hände des Jülicher Grafen fiel, der ihn
-neun Monate lang auf Schloß Nideggen in Haft hielt. Im Gefechte bei
-Marienholz zwischen Zülpich und Lechenich, das im Jahre 1267 stattfand,
-nahm er Erzbischof Engelbert von Falkenburg gefangen und hielt ihn bis
-1271 zu Nideggen in Gewahrsam. Ein tragisches Ende jedoch ereilte ihn
-in der Gertrudisnacht (16. März) des Jahres 1278 beim Ueberfall der
-Stadt Aachen. Im Handgemenge wurde er nebst seinem Erstgeborenen, der
-gleichfalls Wilhelm hieß, von einem Grobschmiede erschlagen.
-
-Zur selben Zeit lagen die Cölner Erzbischöfe in schwerem Streite mit
-der Stadt Cöln. Bei Frechen kämpften im Jahre 1257 die beiden Heere
-mit großer Erbitterung gegeneinander. Erzbischof Konrad von Hochstaden
-behauptete zwar das Schlachtfeld, erlitt jedoch große Verluste.
-Konrads Nachfolger, Erzbischof Engelbert von Falkenburg, wurde, als
-er inmitten seiner Würdenträger und Dienstmannen im Bischofssaale
-saß, am 28. November 1263 von den Cölnern verräterischer Weise
-überfallen und im Hause „zum Roß“ in der Rheingasse eingekerkert,
-woraufhin die Stadt vom Papste mit dem Interdikt belegt wurde. Immer
-größer wurde der Hader, immer höher stieg die Erbitterung auch unter
-Engelberts Nachfolger, dem Erzbischofe Sigfrid von Westerburg, bis
-schließlich auf dem Schlachtfelde bei Worringen, wo die Heeresmächte
-des ganzen Niederrheins aufeinanderstießen, die Jahrzehnte hindurch
-aufgespeicherte Wut am 5. Juni 1288 zur Entladung kam und die
-Entscheidung fiel. Sigfrid wurde gefangen und Cöln wurde freie
-Reichsstadt.
-
-In dieser gährenden, wildbewegten Zeit lebte Christina. Ihr Heimatsort
-Stommeln lag mitten auf dem Gebiete des Kampfes, wiewohl er nie
-unmittelbar in denselben hineingezogen wurde. Gegenwärtig zählt der
-Ort, der schon im 10. Jahrhundert ein ansehnliches Pfarrdorf war, rund
-2500 Einwohner, die fast ausschließlich sich zur katholischen Religion
-bekennen und Ackerbau treiben. In den ältesten Urkunden wurde der Ort
-Stumbelo, in der Jülicher Handschrift jedoch Stumbele genannt. Der
-Name, der soviel besagt als „Wald der Baumstümpfe“ (Stumbe = Stumpf und
-lô = Wald) weist darauf hin, daß der Ort eine fränkische Siedelung ist
-und auf abgeholztem Waldgebiete angelegt wurde. Die trotzige und treue
-Art der salischen Franken, der alles Gezierte und Unechte widerstrebt,
-die in ihrer Natürlichkeit und Geradheit selbst vor Derbheit und
-Rücksichtslosigkeit nicht zurückschreckt, ist auch heute noch in der
-Einwohnerschaft Stommelns unverwischt erhalten. Der gute Kriegsmann St.
-Martin, der Lieblingsheilige der Franken, ist denn auch von jeher dort
-Kirchenpatron. Der Bruder Kaiser Otto des Großen, Erzbischof Bruno, der
-Heilige, von Cöln, der als Herzog von Lothringen zugleich Landesfürst
-war, hat sich um Stommeln besonders verdient gemacht. Er schenkte
-der Gemeinde einen ansehnlichen Wald, der jetzt teils Ackerland,
-teils Weidengelände ist und der eingesessenen Bewohnerschaft, der
-Realgemeinde Stommeln, zugehört. Die Pfarrkirche samt dem neben ihr
-gelegenen Fronhofe wurde von demselben Erzbischofe im Jahre 961 dem
-hochadeligen Damenstifte zur h. Cäcilia in Cöln einverleibt. Da der
-Ackerboden der Stommeler Flur zu den gesegnetsten Gefilden Deutschlands
-zählt, so herrschte von jeher Wohlstand unter den Bewohnern, aber
-auch das kirchliche Leben stand dort im 13. Jahrhundert in schönster
-Blüte. Ganz besonders aber wurde die Andacht zum bittern Leiden unseres
-Heilandes in der Pfarrgemeinde gepflegt und an den Freitagen wurde
-der Gottesdienst wie an den Sonn- und Feiertagen besucht. Eifrige
-und angesehene Seelsorger standen an der Spitze der Pfarre und die
-Dominikaner von Cöln leisteten häufig Aushülfe in der Seelsorge.
-
- Ze Choln und ze Parîs
- da sint die pfaffen harte wîs
- di besten vor allen rîchen
-
-so singt ein Dichter des 13. Jahrhunderts. Der selige Albert der Große,
-der hervorragendste Gelehrte seines Zeitalters, stand damals an der
-Spitze des Hauptstudiums der Dominikaner zu Cöln, wo Thomas von Aquin
-sein Schüler war. Nicht bloß aus Deutschland, sondern auch von auswärts
-strömten die wißbegierigen jungen Leute, vor allem aber die von ihren
-Provinzialen als die talentvollsten befundenen Dominikaner nach Cöln,
-das als Sitz der Gelehrsamkeit mit Paris wetteiferte. Stommeln war
-der Erholungsort, wo an den schulfreien Tagen die Cölner Dominikaner
-gerne verweilten. Sie fanden dort gastliche Aufnahme nicht bloß auf
-dem Hofe des St. Cäcilienstiftes, sondern auch im Pfarrhause und bei
-Gutsbesitzern. Bruder Mauritius sehnte sich, als er in Paris studierte,
-nach Cöln zurück und seinem „Stommeler Aegypten“, wie er sich in
-einem Briefe an Christina vom 15. Juni 1271 scherzhaft ausdrückt.[1]
-Dort hätten sie frische Eier bekommen und schmackhaftes Gemüse zum
-Fleische. In Paris jedoch seien die Eier verderbt und kleiner als die
-Eifler Eier, die sie zu Cöln gegessen. Christina solle jedoch den Brief
-niemanden zeigen, damit er nicht etwa eine üble Note erhalte, der Frau
-Beatrix aber sagen, daß sie für die vom Kapitel heimkehrenden Brüder
-frische Eier und Zulage frischen Käses bereite. Auch Bruder Folkwin
-in Gotland erinnerte sich später noch mit Dankbarkeit der in Stommeln
-zugebrachten Tage und schickte zur Bekundung dieser Dankbarkeit
-der Christina einen größeren schwarzen Löffel aus Horn, Christinas
-Schwester Hilla einen kleinen schwarzen Löffel, der Hilla vom Berge
-einen weißen mit schwarzem Griffe und der Tochter des Vogtes ebenfalls
-einen schwarzen Löffel aus Horn.[2]
-
- [1] _Vita Christinae_ 243.
-
- [2] A. a. O. 250.
-
-Auch für den Schulunterricht der Knaben sowohl wie der Mädchen war in
-Stommeln gesorgt. Die Knaben unterrichtete der Magister Johannes, der
-entfernt mit Christina verwandt war und später Priester wurde.
-
-Die Gerichtsbarkeit wurde ausgeübt durch einen im Orte ansäßigen Vogt,
-der in der Nachbarschaft Christinas wohnte und mit ihrer Familie
-befreundet war. In dieser wohlgeordneten, frommen und wohlhabenden
-Pfarrgemeinde erblickte Christina das Licht der Welt im Jahre 1242.
-Der Tag ihrer Geburt ist nicht näher bekannt. Daß sie am 24. Juli,
-dem Feste der h. Jungfrau und Martyrin Christina, geboren sein soll,
-ist nur eine Vermutung. Ihr Vater war ein vermögender Ackerwirt. Er
-hieß Heinrich Bruso und seine Frau Hilla. Vom Geburtshause Christinas
-sind noch Mauerreste erhalten geblieben. Es lag inmitten des Ortes an
-der Hauptstraße, dort, wo gegenüber die Eschgasse zu der auf einer
-ziemlichen Anhöhe gelegenen alten Pfarrkirche abbiegt. Es war ein
-Gehöfte mit einem Doppelhause, einem ältern großen Hause und einem
-kleinern Anbau. Noch immer führen die dort befindlichen Baulichkeiten
-den Namen Brusohaus, und früher, als Stommeln noch zum Herzogtum Jülich
-gehörte, war dort auch der Wohnsitz des Amtsverwalters.
-
-Christina war nicht das einzige Kind ihrer Eltern. Sie hatte einen
-ältern Bruder namens Heinrich, der etwas weltlich gesinnt war, wohl den
-Versuch gemacht hatte, ins Kloster Kamp einzutreten, es aber wieder
-verlassen hatte und nach Cöln übergesiedelt war. Außerdem hatte sie
-einen jüngern Bruder, Sigwin genannt, für den sie in mütterlicher Liebe
-besorgt war. Dieser trat als Laienbruder in den Dominikanerorden ein
-und zwar in der Provinz Dazien, erhielt den Namen Gerhard, weil der
-Name Sigwin in Schweden nicht gebräuchlich war, und führte zur größten
-Zufriedenheit die Geschäfte eines Prokurators, da alle Einnahmen und
-Ausgaben des Klosters durch seine Hand gingen. Wie Christina zwei
-Brüder hatte, so hatte sie auch zwei Schwestern. Eine hieß Hilla und
-die andere Gertrud. Beide scheinen älter gewesen zu sein als Christina.
-Eine von ihnen wohnte später in Cöln; die andere heiratete und blieb
-anfänglich in Stommeln. In Poulheim wohnten nahe Blutsverwandte
-Christinas, zwei Schwestern nämlich und deren Brüder.
-
-Schon in der Kindheit stand Christina, die ein gewecktes Mädchen war,
-unter besonderer Einwirkung der göttlichen Gnade. In dem freilich erst
-nach ihrem Tode von einem Ungenannten verfaßten Bericht über ihr Leben
-lesen wir, daß der Jesusknabe dem fünfjährigen Kinde öfters erschien,
-es im Glauben unterrichtete, es beten lehrte und ihm zum frommen Leben
-Anleitung erteilte. Christina zeigte denn auch viel früher als andere
-Kinder Verständnis für göttliche Dinge, ging gerne in die Kirche
-und wohnte dort täglich mit kindlich frommer Andacht dem h. Meßopfer
-bei. Als sie sechs Jahre alt war, schaute sie bei der Wandlung das
-Jesukind in den Händen des Priesters, das zu ihr sprach: „Siehe, ich
-bin hier zugegen, stets bereit, Barmherzigkeit zu erweisen. Wer also
-um Barmherzigkeit fleht, wird Barmherzigkeit erlangen.“ Als sie sieben
-Jahre zählte, wurde sie von einem Engel im Geiste ins Paradies geführt,
-wo sie himmlische Geheimnisse schaute und mit unaussprechlicher
-Wonne erfüllt wurde. Ein Seraph kam dort zu ihr, begrüßte sie als
-die Auserlesene Jesu Christi und machte ihr kund, daß durch sie viele
-Sünder bekehrt, viele Gerechte gestärkt und getröstet und viele Seelen
-aus dem Fegfeuer würden befreit werden. Als der Engel sie dann wieder
-zur Erde zurückgeführt und sie zu sich gekommen war, hub sie an zu
-singen ein Lied, das so anfing:
-
- Rosen und Lilien auf grünenden Auen
- Ueberall prächtig und lieblich zu schauen,
- Wie mein Brüderlein Jesu Christ,
- Wenn man seiner Liebe genießt.
-
-Im Alter von neun Jahren wurde sie um das Fest Mariä Verkündigung
-drei Nächte nacheinander im Geiste von einem Engel der allerseligsten
-Jungfrau Maria vorgestellt und in jeder dieser Nächte sang sie dreimal
-nacheinander zuerst die Sequenz vom h. Geiste, die zu Pfingsten beim
-Hochamt gesungen wird:
-
- _Veni sancte spiritus,
- Et emitte caelitus
- Lucis tuae radium_
-
- Komm, o Geist der Heiligkeit,
- Aus des Himmels Herrlichkeit
- Sende Deines Lichtes Strahl,
-
-und sodann die von der allerseligsten Jungfrau, welche anfängt mit den
-Worten:
-
- _Ave rosa generosa
- Salve candens lilium_,
-
- Sei gegrüßt Du edle Rose
- Gruß Dir Lilie blendendweiß,
-
-und wenn sie diese Gebete beendet, so warf sie sich nieder vor der h.
-Gottesmutter und sprach folgendes Gebet:
-
- _Deprecor vos, mater
- misericordiae, per amorem
- dilectissimi filii vestri,
- ut mihi apud ipsum peccatorum
- meorum veniam impetretis necnon
- et amicitiam et favorem eiusdem
- filii vestri mihi procuretis._
-
- Mutter der Barmherzigkeit, ich
- bitte Dich bei der herzlichen
- Minne, die Dein vielgeliebter
- Sohn zu Dir getragen hat, Du
- wollest mir bei ihm Verzeihung
- meiner Sünden erlangen sowie
- auch die Freundschaft und die
- Huld dieses Deines Sohnes mir
- erwirken.
-
-Die h. Gottesmutter aber beantwortete jedesmal dieses Gebet mit den
-Worten: „Freue dich, teuerste Tochter, und frohlocke; denn du wirst die
-Braut und Freundin meines vielgeliebten Sohnes sein.“ Seit jener Zeit
-wußte Christina diese beiden lateinischen Sequenzen auswendig, obschon
-sie den Psalter noch nicht gelernt hatte, und wurde jedesmal, wenn sie
-dieselben singen hörte, mit großer Wonne erfüllt.
-
-Im Jahre 1252, als sie zehn Jahre zählte, erschien ihr in einer Nacht
-Jesus Christus selbst im Traumgesichte in Jünglingsgestalt. Christina
-erschrak. Christus aber sprach zu ihr: „Vielgeliebte Tochter, siehe,
-ich bin Jesus Christus. Gelobe mir Treue, und zwar so, daß du mir
-immerwährend dienest. Sollte dich übrigens jemand um ein anderes
-Verlöbnis angehen, so sage ihm, daß du dich Jesu Christo selbst in
-seine Hände verlobt habest“ -- dabei ergriff er ihre rechte Hand und
-legte sie in die seine. -- „Bei den Beginen,“ so schloß der Herr,
-„sollst du bleiben.“ Als Petrus von Dazien sie siebenundzwanzig Jahre
-später über diese Erscheinung befragte, sagte sie: „Ich sah den lieben
-Heiland im Glanze solcher Herrlichkeit und in solcher Schönheit, daß
-ein menschliches Auge es nicht zu ertragen vermag. Deshalb kam ich
-von Sinnen und drei Tage und drei Nächte hindurch war ich für alle
-körperlichen Wahrnehmungen unempfänglich.“ Von diesem Tage an hatte
-ihr Geist keine Ruhe mehr, sondern immerdar quälte sie sich mit dem
-Gedanken, wie sie zu den Beginen kommen könnte.
-
-Wie sie elf Jahre alt war und nach Weise der Schulkinder den Psalter
-lernte, kam es ihr, wenn sie die Psalmen las, vor, als ob sie zu
-demjenigen rede, dem sie Treue gelobt hatte. Und dann konnte sie nicht
-anders als weinen vor seliger Freude.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Christina bei den Beginen in Cöln.
-
-
-Das engelgleiche Töchterlein des Heinrich Bruso wuchs inzwischen zur
-blühenden Maid heran. Sie war mit allen Vorzügen ausgestattet, die ihre
-Hand auch für die erlesensten aus der Schar der Jünglinge begehrenswert
-machten. Sie war das Kind wohlhabender und angesehener Eltern. Schlank
-von Wuchs und kräftig von Gestalt, machte sie mit ihrem frischen,
-edelgeformten und von goldblondem Haar umwallten Gesichte den Eindruck
-jungfräulicher Anmut. Kein Wunder, daß die Eltern daran dachten, sie
-zu verloben; denn sie hatten keine Kenntnis von dem Traumleben ihres
-Kindes. Doch Christina widerstrebte diesem Vorhaben. „Bei den Beginen
-sollst du bleiben,“ so hatte der Herr ihr gesagt, und dieser Weisung
-wollte sie folgen. Ohne Vorwissen der Eltern begab sie sich deshalb am
-St. Katharinentage des Jahres 1255, als sie dreizehn Jahre alt war,
-nach Cöln. Es schneite und stürmte und sehr kalt schnitt der Wind.
-Nichts hatte sie von Hause mitgenommen, als ein leinenes Tuch, das sie
-über den Kopf geworfen hatte. Eine Frau, die sie mitgenommen, zeigte
-ihr den Weg. Die Freude, bald zu den Beginen zu kommen, beflügelte ihre
-Schritte. Die einzige Besorgnis, die sie auf diesem Wege hatte, war
-die, jene Frau könne sie möglicherweise verraten oder in Cöln, wo sie
-unbekannt war, in ein Haus führen, wo ihre Ehre und Unschuld Gefahr
-leiden könnte. Sie langte jedoch glücklich in Cöln an und ging sofort
-zu den Beginen, wo sie auch aufgenommen wurde.
-
-Die Beginen bildeten einen nach Art einer Ordensgemeinschaft
-organisierten Stand weiblicher Personen, die als Jungfrauen, Ehefrauen
-und Witwen sich zu einem enthaltsamen Leben entschlossen hatten. In
-Folge der Kreuzzüge war damals die männliche Bevölkerung in unseren
-Gegenden bedeutend verringert, und für einen erheblichen Teil der
-weiblichen war mithin die Ehelosigkeit der gewiesene Weg. Es war
-natürlich, daß diese weibliche Bevölkerung Anschluß an die bestehenden
-Ordensgenossenschaften suchte. Die Prämonstratenser waren es, die
-zuerst dieser Frauenbewegung sich annahmen, dann ihr aber, als sie
-ihnen zur Plage wurde, wieder den Rücken kehrten. Darauf versuchten
-die Zisterzienser die Lösung derselben Frage, die aber auch ihnen
-ebenso wenig wie den Prämonstratensern gelingen sollte. Notgedrungen
-bildete sich nun diese der Enthaltsamkeit geweihte Frauenwelt zu einer
-selbständigen Eigenart des Ordenswesens aus, zum Beginentum. Ohne
-Gründer und ohne Gründerin aus dem Drange der Verhältnisse geboren,
-entwickelte es sich vorzugsweise in den belgischen und rheinischen
-Landen zu großer Blüte. Seine Wiege ist die Stadt Nivelles in Brabant,
-wo im Jahre 1207 das erste selbständige derartige Kloster entstand.
-Als kirchliche Organisation wurde das Beginentum anerkannt durch Papst
-Gregor IX., der ihm am 30. Mai 1233 einen Schutzbrief ausstellte. Den
-Anforderungen, die der Völkerapostel an die gottgeweihten Frauen und
-Jungfrauen stellt, nacheifernd, bemühten sich diese frommen Frauen,
-nicht bloß ein keusches, enthaltsames Leben zu führen, sondern auch
-den Geist des Gebetes zu pflegen, die hh. Sakramente häufiger zu
-empfangen, ein Leben der Entsagung zu führen und sich in den Werken
-der christlichen Barmherzigkeit zu üben. Sie trugen einfache, eigene
-Kleidung von schwarzer Farbe, verrichteten das kirchliche Stundengebet,
-pflegten aber auch mit besonderer Vorliebe das Rosenkranzgebet[3];
-wohnten gewöhnlich in nächster Nähe der Pfarrkirche, trugen Sorge
-für die hh. Gewande, die Reinheit und den Schmuck des Gotteshauses,
-unterrichteten die Mädchen, pflegten die Kranken und beherbergten die
-durchreisenden Fremden. Ihr Reformeifer erweckte jedoch vielfachen
-Widerspruch. Man warf sie zusammen mit der Sekte der Apostoliker und
-Albigenser, und weil in jenem Zeitalter ein Lütticher Priester namens
-Lambert, zubenannt _le bègue_, d. h. der Stammler († 26. März 1187),
-viel von sich hatte reden machen wegen seines Reformeifers, der ihn
-in einen Streit mit seinem Bischof verwickelt hatte, in Folge dessen
-er zensuriert und eingekerkert wurde, so nannte man sie Beginen, womit
-der Begriff der Ueberkirchlichkeit und Widersetzlichkeit verbunden war.
-Doch der Priester Lambert war mit Unrecht bekämpft worden; in der Tat
-war er ein Mann Gottes. Papst Luzius III. hob das Urteil des Lütticher
-Bischofes auf und gab dem unschuldig Gemaßregelten die Vollmacht zu
-predigen wieder. Die neuen Ordensfrauen brauchten deshalb den ihnen in
-kränkender Absicht zugelegten Beinamen nicht zurückzuweisen und er ist
-ihnen in der Folge verblieben, wiewohl Lambert _le bègue_ geschichtlich
-mit ihnen keinerlei Zusammenhang hat.[4] Als die beiden Bettelorden der
-Dominikaner und Franziskaner sich hierzulande auszubreiten begannen,
-kamen die Beginen wie von selbst in ein Abhängigkeitsverhältnis zu
-ihnen. Mit diesen beiden Ordensfamilien, die im ersten und zweiten
-Orden das eigentliche Ordensleben für das männliche und weibliche
-Geschlecht organisiert hatten, war nämlich ein dritter Orden planmäßig
-verbunden, der eine losere Form des Ordenslebens für Weltleute
-darstellte. Dieses Tertiarierwesen war aber seiner Idee nach der Grund
-zur Bildung des Beginentums gewesen. Es ist deshalb auch nicht zu
-verwundern, daß die Beginenhäuser sich um die Klöster der Dominikaner
-und Franziskaner zu gruppieren pflegten. Im 15. Jahrhundert sind die
-Beginen durch die kirchlichen Behörden veranlaßt worden, eine bestimmte
-Ordensregel anzunehmen. Sie entschieden sich für die Augustinerregel.
-Die noch heute blühenden Klöster der Zellitinnen in Cöln, Düren, Neuß
-und Aachen sind dem Ursprunge nach Beginenklausen.
-
- [3] Am Grabmal des Erzbischofs Engelbert III. († 1368) im Cölner
- Dom sind auf der nördlichen Langseite die Schreibrüder, auf
- der südlichen aber Beginen und sonstige Ordensfrauen in ihren
- eigentümlichen Trachten, meistens mit Rosenkränzen verschiedenen
- Formates in den Händen, dargestellt.
-
- [4] Vgl. Die Anfänge der Beginen. Dr. Jos. Greven, Münster,
- Aschendorf, 1912.
-
-Das älteste Beginenhaus in Cöln ist der Konvent „_ver Selen_“,
-der 1230 gegründet wurde, sich in der Stolkgasse befand und dem
-Dominikanerkloster, dessen Stelle jetzt die Hauptpost einnimmt,
-gegenüberlag. Allem Anschein nach war es dieses Haus, in das Christina
-eintrat. Denn wir lesen von ihr, daß sie die Dominikanerkirche fleißig
-besuchte. Im Kloster erhielt Christina jedoch bald Besuch. Ihre
-Mutter hatte erfahren, wo sie sich hinbegeben. Sie kam nach Cöln, und
-unter Tränen bat sie ihre Tochter, doch wieder mit ihr nach Stommeln
-zurückzukehren. Christina indes war nicht hierzu zu bewegen. Zum
-Entgelt versagte die Mutter ihr jegliche Aussteuer. Ein ganzes Jahr
-hindurch ließ sie ihr nicht die mindeste Unterstützung zukommen, sodaß
-Christina darben mußte und an manchen Tagen nicht einmal Brot zum Essen
-hatte. Einige Beginen redeten ihr deshalb zu, sie sollte doch wieder
-zu ihren Eltern zurückkehren. Sie aber lehnte dies ab, da sie lieber
-dem Willen Gottes gemäß im Kloster in Armut, als bei den Eltern im
-Ueberfluß leben wollte. Sie blieb ungefähr vier Jahre bei den Beginen
-in Cöln und übte sich dort eifrig in der Schule der Vollkommenheit. Sie
-liebte die Einsamkeit, um dem Gebete obliegen zu können; auf Erholung
-und Unterhaltung nahm sie nicht Bedacht. An jedem Samstage und an allen
-Vorabenden der Heiligenfeste fastete sie bei Wasser und Brot. Sie trug
-ein einfaches, wollenes Kleid, aber kein leinenes Unterzeug. Ein fest
-anliegender Gürtel umschlang ihre Lenden. Sie schlief allein. Holz
-und Stein bildeten ihr Ruhelager, damit sie desto eher erwache und zum
-Gebete sich erhebe. Zweihundertmal beugte sie das Knie in jeder Nacht
-und tagsüber flehte sie zu allen Heiligen, deren Namen sie kannte,
-sie möchten ihr die h. Liebe erwirken. Ihr Stundengebet verrichtete
-sie gewöhnlich mit dem ganzen Körper seitwärts zur Erde hingestreckt,
-Freitags dagegen streckte sie dabei die Arme in Kreuzesform aus und so
-legte sie sich dann auch auf ihr Ruhelager. Strümpfe trug sie nicht;
-sie hatte nur Sohlen unter den bloßen Füßen. Die Hälfte des Jahres
-fastete sie, ohne irgendwelche Fleischnahrung zu sich zu nehmen. Ihr
-gewöhnliches Getränk war Wasser, sehr selten nahm sie etwas Bier.
-Alles, was nach Weichlichkeit aussah, war ihr zuwider. All ihr Sinnen
-und Trachten war unablässig darauf gerichtet, zu betrachten, wie vieles
-und wie schmerzliches Christus für uns gelitten hat.
-
-Christina besuchte, wie gesagt, mit Vorliebe die Dominikanerkirche. Im
-Jahre 1225 waren die Dominikaner nach Cöln gekommen. Die Stiftsherrn
-zum h. Andreas hatten ihnen ihr in der Stolkgasse gelegenes Hospital
-zur h. Maria Magdalena geschenkt. Dieses Hospital hatten die
-Dominikaner zur Kirche umgewandelt, an deren Stelle Albert der Große
-1271 die zu Anfang des 19. Jahrhunderts niedergelegte prächtige
-Kirche gotischen Stiles zum h. Kreuz erbaute. In jener älteren
-Magdalenenkirche war eines Tages Christina in die Betrachtung des
-bitteren Leidens unseres Herrn versenkt. Da wurde sie mit einem Male
-entrückt. Sie war wie entseelt und mußte aus der Kirche nach Hause
-getragen werden. Drei Tage lang dauerte dieser Zustand. Die Beginen
-aber, mit denen sie zusammenlebte, wußten diesen Zustand nicht zu
-beurteilen. Sie meinten, das müßte ein Anfall von Geisteskrankheit oder
-von Fallsucht gewesen sein, und sie hielten deshalb Christina für eine
-Minderwertige.
-
-So ergeht es ja in der Regel den von Gott besonders begnadigten
-Personen. Sie werden für unsinnig gehalten und Gott läßt dies zu, um
-sie vor Ueberhebung zu bewahren.
-
-Die Entzückung ist jedoch weit davon entfernt, etwas Krankhaftes
-zu sein. Es hat ja auch Männer von Ruf gegeben, die künstlerische
-Begabung, zumal das Dichter- und Musikergenie, als eine Art von
-Wahnsinn ansahen. Und doch ist solch' künstlerische Begabung ein
-Zeichen höchster Geisteskraft und Geistesgesundheit. Noch viel mehr
-sind Verzückungen Aeußerungen höchsten Geistesaufschwunges. Freilich
-können gottbegnadigte Personen und desgleichen Dichter und Musiker
-gerade so gut geisteskrank werden wie andere Menschen; allein an
-und für sich haben mystische Zustände und künstlerische Begabung mit
-Geisteskrankheit nichts zu tun. Es gehört freilich ein Kennerauge dazu,
-krankhafte Erscheinungen von mystischen Zuständen zu unterscheiden,
-weil gewisse äußere Aehnlichkeiten vorliegen bei aller Verschiedenheit
-des Wesens. Die Kenntnisse eines auch noch so hervorragenden
-Nervenarztes reichen da nicht aus; der eigentliche Fachmann ist da
-der mit den Zuständen des übernatürlichen Seelenlebens entweder durch
-eigene Erfahrung oder durch eindringendes Studium der Wissenschaft der
-Heiligen vertraute Geistesmann.
-
-Die h. Teresia, eine der vorzüglichsten Lehrmeisterinnen
-des geistlichen Lebens, wußte wohl zu unterscheiden zwischen
-Weiberohnmachten und Verzückungen. Sie kannte beide Zustände aus
-Erfahrung. Auch träges, träumerisches Versunkensein beim Gebete hat
-mit Verzückung nichts zu tun. Diese ist vielmehr ein machtvoller,
-urplötzlicher Aufschwung der Seele zu Gott, ihrem Urheber. Es sind
-nicht mehr die natürlichen, von der Gnade unterstützten Fähigkeiten
-der Seele, die da tätig sind; es ist vielmehr der Geist Gottes
-selbst, der h. Geist, der durch seine sieben Gaben, zumal durch die
-Gabe des Verstandes, den menschlichen Geist anregt und leitet. Ein
-unmittelbares Schauen der Gottheit, wie es im Zustande der Verklärung
-eintritt, findet freilich nicht statt. Dazu bedarf es des Lichtes
-der Herrlichkeit. Auch bei der mystischen Vereinigung wird die Seele
-geleitet auf dem Wege des Glaubens, der nicht im Schauen aufgegangen
-ist. Allein die Seele ist auf eine höhere Stufe des übernatürlichen
-Lebens erhoben, welche die Mitte hält zwischen dem gewöhnlichen
-Gnadenzustande und der Himmelsseligkeit. Vermöge der Eingießung
-der Gaben des h. Geistes sind es nicht so sehr die natürlichen
-Seelenkräfte, die tätig sind, es ist vielmehr der Geist Gottes, der von
-der Seele Besitz ergreift und in ihr tätig ist. Da ist nun höheres,
-göttliches Licht, da ist ein Vorgeschmack der Seligkeit und Wonne
-des Himmels. Würde jemand aus nebelumlagerter Finsternis plötzlich in
-der h. Weihnacht in den in hellster Beleuchtung prangenden Cölner Dom
-eintreten und sein Ohr von den Klängen überirdischer Musik entzückt
-werden, er würde sprachlos dastehen, staunen und genießen. Und wenn
-dies Schauen und Genießen auch nur eine Viertelstunde währen sollte, es
-würde ihm zeitlebens unauslöschlich vor der Seele stehen, und niemand
-würde ihm einreden können, er habe nur ein Traumbild geschaut. Aehnlich
-ist es mit der Seele, die entzückt wird. Beim Einfluten des Lichtes
-der Gottheit wird sie sprachlos. „Der Atem stockt, sodaß sie, wenn
-auch die Tätigkeit der anderen Sinne noch andauert, durchaus nicht
-reden kann. Manchmal jedoch hört urplötzlich alles auf, es erkalten
-die Hände und der ganze Körper erstarrt derart, daß es den Anschein
-gewinnt, die Seele sei nicht mehr da, und mitunter kann man auch keinen
-Atem wahrnehmen. Dieser empfindungslose Zustand dauert jedoch nur kurze
-Zeit; denn sobald dieser gewaltige Aufschwung etwas nachläßt, scheint
-der Körper wieder einiges Leben zu gewinnen und atmet wieder auf, um
-aufs neue zu sterben und der Seele ein höheres Aufleben zu verschaffen.
-Bei all dem dauert eine solche großartige Verzückung nie lange. Es
-kommt aber auch vor, daß nach ihrem Aufhören der Wille so versenkt und
-der Verstand einen ganzen Tag oder mehrere Tage so entrückt bleibt, daß
-es den Anschein hat, er könne auf nichts achten als auf das, was den
-Willen zur Liebe zu erwecken vermag. Hierzu ist er in vollkommen wachem
-Zustande, dagegen ist er ganz eingeschlafen, wo er einem Geschöpfe
-besondere Aufmerksamkeit zuwenden soll.“
-
-Diese Beschreibung, welche die h. Teresia[5] von der Entzückung
-gegeben, paßt ganz und gar auf das, was bei Christina wahrgenommen
-wurde. Der Leib wird empfindungslos und starr. Zu verschiedenen Malen
-hat man an Christina, während sie in Verzückung war, den Versuch
-gemacht, zu erproben, ob dem wirklich so sei. Einmal hat man ihr am
-Arme drei Wunden beigebracht. Christina aber regte sich nicht und
-merkte nichts. Als sie aber aus der Verzückung erwachte, fühlte sie
-den Schmerz der Wunden, die nun anfingen zu bluten und langer Zeit
-bedurften, um zu heilen. Ein anderes Mal hat, wie Bruder Gerhard vom
-Greif, der Pfarrer Johannes und andere dem Bruder Petrus berichteten,
-eine Begine der Christina, als sie nach der Kommunion in Verzückung
-gekommen, mit der Schere tief in die Wade geschnitten. Auch diesmal
-merkte Christina während der Verzückung nichts von der beigebrachten
-Verletzung. Als sie aber zu sich kam, empfand sie heftigen Schmerz
-und die Wunde fing an zu bluten. Da sie kein Mittel anwandte, um die
-Wunde zu heilen, so schwoll das Bein bedenklich an und die Wunde fing
-an in Fäulnis überzugehen. Sie begab sich nun nach Cöln und klagte
-dem Bruder Gerhard vom Greif ihr Leid. Dieser sagte ihr, es müsse ein
-Wundarzt die Wunde untersuchen und einen Einschnitt machen. „Muß der
-Mann die Wade sehen?“ fragte Christina. Bruder Gerhard erwiderte: „Ich
-glaube, er wird sie sonst nicht heilen können.“ In einer Weise, die
-mehr zu bewundern als nachzuahmen ist, erwiderte Christina: „Lieber
-lasse ich das ganze Bein verfaulen, als daß ich dieses zugebe,“ und
-ging fort. In der Nacht wandte sie sich zum Gebete und erlangte vom
-Herrn Heilung ihrer Wunde. Morgens ging sie dann zurück zu Bruder
-Gerhard und sprach: „Es ist nicht nötig, den Wundarzt zu rufen;
-denn der Herr hat mich in seiner Güte geheilt.“[6] Auch trifft bei
-Christina zu, was die h. Teresia von den Wirkungen der Verzückung sagt.
-Krankhafte Erscheinungen erzeugen Unlust zu geistiger Betätigung, sie
-hinterlassen Schwäche, Abspannung und Erschöpfung. Ganz anders die
-Verzückung. Auch sie greift die Sinnesorgane in ihrer Weise an. Durch
-das übermächtig einströmende Licht der Gottheit wird die Tätigkeit der
-Sinnesorgane nicht nur, sondern auch alle gewöhnliche Tätigkeit des
-Geistes gebunden. Die Seele ist ganz aufgegangen in ihrer höchsten und
-edelsten Tätigkeit, im Schauen und Lieben ihres Urhebers. Sie lebt ein
-höheres Leben und das natürliche ist eine Weile wie erstorben. Kehrt
-sie nun wieder zum natürlichen Leben zurück, so bedarf es einer Art
-Neubelebung des Organismus, um wieder die gewohnten Beschäftigungen
-aufnehmen zu können. Diese geht gemach vor sich, hat aber, da eine
-Krankheit gar nicht vorlag, mit Rekonvalescenz keine Aehnlichkeit.
-Bald fühlt der Organismus sich wieder ganz frisch. Die Seele brennt
-vor Glut, sich wiederum mit Gott und zwar für immer zu vereinigen. Die
-ganze Schöpfung möchte sie aufrufen, mit ihr Gott zu preisen. Entbehren
-und leiden aus Liebe zu Gott ist für sie eine Genugtuung. Keine
-Bußübung ist ihr zu schwer. Die Welt und was sie enthält erscheint
-ihr gar armselig. Ihre Herrlichkeit ist ihr wie welkes Gras und ihre
-Lust wie ödes Sumpfwasser. Sie hat ja Höhres verkostet. Was sie in der
-Verzückung geschaut, vermag sie, wie St. Paulus es darlegt, nicht in
-Worte zu kleiden. Es übersteigt ja alle Erfahrung. Gefällt es jedoch
-dem Allmächtigen, sie durch bildähnliche Erscheinungen zu belehren
-oder zu erbauen, so weiß sie diese auch, sobald sie zu sich gekommen,
-zu beschreiben. Wo jedoch die Mitteilung des göttlichen Lichtes
-unmittelbar auf die geistige Erkenntnis einwirkt, ist einerseits eine
-Täuschung unmöglich; denn durch den Vorgang selbst hat die Seele die
-Gewähr, daß sie mit Gott verbunden ist, andererseits aber versagen
-ihr auch die Ausdrucksmittel, das, was sie erfahren, entsprechend
-wiederzugeben.
-
- [5] Seelenburg. (6. Wohnung). 4, 10-11.
-
- [6] _V. C._ 155-156.
-
-In der Regel sind solche besondere Hulderweisungen der göttlichen
-Liebe Vorboten großer Prüfungen und Leiden. Liebe und Leib gehören nun
-einmal zusammen wie im natürlichen Leben, so auch im übernatürlichen.
-Seine besondern Lieblinge führt Gott den Weg des Leidens. Keine
-verzärtelten Geschöpfe würdigt er seiner besonderen Freundschaft,
-sondern nur die Heldenseelen, die Opferfreudigen. Sie werden in der
-Schule des Leidens geübt, dann aber auch im Brautgemache der göttlichen
-Liebe erquickt. Unter den Heiligen des Himmel ragen die hh. Martyrer
-hervor, die für Christus die grausamsten Qualen erduldet und ihr Leben
-für ihn gelassen haben. Was in den Zeiten der Christenverfolgung
-wutschnaubende Machthaber an den Bekennern des christlichen Namens
-verübt, das gestattet in friedlichen Zeiten Gott der Herr dem
-Satan an seinen Auserwählten zu vollbringen, damit auch ihnen des
-Martyriums Palme nicht fehle. Es darf uns daher nicht wundern, wenn
-in der Lebensbeschreibung Christinas nach der hohen Begnadigung von
-widerwärtigen Versuchungen und grausamen Quälereien die Rede ist.
-Sie verehrte mit besonderer Innigkeit den h. Apostel Bartholomäus;
-sie betrachtete ihn als ihren ganz besonderen Schutzpatron, da sie
-in ihren Trübsalen sehr oft seinen Beistand erfahren hatte. In der
-Dominikanerkirche sowohl wie in der nahegelegenen Stiftskirche zum h.
-Andreas befanden sich Reliquien des h. Bartholomäus. Ob es nun diesem
-Umstande zuzuschreiben ist, daß Christina sich ihn zum besonderen
-Schutzheiligen erkor, oder ob seine grausame Marter, da ihm lebendigen
-Leibes die Haut abgezogen wurde, auf ihr mitleidiges und heldenmütiges
-Herz bestimmend eingewirkt hat, läßt sich nicht ermitteln. Vielleicht
-haben beide Gründe zusammen eingewirkt.
-
- Abb. 2. Kirchhügel zu Stommeln.
-
- * * * * *
-
-Als Christina bereits zwei Jahre bei den Beginen zu Cöln war, sie
-mithin fünfzehn Jahre zählte, kam, als sie nachts in ihrer gewohnten
-Art sich zum Gebete niedergeworfen hatte, der Versucher in Gestalt
-des h. Bartholomäus vor sie hinstehen und sprach: „Tochter, du betest
-viel und hast ein großes Verlangen, in den Himmel zu kommen. Nun
-wisse, daß du dies erreichen wirst, wenn du dich tötest. Das ist ja
-bald geschehen, und du kommst dann ohne alles Leid ins Himmelreich.“
-Christina, die noch unerfahren war in der Unterscheidung der Geister,
-glaubte, es sei wirklich der h. Bartholomäus, und war ein halbes
-Jahr lang von dieser lästigen Versuchung geplagt. Wenn sie allein
-war, meinte sie, sie müsse sich das Leben nehmen; stand sie an einem
-Brunnen, so kam ihr der Gedanke, hineinzuspringen; war sie in der
-Kirche, so fühlte sie sich zu ihrem größten Leidwesen gedrungen,
-wieder hinauszugehen, um den Tod zu suchen. Doch endlich hatte der Herr
-Erbarmen mit ihr. Als diese Versuchung ihr schier unerträglich wurde,
-kam ihr in den Sinn das Wort des Evangeliums, das sie früher gehört,
-sie würde verloren gehen, wenn sie Selbstmord verübe. Und so schwand
-diese Versuchung.
-
-Nach einer Weile indes wurde sie von einer andern Versuchung gequält.
-Es kamen ihr Zweifel an der Gegenwart Christi im allerheiligsten
-Altarssakramente und an der Erschaffung der Welt durch Gott; auch
-erschien es ihr fraglich, ob überhaupt Gott um sie wisse oder die
-Heiligen. Sie hatte kaum Freude mehr daran, Gutes zu tun, zu beten und
-die Kirche zu besuchen. Achtzehn Wochen lang blieb sie dem Beichtstuhl
-fern. Doch gab sie der Versuchung nicht nach. Trotz der Unlust wohnte
-sie dennoch dem Gottesdienste bei und eines Tages betete sie bei der h.
-Messe also: „Herr, ich habe doch immer gehört, daß dein Leib wahrhaftig
-hier zugegen ist. Zeige mir doch, wie ich diese Zweifel los werden
-kann.“ Und alsbald sah sie bei der Wandlung ein Knäblein in den Händen
-des Priesters, das zu ihr sprach: „Ich bin Jesus.“ Als sie solches
-sah und vernahm, kam sie vor Staunen außer sich. Und als sie wieder
-zu sich gekommen, verspürte sie in ihrem Geiste ein gewisses Maß von
-Licht. Daraufhin ging sie am folgenden Tage zur h. Kommunion und die
-Versuchung wich so vollständig von ihr, als ob sie dieselbe niemals
-gehabt hätte. Auch diese Anfechtungen gegen den Glauben währten ein
-halbes Jahr.
-
-Nunmehr suchte der arglistige Feind des Menschengeschlechtes ihr
-Speise und Trank und vor allem die h. Kommunion zum Gegenstand des
-Ekels zu machen. Es kam ihr vor, als ob auf jeglicher Speise, die sie
-zum Munde führen wollte, häßliche Tiere säßen, Molche, Spinnen und
-dergleichen. Vor Spinnen hatte sie, nebenbei bemerkt, ganz besonderen
-Abscheu. Der Beichtvater gab ihr den Rat, den Ekel zu überwinden und
-nichtsdestoweniger zu essen. Sie folgte, vermochte jedoch vor Ekel die
-Speise nicht bei sich zu behalten. Selbst wenn sie dem Tische des Herrn
-nahte, überkam sie das Gefühl des Ekels. Doch auch diese Plage überwand
-sie, indem sie trotz des Widerwillens dennoch den h. Leib des Herrn
-empfing. Auch diese dritte Versuchung währte ein halbes Jahr. Dies
-alles trug sich zu, während Christina zu Cöln bei den Beginen weilte.
-Dort blieb sie bis zum Alter von siebenzehn Jahren, also bis zum Jahre
-1259. In diesem Jahre kehrte sie nach Stommeln zurück.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Christina in Stommeln bis zum ersten Besuch des Petrus von Dazien
-(1259-1267).
-
-
-In den bisher erschienenen Lebensbeschreibungen der seligen Christina
-heißt es gewöhnlich, sie sei von den Beginen in Cöln entlassen worden
-und deshalb nach Stommeln zu ihren Eltern zurückgekehrt. Das scheint
-jedoch nicht richtig zu sein, denn zunächst steht nichts derartiges
-in dem Berichte, den der damalige Pfarrer von Stommeln, Johannes, dem
-Petrus von Dazien auf dessen Bitte über Christinas Jugend zusandte.
-Auch wäre es dann nicht zu begreifen, daß Christina zeitlebens Begine
-geblieben ist und niemals das Kleid der Beginen abgelegt hat. Wie die
-Verhältnisse lagen, dürfte die Sache sich folgendermaßen zugetragen
-haben. Als Christina bei den Beginen in Cöln eintrat, gab es in
-Stommeln offenbar noch kein Beginenhaus. Sonst würde Christina nicht
-nötig gehabt haben, sich so viele Mühe zu geben, um endlich zu den
-Beginen zu kommen. Während ihres vierjährigen Verweilens zu Cöln ist
-dann zu Stommeln eine Beginengemeinschaft zustande gekommen. Eine
-Verwandte Christinas, Hilla vom Berge, so genannt, weil sie auf dem
-höhergelegenen Teile von Stommeln wohnte, war eine der angesehensten
-der Stommeler Beginen. Wir wissen, daß Christinas Eltern ihr die
-Aussteuer versagten. Deshalb werden die Cölner Beginen Christina
-geraten haben, nach Stommeln zurückzukehren, da sie nunmehr dort,
-wo mittlerweile die Beginen sich eingerichtet hatten, ebensogut als
-Begine leben konnte wie in Cöln. Das Beginenhaus zu Stommeln war, wenn
-auch nicht gleich von Anfang an, eine an die Kirche angebaute Klause.
-Jedoch nicht alle Beginen wohnten dort, wenigstens nicht andauernd.
-Die Räumlichkeiten scheinen zu beschränkt gewesen zu sein. Mehrere
-von ihnen, wie Hilla vom Berge und die blinde Aleidis, hatten eigene
-Wohnungen. Bei ihrer Rückkehr nach Stommeln nahm auch Christina
-zunächst im elterlichen Hause Wohnung. Hier wurde sie, namentlich
-anfangs, nicht allzu freundlich behandelt, weil sie gegen den Willen
-der Eltern ins Kloster gegangen war. Man gönnte ihr nicht einmal das
-Brot, das sie aß. Ihr der Abtötung und dem Gebete geweihtes Leben fand
-auch nicht den Beifall der Beginen. Diese spotteten mehrfach über sie
-und nannten sie eine Scheinheilige. So hatte sie Niemanden, weder zu
-Hause noch außerhalb, bei dem sie einigen Trost gefunden hätte. Im
-öftern Empfange der h. Kommunion hätte sie gerne Kraft und Mut sich
-geholt zum standhaften Ertragen aller Widerwärtigkeiten. Allein sie
-wagte es nicht, darum zu bitten, mit wie heißer Sehnsucht sie auch
-darnach verlangte; denn damals war es nicht üblich, häufig zu den
-hh. Sakramenten zu gehen. Es war ja im dreizehnten Jahrhundert, daß
-die vierte Lateransynode (1215) sich veranlaßt sah, die Pflicht der
-Osterkommunion unter Androhung von kirchlichen Strafen einzuschärfen.
-Der Heiland jedoch wußte auf andere Weise sich seiner treuen Dienerin
-mitzuteilen. Ihrem Pfarrer Johannes hat sie nämlich im h. Gehorsam
-gestanden, sie sei einst krank gewesen (so nannte sie in Demut ihren
-mystischen Zustand), und da habe sie stets über das bittere Leiden
-unseres Herrn nachgedacht. Das habe wohl sechs Wochen gedauert. Und
-es sei ihr vorgekommen, als ob ihr vielgeliebter Heiland vor ihren
-Augen getötet worden sei. Sie lag dann, so fährt der Pfarrer Johannes
-fort, in tiefster Beschaulichkeit da, aß sozusagen gar nichts und ihre
-Glieder blieben, wie Johannes selbst gesehen hat, ganz starr. Aber
-auch der Versucher stellte sich bei ihr ein. Umstrahlt von Schönheit
-erschien er ihr, tröstete sie und sprach: „Teuerste, gehab dich wohl;
-der Herr ist mit dir.“ Er belobte sie dann sehr und sagte schließlich:
-„Siehe, schon bist du merklich schwächer geworden. Wenn du dich noch
-zwei Tage lang der Nahrung enthältst, so wirst du alsbald deinen Gott
-in seiner Herrlichkeit schauen.“ Bei diesen Worten erkannte Christina
-durch Erleuchtung des h. Geistes den teuflischen Betrug, begehrte
-sofort zu essen und beschämt wich der Böse von dannen.
-
-Abgesehen von dieser Versuchung lebte Christina drei Jahre lang im
-Hause ihrer Eltern in seligem Herzensfrieden, auf Gott allein ihren
-Sinn richtend und nicht beachtend, was in der Welt vor sich ging. Sie
-war nun zwanzig Jahre alt und sollte bald in die Schule der Leiden
-genommen werden, indem es dem Satan gestattet wurde, sie zu quälen,
-wie er einst den Diener Gottes, den gerechten Job, gequält hatte. Nur
-das Leben durfte er ihr nicht nehmen, wie er ja auch dem Job das Leben
-lassen mußte. Sie nahm, wie es scheint, Wohnung im Hause der Beginen.
-Dort kam der Versucher in Gestalt des h. Apostels Bartholomäus zu ihr
-und sagte ganz leise: „Teuerste Tochter, deine Werke sind wohlgefällig
-vor Gott, dem du über die Maßen gefällst. Du hast jetzt eine Zeit
-lang an Leib und Seele Ruhe genossen. Nun mußt du auch, da du gar sehr
-verlangst, zum Geliebten deiner Seele zu kommen, an deinem Körper etwas
-leiden.“ Wohl einen Monat lang wurde sie von solchen Zuflüsterungen
-geplagt. Endlich kam der Versucher mit einem Bündel Hülsendorn und
-sprach: „Weil du bisher allzu weichlich gelebt hast, so bringe ich
-dir dies, damit du damit deinen Leib zur Ehre Gottes kasteiest; denn
-das gefällt ihm gar sehr.“ Also tat er zur Zeit der Mette sowohl wie
-zur Zeit der Komplet. Christina aber, vom h. Geiste belehrt, dachte
-bei sich: „Es ist der Dämon. Kaum vermag ich die übliche Geißelung
-zu ertragen, um wieviel weniger eine solche?“ Sodann sprach sie zum
-Versucher: „Uebel ist dein Rat, weil er falsch ist; denn Gott will, daß
-man in allem weise maßhalte.“ Doch wiewohl sie den Versucher in dieser
-Weise abfertigte, kam ihr doch später immer wieder der Gedanke, sie
-hätte doch den Rat befolgen sollen; er könne doch von Gott herrühren.
-Als der Versucher jedoch sah, daß Christina seinen Einflüsterungen
-nicht Folge gab, rächte er sich, indem er selbst acht Nächte hindurch
-Christina mit Hülsenwischen dermaßen geißelte, daß sie am ganzen Leibe
-wund war. Hilla vom Berge, die zur Zeit der Komplet zu ihr zu kommen
-pflegte und nicht wußte, was vor sich gegangen war, fand sie wie halb
-tot und brachte sie zu Bette. Nachdem der Versucher sie noch durch
-mehrere andere Plagen das Jahr hindurch belästigt hatte, quälte er
-sie im Advent auf besondere Weise. Am ersten Adventssonntage wurde
-sie, während sie ihren Rosenkranz[7] betete, mit einem knotigen Stocke
-derartig von unsichtbarer Hand geschlagen, daß die Umstehenden meinten,
-man müsse es im ganzen Dorfe hören können. Fünfmal fiel Christina
-dabei in Ohnmacht. Schließlich betete sie zum Herrn also: „Herr Jesu,
-ich bitte dich bei deinem bitteren Leiden, befiehl dem Dämon, er solle
-aufhören mich zu schlagen; denn ich vermag es nicht länger zu ertragen.
-Oder gib mir die Gnade, daß ich es auszuhalten vermag.“ Eines Tages
-empfing sie, als sie in den Stall ging, einen solch heftigen Schlag
-auf die Hand, daß Blut floß. Darob weinte sie, nicht aus Mangel an
-Gottergebenheit, sondern weil sie glaubte, in solchem Leiden nicht
-mehr allein in ihrem Kämmerlein leben zu können und in ein anderes
-Haus ziehen zu müssen. Mehrfach noch erhielt sie von unsichtbarer Hand
-Schläge, die derartig heftig waren, daß man sie fast bis auf die Straße
-hörte. Auch wurden ihre Füße zerkratzt, und zwar einmal mit spitzigen
-Eisenkrallen; und die ganze Pfarre kam zusammen und sah mit eigenen
-Augen diese Quälereien.
-
- [7] Dieser Rosenkranz bestand aus 50 Vater unser (_Pater noster_).
- Auch die Gebetsschnur, der man sich beim Beten der 50 Vater
- unser bediente, hieß _Pater noster_, wie sie in den Niederlanden
- noch heute genannt wird. Die Dominikaner trugen einen solchen
- Rosenkranz schon damals am Gürtel, und die Beginen desgleichen.
- _V. C._ 108, 118.
-
-Christina kehrte ins Haus ihrer Eltern zurück und blieb etwa ein Jahr
-lang von körperlichen Mißhandlungen frei. Jedoch suchte der arglistige
-Feind ihre Andacht auf mancherlei Weise zu stören. Am Weihnachtsabend
-kam er in Gestalt eines Stieres und brüllte entsetzlich, packte ihren
-Kopf zwischen seine Zähne und übergoß ihr Gesicht mit Geifer. Vier
-Wochen nachher hörte sie jedesmal ein starkes Brüllen, so oft sie der
-h. Messe beiwohnte, Gottes Lob singen oder predigen hörte, oder wenn
-sie sich im Gebete befand. Davon wurde sie eine Zeit lang ganz taub.
-Als sie den Herrn bat, er möge diese Plage, die ihr die Uebungen der
-Gottseligkeit verleidete, von ihr nehmen, hörte sie eine gar liebliche
-Stimme einen Psalm zum Lobpreis Gottes anstimmen, wodurch ihr Herz
-in solche Wonne versetzt wurde, wie sie niemals solche bis dahin beim
-Gesange empfunden hatte. Das Gehör war wiedergekommen; nunmehr wurde
-sie eine Zeit lang stumm. Ein mündliches Gebet vermochte sie nicht
-mehr zu verrichten. Zuweilen versuchte sie kurze Seufzer auszusprechen
-wie: „Mein Herr und mein Gott!“ oder: „O Gott, erbarme dich meiner!“
-oder: „Vielgeliebter.“ Aber auch das vermochte sie nicht. Sie bekam
-darüber solches Wehe, daß sie vierzehn Tage lang Blut spuckte. Der
-Versucher aber kam und verhöhnte sie, indem er sprach: „O Törin, wo ist
-nun dein Gott? Wenn du einen Gott hast, so bete diesen an und rufe ihn
-an. Du siehst doch wohl, daß ich der Schöpfer aller Dinge bin.“ Solche
-Lästerungen empörten Christina, und es schmerzte sie über die Maßen,
-daß sie ihn, weil sie stumm war, nicht abfertigen konnte.
-
-Dann quälte sie der Böse durch Ohrenbläsereien. Drei Wochen lang
-flüsterte er ihr unaufhörlich in die Ohren, was die Menschen Unrechtes
-getan, gestohlen und dergleichen, und dabei nannte er die Leute mit
-Namen. Auch drohte er ihr, er werde in der Kirche laut ausrufen, daß
-sie alles, was abhanden gekommen sei, gestohlen habe. Als auch diese
-Versuchungen nicht vermochten, Christina zu lieblosen Urteilen oder zur
-Vernachlässigung des Gottesdienstes zu verleiten, wurde sie vierzehn
-Tage hindurch durch feuerige Erscheinungen in Schrecken gesetzt. Wollte
-sie in ihrem Kämmerlein beten, so schien es in Flammen zu stehen; nahm
-sie ihr Gebetbuch, so schien es zu brennen; ging sie zum Beichtstuhl,
-so schien der Priester in Flammen zu stehen; wollte sie dem Tische des
-Herrn nahen, so glaubte sie, durchs Feuer gehen zu müssen. Unterdessen
-kam wieder die Adventszeit heran und nach den früher gemachten
-Erfahrungen war Christinas Umgebung in Furcht vor neuen Plagen. So kam
-es, daß der ehrwürdige Pfarrherr Johannes sie für den Advent 1267 ins
-Pfarrhaus aufnahm.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Zur Beurteilung des Dämonischen.
-
-
-In der Folge wird häufiger noch als bisher von ganz eigenartigen Plagen
-die Rede sein, von denen Christina heimgesucht wurde. Christina ist
-nicht die einzige unter den Seligen des Himmels, die solche Plagen
-zu erdulden hatte. Bezeichnender Weise sind es vorzugsweise die mit
-mystischen Zuständen Begnadigten, die solchen Quälereien ausgesetzt
-sind, als deren Urheber gemeinhin die bösen Geister angesehen werden.
-Kein geringerer als der Völkerapostel Paulus, der in den dritten
-Himmel entrückt wurde, klagt darüber, daß der Satansengel ihn mit
-Faustschlägen mißhandelt habe.
-
-Die Ungläubigen, die alles Uebernatürliche leugnen, halten alles
-Dämonische für Fabel oder Ausgeburt eines krankhaften Gehirns. Mit
-solchen Leuten kann man aufrichtiges Mitleid haben.
-
- „Den Teufel spürt das Völkchen nie,
- „Und wenn er sie beim Kragen hätte.“[8]
-
- [8] Göthe, Faust.
-
-Daß es eine Welt unsichtbarer Geister gibt, von denen die einen,
-die hh. Engel, das Menschengeschlecht lieben, die andern hingegen,
-die gefallenen Engel, die wir Teufel nennen und deren Fürst Satan
-ist, voller Haß und Neid gegen die Adamskinder, die statt ihrer der
-Himmelsherrlichkeit teilhaft werden sollen, diesen zu schaden suchen,
-ist eine Wahrheit, die fast auf jeder Seite der heiligen Schriften
-des alten und neuen Bundes zu Tage tritt und die auch, wenn auch mehr
-oder minder entstellt, im Bewußtsein des gesamten Menschengeschlechtes
-zu allen Zeiten festgehalten wurde. Ein wissenschaftlicher Beweis für
-die Behauptung, daß es keine Teufel gibt oder keine geben kann, oder
-daß diese die Menschen nicht zu versuchen oder ihnen nicht zu schaden
-vermögen, ist bisher von Niemanden erbracht worden und kann auch
-nicht erbracht werden. Von ewigen, unabänderlichen Naturgesetzen zu
-reden, ist leere Phrase. Gesetze sind Vorschriften. Naturgesetze aber
-schreiben nichts vor. Es sind nur Verallgemeinerungen von einzelnen von
-uns beobachteten Vorgängen. Will man von Naturgesetzen reden, so muß
-man auch einen Herrn der Natur annehmen, der mit Macht und Weisheit
-sie leitet, der aber auch auf andere als die gewohnte Weise durch
-sie wirken kann und auch solches vollbringen kann, was die Kräfte der
-Natur übersteigt. Denn der Urheber der Natur ist doch nicht durch die
-von ihm ins Dasein gerufenen Naturkräfte eingeschränkt. Wenn schon
-der Mensch gewaltige Aenderungen im Naturlauf hervorrufen kann, indem
-er die Naturkräfte seinem Willen dienstbar macht, sei es, daß er auf
-dem Stahlroß oder im Kraftwagen über die Erde dahinsaust, oder im
-Luftschiff sich in die Höhe emporschwingt und am Himmelsgezelt mit den
-Wolken einherfährt, wie sollte es den überirdischen Geistern, denen
-zudem auch die uns noch verborgenen Naturkräfte bekannt sind, sich
-deren mit Zulassung des Schöpfers nicht bedienen können, um Wirkungen
-hervorzubringen, die uns wunderbar vorkommen? Eigentliche Wunder kann
-freilich nur Gott allein wirken, weil nur seine Allmacht die Macht
-der von ihm geschaffenen Natur übersteigt. Die Engel jedoch und ebenso
-die Teufel vermögen die vorhandenen natürlichen Kräfte in einer Weise
-anzuwenden, die ungewohnt ist und uns deshalb wunderbar erscheint.
-Teuflische Einwirkungen auf die Menschheit sind deshalb möglich. Ob sie
-nun wirklich vorliegen, muß in jedem Falle, wo ihre Tatsächlichkeit
-behauptet wird, bewiesen werden. Nirgendwo wäre Leichtgläubigkeit
-weniger angebracht als hier. Die Kirche läßt uns in der Untersuchung
-und Prüfung solcher Vorkommnisse, die in den Lebensbeschreibungen der
-Heiligen berichtet werden, vollste Freiheit und ermahnt uns zu größter
-Vorsicht. Der allgemeine Einwand jedoch, heutzutage trete der Teufel
-nicht sichtbar in die Erscheinung, also habe er es auch früher nicht
-getan, ist nicht stichhaltig. Der Teufel ist eben von jeher arglistig
-und boshaft und Dummheit gehört nicht zu seinen Eigenschaften. Vor
-allem sucht er Unglauben und Gottlosigkeit zu verbreiten. Das würde er
-aber heutzutage am wirksamsten verhindern, wenn er offen hervorträte.
-Denn wer heute an den Teufel glaubt, der kann nicht mehr ungläubig
-sein, der muß auch Hölle und Himmel annehmen, und an Gott glauben.
-Anders aber lagen die Dinge im Mittelalter, wo der Glaube ans Jenseits
-unbestritten war.
-
-Was nun die teuflischen Quälereien, die von der seligen Christina
-in der Jülicher Handschrift berichtet werden, anbelangt, so verdient
-hervorgehoben zu werden, daß diese Handschrift zu Lebzeiten Christinas
-angefertigt wurde, und die Verfasser die Vorkommnisse miterlebt
-oder sie aus dem Munde Christinas vernommen haben. Daß sie alle die
-Wahrheit sagen wollten, wird niemand, der diese Aufzeichnungen und
-Briefe liest, in Zweifel ziehen. Die Erzählung ist so treuherzig,
-die Schilderung so unmittelbar, die in die Darstellung verwobenen
-Angaben über Ort, Zeit und sonstige Umstände der Geschehnisse mit
-der geschichtlichen Wirklichkeit so genau übereinstimmend, daß ihr
-der Stempel der Wahrhaftigkeit nicht abgeleugnet werden kann. Die
-Personen, welche diese Dinge berichten, sind achtbare, unterrichtete
-Männer. Da sind zunächst die beiden Pfarrer von Stommeln, Johannes und
-sein Nachfolger Heinrich, die beide über alles, was Christina betraf,
-aufs genaueste unterrichtet waren, an ihr das lebhafteste Interesse
-nahmen und in ihrem ganzen Verhalten eine Art heiliger Ehrerbietigkeit
-gegen Christina an den Tag legten. Pfarrer Johannes war ein Mann
-nach dem Herzen Gottes, von reinem Wandel und erprobter Tugend,
-ausgezeichnet durch uneigennützige Freigebigkeit und große Frömmigkeit,
-wie allgemein bekannt war. Da ist ferner der hochbetagte, in der
-Seelenleitung wohlerfahrene Bruder Walter aus dem Dominikanerkloster
-zu Cöln, der uns geschildert wird als sehr frommer Mann, reich
-an Jahren und Verdiensten, mit weißem Haupthaar und lieblichem
-Angesichte, hochangesehen nicht bloß bei den Weltgeistlichen, sondern
-auch bei den Ordensleuten.[9] Dieser war Christinas Beichtvater
-seit ihrem Eintritt ins Beginenkloster zu Cöln. Da ist vor allem
-der schwedische Dominikaner Petrus von Dazien, der am eingehendsten
-sich mit den Zuständen Christinas befaßt und dem vorzugsweise die
-über sie erhaltenen Aufzeichnungen zu danken sind. Petrus stammte
-aus der Stadt Wisby auf der Insel Gotland in der Ostsee, war gegen
-das Jahr 1266 in den Dominikanerorden eingetreten, dessen zehnte
-Provinz Dänemark, Schweden und Norwegen umfaßte und Dazien genannt
-wurde. Wegen seiner Zugehörigkeit zu dieser Provinz wird er gemeinhin
-Petrus von Dazien genannt. Wegen seiner besonderen Befähigung wurde
-er von seinen Ordensobern zur Vervollkommnung seiner Studien nach
-Cöln und Paris geschickt. Während seines Cölner Aufenthaltes, der von
-1266-1269 währte, kam er zwölfmal nach Stommeln, dann noch einmal
-bei seiner Hinreise nach Paris und abermals bei der Rückreise, und
-später noch einmal von Schweden aus, also im ganzen fünfzehnmal. Der
-ebenso fromme und demütige wie kenntnisreiche und gelehrte Ordensmann
-betrachtete Christina als das ihm von Gott gegebene Vorbild eines
-vollkommenen, ganz der Liebe Jesu Christi geweihten Lebens; Christina
-hingegen, durch göttliche Erleuchtung belehrt, betrachtete den Petrus
-als ihren geistlichen Führer und Tröster. Christina verschloß, wie
-alle wahrhaft mystischen Seelen, die Vorgänge ihres Innenlebens vor
-der Außenwelt. Nur dem Petrus gab sie in Gehorsam hierüber Aufschluß.
-Petrus war schon einundzwanzig Jahre hindurch im Dominikanerorden,
-als er im Advent 1267 zum ersten Male nach Stommeln kam. Er war mithin
-nicht ein unerfahrener, junger Student, wie der Innsbrucker Professor
-Emil Michael irrtümlicher Weise annimmt, sondern ein allseitig
-durchgebildeter, urteilsfähiger Ordensmann in der vollen Kraft des
-Mannesalters. In welchem Ansehen er stand, geht daraus hervor, daß er
-nach seiner Rückkehr in die Heimat Lesemeister zu Skeninge, dann zu
-Strengnäs und darauf zu Gotland wurde und schließlich zu Wisby das Amt
-eines Priors versah. Einen getreuen Helfer in der Aufzeichnung dessen,
-was sich Merkwürdiges im innern und äußern Leben Christinas ereignete,
-hatte Petrus in dem Schullehrer zu Stommeln, dem Magister Johannes,
-einem allseitig verehrten Manne von frommem und reinem Wandel, der
-später Priester wurde und als Kaplan Christinas bezeichnet wird. Petrus
-vergleicht ihn in einem seiner Berichte mit dem Apostel Johannes; denn
-wie der Heiland diesem seine jungfräuliche Mutter, so habe er ihm
-seine Namensgenossin, das Gefäß der Tugenden und die Uebungsschule
-aller geistigen Kämpfe zur Hut anvertraut. Dem Petrus sei auch hier
-der Johannes vorgezogen. „Darum,“ so fährt Petrus fort, „strenge
-deine Sinne an, suche scharf und mit allem Fleiße zu beobachten, was
-der Herr Wunderbares wirkt. Lasse dir keine Handlung und kein Wort
-entgehen, was der Bräutigam oder die Braut tut oder spricht. Beobachte
-das Benehmen, wäge ab die Handlungen, verkoste die Freuden, merke
-die Gnadenerweisungen, das Geheime bewahre treu in deinem Herzen
-und erzähle es, wenn die Zeit gekommen, den Gläubigen. Denn es wird
-die Zeit kommen, wo man dies von dir verlangen wird. Und weil das
-Gedächtnis sehr vergeßlich ist, so schreibe auf, was der Herr Großes
-wirkt.“[10] Wie getreulich der Meister Johannes dieser Aufforderung
-nachgekommen ist, zeigt das dritte Buch der Jülicher Handschrift. Was
-Johannes von Christina berichtet, hat er ihr größtenteils abgelauscht
-bei ihrem Erwachen aus der Verzückung. „Diese Geheimnisse,“ so schreibt
-er an Petrus, „die ich Ew. Liebden mitteile, sind mir nicht von einem
-Menschen, sondern von Gott kundgemacht worden. Laßt Euch das nicht
-unglaublich sein. Denn wenn zu den Dienern Gottes im allgemeinen
-gesagt ist: „Nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eures
-Vaters ist es, der in euch redet,“ so gilt das auch insbesondere
-von seiner Braut und besonders zu jener Zeit, wo sie eben aus der
-Entrückung zurückkehrt, in dem Zeitraum, wo sie von äußern Dingen und
-von sich selbst nichts weiß. Ich schreibe euch dies darum, auf daß ihr
-wisset, daß Christina, Eure Tochter, zur Zeit, wo sie ihrer mächtig
-war, mir nichts von dem, was ich aufgeschrieben habe, mitgeteilt hat,
-außer wenigem über ihr Leiden.“ Sehr richtig ist diese Bemerkung
-des Magisters Johannes für die Beurteilung der außergewöhnlichen
-teuflischen Quälereien, die im dritten Buche der Jülicher Handschrift
-berichtet werden. Sie tragen durchgängig visionären Charakter und somit
-entfällt alles, was man gegen ihre Glaubwürdigkeit vorgebracht hat.
-
- [9] _V. C._ 6.
-
- [10] _V. C._ 235.
-
-Da die Dominikaner damals stets zu Fuß reisten und bei ihren Reisen
-stets mindestens zu zweien sein mußten, so kamen mit Petrus auch
-andere Dominikaner nach Stommeln und lernten Christina kennen. Außer
-dem bereits erwähnten Bruder Walter verdienen noch angeführt zu werden
-die Brüder Gerhard vom Greif, ein sehr gelehrter Mann, Lehrmeister
-der Studenten und ehemaliger Unterprior im Cölner Kloster,[11] und
-Johannes von Muffendorf, die beide auch zu Christinas Beichtvätern
-zählen, ferner die Brüder Aldebrandino aus Rom, Balduin von Flandern,
-Gotfrid von Werden, Jakob von Andernach, Johannes Hespe aus der Provinz
-Dazien, Karl, der in Paris studiert hatte und als Ordensmann, reich
-an Gnaden, ausgezeichnet durch große Herzensreinheit, feine Sitten,
-Freigebigkeit und vorzügliche Frömmigkeit, gerühmt wird,[12] ferner
-Bruder Laurentius aus dem Kloster zu Wisby, Bruder Mauritius, später
-Lesemeister in Reval, Bruder Salomon aus Ungarn, Bruder Folkwin von
-Gotland, Bruder Wilhelm von Werigehal aus der englischen Provinz und
-Bruder Wipert von Böhmen aus der Provinz Polen. Wie der Vorgesetzte
-dieser Brüder, der Cölner Prior Hermann von Havelbrech, über
-Christina dachte, ersehen wir aus den Worten, mit denen er den Brüdern
-Aldebrandino und Petrus auf ihr Begehren Erlaubnis erteilte, nach
-Stommeln zu gehen: „Geliebteste Söhne,“ sprach der Prior, „mit Freuden
-gestatte ich euch, nach diesem Orte zu gehen, um Gottes Wundertaten zu
-sehen. Ich habe nämlich so außerordentliche Dinge von dieser Jungfrau
-gehört, daß ich sehr gerne mit euch gehen möchte, wenn ich dazu in
-der Lage wäre. Ihr aber, Geliebteste, seid noch jung und seid aus
-entfernten Gegenden hierhergekommen und möget also hingehen und die
-wunderbaren und erbaulichen Dinge beobachten. Diese könnt ihr dann
-dereinst in eueren Ländern noch im hohen Alter zu gegebener Zeit andern
-zur Erbauung erzählen.“[13] Einige Monate nachher, am Weißen Sonntag
-1269, ging indes Prior Hermann selbst mit dem Bruder Arnold von Xanten,
-Prior von Straßburg, nach Stommeln und besuchte Christina. Dieser
-Prior Hermann von Havelbrech war aber ein Mann von großer Sanftmut und
-Güte, geschmückt mit allen Tugenden. Längere Zeit hindurch war er der
-Begleiter des Ordensgenerals Johannes I. gewesen und hatte mit diesem,
-wovon er mitunter zu erzählen pflegte, zehn Provinzen des Ordens
-bereist. Auch war er zweimal Provinzial der deutschen Ordensprovinz
-gewesen. Doch nicht bloß die Dominikaner kannten Christina. Auch die
-minderen Brüder vom h. Franz in Cöln interessierten sich für sie. Im
-Jahre 1281 z. B. kamen am Vorabend von Johannes Geburt zwei Minoriten
-mit vier Dominikanern nach Stommeln, um Christina in der Verzückung zu
-sehen. Der Prior der unweit von Stommeln gelegenen Benediktinerabtei
-Brauweiler, Gotfrid genannt, „ein Mann von allseitig gutem Rufe,
-großer Bescheidenheit und auferbaulichem Wandel“, von dem Petrus von
-Dazien sagt, daß er, ohne der Heiligkeit der übrigen nahetreten zu
-wollen, niemals einen Mann seines Ordens von solcher Vollkommenheit
-gesehen habe,[14] war Christinas väterlicher Freund, der häufiger in
-Begleitung des Kellermeisters der Abtei Brauweiler, namens Leonius,
-eines hochbetagten Mannes von großer Umsicht und Reife des Urteils,
-sie in Stommeln besuchte. Zur Zeit des Interdiktes, das Erzbischof
-Engelbert von Falkenburg über Cöln und Umgebung verhängte, weil die
-Stadt sich mit dem Grafen von Jülich gegen ihn verbündet hatte, ging
-Christina regelmäßig nach Brauweiler, um in der Abteikirche, die dem
-Interdikte nicht unterlag, dem Gottesdienste beizuwohnen. Sie beichtete
-dann regelmäßig bei dem Prior Gotfrid. Auch andere Geistliche aus dem
-Ordens- und Weltklerus kamen Christinas halber nach Stommeln, z. B.
-Adolf, Scholar des Cölner Domdechanten, Magister Heinrich vom Stifte
-der hh. Jungfrauen in Cöln, Herr Engelbert vom St. Cäcilienstifte
-dortselbst und ein Mönch des Klosters Quinheim[15] bei Neuß. Es wird
-vielfach behauptet, im Mittelalter sei man wundersüchtig gewesen und
-deshalb verdienten die Wundermären aus jener Zeit keinen Glauben.
-Wie alle derartigen allgemeinen Sprüche sich bei näherem Zusehen als
-oberflächliche Uebertreibungen erweisen, so auch hier. Die Männer,
-die Christinas mystische Zustände in Stommeln beobachteten, waren
-keine Schwärmer. Es waren fromme und vernünftige Männer von nüchterner
-Auffassung und gesundem Urteil. Wie sie dachten, geht anschaulich
-hervor aus einer Begrüßungsszene zwischen dem vorhin erwähnten
-Unterprior Gerhard vom Greif und Petrus von Dazien. Als letzterer im
-Jahre 1279 aus Schweden kommend in Cöln anlangte, hatte er in Stommeln
-vorgesprochen und der Unterprior sprach zu ihm, als er ihn im Cölner
-Kloster empfing: „Habt Ihr Christina gesehen?“ denn er kannte die
-Hochachtung, die Petrus gegen Christina hegte. Petrus antwortete: „Ja,
-Vater.“ Da lächelte der Unterprior und fuhr fort mit den Worten des
-h. Hieronymus an Paulinus: „Jene Zeit hatte ein unerhörtes, für alle
-Jahrhunderte denkwürdiges Wunder, sodaß die Menschen, die in eine so
-herrliche Stadt kamen, dennoch etwas anderes außerhalb dieser Stadt
-suchten und diejenigen, die Cöln nicht an sich ziehen konnte zu seiner
-Bewunderung, sich durch den Ruf eines einzigen Menschenkindes angezogen
-fühlten.“ Dann fragte er weiter: „Wie geht es mit Christina? Wie
-gefällt Euch ihr Zustand?“ Petrus antwortete: „In allem gut. Ich bin
-gar sehr getröstet worden; denn seit meinem Weggang hat sie sehr große
-Fortschritte in der Heiligkeit gemacht.“ Der Unterprior erwiderte:
-„Ihr habt recht, Bruder Petrus; ich bin derselben Ansicht und Ihr
-möget wissen, daß meine Hochachtung gegen sie um kein Haar abgenommen
-hat. Daß ich sie aber seltener als früher besuche, kommt daher, weil
-diejenigen, die früher die Brüder aufzunehmen pflegten, meistens
-gestorben sind.“[16] So spricht und handelt kein wundersüchtiger
-Schwärmer.
-
- [11] In Cöln gab es im 13. Jahrhundert ein Haus zum Greif (_domus
- Grifonis_). Anal. des hist. Vereins für den Niederrhein. 46, 97.
-
- [12] _V. C._ 15.
-
- [13] A. a. O. 40.
-
- [14] _V. C._ 41.
-
- [15] Quinheim war dort, wo jetzt Grimlinghausen liegt.
-
- [16] _V. C._ 153-154.
-
-Auch bei dem weiblichen Geschlechte fand Christina Verständnis und
-Verehrung. Da ist vor allem zu nennen die hochangesehene, hochbetagte
-Aebtissin des hochadeligen Damenstiftes zur h. Cäcilia in Cöln, Geva,
-Gräfin von Virneburg, die mit den fein gebildeten Stiftsfräulein,
-unter denen Irmgardis[17] hervortritt, besonderes Interesse für die
-fromme Tochter des Stommler Gutsbesitzers Bruso bekundete. „Geva
-liebte Christina wie eine Mutter ihre Tochter und erwies ihr viel
-Gutes.“[18] Auch zwei Stiftsdamen aus dem Stifte der hh. Jungfrauen
-(St. Ursula) in Cöln, Christina und ihre Schwester Gertrud, zählten
-zu Christinas Bekanntenkreis.[19] Was von größter Bedeutung ist,
-diejenigen, die täglich um Christina herum waren, ihre Vertrauten,
-die Beginen von Stommeln, liebten und verehrten ihre Mitschwester
-Christina und erwiesen ihr, wie Christina bezeugt, viel Gutes. Wenn
-sie auch anfänglich mitunter, von frommer Eifersucht verleitet, über
-Christinas strenges Bußleben und ihre mystischen Zustände gespöttelt
-hatten, so erkannten sie doch, beim längeren Zusammenleben mit ihr,
-die Gediegenheit ihres Wesens und die Echtheit ihrer Begnadigungen. Da
-ist zuerst Hilla vom Berge, ihre Blutsverwandte und unzertrennliche
-Gefährtin in allen ihren Leiden und Freuden. „Ich sah, schreibt
-Petrus, ihr Angesicht immer gleich, sie mochte im Glück oder Unglück
-sein. Sie war eine Jungfrau, die alles Lob verdiente, in Kreuz und
-Leid unverzagt, in Freude und Glück behutsam, überall eine wahre
-Jungfrau im Wandel, im Verhalten, in der Rede. Ihr Scherz war ernst
-und ihr Ernst schien scherzend, weil sie in Wort und Benehmen sich
-immer gleichmäßig benahm. Nächst Christina glaube ich kein Mädchen
-von solcher Herzensreinheit je gesehen zu haben; denn es kam mir vor,
-als könnte sie keine Sünde begehen, und Gott weiß es, daß ich an ihr
-nie eine Geberde, eine Miene oder ein Wörtchen wahrgenommen habe, was
-auf Leichtsinn hätte schließen lassen können, wiewohl ich sie scharf
-beobachtet und mich oft und lange mit ihr unterhalten habe.“[20]
-
- [17] Geva, Gräfin von Virneburg, war Aebtissin des St. Cäcilienstiftes
- zu Cöln von 1266-1272; eine Irmgardis, Freiin von Wevelkoven
- (Wevelinghoven), gehörte dem Stift an von 1276-1282. Diese
- dürfte zu Gevas Zeiten wohl eine Anwartschaft auf eine Stelle als
- Kanonissin gehabt haben; denn eine Irmgardis tritt als Begleiterin
- Gevas auf. Diese chronologischen Angaben verdanke ich der gütigen
- Mitteilung des Herrn Rektor Michels in Remagen, der zur Zeit die
- Geschichte des St. Cäcilienstiftes bearbeitet.
-
- [18] _V. C._ 30, 36.
-
- [19] _V. C._ 22.
-
- [20] A. a. O. 22.
-
-An zweiter Stelle kommt die blinde Aleidis, die, wie man glaubte, durch
-Weinen das Augenlicht verloren hatte und sich doch über diesen Verlust
-nicht beklagte. Sieben Jahre hindurch war sie bettlägerig gewesen und
-hatte bei gänzlicher Erschöpfung ihrer Kräfte eine wundersame Geduld
-bewiesen. Ihre Tugend läßt sich, sagt Petrus, nicht beschreiben.
-Wer sie kennt, wird gestehen, daß alles Lob hinter der Wirklichkeit
-zurückbleibt.[21] -- Neben der blinden Aleidis gab es in Stommeln noch
-eine andere sehr geschäftige Begine mit Namen Aleidis und außer der
-Hilla vom Berge auch noch eine Hilla von Ingendorf. Die Schwester des
-Pfarrers Heinrich von Stommeln, Benigna mit Namen, war ebenfalls nach
-Kleidung und Wandel eine Begine, wiewohl sie nicht in deren Klause
-wohnte, sondern ihrem Bruder den Haushalt führte. Zum engeren Kreise
-der Freundinnen Christinas gehörten auch noch ihre Nichte Hilla und die
-Nichte der blinden Aleidis, die Begine Engilradis, Tochter des dortigen
-Vogtes, sowie die hochbetagte Mutter des Pfarrers Johannes und dessen
-beide Schwestern Gertrud und Hadewig. Diese Gertrud, von der gerühmt
-wird, daß sie eine gar liebliche Stimme hatte und oft und gerne schöne
-geistliche Lieber sang, war eine ganz besondere Vertraute Christinas.
-
- [21] A. a. O. 22.
-
- Abb. 3. Beginenfigur (14. Jahrh.).
-
-Was Christina selbst anbelangt, so war sie das Kind gesunder Eltern.
-Auch ihre vier Geschwister erfreuten sich bester Gesundheit. Sie war,
-wie der Befund ihrer Gebeine ausweist, von schlankem und kräftigem
-Körperbau und erreichte ein Alter von siebenzig Jahren. Sie lebte in
-frischester Landluft, liebte es freilich, vorzugsweise am Spinnrocken
-zu sitzen und sich mit Nähen und Sticken zu beschäftigen.[22]
-Andererseits aber beteiligte sie sich auch an der Feldarbeit, half
-namentlich bei der Ernte[23] und war selbst des Reitens nicht unkundig.
-So wird von ihr berichtet, daß sie am Ostersonntag des Jahres 1268,
-weil ihre Füße vom Karfreitag her noch wund waren, an der Seite ihres
-Vaters zur Kirche ritt, um der Osterpflicht zu genügen, und zwar, um
-Aufsehen zu vermeiden, in weltlicher Tracht.
-
- [22] A. a. O. 199.
-
- [23] A. a. O. 150.
-
-Manche sind geneigt, Christinas Zustände als Krankheitserscheinungen
-zu betrachten. Sie denken an überreizte Nerven, Halluzinationen und
-Hysterie. Krankheitsbilder unseres nervösen Zeitalters werden ohne
-weiteres in das dreizehnte Jahrhundert zurückverlegt, wo jedoch
-Volksgesundheit und Volkskraft in höchster Blüte standen. Christinas
-Persönlichkeit hatte nun aber gar nichts an sich von der zarten
-Mattigkeit, der zitternden Empfindsamkeit und dem unaussprechlichen
-Angekränkeltsein der nervenschwachen Frauenwelt unserer Tage. Christina
-ist einige Male wohl auf wenige Tage krank gewesen; allein von einer
-ernstlichen, langandauernden Störung ihrer Gesundheit ist nirgendwo die
-Rede. Sie erfreute sich im Gegenteil wie alle ihre Familienangehörigen
-einer kräftigen, widerstandsfähigen Körperverfassung. Wenn sie
-mitunter das Bett zu hüten gezwungen war, so geschah dies infolge
-mystischer Zustände, die sie in ihrer Demut als Schwachheitszustände
-bezeichnete. Man hat auch versucht, Christinas mystische Zustände
-mit gewöhnlichen Frauenleiden in Verbindung zu bringen und sie aus
-diesen zu erklären, weil sie mit dem einundzwanzigsten Lebensjahre
-anfingen und mit dem sechsundvierzigsten Lebensjahre schlossen.
-Es liegt hier der nicht selten vorkommende Trugschluß vor, aus dem
-Nebeneinander zweier Erscheinungen auf deren ursächliche Abhängigkeit
-voneinander ohne weiteres zu schließen. Unerklärlich bleibt jedoch
-dann, weshalb denn nicht auch die Verzückungen und die Wundmale auf
-diese Zeitperiode beschränkt blieben, sondern diese überdauerten.
-Sind denn geheimnisvolle Leiden und von unsichtbarer Hand ausgeführte
-körperliche Mißhandlungen, wie Christina sie in der angegebenen Zeit
-zu erdulden hatte, dem weiblichen Geschlecht in dieser Zeitperiode im
-allgemeinen eigen? Weshalb sollen denn gerade bei Christina gewöhnliche
-Frauenleiden den Grund zur Erklärung ungewöhnlicher Zustände des
-Seelenlebens hergeben? Auch vergißt man, daß das geheimnisvolle letzte
-Leiden Christinas zur Zeit der Schlacht bei Worringen im Jahre 1288,
-das gewöhnlich zur pathologischen Erklärung ihrer Zustände herhalten
-muß, in keiner natürlichen Blutung bestand. Vielmehr bestand diese
-darin, daß der ganze Körper zerfleischt und geschunden war und dann
-zur Erhöhung der Qualen mit Salz eingerieben wurde. In Folge dieser
-Marter war der ganze Leib mit Blut überströmt. Bei der beliebten
-pathologischen Erklärungsweise bleibt es auch unerklärt, daß Christinas
-Zustände in der angegebenen Zeit nicht das ganze Jahr hindurch währten,
-sondern sich nach den liturgischen Zeiten richteten. Sie traten nämlich
-regelmäßig in der Advents- und Fastenzeit sowie an den Vorabenden der
-Heiligenfeste ein. Die Bußzeiten des Kirchenjahres waren Christinas
-Leidenstage, ihre Festzeiten hingegen Christinas übernatürliche
-Freudenzeiten. Auch blieb sie stets frei von allen Anfechtungen und
-Quälereien am Kommuniontage und an dem darauffolgenden Tage bis zur
-Komplet.
-
-Zudem darf nicht vergessen werden, daß ein beträchtlicher Teil der
-Leiden Christinas mit Krankheitserscheinungen nicht den mindesten
-Zusammenhang hat. Es sind einfache körperliche Mißhandlungen, die von
-unsichtbarer Hand ausgeführt wurden, z. B. Ausschlagen von Zähnen,
-Zerren an den Haaren, Durchbohren der Füße, Brennen mit glühenden
-Steinen, Stockschläge, Geißelhiebe, Bewerfen mit Unrat und dergleichen.
-
-Einzelne der berichteten Leiden sehen allerdings epileptischen
-Anfällen ähnlich, z. B. das beim ersten Besuch des Petrus beobachtete
-wiederholte heftige Anschlagen des Kopfes gegen die Wand oder das
-mehrere Jahre nachher im Advent eintretende heftige Erschüttertwerden
-des ganzen Körpers. Allein es wirkten dabei auch Umstände mit, die in
-ein Krankheitsbild schlecht passen. Des Vorganges beim ersten Besuche
-des Petrus erinnert sich Christina nach zwölf Jahren noch in allen
-Einzelheiten; hätte Fallsucht vorgelegen, so wäre dies doch wohl
-nicht möglich gewesen. Auch fiel Christina bei dem Vorgange nicht zu
-Boden, wie es doch bei epileptischen Krämpfen gewöhnlich der Fall
-ist, sondern sie saß aufrecht da, wie alle übrigen, die im Zimmer
-anwesend waren. Allerdings hätte Petrus, natürlich gesprochen, bei
-seinem ersten Besuche zurückhaltender sein sollen in seinem Urteile.
-Es wirkten jedoch damals auf seine Seele Vorgänge übernatürlicher
-Art ein, von denen später noch die Rede sein wird. Diese lassen
-freilich sein Verhalten erklärlich erscheinen. Das Erschüttertwerden
-im Advent war Christina lange vorher angekündigt worden und sie war
-darauf gefaßt. An der Fallsucht leidende Personen sind zudem in der
-Regel minderwertige Menschen, was bei der mit den reichsten Gaben
-an Körper und Geist ausgestatteten Christina mit nichten behauptet
-werden kann. Will man epileptische Veranlagung als Erklärungsgrund
-der außergewöhnlichen Zustände Christinas annehmen, so müßte doch das
-Krankheitsbild ein gleichmäßiges sein. Allein das trifft keineswegs zu.
-In jedem Advent, in jeder Fastenzeit treten Erscheinungen zutage, die
-keinerlei Verwandtschaft aufweisen. Oder besteht etwa ein Zusammenhang
-zwischen Geistestrockenheit und Besudeltwerden, zwischen Geißelung und
-Brandwunden?
-
-Es soll jedoch nicht in Abrede gestellt werden, daß hin und wieder
-vorübergehende Krankheitserscheinungen sich in Christinas Zustände
-hineingemischt haben können. Daß sie einmal, sie wußte nicht wie,
-in eine mit Schlamm gefüllte Grube hineingeriet, kann in Folge eines
-Fieberanfalles geschehen sein. Bezeichnender Weise sagt Christina von
-diesem Vorfalle, den sie bei späterem Befragen genau beschreibt, auch
-gar nicht, daß er dämonischer Einwirkung zuzuschreiben sei.
-
-Bei Christina finden sich aber anderseits Vorkommnisse, die von allen
-Gottesgelehrten, denen Fachkunde in der Unterscheidung der Geister
-zusteht, als dämonische Einwirkungen bezeichnet werden. Aus der
-Mundhöhle Christinas, die Gott von Herzen liebte, und deren größte
-Freude es war, Gott zu loben, ertönen einmal, worüber sie entsetzt war,
-Lästerungen und Verhöhnungen der Gottheit. Sie wird einmal auf einige
-Zeit des Gehörs, ein anderes Mal der Sprache beraubt. Es kommt ihr
-auf einmal ein unerklärlicher Widerwille gegen Personen, die sie am
-meisten liebt und verehrt. Es treten Versuchungen auf, die weder von
-der Umgebung herrühren, noch auf dem Boden ihres Herzens entsprossen
-sein können, aber demjenigen ähnlich sehen, der Versucher von Anbeginn
-ist, der bald zur Ueberhebung, bald zur Verzweiflung treibt, bald zum
-Uebereifer anspornt, dann Apostasie in den Sinn gibt, in wechselnder
-Folge den Menschen bald zur Unzucht, bald zum Unglauben zu verleiten
-sucht, ihm jetzt Gedanken der Selbstgefälligkeit, dann Versuchungen zum
-Selbstmord eingibt, dem aber immer zuwider sind Demut und Gottesliebe.
-
-Christina aber ist gerade ein Musterbild von Demut und Gottesliebe,
-die sie dem Teufel besonders verhaßt machen mußte. Sie war zudem nicht
-bloß mit außerordentlichen übernatürlichen Gnadengaben ausgerüstet,
-sondern auch mit natürlichen Vorzügen aufs vornehmste bereichert und
-geschmückt.[24] Petrus von Dazien gibt uns von ihr bei seinem zweiten
-Besuche folgende Schilderung: „Ich hatte Gelegenheit, ihre Sitten
-und ihr Verhalten genau zu beobachten und zu prüfen und reiflicher
-Erwägung zu unterziehen, wie ich früher ihre Geduld und Bescheidenheit
-betrachtet hatte. Obgleich nun Manches in ihren Zuständen vorkam,
-was der gewöhnliche menschliche Verstand nicht fassen und erklären
-kann und was nach meiner Meinung den Charakter des Uebernatürlichen
-und Wunderbaren an sich trägt, so habe ich doch zum mindesten das
-bemerkt, daß sie eine erstaunliche und für solche, die es nicht aus dem
-Augenschein feststellen konnten, unglaubliche Enthaltsamkeit übte, eine
-mit Anständigkeit verbundene Freundlichkeit und eine mit Gottesfurcht
-gepaarte Heiterkeit besaß und dazu eine vor allen ausgezeichnete Demut
-und Fröhlichkeit bei Erniedrigung und Zurücksetzung. Sie redete Weniges
-und nur Erbauliches, und wenn man sie über etwas befragte, antwortete
-sie mit Bescheidenheit. Sie redete mitunter auch wohl ein munteres,
-nie aber ein leeres oder müßiges Wort. Sie trug Ordenskleidung, die
-gleich entfernt war von überflüssigem Zierart wie von gesuchter Demut.
-In ihrem Wandel war etwas wunderbar Tugendhaftes, das alle, die sie
-sahen oder mit ihr umgingen, sehr erbaute. In ihrem Wandel und Wesen
-suchte sie sich nach Möglichkeit den andern Menschen anzubequemen und
-alles Auffallende zu vermeiden, um zu keinerlei Gerede Veranlassung zu
-geben.“[25]
-
- [24] _V. C._ 143.
-
- [25] _V. C._ 10-11.
-
-Was nun die Beurteilung der teuflischen Quälereien, denen Christina
-ausgesetzt war, anbelangt, so sind, nach Befund der Tatsachen,
-drei Arten zu unterscheiden. Zunächst liegen, wie bereits gesagt,
-körperliche Mißhandlungen vor, die mit den Sinnesorganen wahrnehmbar
-waren. Diese wurden von vielen Zeugen wahrgenommen. Auch ließen die
-dadurch hervorgerufenen Verwundungen ihre sichtbaren Spuren zurück
-und heilten erst allmählich auf natürlichem Wege. Wenn z. B. in
-der Jülicher Handschrift[26] berichtet wird, der Teufel habe der
-Christina mit einer Zange zwei Backenzähne auf grausamste Weise
-ausgerissen, so findet dies seine Bestätigung im Befunde des im
-Grabmal der Seligen zu Jülich aufbewahrten Schädels. An ihm sind die
-Grübchen zweier Backenzähne zugewachsen, wie es zu geschehen pflegt,
-wenn Zähne im jugendlichen Alter entfernt werden. Diese Tatsache ist
-bisher von niemanden beobachtet worden. Verfasser nahm sie wahr beim
-Wiederverhüllen des Schädels nach der durch Weihbischof Hermann Josef
-Schmitz vorgenommenen kanonischen Untersuchung der Gebeine am 17.
-Februar 1897.
-
- [26] _V. C._ 149.
-
-Der größte Teil der an Christina verübten Quälereien ist jedoch
-visionären Charakters, vollzog sich im Innenleben Christinas und war
-für andere nicht wahrnehmbar. Darüber belehrt uns Christina selbst.
-Denn sehr häufig betont sie, man solle nicht glauben, daß die von ihr
-berichteten Vorgänge sich alle tatsächlich ereignet hätten, sie teile
-seelische Empfindungen mit, sie habe Zustände inneren Leidens und
-Kämpfens gehabt, die so auf sie einwirkten, als hätten sich die Dinge
-wirklich zugetragen.[27] Diese Quälereien erfolgten regelmäßig durch
-lebhaft in die Erscheinung tretende und auf das Vorstellungsvermögen
-einwirkende Bilder.
-
- [27] _=Putabam= me sanguineas sudare guttas (V.C. 71); =Videbatur=
- mihi quod totum corpus meum combureretur (72); =Videbatur= mihi
- quidquid oraovi quod in nomine daemonis orarem (73); =quasi=
- flamma apparuit, =quasi= hoc emitteret in os meum ... =quasi=
- cupiens me devorare (86); =videbatur= ei, quod aperiretur abyssus
- (137); angelos ... =corporalibus oculis non videbat=, sed ...
- angelorum consolationes =in corde suo spiritualiter et veraciter
- cognoscebat= (109); eam daemones =in corde= taliter illudebant,
- quod ad spectaculum tormentorum suorum multitudinem populi adesse
- =credebat= (171); =non visibiliter sed in corde sensibiliter=
- diversa tormentorum genera sustinuit (20); singula tormentorum
- genera vehementi cordis impetu pertransivit, =nec minor erat
- cruciatus et dolor, quam si omnia corporaliter pateretur= (201)._
-
-Bei einer Anzahl von Belästigungen geschah die Einwirkung auf das
-Vorstellungsvermögen nicht durch Bilder, sondern durch Truggestalten,
-die dem körperlichen Auge wahrnehmbar waren. Um derartige Vorgänge
-handelt es sich, wenn Christina hier und da beteuert, dieselben seien
-nicht bloß innerlich gewesen, sondern hätten sich auch äußerlich
-abgespielt.
-
-Es kommen im Seelenleben Christinas mitunter auch gestaltlose
-Einwirkungen vor, wie sie den sogenannten Verstandesvisionen eigen
-sind, die in unmittelbarem Verkehre himmlischer Geister oder Gottes
-selber mit der menschlichen Seele bestehen.
-
-Auch verdient hervorgehoben zu werden, daß, wiewohl im Leben Christinas
-zeitweise das Dämonische so stark in den Vordergrund tritt, doch
-nirgendwo sich etwas findet, was mit dem in späterer Zeit auftretenden
-Hexenwahn irgendwie verwandt wäre.
-
-Schließlich sei noch auf den bisher von niemanden beobachteten
-Nebenumstand hingewiesen, daß Christina im Gegensatz zu ihrer Umgebung
-den bösen Feind niemals als Teufel (_diabolus_) bezeichnet; sie bedient
-sich stets des gewählteren Ausdruckes Dämon, was einerseits von der
-Zartheit ihres Empfindens, andererseits aber auch von der Genauigkeit
-der Berichterstattung Zeugnis ablegt.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Erster Besuch des Petrus von Dazien bei Christina im Advent 1267.
-
-
-Kehren wir nunmehr zu Christina zurück, die wir im Advent des Jahres
-1267 im Pfarrhause zu Stommeln zurückgelassen haben, wo sie den ersten
-Besuch des Dominikanerpaters Petrus von Dazien erhalten sollte. Wie
-das kam, soll uns Petrus selbst erzählen. „So weit meine Erinnerung
-reicht, schreibt Petrus,[28] hatte ich seit meiner frühesten Kindheit
-allezeit eine innige Freude, wenn ich etwas hörte von dem Leben,
-den Tugenden, den Leiden und dem Tode der Heiligen und besonders
-von Jesus, unserem Herrn, und seiner glorreichen Mutter. Wenn ich
-dann über das Gehörte nachdachte, so brachte das meinem Herzen viele
-Tröstungen. Infolgedessen fing ich schon damals an, die Welt mit ihren
-Lüsten geringzuschätzen und öfters sprach ich mit meinen leiblichen
-Brüdern darüber, wie wir die Welt verlassen möchten. Dabei entstand
-in meinem Herzen eine besondere Sehnsucht. Ich verlangte und wünschte
-nämlich, der Herr möchte mir mit seiner Gnade behülflich sein, irgend
-einen seiner Diener kennen zu lernen, durch den ich den Wandel der
-Heiligen nicht bloß in Worten, sondern in Tat und Beispiel sicher
-und klar erlernen könnte.... Unter diesem Sehnen flossen viele Jahre
-dahin, wie ich meine, wohl über zwanzig Jahre. In dieser Zeit hat nun
-freilich der Herr mir mehrere Personen beiderlei Geschlechtes gezeigt,
-an denen ich mich oft erbaut habe. Doch wurde durch sie niemals mein
-Verlangen gesättigt. Je mehr ich solche fromme Seelen antraf, desto
-mehr sehnte ich mich wieder nach andern. Denn in keiner fand ich, was
-ich suchte, und mein Sehnen blieb ungestillt. Endlich hat der Vater
-der Erbarmungen ... mich ganz unerwartet eine solch fromme Seele, die
-ich suchte, finden lassen. Eine aus vornehmer Familie entsprossene
-Frau namens Alfradis, die einen Mann, der ebenfalls vornehmen Standes
-war, geehlicht hatte, wurde schwer krank und sandte zum Bruder Walter,
-der seit langer Zeit ihr Beichtvater war. Er ging zu ihr am Tage vor
-dem Feste des h. Apostels Thomas und nahm mich als Begleiter mit.
-Wir kamen erst spät an jenem Hause an. Während nun Walter die Beichte
-jener Frau hörte und ich im Hause saß, kam zu mir eine Begine, Aleidis
-mit Namen, und fragte mich, woher ich gekommen sei. Ich antwortete:
-Von Cöln. Da sprach sie: Wärest du doch in unserem Dorfe gewesen und
-hättest einmal die wunderbaren Dinge gesehen, die dort an einem Mädchen
-geschehen! Am Nachmittage des folgenden Tages nun gingen wir, wie es
-Walter bestimmte, nach jenem Pfarrdorfe und kehrten im Pfarrhause
-ein, wo sich damals jenes Mädchen befand wegen der Bedrängnis, die
-man befürchtete.... Als ich ins Pfarrhaus eintrat, sah ich ärmlichen
-Hausrat, betrübte Menschen und eine junge Person, die etwas seitwärts
-saß und das Gesicht mit dem Mantel verhüllt hielt. Diese stand auf, als
-Bruder Walter eintrat, und grüßte ihn. Aber in demselben Augenblicke
-stieß der Teufel sie rückwärts, sodaß ihr Kopf heftig wider die Wand
-anschlug. Die Anwesenden erschraken darüber, waren aber noch mehr in
-Angst wegen der Trübsale, die nach den Erfahrungen der früheren Jahre
-noch zu befürchten waren. Während nun diese alle in Sorge und Betrübnis
-waren, wurde ich allein mit einer ganz besonderen, ungewohnten Freude
-erfüllt, fühlte eine innerliche Tröstung und war ganz von Staunen
-ergriffen. Ich begriff nicht, was mit mir vorging, und wurde darob
-betroffen, weil ich fürchtete, man möchte es merken.... Um nun diese
-meine Gemütsstimmung zu verbergen, suchte ich mit den Hausgenossen, mit
-dem Herrn Pfarrer nämlich und seiner Mutter, mit seinen Schwestern und
-anderen Personen, die gerade im Hause waren, ein Gespräch anzuknüpfen.
-Mein Genosse saß inzwischen ein wenig von uns entfernt bei jenem
-Mädchen und hielt ihr verschiedene Beispiele vor von der Geduld Christi
-und der Heiligen. Jene meine Freude aber prägte sich so stark in meine
-Seele ein, daß auch bis jetzt, wo schon elf Jahre seitdem verflossen
-sind, sie nicht bloß mir im Gedächtnis haftet, sondern mir auch wie
-gegenwärtig fühlbar ist. Ich habe in jener Stunde, wie ich glaube,
-gewiß irgendeine göttliche Einwirkung empfangen. Während ich nun so
-dasaß und den Leuten zuhörte, auch mitunter ein munteres oder ernstes
-Wort dazwischen redete, waren meine Augen und Gedanken dahin gerichtet,
-wo jene Person sich befand, deren Nähe ich meine Umwandlung zuschrieb
-... Wie ich nun meinen Genossen und jenes Mädchen genau beobachtete,
-sah ich, daß der Teufel es siebenmal stieß, viermal wider die Wand
-rücklings und dreimal wider eine Kiste zu ihrer Linken und zwar mit
-solcher Gewalt, daß die Stöße auch für die ferner Stehenden hörbar
-waren. Was mir besonders auffiel, war der Umstand, daß bei diesen
-heftigen Stößen das Mädchen weder Seufzer noch Schluchzen vernehmen
-ließ, ja nicht das geringste Zeichen von Ungeduld oder Schmerz weder
-durch Wort noch Geberde zu erkennen gab, sondern ruhig blieb, ohne
-einen Laut des Murrens oder der Klage von sich zu geben. Ich konnte
-mich nun nicht länger mehr halten und sprach zu Bruder Walter:
-„Liebster Vater, ich weiß nicht, ob Ihr es bemerkt, wie der Teufel
-das Mädchen so heftig stößt. Es wäre wohl gut, wenn Ihr mit ihm etwas
-weiter von der Wand und der Kiste abrücktet und ein Kissen hinter
-ihren Kopf legtet, damit, wenn noch weitere Stöße erfolgen sollten, die
-Heftigkeit des Anpralles durch die weiche Hinterlage gemildert werde.“
-Man tat dieses auch. Wie wir nun noch eine Weile dagesessen hatten,
-hörte ich das Mädchen auf einmal aufseufzen, wie wenn es plötzlich
-von etwas Schmerzhaftem betroffen worden wäre. Als die Frauen, die
-um es herumsaßen, dies bemerkten, fragten sie nach der Ursache des
-Aufseufzens. Es antwortete: „Ich bin an den Füßen verwundet.“ Man
-sah nach und fand es so. Denn an jedem Fuße fand sich eine frisch
-blutende Wunde. Als die Verwundete auf solche Weise viermal von neuem
-aufseufzte, wurde ich von Mitleid ergriffen und bei dem Weinen und
-Schluchzen derer, die um sie saßen und bei jedem neuen Aufseufzen neue
-Wunden sahen, stand auch ich auf und sah, wie ich meine, bei den beiden
-letzten Aufseufzungen nach, und ich erblickte die Wunden in ihrem
-Entstehen, noch bevor das Blut hervorquoll. Denn gewöhnlich pflegt
-es einige Augenblicke zu dauern, ehe das Blut nach der Verwundung
-hervorfließt. Hiermit nun hatte diese Mißhandlung ein Ende. Sieben
-frisch blutende Wunden erblickte ich auf der oberen Seite der Füße,
-und zwar vier auf dem einen und drei auf dem anderen Fuße. Da ich
-aber zweimal aufgestanden war und die Sache mich sehr interessierte,
-habe ich genau acht gegeben und bemerkt, daß jedesmal eine neue Wunde
-hinzugekommen war. Unterdessen war die Nacht nach dem Feste des h.
-Apostels Thomas angebrochen und ich, der ich vorher von Freude erfüllt
-war, war nun voll des Mitleidens. Bruder Walter wünschte, daß wir jetzt
-die Komplet beteten. Wir beteten sie mit allen Zusätzen nach Vorschrift
-und zwar in Gegenwart der Jungfrau. Und als wir zu Ende waren, kniete
-die Jungfrau nieder, Bruder Walter legte ihr beide Hände auf das Haupt
-und sprach das Johannesevangelium zum Schutze gegen die Wut des bösen
-Feindes. Hierauf bat ich ihn um die Erlaubnis, mit den Hausgenossen
-die Nacht durchwachen zu dürfen. Er gestattete es und ich geleitete
-ihn zu seiner Ruhestätte, die man ihm aus Ehrfurcht vor seinem Alter
-und seiner Frömmigkeit im Pfarrhause selbst bereitet hatte.... Als ich
-nun mit seiner Erlaubnis wieder zur Jungfrau zurückkam, um ihr Trost zu
-spenden und auch durch sie mittels der Wunderwerke des Herrn Trost zu
-empfangen, fand ich zwei Lichter im Hause, die bis zum Morgen brannten,
-und sieben Personen, die nicht abwechselnd, sondern alle mitsammen die
-Nacht hindurch ununterbrochen Wache hielten, bis es Tag wurde, ohne daß
-auch nur einer sich zur Ruhe niederlegte. Man hielt dies für notwendig,
-weil ein jeder der Anwesenden von der Wut und Bosheit des Teufels die
-heftigsten und unerträglichsten Angriffe zu befürchten hatte. Sie waren
-froh, als sie mich zurückkommen sahen, und ersuchten mich, dort Platz
-zu nehmen, wo mein Gefährte vordem gesessen hatte. Ich tat es, und
-als ich dort eine Weile in Stillschweigen gesessen, fragte mich jene
-Jungfrau: „Wie heißet Ihr?“ Ich antwortete: „Petrus.“ Da sprach sie:
-„Guter Bruder Petrus, erzählet mir etwas von Gott; ich höre so gerne
-etwas von ihm, wiewohl ich wegen meiner jetzigen Bedrängnis zu meinem
-Bedauern nicht sonderlich achtgeben kann.“ Auf ihren Wunsch, dem sich
-auch die übrigen anschlossen, erzählte ich ihnen nun, obschon ich der
-Mundart noch nicht vollkommen mächtig war, zwei Beispiele aus dem Leben
-der Brüder, die ich für erbaulich hielt, das eine, wie die seligste
-Jungfrau einen Kartäuser gelehrt habe, ihr zu dienen und sie zu lieben;
-das andere, wie ein Bruder des Predigerordens durch die h. Messe, die
-ein befreundeter älterer Bruder für ihn gelesen, aus dem Fegfeuer, in
-dem er fünfzehn Jahre lang gewesen war, befreit worden sei.
-
- [28] _V. C._ 2-10.
-
-Als ich die Erzählungen beendigt hatte, hielt ich ein wenig inne. Da
-auf einmal seufzte die Jungfrau auf, heftiger wie gewöhnlich. „Was
-ist geschehen?“ fragte ich. „Ich bin am Knie verwundet,“ sagte sie.
-Nach einer Weile, in der man wohl ein Miserere hätte beten können,
-stöhnte sie wieder, zog ihre rechte Hand durch den Aermel ihres
-Kleides nach innen, fuhr damit unter ihrem Kleide herab, zog dann
-einen eisernen Nagel hervor, der mit frischem Blute überronnen war
-und gab ihn mir in die Hand.... Ich fand ihn viel wärmer, als er es
-durch Berührung des menschlichen Körpers hätte sein können.... Da es
-nun, wie mir dünkte, Mitternacht war, ging ich zu meinem Gefährten, um
-nach Ordensbrauch mit ihm die Mette zu beten. Wir beteten die Mette
-von der allerseligsten Jungfrau, und als wir die Laudes begonnen,
-entstand im Hause ein solches Jammern, daß wir das Gebet abbrachen,
-ohne Nachricht abzuwarten, gleich zu der Jungfrau und ihrer Umgebung
-hineilten und fragten, was geschehen sei. Man sagte uns, die Jungfrau
-sei schwer verwundet worden. Mein Gefährte setzte sich neben sie und
-fand sie in tiefer Betrübnis und fast ohnmächtig. Bald jedoch kam
-sie wieder zu sich, zog dann die andere Hand ähnlich wie früher durch
-den Aermel nach innen und langte einen anderen Nagel hervor, der mit
-frischem Blute benetzt und gleich heiß war wie der erstere, aber eine
-viel grauenhaftere Form hatte. Sie gab denselben meinem Gefährten in
-die Hand mit den Worten: „Schauet da, womit ich verwundet worden bin.“
-Alle betrachteten den Nagel, staunten über seine schreckliche Form
-und entsetzten sich. Ich aber bat, man möge ihn mir zum Geschenke und
-steten Andenken überlassen. Man gab ihn mir und ich habe ihn bis zum
-heutigen Tage aufbewahrt, auch an ihm ein Zeichen gemacht, wie tief er
-in das Fleisch eingedrungen war. Denn das Fleisch, das noch daran hing
-und das anklebende Blut, ließen das ganz deutlich erkennen.
-
-Am Morgen kehrte ich wieder nach Cöln zurück. Ich weiß nicht, ob ich
-mich je in meinem Leben in solcher Gemütsverfassung befunden habe,
-so daß ich damals am liebsten, wenn ich gekonnt, die Messe von der
-allerseligsten Jungfrau gelesen hätte zur Danksagung für die mir von
-Gott erwiesenen Gnaden. Nun glaubte ich die Psalmstelle zu verstehen:
-„Helle ist mir geworden die Nacht in meiner Wonne; denn vor dir hat
-die Finsternis kein Dunkel und hell wird die Nacht wie der Tag. Denn
-so wie ihr Dunkel, so ist sein Licht.“ (Ps. 138, 11-12.) Und mit den
-Jubeltönen des Exultet fährt dann Petrus fort: „O glückliche Nacht!
-o selige Nacht, die du für mich geworden zum Anfang der göttlichen
-Erleuchtungen, bei denen Nacht und Tag nicht mehr wechseln. O süße und
-wonnevolle Nacht, in der mir zuerst verliehen wurde zu verkosten, wie
-lieblich der Herr ist. Das ist die Nacht, in der ich gewürdigt wurde,
-zuerst die Braut meines Herrn zu sehen.“ Nur eines beklagte Petrus, daß
-sie für ihn zu kurz war. „Möchte von nun an,“ so schließt er, „meine
-sündige Seele erneuert und ich in einen neuen Menschen umgewandelt
-werden, so daß ich zu neuem Leben erstehe und den Tod nicht schaue in
-Ewigkeit!“
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Zweiter Besuch des Petrus. Christinas Entrückung und Seelenjubel.
-
-
-Nach dem Advente verließ Christina das Pfarrhaus. Im darauffolgenden
-Jahre, 1268, einem Schaltjahre, fiel das Fest des h. Apostels
-Matthias, das in Stommeln noch heute als das des zweiten Pfarrpatrons
-besonders feierlich begangen wird, auf den Samstag vor dem ersten
-Fastensonntag. Der Pfarrer von Stommeln hatte seinen guten Freund,
-Bruder Gerhard vom Greif aus dem Dominikanerkloster in Cöln, gebeten,
-zur Aushülfe herüberzukommen. So bot sich für Bruder Petrus eine
-Gelegenheit, die Schritte wieder nach Stommeln zu lenken. Hören wir
-ihn selbst, wie er seinen zweiten Besuch in Stommeln beschreibt:
-„In der nächstfolgenden Fastenzeit ging ich wieder bei dargebotener
-Gelegenheit nach dem früher genannten Orte, nach dem meine Sehnsucht
-stand, als Begleiter des Bruders Gerhard vom Greif, dem Beichtvater
-besagter Jungfrau ... Wir kamen dort an am Samstage vor dem ersten
-Sonntage der Fastenzeit. Am Sonntage nun lud der Herr Pfarrer seinem
-Freunde, dem Bruder Gerhard, zuliebe auch dessen geistige Tochter
-auf Mittag zu Tisch. Sie folgte der Einladung und speiste mit uns.
-Darüber hatte ich viele Freude; denn so hatte ich Gelegenheit, ihre
-Sitten und ihr Verhalten genau zu beobachten ... Nach Tisch, als der
-Pfarrer einen Kranken besuchte, begab es sich, daß eine Person --
-jedenfalls die sangeskundige Gertrud, Schwester des Pfarrers, -- aus
-Andacht den Hymnus: _Jesu dulcis memoria_ in unserer Gegenwart sang und
-nach der lateinischen Strophe auch jedesmal die deutsche innig-fromme
-Uebersetzung[29] mitsang. Dadurch wurde ich mehrmals zu Tränen gerührt.
-Da wurde mit einem Male die Jungfrau dermaßen im Geiste entrückt, daß
-sie in allen ihren Sinnesorganen unempfindlich und am ganzen Körper
-starr war und kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Was uns aber
-noch mehr in Erstaunen setzte, man konnte gar kein Atemholen mehr an
-ihr bemerken. Ich gestehe, daß ich bei diesem Anblicke vor Freuden
-weinte und vor Verwunderung außer mir war und für eine so große Gabe
-des göttlichen Einflusses dem Geber Dank sagte. Denn was hier vor
-sich ging, konnte ich keiner natürlichen Ursache, noch menschlicher
-Einwirkung zuschreiben; ich erkannte darin vielmehr die Nähe Gottes
-... Einen solchen Zustand hatte ich noch nie an einem Sterblichen
-wahrgenommen und ich glaubte, hier geschehe, was der Apostel andeutet,
-wenn er schreibt: „_Sive mente excedimus_“, d. h. mögen wir im Geiste
-entrückt sein ... Und ich begann nun, desto genauer alle Geschehnisse
-zu beobachten, auf alle Worte zu hören, und auf alle Bewegungen und
-Geberden zu merken und sie meinem Gedächtnisse tiefer einzuprägen, weil
-ich alles dem Hulderweis besonderer Gnade zuschrieb.
-
- [29] Die erste Strophe der alten Uebersetzung lautet:
- „Jesu, wie süß, wer dein gedenkt!
- Sein Herz vor Freuden überschwenkt.
- Noch süßer über alles ist,
- Wo du, o Jesu, selber bist.“
-
-Als sie nun in diesem Zustande, ein wenig nach vorn geneigt, Gesicht
-und Hände mit dem Schleier verhüllt, etwa drei bis vier Stunden auf
-einer Bank gesessen hatte, seufzte sie unter Schluchzen auf, so daß
-sie am ganzen Körper etwas in Bewegung kam. Dann begann sie ein wenig
-aufzuatmen; jedoch ging dies leichter und langsamer vor sich, als es
-sonst bei Menschen zu geschehen pflegt. Die Bewegung beim Atmen war so
-gering, daß es besonderer Aufmerksamkeit bedurfte, um sie wahrzunehmen
-... Es war nämlich, wie gesagt, die Bewegung beim Atmen geringer und
-die Zwischenzeit zwischen Ein- und Ausatmen größer wie gewöhnlich.
-Als sie nun auch in diesem Zustande die Zeit von ungefähr zwei Messen
-hindurch gesessen hatte, fing sie an tiefer und überhaupt so zu atmen,
-wie Menschen gewöhnlich zu atmen pflegen. Darauf begann sie auch zu
-reden, jedoch so leise, daß man es selbst bei aufmerksamem Hinhorchen
-kaum verstehen konnte und auch nicht in vollständigen Sätzen,
-sondern in einzelnen Ausrufungen voller Liebe und Süßigkeit, wie:
-Liebevollster, süßester oder herzinnigster, trautester oder Bräutigam.
-Und dabei jubelte sie auf unter freudiger Erregung des ganzen Körpers,
-das einem Aufhüpfen ähnlich sah, und zwar in ganz ungewohnter Weise.
-Das Jubeln ging in einem Atemzuge vor sich und dauerte ein Miserere
-lang und dann trat wieder eine ebensolange Zeitdauer hindurch
-Unbeweglichkeit ein. Es wiederholte sich dann derselbe Vorgang des
-freudigen Aufhüpfens, Jubelns oder Jauchzens -- ich weiß nicht, wie
-ich es nennen soll, sagt Petrus, denn ich habe früher so etwas nie
-gesehen -- und nahm ungefähr die Zeit von zwei Messen in Anspruch.
-Diejenigen, die bei ihr saßen, weinten vor Freude ob der Inbrunst der
-Andacht und der Glut der Liebe, die in dem Vorgang zu Tage trat.“ -- Es
-ist dieses Aufjubeln der Seele eine im Leben der innigen Vereinigung
-mit Gott mitunter hervortretende Erscheinung. Beim Einströmen der
-göttlichen Liebeswonne wird die Seele gleichsam trunken vor Seligkeit.
-Sie vermag sich nicht mehr zu fassen vor übergroßer Wonne, ihr Herz
-strömt über und so führt sie unwillkürlich eine Art mystischen Reigens
-auf, ähnlich demjenigen der jungfräulichen Chöre im Hochzeitssaale des
-himmlischen Bräutigams, und süße Jubeltöne entströmen ihren Lippen, wie
-sie in unnachahmlicher Meisterschaft wiederklingen in den Melismen der
-Gradual- und Allelujagesänge des gregorianischen Chorals.
-
-Als nun diese Art des Seelenjubels nachließ, begann sie in ihrer Rede
-mehrere Worte miteinander zu verbinden und gleichsam vollständige Sätze
-zu bilden, in denen sie Danksagung und Lobpreis ausdrückte. Denn sie
-tat einige Erwähnung von dem Zustande, in dem sie gewesen war, und von
-den Wohltaten, die sie empfangen hatte, obgleich sie sich in einzelnes
-nicht einließ. Es war überaus rührend zu hören, wie sie dabei ihre
-eigene Armseligkeit und die großmütige Freigebigkeit und herablassende
-Güte ihres Bräutigams hervorhob. Von dem einen zum andern übergehend,
-redete sie bald von ihrer eigenen Geringheit und Unwürdigkeit, bald
-wieder pries sie die unermeßliche Güte Gottes. Diese Art und Weise der
-Rede dauerte etwa die Zeit einer Messe. Darnach begann sie in größter
-Bitterkeit des Herzens und unter einem großen Tränenstrome die vielen
-Armseligkeiten ihrer irdischen Verbannung so sehr zu beklagen, daß ich
-derartiges Weinen früher nie gesehen habe. Ich hatte zwar bis dahin
-auch geglaubt, daß die Füße des Herrn, wie das Evangelium berichtet,
-von den Tränen eines Weibes benetzt wurden; seitdem aber habe ich mir
-diese Worte, durch ein solches Beispiel belehrt, tiefer eingeprägt. Und
-ich meine, diese Jungfrau würde mit ihren Tränen nicht nur die Füße,
-sondern auch die Hände und das Haupt des Herrn, wenn die Gelegenheit
-dazu sich dargeboten hätte, benetzt haben. Da nun auch so eine Stunde
-vorübergegangen war, begann sie, gleich einem andächtig Betenden,
-Gott dem Herrn inbrünstig jene anzuempfehlen, die sich ihr empfohlen
-hatten. Ich bemerke dies deshalb, weil ich hier zuerst wahrnahm,
-daß sie wieder aus Antrieb der menschlichen Vernunft und natürlichen
-Erkenntnis handelte ... Nachdem sie so ihre Freunde und Wohltäter, die
-ihr nur irgendetwas Gutes erwiesen hatten, angelegentlich dem Herrn
-empfohlen hatte, betete sie auch ganz innig für ihre Feinde, falls
-sie solche haben sollte, damit der Herr ihnen verzeihe, ob sie nun
-geflissentlich oder aus Unverstand gegen sie gesündigt. Das setzte sie
-hinzu, weil einige, da sie die Wahrheit nicht kannten, lieblos über sie
-geredet hatten. Schließlich begann sie denen, die mit ihr gesprochen,
-zu antworten und sich nach gewöhnlicher Art der Menschen zu verhalten,
-ohne jedoch Erwähnung zu tun von dem, was vorgegangen war. Es schien
-ihr vielmehr unangenehm zu sein, wenn sie jemanden davon reden hörte.
-
- Abb. 4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639)
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Dritter und vierter Besuch des Petrus. Christina empfängt die Wundmale
-des Herrn.
-
-
-Das Fest der Verkündigung Mariens wurde im Jahre 1268, da der 25. März
-auf den Passionssonntag fiel, am vorhergehenden Samstage gefeiert.
-An diesem Samstage traf Bruder Petrus zu seinem dritten Besuche in
-Stommeln ein. Er war diesmal begleitet von Bruder Karl, der von Paris
-gekommen war und im Begriffe stand, über Cöln nach seiner Heimat
-Dazien zurückzureisen. Petrus hatte ihm von Christina erzählt und ihm
-auch die beiden schrecklichen Nägel gezeigt, die der Teufel ihr ins
-Fleisch hineingetrieben hatte. Bruder Karl wurde darob so ergriffen,
-daß er gar sehr Christina zu sehen wünschte. Auch erbat er sich von
-Petrus einen der Nägel zum Geschenke. Petrus gab ihm den kleinern. Nach
-erhaltener Erlaubnis machten die Brüder sich am Nachmittage des 24.
-März auf den Weg, kamen nach der Komplet in Stommeln an, und kehrten
-im gastlichen Pfarrhause ein, wo sie auch die Nacht zubrachten. Als sie
-nach dem Abendbrote miteinander plauderten, fragte Petrus den Pfarrer,
-wie man es wohl einrichten könne, daß man Bruder Karl, der gar sehr
-darnach verlange, Christina kennen zu lernen, seinen Wunsch erfüllen
-könne. Freundlich entgegnete der Pfarrer: „Ladet sie morgen ein, mit
-euch zu speisen.“ Ich erwiderte: „Es steht mir nicht zu, jemanden
-einzuladen.“ Darauf sagte der Pfarrer. „Sie wird lieber kommen,
-wenn ihr sie einladet.“ Ich lud sie denn auch, schreibt Petrus, am
-folgenden Morgen ein. Da wir nun zu Tisch gehen sollten, fanden wir sie
-dastehen, bereit, uns Wasser über die Hände zu gießen. Während sie uns
-zum Händewaschen einlud, kamen mir unwillkürlich die Worte Elisabeths
-in den Sinn: „Woher mir dieses, daß die Mutter meines Herrn zu mir
-kommt?“ Doch ließ ich die Dienstleistung geschehen, um Christinas Demut
-und ihren frommen Sinn nicht zu beschämen. Weil der Pfarrer uns am
-vorhergehenden Abende gesagt hatte, in Christinas Handfläche sei das
-Zeichen des Kreuzes erschienen, suchte ich bei Tisch ihre linke Hand
-zu beobachten. Es gelang mir jedoch nicht zu sehen, was ich wünschte.
-Als wir aber nach Tisch am Herdfeuer saßen nach Sitte der Deutschen,
-bat mich Christina, ihr etwas von Gott zu reden. Ich erklärte ihr
-also die vier oder drei hauptsächlichen Eigenschaften der Serafin
-nach dem seligen Dionysius;[30] denn ich wußte, daß sie gerne von der
-Liebe Gottes reden hörte. Darob wurde sie so ergriffen, daß sie die
-Magd ihrer Mutter, die zu ihr geschickt worden war und sie dreimal
-angeredet hatte, nicht bemerkte und ihr keine Antwort gab. Ich hielt
-nun eine Weile inne und sprach zu ihr: „Warum hast du der Magd deiner
-Mutter keinen Bescheid gegeben?“ denn ich kannte damals ihr Wesen nicht
-hinlänglich. Sie erwiderte: „Wenn auch die ganze Habe meiner Mutter in
-Gefahr wäre, so wäre es mir doch augenblicklich unmöglich, mich damit
-zu befassen.“ Während sie nun so im Geiste ergriffen war, öffnete sie
-ihre linke Hand und ich erblickte in ihr etwas, wie ich es in meinem
-Leben nicht gesehen hatte ... In der weißen Hand der Jungfrau sah
-ich das Kreuz unseres Herrn von blutroter Farbe. Es war aber nicht
-wie mit Farbe oder Blut aufgemalt, sondern durch sichtbare Wunde in
-das Fleisch eingeprägt, und zudem mit zierlichen Blümchen geschmückt.
-Bruder Karl sah auch das Kreuz und war von allem, was er gesehen und
-gehört, höchlich erbaut. Am folgenden Tage gab er der Jungfrau zum
-Zeichen besonderer Verehrung sein schönes, kleines Psalterium, das er
-zu Paris für sich gekauft hatte, da er vernommen, daß der Teufel ihr
-letzthin am Tage Pauli Bekehrung ihr Psalmenbuch, das einzige, das sie
-besaß, mit Gewalt aus der Hand gerissen und verschleppt hatte. Lächelnd
-bemerkte ich dazu: „Gott will mehr geben, als der Teufel rauben kann,“
-zog dann mein kleines Diurnale hervor, das mir Bruder Absalon seligen
-Angedenkens, der Provinzial von Dazien, in meinem Noviziate geschenkt
-hatte, und sprach: „Schau, da der Teufel dir ein Buch genommen, so gibt
-Gott dir dafür zwei.“ Dabei überreichte ich ihr das Diurnale und wir
-schieden recht erbaut von dannen.
-
- [30] Pseudodionysius, _De caelesti hierarchia. cap. 7_.
-
-Die Betrachtung des Leidens Christi war Christinas liebste
-Andachtsübung. Sie brachte ihr immer Trost und Erquickung. Kein Wunder,
-daß Satan ihr diese Andacht zu verleiden suchte. Er quälte sie, wie
-der Pfarrer Johannes berichtet,[31] in dieser Fastenzeit mit einer
-langwierigen Versuchung wider den Glauben an das Leiden Christi. Es
-kam ihr der Gedanke, Gott habe überhaupt nicht gelitten. Wenn sie in
-die Kirche eintrat und das Kreuz erblickte, dachte sie bei sich: „Das
-ist ein Bild, was soll dies? Es liegt nichts wahres zu Grunde.“ Sie
-hatte großes Leidwesen über diese Versuchung, und ihr Herz mühte sich
-ab in der Bekämpfung dieser Zweifel. Dann sprach der Versucher zu ihr:
-„Glaubst du, dein Gott habe gelitten? Es ist nicht wahr. Alles, was
-man davon erzählt, ist erlogen, mögen die Geistlichen sagen, was sie
-wollen.“ Wenn sie die h. Kommunion empfing, blieb sie ohne Erquickung
-und beim Gebete verspürte sie keinen Trost. Am Donnerstage nach dem
-Weggange der beiden Brüder, es war acht Tage vor dem Gründonnerstage,
-betete sie, als sie der Mette beiwohnte, also zum Heilande: „O mein
-Geliebter, du bist allzeit mein Helfer gewesen und du weißt, daß dein
-Leiden immer für mich ein Trost war, befreie mich nun von dieser
-Plage; denn ich kann diesen Unglauben nicht länger ertragen.“ Und
-alsbald zeigte sich an ihrem ganzen Haupte etwas wie eine Dornenkrone.
-Diese wurde ihr so eingedrückt, daß über Gesicht und Hals das Blut
-herabfloß und alsbald kam sie außer sich. Als sie wieder zu sich kam,
-war jene Versuchung verschwunden. Von diesem Augenblicke an bis Ostern
-konnte sie an nichts anderes denken als an das Leiden des Herrn. Am
-Gründonnerstage fing sie abends spät auf einmal an beängstigt zu werden
-und am ganzen Körper zu zittern. Blutstropfen begannen schließlich
-von ihrem Körper zu rinnen. Die Angst war so groß, daß sie glaubte,
-alsbald sterben zu müssen, und dieser Zustand dauerte bis zur Non, d.
-h. bis drei Uhr nachmittags des Karfreitags. Da öffneten sich die fünf
-Wundmale und zwar an ihrer Seite, an den Füßen und den Händen, und am
-Haupte erschien die Dornenkrone. Auch wurde sie mit Galle getränkt, und
-ihr Mund war davon mit solcher Bitterkeit erfüllt, daß sie keinerlei
-Speise verkosten konnte. Sie lag da wie halbtot jene Tage hindurch bis
-zum Ostertage, wo sie in solchen Seelenjubel eintrat, daß es wunderbar
-war. Seit jener Zeit kam sie, so oft sie an das Leiden des Herrn dachte
-oder davon reden hörte, jedesmal, wenn nicht gerade besondere Prüfungen
-sie heimsuchten, außer sich. Auch hatte sie hinfort eine solche innere
-Erleuchtung, daß die h. Schrift ihr besser verständlich wurde. Zudem
-glaubte sie von Gott alles erlangen zu können, was sie begehrte. Wenn
-jemand mit ihr ein Gespräch anknüpfte, so erkannte sie innerlich, in
-welcher Absicht dies geschah.
-
- [31] _V. C._ 121-123.
-
-Hören wir nunmehr den Bericht des Bruders Petrus über die
-Stigmatisation Christinas. Am Karsamstage sagte ihm der Prior, er solle
-mit Bruder Gerhard vom Greif nach Stommeln gehen; denn der Pfarrer
-hatte um Aushülfe gebeten. Freudig gehorchte Petrus und er machte
-sich mit seinem Gefährten nach Tisch auf zu seinem vierten Besuch in
-Stommeln. Als sie ins Pfarrhaus eintreten wollten, kam ihnen die Mutter
-des Pfarrers, eine hochbetagte Frau, entgegen und sagte zu Petrus,
-den sie von früher ja kannte: „Liebster Sohn, schade, daß du gestern
-nicht hier warest. Du hättest Gottes Wunderwerke geschaut, wenn du hier
-gewesen wärest.“ Gleichsam scherzend entgegnete Petrus: „Vielleicht
-kann ich morgen auch dergleichen sehen.“ -- „Nein, sagte sie, niemals
-ist in unserer Zeit auf dieser Erde so etwas gesehen worden und wird
-auch wohl nicht mehr gesehen werden.“ Da ich merkte, schreibt Petrus,
-daß sie etwas Wichtiges uns mitteilen wollte, fragte ich sie: „Was ist
-denn Neues geschehen, wovon du soviel Aufhebens machst?“ Da begann sie
-zu erzählen und sprach: „Gestern sind an einem Mädchen hier im Dorfe
-die Zeichen des bitteren Leidens deutlich erschienen“ und sie fügte
-dann noch einiges über die Umstände des Vorganges hinzu. Petrus wurde
-darob sehr gerührt und wäre am liebsten sofort zu Christina ins Haus
-der Aleidis gegangen. Allein sein Gefährte war zu müde, um mit ihm
-gehen zu können. Am Ostertage ging Christina ganz in der Frühe zur h.
-Kommunion. Nach Tisch gingen der Pfarrer und Petrus zu ihr. Sie lag zu
-Bett und hatte das Gesicht sorgfältig mit dem Schleier bedeckt. Petrus
-hatte von der Mutter des Pfarrers gehört, Christinas Gesicht sei ganz
-blutig unterlaufen, wie wenn es mit Stöcken wäre zerschlagen worden.
-Er setzte sich deshalb zu Füßen des Bettes, um womöglich einen Blick
-auf das Gesicht tun zu können. Der Pfarrer, der sich zu Häupten gesetzt
-hatte, begann zu Christina zu reden vom Osterlamme; denn dieses habe
-sie am Morgen genossen. Und als die Beiden hierüber einige herzliche
-Worte wechselten, traf es sich, daß Christina sich räuspern mußte,
-wobei sie den Schleier etwas lüftete. Da ich am Fußende saß, schreibt
-Petrus, sah ich ihr Angesicht unter dem Schleier, und wahrlich, es war
-nicht wie das Angesicht eines Engels, sondern eher wie das Angesicht
-des ewigen Hohenpriesters, und gar wehmütig anzuschauen. Denn es war
-ganz blutrünstig, ja fast schwarz. Bald darauf sah ich es noch einmal
-und meine Augen wurden starr beim Anblicke. Staunen ergriff mich und
-ein wunderbares Mitleiden mit dem leidenden Heilande ergriff meine
-Seele.... Ich ging nun mit dem Herrn Pfarrer zur Kirche, um die Vesper
-zu halten. Nach Landesbrauch war die Vesper schon früh nachmittags
-beendigt, sodaß man kaum sagen konnte „_Quoniam advesperascit_“ (es
-will Abend werden), und der Pfarrer ging mit Bruder Gerhard abermals
-zu Christina. Petrus folgte ihnen. Auf dem Wege trafen sie noch zwei
-andere Brüder, nämlich Johannes von Muffendorf und Nikolaus, die
-wahrscheinlich auf einem benachbarten Dorfe zur Aushülfe gewesen waren.
-Diese vier Brüder nun gingen mit einigen anderen frommen Personen zu
-Christina, um sie zu begrüßen, hielten sich indes dort nicht lange
-auf. Es wurde aber bestimmt, daß am folgenden Tage Bruder Gerhard und
-Bruder Johannes beim alten Vogt, Bruder Nikolaus hingegen und Bruder
-Petrus bei Christina speisen sollten. Am Ostermontag nun gingen Bruder
-Nikolaus und Bruder Petrus nach dem vormittägigen Gottesdienste zur
-Wohnung Christinas, beteten dort mitsammen in ihrer Gegenwart die
-Tagzeiten vom h. Geist und von der allerseligsten Jungfrau und setzten
-sich dann vor Christinas Bett zum Essen nieder. Während wir nun mit ihr
-aßen, schreibt Petrus, habe ich dreimal in ihren Händen die Wundmale
-Christi beobachtet. Mitten in der inneren Fläche einer jeden Hand sah
-ich eine Wunde. Sie war rund, hatte den Umfang eines Sterlings, das
-rohe Fleisch war sichtbar, und nicht sah sie aus wie gemalt, sondern
-sie war in etwa ins Fleisch hineingedrückt. So sahen die Wunden auch
-die ganze Osteroktav hindurch aus mit dem Unterschiede, daß sie jeden
-Tag etwas kleiner wurden. Auch auf dem Rücken der Hand war eine Wunde,
-die sich der inneren gegenüber befand, ihr an Größe entsprach und
-so aussah, als ob sie die Spur eines die Hand durchdringenden Nagels
-gewesen wäre.
-
-Christina selbst sprach kein Wort mit Petrus über die Wundmale.
-Petrus aber verhörte sorgfältig im einzelnen Christinas Vertraute,
-die alles gesehen und gehört hatten, über den Vorgang und zwar Hilla
-vom Berge, des Pfarrers Schwester Gertrud, die blinde Aleidis und
-eine andere Jungfrau weltlichen Standes aus Stommeln. Diese alle
-bekundeten übereinstimmend Folgendes: Am Gründonnerstage, als die Mette
-vom Karfreitag beendigt war, zur Zeit der Abenddämmerung, geleiteten
-wir Christina zur Wohnung der Aleidis. Da begann sie in einer uns
-ungewohnten Weise zu reden und sprach: „Geliebte Gefährtinnen, ich
-weiß nicht, was mit mir vorgeht.“ Und als sie das gesagt hatte, begann
-sie zu zagen und innerlich bestürzt zu werden. Die Angst nahm derart
-zu, daß sie kurz vor Mitternacht Blut schwitzte, und diese Bestürzung
-dauerte fort bis zum folgenden Tage, wo wir wegen des Gottesdienstes
-alle zur Kirche gingen. Die Aleidis aber, die wegen ihrer Blindheit
-und Körperschwäche allein bei Christina zurückgeblieben war, sagte
-Folgendes: „Ich habe ein Krachen gehört, wie wenn ein Mensch derart
-ausgereckt würde, daß alle Knochen aus den Gelenken gerissen würden.
-Auch habe ich Stimmen und Worte gehört, die ich in meinem Leben nicht
-offenbaren werde.“ Nach der Osteroktav ging Petrus mit Gerhard vom
-Greif wieder nach Cöln zurück.
-
-Christina ist nicht die einzige unter den Seligen des Himmels, die
-mit Christi Wundmalen hienieden bezeichnet wurde. Allgemein bekannt
-ist diese Auszeichnung vom serafischen Patriarchen, dem h. Franz
-von Assisi. Weit häufiger jedoch als in der Männerwelt tritt diese
-Erscheinung bei gottseligen Personen des weiblichen Geschlechtes
-uns entgegen. Kein Wunder. Das Uebernatürliche baut sich ja auf das
-Natürliche auf. Das Weib hat nun aber ein reicheres Gemütsleben als der
-Mann; die Liebe und das Mitleid sind mithin bei ihm weit lebhafter als
-beim Manne. Die Wundmale aber sind der äußere Ausdruck der innigsten
-Liebesvereinigung mit dem gekreuzigten Heiland, des herzlichsten
-Mitleidens mit der grausamen Marter, die er aus Liebe zu uns erduldet
-hat. Dieses Mitempfinden ist derartig lebhaft, daß nicht bloß die Seele
-ganz und gar davon durchdrungen, sondern das ganze Wesen des Menschen,
-mithin auch der Leib, davon ergriffen wird. Und so wird denn durch
-die Glutpfeile der göttlichen Liebe nicht bloß die Seele verwundet,
-sondern auch der Körper dem Gekreuzigten verähnlicht; es treten die hh.
-Wundmale an ihm in die Erscheinung.
-
-An das Wundmal der Dornenkrone erinnert eine merkwürdige Färbung
-des Stirnbeins der seligen Christina, die in einem kranzförmigen,
-grünlichen, mit roten Punkten durchsetzten Geäder von Fingerbreite
-besteht. Wie das Geäder des Marmors erst dann klar zutage tritt,
-wenn er geschliffen wird, so ist auch dieser grünlichrote Streifen
-erst dann bemerkt worden, als der Schädel Christinas, der alljährlich
-am 6. November den Gläubigen zum Kusse dargeboten wird, infolge der
-jahrhundertelangen Verehrung glatt und blank geworden war. Peter Lull,
-der um 1680 in Jülich war, spricht zuerst von diesem grünlichen Kranze
-in seinem Büchlein „_Lilium inter spinas_“ und P. Steinfunder aus Essen
-beschreibt ihn genau in zwei an den Bollandisten Papebroch gerichteten
-Briefen, von denen der eine im Jahre 1685, der andere im Jahre 1692
-geschrieben wurde. Wie Steinfunder, so erklärte auch Josef von Görres
-in seiner Mystik[32] diese Erscheinung damit, daß die bei Lebzeiten
-erhaltene Dornenkrone bis zur Knochensubstanz des Schädels vorgedrungen
-sei. Wegen ihrer Merkwürdigkeit wurde sie im Titelblatt in Farbendruck
-wiedergegeben.
-
- [32] Bd. II. S. 415.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Drei weitere Besuche des Petrus an den Festen Kreuzauffindung, Pfingsten
-u. Maria Magdalena.
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-
-Am Tage vor dem Feste des h. Martyrers Petrus von Mailand, der im
-Jahre 1252 den Tod erlitten und im Jahre 1253 von Innocenz IV. heilig
-gesprochen worden war, wurde Bruder Petrus, was ihm selten geschah,
-im Kloster zu Cöln an die Pforte gerufen, und unter den Personen, die
-da mit ihm sprachen, befand sich auch Christina. Aus Andacht war sie
-zu dem Feste nach Cöln gekommen, um die Dominikanerkirche zu besuchen
-und des Ablasses teilhaftig zu werden. Bruder Petrus sagte ihr, Bruder
-Mauritius habe ihn ersucht, auf einige Tage mit ihm auszugehen, worauf
-Christina die Beiden einlud, nach Stommeln zu kommen.
-
-Am Tage vor dem Feste Kreuzauffindung gingen nun beide Brüder nach
-Stommeln, wo sie freundliche Aufnahme fanden. Am folgenden Tage
-erklärte Bruder Petrus nach Tisch in Gegenwart einer ziemlichen Anzahl
-von Personen die Stufen der Betrachtung nach Richard von Sankt Viktor,
-wobei Christina große Freude empfand. Nach dem Vesperbrot wünschten
-mehrere einen Spaziergang zu machen bis zu einem gewissen Wasser.
-Man machte sich auf den Weg und ging paarweise wie in Prozession.
-Petrus ging mit Christina und die Beiden unterhielten sich über die
-Süßigkeit Gottes. Unter anderem fragte Christina den Petrus, wie es
-komme, daß einige Priester schneller, andere langsamer die h. Messe
-läsen. Petrus antwortete mit einem Gleichnis: „Wenn jemand, sprach
-er, den Mund voller Mohnsamen nimmt und die Süßigkeit jedes einzelnen
-Körnchens verkosten will, so muß er länger kauen und braucht deshalb
-mehr Zeit wie einer, der sie ganz herunterschluckt. So auch muß jener,
-der die Süßigkeit der einzelnen honigfließenden Worte des Kanons
-verkosten will, diese etwas langsamer aussprechen.“ Die Erklärung
-gefiel Christina und sie stellte alsbald eine andere Frage: „Guter
-Bruder Petrus,“ sprach sie, „nimm mir meine Frage nicht übel. Wie ist
-es dir, wenn du Messe liesest?“ Petrus antwortete: „Wohl, sehr wohl.“
-Daraufhin kniete Christina mit beiden Knien nieder und neigte sich mit
-dem Angesichte tief bis zur Erde hin. Nachdem sie sich wieder erhoben,
-wurde der Rückweg nach Stommeln angetreten, wo unterdessen noch zwei
-andere Dominikaner, nämlich Bruder Heinrich von Bedburg (_beitbur_) und
-sein Begleiter eingetroffen waren. Die Gesellschaft speiste zu Abend
-und ging dann mit Christina in den Baumgarten, der an das Speisezimmer
-anstieß. Auf die Bitte der Gesellschaft erklärte Petrus die Stelle aus
-dem Hymnus von den hh. Jungfrauen: „_Post te canentes cursitant_, d.
-h. Sie folgten dir lobsingend nach.“ Darauf sprach er von der Größe und
-Weite des Himmels und bezog sich auf die Schriftstelle „_O Israel, quam
-magna est domus Dei_, d. h. O Israel, wie groß ist Gottes Haus“[33]
-und auf des Ptolomäus Darlegungen über den Lauf der Gestirne. Während
-Petrus sprach, kam Christina in Verzückung. Als Petrus dies bemerkte,
-hielt er inne. Etwa zwölf Personen, darunter mehrere Geistliche, saßen
-im Kreise beisammen und beobachteten den Vorgang, der für manche etwas
-neues war. Die Geistlichen nannten ihn Entzückung (_raptus_). Christina
-blieb in der Entzückung so ziemlich vom Untergange bis zum Aufgange der
-Sonne. Die Brüder aber gingen am Morgen wieder nach Cöln zurück.
-
- [33] Baruch 3, 24.
-
-Zum Pfingstfeste kam Bruder Petrus mit Bruder Gerhard vom Greif zum
-sechsten Besuche nach Stommeln. Am Pfingstmorgen empfing Christina nach
-den übrigen Gläubigen während der h. Messe die h. Kommunion und begab
-sich dann in den hinter dem Hochaltar befindlichen Raum, wo sie bis
-lange nach der Komplet blieb. Sie lag dort in der bereits beschriebenen
-Körperhaltung, wie sie bei den Cölner Beginen üblich war und die nicht
-unähnlich ist jener durch Madernas Marmorbild verewigten Haltung, in
-der Sankt Cäcilias Leichnam ins Grab gebettet wurde. Sie hatte das
-Gesicht mit dem Schleier und die Hände mit dem Mantel bedeckt, war ohne
-alle Empfindung gegenüber der Außenwelt und am ganzen Körper starr. Sie
-war in Verzückung. Als nun die Vesper und im Anschluß an sie auch die
-Komplet gesungen wurde, und der Psalm: „_Ecce unc benedicite Dominum_,
-d. h. Wohlan, nun preiset alle den Herrn“ angestimmt wurde, kam auf
-einmal vor den Augen des Volkes ein in ein Täschchen gehülltes Buch von
-der westlich im Turme befindlichen Eingangstüre durch die ganze Kirche
-geflogen, prallte gegen die nach Morgen gelegene Chorwand deutlich
-vernehmbar an und fiel dann mit Geräusch zu Füßen des Bruders Petrus
-nieder, der mit seinem Begleiter Gerhard und dem Pfarrer im Chorgestühl
-saß. Die drei meinten im ersten Augenblicke, die an der Südseite
-gegenübersitzenden Schulknaben hätten das Geräusch verursacht. Doch da
-sahen sie das Buch vor sich auf dem Boden liegen. Der Pfarrer erkannte
-es sofort wieder als das Psalmenbuch, das von unsichtbarer Hand am Tage
-Pauli Bekehrung der Christina entrissen worden war; denn er hatte es
-selbst geschrieben und er kannte auch das Buchtäschchen. Er sprach zu
-Bruder Petrus, er möge das Buch aufheben. Petrus tat dies und reichte
-es dann an Bruder Gerhard vorbei dem Pfarrer. Dieser besah es und sagte
-dann in der Ausdrucksweise des Landes: „Bei der Seele meines Vaters,
-das ist das Buch der Christina!“ Die das Buch umhüllende Tasche war naß
-und übelriechend, wie wenn sie in einer Kloake gelegen. Er zog das Buch
-aus dem Täschchen, wobei der Aermelsaum seines Röckleins naß wurde, das
-Buch aber war ganz unverletzt und wohl erhalten. Darüber wunderten sie
-sich. Ein gewisses Feuer der Andacht durchzuckte die drei, sie sprachen
-den unterbrochenen Psalm bis zu Ende und stimmten dann mit erhöhter
-Stimme den Hymnus der Komplet „_Veni creator spiritus_“, wie es damals
-nach Cölner Brauch üblich war, an und sangen denselben so feierlich,
-daß die mit Menschen besetzte Kirche sich darüber verwunderte. Nach
-der Komplet hielt dann Bruder Gerhard eine Ansprache an das Volk und
-zeigte ihm auch das Psalmenbuch und das Buchtäschchen. Christina
-aber lag währenddem noch immer in Verzückung. Von den Leuten aber
-kam niemand auf den Gedanken, daß etwa irgend ein loser Bursche das
-Buch in die Kirche hätte hineinwerfen können. Auch die Brüder, die
-sich noch vier Tage in Stommeln aufhielten, sowie der Pfarrer konnten
-nichts derartiges in Erfahrung bringen. Christina aber stieg seit jenem
-Vorgange, der viel besprochen wurde, im Ansehen der Leute, die sagten:
-„Nun haben auch wir einmal etwas von den wunderbaren Dingen Christinas
-mit eigenen Augen gesehen.“
-
-Im Dominikanerkloster zu Cöln befand sich in jener Zeit ein Bruder aus
-der Provinz Toskana in Italien namens Aldebrandino (Hildebrand), der
-in der Wissenschaft wohl gebildet und ein tüchtiger Prediger war. Auch
-er hörte von Christina, und da er wußte, daß Bruder Petrus sie näher
-kannte, ersuchte er ihn, mit ihm nach Stommeln zu gehen. Petrus war
-aber, wie er bemerkt, auch mit den Einwohnern von Stommeln ziemlich
-bekannt, namentlich aber mit der Herrin des Ortes, der Aebtissin
-Geva von St. Cäcilien in Cöln, die eine Gräfin von Virneburg war. Am
-22. Juli, einem Sonntage, dem Feste der h. Maria Magdalena, gingen
-die beiden nach erhaltener Erlaubnis, nicht aus Neugier, sondern aus
-Andacht nach Stommeln. Sie kamen dort an zur Zeit der Vesper und gingen
-deshalb zunächst zur Kirche. Nach dem Gottesdienste begrüßten sie ihre
-Freunde und gingen dann zu den Wohnungen, die ihnen angeboten worden
-waren. Kurz nachher kam auch die Aebtissin Geva mit ihren Mägden an.
-
-„Am andern Morgen,“ schreibt Petrus, „gingen wir zur Kirche, und da wir
-mit der h. Messe warteten, bis die Aebtissin zur Kirche kam, ging ich
-in der Zwischenzeit zu Christina, die in der Kirche war, begrüßte sie
-und fragte sie, wie es ihr gehe. Sie antwortete: „Ich habe Kopfwehe,
-weil ich seit vierzehn Tagen nicht mehr geschlafen habe. Wenn ich mich
-zu Bette lege, so überfällt mich eine so große Hitze, wie wenn ich in
-siedendes Wasser gelegt würde. Daher ist auch mein ganzer Körper mit
-Bläschen bedeckt, die vor Hitze aufbrechen und so kann ich gar nicht
-schlafen.“ Sie bat mich, ich möge für sie beten. Ich tröstete sie
-und ermahnte sie zur Geduld. Darauf ging ich wieder ins Chor, hörte
-eine h. Messe, die für die Verstorbenen gehalten wurde, und las dann
-selbst die h. Messe von den Engeln. Denn Montags pflegte ich die h.
-Messe von den Engeln zu lesen, wenn kein Hindernis entgegenstand. In
-der h. Messe gedachte ich in besonderer Weise Christinas, wie sie
-mich gebeten und wie ich es ihr versprochen hatte.“ Mittags wurde
-bei der Aebtissin im Fronhofe gespeist. Nach der Vesper trafen noch
-zwei andere Studiengenossen des Bruders Aldebrandino aus Cöln ein,
-nämlich Bruder Balduin aus Flandern und Bruder Mauritius aus Reval.
-Abends wurde wieder bei der Aebtissin gespeist. Dann machte diese mit
-ihren Mägden und den adeligen Stiftsfräulein, deren sechs da waren,
-einen Spaziergang ins Feld und auf ihren Wunsch gingen die Brüder mit
-ihnen. Nach dem Spaziergange setzte sich die Aebtissin auf einem Hügel
-vor ihrem Hofe auf einen Sitz, und die Brüder und die Stiftsfräulein
-setzten sich um sie herum. Als man eine Weile hin und her geredet
-hatte, sprach der Pfarrer zur Aebtissin: „Gnädige Frau, ihr habt hier
-vier gelehrte Studenten des Predigerordens aus verschiedenen Provinzen
-vor Euch. Saget ihnen, daß sie über irgendeine theologische Frage
-eine Unterredung halten.“ Die Aebtissin ersuchte darauf den Petrus,
-irgendeine Streitfrage zu behandeln. Petrus aber bat die Aebtissin,
-sie möge auf ihrem Wunsche nicht bestehen, weil er befürchtete, es
-möchte, wie gewöhnlich, zu hitzig hergehen. Sie aber ließ nicht nach,
-weil sie noch nie einer gelehrten Disputation beigewohnt hatte und
-begierig war, eine solche zu hören. Auf den Vorschlag des Pfarrers
-stellte sie die Frage zur Verhandlung: „Wem unser Herr einen größern
-Vorzug verliehen, dem Petrus, dem er seine Kirche, oder dem Johannes,
-dem er die glorreiche Jungfrau, seine Mutter, anvertraut habe.“ Bruder
-Aldebrandino, der unter den Brüdern der älteste war und im Erbteile
-des h. Petrus, dem Kirchenstaate, das Licht der Welt erblickt hatte,
-übernahm es, die Würde des h. Petrus zu vertreten, Bruder Petrus
-hingegen verteidigte die jungfräuliche Reinheit des h. Johannes und
-seine vertraute Freundschaft mit Jesus. Während nun Einwendungen
-und Lösungen von den Beiden vorgebracht wurden, wobei die zwei
-Studiengenossen miteingriffen, kam plötzlich ein Mädchen herzugelaufen
-und rief dem Pfarrer, er möge schleunigst kommen. „Wir glaubten,“
-sagt Petrus, „es handle sich um einen Kranken, der am Sterben liege.“
-Als aber der Pfarrer mit dem Mädchen gesprochen, rief er mir laut zu,
-ich solle samt Aldebrandino schnell kommen; der Teufel habe Christina
-in eine Grube voll Morast geworfen. Wir brachen die Disputation ab,
-liefen so schnell wir konnten und fanden Christina ganz in schmutzigen
-Schlamm versenkt. Nur ihr Kopf ragte noch hervor, den Hilla vom
-Berge aufrecht hielt. Petrus, der zuerst angelangt war, sprang mit
-den Schuhen in den Morast hinein und suchte mit Hilla, sie aus dem
-Schlamm herauszuziehen, vermochte es aber nicht, bis der Pfarrer und
-Aldebrandino zu Hülfe kamen. Nunmehr wurde Christina, die nur mit ihrem
-langen, weißen Untergewande bekleidet war und Kopf und Hals mit dem
-Schleier umwunden hatte, in den auch ihre erhobenen Hände eingehüllt
-waren, herausgezogen, eine kleine Weile aufs Stroh gelegt und dann ins
-Haus getragen. Die Mägde trugen sie, Aldebrandino aber stützte den Kopf
-und Petrus die Schultern. Sie wurde ins Bett gebracht und es fand sich,
-daß sie ganz empfindungslos war, jedoch war der Körper nicht starr.
-Nach einer halben Stunde begann sie wie aus einer Ohnmacht zu sich zu
-kommen, jedoch nicht stufenweise wie beim Erwachen aus der Verzückung,
-und sie weinte bitterlich. Sie beklagte sich beim Herrn darüber, daß
-Männerhände sie berührt und getragen hätten. „Solch eine Beschämung
-sprach sie, ist für mich hart über alles; leicht wäre es mir, alles zu
-erdulden, was du von mir verlangst, mag es auch noch so unerträglich
-sein, wenn ich es nur vor dir allein zu leiden hätte.“ Petrus wollte
-sie trösten, indem er bemerkte, daß nichts unziemliches vorgekommen
-sei; sie aber wollte keinen Trost annehmen, pries aber Gottes Fügung.
-Darauf kehrten die Brüder mit dem Pfarrer zu ihrer Wohnung zurück.
-
-Tags darauf, am Feste der h. Christina und Vorabend des h. Apostels
-Jakobus, gingen die Brüder mit dem Pfarrer wieder zu Christina und
-begrüßten sie. Sie wurden von Christina freundlich empfangen und
-begaben sich dann zur Kirche, um die h. Messe zu lesen. Zuerst las
-Aldebrandino, dann hielt Bruder Petrus am Altare des h. Apostels
-Petrus die Messe vom h. Geiste und während er beim Memento Christinas
-gedachte, wurde seine Seele von einer nie empfundenen süßen Freude
-erfüllt und Tränen strömten ihm aus den Augen. Der Pfarrer brachte
-unterdessen Christina die h. Kommunion. Nach Beendigung der hh. Messen
-drang Aldebrandino in Petrus, er möge mit ihm zu Christina gehen, da
-er gehört hatte, daß sie nach der h. Kommunion in Verzückung zu kommen
-pflege und ihr Leib dann starr werde. Sie gingen hin, fanden Christina
-im Bette liegen, das Gesicht mit dem Schleier und den Körper mit einer
-anständigen, aber ärmlichen Decke bedeckt, und so regungslos, daß man
-nicht einmal das Atemholen bemerken konnte. Aldebrandino trat näher
-ans Bett hin und berührte ihre Schulter. Da er aber nichts von Starre
-bemerkte, wandte er sich voller Entrüstung zu Petrus hin und rief
-in seiner feurigen Art: „Bruder Petrus, Lüge ist es, was man mir von
-diesem Mädchen gesagt hat, daß sie so tief in Verzückung komme, daß ihr
-Leib hart werde.“ Petrus sagte ihm, er möge noch ein wenig zuwarten;
-denn zwischen der Kommunion und der Starre pflege eine längere Zeit zu
-verstreichen. Doch Aldebrandino ging aufgebracht weg und beklagte sich,
-daß man ihn falsch berichtet habe. Das mißfiel dem Petrus sehr.
-
-Bei der Aebtissin wurde um drei Uhr -- es war ja Fasttag -- gespeist
-und nach Tisch ersuchte Aldebrandino den Petrus, ihn zu Christina zu
-begleiten. Petrus aber wollte nicht. Aldebrandino jedoch ließ nicht
-nach mit Bitten, und so entschloß sich doch schließlich Petrus dazu,
-mit ihm zu Christina zu gehen. Auch der Pfarrer ging mit. Christina lag
-noch geradeso da, wie am Vormittage, das Gesicht zur Wand gerichtet.
-Aldebrandino stellte sich zu Häupten des Bettes und beobachtete alles
-genau. Da er nun kein Lebenszeichen mehr an ihr wahrnahm, auch kein
-Atemholen mehr bemerken konnte, legte er noch einmal seine Hand auf
-ihre Schulter und fand diese so starr, wie wenn der Tod eingetreten
-wäre. Die Härte, die er wahrgenommen, brachte sein Herz zur Erweichung.
-Doch schwieg er einstweilen still. Nachdem sie noch eine Weile
-schweigend dagesessen, kam Christina in etwa zu sich, jedoch nicht so,
-daß sie mit den Sinnen etwas wahrnahm, sondern bloß, daß sie atmete und
-der Körper sich etwas regte. Da fügte es sich, daß sie den linken Arm
-ausstreckte, wobei die Hand sich etwas öffnete. Als nun Aldebrandino,
-der scharf aufpaßte, in der Handfläche das oben beschriebene purpurrote
-Kreuzchen erblickte, rief er, von Rührung übermannt, laut aus: „Wehe
-mir Ungläubigen! daß ich es jemals gewagt habe, wider eine solche
-Heiligkeit zu reden! Nie habe ich so etwas gesehen, und keinem würde
-ich es glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen geschaut! Wehe mir!
-wie konnte ich so unsinnig sein, wider eine solche Heiligkeit zu reden!
-Wahrlich, die ganze Welt vermag nicht, ein solches Kreuz zu bilden!“
-Während Aldebrandino dieses und ähnliches aus Herzensdrang in großer
-Aufregung sprach, weinten alle vor Rührung. Auch Aldebrandino weinte
-bis zur Vesper, machte bald sich selbst Vorwürfe, pries bald Gottes
-Wunderwerke und ging einher wie trunken im Geiste. Zur Vesperzeit
-gingen alle zur Kirche. Als sie am Fronhofe vorbeikamen, trafen sie
-die Aebtissin an der Türe des Hauses sitzen. Auf deren Frage, ob sie
-Christina gesehen, sprach Bruder Aldebrandino: „Gottes herrliche und
-wunderbare Werke haben wir heute geschaut. Nie hätte ich geglaubt,
-daß solches zu unseren Zeiten geschehe.“ Und er erzählte dann den
-ganzen Hergang. Am folgenden Tage, dem Feste des h. Jakobus, nahmen
-die Brüder Abschied von der Aebtissin und sprachen dann, bevor sie
-den Rückweg nach Cöln antraten, bei Christina vor. Sie war wieder im
-gewohnten, natürlichen Lebenszustande. Petrus fragte sie unter anderm,
-wie es gekommen, daß sie in den Schlamm geraten sei. Da erzählte sie
-Folgendes: „Am Tage vor dem Feste der h. Christina ergriff mich, als du
-weggegangen, ein solcher Schauer und eine solche Angst, daß ich nicht
-wußte, was mit mir vorging. Um diese Beklemmung in etwa zu mildern,
-legte ich mein Obergewand ab und machte die Betten meiner Mitschwestern
-zurecht. Als ich das getan und auch so meine Beklemmung nicht gewichen,
-ging ich aus dem Kämmerlein, worin ich mich mit meinen Mitschwestern
-befand, hinaus und kniete nieder vor einer Kiste, die im größern Hause
-stand, jedoch nahe an der Türe des Gemaches, aus dem ich herausgekommen
-war. Während ich nun zu Gott betete, er möge meine Trübsal mildern oder
-mir Geduld verleihen, sie zu ertragen, kam es mir plötzlich vor, als
-komme durch die große, nach Morgen befindliche Türe des größern Hauses
-eine schauerige, schwarze Wolke herangezogen, und umhülle meinen Kopf.
-Was nun noch weiter mit mir geschehen ist, davon weiß ich nichts, bis
-ich mich im Bette liegend gefunden habe.“
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Achter, neunter und zehnter Besuch des Petrus zu Allerheiligen,
- im Advent und zu Weihnachten 1268. -- Seelenjubel, Besudelung.
-
-
-Zu Allerheiligen lud der Pfarrer von Stommeln den Bruder Petrus und
-den Bruder Aldebrandino ein, herüberzukommen. Schon tags vorher in
-der Frühe machten sich die Beiden auf den Weg und kamen noch vor
-der Messe in Stommeln an. Als sie zu Tische gerufen wurden, fragte
-Aldebrandino, wo Christina sei. Man antwortete ihm, sie sei deshalb
-nicht gekommen, weil sie der Andacht und dem Gebete obliege, da sie
-am folgenden Tage zur h. Kommunion gehen wolle. Diese Entschuldigung
-gefiel dem Aldebrandino sehr wohl. Am Allerheiligentage empfing
-Christina während der h. Messe nach den übrigen die h. Kommunion
-und ging dann ihrer Gepflogenheit gemäß auf ihr stilles Plätzchen
-hinter dem Hochaltar, wo sie sich zur Danksagung in gewohnter Weise
-hinstreckte und bis lange nach der Komplet verblieb. Nach der Non wurde
-die Kirche geschlossen. Als die beiden Brüder mit dem Pfarrer zu Mittag
-gespeist, gingen sie mit diesem zur Kirche, um sich dort an Christina
-zu erbauen. Sie konnten jedoch nicht eintreten, weil der Küster mit
-dem Schlüssel nicht zur Hand war. Während sie wohl eine Stunde lang
-vor der Kirche warteten, vernahmen sie in der Kirche eine gar liebliche
-Stimme, die zwar dem Petrus als eine menschliche erschien, jedoch der
-Melodie nach und, was Schmelz und Zartheit anbelangt, menschliche
-Singweise übertraf. Man hörte deutlich, daß es nur eine Stimme war
-und daß die Töne, die süß wie Honigseim dahinflossen, sich zu einer
-Melodie zusammenschlossen, ohne daß jedoch artikulierte Worte damit
-verbunden waren. Als der Küster endlich gekommen war und die Kirche
-aufgeschlossen hatte, gingen die drei hinein und fanden dort niemanden
-als Christina. Sie lag noch an derselben Stelle, war empfindungslos und
-starr am ganzen Körper und hatte das Gesicht mit dem Mantel bedeckt.
-Der unterdessen verstummte Seelenjubel wurde nach einer Weile wieder
-vernehmbar und die drei beobachteten, daß er aus Christinas Brust
-herkam. In diesem Zustande blieb Christina bis zum Abendgottesdienste.
-
- Abb. 5. Handschuhe und Buchtäschchen Christinas.
-
- Abb. 6. Gebetstäfelchen Christinas.
-
- * * * * *
-
-Tags darauf, am Allerseelentage, kam es durch die Mutter und eine
-der beiden Schwestern des Pfarrers, jedenfalls Hadewig, zu einer sehr
-aufgeregten Szene gegen Christina. Die beiden Dominikaner erachteten
-es infolgedessen für ratsam, daß Christina auf einige Zeit nach Cöln
-gehe, bis die Erbitterung sich gelegt. Dies geschah auch. Was die
-Veranlassung zur Erregung gab, wird von Petrus nicht angegeben, ist
-aber unschwer zu erraten. Der Sturm spielte sich im Pfarrhause ab.
-Der Pfarrer war nicht wohlhabend. In seinem Hause sah es ärmlich aus.
-Er hatte seine alte Mutter und zwei Schwestern bei sich, zudem wird
-seine Wohltätigkeit gerühmt. Es ist daher begreiflich, daß es schwer
-wurde, die Auslagen des Haushaltes zu bestreiten. Das mehrtägige
-Verweilen der beiden Dominikaner im Pfarrhause nun wird wegen der damit
-verbundenen Unkosten die besorgte alte Frau aufgebracht haben und die
-Schuld hiervon schob sie in ihrem Unmut Christina zu. Hiermit stimmt
-auch, daß Petrus bei seinem nächsten Besuche, der im Advent stattfand,
-nicht im Pfarrhause einkehrte und daß er sich dreimal bitten ließ,
-ehe er der durch Christinas Eltern erfolgten Einladung Folge gab. Die
-Mutter des Pfarrers scheint sogar soweit sich vergessen zu haben, daß
-sie ihren eigenen Sohn verdächtigte. Denn gegen Ende des Jahres 1269
-schreibt Bruder Mauritius dem Petrus, die Mutter des Pfarrers und seine
-Schwester, die wegen des Vorfalles mit dem Pfarrer zerfallen waren,
-hätten sich mit ihm wieder ausgesöhnt und die übeln Nachreden, die sie
-über ihn und andere geführt, als Verleumdungen, zu denen der Teufel sie
-aufgestachelt habe, widerrufen und zwar bei denjenigen, vor denen sie
-dieselben vorgebracht.[34] Nach dem Tode des Pfarrers jedoch hat seine
-Mutter nochmals Vorwürfe gegen Christina erhoben, als ob diese daran
-Schuld gewesen, daß der Pfarrer keine größere Barschaft hinterlassen
-hatte.[35]
-
- [34] _V. C._ 150.
-
- [35] _V. C._ 81.
-
-Mit den Seligen des Himmels hatte Christina am Allerheiligenfeste
-in der Verzückung gejubelt. In den finsteren, langen Nächten des
-Adventes sollte sie die tiefste Verdemütigung erdulden, die mit
-Gottes Zulassung Satan ihr zufügen konnte. Satan, den der Herr als
-unreinen Geist bezeichnet, hat sein Behagen am Schmutz jeglicher
-Art. Im Lande der Gerasener erbat er sich, als er vom Herrn aus dem
-Menschen ausgetrieben war, als besondere Vergünstigung die Erlaubnis,
-in die unsaubersten aller Tiere, in die Schweine, fahren zu dürfen.
-Besudelung des Menschen, der nach Gottes Ebenbild geschaffen ist,
-verursacht ihm besonderes Behagen. Er ist es, der die Juden antrieb,
-das Antlitz unseres Heilandes in der Leidensnacht mit unflätigem
-Auswurf zu besudeln. Ist er es nicht, der jene verwegenen Diebe,
-die in Kirchen einbrechen, um die hh. Gefäße oder die Opfergaben der
-Gläubigen zu rauben, antreibt, dabei das Heiligtum in ekelhafter Weise
-zu besudeln, wie es auffälliger Weise auch heutzutage fast bei jedem
-Kirchendiebstahl festgestellt werden kann? Er hat auch Christina in
-den Nächten des Adventes des Jahres 1268 in der ekelhaftesten Weise
-mit Unrat besudelt. Hören wir den Bericht des Petrus, den wir jedoch,
-weil er allzu umständlich ist, in Kürze wiedergeben: „Kurz vor dem
-Advent, schreibt Petrus, kam Christinas Vater zu mir nach Cöln,
-ließ mich ins Kapitelhaus der Brüder rufen und sprach: „Christina,
-deine Tochter, läßt dich grüßen.“ Er machte den Eindruck der größten
-Niedergeschlagenheit. Ich antwortete ihm: „Rede nicht also; denn sie
-hat dich ja zum Vater.“ „Freilich, erwiderte er. Doch wenn du inniges
-Mitleiden mit uns hast, so komme uns besuchen; denn wir sind in Gefahr.
-Ein gar starker Feind ist bei uns angekommen, dessen Wut unsere Habe
-nicht nur, sondern auch unser Leben gefährdet.“ Diese Worte bewogen
-mich zum Mitleide, das ich jedoch zu verbergen suchte; denn ich
-wußte, daß er an schwere Plagen gewohnt war und um einer Kleinigkeit
-willen nicht zu mir würde gekommen sein. Doch entließ ich ihn mit den
-Worten: „Gehe in Gottes Namen, der Herr möge euch trösten.“ Traurig
-ging er weg, kam aber nach acht Tagen wieder und wiederholte mit
-noch größerer Betrübnis seine Einladung. Ich entließ ihn wie früher
-und betrübt schied er von dannen. Nach sechs Tagen kam er abermals,
-suchte lange nach mir, und, nachdem er mich endlich gefunden, sprach
-er wehmütig: „Meine Tochter bittet dich bei der Liebe, die du im
-Herrn zu ihr trägst, zu ihr zu kommen. Auch ich und ihre Mutter bitten
-inständigst darum, wenn du nicht willst, daß der Teufel unser ganzes
-Anwesen durch Feuer zerstört.“ Diese Worte und noch mehr der rührende
-Ausdruck, womit sie gesprochen wurden, machten Eindruck auf Bruder
-Petrus. „Wenn ich Erlaubnis erhalte, so sprach er, will ich euch
-gerne besuchen.“ Auf diese Antwort schöpfte der Mann etwas Mut und
-entfernte sich. Petrus machte dem Bruder Aldebrandino Mitteilung von
-der Bitte des Vaters der Christina. Dieser erbat und hielt denn auch
-für sich und Petrus vom Prior Hermann von Havelbrecht die Erlaubnis
-zur Reise nach Stommeln. Da aber für Aldebrandino Hinderung eintrat, so
-erhielt Petrus zum Reisegefährten den Bruder Wipert von Böhmen aus der
-polnischen Ordensprovinz. Am Donnerstage in der zweiten Adventswoche
-gingen die Beiden nach Stommeln. Es regnete und die Wege waren stark
-aufgeweicht. Erst spät am Abend kamen sie recht müde, wenn auch
-fröhlichen Herzens, in Stommeln an und gingen ins Haus, wo Christina
-war, bei der sie den Prior Gotfrid der Abtei Brauweiler nebst dem
-P. Leonius, dem Kellermeister (_cellerarius_) derselben Abtei, sowie
-den Pfarrer Johannes von Stommeln vorfanden. Christina saß im Bette;
-denn sie konnte nicht liegen wegen der Plagen, die sie unablässig zu
-erdulden hatte. „Wir grüßten sie, schreibt Petrus, und alle, die bei
-ihr waren, und gingen dann wieder hinaus, um an dem Feuer, das vor
-der Türe des Kämmerleins brannte, unsere Kleider zu trocknen. Da wir
-nun so dasaßen und der Kellermeister, der sich zu uns gesetzt hatte,
-seinen mit dem Stiefel bekleideten Fuß zum Feuer hin ausstreckte,
-flog auf einmal vor unser aller Augen Kot auf den Stiefel des
-Kellermeisters. Darüber erstaunten wir, die wir eben angekommen waren
-und noch nicht wußten, was hier vorging. Der Kellermeister aber, der
-ein beherzter Mann war, sagte zu uns: „Brüder, wir müssen uns an solche
-Dinge gewöhnen.“ Kurz darauf hörten wir, daß auch jene im Kämmerlein
-miteinander Klagereden führten. Und als wir nach der Ursache fragten,
-vernahmen wir, daß der Teufel, wie er schon die ganze Adventszeit
-hindurch getan, Christina eben besudelt habe. Auf diese unerwartete
-Nachricht standen wir alle, die draußen waren, auf, gingen hinein und
-fanden es so, wie man uns gesagt hatte. Ich stellte mich nun nahe vor
-das Bett Christinas, der Prior aber zu Häupten des Bettes, nämlich
-nach Osten, der Kellermeister zu Füßen, nach Westen, der Pfarrer neben
-mich nach Norden. Die Wand, an der das Bett stand, war nach Süden.
-So war das Bett gut mit Wächtern umstellt. Da geschah es nun unter
-unsern Augen, daß Christina nach meiner Zählung mehr als zwanzigmal
-auf verschiedene Weise am Gesichte, unter dem Schleier am Kopfe, und
-an sonstigen Stellen des Körpers besudelt wurde. Mit Sonnenaufgang
-hörte diese Plage auf. Der Prior kehrte mit dem Kellermeister nach
-Brauweiler zurück und ich ging mit meinem Gefährten zur Kirche, um die
-h. Messe zu lesen. Der Tag ging vorüber, ohne daß äußerlich eine Plage
-oder Belästigung zu bemerken war. Als aber die Sonne untergegangen
-war, und die Nacht mit ihrer Finsternis gekommen, da kehrte auch der
-Geist der Finsternis zurück und besudelte Christina in der gleichen
-Weise wie in der vorhergegangenen Nacht. Gegen Mitternacht fragte ich
-Christina, ob sie den Teufel sehe, dessen unsaubere Werke wir alle
-wahrnahmen. Sie antwortete bescheiden: „Ich sehe den Teufel immerfort,
-wenn ich auch meine Augen schließe oder sie mit dem Schleier verhülle.“
-Ich fragte sie weiter: „Wie sieht er denn aus?“ Sie erwiderte: „Es
-ist unmöglich, zu beschreiben, wie vielfach und verschiedenartig die
-Gestaltungen sind, die er annimmt. Augenblicklich sehe ich nur ein
-scheußliches Gesicht, das einem menschlichen ähnlich sieht, nur daß es
-zwei Hörner hat.“ „Wo siehst du ihn denn?“ fragte ich weiter. „Dort,
-sprach sie, zwischen den beiden Mädchen“ und zeigte mit der Hand nach
-der nördlichen Seite, wo Hilla vom Berge und Gertrud, des Pfarrers
-Schwester, saßen, die, als sie das hörten, erschraken und voneinander
-abrückten. Ich aber fragte Christina, ob der Teufel sich nicht
-entfernen würde, wenn wir das Zimmer mit Weihwasser besprengten. Sie
-sagte, er würde freilich fliehen, aber auch sogleich und zwar im selben
-Augenblicke wieder zurückkehren. Beim Anbruche des Morgens hörten
-die Besudelungen auf. Als nun die dritte Nacht kam, die Nacht vor dem
-dritten Adventssonntage, kam der Teufel wieder und quälte und besudelte
-Christina wie in den vorhergegangenen Nächten. Ich saß zu Häupten
-des Bettes, Bruder Wipert am Fußende und der Pfarrer vor dem Bette.
-Während wir miteinander sprachen, hörten wir alle ein Geräusch, das
-unter der Bank herkam, auf der Wipert saß. Das Geräusch war ähnlich so,
-wie wenn Eiweiß zu Schaum geschlagen wird. Bruder Wipert nahm seinen
-Rohrstock, den er aus Toskana mitgebracht hatte -- er war nämlich erst
-vor Kurzem vom päpstlichen Hofe hergekommen -- und stieß mit der Pike
-des Stockes heftig und öfters nacheinander unter die Bank, indem er
-sprach: „Nichtswürdiger Dämon, ich will dir die Augen ausstoßen.“ Das
-Getöse jedoch ließ nicht nach. Da sprach Bruder Wipert zum Pfarrer:
-„Teuerster, weißt du keine Beschwörungen, mit denen dieser böse Feind
-hier ausgetrieben werden kann?“ Dieser erwiderte: „Ich weiß wenigstens
-jene Beschwörung auswendig, die über die Täuflinge gesprochen wird.
-„_Ergo maledicte diabole recognosce sententiam tuam_“ u. s. w. Da
-sprach Wipert: „Sage sie mir vor, so will ich sie dir nachsprechen in
-der Meinung, daß wir diesen unreinen Geist verscheuchen.“ Da sie so
-miteinander überlegten, sprach Christina zu mir: „Worüber sprechen
-jene? Was haben sie vor?“ Ich antwortete: „Sie wollen den Teufel
-beschwören, daß er weichen soll.“ Sie erwiderte: „Saget ihnen, sie
-sollten sich gegen Gottes Zulassungen keine vergebliche Mühe machen;
-denn ich muß dieses erdulden, so lange Gott will.“ Bruder Wipert hörte
-das, blieb aber nichtsdestoweniger bei seinem Vorhaben. Als die Beiden
-mit der Beschwörung nahezu ans Ende gekommen, entstand ein starker
-und furchtbarer Knall im Kämmerlein, wie wenn eine mit Luft gefüllte
-Blase zerplatzt wäre. Im selben Augenblicke erlosch die Lampe, die zwei
-Ellen hoch über mir stand. Wipert sprang vor Schrecken auf und wollte
-hinausgehen. Doch mitten im Zimmer kam der Teufel auf ihn zu, versetzte
-ihm einen Schlag aufs Auge und übergoß ihn mit Unrat. Wipert schrie:
-„Wehe mir, ich habe ein Auge verloren.“ Dem war jedoch nicht so. -- Und
-er lief aus dem Kämmerlein hinaus ans Feuer, wo warmes Wasser stand,
-um sich zu reinigen. Unter diesen und ähnlichen Quälereien ging diese
-peinliche Nacht vorüber. Bei Tagesanbruch beteten wir die Mette und
-darnach die Prim im Kämmerlein bei Christina. Als wir geendigt, sprach
-ich zu Christina: „Gedenkst du heute die h. Kommunion zu empfangen, wie
-du gestern es mir gesagt?“ -- „Ja,“ erwiderte sie. „Nun denn, sprach
-ich zu ihr, so hüte dein Herz mit aller Sorgfalt, daß du an nichts
-anderes denkst als an Jesus, den du empfangen willst.“ Sie erwiderte:
-„Es würde mir schwerfallen, an etwas anderes zu denken.“ Darauf gingen
-wir zur Kirche. Wir beide Brüder lasen die h. Messe und währenddessen
-trug der Pfarrer Christina die h. Kommunion. Mittags speisten wir beim
-Pfarrer und gingen dann, bevor wir die Rückreise nach Cöln antraten,
-zu Christina. O wie hatte die Hand des Herrn hier alles umgewandelt!
-Es herrschte der lieblichste Wohlgeruch statt des abscheulichen
-Gestankes, die süßeste Ruhe statt Mühsal und Schmerz, Lob und Jubel
-statt Betrübnis und Angst, Anstand und Sauberkeit statt ekelhaften
-Schmutzes. Im Kämmerlein trafen wir Hilla vom Berge, Hilla, Christinas
-Schwester, Hilla von Ingendorf und Gertrud, des Pfarrers Schwester.
-Sie waren die Zeugen unserer Betrübnis gewesen, sie waren nun auch die
-Zeugen unserer Tröstung. Christina war in Verzückung, ohne jegliche
-Regung und Empfindung. Alle sahen mit Erbauung das Zeichen des Kreuzes
-in der linken Hand der Jungfrau. Es war ein dreifaches Kreuz, da der
-Querbalken des Hauptkreuzes an beiden Enden in ein kleineres Kreuz
-ausmündete. Die Brüder schieden von dannen; Christina aber, entrückt
-wie sie war, wurde nichts von ihrem Abschiede gewahr.
-
-Weihnachten fiel im Jahre 1268 auf den Dienstag. Am vorhergehenden
-Sonntage, dem vierten des Adventes, reiste Bruder Gerhard vom Greif,
-dem der Prior Hermann den Bruder Petrus als Begleiter zugesellt hatte,
-nach Stommeln. Im Hause Christinas angelangt, legten sie ihre vom
-Regen durchnäßten Oberkleider ab und gaben sie denen, die am Feuer
-waren, zum Trocknen. Dann traten sie ein ins Kämmerlein Christinas,
-woselbst sie unter anderen den Johannes von Muffendorf mit seinem
-Gefährten sowie den Pfarrer von Stommeln antrafen. Nach der Begrüßung
-der Anwesenden fügte Bruder Gerhard scherzhaft die Worte hinzu: „Herr
-Teufel, mich darfst du nicht besudeln; denn ich bin dein Freund.“ „Wenn
-du des Teufels Freund bist, entgegnete Petrus, so bin ich dein und sein
-Feind.“ Gerhard nahm nun Platz zu Füßen des Bettes, in dem Christina
-saß, Petrus aber zu dessen Häupten nahe bei der Tür. „Da wir nun so
-saßen, schreibt Petrus, kam plötzlich aus einem Winkel, worin niemand
-war, eine schmutzige Flüssigkeit, wie aus einem Becken gegossen, auf
-mich zugeflogen und benetzte meine rechte Schulter sowie auch die ganze
-Türe neben mir. Nach dem Essen stand Bruder Gerhard auf und wollte zum
-Feuer gehen, das vor der Zimmertüre brannte. Doch mitten im Zimmer noch
-wurde er mit seinem neuen weißen Skapulier, das er tags vorher zuerst
-angelegt hatte, vom Teufel mit Unrat übergossen. Daß der Teufel seinen
-angeblichen Freund so übel zugerichtet hatte, machte einigen Freude.
-Der Teufel überbot in der kommenden Nacht nicht bloß alles, was er
-bisher an Besudelung geleistet, sondern brannte auch Christina, wie
-er es bereits in den sechs vorangegangenen Nächten getan hatte, mit
-einem glühenden Stein. Um Mitternacht nämlich, da ich neben Christina
-saß und sie tröstete, begann sie plötzlich sich zu krümmen und zu
-zittern und es brach ihr der Schweiß aus. „Was ist geschehen?“ fragte
-ich, „woher diese Angst und dieser Schweiß?“ -- „Wundere dich nicht,“
-antwortete Christina, „hier vor meinen und deinen Augen sehe ich einen
-schrecklichen Dämon stehen, mit einem glühenden Steine in den Händen
-und er droht mir, mich damit zu brennen.“ Ich tröstete sie, soweit ich
-konnte, und ermahnte sie zur Geduld. Nach einer Weile legte der Teufel
-wirklich einen faustdicken, glühenden Stein auf ihre linke Seite unter
-die Kleider und drückte ihn so stark ins Fleisch hinein, daß er darin
-unbeweglich festsaß, wie wenn er mit dem Körper zusammengewachsen
-gewesen wäre. Alle Anwesenden haben den Stein gesehen und mit den
-Händen berührt. Nach geraumer Zeit nahm der Teufel den Stein unter
-ihren Händen weg und legte ihn auf Christinas Schulter, wo er bis zum
-ersten Hahnenschrei liegen blieb. Dann schwand diese Plage.
-
-Da es nun Morgen geworden und der Teufel wußte, daß er nur noch
-kurze Zeit habe, begann er noch heftiger zu wüten als bisher und
-auch sein Unwesen der Besudelungen fortzusetzen. Wir fürchteten
-deshalb, Christina allein zu lassen; denn, wenn ein Priester ihr
-beistand, wütete er nicht so sehr. Wir sprachen uns also ab, daß
-Bruder Johannes und sein Begleiter zur Kirche gehen sollten, um die
-Leute Beichte zu hören und sonst auszuhelfen, -- es war tags vor
-Weihnachten -- Bruder Gerhard aber und ich bei Christina bleiben
-sollten. Den ganzen Vormittag dauerten die Besudelungen. Es nahte schon
-bald die Mittagszeit und die Brüder waren noch nicht aus der Kirche
-zurückgekommen. Wir hatten uns schon darauf gefaßt, auf die h. Messe zu
-verzichten und beteten die Tagzeiten von der allerseligsten Jungfrau,
-die beginnen mit den Worten: _Rorate caeli desuper_. Als wir an das
-Evangelium: _Missus est_ gekommen waren, kniete ich mit beiden Knien
-auf die Erde nieder und legte beide Hände auf das Haupt Christinas,
-damit die Kraft der heiligen Worte auf sie mehr einwirken möchte.
-Kaum war ich mit dem Evangelium zu Ende und siehe da, der Geist der
-Unlauterkeit brachte unter meinen Händen über Christinas Haupt zwischen
-Kopf und Schleier eine dichte Schicht des häßlichsten Unrates. Endlich
-kam der Pfarrer aus der Kirche zu uns und sagte, die Brüder würden bald
-zurückkommen. In dieser Erwartung gingen wir dann zur Kirche, um die
-h. Messe zu lesen und waren froh, bei Christina zu ihrem Troste einen
-Priester zurücklassen zu können. Auf dem Wege begegnete uns Bruder
-Johannes mit seinem Gefährten und fragte uns, wie es mit Christina
-stehe. „Sehr schlimm,“ sagten wir. Da sprach er, heftig bewegt: „Laßt
-uns hingehen, um mit dem Teufel zu kämpfen,“ und raschen Schrittes ging
-er weiter. Wir aber gingen zur Kirche, hielten die h. Messe, und da
-während derselben auch der Pfarrer wiedergekommen war, schlossen wir,
-nach Landesbrauch an die h. Messe unmittelbar die Vesper an.[36]
-
- [36] Es war ja der Vorabend von Weihnachten und mithin Fasttag, an
- welchem die Mahlzeit erst nach der Vesper eingenommen wurde.
-
-Während wir in der Kirche waren, trug sich in Christinas Hause etwas
-eigenartig Grausiges zu. Bruder Johannes und sein Begleiter, Hilla
-vom Berge und Gertrud, des Pfarrers Schwester, die zugegen waren,
-haben es uns nachher erzählt. Jener böse Feind, der Gott selbst hatte
-gleich sein wollen, vermaß sich in seiner Frechheit, Christinas Bett zu
-durchwühlen und zu erschüttern und dabei Worte der Gotteslästerung zu
-singen. Er sang in wohlgesetzter Melodie, und die Worte waren rythmisch
-geordnet und endeten in Reimbildung. So sang er in hohem Tone: „Wo
-ist nun dein Gott? Wo ist dein Gott?“ Oefter und mit Zwischenpausen
-wiederholte er diese Frage und sang dann auch die Antwort: „Ich bin
-dein Gott. Ich bin dein Gott.“ Nachdem er diesen gotteslästerlichen
-Gesang mehrfach wiederholt hatte, fügte er hinzu: „Jetzt wenigstens
-erkenne, daß ich dein Gott bin; denn ich habe Macht, mit dir zu tun,
-was mir beliebt.“ Dann beschimpfte er die Diener Gottes und sprach: „Wo
-sind die geschorenen Narren, die bei dir waren? Ich werde sie jetzt so
-zurichten, daß sie sich nicht mehr unterstehen, zu dir zu kommen.“ Da
-sprach endlich Christina, entsetzt über die dem Namen Gottes zugefügte
-Beleidigung, mit erhobener Stimme, so daß alle, die da saßen, es
-hörten: „Ich beschwöre dich, Dämon, in Kraft des Leidens unseres Herrn
-Jesus Christus, daß du die Wahrheit dessen beweisest, was du gesagt
-hast.“ Da änderte Satan seine stolze Sprache, er ließ ab vom Singen,
-Versemachen und Reimbilden und gleich einem abgelebten Greise begann er
-mit zitternder, schwacher Stimme die Wahrheit zu bekennen und sprach:
-„Wahrhaftig, alles ist gelogen, was ich gesagt habe; ich bin nicht
-Gott. Ich habe keinen Teil an seiner Wesenheit, und die Teilnahme an
-seiner Seligkeit habe ich mit Recht für immer verloren. Es ist mir aber
-von ihm gestattet worden, meine Bosheit an dir auslassen zu können,
-und das habe ich mit Eifer getan. Ueber das, was er mir erlaubt hat,
-bin ich aber weder hinausgegangen noch darunter zurückgeblieben. Und
-weil du mich in Kraft des Leidens des Herrn beschworen hast, muß ich
-die Wahrheit bekennen. Da ich dir so viel Qual und Schmach angetan habe
-und dich dennoch nicht zu besiegen vermochte, so bin ich gewiß, daß mir
-das hundertfach auf ewig wird heimgezahlt werden mit dem unaufhörlichen
-Spotte meiner Genossen. Als Feigling werden sie mich verhöhnen, da ich
-ein einziges Mädchen nicht zu überwinden vermochte.“ Nachdem er dieses
-und ähnliches gesagt, verschwand er mit einem starken Knalle.
-
-In der h. Weihnacht, als die Mette und die erste h. Messe vorüber
-waren, ging der Pfarrer zu Christina und reichte ihr die h. Kommunion.
-Bei Anbruch des Tages ging Bruder Johannes zu Christina und ich folgte
-ihm. Wir fanden Christina in Verzückung, im Bette liegend und ganz
-starr. In diesem Zustande blieb sie den Weihnachtstag hindurch bis tief
-in die folgende Nacht. An den übrigen Festtagen speisten wir mit ihr
-und nahmen dabei mehrere Zeichen ihrer himmlischen Tröstung und inneren
-Liebe wahr, woraus wir schlossen, daß nach der Fülle der Leiden, die
-sie erduldet, nun auch Gottes Tröstungen ihre Seele erfreuten.“
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Fastenzeit des Jahres 1269. Sinnliche Versuchung. Elfter und zwölfter
-Besuch des Petrus.
-
-
-Im Advent hatte der Teufel Christina äußerlich mit Unrat besudelt.
-Darauf suchte er in der Fastenzeit ihre jungfräulichreine Gesinnung
-durch sinnliche Versuchungen und Vorführung unsauberen Blendwerks
-zu beleidigen. Dem Berichte des Pfarrers Johannes entnehmen wir
-Folgendes: Der Teufel erschien ihr und sprach: „Schau! Du hast ein ganz
-elendes und mühseliges Leben; du siehst, daß du Tag und Nacht keine
-Ruhe hast. Die aber in der Welt leben, haben sehr vergnügte Tage im
-Familienleben. Auch sind viele unter ihnen sehr reich. Wenn du deiner
-jetzigen Lebensweise entsagen wolltest und leben wie Weltleute, so
-würde ich dich reich machen und dein Leben verlängern, so lange du
-willst.“ Christina antwortete ihm: „Verfluchter, du lügst. Für Gott ist
-mir keine Mühe zu viel, und was du versprichst, vermagst du nicht zu
-halten.“ Darauf der Teufel: „Die Ordensleute, die Geistlichen und alle
-Enthaltsamen sind betrogen; ihre Lebensweise ist Ketzerei. Denn Gott
-hat von Anbeginn es so angeordnet, daß alle Menschen im Ehestande leben
-sollen. Wenn auch du das befolgen würdest, könntest du leicht und eher
-selig werden.“ Um diesen Versuchungen mehr Reiz zu geben, begleitete
-der Teufel sie mit allerhand unlauterem Blendwerk. -- Wochenlang quälte
-er so Christina, vermochte jedoch nicht ihren Sinn zu beugen. Da sprach
-der Teufel: „Weil du mir nicht folgst, so wisse, daß ich dich beschämt
-machen werde vor aller Welt. In der Kirche werde ich einen kleinen
-Knaben vor dich hinstellen und ausrufen, daß er von dir sei.“ Diese
-Drohung quälte Christina fürchterlich. Wenn sie in der Kirche war und
-zur h. Kommunion gehen wollte, so kam es ihr vor, als ob die Leute sich
-zuflüsterten: „Schauet da die elende Heuchlerin, wie sie die Menschen
-betrogen hat. Jetzt kommen ihre Betrügereien an den Tag; sie hat ja ein
-Kind geboren.“ Lange Zeit kämpfte Christina mit dieser Angst und wagte
-es nicht, zum Tische des Herrn zu gehen. Endlich überwand sie diese
-Angst, indem sie also bei sich dachte: „Möge man immerhin rufen; Gott
-weiß, daß du unschuldig bist.“ Darauf hatte sie in der Nacht folgendes
-Traumgesicht: „Geliebter, so glaubte sie zu sprechen, habe Mitleiden
-mit mir in dieser neuen Angst und nimm diese Versuchung von mir.“ Da
-antwortete alsbald eine Stimme: „Vielgeliebte Tochter, habe Geduld;
-deine Pein wird heute ein Ende haben und dein Bräutigam wird dir für
-die ausgestandene Angst den gleichen Lohn geben, als ob du wirklich
-die Beschämung erduldet hättest.“ Da sprach sie: „Gepriesen seist du, o
-Süßester; ich bin elend, reich aber ist deine Huld.“ Als sie erwachte,
-war alle Versuchung verschwunden. Sie ging am Morgen zur h. Kommunion
-und wurde mit solcher Wonne erquickt, daß sie drei Tage lang weder aß
-noch trank und kein Wort reden konnte.
-
-Dann kam der Teufel mit einer andern Versuchung: „Was führst du
-doch, sprach er, jetzt für ein Leben? Früher betetest du viel, übtest
-dich fleißig im Stillschweigen, fastetest, stets warst du allein und
-konntest den Umgang mit Mannsleuten nicht leiden; jetzt aber gehst
-du gar zu vertraulich mit ihnen um, mit Ordensbrüdern und andern
-plauderst du in der Kirche, und außer der Kirche bist du träge. Auf
-diese Weise wirst du nicht ins Himmelreich kommen können; so gemächlich
-geht es nicht.“ Wieder ein anderes Mal, als sie im Gebete die Nacht
-durchwachte, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie zum Tische des Herrn
-gehen wollte, kam jener alte Bösewicht und sprach gar gelind, wie wenn
-es ein Engel vom Himmel gewesen: „Teuerste, du hast vor, zur Kommunion
-zu gehen. Tue das nicht um dreier Ursachen willen. Erstens wird die
-Hostie zur Erde fallen, wenn der Priester sie dir in den Mund legt, und
-das wird eine große Störung verursachen. Zweitens mußt du auch billig
-erkennen, daß du eine Sünderin bist und deshalb gänzlich unwürdig.
-Drittens weiß der Pfarrer dieses auch und ist deshalb in übler
-Stimmung“. Christina wähnte, ein Engel rede zu ihr, hatte aber doch
-Zweifel und deshalb bat sie den Herrn, er möge ihr kundtun, ob diese
-Stimme von ihm oder von einem andern sei. Da entstand ein gewaltiges
-Gepolter und alles war vorbei. Morgens ging sie zur Kirche, wagte
-aber nicht, zum Tische des Herrn zu gehen wegen jener drei Gründe. Der
-Priester aber, dem sie dies offenbarte, sagte ihr, der Teufel habe sie
-von der h. Kommunion abhalten wollen und so ging sie mit großer Furcht
-zum Tische des Herrn.
-
-Um diese Zeit erhielt Christina den elften Besuch des Bruders Petrus.
-Diesem war zu Ohren gekommen, daß er laut Bestimmung seiner Obern
-zur Fortsetzung seiner Studien nach Paris gehen sollte und deshalb
-wollte er vorher seine Freunde in Stommeln noch einmal besuchen. In
-der Fastenzeit kam er mit seinem Landsmann Bruder Johannes Hespe zu
-Christina. Zur Zeit der Komplet sprach er zu ihr einiges zur Erbauung.
-Darob wurde sie sehr zur Andacht entflammt, und sie bat Petrus, er
-möge am folgenden Tage die Messe von der seligsten Jungfrau nicht
-lesen, sondern singen. Petrus kam dem Wunsche nach und sang die Messe
-„_Rorate caeli desuper_“. -- Trauet Himmel den Gerechten --, für die er
-eine besondere Vorliebe hatte. Als nach Beendigung des Gottesdienstes
-das Volk die Kirche verließ, blieb Christina, ohne sich zu regen, auf
-ihrer Stelle zurück. Da sprach der Pfarrer zu Petrus: „Es scheint mir,
-daß Christina entrückt ist.“ Petrus und Bruder Johannes gingen nun
-auf sie zu und fanden sie ganz starr. Der Mantel aber, mit dem sie
-ihr Haupt bedeckt hatte, war an der Stelle über dem Kopfe wie mit Tau
-benetzt. Bruder Johannes, der seit vierzehn Tagen am Gelenke zwischen
-Arm und Hand einen Auswuchs von der Größe eines halben Eies hatte,
-befeuchtete seine gesunde Hand mit diesem Tau und berührte dann mit
-dieser also befeuchteten Hand den Auswuchs an der andern Hand. Von
-diesem Augenblicke an begann die Geschwulst schneller abzunehmen, als
-sie bisher gewachsen, sodaß sie in wenigen Tagen ganz verschwunden war.
-Christina aber blieb verzückt bis zur Komplet. Tags darauf besuchten
-die beiden Brüder den Prior zu Brauweiler und kehrten von da nach Cöln
-zurück.
-
-Während dieser Fastenzeit hatte Christina noch eine andere ganz
-schreckliche Versuchung gegen die jungfräuliche Reinheit zu bestehen,
-die von Pfarrer Johannes umständlich berichtet wird.[37] Es befand
-sich damals in Stommeln oder nahebei ein elender, schrecklicher
-Mensch, der ein Ausbund aller Laster und ein berüchtigter Räuber
-war. Wie sehr Christina diesen Menschen auch fürchtete und seine
-Stimme ihr Grausen erregte, so kam ihr doch wider ihren Willen die
-Neigung, diesen Menschen zu sehen und mit ihm zu sprechen. Schon im
-Mai des vorhergehenden Jahres hatte diese unerklärliche Neigung sich
-bemerkbar gemacht. Jetzt nun kam in der Nacht der Versucher in Gestalt
-jenes schlechten Menschen zu Christina und sprach: „Geliebteste,
-siehe, ich bin es. Ich bin hereingekommen; das Haus ist offen. Dein
-Vater und deine Mutter wissen nicht, daß ich hier bin; Du brauchst
-nichts zu fürchten.“ Dann kam er näher auf sie zu und ergriff ihre
-Hände. Christina glaubte, den Räuber vor sich zu haben und schrie aus
-allen Kräften: „Wenn Ihr mich berührt, so wisset, daß der Dämon Euch
-umbringen wird.“ Dann bat sie ihn beim Leiden unseres Herrn, sie in
-Ruhe zu lassen. Der Versucher aber entgegnete: „Trauteste, nie habe
-ich ein Menschenkind so sehr geliebt wie Dich. Wenn Du mir nur einen
-freundlichen Blick schenken wolltest, so würde ich fürderhin nicht
-mehr schlecht sein. Wenn Du es willst, werde ich gut sein, und wenn Du
-es willst, werde ich schlecht sein. Ich werde Dich zu einer vornehmen
-Frau machen, Dir schöne Kleider kaufen, Dir soviel Geld geben, als Du
-haben willst, und nichts wird Dir mangeln. Ich nehme Dich mit; Deine
-Eltern werden nichts davon gewahr, und ich bringe Dich zu reichen
-und feinen Leuten, wo Du ein herrliches Leben haben wirst.“ Allein
-Christina antwortete nicht und richtete alle ihre Gedanken auf das
-Leiden unseres Herrn. „Du bringst mich ums Leben, begann er nun zu
-schluchzen, ich muß sterben, weil Du mich verschmähst; ich vermag
-nicht mehr zu schlafen und kann weder essen noch trinken.“ Als aber
-alles fruchtlos blieb, änderte der Versucher seine Sprache und schrie:
-„Ich werde doch meinen Willen an Dir vollbringen!“ und dabei ergriff
-er sie mit Gewalt, wie wenn er sie hätte umbringen wollen. Christina
-aber schrie zu Gott: „Herr, stärke mich in dieser Stunde!“ Dann zog der
-Versucher ein Messer hervor, setzte es ihr auf die Brust und sprach:
-„Ich ermorde Dich, wofern Du mir nicht zu Willen bist.“ Christina
-entgegnete: „Meinem Herrn Jesus Christus habe ich Treue gelobt; für
-seinen Namen zu sterben ist mein Wunsch.“ „Doch nicht so, erwiderte
-der Versucher, Dein Vater und Deine Mutter sollen die ersten sein; ich
-will alle im ganzen Hause ermorden, Dich aber fürs letzte aufsparen.“
-Alsdann lief er mit dem Messer durchs Haus und tat so, wie wenn er am
-Morden wäre, Christina aber hörte erbärmliches Weinen und Jammern. Es
-war das alles freilich teuflische Gaukelei. Dann hörte sie, wie ihr
-Vater, es war in Wahrheit der Teufel, zu dem Verführer sprach: „Halte
-ein! töte mich nicht; ich will sie bereden, daß sie Dir zu Willen
-sei.“ Und alsdann kam dieser Teufel zu Christina in der Gestalt ihres
-Vaters -- Christina jedoch glaubte wirklich, es sei ihr Vater -- und
-sprach zu ihr: „Liebste Tochter! gedenke, daß ich kein anderes meiner
-Kinder so geliebt habe wie Dich; willige doch ein, damit Du mir das
-Leben rettest. Du wirst es doch nicht vor Gott verantworten können,
-wenn ich um Deinetwillen getötet werde.“ Christina aber, obgleich
-voll Mitleid mit dem vermeintlichen Vater, sprach herzhaft: „Vater,
-Ihr sagt, ich solle Gott verlassen! Wisset Ihr denn nicht, daß Gott
-für uns gestorben ist. Seid deshalb standhaft und erleidet freudig
-den Tod.“ Der Verführer stürzte sich alsdann auf Christinas Vater und
-versetzte ihm den Todesstoß; Christina hörte sein Röcheln. Dann kam er
-auf Christina zu. Diese aber entriß ihm behend das Messer, stieß es
-sich selbst in die Hüfte, um durch den Schmerz der Verwundung aller
-sinnlichen Empfindung vorzubeugen, und rang mutig mit dem Versucher,
-der alsdann beschämt die Flucht ergriff. Das Messer jedoch blieb
-zurück. Christina bediente sich desselben später beim Essen und der
-Pfarrer Johannes hat es sich nachher von ihr zum Geschenke erbeten. Die
-Wunde aber, die Christina sich beigebracht, blutete drei Tage lang. Sie
-lag da und weinte, da sie glaubte, sterben zu müssen und sich quälte
-mit dem Gedanken, sie habe selbst den Tod herbeigeführt. Da sie nun
-so weinte, kam ein Jüngling in Himmelsschönheit zu ihr und sprach:
-„Sei ohne Furcht, geliebteste Tochter! Siehe, ich bin Jesus Christus,
-dem Du Treue gelobt hast, ehe Du zu den Beginen kamst. Laß alle Sorge
-fahren; an dieser Wunde wirst Du nicht sterben. Du hast Deine Treue
-gegen mich bewährt. Und wie Katharina, da sie um meinetwillen die Welt
-verachtete, den Tod erduldete und deshalb ihr Tod kostbar war in meinen
-Augen, so würdest auch Du, wenn Du an der Wunde, die Du in gleicher
-Gesinnung Dir beigebracht, gestorben wärest, den gleichen Lohn erhalten
-haben wie sie.“ Bei diesen Worten machte er das Kreuzzeichen über die
-Wunde und augenblicklich hörte diese auf zu bluten, und aller Schmerz
-war verschwunden. Am Gründonnerstage kam Petrus wieder nach Stommeln.
-Seine Abreise nach Paris hatte sich nämlich verschoben, da die Brüder
-aus Dazien, die mit ihm reisen sollten, noch nicht angekommen waren.
-Er kam als Begleiter des Bruders Johannes von Muffendorf, der vom
-Pfarrer von Stommeln zum Osterfeste war eingeladen worden. Die Brüder
-Aldebrandino und Mauritius hatten sich mit Erlaubnis des Priors Hermann
-ihnen angeschlossen. Zur Zeit der Komplet kamen die vier Brüder
-in Stommeln an und begaben sich alsbald in die Kirche, wo sie, wie
-Petrus sagt, die Reliquien der Heiligen oder vielmehr die Heiligen,
-deren Gebeine dort aufbewahrt wurden, begrüßten. Dann trat Petrus auf
-Christina zu, die vor dem Altare der allerseligsten Jungfrau saß, da
-sie in Folge des erlittenen Blutverlustes sich sehr schwach fühlte.
-Sie erlitt sogar einen leichten Ohnmachtsanfall, bei dem Petrus in
-ihrer linken Hand, die etwas unter dem Mantel hervorgekommen war,
-fünfzehn Malzeichen wahrnahm. Sie waren sämtlich rund von Gestalt,
-rötlich von Farbe und wohl geordnet. Das größte Malzeichen befand sich
-in der Mitte der Hand und hatte die Größe eines Sterlings. Um dieses
-herum waren vier andere, die etwas kleiner waren, so verteilt, daß
-sie ein Kreuz bildeten. Von den zehn übrigen, die noch kleiner waren,
-befanden sich zwei auf den unteren Fingergliedern. Christina hatte von
-ihrem himmlischen Bräutigam für die in der schrecklichsten Versuchung
-bewiesene Treue für die linke Hand, wie es ja bei Verlobten Brauch
-ist, ein bräutliches Abzeichen erhalten. Als die Komplet zu Ende war,
-wurde nach Landesbrauch zur Dämmerstunde die düstere Mette gesungen,
-gegen deren Ende die Lichter allmählich ausgelöscht werden und zu deren
-Schluß etwas Geräusch mit den Sitzklappen des Chorgestühls gemacht zu
-werden pflegt. In Stommeln scheint die Jugend für diesen geräuschvollen
-Schluß der Mette eine besondere Vorliebe gehabt zu haben. Als die
-Ordensbrüder nach dem _Benedictus_ das _Kyrie eleison_ sangen und alles
-finster war, fing, wohl aus Irrtum, die Jugend schon an vorzeitig
-Geräusch zu machen und die Erwachsenen halfen redlich mit. Während
-dieser Störung des Gottesdienstes wurde ein großer Teil des Volkes im
-Schiffe der Kirche mit Unrat besudelt. Christina aber blieb von der
-Besudelung unberührt, wiewohl diejenigen, die um sie herum saßen, von
-ihr sämtlich betroffen wurden. Am meisten waren gerade jene besudelt
-worden, die ihre Zunge gegen Christina geübt und ausgestreut hatten,
-die Besudelungen, die Christina im Advent erlitten, seien Erdichtungen.
-Die Unruhe wurde durch die Besudelung noch gesteigert, legte sich dann
-aber allmählich und jeder begab sich nach Hause. Christina wurde von
-ihrem Vater nach Hause geführt; denn sie konnte vor Schwäche nicht
-allein gehen. Petrus begleitete sie bis zum Scheidewege, wo er auf
-dem andern Wege zum Pfarrhause hin abbog. Die ganze folgende Nacht
-war Christina wie entrückt und ihre Gedanken waren derart mit dem
-Leiden Christi beschäftigt, daß sie kaum beachtete, wenn man mit ihr
-sprach. Jungfrauen hielten bei ihr Wache. Am Morgen des Karfreitags
-gingen die Ordensbrüder Aldebrandino und Mauritius nach Cöln zurück,
-sprachen aber zuvor in Begleitung des Pfarrers bei Christina vor,
-sahen jedoch nichts anderes, als daß sie zu Bette lag und das Gesicht
-mit dem Schleier bedeckt hatte. Zur Zeit der Terz, d. h. um neun Uhr
-morgens, sprachen auch Petrus und Johannes vor und fanden Christina
-ganz starr wie eine Leiche. Sie gingen alsdann zur Kirche und hielten
-den Karfreitagsgottesdienst, wie es für diesen Tag Vorschrift und
-Brauch war. Nachmittags verfügten sich die drei wieder ins Kämmerlein
-Christinas, verrichteten ein Gebet, damit Gott ihnen zeigen möge,
-was, wie sie vermuteten, an Christina vorging, und dann sprach Petrus
-zu den beiden Johannes: „Ihr habt noch immer Zeit und Gelegenheit;
-ich aber werde bald abreisen und kann nicht hoffen, jemals wieder an
-solchem Tage an diesen Ort zu dieser Person zu kommen. Es würde mir
-sehr wehe tun, wenn ich des Trostes entbehren sollte, den ich hier
-zu finden hoffte. Ich hatte mich darauf gefreut, das jetzt selbst zu
-sehen, was ich im vorigen Jahre von andern gehört habe.“ Zum Pfarrer
-gewandt, sprach er dann: „Du weißt gar wohl, daß nur die Liebe Christi
-uns hierher führt und das Bestreben, der Wahrheit zu dienen und das
-Zweifelhafte aufzuhellen. Strecke nun, ich bitte Dich, Deine Hand
-aus und berühre ihre Fußsohle.“ Er tat es mit großer Scheu, und als
-er die Hand wieder zurückzog, war sie ganz mit Blut überronnen. Da
-sprach Petrus: „Lasset uns eines von den Mädchen rufen, damit dieses
-uns die äußersten Teile der Füße aufdecke und wir so feststellen
-können, was dieses bedeutet.“ Da die Beiden, so fährt Petrus fort,
-mit dem Vorschlage einverstanden waren, rief ich Hilla vom Berge und
-ersuchte sie, den untersten Teil der Füße Christinas aufzudecken.
-Diese entschuldigte sich anfangs, gab aber doch meiner Bitte und ihrer
-Begründung nach und tat, was ich wünschte, mit großer Ehrfurcht und
-heiliger Scheu. Und wir alle vier sahen, was ich hier schreibe: In der
-Mitte des rechten Fußes, und zwar an seiner obern und untern Seite,
-war eine Wunde, etwas größer als ein Sterling, und aus ihr flossen
-vier Bächlein Blutes von ziemlicher Breite, jedoch nicht auf die Zehen
-hin, sondern seitwärts. Da wir das sahen, suchte jeder von uns sich
-einen Winkel, um seinen Tränen freien Lauf zu lassen, weil Christina
-mit dem Heilande litt, und seine Wunden an ihr zur Ausprägung gekommen
-waren. Als wir uns ausgeweint hatten, gingen wir zum Pfarrhause zurück,
-nahmen ein kleines Mahl, wie es sich für den Tag schickte, und gingen
-dann vor der Komplet wieder zum Hause Christinas. Sie atmete nicht
-und war ganz starr. Ich sprach deshalb zum Pfarrer: „Laßt uns doch
-versuchen, an ihrem Haupte nachzuschauen, ob auch dort sich ein Merkmal
-des Leidens Christi vorfindet!“ Dieser erwiderte: „Ich sehe nicht, wie
-das möglich ist. Denn Gesicht und Kopf hat sie mit größter Sorgfalt
-verhüllt.“ Sie hatte nämlich die Arme kreuzweise über die Brust gelegt,
-so daß die Hände die Wangen berührten, und hielt dabei den vordern
-Saum des Schleiers, womit sie Kopf und Gesicht geschickt verhüllt
-hatte, zwischen den Fingern fest. Auf mein abermaliges Ersuchen machte
-indes der Pfarrer den Versuch, die Stelle am rechten Ohre in etwa
-aufzudecken. Soviel ich jedoch bemerken konnte, war dort kein Wundmal
-zu sehen. Als er aber das Gesicht aufgedeckt hatte, sahen wir auf der
-Stirne drei Blutbächlein von je zwei Finger Breite wie aus einem Quell
-herabfließen. Das mittlere strömte auf die Nase, die beiden anderen auf
-die Schläfen zu. Aus Ehrfurcht vor der göttlichen Gegenwart, die sich
-hier in so deutlichen Zeichen zu erkennen gab, trugen wir Scheu, das
-göttliche Geheimnis weiter zu erforschen. Wir hörten jedoch nach dem
-Ostertage von den Jungfrauen, die Christinas Vertraute waren, daß auch
-ihr Untergewand dort, wo es die Herzgegend berührte, in Handbreite mit
-Blut getränkt war. Und während der Osteroktav haben wir selbst, als wir
-mit Christina aßen, an beiden Händen die Spuren der Wundmale auf der
-Vorder- und Rückseite deutlich wahrgenommen. Vor Sonnenuntergang kam
-Christina wieder zu sich und ich fragte sie: „Wie befindest Du Dich?“
--- Sie antwortete ganz leise: „Ich bin sehr schwach. Rede nicht weiter
-mit mir; denn ich kann Dir nicht antworten vor Bitterkeit im Munde
-und Gaumen.“ Wir ließen nun Christina allein und gingen zur Kirche.
-Am Karsamstage zur Zeit der Komplet, während Bruder Johannes in der
-Kirche Beicht hörte, ging ich wieder zu Christina, an der ich große
-Herzensfreude wahrnahm. Wir unterhielten uns über die beschauliche
-Betrachtung und Liebe Gottes, wobei Christina reichlichen Stoff
-lieferte. Am Ostermorgen begab sie sich ganz in der Frühe, zu Pferde,
-in weltlicher Kleidung, von ihrem Vater begleitet, zur Kirche. Sie
-hatte nämlich an Stelle des Mantels ein leinenes Tuch umgelegt. Sie
-begab sich zu Pferde zur Kirche, weil die Wundmale an den Füßen sie
-am Gehen hinderten. Auch hoffte sie so, unerkannt zu bleiben und das,
-was an ihr geschehen war, zu verheimlichen. Weil nämlich im vorigen
-Jahre der Pfarrer ihr die h. Kommunion am Ostertage ins Haus gebracht
-hatte, war aus diesem Anlasse Gerede entstanden und das Gerücht über
-ihre Wundmale hatte sich verbreitet. Christina empfing in der ersten
-Messe die h. Kommunion, blieb dann vollständig verzückt bis nach Mittag
-und kam ganz zu sich vor der Komplet. Während der Osteroktav kam auch
-Bruder Wipert wieder nach Stommeln und hielt eine Predigt, während
-der Christina in Verzückung kam und in ihr blieb bis zur Vesper. Am
-Samstage vor weißen Sonntag sprach Bruder Salomon aus Ungarn auf der
-Durchreise nach Paris in Stommeln vor, um dort seinen Freund, Bruder
-Petrus, zu begrüßen. Dieser erzählte ihm von den Wundmalen Christinas
-und Salomon wünschte gar sehr, diese zu sehen. Petrus sagte ihm, dann
-möge er sich wohl hüten, Christina über diese Dinge zu befragen, weil
-sie dann gleich ihre Hände verbergen würde; er solle vielmehr zusehen,
-ob an seinen Kleidern nichts aufzubessern sei, und Christina dann
-bitten, die Ausbesserung vorzunehmen. Und wirklich fand Wipert, daß an
-seiner Kapuze sich eine Naht aufgetrennt hatte. Er bat nun Christina,
-sie möge die Naht wieder zunähen, und während sie daran arbeitete, war
-es Bruder Wipert vergönnt, die Spuren der Wundmale an ihren Händen zu
-sehen.
-
- [37] _V. C._ 126-130.
-
-Am weißen Sonntag kam zur Vesperzeit hoher Besuch in Stommeln an. Zu
-Pfingsten sollte das Generalkapitel des Dominikanerordens in Paris
-gehalten werden. Alle drei Jahre fanden diese Generalkapitel statt
-und zwar abwechselnd einmal jenseits, das andere Mal diesseits der
-Alpen. Auf der Hinreise zu diesem Kapitel hielten nun der Cölner Prior,
-Hermann von Havelbrech, und der Prior von Straßburg, Arnold von Xanten,
-der damals Definitor des Generalkapitels war, mit ihren Gefährten in
-Stommeln an. Die Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln war schon
-vorher mit den Stiftsfräulein eingetroffen, um die Brüder, dreizehn an
-der Zahl, auf ihrem Hofe aufzunehmen und zu bewirten. Montags besuchte
-Prior Hermann Christina und sprach bei der Rückkehr das bezeichnende
-Wort: „Dieses Antlitz ist nicht dasjenige eines Menschen, der auf
-Erden wandelt.“ Petrus stimmt diesem Urteile bei und fügt hinzu: „Ueber
-dieses Antlitz war auch körperlich ein Anflug von Glanz ausgegossen,
-wie ich ihn nie im Angesichte eines sterblichen Menschen, mit Ausnahme
-eines Einzigen, wahrgenommen habe.“ Dieser Einzige wird wohl der große
-h. Thomas von Aquin gewesen sein, der nachmals in Paris Lehrer des
-Petrus war und mit der Sonne verglichen zu werden pflegte. Petrus hielt
-die Messe von der seligsten Jungfrau und der Prior Arnold predigte
-in derselben über das Evangelium: „_Stabat iuxta crucem Jesu_ -- Es
-stand neben dem Kreuze Jesu seine Mutter“, das die Weltpriester um
-jene Zeit im Cölner Erzbistum zu lesen pflegten. Christina kam während
-der Predigt in Verzückung und blieb bis zum Abend ohne Bewegung und
-Empfindung. In diesem Zustande haben die meisten der Dominikaner sie
-beobachtet und sich daran sehr erbaut. Nachmittags setzten die einen
-der Brüder ihre Reise nach Paris fort, die andern, unter ihnen Petrus
-und Johannes, kehrten nach Cöln zurück.
-
- Abb. 7. Bild Christinas am Cölner Dom.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-Christinas Briefwechsel mit Petrus während dessen Aufenthalt zu Paris
- (Mai 1269 bis Juli 1270).
-
-
-Der Prior von Dazien, Bruder Nikolaus Heinrich, kam vierzehn Tage
-später in Cöln an und brachte dem Bruder Petrus die Weisung, sich zur
-Vollendung seiner Studien nach Paris zu begeben. Der Prior reiste
-ohne Verzug weiter nach Paris zum Generalkapitel, dessen Definitor
-er war. Petrus konnte noch nicht allsogleich abreisen und folgte
-seinem Prior einige Tage später nach. Als Reisegefährten hatte er
-den Bruder Mauritius. Sie gingen über Stommeln, weil es nicht weit
-ablag von der Hauptstraße, die von Cöln nach Paris führte, um von den
-dortigen Freunden Abschied zu nehmen. Sie übernachteten in Stommeln
-und reisten am folgenden Tage nach dem Mittagessen weiter. Der Pfarrer
-Johannes von Stommeln sowie Christina und mehrere Andere begleiteten
-die beiden Brüder bis Ingendorf (Engendorp), wo sie tiefgerührt
-voneinander Abschied nahmen. Am Freitage vor Pfingsten, das auf den
-12. Mai fiel, kamen die beiden Brüder in Paris an, also noch vor
-Zusammentritt des Generalkapitels, zu dem auch Thomas von Aquin aus
-Italien herübergekommen war. Im Kollegium von St. Jakob, das zur
-Zeit der großen französischen Revolution den führenden Männern als
-Versammlungsort diente und ihnen den Namen Jakobiner eingetragen
-hat, hielt der berühmte Aquinate in diesem und im folgenden Jahre
-philosophische und theologische Vorlesungen und gerade in diesem
-Kollegium nahm Petrus von Dazien Wohnung.
-
-Während der vierzehn Monate, die Petrus in Paris zubrachte, wurde
-zwischen ihm und Christina ein Briefwechsel in lateinischer Sprache
-geführt, der uns über Christinas Zustände einigen Aufschluß gibt.
-Christina scheint das Latein einigermaßen verstanden zu haben. Sie
-führt einmal einen Hexameter an, ein anderes Mal läßt sie eine Stelle
-aus dem prächtigen Osterhymnus der Cölner Kirche einfließen und von
-der Uebersetzung eines Briefes sagt sie, daß sie dadurch zu vollerem
-Verständnis desselben gekommen sei.[38] Hätte sie das Latein nicht
-verstanden, so hätte sie auch nicht unter den Psalmen gerade diejenigen
-als Lieblingsgebete auswählen können, die auf ihre Lage ganz besonders
-paßten.
-
- [38] _V. C._ 133, 148, 150.
-
-Christinas Briefe, die sie dem Pfarrer Johannes und später dem
-Schulmeister Johannes diktierte und die diese dann lateinisch
-niederschrieben, sind gewöhnlich kürzer gehalten als die des Petrus,
-die sich meist in frommen Betrachtungen und Tröstungen ergehen.
-Christinas Briefe, die für uns wichtiger sind, geben wir dem Wortlaute
-nach vollständig wieder, die des Petrus nur auszugsweise. Die
-Ausdrucksweise dieser Briefe ist die des dreizehnten Jahrhunderts,
-die, was Herzlichkeit anbelangt, die jetzt herrschende Form bedeutend
-überbietet. Auch lehnt sich die Sprache mitunter an die des Hohen
-Liedes an.
-
-Seit der Abreise des Petrus bis zum Dreifaltigkeitssonntage befand
-sich Christina wohl, dann litt sie einige Zeit hindurch an dreitägigem
-Fieber und danach kamen neue Plagen des Teufels. Kurz nach Johannis
-Geburt schrieb hierüber Christina an Petrus folgenden Brief:
-
- „Dem geliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris
- entbietet seine Tochter Christina in Stommeln ihre Gebete
- im Herrn. Ich glaube Euch mitteilen zu sollen, daß Euere
- Abreise mich mehr, als ich geglaubt hätte, angegriffen
- hat. Denn ich gedenke Euerer treuen Anhänglichkeit und
- meiner geringen Dankbarkeit. Ich hoffte und hoffe noch, Ihr
- würdet mich beerdigen. Ihr habt mich um Einiges gefragt,
- worüber ich Euch keine Auskunft gegeben habe und das tat
- mir später leid. Denn ich sehe ein, daß es gut für mich
- gewesen wäre, wenn ich Euch jene Dinge und mehreres Andere
- mitgeteilt hätte. Auch möget Ihr wissen, daß ich seit
- dem Feste des h. Johannes des Täufers weder beten noch
- beichten kann, ohne daß der Dämon mich mit einem glühenden
- Eisen brennt und mir äußerlich und innerlich am Munde
- Brandblasen verursacht. Diese Plage wird voraussichtlich
- dauern bis Mariä Himmelfahrt. Früher habt Ihr mir in Eurer
- Treue viele Freunde erworben; auch jetzt wollet mich, ich
- bitte Euch darum, dem Gebete vieler empfehlen. Durch den
- Ueberbringer dieses Briefes würde ich Euch zwei Korporalien
- haben zugehen lassen, wenn er sie hätte mitnehmen wollen.
- Wenn Ihr immer einen Wunsch habt, so tut ihn mir kund;
- ich will ihn erfüllen. Lebet wohl, Teuerster. Der Herr
- Pfarrer läßt Euch grüßen. Betet für meinen Vater, wie
- ich Euch darum ersucht habe. Ich sehne mich danach, Euch
- wiederzusehen. Besuchet mich doch, sobald Ihr könnt.“
-
-Diesen Brief erhielt Petrus am Feste Mariä Himmelfahrt. Er aber
-hatte gleich nach seiner Ankunft in Paris an Christina einen Brief
-geschrieben, um sie zu trösten über den Schmerz des Abschiedes. Dieser
-Brief, den Bruder Mauritius nach Stommeln überbrachte, hatte sich
-mit Christinas Brief gekreuzt. Auf diesen Brief des Petrus schickte
-Christina etwas nach Kreuz Erhöhung folgendes Antwortschreiben:
-
- „Dem in Christo geliebten, teuersten Bruder Petrus von
- Dazien aus dem Predigerorden zu Paris entbietet Christina
- von Stommeln den Ausdruck ihrer Liebe und die Gabe ihres
- Gebetes. Aus Euerem Briefe ersah ich, welch' besondere
- Liebe Ihr zu mir heget. Ich wundere mich nicht darüber,
- daß Ihr dasjenige, was innerlich im Herzen, dem Auge des
- Herrn allein sichtbar, vorgeht, auch äußerlich durch Wort
- und Schrift zu erkennen gebet. Doch wisset, daß auch die
- Liebe, die ich zu Euch im Herrn trage, nicht gemindert
- wurde durch Euer Weggehen; ich empfinde sie vielmehr jetzt
- bei Euerm Fernsein lebhafter als bei Euerem Hiersein, und
- wenn ich Euer im Gebete gedenke, so füllen sich meine Augen
- mit Tränen bei der Erinnerung an Eueren treuen Beistand
- und Euere Liebe in Christo. Als ich Eueren Brief lesen
- hörte, konnte ich die Tränen nicht unterdrücken, wiewohl
- das ausgesprochene Lob mir nicht zukam, ich aber doch durch
- die in ihm hervortretende liebevolle Gesinnung vollkommen
- getröstet wurde. Auch der Umstand, daß gerade Bruder
- Mauritius den Brief überbrachte, vermehrte meine Betrübnis
- an jenem Tage, weil er bei der Abreise Euer Begleiter war.
- Ihr ginget damals so schnell fort, und vor großer Betrübnis
- konnte ich nicht so zu Euch reden, wie ich es wünschte. Und
- wenn Brüder aus Euerer Gegend hierher kommen, so befällt
- mich Traurigkeit, da ich Euch ferne weiß in der Verbannung.
- Aus Eueren Worten schöpfte ich besondern Trost. Und wenn
- Ihr vom Geliebten sprachet, dann sah ich Euch in solcher
- Begeisterung, daß auch mein Herz mit Freude erfüllt wurde
- und in Jubel ausbrach. Diese Freude aber und diesen Jubel
- konnte ich vor Niemanden kundgeben als vor Euch, weil Ihr
- mich verstandet. Gerade deshalb bin ich betrübt, weil ich
- seit Euerem Weggange niemanden mehr habe, vor dem ich
- mich so geben könnte und dürfte. Denn ich fürchte mich
- vor Jedermann, und mit niemanden kann ich verkehren wie
- mit Euch. Einstmals, als ich in Leiden war, habt Ihr mir
- liebevolle Aufmerksamkeit erwiesen, und ich habe Euch mit
- dem Gegenteil vergolten. Doch nicht Euretwegen benahm ich
- mich so, sondern wegen anderer Dinge, die in meinem Herzen
- vor sich gingen. Ich bitte Euch deshalb, es mir nicht zu
- verübeln. Ich versichere Euch, daß ich in meinen Trübsalen
- niemanden lieber zum Beistande habe als Euch. Ihr waret
- immer bereit, zu mir zu kommen, wenn ich geplagt wurde.
- Derohalb bin ich jetzt betrübt, weil ich seit Euerer
- Abreise manches leiblich und geistig erduldet habe, und
- ich Euch dieses lieber mündlich als schriftlich mitteilen
- möchte.
-
- Beständige Trübsale, die acht Tage vor dem Feste des h.
- Johannes des Täufers ihren Anfang nahmen, suchten mich
- heim bis zum Feste der Himmelfahrt der allerseligsten
- Jungfrau. So oft ich zum Tische des Herrn ging, wurde ich
- am darauffolgenden Tage zur Zeit der Komplet durch ein
- glühendes Eisen erschreckt, ebenso, wenn ich beichten
- wollte, so daß ich vergaß, was ich sagen wollte. Auch
- bin ich vierzehn Tage hindurch, wenn ich mich anschickte,
- zum Tische des Herrn zu gehen, in solche Angst geraten,
- daß ich glaubte Blut zu schwitzen. Nachher vermochte ich
- nicht, der h. Messe beizuwohnen oder das Wort Gottes zu
- hören oder von Gott zu reden oder zu ihm zu beten, ohne
- durch jenes glühende Eisen erschreckt zu werden. Und wenn
- ich nach dem Empfange des Leibes des Herrn mich an meinen
- gewohnten Platz verfügte, so blieb mein Herz ohne allen
- Trost. Das war für mich über alles Maß bitter, und so ging
- es fort, bis zu genanntem Feste. Schließlich bin ich außen
- am Munde sichtbarlich verbrannt worden, so daß sich ums
- Kinn weiße Brandblasen zeigten. Nachdem dieses Verbrennen
- eine Zeit lang gedauert hatte und dann Heilung eingetreten
- war, wurden mir in einer Nacht die Ohren verbrannt. Als
- dies nachließ, wurden mir Augen und Stirne versengt und
- zwar so erbärmlich, daß es das Mitleid meiner Freunde
- erregte. Denn die Augen waren in Folge der Verletzung
- angeschwollen und große Brandblasen waren über denselben
- aufgetreten. Später wurde mir auf der Straße in Gegenwart
- des Bruders Wilhelm Bonefant und des Bruders Gotfrid von
- Werden die Nase versengt. Während ich nun solche Plagen
- am Körper erlitt, erduldete ich noch größere in meiner
- Seele infolge von Versuchungen. Denn der Dämon riet mir,
- ich sollte meinen Gott verleugnen und so sein, wie die
- übrigen Menschen. Und wenn ich dann überdachte, wie ich
- an Leib und Seele gequält wurde, und alles göttlichen
- Trostes entbehrte, dann wurde ich so niedergeschlagen,
- daß es zuweilen schien, als sei ich von meinem Gott ganz
- und gar verlassen. Ich verlor dann ganz meine Fassung,
- wie Ihr es einmal gesehen habt. Mitunter, wenn ich beten
- oder beichten wollte, kam es mir vor, als ob mein ganzer
- Leib und das Buch in meinen Händen, ja auch mein Herr
- Pfarrer selbst, bei dem ich beichtete, in Flammen stände.
- Später wurde meiner Schwester Gertrud, als sie bei mir
- im Bette schlief, nachts die Nase versengt, weshalb sie
- in den folgenden Nächten sich von mir fern hielt. In der
- letzten Nacht (vor Maria Himmelfahrt) hatte ich vom ersten
- Hahnenschrei bis kurz vor Tagesanbruch einen jammervollen
- Kampf zu bestehen. Der Dämon kam mit einem glühenden Eisen
- und durchbohrte mir damit die Ohren, und während er das
- Eisen in meinen Ohren festhielt, rief er, ob ich jetzt
- meinen Gott verleugnen wollte; sonst wolle er mich auf
- der Stelle töten; denn er habe Macht dazu. Ich antwortete,
- seine Mühe sei vergeblich; denn ich sei bereit, tausendmal
- für Christus den Tod zu erdulden. Als ich das gesagt,
- kam ein Feuerstrom wie aus einem Ofen und verbrannte mir
- das ganze Gesicht, so daß ich die ganze Nacht dalag und
- sozusagen nicht wußte, wo ich war.
-
- Als ich wieder zu mir kam, war es mir zu Mute, als wollte
- ich dergleichen noch mehr leiden, und alle Plage der Seele
- und des Leibes war gänzlich von mir gewichen.
-
- In derselben Nacht waren mir auch vier Dämone erschienen.
- Sie standen da, wie wenn sie gezwungen gewesen wären, zu
- erscheinen und nannten ihre Namen. Sie bekannten, wenn
- auch ungern, daß der Allerhöchste ihnen Erlaubnis gegeben
- habe, solches an mir zu tun, sie aber dafür desto größere
- Pein zu leiden haben würden. Schließlich sprach ich
- unerschrocken: „Ich beschwöre euch in Kraft des Leidens
- Christi: warum habt ihr mich so verbrannt?“ Sie erschienen
- und antworteten, weil Gott meine Sinne für das Fest habe
- reinigen wollen. Als sie nun anfingen, mich zu loben,
- wandte ich mich zum Gebete. Da nun taten sie, als ob sie
- weinten und entflohen dann mit einem solchen Getöse, als
- ob sie das Dach mit sich genommen hätten. Tags darauf sah
- mein Gesicht ganz verbrannt aus. Wangen, Augen, Nase und
- Stirne, alles war voller großer Brandblasen. Ich kam allen
- vor, als hätte ich kein Angesicht mehr; ich war wie eine
- Aussätzige und von Gott Geschlagene. Auch vorher hatte
- ich viele Mißhandlungen im Angesichte erlitten, wovon
- noch Narben zu sehen sind. Nachdem dies alles vorüber war,
- erschien mir der Dämon zweimal in Gestalt eines Begarden.
- Ich fragte ihn, was er wolle, und warum er mich verfolge.
- Er antwortete: „Ich verfolge dich, um dich zum Zorne zu
- reizen oder zu anderen Sünden. Du aber erhebest gleich
- deine Hände zu Gott und betest um Nachlaß der Sünden. Er
- aber ist barmherzig und vergibt dir, und so bemühe ich
- mich vergeblich.“
-
- Am Mittwoch nach Kreuzerhöhung befand ich mich abends
- in meinem Kämmerlein, damit beschäftigt, mich auf die
- h. Kommunion vorzubereiten, die ich am kommenden Morgen
- zu empfangen gedachte. Ein Licht brannte auf dem Stuhl,
- der neben meinem Bette stand. Da kam der Dämon in
- Gestalt meines Bruders, der in Cöln wohnt, und in sein
- Wamms gekleidet, herein. Er machte den Eindruck eines
- stark Verwundeten und war voll Blut. Er sprach zu mir:
- „Erschrecke nicht, geliebteste Schwester! Siehe, da ich
- hierher kommen mußte, wie ich es mitunter zu tun pflege,
- kamen feindliche Menschen und verwundeten mich. Hilf mir
- also meine Wunden verbinden und mache, daß Mutter nichts
- davon gewahr wird.“ Ich warf mich nieder zum Gebete,
- erkannte, daß es der Dämon war und rief aus: „Blutdürstige
- Bestie, was verfolgst du mich?“ Er entgegnete: „Ich sehe,
- du hast wieder andere Ratschläge; diese Wunden hast du
- mir verursacht.“ Bei diesen Worten verschwand er. Als
- ich neulich in der Kirche im Gebete hingestreckt war,
- wurde ein Teil der Türe zertrümmert, ich wurde verwundet,
- verlor meine Schleier, und das Buch, das Ihr mir so schön
- ausgeziert habt,[39] wurde entwendet und ist fort. Infolge
- der erlittenen Verwundung konnte ich acht Tage lang nicht
- gehen und ich fürchte, daß ich das Schmerzgefühl nicht los
- werde. Dies alles schrieb ich Euch, damit Ihr mit mir Gott
- herzlich danket für alle seine Wohltaten; denn er kommt
- mir stets in der Trübsal zu Hülfe und führt alles zu einem
- guten Ende. Ich habe niemanden, dem ich diese und andere
- Vorgänge lieber mitteile als Euch; denn es ist anscheinend
- für mich heilsam, wenn Ihr davon wisset. Lebet wohl,
- ja tausendmal wohl! Es grüßt Euch bestens der Pfarrer,
- meine Mutter und mein Vater, deren Schulden mir einige
- Sorge machen und die ich deshalb Eurem Gebete empfehle.
- Es grüßen Euch meine Schwester Hilla und Hilla vom Berge,
- meine Nichte Hilla, die blinde Aleidis und ihre Nichte
- Engilradis. Durch den Ueberbringer lasse ich Euch einige
- Geschenke zugehen: ein Biret zum persönlichen Gebrauch
- und ein Käppchen. Es ist Gewürz darin zum essen. Wenn ich
- sonst noch etwas hätte, was Eueren Wünschen entspräche, so
- würde ich es Euch gerne schicken. Hilla vom Berge sendet
- Euch ihren Schleier. Ich bitte Euch bei der Liebe Gottes,
- wenn Ihr etwas von mir zu erhalten wünscht, so lasset es
- mich wissen. Es quält mich sehr, daß ich nicht weiß, wie
- lange Ihr dort bleiben müßt, und ich kann ohne Betrübnis
- nicht daran denken. Auch möchte ich gerne wissen, wie
- es mit Euerer Gesundheit steht. Schreibet mir doch bald
- darüber. Auch bitte ich Euch bei der Liebe meines Gottes,
- wenn Ihr aus dieser Welt scheidet, so lasset mich, wenn
- Ihr es bewirken könnt, nicht lange nach Euch in dieser
- Verbannung zurück. Noch einmal: Lebet wohl! Empfehlet mich
- getreulich Euern Freunden ins Gebet. Die Reklusen grüßen
- Euch bestens. Betet für sie; denn sie tun mir Gutes. Betet
- für Bruder Gerhard vom Greif; denn er ist sehr krank, und
- man fürchtet, daß er stirbt. Er ist mir ein sehr treuer
- Beistand.“
-
- [39] Es ist dasselbe Buch, das der Teufel ihr früher entrissen und dann
- am Pfingstfeste wiedergebracht hatte. Petrus hatte es nachher
- mit goldenen Blumen auswendig bemalen, mit silbernen Krampen,
- kunstvoll gewebter Hülle und schönen Lesezeichen versehen lassen.
-
-Petrus erwiderte den Brief Christinas mit einem längern schönen
-Antwortschreiben, in dem er darauf hinweist, daß nur die Liebe Christi
-ungeteilt unser Herz beherrschen muß. Er schließt mit den Worten: „Es
-lebe und wachse in Euch die Liebe Christi, es lebe die Demut, es lebe
-die Freundschaft, deren Ziel in den Worten ausgesprochen ist: Betet für
-einander, damit ihr selig werdet.“ Christina erhielt diesen Brief des
-Petrus mit andern am 18. Dezember 1269. Um diese Zeit, es war ja der
-Advent, war sie wiederum heimgesucht von allerlei neuen schrecklichen
-Plagen, die eine Steigerung alles bisher Dagewesenen darstellen und
-sich sogar bis zu einer Art Besessenheit (_obsessio_) erhoben, in der
-der Teufel sich der Sprachorgane Christinas bediente, um zu sagen, was
-dieser innerlich ganz und gar widerstrebte. Hierüber machte sie in den
-Weihnachtstagen dem Petrus Mitteilung, wie folgt:
-
- „Ihrem vertrautesten Freunde und getreuesten Vater in
- Christo, dem Bruder Petrus von Dazien in Paris, entbietet
- seine Tochter Christina den Ausdruck ihrer großen Liebe
- und ihr Gebet. Teuerster, ich kann Euch nicht genug danken
- für die Briefe, die Ihr seit Euerer Abreise mir mehrmals
- geschickt habt. Mein größter äußerlicher Trost besteht
- darin, von Euch etwas zu vernehmen. Darum kann ich auch
- Euere Briefe nicht lesen hören ohne Tränen zu vergießen.
- Ich habe sie alle noch beisammen und verwahre sie bis zu
- Euerer Rückkunft. Im Briefe vom Mittwoch nach dem Sonntag
- Gaudete (3. Sonntag des Advents) führt Ihr Beschwerde
- darüber, daß Euch keine Mitteilung geworden sei über die
- zugesandten Geschenke und über meinen Zustand. Das ist
- allein dem Umstande zuzuschreiben, daß der Bote zu schnell
- wegging. Ich würde Euch weit häufiger über meinen Zustand
- unterrichten, wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte. Den
- Verbrüderungsbrief Eueres Ordens besitze ich nunmehr.[40]
- Ich danke Euch herzlich für denselben.
-
- [40] Dieser Verbrüderungsbrief gab Christina Anteil an allen Gebeten
- und Verdiensten des Dominikanerordens.
-
- Ihr erkundigt Euch nach meinen Leiden, von denen Ihr
- gerne etwas erfahren möchtet. So wisset denn, daß ich
- vor Allerheiligen vierzehn Tage hindurch eine eigenartige
- Versuchung hatte. Es kam mir vor, als ob ich alles, was
- ich betete, im Namen des Dämons betete. Das verursachte mir
- großes Leidwesen. Was ich sagte, sagte auch der Dämon. Bei
- der Erhebung der Hostie konnte ich den Leib des Herrn nicht
- sehen, sondern der Dämon kam mir vor die Augen und sprach:
- „Schau! nun siehst du, daß ich dein Gott bin.“ Und wenn ich
- meine Knie beugen wollte, so stieß er mich so heftig auf
- die Knie, daß ich nicht von der Stelle konnte. Als ich am
- Mittwoch vor dem Feste (das auf den Freitag fiel) in der
- Kirche war, kam der Dämon, raffte zwei Häringe aus einer
- Schüssel, beschmutzte diese und warf sie mit dem Schmutze
- in die verschlossene Beginenklause. Auch sagte er mir, er
- habe einer ältern Begine, die mir nicht wohlgesinnt war,
- aus der Klausur des Beginenhauses ungefähr zehn Cölnische
- Schillinge herausgeholt und sie in die Abortsgrube der
- Dominikaner geworfen. Diese fand denn auch, daß dem so
- war. In der Nacht blieb ich mit meinem Vater und meinen
- Befreundeten in der Kirche. Da zerdrückte mir der Dämon
- alle Glieder und nahm mir einen Schuh vom Fuße weg, den
- er dann später im Hause meines Vaters vor meinen Augen dem
- Knechte an den Kopf warf. Auch warf er ein Fenster ins Haus
- hinein mit solch schrecklichem Getöse, daß mein Bruder
- fast wahnsinnig wurde. Einmal als ich betete, verletzte
- er mich an der Nase, sodaß sie blutete. Am Vorabende von
- Allerheiligen entwich er mit gewaltigem Gebrüll und unter
- Besudelung der Klause in Gegenwart der Hilla von Ingendorf
- und der Reklusen. Auch nannte er seinen Namen vor ihnen
- und sagte, er heiße Barlabam. Am Feste Allerheiligen blieb
- ich ohne alle göttliche Tröstung und auch nachher habe
- ich solche selten genossen.
-
- Seit jener Zeit bis Weihnachten hatte ich fortwährend zu
- leiden, was mir sonst niemals widerfahren ist. Es stiegen
- nämlich in meinem Herzen ohne Unterlaß Gedanken auf über
- Gott, als ob er gerade so sei wie ein anderer Mensch.
- -- Diese Plage darf kein anderer wissen, als Ihr allein.
- -- Aus dieser Vorstellung entstanden dann wieder andere
- Gedanken, so daß es mir vorkam, mein Geliebter sei meiner
- nicht würdig. Und doch war mir dieses überaus widerwärtig
- und betrübte mich über die Maßen. Er wollte nämlich, daß
- mein Herz ihm fluche und seinen heiligen Namen lästere.
- Mehrere, auch einige von Eueren Ordensbrüdern, haben ja
- gehört, wie der Dämon deutlich aus meinem Munde heraus
- wider Gott redete. Und hierbei kam mir mein Bräutigam, der
- mir soviel Gutes erwiesen hat, vor, wie ein Nichtswürdiger,
- der voller Eifersucht ist. Im Widerstande gegen diese
- Versuchungen habe ich derart gelitten, daß mir Blut aus
- Mund und Nase hervordrang. Bei der Kommunion ging es mir
- gerade so. Welche Bitterkeit mir das verursachte, könnt
- Ihr Euch denken. Ich klage Euch das als meinem getreuen
- Beistande. Bestürzung befiel mich auch bei der Erinnerung
- an meine früheren Beziehungen zu meinem Bräutigam, und
- daß an Stelle von Tröstung und Freude nunmehr gänzliche
- Bitterkeit mein Anteil sei. Eine andere Versuchung betraf
- meinen Herrn Pfarrer. Was immer er tat, mochte er nun meine
- Beichte hören oder mir den Leib des Herrn reichen, nichts
- von dem, woran ich doch früher soviele Freude hatte, gefiel
- mir, und er selbst kam mir vor wie ein Nichtswürdiger. Zu
- alle dem hatte ich noch eine Versuchung, die ich weder
- dem Herrn Pfarrer noch einem andern Menschen offenbaren
- konnte. Ihr wollet ihrethalben, wie ich vertraue, zu Gott
- für mich beten.
-
- Mit meinen äußern Leiden verhielt es sich folgendermaßen:
- Gleich nach dem ersten Adventssonntage kam der Dämon und
- warf die Türe meines Kämmerleins so ins Haus hinein, daß
- diejenigen, die darin waren, meinten, das Haus stürze ein.
- Hierauf brachte er einen Totenkopf, warf denselben hin und
- her und grinste mich aus seinen Augen heraus schrecklich
- an. Dann warf er denselben der Schwester des Pfarrers,
- Gertrud, an den Kopf und unserm Knechte in die Seite, band
- ihm dann denselben an den Hals und ließ ihn schließlich
- bei uns liegen. Fast die ganze Pfarre kam hierüber in
- Aufregung.
-
- Später warf er mit fürchterlichen Steinen meinem
- geliebten Vater nach dem Kopfe und brachte ihm zwei Wunden
- am Arme bei. Gertrud, des Pfarrers Schwester, verwundete
- er schrecklich an der Stirne. Eine Jüdin, die gerade
- hinzukam, nichts nach ihm fragte und sagte, er würde sich
- nicht unterstehen, ihr so etwas anzutun, warf er mit einem
- schweren Stein an den Kopf. Es tat mir wehe, daß er Leute
- meines näheren Bekanntenkreises so verletzte. Später warf
- er einen großen Stein zwischen die beiden Brüder Heinrich
- von Bedburg und Nikolaus. Dem Prior von Brauweiler biß
- er elf Wunden in die Hand. Auch dem Bruder Johannes von
- Muffendorf brachte er eine große Wunde bei. Den Pfarrer
- biß er in die Hand. Einem andern Mönche[41] brachte er
- fünf Bißwunden bei. Auch biß er eine Begine aus Brauweiler
- und Eueren Sohn Adolf, den Scholaren des Herrn Dechanten
- der Cölner Domkirche. Auch an mich machte er sich heran,
- warf mir mit einem Steine nach dem Kopfe, und verwundete
- mich so am Kopfe viermal, nach den Knien sechsmal, wobei
- er mich einmal verwundete, fünfmal auf den Rücken, und
- kratzte mich neulich wund am Knie mit der Scherbe eines
- Trinkkruges. Endlich warf er mich mit einem vierpfündigen
- Steine zwischen die Schultern, so daß ich Blut spie, mit
- fünferlei andern Steinen und mit Tierknochen. Fünfmal
- schnürte er mir in Gegenwart von Knaben die Finger und
- Fußgelenke so fest zusammen, daß Blut floß. Auch preßte
- er mir wie mit eiserner Hand die Zehen derartig zusammen,
- daß unter den Nägeln das Blut hervorquoll. Desgleichen
- preßte er meinen Arm so, daß er ihn beinahe verrenkte. Eine
- besondere Plage, welche die ganze Adventszeit hindurch
- andauerte, bestand darin, daß er mir ungezählte Wunden
- in den Rücken biß und immer wieder mit den Zähnen in die
- Wunden einhackte, so daß das Blut von den Seiten und vom
- Rücken herabfloß. Auch biß er mich derartig in die Füße,
- daß die beiden Zahnreihen unter der Haut aufeinanderkamen.
- Er tat das mit aufgesperrtem Maule, und zwar so, daß er
- den Biß in die Fersen und Fußgelenke wiederholte. Jene,
- die das Blut fließen sahen, konnten sich des Weinens nicht
- enthalten.
-
- [41] Er war aus dem Kloster Quinheim.
-
- In der letzten Woche brachte er eine geschundene Katze,
- drückte sie mir mit Gewalt in den Mund und ließ sie darin
- stecken. Am folgenden Tage steckte er mir den Kopf einer
- Katze in den Mund, und mein Mund wurde dabei so voll Blut,
- daß die Umhersitzenden dasselbe herausfließen sahen. Auch
- stopfte er mir Fleisch von Thieräsern in den Mund. Er stieß
- mich mit den Füßen so gegen einen Sessel, daß man diesen
- nicht losbekommen konnte. Im Beisein der Brüder verbrannte
- er mein Oberkleid am Rücken und lies ein kleines Stück
- daran am Halse übrig. Auch mein Unterkleid verbrannte
- und zerriß er. Mein besseres Unterkleid nahm er mir im
- Beisein anderer weg, als ich es auszog. Er goß mir auch
- unsichtbaren Schwefel in den Mund, so daß ich nur solchen
- Geschmack im Munde hatte. Etwas wie eine Flamme erschien
- mir die ganze Nacht hindurch und es kam mir vor, als ob
- er sie mir in den Mund brächte. Zuweilen zeigte er sich
- als Ungeheuer mit fürchterlichen Zähnen und tat, als ob er
- mich verschlingen wollte. Stimmen ließen sich vernehmen
- wie die eines Ochsen und eines Schafes, was mir großen
- Schrecken einjagte. Oefters führte er hohe Gespräche über
- Glaubenssachen und führte dabei Schriftstellen an. Doch
- es gebricht mir die Zeit, Euch alles zu schreiben.
-
- Teuerster, Ihr könnt Euch nicht denken, welche Qual mir
- dies alles verursacht hat, zumal ich Euch, meinen allezeit
- getreuen Helfer, in meinen Leiden nicht bei mir hatte.
- Unzählige Tränen vergieße ich bei der Erinnerung an Euere
- Güte, Euer Mitleid und Euern hülfreichen Beistand. Wiederum
- muß ich Euch die Abwesenheit meines Geliebten klagen; denn
- ich kenne keinen Menschen, der mich in dieser Bitterkeit
- so versteht, wie Ihr. Doch beginnt der helle Tag in etwa
- zu leuchten.
-
- Ich danke Euch sehr für das mir gesandte Kleid und die
- andern Geschenke, die mir Freude machen. Ihr habt gezeigt,
- daß Ihr alles, was für mich gut ist, zur Ausführung bringt.
- Ich schreibe Euch dies alles, weil ich Euch Vertrauen
- schenke. Lebet wohl, geliebtester im Herrn! Betet für
- meinen Vater und für meine Mutter. Euch zu schreiben, wie
- es mir im Herzen ist, das vermag ich nicht wegen meiner
- Euch bekannten Scheu.“
-
-Der Pfarrer Johannes, der Christinas Brief geschrieben, fügte demselben
-folgende Nachschrift bei:
-
- „Der Pfarrer bittet Euch, noch folgende Mitteilungen
- entgegen zu nehmen: Ihr möget wissen, Bruder Petrus, daß
- Euere Tochter Christina am Vorabende von Weihnachten
- glänzend befreit worden ist. In Gegenwart vieler --
- es waren anwesend Bruder Gerhard vom Greif und sein
- Gefährte, der Prior von Brauweiler mit seinen Begleitern
- und noch mehrere andere -- rief der Dämon laut und allen
- vernehmbar, daß Gott gut sei und er gelogen habe; er
- heiße „Schütterich“ (_scutericht_). Auch von den andern
- Versuchungen ward sie befreit und die Gnade Gottes ist
- reichlich zu ihr zurückgekehrt.“
-
-Drei Tage vor Lichtmeß, mithin am 30. Januar 1270, erhielt Petrus
-vorstehenden Brief Christinas. Er antwortete ihr in mehreren Briefen,
-die einzelne in Christinas Brief angeklungene Fragen des geistigen
-Lebens behandeln, nämlich das Unvermögen, vollständig das Empfinden
-wiedergeben zu können, die Abwesenheit des Geliebten, den Anbruch des
-Tages u. dgl. Er bittet Christina, ihm in einem Quatern, d. h. einem
-Hefte von vier Pergamentblättern in Folio, eingehendere Mitteilung über
-ihren Zustand zu machen. In der Fastenzeit sandte dann Christina dem
-Petrus folgendes Schreiben:
-
- „Dem in Christo vielgeliebten Bruder Petrus von
- Dazien in Paris entbietet Christina, seine Tochter oder
- Schwester[42] in Stommeln, Gruß und was immer er gutes und
- nützliches sich wünschen mag. Teuerster, gar sehr bin ich
- um Euch bekümmert, und obgleich ich es Euch schon öfters
- geschrieben habe, so kann ich doch nicht umhin, Euch
- nochmals zu wiederholen, ein wie großes Verlangen ich nach
- Eurer Gegenwart habe, die für mich so vorteilhaft war, wie
- sehr ich Euch =im Herzen Jesu Christi= liebe und wie ich
- danach verlange, einander wiederzusehen im Reiche unseres
- Gottes. Deshalb bitte ich Euch, Ihr wollet es doch, wo
- möglich, so einrichten, daß Ihr Euch einige Zeit zu Cöln
- aufhaltet. Dann kann ich Euch auch nicht genug danken für
- die Tröstung, die Ihr mir durch Euere Briefe bereitet habt
- und die so wohltuend für mich war. Gott wolle es Euch ewig
- vergelten. Was nun Euern schon früher geäußerten Wunsch
- anbelangt, ich solle Euch über meinen Zustand Aufschluß
- geben und das Betreffende in einem Quatern aufzeichnen, so
- habe ich mir vorgenommen, diesem Wunsche nach Möglichkeit
- zu entsprechen. Hierin habt Ihr ein Vorrecht; denn sonst
- niemanden auf Erden könnte ich wohl solche Mitteilungen
- machen. Mein Versprechen mache ich Euch in dem Vertrauen,
- daß ihr meine Mitteilungen Euerer Gepflogenheit gemäß
- sorgsam hütet, wie ich mich selbst hüte. Zudem bitte
- ich Euch getreulichst, Ihr wollet mir doch recht viele
- Fürbitter verschaffen, und mir auch mit Euerm Gebete,
- worauf ich Vertrauen setze, zu Hülfe kommen. Denn ich bin
- in großer Bedrängnis. In jeder Nacht erdulde ich schweres
- Leid, so daß es mir vorkommt, als ob ich nicht länger leben
- könne. Ich empfinde solchen Ueberdruß an mir selbst, daß
- es mir scheint, diejenigen, die in der Welt sind, hätten
- ein besseres Leben. Auch verzweifle ich an Gott, obschon
- mir das zuwider ist. Das alles verursacht mir größere
- Pein, als ich Euch jetzt zu sagen vermag. Und mit Gottes
- Hülfe kämpfe ich so gegen diese Anfechtungen, daß mir durch
- Nase und Mund Blut hervordringt. An nichts Gutem habe ich
- mehr Freude. Habet doch Mitleiden mit mir! Ich fühle mich
- schwach am ganzen Körper, besonders in der Seite und am
- Kopfe. Aeußere Plagen habe ich jedoch seit Weihnachten vom
- Dämon keine zu erdulden gehabt. Am Mittwoch nach Invocabit
- (2. Fastensonntag) kam eine Menge von Dämonen in mein
- Kämmerlein und hielten ein Gespräch, wobei ich anfänglich
- zuhörte. Sie sprachen miteinander davon, wieviel Uebles sie
- mir zugefügt, in welchen Versuchungen sie mich überwunden
- hätten und in welchen sie überwunden worden seien, und
- welche Strafe sie dann erlitten. Als sie endlich weggingen,
- ließen sie die Fetzen meines Obergewandes zurück, das sie
- verbrannt hatten.
-
- [42] In seinen Briefen hatte Petrus Christina bald als Tochter, bald
- als Schwester angeredet. Den Titel „Schwester“ gab er ihr wohl in
- Folge des oben erwähnten Verbrüderungsbriefes.
-
- Inständigst bitte ich Euch, lasset mich doch öfter
- wissen, wie es Euch geht. Wenn Ihr wüßtet, welche Freude
- mir Euere Briefe machen, würdet Ihr mir gerne schreiben.
- Es grüßen Euch mein Vater und meine Mutter. Ich bitte
- Euch, wie für mich, so auch für sie zu beten.“
-
-Diesen Brief erhielt Bruder Petrus am Tage des h. Petrus von Mailand
-(29. April) zugleich mit einem ganz kurzen Schreiben des Pfarrers
-Johannes. Dieser machte noch, jedoch ohne Vorwissen Christinas,
-Mitteilung davon, daß sie am Sonntag Reminiscere (2. Fastensonntag),
-während Bruder Gerhard vom Greif vom Leiden des Herrn predigte, die
-fünf Wunden sowie die Dornenkrone empfing und mit Galle getränkt
-wurde. Am Karfreitag erschienen desgleichen an ihren Händen und Füßen,
-sowie an der Seite und Stirne die Wundmale wie in den vorhergehenden
-Jahren. Vor Pfingsten hatte Christina drei Nächte nacheinander ein
-merkwürdiges Gesicht. Sie schaute und gewahrte alle Peinen der Hölle:
-Heulen und Weinen, Hammerschläge, Qual der Hitze und der Kälte, Kröten
-und Schlangen, Gestank und Qualm und viele andere, die sich mit Worten
-nicht ausdrücken lassen. Infolge dieses Gesichtes überfiel sie eine
-große Angst wegen ihrer Sünden, da sie sah, welch unerträgliche Qualen
-in der Hölle und im Fegfeuer den Menschen treffen wegen der Sünden,
-die so bald vollbracht sind. Sie wünschte deshalb, sofern es dem
-Willen Gottes entspreche, daß eine von den Schlangen, die sie gesehen,
-sie quäle für ihre Sünden und sie reinige, damit sie so den Strafen
-des Fegfeuers entgehe. Und in der Tat, die Schlange kam auf sie zu,
-zischte ihr entgegen, ringelte sich um ihre Glieder und zernagte ihre
-Eingeweide, so daß Christina aufschrie vor Angst und Schmerz. Zwei
-Wochen dauerte diese furchtbare Qual. Dann verschwand die Schlange und
-die seligste Jungfrau kam im Schlafe zu Christina mit einem Becher in
-der Hand und sprach: „Nimm hin, Geliebteste, und trinke; dann wirst
-du gesunden und aller Schmerz wird von dir weichen.“ Süßer als Honig
-dünkte dieser Trunk der Schwergeprüften und drei Tage hindurch wich
-dieser Geschmack nicht aus ihrem Munde.
-
- Abb. 8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-Besuche des Petrus in Stommeln bei seiner Rückkehr von Paris.
-
-
-Bereits zu Ostern 1270 war nach Cöln die Kunde gekommen, Bruder
-Petrus werde in Bälde aus Paris zurückkehren. Jedoch reiste er erst
-am Sonntage nach dem Feste des h. Jakobus (27. Juli 1270), begleitet
-von Bruder Nikolaus, von Paris ab und langte zwei Tage vor Maria
-Himmelfahrt in Stommeln an. Tags darauf machte Petrus der Christina
-einen kurzen Besuch. Es war ja der Vorabend des höchsten Marienfestes,
-ein Fasttag, den Christina, wie alle ähnlichen Tage, in strengster
-Zurückgezogenheit zuzubringen pflegte. Bruder Nikolaus drang darauf,
-noch am selben Tage nach Cöln zu gehen, um dort mit den Brüdern das
-Fest zu begehen. Bruder Hiddo jedoch, ein Ordensmann von hohem Ansehen,
-der neun Jahre hindurch Provinzial der deutschen Provinz gewesen,
-befand sich gerade in Stommeln. Er war Beichtvater und Ratgeber der
-Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln, die auf ihrem Hofe in Stommeln
-weilte, und Hiddo war deshalb zum Feste herübergekommen. Dieser
-riet den beiden Brüdern, in Stommeln zu bleiben bis zum Nachmittage
-des Festtages. Sie folgten dem Rate, übernachteten auf dem Hofe des
-Cäcilienstiftes und gingen am Maria Himmelfahrtstage nach Tisch mit
-Bruder Hiddo nach Cöln.
-
-Christina hatte in ihrem letzten Briefe an Petrus diesem den Wunsch
-ausgedrückt, er möge sich bei seiner Rückkehr aus Paris einige Zeit
-in Cöln aufhalten. Als nun Petrus bei Christina am Vorabende vor Maria
-Himmelfahrt vorgesprochen, hatte diese ihn gefragt, ob er sich in Cöln
-aufhalten würde. „Nein,“ hatte Petrus geantwortet, „es müßte denn
-ein unvorhergesehenes Hindernis eintreten.“ Christina hatte darauf
-erwidert: „Möchtet Ihr doch durch irgend etwas genötigt werden, zu
-bleiben.“ Als die beiden Brüder nun zwei Nächte in Cöln geschlafen und
-Bruder Nikolaus, der für die Reise Vorgesetzter des Petrus gewesen
-zu sein scheint, am darauffolgenden Tage unbedingt abreisen wollte,
-wurde er in der Nacht von einem sehr heftigen Fieber ergriffen, das ihn
-sieben Wochen lang ans Bett fesselte und fast an den Rand des Grabes
-brachte. Während dieser Zeit kam Petrus eines Tages auf einige Stunden
-nach Stommeln. Bruder Mauritius nämlich und Bruder Andreas von Esch
-(_acsiensis_) mußten studienhalber nach Paris reisen. Sie gingen über
-Stommeln und Petrus gab ihnen bis dahin das Geleit, mußte aber noch
-am selben Tage nach Cöln zurück, um die Nacht hindurch wieder bei dem
-kranken Gefährten Nikolaus sein zu können. In jenen Tagen kam Christina
-einmal nach Cöln und während sie dort war, raubte ihr der Teufel acht
-cölnische Schillinge (_solidi_), die sie dem Petrus geben wollte, damit
-er sich dafür einen neuen Rock kaufen könne. Denn sie hatte gesehen,
-daß er dessen sehr bedurfte. „Doch, schreibt Petrus, der Teufel störte
-sich nicht an ihre Wohltätigkeit noch an meine Dürftigkeit.“
-
-„Als aber Bruder Nikolaus, so fährt Petrus fort, wieder zu Kräften
-gekommen war, ging ich ihm voraus nach Stommeln, um meine dortigen
-Freunde zu besuchen, und als ich am Tage des h. Erzengels Michael
-mich mit Christina über Gott und seine Liebe unterhielt, stellte sie
-im Laufe des Gesprächs an mich die Frage: „Bruder Petrus, da du jetzt
-von mir scheidest, so befrage ich dich über ein trautes Geheimnis:
-sage nur, wenn du es weißt, was ist die Ursache unserer gegenseitigen
-Liebe?“ Ich wurde stutzig und antwortete: „Ich glaube, daß Gott der
-Bewirker und Urheber unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft
-ist.“ Sie entgegnete: „Daran zweifle ich nicht; allein ich möchte
-wissen, ob dir in dieser Hinsicht ein unzweifelhaftes Kennzeichen und
-eine besondere Gnadenerweisung zuteil geworden ist.“ Ich suchte einer
-Beantwortung auszuweichen, weil ich nicht die Unwahrheit sagen wollte,
-und andererseits Vorwürfe des Gewissens fürchtete. -- Petrus hatte
-nämlich am Christinatage des Jahres 1268 ein Malzeichen in der linken
-Hand erhalten, das er sorgfältig geheim gehalten hatte. -- Christina
-aber fuhr fort: „Ich weiß, daß die Zeit unserer Trennung und meiner
-Verlassenheit ganz nahe bevorsteht. Deshalb offenbare ich dir ein
-Geheimnis, das ich dir sonst nicht mitgeteilt haben würde. Erinnerst
-du dich noch, wie du zuerst zu mir gekommen bist gegen Abend mit Bruder
-Walter guten Angedenkens, wo ich dich zum ersten Male gesehen habe; ich
-saß nicht weit von dir, hatte mich auf ein Kissen etwas angelehnt und
-den Kopf geneigt?“ „Dessen erinnere ich mich,“ sagte ich. Sie aber fuhr
-fort: „In jenem Augenblicke erschien mir der Herr, und ich sah meinen
-Geliebten und ich hörte, wie er zu mir sprach: „Christina, kennst du
-den Mann, der dort an der Seite sitzt, nach der du den Kopf hingeneigt
-hast, und ist dir kund sein Loos?“ Ich antwortete: „Herr, diesen Mann
-kenne ich nicht und sein Antlitz habe ich niemals gesehen.“ Da sprach
-er weiter: „Betrachte diesen Mann genau; er ist dein Freund und wird
-es auch fürderhin sein und er wird Vieles für dich tun. Aber auch du
-sollst für ihn tun, was du für keinen andern Sterblichen tun wirst.
-Wisse auch, daß er mit dir im ewigen Leben vereinigt sein wird.“ Das
-nun, Bruder Petrus, ist die Ursache, weshalb ich dich liebe und weshalb
-ich so vertraut gegen dich bin.“ Während Christina dies sprach, dankte
-ich Gott unter Tränen, daß er mich zum Freunde einer solchen Person
-hatte machen wollen und zum Mitwisser so großer göttlicher Geheimnisse.
-Doch habe ich dies, was mir Gegenstand innigster Tröstung gewesen,
-in meinem Herzen verborgen gehalten ... Ich hoffe aber durch Christi
-Freundin Christina Verzeihung der Sünden und Gnade zur Ausübung guter
-Werke zu erlangen. Am folgenden Tage, dem Tage des h. Hieronymus d. J.
-1270, reisten Bruder Nikolaus und ich von Stommeln ab. Bruder Johannes
-Hespe und Bruder Helinrich, Studierende aus der Provinz Dazien, wie
-auch der Herr Pfarrer und seine Schwester Gertrud, Hilla vom Berge und
-Christina nebst mehreren andern Personen begleiteten uns eine Strecke
-Weges. Während ich nun mit Christina einherschritt, übergab sie mir
-den Quatern, worin Einiges über ihren Zustand, das sie auf meinen
-Wunsch hin hatte aufzeichnen lassen, enthalten ist. Dieser Quatern
-ist meines Erachtens gemeint, wenn oben gesagt wurde, sie werde für
-mich tun, was sie für keinen andern Sterblichen tun werde. Als wir
-zwei nun des Weges gingen, der eine ebenso betrübt und traurig wie die
-andere wegen der bevorstehenden Trennung, sprach ich endlich: „Teuerste
-Christina, es ist Zeit Abschied zu nehmen. Lebe wohl im Herrn.“
-Als sie das hörte, antwortete sie nicht, sondern verhüllte mit dem
-Mantel ihr Gesicht, setzte sich auf die Erde und weinte reichlich und
-bitterlich. Da ich sie so weinen sah, rief ich dem Bruder Nikolaus, der
-etwas vorangegangen war, er möge zurückkommen, um sich von Christina
-zu verabschieden, damit wir dann weiter reisen könnten. Als dieser
-zurückkam, stand Christina auf. Wir verabschiedeten uns nun, empfahlen
-uns einander ins Gebet und setzten dann die Reise fort. Bruder Nikolaus
-aber schenkte der Christina seinen Rosenkranz, den er vier Jahre
-hindurch getragen hatte. Er war nämlich durch Christinas Anblick, wie
-er gestand, mit großer Verehrung gegen sie erfüllt worden. Als wir
-weggegangen, setzte sich Christina wiederum auf die Erde, bedeckte ihr
-Gesicht mit dem Mantel und weinte bitterlich.“
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-Briefwechsel nach des Petrus Rückreise nach Schweden. Christinas Eltern
-und Pfarrer Johannes sterben. 1270-1279.
-
-
-Nach seinem Weggange von Stommeln blieb Bruder Petrus zwei Jahre lang
-ohne Nachricht von Christina. Erst als er nach Aarhus in Jütland
-zum Ordenskapitel kam, erhielt er mehrere Briefe von ihr, die aber
-nacheinander zu verschiedenen Zeiten geschrieben waren. Durch Schreiben
-des Bruders Mauritius aus Paris vom 15. Juni 1271 hatte Christina
-erfahren, daß Petrus nach vielen Beschwerden am Freitage nach Mariä
-Lichtmeß gesund und wohlbehalten in Skeninge angekommen war, dort
-am Mittwoch nach dem Feste des h. Matthias sein Amt als Lesemeister
-angetreten habe und wünsche, von ihr Nachricht zu erhalten.
-
-Daraufhin schrieb dann Christina folgenden Brief:
-
- „Dem besonders geliebten Bruder und Vater Petrus vom
- Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet die
- besonders geliebte und ergebene Christina von Stommeln den
- Ausdruck ihrer aufrichtigen Liebe aus tiefstem Herzen,
- im Feuer und in der Süßigkeit des h. Geistes, im Glanze
- und in der Schönheit Jesu Christi. Teuerster, als wir
- uns letzthin trennten, war ich so voller Betrübnis, daß
- zwei Tage hindurch meine Augen nicht aufhörten, Tränen
- zu vergießen beim Gedanken daran, daß ich nunmehr des
- Trostes entbehren müßte, den Ihr mir in Christo zu spenden
- pflegtet. Und so oft ich seitdem einen Bruder aus dem
- Ausland hier ankommen sah, erneuerte sich mein Schmerz über
- Euer Fernsein. Ja, wahrlich, nach dem Abschiede von Euch
- bin ich wie eine Verbannte und Hoffnungslose nach Hause
- gegangen, als eine von ihren treuen Freunden Verlassene.
- Denn ich finde keinen, der mir so gesinnungsverwandt wäre,
- der es so verstände, mit meinen Schwachheiten Mitleid zu
- haben, der solch allseitige Erfahrung besäße. Euch allein
- vertraute ich und würde Euch meines Herzens Geheimnisse
- mehr als irgend einem Menschen auf Erden anvertraut haben,
- wenn ich bei Euch hätte bleiben können. Ich stehe zwar zu
- mehreren Brüdern in freundschaftlicher Beziehung; allein
- sie sind mir doch nicht das, was Ihr mir waret. Ihr wißt,
- weshalb.
-
- Acht Briefe habt Ihr mir seit Euerer Abreise zugesandt.
- Dafür vermag ich Euch zeitlebens nicht hinlänglich
- zu danken. Denn unter den unzähligen Beweisen Euerer
- Güte nehmen Euere Briefe die erste Stelle ein. Die
- Verdolmetschung dieser Briefe konnte ich nie anhören, ohne
- Tränen zu vergießen, weil sowohl der Inhalt mich erfreute,
- und weil ich auch die Treue Euerer Liebe erkannte.
-
- Nunmehr zu den Mitteilungen. Vierzehn Tage nach Euerer
- Abreise sagte mir der alte Feind: „Bruder Petrus ist auf
- der Reise von Räubern getötet worden.“ Zaghaft, wie ich
- bin, schenkte ich ihm Glauben und war acht Tage hindurch
- über die Maßen betrübt. Dann aber betete ich zu Gott unter
- Tränen: „Herr, mein Gott, der Du allein die Wahrheit bist,
- tue mir kund, ob wahr ist, was der Dämon gesagt hat.“
- Darauf erschien mir im Traumgesicht die allerseligste
- Jungfrau und sprach: „Beruhige Dich; Petrus lebt noch.
- Der Dämon hat Dich betrogen. Darin hast Du gefehlt, daß
- Du Dich über die Maßen betrübt hast. Den Worten des Dämons
- sollst Du keinen Glauben schenken.“
-
- Teuerster, bisweilen melden Euere Briefe Zweifel, als
- ob ich Euerer vergessen hätte. Dem ist nicht so. Was
- ich versprochen, werde ich mit Gottes Gnade halten, und
- ich hoffe, mit Euch zusammen ewig im Himmel zu leben.
- Ich bedauere es, Euch nicht öfter über meinen Zustand
- Mitteilung machen zu können. Wenn ich einen Boten zur
- Verfügung hätte, so würde ich Euch noch lieber schreiben
- und geschrieben haben, als Ihr mir. Ja, wenn ich selbst
- schreiben könnte, so würde ich Euch manches mitteilen,
- was ich jetzt füglich nicht mitteilen kann.
-
- Ihr führtet gern den Spruch im Munde:
-
- _Pluribus intentus minor est ad singula sensus._
- Ist der Sinn auf Vieles gewandt, so leidet das Einzelne.
-
- So wünsche ich denn umgekehrt, daß Ihr mir Euere
- besondere Sorgfalt angedeihen laßt, da ich ja, wie Ihr
- sagt, Euer einziges Pflegekind bin. Teuerster, wie groß
- mein Schmerz ist wegen Euerer Abwesenheit, vermag ich nicht
- zur Genüge zu schildern. Aber mein größter Schmerz ist
- es, daß ich Euch über meinen Zustand nicht so schreiben
- kann, wie ich gern wollte. Ach! Teuerster, es ist nicht
- mehr wie ehedem, als Ihr nebst Bruder Aldebrandino mit
- mir nach Ossendorf ginget, wo Ihr mir soviel Tröstliches
- gesagt habet. Solch erlesene Erweise der Güte waren für
- mich allzeit der Weg zu größeren Gütern. Ich danke Euch
- recht sehr für Euere mehrfachen Geschenke. Ohne Auslagen
- zu scheuen, habet Ihr Euch über Gebühr angestrengt und
- mehr getan, als ich wünschte. Für Euer Heiligtum[43] danke
- ich verbindlichst und für den Rock. Diesen ziehe ich nur
- an Festtagen an; denn ich möchte, so Gott will, ihn mein
- ganzes Leben lang tragen. Ach! Teuerster, was fehlte mir,
- als Ihr hier waret? Vor Euch hatte ich keine Furcht; und
- Ihr habt meine Worte und meine Handlungen, meine Freude
- und meine Trauer niemals übel gedeutet, sondern alles nach
- der guten Seite hin ausgelegt als wahrer Freund, der meine
- Gesinnung kannte. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Ich lege
- mir Stillschweigen auf, weil ich Eueres Gleichen nicht
- finde und auch nicht zu finden suche. Als die härteste
- Pein erachte ich es aber, daß Ihr von mir weggegangen seid
- wie einer, der verbannt ist ohne Hoffnung auf Rückkehr.
-
- [43] Es ist wohl das mit Reliquien umkränzte, zweiteilige
- Gebetstäfelchen (Diptychon) gemeint, das noch im Grabmale
- Christinas in Jülich aufbewahrt wird.
-
- Als Ihr Euch auf der Reise befandet, war ich immer
- Euretwegen besorgt wegen der Witterung, der Beschwernis
- und Weite des Weges, ob Unfall Euch etwa getroffen, ob Ihr
- gute Unterkunft und gastliche Aufnahme unterwegs gefunden;
- und immer flehte ich zu Gott, daß er Euch eine glückliche
- Reise verleihen wolle. Und nun ist mein größter Wunsch,
- daß Ihr mir recht viele Freunde anwerben wollet, die für
- mich bei Gott Fürsprache einlegen. Besorget mir auch,
- wenn ich Euch überleben sollte, einen treuen Freund, der
- nach Euerem Tode Euere Stelle bei mir vertritt. Ueberdies
- beschwöre ich Euer Liebden, mir von Euerem Geliebten
- die von mir ersehnte Gnade zu erwirken, daß er mich nach
- Euerem Heimgange nicht länger möge leben lassen, sonder
- vielmehr mich zugleich mit Euch und in Teilnahme an Euern
- Gütern, gestützt auf den Geliebten hinwandern lasse ins
- Himmelreich. Desungeachtet bitte und wünsche ich dennoch,
- daß Ihr, wofern es immer möglich ist, in Anbetracht unserer
- gegenseitigen Liebe und Freundschaft, mich Unwürdige
- vor Euerem Tode noch einmal besuchen wollet, teils weil
- ich sehr darnach verlange, teils weil ich Euch vieles zu
- offenbaren habe, was ich keinem andern mitteilen kann. Wenn
- Ihr irgendeinen Wunsch habt, so lasset ihn mich wissen;
- denn ich bin gerne bereit, alle Euere Wünsche zu erfüllen.
- Lebet wohl in unserem Herrn Jesus Christus. Betet auch,
- Teuerster, ich bitte Euch, für meinen Herrn Johannes, den
- Schreiber dieses Briefes.“
-
-Mit diesem Briefe Christinas gelangte gleichzeitig ein anderes
-Schreiben von ihr an Petrus, das über neue Versuchungen berichtet.
-Christinas Trauer und Niedergeschlagenheit über des Petrus Abreise
-benutzte Satan dazu, um sie zu versuchen, dem Ordensleben zu
-entsagen. Ihr Herzeleid und ihre Trostlosigkeit klagt sie dem Petrus
-folgendermaßen:
-
- „Ihrem teuersten und liebwertesten Vater und besondern
- Freunde, dem Bruder Petrus aus dem Predigerorden,
- Lesemeister in Skeninge, entbietet Christina von Stommeln
- alles, was er sich an Ehrbezeigung und Liebe wünschen
- mag. Teuerster, was die Plagen anbelangt, die mich nach
- Euerem Weggange betroffen haben, so wisset, daß kurz
- vor Allerheiligen (1270) der Dämon mich durch einen
- bösen Ratschlag versucht hat. Da ich aber durch Gottes
- Barmherzigkeit seine Versuchung zurückwies, drohte er mir,
- mich bei den Haaren in die Höhe zu ziehen. Das setzte er
- schließlich auch ins Werk und zog mich an den Haaren über
- die Decke, den Dachboden meiner Kammer, die Ihr kennt,
- und stieß mich dann mit dem Leibe gegen den Dachstuhl. Vor
- dieser Quälerei zog er ein Schwert, zerschnitt damit der
- Hilla das Kleid und verletzte ihren Rücken. Als ich aber
- über meiner Kammer lag, fuchtelte er mit dem Schwerte, wie
- alle, die da waren, es gesehen haben, bis mein Vater zum
- Herrn Pfarrer lief. Dieser eilte alsbald herbei und hörte
- bereits auf unserem Hofe das Sausen des Schwertes. Als er
- aber eintrat, sah er, wie über dem Dachboden der Kammer ein
- Schwert einhersauste, Hände aber sah er nicht. Als er nun
- eine Leiter ansetzte, um hinaufzusteigen, wurde er daran
- gehindert, weil der Dämon ihm wiederholt Schläge auf den
- Kopf versetzte. Mein Vater versuchte dann mit einer Stange
- das Schwert hinwegzuschlagen, aber da hieb das Schwert in
- die Stange hinein. Endlich als mein Herr Pfarrer beherzt
- heraufkommen wollte, ließ der Dämon das Schwert fallen und
- so trug man mich hinab. Später, als ich bei dem Bruder
- Johannes von Muffendorf beichten wollte, kam der Dämon
- und schlug mich aufs Auge. Dann erschien er mir in Gestalt
- desselben Bruders und sprach. „Teuerste Tochter, ich habe
- dieselbe Versuchung wie du; um jeden Preis will ich mit
- dir aus dem Orden austreten.“ Ich antwortete. „Was sagt
- Ihr, Herr? Glaubt Ihr etwa, ich hätte Euch deshalb meine
- Versuchungen offenbart, weil ich in dieselben einwilligen
- möchte? Das empört mich. Ich glaubte, Ihr würdet mich
- trösten. Wisset Ihr nicht, daß ich lieber sterben möchte,
- als meinen Gott verlassen?“ Bruder Johannes hörte diese
- Worte und wurde sehr betrübt. Er fürchtete, ich würde
- aufschreien und ihn beschämen; denn er wußte nicht, daß
- der Dämon die Sache angestiftet hatte. Im Advent (1270)
- bereitete mir der Dämon folgende Leiden: Zwei bewaffnete
- Fäuste legte er mir auf die Schultern und schüttelte meinen
- ganzen Körper so, daß ich beinahe erstickte und viele
- Ordensleute mich nicht halten konnten. Zudem zog er mir
- die Zunge aus dem Halse, so daß alle es sahen, und sie
- verharrte in solcher Starre, daß niemand sie zurückbringen
- konnte. Da aber betete ich und indem ich mit dem Daumen
- das Kreuzzeichen über meine Zunge machte, sprach ich: „Herr
- Jesus Christus, wenn jemals diese Zunge dich würdig gelobt
- hat, so befiehl dem bösen Feinde, daß er sie verlasse.“
- Und alsbald ließ er sie los. Ich aber blieb vierzehn Tage
- lang stumm. Dem Bruder Johannes schnitt er eine große Wunde
- in die Hand. Dem Bruder Johannes von Kreuzburg machte er
- Schnitte in zwei Finger, und als derselbe Bruder einmal da
- saß und bei Kerzenschein in seinem Buche las, schlug ihn
- der Teufel mit einem schweren Steine an den Kopf, riß ihm
- das Buch weg und warf ihn in seinem Mantel aus dem Zimmer.
- Die Schwester des Pfarrers schnitt er in den Daumen. Einem
- Laien hatte er den Daumen nahezu abgeschnitten.“
-
-Diesem Briefe Christinas fügte der Pfarrer noch eine Nachschrift bei,
-in der die Reihe der teuflischen Mißhandlungen ergänzt und erläutert
-wird. Unter anderm erfahren wir, daß der Teufel, als er schließlich
-am Vorabende vor Weihnachten abließ, Christina zu schütteln, sich
-entfernte mit den Worten: „_=Louvelois scheindhof=_“ (schmähliche
-Hofschinderin), mir ward Gewalt gegeben, Dich zu versuchen; doch mit
-Schande weiche ich zurück und werde die verdiente Strafe empfangen.“
-
-Auch meldet der Pfarrer, daß bald nach der Abreise des Petrus ein
-Interdikt über die Gegend verhängt worden sei -- Erzbischof Engelbert
-von Falkenburg war der Urheber dieser Maßregel -- Christina mußte
-deshalb nach Brauweiler gehen, um die h. Kommunion zu empfangen. Die
-Abtei Brauweiler unterlag nämlich nicht dem Interdikte. Wenn Christina
-nun ausgehen wollte, um die hh. Sakramente zu empfangen, so drohte ihr
-der Teufel, wenn sie nicht zu Hause bleibe, so werde er sie mit vielen
-Plagen heimsuchen und dafür sorgen, daß sie beschämt werde. Als sie
-nun einmal in der Kirche zu Brauweiler beim Prior gebeichtet hatte und
-sich dann anschickte, zur h. Kommunion zu gehen, da riß ihr urplötzlich
-der Teufel die Schuhe von den Füßen und zerfetzte sie; dann stieß er
-sie mit dem Kopfe gegen die Mauer und zog ihr die Haut von den Füßen.
-In diesem schmerzlichen Zustande ging sie zum Altare. Noch lange Zeit
-nachher hatte sie Schmerzen an den Füßen.
-
-Ein dritter Brief, den Bruder Petrus zu Aarhus von Christina erhielt,
-gibt Kunde von weiteren Prüfungen, die sie betroffen, vom Verluste
-mehrerer Freunde und von der Verarmung ihrer Eltern. Er ist gegen Ende
-der Fastenzeit 1272 geschrieben und hat folgenden Wortlaut:
-
- „Ihrem lieben, teuern, allerteuersten Bruder Petrus,
- Lesemeister der Predigerbrüder in Skeninge, entbietet
- Christina von Stommeln Heil im wahren Heilande. Da ich
- nach Euerem Weggange mich lange Zeit hindurch von meinem
- Bräutigam verlassen fühlte, war ich so niedergeschlagen,
- daß ich, was viele gesehen, beträchtliche Klumpen
- geronnenen Blutes gespieen habe.
-
- Klagen muß ich Euch auch meinen Schmerz über das Geschick
- meiner Freunde. Vor allem melde ich Euch mit Betrübnis, daß
- der innigstgeliebte Herr Prior von Brauweiler nach Mariä
- Himmelfahrt gestorben ist. In seiner Krankheit hat er sich
- mit so flehentlichen Worten meinem Gebete empfohlen, daß
- ich ohne Tränen nicht davon sprechen kann. Er hat auch
- gewünscht, ich möchte Euch schreiben, daß Ihr doch für ihn
- betet. Ich bitte Euch deshalb, daß Ihr so seiner Seele
- gedenken möget, wie Ihr nach meiner Ueberzeugung es für
- mich selbst tun würdet, wenn ich gestorben wäre. Er hat mir
- nämlich, so lange er lebte, sehr viel Gutes erwiesen. Um
- meinen Schmerz voll zu machen, ist dann auch noch Bruder
- Gerhard vom Greif weggegangen. Er wurde nämlich als Prior
- nach Coblenz versetzt. So sind denn nun fast alle meine
- Freunde von mir geschieden.
-
- Außerdem traf großes Ungemach andere von meinen Freunden
- und zumal meine Eltern, die ganz verarmten, weil mein
- Vater in Folge einer Bürgschaft, die er zwischen Juden und
- Christen übernommen, seine ganze Habe eingebüßt hat. Da er
- es nicht über sich bringen konnte, hier zu bleiben, ist
- er für drei Monate aus dem Dorfe weggegangen. Ihr könnt
- Euch denken, Teuerster, welche Betrübnis es für mich war,
- als mein Vater, der mir soviel Gutes erwiesen, jeglichen
- Gutes bar, so von dannen ging. Als er in Cöln war, drängte
- es mich, ihn dort zu besuchen, um zu sehen, wie es mit ihm
- stände. Und als ich ihn so niedergeschlagen sah, habe ich
- herzlich geweint. Am Tage der unschuldigen Kinder mußte
- meine Mutter nach Cöln, um den Vater zu besuchen, fiel aber
- vom Karren, brach den Arm und erhielt eine große Wunde am
- Kopfe. Auch sie zog sich dann nach Cöln zurück. Das war
- für mich eine neue Trübsal, da sie lange bettlägerig war
- und viele Auslagen hatte. Auch wurde sie von hochgradigem
- Fieber befallen, so daß Euere Mitbrüder ihr die h. Oelung
- erteilten. Ueberdies bekam sie die Blättern, so daß sie
- nicht wiederzuerkennen war. Sechs Wochen lang lag sie
- in dieser Heimsuchung in Cöln darnieder. Und so ging
- ich denn gleich nach den Weihnachtsfeiertagen nach Cöln.
- Ich konnte jedoch wegen der frischen Wunden keine Schuhe
- anziehen -- kurz vor Weihnachten hatte ihr nämlich der
- Teufel Bindweiden durch die Füße gezogen -- und so ging
- ich denn barfuß nach Cöln bei größter Kälte und in großer
- Qual an Leib und Seele. Als ich nach einiger Zeit nach
- Stommeln zurückkam, fand ich Haus und Hof ohne Bewohner.
- Nichts mehr fand sich dort vor; ich war wie eine Arme und
- Heimatlose und in gänzlicher Not mußte ich bald hier, bald
- dort Unterkunft suchen.
-
- Voll von Leid bin ich gegenwärtig und auf noch mehr
- Leid mache ich mich gefaßt. Und doch muß ich Vorsorge
- treffen und den ganzen Tag über sehe ich der vollständigen
- Losreißung von den Meinigen entgegen. Darum, teuerster,
- bitte und ersuche ich Euch, doch für mich zu beten in
- Anbetracht der großen Notlage, in die ich gekommen bin,
- auf daß Gott mich in diesen Prüfungen ohne Sünde erhalten
- möge, mir unerachtet der Ablenkung seine Gnade nicht
- entziehe und schließlich mein Leid verwandele in Freude,
- die niemand mir nehmen kann.
-
- In der gegenwärtigen Fastenzeit, in der ich diesen
- Brief schreibe, entbehre ich jeglicher Gnadenerweisung
- und der Freude am Gebet. Dabei werde ich von innerlichen
- Versuchungen heftig geplagt. Ueberdies kommt der Dämon,
- wenn ich bete, in Gestalt einer eigroßen Spinne --
- Christina hatte besondern Ekel vor Spinnen -- mir ins
- Gesicht gekrochen und belästigt mich. An einem Finger
- hat sie mir Blasen verursacht und ich befürchte, daß sie
- mir deren noch mehr beibringen wird. Teuerster, nochmals
- bitte ich Euch, wollet wo möglich, sobald Ihr könnt,
- mich besuchen; denn ich bedarf Eueres Rates und möchte
- Euch gerne wiedersehen. Lebet wohl in unserm Herrn Jesus
- Christus.“
-
-Am Karfreitage (22. April) des Jahres 1272 empfing Christina die
-fünf Wunden wie in den früheren Jahren und am h. Ostertag genoß sie
-überreichlichen Trostes. Auch verschwanden an diesem Tage die Narben
-der Wundmale, worüber sie sich sehr freute. Vor Maria Himmelfahrt war
-ihr längere Zeit hindurch jegliche Tröstung entzogen und es war ihr,
-als ob Gott ihr niemals eine Gunsterweisung erzeigt hätte. Am Tage des
-h. Laurentius begann der Teufel morgens ihr besonders heftig zuzusetzen
-und in der folgenden Nacht versengte er ihr die Haare, so daß der
-Geruch davon sich durchs ganze Haus verbreitete. Dann stieß er ihr ein
-glühendes Eisen in den Rachen, zog es aber wieder heraus, und stieß es
-ihr dann in die Eingeweide. Das verursachte ihr unaussprechliche Qual.
-Sie hatte sich aber vorgenommen, am folgenden Tage zur h. Kommunion zu
-gehen und sie sprach deshalb: „Ich sage Dir, Dämon, daß ich vorhabe,
-morgen meinen Geliebten zu empfangen.“ Der Dämon antwortete, indem er
-einen Dolch hervorzog: „Wenn Du das tust, so steche ich Dich in die
-Zunge und vereitle Dein Vorhaben.“ Und da sie von ihrem Vorhaben nicht
-abließ, stieß der Teufel sie wirklich mit dem Dolch in die Zunge und
-ließ ihn darin stecken. Als sie morgens zur Kirche kam, floß das Blut
-noch aus dem Munde.
-
-Am Feste Mariä Himmelfahrt oder tags darauf diktierte Christina dem
-Pfarrer Johannes ein kurzes Schreiben, das Petrus zugleich mit den drei
-vorhin mitgeteilten zu Aarhus erhielt. Es bringt inhaltlich nichts
-Neues, enthält vielmehr Wiederholungen, ist aber bezeichnend für den
-Zustand des Verlorenseins, der Christina beim Diktieren überraschte.
-Sie geriet nämlich beim Diktieren in Verzückung. Das Briefchen lautet
-wie folgt:
-
- „Ihrem vielgeliebten Vater und teuersten Freunde, dem
- Bruder Petrus, Lesemeister in Skeninge, wünscht seine
- Tochter Christina immerwährende geistige Teilnahme am
- himmlischen Gastmahl, Fülle der Wonne, Erhebung zum
- Wunderbaren und Erquickung durch Gnadeneinströmung.
- Oefters habt Ihr mir vorgehalten, daß ich Euch nicht
- schriebe; in letzter Zeit aber habe ich Euch vier Briefe
- geschrieben, die Euch durch die Brüder zugestellt werden
- sollten -- ich weiß aber nicht, ob Ihr sie erhalten habt.
- In diesen Briefen habe ich Euch vieles berichtet über das,
- was mir der Dämon nach Euerem Weggang angetan hat, und
- auch solches, was meine Freunde betrifft. Und weil ich
- Euern Wunsch in dieser Hinsicht kenne, so dürft Ihr Euch
- versichert halten, daß ich Euch sehr gerne schreiben würde,
- wenn ich Gelegenheit hätte, die Briefe abzuschicken. Was
- mir bis zum Advent zugestoßen, habe ich Euch geschrieben.
- In der Fastenzeit kam, wenn ich betete, regelmäßig der
- Dämon in Gestalt einer Spinne und belästigte mich, soviel
- er konnte. Teuerster, ich bitte Euch, bleibet mir ein
- treuer Freund; denn vor allen Menschen setze ich mein
- Vertrauen auf Euch und ich verlange mehr nach Euerem
- Besuche, als Ihr glaubt. Möge er mir vor meinem Tode zuteil
- werden! In Brauweiler ist der Prior, mein trautester
- Freund, gestorben. Teuerster, gedenket seiner in Treue
- und betet für meine Eltern, die sich in größter Trübsal
- befinden.“ --
-
-Dann fügt der Pfarrer Johannes bei: „Soeben, als sie den Brief
-diktierte, vermochte sie nicht weiter zu reden, weil sie sich in
-fortwährendem Jubel befand.“
-
-Petrus tröstete Christina in einem herzlichen Antwortschreiben, indem
-er sie hinweist auf die Herrlichkeit des Himmels, in der er mit ihr in
-ewiger Seligkeit zusammen zu sein hoffe. Auch Bruder Mauritius schickte
-von Paris ein Trostschreiben. Er habe, sagte er, ein so herzliches
-Mitleiden mit ihr, je schwächer das weibliche Geschlecht sei, um dem
-Ansturm solcher Leiden gegenüber standzuhalten. „Doch, fügt er hinzu,
-da ich Euch als ein in Drangsalen starkmütiges Weib erkannt habe, so
-hoffe ich zum Herrn, der die Stärke jener ist, so auf ihn vertrauen,
-daß er Euch Standhaftigkeit und Kraft von oben verleihe, um auszuharren
-bis zum guten Ende.“
-
-Bruder Petrus wurde unterdessen nach Strengnäs im Södermanland
-versetzt, wo er wie in Skeninge das Amt eines Lesemeisters bekleidete.
-Von dort schrieb er mehrere Male an Christina; teilte ihr unter anderem
-mit, daß auch in dortiger Gegend Gott ihn durch einige gottgeweihte
-Jungfrauen erfreut habe, von denen einige das Ordenskleid des h.
-Dominikus trügen, andere das der Beginen angelegt hätten. Eine von
-diesen komme Freitags in Verzückung und erhalte zuweilen die fünf
-Wunden. Die meiste Zeit bringe sie im Gebete und in der Betrachtung
-zu und dazu sei sie bemüht, Almosen zu geben und den Armen zu dienen.
-Diese begnadete Jungfrau habe eine innige Liebe zu Christina, nenne
-sie ihre Schwester und wünsche, sie kennen zu lernen und womöglich
-mit ihr zusammenzuleben. Auch habe sie ihm Einiges, was in Christinas
-Briefen enthalten war, lange vorher offenbart. „Wundert Euch nicht, so
-schließt Petrus seinen Brief, daß ich Euch seltener schreibe; denn ich
-habe nicht oft Gelegenheit, einen Brief abzuschicken, weil ich tief
-ins Land hinein wohne, von wo aus selten Reisende und niemals Kaufleute
-hinausreisen. Meine geistliche Tochter, die ich Euere Schwester genannt
-habe, bittet mich, Euch ihrerseits zu grüßen ... Ich empfehle Euch die
-Seelen meiner beiden leiblichen Brüder, die nach meiner Rückkehr beide
-in einem Jahre gestorben sind. Grüßet alle unsere Freunde, insbesondere
-den Herrn Pfarrer, Euren Vater und Euere Mutter, alle Schwestern des
-Namens Hilla, des Pfarrers Schwester Gertrud und die blinde Aleidis.
-Betet für mich.“
-
-Die Verarmung, die Christinas Eltern getroffen, dauerte fort. Von Gram
-und Kummer getroffen, starb ihr Vater um das Jahr 1276. Im folgenden
-Jahre gegen Peter und Paul starb auch Christinas geistiger Vater und
-besonderer Wohltäter, Pfarrer Johannes von Stommeln, der bisher ihre
-Briefe geschrieben. Bruder Nikolaus von Westeräs (_Westra-aros_)
-überbrachte die Trauerbotschaft dem Bruder Petrus nach Strengnäs. In
-einem Schreiben vom Tage nach dem Feste des h. Dionysius (10. Oktober)
-ersuchte dann Petrus Christina, ihm baldigst Mitteilung über ihren
-Zustand zu machen. Bruder Laurentius könne ihr als Schreiber dienen.
-Dieser Bruder Laurentius war gebürtig aus Swealand, dem mittlern
-Teil Schwedens, in dem Skeninge gelegen war, und studierte damals
-in Cöln. An ihn schrieb nun Petrus, er möge der Christina seinen an
-sie gerichteten Brief verdolmetschen und auch die an ihn gerichteten
-Briefe Christinas schreiben. Da Petrus keine direkte Gelegenheit nach
-Cöln hatte, so gab er die Briefe dem Bruder Olaw aus Skara mit, der im
-Herbste 1277 nach Paris ging. Von Paris nun brachte Bruder Helinrich
-diese Briefe im folgenden Jahre Freitags nach Margaretentag, also
-am 15. Juli, nach Cöln. Tags darauf schickte Bruder Laurentius ein
-Briefchen nach Stommeln, um Christina zu melden, daß ein Brief von
-Bruder Petrus für sie angekommen sei und er den Auftrag habe, diesen
-ihr persönlich zu verdolmetschen. Es sei jetzt auch Gelegenheit
-gegeben, ein Antwortschreiben an Bruder Petrus nach Schweden abgehen
-zu lassen, was vielleicht das ganze Jahr hindurch nicht mehr der Fall
-sein werde. „Christina kam, so schreibt Bruder Laurentius, gleich
-am folgenden Tage mit ihrer Nichte Hilla nach Cöln, obgleich sie die
-Arbeit stehen lassen mußte, da es die Zeit der Ernte war. Euern Brief
-übersetzte ich ihr, so gut ich konnte. Mit welcher Rührung sie ihn
-entgegennahm, zeigten die Tränen, die sie reichlich vergoß.“
-
-Als Christina den Brief des Bruders Petrus vernommen, diktierte sie
-allsogleich dem Bruder Laurentius das Antwortschreiben, wie folgt:
-
- „Dem ehrwürdigen Vater in Christo, ihrem
- verehrungswürdigsten und liebevollsten, entbietet die
- geringste seiner Töchter mit ihren Gebeten sich selbst und
- wünscht ihm, falls es noch etwas Besseres geben kann als
- Gesundheit, auch dieses durch Vermittlung seines getreuen
- Bruders Laurentius. Nachdem ich Euern Brief bekommen und
- volleres Verständnis von ihm erhalten, da ist nach dem
- Verlust meiner Freunde und meiner zeitlichen Güter und nach
- schwerster körperlichen Bedrängnis mein Geist innerlich
- wieder aufgelebt und ich, die ich den Mut hatte sinken
- lassen, begann wieder aufzuatmen. Mit welcher Herzensfreude
- ich diesen Brief meines geliebtesten Vaters vernommen, mit
- welcher Hurtigkeit ich unerachtet körperlicher Ermüdung
- und ungelegener Zeit zu seiner Entgegennahme herbeigeeilt
- bin, dafür kann unser gemeinsamer Dolmetsch glaubwürdiges
- Zeugnis ablegen. Es ist ja natürlich, daß ein Brief von
- demjenigen, dessen persönliche Gegenwart so viel Liebes
- hatte, für mich etwas Erfreuliches war. Mein Geist
- wurde mit süßer Wonne erfüllt und die Qualen, die der
- menschlichen Gebrechlichkeit und zumal der Schwäche eines
- Mädchens, schier unerträglich vorkamen, wurden gelindert.
-
- Meine Lage, worüber Ihr Bericht zu erhalten wünscht,
- ist gar traurig und verwirrt und das gerade Gegenteil
- von Euerer glücklichen Wohlfahrt, die Gottes mächtige
- Huld noch mehren möge. Denn von zeitlichen Gütern bin ich
- dermaßen entblößt, daß fast Alles aufgezehrt ist. Unser
- Hof ist in fremde Hände als Besitztum übergegangen. Das
- große Haus, in dem wir bisher noch immer wohnten, war
- vor Alter baufällig und ist, nicht ohne Lebensgefahr für
- die Bewohner, zusammengestürzt. Wir aber sind keineswegs
- in der Lage, es wieder aufbauen zu können. Auch habe ich
- keinen Freund mehr, der uns beistehen oder auch nur trösten
- könnte.
-
- Ueberdies erdulde ich sehr harte Verfolgungen und Plagen
- von meinem Widersacher. Neulich hat er mir mit einer
- Zange zwei Backenzähne in grausamer Weise ausgerissen[44].
- Von andern unzähligen Trübsalen, die ich erlitten, kann
- ich Euch nicht gut Mitteilung machen, bis wir etwa eine
- mündliche Aussprache haben, nach der ich sehr verlange.
- Das aber ist mir härter als alles, daß ich in unserm
- Dorfe, wo ich wohne wie früher, niemanden habe, dem
- ich mein Herz rücksichtlich der wunderbaren Vorgänge zu
- erschließen wage. Deshalb halte ich das Meiste in meinem
- Herzen vergraben; nur derjenige hat Kenntnis davon, der
- die Herzen durchforscht, den ich auch mit gutem Gewissen
- zum Zeugen anrufe. Nichts, glaube ich, wäre mir in diesem
- Leben lieber, als wenn ich Euch vor meinem Tode dieses
- offenbaren könnte. Wie das aber geschehen könnte, weiß
- ich nicht. Denn zu Euch überzusiedeln, wie Ihr es mir so
- getreulich anbietet, möchte ich auf keine Weise versuchen.
- Und doch würde ich es gerne tun, wenn ich mit Euch mündlich
- die Sache besprechen und Ihr dann, nachdem Ihr vollständig
- Kenntnis von meiner Lage genommen, es dennoch für ratsam
- halten solltet. Für Euer Anerbieten aber möge Euch belohnen
- jener, „der die Hoffnung der Verzagten ist und der große
- Tröster in der Qual“.[45] Lebet wohl, liebster Vater, mein
- einziger und getreuester. Ich empfehle Euch inständigst die
- Seele meines Vaters und die des Herrn Pfarrers. Nochmals:
- Lebet wohl!“
-
- [44] Die Spuren davon sind noch am Schädel der seligen Christina
- erkennbar. Siehe S. 37.
-
- [45] In der lateinischen Urschrift lautet die Stelle: _qui est
- spes desolatis magnaque consolatio in tormentis_. Sie ist dem
- Osterhymnus der Cölner Kirche entnommen. Coll. Rit. S. 73.
-
-In dem bereits vorhin erwähnten Begleitschreiben zu diesem Briefe macht
-Bruder Laurentius zum Einsturz des Hauses folgende Bemerkung: „Während
-die ganze Familie und dabei auch kleine Kinder im Hause waren, und ein
-mächtiges Feuer brannte, stürzte das Gebäude plötzlich zusammen. Jedoch
-wurde niemand verletzt, und auch das Feuer richtete keinen Schaden an,
-was einige für ein Wunder halten. Der Zusammensturz war vollständig;
-nur die Kammer, in der Christina war, blieb stehen. Doch auch sie wurde
-von den herabstürzenden Balken hart getroffen.“
-
-Einige Zeit nachher, im Herbste 1278, starb auch Christinas Mutter.
-Petrus wurde im selben Herbste auf dem Provinzialkapitel in Wisby zum
-Lesemeister dieser seiner Geburtsstadt Wisby auf der Insel Gotland
-ernannt, weshalb er von da an Lesemeister von Gotland genannt wird.
-
- Abb. 9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-Bruder Petrus kommt aus Schweden nach Stommeln,
- um Christina zu besuchen. 1279.
-
-
-Als Bruder Petrus obigen Brief Christinas erhalten und ihm auch noch
-sonst Mitteilungen über das Mißgeschick, das über sie hereingebrochen,
-zugegangen waren, da, so schreibt er, entbrannte mein Geist, und mein
-Herz wurde heftig bewegt und ich sann darüber nach, wie ich sie wohl
-trösten könnte. Ich begab mich zum Provinzial, Bruder Augustinus,
-(nach Westeräs), um von ihm die Erlaubnis zu einer Reise nach Cöln zu
-erlangen. Dreierlei Gründe lagen zu dieser Reise vor. Erstlich wünschte
-ich von der geistigen Trockenheit befreit zu werden, an der ich schon
-lange gelitten und die mich mitunter so niedergeschlagen machte, daß
-man für mein Leben fürchtete. Zweitens ging mein Verlangen danach, die
-glorreichen Schutzpatrone Cölns, nämlich die dort ruhenden Martyrer und
-Jungfrauen, für die ich seit meiner Cölner Studienzeit eine besondere
-Verehrung hatte, zu besuchen, mir von ihnen Reliquien zu verschaffen
-und diese dann in mein Vaterland zu übertragen. Drittens, um die in
-Christo geliebte Christina, nach deren Wiedersehen ich verlangte,
-zu besuchen und sie im Herrn zu trösten, wie sie es wünschte, und
-wie es meinem frommen und mitleidigen Sinne entsprach, um aber auch
-andererseits von ihr Tröstung und Erleuchtung zu erhalten. Mit Gottes
-Hülfe und (wie ich vertraue) durch Christinas Verdienste ist alles
-nach Wunsch glücklich von statten gegangen, und es hat sich bestätigt,
-daß „unverdrossene Liebe alles überwindet“.[46] Am Pfingstmontage also
-brach ich von Westeräs auf, kam dann nach Gotland, wo ich eine Zeitlang
-blieb, und gelangte schließlich nach Lübeck. Und wahrhaftig, ich, der
-ich früher keine halbe Meile zurücklegen konnte, ohne zu ermüden,
-Einkehr zu nehmen und Halt zu machen, ging jetzt einen ganzen Tag,
-ohne sonderliche Ermüdung zu verspüren. Es war am Tage nach der Oktav
-des h. Laurentius (18. August). Am Tage der Oktav von Maria Geburt
-(15. Sept.) langten wir in Stommeln, dem lang ersehnten, von Gott
-mit vielen Vorzügen begnadigten, vor allem aber durch die Frömmigkeit
-seiner Bewohner ausgezeichneten Orte, an. Als wir uns nun diesem Dorfe
-näherten, sahen wir von Ferne die Leute aus der Messe nach Hause gehen,
--- es war nämlich Freitag[47] -- zuletzt aber gingen zwei Beginen.
-Da sagte ich zu Bruder Folkwin, meinem Begleiter: „Siehe, da geht
-Christina.“ Denn auch ihn trug Verlangen, sie zu sehen. Man konnte aber
-Christina gut von andern unterscheiden. Denn, wie sie sich im Umgange
-durch Erbaulichkeit und im Aussehen durch Frömmigkeit auszeichnete,
-so hatte ihr Gang eine würdevolle Gemessenheit. Um es kurz zu sagen,
-in all ihrem Tun und Handeln, in Gang und Bewegung leuchtete ein
-verklärender Schimmer besonderer Anmut hervor, so daß ein jeder,
-der mit frommem Sinne ihr Benehmen beobachtete, nicht daran zweifeln
-konnte, Gottes Gnade und Gottes Gegenwart sei bei und in ihr.
-
- [46] Petrus ändert hier den Wahlspruch des alten Römervolkes: „_Labor
- improbus omnia vincit_“ (Unverdrossene Arbeit überwindet alle
- Hindernisse) um in den der Sachlage mehr entsprechenden: „_Amor
- improbus omnia vincit._“
-
- [47] Am Rande der Jülicher Handschrift ist die Bemerkung eingetragen:
- An Freitagen hören in Stommeln gewöhnlich alle die h. Messe.
-
-Als wir nun bis zum Pfarrhause gekommen waren, wo wir das Erforderliche
-besorgen wollten, um die h. Messe lesen zu können, stand die Frau
-des Glöckners da, schaute mich neugierig an und sagte schließlich:
-„Wie heißet Ihr?“ „Petrus,“ entgegnete ich. Darauf fragte sie weiter:
-„Woher seid Ihr?“ „Aus Dazien,“ gab ich zur Antwort. Da eilte sie
-gleich auf die Straße hinaus und rief, so laut sie konnte: „Christina!
-Christina! komme zurück, wenn Du eine Messe hören willst.“ Da nun
-auch wir auf die Straße hinausgingen, trafen wir mit Christina, die
-zurückkehrte, zusammen. Als ich sie grüßte, wußte sie vor Staunen und
-Ergriffenheit kaum zu antworten. Schließlich sagte sie: „Woher kommt
-Ihr?“ Ich antwortete: „Von Gott dem Herrn gesandt bin ich gekommen.“
-Als mein Gefährte und ich Messe gelesen, speisten wir mit Christina in
-der Klause, wobei der Schulmeister Johannes den Gastgeber machte. Auch
-der Herr Pfarrer -- Heinrich hieß er -- gesellte sich zu uns. Als ich
-tags darauf nach der Vesper auf Christinas Begehr die Schriftstelle
-auseinanderlegte: „Ein gutes, geschütteltes, gerütteltes und gehäuftes
-Maß wird man Euch in den Schoß schütten“, kam sie derartig in
-Verzückung, daß sie weder zu Nacht speisen noch reden konnte. Ja, sie
-war derart in Gott versunken, daß sie gar nicht mehr achtete auf das,
-was gesprochen wurde. Sie war ganz mit ihrem Geliebten beschäftigt;
-sie hatte für nichts anderes Sinn und nur Worte der Andacht brachte
-sie hervor. Und in Anbetracht dieser großen Liebe zu ihrem Bräutigam
-ruhte alle Sinnestätigkeit. Zweimal aber brach sie währenddem in die
-Worte aus: „Teuerste! lasset uns Gott lieben, denn er ist überaus
-liebenswürdig. Teuerste! was sollen wir ihm wiedervergelten für so
-viele Wohltaten, die er uns erwiesen hat?“ ... Als sie endlich in etwa
-zu sich kam, geleiteten der Schulmeister Johannes und Aleidis sie zu
-ihrer Wohnung. Als es sich nun traf, daß ich neben ihr ging, fragte
-sie, wer das sei. Es wurde ihr geantwortet: „Bruder Petrus.“ Da sagte
-sie: „Bruder Petrus, wenn Du von Gott reden willst, bist Du willkommen.
-Wenn Du aber zu etwas anderem gekommen bist, so mache schnell und gehe
-dann; denn sonst würden wir Deiner bald müde sein.“ Die ganze folgende
-Nacht hindurch blieb sie in diesem Zustand der Innerlichkeit. Tags
-darauf fingen jene, die obiges gehört, mit dem Ausdruck des Bedauerns
-an, darauf die Rede zu bringen, daß jemand mich beleidigt habe. Sie
-antwortete: „Gewiß, wer solches gesagt hat, ist gar zu dreist gewesen.“
-Sie hatte keine Erinnerung mehr an das, was sie am vorhergehenden
-Abende gesagt hatte. Wir blieben drei Tage in Stommeln und gingen
-dann nach Cöln, wo wir freundlich von den Brüdern aufgenommen wurden,
-besonders von denen, die mich von der Studienzeit her kannten, und ganz
-besonders von Bruder Johannes von Greif, der damals Unterprior war, und
-Bruder Johannes von Muffendorf. Bruder Gerhard vom Greif erkundigte
-sich nach Christina und belobte ihren Fortschritt auf dem Wege der
-Heiligkeit. Ich blieb nun ungefähr einen Monat lang in Cöln und wurde
-durch Gottes Gnade von meinem Seelenleiden geheilt. Auch verschaffte
-ich mir neun Häupter der hh. Jungfrauen (aus der Gefolgschaft der
-h. Ursula) und eines von der thebäischen Legion. Unsere Cölner
-Ordensbrüder besorgten mir diese unter Beihülfe des Bruders Folkwin.
-
-Mitten in dieser Zeit, nämlich am Tage nach dem Feste des h. Erzengels
-Michael, ging ich mit Bruder Folkwin wieder nach Stommeln zu Christina.
-Wir fanden sie zu Bette liegen und sehr schwach. Ueber unsere Ankunft
-aber war sie sehr erfreut. Und als ich sie nach dem Grunde ihrer
-Schwäche fragte, sagte sie: „Der Dämon hat mir in dieser Woche die
-Haut vom Rücken gezogen, so daß man sich wundern muß, wie ein Mensch
-dabei noch leben kann.“ Am folgenden Tage, Sonntag den 1. Oktober,
-zeigte Petrus der Christina das früher am Sankt Christinatage an der
-linken Hand erhaltene Malzeichen und sie bestätigte ihm mündlich alles,
-was im Quatern schriftlich durch Pfarrer Johannes niedergeschrieben
-worden war. Auch machte sie ihm die in Kapitel 2 bereits berichteten
-Mitteilungen über Verwundungen, die man ihr während der Verzückung
-beigebracht hatte. Am folgenden Mittwoch kamen alle Beginen von
-Stommeln zusammen und bereiteten den beiden Ordensbrüdern ein schönes
-Mittagsmahl. Auch der Pfarrer Heinrich sowie Gerhard, der Sohn des
-Vogtes, und der Schulmeister Johannes gehörten zu den Gästen. Nach
-Tisch hielt Bruder Petrus einen Vortrag über die geistige Freude unter
-Zugrundelegung der Schriftstelle: _Laetare Jerusalem_ (Freue dich,
-Jerusalem) und im Laufe des Nachmittags kehrte er mit Bruder Folkwin
-wieder nach Cöln zurück.
-
-„Zum dritten Male,“ schreibt Petrus, „ging ich nach Stommeln am Tage
-der elftausend Jungfrauen, als ich auf der Rückreise in meine Provinz
-begriffen war. Auf den folgenden Tag lud uns der Herr Pfarrer und
-seine Schwester, Frau Benigna, die nach Kleid und Wandel eine Begine
-war, zu Tische. Da nun bei Tische die Rede auf die Reliquien kam,
-die ich zu Cöln erhalten, und Benigna meine Hochachtung und Verehrung
-gegen Reliquien bemerkte, sagte sie: „Hätte ich das gewußt, so hätte
-ich Euch gerne das Haupt einer Jungfrau geschenkt, das ich zu Cöln
-habe.“ Als ich darauf erwiderte, ich möchte es mir gerne ausbitten,
-sagte sie: „Ich würde es Euch mit Freuden geben, wenn ich wüßte, wie
-Ihr es bekommen könntet.“ Daraufhin sprach der Herr Pfarrer: „Ehe
-er dieses Hauptes entbehren soll, gehe ich selber lieber zu Fuß nach
-Cöln und hole es.“ Und das tat er auch wirklich. Am folgenden Morgen
-machte er sich in der Frühe auf und noch vor der Abenddämmerung war er
-wieder zurück und trug jenes Haupt am Halse. Mit größter Freude nahm
-ich dasselbe entgegen und habe es von Stommeln bis Lübeck am Halse
-getragen, wodurch mir sehr oft große Süßigkeit des Herzens bescheert
-wurde.
-
-Abends vor dem Tage der Abreise erhielt Christina, als sie die Vesper
-betete und unsere Reise Gott anbefahl, eine große Tröstung, die sich
-in ihrem Aeußern offenbarte. Sie war nämlich bei der Abendmahlzeit
-munterer als gewöhnlich. Als ich sie nun nach dem Essen nach dem
-Grunde ihrer Munterkeit fragte, sagte sie: „Seit zwei Tagen war ich
-niedergeschlagener Stimmung wegen Euerer Abreise. Als ich nun vorhin
-unter dem Baume die Vesper betete und Euch in großer Betrübnis des
-Herzens Gott anbefahl, sprach der Herr zu mir: „Sei ohne Sorge. Ich
-war mit Bruder Petrus, als er hierher kam; ich werde auch auf der
-Rückreise sein Führer sein.“ Auch sagte er: „In mir habe ich Euere
-gegenseitige Liebe gegründet und ich werde sie auch in mir erhalten.“
-Diese Worte gaben mir Veranlassung, von der Süßigkeit der göttlichen
-Liebe zu reden. Christina wurde darob derart gerührt, daß sie wegging,
-vollständig entrückt wurde und starr und regungslos dalag. Am andern
-Morgen, dem Tage der hh. Krispin und Krispinian (25. Oktober), lasen
-wir Messe, frühstückten und darauf hielt ich eine Ansprache über die
-Schriftstelle: _Convertere anima mea in requiem tuam, quia dominus
-benefecit tibi_ (Kehre in deine Ruhe ein, meine Seele, denn der Herr
-hat dir Gutes erwiesen). Hierauf nahmen wir Abschied von Christina und
-von denen, die bei ihr waren, empfahlen uns einander dem Herrn und so
-reisten wir ab. So endete der fünfzehnte Besuch im Jahre 1279.“
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-Fünfzehntes Kapitel.
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-Vom Advent 1279 bis zum Advent 1280.
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-Ueber Neuß und Düsseldorf, Soest und Minden gelangte Petrus mit
-seinem Begleiter Folkwin Freitag den 24. November 1279 nach Lübeck,
-schrieb von da an Christina sowohl wie an Magister Johannes, ging
-am 26. November zu Schiff, erlebte in der Nacht vor St. Luzia einen
-furchtbaren Sturm, landete aber am Tage nach St. Luzia glücklich in
-Kalmar, woselbst er im Dominikanerkloster überwinterte und an Christina
-sowohl, wie an Magister Johannes und Hilla vom Berge Briefe schrieb.
-Im Briefe an Christina setzt Petrus auseinander, daß er Christina
-um Christi willen liebe. „Möge die Welt,“ sagt er, „lärmen, spotten,
-verkleinern, zürnen und abraten, so werde ich doch die Braut meines
-Herrn aus Herzensgrund lieben -- wegen des Bräutigams selbst.“ Grund
-der Liebe ist Christus. Christina aber ist dem Petrus Wegweiserin
-und Vorbild geworden, um Christus zu finden, ihn zu lieben und feiner
-zu genießen. Im Frühjahr 1280 fuhr Petrus mit Folkwin nach der Insel
-Gotland und sie langten am weißen Sonntage in Wisby, der Geburtsstadt
-des Petrus, an. Hier trat dieser das Amt eines Lesemeisters an und
-schrieb bald nach seiner Ankunft einen Brief an Christina, in dem er
-unter anderm meldet, daß ein Teil der hh. Reliquien, die er in Cöln
-erhalten, glücklich angekommen sei. Auch entschuldigt er sich, daß er
-dem Magister Johannes noch nicht die versprochene Schrift, gemeint ist
-das erste Buch der Jülicher Handschrift, zugeschickt habe. Es habe ihm
-nämlich bisher an Pergament und an einem Schreiber gefehlt.
-
-Am Vorabend des h. Laurentius (9. August) des Jahres 1280 erhielt
-Petrus auf dem Provinzialkapitel auf Alsen (_Aslonia_) einen
-ausführlichen Bericht des Magisters Johannes, den dieser am Freitag
-vor St. Urbanus (24. Mai) geschrieben hatte. Aus demselben ersehen
-wir, daß Christina im Advent 1279 von gänzlicher Dürre des Herzens
-heimgesucht wurde und zudem, wenn auch nicht in körperlicher Weise,
-ganz neue teuflische Quälereien zu erleiden hatte. In der zweiten
-Adventswoche wurde sie im Geiste in bitterster Kälte hingeschleppt
-über hartgefrorene Erdschollen, durch Dorngestrüpp und Hecken
-hingerissen zu einem Sumpf im nahen Walde, dort verhöhnt, durch
-Drohungen und Gotteslästerungen gequält, schließlich an einen Baum
-aufgeknüpft und gliedweise verstümmelt. Das wiederholte sich bis
-zum Weihnachtsabende. Dabei sah Christina das Schauerliche der
-Oertlichkeiten, ihre schimpfliche Entblößung, die Schar der Teufel und
-fühlte den entsetzlichen Schmerz der Verwundungen. Die Teufel trieben
-ihr Blendwerk so weit, daß sie sagten, sie wollten zu Christinas
-Beschämung alle Männer des Dorfes zusammenrufen, so daß Christina
-wirklich zum Glauben kam, es ständen Leute umher, um sich an ihrer
-Qual und ihrer Entblößung zu weiden, was aber wirklich nicht der Fall
-war. Es erging der seligen Christina bei diesen Vorgängen geradeso
-wie der h. Teresia, als ihr Herz mit einem Pfeile durchbohrt wurde.
-„Es war dies,“ sagt Sankt Teresia, „kein körperlicher Schmerz, sondern
-ein geistiger, wiewohl auch der Leib und zwar in nicht geringem Maße
-an demselben teilnahm.“ In der Nacht vor dem h. Abend erhielt die
-durch den Advent hindurch fortgesetzte Folter ihre Krönung durch die
-Enthauptung Christinas. Diese zagte nicht, sondern empfahl sich dem,
-der tötet und wieder lebendig macht. Noch vor Tagesanbruch hörten alle
-Qualen auf; die bösen Geister, zwölf an der Zahl, gestanden, daß alles,
-was sie gesagt und getan, Lug und Trug gewesen, und als Christina ihnen
-im Namen Jesu befahl, sich zu entfernen, schieden sie unter großem
-Geheul von dannen. Von da bis zum Weihnachtstage blieb Christina in
-Sammlung des Geistes und großer Sehnsucht des Herzens, bis sie in der
-h. Kommunion sich mit ihrem Bräutigam vereinigte. Sie geriet so schnell
-in Entzückung, daß sie nicht einmal zu ihrer gewohnten Stelle hinter
-dem Altare gelangen konnte, sondern zur Seite des Altares hinsank und
-dort regungslos bis zum dritten Tage verharrte, überströmend vor Wonne
-und Seligkeit, ohne irgend etwas wahrzunehmen und ohne irgendwelche
-Nahrung zu sich zu nehmen.
-
-Von Weihnachten bis zum ersten Sonntag der Fastenzeit 1280 erfreute
-sich Christina, abgesehen von einigen Tagen vor Mariä Lichtmeß, großer
-Tröstungen und geistiger Freude. In der Nacht vor Mariä Lichtmeß
-wurde sie jedoch versucht, die h. Kommunion am folgenden Tage zu
-unterlassen, weil sie bisher irre gegangen und erst ein besseres
-Leben beginnen müsse. „Da habt ihr mir eine gute Ermahnung gegeben,“
-antwortete Christina den Versuchern, „denn es ist Zeit, daß ich mich
-zum wahren Leben, das Christus ist, bekehre.“ -- Enttäuscht begannen
-nun die Versucher Christina zu quälen, indem sie dieselbe mit Haken
-zerfleischten. Christina achtete dies alles gering, ging, wiewohl ihre
-Wunden bluteten, morgens zur h. Kommunion und wurde alsbald entrückt.
-
-Die folgende Fastenzeit brachte eine Prüfung neuer Art. Der
-Heiland, der Christina in mannigfacher Weise schon die Präge seiner
-Aehnlichkeit aufgedrückt hatte, ließ sie vom ersten Fastensonntage
-bis zum Gründonnerstage das Leiden stellvertretender Buße für die
-Sünden der Menschen durchmachen. Wie die öffentlichen Sünder am
-ersten Fastensonntage aus dem Heiligtum des Gotteshauses verwiesen
-wurden, um am Orte der Büßer Sühne für ihre Vergehungen zu leisten,
-und erst am Gründonnerstage wieder zur Gemeinschaft der Gläubigen
-Zulaß erhielten, so wurde Christina in genannter Zeit der tröstlichen
-Gegenwart ihres Bräutigams gänzlich beraubt und ihre Seelenfreude
-in Trauer und Trockenheit verwandelt. Sie war wie ausgeschlossen aus
-dem Herzen ihres Bräutigams. Trotzdem unterließ sie nichts von ihrem
-Gebete, hielt an in stetem Wachen und kämpfte mit mannhafter Stärke
-gegen alle Anfechtungen. Zur Trostlosigkeit gesellten sich vom zweiten
-Sonntage an auch noch besondere Versuchungen. Der Fürst der Finsternis
-liebt es ja, sich als Engel des Lichtes aufzuspielen. In Gestalt der
-beiden Dominikaner, denen Christina das meiste Vertrauen schenkte, des
-Petrus von Dazien nämlich und des Gerhard vom Greif, kamen zwei böse
-Geister nachts zu Christina, quälten sie mit allerlei Behauptungen,
-suchten sie von der Verkehrtheit ihres Lebens zu überzeugen und rieten
-ihr, einen andern Wandel anzufangen. Wiewohl Christina bei Anbruch
-des Tages die Täuschung erkannte, so war es ihr doch immer wieder
-in den folgenden Nächten so, als ob jene beiden Brüder wirklich ihr
-Vorhaltungen machten. Sie kamen nämlich in jeder Nacht wieder, brachten
-immer neue Gründe vor, um sie irre zu machen, und da sie standhaft
-blieb und sich zum Gebete wandte, wurde sie auf grausame Art gequält.
-Bald war es flammendes Feuer, bald siedendes Pech, dann Schwefel, das
-sie vom Gebete abschrecken sollte. Dann wurde sie mit Steinen zermalmt,
-dann mit einem Beile zerhackt und in der Nacht vor Gründonnerstag mit
-Lanzen zerstochen. Zweimal ging sie in dieser Zeit zur h. Kommunion,
-empfing aber keinerlei Tröstung. Ihr liebstes Gebet war in diesen
-Heimsuchungen der 87. Psalm: „_Domine Deus salutis meae._ Herr, Gott
-meines Heiles, Tag und Nacht ertönt mein Wehklagen vor Dir“, der so
-recht ihre Verlassenheit und Seelenpein zum Ausdruck bringt. Nicht
-mehr war in dieser Zeit der Name des himmlischen Bräutigams auf ihren
-Lippen; sie nannte ihn nur ihren geliebten Vater. Alle Betrachtungen
-und Unterredungen und Gebete Christinas waren während dieser ganzen
-Fastenzeit nur ein Widerhall dessen, was in der h. Messe oder im
-kirchlichen Stundengebet aus den Propheten oder Evangelien über das
-Leiden des Herrn gelesen wurde. Am Morgen des Gründonnerstages, dem
-Ende der Bußzeit, wurde Christina in der Verzückung wiederum ins
-himmlische Brautgemach eingeführt, erhielt Vergebung der Sünden,
-wurde der Anschauung ihres Bräutigams gewürdigt und mit seliger Wonne
-erquickt. Vom Abende des Gründonnerstages bis zum Karsamstage sonderte
-sich Christina gänzlich vom Verkehr mit den Menschen ab und zog sich
-in ihr Kämmerlein zurück. Alle Marter, die der Herr am Karfreitag
-erduldet, erneuerte sich der Reihe und Zeitfolge nach an Christina.
-Gegen drei Uhr war sie im Todeskampf; die Seite öffnete sich, das Herz
-schien zu brechen und um drei Uhr hauchte sie aus. Sie lag da wie eine
-entseelte Martyrin, ihre Seele aber wurde gewürdigt zu verkosten,
-wie groß die Liebe Christi gewesen, die ihn bewogen hatte, für uns
-zu sterben. Am Karsamstage leuchtete aus Christinas Blick himmlische
-Seligkeit hervor, ihr Antlitz strahlte wie das eines Engels, ihr
-ganzes Aeußere war wie verklärt. Sie war mit Christus auferstanden.
-Fröhlich und jubelnd ging sie am Ostermorgen zur Kirche, empfing die h.
-Kommunion, wurde alsbald entrückt und mit überströmender Wonne erfüllt.
-
-
-In der dritten Woche nach Ostern nahte Christina wiederum dem Tische
-des Herrn, hatte aber in der vorhergehenden Nacht Störung im Gebete
-verbunden mit Quälung durch Pfriemenstiche zu erleiden.
-
-Freitag der darauffolgenden Woche (24. Mai) vollendete Magister
-Johannes das Schreiben an Petrus, dem vorstehende Mitteilungen
-größtenteils entnommen sind, bittet gegen Schluß desselben den
-Petrus, er möge für Christina, ihrem Wunsche entsprechend, das Lob-
-und Dankopfer darbringen und auch das versprochene Buch ihr baldigst
-zugehen lassen. Gemeint ist die Fortsetzung des ersten Buches der
-Jülicher Handschrift, in dem Petrus, ohne Christina mit Namen zu
-nennen, im Anschluß an dreiundvierzig, in leoninische Hexameter
-gefaßte, dem Buche vorangestellte Leitsätze das Ideal einer gottseligen
-Jungfrau schildert, unter anderem ihre Züchtigkeit im Blick, ihre
-Klugheit in der Rede, ihre Frömmigkeit im Werke, die Innigkeit ihrer
-Gottesliebe, ihre Herzensgüte im Umgang, ihre Enthaltsamkeit im Genusse
-von Speise und Trank, ihre Bescheidenheit im ganzen Benehmen hervorhebt
-und ihre Fasten, Nachtwachen, Leiden, Kämpfe und Triumphe feiert.
-
-Magister Johannes hatte den Anfang des Buches, den er bereits von
-Petrus erhalten hatte, der Christina vorgelesen und erklärt. „Sie hat
-sich dadurch,“ so schreibt Johannes an Petrus, „gar sehr erbaut und
-mit solcher Herzenseinfalt zugehört, daß sie sich über Euch nicht genug
-wundern konnte, warum Ihr von dieser Euerer geistlichen Tochter ihr nie
-etwas gesagt hättet.“ In ihrer Demut kam es ihr nämlich nicht in den
-Sinn, daß von ihr selbst im Buche die Rede war.
-
-Am Mittwoch nach Apostel-Teilung (17. Juli 1280) ging ein neues
-Schreiben von Magister Johannes und Christina an Petrus, das
-verschiedene Mitteilungen über Christinas innere Erlebnisse enthält,
-vornehmlich aber die Aufnahme Sigwins, des Bruders Christinas, in den
-Dominikanerorden bezweckte.
-
-Wir entnehmen demselben, daß Christina am Vorabende von Christi
-Himmelfahrt, als sie nach der Beichte in der Kirche allein zurückblieb,
-um dem Gebete obzuliegen, darin wieder vom Versucher durch Lärm und
-Getöse gestört wurde, ihre Verachtung gegen diese Versuchung aber
-dadurch bekundete, daß sie anfing mit lauter Stimme zu singen. Magister
-Johannes, welcher in der an die Kirche anstoßenden Klause damals seine
-Wohnung hatte, öffnete das in die Kirche Einblick gewährende Fenster
-und beobachtete den ungewohnten Vorgang. Am Feste der Himmelfahrt
-unseres Herrn empfing Christina die h. Kommunion, wurde entrückt,
-verkostete einen Vorgeschmack der Himmelsseligkeit und wiederholte
-im Seelenjubel gar oft den Vers des Psalmes: _Ascendit deus in
-iubilatione_ -- Der Herr ist aufgefahren unter Jubelsang. -- Dem Briefe
-des Magisters Johannes fügte Christina am Schlusse folgende Bitte bei:
-
- „Im Uebrigen bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr,
- bei der Treue und Liebe unseres Herrn Jesus Christus,
- in der ich Euch liebe und mich auch freue, von Euch
- wiedergeliebt zu werden, Ihr wollet aus meinem Herzen
- alle Besorgnis wegräumen und meiner Seele volle Freiheit
- verschaffen, indem Ihr bezüglich meines Bruders dem
- Wunsche, den ich Euch bei Euerer Anwesenheit hierselbst,
- leider nicht nachdrücklich genug, kundgegeben und den
- ich in meinem letzten Schreiben inständigst in Erinnerung
- gebracht habe, wie ich zuversichtlich hoffe, zu entsprechen
- Euch bestrebt. Ich darf Euch nicht verhehlen, daß seit
- Euerer Abreise dieser auf das Seelenheil meines Bruders
- gerichtete Wunsch immer lebhafter geworden ist. Ich
- befürchtete nämlich, sein jugendlicher Sinn könnte ihn, der
- jetzt noch heilsamen Ratschlägen ein williges Ohr leiht,
- weltlichem Treiben zuführen und so, was Gott verhüten
- möge, sein Seelenheil in Gefahr bringen. Deshalb bitte ich
- Euch, geliebtester Vater und Herr, recht herzlich bei der
- Treue und Liebe, die uns miteinander verbindet, Ihr möget
- womöglich bei der ersten besten Gelegenheit die Erlaubnis
- nachsuchen, baldigst in unsere Gegend kommen zu dürfen.
- Solltet Ihr aber für Euere Person diese Erlaubnis nicht
- erlangen können, so wollet durch befreundete Ordensbrüder
- oder durch vertrauenswürdige Boten meinen Bruder wissen
- lassen, was er tun soll oder wie er zu Euch gelangen soll.
- Sollte man aber nicht sonderlich geneigt sein, meinen
- Bruder in den Orden selbst aufzunehmen, weil er ein Laie
- ist und wenig geeignet dazu, so wollet doch dafür Sorge
- tragen, daß er dem h. Ordensleben in irgend einem Orte
- angeschlossen werde, aber in der Nähe Euerer Stadt, damit
- Ihr ihn, den Fremdling und Ausländer, in väterlicher Liebe
- mit frommem Zuspruch im Dienste Christi mitunter bestärken
- könnt.
-
- Es erübrigt mir, teuerster Vater, Euch von ganzem Herzen
- für die mir unwürdigen durch soviele Wohltaten an Leib
- und Seele erwiesene Güte zu danken. Da ich jedoch nicht
- im Stande bin, Euch Euere Güte entsprechend zu vergelten,
- so bitte ich flehentlich Denjenigen, dem zu Liebe Ihr
- das Alles getan habt und noch tut, er möge selbst Euer
- übergroßer Lohn sein.
-
- Es grüßt Euch Johannes, der Lehrer (_rector_) der Knaben,
- der mir allerwegen besondern, vertrauten und treuen
- Beistand leistet. Auch bitte ich, teuerster, zugleich
- mit Magister Johannes recht dringend, Ihr wollet, sofern
- Ihr wünscht, er solle Euch schreiben oder da bleiben,
- wo er jetzt ist, das uns versprochene Büchlein mit den
- weitern Darbietungen, die Ihr zu unserer Erbauung oder
- Tröstung geeignet erachtet, uns möglichst bald zugehen
- lassen. Magister Johannes hat mir den Teil davon, den wir
- hier haben, zweimal vorgelesen und ich muß Euer Liebden
- gestehen, daß ich nie etwas gehört habe, was mir solche
- Freude bereitet hat. Auch wundert es mich gar sehr, daß
- Ihr mir von dieser Euerer Tochter oder Freundin nie etwas
- gesagt habt, obschon Ihr doch seit langer Zeit mit mir
- befreundet seid.
-
- Es grüßt Euch auch mein Bruder Sigwin; betet doch für
- ihn zu Gott. Desgleichen Hilla vom Berge mit allen Euern
- Freundinnen; sie bitten, Ihr möget für sie beim Herrn
- Fürsprache einlegen. Grüßet auch, wenn Ihr könnt, den
- Bruder Folkwin und saget ihm, er solle für uns alle zu
- Gott beten.“
-
-Weil Christina in ihren Briefen öfter von der Liebe und Freundschaft
-sprach, die sie mit Petrus verband, so setzte Petrus in seinem
-Antwortschreiben die Gründe der wahren, in Gott gegründeten Liebe
-auseinander, die auch bei räumlichem Getrenntsein keinerlei Einbuße
-erleidet. Den Freund, so führt er schließlich aus, sollen wir in
-Gott und den Feind um Gottes willen lieben. So sei auch Christus
-für alle Menschen, auch für seine Feinde gestorben. Wiewohl nun aber
-der Tod des Herrn hinreichend gewesen sei, um Freunden und Feinden
-Erlösung zu bringen, so hätte er sie doch in Wirklichkeit nur den
-Freunden gebracht. Wie daher hinreichende und wirksame Gnade nicht in
-der Bemessung des Spenders, sondern in der Bewertung des Empfängers
-den Grund ihres Unterschiedes hätten, so sei auch Christi Tod von
-verschiedenem Werte gewesen für seine Freunde und für seine Feinde.[48]
-
- [48] Die im Munde eines Schülers des h. Thomas von Aquin bemerkenswerte
- Stelle über die Wirksamkeit der Gnade hat folgenden Wortlaut:
- „_Quamvis ergo amicis et inimicis mors domini ad liberationem
- suffecit, solis tamen amicis eam effecit. Et ideo: quantum
- differunt sufficientia et efficientia, non in dantis largitate,
- sed in recipientis utilitate, tantum dominus inter amicos et
- inimicos suos distinxit sua morte pretiosa._“ _V. C._ 194
-
-In einem Briefe, den Petrus erst im Jahre 1282 erhielt, der aber
-viel früher, nämlich nach Allerheiligen 1280, geschrieben wurde,
-berichtet Magister Johannes unter anderm, daß Christina vom 5. Juli
-ab, an welchem Tage die Seele des Pfarrers Johannes aus dem Fegfeuer
-befreit wurde, bis zum Feste der h. Maria Magdalena ununterbrochen
-große Tröstung und Wonne des Herzens verkostet habe. Sie sei während
-dieser Zeit sehr oft in Verzückung gekommen und in die Geheimnisse
-ihres göttlichen Bräutigams derartig vertieft gewesen, daß sie ihn,
-den Magister Johannes, wenn er mitunter in ihre Wohnung oder in ihr
-Kämmerlein eingetreten, nicht einmal bemerkt habe, obschon sie den
-Spinnrocken in der Hand hielt und recht fleißig spann oder sonst eine
-Handarbeit verrichtete. Und obschon er sie mehrmals angeredet habe, so
-hätte sie doch nichts von dem gehört, was er gesagt, bis sie aus der
-Entrückung gänzlich zurückgekehrt gewesen.
-
-In den drei Nächten, die dem Freitage vor Mariä Geburt vorangingen,
-also vom 4.-6. September, hatte sie verschiedenartige Qualen zu leiden,
-jedoch nicht sichtbarer Weise, sondern nur innerlich im Geiste. Es
-war ihr, wie wenn Donner und Blitz ihr Herz bestürmten. Da sie sich
-nicht darüber klar war, ob der böse Feind der Urheber der Quälereien
-sei, beschwor sie in der dritten Nacht, als die Plagen aufhörten,
-deren Urheber mit den Worten: „Ich beschwöre euch, ihr bösen Geister,
-im Namen des Herrn Jesus, daß ihr bekennet, ob dies alles durch euere
-Bosheit geschehen ist?“ Darauf erfolgte die Antwort: „Dienerin des
-allmächtigen Gottes, wir alle sind böse Geister, tausend an der Zahl;
-mit Zulassung des Allmächtigen haben wir dir diese Qualen unsichtbarer
-Weise zugefügt, um dich vom Gebete abzuhalten.“ Am folgenden Tage,
-dem Freitage vor Mariä Geburt, ging Christina zur Kirche, empfing den
-Leib des Herrn, kam in Verzückung, in der ihre Seele nach dem Maße
-der überstandenen Schmerzen die Wonne der göttlichen Tröstungen zuteil
-wurden (Psalm 90, 19).
-
-Es begab sich in der dritten Nacht nach Mariä Geburt, daß Christina
-mit ihrem Bruder Sigwin und einem andern Manne geschäftshalber nach
-Cöln reiste. -- Ihr Bruder fuhr einen Karren mit Weizen. -- Als sie
-nun nicht mehr weit von Cöln waren, aber erst Mitternacht vorbei war,
-spannten die beiden Männer die Pferde aus, ließen sie auf die Weide
-gehen ... und legten sich zum Schlafe nieder. Christina aber stieg auf
-den Karren, setzte sich auf die Säcke und hielt Wache, doch gar bald
-kam der Karren derart ins Wanken und Schwanken, daß Christina sich
-gezwungen sah, abzusteigen. Sie kniete nun auf die Erde nieder und hub
-an zu beten. Und siehe da, ein Wolf stürzte auf sie los mit funkelnden
-Augen und fletschenden Zähnen, wie wenn er sie hätte verschlingen
-wollen. Sie aber erachtete dies für teuflische Gaukelei und fuhr
-fort zu beten, ohne auch nur zu zucken. Da stürzte sich der Wolf auf
-Christinas Bruder, und es erscholl ein klägliches Geschrei wie aus dem
-Munde Sigwins, damit Christina glauben sollte, er würde erwürgt. Dann
-lief er auch auf die Pferde zu und griff diese an. Und bald kam ein
-ganzes Rudel Wölfe, fraß anscheinend die Leichen Sigwins und der Pferde
-und erfüllte die Luft mit wildem Geheul.
-
-Wir glauben diesen visionären Vorgang mitteilen zu sollen, weil
-er Veranlassung geworden, am Nordportal des Cölner Domes die selige
-Christina mit einem Wolfe darzustellen.
-
-Im Herbste desselben Jahres trafen neue Schicksalsschläge Christina
-und ihren Bruder Sigwin. Die Eltern Christinas waren infolge einer
-Bürgschaft, die ihr Vater für einen Christen einem Juden gegenüber
-übernommen hatte, um ihre Habe gekommen. Nur der ausverkaufte Gutshof
-mit dem eingestürzten Wohnhause scheint ihnen geblieben zu sein. Durch
-Christinas Bemühungen wurden jedoch die Verhältnisse wieder geordnet,
-wenn auch noch Schulden zu tilgen waren. Sigwin scheint Ländereien
-gepachtet zu haben, und unterstützt von Christina führte er wieder
-Ackerwirtschaft größeren Stiles. Christina durfte so hoffen, bald alle
-Schulden beglichen zu sehen und dann, aller weltlichen Sorgen ledig,
-ungestört der Pflege des innern Lebens sich hingeben zu können. Doch
-es sollte durch Gottes Fügung anders kommen. „Der Herr,“ so schreibt
-Magister Johannes, „hat seine Hand ausgestreckt und die fünf Pferde,
-die sie hatten, mit schwerer Seuche heimgesucht. Als die Ernte kaum
-unter großer Arbeit eingeheimst war, hat er zur allerschlimmsten Zeit,
-wo nämlich die Aecker zur Saat bestellt werden mußten, alle fünf Pferde
-an plötzlichen Erkrankungen eingehen lassen. In Zeit von drei Wochen
-wurden sie alle, und zwar zwei an einem Tage, dann eines allein und
-darauf wieder an einem Tage die beiden übrigen abgedeckt. Infolge
-dessen befindet sich Euere Tochter in mehrfacher Trübsal. Zunächst
-drücken sie stark die Schulden, die sie binnen Kurzem bezahlen zu
-können gehofft hatte. Dann ist sie auch noch immer gar sehr bekümmert
-wegen des Seelenheiles ihres Bruders, der jetzt die Ackerwirtschaft
-drangeben will. Doch diese und andere Leiden erträgt sie mit Geduld,
-indem sie spricht: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen;
-wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der Name des Herrn
-sei gebenedeit von nun an bis in Ewigkeit.“ --
-
-Zum Schlusse des Schreibens des Magisters Johannes ergreift Christina
-das Wort und spricht:
-
- „Folgendes läßt Euere Tochter Euch melden. Ihr möget ihr
- eine einsame und stille Zelle besorgen mit einer Kapelle
- in der Nähe, in der genannter Johannes, der zum Priester
- geweiht werden soll, die h. Messe lesen kann ... Dann aber
- klage ich Euch, teuerster Vater, daß der Prior Ingeld, ich
- weiß nicht durch welche Versäumnis dies gekommen, mich
- nicht gesehen und über die Angelegenheit meines Bruders
- deshalb auch nicht mit mir Rücksprache genommen hat. Das
- verursachte mir keinen geringen Kummer. Doch wurde ich
- dagegen nachher auch sehr erfreut durch Euern Brief, den
- genannter Prior mitgebracht hatte, den ich aber erst nach
- seiner Abreise, am Sonntag nach Sankt Bartholomäus (25.
- August), erhalten habe. Bedenket, teuerster Vater, die
- Leiden, die ich an Seele und Leib zu erdulden habe und
- unterstützet mich bei Euerm ewigen Bräutigam und Freund
- ohne Unterlaß durch Euer Gebet. Säumet auch nicht, das im
- Briefe in Aussicht gestellte recht bald auszuführen. Es
- grüßt Euch der Herr Pfarrer, der Magister Johannes, Hilla
- vom Berge, mein Bruder und meine Schwester sowie Euere
- sonstigen Freunde. Sie bitten um Euer Gebet, namentlich
- aber Magister Johannes, weil er die heiligen Weihen,
- nämlich das Diakonat und sodann die Priesterweihe, zu
- empfangen wünscht.[49]
-
- [49] Das Subdiakonat zählte also damals in der Cölner Kirche nicht
- zu den =heiligen= Weihen, wie es in den morgenländischen Kirchen
- auch heute noch nicht als solche betrachtet wird.
-
- Flehet also in andächtigem Gebete zu Gott, daß, wenn es
- so sein heiliger Wille sei und genannter Johannes in der
- Demut und Frömmigkeit Fortschritte machen soll, sein Wunsch
- in Erfüllung gehe und der Herr seinen Sinn und all sein
- Tun nach seinem heiligen Wohlgefallen ordne und lenke. Wir
- möchten zu unserer Tröstung um Zusendung des dem Magister
- Johannes versprochenen Büchleins bitten, wenn wir uns
- nicht in Wirklichkeit mit der Hoffnung trügen, Ihr würdet
- persönlich zu uns kommen. Lebet wohl, teuerster Vater, und
- bleibet stark in der Liebe des ewigen Bräutigams Euerer
- Seele und Eueres trautesten Freundes. Nicht ein dürftiges
- Schreiben, sondern Euer persönliches Kommen, nach dem
- wir lange und inständig uns sehnen, möge auf diesen Brief
- die Antwort bilden. Nochmals, lebet wohl und freuet Euch
- allzeit im Herrn.“
-
-Vorstehender Brief blieb ohne Antwort, weil er erst nach nahezu zwei
-Jahren in die Hände des Petrus kam. Deshalb schrieb Christina im Advent
-1280 abermals an Petrus, vornehmlich um ihm ihren Bruder Sigwin zu
-empfehlen. Das Schreiben lautet, wie folgt:
-
- „In Jesus Christus, ihrem ewigen Bräutigam und
- geliebtesten Freunde, entbietet ihrem Vater und Freunde,
- dem Herrn Bruder Petrus, Lesemeister von Gotland, seine
- arme und verlassene Tochter, Christina von Stommeln, Gruß
- sowie unvergänglichen und vollen Trost =im Herzen= des
- Geliebten, dessen sie sich leider gänzlich beraubt fühlt.
-
- Da ich, teuerster Vater und Herr, die vielfache Trübsal
- und Kümmernis meiner Seele weder durch Briefe noch durch
- Worte so, wie es mir ums Herz ist, auszudrücken vermag,
- so möge jener, der Herzen und Nieren durchforscht, Euch
- kundtun und Euerem Geiste Verständnis dafür und Mitleid
- einflößen. Ach, teuerster, welcher Güter und Tröstungen
- bin ich beraubt! Ach, von welchen Leiden und Aengsten bin
- ich umgeben! Stimme denn an deine Wehklage, o du, mein
- armes Herz, und seufze auf in deiner Trostlosigkeit, weil
- dein Heiland und Helfer ob deiner Sünden sich gänzlich
- von dir zurückgezogen und dich lebendig zu den Dämonen in
- der Unterwelt gesellt hat. Gleich erachtet bist du jenen,
- die hinabsinken in den See; geworden bist du wie eine
- Erschlagene, gleich jenen, die in den Gräbern ruhen; und
- deren nicht mehr mit Segensspruch gedacht wird, da sie
- weggewiesen sind von Gottes beseligendem Antlitze.[50] Was
- nun wirst du tun? Zu wem wirst du deine Zuflucht nehmen?
- Wer wird dich aus dieser tiefsten Unterwelt befreien? O,
- möchte es dir freistehen, aus Liebe zu deinem Geliebten,
- wiewohl er sich dir entzogen hat, zu sterben oder es
- dir doch vergönnt sein, deinem Schmerze freien Lauf zu
- lassen. Doch ach! und abermals ach! Schmerz häuft sich auf
- Schmerz! Denn zu alledem wirst du auch noch in die Sorgen
- und Kümmernisse der Welt verwickelt und so beklagenswerter
- Weise abgehalten, deinem Schmerze dich hinzugeben und den
- Verlust deines Geliebten ohne Unterlaß zu beweinen. Um
- das Maß deines Schmerzes voll zu machen wird dir überdies
- zu den vielen und unaufhörlichen Plagen auch noch von den
- Dämonen der Vorwurf gemacht, daß jene, die du für deine
- treuesten Freunde hieltest, wegen deines übelgeordneten
- und irrigen Lebenswandels, deiner überdrüssig sind und dich
- gänzlich verlassen. Wenn daher, teuerster Vater, Ihr noch
- Mitleid verspürt, wenn in Euerm Herzen sich noch Mitgefühl
- regt, so möge dieses Euch rühren und zur Teilnahme bewegen.
- Somit beschwöre ich Euch, teuerster Vater, bei jener Treue
- und Liebe, vermöge der Ihr von Ewigkeit her von Gott zum
- engern Freundschaftsbunde ausersehen worden seid, Ihr
- wollet den Schmerz meines Herzens lindern und meiner Seele
- wieder volle Freiheit wiedergeben und deshalb bei der
- ersten sich darbietenden Gelegenheit ohne Verzug persönlich
- hieher kommen, um die schier unerträgliche Last meines
- Herzens zu erleichtern, besonders aber, um meinen Bruder,
- worum ich Euch so oft und so inständig gebeten habe, an
- eine Stätte zu bringen, wo er ungestört ein gottseliges
- Leben führen kann. Denn er ist hauptsächlich Gegenstand
- all meiner äußern Besorgnis. Ich sagte aber, Ihr möchtet
- persönlich kommen, weil mein Bruder sich nicht so sehr aus
- eigener Neigung, als infolge von Belehrung und gütlichem
- Zureden zum Ordensleben hingezogen fühlt und deshalb einem
- Fremden wohl nicht so bereitwillig folgen möchte als gerade
- Euch.
-
- [50] Die Redewendungen sind dem 87. Psalme entnommen.
-
- Abb. 10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.
-
- Abb. 11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.
-
- Wohlan denn, teuerster Vater, von ganzem Herzen danke ich
- Euer Liebden für alle und jede Wohltaten, die Ihr mir so
- väterlich erwiesen habt, und abermals bitte ich flehentlich
- im =geliebten Herzen= des vielgeliebten Bräutigams und
- Freundes, in dem wir uns einander aufrichtig lieben, Ihr
- wollet doch, getreu Euerer bisherigen Gepflogenheit, in
- diesem meinem Anliegen, das gleichsam Ziel und Anfang
- all meiner Besorgnis ist, mir Euern Liebeserweis weder
- versagen noch ihn hinausschieben, um nicht durch Zögern
- mein Herz, anstatt es zu erfreuen, über die Maßen
- zu betrüben und den Gewinn, den Ihr an meinem Bruder
- erzielen könnt, durch Hinausschieben gänzlich in Frage
- zu stellen. Denn es liegt auf der Hand, daß mein Bruder,
- so lange er noch in Demut Rat anzunehmen gesonnen ist
- und sich nach Euerer Ankunft sehnt, durch Euern Rat und
- Beistand zum Hafen des Heils geführt wird oder aber, zum
- bittersten Schmerze und Leidwesen meines Herzens, von
- den Nichtigkeiten der Welt, die jetzt sein Seelenheil
- in Gefahr bringen, betört, heilsame Ratschläge von sich
- weisen und in den Abgrund des Lasters versinken wird. Es
- liegt auch noch ein anderer Grund vor, weshalb ich gar
- sehr nach Euerer Ankunft verlange. Magister Johannes, der
- bereits zum Diakon geweiht worden ist, soll, wie ich mit
- Sicherheit annehme, an den kommenden Quatembertagen die
- Priesterweihe erhalten. Die Zahl seiner Schüler hat aber
- derartig abgenommen und ist so gering geworden, daß er
- Mangel am nötigen Lebensunterhalt hat und deshalb an seiner
- bisherigen Stelle nicht mehr bleiben kann. Sollte er nun
- wegziehen, so können Euer Liebden leicht ermessen, daß
- dies mir mehr Schmerz verursachen würde als der Tod irgend
- eines mir Nahestehenden. Deshalb hegt besagter Johannes
- gleich mir das sehnlichste Verlangen nach Euerer Ankunft,
- damit Ihr meinen Bruder mitnehmet und auch mir raten
- möget, was wir tun und wohin wir gehen sollen. Deshalb
- bitte ich nochmals und abermals flehentlich: Kommet doch.
- Lebet wohl, teuerster Vater, und betet recht inständig
- und herzlich zu Euerem Freunde für Euere schwer geprüfte
- und trostlose Tochter. Johannes läßt Euch sagen, daß er
- manches über Christi Wunderwerke aufgeschrieben hat. Wenn
- Ihr es zu haben wünscht, so empfiehlt es sich, daß Ihr
- möglichst bald kommt. Lebet wohl und bleibet stark in der
- Liebe Christi!“
-
-Diesen Brief erhielt Petrus im Herbste 1281, als er zum
-Provinzialkapitel in Skeninge weilte. Sogleich besprach er
-sich bezüglich der Anliegen Christinas mit dem Prior der Insel
-Gotland, Bertold, der ihr eine Unterstützung im Betrage von zwölf
-Sterlingsschillingen (_solidi sterlingorum_) zuschickte und zugleich
-den guten Rat erteilte, ihren Bruder Sigwin nach Gotland einzuladen
-und seine Aufnahme in den Dominikanerorden in die Wege zu leiten. Der
-bereits mehrfach erwähnte Bruder Mauritius, ein Bekannter Christinas,
-sollte den zum Definitor des für den Frühling 1282 in Wien anberaumten
-Generalkapitels seitens der Provinz Dazien erwählten Bruder Johannes
-auf der Reise begleiten und dieser sollte, da die Reise über Cöln ging,
-den Sigwin mitbringen. Mauritius brachte drei Briefe nach Stommeln
-mit, einen Brief des Bruders Petrus für Christina, desgleichen einen
-Brief des Priors Bertold an Christina, in denen Christina eingeladen
-wird, mit Sigwin nach Gotland zu kommen, wo sie in einem Kloster der
-Dominikanerinnen alle Tage ihres Lebens Gott dienen könne. Sie könne
-dort ihr jetziges Ordenskleid beibehalten oder auch das Ordenskleid der
-Dominikanerinnen annehmen. „Doch,“ schreibt Petrus, „will ich Euch in
-dieser Sache nicht meine Meinung aufdrängen; denn ich weiß, daß Ihr den
-Geist Gottes habet, der Euch in allem zu belehren pflegt.“
-
-Der dritte Brief war für Magister Johannes bestimmt und von Bruder
-Petrus geschrieben. Aus ihm ersehen wir, daß im Sommer 1281 die
-Abhandlung von den Tugenden, die das erste Buch der Jülicher
-Handschrift bildet, durch einen jugendlichen Cölner Bürger, Johannes
-von Stolzenberg, dem Magister Johannes und Christina aus Gotland war
-überbracht worden. Auch ein Mann von vornehmer Herkunft, Johannes,
-Bruder der Miliz Christi, d. h. des dritten Ordens des h. Dominikus,
-schrieb an Christina, er habe von seinen Eltern eine besondere Vorliebe
-für den Dominikanerorden überkommen und selbe auch bewahrt. Auch
-habe er zwei Schwestern, von denen eine, Namens Christina, bereits
-gestorben sei. Beide hätten das Kleid der Schwestern des h. Dominikus
-genommen und es länger als zehn Jahre allein im Königreich Schweden
-getragen. Ihr Verlangen nach Zuwachs sei leider lange Zeit hindurch
-unerfüllt geblieben. Jetzt endlich sei mit Bewilligung des Königs von
-Schweden und des zuständigen Diözesanbischofs sowie des Provinzials
-von Dazien ein schön und günstig gelegenes Kloster gegründet worden,
-das er aus seinem Vermögen sowie demjenigen seines Bruders Andreas
-und seiner Schwestern mit Einkünften ausgestattet habe. Dahin ladet
-er Christina mit ihrem Bruder Sigwin ein, damit sie dort an die Stelle
-seiner verstorbenen Schwester Christina trete. Auch Helborgis und ihre
-Schwester, die beide Beginen auf Gotland waren, luden Christina zu
-sich ein, wobei sie bemerkten, daß sie unter Leitung der Dominikaner
-ständen. Der Definitor der Provinz Dazien auf dem Generalkapitel in
-Wien, Johannes, starb zu Wien oder auf der Reise und sein Begleiter
-Mauritius schrieb nun nach Cöln an Bruder Laurentius aus Dazien, der
-in Cöln studierte, er möge Christina wissen lassen, ihr Bruder Sigwin
-solle sich bereit halten, um mit ihm, Mauritius, bei seiner Rückreise
-aus Oesterreich zu Bruder Petrus nach Dazien zu reisen.
-
-Auch empfiehlt er die Seele des verstorbenen Definitors Johannes in
-Christinas Gebet und läßt ihr danken für das h. Haupt, das sie diesem
-verschafft habe.
-
-Am Feste Peter und Paul oder kurz nachher ist dann Sigwin mit Bruder
-Mauritius nach Dazien abgereist. Am Vorabend des h. Laurentius
-langten die beiden in Wisby auf Gotland an, woselbst gerade das
-Provinzialkapitel gehalten wurde. Die beiden überbrachten dem Bruder
-Petrus einen Brief Christinas, den letzten, der uns erhalten ist.
-Derselbe lautet wie folgt:
-
- „Ihrem in Jesus Christus, dem süßesten Bräutigam und
- Freunde, geliebtesten Vater und Herrn, dem Bruder Petrus,
- Lesemeister auf Gotland, entbietet seine gar arme Tochter
- Christina von Stommeln, demütiges und frommes Gebet und
- was immer an Wonnevollem sich im Brautgemache des ewigen
- Bräutigams finden mag. Teuerster Vater und Herr, für
- die Güte und Treue, die Ihr mir allerorts und in allen
- Stücken in väterlicher Huld erweiset, jetzt aber dadurch,
- daß Ihr Euch für meinen Bruder so getreulich bemühtet,
- in ganz vorzüglicher Weise bekundet habt, kann ich Euch
- niemals genugsam Dank sagen. Ich bitte aber und flehe,
- jener süßeste Bräutigam und Freund, der gütig und getreu
- ist und ein überaus gnädiger Belohner alles Guten, möge
- statt meiner es Euch vergelten. Im vollen Vertrauen auf
- Euere Güte und Treue lasse ich also jetzt meinen Bruder zu
- Euch reisen und ich empfehle ihn Euerer Liebe in Christo.
- Er ist aufrichtigen Sinnes, schüchtern im Auftreten und
- sanften Gemütes. Unter allen meinen leiblichen Brüdern und
- Schwestern habe ich ihn von Kindheit an besonders geliebt
- und ihn deshalb, da ich zuversichtlich hoffe, er werde
- sein ewiges Heil wirken, allzeit durch fromme Ermahnungen
- und gütiges Zureden zu fördern gesucht. Und nun bitte
- ich Euch inständig bei aller Treue und Liebe, mit der wir
- uns einander zugetan sind, Ihr wollet ihn, als Ankömmling
- und Fremdling in Euerem Lande, in Güte aufnehmen und ihm
- die Erweise Euerer Liebe noch mehr als mir selbst, wenn
- ich in Person bei Euch wäre, um Gottes willen zukommen
- lassen. Auch bitte ich Euch, dafür Sorge zu tragen, daß
- er, sofern es nur irgendwie möglich ist, in Euerem Kloster
- Unterkunft findet, und Ihr ihn dort gleich wie Euern Sohn
- behandelt, ihn wie eine zarte Pflanze durch gütiges Zureden
- und heilsame Lehre gleichsam bewässert und zum Ordensleben
- anleitet. Das ersehne und erhoffe ich nämlich mit allen
- Fasern meines Herzens, weil ich vor allen Menschen zu Euch
- ein besonderes Vertrauen habe. Sollte dieses jedoch sich
- nicht bewerkstelligen lassen, so bitte ich inständigst
- und ergebenst, Ihr wollet ihn Euerem besondern Freunde,
- dem Herrn Prior Bertold, und den einzelnen Brüdern jenes
- Klosters getreulich anbefehlen und denselben ans Herz
- legen, daß sie ihn liebevoll aufnehmen, durch gütiges
- Zureden und trauliche Unterredungen ihn zum Guten anleiten
- und seinen Sinn weiter ausbilden; denn seine Gemütsart
- erheischt Ermunterung zum Guten und liebevollen Zuspruch.
- Und weil ich vor allen übrigen Orden dem Predigerorden in
- aufrichtiger Liebe und besonderer Ergebenheit zugetan bin,
- so bin ich voller Freude und Wonne darüber. daß mein Bruder
- in denselben Aufnahme findet. Deshalb bitte ich Euch, Ihr
- wollet doch diesen meinen Bruder in keinem andern Orden als
- demjenigen Euerer Brüder unterbringen und dafür sorgen, daß
- er von den Brüdern mit solchem Wohlwollen behandelt wird,
- daß nicht die fremde Gegend, die immerhin schwerdrückende
- Entfernung von der Heimat und die Strenge der Ordenszucht
- ihm Ueberdruß verursachen, ihn mutlos machen und, was
- Gott verhüten wolle, in die Heimat zum größten Schmerze
- meines Herzens zurücktreiben ... Abermals bitte ich recht
- herzlich, Ihr wollet zu meines Herzens großer Freude mir
- recht bald schreiben und mir im Einzelnen mitteilen, wo,
- wie und wann mein Bruder in Euern Orden aufgenommen worden
- ist und wie es ihm auf der Reise ergangen. Aber auch
- noch einen andern Wunsch habe ich, daß Ihr ihn nämlich im
- Ordenskleide der Predigerbrüder hierher führet. Denn nichts
- könnte mich, sofern es Gottes Wille sein sollte, so sehr
- bewegen und bestimmen, in Euerem Lande meinen Aufenthalt
- zu nehmen. Geschrieben am Tage der Apostel Petrus und
- Paulus. Lebet wohl für immer.“
-
-Am 9. August 1282 kam Sigwin, von Bruder Mauritius geführt, in Wisby
-an. Sie brachten auch ein Heiligenhaupt mit, das Christina für den
-inzwischen verstorbenen Definitor Johannes in Cöln besorgt hatte, wofür
-Petrus später seinen Dank ausspricht. Petrus besprach sich sofort in
-Wisby mit dem dort zum Provinzialkapitel weilenden Prior Bertold, und
-Sigwins Aufnahme in den Dominikanerorden wurde beschlossen. Bereits am
-Tage des h. Bernard (20. August) wurde er wahrscheinlich in Schöningen
-eingekleidet und erhielt den Namen Gerhard, weil der Name Sigwin in
-dortiger Gegend nicht gebräuchlich war. Bruder Petrus konnte in einem
-Briefe, den er vor dem Provinzialkapitel des Jahres 1283 an Christina
-schrieb, nur Gutes über ihren Bruder melden: Er sei gesund an Leib und
-Seele und von Gott und den Menschen geliebt. „Unsere Brüder,“ schreibt
-Petrus, „die ihn kürzlich sahen und lange Zeit mit ihm zusammen waren,
-haben mir erzählt, er sei Kellermeister unserer Brüder und führe dieses
-Amt so umsichtig, daß es allen eine wahre Freude sei. Auch sagten
-sie, er sei gottselig und eifrig besorgt, unsere Ordenssatzungen zu
-beobachten. Dafür, Teuerste, schuldet Ihr Gott innigsten Dank. Jetzt
-will ich, was ich bisher nicht wagte, Euch die Wahrheit gestehen.
-Wider Erwarten nämlich ist die Sache gelungen; denn, wenn Ihr wüßtet,
-wieviel hin und her überlegt wird, wenn es sich um die Aufnahme von
-Laienbrüdern in unsern Orden handelt, so würdet Ihr es für ein Wunder
-oder doch für einen besonderen Hulderweis Gottes erachten, daß Euer
-Bruder unter Unbekannten so schnell in den Orden aufgenommen worden
-ist.“ Vom Provinzialkapitel des Jahres 1284, dem Petrus als Prior von
-Wisby beiwohnte, erhielt Christina die weitere fröhliche Nachricht, daß
-ihr Bruder, wie es von jeher ihr sehnlichster Wunsch gewesen, unter
-die Leitung des Petrus komme. Noch vor dem Winter des Jahres 1284
-wurde er ins Kloster zu Wisby versetzt, wo Petrus Prior war. Im Jahre
-1287 war er aber wieder in einem andern Kloster. Denn Petrus meldet
-der Christina, ihr Bruder befinde sich sehr wohl und sei Gott und den
-Menschen wohlgefällig. Alle Ausgaben der Brüder seines Klosters gingen
-durch seine Hand und seien seiner Verwaltung übergeben. Auch habe er
-ihm geschrieben, es sei ihm sehr lieb, in dem Kloster zu verbleiben,
-in dem er sich jetzt befinde. Im Herbste 1287 jedoch starb Petrus
-und Bruder Folkwin, der am 9. September Christina die Trauerbotschaft
-meldete, stellte einen baldigen Besuch Sigwins in Stommeln in Aussicht.
-Weitere Nachrichten über Sigwin fehlen.
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel.
-
-Christina bewirkt die Bekehrung der Sünder und die Befreiung der armen
-Seelen aus dem Fegfeuer.
-
-
-Wie die Sonne nach ihrem Aufgange am Morgen sich allmählich immer
-höher erhebt und bei ihrem Hinaufsteigen immer mehr Licht ausstrahlt
-und immer mehr Wärme verbreitet, bis sie am Mittage in vollster Pracht
-und Herrlichkeit in der Höhe des Firmamentes erglänzt, so machte
-auch Gottes treue Dienerin Christina von Jahr zu Jahr, ja von Tag zu
-Tag immer größere Fortschritte in der Erkenntnis und Liebe Gottes.
-Und weil sie Gott liebte, deshalb war ihr Herz auch von aufrichtiger
-Liebe zum Nächsten erfüllt, der ja Gottes Ebenbild in sich trägt und
-zur ewigen Seligkeit berufen ist. In zweifacher Hinsicht betätigte
-sie vorzugsweise die Tugend der Nächstenliebe, in der Sorge um die
-Bekehrung der Sünder und im Erbarmen mit den armen Seelen im Fegfeuer.
-
-Christus ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was veloren war.
-Es darf uns daher nicht wundern, daß Christina, an der immer mehr die
-Präge Christi hervortrat, ganz besonders auf die Rettung der armen
-Sünder bedacht war. Der Versucher gestand ihr einmal, daß er die Länder
-durcheile und aus allen Ständen viele Seelen sich erwerbe. Sie aber
-raube ihm jene wieder, die er schon in seinem Besitz zu haben gewähnt.
-Sie bot sich nämlich als Schlachtopfer der Gerechtigkeit Gottes dar für
-die Sünden anderer, um Gottes Zorn zu beschwichtigen und den Sündern
-Erbarmung und Bekehrung zu erwirken. So lesen wir von ihr im dritten
-Buche der Jülicher Handschrift, daß in der Nacht vom 12. auf den 13.
-Januar 1284, als sie sich für den folgenden Tag auf den Empfang der
-h. Kommunion vorbereitete, ein böser Geist, der sie bereits seit zwei
-Jahren des öftern mit einem Dreizack gemartert hatte, sie jetzt mit
-einem eisernen Haken, der zwei umgebogene Spitzen hatte, zerfleischte.
-Dieser böse Geist war immer stumm gewesen und Christina hatte nie die
-Kraft gehabt, ihn zur Rede zu stellen. Vom Herrn bestärkt sprach sie
-aber jetzt zu ihm: „Ich beschwöre dich in Kraft des Leidens meines
-Herrn Jesus Christus, daß du mir gleich sagest, weshalb du mich
-schon so lange und so heftig gequält hast?“ Jener erwiderte: „Nicht
-deinetwegen habe ich dies getan. Vom Allerhöchsten werde ich gezwungen,
-dieses zu tun, weil du ein so großes Verlangen hast, für die Sünden
-anderer zu büßen.“ In der Fastenzeit desselben Jahres hatte sie gar
-schreckliche Qualen zu erdulden, kam auch bei der h. Kommunion nicht
-in Verzückung, wurde aber am Abend des Freitags der ersten Fastenwoche
-über den Willen Gottes bezüglich der Leiden, die ihrer noch harrten,
-belehrt. Wozu diese Leiden dienten, das zeigte sich in den beiden
-Nächten der Karwoche, die dem Gründonnerstage vorangingen. In der Nacht
-vom Dienstag auf den Mittwoch schlangen sieben Teufel ihr eine glühende
-Kette um den Leib und schleppten sie aus ihrem Kämmerlein durch Disteln
-und Dornen in eine weit entlegene Gegend bis an einen großen Wald und
-sprachen dann zu ihr: „Siehe, Elendeste, in diesem Walde hausen sieben
-Räuber, die uns zu Willen sind, schon viele Mordtaten vollbracht und
-nicht wenige Seelen zu uns in die Hölle befördert haben. Wofern du
-nicht deinen Sinn änderst, so schleppen wir dich in den Wald hinein,
-schlagen ringsum eine Anzahl Bäume nieder, lassen aber einen stehen, an
-dem wir dich anbinden werden, locken alsdann durch unser Geschrei die
-Räuber herbei, die dich in deiner schmachvollen Lage sehen sollen, um
-dann mit uns und den Räubern in die Hölle zu fahren.“ Mutig entgegnete
-Christina: „Sparet euere Drohungen und tut, was euch vom Herrn befohlen
-ist.“ Wütend stürzten nun die Teufel auf sie los, schleppten sie in den
-Wald, erfüllten denselben mit furchtbarem Geheul, hefteten Christina
-mit der Kette an einen Baum und sprachen dann höhnend: „Nun rufe
-deinen Bräutigam an, deinen Herrn und Helfer.“ Christina aber sprach:
-„Mein Herr Jesus Christus wird mich nicht verlassen; euch Lügengeister
-aber wird die ewige Qual verschlingen.“ Die Teufel wichen nun zurück.
--- Vom ungewohnten Getöse aufgeschreckt waren aber unterdessen die
-Räuber herbeigekommen und sie hörten das standhafte Wort der Jungfrau.
-Mit neugieriger Scheu traten sie an den Baum heran, an den Christina
-angekettet war. Diese war aber derartig zugerichtet, daß die Räuber
-nicht wußten, ob sie ein menschliches Wesen vor sich hatten oder
-nicht. Auf ihr verwundertes Ausrufen, was denn los sei, und ob das
-etwa ein menschliches Wesen sei, was da hänge, sagte Christina, die
-bösen Geister seien hier im Spiele. „Ich aber,“ so fuhr sie fort, „bin
-wahrhaft ein Mensch von katholischem Glauben und zwar ein weibliches
-Wesen. Wisset aber, daß ich durch mich selbst in so großer Folter
-nicht mehr leben könnte; aber mein Herr Jesus Christus, der für mich
-gestorben ist, er ist mein Leben, mein Heiland, mein Schutz. Und weil
-ich in ihm lebe, so verschmachte ich nicht in den Leiden und verliere
-darin nicht mein Leben; denn er lebt in mir und redet aus mir und
-beschützt mich überall.“ Darüber erstaunten die Räuber und sprachen:
-„Wir kennen gar nicht diesen großen Gott und Herrn, der dir in so
-großen Leiden das Leben erhält, und wir glauben niemals, daß es nach
-diesem Leben noch ein anderes Leben gebe. Darum haben wir uns nicht
-gescheut, unsere Hände zu allen Freveltaten auszustrecken. In dieser
-Nacht aber haben wir so schreckliche Dinge gesehen und gehört, daß
-wir vor Angst fast vergangen wären.“ Christina aber erwiderte: „Es
-gibt einen wahren und allmächtigen Herrn Jesus Christus, der sich
-herabgelassen hat, für das Heil des menschlichen Geschlechtes am Kreuze
-zu sterben, der aber am dritten Tage wieder auferstanden ist und gen
-Himmel aufgefahren. Er ist das Leben aller, die einen gottseligen
-Wandel führen; er ist ein Helfer und Beschützer aller, die auf ihn
-vertrauen. Er wird auch denen, die an ihn glauben und ihm treu dienen,
-selige Unsterblichkeit schenken. Es gibt aber auch ein anderes, nie
-endendes, unseliges Leben, das eher Tod als Leben genannt zu werden
-verdient. Dieses ist für die Gottlosen und die Sünder bestimmt. Es
-ist die schreckliche Finsternis, in der häßliche und schreckliche
-Dämonen wohnen. Ihrer Gewalt werden diejenigen, die sich nicht zum
-Herrn bekehren wollen, sondern in ihrer Bosheit verharren, nach diesem
-Leben überliefert, um von ihnen mit unerträglichen Qualen ohne Erbarmen
-gepeinigt zu werden.“
-
-Diese Worte machten Eindruck auf die Räuber und sie sprachen: „Wenn
-das wahr ist, was du sagst, was wird dann aus uns werden? Denn wir
-sind Mörder und Räuber, und wenn wir schon dem Namen nach katholisch
-sind, so haben wir doch Gott weder erkannt noch gefürchtet. Vor
-mehreren Jahren haben wir uns zusammen getan und unsern Aufenthalt in
-diesem Walde genommen, der über sechzehn Meilen breit und über dreißig
-Meilen lang ist. Hier haben wir viele Mordtaten und alle möglichen
-Arten anderer Greueltaten vollbracht. Wie können wir demnach noch
-hoffen, Rettung zu finden?“ Die Jungfrau erwiderte ihnen: „Verzweifelt
-nicht, sondern bekehrt euch zum Herrn Jesus Christus, dem Vater der
-Erbarmungen, und bereuet euere Sünden von ganzem Herzen. Er ist gnädig
-und überaus barmherzig, und alle euere Sünden wird er euch vergeben,
-wenn ihr wahre Buße tun und in Zukunft die Sünden meiden wollet.“ Sie
-aber entgegneten: „Unsere Sünden sind so zahlreich und so groß, daß
-wir auf Verzeihung nicht hoffen können. Denn schon viele Jahre hindurch
-sind wir Räuber der schlimmsten Art gewesen und vor keinerlei Lastern
-schreckten wir zurück. Da wir nun mit so schweren Verbrechen behaftet
-sind, wie können wir uns da noch Hoffnung auf Vergebung machen?“
-Darauf sprach die Jungfrau: „Wollet nicht an der Barmherzigkeit Gottes
-verzagen und euch nicht durch Verzweiflung in den Fallstrick des ewigen
-Todes stürzen; denn Gottes unermeßliche Barmherzigkeit geht weit über
-alle euere Vergehen hinaus. Auch die Größe eurer Sünden soll euch
-nicht abschrecken; denn Gottes Erbarmen ladet euch zur Versöhnung ein.
-Befolgt mithin meinen Rat, lasset alles Mißtrauen fahren, flehet die
-große Güte Gottes an und bittet um Verzeihung. Und dann gehet zu den
-Priestern und bekennet vor ihnen mit reumütigem Herzen in der Beicht
-den ganzen Wust euerer Sünden.“
-
-Da aber sprachen sie: „Wenn wir deinen Rat befolgen und aus diesem
-Walde herausgehen würden, um Priester aufzusuchen, so würden wir
-ohne Zweifel das Leben einbüßen. Denn es gibt viele, die wegen
-unserer Mordtaten, Räubereien und anderer Frevel uns schon längst
-aufpassen, um uns zu ergreifen und uns dann dem schmählichsten Tode zu
-überliefern.“ Darauf sprach die Braut Christi: „Wenn ihr aus Furcht für
-euer leibliches Leben es nicht wagt, aus diesem Walde herauszugehen,
-um Priester aufzusuchen, denen ihr eure Sünden beichtet, so dürft
-ihr auch so durchaus nicht an der unendlichen Barmherzigkeit Gottes
-verzweifeln. Vielmehr in der festen Hoffnung auf Verzeihung erhebet
-Hände und Herz zu Gott empor und in der heiligen Gegenwart seiner
-Majestät bekennet mit dem Munde alle euere Sünden; denn der Vater
-der Erbarmungen und Durchforscher der Nieren ist hier gegenwärtig
-und wenn er sieht, daß euere Sünden euch leid sind, so wird er euch
-nicht nur verzeihen, sondern euch auch von allen Widerwärtigkeiten
-und Gefahren gnädig befreien und euch nach diesem vergänglichen Leben
-mit seinen Auserwählten in der ewigen Seligkeit krönen. Um euch aber
-mehr Zuversicht und Vertrauen einzuflößen, so nehme ich die Last
-euerer Sünden auf mich und erbiete mich aufs bereitwilligste, für
-euch genugzutun.“ Da nahmen zwei von den Räubern, Simon und Rembold,
-die leibliche Brüder waren, durch Gottes Barmherzigkeit gerührt, das
-Wort und ermahnten ihre Genossen, dem Rate der Jungfrau zu folgen und
-die Sünden wahrhaft zu bereuen. Diese aber waren noch unschlüssig,
-fragten hin und her, wollten zunächst wissen, was es mit der Jungfrau
-für eine Bewandtnis habe und wie sie dorthin gekommen sei. Um nun
-ihre Zweifel zu heben und ihre Hoffnung auf Verzeihung zu beleben,
-ergriff Christina wiederum das Wort und sprach: „Es gibt eine große
-und berühmte Stadt, die Cöln heißt. Etwa zwei Meilen von dieser Stadt
-liegt ein Dorf, Stommeln genannt. Dort bin ich diese Nacht, als ich
-in meinem Kämmerlein betete, von den Dämonen ergriffen, unter großem
-Geheul in diesen Wald geschleppt und nach vielen Martern mit einer
-Kette an diesen Baum aufgehängt worden. Sie vermochten es aber nicht,
-mich zu töten, weil sie über mich nur insoweit Gewalt haben, als es
-ihnen von meinem Herrn Jesus Christus gestattet ist. Dieser ist mein
-Schützer und mein Helfer; er erhält mich am Leben; auch aus dieser Not
-wird er mich gnädig erretten, mich durch seine wunderbare Kraft heilen
-und stärken und mich an den Ort, von denn ich hierher geschleppt worden
-bin, wieder zurückbringen. Und das tut er, wie ich vertraue, nicht
-bloß dieses mal, sondern sehr oft schon hat er in ähnlichen und noch
-schwereren Bedrängnissen mich befreit. Er ist es, der mir die Kraft
-gibt, aus Liebe zu ihm zu leiden. Auch habe ich zwei Engel bei mir,
-die mich stärken. Ihr könnt sie freilich nicht sehen, weil die Augen
-eueres Geistes noch nicht hinlänglich gereinigt und deshalb hierzu noch
-nicht geeignet sind. Denn diese Engel sind Geister und können nur mit
-geistigen Augen geschaut werden. Wenn ihr aber an meinen Herrn Jesus
-Christus in Wahrheit glauben wollet, so werdet ihr sehen, wie ich durch
-diese Engel von meiner Marter wunderbar befreit, euern Blicken entzogen
-und gleichsam in einem Augenblick in mein Kämmerlein zurückgebracht
-werde.“
-
-Als die Räuber diese Worte vernahmen, sprachen sie: „Wir staunen über
-die Maßen darüber, daß du aus so weitentlegener Gegend hierher geführt
-worden bist; denn es däucht uns, daß dieser Wald wohl an dreihundert
-Meilen von Cöln entlegen ist.“ Von Gottes Barmherzigkeit gerührt fielen
-dann die Räuber allesamt auf die Knie nieder, flehten um Verzeihung
-ihrer Sünden, erhoben gemäß dem Rate der Jungfrau ihre Hände gen
-Himmel und bekannten ihre schmachvollen Vergehen vor der Jungfrau unter
-Tränen. „Erbarme dich unser,“ so riefen sie, „Vater der Barmherzigkeit,
-und habe Nachsicht mit der Schwere unserer Sünden; denn lasterhafte
-Menschen sind wir und die ärgsten Sünder. Fünfzehn Priester,
-teils Ordens-, teils Weltgeistliche, haben wir in diesem Walde mit
-eigenen Händen ermordet. Dazu haben wir noch fünfzig andere Personen
-geistlichen Standes, Diakonen, Subdiakonen und Studierende, getötet.
-Hundert Mädchen und ehrbare Frauen haben wir vergewaltigt und dann
-umgebracht. Auch haben wir Frauen, die ihrer Niederkunft entgegensahen,
-ums Leben gebracht. Die übrigen Menschen aber, die wir ermordet haben,
-als Kaufleute, Reisende und Pilger, sind nicht zu zählen. Alle diese
-haben wir ausgeplündert und dann getötet, und niemanden haben wir
-verschont, wenn gleich er flehentlich um sein Leben bat. Was wir so an
-uns gebracht, haben wir vergeudet, indem wir weder das Gesetz achteten,
-noch Gott fürchteten, sondern nach unsern Gelüsten lebten, weil wir
-kein anderes Leben nach diesem Leben anerkannten.“ Als sie nun diese
-und ihre anderen Sünden vor der Jungfrau bekannt hatten, ermunterte
-diese sie, sie möchten wegen der Menge ihrer Sünden nicht verzagen,
-vielmehr fest im Glauben und unerschütterlich in der Hoffnung auf
-Verzeihung beharren; sie selbst aber wolle für sie Genugtuung leisten.
-
-Während Christina also den Räubern zuredete, wurde ihr Leib auf einmal
-gar wundersam von Licht umstrahlt, im Glanze des Lichtes ehrfürchtig
-durch Engelshand vom Baume, an den er angeheftet war, losgelöst,
-vollständig geheilt, den Blicken der Räuber entzogen und unter großer
-Tröstung ins Kämmerlein nach Stommeln zurückgebracht.
-
-Ueberwältigt von dem hellen Lichtglanze, der ihre Augen traf, fielen
-die Räuber auf die Knie nieder, und als Christina vor ihnen in diesem
-Lichte entrückt wurde, da glaubten sie alles, was Christina zu ihnen
-geredet, legten alle Todesfurcht ab und machten sich auf den Weg, um
-Priester aufzusuchen, bei denen sie ihre Beichte ablegen könnten. Es
-war ja am Vorabende des Gründonnerstages. Sie wurden aber auf dem Wege
-von solchen, die ihnen auflauerten, ergriffen, und diese beschlossen
-in ihrer Habgier und Grausamkeit, sie ohne weitere Umstände und
-ohne gerichtliches Verhör zu töten. In dieser Not flehten die Räuber
-zwar nicht um Schonung, sondern nur darum, daß man ihnen Zeit gönne,
-ihre Sünden zu beichten. Dann wollten sie gerne sterben aus Liebe zu
-Christus, der ja auch für sie am Kreuze gestorben sei und der sie in
-vergangener Nacht so große und wundersame Dinge habe schauen lassen.
-Die Häscher aber spotteten ihrer und sprachen hohnlachend: „Höret, wie
-diese verruchten Räuber und Mörder jetzt noch Mönche werden wollen und
-unter dem Vorgeben der Beichte uns zu überlisten gedenken. Am Rade oder
-am Galgen mögen sie Profeß ablegen, und beichten und büßen mögen sie,
-wenn wir ihnen Pfähle durch die Weichen stoßen.“ Da sprachen die Räuber
-sich einander Trost zu und ermunterten sich gegenseitig, herzhaft den
-Tod zu erleiden aus Liebe zu Christus, der die Jungfrau in so großer
-Folter bewahrt und so wunderbar befreit habe, auf daß dieser ihnen in
-seiner Barmherzigkeit alle ihre Sünden nachlassen möge, weil sie ja
-keinen andern Beichtvater haben könnten. Als die Häscher dies hörten,
-fielen sie grausam über die Räuber her, trieben ihnen spitze Pfähle
-durch den Leib, hefteten sie damit an die Erde fest und brachten sie
-unter jammervoller Marter so zum Tode.
-
-In der Nacht darauf, also vor dem Gründonnerstage, wurde Christina von
-den nämlichen bösen Geistern an die Stätte geschleppt, wo die Leichen
-der Räuber aufgespießt waren und höhnend sprachen die bösen Geister
-zur Braut Christi: „Siehe, die Seelen dieser Räuber haben wir zur
-Hölle hinabgeführt, und wenn du dein Leben nicht änderst, so werden
-wir auch dir diese Pfähle durch den Leib rennen und deine Seele in
-die Hölle hinabführen, wo du in Gesellschaft dieser Räuber in Ewigkeit
-brennen sollst.“ Christina aber erwiderte mit Unerschrockenheit: „Wozu
-sucht ihr Lügengeister mich durch euer leeres Gerede zu erschrecken?
-Ich bin nämlich vergewissert, daß die göttliche Erbarmung diesen alle
-ihre Sünden verziehen, sie euerer Gewalt entrissen und sie in seiner
-Gnade der Zahl seiner Auserwählten zugesellt hat.“ Darob ergrimmten
-die Teufel, mißhandelten Christina, flohen aber, als diese standhaft
-blieb, unter Geheul von dannen, indem sie bekannten, daß sie über die
-Seelen der Räuber keinerlei Gewalt hätten. Christina aber wurde in
-großer Tröstung wieder in ihr Kämmerlein nach Stommeln zurückversetzt,
-feierte in gewohnter Andacht den Gründonnerstag, zog sich dann von
-der Außenwelt gänzlich zurück bis zum Karsamstage, wo die Spuren der
-Wundmale Christi, die sich am Karfreitage an ihrem Leibe erneuert
-hatten, noch sichtbar waren, empfing dann am Ostertage die h. Kommunion
-und kam allsogleich darauf in Verzückung, in der sie mit neuen
-Gnadengaben bereichert und mit unaussprechlicher Freude erfüllt wurde.
-
-Zur Erleichterung der Abbüßung der Sündenstrafen der sieben Räuber
-erlitt Christina in der Woche vor Pfingsten jede Nacht ganz besondere
-Leiden, nicht sichtbar, sondern nach Weise des Fegfeuers geistig,
-aber doch auch körperlich fühlbar, nämlich Qualen des Feuers, das heiß
-war über allen menschlichen Begriff, und dazu unerträgliche Kälte und
-andere empfindliche Peinen, die den Tod hätten herbeiführen müssen,
-wenn nicht Gottes Kraft sie am Leben erhalten hätte. Vor Allerheiligen
-erduldete sie wiederum eine Woche hindurch die Fegfeuersqualen für die
-sieben Raubmörder und erhielt am Allerheiligentage, als sie nach der
-h. Kommunion in Entzückung gekommen, die Versicherung, daß die Seelen
-jener sieben am nächsten Weihnachtsfeste würden erlöst werden. Im
-Advent litt Christina wiederum jene schweren Leiden des Fegfeuers, aber
-am Weihnachtstage wurde ihr in der auf den Empfang des Leibes des Herrn
-eintretenden Verzückung unter anderen Tröstungen auch die unsägliche
-Freude zu teil, die Seelen jener sieben Räuber, von ihren Strafen
-befreit, vor dem beseligenden Angesichte ihres Bräutigams mit der Krone
-des ewigen Lebens geziert zu sehen. Jene sieben Räuber aber hießen
-Simon, Rembold, Hermann, Konstantin, Volmar, Vortleuv und Eckbert.
-
-Je weiter Christina fortschritt in der innigen Vereinigung mit Gott,
-je vollkommener sie losgeschält wurde von allen Dingen dieser Welt,
-desto mehr nahm auch ihr Mitleiden mit den armen Seelen zu, so daß in
-der letzten Hälfte ihres Lebens das Büßen für die armen Seelen ihre
-Lieblingsandacht wurde.
-
-Christus der Herr hat, als er am Holze des Kreuzes hing, einen der
-mitgekreuzigten Schächer bekehrt und seine Seele noch am selben
-Abende ins Paradies eingeführt. Christina, die gewürdigt wurde,
-auch in diesem Punkte ihrem göttlichen Bräutigam ähnlich zu werden,
-bekehrte, wie wir eben gesehen, in der Karwoche 1284, als sie von
-bösen Geistern schmachvoll an einen Baumstamm aufgeknüpft worden war,
-sieben Raubmörder, erlitt für sie die Fegfeuersqualen und sah sie
-so am Weihnachtstage in der Herrlichkeit des Himmels. Was sie für
-arme Sünder der verkommensten Art, die ihr fremd waren, mit größter
-Bereitwilligkeit getan, das übte sie mit noch größerer Bereitwilligkeit
-und Hingabe für diejenigen, die ihr nahegestanden und Gutes erwiesen.
-Rührend ist es zum Beispiel zu lesen, wie durch ihr Gebet und durch ihr
-Leiden die Seele des Pfarrers Johannes von Stommeln aus dem Fegfeuer
-befreit wurde.[51]
-
- [51] _V. C._ 185-187.
-
-Der Herr gab ihr in den Sinn, um Qual und Leid zu bitten zur Erlösung
-der Seele des genannten Pfarrers. Da kam in den drei Nächten vor
-Pfingsten 1280 durch Gottes Zulassung der böse Geist in Gestalt jenes
-Priesters zu Christina und sagte, er sei auf ewig verdammt. Christina
-aber mochte dies nicht glauben und betete also zum Herrn: „O liebster
-Vater und Herr, soll denn dieser dein Diener, den du mir, deiner
-Magd, zum dienstbereiten Freunde gegeben, und der deinen Wunderwerken
-gläubig frommen Sinn entgegenbrachte, auf ewig von deinem Angesichte
-verstoßen sein, da du doch meinem Herzen eine wahre Hoffnung und ein
-volles Vertrauen eingeflößt hattest, daß er selig werden würde? Was
-soll ich denn anfangen? Wohin soll ich mich wenden? Wenn dieser von
-deinem Angesichte verstoßen wird, dann wird auch meine ganze Hoffnung
-und mein Vertrauen zu nichte!“ -- In der dritten Nacht nun bekannte
-jener böse Geist seine Lüge und gestand, daß er über jenen Priester
-kein Recht habe. Vom Pfingstmittwoche, dem 9. Juni 1280 bis zum
-Freitag nach Peter und Paul, den 5. Juli, dem Jahrestage des Todes
-jenes Pfarrers, erduldete Christina für dessen Seele die Peinen des
-Fegfeuers in der oben beschriebenen außerordentlich schmerzlichen Weise
-und sie schaute dabei auch die Ursachen dieser Qualen, nämlich die
-verschiedenen Nachlässigkeiten, die der Pfarrer sich zeitlebens hatte
-zuschulden kommen lassen. Am 5. Juli kam Christina nach dem Empfange
-der h. Kommunion in Verzückung, wurde im Geiste in den Himmel versetzt
-und schaute dort im Spiegel der Gottheit den Freund, für den sie soviel
-gelitten, bei dem ewigen Freunde und Bräutigam.
-
-Erschütternd ist das, was in den Offenbarungen der seligen Christina
-über die lange Dauer des Fegfeuers angedeutet wird. Wenn auch der
-Magister Johannes, der Christina die diesbezüglichen Mitteilungen bei
-ihrem Erwachen aus der Verzückung ablauschte, sich mitunter verhört
-haben mag, wenn auch die Berechnung der Jahre des Fegfeuers offenbar
-die Zeitdauer der für die einzelnen Vergehen festgesetzten Kirchenbuße
-widerspiegelt und die Verschärfung der Strafe oder stellvertretende
-Genugtuung eine Kürzung der Zeitdauer des Fegfeuers bedingt, so kann
-man sich dem Eindruck doch nicht entziehen, daß Gottes Gerechtigkeit
-unerbittlich jegliche Sünde straft, und wenn er auch den wirklich
-reumütigen Sünder nicht zur Hölle verdammt, er ihn doch für jede,
-auch der Schuld nach verziehene Sünde, im Fegfeuer der mißachteten
-Oberhoheit der göttlichen Majestät Sühne leisten läßt. Mit der langen
-Dauer des Fegfeuers, wie sie sich in den Offenbarungen der seligen
-Christina und anderer Auserwählten Gottes kundgibt, stimmt auch die
-Auffassung der Kirche überein, die Jahrhunderte hindurch die h. Messe
-für dieselben Verstorbenen darbringen läßt.
-
- Abb. 12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.
-
- Abb. 13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.
-
-Christinas Mutter hätte sechshundert Jahre im Fegfeuer bleiben müssen,
-hätte Christina nicht für sie ihre Leiden und Verdienste zur Sühne
-angeboten. In der Nacht nach dem dritten Adventssonntage 1282 wurde
-Christina von den bösen Geistern auf jene Felder geschleppt, die
-einst ihr Vater besessen hatte, und bei jedem Stücke sprachen sie zu
-ihr: „Siehe, das sind die Aecker, wegen deren dein Vater in Sünden
-gelebt und zur Hölle gefahren ist. Wofern du dich nicht auf der Stelle
-bekehrst, so werden wir dich zu deinem Vater ins ewige Feuer bringen.“
-Und da Christina sich an dieses Gerede nicht störte, so rissen die
-Teufel sie in die Höhe und ließen sie dann zur Erde fallen und das
-wiederholten sie auf jedem Ackerfelde. Die ganze Woche hindurch wurde
-Christina in dieser Weise und auch noch durch Verwundungen gepeinigt.
-Einigen Trost hatte sie jedoch dadurch, daß sie gleich zu Anfang der
-Woche über die Erlösung ihres Vaters belehrt wurde und so ertrug sie
-diese Peinen mit Freude. In der Nacht nach dem vierten Adventssonntage
-wurde sie nach Nettesheim geschleppt und in den drei folgenden Nächten
-nach Knechtsteden und dort gefoltert. In der dritten Nacht, der h.
-Weihnacht, rang Christina den Teufel, der sie mit einer Lanze in
-den Schlamm des Klostergrabens stieß, nieder, bannte ihn fest, bis
-die anderen Teufel herbeikamen und flehentlich um Entlassung baten.
-Sie gestanden, daß ihrer zwölftausend seien, daß sie von Gott den
-Befehl erhalten, Christina zu foltern zur Erlösung ihres Vaters. Am
-Weihnachtstage wurde Christina nach der h. Kommunion entrückt und
-wurde gewürdigt, die Seele ihres geliebten Vaters, für den sie soviel
-gelitten hatte, und zugleich die Seele eines jungen Mannes, des
-Bruders des Magisters Johannes, vor Gottes Angesicht in Seligkeit und
-Herrlichkeit zu schauen. Es wurde ihr dabei auch kundgetan, daß die
-Seele ihres Vaters noch zwölftausend Jahre und die Seele des jungen
-Mannes noch viele Jahre im Fegfeuer hätten leiden müssen, wenn durch
-Christinas Verdienste ihnen nicht Hülfe gekommen wäre.
-
- * * * * *
-
-In der Fastenzeit des Jahres 1283 erreichte die Peinigung Christinas,
-was die Anzahl der bösen Geister anbelangt, ihren Höhepunkt. Sie
-schleppten sie zur Nachtzeit gewöhnlich in den benachbarten Wald,
-„Gohrbroich“ genannt, und in der Nacht vor dem Gründonnerstage sogar
-in das weitentlegene, von einem grausamen Volke bewohnte Friesland
-und folterten sie auf alle mögliche Weise. Einem schlachtgeübten Helde
-gleich triumphierte Christina über den ganzen Höllenschwarm, der seine
-eigene Ohnmacht und die Allmacht des Herrn, den Christina verehrte,
-bekennen mußte. Den Gründonnerstag verbrachte Christina in Tröstung.
-Am Karfreitage schloß sie sich in ihr Kämmerlein ein, und empfing
-wie üblich die Wundmale des Herrn. Am Karsamstage war sie wieder in
-großer Freude und nach der Kommunion am h. Ostertage wurde ihr in
-der Verzückung kundgetan, daß durch ihr letztes Leiden zwei Seelen
-aus ihrer Verwandtschaft aus dem Fegfeuer befreit worden seien, von
-denen die eine sonst sechshundert, die andere dreihundert Jahre im
-Reinigungsorte hätte leiden müssen.
-
-Nach der prüfungs- und schmerzreichen Adventszeit des Jahres 1283
-wurde ihr am Weihnachtstage in der Verzückung auch die Auszeichnung
-zuteil, daß sie drei Seelen, für die sie so bittere Schmerzen hatte
-erdulden müssen, von den Strafen des Fegfeuers befreit, vor Gottes
-Thron erblickte. Die eine war die des Oheims des Magister Johannes, die
-zweite die der Großmutter Christinas und die dritte die einer Matrone
-aus Cöln, welche bei ihren Lebzeiten Christina besonders geliebt hatte.
-Gleichzeitig mit diesen wurde noch eine große Anzahl anderer Seelen
-aus den Qualen des Reinigungsortes in des Himmels Seligkeit eingeführt,
-die ohne Christinas stellvertretende Sühne noch viele Jahre im Fegfeuer
-wären zurückgehalten worden.
-
-Im Juni 1284 hatte Christina eine Erscheinung. Es zeigte sich ihr
-die Seele eines Adeligen, der einige Tage vorher in einem Gefechte
-bei Aachen gefangen genommen und dann aufs Rad geflochten und getötet
-worden war. Er hatte mehrere Jahre in Sünden dahin gelebt, jedoch die
-gute Gewohnheit beibehalten, täglich zu Gott zu beten und auch sonst
-war er gutherzig. Er hatte das Glück, vor seinem Tode eine reumütige
-Beichte ablegen zu können, und so wurde seine Seele durch Gottes
-Erbarmen vor der Hölle bewahrt, jedoch zu den schwersten Strafen des
-Fegfeuers verurteilt. Die Seele dieses Mannes sah Christina in der Qual
-und hörte ihn mit jämmerlicher Stimme rufen: „Erbarme dich meiner, o
-Vater der Barmherzigkeit, und habe Mitleiden mit mir, der ich mich
-in so schweren und unerträglichen Leiden befinde; denn du hast mir
-nach deiner wunderbaren und unaussprechlichen Güte die Barmherzigkeit
-erwiesen, mich vor der Hölle zu bewahren. Nun flehe ich zu dir, du
-wollest mich auch aus dieser so schweren und unerträglichen Marter
-befreien.“ Christina erbot sich, für ihn zu leiden, wurde infolgedessen
-von einer großen Schar böser Geister zwei Wochen lang aufs grausamste
-gehämmert und sonstig gefoltert, erhielt dann aber am Sonntag vor Petri
-Kettenfeier die Versicherung, daß jenem Manne soviele Jahre von seinen
-Strafen erlassen worden seien, als Teufel gewesen, die sie seinetwegen
-gequält hätten. Dann erlitt sie nach dreitägiger Pause zwei Wochen
-hindurch bis zum Feste der Himmelfahrt Mariens, dann wieder zwei
-Wochen lang vor dem Feste der Geburt Mariens und noch sechs Nächte
-nach diesem Feste die Qualen des Fegfeuers. Doch erst am Feste der
-Himmelfahrt Mariens 1285, vor dem sie abermals acht Tage hindurch die
-Fegfeuersmarter erduldet hatte, wurde sie in der Verzückung gewürdigt,
-zu sehen, wie die Seele jenes Edelmannes aus dem Fegfeuer erlöst und
-mit der Himmelsfreude beglückt wurde. Bei ihm befanden sich noch
-sieben andere Seelen von Männern, die sieben Jahre vorher, in der
-Gertrudisnacht 1278, beim Ueberfall Aachens durch Graf Wilhelm von
-Jülich, in der Stadt Aachen erschlagen worden waren, und außer diesen
-noch neun andere aus verschiedenen Gegenden, die, wenn Christina
-nicht für sie gelitten, sonst noch viele Jahre in den Flammen des
-Reinigungsortes hatten leiden müssen.
-
-Zwischen Ostern und Pfingsten 1285 hatte sie die Fegfeuerspein
-zur Erlösung von neun armen Seelen erduldet, deren Einzug in den
-Himmel sie am Pfingsttage in der Verzückung schaute. Eine dieser
-Seelen war die eines sehr weisen und gebildeten Cölner Bürgers, der
-vor anderthalb Jahren gestorben war. Dieser hatte einst Christina
-mit einigen anderen Ordensjungfrauen in sein Haus aufgenommen, ihr
-Gastfreundschaft erwiesen, sich nach Tisch unbemerkt zu den Füßen
-Christinas niedergeworfen und sie inständigst gebeten, doch seiner vor
-dem Herrn zu gedenken. Seit jenem Tage hatte Christina allezeit seiner
-im Gebete gedacht. Ohne Christinas Hülfeleistung hätte die Seele dieses
-Mannes angeblich dreißigtausend Jahre zur Abbüßung ihrer Sündenstrafen
-im Fegfeuer bleiben müssen. Eine andere Seele war die der Mutter eines
-Mädchens, das mit Christina sehr befreundet war. Diese hätte hundert
-Jahre im Fegfeuer zubringen müssen. Zwei andere waren Seelen von Frauen
-aus Cöln, die vor zwei Jahren gestorben und noch dreißig Jahre hätten
-leiden müssen, die fünf übrigen Seelen waren solche von Knaben, die
-ungefähr fünfzehn Jahre alt waren.
-
-Am Allerheiligenfeste 1285 schaute sie in der Verzückung sechs Seelen,
-für die sie in der vorhergegangenen Woche gebüßt hatte. Es waren Seelen
-von verheirateten Männern, die im selben Jahre in den Ländern jenseits
-des Meeres im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen waren. Drei davon
-hießen Petrus, einer dagegen Sibodo, einer Hermann und einer Heinrich.
-Diese hätten hundert Jahre Fegfeuer zu erdulden gehabt.
-
-Im Advent 1285 erduldete sie wiederum die Fegfeuersqualen und in der
-Verzückung erhielt sie am Weihnachtstage die frohe Kunde, daß vierzig
-Seelen aus dem Kerker der Reinigung befreit worden seien. Zwei davon
-waren aus Stommeln, und zwar war die eine die Seele einer Begine
-Hildegundis, die andere die Seele einer Witwe namens Elisabeth. Die
-übrigen waren aus entfernten Gegenden am Ufer des Meeres. Unter ihnen
-befanden sich zehn Männer, von denen drei Priester waren; die übrigen
-waren Frauen.
-
-Am Lichtmeßtage 1286 wurde sie in der Verzückung durch die Erlösung
-dreier Seelen beglückt, von denen die eine die Seele eines bereits vor
-vielen Jahren verstorbenen Verwandten war, für dessen Seelenruhe sie
-schon lange Jahre gebetet hatte. Die beiden andern waren Seelen von
-zwei Frauen aus Cöln, Mutter und Tochter. Am Freitage nach Pfingsten,
-den 7. Juni 1286, wurde Christina nach der Kommunion entrückt und wurde
-getröstet durch die Erlösung von abermals drei Seelen, für die sie die
-Fegfeuerspein erduldet hatte.
-
-
-
-
-Siebenzehntes Kapitel.
-
-Christinas letzte Prüfungen, friedevoller Lebensabend und seliges Ende.
-
-
-Die Gnade der Beharrlichkeit ist bekanntlich ans Gebet geknüpft. Darum
-versucht der Feind des Menschengeschlechtes es bis zum Aeußersten,
-selbst bei den Auserlesenen, daß sie vom Gebete ablassen oder es lau
-und lässig verrichten.
-
-In der dritten Nacht nach Christi Himmelfahrt 1282 trat der Versucher
-in das Zimmer der im Gebete begriffenen Jungfrau und sprach zu ihr mit
-furchterregender Stimme: „Wie lange willst du, Starrsinnige, den Weg
-der ewigen Verdammnis gehen? Denn du, und zwar du allein, trittst mit
-Füßen die weisen Verordnungen der Väter und der Ordensstifter. Zur Zeit
-der Ruhe wachest du, betest in unnützer Weise und zur Zeit des Essens
-übest du Enthaltsamkeit und Fasten. Und so handelst du in allen Stücken
-verkehrt und erfüllst nicht Gottes Willen, sondern deinen verdammlichen
-Eigenwillen. Und darum wirst du vom Allerhöchsten in unsere Hand
-gegeben.“
-
-Als er so gesprochen, bedrohte er sie mit grausamer Folter, wofern
-sie sich nicht zur Ruhe begebe und das Beten sein lasse. Christina
-aber sprach unerschrocken: „Mühe dich nicht vergeblich ab, böser
-Dämon, mich durch Lügengerede und Drohungen vom Lobe meines Herrn Jesu
-Christi abzubringen. Jemehr du mich davon abzukehren suchst, desto mehr
-bestärkst du mich darin und solltest du mir selbst meine Zunge rauben,
-so würde doch mein Herz und meine Seele fortfahren, den Herrn zu
-preisen.“ Darauf machte sich der Versucher beschämt von dannen.
-
-Am Freitage nach St. Martin 1280 ging Christina morgens mit großer
-Sehnsucht zur Kirche, um die h. Kommunion zu empfangen. Da kam hinter
-ihr die Dienstmagd ihres in Cöln wohnenden Bruders Heinrich, die
-Christina hieß, auf dem Kirchweg hergelaufen, faßte sie am Kleide an
-und sprach: „Teuerste Jungfrau, warum habt Ihr nicht auf mich gehört.
-Schon eine Weile laufe ich Euch nach und oft schon habe ich Euch
-zugerufen. Kommt doch schnell wieder um; denn ich habe Euch einen
-wichtigen Auftrag von Euerem Bruder mitzuteilen.“ Christina erwiderte:
-„Teuere Namensschwester, verzeihet mir, wenn ich Euch beleidigt haben
-sollte. Denn der Herr weiß es, daß ich Euch gar nicht rufen gehört
-habe. Wisset aber, daß ich durchaus nicht mit Euch zurückgehen werde.“
-Da begann das vermeintliche Dienstmädchen zu seufzen und sprach mit
-tränenerstickter Stimme: „Teuerste Jungfrau, nun muß ich es Euch
-gerade heraussagen, weshalb ich gekommen bin. Euer Bruder Heinrich
-ist tödlich verwundet und er schickt mich zu Euch. Und so bin ich
-die ganze Nacht hindurch gelaufen, um Euch desto eher die Nachricht
-bringen zu können. Ihr wisset ja, daß dieser Euer Bruder ohne Furcht
-und Erkenntnis Gottes, zum großen Nachteile seines Seelenheiles, immer
-in der Welt gelebt hat. Kommet also Teuerste, und stehet Euerem Bruder
-bei, der dem Tode nahe ist; denn Ihr könnt durch Euere frommen und
-heilsamen Ermahnungen in seinem Herzen das Feuer der Buße wecken, das
-Licht der Erkenntnis Gottes entzünden und so seine Seele der Pforte der
-Hölle entreißen und dem himmlischen Vaterlande zuführen.“ Aus diesen
-wohlgesetzten Worten, die darauf berechnet waren, in Christinas Herzen
-Regungen der Selbstgefälligkeit hervorzurufen und sie vom Empfange
-der h. Kommunion abzuhalten, schöpfte sie Argwohn und gab zur Antwort:
-„Gott, der Schöpfer und Erhalter aller Menschen, wolle nach seiner Güte
-meinen Bruder stärken und erhalten. Ich kann aber jetzt nicht umkehren;
-denn ich habe mir vorgenommen, die h. Kommunion zu empfangen.“ So
-sprach sie und ging eiligen Schrittes auf die Kirche zu. Im gleichen
-Augenblicke aber fiel ein schwarzer Hund sie an, zerrte sie an den
-Kleidern und hinderte sie am Weitergehen. Christina aber rief den Namen
-Jesu Christi an und befahl dem Versucher, zu offenbaren, wer er sei.
-Dieser gestand nun, daß er es gewesen, der in Gestalt der Magd ihr
-nachgelaufen, sie über die Verwundung ihres Bruders belogen, um ihr
-Gemüt zu verwirren und sie von der h. Kommunion abzuhalten.
-
-Mit innigster Liebe hing Christina an ihrem jüngsten Bruder
-Sigwin, weil er ein gelehriges Herz zeigte, sich auf dem Wege der
-Vollkommenheit unterweisen zu lassen. Der Teufel, der jede Neigung
-des Herzens erspäht, um sie zu Versuchungen auszunutzen, wußte auch
-aus dieser besondern Zuneigung Christinas zu ihrem Bruder ihr einen
-Fallstrick zu drehen. Als Sigwin nach Schweden abgereist war, und noch
-keine Nachricht über seine Aufnahme in den Predigerorden eingetroffen
-war, nahm der Versucher zu drei verschiedenen Malen Sigwins Gestalt
-an und trat Christina auf dem Kirchweg hinter dem Dorfe entgegen.
-Das erste Mal wurde sie über seine vermeintliche Rückkehr sehr
-betroffen, faßte sich aber und umarmte ihn sehr freundlich, ohne zu
-vermuten, daß es der Versucher sei. Dieser aber konnte seine Freude
-über die Ueberlistung Christinas nicht verbergen und verschwand
-unter Hohngelächter. Als er aber zum dritten Male in Gestalt Sigwins
-sie auf dem Kirchwege zu beunruhigen versuchte, erkannte sie, vom
-Herrn belehrt, allsogleich seine Arglist und sprach zu ihm: „Weshalb
-verwandelst du Bösewicht dich in fremde Gestalten? Und warum
-beunruhigst du mich unter der Gestalt meines Bruders?“ Er antwortete:
-„Wenn ich dich auch nicht vollends habe hintergehen können, so wollte
-ich doch wenigstens dein Gebet unterbrechen, weil ich wußte, daß dein
-Herz Hinneigung hat zu deinem Bruder.“ Als Christina dies hörte, kniete
-sie nieder und bekannte sich schuldig vor dem Herrn, in dem Punkte
-nämlich, daß ihre Andacht so lau gewesen, daß der Dämon in Gestalt
-ihres Bruders sie darin habe stören können.
-
-Ein anderes Mal kam ihr, als sie zur Kirche ging, jemand nach in
-Gestalt eines Briefboten und fragte sie, ob sie die Jungfrau sei, die
-Christina von Stommeln genannt werde. Betroffen sprach sie, warum er so
-genau nach ihrem Namen frage. Er entgegnete, Bruder Petrus aus Gotland
-habe ihn gesandt, um ihr einen Brief zu überbringen und Näheres über
-ihren Bruder Sigwin mitzuteilen. Da freute sich Christina und ersuchte
-ihn, es nur gleich zu erzählen. Da fuhr jener fort: „Erschrecket nicht,
-Sigwin ist gestorben.“ Da erhob Christina die Augen gegen Himmel
-und sprach: „Wenn der gute Knabe, mein geliebter Bruder, der Welt
-abgestorben ist, so bete und wünsche ich, daß er ewig leben möge im
-Herrn Jesus Christus.“ Und als sie das gesagt, begann sie bitterlich
-zu weinen. Sobald sie begonnen zu weinen, hatte sich die Gestalt des
-Briefboten als Trugbild des Versuchers erwiesen. Christina wies alsbald
-den Betrüger von sich. Dieser aber erhob ein lautes Hohngelächter und
-rief: „Nun habe ich dich doch wenigstens zum Weinen gebracht,“ und dann
-verschwand er.
-
-Am Dreikönigentage des Jahres 1283, als Christina frühe vor der Messe
-um das Dorf zur Kirche ging, nahte sich ihr der Versucher abermals und
-sprach: „Wolltest du doch mir folgen und dein leeres Geplapper -- er
-meinte das Stundengebet -- aufgeben, so würde ich dich mit Reichtum
-und Ehren überhäufen und dich die Kunst lehren, wie du im Augenblicke
-an jedem beliebigen Orte der Welt sein könntest. Dann könntest du auch
-sofort jenes Kloster besuchen, in dem dein Bruder sich befindet, den du
-so sehr liebest und sehen, wie er sich befindet und daraus großen Trost
-gewinnen.“ Christina fertigte ihn ab mit den Worten: „Weiche von hinnen
-mit deiner Wissenschaft und deinem Trost; Jesus Christus beut mir wahre
-Wissenschaft und sichern Trost.“
-
-Alle Verführungskünste bietet der Feind des menschlichen Heiles auf, um
-die Seelen, die auf dem Wege der Vollkommenheit mutig voranschreiten,
-zu verwirren und vom rechten Wege abzubringen. Schmeicheleien und
-Lobhudeleien wechseln ab mit Drohungen und Mißhandlungen. So wurde
-auch Christina nicht immer mit Schreckbildern geplagt. Als Christina
-in einer Nacht nach Pfingsten im Jahre 1281 wegen der drückenden
-Hitze in ihrem Hofe auf und ab ging und betete, zeigte sich eine
-Lichterscheinung in Gestalt eines Jünglings über ihr in den Lüften,
-die mit ihren Strahlen Haus und Hof erhellte. Christina erkannte diese
-Erscheinung als Täuschung, beschwor deren arglistigen Urheber im Namen
-Jesu Christi zu verschwinden oder sich in Finsternis zu verwandeln,
-und alsbald trat Dunkelheit ein. Im Januar 1282 kamen Engelsgestalten
-zu ihr, als sie nachts in ihrem Kämmerlein im Gebete wachte. Brennende
-Kerzen trugen sie in ihren Händen und mit den süßesten Worten
-erhoben sie Christinas Verdienste, und sagten, sie seien von Christus
-beauftragt, ihr an dieser Stätte, wo sie soviel für ihn gelitten, in
-dieser Nacht zu dienen und ihr aufzuwarten, und ihr durch die Helle
-des Lichtes Tröstung zu bereiten. Christina aber erkannte auf den
-ersten Blick das Blendwerk des Teufels, verdemütigte sich in ihrem
-Herzen vor dem Herrn und sprach dann: „Geister der Finsternis, durch
-Jesus Christus, der da ist der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters,
-beschwöre ich euch, abzulegen den Glanz des Lichtes, der euch nicht
-zukommt und zurückzukehren ins Reich der Finsternis.“ Und alsbald war
-der gleisnerische Spuk verschwunden und an seine Stelle trat wieder der
-grausame Verfolger.
-
-Ein anderes Mal wurde sie auf dem Sandberge in Stommeln in die Lüfte
-erhoben, mit Lichtglanz umhüllt und von Gestalten, die Engeln ähnlich
-sahen, mit jubelnden Zurufen begrüßt und eingeladen, zu ihnen zu
-kommen. Aber auch diese List verfing nicht. Christina verachtete
-das Gaukelspiel, ließ sich nicht zur Selbstgefälligkeit verleiten
-und erwiderte, sie wolle lieber aus Liebe zu Christus leiden als
-trügerische Tröstungen annehmen. Doch auch wirkliche Tröstungen
-wundersamer Art bereitete ihr mitunter der Herr des Himmels und
-Gebieter der Natur. Als die Unholden der Finsternis sie in einer Nacht
-des Adventes 1285, der vorletzten vor Weihenacht, am zugefrorenen
-Sumpfe im Gohrbroich gar jämmerlich zugerichtet hatten, kamen sieben
-Wölfe herbei; die ihre natürliche Wildheit ablegten, gleich sanften
-Lämmern an Christina herantraten, mit ihrem warmen Hauche ihre
-erfrorenen Glieder erwärmten und dann vor ihr die Köpfe senkten,
-als wollten sie zum Abschiebe Christinas Segen erbitten. Da dankte
-Christina im Herzen ihrem Schöpfer, wurde innerlich getröstet und gebot
-dann im Namen Jesu Christi, dem selbst die wildesten unvernünftigen
-Geschöpfe gehorchen, den Teufeln, zu bekennen, weshalb sie ihr so
-unmenschliche Qualen zugefügt hätten. Sie bekannten, daß sie auf
-Befehl Gottes sie für die Sünden anderer gepeinigt hätten, verschwanden
-alsdann, und Christus selbst trat herzu, um Christina in ihr Kämmerlein
-zurückzuführen. Christinas Seele vertieft sich an Demut, steigt an
-Gottwohlgefälligkeit. Nicht mehr sind es Engel, die Christina nach
-überstandener Folter erquicken und trösten, der Herr der Engel selbst,
-Christus, der Seelenbräutigam, würdigt sich, sie heimzusuchen und
-gleich ihm wird sie durch Leib und Kreuz Siegerin und Gebieterin über
-die stolzen Mächte des Reiches der Finsternis. Was David im 90. Psalme
-singt, das traf auch, wie Petrus von Dazien[52] in einem seiner Briefe
-an Christina bemerkt, bei dieser zu. Sie spricht zum Herrn: „Meine
-Zuflucht bist du und mein Hort, mein Gott, ich vertraue auf dich. Und
-der Herr rettet dich vor des Jägers Schlinge und vom bösen Worte. Mit
-einem Schilde umgibt dich seine Wahrheit, nicht hast du zu fürchten vor
-den Schrecknissen der Nacht, vor dem schwirrenden Pfeile, der bei Tage
-fliegt, vor dem Unholde, der im Finstern schleicht ... Seinen Engel
-hat er geboten, dich zu schützen auf allen deinen Wegen; auf den Händen
-werden sie dich tragen, daß du nicht deinen Fuß an einen Stein stoßest.
-Ueber Vipern und Basilisken wirst du einherschreiten und niedertreten
-Löwen und Drachen ... Rufst du zu mir, so spricht er, so werde ich dich
-erhören; bei dir bin ich in der Bedrängnis, ich befreie dich und ich
-verherrliche dich. Mit der Länge der Tage will ich dich ersättigen und
-dich schauen lassen mein Heil.“
-
- [52] _V. C._ 252.
-
-Petrus von Dazien, der, selbst vom Geiste Gottes erfüllt, Christina
-so wirksam zu trösten verstand, er sollte schon bald aus der
-irdischen Wanderschaft abberufen werden, um das ewige Heil dort
-oben zu schauen. Zu Anfang des Jahres 1287 war er aus Gotland nach
-Bordeaux, jedenfalls zur See, als Gefährte seines Provinzials, zum
-Generalkapitel gereist. Den Rückweg machte er dann auf demselben Wege
-bis Antwerpen, reiste dann aber zu Lande bis Löwen, von wo er am 1.
-Juli an Christina schrieb, daß die Reise langwierig und mühselig sei,
-und er viele Beschwerden und körperliche Schmerzen erduldet habe,
-doch die unverdrossene Liebe überwinde alles, und wenn er auch mit dem
-linken Fuße stark hinke, so hoffe er doch im Herrn, in einer Woche zu
-Stommeln zu sein. Er erinnert dann noch Christina daran, daß sie ihm
-Reliquien der Heiligen und Magister Johannes ihm zwei Sexterne über
-die Wunderwerke Gottes versprochen habe. Ob Petrus wirklich im Jahre
-1287 nach Stommeln gekommen ist, wissen wir nicht. Es ist jedoch sehr
-wahrscheinlich. Er starb auf Gotland in der Fastenzeit 1288 und Bruder
-Folkwin meldete am 9. September 1288 die Trauerbotschaft nach Stommeln.
-Durch Reisen und Geschäfte, so schreibt er, sei er gehindert, öfter
-zu schreiben. „Jetzt aber zeige ich Euch mit Schmerz und unter Tränen
-an, daß unser ehrwürdiger Vater, der Bruder Petrus, weiland Prior und
-Lesemeister unseres Klosters, in der Fastenzeit im Herrn entschlafen
-ist. Seine Seele empfehle ich inständigst Euern heiligen Gebeten und
-bitte Euch zugleich, daß Ihr seine Seele den Gebeten der Schwestern,
-die bei Euch sind, sowie auch dem Gebete der Schwestern in Cöln,
-die er kannte, angelegentlichst empfehlen wollet.“ Der früher von
-Christina mehrmals geäußerte Wunsch, dem Bruder Petrus im Tode bald
-nachzufolgen, ging nicht in Erfüllung. Der Herr ließ sie noch nahezu
-fünfundzwanzig Jahre hier auf Erden. Jedoch bildet das Jahr 1288 einen
-Wendepunkt im Leben Christinas. In ihm wurde sie ihres geistigen Vaters
-und Trösters beraubt; in ihm sollten aber auch die Beunruhigungen
-und Quälereien seitens der Mächte der Finsternis ein Ende nehmen. In
-ihm löst sich ja auch die aus der Machtgier der Fürsten und Völker
-des Niederrheins erwachsene Unsumme von Haß und Eifersucht in der
-folgenschweren Schlacht von Worringen aus, in der die Heeresmächte
-sämtlicher Fürsten der niederrheinischen Lande miteinander kämpften.
-Veranlassung zum Kriege war die Thronfolge im Herzogtum Limburg. Im
-Jahre 1282 war der Herzog von Limburg ohne männliche Nachkommenschaft
-gestorben. Graf Reinold von Geldern und Graf Adolf von Berg stritten um
-die Erbschaft. Letzterer übertrug seine Ansprüche an den Herzog Johann
-von Brabant, und nun entstand Spannung, Streit und Zwietracht zwischen
-den Genannten nicht bloß, sondern auch zwischen allen benachbarten
-Fürsten. Auf Seite des Grafen von Geldern standen der Erzbischof von
-Cöln, Sigfrid von Westerburg, Graf Heinrich von Luxemburg, Adolf von
-Nassau, der spätere deutsche König, Dietrich von Cleve, Johann von
-Limburg an der Lahn, Walram von Falkenburg, Dietrich von Moers und
-andere Herren. Johann von Brabant hatte zu Verbündeten den Herzog
-Walram von Jülich, Graf Eberhard von der Mark, Adolf von Berg und
-andere. Die Erbitterung des Grafen von Jülich gegen den Erzbischof
-und Kurfürsten von Cöln sowie die Spannung zwischen der Stadt Cöln
-und dem Erzbischofe spielten mächtig in den Streit hinein. Sechs Jahre
-lang wurde gegenseitig gerüstet. Der Erzbischof selbst zog mit 14000
-Mann auf das Schlachtfeld. Am 5. Juni 1288 kam es bei Worringen zur
-Schlacht. In der Abteikirche zu Brauweiler hatte Sigfrid vorher einen
-feierlichen Gottesdienst gehalten und seine Mannschaften durch eine
-feuerige Ansprache aufgefordert, die von den Gegnern im Erzstifte
-verübten Greuel zu rächen. Sigfrid und Reinold standen auf den beiden
-Flügeln, Heinrich von Luxemburg im Zentrum. Ihnen gegenüber standen
-Adolf von Berg und Arnold von Looz, im Zentrum dagegen Herzog Johann
-von Brabant. Durch einen geschickten Meisterzug lockte Erzbischof
-Sigfrid den Feind auf von Wassergräben durchschnittenes Gelände und
-wäre so beinahe gleich nach Beginn der Schlacht Sieger geworden. Allein
-durch das Ungeschick seiner ungestüm herandrängenden Bundesgenossen
-wurde Verwirrung angerichtet; die Lage des Erzbischofs und des
-Grafen von Geldern verschlechterte sich. Mit großer Tapferkeit wurde
-beiderseits gekämpft, lange wogte der blutige Kampf unentschieden hin
-und her, zuletzt neigte sich der Sieg auf die Seite der Brabanter.
-Elfhundert Leichen deckten die Wahlstatt und von den Verwundeten
-starben siebenhundert bald nachher. Unter den Gefallenen waren Graf
-Heinrich von Luxemburg und sein Bruder Walram, desgleichen Heinrich
-von Westerburg, des Erzbischofs Bruder. Sigfrid selbst wurde gefangen
-genommen, desgleichen Adolf von Nassau. Auch Reinold von Geldern wurde
-auf der Flucht eingeholt und mußte sich ergeben. Erzbischof Sigfrid
-verbrachte die erste Nacht seiner Gefangenschaft in der Kirche zu
-Monheim und blieb dann ein Jahr lang auf Schloß Burg an der Wupper in
-strenger Haft des Grafen Adolf von Berg.
-
-Die sechs Jahre anwährenden Kriegsunruhen machten auf Christina, deren
-Heimat Stommeln, an der Grenze zwischen den Jülicher Landen und dem
-Cölner Erzstifte, nur zwei Stunden vom Schlachtfelde Worringen entfernt
-gelegen war, einen tiefen und betrübenden Eindruck. Der Gedanke an die
-vielen Greuel und Frevel, die der Krieg herbeiführte, und besonders
-die Befürchtung, es möchte mancher im Kriege umkommen, ohne mit Gott
-versöhnt zu sein, und in die Hölle fahren, hatte sie bewogen, Gott
-den Herrn zu bitten, er möge sie leiden lassen, um die einen vor dem
-Tode zu bewahren und denen, die fallen würden, die Gnade einer seligen
-Sterbestunde zu erlangen. Der Herr nahm ihr Anerbieten an und schickte
-ihr anderthalb Jahre hindurch vor der Schlacht ganz besondere Leiden.
-Den Teufeln wurde gestattet, sie am ganzen Körper mit spitzigen Eisen
-und Scherben zu zerkratzen und zu schinden, so daß er nur eine Wunde
-war, und diese Wunden wurden dann noch, um den Schmerz zu erhöhen,
-mit Salz eingerieben. Bluttriefend, einem Schlachtopfer gleich,
-dem h. Bartholomäus, den sie von Jugend auf besonders verehrte und
-der für Christus geschunden wurde, ähnlich, lag Christina auf ihrem
-Schmerzenslager inmitten des um sie her herrschenden Kriegeslärms und
-Kampfgetümmels. Trotz der grausamen Folter, die sie an allen Gliedern
-ihres Leibes quälte, und trotz des großen Blutverlustes nahm sie nur
-wenig Nahrung zu sich. Während dieser ganzen Zeit von anderthalb Jahren
-aß sie nichts anderes als etwas Ingwer. Das war ihre ganze Speise.
-
-Durch ihre Leiden und Gebete erlangte sie von Gott die Gnade, daß
-Graf Adolf von Berg in jener Schlacht dem Tode entging und auch nicht
-gefangen genommen wurde und die beiden Grafen von Luxemburg nebst sehr
-vielen andern, die dort umkamen, durch die Barmherzigkeit Gottes vor
-der Höllenstrafe bewahrt blieben.
-
-Christinas Leiden hatten den Höhepunkt erreicht. Nach der Wut
-des Kampfes trat endlich Friede ein im Lande. Nach der Zeit der
-Versuchungen und Prüfungen kamen nun auch Jahre friedevollen Trostes
-für die heldenmütige Dulderin Christi. Die von einem Ungenannten
-verfaßte Lebensbeschreibung Christinas schließt mit den Worten: „Nach
-der Schlacht bei Worringen hörte jegliche Verfolgung seitens des
-Teufels gänzlich auf. Zu dieser Zeit hat Christi Braut durch die Gnade
-ihres Bräutigams den Luzifer samt allen Teufeln, die in und außer der
-Hölle sind, durch standhaften Kampf und heldenmütigen Sieg überwunden,
-so daß sie über alle Feinde: Fleisch, Welt und Teufel, glorreich
-triumphiert.“
-
-Christina war, um mich der Redeweise der h. Teresia zu bedienen,
-eingetreten in die siebente Wohnung der Seelenburg, in der es fast nie
-Geistestrockenheit noch innere Beunruhigung mehr gibt. Hier sprudelt
-dem verwundeten Hirsche labendes Quellwasser in Fülle. Hier findet die
-Taube, nach dem Verlaufen der Flut, den Oelzweig zum Zeichen, daß sie
-festen Boden gewonnen inmitten der Strömungen dieser Welt. Die Seele
-ergötzt sich im Zelte Gottes in fast ungetrübter Ruhe und ist frei von
-jeglicher Furcht, der böse Feind könne sie umgarnen. Sie ist nämlich
-vergewissert, daß Gott selbst es ist, der hier wirkt. Und wenn auch in
-diesem Seelenfrieden mitunter aus irgend einem äußeren Anlasse eine
-Beunruhigung eintritt, so ist sie von ganz kurzer Dauer und vermag
-nicht, die Seele in ihrer Entschlossenheit, in keinem Stücke vom Wege
-der Gottwohlgefälligkeit abzuweichen, wankend zu machen.
-
-Der Born, an dem die Seele sich labt, ist die Seitenwunde Christi, aus
-der geflossen jenes Geheimnis der Liebe, das da ist unsere Stärkung
-auf der Wanderschaft zum himmlischen Vaterlande. Häufig und mit
-innigster Sehnsucht nahte Christina dem Tische des Herrn. Wie würde sie
-aufgejubelt haben, wäre es ihr vergönnt gewesen, täglich das Sakrament
-des Leibes und Blutes Jesu Christi zu genießen. Damals war es nicht
-Sitte, außerhalb der Hochgezeiten des Jahres zum Tische des Herrn
-zu gehen und Christina war zu bescheiden, um durch öftere Kommunion
-Aufsehen zu erregen. Jedoch benutzte sie jeden sich darbietenden
-festlichen Anlaß, um sich im Sakramente mit Christus zu vereinen, so
-daß sie durchschnittlich monatlich zum Tische des Herrn hinzutrat. So
-läßt sich aus den zufälligen Angaben des Petrus von Dazien feststellen,
-daß sie z. B. im Jahre 1279 zu Allerheiligen die Kommunion empfing,
-dann am Katharinentage, dann wieder zu Weihnachten, Mariä Lichtmeß,
-zweimal in der h. Fastenzeit, am Gründonnerstage, zu Ostern, am dritten
-Sonntage nach Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten. Später, zumal
-nachdem Magister Johannes Priester geworden und ihr die h. Kommunion
-reichen konnte, ging sie häufiger, nämlich durchgehends alle vierzehn
-Tage, zu den hh. Sakramenten. Mit welch heiligem Ernste, mit welch
-auferbaulicher Sammlung sie sich auf den Empfang des allerheiligsten
-Sakramentes vorbereitete, sahen wir im Verlaufe der Lebensbeschreibung
-des öftern. Den ganzen vorhergehenden Tag zog sie sich gänzlich von
-der Welt zurück und die Nacht durchwachte sie im Gebete, einzig und
-ausschließlich damit beschäftigt, sich vorzubereiten auf den Empfang
-ihres himmlischen Bräutigams, und in seliger Vereinigung mit ihm
-verbrachte sie den Kommuniontag gewöhnlich im Zustande der Verzückung
-an ihrem liebgewonnenen Plätzchen hinter dem Hochaltar der Pfarrkirche.
-Wenn es für Christina nicht tunlich war, Christum den Herrn so oft, als
-sie es gerne gewünscht hätte, im Sakramente zu empfangen, so vereinigte
-sie sich desto öfter im Geiste, nämlich der Sehnsucht nach, mit ihm.
-Eine wundersame Art dieser geistigen Kommunion ist aus der Fastenzeit
-des Jahres 1281 zu berichten. In der zweiten Fastenwoche jenes Jahres
-war Christina drei Nächte nacheinander in der widerwärtigsten Weise
-von den bösen Geistern gequält worden. In den beiden ersten dieser
-Nächte sandte der Herr einen Engel, um Christina zu trösten und zu
-heilen. In der dritten Nacht aber kam der Hohepriester und oberste Hirt
-Jesus Christus selbst zu ihr, nicht sichtbar, sondern nur dem Herzen
-Christinas innerlich wahrnehmbar, und trug einen Kelch von lauterm
-Gold, die h. Hostie darauf, in seiner Hand, machte das Kreuzzeichen
-über Christina, und siehe, alle Verwundung und Belästigung war
-verschwunden, und dann reichte er ihr die h. Hostie, indem er sprach:
-„Nimm hin, meine Braut und Freundin; das ist mein Leib.“ Dann reichte
-er ihr auch den Kelch und sprach: „Das ist mein Blut, das für dich
-vergossen wurde; durch dieses wirst du mit Sicherheit über alle Feinde
-siegen. Fürchte dich also nicht, sondern streite tapfer; denn ich
-werde dein sicherer Sieg und dein ewiger Lohn sein.“ Nach diesen Worten
-verschwand die wundersame innere Kundgebung, ließ aber in Christinas
-Seele Stärkung und Tröstung zurück.
-
-Mit der Andacht und dem frommen Empfange des allerheiligsten
-Sakramentes verband Christina auch eine Andachtsübung, die erst
-in unsern Tagen Gemeingut der Christenheit geworden ist, nämlich
-die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu, aus dem der Welt das Heil
-geflossen.
-
-In ihren Briefen erwähnt sie des öftern das Herz unseres Erlösers und
-dem Bruder Petrus beteuert sie, daß sie ihn im Herzen Jesu liebe (S.
-128), sie wünscht ihm Tröstung im Herzen Jesu (S. 123) und bittet ihn
-im geliebtesten Herzen Jesu, sich ihres Bruders Sigwin anzunehmen (S.
-129).
-
-In der Nacht vor Christabend des Jahres 1280 betete sie, als die
-Geister der Bosheit sie unmenschlich marterten und sie mit dem Tode
-bedrohten, folgendermaßen:
-
- „O Herr Jesus Christus, Du Leben der Menschen und Heil aller, die
- auf Dich vertrauen, ich bitte Dich durch Dein glorreiches Leiden
- und Sterben und =durch Dein süßestes Herz, das aus Liebe gebrochen
- ist=: sollte es Dein Wille sein, daß ich von diesen bösen Geistern
- getötet werde, so nimm mein angstvolles Herz in Gnaden auf und
- verbirg es in Deinem süßesten Herzen.“
-
-In der Nacht des Donnerstags vor Petri Stuhlfeier 1281 rief sie
-inmitten der Folter also:
-
- „O mein Herr Jesus, meine einzige Hoffnung von Jugend
- auf, der Du in meinen Leiden allezeit mein treuer Helfer
- und liebevollster Tröster gewesen bist, keine Wut der
- Verfolger, keine Heftigkeit der Peinen soll mich jemals,
- so lange ich lebe, von Dir trennen. Wenn ich jetzt sterben
- muß, so nimm mich nach Deiner Liebe in Gnaden auf und
- =verbirg mich in Dein süßestes Herz=.“
-
-In der Fastenzeit des Jahres 1282, als sie, wohl im Geiste,
-hinausgeschleppt auf den Galgenberg bei Stommeln, mit dem Tode bedroht
-wurde, sprach sie wehmutsvoll:
-
- „O Herr Jesus Christus, Du süßeste Liebe, in Deine
- Hände befehle ich meine Seele. Nimm sie in Frieden auf und
- =bewahre sie in Deinem süßesten Herzen auf ewig=. Meinen
- Leib aber lasse, wenn es Dein gütigster Wille ist, von den
- Dämonen zerrissen werden und eines Todes sterben, wie es
- Dir wohlgefällig ist.“
-
-In der Nacht vor Weihnachtsabend 1283, als sie mit Durchbohrung des
-Herzens bedroht wurde, erhob sie die Augen gen Himmel und flehte also:
-
- „Herr Jesus Christus, geliebtester Bräutigam, Du weißt
- es, daß ich allezeit gewünscht habe, mein Herz möchte
- brechen aus Liebe zu Dir; wenn Du Dich nun jetzt würdigest,
- diesen meinen Wunsch zu erfüllen, so sage ich Dir von
- ganzem Herzen Dank und =empfehle meine Seele in Dein
- süßestes Herz=.“
-
-Die sicheren Kennzeichen der Vereinigung mit Gott sind nach der h.
-Teresia das Verlangen, Gott zu preisen, für ihn zu leiden, Buße zu
-üben, verbunden mit dem inbrünstigen Verlangen, daß alle Menschen Gott
-erkennen und lieben möchten, woraus dann bittere Pein entsteht bei der
-Wahrnehmung, daß er beleidigt wird. Mit diesem Verlangen ist nach der
-h. Teresia naturgemäß verbunden das Verlangen nach Einsamkeit.
-
-Alle diese Kennzeichen treten im Leben Christinas klar zutage. Die
-Liebe zur Einsamkeit war es jedenfalls, die sie in ihrem stillen
-Heimatdorfe zurückhielt und sie bestimmte, den wiederholten und
-dringenden Einladungen, nach Schweden zu kommen, nicht Folge zu geben.
-Die Liebe zur Einsamkeit war es, die sie bewog, nach dem Weggang ihres
-Bruders Sigwin ein kleines Heim, dort gelegen, wo das alte Holzkreuz,
-rückwärts der dem großen Kreuzhof gegenüberliegenden jetzigen
-Christinakapelle, in Stommeln steht, zu beziehen, von wo sie hinter
-dem Dorfe her über den jetzigen Berlich unbeachtet und ungestört zur
-Kirche gehen konnte. Dort konnte sie in der Verborgenheit ihren frommen
-Uebungen und Bußwerken obliegen, dort konnte sie die außergewöhnlichen
-Gnadenerweise, mit denen die Huld des Herrn sie zu beglücken pflegte,
-verborgen halten. Wie sehr sie darauf bedacht war, diese besonderen
-Gnadenerweisungen, namentlich die hh. Wundmale, zu verbergen, erhellt
-aus dem Umstande, daß die Lederhandschuhe, mit denen sie am Ostertage,
-wenn sie zur Kommunion ging, die Hände verhüllte, damit die noch nicht
-ganz vernarbten Wundmale neugierigen Blicken entzogen würden, erhalten
-geblieben sind. Sie wurden als verehrungswürdige Gewandstücke nach
-Christinas Tode sorgfältig aufbewahrt, schon um die Mitte des 14.
-Jahrhunderts mit gestickten Seidenhüllen, auf deren einer Christina vor
-dem Heilande, auf der anderen Christina vor dem Bilde der Gottesmutter
-dargestellt ist, umgeben. Mit ihrem Gebetstäfelchen und dem gewirkten
-Täschchen, in dem sie ihr Psalmenbuch aufzubewahren pflegte, sind
-sie noch heute als teuere Andenken in ihrem Grabmale bei den heiligen
-Gebeinen hinterlegt (Abb. 5). Sie müssen ihr also auch wohl bis zum
-Lebensende gedient haben. Es liegt somit der Schluß nahe, daß auch
-die Wundmale wie früher in der Leidenszeit, so auch später in der
-Friedenszeit sich alljährlich am Karfreitage an Christina erneuert
-haben. Nachdem Petrus von Dazien, ihr vom Herrn selbst bestellter
-Seelenführer, in die ewige Heimat hinübergegangen war, hat Christina
-allem Anscheine nach niemandem mehr, abgesehen von der Beichte,
-über ihre inneren Erlebnisse und Zustände Mitteilungen gemacht. In
-ihrer Einsiedelei lebte sie in inniger Gottvereinigung, äußerster
-Genügsamkeit, am Spinnrocken sitzend und stets dem Gebete obliegend,
-bis sie im Alter von siebenzig Jahren abberufen wurde zur beseligenden
-Vereinigung mit ihrem himmlischen Bräutigam im Hochzeitssaale des
-ewigen Lebens. In der Nachschrift des ersten Buches der Jülicher
-Handschrift, die nach dem Urteil der Sachverständigen aus der Zeit von
-1342-1400 herrührt, heißt es wie folgt: „Die von Gott und den Menschen
-geliebte Braut Christi Christina legte im zehnten Jahre ihres Alters
-das Gelübde der Keuschheit ihrem Bräutigam Jesus Christus ab, dem sie
-unter mannigfachen und andauernden Versuchungen ... Nachstellungen
-und Martern der bösen Geister durch ein frommes Leben und unbesiegte
-Standhaftigkeit diente bis zum Jahre 1312 den 6. November, welcher
-der Tag des h. Leonhard war und auf den Montag fiel, an dem sie zur
-Zeit der Morgendämmerung beim ersten Hahnenschrei aus diesem irdischen
-Lichte in glücklichem Tausche hinüberschied ins ewige Licht.“
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel.
-
-Christinas Verehrung nach dem Tode und deren Bestätigung durch Papst
-Pius X.
-
-
-Die Heiligen leben nach ihrem Hinscheiden aus dieser Welt nicht bloß
-weiter bei Gott in ewiger Seligkeit, sondern sie herrschen auch mit
-ihm, wie die Schrift bezeugt. Der Herr liebt es, durch Vermittlung
-derer, die seine getreuen Diener und auserlesenen Freunde auf dieser
-Erde waren, den Erdenpilgern mannigfache Erweise seiner Huld und
-Erbarmung an Leib und Seele zukommen zu lassen. Für solche, die
-zeitlebens, vom Geiste Gottes getrieben, ihr Glück darin fanden,
-andere glücklich zu machen; die von Gottes Liebe entzündet, sich
-erschöpften in Werken christlicher Nächstenliebe, muß es ja auch im
-seligen Leben dort oben Möglichkeit und Gelegenheit geben, Erbarmen und
-Liebe zu üben, da ja die Himmelsherrlichkeit die Natur nicht zerstört,
-sondern nur erhebt und veredelt und das mit Hülfe der Gnade hienieden
-Begonnene zur Vollendung bringt. Auf die Anrufung der Heiligen erfolgen
-denn auch erfahrungsgemäß ganz auffallende Gebetserhörungen und der
-Herr verherrlicht die Grabstätte seiner Auserwählten nicht selten
-mit Wunderwerken. Auch Christinas Grab sollte glorreich werden. Sie
-wurde bestattet auf dem Kirchhofe zu Stommeln an der Nordseite des
-noch jetzt stehenden Turmes der alten Pfarrkirche, die anmutig auf
-der Höhe gelegen, Dorf und Umgegend beherrscht. Laut der bereits
-vorhin erwähnten, aus dem 14. Jahrhundert stammenden Nachschrift
-des ersten Buches der Jülicher Handschrift geschahen nach dem Tode
-Christinas viele auffällige Heilungen an ihrem Grabe. Auch Werner
-von Titz schreibt in seinen um 1586 verfaßten Annalen von Neuß zum
-Jahre 1330, um jene Zeit habe angefangen berühmt zu werden die selige
-Christina, eine heilige Jungfrau, die aus Stommeln gebürtig sei.
-Umständlich aufgezeichnet von diesen Heilungen ist jedoch nur die des
-Grafen Dietrich IX. von Cleve, die Veranlassung zur Errichtung eines
-Kollegiatkapitels in Stommeln werden sollte.
-
-Graf Dietrich litt derartig an der Gicht, daß er weder gehen noch
-stehen, noch Speise zum Munde führen konnte. An seiner Schloßkapelle
-zu Monterberg bei Calcar versah damals Kaplansdienste ein Johannes
-von Stommeln, der wahrscheinlich dieselbe Persönlichkeit ist mit dem
-ehemaligen Magister Johannes von Stommeln und nachmaligem Kaplane
-Christinas. Durch diesen wohl erhielt Graf Dietrich Kunde von den
-Heilungen, die sich am Grabe Christinas zu Stommeln zutrugen, und auch
-er beschloß, sich dorthin fahren zu lassen. Am 2. August 1339 kam
-er nach Stommeln und ließ sich in einer Sänfte hinauf zum Kirchhofe
-tragen. Das Grab wurde geöffnet und die Gebeine herausgenommen, um
-in die Kirche übertragen zu werden. Dietrich verrichtete am Grabe
-Christinas ein Gebet, man gab ihm eines der Gebeine (ein Fingergelenk)
-in die Hand, und alsbald knisterte es in seinen Gliedern, wie wenn man
-dürres Reis zerbricht. Urplötzlich fühlte er sich geheilt, sprang auf,
-stieg zu Pferde und ritt von dannen, voller freudiger Dankbarkeit gegen
-Gott, der auf die Anrufung seiner Dienerin Christina ihm den Gebrauch
-seiner Glieder wiedergegeben hatte.
-
-Die Heilung des Grafen Dietrich war die Veranlassung zur Stiftung
-zweier Kollegiatkapitel, nämlich desjenigen von Cleve und desjenigen
-von Stommeln.
-
-Graf Dietrich verlegte nämlich das von ihm am 15. Februar 1334 zu
-Monterberg errichtete Stift mit Genehmigung seines Vetters, des Cölner
-Erzbischofs Walram von Jülich, im Jahre 1341 nach Cleve. Am 18. März
-des genannten Jahres legte er selbst den Grundstein zum neuen Chore der
-ehemaligen Stiftskirche und nunmehrigen Pfarrkirche zu Cleve. Eines der
-Chöre wird im Jahre 1425 bezeichnet als geweiht der seligsten Jungfrau
-und der seligen Christina.[53]
-
- [53] Die Stadt Kleve. Beiträge zur Geschichte derselben von Dr. Robert
- Scholten. Kleve 1879, S. 417.
-
-Die Stiftungsurkunde des Kollegiatkapitels von Stommeln ist nicht
-mehr vorfindlich. Aus der vom Cölner Erzbischof Walram von Jülich
-unter dem 4. Mai 1342 ausgestellten Uebertragungsurkunde, die im
-Staatsarchiv zu Düsseldorf beruht, geht jedoch hervor, daß das Stift
-oder Kollegiatkapitel vollständig in Stommeln bestand, jedoch keine
-hinlänglichen Einkünfte hatte. Es bestand aus einem Dechanten und
-zwölf Stiftsherren. Der erste Dechant des Stiftes hieß Gotfrid, und als
-Stommeler Stiftsherren werden aufgeführt: 1. Petrus von Unkelbach, 2.
-Herpern von Kentzwilre, 3. Johannes Knode, 4. Johannes von Stommeln, 5.
-Jakob von St. Andreas, 6. Johannes von Caster, 7. Wilhelm von Zülpich,
-8. Ludwig von Randerode, 9. Philipp von St. Andreas, 10. Reinard von
-Nideggen, 11. Johannes von Arscoit, 12. Konrad von St. Cäcilien.
-
-Als Grund zur Verlegung nach Nideggen, der Residenz des Markgrafen von
-Jülich, wird angegeben, daß Stommeln ein nicht sonderlich passender
-Ort für ein Stiftskapitel sei, auch sei die dortige Bewidmung eine
-dürftige. Anderweitig aber wissen wir auch, daß das Bestreben des
-Markgrafen Wilhelm von Jülich schon lange dahin ging, seiner Residenz
-durch ein Stift größere Bedeutung und höheren Glanz zu verleihen.
-Bereits im Jahre 1329 hatte er von Papst Johann XXII. die Ermächtigung
-erbeten und auch erhalten, in Nideggen eine solche Stiftskirche zu
-errichten. Um jedoch mit weniger Unkosten zum Ziele zu kommen, hatte
-er zunächst versucht, die Pfarrkirche in Nideggen, die im Besitze
-der Johanniter war, diesen streitig zu machen und zur Stiftskirche zu
-erheben. Dieser Plan scheiterte jedoch am Widerstande der Johanniter.
-So sah sich denn Markgraf Wilhelm in die Notwendigkeit versetzt, für
-das in Nideggen zu errichtende Stift eine neue Kirche zu bauen. Er
-baute sie vor dem Brandenberger Tore, und wie die Pfarrkirche dem h.
-Johannes dem Täufer geweiht war, so sollte die Stiftskirche den Namen
-des Liebesjüngers des Herrn, des h. Apostels und Evangelisten Johannes,
-tragen. Im Frühjahr 1342 scheint der Bau, der ein ansehnliches, aus
-rotem Sandstein ausgeführtes, dreischiffiges Gebäude gotischen Stiles
-von 130 Fuß Länge und 60 Fuß Breite war, fertig geworden zu sein.
-Denn am 15. April 1342 ersuchte Markgraf Wilhelm seinen Bruder, den
-Erzbischof Walram, um die Vornahme der Weihe der neuen Stiftskirche und
-um die Verlegung des Stommeler Stiftes nach Nideggen. Da der Markgraf
-für die Erbauung der Kirche erhebliche Aufwendungen hatte machen
-müssen, so kam ihm die Geneigtheit der erst seit Kurzem in Stommeln
-angesiedelten und noch nicht vollständig eingerichteten Stiftsherren,
-ihr stilles Dorf mit der Residenz Nideggen zu vertauschen, sehr
-gelegen. Für die vollständige Bewidmung der Stiftspfründen brauchte er
-nun nicht mehr aufzukommen. Es genügte, die für das Stommeler Stift von
-seinem Vetter, dem Grafen Dietrich IX. von Cleve, gestiftete Bewidmung
-zu ergänzen, was er auch tat.
-
-Unter dem 4. Mai 1342 wurde dann das Stift von Stommeln nach Nideggen
-von Erzbischof Walram unter Zustimmung des Domkapitels verlegt, und
-das Cäcilienstift in Cöln trat wieder in dasselbe Verhältnis zur
-Pfarrkirche von Stommeln wie ehedem.
-
-Weil jedoch das Stommeler Stiftskapitel mit Christina innig
-zusammenhing und bei ihren Gebeinen errichtet worden war, so mußten
-naturgemäß bei der Verlegung des Stiftskapitels nach Nideggen auch
-Christinas Gebeine dorthin übertragen werden. In der Tat wurden
-dieselben noch vier Tage vor Ausfertigung der Verlegungsurkunde
-von Stommeln in die neuerbaute Stiftskirche nach Nideggen gebracht.
-Die Uebertragung geschah nämlich am 1. Mai 1342, dem Feste der hh.
-Apostel Philippus und Jakobus, „bei prachtvollem Wetter“. Da die
-Bewohner Stommelns, die bis heute die Grabstätte Christinas neben dem
-Glockenturme in hohen Ehren halten, die Uebertragung ihrer Gebeine
-nach Nideggen nur ungern sehen konnten und Unruhe und Widerstand
-zu befürchten war, deshalb wohl hat man die förmliche Verlegung des
-Stiftskapitels nicht abgewartet, sondern vorher, in unvermuteter Weise,
-die Uebertragung der Gebeine vorgenommen.
-
-Sie wurden in der neuen Stiftskirche anfänglich in einem Tiefgrabe
-beigesetzt, weil Christinas Heiligsprechung, wie Johann Gilemanns
-in seinem Novale Sanctorum berichtet, beim Papste wohl beantragt
-worden, aber noch nicht erfolgt war. Jedenfalls war es Erzbischof
-Walram von Jülich, der wohl in Verbindung mit seinem Bruder, dem
-Markgrafen Wilhelm von Jülich, die Heiligsprechung Christinas beantragt
-hat. Walram starb jedoch im Jahre 1349 und infolge der Ungunst der
-Zeitverhältnisse kam die Sache ins Stocken. Die Verehrung Christinas
-jedoch kam deshalb nicht in Verfall, sondern hob sich mit Wissen und
-unter stillschweigender Billigung der kirchlichen Behörde immer mehr,
-zumal auch in Nideggen ihr Grab durch wunderbare Heilungen verherrlicht
-wurde.
-
-In dem vom Jülicher Markgrafen an den Erzbischof Walram gestellten
-Antrag auf Weihe der Stiftskirche in Nideggen, den der Erzbischof
-in allen Punkten bestätigte, heißt es, die neue Stiftskirche solle
-zwar dem h. Apostel und Evangelisten Johannes geweiht werden, allein
-es sei deshalb doch nicht beabsichtigt, daß die Patrone der Kirche
-von Stommeln -- diese war dem h. Bischof Martinus geweiht -- und
-sonstige Heilige, die dort entweder kraft der Satzung oder nach
-Brauch verehrt worden seien, künftighin in Nideggen nicht mehr in der
-früheren Weise sollten verehrt werden. Diese nach Lage der Sache --
-da das Heiligsprechungsverfahren Christinas noch in der Schwebe war
--- vorsichtig gefaßte Stelle, kann sich nur auf die selige Christina
-beziehen.
-
-Wie sehr ihr Grab in der Stiftskirche zu Nideggen verehrt wurde,
-geht daraus hervor, daß diese nicht nach ihrem Patron, dem h.
-Apostel und Evangelisten Johannes benannt wurde, sondern gemeinhin
-=Sankt-Christinen-Kirche= heißt. So nennt sie z. B. Herzog Gerhard
-von Jülich in der am Karfreitag des Jahres 1445 erlassenen Satzung des
-St.-Hubertus-Ordens, den er zum Andenken an den von ihm am Hubertustage
-des Jahres 1444 bei Linnich über Arnold von Egmont errungenen Sieg auf
-dem Schlachtfelde selbst gestiftet hatte. Dieser Orden, der jetzt der
-vornehmste Orden des bayerischen Königshauses ist, und dem auch damals
-nur die edelsten Herren und ersten Fürsten Deutschlands angehörten,
-hatte seinen Sitz in der Christinenkirche zu Nideggen. In § 3 der
-Ordenssatzung heißt es, daß ein Ordensritter, wenn er aus irgend einem
-Grunde in Gegnerschaft zum Herzoge von Jülich treten müsse, gehalten
-sei, vorher die „Ordenskette“ nach Nideggen zur Kirche =der seligen
-Christina=, die der Hauptsitz des Ordens sei, zurückzusenden. Und in §
-15 wird bestimmt, daß, wenn ein Ordensritter gestorben sei, die Erben
-und Verwandten die Ordensabzeichen allsogleich nach Nideggen zur Kirche
-=der heiligen Christina= zurückschicken sollen.[54]
-
- [54] _„Tenetur ... torquem ordinis tesseram remittere Nideccam ad
- Divae Christinae templum, in quo ordinis sedes primaria“. --
- „Haeredes et Cognati torquem et ordinis signum protinus Nideccam
- ad Sanctae Christinae templum ... remittunto“. Brosii Annales
- Juliae. Coloniae 1731. II, 57._ Oidtmann, die Hubertusschlacht
- bei Linnich. Jülich 1909. 67 und 69.
-
-In ihrem am 6. Februar 1496 vor dem Cölner Offizial durch Notar Hermann
-Birrick von Orsoy beglaubigten Testamente bestimmte die Gräfin zu
-Virneburg, geb. Maria von Croy, sie wolle nach ihrem Tode begraben
-werden „zo Nydecken in der understhen Kirchen zu =sent Christynnen=
-by unseren jonckeren van Blanckenheym seliger“. Dann stiftet sie noch
-verschiedene Wochenmessen, die „in derselver kirchen Nydecken zo „=sent
-Christinen=“ sollten gelesen werden“.[55]
-
- [55] Staatsarchiv zu Düsseldorf. Stift Jülich Nr. 92. Die Stiftskirche
- heißt die unterste Kirche zu Nideggen im Gegensatz zu der höher
- gelegenen Pfarrkirche.
-
-In der Stiftskirche zu Nideggen wurde gegen das Jahr 1500 für
-die Gebeine der seligen Christina ein recht geschmackvolles, aus
-Schmiedeeisen gearbeitetes, erhabenes Grabmal errichtet, dessen Abbild
-aus dem Werk der Bollandisten wir (Abbildung 11) beifügen.
-
-Der auf der Höhe des Denkmals thronende hölzerne Reliquienschrein
-zeigte an den beiden Schmalseiten das in flacher Schnitzerei aus
-Eichenholz gearbeitete Bild Christinas mit dem Drachen unter den Füßen
-und dem Buche in der Hand. Am Giebel der rechten Langseite befand sich
-das Bild des h. Apostels und Evangelisten Johannes, ihm gegenüber an
-der linken Langseite das Bild des h. Bischofs Martinus. Bei einem
-Gewölbeeinsturz wurde im Jahr 1783 das zierliche Denkmal zerstört.
-Eines der beiden Bilder Christinas ist jedoch erhalten geblieben und
-ist gegenwärtig an der Seitenwand der Christinakapelle der Jülicher
-Pfarrkirche angebracht (Abbildung 12).
-
-Der im Renaissancestil gehaltene, aus schwarzem Marmor gearbeitete
-Sarkophag, für den der gotische Eisenaufbau nur die Umrahmung und
-Bekrönung bildete, ist jünger als dieser, hat jedoch schon in Nideggen
-Christinas Gebeine umschlossen, wie er es annoch zu Jülich tut.
-Denn der Marmor, aus dem er angefertigt ist, stammt aus der Umgegend
-von Nideggen. In der Jülicher Fehde, auch Geldrischer Erbfolgekrieg
-genannt, wurde Schloß und Stadt Nideggen von den Truppen Kaiser Karls
-V. im Jahre 1542 fast gänzlich zerstört. Auch die Stiftskirche wurde
-stark beschädigt. Die herzogliche Residenz wurde nach Jülich verlegt
-und in dessen Nähe das Waldschloß Hambach prächtig wiederaufgebaut.
-Nideggen verfiel und die Stiftskirche begann zu veröden. Nach dem
-Willen des Herzogs sollte das Stift dem Hofe nach Jülich folgen, und
-deshalb beantragte Herzog Wilhelm beim päpstlichen Nuntius Sebastian
-Pighino dessen Verlegung in die Pfarrkirche zu Jülich. Dem Ersuchen
-wurde durch Urkunde vom 15. November 1550 entsprochen. Die Stadt
-Nideggen aber sträubte sich gegen die Verlegung des Stiftes. Auch lag
-in Jülich, in Folge des großen Brandes vom Jahre 1547, noch alles im
-Argen, und so blieb das Stift noch achtzehn Jahre lang in Nideggen.
-Erst am 1. Oktober 1569 siedelte es hinüber nach Jülich in die dortige
-der allerseligsten Jungfrau geweihte Pfarrkirche und führte von nun
-an den Titel „Liebfrauenstift“. Christinas Gebeine konnten aber von
-den Stiftsherren nicht nach Jülich mitgenommen werden. Der Widerstand
-der Bewohner Nideggens war zu groß. Sie blieben vielmehr, wie der
-Notar Christian Hammechers von Nideggen in einer vom 6. März 1578
-datierten Nachschrift zum ersten Buch der Jülicher Handschrift mit
-Dank gegen Gott bezeugt, noch eine Reihe von Jahren in der Kirche zu
-Nideggen. In dieser mußte auch noch an allen Sonn- und Feiertagen von
-seiten des nunmehrigen Jülicher Stiftes eine h. Messe gehalten werden.
-Jedoch verfiel die Kirche immer mehr. Durch List wußten die Jülicher
-Stiftsherren schließlich Christinas Gebeine von Nideggen nach Jülich zu
-schaffen.
-
-Es war am 22. Juni 1586, als an einem Nachmittage nach der Vesper ein
-Mann, der auf alle an ihn gestellten Fragen keine Antwort gab, mit
-einem Wagen vor der Pfarrkirche zu Jülich anlangte, dort den Schrein
-mit den Gebeinen der seligen Christina absetzte und dann spurlos
-verschwand. Der Mann wird von den Jülicher Stiftsherren gedungen
-gewesen sein. Zur Nachtzeit wird er den Reliquienschrein in Nideggen
-aufgeladen haben und konnte so um die Zeit, als die Stiftsherren aus
-der Vesper nach Hause gingen, in Jülich ankommen. Natürlich mußte er
-spurlos verschwinden, um Weiterungen vonseiten Nideggens zu verhüten.
-
-Von der Anwesenheit der Gebeine Christinas in Nideggen geben noch heute
-zwei Ortsbenennungen Kunde, das =Christinentälchen= am obern Abhange
-des Jungholzes und das ebendaselbst befindliche „=Christinenpützchen=“.
-Hier sollen nach Aschenbroich Christinas Gebeine in Kriegszeiten
-versteckt gewesen sein, um sie vor Verunglimpfungen seitens der Krieger
-zu schützen.
-
-Die Stiftskirche in Nideggen wurde im dreißigjährigen Kriege vollends
-zur Ruine. Später bauten dort die Minoriten ein kleines Kirchlein
-mit Kloster, das bis zur Franzosenzeit bestand. Im Hofraum des
-Privatgebäudes, das an die Stelle des Klosters getreten ist, sind
-die Grundmauern des Langhauses der ehemaligen Stiftskirche noch zu
-erkennen. Auch sind im Garten die Untermauern des Chores in der Höhe
-von 2-3 Meter noch vorhanden.
-
-Die Marianische Kongregation für Jungfrauen zu Nideggen erwählte die
-selige Christina letzthin zu ihrer besonderen Schutzpatronin, und eine
-Reliquie aus den Gebeinen der Seligen wurde von Jülich bei Gelegenheit
-der Seligsprechungsfeier nach Nideggen übertragen.
-
-Das Stiftskapitel in Jülich bestand bis zum Anfang des 19.
-Jahrhunderts, wo es gleich den übrigen Stiften von der französischen
-Fremdherrschaft aufgelöst und die Stiftskirche wieder einfache
-Pfarrkirche wurde.
-
-Der 22. Juni wurde alljährlich in der Stiftskirche zu Jülich als
-Tag der Uebertragung der Gebeine der seligen Christina mit erhöhter
-Festfeier begangen. Das Hauptfest der seligen Christina wird jedoch
-von jeher und heute noch am 6. November, ihrem Sterbetage, unter
-großem Zulaufe des Volkes gefeiert, das zu ihr in leiblichen und
-geistigen Anliegen, besonders bei Lähmungen, Gichtleiden und in
-Fieberkrankheiten, seine Zuflucht nimmt und erfahrungsmäßig gnädige
-Erhörung findet. Ihr Grab war mit Weihegeschenken aller Art umhangen.
-Eine ununterbrochene Reihe von Gebetserhörungen und Heilungen, die
-auf Christinas Anrufung an ihrem Grabe erwirkt wurden, findet sich
-aufgezeichnet. Das Stiftskapitel traf sogar die Anordnung, daß ein
-apostolischer Notar die fast täglich zum Grabe Christinas kommenden
-hülfesuchenden Pilger beobachten und die Heilungen protokollieren
-solle. Wilhelm Hermann Gabriels hat denn auch in den Jahren 1704-1706
-eine ganze Reihe solcher Heilungen in ordnungsmäßigem Verhör vor Zeugen
-festgestellt und aufgezeichnet. Auch sonstige, selbst von weltlichen
-Behörden aufgenommene Protokolle über solche Heilungen sind in
-erheblicher Anzahl vorhanden.
-
-Auch bei den Kartäusern, die bei Jülich am Vogelsang ein Kloster
-hatten, und auch im Kloster zu Cöln blühte Christinas Verehrung.
-Zeugnis dafür legt ab ein auf Seide noch vor dem Jahre 1639 in der
-Cölner Kartause gedrucktes Bild der Seligen, dessen photographische
-Nachbildung im verkleinerten Maßstabe wir (Abbildung 4) wiedergeben.
-
-Doch nicht bloß in Jülich bei den Gebeinen Christinas, sondern auch an
-ihrer ursprünglichen Grabstätte, auf dem Kirchhofe zu Stommeln neben
-dem Glockenturm, geschahen viele Aufsehen erregende Heilungen. In den
-letzten Tagen des Januar und den ersten Tagen des Februar des Jahres
-1897 nahm Pfarrer Christian Klausmann zu Stommeln vierzig Protokolle
-von Heilungen auf, die auf Anrufung der seligen Christina und Besuch
-ihrer ehemaligen Grabstätte sich in den vorhergehenden Jahren in
-Stommeln zugetragen hatten.
-
-Im Jahre 1896 wurde die ehemalige Grabstätte Christinas zu
-Stommeln, die bis dahin Jahrhunderte hindurch durch einen gewölbten,
-tumbaähnlichen Ziegelsteinbau kenntlich gemacht war, mit einem schönen,
-aus Heilbronner Sandstein in frühgotischem Stile gefertigten Denkmal
-geziert, das die gefeierte Selige in Lebensgröße darstellt (Abbildung
-8).
-
-Ganz in der Nähe jener Stätte, wo sie in den letzten Jahren ihres
-Lebens gewohnt hat und gestorben ist, gegenüber dem großen Kreuzhof
-wurde durch Familie Christian Lemper im Jahre 1854 eine Kapelle zu
-Ehren der seligen Christina erbaut.
-
-Weil jedoch Christina förmlich weder selig noch heilig gesprochen
-worden war, wurde die Zulässigkeit ihrer Verehrung vielfach in Zweifel
-gezogen.
-
-Unter Erzbischof Johannes, Kardinal von Geißel, bereits wurde in
-Jülich eine Untersuchung über die Verehrung der seligen Christina
-angestellt, die damit endigte, daß durch Verfügung des erzbischöflichen
-Generalvikariates vom 30. Dezember 1854 das fernere Fortbestehen der
-seit unvordenklichen Zeiten in der Pfarrkirche zu Jülich eingeführten
-gottesdienstlichen Feier am 6. November jeden Jahres in der bis dahin
-üblichen Weise und Ordnung bis zu anderweitiger Verfügung genehmigt
-wurde.
-
-Die Pfarrkirche zu Jülich wurde, abgesehen vom Turme, in der zweiten
-Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch einen Neubau auf der alten
-Stelle ersetzt, und durch die Fürsorge des für Christinas Verehrung
-eifrig besorgten Oberpfarrers und Dechanten Andreas Esser wurde an
-der Epistelseite des Neubaues eine eigene Christinakapelle errichtet,
-in deren Mitte das alte Grabmal mit den hh. Gebeinen Aufstellung fand
-(Abbildung 13).
-
-In der Karwoche des Jahres 1874 war Erzbischof Paulus Melchers, weil
-er sich den sogenannten Kulturkampfgesetzen nicht fügen wollte, ins
-Gefängnis am Klingelpütz abgeführt worden, woselbst er sechs Monate
-hindurch eingekerkert war. Mit ihm teilte die Haft der Pfarrverwalter
-von Stommeln Johann Wilhelm Havermann. Das Studium und die Betrachtung
-der Leiden und Prüfungen der Dulderin Christina brachte beiden
-schwergeprüften Männern Trost und Kraft.
-
-Aus dem Gefängnisse entlassen, genehmigte Erzbischof Paulus Melchers
-unter dem 31. Oktober 1874 die Gottesdienstordnung für die Festfeier
-der seligen Christina in der Pfarrkirche zu Stommeln, der er
-auch eine Reliquie der Seligen, nämlich einen Armknochen, aus dem
-Reliquienschreine in Jülich überwies.
-
-Kein Wunder, daß der Kirchenfürst, als er nach zehnjährigem Exil im
-Jahre 1885 mit dem Kardinalshut geschmückt, in der Hauptstadt der
-Christenheit seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, die Sache der seligen
-Christina in die Hand nahm.
-
-Am Feste des Namens Jesu 1889 stellte er schriftlichen Antrag beim
-Papste auf Bestätigung ihrer unvordenklichen Verehrung und die
-Ritenkongregation beauftragte den damaligen Cölner Erzbischof Philippus
-Krementz, das ordentliche Prozeßverfahren in dieser Sache einzuleiten.
-Weihbischof Hermann Josef Schmitz führte im Namen des Erzbischofs
-den kanonischen Prozeß, und unvergeßlich ist der Jubel und die
-Begeisterung, mit der er am 16. Februar 1897 in Jülich empfangen wurde,
-als er dort mit Postulator, Promotor und Notar zur Inaugenscheinnahme
-des Grabes der Seligen und zur Vornahme von Zeugenverhören erschien.
-Freilich erhob sich auch, wie das nicht anders zu erwarten war,
-Widerspruch, und lebhafte Fehde wurde in den politischen Blättern über
-die Zweckmäßigkeit der Einleitung des Prozeßverfahrens geführt. Das
-mußte natürlich den Gerichtshof bewegen, das Verfahren mit größter
-Sorgfalt und Gründlichkeit zu führen. Das Ergebnis war ein günstiges.
-Am 9. September 1897 fällte der Kardinal Erzbischof Philippus Krementz
-in feierlicher Gerichtssitzung, die in der erzbischöflichen Hauskapelle
-zu Cöln stattfand, nach Anrufung des Namens Christi, Gott allein
-vor Augen habend, das Endurteil dahin, es sei als feststehend zu
-erachten, daß die ehrwürdige Dienerin Gottes Christina schon vor dem
-Jahre 1534 kirchlich verehrt worden sei, und daß diese Verehrung sich
-ununterbrochen bis auf den heutigen Tag erhalten habe.
-
-Papst Urban VIII. hat nämlich aufs strengste verboten, jemanden
-als Heiligen zu verehren, der nicht vom Papste heilig gesprochen
-sei. Dieses Verbot findet jedoch nicht auf diejenigen Diener Gottes
-Anwendung, die bereits hundert Jahre vor der Verfügung Urbans VIII.,
-nämlich vor dem Jahre 1534, in der Kirche öffentlich als Heilige oder
-Selige verehrt worden sind. Bezüglich der seligen Christina wurde nun
-der vollgültige Beweis erbracht, daß ihre Verehrung bereits vor dem
-Jahre 1534 zu Recht bestand.
-
-Nach langwieriger und sorgfältiger Prüfung hat die Ritenkongregation
-in ihrer Sitzung vom 11. August 1908 auf Anstehen des Kardinals
-Hieronymus Gotti das Urteil des Cölner Erzbischofs bestätigt, und
-am darauffolgenden Tage hat Papst Pius X. die Verehrung der seligen
-Christina gutgeheißen.
-
-Nach kirchlichem Rechte gebührt ihr nunmehr der Grad der Verehrung, der
-den förmlich selig gesprochenen Dienern Gottes zusteht.
-
-In der neuen Pfarrkirche zu Stommeln wurde der Seitenaltar auf der
-Evangelienseite nach ihr benannt und mit ihrem Bilde geschmückt
-(Abbildung 9), und am Fuße des Kirchhügels wurde ein stattliches
-Krankenhaus (Abbildung 10) erbaut, das am Christinafeste des Jahres
-1908 feierlich eingeweiht wurde. Zellitinnen aus der Kupfergasse
-in Cöln, deren Orden sich aus dem Beginentum entwickelt hat, mithin
-Mitschwestern der seligen Christina, versehen in ihm den Krankendienst.
-
-Auf Antrag des hochseligen Kardinals und Erzbischofs von Cöln Antonius
-Fischer wurde durch Dekret der Ritenkongregation vom 18. März 1909 der
-Name der seligen Christina in das liturgische Kalendarium der Cölner
-Kirche unter dem 6. November eingetragen, die Feier ihres Festes für
-den Bereich des Erzbistums Cöln bewilligt und eigene Meßgebete und
-Lesungen für die Begehung des Festes genehmigt.
-
-Die Meßgebete lauten in der Uebersetzung wie folgt:
-
-
-Meßgebet.
-
-O Herr Jesus Christus, der Du Deine geliebte Braut Christina
-mit überaus reichen Gnadengaben ausgestattet und sie gegen alle
-Nachstellungen des Teufels mit unbesiegbarem Heldenmute ausgerüstet
-hast, gib gnädig, daß wir durch ihre gütige Vermittelung alle
-Widerwärtigkeit standhaft überwinden, in Deinem Dienste treu bis zum
-Tode verharren und so die ewigen Freuden erlangen. Der Du lebst und
-regierst.
-
-
-Stillgebet.
-
-Wir bringen, o Herr, das Opfer Deines Leibes und Blutes dar und
-bitten Dich demütig, daß wir durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau
-Christina Verzeihung aller Sünden erlangen mögen. Der Du lebst u. s. w.
-
-
-Nach der h. Kommunion.
-
-Laß einströmen, o Herr, in unsere Herzen, den Geist Deiner Gütigkeit
-und gib gnädig, daß wir in Nachahmung der Tugendbeispiele Deiner
-seligen Jungfrau Christina standhaft im Glauben und glühend in der
-Liebe befunden werden. Durch unsern Herrn.
-
-
-Lied zum Christinafest.
-
- Nach der neuen Melodie: „Maria zu lieben“.
- (Kölner Diözesangesangbuch Nr. 177).
-
- 1. O sel'ge Christina, wir ehren Dich heut',
- Weil Gott Dich erhoben zur himmlischen Freud;
- In unserer Heimat hast einst Du gelebt
- Und jegliche Tugend zu üben gestrebt.
-
- 2. Auf Gott war gerichtet Dein Herz und Dein Sinn,
- Dem frommen Gebete gabst gern Du Dich hin;
- Dem höllischen Feinde Du so widerstand'st
- Und Hülfe und Beistand durch Engel Du fand'st.
-
- 3. Du warst mit der Herrin des Himmels vertraut
- Und hast gar den göttlichen Heiland geschaut;
- Er prägte die Male der Wunden Dir ein,
- Du solltest empfinden der Dornenkron' Pein.
-
- 4. Gar lieblich und eifrig, nach Jesu Gebot,
- Halfst gern Du dem Nächsten in Krankheit und Not;
- Des Fegfeuers Seelen in Qualen und Leid
- Hast durch Dein Büßen und Beten befreit.
-
- 5. Und gleich Deinem Heiland, in Armut und Not
- Dein Leben Du schlossest durch heiligen Tod;
- Du gingest in die Ruhe der Seligen ein,
- Und stets wird im Segen Dein Andenken sein.
-
- 6. Gar mancher, der bittend an Dich sich gewandt,
- Erhörung und Gnade bei Gott durch Dich fand;
- Denn er, der im Schwachen sich machtvoll bewährt,
- Noch jetzt seiner Dienerin Bitten erhört.
-
- 7. Wir fleh'n, da die Kirche als Sel'ge Dich ehrt,
- Und um Deine Fürsprach' zu bitten uns lehrt:
- Hilf uns Christina in jeglicher Not,
- Zumal wenn uns nahet der bittere Tod.
-
-
-
-
-Personen- und Ortsverzeichnis.
-
-
- Aachen 3, 11, 146, 147.
-
- Aarhus 101, 105, 108.
-
- Absalon, Dominikanerprovinzial 50.
-
- Adolf, Graf von Berg 155, 156, 157.
-
- Adolf, Graf von Nassau 155, 156.
-
- Adolf, Scholar in Cöln 30, 92.
-
- Aerschot 144.
-
- Albert der Große 4, 12.
-
- Albigenser 10.
-
- Aldebrandino, Dominikaner aus Rom 29, 59, 60, 61, 62, 64, 67,
- 79, 80, 102.
-
- Aleidis, Begine in Stommeln 32, 33, 40, 115.
-
- Aleidis, die Blinde, Begine in Stommeln 19, 32, 52, 54, 89, 109.
-
- Alfradis, vornehme Frau bei Stommeln 40.
-
- Alsen 118.
-
- Andernach 29.
-
- Andreas, reicher Schwede 131.
-
- Andreas von Esch, Dominikaner 98.
-
- Andreasstift zu Cöln 12, 17, 164.
-
- Antwerpen 154.
-
- Apostoliker, Sekte 10.
-
- Arnold von Egmond 166.
-
- Arnold von Looz 155.
-
- Arnold von Xanten, Dominikanerprior 29, 83.
-
- Aschenbroich, Martin, Schriftsteller 168.
-
- Augustinus, Dominikanerprovinzial 113.
-
- Balduin von Flandern, Dominikaner 29, 59.
-
- Bartholomäus, Apostel 17 21, 156.
-
- Beatrix, Frau zu Stommeln 5.
-
- Bedburg 57, 92.
-
- Beginen 8, 9.
-
- Beginen zu Stommeln 19, 32, 91.
-
- Benigna, Begine in Stommeln 32, 116.
-
- Berg, Grafschaft 155, 157.
-
- Bergheim, an der Erft 2.
-
- Berlich, Straße in Stommeln 160.
-
- Bertold, Dominikanerprior 130, 132, 133.
-
- Birrick, Hermann, Notar 167.
-
- Blankenheim 167.
-
- Böhmen 29.
-
- Bonefant, Wilhelm, Dominikaner 87.
-
- Bordeaux 154.
-
- Brabant 155.
-
- Brandenbergertor zu Nideggen 164.
-
- Brauweiler 2, 30, 67, 68, 76, 94, 105, 106, 108, 155.
-
- Brühl 3
-
- Bruno h., Erzbischof von Cöln 4.
-
- Brusohaus 6.
-
- Bruso, Heinrich 5, 109.
-
- Burg an der Wupper 156.
-
- Calcar 163.
-
- Caster 164.
-
- Cäcilia h. 57.
-
- Cäcilienstift in Cöln 4, 5, 30, 31, 164, 165.
-
- Christina h., Martyrin 5.
-
- Christina, Dominikanerin in Schweden 130.
-
- Christina, Stiftsdame an St. Ursula in Cöln 32.
-
- Christina, Dienstmagd des Bruders Christinas zu Cöln 149.
-
- Christinenaltar zu Stommeln 172.
-
- Christinengrab zu Stommeln 170.
-
- Christinenkapelle zu Jülich 171.
-
- Christinenkap. z. Stommeln 160, 170.
-
- Christinenkirche zu Nideggen 168.
-
- Christinenpützchen bei Nideggen 168.
-
- Christinentälchen bei Nideggen 168.
-
- Cleve V, 162, 155, 163.
-
- Coblenz 106.
-
- Cöln 2, 4, 11, 31, 113, 116, 118, 125, 133, 139,
- 140, 147, 148, 149, 155.
-
- Cölner Dom 2, 126.
-
- Creuzburg 105.
-
- Croy von, Maria, Gräfin zu Birneburg 167.
-
- Dazien, Provinz des Dominikanerordens 27, 131.
-
- Dietrich IX., Graf von Cleve V, 155, 162, 163, 165.
-
- Dietrich von Moers 155.
-
- Dionysius, Pseudo- 50.
-
- Dominikanerinnen 130.
-
- Dominikanerkirche zu Cöln 12.
-
- Dominikaner- oder Predigerorden 11, 132.
-
- Düren 11.
-
- Düsseldorf 118, 163.
-
- Eberhard, Graf von der Mark 155.
-
- Egmond 166.
-
- Eifel 5.
-
- Elisabeth, Mutter Johannes des Täufers 49.
-
- Engelbert II. von Falkenburg, Erzb. von Cöln 3, 30, 105.
-
- Engelbert III., Graf von der Mark, Erzb. von Cöln 10.
-
- Engelbert, Stiftsherr an St. Cäcilien zu Cöln 30.
-
- Engilradis, Begine in Stommeln 33, 89.
-
- Esch bei Cöln 98.
-
- Eschgasse zu Stommeln 5.
-
- Essen 55.
-
- Esser, Andreas, Dechant zu Jülich 170.
-
- Falkenburg 155.
-
- Fischer, Antonius, Kardinal und Erzb. von Cöln 172.
-
- Flandern 29.
-
- Falkwin, Dominikaner 5, 29, 114, 116, 118, 124, 134, 154.
-
- Franz h., von Assisi 54.
-
- Franziskanerorden 11.
-
- Frechen 3.
-
- Friesland 145.
-
- Gabriels, Wilhelm Hermann, Apost. Notar in Jülich 169.
-
- Galgenberg bei Stommeln 159.
-
- Geldern 155, 156, 157.
-
- Geißel von, Johannes, Kardinal und Erzb. von Cöln 170.
-
- Gerhard, Dominikaner, Bruder der sel. Christina 6, 133
- (Siehe auch Sigwin).
-
- Gerhard vom Greif, Dominikaner 15, 28, 30, 45, 52, 53, 57, 58, 70, 71,
- 90, 95, 97, 106, 115, 120.
-
- Gerhard, Herzog von Jülich 166.
-
- Gerhard, Sohn des Vogtes von Stommeln 116.
-
- Gertrud, Schwester der sel. Christina 6, 87.
-
- Gertrud, Schwester des Pfarrers Johannes von Stommeln 33, 45, 54, 68,
- 70, 72, 92, 99, 109.
-
- Gertrud, Stiftsdame an St. Ursula zu Cöln 32.
-
- Geva, Gräfin von Virneburg, Aebtissin des Cäcilienstiftes zu Cöln
- 31, 59, 81, 83.
-
- Gielemanns, Johann 165.
-
- Gohrbroich 145, 153.
-
- Görres von, Josef 55.
-
- Gotenburg V.
-
- Gotfrid, Dominikaner 29, 87.
-
- Gotfrid, Prior der Benediktinerabtei Brauweiler 30, 67.
-
- Gotfrid, Stiftsdechant zu Stommeln 164.
-
- Göthe 24.
-
- Gotland 26, 27, 29, 118, 128, 130, 131, 154.
-
- Gotti, Hieronymus, Kardinal zu Rom 172.
-
- Gregor IX., Papst, 10.
-
- Greif zum, Haus in Cöln, 29.
-
- Greven Dr., Josef, Kaplan in Düsseldorf, 11.
-
- Grimlinghausen 30.
-
- Hadewig, Schwester des Pfarrers Johannes von Stommeln, 33, 65.
-
- Hambach bei Jülich 167.
-
- Hammechers, Christian, Notar in Nideggen, 168.
-
- Havelbrech 29, 67, 70, 79, 83.
-
- Havermann, Johann Wilhelm, Pfarrverwalter zu Stommeln, 171.
-
- Heinrich von Bedburg, Dominikaner, 57, 92.
-
- Heinrich, Bruder der sel. Christina, 6, 149, 150.
-
- Heinrich, Graf von Luxemburg, 155, 156.
-
- Heinrich, Magister vom Stifte der hh. Jungfrauen in Cöln, 30.
-
- Heinrich, Pfarrer von Stommeln, 26, 32, 115, 116.
-
- Heinrich von Westerburg, 156.
-
- Helborges, Begine auf Gotland, 131.
-
- Helinrich, Dominikaner, 99, 110.
-
- Hermann von Havelbrech, Dominikanerprior, 29, 67, 70, 79, 83.
-
- Herpern von Kentzwilre, Stiftsherr in Stommeln, 164.
-
- Hespe, Johannes, Dominikaner, 29, 76, 99.
-
- Hiddo, Dominikanerprovinzial, 81.
-
- Hieronymus h., Kirchenlehrer, 31.
-
- Hildegundis, Begine in Stommeln, 148.
-
- Hilla, Mutter der sel. Christina, 5, 112.
-
- Hilla, Schwester der sel. Christina, 5, 6, 70, 89.
-
- Hilla, Nichte der sel. Christina, 33, 89, 110.
-
- Hilla v. Berge, Begine in Stommeln, 5, 19, 32, 54, 60, 68, 70, 72,
- 81, 89, 99, 104, 124, 127.
-
- Hilla von Ingendorf, Begine in Stommeln, 32, 70, 91.
-
- Hubertusorden 166.
-
- Ingeld, Dominikanerprior, 127.
-
- Ingendorf 32, 84, 91.
-
- Innozenz IV., Papst, 56.
-
- Irmgardis, Freiin von Wevelinghoven, Stiftsfräulein
- an St. Cäcilien zu Cöln, 31.
-
- Italien 84.
-
- Jakob von St. Andreas, Stiftsherr zu Stommeln, 164.
-
- Jakob von Andernach, Dominikaner, 29.
-
- Jakob, Kollegium zum h., in Paris, 84.
-
- Jakobiner 84.
-
- Job 21.
-
- Johann, Herzog, von Brabant 155.
-
- Johann von Limburg a. Lahn 155.
-
- Johannes, der Täufer, 164.
-
- Johannes, Apostel, 27, 60, 166, 167.
-
- Johannes XXII., Papst, 164.
-
- Johannes von Aerschot, Stiftsherr zu Stommeln, 164.
-
- Johannes von Caster, Stiftsherr zu Stommeln, 164.
-
- Johannes I., Dominikanergeneral, 29.
-
- Johannes Hespe, Dominikaner, 29, 76, 99.
-
- Johannes von Muffendorf, Dominikaner, 29, 53, 70, 71, 72, 73, 76, 79,
- 80, 82, 83, 92, 104, 105, 115,
- 130, 131.
-
- Johannes, Bruder des 3. Ordens vom hl. Dominikus (Miliz Christi) 130.
-
- Johannes von Creuzburg 105.
-
- Johannes, Pfarrer in Stommeln, 15, 19, 20, 23, 26, 67, 78, 84, 85,
- 93, 103, 108, 116, 124, 143.
-
- Johannes, Magister in Stommeln, 5, 27, 85, 114, 122, 123, 127, 129,
- 144, 158, 163.
-
- Johannes von Stommeln, Kaplan in Monterberg, 163.
-
- Johannes von Stommeln, Stiftsherr in Stommeln, 164.
-
- Jülich, Grafschaft, Markgrafschaft, Herzogtum, 2.
-
- Jülich, Stadt 55, 103, 167, 168, 170, 171.
-
- Jülicher Handschrift, enthaltend die Materialien
- zur Geschichte der sel. Christina,
- iv, 26, 28, 37, 118, 122, 130, 161, 162, 168.
-
- Jungholz, Wald bei Nideggen, 168.
-
- Jütland 101.
-
- Kalmar 118.
-
- Kamp, Kloster am Niederrhein, 6.
-
- Karl, Dominikaner, 29, 49, 50.
-
- Karl V., Kaiser, 167.
-
- Kartause in Cöln, 169, 170.
-
- Kartäuser bei Jülich, 169.
-
- Katharina hl., Martyrin, 78.
-
- Kinzweiler, 164.
-
- Klausmann, Christian, Pfarrer zu Stommeln, 170.
-
- Klingelpütz, Gefängnis zu Cöln, 171.
-
- Knechtsteden, 145.
-
- Knode, Johannes, Stiftsherr zu Stommeln, 164.
-
- Konrad von St. Cäcilien zu Stommeln, 164.
-
- Konrad von Hochstaden, Erzbischof von Cöln, 3.
-
- Konradin, Hohenstaufe, 2.
-
- Krementz, Philippus, Kardinal und Erzbischof von Cöln, 171.
-
- Kreuzhof in Stommeln, 160, 170.
-
- Kreuzkirche (d. Dominikan.) i. Cöln, 12.
-
- Kupfergasse in Cöln, 172.
-
- Lambert, der Stammler (_le bègue_), Priester zu Lüttich, 10.
-
- Laurentius, Dominikaner, 29, 110, 111, 131.
-
- Lechenich, 3.
-
- Lemper, Christian, Erbauer der Christinenkapelle in Stommeln 170.
-
- Leonius, Kellermeister der Benediktinerabtei Brauweiler, 30, 67.
-
- Limburg, Herzogtum 155.
-
- Limburg an der Lahn 155.
-
- Linnich 166.
-
- Löwen 154.
-
- Lübeck 114, 117, 118.
-
- Ludwig von Randerath, Stiftsherr in Stommeln 164.
-
- Lull, Peter, Schriftsteller 55.
-
- Luxemburg 155, 156, 157.
-
- Luzius III., Papst 11.
-
- Maderna, Stefan, Bildhauer 57.
-
- Mailand 56.
-
- Maria h., Gottesmutter 7.
-
- Maria Magdalena h., Hospital zur, in Cöln 12, 13.
-
- Maria von Virneburg 167.
-
- Marienholz 3.
-
- Mark, Grafschaft 155.
-
- Martin h., Bischof von Tours 4, 166.
-
- Matthias h., Apostel 45.
-
- Mauritius, Dominikaner 29, 56, 59, 65, 79, 80, 84, 86, 98, 101, 108,
- 130, 131, 133.
-
- Melchers, Paulus, Kardinal und Erzb. von Cöln 171.
-
- Michael, Emil, S. J., Universitätsprofessor in Innsbruck 27.
-
- Michels, Rektor in Remagen 31.
-
- Minden 118.
-
- Minoriten in Cöln 30.
-
- Moers, Grafschaft 155.
-
- Monheim 156.
-
- Monterberg 163.
-
- Muffendorf 29, 53, 70, 92.
-
- München-Gladbach 2.
-
- Nassau 155, 156.
-
- Neapel 2.
-
- Nettesheim 145.
-
- Neuß 11, 118, 162.
-
- Nideggen 3, 164, 165, 166, 167, 168.
-
- Nikolaus, Dominikaner 53, 81, 98, 99, 100, 109.
-
- Nikolaus Heinrich, Dominikanerprior 84, 92.
-
- Nivelles 10.
-
- Olaw, Dominikaner, 110.
-
- Orsoy 167.
-
- Ossendorf, 102.
-
- Otto von Braunschweig, 2.
-
- Otto der Große, 4.
-
- Papebroch, S. J., Bollandist, 55.
-
- Paris, 45, 49, 50, 79, 81, 82, 84, 85, 86, 90, 94, 110.
-
- Paulson, Johannes, Universitätsprofessor in Gotenburg, V.
-
- Paulus h., Apostel, 16, 24.
-
- Petrus h., Apostelfürst, 60.
-
- Petrus von Dazien, Dominikaner,
- v, 8, 26, 30, 35, 36, 39, 42, 45, 49, 52, 56,
- 64, 76, 113, 115, 118, 120, 134, 154, 161.
-
- Petrus h., von Mailand, Martyrer 56.
-
- Petrus von Unkelbach, Stiftsherr zu Stommeln, 164.
-
- Philipp von St. Andreas, Stiftsherr in Stommeln, 164.
-
- Philipp von Schwaben, 2.
-
- Pighino, Sebastian, päpstl. Nuntius, 168.
-
- Pius X., Papst, 1, 172.
-
- Polen, 29.
-
- Poulheim, Dorf bei Cöln, 6.
-
- Prämonstratenser, 10.
-
- Ptolemäus, Klaudius, Astronom, 57.
-
- Quinheim, ehemaliges Kloster bei Neuß, 30, 92.
-
- Randerath, 164.
-
- Rheingasse zu Cöln, 3.
-
- Reinhard von Nideggen, Stiftsherr zu Stommeln, 164.
-
- Reinhold, Graf von Geldern, 155, 156.
-
- Remagen, 31.
-
- Reval, 29, 59.
-
- Richard von St. Viktor, 56.
-
- Rom, 29.
-
- Roß, Haus zum, in Cöln, 3.
-
- Salomon aus Ungarn, Dominikaner, 29, 82.
-
- Sandberg in Stommeln, 153.
-
- Schmitz, Hermann Josef, Weihbischof von Cöln, 37, 171.
-
- Schöningen, 133.
-
- Schweden, 131, 151, 160.
-
- Sigfried von Westerburg, Erzbischof von Cöln, 3, 155, 156.
-
- Sigwin, Bruder der sel. Christina, 6, 122, 124, 125, 126, 128, 130,
- 131, 133, 134, 150, 151, 159, 160.
-
- Skara, 110.
-
- Skeninge 27, 101, 104, 105, 108, 109.
-
- Södermanland, 109.
-
- Soest, 118.
-
- Steinfunder S. J., aus Essen, 55.
-
- Stolkgasse in Cöln, 11, 12.
-
- Stolzenberg von, Johannes, Cölner Bürger, 130.
-
- Stommeln (_Stumbelo_, _Stumbele_), 1, 2, 3, 114, 139, 162, 163,
- 164, 165.
-
- Straßburg, 83.
-
- Strengnäs, 27, 109.
-
- Swealand, 110.
-
- Teresia h., Ordensstifterin, 13, 15, 119, 157, 160.
-
- Thebäische Legion, 116.
-
- Thomas h., von Aquin, Kirchenlehrer, 4, 83, 84, 124.
-
- Titz, 162.
-
- Toskana, 59, 69.
-
- Ungarn, 29, 82
-
- Unkelbach, 164.
-
- Urban VIII., Papst, 172.
-
- Ursula h., Martyrin, 115.
-
- Ursulastift in Cöln, 30, 32.
-
- Venlo, 2.
-
- Ver Selen, Beginenkloster zu Cöln, 11.
-
- Virneburg, 31, 167.
-
- Vogelsang, Kartause bei Jülich, 169.
-
- Walram von Falkenburg, 155.
-
- Walram von Jülich, Erzbischof von Cöln, 163, 164, 166.
-
- Walram, Herzog von Jülich, 155.
-
- Walram von Luxemburg, 156.
-
- Walter, Dominikaner, 26, 40, 41, 42, 99.
-
- Werden, 29, 87.
-
- Werigehal in England, 29.
-
- Werner von Titz, 162.
-
- Westeräs, 109, 113.
-
- Wevelinghoven, 31.
-
- Wien, 130, 131.
-
- Wilhelm II., der Große, Graf von Jülich, 2.
-
- Wilhelm III., Graf von Jülich, 2.
-
- Wilhelm IV., Graf von Jülich, 2, 147.
-
- Wilhelm, Markgraf von Jülich, 164.
-
- Wilhelm, Herzog von Jülich, 168.
-
- Wilhelm Bonefant, Dominikaner, 87.
-
- Wilhelm von Werigehal, Dominikaner, 29.
-
- Wilhelm von Zülpich, Stiftsherr in Stommeln, 164.
-
- Wipert von Böhmen, Dominikaner, 29, 67, 69, 82.
-
- Wisby, 26, 27, 29, 118, 131, 133.
-
- Worringen, 2, 3, 34, 155, 156, 157.
-
- Xanten, 29, 83.
-
- Zellitinnen, 11, 172.
-
- Zisterzienser, 10.
-
- Zülpich, 3, 164.
-
-
-
-
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-End of the Project Gutenberg EBook of Die selige Christina von Stommeln, by
-Arnold Steffens
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SELIGE CHRISTINA VON STOMMELN ***
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- Die selige Christina von Stommeln, by Arnold Steffens. A Project Gutenberg eBook
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Die selige Christina von Stommeln, by Arnold Steffens
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die selige Christina von Stommeln
-
-Author: Arnold Steffens
-
-Release Date: August 31, 2017 [EBook #55466]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SELIGE CHRISTINA VON STOMMELN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Franz L Kuhlmann and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="tnotes chunk">
-<p class="fakeh4">Anmerkungen zur Transkription</p>
-<p class="center">
-Die nicht sehr häufigen typografischen und Fehler bei der
-Zeichensetzung sind stillschweigend bereinigt.
-</p>
-<p class="cont covernote">
-Das Deckblatt ist vom Einband des Originals übernommen;
-es geht damit in die "public domain".
-</p>
-</div>
-
-<div id="Fabb_01" class='center'>
- <img src='images/nabb01.jpg'
- alt='1. Haupt der h. Christina von Stommeln.'
- />
-<p class='caption'>1. Haupt der h. Christina von Stommeln.</p>
-</div>
-
-<div class="center">
-<h1>
-Die selige Christina<br />von Stommeln.
-</h1>
-<img class="tptune1" src="images/tpage_befauth.jpg" alt="000" width="120" height="20" />
-<p class="tpcontby">Von</p>
-<p class="tpauth1">Dr. Arnold Steffens,</p>
-<p class="tpauth2">Domkapitular.</p>
-<img class="tptune2" src="images/tpage_aftauth.jpg" alt="000" width="200" height="30" />
-<p class="tpetc3">1912.</p>
-<p class="tpetc4">Druck und Kommissionsverlag der Fuldaer Actiendruckerei<br />in Fulda.</p>
-</div>
-
-<div class="center tptune3 chunk">
-<span class="fmarkd">Imprimatur.</span>
-
-<div class="table tblfake">
-<div class="table-row">
-<div class="table-cell cellw05">&nbsp;</div>
-<div class="table-cell cellw30">
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Fuldae</em>, 29. Okt. 1912.
-</p>
-</div>
-<div class="table-cell cellw05">&nbsp;</div>
-<div class="table-cell cellw05">&nbsp;</div>
-<div class="table-cell cellw30">
-<p class="center">
-<br />
-Dr. <em class="gesperrt">Arenhold</em>,<br />
-<span class="fmarkd">Vic. gen.</span>
-</p>
-</div>
-<div class="table-cell cellw05">&nbsp;</div>
-</div>
-</div>
-
-</div>
-
-<h2 class="simplex chunk">
-Vorwort.
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-</h2>
-
-<div class="drop">
-<img src="images/pg_iii_init.jpg" alt="D" width="100" height="134" class="cap" />
-<p class="cap_1">
-Die selige Christina von Stommeln, die vielgenannte und vielfach verkannte
-hervorragendste Vertreterin des beschaulichen Lebens im Cölner Erzbistum
-aus dem dreizehnten Jahrhundert, ist in letzter Zeit infolge der seitens
-des h. apostolischen Stuhles erfolgten Bestätigung ihrer unvordenklichen
-Verehrung Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit geworden. Die Nachfragen
-nach einer eingehenden Darstellung ihres Lebens mehrten sich. Das im Jahre
-1859 über sie erschienene Buch von Pfarrer Theodor Wollersheim ist längst
-im Buchhandel vergriffen. Eine Neuauflage desselben empfahl sich nicht,
-weil es mehr eine Uebersetzung der Materialien zur Geschichte Christinas
-ist, und zudem noch eine vielfach ungenaue und irrtümliche, als eine
-durchgearbeitete Darstellung ihres Lebens.
-</p>
-</div>
-<p>
-Da der Verfasser gegenwärtiger Arbeit im kirchlichen Prozeß der
-Bestätigung der Verehrung Christinas als Antragsteller das Beweismaterial
-beizubringen hatte und sich deshalb mit allem, was auf die Dienerin Gottes
-Bezug hatte, vertraut machen mußte, wurde er von verschiedenen Seiten
-ersucht, eine neue Darstellung ihres Lebens zu bearbeiten, zumal am
-6.&nbsp;November dieses Jahres die sechste Jahrhundertfeier ihres
-Todes eintrifft.
-</p>
-
-<p>
-Die Aufgabe hat ihr Verlockendes, aber auch ihr Schwieriges.
-</p>
-
-<p>
-Verlockend ist sie, weil es sich darum handelt, eine innige, gottliebende,
-durch das Feuer der Trübsale erprobte starkmütige Frauengestalt der an
-Heiligen jederzeit fruchtbaren Cölner Kirche zu schildern.
-</p>
-
-<p>
-Schwierig ist sie, weil Christina zu jenen zählt, die auf dem Wege der
-innigsten Gottvereinigung, die ein Ausfluß der Gaben des h. Geistes
-ist und gewöhnlich als mystische bezeichnet wird, zur beseligenden
-Anschauung Gottes im himmlischen Vaterlande geführt wurde. Solche Seelen
-aber sind regelmäßig durch Gottes
-<span class="pagenum"><a id="Page_IV" name="Page_IV" href="#Page_IV">[IV]</a></span>
-Zulassung Gegenstand außergewöhnlicher
-Anfechtungen und Quälereien seitens der bösen Geister. Auch in Christinas
-Leben treten sie in die Erscheinung, sind jedoch beschränkt auf die
-Bußzeiten des Kirchenjahres und finden sich auch nur in den beiden
-mittleren Jahrzehnten ihrer siebenzigjährigen Lebensdauer. Da alles
-Dämonische stets seine dunklen Seiten hat, eine eingehende Nachprüfung der
-vielgestaltigen, stets neuen Arten der angeblichen teuflischen Quälereien,
-die über sechshundert Jahre zurückliegen, im Einzelnen kaum möglich ist,
-auch ermüdend wirken würde, erschien es dem Verfasser am zweckmäßigsten,
-Christina so zu schildern, wie sie sich selbst gibt, und den Ideenkreis
-ihrer Zeit getreu wiederzugeben. Einzelne der berichteten Vorgänge lassen
-sich freilich als Krankheitserscheinungen erklären; allein die meisten
-haben mit Krankheitserscheinungen nicht den mindesten Zusammenhang,
-sie sind einfach körperliche Mißhandlungen, die von unsichtbarer Hand
-ausgeführt wurden.
-</p>
-
-<p>
-Selbstverständlich bleibt es einem jeden überlassen, sich über diese
-Vorgänge sein Urteil zu bilden. Die Verehrungswürdigkeit Christinas
-hängt nicht davon ab, ob ihre Leiden natürlichen oder teuflischen
-Ursprunges waren. Sie hat dieselben mit heldenmütiger Geduld ertragen.
-Auch für solche, die geneigt sind, Christinas Leiden und Anfechtungen auf
-natürliche Gründe zurückzuführen, gilt sie als eine fromme und heilige
-Person.
-</p>
-
-<p>
-Quelle der Darstellung ist vor allem der handschriftliche Kodex
-des Pfarrarchivs zu Jülich, der den Titel führt: <span class="fmarkd">Legenda et passio
-sancte christine virginis</span>. Er ist auf Pergament geschrieben, in Holz
-und Leder gebunden und besteht aus drei Büchern. Das erste Buch hat
-die Ueberschrift: <span class="fmarkd">Incipit liber primus de virtutibus sponsae Cristi
-Cristinae compilatus a fratre Petro de ordine predicatorum</span>. Es zählte
-39 Blätter, von denen jedoch 22 fehlen. Im Anschluß an 43 Hexameter
-handelt es von den Tugenden, die Christina besonders zierten, ohne daß
-jedoch ihr Name genannt wird. Abgesehen von den Hexametern ist dasselbe
-noch nicht veröffentlicht. Das zweite Buch hat die Aufschrift: <span class="fmarkd">Incipit
-liber secundus de vita benedicte virginis Cristi Cristine</span>. Es zählt
-55 Blätter. Dasselbe wurde auf Kosten der schwedischen Staatsregierung
-in mustergültiger Weise herausgegeben im Jahre 1896
-<span class="pagenum"><a id="Page_V" name="Page_V" href="#Page_V">[V]</a></span>
-durch Professor
-Johannes Paulson in Gotenburg (Wettergren und Kerber). Das dritte Buch
-ist überschrieben: <span class="fmarkd">Incipit liber tertius de passionibus sepe benedicte
-virginis cristi cristine, quem compilavit magister Johannes capellanus
-virginis</span>. Es zählte gleichfalls 55 Blätter; die Zählung schließt sich
-jedoch an die des zweiten Buches an. Das vorletzte Blatt fehlt. Es
-ist veröffentlicht bei den Bollandisten unter dem 22. Juni, und auch
-Professor Paulson hat im Appendix seiner Schrift: <span class="fmarkd">In tertiam partem libri
-Juliacensis annotationes</span>, Blatt 66-72 und 110 aus demselben abgedruckt.
-Verfaßt ist der Kodex zur Zeit, als Christina und Petrus noch lebten, also
-noch vor 1288. Der Kodex, wie er jetzt ist, wurde zusammengestellt und
-geschrieben um das Jahr 1340, wahrscheinlich auf Veranlassung des Grafen
-Dietrich von Cleve.
-</p>
-
-<p>
-Das dritte Buch enthält ausgesprochenermaßen Berichte über Vorgänge
-visionärer Natur und kommt daher für die Geschichte wenig in Betracht.
-</p>
-
-<p>
-Die bei den Bollandisten unter dem 22. Juni abgedruckte <span class="fmarkd">Vita anonyma</span>
-ist eine bald nach Christinas Tode aus dem im Jülicher Kodex vorhandenen
-Material zusammengestellte Lebensbeschreibung Christinas, die wohl zur
-Einleitung ihrer Heiligsprechung dienen sollte. Sie kommt nebst einer
-Nachschrift zum zweiten Buch der Jülicher Handschrift in Betracht für das
-Lebensende Christinas und den Beginn ihrer kirchlichen Verehrung.
-</p>
-
-<p>
-Unsere Darstellung fußt, was Christinas Leben anbelangt, im Wesentlichen
-auf dem zweiten Buch der Jülicher Handschrift, das Petrus von Dazien als
-Augenzeuge der Vorgänge geschrieben und sein Landsmann, Professor Johannes
-Paulson im Jahre 1896 herausgegeben hat.
-</p>
-
-<p>
-Petrus von Dazien war ein gewissenhafter Schriftsteller, der
-außerordentlich sorgfältig arbeitete. Die ungemein zahlreichen, in dem
-Buch vorkommenden Orts- und Zeitangaben, desgleichen die Angaben über
-Persönlichkeiten und Zeitverhältnisse, überhaupt alle Angaben, die eben
-nachgeprüft werden können, erweisen sich als zutreffend, sodaß kein
-Grund, Dingen, die sich der Nachprüfung entziehen, die Glaubwürdigkeit
-abzusprechen. Er berichtet getreulich und umständlich, was er gesehen und
-gehört. Ob er die Natur der außergewöhnlichen Vorgänge im Leben Christinas
-richtig erfaßt
-<span class="pagenum"><a id="Page_VI" name="Page_VI" href="#Page_VI">[VI]</a></span>
-und beurteilt hat, bleibt dahingestellt. Man tut ihm
-jedoch Unrecht, wenn man sagt, er habe alles Außergewöhnliche gleich für
-Teufelswerk gehalten. Im Gegenteil forschte er mitunter nach, ob nicht
-äußere Ursachen, etwa mutwillige Menschen, die Vorgänge bewirkt hätten.
-Daß auch innere Ursachen im Spiel sein konnten und einzelne Vorgänge als
-Krankheitserscheinungen sich deuten lassen, scheint ihm freilich nicht in
-den Sinn gekommen zu sein, weil eben Christina nicht krankhaft veranlagt
-war.
-</p>
-
-<p>
-<em class="gesperrt">Der Verfasser dieser Schrift hat seinen persönlichen Anschauungen
-rückhaltlos Ausdruck gegeben. Er will aber dadurch andere nicht
-verpflichten und unterwirft dieselben ebenso rückhaltlos dem Urteile der
-Kirche.</em>
-</p>
-
-<p>
- <em class="gesperrt">Cöln</em>, den 24. Juli 1912.
-</p>
-
-<p class="ralign">
-<b>Dr. Arnold Steffens.</b>
-</p>
-
-<h2 class="simplex chunk">
-Literatur.
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-</h2>
-
-<h3>
-I. Vollständige Bücher.
-</h3>
-
-<ol>
-<li>
-<span class="pagenum"><a id="Page_VII" name="Page_VII" href="#Page_VII">[VII]</a></span>
-<span class="fmarkd">Petri de Dacia vita Christinae Stumbelensis. Johannes
-Paulson, Gotoburgi 1896. Fasc. II secundum de vita Christinae
-librum continens.</span></li>
-
-<li><span class="fmarkd">In tertiam partem libri Juliacensis annotationes.</span> Johannes
-Paulson, Göteburg 1896.</li>
-
-<li><span class="fmarkd">Jülicher-handskriften till Petrus de Dacia.</span> Johannes
-Paulson, Göteburg 1894.</li>
-
-<li><span class="fmarkd">Lilium inter spinas</span> (deutsch geschrieben). Kaspar Peter
-Lull, Cöln 1689.</li>
-
-<li>Leben und Leiden der sogenannten wunderbarlichen Christinae
-von Stommeln im Herzogtum Jülich, Prediger Ordens der dritten
-Regel des h. Dominici, durch einen Prediger des Prediger
-Ordens. <span class="fmarkd">F. L. F. O. P.</span> Cöln. 2. Aufl. 1744.</li>
-
-<li>Das Leben der ekstatischen und stigmatischen Jungfrau
-Christina von Stommeln. Theodor Wollersheim, Köln 1859.</li>
-</ol>
-
-<h3>
-II. Ausführliche Abhandlungen in größeren Werken.
-</h3>
-
-<ol>
-<li><span class="fmarkd">Acta Sanctorum Junii tom. IV pag. 270-454. Antwerpiae 1707.</span></li>
-
-<li><span class="fmarkd">Novale Sanctorum. Joannes Gillemannus, canonicus in
-Rougecloître 1487.</span></li>
-
-<li>Die Legend deren Heiligen. <span class="fmarkd">P. Dionysius de Luxemburg</span> (&dagger; 1703).</li>
-
-<li>Legende der Heiligen. Martin von Kochem. Augsburg 1705.</li>
-
-<li>Die christliche Mystik. Johann Josef von Görres. 4 Bde.
-Regensburg und Landshut 1836-1842 (2. Bd. S. 249 ff. S. 416;
-3. Bd. S. 416).</li>
-
-<li>Legende oder der christliche Sternhimmel. Alban Stolz, Freiburg
-1851-1860 (unter dem 22. Juni).</li>
-
-<li><span class="fmarkd">Histoire littéraire de la France XXVIII (1881). Ernest Renan.
-La bienheureuse Christine de Stommeln.</span> S. 1-16.</li>
-
-<li>Der Marien-Psalter. Dülmen 1891/1892 S. 33 und 222; 1896/1897
-S. 41-47.</li>
-
-<li><span class="pagenum"><a id="Page_VIII" name="Page_VIII" href="#Page_VIII">[VIII]</a></span>
-Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein. Heft 68
-(1892). Die Verlegung des Kollegiatkapitels von Stommeln nach
-Nideggen und von Nideggen nach Jülich. Dr. Arnold Steffens
-(S. 109-132).</li>
-
-<li>Geschichte des deutschen Volkes vom 13. Jahrh. bis zum Ausgang
-des Mittelalters. Emil Michael,
-Freiburg i. B. 1903. 3. Bd. S. 165-167.</li>
-</ol>
-
-<h3>
-III. Kürzere Notizen in größeren Werken.
-</h3>
-
-<ol>
-<li>Martyrologium des Usuard, Greven'sche Ausgabe v. J. 1515.</li>
-
-<li>Martyrologium des Kanisius. Dillingen 1570.</li>
-
-<li><span class="fmarkd">De Archiepiscoporum ac episcoporum Coloniensium origine et
-successu. Petrus Merssaeus. Coloniae 1580 (S. 115).</span></li>
-
-<li><span class="fmarkd">Annales Novesienses</span> von Werner aus Titz bei Martène <span class="fmarkd">„Veterum
-scriptorum amplissima collectio“ tom. IV pag. 584.</span></li>
-
-<li><span class="fmarkd">De admiranda ... magnitudine Coloniae. Aegidius Gelenius,
-Coloniae 1645 sub 23. Junii u. 6. Nov.</span></li>
-
-<li>Von den Wunden Christi. Petrus de Wael S. J. Antwerpen 1649.</li>
-
-<li><span class="fmarkd">Annales Juliae. Wernerius Perarius</span> (Teschenmacher).</li>
-
-<li><span class="fmarkd">Animae illustres Juliae etc. Theodorus Ray S. J. Neoburgi
-1663</span> (unter dem 22. Juni).</li>
-
-<li><span class="fmarkd">Theses de gratia. Jos. Hartzheim S. J. Coloniae 1734.</span></li>
-
-<li><span class="fmarkd">Bibliotheca Coloniensis. Jos. Hartzheim S. J. Coloniae 1747.</span></li>
-
-<li><span class="fmarkd">Repertoire des sources historiques du moyen âge, Ulysse
-Chevalier. Paris 1857 (col. 450).</span></li>
-
-<li><span class="fmarkd">Trésor de chronologie etc. De Mas Latrie. Paris 1889. Table
-alphabétique générale des Saints col. 700; classément des
-principaux Saints. Allemagne occidentale col. 903.</span></li>
-
-<li>Geschichte der alten Jülich'schen Residenz Nideggen. Martin
-Aschenbroich, Bochum 1867 (S. 132).</li>
-
-<li>Alte und neue Erzdiözese Cöln. 4 Bde. Binterim und Mooren
-1828-1831. Neubearbeitet von Mooren 1892 (I S. 177).</li>
-
-<li>Beiträge zur Geschichte der Stadt Cleve. Dr. Scholten. S.
-127-127, 134-135.</li>
-
-<li>Geschichte des früheren Gymnasiums zu Jülich. Prof. Dr. Kuhl,
-Jülich 1891 (I S. 26-27; 253-254).</li>
-
-<li>Die Hubertusschlacht bei Linnich. Der hohe Orden vom h.
-Hubertus. Dr. Heinrich Oidtmann. Jülich 1904. S. 67 und 69.</li>
-
-<li><span class="pagenum"><a id="Page_IX" name="Page_IX" href="#Page_IX">[IX]</a></span>
-Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz von Paul Clemen. VIII.
-Bd. Kreis Jülich, von K. Frank, Oberaspach und Edmund Renard,
-Düsseldorf.<br />
-IX. Bd. Kreis Düren, von Paul Hartmann und Edmund Renard,
-Düsseldorf 1910 (S. 234-235).</li>
-</ol>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 class="simplex chunk">
-Inhaltsverzeichnis.
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-</h2>
-
-<table style="width:90%;" summary="toc">
- <tr>
- <td class="r vt" style="width:20%;"></td>
- <td class="tdpad vt"></td>
- <td class="r vb" style="width:2%;">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi01">1. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Christinas Herkunft und Kindheit</td>
- <td class="r vb">1</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi02">2. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Christina bei den Beginen in Cöln</td>
- <td class="r vb">9</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi03">3. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Christina in Stommeln bis zum ersten Besuch des Petrus von Dazien (1259-1277)</td>
- <td class="r vb">19</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi04">4. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Zur Beurteilung des Dämonischen</td>
- <td class="r vb">24</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi05">5. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Erster Besuch des Petrus von Dazien bei Christina im Advent 1267</td>
- <td class="r vb">39</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi06">6. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Zweiter Besuch des Petrus. Christinas Entrückung und Seelenjubel</td>
- <td class="r vb">45</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi07">7. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Dritter und vierter Besuch des Petrus. Christina empfängt die Wundmale des Herrn</td>
- <td class="r vb">49</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi08">8. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Drei weitere Besuche des Petrus an den Festen Kreuzauffindung, Pfingsten u. Maria Magdalena</td>
- <td class="r vb">56</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi09">9. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Achter, neunter und zehnter Besuch des Petrus zu Allerheiligen, im Advent und zu Weihnachten 1268. &mdash; Seelenjubel, Besudelung</td>
- <td class="r vb">64</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi10">10. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Fastenzeit des Jahres 1269. Sinnliche Versuchung. Elfter und zwölfter Besuch des Petrus</td>
- <td class="r vb">74</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi11">11. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Christinas Briefwechsel mit Petrus während dessen Aufenthalt in Paris (Mai 1269 bis Juli 1270)</td>
- <td class="r vb">84</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi12">12. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Besuche des Petrus in Stommeln bei seiner Rückkehr von Paris.</td>
- <td class="r vb">97</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi13">13. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Briefwechsel nach des Petrus Rückreise nach Schweden. Christinas Eltern und Pfarrer Johannes sterben. 1270-1279</td>
- <td class="r vb">101</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi14">14. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Bruder Petrus kommt aus Schweden nach Stommeln, um Christina zu besuchen. 1279</td>
- <td class="r vb">113</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi15">15. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Vom Advent 1279 bis zum Advent 1280</td>
- <td class="r vb">118</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><span class="pagenum"><a id="Page_XII" name="Page_XII" href="#Page_XII">[XII]</a></span> <a href="#kapi16">16. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Christina bewirkt die Bekehrung der Sünder und die Befreiung der armen Seelen aus dem Fegfeuer</td>
- <td class="r vb">135</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi17">17. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Christinas letzte Prüfungen, friedevoller Lebensabend und seliges Ende.</td>
- <td class="r vb">149</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="r vt"><a href="#kapi18">18. Kapitel:</a></td>
- <td class="tdpad vt">Christinas Verehrung nach dem Tode und deren Bestätigung durch Papst Pius X.</td>
- <td class="r vb">162</td>
- </tr>
-</table>
-
-<h2 class="simplex">
-Verzeichnis der Abbildungen.
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-</h2>
-
-<ol class="space">
-<li><a class="nodec" id="Atoc_01" name="Atoc_01" href="#Fabb_01">&rarr; </a>Haupt der h. Christina von Stommeln.</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_02" name="Atoc_02" href="#Fabb_02">&rarr; </a>Kirchhügel zu Stommeln.</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_03" name="Atoc_03" href="#Fabb_03">&rarr; </a>Beginenfigur (14. Jahrh.).</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_04" name="Atoc_04" href="#Fabb_04">&rarr; </a>Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639).</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_05" name="Atoc_05" href="#Fabb_05">&rarr; </a>Handschuh und Buchtäschchen Christinas.</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_06" name="Atoc_06" href="#Fabb_06">&rarr; </a>Gebetstäfelchen Christinas.</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_07" name="Atoc_07" href="#Fabb_07">&rarr; </a>Bild Christinas am Cölner Dom.</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_08" name="Atoc_08" href="#Fabb_08">&rarr; </a>Grabstätte Christinas zu Stommeln.</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_09" name="Atoc_09" href="#Fabb_09">&rarr; </a>Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_10" name="Atoc_10" href="#Fabb_10">&rarr; </a>Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_11" name="Atoc_11" href="#Fabb_11">&rarr; </a>Altes Grabmal Christinas zu Jülich.</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_12" name="Atoc_12" href="#Fabb_12">&rarr; </a>Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.</li>
-<li><a class="nodec" id="Atoc_13" name="Atoc_13" href="#Fabb_13">&rarr; </a>Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.</li>
-</ol>
-
-<h2 id="kapi01" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Erstes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Christinas Herkunft und Kindheit.
-</h2>
-
-<div class="drop">
-<img src="images/pg_001_init.jpg" alt="E" width="100" height="131" class="cap" />
-<p class="cap_1">
-<span class="pagenum"><a id="Page_1" name="Page_1" href="#Page_1">[1]</a></span>
-Eine Passionsblume erblühte im alten Jülicherland, viele hundert Jahre
-sind es her. Gar lieblich war ihr Duft und tief purpurn ihre Farbe.
-Entzückt neigten sich Gottes Enkel über sie und gute Menschen staunten
-sie bewundernd an. Auch heute noch ist ihr Duft nicht verweht und ihre
-Farbenglut nicht verblaßt. Im Gegenteil, köstlicher als je weht uns in
-diesem Jahre der Wohlgeruch ihrer Tugenden entgegen, herrlicher als je
-prangt heuer ihr verehrungswürdiger Name. Am 6. November dieses Jahres
-werden nämlich sechshundert Jahre verflossen sein, seitdem diese Blume
-aus dem Garten der Cölner Kirche ins himmlische Paradies verpflanzt wurde.
-Die selige Christina von Stommeln meine ich, die im Jahre 1242 zu Stommeln
-geboren wurde, dort am 6. November 1312 starb, seit dem 22. Juni 1586 in
-einem Hochgrabe in der Hauptkirche zu Jülich ruht und deren unvordenkliche
-Verehrung durch Papst Pius X. am 12. August 1908 die höchste Bestätigung
-erhielt.
-</p>
-</div>
-
-<p>
-In eine gewaltig bewegte Zeit fiel das Leben Christinas. Ein
-jugendfrisches Geschlecht bevölkerte damals unsere heimischen Gauen,
-das zwar mit Begeisterung dem christlichen Glauben anhing, aber die
-angestammte heidnische Wildheit noch nicht vollständig überwunden hatte.
-Christlicher Heldensinn und lasterhafter Frevelmut, zarte Gottinnigkeit
-und leidenschaftliche Roheit, grausige Verbrechen und strenge Bußübung
-gedeihen nebeneinander. Es ist das Zeitalter, in dem Papst und Kaiser
-in Fehde lagen, es ist das Zeitalter der letzten Kreuzzüge, aber auch
-die kaiserlose, schreckliche Zeit, in der Räuberhorden sich allerorts
-breitmachten, eine Zeit, die an Kampf und Streit ihre Freude hatte, eine
-Zeit großen Wohlstandes
-<span class="pagenum"><a id="Page_2" name="Page_2" href="#Page_2">[2]</a></span>
-und mächtigen Aufblühens in Handel und Gewerbe,
-Kunst und Wissenschaft, eine Zeit, wo der ungestüme Freiheitsdrang
-der Bürger erfolgreich ankämpfte gegen die Macht des Adels und der
-Geistlichkeit, es ist die Zeit, in der Konradin, der letzte Hohenstaufe,
-auf dem Blutgerüste zu Neapel sein junges Leben lassen mußte, die Zeit,
-die den Cölner Dom gebaut, aber auch die streitbaren, herrschgewaltigen
-Cölner Erzbischöfe im Kerker geschaut.
-</p>
-
-<p>
-Das alte Stumbelo, etwa 3½ Stunden nordwestlich von Cöln gelegen,
-dort, wo die von Cöln über München-Gladbach nach Venlo führende Straße
-sich kreuzt mit dem von Worringen nach Bergheim gehenden Wege, gehörte
-zur Grafschaft Jülich, die 1336 zur Markgrafschaft und 1356 zum Herzogtum
-erhoben wurde.
-</p>
-
-<p>
-Die Grafen von Jülich waren kühne Haudegen, die, wiewohl sie in
-ihrem Lande die Frömmigkeit pflegten, doch vor keiner Gewalttat
-zurückschreckten, wenn es galt, ihren Machtbereich auf Unkosten des
-Reiches und besonders der Cölner Kirche zu erweitern. Wilhelm II.,
-der Große genannt, war ein höchst lasterhafter Mensch, der im Kriege
-der Gegenkönige Philipp von Schwaben und Otto von Braunschweig aus Wut
-darüber, daß sein Land mit dem Interdikt belegt worden war, die dem h.
-Stuhl ergebene Geistlichkeit plünderte, mißhandelte und wegjagte und dafür
-seine Kreaturen eindrängte. Er war verrufen weit und breit wegen seiner
-Gewalttätigkeit, Grausamkeit und Wollust. Sein Ende entsprach seinem
-gottlosen Leben. Nicht weit von Stommeln führte die alte Heerstraße, die
-von Jülich nach Cöln geht, vorbei. Sie ging damals über Brauweiler. Auf
-dieser wohl ritt i. J. 1207 der Große Wilhelm gen Cöln. Plötzlich wurde
-er von einer Herzschwäche befallen und sank zu Boden mit den Worten:
-„Cöln werde ich nicht wiedersehen.“ Sein Kaplan eilte herzu und sprach
-zu ihm: „Herr und Gebieter, entlaß die Buhlerin und nimm Dein Weib zu
-Dir.“ Er hatte nämlich seine rechtmäßige Gemahlin verstoßen. „Nimmermehr,“
-erwiderte der Sterbende. Zur Buhlerin aber, die gleichfalls herbeigeeilt
-war und unter Tränen ihn fragte, was aus ihr werden solle, wenn er tot
-sei, sprach er: „Heirate einen jungen Soldaten.“ Und so starb der trotzige
-Sünder. Sein Nachfolger Wilhelm III. nahm das Kreuz und starb 1219 auf
-dem Kreuzzuge in Aegypten. Wilhelm IV. war
-<span class="pagenum"><a id="Page_3" name="Page_3" href="#Page_3">[3]</a></span>
-gleich seinen Vorgängern ein
-rauflustiger Held, der in seiner langen Regierungszeit namentlich mit
-den Cölner Erzbischöfen scharfe Fehde führte. Im Geburtsjahre Christinas
-fand zwischen Lechenich und Brühl ein Treffen statt, bei dem Erzbischof
-Konrad von Hochstaden in die Hände des Jülicher Grafen fiel, der ihn neun
-Monate lang auf Schloß Nideggen in Haft hielt. Im Gefechte bei Marienholz
-zwischen Zülpich und Lechenich, das im Jahre 1267 stattfand, nahm er
-Erzbischof Engelbert von Falkenburg gefangen und hielt ihn bis 1271 zu
-Nideggen in Gewahrsam. Ein tragisches Ende jedoch ereilte ihn in der
-Gertrudisnacht (16. März) des Jahres 1278 beim Ueberfall der Stadt Aachen.
-Im Handgemenge wurde er nebst seinem Erstgeborenen, der gleichfalls
-Wilhelm hieß, von einem Grobschmiede erschlagen.
-</p>
-
-<p>
-Zur selben Zeit lagen die Cölner Erzbischöfe in schwerem Streite mit der
-Stadt Cöln. Bei Frechen kämpften im Jahre 1257 die beiden Heere mit großer
-Erbitterung gegeneinander. Erzbischof Konrad von Hochstaden behauptete
-zwar das Schlachtfeld, erlitt jedoch große Verluste. Konrads Nachfolger,
-Erzbischof Engelbert von Falkenburg, wurde, als er inmitten seiner
-Würdenträger und Dienstmannen im Bischofssaale saß, am 28. November 1263
-von den Cölnern verräterischer Weise überfallen und im Hause „zum Roß“
-in der Rheingasse eingekerkert, woraufhin die Stadt vom Papste mit dem
-Interdikt belegt wurde. Immer größer wurde der Hader, immer höher stieg
-die Erbitterung auch unter Engelberts Nachfolger, dem Erzbischofe Sigfrid
-von Westerburg, bis schließlich auf dem Schlachtfelde bei Worringen,
-wo die Heeresmächte des ganzen Niederrheins aufeinanderstießen, die
-Jahrzehnte hindurch aufgespeicherte Wut am 5. Juni 1288 zur Entladung kam
-und die Entscheidung fiel. Sigfrid wurde gefangen und Cöln wurde freie
-Reichsstadt.
-</p>
-
-<p>
-In dieser gährenden, wildbewegten Zeit lebte Christina. Ihr Heimatsort
-Stommeln lag mitten auf dem Gebiete des Kampfes, wiewohl er nie
-unmittelbar in denselben hineingezogen wurde. Gegenwärtig zählt der Ort,
-der schon im 10. Jahrhundert ein ansehnliches Pfarrdorf war, rund 2500
-Einwohner, die fast ausschließlich sich zur katholischen Religion bekennen
-und Ackerbau treiben. In den ältesten Urkunden wurde der Ort Stumbelo, in
-der Jülicher Handschrift jedoch Stumbele genannt. Der Name, der soviel
-besagt als „Wald
-<span class="pagenum"><a id="Page_4" name="Page_4" href="#Page_4">[4]</a></span>
-der Baumstümpfe“ (Stumbe = Stumpf und lô = Wald) weist
-darauf hin, daß der Ort eine fränkische Siedelung ist und auf abgeholztem
-Waldgebiete angelegt wurde. Die trotzige und treue Art der salischen
-Franken, der alles Gezierte und Unechte widerstrebt, die in ihrer
-Natürlichkeit und Geradheit selbst vor Derbheit und Rücksichtslosigkeit
-nicht zurückschreckt, ist auch heute noch in der Einwohnerschaft
-Stommelns unverwischt erhalten. Der gute Kriegsmann St. Martin, der
-Lieblingsheilige der Franken, ist denn auch von jeher dort Kirchenpatron.
-Der Bruder Kaiser Otto des Großen, Erzbischof Bruno, der Heilige, von
-Cöln, der als Herzog von Lothringen zugleich Landesfürst war, hat sich
-um Stommeln besonders verdient gemacht. Er schenkte der Gemeinde einen
-ansehnlichen Wald, der jetzt teils Ackerland, teils Weidengelände ist und
-der eingesessenen Bewohnerschaft, der Realgemeinde Stommeln, zugehört.
-Die Pfarrkirche samt dem neben ihr gelegenen Fronhofe wurde von demselben
-Erzbischofe im Jahre 961 dem hochadeligen Damenstifte zur h. Cäcilia in
-Cöln einverleibt. Da der Ackerboden der Stommeler Flur zu den gesegnetsten
-Gefilden Deutschlands zählt, so herrschte von jeher Wohlstand unter den
-Bewohnern, aber auch das kirchliche Leben stand dort im 13. Jahrhundert in
-schönster Blüte. Ganz besonders aber wurde die Andacht zum bittern Leiden
-unseres Heilandes in der Pfarrgemeinde gepflegt und an den Freitagen wurde
-der Gottesdienst wie an den Sonn- und Feiertagen besucht. Eifrige und
-angesehene Seelsorger standen an der Spitze der Pfarre und die Dominikaner
-von Cöln leisteten häufig Aushülfe in der Seelsorge.
-</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza fsize">
-<span class="i01">
-Ze Choln und ze Parîs
-</span><br />
-<span class="i01">
-da sint die pfaffen harte wîs
-</span><br />
-<span class="i01">
-di besten vor allen rîchen
-</span><br />
-</div></div>
-
-<p class="cont">
-so singt ein Dichter des 13. Jahrhunderts. Der selige Albert der Große,
-der hervorragendste Gelehrte seines Zeitalters, stand damals an der
-Spitze des Hauptstudiums der Dominikaner zu Cöln, wo Thomas von Aquin
-sein Schüler war. Nicht bloß aus Deutschland, sondern auch von auswärts
-strömten die wißbegierigen jungen Leute, vor allem aber die von ihren
-Provinzialen als die talentvollsten befundenen Dominikaner nach Cöln,
-das als Sitz der Gelehrsamkeit mit Paris wetteiferte. Stommeln war der
-Erholungsort, wo an den schulfreien Tagen die Cölner Dominikaner gerne
-verweilten. Sie fanden dort
-<span class="pagenum"><a id="Page_5" name="Page_5" href="#Page_5">[5]</a></span>
-gastliche Aufnahme nicht bloß auf dem Hofe
-des St. Cäcilienstiftes, sondern auch im Pfarrhause und bei Gutsbesitzern.
-Bruder Mauritius sehnte sich, als er in Paris studierte, nach Cöln zurück
-und seinem „Stommeler Aegypten“, wie er sich in einem Briefe an Christina
-vom 15. Juni 1271 scherzhaft ausdrückt.<a name='FA_1' id='FA_1' href='#FN_1' class='fnanchor'>[1]</a> Dort hätten sie frische Eier
-bekommen und schmackhaftes Gemüse zum Fleische. In Paris jedoch seien die
-Eier verderbt und kleiner als die Eifler Eier, die sie zu Cöln gegessen.
-Christina solle jedoch den Brief niemanden zeigen, damit er nicht etwa
-eine üble Note erhalte, der Frau Beatrix aber sagen, daß sie für die
-vom Kapitel heimkehrenden Brüder frische Eier und Zulage frischen Käses
-bereite. Auch Bruder Folkwin in Gotland erinnerte sich später noch mit
-Dankbarkeit der in Stommeln zugebrachten Tage und schickte zur Bekundung
-dieser Dankbarkeit der Christina einen größeren schwarzen Löffel aus Horn,
-Christinas Schwester Hilla einen kleinen schwarzen Löffel, der Hilla
-vom Berge einen weißen mit schwarzem Griffe und der Tochter des Vogtes
-ebenfalls einen schwarzen Löffel aus Horn.<a name='FA_2' id='FA_2' href='#FN_2' class='fnanchor'>[2]</a>
-</p>
-
-<p>
-Auch für den Schulunterricht der Knaben sowohl wie der Mädchen war in
-Stommeln gesorgt. Die Knaben unterrichtete der Magister Johannes, der
-entfernt mit Christina verwandt war und später Priester wurde.
-</p>
-
-<p>
-Die Gerichtsbarkeit wurde ausgeübt durch einen im Orte ansäßigen Vogt, der
-in der Nachbarschaft Christinas wohnte und mit ihrer Familie befreundet
-war. In dieser wohlgeordneten, frommen und wohlhabenden Pfarrgemeinde
-erblickte Christina das Licht der Welt im Jahre 1242. Der Tag ihrer Geburt
-ist nicht näher bekannt. Daß sie am 24. Juli, dem Feste der h. Jungfrau
-und Martyrin Christina, geboren sein soll, ist nur eine Vermutung. Ihr
-Vater war ein vermögender Ackerwirt. Er hieß Heinrich Bruso und seine
-Frau Hilla. Vom Geburtshause Christinas sind noch Mauerreste erhalten
-geblieben. Es lag inmitten des Ortes an der Hauptstraße, dort, wo
-gegenüber die Eschgasse zu der auf einer ziemlichen Anhöhe gelegenen
-alten Pfarrkirche abbiegt. Es war ein Gehöfte mit einem Doppelhause,
-einem ältern großen Hause und einem
-<span class="pagenum"><a id="Page_6" name="Page_6" href="#Page_6">[6]</a></span>
-kleinern Anbau. Noch immer führen
-die dort befindlichen Baulichkeiten den Namen Brusohaus, und früher, als
-Stommeln noch zum Herzogtum Jülich gehörte, war dort auch der Wohnsitz
-des Amtsverwalters.
-</p>
-
-<p>
-Christina war nicht das einzige Kind ihrer Eltern. Sie hatte einen ältern
-Bruder namens Heinrich, der etwas weltlich gesinnt war, wohl den Versuch
-gemacht hatte, ins Kloster Kamp einzutreten, es aber wieder verlassen
-hatte und nach Cöln übergesiedelt war. Außerdem hatte sie einen jüngern
-Bruder, Sigwin genannt, für den sie in mütterlicher Liebe besorgt war.
-Dieser trat als Laienbruder in den Dominikanerorden ein und zwar in
-der Provinz Dazien, erhielt den Namen Gerhard, weil der Name Sigwin in
-Schweden nicht gebräuchlich war, und führte zur größten Zufriedenheit
-die Geschäfte eines Prokurators, da alle Einnahmen und Ausgaben des
-Klosters durch seine Hand gingen. Wie Christina zwei Brüder hatte, so
-hatte sie auch zwei Schwestern. Eine hieß Hilla und die andere Gertrud.
-Beide scheinen älter gewesen zu sein als Christina. Eine von ihnen wohnte
-später in Cöln; die andere heiratete und blieb anfänglich in Stommeln. In
-Poulheim wohnten nahe Blutsverwandte Christinas, zwei Schwestern nämlich
-und deren Brüder.
-</p>
-
-<p>
-Schon in der Kindheit stand Christina, die ein gewecktes Mädchen war,
-unter besonderer Einwirkung der göttlichen Gnade. In dem freilich erst
-nach ihrem Tode von einem Ungenannten verfaßten Bericht über ihr Leben
-lesen wir, daß der Jesusknabe dem fünfjährigen Kinde öfters erschien,
-es im Glauben unterrichtete, es beten lehrte und ihm zum frommen Leben
-Anleitung erteilte. Christina zeigte denn auch viel früher als andere
-Kinder Verständnis für göttliche Dinge, ging gerne in die Kirche und
-wohnte dort täglich mit kindlich frommer Andacht dem h. Meßopfer bei. Als
-sie sechs Jahre alt war, schaute sie bei der Wandlung das Jesukind in den
-Händen des Priesters, das zu ihr sprach: „Siehe, ich bin hier zugegen,
-stets bereit, Barmherzigkeit zu erweisen. Wer also um Barmherzigkeit
-fleht, wird Barmherzigkeit erlangen.“ Als sie sieben Jahre zählte, wurde
-sie von einem Engel im Geiste ins Paradies geführt, wo sie himmlische
-Geheimnisse schaute und mit unaussprechlicher Wonne erfüllt wurde. Ein
-Seraph kam dort zu ihr, begrüßte sie als die Auserlesene Jesu Christi
-und machte ihr kund, daß durch sie viele Sünder bekehrt, viele Gerechte
-gestärkt und getröstet
-<span class="pagenum"><a id="Page_7" name="Page_7" href="#Page_7">[7]</a></span>
-und viele Seelen aus dem Fegfeuer würden befreit
-werden. Als der Engel sie dann wieder zur Erde zurückgeführt und sie zu
-sich gekommen war, hub sie an zu singen ein Lied, das so anfing:
-</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i03 fsize">
-Rosen und Lilien auf grünenden Auen
-</span><br />
-<span class="i03 fsize">
-Ueberall prächtig und lieblich zu schauen,
-</span><br />
-<span class="i03 fsize">
-Wie mein Brüderlein Jesu Christ,
-</span><br />
-<span class="i03 fsize">
-Wenn man seiner Liebe genießt.
-</span><br />
-</div></div>
-
-<p>
-Im Alter von neun Jahren wurde sie um das Fest Mariä Verkündigung drei
-Nächte nacheinander im Geiste von einem Engel der allerseligsten Jungfrau
-Maria vorgestellt und in jeder dieser Nächte sang sie dreimal nacheinander
-zuerst die Sequenz vom h. Geiste, die zu Pfingsten beim Hochamt gesungen
-wird:
-</p>
-
-<div class="table tblfake">
-<div class="table-row">
-<div class="table-cell cellw40">
-<span class="fmarkd">
-Veni sancte spiritus,<br />
-Et emitte caelitus<br />
-Lucis tuae radium,
-</span>
-</div>
-<div class="table-cell cellw05 ritebord">&nbsp;</div>
-<div class="table-cell cellw05">&nbsp;</div>
-<div class="table-cell cellw40">
-Komm, o Geist der Heiligkeit,<br />
-Aus des Himmels Herrlichkeit<br />
-Sende Deines Lichtes Strahl,
-</div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="cont">
-und sodann die von der allerseligsten Jungfrau, welche anfängt mit den
-Worten:
-</p>
-
-<div class="table tblfake">
-<div class="table-row">
-<div class="table-cell cellw40">
-<span class="fmarkd">
-Ave rosa generosa<br />
-Salve candens lilium,
-</span>
-</div>
-<div class="table-cell cellw05 ritebord">&nbsp;</div>
-<div class="table-cell cellw05">&nbsp;</div>
-<div class="table-cell cellw40">
-Sei gegrüßt Du edle Rose<br />
-Gruß Dir Lilie blendendweiß,
-</div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="cont">
-und wenn sie diese Gebete beendet, so warf sie sich nieder vor der h.
-Gottesmutter und sprach folgendes Gebet:
-</p>
-
-<div class="table tblfake">
-<div class="table-row">
-<div class="table-cell cellw40">
-<span class="fmarkd">
-Deprecor vos, mater
-misericordiae, per amorem
-dilectissimi filii vestri,
-ut mihi apud ipsum peccatorum
-meorum veniam impetretis necnon
-et amicitiam et favorem eiusdem
-filii vestri mihi procuretis.
-</span>
-</div>
-<div class="table-cell cellw05 ritebord">&nbsp;</div>
-<div class="table-cell cellw05">&nbsp;</div>
-<div class="table-cell cellw40">
-Mutter der Barmherzigkeit, ich
-bitte Dich bei der herzlichen
-Minne, die Dein vielgeliebter
-Sohn zu Dir getragen hat, Du
-wollest mir bei ihm Verzeihung
-meiner Sünden erlangen sowie
-auch die Freundschaft und die
-Huld dieses Deines Sohnes mir
-erwirken.
-</div>
-</div>
-</div>
-
-<p>
-Die h. Gottesmutter aber beantwortete jedesmal dieses Gebet mit den
-Worten: „Freue dich, teuerste Tochter, und frohlocke; denn du wirst die
-Braut und Freundin meines vielgeliebten Sohnes sein.“ Seit jener Zeit
-wußte Christina diese beiden lateinischen Sequenzen auswendig, obschon
-sie den Psalter noch nicht gelernt hatte, und wurde jedesmal, wenn sie
-dieselben singen hörte, mit großer Wonne erfüllt.
-</p>
-
-<p>
-Im Jahre 1252, als sie zehn Jahre zählte, erschien ihr in einer Nacht
-Jesus Christus selbst im Traumgesichte in Jünglingsgestalt. Christina
-erschrak. Christus aber sprach zu ihr:
-<span class="pagenum"><a id="Page_8" name="Page_8" href="#Page_8">[8]</a></span>
-„Vielgeliebte Tochter, siehe, ich
-bin Jesus Christus. Gelobe mir Treue, und zwar so, daß du mir immerwährend
-dienest. Sollte dich übrigens jemand um ein anderes Verlöbnis angehen, so
-sage ihm, daß du dich Jesu Christo selbst in seine Hände verlobt habest“
-&mdash; dabei ergriff er ihre rechte Hand und legte sie in die seine. &mdash; „Bei
-den Beginen,“ so schloß der Herr, „sollst du bleiben.“ Als Petrus von
-Dazien sie siebenundzwanzig Jahre später über diese Erscheinung befragte,
-sagte sie: „Ich sah den lieben Heiland im Glanze solcher Herrlichkeit
-und in solcher Schönheit, daß ein menschliches Auge es nicht zu ertragen
-vermag. Deshalb kam ich von Sinnen und drei Tage und drei Nächte hindurch
-war ich für alle körperlichen Wahrnehmungen unempfänglich.“ Von diesem
-Tage an hatte ihr Geist keine Ruhe mehr, sondern immerdar quälte sie sich
-mit dem Gedanken, wie sie zu den Beginen kommen könnte.
-</p>
-
-<p>
-Wie sie elf Jahre alt war und nach Weise der Schulkinder den Psalter
-lernte, kam es ihr, wenn sie die Psalmen las, vor, als ob sie zu
-demjenigen rede, dem sie Treue gelobt hatte. Und dann konnte sie nicht
-anders als weinen vor seliger Freude.
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi02" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="45" />
-<br /><em class="komplex">Zweites Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Christina bei den Beginen in Cöln.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_9" name="Page_9" href="#Page_9">[9]</a></span>
-Das engelgleiche Töchterlein des Heinrich Bruso wuchs inzwischen zur
-blühenden Maid heran. Sie war mit allen Vorzügen ausgestattet, die ihre
-Hand auch für die erlesensten aus der Schar der Jünglinge begehrenswert
-machten. Sie war das Kind wohlhabender und angesehener Eltern. Schlank
-von Wuchs und kräftig von Gestalt, machte sie mit ihrem frischen,
-edelgeformten und von goldblondem Haar umwallten Gesichte den Eindruck
-jungfräulicher Anmut. Kein Wunder, daß die Eltern daran dachten, sie
-zu verloben; denn sie hatten keine Kenntnis von dem Traumleben ihres
-Kindes. Doch Christina widerstrebte diesem Vorhaben. „Bei den Beginen
-sollst du bleiben,“ so hatte der Herr ihr gesagt, und dieser Weisung
-wollte sie folgen. Ohne Vorwissen der Eltern begab sie sich deshalb am
-St. Katharinentage des Jahres 1255, als sie dreizehn Jahre alt war, nach
-Cöln. Es schneite und stürmte und sehr kalt schnitt der Wind. Nichts
-hatte sie von Hause mitgenommen, als ein leinenes Tuch, das sie über den
-Kopf geworfen hatte. Eine Frau, die sie mitgenommen, zeigte ihr den Weg.
-Die Freude, bald zu den Beginen zu kommen, beflügelte ihre Schritte. Die
-einzige Besorgnis, die sie auf diesem Wege hatte, war die, jene Frau könne
-sie möglicherweise verraten oder in Cöln, wo sie unbekannt war, in ein
-Haus führen, wo ihre Ehre und Unschuld Gefahr leiden könnte. Sie langte
-jedoch glücklich in Cöln an und ging sofort zu den Beginen, wo sie auch
-aufgenommen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Die Beginen bildeten einen nach Art einer Ordensgemeinschaft organisierten
-Stand weiblicher Personen, die als Jungfrauen, Ehefrauen und Witwen sich
-zu einem enthaltsamen Leben entschlossen hatten. In Folge der Kreuzzüge
-war damals die
-<span class="pagenum"><a id="Page_10" name="Page_10" href="#Page_10">[10]</a></span>
-männliche Bevölkerung in unseren Gegenden bedeutend
-verringert, und für einen erheblichen Teil der weiblichen war mithin die
-Ehelosigkeit der gewiesene Weg. Es war natürlich, daß diese weibliche
-Bevölkerung Anschluß an die bestehenden Ordensgenossenschaften suchte. Die
-Prämonstratenser waren es, die zuerst dieser Frauenbewegung sich annahmen,
-dann ihr aber, als sie ihnen zur Plage wurde, wieder den Rücken kehrten.
-Darauf versuchten die Zisterzienser die Lösung derselben Frage, die
-aber auch ihnen ebenso wenig wie den Prämonstratensern gelingen sollte.
-Notgedrungen bildete sich nun diese der Enthaltsamkeit geweihte Frauenwelt
-zu einer selbständigen Eigenart des Ordenswesens aus, zum Beginentum.
-Ohne Gründer und ohne Gründerin aus dem Drange der Verhältnisse geboren,
-entwickelte es sich vorzugsweise in den belgischen und rheinischen
-Landen zu großer Blüte. Seine Wiege ist die Stadt Nivelles in Brabant,
-wo im Jahre 1207 das erste selbständige derartige Kloster entstand.
-Als kirchliche Organisation wurde das Beginentum anerkannt durch Papst
-Gregor IX., der ihm am 30. Mai 1233 einen Schutzbrief ausstellte. Den
-Anforderungen, die der Völkerapostel an die gottgeweihten Frauen und
-Jungfrauen stellt, nacheifernd, bemühten sich diese frommen Frauen, nicht
-bloß ein keusches, enthaltsames Leben zu führen, sondern auch den Geist
-des Gebetes zu pflegen, die hh. Sakramente häufiger zu empfangen, ein
-Leben der Entsagung zu führen und sich in den Werken der christlichen
-Barmherzigkeit zu üben. Sie trugen einfache, eigene Kleidung von schwarzer
-Farbe, verrichteten das kirchliche Stundengebet, pflegten aber auch
-mit besonderer Vorliebe das Rosenkranzgebet<a name='FA_3' id='FA_3' href='#FN_3' class='fnanchor'>[3]</a>; wohnten gewöhnlich in
-nächster Nähe der Pfarrkirche, trugen Sorge für die hh. Gewande, die
-Reinheit und den Schmuck des Gotteshauses, unterrichteten die Mädchen,
-pflegten die Kranken und beherbergten die durchreisenden Fremden. Ihr
-Reformeifer erweckte jedoch vielfachen Widerspruch. Man warf sie zusammen
-mit der Sekte der Apostoliker und Albigenser, und weil in jenem Zeitalter
-ein Lütticher Priester namens Lambert, zubenannt <span class="fmarkd">le bègue</span>,
-<span class="pagenum"><a id="Page_11" name="Page_11" href="#Page_11">[11]</a></span>
-d. h. der Stammler (&dagger; 26. März 1187), viel von sich hatte reden machen wegen seines
-Reformeifers, der ihn in einen Streit mit seinem Bischof verwickelt hatte,
-in Folge dessen er zensuriert und eingekerkert wurde, so nannte man sie
-Beginen, womit der Begriff der Ueberkirchlichkeit und Widersetzlichkeit
-verbunden war. Doch der Priester Lambert war mit Unrecht bekämpft worden;
-in der Tat war er ein Mann Gottes. Papst Luzius III. hob das Urteil des
-Lütticher Bischofes auf und gab dem unschuldig Gemaßregelten die Vollmacht
-zu predigen wieder. Die neuen Ordensfrauen brauchten deshalb den ihnen in
-kränkender Absicht zugelegten Beinamen nicht zurückzuweisen und er ist
-ihnen in der Folge verblieben, wiewohl Lambert <span class="fmarkd">le bègue</span> geschichtlich
-mit ihnen keinerlei Zusammenhang hat.<a name='FA_4' id='FA_4' href='#FN_4' class='fnanchor'>[4]</a> Als die beiden Bettelorden der
-Dominikaner und Franziskaner sich hierzulande auszubreiten begannen,
-kamen die Beginen wie von selbst in ein Abhängigkeitsverhältnis zu
-ihnen. Mit diesen beiden Ordensfamilien, die im ersten und zweiten Orden
-das eigentliche Ordensleben für das männliche und weibliche Geschlecht
-organisiert hatten, war nämlich ein dritter Orden planmäßig verbunden,
-der eine losere Form des Ordenslebens für Weltleute darstellte. Dieses
-Tertiarierwesen war aber seiner Idee nach der Grund zur Bildung des
-Beginentums gewesen. Es ist deshalb auch nicht zu verwundern, daß die
-Beginenhäuser sich um die Klöster der Dominikaner und Franziskaner
-zu gruppieren pflegten. Im 15. Jahrhundert sind die Beginen durch
-die kirchlichen Behörden veranlaßt worden, eine bestimmte Ordensregel
-anzunehmen. Sie entschieden sich für die Augustinerregel. Die noch heute
-blühenden Klöster der Zellitinnen in Cöln, Düren, Neuß und Aachen sind
-dem Ursprunge nach Beginenklausen.
-</p>
-
-<p>
-Das älteste Beginenhaus in Cöln ist der Konvent „<span class="fmarkd">ver Selen</span>“, der 1230
-gegründet wurde, sich in der Stolkgasse befand und dem Dominikanerkloster,
-dessen Stelle jetzt die Hauptpost einnimmt, gegenüberlag. Allem Anschein
-nach war es dieses Haus, in das Christina eintrat. Denn wir lesen von
-ihr, daß sie die Dominikanerkirche fleißig besuchte. Im Kloster erhielt
-Christina jedoch bald Besuch. Ihre Mutter hatte erfahren, wo
-<span class="pagenum"><a id="Page_12" name="Page_12" href="#Page_12">[12]</a></span>
-sie sich hinbegeben. Sie kam nach Cöln, und unter Tränen bat sie ihre Tochter, doch
-wieder mit ihr nach Stommeln zurückzukehren. Christina indes war nicht
-hierzu zu bewegen. Zum Entgelt versagte die Mutter ihr jegliche Aussteuer.
-Ein ganzes Jahr hindurch ließ sie ihr nicht die mindeste Unterstützung
-zukommen, sodaß Christina darben mußte und an manchen Tagen nicht einmal
-Brot zum Essen hatte. Einige Beginen redeten ihr deshalb zu, sie sollte
-doch wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Sie aber lehnte dies ab, da sie
-lieber dem Willen Gottes gemäß im Kloster in Armut, als bei den Eltern
-im Ueberfluß leben wollte. Sie blieb ungefähr vier Jahre bei den Beginen
-in Cöln und übte sich dort eifrig in der Schule der Vollkommenheit. Sie
-liebte die Einsamkeit, um dem Gebete obliegen zu können; auf Erholung
-und Unterhaltung nahm sie nicht Bedacht. An jedem Samstage und an allen
-Vorabenden der Heiligenfeste fastete sie bei Wasser und Brot. Sie trug
-ein einfaches, wollenes Kleid, aber kein leinenes Unterzeug. Ein fest
-anliegender Gürtel umschlang ihre Lenden. Sie schlief allein. Holz
-und Stein bildeten ihr Ruhelager, damit sie desto eher erwache und zum
-Gebete sich erhebe. Zweihundertmal beugte sie das Knie in jeder Nacht
-und tagsüber flehte sie zu allen Heiligen, deren Namen sie kannte, sie
-möchten ihr die h. Liebe erwirken. Ihr Stundengebet verrichtete sie
-gewöhnlich mit dem ganzen Körper seitwärts zur Erde hingestreckt, Freitags
-dagegen streckte sie dabei die Arme in Kreuzesform aus und so legte sie
-sich dann auch auf ihr Ruhelager. Strümpfe trug sie nicht; sie hatte nur
-Sohlen unter den bloßen Füßen. Die Hälfte des Jahres fastete sie, ohne
-irgendwelche Fleischnahrung zu sich zu nehmen. Ihr gewöhnliches Getränk
-war Wasser, sehr selten nahm sie etwas Bier. Alles, was nach Weichlichkeit
-aussah, war ihr zuwider. All ihr Sinnen und Trachten war unablässig darauf
-gerichtet, zu betrachten, wie vieles und wie schmerzliches Christus für
-uns gelitten hat.
-</p>
-
-<p>
-Christina besuchte, wie gesagt, mit Vorliebe die Dominikanerkirche. Im
-Jahre 1225 waren die Dominikaner nach Cöln gekommen. Die Stiftsherrn zum
-h. Andreas hatten ihnen ihr in der Stolkgasse gelegenes Hospital zur
-h. Maria Magdalena geschenkt. Dieses Hospital hatten die Dominikaner
-zur Kirche umgewandelt, an deren Stelle Albert der Große 1271 die zu
-Anfang des 19. Jahrhunderts niedergelegte
-<span class="pagenum"><a id="Page_13" name="Page_13" href="#Page_13">[13]</a></span>
-prächtige Kirche gotischen
-Stiles zum h. Kreuz erbaute. In jener älteren Magdalenenkirche war eines
-Tages Christina in die Betrachtung des bitteren Leidens unseres Herrn
-versenkt. Da wurde sie mit einem Male entrückt. Sie war wie entseelt und
-mußte aus der Kirche nach Hause getragen werden. Drei Tage lang dauerte
-dieser Zustand. Die Beginen aber, mit denen sie zusammenlebte, wußten
-diesen Zustand nicht zu beurteilen. Sie meinten, das müßte ein Anfall von
-Geisteskrankheit oder von Fallsucht gewesen sein, und sie hielten deshalb
-Christina für eine Minderwertige.
-</p>
-
-<p>
-So ergeht es ja in der Regel den von Gott besonders begnadigten Personen.
-Sie werden für unsinnig gehalten und Gott läßt dies zu, um sie vor
-Ueberhebung zu bewahren.
-</p>
-
-<p>
-Die Entzückung ist jedoch weit davon entfernt, etwas Krankhaftes zu sein.
-Es hat ja auch Männer von Ruf gegeben, die künstlerische Begabung, zumal
-das Dichter- und Musikergenie, als eine Art von Wahnsinn ansahen. Und
-doch ist solch' künstlerische Begabung ein Zeichen höchster Geisteskraft
-und Geistesgesundheit. Noch viel mehr sind Verzückungen Aeußerungen
-höchsten Geistesaufschwunges. Freilich können gottbegnadigte Personen
-und desgleichen Dichter und Musiker gerade so gut geisteskrank werden
-wie andere Menschen; allein an und für sich haben mystische Zustände und
-künstlerische Begabung mit Geisteskrankheit nichts zu tun. Es gehört
-freilich ein Kennerauge dazu, krankhafte Erscheinungen von mystischen
-Zuständen zu unterscheiden, weil gewisse äußere Aehnlichkeiten vorliegen
-bei aller Verschiedenheit des Wesens. Die Kenntnisse eines auch noch so
-hervorragenden Nervenarztes reichen da nicht aus; der eigentliche Fachmann
-ist da der mit den Zuständen des übernatürlichen Seelenlebens entweder
-durch eigene Erfahrung oder durch eindringendes Studium der Wissenschaft
-der Heiligen vertraute Geistesmann.
-</p>
-
-<p>
-Die h. Teresia, eine der vorzüglichsten Lehrmeisterinnen des geistlichen
-Lebens, wußte wohl zu unterscheiden zwischen Weiberohnmachten und
-Verzückungen. Sie kannte beide Zustände aus Erfahrung. Auch träges,
-träumerisches Versunkensein beim Gebete hat mit Verzückung nichts zu tun.
-Diese ist vielmehr ein machtvoller, urplötzlicher Aufschwung der Seele zu
-Gott, ihrem Urheber. Es sind nicht mehr die natürlichen, von der Gnade
-unterstützten Fähigkeiten der Seele, die da tätig
-<span class="pagenum"><a id="Page_14" name="Page_14" href="#Page_14">[14]</a></span>
-sind; es ist vielmehr
-der Geist Gottes selbst, der h. Geist, der durch seine sieben Gaben, zumal
-durch die Gabe des Verstandes, den menschlichen Geist anregt und leitet.
-Ein unmittelbares Schauen der Gottheit, wie es im Zustande der Verklärung
-eintritt, findet freilich nicht statt. Dazu bedarf es des Lichtes der
-Herrlichkeit. Auch bei der mystischen Vereinigung wird die Seele geleitet
-auf dem Wege des Glaubens, der nicht im Schauen aufgegangen ist. Allein
-die Seele ist auf eine höhere Stufe des übernatürlichen Lebens erhoben,
-welche die Mitte hält zwischen dem gewöhnlichen Gnadenzustande und der
-Himmelsseligkeit. Vermöge der Eingießung der Gaben des h. Geistes sind
-es nicht so sehr die natürlichen Seelenkräfte, die tätig sind, es ist
-vielmehr der Geist Gottes, der von der Seele Besitz ergreift und in ihr
-tätig ist. Da ist nun höheres, göttliches Licht, da ist ein Vorgeschmack
-der Seligkeit und Wonne des Himmels. Würde jemand aus nebelumlagerter
-Finsternis plötzlich in der h. Weihnacht in den in hellster Beleuchtung
-prangenden Cölner Dom eintreten und sein Ohr von den Klängen überirdischer
-Musik entzückt werden, er würde sprachlos dastehen, staunen und genießen.
-Und wenn dies Schauen und Genießen auch nur eine Viertelstunde währen
-sollte, es würde ihm zeitlebens unauslöschlich vor der Seele stehen, und
-niemand würde ihm einreden können, er habe nur ein Traumbild geschaut.
-Aehnlich ist es mit der Seele, die entzückt wird. Beim Einfluten des
-Lichtes der Gottheit wird sie sprachlos. „Der Atem stockt, sodaß sie,
-wenn auch die Tätigkeit der anderen Sinne noch andauert, durchaus nicht
-reden kann. Manchmal jedoch hört urplötzlich alles auf, es erkalten die
-Hände und der ganze Körper erstarrt derart, daß es den Anschein gewinnt,
-die Seele sei nicht mehr da, und mitunter kann man auch keinen Atem
-wahrnehmen. Dieser empfindungslose Zustand dauert jedoch nur kurze Zeit;
-denn sobald dieser gewaltige Aufschwung etwas nachläßt, scheint der Körper
-wieder einiges Leben zu gewinnen und atmet wieder auf, um aufs neue zu
-sterben und der Seele ein höheres Aufleben zu verschaffen. Bei all dem
-dauert eine solche großartige Verzückung nie lange. Es kommt aber auch
-vor, daß nach ihrem Aufhören der Wille so versenkt und der Verstand einen
-ganzen Tag oder mehrere Tage so entrückt bleibt, daß es den Anschein
-hat, er könne auf nichts achten als auf das, was den Willen zur Liebe
-zu erwecken vermag. Hierzu ist er in vollkommen
-<span class="pagenum"><a id="Page_15" name="Page_15" href="#Page_15">[15]</a></span>
-wachem Zustande, dagegen
-ist er ganz eingeschlafen, wo er einem Geschöpfe besondere Aufmerksamkeit
-zuwenden soll.“
-</p>
-
-<p>
-Diese Beschreibung, welche die h. Teresia<a name='FA_5' id='FA_5' href='#FN_5' class='fnanchor'>[5]</a> von der Entzückung gegeben,
-paßt ganz und gar auf das, was bei Christina wahrgenommen wurde. Der
-Leib wird empfindungslos und starr. Zu verschiedenen Malen hat man
-an Christina, während sie in Verzückung war, den Versuch gemacht, zu
-erproben, ob dem wirklich so sei. Einmal hat man ihr am Arme drei Wunden
-beigebracht. Christina aber regte sich nicht und merkte nichts. Als sie
-aber aus der Verzückung erwachte, fühlte sie den Schmerz der Wunden,
-die nun anfingen zu bluten und langer Zeit bedurften, um zu heilen. Ein
-anderes Mal hat, wie Bruder Gerhard vom Greif, der Pfarrer Johannes und
-andere dem Bruder Petrus berichteten, eine Begine der Christina, als sie
-nach der Kommunion in Verzückung gekommen, mit der Schere tief in die
-Wade geschnitten. Auch diesmal merkte Christina während der Verzückung
-nichts von der beigebrachten Verletzung. Als sie aber zu sich kam, empfand
-sie heftigen Schmerz und die Wunde fing an zu bluten. Da sie kein Mittel
-anwandte, um die Wunde zu heilen, so schwoll das Bein bedenklich an und
-die Wunde fing an in Fäulnis überzugehen. Sie begab sich nun nach Cöln
-und klagte dem Bruder Gerhard vom Greif ihr Leid. Dieser sagte ihr, es
-müsse ein Wundarzt die Wunde untersuchen und einen Einschnitt machen. „Muß
-der Mann die Wade sehen?“ fragte Christina. Bruder Gerhard erwiderte:
-„Ich glaube, er wird sie sonst nicht heilen können.“ In einer Weise,
-die mehr zu bewundern als nachzuahmen ist, erwiderte Christina: „Lieber
-lasse ich das ganze Bein verfaulen, als daß ich dieses zugebe,“ und ging
-fort. In der Nacht wandte sie sich zum Gebete und erlangte vom Herrn
-Heilung ihrer Wunde. Morgens ging sie dann zurück zu Bruder Gerhard und
-sprach: „Es ist nicht nötig, den Wundarzt zu rufen; denn der Herr hat
-mich in seiner Güte geheilt.“<a name='FA_6' id='FA_6' href='#FN_6' class='fnanchor'>[6]</a> Auch trifft bei Christina zu, was die h.
-Teresia von den Wirkungen der Verzückung sagt. Krankhafte Erscheinungen
-erzeugen Unlust zu geistiger Betätigung, sie hinterlassen Schwäche,
-Abspannung und Erschöpfung. Ganz anders die Verzückung. Auch sie greift
-die Sinnesorgane in ihrer Weise
-<span class="pagenum"><a id="Page_16" name="Page_16" href="#Page_16">[16]</a></span>
-an. Durch das übermächtig einströmende
-Licht der Gottheit wird die Tätigkeit der Sinnesorgane nicht nur, sondern
-auch alle gewöhnliche Tätigkeit des Geistes gebunden. Die Seele ist ganz
-aufgegangen in ihrer höchsten und edelsten Tätigkeit, im Schauen und
-Lieben ihres Urhebers. Sie lebt ein höheres Leben und das natürliche ist
-eine Weile wie erstorben. Kehrt sie nun wieder zum natürlichen Leben
-zurück, so bedarf es einer Art Neubelebung des Organismus, um wieder
-die gewohnten Beschäftigungen aufnehmen zu können. Diese geht gemach vor
-sich, hat aber, da eine Krankheit gar nicht vorlag, mit Rekonvalescenz
-keine Aehnlichkeit. Bald fühlt der Organismus sich wieder ganz frisch.
-Die Seele brennt vor Glut, sich wiederum mit Gott und zwar für immer
-zu vereinigen. Die ganze Schöpfung möchte sie aufrufen, mit ihr Gott
-zu preisen. Entbehren und leiden aus Liebe zu Gott ist für sie eine
-Genugtuung. Keine Bußübung ist ihr zu schwer. Die Welt und was sie enthält
-erscheint ihr gar armselig. Ihre Herrlichkeit ist ihr wie welkes Gras
-und ihre Lust wie ödes Sumpfwasser. Sie hat ja Höhres verkostet. Was
-sie in der Verzückung geschaut, vermag sie, wie St. Paulus es darlegt,
-nicht in Worte zu kleiden. Es übersteigt ja alle Erfahrung. Gefällt es
-jedoch dem Allmächtigen, sie durch bildähnliche Erscheinungen zu belehren
-oder zu erbauen, so weiß sie diese auch, sobald sie zu sich gekommen, zu
-beschreiben. Wo jedoch die Mitteilung des göttlichen Lichtes unmittelbar
-auf die geistige Erkenntnis einwirkt, ist einerseits eine Täuschung
-unmöglich; denn durch den Vorgang selbst hat die Seele die Gewähr, daß
-sie mit Gott verbunden ist, andererseits aber versagen ihr auch die
-Ausdrucksmittel, das, was sie erfahren, entsprechend wiederzugeben.
-</p>
-
-<p>
-In der Regel sind solche besondere Hulderweisungen der göttlichen Liebe
-Vorboten großer Prüfungen und Leiden. Liebe und Leib gehören nun einmal
-zusammen wie im natürlichen Leben, so auch im übernatürlichen. Seine
-besondern Lieblinge führt Gott den Weg des Leidens. Keine verzärtelten
-Geschöpfe würdigt er seiner besonderen Freundschaft, sondern nur die
-Heldenseelen, die Opferfreudigen. Sie werden in der Schule des Leidens
-geübt, dann aber auch im Brautgemache der göttlichen Liebe erquickt. Unter
-den Heiligen des Himmel ragen die hh. Martyrer hervor, die für Christus
-die grausamsten Qualen erduldet und ihr Leben für ihn gelassen haben. Was
-<span class="pagenum"><a id="Page_17" name="Page_17" href="#Page_17">[17]</a></span>
-in den Zeiten der Christenverfolgung wutschnaubende Machthaber an den
-Bekennern des christlichen Namens verübt, das gestattet in friedlichen
-Zeiten Gott der Herr dem Satan an seinen Auserwählten zu vollbringen,
-damit auch ihnen des Martyriums Palme nicht fehle. Es darf uns daher
-nicht wundern, wenn in der Lebensbeschreibung Christinas nach der hohen
-Begnadigung von widerwärtigen Versuchungen und grausamen Quälereien
-die Rede ist. Sie verehrte mit besonderer Innigkeit den h. Apostel
-Bartholomäus; sie betrachtete ihn als ihren ganz besonderen Schutzpatron,
-da sie in ihren Trübsalen sehr oft seinen Beistand erfahren hatte.
-In der Dominikanerkirche sowohl wie in der nahegelegenen Stiftskirche
-zum h. Andreas befanden sich Reliquien des h. Bartholomäus. Ob es nun
-diesem Umstande zuzuschreiben ist, daß Christina sich ihn zum besonderen
-Schutzheiligen erkor, oder ob seine grausame Marter, da ihm lebendigen
-Leibes die Haut abgezogen wurde, auf ihr mitleidiges und heldenmütiges
-Herz bestimmend eingewirkt hat, läßt sich nicht ermitteln. Vielleicht
-haben beide Gründe zusammen eingewirkt.
-</p>
-
-<div id="Fabb_02" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb02.jpg'
- alt='2. Kirchhügel zu Stommeln.'
- />
-<p class='caption'>2. Kirchhügel zu Stommeln.</p>
-</div>
-
-<p class="break">
-Als Christina bereits zwei Jahre bei den Beginen zu Cöln war, sie mithin
-fünfzehn Jahre zählte, kam, als sie nachts in ihrer gewohnten Art sich zum
-Gebete niedergeworfen hatte, der Versucher in Gestalt des h. Bartholomäus
-vor sie hinstehen und sprach: „Tochter, du betest viel und hast ein großes
-Verlangen, in den Himmel zu kommen. Nun wisse, daß du dies erreichen
-wirst, wenn du dich tötest. Das ist ja bald geschehen, und du kommst
-dann ohne alles Leid ins Himmelreich.“ Christina, die noch unerfahren
-war in der Unterscheidung der Geister, glaubte, es sei wirklich der h.
-Bartholomäus, und war ein halbes Jahr lang von dieser lästigen Versuchung
-geplagt. Wenn sie allein war, meinte sie, sie müsse sich das Leben nehmen;
-stand sie an einem Brunnen, so kam ihr der Gedanke, hineinzuspringen;
-war sie in der Kirche, so fühlte sie sich zu ihrem größten Leidwesen
-gedrungen, wieder hinauszugehen, um den Tod zu suchen. Doch endlich hatte
-der Herr Erbarmen mit ihr. Als diese Versuchung ihr schier unerträglich
-wurde, kam ihr in den Sinn das Wort des Evangeliums, das sie früher
-gehört, sie würde verloren gehen, wenn sie Selbstmord verübe. Und so
-schwand diese Versuchung.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_18" name="Page_18" href="#Page_18">[18]</a></span>
-Nach einer Weile indes wurde sie von einer andern Versuchung gequält.
-Es kamen ihr Zweifel an der Gegenwart Christi im allerheiligsten
-Altarssakramente und an der Erschaffung der Welt durch Gott; auch erschien
-es ihr fraglich, ob überhaupt Gott um sie wisse oder die Heiligen. Sie
-hatte kaum Freude mehr daran, Gutes zu tun, zu beten und die Kirche zu
-besuchen. Achtzehn Wochen lang blieb sie dem Beichtstuhl fern. Doch gab
-sie der Versuchung nicht nach. Trotz der Unlust wohnte sie dennoch dem
-Gottesdienste bei und eines Tages betete sie bei der h. Messe also: „Herr,
-ich habe doch immer gehört, daß dein Leib wahrhaftig hier zugegen ist.
-Zeige mir doch, wie ich diese Zweifel los werden kann.“ Und alsbald sah
-sie bei der Wandlung ein Knäblein in den Händen des Priesters, das zu
-ihr sprach: „Ich bin Jesus.“ Als sie solches sah und vernahm, kam sie vor
-Staunen außer sich. Und als sie wieder zu sich gekommen, verspürte sie in
-ihrem Geiste ein gewisses Maß von Licht. Daraufhin ging sie am folgenden
-Tage zur h. Kommunion und die Versuchung wich so vollständig von ihr, als
-ob sie dieselbe niemals gehabt hätte. Auch diese Anfechtungen gegen den
-Glauben währten ein halbes Jahr.
-</p>
-
-<p>
-Nunmehr suchte der arglistige Feind des Menschengeschlechtes ihr Speise
-und Trank und vor allem die h. Kommunion zum Gegenstand des Ekels zu
-machen. Es kam ihr vor, als ob auf jeglicher Speise, die sie zum Munde
-führen wollte, häßliche Tiere säßen, Molche, Spinnen und dergleichen.
-Vor Spinnen hatte sie, nebenbei bemerkt, ganz besonderen Abscheu. Der
-Beichtvater gab ihr den Rat, den Ekel zu überwinden und nichtsdestoweniger
-zu essen. Sie folgte, vermochte jedoch vor Ekel die Speise nicht bei
-sich zu behalten. Selbst wenn sie dem Tische des Herrn nahte, überkam
-sie das Gefühl des Ekels. Doch auch diese Plage überwand sie, indem sie
-trotz des Widerwillens dennoch den h. Leib des Herrn empfing. Auch diese
-dritte Versuchung währte ein halbes Jahr. Dies alles trug sich zu, während
-Christina zu Cöln bei den Beginen weilte. Dort blieb sie bis zum Alter
-von siebenzehn Jahren, also bis zum Jahre 1259. In diesem Jahre kehrte
-sie nach Stommeln zurück.
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi03" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Drittes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Christina in Stommeln bis zum ersten Besuch des Petrus von Dazien
-<em class="unfett">(1259-1267)</em>.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_19" name="Page_19" href="#Page_19">[19]</a></span>
-In den bisher erschienenen Lebensbeschreibungen der seligen Christina
-heißt es gewöhnlich, sie sei von den Beginen in Cöln entlassen worden
-und deshalb nach Stommeln zu ihren Eltern zurückgekehrt. Das scheint
-jedoch nicht richtig zu sein, denn zunächst steht nichts derartiges
-in dem Berichte, den der damalige Pfarrer von Stommeln, Johannes, dem
-Petrus von Dazien auf dessen Bitte über Christinas Jugend zusandte.
-Auch wäre es dann nicht zu begreifen, daß Christina zeitlebens Begine
-geblieben ist und niemals das Kleid der Beginen abgelegt hat. Wie die
-Verhältnisse lagen, dürfte die Sache sich folgendermaßen zugetragen
-haben. Als Christina bei den Beginen in Cöln eintrat, gab es in Stommeln
-offenbar noch kein Beginenhaus. Sonst würde Christina nicht nötig
-gehabt haben, sich so viele Mühe zu geben, um endlich zu den Beginen
-zu kommen. Während ihres vierjährigen Verweilens zu Cöln ist dann zu
-Stommeln eine Beginengemeinschaft zustande gekommen. Eine Verwandte
-Christinas, Hilla vom Berge, so genannt, weil sie auf dem höhergelegenen
-Teile von Stommeln wohnte, war eine der angesehensten der Stommeler
-Beginen. Wir wissen, daß Christinas Eltern ihr die Aussteuer versagten.
-Deshalb werden die Cölner Beginen Christina geraten haben, nach Stommeln
-zurückzukehren, da sie nunmehr dort, wo mittlerweile die Beginen sich
-eingerichtet hatten, ebensogut als Begine leben konnte wie in Cöln. Das
-Beginenhaus zu Stommeln war, wenn auch nicht gleich von Anfang an, eine
-an die Kirche angebaute Klause. Jedoch nicht alle Beginen wohnten dort,
-wenigstens nicht andauernd. Die Räumlichkeiten scheinen zu beschränkt
-gewesen zu sein. Mehrere von ihnen, wie Hilla vom Berge und die blinde
-Aleidis, hatten eigene Wohnungen.
-<span class="pagenum"><a id="Page_20" name="Page_20" href="#Page_20">[20]</a></span>
-Bei ihrer Rückkehr nach Stommeln nahm
-auch Christina zunächst im elterlichen Hause Wohnung. Hier wurde sie,
-namentlich anfangs, nicht allzu freundlich behandelt, weil sie gegen den
-Willen der Eltern ins Kloster gegangen war. Man gönnte ihr nicht einmal
-das Brot, das sie aß. Ihr der Abtötung und dem Gebete geweihtes Leben
-fand auch nicht den Beifall der Beginen. Diese spotteten mehrfach über
-sie und nannten sie eine Scheinheilige. So hatte sie Niemanden, weder zu
-Hause noch außerhalb, bei dem sie einigen Trost gefunden hätte. Im öftern
-Empfange der h. Kommunion hätte sie gerne Kraft und Mut sich geholt zum
-standhaften Ertragen aller Widerwärtigkeiten. Allein sie wagte es nicht,
-darum zu bitten, mit wie heißer Sehnsucht sie auch darnach verlangte;
-denn damals war es nicht üblich, häufig zu den hh. Sakramenten zu gehen.
-Es war ja im dreizehnten Jahrhundert, daß die vierte Lateransynode (1215)
-sich veranlaßt sah, die Pflicht der Osterkommunion unter Androhung von
-kirchlichen Strafen einzuschärfen. Der Heiland jedoch wußte auf andere
-Weise sich seiner treuen Dienerin mitzuteilen. Ihrem Pfarrer Johannes
-hat sie nämlich im h. Gehorsam gestanden, sie sei einst krank gewesen (so
-nannte sie in Demut ihren mystischen Zustand), und da habe sie stets über
-das bittere Leiden unseres Herrn nachgedacht. Das habe wohl sechs Wochen
-gedauert. Und es sei ihr vorgekommen, als ob ihr vielgeliebter Heiland
-vor ihren Augen getötet worden sei. Sie lag dann, so fährt der Pfarrer
-Johannes fort, in tiefster Beschaulichkeit da, aß sozusagen gar nichts
-und ihre Glieder blieben, wie Johannes selbst gesehen hat, ganz starr.
-Aber auch der Versucher stellte sich bei ihr ein. Umstrahlt von Schönheit
-erschien er ihr, tröstete sie und sprach: „Teuerste, gehab dich wohl;
-der Herr ist mit dir.“ Er belobte sie dann sehr und sagte schließlich:
-„Siehe, schon bist du merklich schwächer geworden. Wenn du dich noch
-zwei Tage lang der Nahrung enthältst, so wirst du alsbald deinen Gott in
-seiner Herrlichkeit schauen.“ Bei diesen Worten erkannte Christina durch
-Erleuchtung des h. Geistes den teuflischen Betrug, begehrte sofort zu
-essen und beschämt wich der Böse von dannen.
-</p>
-
-<p>
-Abgesehen von dieser Versuchung lebte Christina drei Jahre lang im Hause
-ihrer Eltern in seligem Herzensfrieden, auf Gott allein ihren Sinn
-richtend und nicht beachtend, was
-<span class="pagenum"><a id="Page_21" name="Page_21" href="#Page_21">[21]</a></span>
-in der Welt vor sich ging. Sie war
-nun zwanzig Jahre alt und sollte bald in die Schule der Leiden genommen
-werden, indem es dem Satan gestattet wurde, sie zu quälen, wie er einst
-den Diener Gottes, den gerechten Job, gequält hatte. Nur das Leben durfte
-er ihr nicht nehmen, wie er ja auch dem Job das Leben lassen mußte. Sie
-nahm, wie es scheint, Wohnung im Hause der Beginen. Dort kam der Versucher
-in Gestalt des h. Apostels Bartholomäus zu ihr und sagte ganz leise:
-„Teuerste Tochter, deine Werke sind wohlgefällig vor Gott, dem du über
-die Maßen gefällst. Du hast jetzt eine Zeit lang an Leib und Seele Ruhe
-genossen. Nun mußt du auch, da du gar sehr verlangst, zum Geliebten deiner
-Seele zu kommen, an deinem Körper etwas leiden.“ Wohl einen Monat lang
-wurde sie von solchen Zuflüsterungen geplagt. Endlich kam der Versucher
-mit einem Bündel Hülsendorn und sprach: „Weil du bisher allzu weichlich
-gelebt hast, so bringe ich dir dies, damit du damit deinen Leib zur Ehre
-Gottes kasteiest; denn das gefällt ihm gar sehr.“ Also tat er zur Zeit
-der Mette sowohl wie zur Zeit der Komplet. Christina aber, vom h. Geiste
-belehrt, dachte bei sich: „Es ist der Dämon. Kaum vermag ich die übliche
-Geißelung zu ertragen, um wieviel weniger eine solche?“ Sodann sprach sie
-zum Versucher: „Uebel ist dein Rat, weil er falsch ist; denn Gott will,
-daß man in allem weise maßhalte.“ Doch wiewohl sie den Versucher in dieser
-Weise abfertigte, kam ihr doch später immer wieder der Gedanke, sie hätte
-doch den Rat befolgen sollen; er könne doch von Gott herrühren. Als der
-Versucher jedoch sah, daß Christina seinen Einflüsterungen nicht Folge
-gab, rächte er sich, indem er selbst acht Nächte hindurch Christina mit
-Hülsenwischen dermaßen geißelte, daß sie am ganzen Leibe wund war. Hilla
-vom Berge, die zur Zeit der Komplet zu ihr zu kommen pflegte und nicht
-wußte, was vor sich gegangen war, fand sie wie halb tot und brachte sie zu
-Bette. Nachdem der Versucher sie noch durch mehrere andere Plagen das Jahr
-hindurch belästigt hatte, quälte er sie im Advent auf besondere Weise. Am
-ersten Adventssonntage wurde sie, während sie ihren Rosenkranz<a name='FA_7' id='FA_7' href='#FN_7' class='fnanchor'>[7]</a> betete,
-<span class="pagenum"><a id="Page_22" name="Page_22" href="#Page_22">[22]</a></span>
-mit einem knotigen Stocke derartig von unsichtbarer Hand geschlagen,
-daß die Umstehenden meinten, man müsse es im ganzen Dorfe hören können.
-Fünfmal fiel Christina dabei in Ohnmacht. Schließlich betete sie zum
-Herrn also: „Herr Jesu, ich bitte dich bei deinem bitteren Leiden,
-befiehl dem Dämon, er solle aufhören mich zu schlagen; denn ich vermag es
-nicht länger zu ertragen. Oder gib mir die Gnade, daß ich es auszuhalten
-vermag.“ Eines Tages empfing sie, als sie in den Stall ging, einen solch
-heftigen Schlag auf die Hand, daß Blut floß. Darob weinte sie, nicht aus
-Mangel an Gottergebenheit, sondern weil sie glaubte, in solchem Leiden
-nicht mehr allein in ihrem Kämmerlein leben zu können und in ein anderes
-Haus ziehen zu müssen. Mehrfach noch erhielt sie von unsichtbarer Hand
-Schläge, die derartig heftig waren, daß man sie fast bis auf die Straße
-hörte. Auch wurden ihre Füße zerkratzt, und zwar einmal mit spitzigen
-Eisenkrallen; und die ganze Pfarre kam zusammen und sah mit eigenen Augen
-diese Quälereien.
-</p>
-
-<p>
-Christina kehrte ins Haus ihrer Eltern zurück und blieb etwa ein Jahr
-lang von körperlichen Mißhandlungen frei. Jedoch suchte der arglistige
-Feind ihre Andacht auf mancherlei Weise zu stören. Am Weihnachtsabend
-kam er in Gestalt eines Stieres und brüllte entsetzlich, packte ihren
-Kopf zwischen seine Zähne und übergoß ihr Gesicht mit Geifer. Vier Wochen
-nachher hörte sie jedesmal ein starkes Brüllen, so oft sie der h. Messe
-beiwohnte, Gottes Lob singen oder predigen hörte, oder wenn sie sich
-im Gebete befand. Davon wurde sie eine Zeit lang ganz taub. Als sie den
-Herrn bat, er möge diese Plage, die ihr die Uebungen der Gottseligkeit
-verleidete, von ihr nehmen, hörte sie eine gar liebliche Stimme einen
-Psalm zum Lobpreis Gottes anstimmen, wodurch ihr Herz in solche Wonne
-versetzt wurde, wie sie niemals solche bis dahin beim Gesange empfunden
-hatte. Das Gehör war wiedergekommen; nunmehr wurde sie eine Zeit lang
-stumm. Ein mündliches Gebet vermochte sie nicht mehr zu verrichten.
-Zuweilen versuchte sie kurze Seufzer auszusprechen wie: „Mein Herr und
-mein Gott!“ oder: „O Gott, erbarme dich meiner!“ oder: „Vielgeliebter.“
-Aber auch das vermochte sie nicht. Sie bekam darüber solches Wehe, daß
-sie vierzehn Tage lang Blut spuckte. Der Versucher aber kam und verhöhnte
-sie, indem er sprach: „O Törin, wo ist nun dein Gott? Wenn du einen Gott
-hast, so bete diesen an und rufe
-<span class="pagenum"><a id="Page_23" name="Page_23" href="#Page_23">[23]</a></span>
-ihn an. Du siehst doch wohl, daß ich
-der Schöpfer aller Dinge bin.“ Solche Lästerungen empörten Christina, und
-es schmerzte sie über die Maßen, daß sie ihn, weil sie stumm war, nicht
-abfertigen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Dann quälte sie der Böse durch Ohrenbläsereien. Drei Wochen lang
-flüsterte er ihr unaufhörlich in die Ohren, was die Menschen Unrechtes
-getan, gestohlen und dergleichen, und dabei nannte er die Leute mit
-Namen. Auch drohte er ihr, er werde in der Kirche laut ausrufen, daß
-sie alles, was abhanden gekommen sei, gestohlen habe. Als auch diese
-Versuchungen nicht vermochten, Christina zu lieblosen Urteilen oder zur
-Vernachlässigung des Gottesdienstes zu verleiten, wurde sie vierzehn Tage
-hindurch durch feuerige Erscheinungen in Schrecken gesetzt. Wollte sie in
-ihrem Kämmerlein beten, so schien es in Flammen zu stehen; nahm sie ihr
-Gebetbuch, so schien es zu brennen; ging sie zum Beichtstuhl, so schien
-der Priester in Flammen zu stehen; wollte sie dem Tische des Herrn nahen,
-so glaubte sie, durchs Feuer gehen zu müssen. Unterdessen kam wieder die
-Adventszeit heran und nach den früher gemachten Erfahrungen war Christinas
-Umgebung in Furcht vor neuen Plagen. So kam es, daß der ehrwürdige
-Pfarrherr Johannes sie für den Advent 1267 ins Pfarrhaus aufnahm.
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi04" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Viertes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Zur Beurteilung des Dämonischen.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_24" name="Page_24" href="#Page_24">[24]</a></span>
-In der Folge wird häufiger noch als bisher von ganz eigenartigen Plagen
-die Rede sein, von denen Christina heimgesucht wurde. Christina ist nicht
-die einzige unter den Seligen des Himmels, die solche Plagen zu erdulden
-hatte. Bezeichnender Weise sind es vorzugsweise die mit mystischen
-Zuständen Begnadigten, die solchen Quälereien ausgesetzt sind, als deren
-Urheber gemeinhin die bösen Geister angesehen werden. Kein geringerer als
-der Völkerapostel Paulus, der in den dritten Himmel entrückt wurde, klagt
-darüber, daß der Satansengel ihn mit Faustschlägen mißhandelt habe.
-</p>
-
-<p>
-Die Ungläubigen, die alles Uebernatürliche leugnen, halten alles
-Dämonische für Fabel oder Ausgeburt eines krankhaften Gehirns. Mit solchen
-Leuten kann man aufrichtiges Mitleid haben.
-</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">
-„Den Teufel spürt das Völkchen nie,
-</span><br />
-<span class="i01">
-„Und wenn er sie beim Kragen hätte.“<a name='FA_8' id='FA_8' href='#FN_8' class='fnanchor'>[8]</a>
-</span><br />
-</div></div>
-
-<p>
-Daß es eine Welt unsichtbarer Geister gibt, von denen die einen, die hh.
-Engel, das Menschengeschlecht lieben, die andern hingegen, die gefallenen
-Engel, die wir Teufel nennen und deren Fürst Satan ist, voller Haß und
-Neid gegen die Adamskinder, die statt ihrer der Himmelsherrlichkeit
-teilhaft werden sollen, diesen zu schaden suchen, ist eine Wahrheit, die
-fast auf jeder Seite der heiligen Schriften des alten und neuen Bundes
-zu Tage tritt und die auch, wenn auch mehr oder minder entstellt, im
-Bewußtsein des gesamten Menschengeschlechtes zu allen Zeiten festgehalten
-wurde. Ein wissenschaftlicher Beweis für die Behauptung, daß es keine
-Teufel gibt oder keine geben kann, oder daß diese die Menschen nicht
-zu versuchen oder ihnen nicht zu schaden vermögen, ist bisher
-<span class="pagenum"><a id="Page_25" name="Page_25" href="#Page_25">[25]</a></span>
-von Niemanden erbracht worden und kann auch nicht erbracht werden. Von
-ewigen, unabänderlichen Naturgesetzen zu reden, ist leere Phrase. Gesetze
-sind Vorschriften. Naturgesetze aber schreiben nichts vor. Es sind nur
-Verallgemeinerungen von einzelnen von uns beobachteten Vorgängen. Will man
-von Naturgesetzen reden, so muß man auch einen Herrn der Natur annehmen,
-der mit Macht und Weisheit sie leitet, der aber auch auf andere als die
-gewohnte Weise durch sie wirken kann und auch solches vollbringen kann,
-was die Kräfte der Natur übersteigt. Denn der Urheber der Natur ist doch
-nicht durch die von ihm ins Dasein gerufenen Naturkräfte eingeschränkt.
-Wenn schon der Mensch gewaltige Aenderungen im Naturlauf hervorrufen
-kann, indem er die Naturkräfte seinem Willen dienstbar macht, sei es,
-daß er auf dem Stahlroß oder im Kraftwagen über die Erde dahinsaust,
-oder im Luftschiff sich in die Höhe emporschwingt und am Himmelsgezelt
-mit den Wolken einherfährt, wie sollte es den überirdischen Geistern,
-denen zudem auch die uns noch verborgenen Naturkräfte bekannt sind, sich
-deren mit Zulassung des Schöpfers nicht bedienen können, um Wirkungen
-hervorzubringen, die uns wunderbar vorkommen? Eigentliche Wunder kann
-freilich nur Gott allein wirken, weil nur seine Allmacht die Macht der von
-ihm geschaffenen Natur übersteigt. Die Engel jedoch und ebenso die Teufel
-vermögen die vorhandenen natürlichen Kräfte in einer Weise anzuwenden, die
-ungewohnt ist und uns deshalb wunderbar erscheint. Teuflische Einwirkungen
-auf die Menschheit sind deshalb möglich. Ob sie nun wirklich vorliegen,
-muß in jedem Falle, wo ihre Tatsächlichkeit behauptet wird, bewiesen
-werden. Nirgendwo wäre Leichtgläubigkeit weniger angebracht als hier. Die
-Kirche läßt uns in der Untersuchung und Prüfung solcher Vorkommnisse,
-die in den Lebensbeschreibungen der Heiligen berichtet werden, vollste
-Freiheit und ermahnt uns zu größter Vorsicht. Der allgemeine Einwand
-jedoch, heutzutage trete der Teufel nicht sichtbar in die Erscheinung,
-also habe er es auch früher nicht getan, ist nicht stichhaltig. Der Teufel
-ist eben von jeher arglistig und boshaft und Dummheit gehört nicht zu
-seinen Eigenschaften. Vor allem sucht er Unglauben und Gottlosigkeit zu
-verbreiten. Das würde er aber heutzutage am wirksamsten verhindern, wenn
-er offen hervorträte. Denn wer heute an den Teufel glaubt,
-<span class="pagenum"><a id="Page_26" name="Page_26" href="#Page_26">[26]</a></span>
-der kann nicht
-mehr ungläubig sein, der muß auch Hölle und Himmel annehmen, und an Gott
-glauben. Anders aber lagen die Dinge im Mittelalter, wo der Glaube ans
-Jenseits unbestritten war.
-</p>
-
-<p>
-Was nun die teuflischen Quälereien, die von der seligen Christina
-in der Jülicher Handschrift berichtet werden, anbelangt, so verdient
-hervorgehoben zu werden, daß diese Handschrift zu Lebzeiten Christinas
-angefertigt wurde, und die Verfasser die Vorkommnisse miterlebt oder
-sie aus dem Munde Christinas vernommen haben. Daß sie alle die Wahrheit
-sagen wollten, wird niemand, der diese Aufzeichnungen und Briefe liest,
-in Zweifel ziehen. Die Erzählung ist so treuherzig, die Schilderung so
-unmittelbar, die in die Darstellung verwobenen Angaben über Ort, Zeit und
-sonstige Umstände der Geschehnisse mit der geschichtlichen Wirklichkeit
-so genau übereinstimmend, daß ihr der Stempel der Wahrhaftigkeit nicht
-abgeleugnet werden kann. Die Personen, welche diese Dinge berichten,
-sind achtbare, unterrichtete Männer. Da sind zunächst die beiden
-Pfarrer von Stommeln, Johannes und sein Nachfolger Heinrich, die beide
-über alles, was Christina betraf, aufs genaueste unterrichtet waren,
-an ihr das lebhafteste Interesse nahmen und in ihrem ganzen Verhalten
-eine Art heiliger Ehrerbietigkeit gegen Christina an den Tag legten.
-Pfarrer Johannes war ein Mann nach dem Herzen Gottes, von reinem Wandel
-und erprobter Tugend, ausgezeichnet durch uneigennützige Freigebigkeit
-und große Frömmigkeit, wie allgemein bekannt war. Da ist ferner der
-hochbetagte, in der Seelenleitung wohlerfahrene Bruder Walter aus
-dem Dominikanerkloster zu Cöln, der uns geschildert wird als sehr
-frommer Mann, reich an Jahren und Verdiensten, mit weißem Haupthaar und
-lieblichem Angesichte, hochangesehen nicht bloß bei den Weltgeistlichen,
-sondern auch bei den Ordensleuten.<a name='FA_9' id='FA_9' href='#FN_9' class='fnanchor'>[9]</a> Dieser war Christinas Beichtvater
-seit ihrem Eintritt ins Beginenkloster zu Cöln. Da ist vor allem der
-schwedische Dominikaner Petrus von Dazien, der am eingehendsten sich
-mit den Zuständen Christinas befaßt und dem vorzugsweise die über sie
-erhaltenen Aufzeichnungen zu danken sind. Petrus stammte
-<span class="pagenum"><a id="Page_27" name="Page_27" href="#Page_27">[27]</a></span>
-aus der Stadt
-Wisby auf der Insel Gotland in der Ostsee, war gegen das Jahr 1266 in den
-Dominikanerorden eingetreten, dessen zehnte Provinz Dänemark, Schweden und
-Norwegen umfaßte und Dazien genannt wurde. Wegen seiner Zugehörigkeit zu
-dieser Provinz wird er gemeinhin Petrus von Dazien genannt. Wegen seiner
-besonderen Befähigung wurde er von seinen Ordensobern zur Vervollkommnung
-seiner Studien nach Cöln und Paris geschickt. Während seines Cölner
-Aufenthaltes, der von 1266-1269 währte, kam er zwölfmal nach Stommeln,
-dann noch einmal bei seiner Hinreise nach Paris und abermals bei der
-Rückreise, und später noch einmal von Schweden aus, also im ganzen
-fünfzehnmal. Der ebenso fromme und demütige wie kenntnisreiche und
-gelehrte Ordensmann betrachtete Christina als das ihm von Gott gegebene
-Vorbild eines vollkommenen, ganz der Liebe Jesu Christi geweihten Lebens;
-Christina hingegen, durch göttliche Erleuchtung belehrt, betrachtete den
-Petrus als ihren geistlichen Führer und Tröster. Christina verschloß,
-wie alle wahrhaft mystischen Seelen, die Vorgänge ihres Innenlebens vor
-der Außenwelt. Nur dem Petrus gab sie in Gehorsam hierüber Aufschluß.
-Petrus war schon einundzwanzig Jahre hindurch im Dominikanerorden, als
-er im Advent 1267 zum ersten Male nach Stommeln kam. Er war mithin nicht
-ein unerfahrener, junger Student, wie der Innsbrucker Professor Emil
-Michael irrtümlicher Weise annimmt, sondern ein allseitig durchgebildeter,
-urteilsfähiger Ordensmann in der vollen Kraft des Mannesalters. In
-welchem Ansehen er stand, geht daraus hervor, daß er nach seiner Rückkehr
-in die Heimat Lesemeister zu Skeninge, dann zu Strengnäs und darauf
-zu Gotland wurde und schließlich zu Wisby das Amt eines Priors versah.
-Einen getreuen Helfer in der Aufzeichnung dessen, was sich Merkwürdiges
-im innern und äußern Leben Christinas ereignete, hatte Petrus in dem
-Schullehrer zu Stommeln, dem Magister Johannes, einem allseitig verehrten
-Manne von frommem und reinem Wandel, der später Priester wurde und als
-Kaplan Christinas bezeichnet wird. Petrus vergleicht ihn in einem seiner
-Berichte mit dem Apostel Johannes; denn wie der Heiland diesem seine
-jungfräuliche Mutter, so habe er ihm seine Namensgenossin, das Gefäß der
-Tugenden und die Uebungsschule aller geistigen Kämpfe zur Hut anvertraut.
-Dem Petrus sei auch hier der Johannes vorgezogen. „Darum,“
-<span class="pagenum"><a id="Page_28" name="Page_28" href="#Page_28">[28]</a></span>
-so fährt Petrus fort, „strenge deine Sinne an, suche scharf und mit allem Fleiße
-zu beobachten, was der Herr Wunderbares wirkt. Lasse dir keine Handlung
-und kein Wort entgehen, was der Bräutigam oder die Braut tut oder spricht.
-Beobachte das Benehmen, wäge ab die Handlungen, verkoste die Freuden,
-merke die Gnadenerweisungen, das Geheime bewahre treu in deinem Herzen
-und erzähle es, wenn die Zeit gekommen, den Gläubigen. Denn es wird die
-Zeit kommen, wo man dies von dir verlangen wird. Und weil das Gedächtnis
-sehr vergeßlich ist, so schreibe auf, was der Herr Großes wirkt.“<a name='FA_10' id='FA_10' href='#FN_10' class='fnanchor'>[10]</a>
-Wie getreulich der Meister Johannes dieser Aufforderung nachgekommen ist,
-zeigt das dritte Buch der Jülicher Handschrift. Was Johannes von Christina
-berichtet, hat er ihr größtenteils abgelauscht bei ihrem Erwachen aus der
-Verzückung. „Diese Geheimnisse,“ so schreibt er an Petrus, „die ich Ew.
-Liebden mitteile, sind mir nicht von einem Menschen, sondern von Gott
-kundgemacht worden. Laßt Euch das nicht unglaublich sein. Denn wenn zu
-den Dienern Gottes im allgemeinen gesagt ist: „Nicht ihr seid es, die da
-reden, sondern der Geist eures Vaters ist es, der in euch redet,“ so gilt
-das auch insbesondere von seiner Braut und besonders zu jener Zeit, wo sie
-eben aus der Entrückung zurückkehrt, in dem Zeitraum, wo sie von äußern
-Dingen und von sich selbst nichts weiß. Ich schreibe euch dies darum,
-auf daß ihr wisset, daß Christina, Eure Tochter, zur Zeit, wo sie ihrer
-mächtig war, mir nichts von dem, was ich aufgeschrieben habe, mitgeteilt
-hat, außer wenigem über ihr Leiden.“ Sehr richtig ist diese Bemerkung des
-Magisters Johannes für die Beurteilung der außergewöhnlichen teuflischen
-Quälereien, die im dritten Buche der Jülicher Handschrift berichtet
-werden. Sie tragen durchgängig visionären Charakter und somit entfällt
-alles, was man gegen ihre Glaubwürdigkeit vorgebracht hat.
-</p>
-
-<p>
-Da die Dominikaner damals stets zu Fuß reisten und bei ihren Reisen
-stets mindestens zu zweien sein mußten, so kamen mit Petrus auch andere
-Dominikaner nach Stommeln und lernten Christina kennen. Außer dem bereits
-erwähnten Bruder Walter verdienen noch angeführt zu werden die Brüder
-Gerhard vom Greif, ein sehr gelehrter Mann, Lehrmeister der
-<span class="pagenum"><a id="Page_29" name="Page_29" href="#Page_29">[29]</a></span>
-Studenten
-und ehemaliger Unterprior im Cölner Kloster,<a name='FA_11' id='FA_11' href='#FN_11' class='fnanchor'>[11]</a> und Johannes von
-Muffendorf, die beide auch zu Christinas Beichtvätern zählen, ferner die
-Brüder Aldebrandino aus Rom, Balduin von Flandern, Gotfrid von Werden,
-Jakob von Andernach, Johannes Hespe aus der Provinz Dazien, Karl, der in
-Paris studiert hatte und als Ordensmann, reich an Gnaden, ausgezeichnet
-durch große Herzensreinheit, feine Sitten, Freigebigkeit und vorzügliche
-Frömmigkeit, gerühmt wird,<a name='FA_12' id='FA_12' href='#FN_12' class='fnanchor'>[12]</a> ferner Bruder Laurentius aus dem Kloster
-zu Wisby, Bruder Mauritius, später Lesemeister in Reval, Bruder Salomon
-aus Ungarn, Bruder Folkwin von Gotland, Bruder Wilhelm von Werigehal
-aus der englischen Provinz und Bruder Wipert von Böhmen aus der Provinz
-Polen. Wie der Vorgesetzte dieser Brüder, der Cölner Prior Hermann
-von Havelbrech, über Christina dachte, ersehen wir aus den Worten, mit
-denen er den Brüdern Aldebrandino und Petrus auf ihr Begehren Erlaubnis
-erteilte, nach Stommeln zu gehen: „Geliebteste Söhne,“ sprach der Prior,
-„mit Freuden gestatte ich euch, nach diesem Orte zu gehen, um Gottes
-Wundertaten zu sehen. Ich habe nämlich so außerordentliche Dinge von
-dieser Jungfrau gehört, daß ich sehr gerne mit euch gehen möchte, wenn
-ich dazu in der Lage wäre. Ihr aber, Geliebteste, seid noch jung und
-seid aus entfernten Gegenden hierhergekommen und möget also hingehen und
-die wunderbaren und erbaulichen Dinge beobachten. Diese könnt ihr dann
-dereinst in eueren Ländern noch im hohen Alter zu gegebener Zeit andern
-zur Erbauung erzählen.“<a name='FA_13' id='FA_13' href='#FN_13' class='fnanchor'>[13]</a> Einige Monate nachher, am Weißen Sonntag
-1269, ging indes Prior Hermann selbst mit dem Bruder Arnold von Xanten,
-Prior von Straßburg, nach Stommeln und besuchte Christina. Dieser Prior
-Hermann von Havelbrech war aber ein Mann von großer Sanftmut und Güte,
-geschmückt mit allen Tugenden. Längere Zeit hindurch war er der Begleiter
-des Ordensgenerals Johannes I. gewesen und hatte mit diesem, wovon er
-mitunter zu erzählen pflegte, zehn Provinzen des Ordens bereist. Auch
-war er zweimal Provinzial der deutschen Ordensprovinz gewesen.
-<span class="pagenum"><a id="Page_30" name="Page_30" href="#Page_30">[30]</a></span>
-Doch nicht
-bloß die Dominikaner kannten Christina. Auch die minderen Brüder vom h.
-Franz in Cöln interessierten sich für sie. Im Jahre 1281 z. B. kamen am
-Vorabend von Johannes Geburt zwei Minoriten mit vier Dominikanern nach
-Stommeln, um Christina in der Verzückung zu sehen. Der Prior der unweit
-von Stommeln gelegenen Benediktinerabtei Brauweiler, Gotfrid genannt, „ein
-Mann von allseitig gutem Rufe, großer Bescheidenheit und auferbaulichem
-Wandel“, von dem Petrus von Dazien sagt, daß er, ohne der Heiligkeit der
-übrigen nahetreten zu wollen, niemals einen Mann seines Ordens von solcher
-Vollkommenheit gesehen habe,<a name='FA_14' id='FA_14' href='#FN_14' class='fnanchor'>[14]</a> war Christinas väterlicher Freund,
-der häufiger in Begleitung des Kellermeisters der Abtei Brauweiler,
-namens Leonius, eines hochbetagten Mannes von großer Umsicht und Reife
-des Urteils, sie in Stommeln besuchte. Zur Zeit des Interdiktes, das
-Erzbischof Engelbert von Falkenburg über Cöln und Umgebung verhängte,
-weil die Stadt sich mit dem Grafen von Jülich gegen ihn verbündet hatte,
-ging Christina regelmäßig nach Brauweiler, um in der Abteikirche, die dem
-Interdikte nicht unterlag, dem Gottesdienste beizuwohnen. Sie beichtete
-dann regelmäßig bei dem Prior Gotfrid. Auch andere Geistliche aus dem
-Ordens- und Weltklerus kamen Christinas halber nach Stommeln, z. B. Adolf,
-Scholar des Cölner Domdechanten, Magister Heinrich vom Stifte der hh.
-Jungfrauen in Cöln, Herr Engelbert vom St. Cäcilienstifte dortselbst und
-ein Mönch des Klosters Quinheim<a name='FA_15' id='FA_15' href='#FN_15' class='fnanchor'>[15]</a> bei Neuß. Es wird vielfach behauptet,
-im Mittelalter sei man wundersüchtig gewesen und deshalb verdienten die
-Wundermären aus jener Zeit keinen Glauben. Wie alle derartigen allgemeinen
-Sprüche sich bei näherem Zusehen als oberflächliche Uebertreibungen
-erweisen, so auch hier. Die Männer, die Christinas mystische Zustände
-in Stommeln beobachteten, waren keine Schwärmer. Es waren fromme und
-vernünftige Männer von nüchterner Auffassung und gesundem Urteil. Wie sie
-dachten, geht anschaulich hervor aus einer Begrüßungsszene zwischen dem
-vorhin erwähnten Unterprior Gerhard vom Greif und Petrus von Dazien. Als
-letzterer im Jahre 1279 aus Schweden kommend in Cöln anlangte, hatte
-<span class="pagenum"><a id="Page_31" name="Page_31" href="#Page_31">[31]</a></span>
-er in Stommeln vorgesprochen und der Unterprior sprach zu ihm, als er ihn
-im Cölner Kloster empfing: „Habt Ihr Christina gesehen?“ denn er kannte
-die Hochachtung, die Petrus gegen Christina hegte. Petrus antwortete:
-„Ja, Vater.“ Da lächelte der Unterprior und fuhr fort mit den Worten
-des h. Hieronymus an Paulinus: „Jene Zeit hatte ein unerhörtes, für
-alle Jahrhunderte denkwürdiges Wunder, sodaß die Menschen, die in eine
-so herrliche Stadt kamen, dennoch etwas anderes außerhalb dieser Stadt
-suchten und diejenigen, die Cöln nicht an sich ziehen konnte zu seiner
-Bewunderung, sich durch den Ruf eines einzigen Menschenkindes angezogen
-fühlten.“ Dann fragte er weiter: „Wie geht es mit Christina? Wie gefällt
-Euch ihr Zustand?“ Petrus antwortete: „In allem gut. Ich bin gar sehr
-getröstet worden; denn seit meinem Weggang hat sie sehr große Fortschritte
-in der Heiligkeit gemacht.“ Der Unterprior erwiderte: „Ihr habt recht,
-Bruder Petrus; ich bin derselben Ansicht und Ihr möget wissen, daß meine
-Hochachtung gegen sie um kein Haar abgenommen hat. Daß ich sie aber
-seltener als früher besuche, kommt daher, weil diejenigen, die früher die
-Brüder aufzunehmen pflegten, meistens gestorben sind.“<a name='FA_16' id='FA_16' href='#FN_16' class='fnanchor'>[16]</a> So spricht und
-handelt kein wundersüchtiger Schwärmer.
-</p>
-
-<p>
-Auch bei dem weiblichen Geschlechte fand Christina Verständnis und
-Verehrung. Da ist vor allem zu nennen die hochangesehene, hochbetagte
-Aebtissin des hochadeligen Damenstiftes zur h. Cäcilia in Cöln, Geva,
-Gräfin von Virneburg, die mit den fein gebildeten Stiftsfräulein,
-unter denen Irmgardis<a name='FA_17' id='FA_17' href='#FN_17' class='fnanchor'>[17]</a> hervortritt, besonderes Interesse für die
-fromme Tochter des Stommler Gutsbesitzers Bruso bekundete. „Geva liebte
-Christina wie eine Mutter ihre Tochter und erwies ihr viel Gutes.“<a name='FA_18' id='FA_18' href='#FN_18' class='fnanchor'>[18]</a>
-<span class="pagenum"><a id="Page_32" name="Page_32" href="#Page_32">[32]</a></span>
-Auch zwei Stiftsdamen aus dem Stifte der hh. Jungfrauen (St. Ursula)
-in Cöln, Christina und ihre Schwester Gertrud, zählten zu Christinas
-Bekanntenkreis.<a name='FA_19' id='FA_19' href='#FN_19' class='fnanchor'>[19]</a> Was von größter Bedeutung ist, diejenigen, die täglich
-um Christina herum waren, ihre Vertrauten, die Beginen von Stommeln,
-liebten und verehrten ihre Mitschwester Christina und erwiesen ihr,
-wie Christina bezeugt, viel Gutes. Wenn sie auch anfänglich mitunter,
-von frommer Eifersucht verleitet, über Christinas strenges Bußleben
-und ihre mystischen Zustände gespöttelt hatten, so erkannten sie doch,
-beim längeren Zusammenleben mit ihr, die Gediegenheit ihres Wesens und
-die Echtheit ihrer Begnadigungen. Da ist zuerst Hilla vom Berge, ihre
-Blutsverwandte und unzertrennliche Gefährtin in allen ihren Leiden und
-Freuden. „Ich sah, schreibt Petrus, ihr Angesicht immer gleich, sie
-mochte im Glück oder Unglück sein. Sie war eine Jungfrau, die alles Lob
-verdiente, in Kreuz und Leid unverzagt, in Freude und Glück behutsam,
-überall eine wahre Jungfrau im Wandel, im Verhalten, in der Rede. Ihr
-Scherz war ernst und ihr Ernst schien scherzend, weil sie in Wort und
-Benehmen sich immer gleichmäßig benahm. Nächst Christina glaube ich kein
-Mädchen von solcher Herzensreinheit je gesehen zu haben; denn es kam mir
-vor, als könnte sie keine Sünde begehen, und Gott weiß es, daß ich an
-ihr nie eine Geberde, eine Miene oder ein Wörtchen wahrgenommen habe,
-was auf Leichtsinn hätte schließen lassen können, wiewohl ich sie scharf
-beobachtet und mich oft und lange mit ihr unterhalten habe.“<a name='FA_20' id='FA_20' href='#FN_20' class='fnanchor'>[20]</a>
-</p>
-
-<p>
-An zweiter Stelle kommt die blinde Aleidis, die, wie man glaubte, durch
-Weinen das Augenlicht verloren hatte und sich doch über diesen Verlust
-nicht beklagte. Sieben Jahre hindurch war sie bettlägerig gewesen und
-hatte bei gänzlicher Erschöpfung ihrer Kräfte eine wundersame Geduld
-bewiesen. Ihre Tugend läßt sich, sagt Petrus, nicht beschreiben.
-Wer sie kennt, wird gestehen, daß alles Lob hinter der Wirklichkeit
-zurückbleibt.<a name='FA_21' id='FA_21' href='#FN_21' class='fnanchor'>[21]</a> &mdash; Neben der blinden Aleidis gab es in Stommeln noch
-eine andere sehr geschäftige Begine mit Namen Aleidis und außer der Hilla
-vom Berge auch noch eine Hilla von Ingendorf. Die Schwester des Pfarrers
-Heinrich von Stommeln, Benigna
-<span class="pagenum"><a id="Page_33" name="Page_33" href="#Page_33">[33]</a></span>
-mit Namen, war ebenfalls nach Kleidung und
-Wandel eine Begine, wiewohl sie nicht in deren Klause wohnte, sondern
-ihrem Bruder den Haushalt führte. Zum engeren Kreise der Freundinnen
-Christinas gehörten auch noch ihre Nichte Hilla und die Nichte der blinden
-Aleidis, die Begine Engilradis, Tochter des dortigen Vogtes, sowie die
-hochbetagte Mutter des Pfarrers Johannes und dessen beide Schwestern
-Gertrud und Hadewig. Diese Gertrud, von der gerühmt wird, daß sie eine gar
-liebliche Stimme hatte und oft und gerne schöne geistliche Lieber sang,
-war eine ganz besondere Vertraute Christinas.
-</p>
-
-<div id="Fabb_03" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb03.jpg'
- alt='3. Beginenfigur (14. Jahrh.)'
- />
-<p class='caption'>3. Beginenfigur (14. Jahrh.).</p>
-</div>
-
-<p>
-Was Christina selbst anbelangt, so war sie das Kind gesunder Eltern.
-Auch ihre vier Geschwister erfreuten sich bester Gesundheit. Sie war,
-wie der Befund ihrer Gebeine ausweist, von schlankem und kräftigem
-Körperbau und erreichte ein Alter von siebenzig Jahren. Sie lebte in
-frischester Landluft, liebte es freilich, vorzugsweise am Spinnrocken zu
-sitzen und sich mit Nähen und Sticken zu beschäftigen.<a name='FA_22' id='FA_22' href='#FN_22' class='fnanchor'>[22]</a> Andererseits
-aber beteiligte sie sich auch an der Feldarbeit, half namentlich bei
-der Ernte<a name='FA_23' id='FA_23' href='#FN_23' class='fnanchor'>[23]</a> und war selbst des Reitens nicht unkundig. So wird von ihr
-berichtet, daß sie am Ostersonntag des Jahres 1268, weil ihre Füße vom
-Karfreitag her noch wund waren, an der Seite ihres Vaters zur Kirche ritt,
-um der Osterpflicht zu genügen, und zwar, um Aufsehen zu vermeiden, in
-weltlicher Tracht.
-</p>
-
-<p>
-Manche sind geneigt, Christinas Zustände als Krankheitserscheinungen
-zu betrachten. Sie denken an überreizte Nerven, Halluzinationen und
-Hysterie. Krankheitsbilder unseres nervösen Zeitalters werden ohne
-weiteres in das dreizehnte Jahrhundert zurückverlegt, wo jedoch
-Volksgesundheit und Volkskraft in höchster Blüte standen. Christinas
-Persönlichkeit hatte nun aber gar nichts an sich von der zarten
-Mattigkeit, der zitternden Empfindsamkeit und dem unaussprechlichen
-Angekränkeltsein der nervenschwachen Frauenwelt unserer Tage. Christina
-ist einige Male wohl auf wenige Tage krank gewesen; allein von einer
-ernstlichen, langandauernden Störung ihrer Gesundheit ist nirgendwo die
-Rede. Sie erfreute sich im Gegenteil wie alle ihre Familienangehörigen
-einer kräftigen, widerstandsfähigen Körperverfassung. Wenn sie mitunter
-das Bett zu hüten gezwungen war, so geschah dies
-<span class="pagenum"><a id="Page_34" name="Page_34" href="#Page_34">[34]</a></span>
-infolge mystischer
-Zustände, die sie in ihrer Demut als Schwachheitszustände bezeichnete.
-Man hat auch versucht, Christinas mystische Zustände mit gewöhnlichen
-Frauenleiden in Verbindung zu bringen und sie aus diesen zu erklären,
-weil sie mit dem einundzwanzigsten Lebensjahre anfingen und mit dem
-sechsundvierzigsten Lebensjahre schlossen. Es liegt hier der nicht selten
-vorkommende Trugschluß vor, aus dem Nebeneinander zweier Erscheinungen
-auf deren ursächliche Abhängigkeit voneinander ohne weiteres zu schließen.
-Unerklärlich bleibt jedoch dann, weshalb denn nicht auch die Verzückungen
-und die Wundmale auf diese Zeitperiode beschränkt blieben, sondern diese
-überdauerten. Sind denn geheimnisvolle Leiden und von unsichtbarer
-Hand ausgeführte körperliche Mißhandlungen, wie Christina sie in der
-angegebenen Zeit zu erdulden hatte, dem weiblichen Geschlecht in dieser
-Zeitperiode im allgemeinen eigen? Weshalb sollen denn gerade bei Christina
-gewöhnliche Frauenleiden den Grund zur Erklärung ungewöhnlicher Zustände
-des Seelenlebens hergeben? Auch vergißt man, daß das geheimnisvolle letzte
-Leiden Christinas zur Zeit der Schlacht bei Worringen im Jahre 1288,
-das gewöhnlich zur pathologischen Erklärung ihrer Zustände herhalten
-muß, in keiner natürlichen Blutung bestand. Vielmehr bestand diese
-darin, daß der ganze Körper zerfleischt und geschunden war und dann zur
-Erhöhung der Qualen mit Salz eingerieben wurde. In Folge dieser Marter
-war der ganze Leib mit Blut überströmt. Bei der beliebten pathologischen
-Erklärungsweise bleibt es auch unerklärt, daß Christinas Zustände in der
-angegebenen Zeit nicht das ganze Jahr hindurch währten, sondern sich nach
-den liturgischen Zeiten richteten. Sie traten nämlich regelmäßig in der
-Advents- und Fastenzeit sowie an den Vorabenden der Heiligenfeste ein. Die
-Bußzeiten des Kirchenjahres waren Christinas Leidenstage, ihre Festzeiten
-hingegen Christinas übernatürliche Freudenzeiten. Auch blieb sie stets
-frei von allen Anfechtungen und Quälereien am Kommuniontage und an dem
-darauffolgenden Tage bis zur Komplet.
-</p>
-
-<p>
-Zudem darf nicht vergessen werden, daß ein beträchtlicher Teil der Leiden
-Christinas mit Krankheitserscheinungen nicht den mindesten Zusammenhang
-hat. Es sind einfache körperliche Mißhandlungen, die von unsichtbarer
-Hand ausgeführt
-<span class="pagenum"><a id="Page_35" name="Page_35" href="#Page_35">[35]</a></span>
-wurden, z. B. Ausschlagen von Zähnen, Zerren an den
-Haaren, Durchbohren der Füße, Brennen mit glühenden Steinen, Stockschläge,
-Geißelhiebe, Bewerfen mit Unrat und dergleichen.
-</p>
-
-<p>
-Einzelne der berichteten Leiden sehen allerdings epileptischen
-Anfällen ähnlich, z. B. das beim ersten Besuch des Petrus beobachtete
-wiederholte heftige Anschlagen des Kopfes gegen die Wand oder das
-mehrere Jahre nachher im Advent eintretende heftige Erschüttertwerden
-des ganzen Körpers. Allein es wirkten dabei auch Umstände mit, die in
-ein Krankheitsbild schlecht passen. Des Vorganges beim ersten Besuche
-des Petrus erinnert sich Christina nach zwölf Jahren noch in allen
-Einzelheiten; hätte Fallsucht vorgelegen, so wäre dies doch wohl nicht
-möglich gewesen. Auch fiel Christina bei dem Vorgange nicht zu Boden,
-wie es doch bei epileptischen Krämpfen gewöhnlich der Fall ist, sondern
-sie saß aufrecht da, wie alle übrigen, die im Zimmer anwesend waren.
-Allerdings hätte Petrus, natürlich gesprochen, bei seinem ersten Besuche
-zurückhaltender sein sollen in seinem Urteile. Es wirkten jedoch damals
-auf seine Seele Vorgänge übernatürlicher Art ein, von denen später noch
-die Rede sein wird. Diese lassen freilich sein Verhalten erklärlich
-erscheinen. Das Erschüttertwerden im Advent war Christina lange vorher
-angekündigt worden und sie war darauf gefaßt. An der Fallsucht leidende
-Personen sind zudem in der Regel minderwertige Menschen, was bei der
-mit den reichsten Gaben an Körper und Geist ausgestatteten Christina
-mit nichten behauptet werden kann. Will man epileptische Veranlagung als
-Erklärungsgrund der außergewöhnlichen Zustände Christinas annehmen, so
-müßte doch das Krankheitsbild ein gleichmäßiges sein. Allein das trifft
-keineswegs zu. In jedem Advent, in jeder Fastenzeit treten Erscheinungen
-zutage, die keinerlei Verwandtschaft aufweisen. Oder besteht etwa ein
-Zusammenhang zwischen Geistestrockenheit und Besudeltwerden, zwischen
-Geißelung und Brandwunden?
-</p>
-
-<p>
-Es soll jedoch nicht in Abrede gestellt werden, daß hin und wieder
-vorübergehende Krankheitserscheinungen sich in Christinas Zustände
-hineingemischt haben können. Daß sie einmal, sie wußte nicht wie,
-in eine mit Schlamm gefüllte Grube hineingeriet, kann in Folge eines
-Fieberanfalles geschehen sein. Bezeichnender Weise sagt Christina von diesem
-<span class="pagenum"><a id="Page_36" name="Page_36" href="#Page_36">[36]</a></span>
-Vorfalle, den sie bei späterem Befragen genau beschreibt, auch gar
-nicht, daß er dämonischer Einwirkung zuzuschreiben sei.
-</p>
-
-<p>
-Bei Christina finden sich aber anderseits Vorkommnisse, die von allen
-Gottesgelehrten, denen Fachkunde in der Unterscheidung der Geister
-zusteht, als dämonische Einwirkungen bezeichnet werden. Aus der Mundhöhle
-Christinas, die Gott von Herzen liebte, und deren größte Freude es war,
-Gott zu loben, ertönen einmal, worüber sie entsetzt war, Lästerungen
-und Verhöhnungen der Gottheit. Sie wird einmal auf einige Zeit des
-Gehörs, ein anderes Mal der Sprache beraubt. Es kommt ihr auf einmal
-ein unerklärlicher Widerwille gegen Personen, die sie am meisten liebt
-und verehrt. Es treten Versuchungen auf, die weder von der Umgebung
-herrühren, noch auf dem Boden ihres Herzens entsprossen sein können, aber
-demjenigen ähnlich sehen, der Versucher von Anbeginn ist, der bald zur
-Ueberhebung, bald zur Verzweiflung treibt, bald zum Uebereifer anspornt,
-dann Apostasie in den Sinn gibt, in wechselnder Folge den Menschen bald
-zur Unzucht, bald zum Unglauben zu verleiten sucht, ihm jetzt Gedanken
-der Selbstgefälligkeit, dann Versuchungen zum Selbstmord eingibt, dem aber
-immer zuwider sind Demut und Gottesliebe.
-</p>
-
-<p>
-Christina aber ist gerade ein Musterbild von Demut und Gottesliebe,
-die sie dem Teufel besonders verhaßt machen mußte. Sie war zudem nicht
-bloß mit außerordentlichen übernatürlichen Gnadengaben ausgerüstet,
-sondern auch mit natürlichen Vorzügen aufs vornehmste bereichert und
-geschmückt.<a name='FA_24' id='FA_24' href='#FN_24' class='fnanchor'>[24]</a> Petrus von Dazien gibt uns von ihr bei seinem zweiten
-Besuche folgende Schilderung: „Ich hatte Gelegenheit, ihre Sitten und
-ihr Verhalten genau zu beobachten und zu prüfen und reiflicher Erwägung
-zu unterziehen, wie ich früher ihre Geduld und Bescheidenheit betrachtet
-hatte. Obgleich nun Manches in ihren Zuständen vorkam, was der gewöhnliche
-menschliche Verstand nicht fassen und erklären kann und was nach meiner
-Meinung den Charakter des Uebernatürlichen und Wunderbaren an sich trägt,
-so habe ich doch zum mindesten das bemerkt, daß sie eine erstaunliche
-und für solche, die es nicht aus dem Augenschein feststellen konnten,
-unglaubliche Enthaltsamkeit übte, eine mit Anständigkeit verbundene
-Freundlichkeit und eine mit Gottesfurcht gepaarte Heiterkeit besaß und
-dazu eine vor allen ausgezeichnete
-<span class="pagenum"><a id="Page_37" name="Page_37" href="#Page_37">[37]</a></span>
-Demut und Fröhlichkeit bei Erniedrigung
-und Zurücksetzung. Sie redete Weniges und nur Erbauliches, und wenn man
-sie über etwas befragte, antwortete sie mit Bescheidenheit. Sie redete
-mitunter auch wohl ein munteres, nie aber ein leeres oder müßiges Wort.
-Sie trug Ordenskleidung, die gleich entfernt war von überflüssigem Zierart
-wie von gesuchter Demut. In ihrem Wandel war etwas wunderbar Tugendhaftes,
-das alle, die sie sahen oder mit ihr umgingen, sehr erbaute. In ihrem
-Wandel und Wesen suchte sie sich nach Möglichkeit den andern Menschen
-anzubequemen und alles Auffallende zu vermeiden, um zu keinerlei Gerede
-Veranlassung zu geben.“<a name='FA_25' id='FA_25' href='#FN_25' class='fnanchor'>[25]</a>
-</p>
-
-<p>
-Was nun die Beurteilung der teuflischen Quälereien, denen Christina
-ausgesetzt war, anbelangt, so sind, nach Befund der Tatsachen, drei
-Arten zu unterscheiden. Zunächst liegen, wie bereits gesagt, körperliche
-Mißhandlungen vor, die mit den Sinnesorganen wahrnehmbar waren.
-Diese wurden von vielen Zeugen wahrgenommen. Auch ließen die dadurch
-hervorgerufenen Verwundungen ihre sichtbaren Spuren zurück und heilten
-erst allmählich auf natürlichem Wege. Wenn z. B. in der Jülicher
-Handschrift<a name='FA_26' id='FA_26' href='#FN_26' class='fnanchor'>[26]</a> berichtet wird, der Teufel habe der Christina mit einer
-Zange zwei Backenzähne auf grausamste Weise ausgerissen, so findet
-dies seine Bestätigung im Befunde des im Grabmal der Seligen zu Jülich
-aufbewahrten Schädels. An ihm sind die Grübchen zweier Backenzähne
-zugewachsen, wie es zu geschehen pflegt, wenn Zähne im jugendlichen
-Alter entfernt werden. Diese Tatsache ist bisher von niemanden beobachtet
-worden. Verfasser nahm sie wahr beim Wiederverhüllen des Schädels nach
-der durch Weihbischof Hermann Josef Schmitz vorgenommenen kanonischen
-Untersuchung der Gebeine am 17. Februar 1897.
-</p>
-
-<p>
-Der größte Teil der an Christina verübten Quälereien ist jedoch visionären
-Charakters, vollzog sich im Innenleben Christinas und war für andere
-nicht wahrnehmbar. Darüber belehrt uns Christina selbst. Denn sehr häufig
-betont sie, man solle nicht glauben, daß die von ihr berichteten Vorgänge
-sich alle tatsächlich ereignet hätten, sie teile seelische Empfindungen
-mit, sie habe Zustände inneren Leidens und Kämpfens
-<span class="pagenum"><a id="Page_38" name="Page_38" href="#Page_38">[38]</a></span>
-gehabt, die so auf
-sie einwirkten, als hätten sich die Dinge wirklich zugetragen.<a name='FA_27' id='FA_27' href='#FN_27' class='fnanchor'>[27]</a> Diese
-Quälereien erfolgten regelmäßig durch lebhaft in die Erscheinung tretende
-und auf das Vorstellungsvermögen einwirkende Bilder.
-</p>
-
-<p>
-Bei einer Anzahl von Belästigungen geschah die Einwirkung auf das
-Vorstellungsvermögen nicht durch Bilder, sondern durch Truggestalten, die
-dem körperlichen Auge wahrnehmbar waren. Um derartige Vorgänge handelt
-es sich, wenn Christina hier und da beteuert, dieselben seien nicht bloß
-innerlich gewesen, sondern hätten sich auch äußerlich abgespielt.
-</p>
-
-<p>
-Es kommen im Seelenleben Christinas mitunter auch gestaltlose Einwirkungen
-vor, wie sie den sogenannten Verstandesvisionen eigen sind, die in
-unmittelbarem Verkehre himmlischer Geister oder Gottes selber mit der
-menschlichen Seele bestehen.
-</p>
-
-<p>
-Auch verdient hervorgehoben zu werden, daß, wiewohl im Leben Christinas
-zeitweise das Dämonische so stark in den Vordergrund tritt, doch nirgendwo
-sich etwas findet, was mit dem in späterer Zeit auftretenden Hexenwahn
-irgendwie verwandt wäre.
-</p>
-
-<p>
-Schließlich sei noch auf den bisher von niemanden beobachteten
-Nebenumstand hingewiesen, daß Christina im Gegensatz zu ihrer Umgebung
-den bösen Feind niemals als Teufel (<span class="fmarkd">diabolus</span>) bezeichnet; sie bedient
-sich stets des gewählteren Ausdruckes Dämon, was einerseits von der
-Zartheit ihres Empfindens, andererseits aber auch von der Genauigkeit der
-Berichterstattung Zeugnis ablegt.
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi05" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Fünftes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Erster Besuch des Petrus von Dazien bei Christina im Advent 1267.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_39" name="Page_39" href="#Page_39">[39]</a></span>
-Kehren wir nunmehr zu Christina zurück, die wir im Advent des Jahres
-1267 im Pfarrhause zu Stommeln zurückgelassen haben, wo sie den ersten
-Besuch des Dominikanerpaters Petrus von Dazien erhalten sollte. Wie das
-kam, soll uns Petrus selbst erzählen. „So weit meine Erinnerung reicht,
-schreibt Petrus,<a name='FA_28' id='FA_28' href='#FN_28' class='fnanchor'>[28]</a> hatte ich seit meiner frühesten Kindheit allezeit
-eine innige Freude, wenn ich etwas hörte von dem Leben, den Tugenden,
-den Leiden und dem Tode der Heiligen und besonders von Jesus, unserem
-Herrn, und seiner glorreichen Mutter. Wenn ich dann über das Gehörte
-nachdachte, so brachte das meinem Herzen viele Tröstungen. Infolgedessen
-fing ich schon damals an, die Welt mit ihren Lüsten geringzuschätzen
-und öfters sprach ich mit meinen leiblichen Brüdern darüber, wie wir die
-Welt verlassen möchten. Dabei entstand in meinem Herzen eine besondere
-Sehnsucht. Ich verlangte und wünschte nämlich, der Herr möchte mir mit
-seiner Gnade behülflich sein, irgend einen seiner Diener kennen zu lernen,
-durch den ich den Wandel der Heiligen nicht bloß in Worten, sondern in
-Tat und Beispiel sicher und klar erlernen könnte.... Unter diesem Sehnen
-flossen viele Jahre dahin, wie ich meine, wohl über zwanzig Jahre. In
-dieser Zeit hat nun freilich der Herr mir mehrere Personen beiderlei
-Geschlechtes gezeigt, an denen ich mich oft erbaut habe. Doch wurde durch
-sie niemals mein Verlangen gesättigt. Je mehr ich solche fromme Seelen
-antraf, desto mehr sehnte ich mich wieder nach andern. Denn in keiner fand
-ich, was ich suchte, und mein Sehnen blieb ungestillt. Endlich hat der
-Vater der Erbarmungen ... mich ganz unerwartet
-<span class="pagenum"><a id="Page_40" name="Page_40" href="#Page_40">[40]</a></span>
-eine solch fromme Seele,
-die ich suchte, finden lassen. Eine aus vornehmer Familie entsprossene
-Frau namens Alfradis, die einen Mann, der ebenfalls vornehmen Standes
-war, geehlicht hatte, wurde schwer krank und sandte zum Bruder Walter,
-der seit langer Zeit ihr Beichtvater war. Er ging zu ihr am Tage vor dem
-Feste des h. Apostels Thomas und nahm mich als Begleiter mit. Wir kamen
-erst spät an jenem Hause an. Während nun Walter die Beichte jener Frau
-hörte und ich im Hause saß, kam zu mir eine Begine, Aleidis mit Namen,
-und fragte mich, woher ich gekommen sei. Ich antwortete: Von Cöln. Da
-sprach sie: Wärest du doch in unserem Dorfe gewesen und hättest einmal
-die wunderbaren Dinge gesehen, die dort an einem Mädchen geschehen! Am
-Nachmittage des folgenden Tages nun gingen wir, wie es Walter bestimmte,
-nach jenem Pfarrdorfe und kehrten im Pfarrhause ein, wo sich damals
-jenes Mädchen befand wegen der Bedrängnis, die man befürchtete.... Als
-ich ins Pfarrhaus eintrat, sah ich ärmlichen Hausrat, betrübte Menschen
-und eine junge Person, die etwas seitwärts saß und das Gesicht mit dem
-Mantel verhüllt hielt. Diese stand auf, als Bruder Walter eintrat, und
-grüßte ihn. Aber in demselben Augenblicke stieß der Teufel sie rückwärts,
-sodaß ihr Kopf heftig wider die Wand anschlug. Die Anwesenden erschraken
-darüber, waren aber noch mehr in Angst wegen der Trübsale, die nach den
-Erfahrungen der früheren Jahre noch zu befürchten waren. Während nun
-diese alle in Sorge und Betrübnis waren, wurde ich allein mit einer
-ganz besonderen, ungewohnten Freude erfüllt, fühlte eine innerliche
-Tröstung und war ganz von Staunen ergriffen. Ich begriff nicht, was mit
-mir vorging, und wurde darob betroffen, weil ich fürchtete, man möchte
-es merken.... Um nun diese meine Gemütsstimmung zu verbergen, suchte ich
-mit den Hausgenossen, mit dem Herrn Pfarrer nämlich und seiner Mutter,
-mit seinen Schwestern und anderen Personen, die gerade im Hause waren,
-ein Gespräch anzuknüpfen. Mein Genosse saß inzwischen ein wenig von uns
-entfernt bei jenem Mädchen und hielt ihr verschiedene Beispiele vor von
-der Geduld Christi und der Heiligen. Jene meine Freude aber prägte sich
-so stark in meine Seele ein, daß auch bis jetzt, wo schon elf Jahre
-seitdem verflossen sind, sie nicht bloß mir im Gedächtnis haftet, sondern
-mir auch wie gegenwärtig fühlbar ist. Ich habe
-<span class="pagenum"><a id="Page_41" name="Page_41" href="#Page_41">[41]</a></span>
-in jener Stunde, wie ich
-glaube, gewiß irgendeine göttliche Einwirkung empfangen. Während ich nun
-so dasaß und den Leuten zuhörte, auch mitunter ein munteres oder ernstes
-Wort dazwischen redete, waren meine Augen und Gedanken dahin gerichtet,
-wo jene Person sich befand, deren Nähe ich meine Umwandlung zuschrieb ...
-Wie ich nun meinen Genossen und jenes Mädchen genau beobachtete, sah ich,
-daß der Teufel es siebenmal stieß, viermal wider die Wand rücklings und
-dreimal wider eine Kiste zu ihrer Linken und zwar mit solcher Gewalt, daß
-die Stöße auch für die ferner Stehenden hörbar waren. Was mir besonders
-auffiel, war der Umstand, daß bei diesen heftigen Stößen das Mädchen weder
-Seufzer noch Schluchzen vernehmen ließ, ja nicht das geringste Zeichen
-von Ungeduld oder Schmerz weder durch Wort noch Geberde zu erkennen gab,
-sondern ruhig blieb, ohne einen Laut des Murrens oder der Klage von sich
-zu geben. Ich konnte mich nun nicht länger mehr halten und sprach zu
-Bruder Walter: „Liebster Vater, ich weiß nicht, ob Ihr es bemerkt, wie der
-Teufel das Mädchen so heftig stößt. Es wäre wohl gut, wenn Ihr mit ihm
-etwas weiter von der Wand und der Kiste abrücktet und ein Kissen hinter
-ihren Kopf legtet, damit, wenn noch weitere Stöße erfolgen sollten, die
-Heftigkeit des Anpralles durch die weiche Hinterlage gemildert werde.“
-Man tat dieses auch. Wie wir nun noch eine Weile dagesessen hatten,
-hörte ich das Mädchen auf einmal aufseufzen, wie wenn es plötzlich von
-etwas Schmerzhaftem betroffen worden wäre. Als die Frauen, die um es
-herumsaßen, dies bemerkten, fragten sie nach der Ursache des Aufseufzens.
-Es antwortete: „Ich bin an den Füßen verwundet.“ Man sah nach und fand
-es so. Denn an jedem Fuße fand sich eine frisch blutende Wunde. Als die
-Verwundete auf solche Weise viermal von neuem aufseufzte, wurde ich von
-Mitleid ergriffen und bei dem Weinen und Schluchzen derer, die um sie
-saßen und bei jedem neuen Aufseufzen neue Wunden sahen, stand auch ich
-auf und sah, wie ich meine, bei den beiden letzten Aufseufzungen nach,
-und ich erblickte die Wunden in ihrem Entstehen, noch bevor das Blut
-hervorquoll. Denn gewöhnlich pflegt es einige Augenblicke zu dauern,
-ehe das Blut nach der Verwundung hervorfließt. Hiermit nun hatte diese
-Mißhandlung ein Ende. Sieben frisch blutende Wunden erblickte ich auf
-der oberen Seite der Füße, und zwar vier auf
-<span class="pagenum"><a id="Page_42" name="Page_42" href="#Page_42">[42]</a></span>
-dem einen und drei auf dem
-anderen Fuße. Da ich aber zweimal aufgestanden war und die Sache mich sehr
-interessierte, habe ich genau acht gegeben und bemerkt, daß jedesmal eine
-neue Wunde hinzugekommen war. Unterdessen war die Nacht nach dem Feste des
-h. Apostels Thomas angebrochen und ich, der ich vorher von Freude erfüllt
-war, war nun voll des Mitleidens. Bruder Walter wünschte, daß wir jetzt
-die Komplet beteten. Wir beteten sie mit allen Zusätzen nach Vorschrift
-und zwar in Gegenwart der Jungfrau. Und als wir zu Ende waren, kniete
-die Jungfrau nieder, Bruder Walter legte ihr beide Hände auf das Haupt
-und sprach das Johannesevangelium zum Schutze gegen die Wut des bösen
-Feindes. Hierauf bat ich ihn um die Erlaubnis, mit den Hausgenossen die
-Nacht durchwachen zu dürfen. Er gestattete es und ich geleitete ihn zu
-seiner Ruhestätte, die man ihm aus Ehrfurcht vor seinem Alter und seiner
-Frömmigkeit im Pfarrhause selbst bereitet hatte.... Als ich nun mit
-seiner Erlaubnis wieder zur Jungfrau zurückkam, um ihr Trost zu spenden
-und auch durch sie mittels der Wunderwerke des Herrn Trost zu empfangen,
-fand ich zwei Lichter im Hause, die bis zum Morgen brannten, und sieben
-Personen, die nicht abwechselnd, sondern alle mitsammen die Nacht hindurch
-ununterbrochen Wache hielten, bis es Tag wurde, ohne daß auch nur einer
-sich zur Ruhe niederlegte. Man hielt dies für notwendig, weil ein jeder
-der Anwesenden von der Wut und Bosheit des Teufels die heftigsten und
-unerträglichsten Angriffe zu befürchten hatte. Sie waren froh, als sie
-mich zurückkommen sahen, und ersuchten mich, dort Platz zu nehmen, wo mein
-Gefährte vordem gesessen hatte. Ich tat es, und als ich dort eine Weile
-in Stillschweigen gesessen, fragte mich jene Jungfrau: „Wie heißet Ihr?“
-Ich antwortete: „Petrus.“ Da sprach sie: „Guter Bruder Petrus, erzählet
-mir etwas von Gott; ich höre so gerne etwas von ihm, wiewohl ich wegen
-meiner jetzigen Bedrängnis zu meinem Bedauern nicht sonderlich achtgeben
-kann.“ Auf ihren Wunsch, dem sich auch die übrigen anschlossen, erzählte
-ich ihnen nun, obschon ich der Mundart noch nicht vollkommen mächtig war,
-zwei Beispiele aus dem Leben der Brüder, die ich für erbaulich hielt,
-das eine, wie die seligste Jungfrau einen Kartäuser gelehrt habe, ihr zu
-dienen und sie zu lieben; das andere, wie ein Bruder des Predigerordens
-durch die h. Messe, die ein
-<span class="pagenum"><a id="Page_43" name="Page_43" href="#Page_43">[43]</a></span>
-befreundeter älterer Bruder für ihn gelesen,
-aus dem Fegfeuer, in dem er fünfzehn Jahre lang gewesen war, befreit
-worden sei.
-</p>
-
-<p>
-Als ich die Erzählungen beendigt hatte, hielt ich ein wenig inne. Da
-auf einmal seufzte die Jungfrau auf, heftiger wie gewöhnlich. „Was ist
-geschehen?“ fragte ich. „Ich bin am Knie verwundet,“ sagte sie. Nach
-einer Weile, in der man wohl ein Miserere hätte beten können, stöhnte sie
-wieder, zog ihre rechte Hand durch den Aermel ihres Kleides nach innen,
-fuhr damit unter ihrem Kleide herab, zog dann einen eisernen Nagel hervor,
-der mit frischem Blute überronnen war und gab ihn mir in die Hand.... Ich
-fand ihn viel wärmer, als er es durch Berührung des menschlichen Körpers
-hätte sein können.... Da es nun, wie mir dünkte, Mitternacht war, ging
-ich zu meinem Gefährten, um nach Ordensbrauch mit ihm die Mette zu beten.
-Wir beteten die Mette von der allerseligsten Jungfrau, und als wir die
-Laudes begonnen, entstand im Hause ein solches Jammern, daß wir das Gebet
-abbrachen, ohne Nachricht abzuwarten, gleich zu der Jungfrau und ihrer
-Umgebung hineilten und fragten, was geschehen sei. Man sagte uns, die
-Jungfrau sei schwer verwundet worden. Mein Gefährte setzte sich neben sie
-und fand sie in tiefer Betrübnis und fast ohnmächtig. Bald jedoch kam
-sie wieder zu sich, zog dann die andere Hand ähnlich wie früher durch
-den Aermel nach innen und langte einen anderen Nagel hervor, der mit
-frischem Blute benetzt und gleich heiß war wie der erstere, aber eine
-viel grauenhaftere Form hatte. Sie gab denselben meinem Gefährten in
-die Hand mit den Worten: „Schauet da, womit ich verwundet worden bin.“
-Alle betrachteten den Nagel, staunten über seine schreckliche Form und
-entsetzten sich. Ich aber bat, man möge ihn mir zum Geschenke und steten
-Andenken überlassen. Man gab ihn mir und ich habe ihn bis zum heutigen
-Tage aufbewahrt, auch an ihm ein Zeichen gemacht, wie tief er in das
-Fleisch eingedrungen war. Denn das Fleisch, das noch daran hing und das
-anklebende Blut, ließen das ganz deutlich erkennen.
-</p>
-
-<p>
-Am Morgen kehrte ich wieder nach Cöln zurück. Ich weiß nicht, ob ich mich
-je in meinem Leben in solcher Gemütsverfassung befunden habe, so daß ich
-damals am liebsten, wenn ich gekonnt, die Messe von der allerseligsten
-Jungfrau gelesen hätte zur Danksagung für die mir von Gott erwiesenen
-Gnaden.
-<span class="pagenum"><a id="Page_44" name="Page_44" href="#Page_44">[44]</a></span>
-Nun glaubte ich die Psalmstelle zu verstehen: „Helle ist mir
-geworden die Nacht in meiner Wonne; denn vor dir hat die Finsternis kein
-Dunkel und hell wird die Nacht wie der Tag. Denn so wie ihr Dunkel, so
-ist sein Licht.“ (Ps. 138, 11-12.) Und mit den Jubeltönen des Exultet
-fährt dann Petrus fort: „O glückliche Nacht! o selige Nacht, die du für
-mich geworden zum Anfang der göttlichen Erleuchtungen, bei denen Nacht
-und Tag nicht mehr wechseln. O süße und wonnevolle Nacht, in der mir
-zuerst verliehen wurde zu verkosten, wie lieblich der Herr ist. Das ist
-die Nacht, in der ich gewürdigt wurde, zuerst die Braut meines Herrn zu
-sehen.“ Nur eines beklagte Petrus, daß sie für ihn zu kurz war. „Möchte
-von nun an,“ so schließt er, „meine sündige Seele erneuert und ich in
-einen neuen Menschen umgewandelt werden, so daß ich zu neuem Leben erstehe
-und den Tod nicht schaue in Ewigkeit!“
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi06" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Sechstes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Zweiter Besuch des Petrus. Christinas Entrückung und Seelenjubel.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_45" name="Page_45" href="#Page_45">[45]</a></span>
-Nach dem Advente verließ Christina das Pfarrhaus. Im darauffolgenden
-Jahre, 1268, einem Schaltjahre, fiel das Fest des h. Apostels Matthias,
-das in Stommeln noch heute als das des zweiten Pfarrpatrons besonders
-feierlich begangen wird, auf den Samstag vor dem ersten Fastensonntag. Der
-Pfarrer von Stommeln hatte seinen guten Freund, Bruder Gerhard vom Greif
-aus dem Dominikanerkloster in Cöln, gebeten, zur Aushülfe herüberzukommen.
-So bot sich für Bruder Petrus eine Gelegenheit, die Schritte wieder nach
-Stommeln zu lenken. Hören wir ihn selbst, wie er seinen zweiten Besuch in
-Stommeln beschreibt: „In der nächstfolgenden Fastenzeit ging ich wieder
-bei dargebotener Gelegenheit nach dem früher genannten Orte, nach dem
-meine Sehnsucht stand, als Begleiter des Bruders Gerhard vom Greif, dem
-Beichtvater besagter Jungfrau ... Wir kamen dort an am Samstage vor dem
-ersten Sonntage der Fastenzeit. Am Sonntage nun lud der Herr Pfarrer
-seinem Freunde, dem Bruder Gerhard, zuliebe auch dessen geistige Tochter
-auf Mittag zu Tisch. Sie folgte der Einladung und speiste mit uns. Darüber
-hatte ich viele Freude; denn so hatte ich Gelegenheit, ihre Sitten und
-ihr Verhalten genau zu beobachten ... Nach Tisch, als der Pfarrer einen
-Kranken besuchte, begab es sich, daß eine Person &mdash; jedenfalls die
-sangeskundige Gertrud, Schwester des Pfarrers, &mdash; aus Andacht den Hymnus:
-<span class="fmarkd">Jesu dulcis memoria</span> in unserer Gegenwart sang und nach der lateinischen
-Strophe auch jedesmal die deutsche innig-fromme Uebersetzung<a name='FA_29' id='FA_29' href='#FN_29' class='fnanchor'>[29]</a> mitsang.
-Dadurch
-<span class="pagenum"><a id="Page_46" name="Page_46" href="#Page_46">[46]</a></span>
-wurde ich mehrmals zu Tränen gerührt. Da wurde mit einem Male die
-Jungfrau dermaßen im Geiste entrückt, daß sie in allen ihren Sinnesorganen
-unempfindlich und am ganzen Körper starr war und kein Lebenszeichen mehr
-von sich gab. Was uns aber noch mehr in Erstaunen setzte, man konnte
-gar kein Atemholen mehr an ihr bemerken. Ich gestehe, daß ich bei diesem
-Anblicke vor Freuden weinte und vor Verwunderung außer mir war und für
-eine so große Gabe des göttlichen Einflusses dem Geber Dank sagte. Denn
-was hier vor sich ging, konnte ich keiner natürlichen Ursache, noch
-menschlicher Einwirkung zuschreiben; ich erkannte darin vielmehr die Nähe
-Gottes ... Einen solchen Zustand hatte ich noch nie an einem Sterblichen
-wahrgenommen und ich glaubte, hier geschehe, was der Apostel andeutet,
-wenn er schreibt: „<span class="fmarkd">Sive mente excedimus</span>“, d. h. mögen wir im Geiste
-entrückt sein ... Und ich begann nun, desto genauer alle Geschehnisse zu
-beobachten, auf alle Worte zu hören, und auf alle Bewegungen und Geberden
-zu merken und sie meinem Gedächtnisse tiefer einzuprägen, weil ich alles
-dem Hulderweis besonderer Gnade zuschrieb.
-</p>
-
-<p>
-Als sie nun in diesem Zustande, ein wenig nach vorn geneigt, Gesicht und
-Hände mit dem Schleier verhüllt, etwa drei bis vier Stunden auf einer Bank
-gesessen hatte, seufzte sie unter Schluchzen auf, so daß sie am ganzen
-Körper etwas in Bewegung kam. Dann begann sie ein wenig aufzuatmen; jedoch
-ging dies leichter und langsamer vor sich, als es sonst bei Menschen zu
-geschehen pflegt. Die Bewegung beim Atmen war so gering, daß es besonderer
-Aufmerksamkeit bedurfte, um sie wahrzunehmen ... Es war nämlich, wie
-gesagt, die Bewegung beim Atmen geringer und die Zwischenzeit zwischen
-Ein- und Ausatmen größer wie gewöhnlich. Als sie nun auch in diesem
-Zustande die Zeit von ungefähr zwei Messen hindurch gesessen hatte, fing
-sie an tiefer und überhaupt so zu atmen, wie Menschen gewöhnlich zu atmen
-pflegen. Darauf begann sie auch zu reden, jedoch so leise, daß man es
-selbst bei aufmerksamem Hinhorchen kaum verstehen konnte und auch nicht in
-vollständigen Sätzen, sondern in einzelnen Ausrufungen voller Liebe und
-Süßigkeit, wie: Liebevollster, süßester oder herzinnigster, trautester
-oder Bräutigam. Und dabei jubelte sie auf unter freudiger Erregung
-des ganzen Körpers, das einem
-<span class="pagenum"><a id="Page_47" name="Page_47" href="#Page_47">[47]</a></span>
-Aufhüpfen ähnlich sah, und zwar in ganz
-ungewohnter Weise. Das Jubeln ging in einem Atemzuge vor sich und dauerte
-ein Miserere lang und dann trat wieder eine ebensolange Zeitdauer hindurch
-Unbeweglichkeit ein. Es wiederholte sich dann derselbe Vorgang des
-freudigen Aufhüpfens, Jubelns oder Jauchzens &mdash; ich weiß nicht, wie ich es
-nennen soll, sagt Petrus, denn ich habe früher so etwas nie gesehen &mdash; und
-nahm ungefähr die Zeit von zwei Messen in Anspruch. Diejenigen, die bei
-ihr saßen, weinten vor Freude ob der Inbrunst der Andacht und der Glut der
-Liebe, die in dem Vorgang zu Tage trat.“ &mdash; Es ist dieses Aufjubeln der Seele
-eine im Leben der innigen Vereinigung mit Gott mitunter hervortretende
-Erscheinung. Beim Einströmen der göttlichen Liebeswonne wird die Seele
-gleichsam trunken vor Seligkeit. Sie vermag sich nicht mehr zu fassen vor
-übergroßer Wonne, ihr Herz strömt über und so führt sie unwillkürlich eine
-Art mystischen Reigens auf, ähnlich demjenigen der jungfräulichen Chöre im
-Hochzeitssaale des himmlischen Bräutigams, und süße Jubeltöne entströmen
-ihren Lippen, wie sie in unnachahmlicher Meisterschaft wiederklingen in
-den Melismen der Gradual- und Allelujagesänge des gregorianischen Chorals.
-</p>
-
-<div id="Fabb_04" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb04.jpg'
- alt='4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639)'
- />
-<p class='caption'>4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639)</p>
-</div>
-
-<p>
-Als nun diese Art des Seelenjubels nachließ, begann sie in ihrer Rede
-mehrere Worte miteinander zu verbinden und gleichsam vollständige Sätze
-zu bilden, in denen sie Danksagung und Lobpreis ausdrückte. Denn sie
-tat einige Erwähnung von dem Zustande, in dem sie gewesen war, und von
-den Wohltaten, die sie empfangen hatte, obgleich sie sich in einzelnes
-nicht einließ. Es war überaus rührend zu hören, wie sie dabei ihre eigene
-Armseligkeit und die großmütige Freigebigkeit und herablassende Güte
-ihres Bräutigams hervorhob. Von dem einen zum andern übergehend, redete
-sie bald von ihrer eigenen Geringheit und Unwürdigkeit, bald wieder pries
-sie die unermeßliche Güte Gottes. Diese Art und Weise der Rede dauerte
-etwa die Zeit einer Messe. Darnach begann sie in größter Bitterkeit des
-Herzens und unter einem großen Tränenstrome die vielen Armseligkeiten
-ihrer irdischen Verbannung so sehr zu beklagen, daß ich derartiges Weinen
-früher nie gesehen habe. Ich hatte zwar bis dahin auch geglaubt, daß
-die Füße des Herrn, wie das Evangelium berichtet, von den Tränen eines
-Weibes benetzt wurden; seitdem aber habe ich
-<span class="pagenum"><a id="Page_48" name="Page_48" href="#Page_48">[48]</a></span>
-mir diese Worte, durch ein
-solches Beispiel belehrt, tiefer eingeprägt. Und ich meine, diese Jungfrau
-würde mit ihren Tränen nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und das
-Haupt des Herrn, wenn die Gelegenheit dazu sich dargeboten hätte, benetzt
-haben. Da nun auch so eine Stunde vorübergegangen war, begann sie, gleich
-einem andächtig Betenden, Gott dem Herrn inbrünstig jene anzuempfehlen,
-die sich ihr empfohlen hatten. Ich bemerke dies deshalb, weil ich hier
-zuerst wahrnahm, daß sie wieder aus Antrieb der menschlichen Vernunft
-und natürlichen Erkenntnis handelte ... Nachdem sie so ihre Freunde und
-Wohltäter, die ihr nur irgendetwas Gutes erwiesen hatten, angelegentlich
-dem Herrn empfohlen hatte, betete sie auch ganz innig für ihre Feinde,
-falls sie solche haben sollte, damit der Herr ihnen verzeihe, ob sie nun
-geflissentlich oder aus Unverstand gegen sie gesündigt. Das setzte sie
-hinzu, weil einige, da sie die Wahrheit nicht kannten, lieblos über sie
-geredet hatten. Schließlich begann sie denen, die mit ihr gesprochen,
-zu antworten und sich nach gewöhnlicher Art der Menschen zu verhalten,
-ohne jedoch Erwähnung zu tun von dem, was vorgegangen war. Es schien ihr
-vielmehr unangenehm zu sein, wenn sie jemanden davon reden hörte.
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi07" class="komplex">
-<img src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Siebentes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Dritter und vierter Besuch des Petrus. Christina empfängt die Wundmale
-des Herrn.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_49" name="Page_49" href="#Page_49">[49]</a></span>
-Das Fest der Verkündigung Mariens wurde im Jahre 1268, da der 25. März auf
-den Passionssonntag fiel, am vorhergehenden Samstage gefeiert. An diesem
-Samstage traf Bruder Petrus zu seinem dritten Besuche in Stommeln ein. Er
-war diesmal begleitet von Bruder Karl, der von Paris gekommen war und im
-Begriffe stand, über Cöln nach seiner Heimat Dazien zurückzureisen. Petrus
-hatte ihm von Christina erzählt und ihm auch die beiden schrecklichen
-Nägel gezeigt, die der Teufel ihr ins Fleisch hineingetrieben hatte.
-Bruder Karl wurde darob so ergriffen, daß er gar sehr Christina zu sehen
-wünschte. Auch erbat er sich von Petrus einen der Nägel zum Geschenke.
-Petrus gab ihm den kleinern. Nach erhaltener Erlaubnis machten die Brüder
-sich am Nachmittage des 24. März auf den Weg, kamen nach der Komplet in
-Stommeln an, und kehrten im gastlichen Pfarrhause ein, wo sie auch die
-Nacht zubrachten. Als sie nach dem Abendbrote miteinander plauderten,
-fragte Petrus den Pfarrer, wie man es wohl einrichten könne, daß man
-Bruder Karl, der gar sehr darnach verlange, Christina kennen zu lernen,
-seinen Wunsch erfüllen könne. Freundlich entgegnete der Pfarrer: „Ladet
-sie morgen ein, mit euch zu speisen.“ Ich erwiderte: „Es steht mir nicht
-zu, jemanden einzuladen.“ Darauf sagte der Pfarrer. „Sie wird lieber
-kommen, wenn ihr sie einladet.“ Ich lud sie denn auch, schreibt Petrus,
-am folgenden Morgen ein. Da wir nun zu Tisch gehen sollten, fanden wir
-sie dastehen, bereit, uns Wasser über die Hände zu gießen. Während
-sie uns zum Händewaschen einlud, kamen mir unwillkürlich die Worte
-Elisabeths in den Sinn: „Woher mir dieses, daß die Mutter meines Herrn
-zu mir kommt?“ Doch ließ ich die Dienstleistung geschehen, um
-<span class="pagenum"><a id="Page_50" name="Page_50" href="#Page_50">[50]</a></span>
-Christinas Demut und ihren frommen Sinn nicht zu beschämen. Weil der Pfarrer uns
-am vorhergehenden Abende gesagt hatte, in Christinas Handfläche sei das
-Zeichen des Kreuzes erschienen, suchte ich bei Tisch ihre linke Hand zu
-beobachten. Es gelang mir jedoch nicht zu sehen, was ich wünschte. Als
-wir aber nach Tisch am Herdfeuer saßen nach Sitte der Deutschen, bat
-mich Christina, ihr etwas von Gott zu reden. Ich erklärte ihr also die
-vier oder drei hauptsächlichen Eigenschaften der Serafin nach dem seligen
-Dionysius;<a name='FA_30' id='FA_30' href='#FN_30' class='fnanchor'>[30]</a> denn ich wußte, daß sie gerne von der Liebe Gottes reden
-hörte. Darob wurde sie so ergriffen, daß sie die Magd ihrer Mutter, die zu
-ihr geschickt worden war und sie dreimal angeredet hatte, nicht bemerkte
-und ihr keine Antwort gab. Ich hielt nun eine Weile inne und sprach zu
-ihr: „Warum hast du der Magd deiner Mutter keinen Bescheid gegeben?“
-denn ich kannte damals ihr Wesen nicht hinlänglich. Sie erwiderte: „Wenn
-auch die ganze Habe meiner Mutter in Gefahr wäre, so wäre es mir doch
-augenblicklich unmöglich, mich damit zu befassen.“ Während sie nun so im
-Geiste ergriffen war, öffnete sie ihre linke Hand und ich erblickte in ihr
-etwas, wie ich es in meinem Leben nicht gesehen hatte ... In der weißen
-Hand der Jungfrau sah ich das Kreuz unseres Herrn von blutroter Farbe. Es
-war aber nicht wie mit Farbe oder Blut aufgemalt, sondern durch sichtbare
-Wunde in das Fleisch eingeprägt, und zudem mit zierlichen Blümchen
-geschmückt. Bruder Karl sah auch das Kreuz und war von allem, was er
-gesehen und gehört, höchlich erbaut. Am folgenden Tage gab er der Jungfrau
-zum Zeichen besonderer Verehrung sein schönes, kleines Psalterium, das
-er zu Paris für sich gekauft hatte, da er vernommen, daß der Teufel ihr
-letzthin am Tage Pauli Bekehrung ihr Psalmenbuch, das einzige, das sie
-besaß, mit Gewalt aus der Hand gerissen und verschleppt hatte. Lächelnd
-bemerkte ich dazu: „Gott will mehr geben, als der Teufel rauben kann,“
-zog dann mein kleines Diurnale hervor, das mir Bruder Absalon seligen
-Angedenkens, der Provinzial von Dazien, in meinem Noviziate geschenkt
-hatte, und sprach: „Schau, da der Teufel dir ein Buch genommen, so gibt
-Gott dir dafür zwei.“ Dabei überreichte ich ihr das Diurnale und wir
-schieden recht erbaut von dannen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_51" name="Page_51" href="#Page_51">[51]</a></span>
-Die Betrachtung des Leidens Christi war Christinas liebste Andachtsübung.
-Sie brachte ihr immer Trost und Erquickung. Kein Wunder, daß Satan ihr
-diese Andacht zu verleiden suchte. Er quälte sie, wie der Pfarrer Johannes
-berichtet,<a name='FA_31' id='FA_31' href='#FN_31' class='fnanchor'>[31]</a> in dieser Fastenzeit mit einer langwierigen Versuchung
-wider den Glauben an das Leiden Christi. Es kam ihr der Gedanke, Gott
-habe überhaupt nicht gelitten. Wenn sie in die Kirche eintrat und das
-Kreuz erblickte, dachte sie bei sich: „Das ist ein Bild, was soll dies?
-Es liegt nichts wahres zu Grunde.“ Sie hatte großes Leidwesen über diese
-Versuchung, und ihr Herz mühte sich ab in der Bekämpfung dieser Zweifel.
-Dann sprach der Versucher zu ihr: „Glaubst du, dein Gott habe gelitten?
-Es ist nicht wahr. Alles, was man davon erzählt, ist erlogen, mögen die
-Geistlichen sagen, was sie wollen.“ Wenn sie die h. Kommunion empfing,
-blieb sie ohne Erquickung und beim Gebete verspürte sie keinen Trost. Am
-Donnerstage nach dem Weggange der beiden Brüder, es war acht Tage vor
-dem Gründonnerstage, betete sie, als sie der Mette beiwohnte, also zum
-Heilande: „O mein Geliebter, du bist allzeit mein Helfer gewesen und du
-weißt, daß dein Leiden immer für mich ein Trost war, befreie mich nun von
-dieser Plage; denn ich kann diesen Unglauben nicht länger ertragen.“ Und
-alsbald zeigte sich an ihrem ganzen Haupte etwas wie eine Dornenkrone.
-Diese wurde ihr so eingedrückt, daß über Gesicht und Hals das Blut
-herabfloß und alsbald kam sie außer sich. Als sie wieder zu sich kam,
-war jene Versuchung verschwunden. Von diesem Augenblicke an bis Ostern
-konnte sie an nichts anderes denken als an das Leiden des Herrn. Am
-Gründonnerstage fing sie abends spät auf einmal an beängstigt zu werden
-und am ganzen Körper zu zittern. Blutstropfen begannen schließlich von
-ihrem Körper zu rinnen. Die Angst war so groß, daß sie glaubte, alsbald
-sterben zu müssen, und dieser Zustand dauerte bis zur Non, d. h. bis drei
-Uhr nachmittags des Karfreitags. Da öffneten sich die fünf Wundmale und
-zwar an ihrer Seite, an den Füßen und den Händen, und am Haupte erschien
-die Dornenkrone. Auch wurde sie mit Galle getränkt, und ihr Mund war davon
-mit solcher Bitterkeit erfüllt, daß sie keinerlei Speise verkosten konnte.
-Sie lag da wie halbtot jene Tage
-<span class="pagenum"><a id="Page_52" name="Page_52" href="#Page_52">[52]</a></span>
-hindurch bis zum Ostertage, wo sie in
-solchen Seelenjubel eintrat, daß es wunderbar war. Seit jener Zeit kam
-sie, so oft sie an das Leiden des Herrn dachte oder davon reden hörte,
-jedesmal, wenn nicht gerade besondere Prüfungen sie heimsuchten, außer
-sich. Auch hatte sie hinfort eine solche innere Erleuchtung, daß die h.
-Schrift ihr besser verständlich wurde. Zudem glaubte sie von Gott alles
-erlangen zu können, was sie begehrte. Wenn jemand mit ihr ein Gespräch
-anknüpfte, so erkannte sie innerlich, in welcher Absicht dies geschah.
-</p>
-
-<p>
-Hören wir nunmehr den Bericht des Bruders Petrus über die Stigmatisation
-Christinas. Am Karsamstage sagte ihm der Prior, er solle mit Bruder
-Gerhard vom Greif nach Stommeln gehen; denn der Pfarrer hatte um
-Aushülfe gebeten. Freudig gehorchte Petrus und er machte sich mit seinem
-Gefährten nach Tisch auf zu seinem vierten Besuch in Stommeln. Als sie
-ins Pfarrhaus eintreten wollten, kam ihnen die Mutter des Pfarrers,
-eine hochbetagte Frau, entgegen und sagte zu Petrus, den sie von früher
-ja kannte: „Liebster Sohn, schade, daß du gestern nicht hier warest.
-Du hättest Gottes Wunderwerke geschaut, wenn du hier gewesen wärest.“
-Gleichsam scherzend entgegnete Petrus: „Vielleicht kann ich morgen auch
-dergleichen sehen.“ &mdash; „Nein, sagte sie, niemals ist in unserer Zeit auf
-dieser Erde so etwas gesehen worden und wird auch wohl nicht mehr gesehen
-werden.“ Da ich merkte, schreibt Petrus, daß sie etwas Wichtiges uns
-mitteilen wollte, fragte ich sie: „Was ist denn Neues geschehen, wovon du
-soviel Aufhebens machst?“ Da begann sie zu erzählen und sprach: „Gestern
-sind an einem Mädchen hier im Dorfe die Zeichen des bitteren Leidens
-deutlich erschienen“ und sie fügte dann noch einiges über die Umstände
-des Vorganges hinzu. Petrus wurde darob sehr gerührt und wäre am liebsten
-sofort zu Christina ins Haus der Aleidis gegangen. Allein sein Gefährte
-war zu müde, um mit ihm gehen zu können. Am Ostertage ging Christina
-ganz in der Frühe zur h. Kommunion. Nach Tisch gingen der Pfarrer und
-Petrus zu ihr. Sie lag zu Bett und hatte das Gesicht sorgfältig mit
-dem Schleier bedeckt. Petrus hatte von der Mutter des Pfarrers gehört,
-Christinas Gesicht sei ganz blutig unterlaufen, wie wenn es mit Stöcken
-wäre zerschlagen worden. Er setzte sich deshalb zu Füßen des Bettes,
-um womöglich einen Blick auf das Gesicht tun zu können. Der
-<span class="pagenum"><a id="Page_53" name="Page_53" href="#Page_53">[53]</a></span>
-Pfarrer,
-der sich zu Häupten gesetzt hatte, begann zu Christina zu reden vom
-Osterlamme; denn dieses habe sie am Morgen genossen. Und als die Beiden
-hierüber einige herzliche Worte wechselten, traf es sich, daß Christina
-sich räuspern mußte, wobei sie den Schleier etwas lüftete. Da ich am
-Fußende saß, schreibt Petrus, sah ich ihr Angesicht unter dem Schleier,
-und wahrlich, es war nicht wie das Angesicht eines Engels, sondern eher
-wie das Angesicht des ewigen Hohenpriesters, und gar wehmütig anzuschauen.
-Denn es war ganz blutrünstig, ja fast schwarz. Bald darauf sah ich es noch
-einmal und meine Augen wurden starr beim Anblicke. Staunen ergriff mich
-und ein wunderbares Mitleiden mit dem leidenden Heilande ergriff meine
-Seele.... Ich ging nun mit dem Herrn Pfarrer zur Kirche, um die Vesper zu
-halten. Nach Landesbrauch war die Vesper schon früh nachmittags beendigt,
-sodaß man kaum sagen konnte „<span class="fmarkd">Quoniam advesperascit</span>“ (es will Abend
-werden), und der Pfarrer ging mit Bruder Gerhard abermals zu Christina.
-Petrus folgte ihnen. Auf dem Wege trafen sie noch zwei andere Brüder,
-nämlich Johannes von Muffendorf und Nikolaus, die wahrscheinlich auf
-einem benachbarten Dorfe zur Aushülfe gewesen waren. Diese vier Brüder
-nun gingen mit einigen anderen frommen Personen zu Christina, um sie zu
-begrüßen, hielten sich indes dort nicht lange auf. Es wurde aber bestimmt,
-daß am folgenden Tage Bruder Gerhard und Bruder Johannes beim alten Vogt,
-Bruder Nikolaus hingegen und Bruder Petrus bei Christina speisen sollten.
-Am Ostermontag nun gingen Bruder Nikolaus und Bruder Petrus nach dem
-vormittägigen Gottesdienste zur Wohnung Christinas, beteten dort mitsammen
-in ihrer Gegenwart die Tagzeiten vom h. Geist und von der allerseligsten
-Jungfrau und setzten sich dann vor Christinas Bett zum Essen nieder.
-Während wir nun mit ihr aßen, schreibt Petrus, habe ich dreimal in ihren
-Händen die Wundmale Christi beobachtet. Mitten in der inneren Fläche
-einer jeden Hand sah ich eine Wunde. Sie war rund, hatte den Umfang
-eines Sterlings, das rohe Fleisch war sichtbar, und nicht sah sie aus
-wie gemalt, sondern sie war in etwa ins Fleisch hineingedrückt. So sahen
-die Wunden auch die ganze Osteroktav hindurch aus mit dem Unterschiede,
-daß sie jeden Tag etwas kleiner wurden. Auch auf dem Rücken der Hand war
-eine Wunde, die sich der inneren gegenüber
-<span class="pagenum"><a id="Page_54" name="Page_54" href="#Page_54">[54]</a></span>
-befand, ihr an Größe entsprach
-und so aussah, als ob sie die Spur eines die Hand durchdringenden Nagels
-gewesen wäre.
-</p>
-
-<p>
-Christina selbst sprach kein Wort mit Petrus über die Wundmale. Petrus
-aber verhörte sorgfältig im einzelnen Christinas Vertraute, die alles
-gesehen und gehört hatten, über den Vorgang und zwar Hilla vom Berge, des
-Pfarrers Schwester Gertrud, die blinde Aleidis und eine andere Jungfrau
-weltlichen Standes aus Stommeln. Diese alle bekundeten übereinstimmend
-Folgendes: Am Gründonnerstage, als die Mette vom Karfreitag beendigt war,
-zur Zeit der Abenddämmerung, geleiteten wir Christina zur Wohnung der
-Aleidis. Da begann sie in einer uns ungewohnten Weise zu reden und sprach:
-„Geliebte Gefährtinnen, ich weiß nicht, was mit mir vorgeht.“ Und als sie
-das gesagt hatte, begann sie zu zagen und innerlich bestürzt zu werden.
-Die Angst nahm derart zu, daß sie kurz vor Mitternacht Blut schwitzte,
-und diese Bestürzung dauerte fort bis zum folgenden Tage, wo wir wegen des
-Gottesdienstes alle zur Kirche gingen. Die Aleidis aber, die wegen ihrer
-Blindheit und Körperschwäche allein bei Christina zurückgeblieben war,
-sagte Folgendes: „Ich habe ein Krachen gehört, wie wenn ein Mensch derart
-ausgereckt würde, daß alle Knochen aus den Gelenken gerissen würden.
-Auch habe ich Stimmen und Worte gehört, die ich in meinem Leben nicht
-offenbaren werde.“ Nach der Osteroktav ging Petrus mit Gerhard vom Greif
-wieder nach Cöln zurück.
-</p>
-
-<p>
-Christina ist nicht die einzige unter den Seligen des Himmels, die mit
-Christi Wundmalen hienieden bezeichnet wurde. Allgemein bekannt ist
-diese Auszeichnung vom serafischen Patriarchen, dem h. Franz von Assisi.
-Weit häufiger jedoch als in der Männerwelt tritt diese Erscheinung bei
-gottseligen Personen des weiblichen Geschlechtes uns entgegen. Kein
-Wunder. Das Uebernatürliche baut sich ja auf das Natürliche auf. Das Weib
-hat nun aber ein reicheres Gemütsleben als der Mann; die Liebe und das
-Mitleid sind mithin bei ihm weit lebhafter als beim Manne. Die Wundmale
-aber sind der äußere Ausdruck der innigsten Liebesvereinigung mit dem
-gekreuzigten Heiland, des herzlichsten Mitleidens mit der grausamen
-Marter, die er aus Liebe zu uns erduldet hat. Dieses Mitempfinden
-ist derartig lebhaft, daß nicht bloß die Seele ganz und gar davon
-durchdrungen, sondern das ganze Wesen
-<span class="pagenum"><a id="Page_55" name="Page_55" href="#Page_55">[55]</a></span>
-des Menschen, mithin auch der
-Leib, davon ergriffen wird. Und so wird denn durch die Glutpfeile der
-göttlichen Liebe nicht bloß die Seele verwundet, sondern auch der Körper
-dem Gekreuzigten verähnlicht; es treten die hh. Wundmale an ihm in die
-Erscheinung.
-</p>
-
-<p>
-An das Wundmal der Dornenkrone erinnert eine merkwürdige Färbung des
-Stirnbeins der seligen Christina, die in einem kranzförmigen, grünlichen,
-mit roten Punkten durchsetzten Geäder von Fingerbreite besteht. Wie das
-Geäder des Marmors erst dann klar zutage tritt, wenn er geschliffen wird,
-so ist auch dieser grünlichrote Streifen erst dann bemerkt worden, als der
-Schädel Christinas, der alljährlich am 6. November den Gläubigen zum Kusse
-dargeboten wird, infolge der jahrhundertelangen Verehrung glatt und blank
-geworden war. Peter Lull, der um 1680 in Jülich war, spricht zuerst von
-diesem grünlichen Kranze in seinem Büchlein „<span class="fmarkd">Lilium inter spinas</span>“ und
-P. Steinfunder aus Essen beschreibt ihn genau in zwei an den Bollandisten
-Papebroch gerichteten Briefen, von denen der eine im Jahre 1685, der
-andere im Jahre 1692 geschrieben wurde. Wie Steinfunder, so erklärte auch
-Josef von Görres in seiner Mystik<a name='FA_32' id='FA_32' href='#FN_32' class='fnanchor'>[32]</a> diese Erscheinung damit, daß die
-bei Lebzeiten erhaltene Dornenkrone bis zur Knochensubstanz des Schädels
-vorgedrungen sei. Wegen ihrer Merkwürdigkeit wurde sie im Titelblatt in
-Farbendruck wiedergegeben.
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi08" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Achtes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Drei weitere Besuche des Petrus an den Festen Kreuzauffindung, Pfingsten
-u. Maria Magdalena.
-</h2>
-
-<p>
-Am Tage vor dem Feste des h. Martyrers Petrus von Mailand, der im Jahre
-1252 den Tod erlitten und im Jahre 1253 von Innocenz IV. heilig gesprochen
-worden war, wurde Bruder Petrus, was ihm selten geschah, im Kloster
-zu Cöln an die Pforte gerufen, und unter den Personen, die da mit ihm
-sprachen, befand sich auch Christina. Aus Andacht war sie zu dem Feste
-nach Cöln gekommen, um die Dominikanerkirche zu besuchen und des Ablasses
-teilhaftig zu werden. Bruder Petrus sagte ihr, Bruder Mauritius habe ihn
-ersucht, auf einige Tage mit ihm auszugehen, worauf Christina die Beiden
-einlud, nach Stommeln zu kommen.
-</p>
-
-<p>
-Am Tage vor dem Feste Kreuzauffindung gingen nun beide Brüder nach
-Stommeln, wo sie freundliche Aufnahme fanden. Am folgenden Tage erklärte
-Bruder Petrus nach Tisch in Gegenwart einer ziemlichen Anzahl von
-Personen die Stufen der Betrachtung nach Richard von Sankt Viktor, wobei
-Christina große Freude empfand. Nach dem Vesperbrot wünschten mehrere
-einen Spaziergang zu machen bis zu einem gewissen Wasser. Man machte
-sich auf den Weg und ging paarweise wie in Prozession. Petrus ging mit
-Christina und die Beiden unterhielten sich über die Süßigkeit Gottes.
-Unter anderem fragte Christina den Petrus, wie es komme, daß einige
-Priester schneller, andere langsamer die h. Messe läsen. Petrus antwortete
-mit einem Gleichnis: „Wenn jemand, sprach er, den Mund voller Mohnsamen
-nimmt und die Süßigkeit jedes einzelnen Körnchens verkosten will, so muß
-er länger kauen und braucht deshalb mehr Zeit wie einer, der sie ganz
-herunterschluckt. So auch muß jener, der die Süßigkeit der einzelnen
-honigfließenden Worte des Kanons verkosten will, diese etwas
-<span class="pagenum"><a id="Page_57" name="Page_57" href="#Page_57">[57]</a></span>
-langsamer aussprechen.“ Die Erklärung gefiel Christina
-und sie stellte alsbald eine
-andere Frage: „Guter Bruder Petrus,“ sprach sie, „nimm mir meine Frage
-nicht übel. Wie ist es dir, wenn du Messe liesest?“ Petrus antwortete:
-„Wohl, sehr wohl.“ Daraufhin kniete Christina mit beiden Knien nieder und
-neigte sich mit dem Angesichte tief bis zur Erde hin. Nachdem sie sich
-wieder erhoben, wurde der Rückweg nach Stommeln angetreten, wo unterdessen
-noch zwei andere Dominikaner, nämlich Bruder Heinrich von Bedburg
-(<span class="fmarkd">beitbur</span>) und sein Begleiter eingetroffen waren. Die Gesellschaft
-speiste zu Abend und ging dann mit Christina in den Baumgarten, der an
-das Speisezimmer anstieß. Auf die Bitte der Gesellschaft erklärte Petrus
-die Stelle aus dem Hymnus von den hh. Jungfrauen: „<span class="fmarkd">Post te canentes
-cursitant</span>, d. h. Sie folgten dir lobsingend nach.“ Darauf sprach er von
-der Größe und Weite des Himmels und bezog sich auf die Schriftstelle „<span class="fmarkd">O
-Israel, quam magna est domus Dei</span>, d. h. O Israel, wie groß ist Gottes
-Haus“<a name='FA_33' id='FA_33' href='#FN_33' class='fnanchor'>[33]</a> und auf des Ptolomäus Darlegungen über den Lauf der Gestirne.
-Während Petrus sprach, kam Christina in Verzückung. Als Petrus dies
-bemerkte, hielt er inne. Etwa zwölf Personen, darunter mehrere Geistliche,
-saßen im Kreise beisammen und beobachteten den Vorgang, der für manche
-etwas neues war. Die Geistlichen nannten ihn Entzückung (<span class="fmarkd">raptus</span>).
-Christina blieb in der Entzückung so ziemlich vom Untergange bis zum
-Aufgange der Sonne. Die Brüder aber gingen am Morgen wieder nach Cöln
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Zum Pfingstfeste kam Bruder Petrus mit Bruder Gerhard vom Greif zum
-sechsten Besuche nach Stommeln. Am Pfingstmorgen empfing Christina nach
-den übrigen Gläubigen während der h. Messe die h. Kommunion und begab
-sich dann in den hinter dem Hochaltar befindlichen Raum, wo sie bis
-lange nach der Komplet blieb. Sie lag dort in der bereits beschriebenen
-Körperhaltung, wie sie bei den Cölner Beginen üblich war und die nicht
-unähnlich ist jener durch Madernas Marmorbild verewigten Haltung, in der
-Sankt Cäcilias Leichnam ins Grab gebettet wurde. Sie hatte das Gesicht
-mit dem Schleier und die Hände mit dem Mantel bedeckt, war ohne alle
-Empfindung gegenüber der Außenwelt und am ganzen Körper starr. Sie
-<span class="pagenum"><a id="Page_58" name="Page_58" href="#Page_58">[58]</a></span>
-war in Verzückung. Als nun die Vesper und im Anschluß an sie auch die Komplet
-gesungen wurde, und der Psalm: „<span class="fmarkd">Ecce unc benedicite Dominum</span>, d. h.
-Wohlan, nun preiset alle den Herrn“ angestimmt wurde, kam auf einmal vor
-den Augen des Volkes ein in ein Täschchen gehülltes Buch von der westlich
-im Turme befindlichen Eingangstüre durch die ganze Kirche geflogen,
-prallte gegen die nach Morgen gelegene Chorwand deutlich vernehmbar an
-und fiel dann mit Geräusch zu Füßen des Bruders Petrus nieder, der mit
-seinem Begleiter Gerhard und dem Pfarrer im Chorgestühl saß. Die drei
-meinten im ersten Augenblicke, die an der Südseite gegenübersitzenden
-Schulknaben hätten das Geräusch verursacht. Doch da sahen sie das Buch
-vor sich auf dem Boden liegen. Der Pfarrer erkannte es sofort wieder als
-das Psalmenbuch, das von unsichtbarer Hand am Tage Pauli Bekehrung der
-Christina entrissen worden war; denn er hatte es selbst geschrieben und
-er kannte auch das Buchtäschchen. Er sprach zu Bruder Petrus, er möge
-das Buch aufheben. Petrus tat dies und reichte es dann an Bruder Gerhard
-vorbei dem Pfarrer. Dieser besah es und sagte dann in der Ausdrucksweise
-des Landes: „Bei der Seele meines Vaters, das ist das Buch der Christina!“
-Die das Buch umhüllende Tasche war naß und übelriechend, wie wenn sie
-in einer Kloake gelegen. Er zog das Buch aus dem Täschchen, wobei der
-Aermelsaum seines Röckleins naß wurde, das Buch aber war ganz unverletzt
-und wohl erhalten. Darüber wunderten sie sich. Ein gewisses Feuer der
-Andacht durchzuckte die drei, sie sprachen den unterbrochenen Psalm bis
-zu Ende und stimmten dann mit erhöhter Stimme den Hymnus der Komplet
-„<span class="fmarkd">Veni creator spiritus</span>“, wie es damals nach Cölner Brauch üblich war, an
-und sangen denselben so feierlich, daß die mit Menschen besetzte Kirche
-sich darüber verwunderte. Nach der Komplet hielt dann Bruder Gerhard
-eine Ansprache an das Volk und zeigte ihm auch das Psalmenbuch und das
-Buchtäschchen. Christina aber lag währenddem noch immer in Verzückung. Von
-den Leuten aber kam niemand auf den Gedanken, daß etwa irgend ein loser
-Bursche das Buch in die Kirche hätte hineinwerfen können. Auch die Brüder,
-die sich noch vier Tage in Stommeln aufhielten, sowie der Pfarrer konnten
-nichts derartiges in Erfahrung bringen. Christina aber stieg seit jenem
-Vorgange, der viel besprochen wurde, im Ansehen der Leute, die sagten:
-<span class="pagenum"><a id="Page_59" name="Page_59" href="#Page_59">[59]</a></span>
-„Nun haben auch wir einmal etwas von den wunderbaren Dingen Christinas
-mit eigenen Augen gesehen.“
-</p>
-
-<p>
-Im Dominikanerkloster zu Cöln befand sich in jener Zeit ein Bruder aus
-der Provinz Toskana in Italien namens Aldebrandino (Hildebrand), der in
-der Wissenschaft wohl gebildet und ein tüchtiger Prediger war. Auch er
-hörte von Christina, und da er wußte, daß Bruder Petrus sie näher kannte,
-ersuchte er ihn, mit ihm nach Stommeln zu gehen. Petrus war aber, wie er
-bemerkt, auch mit den Einwohnern von Stommeln ziemlich bekannt, namentlich
-aber mit der Herrin des Ortes, der Aebtissin Geva von St. Cäcilien in
-Cöln, die eine Gräfin von Virneburg war. Am 22. Juli, einem Sonntage, dem
-Feste der h. Maria Magdalena, gingen die beiden nach erhaltener Erlaubnis,
-nicht aus Neugier, sondern aus Andacht nach Stommeln. Sie kamen dort
-an zur Zeit der Vesper und gingen deshalb zunächst zur Kirche. Nach dem
-Gottesdienste begrüßten sie ihre Freunde und gingen dann zu den Wohnungen,
-die ihnen angeboten worden waren. Kurz nachher kam auch die Aebtissin Geva
-mit ihren Mägden an.
-</p>
-
-<p>
-„Am andern Morgen,“ schreibt Petrus, „gingen wir zur Kirche, und da wir
-mit der h. Messe warteten, bis die Aebtissin zur Kirche kam, ging ich in
-der Zwischenzeit zu Christina, die in der Kirche war, begrüßte sie und
-fragte sie, wie es ihr gehe. Sie antwortete: „Ich habe Kopfwehe, weil ich
-seit vierzehn Tagen nicht mehr geschlafen habe. Wenn ich mich zu Bette
-lege, so überfällt mich eine so große Hitze, wie wenn ich in siedendes
-Wasser gelegt würde. Daher ist auch mein ganzer Körper mit Bläschen
-bedeckt, die vor Hitze aufbrechen und so kann ich gar nicht schlafen.“
-Sie bat mich, ich möge für sie beten. Ich tröstete sie und ermahnte sie
-zur Geduld. Darauf ging ich wieder ins Chor, hörte eine h. Messe, die
-für die Verstorbenen gehalten wurde, und las dann selbst die h. Messe
-von den Engeln. Denn Montags pflegte ich die h. Messe von den Engeln zu
-lesen, wenn kein Hindernis entgegenstand. In der h. Messe gedachte ich
-in besonderer Weise Christinas, wie sie mich gebeten und wie ich es ihr
-versprochen hatte.“ Mittags wurde bei der Aebtissin im Fronhofe gespeist.
-Nach der Vesper trafen noch zwei andere Studiengenossen des Bruders
-Aldebrandino aus Cöln ein, nämlich Bruder Balduin aus Flandern und Bruder
-Mauritius aus Reval. Abends
-<span class="pagenum"><a id="Page_60" name="Page_60" href="#Page_60">[60]</a></span>
-wurde wieder bei der Aebtissin gespeist. Dann
-machte diese mit ihren Mägden und den adeligen Stiftsfräulein, deren
-sechs da waren, einen Spaziergang ins Feld und auf ihren Wunsch gingen
-die Brüder mit ihnen. Nach dem Spaziergange setzte sich die Aebtissin
-auf einem Hügel vor ihrem Hofe auf einen Sitz, und die Brüder und die
-Stiftsfräulein setzten sich um sie herum. Als man eine Weile hin und
-her geredet hatte, sprach der Pfarrer zur Aebtissin: „Gnädige Frau, ihr
-habt hier vier gelehrte Studenten des Predigerordens aus verschiedenen
-Provinzen vor Euch. Saget ihnen, daß sie über irgendeine theologische
-Frage eine Unterredung halten.“ Die Aebtissin ersuchte darauf den Petrus,
-irgendeine Streitfrage zu behandeln. Petrus aber bat die Aebtissin, sie
-möge auf ihrem Wunsche nicht bestehen, weil er befürchtete, es möchte, wie
-gewöhnlich, zu hitzig hergehen. Sie aber ließ nicht nach, weil sie noch
-nie einer gelehrten Disputation beigewohnt hatte und begierig war, eine
-solche zu hören. Auf den Vorschlag des Pfarrers stellte sie die Frage zur
-Verhandlung: „Wem unser Herr einen größern Vorzug verliehen, dem Petrus,
-dem er seine Kirche, oder dem Johannes, dem er die glorreiche Jungfrau,
-seine Mutter, anvertraut habe.“ Bruder Aldebrandino, der unter den Brüdern
-der älteste war und im Erbteile des h. Petrus, dem Kirchenstaate, das
-Licht der Welt erblickt hatte, übernahm es, die Würde des h. Petrus
-zu vertreten, Bruder Petrus hingegen verteidigte die jungfräuliche
-Reinheit des h. Johannes und seine vertraute Freundschaft mit Jesus.
-Während nun Einwendungen und Lösungen von den Beiden vorgebracht wurden,
-wobei die zwei Studiengenossen miteingriffen, kam plötzlich ein Mädchen
-herzugelaufen und rief dem Pfarrer, er möge schleunigst kommen. „Wir
-glaubten,“ sagt Petrus, „es handle sich um einen Kranken, der am Sterben
-liege.“ Als aber der Pfarrer mit dem Mädchen gesprochen, rief er mir laut
-zu, ich solle samt Aldebrandino schnell kommen; der Teufel habe Christina
-in eine Grube voll Morast geworfen. Wir brachen die Disputation ab, liefen
-so schnell wir konnten und fanden Christina ganz in schmutzigen Schlamm
-versenkt. Nur ihr Kopf ragte noch hervor, den Hilla vom Berge aufrecht
-hielt. Petrus, der zuerst angelangt war, sprang mit den Schuhen in den
-Morast hinein und suchte mit Hilla, sie aus dem Schlamm herauszuziehen,
-vermochte es aber nicht, bis der Pfarrer und
-<span class="pagenum"><a id="Page_61" name="Page_61" href="#Page_61">[61]</a></span>
-Aldebrandino zu Hülfe kamen.
-Nunmehr wurde Christina, die nur mit ihrem langen, weißen Untergewande
-bekleidet war und Kopf und Hals mit dem Schleier umwunden hatte, in den
-auch ihre erhobenen Hände eingehüllt waren, herausgezogen, eine kleine
-Weile aufs Stroh gelegt und dann ins Haus getragen. Die Mägde trugen sie,
-Aldebrandino aber stützte den Kopf und Petrus die Schultern. Sie wurde
-ins Bett gebracht und es fand sich, daß sie ganz empfindungslos war,
-jedoch war der Körper nicht starr. Nach einer halben Stunde begann sie
-wie aus einer Ohnmacht zu sich zu kommen, jedoch nicht stufenweise wie
-beim Erwachen aus der Verzückung, und sie weinte bitterlich. Sie beklagte
-sich beim Herrn darüber, daß Männerhände sie berührt und getragen hätten.
-„Solch eine Beschämung sprach sie, ist für mich hart über alles; leicht
-wäre es mir, alles zu erdulden, was du von mir verlangst, mag es auch noch
-so unerträglich sein, wenn ich es nur vor dir allein zu leiden hätte.“
-Petrus wollte sie trösten, indem er bemerkte, daß nichts unziemliches
-vorgekommen sei; sie aber wollte keinen Trost annehmen, pries aber Gottes
-Fügung. Darauf kehrten die Brüder mit dem Pfarrer zu ihrer Wohnung zurück.
-</p>
-
-<p>
-Tags darauf, am Feste der h. Christina und Vorabend des h. Apostels
-Jakobus, gingen die Brüder mit dem Pfarrer wieder zu Christina und
-begrüßten sie. Sie wurden von Christina freundlich empfangen und begaben
-sich dann zur Kirche, um die h. Messe zu lesen. Zuerst las Aldebrandino,
-dann hielt Bruder Petrus am Altare des h. Apostels Petrus die Messe vom
-h. Geiste und während er beim Memento Christinas gedachte, wurde seine
-Seele von einer nie empfundenen süßen Freude erfüllt und Tränen strömten
-ihm aus den Augen. Der Pfarrer brachte unterdessen Christina die h.
-Kommunion. Nach Beendigung der hh. Messen drang Aldebrandino in Petrus,
-er möge mit ihm zu Christina gehen, da er gehört hatte, daß sie nach
-der h. Kommunion in Verzückung zu kommen pflege und ihr Leib dann starr
-werde. Sie gingen hin, fanden Christina im Bette liegen, das Gesicht mit
-dem Schleier und den Körper mit einer anständigen, aber ärmlichen Decke
-bedeckt, und so regungslos, daß man nicht einmal das Atemholen bemerken
-konnte. Aldebrandino trat näher ans Bett hin und berührte ihre Schulter.
-Da er aber nichts von Starre bemerkte, wandte er sich voller Entrüstung zu
-Petrus hin und rief in seiner
-<span class="pagenum"><a id="Page_62" name="Page_62" href="#Page_62">[62]</a></span>
-feurigen Art: „Bruder Petrus, Lüge ist es,
-was man mir von diesem Mädchen gesagt hat, daß sie so tief in Verzückung
-komme, daß ihr Leib hart werde.“ Petrus sagte ihm, er möge noch ein wenig
-zuwarten; denn zwischen der Kommunion und der Starre pflege eine längere
-Zeit zu verstreichen. Doch Aldebrandino ging aufgebracht weg und beklagte
-sich, daß man ihn falsch berichtet habe. Das mißfiel dem Petrus sehr.
-</p>
-
-<p>
-Bei der Aebtissin wurde um drei Uhr &mdash; es war ja Fasttag &mdash; gespeist
-und nach Tisch ersuchte Aldebrandino den Petrus, ihn zu Christina zu
-begleiten. Petrus aber wollte nicht. Aldebrandino jedoch ließ nicht
-nach mit Bitten, und so entschloß sich doch schließlich Petrus dazu,
-mit ihm zu Christina zu gehen. Auch der Pfarrer ging mit. Christina lag
-noch geradeso da, wie am Vormittage, das Gesicht zur Wand gerichtet.
-Aldebrandino stellte sich zu Häupten des Bettes und beobachtete alles
-genau. Da er nun kein Lebenszeichen mehr an ihr wahrnahm, auch kein
-Atemholen mehr bemerken konnte, legte er noch einmal seine Hand auf ihre
-Schulter und fand diese so starr, wie wenn der Tod eingetreten wäre. Die
-Härte, die er wahrgenommen, brachte sein Herz zur Erweichung. Doch schwieg
-er einstweilen still. Nachdem sie noch eine Weile schweigend dagesessen,
-kam Christina in etwa zu sich, jedoch nicht so, daß sie mit den Sinnen
-etwas wahrnahm, sondern bloß, daß sie atmete und der Körper sich etwas
-regte. Da fügte es sich, daß sie den linken Arm ausstreckte, wobei die
-Hand sich etwas öffnete. Als nun Aldebrandino, der scharf aufpaßte, in
-der Handfläche das oben beschriebene purpurrote Kreuzchen erblickte, rief
-er, von Rührung übermannt, laut aus: „Wehe mir Ungläubigen! daß ich es
-jemals gewagt habe, wider eine solche Heiligkeit zu reden! Nie habe ich
-so etwas gesehen, und keinem würde ich es glauben, wenn ich es nicht mit
-eigenen Augen geschaut! Wehe mir! wie konnte ich so unsinnig sein, wider
-eine solche Heiligkeit zu reden! Wahrlich, die ganze Welt vermag nicht,
-ein solches Kreuz zu bilden!“ Während Aldebrandino dieses und ähnliches
-aus Herzensdrang in großer Aufregung sprach, weinten alle vor Rührung.
-Auch Aldebrandino weinte bis zur Vesper, machte bald sich selbst Vorwürfe,
-pries bald Gottes Wunderwerke und ging einher wie trunken im Geiste.
-Zur Vesperzeit gingen alle zur Kirche. Als sie am Fronhofe vorbeikamen,
-trafen sie die Aebtissin an der Türe des Hauses sitzen.
-<span class="pagenum"><a id="Page_63" name="Page_63" href="#Page_63">[63]</a></span>
-Auf deren Frage,
-ob sie Christina gesehen, sprach Bruder Aldebrandino: „Gottes herrliche
-und wunderbare Werke haben wir heute geschaut. Nie hätte ich geglaubt,
-daß solches zu unseren Zeiten geschehe.“ Und er erzählte dann den ganzen
-Hergang. Am folgenden Tage, dem Feste des h. Jakobus, nahmen die Brüder
-Abschied von der Aebtissin und sprachen dann, bevor sie den Rückweg nach
-Cöln antraten, bei Christina vor. Sie war wieder im gewohnten, natürlichen
-Lebenszustande. Petrus fragte sie unter anderm, wie es gekommen, daß
-sie in den Schlamm geraten sei. Da erzählte sie Folgendes: „Am Tage vor
-dem Feste der h. Christina ergriff mich, als du weggegangen, ein solcher
-Schauer und eine solche Angst, daß ich nicht wußte, was mit mir vorging.
-Um diese Beklemmung in etwa zu mildern, legte ich mein Obergewand ab und
-machte die Betten meiner Mitschwestern zurecht. Als ich das getan und auch
-so meine Beklemmung nicht gewichen, ging ich aus dem Kämmerlein, worin ich
-mich mit meinen Mitschwestern befand, hinaus und kniete nieder vor einer
-Kiste, die im größern Hause stand, jedoch nahe an der Türe des Gemaches,
-aus dem ich herausgekommen war. Während ich nun zu Gott betete, er möge
-meine Trübsal mildern oder mir Geduld verleihen, sie zu ertragen, kam
-es mir plötzlich vor, als komme durch die große, nach Morgen befindliche
-Türe des größern Hauses eine schauerige, schwarze Wolke herangezogen, und
-umhülle meinen Kopf. Was nun noch weiter mit mir geschehen ist, davon weiß
-ich nichts, bis ich mich im Bette liegend gefunden habe.“
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi09" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Neuntes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Achter, neunter und zehnter Besuch des Petrus zu Allerheiligen, im Advent
-und zu Weihnachten 1268. &mdash; Seelenjubel, Besudelung.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_64" name="Page_64" href="#Page_64">[64]</a></span>
-Zu Allerheiligen lud der Pfarrer von Stommeln den Bruder Petrus und den
-Bruder Aldebrandino ein, herüberzukommen. Schon tags vorher in der Frühe
-machten sich die Beiden auf den Weg und kamen noch vor der Messe in
-Stommeln an. Als sie zu Tische gerufen wurden, fragte Aldebrandino, wo
-Christina sei. Man antwortete ihm, sie sei deshalb nicht gekommen, weil
-sie der Andacht und dem Gebete obliege, da sie am folgenden Tage zur h.
-Kommunion gehen wolle. Diese Entschuldigung gefiel dem Aldebrandino sehr
-wohl. Am Allerheiligentage empfing Christina während der h. Messe nach
-den übrigen die h. Kommunion und ging dann ihrer Gepflogenheit gemäß auf
-ihr stilles Plätzchen hinter dem Hochaltar, wo sie sich zur Danksagung
-in gewohnter Weise hinstreckte und bis lange nach der Komplet verblieb.
-Nach der Non wurde die Kirche geschlossen. Als die beiden Brüder mit
-dem Pfarrer zu Mittag gespeist, gingen sie mit diesem zur Kirche, um
-sich dort an Christina zu erbauen. Sie konnten jedoch nicht eintreten,
-weil der Küster mit dem Schlüssel nicht zur Hand war. Während sie wohl
-eine Stunde lang vor der Kirche warteten, vernahmen sie in der Kirche
-eine gar liebliche Stimme, die zwar dem Petrus als eine menschliche
-erschien, jedoch der Melodie nach und, was Schmelz und Zartheit anbelangt,
-menschliche Singweise übertraf. Man hörte deutlich, daß es nur eine
-Stimme war und daß die Töne, die süß wie Honigseim dahinflossen, sich
-zu einer Melodie zusammenschlossen, ohne daß jedoch artikulierte Worte
-damit verbunden waren. Als der Küster endlich gekommen war und die Kirche
-aufgeschlossen hatte, gingen
-<span class="pagenum"><a id="Page_65" name="Page_65" href="#Page_65">[65]</a></span>
-die drei hinein und fanden dort niemanden
-als Christina. Sie lag noch an derselben Stelle, war empfindungslos und
-starr am ganzen Körper und hatte das Gesicht mit dem Mantel bedeckt.
-Der unterdessen verstummte Seelenjubel wurde nach einer Weile wieder
-vernehmbar und die drei beobachteten, daß er aus Christinas Brust herkam.
-In diesem Zustande blieb Christina bis zum Abendgottesdienste.
-</p>
-
-<div id="Fabb_05" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb05.jpg'
- alt='5. Handschuhe und Buchtäschchen Christinas.'
- />
-<p class='caption'>5. Handschuhe und Buchtäschchen Christinas.</p>
-</div>
-
-<div id="Fabb_06" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb06.jpg'
- alt='6. Gebetstäfelchen Christinas.'
- />
-<p class='caption'>6. Gebetstäfelchen Christinas.</p>
-</div>
-
-<p class="break">
-Tags darauf, am Allerseelentage, kam es durch die Mutter und eine
-der beiden Schwestern des Pfarrers, jedenfalls Hadewig, zu einer sehr
-aufgeregten Szene gegen Christina. Die beiden Dominikaner erachteten es
-infolgedessen für ratsam, daß Christina auf einige Zeit nach Cöln gehe,
-bis die Erbitterung sich gelegt. Dies geschah auch. Was die Veranlassung
-zur Erregung gab, wird von Petrus nicht angegeben, ist aber unschwer
-zu erraten. Der Sturm spielte sich im Pfarrhause ab. Der Pfarrer war
-nicht wohlhabend. In seinem Hause sah es ärmlich aus. Er hatte seine
-alte Mutter und zwei Schwestern bei sich, zudem wird seine Wohltätigkeit
-gerühmt. Es ist daher begreiflich, daß es schwer wurde, die Auslagen des
-Haushaltes zu bestreiten. Das mehrtägige Verweilen der beiden Dominikaner
-im Pfarrhause nun wird wegen der damit verbundenen Unkosten die besorgte
-alte Frau aufgebracht haben und die Schuld hiervon schob sie in ihrem
-Unmut Christina zu. Hiermit stimmt auch, daß Petrus bei seinem nächsten
-Besuche, der im Advent stattfand, nicht im Pfarrhause einkehrte und daß
-er sich dreimal bitten ließ, ehe er der durch Christinas Eltern erfolgten
-Einladung Folge gab. Die Mutter des Pfarrers scheint sogar soweit sich
-vergessen zu haben, daß sie ihren eigenen Sohn verdächtigte. Denn gegen
-Ende des Jahres 1269 schreibt Bruder Mauritius dem Petrus, die Mutter des
-Pfarrers und seine Schwester, die wegen des Vorfalles mit dem Pfarrer
-zerfallen waren, hätten sich mit ihm wieder ausgesöhnt und die übeln
-Nachreden, die sie über ihn und andere geführt, als Verleumdungen,
-zu denen der Teufel sie aufgestachelt habe, widerrufen und zwar bei
-denjenigen, vor denen sie dieselben vorgebracht.<a name='FA_34' id='FA_34' href='#FN_34' class='fnanchor'>[34]</a> Nach dem Tode
-des Pfarrers jedoch hat seine Mutter nochmals Vorwürfe gegen Christina
-erhoben, als ob diese daran Schuld
-<span class="pagenum"><a id="Page_66" name="Page_66" href="#Page_66">[66]</a></span>
-gewesen, daß der Pfarrer keine größere
-Barschaft hinterlassen hatte.<a name='FA_35' id='FA_35' href='#FN_35' class='fnanchor'>[35]</a>
-</p>
-
-<p>
-Mit den Seligen des Himmels hatte Christina am Allerheiligenfeste in der
-Verzückung gejubelt. In den finsteren, langen Nächten des Adventes sollte
-sie die tiefste Verdemütigung erdulden, die mit Gottes Zulassung Satan ihr
-zufügen konnte. Satan, den der Herr als unreinen Geist bezeichnet, hat
-sein Behagen am Schmutz jeglicher Art. Im Lande der Gerasener erbat er
-sich, als er vom Herrn aus dem Menschen ausgetrieben war, als besondere
-Vergünstigung die Erlaubnis, in die unsaubersten aller Tiere, in die
-Schweine, fahren zu dürfen. Besudelung des Menschen, der nach Gottes
-Ebenbild geschaffen ist, verursacht ihm besonderes Behagen. Er ist es,
-der die Juden antrieb, das Antlitz unseres Heilandes in der Leidensnacht
-mit unflätigem Auswurf zu besudeln. Ist er es nicht, der jene verwegenen
-Diebe, die in Kirchen einbrechen, um die hh. Gefäße oder die Opfergaben
-der Gläubigen zu rauben, antreibt, dabei das Heiligtum in ekelhafter
-Weise zu besudeln, wie es auffälliger Weise auch heutzutage fast bei
-jedem Kirchendiebstahl festgestellt werden kann? Er hat auch Christina in
-den Nächten des Adventes des Jahres 1268 in der ekelhaftesten Weise mit
-Unrat besudelt. Hören wir den Bericht des Petrus, den wir jedoch, weil
-er allzu umständlich ist, in Kürze wiedergeben: „Kurz vor dem Advent,
-schreibt Petrus, kam Christinas Vater zu mir nach Cöln, ließ mich ins
-Kapitelhaus der Brüder rufen und sprach: „Christina, deine Tochter, läßt
-dich grüßen.“ Er machte den Eindruck der größten Niedergeschlagenheit.
-Ich antwortete ihm: „Rede nicht also; denn sie hat dich ja zum Vater.“
-„Freilich, erwiderte er. Doch wenn du inniges Mitleiden mit uns hast, so
-komme uns besuchen; denn wir sind in Gefahr. Ein gar starker Feind ist
-bei uns angekommen, dessen Wut unsere Habe nicht nur, sondern auch unser
-Leben gefährdet.“ Diese Worte bewogen mich zum Mitleide, das ich jedoch
-zu verbergen suchte; denn ich wußte, daß er an schwere Plagen gewohnt
-war und um einer Kleinigkeit willen nicht zu mir würde gekommen sein.
-Doch entließ ich ihn mit den Worten: „Gehe in Gottes Namen, der Herr
-möge euch trösten.“ Traurig ging er weg, kam aber nach acht Tagen wieder
-und wiederholte mit noch größerer
-<span class="pagenum"><a id="Page_67" name="Page_67" href="#Page_67">[67]</a></span>
-Betrübnis seine Einladung. Ich entließ
-ihn wie früher und betrübt schied er von dannen. Nach sechs Tagen kam er
-abermals, suchte lange nach mir, und, nachdem er mich endlich gefunden,
-sprach er wehmütig: „Meine Tochter bittet dich bei der Liebe, die du im
-Herrn zu ihr trägst, zu ihr zu kommen. Auch ich und ihre Mutter bitten
-inständigst darum, wenn du nicht willst, daß der Teufel unser ganzes
-Anwesen durch Feuer zerstört.“ Diese Worte und noch mehr der rührende
-Ausdruck, womit sie gesprochen wurden, machten Eindruck auf Bruder Petrus.
-„Wenn ich Erlaubnis erhalte, so sprach er, will ich euch gerne besuchen.“
-Auf diese Antwort schöpfte der Mann etwas Mut und entfernte sich. Petrus
-machte dem Bruder Aldebrandino Mitteilung von der Bitte des Vaters der
-Christina. Dieser erbat und hielt denn auch für sich und Petrus vom Prior
-Hermann von Havelbrecht die Erlaubnis zur Reise nach Stommeln. Da aber für
-Aldebrandino Hinderung eintrat, so erhielt Petrus zum Reisegefährten den
-Bruder Wipert von Böhmen aus der polnischen Ordensprovinz. Am Donnerstage
-in der zweiten Adventswoche gingen die Beiden nach Stommeln. Es regnete
-und die Wege waren stark aufgeweicht. Erst spät am Abend kamen sie recht
-müde, wenn auch fröhlichen Herzens, in Stommeln an und gingen ins Haus,
-wo Christina war, bei der sie den Prior Gotfrid der Abtei Brauweiler
-nebst dem P. Leonius, dem Kellermeister (<span class="fmarkd">cellerarius</span>) derselben Abtei,
-sowie den Pfarrer Johannes von Stommeln vorfanden. Christina saß im
-Bette; denn sie konnte nicht liegen wegen der Plagen, die sie unablässig
-zu erdulden hatte. „Wir grüßten sie, schreibt Petrus, und alle, die bei
-ihr waren, und gingen dann wieder hinaus, um an dem Feuer, das vor der
-Türe des Kämmerleins brannte, unsere Kleider zu trocknen. Da wir nun so
-dasaßen und der Kellermeister, der sich zu uns gesetzt hatte, seinen mit
-dem Stiefel bekleideten Fuß zum Feuer hin ausstreckte, flog auf einmal
-vor unser aller Augen Kot auf den Stiefel des Kellermeisters. Darüber
-erstaunten wir, die wir eben angekommen waren und noch nicht wußten, was
-hier vorging. Der Kellermeister aber, der ein beherzter Mann war, sagte
-zu uns: „Brüder, wir müssen uns an solche Dinge gewöhnen.“ Kurz darauf
-hörten wir, daß auch jene im Kämmerlein miteinander Klagereden führten.
-Und als wir nach der Ursache fragten, vernahmen wir, daß der Teufel, wie
-er schon die ganze Adventszeit
-<span class="pagenum"><a id="Page_68" name="Page_68" href="#Page_68">[68]</a></span>
-hindurch getan, Christina eben besudelt
-habe. Auf diese unerwartete Nachricht standen wir alle, die draußen
-waren, auf, gingen hinein und fanden es so, wie man uns gesagt hatte. Ich
-stellte mich nun nahe vor das Bett Christinas, der Prior aber zu Häupten
-des Bettes, nämlich nach Osten, der Kellermeister zu Füßen, nach Westen,
-der Pfarrer neben mich nach Norden. Die Wand, an der das Bett stand, war
-nach Süden. So war das Bett gut mit Wächtern umstellt. Da geschah es nun
-unter unsern Augen, daß Christina nach meiner Zählung mehr als zwanzigmal
-auf verschiedene Weise am Gesichte, unter dem Schleier am Kopfe, und an
-sonstigen Stellen des Körpers besudelt wurde. Mit Sonnenaufgang hörte
-diese Plage auf. Der Prior kehrte mit dem Kellermeister nach Brauweiler
-zurück und ich ging mit meinem Gefährten zur Kirche, um die h. Messe
-zu lesen. Der Tag ging vorüber, ohne daß äußerlich eine Plage oder
-Belästigung zu bemerken war. Als aber die Sonne untergegangen war, und
-die Nacht mit ihrer Finsternis gekommen, da kehrte auch der Geist der
-Finsternis zurück und besudelte Christina in der gleichen Weise wie in
-der vorhergegangenen Nacht. Gegen Mitternacht fragte ich Christina, ob
-sie den Teufel sehe, dessen unsaubere Werke wir alle wahrnahmen. Sie
-antwortete bescheiden: „Ich sehe den Teufel immerfort, wenn ich auch
-meine Augen schließe oder sie mit dem Schleier verhülle.“ Ich fragte sie
-weiter: „Wie sieht er denn aus?“ Sie erwiderte: „Es ist unmöglich, zu
-beschreiben, wie vielfach und verschiedenartig die Gestaltungen sind,
-die er annimmt. Augenblicklich sehe ich nur ein scheußliches Gesicht,
-das einem menschlichen ähnlich sieht, nur daß es zwei Hörner hat.“ „Wo
-siehst du ihn denn?“ fragte ich weiter. „Dort, sprach sie, zwischen den
-beiden Mädchen“ und zeigte mit der Hand nach der nördlichen Seite, wo
-Hilla vom Berge und Gertrud, des Pfarrers Schwester, saßen, die, als
-sie das hörten, erschraken und voneinander abrückten. Ich aber fragte
-Christina, ob der Teufel sich nicht entfernen würde, wenn wir das Zimmer
-mit Weihwasser besprengten. Sie sagte, er würde freilich fliehen, aber
-auch sogleich und zwar im selben Augenblicke wieder zurückkehren. Beim
-Anbruche des Morgens hörten die Besudelungen auf. Als nun die dritte Nacht
-kam, die Nacht vor dem dritten Adventssonntage, kam der Teufel wieder
-und quälte und besudelte Christina wie in den vorhergegangenen Nächten.
-Ich saß
-<span class="pagenum"><a id="Page_69" name="Page_69" href="#Page_69">[69]</a></span>
-zu Häupten des Bettes, Bruder Wipert am Fußende und der Pfarrer
-vor dem Bette. Während wir miteinander sprachen, hörten wir alle ein
-Geräusch, das unter der Bank herkam, auf der Wipert saß. Das Geräusch
-war ähnlich so, wie wenn Eiweiß zu Schaum geschlagen wird. Bruder Wipert
-nahm seinen Rohrstock, den er aus Toskana mitgebracht hatte &mdash; er war
-nämlich erst vor Kurzem vom päpstlichen Hofe hergekommen &mdash; und stieß
-mit der Pike des Stockes heftig und öfters nacheinander unter die Bank,
-indem er sprach: „Nichtswürdiger Dämon, ich will dir die Augen ausstoßen.“
-Das Getöse jedoch ließ nicht nach. Da sprach Bruder Wipert zum Pfarrer:
-„Teuerster, weißt du keine Beschwörungen, mit denen dieser böse Feind
-hier ausgetrieben werden kann?“ Dieser erwiderte: „Ich weiß wenigstens
-jene Beschwörung auswendig, die über die Täuflinge gesprochen wird. „<span class="fmarkd">Ergo
-maledicte diabole recognosce sententiam tuam</span>“ u. s. w. Da sprach Wipert:
-„Sage sie mir vor, so will ich sie dir nachsprechen in der Meinung, daß
-wir diesen unreinen Geist verscheuchen.“ Da sie so miteinander überlegten,
-sprach Christina zu mir: „Worüber sprechen jene? Was haben sie vor?“ Ich
-antwortete: „Sie wollen den Teufel beschwören, daß er weichen soll.“ Sie
-erwiderte: „Saget ihnen, sie sollten sich gegen Gottes Zulassungen keine
-vergebliche Mühe machen; denn ich muß dieses erdulden, so lange Gott
-will.“ Bruder Wipert hörte das, blieb aber nichtsdestoweniger bei seinem
-Vorhaben. Als die Beiden mit der Beschwörung nahezu ans Ende gekommen,
-entstand ein starker und furchtbarer Knall im Kämmerlein, wie wenn eine
-mit Luft gefüllte Blase zerplatzt wäre. Im selben Augenblicke erlosch die
-Lampe, die zwei Ellen hoch über mir stand. Wipert sprang vor Schrecken auf
-und wollte hinausgehen. Doch mitten im Zimmer kam der Teufel auf ihn zu,
-versetzte ihm einen Schlag aufs Auge und übergoß ihn mit Unrat. Wipert
-schrie: „Wehe mir, ich habe ein Auge verloren.“ Dem war jedoch nicht
-so. &mdash; Und er lief aus dem Kämmerlein hinaus ans Feuer, wo warmes Wasser
-stand, um sich zu reinigen. Unter diesen und ähnlichen Quälereien ging
-diese peinliche Nacht vorüber. Bei Tagesanbruch beteten wir die Mette und
-darnach die Prim im Kämmerlein bei Christina. Als wir geendigt, sprach
-ich zu Christina: „Gedenkst du heute die h. Kommunion zu empfangen, wie
-du gestern es mir gesagt?“ &mdash;
-<span class="pagenum"><a id="Page_70" name="Page_70" href="#Page_70">[70]</a></span>
-„Ja,“ erwiderte sie. „Nun denn, sprach ich
-zu ihr, so hüte dein Herz mit aller Sorgfalt, daß du an nichts anderes
-denkst als an Jesus, den du empfangen willst.“ Sie erwiderte: „Es würde
-mir schwerfallen, an etwas anderes zu denken.“ Darauf gingen wir zur
-Kirche. Wir beide Brüder lasen die h. Messe und währenddessen trug der
-Pfarrer Christina die h. Kommunion. Mittags speisten wir beim Pfarrer und
-gingen dann, bevor wir die Rückreise nach Cöln antraten, zu Christina.
-O wie hatte die Hand des Herrn hier alles umgewandelt! Es herrschte der
-lieblichste Wohlgeruch statt des abscheulichen Gestankes, die süßeste
-Ruhe statt Mühsal und Schmerz, Lob und Jubel statt Betrübnis und Angst,
-Anstand und Sauberkeit statt ekelhaften Schmutzes. Im Kämmerlein trafen
-wir Hilla vom Berge, Hilla, Christinas Schwester, Hilla von Ingendorf und
-Gertrud, des Pfarrers Schwester. Sie waren die Zeugen unserer Betrübnis
-gewesen, sie waren nun auch die Zeugen unserer Tröstung. Christina war in
-Verzückung, ohne jegliche Regung und Empfindung. Alle sahen mit Erbauung
-das Zeichen des Kreuzes in der linken Hand der Jungfrau. Es war ein
-dreifaches Kreuz, da der Querbalken des Hauptkreuzes an beiden Enden in
-ein kleineres Kreuz ausmündete. Die Brüder schieden von dannen; Christina
-aber, entrückt wie sie war, wurde nichts von ihrem Abschiede gewahr.
-</p>
-
-<p>
-Weihnachten fiel im Jahre 1268 auf den Dienstag. Am vorhergehenden
-Sonntage, dem vierten des Adventes, reiste Bruder Gerhard vom Greif,
-dem der Prior Hermann den Bruder Petrus als Begleiter zugesellt hatte,
-nach Stommeln. Im Hause Christinas angelangt, legten sie ihre vom Regen
-durchnäßten Oberkleider ab und gaben sie denen, die am Feuer waren, zum
-Trocknen. Dann traten sie ein ins Kämmerlein Christinas, woselbst sie
-unter anderen den Johannes von Muffendorf mit seinem Gefährten sowie den
-Pfarrer von Stommeln antrafen. Nach der Begrüßung der Anwesenden fügte
-Bruder Gerhard scherzhaft die Worte hinzu: „Herr Teufel, mich darfst du
-nicht besudeln; denn ich bin dein Freund.“ „Wenn du des Teufels Freund
-bist, entgegnete Petrus, so bin ich dein und sein Feind.“ Gerhard nahm
-nun Platz zu Füßen des Bettes, in dem Christina saß, Petrus aber zu
-dessen Häupten nahe bei der Tür. „Da wir nun so saßen, schreibt Petrus,
-kam plötzlich aus einem Winkel, worin niemand war, eine
-<span class="pagenum"><a id="Page_71" name="Page_71" href="#Page_71">[71]</a></span>
-schmutzige Flüssigkeit, wie aus einem Becken gegossen, auf mich zugeflogen und
-benetzte meine rechte Schulter sowie auch die ganze Türe neben mir. Nach
-dem Essen stand Bruder Gerhard auf und wollte zum Feuer gehen, das vor
-der Zimmertüre brannte. Doch mitten im Zimmer noch wurde er mit seinem
-neuen weißen Skapulier, das er tags vorher zuerst angelegt hatte, vom
-Teufel mit Unrat übergossen. Daß der Teufel seinen angeblichen Freund
-so übel zugerichtet hatte, machte einigen Freude. Der Teufel überbot
-in der kommenden Nacht nicht bloß alles, was er bisher an Besudelung
-geleistet, sondern brannte auch Christina, wie er es bereits in den
-sechs vorangegangenen Nächten getan hatte, mit einem glühenden Stein. Um
-Mitternacht nämlich, da ich neben Christina saß und sie tröstete, begann
-sie plötzlich sich zu krümmen und zu zittern und es brach ihr der Schweiß
-aus. „Was ist geschehen?“ fragte ich, „woher diese Angst und dieser
-Schweiß?“ &mdash; „Wundere dich nicht,“ antwortete Christina, „hier vor meinen
-und deinen Augen sehe ich einen schrecklichen Dämon stehen, mit einem
-glühenden Steine in den Händen und er droht mir, mich damit zu brennen.“
-Ich tröstete sie, soweit ich konnte, und ermahnte sie zur Geduld. Nach
-einer Weile legte der Teufel wirklich einen faustdicken, glühenden Stein
-auf ihre linke Seite unter die Kleider und drückte ihn so stark ins
-Fleisch hinein, daß er darin unbeweglich festsaß, wie wenn er mit dem
-Körper zusammengewachsen gewesen wäre. Alle Anwesenden haben den Stein
-gesehen und mit den Händen berührt. Nach geraumer Zeit nahm der Teufel
-den Stein unter ihren Händen weg und legte ihn auf Christinas Schulter,
-wo er bis zum ersten Hahnenschrei liegen blieb. Dann schwand diese Plage.
-</p>
-
-<p>
-Da es nun Morgen geworden und der Teufel wußte, daß er nur noch kurze Zeit
-habe, begann er noch heftiger zu wüten als bisher und auch sein Unwesen
-der Besudelungen fortzusetzen. Wir fürchteten deshalb, Christina allein zu
-lassen; denn, wenn ein Priester ihr beistand, wütete er nicht so sehr. Wir
-sprachen uns also ab, daß Bruder Johannes und sein Begleiter zur Kirche
-gehen sollten, um die Leute Beichte zu hören und sonst auszuhelfen, &mdash;
-es war tags vor Weihnachten &mdash; Bruder Gerhard aber und ich bei Christina
-bleiben sollten. Den ganzen Vormittag dauerten die Besudelungen. Es nahte
-schon bald die Mittagszeit und die Brüder waren noch nicht aus
-<span class="pagenum"><a id="Page_72" name="Page_72" href="#Page_72">[72]</a></span>
-der Kirche
-zurückgekommen. Wir hatten uns schon darauf gefaßt, auf die h. Messe zu
-verzichten und beteten die Tagzeiten von der allerseligsten Jungfrau,
-die beginnen mit den Worten: <span class="fmarkd">Rorate caeli desuper</span>. Als wir an das
-Evangelium: <span class="fmarkd">Missus est</span> gekommen waren, kniete ich mit beiden Knien auf
-die Erde nieder und legte beide Hände auf das Haupt Christinas, damit die
-Kraft der heiligen Worte auf sie mehr einwirken möchte. Kaum war ich mit
-dem Evangelium zu Ende und siehe da, der Geist der Unlauterkeit brachte
-unter meinen Händen über Christinas Haupt zwischen Kopf und Schleier eine
-dichte Schicht des häßlichsten Unrates. Endlich kam der Pfarrer aus der
-Kirche zu uns und sagte, die Brüder würden bald zurückkommen. In dieser
-Erwartung gingen wir dann zur Kirche, um die h. Messe zu lesen und waren
-froh, bei Christina zu ihrem Troste einen Priester zurücklassen zu können.
-Auf dem Wege begegnete uns Bruder Johannes mit seinem Gefährten und fragte
-uns, wie es mit Christina stehe. „Sehr schlimm,“ sagten wir. Da sprach
-er, heftig bewegt: „Laßt uns hingehen, um mit dem Teufel zu kämpfen,“ und
-raschen Schrittes ging er weiter. Wir aber gingen zur Kirche, hielten die
-h. Messe, und da während derselben auch der Pfarrer wiedergekommen war,
-schlossen wir, nach Landesbrauch an die h. Messe unmittelbar die Vesper
-an.<a name='FA_36' id='FA_36' href='#FN_36' class='fnanchor'>[36]</a>
-</p>
-
-<p>
-Während wir in der Kirche waren, trug sich in Christinas Hause etwas
-eigenartig Grausiges zu. Bruder Johannes und sein Begleiter, Hilla vom
-Berge und Gertrud, des Pfarrers Schwester, die zugegen waren, haben es
-uns nachher erzählt. Jener böse Feind, der Gott selbst hatte gleich sein
-wollen, vermaß sich in seiner Frechheit, Christinas Bett zu durchwühlen
-und zu erschüttern und dabei Worte der Gotteslästerung zu singen. Er
-sang in wohlgesetzter Melodie, und die Worte waren rythmisch geordnet und
-endeten in Reimbildung. So sang er in hohem Tone: „Wo ist nun dein Gott?
-Wo ist dein Gott?“ Oefter und mit Zwischenpausen wiederholte er diese
-Frage und sang dann auch die Antwort: „Ich bin dein Gott. Ich bin dein
-Gott.“ Nachdem er diesen gotteslästerlichen Gesang mehrfach wiederholt
-hatte, fügte er hinzu: „Jetzt wenigstens erkenne, daß ich dein Gott bin;
-denn ich habe Macht, mit dir zu tun, was
-<span class="pagenum"><a id="Page_73" name="Page_73" href="#Page_73">[73]</a></span>
-mir beliebt.“ Dann beschimpfte
-er die Diener Gottes und sprach: „Wo sind die geschorenen Narren, die
-bei dir waren? Ich werde sie jetzt so zurichten, daß sie sich nicht mehr
-unterstehen, zu dir zu kommen.“ Da sprach endlich Christina, entsetzt
-über die dem Namen Gottes zugefügte Beleidigung, mit erhobener Stimme, so
-daß alle, die da saßen, es hörten: „Ich beschwöre dich, Dämon, in Kraft
-des Leidens unseres Herrn Jesus Christus, daß du die Wahrheit dessen
-beweisest, was du gesagt hast.“ Da änderte Satan seine stolze Sprache,
-er ließ ab vom Singen, Versemachen und Reimbilden und gleich einem
-abgelebten Greise begann er mit zitternder, schwacher Stimme die Wahrheit
-zu bekennen und sprach: „Wahrhaftig, alles ist gelogen, was ich gesagt
-habe; ich bin nicht Gott. Ich habe keinen Teil an seiner Wesenheit, und
-die Teilnahme an seiner Seligkeit habe ich mit Recht für immer verloren.
-Es ist mir aber von ihm gestattet worden, meine Bosheit an dir auslassen
-zu können, und das habe ich mit Eifer getan. Ueber das, was er mir erlaubt
-hat, bin ich aber weder hinausgegangen noch darunter zurückgeblieben.
-Und weil du mich in Kraft des Leidens des Herrn beschworen hast, muß ich
-die Wahrheit bekennen. Da ich dir so viel Qual und Schmach angetan habe
-und dich dennoch nicht zu besiegen vermochte, so bin ich gewiß, daß mir
-das hundertfach auf ewig wird heimgezahlt werden mit dem unaufhörlichen
-Spotte meiner Genossen. Als Feigling werden sie mich verhöhnen, da ich
-ein einziges Mädchen nicht zu überwinden vermochte.“ Nachdem er dieses
-und ähnliches gesagt, verschwand er mit einem starken Knalle.
-</p>
-
-<p>
-In der h. Weihnacht, als die Mette und die erste h. Messe vorüber waren,
-ging der Pfarrer zu Christina und reichte ihr die h. Kommunion. Bei
-Anbruch des Tages ging Bruder Johannes zu Christina und ich folgte ihm.
-Wir fanden Christina in Verzückung, im Bette liegend und ganz starr.
-In diesem Zustande blieb sie den Weihnachtstag hindurch bis tief in die
-folgende Nacht. An den übrigen Festtagen speisten wir mit ihr und nahmen
-dabei mehrere Zeichen ihrer himmlischen Tröstung und inneren Liebe wahr,
-woraus wir schlossen, daß nach der Fülle der Leiden, die sie erduldet,
-nun auch Gottes Tröstungen ihre Seele erfreuten.
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi10" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Zehntes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Fastenzeit des Jahres 1269. Sinnliche Versuchung. Elfter und zwölfter
-Besuch des Petrus.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_74" name="Page_74" href="#Page_74">[74]</a></span>
-Im Advent hatte der Teufel Christina äußerlich mit Unrat besudelt.
-Darauf suchte er in der Fastenzeit ihre jungfräulichreine Gesinnung durch
-sinnliche Versuchungen und Vorführung unsauberen Blendwerks zu beleidigen.
-Dem Berichte des Pfarrers Johannes entnehmen wir Folgendes: Der Teufel
-erschien ihr und sprach: „Schau! Du hast ein ganz elendes und mühseliges
-Leben; du siehst, daß du Tag und Nacht keine Ruhe hast. Die aber in der
-Welt leben, haben sehr vergnügte Tage im Familienleben. Auch sind viele
-unter ihnen sehr reich. Wenn du deiner jetzigen Lebensweise entsagen
-wolltest und leben wie Weltleute, so würde ich dich reich machen und
-dein Leben verlängern, so lange du willst.“ Christina antwortete ihm:
-„Verfluchter, du lügst. Für Gott ist mir keine Mühe zu viel, und was
-du versprichst, vermagst du nicht zu halten.“ Darauf der Teufel: „Die
-Ordensleute, die Geistlichen und alle Enthaltsamen sind betrogen; ihre
-Lebensweise ist Ketzerei. Denn Gott hat von Anbeginn es so angeordnet,
-daß alle Menschen im Ehestande leben sollen. Wenn auch du das befolgen
-würdest, könntest du leicht und eher selig werden.“ Um diesen Versuchungen
-mehr Reiz zu geben, begleitete der Teufel sie mit allerhand unlauterem
-Blendwerk. &mdash; Wochenlang quälte er so Christina, vermochte jedoch nicht
-ihren Sinn zu beugen. Da sprach der Teufel: „Weil du mir nicht folgst, so
-wisse, daß ich dich beschämt machen werde vor aller Welt. In der Kirche
-werde ich einen kleinen Knaben vor dich hinstellen und ausrufen, daß
-er von dir sei.“ Diese Drohung quälte Christina fürchterlich. Wenn sie
-in der Kirche war und zur h. Kommunion gehen wollte, so kam es ihr vor,
-als ob die Leute sich zuflüsterten:
-<span class="pagenum"><a id="Page_75" name="Page_75" href="#Page_75">[75]</a></span>
-„Schauet da die elende Heuchlerin,
-wie sie die Menschen betrogen hat. Jetzt kommen ihre Betrügereien an
-den Tag; sie hat ja ein Kind geboren.“ Lange Zeit kämpfte Christina mit
-dieser Angst und wagte es nicht, zum Tische des Herrn zu gehen. Endlich
-überwand sie diese Angst, indem sie also bei sich dachte: „Möge man
-immerhin rufen; Gott weiß, daß du unschuldig bist.“ Darauf hatte sie in
-der Nacht folgendes Traumgesicht: „Geliebter, so glaubte sie zu sprechen,
-habe Mitleiden mit mir in dieser neuen Angst und nimm diese Versuchung
-von mir.“ Da antwortete alsbald eine Stimme: „Vielgeliebte Tochter, habe
-Geduld; deine Pein wird heute ein Ende haben und dein Bräutigam wird dir
-für die ausgestandene Angst den gleichen Lohn geben, als ob du wirklich
-die Beschämung erduldet hättest.“ Da sprach sie: „Gepriesen seist du, o
-Süßester; ich bin elend, reich aber ist deine Huld.“ Als sie erwachte,
-war alle Versuchung verschwunden. Sie ging am Morgen zur h. Kommunion und
-wurde mit solcher Wonne erquickt, daß sie drei Tage lang weder aß noch
-trank und kein Wort reden konnte.
-</p>
-
-<p>
-Dann kam der Teufel mit einer andern Versuchung: „Was führst du doch,
-sprach er, jetzt für ein Leben? Früher betetest du viel, übtest dich
-fleißig im Stillschweigen, fastetest, stets warst du allein und konntest
-den Umgang mit Mannsleuten nicht leiden; jetzt aber gehst du gar zu
-vertraulich mit ihnen um, mit Ordensbrüdern und andern plauderst du in
-der Kirche, und außer der Kirche bist du träge. Auf diese Weise wirst
-du nicht ins Himmelreich kommen können; so gemächlich geht es nicht.“
-Wieder ein anderes Mal, als sie im Gebete die Nacht durchwachte, wie sie
-es zu tun pflegte, wenn sie zum Tische des Herrn gehen wollte, kam jener
-alte Bösewicht und sprach gar gelind, wie wenn es ein Engel vom Himmel
-gewesen: „Teuerste, du hast vor, zur Kommunion zu gehen. Tue das nicht
-um dreier Ursachen willen. Erstens wird die Hostie zur Erde fallen, wenn
-der Priester sie dir in den Mund legt, und das wird eine große Störung
-verursachen. Zweitens mußt du auch billig erkennen, daß du eine Sünderin
-bist und deshalb gänzlich unwürdig. Drittens weiß der Pfarrer dieses auch
-und ist deshalb in übler Stimmung.“ Christina wähnte, ein Engel rede zu
-ihr, hatte aber doch Zweifel und deshalb bat sie den Herrn, er möge ihr
-kundtun, ob diese Stimme von ihm oder von einem andern sei. Da entstand
-ein gewaltiges Gepolter und alles
-<span class="pagenum"><a id="Page_76" name="Page_76" href="#Page_76">[76]</a></span>
-war vorbei. Morgens ging sie zur Kirche,
-wagte aber nicht, zum Tische des Herrn zu gehen wegen jener drei Gründe.
-Der Priester aber, dem sie dies offenbarte, sagte ihr, der Teufel habe
-sie von der h. Kommunion abhalten wollen und so ging sie mit großer Furcht
-zum Tische des Herrn.
-</p>
-
-<p>
-Um diese Zeit erhielt Christina den elften Besuch des Bruders Petrus.
-Diesem war zu Ohren gekommen, daß er laut Bestimmung seiner Obern zur
-Fortsetzung seiner Studien nach Paris gehen sollte und deshalb wollte er
-vorher seine Freunde in Stommeln noch einmal besuchen. In der Fastenzeit
-kam er mit seinem Landsmann Bruder Johannes Hespe zu Christina. Zur Zeit
-der Komplet sprach er zu ihr einiges zur Erbauung. Darob wurde sie sehr
-zur Andacht entflammt, und sie bat Petrus, er möge am folgenden Tage die
-Messe von der seligsten Jungfrau nicht lesen, sondern singen. Petrus kam
-dem Wunsche nach und sang die Messe „<span class="fmarkd">Rorate caeli desuper</span>“. &mdash; Trauet
-Himmel den Gerechten &mdash;, für die er eine besondere Vorliebe hatte. Als
-nach Beendigung des Gottesdienstes das Volk die Kirche verließ, blieb
-Christina, ohne sich zu regen, auf ihrer Stelle zurück. Da sprach der
-Pfarrer zu Petrus: „Es scheint mir, daß Christina entrückt ist.“ Petrus
-und Bruder Johannes gingen nun auf sie zu und fanden sie ganz starr. Der
-Mantel aber, mit dem sie ihr Haupt bedeckt hatte, war an der Stelle über
-dem Kopfe wie mit Tau benetzt. Bruder Johannes, der seit vierzehn Tagen am
-Gelenke zwischen Arm und Hand einen Auswuchs von der Größe eines halben
-Eies hatte, befeuchtete seine gesunde Hand mit diesem Tau und berührte
-dann mit dieser also befeuchteten Hand den Auswuchs an der andern Hand.
-Von diesem Augenblicke an begann die Geschwulst schneller abzunehmen, als
-sie bisher gewachsen, sodaß sie in wenigen Tagen ganz verschwunden war.
-Christina aber blieb verzückt bis zur Komplet. Tags darauf besuchten die
-beiden Brüder den Prior zu Brauweiler und kehrten von da nach Cöln zurück.
-</p>
-
-<p>
-Während dieser Fastenzeit hatte Christina noch eine andere ganz
-schreckliche Versuchung gegen die jungfräuliche Reinheit zu bestehen,
-die von Pfarrer Johannes umständlich berichtet wird.<a name='FA_37' id='FA_37' href='#FN_37' class='fnanchor'>[37]</a> Es befand sich
-damals in Stommeln oder nahebei ein
-<span class="pagenum"><a id="Page_77" name="Page_77" href="#Page_77">[77]</a></span>
-elender, schrecklicher Mensch, der ein
-Ausbund aller Laster und ein berüchtigter Räuber war. Wie sehr Christina
-diesen Menschen auch fürchtete und seine Stimme ihr Grausen erregte, so
-kam ihr doch wider ihren Willen die Neigung, diesen Menschen zu sehen
-und mit ihm zu sprechen. Schon im Mai des vorhergehenden Jahres hatte
-diese unerklärliche Neigung sich bemerkbar gemacht. Jetzt nun kam in der
-Nacht der Versucher in Gestalt jenes schlechten Menschen zu Christina und
-sprach: „Geliebteste, siehe, ich bin es. Ich bin hereingekommen; das Haus
-ist offen. Dein Vater und deine Mutter wissen nicht, daß ich hier bin; Du
-brauchst nichts zu fürchten.“ Dann kam er näher auf sie zu und ergriff
-ihre Hände. Christina glaubte, den Räuber vor sich zu haben und schrie
-aus allen Kräften: „Wenn Ihr mich berührt, so wisset, daß der Dämon Euch
-umbringen wird.“ Dann bat sie ihn beim Leiden unseres Herrn, sie in Ruhe
-zu lassen. Der Versucher aber entgegnete: „Trauteste, nie habe ich ein
-Menschenkind so sehr geliebt wie Dich. Wenn Du mir nur einen freundlichen
-Blick schenken wolltest, so würde ich fürderhin nicht mehr schlecht sein.
-Wenn Du es willst, werde ich gut sein, und wenn Du es willst, werde
-ich schlecht sein. Ich werde Dich zu einer vornehmen Frau machen, Dir
-schöne Kleider kaufen, Dir soviel Geld geben, als Du haben willst, und
-nichts wird Dir mangeln. Ich nehme Dich mit; Deine Eltern werden nichts
-davon gewahr, und ich bringe Dich zu reichen und feinen Leuten, wo Du
-ein herrliches Leben haben wirst.“ Allein Christina antwortete nicht und
-richtete alle ihre Gedanken auf das Leiden unseres Herrn. „Du bringst
-mich ums Leben, begann er nun zu schluchzen, ich muß sterben, weil Du mich
-verschmähst; ich vermag nicht mehr zu schlafen und kann weder essen noch
-trinken.“ Als aber alles fruchtlos blieb, änderte der Versucher seine
-Sprache und schrie: „Ich werde doch meinen Willen an Dir vollbringen!“
-und dabei ergriff er sie mit Gewalt, wie wenn er sie hätte umbringen
-wollen. Christina aber schrie zu Gott: „Herr, stärke mich in dieser
-Stunde!“ Dann zog der Versucher ein Messer hervor, setzte es ihr auf die
-Brust und sprach: „Ich ermorde Dich, wofern Du mir nicht zu Willen bist.“
-Christina entgegnete: „Meinem Herrn Jesus Christus habe ich Treue gelobt;
-für seinen Namen zu sterben ist mein Wunsch.“ „Doch nicht so, erwiderte
-der Versucher, Dein Vater und Deine Mutter sollen die ersten sein; ich will
-<span class="pagenum"><a id="Page_78" name="Page_78" href="#Page_78">[78]</a></span>
-alle im ganzen Hause ermorden, Dich aber fürs letzte aufsparen.“
-Alsdann lief er mit dem Messer durchs Haus und tat so, wie wenn er am
-Morden wäre, Christina aber hörte erbärmliches Weinen und Jammern. Es war
-das alles freilich teuflische Gaukelei. Dann hörte sie, wie ihr Vater,
-es war in Wahrheit der Teufel, zu dem Verführer sprach: „Halte ein! töte
-mich nicht; ich will sie bereden, daß sie Dir zu Willen sei.“ Und alsdann
-kam dieser Teufel zu Christina in der Gestalt ihres Vaters &mdash; Christina
-jedoch glaubte wirklich, es sei ihr Vater &mdash; und sprach zu ihr: „Liebste
-Tochter! gedenke, daß ich kein anderes meiner Kinder so geliebt habe wie
-Dich; willige doch ein, damit Du mir das Leben rettest. Du wirst es doch
-nicht vor Gott verantworten können, wenn ich um Deinetwillen getötet
-werde.“ Christina aber, obgleich voll Mitleid mit dem vermeintlichen
-Vater, sprach herzhaft: „Vater, Ihr sagt, ich solle Gott verlassen! Wisset
-Ihr denn nicht, daß Gott für uns gestorben ist. Seid deshalb standhaft
-und erleidet freudig den Tod.“ Der Verführer stürzte sich alsdann auf
-Christinas Vater und versetzte ihm den Todesstoß; Christina hörte sein
-Röcheln. Dann kam er auf Christina zu. Diese aber entriß ihm behend
-das Messer, stieß es sich selbst in die Hüfte, um durch den Schmerz der
-Verwundung aller sinnlichen Empfindung vorzubeugen, und rang mutig mit
-dem Versucher, der alsdann beschämt die Flucht ergriff. Das Messer jedoch
-blieb zurück. Christina bediente sich desselben später beim Essen und der
-Pfarrer Johannes hat es sich nachher von ihr zum Geschenke erbeten. Die
-Wunde aber, die Christina sich beigebracht, blutete drei Tage lang. Sie
-lag da und weinte, da sie glaubte, sterben zu müssen und sich quälte mit
-dem Gedanken, sie habe selbst den Tod herbeigeführt. Da sie nun so weinte,
-kam ein Jüngling in Himmelsschönheit zu ihr und sprach: „Sei ohne Furcht,
-geliebteste Tochter! Siehe, ich bin Jesus Christus, dem Du Treue gelobt
-hast, ehe Du zu den Beginen kamst. Laß alle Sorge fahren; an dieser Wunde
-wirst Du nicht sterben. Du hast Deine Treue gegen mich bewährt. Und wie
-Katharina, da sie um meinetwillen die Welt verachtete, den Tod erduldete
-und deshalb ihr Tod kostbar war in meinen Augen, so würdest auch Du, wenn
-Du an der Wunde, die Du in gleicher Gesinnung Dir beigebracht, gestorben
-wärest, den gleichen Lohn erhalten haben wie sie.“ Bei diesen Worten
-machte er das
-<span class="pagenum"><a id="Page_79" name="Page_79" href="#Page_79">[79]</a></span>
-Kreuzzeichen über die Wunde und augenblicklich hörte diese
-auf zu bluten, und aller Schmerz war verschwunden. Am Gründonnerstage kam
-Petrus wieder nach Stommeln. Seine Abreise nach Paris hatte sich nämlich
-verschoben, da die Brüder aus Dazien, die mit ihm reisen sollten, noch
-nicht angekommen waren. Er kam als Begleiter des Bruders Johannes von
-Muffendorf, der vom Pfarrer von Stommeln zum Osterfeste war eingeladen
-worden. Die Brüder Aldebrandino und Mauritius hatten sich mit Erlaubnis
-des Priors Hermann ihnen angeschlossen. Zur Zeit der Komplet kamen die
-vier Brüder in Stommeln an und begaben sich alsbald in die Kirche, wo sie,
-wie Petrus sagt, die Reliquien der Heiligen oder vielmehr die Heiligen,
-deren Gebeine dort aufbewahrt wurden, begrüßten. Dann trat Petrus auf
-Christina zu, die vor dem Altare der allerseligsten Jungfrau saß, da sie
-in Folge des erlittenen Blutverlustes sich sehr schwach fühlte. Sie erlitt
-sogar einen leichten Ohnmachtsanfall, bei dem Petrus in ihrer linken
-Hand, die etwas unter dem Mantel hervorgekommen war, fünfzehn Malzeichen
-wahrnahm. Sie waren sämtlich rund von Gestalt, rötlich von Farbe und wohl
-geordnet. Das größte Malzeichen befand sich in der Mitte der Hand und
-hatte die Größe eines Sterlings. Um dieses herum waren vier andere, die
-etwas kleiner waren, so verteilt, daß sie ein Kreuz bildeten. Von den
-zehn übrigen, die noch kleiner waren, befanden sich zwei auf den unteren
-Fingergliedern. Christina hatte von ihrem himmlischen Bräutigam für die
-in der schrecklichsten Versuchung bewiesene Treue für die linke Hand,
-wie es ja bei Verlobten Brauch ist, ein bräutliches Abzeichen erhalten.
-Als die Komplet zu Ende war, wurde nach Landesbrauch zur Dämmerstunde
-die düstere Mette gesungen, gegen deren Ende die Lichter allmählich
-ausgelöscht werden und zu deren Schluß etwas Geräusch mit den Sitzklappen
-des Chorgestühls gemacht zu werden pflegt. In Stommeln scheint die Jugend
-für diesen geräuschvollen Schluß der Mette eine besondere Vorliebe gehabt
-zu haben. Als die Ordensbrüder nach dem <span class="fmarkd">Benedictus</span> das <span class="fmarkd">Kyrie eleison</span>
-sangen und alles finster war, fing, wohl aus Irrtum, die Jugend schon
-an vorzeitig Geräusch zu machen und die Erwachsenen halfen redlich mit.
-Während dieser Störung des Gottesdienstes wurde ein großer Teil des Volkes
-im Schiffe der Kirche mit Unrat besudelt. Christina aber blieb von der
-Besudelung unberührt,
-<span class="pagenum"><a id="Page_80" name="Page_80" href="#Page_80">[80]</a></span>
-wiewohl diejenigen, die um sie herum saßen, von
-ihr sämtlich betroffen wurden. Am meisten waren gerade jene besudelt
-worden, die ihre Zunge gegen Christina geübt und ausgestreut hatten, die
-Besudelungen, die Christina im Advent erlitten, seien Erdichtungen. Die
-Unruhe wurde durch die Besudelung noch gesteigert, legte sich dann aber
-allmählich und jeder begab sich nach Hause. Christina wurde von ihrem
-Vater nach Hause geführt; denn sie konnte vor Schwäche nicht allein gehen.
-Petrus begleitete sie bis zum Scheidewege, wo er auf dem andern Wege zum
-Pfarrhause hin abbog. Die ganze folgende Nacht war Christina wie entrückt
-und ihre Gedanken waren derart mit dem Leiden Christi beschäftigt, daß
-sie kaum beachtete, wenn man mit ihr sprach. Jungfrauen hielten bei ihr
-Wache. Am Morgen des Karfreitags gingen die Ordensbrüder Aldebrandino
-und Mauritius nach Cöln zurück, sprachen aber zuvor in Begleitung des
-Pfarrers bei Christina vor, sahen jedoch nichts anderes, als daß sie
-zu Bette lag und das Gesicht mit dem Schleier bedeckt hatte. Zur Zeit
-der Terz, d. h. um neun Uhr morgens, sprachen auch Petrus und Johannes
-vor und fanden Christina ganz starr wie eine Leiche. Sie gingen alsdann
-zur Kirche und hielten den Karfreitagsgottesdienst, wie es für diesen
-Tag Vorschrift und Brauch war. Nachmittags verfügten sich die drei
-wieder ins Kämmerlein Christinas, verrichteten ein Gebet, damit Gott
-ihnen zeigen möge, was, wie sie vermuteten, an Christina vorging, und
-dann sprach Petrus zu den beiden Johannes: „Ihr habt noch immer Zeit
-und Gelegenheit; ich aber werde bald abreisen und kann nicht hoffen,
-jemals wieder an solchem Tage an diesen Ort zu dieser Person zu kommen.
-Es würde mir sehr wehe tun, wenn ich des Trostes entbehren sollte, den
-ich hier zu finden hoffte. Ich hatte mich darauf gefreut, das jetzt
-selbst zu sehen, was ich im vorigen Jahre von andern gehört habe.“ Zum
-Pfarrer gewandt, sprach er dann: „Du weißt gar wohl, daß nur die Liebe
-Christi uns hierher führt und das Bestreben, der Wahrheit zu dienen und
-das Zweifelhafte aufzuhellen. Strecke nun, ich bitte Dich, Deine Hand
-aus und berühre ihre Fußsohle.“ Er tat es mit großer Scheu, und als er
-die Hand wieder zurückzog, war sie ganz mit Blut überronnen. Da sprach
-Petrus: „Lasset uns eines von den Mädchen rufen, damit dieses uns die
-äußersten Teile der Füße aufdecke und wir so feststellen können,
-<span class="pagenum"><a id="Page_81" name="Page_81" href="#Page_81">[81]</a></span>
-was dieses bedeutet.“ Da die Beiden, so fährt Petrus fort, mit dem Vorschlage
-einverstanden waren, rief ich Hilla vom Berge und ersuchte sie, den
-untersten Teil der Füße Christinas aufzudecken. Diese entschuldigte sich
-anfangs, gab aber doch meiner Bitte und ihrer Begründung nach und tat,
-was ich wünschte, mit großer Ehrfurcht und heiliger Scheu. Und wir alle
-vier sahen, was ich hier schreibe: In der Mitte des rechten Fußes, und
-zwar an seiner obern und untern Seite, war eine Wunde, etwas größer als
-ein Sterling, und aus ihr flossen vier Bächlein Blutes von ziemlicher
-Breite, jedoch nicht auf die Zehen hin, sondern seitwärts. Da wir das
-sahen, suchte jeder von uns sich einen Winkel, um seinen Tränen freien
-Lauf zu lassen, weil Christina mit dem Heilande litt, und seine Wunden
-an ihr zur Ausprägung gekommen waren. Als wir uns ausgeweint hatten,
-gingen wir zum Pfarrhause zurück, nahmen ein kleines Mahl, wie es sich
-für den Tag schickte, und gingen dann vor der Komplet wieder zum Hause
-Christinas. Sie atmete nicht und war ganz starr. Ich sprach deshalb zum
-Pfarrer: „Laßt uns doch versuchen, an ihrem Haupte nachzuschauen, ob auch
-dort sich ein Merkmal des Leidens Christi vorfindet!“ Dieser erwiderte:
-„Ich sehe nicht, wie das möglich ist. Denn Gesicht und Kopf hat sie mit
-größter Sorgfalt verhüllt.“ Sie hatte nämlich die Arme kreuzweise über
-die Brust gelegt, so daß die Hände die Wangen berührten, und hielt dabei
-den vordern Saum des Schleiers, womit sie Kopf und Gesicht geschickt
-verhüllt hatte, zwischen den Fingern fest. Auf mein abermaliges Ersuchen
-machte indes der Pfarrer den Versuch, die Stelle am rechten Ohre in etwa
-aufzudecken. Soviel ich jedoch bemerken konnte, war dort kein Wundmal
-zu sehen. Als er aber das Gesicht aufgedeckt hatte, sahen wir auf der
-Stirne drei Blutbächlein von je zwei Finger Breite wie aus einem Quell
-herabfließen. Das mittlere strömte auf die Nase, die beiden anderen auf
-die Schläfen zu. Aus Ehrfurcht vor der göttlichen Gegenwart, die sich hier
-in so deutlichen Zeichen zu erkennen gab, trugen wir Scheu, das göttliche
-Geheimnis weiter zu erforschen. Wir hörten jedoch nach dem Ostertage von
-den Jungfrauen, die Christinas Vertraute waren, daß auch ihr Untergewand
-dort, wo es die Herzgegend berührte, in Handbreite mit Blut getränkt war.
-Und während der Osteroktav haben wir selbst, als wir mit Christina aßen,
-an beiden Händen die Spuren
-<span class="pagenum"><a id="Page_82" name="Page_82" href="#Page_82">[82]</a></span>
-der Wundmale auf der Vorder- und Rückseite
-deutlich wahrgenommen. Vor Sonnenuntergang kam Christina wieder zu sich
-und ich fragte sie: „Wie befindest Du Dich?“ &mdash; Sie antwortete ganz leise:
-„Ich bin sehr schwach. Rede nicht weiter mit mir; denn ich kann Dir nicht
-antworten vor Bitterkeit im Munde und Gaumen.“ Wir ließen nun Christina
-allein und gingen zur Kirche. Am Karsamstage zur Zeit der Komplet, während
-Bruder Johannes in der Kirche Beicht hörte, ging ich wieder zu Christina,
-an der ich große Herzensfreude wahrnahm. Wir unterhielten uns über die
-beschauliche Betrachtung und Liebe Gottes, wobei Christina reichlichen
-Stoff lieferte. Am Ostermorgen begab sie sich ganz in der Frühe, zu
-Pferde, in weltlicher Kleidung, von ihrem Vater begleitet, zur Kirche.
-Sie hatte nämlich an Stelle des Mantels ein leinenes Tuch umgelegt. Sie
-begab sich zu Pferde zur Kirche, weil die Wundmale an den Füßen sie am
-Gehen hinderten. Auch hoffte sie so, unerkannt zu bleiben und das, was
-an ihr geschehen war, zu verheimlichen. Weil nämlich im vorigen Jahre der
-Pfarrer ihr die h. Kommunion am Ostertage ins Haus gebracht hatte, war aus
-diesem Anlasse Gerede entstanden und das Gerücht über ihre Wundmale hatte
-sich verbreitet. Christina empfing in der ersten Messe die h. Kommunion,
-blieb dann vollständig verzückt bis nach Mittag und kam ganz zu sich vor
-der Komplet. Während der Osteroktav kam auch Bruder Wipert wieder nach
-Stommeln und hielt eine Predigt, während der Christina in Verzückung kam
-und in ihr blieb bis zur Vesper. Am Samstage vor weißen Sonntag sprach
-Bruder Salomon aus Ungarn auf der Durchreise nach Paris in Stommeln vor,
-um dort seinen Freund, Bruder Petrus, zu begrüßen. Dieser erzählte ihm von
-den Wundmalen Christinas und Salomon wünschte gar sehr, diese zu sehen.
-Petrus sagte ihm, dann möge er sich wohl hüten, Christina über diese
-Dinge zu befragen, weil sie dann gleich ihre Hände verbergen würde; er
-solle vielmehr zusehen, ob an seinen Kleidern nichts aufzubessern sei,
-und Christina dann bitten, die Ausbesserung vorzunehmen. Und wirklich
-fand Wipert, daß an seiner Kapuze sich eine Naht aufgetrennt hatte. Er
-bat nun Christina, sie möge die Naht wieder zunähen, und während sie daran
-arbeitete, war es Bruder Wipert vergönnt, die Spuren der Wundmale an ihren
-Händen zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_83" name="Page_83" href="#Page_83">[83]</a></span>
-Am weißen Sonntag kam zur Vesperzeit hoher Besuch in Stommeln an. Zu
-Pfingsten sollte das Generalkapitel des Dominikanerordens in Paris
-gehalten werden. Alle drei Jahre fanden diese Generalkapitel statt und
-zwar abwechselnd einmal jenseits, das andere Mal diesseits der Alpen. Auf
-der Hinreise zu diesem Kapitel hielten nun der Cölner Prior, Hermann von
-Havelbrech, und der Prior von Straßburg, Arnold von Xanten, der damals
-Definitor des Generalkapitels war, mit ihren Gefährten in Stommeln an.
-Die Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln war schon vorher mit den
-Stiftsfräulein eingetroffen, um die Brüder, dreizehn an der Zahl, auf
-ihrem Hofe aufzunehmen und zu bewirten. Montags besuchte Prior Hermann
-Christina und sprach bei der Rückkehr das bezeichnende Wort: „Dieses
-Antlitz ist nicht dasjenige eines Menschen, der auf Erden wandelt.“
-Petrus stimmt diesem Urteile bei und fügt hinzu: „Ueber dieses Antlitz
-war auch körperlich ein Anflug von Glanz ausgegossen, wie ich ihn nie
-im Angesichte eines sterblichen Menschen, mit Ausnahme eines Einzigen,
-wahrgenommen habe.“ Dieser Einzige wird wohl der große h. Thomas von
-Aquin gewesen sein, der nachmals in Paris Lehrer des Petrus war und mit
-der Sonne verglichen zu werden pflegte. Petrus hielt die Messe von der
-seligsten Jungfrau und der Prior Arnold predigte in derselben über das
-Evangelium: „<span class="fmarkd">Stabat iuxta crucem Jesu</span> &mdash; Es stand neben dem Kreuze
-Jesu seine Mutter“, das die Weltpriester um jene Zeit im Cölner Erzbistum
-zu lesen pflegten. Christina kam während der Predigt in Verzückung und
-blieb bis zum Abend ohne Bewegung und Empfindung. In diesem Zustande haben
-die meisten der Dominikaner sie beobachtet und sich daran sehr erbaut.
-Nachmittags setzten die einen der Brüder ihre Reise nach Paris fort, die
-andern, unter ihnen Petrus und Johannes, kehrten nach Cöln zurück.
-</p>
-
-<div id="Fabb_07" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb07.jpg'
- alt='7. Bild Christinas am Cölner Dom.'
- />
-<p class='caption'>7. Bild Christinas am Cölner Dom.</p>
-</div>
-
-<h2 id="kapi11" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Elftes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Christinas Briefwechsel mit Petrus während dessen Aufenthalt zu Paris
-(Mai 1269 bis Juli 1270).
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_84" name="Page_84" href="#Page_84">[84]</a></span>
-Der Prior von Dazien, Bruder Nikolaus Heinrich, kam vierzehn Tage später
-in Cöln an und brachte dem Bruder Petrus die Weisung, sich zur Vollendung
-seiner Studien nach Paris zu begeben. Der Prior reiste ohne Verzug weiter
-nach Paris zum Generalkapitel, dessen Definitor er war. Petrus konnte
-noch nicht allsogleich abreisen und folgte seinem Prior einige Tage
-später nach. Als Reisegefährten hatte er den Bruder Mauritius. Sie gingen
-über Stommeln, weil es nicht weit ablag von der Hauptstraße, die von
-Cöln nach Paris führte, um von den dortigen Freunden Abschied zu nehmen.
-Sie übernachteten in Stommeln und reisten am folgenden Tage nach dem
-Mittagessen weiter. Der Pfarrer Johannes von Stommeln sowie Christina und
-mehrere Andere begleiteten die beiden Brüder bis Ingendorf (Engendorp), wo
-sie tiefgerührt voneinander Abschied nahmen. Am Freitage vor Pfingsten,
-das auf den 12. Mai fiel, kamen die beiden Brüder in Paris an, also noch
-vor Zusammentritt des Generalkapitels, zu dem auch Thomas von Aquin aus
-Italien herübergekommen war. Im Kollegium von St. Jakob, das zur Zeit der
-großen französischen Revolution den führenden Männern als Versammlungsort
-diente und ihnen den Namen Jakobiner eingetragen hat, hielt der berühmte
-Aquinate in diesem und im folgenden Jahre philosophische und theologische
-Vorlesungen und gerade in diesem Kollegium nahm Petrus von Dazien Wohnung.
-</p>
-
-<p>
-Während der vierzehn Monate, die Petrus in Paris zubrachte, wurde zwischen
-ihm und Christina ein Briefwechsel in lateinischer Sprache geführt, der
-uns über Christinas Zustände einigen Aufschluß gibt. Christina scheint das
-Latein
-<span class="pagenum"><a id="Page_85" name="Page_85" href="#Page_85">[85]</a></span>
-einigermaßen verstanden zu haben. Sie führt einmal einen Hexameter
-an, ein anderes Mal läßt sie eine Stelle aus dem prächtigen Osterhymnus
-der Cölner Kirche einfließen und von der Uebersetzung eines Briefes sagt
-sie, daß sie dadurch zu vollerem Verständnis desselben gekommen sei.<a name='FA_38' id='FA_38' href='#FN_38' class='fnanchor'>[38]</a>
-Hätte sie das Latein nicht verstanden, so hätte sie auch nicht unter den
-Psalmen gerade diejenigen als Lieblingsgebete auswählen können, die auf
-ihre Lage ganz besonders paßten.
-</p>
-
-<p>
-Christinas Briefe, die sie dem Pfarrer Johannes und später dem
-Schulmeister Johannes diktierte und die diese dann lateinisch
-niederschrieben, sind gewöhnlich kürzer gehalten als die des Petrus, die
-sich meist in frommen Betrachtungen und Tröstungen ergehen. Christinas
-Briefe, die für uns wichtiger sind, geben wir dem Wortlaute nach
-vollständig wieder, die des Petrus nur auszugsweise. Die Ausdrucksweise
-dieser Briefe ist die des dreizehnten Jahrhunderts, die, was Herzlichkeit
-anbelangt, die jetzt herrschende Form bedeutend überbietet. Auch lehnt
-sich die Sprache mitunter an die des Hohen Liedes an.
-</p>
-
-<p>
-Seit der Abreise des Petrus bis zum Dreifaltigkeitssonntage befand sich
-Christina wohl, dann litt sie einige Zeit hindurch an dreitägigem Fieber
-und danach kamen neue Plagen des Teufels. Kurz nach Johannis Geburt
-schrieb hierüber Christina an Petrus folgenden Brief:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Dem geliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris entbietet seine Tochter
-Christina in Stommeln ihre Gebete im Herrn. Ich glaube Euch mitteilen zu
-sollen, daß Euere Abreise mich mehr, als ich geglaubt hätte, angegriffen
-hat. Denn ich gedenke Euerer treuen Anhänglichkeit und meiner geringen
-Dankbarkeit. Ich hoffte und hoffe noch, Ihr würdet mich beerdigen. Ihr
-habt mich um Einiges gefragt, worüber ich Euch keine Auskunft gegeben
-habe und das tat mir später leid. Denn ich sehe ein, daß es gut für mich
-gewesen wäre, wenn ich Euch jene Dinge und mehreres Andere mitgeteilt
-hätte. Auch möget Ihr wissen, daß ich seit dem Feste des h. Johannes
-des Täufers weder beten noch beichten kann, ohne daß der Dämon mich mit
-einem glühenden Eisen brennt und mir äußerlich und innerlich am Munde
-Brandblasen verursacht. Diese Plage wird voraussichtlich dauern bis Mariä
-Himmelfahrt. Früher habt Ihr mir in Eurer Treue viele Freunde erworben;
-auch jetzt wollet mich, ich bitte Euch darum, dem Gebete vieler empfehlen.
-Durch den Ueberbringer dieses Briefes würde ich Euch zwei Korporalien
-haben zugehen
-<span class="pagenum"><a id="Page_86" name="Page_86" href="#Page_86">[86]</a></span>
-lassen, wenn er sie hätte mitnehmen wollen. Wenn Ihr immer
-einen Wunsch habt, so tut ihn mir kund; ich will ihn erfüllen. Lebet wohl,
-Teuerster. Der Herr Pfarrer läßt Euch grüßen. Betet für meinen Vater, wie
-ich Euch darum ersucht habe. Ich sehne mich danach, Euch wiederzusehen.
-Besuchet mich doch, sobald Ihr könnt.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Diesen Brief erhielt Petrus am Feste Mariä Himmelfahrt. Er aber hatte
-gleich nach seiner Ankunft in Paris an Christina einen Brief geschrieben,
-um sie zu trösten über den Schmerz des Abschiedes. Dieser Brief, den
-Bruder Mauritius nach Stommeln überbrachte, hatte sich mit Christinas
-Brief gekreuzt. Auf diesen Brief des Petrus schickte Christina etwas nach
-Kreuz Erhöhung folgendes Antwortschreiben:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Dem in Christo geliebten, teuersten Bruder Petrus von Dazien aus dem
-Predigerorden zu Paris entbietet Christina von Stommeln den Ausdruck
-ihrer Liebe und die Gabe ihres Gebetes. Aus Euerem Briefe ersah ich,
-welch' besondere Liebe Ihr zu mir heget. Ich wundere mich nicht darüber,
-daß Ihr dasjenige, was innerlich im Herzen, dem Auge des Herrn allein
-sichtbar, vorgeht, auch äußerlich durch Wort und Schrift zu erkennen
-gebet. Doch wisset, daß auch die Liebe, die ich zu Euch im Herrn trage,
-nicht gemindert wurde durch Euer Weggehen; ich empfinde sie vielmehr
-jetzt bei Euerm Fernsein lebhafter als bei Euerem Hiersein, und wenn
-ich Euer im Gebete gedenke, so füllen sich meine Augen mit Tränen bei
-der Erinnerung an Eueren treuen Beistand und Euere Liebe in Christo. Als
-ich Eueren Brief lesen hörte, konnte ich die Tränen nicht unterdrücken,
-wiewohl das ausgesprochene Lob mir nicht zukam, ich aber doch durch die in
-ihm hervortretende liebevolle Gesinnung vollkommen getröstet wurde. Auch
-der Umstand, daß gerade Bruder Mauritius den Brief überbrachte, vermehrte
-meine Betrübnis an jenem Tage, weil er bei der Abreise Euer Begleiter
-war. Ihr ginget damals so schnell fort, und vor großer Betrübnis konnte
-ich nicht so zu Euch reden, wie ich es wünschte. Und wenn Brüder aus
-Euerer Gegend hierher kommen, so befällt mich Traurigkeit, da ich Euch
-ferne weiß in der Verbannung. Aus Eueren Worten schöpfte ich besondern
-Trost. Und wenn Ihr vom Geliebten sprachet, dann sah ich Euch in solcher
-Begeisterung, daß auch mein Herz mit Freude erfüllt wurde und in Jubel
-ausbrach. Diese Freude aber und diesen Jubel konnte ich vor Niemanden
-kundgeben als vor Euch, weil Ihr mich verstandet. Gerade deshalb bin ich
-betrübt, weil ich seit Euerem Weggange niemanden mehr habe, vor dem ich
-mich so geben könnte und dürfte. Denn ich fürchte mich vor Jedermann,
-und mit niemanden kann ich verkehren wie mit Euch. Einstmals, als ich in
-Leiden war, habt Ihr mir liebevolle Aufmerksamkeit erwiesen, und ich habe
-Euch mit
-<span class="pagenum"><a id="Page_87" name="Page_87" href="#Page_87">[87]</a></span>
-dem Gegenteil vergolten. Doch nicht Euretwegen benahm ich mich
-so, sondern wegen anderer Dinge, die in meinem Herzen vor sich gingen.
-Ich bitte Euch deshalb, es mir nicht zu verübeln. Ich versichere Euch,
-daß ich in meinen Trübsalen niemanden lieber zum Beistande habe als Euch.
-Ihr waret immer bereit, zu mir zu kommen, wenn ich geplagt wurde. Derohalb
-bin ich jetzt betrübt, weil ich seit Euerer Abreise manches leiblich und
-geistig erduldet habe, und ich Euch dieses lieber mündlich als schriftlich
-mitteilen möchte.
-</p>
-
-<p>
-Beständige Trübsale, die acht Tage vor dem Feste des h. Johannes
-des Täufers ihren Anfang nahmen, suchten mich heim bis zum Feste der
-Himmelfahrt der allerseligsten Jungfrau. So oft ich zum Tische des Herrn
-ging, wurde ich am darauffolgenden Tage zur Zeit der Komplet durch ein
-glühendes Eisen erschreckt, ebenso, wenn ich beichten wollte, so daß
-ich vergaß, was ich sagen wollte. Auch bin ich vierzehn Tage hindurch,
-wenn ich mich anschickte, zum Tische des Herrn zu gehen, in solche Angst
-geraten, daß ich glaubte Blut zu schwitzen. Nachher vermochte ich nicht,
-der h. Messe beizuwohnen oder das Wort Gottes zu hören oder von Gott zu
-reden oder zu ihm zu beten, ohne durch jenes glühende Eisen erschreckt zu
-werden. Und wenn ich nach dem Empfange des Leibes des Herrn mich an meinen
-gewohnten Platz verfügte, so blieb mein Herz ohne allen Trost. Das war für
-mich über alles Maß bitter, und so ging es fort, bis zu genanntem Feste.
-Schließlich bin ich außen am Munde sichtbarlich verbrannt worden, so daß
-sich ums Kinn weiße Brandblasen zeigten. Nachdem dieses Verbrennen eine
-Zeit lang gedauert hatte und dann Heilung eingetreten war, wurden mir in
-einer Nacht die Ohren verbrannt. Als dies nachließ, wurden mir Augen und
-Stirne versengt und zwar so erbärmlich, daß es das Mitleid meiner Freunde
-erregte. Denn die Augen waren in Folge der Verletzung angeschwollen und
-große Brandblasen waren über denselben aufgetreten. Später wurde mir
-auf der Straße in Gegenwart des Bruders Wilhelm Bonefant und des Bruders
-Gotfrid von Werden die Nase versengt. Während ich nun solche Plagen am
-Körper erlitt, erduldete ich noch größere in meiner Seele infolge von
-Versuchungen. Denn der Dämon riet mir, ich sollte meinen Gott verleugnen
-und so sein, wie die übrigen Menschen. Und wenn ich dann überdachte,
-wie ich an Leib und Seele gequält wurde, und alles göttlichen Trostes
-entbehrte, dann wurde ich so niedergeschlagen, daß es zuweilen schien,
-als sei ich von meinem Gott ganz und gar verlassen. Ich verlor dann ganz
-meine Fassung, wie Ihr es einmal gesehen habt. Mitunter, wenn ich beten
-oder beichten wollte, kam es mir vor, als ob mein ganzer Leib und das
-Buch in meinen Händen, ja auch mein Herr Pfarrer selbst, bei dem ich
-beichtete, in Flammen stände. Später wurde meiner Schwester Gertrud, als
-<span class="pagenum"><a id="Page_88" name="Page_88" href="#Page_88">[88]</a></span>
-sie bei mir im Bette schlief, nachts die Nase versengt, weshalb sie in den
-folgenden Nächten sich von mir fern hielt. In der letzten Nacht (vor Maria
-Himmelfahrt) hatte ich vom ersten Hahnenschrei bis kurz vor Tagesanbruch
-einen jammervollen Kampf zu bestehen. Der Dämon kam mit einem glühenden
-Eisen und durchbohrte mir damit die Ohren, und während er das Eisen in
-meinen Ohren festhielt, rief er, ob ich jetzt meinen Gott verleugnen
-wollte; sonst wolle er mich auf der Stelle töten; denn er habe Macht dazu.
-Ich antwortete, seine Mühe sei vergeblich; denn ich sei bereit, tausendmal
-für Christus den Tod zu erdulden. Als ich das gesagt, kam ein Feuerstrom
-wie aus einem Ofen und verbrannte mir das ganze Gesicht, so daß ich die
-ganze Nacht dalag und sozusagen nicht wußte, wo ich war.
-</p>
-
-<p>
-Als ich wieder zu mir kam, war es mir zu Mute, als wollte ich
-dergleichen noch mehr leiden, und alle Plage der Seele und des Leibes war
-gänzlich von mir gewichen.
-</p>
-
-<p>
-In derselben Nacht waren mir auch vier Dämone erschienen. Sie standen
-da, wie wenn sie gezwungen gewesen wären, zu erscheinen und nannten
-ihre Namen. Sie bekannten, wenn auch ungern, daß der Allerhöchste ihnen
-Erlaubnis gegeben habe, solches an mir zu tun, sie aber dafür desto
-größere Pein zu leiden haben würden. Schließlich sprach ich unerschrocken:
-„Ich beschwöre euch in Kraft des Leidens Christi: warum habt ihr mich so
-verbrannt?“ Sie erschienen und antworteten, weil Gott meine Sinne für das
-Fest habe reinigen wollen. Als sie nun anfingen, mich zu loben, wandte
-ich mich zum Gebete. Da nun taten sie, als ob sie weinten und entflohen
-dann mit einem solchen Getöse, als ob sie das Dach mit sich genommen
-hätten. Tags darauf sah mein Gesicht ganz verbrannt aus. Wangen, Augen,
-Nase und Stirne, alles war voller großer Brandblasen. Ich kam allen vor,
-als hätte ich kein Angesicht mehr; ich war wie eine Aussätzige und von
-Gott Geschlagene. Auch vorher hatte ich viele Mißhandlungen im Angesichte
-erlitten, wovon noch Narben zu sehen sind. Nachdem dies alles vorüber war,
-erschien mir der Dämon zweimal in Gestalt eines Begarden. Ich fragte ihn,
-was er wolle, und warum er mich verfolge. Er antwortete: „Ich verfolge
-dich, um dich zum Zorne zu reizen oder zu anderen Sünden. Du aber erhebest
-gleich deine Hände zu Gott und betest um Nachlaß der Sünden. Er aber ist
-barmherzig und vergibt dir, und so bemühe ich mich vergeblich.“
-</p>
-
-<p>
-Am Mittwoch nach Kreuzerhöhung befand ich mich abends in meinem
-Kämmerlein, damit beschäftigt, mich auf die h. Kommunion vorzubereiten,
-die ich am kommenden Morgen zu empfangen gedachte. Ein Licht brannte
-auf dem Stuhl, der neben meinem Bette stand. Da kam der Dämon in Gestalt
-meines Bruders, der in
-<span class="pagenum"><a id="Page_89" name="Page_89" href="#Page_89">[89]</a></span>
-Cöln wohnt, und in sein Wamms gekleidet, herein.
-Er machte den Eindruck eines stark Verwundeten und war voll Blut. Er
-sprach zu mir: „Erschrecke nicht, geliebteste Schwester! Siehe, da ich
-hierher kommen mußte, wie ich es mitunter zu tun pflege, kamen feindliche
-Menschen und verwundeten mich. Hilf mir also meine Wunden verbinden und
-mache, daß Mutter nichts davon gewahr wird.“ Ich warf mich nieder zum
-Gebete, erkannte, daß es der Dämon war und rief aus: „Blutdürstige Bestie,
-was verfolgst du mich?“ Er entgegnete: „Ich sehe, du hast wieder andere
-Ratschläge; diese Wunden hast du mir verursacht.“ Bei diesen Worten
-verschwand er. Als ich neulich in der Kirche im Gebete hingestreckt war,
-wurde ein Teil der Türe zertrümmert, ich wurde verwundet, verlor meine
-Schleier, und das Buch, das Ihr mir so schön ausgeziert habt,<a name='FA_39' id='FA_39' href='#FN_39' class='fnanchor'>[39]</a> wurde
-entwendet und ist fort. Infolge der erlittenen Verwundung konnte ich acht
-Tage lang nicht gehen und ich fürchte, daß ich das Schmerzgefühl nicht los
-werde. Dies alles schrieb ich Euch, damit Ihr mit mir Gott herzlich danket
-für alle seine Wohltaten; denn er kommt mir stets in der Trübsal zu Hülfe
-und führt alles zu einem guten Ende. Ich habe niemanden, dem ich diese und
-andere Vorgänge lieber mitteile als Euch; denn es ist anscheinend für mich
-heilsam, wenn Ihr davon wisset. Lebet wohl, ja tausendmal wohl! Es grüßt
-Euch bestens der Pfarrer, meine Mutter und mein Vater, deren Schulden mir
-einige Sorge machen und die ich deshalb Eurem Gebete empfehle. Es grüßen
-Euch meine Schwester Hilla und Hilla vom Berge, meine Nichte Hilla, die
-blinde Aleidis und ihre Nichte Engilradis. Durch den Ueberbringer lasse
-ich Euch einige Geschenke zugehen: ein Biret zum persönlichen Gebrauch
-und ein Käppchen. Es ist Gewürz darin zum essen. Wenn ich sonst noch
-etwas hätte, was Eueren Wünschen entspräche, so würde ich es Euch gerne
-schicken. Hilla vom Berge sendet Euch ihren Schleier. Ich bitte Euch bei
-der Liebe Gottes, wenn Ihr etwas von mir zu erhalten wünscht, so lasset
-es mich wissen. Es quält mich sehr, daß ich nicht weiß, wie lange Ihr dort
-bleiben müßt, und ich kann ohne Betrübnis nicht daran denken. Auch möchte
-ich gerne wissen, wie es mit Euerer Gesundheit steht. Schreibet mir doch
-bald darüber. Auch bitte ich Euch bei der Liebe meines Gottes, wenn Ihr
-aus dieser Welt scheidet, so lasset mich, wenn Ihr es bewirken könnt,
-nicht lange nach Euch in dieser Verbannung zurück. Noch einmal: Lebet
-wohl! Empfehlet mich getreulich Euern Freunden ins Gebet. Die Reklusen
-grüßen Euch bestens. Betet für sie; denn sie tun mir Gutes. Betet für
-<span class="pagenum"><a id="Page_90" name="Page_90" href="#Page_90">[90]</a></span>
-Bruder Gerhard vom Greif; denn er ist sehr krank, und man fürchtet, daß
-er stirbt. Er ist mir ein sehr treuer Beistand.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Petrus erwiderte den Brief Christinas mit einem längern schönen
-Antwortschreiben, in dem er darauf hinweist, daß nur die Liebe Christi
-ungeteilt unser Herz beherrschen muß. Er schließt mit den Worten: „Es
-lebe und wachse in Euch die Liebe Christi, es lebe die Demut, es lebe
-die Freundschaft, deren Ziel in den Worten ausgesprochen ist: Betet für
-einander, damit ihr selig werdet.“ Christina erhielt diesen Brief des
-Petrus mit andern am 18. Dezember 1269. Um diese Zeit, es war ja der
-Advent, war sie wiederum heimgesucht von allerlei neuen schrecklichen
-Plagen, die eine Steigerung alles bisher Dagewesenen darstellen und
-sich sogar bis zu einer Art Besessenheit (<span class="fmarkd">obsessio</span>) erhoben, in der
-der Teufel sich der Sprachorgane Christinas bediente, um zu sagen, was
-dieser innerlich ganz und gar widerstrebte. Hierüber machte sie in den
-Weihnachtstagen dem Petrus Mitteilung, wie folgt:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Ihrem vertrautesten Freunde und getreuesten Vater in Christo, dem
-Bruder Petrus von Dazien in Paris, entbietet seine Tochter Christina
-den Ausdruck ihrer großen Liebe und ihr Gebet. Teuerster, ich kann
-Euch nicht genug danken für die Briefe, die Ihr seit Euerer Abreise mir
-mehrmals geschickt habt. Mein größter äußerlicher Trost besteht darin,
-von Euch etwas zu vernehmen. Darum kann ich auch Euere Briefe nicht lesen
-hören ohne Tränen zu vergießen. Ich habe sie alle noch beisammen und
-verwahre sie bis zu Euerer Rückkunft. Im Briefe vom Mittwoch nach dem
-Sonntag Gaudete (3. Sonntag des Advents) führt Ihr Beschwerde darüber,
-daß Euch keine Mitteilung geworden sei über die zugesandten Geschenke
-und über meinen Zustand. Das ist allein dem Umstande zuzuschreiben, daß
-der Bote zu schnell wegging. Ich würde Euch weit häufiger über meinen
-Zustand unterrichten, wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte. Den
-Verbrüderungsbrief Eueres Ordens besitze ich nunmehr.<a name='FA_40' id='FA_40' href='#FN_40' class='fnanchor'>[40]</a> Ich danke Euch
-herzlich für denselben.
-</p>
-
-<p>
-Ihr erkundigt Euch nach meinen Leiden, von denen Ihr gerne etwas
-erfahren möchtet. So wisset denn, daß ich vor Allerheiligen vierzehn Tage
-hindurch eine eigenartige Versuchung hatte. Es kam mir vor, als ob ich
-alles, was ich betete, im Namen des Dämons betete. Das verursachte mir
-großes Leidwesen. Was ich sagte, sagte auch der Dämon. Bei der Erhebung
-der Hostie konnte ich den Leib des Herrn nicht sehen, sondern der Dämon
-kam mir vor die
-<span class="pagenum"><a id="Page_91" name="Page_91" href="#Page_91">[91]</a></span>
-Augen und sprach: „Schau! nun siehst du, daß ich dein Gott
-bin.“ Und wenn ich meine Knie beugen wollte, so stieß er mich so heftig
-auf die Knie, daß ich nicht von der Stelle konnte. Als ich am Mittwoch vor
-dem Feste (das auf den Freitag fiel) in der Kirche war, kam der Dämon,
-raffte zwei Häringe aus einer Schüssel, beschmutzte diese und warf sie
-mit dem Schmutze in die verschlossene Beginenklause. Auch sagte er mir, er
-habe einer ältern Begine, die mir nicht wohlgesinnt war, aus der Klausur
-des Beginenhauses ungefähr zehn Cölnische Schillinge herausgeholt und sie
-in die Abortsgrube der Dominikaner geworfen. Diese fand denn auch, daß dem
-so war. In der Nacht blieb ich mit meinem Vater und meinen Befreundeten in
-der Kirche. Da zerdrückte mir der Dämon alle Glieder und nahm mir einen
-Schuh vom Fuße weg, den er dann später im Hause meines Vaters vor meinen
-Augen dem Knechte an den Kopf warf. Auch warf er ein Fenster ins Haus
-hinein mit solch schrecklichem Getöse, daß mein Bruder fast wahnsinnig
-wurde. Einmal als ich betete, verletzte er mich an der Nase, sodaß sie
-blutete. Am Vorabende von Allerheiligen entwich er mit gewaltigem Gebrüll
-und unter Besudelung der Klause in Gegenwart der Hilla von Ingendorf und
-der Reklusen. Auch nannte er seinen Namen vor ihnen und sagte, er heiße
-Barlabam. Am Feste Allerheiligen blieb ich ohne alle göttliche Tröstung
-und auch nachher habe ich solche selten genossen.
-</p>
-
-<p>
-Seit jener Zeit bis Weihnachten hatte ich fortwährend zu leiden, was
-mir sonst niemals widerfahren ist. Es stiegen nämlich in meinem Herzen
-ohne Unterlaß Gedanken auf über Gott, als ob er gerade so sei wie ein
-anderer Mensch. &mdash; Diese Plage darf kein anderer wissen, als Ihr allein.
-&mdash; Aus dieser Vorstellung entstanden dann wieder andere Gedanken, so daß
-es mir vorkam, mein Geliebter sei meiner nicht würdig. Und doch war mir
-dieses überaus widerwärtig und betrübte mich über die Maßen. Er wollte
-nämlich, daß mein Herz ihm fluche und seinen heiligen Namen lästere.
-Mehrere, auch einige von Eueren Ordensbrüdern, haben ja gehört, wie der
-Dämon deutlich aus meinem Munde heraus wider Gott redete. Und hierbei
-kam mir mein Bräutigam, der mir soviel Gutes erwiesen hat, vor, wie ein
-Nichtswürdiger, der voller Eifersucht ist. Im Widerstande gegen diese
-Versuchungen habe ich derart gelitten, daß mir Blut aus Mund und Nase
-hervordrang. Bei der Kommunion ging es mir gerade so. Welche Bitterkeit
-mir das verursachte, könnt Ihr Euch denken. Ich klage Euch das als meinem
-getreuen Beistande. Bestürzung befiel mich auch bei der Erinnerung an
-meine früheren Beziehungen zu meinem Bräutigam, und daß an Stelle von
-Tröstung und Freude nunmehr gänzliche Bitterkeit mein Anteil sei. Eine
-andere Versuchung betraf meinen Herrn Pfarrer. Was
-<span class="pagenum"><a id="Page_92" name="Page_92" href="#Page_92">[92]</a></span>
-immer er tat, mochte
-er nun meine Beichte hören oder mir den Leib des Herrn reichen, nichts
-von dem, woran ich doch früher soviele Freude hatte, gefiel mir, und er
-selbst kam mir vor wie ein Nichtswürdiger. Zu alle dem hatte ich noch eine
-Versuchung, die ich weder dem Herrn Pfarrer noch einem andern Menschen
-offenbaren konnte. Ihr wollet ihrethalben, wie ich vertraue, zu Gott für
-mich beten.
-</p>
-
-<p>
-Mit meinen äußern Leiden verhielt es sich folgendermaßen: Gleich
-nach dem ersten Adventssonntage kam der Dämon und warf die Türe meines
-Kämmerleins so ins Haus hinein, daß diejenigen, die darin waren, meinten,
-das Haus stürze ein. Hierauf brachte er einen Totenkopf, warf denselben
-hin und her und grinste mich aus seinen Augen heraus schrecklich an. Dann
-warf er denselben der Schwester des Pfarrers, Gertrud, an den Kopf und
-unserm Knechte in die Seite, band ihm dann denselben an den Hals und ließ
-ihn schließlich bei uns liegen. Fast die ganze Pfarre kam hierüber in
-Aufregung.
-</p>
-
-<p>
-Später warf er mit fürchterlichen Steinen meinem geliebten Vater nach
-dem Kopfe und brachte ihm zwei Wunden am Arme bei. Gertrud, des Pfarrers
-Schwester, verwundete er schrecklich an der Stirne. Eine Jüdin, die
-gerade hinzukam, nichts nach ihm fragte und sagte, er würde sich nicht
-unterstehen, ihr so etwas anzutun, warf er mit einem schweren Stein an
-den Kopf. Es tat mir wehe, daß er Leute meines näheren Bekanntenkreises
-so verletzte. Später warf er einen großen Stein zwischen die beiden
-Brüder Heinrich von Bedburg und Nikolaus. Dem Prior von Brauweiler biß er
-elf Wunden in die Hand. Auch dem Bruder Johannes von Muffendorf brachte
-er eine große Wunde bei. Den Pfarrer biß er in die Hand. Einem andern
-Mönche<a name='FA_41' id='FA_41' href='#FN_41' class='fnanchor'>[41]</a> brachte er fünf Bißwunden bei. Auch biß er eine Begine aus
-Brauweiler und Eueren Sohn Adolf, den Scholaren des Herrn Dechanten
-der Cölner Domkirche. Auch an mich machte er sich heran, warf mir mit
-einem Steine nach dem Kopfe, und verwundete mich so am Kopfe viermal,
-nach den Knien sechsmal, wobei er mich einmal verwundete, fünfmal auf
-den Rücken, und kratzte mich neulich wund am Knie mit der Scherbe eines
-Trinkkruges. Endlich warf er mich mit einem vierpfündigen Steine zwischen
-die Schultern, so daß ich Blut spie, mit fünferlei andern Steinen und mit
-Tierknochen. Fünfmal schnürte er mir in Gegenwart von Knaben die Finger
-und Fußgelenke so fest zusammen, daß Blut floß. Auch preßte er mir wie
-mit eiserner Hand die Zehen derartig zusammen, daß unter den Nägeln das
-Blut hervorquoll. Desgleichen preßte er meinen Arm so, daß er ihn beinahe
-verrenkte. Eine besondere Plage, welche die ganze Adventszeit hindurch
-andauerte, bestand darin, daß er mir ungezählte Wunden in den Rücken biß und
-<span class="pagenum"><a id="Page_93" name="Page_93" href="#Page_93">[93]</a></span>
-immer wieder mit den Zähnen in die Wunden einhackte, so daß das Blut
-von den Seiten und vom Rücken herabfloß. Auch biß er mich derartig in die
-Füße, daß die beiden Zahnreihen unter der Haut aufeinanderkamen. Er tat
-das mit aufgesperrtem Maule, und zwar so, daß er den Biß in die Fersen
-und Fußgelenke wiederholte. Jene, die das Blut fließen sahen, konnten sich
-des Weinens nicht enthalten.
-</p>
-
-<p>
-In der letzten Woche brachte er eine geschundene Katze, drückte sie
-mir mit Gewalt in den Mund und ließ sie darin stecken. Am folgenden Tage
-steckte er mir den Kopf einer Katze in den Mund, und mein Mund wurde dabei
-so voll Blut, daß die Umhersitzenden dasselbe herausfließen sahen. Auch
-stopfte er mir Fleisch von Thieräsern in den Mund. Er stieß mich mit den
-Füßen so gegen einen Sessel, daß man diesen nicht losbekommen konnte.
-Im Beisein der Brüder verbrannte er mein Oberkleid am Rücken und lies
-ein kleines Stück daran am Halse übrig. Auch mein Unterkleid verbrannte
-und zerriß er. Mein besseres Unterkleid nahm er mir im Beisein anderer
-weg, als ich es auszog. Er goß mir auch unsichtbaren Schwefel in den
-Mund, so daß ich nur solchen Geschmack im Munde hatte. Etwas wie eine
-Flamme erschien mir die ganze Nacht hindurch und es kam mir vor, als ob
-er sie mir in den Mund brächte. Zuweilen zeigte er sich als Ungeheuer
-mit fürchterlichen Zähnen und tat, als ob er mich verschlingen wollte.
-Stimmen ließen sich vernehmen wie die eines Ochsen und eines Schafes,
-was mir großen Schrecken einjagte. Oefters führte er hohe Gespräche über
-Glaubenssachen und führte dabei Schriftstellen an. Doch es gebricht mir
-die Zeit, Euch alles zu schreiben.
-</p>
-
-<p>
-Teuerster, Ihr könnt Euch nicht denken, welche Qual mir dies alles
-verursacht hat, zumal ich Euch, meinen allezeit getreuen Helfer, in
-meinen Leiden nicht bei mir hatte. Unzählige Tränen vergieße ich bei der
-Erinnerung an Euere Güte, Euer Mitleid und Euern hülfreichen Beistand.
-Wiederum muß ich Euch die Abwesenheit meines Geliebten klagen; denn ich
-kenne keinen Menschen, der mich in dieser Bitterkeit so versteht, wie Ihr.
-Doch beginnt der helle Tag in etwa zu leuchten.
-</p>
-
-<p>
-Ich danke Euch sehr für das mir gesandte Kleid und die andern Geschenke,
-die mir Freude machen. Ihr habt gezeigt, daß Ihr alles, was für mich gut
-ist, zur Ausführung bringt. Ich schreibe Euch dies alles, weil ich Euch
-Vertrauen schenke. Lebet wohl, geliebtester im Herrn! Betet für meinen
-Vater und für meine Mutter. Euch zu schreiben, wie es mir im Herzen ist,
-das vermag ich nicht wegen meiner Euch bekannten Scheu.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Der Pfarrer Johannes, der Christinas Brief geschrieben, fügte demselben
-folgende Nachschrift bei:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_94" name="Page_94" href="#Page_94">[94]</a></span>
-„Der Pfarrer bittet Euch, noch folgende Mitteilungen entgegen zu nehmen:
-Ihr möget wissen, Bruder Petrus, daß Euere Tochter Christina am Vorabende
-von Weihnachten glänzend befreit worden ist. In Gegenwart vieler &mdash; es
-waren anwesend Bruder Gerhard vom Greif und sein Gefährte, der Prior von
-Brauweiler mit seinen Begleitern und noch mehrere andere &mdash; rief der Dämon
-laut und allen vernehmbar, daß Gott gut sei und er gelogen habe; er heiße
-„Schütterich“ (<span class="fmarkd">scutericht</span>). Auch von den andern Versuchungen ward sie
-befreit und die Gnade Gottes ist reichlich zu ihr zurückgekehrt.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Drei Tage vor Lichtmeß, mithin am 30. Januar 1270, erhielt Petrus
-vorstehenden Brief Christinas. Er antwortete ihr in mehreren Briefen,
-die einzelne in Christinas Brief angeklungene Fragen des geistigen Lebens
-behandeln, nämlich das Unvermögen, vollständig das Empfinden wiedergeben
-zu können, die Abwesenheit des Geliebten, den Anbruch des Tages u. dgl.
-Er bittet Christina, ihm in einem Quatern, d. h. einem Hefte von vier
-Pergamentblättern in Folio, eingehendere Mitteilung über ihren Zustand
-zu machen. In der Fastenzeit sandte dann Christina dem Petrus folgendes
-Schreiben:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Dem in Christo vielgeliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris
-entbietet Christina, seine Tochter oder Schwester<a name='FA_42' id='FA_42' href='#FN_42' class='fnanchor'>[42]</a> in Stommeln, Gruß
-und was immer er gutes und nützliches sich wünschen mag. Teuerster,
-gar sehr bin ich um Euch bekümmert, und obgleich ich es Euch schon
-öfters geschrieben habe, so kann ich doch nicht umhin, Euch nochmals zu
-wiederholen, ein wie großes Verlangen ich nach Eurer Gegenwart habe, die
-für mich so vorteilhaft war, wie sehr ich Euch <em class="gesperrt">im Herzen Jesu Christi</em>
-liebe und wie ich danach verlange, einander wiederzusehen im Reiche
-unseres Gottes. Deshalb bitte ich Euch, Ihr wollet es doch, wo möglich,
-so einrichten, daß Ihr Euch einige Zeit zu Cöln aufhaltet. Dann kann ich
-Euch auch nicht genug danken für die Tröstung, die Ihr mir durch Euere
-Briefe bereitet habt und die so wohltuend für mich war. Gott wolle es Euch
-ewig vergelten. Was nun Euern schon früher geäußerten Wunsch anbelangt,
-ich solle Euch über meinen Zustand Aufschluß geben und das Betreffende
-in einem Quatern aufzeichnen, so habe ich mir vorgenommen, diesem Wunsche
-nach Möglichkeit zu entsprechen. Hierin habt Ihr ein Vorrecht; denn sonst
-niemanden auf Erden könnte ich wohl solche Mitteilungen machen. Mein
-Versprechen mache ich Euch in dem Vertrauen, daß ihr meine Mitteilungen
-Euerer Gepflogenheit gemäß sorgsam hütet, wie ich mich selbst hüte. Zudem
-<span class="pagenum"><a id="Page_95" name="Page_95" href="#Page_95">[95]</a></span>
-bitte ich Euch getreulichst, Ihr wollet mir doch recht viele Fürbitter
-verschaffen, und mir auch mit Euerm Gebete, worauf ich Vertrauen setze, zu
-Hülfe kommen. Denn ich bin in großer Bedrängnis. In jeder Nacht erdulde
-ich schweres Leid, so daß es mir vorkommt, als ob ich nicht länger
-leben könne. Ich empfinde solchen Ueberdruß an mir selbst, daß es mir
-scheint, diejenigen, die in der Welt sind, hätten ein besseres Leben. Auch
-verzweifle ich an Gott, obschon mir das zuwider ist. Das alles verursacht
-mir größere Pein, als ich Euch jetzt zu sagen vermag. Und mit Gottes Hülfe
-kämpfe ich so gegen diese Anfechtungen, daß mir durch Nase und Mund Blut
-hervordringt. An nichts Gutem habe ich mehr Freude. Habet doch Mitleiden
-mit mir! Ich fühle mich schwach am ganzen Körper, besonders in der Seite
-und am Kopfe. Aeußere Plagen habe ich jedoch seit Weihnachten vom Dämon
-keine zu erdulden gehabt. Am Mittwoch nach Invocabit (2. Fastensonntag)
-kam eine Menge von Dämonen in mein Kämmerlein und hielten ein Gespräch,
-wobei ich anfänglich zuhörte. Sie sprachen miteinander davon, wieviel
-Uebles sie mir zugefügt, in welchen Versuchungen sie mich überwunden
-hätten und in welchen sie überwunden worden seien, und welche Strafe sie
-dann erlitten. Als sie endlich weggingen, ließen sie die Fetzen meines
-Obergewandes zurück, das sie verbrannt hatten.
-</p>
-
-<p>
-Inständigst bitte ich Euch, lasset mich doch öfter wissen, wie es Euch
-geht. Wenn Ihr wüßtet, welche Freude mir Euere Briefe machen, würdet Ihr
-mir gerne schreiben. Es grüßen Euch mein Vater und meine Mutter. Ich bitte
-Euch, wie für mich, so auch für sie zu beten.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Diesen Brief erhielt Bruder Petrus am Tage des h. Petrus von Mailand (29.
-April) zugleich mit einem ganz kurzen Schreiben des Pfarrers Johannes.
-Dieser machte noch, jedoch ohne Vorwissen Christinas, Mitteilung davon,
-daß sie am Sonntag Reminiscere (2. Fastensonntag), während Bruder
-Gerhard vom Greif vom Leiden des Herrn predigte, die fünf Wunden sowie
-die Dornenkrone empfing und mit Galle getränkt wurde. Am Karfreitag
-erschienen desgleichen an ihren Händen und Füßen, sowie an der Seite und
-Stirne die Wundmale wie in den vorhergehenden Jahren. Vor Pfingsten hatte
-Christina drei Nächte nacheinander ein merkwürdiges Gesicht. Sie schaute
-und gewahrte alle Peinen der Hölle: Heulen und Weinen, Hammerschläge,
-Qual der Hitze und der Kälte, Kröten und Schlangen, Gestank und Qualm
-und viele andere, die sich mit Worten nicht ausdrücken lassen. Infolge
-dieses Gesichtes überfiel sie eine große Angst wegen ihrer Sünden, da
-sie sah,
-<span class="pagenum"><a id="Page_96" name="Page_96" href="#Page_96">[96]</a></span>
-welch unerträgliche Qualen in der Hölle und im Fegfeuer den
-Menschen treffen wegen der Sünden, die so bald vollbracht sind. Sie
-wünschte deshalb, sofern es dem Willen Gottes entspreche, daß eine
-von den Schlangen, die sie gesehen, sie quäle für ihre Sünden und sie
-reinige, damit sie so den Strafen des Fegfeuers entgehe. Und in der Tat,
-die Schlange kam auf sie zu, zischte ihr entgegen, ringelte sich um ihre
-Glieder und zernagte ihre Eingeweide, so daß Christina aufschrie vor Angst
-und Schmerz. Zwei Wochen dauerte diese furchtbare Qual. Dann verschwand
-die Schlange und die seligste Jungfrau kam im Schlafe zu Christina mit
-einem Becher in der Hand und sprach: „Nimm hin, Geliebteste, und trinke;
-dann wirst du gesunden und aller Schmerz wird von dir weichen.“ Süßer als
-Honig dünkte dieser Trunk der Schwergeprüften und drei Tage hindurch wich
-dieser Geschmack nicht aus ihrem Munde.
-</p>
-
-<div id="Fabb_08" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb08.jpg'
- alt='8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.'
- />
-<p class='caption'>8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.</p>
-</div>
-
-<h2 id="kapi12" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Zwölftes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Besuche des Petrus in Stommeln bei seiner Rückkehr von Paris.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_97" name="Page_97" href="#Page_97">[97]</a></span>
-Bereits zu Ostern 1270 war nach Cöln die Kunde gekommen, Bruder Petrus
-werde in Bälde aus Paris zurückkehren. Jedoch reiste er erst am Sonntage
-nach dem Feste des h. Jakobus (27. Juli 1270), begleitet von Bruder
-Nikolaus, von Paris ab und langte zwei Tage vor Maria Himmelfahrt
-in Stommeln an. Tags darauf machte Petrus der Christina einen kurzen
-Besuch. Es war ja der Vorabend des höchsten Marienfestes, ein Fasttag,
-den Christina, wie alle ähnlichen Tage, in strengster Zurückgezogenheit
-zuzubringen pflegte. Bruder Nikolaus drang darauf, noch am selben
-Tage nach Cöln zu gehen, um dort mit den Brüdern das Fest zu begehen.
-Bruder Hiddo jedoch, ein Ordensmann von hohem Ansehen, der neun Jahre
-hindurch Provinzial der deutschen Provinz gewesen, befand sich gerade
-in Stommeln. Er war Beichtvater und Ratgeber der Aebtissin Geva von St.
-Cäcilien in Cöln, die auf ihrem Hofe in Stommeln weilte, und Hiddo war
-deshalb zum Feste herübergekommen. Dieser riet den beiden Brüdern, in
-Stommeln zu bleiben bis zum Nachmittage des Festtages. Sie folgten dem
-Rate, übernachteten auf dem Hofe des Cäcilienstiftes und gingen am Maria
-Himmelfahrtstage nach Tisch mit Bruder Hiddo nach Cöln.
-</p>
-
-<p>
-Christina hatte in ihrem letzten Briefe an Petrus diesem den Wunsch
-ausgedrückt, er möge sich bei seiner Rückkehr aus Paris einige Zeit
-in Cöln aufhalten. Als nun Petrus bei Christina am Vorabende vor Maria
-Himmelfahrt vorgesprochen, hatte diese ihn gefragt, ob er sich in Cöln
-aufhalten würde. „Nein,“ hatte Petrus geantwortet, „es müßte denn ein
-unvorhergesehenes Hindernis eintreten.“ Christina hatte darauf erwidert:
-„Möchtet Ihr doch durch irgend etwas genötigt werden,
-<span class="pagenum"><a id="Page_98" name="Page_98" href="#Page_98">[98]</a></span>
-zu bleiben.“ Als
-die beiden Brüder nun zwei Nächte in Cöln geschlafen und Bruder Nikolaus,
-der für die Reise Vorgesetzter des Petrus gewesen zu sein scheint, am
-darauffolgenden Tage unbedingt abreisen wollte, wurde er in der Nacht von
-einem sehr heftigen Fieber ergriffen, das ihn sieben Wochen lang ans Bett
-fesselte und fast an den Rand des Grabes brachte. Während dieser Zeit kam
-Petrus eines Tages auf einige Stunden nach Stommeln. Bruder Mauritius
-nämlich und Bruder Andreas von Esch (<span class="fmarkd">acsiensis</span>) mußten studienhalber
-nach Paris reisen. Sie gingen über Stommeln und Petrus gab ihnen bis
-dahin das Geleit, mußte aber noch am selben Tage nach Cöln zurück, um die
-Nacht hindurch wieder bei dem kranken Gefährten Nikolaus sein zu können.
-In jenen Tagen kam Christina einmal nach Cöln und während sie dort war,
-raubte ihr der Teufel acht cölnische Schillinge (<span class="fmarkd">solidi</span>), die sie dem
-Petrus geben wollte, damit er sich dafür einen neuen Rock kaufen könne.
-Denn sie hatte gesehen, daß er dessen sehr bedurfte. „Doch, schreibt
-Petrus, der Teufel störte sich nicht an ihre Wohltätigkeit noch an meine
-Dürftigkeit.“
-</p>
-
-<p>
-„Als aber Bruder Nikolaus, so fährt Petrus fort, wieder zu Kräften
-gekommen war, ging ich ihm voraus nach Stommeln, um meine dortigen
-Freunde zu besuchen, und als ich am Tage des h. Erzengels Michael mich
-mit Christina über Gott und seine Liebe unterhielt, stellte sie im Laufe
-des Gesprächs an mich die Frage: „Bruder Petrus, da du jetzt von mir
-scheidest, so befrage ich dich über ein trautes Geheimnis: sage nur, wenn
-du es weißt, was ist die Ursache unserer gegenseitigen Liebe?“ Ich wurde
-stutzig und antwortete: „Ich glaube, daß Gott der Bewirker und Urheber
-unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft ist.“ Sie entgegnete: „Daran
-zweifle ich nicht; allein ich möchte wissen, ob dir in dieser Hinsicht
-ein unzweifelhaftes Kennzeichen und eine besondere Gnadenerweisung zuteil
-geworden ist.“ Ich suchte einer Beantwortung auszuweichen, weil ich nicht
-die Unwahrheit sagen wollte, und andererseits Vorwürfe des Gewissens
-fürchtete. &mdash; Petrus hatte nämlich am Christinatage des Jahres 1268 ein
-Malzeichen in der linken Hand erhalten, das er sorgfältig geheim gehalten
-hatte. &mdash; Christina aber fuhr fort: „Ich weiß, daß die Zeit unserer
-Trennung und meiner Verlassenheit ganz nahe bevorsteht. Deshalb offenbare
-ich dir ein Geheimnis, das ich dir sonst nicht mitgeteilt
-<span class="pagenum"><a id="Page_99" name="Page_99" href="#Page_99">[99]</a></span>
-haben würde.
-Erinnerst du dich noch, wie du zuerst zu mir gekommen bist gegen Abend mit
-Bruder Walter guten Angedenkens, wo ich dich zum ersten Male gesehen habe;
-ich saß nicht weit von dir, hatte mich auf ein Kissen etwas angelehnt und
-den Kopf geneigt?“ „Dessen erinnere ich mich,“ sagte ich. Sie aber fuhr
-fort: „In jenem Augenblicke erschien mir der Herr, und ich sah meinen
-Geliebten und ich hörte, wie er zu mir sprach: „Christina, kennst du
-den Mann, der dort an der Seite sitzt, nach der du den Kopf hingeneigt
-hast, und ist dir kund sein Loos?“ Ich antwortete: „Herr, diesen Mann
-kenne ich nicht und sein Antlitz habe ich niemals gesehen.“ Da sprach er
-weiter: „Betrachte diesen Mann genau; er ist dein Freund und wird es auch
-fürderhin sein und er wird Vieles für dich tun. Aber auch du sollst für
-ihn tun, was du für keinen andern Sterblichen tun wirst. Wisse auch, daß
-er mit dir im ewigen Leben vereinigt sein wird.“ Das nun, Bruder Petrus,
-ist die Ursache, weshalb ich dich liebe und weshalb ich so vertraut gegen
-dich bin.“ Während Christina dies sprach, dankte ich Gott unter Tränen,
-daß er mich zum Freunde einer solchen Person hatte machen wollen und zum
-Mitwisser so großer göttlicher Geheimnisse. Doch habe ich dies, was mir
-Gegenstand innigster Tröstung gewesen, in meinem Herzen verborgen gehalten
-... Ich hoffe aber durch Christi Freundin Christina Verzeihung der Sünden
-und Gnade zur Ausübung guter Werke zu erlangen. Am folgenden Tage, dem
-Tage des h. Hieronymus d. J. 1270, reisten Bruder Nikolaus und ich von
-Stommeln ab. Bruder Johannes Hespe und Bruder Helinrich, Studierende aus
-der Provinz Dazien, wie auch der Herr Pfarrer und seine Schwester Gertrud,
-Hilla vom Berge und Christina nebst mehreren andern Personen begleiteten
-uns eine Strecke Weges. Während ich nun mit Christina einherschritt,
-übergab sie mir den Quatern, worin Einiges über ihren Zustand, das sie auf
-meinen Wunsch hin hatte aufzeichnen lassen, enthalten ist. Dieser Quatern
-ist meines Erachtens gemeint, wenn oben gesagt wurde, sie werde für mich
-tun, was sie für keinen andern Sterblichen tun werde. Als wir zwei nun des
-Weges gingen, der eine ebenso betrübt und traurig wie die andere wegen
-der bevorstehenden Trennung, sprach ich endlich: „Teuerste Christina,
-es ist Zeit Abschied zu nehmen. Lebe wohl im Herrn.“ Als sie das hörte,
-antwortete sie nicht, sondern verhüllte mit dem
-<span class="pagenum"><a id="Page_100" name="Page_100" href="#Page_100">[100]</a></span>
-Mantel ihr Gesicht, setzte
-sich auf die Erde und weinte reichlich und bitterlich. Da ich sie so
-weinen sah, rief ich dem Bruder Nikolaus, der etwas vorangegangen war,
-er möge zurückkommen, um sich von Christina zu verabschieden, damit wir
-dann weiter reisen könnten. Als dieser zurückkam, stand Christina auf.
-Wir verabschiedeten uns nun, empfahlen uns einander ins Gebet und setzten
-dann die Reise fort. Bruder Nikolaus aber schenkte der Christina seinen
-Rosenkranz, den er vier Jahre hindurch getragen hatte. Er war nämlich
-durch Christinas Anblick, wie er gestand, mit großer Verehrung gegen sie
-erfüllt worden. Als wir weggegangen, setzte sich Christina wiederum auf
-die Erde, bedeckte ihr Gesicht mit dem Mantel und weinte bitterlich.“
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi13" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Dreizehntes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Briefwechsel nach des Petrus Rückreise nach Schweden. Christinas Eltern
-und Pfarrer Johannes sterben. 1270-1279.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_101" name="Page_101" href="#Page_101">[101]</a></span>
-Nach seinem Weggange von Stommeln blieb Bruder Petrus zwei Jahre lang
-ohne Nachricht von Christina. Erst als er nach Aarhus in Jütland
-zum Ordenskapitel kam, erhielt er mehrere Briefe von ihr, die aber
-nacheinander zu verschiedenen Zeiten geschrieben waren. Durch Schreiben
-des Bruders Mauritius aus Paris vom 15. Juni 1271 hatte Christina
-erfahren, daß Petrus nach vielen Beschwerden am Freitage nach Mariä
-Lichtmeß gesund und wohlbehalten in Skeninge angekommen war, dort
-am Mittwoch nach dem Feste des h. Matthias sein Amt als Lesemeister
-angetreten habe und wünsche, von ihr Nachricht zu erhalten.
-</p>
-
-<p>
-Daraufhin schrieb dann Christina folgenden Brief:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Dem besonders geliebten Bruder und Vater Petrus vom Predigerorden,
-Lesemeister in Skeninge, entbietet die besonders geliebte und ergebene
-Christina von Stommeln den Ausdruck ihrer aufrichtigen Liebe aus tiefstem
-Herzen, im Feuer und in der Süßigkeit des h. Geistes, im Glanze und in der
-Schönheit Jesu Christi. Teuerster, als wir uns letzthin trennten, war ich
-so voller Betrübnis, daß zwei Tage hindurch meine Augen nicht aufhörten,
-Tränen zu vergießen beim Gedanken daran, daß ich nunmehr des Trostes
-entbehren müßte, den Ihr mir in Christo zu spenden pflegtet. Und so oft
-ich seitdem einen Bruder aus dem Ausland hier ankommen sah, erneuerte sich
-mein Schmerz über Euer Fernsein. Ja, wahrlich, nach dem Abschiede von Euch
-bin ich wie eine Verbannte und Hoffnungslose nach Hause gegangen, als eine
-von ihren treuen Freunden Verlassene. Denn ich finde keinen, der mir so
-gesinnungsverwandt wäre, der es so verstände, mit meinen Schwachheiten
-Mitleid zu haben, der solch allseitige Erfahrung besäße. Euch allein
-vertraute ich und würde Euch meines Herzens Geheimnisse mehr als irgend
-einem
-<span class="pagenum"><a id="Page_102" name="Page_102" href="#Page_102">[102]</a></span>
-Menschen auf Erden anvertraut haben, wenn ich bei Euch hätte
-bleiben können. Ich stehe zwar zu mehreren Brüdern in freundschaftlicher
-Beziehung; allein sie sind mir doch nicht das, was Ihr mir waret. Ihr
-wißt, weshalb.
-</p>
-
-<p>
-Acht Briefe habt Ihr mir seit Euerer Abreise zugesandt. Dafür vermag ich
-Euch zeitlebens nicht hinlänglich zu danken. Denn unter den unzähligen
-Beweisen Euerer Güte nehmen Euere Briefe die erste Stelle ein. Die
-Verdolmetschung dieser Briefe konnte ich nie anhören, ohne Tränen zu
-vergießen, weil sowohl der Inhalt mich erfreute, und weil ich auch die
-Treue Euerer Liebe erkannte.
-</p>
-
-<p>
-Nunmehr zu den Mitteilungen. Vierzehn Tage nach Euerer Abreise sagte
-mir der alte Feind: „Bruder Petrus ist auf der Reise von Räubern getötet
-worden.“ Zaghaft, wie ich bin, schenkte ich ihm Glauben und war acht
-Tage hindurch über die Maßen betrübt. Dann aber betete ich zu Gott
-unter Tränen: „Herr, mein Gott, der Du allein die Wahrheit bist, tue
-mir kund, ob wahr ist, was der Dämon gesagt hat.“ Darauf erschien mir im
-Traumgesicht die allerseligste Jungfrau und sprach: „Beruhige Dich; Petrus
-lebt noch. Der Dämon hat Dich betrogen. Darin hast Du gefehlt, daß Du
-Dich über die Maßen betrübt hast. Den Worten des Dämons sollst Du keinen
-Glauben schenken.“
-</p>
-
-<p>
-Teuerster, bisweilen melden Euere Briefe Zweifel, als ob ich Euerer
-vergessen hätte. Dem ist nicht so. Was ich versprochen, werde ich mit
-Gottes Gnade halten, und ich hoffe, mit Euch zusammen ewig im Himmel zu
-leben. Ich bedauere es, Euch nicht öfter über meinen Zustand Mitteilung
-machen zu können. Wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte, so würde ich
-Euch noch lieber schreiben und geschrieben haben, als Ihr mir. Ja, wenn
-ich selbst schreiben könnte, so würde ich Euch manches mitteilen, was ich
-jetzt füglich nicht mitteilen kann.
-</p>
-
-<p class="special">
-Ihr führtet gern den Spruch im Munde:
-<br />
-<span class="fmarkd">Pluribus intentus minor est ad singula sensus.</span><br />
-Ist der Sinn auf Vieles gewandt, so leidet das Einzelne.
-</p>
-
-<p>
-So wünsche ich denn umgekehrt, daß Ihr mir Euere besondere Sorgfalt
-angedeihen laßt, da ich ja, wie Ihr sagt, Euer einziges Pflegekind bin.
-Teuerster, wie groß mein Schmerz ist wegen Euerer Abwesenheit, vermag
-ich nicht zur Genüge zu schildern. Aber mein größter Schmerz ist es,
-daß ich Euch über meinen Zustand nicht so schreiben kann, wie ich gern
-wollte. Ach! Teuerster, es ist nicht mehr wie ehedem, als Ihr nebst
-Bruder Aldebrandino mit mir nach Ossendorf ginget, wo Ihr mir soviel
-Tröstliches gesagt habet. Solch erlesene Erweise der Güte waren für mich
-allzeit der Weg zu größeren Gütern. Ich danke Euch recht sehr für Euere
-mehrfachen Geschenke. Ohne Auslagen zu scheuen, habet Ihr Euch über Gebühr
-angestrengt
-<span class="pagenum"><a id="Page_103" name="Page_103" href="#Page_103">[103]</a></span>
-und mehr getan, als ich wünschte. Für Euer Heiligtum<a name='FA_43' id='FA_43' href='#FN_43' class='fnanchor'>[43]</a> danke
-ich verbindlichst und für den Rock. Diesen ziehe ich nur an Festtagen an;
-denn ich möchte, so Gott will, ihn mein ganzes Leben lang tragen. Ach!
-Teuerster, was fehlte mir, als Ihr hier waret? Vor Euch hatte ich keine
-Furcht; und Ihr habt meine Worte und meine Handlungen, meine Freude und
-meine Trauer niemals übel gedeutet, sondern alles nach der guten Seite hin
-ausgelegt als wahrer Freund, der meine Gesinnung kannte. Aber jetzt ist es
-nicht mehr so. Ich lege mir Stillschweigen auf, weil ich Eueres Gleichen
-nicht finde und auch nicht zu finden suche. Als die härteste Pein erachte
-ich es aber, daß Ihr von mir weggegangen seid wie einer, der verbannt ist
-ohne Hoffnung auf Rückkehr.
-</p>
-
-<p>
-Als Ihr Euch auf der Reise befandet, war ich immer Euretwegen besorgt
-wegen der Witterung, der Beschwernis und Weite des Weges, ob Unfall Euch
-etwa getroffen, ob Ihr gute Unterkunft und gastliche Aufnahme unterwegs
-gefunden; und immer flehte ich zu Gott, daß er Euch eine glückliche
-Reise verleihen wolle. Und nun ist mein größter Wunsch, daß Ihr mir recht
-viele Freunde anwerben wollet, die für mich bei Gott Fürsprache einlegen.
-Besorget mir auch, wenn ich Euch überleben sollte, einen treuen Freund,
-der nach Euerem Tode Euere Stelle bei mir vertritt. Ueberdies beschwöre
-ich Euer Liebden, mir von Euerem Geliebten die von mir ersehnte Gnade
-zu erwirken, daß er mich nach Euerem Heimgange nicht länger möge leben
-lassen, sonder vielmehr mich zugleich mit Euch und in Teilnahme an Euern
-Gütern, gestützt auf den Geliebten hinwandern lasse ins Himmelreich.
-Desungeachtet bitte und wünsche ich dennoch, daß Ihr, wofern es immer
-möglich ist, in Anbetracht unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft,
-mich Unwürdige vor Euerem Tode noch einmal besuchen wollet, teils weil
-ich sehr darnach verlange, teils weil ich Euch vieles zu offenbaren habe,
-was ich keinem andern mitteilen kann. Wenn Ihr irgendeinen Wunsch habt,
-so lasset ihn mich wissen; denn ich bin gerne bereit, alle Euere Wünsche
-zu erfüllen. Lebet wohl in unserem Herrn Jesus Christus. Betet auch,
-Teuerster, ich bitte Euch, für meinen Herrn Johannes, den Schreiber dieses
-Briefes.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Mit diesem Briefe Christinas gelangte gleichzeitig ein anderes Schreiben
-von ihr an Petrus, das über neue Versuchungen berichtet. Christinas Trauer
-und Niedergeschlagenheit über des Petrus Abreise benutzte Satan dazu,
-um sie zu versuchen, dem Ordensleben zu entsagen. Ihr Herzeleid und ihre
-Trostlosigkeit klagt sie dem Petrus folgendermaßen:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_104" name="Page_104" href="#Page_104">[104]</a></span>
-„Ihrem teuersten und liebwertesten Vater und besondern Freunde, dem
-Bruder Petrus aus dem Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet
-Christina von Stommeln alles, was er sich an Ehrbezeigung und Liebe
-wünschen mag. Teuerster, was die Plagen anbelangt, die mich nach Euerem
-Weggange betroffen haben, so wisset, daß kurz vor Allerheiligen (1270)
-der Dämon mich durch einen bösen Ratschlag versucht hat. Da ich aber durch
-Gottes Barmherzigkeit seine Versuchung zurückwies, drohte er mir, mich bei
-den Haaren in die Höhe zu ziehen. Das setzte er schließlich auch ins Werk
-und zog mich an den Haaren über die Decke, den Dachboden meiner Kammer,
-die Ihr kennt, und stieß mich dann mit dem Leibe gegen den Dachstuhl. Vor
-dieser Quälerei zog er ein Schwert, zerschnitt damit der Hilla das Kleid
-und verletzte ihren Rücken. Als ich aber über meiner Kammer lag, fuchtelte
-er mit dem Schwerte, wie alle, die da waren, es gesehen haben, bis mein
-Vater zum Herrn Pfarrer lief. Dieser eilte alsbald herbei und hörte
-bereits auf unserem Hofe das Sausen des Schwertes. Als er aber eintrat,
-sah er, wie über dem Dachboden der Kammer ein Schwert einhersauste, Hände
-aber sah er nicht. Als er nun eine Leiter ansetzte, um hinaufzusteigen,
-wurde er daran gehindert, weil der Dämon ihm wiederholt Schläge auf den
-Kopf versetzte. Mein Vater versuchte dann mit einer Stange das Schwert
-hinwegzuschlagen, aber da hieb das Schwert in die Stange hinein. Endlich
-als mein Herr Pfarrer beherzt heraufkommen wollte, ließ der Dämon das
-Schwert fallen und so trug man mich hinab. Später, als ich bei dem Bruder
-Johannes von Muffendorf beichten wollte, kam der Dämon und schlug mich
-aufs Auge. Dann erschien er mir in Gestalt desselben Bruders und sprach.
-„Teuerste Tochter, ich habe dieselbe Versuchung wie du; um jeden Preis
-will ich mit dir aus dem Orden austreten.“ Ich antwortete. „Was sagt
-Ihr, Herr? Glaubt Ihr etwa, ich hätte Euch deshalb meine Versuchungen
-offenbart, weil ich in dieselben einwilligen möchte? Das empört mich.
-Ich glaubte, Ihr würdet mich trösten. Wisset Ihr nicht, daß ich lieber
-sterben möchte, als meinen Gott verlassen?“ Bruder Johannes hörte diese
-Worte und wurde sehr betrübt. Er fürchtete, ich würde aufschreien und ihn
-beschämen; denn er wußte nicht, daß der Dämon die Sache angestiftet hatte.
-Im Advent (1270) bereitete mir der Dämon folgende Leiden: Zwei bewaffnete
-Fäuste legte er mir auf die Schultern und schüttelte meinen ganzen Körper
-so, daß ich beinahe erstickte und viele Ordensleute mich nicht halten
-konnten. Zudem zog er mir die Zunge aus dem Halse, so daß alle es sahen,
-und sie verharrte in solcher Starre, daß niemand sie zurückbringen konnte.
-Da aber betete ich und indem ich mit dem Daumen das Kreuzzeichen über
-meine Zunge machte, sprach ich: „Herr Jesus Christus, wenn jemals diese
-Zunge dich
-<span class="pagenum"><a id="Page_105" name="Page_105" href="#Page_105">[105]</a></span>
-würdig gelobt hat, so befiehl dem bösen Feinde, daß er sie
-verlasse.“ Und alsbald ließ er sie los. Ich aber blieb vierzehn Tage lang
-stumm. Dem Bruder Johannes schnitt er eine große Wunde in die Hand. Dem
-Bruder Johannes von Kreuzburg machte er Schnitte in zwei Finger, und als
-derselbe Bruder einmal da saß und bei Kerzenschein in seinem Buche las,
-schlug ihn der Teufel mit einem schweren Steine an den Kopf, riß ihm das
-Buch weg und warf ihn in seinem Mantel aus dem Zimmer. Die Schwester des
-Pfarrers schnitt er in den Daumen. Einem Laien hatte er den Daumen nahezu
-abgeschnitten.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Diesem Briefe Christinas fügte der Pfarrer noch eine Nachschrift bei, in
-der die Reihe der teuflischen Mißhandlungen ergänzt und erläutert wird.
-Unter anderm erfahren wir, daß der Teufel, als er schließlich am Vorabende
-vor Weihnachten abließ, Christina zu schütteln, sich entfernte mit den
-Worten: „<span class="fmarkd"><em class="gesperrt">Louvelois scheindhof</em></span>“ (schmähliche Hofschinderin), mir ward
-Gewalt gegeben, Dich zu versuchen; doch mit Schande weiche ich zurück und
-werde die verdiente Strafe empfangen.“
-</p>
-
-<p>
-Auch meldet der Pfarrer, daß bald nach der Abreise des Petrus ein
-Interdikt über die Gegend verhängt worden sei &mdash; Erzbischof Engelbert von
-Falkenburg war der Urheber dieser Maßregel &mdash; Christina mußte deshalb nach
-Brauweiler gehen, um die h. Kommunion zu empfangen. Die Abtei Brauweiler
-unterlag nämlich nicht dem Interdikte. Wenn Christina nun ausgehen wollte,
-um die hh. Sakramente zu empfangen, so drohte ihr der Teufel, wenn sie
-nicht zu Hause bleibe, so werde er sie mit vielen Plagen heimsuchen und
-dafür sorgen, daß sie beschämt werde. Als sie nun einmal in der Kirche zu
-Brauweiler beim Prior gebeichtet hatte und sich dann anschickte, zur h.
-Kommunion zu gehen, da riß ihr urplötzlich der Teufel die Schuhe von den
-Füßen und zerfetzte sie; dann stieß er sie mit dem Kopfe gegen die Mauer
-und zog ihr die Haut von den Füßen. In diesem schmerzlichen Zustande ging
-sie zum Altare. Noch lange Zeit nachher hatte sie Schmerzen an den Füßen.
-</p>
-
-<p>
-Ein dritter Brief, den Bruder Petrus zu Aarhus von Christina erhielt,
-gibt Kunde von weiteren Prüfungen, die sie betroffen, vom Verluste
-mehrerer Freunde und von der Verarmung ihrer Eltern. Er ist gegen Ende
-der Fastenzeit 1272 geschrieben und hat folgenden Wortlaut:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Ihrem lieben, teuern, allerteuersten Bruder Petrus, Lesemeister
-der Predigerbrüder in Skeninge, entbietet Christina von
-<span class="pagenum"><a id="Page_106" name="Page_106" href="#Page_106">[106]</a></span>
-Stommeln Heil im
-wahren Heilande. Da ich nach Euerem Weggange mich lange Zeit hindurch von
-meinem Bräutigam verlassen fühlte, war ich so niedergeschlagen, daß ich,
-was viele gesehen, beträchtliche Klumpen geronnenen Blutes gespieen habe.
-</p>
-
-<p>
-Klagen muß ich Euch auch meinen Schmerz über das Geschick meiner
-Freunde. Vor allem melde ich Euch mit Betrübnis, daß der innigstgeliebte
-Herr Prior von Brauweiler nach Mariä Himmelfahrt gestorben ist. In seiner
-Krankheit hat er sich mit so flehentlichen Worten meinem Gebete empfohlen,
-daß ich ohne Tränen nicht davon sprechen kann. Er hat auch gewünscht, ich
-möchte Euch schreiben, daß Ihr doch für ihn betet. Ich bitte Euch deshalb,
-daß Ihr so seiner Seele gedenken möget, wie Ihr nach meiner Ueberzeugung
-es für mich selbst tun würdet, wenn ich gestorben wäre. Er hat mir
-nämlich, so lange er lebte, sehr viel Gutes erwiesen. Um meinen Schmerz
-voll zu machen, ist dann auch noch Bruder Gerhard vom Greif weggegangen.
-Er wurde nämlich als Prior nach Coblenz versetzt. So sind denn nun fast
-alle meine Freunde von mir geschieden.
-</p>
-
-<p>
-Außerdem traf großes Ungemach andere von meinen Freunden und zumal meine
-Eltern, die ganz verarmten, weil mein Vater in Folge einer Bürgschaft,
-die er zwischen Juden und Christen übernommen, seine ganze Habe eingebüßt
-hat. Da er es nicht über sich bringen konnte, hier zu bleiben, ist er für
-drei Monate aus dem Dorfe weggegangen. Ihr könnt Euch denken, Teuerster,
-welche Betrübnis es für mich war, als mein Vater, der mir soviel Gutes
-erwiesen, jeglichen Gutes bar, so von dannen ging. Als er in Cöln war,
-drängte es mich, ihn dort zu besuchen, um zu sehen, wie es mit ihm stände.
-Und als ich ihn so niedergeschlagen sah, habe ich herzlich geweint. Am
-Tage der unschuldigen Kinder mußte meine Mutter nach Cöln, um den Vater zu
-besuchen, fiel aber vom Karren, brach den Arm und erhielt eine große Wunde
-am Kopfe. Auch sie zog sich dann nach Cöln zurück. Das war für mich eine
-neue Trübsal, da sie lange bettlägerig war und viele Auslagen hatte. Auch
-wurde sie von hochgradigem Fieber befallen, so daß Euere Mitbrüder ihr die
-h. Oelung erteilten. Ueberdies bekam sie die Blättern, so daß sie nicht
-wiederzuerkennen war. Sechs Wochen lang lag sie in dieser Heimsuchung in
-Cöln darnieder. Und so ging ich denn gleich nach den Weihnachtsfeiertagen
-nach Cöln. Ich konnte jedoch wegen der frischen Wunden keine Schuhe
-anziehen &mdash; kurz vor Weihnachten hatte ihr nämlich der Teufel Bindweiden
-durch die Füße gezogen &mdash; und so ging ich denn barfuß nach Cöln bei
-größter Kälte und in großer Qual an Leib und Seele. Als ich nach einiger
-Zeit nach Stommeln zurückkam, fand ich Haus und Hof ohne Bewohner. Nichts
-mehr fand sich dort vor; ich war
-<span class="pagenum"><a id="Page_107" name="Page_107" href="#Page_107">[107]</a></span>
-wie eine Arme und Heimatlose und in
-gänzlicher Not mußte ich bald hier, bald dort Unterkunft suchen.
-</p>
-
-<p>
-Voll von Leid bin ich gegenwärtig und auf noch mehr Leid mache ich mich
-gefaßt. Und doch muß ich Vorsorge treffen und den ganzen Tag über sehe ich
-der vollständigen Losreißung von den Meinigen entgegen. Darum, teuerster,
-bitte und ersuche ich Euch, doch für mich zu beten in Anbetracht der
-großen Notlage, in die ich gekommen bin, auf daß Gott mich in diesen
-Prüfungen ohne Sünde erhalten möge, mir unerachtet der Ablenkung seine
-Gnade nicht entziehe und schließlich mein Leid verwandele in Freude, die
-niemand mir nehmen kann.
-</p>
-
-<p>
-In der gegenwärtigen Fastenzeit, in der ich diesen Brief schreibe,
-entbehre ich jeglicher Gnadenerweisung und der Freude am Gebet. Dabei
-werde ich von innerlichen Versuchungen heftig geplagt. Ueberdies kommt der
-Dämon, wenn ich bete, in Gestalt einer eigroßen Spinne &mdash; Christina hatte
-besondern Ekel vor Spinnen &mdash; mir ins Gesicht gekrochen und belästigt
-mich. An einem Finger hat sie mir Blasen verursacht und ich befürchte,
-daß sie mir deren noch mehr beibringen wird. Teuerster, nochmals bitte ich
-Euch, wollet wo möglich, sobald Ihr könnt, mich besuchen; denn ich bedarf
-Eueres Rates und möchte Euch gerne wiedersehen. Lebet wohl in unserm Herrn
-Jesus Christus.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Am Karfreitage (22. April) des Jahres 1272 empfing Christina die
-fünf Wunden wie in den früheren Jahren und am h. Ostertag genoß sie
-überreichlichen Trostes. Auch verschwanden an diesem Tage die Narben der
-Wundmale, worüber sie sich sehr freute. Vor Maria Himmelfahrt war ihr
-längere Zeit hindurch jegliche Tröstung entzogen und es war ihr, als
-ob Gott ihr niemals eine Gunsterweisung erzeigt hätte. Am Tage des h.
-Laurentius begann der Teufel morgens ihr besonders heftig zuzusetzen und
-in der folgenden Nacht versengte er ihr die Haare, so daß der Geruch davon
-sich durchs ganze Haus verbreitete. Dann stieß er ihr ein glühendes Eisen
-in den Rachen, zog es aber wieder heraus, und stieß es ihr dann in die
-Eingeweide. Das verursachte ihr unaussprechliche Qual. Sie hatte sich aber
-vorgenommen, am folgenden Tage zur h. Kommunion zu gehen und sie sprach
-deshalb: „Ich sage Dir, Dämon, daß ich vorhabe, morgen meinen Geliebten
-zu empfangen.“ Der Dämon antwortete, indem er einen Dolch hervorzog: „Wenn
-Du das tust, so steche ich Dich in die Zunge und vereitle Dein Vorhaben.“
-Und da sie von ihrem Vorhaben nicht abließ, stieß der Teufel sie wirklich
-mit dem Dolch in die Zunge
-<span class="pagenum"><a id="Page_108" name="Page_108" href="#Page_108">[108]</a></span>
-und ließ ihn darin stecken. Als sie morgens
-zur Kirche kam, floß das Blut noch aus dem Munde.
-</p>
-
-<p>
-Am Feste Mariä Himmelfahrt oder tags darauf diktierte Christina dem
-Pfarrer Johannes ein kurzes Schreiben, das Petrus zugleich mit den drei
-vorhin mitgeteilten zu Aarhus erhielt. Es bringt inhaltlich nichts Neues,
-enthält vielmehr Wiederholungen, ist aber bezeichnend für den Zustand
-des Verlorenseins, der Christina beim Diktieren überraschte. Sie geriet
-nämlich beim Diktieren in Verzückung. Das Briefchen lautet wie folgt:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Ihrem vielgeliebten Vater und teuersten Freunde, dem Bruder Petrus,
-Lesemeister in Skeninge, wünscht seine Tochter Christina immerwährende
-geistige Teilnahme am himmlischen Gastmahl, Fülle der Wonne, Erhebung
-zum Wunderbaren und Erquickung durch Gnadeneinströmung. Oefters habt Ihr
-mir vorgehalten, daß ich Euch nicht schriebe; in letzter Zeit aber habe
-ich Euch vier Briefe geschrieben, die Euch durch die Brüder zugestellt
-werden sollten &mdash; ich weiß aber nicht, ob Ihr sie erhalten habt. In
-diesen Briefen habe ich Euch vieles berichtet über das, was mir der Dämon
-nach Euerem Weggang angetan hat, und auch solches, was meine Freunde
-betrifft. Und weil ich Euern Wunsch in dieser Hinsicht kenne, so dürft
-Ihr Euch versichert halten, daß ich Euch sehr gerne schreiben würde,
-wenn ich Gelegenheit hätte, die Briefe abzuschicken. Was mir bis zum
-Advent zugestoßen, habe ich Euch geschrieben. In der Fastenzeit kam, wenn
-ich betete, regelmäßig der Dämon in Gestalt einer Spinne und belästigte
-mich, soviel er konnte. Teuerster, ich bitte Euch, bleibet mir ein treuer
-Freund; denn vor allen Menschen setze ich mein Vertrauen auf Euch und ich
-verlange mehr nach Euerem Besuche, als Ihr glaubt. Möge er mir vor meinem
-Tode zuteil werden! In Brauweiler ist der Prior, mein trautester Freund,
-gestorben. Teuerster, gedenket seiner in Treue und betet für meine Eltern,
-die sich in größter Trübsal befinden.“ &mdash;
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Dann fügt der Pfarrer Johannes bei: „Soeben, als sie den Brief diktierte,
-vermochte sie nicht weiter zu reden, weil sie sich in fortwährendem Jubel
-befand.“
-</p>
-
-<p>
-Petrus tröstete Christina in einem herzlichen Antwortschreiben, indem er
-sie hinweist auf die Herrlichkeit des Himmels, in der er mit ihr in ewiger
-Seligkeit zusammen zu sein hoffe. Auch Bruder Mauritius schickte von Paris
-ein Trostschreiben. Er habe, sagte er, ein so herzliches Mitleiden mit
-ihr, je schwächer das weibliche Geschlecht sei, um dem Ansturm solcher
-Leiden gegenüber standzuhalten. „Doch, fügt er hinzu, da ich Euch als
-<span class="pagenum"><a id="Page_109" name="Page_109" href="#Page_109">[109]</a></span>
-ein in Drangsalen starkmütiges Weib erkannt habe, so hoffe ich zum Herrn, der
-die Stärke jener ist, so auf ihn vertrauen, daß er Euch Standhaftigkeit
-und Kraft von oben verleihe, um auszuharren bis zum guten Ende.“
-</p>
-
-<p>
-Bruder Petrus wurde unterdessen nach Strengnäs im Södermanland versetzt,
-wo er wie in Skeninge das Amt eines Lesemeisters bekleidete. Von dort
-schrieb er mehrere Male an Christina; teilte ihr unter anderem mit, daß
-auch in dortiger Gegend Gott ihn durch einige gottgeweihte Jungfrauen
-erfreut habe, von denen einige das Ordenskleid des h. Dominikus trügen,
-andere das der Beginen angelegt hätten. Eine von diesen komme Freitags
-in Verzückung und erhalte zuweilen die fünf Wunden. Die meiste Zeit
-bringe sie im Gebete und in der Betrachtung zu und dazu sei sie bemüht,
-Almosen zu geben und den Armen zu dienen. Diese begnadete Jungfrau habe
-eine innige Liebe zu Christina, nenne sie ihre Schwester und wünsche,
-sie kennen zu lernen und womöglich mit ihr zusammenzuleben. Auch habe
-sie ihm Einiges, was in Christinas Briefen enthalten war, lange vorher
-offenbart. „Wundert Euch nicht, so schließt Petrus seinen Brief, daß ich
-Euch seltener schreibe; denn ich habe nicht oft Gelegenheit, einen Brief
-abzuschicken, weil ich tief ins Land hinein wohne, von wo aus selten
-Reisende und niemals Kaufleute hinausreisen. Meine geistliche Tochter, die
-ich Euere Schwester genannt habe, bittet mich, Euch ihrerseits zu grüßen
-... Ich empfehle Euch die Seelen meiner beiden leiblichen Brüder, die nach
-meiner Rückkehr beide in einem Jahre gestorben sind. Grüßet alle unsere
-Freunde, insbesondere den Herrn Pfarrer, Euren Vater und Euere Mutter,
-alle Schwestern des Namens Hilla, des Pfarrers Schwester Gertrud und die
-blinde Aleidis. Betet für mich.“
-</p>
-
-<p>
-Die Verarmung, die Christinas Eltern getroffen, dauerte fort. Von Gram
-und Kummer getroffen, starb ihr Vater um das Jahr 1276. Im folgenden Jahre
-gegen Peter und Paul starb auch Christinas geistiger Vater und besonderer
-Wohltäter, Pfarrer Johannes von Stommeln, der bisher ihre Briefe
-geschrieben. Bruder Nikolaus von Westeräs (<span class="fmarkd">Westra-aros</span>) überbrachte die
-Trauerbotschaft dem Bruder Petrus nach Strengnäs. In einem Schreiben vom
-Tage nach dem Feste des h. Dionysius (10. Oktober) ersuchte dann Petrus
-Christina, ihm baldigst Mitteilung über ihren Zustand zu machen. Bruder
-<span class="pagenum"><a id="Page_110" name="Page_110" href="#Page_110">[110]</a></span>
-Laurentius könne ihr als Schreiber dienen. Dieser Bruder Laurentius
-war gebürtig aus Swealand, dem mittlern Teil Schwedens, in dem Skeninge
-gelegen war, und studierte damals in Cöln. An ihn schrieb nun Petrus,
-er möge der Christina seinen an sie gerichteten Brief verdolmetschen und
-auch die an ihn gerichteten Briefe Christinas schreiben. Da Petrus keine
-direkte Gelegenheit nach Cöln hatte, so gab er die Briefe dem Bruder
-Olaw aus Skara mit, der im Herbste 1277 nach Paris ging. Von Paris nun
-brachte Bruder Helinrich diese Briefe im folgenden Jahre Freitags nach
-Margaretentag, also am 15. Juli, nach Cöln. Tags darauf schickte Bruder
-Laurentius ein Briefchen nach Stommeln, um Christina zu melden, daß ein
-Brief von Bruder Petrus für sie angekommen sei und er den Auftrag habe,
-diesen ihr persönlich zu verdolmetschen. Es sei jetzt auch Gelegenheit
-gegeben, ein Antwortschreiben an Bruder Petrus nach Schweden abgehen zu
-lassen, was vielleicht das ganze Jahr hindurch nicht mehr der Fall sein
-werde. „Christina kam, so schreibt Bruder Laurentius, gleich am folgenden
-Tage mit ihrer Nichte Hilla nach Cöln, obgleich sie die Arbeit stehen
-lassen mußte, da es die Zeit der Ernte war. Euern Brief übersetzte ich
-ihr, so gut ich konnte. Mit welcher Rührung sie ihn entgegennahm, zeigten
-die Tränen, die sie reichlich vergoß.“
-</p>
-
-<p>
-Als Christina den Brief des Bruders Petrus vernommen, diktierte sie
-allsogleich dem Bruder Laurentius das Antwortschreiben, wie folgt:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Dem ehrwürdigen Vater in Christo, ihrem verehrungswürdigsten und
-liebevollsten, entbietet die geringste seiner Töchter mit ihren Gebeten
-sich selbst und wünscht ihm, falls es noch etwas Besseres geben kann
-als Gesundheit, auch dieses durch Vermittlung seines getreuen Bruders
-Laurentius. Nachdem ich Euern Brief bekommen und volleres Verständnis von
-ihm erhalten, da ist nach dem Verlust meiner Freunde und meiner zeitlichen
-Güter und nach schwerster körperlichen Bedrängnis mein Geist innerlich
-wieder aufgelebt und ich, die ich den Mut hatte sinken lassen, begann
-wieder aufzuatmen. Mit welcher Herzensfreude ich diesen Brief meines
-geliebtesten Vaters vernommen, mit welcher Hurtigkeit ich unerachtet
-körperlicher Ermüdung und ungelegener Zeit zu seiner Entgegennahme
-herbeigeeilt bin, dafür kann unser gemeinsamer Dolmetsch glaubwürdiges
-Zeugnis ablegen. Es ist ja natürlich, daß ein Brief von demjenigen, dessen
-persönliche Gegenwart so viel Liebes hatte, für mich etwas Erfreuliches war.
-Mein Geist wurde mit süßer Wonne erfüllt und die
-<span class="pagenum"><a id="Page_111" name="Page_111" href="#Page_111">[111]</a></span>
-Qualen, die der
-menschlichen Gebrechlichkeit und zumal der Schwäche eines Mädchens, schier
-unerträglich vorkamen, wurden gelindert.
-</p>
-
-<p>
-Meine Lage, worüber Ihr Bericht zu erhalten wünscht, ist gar traurig und
-verwirrt und das gerade Gegenteil von Euerer glücklichen Wohlfahrt, die
-Gottes mächtige Huld noch mehren möge. Denn von zeitlichen Gütern bin ich
-dermaßen entblößt, daß fast Alles aufgezehrt ist. Unser Hof ist in fremde
-Hände als Besitztum übergegangen. Das große Haus, in dem wir bisher noch
-immer wohnten, war vor Alter baufällig und ist, nicht ohne Lebensgefahr
-für die Bewohner, zusammengestürzt. Wir aber sind keineswegs in der Lage,
-es wieder aufbauen zu können. Auch habe ich keinen Freund mehr, der uns
-beistehen oder auch nur trösten könnte.
-</p>
-
-<p>
-Ueberdies erdulde ich sehr harte Verfolgungen und Plagen von meinem
-Widersacher. Neulich hat er mir mit einer Zange zwei Backenzähne in
-grausamer Weise ausgerissen<a name='FA_44' id='FA_44' href='#FN_44' class='fnanchor'>[44]</a>. Von andern unzähligen Trübsalen, die
-ich erlitten, kann ich Euch nicht gut Mitteilung machen, bis wir etwa
-eine mündliche Aussprache haben, nach der ich sehr verlange. Das aber ist
-mir härter als alles, daß ich in unserm Dorfe, wo ich wohne wie früher,
-niemanden habe, dem ich mein Herz rücksichtlich der wunderbaren Vorgänge
-zu erschließen wage. Deshalb halte ich das Meiste in meinem Herzen
-vergraben; nur derjenige hat Kenntnis davon, der die Herzen durchforscht,
-den ich auch mit gutem Gewissen zum Zeugen anrufe. Nichts, glaube ich,
-wäre mir in diesem Leben lieber, als wenn ich Euch vor meinem Tode dieses
-offenbaren könnte. Wie das aber geschehen könnte, weiß ich nicht. Denn
-zu Euch überzusiedeln, wie Ihr es mir so getreulich anbietet, möchte ich
-auf keine Weise versuchen. Und doch würde ich es gerne tun, wenn ich mit
-Euch mündlich die Sache besprechen und Ihr dann, nachdem Ihr vollständig
-Kenntnis von meiner Lage genommen, es dennoch für ratsam halten solltet.
-Für Euer Anerbieten aber möge Euch belohnen jener, „der die Hoffnung der
-Verzagten ist und der große Tröster in der Qual“.<a name='FA_45' id='FA_45' href='#FN_45' class='fnanchor'>[45]</a> Lebet wohl, liebster
-Vater, mein einziger und getreuester. Ich empfehle Euch inständigst die
-Seele meines Vaters und die des Herrn Pfarrers. Nochmals: Lebet wohl!“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-In dem bereits vorhin erwähnten Begleitschreiben zu diesem Briefe macht
-Bruder Laurentius zum Einsturz des Hauses folgende Bemerkung: „Während
-die ganze Familie und dabei auch kleine Kinder im Hause waren, und ein
-mächtiges
-<span class="pagenum"><a id="Page_112" name="Page_112" href="#Page_112">[112]</a></span>
-Feuer brannte, stürzte das Gebäude plötzlich zusammen. Jedoch
-wurde niemand verletzt, und auch das Feuer richtete keinen Schaden an,
-was einige für ein Wunder halten. Der Zusammensturz war vollständig; nur
-die Kammer, in der Christina war, blieb stehen. Doch auch sie wurde von
-den herabstürzenden Balken hart getroffen.“
-</p>
-
-<p>
-Einige Zeit nachher, im Herbste 1278, starb auch Christinas Mutter. Petrus
-wurde im selben Herbste auf dem Provinzialkapitel in Wisby zum Lesemeister
-dieser seiner Geburtsstadt Wisby auf der Insel Gotland ernannt, weshalb
-er von da an Lesemeister von Gotland genannt wird.
-</p>
-
-<div id="Fabb_09" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb09.jpg'
- alt='9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.'
- />
-<p class='caption'>9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.</p>
-</div>
-
-<h2 id="kapi14" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Vierzehntes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Bruder Petrus kommt aus Schweden nach Stommeln, um Christina zu besuchen.
-1279.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_113" name="Page_113" href="#Page_113">[113]</a></span>
-Als Bruder Petrus obigen Brief Christinas erhalten und ihm auch noch
-sonst Mitteilungen über das Mißgeschick, das über sie hereingebrochen,
-zugegangen waren, da, so schreibt er, entbrannte mein Geist, und mein
-Herz wurde heftig bewegt und ich sann darüber nach, wie ich sie wohl
-trösten könnte. Ich begab mich zum Provinzial, Bruder Augustinus, (nach
-Westeräs), um von ihm die Erlaubnis zu einer Reise nach Cöln zu erlangen.
-Dreierlei Gründe lagen zu dieser Reise vor. Erstlich wünschte ich von
-der geistigen Trockenheit befreit zu werden, an der ich schon lange
-gelitten und die mich mitunter so niedergeschlagen machte, daß man für
-mein Leben fürchtete. Zweitens ging mein Verlangen danach, die glorreichen
-Schutzpatrone Cölns, nämlich die dort ruhenden Martyrer und Jungfrauen,
-für die ich seit meiner Cölner Studienzeit eine besondere Verehrung
-hatte, zu besuchen, mir von ihnen Reliquien zu verschaffen und diese dann
-in mein Vaterland zu übertragen. Drittens, um die in Christo geliebte
-Christina, nach deren Wiedersehen ich verlangte, zu besuchen und sie
-im Herrn zu trösten, wie sie es wünschte, und wie es meinem frommen und
-mitleidigen Sinne entsprach, um aber auch andererseits von ihr Tröstung
-und Erleuchtung zu erhalten. Mit Gottes Hülfe und (wie ich vertraue)
-durch Christinas Verdienste ist alles nach Wunsch glücklich von statten
-gegangen, und es hat sich bestätigt, daß „unverdrossene Liebe alles
-überwindet“.<a name='FA_46' id='FA_46' href='#FN_46' class='fnanchor'>[46]</a> Am Pfingstmontage also brach ich von Westeräs auf, kam
-dann nach Gotland,
-<span class="pagenum"><a id="Page_114" name="Page_114" href="#Page_114">[114]</a></span>
-wo ich eine Zeitlang blieb, und gelangte schließlich
-nach Lübeck. Und wahrhaftig, ich, der ich früher keine halbe Meile
-zurücklegen konnte, ohne zu ermüden, Einkehr zu nehmen und Halt zu machen,
-ging jetzt einen ganzen Tag, ohne sonderliche Ermüdung zu verspüren. Es
-war am Tage nach der Oktav des h. Laurentius (18. August). Am Tage der
-Oktav von Maria Geburt (15. Sept.) langten wir in Stommeln, dem lang
-ersehnten, von Gott mit vielen Vorzügen begnadigten, vor allem aber durch
-die Frömmigkeit seiner Bewohner ausgezeichneten Orte, an. Als wir uns nun
-diesem Dorfe näherten, sahen wir von Ferne die Leute aus der Messe nach
-Hause gehen, &mdash; es war nämlich Freitag<a name='FA_47' id='FA_47' href='#FN_47' class='fnanchor'>[47]</a> &mdash; zuletzt aber gingen zwei
-Beginen. Da sagte ich zu Bruder Folkwin, meinem Begleiter: „Siehe, da geht
-Christina.“ Denn auch ihn trug Verlangen, sie zu sehen. Man konnte aber
-Christina gut von andern unterscheiden. Denn, wie sie sich im Umgange
-durch Erbaulichkeit und im Aussehen durch Frömmigkeit auszeichnete, so
-hatte ihr Gang eine würdevolle Gemessenheit. Um es kurz zu sagen, in all
-ihrem Tun und Handeln, in Gang und Bewegung leuchtete ein verklärender
-Schimmer besonderer Anmut hervor, so daß ein jeder, der mit frommem Sinne
-ihr Benehmen beobachtete, nicht daran zweifeln konnte, Gottes Gnade und
-Gottes Gegenwart sei bei und in ihr.
-</p>
-
-<p>
-Als wir nun bis zum Pfarrhause gekommen waren, wo wir das Erforderliche
-besorgen wollten, um die h. Messe lesen zu können, stand die Frau des
-Glöckners da, schaute mich neugierig an und sagte schließlich: „Wie
-heißet Ihr?“ „Petrus,“ entgegnete ich. Darauf fragte sie weiter: „Woher
-seid Ihr?“ „Aus Dazien,“ gab ich zur Antwort. Da eilte sie gleich auf
-die Straße hinaus und rief, so laut sie konnte: „Christina! Christina!
-komme zurück, wenn Du eine Messe hören willst.“ Da nun auch wir auf
-die Straße hinausgingen, trafen wir mit Christina, die zurückkehrte,
-zusammen. Als ich sie grüßte, wußte sie vor Staunen und Ergriffenheit kaum
-zu antworten. Schließlich sagte sie: „Woher kommt Ihr?“ Ich antwortete:
-„Von Gott dem Herrn gesandt bin ich gekommen.“ Als mein Gefährte und
-ich Messe gelesen, speisten wir mit Christina in der Klause, wobei der
-Schulmeister Johannes den Gastgeber
-<span class="pagenum"><a id="Page_115" name="Page_115" href="#Page_115">[115]</a></span>
-machte. Auch der Herr Pfarrer &mdash;
-Heinrich hieß er &mdash; gesellte sich zu uns. Als ich tags darauf nach der
-Vesper auf Christinas Begehr die Schriftstelle auseinanderlegte: „Ein
-gutes, geschütteltes, gerütteltes und gehäuftes Maß wird man Euch in den
-Schoß schütten“, kam sie derartig in Verzückung, daß sie weder zu Nacht
-speisen noch reden konnte. Ja, sie war derart in Gott versunken, daß sie
-gar nicht mehr achtete auf das, was gesprochen wurde. Sie war ganz mit
-ihrem Geliebten beschäftigt; sie hatte für nichts anderes Sinn und nur
-Worte der Andacht brachte sie hervor. Und in Anbetracht dieser großen
-Liebe zu ihrem Bräutigam ruhte alle Sinnestätigkeit. Zweimal aber brach
-sie währenddem in die Worte aus: „Teuerste! lasset uns Gott lieben, denn
-er ist überaus liebenswürdig. Teuerste! was sollen wir ihm wiedervergelten
-für so viele Wohltaten, die er uns erwiesen hat?“ ... Als sie endlich in
-etwa zu sich kam, geleiteten der Schulmeister Johannes und Aleidis sie zu
-ihrer Wohnung. Als es sich nun traf, daß ich neben ihr ging, fragte sie,
-wer das sei. Es wurde ihr geantwortet: „Bruder Petrus.“ Da sagte sie:
-„Bruder Petrus, wenn Du von Gott reden willst, bist Du willkommen. Wenn
-Du aber zu etwas anderem gekommen bist, so mache schnell und gehe dann;
-denn sonst würden wir Deiner bald müde sein.“ Die ganze folgende Nacht
-hindurch blieb sie in diesem Zustand der Innerlichkeit. Tags darauf fingen
-jene, die obiges gehört, mit dem Ausdruck des Bedauerns an, darauf die
-Rede zu bringen, daß jemand mich beleidigt habe. Sie antwortete: „Gewiß,
-wer solches gesagt hat, ist gar zu dreist gewesen.“ Sie hatte keine
-Erinnerung mehr an das, was sie am vorhergehenden Abende gesagt hatte. Wir
-blieben drei Tage in Stommeln und gingen dann nach Cöln, wo wir freundlich
-von den Brüdern aufgenommen wurden, besonders von denen, die mich von
-der Studienzeit her kannten, und ganz besonders von Bruder Johannes von
-Greif, der damals Unterprior war, und Bruder Johannes von Muffendorf.
-Bruder Gerhard vom Greif erkundigte sich nach Christina und belobte ihren
-Fortschritt auf dem Wege der Heiligkeit. Ich blieb nun ungefähr einen
-Monat lang in Cöln und wurde durch Gottes Gnade von meinem Seelenleiden
-geheilt. Auch verschaffte ich mir neun Häupter der hh. Jungfrauen (aus
-der Gefolgschaft der h. Ursula) und eines von der
-<span class="pagenum"><a id="Page_116" name="Page_116" href="#Page_116">[116]</a></span>
-thebäischen Legion.
-Unsere Cölner Ordensbrüder besorgten mir diese unter Beihülfe des Bruders
-Folkwin.
-</p>
-
-<p>
-Mitten in dieser Zeit, nämlich am Tage nach dem Feste des h. Erzengels
-Michael, ging ich mit Bruder Folkwin wieder nach Stommeln zu Christina.
-Wir fanden sie zu Bette liegen und sehr schwach. Ueber unsere Ankunft
-aber war sie sehr erfreut. Und als ich sie nach dem Grunde ihrer Schwäche
-fragte, sagte sie: „Der Dämon hat mir in dieser Woche die Haut vom
-Rücken gezogen, so daß man sich wundern muß, wie ein Mensch dabei noch
-leben kann.“ Am folgenden Tage, Sonntag den 1. Oktober, zeigte Petrus
-der Christina das früher am Sankt Christinatage an der linken Hand
-erhaltene Malzeichen und sie bestätigte ihm mündlich alles, was im Quatern
-schriftlich durch Pfarrer Johannes niedergeschrieben worden war. Auch
-machte sie ihm die in Kapitel 2 bereits berichteten Mitteilungen über
-Verwundungen, die man ihr während der Verzückung beigebracht hatte. Am
-folgenden Mittwoch kamen alle Beginen von Stommeln zusammen und bereiteten
-den beiden Ordensbrüdern ein schönes Mittagsmahl. Auch der Pfarrer
-Heinrich sowie Gerhard, der Sohn des Vogtes, und der Schulmeister Johannes
-gehörten zu den Gästen. Nach Tisch hielt Bruder Petrus einen Vortrag
-über die geistige Freude unter Zugrundelegung der Schriftstelle: <span class="fmarkd">Laetare
-Jerusalem</span> (Freue dich, Jerusalem) und im Laufe des Nachmittags kehrte er
-mit Bruder Folkwin wieder nach Cöln zurück.
-</p>
-
-<p>
-„Zum dritten Male,“ schreibt Petrus, „ging ich nach Stommeln am Tage
-der elftausend Jungfrauen, als ich auf der Rückreise in meine Provinz
-begriffen war. Auf den folgenden Tag lud uns der Herr Pfarrer und seine
-Schwester, Frau Benigna, die nach Kleid und Wandel eine Begine war, zu
-Tische. Da nun bei Tische die Rede auf die Reliquien kam, die ich zu Cöln
-erhalten, und Benigna meine Hochachtung und Verehrung gegen Reliquien
-bemerkte, sagte sie: „Hätte ich das gewußt, so hätte ich Euch gerne das
-Haupt einer Jungfrau geschenkt, das ich zu Cöln habe.“ Als ich darauf
-erwiderte, ich möchte es mir gerne ausbitten, sagte sie: „Ich würde es
-Euch mit Freuden geben, wenn ich wüßte, wie Ihr es bekommen könntet.“
-Daraufhin sprach der Herr Pfarrer: „Ehe er dieses Hauptes entbehren soll,
-gehe ich selber lieber zu Fuß nach Cöln und hole es.“ Und das tat er auch
-wirklich. Am folgenden Morgen machte
-<span class="pagenum"><a id="Page_117" name="Page_117" href="#Page_117">[117]</a></span>
-er sich in der Frühe auf und noch vor
-der Abenddämmerung war er wieder zurück und trug jenes Haupt am Halse.
-Mit größter Freude nahm ich dasselbe entgegen und habe es von Stommeln
-bis Lübeck am Halse getragen, wodurch mir sehr oft große Süßigkeit des
-Herzens bescheert wurde.
-</p>
-
-<p>
-Abends vor dem Tage der Abreise erhielt Christina, als sie die Vesper
-betete und unsere Reise Gott anbefahl, eine große Tröstung, die sich in
-ihrem Aeußern offenbarte. Sie war nämlich bei der Abendmahlzeit munterer
-als gewöhnlich. Als ich sie nun nach dem Essen nach dem Grunde ihrer
-Munterkeit fragte, sagte sie: „Seit zwei Tagen war ich niedergeschlagener
-Stimmung wegen Euerer Abreise. Als ich nun vorhin unter dem Baume die
-Vesper betete und Euch in großer Betrübnis des Herzens Gott anbefahl,
-sprach der Herr zu mir: „Sei ohne Sorge. Ich war mit Bruder Petrus, als
-er hierher kam; ich werde auch auf der Rückreise sein Führer sein.“ Auch
-sagte er: „In mir habe ich Euere gegenseitige Liebe gegründet und ich
-werde sie auch in mir erhalten.“ Diese Worte gaben mir Veranlassung,
-von der Süßigkeit der göttlichen Liebe zu reden. Christina wurde darob
-derart gerührt, daß sie wegging, vollständig entrückt wurde und starr
-und regungslos dalag. Am andern Morgen, dem Tage der hh. Krispin und
-Krispinian (25. Oktober), lasen wir Messe, frühstückten und darauf hielt
-ich eine Ansprache über die Schriftstelle: <span class="fmarkd">Convertere anima mea in
-requiem tuam, quia dominus benefecit tibi</span> (Kehre in deine Ruhe ein, meine
-Seele, denn der Herr hat dir Gutes erwiesen). Hierauf nahmen wir Abschied
-von Christina und von denen, die bei ihr waren, empfahlen uns einander
-dem Herrn und so reisten wir ab. So endete der fünfzehnte Besuch im Jahre
-1279.“
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi15" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Fünfzehntes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Vom Advent 1279 bis zum Advent 1280.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_118" name="Page_118" href="#Page_118">[118]</a></span>
-Ueber Neuß und Düsseldorf, Soest und Minden gelangte Petrus mit seinem
-Begleiter Folkwin Freitag den 24. November 1279 nach Lübeck, schrieb von
-da an Christina sowohl wie an Magister Johannes, ging am 26. November
-zu Schiff, erlebte in der Nacht vor St. Luzia einen furchtbaren Sturm,
-landete aber am Tage nach St. Luzia glücklich in Kalmar, woselbst er im
-Dominikanerkloster überwinterte und an Christina sowohl, wie an Magister
-Johannes und Hilla vom Berge Briefe schrieb. Im Briefe an Christina setzt
-Petrus auseinander, daß er Christina um Christi willen liebe. „Möge die
-Welt,“ sagt er, „lärmen, spotten, verkleinern, zürnen und abraten, so
-werde ich doch die Braut meines Herrn aus Herzensgrund lieben &mdash; wegen des
-Bräutigams selbst.“ Grund der Liebe ist Christus. Christina aber ist dem
-Petrus Wegweiserin und Vorbild geworden, um Christus zu finden, ihn zu
-lieben und feiner zu genießen. Im Frühjahr 1280 fuhr Petrus mit Folkwin
-nach der Insel Gotland und sie langten am weißen Sonntage in Wisby, der
-Geburtsstadt des Petrus, an. Hier trat dieser das Amt eines Lesemeisters
-an und schrieb bald nach seiner Ankunft einen Brief an Christina, in dem
-er unter anderm meldet, daß ein Teil der hh. Reliquien, die er in Cöln
-erhalten, glücklich angekommen sei. Auch entschuldigt er sich, daß er dem
-Magister Johannes noch nicht die versprochene Schrift, gemeint ist das
-erste Buch der Jülicher Handschrift, zugeschickt habe. Es habe ihm nämlich
-bisher an Pergament und an einem Schreiber gefehlt.
-</p>
-
-<p>
-Am Vorabend des h. Laurentius (9. August) des Jahres 1280 erhielt Petrus
-auf dem Provinzialkapitel auf Alsen (<span class="fmarkd">Aslonia</span>) einen ausführlichen
-Bericht des Magisters Johannes, den dieser am Freitag vor St. Urbanus
-(24. Mai) geschrieben
-<span class="pagenum"><a id="Page_119" name="Page_119" href="#Page_119">[119]</a></span>
-hatte. Aus demselben ersehen wir, daß Christina im
-Advent 1279 von gänzlicher Dürre des Herzens heimgesucht wurde und zudem,
-wenn auch nicht in körperlicher Weise, ganz neue teuflische Quälereien
-zu erleiden hatte. In der zweiten Adventswoche wurde sie im Geiste in
-bitterster Kälte hingeschleppt über hartgefrorene Erdschollen, durch
-Dorngestrüpp und Hecken hingerissen zu einem Sumpf im nahen Walde, dort
-verhöhnt, durch Drohungen und Gotteslästerungen gequält, schließlich
-an einen Baum aufgeknüpft und gliedweise verstümmelt. Das wiederholte
-sich bis zum Weihnachtsabende. Dabei sah Christina das Schauerliche der
-Oertlichkeiten, ihre schimpfliche Entblößung, die Schar der Teufel und
-fühlte den entsetzlichen Schmerz der Verwundungen. Die Teufel trieben ihr
-Blendwerk so weit, daß sie sagten, sie wollten zu Christinas Beschämung
-alle Männer des Dorfes zusammenrufen, so daß Christina wirklich zum
-Glauben kam, es ständen Leute umher, um sich an ihrer Qual und ihrer
-Entblößung zu weiden, was aber wirklich nicht der Fall war. Es erging
-der seligen Christina bei diesen Vorgängen geradeso wie der h. Teresia,
-als ihr Herz mit einem Pfeile durchbohrt wurde. „Es war dies,“ sagt Sankt
-Teresia, „kein körperlicher Schmerz, sondern ein geistiger, wiewohl auch
-der Leib und zwar in nicht geringem Maße an demselben teilnahm.“ In der
-Nacht vor dem h. Abend erhielt die durch den Advent hindurch fortgesetzte
-Folter ihre Krönung durch die Enthauptung Christinas. Diese zagte nicht,
-sondern empfahl sich dem, der tötet und wieder lebendig macht. Noch vor
-Tagesanbruch hörten alle Qualen auf; die bösen Geister, zwölf an der Zahl,
-gestanden, daß alles, was sie gesagt und getan, Lug und Trug gewesen,
-und als Christina ihnen im Namen Jesu befahl, sich zu entfernen, schieden
-sie unter großem Geheul von dannen. Von da bis zum Weihnachtstage blieb
-Christina in Sammlung des Geistes und großer Sehnsucht des Herzens, bis
-sie in der h. Kommunion sich mit ihrem Bräutigam vereinigte. Sie geriet
-so schnell in Entzückung, daß sie nicht einmal zu ihrer gewohnten Stelle
-hinter dem Altare gelangen konnte, sondern zur Seite des Altares hinsank
-und dort regungslos bis zum dritten Tage verharrte, überströmend vor
-Wonne und Seligkeit, ohne irgend etwas wahrzunehmen und ohne irgendwelche
-Nahrung zu sich zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_120" name="Page_120" href="#Page_120">[120]</a></span>
-Von Weihnachten bis zum ersten Sonntag der Fastenzeit 1280 erfreute
-sich Christina, abgesehen von einigen Tagen vor Mariä Lichtmeß, großer
-Tröstungen und geistiger Freude. In der Nacht vor Mariä Lichtmeß wurde
-sie jedoch versucht, die h. Kommunion am folgenden Tage zu unterlassen,
-weil sie bisher irre gegangen und erst ein besseres Leben beginnen müsse.
-„Da habt ihr mir eine gute Ermahnung gegeben,“ antwortete Christina den
-Versuchern, „denn es ist Zeit, daß ich mich zum wahren Leben, das Christus
-ist, bekehre.“ &mdash; Enttäuscht begannen nun die Versucher Christina zu
-quälen, indem sie dieselbe mit Haken zerfleischten. Christina achtete dies
-alles gering, ging, wiewohl ihre Wunden bluteten, morgens zur h. Kommunion
-und wurde alsbald entrückt.
-</p>
-
-<p>
-Die folgende Fastenzeit brachte eine Prüfung neuer Art. Der Heiland,
-der Christina in mannigfacher Weise schon die Präge seiner Aehnlichkeit
-aufgedrückt hatte, ließ sie vom ersten Fastensonntage bis zum
-Gründonnerstage das Leiden stellvertretender Buße für die Sünden der
-Menschen durchmachen. Wie die öffentlichen Sünder am ersten Fastensonntage
-aus dem Heiligtum des Gotteshauses verwiesen wurden, um am Orte der
-Büßer Sühne für ihre Vergehungen zu leisten, und erst am Gründonnerstage
-wieder zur Gemeinschaft der Gläubigen Zulaß erhielten, so wurde Christina
-in genannter Zeit der tröstlichen Gegenwart ihres Bräutigams gänzlich
-beraubt und ihre Seelenfreude in Trauer und Trockenheit verwandelt. Sie
-war wie ausgeschlossen aus dem Herzen ihres Bräutigams. Trotzdem unterließ
-sie nichts von ihrem Gebete, hielt an in stetem Wachen und kämpfte mit
-mannhafter Stärke gegen alle Anfechtungen. Zur Trostlosigkeit gesellten
-sich vom zweiten Sonntage an auch noch besondere Versuchungen. Der Fürst
-der Finsternis liebt es ja, sich als Engel des Lichtes aufzuspielen. In
-Gestalt der beiden Dominikaner, denen Christina das meiste Vertrauen
-schenkte, des Petrus von Dazien nämlich und des Gerhard vom Greif,
-kamen zwei böse Geister nachts zu Christina, quälten sie mit allerlei
-Behauptungen, suchten sie von der Verkehrtheit ihres Lebens zu überzeugen
-und rieten ihr, einen andern Wandel anzufangen. Wiewohl Christina bei
-Anbruch des Tages die Täuschung erkannte, so war es ihr doch immer wieder
-in den folgenden Nächten so, als ob jene beiden Brüder wirklich ihr
-Vorhaltungen machten. Sie kamen nämlich in jeder Nacht
-<span class="pagenum"><a id="Page_121" name="Page_121" href="#Page_121">[121]</a></span>
-wieder, brachten
-immer neue Gründe vor, um sie irre zu machen, und da sie standhaft blieb
-und sich zum Gebete wandte, wurde sie auf grausame Art gequält. Bald
-war es flammendes Feuer, bald siedendes Pech, dann Schwefel, das sie
-vom Gebete abschrecken sollte. Dann wurde sie mit Steinen zermalmt, dann
-mit einem Beile zerhackt und in der Nacht vor Gründonnerstag mit Lanzen
-zerstochen. Zweimal ging sie in dieser Zeit zur h. Kommunion, empfing
-aber keinerlei Tröstung. Ihr liebstes Gebet war in diesen Heimsuchungen
-der 87. Psalm: „<span class="fmarkd">Domine Deus salutis meae.</span> Herr, Gott meines Heiles, Tag
-und Nacht ertönt mein Wehklagen vor Dir“, der so recht ihre Verlassenheit
-und Seelenpein zum Ausdruck bringt. Nicht mehr war in dieser Zeit der
-Name des himmlischen Bräutigams auf ihren Lippen; sie nannte ihn nur
-ihren geliebten Vater. Alle Betrachtungen und Unterredungen und Gebete
-Christinas waren während dieser ganzen Fastenzeit nur ein Widerhall
-dessen, was in der h. Messe oder im kirchlichen Stundengebet aus den
-Propheten oder Evangelien über das Leiden des Herrn gelesen wurde. Am
-Morgen des Gründonnerstages, dem Ende der Bußzeit, wurde Christina in
-der Verzückung wiederum ins himmlische Brautgemach eingeführt, erhielt
-Vergebung der Sünden, wurde der Anschauung ihres Bräutigams gewürdigt
-und mit seliger Wonne erquickt. Vom Abende des Gründonnerstages bis zum
-Karsamstage sonderte sich Christina gänzlich vom Verkehr mit den Menschen
-ab und zog sich in ihr Kämmerlein zurück. Alle Marter, die der Herr
-am Karfreitag erduldet, erneuerte sich der Reihe und Zeitfolge nach an
-Christina. Gegen drei Uhr war sie im Todeskampf; die Seite öffnete sich,
-das Herz schien zu brechen und um drei Uhr hauchte sie aus. Sie lag da wie
-eine entseelte Martyrin, ihre Seele aber wurde gewürdigt zu verkosten, wie
-groß die Liebe Christi gewesen, die ihn bewogen hatte, für uns zu sterben.
-Am Karsamstage leuchtete aus Christinas Blick himmlische Seligkeit hervor,
-ihr Antlitz strahlte wie das eines Engels, ihr ganzes Aeußere war wie
-verklärt. Sie war mit Christus auferstanden. Fröhlich und jubelnd ging
-sie am Ostermorgen zur Kirche, empfing die h. Kommunion, wurde alsbald
-entrückt und mit überströmender Wonne erfüllt.
-</p>
-
-<p>
-In der dritten Woche nach Ostern nahte Christina wiederum dem Tische des
-Herrn, hatte aber in der vorhergehenden
-<span class="pagenum"><a id="Page_122" name="Page_122" href="#Page_122">[122]</a></span>
-Nacht Störung im Gebete verbunden
-mit Quälung durch Pfriemenstiche zu erleiden.
-</p>
-
-<p>
-Freitag der darauffolgenden Woche (24. Mai) vollendete Magister Johannes
-das Schreiben an Petrus, dem vorstehende Mitteilungen größtenteils
-entnommen sind, bittet gegen Schluß desselben den Petrus, er möge für
-Christina, ihrem Wunsche entsprechend, das Lob- und Dankopfer darbringen
-und auch das versprochene Buch ihr baldigst zugehen lassen. Gemeint
-ist die Fortsetzung des ersten Buches der Jülicher Handschrift, in dem
-Petrus, ohne Christina mit Namen zu nennen, im Anschluß an dreiundvierzig,
-in leoninische Hexameter gefaßte, dem Buche vorangestellte Leitsätze
-das Ideal einer gottseligen Jungfrau schildert, unter anderem ihre
-Züchtigkeit im Blick, ihre Klugheit in der Rede, ihre Frömmigkeit im
-Werke, die Innigkeit ihrer Gottesliebe, ihre Herzensgüte im Umgang, ihre
-Enthaltsamkeit im Genusse von Speise und Trank, ihre Bescheidenheit im
-ganzen Benehmen hervorhebt und ihre Fasten, Nachtwachen, Leiden, Kämpfe
-und Triumphe feiert.
-</p>
-
-<p>
-Magister Johannes hatte den Anfang des Buches, den er bereits von Petrus
-erhalten hatte, der Christina vorgelesen und erklärt. „Sie hat sich
-dadurch,“ so schreibt Johannes an Petrus, „gar sehr erbaut und mit solcher
-Herzenseinfalt zugehört, daß sie sich über Euch nicht genug wundern
-konnte, warum Ihr von dieser Euerer geistlichen Tochter ihr nie etwas
-gesagt hättet.“ In ihrer Demut kam es ihr nämlich nicht in den Sinn, daß
-von ihr selbst im Buche die Rede war.
-</p>
-
-<p>
-Am Mittwoch nach Apostel-Teilung (17. Juli 1280) ging ein neues
-Schreiben von Magister Johannes und Christina an Petrus, das verschiedene
-Mitteilungen über Christinas innere Erlebnisse enthält, vornehmlich aber
-die Aufnahme Sigwins, des Bruders Christinas, in den Dominikanerorden
-bezweckte.
-</p>
-
-<p>
-Wir entnehmen demselben, daß Christina am Vorabende von Christi
-Himmelfahrt, als sie nach der Beichte in der Kirche allein zurückblieb,
-um dem Gebete obzuliegen, darin wieder vom Versucher durch Lärm und
-Getöse gestört wurde, ihre Verachtung gegen diese Versuchung aber
-dadurch bekundete, daß sie anfing mit lauter Stimme zu singen. Magister
-Johannes, welcher in der an die Kirche anstoßenden Klause damals seine
-Wohnung hatte, öffnete das in die Kirche Einblick gewährende
-<span class="pagenum"><a id="Page_123" name="Page_123" href="#Page_123">[123]</a></span>
-Fenster und
-beobachtete den ungewohnten Vorgang. Am Feste der Himmelfahrt unseres
-Herrn empfing Christina die h. Kommunion, wurde entrückt, verkostete
-einen Vorgeschmack der Himmelsseligkeit und wiederholte im Seelenjubel gar
-oft den Vers des Psalmes: <span class="fmarkd">Ascendit deus in iubilatione</span> &mdash; Der Herr ist
-aufgefahren unter Jubelsang. &mdash; Dem Briefe des Magisters Johannes fügte
-Christina am Schlusse folgende Bitte bei:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Im Uebrigen bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, bei der Treue
-und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, in der ich Euch liebe und mich
-auch freue, von Euch wiedergeliebt zu werden, Ihr wollet aus meinem Herzen
-alle Besorgnis wegräumen und meiner Seele volle Freiheit verschaffen,
-indem Ihr bezüglich meines Bruders dem Wunsche, den ich Euch bei Euerer
-Anwesenheit hierselbst, leider nicht nachdrücklich genug, kundgegeben und
-den ich in meinem letzten Schreiben inständigst in Erinnerung gebracht
-habe, wie ich zuversichtlich hoffe, zu entsprechen Euch bestrebt. Ich darf
-Euch nicht verhehlen, daß seit Euerer Abreise dieser auf das Seelenheil
-meines Bruders gerichtete Wunsch immer lebhafter geworden ist. Ich
-befürchtete nämlich, sein jugendlicher Sinn könnte ihn, der jetzt noch
-heilsamen Ratschlägen ein williges Ohr leiht, weltlichem Treiben zuführen
-und so, was Gott verhüten möge, sein Seelenheil in Gefahr bringen. Deshalb
-bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, recht herzlich bei der Treue
-und Liebe, die uns miteinander verbindet, Ihr möget womöglich bei der
-ersten besten Gelegenheit die Erlaubnis nachsuchen, baldigst in unsere
-Gegend kommen zu dürfen. Solltet Ihr aber für Euere Person diese Erlaubnis
-nicht erlangen können, so wollet durch befreundete Ordensbrüder oder durch
-vertrauenswürdige Boten meinen Bruder wissen lassen, was er tun soll oder
-wie er zu Euch gelangen soll. Sollte man aber nicht sonderlich geneigt
-sein, meinen Bruder in den Orden selbst aufzunehmen, weil er ein Laie ist
-und wenig geeignet dazu, so wollet doch dafür Sorge tragen, daß er dem
-h. Ordensleben in irgend einem Orte angeschlossen werde, aber in der Nähe
-Euerer Stadt, damit Ihr ihn, den Fremdling und Ausländer, in väterlicher
-Liebe mit frommem Zuspruch im Dienste Christi mitunter bestärken könnt.
-</p>
-
-<p>
-Es erübrigt mir, teuerster Vater, Euch von ganzem Herzen für die mir
-unwürdigen durch soviele Wohltaten an Leib und Seele erwiesene Güte zu
-danken. Da ich jedoch nicht im Stande bin, Euch Euere Güte entsprechend
-zu vergelten, so bitte ich flehentlich Denjenigen, dem zu Liebe Ihr das
-Alles getan habt und noch tut, er möge selbst Euer übergroßer Lohn sein.
-</p>
-
-<p>
-Es grüßt Euch Johannes, der Lehrer (<span class="fmarkd">rector</span>) der Knaben, der mir
-allerwegen besondern, vertrauten und treuen Beistand leistet.
-<span class="pagenum"><a id="Page_124" name="Page_124" href="#Page_124">[124]</a></span>
-Auch bitte
-ich, teuerster, zugleich mit Magister Johannes recht dringend, Ihr wollet,
-sofern Ihr wünscht, er solle Euch schreiben oder da bleiben, wo er jetzt
-ist, das uns versprochene Büchlein mit den weitern Darbietungen, die Ihr
-zu unserer Erbauung oder Tröstung geeignet erachtet, uns möglichst bald
-zugehen lassen. Magister Johannes hat mir den Teil davon, den wir hier
-haben, zweimal vorgelesen und ich muß Euer Liebden gestehen, daß ich nie
-etwas gehört habe, was mir solche Freude bereitet hat. Auch wundert es
-mich gar sehr, daß Ihr mir von dieser Euerer Tochter oder Freundin nie
-etwas gesagt habt, obschon Ihr doch seit langer Zeit mit mir befreundet
-seid.
-</p>
-
-<p>
-Es grüßt Euch auch mein Bruder Sigwin; betet doch für ihn zu Gott.
-Desgleichen Hilla vom Berge mit allen Euern Freundinnen; sie bitten, Ihr
-möget für sie beim Herrn Fürsprache einlegen. Grüßet auch, wenn Ihr könnt,
-den Bruder Folkwin und saget ihm, er solle für uns alle zu Gott beten.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Weil Christina in ihren Briefen öfter von der Liebe und Freundschaft
-sprach, die sie mit Petrus verband, so setzte Petrus in seinem
-Antwortschreiben die Gründe der wahren, in Gott gegründeten Liebe
-auseinander, die auch bei räumlichem Getrenntsein keinerlei Einbuße
-erleidet. Den Freund, so führt er schließlich aus, sollen wir in Gott und
-den Feind um Gottes willen lieben. So sei auch Christus für alle Menschen,
-auch für seine Feinde gestorben. Wiewohl nun aber der Tod des Herrn
-hinreichend gewesen sei, um Freunden und Feinden Erlösung zu bringen, so
-hätte er sie doch in Wirklichkeit nur den Freunden gebracht. Wie daher
-hinreichende und wirksame Gnade nicht in der Bemessung des Spenders,
-sondern in der Bewertung des Empfängers den Grund ihres Unterschiedes
-hätten, so sei auch Christi Tod von verschiedenem Werte gewesen für seine
-Freunde und für seine Feinde.<a name='FA_48' id='FA_48' href='#FN_48' class='fnanchor'>[48]</a>
-</p>
-
-<p>
-In einem Briefe, den Petrus erst im Jahre 1282 erhielt, der aber viel
-früher, nämlich nach Allerheiligen 1280, geschrieben wurde, berichtet
-Magister Johannes unter anderm, daß Christina vom 5. Juli ab, an welchem
-Tage die Seele des Pfarrers Johannes aus dem Fegfeuer befreit wurde,
-bis zum Feste der
-<span class="pagenum"><a id="Page_125" name="Page_125" href="#Page_125">[125]</a></span>
-h. Maria Magdalena ununterbrochen große Tröstung und
-Wonne des Herzens verkostet habe. Sie sei während dieser Zeit sehr oft in
-Verzückung gekommen und in die Geheimnisse ihres göttlichen Bräutigams
-derartig vertieft gewesen, daß sie ihn, den Magister Johannes, wenn er
-mitunter in ihre Wohnung oder in ihr Kämmerlein eingetreten, nicht einmal
-bemerkt habe, obschon sie den Spinnrocken in der Hand hielt und recht
-fleißig spann oder sonst eine Handarbeit verrichtete. Und obschon er sie
-mehrmals angeredet habe, so hätte sie doch nichts von dem gehört, was er
-gesagt, bis sie aus der Entrückung gänzlich zurückgekehrt gewesen.
-</p>
-
-<p>
-In den drei Nächten, die dem Freitage vor Mariä Geburt vorangingen, also
-vom 4.-6. September, hatte sie verschiedenartige Qualen zu leiden, jedoch
-nicht sichtbarer Weise, sondern nur innerlich im Geiste. Es war ihr, wie
-wenn Donner und Blitz ihr Herz bestürmten. Da sie sich nicht darüber klar
-war, ob der böse Feind der Urheber der Quälereien sei, beschwor sie in der
-dritten Nacht, als die Plagen aufhörten, deren Urheber mit den Worten:
-„Ich beschwöre euch, ihr bösen Geister, im Namen des Herrn Jesus, daß
-ihr bekennet, ob dies alles durch euere Bosheit geschehen ist?“ Darauf
-erfolgte die Antwort: „Dienerin des allmächtigen Gottes, wir alle sind
-böse Geister, tausend an der Zahl; mit Zulassung des Allmächtigen haben
-wir dir diese Qualen unsichtbarer Weise zugefügt, um dich vom Gebete
-abzuhalten.“ Am folgenden Tage, dem Freitage vor Mariä Geburt, ging
-Christina zur Kirche, empfing den Leib des Herrn, kam in Verzückung, in
-der ihre Seele nach dem Maße der überstandenen Schmerzen die Wonne der
-göttlichen Tröstungen zuteil wurden (Psalm 90, 19).
-</p>
-
-<p>
-Es begab sich in der dritten Nacht nach Mariä Geburt, daß Christina mit
-ihrem Bruder Sigwin und einem andern Manne geschäftshalber nach Cöln
-reiste. &mdash; Ihr Bruder fuhr einen Karren mit Weizen. &mdash; Als sie nun nicht
-mehr weit von Cöln waren, aber erst Mitternacht vorbei war, spannten
-die beiden Männer die Pferde aus, ließen sie auf die Weide gehen ...
-und legten sich zum Schlafe nieder.
-Christina aber stieg auf den Karren,
-setzte sich auf die Säcke und hielt Wache, doch gar bald kam der Karren
-derart ins Wanken und Schwanken, daß Christina sich gezwungen sah,
-abzusteigen. Sie kniete nun auf die Erde nieder und hub an
-<span class="pagenum"><a id="Page_126" name="Page_126" href="#Page_126">[126]</a></span>
-zu beten.
-Und siehe da, ein Wolf stürzte auf sie los mit funkelnden Augen und
-fletschenden Zähnen, wie wenn er sie hätte verschlingen wollen. Sie
-aber erachtete dies für teuflische Gaukelei und fuhr fort zu beten, ohne
-auch nur zu zucken. Da stürzte sich der Wolf auf Christinas Bruder, und
-es erscholl ein klägliches Geschrei wie aus dem Munde Sigwins, damit
-Christina glauben sollte, er würde erwürgt. Dann lief er auch auf die
-Pferde zu und griff diese an. Und bald kam ein ganzes Rudel Wölfe, fraß
-anscheinend die Leichen Sigwins und der Pferde und erfüllte die Luft mit
-wildem Geheul.
-</p>
-
-<p>
-Wir glauben diesen visionären Vorgang mitteilen zu sollen, weil er
-Veranlassung geworden, am Nordportal des Cölner Domes die selige Christina
-mit einem Wolfe darzustellen.
-</p>
-
-<p>
-Im Herbste desselben Jahres trafen neue Schicksalsschläge Christina
-und ihren Bruder Sigwin. Die Eltern Christinas waren infolge einer
-Bürgschaft, die ihr Vater für einen Christen einem Juden gegenüber
-übernommen hatte, um ihre Habe gekommen. Nur der ausverkaufte Gutshof
-mit dem eingestürzten Wohnhause scheint ihnen geblieben zu sein. Durch
-Christinas Bemühungen wurden jedoch die Verhältnisse wieder geordnet, wenn
-auch noch Schulden zu tilgen waren. Sigwin scheint Ländereien gepachtet
-zu haben, und unterstützt von Christina führte er wieder Ackerwirtschaft
-größeren Stiles. Christina durfte so hoffen, bald alle Schulden beglichen
-zu sehen und dann, aller weltlichen Sorgen ledig, ungestört der Pflege
-des innern Lebens sich hingeben zu können. Doch es sollte durch Gottes
-Fügung anders kommen. „Der Herr,“ so schreibt Magister Johannes, „hat
-seine Hand ausgestreckt und die fünf Pferde, die sie hatten, mit schwerer
-Seuche heimgesucht. Als die Ernte kaum unter großer Arbeit eingeheimst
-war, hat er zur allerschlimmsten Zeit, wo nämlich die Aecker zur Saat
-bestellt werden mußten, alle fünf Pferde an plötzlichen Erkrankungen
-eingehen lassen. In Zeit von drei Wochen wurden sie alle, und zwar zwei
-an einem Tage, dann eines allein und darauf wieder an einem Tage die
-beiden übrigen abgedeckt. Infolge dessen befindet sich Euere Tochter
-in mehrfacher Trübsal. Zunächst drücken sie stark die Schulden, die sie
-binnen Kurzem bezahlen zu können gehofft hatte. Dann ist sie auch noch
-immer gar sehr bekümmert wegen des Seelenheiles ihres Bruders, der jetzt die
-<span class="pagenum"><a id="Page_127" name="Page_127" href="#Page_127">[127]</a></span>
-Ackerwirtschaft drangeben will. Doch diese und andere Leiden erträgt
-sie mit Geduld, indem sie spricht: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat
-es genommen; wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der Name
-des Herrn sei gebenedeit von nun an bis in Ewigkeit.“ &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Zum Schlusse des Schreibens des Magisters Johannes ergreift Christina das
-Wort und spricht:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Folgendes läßt Euere Tochter Euch melden. Ihr möget ihr eine einsame
-und stille Zelle besorgen mit einer Kapelle in der Nähe, in der genannter
-Johannes, der zum Priester geweiht werden soll, die h. Messe lesen kann
-... Dann aber klage ich Euch, teuerster Vater, daß der Prior Ingeld, ich
-weiß nicht durch welche Versäumnis dies gekommen, mich nicht gesehen
-und über die Angelegenheit meines Bruders deshalb auch nicht mit mir
-Rücksprache genommen hat. Das verursachte mir keinen geringen Kummer.
-Doch wurde ich dagegen nachher auch sehr erfreut durch Euern Brief, den
-genannter Prior mitgebracht hatte, den ich aber erst nach seiner Abreise,
-am Sonntag nach Sankt Bartholomäus (25. August), erhalten habe. Bedenket,
-teuerster Vater, die Leiden, die ich an Seele und Leib zu erdulden habe
-und unterstützet mich bei Euerm ewigen Bräutigam und Freund ohne Unterlaß
-durch Euer Gebet. Säumet auch nicht, das im Briefe in Aussicht gestellte
-recht bald auszuführen. Es grüßt Euch der Herr Pfarrer, der Magister
-Johannes, Hilla vom Berge, mein Bruder und meine Schwester sowie Euere
-sonstigen Freunde. Sie bitten um Euer Gebet, namentlich aber Magister
-Johannes, weil er die heiligen Weihen, nämlich das Diakonat und sodann
-die Priesterweihe, zu empfangen wünscht.<a name='FA_49' id='FA_49' href='#FN_49' class='fnanchor'>[49]</a>
-</p>
-
-<p>
-Flehet also in andächtigem Gebete zu Gott, daß, wenn es so sein heiliger
-Wille sei und genannter Johannes in der Demut und Frömmigkeit Fortschritte
-machen soll, sein Wunsch in Erfüllung gehe und der Herr seinen Sinn
-und all sein Tun nach seinem heiligen Wohlgefallen ordne und lenke.
-Wir möchten zu unserer Tröstung um Zusendung des dem Magister Johannes
-versprochenen Büchleins bitten, wenn wir uns nicht in Wirklichkeit mit
-der Hoffnung trügen, Ihr würdet persönlich zu uns kommen. Lebet wohl,
-teuerster Vater, und bleibet stark in der Liebe des ewigen Bräutigams
-Euerer Seele und Eueres trautesten Freundes. Nicht ein dürftiges
-Schreiben, sondern Euer persönliches Kommen, nach dem wir lange und
-inständig uns sehnen, möge auf diesen Brief die Antwort bilden. Nochmals,
-lebet wohl und freuet Euch allzeit im Herrn.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_128" name="Page_128" href="#Page_128">[128]</a></span>
-Vorstehender Brief blieb ohne Antwort, weil er erst nach nahezu zwei
-Jahren in die Hände des Petrus kam. Deshalb schrieb Christina im Advent
-1280 abermals an Petrus, vornehmlich um ihm ihren Bruder Sigwin zu
-empfehlen. Das Schreiben lautet, wie folgt:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„In Jesus Christus, ihrem ewigen Bräutigam und geliebtesten Freunde,
-entbietet ihrem Vater und Freunde, dem Herrn Bruder Petrus, Lesemeister
-von Gotland, seine arme und verlassene Tochter, Christina von Stommeln,
-Gruß sowie unvergänglichen und vollen Trost <em class="gesperrt">im Herzen</em> des Geliebten,
-dessen sie sich leider gänzlich beraubt fühlt.
-</p>
-
-<p>
-Da ich, teuerster Vater und Herr, die vielfache Trübsal und Kümmernis
-meiner Seele weder durch Briefe noch durch Worte so, wie es mir ums
-Herz ist, auszudrücken vermag, so möge jener, der Herzen und Nieren
-durchforscht, Euch kundtun und Euerem Geiste Verständnis dafür und Mitleid
-einflößen. Ach, teuerster, welcher Güter und Tröstungen bin ich beraubt!
-Ach, von welchen Leiden und Aengsten bin ich umgeben! Stimme denn an deine
-Wehklage, o du, mein armes Herz, und seufze auf in deiner Trostlosigkeit,
-weil dein Heiland und Helfer ob deiner Sünden sich gänzlich von dir
-zurückgezogen und dich lebendig zu den Dämonen in der Unterwelt gesellt
-hat. Gleich erachtet bist du jenen, die hinabsinken in den See; geworden
-bist du wie eine Erschlagene, gleich jenen, die in den Gräbern ruhen; und
-deren nicht mehr mit Segensspruch gedacht wird, da sie weggewiesen sind
-von Gottes beseligendem Antlitze.<a name='FA_50' id='FA_50' href='#FN_50' class='fnanchor'>[50]</a> Was nun wirst du tun? Zu wem wirst
-du deine Zuflucht nehmen? Wer wird dich aus dieser tiefsten Unterwelt
-befreien? O, möchte es dir freistehen, aus Liebe zu deinem Geliebten,
-wiewohl er sich dir entzogen hat, zu sterben oder es dir doch vergönnt
-sein, deinem Schmerze freien Lauf zu lassen. Doch ach! und abermals ach!
-Schmerz häuft sich auf Schmerz! Denn zu alledem wirst du auch noch in
-die Sorgen und Kümmernisse der Welt verwickelt und so beklagenswerter
-Weise abgehalten, deinem Schmerze dich hinzugeben und den Verlust deines
-Geliebten ohne Unterlaß zu beweinen. Um das Maß deines Schmerzes voll zu
-machen wird dir überdies zu den vielen und unaufhörlichen Plagen auch noch
-von den Dämonen der Vorwurf gemacht, daß jene, die du für deine treuesten
-Freunde hieltest, wegen deines übelgeordneten und irrigen Lebenswandels,
-deiner überdrüssig sind und dich gänzlich verlassen. Wenn daher, teuerster
-Vater, Ihr noch Mitleid verspürt, wenn in Euerm Herzen sich noch Mitgefühl
-regt, so möge dieses Euch rühren und zur Teilnahme bewegen. Somit
-beschwöre ich Euch, teuerster Vater, bei jener Treue und Liebe,
-<span class="pagenum"><a id="Page_129" name="Page_129" href="#Page_129">[129]</a></span>
-vermöge
-der Ihr von Ewigkeit her von Gott zum engern Freundschaftsbunde ausersehen
-worden seid, Ihr wollet den Schmerz meines Herzens lindern und meiner
-Seele wieder volle Freiheit wiedergeben und deshalb bei der ersten sich
-darbietenden Gelegenheit ohne Verzug persönlich hieher kommen, um die
-schier unerträgliche Last meines Herzens zu erleichtern, besonders aber,
-um meinen Bruder, worum ich Euch so oft und so inständig gebeten habe, an
-eine Stätte zu bringen, wo er ungestört ein gottseliges Leben führen kann.
-Denn er ist hauptsächlich Gegenstand all meiner äußern Besorgnis. Ich
-sagte aber, Ihr möchtet persönlich kommen, weil mein Bruder sich nicht so
-sehr aus eigener Neigung, als infolge von Belehrung und gütlichem Zureden
-zum Ordensleben hingezogen fühlt und deshalb einem Fremden wohl nicht so
-bereitwillig folgen möchte als gerade Euch.
-</p>
-
-<div id="Fabb_10" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb10.jpg'
- alt='10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.'
- />
-<p class='caption'>10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.</p>
-</div>
-
-<div id="Fabb_11" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb11.jpg'
- alt='11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.'
- />
-<p class='caption'>11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.</p>
-</div>
-
-<p>
-Wohlan denn, teuerster Vater, von ganzem Herzen danke ich Euer Liebden
-für alle und jede Wohltaten, die Ihr mir so väterlich erwiesen habt, und
-abermals bitte ich flehentlich im <em class="gesperrt">geliebten Herzen</em> des vielgeliebten
-Bräutigams und Freundes, in dem wir uns einander aufrichtig lieben, Ihr
-wollet doch, getreu Euerer bisherigen Gepflogenheit, in diesem meinem
-Anliegen, das gleichsam Ziel und Anfang all meiner Besorgnis ist, mir
-Euern Liebeserweis weder versagen noch ihn hinausschieben, um nicht durch
-Zögern mein Herz, anstatt es zu erfreuen, über die Maßen zu betrüben und
-den Gewinn, den Ihr an meinem Bruder erzielen könnt, durch Hinausschieben
-gänzlich in Frage zu stellen. Denn es liegt auf der Hand, daß mein Bruder,
-so lange er noch in Demut Rat anzunehmen gesonnen ist und sich nach Euerer
-Ankunft sehnt, durch Euern Rat und Beistand zum Hafen des Heils geführt
-wird oder aber, zum bittersten Schmerze und Leidwesen meines Herzens, von
-den Nichtigkeiten der Welt, die jetzt sein Seelenheil in Gefahr bringen,
-betört, heilsame Ratschläge von sich weisen und in den Abgrund des Lasters
-versinken wird. Es liegt auch noch ein anderer Grund vor, weshalb ich
-gar sehr nach Euerer Ankunft verlange. Magister Johannes, der bereits
-zum Diakon geweiht worden ist, soll, wie ich mit Sicherheit annehme, an
-den kommenden Quatembertagen die Priesterweihe erhalten. Die Zahl seiner
-Schüler hat aber derartig abgenommen und ist so gering geworden, daß er
-Mangel am nötigen Lebensunterhalt hat und deshalb an seiner bisherigen
-Stelle nicht mehr bleiben kann. Sollte er nun wegziehen, so können Euer
-Liebden leicht ermessen, daß dies mir mehr Schmerz verursachen würde als
-der Tod irgend eines mir Nahestehenden. Deshalb hegt besagter Johannes
-gleich mir das sehnlichste Verlangen nach Euerer Ankunft, damit Ihr meinen
-Bruder mitnehmet und auch mir raten möget, was wir tun und wohin wir gehen
-sollen. Deshalb bitte ich nochmals und
-<span class="pagenum"><a id="Page_130" name="Page_130" href="#Page_130">[130]</a></span>
-abermals flehentlich: Kommet doch.
-Lebet wohl, teuerster Vater, und betet recht inständig und herzlich zu
-Euerem Freunde für Euere schwer geprüfte und trostlose Tochter. Johannes
-läßt Euch sagen, daß er manches über Christi Wunderwerke aufgeschrieben
-hat. Wenn Ihr es zu haben wünscht, so empfiehlt es sich, daß Ihr möglichst
-bald kommt. Lebet wohl und bleibet stark in der Liebe Christi!“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Diesen Brief erhielt Petrus im Herbste 1281, als er zum Provinzialkapitel
-in Skeninge weilte. Sogleich besprach er sich bezüglich der Anliegen
-Christinas mit dem Prior der Insel Gotland, Bertold, der ihr eine
-Unterstützung im Betrage von zwölf Sterlingsschillingen (<span class="fmarkd">solidi
-sterlingorum</span>) zuschickte und zugleich den guten Rat erteilte, ihren
-Bruder Sigwin nach Gotland einzuladen und seine Aufnahme in den
-Dominikanerorden in die Wege zu leiten. Der bereits mehrfach erwähnte
-Bruder Mauritius, ein Bekannter Christinas, sollte den zum Definitor
-des für den Frühling 1282 in Wien anberaumten Generalkapitels seitens
-der Provinz Dazien erwählten Bruder Johannes auf der Reise begleiten
-und dieser sollte, da die Reise über Cöln ging, den Sigwin mitbringen.
-Mauritius brachte drei Briefe nach Stommeln mit, einen Brief des Bruders
-Petrus für Christina, desgleichen einen Brief des Priors Bertold an
-Christina, in denen Christina eingeladen wird, mit Sigwin nach Gotland
-zu kommen, wo sie in einem Kloster der Dominikanerinnen alle Tage
-ihres Lebens Gott dienen könne. Sie könne dort ihr jetziges Ordenskleid
-beibehalten oder auch das Ordenskleid der Dominikanerinnen annehmen.
-„Doch,“ schreibt Petrus, „will ich Euch in dieser Sache nicht meine
-Meinung aufdrängen; denn ich weiß, daß Ihr den Geist Gottes habet, der
-Euch in allem zu belehren pflegt.“
-</p>
-
-<p>
-Der dritte Brief war für Magister Johannes bestimmt und von Bruder Petrus
-geschrieben. Aus ihm ersehen wir, daß im Sommer 1281 die Abhandlung
-von den Tugenden, die das erste Buch der Jülicher Handschrift bildet,
-durch einen jugendlichen Cölner Bürger, Johannes von Stolzenberg, dem
-Magister Johannes und Christina aus Gotland war überbracht worden. Auch
-ein Mann von vornehmer Herkunft, Johannes, Bruder der Miliz Christi, d.
-h. des dritten Ordens des h. Dominikus, schrieb an Christina, er habe von
-seinen Eltern eine besondere Vorliebe für den Dominikanerorden überkommen
-und selbe auch bewahrt. Auch habe er zwei Schwestern, von denen eine,
-Namens Christina, bereits gestorben sei. Beide hätten
-<span class="pagenum"><a id="Page_131" name="Page_131" href="#Page_131">[131]</a></span>
-das Kleid der
-Schwestern des h. Dominikus genommen und es länger als zehn Jahre allein
-im Königreich Schweden getragen. Ihr Verlangen nach Zuwachs sei leider
-lange Zeit hindurch unerfüllt geblieben. Jetzt endlich sei mit Bewilligung
-des Königs von Schweden und des zuständigen Diözesanbischofs sowie des
-Provinzials von Dazien ein schön und günstig gelegenes Kloster gegründet
-worden, das er aus seinem Vermögen sowie demjenigen seines Bruders Andreas
-und seiner Schwestern mit Einkünften ausgestattet habe. Dahin ladet
-er Christina mit ihrem Bruder Sigwin ein, damit sie dort an die Stelle
-seiner verstorbenen Schwester Christina trete. Auch Helborgis und ihre
-Schwester, die beide Beginen auf Gotland waren, luden Christina zu sich
-ein, wobei sie bemerkten, daß sie unter Leitung der Dominikaner ständen.
-Der Definitor der Provinz Dazien auf dem Generalkapitel in Wien, Johannes,
-starb zu Wien oder auf der Reise und sein Begleiter Mauritius schrieb nun
-nach Cöln an Bruder Laurentius aus Dazien, der in Cöln studierte, er möge
-Christina wissen lassen, ihr Bruder Sigwin solle sich bereit halten, um
-mit ihm, Mauritius, bei seiner Rückreise aus Oesterreich zu Bruder Petrus
-nach Dazien zu reisen.
-</p>
-
-<p>
-Auch empfiehlt er die Seele des verstorbenen Definitors Johannes in
-Christinas Gebet und läßt ihr danken für das h. Haupt, das sie diesem
-verschafft habe.
-</p>
-
-<p>
-Am Feste Peter und Paul oder kurz nachher ist dann Sigwin mit Bruder
-Mauritius nach Dazien abgereist. Am Vorabend des h. Laurentius langten
-die beiden in Wisby auf Gotland an, woselbst gerade das Provinzialkapitel
-gehalten wurde. Die beiden überbrachten dem Bruder Petrus einen Brief
-Christinas, den letzten, der uns erhalten ist. Derselbe lautet wie folgt:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Ihrem in Jesus Christus, dem süßesten Bräutigam und Freunde,
-geliebtesten Vater und Herrn, dem Bruder Petrus, Lesemeister auf Gotland,
-entbietet seine gar arme Tochter Christina von Stommeln, demütiges und
-frommes Gebet und was immer an Wonnevollem sich im Brautgemache des
-ewigen Bräutigams finden mag. Teuerster Vater und Herr, für die Güte und
-Treue, die Ihr mir allerorts und in allen Stücken in väterlicher Huld
-erweiset, jetzt aber dadurch, daß Ihr Euch für meinen Bruder so getreulich
-bemühtet, in ganz vorzüglicher Weise bekundet habt, kann ich Euch niemals
-genugsam Dank sagen. Ich bitte aber und flehe, jener süßeste Bräutigam
-und Freund, der gütig und getreu ist und ein überaus gnädiger
-<span class="pagenum"><a id="Page_132" name="Page_132" href="#Page_132">[132]</a></span>
-Belohner
-alles Guten, möge statt meiner es Euch vergelten. Im vollen Vertrauen auf
-Euere Güte und Treue lasse ich also jetzt meinen Bruder zu Euch reisen
-und ich empfehle ihn Euerer Liebe in Christo. Er ist aufrichtigen Sinnes,
-schüchtern im Auftreten und sanften Gemütes. Unter allen meinen leiblichen
-Brüdern und Schwestern habe ich ihn von Kindheit an besonders geliebt
-und ihn deshalb, da ich zuversichtlich hoffe, er werde sein ewiges Heil
-wirken, allzeit durch fromme Ermahnungen und gütiges Zureden zu fördern
-gesucht. Und nun bitte ich Euch inständig bei aller Treue und Liebe, mit
-der wir uns einander zugetan sind, Ihr wollet ihn, als Ankömmling und
-Fremdling in Euerem Lande, in Güte aufnehmen und ihm die Erweise Euerer
-Liebe noch mehr als mir selbst, wenn ich in Person bei Euch wäre, um
-Gottes willen zukommen lassen. Auch bitte ich Euch, dafür Sorge zu tragen,
-daß er, sofern es nur irgendwie möglich ist, in Euerem Kloster Unterkunft
-findet, und Ihr ihn dort gleich wie Euern Sohn behandelt, ihn wie eine
-zarte Pflanze durch gütiges Zureden und heilsame Lehre gleichsam bewässert
-und zum Ordensleben anleitet. Das ersehne und erhoffe ich nämlich mit
-allen Fasern meines Herzens, weil ich vor allen Menschen zu Euch ein
-besonderes Vertrauen habe. Sollte dieses jedoch sich nicht bewerkstelligen
-lassen, so bitte ich inständigst und ergebenst, Ihr wollet ihn Euerem
-besondern Freunde, dem Herrn Prior Bertold, und den einzelnen Brüdern
-jenes Klosters getreulich anbefehlen und denselben ans Herz legen, daß sie
-ihn liebevoll aufnehmen, durch gütiges Zureden und trauliche Unterredungen
-ihn zum Guten anleiten und seinen Sinn weiter ausbilden; denn seine
-Gemütsart erheischt Ermunterung zum Guten und liebevollen Zuspruch. Und
-weil ich vor allen übrigen Orden dem Predigerorden in aufrichtiger Liebe
-und besonderer Ergebenheit zugetan bin, so bin ich voller Freude und
-Wonne darüber. daß mein Bruder in denselben Aufnahme findet. Deshalb
-bitte ich Euch, Ihr wollet doch diesen meinen Bruder in keinem andern
-Orden als demjenigen Euerer Brüder unterbringen und dafür sorgen, daß
-er von den Brüdern mit solchem Wohlwollen behandelt wird, daß nicht die
-fremde Gegend, die immerhin schwerdrückende Entfernung von der Heimat und
-die Strenge der Ordenszucht ihm Ueberdruß verursachen, ihn mutlos machen
-und, was Gott verhüten wolle, in die Heimat zum größten Schmerze meines
-Herzens zurücktreiben ... Abermals bitte ich recht herzlich, Ihr wollet zu
-meines Herzens großer Freude mir recht bald schreiben und mir im Einzelnen
-mitteilen, wo, wie und wann mein Bruder in Euern Orden aufgenommen worden
-ist und wie es ihm auf der Reise ergangen. Aber auch noch einen andern
-Wunsch habe ich, daß Ihr ihn nämlich im Ordenskleide der Predigerbrüder
-hierher führet. Denn nichts könnte mich, sofern es Gottes Wille sein
-sollte, so sehr bewegen und bestimmen,
-<span class="pagenum"><a id="Page_133" name="Page_133" href="#Page_133">[133]</a></span>
-in Euerem Lande meinen Aufenthalt
-zu nehmen. Geschrieben am Tage der Apostel Petrus und Paulus. Lebet wohl
-für immer.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Am 9. August 1282 kam Sigwin, von Bruder Mauritius geführt, in Wisby an.
-Sie brachten auch ein Heiligenhaupt mit, das Christina für den inzwischen
-verstorbenen Definitor Johannes in Cöln besorgt hatte, wofür Petrus später
-seinen Dank ausspricht. Petrus besprach sich sofort in Wisby mit dem dort
-zum Provinzialkapitel weilenden Prior Bertold, und Sigwins Aufnahme in
-den Dominikanerorden wurde beschlossen. Bereits am Tage des h. Bernard
-(20. August) wurde er wahrscheinlich in Schöningen eingekleidet und
-erhielt den Namen Gerhard, weil der Name Sigwin in dortiger Gegend nicht
-gebräuchlich war. Bruder Petrus konnte in einem Briefe, den er vor dem
-Provinzialkapitel des Jahres 1283 an Christina schrieb, nur Gutes über
-ihren Bruder melden: Er sei gesund an Leib und Seele und von Gott und den
-Menschen geliebt. „Unsere Brüder,“ schreibt Petrus, „die ihn kürzlich
-sahen und lange Zeit mit ihm zusammen waren, haben mir erzählt, er sei
-Kellermeister unserer Brüder und führe dieses Amt so umsichtig, daß es
-allen eine wahre Freude sei. Auch sagten sie, er sei gottselig und eifrig
-besorgt, unsere Ordenssatzungen zu beobachten. Dafür, Teuerste, schuldet
-Ihr Gott innigsten Dank. Jetzt will ich, was ich bisher nicht wagte, Euch
-die Wahrheit gestehen. Wider Erwarten nämlich ist die Sache gelungen;
-denn, wenn Ihr wüßtet, wieviel hin und her überlegt wird, wenn es sich um
-die Aufnahme von Laienbrüdern in unsern Orden handelt, so würdet Ihr es
-für ein Wunder oder doch für einen besonderen Hulderweis Gottes erachten,
-daß Euer Bruder unter Unbekannten so schnell in den Orden aufgenommen
-worden ist.“ Vom Provinzialkapitel des Jahres 1284, dem Petrus als Prior
-von Wisby beiwohnte, erhielt Christina die weitere fröhliche Nachricht,
-daß ihr Bruder, wie es von jeher ihr sehnlichster Wunsch gewesen, unter
-die Leitung des Petrus komme. Noch vor dem Winter des Jahres 1284 wurde er
-ins Kloster zu Wisby versetzt, wo Petrus Prior war. Im Jahre 1287 war er
-aber wieder in einem andern Kloster. Denn Petrus meldet der Christina, ihr
-Bruder befinde sich sehr wohl und sei Gott und den Menschen wohlgefällig.
-Alle Ausgaben der Brüder seines Klosters gingen durch seine Hand und seien
-seiner Verwaltung übergeben. Auch habe er ihm geschrieben,
-<span class="pagenum"><a id="Page_134" name="Page_134" href="#Page_134">[134]</a></span>
-es sei ihm
-sehr lieb, in dem Kloster zu verbleiben, in dem er sich jetzt befinde. Im
-Herbste 1287 jedoch starb Petrus und Bruder Folkwin, der am 9. September
-Christina die Trauerbotschaft meldete, stellte einen baldigen Besuch
-Sigwins in Stommeln in Aussicht. Weitere Nachrichten über Sigwin fehlen.
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi16" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Sechzehntes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Christina bewirkt die Bekehrung der Sünder und die Befreiung der armen
-Seelen aus dem Fegfeuer.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_135" name="Page_135" href="#Page_135">[135]</a></span>
-Wie die Sonne nach ihrem Aufgange am Morgen sich allmählich immer höher
-erhebt und bei ihrem Hinaufsteigen immer mehr Licht ausstrahlt und
-immer mehr Wärme verbreitet, bis sie am Mittage in vollster Pracht und
-Herrlichkeit in der Höhe des Firmamentes erglänzt, so machte auch Gottes
-treue Dienerin Christina von Jahr zu Jahr, ja von Tag zu Tag immer größere
-Fortschritte in der Erkenntnis und Liebe Gottes. Und weil sie Gott liebte,
-deshalb war ihr Herz auch von aufrichtiger Liebe zum Nächsten erfüllt,
-der ja Gottes Ebenbild in sich trägt und zur ewigen Seligkeit berufen
-ist. In zweifacher Hinsicht betätigte sie vorzugsweise die Tugend der
-Nächstenliebe, in der Sorge um die Bekehrung der Sünder und im Erbarmen
-mit den armen Seelen im Fegfeuer.
-</p>
-
-<p>
-Christus ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was veloren war.
-Es darf uns daher nicht wundern, daß Christina, an der immer mehr die
-Präge Christi hervortrat, ganz besonders auf die Rettung der armen Sünder
-bedacht war. Der Versucher gestand ihr einmal, daß er die Länder durcheile
-und aus allen Ständen viele Seelen sich erwerbe. Sie aber raube ihm jene
-wieder, die er schon in seinem Besitz zu haben gewähnt. Sie bot sich
-nämlich als Schlachtopfer der Gerechtigkeit Gottes dar für die Sünden
-anderer, um Gottes Zorn zu beschwichtigen und den Sündern Erbarmung und
-Bekehrung zu erwirken. So lesen wir von ihr im dritten Buche der Jülicher
-Handschrift, daß in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 1284, als sie
-sich für den folgenden Tag auf den Empfang der h. Kommunion vorbereitete,
-ein böser Geist, der sie bereits seit zwei Jahren des öftern mit einem
-Dreizack
-<span class="pagenum"><a id="Page_136" name="Page_136" href="#Page_136">[136]</a></span>
-gemartert hatte, sie jetzt mit einem eisernen Haken, der zwei
-umgebogene Spitzen hatte, zerfleischte. Dieser böse Geist war immer
-stumm gewesen und Christina hatte nie die Kraft gehabt, ihn zur Rede zu
-stellen. Vom Herrn bestärkt sprach sie aber jetzt zu ihm: „Ich beschwöre
-dich in Kraft des Leidens meines Herrn Jesus Christus, daß du mir gleich
-sagest, weshalb du mich schon so lange und so heftig gequält hast?“ Jener
-erwiderte: „Nicht deinetwegen habe ich dies getan. Vom Allerhöchsten
-werde ich gezwungen, dieses zu tun, weil du ein so großes Verlangen
-hast, für die Sünden anderer zu büßen.“ In der Fastenzeit desselben
-Jahres hatte sie gar schreckliche Qualen zu erdulden, kam auch bei der
-h. Kommunion nicht in Verzückung, wurde aber am Abend des Freitags der
-ersten Fastenwoche über den Willen Gottes bezüglich der Leiden, die ihrer
-noch harrten, belehrt. Wozu diese Leiden dienten, das zeigte sich in
-den beiden Nächten der Karwoche, die dem Gründonnerstage vorangingen. In
-der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch schlangen sieben Teufel ihr eine
-glühende Kette um den Leib und schleppten sie aus ihrem Kämmerlein durch
-Disteln und Dornen in eine weit entlegene Gegend bis an einen großen
-Wald und sprachen dann zu ihr: „Siehe, Elendeste, in diesem Walde hausen
-sieben Räuber, die uns zu Willen sind, schon viele Mordtaten vollbracht
-und nicht wenige Seelen zu uns in die Hölle befördert haben. Wofern du
-nicht deinen Sinn änderst, so schleppen wir dich in den Wald hinein,
-schlagen ringsum eine Anzahl Bäume nieder, lassen aber einen stehen, an
-dem wir dich anbinden werden, locken alsdann durch unser Geschrei die
-Räuber herbei, die dich in deiner schmachvollen Lage sehen sollen, um
-dann mit uns und den Räubern in die Hölle zu fahren.“ Mutig entgegnete
-Christina: „Sparet euere Drohungen und tut, was euch vom Herrn befohlen
-ist.“ Wütend stürzten nun die Teufel auf sie los, schleppten sie in den
-Wald, erfüllten denselben mit furchtbarem Geheul, hefteten Christina
-mit der Kette an einen Baum und sprachen dann höhnend: „Nun rufe deinen
-Bräutigam an, deinen Herrn und Helfer.“ Christina aber sprach: „Mein Herr
-Jesus Christus wird mich nicht verlassen; euch Lügengeister aber wird die
-ewige Qual verschlingen.“ Die Teufel wichen nun zurück. &mdash; Vom ungewohnten
-Getöse aufgeschreckt waren aber unterdessen die Räuber herbeigekommen
-und sie hörten das standhafte Wort der Jungfrau.
-<span class="pagenum"><a id="Page_137" name="Page_137" href="#Page_137">[137]</a></span>
-Mit neugieriger Scheu
-traten sie an den Baum heran, an den Christina angekettet war. Diese
-war aber derartig zugerichtet, daß die Räuber nicht wußten, ob sie ein
-menschliches Wesen vor sich hatten oder nicht. Auf ihr verwundertes
-Ausrufen, was denn los sei, und ob das etwa ein menschliches Wesen sei,
-was da hänge, sagte Christina, die bösen Geister seien hier im Spiele.
-„Ich aber,“ so fuhr sie fort, „bin wahrhaft ein Mensch von katholischem
-Glauben und zwar ein weibliches Wesen. Wisset aber, daß ich durch mich
-selbst in so großer Folter nicht mehr leben könnte; aber mein Herr Jesus
-Christus, der für mich gestorben ist, er ist mein Leben, mein Heiland,
-mein Schutz. Und weil ich in ihm lebe, so verschmachte ich nicht in den
-Leiden und verliere darin nicht mein Leben; denn er lebt in mir und redet
-aus mir und beschützt mich überall.“ Darüber erstaunten die Räuber und
-sprachen: „Wir kennen gar nicht diesen großen Gott und Herrn, der dir
-in so großen Leiden das Leben erhält, und wir glauben niemals, daß es
-nach diesem Leben noch ein anderes Leben gebe. Darum haben wir uns nicht
-gescheut, unsere Hände zu allen Freveltaten auszustrecken. In dieser Nacht
-aber haben wir so schreckliche Dinge gesehen und gehört, daß wir vor Angst
-fast vergangen wären.“ Christina aber erwiderte: „Es gibt einen wahren
-und allmächtigen Herrn Jesus Christus, der sich herabgelassen hat, für
-das Heil des menschlichen Geschlechtes am Kreuze zu sterben, der aber am
-dritten Tage wieder auferstanden ist und gen Himmel aufgefahren. Er ist
-das Leben aller, die einen gottseligen Wandel führen; er ist ein Helfer
-und Beschützer aller, die auf ihn vertrauen. Er wird auch denen, die an
-ihn glauben und ihm treu dienen, selige Unsterblichkeit schenken. Es gibt
-aber auch ein anderes, nie endendes, unseliges Leben, das eher Tod als
-Leben genannt zu werden verdient. Dieses ist für die Gottlosen und die
-Sünder bestimmt. Es ist die schreckliche Finsternis, in der häßliche und
-schreckliche Dämonen wohnen. Ihrer Gewalt werden diejenigen, die sich
-nicht zum Herrn bekehren wollen, sondern in ihrer Bosheit verharren, nach
-diesem Leben überliefert, um von ihnen mit unerträglichen Qualen ohne
-Erbarmen gepeinigt zu werden.“
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte machten Eindruck auf die Räuber und sie sprachen: „Wenn das
-wahr ist, was du sagst, was wird dann aus uns werden? Denn wir sind
-Mörder und Räuber, und
-<span class="pagenum"><a id="Page_138" name="Page_138" href="#Page_138">[138]</a></span>
-wenn wir schon dem Namen nach katholisch sind, so
-haben wir doch Gott weder erkannt noch gefürchtet. Vor mehreren Jahren
-haben wir uns zusammen getan und unsern Aufenthalt in diesem Walde
-genommen, der über sechzehn Meilen breit und über dreißig Meilen lang
-ist. Hier haben wir viele Mordtaten und alle möglichen Arten anderer
-Greueltaten vollbracht. Wie können wir demnach noch hoffen, Rettung zu
-finden?“ Die Jungfrau erwiderte ihnen: „Verzweifelt nicht, sondern bekehrt
-euch zum Herrn Jesus Christus, dem Vater der Erbarmungen, und bereuet
-euere Sünden von ganzem Herzen. Er ist gnädig und überaus barmherzig,
-und alle euere Sünden wird er euch vergeben, wenn ihr wahre Buße tun
-und in Zukunft die Sünden meiden wollet.“ Sie aber entgegneten: „Unsere
-Sünden sind so zahlreich und so groß, daß wir auf Verzeihung nicht hoffen
-können. Denn schon viele Jahre hindurch sind wir Räuber der schlimmsten
-Art gewesen und vor keinerlei Lastern schreckten wir zurück. Da wir nun
-mit so schweren Verbrechen behaftet sind, wie können wir uns da noch
-Hoffnung auf Vergebung machen?“ Darauf sprach die Jungfrau: „Wollet nicht
-an der Barmherzigkeit Gottes verzagen und euch nicht durch Verzweiflung
-in den Fallstrick des ewigen Todes stürzen; denn Gottes unermeßliche
-Barmherzigkeit geht weit über alle euere Vergehen hinaus. Auch die Größe
-eurer Sünden soll euch nicht abschrecken; denn Gottes Erbarmen ladet euch
-zur Versöhnung ein. Befolgt mithin meinen Rat, lasset alles Mißtrauen
-fahren, flehet die große Güte Gottes an und bittet um Verzeihung. Und dann
-gehet zu den Priestern und bekennet vor ihnen mit reumütigem Herzen in
-der Beicht den ganzen Wust euerer Sünden.“
-</p>
-
-<p>
-Da aber sprachen sie: „Wenn wir deinen Rat befolgen und aus diesem Walde
-herausgehen würden, um Priester aufzusuchen, so würden wir ohne Zweifel
-das Leben einbüßen. Denn es gibt viele, die wegen unserer Mordtaten,
-Räubereien und anderer Frevel uns schon längst aufpassen, um uns zu
-ergreifen und uns dann dem schmählichsten Tode zu überliefern.“ Darauf
-sprach die Braut Christi: „Wenn ihr aus Furcht für euer leibliches Leben
-es nicht wagt, aus diesem Walde herauszugehen, um Priester aufzusuchen,
-denen ihr eure Sünden beichtet, so dürft ihr auch so durchaus nicht
-an der unendlichen Barmherzigkeit Gottes verzweifeln. Vielmehr in der
-festen Hoffnung auf Verzeihung erhebet Hände und Herz zu Gott empor
-und in der
-<span class="pagenum"><a id="Page_139" name="Page_139" href="#Page_139">[139]</a></span>
-heiligen Gegenwart seiner Majestät bekennet mit dem Munde
-alle euere Sünden; denn der Vater der Erbarmungen und Durchforscher der
-Nieren ist hier gegenwärtig und wenn er sieht, daß euere Sünden euch
-leid sind, so wird er euch nicht nur verzeihen, sondern euch auch von
-allen Widerwärtigkeiten und Gefahren gnädig befreien und euch nach diesem
-vergänglichen Leben mit seinen Auserwählten in der ewigen Seligkeit
-krönen. Um euch aber mehr Zuversicht und Vertrauen einzuflößen, so nehme
-ich die Last euerer Sünden auf mich und erbiete mich aufs bereitwilligste,
-für euch genugzutun.“ Da nahmen zwei von den Räubern, Simon und Rembold,
-die leibliche Brüder waren, durch Gottes Barmherzigkeit gerührt, das Wort
-und ermahnten ihre Genossen, dem Rate der Jungfrau zu folgen und die
-Sünden wahrhaft zu bereuen. Diese aber waren noch unschlüssig, fragten
-hin und her, wollten zunächst wissen, was es mit der Jungfrau für eine
-Bewandtnis habe und wie sie dorthin gekommen sei. Um nun ihre Zweifel
-zu heben und ihre Hoffnung auf Verzeihung zu beleben, ergriff Christina
-wiederum das Wort und sprach: „Es gibt eine große und berühmte Stadt, die
-Cöln heißt. Etwa zwei Meilen von dieser Stadt liegt ein Dorf, Stommeln
-genannt. Dort bin ich diese Nacht, als ich in meinem Kämmerlein betete,
-von den Dämonen ergriffen, unter großem Geheul in diesen Wald geschleppt
-und nach vielen Martern mit einer Kette an diesen Baum aufgehängt
-worden. Sie vermochten es aber nicht, mich zu töten, weil sie über mich
-nur insoweit Gewalt haben, als es ihnen von meinem Herrn Jesus Christus
-gestattet ist. Dieser ist mein Schützer und mein Helfer; er erhält mich
-am Leben; auch aus dieser Not wird er mich gnädig erretten, mich durch
-seine wunderbare Kraft heilen und stärken und mich an den Ort, von denn
-ich hierher geschleppt worden bin, wieder zurückbringen. Und das tut er,
-wie ich vertraue, nicht bloß dieses mal, sondern sehr oft schon hat er in
-ähnlichen und noch schwereren Bedrängnissen mich befreit. Er ist es, der
-mir die Kraft gibt, aus Liebe zu ihm zu leiden. Auch habe ich zwei Engel
-bei mir, die mich stärken. Ihr könnt sie freilich nicht sehen, weil die
-Augen eueres Geistes noch nicht hinlänglich gereinigt und deshalb hierzu
-noch nicht geeignet sind. Denn diese Engel sind Geister und können nur
-mit geistigen Augen geschaut werden. Wenn ihr aber an meinen Herrn Jesus
-Christus in Wahrheit glauben wollet, so
-<span class="pagenum"><a id="Page_140" name="Page_140" href="#Page_140">[140]</a></span>
-werdet ihr sehen, wie ich durch
-diese Engel von meiner Marter wunderbar befreit, euern Blicken entzogen
-und gleichsam in einem Augenblick in mein Kämmerlein zurückgebracht
-werde.“
-</p>
-
-<p>
-Als die Räuber diese Worte vernahmen, sprachen sie: „Wir staunen über die
-Maßen darüber, daß du aus so weitentlegener Gegend hierher geführt worden
-bist; denn es däucht uns, daß dieser Wald wohl an dreihundert Meilen
-von Cöln entlegen ist.“ Von Gottes Barmherzigkeit gerührt fielen dann die
-Räuber allesamt auf die Knie nieder, flehten um Verzeihung ihrer Sünden,
-erhoben gemäß dem Rate der Jungfrau ihre Hände gen Himmel und bekannten
-ihre schmachvollen Vergehen vor der Jungfrau unter Tränen. „Erbarme dich
-unser,“ so riefen sie, „Vater der Barmherzigkeit, und habe Nachsicht mit
-der Schwere unserer Sünden; denn lasterhafte Menschen sind wir und die
-ärgsten Sünder. Fünfzehn Priester, teils Ordens-, teils Weltgeistliche,
-haben wir in diesem Walde mit eigenen Händen ermordet. Dazu haben wir
-noch fünfzig andere Personen geistlichen Standes, Diakonen, Subdiakonen
-und Studierende, getötet. Hundert Mädchen und ehrbare Frauen haben
-wir vergewaltigt und dann umgebracht. Auch haben wir Frauen, die ihrer
-Niederkunft entgegensahen, ums Leben gebracht. Die übrigen Menschen aber,
-die wir ermordet haben, als Kaufleute, Reisende und Pilger, sind nicht zu
-zählen. Alle diese haben wir ausgeplündert und dann getötet, und niemanden
-haben wir verschont, wenn gleich er flehentlich um sein Leben bat. Was
-wir so an uns gebracht, haben wir vergeudet, indem wir weder das Gesetz
-achteten, noch Gott fürchteten, sondern nach unsern Gelüsten lebten, weil
-wir kein anderes Leben nach diesem Leben anerkannten.“ Als sie nun diese
-und ihre anderen Sünden vor der Jungfrau bekannt hatten, ermunterte diese
-sie, sie möchten wegen der Menge ihrer Sünden nicht verzagen, vielmehr
-fest im Glauben und unerschütterlich in der Hoffnung auf Verzeihung
-beharren; sie selbst aber wolle für sie Genugtuung leisten.
-</p>
-
-<p>
-Während Christina also den Räubern zuredete, wurde ihr Leib auf einmal gar
-wundersam von Licht umstrahlt, im Glanze des Lichtes ehrfürchtig durch
-Engelshand vom Baume, an den er angeheftet war, losgelöst, vollständig
-geheilt, den Blicken der Räuber entzogen und unter großer Tröstung ins
-Kämmerlein nach Stommeln zurückgebracht.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_141" name="Page_141" href="#Page_141">[141]</a></span>
-Ueberwältigt von dem hellen Lichtglanze, der ihre Augen traf, fielen
-die Räuber auf die Knie nieder, und als Christina vor ihnen in diesem
-Lichte entrückt wurde, da glaubten sie alles, was Christina zu ihnen
-geredet, legten alle Todesfurcht ab und machten sich auf den Weg, um
-Priester aufzusuchen, bei denen sie ihre Beichte ablegen könnten. Es war
-ja am Vorabende des Gründonnerstages. Sie wurden aber auf dem Wege von
-solchen, die ihnen auflauerten, ergriffen, und diese beschlossen in ihrer
-Habgier und Grausamkeit, sie ohne weitere Umstände und ohne gerichtliches
-Verhör zu töten. In dieser Not flehten die Räuber zwar nicht um Schonung,
-sondern nur darum, daß man ihnen Zeit gönne, ihre Sünden zu beichten.
-Dann wollten sie gerne sterben aus Liebe zu Christus, der ja auch für sie
-am Kreuze gestorben sei und der sie in vergangener Nacht so große und
-wundersame Dinge habe schauen lassen. Die Häscher aber spotteten ihrer
-und sprachen hohnlachend: „Höret, wie diese verruchten Räuber und Mörder
-jetzt noch Mönche werden wollen und unter dem Vorgeben der Beichte uns
-zu überlisten gedenken. Am Rade oder am Galgen mögen sie Profeß ablegen,
-und beichten und büßen mögen sie, wenn wir ihnen Pfähle durch die Weichen
-stoßen.“ Da sprachen die Räuber sich einander Trost zu und ermunterten
-sich gegenseitig, herzhaft den Tod zu erleiden aus Liebe zu Christus, der
-die Jungfrau in so großer Folter bewahrt und so wunderbar befreit habe,
-auf daß dieser ihnen in seiner Barmherzigkeit alle ihre Sünden nachlassen
-möge, weil sie ja keinen andern Beichtvater haben könnten. Als die Häscher
-dies hörten, fielen sie grausam über die Räuber her, trieben ihnen spitze
-Pfähle durch den Leib, hefteten sie damit an die Erde fest und brachten
-sie unter jammervoller Marter so zum Tode.
-</p>
-
-<p>
-In der Nacht darauf, also vor dem Gründonnerstage, wurde Christina von
-den nämlichen bösen Geistern an die Stätte geschleppt, wo die Leichen
-der Räuber aufgespießt waren und höhnend sprachen die bösen Geister
-zur Braut Christi: „Siehe, die Seelen dieser Räuber haben wir zur Hölle
-hinabgeführt, und wenn du dein Leben nicht änderst, so werden wir auch
-dir diese Pfähle durch den Leib rennen und deine Seele in die Hölle
-hinabführen, wo du in Gesellschaft dieser Räuber in Ewigkeit brennen
-sollst.“ Christina aber erwiderte mit Unerschrockenheit: „Wozu sucht
-ihr Lügengeister mich durch euer
-<span class="pagenum"><a id="Page_142" name="Page_142" href="#Page_142">[142]</a></span>
-leeres Gerede zu erschrecken? Ich
-bin nämlich vergewissert, daß die göttliche Erbarmung diesen alle ihre
-Sünden verziehen, sie euerer Gewalt entrissen und sie in seiner Gnade der
-Zahl seiner Auserwählten zugesellt hat.“ Darob ergrimmten die Teufel,
-mißhandelten Christina, flohen aber, als diese standhaft blieb, unter
-Geheul von dannen, indem sie bekannten, daß sie über die Seelen der
-Räuber keinerlei Gewalt hätten. Christina aber wurde in großer Tröstung
-wieder in ihr Kämmerlein nach Stommeln zurückversetzt, feierte in
-gewohnter Andacht den Gründonnerstag, zog sich dann von der Außenwelt
-gänzlich zurück bis zum Karsamstage, wo die Spuren der Wundmale Christi,
-die sich am Karfreitage an ihrem Leibe erneuert hatten, noch sichtbar
-waren, empfing dann am Ostertage die h. Kommunion und kam allsogleich
-darauf in Verzückung, in der sie mit neuen Gnadengaben bereichert und mit
-unaussprechlicher Freude erfüllt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Zur Erleichterung der Abbüßung der Sündenstrafen der sieben Räuber erlitt
-Christina in der Woche vor Pfingsten jede Nacht ganz besondere Leiden,
-nicht sichtbar, sondern nach Weise des Fegfeuers geistig, aber doch auch
-körperlich fühlbar, nämlich Qualen des Feuers, das heiß war über allen
-menschlichen Begriff, und dazu unerträgliche Kälte und andere empfindliche
-Peinen, die den Tod hätten herbeiführen müssen, wenn nicht Gottes Kraft
-sie am Leben erhalten hätte. Vor Allerheiligen erduldete sie wiederum
-eine Woche hindurch die Fegfeuersqualen für die sieben Raubmörder und
-erhielt am Allerheiligentage, als sie nach der h. Kommunion in Entzückung
-gekommen, die Versicherung, daß die Seelen jener sieben am nächsten
-Weihnachtsfeste würden erlöst werden. Im Advent litt Christina wiederum
-jene schweren Leiden des Fegfeuers, aber am Weihnachtstage wurde ihr in
-der auf den Empfang des Leibes des Herrn eintretenden Verzückung unter
-anderen Tröstungen auch die unsägliche Freude zu teil, die Seelen jener
-sieben Räuber, von ihren Strafen befreit, vor dem beseligenden Angesichte
-ihres Bräutigams mit der Krone des ewigen Lebens geziert zu sehen. Jene
-sieben Räuber aber hießen Simon, Rembold, Hermann, Konstantin, Volmar,
-Vortleuv und Eckbert.
-</p>
-
-<p>
-Je weiter Christina fortschritt in der innigen Vereinigung mit Gott,
-je vollkommener sie losgeschält wurde von allen Dingen dieser Welt,
-desto mehr nahm auch ihr Mitleiden
-<span class="pagenum"><a id="Page_143" name="Page_143" href="#Page_143">[143]</a></span>
-mit den armen Seelen zu, so daß in
-der letzten Hälfte ihres Lebens das Büßen für die armen Seelen ihre
-Lieblingsandacht wurde.
-</p>
-
-<p>
-Christus der Herr hat, als er am Holze des Kreuzes hing, einen der
-mitgekreuzigten Schächer bekehrt und seine Seele noch am selben Abende ins
-Paradies eingeführt. Christina, die gewürdigt wurde, auch in diesem Punkte
-ihrem göttlichen Bräutigam ähnlich zu werden, bekehrte, wie wir eben
-gesehen, in der Karwoche 1284, als sie von bösen Geistern schmachvoll an
-einen Baumstamm aufgeknüpft worden war, sieben Raubmörder, erlitt für sie
-die Fegfeuersqualen und sah sie so am Weihnachtstage in der Herrlichkeit
-des Himmels. Was sie für arme Sünder der verkommensten Art, die ihr fremd
-waren, mit größter Bereitwilligkeit getan, das übte sie mit noch größerer
-Bereitwilligkeit und Hingabe für diejenigen, die ihr nahegestanden und
-Gutes erwiesen. Rührend ist es zum Beispiel zu lesen, wie durch ihr Gebet
-und durch ihr Leiden die Seele des Pfarrers Johannes von Stommeln aus dem
-Fegfeuer befreit wurde.<a name='FA_51' id='FA_51' href='#FN_51' class='fnanchor'>[51]</a>
-</p>
-
-<p>
-Der Herr gab ihr in den Sinn, um Qual und Leid zu bitten zur Erlösung der
-Seele des genannten Pfarrers. Da kam in den drei Nächten vor Pfingsten
-1280 durch Gottes Zulassung der böse Geist in Gestalt jenes Priesters
-zu Christina und sagte, er sei auf ewig verdammt. Christina aber mochte
-dies nicht glauben und betete also zum Herrn: „O liebster Vater und Herr,
-soll denn dieser dein Diener, den du mir, deiner Magd, zum dienstbereiten
-Freunde gegeben, und der deinen Wunderwerken gläubig frommen Sinn
-entgegenbrachte, auf ewig von deinem Angesichte verstoßen sein, da du doch
-meinem Herzen eine wahre Hoffnung und ein volles Vertrauen eingeflößt
-hattest, daß er selig werden würde? Was soll ich denn anfangen? Wohin
-soll ich mich wenden? Wenn dieser von deinem Angesichte verstoßen wird,
-dann wird auch meine ganze Hoffnung und mein Vertrauen zu nichte!“ &mdash; In
-der dritten Nacht nun bekannte jener böse Geist seine Lüge und gestand,
-daß er über jenen Priester kein Recht habe. Vom Pfingstmittwoche, dem 9.
-Juni 1280 bis zum Freitag nach Peter und Paul, den 5. Juli, dem Jahrestage
-des Todes jenes
-<span class="pagenum"><a id="Page_144" name="Page_144" href="#Page_144">[144]</a></span>
-Pfarrers, erduldete Christina für dessen Seele die Peinen
-des Fegfeuers in der oben beschriebenen außerordentlich schmerzlichen
-Weise und sie schaute dabei auch die Ursachen dieser Qualen, nämlich die
-verschiedenen Nachlässigkeiten, die der Pfarrer sich zeitlebens hatte
-zuschulden kommen lassen. Am 5. Juli kam Christina nach dem Empfange
-der h. Kommunion in Verzückung, wurde im Geiste in den Himmel versetzt
-und schaute dort im Spiegel der Gottheit den Freund, für den sie soviel
-gelitten, bei dem ewigen Freunde und Bräutigam.
-</p>
-
-<p>
-Erschütternd ist das, was in den Offenbarungen der seligen Christina über
-die lange Dauer des Fegfeuers angedeutet wird. Wenn auch der Magister
-Johannes, der Christina die diesbezüglichen Mitteilungen bei ihrem
-Erwachen aus der Verzückung ablauschte, sich mitunter verhört haben mag,
-wenn auch die Berechnung der Jahre des Fegfeuers offenbar die Zeitdauer
-der für die einzelnen Vergehen festgesetzten Kirchenbuße widerspiegelt
-und die Verschärfung der Strafe oder stellvertretende Genugtuung eine
-Kürzung der Zeitdauer des Fegfeuers bedingt, so kann man sich dem Eindruck
-doch nicht entziehen, daß Gottes Gerechtigkeit unerbittlich jegliche
-Sünde straft, und wenn er auch den wirklich reumütigen Sünder nicht zur
-Hölle verdammt, er ihn doch für jede, auch der Schuld nach verziehene
-Sünde, im Fegfeuer der mißachteten Oberhoheit der göttlichen Majestät
-Sühne leisten läßt. Mit der langen Dauer des Fegfeuers, wie sie sich in
-den Offenbarungen der seligen Christina und anderer Auserwählten Gottes
-kundgibt, stimmt auch die Auffassung der Kirche überein, die Jahrhunderte
-hindurch die h. Messe für dieselben Verstorbenen darbringen läßt.
-</p>
-
-<div id="Fabb_12" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb12.jpg'
- alt='12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.'
- />
-<p class='caption'>12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.</p>
-</div>
-
-<div id="Fabb_13" class='center'>
-<p class="ftune">&nbsp;</p>
- <img src='images/nabb13.jpg'
- alt='13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.'
- />
-<p class='caption'>13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.</p>
-</div>
-
-<p>
-Christinas Mutter hätte sechshundert Jahre im Fegfeuer bleiben müssen,
-hätte Christina nicht für sie ihre Leiden und Verdienste zur Sühne
-angeboten. In der Nacht nach dem dritten Adventssonntage 1282 wurde
-Christina von den bösen Geistern auf jene Felder geschleppt, die einst
-ihr Vater besessen hatte, und bei jedem Stücke sprachen sie zu ihr:
-„Siehe, das sind die Aecker, wegen deren dein Vater in Sünden gelebt und
-zur Hölle gefahren ist. Wofern du dich nicht auf der Stelle bekehrst, so
-werden wir dich zu deinem Vater ins ewige Feuer bringen.“ Und da Christina
-sich an dieses Gerede nicht störte, so rissen die Teufel sie in die Höhe
-und ließen sie dann zur Erde
-<span class="pagenum"><a id="Page_145" name="Page_145" href="#Page_145">[145]</a></span>
-fallen und das wiederholten sie auf jedem
-Ackerfelde. Die ganze Woche hindurch wurde Christina in dieser Weise und
-auch noch durch Verwundungen gepeinigt. Einigen Trost hatte sie jedoch
-dadurch, daß sie gleich zu Anfang der Woche über die Erlösung ihres Vaters
-belehrt wurde und so ertrug sie diese Peinen mit Freude. In der Nacht
-nach dem vierten Adventssonntage wurde sie nach Nettesheim geschleppt
-und in den drei folgenden Nächten nach Knechtsteden und dort gefoltert.
-In der dritten Nacht, der h. Weihnacht, rang Christina den Teufel, der
-sie mit einer Lanze in den Schlamm des Klostergrabens stieß, nieder,
-bannte ihn fest, bis die anderen Teufel herbeikamen und flehentlich um
-Entlassung baten. Sie gestanden, daß ihrer zwölftausend seien, daß sie
-von Gott den Befehl erhalten, Christina zu foltern zur Erlösung ihres
-Vaters. Am Weihnachtstage wurde Christina nach der h. Kommunion entrückt
-und wurde gewürdigt, die Seele ihres geliebten Vaters, für den sie soviel
-gelitten hatte, und zugleich die Seele eines jungen Mannes, des Bruders
-des Magisters Johannes, vor Gottes Angesicht in Seligkeit und Herrlichkeit
-zu schauen. Es wurde ihr dabei auch kundgetan, daß die Seele ihres Vaters
-noch zwölftausend Jahre und die Seele des jungen Mannes noch viele Jahre
-im Fegfeuer hätten leiden müssen, wenn durch Christinas Verdienste ihnen
-nicht Hülfe gekommen wäre.
-</p>
-
-<p class="break">
-In der Fastenzeit des Jahres 1283 erreichte die Peinigung Christinas,
-was die Anzahl der bösen Geister anbelangt, ihren Höhepunkt. Sie
-schleppten sie zur Nachtzeit gewöhnlich in den benachbarten Wald,
-„Gohrbroich“ genannt, und in der Nacht vor dem Gründonnerstage sogar
-in das weitentlegene, von einem grausamen Volke bewohnte Friesland und
-folterten sie auf alle mögliche Weise. Einem schlachtgeübten Helde gleich
-triumphierte Christina über den ganzen Höllenschwarm, der seine eigene
-Ohnmacht und die Allmacht des Herrn, den Christina verehrte, bekennen
-mußte. Den Gründonnerstag verbrachte Christina in Tröstung. Am Karfreitage
-schloß sie sich in ihr Kämmerlein ein, und empfing wie üblich die Wundmale
-des Herrn. Am Karsamstage war sie wieder in großer Freude und nach der
-Kommunion am h. Ostertage wurde ihr in der Verzückung kundgetan, daß durch
-ihr letztes Leiden zwei Seelen aus ihrer Verwandtschaft aus dem Fegfeuer
-befreit worden seien, von denen
-<span class="pagenum"><a id="Page_146" name="Page_146" href="#Page_146">[146]</a></span>
-die eine sonst sechshundert, die andere
-dreihundert Jahre im Reinigungsorte hätte leiden müssen.
-</p>
-
-<p>
-Nach der prüfungs- und schmerzreichen Adventszeit des Jahres 1283 wurde
-ihr am Weihnachtstage in der Verzückung auch die Auszeichnung zuteil,
-daß sie drei Seelen, für die sie so bittere Schmerzen hatte erdulden
-müssen, von den Strafen des Fegfeuers befreit, vor Gottes Thron erblickte.
-Die eine war die des Oheims des Magister Johannes, die zweite die der
-Großmutter Christinas und die dritte die einer Matrone aus Cöln, welche
-bei ihren Lebzeiten Christina besonders geliebt hatte. Gleichzeitig mit
-diesen wurde noch eine große Anzahl anderer Seelen aus den Qualen des
-Reinigungsortes in des Himmels Seligkeit eingeführt, die ohne Christinas
-stellvertretende Sühne noch viele Jahre im Fegfeuer wären zurückgehalten
-worden.
-</p>
-
-<p>
-Im Juni 1284 hatte Christina eine Erscheinung. Es zeigte sich ihr die
-Seele eines Adeligen, der einige Tage vorher in einem Gefechte bei Aachen
-gefangen genommen und dann aufs Rad geflochten und getötet worden war.
-Er hatte mehrere Jahre in Sünden dahin gelebt, jedoch die gute Gewohnheit
-beibehalten, täglich zu Gott zu beten und auch sonst war er gutherzig. Er
-hatte das Glück, vor seinem Tode eine reumütige Beichte ablegen zu können,
-und so wurde seine Seele durch Gottes Erbarmen vor der Hölle bewahrt,
-jedoch zu den schwersten Strafen des Fegfeuers verurteilt. Die Seele
-dieses Mannes sah Christina in der Qual und hörte ihn mit jämmerlicher
-Stimme rufen: „Erbarme dich meiner, o Vater der Barmherzigkeit, und habe
-Mitleiden mit mir, der ich mich in so schweren und unerträglichen Leiden
-befinde; denn du hast mir nach deiner wunderbaren und unaussprechlichen
-Güte die Barmherzigkeit erwiesen, mich vor der Hölle zu bewahren.
-Nun flehe ich zu dir, du wollest mich auch aus dieser so schweren und
-unerträglichen Marter befreien.“ Christina erbot sich, für ihn zu leiden,
-wurde infolgedessen von einer großen Schar böser Geister zwei Wochen lang
-aufs grausamste gehämmert und sonstig gefoltert, erhielt dann aber am
-Sonntag vor Petri Kettenfeier die Versicherung, daß jenem Manne soviele
-Jahre von seinen Strafen erlassen worden seien, als Teufel gewesen, die
-sie seinetwegen gequält hätten. Dann erlitt sie nach dreitägiger Pause
-zwei Wochen hindurch bis zum Feste der
-<span class="pagenum"><a id="Page_147" name="Page_147" href="#Page_147">[147]</a></span>
-Himmelfahrt Mariens, dann wieder
-zwei Wochen lang vor dem Feste der Geburt Mariens und noch sechs Nächte
-nach diesem Feste die Qualen des Fegfeuers. Doch erst am Feste der
-Himmelfahrt Mariens 1285, vor dem sie abermals acht Tage hindurch die
-Fegfeuersmarter erduldet hatte, wurde sie in der Verzückung gewürdigt,
-zu sehen, wie die Seele jenes Edelmannes aus dem Fegfeuer erlöst und
-mit der Himmelsfreude beglückt wurde. Bei ihm befanden sich noch sieben
-andere Seelen von Männern, die sieben Jahre vorher, in der Gertrudisnacht
-1278, beim Ueberfall Aachens durch Graf Wilhelm von Jülich, in der Stadt
-Aachen erschlagen worden waren, und außer diesen noch neun andere aus
-verschiedenen Gegenden, die, wenn Christina nicht für sie gelitten, sonst
-noch viele Jahre in den Flammen des Reinigungsortes hatten leiden müssen.
-</p>
-
-<p>
-Zwischen Ostern und Pfingsten 1285 hatte sie die Fegfeuerspein zur
-Erlösung von neun armen Seelen erduldet, deren Einzug in den Himmel
-sie am Pfingsttage in der Verzückung schaute. Eine dieser Seelen war
-die eines sehr weisen und gebildeten Cölner Bürgers, der vor anderthalb
-Jahren gestorben war. Dieser hatte einst Christina mit einigen anderen
-Ordensjungfrauen in sein Haus aufgenommen, ihr Gastfreundschaft erwiesen,
-sich nach Tisch unbemerkt zu den Füßen Christinas niedergeworfen und sie
-inständigst gebeten, doch seiner vor dem Herrn zu gedenken. Seit jenem
-Tage hatte Christina allezeit seiner im Gebete gedacht. Ohne Christinas
-Hülfeleistung hätte die Seele dieses Mannes angeblich dreißigtausend Jahre
-zur Abbüßung ihrer Sündenstrafen im Fegfeuer bleiben müssen. Eine andere
-Seele war die der Mutter eines Mädchens, das mit Christina sehr befreundet
-war. Diese hätte hundert Jahre im Fegfeuer zubringen müssen. Zwei andere
-waren Seelen von Frauen aus Cöln, die vor zwei Jahren gestorben und noch
-dreißig Jahre hätten leiden müssen, die fünf übrigen Seelen waren solche
-von Knaben, die ungefähr fünfzehn Jahre alt waren.
-</p>
-
-<p>
-Am Allerheiligenfeste 1285 schaute sie in der Verzückung sechs Seelen,
-für die sie in der vorhergegangenen Woche gebüßt hatte. Es waren Seelen
-von verheirateten Männern, die im selben Jahre in den Ländern jenseits des
-Meeres im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen waren. Drei davon hießen
-Petrus, einer dagegen Sibodo, einer Hermann und einer
-<span class="pagenum"><a id="Page_148" name="Page_148" href="#Page_148">[148]</a></span>
-Heinrich. Diese
-hätten hundert Jahre Fegfeuer zu erdulden gehabt.
-</p>
-
-<p>
-Im Advent 1285 erduldete sie wiederum die Fegfeuersqualen und in der
-Verzückung erhielt sie am Weihnachtstage die frohe Kunde, daß vierzig
-Seelen aus dem Kerker der Reinigung befreit worden seien. Zwei davon waren
-aus Stommeln, und zwar war die eine die Seele einer Begine Hildegundis,
-die andere die Seele einer Witwe namens Elisabeth. Die übrigen waren aus
-entfernten Gegenden am Ufer des Meeres. Unter ihnen befanden sich zehn
-Männer, von denen drei Priester waren; die übrigen waren Frauen.
-</p>
-
-<p>
-Am Lichtmeßtage 1286 wurde sie in der Verzückung durch die Erlösung dreier
-Seelen beglückt, von denen die eine die Seele eines bereits vor vielen
-Jahren verstorbenen Verwandten war, für dessen Seelenruhe sie schon lange
-Jahre gebetet hatte. Die beiden andern waren Seelen von zwei Frauen aus
-Cöln, Mutter und Tochter. Am Freitage nach Pfingsten, den 7. Juni 1286,
-wurde Christina nach der Kommunion entrückt und wurde getröstet durch die
-Erlösung von abermals drei Seelen, für die sie die Fegfeuerspein erduldet
-hatte.
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi17" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Siebenzehntes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />Christinas letzte Prüfungen, friedevoller Lebensabend und seliges Ende.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_149" name="Page_149" href="#Page_149">[149]</a></span>
-Die Gnade der Beharrlichkeit ist bekanntlich ans Gebet geknüpft. Darum
-versucht der Feind des Menschengeschlechtes es bis zum Aeußersten, selbst
-bei den Auserlesenen, daß sie vom Gebete ablassen oder es lau und lässig
-verrichten.
-</p>
-
-<p>
-In der dritten Nacht nach Christi Himmelfahrt 1282 trat der Versucher
-in das Zimmer der im Gebete begriffenen Jungfrau und sprach zu ihr mit
-furchterregender Stimme: „Wie lange willst du, Starrsinnige, den Weg
-der ewigen Verdammnis gehen? Denn du, und zwar du allein, trittst mit
-Füßen die weisen Verordnungen der Väter und der Ordensstifter. Zur Zeit
-der Ruhe wachest du, betest in unnützer Weise und zur Zeit des Essens
-übest du Enthaltsamkeit und Fasten. Und so handelst du in allen Stücken
-verkehrt und erfüllst nicht Gottes Willen, sondern deinen verdammlichen
-Eigenwillen. Und darum wirst du vom Allerhöchsten in unsere Hand gegeben.“
-</p>
-
-<p>
-Als er so gesprochen, bedrohte er sie mit grausamer Folter, wofern sie
-sich nicht zur Ruhe begebe und das Beten sein lasse. Christina aber sprach
-unerschrocken: „Mühe dich nicht vergeblich ab, böser Dämon, mich durch
-Lügengerede und Drohungen vom Lobe meines Herrn Jesu Christi abzubringen.
-Jemehr du mich davon abzukehren suchst, desto mehr bestärkst du mich darin
-und solltest du mir selbst meine Zunge rauben, so würde doch mein Herz
-und meine Seele fortfahren, den Herrn zu preisen.“ Darauf machte sich der
-Versucher beschämt von dannen.
-</p>
-
-<p>
-Am Freitage nach St. Martin 1280 ging Christina morgens mit großer
-Sehnsucht zur Kirche, um die h. Kommunion zu empfangen. Da kam hinter ihr
-die Dienstmagd ihres in Cöln wohnenden Bruders Heinrich, die Christina
-hieß, auf dem Kirchweg hergelaufen, faßte sie am Kleide an und sprach:
-<span class="pagenum"><a id="Page_150" name="Page_150" href="#Page_150">[150]</a></span>
-„Teuerste Jungfrau, warum habt Ihr nicht auf mich gehört. Schon eine
-Weile laufe ich Euch nach und oft schon habe ich Euch zugerufen. Kommt
-doch schnell wieder um; denn ich habe Euch einen wichtigen Auftrag von
-Euerem Bruder mitzuteilen.“ Christina erwiderte: „Teuere Namensschwester,
-verzeihet mir, wenn ich Euch beleidigt haben sollte. Denn der Herr
-weiß es, daß ich Euch gar nicht rufen gehört habe. Wisset aber, daß ich
-durchaus nicht mit Euch zurückgehen werde.“ Da begann das vermeintliche
-Dienstmädchen zu seufzen und sprach mit tränenerstickter Stimme: „Teuerste
-Jungfrau, nun muß ich es Euch gerade heraussagen, weshalb ich gekommen
-bin. Euer Bruder Heinrich ist tödlich verwundet und er schickt mich zu
-Euch. Und so bin ich die ganze Nacht hindurch gelaufen, um Euch desto
-eher die Nachricht bringen zu können. Ihr wisset ja, daß dieser Euer
-Bruder ohne Furcht und Erkenntnis Gottes, zum großen Nachteile seines
-Seelenheiles, immer in der Welt gelebt hat. Kommet also Teuerste, und
-stehet Euerem Bruder bei, der dem Tode nahe ist; denn Ihr könnt durch
-Euere frommen und heilsamen Ermahnungen in seinem Herzen das Feuer der
-Buße wecken, das Licht der Erkenntnis Gottes entzünden und so seine Seele
-der Pforte der Hölle entreißen und dem himmlischen Vaterlande zuführen.“
-Aus diesen wohlgesetzten Worten, die darauf berechnet waren, in Christinas
-Herzen Regungen der Selbstgefälligkeit hervorzurufen und sie vom Empfange
-der h. Kommunion abzuhalten, schöpfte sie Argwohn und gab zur Antwort:
-„Gott, der Schöpfer und Erhalter aller Menschen, wolle nach seiner Güte
-meinen Bruder stärken und erhalten. Ich kann aber jetzt nicht umkehren;
-denn ich habe mir vorgenommen, die h. Kommunion zu empfangen.“ So sprach
-sie und ging eiligen Schrittes auf die Kirche zu. Im gleichen Augenblicke
-aber fiel ein schwarzer Hund sie an, zerrte sie an den Kleidern und
-hinderte sie am Weitergehen. Christina aber rief den Namen Jesu Christi an
-und befahl dem Versucher, zu offenbaren, wer er sei. Dieser gestand nun,
-daß er es gewesen, der in Gestalt der Magd ihr nachgelaufen, sie über die
-Verwundung ihres Bruders belogen, um ihr Gemüt zu verwirren und sie von
-der h. Kommunion abzuhalten.
-</p>
-
-<p>
-Mit innigster Liebe hing Christina an ihrem jüngsten Bruder Sigwin,
-weil er ein gelehriges Herz zeigte, sich auf dem Wege der Vollkommenheit
-unterweisen zu lassen. Der
-<span class="pagenum"><a id="Page_151" name="Page_151" href="#Page_151">[151]</a></span>
-Teufel, der jede Neigung des Herzens erspäht,
-um sie zu Versuchungen auszunutzen, wußte auch aus dieser besondern
-Zuneigung Christinas zu ihrem Bruder ihr einen Fallstrick zu drehen. Als
-Sigwin nach Schweden abgereist war, und noch keine Nachricht über seine
-Aufnahme in den Predigerorden eingetroffen war, nahm der Versucher zu
-drei verschiedenen Malen Sigwins Gestalt an und trat Christina auf dem
-Kirchweg hinter dem Dorfe entgegen. Das erste Mal wurde sie über seine
-vermeintliche Rückkehr sehr betroffen, faßte sich aber und umarmte ihn
-sehr freundlich, ohne zu vermuten, daß es der Versucher sei. Dieser aber
-konnte seine Freude über die Ueberlistung Christinas nicht verbergen und
-verschwand unter Hohngelächter. Als er aber zum dritten Male in Gestalt
-Sigwins sie auf dem Kirchwege zu beunruhigen versuchte, erkannte sie,
-vom Herrn belehrt, allsogleich seine Arglist und sprach zu ihm: „Weshalb
-verwandelst du Bösewicht dich in fremde Gestalten? Und warum beunruhigst
-du mich unter der Gestalt meines Bruders?“ Er antwortete: „Wenn ich dich
-auch nicht vollends habe hintergehen können, so wollte ich doch wenigstens
-dein Gebet unterbrechen, weil ich wußte, daß dein Herz Hinneigung hat zu
-deinem Bruder.“ Als Christina dies hörte, kniete sie nieder und bekannte
-sich schuldig vor dem Herrn, in dem Punkte nämlich, daß ihre Andacht so
-lau gewesen, daß der Dämon in Gestalt ihres Bruders sie darin habe stören
-können.
-</p>
-
-<p>
-Ein anderes Mal kam ihr, als sie zur Kirche ging, jemand nach in Gestalt
-eines Briefboten und fragte sie, ob sie die Jungfrau sei, die Christina
-von Stommeln genannt werde. Betroffen sprach sie, warum er so genau nach
-ihrem Namen frage. Er entgegnete, Bruder Petrus aus Gotland habe ihn
-gesandt, um ihr einen Brief zu überbringen und Näheres über ihren Bruder
-Sigwin mitzuteilen. Da freute sich Christina und ersuchte ihn, es nur
-gleich zu erzählen. Da fuhr jener fort: „Erschrecket nicht, Sigwin ist
-gestorben.“ Da erhob Christina die Augen gegen Himmel und sprach: „Wenn
-der gute Knabe, mein geliebter Bruder, der Welt abgestorben ist, so bete
-und wünsche ich, daß er ewig leben möge im Herrn Jesus Christus.“ Und als
-sie das gesagt, begann sie bitterlich zu weinen. Sobald sie begonnen zu
-weinen, hatte sich die Gestalt des Briefboten als Trugbild des Versuchers
-erwiesen. Christina wies alsbald den Betrüger von sich. Dieser aber erhob
-<span class="pagenum"><a id="Page_152" name="Page_152" href="#Page_152">[152]</a></span>
-ein lautes Hohngelächter und rief: „Nun habe ich dich doch wenigstens zum
-Weinen gebracht,“ und dann verschwand er.
-</p>
-
-<p>
-Am Dreikönigentage des Jahres 1283, als Christina frühe vor der Messe
-um das Dorf zur Kirche ging, nahte sich ihr der Versucher abermals und
-sprach: „Wolltest du doch mir folgen und dein leeres Geplapper &mdash; er
-meinte das Stundengebet &mdash; aufgeben, so würde ich dich mit Reichtum und
-Ehren überhäufen und dich die Kunst lehren, wie du im Augenblicke an
-jedem beliebigen Orte der Welt sein könntest. Dann könntest du auch sofort
-jenes Kloster besuchen, in dem dein Bruder sich befindet, den du so sehr
-liebest und sehen, wie er sich befindet und daraus großen Trost gewinnen.“
-Christina fertigte ihn ab mit den Worten: „Weiche von hinnen mit deiner
-Wissenschaft und deinem Trost; Jesus Christus beut mir wahre Wissenschaft
-und sichern Trost.“
-</p>
-
-<p>
-Alle Verführungskünste bietet der Feind des menschlichen Heiles auf, um
-die Seelen, die auf dem Wege der Vollkommenheit mutig voranschreiten,
-zu verwirren und vom rechten Wege abzubringen. Schmeicheleien und
-Lobhudeleien wechseln ab mit Drohungen und Mißhandlungen. So wurde auch
-Christina nicht immer mit Schreckbildern geplagt. Als Christina in einer
-Nacht nach Pfingsten im Jahre 1281 wegen der drückenden Hitze in ihrem
-Hofe auf und ab ging und betete, zeigte sich eine Lichterscheinung in
-Gestalt eines Jünglings über ihr in den Lüften, die mit ihren Strahlen
-Haus und Hof erhellte. Christina erkannte diese Erscheinung als Täuschung,
-beschwor deren arglistigen Urheber im Namen Jesu Christi zu verschwinden
-oder sich in Finsternis zu verwandeln, und alsbald trat Dunkelheit ein.
-Im Januar 1282 kamen Engelsgestalten zu ihr, als sie nachts in ihrem
-Kämmerlein im Gebete wachte. Brennende Kerzen trugen sie in ihren Händen
-und mit den süßesten Worten erhoben sie Christinas Verdienste, und sagten,
-sie seien von Christus beauftragt, ihr an dieser Stätte, wo sie soviel
-für ihn gelitten, in dieser Nacht zu dienen und ihr aufzuwarten, und ihr
-durch die Helle des Lichtes Tröstung zu bereiten. Christina aber erkannte
-auf den ersten Blick das Blendwerk des Teufels, verdemütigte sich in
-ihrem Herzen vor dem Herrn und sprach dann: „Geister der Finsternis,
-durch Jesus Christus, der da ist der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters,
-beschwöre ich euch, abzulegen den Glanz des Lichtes, der euch nicht
-zukommt und
-<span class="pagenum"><a id="Page_153" name="Page_153" href="#Page_153">[153]</a></span>
-zurückzukehren ins Reich der Finsternis.“ Und alsbald war
-der gleisnerische Spuk verschwunden und an seine Stelle trat wieder der
-grausame Verfolger.
-</p>
-
-<p>
-Ein anderes Mal wurde sie auf dem Sandberge in Stommeln in die Lüfte
-erhoben, mit Lichtglanz umhüllt und von Gestalten, die Engeln ähnlich
-sahen, mit jubelnden Zurufen begrüßt und eingeladen, zu ihnen zu kommen.
-Aber auch diese List verfing nicht. Christina verachtete das Gaukelspiel,
-ließ sich nicht zur Selbstgefälligkeit verleiten und erwiderte, sie wolle
-lieber aus Liebe zu Christus leiden als trügerische Tröstungen annehmen.
-Doch auch wirkliche Tröstungen wundersamer Art bereitete ihr mitunter der
-Herr des Himmels und Gebieter der Natur. Als die Unholden der Finsternis
-sie in einer Nacht des Adventes 1285, der vorletzten vor Weihenacht, am
-zugefrorenen Sumpfe im Gohrbroich gar jämmerlich zugerichtet hatten, kamen
-sieben Wölfe herbei; die ihre natürliche Wildheit ablegten, gleich sanften
-Lämmern an Christina herantraten, mit ihrem warmen Hauche ihre erfrorenen
-Glieder erwärmten und dann vor ihr die Köpfe senkten, als wollten sie
-zum Abschiebe Christinas Segen erbitten. Da dankte Christina im Herzen
-ihrem Schöpfer, wurde innerlich getröstet und gebot dann im Namen Jesu
-Christi, dem selbst die wildesten unvernünftigen Geschöpfe gehorchen, den
-Teufeln, zu bekennen, weshalb sie ihr so unmenschliche Qualen zugefügt
-hätten. Sie bekannten, daß sie auf Befehl Gottes sie für die Sünden
-anderer gepeinigt hätten, verschwanden alsdann, und Christus selbst trat
-herzu, um Christina in ihr Kämmerlein zurückzuführen. Christinas Seele
-vertieft sich an Demut, steigt an Gottwohlgefälligkeit. Nicht mehr sind
-es Engel, die Christina nach überstandener Folter erquicken und trösten,
-der Herr der Engel selbst, Christus, der Seelenbräutigam, würdigt sich,
-sie heimzusuchen und gleich ihm wird sie durch Leib und Kreuz Siegerin und
-Gebieterin über die stolzen Mächte des Reiches der Finsternis. Was David
-im 90. Psalme singt, das traf auch, wie Petrus von Dazien<a name='FA_52' id='FA_52' href='#FN_52' class='fnanchor'>[52]</a> in einem
-seiner Briefe an Christina bemerkt, bei dieser zu. Sie spricht zum Herrn:
-„Meine Zuflucht bist du und mein Hort, mein Gott, ich vertraue auf dich.
-Und der Herr rettet dich vor des Jägers Schlinge und vom bösen Worte. Mit
-einem Schilde umgibt dich seine Wahrheit, nicht
-<span class="pagenum"><a id="Page_154" name="Page_154" href="#Page_154">[154]</a></span>
-hast du zu fürchten vor
-den Schrecknissen der Nacht, vor dem schwirrenden Pfeile, der bei Tage
-fliegt, vor dem Unholde, der im Finstern schleicht ... Seinen Engel hat er
-geboten, dich zu schützen auf allen deinen Wegen; auf den Händen werden
-sie dich tragen, daß du nicht deinen Fuß an einen Stein stoßest. Ueber
-Vipern und Basilisken wirst du einherschreiten und niedertreten Löwen und
-Drachen ... Rufst du zu mir, so spricht er, so werde ich dich erhören;
-bei dir bin ich in der Bedrängnis, ich befreie dich und ich verherrliche
-dich. Mit der Länge der Tage will ich dich ersättigen und dich schauen
-lassen mein Heil.“
-</p>
-
-<p>
-Petrus von Dazien, der, selbst vom Geiste Gottes erfüllt, Christina
-so wirksam zu trösten verstand, er sollte schon bald aus der irdischen
-Wanderschaft abberufen werden, um das ewige Heil dort oben zu schauen.
-Zu Anfang des Jahres 1287 war er aus Gotland nach Bordeaux, jedenfalls
-zur See, als Gefährte seines Provinzials, zum Generalkapitel gereist.
-Den Rückweg machte er dann auf demselben Wege bis Antwerpen, reiste dann
-aber zu Lande bis Löwen, von wo er am 1. Juli an Christina schrieb,
-daß die Reise langwierig und mühselig sei, und er viele Beschwerden
-und körperliche Schmerzen erduldet habe, doch die unverdrossene Liebe
-überwinde alles, und wenn er auch mit dem linken Fuße stark hinke, so
-hoffe er doch im Herrn, in einer Woche zu Stommeln zu sein. Er erinnert
-dann noch Christina daran, daß sie ihm Reliquien der Heiligen und Magister
-Johannes ihm zwei Sexterne über die Wunderwerke Gottes versprochen habe.
-Ob Petrus wirklich im Jahre 1287 nach Stommeln gekommen ist, wissen
-wir nicht. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich. Er starb auf Gotland in
-der Fastenzeit 1288 und Bruder Folkwin meldete am 9. September 1288 die
-Trauerbotschaft nach Stommeln. Durch Reisen und Geschäfte, so schreibt
-er, sei er gehindert, öfter zu schreiben. „Jetzt aber zeige ich Euch
-mit Schmerz und unter Tränen an, daß unser ehrwürdiger Vater, der
-Bruder Petrus, weiland Prior und Lesemeister unseres Klosters, in der
-Fastenzeit im Herrn entschlafen ist. Seine Seele empfehle ich inständigst
-Euern heiligen Gebeten und bitte Euch zugleich, daß Ihr seine Seele den
-Gebeten der Schwestern, die bei Euch sind, sowie auch dem Gebete der
-Schwestern in Cöln, die er kannte, angelegentlichst empfehlen wollet.“
-Der früher von Christina mehrmals geäußerte Wunsch, dem Bruder Petrus
-im Tode bald nachzufolgen,
-<span class="pagenum"><a id="Page_155" name="Page_155" href="#Page_155">[155]</a></span>
-ging nicht in Erfüllung. Der Herr ließ sie
-noch nahezu fünfundzwanzig Jahre hier auf Erden. Jedoch bildet das
-Jahr 1288 einen Wendepunkt im Leben Christinas. In ihm wurde sie ihres
-geistigen Vaters und Trösters beraubt; in ihm sollten aber auch die
-Beunruhigungen und Quälereien seitens der Mächte der Finsternis ein Ende
-nehmen. In ihm löst sich ja auch die aus der Machtgier der Fürsten und
-Völker des Niederrheins erwachsene Unsumme von Haß und Eifersucht in
-der folgenschweren Schlacht von Worringen aus, in der die Heeresmächte
-sämtlicher Fürsten der niederrheinischen Lande miteinander kämpften.
-Veranlassung zum Kriege war die Thronfolge im Herzogtum Limburg. Im
-Jahre 1282 war der Herzog von Limburg ohne männliche Nachkommenschaft
-gestorben. Graf Reinold von Geldern und Graf Adolf von Berg stritten um
-die Erbschaft. Letzterer übertrug seine Ansprüche an den Herzog Johann von
-Brabant, und nun entstand Spannung, Streit und Zwietracht zwischen den
-Genannten nicht bloß, sondern auch zwischen allen benachbarten Fürsten.
-Auf Seite des Grafen von Geldern standen der Erzbischof von Cöln, Sigfrid
-von Westerburg, Graf Heinrich von Luxemburg, Adolf von Nassau, der spätere
-deutsche König, Dietrich von Cleve, Johann von Limburg an der Lahn, Walram
-von Falkenburg, Dietrich von Moers und andere Herren. Johann von Brabant
-hatte zu Verbündeten den Herzog Walram von Jülich, Graf Eberhard von der
-Mark, Adolf von Berg und andere. Die Erbitterung des Grafen von Jülich
-gegen den Erzbischof und Kurfürsten von Cöln sowie die Spannung zwischen
-der Stadt Cöln und dem Erzbischofe spielten mächtig in den Streit hinein.
-Sechs Jahre lang wurde gegenseitig gerüstet. Der Erzbischof selbst zog
-mit 14000 Mann auf das Schlachtfeld. Am 5. Juni 1288 kam es bei Worringen
-zur Schlacht. In der Abteikirche zu Brauweiler hatte Sigfrid vorher
-einen feierlichen Gottesdienst gehalten und seine Mannschaften durch eine
-feuerige Ansprache aufgefordert, die von den Gegnern im Erzstifte verübten
-Greuel zu rächen. Sigfrid und Reinold standen auf den beiden Flügeln,
-Heinrich von Luxemburg im Zentrum. Ihnen gegenüber standen Adolf von Berg
-und Arnold von Looz, im Zentrum dagegen Herzog Johann von Brabant. Durch
-einen geschickten Meisterzug lockte Erzbischof Sigfrid den Feind auf von
-Wassergräben durchschnittenes Gelände und wäre so beinahe
-<span class="pagenum"><a id="Page_156" name="Page_156" href="#Page_156">[156]</a></span>
-gleich nach
-Beginn der Schlacht Sieger geworden. Allein durch das Ungeschick seiner
-ungestüm herandrängenden Bundesgenossen wurde Verwirrung angerichtet; die
-Lage des Erzbischofs und des Grafen von Geldern verschlechterte sich. Mit
-großer Tapferkeit wurde beiderseits gekämpft, lange wogte der blutige
-Kampf unentschieden hin und her, zuletzt neigte sich der Sieg auf die
-Seite der Brabanter. Elfhundert Leichen deckten die Wahlstatt und von den
-Verwundeten starben siebenhundert bald nachher. Unter den Gefallenen waren
-Graf Heinrich von Luxemburg und sein Bruder Walram, desgleichen Heinrich
-von Westerburg, des Erzbischofs Bruder. Sigfrid selbst wurde gefangen
-genommen, desgleichen Adolf von Nassau. Auch Reinold von Geldern wurde auf
-der Flucht eingeholt und mußte sich ergeben. Erzbischof Sigfrid verbrachte
-die erste Nacht seiner Gefangenschaft in der Kirche zu Monheim und blieb
-dann ein Jahr lang auf Schloß Burg an der Wupper in strenger Haft des
-Grafen Adolf von Berg.
-</p>
-
-<p>
-Die sechs Jahre anwährenden Kriegsunruhen machten auf Christina, deren
-Heimat Stommeln, an der Grenze zwischen den Jülicher Landen und dem
-Cölner Erzstifte, nur zwei Stunden vom Schlachtfelde Worringen entfernt
-gelegen war, einen tiefen und betrübenden Eindruck. Der Gedanke an die
-vielen Greuel und Frevel, die der Krieg herbeiführte, und besonders die
-Befürchtung, es möchte mancher im Kriege umkommen, ohne mit Gott versöhnt
-zu sein, und in die Hölle fahren, hatte sie bewogen, Gott den Herrn zu
-bitten, er möge sie leiden lassen, um die einen vor dem Tode zu bewahren
-und denen, die fallen würden, die Gnade einer seligen Sterbestunde zu
-erlangen. Der Herr nahm ihr Anerbieten an und schickte ihr anderthalb
-Jahre hindurch vor der Schlacht ganz besondere Leiden. Den Teufeln
-wurde gestattet, sie am ganzen Körper mit spitzigen Eisen und Scherben
-zu zerkratzen und zu schinden, so daß er nur eine Wunde war, und diese
-Wunden wurden dann noch, um den Schmerz zu erhöhen, mit Salz eingerieben.
-Bluttriefend, einem Schlachtopfer gleich, dem h. Bartholomäus, den sie
-von Jugend auf besonders verehrte und der für Christus geschunden wurde,
-ähnlich, lag Christina auf ihrem Schmerzenslager inmitten des um sie her
-herrschenden Kriegeslärms und Kampfgetümmels. Trotz der grausamen Folter,
-die sie an allen Gliedern ihres Leibes quälte, und trotz des großen
-Blutverlustes
-<span class="pagenum"><a id="Page_157" name="Page_157" href="#Page_157">[157]</a></span>
-nahm sie nur wenig Nahrung zu sich. Während dieser ganzen
-Zeit von anderthalb Jahren aß sie nichts anderes als etwas Ingwer. Das
-war ihre ganze Speise.
-</p>
-
-<p>
-Durch ihre Leiden und Gebete erlangte sie von Gott die Gnade, daß
-Graf Adolf von Berg in jener Schlacht dem Tode entging und auch nicht
-gefangen genommen wurde und die beiden Grafen von Luxemburg nebst sehr
-vielen andern, die dort umkamen, durch die Barmherzigkeit Gottes vor der
-Höllenstrafe bewahrt blieben.
-</p>
-
-<p>
-Christinas Leiden hatten den Höhepunkt erreicht. Nach der Wut des Kampfes
-trat endlich Friede ein im Lande. Nach der Zeit der Versuchungen und
-Prüfungen kamen nun auch Jahre friedevollen Trostes für die heldenmütige
-Dulderin Christi. Die von einem Ungenannten verfaßte Lebensbeschreibung
-Christinas schließt mit den Worten: „Nach der Schlacht bei Worringen hörte
-jegliche Verfolgung seitens des Teufels gänzlich auf. Zu dieser Zeit hat
-Christi Braut durch die Gnade ihres Bräutigams den Luzifer samt allen
-Teufeln, die in und außer der Hölle sind, durch standhaften Kampf und
-heldenmütigen Sieg überwunden, so daß sie über alle Feinde: Fleisch, Welt
-und Teufel, glorreich triumphiert.“
-</p>
-
-<p>
-Christina war, um mich der Redeweise der h. Teresia zu bedienen,
-eingetreten in die siebente Wohnung der Seelenburg, in der es fast nie
-Geistestrockenheit noch innere Beunruhigung mehr gibt. Hier sprudelt dem
-verwundeten Hirsche labendes Quellwasser in Fülle. Hier findet die Taube,
-nach dem Verlaufen der Flut, den Oelzweig zum Zeichen, daß sie festen
-Boden gewonnen inmitten der Strömungen dieser Welt. Die Seele ergötzt
-sich im Zelte Gottes in fast ungetrübter Ruhe und ist frei von jeglicher
-Furcht, der böse Feind könne sie umgarnen. Sie ist nämlich vergewissert,
-daß Gott selbst es ist, der hier wirkt. Und wenn auch in diesem
-Seelenfrieden mitunter aus irgend einem äußeren Anlasse eine Beunruhigung
-eintritt, so ist sie von ganz kurzer Dauer und vermag nicht, die Seele in
-ihrer Entschlossenheit, in keinem Stücke vom Wege der Gottwohlgefälligkeit
-abzuweichen, wankend zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Der Born, an dem die Seele sich labt, ist die Seitenwunde Christi, aus
-der geflossen jenes Geheimnis der Liebe, das da ist unsere Stärkung auf
-der Wanderschaft zum himmlischen Vaterlande. Häufig und mit innigster
-Sehnsucht nahte
-<span class="pagenum"><a id="Page_158" name="Page_158" href="#Page_158">[158]</a></span>
-Christina dem Tische des Herrn. Wie würde sie aufgejubelt
-haben, wäre es ihr vergönnt gewesen, täglich das Sakrament des Leibes und
-Blutes Jesu Christi zu genießen. Damals war es nicht Sitte, außerhalb der
-Hochgezeiten des Jahres zum Tische des Herrn zu gehen und Christina war zu
-bescheiden, um durch öftere Kommunion Aufsehen zu erregen. Jedoch benutzte
-sie jeden sich darbietenden festlichen Anlaß, um sich im Sakramente mit
-Christus zu vereinen, so daß sie durchschnittlich monatlich zum Tische
-des Herrn hinzutrat. So läßt sich aus den zufälligen Angaben des Petrus
-von Dazien feststellen, daß sie z. B. im Jahre 1279 zu Allerheiligen die
-Kommunion empfing, dann am Katharinentage, dann wieder zu Weihnachten,
-Mariä Lichtmeß, zweimal in der h. Fastenzeit, am Gründonnerstage, zu
-Ostern, am dritten Sonntage nach Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten.
-Später, zumal nachdem Magister Johannes Priester geworden und ihr die
-h. Kommunion reichen konnte, ging sie häufiger, nämlich durchgehends alle
-vierzehn Tage, zu den hh. Sakramenten. Mit welch heiligem Ernste, mit
-welch auferbaulicher Sammlung sie sich auf den Empfang des allerheiligsten
-Sakramentes vorbereitete, sahen wir im Verlaufe der Lebensbeschreibung
-des öftern. Den ganzen vorhergehenden Tag zog sie sich gänzlich von
-der Welt zurück und die Nacht durchwachte sie im Gebete, einzig und
-ausschließlich damit beschäftigt, sich vorzubereiten auf den Empfang ihres
-himmlischen Bräutigams, und in seliger Vereinigung mit ihm verbrachte
-sie den Kommuniontag gewöhnlich im Zustande der Verzückung an ihrem
-liebgewonnenen Plätzchen hinter dem Hochaltar der Pfarrkirche. Wenn es für
-Christina nicht tunlich war, Christum den Herrn so oft, als sie es gerne
-gewünscht hätte, im Sakramente zu empfangen, so vereinigte sie sich desto
-öfter im Geiste, nämlich der Sehnsucht nach, mit ihm. Eine wundersame
-Art dieser geistigen Kommunion ist aus der Fastenzeit des Jahres 1281
-zu berichten. In der zweiten Fastenwoche jenes Jahres war Christina drei
-Nächte nacheinander in der widerwärtigsten Weise von den bösen Geistern
-gequält worden. In den beiden ersten dieser Nächte sandte der Herr einen
-Engel, um Christina zu trösten und zu heilen. In der dritten Nacht aber
-kam der Hohepriester und oberste Hirt Jesus Christus selbst zu ihr, nicht
-sichtbar, sondern nur dem Herzen Christinas innerlich wahrnehmbar, und
-trug einen Kelch von lauterm Gold,
-<span class="pagenum"><a id="Page_159" name="Page_159" href="#Page_159">[159]</a></span>
-die h. Hostie darauf, in seiner Hand,
-machte das Kreuzzeichen über Christina, und siehe, alle Verwundung und
-Belästigung war verschwunden, und dann reichte er ihr die h. Hostie,
-indem er sprach: „Nimm hin, meine Braut und Freundin; das ist mein Leib.“
-Dann reichte er ihr auch den Kelch und sprach: „Das ist mein Blut, das
-für dich vergossen wurde; durch dieses wirst du mit Sicherheit über alle
-Feinde siegen. Fürchte dich also nicht, sondern streite tapfer; denn ich
-werde dein sicherer Sieg und dein ewiger Lohn sein.“ Nach diesen Worten
-verschwand die wundersame innere Kundgebung, ließ aber in Christinas Seele
-Stärkung und Tröstung zurück.
-</p>
-
-<p>
-Mit der Andacht und dem frommen Empfange des allerheiligsten Sakramentes
-verband Christina auch eine Andachtsübung, die erst in unsern Tagen
-Gemeingut der Christenheit geworden ist, nämlich die Andacht zum
-heiligsten Herzen Jesu, aus dem der Welt das Heil geflossen.
-</p>
-
-<p>
-In ihren Briefen erwähnt sie des öftern das Herz unseres Erlösers und
-dem Bruder Petrus beteuert sie, daß sie ihn im Herzen Jesu liebe (S.&nbsp;<a href="#Page_128">128</a>),
-sie wünscht ihm Tröstung im Herzen Jesu (S.&nbsp;<a href="#Page_123">123</a>) und bittet ihn im
-geliebtesten Herzen Jesu, sich ihres Bruders Sigwin anzunehmen (S.&nbsp;<a href="#Page_129">129</a>).
-</p>
-
-<p>
-In der Nacht vor Christabend des Jahres 1280 betete sie, als die Geister
-der Bosheit sie unmenschlich marterten und sie mit dem Tode bedrohten,
-folgendermaßen:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„O Herr Jesus Christus, Du Leben der Menschen und Heil aller, die auf
-Dich vertrauen, ich bitte Dich durch Dein glorreiches Leiden und Sterben
-und <em class="gesperrt">durch Dein süßestes Herz, das aus Liebe gebrochen ist</em>: sollte es
-Dein Wille sein, daß ich von diesen bösen Geistern getötet werde, so nimm
-mein angstvolles Herz in Gnaden auf und verbirg es in Deinem süßesten
-Herzen.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-In der Nacht des Donnerstags vor Petri Stuhlfeier 1281 rief sie inmitten
-der Folter also:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„O mein Herr Jesus, meine einzige Hoffnung von Jugend auf, der Du
-in meinen Leiden allezeit mein treuer Helfer und liebevollster Tröster
-gewesen bist, keine Wut der Verfolger, keine Heftigkeit der Peinen soll
-mich jemals, so lange ich lebe, von Dir trennen. Wenn ich jetzt sterben
-muß, so nimm mich nach Deiner Liebe in Gnaden auf und <em class="gesperrt">verbirg mich in
-Dein süßestes Herz</em>.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-In der Fastenzeit des Jahres 1282, als sie, wohl im Geiste,
-hinausgeschleppt auf den Galgenberg bei Stommeln, mit dem Tode bedroht
-wurde, sprach sie wehmutsvoll:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_160" name="Page_160" href="#Page_160">[160]</a></span>
-„O Herr Jesus Christus, Du süßeste Liebe, in Deine Hände befehle ich
-meine Seele. Nimm sie in Frieden auf und <em class="gesperrt">bewahre sie in Deinem süßesten
-Herzen auf ewig</em>. Meinen Leib aber lasse, wenn es Dein gütigster Wille
-ist, von den Dämonen zerrissen werden und eines Todes sterben, wie es Dir
-wohlgefällig ist.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-In der Nacht vor Weihnachtsabend 1283, als sie mit Durchbohrung des
-Herzens bedroht wurde, erhob sie die Augen gen Himmel und flehte also:
-</p>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-„Herr Jesus Christus, geliebtester Bräutigam, Du weißt es, daß ich
-allezeit gewünscht habe, mein Herz möchte brechen aus Liebe zu Dir; wenn
-Du Dich nun jetzt würdigest, diesen meinen Wunsch zu erfüllen, so sage
-ich Dir von ganzem Herzen Dank und <em class="gesperrt">empfehle meine Seele in Dein süßestes
-Herz</em>.“
-</p>
-</div>
-
-<p>
-Die sicheren Kennzeichen der Vereinigung mit Gott sind nach der h. Teresia
-das Verlangen, Gott zu preisen, für ihn zu leiden, Buße zu üben, verbunden
-mit dem inbrünstigen Verlangen, daß alle Menschen Gott erkennen und lieben
-möchten, woraus dann bittere Pein entsteht bei der Wahrnehmung, daß er
-beleidigt wird. Mit diesem Verlangen ist nach der h. Teresia naturgemäß
-verbunden das Verlangen nach Einsamkeit.
-</p>
-
-<p>
-Alle diese Kennzeichen treten im Leben Christinas klar zutage. Die Liebe
-zur Einsamkeit war es jedenfalls, die sie in ihrem stillen Heimatdorfe
-zurückhielt und sie bestimmte, den wiederholten und dringenden
-Einladungen, nach Schweden zu kommen, nicht Folge zu geben. Die Liebe
-zur Einsamkeit war es, die sie bewog, nach dem Weggang ihres Bruders
-Sigwin ein kleines Heim, dort gelegen, wo das alte Holzkreuz, rückwärts
-der dem großen Kreuzhof gegenüberliegenden jetzigen Christinakapelle,
-in Stommeln steht, zu beziehen, von wo sie hinter dem Dorfe her über den
-jetzigen Berlich unbeachtet und ungestört zur Kirche gehen konnte. Dort
-konnte sie in der Verborgenheit ihren frommen Uebungen und Bußwerken
-obliegen, dort konnte sie die außergewöhnlichen Gnadenerweise, mit
-denen die Huld des Herrn sie zu beglücken pflegte, verborgen halten.
-Wie sehr sie darauf bedacht war, diese besonderen Gnadenerweisungen,
-namentlich die hh. Wundmale, zu verbergen, erhellt aus dem Umstande, daß
-die Lederhandschuhe, mit denen sie am Ostertage, wenn sie zur Kommunion
-ging, die Hände verhüllte, damit die noch nicht ganz vernarbten Wundmale
-neugierigen Blicken entzogen würden, erhalten geblieben sind. Sie wurden
-als verehrungswürdige Gewandstücke nach Christinas Tode sorgfältig
-<span class="pagenum"><a id="Page_161" name="Page_161" href="#Page_161">[161]</a></span>
-aufbewahrt, schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts mit gestickten
-Seidenhüllen, auf deren einer Christina vor dem Heilande, auf der anderen
-Christina vor dem Bilde der Gottesmutter dargestellt ist, umgeben.
-Mit ihrem Gebetstäfelchen und dem gewirkten Täschchen, in dem sie ihr
-Psalmenbuch aufzubewahren pflegte, sind sie noch heute als teuere Andenken
-in ihrem Grabmale bei den heiligen Gebeinen hinterlegt (Abb. <a href="#Fabb_05">5</a>). Sie
-müssen ihr also auch wohl bis zum Lebensende gedient haben. Es liegt somit
-der Schluß nahe, daß auch die Wundmale wie früher in der Leidenszeit,
-so auch später in der Friedenszeit sich alljährlich am Karfreitage an
-Christina erneuert haben. Nachdem Petrus von Dazien, ihr vom Herrn selbst
-bestellter Seelenführer, in die ewige Heimat hinübergegangen war, hat
-Christina allem Anscheine nach niemandem mehr, abgesehen von der Beichte,
-über ihre inneren Erlebnisse und Zustände Mitteilungen gemacht. In ihrer
-Einsiedelei lebte sie in inniger Gottvereinigung, äußerster Genügsamkeit,
-am Spinnrocken sitzend und stets dem Gebete obliegend, bis sie im Alter
-von siebenzig Jahren abberufen wurde zur beseligenden Vereinigung mit
-ihrem himmlischen Bräutigam im Hochzeitssaale des ewigen Lebens. In der
-Nachschrift des ersten Buches der Jülicher Handschrift, die nach dem
-Urteil der Sachverständigen aus der Zeit von 1342-1400 herrührt, heißt es
-wie folgt: „Die von Gott und den Menschen geliebte Braut Christi Christina
-legte im zehnten Jahre ihres Alters das Gelübde der Keuschheit ihrem
-Bräutigam Jesus Christus ab, dem sie unter mannigfachen und andauernden
-Versuchungen ... Nachstellungen und Martern der bösen Geister durch ein
-frommes Leben und unbesiegte Standhaftigkeit diente bis zum Jahre 1312
-den 6. November, welcher der Tag des h. Leonhard war und auf den Montag
-fiel, an dem sie zur Zeit der Morgendämmerung beim ersten Hahnenschrei
-aus diesem irdischen Lichte in glücklichem Tausche hinüberschied ins ewige
-Licht.“
-</p>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<h2 id="kapi18" class="komplex">
-<img class="hdimg" src="images/kapitel_deco.jpg" alt="000" width="540" height="50" />
-<br /><em class="komplex">Achtzehntes Kapitel.</em>
-<br /><span class="zierlich">______</span>
-<br />
-<br />Christinas Verehrung nach dem Tode und deren Bestätigung durch Papst Pius X.
-</h2>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_162" name="Page_162" href="#Page_162">[162]</a></span>
-Die Heiligen leben nach ihrem Hinscheiden aus dieser Welt nicht bloß
-weiter bei Gott in ewiger Seligkeit, sondern sie herrschen auch mit ihm,
-wie die Schrift bezeugt. Der Herr liebt es, durch Vermittlung derer,
-die seine getreuen Diener und auserlesenen Freunde auf dieser Erde
-waren, den Erdenpilgern mannigfache Erweise seiner Huld und Erbarmung
-an Leib und Seele zukommen zu lassen. Für solche, die zeitlebens, vom
-Geiste Gottes getrieben, ihr Glück darin fanden, andere glücklich zu
-machen; die von Gottes Liebe entzündet, sich erschöpften in Werken
-christlicher Nächstenliebe, muß es ja auch im seligen Leben dort oben
-Möglichkeit und Gelegenheit geben, Erbarmen und Liebe zu üben, da ja
-die Himmelsherrlichkeit die Natur nicht zerstört, sondern nur erhebt und
-veredelt und das mit Hülfe der Gnade hienieden Begonnene zur Vollendung
-bringt. Auf die Anrufung der Heiligen erfolgen denn auch erfahrungsgemäß
-ganz auffallende Gebetserhörungen und der Herr verherrlicht die Grabstätte
-seiner Auserwählten nicht selten mit Wunderwerken. Auch Christinas Grab
-sollte glorreich werden. Sie wurde bestattet auf dem Kirchhofe zu Stommeln
-an der Nordseite des noch jetzt stehenden Turmes der alten Pfarrkirche,
-die anmutig auf der Höhe gelegen, Dorf und Umgegend beherrscht. Laut der
-bereits vorhin erwähnten, aus dem 14. Jahrhundert stammenden Nachschrift
-des ersten Buches der Jülicher Handschrift geschahen nach dem Tode
-Christinas viele auffällige Heilungen an ihrem Grabe. Auch Werner von Titz
-schreibt in seinen um 1586 verfaßten Annalen von Neuß zum Jahre 1330, um
-jene Zeit habe angefangen berühmt zu werden die selige Christina, eine
-heilige Jungfrau, die aus Stommeln gebürtig sei. Umständlich aufgezeichnet
-von diesen Heilungen ist jedoch nur die des Grafen Dietrich IX. von Cleve,
-die Veranlassung
-<span class="pagenum"><a id="Page_163" name="Page_163" href="#Page_163">[163]</a></span>
-zur Errichtung eines Kollegiatkapitels in Stommeln werden sollte.
-</p>
-
-<p>
-Graf Dietrich litt derartig an der Gicht, daß er weder gehen noch stehen,
-noch Speise zum Munde führen konnte. An seiner Schloßkapelle zu Monterberg
-bei Calcar versah damals Kaplansdienste ein Johannes von Stommeln, der
-wahrscheinlich dieselbe Persönlichkeit ist mit dem ehemaligen Magister
-Johannes von Stommeln und nachmaligem Kaplane Christinas. Durch diesen
-wohl erhielt Graf Dietrich Kunde von den Heilungen, die sich am Grabe
-Christinas zu Stommeln zutrugen, und auch er beschloß, sich dorthin
-fahren zu lassen. Am 2. August 1339 kam er nach Stommeln und ließ sich
-in einer Sänfte hinauf zum Kirchhofe tragen. Das Grab wurde geöffnet
-und die Gebeine herausgenommen, um in die Kirche übertragen zu werden.
-Dietrich verrichtete am Grabe Christinas ein Gebet, man gab ihm eines der
-Gebeine (ein Fingergelenk) in die Hand, und alsbald knisterte es in seinen
-Gliedern, wie wenn man dürres Reis zerbricht. Urplötzlich fühlte er sich
-geheilt, sprang auf, stieg zu Pferde und ritt von dannen, voller freudiger
-Dankbarkeit gegen Gott, der auf die Anrufung seiner Dienerin Christina
-ihm den Gebrauch seiner Glieder wiedergegeben hatte.
-</p>
-
-<p>
-Die Heilung des Grafen Dietrich war die Veranlassung zur Stiftung
-zweier Kollegiatkapitel, nämlich desjenigen von Cleve und desjenigen von
-Stommeln.
-</p>
-
-<p>
-Graf Dietrich verlegte nämlich das von ihm am 15. Februar 1334 zu
-Monterberg errichtete Stift mit Genehmigung seines Vetters, des Cölner
-Erzbischofs Walram von Jülich, im Jahre 1341 nach Cleve. Am 18. März
-des genannten Jahres legte er selbst den Grundstein zum neuen Chore der
-ehemaligen Stiftskirche und nunmehrigen Pfarrkirche zu Cleve. Eines der
-Chöre wird im Jahre 1425 bezeichnet als geweiht der seligsten Jungfrau
-und der seligen Christina.<a name='FA_53' id='FA_53' href='#FN_53' class='fnanchor'>[53]</a>
-</p>
-
-<p>
-Die Stiftungsurkunde des Kollegiatkapitels von Stommeln ist nicht mehr
-vorfindlich. Aus der vom Cölner Erzbischof Walram von Jülich unter dem
-4. Mai 1342 ausgestellten Uebertragungsurkunde, die im Staatsarchiv zu
-Düsseldorf beruht, geht jedoch hervor, daß das Stift oder Kollegiatkapitel
-<span class="pagenum"><a id="Page_164" name="Page_164" href="#Page_164">[164]</a></span>
-vollständig in Stommeln bestand, jedoch keine hinlänglichen Einkünfte
-hatte. Es bestand aus einem Dechanten und zwölf Stiftsherren. Der erste
-Dechant des Stiftes hieß Gotfrid, und als Stommeler Stiftsherren werden
-aufgeführt: 1. Petrus von Unkelbach, 2. Herpern von Kentzwilre, 3.
-Johannes Knode, 4. Johannes von Stommeln, 5. Jakob von St. Andreas, 6.
-Johannes von Caster, 7. Wilhelm von Zülpich, 8. Ludwig von Randerode,
-9. Philipp von St. Andreas, 10. Reinard von Nideggen, 11. Johannes von
-Arscoit, 12. Konrad von St. Cäcilien.
-</p>
-
-<p>
-Als Grund zur Verlegung nach Nideggen, der Residenz des Markgrafen von
-Jülich, wird angegeben, daß Stommeln ein nicht sonderlich passender Ort
-für ein Stiftskapitel sei, auch sei die dortige Bewidmung eine dürftige.
-Anderweitig aber wissen wir auch, daß das Bestreben des Markgrafen
-Wilhelm von Jülich schon lange dahin ging, seiner Residenz durch ein
-Stift größere Bedeutung und höheren Glanz zu verleihen. Bereits im Jahre
-1329 hatte er von Papst Johann XXII. die Ermächtigung erbeten und auch
-erhalten, in Nideggen eine solche Stiftskirche zu errichten. Um jedoch
-mit weniger Unkosten zum Ziele zu kommen, hatte er zunächst versucht,
-die Pfarrkirche in Nideggen, die im Besitze der Johanniter war, diesen
-streitig zu machen und zur Stiftskirche zu erheben. Dieser Plan scheiterte
-jedoch am Widerstande der Johanniter. So sah sich denn Markgraf Wilhelm
-in die Notwendigkeit versetzt, für das in Nideggen zu errichtende Stift
-eine neue Kirche zu bauen. Er baute sie vor dem Brandenberger Tore, und
-wie die Pfarrkirche dem h. Johannes dem Täufer geweiht war, so sollte die
-Stiftskirche den Namen des Liebesjüngers des Herrn, des h. Apostels und
-Evangelisten Johannes, tragen. Im Frühjahr 1342 scheint der Bau, der ein
-ansehnliches, aus rotem Sandstein ausgeführtes, dreischiffiges Gebäude
-gotischen Stiles von 130 Fuß Länge und 60 Fuß Breite war, fertig geworden
-zu sein. Denn am 15. April 1342 ersuchte Markgraf Wilhelm seinen Bruder,
-den Erzbischof Walram, um die Vornahme der Weihe der neuen Stiftskirche
-und um die Verlegung des Stommeler Stiftes nach Nideggen. Da der Markgraf
-für die Erbauung der Kirche erhebliche Aufwendungen hatte machen müssen,
-so kam ihm die Geneigtheit der erst seit Kurzem in Stommeln angesiedelten
-und noch nicht vollständig eingerichteten
-<span class="pagenum"><a id="Page_165" name="Page_165" href="#Page_165">[165]</a></span>
-Stiftsherren, ihr stilles
-Dorf mit der Residenz Nideggen zu vertauschen, sehr gelegen. Für die
-vollständige Bewidmung der Stiftspfründen brauchte er nun nicht mehr
-aufzukommen. Es genügte, die für das Stommeler Stift von seinem Vetter,
-dem Grafen Dietrich IX. von Cleve, gestiftete Bewidmung zu ergänzen, was
-er auch tat.
-</p>
-
-<p>
-Unter dem 4. Mai 1342 wurde dann das Stift von Stommeln nach Nideggen
-von Erzbischof Walram unter Zustimmung des Domkapitels verlegt, und das
-Cäcilienstift in Cöln trat wieder in dasselbe Verhältnis zur Pfarrkirche
-von Stommeln wie ehedem.
-</p>
-
-<p>
-Weil jedoch das Stommeler Stiftskapitel mit Christina innig zusammenhing
-und bei ihren Gebeinen errichtet worden war, so mußten naturgemäß bei
-der Verlegung des Stiftskapitels nach Nideggen auch Christinas Gebeine
-dorthin übertragen werden. In der Tat wurden dieselben noch vier Tage
-vor Ausfertigung der Verlegungsurkunde von Stommeln in die neuerbaute
-Stiftskirche nach Nideggen gebracht. Die Uebertragung geschah nämlich
-am 1. Mai 1342, dem Feste der hh. Apostel Philippus und Jakobus, „bei
-prachtvollem Wetter“. Da die Bewohner Stommelns, die bis heute die
-Grabstätte Christinas neben dem Glockenturme in hohen Ehren halten,
-die Uebertragung ihrer Gebeine nach Nideggen nur ungern sehen konnten
-und Unruhe und Widerstand zu befürchten war, deshalb wohl hat man die
-förmliche Verlegung des Stiftskapitels nicht abgewartet, sondern vorher,
-in unvermuteter Weise, die Uebertragung der Gebeine vorgenommen.
-</p>
-
-<p>
-Sie wurden in der neuen Stiftskirche anfänglich in einem Tiefgrabe
-beigesetzt, weil Christinas Heiligsprechung, wie Johann Gilemanns in
-seinem Novale Sanctorum berichtet, beim Papste wohl beantragt worden,
-aber noch nicht erfolgt war. Jedenfalls war es Erzbischof Walram von
-Jülich, der wohl in Verbindung mit seinem Bruder, dem Markgrafen Wilhelm
-von Jülich, die Heiligsprechung Christinas beantragt hat. Walram starb
-jedoch im Jahre 1349 und infolge der Ungunst der Zeitverhältnisse kam die
-Sache ins Stocken. Die Verehrung Christinas jedoch kam deshalb nicht in
-Verfall, sondern hob sich mit Wissen und unter stillschweigender Billigung
-der kirchlichen Behörde immer mehr, zumal auch in Nideggen ihr Grab durch
-wunderbare Heilungen verherrlicht wurde.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_166" name="Page_166" href="#Page_166">[166]</a></span>
-In dem vom Jülicher Markgrafen an den Erzbischof Walram gestellten Antrag
-auf Weihe der Stiftskirche in Nideggen, den der Erzbischof in allen
-Punkten bestätigte, heißt es, die neue Stiftskirche solle zwar dem h.
-Apostel und Evangelisten Johannes geweiht werden, allein es sei deshalb
-doch nicht beabsichtigt, daß die Patrone der Kirche von Stommeln &mdash;
-diese war dem h. Bischof Martinus geweiht &mdash; und sonstige Heilige, die
-dort entweder kraft der Satzung oder nach Brauch verehrt worden seien,
-künftighin in Nideggen nicht mehr in der früheren Weise sollten verehrt
-werden. Diese nach Lage der Sache &mdash; da das Heiligsprechungsverfahren
-Christinas noch in der Schwebe war &mdash; vorsichtig gefaßte Stelle, kann sich
-nur auf die selige Christina beziehen.
-</p>
-
-<p>
-Wie sehr ihr Grab in der Stiftskirche zu Nideggen verehrt wurde,
-geht daraus hervor, daß diese nicht nach ihrem Patron, dem h.
-Apostel und Evangelisten Johannes benannt wurde, sondern gemeinhin
-<em class="gesperrt">Sankt-Christinen-Kirche</em> heißt. So nennt sie z. B. Herzog Gerhard
-von Jülich in der am Karfreitag des Jahres 1445 erlassenen Satzung des
-St.-Hubertus-Ordens, den er zum Andenken an den von ihm am Hubertustage
-des Jahres 1444 bei Linnich über Arnold von Egmont errungenen Sieg auf
-dem Schlachtfelde selbst gestiftet hatte. Dieser Orden, der jetzt der
-vornehmste Orden des bayerischen Königshauses ist, und dem auch damals
-nur die edelsten Herren und ersten Fürsten Deutschlands angehörten, hatte
-seinen Sitz in der Christinenkirche zu Nideggen. In § 3 der Ordenssatzung
-heißt es, daß ein Ordensritter, wenn er aus irgend einem Grunde in
-Gegnerschaft zum Herzoge von Jülich treten müsse, gehalten sei, vorher
-die „Ordenskette“ nach Nideggen zur Kirche <em class="gesperrt">der seligen Christina</em>, die
-der Hauptsitz des Ordens sei, zurückzusenden. Und in § 15 wird bestimmt,
-daß, wenn ein Ordensritter gestorben sei, die Erben und Verwandten
-die Ordensabzeichen allsogleich nach Nideggen zur Kirche <em class="gesperrt">der heiligen
-Christina</em> zurückschicken sollen.<a name='FA_54' id='FA_54' href='#FN_54' class='fnanchor'>[54]</a>
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_167" name="Page_167" href="#Page_167">[167]</a></span>
-In ihrem am 6. Februar 1496 vor dem Cölner Offizial durch Notar Hermann
-Birrick von Orsoy beglaubigten Testamente bestimmte die Gräfin zu
-Virneburg, geb. Maria von Croy, sie wolle nach ihrem Tode begraben werden
-„zo Nydecken in der understhen Kirchen zu <em class="gesperrt">sent Christynnen</em> by unseren
-jonckeren van Blanckenheym seliger“. Dann stiftet sie noch verschiedene
-Wochenmessen, die „in derselver kirchen Nydecken zo „<em class="gesperrt">sent Christinen</em>“
-sollten gelesen werden“.<a name='FA_55' id='FA_55' href='#FN_55' class='fnanchor'>[55]</a>
-</p>
-
-<p>
-In der Stiftskirche zu Nideggen wurde gegen das Jahr 1500 für die Gebeine
-der seligen Christina ein recht geschmackvolles, aus Schmiedeeisen
-gearbeitetes, erhabenes Grabmal errichtet, dessen Abbild aus dem Werk der
-Bollandisten wir (Abbildung <a href="#Fabb_11">11</a>) beifügen.
-</p>
-
-<p>
-Der auf der Höhe des Denkmals thronende hölzerne Reliquienschrein zeigte
-an den beiden Schmalseiten das in flacher Schnitzerei aus Eichenholz
-gearbeitete Bild Christinas mit dem Drachen unter den Füßen und dem Buche
-in der Hand. Am Giebel der rechten Langseite befand sich das Bild des h.
-Apostels und Evangelisten Johannes, ihm gegenüber an der linken Langseite
-das Bild des h. Bischofs Martinus. Bei einem Gewölbeeinsturz wurde im Jahr
-1783 das zierliche Denkmal zerstört. Eines der beiden Bilder Christinas
-ist jedoch erhalten geblieben und ist gegenwärtig an der Seitenwand der
-Christinakapelle der Jülicher Pfarrkirche angebracht (Abbildung <a href="#Fabb_12">12</a>).
-</p>
-
-<p>
-Der im Renaissancestil gehaltene, aus schwarzem Marmor gearbeitete
-Sarkophag, für den der gotische Eisenaufbau nur die Umrahmung und
-Bekrönung bildete, ist jünger als dieser, hat jedoch schon in Nideggen
-Christinas Gebeine umschlossen, wie er es annoch zu Jülich tut. Denn der
-Marmor, aus dem er angefertigt ist, stammt aus der Umgegend von Nideggen.
-In der Jülicher Fehde, auch Geldrischer Erbfolgekrieg genannt, wurde
-Schloß und Stadt Nideggen von den Truppen Kaiser Karls V. im Jahre 1542
-fast gänzlich zerstört. Auch die Stiftskirche wurde stark beschädigt.
-Die herzogliche Residenz wurde nach Jülich verlegt und in dessen Nähe
-das Waldschloß Hambach prächtig wiederaufgebaut. Nideggen verfiel und
-die Stiftskirche begann zu veröden. Nach dem Willen des Herzogs sollte
-<span class="pagenum"><a id="Page_168" name="Page_168" href="#Page_168">[168]</a></span>
-das Stift dem Hofe nach Jülich folgen, und deshalb beantragte Herzog
-Wilhelm beim päpstlichen Nuntius Sebastian Pighino dessen Verlegung
-in die Pfarrkirche zu Jülich. Dem Ersuchen wurde durch Urkunde vom 15.
-November 1550 entsprochen. Die Stadt Nideggen aber sträubte sich gegen
-die Verlegung des Stiftes. Auch lag in Jülich, in Folge des großen Brandes
-vom Jahre 1547, noch alles im Argen, und so blieb das Stift noch achtzehn
-Jahre lang in Nideggen. Erst am 1. Oktober 1569 siedelte es hinüber nach
-Jülich in die dortige der allerseligsten Jungfrau geweihte Pfarrkirche
-und führte von nun an den Titel „Liebfrauenstift“. Christinas Gebeine
-konnten aber von den Stiftsherren nicht nach Jülich mitgenommen werden.
-Der Widerstand der Bewohner Nideggens war zu groß. Sie blieben vielmehr,
-wie der Notar Christian Hammechers von Nideggen in einer vom 6. März 1578
-datierten Nachschrift zum ersten Buch der Jülicher Handschrift mit Dank
-gegen Gott bezeugt, noch eine Reihe von Jahren in der Kirche zu Nideggen.
-In dieser mußte auch noch an allen Sonn- und Feiertagen von seiten
-des nunmehrigen Jülicher Stiftes eine h. Messe gehalten werden. Jedoch
-verfiel die Kirche immer mehr. Durch List wußten die Jülicher Stiftsherren
-schließlich Christinas Gebeine von Nideggen nach Jülich zu schaffen.
-</p>
-
-<p>
-Es war am 22. Juni 1586, als an einem Nachmittage nach der Vesper ein
-Mann, der auf alle an ihn gestellten Fragen keine Antwort gab, mit einem
-Wagen vor der Pfarrkirche zu Jülich anlangte, dort den Schrein mit den
-Gebeinen der seligen Christina absetzte und dann spurlos verschwand.
-Der Mann wird von den Jülicher Stiftsherren gedungen gewesen sein. Zur
-Nachtzeit wird er den Reliquienschrein in Nideggen aufgeladen haben und
-konnte so um die Zeit, als die Stiftsherren aus der Vesper nach Hause
-gingen, in Jülich ankommen. Natürlich mußte er spurlos verschwinden, um
-Weiterungen vonseiten Nideggens zu verhüten.
-</p>
-
-<p>
-Von der Anwesenheit der Gebeine Christinas in Nideggen geben noch heute
-zwei Ortsbenennungen Kunde, das <em class="gesperrt">Christinentälchen</em> am obern Abhange des
-Jungholzes und das ebendaselbst befindliche „<em class="gesperrt">Christinenpützchen</em>“. Hier
-sollen nach Aschenbroich Christinas Gebeine in Kriegszeiten versteckt
-gewesen sein, um sie vor Verunglimpfungen seitens der Krieger zu schützen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_169" name="Page_169" href="#Page_169">[169]</a></span>
-Die Stiftskirche in Nideggen wurde im dreißigjährigen Kriege vollends zur
-Ruine. Später bauten dort die Minoriten ein kleines Kirchlein mit Kloster,
-das bis zur Franzosenzeit bestand. Im Hofraum des Privatgebäudes, das an
-die Stelle des Klosters getreten ist, sind die Grundmauern des Langhauses
-der ehemaligen Stiftskirche noch zu erkennen. Auch sind im Garten die
-Untermauern des Chores in der Höhe von 2-3 Meter noch vorhanden.
-</p>
-
-<p>
-Die Marianische Kongregation für Jungfrauen zu Nideggen erwählte die
-selige Christina letzthin zu ihrer besonderen Schutzpatronin, und eine
-Reliquie aus den Gebeinen der Seligen wurde von Jülich bei Gelegenheit
-der Seligsprechungsfeier nach Nideggen übertragen.
-</p>
-
-<p>
-Das Stiftskapitel in Jülich bestand bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts,
-wo es gleich den übrigen Stiften von der französischen Fremdherrschaft
-aufgelöst und die Stiftskirche wieder einfache Pfarrkirche wurde.
-</p>
-
-<p>
-Der 22. Juni wurde alljährlich in der Stiftskirche zu Jülich als Tag der
-Uebertragung der Gebeine der seligen Christina mit erhöhter Festfeier
-begangen. Das Hauptfest der seligen Christina wird jedoch von jeher
-und heute noch am 6. November, ihrem Sterbetage, unter großem Zulaufe
-des Volkes gefeiert, das zu ihr in leiblichen und geistigen Anliegen,
-besonders bei Lähmungen, Gichtleiden und in Fieberkrankheiten, seine
-Zuflucht nimmt und erfahrungsmäßig gnädige Erhörung findet. Ihr Grab war
-mit Weihegeschenken aller Art umhangen. Eine ununterbrochene Reihe von
-Gebetserhörungen und Heilungen, die auf Christinas Anrufung an ihrem Grabe
-erwirkt wurden, findet sich aufgezeichnet. Das Stiftskapitel traf sogar
-die Anordnung, daß ein apostolischer Notar die fast täglich zum Grabe
-Christinas kommenden hülfesuchenden Pilger beobachten und die Heilungen
-protokollieren solle. Wilhelm Hermann Gabriels hat denn auch in den Jahren
-1704-1706 eine ganze Reihe solcher Heilungen in ordnungsmäßigem Verhör
-vor Zeugen festgestellt und aufgezeichnet. Auch sonstige, selbst von
-weltlichen Behörden aufgenommene Protokolle über solche Heilungen sind in
-erheblicher Anzahl vorhanden.
-</p>
-
-<p>
-Auch bei den Kartäusern, die bei Jülich am Vogelsang ein Kloster hatten,
-und auch im Kloster zu Cöln blühte Christinas Verehrung. Zeugnis dafür
-legt ab ein auf Seide noch
-<span class="pagenum"><a id="Page_170" name="Page_170" href="#Page_170">[170]</a></span>
-vor dem Jahre 1639 in der Cölner Kartause
-gedrucktes Bild der Seligen, dessen photographische Nachbildung im
-verkleinerten Maßstabe wir (Abbildung <a href="#Fabb_04">4</a>) wiedergeben.
-</p>
-
-<p>
-Doch nicht bloß in Jülich bei den Gebeinen Christinas, sondern auch an
-ihrer ursprünglichen Grabstätte, auf dem Kirchhofe zu Stommeln neben dem
-Glockenturm, geschahen viele Aufsehen erregende Heilungen. In den letzten
-Tagen des Januar und den ersten Tagen des Februar des Jahres 1897 nahm
-Pfarrer Christian Klausmann zu Stommeln vierzig Protokolle von Heilungen
-auf, die auf Anrufung der seligen Christina und Besuch ihrer ehemaligen
-Grabstätte sich in den vorhergehenden Jahren in Stommeln zugetragen
-hatten.
-</p>
-
-<p>
-Im Jahre 1896 wurde die ehemalige Grabstätte Christinas zu Stommeln, die
-bis dahin Jahrhunderte hindurch durch einen gewölbten, tumbaähnlichen
-Ziegelsteinbau kenntlich gemacht war, mit einem schönen, aus Heilbronner
-Sandstein in frühgotischem Stile gefertigten Denkmal geziert, das die
-gefeierte Selige in Lebensgröße darstellt (Abbildung <a href="#Fabb_08">8</a>).
-</p>
-
-<p>
-Ganz in der Nähe jener Stätte, wo sie in den letzten Jahren ihres Lebens
-gewohnt hat und gestorben ist, gegenüber dem großen Kreuzhof wurde durch
-Familie Christian Lemper im Jahre 1854 eine Kapelle zu Ehren der seligen
-Christina erbaut.
-</p>
-
-<p>
-Weil jedoch Christina förmlich weder selig noch heilig gesprochen worden
-war, wurde die Zulässigkeit ihrer Verehrung vielfach in Zweifel gezogen.
-</p>
-
-<p>
-Unter Erzbischof Johannes, Kardinal von Geißel, bereits wurde in Jülich
-eine Untersuchung über die Verehrung der seligen Christina angestellt, die
-damit endigte, daß durch Verfügung des erzbischöflichen Generalvikariates
-vom 30. Dezember 1854 das fernere Fortbestehen der seit unvordenklichen
-Zeiten in der Pfarrkirche zu Jülich eingeführten gottesdienstlichen Feier
-am 6. November jeden Jahres in der bis dahin üblichen Weise und Ordnung
-bis zu anderweitiger Verfügung genehmigt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Die Pfarrkirche zu Jülich wurde, abgesehen vom Turme, in der zweiten
-Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch einen Neubau auf der alten
-Stelle ersetzt, und durch die Fürsorge des für Christinas Verehrung
-eifrig besorgten Oberpfarrers und Dechanten Andreas Esser wurde an der
-Epistelseite des Neubaues
-<span class="pagenum"><a id="Page_171" name="Page_171" href="#Page_171">[171]</a></span>
-eine eigene Christinakapelle errichtet, in deren
-Mitte das alte Grabmal mit den hh. Gebeinen Aufstellung fand
-(Abbildung <a href="#Fabb_13">13</a>).
-</p>
-
-<p>
-In der Karwoche des Jahres 1874 war Erzbischof Paulus Melchers, weil er
-sich den sogenannten Kulturkampfgesetzen nicht fügen wollte, ins Gefängnis
-am Klingelpütz abgeführt worden, woselbst er sechs Monate hindurch
-eingekerkert war. Mit ihm teilte die Haft der Pfarrverwalter von Stommeln
-Johann Wilhelm Havermann. Das Studium und die Betrachtung der Leiden und
-Prüfungen der Dulderin Christina brachte beiden schwergeprüften Männern
-Trost und Kraft.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Gefängnisse entlassen, genehmigte Erzbischof Paulus Melchers unter
-dem 31. Oktober 1874 die Gottesdienstordnung für die Festfeier der seligen
-Christina in der Pfarrkirche zu Stommeln, der er auch eine Reliquie der
-Seligen, nämlich einen Armknochen, aus dem Reliquienschreine in Jülich
-überwies.
-</p>
-
-<p>
-Kein Wunder, daß der Kirchenfürst, als er nach zehnjährigem Exil im Jahre
-1885 mit dem Kardinalshut geschmückt, in der Hauptstadt der Christenheit
-seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, die Sache der seligen Christina in
-die Hand nahm.
-</p>
-
-<p>
-Am Feste des Namens Jesu 1889 stellte er schriftlichen Antrag beim Papste
-auf Bestätigung ihrer unvordenklichen Verehrung und die Ritenkongregation
-beauftragte den damaligen Cölner Erzbischof Philippus Krementz, das
-ordentliche Prozeßverfahren in dieser Sache einzuleiten. Weihbischof
-Hermann Josef Schmitz führte im Namen des Erzbischofs den kanonischen
-Prozeß, und unvergeßlich ist der Jubel und die Begeisterung, mit der er am
-16. Februar 1897 in Jülich empfangen wurde, als er dort mit Postulator,
-Promotor und Notar zur Inaugenscheinnahme des Grabes der Seligen und
-zur Vornahme von Zeugenverhören erschien. Freilich erhob sich auch, wie
-das nicht anders zu erwarten war, Widerspruch, und lebhafte Fehde wurde
-in den politischen Blättern über die Zweckmäßigkeit der Einleitung des
-Prozeßverfahrens geführt. Das mußte natürlich den Gerichtshof bewegen,
-das Verfahren mit größter Sorgfalt und Gründlichkeit zu führen. Das
-Ergebnis war ein günstiges. Am 9. September 1897 fällte der Kardinal
-Erzbischof Philippus Krementz in feierlicher Gerichtssitzung, die in der
-erzbischöflichen Hauskapelle zu Cöln stattfand,
-<span class="pagenum"><a id="Page_172" name="Page_172" href="#Page_172">[172]</a></span>
-nach Anrufung des Namens
-Christi, Gott allein vor Augen habend, das Endurteil dahin, es sei als
-feststehend zu erachten, daß die ehrwürdige Dienerin Gottes Christina
-schon vor dem Jahre 1534 kirchlich verehrt worden sei, und daß diese
-Verehrung sich ununterbrochen bis auf den heutigen Tag erhalten habe.
-</p>
-
-<p>
-Papst Urban VIII. hat nämlich aufs strengste verboten, jemanden als
-Heiligen zu verehren, der nicht vom Papste heilig gesprochen sei. Dieses
-Verbot findet jedoch nicht auf diejenigen Diener Gottes Anwendung, die
-bereits hundert Jahre vor der Verfügung Urbans VIII., nämlich vor dem
-Jahre 1534, in der Kirche öffentlich als Heilige oder Selige verehrt
-worden sind. Bezüglich der seligen Christina wurde nun der vollgültige
-Beweis erbracht, daß ihre Verehrung bereits vor dem Jahre 1534 zu Recht
-bestand.
-</p>
-
-<p>
-Nach langwieriger und sorgfältiger Prüfung hat die Ritenkongregation in
-ihrer Sitzung vom 11. August 1908 auf Anstehen des Kardinals Hieronymus
-Gotti das Urteil des Cölner Erzbischofs bestätigt, und am darauffolgenden
-Tage hat Papst Pius X. die Verehrung der seligen Christina gutgeheißen.
-</p>
-
-<p>
-Nach kirchlichem Rechte gebührt ihr nunmehr der Grad der Verehrung, der
-den förmlich selig gesprochenen Dienern Gottes zusteht.
-</p>
-
-<p>
-In der neuen Pfarrkirche zu Stommeln wurde der Seitenaltar auf der
-Evangelienseite nach ihr benannt und mit ihrem Bilde geschmückt (Abbildung
-<a href="#Fabb_09">9</a>), und am Fuße des Kirchhügels wurde ein stattliches Krankenhaus
-(Abbildung <a href="#Fabb_10">10</a>) erbaut, das am Christinafeste des Jahres 1908 feierlich
-eingeweiht wurde. Zellitinnen aus der Kupfergasse in Cöln, deren Orden
-sich aus dem Beginentum entwickelt hat, mithin Mitschwestern der seligen
-Christina, versehen in ihm den Krankendienst.
-</p>
-
-<p>
-Auf Antrag des hochseligen Kardinals und Erzbischofs von Cöln Antonius
-Fischer wurde durch Dekret der Ritenkongregation vom 18. März 1909 der
-Name der seligen Christina in das liturgische Kalendarium der Cölner
-Kirche unter dem 6. November eingetragen, die Feier ihres Festes für den
-Bereich des Erzbistums Cöln bewilligt und eigene Meßgebete und Lesungen
-für die Begehung des Festes genehmigt.
-</p>
-
-<p>
-Die Meßgebete lauten in der Uebersetzung wie folgt:
-</p>
-
-<h3>
-Meßgebet.
-</h3>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_173" name="Page_173" href="#Page_173">[173]</a></span>
-O Herr Jesus Christus, der Du Deine geliebte Braut Christina mit überaus
-reichen Gnadengaben ausgestattet und sie gegen alle Nachstellungen des
-Teufels mit unbesiegbarem Heldenmute ausgerüstet hast, gib gnädig, daß wir
-durch ihre gütige Vermittelung alle Widerwärtigkeit standhaft überwinden,
-in Deinem Dienste treu bis zum Tode verharren und so die ewigen Freuden
-erlangen. Der Du lebst und regierst.
-</p>
-</div>
-
-<h3>
-Stillgebet.
-</h3>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-Wir bringen, o Herr, das Opfer Deines Leibes und Blutes dar und bitten
-Dich demütig, daß wir durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau Christina
-Verzeihung aller Sünden erlangen mögen. Der Du lebst u. s. w.
-</p>
-</div>
-
-<h3>
-Nach der h. Kommunion.
-</h3>
-
-<div class="blkquot">
-<p>
-Laß einströmen, o Herr, in unsere Herzen, den Geist Deiner Gütigkeit
-und gib gnädig, daß wir in Nachahmung der Tugendbeispiele Deiner seligen
-Jungfrau Christina standhaft im Glauben und glühend in der Liebe befunden
-werden. Durch unsern Herrn.
-</p>
-</div>
-
-<h3>
-Lied zum Christinafest.
-</h3>
-
-<p class="refkkg">
-Nach der neuen Melodie: „Maria zu lieben“.
-(Kölner Diözesangesangbuch Nr. 177).
-</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i02">
- 1. O sel'ge Christina, wir ehren Dich heut',
-</span><br />
-<span class="i01">
-Weil Gott Dich erhoben zur himmlischen Freud;
-</span><br />
-<span class="i01">
-In unserer Heimat hast einst Du gelebt
-</span><br />
-<span class="i01">
-Und jegliche Tugend zu üben gestrebt.
-</span><br />
-
-</div><div class="stanza">
-<span class="i02">
- 2. Auf Gott war gerichtet Dein Herz und Dein Sinn,
-</span><br />
-<span class="i01">
-Dem frommen Gebete gabst gern Du Dich hin;
-</span><br />
-<span class="i01">
-Dem höllischen Feinde Du so widerstand'st
-</span><br />
-<span class="i01">
-Und Hülfe und Beistand durch Engel Du fand'st.
-</span><br />
-
-</div><div class="stanza">
-<span class="i02">
- 3. Du warst mit der Herrin des Himmels vertraut
-</span><br />
-<span class="i01">
-Und hast gar den göttlichen Heiland geschaut;
-</span><br />
-<span class="i01">
-Er prägte die Male der Wunden Dir ein,
-</span><br />
-<span class="i01">
-Du solltest empfinden der Dornenkron' Pein.
-</span><br />
-
-</div><div class="stanza">
-<span class="i02">
- 4. Gar lieblich und eifrig, nach Jesu Gebot,
-</span><br />
-<span class="i01">
-Halfst gern Du dem Nächsten in Krankheit und Not;
-</span><br />
-<span class="i01">
-Des Fegfeuers Seelen in Qualen und Leid
-</span><br />
-<span class="i01">
-Hast durch Dein Büßen und Beten befreit.
-</span><br />
-
-</div><div class="stanza">
-<span class="i02">
- 5. Und gleich Deinem Heiland, in Armut und Not
-</span><br />
-<span class="i01">
-Dein Leben Du schlossest durch heiligen Tod;
-</span><br />
-<span class="i01">
-Du gingest in die Ruhe der Seligen ein,
-</span><br />
-<span class="i01">
-Und stets wird im Segen Dein Andenken sein.
-</span><br />
-
-</div><div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a id="Page_174" name="Page_174" href="#Page_174">[174]</a></span>
-<span class="i02">
- 6. Gar mancher, der bittend an Dich sich gewandt,
-</span><br />
-<span class="i01">
-Erhörung und Gnade bei Gott durch Dich fand;
-</span><br />
-<span class="i01">
-Denn er, der im Schwachen sich machtvoll bewährt,
-</span><br />
-<span class="i01">
-Noch jetzt seiner Dienerin Bitten erhört.
-</span><br />
-
-</div><div class="stanza">
-<span class="i02">
- 7. Wir fleh'n, da die Kirche als Sel'ge Dich ehrt,
-</span><br />
-<span class="i01">
-Und um Deine Fürsprach' zu bitten uns lehrt:
-</span><br />
-<span class="i01">
-Hilf uns Christina in jeglicher Not,
-</span><br />
-<span class="i01">
-Zumal wenn uns nahet der bittere Tod.
-</span><br />
-</div></div>
-
-<div class="center propspace">
-<img src="images/kapitel_ende.jpg" alt="000" width="80" height="18" />
-</div>
-
-<div class='footnotes'>
-
-<h3 class="chunk">
-Fußnoten
-</h3>
-
-<div class='footnote' id='FN_1'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_1'>[1]</a></span> <span class="fmarkd">Vita Christinae</span> 243.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_2'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_2'>[2]</a></span> A. a. O. 250.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_3'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_3'>[3]</a></span> Am Grabmal des Erzbischofs Engelbert III. (&dagger; 1368) im Cölner
-Dom sind auf der nördlichen Langseite die Schreibrüder, auf
-der südlichen aber Beginen und sonstige Ordensfrauen in ihren
-eigentümlichen Trachten, meistens mit Rosenkränzen verschiedenen
-Formates in den Händen, dargestellt.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_4'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_4'>[4]</a></span> Vgl. Die Anfänge der Beginen. Dr. Jos. Greven, Münster,
-Aschendorf, 1912.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_5'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_5'>[5]</a></span> Seelenburg. (6. Wohnung). 4, 10-11.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_6'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_6'>[6]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 155-156.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_7'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_7'>[7]</a></span> Dieser Rosenkranz bestand aus 50 Vater unser (<span class="fmarkd">Pater noster</span>).
-Auch die Gebetsschnur, der man sich beim Beten der 50 Vater
-unser bediente, hieß <span class="fmarkd">Pater noster</span>, wie sie in den Niederlanden
-noch heute genannt wird. Die Dominikaner trugen einen solchen
-Rosenkranz schon damals am Gürtel, und die Beginen desgleichen.
-<span class="fmarkd">V. C.</span> 108, 118.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_8'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_8'>[8]</a></span> Göthe, Faust.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_9'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_9'>[9]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 6.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_10'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_10'>[10]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 235.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_11'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_11'>[11]</a></span> In Cöln gab es im 13. Jahrhundert ein Haus zum Greif (<span class="fmarkd">domus
-Grifonis</span>). Anal. des hist. Vereins für den Niederrhein. 46, 97.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_12'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_12'>[12]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 15.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_13'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_13'>[13]</a></span> A. a. O. 40.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_14'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_14'>[14]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 41.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_15'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_15'>[15]</a></span> Quinheim war dort, wo jetzt Grimlinghausen liegt.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_16'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_16'>[16]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 153-154.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_17'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_17'>[17]</a></span> Geva, Gräfin von Virneburg, war Aebtissin des St. Cäcilienstiftes
-zu Cöln von 1266-1272; eine Irmgardis, Freiin von Wevelkoven
-(Wevelinghoven), gehörte dem Stift an von 1276-1282. Diese
-dürfte zu Gevas Zeiten wohl eine Anwartschaft auf eine Stelle als
-Kanonissin gehabt haben; denn eine Irmgardis tritt als Begleiterin
-Gevas auf. Diese chronologischen Angaben verdanke ich der gütigen
-Mitteilung des Herrn Rektor Michels in Remagen, der zur Zeit die
-Geschichte des St. Cäcilienstiftes bearbeitet.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_18'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_18'>[18]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 30, 36.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_19'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_19'>[19]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 22.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_20'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_20'>[20]</a></span> A. a. O. 22.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_21'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_21'>[21]</a></span> A. a. O. 22.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_22'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_22'>[22]</a></span> A. a. O. 199.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_23'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_23'>[23]</a></span> A. a. O. 150.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_24'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_24'>[24]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 143.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_25'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_25'>[25]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 10-11.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_26'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_26'>[26]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 149.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_27'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_27'>[27]</a></span> <span class="fmarkd"><em class="gesperrt">Putabam</em> me sanguineas sudare guttas (V.C. 71); <em class="gesperrt">Videbatur</em>
-mihi quod totum corpus meum combureretur (72); <em class="gesperrt">Videbatur</em> mihi
-quidquid oraovi quod in nomine daemonis orarem (73); <em class="gesperrt">quasi</em>
-flamma apparuit, <em class="gesperrt">quasi</em> hoc emitteret in os meum ... <em class="gesperrt">quasi</em>
-cupiens me devorare (86); <em class="gesperrt">videbatur</em> ei, quod aperiretur abyssus
-(137); angelos ... <em class="gesperrt">corporalibus oculis non videbat</em>, sed ...
-angelorum consolationes <em class="gesperrt">in corde suo spiritualiter et veraciter
-cognoscebat</em> (109); eam daemones <em class="gesperrt">in corde</em> taliter illudebant,
-quod ad spectaculum tormentorum suorum multitudinem populi adesse
-<em class="gesperrt">credebat</em> (171); <em class="gesperrt">non visibiliter sed in corde sensibiliter</em>
-diversa tormentorum genera sustinuit (20); singula tormentorum
-genera vehementi cordis impetu pertransivit, <em class="gesperrt">nec minor erat
-cruciatus et dolor, quam si omnia corporaliter pateretur</em> (201).</span>
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_28'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_28'>[28]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 2-10.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_29'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_29'>[29]</a></span> Die erste Strophe der alten Uebersetzung lautet:
-
-<div class="stanza">
-<span class="i03">
-„Jesu, wie süß, wer dein gedenkt!
-</span><br />
-<span class="i03">
-Sein Herz vor Freuden überschwenkt.
-</span><br />
-<span class="i03">
-Noch süßer über alles ist,
-</span><br />
-<span class="i03">
-Wo du, o Jesu, selber bist.“
-</span><br />
-</div>
-
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_30'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_30'>[30]</a></span> Pseudodionysius, <span class="fmarkd">De caelesti hierarchia. cap. 7</span>.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_31'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_31'>[31]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 121-123.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_32'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_32'>[32]</a></span> Bd. II. S. 415.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_33'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_33'>[33]</a></span> Baruch 3, 24.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_34'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_34'>[34]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 150.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_35'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_35'>[35]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 81.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_36'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_36'>[36]</a></span> Es war ja der Vorabend von Weihnachten und mithin Fasttag, an
-welchem die Mahlzeit erst nach der Vesper eingenommen wurde.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_37'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_37'>[37]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 126-130.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_38'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_38'>[38]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 133, 148, 150.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_39'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_39'>[39]</a></span> Es ist dasselbe Buch, das der Teufel ihr früher entrissen und dann
-am Pfingstfeste wiedergebracht hatte. Petrus hatte es nachher
-mit goldenen Blumen auswendig bemalen, mit silbernen Krampen,
-kunstvoll gewebter Hülle und schönen Lesezeichen versehen lassen.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_40'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_40'>[40]</a></span> Dieser Verbrüderungsbrief gab Christina Anteil an allen Gebeten
-und Verdiensten des Dominikanerordens.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_41'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_41'>[41]</a></span> Er war aus dem Kloster Quinheim.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_42'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_42'>[42]</a></span> In seinen Briefen hatte Petrus Christina bald als Tochter, bald
-als Schwester angeredet. Den Titel „Schwester“ gab er ihr wohl in
-Folge des oben erwähnten Verbrüderungsbriefes.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_43'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_43'>[43]</a></span> Es ist wohl das mit Reliquien umkränzte, zweiteilige
-Gebetstäfelchen (Diptychon) gemeint, das noch im Grabmale
-Christinas in Jülich aufbewahrt wird.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_44'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_44'>[44]</a></span> Die Spuren davon sind noch am Schädel der seligen Christina
-erkennbar. Siehe S. 37.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_45'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_45'>[45]</a></span> In der lateinischen Urschrift lautet die Stelle: <span class="fmarkd">qui est
-spes desolatis magnaque consolatio in tormentis</span>. Sie ist dem
-Osterhymnus der Cölner Kirche entnommen. Coll. Rit. S. 73.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_46'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_46'>[46]</a></span> Petrus ändert hier den Wahlspruch des alten Römervolkes: „<span class="fmarkd">Labor
-improbus omnia vincit</span>“ (Unverdrossene Arbeit überwindet alle
-Hindernisse) um in den der Sachlage mehr entsprechenden: „<span class="fmarkd">Amor
-improbus omnia vincit.</span>“
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_47'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_47'>[47]</a></span> Am Rande der Jülicher Handschrift ist die Bemerkung eingetragen:
-An Freitagen hören in Stommeln gewöhnlich alle die h. Messe.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_48'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_48'>[48]</a></span> Die im Munde eines Schülers des h. Thomas von Aquin bemerkenswerte
-Stelle über die Wirksamkeit der Gnade hat folgenden Wortlaut:
-„<span class="fmarkd">Quamvis ergo amicis et inimicis mors domini ad liberationem
-suffecit, solis tamen amicis eam effecit. Et ideo: quantum
-differunt sufficientia et efficientia, non in dantis largitate,
-sed in recipientis utilitate, tantum dominus inter amicos et
-inimicos suos distinxit sua morte pretiosa.</span>“ <span class="fmarkd">V. C.</span> 194
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_49'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_49'>[49]</a></span> Das Subdiakonat zählte also damals in der Cölner Kirche nicht
-zu den <em class="gesperrt">heiligen</em> Weihen, wie es in den morgenländischen Kirchen
-auch heute noch nicht als solche betrachtet wird.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_50'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_50'>[50]</a></span> Die Redewendungen sind dem 87. Psalme entnommen.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_51'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_51'>[51]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 185-187.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_52'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_52'>[52]</a></span> <span class="fmarkd">V. C.</span> 252.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_53'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_53'>[53]</a></span> Die Stadt Kleve. Beiträge zur Geschichte derselben von Dr. Robert
-Scholten. Kleve 1879, S. 417.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_54'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_54'>[54]</a></span> <span class="fmarkd">„Tenetur ... torquem ordinis tesseram remittere Nideccam ad
-Divae Christinae templum, in quo ordinis sedes primaria“. &mdash;
-„Haeredes et Cognati torquem et ordinis signum protinus Nideccam
-ad Sanctae Christinae templum ... remittunto.“ Brosii Annales
-Juliae. Coloniae 1731. II, 57.</span> Oidtmann, die Hubertusschlacht
-bei Linnich. Jülich 1909. 67 und 69.
-</div>
-
-<div class='footnote' id='FN_55'>
-<span class='fnlabel'><a href='#FA_55'>[55]</a></span> Staatsarchiv zu Düsseldorf. Stift Jülich Nr. 92. Die Stiftskirche
-heißt die unterste Kirche zu Nideggen im Gegensatz zu der höher
-gelegenen Pfarrkirche.
-</div>
-
-</div>
-
-<h2 class="simplex chunk">
-Personen- und Ortsverzeichnis.
-</h2>
-
-<ul class="IX">
-
-<li>Aachen <a href="#Page_3">3</a>, <a href="#Page_11">11</a>, <a href="#Page_146">146</a>, <a href="#Page_147">147</a>.
-<span class="pagenum"><a id="Page_175" name="Page_175" href="#Page_175">[175]</a></span>
-</li>
-
-<li>Aarhus <a href="#Page_101">101</a>, <a href="#Page_105">105</a>, <a href="#Page_108">108</a>.</li>
-
-<li>Absalon, Dominikanerprovinzial <a href="#Page_50">50</a>.</li>
-
-<li>Adolf, Graf von Berg <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_156">156</a>, <a href="#Page_157">157</a>.</li>
-
-<li>Adolf, Graf von Nassau <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_156">156</a>.</li>
-
-<li>Adolf, Scholar in Cöln <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_92">92</a>.</li>
-
-<li>Aerschot <a href="#Page_144">144</a>.</li>
-
-<li>Albert der Große <a href="#Page_4">4</a>, <a href="#Page_12">12</a>.</li>
-
-<li>Albigenser <a href="#Page_10">10</a>.</li>
-
-<li>Aldebrandino, Dominikaner aus Rom <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_59">59</a>, <a href="#Page_60">60</a>, <a href="#Page_61">61</a>, <a href="#Page_62">62</a>, <a href="#Page_64">64</a>, <a href="#Page_67">67</a>, <a href="#Page_79">79</a>, <a href="#Page_80">80</a>, <a href="#Page_102">102</a>.</li>
-
-<li>Aleidis, Begine in Stommeln <a href="#Page_32">32</a>, <a href="#Page_33">33</a>, <a href="#Page_40">40</a>, <a href="#Page_115">115</a>.</li>
-
-<li>Aleidis, die Blinde, Begine in Stommeln <a href="#Page_19">19</a>, <a href="#Page_32">32</a>, <a href="#Page_52">52</a>, <a href="#Page_54">54</a>, <a href="#Page_89">89</a>, <a href="#Page_109">109</a>.</li>
-
-<li>Alfradis, vornehme Frau bei Stommeln <a href="#Page_40">40</a>.</li>
-
-<li>Alsen <a href="#Page_118">118</a>.</li>
-
-<li>Andernach <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li>Andreas, reicher Schwede <a href="#Page_131">131</a>.</li>
-
-<li>Andreas von Esch, Dominikaner <a href="#Page_98">98</a>.</li>
-
-<li>Andreasstift zu Cöln <a href="#Page_12">12</a>, <a href="#Page_17">17</a>, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Antwerpen <a href="#Page_154">154</a>.</li>
-
-<li>Apostoliker, Sekte <a href="#Page_10">10</a>.</li>
-
-<li>Arnold von Egmond <a href="#Page_166">166</a>.</li>
-
-<li>Arnold von Looz <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Arnold von Xanten, Dominikanerprior <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_83">83</a>.</li>
-
-<li>Aschenbroich, Martin, Schriftsteller <a href="#Page_168">168</a>.</li>
-
-<li>Augustinus, Dominikanerprovinzial <a href="#Page_113">113</a>.</li>
-
-<li>Balduin von Flandern, Dominikaner <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_59">59</a>.</li>
-
-<li>Bartholomäus, Apostel <a href="#Page_17">17</a> <a href="#Page_21">21</a>, <a href="#Page_156">156</a>.</li>
-
-<li>Beatrix, Frau zu Stommeln <a href="#Page_5">5</a>.</li>
-
-<li>Bedburg <a href="#Page_57">57</a>, <a href="#Page_92">92</a>.</li>
-
-<li>Beginen <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_9">9</a>.</li>
-
-<li>Beginen zu Stommeln <a href="#Page_19">19</a>, <a href="#Page_32">32</a>, <a href="#Page_91">91</a>.</li>
-
-<li>Benigna, Begine in Stommeln <a href="#Page_32">32</a>, <a href="#Page_116">116</a>.</li>
-
-<li>Berg, Grafschaft <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_157">157</a>.</li>
-
-<li>Bergheim, an der Erft <a href="#Page_2">2</a>.</li>
-
-<li>Berlich, Straße in Stommeln <a href="#Page_160">160</a>.</li>
-
-<li>Bertold, Dominikanerprior <a href="#Page_130">130</a>, <a href="#Page_132">132</a>, <a href="#Page_133">133</a>.</li>
-
-<li>Birrick, Hermann, Notar <a href="#Page_167">167</a>.</li>
-
-<li>Blankenheim <a href="#Page_167">167</a>.</li>
-
-<li>Böhmen <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li>Bonefant, Wilhelm, Dominikaner <a href="#Page_87">87</a>.</li>
-
-<li>Bordeaux <a href="#Page_154">154</a>.</li>
-
-<li>Brabant <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Brandenbergertor zu Nideggen <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Brauweiler <a href="#Page_2">2</a>, <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_67">67</a>, <a href="#Page_68">68</a>, <a href="#Page_76">76</a>, <a href="#Page_94">94</a>, <a href="#Page_105">105</a>, <a href="#Page_106">106</a>, <a href="#Page_108">108</a>, <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Brühl <a href="#Page_3">3</a></li>
-
-<li>Bruno h., Erzbischof von Cöln <a href="#Page_4">4</a>.</li>
-
-<li>Brusohaus <a href="#Page_6">6</a>.</li>
-
-<li>Bruso, Heinrich <a href="#Page_5">5</a>, <a href="#Page_109">109</a>.</li>
-
-<li>Burg an der Wupper <a href="#Page_156">156</a>.</li>
-
-<li>Calcar <a href="#Page_163">163</a>.</li>
-
-<li>Caster <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Cäcilia h. <a href="#Page_57">57</a>.</li>
-
-<li>Cäcilienstift in Cöln <a href="#Page_4">4</a>, <a href="#Page_5">5</a>, <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_31">31</a>, <a href="#Page_164">164</a>, <a href="#Page_165">165</a>.</li>
-
-<li>Christina h., Martyrin <a href="#Page_5">5</a>.</li>
-
-<li>Christina, Dominikanerin in Schweden <a href="#Page_130">130</a>.</li>
-
-<li>Christina, Stiftsdame an St. Ursula in Cöln <a href="#Page_32">32</a>.</li>
-
-<li>Christina, Dienstmagd des Bruders Christinas zu Cöln <a href="#Page_149">149</a>.</li>
-
-<li>Christinenaltar zu Stommeln <a href="#Page_172">172</a>.</li>
-
-<li>Christinengrab zu Stommeln <a href="#Page_170">170</a>.</li>
-
-<li>Christinenkapelle zu Jülich <a href="#Page_171">171</a>.</li>
-
-<li>Christinenkap. z. Stommeln <a href="#Page_160">160</a>, <a href="#Page_170">170</a>.</li>
-
-<li>Christinenkirche zu Nideggen <a href="#Page_168">168</a>.</li>
-
-<li>Christinenpützchen bei Nideggen <a href="#Page_168">168</a>.</li>
-
-<li>Christinentälchen bei Nideggen <a href="#Page_168">168</a>.</li>
-
-<li>Cleve <a href="#Page_V">V</a>, <a href="#Page_162">162</a>, <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_163">163</a>.</li>
-
-<li>Coblenz <a href="#Page_106">106</a>.</li>
-
-<li>Cöln <a href="#Page_2">2</a>, <a href="#Page_4">4</a>, <a href="#Page_11">11</a>, <a href="#Page_31">31</a>, <a href="#Page_113">113</a>, <a href="#Page_116">116</a>, <a href="#Page_118">118</a>, <a href="#Page_125">125</a>, <a href="#Page_133">133</a>, <a href="#Page_139">139</a>, <a href="#Page_140">140</a>, <a href="#Page_147">147</a>, <a href="#Page_148">148</a>, <a href="#Page_149">149</a>, <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Cölner Dom <a href="#Page_2">2</a>, <a href="#Page_126">126</a>.</li>
-
-<li>Creuzburg <a href="#Page_105">105</a>.</li>
-
-<li>Croy von, Maria, Gräfin zu Birneburg <a href="#Page_167">167</a>.</li>
-
-<li>Dazien, Provinz des Dominikanerordens <a href="#Page_27">27</a>, <a href="#Page_131">131</a>.</li>
-
-<li>Dietrich IX., Graf von Cleve <a href="#Page_V">V</a>, <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_162">162</a>, <a href="#Page_163">163</a>, <a href="#Page_165">165</a>.
-<span class="pagenum"><a id="Page_176" name="Page_176" href="#Page_176">[176]</a></span>
-</li>
-
-<li>Dietrich von Moers <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Dionysius, Pseudo- <a href="#Page_50">50</a>.</li>
-
-<li>Dominikanerinnen <a href="#Page_130">130</a>.</li>
-
-<li>Dominikanerkirche zu Cöln <a href="#Page_12">12</a>.</li>
-
-<li>Dominikaner- oder Predigerorden <a href="#Page_11">11</a>, <a href="#Page_132">132</a>.</li>
-
-<li>Düren <a href="#Page_11">11</a>.</li>
-
-<li>Düsseldorf <a href="#Page_118">118</a>, <a href="#Page_163">163</a>.</li>
-
-<li>Eberhard, Graf von der Mark <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Egmond <a href="#Page_166">166</a>.</li>
-
-<li>Eifel <a href="#Page_5">5</a>.</li>
-
-<li>Elisabeth, Mutter Johannes des Täufers <a href="#Page_49">49</a>.</li>
-
-<li>Engelbert II. von Falkenburg, Erzb. von Cöln <a href="#Page_3">3</a>, <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_105">105</a>.</li>
-
-<li>Engelbert III., Graf von der Mark, Erzb. von Cöln <a href="#Page_10">10</a>.</li>
-
-<li>Engelbert, Stiftsherr an St. Cäcilien zu Cöln <a href="#Page_30">30</a>.</li>
-
-<li>Engilradis, Begine in Stommeln <a href="#Page_33">33</a>, <a href="#Page_89">89</a>.</li>
-
-<li>Esch bei Cöln <a href="#Page_98">98</a>.</li>
-
-<li>Eschgasse zu Stommeln <a href="#Page_5">5</a>.</li>
-
-<li>Essen <a href="#Page_55">55</a>.</li>
-
-<li>Esser, Andreas, Dechant zu Jülich <a href="#Page_170">170</a>.</li>
-
-<li>Falkenburg <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Fischer, Antonius, Kardinal und Erzb. von Cöln <a href="#Page_172">172</a>.</li>
-
-<li>Flandern <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li>Falkwin, Dominikaner <a href="#Page_5">5</a>, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_114">114</a>, <a href="#Page_116">116</a>, <a href="#Page_118">118</a>, <a href="#Page_124">124</a>, <a href="#Page_134">134</a>, <a href="#Page_154">154</a>.</li>
-
-<li>Franz h., von Assisi <a href="#Page_54">54</a>.</li>
-
-<li>Franziskanerorden <a href="#Page_11">11</a>.</li>
-
-<li>Frechen <a href="#Page_3">3</a>.</li>
-
-<li>Friesland <a href="#Page_145">145</a>.</li>
-
-<li>Gabriels, Wilhelm Hermann, Apost. Notar in Jülich <a href="#Page_169">169</a>.</li>
-
-<li>Galgenberg bei Stommeln <a href="#Page_159">159</a>.</li>
-
-<li>Geldern <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_156">156</a>, <a href="#Page_157">157</a>.</li>
-
-<li>Geißel von, Johannes, Kardinal und Erzb. von Cöln <a href="#Page_170">170</a>.</li>
-
-<li>Gerhard, Dominikaner, Bruder der sel. Christina <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_133">133</a> (Siehe auch <a href="#Siggi">Sigwin</a>).</li>
-
-<li>Gerhard vom Greif, Dominikaner <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_28">28</a>, <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_45">45</a>, <a href="#Page_52">52</a>, <a href="#Page_53">53</a>, <a href="#Page_57">57</a>, <a href="#Page_58">58</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_71">71</a>, <a href="#Page_90">90</a>, <a href="#Page_95">95</a>, <a href="#Page_97">97</a>, <a href="#Page_106">106</a>, <a href="#Page_115">115</a>, <a href="#Page_120">120</a>.</li>
-
-<li>Gerhard, Herzog von Jülich <a href="#Page_166">166</a>.</li>
-
-<li>Gerhard, Sohn des Vogtes von Stommeln <a href="#Page_116">116</a>.</li>
-
-<li>Gertrud, Schwester der sel. Christina <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_87">87</a>.</li>
-
-<li>Gertrud, Schwester des Pfarrers Johannes von Stommeln <a href="#Page_33">33</a>, <a href="#Page_45">45</a>, <a href="#Page_54">54</a>, <a href="#Page_68">68</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_72">72</a>, <a href="#Page_92">92</a>, <a href="#Page_99">99</a>, <a href="#Page_109">109</a>.</li>
-
-<li>Gertrud, Stiftsdame an St. Ursula zu Cöln <a href="#Page_32">32</a>.</li>
-
-<li>Geva, Gräfin von Virneburg, Aebtissin des Cäcilienstiftes zu Cöln <a href="#Page_31">31</a>, <a href="#Page_59">59</a>, <a href="#Page_81">81</a>, <a href="#Page_83">83</a>.</li>
-
-<li>Gielemanns, Johann <a href="#Page_165">165</a>.</li>
-
-<li>Gohrbroich <a href="#Page_145">145</a>, <a href="#Page_153">153</a>.</li>
-
-<li>Görres von, Josef <a href="#Page_55">55</a>.</li>
-
-<li>Gotenburg V.</li>
-
-<li>Gotfrid, Dominikaner <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_87">87</a>.</li>
-
-<li>Gotfrid, Prior der Benediktinerabtei Brauweiler <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_67">67</a>.</li>
-
-<li>Gotfrid, Stiftsdechant zu Stommeln <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Göthe <a href="#Page_24">24</a>.</li>
-
-<li>Gotland <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_27">27</a>, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_118">118</a>, <a href="#Page_128">128</a>, <a href="#Page_130">130</a>, <a href="#Page_131">131</a>, <a href="#Page_154">154</a>.</li>
-
-<li>Gotti, Hieronymus, Kardinal zu Rom <a href="#Page_172">172</a>.</li>
-
-<li>Gregor IX., Papst, <a href="#Page_10">10</a>.</li>
-
-<li>Greif zum, Haus in Cöln, <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li>Greven Dr., Josef, Kaplan in Düsseldorf, <a href="#Page_11">11</a>.</li>
-
-<li>Grimlinghausen <a href="#Page_30">30</a>.</li>
-
-<li>Hadewig, Schwester des Pfarrers Johannes von Stommeln, <a href="#Page_33">33</a>, <a href="#Page_65">65</a>.</li>
-
-<li>Hambach bei Jülich <a href="#Page_167">167</a>.</li>
-
-<li>Hammechers, Christian, Notar in Nideggen, <a href="#Page_168">168</a>.</li>
-
-<li>Havelbrech <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_67">67</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_79">79</a>, <a href="#Page_83">83</a>.</li>
-
-<li>Havermann, Johann Wilhelm, Pfarrverwalter zu Stommeln, <a href="#Page_171">171</a>.</li>
-
-<li>Heinrich von Bedburg, Dominikaner, <a href="#Page_57">57</a>, <a href="#Page_92">92</a>.</li>
-
-<li>Heinrich, Bruder der sel. Christina, <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_149">149</a>, <a href="#Page_150">150</a>.</li>
-
-<li>Heinrich, Graf von Luxemburg, <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_156">156</a>.</li>
-
-<li>Heinrich, Magister vom Stifte der hh. Jungfrauen in Cöln, <a href="#Page_30">30</a>.</li>
-
-<li>Heinrich, Pfarrer von Stommeln, <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_32">32</a>, <a href="#Page_115">115</a>, <a href="#Page_116">116</a>.</li>
-
-<li>Heinrich von Westerburg, <a href="#Page_156">156</a>.</li>
-
-<li>Helborges, Begine auf Gotland, <a href="#Page_131">131</a>.</li>
-
-<li>Helinrich, Dominikaner, <a href="#Page_99">99</a>, <a href="#Page_110">110</a>.</li>
-
-<li>Hermann von Havelbrech, Dominikanerprior, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_67">67</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_79">79</a>, <a href="#Page_83">83</a>.</li>
-
-<li>Herpern von Kentzwilre, Stiftsherr in Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Hespe, Johannes, Dominikaner, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_76">76</a>, <a href="#Page_99">99</a>.</li>
-
-<li>Hiddo, Dominikanerprovinzial, <a href="#Page_81">81</a>.</li>
-
-<li>Hieronymus h., Kirchenlehrer, <a href="#Page_31">31</a>.</li>
-
-<li>Hildegundis, Begine in Stommeln, <a href="#Page_148">148</a>.
-<span class="pagenum"><a id="Page_177" name="Page_177" href="#Page_177">[177]</a></span>
-</li>
-
-<li>Hilla, Mutter der sel. Christina, <a href="#Page_5">5</a>, <a href="#Page_112">112</a>.</li>
-
-<li>Hilla, Schwester der sel. Christina, <a href="#Page_5">5</a>, <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_89">89</a>.</li>
-
-<li>Hilla, Nichte der sel. Christina, <a href="#Page_33">33</a>, <a href="#Page_89">89</a>, <a href="#Page_110">110</a>.</li>
-
-<li>Hilla v. Berge, Begine in Stommeln, <a href="#Page_5">5</a>, <a href="#Page_19">19</a>, <a href="#Page_32">32</a>, <a href="#Page_54">54</a>, <a href="#Page_60">60</a>, <a href="#Page_68">68</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_72">72</a>, <a href="#Page_81">81</a>, <a href="#Page_89">89</a>, <a href="#Page_99">99</a>, <a href="#Page_104">104</a>, <a href="#Page_124">124</a>, <a href="#Page_127">127</a>.</li>
-
-<li>Hilla von Ingendorf, Begine in Stommeln, <a href="#Page_32">32</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_91">91</a>.</li>
-
-<li>Hubertusorden <a href="#Page_166">166</a>.</li>
-
-<li>Ingeld, Dominikanerprior, <a href="#Page_127">127</a>.</li>
-
-<li>Ingendorf <a href="#Page_32">32</a>, <a href="#Page_84">84</a>, <a href="#Page_91">91</a>.</li>
-
-<li>Innozenz IV., Papst, <a href="#kapi08">56</a>.</li>
-
-<li>Irmgardis, Freiin von Wevelinghoven, Stiftsfräulein an St. Cäcilien zu Cöln, <a href="#Page_31">31</a>.</li>
-
-<li>Italien <a href="#Page_84">84</a>.</li>
-
-<li>Jakob von St. Andreas, Stiftsherr zu Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Jakob von Andernach, Dominikaner, <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li>Jakob, Kollegium zum h., in Paris, <a href="#Page_84">84</a>.</li>
-
-<li>Jakobiner <a href="#Page_84">84</a>.</li>
-
-<li>Job <a href="#Page_21">21</a>.</li>
-
-<li>Johann, Herzog, von Brabant <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Johann von Limburg a. Lahn <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Johannes, der Täufer, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Johannes, Apostel, <a href="#Page_27">27</a>, <a href="#Page_60">60</a>, <a href="#Page_166">166</a>, <a href="#Page_167">167</a>.</li>
-
-<li>Johannes XXII., Papst, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Johannes von Aerschot, Stiftsherr zu Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Johannes von Caster, Stiftsherr zu Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Johannes I., Dominikanergeneral, <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li>Johannes Hespe, Dominikaner, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_76">76</a>, <a href="#Page_99">99</a>.</li>
-
-<li>Johannes von Muffendorf, Dominikaner, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_53">53</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_71">71</a>, <a href="#Page_72">72</a>, <a href="#Page_73">73</a>, <a href="#Page_76">76</a>, <a href="#Page_79">79</a>, <a href="#Page_80">80</a>, <a href="#Page_82">82</a>, <a href="#Page_83">83</a>, <a href="#Page_92">92</a>, <a href="#Page_104">104</a>, <a href="#Page_105">105</a>, <a href="#Page_115">115</a>, <a href="#Page_130">130</a>, <a href="#Page_131">131</a>.</li>
-
-<li>Johannes, Bruder des 3. Ordens vom hl. Dominikus (Miliz Christi) <a href="#Page_130">130</a>.</li>
-
-<li>Johannes von Creuzburg <a href="#Page_105">105</a>.</li>
-
-<li>Johannes, Pfarrer in Stommeln, <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_19">19</a>, <a href="#Page_20">20</a>, <a href="#Page_23">23</a>, <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_67">67</a>, <a href="#Page_78">78</a>, <a href="#Page_84">84</a>, <a href="#Page_85">85</a>, <a href="#Page_93">93</a>, <a href="#Page_103">103</a>, <a href="#Page_108">108</a>, <a href="#Page_116">116</a>, <a href="#Page_124">124</a>, <a href="#Page_143">143</a>.</li>
-
-<li>Johannes, Magister in Stommeln, <a href="#Page_5">5</a>, <a href="#Page_27">27</a>, <a href="#Page_85">85</a>, <a href="#Page_114">114</a>, <a href="#Page_122">122</a>, <a href="#Page_123">123</a>, <a href="#Page_127">127</a>, <a href="#Page_129">129</a>, <a href="#Page_144">144</a>, <a href="#Page_158">158</a>, <a href="#Page_163">163</a>.</li>
-
-<li>Johannes von Stommeln, Kaplan in Monterberg, <a href="#Page_163">163</a>.</li>
-
-<li>Johannes von Stommeln, Stiftsherr in Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Jülich, Grafschaft, Markgrafschaft, Herzogtum, <a href="#Page_2">2</a>.</li>
-
-<li>Jülich, Stadt <a href="#Page_55">55</a>, <a href="#Page_103">103</a>, <a href="#Page_167">167</a>, <a href="#Page_168">168</a>, <a href="#Page_170">170</a>, <a href="#Page_171">171</a>.</li>
-
-<li>Jülicher Handschrift, enthaltend die Materialien zur Geschichte der sel. Christina, <a href="#Page_IV">IV</a>, <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_28">28</a>, <a href="#Page_37">37</a>, <a href="#Page_118">118</a>, <a href="#Page_122">122</a>, <a href="#Page_130">130</a>, <a href="#Page_161">161</a>, <a href="#Page_162">162</a>, <a href="#Page_168">168</a>.</li>
-
-<li>Jungholz, Wald bei Nideggen, <a href="#Page_168">168</a>.</li>
-
-<li>Jütland <a href="#Page_101">101</a>.</li>
-
-<li>Kalmar <a href="#Page_118">118</a>.</li>
-
-<li>Kamp, Kloster am Niederrhein, <a href="#Page_6">6</a>.</li>
-
-<li>Karl, Dominikaner, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_49">49</a>, <a href="#Page_50">50</a>.</li>
-
-<li>Karl V., Kaiser, <a href="#Page_167">167</a>.</li>
-
-<li>Kartause in Cöln, <a href="#Page_169">169</a>, <a href="#Page_170">170</a>.</li>
-
-<li>Kartäuser bei Jülich, <a href="#Page_169">169</a>.</li>
-
-<li>Katharina hl., Martyrin, <a href="#Page_78">78</a>.</li>
-
-<li>Kinzweiler, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Klausmann, Christian, Pfarrer zu Stommeln, <a href="#Page_170">170</a>.</li>
-
-<li>Klingelpütz, Gefängnis zu Cöln, <a href="#Page_171">171</a>.</li>
-
-<li>Knechtsteden, <a href="#Page_145">145</a>.</li>
-
-<li>Knode, Johannes, Stiftsherr zu Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Konrad von St. Cäcilien zu Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Konrad von Hochstaden, Erzbischof von Cöln, <a href="#Page_3">3</a>.</li>
-
-<li>Konradin, Hohenstaufe, <a href="#Page_2">2</a>.</li>
-
-<li>Krementz, Philippus, Kardinal und Erzbischof von Cöln, <a href="#Page_171">171</a>.</li>
-
-<li>Kreuzhof in Stommeln, <a href="#Page_160">160</a>, <a href="#Page_170">170</a>.</li>
-
-<li>Kreuzkirche (d. Dominikan.) i. Cöln, <a href="#Page_12">12</a>.</li>
-
-<li>Kupfergasse in Cöln, <a href="#Page_172">172</a>.</li>
-
-<li>Lambert, der Stammler (<span class="fmarkd">le bègue</span>), Priester zu Lüttich, <a href="#Page_10">10</a>.</li>
-
-<li>Laurentius, Dominikaner, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_110">110</a>, <a href="#Page_111">111</a>, <a href="#Page_131">131</a>.</li>
-
-<li>Lechenich, <a href="#Page_3">3</a>.</li>
-
-<li>Lemper, Christian, Erbauer der Christinenkapelle in Stommeln <a href="#Page_170">170</a>.</li>
-
-<li>Leonius, Kellermeister der Benediktinerabtei Brauweiler, <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_67">67</a>.</li>
-
-<li>Limburg, Herzogtum <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Limburg an der Lahn <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Linnich <a href="#Page_166">166</a>.</li>
-
-<li>Löwen <a href="#Page_154">154</a>.</li>
-
-<li>Lübeck <a href="#Page_114">114</a>, <a href="#Page_117">117</a>, <a href="#Page_118">118</a>.</li>
-
-<li>Ludwig von Randerath, Stiftsherr in Stommeln <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Lull, Peter, Schriftsteller <a href="#Page_55">55</a>.
-<span class="pagenum"><a id="Page_178" name="Page_178" href="#Page_178">[178]</a></span>
-</li>
-
-<li>Luxemburg <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_156">156</a>, <a href="#Page_157">157</a>.</li>
-
-<li>Luzius III., Papst <a href="#Page_11">11</a>.</li>
-
-<li>Maderna, Stefan, Bildhauer <a href="#Page_57">57</a>.</li>
-
-<li>Mailand <a href="#kapi08">56</a>.</li>
-
-<li>Maria h., Gottesmutter <a href="#Page_7">7</a>.</li>
-
-<li>Maria Magdalena h., Hospital zur, in Cöln <a href="#Page_12">12</a>, <a href="#Page_13">13</a>.</li>
-
-<li>Maria von Virneburg <a href="#Page_167">167</a>.</li>
-
-<li>Marienholz <a href="#Page_3">3</a>.</li>
-
-<li>Mark, Grafschaft <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Martin h., Bischof von Tours <a href="#Page_4">4</a>, <a href="#Page_166">166</a>.</li>
-
-<li>Matthias h., Apostel <a href="#Page_45">45</a>.</li>
-
-<li>Mauritius, Dominikaner <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#kapi08">56</a>, <a href="#Page_59">59</a>, <a href="#Page_65">65</a>, <a href="#Page_79">79</a>, <a href="#Page_80">80</a>, <a href="#Page_84">84</a>, <a href="#Page_86">86</a>, <a href="#Page_98">98</a>, <a href="#Page_101">101</a>, <a href="#Page_108">108</a>, <a href="#Page_130">130</a>, <a href="#Page_131">131</a>, <a href="#Page_133">133</a>.</li>
-
-<li>Melchers, Paulus, Kardinal und Erzb. von Cöln <a href="#Page_171">171</a>.</li>
-
-<li>Michael, Emil, S. J., Universitätsprofessor in Innsbruck <a href="#Page_27">27</a>.</li>
-
-<li>Michels, Rektor in Remagen <a href="#Page_31">31</a>.</li>
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-<li>Minden <a href="#Page_118">118</a>.</li>
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-<li>Minoriten in Cöln <a href="#Page_30">30</a>.</li>
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-<li>Moers, Grafschaft <a href="#Page_155">155</a>.</li>
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-<li>Muffendorf <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_53">53</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_92">92</a>.</li>
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-<li>München-Gladbach <a href="#Page_2">2</a>.</li>
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-<li>Nassau <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_156">156</a>.</li>
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-<li>Neapel <a href="#Page_2">2</a>.</li>
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-<li>Nettesheim <a href="#Page_145">145</a>.</li>
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-<li>Neuß <a href="#Page_11">11</a>, <a href="#Page_118">118</a>, <a href="#Page_162">162</a>.</li>
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-<li>Nideggen <a href="#Page_3">3</a>, <a href="#Page_164">164</a>, <a href="#Page_165">165</a>, <a href="#Page_166">166</a>, <a href="#Page_167">167</a>, <a href="#Page_168">168</a>.</li>
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-<li>Nikolaus, Dominikaner <a href="#Page_53">53</a>, <a href="#Page_81">81</a>, <a href="#Page_98">98</a>, <a href="#Page_99">99</a>, <a href="#Page_100">100</a>, <a href="#Page_109">109</a>.</li>
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-<li>Nikolaus Heinrich, Dominikanerprior <a href="#Page_84">84</a>, <a href="#Page_92">92</a>.</li>
-
-<li>Nivelles <a href="#Page_10">10</a>.</li>
-
-<li>Olaw, Dominikaner, <a href="#Page_110">110</a>.</li>
-
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-<li>Ossendorf, <a href="#Page_102">102</a>.</li>
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-<li>Otto von Braunschweig, <a href="#Page_2">2</a>.</li>
-
-<li>Otto der Große, <a href="#Page_4">4</a>.</li>
-
-<li>Papebroch, S. J., Bollandist, <a href="#Page_55">55</a>.</li>
-
-<li>Paris, <a href="#Page_45">45</a>, <a href="#Page_49">49</a>, <a href="#Page_50">50</a>, <a href="#Page_79">79</a>, <a href="#Page_81">81</a>, <a href="#Page_82">82</a>, <a href="#Page_84">84</a>, <a href="#Page_85">85</a>, <a href="#Page_86">86</a>, <a href="#Page_90">90</a>, <a href="#Page_94">94</a>, <a href="#Page_110">110</a>.</li>
-
-<li>Paulson, Johannes, Universitätsprofessor in Gotenburg, <a href="#Page_V">V</a>.</li>
-
-<li>Paulus h., Apostel, <a href="#Page_16">16</a>, <a href="#Page_24">24</a>.</li>
-
-<li>Petrus h., Apostelfürst, <a href="#Page_60">60</a>.</li>
-
-<li>Petrus von Dazien, Dominikaner, <a href="#Page_V">V</a>, <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_35">35</a>, <a href="#Page_36">36</a>, <a href="#Page_39">39</a>, <a href="#Page_42">42</a>, <a href="#Page_45">45</a>, <a href="#Page_49">49</a>, <a href="#Page_52">52</a>, <a href="#kapi08">56</a>, <a href="#Page_64">64</a>, <a href="#Page_76">76</a>, <a href="#Page_113">113</a>, <a href="#Page_115">115</a>, <a href="#Page_118">118</a>, <a href="#Page_120">120</a>, <a href="#Page_134">134</a>, <a href="#Page_154">154</a>, <a href="#Page_161">161</a>.</li>
-
-<li>Petrus h., von Mailand, Martyrer <a href="#kapi08">56</a>.</li>
-
-<li>Petrus von Unkelbach, Stiftsherr zu Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Philipp von St. Andreas, Stiftsherr in Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Philipp von Schwaben, <a href="#Page_2">2</a>.</li>
-
-<li>Pighino, Sebastian, päpstl. Nuntius, <a href="#Page_168">168</a>.</li>
-
-<li>Pius X., Papst, <a href="#Page_1">1</a>, <a href="#Page_172">172</a>.</li>
-
-<li>Polen, <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li>Poulheim, Dorf bei Cöln, <a href="#Page_6">6</a>.</li>
-
-<li>Prämonstratenser, <a href="#Page_10">10</a>.</li>
-
-<li>Ptolemäus, Klaudius, Astronom, <a href="#Page_57">57</a>.</li>
-
-<li>Quinheim, ehemaliges Kloster bei Neuß, <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_92">92</a>.</li>
-
-<li>Randerath, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Rheingasse zu Cöln, <a href="#Page_3">3</a>.</li>
-
-<li>Reinhard von Nideggen, Stiftsherr zu Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Reinhold, Graf von Geldern, <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_156">156</a>.</li>
-
-<li>Remagen, <a href="#Page_31">31</a>.</li>
-
-<li>Reval, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_59">59</a>.</li>
-
-<li>Richard von St. Viktor, <a href="#kapi08">56</a>.</li>
-
-<li>Rom, <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li>Roß, Haus zum, in Cöln, <a href="#Page_3">3</a>.</li>
-
-<li>Salomon aus Ungarn, Dominikaner, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_82">82</a>.</li>
-
-<li>Sandberg in Stommeln, <a href="#Page_153">153</a>.</li>
-
-<li>Schmitz, Hermann Josef, Weihbischof von Cöln, <a href="#Page_37">37</a>, <a href="#Page_171">171</a>.</li>
-
-<li>Schöningen, <a href="#Page_133">133</a>.</li>
-
-<li>Schweden, <a href="#Page_131">131</a>, <a href="#Page_151">151</a>, <a href="#Page_160">160</a>.</li>
-
-<li>Sigfried von Westerburg, Erzbischof von Cöln, <a href="#Page_3">3</a>, <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_156">156</a>.</li>
-
-<li><a id="Siggi">Sigwin</a>, Bruder der sel. Christina, <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_122">122</a>, <a href="#Page_124">124</a>, <a href="#Page_125">125</a>, <a href="#Page_126">126</a>, <a href="#Page_128">128</a>, <a href="#Page_130">130</a>, <a href="#Page_131">131</a>, <a href="#Page_133">133</a>, <a href="#Page_134">134</a>, <a href="#Page_150">150</a>, <a href="#Page_151">151</a>, <a href="#Page_159">159</a>, <a href="#Page_160">160</a>.</li>
-
-<li>Skara, <a href="#Page_110">110</a>.</li>
-
-<li>Skeninge <a href="#Page_27">27</a>, <a href="#Page_101">101</a>, <a href="#Page_104">104</a>, <a href="#Page_105">105</a>, <a href="#Page_108">108</a>, <a href="#Page_109">109</a>.</li>
-
-<li>Södermanland, <a href="#Page_109">109</a>.</li>
-
-<li>Soest, <a href="#Page_118">118</a>.</li>
-
-<li>Steinfunder S. J., aus Essen, <a href="#Page_55">55</a>.</li>
-
-<li>Stolkgasse in Cöln, <a href="#Page_11">11</a>, <a href="#Page_12">12</a>.</li>
-
-<li>Stolzenberg von, Johannes, Cölner Bürger, <a href="#Page_130">130</a>.</li>
-
-<li>Stommeln (<span class="fmarkd">Stumbelo</span>, <span class="fmarkd">Stumbele</span>), <a href="#Page_1">1</a>, <a href="#Page_2">2</a>, <a href="#Page_3">3</a>, <a href="#Page_114">114</a>, <a href="#Page_139">139</a>, <a href="#Page_162">162</a>, <a href="#Page_163">163</a>, <a href="#Page_164">164</a>, <a href="#Page_165">165</a>.</li>
-
-<li>Straßburg, <a href="#Page_83">83</a>.</li>
-
-<li>Strengnäs, <a href="#Page_27">27</a>, <a href="#Page_109">109</a>.</li>
-
-<li>Swealand, <a href="#Page_110">110</a>.</li>
-
-<li>Teresia h., Ordensstifterin, <a href="#Page_13">13</a>, <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_119">119</a>, <a href="#Page_157">157</a>, <a href="#Page_160">160</a>.</li>
-
-<li>Thebäische Legion, <a href="#Page_116">116</a>.
-<span class="pagenum"><a id="Page_179" name="Page_179" href="#Page_179">[179]</a></span>
-</li>
-
-<li>Thomas h., von Aquin, Kirchenlehrer, <a href="#Page_4">4</a>, <a href="#Page_83">83</a>, <a href="#Page_84">84</a>, <a href="#Page_124">124</a>.</li>
-
-<li>Titz, <a href="#Page_162">162</a>.</li>
-
-<li>Toskana, <a href="#Page_59">59</a>, <a href="#Page_69">69</a>.</li>
-
-<li>Ungarn, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_82">82</a></li>
-
-<li>Unkelbach, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Urban VIII., Papst, <a href="#Page_172">172</a>.</li>
-
-<li>Ursula h., Martyrin, <a href="#Page_115">115</a>.</li>
-
-<li>Ursulastift in Cöln, <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_32">32</a>.</li>
-
-<li>Venlo, <a href="#Page_2">2</a>.</li>
-
-<li>Ver Selen, Beginenkloster zu Cöln, <a href="#Page_11">11</a>.</li>
-
-<li>Virneburg, <a href="#Page_31">31</a>, <a href="#Page_167">167</a>.</li>
-
-<li>Vogelsang, Kartause bei Jülich, <a href="#Page_169">169</a>.</li>
-
-<li>Walram von Falkenburg, <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Walram von Jülich, Erzbischof von Cöln, <a href="#Page_163">163</a>, <a href="#Page_164">164</a>, <a href="#Page_166">166</a>.</li>
-
-<li>Walram, Herzog von Jülich, <a href="#Page_155">155</a>.</li>
-
-<li>Walram von Luxemburg, <a href="#Page_156">156</a>.</li>
-
-<li>Walter, Dominikaner, <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_40">40</a>, <a href="#Page_41">41</a>, <a href="#Page_42">42</a>, <a href="#Page_99">99</a>.</li>
-
-<li>Werden, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_87">87</a>.</li>
-
-<li>Werigehal in England, <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li>Werner von Titz, <a href="#Page_162">162</a>.</li>
-
-<li>Westeräs, <a href="#Page_109">109</a>, <a href="#Page_113">113</a>.</li>
-
-<li>Wevelinghoven, <a href="#Page_31">31</a>.</li>
-
-<li>Wien, <a href="#Page_130">130</a>, <a href="#Page_131">131</a>.</li>
-
-<li>Wilhelm II., der Große, Graf von Jülich, <a href="#Page_2">2</a>.</li>
-
-<li>Wilhelm III., Graf von Jülich, <a href="#Page_2">2</a>.</li>
-
-<li>Wilhelm IV., Graf von Jülich, <a href="#Page_2">2</a>, <a href="#Page_147">147</a>.</li>
-
-<li>Wilhelm, Markgraf von Jülich, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Wilhelm, Herzog von Jülich, <a href="#Page_168">168</a>.</li>
-
-<li>Wilhelm Bonefant, Dominikaner, <a href="#Page_87">87</a>.</li>
-
-<li>Wilhelm von Werigehal, Dominikaner, <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li>Wilhelm von Zülpich, Stiftsherr in Stommeln, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li>Wipert von Böhmen, Dominikaner, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_67">67</a>, <a href="#Page_69">69</a>, <a href="#Page_82">82</a>.</li>
-
-<li>Wisby, <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_27">27</a>, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_118">118</a>, <a href="#Page_131">131</a>, <a href="#Page_133">133</a>.</li>
-
-<li>Worringen, <a href="#Page_2">2</a>, <a href="#Page_3">3</a>, <a href="#Page_34">34</a>, <a href="#Page_155">155</a>, <a href="#Page_156">156</a>, <a href="#Page_157">157</a>.</li>
-
-<li>Xanten, <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_83">83</a>.</li>
-
-<li>Zellitinnen, <a href="#Page_11">11</a>, <a href="#Page_172">172</a>.</li>
-
-<li>Zisterzienser, <a href="#Page_10">10</a>.</li>
-
-<li>Zülpich, <a href="#Page_3">3</a>, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-</ul>
-
-
-
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-
-<pre>
-
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-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die selige Christina von Stommeln, by
-Arnold Steffens
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SELIGE CHRISTINA VON STOMMELN ***
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