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-Project Gutenberg's Kreuz und Quer, Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Kreuz und Quer, Dritter Band
- Neue gesammelte Erzählungen
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: July 21, 2017 [EBook #55163]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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-
-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
-
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-
-
- Kreuz und Quer.
-
- Neue gesammelte Erzählungen
- von
- Friedrich Gerstäcker.
-
- Dritter Band.
-
- Leipzig,
- Arnoldische Buchhandlung.
- 1869.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichniß.
-
-
- Seite
-
- 1. Jay-hawkers 1
-
- 2. König Zambiri 198
-
- 3. Der Mexikaner 284
-
- 4. Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati 358
-
-
-
-
-Jay-hawkers.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-In Perryville.
-
-
-Das kleine Städtchen Perryville in Arkansas, das, während der Krieg in den
-östlichen Staaten der Union wüthete, nun über zwei Jahre fast wie todt und
-verlassen gelegen hatte, schien heute, am ersten October des Jahres 1862,
-seinen friedlichen Charakter abgelegt und sich in einen militärischen
-Tummelplatz verwandelt zu haben.
-
-Daß von allen Seiten Reiter, die lange Büchse auf der Schulter, die
-schweren Messer an der Seite, heransprengten, würde weniger aufgefallen
-sein, denn ohne diese Waffen ging überhaupt kein Backwoodsman nur von Farm
-zu Farm, aber dazwischen sah man auch eine Anzahl von Männern in grauen
-uniformartigen Röcken und doch auch wieder nicht uniform, denn Mancher von
-ihnen trug einen alten Filzhut, Mancher einen Strohhut auf dem Kopfe, aber
-alle auch einen Gurt um den Leib und neben dem Messer einen, manchmal sogar
-zwei Revolver.
-
-Perryville ist keine regelmäßige Stadt, wenn auch schon seit langen Jahren
-regelmäßig ausgelegt. Arkansas selber hatte aber die in den schönen Staat
-gesetzte Hoffnung, daß er sich rasch und entschieden bevölkern würde, nicht
-bewährt. Viele seiner Bewohner, unstätes Volk alle zusammen, waren nach
-Californien gezogen, als der erste Ruf des Goldes von dort herübertönte,
-Andere nach Texas, weil sich vielleicht ein Fremder in ein oder zwei Miles
-Entfernung von ihnen angesiedelt hatte und die »zu nahe« Nachbarschaft
-ihnen unbequem wurde, und wenn sich dann auch mancher neue Einwanderer
-von den östlichen Staaten her in das Land zog, hielt sich die Bevölkerung
-trotzdem so ziemlich auf dem alten Stand.
-
-Nur an den kleinen Fluß hinauf, den Fourche-la-Fave, wie er genannt wird,
-hatten sich die Farmen, aber auch nur mit weiten Unterbrechungen gezogen;
-das innere Land lag noch in jungfräulicher Wildniß, von keiner Axt,
-höchstens einmal von dem Beil des Jägers berührt, der sich dort junge
-Stämme zu Lagerstangen abhieb, und das Städtchen, was so nach und nach am
-Fourche-la-Fave entstanden, war eigentlich gar nicht nöthig. Die Farmer
-und Jäger brauchten es nicht, hätten wenigstens recht gut ohne dasselbe
-bestehen können, und benutzten es nur zu gelegentlichen Zusammenkünften.
-
-Bis hierher war auch der eigentliche Krieg noch nicht gedrungen und drang
-überhaupt nicht hin. Truppenkörper der verschiedenen Armeen schickten wohl
-später dann und wann einmal einen Streifzug durch den Wald, aber der
-mußte die Straße halten und verweilte auch nicht gern lange in den dichten
-Wäldern, wo er sich nie sicher davor fühlte, von einem anderen, vielleicht
-stärkeren Corps überfallen zu werden.
-
-Little Rock, die Hauptstadt des Staates, hatte sich allerdings zu Gunsten
-der Secession erklärt, denn Arkansas war ein echter Sclavenstaat, wenn
-es auch im Verhältniß nur wenig Negersclaven aufweisen konnte. Die
-eigentlichen Farmer und Jäger hatten sich aber bis jetzt, wie nach
-stillschweigendem Uebereinkommen, noch nicht am Kriege betheiligt. Sie
-waren weder angegriffen, noch belästigt worden und mit der geringen
-Bevölkerung ihres Staates, warfen sie ja doch kein Gewicht in die
-Wagschaale des Krieges. Ueberdies verkündeten die seltenen Nachrichten,
-die wirklich zu ihnen drangen, nur immer neue Siege der Secessionisten, die
-sogar das Capitol in Washington bedrohen sollten; sie wurden also dort
-gar nicht gebraucht, während sie hier unumgänglich nöthig blieben, um
-ihre Familien zu erhalten. Was hätten die einzelnen Frauen und Kinder hier
-mitten im Walde anfangen wollen, wenn die Männer und jungen Leute
-weit hinweg in andere Staaten gezogen wären, um sich mit den Yankees
-herumzuschlagen.
-
-Außerdem standen fast alle _alten_ Leute in dem ganzen District, im
-_Herzen_ auf Seite der Union. Am ganzen Fourche-la-Fave war auch nicht ein
-einziger Sclavenhalter, kein einziger Neger zu finden. Am Petite-Jeanne
-drüben gab es allerdings ein paar, aber ihretwegen wäre es wahrlich nicht
-der Mühe werth gewesen, einen blutigen Krieg anzufangen und die große und
-mächtige Union in zwei Hälften zu reißen.
-
-Einzelnen jungen Leuten zuckte es allerdings in den Gliedern, Theil an
-dem Kampf zu nehmen und einen Tanz mit den »verdammten Abolitionisten« zu
-haben, wie die Yankees damals genannt wurden und welchen Namen sie auch in
-der That noch zum großen Theil jetzt führen; die große Mehrzahl war indeß
-entschieden _gegen_ eine Betheiligung am Krieg, denn die Südstaaten, zu
-denen sie allerdings ihrer Lage nach gehörten, hatten die Flagge der Union
-beschimpft, die Constitution gebrochen und den Bürgerkrieg entzündet. _Sie_
-wollten keine Hand in solchen Dingen haben.
-
-Nur die Frauen neigten sich sonderbarer Weise der Secession zu, und aus
-welchem Grunde?
-
-Im Herzen trugen sie alle den Wunsch, es einmal dahin zu bringen, daß sie
-sich ein Hausmädchen -- natürlich eine Sclavin -- anschaffen konnten, denn
-Dienstboten, wie wir solche bei uns gewohnt sind, gab es ja nicht in der
-Union, und was man =a help= nannte, eine »Hülfe,« und worunter sich eine
-Nachbarstochter verstand, die einmal auf kurze Zeit oder weil bei ihnen
-selber das Brot knapp wurde, herüberkam und eine Weile aushalf -- konnte
-natürlich nicht genügen, da diese jungen »=ladies=« wie die rohen
-Eier behandelt sein wollten und bei dem ersten rauhen Wort das Haus
-augenblicklich und indignirt verließen. Eine junge Negersclavin blieb also
-ihr heimlicher, aber dafür desto innigerer Wunsch, und daß sie sich --
-unter solchen Umständen -- nicht für Abschaffung der Sclaverei begeistern
-konnten, versteht sich wohl von selbst.
-
-Vor kaum acht Tagen nun war die Nachricht hier in den stillen Wald
-gedrungen, daß die »Südlichen« wieder einen neuen und großen Sieg über
-den Norden davongetragen hätten und dieser jetzt die verzweifeltsten
-Anstrengungen mache, um den immer mächtiger werdenden Feind zu verhindern,
-sich selbst in Besitz des Capitols zu setzen. Eine Aushebung von
-Hunderttausenden sollte unter den Yankees ausgeschrieben sein, und es war
-deshalb nöthig geworden, auch die Kräfte des Südens zusammenzurufen, um die
-»Abolitionisten« nicht wieder zu Athem kommen zu lassen, sondern womöglich
-gleich mit einem Schlage zu vernichten. Derartige Phrasen durchliefen ja
-fortwährend die weit abgelegnen Territorien sowohl, als auch die einzelnen
-Rebellenstaaten selber, und fanden in den letzteren vielleicht Wiederklang
--- in Arkansas aber nicht. Als deshalb auf den heutigen Tag Emissaire vom
-anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung in Perryville ausgeschrieben
-hatten, um den Stand der Verhältnisse zu besprechen, fanden sich wohl die
-jungen und auch die älteren Leute dazu ein, weil sie etwas Bestimmtes über
-den Stand des Krieges zu erfahren hofften, aber begeistert für die Sache
-selber waren sie nicht, ja die alten Backwoodsmen sogar fest entschlossen,
-einer möglichen Anwerbung entschieden entgegenzutreten.
-
-Den jungen Burschen aber kam ein solcher »Frolic,« wie sie es nannten,
-gerade recht. Der Krieg dauerte nun schon Jahre, und eine todte,
-erdrückende Schwüle hatte indessen auf dem ganzen Land gelegen. Wer sollte
-auch Lust gehabt haben sich zu vergnügen, während nur immer eine Nachricht
-nach der anderen kam, wie bald da bald dort Tausende im gegenseitigen
-Bruderkampf erschlagen waren und ihr Herzblut die zerstörten Felder
-röthete.
-
-Die Meisten sammelten sich auch bei dem alten Bockenheim, denn obgleich
-in den letzten fünf Jahren noch zwei andere kleinere =groceries= oder
-Kaufläden geöffnet worden, hatte man sich doch an den Deutschen, einen der
-ältesten Ansiedler der Fourche la Fave, gewöhnt, und außerdem sollte
-auch die eigentliche Versammlung in der unmittelbaren Nähe seines Hauses
-stattfinden, zu der sogar ein Major der Secessionisten herüber gekommen.
-
-Man lebte einmal wieder in dem bisher so todten Städtchen und der Whisky
-floß. Allerdings war es nicht mehr möglich, diesen von Norden herunter zu
-beziehen, woher sonst der beste Mohongahela kam, denn der Strom war sowohl
-von den Nord- als Südstaaten blokirt worden und selbst auf jedes kleine
-Boot wurde geschossen, das den Versuch machen wollte, sich hindurch
-zu schleichen. Aber in Arkansas wußten sie sich, was wenigstens diesen
-Gegenstand betraf, zu helfen, denn überall entstanden kleine Brennereien,
-wobei noch die Heintzesche den besten Stoff lieferte. Von diesem war ein
-frisches Faß angezapft worden, und die jungen Leute vom Fourche-la-Fave
-hatten sich schon darum gesammelt, als die County-Straße herunter, von
-zwei »Sesesch«-Officieren (Secessionisten) begleitet, der Major auf einem
-prächtigen Rappen angesprengt kam, und vor Bockenheim's Thür sein muthiges
-Roß einzügelte.
-
-»Hallo Major!« rief ihm Einer der jungen Burschen zu, indem er ihm zugleich
-den vollen Becher entgegenhielt -- »=how do you swop horses= (wie wollt
-Ihr Euer Pferd vertauschen) gegen den Grauen dort, der an den Hickory
-angebunden steht?«
-
-»Mein junger Freund,« sagte der Major, nicht im Geringsten durch die Frage
-beleidigt, denn sie war etwas zu Allgewöhnliches -- »wir brauchen jetzt
-alle unsere guten Pferde selber, denn die verdammten Abolitionisten laufen
-so rasch, daß man sie mit alten Kracken gar nicht einholen kann.«
-
-»Oho Major,« lachte Jim Jenkins, ein Farmerssohn, dessen Vaters kleine
-Ansiedelung unmittelbar am Arkansas lag -- »so sehr schnell können sie doch
-nicht laufen, wenigstens nicht so weit, denn Washington liegt doch dicht
-bei Virginien, und bis dahin haben sie Euch noch nicht gelassen.«
-
-»Weil wir dort Nichts zu holen hatten, Jim,« rief Hendricks, ein junger
-Mann vom Petite Jeanne, der aber auch schon die Uniform der Secessionisten
-trug und -- wie er Anderen erzählte -- nicht blos ein paar der blutigsten
-Schlachten mitgemacht, sondern auch ein paar Dutzend Abolitionisten mit
-eigener Hand erschlagen hatte. »Was sollten wir in Washington? Das leere
-Weiße Haus besetzen? Das Lumpenvolk hat es ja schon vollständig ausgeräumt,
-und selbst die Bevölkerung der Stadt ihre beste Habe in Sicherheit
-gebracht. Wohin wir kommen wollen, dahin kommen wir auch -- und wenn wir
-jetzt Alle richtig zusammenhalten, rücken wir ihnen im nächsten Monat
-nach New-York hinein, und da giebts nachher Beute, denn Lee hat uns fest
-versprochen, daß wir dort plündern sollen.«
-
-»Bah, wir sind keine Räuber,« sagte Jim finster, »daß man suchen sollte,
-uns damit anzulocken. Wer hier her kommt zu uns, um uns zu belästigen,
-gegen den stehen wir zusammen -- was kümmern uns die Kaufläden in
-New-York?«
-
-»Muß eine verwünscht gemeine Seele sein,« rief da ein anderer, John Wells,
-der Sohn eines der besten Jäger am Fourche, der sich aber an politischen
-Dingen nie betheiligte und still und zurückgezogen auf seiner Farm lebte
--- »der in einem solchen Krieg von Plündern spricht -- verdient daß man ihm
-die Uniform vom Leib risse.«
-
-»Dazu gehört ein _Mann_!« rief Hendricks, zornig auffahrend.
-
-»Gott verdamm Dich, hier steht er!« schrie John, in dem Augenblick auch
-sein eigenes Jagdhemd abwerfend, um die Arme frei zu bekommen, indem er
-Hendricks gegenüber sprang -- »stell' Dich bereit, mein Junge, und wahr'
-Deine Nase --«
-
-»Ich bin nicht hergekommen um mich hier zu prügeln,« rief Hendricks
-abwehrend --
-
-»Feigling!« höhnte ihn John, und schien nicht übel Lust zu haben, trotz
-alledem auf ihn einzuspringen; der Major aber, der sich indessen mit
-einigen der alten Backwoodsmen unterhalten hatte, trat rasch dazwischen und
-sagte abwehrend:
-
-»Boys, um Gottes Willen, fangt untereinander keinen Streit an. Wir haben
-da draußen alle Hände voll zu thun, um mit den verwünschten Abolitionisten
-fertig zu werden, und wenn Ihr denen die Fäuste zeigen wollt, ist's ja
-recht, aber nicht hier Freund gegen Freund. Das wäre den Yankees gerade
-recht, wenn sie uns hier im Süden selber gegeneinander hetzen könnten.« --
-
-»Dann muß uns so ein hergelaufener Lump aber auch nicht mit Plündern
-anlocken wollen!« trotzte John, der noch immer gar nicht übel Lust zu haben
-schien, den Kampf aufzunehmen.
-
-»Ich habe nur gesagt, daß von Plündern gesprochen ist,« rief Hendricks,
-»ich denke nicht daran, selber so 'was zu thun.«
-
-»Frieden! haltet Frieden!« riefen jetzt auch Einige der älteren Leute. »Es
-fließt Blut genug im Lande, Jungens, laßt uns das Elend nicht auch an den
-Fourche-la-Fave verpflanzen und erst einmal hören, was der Major zu sagen
-hat. Sprecht Major, Ihr habt uns ja hierhergerufen, was soll's eigentlich.«
-
-»Ja, Gentlemen,« begann der Major, indem er seine Militärmütze abnahm und
-sich mit der Hand durch die Haare fuhr, »die Sache ist höllisch einfach und
-nicht viel darüber zu sagen. Ihr habt bis jetzt hier gelebt, als ob Euch
-der Krieg, der da draußen geführt wird, gar nichts anginge, aber das muß
-eben ein Ende nehmen. In Missouri sammeln die verdammten Yankees mehr und
-mehr Truppen an, weil es ihnen unbequem ist, daß wir den Mississippi
-hier haben und besetzt halten. Die also können jeden Augenblick bei Euch
-einbrechen und dann sitzt Ihr da, Nichts ist organisirt, kein Commando,
-keine Ordnung und Alles zerstreut im Busch, wo man Euch nachher einzeln
-aufsuchen und gefangen in die Yankeestaaten hinaufschleppen kann.«
-
-»Aber, Major,« sagte der alte Klingelhöffer, ein Deutscher, der seit
-30 Jahren in diesen Wäldern lebte, »red't keinen Unsinn. Wenn die
-Unionstruppen wirklich einmal hier durchmarschirten, und Streifcorps sind
-schon ein paar Mal in der Nähe gewesen, so haben sie genug für sich selber
-mitzuschleppen, als daß sie sich auch noch Gefangene aufladen sollten. Daß
-sie uns Rinder schlachten werden, um was zu leben zu haben, ja, das ist
-möglich, aber weiter geschieht auch Nichts, und wenn wir unsere jungen
-Leute in den Krieg schicken, können sie nachher erst recht machen, was sie
-wollen.«
-
-»Daraus wird Nichts,« sagte der alte Jenkins, ebenfalls ein treuer
-Unionsmann, der finster daneben auf einer Wagendeichsel gesessen und an
-einem Spahn herumgeschnitzt hatte. »Unsere jungen Leute dürfen nicht fort
-von hier; nachher ist der Wald leer und unsere Kinder können hungern
-und verderben. Laßt es die ausfechten, die das Blutvergießen verschuldet
-haben.«
-
-»Ist auch meine Meinung,« nickte der alte Hogau, der oben vom
-Fourche-la-Fave heruntergekommen war, »wir oder die Unseren haben Nichts
-draußen zu thun, wir gehören hier in die Range, und wenn uns dann Jemand
-belästigen will, ei zum Wetter, dann haben wir auch noch unsere Büchsen und
-hier zwischen den Bäumen drinn, soll ihnen der Platz bald zu warm werden.«
-
-»Aber Gentlemen!« rief der Major, »es spricht ja kein Mensch davon, daß
-die jungen Leute hier den Staat verlassen sollen. General Lee selber ist
-dagegen und stimmt ganz mit Ihrer Ansicht überein, daß es eben gefährlich
-wäre, die Wälder hier von ihren Vertheidigern zu entblößen. Nur organisiren
-sollen Sie sich und eine sogenannte Landwehr bilden, um im Fall eines
-Angriffs im Stand zu sein, sich augenblicklich unter ihren Führern zu
-sammeln, und ich glaube, das ist doch nur in Ihrem eigenen Interesse und zu
-Ihrem eigenen Besten gehandelt.«
-
-»Ich sehe den Grund nicht ein,« rief Klingelhöffer; »zum Henker auch, wir
-haben die Mittel und Wege, unsere jungen Leute auf den Fleck zu bekommen,
-wenn sie nothwendig gebraucht werden sollten, und in Reih' und Glied können
-wir hier im Walde doch nicht kämpfen. Uebrigens« -- setzte er langsamer
-hinzu -- »weiß ich auch gar noch nicht einmal gegen wen wir fechten und wer
-von den beiden Partheien unser schlimmster Feind ist.«
-
-»Aber Mister -- entschuldigen Sie, ich kann Ihren Namen nicht behalten,«
-rief der Major, »Sie reden gerade, als ob Sie noch nicht einmal wissen, ob
-Sie auf Seite der Südstaaten oder der Abolitionisten treten sollten.«
-
-»Weiß ich auch nicht,« brummte der alte Mann störrisch, indem er seinen
-Hosengürtel in die Höhe zog, »denn einverstanden bin ich mit der ganzen
-Geschichte nicht, weil sie eben Lügen braucht, um sich fortzuhelfen.«
-
-»Lügen, Mister?«
-
-»Jawohl, Lügen,« brummte der Alte, »denn, wenn die Berichte alle wahr
-wären, die wir hier hergeschickt kriegen, so könnten die Yankees schon gar
-keine Soldaten oder überhaupt noch Menschen haben, so viele sind in jeder
-Schlacht gefallen und so geschwind sind die Anderen gelaufen. Dabei wird
-aber der ganze Krieg eben nur in den Südstaaten geführt; nicht einmal über
-dem Ohio drüben haben sich die Südlichen halten können, und uns wollen sie
-jetzt auch noch mit hineinziehen.«
-
-»Aber das verlangt ja Niemand.«
-
-»Gut, dann überlaßt das Andere auch uns selber, wir wollen die Sache schon
-hier in Ordnung halten. Hat sich überhaupt Niemand sonst darum zu kümmern.«
-»Wär' auch etwa meine Meinung,« nickte Jenkins. -- »Wir alten Colonisten
-hier haben jetzt herangewachsene Jungen, die selber schon Männer geworden
-sind und können es denen ruhig überlassen.«
-
-»Und dann wohnen wir hier auch in keiner Stadt,« fiel Hogan ein, »wo in der
-Zeit der Noth ein Nachbar dem anderen beispringen kann, und wenn Einen
-was bedroht, der Andere ebenfalls davon wissen muß, weil er dicht daneben
-sitzt. Wenn hier in unsere einzelnen Farmen eine Bande einbricht, so können
-sie thun und lassen, was sie wollen, nicht einmal das Knallen der Gewehre
-hört man beim Nachbar. Wenn die Südstaaten deshalb etwas für uns thun
-wollen und überhaupt die Yankees, wo sie sich blicken lassen, vor sich
-hertreiben, weshalb räumen sie denn da nicht unseren Nachbarstaat Missouri
-von den Abolitionisten? nachher hätten wir hier gewiß Frieden.«
-
-»Das kann aber nur geschehen, wenn wir selber mit dazu helfen,« rief jetzt
-Hendricks -- »was sagt Ihr Boys -- wär' das nicht gerade das Rechte für uns
-hier, aus dem Wald gen Norden aufzubrechen und die Wälder vor uns, wenn wir
-mehr hinaufzögen, rein zu fegen von dem Gesindel, das sich darin versteckt
-hält.«
-
-»Das Gesindel,« lachte der junge Wells, »gehört aber so viel ich weiß, nur
-zu Eurer Parthei, denn die Unionstruppen klagen genug über die südlichen
-»Bushhawker«, die einzeln oder in kleinen Banden im Wald liegen und ihren
-Feind nur feige aus dem Hinterhalt niederschießen.«
-
-»Und wißt Ihr einen Guerilla-Krieg, der anders zu führen wäre?« fragte
-Hendricks, mit einem finsteren Blick auf den Sprecher. »Hätten sich die
-wackern Burschen dort nicht in den Wald geworfen und setzten sie nicht
-jeden Tag noch ihr Leben ein, so wären die verdammten Blauröcke lange schon
-zu Euch hier herunter marschirt. Freilich ist es bequemer und sicherer,
-hier auf der Farm zu sitzen und dann und wann einmal nach einem armen
-Hirsch zu feuern. Der kann nicht wieder schießen.«
-
-»Lump Du -- verbrannter!« fuhr der junge Wells empor -- aber Klingelhöffer
-sprang jetzt selber dazwischen und rief:
-
-»Frieden hier! wir wollen keinen Streit, wir wollen aber auch keine
-südländischen Werber unter uns, die uns die Jungen vom Hause fortlocken.
-Laßt uns abstimmen darüber. Wir haben hier fast den ganzen Fourche-la-Fave
-versammelt. Laßt die Leute selber entscheiden, ob sie Soldaten spielen
-wollen oder nicht. Ich meinestheils bin dagegen; wir sind außerdem schlimm
-genug daran, denn mit Little Rock haben wir fast gar keinen Verkehr mehr;
-zu kaufen ist Nichts im Land und was wir nothwendig zur Unterhaltung
-unserer Familien brauchen, müssen wir uns selber ziehen. Was sagt Ihr,
-Jenkins?«
-
-»Beim Alten soll's bleiben,« erwiderte der alte Mann mürrisch. »Wir
-brauchen keine Zwischenträger, die uns hier sagen wollen, was wir zu thun
-oder zu lassen haben. Ich stimme dagegen.«
-
-»Ich auch -- ich ebenfalls,« tönte es von den meisten Seiten, und nur
-einige der jüngeren Leute versuchten eine kleine Opposition, wurden aber so
-vollkommen überstimmt, daß sie gar nicht in Betracht kommen konnten. Major
-Rollok hatte mit finster zusammengezogenen Brauen daneben gestanden und das
-Resultat beobachtet, aber er war auch klug genug einzusehen, daß hier und
-in _dieser_ Versammlung, in der überhaupt ein dem Süden nichts weniger als
-freundlicher Geist zu herrschen schien, kaum etwas würde auszurichten sein.
-Er mußte deshalb seine Zeit abpassen, und -- war auch gerade der richtige
-Mann dazu.
-
-»Gentlemen,« sagte er, als er flüchtig den Blick umhergeworfen und sich die
-von den jungen Leuten, die auf seiner Seite standen, rasch gemerkt hatte,
-»die Frage hier kommt mir nicht mehr zweifelhaft vor. Wie ich sehe, sind
-Sie fest entschlossen, ihre eigene Heimath zu vertheidigen, und das Land
-in Betracht gezogen, in dem Sie nun einmal leben, kann ich Sie kaum
-deshalb tadeln. Lassen wir das also. -- Mr. Bockenheim, Ihr Whisky ist
-ausgezeichnet, ich bitte um eine andere Flasche, denn wir haben vom vielen
-Reden Durst bekommen.«
-
-»Meiner ist gelöscht,« erwiederte Klingelhöffer, indem er seine Büchse über
-die Schulter warf und hinüber zu seinem Poney ging -- »ich denke Boys, wir
-sind hier fertig und um eine »=Spree=«[1] zu halten, ist die Zeit zu ernst.
-_Ich_ gehe heim.«
-
- [1]: =Spree= (=sprie= gespr.) ein lustiges Trinkgelag -- ein vergnügter
- Abend.
-
-»Ich auch -- wir Alle,« rief es von verschiedenen Seiten und wenn auch
-manche der jungen Leute noch gern den Nachmittag dort geblieben wären,
-folgten doch die Meisten den älteren. Nur zehn oder zwölf etwa, von denen
-die Meisten in Perryville selber wohnten, blieben noch zurück, um, wie sie
-sagten, von dem Major Näheres über den Krieg zu hören, und da diese jetzt
-eine verhältnißmäßig kleine Gruppe bildeten, war die kleine Stadt bald
-wieder so still und öde als vorher.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Der Korb.
-
-
-Für den Augenblick war die Gefahr, die dem stillen Frieden dieser Gegend
-drohte, abgewehrt; denn wenn auch der Major noch sein Bestes versuchte, die
-Zurückgebliebenen wenigstens, von denen noch dazu die Meisten auf seiner
-Seite standen, zu einem directen Vorgehen in diesem Sinne zu bewegen, so
-hatte sich doch die Meinung des Fourche-la-Fave kurz vorher zu entschieden
-ausgesprochen, um auf einen Erfolg hoffen zu können. Der Samen war aber
-einmal ausgestreut und von diesem Tag an begann eine Art von Unruhe in der
-ganzen Range, die man bis jetzt und so lange der Krieg währte, noch nicht
-gekannt hatte.
-
-Allerdings verließ Major Rollock mit den übrigen Sesesch-Soldaten die
-Ansiedlung, um drüben am Petite Jeanne sein Glück und wie sich später
-zeigte mit besserem Erfolg zu probiren; Hendricks aber, der eine Menge
-Bekannte am Fourche-la-Fave hatte, blieb zurück und schien dabei auch nicht
-besonders durch den Wortstreit eingeschüchtert zu sein, den er mit einigen
-der jungen Leute gehabt. Er war ihm ungelegen gekommen, ja -- noch dazu mit
-_einem_ der jungen Backwoodsmen, aber er wußte auch recht gut, daß
-deren Blut rasch aufbrauste, jedoch auch eben so rasch wieder durch ein
-freundliches Wort beruhigt werden konnte.
-
-Acht Tage waren nach der, im vorigen Kapitel beschriebenen Versammlung
-etwa verflossen. Der alte Jenkins stand vor seinem Haus und hieb mit seinem
-kleinen Beil einen Axtstiel zurecht, sein Sohn James oder Jim, wie er
-kurzweg genannt wurde, war nicht weit davon beschäftigt, eine neue
-Corncrib oder einen Verschlag, in dem der Mais eingelegt werden sollte,
-aufzurichten, und Betsy, seine Schwester, ein blühendes junges Mädchen
-von etwa achtzehn Jahren, mit frischer Gesichtsfarbe -- etwas nicht sehr
-gewöhnliches am Fourche, und gar so lieben, kastanienbraunen Augen, quälte
-sich eben in einer benachbarten Umzäunung mit einer etwas störrischen Kuh
-ab, die sich nicht wollte melken lassen, aber doch zuletzt der ruhigen
-Entschlossenheit des Mädchens nachgeben mußte. Bill, ihr jüngster Bruder,
-kam eben mit einem Eimer Wasser vom Fluß herauf.
-
-»=Hallo the house!=« rief da eine Stimme von außerhalb der Fenz die
-Männer an und ein Reiter hielt dort, den Niemand der mit ihrer Arbeit
-Beschäftigten hatte herankommen sehen.
-
-Die Hunde schlugen jetzt an und rannten heulend und bellend gegen die Fenz,
-an der sie hinaufsprangen, die Gänse schnatterten, die Hühner durch die
-zwischen ihnen hinfahrenden Hunde erschreckt, gakerten und es war für den
-Augenblick ein Skandal, in dem man nicht einmal sein eigenes Wort hören
-konnte.
-
-»Ruhe, Ihr Bestien,« schrie der alte Jenkins, indem er ein Stück Holz
-aufgriff und zwischen die Köter hin schleuderte; »wollt Ihr Frieden geben!
-Hallo Hendricks, _Ihr_ seid's? Ich glaube, Ihr wäret schon lange wieder
-bei der Armee, rücktet mit ihr gegen New-York vor. Kommt herein, Mann, und
-bleibt nicht da draußen auf Euerem Pferd halten.«
-
-»Dank Euch, Mr. Jenkins,« sagte der junge Mann, indem er von der Einladung
-ohne Weiteres Gebrauch machte. Die Hunde hatten ja auch gesehen, daß ihr
-Herr mit dem Fremden sprach, sie also Nichts mehr drein zu reden hatten,
-und als dieser jetzt sein Thier draußen angebunden hatte und die kleine
-Pforte öffnete, zogen sie sich, wohl immer noch knurrend, aber doch keine
-offene Feindseligkeit mehr zeigend, unter das Haus zurück.
-
-Jim Jenkins hatte Hendricks eigentlich erstaunt und mit nicht besonders
-freundlichen Blicken betrachtet. Nach dem, was neulich zwischen ihnen
-vorgefallen, mochte er seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging er
-_ihn_ an. Sein Vater hatte ihn aufgefordert, in's Haus zu kommen, er nicht,
-und ohne sich deshalb weiter um ihn zu kümmern, fuhr er auch ruhig in
-seiner Arbeit fort. Hendricks schien aber anders zu denken, denn nachdem er
-dem alten Jenkins die Hand geschüttelt, ging er ohne Weiteres auf Jim
-zu, so daß sich der junge Mann verlegen aufrichtete, und sagte mit
-freundlicher, ja fast herzlicher Stimme:
-
-»Komm Jim. Die Politik hat schon manche Freunde entzweit, sie soll es aber
-hier nicht im Walde thun. Wir waren Beide damals aufgeregt und heftig.
-Jetzt haben wir kaltes Blut und ich wenigstens habe die Sache vergessen.«
-Er streckte ihm dabei die Hand entgegen und wenn Jim auch wohl selber
-schwerlich ein erstes freundliches Wort zu ihm gesagt hätte, war er
-doch auch wieder viel zu offener, ehrlicher Natur, eine gebotene Hand
-zurückzuweisen. Er schlug ein und nickte.
-
-»Gut Bob, so soll's sein. Du hast Recht, die Zeit ist danach angethan, daß
-wir hier Alle zusammenhalten, und ich werd' es wahrhaftig nicht sein, der
-den ersten Streit in die »Range« würfe. Sei willkommen.«
-
-»So recht Jungens,« nickte der Alte, der schweigend der kleinen
-Versöhnungsscene zugeschaut. »Wir können hier in der That keine Uneinigkeit
-gebrauchen, denn wer weiß wie bald wir Einer den Andern nöthig haben,
-wenn das Unglück auch über uns hereinbrechen sollte. Und nun kommt herein
-Hendricks; das Frühstück wird gleich fertig sein, die Betsy bettelt sich
-nur noch da drüben die Milch von der Kuh, die ebenfalls halsstarrig zu sein
-scheint. Kommt Mann und drin könnt Ihr uns sagen, was Euch zu diesem Winkel
-von Arkansas hergeführt, denn Besuch bekomme ich verwünscht selten, wenn
-nicht einmal ab oder zu ein einzelnes Canoe bei mir anlegt.«
-
-Hendricks dankte freundlich, schien aber doch noch keine rechte Lust zu
-haben der Einladung ohne Weiteres zu folgen, denn Betsy trat eben mit ihrem
-kleinen Melkkübel aus der Umzäunung und kam auf sie zu.
-
-»Wie geht's Miß Betsy,« sagte Hendricks, ihr ein Paar Schritt
-entgegengehend und ihr die Hand reichend -- »Sie sehen wohl und munter aus,
-und die Arkansas-Niederung scheint Ihnen vortrefflich zu bekommen.«
-
-»Danke Sir,« sagte das junge Mädchen, leicht erröthend, »ich habe ja auch,
-Gott sei Dank, noch kein Fieber hier gehabt; Pa und Ma aber desto mehr.«
-
-»Bah, das richtet sich Alles ein,« brummte der Alte, »wenn man sich nur
-erst einmal ein Bischen an die warme feuchte Luft gewöhnt hat. Das Land
-hier ist aber desto besser. Seht einmal die Maiskolben an, Hendricks, ob
-Ihr je in Euerem Leben größere getroffen habt. So lange ich und mein Junge
-leben bleiben, hält auch der Boden aus; in dem ist kein Vergang.«
-
-Das Gespräch kam jetzt auf die Fruchtbarkeit der verschiedenen Distrikte,
-in dem die Farmer unerschöpflich sind, und Betsy war indessen in das Haus
-gegangen, um den Frühstückstisch zu bestellen, denn die Mutter hatte wieder
-einen »Anfall« des ewigen kalten Fiebers und saß, sich schüttelnd, am Camin
-in der Ecke, die offenen zitternden Hände gegen die Flamme ausgebreitet.
-
-Bei dem Frühstück, das übrigens frugal genug aus etwas gebratenem Speck,
-warmem Weisbrod und einem Becher Kaffee oder Milch bestand, erzählte nun
-auch der Gast seinen Wirthen, daß er gesonnen sei, den Petite Jeanne zu
-verlassen, denn man wohne dorten gewissermaßen aus der Welt. Er wollte
-deshalb herüber an den Fourche ziehen, wo er sich schon, ein Stück weiter
-oben einen Platz ausgesucht habe, um eine Dampfsägemühle aufzustellen. Er
-hatte, wie er bemerkte, eine Masse Vieh im Walde herumlaufen, das jetzt
-einen nie dagewesenen hohen Preis in Little Rock brachte. Dorthin wollte er
-es nun, ehe er wieder zur Armee ging, treiben und verkaufen und dafür eine
-auf Speculation nach der Stadt gebrachte Sägemühle erstehen, die in der
-jetzigen Zeit natürlich kein Mensch haben wollte noch auch gebrauchen
-konnte, und die er unter solchen Umständen -- wie er sich auch schon
-erkundigt -- zu einem Spottpreis bekam.
-
-Der alte Jenkins nickte dazu beistimmend vor sich hin, denn was der junge
-Mann da vorrechnete, hatte Hand und Fuß, während sie Nichts nothwendiger in
-der =range= brauchten, wie gerade eine schon lang ersehnte Sägemühle, die
-auch wahrscheinlich vortreffliche Geschäfte machen würde. Das nur war ihm
-dabei etwas Neues, daß Hendricks so viel Vieh haben sollte, denn der alte
-Hendricks, der eine kleine Farm am Petite Jeanne angelegt hatte und fast
-gar Nichts selber arbeitete, denn er saß den ganzen geschlagenen Tag im
-Hause und las in der Bibel, war blutarm -- so wenigstens erzählte man sich
-am Fourche-la-fave. Uebrigens bestand nicht viel Verbindung zwischen den
-beiden kleinen Flüssen. Nicht einmal ein Weg führte vom unteren Theil der
-Fourche-la-fave hinüber, und irrige Nachrichten konnten deshalb wohl recht
-gut verbreitet sein.
-
-Der alte Jenkins dachte auch gar nicht daran, über die Verhältnisse eines
-Nachbars nachzugrübeln. Das war dessen Sache, und wenn sich der Sohn Geld
-erworben oder Vieh gezogen hatte, desto besser. Jenkins war wahrlich nicht
-neidischer Natur, um es ihm zu mißgönnen. Seine eigene Arbeit durfte er
-aber dabei nicht versäumen, und wie sie nun das Frühstück beendet, ging er
-wieder hinaus, um seinen Axtstiel fertig zu schnitzen und dann dem eigenen
-Sohn mit der =corncrib= zu helfen.
-
-Jim Jenkins und sein Bruder Bill standen ebenfalls auf, aber es war in
-den Backwoods auch Gebrauch, daß ihnen der Gast nicht zu folgen brauchte,
-sondern noch eine Zeitlang zurück und bei den Frauen blieb, um sich mit
-diesen ein wenig zu unterhalten. Besuch kam ja so selten, und hatte dann
-jedesmal einen so weiten Weg zurückzulegen, daß man ihn doch nicht gut auf
-eine halbe Stunde beschränken konnte.
-
-Die Mutter war aber kränker geworden und hatte sich auf das Bett in
-die entfernteste Ecke des Hauses gelegt, wo sie sich im Fieberfrost die
-Steppdecke über den Kopf zog. Betsy stand am Kamin und wusch das Geschirr
-auf. Hendricks, den Ellnbogen gegen den Simms gestützt, stand daneben. Die
-Unterhaltung war aber in's Stocken gerathen und selbst ein paar Fragen,
-die das junge Mädchen an ihn richtete, wurden so kurz und zerstreut
-beantwortet, daß sie endlich von ihrer Arbeit auf und ihn ansah.
-
-Hendricks mochte in diesem Augenblick fühlen, daß er sich ungeschickt
-benommen, denn das Blut schoß ihm in die Schläfe -- aber es war auch
-wirklich nur ein Augenblick, denn schon im nächsten sagte er, wenn auch mit
-nur halblauter und fast unterdrückter Stimme:
-
-»Miß Betsy, entschuldigen Sie mich -- meine Gedanken waren mit mir
-durchgegangen, und ich glaube ich habe mich etwas albern benommen.«
-
-»Sie haben gewiß nicht verstanden, was ich Sie frug,« lächelte das Mädchen.
-
-»Nein -- in der That nicht, aber erlauben auch Sie mir eine Frage --«
-
-»Gern, wenn ich sie beantworten kann.«
-
-»Nun gut,« sagte Hendricks, und wie sich vorher sein Antlitz rasch und wie
-mit einem Schlag röthete, eben so schnell erbleichte es auch jetzt, so
-daß ihn Betsy, die sich sein wunderliches Betragen nicht erklären konnte,
-erstaunt und fast erschreckt ansah. Hendricks ließ ihr aber nicht lange
-Zeit, und nach einem halb scheuen Blick auf das Bett hinüber, wo er aber
-keinen Horcher zu fürchten brauchte, fuhr er leidenschaftlich, aber nicht
-laut fort: »Sie haben vorhin gehört, Betsy, daß ich mir in allernächster
-Zeit eine Heimath zu gründen gedenke -- der Krieg kann kaum sechs Monat
-mehr dauern, dann kehre ich zurück und baue mir meine Cabin -- wollen Sie
-mein Weib sein? Wollen Sie Ihr künftiges Loos in meine Hände legen? Ich
-gebe Ihnen die feste Versicherung, daß ich --«
-
-»Halten Sie ein, Mr. Hendricks,« unterbrach ihn aber Betsy, und es war
-jetzt an ihr, zu erbleichen. Das Mädchen war in den wenigen Secunden so
-weiß geworden wie Schnee. »Ihr Antrag hat mich allerdings überrascht --
-ich war nach unserer flüchtigen Bekanntschaft nicht darauf vorbereitet
--- konnte es nicht sein, aber ich -- muß Ihnen auch erklären, daß jedes
-weitere Wort unnöthig sein würde, denn -- ich bin schon Braut.«
-
-»Betsy?« rief Hendricks, und krampfhaft faßte er das Simms, an dem er bis
-jetzt gestanden, »das ist nicht möglich. -- Vor kaum vierzehn Tagen war
-ich hier und ich weiß, daß Sie da noch frei waren. Sie wollen nur Zeit
-gewinnen, aber ich dränge Sie ja nicht -- nur die Möglichkeit will ich von
-Ihren Lippen --«
-
-»Und selbst die Möglichkeit kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Betsy leise,
-aber auch fest und entschlossen. »Ob ich glaube mit Ihnen glücklich leben
-zu können oder nicht, kommt hier nicht mehr in Betracht. Ich habe dem
-jungen Wells mein Wort gegeben, und sobald John sein neues Haus fertig
-hat, wird die Hochzeit sein. Die Zeiten sind so unruhig, daß ich meine
-Zustimmung zu einer so raschen Verbindung gab.«
-
-Hendricks hatte seine Unterlippe fest mit den oberen Zähnen gefaßt, und
-sein Blick bohrte sich dabei so scharf in Betsy's Augen, daß diese ihn
-nicht ertragen konnte. Aber in diesem Blick lag keine Liebe, kein Schmerz,
-sondern nur Haß, und während sich ein höhnisches Lächeln über seine Züge
-legte, sagte er ruhig:
-
-»Wenn die Sachen so stehen, Miß, dann möchte ich einer so glänzenden
-Verbindung allerdings nicht im Wege sein -- der Sohn eines
-Halb-Indianers --«
-
-»Mister Hendricks,« blitzte ihn aber jetzt das wieder voll auf ihn
-gerichtete Auge des Mädchens an -- »Sie würden nicht den Muth haben,
-das meinem Bräutigam in's Gesicht zu sagen. Entfernen Sie sich jetzt
-augenblicklich oder ich rufe meinen Vater.«
-
-»Ich werde Sie nicht länger belästigen, Miß,« sagte Hendricks kalt;
-»vielleicht habe ich einmal später die Freude, dem jungen glücklichen Paar
-meine Glückwünsche zu bringen. Mr. Wells zieht ja wohl nicht mit aus, um
-sein Vaterland zu vertheidigen -- was ich ihm auch unter solchen Umständen
-nicht verdenken kann.«
-
-Betsy's Blut kochte -- ihre Lippen öffneten sich halb, ihre kleine Faust
-ballte sich. Hendricks aber dachte nicht daran, sie noch mehr zu reizen,
-die Nähe der Männer vor dem Haus war ihm auch vielleicht unbequem, und sich
-nur mit spöttischer Ehrfurcht vor ihr tief verneigend, drehte er sich ab,
-ging zu seinem Pferd, band es los, schwang sich in den Sattel, und den bei
-ihrer Arbeit beschäftigten Männern einen kurzen Gruß zurufend, sprengte
-er gleich darauf den schmalen Pfad entlang, der nach dem Fourche-la-fave
-hinüberführte.
-
-»Na?« sagte Jim, der ihm erstaunt nachgesehen hatte, »der hat's ja auf
-einmal verdammt eilig. Was ist denn dem in die Krone gefahren, daß er
-davonschießt, als ob die Regulatoren hinter ihm her wären.«
-
-Der Alte hatte sich ebenfalls aufgerichtet, und wie von einem plötzlichen
-Gedanken ergriffen, fuhr sein Blick nach der eigenen Hausthür hinüber, ob
-er dort vielleicht eine Erklärung fände. Die Thür blieb aber leer; Betsy
-ließ sich nicht blicken und Jenkins, sich den einen Balken zurecht rückend,
-den er eben behauen wollte, sagte kopfschüttelnd:
-
-»Laß ihn laufen. Es ist mir recht, daß Ihr Euch nicht in den Haaren liegt,
-denn Nachbarn sollen in Frieden beieinander wohnen. Sonst liegt mir aber
-an dem Umgang auch nicht gerade besonders viel; denn der alte Hendricks ist
-ein alter Heuchler, so viel ist sicher, und von dem jungen weiß ich eben
-Nichts. Komm Jim, faß einmal hier mit an, daß wir den Block da ein wenig
-mehr bei Seite schieben; komm Du auch her, Bill. Ich weiß nicht, mir ist es
-in's Kreuz hinein gefahren und die alten Knochen wollen nicht mehr so recht
-mit! Betsy mag auch eine Hand reichen; das Stück Holz ist mordmäßig schwer
-und wir wollen uns gerade keinen Schaden damit thun. He Betsy -- oh Betsy
--- komm einmal einen Augenblick her, Schatz, und nimm die Stange hier. --
-Wenn sie die nur immer unterstemmt, daß er nicht wieder zurückfällt, können
-wir es schon machen.«
-
-Betsy kam aus dem Haus, dem Ruf Folge leistend, aber das Mädchen sah so
-merkwürdig blaß aus, daß Jim erschreckt rief:
-
-»Hallo Betsy, was fehlt Dir? Du bist krank, Schatz -- siehst ja käseweiß im
-Gesicht aus. Geh nur wieder hinein, Dich können wir hier nicht gebrauchen.«
-
-»Sagt mir nur, wo ich anfassen soll,« erwiederte das Mädchen ruhig, »mir
-fehlt Nichts, wenn ich auch vielleicht ein Bischen blaß aussehe.«
-
-»Dir fehlt Nichts?« rief aber auch jetzt der Alte, der sie aufmerksam
-betrachtete, und dann unwillkürlich nach dem Weg hinübersah, auf dem
-Hendricks vor wenig Minuten davon geritten. -- »Hat Dir der -- =gentleman=
-etwa was gesagt?«
-
-»Welcher =gentleman=, Pa?«
-
-»Nun, der Mister Hendricks.«
-
-»Das ist kein Gentleman,« sagte das junge Mädchen finster und fuhr nach
-einer kurzen Zögerung fort: »Ja -- er hat mir seine Hand angeboten.«
-
-»Hm,« brummte der Alte, »merkwürdig geschwind muß es gegangen sein, das ist
-wahr, aber als eine Beleidigung kann man das doch nicht eigentlich nehmen.«
-
-»Ich hab's aber so genommen Vater, doch -- laßt den -- Burschen. Sagt
-mir wo ich mit anfassen kann, denn ich muß wieder zur Mutter hinein. Das
-Schütteln ist vorüber und sie bekommt jetzt ihr Fieber.«
-
-Die beiden Männer wußten recht gut, daß aus der Betsy -- wenn sie nicht
-reden wollte, Nichts herauszubringen sei. Der Alte betrachtete sie
-allerdings wohl noch eine Minute lang scharf und forschend, aber sie
-erwiederte den Blick nicht, und da war es denn das Beste, daß man sie
-eben ruhig zufrieden ließ. Er zeigte ihr deshalb jetzt, wie sie die Stange
-einsetzen und halten solle, und Betsy, nicht zum ersten Mal bei der Arbeit
-verwandt, brauchte auch keine lange Erklärung. In kurzer Zeit war der Stamm
-auf seinem Platz, und sie schritt dann wieder, ohne weiter ein Wort zu
-sagen, nach dem Haus zurück.
-
-Jim wollte die Sache freilich nicht aus dem Kopf und als er gegen Mittag
-noch einmal wieder zu ihr in's Haus kam, frug er sie:
-
-»Höre, Betsy, was hat Dir der Bursche denn eigentlich gesagt? es wäre mir
-lieb, wenn ich's erfahren könnte.«
-
-»Laß ihn nur, Jim,« meinte aber die Schwester, »er wird uns hier nicht
-wieder in's Haus kommen,« setzte dann ihr Bonnet auf, nahm ihren kleinen
-Korb und ging hinaus in's Maisfeld, um dort Bohnen für das Mittagsessen zu
-pflücken.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Der erste Schlag.
-
-
-Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit wenig und die Bewohner
-desselben wußten eigentlich gar nicht, wie glücklich und unbelästigt sie
-bis jetzt von den Schrecken des Krieges verschont lebten, während im Osten
-die Brandfackel in friedliche Hütten geschleudert wurde und in Virginien
-besonders der Boden das darauf vergossene Blut kaum mehr einsaugen konnte.
-Insofern befanden sie sich aber auch am Fourche in einer peinlichen Lage,
-als sie die _Ungewißheit_ quälte: denn was nur an abenteuerlichen, oft
-unmöglichen Dingen von der einen oder anderen Partei erfunden werden
-mochte, fand doch sicher seinen Weg hier her in den Wald, und hielt die
-Bewohner, besonders die Frauen, in einem steten Grad peinlicher Aufregung.
-
-Uebrigens rückte ihnen der Kampfplatz auch näher, denn der Norden fing an
-einzusehen, daß er den Süden nie würde bezwingen können, wenn er nicht den
-Mississippi, die Hauptstraße des Westens und Südens, vollständig in die
-Hand bekam. Aber der Süden wußte das ebenfalls, und wenn auch New-Orleans
-genommen und in den Händen der Yankees war, den oberen Mississippi,
-Vicksburg und Memphis hielten die Südländer fest besetzt, und waren
-von hier aus im Stande ihre Heere im Osten leicht mit dem im Westen
-aufgekauften Vieh zu verproviantiren. Fuhr ihnen dann auch einmal
-ein Kanonenboot des Northerners an der Nase vorüber und bedrohte die
-Communication, so konnte es sich doch nie lange dort halten, und die
-Nord-Armee fing deshalb auch schon an ihre Macht besonders gegen Vicksburg
-zu entwickeln, um den Feind dadurch von allen Seiten einzuschließen.
-
-Indessen waren die Secessionisten aber auch in diesem Theil von Arkansas
-gerade besonders thätig gewesen, um die Backwoodsmen zu einer compacten
-Masse zu organisiren und mit ihnen, wie sie recht gut wußten, eine
-Hauptmacht in's Feld zu stellen. Das aber scheiterte anfangs, wie wir
-gesehen haben, aber nicht allein daran, daß hier im südlichen Wald die
-meisten alten Farmer und Jäger wirklich gute Unionisten waren und von einem
-Krieg gegen ihre alte Verfassung gar nichts wissen wollten, sondern auch
-an ihrem Widerwillen, den Wald und ihre Heimath zu verlassen. Daß ein Mann
-westlich ziehen konnte, weiter in die Wildniß hinein, ja, das schien ihnen
-faßlich und kam auch oft genug vor, daß er aber zurück in die Ost-Staaten
-geführt werden sollte, wäre keinem auch nur im Traum eingefallen.
-
-Der Süden mußte demzufolge anders manöveriren, und ein paar junge Officiere
-wurden abgesandt, die in den verschiedenen Counties den alten Plan wieder
-aufnehmen und eine Art Landwehr organisiren sollten -- nur vor der Hand zum
-Schutz des Staates selber, und das gelang ihnen denn auch endlich, obgleich
-sich die alten Backwoodsmen noch immer aus Leibeskräften dagegen sträubten.
-Sie sahen weiter, als das junge Volk, und trauten den Versicherungen nicht
-besonders, die jetzt fortwährend ausgestreut wurden: daß nämlich der Norden
-in den letzten Zügen läge und jetzt nur auf eine Gelegenheit warte, um
-den Süden anzuerkennen und einen halbweg ehrenvollen Frieden mit ihm
-abzuschließen.
-
-Der Süden hatte allerdings in vielen Schlachten, von tüchtigen Feldherrn
-angeführt, gesiegt, aber man schien doch die Spannkraft des Nordens
-unterschätzt zu haben, und im Frühjahr 63 gewann die Lage der Staaten schon
-ein anderes Aussehen. Memphis fiel, die nördlichen Truppen waren gegen
-»das Gibraltar des Südens«, gegen Vicksburg vorgerückt und hatten eine
-regelmäßige Belagerung begonnen, und Lee wurde im Norden so von neuen
-anwachsenden Heeren bedrängt, daß er der bedrohten Stadt am Mississippi
-nicht einmal zu Hülfe und zum Entsatz kommen konnte.
-
-Die jungen Leute vom Fourche-la-Fave, obgleich sich Viele von ihnen noch
-immer zurückhielten, kamen nun schon ziemlich regelmäßig, wenigstens einen
-Tag in der Woche, in Perryville zusammen, um ordentlich einexercirt zu
-werden; denn wenn man dort im Walde auch keine »Feldschlacht« liefern
-konnte, mußten sie doch nothwendigerweise die verschiedenen Signale und
-Commandorufe kennen lernen, um eben auf alle Fälle gerüstet zu sein. Diese
-Uebungen wurden auch den ganzen Sommer hindurch fortgesetzt, als plötzlich
-ein dumpfes, freilich noch unbegründetes Gerücht durch den Wald lief:
-Vicksburg sei gefallen, wie sich Memphis selber schon lange in den Händen
-der Unionstruppen befand.
-
-Allerdings widersprachen die südlichen Agenten dem auf das Entschiedenste
-und brachten selbst Zeitungen aus Vicksburg -- freilich von etwas früherem
-Datum, in welchen aber die Belagerten noch eine vollkommen übermüthige, ja
-fast höhnende Sprache gegen den Norden führten. Aber die Zeitungen selber
--- das Papier nämlich, auf dem sie gedruckt waren, stimmte nicht recht
-zu der darin enthaltenen Behauptung, daß die Yankees noch nicht einmal
-im Stand gewesen wären, selbst ihre Communication mit dem Inland zu
-unterbrechen, denn man war schon in Vicksburg gezwungen gewesen, die
-Lettern nicht mehr auf Papier, sondern auf Tapeten zu drucken, da es an
-dem ersteren in der eng eingeschlossenen Stadt vollkommen fehlen mußte. Die
-Zeitungen hatten deshalb auch, blos auf einer Seite gedruckt und auf dem
-Rücken mit irgend einem Tapetenmuster, ein höchst wunderliches Ansehen und
-stimmten nicht zu dem Uebermuth, der sich noch immer in ihnen aussprach.
-
-Die Musterungen im Wald wurden aber desto eifriger betrieben, und plötzlich
-kam sogar der Befehl, daß in Randolf, einer kleinen Stadt in Tennessee
-aber an der andern Seite des Mississippi und also außerhalb Arkansas,
-eine Hauptmusterung abgehalten werden solle, um der Zahl der waffenfähigen
-Männer sicher zu sein.
-
-Das war allerdings gegen die erste Abrede, nach der eine Verwendung der
-»Landwehr« nach Außen, gar nicht beabsichtigt worden. Die Verwendung
-selber wurde auch jetzt noch geleugnet; es sollte, den Versicherungen der
-Officiere nach, nur eben eine Musterung und nichts weiter sein, aber man
-wünsche sehr, daß sich alle jungen Leute dabei betheiligen möchten, um
-einen bestimmten Ueberblick zu gewinnen.
-
-Das gab große Aufregung am Fourche-la-Fave, und wenn auch bei Vielen die
-Lust, sich an dem Krieg da draußen zu betheiligen, nicht besonders groß
-sein mochte, weil es eben gegen den eigenen Stamm ging, und die meisten
-der hiesigen Ansiedler gerade von den nördlichen Staaten, von Indiana und
-Illinois, hierher gezogen waren, so arbeitete doch auch wieder der Ehrgeiz,
-nicht zurückzustehen, zu Gunsten der Südstaaten, und brachte dadurch viel
-Leid in einzelne Familien, ohne den Gang der Ereignisse wenden, ja nur
-aufhalten zu können.
-
-In Klingelhöffer's Familie herrschte ebenfalls tiefe Trauer. Der alte Mann,
-eine lange eherne Gestalt mit großem rothen Bart und hellblauen Augen, ging
-mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengezogenen Brauen in seiner
-Stube auf und ab. In der Ecke saß die Mutter, ein Bild tiefer Betrübniß,
-die Hände im Schooß gefaltet, die guten Augen voller Thränen, die ihr
-unbewußt an den Wangen niedertroffen, neben ihr die Töchter, ebenfalls
-bedrückt, während am Fenster, den Blick auf den breiten Strom gerichtet,
-der einzige Sohn, ein hochaufgeschossener, kräftiger Bursch stand und wohl
-bleich und erregt, aber auch festentschlossen aussah.
-
-»Ich kann nicht anders, Vater,« sagte er endlich, nach einer langen Pause,
-in der Niemand gewagt hatte, die Stille zu unterbrechen -- »ich bin
-mit ihnen zusammen aufgewachsen, ich kann mich jetzt nicht von ihnen
-ausschließen oder ich dürfte mich ja nicht einmal mehr in den Ansiedlungen
-blicken lassen, ohne von den Frauen selbst verhöhnt zu werden.«
-
-Der Alte zerbiß einen Fluch. »Und was das Weibervolk über Dich sagt, liegt
-Dir mehr am Herzen, als der eigene Vater, die eigene Mutter.«
-
-»Sie werden mich Memme schelten und das willst Du doch auch nicht.«
-
-»Nein, bei Gott nicht!« rief der alte Mann, »und wenn Du mir heute sagtest,
-ich halt's nicht mehr länger daheim aus -- ich will hinauf in den Norden
-ziehn und gegen Sklaverei und für die Verfassung kämpfen, ich gäbe Dir,
-wenn auch mit blutendem Herzen, meinen Segen: aber daß Du mit den Sesesch
-die Hand an das Palladium unserer Freiheiten legen willst, daß das mein
-eigener, mein einziger Sohn thun will -- das thut weh.«
-
-»Und _könnt'_ ich in den Reihen des Nordens fechten,« sagte der junge Mann
-wehmüthig, »wo alle meine Freunde und Schul- und Spielkameraden in den
-Reihen der Feinde stünden? Es wäre zu furchtbar.«
-
-»Darum bleib. Die Musterung ist nur eine faule Lüge, um Euch erst einmal
-von hier fortzulocken. Sie lassen Euch nie wieder in den Wald zurück.«
-
-»Ich kann nicht Vater. -- Sie gehen Alle.«
-
-»Sie gehen nicht Alle,« rief der Alte heftig. »Jim Jenkins denkt nicht
-daran, für den Süden zu fechten, ebensowenig Jim Cook und die beiden Wells,
-und daß Hogan geht, glaub' ich ebensowenig, und denen wirst Du doch gewiß
-nicht vorwerfen, daß sie feige sind.«
-
-»Nein Vater, aber sie mögen das mit ihrem eigenen Gewissen abmachen. Die
-drei Houstons gehn jedoch, Curtil, Rawlins, Rankins, die Mac Kinneys,
-Smeiers, Hodges und wie sie Alle heißen und vom Petite Jeanne drüben gehen
-sie Alle, ebenso vom Mamelle und der anderen Seite drüben und die jungen
-Leute vom Van Buren herunter, von Washington, Fulton, ja selbst vom Fort
-Smith haben sich schon bei Little Rock gesammelt und warten nur darauf, daß
-sich unsere Compagnie ihnen anschließen soll.«
-
-»So geh'!« sagte der alte Mann, mit einem tief aus der Brust geholten
-Seufzer, während seine Lippen zitterten und seine ganze Gestalt bebte. »Geh
--- an dem Segen des Vaters ist Dir doch nichts gelegen.«
-
-»Vater!« rief der junge Mann mit hervorquellenden Thränen und tiefem
-Schmerz -- »ich kann ja nicht anders; frage die Mutter, ob sie mich in den
-anderen Reihen sehen möchte.«
-
-Der alte Mann hatte seine, aber schon lang ausgegangene Pfeife in der Hand,
-und faßte sie so krampfhaft, daß das Rohr von einander brach -- aber er
-sagte kein Wort; stützte sich nur mit dem rechten Arm auf den Kaminsimms,
-und lehnte seine Stirn darauf, daß der rebellische Sohn die Thränen nicht
-sehen sollte, die ihm selber in den Bart liefen und jetzt langsam und
-schwer in die Asche niedertropften.
-
-»Geh nur,« sagte er endlich, ohne seine Stellung aber zu verändern, »geh
--- Dein Pferd und Deine Waffen hast Du -- was Du an Geld etwa brauchen
-solltest, kannst Du in Little Rock bekommen. Ich werde Dir einen Brief
-dahin mitgeben.«
-
-»Aber doch nicht so, Vater. Willst Du nicht Abschied von mir nehmen?«
-
-»Willst Du jetzt schon fort?« rief der alte Mann, erschreckt emporfahrend.
-
-»Um drei Uhr haben wir unsern Sammelplatz an der Mamelle; es ist jetzt
-schon acht Uhr und ich muß scharf zureiten, wenn ich ihn noch erreichen
-will.«
-
-Klingelhöffer erwiderte nichts weiter. Er wischte sich die verrätherischen
-Tropfen aus den Augen, ging dann an seinen Tisch, suchte sich sein wenig
-gebrauchtes Schreibzeug zusammen, schrieb und faltete denn das Blatt.
-
-Die Mutter war in ihrer Stellung geblieben; sie wußte ja, wie Alles kommen
-würde, denn mit ihr hatte der Sohn schon am Abend vorher gesprochen und ihr
-seinen festen Entschluß verkündet. Was er mitzunehmen hatte, war auch
-schon Alles eingepackt und in Ordnung -- und jetzt kam der Abschied -- der
-furchtbare Abschied bei solcher Trennung.
-
-Die Frauen erleichterten sich auch dabei das Herz durch Thränen.
-Klingelhöffer selber hatte seinen ersten Schmerz bezwungen und reichte dem
-Sohne nur die Hand.
-
-»So zieh' mit Gott,« sagte er dabei, aber die Worte rangen sich ihm nur
-mühsam aus der Kehle, -- »zieh mit Gott! Du hast es nicht anders haben
-wollen. Dieser freien und herrlichen Constitution wegen habe ich mein
-Vaterland verlassen und bin mit Deiner Mutter hier herüber in den Wald
-gezogen. Du, mein einziger Sohn, willst die Hand dagegen erheben und sie
-mit stürzen helfen.«
-
-»Vater,« bat der Sohn, »ich kann ja nicht anders. Oh, wie gern blieb ich
-bei Dir --«
-
-»Ja wohl,« nickte der alte Mann, dessen Geist dadurch in eine andere Bahn
-gelenkt wurde -- »bei mir -- Niemand bleibt jetzt bei mir. Wenn sie Dich
-todtschießen, dann kann ich von vorn anfangen meinen Acker zu bauen -- so
-lang' es die alten Knochen eben noch können und nachher --«
-
-»Ich kehre zurück Vater -- bald -- Du sollst nicht mehr arbeiten dürfen,
-Du hast in Deinem Leben genug, über genug gethan. Leb' wohl. Gott schütze
-Dich.«
-
-»Leb wohl,« sagte der alte Mann und drückte zum ersten Mal die Hand des
-Sohnes, die er noch in der seinen hielt. Da hielt sich Gustav aber auch
-nicht länger. Sich an des Vaters Brust werfend, faßte er ihn mit beiden
-Armen und eine halbe Minute wohl hielten sich die beiden Männer fest und
-schweigend umschlungen. Da schob der Vater den Sohn zuerst von sich ab und
-sagte leise:
-
-»Du mußt fort -- Deine Zeit ist um -- mach's kurz.«
-
-Noch einmal umschlang der junge Mann Mutter und Schwestern, dann sprang er
-hinaus -- reden konnte er nicht mehr, denn Thränen erstickten seine Stimme.
-Draußen an der Fenz lehnte seine Büchse, die griff er auf, schwang sich in
-den Sattel, und war im nächsten Augenblick um den Hügel verschwunden, der
-den Pfad nach dem nahen Fourche la Fave zu deckte. Das Haus selber lag auf
-der Spitze, welche der in den Arkansas einmündende Fourche bildete, und
-über diesen mußte er sein Pferd bringen, um dann durch den Wald hin die
-nach der Mamelle führende Straße zu erreichen.
-
-Das war überhaupt eine schwere Zeit für die Bewohner dieses bis jetzt
-so stillen und eigentlich von dem Verkehr mit der Welt abgeschlossenen
-Districts. Manche Hütte hatte damit den einzigen Sohn verloren und wenn
-sich auch einzelne dadurch zu trösten suchten, daß es eben nichts
-weiter als eine Musterung sei und die jungen Leute bald in ihre Heimath
-zurückkehren würden, im Herzen glaubten sie es doch kaum selber und ihre
-Befürchtungen sollten sich auch nur als zu begründet erweisen.
-
-Woche um Woche verging, aber die Compagnie kehrte nicht wieder und die
-Nachricht kam ebensowenig, wohin man sie geführt, in welche Armee, ob nach
-dem Norden oder Süden.
-
-Der alte Klingelhöffer hatte aber mit seiner Behauptung Recht gehabt, daß
-sich nicht Alle diesem Zuge anschlossen. Jenkins, Cook und die beiden Wells
-waren in der That zurück geblieben und zwar nicht etwa aus Feigheit, aber
-im Herzen der Union ergeben, wollten und konnten sie nicht gegen diese
-kämpfen.
-
-Uebrigens ließ man sie nicht lange in Frieden, denn kaum waren drei Wochen
-nach der vorbeschriebenen Zeit verflossen, als ein Placat von dem in Little
-Rock befehlenden General der Südstaaten in Perryville sowohl, wie in den
-verschiedenen Ansiedlungen verbreitet wurde, in dem von einer Landwehr für
-Arkansas nicht mehr die Rede war, sondern alle waffenfähige Mannschaft, bei
-Drohung sofortigen Arrests, nach Little Rock selber einbeordert wurde,
-um sich dort zu stellen und einem besonders equipirten Arkansas-Regiment
-einrangirt zu werden.
-
-Früher wäre das nun allerdings nicht angegangen, denn mit Gewalt konnte man
-den ganzen Fourche la Fave, wenn er einig geblieben wäre, nicht beitreiben.
-Züge der Nördlichen waren schon von Missouri her im Anzug und in Little
-Rock selber wurde jeder Mann nothwendig zur möglichen Vertheidigung der
-offenen Stadt gebraucht. Jetzt aber ging das leichter. Man kannte recht
-gut die Einzelnen, die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen, und
-kleine Patrouillen langten oben an, um sie auf ihren Farmen aufzuheben.
-
-Der junge Cook, dessen Vater kurz vorher gestorben war, entging eines
-Morgens nur mit Mühe einer ihm bestimmten Ueberraschung und flüchtete in
-den Wald, wohin ihm natürlich die Soldaten nicht folgen konnten. Die beiden
-Wells mußten ebenfalls ihren Platz verlassen, Jim Jenkins durfte sich gar
-nicht mehr auf der, dicht am Arkansas liegenden Farm blicken lassen, weil
-sogar mehrmals in der Nacht Boote gekommen waren, das Haus dann in der
-Stille besetzt und nach ihm gesucht hatten.
-
-Eigentlich war es wunderlich genug, daß man sich solche Mühe um ein
-Paar einzelne junge Leute gab, und um sie einzufangen, viel mehr andere
-Mannschaft verwendete. Woher hatte überhaupt der General in Little Rock so
-genaue Kunde von dem, was hier mitten im Wald passirte, wenn nicht irgend
-ein geheimer, aber mit den hiesigen Verhältnissen sehr vertrauter Feind die
-Säumigen denuncirt und ihre Verhaftung hartnäckig betrieben hätte? Aber wer
-konnte das sein? -- Betsy Jenkins rieth augenblicklich auf Hendricks, doch
-Niemand hatte ihn seit langer Zeit in der =range= gesehen. Eben so wenig
-war er bei irgend einer Patrouille betheiligt gewesen, die man sogar, als
-der Verdacht erst einmal geweckt war, nach ihm gefragt hatte. Sie kannten
-den Namen gar nicht und meinten nur, wenn er schon damals hier in Uniform
-gewesen sei, befinde er sich jetzt jedenfalls drüben über dem Mississippi
-bei dem Heere, das eben abgeschickt wurde, um Vicksburg zu entsetzen und
-die Abolitionisten zurück über ihre Grenzen zu jagen.
-
-Damit zogen sich wieder einige Wochen hin und das Gerücht wiederholte sich,
-daß Vicksburg gefallen sei. Aber es war so oft schon aufgetaucht, daß man
-es nicht weiter beachtete, noch dazu da die unmittelbare Nähe einen immer
-bedrohlicheren Charakter annahm. Allerdings hieß es einmal, daß von Memphis
-herüber ein Unionsheer rücke, um Little Rock zu besetzen und dadurch die
-Gewalt im Staat zu bekommen, und vom Missouri herunter sollten ebenfalls
-die Unionstruppen vordringen. Gegen diese hatten sich aber im Süden
-von Missouri wie im Norden von Arkansas Guerillas gebildet -- ebenfalls
-Backwoodsmen, aber dem Süden ergeben, die den Feind auf jede Weise zu
-belästigen suchten und von den nördlichen in verächtlicher Art Bushwhackers
-genannt wurden -- eine Bezeichnung die unserem »Buschklepper« wohl am
-nächsten käme.
-
-Die Bushwhacker waren Anfangs auch wohl die reinen Guerillatrupps, wie
-sie sich in andern wilden Ländern ebenfalls bilden und nothgedrungen da
-entstehen müssen, wo man sich dem Eindringen eines Feindes widersetzen
-will, und doch nicht Mannschaft genug auftreiben kann, um ihm im offenen
-Feld die Stirn zu bieten. Daß sich aber auch Gesindel zwischen diesen
-ordnungslosen Schaaren fand, ist nicht zu verwundern, und besonders
-wurden mehrmals scheußliche Grausamkeiten nicht allein an gefangenen oder
-verwundeten Soldaten, sondern auch sogar an einzelnen Familien im Wald
-verübt, welchen Ueberschreitungen die eigentlichen Bushwhacker aber
-vollkommen fern standen und mit Entrüstung solche Anschuldigungen
-zurückwiesen.
-
-Nichts destoweniger waren sie aber vollständig begründet, und es zeigte
-sich bald, daß es in der That einzelne ordnungslose oder geordnete Banden
-im Walde gab, die, wie uns Cooper in seinem »Spion« die »Cowboys«
-oder Kuhjungen des ersten amerikanischen Freiheitskrieges beschreibt,
-rücksichtslos bei Freund und Feind einfielen und dann wie richtige Räuber
-stahlen und plünderten, was sie eben bekommen konnten.
-
-Dieses Gesindel, das aber ebensogut den eigentlichen Bushwhackern wie den
-Unionstruppen aus dem Wege ging, und nur da vorbrach und seine Schrecken
-verbreitete, wo es sich vor Entdeckung ziemlich sicher wußte, bekam denn
-auch bald einen neuen Namen. Man nannte jene, keiner bestimmten Partei
-angehörigen Plünderer Jayhawker[2], das Geschäft selber, das sie betrieben,
-Jay-hawking, und der Name war bald im ganzen Wald, besonders von Missouri
-gefürchtet. Durch sie bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten
-Namen, denn man wußte sie oft nicht von einander zu unterscheiden und die
-regulairen Truppen des Nordens ließen diese -- wenn sie einmal einen in
-ihre Gewalt bekamen, oft entgelten, was die anderen verübt hatten.
-
- [2]: Das Wort ist jedenfalls von =jay-bird= -- ein kleiner harmloser
- Waldvogel und =hawk= Falke abgeleitet, bezeichnet also einen Mann, der
- heimtückisch über einen Wehrlosen herfällt.
-
-Die jungen Leute am Fourche-la-Fave nun, Jenkins, Cook und die beiden
-Wells, denen der Platz dort zu warm wurde, da man es wirklich ganz
-ernstlich auf sie abgesehen zu haben schien, beschlossen den Staat zu
-verlassen und bei der Nord-Armee Dienst zu nehmen. Möglich, daß sie dann
-mit dieser nach Little Rock vordringen, und dazu beitragen konnten, den
-Ihrigen am Fourche Luft und dem nichtswürdigen Spionirsystem ein Ende zu
-machen. Nach Norden konnten sie freilich nicht fort, denn dort wären sie
-jedenfalls den Bushwhackern in die Hände gelaufen und dann auch sicher für
-die Sesesch gepreßt worden. Nach Süden zu durften sie ebensowenig,
-denn dort schwärmte es ebenfalls von »Rebellen«, und Little Rock, die
-Hauptstadt, war ja auch noch in deren Händen.
-
-Da blieb ihnen denn keine andere Wahl, als gerade gen Osten gegen den
-Mississippi hin durch den Sumpf zu brechen. Die Jahreszeit war ja auch
-günstig dazu, und im wilden Walde großgezogen, fürchteten sie nicht, ihren
-Weg zu verlieren. Ihre Familien drängten sie selber dazu, denn soviel
-hatte sich jetzt herausgestellt, daß es zur Unmöglichkeit geworden, länger
-neutral zu bleiben. Auf eine oder die andere Seite mußte man sich schlagen
-und ohne Weiteres beschlossen sie deshalb, ihren langen beschwerlichen Weg
-anzutreten.
-
-Bei Klingelhöffer hatten sie ihren Sammelplatz verabredet, dort
-übernachteten sie noch einmal und dem alten Mann war es ein wehes,
-entsetzliches Gefühl wenn er sich dachte, daß gerade diese jungen Burschen,
-die er als Kinder auf dem Arm herumgetragen, jetzt in das, seinem eigenen
-Sohn feindlich entgegenstehende Heer treten und möglicherweise eine Kugel
-gerade aus ihrem Rohr seine Brust treffen könne. Aber wie auch sein Herz
-dabei denken mochte, sein Verstand, seine ganze Sympathie war trotzdem auf
-Seite des Nordens.
-
-Er behielt sie über Nacht bei sich, füllte am nächsten Morgen ihre
-Proviantbeutel mit Lebensmitteln und ruderte sie dann selber in seinem Boot
-über den Arkansas. -- Wie es das Schicksal bestimmt hatte, mußte es sich
-ja doch erfüllen -- es war ein Bürgerkrieg, der Bruder gegen Bruder, Vater
-gegen Sohn anhetzte, -- welche Rücksicht konnte da der Freund auf den
-Freund nehmen. Die Würfel rollten -- wie sie fielen? -- Nur Gott wußte es.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Jay-hawking.
-
-
-Wie still das am Fourche-la-Fave geworden war, als das sämmtliche junge
-Volk den kleinen Fluß verlassen hatte, wie merkwürdig still. Nur die
-alten Leute saßen noch auf ihren vereinzelten Farmen -- nur die Frauen und
-Kinder, und die getrauten sich jetzt nur in seltenen Fällen hinaus in den
-Wald und vielleicht nur einmal nach der allernächsten Ansiedlung hinüber,
-denn der alte Browns, der oben in Missouri gewesen war, um zu sehen, wie
-es seinen dort wohnenden Kindern ging, hatte die eben nicht erfreuliche
-Nachricht mit an den Fourche gebracht, daß die Raubbanden dort und schon
-gar nicht mehr so weit vom Arkansas entfernt, mehr und mehr überhand
-nähmen, je mehr die nördlichen Truppen nach Süden herunterrückten, und
-dadurch auch das Gesindel vor sich her trieben.
-
-Uebrigens waren auch hier schon fremde Gesellen gesehen worden, die
-sich allerdings nicht aufgehalten hatten, aber überall, und nur unter
-verschiedenen Vorwänden, die genauesten Erkundigungen über den hiesigen
-Stand der Bevölkerung einzogen. Bald gaben sie vor, sich hier niederlassen
-zu wollen, weil man hier so wenig von dem Bürgerkrieg spüre, bald forschten
-sie nach einem verloren gegangenen Verwandten, und wenn es nun auch im
-Character der Backwoodsmen selber lag, auf irgend einem Ritt die genauesten
-Fragen über Alles zu stellen, so waren die Leute doch durch den unsichern
-Zustand ihres ganzen Landes so beunruhigt, daß selbst vielleicht vollkommen
-unschuldige Nachfragen ihren Verdacht erwecken konnten.
-
-Aber waren die Nachfragen auch wirklich so unschuldig gewesen? Eines
-Morgens kam der alte Smeiers auf seinem todtmüden abgehetzten Thier nach
-Perryville hineingeritten und brachte die Meldung, daß sich oben an seiner
-Farm verdächtiges Gesindel zeige. Drei von seinen besten Pferden fehlten
-zu gleicher Zeit und nur zwei von seinen sieben Milchkühen seien vorgestern
-Abend nach Hause gekommen. Es wäre möglich, daß ihnen ein Trupp dieser
-verdammten Jay-hawker einen Besuch zugedacht und deshalb besser gleich den
-ganzen Fourche-la-Fave aufzubieten, um den Wald abzusuchen und Feuer hinter
-die Schufte zu machen.
-
-Er fand aber wenig Aussicht auf Hülfe in dem kleinen Städtchen, wohin eben
-die Nachricht gelangt war, daß jetzt Vicksburg, das Gibraltar des Südens,
-wirklich von den Yankees nach vielen furchtbaren Stürmen zwar und mit dem
-Verlust vieler Menschenleben, aber trotzdem genommen sei und man wußte noch
-gar nicht welchen Erfolg dieser, jedenfalls entscheidende Sieg des Nordens,
-auf die Kriegführung des Südens haben würde.
-
-Außerdem fehlte es vollkommen an waffenfähiger Mannschaft um einen
-wirksamen Zug auszuführen. Wo hätten sie Leute hernehmen wollen, da man ja
-das ganze junge Volk hinweg und über den Mississippi hinüber gelockt hatte.
-Zeigten sich aber wirklich Jay-hawkers in der Nachbarschaft, wie konnte
-man dann das eigene Haus verlassen, um einem ungekannten Feind entgegen zu
-ziehen, der vielleicht in derselben Zeit den Fourche gekreuzt hatte und,
-solche Gelegenheit benutzend, die ganz unbeschützten Farmen überfiel?
-
-Smeiers fand bald, daß er hier nicht auf Hülfe rechnen konnte, warf sich
-wieder auf sein kaum ausgeruhtes Pferd und suchte jetzt seine übrigen
-Bekannten auf, die ihm aber auch nur wenig Trost geben konnten.
-
-Cooks Haus fand er ganz verödet, die junge Frau war mit dem kleinen Kind
-fortgezogen und kein Mensch auf dem ganzen Platz zurückgeblieben, der ihm
-hätte Nachricht geben können. Wells, einer seiner ältesten Freunde, hatte
-sich mit der Axt in den Fuß geschlagen und konnte nicht von der Stelle. Die
-Söhne waren fort. Wilson fand er wohl zu Haus aber ohne Munition. Er war
-gerade von Little Rock zurückgekehrt, wo die Regierung sämmtliche Munition
-mit Beschlag belegt hatte, so daß er nicht einmal Zündhütchen für seine
-Büchse bekommen konnte -- und weiter hinab sah es genau so aus. Die wenigen
-alten Backwoodsmen, die noch auf den Farmen lebten, konnten gar nicht
-daran denken ihren Platz zu verlassen, und Klingelhöffer, auf den er fest
-gerechnet hatte, lag krank in seinem Bette und konnte nicht einmal gehen,
-viel weniger reiten.
-
-Der ganze Fourche-la-Fave befand sich in der That in einem vollkommen
-schutzlosen Zustand, und die Nachricht schon, daß sich die allgemein
-gefürchteten Gesellen in der Nachbarschaft gezeigt, brachte die Frauen
-besonders in die furchtbarste Aufregung.
-
-Das waren die Vorläufer der Yankees -- so hieß es fast überall unter ihnen
--- mit Rauben und Brennen fingen die an, und wie sollte es nun erst werden,
-wenn das wirkliche Heer nachrückte und ihren stillen Wald mit seinen
-marodirenden Schwärmen überschwemmte.
-
-Die Männer schüttelten freilich dazu mit dem Kopf, denn daß ein paar
-Pferde gestohlen wurden -- nun ja, es wäre nicht das erste Mal in der
-Range gewesen, und in früherer Zeit hatten sie sich ja auch einmal zu einem
-Regulatorenbund zusammenthun müssen, um eine Bande übermüthig gewordener
-Schufte zu züchtigen und unschädlich zu machen. Aber seit sie selber jung
-gewesen, war das nicht wieder vorgekommen, und dann -- was in Gottes Namen
-gab es denn in ihren ärmlichen Hütten zu stehlen, daß es die Habgier von
-Dieben hätte reizen können? Das Vieh, nun ja, aber das mußte auch bald
-seine Grenze haben, denn nach Little Rock durften sie sich nicht wagen es
-zu treiben, und um die Rinder etwa zu verzehren? lächerlich! mit eben so
-leichter Mühe konnten sie Hirsche und Truthühner genug im Walde schießen.
-
-So ganz recht war es ihnen aber doch nicht, und wenn sie es sich auch nicht
-wollten gegen die Frauen merken lassen, untereinander sprachen sie darüber
-und wünschten sich ziemlich offen, daß ihre Jungen nur erst wieder zurück
-aus dem verbrannten Krieg wären -- nachher wollten sie mit derartigem
-Gesindel schon rasch genug aufräumen, daß ihm der Wald und besonders der
-Dogwood[3] darin, bald zu warm werden sollte.
-
- [3]: Dogwood ist eine Art wilder Corneliuskirsche mit sehr bröcklicher
- Rinde; an diese kleinen Bäume wurden gewöhnlich Strolche angebunden,
- die man bei einem Pferdediebstahl erwischt hatte. Während man sie dann
- peitschte und sie sich um den Baum herumwanden, scheuerten sie die
- Rinde ab und man nannte sogar die Strafe danach »Dogwood schälen.«
-
-Aber die »Jungen« kehrten nicht so bald aus dem Krieg zurück, denn der
-Süden hatte, wie sich jetzt herausstellte, mit seinen immerwährenden
-Siegesnachrichten, die er im Westen ausgestreut, nur gelogen, und den
-Beweis sollten sie bald thatsächlich bekommen. Nicht allein, daß sie die
-_Gewißheit_ erhielten, Vicksburg sei wirklich nach einem furchtbar blutigen
-Kampfe genommen, nein, eines Morgens kamen sogar Flüchtlinge von Little
-Rock herauf, die nach dem Ozark-Gebirge wollten und die Kunde brachten, die
-Hauptstadt des Staates sei von den Unionstruppen besetzt und General Steene
-befehlige jetzt dort, während sich die Sesesch nach den »Heißen Quellen«
-mit Texas im Rücken hinübergezogen hätten und nicht etwa dort Stand
-hielten, sondern ihre Flucht ohne Säumen bis über den Redriver selber
-fortsetzten.
-
-Aber ein Weheschrei ging zugleich durch die ganze Ansiedelung, denn das
-Schlimmste, was sie bis jetzt gefürchtet, war eingetroffen. Droben an dem
-Petite-Jeanne war Einer der jungen, damals mit fortgegangenen Leute als
-Krüppel heimgekehrt, und wie ein Lauffeuer zog sich die Unglücksbotschaft
-durch die Hütten, daß jener ganze, so hinterlistig fortgelockte Trupp nach
-Vicksburg hinabgeschleppt sei. Dort hatten sie es möglich gemacht, die
-belagerte Stadt in der Nacht zu gewinnen, aber sie kamen gerade im letzten
-Augenblick, wo die Stadt selber schon an ihrer Rettung verzweifelte. Sturm
-folgte auf Sturm. Drei Tage und drei Nächte lang kam kein Schlaf in die
-Augen der Vertheidiger, und da man die junge, ausgeruhte Mannschaft
-am Unerbittlichsten dabei verwandte, hatte sie auch natürlich die
-furchtbarsten Verluste aufzuweisen.
-
-Vom Fourche-la-Fave allein waren sieben todt geblieben. Unter ihnen Gustav
--- Klingelhöffers einziger Sohn, und die Todesbotschaft traf den alten Mann
-ins Herz. Selbst die Nachricht hörte er von da an mit Gleichgültigkeit, daß
-mit dem Fall Vicksburgs die Rebellion der Sesesch den Todesstoß erhalten
-habe, denn die Unionisten befanden sich jetzt im Besitz der großen
-Wasserstraße des Mississippi und hatten damit die Einschließung des ganzen
-südlichen Gebiets vollendet. Allen jenen rebellischen Staaten war jetzt die
-Verbindung mit dem Ausland vollständig abgeschnitten und nicht einmal den
-so nothwendigen Proviant, wie z. B. Schlachtvieh, das sie sonst unbehindert
-aus Arkansas bezogen, konnten sie mehr bekommen. Ihre Unterwerfung war
-von nun an keine _Frage_ mehr, sondern nur eine Sache der Zeit geworden,
-während der Norden auch mit raschem Entschluß seine Truppen in den Westen
-sandte, Arkansas selber oder doch die wenigen Hauptplätze besetzte, und ein
-Heer Neger nach Texas hineinwarf, um auch dort die Rebellion zu vernichten
-und den Rebellen damit die letzte Stütze, den letzten Zufluchtsort zu
-nehmen.
-
-Zu spät! -- Der furchtbare Schlag war gefallen -- gefallen auf viele viele
-Häupter -- der Sieg mit zu theuerem Blut erkauft worden und stumm, ja fast
-gleichgültig sah man den kommenden Ereignissen entgegen.
-
-Aber die Bewohner der Fourche sollten trotzdem selbst aus ihrem Schmerz
-aufgerüttelt werden, denn ihre schlimmste Zeit war noch nicht überstanden,
-und eine Gefahr drohte ihnen, an die sie bis jetzt kaum gedacht.
-
-Vor wenigen Tagen war die Countystraße entlang ein Bataillon Unions-Truppen
-gegen Little Rock marschirt, um sich dort mit General Steene zu vereinigen.
-Ein paar Pferde aus der Range schienen dabei abhanden gekommen zu sein und
-einige Kühe. Die Soldaten betrachteten sich ja in Feindes Land und daß die
-Beraubten gerade zufällig lauter gute Unionisten waren, konnten sie nicht
-wissen.
-
-Da durchlief plötzlich die Schreckenskunde die Range, daß die so lang
-gefürchteten Jay-hawkers bei Wells oben am Fourche-la-Fave eingebrochen
-seien und den alten kranken Wells, auf seinem Bett selbst, todtgeschossen
-hätten.
-
-Wells war einer der ältesten Ansiedler, ein schlichter einfacher Mann, der
-selten nur mit einem der Nachbarn verkehrte, aber deshalb doch aushalf, wo
-er nur irgend konnte. Dabei gab es keinen besseren Jäger und Schützen in
-der ganzen Range als ihn, und seine etwas gebräunte Hautfarbe, sein langes
-straffes schwarzes Haar ließ ihn sogar, in der Meinung der Hinterwäldler,
-vom indianischen Blut abstammen. Er hatte dabei ein bewegtes Leben
-geführt und vor langen Jahren sogar einmal, als Texas noch von wilden
-Indianerhorden schwärmte, einen Jagdzug dorthin _allein_ unternommen und
-sich mehre Jahre dort, selbst einmal von Indianern gefangen genommen,
-aufgehalten. Zu seinem Unglück mußten die Verbrecher erfahren haben, daß er
-krank darnieder liege, sie würden sich sonst wohl kaum an ihn gewagt haben,
-denn daß er seinen Schuß nie fehlte, war bekannt.
-
-Niemand war bei ihm im Haus gewesen als seine Frau und diese erzählte
-jetzt, daß der Ueberfall durch sechs fremde Männer geschehen sei, die _sie_
-wenigstens früher nie am Fourche-la-Fave gesehen. Nur der Eine von ihnen,
-und wie es schien, der Anführer der Schaar, habe ein geschwärztes Gesicht
-gehabt und sei ihr bekannt vorgekommen, sie wäre aber nicht im Stande,
-irgend einen bestimmten Namen zu bezeichnen.
-
-Daß die Räuber mitgenommen hatten, was sie _irgend_ gebrauchen konnten,
-versteht sich von selbst, besonders Well's zwei Büchsen und alle Munition,
-aber auch sonst noch an Fellen und Pelzwerk, was gerade da war, und
-außerdem eine Menge anderer Dinge, die für sie selber keinen Werth haben
-konnten. Die Vermuthung lag deshalb nahe, daß sie das Geraubte nach
-irgend einem Versteck gebracht, oder auch vielleicht durch irgend einen
-Zwischenhändler nach Little Rock zum Verkauf geschickt hatten.
-
-Die alten Backwoodsmen rüsteten sich jetzt so gut sie konnten, aber was
-waren sie im Stand zu thun, wo sie sich einzeln nur auf ihrem von jeder
-Hülfe entfernten Platz im Wald befanden. Möglich war auch, daß es nur ein
-vereinzelter Raubzug gewesen, denn volle acht Tage lang hörte man Nichts
-mehr von Räubern, bis sie auf's Neue, und dies mal mit wahrhaft teuflischer
-Bosheit auftraten.
-
-Oben am Fourche wohnte ebenfalls ein alter Ansiedler Hogan, der, wie es
-dort hieß, vor kurzer Zeit auf einem Jagdzug in den Ozarkgebirgen, eine
-jener Silberminen entdeckt haben sollte, von denen man sich erzählte, daß
-schon vor vierzig und funfzig Jahren Venetianer aus dem Osten gekommen
-wären, um sie heimlich zu bearbeiten. Ob etwas an der Sache war oder nicht,
-konnte natürlich Niemand sagen, aber wie derartige Gerüchte rasch
-überhand nehmen, so wollte man schon hie und da wissen, daß Hogan zu Fuß
-zurückgekehrt sei, weil sein Thier kaum im Stande gewesen sei, die schweren
-Silberstücke fortzuschaffen, die er dort zwischen den Steinen gefunden --
-und das gerade mußte die Räuber angezogen haben.
-
-Hogan selber begegneten sie draußen im Wald oder lauerten ihm auch
-vielleicht auf und schossen ihn gleich nieder, dann hatten sie leichte Mühe
-mit seinem Haus, in dem sie nur die alte Frau, ein paar junge Mädchen und
-zwei kleine Knaben fanden. Der Platz wurde umstellt, und nun sollte die
-Frau bekennen, wo sie das Silber versteckt halte, das ihr Mann aus den
-Bergen mitgebracht habe. Die Frau beschwor zwar die Männer nicht zu
-glauben, was sich das Volk am Fourche-la-fave erzähle. Ihr Mann sei
-allerdings oben am Whiteriver in den Ozarkgebirgen gewesen, aber nur um
-sich einen Platz zur Ansiedlung auszusuchen. Silber habe er gar nicht
-gefunden und nur ein paar bunte Steine mitgebracht, mit denen die Kinder
-eine Weile gespielt und sie dann weggeworfen hätten. Die Steine würden auch
-wohl die erste Ursache zu dem Gerüchte gegeben haben, an dem aber nicht
-eine Sylbe Wahres sei.
-
-Der Führer der Schaar, der wieder ein geschwärztes Gesicht trug, hielt
-sich, wie die Kinder später aussagten, die Zeit über an der Thür des Hauses
-und gab von dort aus seine Befehle. Er betrug sich gerade so, als ob
-er fürchte, erkannt zu werden. Der Bericht der Frau aber wurde von den
-Jay-hawkern mit wilden Flüchen beantwortet. Ihr Leugnen helfe ihr Nichts --
-man wisse genau, daß sie das Silber im Haus versteckt halte und wenn sie
-es nicht gutwillig herausgebe, wolle man sie schon zu einem Geständniß
-zwingen.
-
-Die Frau weinte und flehte, die Kinder schrieen. Der Eine der rohen Buben
-nahm den ersten Knaben und schleuderte ihn mit solcher Gewalt in die Ecke,
-daß er dort winselnd am Boden liegen blieb, dann sprang ein Anderer zum
-Kamin und stieß die Kohlen mit dem Fuß auseinander und nun setzten sie die
-alte Frau, die in Todesangst um Erbarmen bat, auf einen Stuhl, banden sie
-dort fest, umschnürten ihr die nackten Füße mit einem Seil und hielten sie
-gewaltsam über die glühenden Kohlen.
-
-Die Frau kreischte laut auf, die Töchter warfen sich den Räubern zu Füßen
--- umsonst. Die Frau sollte gestehen, wo Silber, das sie in ihrem Leben
-nicht gesehen, versteckt sei, und als sie endlich ohnmächtig wurde, ließ
-man sie los und vom Stuhle herunter fallen, und durchwühlte nun die Hütte
-von oben bis unten, riß die Dielen auf, grub den Heerd auf und verwandelte
-die ruhige stille Heimath guter friedlicher Menschen in wenigen Minuten
-in eine Wüste. Silber fanden sie natürlich nicht, nur den ärmlichen,
-schon halb zerstörten Hausrath eines Backwoodsman, und aus Wuth, mit allen
-Rohheiten gegen die Töchter selber, streuten sie zuletzt die glühenden
-Kohlen und Feuerbrände im Haus umher, schichteten das Stroh aus den Betten
-darauf und verließen erst den Platz, als sie sich überzeugt hatten, daß er
-in hellen Flammen stand.
-
-Die Frau starb, unter den furchtbarsten Schmerzen noch in der nämlichen
-Nacht -- die Mädchen flüchteten mit den kleineren Kindern in den Wald,
-weil sie die Rückkehr der Räuber fürchteten und wagten sich erst, halb
-verhungert, nach einigen Tagen wieder vor, um eines Nachbars Wohnung und
-dort Schutz zu suchen.
-
-Jetzt folgten die Ueberfälle rasch einer dem anderen, und Rankins,
-ein alter Ansiedler in der Nachbarschaft, ließ sich endlich durch die
-dringenden Bitten der Seinen bewegen, in den Wald und den Buben aus dem Weg
-zu gehen, denn sie hatten schon nach ihm gefragt, und daß sie kein Erbarmen
-kannten, wußte man. Er ging auch und hielt sich 14 Tage lang versteckt,
-bekam aber draußen das Fieber und mußte, da er nicht jagen konnte, eines
-Abends wieder zurück, um sich Lebensmittel zu holen.
-
-Von den Jay-hawkern hatte man die letzten Tage Nichts gehört, denn wieder
-waren Unions-Truppen durch gekommen, von denen eine Abtheilung sogar
-nach ihnen suchte, weil man vermuthete, daß sie mit den Bushwhackern in
-Verbindung ständen. Aber vergebens; die Verbrecher mußten über alle gegen
-sie beabsichtigten Bewegungen gut unterrichtet sein, denn sie ließen sich
-nicht eher wieder blicken, als bis sich die Truppe entfernt hatte.
-
-Rankins war in der Zeit gerade zurückgekommen, und die Frauen drängten ihn,
-sein Versteck wieder aufzusuchen, aber er weigerte sich. Nur eine Nacht
-müsse er, wie er meinte, wieder einmal in seinem Bett schlafen, er hielte
-es da draußen im kalten Wald, durch den jetzt schon die Winterstürme
-tobten, nicht mehr aus. Lieber von den Jay-hawkern todt geschossen werden,
-als da draußen elend in den nassen Büschen und Zoll bei Zoll verkommen.
-Morgen wolle er sie wieder verlassen, aber auch in der Nähe bleiben, und
-so viel Kraft werde er ja doch wohl noch haben, wenigstens den Rädelsführer
-der Schurken von seinem Pferd zu schießen.
-
-Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen graute, stand die Frau auf, um
-Caffee zu kochen und dem Mann seine mitzunehmenden Lebensmittel zurecht zu
-legen.
-
-Rankins Haus stand etwa eine englische Meile vom Fourche-la-Fave ab, an der
-Countystraße nach Little Rock, da dröhnte plötzlich in dem stillen Morgen
-der Hufschlag rasch herangaloppirender Pferde durch den Wald.
-
-Das sind gewiß Soldaten, rief Frau Rankins, der aber doch das Herz in der
-Brust zu hämmern anfing. Rankins selber, eben wach geworden, sprang, wie
-er war aus dem Bett und griff seine neben ihm lehnende Büchse auf. Aber die
-Reiter brachen schon hervor -- wie ein wildes Wetter sprengten sie gegen
-die niedere Umzäunung an und setzten mit ihren Thieren in voller Flucht
-darüber hin. Das Pferd des Einen stürzte und warf seinen Reiter gegen das
-Haus. Der eine der Männer trug wieder das geschwärzte Gesicht.
-
-Teufel! schrie der alte Rankins und seine Büchse fuhr empor, aber zu
-gleicher Zeit zerschmetterte eine Kugel seinen Arm, eine andere traf ihn in
-den Hals und zurücktaumelnd fing ihn seine Frau auf und bog sich jammernd
-über ihn.
-
-Im Nu waren die Räuber jetzt aus den Sätteln und das Rauben und Plündern
-begann, wie in alter Weise, nur daß sie hier noch wilde Flüche ausstießen
-und den Sterbenden einen verdammten Abolitionisten nannten, dem sie schon
-lange aufgelauert hätten. Sie schwuren auch, daß sie nicht eher Frieden
-geben würden, bis sie die ganze »Range« von allen Vaterlandsverräthern
-gesäubert und reine Bahn für die Südstaaten gemacht hätten und schlossen
-dann ihre Blutarbeit wie gewöhnlich, indem sie einen Feuerbrand unter das
-Dach warfen, und dann direct in den Wald hineinritten.
-
-Rankins Knaben, einem Burschen von etwa 10 Jahren, der bei Annäherung der
-Räuber entwischt war, und der dicht dabei im Busch auf der Lauer gelegen,
-gelang es zwar das Feuer wieder zu löschen, aber das angerichtete Elend
-konnte er nicht mehr ungeschehen machen. Der alte Rankins war todt und die
-Frauen erfüllten mit ihrem Wehgeschrei die Luft.
-
-Noch an dem nämlichen Abend überfielen die Jay-hawker eine andere
-Ansiedlung, erschlugen den alten Hewes, dem sie gehörte, und waren im
-Begriff eine seiner Töchter mit in den Wald zu schleppen, als glücklicher
-Weise ein kleiner Trupp Cavallerie angesprengt kam und sie, zum großen
-Theil selbst die gemachte Beute im Stich lassend, in den Wald flüchten
-mußten. Allerdings setzten ihnen die Soldaten nach und es gelang ihnen
-auch, Einen von ihnen vom Pferd zu schießen. Die Andern entkamen aber, und
-die Patrouille war nicht stark genug, um sich zu weit mit ihren überdies
-schon ermüdeten Thieren in die Berge hinein zu wagen.
-
-Den erschossenen Räuber kannte übrigens Niemand; er mußte mit seinen
-Genossen von irgend einem andern Staat oder County herübergekommen sein.
-Uebrigens fanden sie eine Menge Werthsachen, zwei Uhren, sechs oder acht
-Goldstücke und eine goldene Kette bei ihm, Dinge, die natürlich gleich als
-gute Beute erklärt wurden, denn die Burschen konnten Alles gebrauchen. Dann
-ließ man den Körper an der Straße, wohin man ihn geschleppt, liegen, damit
-die Nachbarn ihn betrachten und, wenn sie wollten, auch begraben konnten.
-Das war aber kaum nöthig, denn Wölfe gab es dort genug im Walde, die den
-Cadaver schon beseitigen würden.
-
-Es schien fast, als ob die Räuber durch diese Ueberraschung eingeschüchtert
-wären; man hörte wenigstens lange Nichts von ihnen, bis sie plötzlich
-in der Nähe des Arkansas und an der Mündung des Fourche-la-fave wieder
-auftauchten.
-
-Klingelhöffers alten Platz, wo er früher gewohnt, plünderten sie total aus,
-fanden aber glücklicher Weise den Eigenthümer nicht. Klingelhöffer selber
-erhielt gleich danach Botschaft von Perryville, und die Warnung, auf seiner
-Hut zu sein und lieber mit seiner Familie in die »Stadt« zu kommen, denn
-man vermuthete natürlich, daß ihm jetzt der nächste Besuch zugedacht
-sein würde. Der alte Mann war aber nicht dazu zu bringen, seinen Platz zu
-verlassen. Nach dem Tod des einzigen Sohnes lag ihm selber Nichts am
-Leben, und nur seine noch von Deutschland herübergebrachten Gewehre, eine
-Doppelflinte, eine Büchsflinte und eine Pirschbüchse brachte er in Ordnung
-und lud sie frisch, verbarrikadirte dann seine Fenz und schwur, daß er
-wenigstens fünf von ihnen unschädlich machen wollte, wenn sie es wagen
-sollten, die Hand an seine Umzäunung zu legen.
-
-Sie kamen aber nicht dorthin -- der Platz lag ihnen unbequem, gerade auf
-der Spitze zwischen dem Fourche und Arkansas. Sie konnten keine sichere
-Nachricht erhalten, ob nicht dort vielleicht gerade die jetzt fortwährend
-vorbeipassirenden Dampfer der Yankees, die häufig bei Klingelhöffer
-anlegten, um Hühner, Eier, oder andere Provisionen zu kaufen, Bewaffnete
-an Land gesetzt hätten, und durch den einen Ueberfall schüchtern, oder
-wenigstens vorsichtig gemacht, schienen sie keine rechte Lust zu haben,
-sich in diese Art von Falle, wo es nur nach einer Richtung hin einen
-Rückweg gab, zu begeben.
-
-Jenkins, ebenfalls gewarnt, hatte aber sein Haus und seine Familie nicht
-verlassen wollen und nur ein paar Büchsen bereit, um ebenfalls bei einem
-Einbruch die Zähne zu zeigen. Außerdem hielten zwei handfeste Hunde den
-Platz in der Nacht vor einem Ueberfall gesichert und kamen die Räuber in zu
-großer Menge, dann hatte er immer noch Zeit, sich, von den Hunden gedeckt,
-nach seinem großen, bereit liegenden Canoe zurückzuziehen. Betsy verstand
-übrigens ebenfalls eine Waffe zu führen, und ihrer zwei waren sie der Bande
-auch schon eher gewachsen.
-
-Jenkins selber, den Kopf in die Hand gestützt, saß eines Morgens an seinem
-Frühstückstisch. Er dachte an den eigenen Sohn, von dem er so lange keine
-Nachricht gehabt, und an das Schicksal des armen Klingelhöffer, und das
-Herz war ihm übervoll.
-
-Betsy war draußen an der Landung gewesen, und hatte eben noch den Strom
-hinabgesehen, wo sich wieder eins der kleinen Dampfboote gegen die Fluth
-abmühte und dabei nur langsamen Fortgang machte.
-
-»Das Boot kommt, Vater,« sagte sie, als sie die Schwelle des Hauses betrat;
-»es hat jetzt wohl eine Stunde da unten festgesessen, ist aber wieder flott
-geworden. Vielleicht bringt es Briefe von Jim mit.«
-
-Der alte Mann seufzte und reichte ihr eine Zeitung hin.
-
-»Da lies,« sagte er -- »das ganze Blatt enthält fast weiter nichts als
-Todtenlisten und Angaben von den 2000 -- oder gar 3000 Vermißten -- armen
-Teufel, die nach der Schlacht elend im Walde umgekommen und von den Wölfen
-gefressen wurden. Armer Jim! wer weiß, wo ihn sein Schicksal erreicht hat,
-und ob wir uns je wiedersehen werden.«
-
-»=Hallo the house!=« rief da plötzlich eine Stimme und als die Hunde wie
-immer, wüthend anschlugen und Betsy in die Thür trat, um zu sehen wer da
-das Haus anrief, bemerkte sie einen einzelnen Reiter draußen an der Fenz,
-einen Fremden, den sie nicht kannte und der jetzt den Hut gegen sie lüftete
-und anfrug, ob Mr. Jenkins zu Hause wäre.
-
-Der Mann war in der gewöhnlichen Tracht der Backwoodsmen gekleidet, trug
-aber keine Waffe und sah aus wie ein Ansiedler aus irgend einer anderen
-Range, der vielleicht seinen Weg verfehlt hatte, oder auch von dem
-eigentlichen Pfad abgeritten war, um ein Frühstück zu erbitten. Es kam das
-ja gar nicht so selten vor, denn das nächste Haus an der Straße von dort ab
-war noch wenigstens sieben Miles entfernt.
-
-»Steigen Sie ab Sir,« sagte das junge Mädchen, der Gastfreundschaft des
-Landes folgend, indem sie die Hunde zurücktrieb, »Vater ist im Haus, wenn
-Sie ihn sprechen wollten.«
-
-»Danke,« sagte der Fremde, indem er etwas schwerfällig aus dem Sattel stieg
-und der Einladung Folge leistete. -- »Dann bin ich den weiten Weg doch
-nicht umsonst gekommen. Kann ich ihn vielleicht einmal sehen?«
-
-»Wollt Ihr nicht in das Haus treten?« sagte das Mädchen.
-
-»Gleich,« erwiederte der Mann, der wie es schien, den rechten Fuß nicht gut
-gebrauchen konnte; indem er sich überall im Hofe umsah. »Muß mir nur erst
-einmal einen Platz aussuchen, wo ich mich ein wenig ausruhen kann.« Er
-humpelte dabei auf einen, etwa funfzehn Schritt vom Haus entfernten Klotz
-zu, auf den er sich setzte und dabei seinen rechten Fuß in die Höhe nahm,
-als ob er Schmerzen darin habe.
-
-»Fehlt Euch etwas?« frug Betsy theilnehmend.
-
-»Hm, nichts Besonderes, bin nur damals, als wir auf der Flucht waren, mit
-dem Pferd gestürzt und habe mir ein Bischen weh gethan.«
-
-»Auf der Flucht?«
-
-»Ja,« sagte der Mann -- »die verdammten Sesesch kamen hinter uns her, und
-ich und der Sohn hier vom Hause --«
-
-»Bringt Ihr Nachricht von meinem Bruder?« rief Betsy rasch -- »oh Pa, hier
-ist ein Mann, der Jim kennt -- oh habt Ihr Nachricht von ihm.«
-
-»Weiter Nichts als einen Brief,« sagte der Fremde, indem er ein
-zusammengefaltetes Papier aus der Tasche nahm -- »aber nein Miß,« rief
-er, als Betsy hastig danach greifen wollte -- »habe ihm fest versprechen
-müssen, es nur in die Hände des alten Herrn selber abzugeben.«
-
-»Ein Brief? ein Brief von Jim?« rief jetzt auch der alte Mann, der vor
-Aufregung zitternd in die Thür trat, die zwei Stufen daran hinabstieg und
-auf den Fremden zueilte. »Oh gebt ihn her -- wie lange habe ich von dem
-Jungen Nichts gehört.«
-
-Der Fremde reichte ihm jetzt ohne Weiteres das Papier, das er mit bebenden
-Händen öffnete. Da knallte von der Fenz herüber, und kaum zwanzig Schritt
-von ihnen entfernt, ein Schuß und Betsy wandte sich rasch und erschreckt
-dorthin. In demselben Moment aber brach auch ihr Vater, das Papier noch in
-der Hand haltend, wo er stand zusammen, und mit einem Angstschrei warf
-sich die Tochter über ihn. Aber nicht lange sollte sie sich ihrem
-Schmerz hingeben dürfen. Wilder Lärm störte sie auf und als sie den Blick
-zurückwarf, sah sie fünf, sechs Männer über die Fenz springen. Die Hunde
-fuhren allerdings wie rasend auf sie ein, aber ebenso viele Revolverschüsse
-knallten ihnen entgegen und trieben sie heulend zurück, während Einer der
-Burschen -- der Jay-hawker mit dem geschwärzten Gesicht direct auf Betsy
-zusprang.
-
-»Hendricks!« schrie sie, wie sie nur den Blick auf ihn warf -- entsetzt und
-zurückbebend. »Feiger, nichtswürdiger Mörder!«
-
-»Miß Betsy,« sagte der Mann aber, und die geschwärzten Züge legten sich
-in drohende Falten, »Sie sind meine Gefangene. Sträuben Sie sich nicht; es
-würde Sie nur nutzlos einer rohen Behandlung aussetzen. Der ganze Platz ist
-umstellt, und unten am Strom liegt mein Canoe.«
-
-Betsy sah ihn starr an. Es war, als ob sie noch immer nicht einmal das
-ganze Fürchterliche der eben ausgesprochenen Drohung begriff. Aber der
-Bube sprach im Ernst; das Blut, das langsam aus dem Schlaf ihres armen
-gemordeten Vaters quoll, war ein entsetzlicher Zeuge des beabsichtigten
-Bubenstücks, und krampfhaft faßte sie mit beiden Händen ihre eigene Stirn
-und warf den Blick scheu und verstört umher. -- Aber auch nur für einen
-Augenblick, denn wie ein zündender Strahl durchzuckte sie der Gedanke:
-lieber den Tod als Schande.
-
-Das Grundstück ihres Vaters, wenigstens der Hofraum, innerhalb dessen die
-doppelte Blockhütte stand, lag unmittelbar am Ufer des Arkansas, der jetzt
-wohl im Steigen war, seine volle Höhe aber noch nicht erreicht hatte.
-Unmittelbar unterhalb der Farm stieg das Ufer allerdings mehr allmählich
-und mit kleinen Weiden- und Baumwollenholzschößlingen bewachsen, empor,
-dicht unter dem Haus aber fiel es steil ab in die wirbelnde Fluth und der
-alte Jenkins hatte diesen Platz nicht allein deshalb für den Bau seines
-Hauses gewählt, weil hier in dieser Gegend der höchste Uferpunkt war,
-sondern auch weil er hier nur an drei Seiten eine hohe Fenz zu errichten
-brauchte. In der konnte er dann einmal hineingetriebenes Vieh auch bequem
-halten, denn an der offenen Seite nach dem Strom zu war kein Stück im
-Stande auszubrechen.
-
-Der Verbrecher hielt natürlich eine Flucht des Mädchens für unmöglich, denn
-fünf, sechs wilde Gestalten schwärmten schon über den Hof und wenn sich
-auch die meisten mit dem Haus selber beschäftigten, sah Betsy doch zwei
-der Buben schon auf sich zu kommen und daß sie -- erst einmal in _deren_
-Händen, kein Erbarmen zu erwarten hatte, wußte sie. Noch einmal hob sie
-scheu und wild den Blick zu Hendricks auf, aber der Blick genügte auch.
-Schon streckte der Bube selbst den Arm nach ihr aus, um sie zu umfassen,
-aber selbst unter seinen Händen stürzte sie fort. -- An eine Waffe
-dachte sie wohl dabei, und hätte sie eine erreichen können, so wäre es um
-Hendricks geschehen gewesen. Aber wie konnte sie -- ein einzelnes schwaches
-Wesen, der _Bande_ Widerstand leisten.
-
-Ehe der rasch ausgreifende Arm des Buben sie erreichte, war sie ihm schon
-entschlüpft und mit Sätzen, so flüchtig wie ein gejagter Hirsch, flog sie
-gegen das schroffe, abschüssige Ufer des Arkansas zu.
-
-Hendricks folgte ihr im Nu und es gab keinen rascheren Läufer in der Range,
-aber gleich beim Ansprung stolperte er über die Leiche des alten Mannes,
-die Entfernung bis zum Uferrand betrug überdieß kaum mehr als zwanzig
-Schritt. Als er sich rasch wieder aufgerafft und schon die Hand
-ausstreckte, um Betsy's wehendes Kleid zu erfassen, hatte sie den Rand
-erreicht und warf sich mit einem Angstschrei in die gelbe gurgelnde Fluth
-hinab.
-
-Hendricks schrak zurück, denn fast wäre er ihr selber in der Wucht des
-Laufes, nachgestürzt. Aber konnte sie ihm selbst jetzt entgehen? sein Canoe
-lag gleich unterhalb -- zwei seiner Leute warteten darin.
-
-»Teufel,« zischte er aber zwischen die Zähne durch, als er erst jetzt
--- bis dahin völlig mit seinem Bubenstück beschäftigt -- das gerade
-aufkommende kleine Dampfboot entdeckte, das indessen fast unter der Landung
-angelangt und so geräuschlos aufgerückt war, da die steile Uferbank
-den Schall dämpfte. Von diesem aber war schon ein Boot abgestoßen,
-das jedenfalls Passagiere etwas weiter unten absetzen wollte und das
-hinabspringende Mädchen mußte von ihnen gesehen, ihr Schrei jedenfalls
-gehört sein, denn im Nu wandte sich der Bug des kleinen Bootes stromauf.
-
-In wilder Wuth, sich so getäuscht zu sehen, riß der Räuber die Büchse an
-die Backe -- er wollte Rache -- aber die Waffe war ja, nach dem Schuß,
-der den alten Jenkins so feige niedergeworfen, noch nicht wieder geladen
-worden.
-
-Ein zweiter Blick überzeugte ihn aber auch, daß die Leute im Boot
-bewaffnet, daß es Soldaten waren, und schon pfiff eine Kugel dicht an
-seinem Ohr vorüber, die, aus dem Boot abgefeuert, wohl nur durch das
-Schwanken desselben ihr Ziel verfehlt hatte.
-
-»Wo kommen die Canaillen jetzt auf einmal her,« rief einer seiner
-Kameraden, der zu ihm gesprungen war, aber auch bei dem Schuß zurückfuhr.
-»Ich werde ihnen einmal ein Stück Blei hinüber schicken.«
-
-»Fort! fort!« rief aber Hendricks, der todtenbleich geworden war, »das ist
-der Sohn dessen da« -- und scheu zeigte er nach der Leiche -- »fort.«
-
-»Aber so viel Zeit haben wir doch wahrhaftig,« rief sein Gefährte, »daß
-wir das Nest erst noch plündern und in Brand stecken können. Die brauchen
-wenigstens noch eine Viertelstunde, ehe sie zu uns hier heraufkommen
-können.«
-
-»Fort,« wiederholte aber Hendricks und warf scheu den Blick umher, als
-ob er schon jetzt das Nahen der Rächer fürchte -- »der Platz wird hier zu
-warm. Säumen wir nur noch Minuten hier, so sind wir verloren.« Und ohne
-nur einen weiteren Einwurf abzuwarten, ja ohne sich selbst Zeit zu nehmen,
-seine Büchse wieder zu laden, sprang er über den freien Hofplatz an der
-Leiche vorbei, hinaus aus der Fenz, warf sich auf sein Thier und floh damit
-in den Wald hinein.
-
-Die Uebrigen hätten den einmal gewonnenen Platz allerdings nicht gern
-sogleich wieder verlassen. Die Furcht des Kameraden schien aber auch sie
-anzustecken.
-
-Jenkins Frau, die wieder krank auf ihrem Bett gelegen, war aufgesprungen
-und erfüllte jetzt, als sie die Leiche des Gatten am Boden liegen sah, die
-Luft mit ihrem Wehegeschrei, die verwundeten Hunde heulten, und der scharf
-ausgestoßene Dampf des kleinen Bootes, dicht unter der Farm, machte das
-Ganze ebenfalls unruhig genug. Es war den Schurken selber nicht mehr recht
-geheuer da oben, und was sie nur im Moment fassen konnten, die Büchsen im
-Haus und die Kugeltaschen, griffen sie auf und folgten dann, nicht
-viel langsamer als Hendricks ihnen vorangegangen war, dem Führer in das
-Dickicht.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Die Rückkehr.
-
-
-Zu spät -- zu spät nur um wenige Minuten kam die Hülfe, weil das Boot
-auf der Sandbank festgesessen! Hatte denn Gott selber gewollt, daß so
-Furchtbares geschehen sollte, wo es so leicht gewesen war, es abzuwenden,
-oder herrscht nur ein blinder Zufall auf dieser Welt, der eben geschehen
-ließ, was geschah, ohne sich weiter darum zu kümmern?
-
-Jim Jenkins kniete neben der Leiche seines gemordeten Vaters. Nur die
-Schwester hatte er mühsam mit dem Boot gerettet, und mit wenigen Worten, ja
-nur mit den zwei Silben -- Hendricks -- das Furchtbare erfahren.
-
-John Wells, der mit ihm zurückgekehrt, war den Verbrechern mit Cook und
-noch einigen andern zur Begleitung nachgeeilt, um sich nur wenigstens der
-Richtung zu vergewissern, in der sie geflohen wären. Daß ein Canoe unten
-an der Landung lag, hatten sie gar nicht beachtet, und die beiden dabei
-gestörten Räuber sich wohl gehütet, aus den Büschen herauszukommen, in
-welche sie sich bei der Ankunft des Dampfers zurückgezogen. Jetzt erst, als
-dieser vorüber war, drückten diese sich wieder in ihr schwankes Fahrzeug,
-und Jenkins eigenes Canoe ebenfalls abschneidend, nahmen sie es mit stromab
-zu dem schon früher mit den Genossen besprochenen Versteck. Dadurch machten
-sie eine Verfolgung auf dem Strom vor der Hand unmöglich, und daß sie im
-Wald niemand finden sollte, dafür wollten sie schon Sorge tragen.
-
-Nach einer Stunde etwa kehrte der junge Wells zurück. Da sie ohne Pferde
-waren, hätte es ihnen ja gar nichts geholfen, eine Verfolgung aufzunehmen,
-noch dazu, da sich die Jay-hawker in der bedeutenden Mehrzahl befanden
-und doch außer Zweifel alle gut bewaffnet waren. Jim war indessen um seine
-ohnmächtig gewordene Mutter bemüht, die er anfangs ebenfalls für todt
-hielt, aber unter seinen Liebkosungen erholte sich die alte Frau wieder,
-und Betsy, die in der Nähe und unter dem Schutz des Bruders und Bräutigams
-rasch jede Furcht verlor, war, nachdem sie sich umgekleidet, an seiner
-Seite.
-
-Und jetzt mußte sie erzählen, was hier in den letzten Monden vorgefallen --
-eine ununterbrochene Schreckensgeschichte von Mord und Blut, und John Wells
-stand dabei, die Zähne fest aufeinander gebissen, das Antlitz vollkommen
-blutleer, die Augen stier und fast geisterhaft auf den Mund der Sprechenden
-geheftet.
-
-Und woher sie selber kamen? Mit wenigen Worten war das berichtet. Sie
-hatten sich dem Heer zutheilen lassen, das bestimmt war, Little Rock
-zu nehmen. Nur so konnten sie hoffen, dem nichtswürdigen Treiben der
-Sesesch-Partei in Arkansas rasch ein Ende machen zu helfen. Die Eroberung
-war aber leicht gewesen und als sie -- in Little Rock angekommen -- die
-Kunde von zahlreichen hier verübten Verbrechen hörten, hatten sie Urlaub
-genommen, um die Ihrigen selber zu besuchen und zu hören, wie es hier
-stehe. _Das_ Furchtbare freilich konnten sie nicht erwarten.
-
-Aber es waren keine Naturen, die sich lange einem nutzlosen Schmerz
-hingegeben hätten. Vor allen Dingen mußten sie Pferde haben, um an irgend
-eine Verfolgung denken zu können und auf der eigenen Farm fanden sie auch
-kein einziges Stück Vieh mehr. Die Jayhawker mit ihrer, wie es schien,
-weitverzweigten Verbindung, hatten schon Alles, was sie erreichen konnten,
-fortgetrieben und nicht einmal vermuthen ließ es sich, nach welcher
-Richtung sie die verschiedenen gestohlenen Thiere geschafft hatten.
-Klingelhöffer allein, als ziemlich nächster Nachbar konnte da vielleicht
-aushelfen und John Wells übernahm es, ihm die Trauerkunde von dem Tod
-seines alten Freundes Jenkins zu bringen, um seine Hülfe in der Verfolgung
-der Räuber zu erbitten.
-
-Jim indessen, von den Freunden dabei unterstützt, schaufelte ein Grab für
-den Vater in seinem kleinen Garten aus, dann legten sie den alten wackeren
-Mann hinein, breiteten Bretter und Stützen über ihn, daß die eingeworfene
-Erde nicht auf die Leiche pressen konnte und wölbten den Hügel über der
-einfachen Gruft.
-
-Kein Wort wurde dabei gesprochen, kaum noch eine Thräne von den Männern
-vergossen, denen jetzt nur das nagende Gefühl der Rache das Herz
-zusammenzog, und der Gedanke verscheuchte unerbittlich alle anderen.
-Allerdings waren sie sich noch nicht klar, wie sie den gemeinsamen Feind
-erreichen konnten, aber was that das? Ihr ganzes Leben hatte jetzt
-kein anderes Ziel und wie der Bluthund auf der Fährte waren sie fest
-entschlossen, nicht nachzulassen bis an's Ende.
-
-Abends kehrte John Wells zurück. Klingelhöffer stellte ihnen alle seine
-Pferde zur Verfügung und würde sie selber begleitet haben, aber ein
-heftiger Rheumatismus hatte ihn wieder auf sein Lager geworfen, um das
-herum aber nichts destoweniger seine geladenen Gewehre standen. Er schwur,
-daß er so lange schießen werde, als er noch einen Finger krumm biegen
-könne, und dann möchten sie ihm selber den Hals abschneiden und verdammt
-sein.
-
-Die einzige Hülfe, die sie noch erwarten konnten, lag in Perryville selber,
-an das sich die Räuber natürlich nicht getrauten, wenn sie auch in der Nähe
-herum Alles an Pferden gestohlen hatten, was sie nur bekommen konnten. Die
-jungen Backwoodsmen aber durften keinen von ihrer kleinen Schaar dorthin
-senden, um sich nicht zu schwächen und Jenkins jüngster Bruder, ein Knabe
-von zehn Jahren, der bei dem Ueberfall gerade im Walde gewesen, wurde
-deshalb abgeschickt. Allerdings war es eine starke Tagereise für den
-kleinen Burschen, aber er ging ja oft schon allein Tage lang auf die Jagd
-und kannte auch genau den Weg.
-
-Die jungen Leute brachen jetzt zur Verfolgung der Mörder auf, während sie
-Betsy indessen mit der Mutter zu Klingelhöffers nicht sehr fernem Hause
-schickten. An der Fähre wohnten ja Leute, die sie über die Fourche setzen
-konnten. In dieser Richtung hin hatten sie auch nichts zu fürchten, und
-selbst die von Perryville erbetene Hülfe war dorthin bestellt, wo sie sich
-mit ihnen vereinigen wollten.
-
-Aber all' ihr Suchen war vergebens. Bis zum Mamelle hinüber, alle die
-Bergrücken südlich am Fourche la Fave liefen sie ab, und scharfe Augen
-waren es, die den Fährten folgten; nirgends ließ sich jedoch eine frische
-Spur der Räuber in den Bergen erkennen. Weiter oben, mehr nach Westen
-zu, fanden sie allerdings ein paar alte Lagerplätze, die es unzweifelhaft
-ließen, daß sich die Jay-hawker dort eine ganze Zeitlang, vielleicht sogar
-eine Woche aufgehalten, aber diese Stellen hatten sie auch ebenso sicher
-wieder, und zwar nicht erst seit Kurzem verlassen, denn die ausgebrannten
-Kohlen waren vom Regen überwaschen worden. Die ganze Richtung, der sie
-bis dahin gefolgt, ging von dem oberen Fourche nach dem unteren, und
-die einzigen bisher verschonten Wohnplätze waren die, durch ihre Lage
-begünstigte Klingelhöffersche, und die benachbarte Farm gewesen. Man
-durfte also fast annehmen, daß sie ihre Wirksamkeit am Fourche als beendet
-betrachten mußten, und wohin konnten sie sich nun von hier gewendet haben?
-Außerdem lief der erhaltene Urlaub der jungen Leute auch bald wieder ab und
-was dann? Durften sie daran denken, die Ihrigen in einer solchen bedrohten
-und auf's Aeußerste gefährdeten Gegend schutzlos zurückzulassen?
-
-Sie waren zu Klingelhöffer hinübergeritten, um mit diesem das Weitere zu
-berathen. Der alte Mann fühlte sich heute etwas wohler und saß mit ihnen
-und fünf von Perryville heruntergekommenen Farmern vorn auf der schmalen
-Veranda seines Hauses, von der man den Arkansas überschauen konnte, und
-den hier ziemlich breiten Strom dicht zu Füßen hatte. Aber er wußte selber
-keinen Rath, denn das Land bot jetzt zu viele Schlupfwinkel, wo sich ein
-ganzes Heer hätte verbergen können, vielmehr denn ein kleiner Trupp von
-Leuten, denen nur daran gelegen war, eine kurze Zeit verborgen zu bleiben.
-
-In ruhigen Jahren, ja, da hatte den Fourche la Fave der offenste,
-herrlichste Wald umgeben, mit großen stattlichen Bäumen wohl, aber lichtem
-Unterholz, denn die Jäger hielten schon darauf, daß im Winter das trockene
-Gras und Gestrüpp ordentlich und regelmäßig abgebrannt wurde. Dadurch
-bekam nicht allein das Vieh, sondern auch das Wild gleich im Frühjahr
-junge saftige Aesung und der Jäger konnte, wenn er durch den Wald pirschte,
-diesen nach allen Richtungen hin überschauen. Jetzt dagegen war Alles total
-verwildert, und die Niederung nicht allein von Dornen und Sassafras-Büschen
-dicht durchwachsen, nein selbst an den Hängen war ein so üppiger junger
-Kiefer- und Hickoryschlag emporgewachsen, daß man sich nicht selten selbst
-mit dem Messer Bahn hauen mußte, um nur durchzukommen. Wer sich dort
-verstecken wollte, konnte es gewiß, und war auch vor Entdeckung sicher,
-wenn ihn der Zufall nicht einmal verrieth.
-
-Vertheilten sich aber sämmtliche noch waffenfähige Männer über die Berge,
-so blieben sie nicht allein der Gefahr ausgesetzt, von dem geschlossenen
-Trupp einzeln aufgerieben zu werden, sondern wer bürgte ihnen dann dafür,
-daß sich die jetzt schon keck und übermüthig gewordene Bande indessen nicht
-auf die übrigen Häuser, ja in diesem Fall selber nach Perryville hineinwarf
-und den letzten Zufluchtsort zerstörte.
-
-Noch während sie sprachen, hatte Klingelhöffers Blick an dem gegenüber
-liegenden Ufer gehangen, an dem sich den Sommer hindurch eine breite helle
-Sandbank bis über die Hälfte des Stromes ausdehnte. Jetzt aber reichte der
-Strom bis ziemlich an die jungen Baumwollenholz-Schößlinge hinan, die den
-Wald der Niederung ränderten, und nur ein schmaler hellerer Streifen
-war noch übrig geblieben, auf dem man jetzt, aber genau und scharf
-abgezeichnet, die dunkle Gestalt eines Mannes erkennen konnte, der sich den
-Fluß hinaufwandte. Klingelhöffer deutete mit seinem Arm hinüber und sagte:
-
-»Dort drüben geht Jemand.«
-
-»Wo?« -- rief Jim -- »ah dort! oh das wird ein Jäger sein.«
-
-»Nein, er geht zu rasch. Da hinauf zu kann er aber auch kein anderes Haus
-erreichen, denn die =slews= sind jetzt voll Wasser.«
-
-»Vielleicht sieht er nach seinem Vieh. Es wird der alte Boyles sein, der
-nach seinen Pferden sieht -- ein Sesesch wie er im Buche steht.«
-
-»Jetzt ist er in den Wald hinein,« sagte Wells.
-
-Die Männer hielten noch einen Augenblick die Augen auf die Stelle geheftet,
-denn in dieser Zeit erweckte auch das Kleinste und Unbedeutendste Verdacht.
-
-»Da kommen mehrere aus dem Wald,« rief da plötzlich Jim Jenkins, in der
-Erregung des Augenblicks von seinem Stuhl emporfahrend. »Ob sie uns hier,
-von dort aus sehen können?«
-
-Mehrere Minuten beobachteten die Männer schweigend das, was sich da drüben
-augenscheinlich am Waldrand regte, endlich sagte Klingelhöffer, dessen
-Augen noch scharf wie die eines Luchses waren:
-
-»Dort ist noch immer nur ein Mann zu sehen, aber er schleppt ein Canoe aus
-den Büschen heraus. Wenn es Mehrere wären, würden sie ihm helfen.«
-
-»Klingelhöffer hat Recht,« sagte Wecks. »Jetzt kommt er damit in's Freie;
-er will in den Strom hinaus.«
-
-»Es ist besser, wir ziehen uns in's Haus zurück,« meinte Jenkins. »Es
-braucht Niemand zu wissen, daß wir hier so zahlreich versammelt sind.«
-
-»Vielleicht kommt er herüber.«
-
-»Wir werden's bald sehen. Er ist schon damit am Wasserrand. Ob das Boyles
-selber sein kann?«
-
-Die Männer hatten sich langsam von der offenen Veranda in das Haus gezogen.
-Nur Klingelhöffer blieb draußen sitzen und es war bald keinem Zweifel mehr
-unterworfen, daß das Canoe von drüben herüber halte und den Landungsplatz
-an der diesseitigen Farm zu erreichen suchte, denn der Rudernde hielt den
-Bug immer seitwärts stromauf, damit er von der starken Strömung nicht
-zu weit hinab geführt würde. Wer es sei, ließ sich allerdings noch nicht
-erkennen, da der Mann gebückt im Canoe saß und einen alten Strohhut noch
-außerdem über die Augen gezogen hatte, aber das mußte sich bald auch
-entscheiden, denn jetzt erreichte er schon fast die über der Farm liegende
-felsige Spitze und indem er sein etwas schwankes Fahrzeug treiben ließ,
-lenkte er es gleich darauf in den Sand-Einschnitt von Klingelhöffer's Ufer,
-in welchem schon dessen Skiff befestigt lag.
-
-»Boyles! wahrhaftig,« rief Jim Jenkins, der jetzt auf die Veranda
-hinausgetreten war, denn vor dem einzelnen Nachbar brauchten sie sich nicht
-mehr zu verstecken -- »Hallo, Boyles, woher kommt Ihr und wo wollt Ihr
-hin?«
-
-Boyles sah auf und erkannte den noch immer in der Uniform steckenden jungen
-Mann nicht gleich. Die Uniform selber gefiel ihm ebenfalls nicht, denn er
-war mit Leib und Seele Sesesch -- ja, einen Moment schien es fast, als
-ob er nicht übel Lust habe, wieder mit seinem Canoe zurückzukehren.
-Klingelhöffer selber machte aber seinen Zweifeln ein Ende:
-
-»Kommt herauf Mann, Ihr seid hier unter Freunden und habt Nichts zu
-fürchten. Kennt Ihr Jim Jenkins nicht mehr?«
-
-»Jim, bei Gott!« sagte Boyles -- »das ist recht -- den wollte ich gerade
-sprechen -- das trifft sich glücklich;« er sprang jetzt die steile Sandbank
-mehr hinauf, als er sie stieg und stand auch wenige Minuten später inmitten
-der jungen Leute, die ihn wohl freundlich aber trotzdem nicht herzlich
-grüßten. Boyles war ihnen nie ein angenehmer Nachbar gewesen und daß er
-sich so ganz zur Partei der Sclavenhalter schlug, auch selber der Einzige
-fast in der ganzen Nachbarschaft war, der Neger hielt, konnte sie ihm nicht
-geneigter machen.
-
-Von den Negern waren übrigens nur noch zwei auf der ganzen Plantage
-geblieben, die Uebrigen aber, sobald die Unionisten dort einrückten, nach
-Little Rock gelaufen. Was sollten sie jetzt noch arbeiten, wo sie freie
-Leute geworden waren. Boyles selber mochte auch früher wohl zwischen den
-einfachen Backwoodsmen ein wenig den Pflanzer gespielt, und sich etwas
-vornehmer als die Nachbarn gedäucht haben. Er war in der That reicher
-und sein Haus wohnlicher und bequemer eingerichtet gewesen als die der
-Uebrigen, bis die Emancipation der Neger auch ihn ruinirte, oder doch
-wenigstens seine großen Plantagen, deren er zwei besaß, werthlos machte.
-
-Die eine in Missouri liegende, hatte er aber glücklicher Weise vor kurzer
-Zeit noch zu einem ziemlich guten Preis verkaufen können, denn gerade jetzt
-glaubten manche Farmer im Norden einen guten Handel zu machen, wenn sie
-sich ohne Sclavenarbeit im Süden niederließen. Allerdings war das erste
-immer ein Experiment, aber es fand trotzdem Nachahmer, und die südlichen
-Pflanzer, die nach dem Fall von Vicksburg die Unterwerfung des Südens mit
-Recht für unausbleiblich hielten, verkauften unter solchen Umständen nur zu
-gern.
-
-Klingelhöffer wunderte sich allerdings, daß gerade Boyles ihm einen Besuch
-abstattete; denn wenn sie auch miteinander in Frieden lebten, hatten sie
-sich -- schon ihrer verschiedenen politischen Ansichten wegen -- bisher
-viel eher gemieden als gesucht. Er sollte aber darüber bald eine Erklärung
-erhalten, denn kaum betrat Boyles das Haus, als er auch schon ausrief:
-
-»Gott sei ewig gedankt, daß ich hier brave und wackere Männer finde, die
-einen Freund gegen Räuber und Mörder schützen können.«
-
-»Hallo,« rief John Wells, von seinem Stuhl aufspringend, denn er selber
-haßte den alten Boyles, mit dessen Sohn er auch früher einmal Streit
-gehabt, und nahm deshalb wenig Notiz von ihm. Seine Worte aber machten ihn
-aufmerksam, denn sie deuteten auf das Einzige, was in diesem Augenblick
-seine ganze Seele füllte -- die Spur der Jay-hawker -- »wißt Ihr was von
-den Schuften? -- Haben sie Euch ebenfalls einen Besuch abgestattet?«
-
-»Ach was,« rief Jenkins; »wir haben ja ihre Spuren in den Wald hinein
-verfolgt. Nach dem Mamelle werden sie hinüber sein -- nicht über den
-Arkansas.«
-
-»Nein,« rief Boyles rasch, -- »drüben sind sie -- vorgestern haben sie den
-Strom etwa drei Miles unterhalb in zwei großen Canoes gekreuzt -- Warner,
-der gerade von Little Rock kam, hat sie gesehen.«
-
-»Da ist dann unser Canoe dabei,« sagte Jim, »das die Schurken neulich bei
-dem Mord gestohlen haben. Aber wo sind sie jetzt?«
-
-»Weit können sie nicht sein,« erwiderte Boyles, »denn gestern waren sie bei
-Auburn drüben -- der alte Auburn behielt kaum noch Zeit, in den Sumpf zu
-flüchten, wo er sechzehn Stunden in Schlamm und Wasser stecken blieb, ehe
-er sich wieder hinausgetraute. Dort aber hat ihnen der eine Neger erzählt,
-daß ich meine eine Farm verkauft und viel Geld im Hause hätte, und Auburn's
-kleiner Junge war eben bei mir, um sich ein Stück Fleisch zu borgen, weil
-die Räuber Alles, was sie an Lebensmitteln fanden, fortgeführt, und der
-sagte mir, ich solle mich vorsehen, denn sie hätten gelacht und gemeint,
-ich würde wohl so gut sein und mit ihnen theilen.«
-
-»Und habt Ihr das Geld wirklich im Haus?«
-
-»Gott bewahre, das liegt sicher genug in Little Rock, aber das wissen ja
-die Schufte nicht und werden es jetzt bei mir wie bei dem armen alten Hogan
-machen. Frau und Kinder hab' ich auch deshalb mit den beiden Negern gleich
-nach Auburn's hinübergeschickt, denn zweimal kommen sie nie auf einen
-Platz, und ich selber hatte die Absicht, hier bei Euch Schutz zu suchen,
-Klingelhöffer, bis die Gefahr vorüber ist. Mögen sie mir da drüben Alles
-verwüsten und das Haus in Brand stecken. Ich kann es nicht hindern -- aber
-ich will doch nicht von ihnen todtgeschossen werden oder meine Familie
-ihren Mißhandlungen aussetzen.«
-
-»Und Ihr glaubt wirklich, daß sie die Absicht haben, Euer Haus zu
-überfallen?« frug der junge Cook.
-
-»Ich bin fest davon überzeugt. Dort in der Nachbarschaft liegt weiter keine
-einzelne Farm und lange werden sie sich hier nicht mehr halten können,
-denn wie ich gehört habe, will General Steene die beiden Counties besetzen
-lassen, um diesem Räuberwesen ein Ende zu machen.«
-
-»Ja wohl, jetzt kommen sie,« brummte Klingelhöffer, »wo die Canaillen schon
-alles nur erdenkliche Unheil angerichtet, und Botschaft nach Botschaft
-haben wir seit Wochen hinein in die Stadt gesandt. Gott bewahre, nicht
-einmal Munition durften wir hinausbringen, um uns selber zu schützen.«
-
-»Und wißt Ihr ganz bestimmt, daß die Jay-hawkers, die auf dieser Seite ihr
-Wesen trieben, jetzt über den Fluß gegangen sind?« frug Wells.
-
-»Es giebt keine zweite solche Bande in der Nachbarschaft,« versicherte
-Boyles, »und daß diese mit ihren Pferden über den Strom gesetzt ist, hat
-Warner mit eigenen Augen gesehen.«
-
-»Dann können sie aber auch eben so gut mit ihren Booten zu _mir_
-herüberkommen,« meinte Klingelhöffer, »denn was sie bis jetzt von mir
-abgehalten hat, war weiter nichts als die Furcht, hier auf der Landspitze
-einmal von irgend einem Trupp Bewaffneter abgeschnitten zu werden.«
-
-»Aber sie haben keine Canoes mehr,« rief Boyles. »Warner war nicht von
-ihnen gesehen worden und hielt sich in seinem Versteck, bis sie die beiden
-Fahrzeuge, gleich über der zweiten Sandbank unten, wo die kleine Slew
-einmündet, in die Büsche hineingezogen und versteckt hatten, und als er
-sich ganz sicher wußte, schlich er sich dort hinein und wollte die Canoes
-in den Strom schieben und forttreiben lassen, aber er war dazu allein nicht
-im Stande und hat deshalb ganz in der Stille und gerade zwischen ihnen ein
-tüchtiges Feuer angezündet, bei dem er blieb, bis er sie völlig zerstört
-wußte. In _den_ Canoes setzen sie gewiß nicht wieder über den Arkansas.«
-
-»Dann ist auch Hoffnung, daß wir sie drüben erwischen,« rief Cook rasch.
-»Wie wär's, wenn wir das Haus besetzten? nachher laufen sie uns gerade in
-die Hände.«
-
-»Hm,« sagte Wells, »ich habe auch schon darüber nachgedacht, aber -- wie
-viel waren in den Canoes, die Warner gesehen hat?«
-
-»Er behauptet, es müßten etwa zehn oder elf gewesen sein. Natürlich
-wagte er sich nicht zu weit hinan, denn wenn sie ihn entdeckten, wäre er
-jedenfalls verloren gewesen.«
-
-»Und sie denken Geld bei Euch zu finden?« frug Jenkins.
-
-»Sie wissen, daß ich meine Farm in Missouri verkauft und das Geld dafür
-erhalten habe. Soviel hat ihnen der schurkische Neger erzählt. -- Sie
-werden jetzt vermuthen, daß ich es versteckt halte.«
-
-»Die Canaille verdient gehangen zu werden.«
-
-»Verdient hat er's,« sagte Boyles, »denn wie ich höre soll er sich den
-Schuften angeschlossen haben, was also jetzt etwa elf oder zwölf Mann
-für die Bande machen würde, wenn sie sich nicht außerdem verstärkt hat.
-Verdächtiges Gesindel trieb sich wenigstens die letzte Zeit gerade genug am
-Arkansas herum.«
-
-»Laßt uns die Nacht hinüberfahren,« rief da Wells, -- »verdammt, wenn
-wir uns ordentlich eintheilen, laufen sie uns gerade in die Büchsenläufe
-hinein.«
-
-»Ihr glaubt, daß sie bei Euch nach vergrabenem Gelde suchen werden?« fragte
-Jenkins.
-
-»Dasselbe war wenigstens bei Hogan der Fall, bei dem sie Silber vermutheten
-und der arme Teufel hatte wohl kaum einen Viertel Dollar Silber im Hause.«
-
-»Sie kommen sicher,« rief Wells, mit der Hand auf den Rand der Veranda
-schlagend, »wenn wir uns in dem Hause eintheilen, haben wir sie.«
-
-Jenkins schüttelte mit dem Kopf und sagte:
-
-»So weit _ich_ das Haus kenne, glaub' ich es nicht. Es ist kein Logcabin,
-wo man nach allen Seiten Schießscharten öffnen kann, sondern von behauenen
-Balken aufgesetzt und mit Brettern beschlagen und die Fenster liegen alle
-nach dem Fluß hin, während sich die Thür hinten befindet. Dicht darum her
-stehen aber die kleinen Negerhäuser, jetzt wahrscheinlich alle leer und ich
-kann mich nicht so genau auf den ganzen Platz besinnen, ob man durch diese
-hin muß und durch sie verdeckt wird, wenn man zum Hause kommt oder ob sie
-mehr Seit' ab liegen.«
-
-»Mr. Jenkins,« bemerkte Boyles, »Sie haben Recht. Die Negerhütten liegen
-der Art, daß man von ihnen verdeckt bis dicht an das Haus hinan kann.
-Ich weiß, wie mich das die paar Stunden, die ich heute noch drüben war,
-beunruhigt hat, weil ich jeden Augenblick fürchtete, sie möchten sich an
-denen hin heranschleichen.«
-
-»Und wenn wir nun die Negerhütten besetzten?« fragte Cook.
-
-»Ja, das wäre ganz gut, wenn man genau wüßte, ob sie den Weg oder vom
-Wald herein kämen. In der Nacht ist es aber ebenfalls schlimm. Wir haben
-freilich jetzt Vollmond, aber gerade um das Haus herum stehen die Hickory-
-und Pfirsichbäume, und der wilde Wein, den ich an die letzteren angepflanzt
-habe, hat sie dicht und undurchsichtig gemacht.«
-
-»Ich will Euch etwas sagen,« meinte Jenkins, der den Platz da drüben
-genau kannte, weil er selber früher dort viel jagte -- »Ihr kennt doch die
-künstliche Salzlecke gleich im Rohr drin, Boyles, die ich selber einmal
-angelegt?«
-
-»Gewiß -- sie liegt ja keine zweihundert Schritt von meiner Fenz, und es
-führt sogar ein kleiner Pfad hin, den sich die Kühe gemacht.«
-
-»Dieselbe,« sagte der junge Mann, »gleich daran, wenn man von Eurem Hause
-hinüber geht, ist doch die kleine runde Waldblöße, die genau so aussieht,
-als ob Menschen selber dort Bäume und Büsche sorgfältig ausgerodet hätten,
-denn nicht einmal ein Strauch wächst darauf, nur hohes Gras und ein paar
-Grün-Dornen.«
-
-»Ganz recht, aber was damit?«
-
-»Habt Ihr Niemanden mehr im Haus drüben?«
-
-»Keine Seele -- der Platz ist jetzt vollkommen verlassen, denn _ich_ konnte
-ihn allein nicht schützen, und wenn sie mir ihn abbrennen, so muß ich's
-eben ertragen.«
-
-»Habt Ihr Courage, Boyles?«
-
-»Gegen einen offenen Feind, ja,« sagte der Mann, »aber nicht gegen diese
-Halunken. Denkt nur daran, wie heimtückisch sie Euren eigenen Vater
-erschossen haben.«
-
-»Ihr würdet nicht wieder hinübergehen und in dem Hause bleiben?«
-
-»Nicht für hunderttausend Dollar,« erwiederte Jener bestimmt, »denn ich
-weiß, daß sie mir nie etwas nützen könnten. O dieser unselige Krieg. Was
-für Elend hat der schon über das Land gebracht.«
-
-»Wenn Ihr nur anfangt es einzusehen,« sagte Jenkins düster -- »aber was
-geschehen, läßt sich eben nicht mehr ändern -- es muß ertragen werden
-und nur das bleibt übrig, diese Schurken, die weder Freund noch Feind
-angehören, wo wir sie fassen können zu züchtigen, und darin können wir uns
-getrost die Hand bieten. Wo ist mein Bruder Bill, Klingelhöffer? war er
-nicht vorhin hier?«
-
-»Er wird drüben in der Corncrib mit den Mädchen sein,« antwortete der
-Deutsche -- »ich hörte, daß sie vorhin davon sprachen. Was soll er?«
-
-»Wir müssen Jemanden im Hause drüben haben,« sagte der junge Mann finster
-und entschlossen -- »Laßt mich nur machen -- ich glaube, ich habe den
-richtigen Plan -- jedenfalls ist es ein Versuch; Bill aber, so klein er
-sein mag, ist ein ganz gescheuter und durchtriebener Bursche, der seine
-Sache schon geschickt machen wird.«
-
-»Ihr wollt doch, um Gottes Willen, den Knaben nicht drüben allein lassen,
-wenn die Jayhawker das Haus überfallen?« rief Boyles erschreckt.
-
-»Allerdings will ich das, aber sorgt Euch nicht deshalb. Bill und ich
-werden das schon in Ordnung bringen. Ueberlaßt das mir. Ich habe _mein_
-Leben eingesetzt, des Vaters niederträchtigen Mord zu rächen, der Knabe
-setzt das seine mit Freuden dafür ein, deß seid versichert -- laßt mich nur
-mit ihm sprechen. -- Noch eins, Boyles -- habt Ihr Kienholz drüben an Eurem
-Haus?«
-
-»Nein -- was wollt Ihr damit? Kienholz wächst ja nicht drüben im Bottom.«
-
-»Hier liegt genug,« sagte Klingelhöffer -- »was wollt Ihr damit?«
-
-»Ich erkläre Euch Alles nachher, vorher aber muß ich mit Bill sprechen,«
-und ohne den Männern weiter zu antworten, ging Jenkins hinaus, um den
-Bruder aufzusuchen und die nöthige Abrede mit ihm zu nehmen.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Der Hinterhalt.
-
-
-Bill Jenkins war noch fast ein Kind, aber Kinder in jenen wilden Wäldern
-aufgezogen, wo sie schon täglich nicht selten sechs oder acht Miles allein
-durch den Wald reiten müssen, um nur zum Schulhaus zu gelangen, sind nicht
-mehr das, was sie, in unseren Verhältnissen aufgewachsen, sein würden.
-Der kleine Bill, der kaum eine Büchse tragen konnte, war schon ein ganz
-vortrefflicher Schütze, und wenn er auch eine Holzgabel mit in den Wald
-nehmen mußte, um die Waffe beim Schießen aufzulegen, so hatte er doch in
-seinem neunten Jahr schon ganz allein einen großen Panther im Wald erlegt
-und sogar einmal einen Bären so verwundet, daß ihn sein Vater nachher
-mit den Hunden einholen und erlegen konnte. Es mag sein, daß er sich der
-Gefahr, die er dabei lief, nicht recht bewußt gewesen, aber er würde sie
-auch trotzdem nicht geachtet haben, und auch jetzt ging er mit Freuden und
-vollem Eifer auf des Bruders Plan ein, ja jubelte laut auf, als er erfuhr,
-daß er selber etwas mit dazu beitragen solle und könne, den verruchten
-Mördern ihre That heimzuzahlen. Es bedurfte auch keiner langen Erklärung,
-denn er begriff im Augenblick, was man von ihm verlange und brannte jetzt
-selber vor Begier, den an seinem Vater verübten Mord gerächt zu sehen.
-
-So lange es Tag war, durften sich aber die Männer -- denn die von
-Perryville herübergekommenen erboten sich augenblicklich Theil an dem
-Unternehmen zu haben, da sie selber ja ebenso durch die immer mehr
-wachsende Bande bedroht blieben -- nicht über den Strom einschiffen, da
-man nicht wissen konnte, ob die Jayhawker nicht etwa das Ufer überwachen
-ließen. Mit einbrechender Dunkelheit waren sie aber fertig gerüstet, und
-da der Mond etwa um sieben Uhr aufging, behielten sie auch reichlich genug
-Zeit, um ihren Versteck zu erreichen. Klingelhöffer, der sie nicht selber
-begleiten konnte, da ihn sein Kreuz immer noch plagte, und der auch sein
-Haus, bei solcher Nachbarschaft, nicht ganz ohne Schutz lassen wollte,
-drang ihnen aber noch, ehe sie gingen, Lebensmittel auf, die sie allerdings
-anfangs nicht mitnehmen wollten; er hatte aber ganz Recht, wenn er sagte,
-sie wüßten gar nicht, wann die Schurken kämen, und ob sie nicht vielleicht
-vierundzwanzig Stunden in ihrem Versteck liegen müßten, und wenn sie dann
-genöthigt wurden, nach Eßwaaren auszuschicken, konnten sie Alles verderben.
-
-Das Skiff mußte zwei Mal gehen, um Alle hinüberzubringen, und das zweite
-Mal fuhr die jüngste Tochter vom Haus mit, um es zurückzunehmen, damit
-es die Jayhawker nicht vielleicht zufällig fänden. Sie betraten auch die
-Lichtung gar nicht, auf welcher die Häuser standen, sondern schritten, von
-Jenkins geführt, quer und so geräuschlos als möglich durch den Wald, bis
-sie den besprochenen Platz, am Rand eines dichten Schilfbruchs erreichten,
-und nun hier im Stockfinsteren allerdings nichts thun konnten, als den
-Aufgang des Mondes abzuwarten.
-
-Der kam aber bald, und Jenkins, der indessen schon den Uebrigen seinen
-ganzen Plan mitgetheilt hatte, ging jetzt mit ihnen scharf an die Arbeit,
-um die wenigen, aber doch nöthigen Vorbereitungen zu treffen.
-
-Eine Schaufel hatten sie mitgebracht, mit dieser wurde ein wenig Erde an
-einer von ihm bestimmten Stelle ausgeworfen, daß es beim ersten Anblick so
-aussah, als ob hier vor kurzer Zeit der Boden umgegraben und nicht wieder
-ordentlich zusammengescharrt wäre. Dann wurden einige, dort im Ueberfluß
-herumliegende Aeste darüber geworfen, daß sie den Platz scheinbar
-verdeckten, und jetzt suchten sich die Männer auf der gegenüber liegenden
-Seite ihre Stellen, von denen aus sie den Plan, ohne selber gesehen zu
-werden, überschießen konnten.
-
-Die Ortslage selber war wie für einen solchen Hinterhalt gemacht, denn
-gerade dort vorüber zog sich eine, selbst jetzt noch trockene, oder
-wenigstens nur mit etwas Regenwasser seicht gefüllte Slew, die erst dann
-gefüllt wurde, wenn der Arkansas seinen höchsten Stand erreichte und seine
-Wasser durch diese Einläufe in den Sumpf hineinsandte. Jetzt konnte man sie
-leicht durchwaten, dahinter aber hatte der mit eingewaschene Sand eine wohl
-sechs bis acht Fuß hohe und ziemlich steile, wenigstens völlig kahle
-Wand angespült, von der gedeckt sich wohl funfzig Menschen hätten sicher
-verbergen können. Wer wenigstens von der Richtung des Hauses herüber
-kam, konnte sie unmöglich bemerken. Nur im Rücken konnten sie angegriffen
-werden, und um sich auch dagegen vollständig zu decken, wurde Einer der
-jungen Leute aus Perryville in den Wald hineinpostirt, damit sie selber
-jedenfalls sicher vor einem Ueberfall blieben.
-
-Uebrigens lagen sie immer zwei und zwei beisammen, so daß Einer wenigstens,
-wenn sie die ganze Nacht dort wachen mußten, schlafen konnte, um dann
-seinen Nachbar abzulösen.
-
-Bill indessen, der kleine Bursch, hatte die Männer bis zu ihrem
-beabsichtigten Versteck begleitet, damit er selber das Terrain selber genau
-kennen lernte, und erst als sie die Arbeit beendet hatten und er nun genau
-wußte, wie Alles stand, schulterte er seinen Sack mit Kienholz, das er
-brauchte, wenn sie in der Nacht ankamen, nahm einige Lebensmittel und
-schritt _neben_ dem Pfad -- um keine Spuren zurückzulassen, dem gar nicht
-fernen Hause zu. Er fürchtete sich auch nicht im Mindesten; was wissen
-amerikanische Kinder überhaupt von Furcht, denn Gespenstergeschichten, mit
-denen Kinder bei uns von ihren Ammen oder Wartefrauen groß gezogen werden,
-kannte er gar nicht, und böse Menschen? ei auf die wartete er gerade, und
-je eher sie kamen, desto besser. Er lief auch in der That keine andere
-Gefahr, als daß die Räuber vielleicht, gleich bei dem ersten Anprall in das
-Haus hineingeschossen hätten. Aber das geschah schwerlich, denn wer schießt
-gern seine Büchse, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, ab, und den
-kleinen Burschen, der noch jünger aussah, als er wirklich war, würden sie
-schwerlich geschädigt haben.
-
-Als Bill den Platz erreichte, zündete er vor allen Dingen ein tüchtiges
-Feuer im Kamin an. Es war ziemlich frisch die Nacht, und er mußte auch
-Licht haben. Nachdem das geschehen und er ein Stück Kienholz auf das
-Feuer geworfen, schüttete er die übrigen Kienreste hinter dem Haus auf den
-Holzplatz und ließ nur noch etwas neben dem Kamin liegen. Hiernach legte
-er sein mitgebrachtes Essen in den Fliegenschrank, in dem er aber noch ein
-Stück Maisbrod und etwas kalten Speck fand. Hierauf untersuchte er die in
-der Ecke stehende große Kaffeekanne, und richtig, sie war noch fast halb
-gefüllt -- der kleine Bursch lachte still vor sich hin, denn er konnte nun
-bald einen Becher heißen Kaffee's bekommen, und damit ließ sich dann schon
-eine Nachtwache halten.
-
-Aber sollte er überhaupt wachen? nein. Blieb er am Feuer sitzen, so konnte
-doch am Ende Einer von den schlechten Menschen, und wenn auch nur aus
-nutzloser Bosheit, auf ihn schießen. Legte er sich aber in eine Ecke und
-drangen sie dann in das Haus ein und fanden nur den Knaben vor, so hatte
-er kaum etwas für sich zu fürchten, und das Weitere? Des Knaben Augen
-blitzten, als er sich sein Begegnen mit den Jay-hawkern ausmalte, aber er
-biß die Zähne auf einander, denn die Thränen traten ihm in die Augen, wenn
-er an den Vater dachte, und er wollte jetzt nicht weinen. -- Er mußte eine
-Beschäftigung haben, den Kaffeetopf setzte er deshalb auf's Feuer und holte
-sich dann sein Abendbrod herzu, das er verzehrte und sich einen Becher
-Kaffee dazu ausschenkte.
-
-In der Ecke stand ein großes, bequemes, mit einem Mosquitonetz überzogenes
-Bett, aber in das wagte er nicht sich hineinzulegen. Es sah so vornehm und
-sauber aus und er war nicht daran gewöhnt. Er nahm sich deshalb nur eine
-der wollenen Decken herunter, schob sich ein paar am Kamin liegende Säcke
-für ein Kopfkissen zurecht, wickelte sich dann in die Decke und legte sich
-ruhig und unbesorgt in die eine Ecke, wo ihm der Feuerschein nicht auf die
-Augen fallen konnte, und sich seine ganze Gestalt in der That in Schatten
-befand, nieder.
-
-Er wollte aber gewiß nicht schlafen, sondern wachbleiben und aushorchen,
-wenn er die Leute könne kommen hören; aber der Knabe hatte sich da wohl zu
-viel zugetraut. Eine Weile ja, blieb er munter und beobachtete an der Wand
-die wunderlichen Schatten, die der unstete Schein des Feuers durch einen
-Stuhl und sein darüber gelegtes Röckchen warf. Wie aber das Feuer mehr und
-mehr niederbrannte und das Licht matter und ungewisser wurde, schienen auch
-ihm die Augenlider schwerer und schwerer zu werden. Ein paar Mal raffte er
-sich wohl noch gewaltsam auf; er wollte nicht schlafen, ja das half aber
-Nichts -- der Sandmann kam doch und streute seine Mohnkörner über ihn. Er
-träumte schon, als er noch glaubte, daß er vollkommen wach wäre, und nur
-wenige Minuten später, so schlief er sanft und süß -- und schlief fort bis
-zum anderen Morgen und bis die Sonne ihm durch ein kleines über der Thür
-angebrachtes Fenster gerade in die Augen schien.
-
-Erschreckt fuhr er von seinem Lager empor. -- Wo war er denn eigentlich? Er
-konnte sich im ersten Moment gar nicht gleich darauf besinnen. Wie ihm aber
-der Gedanke kam, weshalb er hier übernachtete, schoß es ihm auch wie ein
-eisiges Gefühl durch's Herz -- das Gefühl der Gefahr, in der er sich
-noch immer hier befand, während die Abends stets viel stärkere Aufregung
-geschwunden war, und sich das kleine Kinderherz doch jetzt mit Sorge und
-wohl auch mit etwas Furcht erfüllte.
-
-Wer von uns Allen hat nicht schon ein ähnliches Gefühl erlebt, wenn ihm der
-Morgen mit seiner nüchternen Wirklichkeit irgend eine Sorge oder Angst und
-sei sie noch so gering gewesen, vor die Seele brachte, und ein ganz eigenes
-erkältendes Gefühl durch die Nerven zuckte. War es ein Wunder, daß es auch
-das Kind beschlich, das sich hier allein auf der Farm, ja in der Absicht
-da befand, einer Bande von Räubern die Stirn zu zeigen, die ihm den eigenen
-Vater gemordet hatten und Blut und Verzweiflung in manche stille Hütte
-getragen? Aber diese Schwäche dauerte trotzdem nicht lange. -- »Wenn
-sie nur kämen,« zischte er, seiner eigenen Angst trotzend, zwischen den
-zusammengebissenen Zähnen durch, und verrichtete dann ruhig seine gewohnte
-Arbeit. Zuerst wusch er sich, dann setzte er sich seinen Kaffee wieder auf
-das indessen zusammengeschürte Feuer und war damit so eifrig beschäftigt,
-daß er gar nicht weiter auf das achtete, was um ihn her vorging. Er hielt
-gerade das Schüreisen in der Hand, um die noch von gestern Abend her
-übrig gebliebenen Kohlen ein wenig zusammenzuschüren, als er plötzlich
-so zusammenschrak, daß ihm das Eisen aus der Hand und klirrend auf die
-Heerdsteine fiel, denn eine rauhe Stimme in der Thür selbst sagte:
-
-»Hallo mein junger Bursch! so allein hier im Haus? Ist denn das ganze Nest
-ausgeflogen, und hältst Du Haus allein?«
-
-Bill war todtenblaß geworden -- er zitterte an allen Gliedern, aber es
-war keine Furcht mehr, die des Knaben Herz im entscheidenden Augenblick
-beschlich, wenn sich auch zuerst wohl ein scheuer Schreck mit dem Gefühl
-mischte. Es war das Bewußtsein, daß die Entscheidung gekommen; die Fremden
-aber nahmen es selbstverständlich für die natürliche Furcht des Kindes
-und achteten nicht weiter darauf, ja suchten den Knaben eher zu beruhigen,
-damit er ihnen Rede und Antwort stände.
-
-»Na fürchte Dich nicht,« fuhr der Mann fort, der ihn zuerst angeredet hatte
-und in dem Bill jetzt augenblicklich den Schurken Hendricks erkannte. »Wir
-wollen Dir ja Nichts thun, sondern uns nur nach Mr. Boyles erkundigen. Hat
-er sich versteckt? -- Ist es Dein Vater, mein Junge?«
-
-»Nein,« sagte Bill, der nicht gleich wußte, wie er auf die Frage antworten
-sollte -- aber es war gut gewesen, daß er sie verneint hatte, denn ein
-Anderer antwortete für ihn.
-
-»Ist denn der nicht ein Junge von Jenkins über dem Fluß drüben?« rief der,
-und als Bill zu ihm aufsah, erkannte er Auburn's Neger, der manchmal drüben
-bei ihnen gewesen war, um nach Vieh zu sehen, das Auburn auch auf jener
-Seite laufen hatte.
-
-»Gewiß bin ich's,« sagte Bill, der in dem Augenblick blutroth wurde.
-
-»Und was machst Du hier drüben, mein Bursch?« frug Hendricks, der ihn jetzt
-ebenfalls erkannte.
-
-Bill war durch seinen Bruder auf diese mögliche Frage vorbereitet worden,
-und antwortete wohl scheu, aber doch bestimmt: »Den Vater haben böse
-Menschen todtgeschossen, Schwester und Mutter sind fortgegangen nach
-Perryville und da hat mich Mr. Boyles seit etwa acht Tagen zu sich
-genommen, bis die Jayhawker aus der =range= vertrieben sind.«
-
-»So?« lachte Hendricks -- »also in Perryville ist Deine Schwester?«
-
-»Ja, aber mit dem ersten Soldatenzug, der wieder die Straße herabkommt,
-geht sie nach Little Rock.«
-
-»Aha! sehr vorsichtig,« nickte der Bursche -- »nun vielleicht können _wir_
-ihr in diesen Tagen sicheres Geleit geben, damit sie von den Jay-hawkern
-nichts zu fürchten hat. Bei wem ist sie im Haus?«
-
-»Bei Thomsons,« sagte Bill, auf gut Glück einen der dortigen Namen nennend.
-
-»Ach, laßt die Dummheiten,« unterbrach ihn aber einer der Uebrigen, und es
-waren indessen etwa fünf Mann ins Haus getreten. »Da haben wir doch jetzt
-Wichtigeres zu thun, als solche Faxen. Wo steckt Boyles?«
-
-»Er ist auch gestern Abend über den Fluß gefahren und nach Perryville
-gegangen.«
-
-»So? und was will er da, mein Herz?«
-
-»Er will Hülfe haben, daß ihn böse Menschen nicht auch umbringen und
-ausplündern können.«
-
-»Ei, sieh mal an,« lachte Hendricks, »ja, den Weg hätten wir ihm ersparen
-können. Wir sind selber hierher gekommen, um bei ihm zu bleiben, denn die
-Jay-hawker treiben sich wirklich in der Nachbarschaft herum. Aber bist Du
-hier ganz allein auf der Farm oder wer ist sonst noch bei Dir?«
-
-»Ich bin ganz allein hier,« sagte der Knabe, »denn die Frauen sind auch
-den Fluß hinab in die Ansiedlung gegangen, weil sie sich fürchten hier zu
-bleiben.«
-
-»Hm -- fürchten, wovor, wenn _wir_ da sind,« lachte Hendricks -- »Aber
-Boyles hat auch wohl Ursache, die bösen Menschen zu scheuen, denn, wie ich
-gehört, soll er viel baares Geld mit von Missouri herunter gebracht haben.
-Ist das wahr?«
-
-»Ich weiß es nicht,« sagte der Knabe scheu.
-
-»Wie lange bist Du bei ihm?«
-
-»Etwa acht Tage.«
-
-»Aber seit der Zeit ist er doch erst zurückgekommen und hat denn doch
-sicher zu Haus davon gesprochen. -- Wie?«
-
-»Ja -- das wohl,« flüsterte Bill.
-
-»Nun siehst Du wohl, mein kleiner Bursch,« meinte Hendricks, indem er
-einen Blick mit den Gefährten wechselte, »er hat es doch sicher und gut
-aufgehoben, damit es die Räuber nicht gleich finden können.«
-
-Bill nickte nur, denn er wagte gar nicht, den Mörder seines Vaters
-anzusehen.
-
-»Nun das dacht' ich mir,« lächelte Hendricks, »gewiß hier unter der Diele.«
-
-Bill schüttelte mit dem Kopf.
-
-»Oder oben unter dem Dach?«
-
-Bill schüttelte wieder.
-
-»Was? auch nicht? ja dann werden es die Jay-hawker gewiß finden, denn die
-sind in so etwas schlau.«
-
-»Nein, die finden es nicht,« sagte aber Bill bestimmt, »denn er hat es
-draußen im Wald vergraben und sie wissen den Platz nicht.«
-
-»In der That? -- aber Du weißt ihn, wie?«
-
-Bill schwieg und sah vor sich nieder.
-
-»Nun mein Junge, kannst Du nicht antworten?« rief der andere Bursche rauh,
-denn das Verhör dauerte ihm zu lang.
-
-»Laß doch nur,« rief aber Hendricks, indem er dem Gefährten hinter des
-Knaben Rücken zuwinkte -- »wir haben ja Zeit, denn wir bleiben ja doch
-hier, bis Mr. Boyles mit seinen Leuten von Perryville zurückkommt. Nicht
-wahr _Du_ weißt, wo er das Geld vergraben hat?«
-
-Bill nickte jetzt leise mit dem Kopfe, antwortete aber noch immer nicht
-weiter.
-
-»So?« sagte Hendricks -- »nun das ist gut, dann wollen wir auch schon
-dafür sorgen, daß ihm die Jay-hawker nicht zu nahe kommen. Wo ist denn der
-Platz?«
-
-»Ich darf's nicht sagen,« erwiederte aber Bill jetzt. »Mr. Boyles hat es
-mir streng verboten.«
-
-»Ja, keinen _fremden_ Leuten,« lachte Hendricks, »aber _uns_ schon, wir
-wollen ihm ja gegen die Andern helfen -- also wo ist der Platz, weit von
-hier, oder im Garten drüben?«
-
-»Ich darf's nicht sagen, oder Mr. Boyles schlägt mich,« erwiderte der
-Knabe, und warf einen scheuen Blick nach dem Frager hinauf.
-
-»Ach was! wir vertrödeln hier die Zeit in höchst alberner Weise,« rief aber
-jetzt der Andere, der ebenfalls ein Führer zu sein schien und einen großen
-schwarzen Bart trug. Er faßte dabei den Knaben fest am Arm. »Komm her mein
-Bursch und sei vernünftig -- Mr. Boyles giebt Dir vielleicht eine Tracht
-Schläge, wenn er zurückkommt, das ist möglich, aber mit uns bist Du noch
-viel schlimmer d'ran, denn wenn Du uns jetzt die Stelle nicht zeigst, wo
-das Geld eingesscharrt ist, so binde _ich_ Dich da draußen an den nächsten
-Pfirsichbaum und prügele Dich so lange, bis Dir das Fleisch in Fetzen vom
-Rücken herunter hängt -- hast Du mich verstanden?«
-
-Hendricks schüttelte unwillig den Kopf, denn dadurch machten sie jedenfalls
-mehr als nöthigen Lärm auf der Farm. Bill aber klagte:
-
-»Aber ich _darf's_ ja nicht sagen, Mr. Boyles hat es mir so streng
-verboten.«
-
-»Sip!« rief der mit dem Bart da dem Neger zu. »Spring einmal hinaus und
-schneid' mir ein paar tüchtige Stöcke ab, aber derbe, verstehst Du? Der
-kleine Bursch scheint hier hartnäckiger Art zu sein und da wollen wir doch
-einmal sehen, ob wir ihm den Trotzkopf brechen können!«
-
-Sip blieb nicht lange aus und Bill suchte sich indessen von der Hand des
-Mannes loszumachen, was aber freilich einem Stärkeren schwer geworden wäre.
-Der Mann lachte auch nur zu dem Versuch und suchte dabei in seiner Tasche
-nach einem Stück Seil, um die Hände des Knaben zusammenzuschnüren, so daß
-dieser endlich wie in Todesangst ausrief:
-
-»Ach schlagt mich nur nicht, schlagt mich nur nicht; ich will Euch ja auch
-gern zu dem Platz führen, aber Ihr dürft Mr. Boyles nicht sagen, daß ich es
-gethan habe, oder er jagte mich sonst gleich wieder aus dem Hause«.
-
-»Aha,« lachte der Jayhawker -- »nun denn heraus mit der Sprache, wo ist es?
-weit von hier? im Garten vielleicht?«
-
-»Nein -- ein Stück im Wald drin,« antwortete der Knabe, während der wilde
-Bursch den ihm von dem Neger gebrachten Stock in die Luft probirte.
-
-»Wo hinaus?«
-
-»Gleich dort drüben. Es führt ein schmaler Pfad nicht weit davon vorbei.«
-
-»Kannst Du ihn auffinden?«
-
-»Ich -- weiß es nicht -- ich glaube ja.«
-
-»Wie lange haben wir zu gehen?«
-
-»Oh, gar nicht lange -- noch an dieser Seite vom Schilfbruch ist's.«
-
-»Nun also denn vorwärts,« rief der Bärtige, der jetzt den Oberbefehl über
-die Bande zu haben schien -- »und glaub' nicht etwa, mein Junge, daß Du uns
-im Wald davon huschen kannst. Wie Du nur Miene machst fortzulaufen, drehe
-ich dir den Hals um, darauf kannst Du Dich verlassen.«
-
-»Ich kann ja nicht fortlaufen,« klagte Bill, »ich habe ja ein lahmes Bein.«
-
-»Desto besser für dich,« nickte der Schwarze »denn das hält Dir den Hals
-gerade -- aber nun vorwärts. -- Nein, mein Junge, nicht losmachen, ich
-behalte Dich an der Hand, denn sicher ist sicher. Komm nur mit; es hilft
-Dir jetzt nichts weiter. Und die Stöcke bring ebenfalls Sip, wenn ihn
-unterwegs vielleicht sein Gedächtniß verlassen sollte.«
-
-Bill leistete keinen Widerstand weiter, denn Alles, was er wollte, hatte
-er ja erreicht: Sie glaubten ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen,
-aber trotzdem beschlich den Knaben jetzt eine und zwar nicht unbegründete
-Furcht.
-
-Daß ihn die Freunde nicht mit ihren Kugeln treffen würden, wenn sie auf die
-Räuber schossen, wußte er gut genug und scheute sich wahrlich nicht davor,
-aber der baumstarke Mann mit dem großen schwarzen Bart, hielt seinen Arm
-wie in einem Schraubstock und merkte er Verrath -- von dem er jetzt aber
-noch keine Ahnung haben konnte, so war es sicherlich um ihn geschehen. Aber
-trotzdem schritt der Knabe, der jedoch wirklich so that, als ob er nicht
-rasch von der Stelle könne, neben dem Jayhawker her. Weigern hätte ihm auch
-jetzt nichts mehr geholfen, das wußte er gut genug und nur die Kugeln der
-Freunde konnten ihn wieder frei machen und in Sicherheit bringen.
-
-Der Pfad war ziemlich schmal und das kleine Gestrüpp an beiden Seiten
-desselben, wie auch überall in diesen Wäldern, in den letzten Jahren wild
-und üppig emporgeschossen, aber verfehlen konnte Bill seinen Weg schon
-deshalb nicht, weil ihn die hin- und herwechselnden Kühe offen und betreten
-gehalten. Trotzdem wurde seinen Begleitern die Zeit lang und der Schwarze
-brummte.
-
-»Höre mein Bursch, wenn Du glaubst, daß Du uns hier zum Narren haben
-kannst, so bist Du im Irrthum. Soweit vom Haus hat der alte Boyles sein
-Geld wahrhaftig nicht begraben. Sind wir bald da?«
-
-»Seht Ihr den lichten Fleck da vorn?« fragte der Knabe.
-
-»Gleich da vor uns die Oeffnung?«
-
-»Ja -- dort ist's -- aber Mr. Boyles wird so böse werden.«
-
-»Sorg Dich nicht um den, mein Bursche,« lachte der Schwarze, »denn wenn Du
-unter unserem Schutz stehst, wird er wohl die Hände von Dir lassen. Liegt
-denn das Geld so dicht am Pfad?«
-
-»Nur ein klein Stückchen rechts davon, -- er hat abgebrochenes Holz darüber
-gezogen, damit es Niemand finden kann.«
-
-»Gescheut gemacht, alter Gesell,« lachte der mit dem Bart -- »Boyles ist
-von jeher ein grundpfiffiger Kerl gewesen -- und nun mein kleiner Bursch,
-da sind wir an der Stelle. Wo ist jetzt der Platz?«
-
-»Gleich da drüben, seht Ihr unter dem Baumwollenholzstumpf, den der Blitz
-abgeschlagen hat.«
-
-Der Jay-hawker blieb stehen und zwang dadurch auch die Anderen, zu halten.
-Wie das Wild, ehe es eine größere Waldblöße erreicht, stehen bleibt und
-umhersichert, ob ihm auch von keiner Seite Gefahr droht, so blieb der den
-Gesetzen verfallene Mörder ebenfalls halten und überflog rasch mit seinem
-Blick die angrenzenden Büsche. -- Aber selbst sein scharfes Auge konnte
-nichts Verdächtiges bemerkt haben, doch Bills kleines Herz klopfte ihm wie
-ein Hammer in der Brust. Der Moment war gekommen, und obgleich er selber
-den Versteck der Freunde kannte, war er nicht im Stande, auch nur das
-Geringste von ihnen zu bemerken. Hatte ihnen die Zeit zu lange gewährt und
-die Schaar den Platz verlassen? -- was dann?
-
-Der Führer schien sich aber überzeugt zu haben, daß ihnen hier keine Gefahr
-drohe. Nur um ganz sicher zu sein, wandte er sich zu dem Neger und sagte zu
-diesem:
-
-»Du, Sip -- steig einmal da drüben die Bank hinauf -- wenn Du Dir auch die
-bloßen Beine ein wenig naß machst, und spür' einmal den Platz ab. Sowie
-Du etwas Verdächtiges merkst, kommst Du zurück -- und nun vorwärts, Ihr
-Burschen. Habt Ihr die Hacken mitgenommen? Das ist Recht. Das sieht mir
-selber so aus, als ob dort die Erde frisch umgewühlt wäre. Vorwärts, in
-einer Viertelstunde müssen wir mit der Sache zu Ende sein.«
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Der Hinterhalt.
-
-
-Die jungen Backwoodsmen vom Fourche la Fave hatten indessen den Abend
-hinter ihrer Sandbank ziemlich ruhig verbracht, denn sie glaubten selber
-nicht, daß die Jay-hawker zu dieser Zeit einen Ueberfall unternehmen
-würden. Es war das wenigstens bis jetzt noch nicht ein einziges Mal
-geschehen. Am liebsten kamen sie in früher Morgenstunde, ja meistens mit
-anbrechendem Tag, bis zu welcher Zeit auch sämmtliche Indianerstämme ihre
-Angriffe aufschieben, weil sie den Feind dann selten oder nie gerüstet
-finden.
-
-Allerdings hielten die Freunde abwechselnd ihre Wacht und beobachteten
-dabei ein vorsichtiges aber auch nothwendiges Stillschweigen. Schon der
-Klang einer Menschenstimme hier im Wald, würde einem herumschleichenden
-Feind den ganzen Plan verrathen haben, aber an wen es gerade war, sich zum
-Schlafen nieder zu legen, der that das in voller Ruhe und in einem Gefühl
-von Sicherheit, das jedoch rasch schwand, als der Whip-poor-Will Morgens
-seinen ersten Laut hören ließ, und damit den nahenden Tag verkündete.
-
-Jetzt wurden Alle geweckt und lautlos, ihre Büchsen im Arm, horchten sie
-der Richtung zu, in welcher das Haus lag, ob sie nicht den wilden
-Schrei von dort herüber hören konnten, mit dem sich die Jay-hawker schon
-verschiedene Male bei ihren Opfern eingeführt -- aber es blieb Alles still.
-Der Tag dämmerte, die Sonne ging auf und stieg höher und höher, ja stand
-schon über den Baumwipfeln, und noch immer regte sich Nichts nach jener
-Richtung zu im Wald, und nur ein paar Spechte hämmerten ununterbrochen an
-einem alten Stamm herum und stießen manchmal dazu ihr heiseres Gekreisch
-aus.
-
-Hatten die Jay-hawker ihren Angriff auf Boyles' Haus aufgegeben und waren
-am Ende doch mit einem vielleicht irgendwo sonst aufgefundenen Canoe
-nach der anderen Seite zurückgekehrt? Sie hätten jetzt selbst Perryville
-vollkommen schutzlos gefunden und dort nach Belieben wirthschaften können.
-
-Halt! das klang wie eine menschliche Stimme -- wenn sie jetzt kamen.
-Den jungen Leuten schlug das Herz, als ob sie sich hätten an einen Bären
-anpirschen wollen. Sie Alle waren aber auch Jäger genug, um zu wissen, daß
-sie sich vollständig decken mußten, wenn sie den schlauen Feind überlisten
-wollten. Das Blitzen der Sonne auf einem Büchsenlauf, die runden dunkeln
-Umrisse eines Kopfes nur auf dem hellen Sand konnten sie schon verrathen,
-und nicht allein, daß ihre ganze Arbeit dann umsonst gewesen wäre, nein,
-sie gefährdeten in dem Fall auch auf das Ernstlichste das Leben des Knaben,
-denn welche Gewissensbisse hätten sich jene Burschen gemacht im ersten
-Moment und in Wuth und Rache selbst das Leben eines Kindes zu nehmen.
-
-Jim Jenkins hatte dafür auch schon vorher seine Ordre gegeben. Alle mußten
-sich vollkommen hinter dem Sandrücken verborgen halten, und er selber
-häufte, eben mit den Augen über dem Rand, für seinen Kopf eine Parthie
-Reiser und Ranken so auf, daß sie ihm einen Blick hinausließen, aber ihn
-auch sonst vollständig verdeckten. Erst wenn die Freunde sahen, daß er sich
-selber schußfertig machte, sollten sie das Nämliche thun, die Büchsen dann
-hinausschieben und rasch, aber sicher zielen und abdrücken -- um Gottes
-Willen keinen Schuß nutzlos vergeuden.
-
-Jetzt konnte Jim die dunklen Gestalten der Jay-hawker schon deutlich im
-Wald erkennen. Sie kamen näher und näher und das Blut stockte ihm fast, als
-er sah, daß der Erste den Arm seines Bruders fest in der Faust hielt,
-und der Kleine dadurch nicht einmal frei war, sich, der Verabredung nach,
-gleich bei dem ersten Schuß in das Dickicht zu werfen -- aber jetzt blieb
-keine Zeit mehr zum Besinnen -- wo war Hendricks? Jim's Blick suchte ihn,
-aber er fand ihn nicht unter den Vorderen. War er am Ende gar nicht unter
-der Schaar? -- Jim schrak unwillkürlich zusammen. Die Jay-hawker hielten
-noch im Waldrand, so daß er bis jetzt nur auf den Einen hätte mit
-Sicherheit zielen können. Hatten sie etwa Verdacht geschöpft -- aber durch
-was? Jim durfte allerdings nicht einmal den Kopf zur Seite drehen, um sich
-nicht durch die, selbst unbedeutende Bewegung selber zu verrathen, und nur
-den Mund öffnete er weit, so schwer kam ihm der Athem aus der Brust.
-
-Wie still das gerade jetzt im Walde war -- deutlich konnte man das Klopfen
-des Spechtes, den Schrei eines kleinen Falken hören, der mit zitterndem
-Flügelschlag fast wie eine Lerche hoch in der Luft stand, und über die
-Richtung, die er nehmen sollte, unschlüssig zu sein schien. Kein Blatt
-regte sich dabei, so still und fast schwül war die Luft. -- Jetzt aber
-schienen sich die Jay-hawker endlich überzeugt zu haben, daß ihnen hier
-keine Gefahr drohe. Der Platz in dem sie das vergrabene Geld vermutheten,
-lag überhaupt zu nahe und die Ungeduld trieb sie die Stelle zu untersuchen.
-
-Als ihr Führer aus dem, von Dornen eingeengten Pfad trat, breiteten sich
-seine Begleiter ebenfalls auf der Lichtung aus -- Jim zählte, wenn er in
-dem Augenblick überhaupt zählen konnte, etwa elf oder zwölf Mann, aber sein
-Auge suchte Hendricks unter ihnen und fand ihn, aber noch immer von den
-Uebrigen gedeckt. Sollte er warten bis er vollständig vortrat -- aber
-der geringste Zufall konnte ihn den Räubern verrathen -- ein günstigerer
-Zeitpunkt kam für ihn kaum wieder, denn der Trupp erreichte jetzt den
-Platz und der Mann mit dem schwarzen Bart, der bis dahin Bill an der Hand
-gehalten, ließ ihn los, um selber einen der schweren Aeste aufzuheben.
-
-Jim winkte zurück mit der Hand, und die Büchse, deren Hahn er schon
-gespannt hatte, mit beiden Händen fassend, hob er sich etwas auf den Knieen
-aus seiner gebückten Stellung empor.
-
-Es waren acht Männer die dort im Hinterhalt lagen -- der neunte hielt noch
-am Holzrand Wacht, sollte aber ebenfalls nach dem ersten Schuß herbeieilen.
--- Dort drüben stand ein Trupp von wenigstens zwölf so verzweifelten
-Burschen als sie vielleicht das weite Land aufzuzeigen hatte -- hätten sie
-alle ihre Gewehre abgeschossen, so hatten die Feinde, mit ihren geladenen
-Büchsen und Revolvern, jedenfalls die Uebermacht. Aber wer von ihnen Allen
-hätte deshalb auch nur für einen Moment den Angriff verzögern mögen. Sie
-durften es auch gar nicht; der Neger schritt gerade auf sie zu -- dort
-waren diese, von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker, von Mord
-triefend und eben wieder im Begriff, einen neuen Raub zu begehen. Ein
-günstigerer Zeitpunkt kam nicht wieder, und ohne jetzt auch nur noch
-mit einer Wimper zu zucken, hoben sie sich gemeinschaftlich empor -- die
-Büchsenläufe suchten ihr Ziel -- und der Wald wurde lebendig.
-
-Der Neger hatte, wenn auch nicht die größte, doch die erste Ueberraschung.
-Ohne eine Gefahr zu ahnen, watete er durch das seichte Wasser, dem
-Sandrücken zu, hinter dem die Männer lagen. Da sah er vor sich, wie mit
-_einem_ Schlag, die dunklen Gestalten der Rächer auftauchen, und ehe er
-selbst nur einen Warnungsschrei ausstoßen konnte, traf ihn die erste Kugel
-in die Brust.
-
-Aber fast in demselben Moment auch fielen die anderen Schüsse -- wenigstens
-unmittelbar nacheinander, und jetzt waren die Schützen selber auch nicht
-mehr zu halten. Die Ueberraschung, der erste Schreck der Räuber mußte
-benutzt werden, und wie sie nur ihre Kugel abgesandt, sprangen sie auch
-auf die Sandbank und dann wie ein Wetter gegen die Räuber an, die in wilder
-Furcht gar nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. -- Fünf brachen
-wild dem nächsten Dickicht zu, aber schon nach wenigen Schritten taumelten
-Einige und hätten den Kolbenschlag nicht mehr gebraucht, der sie -- eine
-Leiche, zu Boden schmetterte. Da und dort brach es noch durch die Büsche
-hinein und die Verfolger griffen die erbeuteten Büchsen auf, feuerten
-hinterher, und stürzten dann wieder nach, die Kolben schwingend.
-
-Bill war der Einzige gewesen, der die Bewegung hinter der Sandbank
-bemerkte, und nach ihm der Neger -- für ihn selber aber zu spät. Wie der
-kleine Bursch aber die Büchsenläufe in die Höhe gehen sah, warf er sich
-auch platt auf den Boden nieder und die Uebrigen mochten glauben, daß er
-gestolpert wäre -- achteten wenigstens in der Erwartung des vergrabenen
-Geldes nicht auf ihn, bis sie die zwischen sie einschlagenden und sicher
-genug gezielten Kugeln inmitten ihrer verbrecherischen Laufbahn ereilten.
-
-Nur Einer war todt auf dem Platz geblieben; der schwarzbärtige Gesell,
-der Bill an der Hand geführt, denn er hatte die Kugel in den linken Schlaf
-bekommen und wohl kaum seinen Tod gefühlt. Fünf Leichen lagen in zehn bis
-zwanzig Schritt von der Stelle, und andere Verwundete hörten sie noch nach
-verschiedenen Richtungen hin durch die Büsche brechen.
-
-Jim selber hatte keinen freien Schuß auf Hendricks bekommen können, denn
-Einer der anderen Jay-hawker stand vor ihm. Es blieb ihm Nichts übrig als
-auf diesen zu schießen, in der Hoffnung, daß die Kugel durchschlagen und
-Beide treffen möge -- aber unter den Todten fand er ihn nicht, und sein Ruf
-sammelte die Freunde, daß sie sich nicht tollkühn einer unnöthigen Gefahr
-aussetzten.
-
-Zuerst mußten sie ihre Büchsen wieder laden, dann wollten sie den Wald
-absuchen und wer von Allen auch nur einen Streifschuß erhalten hatte und
-nicht mehr so rasch von der Stelle konnte, mußte dann sicher in ihre Hände
-fallen.
-
-Kein Wort wurde dabei gesprochen -- wachsam nur flogen die Blicke umher,
-denn jeder Augenblick konnte noch von einem der Flüchtigen eine Kugel
-herübersenden, während die Hände fast mechanisch die abgeschossenen Büchsen
-wieder luden. Bill selber aber hatte sich schon eine der Büchsen vom
-Boden aufgesucht -- seines _Vaters_ Waffe, die Einer der Räuber damals
-mitgenommen. _Den_ wenigstens hatte die Vergeltung erreicht, und der kleine
-Bursch sah so kaltblütig nach dem Zündhütchen, ob auch Alles in Richtigkeit
-sei, als ob er schon in Gefahren grau geworden wäre -- aber die Kugeltasche
-fehlte noch. Der Todte trug sie noch an seinem Leibe. Bill legte die Büchse
-auf die Leiche, hob den Körper mit aller Kraft an der rechten Seite in die
-Höhe, und hing sich dann die Tasche selber um.
-
-Und jetzt begann die Verfolgung der Verbrecher, die auch insofern ein
-günstiges Resultat lieferte, als die Verfolger noch bald darauf einen
-Todten und zwei schwer Verwundete antrafen, mit denen aber wenig Umstände
-gemacht wurden.
-
-John Wells rief zwar, man solle sie aufhängen, denn Erschießen sei zu
-gut für sie. Wenn aber auch die Männer mit der vorgeschlagenen Todesart
-einverstanden gewesen wären, hätte ihnen das doch zu viel Zeit weggenommen.
-Ein paar erbarmungslose Hiebe mit derselben Kaltblütigkeit geführt, als ob
-sie einen angeschossenen Wolf abgefertigt hätten, beendeten die Leiden
-der Verbrecher, und weiter stürmte dann die Schaar, denn noch immer fehlte
-Hendricks unter den Opfern, und Jenkins wie Wells suchten ja doch nur den
-Einen vor allen Andern.
-
-Weiter -- das Terrain war insofern der Verfolgung günstig, als der
-Arkansas hier einen großen Bogen machte, und während sechs von den Leuten
-abgeschickt wurden quer durch, nach dem Rand des oberen Ufers zu zu suchen,
-vertheilten sich die Uebrigen, Bill seine Büchse schulternd mitten zwischen
-ihnen, durch den Wald.
-
-Da wo noch Einer der Räuber durch die Gründornen gebrochen war, fanden sie
-Blutspuren und folgten nun, wie gierige Schweißhunde, der aufgefundenen
-warmen Fährte. Aber der Verwundete mußte Lebenskraft genug haben, um
-rascher vorwärts zu rücken, als sie ihm folgen konnten, da sie gezwungen
-waren, die oft kaum sichtbare Fährte zu halten. Sie erreichten sogar
-endlich das Ufer des Arkansas, wo sie deutlich sahen, daß der Verwundete,
-dessen Blut die Uferbank färbte, den Strom betreten haben mußte. Hatte er
-noch Kraft behalten, um hinüber an's andere Ufer zu schwimmen? Die Fläche
-war breit und es gehörten kräftige Arme dazu -- oder war er nur eine kurze
-Strecke stromab getrieben, um die Verfolger von seiner Fährte zu bringen
-und sich dort bis einbrechende Nacht versteckt zu halten.
-
-Beide Fälle waren möglich und zwei der jungen Leute erboten sich
-augenblicklich, nach zu schwimmen und drüben die Ufer abzusuchen, während
-die Andern an dieser Seite den ganzen Flußrand abspüren sollten.
-Das Letztere zeigte sich aber nicht so leicht, denn eine Masse von
-unterwaschenen Bäumen waren mit ihren Wipfeln in den Strom gestürzt; an
-anderen Stellen hing das Rohr über die steile unterwaschene Bank, so daß
-man sich nur mit Gefahr an den äußersten Rand wagen und dann noch nicht
-einmal selbst die kleine Stelle vollkommen genau überschauen konnte.
-
-Die Verfolger gaben sich gewiß Mühe ihr Opfer aufzuspüren, aber vergebens.
-Hatte der Verwundete im Arkansas seinen Tod gefunden? Es war möglich, ja
-sogar wahrscheinlich, falls er wirklich, zur Verzweiflung getrieben, gewagt
-haben sollte ihn zu kreuzen. An _diesem_ Ufer schien er sich aber nicht
-gehalten zu haben und man mußte nun abwarten, welche Nachricht die beiden
-Schwimmer brachten.
-
-Gegen Abend sammelten sich die Backwoodsmen wieder auf dem Platze ihres
-Hinterhalts und Cook machte den Vorschlag, die Leichen zu begraben, was
-aber von dem Rest der Schaar fast zornig zurückgewiesen wurde.
-
-Begraben? hatten diese Buben ein ehrliches Begräbniß verdient? wahrlich
-nicht. Es gab Wölfe und Aasgeier genug im Walde, um sie im Lauf der
-nächsten Tage zu beseitigen und das Einzige, wozu sich die Rächer
-verstanden, war, es den Thieren des Waldes bequem zu machen, indem man den
-Leichen die Kleider auszog, diese dann auf einen Haufen Reisig warf und das
-Ganze anzündete. Dann, nachdem sie alle Waffen und Kugeltaschen gesammelt
-hatten, kehrten sie nach Boyles' Farm zurück, wo die beiden jungen Leute,
-die über den Fluß geschwommen, zu ihnen trafen.
-
-Diese aber schienen sich in größter Aufregung zu befinden und wie sie nur
-ans Ufer sprangen, schrieen sie den Gefährten schon zu:
-
-»Er ist drüben, er ist entkommen, Hendricks lebt noch!«
-
-»Und Ihr habt ihn gesehen?« rief Jenkins fast außer sich.
-
-»So dicht wie Euch!« erwiderte der Eine, »aber was sollten wir machen? Er
-hielt uns einen Revolver vor, _wir_ hatten nichts als unsere Messer, und
-ich begreife eigentlich jetzt noch nicht, weshalb er uns nicht Beide über
-den Haufen schoß.«
-
-»Weil er sich fürchtete, daß sein Revolver versagte,« knirschte John Wells
-zwischen den Zähnen durch. »Teufel noch einmal, weshalb seid Ihr nicht auf
-ihn gesprungen.«
-
-»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,« knurrte der Andere. »Die
-Revolverpatronen kann man ein paar Stunden in's Wasser legen und sie
-gehen doch los, und der Bursche war so zur Verzweiflung getrieben, daß er
-wahrhaftig wenig Umstände mit uns gemacht haben würde.«
-
-»Und wo traft Ihr ihn?«
-
-»Keine hundert Schritt vom Ufer,« sagte der Erste wieder. »Er schien von
-der Schwimmpartie erschöpft und wir hatten ebenfalls keinen Athem mehr. Wir
-fanden den Platz, wo er an's Land gestiegen war, gleich an der Slew, die
-etwa eine halbe Meile über Klingelhöffer's Platz in den Arkansas mündet. So
-weit hatte ihn der Strom mit hinab genommen.«
-
-»Und weiß Klingelhöffer darum?«
-
-»Gewiß, der Alte riß augenblicklich, trotz seiner Kreuzschmerzen, seine
-Büchse von der Wand und eilte hinüber.«
-
-»Und Ihr seid ihm nicht gefolgt?«
-
-»Weil wir Euch hier erst Nachricht geben wollten. Wenn wir jetzt Alle zur
-Verfolgung ausgehen, _kann_ er gar nicht entkommen.«
-
-»Gut denn -- hinüber!« rief Jenkins rasch. »Es ist vielleicht auch gut
-so, denn der Schuft hat jetzt wenigstens noch eine Weile Todesangst
-auszustehen, bis wir ihm wieder auf den Fährten sitzen. Hat Einer von Euch
-ein Seil?«
-
-»Hier im Hause sind genug,« sagte Bill. »Dort in der Ecke liegen drei oder
-vier Stricke.«
-
-»Gut, nehmt ein paar mit und nun vorwärts. Unser Werk ist nur halb gethan,
-wenn uns Hendricks entkommt.«
-
-Die Männer hielten sich in der That nicht auf, und wie nur die erste Hälfte
-übergesetzt war, flogen sie auch mehr als sie gingen, am Ufer hinauf,
-um die Stelle zu erreichen, wo der Verbrecher zuerst gesehen worden --
-umsonst. Nach etwa einer Stunde trafen sie Klingelhöffer, der die Fährte
-verloren hatte, und sie nun an dem höheren Land, das mit einzeln stehendem
-Rohr und kleinem Baumwuchs bestanden war, wieder aufzufinden suchte. Der
-Boden dort war aber trocken, da das Regenwasser rasch in die Niederung
-ablaufen konnte, die beiden Hunde, die er mitgenommen, verstanden nicht
-auf einen Menschen zu jagen und setzten hinter einem vor ihnen aufstehendem
-Hirsch her, und als die Nacht einbrach, in der jede Verfolgung nutzlos
-wurde, mußten sie es aufgeben und nach Klingelhöffer's Haus zurückkehren.
-
-
-
-
-Achtes Capitel.
-
-Die Suche.
-
-
-In den nächsten Tagen war Alles, was sich noch von waffenfähigen Männern am
-Fourche-la-Fave, wie an der anderen Seite des Stromes befand, auf den
-Füßen und im Sattel, denn wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht über
-die Zersprengung und fast vollständige Vernichtung der Jay-hawker-Bande
-verbreitet, und Alles wollte jetzt Theil nehmen, um die Letzten dieser
-gefürchteten Schaar mit einfangen und bestrafen zu können.
-
-Der Haupttrupp nahm auch dabei Hendrick's Fährte auf -- umsonst. Die Männer
-auf der anderen Seite des Arkansas trafen noch auf einen Verwundeten, der
-in einen Schilfbruch gekrochen war und sich kaum noch regen konnte. Das
-aber schützte ihn nicht; er wurde hervorgezogen und an dem nächsten Dogwood
-aufgehängt, während die Rächer am Fourche-la-Fave auch keine Fußspur mehr
-von dem Flüchtigen fanden.
-
-Wo er sich versteckt hatte, ließ sich kaum denken, denn weiter geflohen
-konnte er unmöglich sein, oder sie hätten ihn finden müssen; aber nach drei
-Tagen vergeblicher Suche gaben sie die Sache endlich auf -- die Meisten
-wenigstens, die in ihre Heimath zurückkehrten, während aber John Wells wie
-Jenkins einen heiligen Schwur leisteten, nicht zu ruhen noch zu rasten,
-bis sie den Mörder ihrer beiden Väter erreicht und deren Tod an ihm gerächt
-hätten.
-
-Vor der Hand mußten sie allerdings nach Little Rock zurück, aber General
-Steene, als er die Einzelheiten jener Verbrecherschaar gehört, gab ihnen
-gern Urlaub, mit der Bedingung freilich, die Mörder, falls es ihnen irgend
-möglich sein sollte, lebendig nach Little Rock einzuliefern. Er wolle
-selber sein Urtheil fällen, und daß Hendricks bei ihm auf keine Gnade zu
-hoffen hätte, darauf könnten sie sich fest verlassen.
-
-John Wells versprach das augenblicklich, als ihm aber Jim nachher Vorwürfe
-darüber machte, lachte der junge Bursche kalt und höhnisch auf und murmelte
-zwischen den zusammengebissenen Zähnen:
-
-»Wenn er das aushält, was ich mit ihm anfange, sobald er mir in die Hände
-läuft, und nachher wirklich noch lebendig ist, dann werde ich ihn so an den
-alten Herrn abliefern. Wahrscheinlich ist's freilich nicht.«
-
-»Aber Du hast es versprochen.«
-
-»Zum Teufel auch,« rief Wells, »ich hätt' ihm versprochen, ein Stück Mond
-herunter zu holen, wenn er's verlangte, nur um loszukommen. Jetzt komm Jim.
-Wenn der Schuft noch lebt, so ist ihm hier der Boden unter den Füßen zu
-warm geworden; dann aber hat er sich auch nirgends anders hingewandt, als
-nach dem gesegneten Texas -- und dorthin liegt jetzt unser Ziel.«
-
-»Und die Unseren daheim?«
-
-»Mein Bruder wird so lange für sie sorgen -- er hat's fest versprochen.
-Deine Schwester zieht zu meiner Mutter und Bill ebenfalls; der Junge ist
-ein Prachtkerl, und lebt Hendricks noch, dann finden wir auch seine Fährte
--- oh nur die Seligkeit, ihm die Schnur um den Hals zu knüpfen -- weiter
-verlange ich ja nichts auf der Gotteswelt.«
-
-»Und wann brechen wir auf?«
-
-»In drei Tagen. Ich muß noch erst einmal nach Hause, um Alles dort in
-Ordnung zu bringen. Hast Du Geld, Jim?«
-
-»Keinen Dollar im Vermögen.«
-
-»Ich auch nicht, aber das schadet nichts -- wohin wir gehen, brauchen wir
-nichts, als was wir uns leicht mit der Jagd verdienen können. Hast Du noch
-einen anderen Anzug, denn in der Uniform dürfen wir nicht reisen -- Texas
-ist noch im Aufstand.«
-
-»Ja, mein neues Zeug, das mir Betsy erst in dieser Woche fertig gemacht
-hat.«
-
-»Gut -- ich will ebenfalls sehen, daß ich einen anständigen Rock auftreibe,
-denn die letzte Suche hat dem meinigen bös mitgespielt. Wollene Decken
-haben wir den Jayhawkern genügend abgenommen. Was ist denn das für eine
-Büchse, die Du da trägst?«
-
-»Meines Vaters Waffe, die Bill dem einen Todten abgenommen. Ich habe dem
-Knaben die meinige dafür gegeben.«
-
-»Alles in Ordnung denn. Am dritten Tag von heute hol' ich Dich ab,« und
-sein Pferd wendend ritt er in scharfem Trab den Strom hinauf.
-
- * * * * *
-
-John Wells hielt sein Wort. Zu thun gab es jetzt auch Nichts mehr für
-sie am Fourche-la-Fave, denn den Jay-hawkern war das Handwerk gelegt, und
-wieder Land urbar zu machen oder zu pflanzen, dazu hatte keiner der Leute
-Lust. Wußten sie denn, für wen sie es thaten, und waren ihnen nicht jetzt
-drei Jahre hinter einander die Ernten von durchstreifenden Soldatentrupps
-der einen oder anderen Partei geplündert oder zerstört worden? Erst mußte
-wieder Frieden sein, ehe sie in diesen dem Wechsel des Krieges ausgesetzten
-Districten an die ruhige Beschäftigung des Ackerbaues gehen konnten. Das
-Wenige, was sie selber zum Leben brauchten, konnte jeder schon ziehen oder
-durch die Jagd beibringen; jetzt hatte John Wells kein anderes Ziel als
-den zehnfachen Mörder zu erreichen und dann -- ja, was er dann mit ihm thun
-würde, wußte er selber noch nicht, und nur in Wuth und Ingrimm knirschte er
-die Zähne zusammen, wenn er an den Buben dachte.
-
-Texas! und war er auch wirklich nach Texas geflohen? Konnte er sich nicht
-westlich zu den Indianern gewandt haben? Wie mancher Verbrecher schon
-hatte die weiten Prairien aufgesucht, um sich dem Arm der ihn verfolgenden
-Gesetze zu entziehen.
-
-John hielt sein Pferd an und schien unschlüssig, aber wie wir bei allen
-Menschenklassen, die den größten Theil ihres Lebens draußen in der freien
-Natur verbringen, bald mehr bald weniger immer einen gewissen Grad von
-Aberglauben finden, so sagte er sich jetzt selber: Dein erster Gedanke fiel
-auf Texas -- Gott selber muß es Dir eingegeben haben, denn er kann nicht
-wollen, daß ein solcher Bube frei und ungestraft auf seiner Erde wandelt
--- also nach Texas! und als er zur verabredeten Zeit mit Jim zusammentraf,
-konnte er den Moment nicht erwarten, wo er seinem Thier erst die Sporen
-geben durfte.
-
-Aber Texas ist ein großes -- ein ungeheuer großes Land, und wenn sie es
-erreichten, nach welcher Richtung sollten sie dann suchen? Doch die Frage
-fand vielleicht schon ihre Erledigung auf dem Weg, denn wenn sich der
-Flüchtige überhaupt dorthin gewandt, so konnte er fast nur durch Arkansas
-die Straßen über Washington und Fulton eingeschlagen haben. Der folgten sie
-jetzt ebenfalls, um vielleicht in irgend einer Hütte wieder auf die
-Spur des Verbrechers zu kommen. Er war jedenfalls durch eine der Kugeln
-getroffen worden, das bewies das Blut, das sie in seinen Fährten gefunden,
-und möglich war's, daß sie gerade dadurch leichter auf seine Spur kommen
-oder ihn wohl gar erschöpft in irgend einer Cabin fanden.
-
-Die Hoffnung sollte sich indessen nicht bewähren, denn Kunde bekamen sie
-allerdings genug von verdächtigen Individuen, die sich dort in der letzten
-Zeit auf der Straße herumgetrieben, und meist alle den Weg nach Texas
-eingeschlagen hatten, aber ob der Gesuchte zwischen ihnen gewesen, wer
-konnte es sagen. Verwundet waren ebenfalls Einige gewesen, das aber konnte
-in jetziger Zeit, wo der blutige Krieg Tausende von Opfern kostete, kaum
-auffallen. Es schien vielmehr sonderbar, wenn noch ein junger Mann mit
-unverletzten Gliedern in der Welt herumlief.
-
-So setzten sie ihren Weg fort, bis sie endlich den Red-River erreichten,
-diesen kreuzten und dann in die ungeheueren Wälder des weiten Landes
-eintauchten.
-
-Dort hörte jede Spur auf, denn dort gab es nur einzelne, jetzt ebenfalls
-wüstliegende Plantagen und das Land war so wildreich, daß sich ein
-einzelner Wanderer, wenn er besonders Menschen ausweichen wollte, recht gut
-verbergen und von jedem Pfad abseits erhalten konnte -- und Hendricks wußte
-gut genug in der Wildniß Bescheid, um gerade einen solchen Cours, seiner
-größeren Sicherheit wegen, zu verfolgen.
-
-Die Kreuz und die Quer zogen so unsere beiden jungen Backwoodsmen durch die
-am wenigsten besiedelten Theile des großen Staates, und wenn sie auch
-mit Manchem zusammentrafen, der recht gut in den Staaten einer solchen
-Raubbande angehört haben könnte, den allein Gesuchten fanden sie nicht, und
-konnten ihn auch von Keinem erfragen.
-
-Lange Monate hatten sie dabei dies Leben fortgeführt, und sogar schon in
-der einen kleinen Ansiedelung, die sie erreichten, die Nachricht erhalten,
-daß der Feldherr der Secessionisten: General Lee, capitulirt habe und der
-Krieg somit beendet sei, wenn sich auch in Texas selber eine Truppenmacht
-der Rebellen hielt.
-
-Sollte sich Hendricks am Ende diesen angeschlossen haben? Es schien nicht
-wahrscheinlich, denn ein Meuchelmörder sucht nicht den offenen Kampf, so
-lange er aus sicherem Hinterhalt sein Opfer treffen kann. Aber wo in aller
-Welt stak er dann, und vergeudeten sie nicht hier ihre Zeit in völlig
-nutzlosem Umhersuchen, während der Verbrecher vielleicht vollkommen sicher
-und unbehelligt in irgend einem anderen Theil des weiten Landes, und dann
-jedenfalls unter einem angenommenen Namen saß?
-
-Jim und John lagen an einem, im Wald entzündeten Feuer ausgestreckt. An der
-Gluth briet ein von dem Ersteren erlegter Truthahn, und die beiden jungen
-Leute hatten das Für und Wider ihrer langen mühseligen Wanderung hin und
-her erwogen. Sie fingen an einzusehen, daß sie auf diese Weise ihr Ziel
-wohl kaum erreichen würden.
-
-»Das geht nicht länger John,« sagte Jim nach einer langen Pause, in der
-er still sinnend in die Flamme gestarrt hatte. »Wer weiß ob der Schuft
-überhaupt noch lebt, und wir ziehen hier wie die Narren mitten im Wald
-herum, als ob wir weiter in der Gottes Welt Nichts zu thun hätten, als auf
-die Jagd zu gehen -- und daheim liegen doch unsere Farmen brach.«
-
-»Und hast Du etwa Lust _unsere_ Jagd aufzugeben?«
-
-»Wenn ich die _Möglichkeit_ eines Erfolges sähe, bei Gott nicht, aber wir
-wissen nicht einmal, ob sich Hendricks nach Texas gewandt hat, und wo ihn
-_dann_ suchen? Er kann eben so gut in Minnesota wie in Florida sitzen.«
-
-»Vielleicht hast Du Recht,« nickte John, nach einer kleinen Weile -- »wir
-_könnten_ unsere Chancen verdoppeln, und das ist es, woran auch ich schon
-gedacht habe.«
-
-»Und in welcher Art?«
-
-»Indem wir uns trennen und jeder einen anderen District absucht.«
-
-»Und was dann, wenn ihn _Einer_ findet? Haben wir nicht Beide Antheil an
-der Rache?«
-
-»Das ist eben der Teufel, und wenn das nicht wäre,« meinte John, »so hätte
-ich Dir den Vorschlag schon vor vier Wochen gemacht -- sobald wir uns aber
-nach zwei Richtungen wenden, liegt doch viel eher die Möglichkeit vor, ihn
-anzutreffen und sind wir ihm nur erst einmal auf der Spur -- wissen wir
-bestimmt, daß er in Texas ist, dann wäre es auch nachher ein Leichtes, ihn
-gemeinschaftlich wieder zu treffen.«
-
-»Und dann müßten wir ihn das erste Mal laufen lassen,« sagte Jim mit dem
-Kopf schüttelnd -- »Du wärst der Letzte, der das thäte, John. Denk nur an
-das Versprechen, das Du dem General in Little Rock gegeben.«
-
-»Bah, soviel für _den_; der hatte kein Anrecht an unserer Rache, aber
-Du hast es, und ich möchte es Dir nicht verkümmern. Uebrigens braucht
-Hendricks, _wenn_ ihn Einer von uns aufspürt, gar nicht zu erfahren, daß
-wir in der Nähe sind. Wir wollen nur herauszubekommen suchen, _wo_ er sich
-aufhält, und uns dann an einem verabredeten Sammelplatz treffen.«
-
-»Das ist weitläufig,« sagte Jim, mit dem Kopf schüttelnd, »und bekommt
-er nachher Wind, so sind wir auf dem alten Fleck. Nein, Du weißt, daß
-uns neulich einmal der Neger, den wir trafen, einen Mann beschrieb, der
-möglicher Weise Hendricks gewesen sein _kann_. Der soll sich aber in
-der Nähe einer deutschen Colonie aufhalten. Wie wär's, wenn wir zusammen
-dorthin aufbrächen und dann erst -- sobald wir unseren Verdacht nur in
-etwas bestätigt finden, getrennt suchen.«
-
-»Es ist ein verwünscht weiter Weg.«
-
-»Aber will uns das Glück wohl, so finden wir ihn vielleicht eben so leicht
-in dieser Richtung, wie in irgend einer andern.«
-
-»Aber die Beschreibung paßte nur in etwas auf die _Person_, sonst wären
-wir ja gleich auf der Spur nachgegangen,« rief John. »Jener Bursche war der
-Sohn eines Pflanzers aus Florida, dem die Unionisten die Plantage zerstört
-hatten.«
-
-»Bah, Geschichten sind leicht erzählt und Hendricks ist erfinderisch.
-Was sollen wir hier? _Hier_ steckt er nicht, oder wir hätten ihn längst
-gefunden, also weshalb ihn nicht in einer anderen Richtung suchen.«
-
-»Gut! einverstanden,« nickte John endlich, »aber -- in der deutschen
-Colonie werden wir Geld brauchen und das --«
-
-»Nicht einen Cent,« rief Jim -- »denk an Klingelhöffer -- würde der Geld
-für ein Nachtquartier nehmen? Sie sind alle gastfrei, und außer dem bringen
-wir auch leicht ein Dutzend Hirschhäute zusammen, wenn wir ja einmal ein
-paar Dollar brauchen sollten. Vorwärts, der Wald bleibt uns immer und giebt
-uns Nahrung und Quartier.«
-
-Es wurde Nichts weiter über die Sache gesprochen. Die Männer beendeten ihre
-Mahlzeit, holten dann ihre »ausgehobbelten« (=to hobble a horse=, ein Pferd
-an den Vorderbeinen fesseln) Pferde herbei, schnürten ihre Decken zusammen
-und schlugen mitten durch den Wald die etwaige Richtung ein, die sie ihrem
-nächsten Ziel entgegenführen mußte.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-In der Colonie.
-
-
-Man muß den Charakter dieser zähen amerikanischen Backwoodsmen kennen, um
-zu begreifen, wie zwei junge Leute, nur mit ihren Büchsen und Pferden, und
-eine wollene Decke am Sattel festgeschnallt, Monate lang und allein das
-eine Ziel verfolgend, in einem wilden Land herumziehen konnten. Es war
-ihnen aber eben Nichts weiter als eine Jagd, auf der sie früher ja auch
-halbe Jahre verbrachten; an Ausdauer fehlte es ihnen wahrlich nicht dazu
--- an Bequemlichkeiten waren sie nie gewöhnt gewesen -- solche ausgenommen,
-die ihnen die Wildniß bot, und sie betrachteten die ganze Tour mehr als
-einen Streifzug, um zugleich auch ein ihnen bisher fremdes Land kennen
-zu lernen, in dem sie sich vielleicht später selber einmal eine Heimath
-gründen konnten. Arkansas war ihnen verleidet worden, und es giebt ja
-überhaupt kaum ein rastloseres Volk in der Welt, als eben diese westlichen
-Jäger, die selbst ihre Farmen verkaufen, sobald ihnen nur halbwegs ein
-Gebot gethan wird, und dann mit der größten Zufriedenheit weiter westlich
-in eine neue Wildniß ziehen.
-
-So verfolgten auch unsere beiden Freunde ihren Weg, ohne aber auch nur
-für einen Augenblick ihr eigentliches und blutiges Ziel aus den Augen zu
-verlieren. Ueberall in den zerstreuten Ansiedlungen oder Städten, die sie
-erreichten, horchten sie umher -- überall vergebens, denn der _gesuchte_
-Verbrecher war nirgends zu finden. Wohl aber hörten sie, als sie sich
-jener deutschen Ansiedelung »Blumenthal« näherten, Gerüchte von einer
-Räuberbande, die sich, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe derselben,
-doch in der Nachbarschaft in einem wilden Schilfbruch festgesetzt haben und
-die Gegend unsicher machen sollte. Mancher Reisende durch jene Strecken war
-verschollen, und der Verdacht lag ziemlich nahe, daß sie eben jenen Buben
-zum Opfer gefallen.
-
-Die beiden jungen Leute kamen hier in eine freundliche und reiche Gegend --
-in eine Strecke, die durch den unseligen Krieg wenig oder gar nicht berührt
-war, und deutschen Fleiß und Arbeitssinn deßhalb so viel deutlicher zeigen
-konnte.
-
-Hatten sie überhaupt schon je einmal in ihrem Leben einen solchen Platz
-gesehen, wo Farm neben Farm lag, eine Fenz in die andere griff, und die
-Acker von Wurzeln und Unkraut gereinigt, ebenen Prairien glichen, während
-wohnliche Häuser und große aus Stein erbaute Scheunen Reichthum sowohl als
-Behaglichkeit verriethen?
-
-_Das_ waren Farmen, wie sie eigentlich sein sollten, und wie sie ähnliche
-auch wohl von Leuten, die aus dem fernen Osten kamen, beschreiben hörten.
-Wo aber hätten sie selber sie schon in ihrem Leben betreten? -- Am
-Fourche-la-Fave? -- Wilder Wald lag zwischen den einzelnen Wohnungen
-und selbst diese boten wenig -- keine von allen auch nur mehr als den
-nothdürftigsten Schutz gegen das Wetter und die Kälte, während sich hier
-sogar schon ein ihnen vollständig fremder Luxus Bahn gebrochen und die
-Stuben mit Teppichen, die Fenster mit Gardinen geschmückt hatte.
-
-Allerdings waren sie auf ihrem letzten Zug in Tennessee und Mississippi
-durch reiche Districte gezogen, wo in Friedenszeiten die herrlichsten mit
-Allem ausgestatteten Plantagen gelegen, aber wie sahen diese Plätze
-aus, als ihr Fuß sie betrat? Die Häuser waren verbrannt, oder lagen mit
-eingeschlagenen Fenstern und Thüren verödet da. Die Fenzstangen schienen
-zu Feuerholz gedient zu haben, die Felder selber, seit Jahren nicht
-mehr bestellt, waren von Büschen und Unkraut überwachsen, und Elend und
-Zerstörung starrte ihnen überall entgegen.
-
-So hatten sie sich die ganze Zeit von einem Schlachtfeld zum andern
-herumgetrieben, und als sie nach Hause in ihre Waldesheimath zurückkehrten,
-wohnte dort der Mord, und das Blut der ihnen theuersten Menschen färbte den
-Boden roth.
-
-Auch seit der Zeit durchstrichen sie wilde und wüste Gegenden, die noch
-dazu meist alle durch den Krieg heimgesucht worden waren, bis ihr Fuß
-hier plötzlich ein kleines friedliches Paradies betrat, das so still und
-versteckt in den Bergen lag, um selbst den feindlichen Fouragirzügen zu
-entgehen.
-
-Eigentlich war der Platz hier für eine Colonie so ungeschickt als möglich
-gewählt, denn Blumenthal hatte fast gar keine Communication mit der übrigen
-Welt. Auf dem von einem Amerikaner entworfenen Plan der jungen Stadt
-befanden sich allerdings Eisenbahnen genug, die es zu einem Centralpunkt
-des ganzen Staates machen sollten, aber das war nur auf dem Papier gewesen.
-In Wirklichkeit existirte noch kaum eine Fahrstraße nach dem nächsten
-kleinen Fluß, auf dem man einzelne Producte, aber nur in günstiger
-Jahreszeit stromab schaffen konnte. Sonst liefen nur ein paar
-Maulthierpfade einer nach Süden, einer nach Osten aus.
-
-Trotzdem aber war die junge Colonie gewachsen, denn wo der Deutsche erst
-einmal seinen Pflug in den Boden getrieben hat, läßt er auch nicht locker
-und arbeitet nicht allein stetig weiter, sondern zieht auch Freunde und
-Familienglieder allmählich nach. Der Platz hatte sich auch in der That
-so gehoben, daß man eben daran gehen wollte, eine gute Fahrstraße in das
-niedere und mehr besiedelte Land zu bauen und dadurch die Bahn zu einem
-Schienenstrang zu öffnen, als der Krieg im Norden ausbrach und natürlich
-jede industrielle Arbeit entweder sistirte, oder wenn noch nicht begonnen,
-hinausschob auf bessere Zeiten.
-
-Das aber was die Bewohner von Blumenthal früher als ein schweres Unglück
-betrachteten, war eben zu ihrem Glück gewesen, denn das hielt sie, in ihrer
-Abgeschiedenheit, von den Lasten des Krieges vollständig verschont und
-nur ein einziges Mal verirrte sich ein kleiner Trupp von zersprengten
-Sesesch-Soldaten hierher und zeigte Lust den Ort zu brandschatzen. Das aber
-war den Ansiedlern außer dem Spaß, und da doch Jeder von ihnen, fast ohne
-Ausnahme, seine Jagdflinte oder Büchse mit herüber nach Amerika gebracht
-hatte, so erschienen sie plötzlich in so wuchtiger Zahl zusammen und unter
-Waffen, daß die Sesesch außerordentlich freundlich wurden, nur um die
-nöthigen Lebensmittel ersuchten -- mit dem Erbieten sogar, für dieselben
-zu bezahlen, und dann als sie freigebig erhalten hatten, was sie wirklich
-brauchten, die Ansiedlung wieder rasch verließen.
-
-Seit der Zeit hatten sie in Frieden gelebt, bis sich nördlich oder vielmehr
-nordwestlich von ihnen, an den Quellen des Colorado Gesindel festzusetzen
-schien, das anfing die Gegend unsicher zu machen. Allerdings hielt man die
-Uebelthäter für einen Trupp versprengter Sesesch-Soldaten, die noch dort
-für kurze Zeit in den Bergen ihr Wesen trieben -- vielleicht auch gar für
-eine Bande mexicanischer Diebe, die sich möglicher Weise über die Grenze
-hereingezogen. Merkwürdig nur, daß sie jedes Mal so genau wußten, wer Geld
-hatte, und nie Leute behelligten, die dort draußen waren, um ihr Vieh zu
-suchen oder nur zu jagen. Man war auch nach dieser Richtung hin noch nie
-verdächtigem Gesindel begegnet, und nur ein Mann einmal, ein Amerikaner,
-der sich zwischen ihnen niedergelassen, war von drei Strolchen angefallen
-worden, von denen er aber fest behauptete, daß es Mexicaner gewesen wären.
-Er hatte, wie er erzählte, einen erschossen und einen andern verwundet, und
-obgleich sie mehrfach auf ihn gefeuert, seine Flucht bewerkstelligt.
-
-Hierauf wurden ein paar Streifzüge nach dieser Richtung hin unternommen,
-aber ohne den geringsten Erfolg. Man fand keine Spur der Räuber, nicht
-einmal den Todten, den sie jedenfalls fortgeschleppt und beerdigt hatten
-und eine Zeitlang ruhte die Sache, bis wieder ein sehr reicher deutscher
-Farmer, der da oben Vieh gekauft hatte und es bezahlen wollte, ebenfalls
-nicht zurückkehrte und durch seinen wahrscheinlichen Tod die kleine
-Ansiedlung in erneute Unruhe versetzte.
-
-Der Fall war um so trauriger, als sich die Tochter desselben Mannes in den
-nächsten Tagen hatte mit einem jungen Amerikaner verheirathen wollen, und
-dieser, der Nämliche, der schon früher angefallen worden, war jetzt mit
-fünf oder sechs seiner Landsleute, und etwa zwanzig jungen deutschen
-Farmern ausgegangen, um die Gegend gründlich abzusuchen und diesem
-nichtswürdigen Räuberwesen ein Ende zu machen.
-
-Gerade in dieser Zeit trafen unsere beiden Freunde in der Ansiedlung
-ein und wurden dort, wie das unter den Umständen wohl natürlich ist, mit
-einigem Mißtrauen betrachtet.
-
-Ein Wunder war es nicht, denn Jim wie John, die sich jetzt unausgesetzt
-schon lange Monate im Wald oder doch auf den verschiedenen Straßen
-herumgetrieben, sahen eben wild genug aus, um ihnen selbst das Schlimmste
-zuzutrauen, und die Aengstlichsten in dem kleinen Städtchen, das zum
-großen Theil für den Augenblick von waffenfähigen Männern geräumt war,
-befürchteten schon den indeß verabredeten Ueberfall einer größeren Bande,
-von der dies möglicher Weise die Vorläufer sein konnten.
-
-Beide Freunde übrigens, mit keiner Ahnung, daß man sie hier in einem
-solchen Verdacht haben konnte, erkundigten sich, sobald sie den Ort
-erreichten und sich plötzlich unter lauter Fremden befanden, ob kein
-Amerikaner im Ort wäre und wurden nach einem der nächsten Häuser zu einem
-alten Mann -- und zwar einem der ersten Ansiedler hier, gewiesen.
-
-Und hielt sich hier ein Mr. Rollridge auf? so sollte sich des Pflanzers
-Sohn genannt haben, von dem ihnen der Neger erzählte.
-
-Die Leute, an welche die Frage gerichtet wurde, sahen sich unter einander
-an, gaben aber keine directe Antwort darauf, sondern erwiederten nur, daß
-die Fremden bei Mr. Warner, wie der alte Mann hieß, wohl Alles, was sie zu
-wissen wünschten, erfahren könnten. -- Und woher sie selber kämen? -- Aus
-dem Wald, -- wohin sie wollten? -- sie wüßten es noch nicht, -- sie wären
-Leute, die sich nach einem Platz zur Niederlassung umsähen.
-
-Das sagte ein Jeder, dem daran lag keine genaue Auskunft über sich zu
-geben, aber Warner war, ebenso wie Friedensrichter im Ort, auch ein alter
-gescheuter Bursch, der ihnen schon auf den Zahn fühlen würde und dem
-konnten sie das Weitere deßhalb ruhig überlassen.
-
-Jenkins wie Wells jedoch, wie sie sich nur kurze Zeit mit ihrem älteren
-Landsmann unterhielten, fanden bald, daß sie es mit einem einfach
-schlichten Mann zu thun hatten, dem sie aus dem Zweck ihrer Reise kein
-Geheimniß zu machen brauchten. Warner schüttelte aber den Kopf, als sie
-ihren Verdacht gegen Rollridge äußerten. Er hatte selber dessen Vater
-gekannt, und die Befürchtung lag hier in Blumenthal außerdem nahe genug,
-daß sogar Rollridge, als er den Platz habe verlassen wollen, ermordet oder
-sonst zu Schaden gekommen sei. Er hatte wenigstens sein nächstes Ziel --
-eine bestimmte Farm am Colorado, nie erreicht und man wisse dabei, daß er
-ziemlich viel Geld mit sich führte.
-
-Wieder also waren sie vergebens eine so endlos weite Strecke gewandert,
-wieder ihre Hoffnungen getäuscht worden und Jenkins selber fing an, der
-Verfolgung müde zu werden. Hier erfuhren sie außerdem, daß der Krieg
-vollständig beendet sei, und wie sollten sie jetzt, mit all den entlassenen
-Soldaten, die sich über die Staaten zerstreuten, noch irgend eine bestimmte
-Spur verfolgen können.
-
-Warner selber sprach dabei die feste Ueberzeugung aus, daß die Räuber, die
-hier in der Nachbarschaft ihr Wesen trieben, jedenfalls dem mexicanischen
-Stamm angehörten. Mr. Rawlins, wie der Amerikaner hieß, dessen
-Schwiegervater gerade als letztes Opfer gefallen, war übrigens ein ganz
-tüchtiger Mann und, wie er erklärt hatte, fest entschlossen, diesmal alle
-seine Kräfte aufzubieten, um die Mörder auszuspüren und zu bestrafen,
-und sie durften also hoffen, daß der überdies starke Zug nicht so ganz
-unverrichteter Sache zurückkehren würde. Jedenfalls hatten sie die Unbill
-lange genug geduldet, und es müßte ihr einmal ein Ende gemacht werden.
-
-Und was nun? -- Jim machte seinem Freund den Vorschlag nach Haus
-zurückzukehren. Hatten sie dabei Glück, so konnten sie Hendricks ebensogut
-in der, wie in jeder anderen Richtung antreffen, hatten sie aber keins, nun
-dann half es ihnen auch Nichts, wenn sie den weiten Staat noch länger, bald
-nach der, bald nach jener Himmelsgegend durchkreuzten. Wenn Hendricks ihnen
-aber auch jetzt noch entging, später erfuhren sie doch vielleicht einmal
-seinen Aufenthalt und dann war ihr Rachewerk wohl aufgeschoben, aber
-wahrlich nicht aufgehoben gewesen.
-
-John Wells schien anfangs keine rechte Lust dazu zu haben, aber er mußte
-dem Freund doch auch Recht geben, daß sie in dieser Art wenig Aussicht auf
-Erfolg hätten. Er war ebenfalls müde geworden und die beiden jungen Leute
-beschlossen deshalb, nicht einmal die Rückkehr der Ausgezogenen abzuwarten,
-sondern gleich wieder nach Arkansas aufzubrechen.
-
-Das litt aber der alte Warner nicht, der, wie sich im Gespräch
-herausstellte, Wells Vater gekannt, und selber einmal hier in Texas eine
-Weile mit ihm gejagt hatte. Er wollte die beiden Freunde wenigstens nicht
-wieder fortlassen, bis sie sich erst ordentlich ausgeruht, und dazu fanden
-sie im ganzen weiten Staat keinen besseren Platz als gerade Blumenthal.
-
-John Wells fand an einem solchen, wie er meinte, zwecklosen Aufenthalt,
-kein sonderliches Behagen, Jenkins selber aber redete ihm zuletzt zu,
-ein paar Tage auf die hiesige Umgegend zu verwenden, die ihm wenigstens
-außerordentlich gefiel. Das Land war reich, das Klima schien gesund, Wild
-gab es ebenfalls ziemlich viel in der Nachbarschaft, und an dieser Gegend
-hafteten doch nicht für sie so trübe Erinnerungen, als an ihrer bisherigen
-Heimath, in der sie Alles an die erlittenen Verluste mahnte.
-
-Warner unterstützte ihn lebhaft darin und erbot sich auf das
-Bereitwilligste, sie in den nächsten Tagen selber in der ganzen
-Nachbarschaft herumzuführen. Es gab noch ein reizendes Thal in kaum zwei
-Miles Entfernung von der kleinen Stadt, in dem bis jetzt kein Baum gefällt,
-kein Acker Land aufgenommen war, und er sprach seine feste Ueberzeugung
-aus, daß sie in sämmtlichen Staaten kein freundlicheres Fleckchen Erde
-finden könnten. -- Und eine Uebersiedelung hierher? -- Lieber Gott, die
-hatte für einen Backwoodsman auch nicht die geringste Schwierigkeit, denn
-ihr ganzer Hausstand konnte leicht auf einem kleinen Karren, ja oft sogar
-auf ein paar Pferden fortgeführt werden. Jedenfalls wollten sie den Platz
-erst einmal sehen und ein Entschluß stand ihnen ja dann immer noch frei.
-
-Die nächsten Tage verwandten sie auch in der That dazu, so viel als möglich
-von der Umgegend zu sehen und kennen zu lernen. Die Nachbarschaft
-der Deutschen gefiel dem jungen Jenkins ebenfalls, denn er hatte am
-Fourche-la-Fave schon viele von diesen kennen lernen und lieb gewonnen. Ihm
-selber behagte der ganze Distrikt ungemein und wenn auch John Wells noch
-keine besondere Neigung dafür zeigte, konnten sie sich das ja noch immer
-unterwegs überlegen, und nachher mit den Ihrigen besprechen. Zu übereilen
-war eben Nichts an der Sache.
-
-Am vierten Tag standen endlich ihre bis dahin vollkommen ausgeruhten und
-ordentlich aufgefütterten Pferde bereit, und die alte Mrs. Warner packte
-ihnen gerade noch ein tüchtiges Stück Wildpret und Fleisch ein, weil sie
-unmittelbar in der Nähe der Ansiedlung doch wohl nicht viel zu jagen finden
-würden, als draußen auf der Straße plötzlich ein wunderlicher Lärm gehört
-wurde, der rasch ihre Aufmerksamkeit erregte und sie vor die Thür lockte.
-
-Die ausgezogenen Männer waren zurückgekehrt. Warner's Sohn ritt gleich
-darauf am Hause vor und erzählte ihnen, daß sie von den Räubern selber
-allerdings keine Spur, wohl aber den Leichnam des alten Deutschen gefunden
-hätten, der, mit einer einzigen Kugel gerade durch den Kopf, nicht weit von
-dem Pferd ab unter einem Maulbeerbaum gelegen hatte und nur mit Laub und
-Reisig zugedeckt gewesen war. Nur durch die Aasgeier wurden sie auch auf
-den Platz aufmerksam, an dem sie sonst jedenfalls vorüber geritten wären.
-
-Und war Rawlins mit ihnen zurückgekehrt?
-
-Ja -- aber nach Hause geritten, um sich umzuziehen und dann seine Braut und
-Schwiegermutter zu trösten.
-
-»Du lieber Gott,« seufzte Mrs. Warner, die mit gefalteten Händen vor ihrer
-Hausthür gestanden und den traurigen Bericht gehört hatte -- »da kommt das
-arme Mädchen -- wie blaß und elend sie aussieht -- das ist freilich ein
-schwerer Tag für sie. -- Habt Ihr denn die Leiche mitgebracht?«
-
-»Es war nicht mehr möglich,« sagte der junge Warner -- »wir mußten sie
-gleich an Ort und Stelle begraben. Arme Catharina -- sie wird wohl schon
-alles erfahren haben. Tröstet Ihr sie, Mutter, ich mag ihr jetzt lieber
-nicht begegnen,« fuhr er fort, und schritt in das Haus hinein.
-
-Das junge Mädchen kam näher -- sie sah bleich und angegriffen aus und
-schien auch die beiden fremden jungen Leute gar nicht zu beachten, oder nur
-zu sehen. Still und lautlos schritt sie auf Mrs. Warner zu und als diese
-ihr mitleidig die Hand entgegenstreckte, lehnte sie ihr müdes Haupt an die
-Schulter der alten Frau und ohne daß eine Klage über ihre Lippen gekommen
-wäre, liefen ihr die großen Thränen an den Wangen nieder.
-
-Catharine Fischer war eines der schönsten Mädchen im ganzen Ort und manche
-der jungen deutschen Farmerssöhne hatten sich schon um sie beworben, aber
-alle ohne Erfolg, bis sich der junge fremde Amerikaner, wie im Sturm und in
-ganz kurzer Zeit ihr Herz gewann und von den Eltern -- die freilich lieber
-einen deutschen Schwiegersohn gesehen hätten -- angenommen wurde. Jetzt
-hatte sie dieser Schlag mitten in ihr junges Leben getroffen, und zwar ein
-Schlag wie aus heiterem Himmel, ungeahnt, unvorbereitet.
-
-Jim Jenkins stand, die Zähne fest aufeinander gebissen, neben ihr. Hatte er
-denn nicht den nämlichen Schmerz zu tragen, denselben Verlust erlitten,
-wie das arme Kind da, und war denn Jammer und Sünde in solcher Art über
-das schöne Land hereingebrochen, daß solches Elend nur allein alle guten
-Menschen traf und die Verbrecher immer ungestraft entkommen sollten? --
-War das himmlische Gerechtigkeit, wie es ihnen die herumziehenden Prediger
-vorreden wollten? Blut überall, wohin ihr Fuß trat -- heimtückisch und
-feige aus dem Hinterhalt vergossenes Blut, und die Mörder frei da draußen
-in der schönen sonnigen Welt.
-
-Er trat zu seinem Pferd, um sich die Zügel zurecht zu legen -- er wollte
-fort -- Schmerz und Ingrimm genug trug er im eigenen Herzen, ohne das
-fremde Leid auch noch mit anzusehen, als er sich plötzlich angerufen hörte.
-
-»Hollo Jim -- Wetter noch einmal Mann, wo kommst Du her -- und John auch --
-welcher Wind hat Euch nach Texas geblasen?«
-
-Jim sah überrascht auf und erkannte einen alten Kriegsgefährten aus
-einem Indiana-Regiment, mit dem sie drüben über dem Mississippi gemeinsam
-gekämpft und zusammen nach Little Rock gezogen waren.
-
-»Oh Peters -- wie kommst Du nach Texas? Ich glaubte, Ihr stündet noch in
-Little Rock?«
-
-»Nein -- wir sind ausbezahlt und abgelöst worden,« antwortete der junge
-Mann, indem er auf die Freunde zutrat und ihnen die Hände schüttelte.
-
-»Und wo kommst Du jetzt auf einmal her?«
-
-»Waren nur zusammen, um die verdammten Mörder aufzusuchen, die sich hier
-schon seit einiger Zeit herumtreiben,« lautete die Antwort, »sind aber
-unverrichteter Sache wieder zurückgekehrt. Weiß der Henker wo die Schurken
-stecken mögen. Aber wo wollt Ihr hin?«
-
-»Zurück nach Arkansas.«
-
-»Jetzt gleich?«
-
-»Wir wollen eben fort.«
-
-»Fällt Euch gar nicht ein,« rief aber der Indiana-Mann -- »doch wahrhaftig
-nicht eher, als bis Ihr mich auch einmal in meinem Hause besucht habt. Ich
-bin hier verheirathet -- habe eins von den deutschen Mädchen und solch
-ein freundliches kleines Häuschen und Weibchen, wie es sich ein Mann nur
-wünschen kann. Vorwärts Jungen! daß Ihr aufgesattelt habt ist schon ganz
-recht -- aber bei mir sattelt Ihr erst wieder ab.«
-
-»Das geht nicht, Peters.«
-
-»Ob es geht! oder meine Alte würde nicht schlecht böse werden, wenn ein
-paar alte Freunde ihres Mannes so mir nichts Dir nichts an dem Haus vorüber
-ritten. Ihr müßt wenigstens einmal sehen wie ich wohne, und wenn es Euch
-dann nicht bei mir gefällt, könnt Ihr nachher noch immer thun, was Ihr
-wollt.«
-
-John Wells schien nicht recht damit einverstanden zu sein, Jenkins aber,
-indem er in den Sattel sprang, rief aus:
-
-»Was thut's, John -- auf ein paar Stunden kommt's nicht an -- ob wir etwas
-später oder früher am Fourche la Fave eintreffen. Ich denke, wir gehen
-mit.«
-
-Die Straße herab kam der Schall galoppirender Pferdehufe. Ein Reiter
-sprengte heran und es schien fast, als ob er auf dasselbe Haus zu wolle,
-vor dem die jungen Leute standen. Schon dicht daran aber warf er sein Pferd
-herum, grüßte flüchtig und verfolgte dann seinen Weg die Straße hinab,
-rascher noch fast, als er hergekommen.
-
-John hatte sich gerade mit seinem eigenen Thier beschäftigt und nicht auf
-den Fremden geachtet; Jim aber griff seinem eigenen Pferd plötzlich so
-rasch und gewaltsam in den Zügel, daß es hoch aufbäumte, und sich beinahe
-mit ihm überschlagen hätte. Peters sprang zu, riß es noch herunter und rief
-dann:
-
-»Was zum Wetter hat denn die Bestie -- scheut sie?«
-
-»Manchmal -- ja,« sagte Jim, kaum auf die Frage achtend, und den Blick noch
-stier die Straße hinabgewandt -- »wer war das?«
-
-»Wer? -- der eben vorbeisprengte? -- Dein Pferd erschrak wohl und Du auch
--- so ein alter Reiter -- Du siehst kreideweiß im Gesicht aus.«
-
-»Wer war der Reiter, Peters?«
-
-»Das war Rawlins,« sagte Peters, mit einem zur Seite geworfenen mitleidigen
-Blick nach dem jungen Mädchen, »der Bräutigam der armen Catharine da,«
-setzte er leiser hinzu.
-
-»Und ist er schon lange hier in der Ansiedlung?«
-
-»Etwa drei Monate -- vielleicht nicht ganz so lange. Weshalb?«
-
-»Und wißt Ihr, woher er stammt?« frug Jenkins mit vor Aufregung fast
-heiserer Stimme.
-
-»Ich glaube aus dem alten Staat (Virginien), das wenigstens hat er hier
-erzählt. Kennst Du ihn?«
-
-John war indessen ebenfalls aufgestiegen und ritt an Jim's Seite.
-
-»Weißt Du, wer das war, John?« rief jetzt Jenkins, des Freundes Arm
-ergreifend und fast krampfhaft zwischen seinen Fingern pressend.
-
-»Der Reiter, der eben vorüber sprengte? Ich habe ihn nicht gesehen.«
-
-»_Hendricks!_« zischte ihm Jenkins in's Ohr -- »bei meinem Leben und meiner
-Seligkeit -- er selber --«
-
-»Und Du hast Dich nicht geirrt?« rief John, fast unwillkürlich nach seiner
-Büchse greifend.
-
-»Er trägt keinen Bart mehr!« sagte Jenkins -- »er kam mir auch fast jünger
-vor, als ich ihn am Arkansas gesehen und geht besser gekleidet -- aber das
-Gesicht wollte ich unter Tausenden heraus kennen. Er ist es und meinen Hals
-setz ich zum Pfande.«
-
-»Hendricks?« fragte Peters -- »Das war Rawlins, der Schwiegersohn des
-Ermordeten.«
-
-»Und vielleicht der Mörder selber,« rief Jenkins, »komm Peters, zu Pferd
-und führ uns, so rasch uns die Thiere tragen können, jenem Herren nach,
-dessen nähere Bekanntschaft wir dringend wünschen.«
-
-»Aber ich begreife Dich nicht.«
-
-»Ich erzähle Dir Alles mit wenigen Worten unterwegs. Fort! wir versäumen
-hier die kostbarste Zeit, fort!«
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Die Verfolgung.
-
-
-Die jungen Leute trabten nebeneinander die Straße hinab. Jenkins aber gab
-dabei dem früheren Kampfgenossen in flüchtigen Umrissen ein Bild der am
-Fourche-la-Fave vorgefallenen Gräuelthaten, die ihn selber wie seinen
-Begleiter so nahe getroffen hatten, daß sie sich Beide aufgemacht, um Wald
-und Wildniß nach dem Uebelthäter abzusuchen.
-
-»Und Ihr glaubt, daß Rawlins jener Mörder sei?« rief Peters entsetzt.
-
-»_Ich_ glaube es,« sagte Jenkins bestimmt. »_Ist_ er es aber, dann kann er
-uns jetzt nicht mehr entgehen, und ist er es nicht, nun dann darf er
-sich auch nicht darüber beleidigt fühlen, daß ihn Jemand, im raschen
-Vorbeireiten, für einen Anderen gehalten.«
-
-»Und wenn das jener Hendricks wirklich ist,« rief da Peters, fast wie
-erschreckt sein Pferd einzügelnd -- »wäre es denn da nicht möglich, daß er
-selber mit jener Bande in Verbindung stünde, die hier bis jetzt ihr Unwesen
-in der Gegend getrieben?«
-
-»Vorwärts, Kamerad, vorwärts!« drängte aber John -- »wir dürfen keinen
-Augenblick verlieren, denn wenn der Bursche _uns_ erkannt hat, läßt er
-sicher kein Gras unter seinen Hufen wachsen. Gewiß ist es möglich, und
-sollte mich nicht wundern, wenn er der Führer und Leiter der ganzen Bande
-wäre. Aber wohin reiten wir? Hier haben wir _drei_ Straßen vor uns und der
-Boden ist ringsumher von Hufen zerstampft. So rasch _kann_ er doch nicht
-geflohen sein.«
-
-»Dort links ist die Wohnung seiner Braut, der er jedenfalls zuritt,« sagte
-Peters. »Er selber hat sein Haus am andern Ende der Stadt, aber hierher zu
-schlug er die Richtung ein.«
-
-»Ich sehe nirgends ein Pferd angebunden. Wir hätten gleich sein eigenes
-Haus besetzen sollen.«
-
-»Er wird es hineingeführt haben -- er ist ja dort ebenfalls zu Haus.«
-
-»Dann gnade Gott dem Elenden,« sagte Jim, seinem Pferd nun fester die
-Sporen gebend, und jetzt wurde zwischen den Männern kein Wort weiter
-gewechselt, bis sie die kleine freundliche Wohnung -- jetzt freilich ein
-Haus der Trauer -- erreichten, aber der Gesuchte war nicht dort.
-
-Peters sprang augenblicklich vom Pferd, um sich nach ihm zu erkundigen,
-der zwölfjährige Bruder Catharinens versicherte ihn aber, Mr. Rawlins nicht
-gesehen zu haben, seit er vor einigen Tagen mit den anderen Männern in den
-Wald gegangen sei. Keinenfalls wäre er eben hier gewesen, denn er selber
-habe schon seit einer Stunde fast hier an der Thür gestanden und Mais auf
-der kleinen Mühle gemahlen.
-
-»Habe ich es Dir nicht gesagt?« rief John fast außer sich, als Peters
-wieder heraus und auf sein Pferd sprang -- »er ist fort! Laß uns den Weg
-hier verfolgen -- dort führen Pferdespuren hinaus.«
-
-»Hier kam er nicht vorbei!« sagte Peters, sein eigenes Thier herumwerfend,
-»denn dem Burschen da drinnen wäre ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht
-entgangen.«
-
-»Das glaube ich auch nicht,« erwiederte Jim, »wenn er fliehen will, wird er
-gewiß seine Beute nicht im Stich lassen und ist zu seiner eigenen Wohnung
-geritten. Hätten wir die nur gleich aufgesucht. Vorwärts Peters --«
-
-»Und wenn Du Dich nun geirrt hast!«
-
-»Vorwärts! Das Alles können wir später besprechen. Wo ist seine Wohnung?
-Reite voran, so rasch Dich Dein Thier trägt -- jede Verantwortung auf
-mich!« -- Und wie ein Wetter jagten die drei jungen Leute die ziemlich
-lange Straße hinab, bogen dann, fast am Ende der Stadt rechts in eine
-Nebengasse hinein und erreichten dort wieder die dichter stehenden Häuser.
-Hier war ein Gasthof, und ein Trupp dort angebundener Pferde, durch welche
-sie nicht so rasch hindurch konnten, hielt sie etwas auf. Es war auch
-möglich, daß sich Rawlins selbst hier befand, sie mußten jedenfalls nach
-ihm fragen. Hier aber hatte ihn, seit sie die Stadt erreicht, Niemand
-gesehen. Bei Warners würden sie ihn finden, rief ihnen einer zu, er hatte
-gesagt, daß er zu dessen Haus wollte.
-
-Dort war er _nicht_; das wußten sie gut genug, und es blieb ihnen jetzt in
-der That nichts übrig, als seine Wohnung aufzusuchen.
-
-Wenn es wirklich jener Hendricks war, so _konnte_ er ja doch noch keine
-Ahnung haben, daß er erkannt sei und _so_ rasch verfolgt würde.
-
-Wieder klapperten ihre Hufe die harte Straße entlang, aber hier durften sie
-nicht so rasch jagen, denn überall spielten Kinder in der Straße, Karren
-mit Holz oder andere die in die Mühle wollten, begegneten ihnen und die
-beiden Verfolger vergingen fast vor Ungeduld.
-
-»Haben wir denn noch weit? wir müssen ja durch den ganzen Ort geritten
-sein,« rief John.
-
-»Das sind wir auch, denn sein Haus liegt gerade am äußersten Ende, aber
-dort drüben ist die Wohnung, die kleine weiß angestrichene Cabine mit dem
-einzelnen Baum davor.«
-
-»Aber auch hier steht kein Pferd.«
-
-Peters antwortete nicht mehr. Sie waren kaum noch funfzig Schritt von der
-Wohnung entfernt, und wenige Secunden später warfen sich die Männer aus den
-Sätteln.
-
-»Dort unten die Straße entlang sehe ich einen Reiter,« rief Jim, dessen
-Blick rasch nach allen Seiten umherflog.
-
-»Bei Gott, dort galoppirt Jemand,« rief auch John, indem er im Nu wieder im
-Sattel saß -- »spring in das Haus und sieh nach. Ist er nicht dort, so kann
-er uns da draußen nicht mehr entgehen.«
-
-Peters war schon an der Thür, die nur angelehnt schien. Er stieß sie auf
-und warf einen Blick in das Innere. Jim stand an seiner Seite.
-
-In der Stube sah es wild und wunderlich aus, als ob Diebe darin
-umhergewühlt und was sie nicht gebraucht, über den Boden gestreut hatten.
-Eine kleine Kiste war mitten in die Stube gezogen und die Hälfte ihres
-Inhalts lag daneben am Boden. Jim sprang darauf zu -- während sein Blick
-durch den Raum flog, hatte er ein kleines blau und roth gestreiftes Tuch
-entdeckt, das mitten in dem Wust lag. Er kannte es, es war früher Eigenthum
-seiner Schwester gewesen -- aber er gab sich keinen Betrachtungen darüber
-hin.
-
-»Das genügt als Zeichen,« rief er, das Tuch vom Boden reißend und damit
-gegen die Thür springend -- »kennst Du das, John? -- Fort!«
-
-John warf nur einen einzigen Blick darauf und in demselben Augenblick sein
-Pferd herumreißend, bohrte er ihm die Hacken in die Seite und flog mit ihm
-in gestrecktem Carrière die Straße entlang. -- Jim war fast ebenso rasch
-draußen bei seinem Thier.
-
-»Aber so bleibt nur noch einen Moment,« rief Peters -- »ich hole meine
-Büchse und begleite Euch.«
-
-Jim hörte ihn schon gar nicht mehr. Nach! das war der einzige Gedanke, den
-er hatte -- nach! und sein Thier strengte alle Kräfte an, den vorangeeilten
-Gefährten wieder einzuholen.
-
-Erst in dem wilden Ritt wurde er auch ruhiger. John, der noch immer voraus
-auf seinem Rappen dahinflog, hatte vielleicht den flüchtigen Verbrecher im
-Auge -- er folgte dem Rappen, und es blieb ihm Zeit, sich nach der Richtung
-umzusehen, die sie einhielten. Ihr Cours lag etwa, wie der Weg jetzt lief,
-südwestlich, also den Ansiedlungen wieder zu und zog sich, wenn auch hier
-oben sehr allmählich, von der Hochebene hinab, auf der das kleine Städtchen
-gelegen war und wo es, wie sich jetzt deutlich erkennen ließ, höhere
-Berggruppen einschlossen.
-
-Und waren sie dem Buben denn wirklich endlich einmal auf der Fährte? --
-Er mußte es sein -- ein Irrthum ließ sich nicht mehr denken. Er hatte die
-beiden Backwoodsmen, wie er sie da zum Weiterritt schon gerüstet fand,
-erkannt und wußte, was ihm drohte, wenn er in ihre Hände fiel. -- Wären
-sie nur gleich zu seinem Haus geritten, so lief er ihnen dort selber in das
-Garn -- nein, blind und toll mußten sie die falsche Fährte annehmen, die
-er ihnen gegeben, und jetzt hatten sie ihm sogar Zeit gelassen, seinen Raub
-zusammenzuraffen und in die Wildniß hineinzureiten. -- Aber ein Trost blieb
-ihnen -- ein grimmer Trost, denn nicht plötzlich und unerwartet war der
-Verbrecher in ihre Hände gefallen und bestraft, nein, er mußte jetzt erst
-die Qualen des Verfolgten leiden. Er wußte die Rächer auf seinen Fersen,
-wußte, welches Schicksal ihm bevorstand, wenn nur sein Pferd strauchelte
-oder das Geringste ihn aufhielt, und kannte die Männer, die nur das eine
-Ziel haben konnten, seinen Tod, oder sie wären ihm nicht mit solcher
-Hartnäckigkeit selbst bis in diesen entlegenen Theil der Union gefolgt.
-
-Erbarmen? -- er hatte es nie gezeigt, also auch nicht zu hoffen und nur
-sein flüchtiges Thier konnte sein Schicksal noch hinausschieben -- wahrlich
-nicht mehr ändern, denn nun, auf der frischen Fährte, ja den Buben fast in
-Sicht, dachten seine Feinde nicht daran, die einmal begonnene Verfolgung je
-wieder aufzugeben.
-
-Noch an den Grenzen der Stadt begegneten diese einigen Deutschen, die
-theils aus dem Walde, theils von anderen Ansiedlungen vielleicht herüber
-kamen und erschreckt zur Seite bogen, als sie auf die wie rasend an ihnen
-vorbei sprengenden Männer trafen. Waren das die Räuber, die man in
-den letzten Tagen gejagt? -- Aber voran ritt ja der Amerikaner, dessen
-Schwiegervater man gerade ermordet, während man die andern beiden gar nicht
-kannte. Floh er vor diesen, oder verfolgten sie alle ein und dasselbe Ziel?
--- Ehe sie sich aber nur denken oder vermuthen konnten, was hier vorgehe,
-waren die drei Reiter, die sich in längeren Zwischenräumen von einander
-hielten, auch vorbeigebraust, und diese drehten nicht einmal den Kopf nach
-ihnen um.
-
-John und Jim hatten allerdings vollkommen ausgeruhte und auch zähe und
-kräftige Thiere, aber es zeigte sich trotzdem bald, daß sie keinen Fuß
-breit an dem Fuchs gewinnen konnten, den Hendricks ritt und der, von seinem
-Reiter nur noch zu rasenderem Lauf gespornt, wie ein Pfeil mit ihm über den
-Boden flog.
-
-John behielt ihn allerdings noch, so lange sich die Straße fortzog, im
-Auge, oder kam wenigstens dann und wann wieder in Sicht von ihm, und
-einmal, als Hendricks zuerst einen ziemlich abschüssigen Hang erreichte, an
-dem er nicht so rasch hinabreiten konnte, schien es seinem Verfolger auch,
-als ob er an ihn gewönne. Aber unten lag wieder ebener Boden und der Fuchs
-benutzte den nach besten Kräften -- ja der Weg zog sich hier mehr links in
-den Wald hinein und in dessen Schatten verschwand bald darauf der Reiter;
-deshalb entging er aber freilich seinem Verfolger noch nicht, denn hier war
-der Boden nicht, wie in der Nähe der Stadt, von den Hufen anderer
-Pferde zerstampft. Die Spuren prägten sich deutlich oder doch wenigstens
-erkennbar, dem Boden ein, und einen besseren Nachsucher auf einer Fährte
-als John Wells, gab es nicht in dem weiten Wald.
-
-John ritt dabei ein besseres Pferd als Jim Jenkins, der auch bald merkte,
-daß er mehr und mehr zurück blieb, aber trotzdem folgte er den voran
-eingedrückten Fährten und wußte, daß er bei der geringsten Zögerung seines
-Feindes rasch das Versäumte wieder nachholen konnte.
-
-So hatte diese wilde Jagd wohl sechs volle Stunden gedauert und einen
-Waldweg gab es schon lange nicht mehr -- nur noch einen Pfad, der sich
-durch die Wildniß zog, aber dafür auch in dem abgefallenen Laub nur soviel
-deutlicher die Spuren zeigte. Die Thiere konnten vor Erschöpfung kaum
-noch weiter, aber immer wieder trieb sie der scharfe Sporn zu
-neuen Anstrengungen, und Jim besonders, der jetzt eine gute Strecke
-zurückgeblieben, fühlte, wie sein Thier anfing, zu ermatten.
-
-Da erreichte er eine Stelle, an welcher sich der Pfad theilte. John selbst
-hatte keinen Moment dort gezögert, denn sein scharfes Auge erkannte die
-rechts abführende Spur sogleich und folgte ihr ebenso rasch. Jenkins
-dagegen zügelte sein Thier ein und als er sich der rechten Spur
-vergewissert hatte und es weiter treiben wollte, konnte es nicht mehr von
-der Stelle. So lange es in Gang geblieben, wäre es wohl fortgerannt, bis
-seine Kräfte vollständig erschöpft waren und dann wahrscheinlich mit
-einem Schlag zusammengebrochen; jetzt aber, wo die angestrengte Kraft und
-Erregung der Muskeln, wenn auch nur für wenige Minuten, bei dem todtmüden
-Thiere nachließ, war es nicht möglich, sie wieder von Neuem zu beleben. Es
-strauchelte und knickte in die Knie, wollte sich noch einmal emporraffen
-und stürzte dann auf die Seite nieder, wo es liegen blieb und alle viere
-von sich streckte.
-
-Jenkins fluchte still und erbittert vor sich hin, aber an der Sache war
-weiter nichts zu ändern, und das Pferd jedenfalls zu fernerem Gebrauch,
-wenigstens in der nächsten Zeit unnütz. Nur das Einzige blieb ihm zu thun,
-den Spuren so rasch als irgend möglich zu folgen.
-
-Allerdings hatte er eine Strecke zurück, seitwärts vom Weg eine kleine Farm
-gesehen. Sollte er sich dorthin wenden und um ein frisches Pferd bitten?
-wer hätte es ihm aber _geborgt_, kaufen konnte er sich keines, und wie viel
-Zeit verlor er ohnedies damit. Dagegen lag die Möglichkeit vor, daß er noch
-später eine Hütte im Wald oder vielleicht selber Pferde traf -- das erste
-beste und wenn er es hätte stehlen sollen, er fühlte sich nicht in der
-Stimmung, besonders wählerisch zu sein, und mit dem Gedanken war sein
-Entschluß gefaßt.
-
-Ohne Zögern sattelte er sein marodes Thier ab trug den Sattel in den
-Busch und verdeckte ihn dort mit Laub und Reisig -- die Stelle war, an dem
-getheilten Pfad, leicht wieder zu erkennen. Dann nahm er den Zaum, hing
-sich denselben um und folgte nun, die Büchse auf der Schulter, zu Fuß den,
-deutlich genug in den Boden eingedrückten Spuren. Kaum eine Stunde mochte
-er aber so gewandert sein als der mehr und mehr verschwimmende Pfad an
-einer breiten Waldwiese vollständig aufhörte, oder sich vielmehr hier nach
-allen Seiten auszweigte. Es war ein gewöhnlicher Kuh- oder Wildpfad, wie
-sie sich so häufig im Wald finden und das Ziel desselben schien dieser
-Weidengrund -- ein etwas tief liegender feuchter Wiesenplan zu sein.
-
-Ueber denselben hin waren die Hufe der galoppirenden Pferde auch noch
-deutlich -- ja sogar deutlicher als bisher zu erkennen. Weiter aber schien
-sich der Verfolgte mehr links und einem kleinen Höhenzug zugewandt zu
-haben; er hatte wenigstens plötzlich und in einer scharfen Biegung seinen
-Cours geändert. John konnte ihm aber dabei nicht in Sicht gewesen sein,
-denn er würde sonst jedenfalls diese Biegung abgeschnitten haben. Das
-war nicht geschehen, sondern seine Spuren blieben, wie bisher oder doch
-überall, wo es der Weg erlaubte, links neben denen des Flüchtigen
-sichtbar. Er war ihm also bis dahin nicht näher gekommen, sondern aller
-Wahrscheinlichkeit nach sogar noch eher weiter zurückgeblieben.
-
-Jenkins hielt sich aber nicht lange bei Vermuthungen auf. Weiter ging die
-Jagd. Der Schweiß lief ihm in Strömen an der Stirn nieder, aber er zögerte
-auch nicht einen Moment in seinem Schritt.
-
-Das Terrain wurde hier felsig und hatte die Reiter jedenfalls aufgehalten,
-denn wild zerstreut lagen große und kleine Granitblöcke über dem ganzen
-Abhang. Wie er aber wieder zu Thal lief, sah er einen, wenn auch nicht sehr
-breiten, doch ziemlich tiefen Bergstrom mit vollkommen klarem Wasser zu
-seiner Linken, den die beiden Reiter angenommen hatten. -- Und sollte er
-selber da hindurch. Das Wasser war, wie er die Hand hinein hielt, eisig
-kalt; kam ihm wenigstens so vor, und er in Schweiß gebadet -- er konnte den
-Tod von einer solchen Schwimmpartie haben. Doch nur ein Gedanke beseelte
-ihn: der der Rache, den Feind wollte er erreichen und was ihn selber
-betraf, vergaß er ganz. Nur Büchse und Kugeltasche nahm er in die linke
-Hand, um sie trocken zu halten, und warf sich ohne Zögern in den Strom.
-
-Einen anderen Menschen hätte vielleicht unter solchen Umständen der Schlag
-gerührt; dem zähen Backwoodsman schadete das kalte Bad nicht allein Nichts,
-sondern es erfrischte ihn sogar nach dem heißen Lauf. Drüben angekommen war
-auch sein erster Blick nach den Spuren der Pferde -- aber was war das? --
-nur die Hufe _eines_ Pferdes und zwar Johns, dessen Spuren er genau kannte,
-sah er hier dem Boden eingedrückt -- und herüber und hinüber gingen sie,
-als ob er selber nicht gewußt habe, welche Richtung er einschlagen sollte
--- oh wie viel kostbare Zeit mußte er damit verloren haben -- weshalb hatte
-er sich nur nicht gleich stromab gewandt. Der Flüchtige _konnte_ ja gar
-nicht gegen die Strömung angeschwommen sein.
-
-Er selber suchte augenblicklich nach dieser Richtung zu, mußte aber eine
-lange Strecke am Ufer hinabwandern ehe er die Stelle fand, wo der gehetzte
-Räuber wieder an Land gegangen war, und erst als er hier den Spuren eine
-Weile gefolgt war, sah er, daß John die Fährte ebenfalls wieder aufgenommen
-hatte.
-
-Jetzt kam ein weites rauhes Terrain von Stein und Kies, wo man die Spuren
-kaum erkennen konnte, und hier plötzlich theilten sie sich, ohne daß Jim
-im Stande gewesen wäre, die Ursache zu errathen, denn so deutlich war die
-Fährte immer geblieben, daß sie John nicht verlieren konnte. Und welches
-war jetzt Johns Pferd gewesen, denn auf den Steinen ließ sich kaum hier und
-da ein schwaches Zeichen erkennen. Er begriff das Ganze nicht und wählte
-endlich die links abführende Fährte, die ihn aber eine Weile in gerader
-Richtung abführte, dann rechts einbog, wieder links hinüber hielt und dann
-noch einmal einen andern Cours nahm.
-
-Jetzt kam er auch auf weichen Boden und den Büchsenkolben stieß er
-verzweifelnd vor sich in die Erde -- denn er hatte _John's_ Fährte
-angenommen und der Verbrecher war jedenfalls entkommen.
-
-Was nun thun? -- Daß John den Wald hier nur auf gut Glück, bald herüber,
-bald hinüber abgesucht, war ihm klar genug, aber er begriff nicht, daß John
-hier die Fährte verloren haben konnte. Es gab ja keinen besseren Waldmann
-am ganzen Fourche-la-Fave. Sollte _er_ jetzt zurück und an dem Bergstrom
-die andere Spur aufnehmen? Dadurch erhielt der Flüchtige einen Stunden
-weiten Vorsprung und dann -- konnte er überhaupt noch fort? Die Sonne
-neigte sich schon dem Horizont und jetzt, da er endlich still stand, fühlte
-er erst, wie furchtbar müde er selber geworden war.
-
-Die Knie fingen ihm an zu zittern, ein Frösteln lief über seinen ganzen
-Körper und er mußte sich unter einen Baum legen, um nur etwas auszuruhen.
-Menschliche Kräfte hielten es eben nicht länger aus.
-
-So lag er etwa eine halbe Stunde, aber der Frost trieb ihn wieder in die
-Höhe, denn die nassen Kleider an seinem Körper kälteten ihn zu sehr. Er
-konnte auch wieder marschiren, denn die kurze Rast hatte wenigstens genügt,
-ihn in etwas aufzufrischen. Eine Zeitlang folgte er auch noch Johns Spuren,
-um doch vielleicht mit diesem wieder zusammen zu treffen, aber er mußte das
-bald als ein vergebliches Mühen aufgeben, denn nur zu deutlich sah er, daß
-dieser keine feste Richtung gehalten habe und trotzdem noch immer in wilder
-Eile fortgejagt sei. Brach aber die Nacht an, so verlor er die Fährten, die
-sich überhaupt nur sehr schwach auf dem Felsenboden zeigten, doch aus den
-Augen -- ja er war jetzt schon unsicher geworden, ob er noch die richtige
-hielt. Hier herum hatten sich jedenfalls eine Anzahl Pferde auf der Weide
-herumgetrieben und als er der einen Spur noch eine Weile folgte, traf er
-mitten im Wald einen alten lahmen Schimmel, der sich ruhig an einem dünnen
-Baumstamm die Seite rieb.
-
-Es war vorbei -- nicht einmal die Hoffnung konnte er mehr hegen, daß John
-wenigstens allein sein Ziel erreicht habe, und durch das viele Hin- und
-Herziehen irre gemacht, wußte er kaum selber mehr, wo er sich befand, viel
-weniger denn, wo er einen Andern suchen sollte. An der untergehenden Sonne
-konnte er aber doch die Himmelsrichtung erkennen, und beschloß nun seine
-Bahn nach jenem letzten Hause zu nehmen, dessen Fenz er im Vorbeijagen
-gesehen -- möglich, daß ihn John dort ebenfalls aufsuchen würde, und that
-er das nicht, so wollte er zurück nach Blumenthal kehren und ihn dort
-erwarten.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-Die Ueberraschung.
-
-
-Jim war todtmüde geworden und hätte sich gern gleich da, wo er stand, zum
-Schlafen niedergeworfen, aber der Durst peinigte ihn außerdem; er mußte
-jedenfalls Wasser suchen, und hielt deshalb, da er sich von dem Fluß zu
-weit entfernt hatte, über den nächsten Hügelhang hinüber, an dessen anderer
-Seite er einen Bach anzutreffen hoffte. Dort konnte er auch ein Feuer
-anzünden, um sich zu trocknen, und etwas Brot und Fleisch trug er ja in
-seiner Kugeltasche bei sich.
-
-Das Terrain war hier außerordentlich steinig. Es sah fast so aus, als
-ob sich irgend ein Riese den Spaß gemacht habe, Tausende von kleinen
-Felsblöcken über das weite Land auszustreuen, so dicht lagen sie
-beieinander, und zu Pferde wäre hier überhaupt schwer durchzukommen
-gewesen. Langsam schritt er dazwischen hin, traf endlich auf ein paar
-feuchte Stellen, an denen sich etwas Wasser gesammelt hatte, und kniete bei
-einer derselben nieder, um sich wenigstens erst einmal satt zu trinken. Es
-war auch die höchste Zeit gewesen, denn die rothen Abendwolken verriethen
-schon den Untergang der Sonne und das rasch eintretende Dämmerlicht legte
-sich über den Wald.
-
-Er trank lange und um Athem zu holen, hob er endlich den Kopf, zuckte aber
-bis in jeden Nerv seines Körpers zusammen, denn kaum hundert Schritt von
-ihm entfernt -- oh, nicht so viel, es konnten kaum mehr als achtzig sein,
-da die Dämmerung die Entfernung vergrößert, sprang ein Mann, eine Büchse in
-der Hand haltend, rasch über den hier ziemlich offenen Plan von einem Stein
-zum andern. Seine Richtung aber lag dem nicht weit davon wieder höher und
-dichter werdenden Holze zu, und Jim erkannte auf den ersten Blick seinen
-Feind. Es war Hendricks.
-
-Fast krampfhaft griff er, in seiner gebückten Stellung verharrend, nach
-der neben ihm liegenden Büchse; aber wie hätte er jetzt, in schon halber
-Dunkelheit, sein Ziel treffen wollen; und die Glieder flogen ihm dabei, wie
-in Fieberfrost.
-
-Hendricks konnte ihn da, wo er mit seinem dunklen Kopf kaum über die fast
-gleichfarbigen Felsstücke heraussah, nicht erkennen, schien auch kaum die
-Nähe eines Menschen hier zu fürchten, sondern nur allein darauf bedacht
-zu sein, keine Fährten mehr zu hinterlassen, was ihm auch auf den Steinen
-vollkommen gelingen mußte.
-
-Wie in aller Welt hatte er John überlistet? -- war sein Pferd ebenfalls
-gestürzt oder vielleicht absichtlich an einer Stelle aufgegeben, wo er
-seine eigenen Fährten gut verbergen konnte? Aber wild und verworren
-zuckten solche Fragen durch des jungen Backwoodsmans Hirn, und mit heftigen
-Schlägen klopfte ihm das Herz in der Brust, denn an ihm vorüber floh der
-Bube und wenn er jetzt im Wald verschwand -- Langsam und vorsichtig, mit
-so wenig als möglich Bewegung, hob er seine Büchse und suchte sie auf einen
-der Felsblöcke zu bringen; aber der vor ihm liegende war zu niedrig -- er
-konnte nicht darauf zielen; -- er kroch etwas weiter nach rechts hinüber.
-Dort sah er einen passenden Platz, aber Hendricks, mit keiner Ahnung in
-welcher Gefahr er sich befand, sprang leichtfüßig von einem Stein zum
-andern und ehe Jenkins nur die Büchse an die Backen und den Feind auf's
-Korn bekommen konnte, war er in dem Gestrüpp, wenn auch nicht verschwunden,
-doch so in den immer stärker werdenden Schatten gekommen, daß ein richtiges
-Ziel zur Unmöglichkeit wurde. Einen gewissen Schuß mußte Jim aber haben
-oder der Verbrecher war nicht allein gewarnt und dann auf immer für ihn
-verloren, sondern er war auch viel stärker bewaffnet, als er selber. Jim
-hatte nur die eine Kugel im Rohr, Hendricks dagegen, außer seiner Büchse
-noch wenigstens einen sechsläufigen Revolver im Gürtel, und nur sein böses
-Gewissen oder seine natürliche Feigheit mußten ihn, bei seiner Uebermacht
-der Waffen, selbst beiden Verfolgern gegenüber, zur Flucht getrieben haben.
-
-Jim sah sich jetzt, da wo er gerade lag, durch einen ziemlich hohen
-Felsblock gedeckt. Er wartete noch einen Moment und da Hendricks nicht auf
-der anderen Seite desselben wieder zum Vorschein kam, glitt er wie eine
-Schlange über den Boden und zu jenem Felsen hin, an dem er sich, die Büchse
-aber zum augenblicklichen Gebrauch im Anschlag, langsam emporrichtete, um
-darüber hin sehen zu können. Er schrak aber ordentlich zusammen, denn dort
--- kaum zwanzig Schritt mehr von ihm entfernt und an der nämlichen Quelle,
-an der er, etwas weiter unten getrunken, lag Hendricks -- ebenso verdurstet
-wie er selber und ihm den Rücken zukehrend. Im Nu hob sich auch Jenkins
-Büchse und sein Auge suchte das Korn -- aber es war nicht mehr möglich. Er
-selber stand hier vollständig gedeckt unter einem dichten Dogwood-Busch,
-und dort der Trinkende lag ebenso im tiefen Schatten, daß er wohl noch die
-Gestalt erkennen, aber nicht mehr darauf zielen konnte. Und selbst, wenn er
-es gekonnt hätte, sollte er den Buben mit einer Kugel tödten -- ihn seiner
-selbst unbewußt von der Erde nehmen, der ihm so entsetzliches Weh angethan?
-
-Jetzt hob sich die Gestalt vom Boden auf, und wieder suchte Jenkins' Auge
-das Korn seiner Büchse zu fangen; da sah er, wie Hendricks, der sich
-hier vollkommen sicher glauben mußte, seine Büchse nahm und an einen Baum
-lehnte, den Blick noch einmal vorsichtig umherwarf und dann alle Anstalten
-machte, als ob er dort, wo er sich gerade befinde, etwas ausruhen wolle.
-Die Nacht war eingebrochen, die Sterne traten heraus, und nur bei ihrem
-Schein konnte Jim erkennen, wie der wahrscheinlich ebenfalls zum Tod
-Ermüdete sich Laub unter dem nächsten Baum zusammenschob, um sich ein nur
-einigermaßen trockenes Lager herzurichten. Natürlich wollte er nicht im
-Dunkeln marschiren, wo er einer ihm drohenden Gefahr nicht hätte ausweichen
-können.
-
-Jim Jenkins blieb unbeweglich hinter seinem Stein liegen, denn daß er
-selber dort keine Gefahr lief, entdeckt zu werden, wußte er gut genug.
-Er sah, wie sein Opfer noch einmal in langen Zügen trank und sich dann
-endlich, die Büchse und den Revolver neben sich, auf das Laub, das er
-rascheln hörte, niederwarf. Er war selber todtmüde gewesen, aber er
-dachte nicht mehr an Schlaf und überlegte sich nur jetzt, wann der Mond
-herauskommen müsse, um ihm zu seinem weiteren Handeln zu leuchten.
-
-Gestern war der Mond ziemlich spät aufgegangen -- wohl erst um neun Uhr --
-heute kam er noch später und ehe er nicht ziemlich hoch stand, konnte er
-Nichts beginnen -- aber was that das. Und wenn er hätte zwölf Stunden da
-liegen sollen, er würde nicht gemurrt haben, glaubte er sich doch jetzt
-seiner Rache sicher. So regungslos wie der kalte Stein selber, an den er
-sich lehnte und ebenso erbarmungslos hielt er, als er selbst nicht mehr
-die Umrisse des Feindes in dem Dunkel erkennen konnte, die Augen noch
-immer fest auf den Platz gerichtet und horchte, mit Anspannung aller seiner
-Kräfte, dem geringsten Geräusch, was von dort zu ihm herüberdrang.
-
-Hendricks mußte unruhig schlafen; er warf sich auf seinem Laubbett herüber
-und hinüber. War etwa der auf ihm haftende Blick seines Feindes daran
-Schuld? Jim dachte selber daran und wandte ihn ab, aber kein Rascheln eines
-Blattes entging seinem scharfen Ohr.
-
-So stand er, oder lag halb an dem Felsen, viele Stunden lang -- dort drüben
-war Alles ruhig geworden -- endlich, endlich ging der Mond auf, stand aber
-noch viel zu tief hinter den Bäumen, um hell genug zu leuchten. Jenkins
-erwartete seine Zeit mit fast übermenschlicher Geduld und rührte sich nicht
-eher, als bis Mitternacht schon lange vorüber sein mußte, und jetzt rüstete
-er sich zum Handeln.
-
-Geräuschlos streifte er Alles ab, was ihn an seiner freien Bewegung hindern
-konnte, selbst die Kugeltasche, Jagdhemd und Leggings -- die Nacht war
-ziemlich kalt, aber ihn fror nicht, der Kopf brannte ihm sogar wie in
-Fieberhitze. Jetzt war er soweit fertig und nur nach seiner Büchse sah
-er noch, und setzte ein frisches Zündhütchen auf, daß sie ihm nicht im
-entscheidenden Moment versagte. Dann aber, wie ein Panther auf seine Beute,
-und ebenso mordgierig, ebenso geräuschlos verließ er den Stein, hinter dem
-er sich bisher verborgen und glitt auf sein Opfer zu.
-
-Schlief Hendricks? -- Er wußte es nicht. Lag er wach und hörte den
-Anschleichenden, so war es um ihn geschehen, aber was kümmerte ihn die
-Gefahr, in der er sich befand. Rache wollte er, Rache an dem Mörder seines
-Vaters und mit keinem Gedanken weiter, aber auch mit jeder nur möglichen
-Vorsicht, schlich er näher und näher an sein Opfer hinan, immer wieder
-horchend, ob er das Laub nicht könne rascheln hören. -- Aber Alles blieb
-ruhig wie das Grab -- ja, jetzt tönte schon deutlich das langsam schwere
-Athmen des Schlafenden zu ihm herüber.
-
-Aber war das nicht etwa Täuschung? stellte sich der Bube nicht vielleicht
-nur schlafend und lag, mit gespanntem Revolver des Nahenden harrend?
-Vorwärts! Jetzt konnte er die ausgestreckte Gestalt deutlich im Licht des
-Mondes, der gerade einen Strahl durch die Baumwipfel warf, erkennen. Neben
-ihm blitzte etwas -- es war der Revolver, auf dem seine Hand ruhte -- die
-Büchse lag ebenfalls zum Griff bereit.
-
-Jim zögerte einen Augenblick -- aber auch nur einen -- jetzt war er neben
-dem Schlafenden -- geräuschlos legte er die eigene Büchse neben sich auf
-das Gras nieder, von dem Hendricks selber das Laub weggescharrt -- _ein_
-Griff nach dem Revolver mit der linken Hand, und wie der Mörder wild
-und entsetzt durch die Berührung emporfuhr, traf ihn ein mit aller Wucht
-geführter Faustschlag Jims so kräftig gegen den rechten Schlaf, daß er
-bewußtlos und wie todt auf das Laub zurücksank. -- Es wäre besser für ihn
-gewesen, er wäre todt geblieben.
-
-Jim, den Revolver neben sich legend, warf sich auf ihn, riß aus seiner
-Tasche ein Stück derbes Seil, wie es meist alle Jäger bei sich führen,
-und schnürte ihm damit die Hände auf den Rücken -- jetzt erst hatte er ihn
-sicher und nur der eine Wunsch drängte sich über seine Lippen: Oh, wäre
-John jetzt hier! -- Aber dem Gedanken gab er sich nicht weiter hin, denn
-wer wußte wo der Freund jetzt war. Die Schnur reichte noch gerade aus, um
-den Gefangenen an einen jungen Stamm anzubinden. Nicht weit davon stand ein
-niederer Dogwood, dorthin schleppte er ihn und hatte sich seiner vollkommen
-versichert, als der bis dahin vollständig Bewußtlose seine Besinnung wieder
-gewann.
-
-Aber er kümmerte sich in dem Augenblick gar nicht um ihn -- und zu dem
-Felsblock sprang er, um von dort seinen Zügel herüber zu holen und als er
-jubelnd wieder zurück zu dem Gefangenen eilte, hatte sich Hendricks halb
-auf seinem Ellbogen aufgerichtet und starrte ihn mit stieren entsetzten
-Blicken an.
-
-»Jenkins« -- war Alles was sich seiner Brust entrang -- »oh mein Gott!«
-
-»Ja ruf Deinen Gott an, Schuft,« lachte aber der junge Backwoodsman,
-ingrimmig zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. »Der, zu dem Du
-betest, ist der Teufel, der Dich so lange beschützt hat -- aber Deine Zeit
-ist um. Du siehst die Sonne nicht wieder.«
-
-»Jenkins,« sagte Hendricks mit leiser, heiserer Stimme, »Ihr wollt mich
-doch nicht hier in der Nacht mit kaltem Blut morden.«
-
-»Gerade recht mahnst Du mich an das kalte Blut, mit dem Du meinen armen
-alten Vater und den alten Wells, Rankins Hogan und viele Andere ermordet
-hast. Scheusal wie es kein zweites die Welt trägt -- aber Deine Zeit ist
-um; Erbarmen hast Du von mir nicht zu hoffen.«
-
-»Jenkins,« stöhnte Hendricks -- »ich bin reich -- ich habe bei Blumenthal
-viel Geld vergraben -- es soll Alles Euer sein, wenn Ihr mich nur dorthin
-führt, und ich bleibe ja doch in Eurer Gewalt.«
-
-»Dein Blutgeld, nicht wahr, um das Du auch wohl den armen Deutschen
-ermordet?« -- knirschte Jim -- »Deine Zeit ist um und Bitten oder
-Versprechungen helfen Dir nicht mehr.«
-
-Noch während er sprach hatte er den starken Zügel von dem Gebiß gelöst und
-eine Schlinge daraus geformt. Jetzt sah er zu dem Dogwood auf -- einer der
-Aeste zog sich gerade etwa hoch genug über dem Gefangenen hin und so,
-daß er ihn bequem erreichen konnte. Hendricks suchte mit der Kraft der
-Verzweiflung die Bande, die ihn hielten, zu zerreißen und Jim hielt dabei
-vorsichtig den Revolver in der Hand -- doch das Seil hielt; er schob die
-Waffe wieder in den Gürtel zurück, und ging dann kaltblütig daran, den
-Riemen über den Ast zu werfen und zu befestigen.
-
-»Jenkins,« flehte Hendricks, »seid ein Mensch! Um Gottes Barmherzigkeit
-willen mordet mich nicht hier im dunklen Wald -- o, laßt mich nur leben,
-bis der Tag anbricht, nur noch eine Stunde, um meine Sünden zu bekennen.
-Ich habe viel verbrochen. -- Ihr _müßt_ mich hören.«
-
-»Ich _weiß_ genug von Dir mein Bursche,« sagte der junge Backwoodsman
-trocken, »um Dir zehnfachen Tod zu sichern -- komm! Du weißt, daß Du
-verloren bist und selbst der Teufel, Dein Cumpan, könnte Dich nicht mehr
-retten. Gieb Deinen Hals gutwillig her, denn ich werde noch genug Mühe
-haben, Dich da hinauf zu ziehen.«
-
-Er warf ihm dabei die Schlinge um den Hals -- und »Hülfe! Mörder! Mörder!«
-schrie mit gellender Stimme der Unglückliche durch den Wald, indem er sich
-am Boden wand und krümmte -- »Hülfe! Hülfe!«
-
-Jim lachte -- aber plötzlich horchte er hoch auf und hielt mit seiner
-Arbeit inne. »Hülfe!« rief der Gefesselte wieder, und der Schrei wurde
-beantwortet -- in weiter Ferne zwar, aber der junge Backwoodsman
-konnte genau einen Ruf unterscheiden. -- Sollte der Bube wirklich noch
-Helfershelfer haben, -- aber nicht zehn von ihnen hätten sein Geschick mehr
-wenden können.
-
-Da hörte er wieder einen Ruf und Jim ließ den Riemen fahren, legte die
-Hände trichterförmig an den Mund und beantwortete selber den Ton. -- Das
-war John's Jagdruf. -- Wieder gab er das Zeichen -- näher und näher kam der
-Gerufene -- jetzt konnte er ihn schon durch die Büsche brechen hören.
-
-»Ach John! bist Du das?«
-
-»Wo steckst Du Jim -- wer schrie da?«
-
-»Hierher -- ich _hab'_ ihn!«
-
-Ein gellendes Jubelgeheul, wie es sonst nur ein Indianer ausstoßen kann,
-schmetterte durch den Wald, und rücksichtslos um Dorn oder Schlingpflanze
-brach im nächsten Augenblick John durch die Büsche und jauchzte laut auf,
-als er den Gebundenen am Boden erkannte.
-
-Doch die jetzt folgende Scene ist zu furchtbar, um sie zu beschreiben.
-Hendricks war in erbarmungslose Hände gefallen und seine verbrecherische
-Laufbahn zu Ende. Mit der Kraft der Verzweiflung kämpfte er wohl noch eine
-Weile gegen seine Richter an -- vergebens, und bald schien der Mond auf
-die lang gestreckte, regungslose Gestalt, die an dem Ast des Dogwood-Baumes
-hing und langsam in der leichten Morgenbrise hin und her schwankte. Und die
-beiden jungen Leute lagerten so lange bei dem Baume, bis sie sich von dem
-wirklichen Tod ihres Opfers vollständig überzeugt hatten -- dann nahmen
-sie die Leiche ab, um, wie John Wells meinte, den Wölfen ihr Recht nicht zu
-entziehen.
-
-John untersuchte auch Hendricks Taschen -- er trug drei Uhren, um den Leib
-einen selbstgenähten Gürtel mit den verschiedenartigsten Schmucksachen und
-Goldstücken gefüllt, und in der Kugeltasche ebenfalls ein Päckchen Geld,
-das noch nicht einmal geöffnet schien, wie eine Anzahl loser mexicanischer
-Dollar.
-
-Seine Waffen nahmen sie ebenfalls und verließen dann nach Sonnenaufgang
-den schauerlichen Richtplatz, um ihren Weg vor der Hand nach Blumenthal
-zurückzusuchen -- möglich daß sie, in den bei ihm gefundenen Gegenständen,
-Beweise seines mörderischen Wirkens hatten.
-
-Aber es bedurfte deren nicht mehr. Als sie nach zwei Tagen, die sie
-gebraucht, um ihre Pferde wieder aufzusuchen, den kleinen Ort erreichten,
-hatte man schon, auf Peters Veranlassung, Hendrick's verlassene Wohnung
-untersucht und die zweifellosesten Beweise gefunden, daß er an allen
-kürzlich dort verübten Morden wenigstens betheiligt gewesen, wenn er sie
-nicht am Ende gar allein ausgeführt hatte.
-
-Das noch eingenähte Geld hatte übrigens dem alten Fischer gehört, und
-Catharina selber das Päckchen für ihn zurecht gemacht -- ebenso war eine
-der Uhren die seinige gewesen, wie sich auch sein Trauring unter den Sachen
-fand.
-
-Was nicht reclamirt wurde, nahmen Jim und John auf ihrem Rückweg nach dem
-Fourche-la-Fave mit -- es war ihr wohlerworbenes Eigenthum, so lange sie
-nicht die früheren Besitzer auffanden, -- aber Jim litt es nicht lange
-in der alten Heimath, die zur viel der schmerzlichen Erinnerungen für ihn
-trug. Auch John zog von dem alten Platz weg, aber nur in ein anderes County
-über den Arkansas hinüber und Jim, nachdem er noch Johns Heirath mit seiner
-Schwester beigewohnt, setzte sich auf ein, seinen Bruder Bill auf ein
-anderes Pferd, und ritt zurück nach Texas, nach der kleinen, abgeschiedenen
-Colonie Blumenthal, in welcher er gesonnen war, sich häuslich
-niederzulassen.
-
-Am Fourche-la-Fave herrschte von da an Frieden -- aber der Frieden des
-Grabes. Die Jay-hawkers waren allerdings theils ausgerottet, theils
-vertrieben und die Anwohner des kleinen Stromes brauchten keine
-Meuchelmörder mehr zu fürchten: aber wie viele, wie entsetzlich viele sonst
-so friedliche Hütten, die glückliche brave Menschen und Familien bargen,
-lagen verwüstet, zerstört, eingeäschert. Rings umher der Wald war wild
-aufgewachsen und dornige Schlingpflanzen überwucherten die früheren
-Spielplätze des jungen Volkes.
-
-Krieg und Mord hatten dem armen Land ihr Brandmal aufgedrückt; die wenigen
-Hinterbliebenen, ihre Ernährer und ihren ganzen Reichthum, ihre paar
-Kühe und Pferde verloren und Armuth und Elend war eingekehrt, wo sonst
-glücklicher Frieden und verhältnißmäßiger Reichthum herrschte -- der
-wenigstens dem Besitzer Alles das gewährte, was er zum Leben brauchte und
-verlangte, so wenig das auch sein mochte.
-
-Drei Jahre später ritt John Wells wieder einmal nach Texas hinüber, um
-Jim Jenkins bei seinem zweiten Sohn zu Gevatter zu bitten, und ihn zu
-überreden, nach dem Fourche-la-Fave zurückzuziehen, weil sich die Schwester
-so nach den beiden Brüdern sehne.
-
-Bill, der ein tüchtiger Bursch geworden war, konnte abkommen und zog,
-wenigstens auf Besuch, mit zurück; Jim aber nicht. Er hatte im vorigen
-Jahre Catharine Fischer, die frühere Braut des Jay-hawkers geheirathet und
--- konnte jetzt gerade die blühende Ansiedlung und sein junges Weib nicht
-verlassen.
-
-
-
-
-König Zambiri.
-
-Afrikanische Skizze.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Der Schooner.
-
-
-An der ostafrikanischen Küste, aber noch nördlich vom Aequator, kreuzte
-einer jener amerikanischen Schooner die, aus den Yankeestaaten kommend,
-Küstenhandel in allen Theilen der Erde treiben und, wenn sie irgend einen
-Nutzen dabei zu finden glauben, eben so keck den Stürmen vom Kap Horn, wie
-den Typhoons des chinesischen Meeres trotzen.
-
-Die Sarah Miles, wie das kleine Fahrzeug hieß, war denn auch, mit Zwiebeln,
-Wanduhren und Blechwaaren beladen, von Connecticut nach Surinam gegangen,
-hatte dort Zucker, Kaffee wie andere tropische Produkte für Chili
-eingetauscht, von da aus Mehl, Wein und Kartoffeln nach der Südsee geführt
-und von den Inseln Kokosnußöl, Perlen und Perlenmuttermuscheln nach
-Australien gebracht. In Sydney verkaufte Kapitän Oacutt diese Ladung sehr
-vortheilhaft an ein deutsches Handlungshaus und tauschte dafür theils
-Waaren für den afrikanischen Markt ein, theils nahm er bessere Sachen für
-die Kapstadt mit, um von dort echten Kapwein, oder was er sonst erhalten
-konnte, zurück in sein Vaterland zu führen.
-
-Natürlich konnte er aber unterwegs der Versuchung nicht widerstehen, zuerst
-einmal ein paar der kleinen Königreiche an der Ostküste anzulaufen. Dort
-war jedenfalls noch ein Geschäft mit den uncivilisirten Wilden zu machen,
-es mußte wenigstens versucht werden, und möglich ja, daß sich Elfenbein,
-Gold, Gummi und wie die werthvollen Produkte dieses Himmelsstrichs alle
-heißen, um einen Pappenstiel erstehen ließen.
-
-Hier befand sich aber Kapitain Oacutt -- in dem, was die geographischen
-Verhältnisse dieser Länder betraf -- völlig aus seinem Fahrwasser, denn er
-hatte wohl eine ausgezeichnete Karte von Connecticut an Bord, auch ein
-paar andere, alt gekaufte von dem Hoogly, San Franzisco, Rio de Janeiro und
-anderen Küstenstrichen. Wie es aber mit den Hafenplätzen jenes Erdstrichs
-aussah, dem er gerade entgegen hielt und ob er sich hier einem schon
-theilweise civilisirten oder noch vollkommen wilden Volke gegenüber
-befinde, davon wußte er kein Wort und, aufrichtig gesagt, kümmerte sich
-auch nicht darum.
-
-Wenn er nur Menschen dort fand, mit denen er Handel treiben konnte, und die
-etwas des Handels Werthes besaßen, alles Uebrige fand sich von selbst, und
-Gefahren? Bah! seine Amerikaner, die er an Bord hatte, fürchteten sich vor
-dem Teufel nicht, viel weniger vor einer Horde nackter, schwarzer Wilden.
-
-Die Sarah Miles führte auch in der That eine für ein so kleines Fahrzeug
-sehr starke Besatzung, und zwar schon der großen Schoonersegel wegen, mit
-denen nicht so leicht hantiren ist, wie mit Raasegeln. Außerdem war dem
-Kapitain in Sydney angerathen worden, sich an der afrikanischen Küste
-vorzusehen, da jenen Völkerstämmen nie zu trauen sei, und er hatte dort
-noch vier, einem Wallfischfänger entsprungene Matrosen, junge, kräftige
-Bursche, dazu geworben. Mit Waffen war er überdies reichlich versehen,
-sogar mit einer vortrefflichen Drehbasse, die vorn auf seinem Bug stand,
-und sich deshalb bewußt, nichts versäumt zu haben, um einer möglichen
-Gefahr auch kräftig zu begegnen.
-
-Uebrigens hatten sich diese Vorsichtsmaßregeln bis jetzt als sehr nutzlos
-erwiesen, denn er sichtete, von Australien bis hieher, nicht ein einziges
-Mal Land und bekam deßhalb auch keine Prouen, Dschunken, Kanoes, oder was
-sonst noch auf Raub ausgeht, zu sehen. Ein paar Mal bemerkte er allerdings
-Segelschiffe: friedliche Kauffahrer, die vielleicht zwischen Indien und
-dem Kap fuhren. Diesen gefiel aber wieder der Schooner mit seinen keck
-gestellten Masten nicht, und sie machten gewöhnlich, daß sie ihm aus dem
-Weg kamen, während Kapitain Oacutt nicht das geringste Interesse hatte, sie
-aufzusuchen. An denen war nichts zu verdienen; das wußte er aus Erfahrung
-gut genug, und er steuerte sich ihretwegen auch nicht einen halben Strich
-aus seinem Kurs.
-
-Mit einer allerdings sehr schwachen, aber doch günstigen Brise glitten
-sie so durch das tiefblaue Wasser des Ozeans und der Kapitain schaute
-sehnsuchtsvoll nach Land aus. Seiner Berechnung nach hätten sie nämlich
-unter der Länge, die ihm sein Chronometer angab, schon ein paar Meilen in
-Land auf der afrikanischen Küste sitzen müssen -- Gott nur wußte, welche
-Zeit der hielt, -- und noch war nicht einmal ein Ufer zu erkennen. Die
-ganze Nacht mußte deßhalb auch doppelte Wache an Bord bleiben, um, wenn
-sie nichts sehen konnten, nach der Brandung auszuhorchen, aber sie konnten
-ungestört ihren Weg fortsetzen, und erst am andern Morgen mit Tagesanbruch
-kündete der frohe Ruf der Leute: »Land!«
-
-Sie mußten auch in der Nacht ziemlich nahe hinangekommen sein, denn
-deutlich ließ sich schon ein erhöhtes und waldiges Ufer erkennen, das
-verschiedene Einschnitte zeigte; welchem Theil der Küste es aber angehöre,
-war schwer zu bestimmen, denn Kapitain Oacutt hatte, wie gesagt, keine
-Spezialkarte von Afrika an Bord und verließ sich, im Auffinden von
-günstigen Landungsplätzen, wie gewöhnlich auf sein gutes Glück.
-
-Die Brise frischte jetzt etwas auf, und um zehn Uhr etwa waren sie so nahe
-gekommen, daß sie schon mit bloßen Augen Menschen auf dem weißen Uferstrand
-erkennen konnten. Rauch stieg an vielen Orten auf, und die Gegend schien
-jedenfalls bevölkert.
-
-Der Kapitain stand vorn auf der Back seines Schooners, das Fernrohr in der
-Hand, um wo möglich einen Landungsplatz zu finden, aber er bemerkte, daß
-die Eingebornen den Strand entlang, mehr in einer nördlichen Richtung
-liefen und errieth leicht die Ursache. An jenem Punkt, auf welchen sie
-zuhielten, lag wahrscheinlich kein günstiger Ankergrund, aber wohl
-weiter oben. Ohne sich auch lange zu besinnen, gab er Ordre, den Kurs des
-Fahrzeugs dahin zu ändern, und rief einen Mann vorn in die Rüsteisen, um
-das Loth zu werfen, damit sie sich nicht in zu seichtes Wasser wagten, --
-hatte das Meer doch hier schon eine mehr gelbliche Färbung angenommen.
-
-Der Schooner gehorchte rasch dem Steuer, und auch die Eingebornen schienen
-mit der neuen Richtung einverstanden, denn sie hatten grüne Zweige
-abgebrochen und schwenkten sie in der Luft, ein Zeichen, daß sie die
-Fremden freundlich empfangen und friedlich mit ihnen verkehren wollten. Man
-darf jedoch diesen wohlwollenden Manifestationen nicht immer unbedingten
-Glauben schenken, denn es giebt auch verrätherische Stämme, die dadurch
-Beute heranzulocken suchen, ähnlich wie irische Stranddiebe Nachts durch
-falsche Signale Fahrzeuge verführen, an die gefährliche Küste anzulaufen.
-
-Kapitain Oacutt traute auch diesen signalisirenden Betheurungen nicht
-weiter als nöthig; d. h. er nahm sie nur für einen Beweis von Höflichkeit,
-und erwiederte dieselbe damit, daß er seine Flagge aufzog. Zugleich
-beschloß er aber, dem Land nicht näher als nöthig zu kommen, ehe er nicht
-die Aufrichtigkeit der Eingebornen erprobt habe, auch nicht etwa gleich
-fest vor Anker zu gehen, sondern, wenn nahe genug, ein Boot abzuschicken
-und dann langsam dort auf und ab zu kreuzen. Dadurch behielt er nicht
-allein sein kleines Fahrzeug vollständig in der Gewalt, sondern konnte
-auch seinem Boot, wenn es etwa nöthig werden sollte, rasche Hülfe bringen.
-Außerdem befand er sich hier noch immer in einigen zwanzig Faden Wasser,
-also in einer Tiefe, bei der er nicht die geringste Gefahr lief.
-
-Für das Boot, das sein Steuermann führen sollte, wurden jetzt Freiwillige
-aufgerufen, und diese selber vorsichtigerweise bewaffnet, um sich im Fall
-der Noth vertheidigen zu können. So liefen sie, vollständig bereit, es
-jeden Augenblick nieder zu lassen, direkt gegen die Küste, und bis fast in
-fünf Faden Tiefe hinan und erwarteten eben den Befehl zum vom Bord gehen,
-als der Mann am Steuer ein Kanoe bemerkte, das eben vom Ufer aus in Sicht
-kam und augenscheinlich zu ihnen heraus wollte. -- Das mußte jedenfalls
-abgewartet werden, denn man sah da gleich, mit wem man es zu thun hatte;
-auch lag in dem Besuch nichts Außerordentliches. Freuen sich doch diese
-wilden, nur auf ihre eigenen Erzeugnisse angewiesenen Stämme jedesmal, wenn
-sie auf eine solche Art mit irgend einem fremden Fahrzeug in Verbindung
-treten können, da ihnen dieses doch immer viel Neues und oft auch
-Nützliches bringt. Was sie selber dafür an Werth geben mußten, rechneten
-sie nicht, denn es waren stets Sachen, die sie leicht wieder ersetzen
-konnten, und doch wie schmählich wurden sie dabei betrogen. Was für
-glänzende Geschäfte hatte Oacutt auch schon in der Südsee gemacht, wo er
-für Tabak und Branntwein, für Kattun, Tant, werthlose Knöpfe, ja oft
-für abgebrochene Nägel Kokosnußöl und nicht selten kostbare Perlen
-eingetauscht. Dieser Stamm war keinenfalls klüger als die dortigen, und
-ein Sortiment derartiger Dinge auch deßhalb schon hervorgesucht und bereit
-gelegt.
-
-Das herankommende Canoe sah indessen nicht so aus, als ob es einen Handel
-eröffnen sollte. Es führte nur vier Mann an Bord. Einer saß am Steuer, zwei
-ruderten und der vierte stand, mit einem grünen Busch in der Hand, vorn im
-Bug. Sie waren sämmtlich nackt, nur mit einem blauen Schurz um die Lenden
-bekleidet und gaben die schwarzen Wollköpfe trotzig der Sonne preis,
-schienen aber keine Waffen zu tragen und eher eine Art von Gesandtschaft,
-die heraus beordert wurde, um vielleicht einmal zu erfahren, welche Waaren
-die Fremden brächten und was sie dafür verlangten. Jedenfalls blieb es
-gerathen, sie freundlich zu empfangen, und der Kapitän befahl deßhalb,
-die Fallreepstreppe hinab zu lassen, damit sie bequemer an Bord steigen
-konnten.
-
-Die Leute im Kanoe mußten auch diese Erleichterung schon kennen, denn
-der Steuernde hielt rasch darauf zu, aber man konnte nicht sagen, daß
-sie neugierig seien, denn nur Einer von ihnen, der mit dem grünen Busch,
-ergriff dieselbe und lief daran empor. Die Uebrigen blieben im Kanoe,
-ergriffen nur die Taue und hielten sich fest, um nicht von dem, jetzt
-allerdings nur wenig Fortgang machenden Fahrzeug zurückgelassen zu werden
-und ihren Mann zu verlieren.
-
-Der Botschafter blieb indessen noch immer, mit seinem Busch in der Hand,
-oben an Deck stehen, und schien vorher eine Einladung abzuwarten, um näher
-zu treten, zeigte aber keine Furcht und schaute sich ruhig und gleichmüthig
-an Bord um. Kapitän Oacutt war übrigens in Verlegenheit, wie er sich
-dem schwarzen Burschen verständlich machen sollte, denn an Bord kannte
-natürlich Niemand die Sprache dieses Volkes. Um aber seinen guten Willen
-zu zeigen, nahm er ein großes Stück Kautabak in die eine, ein Glas mit
-Branntwein in die andere Hand und ging damit auf den Botschafter zu. Den
-Tabak mußte dieser auch kennen, denn sein schwarzbraunes Gesicht verklärte
-sich ordentlich, als er ihn sah, und er griff rasch danach. Nicht so nach
-dem Branntwein. Vorsichtig roch er vorher an das Glas, schob es dann zurück
-und sagte in gebrochenem, aber doch verständlichem Englisch: »Danke -- ich
-nicht Feuer trinken -- bös -- sehr bös!«
-
-»Alle Wetter!« rief Kapitän Oacutt erfreut aus, »Du sprichst amerikanisch,
-mein Bursche? Das ist famos. Und was bringst Du uns?«
-
-»Bringen?« sagte der Eingeborne erstaunt, »ich soll was bringen? Dafür
-schickt mich der König her, daß Du was bringen sollst. Geschenke, wie es
-bei uns üblich ist; dann erlaubt er Dir auch, daß Du landen und zu ihm
-kommen darfst.«
-
-»Unendlich gnädig,« lachte Oacutt, »und vorher dürfen wir nicht?«
-
-»Nein,« sagte der Schwarzbraune ganz ernsthaft, indem er ein Stück von
-seinem Tabak abbiß.
-
-Der Amerikaner schüttelte mit dem Kopf. Der Abgesandte selber sah
-allerdings nicht so aus, als ob es in seinem Lande viel Werthvolles zu
-verhandeln gäbe, oder die Eingebornen irgend welche Bedürfnisse hätten. Er
-ging, bis auf den blauen Schurz, völlig unbekleidet, und trug auch nicht
-die Spur von Schmuck oder sonstigem Zierrath, viel weniger denn von Gold an
-sich. Lohnte es überhaupt der Mühe, sich mit diesem Volk einzulassen? Aber
-der Versuch mußte jedenfalls gemacht werden, denn der Weg, den sie dazu
-hierher gekommen, war zu weit und lang gewesen. Er brauchte auch Früchte
-und frisches Fleisch, um seinen Leuten eine Veränderung der Kost zu
-gewähren, und dann erfuhren sie dort vielleicht etwas über die benachbarten
-Küstenstriche, und wo es am Vortheilhaftesten sein würde, anzulaufen, um
-die werthvollsten Produkte dieses Welttheils einzutauschen und überhaupt zu
-finden.
-
-Der Eingeborne, eine schlanke, kräftige Gestalt, der eben so hier
-hergekommen schien, wie er heute Morgen von seinem Lager aufgesprungen
-sein mochte, und nur sein schwarzes Wollenhaar in unzählige kleine Zöpfe
-geflochten und an den Spitzen mit einem weißen Baumwollfaden umwickelt
-hatte, erwartete indessen in aller Ruhe die Antwort des Kapitäns. Während
-er selber fast regungslos blieb, rollte er das Weiße seiner Augen nach
-allen Seiten des Decks. Er war sich jedenfalls seiner Würde als Abgesandter
-bewußt und durfte sich nichts vergeben.
-
-Kapitän Oacutt hatte aber sein Boot ja schon bereit liegen, und es galt nur
-jetzt noch, die verlangten Geschenke für den König, die er allerdings nicht
-für nöthig gehalten, beizufügen. Das konnte rasch geschehen sein, und der
-Bote bekam deßhalb die Antwort, sie würden nicht versäumen, den König zu
-begrüßen und hofften dann einen freundschaftlichen Verkehr mit dem Lande
-herzustellen. Der Schwarze nickte auch bloß mit dem Kopf, drehte sich dann
-um, stieg die Treppe wieder hinab, und wenige Sekunden später blieb das
-Kanoe zurück und hielt dem Lande zu.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-König Zambiri.
-
-
-Kapitän Oacutt ging jetzt augenblicklich daran, das auszusuchen, was er dem
-Oberhaupt der Wilden als Einführungsgeschenk überschicken wollte. Er zeigte
-sich aber nicht besonders wählerisch darin, denn er wußte aus Erfahrung,
-daß man einen derartigen Häuptling nicht gleich von Anfang an verwöhnen
-durfte, sonst wurde er gierig auf mehr, und ein einträglicher Handel war
-unmöglich.
-
-Am Liebsten wäre er freilich selber mit an Land gefahren, aber er durfte
-als Kapitän das Schiff nicht verlassen, und sein Steuermann war wohl
-auf See tüchtig, und dabei keck und unerschrocken und nicht so leicht
-eingeschüchtert, aber doch kaum gewandt genug, wo irgend eine Form
-erfordert wurde. Da erbot sich Doktor Spruce, ein junger Irländer, den
-er als Passagier von Sydney nach der Kapstadt mitgenommen, das Boot zu
-begleiten, war es doch auch eine Unterbrechung der monotonen Seefahrt,
-und kurze Zeit danach, nachdem das Kanoe wieder zwischen den Büschen
-verschwand, folgte ihm die Jölle.
-
-Uebrigens ging die Mannschaft ganz ordentlich bewaffnet; der Steuermann wie
-der Doktor trugen ihre Revolver, und die Matrosen hatten Jeder einen
-kurzen Schiffscutlaß im Boot liegen und ein doppelläufiges Pistol im Gürtel
-stecken, konnten sich also schon die Feinde im Nothfalle vom Leib halten.
-
-Der Schooner drehte, wie ihn das Boot verlassen, etwas vom Ufer ab, denn
-sie waren dem Lande schon fast zu nahe gekommen. Er konnte ja dort auf und
-ab kreuzen, bis die Leute zurückkehrten und ihm Bericht abstatteten. Lohnte
-es dann der Mühe und hielt man sich für sicher genug, so war es noch immer
-Zeit, vor Anker zu gehen und einen Tauschhandel zu eröffnen. Unter der Zeit
-segelte das Boot mit leichter Brise dem nicht mehr so fernen Land entgegen,
-und es ist für den Seefahrer stets ein eigenthümliches Gefühl, in solcher
-Weise eine fremde, von wilden oder doch wenigstens uncivilisirten Stämmen
-bewohnte Küste zu betreten. Gibt man sich doch immer dadurch mehr oder
-weniger in die Gewalt oft sehr zweifelhafter Horden. Aber es hat auch
-wieder einen ganz eigenthümlichen Reiz, den Reiz der unbekannten Gefahr
-_mit_ der Sehnsucht, die der Matrose stets nach festem Lande trägt, wenn er
-sich gar zu lange Zeit auf Salzwasser herumgetrieben. Er will wieder einmal
-den blauen Himmel durch Gesträuch und Baumzweige, nicht mehr durch das
-Gewirr seiner Taue betrachten. Er will Vögel und Frauenstimmen hören, sich
-an einer frischen Quelle satt trinken und die reife saftige Frucht selbst
-vom Ast pflücken; daß ihn dabei der Speer oder Pfeil eines Wilden bedrohen
-könne, kümmert ihn wenig -- wenigstens nie genug, um den Versuch nicht zu
-wagen.
-
-So betrachteten auch jetzt die anfahrenden Seeleute das immer deutlicher
-heraustretende Land mit steigendem Interesse, und nichts entging ihren
-spähenden Blicken. Schon konnten sie einige niedere Hütten erkennen und
-hielten diese Anfangs für die Hafenstadt, aber je näher sie kamen, desto
-mehr schob sich das Land auseinander, und nach rechts hinein öffnete
-sich plötzlich eine geräumige Bucht, an deren Rand, unter Palmen und
-hochstämmigen Laubbäumen, eine dichte Gruppe von Häusern stand.
-
-Allerdings boten diese auch ein reizendes Landschaftsbild; denn das
-frische, saftige Grün der Baumwipfel mischte sich freundlich mit dem
-Graubraun der wunderlich geformten Dächer und dazwischen wirbelte der blaue
-Rauch langsam in die Höhe. Aber das Auge der Seeleute verließ im Moment das
-ländliche Bild und haftete auf einem anderen Gegenstand, der fest am Ufer
-und halb noch vom Gesträuch verdeckt in diesem Moment erst sichtbar wurde
--- einem Wrack.
-
-Die Ueberreste eines verloren gegangenen Fahrzeugs sind für den Seemann
-immer von Interesse, denn unwillkürlich erinnern und mahnen sie ihn daran,
-daß sein eigenes Seeboot ein ähnliches Schicksal treffen kann. Hier aber
-drang sich ihnen unwillkürlich die Frage auf: Wie nur das Wrack dort
-hingekommen, wo es lag? Denn gestrandet konnte es an jener Stelle ganz
-unmöglich sein. Würde ja doch kein Seemann der Welt mit seinem Fahrzeug in
-diese landumschlossene und ziemlich seichte Bucht eingedrungen sein, ohne
-vorher genau zu untersuchen, wie weit er sich vorwagen könne. Ebensowenig
-konnte es ein Sturm, die außerdem nie in der unmittelbaren Nähe der Linie
-wüthen, herein verschlagen haben, denn dafür trat die eine Landspitze
-viel zu weit vor. Hatten die Eingebornen das Fahrzeug etwa überfallen,
-geplündert und hiehergeschleppt? Dann stand ihnen selber auch kein
-freundlicher Empfang bevor und fast unwillkürlich warf der Steuermann den
-Blick zurück, die Möglichkeit eines Rückzugs zu überschauen.
-
-Dafür zeigten sich freilich im Augenblick schlechte Aussichten, denn
-erstlich waren sie mit der Brise eingelaufen, dann führte sie die steigende
-Fluth rasch in die Bucht hinein und außerdem bemerkte er auch jetzt, daß
-sich vier oder fünf Kanoes mit Eingebornen hinter ihnen vom Lande abgelöst
-hatten und ihnen folgten. Und sollten sie jetzt plötzlich Furcht zeigen?
-Nein! der Steuermann besaß überdieß kecken Muth genug, sich nicht durch
-eine, nur erst drohende Gefahr einschüchtern zu lassen, und beschloß zu
-thun, was er eben nicht mehr vermeiden konnte -- gerade voraus zu halten,
-in die Bucht hinein.
-
-Sie passirten jetzt das Wrack! Was es gewesen, ließ sich nicht leicht
-erkennen, denn die Masten fehlten und nur an einigen Stellen hing noch das
-stärkere Takelwerk unordentlich über Bord. Dem Steuermann schien es eine
-Brigg gewesen zu sein; er gab sich aber umsonst Mühe, den Namen heraus zu
-bekommen, denn obgleich es mit dem Stern der Bucht zu lag, schienen
-die Eingebornen das dort gewöhnlich angebrachte Namensbret entweder
-herausgeschlagen oder unleserlich gemacht zu haben, mußten also wissen, daß
-man daran das Schiff erkannt hätte, und fühlten sich also auch nicht ganz
-rein bei der Sache.
-
-»Steuermann,« brummte der Doktor, als sie vorüberglitten, »dort liegt
-ein Memento Mori, eine Art von Todtenkopf und die alten Planken würden
-vielleicht viel zu erzählen wissen. Ein Glück, daß wir nicht gleich mit dem
-Schooner vor Anker gegangen sind.«
-
-»Bah,« sagte der Steuermann, der sich nicht wollte merken lassen, daß
-er eben erst ganz ähnliche Gedanken gehabt; »vom Schooner sollen sie die
-Fäuste schon lassen.«
-
-»Hm, ja -- vielleicht -- aber von uns?«
-
-»Und was wäre bei uns zu holen? Nichts als heißes Blei!« lautete die
-ziemlich mürrische Antwort. »Zum Teufel auch, Kamerad, wenn Ihr Euch
-fürchtet, hättet Ihr an Bord bleiben sollen.«
-
-»Fürchten?« lachte der Doktor; »ich habe wohl schon davon gehört, weiß aber
-nicht, was es bedeutet, und der Erfolg wird es lehren. Ich wäre auch der
-Letzte, der zurückginge, also vorwärts, Mate, wir sitzen einmal drin und
-müssen die Geschichte jetzt auch zu Ende führen.«
-
-»Und dort ist die Landung!« rief der Steuermann, als er jetzt am Ufer
-eine Anzahl dunkler Gestalten bemerkte, die ihnen grüne Büsche
-entgegenschwenkten und damit zu winken schienen.
-
-Hier bildete das Ufer wieder einen kleinen Einschnitt, aber es war
-augenscheinlich, daß sie den eigentlichen Landungsplatz des Ortes erreicht
-hatten, denn acht oder zehn Kanoes lagen dort ebenfalls angebunden, und
-Trupps von Mädchen, Frauen und Kindern schienen auch schon an jener Stelle
-die Ankunft der Fremden zu erwarten. Der Steuermann hatte ebenfalls
-ihren Dolmetsch am Ufer erkannt, jenen Burschen, der bei ihnen zum Besuch
-gewesen, und mit Recht vermuthend, daß dort der Punkt sei, wo man ihn
-erwarte, lenkte er den Bug seiner Jölle direkt auf ihn zu. Im nächsten
-Moment scheuerte ihr Kiel den Sand, und Einer der Leute, unbekümmert um den
-Schwarm, der draußen stand, sprang an Land, um das Springtau zu befestigen.
-
-Der Doktor hatte sich indeß die Eingebornen betrachtet und sich eben nicht
-besonders über ihr Aussehen gefreut. Sie gingen fast sämmtlich bis auf
-den Schurz nackt. Nur die jungen Mädchen trugen noch ein oft phantastisch
-herausgeputztes Tuch um die Schultern und Schmuck -- Glasperlen und
-Goldtand -- in den Ohren und den künstlich und mühsam zusammengeflochtenen
-Haaren, und Einige von ihnen konnten sogar für hübsch gelten, wären die
-Lippen nicht so aufgeworfen gewesen. Die Männer sahen aber entschieden
-häßlich aus: mager und grobknochig, mit einem scheuen, mürrischen,
-gedrückten Wesen. Viele von ihnen trugen auch Waffen: lange, spitze und
-dünne Wurfspeere oder Keulen, und Einige von ihnen große geflochtene
-Schilde, und auf den Schultern und Armen eine häßliche Art von Tättowirung,
-welche die betroffenen Stellen wie aufgeschwollen erscheinen läßt.
-Feindliche Absichten schienen sie aber nicht zu hegen, denn selbst die
-Bewaffneten verhielten sich vollkommen ruhig und sogar theilnahmlos und
-standen nur in ungeordneten Gruppen umher, möglich um die Landung der
-Fremden zu überwachen.
-
-Der Steuermann hätte nun am Liebsten seine ganze Mannschaft mit an Land
-genommen, denn es war ihm nachdem er erst einmal das Wrack gesehen, kein
-angenehmes Gefühl, sein kleines Häufchen noch zu trennen. Aber er durfte
-das Boot auch nicht ohne Wache zurücklassen. Wer wußte denn, was das
-Gesindel indessen damit vorgenommen hätte. Drei Mann genügten indeß dazu
-vollkommen und er mit dem Doktor wollten dann ihren Besuch bei dem
-Könige machen, während der Jüngste von den Matrosen das braunlackirte
-Blechkästchen tragen konnte, in welches Kapitän Oacutt die Geschenke für
-Seine Majestät gethan.
-
-Der Schwarze, der zugleich als ihr Führer ausersehen schien, hatte indeß
-ruhig neben ihnen gestanden und sie betrachtet, jetzt aber, als der
-Steuermann ihn anrief, voran zu gehen und ihnen den Weg zu zeigen, sagte er
-erstaunt: »Ja, Freund, wo hast Du denn die Geschenke für den König?«
-
-»Nun, in dem Kasten da!« erwiederte der Seemann.
-
-»Und das ist Alles?« rief kopfschüttelnd der Schwarze. »Unser König ist
-groß und mächtig; er wird über das Wenige hinwegsehen.«
-
-»Er soll zu Gras gehen!« brummte der Steuermann leise vor sich hin, setzte
-aber laut hinzu: »Und weißt Du denn, was da drinnen ist, Wollkopf?«
-
-»Nein,« antwortete dieser etwas verblüfft; »wie kann ich's wissen -- ich
-habe ja nicht hineingesehen.«
-
-»Also vorwärts marsch, daß wir weiter kommen und das Mittagessen nicht
-versäumen,« nickte ihm der Steuermann zu und ihr Führer schien jetzt
-ebenfalls damit einverstanden. Wer wußte in der That, was für kostbare
-Dinge der kleine Kasten enthielt -- der Weiße hatte recht. Erst mußte man
-es sehen, ehe man urtheilen konnte. Er schritt langsam, von den Fremden
-gefolgt, gerade auf den Schwarm von Mädchen und Frauen zu, die aber scheu
-zur Seite wichen und Raum gaben, wodurch sie eine Art von lebendiger Gasse
-bildete, und die Amerikaner sahen jetzt ein niederes aber breites Gebäude
-vor sich, auf welches sie direkt zuhielten.
-
-War das wirklich das Palais, so wohnte Seine Majestät allerdings sehr
-bescheiden, konnte aber deßhalb natürlich doch von jeder orientalischen
-Pracht umgeben sein. Wie oft bargen in solchen wilden Ländern schlichte
-Rindendächer die bedeutendsten Schätze, und wer es da verstand, machte
-leicht bessere Geschäfte, als in den größten Städten und Hafenplätzen.
-Vergebens suchten aber sowohl der Doktor wie Steuermann einen Ueberblick
-über die Stadt selber zu gewinnen, denn die Wohnungen lagen nicht in
-geraden Straßen, sondern unordentlich durcheinander und meist so in
-Gebüschen und Fruchtbäumen versteckt, daß man nur hie und da einzelne
-Häuser und Dachspitzen zwischen Bananenhainen und Palmenwipfeln
-durch erkennen konnte. Es blieb ihnen überdieß keine lange Zeit, sich
-umzuschauen, denn eben betrat ihr Führer die Schwelle des niederen Gebäudes
-und winkte ihnen dabei zu folgen. Eine vorherige Anmeldung wurde also nicht
-für nöthig befunden.
-
-Sie fanden jedoch bald, daß die Hütte mit ihrem ärmlichen Aeußern dem
-Innern vollkommen entsprach. Sie war von Pfählen und Reisig gebaut, luftig
-allerdings genug und dem heißen Klima zusagend und nur mit einem guten
-dichten Dach bedeckt, schien aber sonst sehr dürftig ausgestattet und
-enthielt nur einige Stücke europäischer Ausstaffirung, auf welche die
-Seeleute Anfangs jedoch nicht achteten, weil eine merkwürdige Gruppe im
-Mittelpunkt der Hütte ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm.
-
-Auf einem dort ausgebreiteten Löwenfell -- sonst aber auf der blanken
-Erde -- lag nämlich ein großer, schwarzer, unförmlicher, aber lebendiger
-Klumpen, dem selbst der Doktor nicht gleich eine bestimmte Form und Gestalt
-geben konnte, während oben darauf ein kleiner, schlanker, kaffeebrauner
-Bursche, die Arme in die Seite gestemmt, gymnastische Uebungen auszuführen
-schien, denn er stieg und tanzte darauf herum, obgleich es eine
-Geschicklichkeit zu erfordern schien, das Gleichgewicht dabei zu erhalten.
-
-Links in der Ecke balgte sich eine Anzahl von Kindern unter der Aufsicht
-von zwei jungen Mädchen, ohne indessen von dieser Produktion weitere Notiz
-zu nehmen, und der Doktor besonders gab sich die größte Mühe, nur erst
-einmal herauszubekommen, was er da eigentlich vor sich habe und was es
-bedeute. Aber es dauerte nicht lange, so begann er, trotz dem in der
-Hütte herrschenden Dämmerlicht, doch einige Umrisse an dem Klumpen zu
-unterscheiden, der sich bald als ein wirklich menschliches Wesen, wenn
-auch in wunderlicher Verunstaltung, herausstellte. Da war in der That ein
-dicker, wolliger Kopf, da war etwas, das wie Beine und Füße aussah, wenn
-auch nur im kürzesten aber dicksten Maßstab -- alles Uebrige mußte aber
-Körper oder Rücken sein, denn das merkwürdige Geschöpf lag, wie er jetzt
-bemerkte, auf dem Bauch, und der kleine gelenke Bursche tanzte eine Art von
-Menuet auf seinem Rückgrat.
-
-Erstaunt sahen sich der Steuermann und Doktor, während der Matrose mit
-offenem Mund daneben stand, nach ihrem Führer um, dieser winkte ihnen aber
-mit der ernsthaftesten Miene von der Welt zu, ruhig zu bleiben, und deutete
-dabei ehrfurchtsvoll auf den schwarzen, nackten Fleischklumpen. -- War das
-etwa der König?
-
-Der Dicke schien sich indessen unter der Operation sehr behaglich zu
-fühlen; er stöhnte ein paar Mal vor Vergnügen und fing dann an, erst die
-Arme und dann die kurzen Beine auszustrecken, wälzte sich auch bald ein
-wenig nach der, bald nach jener Seite, so daß der kleine Bursche ungemein
-aufpassen mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und herabgeworfen
-zu werden.
-
-Endlich schien aber der Koloß befriedigt; er grunzte fast vor Wonne, und
-nachdem er dem Kleinen etwas zugerufen, wornach ihn dieser noch ein paar
-Mal kräftig in's Genick trat und dann absprang, richtete er sich plötzlich
-in die Höhe, so daß er, den Fremden unmittelbar gegenüber, auf das Fell zu
-sitzen kam. In diesem Augenblick mußte er auch zum ersten Mal den Besuch
-bemerken, denn er sah sie einen Moment so verdutzt an, daß besonders der
-Doktor ein herauswollendes Lachen kaum verbeißen konnte. -- Ob er sich
-vielleicht genirte, bei seinem »Tretbad« von den weißen Männern beobachtet
-worden zu sein? Das war wohl kaum der Fall, indeß gewann er seine Fassung
-sehr bald wieder. Er winkte dem Knaben und rief ihm ein paar Worte zu,
-wonach ihm dieser eine Art von Oberhemd aus rothem Kattun überwarf, was
-seine Toilette beendete. Dann redete er den Dolmetsch an.
-
-Dieser machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, nahm ohne Weiteres dem
-Matrosen das Blechkästchen ab und setzte es neben sein Oberhaupt nieder.
-Dem Steuermann entging auch der ungnädige Blick nicht, den dieser darauf
-warf, sich dann aber doch herabließ, es zu öffnen und hineinzuschauen. Der
-Doktor behielt indessen Muße, ihn etwas näher zu betrachten, und mußte sich
-gestehen, in seinem ganzen Leben noch kein ähnliches menschliches Wesen
-gesehen zu haben.
-
-Der kleine dicke Bursche, wie er da vor ihm saß, konnte kaum mehr als vier
-Fuß hoch sein und war dabei in der That lauter Bauch. Ja es sah ordentlich
-aus, als ob der Kopf, ohne auch nur einen Zollbreit Hals zu gestatten, fest
-und tief in den unförmlichen Körper hineingeschraubt worden wäre. Beine
-und Arme zeigten sich dazu von ganz unmäßiger Dicke und an Gewicht mußte er
-wenigstens drei Centner wiegen -- wenn nicht noch mehr. Frisirt schien
-er an dem Morgen nicht zu sein, die Haare standen ihm in struppigen, fest
-ineinander gerollten Wollbüscheln nach allen Seiten hinaus und aus
-dem dicken, fettglänzenden Gesicht stierten ein paar kleine, wie
-zusammengekniffene Augen eben nicht besonders freundlich bald die Fremden,
-bald seinen Dolmetsch, bald den eben geöffneten Blechkasten an. Sein Inhalt
-beschäftigte ihn aber doch vor der Hand am Meisten, und er schien das
-Gebrachte auch nicht etwa als ein Geschenk, sondern vollkommen als Tribut
-zu betrachten, für den er sich natürlich nicht zu bedanken brauchte.
-
-Der dicke Bursche mußte übrigens schon öfters mit weißen Fremden verkehrt
-haben, denn der Steuermann, der sich jetzt etwas näher in dem Gemach
-umsah, bemerkte eine Menge von Dingen, die ihm nur Europäer oder Amerikaner
-gebracht haben konnten. Dort drüben war an der Reisigwand ein Spiegel in
-Goldrahmen aufgestellt, der genau so aussah, als ob er früher einmal in der
-Kajüte eines Fahrzeugs gehangen; in der einen Ecke lagen Sophapolster, mit
-dem Ueberzug aber schon lange heruntergefault; dann standen in der Ecke
-mehrere Musketen mit Bajonneten und daneben einige Schiffscutlasse, während
-ein sauber gearbeitetes Mahagonischränkchen mit Perlmutterschloß ebensogut
-früher in eine Kajüte gehört haben konnte, denn Messingbügel waren jetzt
-noch daran zu erkennen.
-
-Der Dicke indessen, der das geöffnete Kästchen eine Weile halb neugierig,
-halb mißtrauisch betrachtet hatte, griff jetzt hinein und zuerst nach
-einer oben aufliegenden langen Tafel Kautabak, an der er roch und sie
-dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte. Die Kinder, die gesehen
-hatten, daß es dort irgend etwas Neues gab, kamen jetzt herbeigelaufen. Sie
-waren sämmtlich in dem Alter von etwa fünf bis neun Jahren und gingen, wie
-das bei solchen Stämmen gewöhnlich der Fall ist, »bis an den Hals barfuß«.
-Auch ihre Wärterinnen, die ihnen schon folgen mußten, kamen näher; sie
-waren ebenfalls neugierig geworden.
-
-Unter dem Tabak fand Seine Majestät jetzt eine große, dicke, aber unechte
-Uhrkette, auf welche sich der Kapitän, als er sie in den Kasten legte,
-nicht wenig zu Gute gethan. Der König griff auch rasch danach, hatte sie
-aber kaum in die Hand genommen, als er sie schon mißtrauisch betrachtete,
-dann -- wie den Tabak vorher -- an die Nase hob und scharf und lange daran
-roch. Die Untersuchung mochte aber nicht zu ihren Gunsten ausgefallen sein,
-denn er schüttelte mit dem Kopf und warf sie dann -- ohne sie weiter eines
-Blickes zu würdigen -- verächtlich unter die Kinder, die jubelnd darüber
-herfielen.
-
-Das abgemacht, griff er zwischen die andern Dinge hinein, schien aber
-nicht viel Tröstliches herauszufischen: ein paar bunte, aber baumwollene
-Taschentücher -- ein paar Schnüre Glaskorallen -- einen kleinen Spiegel im
-Futteral -- eine Scheere, und müde des nutzlosen Suchens drehte er endlich
-in etwas summarischer Weise den Kasten um, schüttete den ganzen Inhalt
-auf die Decke und wühlte in den Dingen, die Kapitän Oacutt als Kostbarkeit
-eingepackt, geringschätzig mit dem rechten Fuß herum. Es zeigte sich auch
-in der That nichts darunter, was er hätte gebrauchen können oder mögen;
-nur eine kurze Tabakspfeife nahm er noch für sich und schob dann den ganzen
-Plunder mit seinem dicken Bein den Kindern zu.
-
-Von der Gelegenheit suchte auch eine der »Bonnen« Nutzen zu ziehen und
-griff nach einer Schnur hellblauer Glasperlen, aber ihr Herr und Gebieter
-war -- unglücklicherweise für sie -- nicht in der Laune, irgend eine
-Vertraulichkeit zu gestatten. Er schlug mit der rechten Hand aus und traf
-das arme Mädchen so derb gegen den Nacken, daß sie wie betäubt zur Seite
-taumelte und dann leise wimmernd aus dem Wege kroch. Der kleine Tyrann nahm
-aber keine Notiz von ihr -- er war ärgerlich geworden. Sollten das etwa
-Geschenke für einen König sein, wie sie ein fremdes Schiff ihm als Tribut
-bringen mußte? Wollten die Weißen ihn verhöhnen? Und zornig wandte er sich
-an den Dolmetscher, der achselzuckend und gebückt, als ob er die Stellung
-schon einmal von einer deutschen Hofschranze abgesehen, ihm gegenüberstand
-und die Vorwürfe geduldig und demüthig mit anhörte. Kaum aber hatte der
-König geendet, als er sich auch, jetzt selber zornig und seinen Monarchen
-repräsentirend, an die Fremden wandte und all' die Vorwürfe mit fast
-schreiender Stimme wiederholte, die er eben mit angehört. Der Sinn der
-Rede war etwa folgender: »Aus welchem Lande kommt ihr, daß ihr glaubt, ihr
-dürftet dem Fürsten eines Volkes Kinderspielzeug zum Geschenk bringen? Geht
-fort und kehrt nicht eher zurück, bis ihr mit einer würdigen Gabe nahen
-könnt.«
-
-»Alle Wetter!« rief der Steuermann überrascht aus, »wie mir scheint, müßt
-ihr selber hier sehr reich sein, wenn ihr das, was in unserem Lande als
-Kostbarkeit gilt, so verächtlich bei Seite werft. Wir geben, was wir haben,
-und es ist möglich, daß wir Sachen an Bord finden, die Deinem König noch
-besser gefallen, aber dann müssen wir auch vorher wissen, was ihr uns zum
-Handel bieten könnt und ob es der Mühe lohnt, mit euch zu verkehren.«
-
-Der Dolmetsch übersetzte, was ihm der kecke Fremde gesagt, und die Antwort
-des Königs lautete, daß sie Sklaven zum Tausch hätten -- Sklaven genug, um
-sein ganzes Schiff zu beladen. Brooks, der Steuermann, schüttelte aber mit
-dem Kopf und erwiederte: sie wären keine Sklavenhändler, die nur an die
-Küsten fremder Länder kämen, um Menschen zu stehlen. Sie wollten Waaren
--- Produkte des Landes haben -- Elfenbein, Straußenfedern, Gummi, Goldsand
-oder was da wäre, und die Geschenke für den König sollten dann dem
-entsprechend ausfallen.
-
-Dieser erhielt das Gesagte wieder übersetzt und bedachte sich einen
-Augenblick -- er überlegte wahrscheinlich, ob er durch eine Antwort darauf
-seiner Würde nichts vergebe. Endlich nickte er leise vor sich hin und rief
-ein paar rauhe Worte, wonach dann der Dolmetsch den Fremden nur winkte, ihm
-zu folgen.
-
-Der Doktor, der nicht gern eine Höflichkeitsform versäumen wollte, zupfte
-den Steuermann und flüsterte ihm zu, ob sie sich nicht vorher bei Seiner
-Majestät verabschieden müßten. Der Dicke schien aber gar keine weitere
-Notiz von ihnen zu nehmen, sondern drehte ihnen höchst ungenirt den breiten
-Rücken zu, wonach die Fremden es dann auch nicht weiter für nöthig hielten,
-irgend eine sonst vielleicht verlangte Ceremonie zu beachten.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Die Schatzkammer.
-
-
-Ihr Führer schritt mit ihnen direkt wieder zum Strand zurück und der
-Richtung zu, in welcher ihr Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die
-Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit nicht versäumen,
-vielleicht etwas Näheres darüber zu erfahren, und als sie wieder den
-freien Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse des gestrandeten
-Fahrzeugs eben erkennen konnte, sagte er, anscheinend leichthin: »Was ich
-gleich sagen wollte, Freund! Was war das eigentlich für ein Fahrzeug, das
-da drüben in den Büschen so fest vor Anker liegt?«
-
-»Welches?« sagte der Schwarze, als ob es zehn verschiedene gegeben hätte.
-
-»Welches? Das da drüben -- das große Fahrzeug der Weißen, das an Eurer
-Küste liegt.«
-
-»O das,« meinte der Dolmetsch gleichgültig; »altes Schiff, liegt schon viel
-lang drüben -- weiß es nicht.«
-
-Der Steuermann hätte nun darauf schwören wollen, daß das verunglückte
-Fahrzeug noch gar nicht etwa so lange da drüben liegen _konnte_, denn die
-Malerei daran sah viel zu frisch dafür aus, und von Verwitterung war keine
-Spur zu erkennen. Aber er merkte auch wohl, daß der Bursche nichts gestehen
-wollte oder durfte, und mochte selber nicht gleich Neugierde verrathen,
-um keinen Verdacht zu erwecken. Traten sie erst mit dem Volk hier in einen
-näheren Verkehr, so fand sich auch wohl einmal eine Gelegenheit, um das
-Wrack zu besuchen, wenigstens dicht hinan zu laufen, und dann getraute
-sich der Seemann auch schon nähere Daten darüber selber herauszufinden. Bis
-dahin war es weit gerathener, vorsichtig zu Werk zu gehen.
-
-Ihr Führer schritt indessen nicht direkt auf ihr Boot zu, das sie schon von
-Weitem erkennen konnten, sondern bog etwas mehr rechts ab, und zwar einem
-wunderlich gestalteten, hohen und spitzen Hause zu, das sich nur dadurch
-von den übrigen Wohnungen unterschied, daß es fest verschlossen schien und
-keine offene Thüre zeigte.
-
-Der Doktor war einige Schritte dicht an der Umzäunung desselben hingegangen
-und näherte sich jetzt einem eigenthümlichen, fest überdeckten Vorbau, als
-er plötzlich erschreckt zur Seite fuhr, denn fast unmittelbar neben ihm
-stieß ein Löwe sein heiseres Gebrüll aus.
-
-Die Eingebornen lachten und auch der Steuermann amüsirte sich über den
-Satz, den der Doktor machte; übrigens war er selbst zusammengefahren,
-denn hier, mitten im Dorf, hatte er keine solche Bestie erwartet, die da
-jedenfalls hinter dem Palissadenwerk gefangen gehalten wurde. Sie waren
-jetzt auch gerade über ihrem Boot angekommen, das etwa hundert Schritt von
-ihnen entfernt unten am Strand lag, als ihr Führer vor diesem Löwenzwinger
-stehen blieb und dort hineindeutend sagte: »Ihr glaubt nicht, Fremde,
-daß unser König Waaren hat, um mit euch zu handeln. Seht, was da drinnen
-aufgeschichtet liegt. Ihr wäret nicht im Stande, auch nur die Hälfte davon
-zu kaufen.«
-
-»Hoho, mein Bursche!« sagte der Doktor, der sich eigentlich schämte, vorhin
-eine plötzliche Schwäche gezeigt zu haben, aber das Gebrüll war auch zu
-unerwartet und aus zu unmittelbarer Nähe gekommen: »und was hättet Ihr da?«
-
-»Jedenfalls Sachen, die werthvoller sind als Eure Geschenke,« grinste der
-Schwarze. »Seht nur hindurch.«
-
-Die Fremden trauten nicht recht; hinter dem Gitter schritt der Löwe umher,
-und der Doktor bemerkte jetzt auch dicht daneben eine wohl starke,
-aber doch nur hölzerne Thür, die allein von zwei breiten Holzriegeln
-verschlossen gehalten wurde und in den Zwinger führte. Aber was konnte
-ihnen geschehen? und wenn er auch nicht recht begriff, welche Kostbarkeiten
-der Löwenkäfig enthalten könne, trat er doch mit dem Steuermann dicht an
-die Palissaden und sah hindurch.
-
-»Alle Teufel!« rief da der Seemann plötzlich; »Doktor, was meint Ihr -- da
-drin läge Fracht für uns.«
-
-»Elfenbein!« sagte dieser, aber wirklich überrascht von der Masse, die
-er da drinnen aufgeschichtet sah. »=Bless my soul=, die scheinen ja
-sämmtlichen Elephanten die Zähne ausgerissen zu haben. Junge, Junge, wo
-habt Ihr all' das Elfenbein her?«
-
-»Nun?« sagte der Schwarze, augenscheinlich von dem Erstaunen der Fremden
-befriedigt; »hat der König zu viel gesagt?«
-
-Da drinnen lag in der That ein unschätzbarer Reichthum von werthvollen und
-zum Theil außerordentlich großen Elephantenzähnen aufgeschichtet, und der
-Löwe schien dabei als trefflicher Wächter zu dienen. Entsetzt rief aber
-der Doktor aus, als er den Blick jetzt in dem inneren Raum umher schweifen
-ließ: »Heiliger Gott, was ist das? füttert Ihr denn hier die Bestie mit
-Menschenfleisch? Sehen Sie um des Himmels willen die Schädel und Knochen,
-Brooks, die da drin umhergestreut liegen.«
-
-»Das ist nichts,« sagte der Eingeborne gleichgültig, »nur Sklaven oder
-Kriegsgefangene, wenn sie krank oder schwer verwundet sind. Ja Zambiri ist
-ein großer König und gerade jetzt jagen unsere Truppen einen feindlichen
-Stamm. Wenn Ihr ein paar Tage hier bleibt, könnt Ihr sie mit Beute beladen
-zurückkehren sehen.«
-
-»Und das Elfenbein gehört Alles dem König?«
-
-»Alles, und noch weit mehr, viele große Büffelhörner voll Perlen,
-Schildpatt, Gold. Zambiri ist sehr reich, es ist ein großer König.«
-
-»Und verkauft er die Zähne?«
-
-»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, »aber es kommt darauf an, was Du ihm bieten
-kannst. Viel mußt Du ihm bringen, und vor allen Dingen Geschenke für ihn,
-sonst macht Ihr ihn nur böse, und dann ist er furchtbar, wie ein Löwe
-selber.«
-
-»Die kleine schwarze Bestie,« brummte der Doktor leise vor sich hin,
-bemerkte aber auch in demselben Augenblick den nämlichen kleinen schwarzen
-Burschen, der vorher auf dem Rücken des Königs herumgestiegen war, und
-der nun in einiger Entfernung hinter dem Dolmetsch stand und ihm
-geheimnißvolle, aber scheue Zeichen machte. Sollte das eine Warnung sein,
-und drohte ihnen Verrath? Fast unwillkürlich griff er mit der Hand nach
-dem unter dem Rock versteckten Revolver, der Kleine aber, als ob er die
-Bewegung verstanden hätte, schüttelte mit dem Kopf und deutete auf seinen
-Mund. Wollte er ihm etwas sagen? Jedenfalls mußte er in seine Nähe zu
-kommen suchen, aber der Dolmetsch war ihm dabei im Weg.
-
-»Schafft mir den schwarzen Kerl einen Moment bei Seite, Steuermann,«
-flüsterte er diesem rasch zu, »geht mit ihm zum Boote, ich folge.«
-
-Der Steuermann sah ihn erstaunt an und begriff nicht, was er wolle, der
-Doktor mußte aber jedenfalls seinen Grund dafür haben, und sich an den
-Dolmetsch wendend, sagte er: »Unter den Umständen wird es am Besten sein,
-gleich an Bord zurückzufahren und das Werthvollste herauszusuchen, was
-wir haben, damit wir Deinen König zufrieden stellen. Wir sind als Freunde
-hierhergekommen, und ich hoffe, wir sollen als Freunde mit einander
-verkehren. Aber da unten sehe ich Früchte, könnten wir wohl einige davon
-mit an Bord nehmen? Wir haben eine lange Fahrt gehabt, und nichts Grünes
-unterwegs gefunden,« und dabei schritt er, von dem Matrosen dicht gefolgt,
-zum Boot hinunter.
-
-»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, der sich an seiner Seite hielt. Der Doktor
-blieb dabei ein paar Schritte zurück, als der Junge dicht an ihn hinanglitt
-und zugleich im reinsten Englisch flüsterte: »Rettet uns -- gefangen -- vom
-Schiff...« In demselben Moment aber auch und gerade als sich der Dolmetsch
-nach ihm umdrehte, sprang er nach vorn, auf diesen zu und sagte irgend
-etwas in seiner Sprache.
-
-Der Schwarzbraune blickte ihn zornig an, und sah bald auf ihn, bald auf den
-Doktor, da dieser aber mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein
-paar hier auf dem Sand liegende Muscheln aufhob und aufmerksam betrachtete,
-schien sein plötzlich gefaßtes Mißtrauen zu schwinden.
-
-»Ich muß zum König,« sagte er zum Steuermann, »wartet für einen Augenblick,
-ich werde Euch Früchte schicken; gebt den Leuten Taback dafür -- aber
-keinen Branntwein -- er ist streng verboten und nur der König darf ihn
-trinken,« und damit, die Weißen sich selber überlassend, rief er dem
-Knaben einige Worte zu und eilte, diesen am Arm fassend, mit ihm zu seines
-Oberhauptes Wohnung zurück.
-
-Wie gerne hätte der Doktor noch Weiteres von dem jungen Burschen gehört,
-aber er sah auch ein, daß das nicht möglich sei, ohne augenblicklich
-Verdacht zu erregen und jede Aussicht auf Erfolg abzuschneiden. Dem
-Steuermann theilte er aber jetzt mit, was ihm der Junge zugeflüstert, und
-dieser rief, seine rechte Faust in die linke flache Hand schlagend: »Ob ich
-es mir denn nicht gedacht habe? Mit dem Wrack da ist faul Spiel gewesen,
-und uns wollen sie jetzt bloß kirre machen, um uns nachher ebenso zu
-bedienen.«
-
-»Und die Elephantenzähne sind auch nicht alle aus dem Land gekommen, Sir,«
-sagte der junge Matrose, der daneben stand. »Zwei davon, das hab'
-ich deutlich durch das Gitter gesehen, waren mit Schiemanns-Garn
-zusammengebunden, und Schiemanns-Garn haben sie nur an Bord von Schiffen.«
-
-»Gar nicht unmöglich,« nickte der Seemann, »das Fahrzeug kann schon recht
-gut an der Küste gekreuzt und Elephantenzähne eingehandelt haben, und
-das hat dieser schwarze Heide jetzt Alles in seinem Waarenlager
-aufgeschichtet.«
-
-»Aber was nun?«
-
-»Dort kommen die Früchte,« sagte der Steuermann, »die wollen wir erst
-einnehmen, und dann so rasch als möglich an Bord zurück, um dem Kapitän
-Bericht abzustatten. Hol's der Teufel, wir müssen doch wenigstens einen
-Versuch machen, vielleicht sogar unsere Landsleute zu retten, und geht
-das nicht, ei dann laufen wir nach dem Kap hinunter und schicken ein
-Kriegsschiff her, denn ungestraft sollen sie sich beim Himmel nicht an
-einem Fahrzeug der Weißen vergriffen haben.«
-
-Das Gespräch war hier abgebrochen, denn allerdings kamen jetzt Eingeborne
-mit Früchten heran, erst einzeln und dann immer mehr. Der Steuermann hielt
-sich aber nicht lange auf, hatte auch nicht genug Waaren bei sich, um mit
-ihnen einen großen Tauschhandel zu eröffnen. Nur den Ersten nahm er, was
-sie brachten, ab, und gab ihnen Tabak dafür, dann sprangen die Männer
-wieder in ihr Boot und ruderten, so scharf sie konnten, in See hinaus, um
-den ihnen schon wieder entgegenkommenden Schooner zu erreichen.
-
-Kapitän Oacutt war übrigens, als sie an Bord zurückkehrten, mit dem
-Resultat ihrer Fahrt nicht besonders zufrieden. Er hörte wohl den Bericht
-mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schüttelte aber dabei bedenklich
-mit dem Kopf und meinte endlich: Das mit dem Elfenbeinvorrath klänge
-allerdings sehr gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast, als
-ob er, wenn er unter diesen Verhältnissen auf einen Handel einginge, am
-Ende gar noch Schiff und Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem
-eigenen Leben bezahlen könne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen, die von
-dem Doktor kräftig unterstützt wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er
-durfte die Küste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne nicht
-wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, Näheres über das verunglückte
-Fahrzeug zu hören, und da sie jetzt durch den Knaben die Gewißheit hatten,
-daß wenigstens Einer an Land sei, der darüber zu erzählen wisse, so blieb
-ihnen nichts übrig, als dem weiter nachzuforschen.
-
-Der Kapitän mußte ihnen darin beistimmen, und sehr verlockend wirkte dabei
-auch die Schilderung des Haufens von Elephantenzähnen, die aber auf so
-entschiedene Weise von einem der wildesten Ureinwohner, dem Löwen, bewacht
-wurden. Jedenfalls hatte der Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten
-wenig durch eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die Geschenke
-und Proben für den Handel mitzunehmen brauchten. Es käme vor allen Dingen
-darauf an, jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts, etwas
-freundlich für sie zu stimmen und selber gierig auf eine Handelsverbindung
-zu machen, nachher wäre es ein Leichtes, mehr über die Verhältnisse dort zu
-erfahren. Günstigeren Zeitpunkt durften sie außerdem nicht hoffen, dafür
-zu finden, als gerade jetzt, da sich, wie sie ja am Ufer gehört, der größte
-Theil der bewaffneten Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang im Inneren
-befand. Die Gefahr eines Ueberfalls begann erst, wenn die zurückkehrte, und
-je eher sie deßhalb hier an's Werk gingen, desto besser.
-
-Einem Kapitän ist immer die Sicherheit seines eigenen Fahrzeugs das
-Höchste, und muß es sein, denn nicht allein das Eigenthum seiner Rheder,
-sondern auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem Spiel, aber
-Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem Schicksal eines verunglückten
-Fahrzeugs nachzuforschen, wirkte hier gleich stark, und er sträubte sich
-nicht länger, sein Boot zum zweiten Mal hinüber zu senden. Nur die Wahl der
-Geschenke hatte noch einige Schwierigkeit, da er gern so wenig als möglich
-opfern wollte, während der Doktor wie auch der Steuermann darauf bestanden,
-daß man sich dießmal, nach dem ersten verunglückten Versuch, ganz besonders
-splendid benehmen müsse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen durch, und
-ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich werthvollen Dingen,
-seidenen Kleidern und Schärpen, wollenen bunten Stoffen, vergoldeten
-Uniformtroddeln, reich verzierten Messern, hübsch aussehenden Glaskorallen
-und anderen derartigen Dingen fast gefüllt. Außerdem sollte auch noch eine
-Probe der Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein oder
-andere werthvolle Produkte einzutauschen gedachte, auch Brod und guten
-Branntwein mußten sie mitnehmen, den Letzteren nur für den König selber;
-und also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz jenes
-schwarzen Fleischklumpens für sich zu gewinnen.
-
-Heute war es natürlich mit all' diesen Berathungen und dem Auswählen zu
-spät geworden, um noch einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der
-Nacht mochten sie sich auch drüben nicht überraschen lassen, und der
-Kapitän hielt deßhalb mit seinem Schooner weiter von der Küste ab.
-Allerdings mochten die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen, glauben,
-die Weißen hätten auf den Handel mit ihnen verzichtet, und wären wieder
-abgefahren, aber das schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher
-darauf, und das konnte das Geschäft für morgen nur erleichtern.
-
-Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft die Nachricht
-verbreitet, daß die »Niggers« am Ufer weiße Männer in der Gefangenschaft
-hielten, und die Wuth darüber war grenzenlos. Noch an demselben Abend kam
-eine Deputation zum Kapitän, die ihn bat, er möchte mit dem Schooner an
-Land fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschießen. Alle meldeten
-sich als Freiwillige zum »Entern« und schienen besonders, der Beschreibung
-ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethüm zu verlangen, das
-Sklavenhandel treibe und seine eigenen Unterthanen dem Löwen vorwerfe.
-Oacutt aber, so sehr er sich über die gute Stimmung der Leute freute,
-stellte ihnen vor, daß sie erstlich noch nicht einmal genau wüßten, ob
-wirkliche Weiße dort gefangen gehalten würden, dann aber auch durch einen
-Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen, aber nie im Leben
-wirklich Gefangene befreien könnten. Er versprach ihnen indeß, morgen früh
-sechs von ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu sehen, was
-sich machen ließe, und daß er sich dann auf sie verlasse, sie würden im
-Nothfall ihre Schuldigkeit thun, verstand sich von selbst.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Der zweite Besuch.
-
-
-Am nächsten Morgen mit erstem Tagesgrauen war die Sarah Miles schon wieder
-fast auf der nämlichen Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen, und
-hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen. Das brauchte auch
-nur in See gelassen zu werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafür
-bestimmte Mannschaft stand gerüstet an Deck und schien selber die Zeit kaum
-erwarten zu können, wo sie da drüben ihre Thätigkeit beginnen möchte. Rasch
-wurde auch dem Befehl: »=a shore!=« Folge geleistet; mit lautem Hurrah
-hißten sie das kleine Segel, und fort ging es, der Mündung der Bai
-entgegen. Kapitän Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal gegen
-die Eingebornen gefaßten Verdacht nicht wieder, so wie gestern, aus
-Sicht lassen. Daß sie in der Bucht tief Wasser hatten, wußte er schon vom
-Steuermann, und langsam folgte er deßhalb seinem Boot, um dort entweder zu
-kreuzen, oder wenn es sicher befunden wurde, auch vor Anker zu gehen.
-
-Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung entgegen und wunderte sich
-nur, daß sie heute gar keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafür
-eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied mit dem Fernrohr
-eine Menge Frauen und Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten?
-Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und der Seemann hielt
-deßhalb die Gelegenheit für passend, um jetzt so dicht als möglich an das
-Wrack hinan zu laufen und es ein wenig näher zu untersuchen. Das ging auch
-leichter, als er selbst geglaubt, denn während sie sich am linken Ufer
-hielten, wurden sie durch die vorhängenden Büsche desselben verdeckt, ja
-das Wrack selber stand ein Stück in die Bai hinaus. Der Steuermann ließ
-auch sein Boot dort anlaufen und kletterte rasch an Deck; aber da war
-freilich nichts weiter zu sehen, als daß es eine nicht sehr große Brigg
-gewesen, die jedoch rein ausgeplündert worden, wie sich das in dieser
-Nachbarschaft auch von selbst verstand. Sogar das Skylight hatten sie
-abgehoben und weggeführt, und die Kajüte war natürlich blank und leer. Aber
-auch keine Spur eines Namens fand sich, denn ebenso wie das Namensbrett
-am Stern herausgebrochen worden, so fehlten auch die beiden Bretter an der
-Gallion, auf welchen früher wahrscheinlich ebenfalls der Name gestanden,
-und da am Bugspriet kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag,
-ließ sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die ganze Eintheilung und
-Bauart des Fahrzeugs war jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei,
-und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung gerade nicht freundlicher
-gegen die Schwarzen gestimmt.
-
-Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten, es half ihm auch
-nichts, denn an den Hölzern ließ sich nichts weiter erkennen, und sie
-hätten das schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mißtrauisch gemacht.
-Rasch deßhalb wieder in das Boot hinabsteigend, stieß er ab, und während
-er den Leuten unterwegs erzählte, was er oben gefunden, und für welchen
-Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie am Ufer hinauf, dem
-Landungsplatz entgegen.
-
-Daß indessen dort etwas vorgegangen sein mußte, ließ sich nicht verkennen,
-und je näher sie kamen, desto deutlicher hörten sie das Weh- und
-Klagegeheul von Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begräbniß, bei welchem
-die Frauen ja gewöhnlich ihre Trauer laut und oft herzzerreißend kund
-geben, und sie kamen dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie
-beizuwohnen. Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete, fiel es dabei auf,
-daß er so viele Bewaffnete bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen
-Lanzen überall am Ufer herumstanden und den Platz besonders einzuschließen
-schienen, in dem die Elephantenzähne lagen. Hatten sie etwa Besorgniß,
-daß die Weißen einen Angriff darauf machen könnten, oder bedeutete es
-Schlimmeres?
-
-Der Steuermann schien etwas Aehnliches zu befürchten, denn er gab Befehl,
-das Segel einzunehmen und zu den Rudern zu greifen. Sie blieben dadurch
-weit besser Herr ihrer Bewegungen und konnten, wenn es sein mußte, gleich
-zurück, oder wenigstens in freies Wasser halten. Mit ihren Feuerwaffen
-wehrten sie dann schon leicht jeden etwaigen Angriff ab. Sonderbarerweise
-bekümmerten sich aber die Leute am Ufer fast gar nicht um sie, nur ein
-Platz wurde freigehalten, wo sie landen konnten, und zwar durch Bewaffnete,
-und die Seeleute sahen jetzt, daß sich Alles um das Gitter oder die
-Verpallisadirung drängte, um dort hineinzuschauen.
-
-In diesem Augenblick erschien der Dolmetsch an der Landung, und es kam
-dem Steuermann fast so vor, als ob er über den so frühen Besuch der Weißen
-etwas verlegen sei -- sie waren keinenfalls schon erwartet worden --
-und was bedeutete das Klagen und Jammern der Weiber? Der Doktor mußte
-jedenfalls wissen, was da vorgegangen wäre, und frug den Burschen direkt
-deßhalb. Dieser aber sagte ausweichend: »O nichts -- schlechte Menschen
-giebt es immer -- Diebe -- bei den Schwarzen, wie bei den Weißen -- aber
-Zambiri ist ein großer und strenger König.«
-
-»Alle Teufel!« rief der Steuermann erschreckt aus, »sie haben doch nicht
-etwa wieder dem Löwen einen Menschen hineingeworfen?«
-
-»Bloß einen Dieb,« versicherte der Dolmetsch, »hatte dem König Taback
-stehlen wollen, verdammter Sklave. -- Aber da kommt Zambiri -- er hat Euch
-gesehen -- bringt nur an Land, was Ihr mitgebracht habt, damit er nicht
-ungeduldig wird.«
-
-Zambiri schien in der That dem entsetzlichen Schauspiel als eine Art
-von Morgenvergnügen beigewohnt zu haben. In seinen rothbaumwollenen
-Königsmantel gekleidet, noch schmutziger und wilder als gestern aussehend,
-und den Knaben wieder an seiner Seite, der ihm einen großen schweren Speer
-tragen mußte, kam er eine Leiter heruntergestiegen, die, wie der Doktor
-jetzt erst bemerkte, oben zu einer Art von Balkon führte. Auf dem hohen
-Land aber blieb er stehen, er ging nicht bis an das Boot hinunter und
-verlangte, daß die Weißen zu ihm hinauf kommen sollten.
-
-Der Steuermann hatte keine rechte Lust dazu, er traute dem schwarzen
-Fleischklumpen nicht über den Weg.
-
-»Wozu habt Ihr alle die Leute mit den Lanzen da stehen?« frug er mürrisch
-den Dolmetsch, »wir sind friedliche Händler und wollen keinen Krieg mit
-Euch. Wir sind auch nur Wenige und Ihr Hunderte.«
-
-»Wenn Du Dich fürchtest, weßhalb bist Du zu uns gekommen?« sagte der
-Schwarze finster, »wir sind auch Freunde der Weißen und wollen Euch keinen
-Schaden thun.«
-
-»Und wo kommt das Schiff her, dessen Rumpf da draußen liegt?« sagte der
-Doktor.
-
-»Was geht Dich das Schiff an?« brummte der Dolmetsch; »Zambiri wartet. Wenn
-ich Euch rathen soll, macht ihn nicht ärgerlich.«
-
-»Hol's der Henker, Mate,« sagte der Doktor, »wir sind einmal dazu
-hergekommen, und müssen die Sache nun auch ausbaden. Furcht sollen uns die
-schwarzen -- Gentlemen doch wenigstens nicht vorwerfen. Laßt den Koffer
-hinaufschaffen und Seiner Wohlbeleibtheit die Sachen vorlegen; ich denke,
-dann wird er schon freundlich werden. Hier unten können wir doch nicht
-liegen bleiben.«
-
-»Meinetwegen,« sagte der Seemann, »aber,« setzte er leise hinzu, »seid
-auf der Hut, und bei dem geringsten Zeichen von Verrath nur so rasch als
-möglich zum Boot hinunter. Dort wollen wir uns schon freie Bahn halten.«
-
-»Und wo habt Ihr die Sachen?«
-
-»Laßt ein paar von Euren Leuten anfassen und sie hinauftragen.«
-
-»Und können das nicht Eure Leute thun?« frug der Dolmetsch.
-
-»Ich will Dir was sagen, mein Bursche,« rief aber nun der Steuermann, jetzt
-ebenfalls ärgerlich werdend, »die bleiben als Wache im Boot, und wenn Ihr
-Eure jungen Leute nur dazu braucht, um wilde Bestien damit zu füttern, so
-laßt sie meinethalben oben. Das ist das Kurze und Lange von der Sache.«
-
-Der Dolmetsch stand einen Moment unschlüssig, aber Zambiri brüllte ihm
-etwas in seiner Sprache zu, und er gab jetzt rasch ein paar Burschen
-den Befehl die mitgebrachten Sachen aus dem Boot zu nehmen und zum König
-hinaufzubringen. Das geschah auch ungesäumt, denn mit dem regierenden Herrn
-schien heute nicht zu spaßen; er hatte seinen bösen Tag, und es war besser,
-ihm rasch zu Willen zu sein. Mit den Geschenken durften aber auch die
-Weißen darauf rechnen, eine freundliche Aufnahme zu finden, und Steuermann
-wie Doktor schritten jetzt langsam neben dem ziemlich schweren Koffer her,
-um den Inhalt desselben dem Oberhaupt des Stammes vorzulegen.
-
-Merkwürdig sah der Mensch aus, als er dort aufrecht vor ihnen stand, und
-der Doktor gestand sich, etwas Scheußlicheres und Unförmlicheres nie im
-Leben gesehen zu haben. Er war selber nicht übermäßig groß, aber wenn er
-den Arm ausstreckte, konnte der Wilde recht gut darunter durchgehen, ohne
-anzustoßen, und Beine sah man dabei fast gar nicht an dem Fleischklumpen,
-während der eine ausgestreckte Arm, der die Lanze hielt und sich daran
-stützte, reichlich so dick und fleischig schien, wie ein starkes Bein.
-
-Der Ausdruck seines dicken, geschwollenen Gesichts verrieth auch keinen
-freundlichen Gedanken und seine Augen flogen mürrisch und trotzig zugleich
-über die Weißen und schweiften dann von ihnen nach dem Schooner hinüber,
-der jetzt deutlich unten an der Mündung der Bucht erkennbar war. Da der
-Steuermann aber keine Zeit verlor und den Koffer rasch öffnete, heiterte
-sich seine Miene doch etwas auf, denn er mußte wohl sehen, daß ihm die
-Fremden heute würdigere Geschenke gebracht, als gestern.
-
-Er ließ eine Decke auf die Erde breiten und die Gegenstände darauf legen,
-und fegte dabei eigenhändig den Platz mit seiner Lanze frei, daß ihm sein
-eigenes Volk nicht zu nahe rückte. Er traute ihnen wahrscheinlich nicht,
-und doch mochte sie wohl nur die Neugierde heranpressen, denn die Strafe
-folgte hier, wie sie eben gesehen, dem Vergehen auf dem Fuße. Zu gleicher
-Zeit unterhielt sich Zambiri fortwährend mit dem Dolmetsch in seiner
-eigenen Sprache, oft selbst mit unterdrückter Stimme, und dieser ging dann
-langsam zu dem Boot hinab, wobei er angelegentlich mit Einigen der Leute
-sprach.
-
-Dem Doktor gefiel das nicht, und er behielt den Burschen, so viel das
-irgend anging, im Auge, konnte aber weiter nichts Auffälliges oder
-Verdächtiges erkennen; ja die Zahl der Bewaffneten in ihrer Nähe schien
-sich sogar zu verringern, und er bemerkte, wie kleine Trupps von ihnen
-langsam am Ufer hinabschritten und sich dann in den Büschen verloren. Nur
-ein Theil der Mädchen und Frauen waren noch bei ihnen geblieben, während
-das Wehgeheul der Anderen jetzt aus dem Dickicht von Fruchtbäumen
-heraustönte, das den Platz umschloß, und wo wahrscheinlich ihre Wohnungen
-lagen.
-
-Im Ganzen mochten vielleicht vierzig »Krieger« zurückgeblieben sein, die
-hinter und um den König in einzelnen Gruppen standen, und jedenfalls seine
-Beiwache bildeten.
-
-Der Dolmetsch kam jetzt zurück, und da der König auch wohl die
-mitgebrachten Gaben zur Genüge gemustert hatte und befriedigt schien -- er
-grunzte wenigstens ein paar Mal still vergnügt vor sich hin -- befahl
-er zweien von seinen Leuten, den Koffer in sein Haus zu tragen, und es
-begannen nun die Verhandlungen über ein etwaiges Geschäft, wobei der
-Steuermann erklärte, daß sie einzelne Stücke der Dinge, welche sie gesonnen
-wären, gegen Elfenbein oder andere Produkte auszutauschen, mitgebracht
-hätten und dem Häuptling vorlegen könnten.
-
-»Aber wo sind sie?« frug dieser rasch.
-
-»Unten im Boot.«
-
-»Und weßhalb bringt Ihr sie nicht herauf?«
-
-Der Steuermann hatte wohl mit Recht vermuthet, daß der Schwarze Alles, was
-ihm dort auf die Uferbank gebracht wurde, als Geschenk betrachten und mit
-Beschlag belegen könne. Er bat deßhalb den Dolmetsch, Seine Majestät zu
-veranlassen, mit ihm hinunter zum Boot zu gehen, aber der Dicke wollte
-nicht. Zwei Boten waren schon abgeschickt gewesen, und kamen jetzt mit dem
-Löwenfell herbei, das sie dort für ihn ausbreiteten, und worauf er sich
-niederließ, und nun verlangte er, daß ihm die Sachen heraufgebracht und
-vorgelegt würden, dann wolle er bestimmen, was er dafür geben könne.
-
-Dem Steuermann schien das unbequem, denn alles weiter Mitgebrachte lag
-lose, oder nur in Stücken Segeltuch eingeschlagen in ihrem Boot, und
-schickte er Schwarze hinunter, um es herauf zu holen, so war er vor ihren
-diebischen Händen nicht sicher. Wo sie irgend etwas bei Seite schaffen
-konnten, thaten sie es gewiß und an wen sollte er sich nachher halten, wie
-die Thäter herausfinden? Das Beste war immer -- denn daß der Dicke jetzt
-nicht von dieser Stelle zu bringen war, sah er ein -- zwei von seinen
-eigenen Leuten damit zu betrauen. Es blieben immer noch vier im Boot und
-sie selber dann in zwei gleiche Trupps getheilt. Die Eingebornen zeigten
-sich dabei so friedlich, daß an eine Gefahr wohl kaum zu denken war, ja es
-schien fast, als ob der König die übrigen Soldaten nur weggeschickt habe,
-um ihnen auch jede Befürchtung eines Verraths zu nehmen. Außerdem brauchten
-sie nur wenige Schritte zum Boot hinab und die gerade ausgehende Ebbe
-erleichterte ihnen die rasche Verbindung mit dem Schooner ebenfalls.
-
-Der Doktor übernahm es, die Leute herauf zu bringen, und der Dicke schien
-indeß geduldig die Ankunft derselben zu erwarten. Brooks bemerkte nur, daß
-die rechts von ihm stehenden Soldaten etwas bei Seite treten mußten, um
-ihm die Aussicht nach dem unteren Theil der Bucht zu gestatten, wo der
-Schooner, der bis dahin auf und abgekreuzt war, fest auf einem Punkt zu
-liegen schien. Er mußte vor Anker gegangen sein, da die stark ausgehende
-Ebbe und der beinahe eingeschlafene, hier wenigstens von dem höheren Land
-gebrochene Wind ihm das Segeln wohl unmöglich machte. Der Dolmetsch sprach
-indessen angelegentlich zu ihm, während Zambiri nach dem Boote sah. Wo
-hatte jener Bursche auch nur sein Englisch gelernt? Doch sicher auf irgend
-einem Schiff, dem er nachher davongelaufen, um hier wieder die Sitten und
-ungezwungene Tracht seines Landes anzunehmen. Dem Steuermann gefiel sein
-Gesicht auch nicht im Mindesten, und Bosheit wie Trotz lag zugleich darin,
-während sich der ganze Ausdruck desselben, sobald er mit dem Dicken sprach,
-in knechtische Unterwürfigkeit verwandelte. Aber es half nichts, sie
-brauchten ihn eben, und mußten deßhalb mit ihm verkehren, denn der kleine
-Bursche, jedenfalls ein Sklave des Königs, der den Doktor ebenfalls
-englisch angeredet hatte, schien sich heute gar nicht an sie heran zu
-getrauen und blieb nur immer scheu und furchtsam hinter seinem Herrn
-sitzen, kannte doch der arme kleine Bursche den grausamen Charakter des
-Mannes gut genug.
-
-Jetzt kehrte der Doktor mit den beiden Matrosen, die einen Theil der Waaren
-trugen, zurück und der Steuermann breitete sie, während der Dolmetsch die
-Unterhandlung leitete, vor dem König aus und pries ihm den Werth der Dinge.
-Bei ihm war, mit der Voraussicht auf einen guten Handel, der Yankee wieder
-zum Durchbruch gekommen, und er vergaß in dem Geschäft alles Andere.
-
-Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit, dem König
-begreiflich zu machen, er habe nur Proben vor sich; er wollte die ganzen
-Waaren vor sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu bestimmen,
-und der Dolmetsch hatte nicht geringe Mühe, ihm zu erklären, daß die Sachen
-an Land geschafft werden würden, ehe er sie zu bezahlen, oder den Werth
-dafür herauszugeben habe. Er veranlaßte auch, daß ein Elephantenzahn aus
-des Königs Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Maßstab zu dienen und
-Brooks berechnete sich schon, nach dem was ihm der Dicke zugestand, daß
-sie ungefähr 500 Prozent Nutzen an ihren Waaren haben würden. Der König
-bewilligte, wie er nur erst einmal den Handel begriff, einen Zahn nach
-dem anderen, und besonders für Taback stellte sich der Nutzen ganz enorm
-heraus.
-
-Aber es zögerte sich auch furchtbar in die Länge, denn wenn Brooks glaubte,
-sie wären fertig, so ließ Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn
-anfangen, und wollte dann immer wieder etwas abhandeln. Dabei hatte er
-sich jetzt so gesetzt, daß er das Fahrzeug draußen immer im Auge behielt,
-während der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief, die Waaren zu
-zeigen, der See den Rücken zu drehte.
-
-Neben diesem standen noch die beiden Matrosen als Wächter der
-umhergestreuten Sachen. Der Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde,
-da er persönlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte langsam nach
-der Umzäunung hinauf, von woher zu Zeiten das dumpfe Brüllen des Löwen
-herübertönte. Was war da heute Morgen vorgegangen? Er bekam vielleicht nie
-im Leben wieder so passende Gelegenheit, um sich den Platz etwas näher zu
-betrachten, denn von den Leuten achtete Niemand auf ihn, oder legte ihm das
-Geringste in den Weg. Ein Schauder erfaßte ihn aber, als er den Platz, um
-den herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz genommen, erreichte,
-und durch die Spalten in den Palissaden die verstümmelten Ueberreste jenes
-Unglücklichen entdeckte, den die Grausamkeit des wilden Ungethüms eines
-erbärmlichen kleinen Diebstahls wegen zum Tod, zu einem solchen Tod
-verurtheilt hatte.
-
-Dort drüben, dicht neben den Schätzen des Wütherichs, lag der zerstückelte
-Leichnam, von dessen Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel
-und Mitleiden abwandte, und der jetzt gesättigte Löwe ging mit langen,
-majestätischen Schritten in der Umzäunung auf und ab, peitschte sich die
-Flanken mit dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen Zunge.
-Die Aasgeier aber warteten nur auf den Moment, wo sich der rastlose
-König der Thiere zur Ruhe ausstrecken würde, um dann ebenfalls auf die
-willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnäbel einzuhauen.
-
-Und wie scheinbar schwach war eigentlich der ganze Umbau, der das Raubthier
-einschloß. Wenn es die riesigen Kräfte, die es besaß, genau gekannt hätte,
-mußte es ja im Stande sein, diesen luftigen Kerker zu durchbrechen. Auch
-sogar die Thür bestand nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch
-Schnüre oder Streifen ungegerbter Büffelhaut allerdings fest verbunden
-hatte. Den ganzen Verschluß bildeten jedoch zwei von außen vorgeschobene
-hölzerne Riegel, während eine Abtheilung im Inneren dazu bestimmt schien,
-den Löwen in einem Theil des Platzes abzuschließen, um dann ungefährdet
-zu den Elephantenzähnen zu gelangen. Zwei hölzerne Riegel nur, und nicht
-einmal ein Pflock war davor geschlagen, um sie gegen einen doch möglichen
-Zufall zu schützen. Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und
-bequem; wie aber seine Hand nur die Thür berührte, stutzte der Löwe da
-drin, wandte sich halb und duckte sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte
-jedenfalls den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte.
-
-Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden Gestalt des grimmen Thieres
-gegenüber; hatte er doch auch schon oft davon gehört, wie furchtbar eine
-solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch genährt,
-ja nur ein einziges Mal erst Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich
-erschreckt zog er die Hand zurück und wich von den Pallisaden ab, um ihn
-selbst nicht zu einem Sprung zu reizen. Wie leicht konnte das vielleicht
-schon mürbe Holz der Wucht eines solchen Anpralls nachgeben!
-
-Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem Handel dauerte; es war gar
-kein Ende abzusehen, und ein Wunder nur, daß der Kapitän nicht ungeduldig
-wurde. Zwei Stunden saßen sie dort jetzt wenigstens bei einander, und wenn
-sie schon zu den Proben solche Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher
-werden, wenn die Waaren an Land kamen!
-
-Er wandte sich langsam ab um wieder zurück zu der Gruppe zu gehen, als er
-den Steuermann plötzlich emporfahren und nach dem Schooner hinüber deuten
-sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein Schuß, und als er
-sich erschreckt der Richtung zu drehte, bemerkte er, wie die ganze Bai von
-dunklen Kanoes schwärmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten schienen.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Der Löwe.
-
-
-Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des ersten Augenblicks wirklich
-gar nicht auf seine unmittelbare Umgebung geachtet, denn im Moment war ihm
-klar, daß dort ein Ueberfall vorbereitet werde -- also Verrath! Aber eben
-diese Umgebung drang sich ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in
-Zweifel gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen am Ufer mit
-dem feindlichen Angriff da draußen in Verbindung standen.
-
-Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen, aber er sah nur, daß
-der König selber mit seiner Lanze nach einem der Weißen schlug, während
-sich der Dolmetsch mit einem Cutlaß, den er jedenfalls dem verdachtlos
-neben ihm stehenden Matrosen entrissen haben mußte, auf den Steuermann warf
-und einen Schlag nach ihm führte. Aber er war an den Unrechten gekommen,
-denn Brooks' Hand hatte fast unwillkürlich schon im ersten Moment den Griff
-seines Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze mit der
-scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal schnell hintereinander aus
-dem Rohr blitzte, und der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und
-zu Boden stürzte. Ehe sich der Seemann aber nur gegen einen neuen Feind
-wenden konnte, fielen ihm von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in
-die Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein Theil unten stürmte
-gegen das Boot an, und er selber fand sich von etwa einem Dutzend Wilder
-angegriffen, die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen.
-Allerdings hatte er die eigene Waffe schon in der Faust, und drei
-Schüsse feuerte er mitten hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre
-Wurfspeere flogen aus, und er fühlte einen stechenden Schmerz in Arm und
-Bein.
-
-Fast blind vor Wuth schoß er seine letzten Kugeln gegen die Feinde ab und
-wandte sich dann zur Flucht. Aber wohin -- voraus -- nach rechts und links
-war ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzäunung, die den Löwen
-barg, trieben sie ihn zu. Und wie brüllte die Bestie, als sie die in
-ihrer unmittelbaren Nähe abgefeuerten Schüsse und das wüthende Geheul der
-Eingebornen hörte!
-
-Der Doktor wußte kaum, was er that, denn er sah den Tod von allen Seiten
-auf sich eindringen. Erbarmen hatte er von den Menschen nicht zu hoffen,
-und wie von einer unbewußten Gewalt getrieben, floh er der Thür des Käfigs
-zu, als ob er Schutz suchen wollte bei der Bestie.
-
-Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden, denn dort konnte er ihnen
-nicht mehr entgehen; wieder hoben sich die Speere zum Wurf, da riß er, von
-Verzweiflung getrieben die Riegel der Thür zurück -- Rache wollte er haben
--- nicht allein von der mörderischen Bande hingeschlachtet werden, und wenn
-er dann untergehen sollte, wenigstens Verderben über seine Mörder bringen.
-
-Kaum hatte er aber die Riegel der Thür erfaßt, als ein wilder, gellender
-Angstschrei aus der Menge brach -- jetzt flog die Pforte auf, und mit einem
-Sprung stand der Löwe -- freudiges Gebrüll ausstoßend, daß es wie dumpfer
-Donner durch das Thal rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schön war auch
-der Anblick des so plötzlich seiner Freiheit sicheren Thieres, hoch schwang
-es den buschigen Schweif und hob sich die trotzig geschüttelte Mähne, und
-flammend kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten Opfer suchend,
-während sich der Doktor scheu und selber erschreckt von der so plötzlichen
-Erscheinung des Raubthiers an die Pallisaden drückte.
-
-Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung des freien Löwen auf die
-Bande der Schwarzen. Was kümmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener
-so gefürchteter König. Wenn sie der Löwe fraß, war es mit ihnen jedenfalls
-vorbei, und im Nu stob der ganze Schwarm auseinander. Die dem Wasser
-Nächsten warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile und Haifische
-verachtend -- die Anderen schossen pfeilschnell über den Boden hin, den
-nächsten Büschen und Häusern zu -- die Bootsmannschaft bekam Luft, und
-war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen. Wen sie erreichen
-konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen zusammen, und die im Boot unten
-sahen auch in der That den Löwen erst, als er jetzt in langen Sätzen, und
-sich weder um die flüchtigen Eingebornen, noch die Weißen kümmernd, dem
-nächsten Dickicht zufloh.
-
-Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der Stelle konnte, und nur
-starr vor Schrecken und Entsetzen zu dem entfesselten Löwen hinaufstarrte,
-war Zambiri, der König jener Helden, während sein Knabe in flüchtigen
-Sprüngen bei den Weißen Schutz gesucht. Der Steuermann ließ ihm aber keine
-lange Zeit zum Ueberlegen. Denn kaum sah er, daß sie selber den Angriff
-des Raubthiers nicht mehr zu fürchten brauchten, als er eine der von den
-Eingebornen weggeworfenen Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten: »Und
-das für Dich, Du verrätherischer Schurke!« den Dicken dermaßen über den
-Schädel traf, daß er wie ein Sack zusammenknickte.
-
-»Hurrah!« rief aber jetzt der von oben niederspringende Doktor, »mein Löwe
-hat uns Bahn gemacht, aber den Dicken in's Boot. An dem haben wir eine
-Geißel, und beim Himmel, die Schufte sollen bezahlen, wenn sie ihn wieder
-haben wollen!«
-
-»Das war ein glücklicher Gedanke, Doktor,« rief der Steuermann, »angefaßt,
-Jungens, daß wir den Fleischklumpen bewältigen können -- schlagt ein Tau um
-und schleift ihn auf dem Sand hinunter -- so recht -- nur rasch -- und dann
-von Elephantenzähnen in's Boot, was wir laden können, denn die Bahn da oben
-ist frei.«
-
-»Aber der Schooner!« rief der Doktor.
-
-»Hahaha,« lachte der Steuermann, »seht Ihr nicht, wie unser alter Kapitän
-zwischen die Schufte hinein gepfeffert hat? Die Drehbasse war ihnen zu
-viel. Er muß seinen Anker haben sitzen lassen, denn wie ein Wetter war er
-los und mit dem Segel auch, mitten zwischen der Bande drin. Drei Kanoes
-sind gesunken.«
-
-Noch während er sprach, hatte er sowohl als der Doktor frische Patronen in
-ihre Revolver geschoben, indessen die Matrosen mit lautem Hurrah den noch
-bewußtlosen Körper des Fleischkolosses mit ein paar Enden Tau umschlangen
-und zum Boot hinabschleiften. Dort kostete es freilich einige Mühe, ihn
-hinein zu bringen, aber die kräftigen Burschen hoben mit einem gutgewillten
-Ho! ahoi! und hinein flog der Klumpen in die Jölle und unter die Doften, wo
-er liegen blieb.
-
-Von den Eingebornen war augenblicklich allerdings nichts mehr zu sehen,
-aber man wußte doch nicht, wie rasch sie, wenn sie die Gefahr beseitigt
-glaubten, zurückkehren könnten, und es galt deßhalb rasch zu handeln.
-
-Während der Doktor jetzt den kleinen, zu ihm geflüchteten schwarzen
-Burschen examinirte, lief ein Theil der Matrosen in die Umzäunung oben,
-die kein Löwe mehr bewachte, hinein, um die stärksten dort liegenden
-Elephantenzähne zum Ufer zu schleppen. Sie sahen dabei, wie der Schooner
-jetzt mit einsetzender Fluth und ziemlich günstiger Brise keck mitten in
-die Bucht und auf sie zu hielt, und wußten nun, daß sie für ihre Sicherheit
-nichts mehr zu fürchten brauchten.
-
-Der Kleine erzählte indessen rasch und gedrängt, daß die Eingebornen hier,
-wie sie es bei diesem versucht, jenes Fahrzeug, an dessen Bord er selber
-gewesen, geentert, die Mannschaft erschlagen und außer ihm nur zwei Leute,
-einen Passagier und den ersten Steuermann, gefangen in's Land geschleppt
-hätten. Die Brigg sei schon länger an der Küste gefahren und sollte viel
-Elfenbein an Bord gehabt haben; das Meiste, was dort in der Umzäunung
-lag, stammte daher, denn aus dem Land kam wenig Elfenbein, da Zambiri nur
-hauptsächlich Sklavenhandel mit portugiesischen Karawanen trieb.
-
-»Und wo waren die Weißen jetzt?«
-
-Der kleine Bursche wußte es nicht zu sagen, denn er hatte von dem
-Augenblick seiner Gefangenschaft an die unmittelbare Nähe des Häuptlings
-nicht verlassen dürfen. Es hieß allerdings, wie er meinte, daß weiße
-Händler, jedenfalls Portugiesen, die Weißen mitgenommen, aber er konnte es
-nicht verbürgen. Gesehen hatte er sie nie mehr seit der Zeit.
-
-Den Steuermann drängte es wieder fort, um an Bord des Schooners zu kommen;
-sie durften auch nicht mehr einnehmen, denn das Gewicht Zambiri's allein
-drückte schon die Jölle. Was noch hinein ging, wurde allerdings geladen,
-dann aber sprangen die Leute nach, und ruderten, so rasch es die Schwere
-des kleinen Bootes erlaubte, gegen die Strömung an, auf den Schooner zu.
-
-Sie waren auch nicht ohne Verlust weggekommen, der Doktor hatte zwei Wunden
-von Wurfspeeren, der Steuermann einen Stich in den Schenkel und der eine
-Matrose einen Hieb mit einer Keule und einen bösen Stich in der Seite.
-Schlimmer hatten die Feuerwaffen freilich unter den Eingebornen aufgeräumt,
-denn fünf von diesen lagen todt oder schwer verwundet auf dem Platz, und
-Manche der Entflohenen mochten wohl ebenfalls noch getroffen sein.
-
-Doch jetzt war keine Zeit, nach Denen zu sehen; hatten sie sich doch auch
-die Folgen ihrer Verrätherei nur selber zuzuschreiben.
-
-Und Zambiri, der mächtige König des Landes? Er mochte wohl noch in seinem
-ganzen Leben in keinen schlimmeren Händen gewesen sein, denn unten im Boot,
-in einer nichts weniger als bequemen Lage, schienen sich die Matrosen ein
-Vergnügen daraus gemacht zu haben, die erbeuteten Elephantenzähne quer
-über ihn wegzulegen, so daß ihm die Last beschwerlich genug fallen mußte.
-Anfangs fühlte er das freilich nicht, der Schlag hatte ihn betäubt; als ihm
-aber die Besinnung wiederkehrte, fing er an zu stöhnen und zu grunzen
-und schrie einzelne Befehle mit zorniger Stimme vor. Er schien noch keine
-Ahnung zu haben, wo und in wessen Händen er sich eigentlich befand.
-
-Das Boot näherte sich indessen dem Schooner mehr und mehr, und mit einem
-Hurrah wurde die Mannschaft begrüßt, als sie nur in Rufsweite gekommen
-waren. Allerdings schien die Gefahr noch immer nicht ganz beseitigt, denn
-eine Menge von Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam nach,
-und diese mußten sie allerdings wieder passiren, wenn sie den Rückweg
-antreten wollten; aber die Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen
-der Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder nahe hinan. Jetzt
-wenigstens wurden sie nicht gestört.
-
-Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete Matrose in einem rasch
-hergerichteten Stuhl an Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein
-und zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die Seeleute aber
-verwünscht wenig Umstände machten. Einer der Leute festigte oben an das
-Gaffel einen Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglücklichen
-Fürsten dann unter den Schultern durchgeschlagen, dann zog die Mannschaft
-mit einem: =Oh, jolly men ho!= kräftig an, und wenige Sekunden später war
-Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen Beinen austretend, an Deck
-gehoben, wo ihn lautes Gelächter der Schoonermannschaft begrüßte.
-
-Steuermann und Kapitän tauschten jetzt ihre Berichte gegen einander aus;
-Beide aber waren einig darüber, daß es das Beste wäre, nicht über Nacht
-vor der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden möglicherweise einen neuen
-Angriff wagen konnten. Aber in kurzer Zeit begünstigte sie auch wieder die
-ausgehende Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen Versuch machen,
-einen Theil der feindlichen Schätze als rechtmäßige Beute zu bergen, noch
-dazu da sie für den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen
-Truppen zu fürchten brauchten. Es war wenigstens kein einziger von ihnen
-auch nur zu sehen, und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine
-Landung leicht und fast sicher auszuführen.
-
-Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer leicht zu bekommen.
-Gefahr? was kümmerte sie die, wenn es galt, irgend einen tollen Streich
-auszuführen, und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzäunung
-erzählten, in welcher der Löwe die Wache gehalten und wo die prachtvollen
-Elephantenzähne aufgeschichtet lägen, waren sie kaum mehr zurückzuhalten.
-
-Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn stromauf, und vorn am Bug
-stand der Steuermann, das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder Richtung
-hin abzusuchen. Aber nirgends war auch nur ein lebendes Wesen zu erkennen;
-der an dem Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben, und nur die
-aus den Büschen aufragenden Giebel und Dächer verriethen, daß jene Strecke
-bewohnt sei -- sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst nur
-Rauch empor. Der Löwe hatte Wunder gewirkt.
-
-Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich spät geworden, aber noch
-stand die Sonne am Himmel, und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls
-gemacht werden. Der Kapitän beorderte auch das zweite Boot auf's Wasser,
-was rasch geschehen war, und während der Schooner hier in vollkommen
-ruhiger, unbewegter See vor einem Nothanker lag, stießen sie ab und
-ruderten dem Land entgegen. Es wurde auch keine Vorsicht dabei versäumt,
-einem etwaigen Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die Zähne
-bewaffnet, und der Kapitän war dabei im Stande, mit seiner Drehbasse das
-ganze Ufer zu bestreichen.
-
-Mit einem lauten Hurrah stürmten die Burschen, sobald die kleinen Fahrzeuge
-nur das Land berührten, die Bank hinauf und von dem Steuermann geführt
-der Umzäunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu den hier aufgehäuften
-Schätzen nöthigen ließen. Genau genommen war es vielleicht Raub, aber die
-verrätherischen Schwarzen mußten auch gezüchtigt werden, und wären sie
-Sieger geblieben, so würde wohl kaum ein Mann der Besatzung mit dem Leben
-davongekommen sein. Die moralische Seite der Frage beschäftigte die Leute
-aber auch in der That nur sehr wenig. Allerdings schauderten sie, als sie
-den Platz zuerst betraten und die indeß herbeigestrichenen Aasgeier von
-ihrem eklen Mahl verjagten; der verstümmelte Körper jenes unglücklichen
-Sklaven sah auch entsetzlich aus -- aber sie durften sich nicht dabei
-aufhalten. Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume, und die
-Dämmerung ist gar kurz in diesen Ländern. So faßten sie denn auf, was sie
-erreichen konnten, und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht, als
-ihnen der Kapitän schon wieder das Zeichen zur Abfahrt gab. Es dunkelte,
-und er wollte seine Leute nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Der Gefangene.
-
-
-Unter der Zeit hatte aber auch der gefangene Häuptling sein volles
-Bewußtsein wieder erlangt und schäumte ordentlich vor Wuth, als er sich,
-gebunden und zu Boden geworfen, in der Gewalt seiner weißen Feinde sah.
-Aber die Seile hielten und schnitten ihm nur tief in die Fettwulsten seiner
-Glieder ein, und zu seinen Füßen saß, mit Schadenfreude in den dunklen
-Zügen, der Knabe und beobachtete vergnügt die machtlosen Anstrengungen des
-einst so gefürchteten Mannes.
-
-Kapitän Oacutt lag aber weit weniger daran, dieß schwarze unförmliche
-Menschenbild zu quälen, als durch ihn seinen Zweck zu erreichen, nämlich
-die gefangenen Weißen zu befreien, falls sich diese noch in der Gewalt der
-Eingebornen befinden sollten. Es dauerte freilich lange, bis er Zambiri so
-weit brachte, ihm Rede zu stehen, und auf's Neue gerieth dieser außer sich,
-als er den Knaben, den er gewohnt war als Sklaven zu mißhandeln, frei und
-trotzig neben sich stehen und ihn verhöhnen sah. Aber er fühlte doch auch,
-wie machtlos er jetzt sei, und gab sich endlich ruhig in sein Schicksal.
-Allerdings wollte er Anfangs auf die an ihn gerichteten Fragen -- wobei
-jetzt der Knabe als Dolmetsch gebraucht wurde, nicht antworten; als ihm
-dieser aber sagte, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne
-und die Weißen ihn sonst mit in ihr Land als Sklaven schleppten, wurde er
-geschmeidiger.
-
-Zuerst leugnete er freilich, von dem Wrack, wie den darauf befindlich
-gewesenen Weißen das Geringste zu wissen; endlich aber gestand er ein, daß
-sie Krieg mit ihnen geführt, weil die Weißen seine Unterthanen als Sklaven
-hätten fortführen wollen. Auch das gab er zu, daß sie zwei von ihnen
-gefangen an Land gehabt hätten, aber sie wären vor Kurzem mit einer
-portugiesischen Karawane fortgegangen, und er wüßte nichts weiter von
-ihnen.
-
-Der Kapitän sagte ihm jetzt, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder
-erlangen könne, wenn er die beiden Weißen herbeischaffe, denn er würde
-seinen Lügen nie glauben. Zambiri blieb aber bei seiner Behauptung und
-forderte die Weißen auf, den Knaben hinüber zu schicken und dort selber
-nachzufragen. Alle Eingebornen würden seine Aussage bestätigen.
-
-Das war übrigens leichter gesagt, als ausgeführt, denn beide Boote befanden
-sich gerade an Land und die Leute dort emsig genug beschäftigt. Ueberdieß
-durfte er sie nicht länger drüben lassen, denn schon setzte mit der
-Abenddämmerung ein leichter dünner Nebel ein, der den freien Blick auf
-einige Entfernung hemmte. Unter dem Schutz desselben hätten die Wilden
-recht gut plötzlich vorbrechen können, und er war sogar der Gefahr
-ausgesetzt, daß sich der Nebel dichte und er den Weg nicht mehr aus der
-Bucht hinaus fand. -- Für heute hatten sie jedenfalls ihre Arbeit
-hier gethan; er gab das Zeichen zur Abfahrt, und als die Boote an Bord
-zurückkehrten, kam der leichte Anker in die Höhe und der Schooner trieb
-langsam mit der Ebbe stromab und wieder in See hinaus.
-
-Zambiri heulte laut auf, als er die Bewegung sah und jetzt bemerkte, daß
-sie weiter und weiter ab von seinem Reiche trieben, aber Niemand achtete
-auf ihn. An der Mündung der Bai fischte die Sarah Miles ihren vorher
-an einer Buoye gelassenen Anker wieder auf und hielt dann auf's Neue in
-offenes Wasser hinaus, wo sie keinen Angriff zu fürchten brauchte.
-
-Erst am nächsten Morgen kehrte sie zurück, aber nicht wieder in die Bucht,
-in die sich der Kapitän nicht mehr hineinwagen mochte, sondern gegen das
-untere Ufer hielt er an, wo sie jetzt Eingeborne entdecken konnten. Wie
-aber nur das Boot ausgesetzt wurde, flohen sie in den Wald hinein und
-es hatte nicht geringe Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß man keine
-Feindseligkeit beabsichtige, sondern nur zu unterhandeln wünsche. Der
-Knabe, obgleich er sich Anfangs dagegen sträubte, weil er fürchtete, daß
-man ihn zurückhalten würde, mußte endlich allein an Land, und es gelang ihm
-auch, Einzelne der tapferen Krieger zum Stehen zu bringen.
-
-Die Auskunft, die er von diesen erhielt, lautete aber wirklich ganz ähnlich
-so wie die, welche ihnen schon Zambiri gegeben. Die beiden gefangenen
-Weißen hatten, weil sie immer krank waren und keine Arbeit verrichten
-konnten, mit den portugiesischen Händlern vor etwa drei Monaten das Land
-verlassen, und Niemand wußte zu sagen, wo sie jetzt wären -- jedenfalls
-aber weit von hier.
-
-Damit kehrten die Botschafter an Bord zurück, denn was hätte ihnen ein
-längerer Aufenthalt am Lande genützt? Aus Zambiri selber war ebenfalls
-nichts weiter heraus zu bekommen. Jetzt, mit der Todesangst, daß er
-fortgeschleppt werden sollte, war er auch mürbe und zahm geworden und unter
-Thränen schwur er, daß er die Wahrheit gesprochen -- würde er den Fremden
-doch gern hundert Gefangene für seine eigene Freiheit gegeben haben. Er bot
-ihnen auch wirklich so viele von seinen eigenen Leuten als Sklaven an,
-wenn sie ihn wieder an's Ufer setzen wollten, und erklärte dabei, auf
-jeden Handel einzugehen, den sie vorschlagen würden. Oacutt traute aber dem
-Burschen nicht und wollte auch keine Sklaven haben. Mitnehmen konnten sie
-ihn aber nicht, was sollten sie mit dem Koloß an Bord thun, und der Knabe
-wurde deßhalb noch einmal an Land geschickt, um wenigstens ein Lösegeld für
-den König zu erhalten.
-
-Zuerst sollten die Eingebornen die noch in der Umzäunung lagernden
-Elephantenzähne, welche die Matrosen gestern nicht alle fortgeschafft, zum
-Ufer herunterbringen, und ebenso den Koffer mit Geschenken, den er gestern
-erhalten -- außerdem aber sämmtliche Sachen, die sie von jenem Fahrzeug der
-Weißen geraubt und die sich in Zambiri's Wohnung befanden.
-
-Unter der Zeit hatte sich auch wieder eine Zahl von Eingebornen am
-Ufer versammelt, denn sie sahen wohl, daß die Weißen keine feindseligen
-Absichten mehr zeigten, und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen
-König loszubitten. Uebrigens schienen sie sämmtlich bewaffnet, als ob sie
-doch noch einen Angriff der Fremden fürchteten, und da Oacutt auch das
-letzte Mißtrauen zu zerstreuen wünschte, so wurde der Doktor, den Knaben
-als Dolmetsch bei sich, mit einer weißen Flagge hinübergesandt. Der
-Steuermann nämlich konnte nicht gehen, da ihn seine Wunde zu sehr
-schmerzte.
-
-Die Bedingung, die Spruce zu stellen hatte, lautete, daß die Eingebornen
-das »Lösegeld« am Ufer niederlegen und sich dann entfernen sollten. Die
-Weißen würden es dort in Empfang nehmen und ihren König dann ungesäumt an
-Land setzen.
-
-Das Boot näherte sich, dieser Masse von Eingebornen gegenüber, nur
-höchst vorsichtig dem Ufer, und der Doktor hielt es für gerathen, selbst
-vornhinein zu treten und die Fahne zu schwenken, damit sie sähen, daß sie
-in friedlicher Absicht kämen.
-
-Die Eingebornen standen indessen still und regungslos etwa hundert Schritt
-vom Ufer ab und unmittelbar vor dem nächsten Dickicht, wahrscheinlich um
-dort, wenn es etwa nöthig werden sollte, gleich hinein zu tauchen, und nur
-erst als das Boot, das aber vorsichtigerweise nicht auflief, sondern flott
-blieb, den Strand berührte und der Doktor, die Fahne in der Hand und nur
-den Knaben als Dolmetscher an seiner Seite, an's Ufer sprang, kamen drei
-der Schwarzen, aber ohne Waffen, zum Wasserrand herab, um zu hören, was die
-Weißen von ihnen wollten.
-
-Der kleine Bursche richtete dabei die Botschaft aus, indem es ihm der
-Doktor auf Englisch vorsagte und er die einzelnen Theile übersetzte, und
-sie hörten ihn ruhig und aufmerksam an. Als er aber geendet, erwiederten
-sie, daß sie sich darüber erst mit dem Stamm berathen müßten -- sie sollten
-nur ein wenig warten, sie kämen gleich wieder zurück.
-
-Damit gingen sie und der Doktor machte sich schon auf eine lange Wartezeit
-gefaßt, denn daß die Eingebornen einen schwierigen Stand mit dem dicken
-König selber bekamen, wenn sie all' sein Eigenthum -- und sei es auch zu
-seiner eigenen Rettung -- hergaben, ließ sich denken. Sie schienen aber
-weniger Zeit zu brauchen, als er selber geglaubt, denn obgleich die
-Unterhandlung da oben ziemlich stürmisch herging und viel und laut
-gesprochen wurde, dauerte sie doch kaum eine volle Viertelstunde. Dann
-kamen die schwarzen Botschafter wieder zurück und ihre Antwort lautete in
-der Uebersetzung etwa folgendermaßen:
-
-»Unser König war Zambiri. Er war blutdürstig und grausam. Er hat viele
-unserer jungen Leute hingeschlachtet und an die Weißen verkauft; wir waren
-Alle seine Sklaven. Ihr habt ihn weggenommen und auf euer Schiff gebracht
--- das ist gut. Behaltet ihn. Wir haben einen andern König gewählt und
-Alles, was dem früheren gehörte, ist jetzt sein Eigenthum. Wir wollen auch
-keinen Krieg mit den Fremden oder mit einem andern Stamm -- wir wollen
-Frieden -- Llefugo hat gesprochen.«
-
-Der Doktor lachte gerade hinaus, als ihm der Knabe die Antwort übersetzte.
-Das war ein liebender Volksstamm, der sich herzlich freute, den Landesvater
-los zu werden, und nicht einen Elephantenzahn geben wollte, um ihn wieder
-zu bekommen. -- Und was nun? Würdevoll aber standen die Abgesandten vor
-ihm. Sie hatten ihren Auftrag ausgerichtet und kein ferneres Interesse an
-der Sache. Eine weitere Verhandlung zeigte sich auch als völlig zwecklos,
-denn die Eingebornen ließen sich auf nichts mehr ein. Die Weißen mochten
-Zambiri mit fortnehmen, wenn es ihnen Freude machte; sie hatten einen
-andern König und wollten keinen Krieg.
-
-Dabei winkte der Sprecher mit der Hand, und als thatsächlicher Beweis
-des eben Gesagten kamen eine Anzahl Frauen und Kinder, Anfangs zwar noch
-schüchtern, aber dann doch zutraulicher werdend, an die Landung herunter
-und brachten Körbe mit Früchten, Mangas, Cocosnüsse, Eier, junge Hühner und
-Ferkel, die sie zum Tausch anboten. Eine solche Aushülfe war nun allerdings
-erwünscht, und der Doktor hatte auch schon zu dem Zweck eine Partie
-Schmuck, Kattun und Tabak im Boot, was er ungesäumt gegen frische
-Provisionen eintauschte. Von ihrem König wollten sie aber nichts weiter
-hören -- Zambiri war ihr König nicht mehr, wie sie sagten, und nur ein
-böser, schwarzer Mann, den die Weißen verkaufen sollten, wenn sie Lust
-hätten -- sie wollten ihn aber nicht.
-
-Damit fuhr der Doktor an Bord zurück und überraschte seinen Kapitän mit
-der allerdings unerwarteten Nachricht. Vollkommen wie rasend geberdete sich
-dagegen Zambiri selber, als ihm der Kleine mit boshafter Schadenfreude das
-wieder erzählte, was sein treues Volk über ihn gesagt, und als er hörte,
-daß sie an Land einen neuen König gewählt, fing er so an zu wüthen, daß die
-Matrosen endlich ein Stück Segeltuch über ihn herwarfen und ihn festhalten
-mußten, er hätte sonst, trotz seiner Bande, ein Unglück angerichtet.
-
-Kapitän Oacutt kratzte sich den Kopf und lief auf seinem Quarterdeck mit
-raschen Schritten auf und ab. -- Daß die hier früher gefangen gehaltenen
-Weißen den Platz wieder verlassen hatten, schien vollkommen sicher zu sein,
-denn halb und halb bestätigte das ja auch die Aussage des Knaben; was aber
-sollten sie jetzt mit dem Fleischklumpen an Bord machen, den sein eigenes
-Volk nicht einmal wieder haben wollte? Ihn mitnehmen? -- Er wäre ihnen eine
-nutzlose Last gewesen -- und über Bord werfen? -- Verdient hätte er es,
-denn sein Steuermann saß mit einer häßlichen Wunde an Deck, und der eine
-Matrose war so bös getroffen, daß der Doktor schon bei dem ersten Verband
-bedenklich mit dem Kopf schüttelte. -- Aber es ging doch nicht. Gefangen
-durfte er ihn nehmen, aber über den Gefangenen stand ihm kein Recht auf
-Leben und Tod zu.
-
-»Ei, zum Henker!« rief da der Kapitän plötzlich aus, indem er stehen blieb
-und sich gegen den Doktor wandte, »was geht uns denn hier die ganze Bande
-an, ob sie ihren König wieder haben wollen oder nicht; wir können ihn
-keinenfalls gebrauchen und seinethalben auch keine Stunde länger an der
-Küste bleiben. Zimmermann, nehmt Euch einmal zwei Leute in die kleine Jölle
-und setzt mir den Fettfleck an Land -- mir wird übel, wenn ich das Ungethüm
-sich da noch länger wälzen sehe.«
-
-»Und der Junge, Kapitän, soll der auch wieder mit fort?«
-
-»Wenn er will, meinetwegen.«
-
-Der Knabe hatte der für ihn verhängnißvollen Frage mit augenscheinlichem
-Erschrecken gelauscht, jetzt aber warf er sich vor dem Kapitän nieder
-und bat in so angstgepreßten Tönen, nicht wieder jenem grausamen Manne
-überliefert zu werden, daß der Seemann endlich sagte: »Gut, da bleib', ich
-hab' nichts dagegen, aber nun auch rasch, daß wir den dicken Burschen von
-Bord kriegen. Bindet ihn los, Zimmermann, und sag' ihm, mein Junge, daß
-er an's Ufer soll; nachher mag er sehen, wie er selber mit seinen Leuten
-fertig wird.«
-
-Der Befehl wurde rasch ausgeführt; während die Leute den abgesetzten König
-losbanden, sagte ihm der Knabe, daß er frei sei und an Land gehen könne;
-dann schnürten sie ihm ein Tau um den Leib, ließen ihn wieder in's Boot
-hinunter und wenige Minuten später ruderten sie den Koloß zum Ufer hinüber.
-
-Jetzt aber band sie auch nichts mehr an die Küste, und dem Kapitän lag
-selber daran, so rasch als möglich wieder fortzukommen. Noch während die
-Jölle unterwegs war, wurde das andere größere Boot an Bord genommen und der
-Anker gehoben, und indeß der Kapitän die dazu nöthigen Befehle gab, stand
-der Doktor an der einen Want, das Teleskop am Auge, und sah nach der
-Landung hinüber, um zu beobachten, wie König Zambiri von seinen treuen
-Unterthanen empfangen werden würde.
-
-Die Eingebornen am Ufer hatten sich indeß zum großen Theil zerstreut, denn
-sie hielten nach ihrer gegebenen Erklärung die Sache wahrscheinlich für
-abgemacht. Ein Theil von ihnen war aber doch noch zurückgeblieben, um den
-Schooner und dessen Abfahrt zu überwachen, und diese wurden jetzt plötzlich
-aufmerksam, als sie das Boot noch einmal zur Küste zurückkehren sahen. Was
-es enthielt, vermochten sie freilich nicht gleich zu unterscheiden, da
-man den Schwarzen auf der ihnen entgegengesetzten Seite des Schooners
-niedergelassen; aber vorsichtig näherten sich die zuerst Gesandten wieder
-dem Strande. Da verrieth ihnen das rothe, jetzt freilich arg zerrissene
-Oberhemd ihres früheren Königs Zambiri vor der Zeit dessen Anwesenheit, und
-einen lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den Ihrigen zurück, um ihnen
-wahrscheinlich die Entdeckung mitzutheilen.
-
-Jetzt kam Leben in den Schwarm. Der Doktor bemerkte, wie nach allen Seiten
-Leute abgeschickt wurden, die pfeilschnell über den Boden schossen, indeß
-die Schaar der Bewaffneten mit ihren Lanzen und Schilden näher zum Strand
-hinunterrückte. Dem Zimmermann wurde auch, wie er später erzählte, nicht
-ganz wohl im Boot, und es lag ihm gar nichts daran, den jetzt jedenfalls
-gereizten Eingebornen zu übermäßig nahe zu kommen. Darin begünstigte ihn
-aber die indessen stark eingetretene Ebbe; gleich unterhalb bemerkte er
-einen etwas weiter auslaufenden Sandstreifen, auf den er augenblicklich
-zuhielt, und hier bekam Zambiri die Ordre, wie nur der Kiel den Sand
-berührte, auszusteigen und seinen Weg allein fortzusetzen -- was schadete
-es auch, wenn er mit seinen bloßen Beinen nasse Füße bekam.
-
-Zambiri schien keine rechte Lust zu haben, denn das ganze Benehmen seiner
-Unterthanen am Ufer mochte ihm ebenfalls nicht gefallen -- aber es blieb
-ihm keine Wahl, denn weit mehr fürchtete er an Bord zurückgeschafft zu
-werden. Er stieg aus, im Nu schoß das dadurch fast um die Hälfte seines
-Gewichts erleichterte Boot wieder zurück in tiefes Wasser, und Zambiri, den
-zerfetzten rothen Mantel um die Schultern, stand an der Spitze der Sandbank
-und starrte nach dem Ufer hinüber.
-
-Das Boot hielt sich nicht auf; rasche kräftige Ruderschläge brachten es zum
-Schooner zurück, und während es dort eingehakt und an der Seite aufgezogen
-wurde, kam auch der Anker herauf und der Bug der Sarah Miles schwang
-langsam mit der Strömung herum der offenen See entgegen.
-
-Noch stand Zambiri am Strand, und eben so fest behaupteten die Krieger oben
-ihren Platz. Jetzt aber mochte er doch wohl fühlen, daß er dort draußen
-nicht länger bleiben könne, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Einen
-Blick warf er nach dem Fahrzeug der Weißen zurück, dessen Segel sich voll
-ausblähten und an dessen Bug sich schon das Wasser zu kräuseln begann --
-dann drehte er sich um und schritt entschlossen die Uferbank hinauf.
-
-Jetzt regte sich auch da oben die dunkle Masse -- der Doktor konnte noch
-erkennen, obgleich sich die Entfernung mit jedem Augenblick vergrößerte,
-daß von allen Seiten mehr Bewaffnete herbeiliefen. Da dröhnte plötzlich,
-bis zu ihnen selbst hinaus, ein einziger gellender Aufschrei aus Aller
-Kehlen, und wie ein Schatten über einen von der Sonne beschienenen Plan
-wälzte sich der dunkle Schwarm dem König entgegen.
-
-Dieser warf die Arme empor, dann verschwand Alles in einem wilden Gewirre
-von schwarzen Gestalten, und als sich diese endlich wieder zum Ufer
-hinaufgezogen, blieb nur ein einziger dunkler Punkt auf dem hellen
-Untergrund des Strands zurück.
-
-Der Doktor schob sein Glas noch etwas mehr zusammen, um den Punkt in den
-Fokus zu bekommen.
-
-»Nun, Doktor, wie ist's?« lachte der Kapitän; »können Sie noch was
-erkennen? -- Wie haben sie unsern Dicken aufgenommen?«
-
-»Dort liegt sein unbeholfener Leichnam am Strand,« sagte der Doktor, indem
-er das Glas zusammenschob, denn die Entfernung wurde jetzt zu groß, »und
-wenn die Fluth wieder steigt, wird sie ihn in die See schwemmen.«
-
-»Ein fetter Bissen für die Krokodile!« lachte der Seemann. »Alle Wetter!
-das erste, das ihm begegnet, bekommt ein richtiges Maul voll -- ein Glück
-nur, daß er uns zu seinen Erben eingesetzt. Aber was haben sie mit ihm
-gemacht?«
-
-»Ihm wahrscheinlich ihre Lanzen in den Leib gerannt,« nickte der Doktor.
-»Sonderbar doch; vorher hatte er nicht mehr Macht und Gewalt über sie
-als jetzt, und doch duldeten sie Alles und ließen sich verkaufen und
-abschlachten, wie es dem grausamen Tyrannen gefiel. Jetzt, da der Nimbus
-gefallen ist, der ihn umgab, rennen sie ihm ihre Speere in den Leib und
-lassen den Kadaver draußen auf dem Sande liegen.«
-
-»Menschennatur,« sagte der Yankee gleichgültig. »Na, wir sind ihn
-wenigstens los und haben keine Verantwortung. Die Brise frischt auf, Doktor
--- ich denke, jetzt halten wir gerade auf das Kap zu.«
-
-Der Schooner neigte sich vor dem frisch einsetzenden Wind auf die Seite und
-flog schäumend durch die leichtbewegte Fluth. Vom Land aus hatten ihm die
-Eingebornen nachgesehen, aber er wurde kleiner und kleiner und verschwand
-endlich wie ein lichter Punkt am Horizont.
-
-
-
-
-Der Mexikaner.
-
-Peruanische Erzählung.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Die verlassene Frau.
-
-
-In Lima lebte im Jahr 1850 in einem kleinen Häuschen in der Vorstadt eine
-arme deutsche Schusterfrau, der es außerordentlich knapp zu gehen schien,
-denn sie war von ihrem Mann verlassen worden und hatte sich nun hier
-draußen bei einer armen peruanischen Familie einquartieren müssen. Sie
-ging auch, besonders in deutsche Häuser, plätten und nähen und suchte sich
-wirklich auf ehrliche Art ihr Brot zu verdienen, wobei sie denn von den
-wenigen deutschen Familien nach Kräften unterstützt wurde.
-
-Der Mann war -- so viel wußte man -- im Jahr 48, als die erste Nachricht
-der in Kalifornien entdeckten Schätze nach Peru drang, plötzlich
-verschwunden, und sollte in Callao -- dem Hafen von Lima, kurz vor der
-Abfahrt eines nach San Francisco bestimmten Schiffes gesehen worden sein.
-Der Verdacht lag also sehr nahe, daß er sich auf diesem entfernt habe, um,
-wie tausend Andere, sein Glück in den Minen zu versuchen. Daß er die
-Frau dabei in den dürftigsten Umständen und fast ohne einen Dollar
-Geld zurückließ, war natürlich schlecht, aber es wäre doch wohl noch zu
-entschuldigen gewesen, wenn er sich nur später um sie gekümmert, wenn er
-nur einmal etwas Geld geschickt oder wenigstens einen Brief geschrieben
-hätte.
-
-Aber Nichts dem Aehnliches erfolgte, und die arme Frau mußte zuletzt die
-Hoffnung aufgeben, ihren Mann je wieder zu sehen und von ihm Hülfe zu
-erhalten. Allerdings erkundigte sie sich -- als nun fast zwei Jahre
-vergangen waren, und viele Peruaner aus den kalifornischen Goldminen
-zurückkehrten, bei Jedem wohl nach dem Verlorenen und ob sie ihn nicht in
-Kalifornien getroffen hätten -- aber, lieber Gott, Kalifornien war groß und
-die dorthin gegangenen Goldwäscher staken oben in den Gebirgsschluchten,
-wohin weder Weg noch Steg führte; wer sollte sie dort finden. Man konnte
-Monate lang in ihrer unmittelbaren Nähe sein und bekam sie trotzdem nicht
-zu sehen. Es wußte ihr auch Niemand auch nur den geringsten Trost oder
-Anhaltepunkt zu geben -- sie mußte sich selber trösten, vielleicht kehrte
-er, wie die Meisten sagten, einmal ganz plötzlich mit einem großen Sack
-voll Gold zurück, und dann hatte alle ihre Noth ein Ende.
-
-Aber er kam nicht -- Woche nach Woche verging, wie Monat nach Monat
-vergangen war, und die verlassene Frau beschloß endlich, in ihre Heimath
-nach Deutschland zurückzukehren, wo ihr noch wohlhabende Verwandte lebten;
-die einzige Schwierigkeit schien nur die, ein Schiff zu bekommen, das sie
-für eine mäßige Passage hinüber brachte. Aber auch das fand sich endlich.
-Ein in Callao ankernder hamburger Kapitän hatte von dem Schicksal der
-Deutschen gehört, und als er sie zufällig einmal bei Bekannten traf und
-sie ihm ihre Noth klagte, erbot er sich freundlich, sie gegen einen sehr
-mäßigen Preis hinüber zu schaffen.
-
-Viel trug dazu auch ihr Aeußeres bei -- Frau Bockenheim mußte in ihrer
-Jugend wirklich einmal schön gewesen sein, und sie war selbst jetzt noch,
-in den dreißiger Jahren, eine hübsche, stattliche Frau zu nennen.
-Früher galt sie auch unter den übrigen Handwerkerfamilien für stolz und
-hochfährig; sie trug gern seidene Kleider und putzte sich manchmal so
-heraus, daß man in ihr nie eines Schusters Frau vermuthet haben würde. --
-Das hatte sich freilich jetzt durch ihren Nothstand gründlich gelegt; von
-dem Moment an, wo sie sich abhängig von fremden Leuten fühlte, wurde sie
-eine ganz Andere. Sie ging höchst einfach, nur in die billigsten Stoffe
-gekleidet, und schränkte sich wirklich nach Möglichkeit ein, um nur keine
-Schulden zu machen. Trotzdem verkehrte sie aber wenig oder gar nicht mit
-ihres Gleichen -- mit anderen Handwerkerfrauen -- von denen sie auch in der
-That keinen Verdienst erwarten konnte.
-
-Jetzt hatte das überhaupt aufgehört und sie begann das Letzte zu thun, was
-ihr übrig blieb, um ihre Passage zu bezahlen, nämlich die Ueberreste ihres
-kleinen Hausstandes zu verkaufen. Da aber das zu langsam ging, denn das
-Schiff wollte segeln, so setzte sie endlich eine Auktion an, auf welcher
-auch das Handwerksgeräth ihres Mannes losgeschlagen wurde. Was sollte sie
-auch damit machen? Der Verlorene kehrte doch nicht wieder.
-
-In Lima hatte sich indessen das Schicksal der Schusterfrau und ihre
-Absicht, Peru zu verlassen, ausgesprochen, und schon aus Mitleiden mit
-ihrem Schicksal besuchten Viele die Auktion, so daß die oft werthlosen
-Gegenstände noch zu einigermaßen gutem Preis verkauft wurden.
-
-Die Auktion war vorüber; die letzten Sachen waren abgeholt; nur noch ein
-Koffer und ein Reisesack standen in dem öden Raum, und die Frau hatte eben
-einen kleinen Knaben aus dem Haus nach einem Peon oder Diener geschickt,
-um sie forttransportiren zu lassen, als draußen ein Schritt auf der
-Treppe laut wurde. Sie glaubte, es wäre der erwartete Packträger, und noch
-seufzend einen Blick in den Räumen umherwerfend, in denen sie so manche
-einsame und traurige Stunde verlebt, sagte sie:
-
-»Da, Freund -- nehmt die Sachen und tragt sie mir --«
-
-»Bertha,« flüsterte da eine Stimme, die ihr das Blut zum Herzen
-zurückdrängte, und als sie sich erschreckt danach umwandte, stand ein mit
-einem Poncho behangener fremder Mann auf ihrer Schwelle. Sie kannte ihn
-nicht -- er trug einen großen dunklen Bart und den Hut fest in die Augen
-gezogen, rührte sich auch nicht, und nur als sie ihn erstaunt anstarrte,
-wiederholte er, mit der nämlichen Stimme das eine Wort, das ihren
-Herzschlag stocken machte: »Bertha!«
-
-»Um der Wunden Christi Willen!« stöhnte die Frau, »wer ist denn das der --
-der meinen Namen --«
-
-»Und kennst Du mich nicht mehr?«
-
-»Ja -- wach' ich denn oder träum' ich -- Casper?«
-
-»Hab' ich mich denn so verändert?« lachte er und streckte ihr die Arme
-entgegen, aber mit einem lauten, gellenden Freudenschrei stürzte sie auf
-ihn zu und umschlang ihn krampfhaft mit ihren Armen.
-
-»Casper! Du bist's -- Du -- und oh mein Gott, wie lange hast Du mich warten
-lassen -- oh wie ewig lange. Wo, wo bist Du nur gewesen?«
-
-»Und wenn ich ein klein wenig später gekommen wäre,« lächelte der Mann,
-ohne die Frage für jetzt zu beantworten, »so hätte ich Dich am Ende gar
-nicht mehr getroffen. Du wolltest verreisen --«
-
-»Nach Deutschland zurückkehren!« rief die Frau, »was sollte ich länger
-allein hier in dem fremden Land? Ich hielt es nicht mehr aus und mußte Dich
-ja todt glauben, da Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben. -- Ach, das
-war nicht Recht, Casper.«
-
-»Ja, schreiben,« nickte dieser, »liebes Kind! Wo ich mich die ganze Zeit
-herumgetrieben habe, gab es weder Feder noch Dinte noch Papier, viel
-weniger Posten, und ich hätte einen Brief selber nach San Francisco tragen
-müssen.«
-
-»So warst Du die ganze Zeit in Kalifornien?«
-
-»Gewiß war ich --«
-
-»Und hast Du Glück gehabt?«
-
-Der Mann schwieg und sah sie mit einem Blick an, der ihr ordentlich bis
-in's innerste Herz hinein stach -- mit einem Blick, wie sie ihn noch nie
-von ihm gesehen. Ueberhaupt kam er ihr so merkwürdig verändert vor. Machte
-das vielleicht der große schwarze Bart, den sie allerdings nicht an ihm
-gewohnt war? -- und er sah dabei so bleich aus -- so düster. -- Er hatte
-jedenfalls Unglück gehabt und kehrte als armer Mann zurück.
-
-»Oh mein Gott,« stöhnte die Frau, als ihr der Gedanke kam, »und jetzt
-hab' ich all' das Unsere, selbst Dein Handwerkszeug, um einen Spottpreis
-verkauft -- Nichts ist mir geblieben, als meine Kleider und Wäsche und die
-paar hundert Thaler, die ich für die Ueberfahrt zahlen wollte.«
-
-Da zuckte es wie ein Lächeln über des Mannes Gesicht, und er sagte:
-
-»Gott sei Dank, daß wir den alten Plunder los sind, wir hätten ihn doch
-nicht mehr gebrauchen können.«
-
-»Nicht mehr gebrauchen können, Casper?« wiederholte die Frau erstaunt, »ich
-weiß nicht, Du -- Du bist so sonderbar -- ich begreife Dich nicht.«
-
-»Weil ich mit einem ganzen Sack voll Gold zurück komme, Schatz,« lachte der
-Mann laut auf.
-
-»Mit einem Sack voll Gold?«
-
-»Was ich Dir sage -- unsere Noth hat nun aufgehört -- ich habe Glück, viel
-Glück in den Minen gehabt -- unserer Zwei trafen eine enorm reiche Stelle
--- aber das Alles erzähle ich Dir später. -- Was will der Bursche da?«
-
-Während er noch sprach, war ein Peon auf der Schwelle der weit offen
-stehenden Thür erschienen und sah in's Zimmer herein.
-
-»Die Sennorita hat einen Mann verlangt, um ihr Gepäck fort zu tragen.«
-
-»Ach ja -- =bueno= --« rief der Zurückgekehrte »du, guter Freund, schultert
-einmal die Sachen und tragt sie in das amerikanische Hôtel -- oder wir
-gehen besser gleich mit, denn hier haben wir doch wohl Nichts weiter zu
-thun, Schatz, wie?«
-
-»Es ist Alles fort, selbst der letzte Stuhl --«
-
-»Also gänzlicher Ausverkauf,« lachte der Mann, »desto besser, dann werden
-wir auch durch Nichts mehr gehindert -- =vamos nos, companero, vamos nos=«
--- und damit gab er seiner Frau den Arm und schritt mit ihr die Treppe
-hinab, die Vorstadt entlang und dann über die Brücke, immer die Hauptstraße
-nieder und hinter dem Peon mit ihren Sachen her, bis sie das Hôtel
-erreichten, wo er augenblicklich zwei Zimmer und ein gutes Diner für sie
-bestellte.
-
-Die Frau ging wie in einem Traum an seiner Seite; sie fühlte kaum, wie ihre
-Füße den Boden berührten. War denn das Alles wirklich wahr, und der Mann,
-den sie schon lange todt geglaubt und in Verzweiflung aufgegeben, nicht
-allein zurückgekehrt, sondern auch reich, mit Schätzen beladen? Wie ein
-Märchen klang's ihr in den Ohren und sie bemerkte dabei gar nicht, daß die
-Leute, denen sie unterwegs begegneten, fast immer stehen blieben und dem
-etwas wunderlichen Paar nachschaueten.
-
-Und es war in der That ein wunderliches Paar für einen heißen, sonnigen Tag
-in Lima. Der Mann trug einen alten breiträndrigen und chokoladenfarbigen
-Filzhut, einen dicken, blau und roth gestreiften Poncho, und dazu
-mexikanische, an den Seiten herunter offengeschlitzte Sammethosen mit
-kleinen silbernen Knöpfen daran. Die Frau an seiner Seite ging dabei in
-echt deutscher Handwerkertracht mit einem langen, braunen, etwas abgenutzt
-aussehenden Kattunkleid, ohne Steifröcke darunter, einem rothwollenen Tuch
-um, und einem Hut, von dem man eigentlich nicht sagen konnte, daß er hier
-aus der Mode gekommen, denn er war in Lima wohl noch niemals Mode gewesen.
-Auch die Blumen darauf sahen zerknickt und schmutzig aus, und so viel die
-Frau auch wohl früher auf ihre Toilette gegeben hatte, und so nett sie
-sich gehalten: jetzt, mit den Sorgen der letzten Zeit im Herzen, schien
-sie Alles vernachlässigt zu haben, und dachte auch in diesem Augenblick
-wahrlich an Nichts weniger, als an ihre abgetragenen Kleider.
-
-In dem ziemlich großartigen Hôtel betrachteten sich die Kellner das
-sonderbare Paar ebenfalls ziemlich erstaunt und schienen nicht übel Lust
-zu haben, sie etwas über die Achseln zu behandeln; als aber der Mann, nicht
-etwa höflich, sondern mit barschem Ton »Zwei Zimmer vorn heraus und vor
-Allem eine Flasche Champagner und dann so rasch als möglich ein gutes
-Diner« bestellte, wurden sie aufmerksamer. Der Mann mußte Geld haben oder
-er wäre höflich gewesen, und er wurde jetzt, trotz seinem unscheinbaren
-Aeußeren, pünktlich bedient.
-
-Oben aber, in dem elegant möblirten freundlichen Gemach, dem Champagner,
-der der Frau ebenfalls trefflich mundete, gar wacker zusprechend, saß der
-von Kalifornien zurückgekehrte glückliche Miner und erzählte, nur erst
-einmal in flüchtigen Umrissen, seine Abenteuer: Wie er Anfangs, und wohl
-anderthalb Jahr hindurch, mit eisernem Fleiß und unermüdlicher Ausdauer
-gearbeitet und ein Loch nach dem andern gegraben habe, immer und immer aber
-wieder getäuscht, immer wieder auf neue Hoffnung angewiesen worden. Ja,
-er verdiente sich, was er eben zum Leben brauchte, aber auch nicht mehr
--- Gold gab es ja überall. Da machte er endlich die Bekanntschaft eines
-Mexikaners, der großes Vertrauen zu den nördlichen Minen hatte. Mit dem
-war er an den Yubafluß gegangen, und dort in einer der Ravinen, die noch
-wahrscheinlich kein weißer Mann entdeckt, trafen sie plötzlich auf ein
-Goldlager, wie sie es bis dahin nicht für möglich gehalten. Stücke fanden
-sie dort, so groß wie die Wallnüße, und einzelne größer, die wie in einem
-geschmolzenen und dann erkalteten Zustand vor Jahrtausenden vielleicht in
-der kleinen, engen Schlucht herabgewaschen waren.
-
-Dort arbeiteten sie, von Niemandem gestört, ja von Niemandem bemerkt,
-heimlich und versteckt sechs volle Monate, bis sie die ganze Goldader,
-so weit das wenigstens anging, ausgebeutet hatten. Dann kauften sie sich
-Maulthiere unten in Yubacity, einem kleinen Goldwäscherdorf, holten die
-indeß vergrabenen Schätze ab, luden sie auf und zogen damit nach Sacramento
-hinunter, von wo sie dann mit dem Dampfschiff nach San Francisco gingen.
-Von hier aus kehrte der Mexikaner in sein eigenes Vaterland zurück, und
-er selber ging an Bord des ersten nach Panama abfahrenden Dampfers, um von
-dort wieder mit dem südlichen =vapor= so rasch als irgend möglich Peru
-zu erreichen. Deshalb war es ja auch gar nicht möglich gewesen, vorher zu
-schreiben, denn die erste Gelegenheit, die sich dazu bot, um rasch einen
-Brief zu senden, benutzte er, und er hätte einen solchen nur selber
-mitnehmen, nie aber vorher hierher befördern können.
-
-Der armen Frau kam es die ganze Zeit, während der Mann sprach, genau so
-vor, als ob sie irgend eine wunderbare Geschichte in einem Buche läse, aber
-keine Möglichkeit vorhanden wäre, daß das Alles sie mit betreffen könne und
-das Gold, das viele Gold, das ihr Mann mitgebracht, ja doch nun auch ebenso
-gut ihr gehöre und sie damit reiche und vornehme Leute geworden wären.
-
-»Aber wo hast Du das viele Gold, Casper?« frug sie ihn endlich, »doch nicht
-bei Dir?«
-
-»Bei mir?« lachte der Mann, indem er eine Handvoll großer goldener
-Doublonen aus der Tasche nahm und ihr vorhielt, »so ein paar Stück kann man
-schon bei sich führen, aber ich möchte das Ganze wahrhaftig nicht auf der
-Schulter tragen.«
-
-»So viel ist es?«
-
-»Nun natürlich -- Gold wiegt schwer, mein Kind -- und ich konnte mich damit
-doch nicht in der ganzen Stadt herumschleppen, bis ich Dich da draußen,
-im äußersten Winkel von Lima, aufgesucht? Es steht in zwei kleinen Koffern
-sicher in einem Handlungshaus, das ich von früher kannte. Jetzt will ich
-Dir aber wenigstens die Proben des Mitgebrachten zeigen.«
-
-Damit stand er auf, schloß erst vorsichtig die Thür zu und schnallte sich
-dann einen ledernen langen Sack von den Hüften ab, dessen Inhalt er vor den
-erstaunten Augen der Frau ausschüttete.
-
-Du lieber Gott! einen solchen Reichthum hatte sie bis dahin gar nicht für
-möglich gehalten -- und was für große schwere Stücken dabei waren, und wie
-wunderlich geformt! -- Und das sollte erst der kleinste Theil des Ganzen --
-nur eine Probe sein? Ihr Mann packte aber die Stücke wieder zusammen, denn
-draußen klopfte es, und der Kellner frug sehr artig durch die Thür, ob die
-=lady= und der =gentleman= jetzt zu speisen wünschten.
-
-Das Essen wurde gebracht, aber nach Tisch ging der frühere Schuhmacher
-augenblicklich daran, den Koffer seiner Frau zu revidiren, um zu sehen, was
-sie an Kleidern und Wäsche habe, und was sie Neues brauchen würde. Da sah
-es freilich bös aus -- sie brauchte fast Alles neu, denn das Wenige, was
-sie noch hatte, war so abgenutzt, daß ihr der Mann augenblicklich erklärte,
-damit könne sie nicht mehr auf der Straße erscheinen. Der heutige Abend
-sollte denn auch dazu benutzt werden, alle die nöthigen Einkäufe zu machen,
-und nachher konnten sie dann in aller Ruhe überlegen, ob sie vor der Hand
-noch hier in Lima bleiben oder ohne Weiteres nach Deutschland zurückkehren
-sollten. Gegen den letzteren Plan sprach sich aber Madame Bockenheim auf
-das Entschiedenste aus. War ihr Mann wirklich so reich, dann hielt sie es
-auch für nöthig, den Leuten hier in Lima, die sie selber so oft über die
-Achsel angesehen, zu zeigen, was sie könnten, und daß sie jetzt im Stande
-wären, sich den »Besten« an die Seite zu stellen. Was lag auch daran, ob
-sie sich hier einmal ein halbes Jahr einmietheten?
-
-Das war nun freilich ein Festtag für die Frau, wie sie ihn nie in ihrem
-ganzen Leben für möglich gehalten, als sie an dem Abend mit ihrem Gatten
-durch all' die großen, herrlichen Läden gehen und dabei aussuchen durfte,
-was ihr Herz begehrte. Da war auch Nichts zu kostbar. Wo sie nur halbwegs
-Bedenken hatten, sowie ihr Mann nur merkte, daß es ihr gefiel, ließ er es
-augenblicklich bei Seite legen, zahlte dann die Rechnung in Doublonen und
-beorderte es in ihr Hôtel.
-
-Früher hatte er die Packen selber getragen; jetzt dachte er gar nicht mehr
-daran und schien sich mit dem ausgewaschenen Gold auch gleich die Sitten
-und Gewohnheiten eines vornehmen Mannes angeeignet zu haben.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Der Mexikaner.
-
-
-Am nächsten Tag sprach man fast von Nichts weiter, als dem aus Kalifornien
-steinreich zurückgekehrten deutschen Schuster, und das Gerücht vergrößerte
-dabei natürlich die Schätze, die er wirklich mitgebracht, um das Zehnfache.
-Allerdings gab es noch Einzelne, die nicht so recht an einen solchen Erfolg
-in den Minen glauben wollten; aber selbst diese mußten zuletzt eingestehen,
-daß der Mann dort jedenfalls _Glück_ gehabt, denn er verausgabte gerade
-in den ersten zwei oder drei Wochen eine sehr bedeutende Summe Geld, und
-bezahlte Alles gleich baar in blankem Gold. -- Er machte nicht für einen
-Centabo Schulden. Ebenso bestätigten die Kaufleute, daß er sich immer die
-besten und kostbarsten Stoffe ausgesucht, und als er sich bald darauf
-noch das schönste Pferd in Lima um achtzehn Unzen kaufte und mit dem
-silberbedeckten Zaumwerk und Sattel in der Stadt herum galoppirte, fing man
-doch an, ihn weniger mißtrauisch zu betrachten, und Leute, die sonst gar
-nicht daran gedacht hätten, sich um ihn zu bekümmern, bewarben sich jetzt
-um seine Freundschaft und machten ihm Besuche.
-
-Casper Bockenheim, wie der Deutsche hieß, besaß übrigens genug gesunden
-Menschenverstand, um _derartige_ Burschen zu durchschauen, und hatte in
-seinen früheren Jahren zu häufig mit der vornehmen Welt durch seine Arbeit
-verkehrt, um nicht zu wissen, wie er sich gegen sie zu benehmen hatte.
-Er ließ die Schmarotzer eben ablaufen, und gab sich dabei Mühe, in die
-wirklich vornehmen Cirkel der Stadt zu kommen, mit denen er sich selber, so
-weit es bedeutende Geldmittel ermöglichen konnten, auf eine Stufe gestellt.
-Aber das gelang ihm ebenso wenig; denn wenn er sich auch die äußeren
-Manieren eines »=caballero=«, so weit es seine Bildung zuließ, aneignete,
-und seine Frau jetzt ebenso schöne Brillanten trug, wenn sie sich Abends
-auf der Plaza zeigte, als irgend eine Sennorita der Stadt, so hatte er
-doch sein ursprünglich rauhes Wesen nicht so abschleifen können, um seinen
-früheren Stand weniger als seine ganze frühere Lebensweise vollständig
-vergessen zu lassen, und die =haute volée= von Lima, welcher Nation sie
-auch angehörte, wich ihm, so weit das anständiger Weise geschehen konnte,
-aus.
-
-Bockenheim wurde dadurch nicht liebenswürdiger; er fühlte, daß hier in Lima
-noch ein »Vorurtheil«, wie er es nannte, gegen ihn herrsche, und beschloß
-endlich, Peru vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer zu verlassen, um
-nach Deutschland zurückzukehren; und das war ja auch jetzt der einzige und
-sehnlichste Wunsch seiner Frau, denn dort konnte sie nachher Staat mit sich
-machen -- hier war es in der That nicht möglich.
-
-Madame Bockenheim oder Sennora Bockenheim hatte sich auch wirklich in den
-letzten Monaten sehr verändert, und so einfach und zurückgezogen sie sonst
-gelebt, so ganz aus sich heraus_gesprungen_ schien sie jetzt. Ihr Mann, der
-Schuhmacher, suchte seinen Reichthum nur in äußerem Pomp zu zeigen. Er trug
-schwere goldene Uhrketten, große Brillant-Tuchnadel, eine Menge Ringe und
-sein, wie schon erwähnt silberbedecktes Sattelzeug, bummelte aber sonst
-noch ebenso nachlässig über die Straße, wie früher, fiel auch wohl einmal
-in ein gewöhnliches deutsches Bierhaus hinein und spielte dort seine
-Partie Skat, wie er es sonst gewohnt gewesen. Seine Frau dagegen, der der
-Hochmuthsteufel in den Kopf gestiegen, schwebte fast nur immer in höheren
-Regionen. Sie war gerade keine ungebildete Frau, und deshalb auch früher
-überall gern gesehen gewesen, aber sie wußte sich nur in der Sphäre zu
-bewegen, der sie angehörte, und fiel aus der Rolle, sobald sie darüber
-hinausstieg. Daß sich wirklich vornehme Personen fast immer durch ein
-ungenirtes, leutseliges und selbstverständlich artiges Benehmen kundgeben,
-hatte sie übersehen; sie suchte das Vornehme in alberner Aufgeblasenheit
-und machte sich dadurch nur lächerlich.
-
-Bockenheim hatte sich in der Stadt ein sehr hübsches Haus gemiethet, das
-sogar einen kleinen freundlichen Garten umschloß. Die Einrichtung desselben
-war prachtvoll und schien auf einen jahrelangen Aufenthalt in Peru
-hinzudeuten. Jetzt dachte er schon wieder daran, sie zu veräußern, und
-ließ, erst einmal mit dem Entschluß im Reinen, seine Absicht in die Zeitung
-setzen.
-
-Natürlich besuchte nun eine Menge von Leuten das Haus, die sich entweder
-in der Absicht, die Sachen zu kaufen, diese betrachteten oder auch nur
-neugierig waren zu sehen, wie sich der deutsche, so plötzlich reich
-gewordene Schuster eingerichtet habe. Von Morgens an aber gingen und
-kamen die Leute, Abkömmlinge _aller_ Nationen, und besonders strömten die
-=señoritas= herbei, die dann von der Sennora Bockenheim in allem Pomp
-eines seidenen, spitzenbedeckten Kleides empfangen wurden und sich nachher
-halbtodt über die komische Deutsche lachen wollten.
-
-Bockenheim selber ließ sich wenig dabei sehen. Ihm war die ganze Sache
-fatal, und er bereuete schon bitter, das Alles nicht früher und besser
-überlegt zu haben, ehe er sich eine solche Last aufbürdete. Aber seine
-Frau hatte ja so fest darauf bestanden; sie wollte den Bewohnern von Lima
-zeigen, »was sie _konnten_«, und wenn sie auch ein paar tausend Dollars
-Schaden dabei hatten, was lag daran? Schon damit zeigten sie, wie reich sie
-waren.
-
-Lästig blieben diese ewigen Besuche gleichgültiger Menschen aber doch,
-und Bockenheim war wirklich kaum im Stand gewesen, sich eine freie
-Mittagsstunde auszuwirken, daß er sein Essen ungestört verzehren konnte.
-Ein Zettel an seiner Thür sagte, daß die Lokalitäten von zwei bis vier
-_nicht_ geöffnet würden; darnach mochten sich die Leute richten; er war
-nicht gesonnen, ihnen seine ganze Bequemlichkeit zu opfern.
-
-Es war eben vier Uhr vorbei, und Casper Bockenheim saß am offenen Fenster,
-die Füße gegen ein niederes eisernes Gitter gestemmt, seinen Kaffee neben
-sich und rauchte seine Cigarre, als der eine Peon herein kam und meldete,
-es sei ein fremder Herr draußen, der den Sennor zu sprechen wünsche.
-
-»Mich? -- Hol' ihn der Teufel,« brummte der Deutsche, »er soll zu meiner
-Frau gehen, die wird ihn herumführen. Ich habe mit der Geschichte Nichts zu
-thun und will ungestört meinen Kaffee trinken.«
-
-»Aber er will Sie selber sprechen, Sennor.«
-
-»Mich selber? Wer ist es denn?«
-
-»Ich kenne ihn nicht,« sagte der Peon, »er spricht sehr gut kastilianisch,
-aber mit einem so sonderbaren Accent. Aus Peru kann er nicht sein.«
-
-»Hm,« brummte Bockenheim leise vor sich hin, »und wie sieht er aus?«
-
-»Ja, ich weiß nicht; er trägt einen großen Bart und hat einen sehr schönen
-Poncho umhängen, als ob er von der Reise käme.«
-
-»Na, so laß ihn in des Bösen Namen herein. Frag' ihn aber erst, ob er die
-Möbel sehen will, und wenn er Ja sagt, schick' ihn zu meiner Frau; die wird
-am besten mit den Leuten fertig.«
-
-Der Peon ging, kehrte aber gleich darauf mit dem Fremden zurück, der ihm
-auf dem Fuß folgte. Bockenheim war verdrießlich; er haßte Nichts mehr, als
-sich spanisch zu unterhalten, denn wenn auch schon längere Jahre im
-Land, konnte er mit der Sprache doch noch nicht gut fertig werden, und
-mißhandelte sie auch auf das Grausamste. Er war langsam aufgestanden, um
-den Fremden zu begrüßen und zu hören, was er wolle -- aber er kam nicht
-weit. Wie nur sein Blick auf die Züge des vor ihm Stehenden fiel, war es
-ihm, als ob ihm Jemand einen Stich durch's Herz gäbe. Er fühlte, daß er
-leichenblaß wurde, seine Kniee zitterten, und er mußte sich an dem nächsten
-Stuhl festhalten, um nicht zusammen zu sinken.
-
-Dem Fremden konnte auch die Erregung, die den Deutschen erfaßt hatte, nicht
-entgehen. Ein spöttisches, fast verächtliches Lächeln zuckte aber nur um
-seine Lippen und er sagte trocken:
-
-»=Buenos dias, Don Gaspár= -- ich sehe, Ihr kennt mich noch, obgleich ich
-ein paar Monate an der Wunde das Lager hüten mußte.«
-
-Casper Bockenheim stierte ihn noch immer an, als ob er einen Geist gesehen
-hätte; er brauchte Minuten lang, um sich zu sammeln, behielt aber doch so
-viel Besinnung, daß er dem Peon zuwinkte, das Zimmer zu verlassen. Er mußte
-mit dem Mann allein sein. Dieser schien das auch ganz in der Ordnung zu
-finden und ließ indessen seinen Blick in dem höchst eleganten und reich
-ausgestatteten Raum umher fliegen, wobei er nur langsam und wie, als ob
-er eine Vermuthung bestätigt erhalten, mit dem Kopf nickte. Aber er sprach
-kein Wort weiter; es war, als ob er jetzt erst eine Anrede des Deutschen
-abwarten wollte, zu der er ihm völlig und ungestört Zeit ließ.
-
-Das war insofern gefehlt, als er diesem dadurch auch völlig Raum gab, sich
-von seiner ersten Ueberraschung zu erholen, und Bockenheim schien Gebrauch
-von der Gelegenheit zu machen.
-
-Sein finsterer Blick maß den Mexikaner, der ihm übrigens ganz unbefangen
-gegenüber stand, und jetzt sogar, als wenn er hier zu Hause wäre, zu einer
-dort stehenden Cigarrenkiste trat und sich eine Havana herausnahm.
-
-»Ah Don Gaspard,« lachte er dabei, »Ihr raucht jetzt feine =puros=! Wißt
-Ihr wohl noch, wie wir auf dem Wege nach Macalome alle Taschen umdrehten,
-um ein wenig Taback für eine Cigaretta darin zu finden?«
-
-»Mit wem habe ich das Vergnügen?« sagte da der Deutsche trocken, indem er
-den unwillkommenen Gast mit finster zusammengezogenen Brauen betrachtete.
-»Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein, Sennor.«
-
-»=Caramba=,« lachte der Mann und drehte sich rasch nach ihm um. »Ihr kennt
-mich wohl nicht mehr? Wahrhaftig, wenn _mein_ Gedächtniß zum Teufel wäre,
-sollt' es mich nicht Wunder nehmen; denn der Hieb, den Ihr mir damals
-über den Kopf gegeben, hätte einem anderen Menschen wahrscheinlich den
-Hirnkasten von einander gesprengt. Aber wie Ihr seht, habe ich mich
-vollständig wieder erholt und befinde mich, den Umständen nach, wohl,
-während Ihr Euch,« setzte er mit einem Blick umher hinzu, »_besser_ zu
-befinden scheint.«
-
-»Dürft' ich fragen, was Ihr von mir wollt, Sennor?« sagte der Deutsche
-trocken. »Ich habe nicht viel Zeit und noch weniger Lust, mich lange mit
-Euch abzugeben.«
-
-»=En verdad, Señor?=« lachte der Mexikaner. »Nun gut, dann werde ich Euch
-mit einem Wort sagen, was ich will: _Geld!_ -- Das Geld will ich, das Ihr
-mir damals, als Ihr mich bei Macalome meuchlings überfielt und für todt im
-Walde liegen ließet, abgenommen. Habt Ihr mich verstanden?«
-
-»Ich verstehe _so_ viel,« sagte der Deutsche, »daß Ihr jedenfalls
-wahnsinnig sein müßt; denn ich habe Euch in meinem ganzen Leben noch nicht
-gesehen, und die Beschuldigung ist deshalb eine niederträchtige Lüge!«
-
-»So?« sagte der Mexikaner. »Und weshalb erschrakt Ihr da so, als ich ins
-Zimmer trat?«
-
-»Wer sagt Euch, daß ich erschrocken bin?«
-
-»=Carajo!=« rief der Mexikaner, ungeduldig werdend, »wir wollen den Tag
-nicht mit nutzlosen Redensarten vergeuden. Ich _lebe_ noch, wie Ihr seht,
-und bin Eurer Spur wie ein Schweißhund gefolgt -- jetzt aber bleibt Euch
-kein Ausweg mehr. Ich kam zu Euch, weil ich die peruanischen Gerichte nicht
-unnützer Weise bemühen wollte. -- Mir liegt nichts daran, Euch gehangen zu
-sehen, und Strafe hatte _ich_ verdient, weil ich dumm genug gewesen war,
-auch nur einem einzigen Menschen auf der Welt zu trauen, wo die Verführung
-auf der Hand lag, mit _einem_ Schlag reich zu werden. Aber Ihr habt die
-Geschichte ungeschickt angefangen. Wolltet Ihr einmal einen Mord verüben,
-so mußtet Ihr auch sicher gehen und Eurem Opfer noch wenigstens den Hals
-abschneiden -- _das_ habt Ihr versäumt und kommt jetzt in die unangenehme
-Nothwendigkeit, das Geraubte wieder herausgeben zu müssen. Also macht keine
-Umstände, oder ich zeige Euch hier bei den Gerichten als Straßenräuber an,
-und was Euch dann erwartet, brauche ich Euch doch wohl nicht zu sagen!«
-
-»Ihren werthen Namen, wenn ich bitten darf,« sagte der Deutsche
-außerordentlich höflich.
-
-Der Mexikaner biß die Zähne zusammen, und der Blick, den er auf den
-früheren Gefährten schleuderte, war so voll Gift und Haß, daß Bockenheim
-unwillkürlich nach der Lehne des neben ihm stehenden Stuhles griff, um nur
-irgend eine Schutzwaffe bei der Hand zu haben, denn er erwartete wirklich
-nichts weniger, als daß sich der zum Aeußersten gereizte Südländer jetzt
-auf ihn stürzen würde. Der Fremde schien aber, wenn auch vielleicht der
-Gedanke für einen Moment in ihm aufgestiegen war, etwas Derartiges nicht
-zu beabsichtigen. Wohl war er unter dem Poncho mit der Hand nach der Seite,
-möglich nach seinem Messer, gefahren; aber es blieb bei der Bewegung. Der
-Mann bewahrte sein kaltes Blut; denn er wußte gut genug, wie viel Leute
-im Haus waren, und daß er nie hoffen durfte, seinen Zweck mit Gewalt zu
-erreichen. Er hätte sich nur selber der größten Gefahr ausgesetzt.
-
-»Also Ihr leugnet bestimmt, daß Ihr mich kennt?« sagte er endlich, nach
-einer ziemlich langen Pause. »Ihr leugnet, daß Ihr mich, als wir zusammen
-von Richgulch nach Macalome ritten, da, wo wir lagerten, überfallen --«
-
-»Geht zum Teufel mit Euren albernen Märchen!« rief aber jetzt Bockenheim
-unwillig, indem er die auf dem Tisch stehende Klingel ergriff und heftig
-schellte, »und das sag' ich Euch, laßt Ihr Euch noch einmal in meinem Hause
-blicken, so ruf' ich die Polizei zu Hülfe!«
-
-In der Thür erschienen ein paar Peons, der Befehle ihres Herrn gewärtig.
-Der Mexikaner aber sah recht gut ein, daß er vor der Hand hier Nichts
-weiter ausrichten könne und jedenfalls den Kürzeren ziehen müsse. Er wußte
-aber jetzt auch, was er von dem Deutschen _im Guten_ zu erwarten hatte. Nun
-blieb ihm nichts anderes übrig, als die Polizei zu Hülfe zu rufen.
-
-»=Bueno, Señor=,« sagte er ruhig, »ich werde Ihnen nicht länger zur Last
-fallen. -- _Auf Wiedersehen!_« Und mit den Worten drehte er sich um und
-schritt zur Thür hinaus, wobei Bockenheim den Peons befahl, hinter ihm zu
-bleiben und aufzupassen, daß er auch wirklich das Haus verließ. Es wäre,
-wie er sagte, ein ganz gemeiner Vagabond, der Geld hatte von ihm erpressen
-wollen, und welchem deshalb auch Alles zuzutrauen. Sie sollten nur das Haus
-gut zuschließen.
-
-Kaum hatten sie übrigens den Raum verlassen, als Bockenheims Frau in
-furchtbarer Aufregung aus der nächsten Stube trat, wo sie jedenfalls das
-Ganze angehört haben mußte.
-
-»Um Gottes Willen, Caspar!« rief sie, »was war das? Was ist vorgefallen?
-Was hattest Du mit dem Mann?«
-
-»Was ich mit dem Mann hatte?« sagte Bockenheim, der mit untergeschlagenen
-Armen und zusammengezogenen Brauen finster brütend mitten in der Stube
-stand. »Nichts -- gar Nichts! Ein Betrüger war es, der Geld von mir
-erpressen wollte -- aber wenn er mir wieder kommt -- beim ewigen
-Gott -- --«
-
-Die Frau hatte ängstlich zu ihm aufgeschaut.
-
-»Und kanntest Du den Mann gar nicht? -- Hast Du ihn nie früher gesehen oder
-mit ihm gesprochen?«
-
-»Nie -- der Henker soll all' das mexikanische Gesindel kennen, das sich in
-Kalifornien in den Minen herumtreibt!«
-
-»Und was verlangte er von Dir?«
-
-»Ach, Unsinn,« erwiderte mürrisch, aber doch ausweichend der Mann, »er --
-er wollte nur Geld geborgt haben.«
-
-»Er sprach von einem Todtschlag,« flüsterte die Frau.
-
-»Bah -- Geschwätz -- laß mich mit dem Blödsinn zufrieden!« rief Bockenheim.
-»Der Kerl ist verrückt, und, wahrscheinlich ohne Centabo aus den Minen
-zurückgekehrt, hat er vielleicht hier gehört, daß ich Glück dort oben
-gehabt, und will mir nun ein paar hundert Dollars abschwindeln. Aber
-verdamm mich! er ist an den Unrechten gekommen. Wo hat er Beweise? --
-Nichts -- gar nichts -- es ist Nichts, als niederträchtige gemeine Lüge
--- weiter Nichts,« und damit verschränkte er die Arme wieder und ging mit
-raschen, unruhigen Schritten in dem so behaglich eingerichteten Zimmer auf
-und ab.
-
-Die Frau hatte, während ihr Mann sprach, keinen Blick von ihm verwandt, und
-eine unsagbare Angst ergriff ihr Herz. Aber es war nicht die Furcht, daß
-ihr Mann ein Verbrechen verübt haben, sondern die, daß es entdeckt werden
-könne, und mit leiser Stimme sagte sie endlich:
-
-»Laß uns fort von hier, Caspar -- ich habe Dich schon lange darum gebeten;
-wärst Du mir nur gefolgt.«
-
-»Ja, und eben _weil_ ich Dir gefolgt _bin_, können wir es jetzt nicht,«
-knurrte Bockenheim ärgerlich, »denn den ganzen Plunder, den ich mir
-Deinetwegen angeschafft, kann ich nicht auf den Buckel nehmen.«
-
-»So laß die Sachen hier! -- Was liegt daran? Gieb Jemand den Auftrag,
-sie unter der Hand oder auf Auktion zu verkaufen. -- Uebermorgen geht der
-Dampfer nach Panama -- übermorgen können wir weit draußen in See schwimmen
-und wieder nach Deutschland fahren, und dorthin kommt der freche Bursche
-gewiß nicht.«
-
-»Hm,« sagte Bockenheim, der, während die Frau sprach, leise vor sich hin
-mit dem Kopf genickt hatte, »das ginge vielleicht -- aber wenn er mich hier
-verklagt?«
-
-»Bah, _Du_ kennst doch die peruanischen Richter,« lachte die Frau, »und
-dann wäre es doch wahrhaftig schlimm, wenn jeder Lump da ohne Beweise,
-ohne Zeugen herkommen und einen ehrlichen Mann eines Verbrechens anklagen
-könnte, das er tausend Meilen von hier entfernt begangen haben soll. Es ist
-kein Sinn und Verstand darin.«
-
-Bockenheim war wieder eine Weile in dem Zimmer auf und ab gelaufen und
-schien noch nicht mit sich im Reinen.
-
-»Und wenn Du _meinem_ Rath folgst,« sagte die Frau, die _ihre_ Sinne
-wenigstens vollkommen beisammen hatte, »so gehst Du jetzt vor allen Dingen
-augenblicklich selber auf die Polizei und machst die Anzeige, daß ein
-mexikanischer Strolch, der wahrscheinlich davon gehört hätte, daß Du Lima
-mit dem nächsten Dampfer verlassen wolltest -- verstehst Du mich? -- zu
-Dir gekommen wäre und gesucht hätte, ein paar hundert Dollars von Dir zu
-erpressen.«
-
-»Hm -- und dann?«
-
-»Nun, dann bittest Du den Direktor oder wie der Beamte heißt, ein wachsames
-Auge auf den Burschen zu haben; denn Du fürchtetest, daß er Dir nach dem
-Leben trachte, weil Du ihn so grob abgewiesen.«
-
-»Er wird mir sagen, daß ihn das nichts anginge.«
-
-»Kommt es Dir auf hundert Dollars an?«
-
-»Nein.«
-
-»Gut, dann gieb ihm die und bitte ihn, sie unter ein paar Polizeidiener zu
-vertheilen, daß sie sich hier in der Nähe des Hauses aufhalten.«
-
-»Bah, dann steckt er sie einfach in die Tasche,« brummte Bockenheim, »ich
-müßte meine Peruaner nicht kennen.«
-
-»Und soll er denn das nicht?« rief die Frau. »Du bist wie ein kleines Kind.
-Nachher weißt Du aber doch sicher, daß er Deine Partei nimmt. -- Hab' ich
-nicht Recht?«
-
-Bockenheim lachte -- zum ersten Mal wieder an dem Morgen.
-
-»Wahrhaftig, Schatz, ich glaube, ich werd's so machen,« rief er, indem er
-seinen Panamahut von dem nächsten Stuhl nahm, »und kannst Du bis morgen
-Abend mit Packen fertig werden?«
-
-»Bis _heut_ Abend, wenn es sein muß. Der Tischlermeister Müller kann
-nachher Alles übernehmen, was hier zurückbleibt. Hast Du noch Schulden in
-Lima?«
-
-»Keinen Pfennig.«
-
-»Desto besser -- das Geld schickt er uns später an eine Adresse, die wir
-ihm aufgeben. Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.«
-
-»Und wenn der -- Schuft jetzt zurück käme?«
-
-»Wenn _ich_ mich nicht fürchte, brauchst Du doch keine Angst zu haben. Ich
-gebe Dir mein Wort, daß ich den Burschen, falls er noch einmal Lust haben
-sollte einzudringen, in sicherer Entfernung halten werde. Laß ihn nur
-kommen; unsere Leute hier im Haus werden wahrhaftig kurzen Prozeß mit ihm
-machen.«
-
-Der Mann blieb einen Augenblick zögernd an der Thür stehen, als ob er noch
-etwas sagen wollte; aber plötzlich drehte er sich scharf auf dem Hacken
-herum und schritt wenige Minuten später die Straße hinab, über die Plaza
-und dem Polizeigebäude zu.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Die Flucht.
-
-
-Der Mexikaner Felipe Corona, wie er mit Namen hieß, verließ indessen mit
-bitteren Rachegedanken das Haus des Deutschen. Aber während er die Straße
-hinab schritt, war er sich doch auch bewußt, auf wie unsicherer Basis
-die Klage ruhte, die er hier, selber ein Fremder, gegen einen in Lima
-ansässigen Mann vorbringen wollte. Und sollte er ihn deshalb im Besitz
-aller der Schätze lassen, die, wie er fest behauptete, ihm -- allein nur
-ihm gehörten? Nein! bei dem Blute des Gekreuzigten, nein. Wahrlich nicht,
-so lange seine Faust noch ein Messer führen konnte, und wenn ihm die
-Peruaner sein Recht nicht verschafften -- er biß die Zähne fest zusammen
-und schritt, finster vor sich hin brütend, die Straße hinab, wo er das Haus
-eines Advokaten wußte. Der sollte ihm helfen -- oder doch wenigstens einen
-Rath geben, wie er sich zu verhalten habe, welche Schritte er hier in dem
-fremden Lande thun müsse, um den Schuldigen zu überführen und zu strafen.
-
-Er fand den Herrn auch zu Hause, und zwar ziemlich behaglich in einer
-Hängematte liegend und eine Cigarre rauchend; was sollte er sich bei der
-Hitze anstrengen, wo er es so bequem haben konnte? Die Geschäfte mochten
-eben warten bis die Abendkühle eintrat -- oder vielleicht auch bis morgen
-früh. Die Gerechtigkeit ist blind und kann sich deshalb nicht Hals über
-Kopf in einen Strudel von Arbeiten stürzen; sie muß eben langsam und
-vorsichtig zu Werke gehen.
-
-Nach dem eintretenden Mexikaner drehte er auch kaum den Kopf, als dieser
-das kühle, luftige Gemach betrat. Der Mann trug einen Poncho, war also
-jedenfalls ein Peon oder Diener, denn ein Caballero ging nicht mehr mit
-diesem eigentlich alt-peruanischen Kleidungsstück über die Straße; es war
-völlig aus der Mode gekommen. Er brachte ihm wahrscheinlich eine Botschaft,
-und die konnte er ebenso gut liegend anhören -- ja eigentlich noch viel
-besser.
-
-»Und was wollt Ihr, =amigo=?«
-
-»Eure Hülfe oder Euren Rath, Sennor, gegen einen Schurken,« sagte der
-Mexikaner ruhig.
-
-»So? Hm -- und wie heißt der Schurke?«
-
-»Er ist ein Fremder, Don Gaspard, der aus Kalifornien mit vielem Geld
-hierher gekommen.«
-
-»So? Der Deutsche? Und was habt Ihr gegen ihn?«
-
-»Das Gold, das er mitgebracht, ist _mein_,« sagte der Mexikaner ruhig,
-»ich hielt ein Spielzelt am Richgulch in Kalifornien und verkaufte zugleich
-Waaren. Ich verdiente _viel_ Gold. Da aber die Americanos dort kein Spiel
-mehr haben wollten, trieben sie uns fort, und ich lud mein Gold und meine
-Waaren auf Maulthiere und zog nach dem Macalome hinüber, wo ich noch
-einen Bruder hatte. Mit diesem wollte ich nach Mexiko zurückkehren -- ich
-brauchte nicht mehr. Unterwegs traf ich den =Aleman=. Es sind sonst gute,
-rechtliche Leute, und wir Mexikaner verkehrten dort nur mit ihnen und den
-Franzosen. Ich freute mich, daß ich Begleitung bekam; denn ich hielt mich
-mit meinen schwer beladenen Thieren nicht für ganz sicher im Wald. Manchen
-von uns hatten die Amerikaner gemordet, und uns selber wurde es dann zur
-Last gelegt. Ich hatte mir aber den schlimmsten Feind zu meiner Begleitung
-ausgesucht. Als wir, kaum noch eine halbe Legua vom Macalome entfernt, eine
-kurze Zeit im Wald rasteten, nahm er die Gelegenheit wahr und schlug mich
-mit seinem schweren Messer über den Kopf -- hier an der Seite, Sennor, seht
-Ihr noch die kaum verharrschte Narbe. Ich brach besinnungslos zusammen, und
-er hielt mich jedenfalls für todt; ich war es auch fast. Landsleute fanden
-mich später und trugen mich in die Minerstadt, und als ich nach Wochen
-wieder zu mir kam und meinen Bruder an meinem Bett sitzend fand, war meine
-erste Frage nach meinen Thieren, meinen Schätzen -- umsonst -- man hatte
-Nichts bei mir gefunden -- gar Nichts -- der Räuber mußte Alles mit
-fortgenommen haben, Thiere, Waaren und Gold, und ich war wieder arm, wie
-ein Bettler.«
-
-»Hm -- eine verwünschte Situation,« brummte der Advokat, sich eine neue
-Cigaretta anzündend, »und Ihr wißt gewiß, daß dieser Don Gaspard derselbe
-ist, der Euch damals begleitete?«
-
-»Hört nur weiter,« fuhr der Mexikaner fort. »Vierzehn Tage brauchte ich
-wohl noch, bis ich mich vollständig erholt hatte und meine Wunde vernarbt
-war -- dann folgte ich seinen Spuren. Mein Bruder hatte mir einige Unzen
-Gold geborgt, damit wanderte ich aus, und es dauerte nicht lange, so war
-ich auf der Fährte des Mörders. In Stockton hatte er meine Maulthiere und
-Waaren verkauft und war zu Schiff nach San Francisco gefahren, und bald
-erfuhr ich, daß er nach Panama gegangen. Ich nahm Zwischendeckspassage und
-folgte ihm. In Panama ließ ich mir die Passagierlisten geben und sah seinen
-Namen nach Peru eingeschrieben. -- Ich mußte mein Geld sparen und bekam
-freie Passage als Kajütenaufwärter hierher. -- Ich brauchte in Lima
-nicht lange nach ihm zu suchen. Das Gerücht, daß er so viel Gold in den
-kalifornischen Minen gefunden, hatte ihn rasch bekannt gemacht. Ich habe
-ihn heute gesehen.«
-
-»In der That?« rief der Advokat, der sich doch jetzt für die Sache zu
-interessiren anfing, indem er sich in seiner Hängematte halb emporrichtete,
-»und was sagte er?«
-
-»Er leugnet Alles.«
-
-»Nun natürlich, versteht sich von selbst -- aber wo haben Sie Ihre Zeugen?«
-
-»Zeugen habe ich gar nicht -- wir waren allein.«
-
-»Den Teufel auch! gar keine Zeugen? Aber es hat Sie doch dort Jemand
-zusammen wegreiten sehen, oder Sie sind Anderen begegnet? --«
-
-»Allerdings -- Menschen genug; aber wer das war und wo die jetzt sind, wer
-könnte es sagen?«
-
-»Bitte, lieber Freund,« sagte der Advokat, sich jetzt in seiner Hängematte
-aufsetzend, »wollen Sie mir vielleicht vorher erklären, ob Sie über
-bedeutende Mittel verfügen, um einen längeren Prozeß durchzuführen? Hundert
-Dollars müssen vor allen Dingen einmal bei mir deponirt werden, nur um die
-ersten Ausgaben zu decken.«
-
-»Ich besitze nicht einmal mehr hundert Dollars in meinem ganzen Vermögen,«
-sagte der Mexikaner finster, »jener Schuft hat mir ja _Alles_ geraubt; aber
-wenn mir mein Recht zugesprochen wird --«
-
-»Entschuldigen Sie einen Augenblick, daß ich Sie unterbreche. Habe ich den
-Fall folgender Art klar verstanden, daß Sie von Kalifornien, _ohne_ Geld
-in der Tasche, hierher gekommen sind, um einen hier ansässigen Fremden
-anzuklagen, daß er an Ihnen in den kalifornischen Wäldern einen Raubmord
-verübt und Ihnen Alles abgenommen hat, ohne dafür weitere Zeugen und
-Beweise beibringen zu können, als Ihr Wort?«
-
-»Das ist genau so der Fall,« sagte der Mexikaner; der Advokat fiel aber
-in seine Hängematte zurück, als ob er geschossen wäre, pfiff nur leise vor
-sich hin und sah nach der Decke hinauf.
-
-»Und wollen Sie mir dazu verhelfen?« fragte der Mexikaner.
-
-»Mein sehr verehrter Herr,« sagte der Rechtsanwalt, ohne aber seine
-Stellung im Mindesten zu verändern, »vorher erlauben Sie mir denn wohl die
-Frage an _Sie_ zu richten: Halten Sie mich für verrückt?«
-
-»Aber wenn ich, was ich sage, auf die Hostie beschwören kann?« rief der
-arme Teufel. »Trag' ich denn nicht die Narbe jener Wunde, die mir sein
-schweres Messer geschlagen, auf dem Kopf?«
-
-»Reden Sie keinen Unsinn,« bemerkte der Peruaner, »als vernünftiger Mann
-müssen Sie doch einsehen, daß Sie mit der Narbe weiter Nichts beweisen
-können, als früher einmal einen Hieb über den Kopf bekommen zu haben. _Wo_
-aber das geschehen ist und durch _wen_, mögen Sie selber wohl sehr genau
-wissen, werden aber keinen Richter davon überzeugen können.«
-
-»Aber ist denn gar keine Gerechtigkeit in Peru?« rief der Mexikaner
-bestürzt aus. »Soll denn der Räuber das Gold behalten dürfen?«
-
-»Gerechtigkeit genug,« erwiderte der Advokat. »_Sie_ behaupten, das Geld
-gehöre Ihnen, _er_ behauptet, es wäre das seine. Befände sich die Summe
-in den Händen des Gerichts, so bekämen Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach,
-Beide keinen kupfernen Centabo davon. So hat es aber der Deutsche, und daß
-der _gutwillig_ etwas davon herausgeben sollte, bezweifle ich -- versuchen
-Sie's aber immerhin noch einmal, denn ohne die geringste Beweisführung
-können die Gerichte gar nicht gegen ihn einschreiten.«
-
-»Und wenn er sich weigert?«
-
-Der Advokat zuckte mit den Achseln.
-
-»Und Sie wollen sich meiner nicht annehmen?«
-
-»Lieber Freund, ich _habe_ mich Eurer angenommen,« rief der Advokat, »und
-wenn Ihr nicht ein armer Teufel wäret, so bäte ich mir jetzt eine halbe
-Unze für die Berathung aus -- aber ich will Nichts, als daß Ihr mich nun
-ungeschoren laßt, denn ich mag mit der Sache nichts weiter zu thun haben.«
-
-»Dann muß ich mir selber helfen,« knirschte der Mexikaner zwischen den
-zusammengebissenen Zähnen durch.
-
-»Das ist jedenfalls das Gescheuteste,« nickte der Advokat lächelnd vor sich
-hin, »aber auch zu gleicher Zeit ein etwas gefährliches Experiment. Seid
-Ihr kitzlich am Hals, =amigo=?«
-
-Der Mexikaner antwortete nicht; er hatte ein paar Momente schweigend vor
-sich nieder gestarrt; jetzt drehte er sich plötzlich um und schritt der
-Thür wieder zu. »=Buenos dias, Señor=,« sagte er dabei. »Vielen Dank für
-den guten Rath -- ich werde meinem Hals ganz besondere Vorsicht widmen. --
-=Dios lo paga=,« und damit verschwand er aus der Thür.
-
-»Ja wohl,« brummte der Advokat vor sich hin, »=Dios lo paga= -- wenn der
-liebe Gott alle die Wechsel acceptiren sollte, die auf ihn gezogen
-werden, wäre er nicht allein allmächtig, sondern auch allbeschäftigt. --
-Lumpengesindel! Daß der Präsident nur so viel Vergnügen daran findet, die
-Fremden ins Land zu ziehen -- wenn ich wie er wäre, hielt ich unsere Race
-rein -- dann bliebe doch auch noch etwas zu verdienen,« und sich wieder
-lang ausstreckend, gab er sich bald ganz seiner Siesta hin.
-
- * * * * *
-
-Der Mexikaner verließ das Haus, aber nicht etwa, um nach des Advokaten Rath
-einen gütlichen Vergleich mit seinem Feind zu schließen, sondern sein Glück
-noch einmal auf der Polizei zu suchen, traf es aber dort nicht glücklich,
-denn Bockenheim war schon vor ihm da gewesen, und der eine Beamte fuhr den
-armen Teufel so wild an, als ob er ihn auf der Straße gefunden hätte. Er
-sollte sich auch selber legitimiren, ehe er einen Anderen, einen bis dahin
-unbescholtenen Mann eines Verbrechens zeihen wollte, und da er das nicht
-vermochte, wurde er bedeutet, binnen acht Tagen einen Nachweis zu bringen,
-womit er sich hier ernähre, oder die Stadt zu verlassen.
-
-Damit durfte er gehen. Eine ganze Hölle aber von Wuth und Ingrimm im
-Herzen, und düsteren Gedanken folgend, wühlte seine Hand, während er über
-die Straße schritt, wild und trotzig in dem schwarzen struppigen Vollbart,
-daß ihm die Begegnenden scheu auswichen und ihm nachsahen, so lange sie ihm
-mit den Augen folgen konnten.
-
-Er befand sich auch in der That in einer verzweifelten Lage; denn was er
-hier in Peru für Schutz von den Gerichten zu erwarten hatte, davon war ihm
-eben der vollgültige Beweis geliefert worden. Und was sollte er jetzt thun?
-Den Räuber in seiner eigenen Höhle aufsuchen und niederstechen? Damit
-hätte er allerdings seiner _Rache_ genügt, aber für sich auch gar Nichts
-erreicht; denn es war nicht denkbar, daß er das Gold in seiner Wohnung
-liegen hatte. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, wie blieb ihm
-nachher Zeit darnach zu suchen? Und _wurde_ er ergriffen, so konnte die
-Warnung des Advokaten zur Wahrheit werden.
-
-Und in Güte? -- Er traute dem Deutschen nicht -- wenn er ihm aber nun
-anbot, die _Hälfte_ des Raubes ungestört und als rechtmäßiges Eigenthum
-zu behalten, mußte er da nicht mit beiden Händen zugreifen? -- Er wollte
-wenigstens den Versuch machen, und gestand er ihm selbst das nicht zu --
-dann Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und mit dem Entschluß schritt er auf das
-nicht mehr ferne Haus des Deutschen zu. -- Hier erwartete ihn aber eine
-Ueberraschung.
-
-Kaum näherte er sich der kleinen, grün lackirten Thür, die hinein führte,
-als von der gegenüber liegenden Seite der Straße ein Polizeidiener, der
-dort vor einem Bilderladen gestanden hatte, auf ihn zu kam und ziemlich
-barsch sagte:
-
-»=Compañero=, wollt Ihr einen guten Rath annehmen?«
-
-»=Como no, compañero?=« erwiderte der Mexikaner eben nicht in besonderer
-Laune, »aber ich weiß nicht, daß ich Euch schon darum gebeten hätte.«
-
-»Thut auch nicht nöthig,« lautete die Antwort. »Ihr seid doch der
-Mexikaner, wie?«
-
-»Ob ich _der_ Mexikaner bin, weiß ich nicht -- _ein_ Mexikaner bin ich
-gewiß. Weshalb?«
-
-»Oh, nur wegen einer Kleinigkeit -- wegen dem Hause da. Ich bin hierher
-gestellt, um Euch abzuweisen, wenn Ihr das _erste_ Mal kommt, und Euch
-auf die Polizei zu schaffen, wenn Ihr den Versuch zum zweiten Mal machen
-solltet.«
-
-»Aber ich habe mit dem Sennor da drinnen zu reden.«
-
-»Ja, das glaub' ich Euch wohl,« lachte der Polizeidiener, »aber _er_
-nicht mit _Euch_, und nun tragt Euren Schatten in ein anderes Stadtviertel
-hinüber, hier habt Ihr Nichts mehr zu suchen.«
-
-»Und wenn ich ihm selbst nur einen Vorschlag zur Güte zu machen hätte -- es
-wäre vielleicht in zehn Minuten erledigt.«
-
-»Er hat mir besonderen Auftrag gegeben, Euch unter gar keinem Vorwand
-zu ihm zu lassen. Was Ihr von ihm wollt, das sollt Ihr vor den Gerichten
-anbringen -- und so gehört sich's auch, also helfen Euch keine weiteren
-Redensarten, und nun =vamos nos=, denn ich möchte hier nicht länger bei
-Euch in der Sonne stehen bleiben.«
-
-»Also er verweigert jeden weiteren Verkehr mit mir?«
-
-»Na ja, nun fangt Ihr noch einmal von vorne an! Ich dächte doch wahrhaftig,
-ich hätte deutlich genug gesprochen. Laßt Ihr Euch noch einmal hier am
-Hause sehen, so werdet Ihr beigesteckt. Habt Ihr _das_ verstanden?«
-
-»Ja wohl, =amigo= -- es war nicht mißzuverstehen; also =adios= und einen
-vergnügten Abend auf der Promenade,« und damit rückte der Mexikaner seinen
-Hut und schritt rasch und trotzig die Straße hinab. --
-
-Von dem Augenblick an ließ er sich nicht wieder in der Gegend der Stadt
-blicken, ja, er mußte Lima ganz verlassen haben, da ihn keiner der
-Polizeileute selber nachher mehr zu Gesicht bekam. Bockenheim war übrigens
-gar nicht böse darüber, denn er behielt jetzt völlig freien Raum, um seine
-Vorbereitungen zu schleuniger Abreise zu treffen. Er übergab, wie ihm seine
-Frau gerathen hatte, seine ganze, ziemlich werthvolle Einrichtung einem
-bekannten Deutschen, der das dafür gelöste Geld dem ***schen Konsul
-überliefern sollte, und fuhr dann, ohne von irgend wem weiter Abschied zu
-nehmen, mit seiner Frau und seinem Gold nach Callao hinunter, von wo der
-englische Dampfer noch an demselben Tage nach Guayaquil, und von da weiter
-nach Panama abging.
-
-Das war ein wonniges Gefühl, als die Räder des mächtigen Fahrzeuges erst zu
-arbeiten begannen, der scharfe Bug die Wasser theilte und das Boot das Land
-immer weiter und weiter zurückließ, bis sie endlich draußen, weit draußen
-in See auf der blauen Tiefe schwammen.
-
-»Gott sei Dank!« murmelte er leise vor sich hin, als er vorn am Bug stand
-und mit leuchtenden Blicken die Schnelle beobachtete, mit welcher sich der
-Dampfer vom Hafen entfernte. »Gott sei Dank, und nun kann Don Felipe,
-wenn er wieder nach Lima zurückkommt, sich ein Vergnügen machen, mich dort
-aufzusuchen. Daß der Schuft auch --,« er murmelte das Uebrige nur leise
-durch die Zähne; denn selbst die neben ihm stehende Frau sollte nicht
-erfahren, nach welcher Richtung seine Gedanken abschweiften.
-
-Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine Vergnügungstour, und die
-fünf Tage vergingen den Reisenden wie im Flug. Besonders genoß aber Madame
-Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt, war sie hier vollkommen
-im Stande, die vornehme Frau zu spielen, und that das wirklich nach besten
-Kräften. Auf der spiegelglatten See und dem geräumigen Fahrzeug wurde
-natürlich Niemand krank. Damen kleiden sich trotzdem gewöhnlich an Bord
-außerordentlich einfach, denn sämmtliche Passagiere bilden ja doch, für die
-Dauer der Reise, gewissermaßen _eine_ Familie, und man ist da nicht gern
-genirt. Es befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas in der
-Kajüte -- einige davon aus den ersten Familien Lima's und Valparaiso's, auf
-einer Vergnügungstour nach Europa; aber wirkliche Toilette machten sie auf
-der ganzen Reise nicht, und gingen nur gewöhnlich in einem ganz einfachen
-Hauskleid, in dem sie sich frei und bequem bewegen konnten.
-
-Madame Bockenheim _strahlte_ zwischen ihnen; schon zum Frühstück rauschte
-sie in Seide und Spitzen unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie
-sogar mit ihrem Brillantschmuck und lächelte vergnügt vor sich hin, wenn
-die anderen Damen leise mitsammen zischelten -- war es ja doch nur der
-blasse Neid, der sie bewegte.
-
-Am fünften Tag erreichten sie Guayaquil, die südliche Hafenstadt Ecuadors;
-aber die Passagiere bekamen keine Zeit, das Land zu betreten, da sich
-der Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die für Ecuador bestimmten
-Passagiere absetzte, Andere für Panama an Bord nahm und dann augenblicklich
-wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt kaum Gelegenheit, eine
-Partie der wundervollen Früchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der
-ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit ihrem Arom erfüllten.
-
-Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord gekommen, besonders aber viel
-Kajüten-Passagiere, da eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte,
-und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen, dieselbe in einem
-anderen Theile Amerika's abzuwarten. Es fehlte dadurch fast an Bedienung
-an Bord, und besonders mußten alle Aufwärter aus der vorderen Kajüte oder
-vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen werden, um bei Tisch zu bedienen.
-Die Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein fertig wurden;
-denn viel Umstände machte man mit denen nicht.
-
-Am besten bedient waren aber, merkwürdiger Weise, die beiden Deutschen
-an Bord, Bockenheim und seine Frau; denn einer der Aufwärter, den sie bis
-Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm sich ihrer an und schien nur
-auf ihren Wink zu lauschen, um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen.
-War es, daß ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte, oder hatte er
-sich vielleicht kluger Weise eine ihm reich scheinende Familie ausgesucht,
-um dann nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld zu erhalten:
-genug, wenn er sich selbst am entferntesten Ende des Salons befand und
-Bockenheim drehte nur den Kopf, so schoß er schon herbei, um seine Befehle
-zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszuführen.
-
-Leider war der Bursche -- Peruaner oder Ecuadorianer ließ sich nicht gut
-unterscheiden, da man alle möglichen Schattirungen der Haut bei beiden
-Völkern trifft -- vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit ihm also nicht
-möglich, auch trug er um das linke Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt
-konnte man ihn nicht hübsch nennen, denn eine auffallend dicke Oberlippe
-gab seinem Gesicht einen merkwürdigen, fast unangenehmen Ausdruck. Aber er
-blieb die Gefälligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann sich dadurch
-die Zuneigung der Frau auf das Vollständigste.
-
-Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich Panama erreichten, wo die
-Passagiere in den Hôtels den Abgang der »Karavane« erwarten mußten, gab sie
-ihm selber »für gute Bedienung« ein Zwanzig-Frankenstück, und hatte dafür
-die Genugthuung, daß er ihr demüthig und dankbar die Hand küßte. Sprechen
-konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen hatte er ihnen schon
-früher einmal aufschreiben müssen. Er hieß Pablo.
-
-In Panama wurden die Reisenden einige Tage aufgehalten; denn die Eisenbahn,
-die den Isthmus kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie mußten
-deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren Weg per Maulthier
-zu Land bis dahin zurücklegen, wo sie den Chagresfluß erreichten, und dann
-ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes, und von der Strömung
-getragen, bequemer fortsetzen konnten.
-
-Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere Weg; denn amerikanisches
-Gesindel hatte in der letzten Zeit angefangen, den von Kalifornien
-zurückkehrenden und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern und
-sie zu überfallen und zu berauben. Ja sogar verschiedene Mordthaten waren
-verübt worden, so daß sich Niemand mehr allein über den Isthmus getraute,
-sondern die Reisenden, wenn der Dampfer in Panama landete, jedesmal
-geschlossene und gut bewaffnete Züge bildeten, von denen die Strauchdiebe
-dann wohl die Hände lassen mußten.
-
-So geschah es auch hier. Der Dampfer von San Francisco hätte eigentlich
-auch gerade in dieser Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da
-die vom Süden kommenden Passagiere ebenfalls schon einen ganz ansehnlichen
-Zug stellen konnten, beschlossen sie, nicht auf das Unbestimmte in dem
-überdies entsetzlich theuren Panama zu warten, sondern ungesäumt ihre
-kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen.
-
-Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft, und so arg mußten es die
-Isthmus-Räuber doch in der letzten Zeit getrieben haben, daß sich die
-Neu-Granadiensische Regierung sogar veranlaßt sah, den Reisenden als Schutz
-eine kleine Abtheilung Kavallerie mitzugeben, um ihre Truppe zu
-verstärken und sicher zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel
-Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch wenigstens zeigen, daß man
-den guten Willen hatte, Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewähren.
-Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall einer größeren Horde hätten
-sich die Neu-Granadiensischen Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange
-aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben einer Anzahl Fremder wegen
-aufs Spiel stellen?
-
-Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden, daß sie allein durch den
-Lärm, den sie machten, Achtung einflößen konnten, und mit gutem Muth
-begannen sie die Tour, die freilich schon an und für sich durch den
-weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in Mittel-Amerika genug
-des Unangenehmen bot -- ohne noch Räubern und Mördern auf der Straße zu
-begegnen.
-
-Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen, eine Ueberraschung
-bevor; denn als an dem Morgen im Hof des Panama-Hôtels die Maulthiere
-vorgeführt wurden, um beladen zu werden, meldete sich plötzlich der
-gefällige Kellner vom Dampfboot, der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so
-viel Freude und machte ihr durch Zeichen so klar, daß er ebenfalls über
-den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle, daß sie den Burschen
-augenblicklich engagirte. Ein treuer Diener war auf einer solchen Reise
-allerdings von unschätzbarem Werth, und Bockenheim, der mit Maulthieren
-nicht besonders umzugehen wußte, zeigte sich mit der neuen Acquisition
-vollkommen einverstanden.
-
-Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er sah augenblicklich die
-Packsättel der Maulthiere nach und warf den einen, der nicht ordentlich
-aufgelegt schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter liegenden
-Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere nicht wund gedrückt würden. Dann
-sprang er hinauf, um das Gepäck zu holen, und wenn Bockenheim das auch
-lieber selber besorgt hätte -- denn die kleinen Colli enthielten viel Gold
-und waren schwer -- so hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts
-zu fürchten, und der arme _stumme_ Mensch konnte auch Nichts ausplaudern,
-und schien überhaupt sehr stiller, friedlicher Natur.
-
-Durch Pablo's Hülfe gelang es ihm auch weit rascher, mit all' seinen
-Vorbereitungen zu Stande zu kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall
-gewesen wäre, und kaum eine Stunde später setzte sich der Zug in Bewegung,
-um so bald als möglich die Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Auf dem Chagresfluß.
-
-
-Es war in der That eine mühsame Tour. Wer noch nie diese tropische, dicht
-bewaldete und von ewigem Regen feucht gehaltene Wildniß durchwandert hat,
-kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die sich
-da dem Reisenden entgegenstellen und ihm überall Hindernisse in den Weg
-werfen.
-
-Die Vegetation ist unglaublich, und während Palmen und Laubhölzer ein
-anscheinend festes Dach über den Wanderer wölben, daß kein Sonnenstrahl
-wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise seine heiße Stirn
-kühlen kann, läßt es den niederfluthenden Regen in Strömen durch, denn
-jedes Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der Boden wird dadurch
-natürlich fortwährend naß und weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen
-nach allen Richtungen hin den Pfad, so daß die Maulthiere bald hier, bald
-da bis über die Knie im Morast versinken und manchmal durch die Treiber
-selber wieder herausgehoben und auf die Füße gebracht werden müssen. Und
-dabei dies oft undurchdringliche Unterholz mit dornigen Schlingpflanzen,
-breiten, nassen Blättern, Palmschößlingen und niederen Büschen, durch das
-man sich an vielen Stellen die Bahn mit dem Messer oder der =macheta= hauen
-muß, und in welchem die Thiere trotzdem überall hängen bleiben.
-
-Kein Wunder, daß man auf solchem Boden nur kleine, sehr kleine Tagereisen
-machen kann. Den Abend verbringen die total durchnäßten Reisenden dann
-unter einem von Palmblättern rasch hergestellten und sogenannten Rancho,
-unter dem sie wenigstens trocken liegen. Außerdem ist auch das Klima so
-warm, daß ihnen die Nässe selber Nichts schadet, denn Erkältungen kommen
-dort nicht vor.
-
-Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst, welchen vortrefflichen
-Begleiter die Familie Bockenheim auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo
-schien im Urwald und bei einem niederströmenden Regen unbezahlbar. Ohne
-dazu beauftragt zu sein, lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepäck
-zusammen auf einen engen Raum, legte die Decken darüber und über diese die
-Packsättel, und ging dann mit einem kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu
-diesem Zweck bei sich führte, augenblicklich daran, eine Palme zu fällen,
-die Blätter derselben dann zu spalten und nach einer passenden Stelle zu
-schaffen, wo er das Lager für seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte.
-Rasch hatte er jetzt Pfähle gehauen und in den Boden gerammt, Querhölzer
-darüber gelegt und deckte die temporäre Hütte dann mit den Palmzweigen so
-fest und dicht, daß auch kein Tropfen Regen hindurchdringen konnte.
-
-Auch weiche breite Blätter suchte er aus, um ein bequemes Lager zu
-bereiten, und schichtete sie dick unter dem Palmendach auf, so daß
-Bockenheim und seine Frau, wie sie nur erst ihr Gepäck an sich genommen
-und ihre Decken ausgebreitet hatten, so bequem und weich wie in einem Bette
-lagen.
-
-Dabei sorgte der stumme Diener für Alles, bereitete ihnen das Abendbrod,
-zog sich dann auf sein eigenes Lager am äußersten Rand des Blätterdachs
-zurück, und hatte am nächsten Morgen _ihre_ Maulthiere zuerst von allen
-beigetrieben und gesattelt.
-
-In gleicher Art verbrachten sie das zweite Nachtquartier; dieser Tagemarsch
-war aber fast noch beschwerlicher gewesen, als der erste, denn ein wahrer
-Wolkenbruch entlud sich über die Höhen und wandelte die weiche Moorerde zu
-einem flüssigen Morast, so daß einzelne Maulthiere abgeladen werden
-mußten, um sie nur wieder aus den Sumpflöchern zu befreien, in denen
-sie eingesunken waren. Natürlich hielt das die ganze Karavane auf. Die
-einzelnen Reisenden durften sie doch nicht im Stich lassen, und wenn auch
-nicht mehr weit vom Chagresfluß entfernt, konnten sie ihn doch nicht an
-diesem Abend erreichen, und mußten zum zweiten Mal im Walde lagern.
-
-Endlich am dritten Morgen kamen sie in Sicht des Stromes, und Pablo winkte
-hier seinem neuen Herrn, daß er nur bei dem Zuge bleiben solle, indeß er
-selber voraus eilte und ein Canoe für sie schaffte. Es gab allerdings eine
-Menge von Indianern in jener Gegend, die es einträglich gefunden hatten,
-sich mit dem Transport von Fremden zu befassen; aber es war doch immer
-besser, sich gleich von vornherein ein Canoe zu sichern, um nicht einmal
-der Möglichkeit ausgesetzt zu sein, in dieser Wildniß von den Uebrigen
-zurückgelassen zu werden. Jetzt nämlich, mit dem Strom vor sich, der sie in
-kurzer Zeit an die Küste bringen konnte, hätte Keiner mehr auf den Anderen
-gewartet. Es dauerte auch nicht lange, so kehrte Pablo zurück und winkte
-der Sennora, ihm nur zu folgen. Er mußte jedenfalls ein passendes Boot
-gefunden haben, säumte auch nicht lange, sondern nahm die Thiere und führte
-sie eine kurze Strecke stromauf, wo sie schon durch die dort offenen Büsche
-eine Lichtung mit einer Hütte erkennen konnten.
-
-Dicht darunter lag ein nicht sehr großes, aber bequemes Canoe, das er für
-sie gemiethet zu haben schien. Der Preis dafür war allerdings, wie er in
-den Sand schrieb, eine Unze, also sechszehn Dollars, aber auch wieder
-nicht zu viel, wenn man bedachte, wie gerade dieser Volksstamm durch den
-zahlreichen Verkehr verwöhnt worden war, hohe Preise zu fordern. Bockenheim
-zahlte es auch mit dem größten Vergnügen; denn hatten sie doch jetzt die
-beschwerliche und sogar gefährliche Landreise hinter sich, und durften also
-hoffen, bald, recht bald das Ziel ihrer Reise zu erreichen. Einmal erst an
-Bord des Dampfers, und sie waren so gut wie zu Hause.
-
-Und wie glücklich war bis jetzt Alles gegangen. Von Räubern hatten sie auch
-nicht die Spur unterwegs gesehen, noch weniger irgend eine Unbequemlichkeit
-von ihnen erlitten. Die Neu-Granadiensische Eskorte nahm hier, mit einer
-reichlichen Belohnung für die einzelnen Leute, Abschied von ihnen, um eine
-gerade stromauf gekommene Gesellschaft zurück zu eskortiren. Sie hörten
-auch hier, daß zwei Dampfer, der eine für New-York, der andere für San
-Thomas bestimmt, vor Colon lagen. Der amerikanische wartete also auf die
-=San Francisco Mail=, der westindische dagegen segelte gleich ab, und je
-eher sie deshalb hinab kamen, desto besser.
-
-Wenn die Reisenden nun aber auch kein räuberisches Gesindel unterwegs und
-auf dem festen Land getroffen hatten, so war damit die Möglichkeit noch
-gar nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne solcher Strolche auf dem
-Chagresfluß selber herumtrieben, und es blieb deshalb gerathen, die Canoes
-der verschiedenen Parteien dort ebenso zusammen zu halten, wie auf dem
-Lande ihre Maulthiere. Bockenheim wäre allerdings, da er am ersten mit
-Pablo's Hülfe reisefertig geworden, auch am liebsten voraus gefahren, denn
-der Boden brannte ihm hier unter den Füßen; Pablo selber aber rieth ihm
-durch Zeichen, zu warten, bis die Uebrigen sich ihnen anschließen konnten,
-und Mittag war es etwa, als sich die kleine Canoeflotte endlich in Bewegung
-setzte und mit der ziemlich starken Strömung rasch den Fluß hinabglitt.
-
-Der Indianer, dem das von Pablo gemiethete Canoe gehörte, saß am Steuer
-oder ruderte vielmehr im Stern seines kleinen Fahrzeuges; vor ihm, seine
-Schätze zu seinen Füßen, saß Bockenheim, dann kam Pablo, der ebenfalls ein
-Ruder führte, um sie rascher vorwärts zu bringen, und vorn im Bug hatte
-er der Sennora noch kurz vorher, ehe sie aufbrachen, von breiten
-Bananenblättern und übergebogenen Bambusstäben ein kleines Zeltdach gebaut,
-das sie gegen die Strahlen der Sonne oder etwa eintretende Regenschauer
-vollkommen schützen konnte. Allerdings hatten sich noch einige
-Reisegefährten als Mitpassagiere gemeldet, weil sie dadurch billiger
-wegzukommen hofften; Pablo zupfte aber dann jedesmal seinen neuen Herrn
-verstohlen, um ihm abzurathen, und Bockenheim selber hatte seine besonderen
-Gründe, keine fremden Menschen in sein Fahrzeug zu nehmen. So blieben sie
-denn allein und führten auch, von den beiden kräftigen Rudern vorwärts
-getrieben, bald den ganzen Zug an.
-
-Wie heiß aber die Sonne brannte -- Bockenheim briet ordentlich in ihren
-Strahlen, und der aufmerksame Diener winkte endlich dem Indianer zu und
-schrie ihn in unartikulirten Lauten so lange an, bis dieser etwas seitab in
-den Schatten der über den Strom hineinhängenden Bäume hielt. Dadurch kamen
-sie allerdings aus der eigentlichen Strömung, und andere Canoes gewannen
-ihnen den Rang ab; aber was schadete das? Sie erreichten doch noch immer
-zur rechten Zeit die Mündung und konnten indessen wenigstens bequem im
-Schatten fahren.
-
-Das Canoe aber, das Anfangs das erste gewesen, blieb jetzt mehr und mehr
-zurück. Pablo schien doch mit Maulthieren besser und geschickter umgehen
-zu können, als mit einem Ruder. Der Indianer zankte wenigstens ein paar Mal
-auf ihn ein, wenn er durch irgend ein Versehen den Bug des Fahrzeuges aus
-seiner Richtung und in irgend ein paar Zweigen oder aushängendem Holz fest
-brachte, was immer einen geringen Zeitverlust erforderte, um es wieder los
-zu bekommen. Er nahm aber solche Scheltworte ruhig und demüthig hin, und
-that nachher sein Bestes, um es wieder gut zu machen.
-
-Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber die Entfernung sollte, nach
-des Indianers Angabe, gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das
-kleine Städtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der Himmel blieb dazu klar,
-Mondschein hatten sie ebenfalls, und bei fast windstiller Luft war nicht
-das Geringste zu befürchten. Sie brauchten ja eben nur mit der Strömung
-hinabzutreiben.
-
-Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims Frau besonders, die
-nie etwas Aehnliches gesehen, ganz entzückt von der prachtvollen,
-unbeschreiblich schönen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von dem
-sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn die ziemlich steilen und
-schroffen Ufer verhinderten sie daran; aber überall über diese hinaus
-hingen die herrlichsten Festons blumengeschmückter Ranken, neigten die
-Palmen ihre gefiederten Wipfel oder schüttelten breitblättrige Bananen ihre
-zitternden Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den Chagres einmündete
-oder selbst nur ein Sumpfwasser das, aus dem niederen Land kommend, hier
-seinen Ausfluß suchte, da überbot die dort wuchernde Vegetation Alles, was
-die Deutschen bis dahin für möglich gehalten, und diese konnten manchmal
-einen Ausruf des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrücken.
-
-Wie ein kleiner, aus einem Feenmärchen herausgeschnittener Zauberhain lagen
-zuweilen solche Stellen, mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und
-von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und Lianen wie in einen Rahmen
-eingefaßt, und ein paar Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes, damit
-sie nicht zu rasch an solch' zauberschönem Bild vorübergeführt wurden.
-
-Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein Recht. Die Natur schien
-allerdings all' ihre Reichthümer hier auf diese eine Strecke verschwendet
-zu haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig und durstig geworden,
-und wenn sie auch Lebensmittel und Wein im Canoe mitführten, fehlte es
-ihnen doch an Früchten. Besonders Madame Bockenheim verlangte darnach,
-Pablo aber winkte ihr zu, sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn
-sie würden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine Hütte am Ufer kommen,
-wo sie deren reichlich fänden.
-
-Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener gewöhnt, daß sie dessen
-Zeichen so gut verstanden, als ob er mit Worten zu ihnen gesprochen hätte.
-Uebrigens wollte die Frau auch die Bestätigung, ob es an der nächsten Hütte
-Früchte gäbe, von dem Indianer hören; dieser lachte nur und nickte mit dem
-Kopf. Es mochte ihm komisch vorkommen, daß es da _keine_ geben sollte, denn
-die Leute lebten ja fast einzig und allein davon.
-
-Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen der Eingeborenen aus, die sie
-hier und da am Ufer getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern
-oder Blättern gedeckt, und nackte und halbnackte braune Gestalten bemerkten
-sie auch hie und da unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um zu
-fischen, theils um sich zu baden. Solchen Plätzen darf man aber, einen so
-romantischen Anstrich sie auch haben mögen, nicht zu nahe kommen; denn der
-Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich, und Bockenheim selber
-hatte schon genug von den kalifornischen Indianern in dieser Hinsicht
-gesehen, um kein großes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken zu
-fühlen. Außerdem durften sie sich auch nicht zu lange aufhalten, denn so
-eben verschwand das letzte Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nächsten
-Biegung des Stromes.
-
-Der Indianer sagte ihnen übrigens, daß die kleine Hütte, die sie jetzt vor
-sich sahen, die letzte am Ufer des Stromes wäre, wo sie Früchte bekommen
-könnten, da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges Land ströme.
-Pablo hatte mit seinem Ruder vorn den Bug auch schon herumgeworfen, daß
-sie jetzt gerade darauf zu hielten, und wenige Minuten später scheuerte
-derselbe den weichen Schlamm.
-
-Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe saß, hinauf gehen und Früchte holen;
-er lachte aber verlegen und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme
-Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim selber aber hatte keine
-Lust, das Canoe zu verlassen, und der Indianer wurde deshalb beordert,
-hinauf zu laufen und mitzubringen, was er rasch finden könne, auch wo
-möglich einen Trunk Milch für die Frau oder wenigstens ein paar Kokosnüsse.
-Bockenheim gab ihm dazu einen spanischen Dollar.
-
-In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht gut über die vor ihm
-Sitzenden wegsteigen, noch dazu da die Laube, unter welcher die Frau ihren
-Platz hatte, sein Aussteigen hinderte. Pablo stieß deshalb das Canoe wieder
-zurück und suchte es seitwärts an das Land zu bringen, was ihm auch endlich
-gelang. Dann sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm auch fast bis
-an die Hüfte ging, und hielt es fest, damit der Indianer rasch und leicht
-hinaus und nachher die Früchte auch bequem einladen konnte.
-
-Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet, und nur ein schmaler,
-ausgehauener Pfad führte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer gleich
-darauf verschwand, um seinen Auftrag auszuführen.
-
-Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand und den Rand des Canoes
-festhielt, drehte es jetzt so, daß es mit dem Stern oder Hintertheil mehr
-an's Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurückkehrte, augenblicklich
-seinen Platz wieder einnehmen konnte. Bockenheim, der behaglich
-ausgestreckt in dem kleinen Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifällig
-mit dem Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln verschwunden und
-die Luft dadurch kühl und labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt
-hier schien, kein Lüftchen regte sich, kein Laut wurde gehört, auch keines
-der übrigen Canoes befand sich mehr in Sicht -- sie mußten ihnen ein
-tüchtiges Stück vorausgekommen sein -- aber was schadete das? Vor morgen
-früh fuhr der westindische Dampfer schwerlich von Colon ab, oder wenn
-doch, dann lag ja doch noch der nordamerikanische dort, der jedenfalls die
-Postsäcke von San Francisco erwarten mußte. Den erreichten sie gewiß, und
-konnten dann ihre Reise mit diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland
-gab es von da ab genug, und _er_ war unter jeder Bedingung in Sicherheit.
-
-Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen alten Freund aus
-den Minen, den Mexikaner, dachte, wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie
-wüthend er sein würde, wenn er endlich erführe, daß er da draußen auf dem
-Meere schwimme. Nach Deutschland mochte er ihm dann folgen; wo sollte er
-ihn da finden? Und _wenn_ er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht
-hätte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner angenommen?
-
-Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht mehr auf den stummen
-Diener geachtet, der indessen an Bord gestiegen war, das Canoe etwas
-heranzog, dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam den Platz
-einnahm, den der steuernde Indianer vorher inne gehabt. Jetzt setzte er
-ruhig das Ruder gegen die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom
-hinaus und vom Lande ab.
-
-»Halt, Pablo,« sagte Bockenheim, ohne aber seine Stellung noch zu
-verändern, »nimm Dich in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du weißt
-nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.«
-
-Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth.
-
-»Doch, Don Gaspard,« lachte er plötzlich mit heiserer Stimme, indem er
-das Canoe mit einem einzigen kräftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die
-Strömung schießen ließ -- »vortrefflich!«
-
-»Alle Teufel!« schrie Bockenheim, in dem ersten Moment mehr davon
-überrascht, daß der Stumme sprach, als noch mit einem anderen Gedanken
-beschäftigt, indem er halb herum fuhr und sich auf seinen rechten Ellbogen
-stützte, um den also entpuppten Diener anzusehen, der aber indeß mit
-reißender Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abführte. Einen
-raschen Blick hatte dieser dabei über das untere Ufer geworfen, und ein
-triumphirendes Lächeln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr ein
-Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte keiner weiteren Vorsicht, denn
-seine Bahn war frei.
-
-»Aber Pablo!« rief Madame Bockenheim erschreckt, »der Indianer mit den
-Früchten ist ja noch auf dem Lande!«
-
-»Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard?« rief da Pablo. »Hat mich die
-Augenbinde, der abrasirte Bart und das kurz geschnittene Haar so verändert,
-daß Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der Maske des Kajütenwärters
-gespürt habt?«
-
-»Felipe!« schrie der Deutsche, während Todtenblässe seine Züge deckte,
-»Teufel!« und fast krampfhaft suchte er sich emporzurichten, um den
-rechten Arm frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen; aber
-der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder in der linken Hand lassend,
-griff er mit der rechten neben sich und faßte das dort versteckte Beil.
-
-»Räuber und Mörder!« zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen
-durch, »da nimm Deinen Lohn!« Und wie das Beil blitzschnell in die Höhe
-zuckte, fuhr es zurück und grub sich tief in die Stirn des Unglücklichen,
-der lautlos, nur mit einem dumpfen Röcheln, vornüber und zu seinen Füßen
-zusammenbrach.
-
-Einen einzigen gellenden, markdurchschneidenden Schrei stieß die Frau aus,
-die das Entsetzliche kaum begriff. Aber sie sah den Schlag, der nach ihrem
-Mann geführt wurde, hörte den dumpfen Laut, als die Waffe seine Stirn traf,
-und sank ohnmächtig auf ihren Sitz zurück.
-
-Weiter verlangte der Mexikaner Nichts, und sich um die Leiche zu seinen
-Füßen nicht mehr kümmernd, legte er das Beil wieder neben sich und ruderte
-dann, langsamer als vorher, den Fluß hinab, um die vorangegangenen Canoes
-nicht einzuholen. Nur dicht am linken Ufer hielt er sich, damit er von der
-eben verlassenen Landung nicht mehr gesehen werden konnte, und fühlte sich
-dabei vollkommen sicher, daß ihm von dort ab, ehe nicht ein Canoe
-vorüber kam, Niemand im Stande war zu folgen. Am Ufer hin, in Sumpf und
-Schlingpflanzen, wäre es unmöglich gewesen, den Weg zurückzulegen.
-
-Kaum hatte er aber die nächste Biegung hinter sich und sah die Bahn auch
-vor sich frei, als er sich nach einem Platz umschaute, an welchem er, von
-dem Gebüsch versteckt, landen konnte; denn mit der Frau durfte er natürlich
-nicht nach Colon fahren. Eine solche Stelle zeigte sich auch bald. Dicht
-unterhalb einer Schlammbank hatte sich eine natürliche kleine Bucht
-gebildet, die auch jetzt weit genug von der zuletzt verlassenen Hütte
-ablag, um dort ein Hülferufen nicht mehr zu hören. Wohl durchzuckte ihn der
-Gedanke, auch die Frau des Verbrechers unschädlich zu machen; denn war sie
-todt, so konnte sie nicht mehr als Klägerin gegen ihn auftreten -- aber
-er sträubte sich auch gegen den Mord eines Weibes -- den Verbrecher
-hatte seine Strafe ereilt -- sie selber trug keine Schuld, und rasch und
-geschickt lenkte er jetzt den Bug des Canoes mitten in die überhängenden
-Zweige hinein, und hatte es wenige Minuten später so sicher hinter dem
-Gebüsch verborgen, daß selbst ein vorbeifahrendes Canoe seinen Versteck
-nicht hätte finden können.
-
-Die Frau lag noch in ihrer Ohnmacht, und er benutzte die freie Zeit, um den
-schweren Leichnam des Deutschen ans Land zu heben und zu untersuchen. Den
-Revolver und die Brieftasche nahm er an sich, das Gold, welches er bei ihm
-fand, legte er zurück ins Canoe. Das beendet, zog er dem Ermordeten die
-oberen Kleider aus, band ihm ein Seil, das er bei sich führte, um den
-Körper, befestigte das Ende desselben im Canoe und ließ dann den Leichnam
-wieder ins Wasser gleiten, damit die Frau, wenn sie sich erholte, nicht
-seiner ansichtig würde.
-
-Das geschah indessen rascher, als er selber geglaubt, und wie furchtbar ihr
-Erwachen war, läßt sich denken. Aber die Angst lähmte ihre Zunge, denn
-sie sah sich mit dem Furchtbaren allein, und wußte nicht, was nun auch
-ihr Schicksal sein würde. Felipe bemerkte aber kaum, daß sie zur Besinnung
-zurückgekehrt sei, als er ruhig sagte:
-
-»Sennorita, Sie haben für sich Nichts zu fürchten, wenn Sie sich still
-verhalten und nicht wahnsinnig genug sind, Hülfe herbeirufen zu wollen, wo
-keine zu bekommen ist.«
-
-»Aber mein Mann -- mein Mann!« stöhnte die Arme.
-
-»Er war ein Schurke!« rief der Mexikaner finster, »und alles Gold, das er
-mit nach Peru gebracht, nur der Raub, den er _mir_ abgenommen, als er mich
-meuchlings im Kalifornischen Walde überfiel. Er hat seine Strafe erhalten
--- die Alligatoren des Chagres verzehren jetzt schon ihre Beute.«
-
-»O mein Gott! O mein Gott!« winselte die arme Frau, »und was wird jetzt aus
-mir?«
-
-»Wenn Sie mir das Versprechen geben,« sagte der Mexikaner, »daß Sie sich
-_heute_, an der Stelle auf welcher ich Sie hier aussetzen muß, vollkommen
-ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld genug geben, um Ihre
-Rückfahrt zu decken. Es ist mehr, als Ihr Mann damals für mich gethan.
-Morgen früh kehren dann die Canoes zurück, die jene Passagiere nach
-Colon gebracht haben -- die mögen Sie anrufen und um Hülfe bitten. Auch
-Lebensmittel sollen Sie da behalten, um davon zu zehren; ich habe keine
-Vergeltung an Ihnen zu üben, nur an dem Verbrecher.«
-
-»Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich allein zurückbleiben?« stöhnte
-die Frau entsetzt.
-
-»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner bitter; »halten Sie sich
-nur ein wenig vom Ufer ab, daß Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator
-zusammentreffen, dann haben Sie nichts zu fürchten; aber,« setzte er
-drohend hinzu, »wagen Sie es, auch nur _einen_ Hülferuf auszustoßen, dann
-sind Sie verloren. Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber bis
-Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon herunter zu fahren. Höre
-ich einen einzigen Laut, dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen; denn
-ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.«
-
-Noch während er sprach, hatte er die Frau ans Land geführt und ihre Sachen,
-die er recht gut kannte, aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles,
-was sich an Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war auf den Boden
-gesunken und barg ihr Antlitz in den Händen. Leise schob indessen der
-Mexikaner das Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran hängenden
-Körper hinter sich her, bis in tiefes Wasser. Die Frau regte sich nicht.
-Wenige Minuten später befand er sich draußen in der Strömung, durchschnitt
-das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so rasch ihn das Ruder
-fördern konnte, den Strom hinab.
-
-Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die Blutspuren im Canoe
-fortzuschaffen, damit diese nicht einen Verdacht gegen ihn wecken konnten.
-Das that er, während er, von der Strömung getragen, weiter trieb mit den
-dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstücken, die er nachher ins Wasser
-warf. In kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit eben einbrechender
-Dunkelheit, war er fertig und hatte sein Canoe wieder so sauber und blank
-gewaschen, daß man auch nicht das mindeste Außergewöhnliche mehr daran
-erkennen konnte. Er dachte aber gar nicht daran, sich in der Nähe der am
-Ufer zurückgelassenen Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte nur dazu
-dienen, sie einzuschüchtern, damit sie nicht vor der Zeit doch noch Hülfe
-herbeischrie und unbequeme Verfolger auf seine Fährte setzte. Jetzt hatte
-er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes der übrigen Passagiere
-auszuweichen, und in Nacht und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit
-ihnen zusammenzutreffen.
-
-Wer von diesen bekümmerte sich aber auch um andere Passagiere, noch dazu
-um die Deutschen, mit denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt? Ein
-Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York, ein anderer nach San
-Thomas zu fahren; es fragte Keiner von Allen darnach, wohin _sie_ sich
-gewandt.
-
-Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr Abends, gedachte aber nicht,
-an der Stadt anzulegen, und fragte nur einen Fischer, den er noch an
-der Mündung des Stromes mit seinen Netzen beschäftigt fand, ob er wisse,
-welcher der beiden dort südlich von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren
-werde.
-
-»=Caramba, Señor=, seht Ihr denn das nicht?« lachte der Mann. »Der eine
-raucht ja schon aus Leibeskräften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt, müßt Ihr
-machen.«
-
-Felipe verlangte nicht, mehr zu hören; er legte sich scharf ins Ruder, und
-war bald langseit des Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepäck an
-Bord zu nehmen hatten, nicht wenig über das _Gewicht_ der beiden kleinen
-Koffer wunderten. Aber Niemand fragte ihn, woher er käme, oder achtete
-darauf, daß er vorn ins Zwischendeck ging und dort seine Passage nahm. Nur
-bei dem Clerk des Dampfers mußte er sich melden und diesem die Fahrt nach
-San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte, zahlen.
-
-Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle für die Kajüte, Keiner von
-Allen kam nach vorn, und als um zwölf Uhr die Räder anfingen zu arbeiten,
-der schwere Anker aus der Tiefe kam, saß Felipe in Sicherheit vorn auf der
-Back des Fahrzeuges und schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach
-der Mündung des Chagresflusses, der sein Opfer barg, hinüber.
-
-Am nächsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung; denn ein Indianisches
-Canoe war mit der Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei
-augenblicklich auf den Füßen -- aber zu spät. Der nordamerikanische Dampfer
-sollte San Thomas anlaufen, um den Verbrecher dort aufzuspüren, aber der
-Kapitän weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine Zeit einhalten
-mußte und sich nicht tagelang aus dem Wege fahren konnte. Die Frau wollte
-er nach New-York mitnehmen, weiter konnte er nichts für sie thun.
-
-Es hätte ihnen auch Nichts genützt; denn vor San Thomas kreuzen, sobald der
-englische Dampfer anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge
-nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach Venezuela ab; und wer hätte
-nachher sagen können, welches von allen der Flüchtige benutzt hatte, um vor
-der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner Spur abzubringen? Er
-war fort und in Sicherheit mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers
-kehrte später mit dem kleinen Kapital, das sie in ihrem eigenen Koffer
-geborgen, nach Deutschland zurück. Allerdings gewann sie noch eine Summe
-aus dem Erlös ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner gelassen, oder an die
-er wohl nicht einmal gedacht, und nahe an tausend Thaler lieferte auch
-noch die später in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders hatte sie
-geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten!
-
-Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung noch nicht auf, den Mörder zu
-erreichen. Augenblicklich machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte
-in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln, bekamen bestimmten Auftrag, nach
-demselben zu forschen, daß man nur erst einmal seinen Aufenthalt erfuhr.
-Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar nicht wieder nach Mexiko
-zurückgekehrt war? Seine Spur wurde nie wieder aufgefunden.
-
-
-
-
-Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati.
-
-
-Als ich nach Cincinnati kam, beschäftigte die dortige Presse in dem
-Augenblick fast einzig und allein ein in den nächsten Tagen abzuhaltendes
-Preisboxen, das zwischen zwei berühmten Boxern Jones und McCoole
-stattfinden sollte. Wahlen, indianische Ueberfälle im Westen, Alles war in
-dem einen, zu erwartenden Genuß vergessen, und dabei wurde diese von den
-Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit einer so naiven Oeffentlichkeit
-betrieben, daß es besonders den Fremden in Erstaunen setzen mußte. Ueberall
-klebten die Zettel, die mit der Abbildung beider Kämpfer zur Theilnahme
-aufforderten, und Jones besonders, von dem man wußte oder wissen wollte,
-daß er die =science of the art= auf das Gründlichste verstehe, gab schon
-vorher eine Art von Vorstellung in der »Mozart-Halle,« die dann auch bei
-dichtgedrängtem Hause stattfand.
-
-Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden weiße und lila Bänder
-verkauft (der Preis für ein lila Band für den inneren Ring =à= 7 Dollars),
-die zugleich für freie Passage auf dem Extrazug galten. Aber Niemand wußte,
-wo der Kampf stattfinden sollte, als die wenigen Eingeweihten, und die
-Polizei mußte jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber
-augenblicklich wieder auf Bürgschaft entlassen wurde, als er sich
-verbindlich machte, den Frieden des Counties, in welchem Cincinnati lag
-(=Hamilton county=) nicht zu stören. Ueber die Grenzen desselben hinaus
-hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wußte man, daß der Preiskampf
-nichtsdestoweniger an der Grenze stattfinden würde, aber Niemand natürlich,
-nach welcher Himmelsrichtung, und man ließ der Sache eben ihren Lauf, ja
-kehrte sich sogar nicht daran, als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von
-jedem Theilnehmer gekannt waren.
-
-Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden und fünfzehn jener
-riesigen amerikanischen Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den
-Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber fast drei Uhr, ehe der Zug
-abging, und die Wägen fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht
-allein die Sitze waren überfüllt, nein in jedem Wagen standen auch
-überdieß noch 25-30 unglückliche Individuen, von denen Viele wohl die ganze
-vorherige Nacht durchgeschwärmt hatten und vor Müdigkeit nicht mehr die
-Augen aufhalten konnten.
-
-Der Zug konnte nicht rasch vorrücken, denn der Verkehr auf der Bahn ist ein
-sehr starker, und nur zu oft mußten wir halten, um regelmäßige Züge, die
-sich eben so regelmäßig verspätet hatten, durchzulassen. Endlich nach sechs
-Uhr erreichten wir den Platz -- ein kleines, parkartiges Gehölz, das zu der
-Farm eines Baptistenpredigers gehörte und zu dem Zweck von ihm gemiethet
-war. Einige der Passagiere wunderten sich darüber, daß der Geistliche
-sein Grundstück zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen Boxerkampf
-hergeben sollte, Andere aber vertheidigten ihn wieder und behaupteten, er
-würde keineswegs gewußt haben, wozu man es gebrauchen wolle. In Amerika ist
-aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu verdienen, Alles möglich, und so
-gut wie jetzt die Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf zehn Jahre
-an einen deutschen Wirth verpachtet haben, um für diese Zeit eine Bierhalle
-daraus zu machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine Gehölz
-einmal auf ein paar Stunden für einen Schauplatz roher Brutalität
-vermiethen und sicherlich nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen.
-
-Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da, und kaum hielt nun der Zug, als
-das wilde blutdürstige Volk schon wie ein Schwarm von den Wägen hinabsprang
-und sich über die unter ihm zusammenbrechende Fenz warf, um einen »guten
-Platz« zu bekommen und den Kämpfenden so nahe als irgend möglich zu sein.
-Ja, damit waren Viele noch nicht einmal zufrieden, und wie sie nur das
-kleine Gehölz erreichten, suchten schon Hunderte an den nächsten Bäumen
-emporzuklettern, um von denen aus keinen Moment des »interessanten Kampfes«
-zu versäumen. Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht
-zu ersteigende Bäume waren im Nu mit Menschen gefüllt, die oft in
-lebensgefährlicher Weise bis in die äußersten Zweige hinauskletterten
-und dort hängen blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr fanden,
-versuchten sich an dickeren Bäumen, und Manche entwickelten dabei eine
-erstaunliche Fertigkeit. Wehe aber dem armen Teufel, dessen Kräfte
-unterwegs nachließen -- Aller Augen, da es noch weiter nichts zu sehen
-gab, hingen an ihnen, und wie sie nur hielten, ertönten schon spöttisch
-ermuthigende Zurufe, die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten,
-sobald der Unglückliche, mit hochhinaufgerutschten Hosen, seinen nicht mehr
-zu verheimlichenden Rückweg begann.
-
-Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten Ring aufzuschlagen,
-was aber durch die augenblicklich herbeidrängenden Menschen zur
-Unmöglichkeit wurde. Außerdem war der Boden hart und trocken und die Pfähle
-ließen sich nur sehr schwer eintreiben. Es dauerte auch in der That
-eine volle Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur so weit
-zurücktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff zu nehmen, und weder
-Vernunftgründe noch Gewalt schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen
-wollten sie -- Alles sehen, wofür sie ihr Geld bezahlt, und nur erst, als
-sie doch wohl einsahen, daß in solcher Weise der Kampf nie stattfinden
-könne, gaben sie endlich nach.
-
-Die Pfosten wurden etwa 12 Fuß von einander eingetrieben, so daß sie ein
-etwa 18 Fuß im Quadrat haltendes Viereck umschlossen, und dann mit festen
-Tauen so gut als möglich zusammengeschnürt. Die Taue mußten auch dazu
-dienen, die Kämpfer, wenn sie dagegen geworfen würden, aufrecht zu halten.
-
-Dicht -- so dicht als möglich um das Viereck lagerten aber die Zuschauer,
-und da sich etwa 3000 von diesen auf dem Plan befanden, so wäre es später
-für die hinten Stehenden nicht möglich gewesen, auch nur einen Blick in den
-Ring zu werfen. Dafür mußte Abhülfe geschafft werden, und es begann jetzt
-von Neuem die sehr undankbare Arbeit, die Menschenmasse, die sich sicher
-im Besitz eines guten Platzes fühlte, wieder eine ganze Strecke
-zurückzutreiben und nicht allein einen größeren Kreis, sondern auch einen
-freien Platz um den Ring zu bekommen.
-
-Auch dieß geschah endlich, nachdem ein Zeitungsredakteur, von Chicago,
-glaub' ich, der besonders zu dem Zweck hierher gekommen, eine Rede an das
-»Volk« gehalten und ihm damit gedroht hatte, daß der Kampf (=the fight=)
-unter keinen Umständen stattfinden könne, wenn sie nicht den Anordnungen
-der Kommission Folge leisteten. Widerstrebend gaben sie endlich Raum, aber
-nur Zoll für Zoll, bis sie endlich etwa zehn Schritt freie Bahn zwischen
-sich und dem Kampfplatz hatten. Dann wurden die ersten fünf bis sechs
-Reihen beordert, die Ersten sich zu lagern, die Anderen zu knieen, und
-wenn dann die Hintersten aufrecht standen, konnte jeder an dem Genuß Theil
-nehmen.
-
-Bis dahin war es etwa zehn Uhr geworden und das Publikum hatte, einzelne
-kleine Zwischenfälle abgerechnet, gar kein Vergnügen, denn die Kampfrichter
-konnten sich noch nicht über einige Formalitäten einigen. Für Zwischenfälle
-sorgten aber die auf den Bäumen sitzenden Zuschauer, denn mehr und
-mehr kletterten hinauf, und hie und da knackte ein Ast, was die dadurch
-Bedrohten zwang, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Ein paarmal brach auch
-ein zu sehr beladener Ast und die darauf Sitzenden stürzten dann, zum
-Jubel der ganzen Versammlung, auf den Boden nieder -- glücklicherweise ohne
-ernstlichen Unfall.
-
-Auch einige Streitigkeiten kamen vor, denn die Herren in den Bäumen kauten
-sehr natürlich, nach amerikanischer Sitte, Tabak und mußten ausspucken, und
-das konnte eben so selbstverständlich nur nach unten geschehen. Von unten
-wurde dann hinaufgedroht und von oben heruntergelacht, und die Sache blieb
-beim Alten.
-
-Endlich -- es war fast elf Uhr geworden -- gerieth die Menge in Bewegung.
-»Sie kommen!« so lief der Ruf durch die Versammlung, und nach kurzer Zeit
-erschien einer der Kämpfer auf dem Schauplatz. Schon ehe er denselben
-erreichte, warf er, nach alter Boxersitte, seinen runden Hut voran und
-hinein, und ein Jubelschrei begrüßte ihn. Es war der Engländer Jones,
-eine breitschultrige, derbknochige, aber gemein aussehende Gestalt, doch
-anständig gekleidet und nur mit einem breiten, ausdruckslosen und jetzt
-augenscheinlich bleichen Gesicht und kleinen Augen. Er schien grüne
-Handschuhe zu tragen.
-
-Ohne Aufenthalt kroch er unter den Tauen durch in den »=ring=« und nahm,
-da er die Wahl der Ecken hatte, seinen Platz in der einen, oberen, wo schon
-ein Stuhl für ihn bereit gestellt war. -- Auch seine beiden Sekundanten,
-allem Anschein nach der untersten Schicht der Gesellschaft angehörend,
-kamen jetzt herzu, und nachdem sie sich die bezeichnenden seidenen Binden
-um die Hüften gelegt, als Zeichen, welcher Partei sie zugehörten, hielt der
-Eine von ihnen einen ausgespannten Regenschirm über Jones, um ihn gegen die
-Strahlen der schon ziemlich heiß brennenden Sonne zu schützen. -- Es war
-ein rührendes Bild.
-
-Jetzt aber brach ein wilder Jubelsturm los, denn ein guter Theil der
-Anwesenden schien dem irischen Volksstamm anzugehören, und der Hut
-McCoole's, des Iren, flog wirbelnd in den Ring, während die riesige Gestalt
-desselben keck und wie siegesgewiß demselben folgte und seine Freunde
-lächelnd begrüßte.
-
-Ich selber zweifelte in dem Augenblick keinen Moment mehr, wer von Beiden
-Sieger des heutigen Tages bleiben würde -- Jones oder McCoole.
-
-Der Ire nahm die andere Ecke ein. Es war eine hohe, mächtige Gestalt, über
-sechs Fuß, mit breiter Brust, aber einem rohen, wüsten Ausdruck in den
-Zügen. Er ging in einen dicken Rock fest eingeknöpft und hatte noch
-außerdem, und trotz der Hitze, einen wollenen Shawl um den Hals geschlagen.
-
-Auch seine beiden Sekundanten gesellten sich, unter den nämlichen
-Vorbereitungen, zu ihm und Beide verharrten dann wohl volle zehn Minuten,
-vielleicht länger, in ihrer Stellung, nur dann und wann Einer nach dem
-Andern einen verstohlenen Blick hinüber werfend, um die Chancen des Kampfes
-vielleicht zu berechnen.
-
-Endlich warf Jones seinen Rock ab und löste sich das Halstuch, welchem
-Beispiel gleich darauf sein Gegner folgte. Die Sekundanten waren dabei
-beschäftigt, ihnen die Schuhe aus- und ein Paar Halbstiefeln anzuziehen,
-an denen sich, wie bei Steigeisen, scharfe Spitzen befanden, um ihr
-Ausrutschen auf dem Rasen zu verhindern.
-
-Wieder eine kurze Pause. McCoole hatte ein paar Worte mit seinen
-Sekundanten gewechselt und die Kampfrichter wurden auf die grünlichen Hände
-Jones' aufmerksam gemacht, die man Anfangs für mit Handschuhen bedeckt
-angesehen hatte. Es scheint, daß McCoole den Verdacht geäußert, sie könnten
-mit einer giftigen Substanz versehen sein. Jones wurde deßhalb von dem
-vorhandenen Arzte, nachdem dieser sie berochen -- was genau so aussah, als
-ob er dem Preisboxer die Hand küßte -- aufgefordert, daran zu lecken. Er
-that das auch lächelnd und mit so augenscheinlich gutem Willen, daß jeder
-Verdacht schwinden mußte. Es war nur eine bei Preisboxern nicht seltene
-Gerbestoffmasse, mit welcher er die Hände angestrichen hatte, um die Haut
-fester zu machen und sie bei einem schweren Schlag nicht so leicht zu
-gefährden.
-
-Jetzt wurden den beiden Kämpfern die Beinkleider ausgezogen, unter denen
-sie kurze Hosen und lange Strümpfe trugen. Und nun erst erhob sich Jones
-und dann McCoole, warfen ihre Oberhemden ab und zeigten die breite nackte
-Brust, wie den muskulösen Bau der Schultern.
-
-Jones' Oberkörper war weiß und glatt, auch mehr fleischig, McCoole dagegen
-mit dichten schwarzen Haaren bedeckt, und so standen sie sich einen
-Augenblick gegenüber. Dann plötzlich schritt McCoole auf den Gegner zu und
-reichte ihm die Hand, die dieser nahm und hielt, während die Sekundanten
-jetzt auch ihrerseits die Hände über denen der Gegner kreuzten, so daß die
-Sechs zusammen für wenige Sekunden in einem Ring standen. Der aber löste
-sich sehr bald wieder, und jetzt rückte der eigentliche Moment heran, dem
-heute ja Alles entgegenstrebte: der wirkliche Kampf.
-
-Beide Gegner waren noch einen Moment zu ihrem alten Stand zurückgetreten,
-jetzt schritt McCoole langsam wie ein Bär aus seiner Höhle vor und rascher
-folgte Jones seinem Beispiel. Der Letztere hielt aber ein kleines Packet
-Banknoten, sogenannte Greenbacks, in der Hand und forderte jetzt McCoole
-keck heraus, hundert Dollars gegen die seinigen zu setzen, daß er ihn
-zuerst zu Boden schlagen würde.
-
-McCoole erwiederte kopfschüttelnd, daß er kein Geld mehr habe, einer der
-Zuschauer aber nahm die Wette auf und das Geld wurde deponirt.
-
-Mir gefiel Jones' ganzes Auftreten nicht. Selbst die anscheinende
-Zuversicht, mit welcher er die Wette anbot, kam mir so vor, als ob
-Jemand aus lauter Verlegenheit lacht. Aber es blieb keine Zeit, weitere
-Beobachtungen zu machen, denn die Sache wurde Ernst. Die Sekundanten hatten
-Beiden noch einmal Brust und Arme abgerieben, etwa genau so, wie man ein
-Pferd abreibt, um seinen Muskeln mehr Geschmeidigkeit zu geben, und jetzt
-wurden sie, wie bissige Köter, gegeneinander losgelassen.
-
-McCoole schien sich dabei mehr auf die Vertheidigung zu halten; er hatte
-wahrscheinlich zu viel von Jones' Kunstfertigkeit und Gewandtheit gehört
-und wollte sich nicht leichtsinnig einer Gefahr aussetzen, während Jones
-dagegen augenscheinlich bemüht war, den ersten Schlag anzubringen. Den
-führte er auch, aber McCoole parirte ihn. Beide gaben dabei ihren
-Armen freies Spiel, jetzt zu einem Scheinangriff ausfallend, jetzt
-zurückweichend, bis Jones eine Blöße McCoole's zu benützen suchte. Aber
-er hatte sich darin geirrt; der Schlag glitt ab und wurde rasch erwiedert,
-Jones parirte auch diesen und holte wieder aus, als McCoole's rechte
-Eisenfaust ihn gegen das linke Auge traf und wie einen Sack zu Boden warf.
-
-Ein wahres Jubelgeheul machte die Luft erbeben. Im Nu aber sprangen die
-Sekundanten hinzu und hoben nicht allein Jones auf, um ihn zu seinem Stuhl
-zu tragen, nein, thaten auch das Nämliche mit dem völlig ungeschädigten
-McCoole, der es sich ruhig gefallen ließ. Beider Gesicht wurde dann rasch
-mit kaltem Wasser abgewaschen, Jones schon mit Blut unterlaufenes Auge
-besonders aufmerksam, und während das der Eine that, schob der Andere
-seinem Kämpfer etwas in den Mund, das wie ein Schwamm aussah und vielleicht
-etwas Stärkendes oder Erfrischendes enthielt. Es wurde ihnen auch nicht
-viel Zeit dabei gelassen, denn die Pausen zwischen den einzelnen Gängen
-oder =rounds= dürfen den hierbei gültigen Gesetzen nach nur genau
-30 Sekunden dauern, wozu ein Mann mit einer Sekundenuhr in der Hand
-fortwährend neben dem Kampfrichter steht. Wer von den Kämpfern nach
-30 Sekunden nicht wieder in der Arena steht, wird als besiegt erklärt --
-und wie rasch vergehen 30 Sekunden!
-
-Jones stand zur bestimmten Zeit wieder auf den Füßen und McCoole gegenüber,
-aber es sah so aus, als ob er scheu geworden wäre, und er zeigte sich
-jedenfalls lange nicht so geneigt mehr, als beim ersten Gang, mit dem
-gefährlichen Gegner anzubinden. Desto weniger Zeit aber verlor McCoole und
-nach kaum einer halben Minute, in welcher Jones ein paarmal auswich, konnte
-er sich zuletzt nur dadurch vor einem gefährlichen Schlag des Iren retten,
-daß er sich wieder rasch zu Boden warf.
-
-Neues Geheul und stürmischer Jubelruf von allen Iren und Denen, die auf
-McCoole gewettet hatten, erfüllte die Luft, und wieder wurden beide Kämpfer
-zu ihren verschiedenen Sitzen zurückgetragen und genau so behandelt als
-vorher -- wieder standen sie sich 30 Sekunden später kampffertig gegenüber.
-Aber es war jetzt kaum noch ein Zweifel, wer von ihnen Sieger bleiben
-müsse. McCoole ging scharf und keck vor, Jones hatte alle Zuversicht
-verloren und nur noch eine Hoffnung -- nämlich die, durch ein paar
-kunstgerechte Schläge die Augen des Gegners zu treffen, wonach er diesen
-dann leicht so lange aufhalten konnte, bis das Anschwellen der weichen
-Theile um die Augen ihn zeitweilig erblinden machte. Aber darin hatte er
-den Nachtheil, daß er wenigstens fünf Zoll kleiner als sein Gegner war und
-deßhalb zu hoch mit seinen Armen hinauflangen mußte. Als er so in die Höhe
-reichte, erhielt er einen furchtbaren Schlag in die Seite, der ihm zwei
-Rippen knickte, und nun war es vorüber. Noch viele Gänge hatten sie,
-und einmal ermannte sich Jones, hielt Stand und versetzt McCoole einen
-entsetzlichen Schlag gegen die rechte Seite des Kopfes, der auch aus seinem
-Auge Blut brachte, aber McCoole schlug ihn gleich dafür wieder zu Boden und
-weigerte sich sogar, von dem Kampf erregt, getragen zu werden. Er schritt
-selber leicht zu seinem Stuhl zurück.
-
-Noch erhielt Jones, der Muth und Kraft verloren hatte, einen Schlag gegen
-den Körper, der genau so klang, als ob man mit einem Hebebaum auf einen
-Wollsack schmetterte, aber es bedurfte dessen kaum noch, denn bei ein paar
-Gängen mußte er sich zu Boden werfen, ohne nur berührt zu sein, um einem
-furchtbaren, nach ihm gerichteten Schlag auszuweichen. Hatte er doch die
-Kraft verloren, ihn zu pariren. Es war dann ein scheußlicher Anblick, wenn
-der überdieß nicht hübsche Bursche, mit den blutunterlaufenen Augen und
-bleichen Zügen, aber lächelnd zu seinem Sieger aufblickte, als ob er sagen
-wollte: Siehst Du wohl, dießmal bin ich Dir doch noch ausgewichen. Aber
-McCoole blickte nur verächtlich auf ihn nieder und schritt zu seinem Stand
-zurück, denn kein Schlag darf geführt werden, wenn der Gegner am Boden
-liegt.
-
-Noch zwei Gänge und der entscheidende Schlag fiel. Jones war
-augenscheinlich zur Verzweiflung getrieben. Er fühlte, daß er nicht lange
-mehr aushalten könne, und machte einen verzweifelten Angriff auf den Iren.
-Das aber bekam ihm schlecht. McCoole war auf seiner Hut und ein Schlag
-gegen den Hals oder untern Theil des Gesichts -- es ließ sich das in der
-Schnelligkeit nicht so genau bestimmen -- schmetterte Jones mit solcher
-Gewalt zu Boden, daß ihm der Kopf auf die Seite sank.
-
-Er wurde augenblicklich wieder auf seinen Stand getragen, aber er war nicht
-im Stande, sich in der kurzen Frist von 30 Sekunden zu ermannen, hatte auch
-vielleicht, den Hieben gegenüber, keine besondere Lust dazu. Dreißig --
-fünfunddreißig Sekunden verflossen, und jetzt schmetterte das Siegesgebrüll
-der Irländer durch die Luft, und Alles sprang jauchzend in den Ring, um den
-Sieger zu begrüßen -- oder auch vielleicht um zusehen, wie er seinen Gegner
-zugerichtet habe.
-
-Viele stimmten freilich nicht mit in das Siegesgeschrei ein, und zwar aus
-dem sehr triftigen Grunde, weil sie bedeutende Summen -- man sprach sogar
-von _sehr_ bedeutenden, die gewettet worden -- verloren hatten. So soll
-ein Mann allein über 50,000 Dollars auf ihn verloren haben. Nur die
-Gleichgültigen eilten, so rasch sie konnten, nach den schon ihrer harrenden
-Wagen des Extrazugs zurück, um Sitzplätze zu bekommen und die Stehplätze
-dießmal Denen zu überlassen, die hoch oben in den Bäumen saßen und nicht
-so rasch heruntergleiten konnten, und nach kaum einer halben Stunde setzte
-sich der Zug langsam wieder in Bewegung.
-
-Vorher war aber schon der wieder zum Bewußtsein gekommene Jones in einen
-Wagen gesetzt worden und abgefahren, und als wir nach etwa zehn Minuten
-wieder hielten, überholten wir diesen. McCoole selber war mit im Zug, aber
-er stieg aus und ging zu Jones' Wagen, in welchem dieser mit verbundenem
-Kopf saß, und reichte ihm dort hinein die Hand.
-
-Zugleich ging im Zug das Gerücht um, daß Jones selber eine ziemlich große
-Summe bei dem Kampf gewettet und verloren habe, und daß man unterwegs für
-ihn sammeln würde. Es dauerte auch nicht lange, so kam McCoole selber, das
-breite, gemeine Gesicht wohl etwas geschunden, aber sonst allem Anschein
-nach völlig unverletzt, durch unsern Waggon. Vor ihm ging einer seiner
-Sekundanten, ein Papier in der Hand, um zu Unterschriften aufzufordern,
-hinter ihm McCoole mit seinem schwarzen breitrandigen Hut in der Hand, um
-kleinere Gaben gleich einzukassiren. Aber der Erfolg scheint kein besonders
-glänzender gewesen zu sein, -- wer auf Jones gewettet und verloren hatte,
-fand seinen Geldbeutel schon genug in Anspruch genommen. Wer gegen ihn
-gewonnen, gab wohl etwas, und eine kleine Summe kam dadurch zusammen. Es
-ist auch in der That eine starke Zumuthung, einem besiegten Preisboxer noch
-Almosen zu geben; die giebt man doch lieber einem braven, hülfsbedürftigen
-Arbeiter.
-
-So endete dieser wirklich berühmte Zweikampf, der auch in der That einiges
-politische Interesse hatte, da er, in damaliger Zeit gerade, zwischen einem
-Irländer und Engländer stattfand und dadurch schon die Sympathieen der
-Amerikaner für den Iren erweckte. Welchen Antheil man aber daran nahm, geht
-schon daraus hervor, daß der Kampf etwa 16 Minuten nach elf Uhr zu Ende kam
-und um zwölf Uhr -- ja noch einige Minuten früher -- schon die Zeitungen
-ausgegeben und von Jungen durch die Straßen geschrieen wurden, in welchen
-ein zwar flüchtiger, aber doch wahrer Bericht über den Kampf gedruckt
-stand. Hatte man doch zu dem Zweck einen Telegraphenapparat mit dem
-Draht dort in Verbindung gebracht, um auch nicht einen Augenblick Zeit
-zu verlieren, die werthvolle Nachricht zu verbreiten und einem Jeden
-zugänglich zu machen.
-
-Mir selber war das ganze Schauspiel, als überhaupt etwas Neues und in den
-Zweck meiner Reise einschlagend, interessant genug, aber es ist jedenfalls
-ein Beweis großer Brutalität, etwas Derartiges mit solchem Pomp und
-Spektakel und solchen Vorbereitungen zur Schau zu tragen. Uebrigens zeigten
-die Deutschen in Cincinnati deutlich genug, daß sie keine Freude an einer
-solchen Bestialität finden, denn nur sehr Wenige waren draußen, und ich bin
-auch ziemlich fest überzeugt, daß keiner von ihnen einen Cent auf solche
-Menschenschinderei gewettet hat.
-
-
-Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
-hervorgehoben.
-
-Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert, sowie
-gegebenenfalls "«," geändert in ",«".
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Camin" -- "Kamin",
-"Canoe" -- "Kanoe", "erwiderte" -- "erwiederte", "Fourche-la-Fave" --
-"Fourche la Fave" -- "Fourche-la-fave", "Jayhawker" -- "Jay-hawker",
-"Palissaden" -- "Pallisaden", "Partei" -- "Parthei", "Petite Jeanne" --
-"Petite-Jeanne", "Señora" -- "Sennora", "Señor" -- "Sennor", "wonach" --
-"wornach",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 6:
- "Missisippi" geändert in "Mississippi"
- (vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung)
-
- Seite 13:
- "," eingefügt
- (rief der Major, »Sie reden gerade)
-
- Seite 22:
- "." eingefügt
- (seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging)
-
- Seite 26:
- "enfernteste" geändert in "entfernteste"
- (auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt)
-
- Seite 34:
- "Furche-la-fave" geändert in "Fourche-la-fave"
- (Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit)
-
- Seite 40:
- "zn" geändert in "zu"
- (von den Frauen selbst verhöhnt zu werden)
-
- Seite 40:
- "," eingefügt
- (rief der alte Mann,)
-
- Seite 47:
- "bisjetzt" geändert in "bis jetzt"
- (die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen)
-
- Seite 50:
- "Bushwacker" geändert in "Bushwhacker"
- (bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen)
-
- Seite 57:
- "peischte" geändert in "peitschte"
- (Während man sie dann peitschte)
-
- Seite 60:
- "," eingefügt
- (gegen Little Rock marschirt, um sich dort)
-
- Seite 113:
- "." geändert in "?"
- (oder wer ist sonst noch bei Dir?)
-
- Seite 122:
- "könnne" geändert in "können"
- (und dort nach Belieben wirthschaften können)
-
- Seite 126:
- "erkärten" geändert in "erklärten"
- (von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker)
-
- Seite 132:
- "Boyle's" geändert in "Boyles'"
- (kehrten sie nach Boyles' Farm zurück)
-
- Seite 133:
- "," eingefügt
- (»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,«)
-
- Seite 133:
- "," hinter "man" entfernt
- (Revolverpatronen kann man ein paar Stunden)
-
- Seite 138:
- "." geändert in "?"
- (Was ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?)
-
- Seite 168:
- "ententgangen" geändert in "entgangen"
- (ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen)
-
- Seite 186:
- "," eingefügt
- (Er sah, wie sein Opfer noch einmal)
-
- Seite 192:
- "." eingefügt
- (und hielt mit seiner Arbeit inne.)
-
- Seite 196:
- "," eingefügt
- (die wenigen Hinterbliebenen, ihre Ernährer und)
-
- Seite 223:
- "." eingefügt
- (und sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte.)
-
- Seite 265:
- "einen" geändert in "einem"
- (dann zog die Mannschaft mit einem)
-
- Seite 273:
- "," eingefügt
- (und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen König)
-
- Seite 280:
- "Sie" geändert in "sie"
- (lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den)
-
- Seite 305:
- "," hinter "gerathen" entfernt
- (Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein)
-
- Seite 314:
- "." eingefügt
- (Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.)
-
- Seite 329:
- "mi" geändert in "mit"
- (und die Luft mit ihrem Arom erfüllten)
-
- Seite 344:
- "Biättern" geändert in "Blättern"
- (mit Palmfasern oder Blättern gedeckt)
-
- Seite 353:
- "," eingefügt
- (»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner)]
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Dritter Band, by
-Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND ***
-
-***** This file should be named 55163-8.txt or 55163-8.zip *****
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Kreuz und Quer, Dritter Band,
-by Friedrich Gerstäcker</title>
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-Project Gutenberg's Kreuz und Quer, Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Kreuz und Quer, Dritter Band
- Neue gesammelte Erzählungen
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: July 21, 2017 [EBook #55163]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-
-<h1>Kreuz und Quer.</h1>
-
-<p class="ce mt2 lh2">Neue gesammelte Erzählungen<br />
-<span class="fss">von</span><br />
-<span class="fsl"><span class="ge"><b>Friedrich Gerstäcker.</b></span></span></p>
-
-<p class="ce mt2 lh2">Dritter Band.</p>
-
-<p class="ce mt2"><span class="ge"><b>Leipzig,</b></span><br />
-<span class="ge">Arnoldische Buchhandlung.</span><br />
-1869.</p>
-
-
-
-
-<h2>Inhaltsverzeichniß.</h2>
-
-
-<div class="ce">
-<table summary="" border="0" cellpadding="2">
-<tr>
- <td class="tdr fss" colspan="2">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">1. Jay-hawkers</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_001">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">2. König Zambiri</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_198">198</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">3. Der Mexikaner</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_284">284</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">4. Ein <i>prize-fight</i> oder Boxerkampf in Cincinnati&emsp;</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_358">358</a></td>
-</tr>
-</table>
-</div>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-<span class="ge">Jay-hawkers.</span></h2>
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Erstes Kapitel.</span></span><br />
-
-In Perryville.</h3>
-
-
-<p>Das kleine Städtchen Perryville in Arkansas, das,
-während der Krieg in den östlichen Staaten der Union
-wüthete, nun über zwei Jahre fast wie todt und verlassen
-gelegen hatte, schien heute, am ersten October
-des Jahres 1862, seinen friedlichen Charakter abgelegt
-und sich in einen militärischen Tummelplatz verwandelt
-zu haben.</p>
-
-<p>Daß von allen Seiten Reiter, die lange Büchse
-auf der Schulter, die schweren Messer an der Seite,
-heransprengten, würde weniger aufgefallen sein, denn
-ohne diese Waffen ging überhaupt kein Backwoodsman
-nur von Farm zu Farm, aber dazwischen sah man
-auch eine Anzahl von Männern in grauen uniformartigen
-Röcken und doch auch wieder nicht uniform, denn
-Mancher von ihnen trug einen alten Filzhut, Mancher
-einen Strohhut auf dem Kopfe, aber alle auch einen
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-Gurt um den Leib und neben dem Messer einen,
-manchmal sogar zwei Revolver.</p>
-
-<p>Perryville ist keine regelmäßige Stadt, wenn auch
-schon seit langen Jahren regelmäßig ausgelegt. Arkansas
-selber hatte aber die in den schönen Staat gesetzte
-Hoffnung, daß er sich rasch und entschieden
-bevölkern würde, nicht bewährt. Viele seiner Bewohner,
-unstätes Volk alle zusammen, waren nach Californien
-gezogen, als der erste Ruf des Goldes von
-dort herübertönte, Andere nach Texas, weil sich vielleicht
-ein Fremder in ein oder zwei Miles Entfernung
-von ihnen angesiedelt hatte und die »zu nahe« Nachbarschaft
-ihnen unbequem wurde, und wenn sich dann
-auch mancher neue Einwanderer von den östlichen
-Staaten her in das Land zog, hielt sich die Bevölkerung
-trotzdem so ziemlich auf dem alten Stand.</p>
-
-<p>Nur an den kleinen Fluß hinauf, den Fourche-la-Fave,
-wie er genannt wird, hatten sich die Farmen,
-aber auch nur mit weiten Unterbrechungen gezogen;
-das innere Land lag noch in jungfräulicher Wildniß,
-von keiner Axt, höchstens einmal von dem Beil des
-Jägers berührt, der sich dort junge Stämme zu Lagerstangen
-abhieb, und das Städtchen, was so nach und
-nach am Fourche-la-Fave entstanden, war eigentlich
-gar nicht nöthig. Die Farmer und Jäger brauchten
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-es nicht, hätten wenigstens recht gut ohne dasselbe bestehen
-können, und benutzten es nur zu gelegentlichen
-Zusammenkünften.</p>
-
-<p>Bis hierher war auch der eigentliche Krieg noch
-nicht gedrungen und drang überhaupt nicht hin. Truppenkörper
-der verschiedenen Armeen schickten wohl
-später dann und wann einmal einen Streifzug durch
-den Wald, aber der mußte die Straße halten und verweilte
-auch nicht gern lange in den dichten Wäldern,
-wo er sich nie sicher davor fühlte, von einem anderen,
-vielleicht stärkeren Corps überfallen zu werden.</p>
-
-<p>Little Rock, die Hauptstadt des Staates, hatte sich
-allerdings zu Gunsten der Secession erklärt, denn Arkansas
-war ein echter Sclavenstaat, wenn es auch im
-Verhältniß nur wenig Negersclaven aufweisen konnte.
-Die eigentlichen Farmer und Jäger hatten sich aber
-bis jetzt, wie nach stillschweigendem Uebereinkommen,
-noch nicht am Kriege betheiligt. Sie waren weder
-angegriffen, noch belästigt worden und mit der geringen
-Bevölkerung ihres Staates, warfen sie ja doch kein
-Gewicht in die Wagschaale des Krieges. Ueberdies
-verkündeten die seltenen Nachrichten, die wirklich zu
-ihnen drangen, nur immer neue Siege der Secessionisten,
-die sogar das Capitol in Washington bedrohen
-sollten; sie wurden also dort gar nicht gebraucht,
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-während sie hier unumgänglich nöthig blieben, um
-ihre Familien zu erhalten. Was hätten die einzelnen
-Frauen und Kinder hier mitten im Walde anfangen
-wollen, wenn die Männer und jungen Leute weit hinweg
-in andere Staaten gezogen wären, um sich mit
-den Yankees herumzuschlagen.</p>
-
-<p>Außerdem standen fast alle <em class="ge">alten</em> Leute in dem
-ganzen District, im <em class="ge">Herzen</em> auf Seite der Union. Am
-ganzen Fourche-la-Fave war auch nicht ein einziger
-Sclavenhalter, kein einziger Neger zu finden. Am
-Petite-Jeanne drüben gab es allerdings ein paar, aber
-ihretwegen wäre es wahrlich nicht der Mühe werth
-gewesen, einen blutigen Krieg anzufangen und die
-große und mächtige Union in zwei Hälften zu reißen.</p>
-
-<p>Einzelnen jungen Leuten zuckte es allerdings in den
-Gliedern, Theil an dem Kampf zu nehmen und einen
-Tanz mit den »verdammten Abolitionisten« zu haben,
-wie die Yankees damals genannt wurden und welchen
-Namen sie auch in der That noch zum großen Theil
-jetzt führen; die große Mehrzahl war indeß entschieden
-<em class="ge">gegen</em> eine Betheiligung am Krieg, denn die Südstaaten,
-zu denen sie allerdings ihrer Lage nach gehörten,
-hatten die Flagge der Union beschimpft, die
-Constitution gebrochen und den Bürgerkrieg entzündet.
-<em class="ge">Sie</em> wollten keine Hand in solchen Dingen haben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-Nur die Frauen neigten sich sonderbarer Weise der
-Secession zu, und aus welchem Grunde?</p>
-
-<p>Im Herzen trugen sie alle den Wunsch, es einmal
-dahin zu bringen, daß sie sich ein Hausmädchen &ndash;
-natürlich eine Sclavin &ndash; anschaffen konnten, denn
-Dienstboten, wie wir solche bei uns gewohnt sind, gab
-es ja nicht in der Union, und was man <i>a help</i> nannte,
-eine »Hülfe,« und worunter sich eine Nachbarstochter
-verstand, die einmal auf kurze Zeit oder weil bei
-ihnen selber das Brot knapp wurde, herüberkam und
-eine Weile aushalf &ndash; konnte natürlich nicht genügen,
-da diese jungen »<i>ladies</i>« wie die rohen Eier behandelt
-sein wollten und bei dem ersten rauhen Wort das
-Haus augenblicklich und indignirt verließen. Eine
-junge Negersclavin blieb also ihr heimlicher, aber dafür
-desto innigerer Wunsch, und daß sie sich &ndash; unter
-solchen Umständen &ndash; nicht für Abschaffung der Sclaverei
-begeistern konnten, versteht sich wohl von selbst.</p>
-
-<p>Vor kaum acht Tagen nun war die Nachricht hier
-in den stillen Wald gedrungen, daß die »Südlichen«
-wieder einen neuen und großen Sieg über den Norden
-davongetragen hätten und dieser jetzt die verzweifeltsten
-Anstrengungen mache, um den immer mächtiger werdenden
-Feind zu verhindern, sich selbst in Besitz des
-Capitols zu setzen. Eine Aushebung von Hunderttausenden
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-sollte unter den Yankees ausgeschrieben sein,
-und es war deshalb nöthig geworden, auch die Kräfte
-des Südens zusammenzurufen, um die »Abolitionisten«
-nicht wieder zu Athem kommen zu lassen, sondern womöglich
-gleich mit einem Schlage zu vernichten. Derartige
-Phrasen durchliefen ja fortwährend die weit
-abgelegnen Territorien sowohl, als auch die einzelnen
-Rebellenstaaten selber, und fanden in den letzteren
-vielleicht Wiederklang &ndash; in Arkansas aber nicht. Als
-deshalb auf den heutigen Tag Emissaire vom anderen
-Ufer des Mississippi eine Versammlung in Perryville
-ausgeschrieben hatten, um den Stand der Verhältnisse
-zu besprechen, fanden sich wohl die jungen und auch
-die älteren Leute dazu ein, weil sie etwas Bestimmtes
-über den Stand des Krieges zu erfahren hofften, aber
-begeistert für die Sache selber waren sie nicht, ja die
-alten Backwoodsmen sogar fest entschlossen, einer möglichen
-Anwerbung entschieden entgegenzutreten.</p>
-
-<p>Den jungen Burschen aber kam ein solcher
-»Frolic,« wie sie es nannten, gerade recht. Der Krieg
-dauerte nun schon Jahre, und eine todte, erdrückende
-Schwüle hatte indessen auf dem ganzen Land gelegen.
-Wer sollte auch Lust gehabt haben sich zu vergnügen,
-während nur immer eine Nachricht nach der anderen
-kam, wie bald da bald dort Tausende im gegenseitigen
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Bruderkampf erschlagen waren und ihr Herzblut die
-zerstörten Felder röthete.</p>
-
-<p>Die Meisten sammelten sich auch bei dem alten
-Bockenheim, denn obgleich in den letzten fünf Jahren
-noch zwei andere kleinere <i>groceries</i> oder Kaufläden
-geöffnet worden, hatte man sich doch an den Deutschen,
-einen der ältesten Ansiedler der Fourche la Fave, gewöhnt,
-und außerdem sollte auch die eigentliche Versammlung
-in der unmittelbaren Nähe seines Hauses
-stattfinden, zu der sogar ein Major der Secessionisten
-herüber gekommen.</p>
-
-<p>Man lebte einmal wieder in dem bisher so todten
-Städtchen und der Whisky floß. Allerdings war es
-nicht mehr möglich, diesen von Norden herunter zu
-beziehen, woher sonst der beste Mohongahela kam,
-denn der Strom war sowohl von den Nord- als Südstaaten
-blokirt worden und selbst auf jedes kleine Boot
-wurde geschossen, das den Versuch machen wollte, sich
-hindurch zu schleichen. Aber in Arkansas wußten sie
-sich, was wenigstens diesen Gegenstand betraf, zu
-helfen, denn überall entstanden kleine Brennereien,
-wobei noch die Heintzesche den besten Stoff lieferte.
-Von diesem war ein frisches Faß angezapft worden,
-und die jungen Leute vom Fourche-la-Fave hatten sich
-schon darum gesammelt, als die County-Straße
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-herunter, von zwei »Sesesch«-Officieren (Secessionisten)
-begleitet, der Major auf einem prächtigen
-Rappen angesprengt kam, und vor Bockenheim's
-Thür sein muthiges Roß einzügelte.</p>
-
-<p>»Hallo Major!« rief ihm Einer der jungen Burschen
-zu, indem er ihm zugleich den vollen Becher entgegenhielt
-&ndash; »<i>how do you swop horses</i> (wie wollt Ihr
-Euer Pferd vertauschen) gegen den Grauen dort, der
-an den Hickory angebunden steht?«</p>
-
-<p>»Mein junger Freund,« sagte der Major, nicht im
-Geringsten durch die Frage beleidigt, denn sie war
-etwas zu Allgewöhnliches &ndash; »wir brauchen jetzt alle
-unsere guten Pferde selber, denn die verdammten Abolitionisten
-laufen so rasch, daß man sie mit alten
-Kracken gar nicht einholen kann.«</p>
-
-<p>»Oho Major,« lachte Jim Jenkins, ein Farmerssohn,
-dessen Vaters kleine Ansiedelung unmittelbar am
-Arkansas lag &ndash; »so sehr schnell können sie doch nicht
-laufen, wenigstens nicht so weit, denn Washington liegt
-doch dicht bei Virginien, und bis dahin haben sie Euch
-noch nicht gelassen.«</p>
-
-<p>»Weil wir dort Nichts zu holen hatten, Jim,« rief
-Hendricks, ein junger Mann vom Petite Jeanne, der
-aber auch schon die Uniform der Secessionisten trug
-und &ndash; wie er Anderen erzählte &ndash; nicht blos ein
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-paar der blutigsten Schlachten mitgemacht, sondern
-auch ein paar Dutzend Abolitionisten mit eigener
-Hand erschlagen hatte. »Was sollten wir in Washington?
-Das leere Weiße Haus besetzen? Das Lumpenvolk
-hat es ja schon vollständig ausgeräumt, und
-selbst die Bevölkerung der Stadt ihre beste Habe in
-Sicherheit gebracht. Wohin wir kommen wollen,
-dahin kommen wir auch &ndash; und wenn wir jetzt Alle
-richtig zusammenhalten, rücken wir ihnen im nächsten
-Monat nach New-York hinein, und da giebts nachher
-Beute, denn Lee hat uns fest versprochen, daß wir dort
-plündern sollen.«</p>
-
-<p>»Bah, wir sind keine Räuber,« sagte Jim finster,
-»daß man suchen sollte, uns damit anzulocken. Wer
-hier her kommt zu uns, um uns zu belästigen, gegen
-den stehen wir zusammen &ndash; was kümmern uns die
-Kaufläden in New-York?«</p>
-
-<p>»Muß eine verwünscht gemeine Seele sein,« rief
-da ein anderer, John Wells, der Sohn eines der besten
-Jäger am Fourche, der sich aber an politischen Dingen
-nie betheiligte und still und zurückgezogen auf seiner Farm
-lebte &ndash; »der in einem solchen Krieg von Plündern spricht
-&ndash; verdient daß man ihm die Uniform vom Leib risse.«</p>
-
-<p>»Dazu gehört ein <em class="ge">Mann</em>!« rief Hendricks, zornig
-auffahrend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-»Gott verdamm Dich, hier steht er!« schrie John,
-in dem Augenblick auch sein eigenes Jagdhemd abwerfend,
-um die Arme frei zu bekommen, indem er
-Hendricks gegenüber sprang &ndash; »stell' Dich bereit,
-mein Junge, und wahr' Deine Nase&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich bin nicht hergekommen um mich hier zu
-prügeln,« rief Hendricks abwehrend&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Feigling!« höhnte ihn John, und schien nicht übel
-Lust zu haben, trotz alledem auf ihn einzuspringen; der
-Major aber, der sich indessen mit einigen der alten
-Backwoodsmen unterhalten hatte, trat rasch dazwischen
-und sagte abwehrend:</p>
-
-<p>»Boys, um Gottes Willen, fangt untereinander
-keinen Streit an. Wir haben da draußen alle Hände
-voll zu thun, um mit den verwünschten Abolitionisten
-fertig zu werden, und wenn Ihr denen die Fäuste
-zeigen wollt, ist's ja recht, aber nicht hier Freund gegen
-Freund. Das wäre den Yankees gerade recht, wenn
-sie uns hier im Süden selber gegeneinander hetzen
-könnten.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Dann muß uns so ein hergelaufener Lump aber
-auch nicht mit Plündern anlocken wollen!« trotzte
-John, der noch immer gar nicht übel Lust zu haben
-schien, den Kampf aufzunehmen.</p>
-
-<p>»Ich habe nur gesagt, daß von Plündern gesprochen
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-ist,« rief Hendricks, »ich denke nicht daran, selber so
-'was zu thun.«</p>
-
-<p>»Frieden! haltet Frieden!« riefen jetzt auch Einige
-der älteren Leute. »Es fließt Blut genug im Lande,
-Jungens, laßt uns das Elend nicht auch an den
-Fourche-la-Fave verpflanzen und erst einmal hören,
-was der Major zu sagen hat. Sprecht Major,
-Ihr habt uns ja hierhergerufen, was soll's
-eigentlich.«</p>
-
-<p>»Ja, Gentlemen,« begann der Major, indem er
-seine Militärmütze abnahm und sich mit der Hand
-durch die Haare fuhr, »die Sache ist höllisch einfach
-und nicht viel darüber zu sagen. Ihr habt bis jetzt
-hier gelebt, als ob Euch der Krieg, der da draußen
-geführt wird, gar nichts anginge, aber das muß eben
-ein Ende nehmen. In Missouri sammeln die verdammten
-Yankees mehr und mehr Truppen an, weil
-es ihnen unbequem ist, daß wir den Mississippi hier
-haben und besetzt halten. Die also können jeden
-Augenblick bei Euch einbrechen und dann sitzt Ihr da,
-Nichts ist organisirt, kein Commando, keine Ordnung
-und Alles zerstreut im Busch, wo man Euch nachher
-einzeln aufsuchen und gefangen in die Yankeestaaten
-hinaufschleppen kann.«</p>
-
-<p>»Aber, Major,« sagte der alte Klingelhöffer, ein
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-Deutscher, der seit 30&nbsp;Jahren in diesen Wäldern lebte,
-»red't keinen Unsinn. Wenn die Unionstruppen
-wirklich einmal hier durchmarschirten, und Streifcorps
-sind schon ein paar Mal in der Nähe gewesen,
-so haben sie genug für sich selber mitzuschleppen, als
-daß sie sich auch noch Gefangene aufladen sollten. Daß
-sie uns Rinder schlachten werden, um was zu leben zu
-haben, ja, das ist möglich, aber weiter geschieht auch
-Nichts, und wenn wir unsere jungen Leute in den Krieg
-schicken, können sie nachher erst recht machen, was sie
-wollen.«</p>
-
-<p>»Daraus wird Nichts,« sagte der alte Jenkins,
-ebenfalls ein treuer Unionsmann, der finster daneben
-auf einer Wagendeichsel gesessen und an einem Spahn
-herumgeschnitzt hatte. »Unsere jungen Leute dürfen
-nicht fort von hier; nachher ist der Wald leer und
-unsere Kinder können hungern und verderben. Laßt
-es die ausfechten, die das Blutvergießen verschuldet
-haben.«</p>
-
-<p>»Ist auch meine Meinung,« nickte der alte Hogau,
-der oben vom Fourche-la-Fave heruntergekommen
-war, »wir oder die Unseren haben Nichts draußen zu
-thun, wir gehören hier in die Range, und wenn uns
-dann Jemand belästigen will, ei zum Wetter, dann
-haben wir auch noch unsere Büchsen und hier zwischen
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-den Bäumen drinn, soll ihnen der Platz bald zu warm
-werden.«</p>
-
-<p>»Aber Gentlemen!« rief der Major, »es spricht
-ja kein Mensch davon, daß die jungen Leute hier den
-Staat verlassen sollen. General Lee selber ist dagegen
-und stimmt ganz mit Ihrer Ansicht überein, daß
-es eben gefährlich wäre, die Wälder hier von ihren
-Vertheidigern zu entblößen. Nur organisiren sollen
-Sie sich und eine sogenannte Landwehr bilden, um
-im Fall eines Angriffs im Stand zu sein, sich augenblicklich
-unter ihren Führern zu sammeln, und ich
-glaube, das ist doch nur in Ihrem eigenen Interesse
-und zu Ihrem eigenen Besten gehandelt.«</p>
-
-<p>»Ich sehe den Grund nicht ein,« rief Klingelhöffer;
-»zum Henker auch, wir haben die Mittel und
-Wege, unsere jungen Leute auf den Fleck zu bekommen,
-wenn sie nothwendig gebraucht werden sollten,
-und in Reih' und Glied können wir hier im Walde
-doch nicht kämpfen. Uebrigens« &ndash; setzte er langsamer
-hinzu &ndash; »weiß ich auch gar noch nicht einmal gegen
-wen wir fechten und wer von den beiden Partheien
-unser schlimmster Feind ist.«</p>
-
-<p>»Aber Mister &ndash; entschuldigen Sie, ich kann
-Ihren Namen nicht behalten,« rief der Major, »Sie
-reden gerade, als ob Sie noch nicht einmal wissen, ob
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-Sie auf Seite der Südstaaten oder der Abolitionisten
-treten sollten.«</p>
-
-<p>»Weiß ich auch nicht,« brummte der alte Mann
-störrisch, indem er seinen Hosengürtel in die Höhe zog,
-»denn einverstanden bin ich mit der ganzen Geschichte
-nicht, weil sie eben Lügen braucht, um sich fortzuhelfen.«</p>
-
-<p>»Lügen, Mister?«</p>
-
-<p>»Jawohl, Lügen,« brummte der Alte, »denn,
-wenn die Berichte alle wahr wären, die wir hier hergeschickt
-kriegen, so könnten die Yankees schon gar keine
-Soldaten oder überhaupt noch Menschen haben, so
-viele sind in jeder Schlacht gefallen und so geschwind
-sind die Anderen gelaufen. Dabei wird aber der
-ganze Krieg eben nur in den Südstaaten geführt;
-nicht einmal über dem Ohio drüben haben sich die
-Südlichen halten können, und uns wollen sie jetzt auch
-noch mit hineinziehen.«</p>
-
-<p>»Aber das verlangt ja Niemand.«</p>
-
-<p>»Gut, dann überlaßt das Andere auch uns selber,
-wir wollen die Sache schon hier in Ordnung halten.
-Hat sich überhaupt Niemand sonst darum zu kümmern.«
-»Wär' auch etwa meine Meinung,« nickte Jenkins. &ndash;
-»Wir alten Colonisten hier haben jetzt herangewachsene
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-Jungen, die selber schon Männer geworden sind
-und können es denen ruhig überlassen.«</p>
-
-<p>»Und dann wohnen wir hier auch in keiner
-Stadt,« fiel Hogan ein, »wo in der Zeit der Noth ein
-Nachbar dem anderen beispringen kann, und wenn
-Einen was bedroht, der Andere ebenfalls davon wissen
-muß, weil er dicht daneben sitzt. Wenn hier in unsere
-einzelnen Farmen eine Bande einbricht, so können
-sie thun und lassen, was sie wollen, nicht einmal das
-Knallen der Gewehre hört man beim Nachbar. Wenn
-die Südstaaten deshalb etwas für uns thun wollen
-und überhaupt die Yankees, wo sie sich blicken lassen,
-vor sich hertreiben, weshalb räumen sie denn da nicht
-unseren Nachbarstaat Missouri von den Abolitionisten?
-nachher hätten wir hier gewiß Frieden.«</p>
-
-<p>»Das kann aber nur geschehen, wenn wir selber
-mit dazu helfen,« rief jetzt Hendricks &ndash; »was sagt
-Ihr Boys &ndash; wär' das nicht gerade das Rechte für
-uns hier, aus dem Wald gen Norden aufzubrechen
-und die Wälder vor uns, wenn wir mehr hinaufzögen,
-rein zu fegen von dem Gesindel, das sich darin versteckt
-hält.«</p>
-
-<p>»Das Gesindel,« lachte der junge Wells, »gehört
-aber so viel ich weiß, nur zu Eurer Parthei, denn die
-Unionstruppen klagen genug über die südlichen »Bushhawker«,
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-die einzeln oder in kleinen Banden im Wald
-liegen und ihren Feind nur feige aus dem Hinterhalt
-niederschießen.«</p>
-
-<p>»Und wißt Ihr einen Guerilla-Krieg, der anders
-zu führen wäre?« fragte Hendricks, mit einem finsteren
-Blick auf den Sprecher. »Hätten sich die wackern
-Burschen dort nicht in den Wald geworfen und setzten
-sie nicht jeden Tag noch ihr Leben ein, so wären die
-verdammten Blauröcke lange schon zu Euch hier
-herunter marschirt. Freilich ist es bequemer und sicherer,
-hier auf der Farm zu sitzen und dann und wann
-einmal nach einem armen Hirsch zu feuern. Der kann
-nicht wieder schießen.«</p>
-
-<p>»Lump Du &ndash; verbrannter!« fuhr der junge
-Wells empor &ndash; aber Klingelhöffer sprang jetzt selber
-dazwischen und rief:</p>
-
-<p>»Frieden hier! wir wollen keinen Streit, wir wollen
-aber auch keine südländischen Werber unter uns,
-die uns die Jungen vom Hause fortlocken. Laßt uns
-abstimmen darüber. Wir haben hier fast den ganzen
-Fourche-la-Fave versammelt. Laßt die Leute selber
-entscheiden, ob sie Soldaten spielen wollen oder nicht.
-Ich meinestheils bin dagegen; wir sind außerdem
-schlimm genug daran, denn mit Little Rock haben wir
-fast gar keinen Verkehr mehr; zu kaufen ist Nichts im
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-Land und was wir nothwendig zur Unterhaltung unserer
-Familien brauchen, müssen wir uns selber ziehen.
-Was sagt Ihr, Jenkins?«</p>
-
-<p>»Beim Alten soll's bleiben,« erwiderte der alte
-Mann mürrisch. »Wir brauchen keine Zwischenträger,
-die uns hier sagen wollen, was wir zu thun oder zu
-lassen haben. Ich stimme dagegen.«</p>
-
-<p>»Ich auch &ndash; ich ebenfalls,« tönte es von den meisten
-Seiten, und nur einige der jüngeren Leute versuchten
-eine kleine Opposition, wurden aber so vollkommen
-überstimmt, daß sie gar nicht in Betracht kommen
-konnten. Major Rollok hatte mit finster zusammengezogenen
-Brauen daneben gestanden und das Resultat
-beobachtet, aber er war auch klug genug einzusehen,
-daß hier und in <em class="ge">dieser</em> Versammlung, in der überhaupt
-ein dem Süden nichts weniger als freundlicher
-Geist zu herrschen schien, kaum etwas würde auszurichten
-sein. Er mußte deshalb seine Zeit abpassen,
-und &ndash; war auch gerade der richtige Mann
-dazu.</p>
-
-<p>»Gentlemen,« sagte er, als er flüchtig den Blick
-umhergeworfen und sich die von den jungen Leuten,
-die auf seiner Seite standen, rasch gemerkt hatte, »die
-Frage hier kommt mir nicht mehr zweifelhaft vor.
-Wie ich sehe, sind Sie fest entschlossen, ihre eigene
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-Heimath zu vertheidigen, und das Land in Betracht
-gezogen, in dem Sie nun einmal leben, kann ich Sie
-kaum deshalb tadeln. Lassen wir das also. &ndash; Mr.
-Bockenheim, Ihr Whisky ist ausgezeichnet, ich bitte
-um eine andere Flasche, denn wir haben vom vielen
-Reden Durst bekommen.«</p>
-
-<p>»Meiner ist gelöscht,« erwiederte Klingelhöffer,
-indem er seine Büchse über die Schulter warf und
-hinüber zu seinem Poney ging &ndash; »ich denke Boys,
-wir sind hier fertig und um eine »<i>Spree</i>«<span class="top">[1]</span> zu halten,
-ist die Zeit zu ernst. <em class="ge">Ich</em> gehe heim.«</p>
-
-<p class="ci fss">
-[1]: <i>Spree</i> (<i>sprie</i> gespr.) ein lustiges Trinkgelag &ndash; ein vergnügter
-Abend.</p>
-
-<p>»Ich auch &ndash; wir Alle,« rief es von verschiedenen
-Seiten und wenn auch manche der jungen Leute noch
-gern den Nachmittag dort geblieben wären, folgten
-doch die Meisten den älteren. Nur zehn oder zwölf
-etwa, von denen die Meisten in Perryville selber
-wohnten, blieben noch zurück, um, wie sie sagten, von
-dem Major Näheres über den Krieg zu hören, und da
-diese jetzt eine verhältnißmäßig kleine Gruppe bildeten,
-war die kleine Stadt bald wieder so still und
-öde als vorher.</p>
-
-
-
-
-<h3><a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-<span class="subheader"><span class="ge">Zweites Kapitel.</span></span><br />
-
-Der Korb.</h3>
-
-
-<p>Für den Augenblick war die Gefahr, die dem
-stillen Frieden dieser Gegend drohte, abgewehrt; denn
-wenn auch der Major noch sein Bestes versuchte, die
-Zurückgebliebenen wenigstens, von denen noch dazu die
-Meisten auf seiner Seite standen, zu einem directen
-Vorgehen in diesem Sinne zu bewegen, so hatte sich
-doch die Meinung des Fourche-la-Fave kurz vorher zu
-entschieden ausgesprochen, um auf einen Erfolg hoffen
-zu können. Der Samen war aber einmal ausgestreut
-und von diesem Tag an begann eine Art von Unruhe
-in der ganzen Range, die man bis jetzt und so lange
-der Krieg währte, noch nicht gekannt hatte.</p>
-
-<p>Allerdings verließ Major Rollock mit den übrigen
-Sesesch-Soldaten die Ansiedlung, um drüben am
-Petite Jeanne sein Glück und wie sich später zeigte
-mit besserem Erfolg zu probiren; Hendricks aber, der
-eine Menge Bekannte am Fourche-la-Fave hatte,
-blieb zurück und schien dabei auch nicht besonders
-durch den Wortstreit eingeschüchtert zu sein, den er
-mit einigen der jungen Leute gehabt. Er war ihm
-ungelegen gekommen, ja &ndash; noch dazu mit <em class="ge">einem</em> der
-jungen Backwoodsmen, aber er wußte auch recht gut,
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-daß deren Blut rasch aufbrauste, jedoch auch eben so
-rasch wieder durch ein freundliches Wort beruhigt
-werden konnte.</p>
-
-<p>Acht Tage waren nach der, im vorigen Kapitel
-beschriebenen Versammlung etwa verflossen. Der
-alte Jenkins stand vor seinem Haus und hieb mit
-seinem kleinen Beil einen Axtstiel zurecht, sein Sohn
-James oder Jim, wie er kurzweg genannt wurde,
-war nicht weit davon beschäftigt, eine neue Corncrib
-oder einen Verschlag, in dem der Mais eingelegt
-werden sollte, aufzurichten, und Betsy, seine Schwester,
-ein blühendes junges Mädchen von etwa achtzehn
-Jahren, mit frischer Gesichtsfarbe &ndash; etwas nicht
-sehr gewöhnliches am Fourche, und gar so lieben,
-kastanienbraunen Augen, quälte sich eben in einer benachbarten
-Umzäunung mit einer etwas störrischen
-Kuh ab, die sich nicht wollte melken lassen, aber doch
-zuletzt der ruhigen Entschlossenheit des Mädchens
-nachgeben mußte. Bill, ihr jüngster Bruder, kam
-eben mit einem Eimer Wasser vom Fluß herauf.</p>
-
-<p>»<i>Hallo the house!</i>« rief da eine Stimme von
-außerhalb der Fenz die Männer an und ein Reiter
-hielt dort, den Niemand der mit ihrer Arbeit Beschäftigten
-hatte herankommen sehen.</p>
-
-<p>Die Hunde schlugen jetzt an und rannten heulend
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-und bellend gegen die Fenz, an der sie hinaufsprangen,
-die Gänse schnatterten, die Hühner durch die
-zwischen ihnen hinfahrenden Hunde erschreckt, gakerten
-und es war für den Augenblick ein Skandal, in
-dem man nicht einmal sein eigenes Wort hören
-konnte.</p>
-
-<p>»Ruhe, Ihr Bestien,« schrie der alte Jenkins, indem
-er ein Stück Holz aufgriff und zwischen die Köter
-hin schleuderte; »wollt Ihr Frieden geben! Hallo
-Hendricks, <em class="ge">Ihr</em> seid's? Ich glaube, Ihr wäret schon
-lange wieder bei der Armee, rücktet mit ihr gegen
-New-York vor. Kommt herein, Mann, und bleibt
-nicht da draußen auf Euerem Pferd halten.«</p>
-
-<p>»Dank Euch, Mr. Jenkins,« sagte der junge
-Mann, indem er von der Einladung ohne Weiteres
-Gebrauch machte. Die Hunde hatten ja auch gesehen,
-daß ihr Herr mit dem Fremden sprach, sie also Nichts
-mehr drein zu reden hatten, und als dieser jetzt sein
-Thier draußen angebunden hatte und die kleine
-Pforte öffnete, zogen sie sich, wohl immer noch knurrend,
-aber doch keine offene Feindseligkeit mehr zeigend,
-unter das Haus zurück.</p>
-
-<p>Jim Jenkins hatte Hendricks eigentlich erstaunt
-und mit nicht besonders freundlichen Blicken betrachtet.
-Nach dem, was neulich zwischen ihnen vorgefallen,
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-mochte er seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber
-was ging er <em class="ge">ihn</em> an. Sein Vater hatte ihn aufgefordert,
-in's Haus zu kommen, er nicht, und ohne sich
-deshalb weiter um ihn zu kümmern, fuhr er auch ruhig
-in seiner Arbeit fort. Hendricks schien aber anders
-zu denken, denn nachdem er dem alten Jenkins die
-Hand geschüttelt, ging er ohne Weiteres auf Jim
-zu, so daß sich der junge Mann verlegen aufrichtete,
-und sagte mit freundlicher, ja fast herzlicher
-Stimme:</p>
-
-<p>»Komm Jim. Die Politik hat schon manche
-Freunde entzweit, sie soll es aber hier nicht im Walde
-thun. Wir waren Beide damals aufgeregt und heftig.
-Jetzt haben wir kaltes Blut und ich wenigstens
-habe die Sache vergessen.« Er streckte ihm dabei die
-Hand entgegen und wenn Jim auch wohl selber
-schwerlich ein erstes freundliches Wort zu ihm gesagt
-hätte, war er doch auch wieder viel zu offener, ehrlicher
-Natur, eine gebotene Hand zurückzuweisen. Er
-schlug ein und nickte.</p>
-
-<p>»Gut Bob, so soll's sein. Du hast Recht, die Zeit
-ist danach angethan, daß wir hier Alle zusammenhalten,
-und ich werd' es wahrhaftig nicht sein, der den
-ersten Streit in die »Range« würfe. Sei willkommen.«</p>
-
-<p>»So recht Jungens,« nickte der Alte, der schweigend
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-der kleinen Versöhnungsscene zugeschaut. »Wir
-können hier in der That keine Uneinigkeit gebrauchen,
-denn wer weiß wie bald wir Einer den Andern nöthig
-haben, wenn das Unglück auch über uns hereinbrechen
-sollte. Und nun kommt herein Hendricks; das
-Frühstück wird gleich fertig sein, die Betsy bettelt sich
-nur noch da drüben die Milch von der Kuh, die ebenfalls
-halsstarrig zu sein scheint. Kommt Mann und
-drin könnt Ihr uns sagen, was Euch zu diesem Winkel
-von Arkansas hergeführt, denn Besuch bekomme ich
-verwünscht selten, wenn nicht einmal ab oder zu ein
-einzelnes Canoe bei mir anlegt.«</p>
-
-<p>Hendricks dankte freundlich, schien aber doch noch
-keine rechte Lust zu haben der Einladung ohne Weiteres
-zu folgen, denn Betsy trat eben mit ihrem
-kleinen Melkkübel aus der Umzäunung und kam auf
-sie zu.</p>
-
-<p>»Wie geht's Miß Betsy,« sagte Hendricks, ihr
-ein Paar Schritt entgegengehend und ihr die Hand
-reichend &ndash; »Sie sehen wohl und munter aus, und
-die Arkansas-Niederung scheint Ihnen vortrefflich zu
-bekommen.«</p>
-
-<p>»Danke Sir,« sagte das junge Mädchen, leicht
-erröthend, »ich habe ja auch, Gott sei Dank, noch
-kein Fieber hier gehabt; Pa und Ma aber desto mehr.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-»Bah, das richtet sich Alles ein,« brummte der
-Alte, »wenn man sich nur erst einmal ein Bischen an
-die warme feuchte Luft gewöhnt hat. Das Land hier
-ist aber desto besser. Seht einmal die Maiskolben
-an, Hendricks, ob Ihr je in Euerem Leben größere
-getroffen habt. So lange ich und mein Junge leben
-bleiben, hält auch der Boden aus; in dem ist kein
-Vergang.«</p>
-
-<p>Das Gespräch kam jetzt auf die Fruchtbarkeit der
-verschiedenen Distrikte, in dem die Farmer unerschöpflich
-sind, und Betsy war indessen in das Haus gegangen,
-um den Frühstückstisch zu bestellen, denn die
-Mutter hatte wieder einen »Anfall« des ewigen kalten
-Fiebers und saß, sich schüttelnd, am Camin in der
-Ecke, die offenen zitternden Hände gegen die Flamme
-ausgebreitet.</p>
-
-<p>Bei dem Frühstück, das übrigens frugal genug
-aus etwas gebratenem Speck, warmem Weisbrod und
-einem Becher Kaffee oder Milch bestand, erzählte nun
-auch der Gast seinen Wirthen, daß er gesonnen sei,
-den Petite Jeanne zu verlassen, denn man wohne
-dorten gewissermaßen aus der Welt. Er wollte deshalb
-herüber an den Fourche ziehen, wo er sich schon,
-ein Stück weiter oben einen Platz ausgesucht habe, um
-eine Dampfsägemühle aufzustellen. Er hatte, wie er
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-bemerkte, eine Masse Vieh im Walde herumlaufen,
-das jetzt einen nie dagewesenen hohen Preis in Little
-Rock brachte. Dorthin wollte er es nun, ehe er wieder
-zur Armee ging, treiben und verkaufen und dafür
-eine auf Speculation nach der Stadt gebrachte Sägemühle
-erstehen, die in der jetzigen Zeit natürlich kein
-Mensch haben wollte noch auch gebrauchen konnte,
-und die er unter solchen Umständen &ndash; wie er
-sich auch schon erkundigt &ndash; zu einem Spottpreis
-bekam.</p>
-
-<p>Der alte Jenkins nickte dazu beistimmend vor sich
-hin, denn was der junge Mann da vorrechnete, hatte
-Hand und Fuß, während sie Nichts nothwendiger in
-der <i>range</i> brauchten, wie gerade eine schon lang ersehnte
-Sägemühle, die auch wahrscheinlich vortreffliche
-Geschäfte machen würde. Das nur war ihm dabei
-etwas Neues, daß Hendricks so viel Vieh haben sollte,
-denn der alte Hendricks, der eine kleine Farm am
-Petite Jeanne angelegt hatte und fast gar Nichts
-selber arbeitete, denn er saß den ganzen geschlagenen
-Tag im Hause und las in der Bibel, war blutarm
-&ndash; so wenigstens erzählte man sich am Fourche-la-fave.
-Uebrigens bestand nicht viel Verbindung zwischen den
-beiden kleinen Flüssen. Nicht einmal ein Weg führte
-vom unteren Theil der Fourche-la-fave hinüber, und
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-irrige Nachrichten konnten deshalb wohl recht gut
-verbreitet sein.</p>
-
-<p>Der alte Jenkins dachte auch gar nicht daran,
-über die Verhältnisse eines Nachbars nachzugrübeln.
-Das war dessen Sache, und wenn sich der Sohn
-Geld erworben oder Vieh gezogen hatte, desto besser.
-Jenkins war wahrlich nicht neidischer Natur, um es
-ihm zu mißgönnen. Seine eigene Arbeit durfte er
-aber dabei nicht versäumen, und wie sie nun das
-Frühstück beendet, ging er wieder hinaus, um seinen
-Axtstiel fertig zu schnitzen und dann dem eigenen Sohn
-mit der <i>corncrib</i> zu helfen.</p>
-
-<p>Jim Jenkins und sein Bruder Bill standen ebenfalls
-auf, aber es war in den Backwoods auch Gebrauch,
-daß ihnen der Gast nicht zu folgen brauchte,
-sondern noch eine Zeitlang zurück und bei den Frauen
-blieb, um sich mit diesen ein wenig zu unterhalten.
-Besuch kam ja so selten, und hatte dann jedesmal
-einen so weiten Weg zurückzulegen, daß man ihn
-doch nicht gut auf eine halbe Stunde beschränken
-konnte.</p>
-
-<p>Die Mutter war aber kränker geworden und
-hatte sich auf das Bett in die entfernteste Ecke des
-Hauses gelegt, wo sie sich im Fieberfrost die Steppdecke
-über den Kopf zog. Betsy stand am Kamin
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-und wusch das Geschirr auf. Hendricks, den Ellnbogen
-gegen den Simms gestützt, stand daneben. Die
-Unterhaltung war aber in's Stocken gerathen und
-selbst ein paar Fragen, die das junge Mädchen an
-ihn richtete, wurden so kurz und zerstreut beantwortet,
-daß sie endlich von ihrer Arbeit auf und ihn
-ansah.</p>
-
-<p>Hendricks mochte in diesem Augenblick fühlen, daß
-er sich ungeschickt benommen, denn das Blut schoß ihm
-in die Schläfe &ndash; aber es war auch wirklich nur
-ein Augenblick, denn schon im nächsten sagte er, wenn
-auch mit nur halblauter und fast unterdrückter
-Stimme:</p>
-
-<p>»Miß Betsy, entschuldigen Sie mich &ndash; meine
-Gedanken waren mit mir durchgegangen, und ich
-glaube ich habe mich etwas albern benommen.«</p>
-
-<p>»Sie haben gewiß nicht verstanden, was ich Sie
-frug,« lächelte das Mädchen.</p>
-
-<p>»Nein &ndash; in der That nicht, aber erlauben auch
-Sie mir eine Frage&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gern, wenn ich sie beantworten kann.«</p>
-
-<p>»Nun gut,« sagte Hendricks, und wie sich vorher
-sein Antlitz rasch und wie mit einem Schlag röthete,
-eben so schnell erbleichte es auch jetzt, so daß ihn
-Betsy, die sich sein wunderliches Betragen nicht erklären
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-konnte, erstaunt und fast erschreckt ansah.
-Hendricks ließ ihr aber nicht lange Zeit, und nach
-einem halb scheuen Blick auf das Bett hinüber, wo
-er aber keinen Horcher zu fürchten brauchte, fuhr er
-leidenschaftlich, aber nicht laut fort: »Sie haben vorhin
-gehört, Betsy, daß ich mir in allernächster Zeit
-eine Heimath zu gründen gedenke &ndash; der Krieg kann
-kaum sechs Monat mehr dauern, dann kehre ich zurück
-und baue mir meine Cabin &ndash; wollen Sie mein
-Weib sein? Wollen Sie Ihr künftiges Loos in meine
-Hände legen? Ich gebe Ihnen die feste Versicherung,
-daß ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Halten Sie ein, Mr. Hendricks,« unterbrach ihn
-aber Betsy, und es war jetzt an ihr, zu erbleichen.
-Das Mädchen war in den wenigen Secunden so
-weiß geworden wie Schnee. »Ihr Antrag hat mich
-allerdings überrascht &ndash; ich war nach unserer flüchtigen
-Bekanntschaft nicht darauf vorbereitet &ndash; konnte
-es nicht sein, aber ich &ndash; muß Ihnen auch erklären,
-daß jedes weitere Wort unnöthig sein würde, denn
-&ndash; ich bin schon Braut.«</p>
-
-<p>»Betsy?« rief Hendricks, und krampfhaft faßte er
-das Simms, an dem er bis jetzt gestanden, »das ist
-nicht möglich. &ndash; Vor kaum vierzehn Tagen war ich
-hier und ich weiß, daß Sie da noch frei waren. Sie
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-wollen nur Zeit gewinnen, aber ich dränge Sie ja
-nicht &ndash; nur die Möglichkeit will ich von Ihren Lippen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und selbst die Möglichkeit kann ich Ihnen nicht
-geben,« sagte Betsy leise, aber auch fest und entschlossen.
-»Ob ich glaube mit Ihnen glücklich leben zu
-können oder nicht, kommt hier nicht mehr in Betracht.
-Ich habe dem jungen Wells mein Wort gegeben,
-und sobald John sein neues Haus fertig hat, wird
-die Hochzeit sein. Die Zeiten sind so unruhig, daß
-ich meine Zustimmung zu einer so raschen Verbindung
-gab.«</p>
-
-<p>Hendricks hatte seine Unterlippe fest mit den
-oberen Zähnen gefaßt, und sein Blick bohrte sich
-dabei so scharf in Betsy's Augen, daß diese ihn nicht
-ertragen konnte. Aber in diesem Blick lag keine Liebe,
-kein Schmerz, sondern nur Haß, und während sich
-ein höhnisches Lächeln über seine Züge legte, sagte er
-ruhig:</p>
-
-<p>»Wenn die Sachen so stehen, Miß, dann möchte
-ich einer so glänzenden Verbindung allerdings nicht
-im Wege sein &ndash; der Sohn eines Halb-Indianers&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mister Hendricks,« blitzte ihn aber jetzt das
-wieder voll auf ihn gerichtete Auge des Mädchens
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-an &ndash; »Sie würden nicht den Muth haben, das
-meinem Bräutigam in's Gesicht zu sagen. Entfernen
-Sie sich jetzt augenblicklich oder ich rufe meinen
-Vater.«</p>
-
-<p>»Ich werde Sie nicht länger belästigen, Miß,«
-sagte Hendricks kalt; »vielleicht habe ich einmal später
-die Freude, dem jungen glücklichen Paar meine
-Glückwünsche zu bringen. Mr. Wells zieht ja wohl
-nicht mit aus, um sein Vaterland zu vertheidigen &ndash;
-was ich ihm auch unter solchen Umständen nicht verdenken
-kann.«</p>
-
-<p>Betsy's Blut kochte &ndash; ihre Lippen öffneten sich
-halb, ihre kleine Faust ballte sich. Hendricks aber
-dachte nicht daran, sie noch mehr zu reizen, die Nähe
-der Männer vor dem Haus war ihm auch vielleicht
-unbequem, und sich nur mit spöttischer Ehrfurcht vor
-ihr tief verneigend, drehte er sich ab, ging zu seinem
-Pferd, band es los, schwang sich in den Sattel, und
-den bei ihrer Arbeit beschäftigten Männern einen
-kurzen Gruß zurufend, sprengte er gleich darauf den
-schmalen Pfad entlang, der nach dem Fourche-la-fave
-hinüberführte.</p>
-
-<p>»Na?« sagte Jim, der ihm erstaunt nachgesehen
-hatte, »der hat's ja auf einmal verdammt eilig.
-Was ist denn dem in die Krone gefahren, daß er
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-davonschießt, als ob die Regulatoren hinter ihm her
-wären.«</p>
-
-<p>Der Alte hatte sich ebenfalls aufgerichtet, und
-wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, fuhr
-sein Blick nach der eigenen Hausthür hinüber, ob er
-dort vielleicht eine Erklärung fände. Die Thür blieb
-aber leer; Betsy ließ sich nicht blicken und Jenkins,
-sich den einen Balken zurecht rückend, den er eben behauen
-wollte, sagte kopfschüttelnd:</p>
-
-<p>»Laß ihn laufen. Es ist mir recht, daß Ihr Euch
-nicht in den Haaren liegt, denn Nachbarn sollen in
-Frieden beieinander wohnen. Sonst liegt mir aber
-an dem Umgang auch nicht gerade besonders viel;
-denn der alte Hendricks ist ein alter Heuchler, so viel
-ist sicher, und von dem jungen weiß ich eben Nichts.
-Komm Jim, faß einmal hier mit an, daß wir den
-Block da ein wenig mehr bei Seite schieben; komm
-Du auch her, Bill. Ich weiß nicht, mir ist es in's
-Kreuz hinein gefahren und die alten Knochen wollen
-nicht mehr so recht mit! Betsy mag auch eine Hand
-reichen; das Stück Holz ist mordmäßig schwer und
-wir wollen uns gerade keinen Schaden damit thun.
-He Betsy &ndash; oh Betsy &ndash; komm einmal einen
-Augenblick her, Schatz, und nimm die Stange hier.
-&ndash; Wenn sie die nur immer unterstemmt, daß er
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-nicht wieder zurückfällt, können wir es schon
-machen.«</p>
-
-<p>Betsy kam aus dem Haus, dem Ruf Folge leistend,
-aber das Mädchen sah so merkwürdig blaß aus, daß
-Jim erschreckt rief:</p>
-
-<p>»Hallo Betsy, was fehlt Dir? Du bist krank,
-Schatz &ndash; siehst ja käseweiß im Gesicht aus. Geh
-nur wieder hinein, Dich können wir hier nicht gebrauchen.«</p>
-
-<p>»Sagt mir nur, wo ich anfassen soll,« erwiederte
-das Mädchen ruhig, »mir fehlt Nichts, wenn ich auch
-vielleicht ein Bischen blaß aussehe.«</p>
-
-<p>»Dir fehlt Nichts?« rief aber auch jetzt der Alte,
-der sie aufmerksam betrachtete, und dann unwillkürlich
-nach dem Weg hinübersah, auf dem Hendricks
-vor wenig Minuten davon geritten. &ndash; »Hat Dir der
-&ndash; <i>gentleman</i> etwa was gesagt?«</p>
-
-<p>»Welcher <i>gentleman</i>, Pa?«</p>
-
-<p>»Nun, der Mister Hendricks.«</p>
-
-<p>»Das ist kein Gentleman,« sagte das junge Mädchen
-finster und fuhr nach einer kurzen Zögerung fort:
-»Ja &ndash; er hat mir seine Hand angeboten.«</p>
-
-<p>»Hm,« brummte der Alte, »merkwürdig geschwind
-muß es gegangen sein, das ist wahr, aber als eine Beleidigung
-kann man das doch nicht eigentlich nehmen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-»Ich hab's aber so genommen Vater, doch &ndash; laßt
-den &ndash; Burschen. Sagt mir wo ich mit anfassen
-kann, denn ich muß wieder zur Mutter hinein. Das
-Schütteln ist vorüber und sie bekommt jetzt ihr
-Fieber.«</p>
-
-<p>Die beiden Männer wußten recht gut, daß aus
-der Betsy &ndash; wenn sie nicht reden wollte, Nichts herauszubringen
-sei. Der Alte betrachtete sie allerdings
-wohl noch eine Minute lang scharf und forschend, aber
-sie erwiederte den Blick nicht, und da war es denn
-das Beste, daß man sie eben ruhig zufrieden ließ.
-Er zeigte ihr deshalb jetzt, wie sie die Stange einsetzen
-und halten solle, und Betsy, nicht zum ersten Mal bei
-der Arbeit verwandt, brauchte auch keine lange Erklärung.
-In kurzer Zeit war der Stamm auf seinem
-Platz, und sie schritt dann wieder, ohne weiter ein
-Wort zu sagen, nach dem Haus zurück.</p>
-
-<p>Jim wollte die Sache freilich nicht aus dem Kopf
-und als er gegen Mittag noch einmal wieder zu ihr
-in's Haus kam, frug er sie:</p>
-
-<p>»Höre, Betsy, was hat Dir der Bursche denn
-eigentlich gesagt? es wäre mir lieb, wenn ich's erfahren
-könnte.«</p>
-
-<p>»Laß ihn nur, Jim,« meinte aber die Schwester,
-»er wird uns hier nicht wieder in's Haus kommen,«
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-setzte dann ihr Bonnet auf, nahm ihren kleinen Korb
-und ging hinaus in's Maisfeld, um dort Bohnen für
-das Mittagsessen zu pflücken.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Drittes Kapitel.</span></span><br />
-
-Der erste Schlag.</h3>
-
-
-<p>Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten
-Zeit wenig und die Bewohner desselben wußten eigentlich
-gar nicht, wie glücklich und unbelästigt sie bis
-jetzt von den Schrecken des Krieges verschont lebten,
-während im Osten die Brandfackel in friedliche Hütten
-geschleudert wurde und in Virginien besonders
-der Boden das darauf vergossene Blut kaum mehr
-einsaugen konnte. Insofern befanden sie sich aber
-auch am Fourche in einer peinlichen Lage, als sie die <em class="ge">Ungewißheit</em>
-quälte: denn was nur an abenteuerlichen,
-oft unmöglichen Dingen von der einen oder anderen
-Partei erfunden werden mochte, fand doch sicher seinen
-Weg hier her in den Wald, und hielt die Bewohner,
-besonders die Frauen, in einem steten Grad
-peinlicher Aufregung.</p>
-
-<p>Uebrigens rückte ihnen der Kampfplatz auch näher,
-denn der Norden fing an einzusehen, daß er den Süden
-nie würde bezwingen können, wenn er nicht den
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Mississippi, die Hauptstraße des Westens und Südens,
-vollständig in die Hand bekam. Aber der Süden
-wußte das ebenfalls, und wenn auch New-Orleans
-genommen und in den Händen der Yankees war, den
-oberen Mississippi, Vicksburg und Memphis hielten
-die Südländer fest besetzt, und waren von hier aus
-im Stande ihre Heere im Osten leicht mit dem im
-Westen aufgekauften Vieh zu verproviantiren. Fuhr
-ihnen dann auch einmal ein Kanonenboot des Northerners
-an der Nase vorüber und bedrohte die Communication,
-so konnte es sich doch nie lange dort halten,
-und die Nord-Armee fing deshalb auch schon an
-ihre Macht besonders gegen Vicksburg zu entwickeln,
-um den Feind dadurch von allen Seiten einzuschließen.</p>
-
-<p>Indessen waren die Secessionisten aber auch in
-diesem Theil von Arkansas gerade besonders thätig
-gewesen, um die Backwoodsmen zu einer compacten
-Masse zu organisiren und mit ihnen, wie sie recht gut
-wußten, eine Hauptmacht in's Feld zu stellen. Das
-aber scheiterte anfangs, wie wir gesehen haben, aber
-nicht allein daran, daß hier im südlichen Wald die
-meisten alten Farmer und Jäger wirklich gute Unionisten
-waren und von einem Krieg gegen ihre alte
-Verfassung gar nichts wissen wollten, sondern auch
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-an ihrem Widerwillen, den Wald und ihre Heimath
-zu verlassen. Daß ein Mann westlich ziehen konnte,
-weiter in die Wildniß hinein, ja, das schien ihnen
-faßlich und kam auch oft genug vor, daß er aber zurück
-in die Ost-Staaten geführt werden sollte, wäre
-keinem auch nur im Traum eingefallen.</p>
-
-<p>Der Süden mußte demzufolge anders manöveriren,
-und ein paar junge Officiere wurden abgesandt,
-die in den verschiedenen Counties den alten Plan
-wieder aufnehmen und eine Art Landwehr organisiren
-sollten &ndash; nur vor der Hand zum Schutz des Staates
-selber, und das gelang ihnen denn auch endlich, obgleich
-sich die alten Backwoodsmen noch immer
-aus Leibeskräften dagegen sträubten. Sie sahen
-weiter, als das junge Volk, und trauten den Versicherungen
-nicht besonders, die jetzt fortwährend ausgestreut
-wurden: daß nämlich der Norden in den letzten
-Zügen läge und jetzt nur auf eine Gelegenheit warte,
-um den Süden anzuerkennen und einen halbweg ehrenvollen
-Frieden mit ihm abzuschließen.</p>
-
-<p>Der Süden hatte allerdings in vielen Schlachten,
-von tüchtigen Feldherrn angeführt, gesiegt, aber man
-schien doch die Spannkraft des Nordens unterschätzt
-zu haben, und im Frühjahr&nbsp;63 gewann die Lage der
-Staaten schon ein anderes Aussehen. Memphis fiel,
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-die nördlichen Truppen waren gegen »das Gibraltar
-des Südens«, gegen Vicksburg vorgerückt und hatten
-eine regelmäßige Belagerung begonnen, und Lee wurde
-im Norden so von neuen anwachsenden Heeren bedrängt,
-daß er der bedrohten Stadt am Mississippi
-nicht einmal zu Hülfe und zum Entsatz kommen
-konnte.</p>
-
-<p>Die jungen Leute vom Fourche-la-Fave, obgleich
-sich Viele von ihnen noch immer zurückhielten, kamen
-nun schon ziemlich regelmäßig, wenigstens einen Tag
-in der Woche, in Perryville zusammen, um ordentlich
-einexercirt zu werden; denn wenn man dort im Walde
-auch keine »Feldschlacht« liefern konnte, mußten sie
-doch nothwendigerweise die verschiedenen Signale und
-Commandorufe kennen lernen, um eben auf alle
-Fälle gerüstet zu sein. Diese Uebungen wurden auch
-den ganzen Sommer hindurch fortgesetzt, als plötzlich
-ein dumpfes, freilich noch unbegründetes Gerücht
-durch den Wald lief: Vicksburg sei gefallen, wie sich
-Memphis selber schon lange in den Händen der
-Unionstruppen befand.</p>
-
-<p>Allerdings widersprachen die südlichen Agenten
-dem auf das Entschiedenste und brachten selbst Zeitungen
-aus Vicksburg &ndash; freilich von etwas früherem
-Datum, in welchen aber die Belagerten noch eine
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-vollkommen übermüthige, ja fast höhnende Sprache
-gegen den Norden führten. Aber die Zeitungen selber
-&ndash; das Papier nämlich, auf dem sie gedruckt
-waren, stimmte nicht recht zu der darin enthaltenen
-Behauptung, daß die Yankees noch nicht einmal im
-Stand gewesen wären, selbst ihre Communication
-mit dem Inland zu unterbrechen, denn man war
-schon in Vicksburg gezwungen gewesen, die Lettern
-nicht mehr auf Papier, sondern auf Tapeten zu drucken,
-da es an dem ersteren in der eng eingeschlossenen
-Stadt vollkommen fehlen mußte. Die Zeitungen
-hatten deshalb auch, blos auf einer Seite gedruckt
-und auf dem Rücken mit irgend einem Tapetenmuster,
-ein höchst wunderliches Ansehen und stimmten nicht
-zu dem Uebermuth, der sich noch immer in ihnen
-aussprach.</p>
-
-<p>Die Musterungen im Wald wurden aber desto
-eifriger betrieben, und plötzlich kam sogar der Befehl,
-daß in Randolf, einer kleinen Stadt in Tennessee
-aber an der andern Seite des Mississippi und also
-außerhalb Arkansas, eine Hauptmusterung abgehalten
-werden solle, um der Zahl der waffenfähigen Männer
-sicher zu sein.</p>
-
-<p>Das war allerdings gegen die erste Abrede, nach
-der eine Verwendung der »Landwehr« nach Außen,
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-gar nicht beabsichtigt worden. Die Verwendung selber
-wurde auch jetzt noch geleugnet; es sollte, den Versicherungen
-der Officiere nach, nur eben eine Musterung
-und nichts weiter sein, aber man wünsche sehr,
-daß sich alle jungen Leute dabei betheiligen möchten,
-um einen bestimmten Ueberblick zu gewinnen.</p>
-
-<p>Das gab große Aufregung am Fourche-la-Fave,
-und wenn auch bei Vielen die Lust, sich an dem Krieg
-da draußen zu betheiligen, nicht besonders groß sein
-mochte, weil es eben gegen den eigenen Stamm ging,
-und die meisten der hiesigen Ansiedler gerade von
-den nördlichen Staaten, von Indiana und Illinois,
-hierher gezogen waren, so arbeitete doch auch wieder
-der Ehrgeiz, nicht zurückzustehen, zu Gunsten der
-Südstaaten, und brachte dadurch viel Leid in einzelne
-Familien, ohne den Gang der Ereignisse wenden, ja
-nur aufhalten zu können.</p>
-
-<p>In Klingelhöffer's Familie herrschte ebenfalls
-tiefe Trauer. Der alte Mann, eine lange eherne
-Gestalt mit großem rothen Bart und hellblauen Augen,
-ging mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengezogenen
-Brauen in seiner Stube auf und
-ab. In der Ecke saß die Mutter, ein Bild tiefer Betrübniß,
-die Hände im Schooß gefaltet, die guten Augen
-voller Thränen, die ihr unbewußt an den Wangen
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-niedertroffen, neben ihr die Töchter, ebenfalls
-bedrückt, während am Fenster, den Blick auf den
-breiten Strom gerichtet, der einzige Sohn, ein
-hochaufgeschossener, kräftiger Bursch stand und
-wohl bleich und erregt, aber auch festentschlossen aussah.</p>
-
-<p>»Ich kann nicht anders, Vater,« sagte er endlich,
-nach einer langen Pause, in der Niemand gewagt
-hatte, die Stille zu unterbrechen &ndash; »ich bin mit ihnen
-zusammen aufgewachsen, ich kann mich jetzt nicht von
-ihnen ausschließen oder ich dürfte mich ja nicht einmal
-mehr in den Ansiedlungen blicken lassen, ohne von
-den Frauen selbst verhöhnt zu werden.«</p>
-
-<p>Der Alte zerbiß einen Fluch. »Und was das
-Weibervolk über Dich sagt, liegt Dir mehr am Herzen,
-als der eigene Vater, die eigene Mutter.«</p>
-
-<p>»Sie werden mich Memme schelten und das willst
-Du doch auch nicht.«</p>
-
-<p>»Nein, bei Gott nicht!« rief der alte Mann, »und
-wenn Du mir heute sagtest, ich halt's nicht mehr länger
-daheim aus &ndash; ich will hinauf in den Norden
-ziehn und gegen Sklaverei und für die Verfassung
-kämpfen, ich gäbe Dir, wenn auch mit blutendem
-Herzen, meinen Segen: aber daß Du mit den Sesesch
-die Hand an das Palladium unserer Freiheiten legen
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-willst, daß das mein eigener, mein einziger Sohn
-thun will &ndash; das thut weh.«</p>
-
-<p>»Und <em class="ge">könnt'</em> ich in den Reihen des Nordens fechten,«
-sagte der junge Mann wehmüthig, »wo alle meine
-Freunde und Schul- und Spielkameraden in den
-Reihen der Feinde stünden? Es wäre zu furchtbar.«</p>
-
-<p>»Darum bleib. Die Musterung ist nur eine faule
-Lüge, um Euch erst einmal von hier fortzulocken.
-Sie lassen Euch nie wieder in den Wald zurück.«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht Vater. &ndash; Sie gehen Alle.«</p>
-
-<p>»Sie gehen nicht Alle,« rief der Alte heftig. »Jim
-Jenkins denkt nicht daran, für den Süden zu fechten,
-ebensowenig Jim Cook und die beiden Wells, und daß
-Hogan geht, glaub' ich ebensowenig, und denen wirst
-Du doch gewiß nicht vorwerfen, daß sie feige sind.«</p>
-
-<p>»Nein Vater, aber sie mögen das mit ihrem eigenen
-Gewissen abmachen. Die drei Houstons gehn
-jedoch, Curtil, Rawlins, Rankins, die Mac&nbsp;Kinneys,
-Smeiers, Hodges und wie sie Alle heißen und vom
-Petite Jeanne drüben gehen sie Alle, ebenso vom
-Mamelle und der anderen Seite drüben und die jungen
-Leute vom Van&nbsp;Buren herunter, von Washington,
-Fulton, ja selbst vom Fort Smith haben sich schon
-bei Little Rock gesammelt und warten nur darauf, daß
-sich unsere Compagnie ihnen anschließen soll.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-»So geh'!« sagte der alte Mann, mit einem tief
-aus der Brust geholten Seufzer, während seine Lippen
-zitterten und seine ganze Gestalt bebte. »Geh
-&ndash; an dem Segen des Vaters ist Dir doch nichts gelegen.«</p>
-
-<p>»Vater!« rief der junge Mann mit hervorquellenden
-Thränen und tiefem Schmerz &ndash; »ich kann ja
-nicht anders; frage die Mutter, ob sie mich in den
-anderen Reihen sehen möchte.«</p>
-
-<p>Der alte Mann hatte seine, aber schon lang ausgegangene
-Pfeife in der Hand, und faßte sie so krampfhaft,
-daß das Rohr von einander brach &ndash; aber er
-sagte kein Wort; stützte sich nur mit dem rechten Arm
-auf den Kaminsimms, und lehnte seine Stirn darauf,
-daß der rebellische Sohn die Thränen nicht sehen
-sollte, die ihm selber in den Bart liefen und jetzt langsam
-und schwer in die Asche niedertropften.</p>
-
-<p>»Geh nur,« sagte er endlich, ohne seine Stellung
-aber zu verändern, »geh &ndash; Dein Pferd und Deine
-Waffen hast Du &ndash; was Du an Geld etwa brauchen
-solltest, kannst Du in Little Rock bekommen. Ich
-werde Dir einen Brief dahin mitgeben.«</p>
-
-<p>»Aber doch nicht so, Vater. Willst Du nicht
-Abschied von mir nehmen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-»Willst Du jetzt schon fort?« rief der alte Mann,
-erschreckt emporfahrend.</p>
-
-<p>»Um drei Uhr haben wir unsern Sammelplatz
-an der Mamelle; es ist jetzt schon acht Uhr und ich
-muß scharf zureiten, wenn ich ihn noch erreichen
-will.«</p>
-
-<p>Klingelhöffer erwiderte nichts weiter. Er wischte
-sich die verrätherischen Tropfen aus den Augen, ging
-dann an seinen Tisch, suchte sich sein wenig gebrauchtes
-Schreibzeug zusammen, schrieb und faltete denn
-das Blatt.</p>
-
-<p>Die Mutter war in ihrer Stellung geblieben; sie
-wußte ja, wie Alles kommen würde, denn mit ihr
-hatte der Sohn schon am Abend vorher gesprochen
-und ihr seinen festen Entschluß verkündet. Was er
-mitzunehmen hatte, war auch schon Alles eingepackt
-und in Ordnung &ndash; und jetzt kam der Abschied &ndash; der
-furchtbare Abschied bei solcher Trennung.</p>
-
-<p>Die Frauen erleichterten sich auch dabei das Herz
-durch Thränen. Klingelhöffer selber hatte seinen
-ersten Schmerz bezwungen und reichte dem Sohne
-nur die Hand.</p>
-
-<p>»So zieh' mit Gott,« sagte er dabei, aber die
-Worte rangen sich ihm nur mühsam aus der Kehle,
-&ndash; »zieh mit Gott! Du hast es nicht anders haben
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-wollen. Dieser freien und herrlichen Constitution
-wegen habe ich mein Vaterland verlassen und bin
-mit Deiner Mutter hier herüber in den Wald gezogen.
-Du, mein einziger Sohn, willst die Hand dagegen
-erheben und sie mit stürzen helfen.«</p>
-
-<p>»Vater,« bat der Sohn, »ich kann ja nicht anders.
-Oh, wie gern blieb ich bei Dir&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ja wohl,« nickte der alte Mann, dessen Geist
-dadurch in eine andere Bahn gelenkt wurde &ndash; »bei
-mir &ndash; Niemand bleibt jetzt bei mir. Wenn sie Dich
-todtschießen, dann kann ich von vorn anfangen meinen
-Acker zu bauen &ndash; so lang' es die alten Knochen eben
-noch können und nachher&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich kehre zurück Vater &ndash; bald &ndash; Du sollst
-nicht mehr arbeiten dürfen, Du hast in Deinem Leben
-genug, über genug gethan. Leb' wohl. Gott schütze
-Dich.«</p>
-
-<p>»Leb wohl,« sagte der alte Mann und drückte zum
-ersten Mal die Hand des Sohnes, die er noch in der
-seinen hielt. Da hielt sich Gustav aber auch nicht
-länger. Sich an des Vaters Brust werfend, faßte
-er ihn mit beiden Armen und eine halbe Minute
-wohl hielten sich die beiden Männer fest und schweigend
-umschlungen. Da schob der Vater den Sohn
-zuerst von sich ab und sagte leise:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-»Du mußt fort &ndash; Deine Zeit ist um &ndash; mach's
-kurz.«</p>
-
-<p>Noch einmal umschlang der junge Mann Mutter
-und Schwestern, dann sprang er hinaus &ndash; reden
-konnte er nicht mehr, denn Thränen erstickten seine
-Stimme. Draußen an der Fenz lehnte seine Büchse,
-die griff er auf, schwang sich in den Sattel, und war
-im nächsten Augenblick um den Hügel verschwunden,
-der den Pfad nach dem nahen Fourche la Fave zu
-deckte. Das Haus selber lag auf der Spitze, welche
-der in den Arkansas einmündende Fourche bildete,
-und über diesen mußte er sein Pferd bringen, um
-dann durch den Wald hin die nach der Mamelle führende
-Straße zu erreichen.</p>
-
-<p>Das war überhaupt eine schwere Zeit für die
-Bewohner dieses bis jetzt so stillen und eigentlich von
-dem Verkehr mit der Welt abgeschlossenen Districts.
-Manche Hütte hatte damit den einzigen Sohn verloren
-und wenn sich auch einzelne dadurch zu trösten
-suchten, daß es eben nichts weiter als eine Musterung
-sei und die jungen Leute bald in ihre Heimath zurückkehren
-würden, im Herzen glaubten sie es doch
-kaum selber und ihre Befürchtungen sollten sich auch
-nur als zu begründet erweisen.</p>
-
-<p>Woche um Woche verging, aber die Compagnie
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-kehrte nicht wieder und die Nachricht kam ebensowenig,
-wohin man sie geführt, in welche Armee, ob nach
-dem Norden oder Süden.</p>
-
-<p>Der alte Klingelhöffer hatte aber mit seiner Behauptung
-Recht gehabt, daß sich nicht Alle diesem Zuge
-anschlossen. Jenkins, Cook und die beiden Wells waren
-in der That zurück geblieben und zwar nicht etwa
-aus Feigheit, aber im Herzen der Union ergeben,
-wollten und konnten sie nicht gegen diese kämpfen.</p>
-
-<p>Uebrigens ließ man sie nicht lange in Frieden,
-denn kaum waren drei Wochen nach der vorbeschriebenen
-Zeit verflossen, als ein Placat von dem in
-Little Rock befehlenden General der Südstaaten in
-Perryville sowohl, wie in den verschiedenen Ansiedlungen
-verbreitet wurde, in dem von einer Landwehr
-für Arkansas nicht mehr die Rede war, sondern alle
-waffenfähige Mannschaft, bei Drohung sofortigen Arrests,
-nach Little Rock selber einbeordert wurde, um
-sich dort zu stellen und einem besonders equipirten
-Arkansas-Regiment einrangirt zu werden.</p>
-
-<p>Früher wäre das nun allerdings nicht angegangen,
-denn mit Gewalt konnte man den ganzen Fourche la
-Fave, wenn er einig geblieben wäre, nicht beitreiben.
-Züge der Nördlichen waren schon von Missouri her
-im Anzug und in Little Rock selber wurde jeder Mann
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-nothwendig zur möglichen Vertheidigung der offenen
-Stadt gebraucht. Jetzt aber ging das leichter. Man
-kannte recht gut die Einzelnen, die sich bis jetzt der
-Einberufungs-Ordre entzogen, und kleine Patrouillen
-langten oben an, um sie auf ihren Farmen aufzuheben.</p>
-
-<p>Der junge Cook, dessen Vater kurz vorher gestorben
-war, entging eines Morgens nur mit Mühe einer
-ihm bestimmten Ueberraschung und flüchtete in den
-Wald, wohin ihm natürlich die Soldaten nicht folgen
-konnten. Die beiden Wells mußten ebenfalls ihren
-Platz verlassen, Jim Jenkins durfte sich gar nicht
-mehr auf der, dicht am Arkansas liegenden Farm
-blicken lassen, weil sogar mehrmals in der Nacht
-Boote gekommen waren, das Haus dann in der Stille
-besetzt und nach ihm gesucht hatten.</p>
-
-<p>Eigentlich war es wunderlich genug, daß man sich
-solche Mühe um ein Paar einzelne junge Leute gab,
-und um sie einzufangen, viel mehr andere Mannschaft
-verwendete. Woher hatte überhaupt der General in
-Little Rock so genaue Kunde von dem, was hier mitten
-im Wald passirte, wenn nicht irgend ein geheimer,
-aber mit den hiesigen Verhältnissen sehr vertrauter
-Feind die Säumigen denuncirt und ihre Verhaftung
-hartnäckig betrieben hätte? Aber wer konnte das sein?
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-&ndash; Betsy Jenkins rieth augenblicklich auf Hendricks,
-doch Niemand hatte ihn seit langer Zeit in der <i>range</i>
-gesehen. Eben so wenig war er bei irgend einer
-Patrouille betheiligt gewesen, die man sogar, als der
-Verdacht erst einmal geweckt war, nach ihm gefragt
-hatte. Sie kannten den Namen gar nicht und meinten
-nur, wenn er schon damals hier in Uniform gewesen
-sei, befinde er sich jetzt jedenfalls drüben über dem
-Mississippi bei dem Heere, das eben abgeschickt wurde,
-um Vicksburg zu entsetzen und die Abolitionisten zurück
-über ihre Grenzen zu jagen.</p>
-
-<p>Damit zogen sich wieder einige Wochen hin und
-das Gerücht wiederholte sich, daß Vicksburg gefallen
-sei. Aber es war so oft schon aufgetaucht, daß man
-es nicht weiter beachtete, noch dazu da die unmittelbare
-Nähe einen immer bedrohlicheren Charakter annahm.
-Allerdings hieß es einmal, daß von Memphis
-herüber ein Unionsheer rücke, um Little Rock zu besetzen
-und dadurch die Gewalt im Staat zu bekommen,
-und vom Missouri herunter sollten ebenfalls die
-Unionstruppen vordringen. Gegen diese hatten sich
-aber im Süden von Missouri wie im Norden von
-Arkansas Guerillas gebildet &ndash; ebenfalls Backwoodsmen,
-aber dem Süden ergeben, die den Feind auf jede
-Weise zu belästigen suchten und von den nördlichen
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-in verächtlicher Art Bushwhackers genannt wurden
-&ndash; eine Bezeichnung die unserem »Buschklepper« wohl
-am nächsten käme.</p>
-
-<p>Die Bushwhacker waren Anfangs auch wohl die
-reinen Guerillatrupps, wie sie sich in andern wilden
-Ländern ebenfalls bilden und nothgedrungen da entstehen
-müssen, wo man sich dem Eindringen eines
-Feindes widersetzen will, und doch nicht Mannschaft
-genug auftreiben kann, um ihm im offenen Feld die
-Stirn zu bieten. Daß sich aber auch Gesindel zwischen
-diesen ordnungslosen Schaaren fand, ist nicht zu
-verwundern, und besonders wurden mehrmals scheußliche
-Grausamkeiten nicht allein an gefangenen oder
-verwundeten Soldaten, sondern auch sogar an einzelnen
-Familien im Wald verübt, welchen Ueberschreitungen
-die eigentlichen Bushwhacker aber vollkommen fern
-standen und mit Entrüstung solche Anschuldigungen
-zurückwiesen.</p>
-
-<p>Nichts destoweniger waren sie aber vollständig
-begründet, und es zeigte sich bald, daß es in der That
-einzelne ordnungslose oder geordnete Banden im
-Walde gab, die, wie uns Cooper in seinem »Spion«
-die »Cowboys« oder Kuhjungen des ersten amerikanischen
-Freiheitskrieges beschreibt, rücksichtslos bei
-Freund und Feind einfielen und dann wie richtige
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-Räuber stahlen und plünderten, was sie eben bekommen
-konnten.</p>
-
-<p>Dieses Gesindel, das aber ebensogut den eigentlichen
-Bushwhackern wie den Unionstruppen aus dem
-Wege ging, und nur da vorbrach und seine Schrecken
-verbreitete, wo es sich vor Entdeckung ziemlich sicher
-wußte, bekam denn auch bald einen neuen Namen.
-Man nannte jene, keiner bestimmten Partei angehörigen
-Plünderer Jayhawker<span class="top">[2]</span>, das Geschäft selber,
-das sie betrieben, Jay-hawking, und der Name war
-bald im ganzen Wald, besonders von Missouri gefürchtet.
-Durch sie bekamen aber auch die Bushwhacker
-einen schlechten Namen, denn man wußte sie oft nicht
-von einander zu unterscheiden und die regulairen
-Truppen des Nordens ließen diese &ndash; wenn sie einmal
-einen in ihre Gewalt bekamen, oft entgelten, was
-die anderen verübt hatten.</p>
-
-<p class="ci fss">
-[2]: Das Wort ist jedenfalls von <i>jay-bird</i> &ndash; ein kleiner harmloser
-Waldvogel und <i>hawk</i> Falke abgeleitet, bezeichnet also
-einen Mann, der heimtückisch über einen Wehrlosen herfällt.</p>
-
-<p>Die jungen Leute am Fourche-la-Fave nun, Jenkins,
-Cook und die beiden Wells, denen der Platz dort
-zu warm wurde, da man es wirklich ganz ernstlich
-auf sie abgesehen zu haben schien, beschlossen den Staat
-zu verlassen und bei der Nord-Armee Dienst zu nehmen.
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Möglich, daß sie dann mit dieser nach Little
-Rock vordringen, und dazu beitragen konnten, den
-Ihrigen am Fourche Luft und dem nichtswürdigen
-Spionirsystem ein Ende zu machen. Nach Norden
-konnten sie freilich nicht fort, denn dort wären sie jedenfalls
-den Bushwhackern in die Hände gelaufen
-und dann auch sicher für die Sesesch gepreßt worden.
-Nach Süden zu durften sie ebensowenig, denn dort
-schwärmte es ebenfalls von »Rebellen«, und Little
-Rock, die Hauptstadt, war ja auch noch in deren
-Händen.</p>
-
-<p>Da blieb ihnen denn keine andere Wahl, als
-gerade gen Osten gegen den Mississippi hin durch den
-Sumpf zu brechen. Die Jahreszeit war ja auch
-günstig dazu, und im wilden Walde großgezogen, fürchteten
-sie nicht, ihren Weg zu verlieren. Ihre Familien
-drängten sie selber dazu, denn soviel hatte sich
-jetzt herausgestellt, daß es zur Unmöglichkeit geworden,
-länger neutral zu bleiben. Auf eine oder die andere
-Seite mußte man sich schlagen und ohne Weiteres beschlossen
-sie deshalb, ihren langen beschwerlichen Weg
-anzutreten.</p>
-
-<p>Bei Klingelhöffer hatten sie ihren Sammelplatz
-verabredet, dort übernachteten sie noch einmal und
-dem alten Mann war es ein wehes, entsetzliches Gefühl
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-wenn er sich dachte, daß gerade diese jungen
-Burschen, die er als Kinder auf dem Arm herumgetragen,
-jetzt in das, seinem eigenen Sohn feindlich
-entgegenstehende Heer treten und möglicherweise eine
-Kugel gerade aus ihrem Rohr seine Brust treffen
-könne. Aber wie auch sein Herz dabei denken mochte,
-sein Verstand, seine ganze Sympathie war trotzdem
-auf Seite des Nordens.</p>
-
-<p>Er behielt sie über Nacht bei sich, füllte am
-nächsten Morgen ihre Proviantbeutel mit Lebensmitteln
-und ruderte sie dann selber in seinem Boot
-über den Arkansas. &ndash; Wie es das Schicksal bestimmt
-hatte, mußte es sich ja doch erfüllen &ndash; es war ein
-Bürgerkrieg, der Bruder gegen Bruder, Vater gegen
-Sohn anhetzte, &ndash; welche Rücksicht konnte da der
-Freund auf den Freund nehmen. Die Würfel rollten
-&ndash; wie sie fielen? &ndash; Nur Gott wußte es.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Viertes Kapitel.</span></span><br />
-
-Jay-hawking.</h3>
-
-
-<p>Wie still das am Fourche-la-Fave geworden war,
-als das sämmtliche junge Volk den kleinen Fluß verlassen
-hatte, wie merkwürdig still. Nur die alten
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-Leute saßen noch auf ihren vereinzelten Farmen &ndash;
-nur die Frauen und Kinder, und die getrauten sich
-jetzt nur in seltenen Fällen hinaus in den Wald und
-vielleicht nur einmal nach der allernächsten Ansiedlung
-hinüber, denn der alte Browns, der oben in Missouri
-gewesen war, um zu sehen, wie es seinen dort wohnenden
-Kindern ging, hatte die eben nicht erfreuliche
-Nachricht mit an den Fourche gebracht, daß die Raubbanden
-dort und schon gar nicht mehr so weit vom
-Arkansas entfernt, mehr und mehr überhand nähmen,
-je mehr die nördlichen Truppen nach Süden herunterrückten,
-und dadurch auch das Gesindel vor sich her
-trieben.</p>
-
-<p>Uebrigens waren auch hier schon fremde Gesellen
-gesehen worden, die sich allerdings nicht aufgehalten
-hatten, aber überall, und nur unter verschiedenen Vorwänden,
-die genauesten Erkundigungen über den hiesigen
-Stand der Bevölkerung einzogen. Bald gaben
-sie vor, sich hier niederlassen zu wollen, weil man hier
-so wenig von dem Bürgerkrieg spüre, bald forschten
-sie nach einem verloren gegangenen Verwandten, und
-wenn es nun auch im Character der Backwoodsmen
-selber lag, auf irgend einem Ritt die genauesten
-Fragen über Alles zu stellen, so waren die Leute doch
-durch den unsichern Zustand ihres ganzen Landes so
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-beunruhigt, daß selbst vielleicht vollkommen unschuldige
-Nachfragen ihren Verdacht erwecken konnten.</p>
-
-<p>Aber waren die Nachfragen auch wirklich so unschuldig
-gewesen? Eines Morgens kam der alte
-Smeiers auf seinem todtmüden abgehetzten Thier nach
-Perryville hineingeritten und brachte die Meldung,
-daß sich oben an seiner Farm verdächtiges Gesindel
-zeige. Drei von seinen besten Pferden fehlten zu
-gleicher Zeit und nur zwei von seinen sieben Milchkühen
-seien vorgestern Abend nach Hause gekommen.
-Es wäre möglich, daß ihnen ein Trupp dieser verdammten
-Jay-hawker einen Besuch zugedacht und
-deshalb besser gleich den ganzen Fourche-la-Fave aufzubieten,
-um den Wald abzusuchen und Feuer hinter
-die Schufte zu machen.</p>
-
-<p>Er fand aber wenig Aussicht auf Hülfe in dem
-kleinen Städtchen, wohin eben die Nachricht gelangt
-war, daß jetzt Vicksburg, das Gibraltar des Südens,
-wirklich von den Yankees nach vielen furchtbaren
-Stürmen zwar und mit dem Verlust vieler Menschenleben,
-aber trotzdem genommen sei und man wußte
-noch gar nicht welchen Erfolg dieser, jedenfalls entscheidende
-Sieg des Nordens, auf die Kriegführung
-des Südens haben würde.</p>
-
-<p>Außerdem fehlte es vollkommen an waffenfähiger
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-Mannschaft um einen wirksamen Zug auszuführen.
-Wo hätten sie Leute hernehmen wollen, da man ja das
-ganze junge Volk hinweg und über den Mississippi
-hinüber gelockt hatte. Zeigten sich aber wirklich Jay-hawkers
-in der Nachbarschaft, wie konnte man dann
-das eigene Haus verlassen, um einem ungekannten
-Feind entgegen zu ziehen, der vielleicht in derselben
-Zeit den Fourche gekreuzt hatte und, solche Gelegenheit
-benutzend, die ganz unbeschützten Farmen überfiel?</p>
-
-<p>Smeiers fand bald, daß er hier nicht auf Hülfe
-rechnen konnte, warf sich wieder auf sein kaum ausgeruhtes
-Pferd und suchte jetzt seine übrigen Bekannten
-auf, die ihm aber auch nur wenig Trost geben konnten.</p>
-
-<p>Cooks Haus fand er ganz verödet, die junge Frau
-war mit dem kleinen Kind fortgezogen und kein Mensch
-auf dem ganzen Platz zurückgeblieben, der ihm hätte
-Nachricht geben können. Wells, einer seiner ältesten
-Freunde, hatte sich mit der Axt in den Fuß geschlagen
-und konnte nicht von der Stelle. Die Söhne waren
-fort. Wilson fand er wohl zu Haus aber ohne Munition.
-Er war gerade von Little Rock zurückgekehrt, wo
-die Regierung sämmtliche Munition mit Beschlag
-belegt hatte, so daß er nicht einmal Zündhütchen für
-seine Büchse bekommen konnte &ndash; und weiter hinab
-sah es genau so aus. Die wenigen alten Backwoodsmen,
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-die noch auf den Farmen lebten, konnten
-gar nicht daran denken ihren Platz zu verlassen, und
-Klingelhöffer, auf den er fest gerechnet hatte, lag krank
-in seinem Bette und konnte nicht einmal gehen, viel
-weniger reiten.</p>
-
-<p>Der ganze Fourche-la-Fave befand sich in der
-That in einem vollkommen schutzlosen Zustand, und
-die Nachricht schon, daß sich die allgemein gefürchteten
-Gesellen in der Nachbarschaft gezeigt, brachte die
-Frauen besonders in die furchtbarste Aufregung.</p>
-
-<p>Das waren die Vorläufer der Yankees &ndash; so hieß
-es fast überall unter ihnen &ndash; mit Rauben und
-Brennen fingen die an, und wie sollte es nun erst
-werden, wenn das wirkliche Heer nachrückte und ihren
-stillen Wald mit seinen marodirenden Schwärmen
-überschwemmte.</p>
-
-<p>Die Männer schüttelten freilich dazu mit dem
-Kopf, denn daß ein paar Pferde gestohlen wurden &ndash;
-nun ja, es wäre nicht das erste Mal in der Range
-gewesen, und in früherer Zeit hatten sie sich ja
-auch einmal zu einem Regulatorenbund zusammenthun
-müssen, um eine Bande übermüthig gewordener
-Schufte zu züchtigen und unschädlich zu machen. Aber
-seit sie selber jung gewesen, war das nicht wieder vorgekommen,
-und dann &ndash; was in Gottes Namen gab
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-es denn in ihren ärmlichen Hütten zu stehlen, daß es
-die Habgier von Dieben hätte reizen können? Das
-Vieh, nun ja, aber das mußte auch bald seine Grenze
-haben, denn nach Little Rock durften sie sich nicht
-wagen es zu treiben, und um die Rinder etwa zu verzehren?
-lächerlich! mit eben so leichter Mühe konnten
-sie Hirsche und Truthühner genug im Walde schießen.</p>
-
-<p>So ganz recht war es ihnen aber doch nicht, und
-wenn sie es sich auch nicht wollten gegen die Frauen
-merken lassen, untereinander sprachen sie darüber und
-wünschten sich ziemlich offen, daß ihre Jungen nur erst
-wieder zurück aus dem verbrannten Krieg wären &ndash;
-nachher wollten sie mit derartigem Gesindel schon rasch
-genug aufräumen, daß ihm der Wald und besonders
-der Dogwood<span class="top">[3]</span> darin, bald zu warm werden sollte.</p>
-
-<p class="ci fss">
-[3]: Dogwood ist eine Art wilder Corneliuskirsche mit sehr
-bröcklicher Rinde; an diese kleinen Bäume wurden gewöhnlich
-Strolche angebunden, die man bei einem Pferdediebstahl erwischt
-hatte. Während man sie dann peitschte und sie sich um
-den Baum herumwanden, scheuerten sie die Rinde ab und man
-nannte sogar die Strafe danach »Dogwood schälen.«</p>
-
-<p>Aber die »Jungen« kehrten nicht so bald aus dem
-Krieg zurück, denn der Süden hatte, wie sich jetzt
-herausstellte, mit seinen immerwährenden Siegesnachrichten,
-die er im Westen ausgestreut, nur gelogen,
-und den Beweis sollten sie bald thatsächlich bekommen.
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-Nicht allein, daß sie die <em class="ge">Gewißheit</em> erhielten, Vicksburg
-sei wirklich nach einem furchtbar blutigen Kampfe
-genommen, nein, eines Morgens kamen sogar Flüchtlinge
-von Little Rock herauf, die nach dem Ozark-Gebirge
-wollten und die Kunde brachten, die Hauptstadt
-des Staates sei von den Unionstruppen besetzt und
-General Steene befehlige jetzt dort, während sich die
-Sesesch nach den »Heißen Quellen« mit Texas im
-Rücken hinübergezogen hätten und nicht etwa dort
-Stand hielten, sondern ihre Flucht ohne Säumen bis
-über den Redriver selber fortsetzten.</p>
-
-<p>Aber ein Weheschrei ging zugleich durch die ganze
-Ansiedelung, denn das Schlimmste, was sie bis jetzt
-gefürchtet, war eingetroffen. Droben an dem Petite-Jeanne
-war Einer der jungen, damals mit fortgegangenen
-Leute als Krüppel heimgekehrt, und wie ein
-Lauffeuer zog sich die Unglücksbotschaft durch die
-Hütten, daß jener ganze, so hinterlistig fortgelockte
-Trupp nach Vicksburg hinabgeschleppt sei. Dort
-hatten sie es möglich gemacht, die belagerte Stadt in
-der Nacht zu gewinnen, aber sie kamen gerade im letzten
-Augenblick, wo die Stadt selber schon an ihrer
-Rettung verzweifelte. Sturm folgte auf Sturm. Drei
-Tage und drei Nächte lang kam kein Schlaf in die
-Augen der Vertheidiger, und da man die junge, ausgeruhte
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-Mannschaft am Unerbittlichsten dabei verwandte,
-hatte sie auch natürlich die furchtbarsten Verluste
-aufzuweisen.</p>
-
-<p>Vom Fourche-la-Fave allein waren sieben todt geblieben.
-Unter ihnen Gustav &ndash; Klingelhöffers einziger
-Sohn, und die Todesbotschaft traf den alten
-Mann ins Herz. Selbst die Nachricht hörte er von da
-an mit Gleichgültigkeit, daß mit dem Fall Vicksburgs
-die Rebellion der Sesesch den Todesstoß erhalten habe,
-denn die Unionisten befanden sich jetzt im Besitz der
-großen Wasserstraße des Mississippi und hatten damit
-die Einschließung des ganzen südlichen Gebiets vollendet.
-Allen jenen rebellischen Staaten war jetzt die
-Verbindung mit dem Ausland vollständig abgeschnitten
-und nicht einmal den so nothwendigen Proviant,
-wie z.&nbsp;B. Schlachtvieh, das sie sonst unbehindert aus
-Arkansas bezogen, konnten sie mehr bekommen. Ihre
-Unterwerfung war von nun an keine <em class="ge">Frage</em> mehr,
-sondern nur eine Sache der Zeit geworden, während
-der Norden auch mit raschem Entschluß seine Truppen
-in den Westen sandte, Arkansas selber oder doch die
-wenigen Hauptplätze besetzte, und ein Heer Neger nach
-Texas hineinwarf, um auch dort die Rebellion zu
-vernichten und den Rebellen damit die letzte Stütze,
-den letzten Zufluchtsort zu nehmen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-Zu spät! &ndash; Der furchtbare Schlag war gefallen
-&ndash; gefallen auf viele viele Häupter &ndash; der Sieg mit
-zu theuerem Blut erkauft worden und stumm, ja fast
-gleichgültig sah man den kommenden Ereignissen entgegen.</p>
-
-<p>Aber die Bewohner der Fourche sollten trotzdem
-selbst aus ihrem Schmerz aufgerüttelt werden, denn
-ihre schlimmste Zeit war noch nicht überstanden, und
-eine Gefahr drohte ihnen, an die sie bis jetzt kaum
-gedacht.</p>
-
-<p>Vor wenigen Tagen war die Countystraße entlang
-ein Bataillon Unions-Truppen gegen Little Rock
-marschirt, um sich dort mit General Steene zu vereinigen.
-Ein paar Pferde aus der Range schienen dabei
-abhanden gekommen zu sein und einige Kühe. Die
-Soldaten betrachteten sich ja in Feindes Land und daß
-die Beraubten gerade zufällig lauter gute Unionisten
-waren, konnten sie nicht wissen.</p>
-
-<p>Da durchlief plötzlich die Schreckenskunde die
-Range, daß die so lang gefürchteten Jay-hawkers bei
-Wells oben am Fourche-la-Fave eingebrochen seien und
-den alten kranken Wells, auf seinem Bett selbst, todtgeschossen
-hätten.</p>
-
-<p>Wells war einer der ältesten Ansiedler, ein schlichter
-einfacher Mann, der selten nur mit einem der
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-Nachbarn verkehrte, aber deshalb doch aushalf, wo er
-nur irgend konnte. Dabei gab es keinen besseren
-Jäger und Schützen in der ganzen Range als ihn, und
-seine etwas gebräunte Hautfarbe, sein langes straffes
-schwarzes Haar ließ ihn sogar, in der Meinung der
-Hinterwäldler, vom indianischen Blut abstammen.
-Er hatte dabei ein bewegtes Leben geführt und vor
-langen Jahren sogar einmal, als Texas noch von
-wilden Indianerhorden schwärmte, einen Jagdzug
-dorthin <em class="ge">allein</em> unternommen und sich mehre Jahre
-dort, selbst einmal von Indianern gefangen genommen,
-aufgehalten. Zu seinem Unglück mußten die Verbrecher
-erfahren haben, daß er krank darnieder liege,
-sie würden sich sonst wohl kaum an ihn gewagt haben,
-denn daß er seinen Schuß nie fehlte, war bekannt.</p>
-
-<p>Niemand war bei ihm im Haus gewesen als seine
-Frau und diese erzählte jetzt, daß der Ueberfall durch
-sechs fremde Männer geschehen sei, die <em class="ge">sie</em> wenigstens
-früher nie am Fourche-la-Fave gesehen. Nur der
-Eine von ihnen, und wie es schien, der Anführer der
-Schaar, habe ein geschwärztes Gesicht gehabt und sei
-ihr bekannt vorgekommen, sie wäre aber nicht im
-Stande, irgend einen bestimmten Namen zu bezeichnen.</p>
-
-<p>Daß die Räuber mitgenommen hatten, was sie
-<em class="ge">irgend</em> gebrauchen konnten, versteht sich von selbst,
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-besonders Well's zwei Büchsen und alle Munition,
-aber auch sonst noch an Fellen und Pelzwerk, was
-gerade da war, und außerdem eine Menge anderer
-Dinge, die für sie selber keinen Werth haben konnten.
-Die Vermuthung lag deshalb nahe, daß sie das Geraubte
-nach irgend einem Versteck gebracht, oder auch
-vielleicht durch irgend einen Zwischenhändler nach
-Little Rock zum Verkauf geschickt hatten.</p>
-
-<p>Die alten Backwoodsmen rüsteten sich jetzt so gut
-sie konnten, aber was waren sie im Stand zu thun,
-wo sie sich einzeln nur auf ihrem von jeder Hülfe entfernten
-Platz im Wald befanden. Möglich war auch,
-daß es nur ein vereinzelter Raubzug gewesen, denn
-volle acht Tage lang hörte man Nichts mehr von
-Räubern, bis sie auf's Neue, und dies mal mit wahrhaft
-teuflischer Bosheit auftraten.</p>
-
-<p>Oben am Fourche wohnte ebenfalls ein alter Ansiedler
-Hogan, der, wie es dort hieß, vor kurzer Zeit
-auf einem Jagdzug in den Ozarkgebirgen, eine jener
-Silberminen entdeckt haben sollte, von denen man sich
-erzählte, daß schon vor vierzig und funfzig Jahren
-Venetianer aus dem Osten gekommen wären, um sie
-heimlich zu bearbeiten. Ob etwas an der Sache war
-oder nicht, konnte natürlich Niemand sagen, aber wie
-derartige Gerüchte rasch überhand nehmen, so wollte
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-man schon hie und da wissen, daß Hogan zu Fuß zurückgekehrt
-sei, weil sein Thier kaum im Stande gewesen
-sei, die schweren Silberstücke fortzuschaffen, die
-er dort zwischen den Steinen gefunden &ndash; und das
-gerade mußte die Räuber angezogen haben.</p>
-
-<p>Hogan selber begegneten sie draußen im Wald oder
-lauerten ihm auch vielleicht auf und schossen ihn gleich
-nieder, dann hatten sie leichte Mühe mit seinem Haus,
-in dem sie nur die alte Frau, ein paar junge Mädchen
-und zwei kleine Knaben fanden. Der Platz wurde umstellt,
-und nun sollte die Frau bekennen, wo sie das
-Silber versteckt halte, das ihr Mann aus den Bergen
-mitgebracht habe. Die Frau beschwor zwar die
-Männer nicht zu glauben, was sich das Volk am
-Fourche-la-fave erzähle. Ihr Mann sei allerdings
-oben am Whiteriver in den Ozarkgebirgen gewesen,
-aber nur um sich einen Platz zur Ansiedlung auszusuchen.
-Silber habe er gar nicht gefunden und nur
-ein paar bunte Steine mitgebracht, mit denen die
-Kinder eine Weile gespielt und sie dann weggeworfen
-hätten. Die Steine würden auch wohl die erste Ursache
-zu dem Gerüchte gegeben haben, an dem aber
-nicht eine Sylbe Wahres sei.</p>
-
-<p>Der Führer der Schaar, der wieder ein geschwärztes
-Gesicht trug, hielt sich, wie die Kinder später aussagten,
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-die Zeit über an der Thür des Hauses und gab
-von dort aus seine Befehle. Er betrug sich gerade so,
-als ob er fürchte, erkannt zu werden. Der Bericht
-der Frau aber wurde von den Jay-hawkern mit wilden
-Flüchen beantwortet. Ihr Leugnen helfe ihr Nichts
-&ndash; man wisse genau, daß sie das Silber im Haus versteckt
-halte und wenn sie es nicht gutwillig herausgebe,
-wolle man sie schon zu einem Geständniß zwingen.</p>
-
-<p>Die Frau weinte und flehte, die Kinder schrieen.
-Der Eine der rohen Buben nahm den ersten Knaben
-und schleuderte ihn mit solcher Gewalt in die Ecke,
-daß er dort winselnd am Boden liegen blieb, dann
-sprang ein Anderer zum Kamin und stieß die Kohlen
-mit dem Fuß auseinander und nun setzten sie die alte
-Frau, die in Todesangst um Erbarmen bat, auf einen
-Stuhl, banden sie dort fest, umschnürten ihr die nackten
-Füße mit einem Seil und hielten sie gewaltsam über
-die glühenden Kohlen.</p>
-
-<p>Die Frau kreischte laut auf, die Töchter warfen
-sich den Räubern zu Füßen &ndash; umsonst. Die Frau
-sollte gestehen, wo Silber, das sie in ihrem Leben nicht
-gesehen, versteckt sei, und als sie endlich ohnmächtig
-wurde, ließ man sie los und vom Stuhle herunter
-fallen, und durchwühlte nun die Hütte von oben bis
-unten, riß die Dielen auf, grub den Heerd auf und
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-verwandelte die ruhige stille Heimath guter friedlicher
-Menschen in wenigen Minuten in eine Wüste. Silber
-fanden sie natürlich nicht, nur den ärmlichen, schon
-halb zerstörten Hausrath eines Backwoodsman, und
-aus Wuth, mit allen Rohheiten gegen die Töchter
-selber, streuten sie zuletzt die glühenden Kohlen und
-Feuerbrände im Haus umher, schichteten das Stroh
-aus den Betten darauf und verließen erst den Platz,
-als sie sich überzeugt hatten, daß er in hellen Flammen
-stand.</p>
-
-<p>Die Frau starb, unter den furchtbarsten Schmerzen
-noch in der nämlichen Nacht &ndash; die Mädchen flüchteten
-mit den kleineren Kindern in den Wald, weil sie
-die Rückkehr der Räuber fürchteten und wagten sich
-erst, halb verhungert, nach einigen Tagen wieder vor,
-um eines Nachbars Wohnung und dort Schutz zu
-suchen.</p>
-
-<p>Jetzt folgten die Ueberfälle rasch einer dem anderen,
-und Rankins, ein alter Ansiedler in der Nachbarschaft,
-ließ sich endlich durch die dringenden Bitten
-der Seinen bewegen, in den Wald und den Buben
-aus dem Weg zu gehen, denn sie hatten schon nach ihm
-gefragt, und daß sie kein Erbarmen kannten, wußte
-man. Er ging auch und hielt sich 14&nbsp;Tage lang versteckt,
-bekam aber draußen das Fieber und mußte, da
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-er nicht jagen konnte, eines Abends wieder zurück, um
-sich Lebensmittel zu holen.</p>
-
-<p>Von den Jay-hawkern hatte man die letzten Tage
-Nichts gehört, denn wieder waren Unions-Truppen
-durch gekommen, von denen eine Abtheilung sogar
-nach ihnen suchte, weil man vermuthete, daß sie mit
-den Bushwhackern in Verbindung ständen. Aber vergebens;
-die Verbrecher mußten über alle gegen sie beabsichtigten
-Bewegungen gut unterrichtet sein, denn sie
-ließen sich nicht eher wieder blicken, als bis sich die
-Truppe entfernt hatte.</p>
-
-<p>Rankins war in der Zeit gerade zurückgekommen,
-und die Frauen drängten ihn, sein Versteck wieder
-aufzusuchen, aber er weigerte sich. Nur eine Nacht
-müsse er, wie er meinte, wieder einmal in seinem Bett
-schlafen, er hielte es da draußen im kalten Wald, durch
-den jetzt schon die Winterstürme tobten, nicht mehr
-aus. Lieber von den Jay-hawkern todt geschossen
-werden, als da draußen elend in den nassen Büschen
-und Zoll bei Zoll verkommen. Morgen wolle er sie
-wieder verlassen, aber auch in der Nähe bleiben, und
-so viel Kraft werde er ja doch wohl noch haben,
-wenigstens den Rädelsführer der Schurken von seinem
-Pferd zu schießen.</p>
-
-<p>Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-graute, stand die Frau auf, um Caffee zu kochen und
-dem Mann seine mitzunehmenden Lebensmittel zurecht
-zu legen.</p>
-
-<p>Rankins Haus stand etwa eine englische Meile
-vom Fourche-la-Fave ab, an der Countystraße nach
-Little Rock, da dröhnte plötzlich in dem stillen Morgen
-der Hufschlag rasch herangaloppirender Pferde durch
-den Wald.</p>
-
-<p>Das sind gewiß Soldaten, rief Frau Rankins, der
-aber doch das Herz in der Brust zu hämmern anfing.
-Rankins selber, eben wach geworden, sprang, wie er
-war aus dem Bett und griff seine neben ihm lehnende
-Büchse auf. Aber die Reiter brachen schon hervor &ndash;
-wie ein wildes Wetter sprengten sie gegen die niedere
-Umzäunung an und setzten mit ihren Thieren in voller
-Flucht darüber hin. Das Pferd des Einen stürzte und
-warf seinen Reiter gegen das Haus. Der eine der
-Männer trug wieder das geschwärzte Gesicht.</p>
-
-<p>Teufel! schrie der alte Rankins und seine Büchse
-fuhr empor, aber zu gleicher Zeit zerschmetterte eine
-Kugel seinen Arm, eine andere traf ihn in den Hals
-und zurücktaumelnd fing ihn seine Frau auf und bog
-sich jammernd über ihn.</p>
-
-<p>Im Nu waren die Räuber jetzt aus den Sätteln
-und das Rauben und Plündern begann, wie in alter
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-Weise, nur daß sie hier noch wilde Flüche ausstießen
-und den Sterbenden einen verdammten Abolitionisten
-nannten, dem sie schon lange aufgelauert hätten. Sie
-schwuren auch, daß sie nicht eher Frieden geben würden,
-bis sie die ganze »Range« von allen Vaterlandsverräthern
-gesäubert und reine Bahn für die Südstaaten
-gemacht hätten und schlossen dann ihre Blutarbeit
-wie gewöhnlich, indem sie einen Feuerbrand
-unter das Dach warfen, und dann direct in den Wald
-hineinritten.</p>
-
-<p>Rankins Knaben, einem Burschen von etwa
-10&nbsp;Jahren, der bei Annäherung der Räuber entwischt
-war, und der dicht dabei im Busch auf der Lauer gelegen,
-gelang es zwar das Feuer wieder zu löschen, aber
-das angerichtete Elend konnte er nicht mehr ungeschehen
-machen. Der alte Rankins war todt und die Frauen
-erfüllten mit ihrem Wehgeschrei die Luft.</p>
-
-<p>Noch an dem nämlichen Abend überfielen die
-Jay-hawker eine andere Ansiedlung, erschlugen den
-alten Hewes, dem sie gehörte, und waren im Begriff
-eine seiner Töchter mit in den Wald zu schleppen,
-als glücklicher Weise ein kleiner Trupp Cavallerie
-angesprengt kam und sie, zum großen Theil selbst die
-gemachte Beute im Stich lassend, in den Wald flüchten
-mußten. Allerdings setzten ihnen die Soldaten
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-nach und es gelang ihnen auch, Einen von ihnen vom
-Pferd zu schießen. Die Andern entkamen aber, und
-die Patrouille war nicht stark genug, um sich zu weit
-mit ihren überdies schon ermüdeten Thieren in die
-Berge hinein zu wagen.</p>
-
-<p>Den erschossenen Räuber kannte übrigens Niemand;
-er mußte mit seinen Genossen von irgend
-einem andern Staat oder County herübergekommen
-sein. Uebrigens fanden sie eine Menge Werthsachen,
-zwei Uhren, sechs oder acht Goldstücke und eine goldene
-Kette bei ihm, Dinge, die natürlich gleich als
-gute Beute erklärt wurden, denn die Burschen konnten
-Alles gebrauchen. Dann ließ man den Körper an
-der Straße, wohin man ihn geschleppt, liegen, damit
-die Nachbarn ihn betrachten und, wenn sie wollten,
-auch begraben konnten. Das war aber kaum nöthig,
-denn Wölfe gab es dort genug im Walde, die den
-Cadaver schon beseitigen würden.</p>
-
-<p>Es schien fast, als ob die Räuber durch diese
-Ueberraschung eingeschüchtert wären; man hörte wenigstens
-lange Nichts von ihnen, bis sie plötzlich in
-der Nähe des Arkansas und an der Mündung des
-Fourche-la-fave wieder auftauchten.</p>
-
-<p>Klingelhöffers alten Platz, wo er früher gewohnt,
-plünderten sie total aus, fanden aber glücklicher Weise
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-den Eigenthümer nicht. Klingelhöffer selber erhielt
-gleich danach Botschaft von Perryville, und die Warnung,
-auf seiner Hut zu sein und lieber mit seiner
-Familie in die »Stadt« zu kommen, denn man vermuthete
-natürlich, daß ihm jetzt der nächste Besuch
-zugedacht sein würde. Der alte Mann war aber
-nicht dazu zu bringen, seinen Platz zu verlassen. Nach
-dem Tod des einzigen Sohnes lag ihm selber Nichts
-am Leben, und nur seine noch von Deutschland
-herübergebrachten Gewehre, eine Doppelflinte, eine
-Büchsflinte und eine Pirschbüchse brachte er in Ordnung
-und lud sie frisch, verbarrikadirte dann seine
-Fenz und schwur, daß er wenigstens fünf von ihnen
-unschädlich machen wollte, wenn sie es wagen sollten,
-die Hand an seine Umzäunung zu legen.</p>
-
-<p>Sie kamen aber nicht dorthin &ndash; der Platz lag
-ihnen unbequem, gerade auf der Spitze zwischen dem
-Fourche und Arkansas. Sie konnten keine sichere
-Nachricht erhalten, ob nicht dort vielleicht gerade die
-jetzt fortwährend vorbeipassirenden Dampfer der
-Yankees, die häufig bei Klingelhöffer anlegten, um
-Hühner, Eier, oder andere Provisionen zu kaufen,
-Bewaffnete an Land gesetzt hätten, und durch den
-einen Ueberfall schüchtern, oder wenigstens vorsichtig
-gemacht, schienen sie keine rechte Lust zu haben,
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-sich in diese Art von Falle, wo es nur nach einer
-Richtung hin einen Rückweg gab, zu begeben.</p>
-
-<p>Jenkins, ebenfalls gewarnt, hatte aber sein Haus
-und seine Familie nicht verlassen wollen und nur ein
-paar Büchsen bereit, um ebenfalls bei einem Einbruch
-die Zähne zu zeigen. Außerdem hielten zwei handfeste
-Hunde den Platz in der Nacht vor einem Ueberfall
-gesichert und kamen die Räuber in zu großer
-Menge, dann hatte er immer noch Zeit, sich, von
-den Hunden gedeckt, nach seinem großen, bereit
-liegenden Canoe zurückzuziehen. Betsy verstand
-übrigens ebenfalls eine Waffe zu führen, und
-ihrer zwei waren sie der Bande auch schon eher
-gewachsen.</p>
-
-<p>Jenkins selber, den Kopf in die Hand gestützt,
-saß eines Morgens an seinem Frühstückstisch. Er
-dachte an den eigenen Sohn, von dem er so lange
-keine Nachricht gehabt, und an das Schicksal
-des armen Klingelhöffer, und das Herz war ihm
-übervoll.</p>
-
-<p>Betsy war draußen an der Landung gewesen,
-und hatte eben noch den Strom hinabgesehen, wo
-sich wieder eins der kleinen Dampfboote gegen die
-Fluth abmühte und dabei nur langsamen Fortgang
-machte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-»Das Boot kommt, Vater,« sagte sie, als sie
-die Schwelle des Hauses betrat; »es hat jetzt wohl
-eine Stunde da unten festgesessen, ist aber wieder
-flott geworden. Vielleicht bringt es Briefe von
-Jim mit.«</p>
-
-<p>Der alte Mann seufzte und reichte ihr eine Zeitung
-hin.</p>
-
-<p>»Da lies,« sagte er &ndash; »das ganze Blatt enthält
-fast weiter nichts als Todtenlisten und Angaben
-von den 2000 &ndash; oder gar 3000 Vermißten &ndash;
-armen Teufel, die nach der Schlacht elend im
-Walde umgekommen und von den Wölfen gefressen
-wurden. Armer Jim! wer weiß, wo ihn sein Schicksal
-erreicht hat, und ob wir uns je wiedersehen
-werden.«</p>
-
-<p>»<i>Hallo the house!</i>« rief da plötzlich eine Stimme
-und als die Hunde wie immer, wüthend anschlugen
-und Betsy in die Thür trat, um zu sehen wer da
-das Haus anrief, bemerkte sie einen einzelnen Reiter
-draußen an der Fenz, einen Fremden, den
-sie nicht kannte und der jetzt den Hut gegen sie
-lüftete und anfrug, ob Mr. Jenkins zu Hause
-wäre.</p>
-
-<p>Der Mann war in der gewöhnlichen Tracht der
-Backwoodsmen gekleidet, trug aber keine Waffe und
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-sah aus wie ein Ansiedler aus irgend einer anderen
-Range, der vielleicht seinen Weg verfehlt hatte, oder
-auch von dem eigentlichen Pfad abgeritten war, um
-ein Frühstück zu erbitten. Es kam das ja gar nicht
-so selten vor, denn das nächste Haus an der Straße
-von dort ab war noch wenigstens sieben Miles entfernt.</p>
-
-<p>»Steigen Sie ab Sir,« sagte das junge Mädchen,
-der Gastfreundschaft des Landes folgend, indem sie
-die Hunde zurücktrieb, »Vater ist im Haus, wenn Sie
-ihn sprechen wollten.«</p>
-
-<p>»Danke,« sagte der Fremde, indem er etwas
-schwerfällig aus dem Sattel stieg und der Einladung
-Folge leistete. &ndash; »Dann bin ich den weiten Weg doch
-nicht umsonst gekommen. Kann ich ihn vielleicht einmal
-sehen?«</p>
-
-<p>»Wollt Ihr nicht in das Haus treten?« sagte das
-Mädchen.</p>
-
-<p>»Gleich,« erwiederte der Mann, der wie es schien,
-den rechten Fuß nicht gut gebrauchen konnte; indem
-er sich überall im Hofe umsah. »Muß mir nur erst
-einmal einen Platz aussuchen, wo ich mich ein wenig
-ausruhen kann.« Er humpelte dabei auf einen, etwa
-funfzehn Schritt vom Haus entfernten Klotz zu,
-auf den er sich setzte und dabei seinen rechten Fuß
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-in die Höhe nahm, als ob er Schmerzen darin
-habe.</p>
-
-<p>»Fehlt Euch etwas?« frug Betsy theilnehmend.</p>
-
-<p>»Hm, nichts Besonderes, bin nur damals, als wir
-auf der Flucht waren, mit dem Pferd gestürzt und
-habe mir ein Bischen weh gethan.«</p>
-
-<p>»Auf der Flucht?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte der Mann &ndash; »die verdammten Sesesch
-kamen hinter uns her, und ich und der Sohn
-hier vom Hause&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bringt Ihr Nachricht von meinem Bruder?«
-rief Betsy rasch &ndash; »oh Pa, hier ist ein Mann, der
-Jim kennt &ndash; oh habt Ihr Nachricht von ihm.«</p>
-
-<p>»Weiter Nichts als einen Brief,« sagte der
-Fremde, indem er ein zusammengefaltetes Papier aus
-der Tasche nahm &ndash; »aber nein Miß,« rief er, als
-Betsy hastig danach greifen wollte &ndash; »habe ihm fest
-versprechen müssen, es nur in die Hände des alten
-Herrn selber abzugeben.«</p>
-
-<p>»Ein Brief? ein Brief von Jim?« rief jetzt auch
-der alte Mann, der vor Aufregung zitternd in die
-Thür trat, die zwei Stufen daran hinabstieg und
-auf den Fremden zueilte. »Oh gebt ihn her &ndash;
-wie lange habe ich von dem Jungen Nichts gehört.«</p>
-
-<p>Der Fremde reichte ihm jetzt ohne Weiteres das
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-Papier, das er mit bebenden Händen öffnete. Da
-knallte von der Fenz herüber, und kaum zwanzig
-Schritt von ihnen entfernt, ein Schuß und Betsy
-wandte sich rasch und erschreckt dorthin. In demselben
-Moment aber brach auch ihr Vater, das Papier
-noch in der Hand haltend, wo er stand zusammen,
-und mit einem Angstschrei warf sich die Tochter über
-ihn. Aber nicht lange sollte sie sich ihrem Schmerz
-hingeben dürfen. Wilder Lärm störte sie auf und als
-sie den Blick zurückwarf, sah sie fünf, sechs Männer
-über die Fenz springen. Die Hunde fuhren allerdings
-wie rasend auf sie ein, aber ebenso viele Revolverschüsse
-knallten ihnen entgegen und trieben sie
-heulend zurück, während Einer der Burschen &ndash; der
-Jay-hawker mit dem geschwärzten Gesicht direct auf
-Betsy zusprang.</p>
-
-<p>»Hendricks!« schrie sie, wie sie nur den Blick auf
-ihn warf &ndash; entsetzt und zurückbebend. »Feiger,
-nichtswürdiger Mörder!«</p>
-
-<p>»Miß Betsy,« sagte der Mann aber, und die
-geschwärzten Züge legten sich in drohende Falten,
-»Sie sind meine Gefangene. Sträuben Sie sich
-nicht; es würde Sie nur nutzlos einer rohen Behandlung
-aussetzen. Der ganze Platz ist umstellt, und
-unten am Strom liegt mein Canoe.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Betsy sah ihn starr an. Es war, als ob sie noch
-immer nicht einmal das ganze Fürchterliche der eben
-ausgesprochenen Drohung begriff. Aber der Bube
-sprach im Ernst; das Blut, das langsam aus dem
-Schlaf ihres armen gemordeten Vaters quoll, war
-ein entsetzlicher Zeuge des beabsichtigten Bubenstücks,
-und krampfhaft faßte sie mit beiden Händen ihre
-eigene Stirn und warf den Blick scheu und verstört
-umher. &ndash; Aber auch nur für einen Augenblick, denn
-wie ein zündender Strahl durchzuckte sie der Gedanke:
-lieber den Tod als Schande.</p>
-
-<p>Das Grundstück ihres Vaters, wenigstens der Hofraum,
-innerhalb dessen die doppelte Blockhütte stand,
-lag unmittelbar am Ufer des Arkansas, der jetzt wohl
-im Steigen war, seine volle Höhe aber noch nicht erreicht
-hatte. Unmittelbar unterhalb der Farm stieg
-das Ufer allerdings mehr allmählich und mit kleinen
-Weiden- und Baumwollenholzschößlingen bewachsen,
-empor, dicht unter dem Haus aber fiel es steil ab in
-die wirbelnde Fluth und der alte Jenkins hatte diesen
-Platz nicht allein deshalb für den Bau seines Hauses
-gewählt, weil hier in dieser Gegend der höchste Uferpunkt
-war, sondern auch weil er hier nur an drei
-Seiten eine hohe Fenz zu errichten brauchte. In der
-konnte er dann einmal hineingetriebenes Vieh auch
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-bequem halten, denn an der offenen Seite nach dem
-Strom zu war kein Stück im Stande auszubrechen.</p>
-
-<p>Der Verbrecher hielt natürlich eine Flucht des
-Mädchens für unmöglich, denn fünf, sechs wilde Gestalten
-schwärmten schon über den Hof und wenn sich
-auch die meisten mit dem Haus selber beschäftigten,
-sah Betsy doch zwei der Buben schon auf sich zu
-kommen und daß sie &ndash; erst einmal in <em class="ge">deren</em> Händen,
-kein Erbarmen zu erwarten hatte, wußte sie. Noch
-einmal hob sie scheu und wild den Blick zu Hendricks
-auf, aber der Blick genügte auch. Schon streckte der
-Bube selbst den Arm nach ihr aus, um sie zu umfassen,
-aber selbst unter seinen Händen stürzte sie fort.
-&ndash; An eine Waffe dachte sie wohl dabei, und hätte sie
-eine erreichen können, so wäre es um Hendricks geschehen
-gewesen. Aber wie konnte sie &ndash; ein einzelnes
-schwaches Wesen, der <em class="ge">Bande</em> Widerstand leisten.</p>
-
-<p>Ehe der rasch ausgreifende Arm des Buben sie
-erreichte, war sie ihm schon entschlüpft und mit
-Sätzen, so flüchtig wie ein gejagter Hirsch, flog sie
-gegen das schroffe, abschüssige Ufer des Arkansas zu.</p>
-
-<p>Hendricks folgte ihr im Nu und es gab keinen
-rascheren Läufer in der Range, aber gleich beim Ansprung
-stolperte er über die Leiche des alten Mannes,
-die Entfernung bis zum Uferrand betrug überdieß
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-kaum mehr als zwanzig Schritt. Als er sich rasch
-wieder aufgerafft und schon die Hand ausstreckte, um
-Betsy's wehendes Kleid zu erfassen, hatte sie den Rand
-erreicht und warf sich mit einem Angstschrei in die
-gelbe gurgelnde Fluth hinab.</p>
-
-<p>Hendricks schrak zurück, denn fast wäre er ihr
-selber in der Wucht des Laufes, nachgestürzt. Aber
-konnte sie ihm selbst jetzt entgehen? sein Canoe lag
-gleich unterhalb &ndash; zwei seiner Leute warteten darin.</p>
-
-<p>»Teufel,« zischte er aber zwischen die Zähne durch,
-als er erst jetzt &ndash; bis dahin völlig mit seinem Bubenstück
-beschäftigt &ndash; das gerade aufkommende kleine
-Dampfboot entdeckte, das indessen fast unter der Landung
-angelangt und so geräuschlos aufgerückt war, da
-die steile Uferbank den Schall dämpfte. Von diesem
-aber war schon ein Boot abgestoßen, das jedenfalls
-Passagiere etwas weiter unten absetzen wollte und das
-hinabspringende Mädchen mußte von ihnen gesehen,
-ihr Schrei jedenfalls gehört sein, denn im Nu wandte
-sich der Bug des kleinen Bootes stromauf.</p>
-
-<p>In wilder Wuth, sich so getäuscht zu sehen, riß der
-Räuber die Büchse an die Backe &ndash; er wollte Rache
-&ndash; aber die Waffe war ja, nach dem Schuß, der den
-alten Jenkins so feige niedergeworfen, noch nicht wieder
-geladen worden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Ein zweiter Blick überzeugte ihn aber auch, daß
-die Leute im Boot bewaffnet, daß es Soldaten waren,
-und schon pfiff eine Kugel dicht an seinem Ohr vorüber,
-die, aus dem Boot abgefeuert, wohl nur durch
-das Schwanken desselben ihr Ziel verfehlt hatte.</p>
-
-<p>»Wo kommen die Canaillen jetzt auf einmal her,«
-rief einer seiner Kameraden, der zu ihm gesprungen
-war, aber auch bei dem Schuß zurückfuhr. »Ich
-werde ihnen einmal ein Stück Blei hinüber schicken.«</p>
-
-<p>»Fort! fort!« rief aber Hendricks, der todtenbleich
-geworden war, »das ist der Sohn dessen da« &ndash; und
-scheu zeigte er nach der Leiche &ndash; »fort.«</p>
-
-<p>»Aber so viel Zeit haben wir doch wahrhaftig,«
-rief sein Gefährte, »daß wir das Nest erst noch plündern
-und in Brand stecken können. Die brauchen
-wenigstens noch eine Viertelstunde, ehe sie zu uns hier
-heraufkommen können.«</p>
-
-<p>»Fort,« wiederholte aber Hendricks und warf scheu
-den Blick umher, als ob er schon jetzt das Nahen der
-Rächer fürchte &ndash; »der Platz wird hier zu warm.
-Säumen wir nur noch Minuten hier, so sind wir verloren.«
-Und ohne nur einen weiteren Einwurf abzuwarten,
-ja ohne sich selbst Zeit zu nehmen, seine Büchse
-wieder zu laden, sprang er über den freien Hofplatz
-an der Leiche vorbei, hinaus aus der Fenz, warf
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-sich auf sein Thier und floh damit in den Wald
-hinein.</p>
-
-<p>Die Uebrigen hätten den einmal gewonnenen Platz
-allerdings nicht gern sogleich wieder verlassen. Die
-Furcht des Kameraden schien aber auch sie anzustecken.</p>
-
-<p>Jenkins Frau, die wieder krank auf ihrem Bett
-gelegen, war aufgesprungen und erfüllte jetzt, als sie
-die Leiche des Gatten am Boden liegen sah, die Luft
-mit ihrem Wehegeschrei, die verwundeten Hunde
-heulten, und der scharf ausgestoßene Dampf des kleinen
-Bootes, dicht unter der Farm, machte das Ganze
-ebenfalls unruhig genug. Es war den Schurken
-selber nicht mehr recht geheuer da oben, und was sie
-nur im Moment fassen konnten, die Büchsen im Haus
-und die Kugeltaschen, griffen sie auf und folgten dann,
-nicht viel langsamer als Hendricks ihnen vorangegangen
-war, dem Führer in das Dickicht.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Fünftes Kapitel.</span></span><br />
-
-Die Rückkehr.</h3>
-
-
-<p>Zu spät &ndash; zu spät nur um wenige Minuten kam
-die Hülfe, weil das Boot auf der Sandbank festgesessen!
-Hatte denn Gott selber gewollt, daß so Furchtbares
-geschehen sollte, wo es so leicht gewesen war,
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-es abzuwenden, oder herrscht nur ein blinder Zufall
-auf dieser Welt, der eben geschehen ließ, was geschah,
-ohne sich weiter darum zu kümmern?</p>
-
-<p>Jim Jenkins kniete neben der Leiche seines gemordeten
-Vaters. Nur die Schwester hatte er mühsam
-mit dem Boot gerettet, und mit wenigen Worten, ja
-nur mit den zwei Silben &ndash; Hendricks &ndash; das Furchtbare
-erfahren.</p>
-
-<p>John Wells, der mit ihm zurückgekehrt, war den
-Verbrechern mit Cook und noch einigen andern zur
-Begleitung nachgeeilt, um sich nur wenigstens der
-Richtung zu vergewissern, in der sie geflohen wären.
-Daß ein Canoe unten an der Landung lag, hatten sie
-gar nicht beachtet, und die beiden dabei gestörten
-Räuber sich wohl gehütet, aus den Büschen herauszukommen,
-in welche sie sich bei der Ankunft des
-Dampfers zurückgezogen. Jetzt erst, als dieser vorüber
-war, drückten diese sich wieder in ihr schwankes
-Fahrzeug, und Jenkins eigenes Canoe ebenfalls abschneidend,
-nahmen sie es mit stromab zu dem schon
-früher mit den Genossen besprochenen Versteck. Dadurch
-machten sie eine Verfolgung auf dem Strom
-vor der Hand unmöglich, und daß sie im Wald niemand
-finden sollte, dafür wollten sie schon Sorge
-tragen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-Nach einer Stunde etwa kehrte der junge Wells
-zurück. Da sie ohne Pferde waren, hätte es ihnen
-ja gar nichts geholfen, eine Verfolgung aufzunehmen,
-noch dazu, da sich die Jay-hawker in der bedeutenden
-Mehrzahl befanden und doch außer Zweifel alle gut
-bewaffnet waren. Jim war indessen um seine ohnmächtig
-gewordene Mutter bemüht, die er anfangs
-ebenfalls für todt hielt, aber unter seinen Liebkosungen
-erholte sich die alte Frau wieder, und Betsy, die in
-der Nähe und unter dem Schutz des Bruders und
-Bräutigams rasch jede Furcht verlor, war, nachdem
-sie sich umgekleidet, an seiner Seite.</p>
-
-<p>Und jetzt mußte sie erzählen, was hier in den
-letzten Monden vorgefallen &ndash; eine ununterbrochene
-Schreckensgeschichte von Mord und Blut, und John
-Wells stand dabei, die Zähne fest aufeinander gebissen,
-das Antlitz vollkommen blutleer, die Augen stier und
-fast geisterhaft auf den Mund der Sprechenden geheftet.</p>
-
-<p>Und woher sie selber kamen? Mit wenigen Worten
-war das berichtet. Sie hatten sich dem Heer zutheilen
-lassen, das bestimmt war, Little Rock zu nehmen.
-Nur so konnten sie hoffen, dem nichtswürdigen
-Treiben der Sesesch-Partei in Arkansas rasch ein
-Ende machen zu helfen. Die Eroberung war aber
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-leicht gewesen und als sie &ndash; in Little Rock angekommen
-&ndash; die Kunde von zahlreichen hier verübten Verbrechen
-hörten, hatten sie Urlaub genommen, um die
-Ihrigen selber zu besuchen und zu hören, wie es hier
-stehe. <em class="ge">Das</em> Furchtbare freilich konnten sie nicht erwarten.</p>
-
-<p>Aber es waren keine Naturen, die sich lange einem
-nutzlosen Schmerz hingegeben hätten. Vor allen
-Dingen mußten sie Pferde haben, um an irgend eine
-Verfolgung denken zu können und auf der eigenen
-Farm fanden sie auch kein einziges Stück Vieh mehr.
-Die Jayhawker mit ihrer, wie es schien, weitverzweigten
-Verbindung, hatten schon Alles, was sie erreichen
-konnten, fortgetrieben und nicht einmal vermuthen
-ließ es sich, nach welcher Richtung sie die verschiedenen
-gestohlenen Thiere geschafft hatten. Klingelhöffer
-allein, als ziemlich nächster Nachbar konnte da
-vielleicht aushelfen und John Wells übernahm es,
-ihm die Trauerkunde von dem Tod seines alten
-Freundes Jenkins zu bringen, um seine Hülfe in der
-Verfolgung der Räuber zu erbitten.</p>
-
-<p>Jim indessen, von den Freunden dabei unterstützt,
-schaufelte ein Grab für den Vater in seinem kleinen
-Garten aus, dann legten sie den alten wackeren Mann
-hinein, breiteten Bretter und Stützen über ihn, daß
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-die eingeworfene Erde nicht auf die Leiche pressen
-konnte und wölbten den Hügel über der einfachen
-Gruft.</p>
-
-<p>Kein Wort wurde dabei gesprochen, kaum noch
-eine Thräne von den Männern vergossen, denen jetzt
-nur das nagende Gefühl der Rache das Herz zusammenzog,
-und der Gedanke verscheuchte unerbittlich
-alle anderen. Allerdings waren sie sich noch nicht
-klar, wie sie den gemeinsamen Feind erreichen konnten,
-aber was that das? Ihr ganzes Leben hatte jetzt kein
-anderes Ziel und wie der Bluthund auf der Fährte
-waren sie fest entschlossen, nicht nachzulassen bis an's
-Ende.</p>
-
-<p>Abends kehrte John Wells zurück. Klingelhöffer
-stellte ihnen alle seine Pferde zur Verfügung und
-würde sie selber begleitet haben, aber ein heftiger
-Rheumatismus hatte ihn wieder auf sein Lager geworfen,
-um das herum aber nichts destoweniger seine
-geladenen Gewehre standen. Er schwur, daß er so
-lange schießen werde, als er noch einen Finger krumm
-biegen könne, und dann möchten sie ihm selber den
-Hals abschneiden und verdammt sein.</p>
-
-<p>Die einzige Hülfe, die sie noch erwarten konnten,
-lag in Perryville selber, an das sich die Räuber natürlich
-nicht getrauten, wenn sie auch in der Nähe
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-herum Alles an Pferden gestohlen hatten, was sie
-nur bekommen konnten. Die jungen Backwoodsmen
-aber durften keinen von ihrer kleinen Schaar dorthin
-senden, um sich nicht zu schwächen und Jenkins jüngster
-Bruder, ein Knabe von zehn Jahren, der bei dem
-Ueberfall gerade im Walde gewesen, wurde deshalb
-abgeschickt. Allerdings war es eine starke Tagereise
-für den kleinen Burschen, aber er ging ja oft schon
-allein Tage lang auf die Jagd und kannte auch genau
-den Weg.</p>
-
-<p>Die jungen Leute brachen jetzt zur Verfolgung
-der Mörder auf, während sie Betsy indessen mit der
-Mutter zu Klingelhöffers nicht sehr fernem Hause
-schickten. An der Fähre wohnten ja Leute, die sie über
-die Fourche setzen konnten. In dieser Richtung hin
-hatten sie auch nichts zu fürchten, und selbst die von
-Perryville erbetene Hülfe war dorthin bestellt, wo sie
-sich mit ihnen vereinigen wollten.</p>
-
-<p>Aber all' ihr Suchen war vergebens. Bis zum
-Mamelle hinüber, alle die Bergrücken südlich am
-Fourche la Fave liefen sie ab, und scharfe Augen
-waren es, die den Fährten folgten; nirgends ließ sich
-jedoch eine frische Spur der Räuber in den Bergen
-erkennen. Weiter oben, mehr nach Westen zu, fanden
-sie allerdings ein paar alte Lagerplätze, die es unzweifelhaft
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-ließen, daß sich die Jay-hawker dort eine
-ganze Zeitlang, vielleicht sogar eine Woche aufgehalten,
-aber diese Stellen hatten sie auch ebenso sicher wieder,
-und zwar nicht erst seit Kurzem verlassen, denn die
-ausgebrannten Kohlen waren vom Regen überwaschen
-worden. Die ganze Richtung, der sie bis dahin gefolgt,
-ging von dem oberen Fourche nach dem unteren,
-und die einzigen bisher verschonten Wohnplätze waren
-die, durch ihre Lage begünstigte Klingelhöffersche, und
-die benachbarte Farm gewesen. Man durfte also
-fast annehmen, daß sie ihre Wirksamkeit am Fourche
-als beendet betrachten mußten, und wohin konnten sie
-sich nun von hier gewendet haben? Außerdem lief
-der erhaltene Urlaub der jungen Leute auch bald
-wieder ab und was dann? Durften sie daran denken,
-die Ihrigen in einer solchen bedrohten und auf's
-Aeußerste gefährdeten Gegend schutzlos zurückzulassen?</p>
-
-<p>Sie waren zu Klingelhöffer hinübergeritten, um
-mit diesem das Weitere zu berathen. Der alte Mann
-fühlte sich heute etwas wohler und saß mit ihnen und
-fünf von Perryville heruntergekommenen Farmern
-vorn auf der schmalen Veranda seines Hauses, von
-der man den Arkansas überschauen konnte, und den
-hier ziemlich breiten Strom dicht zu Füßen hatte.
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Aber er wußte selber keinen Rath, denn das Land bot
-jetzt zu viele Schlupfwinkel, wo sich ein ganzes Heer
-hätte verbergen können, vielmehr denn ein kleiner
-Trupp von Leuten, denen nur daran gelegen war,
-eine kurze Zeit verborgen zu bleiben.</p>
-
-<p>In ruhigen Jahren, ja, da hatte den Fourche la
-Fave der offenste, herrlichste Wald umgeben, mit
-großen stattlichen Bäumen wohl, aber lichtem Unterholz,
-denn die Jäger hielten schon darauf, daß im
-Winter das trockene Gras und Gestrüpp ordentlich
-und regelmäßig abgebrannt wurde. Dadurch bekam
-nicht allein das Vieh, sondern auch das Wild gleich
-im Frühjahr junge saftige Aesung und der Jäger
-konnte, wenn er durch den Wald pirschte, diesen nach
-allen Richtungen hin überschauen. Jetzt dagegen war
-Alles total verwildert, und die Niederung nicht allein
-von Dornen und Sassafras-Büschen dicht durchwachsen,
-nein selbst an den Hängen war ein so üppiger junger
-Kiefer- und Hickoryschlag emporgewachsen, daß man
-sich nicht selten selbst mit dem Messer Bahn hauen
-mußte, um nur durchzukommen. Wer sich dort verstecken
-wollte, konnte es gewiß, und war auch vor
-Entdeckung sicher, wenn ihn der Zufall nicht einmal
-verrieth.</p>
-
-<p>Vertheilten sich aber sämmtliche noch waffenfähige
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-Männer über die Berge, so blieben sie nicht allein
-der Gefahr ausgesetzt, von dem geschlossenen Trupp
-einzeln aufgerieben zu werden, sondern wer bürgte
-ihnen dann dafür, daß sich die jetzt schon keck und übermüthig
-gewordene Bande indessen nicht auf die übrigen
-Häuser, ja in diesem Fall selber nach Perryville
-hineinwarf und den letzten Zufluchtsort zerstörte.</p>
-
-<p>Noch während sie sprachen, hatte Klingelhöffers
-Blick an dem gegenüber liegenden Ufer gehangen, an
-dem sich den Sommer hindurch eine breite helle
-Sandbank bis über die Hälfte des Stromes ausdehnte.
-Jetzt aber reichte der Strom bis ziemlich an
-die jungen Baumwollenholz-Schößlinge hinan, die
-den Wald der Niederung ränderten, und nur ein
-schmaler hellerer Streifen war noch übrig geblieben,
-auf dem man jetzt, aber genau und scharf abgezeichnet,
-die dunkle Gestalt eines Mannes erkennen konnte,
-der sich den Fluß hinaufwandte. Klingelhöffer deutete
-mit seinem Arm hinüber und sagte:</p>
-
-<p>»Dort drüben geht Jemand.«</p>
-
-<p>»Wo?« &ndash; rief Jim &ndash; »ah dort! oh das wird
-ein Jäger sein.«</p>
-
-<p>»Nein, er geht zu rasch. Da hinauf zu kann er
-aber auch kein anderes Haus erreichen, denn die
-<i>slews</i> sind jetzt voll Wasser.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-»Vielleicht sieht er nach seinem Vieh. Es wird
-der alte Boyles sein, der nach seinen Pferden sieht
-&ndash; ein Sesesch wie er im Buche steht.«</p>
-
-<p>»Jetzt ist er in den Wald hinein,« sagte Wells.</p>
-
-<p>Die Männer hielten noch einen Augenblick die
-Augen auf die Stelle geheftet, denn in dieser Zeit erweckte
-auch das Kleinste und Unbedeutendste Verdacht.</p>
-
-<p>»Da kommen mehrere aus dem Wald,« rief da
-plötzlich Jim Jenkins, in der Erregung des Augenblicks
-von seinem Stuhl emporfahrend. »Ob sie uns
-hier, von dort aus sehen können?«</p>
-
-<p>Mehrere Minuten beobachteten die Männer
-schweigend das, was sich da drüben augenscheinlich
-am Waldrand regte, endlich sagte Klingelhöffer, dessen
-Augen noch scharf wie die eines Luchses waren:</p>
-
-<p>»Dort ist noch immer nur ein Mann zu sehen,
-aber er schleppt ein Canoe aus den Büschen heraus.
-Wenn es Mehrere wären, würden sie ihm helfen.«</p>
-
-<p>»Klingelhöffer hat Recht,« sagte Wecks. »Jetzt
-kommt er damit in's Freie; er will in den Strom
-hinaus.«</p>
-
-<p>»Es ist besser, wir ziehen uns in's Haus zurück,«
-meinte Jenkins. »Es braucht Niemand zu wissen,
-daß wir hier so zahlreich versammelt sind.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-»Vielleicht kommt er herüber.«</p>
-
-<p>»Wir werden's bald sehen. Er ist schon damit
-am Wasserrand. Ob das Boyles selber sein kann?«</p>
-
-<p>Die Männer hatten sich langsam von der offenen
-Veranda in das Haus gezogen. Nur Klingelhöffer
-blieb draußen sitzen und es war bald keinem Zweifel
-mehr unterworfen, daß das Canoe von drüben herüber
-halte und den Landungsplatz an der diesseitigen
-Farm zu erreichen suchte, denn der Rudernde hielt
-den Bug immer seitwärts stromauf, damit er von
-der starken Strömung nicht zu weit hinab geführt
-würde. Wer es sei, ließ sich allerdings noch nicht erkennen,
-da der Mann gebückt im Canoe saß und einen
-alten Strohhut noch außerdem über die Augen gezogen
-hatte, aber das mußte sich bald auch entscheiden,
-denn jetzt erreichte er schon fast die über der Farm
-liegende felsige Spitze und indem er sein etwas
-schwankes Fahrzeug treiben ließ, lenkte er es gleich
-darauf in den Sand-Einschnitt von Klingelhöffer's
-Ufer, in welchem schon dessen Skiff befestigt lag.</p>
-
-<p>»Boyles! wahrhaftig,« rief Jim Jenkins, der
-jetzt auf die Veranda hinausgetreten war, denn vor
-dem einzelnen Nachbar brauchten sie sich nicht mehr
-zu verstecken &ndash; »Hallo, Boyles, woher kommt Ihr
-und wo wollt Ihr hin?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Boyles sah auf und erkannte den noch immer in
-der Uniform steckenden jungen Mann nicht gleich.
-Die Uniform selber gefiel ihm ebenfalls nicht, denn
-er war mit Leib und Seele Sesesch &ndash; ja, einen Moment
-schien es fast, als ob er nicht übel Lust habe,
-wieder mit seinem Canoe zurückzukehren. Klingelhöffer
-selber machte aber seinen Zweifeln ein
-Ende:</p>
-
-<p>»Kommt herauf Mann, Ihr seid hier unter
-Freunden und habt Nichts zu fürchten. Kennt Ihr
-Jim Jenkins nicht mehr?«</p>
-
-<p>»Jim, bei Gott!« sagte Boyles &ndash; »das ist recht
-&ndash; den wollte ich gerade sprechen &ndash; das trifft sich
-glücklich;« er sprang jetzt die steile Sandbank mehr
-hinauf, als er sie stieg und stand auch wenige Minuten
-später inmitten der jungen Leute, die ihn wohl
-freundlich aber trotzdem nicht herzlich grüßten. Boyles
-war ihnen nie ein angenehmer Nachbar gewesen und
-daß er sich so ganz zur Partei der Sclavenhalter
-schlug, auch selber der Einzige fast in der ganzen
-Nachbarschaft war, der Neger hielt, konnte sie ihm
-nicht geneigter machen.</p>
-
-<p>Von den Negern waren übrigens nur noch zwei
-auf der ganzen Plantage geblieben, die Uebrigen aber,
-sobald die Unionisten dort einrückten, nach Little Rock
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-gelaufen. Was sollten sie jetzt noch arbeiten, wo sie
-freie Leute geworden waren. Boyles selber mochte
-auch früher wohl zwischen den einfachen Backwoodsmen
-ein wenig den Pflanzer gespielt, und sich etwas
-vornehmer als die Nachbarn gedäucht haben. Er
-war in der That reicher und sein Haus wohnlicher
-und bequemer eingerichtet gewesen als die der Uebrigen,
-bis die Emancipation der Neger auch ihn ruinirte,
-oder doch wenigstens seine großen Plantagen,
-deren er zwei besaß, werthlos machte.</p>
-
-<p>Die eine in Missouri liegende, hatte er aber
-glücklicher Weise vor kurzer Zeit noch zu einem ziemlich
-guten Preis verkaufen können, denn gerade jetzt
-glaubten manche Farmer im Norden einen guten
-Handel zu machen, wenn sie sich ohne Sclavenarbeit
-im Süden niederließen. Allerdings war das erste
-immer ein Experiment, aber es fand trotzdem Nachahmer,
-und die südlichen Pflanzer, die nach dem Fall
-von Vicksburg die Unterwerfung des Südens mit
-Recht für unausbleiblich hielten, verkauften unter
-solchen Umständen nur zu gern.</p>
-
-<p>Klingelhöffer wunderte sich allerdings, daß gerade
-Boyles ihm einen Besuch abstattete; denn wenn sie
-auch miteinander in Frieden lebten, hatten sie sich &ndash;
-schon ihrer verschiedenen politischen Ansichten wegen
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-&ndash; bisher viel eher gemieden als gesucht. Er sollte
-aber darüber bald eine Erklärung erhalten, denn
-kaum betrat Boyles das Haus, als er auch schon
-ausrief:</p>
-
-<p>»Gott sei ewig gedankt, daß ich hier brave und
-wackere Männer finde, die einen Freund gegen Räuber
-und Mörder schützen können.«</p>
-
-<p>»Hallo,« rief John Wells, von seinem Stuhl aufspringend,
-denn er selber haßte den alten Boyles,
-mit dessen Sohn er auch früher einmal Streit gehabt,
-und nahm deshalb wenig Notiz von ihm. Seine
-Worte aber machten ihn aufmerksam, denn sie deuteten
-auf das Einzige, was in diesem Augenblick seine
-ganze Seele füllte &ndash; die Spur der Jay-hawker &ndash;
-»wißt Ihr was von den Schuften? &ndash; Haben sie Euch
-ebenfalls einen Besuch abgestattet?«</p>
-
-<p>»Ach was,« rief Jenkins; »wir haben ja ihre
-Spuren in den Wald hinein verfolgt. Nach dem
-Mamelle werden sie hinüber sein &ndash; nicht über den
-Arkansas.«</p>
-
-<p>»Nein,« rief Boyles rasch, &ndash; »drüben sind sie
-&ndash; vorgestern haben sie den Strom etwa drei Miles
-unterhalb in zwei großen Canoes gekreuzt &ndash; Warner,
-der gerade von Little Rock kam, hat sie gesehen.«</p>
-
-<p>»Da ist dann unser Canoe dabei,« sagte Jim, »das
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-die Schurken neulich bei dem Mord gestohlen haben.
-Aber wo sind sie jetzt?«</p>
-
-<p>»Weit können sie nicht sein,« erwiderte Boyles,
-»denn gestern waren sie bei Auburn drüben &ndash; der
-alte Auburn behielt kaum noch Zeit, in den Sumpf
-zu flüchten, wo er sechzehn Stunden in Schlamm und
-Wasser stecken blieb, ehe er sich wieder hinausgetraute.
-Dort aber hat ihnen der eine Neger erzählt, daß ich
-meine eine Farm verkauft und viel Geld im Hause
-hätte, und Auburn's kleiner Junge war eben bei mir,
-um sich ein Stück Fleisch zu borgen, weil die Räuber
-Alles, was sie an Lebensmitteln fanden, fortgeführt,
-und der sagte mir, ich solle mich vorsehen, denn sie
-hätten gelacht und gemeint, ich würde wohl so gut sein
-und mit ihnen theilen.«</p>
-
-<p>»Und habt Ihr das Geld wirklich im Haus?«</p>
-
-<p>»Gott bewahre, das liegt sicher genug in Little
-Rock, aber das wissen ja die Schufte nicht und werden
-es jetzt bei mir wie bei dem armen alten Hogan
-machen. Frau und Kinder hab' ich auch deshalb mit
-den beiden Negern gleich nach Auburn's hinübergeschickt,
-denn zweimal kommen sie nie auf einen Platz,
-und ich selber hatte die Absicht, hier bei Euch Schutz
-zu suchen, Klingelhöffer, bis die Gefahr vorüber ist.
-Mögen sie mir da drüben Alles verwüsten und das
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-Haus in Brand stecken. Ich kann es nicht hindern
-&ndash; aber ich will doch nicht von ihnen todtgeschossen
-werden oder meine Familie ihren Mißhandlungen
-aussetzen.«</p>
-
-<p>»Und Ihr glaubt wirklich, daß sie die Absicht
-haben, Euer Haus zu überfallen?« frug der junge Cook.</p>
-
-<p>»Ich bin fest davon überzeugt. Dort in der
-Nachbarschaft liegt weiter keine einzelne Farm und
-lange werden sie sich hier nicht mehr halten können,
-denn wie ich gehört habe, will General Steene die
-beiden Counties besetzen lassen, um diesem Räuberwesen
-ein Ende zu machen.«</p>
-
-<p>»Ja wohl, jetzt kommen sie,« brummte Klingelhöffer,
-»wo die Canaillen schon alles nur erdenkliche
-Unheil angerichtet, und Botschaft nach Botschaft haben
-wir seit Wochen hinein in die Stadt gesandt. Gott
-bewahre, nicht einmal Munition durften wir hinausbringen,
-um uns selber zu schützen.«</p>
-
-<p>»Und wißt Ihr ganz bestimmt, daß die Jay-hawkers,
-die auf dieser Seite ihr Wesen trieben, jetzt über
-den Fluß gegangen sind?« frug Wells.</p>
-
-<p>»Es giebt keine zweite solche Bande in der
-Nachbarschaft,« versicherte Boyles, »und daß diese
-mit ihren Pferden über den Strom gesetzt ist, hat
-Warner mit eigenen Augen gesehen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-»Dann können sie aber auch eben so gut mit ihren
-Booten zu <em class="ge">mir</em> herüberkommen,« meinte Klingelhöffer,
-»denn was sie bis jetzt von mir abgehalten hat, war
-weiter nichts als die Furcht, hier auf der Landspitze
-einmal von irgend einem Trupp Bewaffneter abgeschnitten
-zu werden.«</p>
-
-<p>»Aber sie haben keine Canoes mehr,« rief Boyles.
-»Warner war nicht von ihnen gesehen worden und
-hielt sich in seinem Versteck, bis sie die beiden Fahrzeuge,
-gleich über der zweiten Sandbank unten, wo die
-kleine Slew einmündet, in die Büsche hineingezogen
-und versteckt hatten, und als er sich ganz sicher wußte,
-schlich er sich dort hinein und wollte die Canoes in den
-Strom schieben und forttreiben lassen, aber er war
-dazu allein nicht im Stande und hat deshalb ganz in
-der Stille und gerade zwischen ihnen ein tüchtiges
-Feuer angezündet, bei dem er blieb, bis er sie völlig
-zerstört wußte. In <em class="ge">den</em> Canoes setzen sie gewiß nicht
-wieder über den Arkansas.«</p>
-
-<p>»Dann ist auch Hoffnung, daß wir sie drüben erwischen,«
-rief Cook rasch. »Wie wär's, wenn wir das Haus
-besetzten? nachher laufen sie uns gerade in die Hände.«</p>
-
-<p>»Hm,« sagte Wells, »ich habe auch schon darüber
-nachgedacht, aber &ndash; wie viel waren in den Canoes,
-die Warner gesehen hat?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-»Er behauptet, es müßten etwa zehn oder elf gewesen
-sein. Natürlich wagte er sich nicht zu weit hinan,
-denn wenn sie ihn entdeckten, wäre er jedenfalls
-verloren gewesen.«</p>
-
-<p>»Und sie denken Geld bei Euch zu finden?« frug
-Jenkins.</p>
-
-<p>»Sie wissen, daß ich meine Farm in Missouri
-verkauft und das Geld dafür erhalten habe. Soviel
-hat ihnen der schurkische Neger erzählt. &ndash; Sie werden
-jetzt vermuthen, daß ich es versteckt halte.«</p>
-
-<p>»Die Canaille verdient gehangen zu werden.«</p>
-
-<p>»Verdient hat er's,« sagte Boyles, »denn wie ich
-höre soll er sich den Schuften angeschlossen haben, was
-also jetzt etwa elf oder zwölf Mann für die Bande
-machen würde, wenn sie sich nicht außerdem verstärkt
-hat. Verdächtiges Gesindel trieb sich wenigstens die
-letzte Zeit gerade genug am Arkansas herum.«</p>
-
-<p>»Laßt uns die Nacht hinüberfahren,« rief da Wells,
-&ndash; »verdammt, wenn wir uns ordentlich eintheilen,
-laufen sie uns gerade in die Büchsenläufe hinein.«</p>
-
-<p>»Ihr glaubt, daß sie bei Euch nach vergrabenem
-Gelde suchen werden?« fragte Jenkins.</p>
-
-<p>»Dasselbe war wenigstens bei Hogan der Fall, bei
-dem sie Silber vermutheten und der arme Teufel
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-hatte wohl kaum einen Viertel Dollar Silber im
-Hause.«</p>
-
-<p>»Sie kommen sicher,« rief Wells, mit der Hand
-auf den Rand der Veranda schlagend, »wenn wir uns
-in dem Hause eintheilen, haben wir sie.«</p>
-
-<p>Jenkins schüttelte mit dem Kopf und sagte:</p>
-
-<p>»So weit <em class="ge">ich</em> das Haus kenne, glaub' ich es nicht.
-Es ist kein Logcabin, wo man nach allen Seiten
-Schießscharten öffnen kann, sondern von behauenen
-Balken aufgesetzt und mit Brettern beschlagen und die
-Fenster liegen alle nach dem Fluß hin, während sich
-die Thür hinten befindet. Dicht darum her stehen
-aber die kleinen Negerhäuser, jetzt wahrscheinlich alle
-leer und ich kann mich nicht so genau auf den ganzen
-Platz besinnen, ob man durch diese hin muß und durch
-sie verdeckt wird, wenn man zum Hause kommt oder ob
-sie mehr Seit' ab liegen.«</p>
-
-<p>»Mr. Jenkins,« bemerkte Boyles, »Sie haben
-Recht. Die Negerhütten liegen der Art, daß man von
-ihnen verdeckt bis dicht an das Haus hinan kann. Ich
-weiß, wie mich das die paar Stunden, die ich heute noch
-drüben war, beunruhigt hat, weil ich jeden Augenblick
-fürchtete, sie möchten sich an denen hin heranschleichen.«</p>
-
-<p>»Und wenn wir nun die Negerhütten besetzten?«
-fragte Cook.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-»Ja, das wäre ganz gut, wenn man genau wüßte,
-ob sie den Weg oder vom Wald herein kämen. In der
-Nacht ist es aber ebenfalls schlimm. Wir haben
-freilich jetzt Vollmond, aber gerade um das Haus
-herum stehen die Hickory- und Pfirsichbäume, und der
-wilde Wein, den ich an die letzteren angepflanzt habe,
-hat sie dicht und undurchsichtig gemacht.«</p>
-
-<p>»Ich will Euch etwas sagen,« meinte Jenkins, der
-den Platz da drüben genau kannte, weil er selber
-früher dort viel jagte &ndash; »Ihr kennt doch die künstliche
-Salzlecke gleich im Rohr drin, Boyles, die ich
-selber einmal angelegt?«</p>
-
-<p>»Gewiß &ndash; sie liegt ja keine zweihundert Schritt
-von meiner Fenz, und es führt sogar ein kleiner Pfad
-hin, den sich die Kühe gemacht.«</p>
-
-<p>»Dieselbe,« sagte der junge Mann, »gleich daran,
-wenn man von Eurem Hause hinüber geht, ist doch
-die kleine runde Waldblöße, die genau so aussieht, als
-ob Menschen selber dort Bäume und Büsche sorgfältig
-ausgerodet hätten, denn nicht einmal ein Strauch
-wächst darauf, nur hohes Gras und ein paar Grün-Dornen.«</p>
-
-<p>»Ganz recht, aber was damit?«</p>
-
-<p>»Habt Ihr Niemanden mehr im Haus drüben?«</p>
-
-<p>»Keine Seele &ndash; der Platz ist jetzt vollkommen
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-verlassen, denn <em class="ge">ich</em> konnte ihn allein nicht schützen,
-und wenn sie mir ihn abbrennen, so muß ich's eben
-ertragen.«</p>
-
-<p>»Habt Ihr Courage, Boyles?«</p>
-
-<p>»Gegen einen offenen Feind, ja,« sagte der Mann,
-»aber nicht gegen diese Halunken. Denkt nur daran,
-wie heimtückisch sie Euren eigenen Vater erschossen
-haben.«</p>
-
-<p>»Ihr würdet nicht wieder hinübergehen und in
-dem Hause bleiben?«</p>
-
-<p>»Nicht für hunderttausend Dollar,« erwiederte
-Jener bestimmt, »denn ich weiß, daß sie mir nie etwas
-nützen könnten. O dieser unselige Krieg. Was für
-Elend hat der schon über das Land gebracht.«</p>
-
-<p>»Wenn Ihr nur anfangt es einzusehen,« sagte
-Jenkins düster &ndash; »aber was geschehen, läßt sich eben
-nicht mehr ändern &ndash; es muß ertragen werden und
-nur das bleibt übrig, diese Schurken, die weder Freund
-noch Feind angehören, wo wir sie fassen können zu
-züchtigen, und darin können wir uns getrost die Hand
-bieten. Wo ist mein Bruder Bill, Klingelhöffer?
-war er nicht vorhin hier?«</p>
-
-<p>»Er wird drüben in der Corncrib mit den Mädchen
-sein,« antwortete der Deutsche &ndash; »ich hörte, daß sie
-vorhin davon sprachen. Was soll er?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-»Wir müssen Jemanden im Hause drüben haben,«
-sagte der junge Mann finster und entschlossen &ndash;
-»Laßt mich nur machen &ndash; ich glaube, ich habe den
-richtigen Plan &ndash; jedenfalls ist es ein Versuch; Bill
-aber, so klein er sein mag, ist ein ganz gescheuter und
-durchtriebener Bursche, der seine Sache schon geschickt
-machen wird.«</p>
-
-<p>»Ihr wollt doch, um Gottes Willen, den Knaben
-nicht drüben allein lassen, wenn die Jayhawker das
-Haus überfallen?« rief Boyles erschreckt.</p>
-
-<p>»Allerdings will ich das, aber sorgt Euch nicht
-deshalb. Bill und ich werden das schon in Ordnung
-bringen. Ueberlaßt das mir. Ich habe <em class="ge">mein</em> Leben
-eingesetzt, des Vaters niederträchtigen Mord zu
-rächen, der Knabe setzt das seine mit Freuden dafür
-ein, deß seid versichert &ndash; laßt mich nur mit ihm
-sprechen. &ndash; Noch eins, Boyles &ndash; habt Ihr Kienholz
-drüben an Eurem Haus?«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; was wollt Ihr damit? Kienholz wächst
-ja nicht drüben im Bottom.«</p>
-
-<p>»Hier liegt genug,« sagte Klingelhöffer &ndash; »was
-wollt Ihr damit?«</p>
-
-<p>»Ich erkläre Euch Alles nachher, vorher aber
-muß ich mit Bill sprechen,« und ohne den Männern
-weiter zu antworten, ging Jenkins hinaus, um den
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Bruder aufzusuchen und die nöthige Abrede mit
-ihm zu nehmen.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Sechstes Kapitel.</span></span><br />
-
-Der Hinterhalt.</h3>
-
-
-<p>Bill Jenkins war noch fast ein Kind, aber Kinder
-in jenen wilden Wäldern aufgezogen, wo sie schon
-täglich nicht selten sechs oder acht Miles allein durch
-den Wald reiten müssen, um nur zum Schulhaus zu
-gelangen, sind nicht mehr das, was sie, in unseren
-Verhältnissen aufgewachsen, sein würden. Der kleine
-Bill, der kaum eine Büchse tragen konnte, war schon
-ein ganz vortrefflicher Schütze, und wenn er auch
-eine Holzgabel mit in den Wald nehmen mußte, um
-die Waffe beim Schießen aufzulegen, so hatte er doch
-in seinem neunten Jahr schon ganz allein einen großen
-Panther im Wald erlegt und sogar einmal einen
-Bären so verwundet, daß ihn sein Vater nachher mit
-den Hunden einholen und erlegen konnte. Es mag
-sein, daß er sich der Gefahr, die er dabei lief, nicht
-recht bewußt gewesen, aber er würde sie auch trotzdem
-nicht geachtet haben, und auch jetzt ging er mit Freuden
-und vollem Eifer auf des Bruders Plan ein, ja jubelte
-laut auf, als er erfuhr, daß er selber etwas mit
-dazu beitragen solle und könne, den verruchten Mördern
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-ihre That heimzuzahlen. Es bedurfte auch keiner
-langen Erklärung, denn er begriff im Augenblick, was
-man von ihm verlange und brannte jetzt selber vor
-Begier, den an seinem Vater verübten Mord gerächt
-zu sehen.</p>
-
-<p>So lange es Tag war, durften sich aber die
-Männer &ndash; denn die von Perryville herübergekommenen
-erboten sich augenblicklich Theil an dem Unternehmen
-zu haben, da sie selber ja ebenso durch die
-immer mehr wachsende Bande bedroht blieben &ndash;
-nicht über den Strom einschiffen, da man nicht wissen
-konnte, ob die Jayhawker nicht etwa das Ufer überwachen
-ließen. Mit einbrechender Dunkelheit waren
-sie aber fertig gerüstet, und da der Mond etwa um
-sieben Uhr aufging, behielten sie auch reichlich genug Zeit,
-um ihren Versteck zu erreichen. Klingelhöffer, der
-sie nicht selber begleiten konnte, da ihn sein Kreuz
-immer noch plagte, und der auch sein Haus, bei solcher
-Nachbarschaft, nicht ganz ohne Schutz lassen wollte,
-drang ihnen aber noch, ehe sie gingen, Lebensmittel
-auf, die sie allerdings anfangs nicht mitnehmen
-wollten; er hatte aber ganz Recht, wenn er sagte,
-sie wüßten gar nicht, wann die Schurken kämen, und
-ob sie nicht vielleicht vierundzwanzig Stunden in
-ihrem Versteck liegen müßten, und wenn sie dann genöthigt
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-wurden, nach Eßwaaren auszuschicken, konnten
-sie Alles verderben.</p>
-
-<p>Das Skiff mußte zwei Mal gehen, um Alle hinüberzubringen,
-und das zweite Mal fuhr die jüngste
-Tochter vom Haus mit, um es zurückzunehmen, damit
-es die Jayhawker nicht vielleicht zufällig fänden. Sie
-betraten auch die Lichtung gar nicht, auf welcher die
-Häuser standen, sondern schritten, von Jenkins geführt,
-quer und so geräuschlos als möglich durch den Wald,
-bis sie den besprochenen Platz, am Rand eines dichten
-Schilfbruchs erreichten, und nun hier im Stockfinsteren
-allerdings nichts thun konnten, als den Aufgang
-des Mondes abzuwarten.</p>
-
-<p>Der kam aber bald, und Jenkins, der indessen schon
-den Uebrigen seinen ganzen Plan mitgetheilt hatte,
-ging jetzt mit ihnen scharf an die Arbeit, um die wenigen,
-aber doch nöthigen Vorbereitungen zu treffen.</p>
-
-<p>Eine Schaufel hatten sie mitgebracht, mit dieser
-wurde ein wenig Erde an einer von ihm bestimmten
-Stelle ausgeworfen, daß es beim ersten Anblick so
-aussah, als ob hier vor kurzer Zeit der Boden umgegraben
-und nicht wieder ordentlich zusammengescharrt
-wäre. Dann wurden einige, dort im Ueberfluß herumliegende
-Aeste darüber geworfen, daß sie den Platz
-scheinbar verdeckten, und jetzt suchten sich die Männer
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-auf der gegenüber liegenden Seite ihre Stellen, von
-denen aus sie den Plan, ohne selber gesehen zu werden,
-überschießen konnten.</p>
-
-<p>Die Ortslage selber war wie für einen solchen
-Hinterhalt gemacht, denn gerade dort vorüber zog sich
-eine, selbst jetzt noch trockene, oder wenigstens nur mit
-etwas Regenwasser seicht gefüllte Slew, die erst dann
-gefüllt wurde, wenn der Arkansas seinen höchsten
-Stand erreichte und seine Wasser durch diese Einläufe
-in den Sumpf hineinsandte. Jetzt konnte man sie
-leicht durchwaten, dahinter aber hatte der mit eingewaschene
-Sand eine wohl sechs bis acht Fuß hohe und
-ziemlich steile, wenigstens völlig kahle Wand angespült,
-von der gedeckt sich wohl funfzig Menschen hätten
-sicher verbergen können. Wer wenigstens von der
-Richtung des Hauses herüber kam, konnte sie unmöglich
-bemerken. Nur im Rücken konnten sie angegriffen
-werden, und um sich auch dagegen vollständig
-zu decken, wurde Einer der jungen Leute aus Perryville
-in den Wald hineinpostirt, damit sie selber jedenfalls
-sicher vor einem Ueberfall blieben.</p>
-
-<p>Uebrigens lagen sie immer zwei und zwei beisammen,
-so daß Einer wenigstens, wenn sie die ganze
-Nacht dort wachen mußten, schlafen konnte, um dann
-seinen Nachbar abzulösen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Bill indessen, der kleine Bursch, hatte die Männer
-bis zu ihrem beabsichtigten Versteck begleitet, damit
-er selber das Terrain selber genau kennen lernte, und
-erst als sie die Arbeit beendet hatten und er nun genau
-wußte, wie Alles stand, schulterte er seinen Sack
-mit Kienholz, das er brauchte, wenn sie in der Nacht
-ankamen, nahm einige Lebensmittel und schritt <em class="ge">neben</em>
-dem Pfad &ndash; um keine Spuren zurückzulassen, dem
-gar nicht fernen Hause zu. Er fürchtete sich auch
-nicht im Mindesten; was wissen amerikanische Kinder
-überhaupt von Furcht, denn Gespenstergeschichten, mit
-denen Kinder bei uns von ihren Ammen oder Wartefrauen
-groß gezogen werden, kannte er gar nicht, und
-böse Menschen? ei auf die wartete er gerade, und je
-eher sie kamen, desto besser. Er lief auch in der That
-keine andere Gefahr, als daß die Räuber vielleicht,
-gleich bei dem ersten Anprall in das Haus hineingeschossen
-hätten. Aber das geschah schwerlich, denn
-wer schießt gern seine Büchse, ohne ein bestimmtes
-Ziel zu haben, ab, und den kleinen Burschen, der noch
-jünger aussah, als er wirklich war, würden sie schwerlich
-geschädigt haben.</p>
-
-<p>Als Bill den Platz erreichte, zündete er vor allen
-Dingen ein tüchtiges Feuer im Kamin an. Es war
-ziemlich frisch die Nacht, und er mußte auch Licht
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-haben. Nachdem das geschehen und er ein Stück
-Kienholz auf das Feuer geworfen, schüttete er die
-übrigen Kienreste hinter dem Haus auf den Holzplatz
-und ließ nur noch etwas neben dem Kamin liegen.
-Hiernach legte er sein mitgebrachtes Essen in den
-Fliegenschrank, in dem er aber noch ein Stück Maisbrod
-und etwas kalten Speck fand. Hierauf untersuchte
-er die in der Ecke stehende große Kaffeekanne,
-und richtig, sie war noch fast halb gefüllt &ndash; der kleine
-Bursch lachte still vor sich hin, denn er konnte nun
-bald einen Becher heißen Kaffee's bekommen, und
-damit ließ sich dann schon eine Nachtwache halten.</p>
-
-<p>Aber sollte er überhaupt wachen? nein. Blieb
-er am Feuer sitzen, so konnte doch am Ende Einer
-von den schlechten Menschen, und wenn auch nur aus
-nutzloser Bosheit, auf ihn schießen. Legte er sich aber
-in eine Ecke und drangen sie dann in das Haus ein
-und fanden nur den Knaben vor, so hatte er kaum
-etwas für sich zu fürchten, und das Weitere? Des
-Knaben Augen blitzten, als er sich sein Begegnen mit
-den Jay-hawkern ausmalte, aber er biß die Zähne
-auf einander, denn die Thränen traten ihm in die
-Augen, wenn er an den Vater dachte, und er wollte
-jetzt nicht weinen. &ndash; Er mußte eine Beschäftigung
-haben, den Kaffeetopf setzte er deshalb auf's Feuer
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-und holte sich dann sein Abendbrod herzu, das er
-verzehrte und sich einen Becher Kaffee dazu ausschenkte.</p>
-
-<p>In der Ecke stand ein großes, bequemes, mit
-einem Mosquitonetz überzogenes Bett, aber in das
-wagte er nicht sich hineinzulegen. Es sah so vornehm
-und sauber aus und er war nicht daran gewöhnt.
-Er nahm sich deshalb nur eine der wollenen Decken
-herunter, schob sich ein paar am Kamin liegende Säcke
-für ein Kopfkissen zurecht, wickelte sich dann in die
-Decke und legte sich ruhig und unbesorgt in die eine
-Ecke, wo ihm der Feuerschein nicht auf die Augen
-fallen konnte, und sich seine ganze Gestalt in der That
-in Schatten befand, nieder.</p>
-
-<p>Er wollte aber gewiß nicht schlafen, sondern wachbleiben
-und aushorchen, wenn er die Leute könne kommen
-hören; aber der Knabe hatte sich da wohl zu viel
-zugetraut. Eine Weile ja, blieb er munter und beobachtete
-an der Wand die wunderlichen Schatten,
-die der unstete Schein des Feuers durch einen Stuhl
-und sein darüber gelegtes Röckchen warf. Wie aber
-das Feuer mehr und mehr niederbrannte und das
-Licht matter und ungewisser wurde, schienen auch ihm
-die Augenlider schwerer und schwerer zu werden.
-Ein paar Mal raffte er sich wohl noch gewaltsam
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-auf; er wollte nicht schlafen, ja das half aber Nichts
-&ndash; der Sandmann kam doch und streute seine Mohnkörner
-über ihn. Er träumte schon, als er noch
-glaubte, daß er vollkommen wach wäre, und nur wenige
-Minuten später, so schlief er sanft und süß &ndash;
-und schlief fort bis zum anderen Morgen und bis
-die Sonne ihm durch ein kleines über der Thür angebrachtes
-Fenster gerade in die Augen schien.</p>
-
-<p>Erschreckt fuhr er von seinem Lager empor. &ndash;
-Wo war er denn eigentlich? Er konnte sich im ersten
-Moment gar nicht gleich darauf besinnen. Wie ihm
-aber der Gedanke kam, weshalb er hier übernachtete,
-schoß es ihm auch wie ein eisiges Gefühl durch's Herz &ndash;
-das Gefühl der Gefahr, in der er sich noch immer
-hier befand, während die Abends stets viel stärkere
-Aufregung geschwunden war, und sich das kleine Kinderherz
-doch jetzt mit Sorge und wohl auch mit etwas
-Furcht erfüllte.</p>
-
-<p>Wer von uns Allen hat nicht schon ein ähnliches
-Gefühl erlebt, wenn ihm der Morgen mit seiner nüchternen
-Wirklichkeit irgend eine Sorge oder Angst und
-sei sie noch so gering gewesen, vor die Seele brachte,
-und ein ganz eigenes erkältendes Gefühl durch die
-Nerven zuckte. War es ein Wunder, daß es auch das
-Kind beschlich, das sich hier allein auf der Farm, ja
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-in der Absicht da befand, einer Bande von Räubern
-die Stirn zu zeigen, die ihm den eigenen Vater gemordet
-hatten und Blut und Verzweiflung in manche
-stille Hütte getragen? Aber diese Schwäche dauerte
-trotzdem nicht lange. &ndash; »Wenn sie nur kämen,« zischte
-er, seiner eigenen Angst trotzend, zwischen den zusammengebissenen
-Zähnen durch, und verrichtete dann
-ruhig seine gewohnte Arbeit. Zuerst wusch er sich,
-dann setzte er sich seinen Kaffee wieder auf das indessen
-zusammengeschürte Feuer und war damit so
-eifrig beschäftigt, daß er gar nicht weiter auf das
-achtete, was um ihn her vorging. Er hielt gerade
-das Schüreisen in der Hand, um die noch von gestern
-Abend her übrig gebliebenen Kohlen ein wenig zusammenzuschüren,
-als er plötzlich so zusammenschrak, daß
-ihm das Eisen aus der Hand und klirrend auf die
-Heerdsteine fiel, denn eine rauhe Stimme in der Thür
-selbst sagte:</p>
-
-<p>»Hallo mein junger Bursch! so allein hier im
-Haus? Ist denn das ganze Nest ausgeflogen, und
-hältst Du Haus allein?«</p>
-
-<p>Bill war todtenblaß geworden &ndash; er zitterte an
-allen Gliedern, aber es war keine Furcht mehr, die
-des Knaben Herz im entscheidenden Augenblick beschlich,
-wenn sich auch zuerst wohl ein scheuer Schreck
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-mit dem Gefühl mischte. Es war das Bewußtsein,
-daß die Entscheidung gekommen; die Fremden aber
-nahmen es selbstverständlich für die natürliche Furcht
-des Kindes und achteten nicht weiter darauf, ja suchten
-den Knaben eher zu beruhigen, damit er ihnen Rede
-und Antwort stände.</p>
-
-<p>»Na fürchte Dich nicht,« fuhr der Mann fort, der
-ihn zuerst angeredet hatte und in dem Bill jetzt augenblicklich
-den Schurken Hendricks erkannte. »Wir
-wollen Dir ja Nichts thun, sondern uns nur nach
-Mr. Boyles erkundigen. Hat er sich versteckt? &ndash; Ist
-es Dein Vater, mein Junge?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Bill, der nicht gleich wußte, wie er
-auf die Frage antworten sollte &ndash; aber es war gut
-gewesen, daß er sie verneint hatte, denn ein Anderer
-antwortete für ihn.</p>
-
-<p>»Ist denn der nicht ein Junge von Jenkins über
-dem Fluß drüben?« rief der, und als Bill zu ihm
-aufsah, erkannte er Auburn's Neger, der manchmal
-drüben bei ihnen gewesen war, um nach Vieh zu sehen,
-das Auburn auch auf jener Seite laufen hatte.</p>
-
-<p>»Gewiß bin ich's,« sagte Bill, der in dem Augenblick
-blutroth wurde.</p>
-
-<p>»Und was machst Du hier drüben, mein Bursch?«
-frug Hendricks, der ihn jetzt ebenfalls erkannte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-Bill war durch seinen Bruder auf diese mögliche
-Frage vorbereitet worden, und antwortete wohl scheu,
-aber doch bestimmt: »Den Vater haben böse Menschen
-todtgeschossen, Schwester und Mutter sind fortgegangen
-nach Perryville und da hat mich Mr. Boyles seit etwa
-acht Tagen zu sich genommen, bis die Jayhawker aus
-der <i>range</i> vertrieben sind.«</p>
-
-<p>»So?« lachte Hendricks &ndash; »also in Perryville ist
-Deine Schwester?«</p>
-
-<p>»Ja, aber mit dem ersten Soldatenzug, der wieder
-die Straße herabkommt, geht sie nach Little Rock.«</p>
-
-<p>»Aha! sehr vorsichtig,« nickte der Bursche &ndash; »nun
-vielleicht können <em class="ge">wir</em> ihr in diesen Tagen sicheres Geleit
-geben, damit sie von den Jay-hawkern nichts zu
-fürchten hat. Bei wem ist sie im Haus?«</p>
-
-<p>»Bei Thomsons,« sagte Bill, auf gut Glück einen
-der dortigen Namen nennend.</p>
-
-<p>»Ach, laßt die Dummheiten,« unterbrach ihn aber
-einer der Uebrigen, und es waren indessen etwa fünf
-Mann ins Haus getreten. »Da haben wir doch jetzt
-Wichtigeres zu thun, als solche Faxen. Wo steckt
-Boyles?«</p>
-
-<p>»Er ist auch gestern Abend über den Fluß gefahren
-und nach Perryville gegangen.«</p>
-
-<p>»So? und was will er da, mein Herz?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-»Er will Hülfe haben, daß ihn böse Menschen nicht
-auch umbringen und ausplündern können.«</p>
-
-<p>»Ei, sieh mal an,« lachte Hendricks, »ja, den Weg
-hätten wir ihm ersparen können. Wir sind selber
-hierher gekommen, um bei ihm zu bleiben, denn die
-Jay-hawker treiben sich wirklich in der Nachbarschaft
-herum. Aber bist Du hier ganz allein auf der Farm
-oder wer ist sonst noch bei Dir?«</p>
-
-<p>»Ich bin ganz allein hier,« sagte der Knabe, »denn
-die Frauen sind auch den Fluß hinab in die Ansiedlung
-gegangen, weil sie sich fürchten hier zu bleiben.«</p>
-
-<p>»Hm &ndash; fürchten, wovor, wenn <em class="ge">wir</em> da sind,«
-lachte Hendricks &ndash; »Aber Boyles hat auch wohl Ursache,
-die bösen Menschen zu scheuen, denn, wie ich
-gehört, soll er viel baares Geld mit von Missouri
-herunter gebracht haben. Ist das wahr?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht,« sagte der Knabe scheu.</p>
-
-<p>»Wie lange bist Du bei ihm?«</p>
-
-<p>»Etwa acht Tage.«</p>
-
-<p>»Aber seit der Zeit ist er doch erst zurückgekommen
-und hat denn doch sicher zu Haus davon gesprochen.
-&ndash; Wie?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; das wohl,« flüsterte Bill.</p>
-
-<p>»Nun siehst Du wohl, mein kleiner Bursch,«
-meinte Hendricks, indem er einen Blick mit den Gefährten
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-wechselte, »er hat es doch sicher und gut aufgehoben,
-damit es die Räuber nicht gleich finden
-können.«</p>
-
-<p>Bill nickte nur, denn er wagte gar nicht, den
-Mörder seines Vaters anzusehen.</p>
-
-<p>»Nun das dacht' ich mir,« lächelte Hendricks,
-»gewiß hier unter der Diele.«</p>
-
-<p>Bill schüttelte mit dem Kopf.</p>
-
-<p>»Oder oben unter dem Dach?«</p>
-
-<p>Bill schüttelte wieder.</p>
-
-<p>»Was? auch nicht? ja dann werden es die Jay-hawker
-gewiß finden, denn die sind in so etwas schlau.«</p>
-
-<p>»Nein, die finden es nicht,« sagte aber Bill bestimmt,
-»denn er hat es draußen im Wald vergraben
-und sie wissen den Platz nicht.«</p>
-
-<p>»In der That? &ndash; aber Du weißt ihn, wie?«</p>
-
-<p>Bill schwieg und sah vor sich nieder.</p>
-
-<p>»Nun mein Junge, kannst Du nicht antworten?«
-rief der andere Bursche rauh, denn das Verhör
-dauerte ihm zu lang.</p>
-
-<p>»Laß doch nur,« rief aber Hendricks, indem er dem
-Gefährten hinter des Knaben Rücken zuwinkte &ndash; »wir
-haben ja Zeit, denn wir bleiben ja doch hier, bis Mr.
-Boyles mit seinen Leuten von Perryville zurückkommt.
-Nicht wahr <em class="ge">Du</em> weißt, wo er das Geld vergraben hat?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Bill nickte jetzt leise mit dem Kopfe, antwortete
-aber noch immer nicht weiter.</p>
-
-<p>»So?« sagte Hendricks &ndash; »nun das ist gut, dann
-wollen wir auch schon dafür sorgen, daß ihm die Jay-hawker
-nicht zu nahe kommen. Wo ist denn der Platz?«</p>
-
-<p>»Ich darf's nicht sagen,« erwiederte aber Bill jetzt.
-»Mr. Boyles hat es mir streng verboten.«</p>
-
-<p>»Ja, keinen <em class="ge">fremden</em> Leuten,« lachte Hendricks,
-»aber <em class="ge">uns</em> schon, wir wollen ihm ja gegen die Andern
-helfen &ndash; also wo ist der Platz, weit von hier,
-oder im Garten drüben?«</p>
-
-<p>»Ich darf's nicht sagen, oder Mr. Boyles schlägt
-mich,« erwiderte der Knabe, und warf einen scheuen
-Blick nach dem Frager hinauf.</p>
-
-<p>»Ach was! wir vertrödeln hier die Zeit in höchst
-alberner Weise,« rief aber jetzt der Andere, der ebenfalls
-ein Führer zu sein schien und einen großen
-schwarzen Bart trug. Er faßte dabei den Knaben fest
-am Arm. »Komm her mein Bursch und sei vernünftig
-&ndash; Mr. Boyles giebt Dir vielleicht eine Tracht
-Schläge, wenn er zurückkommt, das ist möglich, aber
-mit uns bist Du noch viel schlimmer d'ran, denn wenn
-Du uns jetzt die Stelle nicht zeigst, wo das Geld eingesscharrt
-ist, so binde <em class="ge">ich</em> Dich da draußen an den nächsten
-Pfirsichbaum und prügele Dich so lange, bis Dir das
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-Fleisch in Fetzen vom Rücken herunter hängt &ndash; hast
-Du mich verstanden?«</p>
-
-<p>Hendricks schüttelte unwillig den Kopf, denn dadurch
-machten sie jedenfalls mehr als nöthigen Lärm
-auf der Farm. Bill aber klagte:</p>
-
-<p>»Aber ich <em class="ge">darf's</em> ja nicht sagen, Mr. Boyles hat
-es mir so streng verboten.«</p>
-
-<p>»Sip!« rief der mit dem Bart da dem Neger zu.
-»Spring einmal hinaus und schneid' mir ein paar
-tüchtige Stöcke ab, aber derbe, verstehst Du? Der
-kleine Bursch scheint hier hartnäckiger Art zu sein und
-da wollen wir doch einmal sehen, ob wir ihm den
-Trotzkopf brechen können!«</p>
-
-<p>Sip blieb nicht lange aus und Bill suchte sich indessen
-von der Hand des Mannes loszumachen, was
-aber freilich einem Stärkeren schwer geworden wäre.
-Der Mann lachte auch nur zu dem Versuch und suchte
-dabei in seiner Tasche nach einem Stück Seil, um die
-Hände des Knaben zusammenzuschnüren, so daß dieser
-endlich wie in Todesangst ausrief:</p>
-
-<p>»Ach schlagt mich nur nicht, schlagt mich nur nicht;
-ich will Euch ja auch gern zu dem Platz führen, aber
-Ihr dürft Mr. Boyles nicht sagen, daß ich es gethan
-habe, oder er jagte mich sonst gleich wieder aus dem
-Hause«.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-»Aha,« lachte der Jayhawker &ndash; »nun denn heraus
-mit der Sprache, wo ist es? weit von hier? im
-Garten vielleicht?«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; ein Stück im Wald drin,« antwortete
-der Knabe, während der wilde Bursch den ihm von
-dem Neger gebrachten Stock in die Luft probirte.</p>
-
-<p>»Wo hinaus?«</p>
-
-<p>»Gleich dort drüben. Es führt ein schmaler
-Pfad nicht weit davon vorbei.«</p>
-
-<p>»Kannst Du ihn auffinden?«</p>
-
-<p>»Ich &ndash; weiß es nicht &ndash; ich glaube ja.«</p>
-
-<p>»Wie lange haben wir zu gehen?«</p>
-
-<p>»Oh, gar nicht lange &ndash; noch an dieser Seite vom
-Schilfbruch ist's.«</p>
-
-<p>»Nun also denn vorwärts,« rief der Bärtige, der
-jetzt den Oberbefehl über die Bande zu haben schien
-&ndash; »und glaub' nicht etwa, mein Junge, daß Du uns
-im Wald davon huschen kannst. Wie Du nur Miene
-machst fortzulaufen, drehe ich dir den Hals um, darauf
-kannst Du Dich verlassen.«</p>
-
-<p>»Ich kann ja nicht fortlaufen,« klagte Bill, »ich
-habe ja ein lahmes Bein.«</p>
-
-<p>»Desto besser für dich,« nickte der Schwarze »denn
-das hält Dir den Hals gerade &ndash; aber nun vorwärts.
-&ndash; Nein, mein Junge, nicht losmachen, ich behalte
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-Dich an der Hand, denn sicher ist sicher. Komm nur
-mit; es hilft Dir jetzt nichts weiter. Und die Stöcke
-bring ebenfalls Sip, wenn ihn unterwegs vielleicht
-sein Gedächtniß verlassen sollte.«</p>
-
-<p>Bill leistete keinen Widerstand weiter, denn Alles,
-was er wollte, hatte er ja erreicht: Sie glaubten ihm
-und waren im Begriff, ihm zu folgen, aber trotzdem
-beschlich den Knaben jetzt eine und zwar nicht unbegründete
-Furcht.</p>
-
-<p>Daß ihn die Freunde nicht mit ihren Kugeln
-treffen würden, wenn sie auf die Räuber schossen,
-wußte er gut genug und scheute sich wahrlich nicht
-davor, aber der baumstarke Mann mit dem großen
-schwarzen Bart, hielt seinen Arm wie in einem
-Schraubstock und merkte er Verrath &ndash; von dem er
-jetzt aber noch keine Ahnung haben konnte, so war es
-sicherlich um ihn geschehen. Aber trotzdem schritt der
-Knabe, der jedoch wirklich so that, als ob er nicht
-rasch von der Stelle könne, neben dem Jayhawker
-her. Weigern hätte ihm auch jetzt nichts mehr geholfen,
-das wußte er gut genug und nur die Kugeln
-der Freunde konnten ihn wieder frei machen und in
-Sicherheit bringen.</p>
-
-<p>Der Pfad war ziemlich schmal und das kleine
-Gestrüpp an beiden Seiten desselben, wie auch überall
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-in diesen Wäldern, in den letzten Jahren wild
-und üppig emporgeschossen, aber verfehlen konnte Bill
-seinen Weg schon deshalb nicht, weil ihn die hin- und
-herwechselnden Kühe offen und betreten gehalten.
-Trotzdem wurde seinen Begleitern die Zeit lang und
-der Schwarze brummte.</p>
-
-<p>»Höre mein Bursch, wenn Du glaubst, daß Du
-uns hier zum Narren haben kannst, so bist Du im
-Irrthum. Soweit vom Haus hat der alte Boyles
-sein Geld wahrhaftig nicht begraben. Sind wir
-bald da?«</p>
-
-<p>»Seht Ihr den lichten Fleck da vorn?« fragte der
-Knabe.</p>
-
-<p>»Gleich da vor uns die Oeffnung?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; dort ist's &ndash; aber Mr. Boyles wird so
-böse werden.«</p>
-
-<p>»Sorg Dich nicht um den, mein Bursche,« lachte
-der Schwarze, »denn wenn Du unter unserem Schutz
-stehst, wird er wohl die Hände von Dir lassen.
-Liegt denn das Geld so dicht am Pfad?«</p>
-
-<p>»Nur ein klein Stückchen rechts davon, &ndash; er hat
-abgebrochenes Holz darüber gezogen, damit es Niemand
-finden kann.«</p>
-
-<p>»Gescheut gemacht, alter Gesell,« lachte der mit
-dem Bart &ndash; »Boyles ist von jeher ein grundpfiffiger
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-Kerl gewesen &ndash; und nun mein kleiner Bursch, da
-sind wir an der Stelle. Wo ist jetzt der Platz?«</p>
-
-<p>»Gleich da drüben, seht Ihr unter dem Baumwollenholzstumpf,
-den der Blitz abgeschlagen hat.«</p>
-
-<p>Der Jay-hawker blieb stehen und zwang dadurch
-auch die Anderen, zu halten. Wie das Wild, ehe es
-eine größere Waldblöße erreicht, stehen bleibt und
-umhersichert, ob ihm auch von keiner Seite Gefahr
-droht, so blieb der den Gesetzen verfallene Mörder
-ebenfalls halten und überflog rasch mit seinem Blick
-die angrenzenden Büsche. &ndash; Aber selbst sein scharfes
-Auge konnte nichts Verdächtiges bemerkt haben, doch
-Bills kleines Herz klopfte ihm wie ein Hammer in
-der Brust. Der Moment war gekommen, und obgleich
-er selber den Versteck der Freunde kannte, war
-er nicht im Stande, auch nur das Geringste von ihnen
-zu bemerken. Hatte ihnen die Zeit zu lange gewährt
-und die Schaar den Platz verlassen? &ndash; was
-dann?</p>
-
-<p>Der Führer schien sich aber überzeugt zu haben,
-daß ihnen hier keine Gefahr drohe. Nur um ganz
-sicher zu sein, wandte er sich zu dem Neger und sagte
-zu diesem:</p>
-
-<p>»Du, Sip &ndash; steig einmal da drüben die Bank
-hinauf &ndash; wenn Du Dir auch die bloßen Beine ein
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-wenig naß machst, und spür' einmal den Platz ab.
-Sowie Du etwas Verdächtiges merkst, kommst Du
-zurück &ndash; und nun vorwärts, Ihr Burschen. Habt
-Ihr die Hacken mitgenommen? Das ist Recht. Das
-sieht mir selber so aus, als ob dort die Erde frisch
-umgewühlt wäre. Vorwärts, in einer Viertelstunde
-müssen wir mit der Sache zu Ende sein.«</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Siebentes Kapitel.</span></span><br />
-
-Der Hinterhalt.</h3>
-
-
-<p>Die jungen Backwoodsmen vom Fourche la Fave
-hatten indessen den Abend hinter ihrer Sandbank
-ziemlich ruhig verbracht, denn sie glaubten selber nicht,
-daß die Jay-hawker zu dieser Zeit einen Ueberfall
-unternehmen würden. Es war das wenigstens bis
-jetzt noch nicht ein einziges Mal geschehen. Am liebsten
-kamen sie in früher Morgenstunde, ja meistens mit
-anbrechendem Tag, bis zu welcher Zeit auch sämmtliche
-Indianerstämme ihre Angriffe aufschieben, weil
-sie den Feind dann selten oder nie gerüstet finden.</p>
-
-<p>Allerdings hielten die Freunde abwechselnd ihre
-Wacht und beobachteten dabei ein vorsichtiges aber
-auch nothwendiges Stillschweigen. Schon der Klang
-einer Menschenstimme hier im Wald, würde einem
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-herumschleichenden Feind den ganzen Plan verrathen
-haben, aber an wen es gerade war, sich zum Schlafen
-nieder zu legen, der that das in voller Ruhe und in
-einem Gefühl von Sicherheit, das jedoch rasch schwand,
-als der Whip-poor-Will Morgens seinen ersten Laut
-hören ließ, und damit den nahenden Tag verkündete.</p>
-
-<p>Jetzt wurden Alle geweckt und lautlos, ihre Büchsen
-im Arm, horchten sie der Richtung zu, in welcher das
-Haus lag, ob sie nicht den wilden Schrei von dort
-herüber hören konnten, mit dem sich die Jay-hawker
-schon verschiedene Male bei ihren Opfern eingeführt
-&ndash; aber es blieb Alles still. Der Tag dämmerte, die
-Sonne ging auf und stieg höher und höher, ja stand
-schon über den Baumwipfeln, und noch immer regte
-sich Nichts nach jener Richtung zu im Wald, und nur
-ein paar Spechte hämmerten ununterbrochen an einem
-alten Stamm herum und stießen manchmal dazu ihr
-heiseres Gekreisch aus.</p>
-
-<p>Hatten die Jay-hawker ihren Angriff auf Boyles'
-Haus aufgegeben und waren am Ende doch mit einem
-vielleicht irgendwo sonst aufgefundenen Canoe nach
-der anderen Seite zurückgekehrt? Sie hätten jetzt
-selbst Perryville vollkommen schutzlos gefunden und
-dort nach Belieben wirthschaften können.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Halt! das klang wie eine menschliche Stimme &ndash;
-wenn sie jetzt kamen. Den jungen Leuten schlug das
-Herz, als ob sie sich hätten an einen Bären anpirschen
-wollen. Sie Alle waren aber auch Jäger genug, um
-zu wissen, daß sie sich vollständig decken mußten, wenn
-sie den schlauen Feind überlisten wollten. Das
-Blitzen der Sonne auf einem Büchsenlauf, die runden
-dunkeln Umrisse eines Kopfes nur auf dem hellen
-Sand konnten sie schon verrathen, und nicht allein,
-daß ihre ganze Arbeit dann umsonst gewesen wäre,
-nein, sie gefährdeten in dem Fall auch auf das Ernstlichste
-das Leben des Knaben, denn welche Gewissensbisse
-hätten sich jene Burschen gemacht im ersten Moment
-und in Wuth und Rache selbst das Leben eines
-Kindes zu nehmen.</p>
-
-<p>Jim Jenkins hatte dafür auch schon vorher seine
-Ordre gegeben. Alle mußten sich vollkommen hinter
-dem Sandrücken verborgen halten, und er selber
-häufte, eben mit den Augen über dem Rand, für
-seinen Kopf eine Parthie Reiser und Ranken so auf,
-daß sie ihm einen Blick hinausließen, aber ihn auch
-sonst vollständig verdeckten. Erst wenn die Freunde
-sahen, daß er sich selber schußfertig machte, sollten
-sie das Nämliche thun, die Büchsen dann hinausschieben
-und rasch, aber sicher zielen und abdrücken
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-&ndash; um Gottes Willen keinen Schuß nutzlos vergeuden.</p>
-
-<p>Jetzt konnte Jim die dunklen Gestalten der Jay-hawker
-schon deutlich im Wald erkennen. Sie kamen näher
-und näher und das Blut stockte ihm fast, als er sah,
-daß der Erste den Arm seines Bruders fest in der
-Faust hielt, und der Kleine dadurch nicht einmal frei
-war, sich, der Verabredung nach, gleich bei dem ersten
-Schuß in das Dickicht zu werfen &ndash; aber jetzt blieb
-keine Zeit mehr zum Besinnen &ndash; wo war Hendricks?
-Jim's Blick suchte ihn, aber er fand ihn nicht unter
-den Vorderen. War er am Ende gar nicht unter der
-Schaar? &ndash; Jim schrak unwillkürlich zusammen. Die
-Jay-hawker hielten noch im Waldrand, so daß er bis
-jetzt nur auf den Einen hätte mit Sicherheit zielen
-können. Hatten sie etwa Verdacht geschöpft &ndash; aber
-durch was? Jim durfte allerdings nicht einmal den
-Kopf zur Seite drehen, um sich nicht durch die, selbst
-unbedeutende Bewegung selber zu verrathen, und
-nur den Mund öffnete er weit, so schwer kam ihm der
-Athem aus der Brust.</p>
-
-<p>Wie still das gerade jetzt im Walde war &ndash; deutlich
-konnte man das Klopfen des Spechtes, den Schrei
-eines kleinen Falken hören, der mit zitterndem Flügelschlag
-fast wie eine Lerche hoch in der Luft stand,
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-und über die Richtung, die er nehmen sollte, unschlüssig
-zu sein schien. Kein Blatt regte sich dabei,
-so still und fast schwül war die Luft. &ndash; Jetzt aber
-schienen sich die Jay-hawker endlich überzeugt zu haben,
-daß ihnen hier keine Gefahr drohe. Der Platz
-in dem sie das vergrabene Geld vermutheten, lag
-überhaupt zu nahe und die Ungeduld trieb sie die
-Stelle zu untersuchen.</p>
-
-<p>Als ihr Führer aus dem, von Dornen eingeengten
-Pfad trat, breiteten sich seine Begleiter ebenfalls auf
-der Lichtung aus &ndash; Jim zählte, wenn er in dem Augenblick
-überhaupt zählen konnte, etwa elf oder zwölf
-Mann, aber sein Auge suchte Hendricks unter ihnen
-und fand ihn, aber noch immer von den Uebrigen gedeckt.
-Sollte er warten bis er vollständig vortrat
-&ndash; aber der geringste Zufall konnte ihn den Räubern
-verrathen &ndash; ein günstigerer Zeitpunkt kam für ihn
-kaum wieder, denn der Trupp erreichte jetzt den Platz
-und der Mann mit dem schwarzen Bart, der bis
-dahin Bill an der Hand gehalten, ließ ihn los, um
-selber einen der schweren Aeste aufzuheben.</p>
-
-<p>Jim winkte zurück mit der Hand, und die Büchse,
-deren Hahn er schon gespannt hatte, mit beiden Händen
-fassend, hob er sich etwas auf den Knieen aus seiner
-gebückten Stellung empor.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Es waren acht Männer die dort im Hinterhalt
-lagen &ndash; der neunte hielt noch am Holzrand Wacht,
-sollte aber ebenfalls nach dem ersten Schuß herbeieilen.
-&ndash; Dort drüben stand ein Trupp von wenigstens
-zwölf so verzweifelten Burschen als sie vielleicht das
-weite Land aufzuzeigen hatte &ndash; hätten sie alle ihre
-Gewehre abgeschossen, so hatten die Feinde, mit ihren
-geladenen Büchsen und Revolvern, jedenfalls die
-Uebermacht. Aber wer von ihnen Allen hätte deshalb
-auch nur für einen Moment den Angriff verzögern
-mögen. Sie durften es auch gar nicht; der Neger
-schritt gerade auf sie zu &ndash; dort waren diese, von der
-Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker, von Mord
-triefend und eben wieder im Begriff, einen neuen
-Raub zu begehen. Ein günstigerer Zeitpunkt kam
-nicht wieder, und ohne jetzt auch nur noch mit einer
-Wimper zu zucken, hoben sie sich gemeinschaftlich empor
-&ndash; die Büchsenläufe suchten ihr Ziel &ndash; und der
-Wald wurde lebendig.</p>
-
-<p>Der Neger hatte, wenn auch nicht die größte, doch
-die erste Ueberraschung. Ohne eine Gefahr zu ahnen,
-watete er durch das seichte Wasser, dem Sandrücken
-zu, hinter dem die Männer lagen. Da sah er vor sich,
-wie mit <em class="ge">einem</em> Schlag, die dunklen Gestalten der
-Rächer auftauchen, und ehe er selbst nur einen Warnungsschrei
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-ausstoßen konnte, traf ihn die erste Kugel
-in die Brust.</p>
-
-<p>Aber fast in demselben Moment auch fielen die anderen
-Schüsse &ndash; wenigstens unmittelbar nacheinander,
-und jetzt waren die Schützen selber auch nicht
-mehr zu halten. Die Ueberraschung, der erste Schreck
-der Räuber mußte benutzt werden, und wie sie nur
-ihre Kugel abgesandt, sprangen sie auch auf die Sandbank
-und dann wie ein Wetter gegen die Räuber an,
-die in wilder Furcht gar nicht wußten, wohin sie sich
-wenden sollten. &ndash; Fünf brachen wild dem nächsten
-Dickicht zu, aber schon nach wenigen Schritten taumelten
-Einige und hätten den Kolbenschlag nicht mehr
-gebraucht, der sie &ndash; eine Leiche, zu Boden schmetterte.
-Da und dort brach es noch durch die Büsche hinein
-und die Verfolger griffen die erbeuteten Büchsen auf,
-feuerten hinterher, und stürzten dann wieder nach, die
-Kolben schwingend.</p>
-
-<p>Bill war der Einzige gewesen, der die Bewegung
-hinter der Sandbank bemerkte, und nach ihm der
-Neger &ndash; für ihn selber aber zu spät. Wie der kleine
-Bursch aber die Büchsenläufe in die Höhe gehen sah,
-warf er sich auch platt auf den Boden nieder und die
-Uebrigen mochten glauben, daß er gestolpert wäre &ndash;
-achteten wenigstens in der Erwartung des vergrabenen
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-Geldes nicht auf ihn, bis sie die zwischen sie einschlagenden
-und sicher genug gezielten Kugeln inmitten
-ihrer verbrecherischen Laufbahn ereilten.</p>
-
-<p>Nur Einer war todt auf dem Platz geblieben; der
-schwarzbärtige Gesell, der Bill an der Hand geführt,
-denn er hatte die Kugel in den linken Schlaf bekommen
-und wohl kaum seinen Tod gefühlt. Fünf Leichen
-lagen in zehn bis zwanzig Schritt von der Stelle, und
-andere Verwundete hörten sie noch nach verschiedenen
-Richtungen hin durch die Büsche brechen.</p>
-
-<p>Jim selber hatte keinen freien Schuß auf Hendricks
-bekommen können, denn Einer der anderen Jay-hawker
-stand vor ihm. Es blieb ihm Nichts übrig als auf
-diesen zu schießen, in der Hoffnung, daß die Kugel
-durchschlagen und Beide treffen möge &ndash; aber unter
-den Todten fand er ihn nicht, und sein Ruf sammelte
-die Freunde, daß sie sich nicht tollkühn einer unnöthigen
-Gefahr aussetzten.</p>
-
-<p>Zuerst mußten sie ihre Büchsen wieder laden,
-dann wollten sie den Wald absuchen und wer von Allen
-auch nur einen Streifschuß erhalten hatte und nicht
-mehr so rasch von der Stelle konnte, mußte dann sicher
-in ihre Hände fallen.</p>
-
-<p>Kein Wort wurde dabei gesprochen &ndash; wachsam
-nur flogen die Blicke umher, denn jeder Augenblick
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-konnte noch von einem der Flüchtigen eine Kugel
-herübersenden, während die Hände fast mechanisch die
-abgeschossenen Büchsen wieder luden. Bill selber aber
-hatte sich schon eine der Büchsen vom Boden aufgesucht
-&ndash; seines <em class="ge">Vaters</em> Waffe, die Einer der Räuber
-damals mitgenommen. <em class="ge">Den</em> wenigstens hatte die
-Vergeltung erreicht, und der kleine Bursch sah so
-kaltblütig nach dem Zündhütchen, ob auch Alles in
-Richtigkeit sei, als ob er schon in Gefahren grau geworden
-wäre &ndash; aber die Kugeltasche fehlte noch. Der
-Todte trug sie noch an seinem Leibe. Bill legte die
-Büchse auf die Leiche, hob den Körper mit aller Kraft
-an der rechten Seite in die Höhe, und hing sich dann
-die Tasche selber um.</p>
-
-<p>Und jetzt begann die Verfolgung der Verbrecher,
-die auch insofern ein günstiges Resultat lieferte, als
-die Verfolger noch bald darauf einen Todten und zwei
-schwer Verwundete antrafen, mit denen aber wenig
-Umstände gemacht wurden.</p>
-
-<p>John Wells rief zwar, man solle sie aufhängen,
-denn Erschießen sei zu gut für sie. Wenn aber auch
-die Männer mit der vorgeschlagenen Todesart einverstanden
-gewesen wären, hätte ihnen das doch zu viel
-Zeit weggenommen. Ein paar erbarmungslose Hiebe
-mit derselben Kaltblütigkeit geführt, als ob sie einen
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-angeschossenen Wolf abgefertigt hätten, beendeten die
-Leiden der Verbrecher, und weiter stürmte dann die
-Schaar, denn noch immer fehlte Hendricks unter den
-Opfern, und Jenkins wie Wells suchten ja doch nur
-den Einen vor allen Andern.</p>
-
-<p>Weiter &ndash; das Terrain war insofern der Verfolgung
-günstig, als der Arkansas hier einen großen
-Bogen machte, und während sechs von den Leuten abgeschickt
-wurden quer durch, nach dem Rand des oberen
-Ufers zu zu suchen, vertheilten sich die Uebrigen, Bill
-seine Büchse schulternd mitten zwischen ihnen, durch
-den Wald.</p>
-
-<p>Da wo noch Einer der Räuber durch die Gründornen
-gebrochen war, fanden sie Blutspuren und
-folgten nun, wie gierige Schweißhunde, der aufgefundenen
-warmen Fährte. Aber der Verwundete mußte
-Lebenskraft genug haben, um rascher vorwärts zu
-rücken, als sie ihm folgen konnten, da sie gezwungen
-waren, die oft kaum sichtbare Fährte zu halten. Sie
-erreichten sogar endlich das Ufer des Arkansas, wo sie
-deutlich sahen, daß der Verwundete, dessen Blut die
-Uferbank färbte, den Strom betreten haben mußte.
-Hatte er noch Kraft behalten, um hinüber an's andere
-Ufer zu schwimmen? Die Fläche war breit und
-es gehörten kräftige Arme dazu &ndash; oder war er nur
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-eine kurze Strecke stromab getrieben, um die Verfolger
-von seiner Fährte zu bringen und sich dort bis einbrechende
-Nacht versteckt zu halten.</p>
-
-<p>Beide Fälle waren möglich und zwei der jungen
-Leute erboten sich augenblicklich, nach zu schwimmen
-und drüben die Ufer abzusuchen, während die Andern
-an dieser Seite den ganzen Flußrand abspüren sollten.
-Das Letztere zeigte sich aber nicht so leicht, denn eine
-Masse von unterwaschenen Bäumen waren mit ihren
-Wipfeln in den Strom gestürzt; an anderen Stellen
-hing das Rohr über die steile unterwaschene Bank, so
-daß man sich nur mit Gefahr an den äußersten Rand
-wagen und dann noch nicht einmal selbst die kleine
-Stelle vollkommen genau überschauen konnte.</p>
-
-<p>Die Verfolger gaben sich gewiß Mühe ihr Opfer
-aufzuspüren, aber vergebens. Hatte der Verwundete
-im Arkansas seinen Tod gefunden? Es war möglich,
-ja sogar wahrscheinlich, falls er wirklich, zur Verzweiflung
-getrieben, gewagt haben sollte ihn zu kreuzen.
-An <em class="ge">diesem</em> Ufer schien er sich aber nicht gehalten zu
-haben und man mußte nun abwarten, welche Nachricht
-die beiden Schwimmer brachten.</p>
-
-<p>Gegen Abend sammelten sich die Backwoodsmen
-wieder auf dem Platze ihres Hinterhalts und Cook
-machte den Vorschlag, die Leichen zu begraben, was
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-aber von dem Rest der Schaar fast zornig zurückgewiesen
-wurde.</p>
-
-<p>Begraben? hatten diese Buben ein ehrliches Begräbniß
-verdient? wahrlich nicht. Es gab Wölfe und
-Aasgeier genug im Walde, um sie im Lauf der nächsten
-Tage zu beseitigen und das Einzige, wozu sich die
-Rächer verstanden, war, es den Thieren des Waldes
-bequem zu machen, indem man den Leichen die Kleider
-auszog, diese dann auf einen Haufen Reisig warf und
-das Ganze anzündete. Dann, nachdem sie alle Waffen
-und Kugeltaschen gesammelt hatten, kehrten sie nach
-Boyles' Farm zurück, wo die beiden jungen Leute, die
-über den Fluß geschwommen, zu ihnen trafen.</p>
-
-<p>Diese aber schienen sich in größter Aufregung zu
-befinden und wie sie nur ans Ufer sprangen, schrieen
-sie den Gefährten schon zu:</p>
-
-<p>»Er ist drüben, er ist entkommen, Hendricks lebt
-noch!«</p>
-
-<p>»Und Ihr habt ihn gesehen?« rief Jenkins fast
-außer sich.</p>
-
-<p>»So dicht wie Euch!« erwiderte der Eine, »aber was
-sollten wir machen? Er hielt uns einen Revolver vor,
-<em class="ge">wir</em> hatten nichts als unsere Messer, und ich begreife
-eigentlich jetzt noch nicht, weshalb er uns nicht Beide
-über den Haufen schoß.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-»Weil er sich fürchtete, daß sein Revolver versagte,«
-knirschte John Wells zwischen den Zähnen durch.
-»Teufel noch einmal, weshalb seid Ihr nicht auf ihn
-gesprungen.«</p>
-
-<p>»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,«
-knurrte der Andere. »Die Revolverpatronen kann man
-ein paar Stunden in's Wasser legen und sie gehen doch
-los, und der Bursche war so zur Verzweiflung getrieben,
-daß er wahrhaftig wenig Umstände mit uns
-gemacht haben würde.«</p>
-
-<p>»Und wo traft Ihr ihn?«</p>
-
-<p>»Keine hundert Schritt vom Ufer,« sagte der Erste
-wieder. »Er schien von der Schwimmpartie erschöpft
-und wir hatten ebenfalls keinen Athem mehr. Wir
-fanden den Platz, wo er an's Land gestiegen war,
-gleich an der Slew, die etwa eine halbe Meile über
-Klingelhöffer's Platz in den Arkansas mündet. So
-weit hatte ihn der Strom mit hinab genommen.«</p>
-
-<p>»Und weiß Klingelhöffer darum?«</p>
-
-<p>»Gewiß, der Alte riß augenblicklich, trotz seiner
-Kreuzschmerzen, seine Büchse von der Wand und eilte
-hinüber.«</p>
-
-<p>»Und Ihr seid ihm nicht gefolgt?«</p>
-
-<p>»Weil wir Euch hier erst Nachricht geben wollten.
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-Wenn wir jetzt Alle zur Verfolgung ausgehen, <em class="ge">kann</em>
-er gar nicht entkommen.«</p>
-
-<p>»Gut denn &ndash; hinüber!« rief Jenkins rasch. »Es ist
-vielleicht auch gut so, denn der Schuft hat jetzt wenigstens
-noch eine Weile Todesangst auszustehen, bis wir
-ihm wieder auf den Fährten sitzen. Hat Einer von
-Euch ein Seil?«</p>
-
-<p>»Hier im Hause sind genug,« sagte Bill. »Dort in
-der Ecke liegen drei oder vier Stricke.«</p>
-
-<p>»Gut, nehmt ein paar mit und nun vorwärts.
-Unser Werk ist nur halb gethan, wenn uns Hendricks
-entkommt.«</p>
-
-<p>Die Männer hielten sich in der That nicht auf,
-und wie nur die erste Hälfte übergesetzt war, flogen sie
-auch mehr als sie gingen, am Ufer hinauf, um die
-Stelle zu erreichen, wo der Verbrecher zuerst gesehen
-worden &ndash; umsonst. Nach etwa einer Stunde trafen
-sie Klingelhöffer, der die Fährte verloren hatte, und
-sie nun an dem höheren Land, das mit einzeln stehendem
-Rohr und kleinem Baumwuchs bestanden war,
-wieder aufzufinden suchte. Der Boden dort war aber
-trocken, da das Regenwasser rasch in die Niederung
-ablaufen konnte, die beiden Hunde, die er mitgenommen,
-verstanden nicht auf einen Menschen zu jagen
-und setzten hinter einem vor ihnen aufstehendem Hirsch
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-her, und als die Nacht einbrach, in der jede Verfolgung
-nutzlos wurde, mußten sie es aufgeben und nach
-Klingelhöffer's Haus zurückkehren.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Achtes Capitel.</span></span><br />
-
-Die Suche.</h3>
-
-
-<p>In den nächsten Tagen war Alles, was sich noch
-von waffenfähigen Männern am Fourche-la-Fave,
-wie an der anderen Seite des Stromes befand, auf
-den Füßen und im Sattel, denn wie ein Lauffeuer
-hatte sich das Gerücht über die Zersprengung und
-fast vollständige Vernichtung der Jay-hawker-Bande
-verbreitet, und Alles wollte jetzt Theil nehmen, um
-die Letzten dieser gefürchteten Schaar mit einfangen
-und bestrafen zu können.</p>
-
-<p>Der Haupttrupp nahm auch dabei Hendrick's
-Fährte auf &ndash; umsonst. Die Männer auf der anderen
-Seite des Arkansas trafen noch auf einen Verwundeten,
-der in einen Schilfbruch gekrochen war und
-sich kaum noch regen konnte. Das aber schützte ihn
-nicht; er wurde hervorgezogen und an dem nächsten
-Dogwood aufgehängt, während die Rächer am Fourche-la-Fave
-auch keine Fußspur mehr von dem Flüchtigen
-fanden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Wo er sich versteckt hatte, ließ sich kaum denken,
-denn weiter geflohen konnte er unmöglich sein, oder
-sie hätten ihn finden müssen; aber nach drei Tagen
-vergeblicher Suche gaben sie die Sache endlich auf &ndash;
-die Meisten wenigstens, die in ihre Heimath zurückkehrten,
-während aber John Wells wie Jenkins einen
-heiligen Schwur leisteten, nicht zu ruhen noch zu
-rasten, bis sie den Mörder ihrer beiden Väter erreicht
-und deren Tod an ihm gerächt hätten.</p>
-
-<p>Vor der Hand mußten sie allerdings nach Little
-Rock zurück, aber General Steene, als er die Einzelheiten
-jener Verbrecherschaar gehört, gab ihnen gern
-Urlaub, mit der Bedingung freilich, die Mörder, falls
-es ihnen irgend möglich sein sollte, lebendig nach
-Little Rock einzuliefern. Er wolle selber sein Urtheil
-fällen, und daß Hendricks bei ihm auf keine Gnade
-zu hoffen hätte, darauf könnten sie sich fest verlassen.</p>
-
-<p>John Wells versprach das augenblicklich, als ihm
-aber Jim nachher Vorwürfe darüber machte, lachte
-der junge Bursche kalt und höhnisch auf und murmelte
-zwischen den zusammengebissenen Zähnen:</p>
-
-<p>»Wenn er das aushält, was ich mit ihm anfange,
-sobald er mir in die Hände läuft, und nachher wirklich
-noch lebendig ist, dann werde ich ihn so an den
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-alten Herrn abliefern. Wahrscheinlich ist's freilich
-nicht.«</p>
-
-<p>»Aber Du hast es versprochen.«</p>
-
-<p>»Zum Teufel auch,« rief Wells, »ich hätt' ihm
-versprochen, ein Stück Mond herunter zu holen, wenn
-er's verlangte, nur um loszukommen. Jetzt komm
-Jim. Wenn der Schuft noch lebt, so ist ihm hier
-der Boden unter den Füßen zu warm geworden;
-dann aber hat er sich auch nirgends anders hingewandt,
-als nach dem gesegneten Texas &ndash; und dorthin
-liegt jetzt unser Ziel.«</p>
-
-<p>»Und die Unseren daheim?«</p>
-
-<p>»Mein Bruder wird so lange für sie sorgen &ndash;
-er hat's fest versprochen. Deine Schwester zieht zu
-meiner Mutter und Bill ebenfalls; der Junge ist ein
-Prachtkerl, und lebt Hendricks noch, dann finden wir
-auch seine Fährte &ndash; oh nur die Seligkeit, ihm die
-Schnur um den Hals zu knüpfen &ndash; weiter verlange
-ich ja nichts auf der Gotteswelt.«</p>
-
-<p>»Und wann brechen wir auf?«</p>
-
-<p>»In drei Tagen. Ich muß noch erst einmal nach
-Hause, um Alles dort in Ordnung zu bringen. Hast
-Du Geld, Jim?«</p>
-
-<p>»Keinen Dollar im Vermögen.«</p>
-
-<p>»Ich auch nicht, aber das schadet nichts &ndash; wohin
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-wir gehen, brauchen wir nichts, als was wir uns
-leicht mit der Jagd verdienen können. Hast Du noch
-einen anderen Anzug, denn in der Uniform dürfen
-wir nicht reisen &ndash; Texas ist noch im Aufstand.«</p>
-
-<p>»Ja, mein neues Zeug, das mir Betsy erst in
-dieser Woche fertig gemacht hat.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; ich will ebenfalls sehen, daß ich einen
-anständigen Rock auftreibe, denn die letzte Suche hat
-dem meinigen bös mitgespielt. Wollene Decken haben
-wir den Jayhawkern genügend abgenommen. Was
-ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?«</p>
-
-<p>»Meines Vaters Waffe, die Bill dem einen Todten
-abgenommen. Ich habe dem Knaben die meinige
-dafür gegeben.«</p>
-
-<p>»Alles in Ordnung denn. Am dritten Tag von
-heute hol' ich Dich ab,« und sein Pferd wendend ritt
-er in scharfem Trab den Strom hinauf.</p>
-
-<hr />
-
-<p>John Wells hielt sein Wort. Zu thun gab es
-jetzt auch Nichts mehr für sie am Fourche-la-Fave,
-denn den Jay-hawkern war das Handwerk gelegt,
-und wieder Land urbar zu machen oder zu pflanzen,
-dazu hatte keiner der Leute Lust. Wußten sie denn,
-für wen sie es thaten, und waren ihnen nicht jetzt
-drei Jahre hinter einander die Ernten von durchstreifenden
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Soldatentrupps der einen oder anderen Partei
-geplündert oder zerstört worden? Erst mußte wieder
-Frieden sein, ehe sie in diesen dem Wechsel des Krieges
-ausgesetzten Districten an die ruhige Beschäftigung
-des Ackerbaues gehen konnten. Das Wenige, was sie
-selber zum Leben brauchten, konnte jeder schon ziehen
-oder durch die Jagd beibringen; jetzt hatte John Wells
-kein anderes Ziel als den zehnfachen Mörder zu erreichen
-und dann &ndash; ja, was er dann mit ihm thun
-würde, wußte er selber noch nicht, und nur in Wuth
-und Ingrimm knirschte er die Zähne zusammen, wenn
-er an den Buben dachte.</p>
-
-<p>Texas! und war er auch wirklich nach Texas geflohen?
-Konnte er sich nicht westlich zu den Indianern
-gewandt haben? Wie mancher Verbrecher schon hatte
-die weiten Prairien aufgesucht, um sich dem Arm der
-ihn verfolgenden Gesetze zu entziehen.</p>
-
-<p>John hielt sein Pferd an und schien unschlüssig,
-aber wie wir bei allen Menschenklassen, die den größten
-Theil ihres Lebens draußen in der freien Natur verbringen,
-bald mehr bald weniger immer einen gewissen
-Grad von Aberglauben finden, so sagte er sich jetzt
-selber: Dein erster Gedanke fiel auf Texas &ndash; Gott
-selber muß es Dir eingegeben haben, denn er kann
-nicht wollen, daß ein solcher Bube frei und ungestraft
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-auf seiner Erde wandelt &ndash; also nach Texas! und als
-er zur verabredeten Zeit mit Jim zusammentraf,
-konnte er den Moment nicht erwarten, wo er seinem
-Thier erst die Sporen geben durfte.</p>
-
-<p>Aber Texas ist ein großes &ndash; ein ungeheuer großes
-Land, und wenn sie es erreichten, nach welcher Richtung
-sollten sie dann suchen? Doch die Frage fand
-vielleicht schon ihre Erledigung auf dem Weg, denn
-wenn sich der Flüchtige überhaupt dorthin gewandt,
-so konnte er fast nur durch Arkansas die Straßen
-über Washington und Fulton eingeschlagen haben.
-Der folgten sie jetzt ebenfalls, um vielleicht in irgend
-einer Hütte wieder auf die Spur des Verbrechers
-zu kommen. Er war jedenfalls durch eine der Kugeln
-getroffen worden, das bewies das Blut, das sie
-in seinen Fährten gefunden, und möglich war's, daß
-sie gerade dadurch leichter auf seine Spur kommen
-oder ihn wohl gar erschöpft in irgend einer Cabin
-fanden.</p>
-
-<p>Die Hoffnung sollte sich indessen nicht bewähren,
-denn Kunde bekamen sie allerdings genug von verdächtigen
-Individuen, die sich dort in der letzten Zeit
-auf der Straße herumgetrieben, und meist alle den
-Weg nach Texas eingeschlagen hatten, aber ob der
-Gesuchte zwischen ihnen gewesen, wer konnte es sagen.
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-Verwundet waren ebenfalls Einige gewesen, das aber
-konnte in jetziger Zeit, wo der blutige Krieg Tausende
-von Opfern kostete, kaum auffallen. Es schien vielmehr
-sonderbar, wenn noch ein junger Mann mit unverletzten
-Gliedern in der Welt herumlief.</p>
-
-<p>So setzten sie ihren Weg fort, bis sie endlich den
-Red-River erreichten, diesen kreuzten und dann in die
-ungeheueren Wälder des weiten Landes eintauchten.</p>
-
-<p>Dort hörte jede Spur auf, denn dort gab es nur
-einzelne, jetzt ebenfalls wüstliegende Plantagen und
-das Land war so wildreich, daß sich ein einzelner
-Wanderer, wenn er besonders Menschen ausweichen
-wollte, recht gut verbergen und von jedem Pfad abseits
-erhalten konnte &ndash; und Hendricks wußte gut genug
-in der Wildniß Bescheid, um gerade einen solchen
-Cours, seiner größeren Sicherheit wegen, zu verfolgen.</p>
-
-<p>Die Kreuz und die Quer zogen so unsere beiden
-jungen Backwoodsmen durch die am wenigsten besiedelten
-Theile des großen Staates, und wenn sie auch
-mit Manchem zusammentrafen, der recht gut in den
-Staaten einer solchen Raubbande angehört haben
-könnte, den allein Gesuchten fanden sie nicht, und
-konnten ihn auch von Keinem erfragen.</p>
-
-<p>Lange Monate hatten sie dabei dies Leben fortgeführt,
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-und sogar schon in der einen kleinen Ansiedelung,
-die sie erreichten, die Nachricht erhalten, daß
-der Feldherr der Secessionisten: General Lee, capitulirt
-habe und der Krieg somit beendet sei, wenn sich
-auch in Texas selber eine Truppenmacht der Rebellen
-hielt.</p>
-
-<p>Sollte sich Hendricks am Ende diesen angeschlossen
-haben? Es schien nicht wahrscheinlich, denn ein Meuchelmörder
-sucht nicht den offenen Kampf, so lange er
-aus sicherem Hinterhalt sein Opfer treffen kann.
-Aber wo in aller Welt stak er dann, und vergeudeten
-sie nicht hier ihre Zeit in völlig nutzlosem Umhersuchen,
-während der Verbrecher vielleicht vollkommen sicher
-und unbehelligt in irgend einem anderen Theil des
-weiten Landes, und dann jedenfalls unter einem angenommenen
-Namen saß?</p>
-
-<p>Jim und John lagen an einem, im Wald entzündeten
-Feuer ausgestreckt. An der Gluth briet ein von
-dem Ersteren erlegter Truthahn, und die beiden jungen
-Leute hatten das Für und Wider ihrer langen mühseligen
-Wanderung hin und her erwogen. Sie fingen
-an einzusehen, daß sie auf diese Weise ihr Ziel wohl
-kaum erreichen würden.</p>
-
-<p>»Das geht nicht länger John,« sagte Jim nach
-einer langen Pause, in der er still sinnend in die
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Flamme gestarrt hatte. »Wer weiß ob der Schuft
-überhaupt noch lebt, und wir ziehen hier wie die
-Narren mitten im Wald herum, als ob wir weiter in
-der Gottes Welt Nichts zu thun hätten, als auf die
-Jagd zu gehen &ndash; und daheim liegen doch unsere
-Farmen brach.«</p>
-
-<p>»Und hast Du etwa Lust <em class="ge">unsere</em> Jagd aufzugeben?«</p>
-
-<p>»Wenn ich die <em class="ge">Möglichkeit</em> eines Erfolges sähe,
-bei Gott nicht, aber wir wissen nicht einmal, ob sich
-Hendricks nach Texas gewandt hat, und wo ihn <em class="ge">dann</em>
-suchen? Er kann eben so gut in Minnesota wie in
-Florida sitzen.«</p>
-
-<p>»Vielleicht hast Du Recht,« nickte John, nach einer
-kleinen Weile &ndash; »wir <em class="ge">könnten</em> unsere Chancen verdoppeln,
-und das ist es, woran auch ich schon gedacht
-habe.«</p>
-
-<p>»Und in welcher Art?«</p>
-
-<p>»Indem wir uns trennen und jeder einen anderen
-District absucht.«</p>
-
-<p>»Und was dann, wenn ihn <em class="ge">Einer</em> findet? Haben
-wir nicht Beide Antheil an der Rache?«</p>
-
-<p>»Das ist eben der Teufel, und wenn das nicht
-wäre,« meinte John, »so hätte ich Dir den Vorschlag
-schon vor vier Wochen gemacht &ndash; sobald wir uns
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-aber nach zwei Richtungen wenden, liegt doch viel eher
-die Möglichkeit vor, ihn anzutreffen und sind wir ihm
-nur erst einmal auf der Spur &ndash; wissen wir bestimmt,
-daß er in Texas ist, dann wäre es auch nachher ein
-Leichtes, ihn gemeinschaftlich wieder zu treffen.«</p>
-
-<p>»Und dann müßten wir ihn das erste Mal laufen
-lassen,« sagte Jim mit dem Kopf schüttelnd &ndash; »Du
-wärst der Letzte, der das thäte, John. Denk nur an
-das Versprechen, das Du dem General in Little Rock
-gegeben.«</p>
-
-<p>»Bah, soviel für <em class="ge">den</em>; der hatte kein Anrecht an
-unserer Rache, aber Du hast es, und ich möchte es Dir
-nicht verkümmern. Uebrigens braucht Hendricks,
-<em class="ge">wenn</em> ihn Einer von uns aufspürt, gar nicht zu erfahren,
-daß wir in der Nähe sind. Wir wollen nur
-herauszubekommen suchen, <em class="ge">wo</em> er sich aufhält, und uns
-dann an einem verabredeten Sammelplatz treffen.«</p>
-
-<p>»Das ist weitläufig,« sagte Jim, mit dem Kopf
-schüttelnd, »und bekommt er nachher Wind, so sind wir
-auf dem alten Fleck. Nein, Du weißt, daß uns neulich
-einmal der Neger, den wir trafen, einen Mann beschrieb,
-der möglicher Weise Hendricks gewesen sein
-<em class="ge">kann</em>. Der soll sich aber in der Nähe einer deutschen
-Colonie aufhalten. Wie wär's, wenn wir zusammen
-dorthin aufbrächen und dann erst &ndash; sobald wir unseren
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-Verdacht nur in etwas bestätigt finden, getrennt
-suchen.«</p>
-
-<p>»Es ist ein verwünscht weiter Weg.«</p>
-
-<p>»Aber will uns das Glück wohl, so finden wir ihn
-vielleicht eben so leicht in dieser Richtung, wie in
-irgend einer andern.«</p>
-
-<p>»Aber die Beschreibung paßte nur in etwas auf
-die <em class="ge">Person</em>, sonst wären wir ja gleich auf der Spur
-nachgegangen,« rief John. »Jener Bursche war der
-Sohn eines Pflanzers aus Florida, dem die Unionisten
-die Plantage zerstört hatten.«</p>
-
-<p>»Bah, Geschichten sind leicht erzählt und Hendricks
-ist erfinderisch. Was sollen wir hier? <em class="ge">Hier</em> steckt er
-nicht, oder wir hätten ihn längst gefunden, also weshalb
-ihn nicht in einer anderen Richtung suchen.«</p>
-
-<p>»Gut! einverstanden,« nickte John endlich, »aber
-&ndash; in der deutschen Colonie werden wir Geld brauchen
-und das&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nicht einen Cent,« rief Jim &ndash; »denk an Klingelhöffer
-&ndash; würde der Geld für ein Nachtquartier
-nehmen? Sie sind alle gastfrei, und außer dem
-bringen wir auch leicht ein Dutzend Hirschhäute zusammen,
-wenn wir ja einmal ein paar Dollar brauchen
-sollten. Vorwärts, der Wald bleibt uns immer und
-giebt uns Nahrung und Quartier.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-Es wurde Nichts weiter über die Sache gesprochen.
-Die Männer beendeten ihre Mahlzeit, holten dann
-ihre »ausgehobbelten« (<i>to hobble a horse</i>, ein Pferd
-an den Vorderbeinen fesseln) Pferde herbei, schnürten
-ihre Decken zusammen und schlugen mitten durch den
-Wald die etwaige Richtung ein, die sie ihrem nächsten
-Ziel entgegenführen mußte.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Neuntes Kapitel.</span></span><br />
-
-In der Colonie.</h3>
-
-
-<p>Man muß den Charakter dieser zähen amerikanischen
-Backwoodsmen kennen, um zu begreifen, wie
-zwei junge Leute, nur mit ihren Büchsen und Pferden,
-und eine wollene Decke am Sattel festgeschnallt,
-Monate lang und allein das eine Ziel verfolgend, in
-einem wilden Land herumziehen konnten. Es war
-ihnen aber eben Nichts weiter als eine Jagd, auf der
-sie früher ja auch halbe Jahre verbrachten; an Ausdauer
-fehlte es ihnen wahrlich nicht dazu &ndash; an Bequemlichkeiten
-waren sie nie gewöhnt gewesen &ndash; solche
-ausgenommen, die ihnen die Wildniß bot, und sie betrachteten
-die ganze Tour mehr als einen Streifzug,
-um zugleich auch ein ihnen bisher fremdes Land kennen
-zu lernen, in dem sie sich vielleicht später selber einmal
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-eine Heimath gründen konnten. Arkansas war ihnen
-verleidet worden, und es giebt ja überhaupt kaum ein
-rastloseres Volk in der Welt, als eben diese westlichen
-Jäger, die selbst ihre Farmen verkaufen, sobald ihnen
-nur halbwegs ein Gebot gethan wird, und dann mit
-der größten Zufriedenheit weiter westlich in eine neue
-Wildniß ziehen.</p>
-
-<p>So verfolgten auch unsere beiden Freunde ihren
-Weg, ohne aber auch nur für einen Augenblick ihr
-eigentliches und blutiges Ziel aus den Augen zu verlieren.
-Ueberall in den zerstreuten Ansiedlungen oder
-Städten, die sie erreichten, horchten sie umher &ndash;
-überall vergebens, denn der <em class="ge">gesuchte</em> Verbrecher war
-nirgends zu finden. Wohl aber hörten sie, als sie sich
-jener deutschen Ansiedelung »Blumenthal« näherten,
-Gerüchte von einer Räuberbande, die sich, wenn auch
-nicht in unmittelbarer Nähe derselben, doch in der
-Nachbarschaft in einem wilden Schilfbruch festgesetzt
-haben und die Gegend unsicher machen sollte. Mancher
-Reisende durch jene Strecken war verschollen, und der
-Verdacht lag ziemlich nahe, daß sie eben jenen Buben
-zum Opfer gefallen.</p>
-
-<p>Die beiden jungen Leute kamen hier in eine freundliche
-und reiche Gegend &ndash; in eine Strecke, die durch
-den unseligen Krieg wenig oder gar nicht berührt war,
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-und deutschen Fleiß und Arbeitssinn deßhalb so viel
-deutlicher zeigen konnte.</p>
-
-<p>Hatten sie überhaupt schon je einmal in ihrem
-Leben einen solchen Platz gesehen, wo Farm neben
-Farm lag, eine Fenz in die andere griff, und die Acker
-von Wurzeln und Unkraut gereinigt, ebenen Prairien
-glichen, während wohnliche Häuser und große aus
-Stein erbaute Scheunen Reichthum sowohl als Behaglichkeit
-verriethen?</p>
-
-<p><em class="ge">Das</em> waren Farmen, wie sie eigentlich sein sollten,
-und wie sie ähnliche auch wohl von Leuten, die aus
-dem fernen Osten kamen, beschreiben hörten. Wo
-aber hätten sie selber sie schon in ihrem Leben betreten?
-&ndash; Am Fourche-la-Fave? &ndash; Wilder Wald
-lag zwischen den einzelnen Wohnungen und selbst diese
-boten wenig &ndash; keine von allen auch nur mehr als
-den nothdürftigsten Schutz gegen das Wetter und die
-Kälte, während sich hier sogar schon ein ihnen vollständig
-fremder Luxus Bahn gebrochen und die Stuben
-mit Teppichen, die Fenster mit Gardinen geschmückt
-hatte.</p>
-
-<p>Allerdings waren sie auf ihrem letzten Zug in
-Tennessee und Mississippi durch reiche Districte gezogen,
-wo in Friedenszeiten die herrlichsten mit Allem
-ausgestatteten Plantagen gelegen, aber wie sahen diese
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-Plätze aus, als ihr Fuß sie betrat? Die Häuser waren
-verbrannt, oder lagen mit eingeschlagenen Fenstern
-und Thüren verödet da. Die Fenzstangen schienen zu
-Feuerholz gedient zu haben, die Felder selber, seit
-Jahren nicht mehr bestellt, waren von Büschen und
-Unkraut überwachsen, und Elend und Zerstörung starrte
-ihnen überall entgegen.</p>
-
-<p>So hatten sie sich die ganze Zeit von einem
-Schlachtfeld zum andern herumgetrieben, und als sie
-nach Hause in ihre Waldesheimath zurückkehrten,
-wohnte dort der Mord, und das Blut der ihnen
-theuersten Menschen färbte den Boden roth.</p>
-
-<p>Auch seit der Zeit durchstrichen sie wilde und wüste
-Gegenden, die noch dazu meist alle durch den Krieg
-heimgesucht worden waren, bis ihr Fuß hier plötzlich
-ein kleines friedliches Paradies betrat, das so still und
-versteckt in den Bergen lag, um selbst den feindlichen
-Fouragirzügen zu entgehen.</p>
-
-<p>Eigentlich war der Platz hier für eine Colonie so
-ungeschickt als möglich gewählt, denn Blumenthal
-hatte fast gar keine Communication mit der übrigen
-Welt. Auf dem von einem Amerikaner entworfenen
-Plan der jungen Stadt befanden sich allerdings Eisenbahnen
-genug, die es zu einem Centralpunkt des
-ganzen Staates machen sollten, aber das war nur auf
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-dem Papier gewesen. In Wirklichkeit existirte noch
-kaum eine Fahrstraße nach dem nächsten kleinen Fluß,
-auf dem man einzelne Producte, aber nur in günstiger
-Jahreszeit stromab schaffen konnte. Sonst liefen nur
-ein paar Maulthierpfade einer nach Süden, einer
-nach Osten aus.</p>
-
-<p>Trotzdem aber war die junge Colonie gewachsen,
-denn wo der Deutsche erst einmal seinen Pflug in
-den Boden getrieben hat, läßt er auch nicht locker und
-arbeitet nicht allein stetig weiter, sondern zieht auch
-Freunde und Familienglieder allmählich nach. Der
-Platz hatte sich auch in der That so gehoben, daß man
-eben daran gehen wollte, eine gute Fahrstraße in das
-niedere und mehr besiedelte Land zu bauen und dadurch
-die Bahn zu einem Schienenstrang zu öffnen,
-als der Krieg im Norden ausbrach und natürlich
-jede industrielle Arbeit entweder sistirte, oder wenn
-noch nicht begonnen, hinausschob auf bessere Zeiten.</p>
-
-<p>Das aber was die Bewohner von Blumenthal
-früher als ein schweres Unglück betrachteten, war
-eben zu ihrem Glück gewesen, denn das hielt sie, in
-ihrer Abgeschiedenheit, von den Lasten des Krieges
-vollständig verschont und nur ein einziges Mal verirrte
-sich ein kleiner Trupp von zersprengten Sesesch-Soldaten
-hierher und zeigte Lust den Ort zu brandschatzen.
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-Das aber war den Ansiedlern außer dem
-Spaß, und da doch Jeder von ihnen, fast ohne Ausnahme,
-seine Jagdflinte oder Büchse mit herüber nach
-Amerika gebracht hatte, so erschienen sie plötzlich in
-so wuchtiger Zahl zusammen und unter Waffen, daß
-die Sesesch außerordentlich freundlich wurden, nur
-um die nöthigen Lebensmittel ersuchten &ndash; mit dem
-Erbieten sogar, für dieselben zu bezahlen, und dann
-als sie freigebig erhalten hatten, was sie wirklich
-brauchten, die Ansiedlung wieder rasch verließen.</p>
-
-<p>Seit der Zeit hatten sie in Frieden gelebt, bis sich
-nördlich oder vielmehr nordwestlich von ihnen, an
-den Quellen des Colorado Gesindel festzusetzen schien,
-das anfing die Gegend unsicher zu machen. Allerdings
-hielt man die Uebelthäter für einen Trupp
-versprengter Sesesch-Soldaten, die noch dort für kurze
-Zeit in den Bergen ihr Wesen trieben &ndash; vielleicht
-auch gar für eine Bande mexicanischer Diebe, die sich
-möglicher Weise über die Grenze hereingezogen.
-Merkwürdig nur, daß sie jedes Mal so genau wußten,
-wer Geld hatte, und nie Leute behelligten, die dort
-draußen waren, um ihr Vieh zu suchen oder nur zu
-jagen. Man war auch nach dieser Richtung hin noch
-nie verdächtigem Gesindel begegnet, und nur ein
-Mann einmal, ein Amerikaner, der sich zwischen ihnen
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-niedergelassen, war von drei Strolchen angefallen
-worden, von denen er aber fest behauptete, daß es
-Mexicaner gewesen wären. Er hatte, wie er erzählte,
-einen erschossen und einen andern verwundet, und obgleich
-sie mehrfach auf ihn gefeuert, seine Flucht bewerkstelligt.</p>
-
-<p>Hierauf wurden ein paar Streifzüge nach dieser
-Richtung hin unternommen, aber ohne den geringsten
-Erfolg. Man fand keine Spur der Räuber, nicht
-einmal den Todten, den sie jedenfalls fortgeschleppt
-und beerdigt hatten und eine Zeitlang ruhte die Sache,
-bis wieder ein sehr reicher deutscher Farmer, der da
-oben Vieh gekauft hatte und es bezahlen wollte, ebenfalls
-nicht zurückkehrte und durch seinen wahrscheinlichen
-Tod die kleine Ansiedlung in erneute Unruhe
-versetzte.</p>
-
-<p>Der Fall war um so trauriger, als sich die Tochter
-desselben Mannes in den nächsten Tagen hatte mit
-einem jungen Amerikaner verheirathen wollen, und
-dieser, der Nämliche, der schon früher angefallen
-worden, war jetzt mit fünf oder sechs seiner Landsleute,
-und etwa zwanzig jungen deutschen Farmern
-ausgegangen, um die Gegend gründlich abzusuchen
-und diesem nichtswürdigen Räuberwesen ein Ende zu
-machen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-Gerade in dieser Zeit trafen unsere beiden Freunde
-in der Ansiedlung ein und wurden dort, wie das unter
-den Umständen wohl natürlich ist, mit einigem Mißtrauen
-betrachtet.</p>
-
-<p>Ein Wunder war es nicht, denn Jim wie John,
-die sich jetzt unausgesetzt schon lange Monate im
-Wald oder doch auf den verschiedenen Straßen herumgetrieben,
-sahen eben wild genug aus, um ihnen
-selbst das Schlimmste zuzutrauen, und die Aengstlichsten
-in dem kleinen Städtchen, das zum großen Theil für
-den Augenblick von waffenfähigen Männern geräumt
-war, befürchteten schon den indeß verabredeten Ueberfall
-einer größeren Bande, von der dies möglicher
-Weise die Vorläufer sein konnten.</p>
-
-<p>Beide Freunde übrigens, mit keiner Ahnung, daß
-man sie hier in einem solchen Verdacht haben konnte,
-erkundigten sich, sobald sie den Ort erreichten und
-sich plötzlich unter lauter Fremden befanden, ob kein
-Amerikaner im Ort wäre und wurden nach einem
-der nächsten Häuser zu einem alten Mann &ndash; und
-zwar einem der ersten Ansiedler hier, gewiesen.</p>
-
-<p>Und hielt sich hier ein Mr. Rollridge auf? so sollte
-sich des Pflanzers Sohn genannt haben, von dem
-ihnen der Neger erzählte.</p>
-
-<p>Die Leute, an welche die Frage gerichtet wurde,
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-sahen sich unter einander an, gaben aber keine directe
-Antwort darauf, sondern erwiederten nur, daß die
-Fremden bei Mr. Warner, wie der alte Mann hieß,
-wohl Alles, was sie zu wissen wünschten, erfahren
-könnten. &ndash; Und woher sie selber kämen? &ndash; Aus dem
-Wald, &ndash; wohin sie wollten? &ndash; sie wüßten es noch
-nicht, &ndash; sie wären Leute, die sich nach einem Platz
-zur Niederlassung umsähen.</p>
-
-<p>Das sagte ein Jeder, dem daran lag keine genaue
-Auskunft über sich zu geben, aber Warner war, ebenso
-wie Friedensrichter im Ort, auch ein alter gescheuter
-Bursch, der ihnen schon auf den Zahn fühlen würde
-und dem konnten sie das Weitere deßhalb ruhig überlassen.</p>
-
-<p>Jenkins wie Wells jedoch, wie sie sich nur kurze
-Zeit mit ihrem älteren Landsmann unterhielten, fanden
-bald, daß sie es mit einem einfach schlichten Mann
-zu thun hatten, dem sie aus dem Zweck ihrer Reise
-kein Geheimniß zu machen brauchten. Warner schüttelte
-aber den Kopf, als sie ihren Verdacht gegen
-Rollridge äußerten. Er hatte selber dessen Vater gekannt,
-und die Befürchtung lag hier in Blumenthal
-außerdem nahe genug, daß sogar Rollridge, als er
-den Platz habe verlassen wollen, ermordet oder sonst
-zu Schaden gekommen sei. Er hatte wenigstens sein
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-nächstes Ziel &ndash; eine bestimmte Farm am Colorado,
-nie erreicht und man wisse dabei, daß er ziemlich viel
-Geld mit sich führte.</p>
-
-<p>Wieder also waren sie vergebens eine so endlos
-weite Strecke gewandert, wieder ihre Hoffnungen getäuscht
-worden und Jenkins selber fing an, der Verfolgung
-müde zu werden. Hier erfuhren sie außerdem,
-daß der Krieg vollständig beendet sei, und wie
-sollten sie jetzt, mit all den entlassenen Soldaten, die
-sich über die Staaten zerstreuten, noch irgend eine bestimmte
-Spur verfolgen können.</p>
-
-<p>Warner selber sprach dabei die feste Ueberzeugung
-aus, daß die Räuber, die hier in der Nachbarschaft
-ihr Wesen trieben, jedenfalls dem mexicanischen
-Stamm angehörten. Mr. Rawlins, wie der Amerikaner
-hieß, dessen Schwiegervater gerade als letztes
-Opfer gefallen, war übrigens ein ganz tüchtiger Mann
-und, wie er erklärt hatte, fest entschlossen, diesmal
-alle seine Kräfte aufzubieten, um die Mörder auszuspüren
-und zu bestrafen, und sie durften also hoffen,
-daß der überdies starke Zug nicht so ganz unverrichteter
-Sache zurückkehren würde. Jedenfalls hatten
-sie die Unbill lange genug geduldet, und es müßte ihr
-einmal ein Ende gemacht werden.</p>
-
-<p>Und was nun? &ndash; Jim machte seinem Freund
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-den Vorschlag nach Haus zurückzukehren. Hatten sie
-dabei Glück, so konnten sie Hendricks ebensogut in der,
-wie in jeder anderen Richtung antreffen, hatten sie
-aber keins, nun dann half es ihnen auch Nichts, wenn
-sie den weiten Staat noch länger, bald nach der, bald
-nach jener Himmelsgegend durchkreuzten. Wenn
-Hendricks ihnen aber auch jetzt noch entging, später
-erfuhren sie doch vielleicht einmal seinen Aufenthalt
-und dann war ihr Rachewerk wohl aufgeschoben, aber
-wahrlich nicht aufgehoben gewesen.</p>
-
-<p>John Wells schien anfangs keine rechte Lust dazu
-zu haben, aber er mußte dem Freund doch auch Recht
-geben, daß sie in dieser Art wenig Aussicht auf Erfolg
-hätten. Er war ebenfalls müde geworden und
-die beiden jungen Leute beschlossen deshalb, nicht einmal
-die Rückkehr der Ausgezogenen abzuwarten,
-sondern gleich wieder nach Arkansas aufzubrechen.</p>
-
-<p>Das litt aber der alte Warner nicht, der, wie sich
-im Gespräch herausstellte, Wells Vater gekannt, und
-selber einmal hier in Texas eine Weile mit ihm gejagt
-hatte. Er wollte die beiden Freunde wenigstens
-nicht wieder fortlassen, bis sie sich erst ordentlich ausgeruht,
-und dazu fanden sie im ganzen weiten Staat
-keinen besseren Platz als gerade Blumenthal.</p>
-
-<p>John Wells fand an einem solchen, wie er meinte,
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-zwecklosen Aufenthalt, kein sonderliches Behagen,
-Jenkins selber aber redete ihm zuletzt zu, ein paar
-Tage auf die hiesige Umgegend zu verwenden, die
-ihm wenigstens außerordentlich gefiel. Das Land
-war reich, das Klima schien gesund, Wild gab es
-ebenfalls ziemlich viel in der Nachbarschaft, und an
-dieser Gegend hafteten doch nicht für sie so trübe Erinnerungen,
-als an ihrer bisherigen Heimath, in der
-sie Alles an die erlittenen Verluste mahnte.</p>
-
-<p>Warner unterstützte ihn lebhaft darin und erbot
-sich auf das Bereitwilligste, sie in den nächsten Tagen
-selber in der ganzen Nachbarschaft herumzuführen.
-Es gab noch ein reizendes Thal in kaum zwei Miles
-Entfernung von der kleinen Stadt, in dem bis jetzt
-kein Baum gefällt, kein Acker Land aufgenommen
-war, und er sprach seine feste Ueberzeugung aus, daß
-sie in sämmtlichen Staaten kein freundlicheres Fleckchen
-Erde finden könnten. &ndash; Und eine Uebersiedelung
-hierher? &ndash; Lieber Gott, die hatte für einen Backwoodsman
-auch nicht die geringste Schwierigkeit, denn
-ihr ganzer Hausstand konnte leicht auf einem kleinen
-Karren, ja oft sogar auf ein paar Pferden fortgeführt
-werden. Jedenfalls wollten sie den Platz erst einmal
-sehen und ein Entschluß stand ihnen ja dann immer
-noch frei.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-Die nächsten Tage verwandten sie auch in der
-That dazu, so viel als möglich von der Umgegend zu
-sehen und kennen zu lernen. Die Nachbarschaft der
-Deutschen gefiel dem jungen Jenkins ebenfalls, denn
-er hatte am Fourche-la-Fave schon viele von diesen
-kennen lernen und lieb gewonnen. Ihm selber behagte
-der ganze Distrikt ungemein und wenn auch
-John Wells noch keine besondere Neigung dafür zeigte,
-konnten sie sich das ja noch immer unterwegs überlegen,
-und nachher mit den Ihrigen besprechen. Zu
-übereilen war eben Nichts an der Sache.</p>
-
-<p>Am vierten Tag standen endlich ihre bis dahin
-vollkommen ausgeruhten und ordentlich aufgefütterten
-Pferde bereit, und die alte Mrs. Warner packte ihnen
-gerade noch ein tüchtiges Stück Wildpret und Fleisch
-ein, weil sie unmittelbar in der Nähe der Ansiedlung
-doch wohl nicht viel zu jagen finden würden, als
-draußen auf der Straße plötzlich ein wunderlicher
-Lärm gehört wurde, der rasch ihre Aufmerksamkeit erregte
-und sie vor die Thür lockte.</p>
-
-<p>Die ausgezogenen Männer waren zurückgekehrt.
-Warner's Sohn ritt gleich darauf am Hause vor und
-erzählte ihnen, daß sie von den Räubern selber allerdings
-keine Spur, wohl aber den Leichnam des alten
-Deutschen gefunden hätten, der, mit einer einzigen
-<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-Kugel gerade durch den Kopf, nicht weit von dem
-Pferd ab unter einem Maulbeerbaum gelegen hatte
-und nur mit Laub und Reisig zugedeckt gewesen war.
-Nur durch die Aasgeier wurden sie auch auf den
-Platz aufmerksam, an dem sie sonst jedenfalls vorüber
-geritten wären.</p>
-
-<p>Und war Rawlins mit ihnen zurückgekehrt?</p>
-
-<p>Ja &ndash; aber nach Hause geritten, um sich umzuziehen
-und dann seine Braut und Schwiegermutter
-zu trösten.</p>
-
-<p>»Du lieber Gott,« seufzte Mrs. Warner, die mit
-gefalteten Händen vor ihrer Hausthür gestanden und
-den traurigen Bericht gehört hatte &ndash; »da kommt das
-arme Mädchen &ndash; wie blaß und elend sie aussieht &ndash;
-das ist freilich ein schwerer Tag für sie. &ndash; Habt Ihr
-denn die Leiche mitgebracht?«</p>
-
-<p>»Es war nicht mehr möglich,« sagte der junge
-Warner &ndash; »wir mußten sie gleich an Ort und Stelle
-begraben. Arme Catharina &ndash; sie wird wohl schon
-alles erfahren haben. Tröstet Ihr sie, Mutter, ich
-mag ihr jetzt lieber nicht begegnen,« fuhr er fort, und
-schritt in das Haus hinein.</p>
-
-<p>Das junge Mädchen kam näher &ndash; sie sah bleich
-und angegriffen aus und schien auch die beiden fremden
-jungen Leute gar nicht zu beachten, oder nur zu
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-sehen. Still und lautlos schritt sie auf Mrs. Warner
-zu und als diese ihr mitleidig die Hand entgegenstreckte,
-lehnte sie ihr müdes Haupt an die Schulter
-der alten Frau und ohne daß eine Klage über ihre
-Lippen gekommen wäre, liefen ihr die großen Thränen
-an den Wangen nieder.</p>
-
-<p>Catharine Fischer war eines der schönsten Mädchen
-im ganzen Ort und manche der jungen deutschen
-Farmerssöhne hatten sich schon um sie beworben, aber
-alle ohne Erfolg, bis sich der junge fremde Amerikaner,
-wie im Sturm und in ganz kurzer Zeit ihr
-Herz gewann und von den Eltern &ndash; die freilich lieber
-einen deutschen Schwiegersohn gesehen hätten &ndash; angenommen
-wurde. Jetzt hatte sie dieser Schlag mitten
-in ihr junges Leben getroffen, und zwar ein Schlag
-wie aus heiterem Himmel, ungeahnt, unvorbereitet.</p>
-
-<p>Jim Jenkins stand, die Zähne fest aufeinander
-gebissen, neben ihr. Hatte er denn nicht den nämlichen
-Schmerz zu tragen, denselben Verlust erlitten,
-wie das arme Kind da, und war denn Jammer und
-Sünde in solcher Art über das schöne Land hereingebrochen,
-daß solches Elend nur allein alle guten Menschen
-traf und die Verbrecher immer ungestraft entkommen
-sollten? &ndash; War das himmlische Gerechtigkeit,
-wie es ihnen die herumziehenden Prediger vorreden
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-wollten? Blut überall, wohin ihr Fuß trat &ndash; heimtückisch
-und feige aus dem Hinterhalt vergossenes
-Blut, und die Mörder frei da draußen in der schönen
-sonnigen Welt.</p>
-
-<p>Er trat zu seinem Pferd, um sich die Zügel zurecht
-zu legen &ndash; er wollte fort &ndash; Schmerz und Ingrimm
-genug trug er im eigenen Herzen, ohne das fremde
-Leid auch noch mit anzusehen, als er sich plötzlich angerufen
-hörte.</p>
-
-<p>»Hollo Jim &ndash; Wetter noch einmal Mann, wo
-kommst Du her &ndash; und John auch &ndash; welcher Wind
-hat Euch nach Texas geblasen?«</p>
-
-<p>Jim sah überrascht auf und erkannte einen alten
-Kriegsgefährten aus einem Indiana-Regiment, mit
-dem sie drüben über dem Mississippi gemeinsam gekämpft
-und zusammen nach Little Rock gezogen
-waren.</p>
-
-<p>»Oh Peters &ndash; wie kommst Du nach Texas? Ich
-glaubte, Ihr stündet noch in Little Rock?«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; wir sind ausbezahlt und abgelöst worden,«
-antwortete der junge Mann, indem er auf die
-Freunde zutrat und ihnen die Hände schüttelte.</p>
-
-<p>»Und wo kommst Du jetzt auf einmal her?«</p>
-
-<p>»Waren nur zusammen, um die verdammten Mörder
-aufzusuchen, die sich hier schon seit einiger Zeit
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-herumtreiben,« lautete die Antwort, »sind aber unverrichteter
-Sache wieder zurückgekehrt. Weiß der
-Henker wo die Schurken stecken mögen. Aber wo
-wollt Ihr hin?«</p>
-
-<p>»Zurück nach Arkansas.«</p>
-
-<p>»Jetzt gleich?«</p>
-
-<p>»Wir wollen eben fort.«</p>
-
-<p>»Fällt Euch gar nicht ein,« rief aber der Indiana-Mann
-&ndash; »doch wahrhaftig nicht eher, als bis Ihr
-mich auch einmal in meinem Hause besucht habt. Ich
-bin hier verheirathet &ndash; habe eins von den deutschen
-Mädchen und solch ein freundliches kleines Häuschen
-und Weibchen, wie es sich ein Mann nur wünschen
-kann. Vorwärts Jungen! daß Ihr aufgesattelt habt
-ist schon ganz recht &ndash; aber bei mir sattelt Ihr erst
-wieder ab.«</p>
-
-<p>»Das geht nicht, Peters.«</p>
-
-<p>»Ob es geht! oder meine Alte würde nicht schlecht
-böse werden, wenn ein paar alte Freunde ihres Mannes
-so mir nichts Dir nichts an dem Haus vorüber
-ritten. Ihr müßt wenigstens einmal sehen wie ich
-wohne, und wenn es Euch dann nicht bei mir gefällt,
-könnt Ihr nachher noch immer thun, was Ihr
-wollt.«</p>
-
-<p>John Wells schien nicht recht damit einverstanden
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-zu sein, Jenkins aber, indem er in den Sattel sprang,
-rief aus:</p>
-
-<p>»Was thut's, John &ndash; auf ein paar Stunden
-kommt's nicht an &ndash; ob wir etwas später oder früher
-am Fourche la Fave eintreffen. Ich denke, wir
-gehen mit.«</p>
-
-<p>Die Straße herab kam der Schall galoppirender
-Pferdehufe. Ein Reiter sprengte heran und es schien
-fast, als ob er auf dasselbe Haus zu wolle, vor dem
-die jungen Leute standen. Schon dicht daran aber
-warf er sein Pferd herum, grüßte flüchtig und verfolgte
-dann seinen Weg die Straße hinab, rascher noch
-fast, als er hergekommen.</p>
-
-<p>John hatte sich gerade mit seinem eigenen Thier
-beschäftigt und nicht auf den Fremden geachtet; Jim
-aber griff seinem eigenen Pferd plötzlich so rasch und
-gewaltsam in den Zügel, daß es hoch aufbäumte, und
-sich beinahe mit ihm überschlagen hätte. Peters sprang
-zu, riß es noch herunter und rief dann:</p>
-
-<p>»Was zum Wetter hat denn die Bestie &ndash; scheut
-sie?«</p>
-
-<p>»Manchmal &ndash; ja,« sagte Jim, kaum auf die Frage
-achtend, und den Blick noch stier die Straße hinabgewandt
-&ndash; »wer war das?«</p>
-
-<p>»Wer? &ndash; der eben vorbeisprengte? &ndash; Dein
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-Pferd erschrak wohl und Du auch &ndash; so ein alter
-Reiter &ndash; Du siehst kreideweiß im Gesicht aus.«</p>
-
-<p>»Wer war der Reiter, Peters?«</p>
-
-<p>»Das war Rawlins,« sagte Peters, mit einem zur
-Seite geworfenen mitleidigen Blick nach dem jungen
-Mädchen, »der Bräutigam der armen Catharine da,«
-setzte er leiser hinzu.</p>
-
-<p>»Und ist er schon lange hier in der Ansiedlung?«</p>
-
-<p>»Etwa drei Monate &ndash; vielleicht nicht ganz so
-lange. Weshalb?«</p>
-
-<p>»Und wißt Ihr, woher er stammt?« frug Jenkins
-mit vor Aufregung fast heiserer Stimme.</p>
-
-<p>»Ich glaube aus dem alten Staat (Virginien), das
-wenigstens hat er hier erzählt. Kennst Du ihn?«</p>
-
-<p>John war indessen ebenfalls aufgestiegen und ritt
-an Jim's Seite.</p>
-
-<p>»Weißt Du, wer das war, John?« rief jetzt Jenkins,
-des Freundes Arm ergreifend und fast krampfhaft
-zwischen seinen Fingern pressend.</p>
-
-<p>»Der Reiter, der eben vorüber sprengte? Ich habe
-ihn nicht gesehen.«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Hendricks!</em>« zischte ihm Jenkins in's Ohr &ndash;
-»bei meinem Leben und meiner Seligkeit &ndash; er
-selber&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-»Und Du hast Dich nicht geirrt?« rief John, fast
-unwillkürlich nach seiner Büchse greifend.</p>
-
-<p>»Er trägt keinen Bart mehr!« sagte Jenkins &ndash;
-»er kam mir auch fast jünger vor, als ich ihn am Arkansas
-gesehen und geht besser gekleidet &ndash; aber das
-Gesicht wollte ich unter Tausenden heraus kennen. Er
-ist es und meinen Hals setz ich zum Pfande.«</p>
-
-<p>»Hendricks?« fragte Peters &ndash; »Das war Rawlins,
-der Schwiegersohn des Ermordeten.«</p>
-
-<p>»Und vielleicht der Mörder selber,« rief Jenkins,
-»komm Peters, zu Pferd und führ uns, so rasch uns
-die Thiere tragen können, jenem Herren nach, dessen
-nähere Bekanntschaft wir dringend wünschen.«</p>
-
-<p>»Aber ich begreife Dich nicht.«</p>
-
-<p>»Ich erzähle Dir Alles mit wenigen Worten unterwegs.
-Fort! wir versäumen hier die kostbarste
-Zeit, fort!«</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Zehntes Kapitel.</span></span><br />
-
-Die Verfolgung.</h3>
-
-
-<p>Die jungen Leute trabten nebeneinander die Straße
-hinab. Jenkins aber gab dabei dem früheren Kampfgenossen
-in flüchtigen Umrissen ein Bild der am
-Fourche-la-Fave vorgefallenen Gräuelthaten, die ihn
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-selber wie seinen Begleiter so nahe getroffen hatten,
-daß sie sich Beide aufgemacht, um Wald und Wildniß
-nach dem Uebelthäter abzusuchen.</p>
-
-<p>»Und Ihr glaubt, daß Rawlins jener Mörder
-sei?« rief Peters entsetzt.</p>
-
-<p>»<em class="ge">Ich</em> glaube es,« sagte Jenkins bestimmt. »<em class="ge">Ist</em>
-er es aber, dann kann er uns jetzt nicht mehr entgehen,
-und ist er es nicht, nun dann darf er sich auch
-nicht darüber beleidigt fühlen, daß ihn Jemand, im
-raschen Vorbeireiten, für einen Anderen gehalten.«</p>
-
-<p>»Und wenn das jener Hendricks wirklich ist,« rief
-da Peters, fast wie erschreckt sein Pferd einzügelnd &ndash;
-»wäre es denn da nicht möglich, daß er selber mit jener
-Bande in Verbindung stünde, die hier bis jetzt ihr Unwesen
-in der Gegend getrieben?«</p>
-
-<p>»Vorwärts, Kamerad, vorwärts!« drängte aber
-John &ndash; »wir dürfen keinen Augenblick verlieren, denn
-wenn der Bursche <em class="ge">uns</em> erkannt hat, läßt er sicher kein
-Gras unter seinen Hufen wachsen. Gewiß ist es
-möglich, und sollte mich nicht wundern, wenn er der
-Führer und Leiter der ganzen Bande wäre. Aber
-wohin reiten wir? Hier haben wir <em class="ge">drei</em> Straßen vor
-uns und der Boden ist ringsumher von Hufen zerstampft.
-So rasch <em class="ge">kann</em> er doch nicht geflohen sein.«</p>
-
-<p>»Dort links ist die Wohnung seiner Braut, der er
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-jedenfalls zuritt,« sagte Peters. »Er selber hat sein
-Haus am andern Ende der Stadt, aber hierher zu
-schlug er die Richtung ein.«</p>
-
-<p>»Ich sehe nirgends ein Pferd angebunden. Wir
-hätten gleich sein eigenes Haus besetzen sollen.«</p>
-
-<p>»Er wird es hineingeführt haben &ndash; er ist ja dort
-ebenfalls zu Haus.«</p>
-
-<p>»Dann gnade Gott dem Elenden,« sagte Jim,
-seinem Pferd nun fester die Sporen gebend, und jetzt
-wurde zwischen den Männern kein Wort weiter gewechselt,
-bis sie die kleine freundliche Wohnung &ndash;
-jetzt freilich ein Haus der Trauer &ndash; erreichten, aber
-der Gesuchte war nicht dort.</p>
-
-<p>Peters sprang augenblicklich vom Pferd, um sich
-nach ihm zu erkundigen, der zwölfjährige Bruder Catharinens
-versicherte ihn aber, Mr. Rawlins nicht gesehen
-zu haben, seit er vor einigen Tagen mit den
-anderen Männern in den Wald gegangen sei. Keinenfalls
-wäre er eben hier gewesen, denn er selber habe
-schon seit einer Stunde fast hier an der Thür gestanden
-und Mais auf der kleinen Mühle gemahlen.</p>
-
-<p>»Habe ich es Dir nicht gesagt?« rief John fast
-außer sich, als Peters wieder heraus und auf sein
-Pferd sprang &ndash; »er ist fort! Laß uns den Weg hier
-verfolgen &ndash; dort führen Pferdespuren hinaus.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-»Hier kam er nicht vorbei!« sagte Peters, sein
-eigenes Thier herumwerfend, »denn dem Burschen da
-drinnen wäre ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen.«</p>
-
-<p>»Das glaube ich auch nicht,« erwiederte Jim, »wenn
-er fliehen will, wird er gewiß seine Beute nicht im
-Stich lassen und ist zu seiner eigenen Wohnung geritten.
-Hätten wir die nur gleich aufgesucht. Vorwärts
-Peters&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und wenn Du Dich nun geirrt hast!«</p>
-
-<p>»Vorwärts! Das Alles können wir später besprechen.
-Wo ist seine Wohnung? Reite voran, so rasch
-Dich Dein Thier trägt &ndash; jede Verantwortung auf
-mich!« &ndash; Und wie ein Wetter jagten die drei jungen
-Leute die ziemlich lange Straße hinab, bogen dann,
-fast am Ende der Stadt rechts in eine Nebengasse
-hinein und erreichten dort wieder die dichter stehenden
-Häuser. Hier war ein Gasthof, und ein Trupp dort
-angebundener Pferde, durch welche sie nicht so rasch
-hindurch konnten, hielt sie etwas auf. Es war auch
-möglich, daß sich Rawlins selbst hier befand, sie mußten
-jedenfalls nach ihm fragen. Hier aber hatte ihn,
-seit sie die Stadt erreicht, Niemand gesehen. Bei
-Warners würden sie ihn finden, rief ihnen einer zu,
-er hatte gesagt, daß er zu dessen Haus wollte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-Dort war er <em class="ge">nicht</em>; das wußten sie gut genug,
-und es blieb ihnen jetzt in der That nichts übrig, als
-seine Wohnung aufzusuchen.</p>
-
-<p>Wenn es wirklich jener Hendricks war, so <em class="ge">konnte</em>
-er ja doch noch keine Ahnung haben, daß er erkannt
-sei und <em class="ge">so</em> rasch verfolgt würde.</p>
-
-<p>Wieder klapperten ihre Hufe die harte Straße entlang,
-aber hier durften sie nicht so rasch jagen, denn
-überall spielten Kinder in der Straße, Karren mit
-Holz oder andere die in die Mühle wollten, begegneten
-ihnen und die beiden Verfolger vergingen fast vor Ungeduld.</p>
-
-<p>»Haben wir denn noch weit? wir müssen ja durch
-den ganzen Ort geritten sein,« rief John.</p>
-
-<p>»Das sind wir auch, denn sein Haus liegt gerade
-am äußersten Ende, aber dort drüben ist die Wohnung,
-die kleine weiß angestrichene Cabine mit dem einzelnen
-Baum davor.«</p>
-
-<p>»Aber auch hier steht kein Pferd.«</p>
-
-<p>Peters antwortete nicht mehr. Sie waren kaum
-noch funfzig Schritt von der Wohnung entfernt, und
-wenige Secunden später warfen sich die Männer aus
-den Sätteln.</p>
-
-<p>»Dort unten die Straße entlang sehe ich einen
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-Reiter,« rief Jim, dessen Blick rasch nach allen Seiten
-umherflog.</p>
-
-<p>»Bei Gott, dort galoppirt Jemand,« rief auch
-John, indem er im Nu wieder im Sattel saß &ndash; »spring
-in das Haus und sieh nach. Ist er nicht dort, so
-kann er uns da draußen nicht mehr entgehen.«</p>
-
-<p>Peters war schon an der Thür, die nur angelehnt
-schien. Er stieß sie auf und warf einen Blick in das
-Innere. Jim stand an seiner Seite.</p>
-
-<p>In der Stube sah es wild und wunderlich aus,
-als ob Diebe darin umhergewühlt und was sie nicht
-gebraucht, über den Boden gestreut hatten. Eine
-kleine Kiste war mitten in die Stube gezogen und die
-Hälfte ihres Inhalts lag daneben am Boden. Jim
-sprang darauf zu &ndash; während sein Blick durch den
-Raum flog, hatte er ein kleines blau und roth gestreiftes
-Tuch entdeckt, das mitten in dem Wust lag. Er
-kannte es, es war früher Eigenthum seiner Schwester
-gewesen &ndash; aber er gab sich keinen Betrachtungen
-darüber hin.</p>
-
-<p>»Das genügt als Zeichen,« rief er, das Tuch vom
-Boden reißend und damit gegen die Thür springend
-&ndash; »kennst Du das, John? &ndash; Fort!«</p>
-
-<p>John warf nur einen einzigen Blick darauf und
-in demselben Augenblick sein Pferd herumreißend,
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-bohrte er ihm die Hacken in die Seite und flog mit
-ihm in gestrecktem Carrière die Straße entlang. &ndash;
-Jim war fast ebenso rasch draußen bei seinem Thier.</p>
-
-<p>»Aber so bleibt nur noch einen Moment,« rief
-Peters &ndash; »ich hole meine Büchse und begleite
-Euch.«</p>
-
-<p>Jim hörte ihn schon gar nicht mehr. Nach! das
-war der einzige Gedanke, den er hatte &ndash; nach! und
-sein Thier strengte alle Kräfte an, den vorangeeilten
-Gefährten wieder einzuholen.</p>
-
-<p>Erst in dem wilden Ritt wurde er auch ruhiger.
-John, der noch immer voraus auf seinem Rappen dahinflog,
-hatte vielleicht den flüchtigen Verbrecher im
-Auge &ndash; er folgte dem Rappen, und es blieb ihm
-Zeit, sich nach der Richtung umzusehen, die sie einhielten.
-Ihr Cours lag etwa, wie der Weg jetzt lief,
-südwestlich, also den Ansiedlungen wieder zu und zog
-sich, wenn auch hier oben sehr allmählich, von der
-Hochebene hinab, auf der das kleine Städtchen gelegen
-war und wo es, wie sich jetzt deutlich erkennen
-ließ, höhere Berggruppen einschlossen.</p>
-
-<p>Und waren sie dem Buben denn wirklich endlich
-einmal auf der Fährte? &ndash; Er mußte es sein &ndash; ein
-Irrthum ließ sich nicht mehr denken. Er hatte die
-beiden Backwoodsmen, wie er sie da zum Weiterritt
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-schon gerüstet fand, erkannt und wußte, was ihm
-drohte, wenn er in ihre Hände fiel. &ndash; Wären sie nur
-gleich zu seinem Haus geritten, so lief er ihnen dort
-selber in das Garn &ndash; nein, blind und toll mußten
-sie die falsche Fährte annehmen, die er ihnen gegeben,
-und jetzt hatten sie ihm sogar Zeit gelassen, seinen
-Raub zusammenzuraffen und in die Wildniß hineinzureiten.
-&ndash; Aber ein Trost blieb ihnen &ndash; ein grimmer
-Trost, denn nicht plötzlich und unerwartet war
-der Verbrecher in ihre Hände gefallen und bestraft,
-nein, er mußte jetzt erst die Qualen des Verfolgten
-leiden. Er wußte die Rächer auf seinen Fersen,
-wußte, welches Schicksal ihm bevorstand, wenn nur
-sein Pferd strauchelte oder das Geringste ihn aufhielt,
-und kannte die Männer, die nur das eine Ziel haben
-konnten, seinen Tod, oder sie wären ihm nicht mit
-solcher Hartnäckigkeit selbst bis in diesen entlegenen
-Theil der Union gefolgt.</p>
-
-<p>Erbarmen? &ndash; er hatte es nie gezeigt, also auch
-nicht zu hoffen und nur sein flüchtiges Thier konnte
-sein Schicksal noch hinausschieben &ndash; wahrlich nicht
-mehr ändern, denn nun, auf der frischen Fährte, ja
-den Buben fast in Sicht, dachten seine Feinde nicht
-daran, die einmal begonnene Verfolgung je wieder
-aufzugeben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-Noch an den Grenzen der Stadt begegneten diese
-einigen Deutschen, die theils aus dem Walde, theils
-von anderen Ansiedlungen vielleicht herüber kamen
-und erschreckt zur Seite bogen, als sie auf die wie
-rasend an ihnen vorbei sprengenden Männer trafen.
-Waren das die Räuber, die man in den letzten Tagen
-gejagt? &ndash; Aber voran ritt ja der Amerikaner, dessen
-Schwiegervater man gerade ermordet, während man
-die andern beiden gar nicht kannte. Floh er vor
-diesen, oder verfolgten sie alle ein und dasselbe Ziel?
-&ndash; Ehe sie sich aber nur denken oder vermuthen konnten,
-was hier vorgehe, waren die drei Reiter, die sich
-in längeren Zwischenräumen von einander hielten,
-auch vorbeigebraust, und diese drehten nicht einmal
-den Kopf nach ihnen um.</p>
-
-<p>John und Jim hatten allerdings vollkommen ausgeruhte
-und auch zähe und kräftige Thiere, aber es
-zeigte sich trotzdem bald, daß sie keinen Fuß breit an
-dem Fuchs gewinnen konnten, den Hendricks ritt und
-der, von seinem Reiter nur noch zu rasenderem Lauf
-gespornt, wie ein Pfeil mit ihm über den Boden
-flog.</p>
-
-<p>John behielt ihn allerdings noch, so lange sich die
-Straße fortzog, im Auge, oder kam wenigstens dann
-und wann wieder in Sicht von ihm, und einmal, als
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-Hendricks zuerst einen ziemlich abschüssigen Hang erreichte,
-an dem er nicht so rasch hinabreiten konnte,
-schien es seinem Verfolger auch, als ob er an ihn gewönne.
-Aber unten lag wieder ebener Boden und
-der Fuchs benutzte den nach besten Kräften &ndash; ja der
-Weg zog sich hier mehr links in den Wald hinein und
-in dessen Schatten verschwand bald darauf der Reiter;
-deshalb entging er aber freilich seinem Verfolger noch
-nicht, denn hier war der Boden nicht, wie in der
-Nähe der Stadt, von den Hufen anderer Pferde zerstampft.
-Die Spuren prägten sich deutlich oder doch
-wenigstens erkennbar, dem Boden ein, und einen besseren
-Nachsucher auf einer Fährte als John Wells,
-gab es nicht in dem weiten Wald.</p>
-
-<p>John ritt dabei ein besseres Pferd als Jim Jenkins,
-der auch bald merkte, daß er mehr und mehr zurück
-blieb, aber trotzdem folgte er den voran eingedrückten
-Fährten und wußte, daß er bei der geringsten Zögerung
-seines Feindes rasch das Versäumte wieder nachholen
-konnte.</p>
-
-<p>So hatte diese wilde Jagd wohl sechs volle Stunden
-gedauert und einen Waldweg gab es schon lange
-nicht mehr &ndash; nur noch einen Pfad, der sich durch die
-Wildniß zog, aber dafür auch in dem abgefallenen
-Laub nur soviel deutlicher die Spuren zeigte. Die
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-Thiere konnten vor Erschöpfung kaum noch weiter,
-aber immer wieder trieb sie der scharfe Sporn zu
-neuen Anstrengungen, und Jim besonders, der jetzt
-eine gute Strecke zurückgeblieben, fühlte, wie sein
-Thier anfing, zu ermatten.</p>
-
-<p>Da erreichte er eine Stelle, an welcher sich der
-Pfad theilte. John selbst hatte keinen Moment dort
-gezögert, denn sein scharfes Auge erkannte die rechts
-abführende Spur sogleich und folgte ihr ebenso rasch.
-Jenkins dagegen zügelte sein Thier ein und als er sich
-der rechten Spur vergewissert hatte und es weiter
-treiben wollte, konnte es nicht mehr von der Stelle.
-So lange es in Gang geblieben, wäre es wohl fortgerannt,
-bis seine Kräfte vollständig erschöpft waren
-und dann wahrscheinlich mit einem Schlag zusammengebrochen;
-jetzt aber, wo die angestrengte Kraft und
-Erregung der Muskeln, wenn auch nur für wenige
-Minuten, bei dem todtmüden Thiere nachließ, war es
-nicht möglich, sie wieder von Neuem zu beleben. Es
-strauchelte und knickte in die Knie, wollte sich noch
-einmal emporraffen und stürzte dann auf die Seite
-nieder, wo es liegen blieb und alle viere von sich
-streckte.</p>
-
-<p>Jenkins fluchte still und erbittert vor sich hin, aber
-an der Sache war weiter nichts zu ändern, und das
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-Pferd jedenfalls zu fernerem Gebrauch, wenigstens in
-der nächsten Zeit unnütz. Nur das Einzige blieb ihm
-zu thun, den Spuren so rasch als irgend möglich zu
-folgen.</p>
-
-<p>Allerdings hatte er eine Strecke zurück, seitwärts
-vom Weg eine kleine Farm gesehen. Sollte er sich
-dorthin wenden und um ein frisches Pferd bitten? wer
-hätte es ihm aber <em class="ge">geborgt</em>, kaufen konnte er sich
-keines, und wie viel Zeit verlor er ohnedies damit.
-Dagegen lag die Möglichkeit vor, daß er noch später
-eine Hütte im Wald oder vielleicht selber Pferde traf
-&ndash; das erste beste und wenn er es hätte stehlen sollen,
-er fühlte sich nicht in der Stimmung, besonders wählerisch
-zu sein, und mit dem Gedanken war sein Entschluß
-gefaßt.</p>
-
-<p>Ohne Zögern sattelte er sein marodes Thier ab
-trug den Sattel in den Busch und verdeckte ihn dort
-mit Laub und Reisig &ndash; die Stelle war, an dem getheilten
-Pfad, leicht wieder zu erkennen. Dann nahm
-er den Zaum, hing sich denselben um und folgte nun,
-die Büchse auf der Schulter, zu Fuß den, deutlich
-genug in den Boden eingedrückten Spuren. Kaum
-eine Stunde mochte er aber so gewandert sein als der
-mehr und mehr verschwimmende Pfad an einer breiten
-Waldwiese vollständig aufhörte, oder sich vielmehr
-<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-hier nach allen Seiten auszweigte. Es war ein gewöhnlicher
-Kuh- oder Wildpfad, wie sie sich so häufig
-im Wald finden und das Ziel desselben schien dieser
-Weidengrund &ndash; ein etwas tief liegender feuchter Wiesenplan
-zu sein.</p>
-
-<p>Ueber denselben hin waren die Hufe der galoppirenden
-Pferde auch noch deutlich &ndash; ja sogar deutlicher
-als bisher zu erkennen. Weiter aber schien sich
-der Verfolgte mehr links und einem kleinen Höhenzug
-zugewandt zu haben; er hatte wenigstens plötzlich und
-in einer scharfen Biegung seinen Cours geändert.
-John konnte ihm aber dabei nicht in Sicht gewesen
-sein, denn er würde sonst jedenfalls diese Biegung abgeschnitten
-haben. Das war nicht geschehen, sondern
-seine Spuren blieben, wie bisher oder doch überall,
-wo es der Weg erlaubte, links neben denen des Flüchtigen
-sichtbar. Er war ihm also bis dahin nicht näher
-gekommen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach sogar
-noch eher weiter zurückgeblieben.</p>
-
-<p>Jenkins hielt sich aber nicht lange bei Vermuthungen
-auf. Weiter ging die Jagd. Der Schweiß lief
-ihm in Strömen an der Stirn nieder, aber er zögerte
-auch nicht einen Moment in seinem Schritt.</p>
-
-<p>Das Terrain wurde hier felsig und hatte die
-Reiter jedenfalls aufgehalten, denn wild zerstreut lagen
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-große und kleine Granitblöcke über dem ganzen Abhang.
-Wie er aber wieder zu Thal lief, sah er einen,
-wenn auch nicht sehr breiten, doch ziemlich tiefen Bergstrom
-mit vollkommen klarem Wasser zu seiner Linken,
-den die beiden Reiter angenommen hatten. &ndash; Und
-sollte er selber da hindurch. Das Wasser war, wie er
-die Hand hinein hielt, eisig kalt; kam ihm wenigstens
-so vor, und er in Schweiß gebadet &ndash; er konnte den
-Tod von einer solchen Schwimmpartie haben. Doch
-nur ein Gedanke beseelte ihn: der der Rache, den Feind
-wollte er erreichen und was ihn selber betraf, vergaß
-er ganz. Nur Büchse und Kugeltasche nahm er in die
-linke Hand, um sie trocken zu halten, und warf sich
-ohne Zögern in den Strom.</p>
-
-<p>Einen anderen Menschen hätte vielleicht unter
-solchen Umständen der Schlag gerührt; dem zähen
-Backwoodsman schadete das kalte Bad nicht allein
-Nichts, sondern es erfrischte ihn sogar nach dem heißen
-Lauf. Drüben angekommen war auch sein erster Blick
-nach den Spuren der Pferde &ndash; aber was war das?
-&ndash; nur die Hufe <em class="ge">eines</em> Pferdes und zwar Johns,
-dessen Spuren er genau kannte, sah er hier dem Boden
-eingedrückt &ndash; und herüber und hinüber gingen sie,
-als ob er selber nicht gewußt habe, welche Richtung er
-einschlagen sollte &ndash; oh wie viel kostbare Zeit mußte
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-er damit verloren haben &ndash; weshalb hatte er sich nur
-nicht gleich stromab gewandt. Der Flüchtige <em class="ge">konnte</em>
-ja gar nicht gegen die Strömung angeschwommen
-sein.</p>
-
-<p>Er selber suchte augenblicklich nach dieser Richtung
-zu, mußte aber eine lange Strecke am Ufer hinabwandern
-ehe er die Stelle fand, wo der gehetzte
-Räuber wieder an Land gegangen war, und erst als
-er hier den Spuren eine Weile gefolgt war, sah er,
-daß John die Fährte ebenfalls wieder aufgenommen
-hatte.</p>
-
-<p>Jetzt kam ein weites rauhes Terrain von Stein
-und Kies, wo man die Spuren kaum erkennen konnte,
-und hier plötzlich theilten sie sich, ohne daß Jim im
-Stande gewesen wäre, die Ursache zu errathen, denn
-so deutlich war die Fährte immer geblieben, daß sie
-John nicht verlieren konnte. Und welches war jetzt
-Johns Pferd gewesen, denn auf den Steinen ließ sich
-kaum hier und da ein schwaches Zeichen erkennen. Er
-begriff das Ganze nicht und wählte endlich die links
-abführende Fährte, die ihn aber eine Weile in gerader
-Richtung abführte, dann rechts einbog, wieder links
-hinüber hielt und dann noch einmal einen andern
-Cours nahm.</p>
-
-<p>Jetzt kam er auch auf weichen Boden und den
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-Büchsenkolben stieß er verzweifelnd vor sich in die Erde
-&ndash; denn er hatte <em class="ge">John's</em> Fährte angenommen und
-der Verbrecher war jedenfalls entkommen.</p>
-
-<p>Was nun thun? &ndash; Daß John den Wald hier nur
-auf gut Glück, bald herüber, bald hinüber abgesucht,
-war ihm klar genug, aber er begriff nicht, daß John
-hier die Fährte verloren haben konnte. Es gab ja
-keinen besseren Waldmann am ganzen Fourche-la-Fave.
-Sollte <em class="ge">er</em> jetzt zurück und an dem Bergstrom
-die andere Spur aufnehmen? Dadurch erhielt der
-Flüchtige einen Stunden weiten Vorsprung und dann
-&ndash; konnte er überhaupt noch fort? Die Sonne neigte
-sich schon dem Horizont und jetzt, da er endlich still
-stand, fühlte er erst, wie furchtbar müde er selber geworden
-war.</p>
-
-<p>Die Knie fingen ihm an zu zittern, ein Frösteln
-lief über seinen ganzen Körper und er mußte sich
-unter einen Baum legen, um nur etwas auszuruhen.
-Menschliche Kräfte hielten es eben nicht
-länger aus.</p>
-
-<p>So lag er etwa eine halbe Stunde, aber der
-Frost trieb ihn wieder in die Höhe, denn die nassen
-Kleider an seinem Körper kälteten ihn zu sehr. Er
-konnte auch wieder marschiren, denn die kurze Rast
-hatte wenigstens genügt, ihn in etwas aufzufrischen.
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-Eine Zeitlang folgte er auch noch Johns Spuren, um
-doch vielleicht mit diesem wieder zusammen zu treffen,
-aber er mußte das bald als ein vergebliches Mühen
-aufgeben, denn nur zu deutlich sah er, daß dieser keine
-feste Richtung gehalten habe und trotzdem noch immer
-in wilder Eile fortgejagt sei. Brach aber die Nacht
-an, so verlor er die Fährten, die sich überhaupt nur
-sehr schwach auf dem Felsenboden zeigten, doch aus
-den Augen &ndash; ja er war jetzt schon unsicher geworden,
-ob er noch die richtige hielt. Hier herum hatten sich
-jedenfalls eine Anzahl Pferde auf der Weide herumgetrieben
-und als er der einen Spur noch eine Weile
-folgte, traf er mitten im Wald einen alten lahmen
-Schimmel, der sich ruhig an einem dünnen Baumstamm
-die Seite rieb.</p>
-
-<p>Es war vorbei &ndash; nicht einmal die Hoffnung
-konnte er mehr hegen, daß John wenigstens allein sein
-Ziel erreicht habe, und durch das viele Hin- und Herziehen
-irre gemacht, wußte er kaum selber mehr, wo er
-sich befand, viel weniger denn, wo er einen Andern
-suchen sollte. An der untergehenden Sonne konnte er
-aber doch die Himmelsrichtung erkennen, und beschloß
-nun seine Bahn nach jenem letzten Hause zu nehmen,
-dessen Fenz er im Vorbeijagen gesehen &ndash; möglich,
-daß ihn John dort ebenfalls aufsuchen würde, und
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-that er das nicht, so wollte er zurück nach Blumenthal
-kehren und ihn dort erwarten.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Elftes Kapitel.</span></span><br />
-
-Die Ueberraschung.</h3>
-
-
-<p>Jim war todtmüde geworden und hätte sich gern
-gleich da, wo er stand, zum Schlafen niedergeworfen,
-aber der Durst peinigte ihn außerdem; er mußte jedenfalls
-Wasser suchen, und hielt deshalb, da er sich
-von dem Fluß zu weit entfernt hatte, über den nächsten
-Hügelhang hinüber, an dessen anderer Seite er einen
-Bach anzutreffen hoffte. Dort konnte er auch ein
-Feuer anzünden, um sich zu trocknen, und etwas Brot
-und Fleisch trug er ja in seiner Kugeltasche bei sich.</p>
-
-<p>Das Terrain war hier außerordentlich steinig.
-Es sah fast so aus, als ob sich irgend ein Riese den
-Spaß gemacht habe, Tausende von kleinen Felsblöcken
-über das weite Land auszustreuen, so dicht lagen sie
-beieinander, und zu Pferde wäre hier überhaupt schwer
-durchzukommen gewesen. Langsam schritt er dazwischen
-hin, traf endlich auf ein paar feuchte Stellen, an
-denen sich etwas Wasser gesammelt hatte, und kniete
-bei einer derselben nieder, um sich wenigstens erst
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-einmal satt zu trinken. Es war auch die höchste Zeit
-gewesen, denn die rothen Abendwolken verriethen schon
-den Untergang der Sonne und das rasch eintretende
-Dämmerlicht legte sich über den Wald.</p>
-
-<p>Er trank lange und um Athem zu holen, hob er
-endlich den Kopf, zuckte aber bis in jeden Nerv seines
-Körpers zusammen, denn kaum hundert Schritt von
-ihm entfernt &ndash; oh, nicht so viel, es konnten kaum
-mehr als achtzig sein, da die Dämmerung die Entfernung
-vergrößert, sprang ein Mann, eine Büchse in
-der Hand haltend, rasch über den hier ziemlich offenen
-Plan von einem Stein zum andern. Seine Richtung
-aber lag dem nicht weit davon wieder höher und
-dichter werdenden Holze zu, und Jim erkannte auf
-den ersten Blick seinen Feind. Es war Hendricks.</p>
-
-<p>Fast krampfhaft griff er, in seiner gebückten Stellung
-verharrend, nach der neben ihm liegenden Büchse;
-aber wie hätte er jetzt, in schon halber Dunkelheit,
-sein Ziel treffen wollen; und die Glieder flogen ihm
-dabei, wie in Fieberfrost.</p>
-
-<p>Hendricks konnte ihn da, wo er mit seinem dunklen
-Kopf kaum über die fast gleichfarbigen Felsstücke heraussah,
-nicht erkennen, schien auch kaum die Nähe
-eines Menschen hier zu fürchten, sondern nur allein
-darauf bedacht zu sein, keine Fährten mehr zu hinterlassen,
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-was ihm auch auf den Steinen vollkommen gelingen
-mußte.</p>
-
-<p>Wie in aller Welt hatte er John überlistet? &ndash;
-war sein Pferd ebenfalls gestürzt oder vielleicht absichtlich
-an einer Stelle aufgegeben, wo er seine eigenen
-Fährten gut verbergen konnte? Aber wild und
-verworren zuckten solche Fragen durch des jungen
-Backwoodsmans Hirn, und mit heftigen Schlägen
-klopfte ihm das Herz in der Brust, denn an ihm vorüber
-floh der Bube und wenn er jetzt im Wald verschwand
-&ndash; Langsam und vorsichtig, mit so wenig als
-möglich Bewegung, hob er seine Büchse und suchte
-sie auf einen der Felsblöcke zu bringen; aber der
-vor ihm liegende war zu niedrig &ndash; er konnte nicht
-darauf zielen; &ndash; er kroch etwas weiter nach rechts
-hinüber. Dort sah er einen passenden Platz, aber
-Hendricks, mit keiner Ahnung in welcher Gefahr er
-sich befand, sprang leichtfüßig von einem Stein zum
-andern und ehe Jenkins nur die Büchse an die Backen
-und den Feind auf's Korn bekommen konnte, war er
-in dem Gestrüpp, wenn auch nicht verschwunden, doch
-so in den immer stärker werdenden Schatten gekommen,
-daß ein richtiges Ziel zur Unmöglichkeit wurde.
-Einen gewissen Schuß mußte Jim aber haben oder
-der Verbrecher war nicht allein gewarnt und dann
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-auf immer für ihn verloren, sondern er war auch viel
-stärker bewaffnet, als er selber. Jim hatte nur die
-eine Kugel im Rohr, Hendricks dagegen, außer seiner
-Büchse noch wenigstens einen sechsläufigen Revolver
-im Gürtel, und nur sein böses Gewissen oder seine
-natürliche Feigheit mußten ihn, bei seiner Uebermacht
-der Waffen, selbst beiden Verfolgern gegenüber, zur
-Flucht getrieben haben.</p>
-
-<p>Jim sah sich jetzt, da wo er gerade lag, durch einen
-ziemlich hohen Felsblock gedeckt. Er wartete noch
-einen Moment und da Hendricks nicht auf der anderen
-Seite desselben wieder zum Vorschein kam, glitt
-er wie eine Schlange über den Boden und zu jenem
-Felsen hin, an dem er sich, die Büchse aber zum augenblicklichen
-Gebrauch im Anschlag, langsam emporrichtete,
-um darüber hin sehen zu können. Er schrak
-aber ordentlich zusammen, denn dort &ndash; kaum zwanzig
-Schritt mehr von ihm entfernt und an der nämlichen
-Quelle, an der er, etwas weiter unten getrunken, lag
-Hendricks &ndash; ebenso verdurstet wie er selber und ihm
-den Rücken zukehrend. Im Nu hob sich auch Jenkins
-Büchse und sein Auge suchte das Korn &ndash; aber es
-war nicht mehr möglich. Er selber stand hier vollständig
-gedeckt unter einem dichten Dogwood-Busch,
-und dort der Trinkende lag ebenso im tiefen Schatten,
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-daß er wohl noch die Gestalt erkennen, aber nicht
-mehr darauf zielen konnte. Und selbst, wenn er es
-gekonnt hätte, sollte er den Buben mit einer Kugel
-tödten &ndash; ihn seiner selbst unbewußt von der Erde
-nehmen, der ihm so entsetzliches Weh angethan?</p>
-
-<p>Jetzt hob sich die Gestalt vom Boden auf, und
-wieder suchte Jenkins' Auge das Korn seiner Büchse
-zu fangen; da sah er, wie Hendricks, der sich hier
-vollkommen sicher glauben mußte, seine Büchse nahm
-und an einen Baum lehnte, den Blick noch einmal
-vorsichtig umherwarf und dann alle Anstalten machte,
-als ob er dort, wo er sich gerade befinde, etwas ausruhen
-wolle. Die Nacht war eingebrochen, die
-Sterne traten heraus, und nur bei ihrem Schein
-konnte Jim erkennen, wie der wahrscheinlich ebenfalls
-zum Tod Ermüdete sich Laub unter dem nächsten Baum
-zusammenschob, um sich ein nur einigermaßen trockenes
-Lager herzurichten. Natürlich wollte er nicht im
-Dunkeln marschiren, wo er einer ihm drohenden Gefahr
-nicht hätte ausweichen können.</p>
-
-<p>Jim Jenkins blieb unbeweglich hinter seinem
-Stein liegen, denn daß er selber dort keine Gefahr
-lief, entdeckt zu werden, wußte er gut genug. Er sah,
-wie sein Opfer noch einmal in langen Zügen trank
-und sich dann endlich, die Büchse und den Revolver
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-neben sich, auf das Laub, das er rascheln hörte, niederwarf.
-Er war selber todtmüde gewesen, aber er
-dachte nicht mehr an Schlaf und überlegte sich nur
-jetzt, wann der Mond herauskommen müsse, um ihm
-zu seinem weiteren Handeln zu leuchten.</p>
-
-<p>Gestern war der Mond ziemlich spät aufgegangen
-&ndash; wohl erst um neun Uhr &ndash; heute kam er noch
-später und ehe er nicht ziemlich hoch stand, konnte er
-Nichts beginnen &ndash; aber was that das. Und wenn
-er hätte zwölf Stunden da liegen sollen, er würde
-nicht gemurrt haben, glaubte er sich doch jetzt seiner
-Rache sicher. So regungslos wie der kalte Stein
-selber, an den er sich lehnte und ebenso erbarmungslos
-hielt er, als er selbst nicht mehr die Umrisse des
-Feindes in dem Dunkel erkennen konnte, die Augen
-noch immer fest auf den Platz gerichtet und horchte,
-mit Anspannung aller seiner Kräfte, dem geringsten
-Geräusch, was von dort zu ihm herüberdrang.</p>
-
-<p>Hendricks mußte unruhig schlafen; er warf sich
-auf seinem Laubbett herüber und hinüber. War
-etwa der auf ihm haftende Blick seines Feindes daran
-Schuld? Jim dachte selber daran und wandte ihn ab,
-aber kein Rascheln eines Blattes entging seinem
-scharfen Ohr.</p>
-
-<p>So stand er, oder lag halb an dem Felsen, viele
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-Stunden lang &ndash; dort drüben war Alles ruhig geworden
-&ndash; endlich, endlich ging der Mond auf, stand
-aber noch viel zu tief hinter den Bäumen, um hell
-genug zu leuchten. Jenkins erwartete seine Zeit mit
-fast übermenschlicher Geduld und rührte sich nicht
-eher, als bis Mitternacht schon lange vorüber sein
-mußte, und jetzt rüstete er sich zum Handeln.</p>
-
-<p>Geräuschlos streifte er Alles ab, was ihn an seiner
-freien Bewegung hindern konnte, selbst die Kugeltasche,
-Jagdhemd und Leggings &ndash; die Nacht war
-ziemlich kalt, aber ihn fror nicht, der Kopf brannte
-ihm sogar wie in Fieberhitze. Jetzt war er soweit
-fertig und nur nach seiner Büchse sah er noch, und
-setzte ein frisches Zündhütchen auf, daß sie ihm nicht
-im entscheidenden Moment versagte. Dann aber,
-wie ein Panther auf seine Beute, und ebenso mordgierig,
-ebenso geräuschlos verließ er den Stein, hinter
-dem er sich bisher verborgen und glitt auf sein
-Opfer zu.</p>
-
-<p>Schlief Hendricks? &ndash; Er wußte es nicht. Lag
-er wach und hörte den Anschleichenden, so war es um
-ihn geschehen, aber was kümmerte ihn die Gefahr, in
-der er sich befand. Rache wollte er, Rache an dem
-Mörder seines Vaters und mit keinem Gedanken
-weiter, aber auch mit jeder nur möglichen Vorsicht,
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-schlich er näher und näher an sein Opfer hinan,
-immer wieder horchend, ob er das Laub nicht könne
-rascheln hören. &ndash; Aber Alles blieb ruhig wie das
-Grab &ndash; ja, jetzt tönte schon deutlich das langsam
-schwere Athmen des Schlafenden zu ihm herüber.</p>
-
-<p>Aber war das nicht etwa Täuschung? stellte sich
-der Bube nicht vielleicht nur schlafend und lag, mit
-gespanntem Revolver des Nahenden harrend? Vorwärts!
-Jetzt konnte er die ausgestreckte Gestalt deutlich
-im Licht des Mondes, der gerade einen Strahl
-durch die Baumwipfel warf, erkennen. Neben ihm
-blitzte etwas &ndash; es war der Revolver, auf dem seine
-Hand ruhte &ndash; die Büchse lag ebenfalls zum Griff bereit.</p>
-
-<p>Jim zögerte einen Augenblick &ndash; aber auch nur
-einen &ndash; jetzt war er neben dem Schlafenden &ndash; geräuschlos
-legte er die eigene Büchse neben sich auf das
-Gras nieder, von dem Hendricks selber das Laub weggescharrt
-&ndash; <em class="ge">ein</em> Griff nach dem Revolver mit der
-linken Hand, und wie der Mörder wild und entsetzt
-durch die Berührung emporfuhr, traf ihn ein mit
-aller Wucht geführter Faustschlag Jims so kräftig gegen
-den rechten Schlaf, daß er bewußtlos und wie todt auf
-das Laub zurücksank. &ndash; Es wäre besser für ihn gewesen,
-er wäre todt geblieben.</p>
-
-<p>Jim, den Revolver neben sich legend, warf sich
-<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-auf ihn, riß aus seiner Tasche ein Stück derbes Seil,
-wie es meist alle Jäger bei sich führen, und schnürte
-ihm damit die Hände auf den Rücken &ndash; jetzt erst hatte
-er ihn sicher und nur der eine Wunsch drängte sich
-über seine Lippen: Oh, wäre John jetzt hier! &ndash; Aber
-dem Gedanken gab er sich nicht weiter hin, denn wer
-wußte wo der Freund jetzt war. Die Schnur reichte
-noch gerade aus, um den Gefangenen an einen jungen
-Stamm anzubinden. Nicht weit davon stand ein niederer
-Dogwood, dorthin schleppte er ihn und hatte sich
-seiner vollkommen versichert, als der bis dahin vollständig
-Bewußtlose seine Besinnung wieder gewann.</p>
-
-<p>Aber er kümmerte sich in dem Augenblick gar nicht
-um ihn &ndash; und zu dem Felsblock sprang er, um von
-dort seinen Zügel herüber zu holen und als er jubelnd
-wieder zurück zu dem Gefangenen eilte, hatte sich
-Hendricks halb auf seinem Ellbogen aufgerichtet und
-starrte ihn mit stieren entsetzten Blicken an.</p>
-
-<p>»Jenkins« &ndash; war Alles was sich seiner Brust
-entrang &ndash; »oh mein Gott!«</p>
-
-<p>»Ja ruf Deinen Gott an, Schuft,« lachte aber der
-junge Backwoodsman, ingrimmig zwischen den zusammengebissenen
-Zähnen durch. »Der, zu dem Du betest,
-ist der Teufel, der Dich so lange beschützt hat &ndash; aber
-Deine Zeit ist um. Du siehst die Sonne nicht wieder.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-»Jenkins,« sagte Hendricks mit leiser, heiserer
-Stimme, »Ihr wollt mich doch nicht hier in der Nacht
-mit kaltem Blut morden.«</p>
-
-<p>»Gerade recht mahnst Du mich an das kalte Blut,
-mit dem Du meinen armen alten Vater und den alten
-Wells, Rankins Hogan und viele Andere ermordet
-hast. Scheusal wie es kein zweites die Welt trägt &ndash;
-aber Deine Zeit ist um; Erbarmen hast Du von mir
-nicht zu hoffen.«</p>
-
-<p>»Jenkins,« stöhnte Hendricks &ndash; »ich bin reich &ndash;
-ich habe bei Blumenthal viel Geld vergraben &ndash; es
-soll Alles Euer sein, wenn Ihr mich nur dorthin führt,
-und ich bleibe ja doch in Eurer Gewalt.«</p>
-
-<p>»Dein Blutgeld, nicht wahr, um das Du auch
-wohl den armen Deutschen ermordet?« &ndash; knirschte
-Jim &ndash; »Deine Zeit ist um und Bitten oder Versprechungen
-helfen Dir nicht mehr.«</p>
-
-<p>Noch während er sprach hatte er den starken Zügel
-von dem Gebiß gelöst und eine Schlinge daraus geformt.
-Jetzt sah er zu dem Dogwood auf &ndash; einer
-der Aeste zog sich gerade etwa hoch genug über dem
-Gefangenen hin und so, daß er ihn bequem erreichen
-konnte. Hendricks suchte mit der Kraft der Verzweiflung
-die Bande, die ihn hielten, zu zerreißen und Jim
-hielt dabei vorsichtig den Revolver in der Hand &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-doch das Seil hielt; er schob die Waffe wieder in den
-Gürtel zurück, und ging dann kaltblütig daran, den
-Riemen über den Ast zu werfen und zu befestigen.</p>
-
-<p>»Jenkins,« flehte Hendricks, »seid ein Mensch! Um
-Gottes Barmherzigkeit willen mordet mich nicht hier
-im dunklen Wald &ndash; o, laßt mich nur leben, bis der
-Tag anbricht, nur noch eine Stunde, um meine Sünden
-zu bekennen. Ich habe viel verbrochen. &ndash; Ihr
-<em class="ge">müßt</em> mich hören.«</p>
-
-<p>»Ich <em class="ge">weiß</em> genug von Dir mein Bursche,« sagte
-der junge Backwoodsman trocken, »um Dir zehnfachen
-Tod zu sichern &ndash; komm! Du weißt, daß Du verloren
-bist und selbst der Teufel, Dein Cumpan, könnte Dich
-nicht mehr retten. Gieb Deinen Hals gutwillig her,
-denn ich werde noch genug Mühe haben, Dich da
-hinauf zu ziehen.«</p>
-
-<p>Er warf ihm dabei die Schlinge um den Hals &ndash;
-und »Hülfe! Mörder! Mörder!« schrie mit gellender
-Stimme der Unglückliche durch den Wald, indem
-er sich am Boden wand und krümmte &ndash; »Hülfe!
-Hülfe!«</p>
-
-<p>Jim lachte &ndash; aber plötzlich horchte er hoch auf
-und hielt mit seiner Arbeit inne. »Hülfe!« rief der Gefesselte
-wieder, und der Schrei wurde beantwortet &ndash;
-in weiter Ferne zwar, aber der junge Backwoodsman
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-konnte genau einen Ruf unterscheiden. &ndash; Sollte der
-Bube wirklich noch Helfershelfer haben, &ndash; aber
-nicht zehn von ihnen hätten sein Geschick mehr wenden
-können.</p>
-
-<p>Da hörte er wieder einen Ruf und Jim ließ den
-Riemen fahren, legte die Hände trichterförmig an den
-Mund und beantwortete selber den Ton. &ndash; Das
-war John's Jagdruf. &ndash; Wieder gab er das Zeichen
-&ndash; näher und näher kam der Gerufene &ndash; jetzt konnte
-er ihn schon durch die Büsche brechen hören.</p>
-
-<p>»Ach John! bist Du das?«</p>
-
-<p>»Wo steckst Du Jim &ndash; wer schrie da?«</p>
-
-<p>»Hierher &ndash; ich <em class="ge">hab'</em> ihn!«</p>
-
-<p>Ein gellendes Jubelgeheul, wie es sonst nur ein
-Indianer ausstoßen kann, schmetterte durch den Wald,
-und rücksichtslos um Dorn oder Schlingpflanze brach
-im nächsten Augenblick John durch die Büsche und
-jauchzte laut auf, als er den Gebundenen am Boden
-erkannte.</p>
-
-<p>Doch die jetzt folgende Scene ist zu furchtbar, um
-sie zu beschreiben. Hendricks war in erbarmungslose
-Hände gefallen und seine verbrecherische Laufbahn zu
-Ende. Mit der Kraft der Verzweiflung kämpfte er
-wohl noch eine Weile gegen seine Richter an &ndash; vergebens,
-und bald schien der Mond auf die lang gestreckte,
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-regungslose Gestalt, die an dem Ast des Dogwood-Baumes
-hing und langsam in der leichten Morgenbrise
-hin und her schwankte. Und die beiden jungen
-Leute lagerten so lange bei dem Baume, bis sie sich
-von dem wirklichen Tod ihres Opfers vollständig
-überzeugt hatten &ndash; dann nahmen sie die Leiche ab,
-um, wie John Wells meinte, den Wölfen ihr Recht
-nicht zu entziehen.</p>
-
-<p>John untersuchte auch Hendricks Taschen &ndash; er
-trug drei Uhren, um den Leib einen selbstgenähten
-Gürtel mit den verschiedenartigsten Schmucksachen
-und Goldstücken gefüllt, und in der Kugeltasche
-ebenfalls ein Päckchen Geld, das noch nicht einmal
-geöffnet schien, wie eine Anzahl loser mexicanischer
-Dollar.</p>
-
-<p>Seine Waffen nahmen sie ebenfalls und verließen
-dann nach Sonnenaufgang den schauerlichen Richtplatz,
-um ihren Weg vor der Hand nach Blumenthal zurückzusuchen
-&ndash; möglich daß sie, in den bei ihm gefundenen
-Gegenständen, Beweise seines mörderischen Wirkens
-hatten.</p>
-
-<p>Aber es bedurfte deren nicht mehr. Als sie nach
-zwei Tagen, die sie gebraucht, um ihre Pferde wieder
-aufzusuchen, den kleinen Ort erreichten, hatte man
-schon, auf Peters Veranlassung, Hendrick's verlassene
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-Wohnung untersucht und die zweifellosesten Beweise
-gefunden, daß er an allen kürzlich dort verübten
-Morden wenigstens betheiligt gewesen, wenn er sie
-nicht am Ende gar allein ausgeführt hatte.</p>
-
-<p>Das noch eingenähte Geld hatte übrigens dem
-alten Fischer gehört, und Catharina selber das Päckchen
-für ihn zurecht gemacht &ndash; ebenso war eine der
-Uhren die seinige gewesen, wie sich auch sein Trauring
-unter den Sachen fand.</p>
-
-<p>Was nicht reclamirt wurde, nahmen Jim und
-John auf ihrem Rückweg nach dem Fourche-la-Fave
-mit &ndash; es war ihr wohlerworbenes Eigenthum, so
-lange sie nicht die früheren Besitzer auffanden, &ndash;
-aber Jim litt es nicht lange in der alten Heimath,
-die zur viel der schmerzlichen Erinnerungen für ihn
-trug. Auch John zog von dem alten Platz weg, aber
-nur in ein anderes County über den Arkansas hinüber
-und Jim, nachdem er noch Johns Heirath mit
-seiner Schwester beigewohnt, setzte sich auf ein, seinen
-Bruder Bill auf ein anderes Pferd, und ritt
-zurück nach Texas, nach der kleinen, abgeschiedenen
-Colonie Blumenthal, in welcher er gesonnen war, sich
-häuslich niederzulassen.</p>
-
-<p>Am Fourche-la-Fave herrschte von da an Frieden
-&ndash; aber der Frieden des Grabes. Die Jay-hawkers
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-waren allerdings theils ausgerottet, theils vertrieben
-und die Anwohner des kleinen Stromes brauchten
-keine Meuchelmörder mehr zu fürchten: aber wie
-viele, wie entsetzlich viele sonst so friedliche Hütten,
-die glückliche brave Menschen und Familien bargen,
-lagen verwüstet, zerstört, eingeäschert. Rings umher
-der Wald war wild aufgewachsen und dornige Schlingpflanzen
-überwucherten die früheren Spielplätze des
-jungen Volkes.</p>
-
-<p>Krieg und Mord hatten dem armen Land ihr
-Brandmal aufgedrückt; die wenigen Hinterbliebenen,
-ihre Ernährer und ihren ganzen Reichthum, ihre
-paar Kühe und Pferde verloren und Armuth und
-Elend war eingekehrt, wo sonst glücklicher Frieden
-und verhältnißmäßiger Reichthum herrschte &ndash; der
-wenigstens dem Besitzer Alles das gewährte, was er
-zum Leben brauchte und verlangte, so wenig das auch
-sein mochte.</p>
-
-<p>Drei Jahre später ritt John Wells wieder einmal
-nach Texas hinüber, um Jim Jenkins bei
-seinem zweiten Sohn zu Gevatter zu bitten, und
-ihn zu überreden, nach dem Fourche-la-Fave zurückzuziehen,
-weil sich die Schwester so nach den beiden
-Brüdern sehne.</p>
-
-<p>Bill, der ein tüchtiger Bursch geworden war,
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-konnte abkommen und zog, wenigstens auf Besuch,
-mit zurück; Jim aber nicht. Er hatte im vorigen
-Jahre Catharine Fischer, die frühere Braut des
-Jay-hawkers geheirathet und &ndash; konnte jetzt gerade
-die blühende Ansiedlung und sein junges Weib nicht
-verlassen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-<span class="ge">König Zambiri.</span><br />
-
-<span class="subheader">Afrikanische Skizze.</span></h2>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Erstes Kapitel.</span></span><br />
-
-Der Schooner.</h3>
-
-
-<p>An der ostafrikanischen Küste, aber noch nördlich
-vom Aequator, kreuzte einer jener amerikanischen
-Schooner die, aus den Yankeestaaten kommend, Küstenhandel
-in allen Theilen der Erde treiben und, wenn
-sie irgend einen Nutzen dabei zu finden glauben, eben
-so keck den Stürmen vom Kap Horn, wie den Typhoons
-des chinesischen Meeres trotzen.</p>
-
-<p>Die Sarah Miles, wie das kleine Fahrzeug hieß,
-war denn auch, mit Zwiebeln, Wanduhren und Blechwaaren
-beladen, von Connecticut nach Surinam gegangen,
-hatte dort Zucker, Kaffee wie andere tropische
-Produkte für Chili eingetauscht, von da aus Mehl,
-Wein und Kartoffeln nach der Südsee geführt und
-von den Inseln Kokosnußöl, Perlen und Perlenmuttermuscheln
-nach Australien gebracht. In Sydney verkaufte
-Kapitän Oacutt diese Ladung sehr vortheilhaft
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-an ein deutsches Handlungshaus und tauschte dafür
-theils Waaren für den afrikanischen Markt ein, theils
-nahm er bessere Sachen für die Kapstadt mit, um
-von dort echten Kapwein, oder was er sonst erhalten
-konnte, zurück in sein Vaterland zu führen.</p>
-
-<p>Natürlich konnte er aber unterwegs der Versuchung
-nicht widerstehen, zuerst einmal ein paar der
-kleinen Königreiche an der Ostküste anzulaufen. Dort
-war jedenfalls noch ein Geschäft mit den uncivilisirten
-Wilden zu machen, es mußte wenigstens versucht
-werden, und möglich ja, daß sich Elfenbein, Gold,
-Gummi und wie die werthvollen Produkte dieses
-Himmelsstrichs alle heißen, um einen Pappenstiel erstehen
-ließen.</p>
-
-<p>Hier befand sich aber Kapitain Oacutt &ndash; in dem,
-was die geographischen Verhältnisse dieser Länder
-betraf &ndash; völlig aus seinem Fahrwasser, denn er
-hatte wohl eine ausgezeichnete Karte von Connecticut
-an Bord, auch ein paar andere, alt gekaufte von
-dem Hoogly, San Franzisco, Rio de Janeiro und
-anderen Küstenstrichen. Wie es aber mit den Hafenplätzen
-jenes Erdstrichs aussah, dem er gerade
-entgegen hielt und ob er sich hier einem schon
-theilweise civilisirten oder noch vollkommen wilden
-Volke gegenüber befinde, davon wußte er kein Wort
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-und, aufrichtig gesagt, kümmerte sich auch nicht
-darum.</p>
-
-<p>Wenn er nur Menschen dort fand, mit denen er
-Handel treiben konnte, und die etwas des Handels
-Werthes besaßen, alles Uebrige fand sich von selbst,
-und Gefahren? Bah! seine Amerikaner, die er an
-Bord hatte, fürchteten sich vor dem Teufel nicht,
-viel weniger vor einer Horde nackter, schwarzer
-Wilden.</p>
-
-<p>Die Sarah Miles führte auch in der That eine
-für ein so kleines Fahrzeug sehr starke Besatzung,
-und zwar schon der großen Schoonersegel wegen, mit
-denen nicht so leicht hantiren ist, wie mit Raasegeln.
-Außerdem war dem Kapitain in Sydney angerathen
-worden, sich an der afrikanischen Küste vorzusehen,
-da jenen Völkerstämmen nie zu trauen sei, und er
-hatte dort noch vier, einem Wallfischfänger entsprungene
-Matrosen, junge, kräftige Bursche, dazu geworben.
-Mit Waffen war er überdies reichlich versehen,
-sogar mit einer vortrefflichen Drehbasse, die
-vorn auf seinem Bug stand, und sich deshalb bewußt,
-nichts versäumt zu haben, um einer möglichen Gefahr
-auch kräftig zu begegnen.</p>
-
-<p>Uebrigens hatten sich diese Vorsichtsmaßregeln
-bis jetzt als sehr nutzlos erwiesen, denn er sichtete,
-<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-von Australien bis hieher, nicht ein einziges Mal
-Land und bekam deßhalb auch keine Prouen, Dschunken,
-Kanoes, oder was sonst noch auf Raub ausgeht, zu
-sehen. Ein paar Mal bemerkte er allerdings Segelschiffe:
-friedliche Kauffahrer, die vielleicht zwischen
-Indien und dem Kap fuhren. Diesen gefiel aber
-wieder der Schooner mit seinen keck gestellten Masten
-nicht, und sie machten gewöhnlich, daß sie ihm aus
-dem Weg kamen, während Kapitain Oacutt nicht das
-geringste Interesse hatte, sie aufzusuchen. An denen
-war nichts zu verdienen; das wußte er aus Erfahrung
-gut genug, und er steuerte sich ihretwegen auch nicht
-einen halben Strich aus seinem Kurs.</p>
-
-<p>Mit einer allerdings sehr schwachen, aber doch
-günstigen Brise glitten sie so durch das tiefblaue
-Wasser des Ozeans und der Kapitain schaute sehnsuchtsvoll
-nach Land aus. Seiner Berechnung nach
-hätten sie nämlich unter der Länge, die ihm sein Chronometer
-angab, schon ein paar Meilen in Land auf
-der afrikanischen Küste sitzen müssen &ndash; Gott nur
-wußte, welche Zeit der hielt, &ndash; und noch war nicht
-einmal ein Ufer zu erkennen. Die ganze Nacht
-mußte deßhalb auch doppelte Wache an Bord bleiben,
-um, wenn sie nichts sehen konnten, nach der Brandung
-auszuhorchen, aber sie konnten ungestört ihren
-<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-Weg fortsetzen, und erst am andern Morgen mit Tagesanbruch
-kündete der frohe Ruf der Leute: »Land!«</p>
-
-<p>Sie mußten auch in der Nacht ziemlich nahe hinangekommen
-sein, denn deutlich ließ sich schon ein erhöhtes
-und waldiges Ufer erkennen, das verschiedene
-Einschnitte zeigte; welchem Theil der Küste es aber
-angehöre, war schwer zu bestimmen, denn Kapitain
-Oacutt hatte, wie gesagt, keine Spezialkarte von Afrika
-an Bord und verließ sich, im Auffinden von günstigen
-Landungsplätzen, wie gewöhnlich auf sein gutes Glück.</p>
-
-<p>Die Brise frischte jetzt etwas auf, und um zehn
-Uhr etwa waren sie so nahe gekommen, daß sie schon
-mit bloßen Augen Menschen auf dem weißen Uferstrand
-erkennen konnten. Rauch stieg an vielen Orten auf,
-und die Gegend schien jedenfalls bevölkert.</p>
-
-<p>Der Kapitain stand vorn auf der Back seines
-Schooners, das Fernrohr in der Hand, um wo möglich
-einen Landungsplatz zu finden, aber er bemerkte,
-daß die Eingebornen den Strand entlang, mehr in
-einer nördlichen Richtung liefen und errieth leicht die
-Ursache. An jenem Punkt, auf welchen sie zuhielten,
-lag wahrscheinlich kein günstiger Ankergrund, aber
-wohl weiter oben. Ohne sich auch lange zu besinnen,
-gab er Ordre, den Kurs des Fahrzeugs dahin zu
-ändern, und rief einen Mann vorn in die Rüsteisen,
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-um das Loth zu werfen, damit sie sich nicht in zu
-seichtes Wasser wagten, &ndash; hatte das Meer doch hier
-schon eine mehr gelbliche Färbung angenommen.</p>
-
-<p>Der Schooner gehorchte rasch dem Steuer, und
-auch die Eingebornen schienen mit der neuen Richtung
-einverstanden, denn sie hatten grüne Zweige abgebrochen
-und schwenkten sie in der Luft, ein Zeichen,
-daß sie die Fremden freundlich empfangen und friedlich
-mit ihnen verkehren wollten. Man darf jedoch
-diesen wohlwollenden Manifestationen nicht immer
-unbedingten Glauben schenken, denn es giebt auch
-verrätherische Stämme, die dadurch Beute heranzulocken
-suchen, ähnlich wie irische Stranddiebe Nachts
-durch falsche Signale Fahrzeuge verführen, an die
-gefährliche Küste anzulaufen.</p>
-
-<p>Kapitain Oacutt traute auch diesen signalisirenden
-Betheurungen nicht weiter als nöthig; d.&nbsp;h. er nahm
-sie nur für einen Beweis von Höflichkeit, und erwiederte
-dieselbe damit, daß er seine Flagge aufzog. Zugleich
-beschloß er aber, dem Land nicht näher als
-nöthig zu kommen, ehe er nicht die Aufrichtigkeit der
-Eingebornen erprobt habe, auch nicht etwa gleich fest
-vor Anker zu gehen, sondern, wenn nahe genug, ein
-Boot abzuschicken und dann langsam dort auf und
-ab zu kreuzen. Dadurch behielt er nicht allein sein
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-kleines Fahrzeug vollständig in der Gewalt, sondern
-konnte auch seinem Boot, wenn es etwa nöthig werden
-sollte, rasche Hülfe bringen. Außerdem befand er
-sich hier noch immer in einigen zwanzig Faden Wasser,
-also in einer Tiefe, bei der er nicht die geringste Gefahr
-lief.</p>
-
-<p>Für das Boot, das sein Steuermann führen sollte,
-wurden jetzt Freiwillige aufgerufen, und diese selber
-vorsichtigerweise bewaffnet, um sich im Fall der Noth
-vertheidigen zu können. So liefen sie, vollständig
-bereit, es jeden Augenblick nieder zu lassen, direkt
-gegen die Küste, und bis fast in fünf Faden Tiefe hinan
-und erwarteten eben den Befehl zum vom Bord gehen,
-als der Mann am Steuer ein Kanoe bemerkte, das
-eben vom Ufer aus in Sicht kam und augenscheinlich
-zu ihnen heraus wollte. &ndash; Das mußte jedenfalls abgewartet
-werden, denn man sah da gleich, mit wem
-man es zu thun hatte; auch lag in dem Besuch nichts
-Außerordentliches. Freuen sich doch diese wilden,
-nur auf ihre eigenen Erzeugnisse angewiesenen Stämme
-jedesmal, wenn sie auf eine solche Art mit irgend
-einem fremden Fahrzeug in Verbindung treten können,
-da ihnen dieses doch immer viel Neues und oft auch
-Nützliches bringt. Was sie selber dafür an Werth
-geben mußten, rechneten sie nicht, denn es waren stets
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-Sachen, die sie leicht wieder ersetzen konnten, und doch
-wie schmählich wurden sie dabei betrogen. Was für
-glänzende Geschäfte hatte Oacutt auch schon in der
-Südsee gemacht, wo er für Tabak und Branntwein,
-für Kattun, Tant, werthlose Knöpfe, ja oft für abgebrochene
-Nägel Kokosnußöl und nicht selten kostbare
-Perlen eingetauscht. Dieser Stamm war keinenfalls
-klüger als die dortigen, und ein Sortiment derartiger
-Dinge auch deßhalb schon hervorgesucht und
-bereit gelegt.</p>
-
-<p>Das herankommende Canoe sah indessen nicht so
-aus, als ob es einen Handel eröffnen sollte. Es führte
-nur vier Mann an Bord. Einer saß am Steuer,
-zwei ruderten und der vierte stand, mit einem grünen
-Busch in der Hand, vorn im Bug. Sie waren
-sämmtlich nackt, nur mit einem blauen Schurz um
-die Lenden bekleidet und gaben die schwarzen Wollköpfe
-trotzig der Sonne preis, schienen aber keine
-Waffen zu tragen und eher eine Art von Gesandtschaft,
-die heraus beordert wurde, um vielleicht einmal zu
-erfahren, welche Waaren die Fremden brächten und
-was sie dafür verlangten. Jedenfalls blieb es gerathen,
-sie freundlich zu empfangen, und der Kapitän
-befahl deßhalb, die Fallreepstreppe hinab zu lassen,
-damit sie bequemer an Bord steigen konnten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-Die Leute im Kanoe mußten auch diese Erleichterung
-schon kennen, denn der Steuernde hielt rasch
-darauf zu, aber man konnte nicht sagen, daß sie neugierig
-seien, denn nur Einer von ihnen, der mit dem
-grünen Busch, ergriff dieselbe und lief daran empor.
-Die Uebrigen blieben im Kanoe, ergriffen nur die
-Taue und hielten sich fest, um nicht von dem, jetzt
-allerdings nur wenig Fortgang machenden Fahrzeug
-zurückgelassen zu werden und ihren Mann zu verlieren.</p>
-
-<p>Der Botschafter blieb indessen noch immer, mit
-seinem Busch in der Hand, oben an Deck stehen, und
-schien vorher eine Einladung abzuwarten, um näher
-zu treten, zeigte aber keine Furcht und schaute sich
-ruhig und gleichmüthig an Bord um. Kapitän Oacutt
-war übrigens in Verlegenheit, wie er sich dem schwarzen
-Burschen verständlich machen sollte, denn an Bord
-kannte natürlich Niemand die Sprache dieses Volkes.
-Um aber seinen guten Willen zu zeigen, nahm er ein
-großes Stück Kautabak in die eine, ein Glas mit
-Branntwein in die andere Hand und ging damit auf
-den Botschafter zu. Den Tabak mußte dieser auch
-kennen, denn sein schwarzbraunes Gesicht verklärte sich
-ordentlich, als er ihn sah, und er griff rasch danach.
-Nicht so nach dem Branntwein. Vorsichtig roch er
-vorher an das Glas, schob es dann zurück und sagte
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-in gebrochenem, aber doch verständlichem Englisch:
-»Danke &ndash; ich nicht Feuer trinken &ndash; bös &ndash; sehr bös!«</p>
-
-<p>»Alle Wetter!« rief Kapitän Oacutt erfreut aus,
-»Du sprichst amerikanisch, mein Bursche? Das ist
-famos. Und was bringst Du uns?«</p>
-
-<p>»Bringen?« sagte der Eingeborne erstaunt, »ich
-soll was bringen? Dafür schickt mich der König her,
-daß Du was bringen sollst. Geschenke, wie es bei
-uns üblich ist; dann erlaubt er Dir auch, daß Du
-landen und zu ihm kommen darfst.«</p>
-
-<p>»Unendlich gnädig,« lachte Oacutt, »und vorher
-dürfen wir nicht?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte der Schwarzbraune ganz ernsthaft,
-indem er ein Stück von seinem Tabak abbiß.</p>
-
-<p>Der Amerikaner schüttelte mit dem Kopf. Der
-Abgesandte selber sah allerdings nicht so aus, als ob
-es in seinem Lande viel Werthvolles zu verhandeln
-gäbe, oder die Eingebornen irgend welche Bedürfnisse
-hätten. Er ging, bis auf den blauen Schurz, völlig
-unbekleidet, und trug auch nicht die Spur von Schmuck
-oder sonstigem Zierrath, viel weniger denn von Gold
-an sich. Lohnte es überhaupt der Mühe, sich mit
-diesem Volk einzulassen? Aber der Versuch mußte jedenfalls
-gemacht werden, denn der Weg, den sie dazu
-hierher gekommen, war zu weit und lang gewesen.
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-Er brauchte auch Früchte und frisches Fleisch, um
-seinen Leuten eine Veränderung der Kost zu gewähren,
-und dann erfuhren sie dort vielleicht etwas über die
-benachbarten Küstenstriche, und wo es am Vortheilhaftesten
-sein würde, anzulaufen, um die werthvollsten
-Produkte dieses Welttheils einzutauschen und überhaupt
-zu finden.</p>
-
-<p>Der Eingeborne, eine schlanke, kräftige Gestalt,
-der eben so hier hergekommen schien, wie er heute
-Morgen von seinem Lager aufgesprungen sein mochte,
-und nur sein schwarzes Wollenhaar in unzählige kleine
-Zöpfe geflochten und an den Spitzen mit einem weißen
-Baumwollfaden umwickelt hatte, erwartete indessen in
-aller Ruhe die Antwort des Kapitäns. Während er
-selber fast regungslos blieb, rollte er das Weiße seiner
-Augen nach allen Seiten des Decks. Er war sich
-jedenfalls seiner Würde als Abgesandter bewußt und
-durfte sich nichts vergeben.</p>
-
-<p>Kapitän Oacutt hatte aber sein Boot ja schon
-bereit liegen, und es galt nur jetzt noch, die verlangten
-Geschenke für den König, die er allerdings nicht
-für nöthig gehalten, beizufügen. Das konnte rasch
-geschehen sein, und der Bote bekam deßhalb die Antwort,
-sie würden nicht versäumen, den König zu begrüßen
-und hofften dann einen freundschaftlichen
-<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-Verkehr mit dem Lande herzustellen. Der Schwarze
-nickte auch bloß mit dem Kopf, drehte sich dann um,
-stieg die Treppe wieder hinab, und wenige Sekunden
-später blieb das Kanoe zurück und hielt dem Lande zu.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Zweites Kapitel.</span></span><br />
-
-König Zambiri.</h3>
-
-
-<p>Kapitän Oacutt ging jetzt augenblicklich daran,
-das auszusuchen, was er dem Oberhaupt der Wilden
-als Einführungsgeschenk überschicken wollte. Er zeigte
-sich aber nicht besonders wählerisch darin, denn er
-wußte aus Erfahrung, daß man einen derartigen
-Häuptling nicht gleich von Anfang an verwöhnen
-durfte, sonst wurde er gierig auf mehr, und ein einträglicher
-Handel war unmöglich.</p>
-
-<p>Am Liebsten wäre er freilich selber mit an Land
-gefahren, aber er durfte als Kapitän das Schiff nicht
-verlassen, und sein Steuermann war wohl auf See
-tüchtig, und dabei keck und unerschrocken und nicht so
-leicht eingeschüchtert, aber doch kaum gewandt genug,
-wo irgend eine Form erfordert wurde. Da erbot sich
-Doktor Spruce, ein junger Irländer, den er als
-Passagier von Sydney nach der Kapstadt mitgenommen,
-das Boot zu begleiten, war es doch auch eine
-<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-Unterbrechung der monotonen Seefahrt, und kurze
-Zeit danach, nachdem das Kanoe wieder zwischen den
-Büschen verschwand, folgte ihm die Jölle.</p>
-
-<p>Uebrigens ging die Mannschaft ganz ordentlich
-bewaffnet; der Steuermann wie der Doktor trugen
-ihre Revolver, und die Matrosen hatten Jeder einen
-kurzen Schiffscutlaß im Boot liegen und ein doppelläufiges
-Pistol im Gürtel stecken, konnten sich also
-schon die Feinde im Nothfalle vom Leib halten.</p>
-
-<p>Der Schooner drehte, wie ihn das Boot verlassen,
-etwas vom Ufer ab, denn sie waren dem Lande schon
-fast zu nahe gekommen. Er konnte ja dort auf und
-ab kreuzen, bis die Leute zurückkehrten und ihm Bericht
-abstatteten. Lohnte es dann der Mühe und hielt man
-sich für sicher genug, so war es noch immer Zeit, vor
-Anker zu gehen und einen Tauschhandel zu eröffnen.
-Unter der Zeit segelte das Boot mit leichter Brise
-dem nicht mehr so fernen Land entgegen, und es ist
-für den Seefahrer stets ein eigenthümliches Gefühl,
-in solcher Weise eine fremde, von wilden oder doch
-wenigstens uncivilisirten Stämmen bewohnte Küste zu
-betreten. Gibt man sich doch immer dadurch mehr
-oder weniger in die Gewalt oft sehr zweifelhafter
-Horden. Aber es hat auch wieder einen ganz eigenthümlichen
-Reiz, den Reiz der unbekannten Gefahr
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-<em class="ge">mit</em> der Sehnsucht, die der Matrose stets nach festem
-Lande trägt, wenn er sich gar zu lange Zeit auf Salzwasser
-herumgetrieben. Er will wieder einmal den
-blauen Himmel durch Gesträuch und Baumzweige,
-nicht mehr durch das Gewirr seiner Taue betrachten.
-Er will Vögel und Frauenstimmen hören, sich an einer
-frischen Quelle satt trinken und die reife saftige Frucht
-selbst vom Ast pflücken; daß ihn dabei der Speer oder
-Pfeil eines Wilden bedrohen könne, kümmert ihn
-wenig &ndash; wenigstens nie genug, um den Versuch nicht
-zu wagen.</p>
-
-<p>So betrachteten auch jetzt die anfahrenden Seeleute
-das immer deutlicher heraustretende Land mit steigendem
-Interesse, und nichts entging ihren spähenden
-Blicken. Schon konnten sie einige niedere Hütten erkennen
-und hielten diese Anfangs für die Hafenstadt,
-aber je näher sie kamen, desto mehr schob sich das Land
-auseinander, und nach rechts hinein öffnete sich plötzlich
-eine geräumige Bucht, an deren Rand, unter Palmen
-und hochstämmigen Laubbäumen, eine dichte Gruppe
-von Häusern stand.</p>
-
-<p>Allerdings boten diese auch ein reizendes Landschaftsbild;
-denn das frische, saftige Grün der Baumwipfel
-mischte sich freundlich mit dem Graubraun der
-wunderlich geformten Dächer und dazwischen wirbelte
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-der blaue Rauch langsam in die Höhe. Aber das
-Auge der Seeleute verließ im Moment das ländliche
-Bild und haftete auf einem anderen Gegenstand, der
-fest am Ufer und halb noch vom Gesträuch verdeckt
-in diesem Moment erst sichtbar wurde &ndash; einem Wrack.</p>
-
-<p>Die Ueberreste eines verloren gegangenen Fahrzeugs
-sind für den Seemann immer von Interesse,
-denn unwillkürlich erinnern und mahnen sie ihn daran,
-daß sein eigenes Seeboot ein ähnliches Schicksal treffen
-kann. Hier aber drang sich ihnen unwillkürlich die
-Frage auf: Wie nur das Wrack dort hingekommen,
-wo es lag? Denn gestrandet konnte es an jener Stelle
-ganz unmöglich sein. Würde ja doch kein Seemann
-der Welt mit seinem Fahrzeug in diese landumschlossene
-und ziemlich seichte Bucht eingedrungen sein, ohne
-vorher genau zu untersuchen, wie weit er sich vorwagen
-könne. Ebensowenig konnte es ein Sturm, die
-außerdem nie in der unmittelbaren Nähe der Linie
-wüthen, herein verschlagen haben, denn dafür trat die
-eine Landspitze viel zu weit vor. Hatten die Eingebornen
-das Fahrzeug etwa überfallen, geplündert und
-hiehergeschleppt? Dann stand ihnen selber auch kein
-freundlicher Empfang bevor und fast unwillkürlich
-warf der Steuermann den Blick zurück, die Möglichkeit
-eines Rückzugs zu überschauen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-Dafür zeigten sich freilich im Augenblick schlechte
-Aussichten, denn erstlich waren sie mit der Brise
-eingelaufen, dann führte sie die steigende Fluth rasch
-in die Bucht hinein und außerdem bemerkte er auch
-jetzt, daß sich vier oder fünf Kanoes mit Eingebornen
-hinter ihnen vom Lande abgelöst hatten und ihnen
-folgten. Und sollten sie jetzt plötzlich Furcht zeigen?
-Nein! der Steuermann besaß überdieß kecken Muth
-genug, sich nicht durch eine, nur erst drohende Gefahr
-einschüchtern zu lassen, und beschloß zu thun, was er
-eben nicht mehr vermeiden konnte &ndash; gerade voraus
-zu halten, in die Bucht hinein.</p>
-
-<p>Sie passirten jetzt das Wrack! Was es gewesen,
-ließ sich nicht leicht erkennen, denn die Masten fehlten
-und nur an einigen Stellen hing noch das stärkere
-Takelwerk unordentlich über Bord. Dem Steuermann
-schien es eine Brigg gewesen zu sein; er gab sich aber
-umsonst Mühe, den Namen heraus zu bekommen,
-denn obgleich es mit dem Stern der Bucht zu lag,
-schienen die Eingebornen das dort gewöhnlich angebrachte
-Namensbret entweder herausgeschlagen oder
-unleserlich gemacht zu haben, mußten also wissen, daß
-man daran das Schiff erkannt hätte, und fühlten sich
-also auch nicht ganz rein bei der Sache.</p>
-
-<p>»Steuermann,« brummte der Doktor, als sie vorüberglitten,
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-»dort liegt ein Memento Mori, eine Art
-von Todtenkopf und die alten Planken würden vielleicht
-viel zu erzählen wissen. Ein Glück, daß wir
-nicht gleich mit dem Schooner vor Anker gegangen
-sind.«</p>
-
-<p>»Bah,« sagte der Steuermann, der sich nicht
-wollte merken lassen, daß er eben erst ganz ähnliche
-Gedanken gehabt; »vom Schooner sollen sie die Fäuste
-schon lassen.«</p>
-
-<p>»Hm, ja &ndash; vielleicht &ndash; aber von uns?«</p>
-
-<p>»Und was wäre bei uns zu holen? Nichts als
-heißes Blei!« lautete die ziemlich mürrische Antwort.
-»Zum Teufel auch, Kamerad, wenn Ihr Euch fürchtet,
-hättet Ihr an Bord bleiben sollen.«</p>
-
-<p>»Fürchten?« lachte der Doktor; »ich habe wohl
-schon davon gehört, weiß aber nicht, was es bedeutet,
-und der Erfolg wird es lehren. Ich wäre auch der
-Letzte, der zurückginge, also vorwärts, Mate, wir sitzen
-einmal drin und müssen die Geschichte jetzt auch zu
-Ende führen.«</p>
-
-<p>»Und dort ist die Landung!« rief der Steuermann,
-als er jetzt am Ufer eine Anzahl dunkler Gestalten
-bemerkte, die ihnen grüne Büsche entgegenschwenkten
-und damit zu winken schienen.</p>
-
-<p>Hier bildete das Ufer wieder einen kleinen Einschnitt,
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-aber es war augenscheinlich, daß sie den eigentlichen
-Landungsplatz des Ortes erreicht hatten, denn
-acht oder zehn Kanoes lagen dort ebenfalls angebunden,
-und Trupps von Mädchen, Frauen und Kindern
-schienen auch schon an jener Stelle die Ankunft der
-Fremden zu erwarten. Der Steuermann hatte ebenfalls
-ihren Dolmetsch am Ufer erkannt, jenen Burschen,
-der bei ihnen zum Besuch gewesen, und mit Recht vermuthend,
-daß dort der Punkt sei, wo man ihn erwarte,
-lenkte er den Bug seiner Jölle direkt auf ihn zu. Im
-nächsten Moment scheuerte ihr Kiel den Sand, und
-Einer der Leute, unbekümmert um den Schwarm, der
-draußen stand, sprang an Land, um das Springtau zu
-befestigen.</p>
-
-<p>Der Doktor hatte sich indeß die Eingebornen betrachtet
-und sich eben nicht besonders über ihr Aussehen
-gefreut. Sie gingen fast sämmtlich bis auf den
-Schurz nackt. Nur die jungen Mädchen trugen noch
-ein oft phantastisch herausgeputztes Tuch um die
-Schultern und Schmuck &ndash; Glasperlen und Goldtand
-&ndash; in den Ohren und den künstlich und mühsam zusammengeflochtenen
-Haaren, und Einige von ihnen
-konnten sogar für hübsch gelten, wären die Lippen
-nicht so aufgeworfen gewesen. Die Männer sahen
-aber entschieden häßlich aus: mager und grobknochig,
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-mit einem scheuen, mürrischen, gedrückten Wesen.
-Viele von ihnen trugen auch Waffen: lange, spitze und
-dünne Wurfspeere oder Keulen, und Einige von ihnen
-große geflochtene Schilde, und auf den Schultern und
-Armen eine häßliche Art von Tättowirung, welche die
-betroffenen Stellen wie aufgeschwollen erscheinen läßt.
-Feindliche Absichten schienen sie aber nicht zu hegen,
-denn selbst die Bewaffneten verhielten sich vollkommen
-ruhig und sogar theilnahmlos und standen nur in ungeordneten
-Gruppen umher, möglich um die Landung
-der Fremden zu überwachen.</p>
-
-<p>Der Steuermann hätte nun am Liebsten seine
-ganze Mannschaft mit an Land genommen, denn es
-war ihm nachdem er erst einmal das Wrack gesehen,
-kein angenehmes Gefühl, sein kleines Häufchen noch
-zu trennen. Aber er durfte das Boot auch nicht ohne
-Wache zurücklassen. Wer wußte denn, was das Gesindel
-indessen damit vorgenommen hätte. Drei
-Mann genügten indeß dazu vollkommen und er mit
-dem Doktor wollten dann ihren Besuch bei dem Könige
-machen, während der Jüngste von den Matrosen das
-braunlackirte Blechkästchen tragen konnte, in welches
-Kapitän Oacutt die Geschenke für Seine Majestät
-gethan.</p>
-
-<p>Der Schwarze, der zugleich als ihr Führer ausersehen
-<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-schien, hatte indeß ruhig neben ihnen gestanden
-und sie betrachtet, jetzt aber, als der Steuermann
-ihn anrief, voran zu gehen und ihnen den Weg zu
-zeigen, sagte er erstaunt: »Ja, Freund, wo hast Du
-denn die Geschenke für den König?«</p>
-
-<p>»Nun, in dem Kasten da!« erwiederte der Seemann.</p>
-
-<p>»Und das ist Alles?« rief kopfschüttelnd der
-Schwarze. »Unser König ist groß und mächtig; er
-wird über das Wenige hinwegsehen.«</p>
-
-<p>»Er soll zu Gras gehen!« brummte der Steuermann
-leise vor sich hin, setzte aber laut hinzu: »Und
-weißt Du denn, was da drinnen ist, Wollkopf?«</p>
-
-<p>»Nein,« antwortete dieser etwas verblüfft; »wie
-kann ich's wissen &ndash; ich habe ja nicht hineingesehen.«</p>
-
-<p>»Also vorwärts marsch, daß wir weiter kommen
-und das Mittagessen nicht versäumen,« nickte ihm der
-Steuermann zu und ihr Führer schien jetzt ebenfalls
-damit einverstanden. Wer wußte in der That, was
-für kostbare Dinge der kleine Kasten enthielt &ndash; der
-Weiße hatte recht. Erst mußte man es sehen, ehe
-man urtheilen konnte. Er schritt langsam, von den
-Fremden gefolgt, gerade auf den Schwarm von Mädchen
-und Frauen zu, die aber scheu zur Seite wichen
-und Raum gaben, wodurch sie eine Art von lebendiger
-<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-Gasse bildete, und die Amerikaner sahen jetzt ein niederes
-aber breites Gebäude vor sich, auf welches sie
-direkt zuhielten.</p>
-
-<p>War das wirklich das Palais, so wohnte Seine
-Majestät allerdings sehr bescheiden, konnte aber deßhalb
-natürlich doch von jeder orientalischen Pracht
-umgeben sein. Wie oft bargen in solchen wilden Ländern
-schlichte Rindendächer die bedeutendsten Schätze,
-und wer es da verstand, machte leicht bessere Geschäfte,
-als in den größten Städten und Hafenplätzen. Vergebens
-suchten aber sowohl der Doktor wie Steuermann
-einen Ueberblick über die Stadt selber zu gewinnen,
-denn die Wohnungen lagen nicht in geraden
-Straßen, sondern unordentlich durcheinander und
-meist so in Gebüschen und Fruchtbäumen versteckt, daß
-man nur hie und da einzelne Häuser und Dachspitzen
-zwischen Bananenhainen und Palmenwipfeln durch
-erkennen konnte. Es blieb ihnen überdieß keine lange
-Zeit, sich umzuschauen, denn eben betrat ihr Führer
-die Schwelle des niederen Gebäudes und winkte ihnen
-dabei zu folgen. Eine vorherige Anmeldung wurde
-also nicht für nöthig befunden.</p>
-
-<p>Sie fanden jedoch bald, daß die Hütte mit ihrem
-ärmlichen Aeußern dem Innern vollkommen entsprach.
-Sie war von Pfählen und Reisig gebaut, luftig allerdings
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-genug und dem heißen Klima zusagend und nur
-mit einem guten dichten Dach bedeckt, schien aber
-sonst sehr dürftig ausgestattet und enthielt nur einige
-Stücke europäischer Ausstaffirung, auf welche die
-Seeleute Anfangs jedoch nicht achteten, weil eine
-merkwürdige Gruppe im Mittelpunkt der Hütte ihre
-Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm.</p>
-
-<p>Auf einem dort ausgebreiteten Löwenfell &ndash; sonst
-aber auf der blanken Erde &ndash; lag nämlich ein großer,
-schwarzer, unförmlicher, aber lebendiger Klumpen,
-dem selbst der Doktor nicht gleich eine bestimmte
-Form und Gestalt geben konnte, während oben darauf
-ein kleiner, schlanker, kaffeebrauner Bursche, die
-Arme in die Seite gestemmt, gymnastische Uebungen
-auszuführen schien, denn er stieg und tanzte darauf
-herum, obgleich es eine Geschicklichkeit zu erfordern
-schien, das Gleichgewicht dabei zu erhalten.</p>
-
-<p>Links in der Ecke balgte sich eine Anzahl von Kindern
-unter der Aufsicht von zwei jungen Mädchen,
-ohne indessen von dieser Produktion weitere Notiz zu
-nehmen, und der Doktor besonders gab sich die größte
-Mühe, nur erst einmal herauszubekommen, was er
-da eigentlich vor sich habe und was es bedeute. Aber
-es dauerte nicht lange, so begann er, trotz dem in der
-Hütte herrschenden Dämmerlicht, doch einige Umrisse
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-an dem Klumpen zu unterscheiden, der sich bald als
-ein wirklich menschliches Wesen, wenn auch in wunderlicher
-Verunstaltung, herausstellte. Da war in
-der That ein dicker, wolliger Kopf, da war etwas, das
-wie Beine und Füße aussah, wenn auch nur im kürzesten
-aber dicksten Maßstab &ndash; alles Uebrige mußte
-aber Körper oder Rücken sein, denn das merkwürdige
-Geschöpf lag, wie er jetzt bemerkte, auf dem
-Bauch, und der kleine gelenke Bursche tanzte eine
-Art von Menuet auf seinem Rückgrat.</p>
-
-<p>Erstaunt sahen sich der Steuermann und Doktor,
-während der Matrose mit offenem Mund daneben
-stand, nach ihrem Führer um, dieser winkte ihnen
-aber mit der ernsthaftesten Miene von der Welt zu,
-ruhig zu bleiben, und deutete dabei ehrfurchtsvoll auf
-den schwarzen, nackten Fleischklumpen. &ndash; War das
-etwa der König?</p>
-
-<p>Der Dicke schien sich indessen unter der Operation
-sehr behaglich zu fühlen; er stöhnte ein paar Mal
-vor Vergnügen und fing dann an, erst die Arme und
-dann die kurzen Beine auszustrecken, wälzte sich auch
-bald ein wenig nach der, bald nach jener Seite, so
-daß der kleine Bursche ungemein aufpassen mußte, um
-nicht das Gleichgewicht zu verlieren und herabgeworfen
-zu werden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Endlich schien aber der Koloß befriedigt; er
-grunzte fast vor Wonne, und nachdem er dem Kleinen
-etwas zugerufen, wornach ihn dieser noch ein paar
-Mal kräftig in's Genick trat und dann absprang,
-richtete er sich plötzlich in die Höhe, so daß er, den
-Fremden unmittelbar gegenüber, auf das Fell zu
-sitzen kam. In diesem Augenblick mußte er auch zum
-ersten Mal den Besuch bemerken, denn er sah sie
-einen Moment so verdutzt an, daß besonders der
-Doktor ein herauswollendes Lachen kaum verbeißen
-konnte. &ndash; Ob er sich vielleicht genirte, bei seinem
-»Tretbad« von den weißen Männern beobachtet worden
-zu sein? Das war wohl kaum der Fall, indeß gewann
-er seine Fassung sehr bald wieder. Er winkte
-dem Knaben und rief ihm ein paar Worte zu, wonach
-ihm dieser eine Art von Oberhemd aus rothem
-Kattun überwarf, was seine Toilette beendete. Dann
-redete er den Dolmetsch an.</p>
-
-<p>Dieser machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung,
-nahm ohne Weiteres dem Matrosen das Blechkästchen
-ab und setzte es neben sein Oberhaupt nieder. Dem
-Steuermann entging auch der ungnädige Blick nicht,
-den dieser darauf warf, sich dann aber doch herabließ,
-es zu öffnen und hineinzuschauen. Der Doktor behielt
-indessen Muße, ihn etwas näher zu betrachten,
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-und mußte sich gestehen, in seinem ganzen Leben noch
-kein ähnliches menschliches Wesen gesehen zu haben.</p>
-
-<p>Der kleine dicke Bursche, wie er da vor ihm saß,
-konnte kaum mehr als vier Fuß hoch sein und war
-dabei in der That lauter Bauch. Ja es sah ordentlich
-aus, als ob der Kopf, ohne auch nur einen Zollbreit
-Hals zu gestatten, fest und tief in den unförmlichen
-Körper hineingeschraubt worden wäre. Beine
-und Arme zeigten sich dazu von ganz unmäßiger Dicke
-und an Gewicht mußte er wenigstens drei Centner
-wiegen &ndash; wenn nicht noch mehr. Frisirt schien er
-an dem Morgen nicht zu sein, die Haare standen ihm
-in struppigen, fest ineinander gerollten Wollbüscheln
-nach allen Seiten hinaus und aus dem dicken, fettglänzenden
-Gesicht stierten ein paar kleine, wie zusammengekniffene
-Augen eben nicht besonders freundlich
-bald die Fremden, bald seinen Dolmetsch, bald
-den eben geöffneten Blechkasten an. Sein Inhalt
-beschäftigte ihn aber doch vor der Hand am Meisten,
-und er schien das Gebrachte auch nicht etwa als ein
-Geschenk, sondern vollkommen als Tribut zu betrachten,
-für den er sich natürlich nicht zu bedanken
-brauchte.</p>
-
-<p>Der dicke Bursche mußte übrigens schon öfters
-mit weißen Fremden verkehrt haben, denn der Steuermann,
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-der sich jetzt etwas näher in dem Gemach
-umsah, bemerkte eine Menge von Dingen, die ihm
-nur Europäer oder Amerikaner gebracht haben konnten.
-Dort drüben war an der Reisigwand ein Spiegel in
-Goldrahmen aufgestellt, der genau so aussah, als ob
-er früher einmal in der Kajüte eines Fahrzeugs gehangen;
-in der einen Ecke lagen Sophapolster, mit
-dem Ueberzug aber schon lange heruntergefault; dann
-standen in der Ecke mehrere Musketen mit Bajonneten
-und daneben einige Schiffscutlasse, während ein sauber
-gearbeitetes Mahagonischränkchen mit Perlmutterschloß
-ebensogut früher in eine Kajüte gehört
-haben konnte, denn Messingbügel waren jetzt noch
-daran zu erkennen.</p>
-
-<p>Der Dicke indessen, der das geöffnete Kästchen
-eine Weile halb neugierig, halb mißtrauisch betrachtet
-hatte, griff jetzt hinein und zuerst nach einer oben aufliegenden
-langen Tafel Kautabak, an der er roch und
-sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte.
-Die Kinder, die gesehen hatten, daß es dort irgend
-etwas Neues gab, kamen jetzt herbeigelaufen. Sie
-waren sämmtlich in dem Alter von etwa fünf bis
-neun Jahren und gingen, wie das bei solchen Stämmen
-gewöhnlich der Fall ist, »bis an den Hals barfuß«.
-Auch ihre Wärterinnen, die ihnen schon folgen
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-mußten, kamen näher; sie waren ebenfalls neugierig
-geworden.</p>
-
-<p>Unter dem Tabak fand Seine Majestät jetzt eine
-große, dicke, aber unechte Uhrkette, auf welche sich der
-Kapitän, als er sie in den Kasten legte, nicht wenig
-zu Gute gethan. Der König griff auch rasch danach,
-hatte sie aber kaum in die Hand genommen, als er
-sie schon mißtrauisch betrachtete, dann &ndash; wie den
-Tabak vorher &ndash; an die Nase hob und scharf und
-lange daran roch. Die Untersuchung mochte aber
-nicht zu ihren Gunsten ausgefallen sein, denn er schüttelte
-mit dem Kopf und warf sie dann &ndash; ohne sie
-weiter eines Blickes zu würdigen &ndash; verächtlich unter
-die Kinder, die jubelnd darüber herfielen.</p>
-
-<p>Das abgemacht, griff er zwischen die andern
-Dinge hinein, schien aber nicht viel Tröstliches herauszufischen:
-ein paar bunte, aber baumwollene
-Taschentücher &ndash; ein paar Schnüre Glaskorallen &ndash;
-einen kleinen Spiegel im Futteral &ndash; eine Scheere,
-und müde des nutzlosen Suchens drehte er endlich in
-etwas summarischer Weise den Kasten um, schüttete
-den ganzen Inhalt auf die Decke und wühlte in den
-Dingen, die Kapitän Oacutt als Kostbarkeit eingepackt,
-geringschätzig mit dem rechten Fuß herum. Es
-zeigte sich auch in der That nichts darunter, was er
-<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-hätte gebrauchen können oder mögen; nur eine kurze
-Tabakspfeife nahm er noch für sich und schob dann
-den ganzen Plunder mit seinem dicken Bein den
-Kindern zu.</p>
-
-<p>Von der Gelegenheit suchte auch eine der »Bonnen«
-Nutzen zu ziehen und griff nach einer Schnur
-hellblauer Glasperlen, aber ihr Herr und Gebieter
-war &ndash; unglücklicherweise für sie &ndash; nicht in der
-Laune, irgend eine Vertraulichkeit zu gestatten. Er
-schlug mit der rechten Hand aus und traf das arme
-Mädchen so derb gegen den Nacken, daß sie wie betäubt
-zur Seite taumelte und dann leise wimmernd
-aus dem Wege kroch. Der kleine Tyrann nahm
-aber keine Notiz von ihr &ndash; er war ärgerlich geworden.
-Sollten das etwa Geschenke für einen König
-sein, wie sie ein fremdes Schiff ihm als Tribut bringen
-mußte? Wollten die Weißen ihn verhöhnen? Und
-zornig wandte er sich an den Dolmetscher, der achselzuckend
-und gebückt, als ob er die Stellung schon einmal
-von einer deutschen Hofschranze abgesehen, ihm
-gegenüberstand und die Vorwürfe geduldig und demüthig
-mit anhörte. Kaum aber hatte der König
-geendet, als er sich auch, jetzt selber zornig und seinen
-Monarchen repräsentirend, an die Fremden wandte
-und all' die Vorwürfe mit fast schreiender Stimme
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-wiederholte, die er eben mit angehört. Der Sinn
-der Rede war etwa folgender: »Aus welchem Lande
-kommt ihr, daß ihr glaubt, ihr dürftet dem Fürsten
-eines Volkes Kinderspielzeug zum Geschenk bringen?
-Geht fort und kehrt nicht eher zurück, bis ihr mit
-einer würdigen Gabe nahen könnt.«</p>
-
-<p>»Alle Wetter!« rief der Steuermann überrascht
-aus, »wie mir scheint, müßt ihr selber hier sehr reich
-sein, wenn ihr das, was in unserem Lande als Kostbarkeit
-gilt, so verächtlich bei Seite werft. Wir geben,
-was wir haben, und es ist möglich, daß wir Sachen
-an Bord finden, die Deinem König noch besser gefallen,
-aber dann müssen wir auch vorher wissen, was
-ihr uns zum Handel bieten könnt und ob es der Mühe
-lohnt, mit euch zu verkehren.«</p>
-
-<p>Der Dolmetsch übersetzte, was ihm der kecke
-Fremde gesagt, und die Antwort des Königs lautete,
-daß sie Sklaven zum Tausch hätten &ndash; Sklaven genug,
-um sein ganzes Schiff zu beladen. Brooks, der
-Steuermann, schüttelte aber mit dem Kopf und erwiederte:
-sie wären keine Sklavenhändler, die nur an
-die Küsten fremder Länder kämen, um Menschen zu
-stehlen. Sie wollten Waaren &ndash; Produkte des Landes
-haben &ndash; Elfenbein, Straußenfedern, Gummi,
-Goldsand oder was da wäre, und die Geschenke
-<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-für den König sollten dann dem entsprechend ausfallen.</p>
-
-<p>Dieser erhielt das Gesagte wieder übersetzt und
-bedachte sich einen Augenblick &ndash; er überlegte wahrscheinlich,
-ob er durch eine Antwort darauf seiner
-Würde nichts vergebe. Endlich nickte er leise vor
-sich hin und rief ein paar rauhe Worte, wonach dann
-der Dolmetsch den Fremden nur winkte, ihm zu
-folgen.</p>
-
-<p>Der Doktor, der nicht gern eine Höflichkeitsform
-versäumen wollte, zupfte den Steuermann und flüsterte
-ihm zu, ob sie sich nicht vorher bei Seiner Majestät
-verabschieden müßten. Der Dicke schien aber gar
-keine weitere Notiz von ihnen zu nehmen, sondern
-drehte ihnen höchst ungenirt den breiten Rücken zu,
-wonach die Fremden es dann auch nicht weiter für
-nöthig hielten, irgend eine sonst vielleicht verlangte
-Ceremonie zu beachten.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Drittes Kapitel.</span></span><br />
-
-Die Schatzkammer.</h3>
-
-
-<p>Ihr Führer schritt mit ihnen direkt wieder zum
-Strand zurück und der Richtung zu, in welcher ihr
-Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die
-<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit
-nicht versäumen, vielleicht etwas Näheres darüber
-zu erfahren, und als sie wieder den freien
-Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse
-des gestrandeten Fahrzeugs eben erkennen konnte,
-sagte er, anscheinend leichthin: »Was ich gleich sagen
-wollte, Freund! Was war das eigentlich für ein Fahrzeug,
-das da drüben in den Büschen so fest vor Anker
-liegt?«</p>
-
-<p>»Welches?« sagte der Schwarze, als ob es zehn
-verschiedene gegeben hätte.</p>
-
-<p>»Welches? Das da drüben &ndash; das große Fahrzeug
-der Weißen, das an Eurer Küste liegt.«</p>
-
-<p>»O das,« meinte der Dolmetsch gleichgültig; »altes
-Schiff, liegt schon viel lang drüben &ndash; weiß es
-nicht.«</p>
-
-<p>Der Steuermann hätte nun darauf schwören
-wollen, daß das verunglückte Fahrzeug noch gar nicht
-etwa so lange da drüben liegen <em class="ge">konnte</em>, denn die
-Malerei daran sah viel zu frisch dafür aus, und von
-Verwitterung war keine Spur zu erkennen. Aber
-er merkte auch wohl, daß der Bursche nichts gestehen
-wollte oder durfte, und mochte selber nicht gleich Neugierde
-verrathen, um keinen Verdacht zu erwecken.
-Traten sie erst mit dem Volk hier in einen näheren
-<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-Verkehr, so fand sich auch wohl einmal eine Gelegenheit,
-um das Wrack zu besuchen, wenigstens dicht
-hinan zu laufen, und dann getraute sich der Seemann
-auch schon nähere Daten darüber selber herauszufinden.
-Bis dahin war es weit gerathener,
-vorsichtig zu Werk zu gehen.</p>
-
-<p>Ihr Führer schritt indessen nicht direkt auf ihr
-Boot zu, das sie schon von Weitem erkennen konnten,
-sondern bog etwas mehr rechts ab, und zwar einem
-wunderlich gestalteten, hohen und spitzen Hause zu,
-das sich nur dadurch von den übrigen Wohnungen
-unterschied, daß es fest verschlossen schien und keine
-offene Thüre zeigte.</p>
-
-<p>Der Doktor war einige Schritte dicht an der Umzäunung
-desselben hingegangen und näherte sich jetzt
-einem eigenthümlichen, fest überdeckten Vorbau, als
-er plötzlich erschreckt zur Seite fuhr, denn fast unmittelbar
-neben ihm stieß ein Löwe sein heiseres Gebrüll
-aus.</p>
-
-<p>Die Eingebornen lachten und auch der Steuermann
-amüsirte sich über den Satz, den der Doktor
-machte; übrigens war er selbst zusammengefahren,
-denn hier, mitten im Dorf, hatte er keine solche Bestie
-erwartet, die da jedenfalls hinter dem Palissadenwerk
-gefangen gehalten wurde. Sie waren jetzt auch gerade
-<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-über ihrem Boot angekommen, das etwa hundert
-Schritt von ihnen entfernt unten am Strand lag, als
-ihr Führer vor diesem Löwenzwinger stehen blieb und
-dort hineindeutend sagte: »Ihr glaubt nicht, Fremde,
-daß unser König Waaren hat, um mit euch zu handeln.
-Seht, was da drinnen aufgeschichtet liegt. Ihr
-wäret nicht im Stande, auch nur die Hälfte davon zu
-kaufen.«</p>
-
-<p>»Hoho, mein Bursche!« sagte der Doktor, der sich
-eigentlich schämte, vorhin eine plötzliche Schwäche gezeigt
-zu haben, aber das Gebrüll war auch zu unerwartet
-und aus zu unmittelbarer Nähe gekommen:
-»und was hättet Ihr da?«</p>
-
-<p>»Jedenfalls Sachen, die werthvoller sind als Eure
-Geschenke,« grinste der Schwarze. »Seht nur hindurch.«</p>
-
-<p>Die Fremden trauten nicht recht; hinter dem
-Gitter schritt der Löwe umher, und der Doktor bemerkte
-jetzt auch dicht daneben eine wohl starke, aber
-doch nur hölzerne Thür, die allein von zwei breiten
-Holzriegeln verschlossen gehalten wurde und in den
-Zwinger führte. Aber was konnte ihnen geschehen?
-und wenn er auch nicht recht begriff, welche Kostbarkeiten
-der Löwenkäfig enthalten könne, trat er doch
-mit dem Steuermann dicht an die Palissaden und sah
-hindurch.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-»Alle Teufel!« rief da der Seemann plötzlich;
-»Doktor, was meint Ihr &ndash; da drin läge Fracht für
-uns.«</p>
-
-<p>»Elfenbein!« sagte dieser, aber wirklich überrascht
-von der Masse, die er da drinnen aufgeschichtet sah.
-»<i>Bless my soul</i>, die scheinen ja sämmtlichen Elephanten
-die Zähne ausgerissen zu haben. Junge,
-Junge, wo habt Ihr all' das Elfenbein her?«</p>
-
-<p>»Nun?« sagte der Schwarze, augenscheinlich von
-dem Erstaunen der Fremden befriedigt; »hat der
-König zu viel gesagt?«</p>
-
-<p>Da drinnen lag in der That ein unschätzbarer
-Reichthum von werthvollen und zum Theil außerordentlich
-großen Elephantenzähnen aufgeschichtet, und
-der Löwe schien dabei als trefflicher Wächter zu dienen.
-Entsetzt rief aber der Doktor aus, als er den Blick
-jetzt in dem inneren Raum umher schweifen ließ:
-»Heiliger Gott, was ist das? füttert Ihr denn hier
-die Bestie mit Menschenfleisch? Sehen Sie um des
-Himmels willen die Schädel und Knochen, Brooks,
-die da drin umhergestreut liegen.«</p>
-
-<p>»Das ist nichts,« sagte der Eingeborne gleichgültig,
-»nur Sklaven oder Kriegsgefangene, wenn sie
-krank oder schwer verwundet sind. Ja Zambiri ist
-ein großer König und gerade jetzt jagen unsere Truppen
-<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-einen feindlichen Stamm. Wenn Ihr ein paar
-Tage hier bleibt, könnt Ihr sie mit Beute beladen
-zurückkehren sehen.«</p>
-
-<p>»Und das Elfenbein gehört Alles dem König?«</p>
-
-<p>»Alles, und noch weit mehr, viele große Büffelhörner
-voll Perlen, Schildpatt, Gold. Zambiri ist
-sehr reich, es ist ein großer König.«</p>
-
-<p>»Und verkauft er die Zähne?«</p>
-
-<p>»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, »aber es kommt
-darauf an, was Du ihm bieten kannst. Viel mußt
-Du ihm bringen, und vor allen Dingen Geschenke für
-ihn, sonst macht Ihr ihn nur böse, und dann ist er
-furchtbar, wie ein Löwe selber.«</p>
-
-<p>»Die kleine schwarze Bestie,« brummte der Doktor
-leise vor sich hin, bemerkte aber auch in demselben
-Augenblick den nämlichen kleinen schwarzen Burschen,
-der vorher auf dem Rücken des Königs herumgestiegen
-war, und der nun in einiger Entfernung hinter
-dem Dolmetsch stand und ihm geheimnißvolle, aber
-scheue Zeichen machte. Sollte das eine Warnung
-sein, und drohte ihnen Verrath? Fast unwillkürlich
-griff er mit der Hand nach dem unter dem Rock versteckten
-Revolver, der Kleine aber, als ob er die Bewegung
-verstanden hätte, schüttelte mit dem Kopf und
-deutete auf seinen Mund. Wollte er ihm etwas
-<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-sagen? Jedenfalls mußte er in seine Nähe zu kommen
-suchen, aber der Dolmetsch war ihm dabei im Weg.</p>
-
-<p>»Schafft mir den schwarzen Kerl einen Moment
-bei Seite, Steuermann,« flüsterte er diesem rasch zu,
-»geht mit ihm zum Boote, ich folge.«</p>
-
-<p>Der Steuermann sah ihn erstaunt an und begriff
-nicht, was er wolle, der Doktor mußte aber jedenfalls
-seinen Grund dafür haben, und sich an den
-Dolmetsch wendend, sagte er: »Unter den Umständen
-wird es am Besten sein, gleich an Bord zurückzufahren
-und das Werthvollste herauszusuchen, was wir
-haben, damit wir Deinen König zufrieden stellen.
-Wir sind als Freunde hierhergekommen, und ich hoffe,
-wir sollen als Freunde mit einander verkehren. Aber
-da unten sehe ich Früchte, könnten wir wohl einige
-davon mit an Bord nehmen? Wir haben eine lange
-Fahrt gehabt, und nichts Grünes unterwegs gefunden,«
-und dabei schritt er, von dem Matrosen dicht gefolgt,
-zum Boot hinunter.</p>
-
-<p>»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, der sich an seiner
-Seite hielt. Der Doktor blieb dabei ein paar Schritte zurück,
-als der Junge dicht an ihn hinanglitt und zugleich
-im reinsten Englisch flüsterte: »Rettet uns &ndash;
-gefangen &ndash; vom Schiff...« In demselben Moment
-aber auch und gerade als sich der Dolmetsch nach
-<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
-ihm umdrehte, sprang er nach vorn, auf diesen zu und
-sagte irgend etwas in seiner Sprache.</p>
-
-<p>Der Schwarzbraune blickte ihn zornig an, und
-sah bald auf ihn, bald auf den Doktor, da dieser aber
-mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein paar
-hier auf dem Sand liegende Muscheln aufhob und
-aufmerksam betrachtete, schien sein plötzlich gefaßtes
-Mißtrauen zu schwinden.</p>
-
-<p>»Ich muß zum König,« sagte er zum Steuermann,
-»wartet für einen Augenblick, ich werde Euch Früchte
-schicken; gebt den Leuten Taback dafür &ndash; aber keinen
-Branntwein &ndash; er ist streng verboten und nur der
-König darf ihn trinken,« und damit, die Weißen sich
-selber überlassend, rief er dem Knaben einige Worte
-zu und eilte, diesen am Arm fassend, mit ihm zu
-seines Oberhauptes Wohnung zurück.</p>
-
-<p>Wie gerne hätte der Doktor noch Weiteres von
-dem jungen Burschen gehört, aber er sah auch ein,
-daß das nicht möglich sei, ohne augenblicklich Verdacht
-zu erregen und jede Aussicht auf Erfolg abzuschneiden.
-Dem Steuermann theilte er aber jetzt mit, was ihm
-der Junge zugeflüstert, und dieser rief, seine rechte
-Faust in die linke flache Hand schlagend: »Ob ich es
-mir denn nicht gedacht habe? Mit dem Wrack
-da ist faul Spiel gewesen, und uns wollen sie jetzt
-<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-bloß kirre machen, um uns nachher ebenso zu bedienen.«</p>
-
-<p>»Und die Elephantenzähne sind auch nicht alle aus
-dem Land gekommen, Sir,« sagte der junge Matrose,
-der daneben stand. »Zwei davon, das hab' ich deutlich
-durch das Gitter gesehen, waren mit Schiemanns-Garn
-zusammengebunden, und Schiemanns-Garn
-haben sie nur an Bord von Schiffen.«</p>
-
-<p>»Gar nicht unmöglich,« nickte der Seemann, »das
-Fahrzeug kann schon recht gut an der Küste gekreuzt
-und Elephantenzähne eingehandelt haben, und das hat
-dieser schwarze Heide jetzt Alles in seinem Waarenlager
-aufgeschichtet.«</p>
-
-<p>»Aber was nun?«</p>
-
-<p>»Dort kommen die Früchte,« sagte der Steuermann,
-»die wollen wir erst einnehmen, und dann so
-rasch als möglich an Bord zurück, um dem Kapitän
-Bericht abzustatten. Hol's der Teufel, wir müssen
-doch wenigstens einen Versuch machen, vielleicht sogar
-unsere Landsleute zu retten, und geht das nicht, ei
-dann laufen wir nach dem Kap hinunter und schicken
-ein Kriegsschiff her, denn ungestraft sollen sie sich
-beim Himmel nicht an einem Fahrzeug der Weißen
-vergriffen haben.«</p>
-
-<p>Das Gespräch war hier abgebrochen, denn allerdings
-<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-kamen jetzt Eingeborne mit Früchten heran, erst
-einzeln und dann immer mehr. Der Steuermann
-hielt sich aber nicht lange auf, hatte auch nicht genug
-Waaren bei sich, um mit ihnen einen großen Tauschhandel
-zu eröffnen. Nur den Ersten nahm er, was
-sie brachten, ab, und gab ihnen Tabak dafür, dann
-sprangen die Männer wieder in ihr Boot und ruderten,
-so scharf sie konnten, in See hinaus, um den ihnen
-schon wieder entgegenkommenden Schooner zu erreichen.</p>
-
-<p>Kapitän Oacutt war übrigens, als sie an Bord
-zurückkehrten, mit dem Resultat ihrer Fahrt nicht besonders
-zufrieden. Er hörte wohl den Bericht mit
-der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schüttelte aber
-dabei bedenklich mit dem Kopf und meinte endlich:
-Das mit dem Elfenbeinvorrath klänge allerdings sehr
-gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast,
-als ob er, wenn er unter diesen Verhältnissen auf
-einen Handel einginge, am Ende gar noch Schiff und
-Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem eigenen
-Leben bezahlen könne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen,
-die von dem Doktor kräftig unterstützt
-wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er durfte die
-Küste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne
-nicht wenigstens einen Versuch gemacht zu haben,
-Näheres über das verunglückte Fahrzeug zu hören,
-<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
-und da sie jetzt durch den Knaben die Gewißheit hatten,
-daß wenigstens Einer an Land sei, der darüber zu
-erzählen wisse, so blieb ihnen nichts übrig, als dem
-weiter nachzuforschen.</p>
-
-<p>Der Kapitän mußte ihnen darin beistimmen, und
-sehr verlockend wirkte dabei auch die Schilderung des
-Haufens von Elephantenzähnen, die aber auf so entschiedene
-Weise von einem der wildesten Ureinwohner,
-dem Löwen, bewacht wurden. Jedenfalls hatte der
-Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten wenig durch
-eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die
-Geschenke und Proben für den Handel mitzunehmen
-brauchten. Es käme vor allen Dingen darauf an,
-jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts,
-etwas freundlich für sie zu stimmen und selber
-gierig auf eine Handelsverbindung zu machen, nachher
-wäre es ein Leichtes, mehr über die Verhältnisse dort
-zu erfahren. Günstigeren Zeitpunkt durften sie außerdem
-nicht hoffen, dafür zu finden, als gerade jetzt, da
-sich, wie sie ja am Ufer gehört, der größte Theil der bewaffneten
-Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang
-im Inneren befand. Die Gefahr eines Ueberfalls
-begann erst, wenn die zurückkehrte, und je eher
-sie deßhalb hier an's Werk gingen, desto besser.</p>
-
-<p>Einem Kapitän ist immer die Sicherheit seines
-<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
-eigenen Fahrzeugs das Höchste, und muß es sein, denn
-nicht allein das Eigenthum seiner Rheder, sondern
-auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem
-Spiel, aber Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem
-Schicksal eines verunglückten Fahrzeugs nachzuforschen,
-wirkte hier gleich stark, und er sträubte sich nicht
-länger, sein Boot zum zweiten Mal hinüber zu senden.
-Nur die Wahl der Geschenke hatte noch einige
-Schwierigkeit, da er gern so wenig als möglich opfern
-wollte, während der Doktor wie auch der Steuermann
-darauf bestanden, daß man sich dießmal, nach dem
-ersten verunglückten Versuch, ganz besonders splendid
-benehmen müsse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen
-durch, und ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich
-werthvollen Dingen, seidenen Kleidern und Schärpen,
-wollenen bunten Stoffen, vergoldeten Uniformtroddeln,
-reich verzierten Messern, hübsch aussehenden
-Glaskorallen und anderen derartigen Dingen fast
-gefüllt. Außerdem sollte auch noch eine Probe der
-Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein
-oder andere werthvolle Produkte einzutauschen
-gedachte, auch Brod und guten Branntwein mußten sie
-mitnehmen, den Letzteren nur für den König selber; und
-also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz
-jenes schwarzen Fleischklumpens für sich zu gewinnen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
-Heute war es natürlich mit all' diesen Berathungen
-und dem Auswählen zu spät geworden, um noch
-einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der
-Nacht mochten sie sich auch drüben nicht überraschen
-lassen, und der Kapitän hielt deßhalb mit seinem
-Schooner weiter von der Küste ab. Allerdings mochten
-die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen,
-glauben, die Weißen hätten auf den Handel mit ihnen
-verzichtet, und wären wieder abgefahren, aber das
-schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher
-darauf, und das konnte das Geschäft für morgen nur
-erleichtern.</p>
-
-<p>Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft
-die Nachricht verbreitet, daß die »Niggers« am
-Ufer weiße Männer in der Gefangenschaft hielten,
-und die Wuth darüber war grenzenlos. Noch an
-demselben Abend kam eine Deputation zum Kapitän,
-die ihn bat, er möchte mit dem Schooner an Land
-fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschießen.
-Alle meldeten sich als Freiwillige zum
-»Entern« und schienen besonders, der Beschreibung
-ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethüm
-zu verlangen, das Sklavenhandel treibe und seine
-eigenen Unterthanen dem Löwen vorwerfe. Oacutt
-aber, so sehr er sich über die gute Stimmung der
-<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
-Leute freute, stellte ihnen vor, daß sie erstlich noch nicht
-einmal genau wüßten, ob wirkliche Weiße dort gefangen
-gehalten würden, dann aber auch durch einen
-Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen,
-aber nie im Leben wirklich Gefangene befreien könnten.
-Er versprach ihnen indeß, morgen früh sechs von
-ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu
-sehen, was sich machen ließe, und daß er sich dann auf
-sie verlasse, sie würden im Nothfall ihre Schuldigkeit
-thun, verstand sich von selbst.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Viertes Kapitel.</span></span><br />
-
-Der zweite Besuch.</h3>
-
-
-<p>Am nächsten Morgen mit erstem Tagesgrauen
-war die Sarah Miles schon wieder fast auf der nämlichen
-Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen,
-und hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen.
-Das brauchte auch nur in See gelassen zu
-werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafür
-bestimmte Mannschaft stand gerüstet an Deck und
-schien selber die Zeit kaum erwarten zu können, wo sie
-da drüben ihre Thätigkeit beginnen möchte. Rasch
-wurde auch dem Befehl: »<i>a shore!</i>« Folge geleistet;
-mit lautem Hurrah hißten sie das kleine Segel, und
-<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
-fort ging es, der Mündung der Bai entgegen. Kapitän
-Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal
-gegen die Eingebornen gefaßten Verdacht nicht wieder,
-so wie gestern, aus Sicht lassen. Daß sie in der
-Bucht tief Wasser hatten, wußte er schon vom Steuermann,
-und langsam folgte er deßhalb seinem Boot,
-um dort entweder zu kreuzen, oder wenn es sicher befunden
-wurde, auch vor Anker zu gehen.</p>
-
-<p>Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung
-entgegen und wunderte sich nur, daß sie heute gar
-keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafür
-eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied
-mit dem Fernrohr eine Menge Frauen und
-Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten?
-Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und
-der Seemann hielt deßhalb die Gelegenheit für passend,
-um jetzt so dicht als möglich an das Wrack hinan zu
-laufen und es ein wenig näher zu untersuchen. Das
-ging auch leichter, als er selbst geglaubt, denn während
-sie sich am linken Ufer hielten, wurden sie durch die
-vorhängenden Büsche desselben verdeckt, ja das Wrack
-selber stand ein Stück in die Bai hinaus. Der
-Steuermann ließ auch sein Boot dort anlaufen und
-kletterte rasch an Deck; aber da war freilich nichts
-weiter zu sehen, als daß es eine nicht sehr große Brigg
-<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a>
-gewesen, die jedoch rein ausgeplündert worden, wie
-sich das in dieser Nachbarschaft auch von selbst verstand.
-Sogar das Skylight hatten sie abgehoben und
-weggeführt, und die Kajüte war natürlich blank und
-leer. Aber auch keine Spur eines Namens fand sich,
-denn ebenso wie das Namensbrett am Stern herausgebrochen
-worden, so fehlten auch die beiden Bretter
-an der Gallion, auf welchen früher wahrscheinlich
-ebenfalls der Name gestanden, und da am Bugspriet
-kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag,
-ließ sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die
-ganze Eintheilung und Bauart des Fahrzeugs war
-jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei,
-und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung
-gerade nicht freundlicher gegen die Schwarzen gestimmt.</p>
-
-<p>Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten,
-es half ihm auch nichts, denn an den Hölzern
-ließ sich nichts weiter erkennen, und sie hätten das
-schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mißtrauisch
-gemacht. Rasch deßhalb wieder in das Boot
-hinabsteigend, stieß er ab, und während er den Leuten
-unterwegs erzählte, was er oben gefunden, und für
-welchen Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie
-am Ufer hinauf, dem Landungsplatz entgegen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a>
-Daß indessen dort etwas vorgegangen sein mußte,
-ließ sich nicht verkennen, und je näher sie kamen, desto
-deutlicher hörten sie das Weh- und Klagegeheul von
-Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begräbniß,
-bei welchem die Frauen ja gewöhnlich ihre Trauer
-laut und oft herzzerreißend kund geben, und sie kamen
-dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie beizuwohnen.
-Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete,
-fiel es dabei auf, daß er so viele Bewaffnete
-bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen Lanzen
-überall am Ufer herumstanden und den Platz besonders
-einzuschließen schienen, in dem die Elephantenzähne
-lagen. Hatten sie etwa Besorgniß, daß die
-Weißen einen Angriff darauf machen könnten, oder
-bedeutete es Schlimmeres?</p>
-
-<p>Der Steuermann schien etwas Aehnliches zu befürchten,
-denn er gab Befehl, das Segel einzunehmen
-und zu den Rudern zu greifen. Sie blieben dadurch
-weit besser Herr ihrer Bewegungen und konnten,
-wenn es sein mußte, gleich zurück, oder wenigstens in
-freies Wasser halten. Mit ihren Feuerwaffen wehrten
-sie dann schon leicht jeden etwaigen Angriff ab.
-Sonderbarerweise bekümmerten sich aber die Leute
-am Ufer fast gar nicht um sie, nur ein Platz wurde
-freigehalten, wo sie landen konnten, und zwar durch
-<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a>
-Bewaffnete, und die Seeleute sahen jetzt, daß sich Alles
-um das Gitter oder die Verpallisadirung drängte, um
-dort hineinzuschauen.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick erschien der Dolmetsch an
-der Landung, und es kam dem Steuermann fast so
-vor, als ob er über den so frühen Besuch der Weißen
-etwas verlegen sei &ndash; sie waren keinenfalls schon erwartet
-worden &ndash; und was bedeutete das Klagen und
-Jammern der Weiber? Der Doktor mußte jedenfalls
-wissen, was da vorgegangen wäre, und frug den Burschen
-direkt deßhalb. Dieser aber sagte ausweichend:
-»O nichts &ndash; schlechte Menschen giebt es immer &ndash;
-Diebe &ndash; bei den Schwarzen, wie bei den Weißen &ndash;
-aber Zambiri ist ein großer und strenger König.«</p>
-
-<p>»Alle Teufel!« rief der Steuermann erschreckt
-aus, »sie haben doch nicht etwa wieder dem Löwen
-einen Menschen hineingeworfen?«</p>
-
-<p>»Bloß einen Dieb,« versicherte der Dolmetsch,
-»hatte dem König Taback stehlen wollen, verdammter
-Sklave. &ndash; Aber da kommt Zambiri &ndash; er hat Euch
-gesehen &ndash; bringt nur an Land, was Ihr mitgebracht
-habt, damit er nicht ungeduldig wird.«</p>
-
-<p>Zambiri schien in der That dem entsetzlichen
-Schauspiel als eine Art von Morgenvergnügen beigewohnt
-zu haben. In seinen rothbaumwollenen
-<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a>
-Königsmantel gekleidet, noch schmutziger und wilder
-als gestern aussehend, und den Knaben wieder an
-seiner Seite, der ihm einen großen schweren Speer
-tragen mußte, kam er eine Leiter heruntergestiegen,
-die, wie der Doktor jetzt erst bemerkte, oben zu einer
-Art von Balkon führte. Auf dem hohen Land aber
-blieb er stehen, er ging nicht bis an das Boot hinunter
-und verlangte, daß die Weißen zu ihm hinauf
-kommen sollten.</p>
-
-<p>Der Steuermann hatte keine rechte Lust dazu, er
-traute dem schwarzen Fleischklumpen nicht über den
-Weg.</p>
-
-<p>»Wozu habt Ihr alle die Leute mit den Lanzen da
-stehen?« frug er mürrisch den Dolmetsch, »wir sind
-friedliche Händler und wollen keinen Krieg mit Euch.
-Wir sind auch nur Wenige und Ihr Hunderte.«</p>
-
-<p>»Wenn Du Dich fürchtest, weßhalb bist Du zu
-uns gekommen?« sagte der Schwarze finster, »wir
-sind auch Freunde der Weißen und wollen Euch keinen
-Schaden thun.«</p>
-
-<p>»Und wo kommt das Schiff her, dessen Rumpf
-da draußen liegt?« sagte der Doktor.</p>
-
-<p>»Was geht Dich das Schiff an?« brummte der
-Dolmetsch; »Zambiri wartet. Wenn ich Euch rathen
-soll, macht ihn nicht ärgerlich.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a>
-»Hol's der Henker, Mate,« sagte der Doktor,
-»wir sind einmal dazu hergekommen, und müssen die
-Sache nun auch ausbaden. Furcht sollen uns die
-schwarzen &ndash; Gentlemen doch wenigstens nicht vorwerfen.
-Laßt den Koffer hinaufschaffen und Seiner
-Wohlbeleibtheit die Sachen vorlegen; ich denke, dann
-wird er schon freundlich werden. Hier unten können
-wir doch nicht liegen bleiben.«</p>
-
-<p>»Meinetwegen,« sagte der Seemann, »aber,« setzte
-er leise hinzu, »seid auf der Hut, und bei dem geringsten
-Zeichen von Verrath nur so rasch als möglich
-zum Boot hinunter. Dort wollen wir uns schon freie
-Bahn halten.«</p>
-
-<p>»Und wo habt Ihr die Sachen?«</p>
-
-<p>»Laßt ein paar von Euren Leuten anfassen und
-sie hinauftragen.«</p>
-
-<p>»Und können das nicht Eure Leute thun?« frug
-der Dolmetsch.</p>
-
-<p>»Ich will Dir was sagen, mein Bursche,« rief
-aber nun der Steuermann, jetzt ebenfalls ärgerlich
-werdend, »die bleiben als Wache im Boot, und wenn
-Ihr Eure jungen Leute nur dazu braucht, um wilde
-Bestien damit zu füttern, so laßt sie meinethalben
-oben. Das ist das Kurze und Lange von der Sache.«</p>
-
-<p>Der Dolmetsch stand einen Moment unschlüssig,
-<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a>
-aber Zambiri brüllte ihm etwas in seiner Sprache
-zu, und er gab jetzt rasch ein paar Burschen den Befehl
-die mitgebrachten Sachen aus dem Boot zu
-nehmen und zum König hinaufzubringen. Das geschah
-auch ungesäumt, denn mit dem regierenden
-Herrn schien heute nicht zu spaßen; er hatte seinen
-bösen Tag, und es war besser, ihm rasch zu Willen
-zu sein. Mit den Geschenken durften aber auch die
-Weißen darauf rechnen, eine freundliche Aufnahme zu
-finden, und Steuermann wie Doktor schritten jetzt
-langsam neben dem ziemlich schweren Koffer her, um
-den Inhalt desselben dem Oberhaupt des Stammes
-vorzulegen.</p>
-
-<p>Merkwürdig sah der Mensch aus, als er dort
-aufrecht vor ihnen stand, und der Doktor gestand sich,
-etwas Scheußlicheres und Unförmlicheres nie im
-Leben gesehen zu haben. Er war selber nicht übermäßig
-groß, aber wenn er den Arm ausstreckte, konnte
-der Wilde recht gut darunter durchgehen, ohne anzustoßen,
-und Beine sah man dabei fast gar nicht an
-dem Fleischklumpen, während der eine ausgestreckte
-Arm, der die Lanze hielt und sich daran stützte, reichlich
-so dick und fleischig schien, wie ein starkes Bein.</p>
-
-<p>Der Ausdruck seines dicken, geschwollenen Gesichts
-verrieth auch keinen freundlichen Gedanken und seine
-<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a>
-Augen flogen mürrisch und trotzig zugleich über die
-Weißen und schweiften dann von ihnen nach dem
-Schooner hinüber, der jetzt deutlich unten an der
-Mündung der Bucht erkennbar war. Da der Steuermann
-aber keine Zeit verlor und den Koffer rasch
-öffnete, heiterte sich seine Miene doch etwas auf, denn
-er mußte wohl sehen, daß ihm die Fremden heute
-würdigere Geschenke gebracht, als gestern.</p>
-
-<p>Er ließ eine Decke auf die Erde breiten und die
-Gegenstände darauf legen, und fegte dabei eigenhändig
-den Platz mit seiner Lanze frei, daß ihm sein
-eigenes Volk nicht zu nahe rückte. Er traute ihnen
-wahrscheinlich nicht, und doch mochte sie wohl nur
-die Neugierde heranpressen, denn die Strafe folgte
-hier, wie sie eben gesehen, dem Vergehen auf dem
-Fuße. Zu gleicher Zeit unterhielt sich Zambiri fortwährend
-mit dem Dolmetsch in seiner eigenen Sprache,
-oft selbst mit unterdrückter Stimme, und dieser ging
-dann langsam zu dem Boot hinab, wobei er angelegentlich
-mit Einigen der Leute sprach.</p>
-
-<p>Dem Doktor gefiel das nicht, und er behielt den
-Burschen, so viel das irgend anging, im Auge, konnte
-aber weiter nichts Auffälliges oder Verdächtiges erkennen;
-ja die Zahl der Bewaffneten in ihrer Nähe
-schien sich sogar zu verringern, und er bemerkte, wie
-<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a>
-kleine Trupps von ihnen langsam am Ufer hinabschritten
-und sich dann in den Büschen verloren. Nur
-ein Theil der Mädchen und Frauen waren noch bei
-ihnen geblieben, während das Wehgeheul der Anderen
-jetzt aus dem Dickicht von Fruchtbäumen heraustönte,
-das den Platz umschloß, und wo wahrscheinlich
-ihre Wohnungen lagen.</p>
-
-<p>Im Ganzen mochten vielleicht vierzig »Krieger«
-zurückgeblieben sein, die hinter und um den König in
-einzelnen Gruppen standen, und jedenfalls seine Beiwache
-bildeten.</p>
-
-<p>Der Dolmetsch kam jetzt zurück, und da der König
-auch wohl die mitgebrachten Gaben zur Genüge gemustert
-hatte und befriedigt schien &ndash; er grunzte wenigstens
-ein paar Mal still vergnügt vor sich hin &ndash;
-befahl er zweien von seinen Leuten, den Koffer in sein
-Haus zu tragen, und es begannen nun die Verhandlungen
-über ein etwaiges Geschäft, wobei der Steuermann
-erklärte, daß sie einzelne Stücke der Dinge,
-welche sie gesonnen wären, gegen Elfenbein oder andere
-Produkte auszutauschen, mitgebracht hätten und
-dem Häuptling vorlegen könnten.</p>
-
-<p>»Aber wo sind sie?« frug dieser rasch.</p>
-
-<p>»Unten im Boot.«</p>
-
-<p>»Und weßhalb bringt Ihr sie nicht herauf?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a>
-Der Steuermann hatte wohl mit Recht vermuthet,
-daß der Schwarze Alles, was ihm dort auf die
-Uferbank gebracht wurde, als Geschenk betrachten und
-mit Beschlag belegen könne. Er bat deßhalb den
-Dolmetsch, Seine Majestät zu veranlassen, mit ihm
-hinunter zum Boot zu gehen, aber der Dicke wollte
-nicht. Zwei Boten waren schon abgeschickt gewesen,
-und kamen jetzt mit dem Löwenfell herbei, das sie
-dort für ihn ausbreiteten, und worauf er sich niederließ,
-und nun verlangte er, daß ihm die Sachen heraufgebracht
-und vorgelegt würden, dann wolle er bestimmen,
-was er dafür geben könne.</p>
-
-<p>Dem Steuermann schien das unbequem, denn
-alles weiter Mitgebrachte lag lose, oder nur in Stücken
-Segeltuch eingeschlagen in ihrem Boot, und schickte
-er Schwarze hinunter, um es herauf zu holen, so war
-er vor ihren diebischen Händen nicht sicher. Wo sie
-irgend etwas bei Seite schaffen konnten, thaten sie es
-gewiß und an wen sollte er sich nachher halten, wie
-die Thäter herausfinden? Das Beste war immer &ndash;
-denn daß der Dicke jetzt nicht von dieser Stelle zu
-bringen war, sah er ein &ndash; zwei von seinen eigenen
-Leuten damit zu betrauen. Es blieben immer noch
-vier im Boot und sie selber dann in zwei gleiche
-Trupps getheilt. Die Eingebornen zeigten sich dabei
-<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a>
-so friedlich, daß an eine Gefahr wohl kaum zu denken
-war, ja es schien fast, als ob der König die übrigen
-Soldaten nur weggeschickt habe, um ihnen auch jede
-Befürchtung eines Verraths zu nehmen. Außerdem
-brauchten sie nur wenige Schritte zum Boot hinab
-und die gerade ausgehende Ebbe erleichterte ihnen die
-rasche Verbindung mit dem Schooner ebenfalls.</p>
-
-<p>Der Doktor übernahm es, die Leute herauf zu
-bringen, und der Dicke schien indeß geduldig die Ankunft
-derselben zu erwarten. Brooks bemerkte nur,
-daß die rechts von ihm stehenden Soldaten etwas bei
-Seite treten mußten, um ihm die Aussicht nach dem
-unteren Theil der Bucht zu gestatten, wo der Schooner,
-der bis dahin auf und abgekreuzt war, fest auf
-einem Punkt zu liegen schien. Er mußte vor Anker
-gegangen sein, da die stark ausgehende Ebbe und der
-beinahe eingeschlafene, hier wenigstens von dem höheren
-Land gebrochene Wind ihm das Segeln wohl
-unmöglich machte. Der Dolmetsch sprach indessen
-angelegentlich zu ihm, während Zambiri nach dem
-Boote sah. Wo hatte jener Bursche auch nur sein
-Englisch gelernt? Doch sicher auf irgend einem Schiff,
-dem er nachher davongelaufen, um hier wieder die
-Sitten und ungezwungene Tracht seines Landes anzunehmen.
-Dem Steuermann gefiel sein Gesicht
-<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a>
-auch nicht im Mindesten, und Bosheit wie Trotz lag
-zugleich darin, während sich der ganze Ausdruck desselben,
-sobald er mit dem Dicken sprach, in knechtische
-Unterwürfigkeit verwandelte. Aber es half nichts,
-sie brauchten ihn eben, und mußten deßhalb mit ihm
-verkehren, denn der kleine Bursche, jedenfalls ein
-Sklave des Königs, der den Doktor ebenfalls englisch
-angeredet hatte, schien sich heute gar nicht an sie heran
-zu getrauen und blieb nur immer scheu und furchtsam
-hinter seinem Herrn sitzen, kannte doch der arme kleine
-Bursche den grausamen Charakter des Mannes gut
-genug.</p>
-
-<p>Jetzt kehrte der Doktor mit den beiden Matrosen,
-die einen Theil der Waaren trugen, zurück und der
-Steuermann breitete sie, während der Dolmetsch die
-Unterhandlung leitete, vor dem König aus und pries
-ihm den Werth der Dinge. Bei ihm war, mit der
-Voraussicht auf einen guten Handel, der Yankee wieder
-zum Durchbruch gekommen, und er vergaß in dem
-Geschäft alles Andere.</p>
-
-<p>Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit,
-dem König begreiflich zu machen, er habe nur
-Proben vor sich; er wollte die ganzen Waaren vor
-sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu
-bestimmen, und der Dolmetsch hatte nicht geringe
-<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a>
-Mühe, ihm zu erklären, daß die Sachen an Land geschafft
-werden würden, ehe er sie zu bezahlen, oder
-den Werth dafür herauszugeben habe. Er veranlaßte
-auch, daß ein Elephantenzahn aus des Königs
-Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Maßstab zu
-dienen und Brooks berechnete sich schon, nach dem
-was ihm der Dicke zugestand, daß sie ungefähr 500
-Prozent Nutzen an ihren Waaren haben würden.
-Der König bewilligte, wie er nur erst einmal den
-Handel begriff, einen Zahn nach dem anderen, und
-besonders für Taback stellte sich der Nutzen ganz
-enorm heraus.</p>
-
-<p>Aber es zögerte sich auch furchtbar in die Länge,
-denn wenn Brooks glaubte, sie wären fertig, so ließ
-Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn anfangen,
-und wollte dann immer wieder etwas abhandeln.
-Dabei hatte er sich jetzt so gesetzt, daß er das
-Fahrzeug draußen immer im Auge behielt, während
-der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief,
-die Waaren zu zeigen, der See den Rücken zu drehte.</p>
-
-<p>Neben diesem standen noch die beiden Matrosen
-als Wächter der umhergestreuten Sachen. Der
-Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde, da
-er persönlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte
-langsam nach der Umzäunung hinauf, von woher
-<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a>
-zu Zeiten das dumpfe Brüllen des Löwen herübertönte.
-Was war da heute Morgen vorgegangen?
-Er bekam vielleicht nie im Leben wieder so passende
-Gelegenheit, um sich den Platz etwas näher zu betrachten,
-denn von den Leuten achtete Niemand auf
-ihn, oder legte ihm das Geringste in den Weg. Ein
-Schauder erfaßte ihn aber, als er den Platz, um den
-herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz
-genommen, erreichte, und durch die Spalten in den
-Palissaden die verstümmelten Ueberreste jenes Unglücklichen
-entdeckte, den die Grausamkeit des wilden
-Ungethüms eines erbärmlichen kleinen Diebstahls
-wegen zum Tod, zu einem solchen Tod verurtheilt hatte.</p>
-
-<p>Dort drüben, dicht neben den Schätzen des
-Wütherichs, lag der zerstückelte Leichnam, von dessen
-Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel und
-Mitleiden abwandte, und der jetzt gesättigte Löwe
-ging mit langen, majestätischen Schritten in der Umzäunung
-auf und ab, peitschte sich die Flanken mit
-dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen
-Zunge. Die Aasgeier aber warteten nur auf den
-Moment, wo sich der rastlose König der Thiere zur
-Ruhe ausstrecken würde, um dann ebenfalls auf die
-willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnäbel
-einzuhauen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a>
-Und wie scheinbar schwach war eigentlich der
-ganze Umbau, der das Raubthier einschloß. Wenn
-es die riesigen Kräfte, die es besaß, genau gekannt
-hätte, mußte es ja im Stande sein, diesen luftigen
-Kerker zu durchbrechen. Auch sogar die Thür bestand
-nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch
-Schnüre oder Streifen ungegerbter Büffelhaut allerdings
-fest verbunden hatte. Den ganzen Verschluß
-bildeten jedoch zwei von außen vorgeschobene hölzerne
-Riegel, während eine Abtheilung im Inneren dazu
-bestimmt schien, den Löwen in einem Theil des Platzes
-abzuschließen, um dann ungefährdet zu den Elephantenzähnen
-zu gelangen. Zwei hölzerne Riegel nur,
-und nicht einmal ein Pflock war davor geschlagen, um
-sie gegen einen doch möglichen Zufall zu schützen.
-Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und
-bequem; wie aber seine Hand nur die Thür berührte,
-stutzte der Löwe da drin, wandte sich halb und duckte
-sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte jedenfalls
-den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte.</p>
-
-<p>Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden
-Gestalt des grimmen Thieres gegenüber; hatte er
-doch auch schon oft davon gehört, wie furchtbar eine
-solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch
-genährt, ja nur ein einziges Mal erst
-<a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a>
-Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich erschreckt
-zog er die Hand zurück und wich von den Pallisaden
-ab, um ihn selbst nicht zu einem Sprung zu reizen.
-Wie leicht konnte das vielleicht schon mürbe Holz der
-Wucht eines solchen Anpralls nachgeben!</p>
-
-<p>Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem
-Handel dauerte; es war gar kein Ende abzusehen, und
-ein Wunder nur, daß der Kapitän nicht ungeduldig
-wurde. Zwei Stunden saßen sie dort jetzt wenigstens
-bei einander, und wenn sie schon zu den Proben solche
-Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher werden, wenn
-die Waaren an Land kamen!</p>
-
-<p>Er wandte sich langsam ab um wieder zurück zu
-der Gruppe zu gehen, als er den Steuermann plötzlich
-emporfahren und nach dem Schooner hinüber deuten
-sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein
-Schuß, und als er sich erschreckt der Richtung zu drehte,
-bemerkte er, wie die ganze Bai von dunklen Kanoes
-schwärmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten
-schienen.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Fünftes Kapitel.</span></span><br />
-
-Der Löwe.</h3>
-
-
-<p>Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des
-ersten Augenblicks wirklich gar nicht auf seine unmittelbare
-<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a>
-Umgebung geachtet, denn im Moment war
-ihm klar, daß dort ein Ueberfall vorbereitet werde &ndash;
-also Verrath! Aber eben diese Umgebung drang sich
-ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in Zweifel
-gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen
-am Ufer mit dem feindlichen Angriff da draußen in
-Verbindung standen.</p>
-
-<p>Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen,
-aber er sah nur, daß der König selber mit
-seiner Lanze nach einem der Weißen schlug, während
-sich der Dolmetsch mit einem Cutlaß, den er jedenfalls
-dem verdachtlos neben ihm stehenden Matrosen entrissen
-haben mußte, auf den Steuermann warf und
-einen Schlag nach ihm führte. Aber er war an den
-Unrechten gekommen, denn Brooks' Hand hatte fast
-unwillkürlich schon im ersten Moment den Griff seines
-Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze
-mit der scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal
-schnell hintereinander aus dem Rohr blitzte, und
-der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und
-zu Boden stürzte. Ehe sich der Seemann aber nur
-gegen einen neuen Feind wenden konnte, fielen ihm
-von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in die
-Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein
-Theil unten stürmte gegen das Boot an, und er selber
-<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a>
-fand sich von etwa einem Dutzend Wilder angegriffen,
-die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen.
-Allerdings hatte er die eigene Waffe schon
-in der Faust, und drei Schüsse feuerte er mitten
-hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre
-Wurfspeere flogen aus, und er fühlte einen stechenden
-Schmerz in Arm und Bein.</p>
-
-<p>Fast blind vor Wuth schoß er seine letzten Kugeln
-gegen die Feinde ab und wandte sich dann zur Flucht.
-Aber wohin &ndash; voraus &ndash; nach rechts und links war
-ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzäunung,
-die den Löwen barg, trieben sie ihn zu. Und
-wie brüllte die Bestie, als sie die in ihrer unmittelbaren
-Nähe abgefeuerten Schüsse und das wüthende
-Geheul der Eingebornen hörte!</p>
-
-<p>Der Doktor wußte kaum, was er that, denn er sah
-den Tod von allen Seiten auf sich eindringen. Erbarmen
-hatte er von den Menschen nicht zu hoffen,
-und wie von einer unbewußten Gewalt getrieben, floh
-er der Thür des Käfigs zu, als ob er Schutz suchen
-wollte bei der Bestie.</p>
-
-<p>Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden,
-denn dort konnte er ihnen nicht mehr entgehen; wieder
-hoben sich die Speere zum Wurf, da riß er, von Verzweiflung
-getrieben die Riegel der Thür zurück &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a>
-Rache wollte er haben &ndash; nicht allein von der mörderischen
-Bande hingeschlachtet werden, und wenn er
-dann untergehen sollte, wenigstens Verderben über
-seine Mörder bringen.</p>
-
-<p>Kaum hatte er aber die Riegel der Thür erfaßt,
-als ein wilder, gellender Angstschrei aus der Menge
-brach &ndash; jetzt flog die Pforte auf, und mit einem
-Sprung stand der Löwe &ndash; freudiges Gebrüll ausstoßend,
-daß es wie dumpfer Donner durch das Thal
-rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schön war auch
-der Anblick des so plötzlich seiner Freiheit sicheren
-Thieres, hoch schwang es den buschigen Schweif und
-hob sich die trotzig geschüttelte Mähne, und flammend
-kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten
-Opfer suchend, während sich der Doktor scheu und
-selber erschreckt von der so plötzlichen Erscheinung des
-Raubthiers an die Pallisaden drückte.</p>
-
-<p>Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung
-des freien Löwen auf die Bande der Schwarzen. Was
-kümmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener so
-gefürchteter König. Wenn sie der Löwe fraß, war es
-mit ihnen jedenfalls vorbei, und im Nu stob der ganze
-Schwarm auseinander. Die dem Wasser Nächsten
-warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile
-und Haifische verachtend &ndash; die Anderen schossen pfeilschnell
-<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a>
-über den Boden hin, den nächsten Büschen und
-Häusern zu &ndash; die Bootsmannschaft bekam Luft, und
-war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen.
-Wen sie erreichen konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen
-zusammen, und die im Boot unten sahen auch
-in der That den Löwen erst, als er jetzt in langen
-Sätzen, und sich weder um die flüchtigen Eingebornen,
-noch die Weißen kümmernd, dem nächsten Dickicht
-zufloh.</p>
-
-<p>Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der
-Stelle konnte, und nur starr vor Schrecken und Entsetzen
-zu dem entfesselten Löwen hinaufstarrte, war
-Zambiri, der König jener Helden, während sein Knabe
-in flüchtigen Sprüngen bei den Weißen Schutz gesucht.
-Der Steuermann ließ ihm aber keine lange Zeit zum
-Ueberlegen. Denn kaum sah er, daß sie selber den
-Angriff des Raubthiers nicht mehr zu fürchten brauchten,
-als er eine der von den Eingebornen weggeworfenen
-Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten:
-»Und das für Dich, Du verrätherischer Schurke!« den
-Dicken dermaßen über den Schädel traf, daß er wie
-ein Sack zusammenknickte.</p>
-
-<p>»Hurrah!« rief aber jetzt der von oben niederspringende
-Doktor, »mein Löwe hat uns Bahn gemacht,
-aber den Dicken in's Boot. An dem haben
-<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a>
-wir eine Geißel, und beim Himmel, die Schufte sollen
-bezahlen, wenn sie ihn wieder haben wollen!«</p>
-
-<p>»Das war ein glücklicher Gedanke, Doktor,« rief
-der Steuermann, »angefaßt, Jungens, daß wir den
-Fleischklumpen bewältigen können &ndash; schlagt ein Tau
-um und schleift ihn auf dem Sand hinunter &ndash; so
-recht &ndash; nur rasch &ndash; und dann von Elephantenzähnen
-in's Boot, was wir laden können, denn die Bahn da
-oben ist frei.«</p>
-
-<p>»Aber der Schooner!« rief der Doktor.</p>
-
-<p>»Hahaha,« lachte der Steuermann, »seht Ihr
-nicht, wie unser alter Kapitän zwischen die Schufte
-hinein gepfeffert hat? Die Drehbasse war ihnen zu
-viel. Er muß seinen Anker haben sitzen lassen, denn
-wie ein Wetter war er los und mit dem Segel auch,
-mitten zwischen der Bande drin. Drei Kanoes sind
-gesunken.«</p>
-
-<p>Noch während er sprach, hatte er sowohl als der
-Doktor frische Patronen in ihre Revolver geschoben,
-indessen die Matrosen mit lautem Hurrah den noch
-bewußtlosen Körper des Fleischkolosses mit ein paar
-Enden Tau umschlangen und zum Boot hinabschleiften.
-Dort kostete es freilich einige Mühe, ihn hinein
-zu bringen, aber die kräftigen Burschen hoben mit einem
-gutgewillten Ho! ahoi! und hinein flog der Klumpen
-<a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a>
-in die Jölle und unter die Doften, wo er liegen
-blieb.</p>
-
-<p>Von den Eingebornen war augenblicklich allerdings
-nichts mehr zu sehen, aber man wußte doch nicht,
-wie rasch sie, wenn sie die Gefahr beseitigt glaubten,
-zurückkehren könnten, und es galt deßhalb rasch zu
-handeln.</p>
-
-<p>Während der Doktor jetzt den kleinen, zu ihm geflüchteten
-schwarzen Burschen examinirte, lief ein
-Theil der Matrosen in die Umzäunung oben, die kein
-Löwe mehr bewachte, hinein, um die stärksten dort
-liegenden Elephantenzähne zum Ufer zu schleppen.
-Sie sahen dabei, wie der Schooner jetzt mit einsetzender
-Fluth und ziemlich günstiger Brise keck mitten in
-die Bucht und auf sie zu hielt, und wußten nun,
-daß sie für ihre Sicherheit nichts mehr zu fürchten
-brauchten.</p>
-
-<p>Der Kleine erzählte indessen rasch und gedrängt,
-daß die Eingebornen hier, wie sie es bei diesem versucht,
-jenes Fahrzeug, an dessen Bord er selber gewesen,
-geentert, die Mannschaft erschlagen und außer
-ihm nur zwei Leute, einen Passagier und den ersten
-Steuermann, gefangen in's Land geschleppt hätten.
-Die Brigg sei schon länger an der Küste gefahren und
-sollte viel Elfenbein an Bord gehabt haben; das
-<a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a>
-Meiste, was dort in der Umzäunung lag, stammte daher,
-denn aus dem Land kam wenig Elfenbein, da
-Zambiri nur hauptsächlich Sklavenhandel mit portugiesischen
-Karawanen trieb.</p>
-
-<p>»Und wo waren die Weißen jetzt?«</p>
-
-<p>Der kleine Bursche wußte es nicht zu sagen, denn
-er hatte von dem Augenblick seiner Gefangenschaft an
-die unmittelbare Nähe des Häuptlings nicht verlassen
-dürfen. Es hieß allerdings, wie er meinte, daß weiße
-Händler, jedenfalls Portugiesen, die Weißen mitgenommen,
-aber er konnte es nicht verbürgen. Gesehen
-hatte er sie nie mehr seit der Zeit.</p>
-
-<p>Den Steuermann drängte es wieder fort, um an
-Bord des Schooners zu kommen; sie durften auch
-nicht mehr einnehmen, denn das Gewicht Zambiri's
-allein drückte schon die Jölle. Was noch hinein ging,
-wurde allerdings geladen, dann aber sprangen die
-Leute nach, und ruderten, so rasch es die Schwere des
-kleinen Bootes erlaubte, gegen die Strömung an, auf
-den Schooner zu.</p>
-
-<p>Sie waren auch nicht ohne Verlust weggekommen,
-der Doktor hatte zwei Wunden von Wurfspeeren, der
-Steuermann einen Stich in den Schenkel und der eine
-Matrose einen Hieb mit einer Keule und einen bösen
-Stich in der Seite. Schlimmer hatten die Feuerwaffen
-<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a>
-freilich unter den Eingebornen aufgeräumt,
-denn fünf von diesen lagen todt oder schwer verwundet
-auf dem Platz, und Manche der Entflohenen mochten
-wohl ebenfalls noch getroffen sein.</p>
-
-<p>Doch jetzt war keine Zeit, nach Denen zu sehen;
-hatten sie sich doch auch die Folgen ihrer Verrätherei
-nur selber zuzuschreiben.</p>
-
-<p>Und Zambiri, der mächtige König des Landes?
-Er mochte wohl noch in seinem ganzen Leben in keinen
-schlimmeren Händen gewesen sein, denn unten im
-Boot, in einer nichts weniger als bequemen Lage,
-schienen sich die Matrosen ein Vergnügen daraus gemacht
-zu haben, die erbeuteten Elephantenzähne quer
-über ihn wegzulegen, so daß ihm die Last beschwerlich
-genug fallen mußte. Anfangs fühlte er das freilich
-nicht, der Schlag hatte ihn betäubt; als ihm aber die
-Besinnung wiederkehrte, fing er an zu stöhnen und zu
-grunzen und schrie einzelne Befehle mit zorniger
-Stimme vor. Er schien noch keine Ahnung zu haben,
-wo und in wessen Händen er sich eigentlich befand.</p>
-
-<p>Das Boot näherte sich indessen dem Schooner
-mehr und mehr, und mit einem Hurrah wurde die
-Mannschaft begrüßt, als sie nur in Rufsweite gekommen
-waren. Allerdings schien die Gefahr noch
-immer nicht ganz beseitigt, denn eine Menge von
-<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a>
-Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam
-nach, und diese mußten sie allerdings wieder passiren,
-wenn sie den Rückweg antreten wollten; aber die
-Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen der
-Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder
-nahe hinan. Jetzt wenigstens wurden sie nicht gestört.</p>
-
-<p>Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete
-Matrose in einem rasch hergerichteten Stuhl an
-Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein und
-zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die
-Seeleute aber verwünscht wenig Umstände machten.
-Einer der Leute festigte oben an das Gaffel einen
-Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglücklichen
-Fürsten dann unter den Schultern durchgeschlagen,
-dann zog die Mannschaft mit einem: <i>Oh, jolly
-men ho!</i> kräftig an, und wenige Sekunden später war
-Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen
-Beinen austretend, an Deck gehoben, wo ihn lautes
-Gelächter der Schoonermannschaft begrüßte.</p>
-
-<p>Steuermann und Kapitän tauschten jetzt ihre
-Berichte gegen einander aus; Beide aber waren einig
-darüber, daß es das Beste wäre, nicht über Nacht vor
-der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden möglicherweise
-einen neuen Angriff wagen konnten. Aber in
-kurzer Zeit begünstigte sie auch wieder die ausgehende
-<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a>
-Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen
-Versuch machen, einen Theil der feindlichen Schätze
-als rechtmäßige Beute zu bergen, noch dazu da sie für
-den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen
-Truppen zu fürchten brauchten. Es war wenigstens
-kein einziger von ihnen auch nur zu sehen,
-und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine
-Landung leicht und fast sicher auszuführen.</p>
-
-<p>Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer
-leicht zu bekommen. Gefahr? was kümmerte sie die,
-wenn es galt, irgend einen tollen Streich auszuführen,
-und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzäunung
-erzählten, in welcher der Löwe die Wache gehalten
-und wo die prachtvollen Elephantenzähne aufgeschichtet
-lägen, waren sie kaum mehr zurückzuhalten.</p>
-
-<p>Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn
-stromauf, und vorn am Bug stand der Steuermann,
-das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder
-Richtung hin abzusuchen. Aber nirgends war auch
-nur ein lebendes Wesen zu erkennen; der an dem
-Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben,
-und nur die aus den Büschen aufragenden Giebel
-und Dächer verriethen, daß jene Strecke bewohnt sei
-&ndash; sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst
-nur Rauch empor. Der Löwe hatte Wunder gewirkt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a>
-Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich
-spät geworden, aber noch stand die Sonne am Himmel,
-und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls gemacht
-werden. Der Kapitän beorderte auch das
-zweite Boot auf's Wasser, was rasch geschehen war,
-und während der Schooner hier in vollkommen ruhiger,
-unbewegter See vor einem Nothanker lag, stießen
-sie ab und ruderten dem Land entgegen. Es wurde
-auch keine Vorsicht dabei versäumt, einem etwaigen
-Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die
-Zähne bewaffnet, und der Kapitän war dabei im
-Stande, mit seiner Drehbasse das ganze Ufer zu bestreichen.</p>
-
-<p>Mit einem lauten Hurrah stürmten die Burschen,
-sobald die kleinen Fahrzeuge nur das Land berührten,
-die Bank hinauf und von dem Steuermann geführt
-der Umzäunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu
-den hier aufgehäuften Schätzen nöthigen ließen. Genau
-genommen war es vielleicht Raub, aber die verrätherischen
-Schwarzen mußten auch gezüchtigt werden,
-und wären sie Sieger geblieben, so würde wohl kaum
-ein Mann der Besatzung mit dem Leben davongekommen
-sein. Die moralische Seite der Frage beschäftigte
-die Leute aber auch in der That nur sehr wenig.
-Allerdings schauderten sie, als sie den Platz zuerst
-<a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a>
-betraten und die indeß herbeigestrichenen Aasgeier
-von ihrem eklen Mahl verjagten; der verstümmelte
-Körper jenes unglücklichen Sklaven sah auch entsetzlich
-aus &ndash; aber sie durften sich nicht dabei aufhalten.
-Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume,
-und die Dämmerung ist gar kurz in diesen Ländern.
-So faßten sie denn auf, was sie erreichen konnten,
-und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht,
-als ihnen der Kapitän schon wieder das Zeichen zur
-Abfahrt gab. Es dunkelte, und er wollte seine Leute
-nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Sechstes Kapitel.</span></span><br />
-
-Der Gefangene.</h3>
-
-
-<p>Unter der Zeit hatte aber auch der gefangene
-Häuptling sein volles Bewußtsein wieder erlangt und
-schäumte ordentlich vor Wuth, als er sich, gebunden
-und zu Boden geworfen, in der Gewalt seiner weißen
-Feinde sah. Aber die Seile hielten und schnitten
-ihm nur tief in die Fettwulsten seiner Glieder ein,
-und zu seinen Füßen saß, mit Schadenfreude in den
-dunklen Zügen, der Knabe und beobachtete vergnügt
-die machtlosen Anstrengungen des einst so gefürchteten
-Mannes.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a>
-Kapitän Oacutt lag aber weit weniger daran,
-dieß schwarze unförmliche Menschenbild zu quälen,
-als durch ihn seinen Zweck zu erreichen, nämlich die
-gefangenen Weißen zu befreien, falls sich diese noch
-in der Gewalt der Eingebornen befinden sollten. Es
-dauerte freilich lange, bis er Zambiri so weit brachte,
-ihm Rede zu stehen, und auf's Neue gerieth dieser
-außer sich, als er den Knaben, den er gewohnt war
-als Sklaven zu mißhandeln, frei und trotzig neben
-sich stehen und ihn verhöhnen sah. Aber er fühlte
-doch auch, wie machtlos er jetzt sei, und gab sich endlich
-ruhig in sein Schicksal. Allerdings wollte er
-Anfangs auf die an ihn gerichteten Fragen &ndash; wobei
-jetzt der Knabe als Dolmetsch gebraucht wurde, nicht
-antworten; als ihm dieser aber sagte, daß er nur
-dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne und die
-Weißen ihn sonst mit in ihr Land als Sklaven schleppten,
-wurde er geschmeidiger.</p>
-
-<p>Zuerst leugnete er freilich, von dem Wrack, wie
-den darauf befindlich gewesenen Weißen das Geringste
-zu wissen; endlich aber gestand er ein, daß sie
-Krieg mit ihnen geführt, weil die Weißen seine Unterthanen
-als Sklaven hätten fortführen wollen.
-Auch das gab er zu, daß sie zwei von ihnen gefangen
-an Land gehabt hätten, aber sie wären vor Kurzem
-<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a>
-mit einer portugiesischen Karawane fortgegangen, und
-er wüßte nichts weiter von ihnen.</p>
-
-<p>Der Kapitän sagte ihm jetzt, daß er nur dadurch
-seine Freiheit wieder erlangen könne, wenn er die
-beiden Weißen herbeischaffe, denn er würde seinen
-Lügen nie glauben. Zambiri blieb aber bei seiner
-Behauptung und forderte die Weißen auf, den Knaben
-hinüber zu schicken und dort selber nachzufragen. Alle
-Eingebornen würden seine Aussage bestätigen.</p>
-
-<p>Das war übrigens leichter gesagt, als ausgeführt,
-denn beide Boote befanden sich gerade an Land und
-die Leute dort emsig genug beschäftigt. Ueberdieß
-durfte er sie nicht länger drüben lassen, denn schon
-setzte mit der Abenddämmerung ein leichter dünner
-Nebel ein, der den freien Blick auf einige Entfernung
-hemmte. Unter dem Schutz desselben hätten die
-Wilden recht gut plötzlich vorbrechen können, und er
-war sogar der Gefahr ausgesetzt, daß sich der Nebel
-dichte und er den Weg nicht mehr aus der Bucht
-hinaus fand. &ndash; Für heute hatten sie jedenfalls ihre
-Arbeit hier gethan; er gab das Zeichen zur Abfahrt,
-und als die Boote an Bord zurückkehrten, kam der
-leichte Anker in die Höhe und der Schooner trieb
-langsam mit der Ebbe stromab und wieder in See
-hinaus.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a>
-Zambiri heulte laut auf, als er die Bewegung
-sah und jetzt bemerkte, daß sie weiter und weiter ab
-von seinem Reiche trieben, aber Niemand achtete auf
-ihn. An der Mündung der Bai fischte die Sarah
-Miles ihren vorher an einer Buoye gelassenen Anker
-wieder auf und hielt dann auf's Neue in offenes
-Wasser hinaus, wo sie keinen Angriff zu fürchten
-brauchte.</p>
-
-<p>Erst am nächsten Morgen kehrte sie zurück, aber
-nicht wieder in die Bucht, in die sich der Kapitän nicht
-mehr hineinwagen mochte, sondern gegen das untere
-Ufer hielt er an, wo sie jetzt Eingeborne entdecken
-konnten. Wie aber nur das Boot ausgesetzt wurde,
-flohen sie in den Wald hinein und es hatte nicht geringe
-Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß man
-keine Feindseligkeit beabsichtige, sondern nur zu unterhandeln
-wünsche. Der Knabe, obgleich er sich Anfangs
-dagegen sträubte, weil er fürchtete, daß man
-ihn zurückhalten würde, mußte endlich allein an Land,
-und es gelang ihm auch, Einzelne der tapferen Krieger
-zum Stehen zu bringen.</p>
-
-<p>Die Auskunft, die er von diesen erhielt, lautete
-aber wirklich ganz ähnlich so wie die, welche ihnen
-schon Zambiri gegeben. Die beiden gefangenen
-Weißen hatten, weil sie immer krank waren und keine
-<a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a>
-Arbeit verrichten konnten, mit den portugiesischen
-Händlern vor etwa drei Monaten das Land verlassen,
-und Niemand wußte zu sagen, wo sie jetzt wären &ndash;
-jedenfalls aber weit von hier.</p>
-
-<p>Damit kehrten die Botschafter an Bord zurück,
-denn was hätte ihnen ein längerer Aufenthalt am
-Lande genützt? Aus Zambiri selber war ebenfalls
-nichts weiter heraus zu bekommen. Jetzt, mit der
-Todesangst, daß er fortgeschleppt werden sollte, war
-er auch mürbe und zahm geworden und unter Thränen
-schwur er, daß er die Wahrheit gesprochen &ndash;
-würde er den Fremden doch gern hundert Gefangene
-für seine eigene Freiheit gegeben haben. Er bot ihnen
-auch wirklich so viele von seinen eigenen Leuten als
-Sklaven an, wenn sie ihn wieder an's Ufer setzen
-wollten, und erklärte dabei, auf jeden Handel einzugehen,
-den sie vorschlagen würden. Oacutt traute
-aber dem Burschen nicht und wollte auch keine Sklaven
-haben. Mitnehmen konnten sie ihn aber nicht,
-was sollten sie mit dem Koloß an Bord thun, und
-der Knabe wurde deßhalb noch einmal an Land geschickt,
-um wenigstens ein Lösegeld für den König zu
-erhalten.</p>
-
-<p>Zuerst sollten die Eingebornen die noch in der
-Umzäunung lagernden Elephantenzähne, welche die
-<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a>
-Matrosen gestern nicht alle fortgeschafft, zum Ufer herunterbringen,
-und ebenso den Koffer mit Geschenken,
-den er gestern erhalten &ndash; außerdem aber sämmtliche
-Sachen, die sie von jenem Fahrzeug der Weißen geraubt
-und die sich in Zambiri's Wohnung befanden.</p>
-
-<p>Unter der Zeit hatte sich auch wieder eine Zahl
-von Eingebornen am Ufer versammelt, denn sie sahen
-wohl, daß die Weißen keine feindseligen Absichten
-mehr zeigten, und kamen jetzt, wahrscheinlich um
-ihren gefangenen König loszubitten. Uebrigens schienen
-sie sämmtlich bewaffnet, als ob sie doch noch einen
-Angriff der Fremden fürchteten, und da Oacutt auch
-das letzte Mißtrauen zu zerstreuen wünschte, so wurde
-der Doktor, den Knaben als Dolmetsch bei sich, mit
-einer weißen Flagge hinübergesandt. Der Steuermann
-nämlich konnte nicht gehen, da ihn seine Wunde
-zu sehr schmerzte.</p>
-
-<p>Die Bedingung, die Spruce zu stellen hatte, lautete,
-daß die Eingebornen das »Lösegeld« am Ufer
-niederlegen und sich dann entfernen sollten. Die
-Weißen würden es dort in Empfang nehmen und
-ihren König dann ungesäumt an Land setzen.</p>
-
-<p>Das Boot näherte sich, dieser Masse von Eingebornen
-gegenüber, nur höchst vorsichtig dem Ufer,
-und der Doktor hielt es für gerathen, selbst vornhinein
-<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a>
-zu treten und die Fahne zu schwenken, damit sie
-sähen, daß sie in friedlicher Absicht kämen.</p>
-
-<p>Die Eingebornen standen indessen still und regungslos
-etwa hundert Schritt vom Ufer ab und unmittelbar
-vor dem nächsten Dickicht, wahrscheinlich um
-dort, wenn es etwa nöthig werden sollte, gleich hinein
-zu tauchen, und nur erst als das Boot, das aber vorsichtigerweise
-nicht auflief, sondern flott blieb, den
-Strand berührte und der Doktor, die Fahne in der
-Hand und nur den Knaben als Dolmetscher an seiner
-Seite, an's Ufer sprang, kamen drei der Schwarzen,
-aber ohne Waffen, zum Wasserrand herab, um zu
-hören, was die Weißen von ihnen wollten.</p>
-
-<p>Der kleine Bursche richtete dabei die Botschaft
-aus, indem es ihm der Doktor auf Englisch vorsagte
-und er die einzelnen Theile übersetzte, und sie hörten
-ihn ruhig und aufmerksam an. Als er aber geendet,
-erwiederten sie, daß sie sich darüber erst mit dem
-Stamm berathen müßten &ndash; sie sollten nur ein wenig
-warten, sie kämen gleich wieder zurück.</p>
-
-<p>Damit gingen sie und der Doktor machte sich schon
-auf eine lange Wartezeit gefaßt, denn daß die Eingebornen
-einen schwierigen Stand mit dem dicken König
-selber bekamen, wenn sie all' sein Eigenthum &ndash; und
-sei es auch zu seiner eigenen Rettung &ndash; hergaben,
-<a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a>
-ließ sich denken. Sie schienen aber weniger Zeit zu
-brauchen, als er selber geglaubt, denn obgleich die
-Unterhandlung da oben ziemlich stürmisch herging
-und viel und laut gesprochen wurde, dauerte sie doch
-kaum eine volle Viertelstunde. Dann kamen die schwarzen
-Botschafter wieder zurück und ihre Antwort lautete in
-der Uebersetzung etwa folgendermaßen:</p>
-
-<p>»Unser König war Zambiri. Er war blutdürstig
-und grausam. Er hat viele unserer jungen Leute hingeschlachtet
-und an die Weißen verkauft; wir waren
-Alle seine Sklaven. Ihr habt ihn weggenommen und
-auf euer Schiff gebracht &ndash; das ist gut. Behaltet ihn.
-Wir haben einen andern König gewählt und Alles,
-was dem früheren gehörte, ist jetzt sein Eigenthum.
-Wir wollen auch keinen Krieg mit den Fremden oder
-mit einem andern Stamm &ndash; wir wollen Frieden &ndash;
-Llefugo hat gesprochen.«</p>
-
-<p>Der Doktor lachte gerade hinaus, als ihm der
-Knabe die Antwort übersetzte. Das war ein liebender
-Volksstamm, der sich herzlich freute, den Landesvater
-los zu werden, und nicht einen Elephantenzahn
-geben wollte, um ihn wieder zu bekommen. &ndash; Und
-was nun? Würdevoll aber standen die Abgesandten
-vor ihm. Sie hatten ihren Auftrag ausgerichtet und
-kein ferneres Interesse an der Sache. Eine weitere
-<a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a>
-Verhandlung zeigte sich auch als völlig zwecklos, denn
-die Eingebornen ließen sich auf nichts mehr ein. Die
-Weißen mochten Zambiri mit fortnehmen, wenn es
-ihnen Freude machte; sie hatten einen andern König
-und wollten keinen Krieg.</p>
-
-<p>Dabei winkte der Sprecher mit der Hand, und
-als thatsächlicher Beweis des eben Gesagten kamen
-eine Anzahl Frauen und Kinder, Anfangs zwar noch
-schüchtern, aber dann doch zutraulicher werdend, an
-die Landung herunter und brachten Körbe mit Früchten,
-Mangas, Cocosnüsse, Eier, junge Hühner und
-Ferkel, die sie zum Tausch anboten. Eine solche Aushülfe
-war nun allerdings erwünscht, und der Doktor
-hatte auch schon zu dem Zweck eine Partie Schmuck,
-Kattun und Tabak im Boot, was er ungesäumt gegen
-frische Provisionen eintauschte. Von ihrem König
-wollten sie aber nichts weiter hören &ndash; Zambiri war
-ihr König nicht mehr, wie sie sagten, und nur ein
-böser, schwarzer Mann, den die Weißen verkaufen
-sollten, wenn sie Lust hätten &ndash; sie wollten ihn aber
-nicht.</p>
-
-<p>Damit fuhr der Doktor an Bord zurück und überraschte
-seinen Kapitän mit der allerdings unerwarteten
-Nachricht. Vollkommen wie rasend geberdete sich dagegen
-Zambiri selber, als ihm der Kleine mit boshafter
-<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a>
-Schadenfreude das wieder erzählte, was sein
-treues Volk über ihn gesagt, und als er hörte, daß sie
-an Land einen neuen König gewählt, fing er so an zu
-wüthen, daß die Matrosen endlich ein Stück Segeltuch
-über ihn herwarfen und ihn festhalten mußten, er
-hätte sonst, trotz seiner Bande, ein Unglück angerichtet.</p>
-
-<p>Kapitän Oacutt kratzte sich den Kopf und lief auf
-seinem Quarterdeck mit raschen Schritten auf und ab.
-&ndash; Daß die hier früher gefangen gehaltenen Weißen den
-Platz wieder verlassen hatten, schien vollkommen sicher
-zu sein, denn halb und halb bestätigte das ja auch die
-Aussage des Knaben; was aber sollten sie jetzt mit
-dem Fleischklumpen an Bord machen, den sein eigenes
-Volk nicht einmal wieder haben wollte? Ihn mitnehmen?
-&ndash; Er wäre ihnen eine nutzlose Last gewesen
-&ndash; und über Bord werfen? &ndash; Verdient hätte er es,
-denn sein Steuermann saß mit einer häßlichen Wunde
-an Deck, und der eine Matrose war so bös getroffen,
-daß der Doktor schon bei dem ersten Verband bedenklich
-mit dem Kopf schüttelte. &ndash; Aber es ging
-doch nicht. Gefangen durfte er ihn nehmen, aber über
-den Gefangenen stand ihm kein Recht auf Leben und
-Tod zu.</p>
-
-<p>»Ei, zum Henker!« rief da der Kapitän plötzlich
-aus, indem er stehen blieb und sich gegen den Doktor
-<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a>
-wandte, »was geht uns denn hier die ganze Bande an,
-ob sie ihren König wieder haben wollen oder nicht;
-wir können ihn keinenfalls gebrauchen und seinethalben
-auch keine Stunde länger an der Küste bleiben.
-Zimmermann, nehmt Euch einmal zwei Leute in die
-kleine Jölle und setzt mir den Fettfleck an Land &ndash; mir
-wird übel, wenn ich das Ungethüm sich da noch
-länger wälzen sehe.«</p>
-
-<p>»Und der Junge, Kapitän, soll der auch wieder
-mit fort?«</p>
-
-<p>»Wenn er will, meinetwegen.«</p>
-
-<p>Der Knabe hatte der für ihn verhängnißvollen
-Frage mit augenscheinlichem Erschrecken gelauscht, jetzt
-aber warf er sich vor dem Kapitän nieder und bat in
-so angstgepreßten Tönen, nicht wieder jenem grausamen
-Manne überliefert zu werden, daß der Seemann
-endlich sagte: »Gut, da bleib', ich hab' nichts
-dagegen, aber nun auch rasch, daß wir den dicken
-Burschen von Bord kriegen. Bindet ihn los, Zimmermann,
-und sag' ihm, mein Junge, daß er an's
-Ufer soll; nachher mag er sehen, wie er selber mit
-seinen Leuten fertig wird.«</p>
-
-<p>Der Befehl wurde rasch ausgeführt; während die
-Leute den abgesetzten König losbanden, sagte ihm der
-Knabe, daß er frei sei und an Land gehen könne; dann
-<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a>
-schnürten sie ihm ein Tau um den Leib, ließen ihn
-wieder in's Boot hinunter und wenige Minuten später
-ruderten sie den Koloß zum Ufer hinüber.</p>
-
-<p>Jetzt aber band sie auch nichts mehr an die Küste,
-und dem Kapitän lag selber daran, so rasch als
-möglich wieder fortzukommen. Noch während die
-Jölle unterwegs war, wurde das andere größere
-Boot an Bord genommen und der Anker gehoben,
-und indeß der Kapitän die dazu nöthigen Befehle gab,
-stand der Doktor an der einen Want, das Teleskop
-am Auge, und sah nach der Landung hinüber, um zu
-beobachten, wie König Zambiri von seinen treuen
-Unterthanen empfangen werden würde.</p>
-
-<p>Die Eingebornen am Ufer hatten sich indeß zum
-großen Theil zerstreut, denn sie hielten nach ihrer gegebenen
-Erklärung die Sache wahrscheinlich für abgemacht.
-Ein Theil von ihnen war aber doch noch
-zurückgeblieben, um den Schooner und dessen Abfahrt
-zu überwachen, und diese wurden jetzt plötzlich aufmerksam,
-als sie das Boot noch einmal zur Küste
-zurückkehren sahen. Was es enthielt, vermochten sie
-freilich nicht gleich zu unterscheiden, da man den
-Schwarzen auf der ihnen entgegengesetzten Seite des
-Schooners niedergelassen; aber vorsichtig näherten
-sich die zuerst Gesandten wieder dem Strande. Da
-<a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a>
-verrieth ihnen das rothe, jetzt freilich arg zerrissene
-Oberhemd ihres früheren Königs Zambiri vor der
-Zeit dessen Anwesenheit, und einen lauten Schrei
-ausstoßend liefen sie zu den Ihrigen zurück, um
-ihnen wahrscheinlich die Entdeckung mitzutheilen.</p>
-
-<p>Jetzt kam Leben in den Schwarm. Der Doktor
-bemerkte, wie nach allen Seiten Leute abgeschickt wurden,
-die pfeilschnell über den Boden schossen, indeß
-die Schaar der Bewaffneten mit ihren Lanzen und
-Schilden näher zum Strand hinunterrückte. Dem
-Zimmermann wurde auch, wie er später erzählte,
-nicht ganz wohl im Boot, und es lag ihm gar nichts
-daran, den jetzt jedenfalls gereizten Eingebornen zu
-übermäßig nahe zu kommen. Darin begünstigte ihn
-aber die indessen stark eingetretene Ebbe; gleich unterhalb
-bemerkte er einen etwas weiter auslaufenden
-Sandstreifen, auf den er augenblicklich zuhielt, und
-hier bekam Zambiri die Ordre, wie nur der Kiel
-den Sand berührte, auszusteigen und seinen Weg
-allein fortzusetzen &ndash; was schadete es auch, wenn er
-mit seinen bloßen Beinen nasse Füße bekam.</p>
-
-<p>Zambiri schien keine rechte Lust zu haben, denn
-das ganze Benehmen seiner Unterthanen am Ufer
-mochte ihm ebenfalls nicht gefallen &ndash; aber es blieb
-ihm keine Wahl, denn weit mehr fürchtete er an
-<a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a>
-Bord zurückgeschafft zu werden. Er stieg aus, im
-Nu schoß das dadurch fast um die Hälfte seines Gewichts
-erleichterte Boot wieder zurück in tiefes Wasser,
-und Zambiri, den zerfetzten rothen Mantel um die
-Schultern, stand an der Spitze der Sandbank und
-starrte nach dem Ufer hinüber.</p>
-
-<p>Das Boot hielt sich nicht auf; rasche kräftige Ruderschläge
-brachten es zum Schooner zurück, und
-während es dort eingehakt und an der Seite aufgezogen
-wurde, kam auch der Anker herauf und der Bug
-der Sarah Miles schwang langsam mit der Strömung
-herum der offenen See entgegen.</p>
-
-<p>Noch stand Zambiri am Strand, und eben so fest
-behaupteten die Krieger oben ihren Platz. Jetzt aber
-mochte er doch wohl fühlen, daß er dort draußen nicht
-länger bleiben könne, ohne seiner Würde etwas zu
-vergeben. Einen Blick warf er nach dem Fahrzeug
-der Weißen zurück, dessen Segel sich voll ausblähten
-und an dessen Bug sich schon das Wasser zu kräuseln
-begann &ndash; dann drehte er sich um und schritt entschlossen
-die Uferbank hinauf.</p>
-
-<p>Jetzt regte sich auch da oben die dunkle Masse &ndash;
-der Doktor konnte noch erkennen, obgleich sich die
-Entfernung mit jedem Augenblick vergrößerte, daß
-von allen Seiten mehr Bewaffnete herbeiliefen. Da
-<a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a>
-dröhnte plötzlich, bis zu ihnen selbst hinaus, ein einziger
-gellender Aufschrei aus Aller Kehlen, und wie
-ein Schatten über einen von der Sonne beschienenen
-Plan wälzte sich der dunkle Schwarm dem König
-entgegen.</p>
-
-<p>Dieser warf die Arme empor, dann verschwand
-Alles in einem wilden Gewirre von schwarzen Gestalten,
-und als sich diese endlich wieder zum
-Ufer hinaufgezogen, blieb nur ein einziger dunkler
-Punkt auf dem hellen Untergrund des Strands
-zurück.</p>
-
-<p>Der Doktor schob sein Glas noch etwas mehr
-zusammen, um den Punkt in den Fokus zu bekommen.</p>
-
-<p>»Nun, Doktor, wie ist's?« lachte der Kapitän;
-»können Sie noch was erkennen? &ndash; Wie haben sie
-unsern Dicken aufgenommen?«</p>
-
-<p>»Dort liegt sein unbeholfener Leichnam am
-Strand,« sagte der Doktor, indem er das Glas zusammenschob,
-denn die Entfernung wurde jetzt zu
-groß, »und wenn die Fluth wieder steigt, wird sie ihn
-in die See schwemmen.«</p>
-
-<p>»Ein fetter Bissen für die Krokodile!« lachte der
-Seemann. »Alle Wetter! das erste, das ihm begegnet,
-bekommt ein richtiges Maul voll &ndash; ein Glück
-<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a>
-nur, daß er uns zu seinen Erben eingesetzt. Aber was
-haben sie mit ihm gemacht?«</p>
-
-<p>»Ihm wahrscheinlich ihre Lanzen in den Leib gerannt,«
-nickte der Doktor. »Sonderbar doch; vorher
-hatte er nicht mehr Macht und Gewalt über sie als
-jetzt, und doch duldeten sie Alles und ließen sich verkaufen
-und abschlachten, wie es dem grausamen Tyrannen
-gefiel. Jetzt, da der Nimbus gefallen ist, der
-ihn umgab, rennen sie ihm ihre Speere in den Leib
-und lassen den Kadaver draußen auf dem Sande
-liegen.«</p>
-
-<p>»Menschennatur,« sagte der Yankee gleichgültig.
-»Na, wir sind ihn wenigstens los und haben keine
-Verantwortung. Die Brise frischt auf, Doktor &ndash;
-ich denke, jetzt halten wir gerade auf das Kap zu.«</p>
-
-<p>Der Schooner neigte sich vor dem frisch einsetzenden
-Wind auf die Seite und flog schäumend durch
-die leichtbewegte Fluth. Vom Land aus hatten ihm
-die Eingebornen nachgesehen, aber er wurde kleiner
-und kleiner und verschwand endlich wie ein lichter
-Punkt am Horizont.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a>
-<span class="ge">Der Mexikaner.</span><br />
-
-<span class="subheader">Peruanische Erzählung.</span></h2>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Erstes Kapitel.</span></span><br />
-
-Die verlassene Frau.</h3>
-
-
-<p>In Lima lebte im Jahr 1850 in einem kleinen
-Häuschen in der Vorstadt eine arme deutsche Schusterfrau,
-der es außerordentlich knapp zu gehen schien,
-denn sie war von ihrem Mann verlassen worden und
-hatte sich nun hier draußen bei einer armen peruanischen
-Familie einquartieren müssen. Sie ging auch,
-besonders in deutsche Häuser, plätten und nähen und
-suchte sich wirklich auf ehrliche Art ihr Brot zu verdienen,
-wobei sie denn von den wenigen deutschen Familien
-nach Kräften unterstützt wurde.</p>
-
-<p>Der Mann war &ndash; so viel wußte man &ndash; im
-Jahr 48, als die erste Nachricht der in Kalifornien
-entdeckten Schätze nach Peru drang, plötzlich verschwunden,
-und sollte in Callao &ndash; dem Hafen von
-Lima, kurz vor der Abfahrt eines nach San Francisco
-bestimmten Schiffes gesehen worden sein. Der Verdacht
-<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a>
-lag also sehr nahe, daß er sich auf diesem entfernt
-habe, um, wie tausend Andere, sein Glück in den
-Minen zu versuchen. Daß er die Frau dabei in den
-dürftigsten Umständen und fast ohne einen Dollar
-Geld zurückließ, war natürlich schlecht, aber es wäre
-doch wohl noch zu entschuldigen gewesen, wenn er sich
-nur später um sie gekümmert, wenn er nur einmal
-etwas Geld geschickt oder wenigstens einen Brief geschrieben
-hätte.</p>
-
-<p>Aber Nichts dem Aehnliches erfolgte, und die
-arme Frau mußte zuletzt die Hoffnung aufgeben, ihren
-Mann je wieder zu sehen und von ihm Hülfe zu erhalten.
-Allerdings erkundigte sie sich &ndash; als nun
-fast zwei Jahre vergangen waren, und viele Peruaner
-aus den kalifornischen Goldminen zurückkehrten, bei
-Jedem wohl nach dem Verlorenen und ob sie ihn
-nicht in Kalifornien getroffen hätten &ndash; aber, lieber
-Gott, Kalifornien war groß und die dorthin gegangenen
-Goldwäscher staken oben in den Gebirgsschluchten,
-wohin weder Weg noch Steg führte; wer sollte sie
-dort finden. Man konnte Monate lang in ihrer unmittelbaren
-Nähe sein und bekam sie trotzdem nicht zu
-sehen. Es wußte ihr auch Niemand auch nur den
-geringsten Trost oder Anhaltepunkt zu geben &ndash; sie
-mußte sich selber trösten, vielleicht kehrte er, wie die
-<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a>
-Meisten sagten, einmal ganz plötzlich mit einem großen
-Sack voll Gold zurück, und dann hatte alle ihre Noth
-ein Ende.</p>
-
-<p>Aber er kam nicht &ndash; Woche nach Woche verging,
-wie Monat nach Monat vergangen war, und die verlassene
-Frau beschloß endlich, in ihre Heimath nach
-Deutschland zurückzukehren, wo ihr noch wohlhabende
-Verwandte lebten; die einzige Schwierigkeit schien nur
-die, ein Schiff zu bekommen, das sie für eine mäßige
-Passage hinüber brachte. Aber auch das fand sich
-endlich. Ein in Callao ankernder hamburger Kapitän
-hatte von dem Schicksal der Deutschen gehört, und
-als er sie zufällig einmal bei Bekannten traf und sie
-ihm ihre Noth klagte, erbot er sich freundlich, sie
-gegen einen sehr mäßigen Preis hinüber zu schaffen.</p>
-
-<p>Viel trug dazu auch ihr Aeußeres bei &ndash; Frau
-Bockenheim mußte in ihrer Jugend wirklich einmal
-schön gewesen sein, und sie war selbst jetzt noch, in
-den dreißiger Jahren, eine hübsche, stattliche Frau zu
-nennen. Früher galt sie auch unter den übrigen
-Handwerkerfamilien für stolz und hochfährig; sie trug
-gern seidene Kleider und putzte sich manchmal so heraus,
-daß man in ihr nie eines Schusters Frau vermuthet
-haben würde. &ndash; Das hatte sich freilich jetzt
-durch ihren Nothstand gründlich gelegt; von dem
-<a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a>
-Moment an, wo sie sich abhängig von fremden Leuten
-fühlte, wurde sie eine ganz Andere. Sie ging höchst
-einfach, nur in die billigsten Stoffe gekleidet, und
-schränkte sich wirklich nach Möglichkeit ein, um nur
-keine Schulden zu machen. Trotzdem verkehrte sie
-aber wenig oder gar nicht mit ihres Gleichen &ndash; mit
-anderen Handwerkerfrauen &ndash; von denen sie auch in
-der That keinen Verdienst erwarten konnte.</p>
-
-<p>Jetzt hatte das überhaupt aufgehört und sie begann
-das Letzte zu thun, was ihr übrig blieb, um ihre
-Passage zu bezahlen, nämlich die Ueberreste ihres
-kleinen Hausstandes zu verkaufen. Da aber das zu
-langsam ging, denn das Schiff wollte segeln, so setzte
-sie endlich eine Auktion an, auf welcher auch das
-Handwerksgeräth ihres Mannes losgeschlagen wurde.
-Was sollte sie auch damit machen? Der Verlorene
-kehrte doch nicht wieder.</p>
-
-<p>In Lima hatte sich indessen das Schicksal der
-Schusterfrau und ihre Absicht, Peru zu verlassen,
-ausgesprochen, und schon aus Mitleiden mit ihrem
-Schicksal besuchten Viele die Auktion, so daß die oft
-werthlosen Gegenstände noch zu einigermaßen gutem
-Preis verkauft wurden.</p>
-
-<p>Die Auktion war vorüber; die letzten Sachen
-waren abgeholt; nur noch ein Koffer und ein Reisesack
-<a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a>
-standen in dem öden Raum, und die Frau hatte
-eben einen kleinen Knaben aus dem Haus nach einem
-Peon oder Diener geschickt, um sie forttransportiren
-zu lassen, als draußen ein Schritt auf der Treppe
-laut wurde. Sie glaubte, es wäre der erwartete
-Packträger, und noch seufzend einen Blick in den
-Räumen umherwerfend, in denen sie so manche einsame
-und traurige Stunde verlebt, sagte sie:</p>
-
-<p>»Da, Freund &ndash; nehmt die Sachen und tragt sie
-mir&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bertha,« flüsterte da eine Stimme, die ihr das
-Blut zum Herzen zurückdrängte, und als sie sich erschreckt
-danach umwandte, stand ein mit einem Poncho
-behangener fremder Mann auf ihrer Schwelle. Sie
-kannte ihn nicht &ndash; er trug einen großen dunklen
-Bart und den Hut fest in die Augen gezogen, rührte
-sich auch nicht, und nur als sie ihn erstaunt anstarrte,
-wiederholte er, mit der nämlichen Stimme das eine
-Wort, das ihren Herzschlag stocken machte: »Bertha!«</p>
-
-<p>»Um der Wunden Christi Willen!« stöhnte die
-Frau, »wer ist denn das der &ndash; der meinen Namen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und kennst Du mich nicht mehr?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; wach' ich denn oder träum' ich &ndash;
-Casper?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a>
-»Hab' ich mich denn so verändert?« lachte er und
-streckte ihr die Arme entgegen, aber mit einem lauten,
-gellenden Freudenschrei stürzte sie auf ihn zu und
-umschlang ihn krampfhaft mit ihren Armen.</p>
-
-<p>»Casper! Du bist's &ndash; Du &ndash; und oh mein Gott,
-wie lange hast Du mich warten lassen &ndash; oh wie
-ewig lange. Wo, wo bist Du nur gewesen?«</p>
-
-<p>»Und wenn ich ein klein wenig später gekommen
-wäre,« lächelte der Mann, ohne die Frage für jetzt
-zu beantworten, »so hätte ich Dich am Ende gar nicht
-mehr getroffen. Du wolltest verreisen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nach Deutschland zurückkehren!« rief die Frau,
-»was sollte ich länger allein hier in dem fremden
-Land? Ich hielt es nicht mehr aus und mußte Dich
-ja todt glauben, da Du mir nicht ein einziges Mal
-geschrieben. &ndash; Ach, das war nicht Recht, Casper.«</p>
-
-<p>»Ja, schreiben,« nickte dieser, »liebes Kind! Wo
-ich mich die ganze Zeit herumgetrieben habe, gab es
-weder Feder noch Dinte noch Papier, viel weniger
-Posten, und ich hätte einen Brief selber nach San
-Francisco tragen müssen.«</p>
-
-<p>»So warst Du die ganze Zeit in Kalifornien?«</p>
-
-<p>»Gewiß war ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und hast Du Glück gehabt?«</p>
-
-<p>Der Mann schwieg und sah sie mit einem Blick
-<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a>
-an, der ihr ordentlich bis in's innerste Herz hinein
-stach &ndash; mit einem Blick, wie sie ihn noch nie von
-ihm gesehen. Ueberhaupt kam er ihr so merkwürdig
-verändert vor. Machte das vielleicht der große
-schwarze Bart, den sie allerdings nicht an ihm gewohnt
-war? &ndash; und er sah dabei so bleich aus &ndash; so
-düster. &ndash; Er hatte jedenfalls Unglück gehabt und
-kehrte als armer Mann zurück.</p>
-
-<p>»Oh mein Gott,« stöhnte die Frau, als ihr der
-Gedanke kam, »und jetzt hab' ich all' das Unsere, selbst
-Dein Handwerkszeug, um einen Spottpreis verkauft
-&ndash; Nichts ist mir geblieben, als meine Kleider und
-Wäsche und die paar hundert Thaler, die ich für die
-Ueberfahrt zahlen wollte.«</p>
-
-<p>Da zuckte es wie ein Lächeln über des Mannes
-Gesicht, und er sagte:</p>
-
-<p>»Gott sei Dank, daß wir den alten Plunder los
-sind, wir hätten ihn doch nicht mehr gebrauchen
-können.«</p>
-
-<p>»Nicht mehr gebrauchen können, Casper?« wiederholte
-die Frau erstaunt, »ich weiß nicht, Du &ndash;
-Du bist so sonderbar &ndash; ich begreife Dich nicht.«</p>
-
-<p>»Weil ich mit einem ganzen Sack voll Gold zurück
-komme, Schatz,« lachte der Mann laut auf.</p>
-
-<p>»Mit einem Sack voll Gold?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a>
-»Was ich Dir sage &ndash; unsere Noth hat nun aufgehört
-&ndash; ich habe Glück, viel Glück in den Minen
-gehabt &ndash; unserer Zwei trafen eine enorm reiche Stelle
-&ndash; aber das Alles erzähle ich Dir später. &ndash; Was
-will der Bursche da?«</p>
-
-<p>Während er noch sprach, war ein Peon auf der
-Schwelle der weit offen stehenden Thür erschienen
-und sah in's Zimmer herein.</p>
-
-<p>»Die Sennorita hat einen Mann verlangt, um
-ihr Gepäck fort zu tragen.«</p>
-
-<p>»Ach ja &ndash; <i>bueno</i>&nbsp;&ndash;« rief der Zurückgekehrte
-»du, guter Freund, schultert einmal die Sachen und
-tragt sie in das amerikanische Hôtel &ndash; oder wir gehen
-besser gleich mit, denn hier haben wir doch wohl Nichts
-weiter zu thun, Schatz, wie?«</p>
-
-<p>»Es ist Alles fort, selbst der letzte Stuhl&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Also gänzlicher Ausverkauf,« lachte der Mann,
-»desto besser, dann werden wir auch durch Nichts mehr
-gehindert &ndash; <i>vamos nos, companero, vamos nos</i>«
-&ndash; und damit gab er seiner Frau den Arm und schritt
-mit ihr die Treppe hinab, die Vorstadt entlang und
-dann über die Brücke, immer die Hauptstraße nieder
-und hinter dem Peon mit ihren Sachen her, bis sie
-das Hôtel erreichten, wo er augenblicklich zwei Zimmer
-und ein gutes Diner für sie bestellte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a>
-Die Frau ging wie in einem Traum an seiner
-Seite; sie fühlte kaum, wie ihre Füße den Boden
-berührten. War denn das Alles wirklich wahr, und
-der Mann, den sie schon lange todt geglaubt und in
-Verzweiflung aufgegeben, nicht allein zurückgekehrt,
-sondern auch reich, mit Schätzen beladen? Wie ein
-Märchen klang's ihr in den Ohren und sie bemerkte
-dabei gar nicht, daß die Leute, denen sie unterwegs
-begegneten, fast immer stehen blieben und dem etwas
-wunderlichen Paar nachschaueten.</p>
-
-<p>Und es war in der That ein wunderliches Paar
-für einen heißen, sonnigen Tag in Lima. Der Mann
-trug einen alten breiträndrigen und chokoladenfarbigen
-Filzhut, einen dicken, blau und roth gestreiften
-Poncho, und dazu mexikanische, an den Seiten herunter
-offengeschlitzte Sammethosen mit kleinen silbernen
-Knöpfen daran. Die Frau an seiner Seite
-ging dabei in echt deutscher Handwerkertracht mit
-einem langen, braunen, etwas abgenutzt aussehenden
-Kattunkleid, ohne Steifröcke darunter, einem rothwollenen
-Tuch um, und einem Hut, von dem man eigentlich
-nicht sagen konnte, daß er hier aus der Mode
-gekommen, denn er war in Lima wohl noch niemals
-Mode gewesen. Auch die Blumen darauf sahen zerknickt
-und schmutzig aus, und so viel die Frau auch
-<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a>
-wohl früher auf ihre Toilette gegeben hatte, und so
-nett sie sich gehalten: jetzt, mit den Sorgen der letzten
-Zeit im Herzen, schien sie Alles vernachlässigt zu haben,
-und dachte auch in diesem Augenblick wahrlich an
-Nichts weniger, als an ihre abgetragenen Kleider.</p>
-
-<p>In dem ziemlich großartigen Hôtel betrachteten
-sich die Kellner das sonderbare Paar ebenfalls ziemlich
-erstaunt und schienen nicht übel Lust zu haben,
-sie etwas über die Achseln zu behandeln; als aber
-der Mann, nicht etwa höflich, sondern mit barschem
-Ton »Zwei Zimmer vorn heraus und vor Allem eine
-Flasche Champagner und dann so rasch als möglich
-ein gutes Diner« bestellte, wurden sie aufmerksamer.
-Der Mann mußte Geld haben oder er wäre höflich gewesen,
-und er wurde jetzt, trotz seinem unscheinbaren
-Aeußeren, pünktlich bedient.</p>
-
-<p>Oben aber, in dem elegant möblirten freundlichen
-Gemach, dem Champagner, der der Frau ebenfalls
-trefflich mundete, gar wacker zusprechend, saß der von
-Kalifornien zurückgekehrte glückliche Miner und erzählte,
-nur erst einmal in flüchtigen Umrissen, seine Abenteuer:
-Wie er Anfangs, und wohl anderthalb Jahr
-hindurch, mit eisernem Fleiß und unermüdlicher Ausdauer
-gearbeitet und ein Loch nach dem andern gegraben
-habe, immer und immer aber wieder getäuscht,
-<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a>
-immer wieder auf neue Hoffnung angewiesen worden.
-Ja, er verdiente sich, was er eben zum Leben brauchte,
-aber auch nicht mehr &ndash; Gold gab es ja überall. Da
-machte er endlich die Bekanntschaft eines Mexikaners,
-der großes Vertrauen zu den nördlichen Minen hatte.
-Mit dem war er an den Yubafluß gegangen, und
-dort in einer der Ravinen, die noch wahrscheinlich
-kein weißer Mann entdeckt, trafen sie plötzlich auf ein
-Goldlager, wie sie es bis dahin nicht für möglich gehalten.
-Stücke fanden sie dort, so groß wie die
-Wallnüße, und einzelne größer, die wie in einem geschmolzenen
-und dann erkalteten Zustand vor Jahrtausenden
-vielleicht in der kleinen, engen Schlucht herabgewaschen
-waren.</p>
-
-<p>Dort arbeiteten sie, von Niemandem gestört, ja
-von Niemandem bemerkt, heimlich und versteckt sechs
-volle Monate, bis sie die ganze Goldader, so weit das
-wenigstens anging, ausgebeutet hatten. Dann kauften
-sie sich Maulthiere unten in Yubacity, einem kleinen
-Goldwäscherdorf, holten die indeß vergrabenen Schätze
-ab, luden sie auf und zogen damit nach Sacramento
-hinunter, von wo sie dann mit dem Dampfschiff nach
-San Francisco gingen. Von hier aus kehrte der
-Mexikaner in sein eigenes Vaterland zurück, und er
-selber ging an Bord des ersten nach Panama abfahrenden
-<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a>
-Dampfers, um von dort wieder mit dem südlichen
-<i>vapor</i> so rasch als irgend möglich Peru zu erreichen.
-Deshalb war es ja auch gar nicht möglich
-gewesen, vorher zu schreiben, denn die erste Gelegenheit,
-die sich dazu bot, um rasch einen Brief zu senden,
-benutzte er, und er hätte einen solchen nur selber mitnehmen,
-nie aber vorher hierher befördern können.</p>
-
-<p>Der armen Frau kam es die ganze Zeit, während
-der Mann sprach, genau so vor, als ob sie irgend
-eine wunderbare Geschichte in einem Buche läse, aber
-keine Möglichkeit vorhanden wäre, daß das Alles sie
-mit betreffen könne und das Gold, das viele Gold,
-das ihr Mann mitgebracht, ja doch nun auch ebenso
-gut ihr gehöre und sie damit reiche und vornehme
-Leute geworden wären.</p>
-
-<p>»Aber wo hast Du das viele Gold, Casper?« frug
-sie ihn endlich, »doch nicht bei Dir?«</p>
-
-<p>»Bei mir?« lachte der Mann, indem er eine
-Handvoll großer goldener Doublonen aus der Tasche
-nahm und ihr vorhielt, »so ein paar Stück kann man
-schon bei sich führen, aber ich möchte das Ganze wahrhaftig
-nicht auf der Schulter tragen.«</p>
-
-<p>»So viel ist es?«</p>
-
-<p>»Nun natürlich &ndash; Gold wiegt schwer, mein Kind
-&ndash; und ich konnte mich damit doch nicht in der ganzen
-<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a>
-Stadt herumschleppen, bis ich Dich da draußen, im
-äußersten Winkel von Lima, aufgesucht? Es steht in
-zwei kleinen Koffern sicher in einem Handlungshaus,
-das ich von früher kannte. Jetzt will ich Dir aber
-wenigstens die Proben des Mitgebrachten zeigen.«</p>
-
-<p>Damit stand er auf, schloß erst vorsichtig die
-Thür zu und schnallte sich dann einen ledernen langen
-Sack von den Hüften ab, dessen Inhalt er vor den
-erstaunten Augen der Frau ausschüttete.</p>
-
-<p>Du lieber Gott! einen solchen Reichthum hatte
-sie bis dahin gar nicht für möglich gehalten &ndash; und
-was für große schwere Stücken dabei waren, und wie
-wunderlich geformt! &ndash; Und das sollte erst der kleinste
-Theil des Ganzen &ndash; nur eine Probe sein? Ihr
-Mann packte aber die Stücke wieder zusammen, denn
-draußen klopfte es, und der Kellner frug sehr artig
-durch die Thür, ob die <i>lady</i> und der <i>gentleman</i> jetzt
-zu speisen wünschten.</p>
-
-<p>Das Essen wurde gebracht, aber nach Tisch ging
-der frühere Schuhmacher augenblicklich daran, den
-Koffer seiner Frau zu revidiren, um zu sehen, was
-sie an Kleidern und Wäsche habe, und was sie Neues
-brauchen würde. Da sah es freilich bös aus &ndash; sie
-brauchte fast Alles neu, denn das Wenige, was sie
-noch hatte, war so abgenutzt, daß ihr der Mann augenblicklich
-<a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a>
-erklärte, damit könne sie nicht mehr auf der
-Straße erscheinen. Der heutige Abend sollte denn
-auch dazu benutzt werden, alle die nöthigen Einkäufe
-zu machen, und nachher konnten sie dann in aller
-Ruhe überlegen, ob sie vor der Hand noch hier in
-Lima bleiben oder ohne Weiteres nach Deutschland
-zurückkehren sollten. Gegen den letzteren Plan sprach
-sich aber Madame Bockenheim auf das Entschiedenste
-aus. War ihr Mann wirklich so reich, dann hielt
-sie es auch für nöthig, den Leuten hier in Lima, die
-sie selber so oft über die Achsel angesehen, zu zeigen,
-was sie könnten, und daß sie jetzt im Stande wären,
-sich den »Besten« an die Seite zu stellen. Was lag
-auch daran, ob sie sich hier einmal ein halbes Jahr
-einmietheten?</p>
-
-<p>Das war nun freilich ein Festtag für die Frau,
-wie sie ihn nie in ihrem ganzen Leben für möglich gehalten,
-als sie an dem Abend mit ihrem Gatten durch
-all' die großen, herrlichen Läden gehen und dabei aussuchen
-durfte, was ihr Herz begehrte. Da war auch
-Nichts zu kostbar. Wo sie nur halbwegs Bedenken
-hatten, sowie ihr Mann nur merkte, daß es ihr gefiel,
-ließ er es augenblicklich bei Seite legen, zahlte dann
-die Rechnung in Doublonen und beorderte es in ihr
-Hôtel.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a>
-Früher hatte er die Packen selber getragen; jetzt
-dachte er gar nicht mehr daran und schien sich mit dem
-ausgewaschenen Gold auch gleich die Sitten und
-Gewohnheiten eines vornehmen Mannes angeeignet
-zu haben.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Zweites Kapitel.</span></span><br />
-
-Der Mexikaner.</h3>
-
-
-<p>Am nächsten Tag sprach man fast von Nichts
-weiter, als dem aus Kalifornien steinreich zurückgekehrten
-deutschen Schuster, und das Gerücht vergrößerte
-dabei natürlich die Schätze, die er wirklich mitgebracht,
-um das Zehnfache. Allerdings gab es noch
-Einzelne, die nicht so recht an einen solchen Erfolg in
-den Minen glauben wollten; aber selbst diese mußten
-zuletzt eingestehen, daß der Mann dort jedenfalls
-<em class="ge">Glück</em> gehabt, denn er verausgabte gerade in den
-ersten zwei oder drei Wochen eine sehr bedeutende
-Summe Geld, und bezahlte Alles gleich baar in
-blankem Gold. &ndash; Er machte nicht für einen Centabo
-Schulden. Ebenso bestätigten die Kaufleute, daß er
-sich immer die besten und kostbarsten Stoffe ausgesucht,
-und als er sich bald darauf noch das schönste
-Pferd in Lima um achtzehn Unzen kaufte und mit dem
-<a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a>
-silberbedeckten Zaumwerk und Sattel in der Stadt
-herum galoppirte, fing man doch an, ihn weniger
-mißtrauisch zu betrachten, und Leute, die sonst gar
-nicht daran gedacht hätten, sich um ihn zu bekümmern,
-bewarben sich jetzt um seine Freundschaft und machten
-ihm Besuche.</p>
-
-<p>Casper Bockenheim, wie der Deutsche hieß, besaß
-übrigens genug gesunden Menschenverstand, um <em class="ge">derartige</em>
-Burschen zu durchschauen, und hatte in seinen
-früheren Jahren zu häufig mit der vornehmen Welt
-durch seine Arbeit verkehrt, um nicht zu wissen, wie er
-sich gegen sie zu benehmen hatte. Er ließ die Schmarotzer
-eben ablaufen, und gab sich dabei Mühe, in die
-wirklich vornehmen Cirkel der Stadt zu kommen, mit
-denen er sich selber, so weit es bedeutende Geldmittel
-ermöglichen konnten, auf eine Stufe gestellt. Aber
-das gelang ihm ebenso wenig; denn wenn er sich auch
-die äußeren Manieren eines »<i>caballero</i>«, so weit es
-seine Bildung zuließ, aneignete, und seine Frau jetzt
-ebenso schöne Brillanten trug, wenn sie sich Abends
-auf der Plaza zeigte, als irgend eine Sennorita der
-Stadt, so hatte er doch sein ursprünglich rauhes
-Wesen nicht so abschleifen können, um seinen früheren
-Stand weniger als seine ganze frühere Lebensweise
-vollständig vergessen zu lassen, und die <i>haute volée</i>
-<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a>
-von Lima, welcher Nation sie auch angehörte, wich
-ihm, so weit das anständiger Weise geschehen konnte,
-aus.</p>
-
-<p>Bockenheim wurde dadurch nicht liebenswürdiger;
-er fühlte, daß hier in Lima noch ein »Vorurtheil«,
-wie er es nannte, gegen ihn herrsche, und beschloß
-endlich, Peru vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer
-zu verlassen, um nach Deutschland zurückzukehren;
-und das war ja auch jetzt der einzige und sehnlichste
-Wunsch seiner Frau, denn dort konnte sie nachher
-Staat mit sich machen &ndash; hier war es in der That
-nicht möglich.</p>
-
-<p>Madame Bockenheim oder Sennora Bockenheim
-hatte sich auch wirklich in den letzten Monaten sehr
-verändert, und so einfach und zurückgezogen sie sonst
-gelebt, so ganz aus sich heraus<em class="ge">gesprungen</em> schien sie
-jetzt. Ihr Mann, der Schuhmacher, suchte seinen
-Reichthum nur in äußerem Pomp zu zeigen. Er trug
-schwere goldene Uhrketten, große Brillant-Tuchnadel,
-eine Menge Ringe und sein, wie schon erwähnt silberbedecktes
-Sattelzeug, bummelte aber sonst noch ebenso
-nachlässig über die Straße, wie früher, fiel auch wohl
-einmal in ein gewöhnliches deutsches Bierhaus hinein
-und spielte dort seine Partie Skat, wie er es sonst
-gewohnt gewesen. Seine Frau dagegen, der der Hochmuthsteufel
-<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a>
-in den Kopf gestiegen, schwebte fast nur
-immer in höheren Regionen. Sie war gerade keine
-ungebildete Frau, und deshalb auch früher überall
-gern gesehen gewesen, aber sie wußte sich nur in der
-Sphäre zu bewegen, der sie angehörte, und fiel aus
-der Rolle, sobald sie darüber hinausstieg. Daß sich
-wirklich vornehme Personen fast immer durch ein ungenirtes,
-leutseliges und selbstverständlich artiges Benehmen
-kundgeben, hatte sie übersehen; sie suchte das
-Vornehme in alberner Aufgeblasenheit und machte sich
-dadurch nur lächerlich.</p>
-
-<p>Bockenheim hatte sich in der Stadt ein sehr
-hübsches Haus gemiethet, das sogar einen kleinen
-freundlichen Garten umschloß. Die Einrichtung
-desselben war prachtvoll und schien auf einen jahrelangen
-Aufenthalt in Peru hinzudeuten. Jetzt dachte er
-schon wieder daran, sie zu veräußern, und ließ, erst
-einmal mit dem Entschluß im Reinen, seine Absicht in
-die Zeitung setzen.</p>
-
-<p>Natürlich besuchte nun eine Menge von Leuten das
-Haus, die sich entweder in der Absicht, die Sachen zu
-kaufen, diese betrachteten oder auch nur neugierig
-waren zu sehen, wie sich der deutsche, so plötzlich reich
-gewordene Schuster eingerichtet habe. Von Morgens
-an aber gingen und kamen die Leute, Abkömmlinge
-<a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a>
-<em class="ge">aller</em> Nationen, und besonders strömten die <i>señoritas</i>
-herbei, die dann von der Sennora Bockenheim in
-allem Pomp eines seidenen, spitzenbedeckten Kleides
-empfangen wurden und sich nachher halbtodt über die
-komische Deutsche lachen wollten.</p>
-
-<p>Bockenheim selber ließ sich wenig dabei sehen. Ihm
-war die ganze Sache fatal, und er bereuete schon
-bitter, das Alles nicht früher und besser überlegt zu
-haben, ehe er sich eine solche Last aufbürdete. Aber
-seine Frau hatte ja so fest darauf bestanden; sie wollte
-den Bewohnern von Lima zeigen, »was sie <em class="ge">konnten</em>«,
-und wenn sie auch ein paar tausend Dollars Schaden
-dabei hatten, was lag daran? Schon damit zeigten sie,
-wie reich sie waren.</p>
-
-<p>Lästig blieben diese ewigen Besuche gleichgültiger
-Menschen aber doch, und Bockenheim war wirklich
-kaum im Stand gewesen, sich eine freie Mittagsstunde
-auszuwirken, daß er sein Essen ungestört verzehren
-konnte. Ein Zettel an seiner Thür sagte, daß die Lokalitäten
-von zwei bis vier <em class="ge">nicht</em> geöffnet würden;
-darnach mochten sich die Leute richten; er war nicht
-gesonnen, ihnen seine ganze Bequemlichkeit zu opfern.</p>
-
-<p>Es war eben vier Uhr vorbei, und Casper Bockenheim
-saß am offenen Fenster, die Füße gegen ein niederes
-eisernes Gitter gestemmt, seinen Kaffee neben
-<a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a>
-sich und rauchte seine Cigarre, als der eine Peon
-herein kam und meldete, es sei ein fremder Herr
-draußen, der den Sennor zu sprechen wünsche.</p>
-
-<p>»Mich? &ndash; Hol' ihn der Teufel,« brummte der
-Deutsche, »er soll zu meiner Frau gehen, die wird ihn
-herumführen. Ich habe mit der Geschichte Nichts zu
-thun und will ungestört meinen Kaffee trinken.«</p>
-
-<p>»Aber er will Sie selber sprechen, Sennor.«</p>
-
-<p>»Mich selber? Wer ist es denn?«</p>
-
-<p>»Ich kenne ihn nicht,« sagte der Peon, »er spricht
-sehr gut kastilianisch, aber mit einem so sonderbaren
-Accent. Aus Peru kann er nicht sein.«</p>
-
-<p>»Hm,« brummte Bockenheim leise vor sich hin,
-»und wie sieht er aus?«</p>
-
-<p>»Ja, ich weiß nicht; er trägt einen großen Bart
-und hat einen sehr schönen Poncho umhängen, als ob
-er von der Reise käme.«</p>
-
-<p>»Na, so laß ihn in des Bösen Namen herein.
-Frag' ihn aber erst, ob er die Möbel sehen will, und
-wenn er Ja sagt, schick' ihn zu meiner Frau; die wird
-am besten mit den Leuten fertig.«</p>
-
-<p>Der Peon ging, kehrte aber gleich darauf mit dem
-Fremden zurück, der ihm auf dem Fuß folgte. Bockenheim
-war verdrießlich; er haßte Nichts mehr, als sich
-spanisch zu unterhalten, denn wenn auch schon längere
-<a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a>
-Jahre im Land, konnte er mit der Sprache doch noch
-nicht gut fertig werden, und mißhandelte sie auch auf
-das Grausamste. Er war langsam aufgestanden, um
-den Fremden zu begrüßen und zu hören, was er wolle
-&ndash; aber er kam nicht weit. Wie nur sein Blick auf
-die Züge des vor ihm Stehenden fiel, war es ihm,
-als ob ihm Jemand einen Stich durch's Herz gäbe.
-Er fühlte, daß er leichenblaß wurde, seine Kniee zitterten,
-und er mußte sich an dem nächsten Stuhl festhalten,
-um nicht zusammen zu sinken.</p>
-
-<p>Dem Fremden konnte auch die Erregung, die den
-Deutschen erfaßt hatte, nicht entgehen. Ein spöttisches,
-fast verächtliches Lächeln zuckte aber nur um seine
-Lippen und er sagte trocken:</p>
-
-<p>»<i>Buenos dias, Don Gaspár</i> &ndash; ich sehe, Ihr
-kennt mich noch, obgleich ich ein paar Monate an der
-Wunde das Lager hüten mußte.«</p>
-
-<p>Casper Bockenheim stierte ihn noch immer an,
-als ob er einen Geist gesehen hätte; er brauchte
-Minuten lang, um sich zu sammeln, behielt aber doch
-so viel Besinnung, daß er dem Peon zuwinkte, das
-Zimmer zu verlassen. Er mußte mit dem Mann allein
-sein. Dieser schien das auch ganz in der Ordnung zu
-finden und ließ indessen seinen Blick in dem höchst
-eleganten und reich ausgestatteten Raum umher
-<a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a>
-fliegen, wobei er nur langsam und wie, als ob er eine
-Vermuthung bestätigt erhalten, mit dem Kopf nickte.
-Aber er sprach kein Wort weiter; es war, als ob er
-jetzt erst eine Anrede des Deutschen abwarten wollte,
-zu der er ihm völlig und ungestört Zeit ließ.</p>
-
-<p>Das war insofern gefehlt, als er diesem dadurch
-auch völlig Raum gab, sich von seiner ersten Ueberraschung
-zu erholen, und Bockenheim schien Gebrauch
-von der Gelegenheit zu machen.</p>
-
-<p>Sein finsterer Blick maß den Mexikaner, der ihm
-übrigens ganz unbefangen gegenüber stand, und jetzt
-sogar, als wenn er hier zu Hause wäre, zu einer dort
-stehenden Cigarrenkiste trat und sich eine Havana
-herausnahm.</p>
-
-<p>»Ah Don Gaspard,« lachte er dabei, »Ihr raucht
-jetzt feine <i>puros</i>! Wißt Ihr wohl noch, wie wir auf
-dem Wege nach Macalome alle Taschen umdrehten,
-um ein wenig Taback für eine Cigaretta darin zu
-finden?«</p>
-
-<p>»Mit wem habe ich das Vergnügen?« sagte da der
-Deutsche trocken, indem er den unwillkommenen Gast
-mit finster zusammengezogenen Brauen betrachtete.
-»Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen
-sein, Sennor.«</p>
-
-<p>»<i>Caramba</i>,« lachte der Mann und drehte sich
-<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a>
-rasch nach ihm um. »Ihr kennt mich wohl nicht mehr?
-Wahrhaftig, wenn <em class="ge">mein</em> Gedächtniß zum Teufel wäre,
-sollt' es mich nicht Wunder nehmen; denn der Hieb,
-den Ihr mir damals über den Kopf gegeben, hätte
-einem anderen Menschen wahrscheinlich den Hirnkasten
-von einander gesprengt. Aber wie Ihr seht, habe ich
-mich vollständig wieder erholt und befinde mich, den
-Umständen nach, wohl, während Ihr Euch,« setzte er
-mit einem Blick umher hinzu, »<em class="ge">besser</em> zu befinden
-scheint.«</p>
-
-<p>»Dürft' ich fragen, was Ihr von mir wollt,
-Sennor?« sagte der Deutsche trocken. »Ich habe nicht
-viel Zeit und noch weniger Lust, mich lange mit Euch
-abzugeben.«</p>
-
-<p>»<i>En verdad, Señor?</i>« lachte der Mexikaner.
-»Nun gut, dann werde ich Euch mit einem Wort
-sagen, was ich will: <em class="ge">Geld!</em> &ndash; Das Geld will ich,
-das Ihr mir damals, als Ihr mich bei Macalome
-meuchlings überfielt und für todt im Walde liegen
-ließet, abgenommen. Habt Ihr mich verstanden?«</p>
-
-<p>»Ich verstehe <em class="ge">so</em> viel,« sagte der Deutsche, »daß
-Ihr jedenfalls wahnsinnig sein müßt; denn ich habe
-Euch in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen, und
-die Beschuldigung ist deshalb eine niederträchtige
-Lüge!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a>
-»So?« sagte der Mexikaner. »Und weshalb
-erschrakt Ihr da so, als ich ins Zimmer trat?«</p>
-
-<p>»Wer sagt Euch, daß ich erschrocken bin?«</p>
-
-<p>»<i>Carajo!</i>« rief der Mexikaner, ungeduldig werdend,
-»wir wollen den Tag nicht mit nutzlosen Redensarten
-vergeuden. Ich <em class="ge">lebe</em> noch, wie Ihr seht, und
-bin Eurer Spur wie ein Schweißhund gefolgt &ndash; jetzt
-aber bleibt Euch kein Ausweg mehr. Ich kam zu
-Euch, weil ich die peruanischen Gerichte nicht unnützer
-Weise bemühen wollte. &ndash; Mir liegt nichts daran,
-Euch gehangen zu sehen, und Strafe hatte <em class="ge">ich</em> verdient,
-weil ich dumm genug gewesen war, auch nur
-einem einzigen Menschen auf der Welt zu trauen, wo
-die Verführung auf der Hand lag, mit <em class="ge">einem</em> Schlag
-reich zu werden. Aber Ihr habt die Geschichte ungeschickt
-angefangen. Wolltet Ihr einmal einen Mord
-verüben, so mußtet Ihr auch sicher gehen und
-Eurem Opfer noch wenigstens den Hals abschneiden
-&ndash; <em class="ge">das</em> habt Ihr versäumt und kommt jetzt in
-die unangenehme Nothwendigkeit, das Geraubte
-wieder herausgeben zu müssen. Also macht keine
-Umstände, oder ich zeige Euch hier bei den Gerichten
-als Straßenräuber an, und was Euch dann
-erwartet, brauche ich Euch doch wohl nicht zu
-sagen!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a>
-»Ihren werthen Namen, wenn ich bitten darf,«
-sagte der Deutsche außerordentlich höflich.</p>
-
-<p>Der Mexikaner biß die Zähne zusammen, und der
-Blick, den er auf den früheren Gefährten schleuderte,
-war so voll Gift und Haß, daß Bockenheim unwillkürlich
-nach der Lehne des neben ihm stehenden
-Stuhles griff, um nur irgend eine Schutzwaffe bei der
-Hand zu haben, denn er erwartete wirklich nichts
-weniger, als daß sich der zum Aeußersten gereizte
-Südländer jetzt auf ihn stürzen würde. Der Fremde
-schien aber, wenn auch vielleicht der Gedanke für einen
-Moment in ihm aufgestiegen war, etwas Derartiges
-nicht zu beabsichtigen. Wohl war er unter dem Poncho
-mit der Hand nach der Seite, möglich nach seinem
-Messer, gefahren; aber es blieb bei der Bewegung.
-Der Mann bewahrte sein kaltes Blut; denn er wußte
-gut genug, wie viel Leute im Haus waren, und daß er
-nie hoffen durfte, seinen Zweck mit Gewalt zu erreichen.
-Er hätte sich nur selber der größten Gefahr
-ausgesetzt.</p>
-
-<p>»Also Ihr leugnet bestimmt, daß Ihr mich kennt?«
-sagte er endlich, nach einer ziemlich langen Pause.
-»Ihr leugnet, daß Ihr mich, als wir zusammen von
-Richgulch nach Macalome ritten, da, wo wir lagerten,
-überfallen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a>
-»Geht zum Teufel mit Euren albernen Märchen!«
-rief aber jetzt Bockenheim unwillig, indem er die auf
-dem Tisch stehende Klingel ergriff und heftig schellte,
-»und das sag' ich Euch, laßt Ihr Euch noch einmal
-in meinem Hause blicken, so ruf' ich die Polizei zu
-Hülfe!«</p>
-
-<p>In der Thür erschienen ein paar Peons, der Befehle
-ihres Herrn gewärtig. Der Mexikaner aber
-sah recht gut ein, daß er vor der Hand hier Nichts
-weiter ausrichten könne und jedenfalls den Kürzeren
-ziehen müsse. Er wußte aber jetzt auch, was er von
-dem Deutschen <em class="ge">im Guten</em> zu erwarten hatte. Nun
-blieb ihm nichts anderes übrig, als die Polizei zu
-Hülfe zu rufen.</p>
-
-<p>»<i>Bueno, Señor</i>,« sagte er ruhig, »ich werde
-Ihnen nicht länger zur Last fallen. &ndash; <em class="ge">Auf Wiedersehen!</em>«
-Und mit den Worten drehte er sich um und
-schritt zur Thür hinaus, wobei Bockenheim den Peons
-befahl, hinter ihm zu bleiben und aufzupassen, daß er
-auch wirklich das Haus verließ. Es wäre, wie er
-sagte, ein ganz gemeiner Vagabond, der Geld hatte
-von ihm erpressen wollen, und welchem deshalb auch
-Alles zuzutrauen. Sie sollten nur das Haus gut zuschließen.</p>
-
-<p>Kaum hatten sie übrigens den Raum verlassen,
-<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a>
-als Bockenheims Frau in furchtbarer Aufregung aus
-der nächsten Stube trat, wo sie jedenfalls das Ganze
-angehört haben mußte.</p>
-
-<p>»Um Gottes Willen, Caspar!« rief sie, »was war
-das? Was ist vorgefallen? Was hattest Du mit dem
-Mann?«</p>
-
-<p>»Was ich mit dem Mann hatte?« sagte Bockenheim,
-der mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen
-Brauen finster brütend mitten in der Stube
-stand. »Nichts &ndash; gar Nichts! Ein Betrüger war es,
-der Geld von mir erpressen wollte &ndash; aber wenn er
-mir wieder kommt &ndash; beim ewigen Gott&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Frau hatte ängstlich zu ihm aufgeschaut.</p>
-
-<p>»Und kanntest Du den Mann gar nicht? &ndash; Hast
-Du ihn nie früher gesehen oder mit ihm gesprochen?«</p>
-
-<p>»Nie &ndash; der Henker soll all' das mexikanische Gesindel
-kennen, das sich in Kalifornien in den Minen
-herumtreibt!«</p>
-
-<p>»Und was verlangte er von Dir?«</p>
-
-<p>»Ach, Unsinn,« erwiderte mürrisch, aber doch ausweichend
-der Mann, »er &ndash; er wollte nur Geld geborgt
-haben.«</p>
-
-<p>»Er sprach von einem Todtschlag,« flüsterte die
-Frau.</p>
-
-<p>»Bah &ndash; Geschwätz &ndash; laß mich mit dem Blödsinn
-<a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a>
-zufrieden!« rief Bockenheim. »Der Kerl ist verrückt,
-und, wahrscheinlich ohne Centabo aus den Minen
-zurückgekehrt, hat er vielleicht hier gehört, daß ich Glück
-dort oben gehabt, und will mir nun ein paar hundert
-Dollars abschwindeln. Aber verdamm mich! er ist an
-den Unrechten gekommen. Wo hat er Beweise? &ndash;
-Nichts &ndash; gar nichts &ndash; es ist Nichts, als niederträchtige
-gemeine Lüge &ndash; weiter Nichts,« und damit verschränkte
-er die Arme wieder und ging mit raschen,
-unruhigen Schritten in dem so behaglich eingerichteten
-Zimmer auf und ab.</p>
-
-<p>Die Frau hatte, während ihr Mann sprach, keinen
-Blick von ihm verwandt, und eine unsagbare Angst
-ergriff ihr Herz. Aber es war nicht die Furcht, daß
-ihr Mann ein Verbrechen verübt haben, sondern die,
-daß es entdeckt werden könne, und mit leiser Stimme
-sagte sie endlich:</p>
-
-<p>»Laß uns fort von hier, Caspar &ndash; ich habe Dich
-schon lange darum gebeten; wärst Du mir nur gefolgt.«</p>
-
-<p>»Ja, und eben <em class="ge">weil</em> ich Dir gefolgt <em class="ge">bin</em>, können
-wir es jetzt nicht,« knurrte Bockenheim ärgerlich, »denn
-den ganzen Plunder, den ich mir Deinetwegen angeschafft,
-kann ich nicht auf den Buckel nehmen.«</p>
-
-<p>»So laß die Sachen hier! &ndash; Was liegt daran?
-Gieb Jemand den Auftrag, sie unter der Hand oder
-<a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a>
-auf Auktion zu verkaufen. &ndash; Uebermorgen geht der
-Dampfer nach Panama &ndash; übermorgen können wir
-weit draußen in See schwimmen und wieder nach
-Deutschland fahren, und dorthin kommt der freche
-Bursche gewiß nicht.«</p>
-
-<p>»Hm,« sagte Bockenheim, der, während die Frau
-sprach, leise vor sich hin mit dem Kopf genickt hatte,
-»das ginge vielleicht &ndash; aber wenn er mich hier
-verklagt?«</p>
-
-<p>»Bah, <em class="ge">Du</em> kennst doch die peruanischen Richter,«
-lachte die Frau, »und dann wäre es doch wahrhaftig
-schlimm, wenn jeder Lump da ohne Beweise, ohne
-Zeugen herkommen und einen ehrlichen Mann eines
-Verbrechens anklagen könnte, das er tausend Meilen
-von hier entfernt begangen haben soll. Es ist kein
-Sinn und Verstand darin.«</p>
-
-<p>Bockenheim war wieder eine Weile in dem Zimmer
-auf und ab gelaufen und schien noch nicht mit sich im
-Reinen.</p>
-
-<p>»Und wenn Du <em class="ge">meinem</em> Rath folgst,« sagte die
-Frau, die <em class="ge">ihre</em> Sinne wenigstens vollkommen beisammen
-hatte, »so gehst Du jetzt vor allen Dingen
-augenblicklich selber auf die Polizei und machst die
-Anzeige, daß ein mexikanischer Strolch, der wahrscheinlich
-davon gehört hätte, daß Du Lima mit dem
-<a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a>
-nächsten Dampfer verlassen wolltest &ndash; verstehst Du
-mich? &ndash; zu Dir gekommen wäre und gesucht hätte,
-ein paar hundert Dollars von Dir zu erpressen.«</p>
-
-<p>»Hm &ndash; und dann?«</p>
-
-<p>»Nun, dann bittest Du den Direktor oder wie der
-Beamte heißt, ein wachsames Auge auf den Burschen
-zu haben; denn Du fürchtetest, daß er Dir nach dem
-Leben trachte, weil Du ihn so grob abgewiesen.«</p>
-
-<p>»Er wird mir sagen, daß ihn das nichts anginge.«</p>
-
-<p>»Kommt es Dir auf hundert Dollars an?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Gut, dann gieb ihm die und bitte ihn, sie unter
-ein paar Polizeidiener zu vertheilen, daß sie sich hier
-in der Nähe des Hauses aufhalten.«</p>
-
-<p>»Bah, dann steckt er sie einfach in die Tasche,«
-brummte Bockenheim, »ich müßte meine Peruaner
-nicht kennen.«</p>
-
-<p>»Und soll er denn das nicht?« rief die Frau. »Du
-bist wie ein kleines Kind. Nachher weißt Du aber
-doch sicher, daß er Deine Partei nimmt. &ndash; Hab' ich
-nicht Recht?«</p>
-
-<p>Bockenheim lachte &ndash; zum ersten Mal wieder an
-dem Morgen.</p>
-
-<p>»Wahrhaftig, Schatz, ich glaube, ich werd's so
-machen,« rief er, indem er seinen Panamahut von dem
-<a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a>
-nächsten Stuhl nahm, »und kannst Du bis morgen
-Abend mit Packen fertig werden?«</p>
-
-<p>»Bis <em class="ge">heut</em> Abend, wenn es sein muß. Der
-Tischlermeister Müller kann nachher Alles übernehmen,
-was hier zurückbleibt. Hast Du noch Schulden
-in Lima?«</p>
-
-<p>»Keinen Pfennig.«</p>
-
-<p>»Desto besser &ndash; das Geld schickt er uns später an
-eine Adresse, die wir ihm aufgeben. Geh nur rasch,
-daß Du keine Zeit versäumst.«</p>
-
-<p>»Und wenn der &ndash; Schuft jetzt zurück käme?«</p>
-
-<p>»Wenn <em class="ge">ich</em> mich nicht fürchte, brauchst Du doch
-keine Angst zu haben. Ich gebe Dir mein Wort,
-daß ich den Burschen, falls er noch einmal Lust haben
-sollte einzudringen, in sicherer Entfernung halten
-werde. Laß ihn nur kommen; unsere Leute hier im
-Haus werden wahrhaftig kurzen Prozeß mit ihm
-machen.«</p>
-
-<p>Der Mann blieb einen Augenblick zögernd an der
-Thür stehen, als ob er noch etwas sagen wollte; aber
-plötzlich drehte er sich scharf auf dem Hacken herum
-und schritt wenige Minuten später die Straße hinab,
-über die Plaza und dem Polizeigebäude zu.</p>
-
-
-
-
-<h3><a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a>
-<span class="subheader"><span class="ge">Drittes Kapitel.</span></span><br />
-
-Die Flucht.</h3>
-
-
-<p>Der Mexikaner Felipe Corona, wie er mit Namen
-hieß, verließ indessen mit bitteren Rachegedanken das
-Haus des Deutschen. Aber während er die Straße
-hinab schritt, war er sich doch auch bewußt, auf wie
-unsicherer Basis die Klage ruhte, die er hier, selber
-ein Fremder, gegen einen in Lima ansässigen Mann
-vorbringen wollte. Und sollte er ihn deshalb im Besitz
-aller der Schätze lassen, die, wie er fest behauptete,
-ihm &ndash; allein nur ihm gehörten? Nein! bei dem
-Blute des Gekreuzigten, nein. Wahrlich nicht, so
-lange seine Faust noch ein Messer führen konnte, und
-wenn ihm die Peruaner sein Recht nicht verschafften
-&ndash; er biß die Zähne fest zusammen und schritt, finster
-vor sich hin brütend, die Straße hinab, wo er das
-Haus eines Advokaten wußte. Der sollte ihm helfen
-&ndash; oder doch wenigstens einen Rath geben, wie er
-sich zu verhalten habe, welche Schritte er hier in dem
-fremden Lande thun müsse, um den Schuldigen zu
-überführen und zu strafen.</p>
-
-<p>Er fand den Herrn auch zu Hause, und zwar
-ziemlich behaglich in einer Hängematte liegend und
-eine Cigarre rauchend; was sollte er sich bei der
-<a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a>
-Hitze anstrengen, wo er es so bequem haben konnte?
-Die Geschäfte mochten eben warten bis die Abendkühle
-eintrat &ndash; oder vielleicht auch bis morgen früh.
-Die Gerechtigkeit ist blind und kann sich deshalb nicht
-Hals über Kopf in einen Strudel von Arbeiten stürzen;
-sie muß eben langsam und vorsichtig zu Werke gehen.</p>
-
-<p>Nach dem eintretenden Mexikaner drehte er auch
-kaum den Kopf, als dieser das kühle, luftige Gemach
-betrat. Der Mann trug einen Poncho, war also jedenfalls
-ein Peon oder Diener, denn ein Caballero ging
-nicht mehr mit diesem eigentlich alt-peruanischen
-Kleidungsstück über die Straße; es war völlig aus der
-Mode gekommen. Er brachte ihm wahrscheinlich eine
-Botschaft, und die konnte er ebenso gut liegend anhören
-&ndash; ja eigentlich noch viel besser.</p>
-
-<p>»Und was wollt Ihr, <i>amigo</i>?«</p>
-
-<p>»Eure Hülfe oder Euren Rath, Sennor, gegen
-einen Schurken,« sagte der Mexikaner ruhig.</p>
-
-<p>»So? Hm &ndash; und wie heißt der Schurke?«</p>
-
-<p>»Er ist ein Fremder, Don Gaspard, der aus Kalifornien
-mit vielem Geld hierher gekommen.«</p>
-
-<p>»So? Der Deutsche? Und was habt Ihr gegen
-ihn?«</p>
-
-<p>»Das Gold, das er mitgebracht, ist <em class="ge">mein</em>,« sagte
-der Mexikaner ruhig, »ich hielt ein Spielzelt am
-<a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a>
-Richgulch in Kalifornien und verkaufte zugleich Waaren.
-Ich verdiente <em class="ge">viel</em> Gold. Da aber die Americanos
-dort kein Spiel mehr haben wollten, trieben sie uns
-fort, und ich lud mein Gold und meine Waaren auf
-Maulthiere und zog nach dem Macalome hinüber, wo
-ich noch einen Bruder hatte. Mit diesem wollte ich
-nach Mexiko zurückkehren &ndash; ich brauchte nicht mehr.
-Unterwegs traf ich den <i>Aleman</i>. Es sind sonst gute,
-rechtliche Leute, und wir Mexikaner verkehrten dort
-nur mit ihnen und den Franzosen. Ich freute mich,
-daß ich Begleitung bekam; denn ich hielt mich mit
-meinen schwer beladenen Thieren nicht für ganz sicher
-im Wald. Manchen von uns hatten die Amerikaner
-gemordet, und uns selber wurde es dann zur Last
-gelegt. Ich hatte mir aber den schlimmsten Feind zu
-meiner Begleitung ausgesucht. Als wir, kaum noch
-eine halbe Legua vom Macalome entfernt, eine kurze
-Zeit im Wald rasteten, nahm er die Gelegenheit wahr
-und schlug mich mit seinem schweren Messer über den
-Kopf &ndash; hier an der Seite, Sennor, seht Ihr noch die
-kaum verharrschte Narbe. Ich brach besinnungslos
-zusammen, und er hielt mich jedenfalls für todt; ich
-war es auch fast. Landsleute fanden mich später und
-trugen mich in die Minerstadt, und als ich nach Wochen
-wieder zu mir kam und meinen Bruder an meinem
-<a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a>
-Bett sitzend fand, war meine erste Frage nach meinen
-Thieren, meinen Schätzen &ndash; umsonst &ndash; man hatte Nichts
-bei mir gefunden &ndash; gar Nichts &ndash; der Räuber mußte
-Alles mit fortgenommen haben, Thiere, Waaren und
-Gold, und ich war wieder arm, wie ein Bettler.«</p>
-
-<p>»Hm &ndash; eine verwünschte Situation,« brummte
-der Advokat, sich eine neue Cigaretta anzündend, »und
-Ihr wißt gewiß, daß dieser Don Gaspard derselbe ist,
-der Euch damals begleitete?«</p>
-
-<p>»Hört nur weiter,« fuhr der Mexikaner fort.
-»Vierzehn Tage brauchte ich wohl noch, bis ich mich
-vollständig erholt hatte und meine Wunde vernarbt
-war &ndash; dann folgte ich seinen Spuren. Mein Bruder
-hatte mir einige Unzen Gold geborgt, damit wanderte
-ich aus, und es dauerte nicht lange, so war ich auf der
-Fährte des Mörders. In Stockton hatte er meine
-Maulthiere und Waaren verkauft und war zu Schiff
-nach San Francisco gefahren, und bald erfuhr ich, daß
-er nach Panama gegangen. Ich nahm Zwischendeckspassage
-und folgte ihm. In Panama ließ ich mir die
-Passagierlisten geben und sah seinen Namen nach
-Peru eingeschrieben. &ndash; Ich mußte mein Geld sparen
-und bekam freie Passage als Kajütenaufwärter hierher.
-&ndash; Ich brauchte in Lima nicht lange nach ihm zu
-suchen. Das Gerücht, daß er so viel Gold in den
-<a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a>
-kalifornischen Minen gefunden, hatte ihn rasch bekannt
-gemacht. Ich habe ihn heute gesehen.«</p>
-
-<p>»In der That?« rief der Advokat, der sich doch
-jetzt für die Sache zu interessiren anfing, indem er sich
-in seiner Hängematte halb emporrichtete, »und was
-sagte er?«</p>
-
-<p>»Er leugnet Alles.«</p>
-
-<p>»Nun natürlich, versteht sich von selbst &ndash; aber wo
-haben Sie Ihre Zeugen?«</p>
-
-<p>»Zeugen habe ich gar nicht &ndash; wir waren
-allein.«</p>
-
-<p>»Den Teufel auch! gar keine Zeugen? Aber es hat
-Sie doch dort Jemand zusammen wegreiten sehen, oder
-Sie sind Anderen begegnet?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Allerdings &ndash; Menschen genug; aber wer das
-war und wo die jetzt sind, wer könnte es sagen?«</p>
-
-<p>»Bitte, lieber Freund,« sagte der Advokat, sich jetzt
-in seiner Hängematte aufsetzend, »wollen Sie mir vielleicht
-vorher erklären, ob Sie über bedeutende Mittel
-verfügen, um einen längeren Prozeß durchzuführen?
-Hundert Dollars müssen vor allen Dingen einmal
-bei mir deponirt werden, nur um die ersten Ausgaben
-zu decken.«</p>
-
-<p>»Ich besitze nicht einmal mehr hundert Dollars
-in meinem ganzen Vermögen,« sagte der Mexikaner
-<a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a>
-finster, »jener Schuft hat mir ja <em class="ge">Alles</em> geraubt; aber
-wenn mir mein Recht zugesprochen wird&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie einen Augenblick, daß ich Sie
-unterbreche. Habe ich den Fall folgender Art klar verstanden,
-daß Sie von Kalifornien, <em class="ge">ohne</em> Geld in der
-Tasche, hierher gekommen sind, um einen hier ansässigen
-Fremden anzuklagen, daß er an Ihnen in den
-kalifornischen Wäldern einen Raubmord verübt und
-Ihnen Alles abgenommen hat, ohne dafür weitere
-Zeugen und Beweise beibringen zu können, als Ihr
-Wort?«</p>
-
-<p>»Das ist genau so der Fall,« sagte der Mexikaner;
-der Advokat fiel aber in seine Hängematte zurück, als
-ob er geschossen wäre, pfiff nur leise vor sich hin und
-sah nach der Decke hinauf.</p>
-
-<p>»Und wollen Sie mir dazu verhelfen?« fragte der
-Mexikaner.</p>
-
-<p>»Mein sehr verehrter Herr,« sagte der Rechtsanwalt,
-ohne aber seine Stellung im Mindesten zu
-verändern, »vorher erlauben Sie mir denn wohl die
-Frage an <em class="ge">Sie</em> zu richten: Halten Sie mich für verrückt?«</p>
-
-<p>»Aber wenn ich, was ich sage, auf die Hostie beschwören
-kann?« rief der arme Teufel. »Trag' ich
-denn nicht die Narbe jener Wunde, die mir sein
-schweres Messer geschlagen, auf dem Kopf?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a>
-»Reden Sie keinen Unsinn,« bemerkte der Peruaner,
-»als vernünftiger Mann müssen Sie doch einsehen,
-daß Sie mit der Narbe weiter Nichts beweisen
-können, als früher einmal einen Hieb über den Kopf
-bekommen zu haben. <em class="ge">Wo</em> aber das geschehen ist und
-durch <em class="ge">wen</em>, mögen Sie selber wohl sehr genau wissen,
-werden aber keinen Richter davon überzeugen können.«</p>
-
-<p>»Aber ist denn gar keine Gerechtigkeit in Peru?«
-rief der Mexikaner bestürzt aus. »Soll denn der
-Räuber das Gold behalten dürfen?«</p>
-
-<p>»Gerechtigkeit genug,« erwiderte der Advokat.
-»<em class="ge">Sie</em> behaupten, das Geld gehöre Ihnen, <em class="ge">er</em> behauptet,
-es wäre das seine. Befände sich die Summe in den
-Händen des Gerichts, so bekämen Sie, aller Wahrscheinlichkeit
-nach, Beide keinen kupfernen Centabo
-davon. So hat es aber der Deutsche, und daß der
-<em class="ge">gutwillig</em> etwas davon herausgeben sollte, bezweifle
-ich &ndash; versuchen Sie's aber immerhin noch einmal,
-denn ohne die geringste Beweisführung können die
-Gerichte gar nicht gegen ihn einschreiten.«</p>
-
-<p>»Und wenn er sich weigert?«</p>
-
-<p>Der Advokat zuckte mit den Achseln.</p>
-
-<p>»Und Sie wollen sich meiner nicht annehmen?«</p>
-
-<p>»Lieber Freund, ich <em class="ge">habe</em> mich Eurer angenommen,«
-rief der Advokat, »und wenn Ihr nicht ein
-<a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a>
-armer Teufel wäret, so bäte ich mir jetzt eine halbe
-Unze für die Berathung aus &ndash; aber ich will Nichts,
-als daß Ihr mich nun ungeschoren laßt, denn ich mag
-mit der Sache nichts weiter zu thun haben.«</p>
-
-<p>»Dann muß ich mir selber helfen,« knirschte der
-Mexikaner zwischen den zusammengebissenen Zähnen
-durch.</p>
-
-<p>»Das ist jedenfalls das Gescheuteste,« nickte der
-Advokat lächelnd vor sich hin, »aber auch zu gleicher
-Zeit ein etwas gefährliches Experiment. Seid Ihr
-kitzlich am Hals, <i>amigo</i>?«</p>
-
-<p>Der Mexikaner antwortete nicht; er hatte ein paar
-Momente schweigend vor sich nieder gestarrt; jetzt
-drehte er sich plötzlich um und schritt der Thür wieder
-zu. »<i>Buenos dias, Señor</i>,« sagte er dabei. »Vielen
-Dank für den guten Rath &ndash; ich werde meinem Hals
-ganz besondere Vorsicht widmen. &ndash; <i>Dios lo paga</i>,«
-und damit verschwand er aus der Thür.</p>
-
-<p>»Ja wohl,« brummte der Advokat vor sich hin,
-»<i>Dios lo paga</i> &ndash; wenn der liebe Gott alle die
-Wechsel acceptiren sollte, die auf ihn gezogen werden,
-wäre er nicht allein allmächtig, sondern auch allbeschäftigt.
-&ndash; Lumpengesindel! Daß der Präsident nur
-so viel Vergnügen daran findet, die Fremden ins Land
-zu ziehen &ndash; wenn ich wie er wäre, hielt ich unsere Race
-<a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a>
-rein &ndash; dann bliebe doch auch noch etwas zu verdienen,«
-und sich wieder lang ausstreckend, gab er sich
-bald ganz seiner Siesta hin.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Der Mexikaner verließ das Haus, aber nicht etwa,
-um nach des Advokaten Rath einen gütlichen Vergleich
-mit seinem Feind zu schließen, sondern sein Glück noch
-einmal auf der Polizei zu suchen, traf es aber dort
-nicht glücklich, denn Bockenheim war schon vor ihm
-da gewesen, und der eine Beamte fuhr den armen
-Teufel so wild an, als ob er ihn auf der Straße gefunden
-hätte. Er sollte sich auch selber legitimiren,
-ehe er einen Anderen, einen bis dahin unbescholtenen
-Mann eines Verbrechens zeihen wollte, und da er das
-nicht vermochte, wurde er bedeutet, binnen acht Tagen
-einen Nachweis zu bringen, womit er sich hier ernähre,
-oder die Stadt zu verlassen.</p>
-
-<p>Damit durfte er gehen. Eine ganze Hölle aber
-von Wuth und Ingrimm im Herzen, und düsteren
-Gedanken folgend, wühlte seine Hand, während er
-über die Straße schritt, wild und trotzig in dem
-schwarzen struppigen Vollbart, daß ihm die Begegnenden
-scheu auswichen und ihm nachsahen, so lange sie
-ihm mit den Augen folgen konnten.</p>
-
-<p>Er befand sich auch in der That in einer verzweifelten
-<a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a>
-Lage; denn was er hier in Peru für Schutz von
-den Gerichten zu erwarten hatte, davon war ihm eben
-der vollgültige Beweis geliefert worden. Und was
-sollte er jetzt thun? Den Räuber in seiner eigenen
-Höhle aufsuchen und niederstechen? Damit hätte er
-allerdings seiner <em class="ge">Rache</em> genügt, aber für sich auch gar
-Nichts erreicht; denn es war nicht denkbar, daß er das
-Gold in seiner Wohnung liegen hatte. Aber selbst
-wenn das der Fall gewesen wäre, wie blieb ihm nachher
-Zeit darnach zu suchen? Und <em class="ge">wurde</em> er ergriffen,
-so konnte die Warnung des Advokaten zur Wahrheit
-werden.</p>
-
-<p>Und in Güte? &ndash; Er traute dem Deutschen nicht
-&ndash; wenn er ihm aber nun anbot, die <em class="ge">Hälfte</em> des
-Raubes ungestört und als rechtmäßiges Eigenthum zu
-behalten, mußte er da nicht mit beiden Händen zugreifen?
-&ndash; Er wollte wenigstens den Versuch machen,
-und gestand er ihm selbst das nicht zu &ndash; dann Auge
-um Auge, Zahn um Zahn! Und mit dem Entschluß
-schritt er auf das nicht mehr ferne Haus des
-Deutschen zu. &ndash; Hier erwartete ihn aber eine Ueberraschung.</p>
-
-<p>Kaum näherte er sich der kleinen, grün lackirten
-Thür, die hinein führte, als von der gegenüber liegenden
-Seite der Straße ein Polizeidiener, der dort vor
-<a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a>
-einem Bilderladen gestanden hatte, auf ihn zu kam
-und ziemlich barsch sagte:</p>
-
-<p>»<i>Compañero</i>, wollt Ihr einen guten Rath annehmen?«</p>
-
-<p>»<i>Como no, compañero?</i>« erwiderte der Mexikaner
-eben nicht in besonderer Laune, »aber ich weiß nicht,
-daß ich Euch schon darum gebeten hätte.«</p>
-
-<p>»Thut auch nicht nöthig,« lautete die Antwort.
-»Ihr seid doch der Mexikaner, wie?«</p>
-
-<p>»Ob ich <em class="ge">der</em> Mexikaner bin, weiß ich nicht &ndash; <em class="ge">ein</em>
-Mexikaner bin ich gewiß. Weshalb?«</p>
-
-<p>»Oh, nur wegen einer Kleinigkeit &ndash; wegen dem
-Hause da. Ich bin hierher gestellt, um Euch abzuweisen,
-wenn Ihr das <em class="ge">erste</em> Mal kommt, und Euch
-auf die Polizei zu schaffen, wenn Ihr den Versuch zum
-zweiten Mal machen solltet.«</p>
-
-<p>»Aber ich habe mit dem Sennor da drinnen zu
-reden.«</p>
-
-<p>»Ja, das glaub' ich Euch wohl,« lachte der Polizeidiener,
-»aber <em class="ge">er</em> nicht mit <em class="ge">Euch</em>, und nun tragt Euren
-Schatten in ein anderes Stadtviertel hinüber, hier
-habt Ihr Nichts mehr zu suchen.«</p>
-
-<p>»Und wenn ich ihm selbst nur einen Vorschlag zur
-Güte zu machen hätte &ndash; es wäre vielleicht in zehn
-Minuten erledigt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a>
-»Er hat mir besonderen Auftrag gegeben, Euch
-unter gar keinem Vorwand zu ihm zu lassen. Was
-Ihr von ihm wollt, das sollt Ihr vor den Gerichten
-anbringen &ndash; und so gehört sich's auch, also helfen
-Euch keine weiteren Redensarten, und nun <i>vamos
-nos</i>, denn ich möchte hier nicht länger bei Euch in der
-Sonne stehen bleiben.«</p>
-
-<p>»Also er verweigert jeden weiteren Verkehr mit
-mir?«</p>
-
-<p>»Na ja, nun fangt Ihr noch einmal von vorne an!
-Ich dächte doch wahrhaftig, ich hätte deutlich genug
-gesprochen. Laßt Ihr Euch noch einmal hier am
-Hause sehen, so werdet Ihr beigesteckt. Habt Ihr <em class="ge">das</em>
-verstanden?«</p>
-
-<p>»Ja wohl, <i>amigo</i> &ndash; es war nicht mißzuverstehen;
-also <i>adios</i> und einen vergnügten Abend auf der Promenade,«
-und damit rückte der Mexikaner seinen
-Hut und schritt rasch und trotzig die Straße hinab.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Von dem Augenblick an ließ er sich nicht wieder in
-der Gegend der Stadt blicken, ja, er mußte Lima ganz
-verlassen haben, da ihn keiner der Polizeileute selber
-nachher mehr zu Gesicht bekam. Bockenheim war
-übrigens gar nicht böse darüber, denn er behielt jetzt
-völlig freien Raum, um seine Vorbereitungen zu schleuniger
-Abreise zu treffen. Er übergab, wie ihm seine
-<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a>
-Frau gerathen hatte, seine ganze, ziemlich werthvolle
-Einrichtung einem bekannten Deutschen, der das dafür
-gelöste Geld dem ***schen Konsul überliefern
-sollte, und fuhr dann, ohne von irgend wem weiter
-Abschied zu nehmen, mit seiner Frau und seinem Gold
-nach Callao hinunter, von wo der englische Dampfer
-noch an demselben Tage nach Guayaquil, und von da
-weiter nach Panama abging.</p>
-
-<p>Das war ein wonniges Gefühl, als die Räder
-des mächtigen Fahrzeuges erst zu arbeiten begannen,
-der scharfe Bug die Wasser theilte und das Boot das
-Land immer weiter und weiter zurückließ, bis sie
-endlich draußen, weit draußen in See auf der blauen
-Tiefe schwammen.</p>
-
-<p>»Gott sei Dank!« murmelte er leise vor sich hin,
-als er vorn am Bug stand und mit leuchtenden
-Blicken die Schnelle beobachtete, mit welcher sich der
-Dampfer vom Hafen entfernte. »Gott sei Dank, und
-nun kann Don Felipe, wenn er wieder nach Lima zurückkommt,
-sich ein Vergnügen machen, mich dort aufzusuchen.
-Daß der Schuft auch&nbsp;&ndash;,« er murmelte das
-Uebrige nur leise durch die Zähne; denn selbst die
-neben ihm stehende Frau sollte nicht erfahren, nach
-welcher Richtung seine Gedanken abschweiften.</p>
-
-<p>Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine
-<a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a>
-Vergnügungstour, und die fünf Tage vergingen den
-Reisenden wie im Flug. Besonders genoß aber Madame
-Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt,
-war sie hier vollkommen im Stande, die vornehme
-Frau zu spielen, und that das wirklich nach
-besten Kräften. Auf der spiegelglatten See und dem
-geräumigen Fahrzeug wurde natürlich Niemand krank.
-Damen kleiden sich trotzdem gewöhnlich an Bord
-außerordentlich einfach, denn sämmtliche Passagiere
-bilden ja doch, für die Dauer der Reise, gewissermaßen
-<em class="ge">eine</em> Familie, und man ist da nicht gern genirt. Es
-befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas
-in der Kajüte &ndash; einige davon aus den ersten
-Familien Lima's und Valparaiso's, auf einer Vergnügungstour
-nach Europa; aber wirkliche Toilette
-machten sie auf der ganzen Reise nicht, und gingen
-nur gewöhnlich in einem ganz einfachen Hauskleid, in
-dem sie sich frei und bequem bewegen konnten.</p>
-
-<p>Madame Bockenheim <em class="ge">strahlte</em> zwischen ihnen;
-schon zum Frühstück rauschte sie in Seide und Spitzen
-unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie sogar
-mit ihrem Brillantschmuck und lächelte vergnügt vor
-sich hin, wenn die anderen Damen leise mitsammen
-zischelten &ndash; war es ja doch nur der blasse Neid, der
-sie bewegte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a>
-Am fünften Tag erreichten sie Guayaquil, die
-südliche Hafenstadt Ecuadors; aber die Passagiere bekamen
-keine Zeit, das Land zu betreten, da sich der
-Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die für
-Ecuador bestimmten Passagiere absetzte, Andere für
-Panama an Bord nahm und dann augenblicklich
-wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt
-kaum Gelegenheit, eine Partie der wundervollen
-Früchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der
-ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit
-ihrem Arom erfüllten.</p>
-
-<p>Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord
-gekommen, besonders aber viel Kajüten-Passagiere, da
-eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte,
-und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen,
-dieselbe in einem anderen Theile Amerika's abzuwarten.
-Es fehlte dadurch fast an Bedienung an
-Bord, und besonders mußten alle Aufwärter aus der
-vorderen Kajüte oder vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen
-werden, um bei Tisch zu bedienen. Die
-Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein
-fertig wurden; denn viel Umstände machte man mit
-denen nicht.</p>
-
-<p>Am besten bedient waren aber, merkwürdiger
-Weise, die beiden Deutschen an Bord, Bockenheim
-<a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a>
-und seine Frau; denn einer der Aufwärter, den sie
-bis Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm
-sich ihrer an und schien nur auf ihren Wink zu lauschen,
-um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen. War
-es, daß ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte,
-oder hatte er sich vielleicht kluger Weise eine
-ihm reich scheinende Familie ausgesucht, um dann
-nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld
-zu erhalten: genug, wenn er sich selbst am entferntesten
-Ende des Salons befand und Bockenheim drehte nur
-den Kopf, so schoß er schon herbei, um seine Befehle
-zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszuführen.</p>
-
-<p>Leider war der Bursche &ndash; Peruaner oder Ecuadorianer
-ließ sich nicht gut unterscheiden, da man alle
-möglichen Schattirungen der Haut bei beiden Völkern
-trifft &ndash; vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit
-ihm also nicht möglich, auch trug er um das linke
-Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt konnte man
-ihn nicht hübsch nennen, denn eine auffallend dicke
-Oberlippe gab seinem Gesicht einen merkwürdigen,
-fast unangenehmen Ausdruck. Aber er blieb die
-Gefälligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann
-sich dadurch die Zuneigung der Frau auf das Vollständigste.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a>
-Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich
-Panama erreichten, wo die Passagiere in den Hôtels
-den Abgang der »Karavane« erwarten mußten, gab sie
-ihm selber »für gute Bedienung« ein Zwanzig-Frankenstück,
-und hatte dafür die Genugthuung, daß er ihr
-demüthig und dankbar die Hand küßte. Sprechen
-konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen
-hatte er ihnen schon früher einmal aufschreiben müssen.
-Er hieß Pablo.</p>
-
-<p>In Panama wurden die Reisenden einige Tage
-aufgehalten; denn die Eisenbahn, die den Isthmus
-kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie
-mußten deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren
-Weg per Maulthier zu Land bis dahin zurücklegen,
-wo sie den Chagresfluß erreichten, und dann
-ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes,
-und von der Strömung getragen, bequemer fortsetzen
-konnten.</p>
-
-<p>Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere
-Weg; denn amerikanisches Gesindel hatte in der letzten
-Zeit angefangen, den von Kalifornien zurückkehrenden
-und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern
-und sie zu überfallen und zu berauben. Ja
-sogar verschiedene Mordthaten waren verübt worden,
-so daß sich Niemand mehr allein über den Isthmus
-<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a>
-getraute, sondern die Reisenden, wenn der Dampfer
-in Panama landete, jedesmal geschlossene und gut bewaffnete
-Züge bildeten, von denen die Strauchdiebe
-dann wohl die Hände lassen mußten.</p>
-
-<p>So geschah es auch hier. Der Dampfer von
-San Francisco hätte eigentlich auch gerade in dieser
-Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da
-die vom Süden kommenden Passagiere ebenfalls schon
-einen ganz ansehnlichen Zug stellen konnten, beschlossen
-sie, nicht auf das Unbestimmte in dem überdies entsetzlich
-theuren Panama zu warten, sondern ungesäumt
-ihre kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen.</p>
-
-<p>Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft,
-und so arg mußten es die Isthmus-Räuber doch in
-der letzten Zeit getrieben haben, daß sich die Neu-Granadiensische
-Regierung sogar veranlaßt sah, den
-Reisenden als Schutz eine kleine Abtheilung Kavallerie
-mitzugeben, um ihre Truppe zu verstärken und sicher
-zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel
-Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch
-wenigstens zeigen, daß man den guten Willen hatte,
-Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewähren.
-Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall
-einer größeren Horde hätten sich die Neu-Granadiensischen
-<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a>
-Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange
-aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben
-einer Anzahl Fremder wegen aufs Spiel stellen?</p>
-
-<p>Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden,
-daß sie allein durch den Lärm, den sie machten, Achtung
-einflößen konnten, und mit gutem Muth begannen sie
-die Tour, die freilich schon an und für sich durch den
-weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in
-Mittel-Amerika genug des Unangenehmen bot &ndash;
-ohne noch Räubern und Mördern auf der Straße zu
-begegnen.</p>
-
-<p>Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen,
-eine Ueberraschung bevor; denn als an dem
-Morgen im Hof des Panama-Hôtels die Maulthiere
-vorgeführt wurden, um beladen zu werden, meldete
-sich plötzlich der gefällige Kellner vom Dampfboot,
-der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so viel Freude
-und machte ihr durch Zeichen so klar, daß er ebenfalls
-über den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle,
-daß sie den Burschen augenblicklich engagirte. Ein
-treuer Diener war auf einer solchen Reise allerdings
-von unschätzbarem Werth, und Bockenheim, der mit
-Maulthieren nicht besonders umzugehen wußte,
-zeigte sich mit der neuen Acquisition vollkommen einverstanden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a>
-Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er
-sah augenblicklich die Packsättel der Maulthiere nach
-und warf den einen, der nicht ordentlich aufgelegt
-schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter
-liegenden Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere
-nicht wund gedrückt würden. Dann sprang er hinauf,
-um das Gepäck zu holen, und wenn Bockenheim das
-auch lieber selber besorgt hätte &ndash; denn die kleinen
-Colli enthielten viel Gold und waren schwer &ndash; so
-hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts zu
-fürchten, und der arme <em class="ge">stumme</em> Mensch konnte auch
-Nichts ausplaudern, und schien überhaupt sehr stiller,
-friedlicher Natur.</p>
-
-<p>Durch Pablo's Hülfe gelang es ihm auch weit
-rascher, mit all' seinen Vorbereitungen zu Stande zu
-kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall gewesen
-wäre, und kaum eine Stunde später setzte sich
-der Zug in Bewegung, um so bald als möglich die
-Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Viertes Kapitel.</span></span><br />
-
-Auf dem Chagresfluß.</h3>
-
-
-<p>Es war in der That eine mühsame Tour. Wer
-noch nie diese tropische, dicht bewaldete und von ewigem
-<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a>
-Regen feucht gehaltene Wildniß durchwandert hat,
-kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten
-machen, die sich da dem Reisenden entgegenstellen
-und ihm überall Hindernisse in den Weg
-werfen.</p>
-
-<p>Die Vegetation ist unglaublich, und während
-Palmen und Laubhölzer ein anscheinend festes Dach
-über den Wanderer wölben, daß kein Sonnenstrahl
-wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise
-seine heiße Stirn kühlen kann, läßt es den niederfluthenden
-Regen in Strömen durch, denn jedes
-Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der
-Boden wird dadurch natürlich fortwährend naß und
-weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen nach
-allen Richtungen hin den Pfad, so daß die Maulthiere
-bald hier, bald da bis über die Knie im Morast versinken
-und manchmal durch die Treiber selber wieder
-herausgehoben und auf die Füße gebracht werden
-müssen. Und dabei dies oft undurchdringliche Unterholz
-mit dornigen Schlingpflanzen, breiten, nassen
-Blättern, Palmschößlingen und niederen Büschen,
-durch das man sich an vielen Stellen die Bahn mit
-dem Messer oder der <i>macheta</i> hauen muß, und in
-welchem die Thiere trotzdem überall hängen bleiben.</p>
-
-<p>Kein Wunder, daß man auf solchem Boden nur
-<a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a>
-kleine, sehr kleine Tagereisen machen kann. Den
-Abend verbringen die total durchnäßten Reisenden
-dann unter einem von Palmblättern rasch hergestellten
-und sogenannten Rancho, unter dem sie wenigstens
-trocken liegen. Außerdem ist auch das Klima so
-warm, daß ihnen die Nässe selber Nichts schadet, denn
-Erkältungen kommen dort nicht vor.</p>
-
-<p>Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst,
-welchen vortrefflichen Begleiter die Familie Bockenheim
-auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo
-schien im Urwald und bei einem niederströmenden
-Regen unbezahlbar. Ohne dazu beauftragt zu sein,
-lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepäck zusammen
-auf einen engen Raum, legte die Decken darüber
-und über diese die Packsättel, und ging dann mit einem
-kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu diesem Zweck
-bei sich führte, augenblicklich daran, eine Palme zu
-fällen, die Blätter derselben dann zu spalten und nach
-einer passenden Stelle zu schaffen, wo er das Lager
-für seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte.
-Rasch hatte er jetzt Pfähle gehauen und in den Boden
-gerammt, Querhölzer darüber gelegt und deckte die
-temporäre Hütte dann mit den Palmzweigen so fest
-und dicht, daß auch kein Tropfen Regen hindurchdringen
-konnte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a>
-Auch weiche breite Blätter suchte er aus, um ein
-bequemes Lager zu bereiten, und schichtete sie dick
-unter dem Palmendach auf, so daß Bockenheim und
-seine Frau, wie sie nur erst ihr Gepäck an sich genommen
-und ihre Decken ausgebreitet hatten, so
-bequem und weich wie in einem Bette lagen.</p>
-
-<p>Dabei sorgte der stumme Diener für Alles, bereitete
-ihnen das Abendbrod, zog sich dann auf sein
-eigenes Lager am äußersten Rand des Blätterdachs
-zurück, und hatte am nächsten Morgen <em class="ge">ihre</em> Maulthiere
-zuerst von allen beigetrieben und gesattelt.</p>
-
-<p>In gleicher Art verbrachten sie das zweite Nachtquartier;
-dieser Tagemarsch war aber fast noch beschwerlicher
-gewesen, als der erste, denn ein wahrer
-Wolkenbruch entlud sich über die Höhen und wandelte
-die weiche Moorerde zu einem flüssigen Morast, so
-daß einzelne Maulthiere abgeladen werden mußten,
-um sie nur wieder aus den Sumpflöchern zu befreien,
-in denen sie eingesunken waren. Natürlich hielt das
-die ganze Karavane auf. Die einzelnen Reisenden
-durften sie doch nicht im Stich lassen, und wenn auch
-nicht mehr weit vom Chagresfluß entfernt, konnten sie
-ihn doch nicht an diesem Abend erreichen, und mußten
-zum zweiten Mal im Walde lagern.</p>
-
-<p>Endlich am dritten Morgen kamen sie in Sicht
-<a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a>
-des Stromes, und Pablo winkte hier seinem neuen Herrn,
-daß er nur bei dem Zuge bleiben solle, indeß er selber
-voraus eilte und ein Canoe für sie schaffte. Es gab
-allerdings eine Menge von Indianern in jener Gegend,
-die es einträglich gefunden hatten, sich mit dem Transport
-von Fremden zu befassen; aber es war doch
-immer besser, sich gleich von vornherein ein Canoe
-zu sichern, um nicht einmal der Möglichkeit ausgesetzt
-zu sein, in dieser Wildniß von den Uebrigen zurückgelassen
-zu werden. Jetzt nämlich, mit dem Strom vor
-sich, der sie in kurzer Zeit an die Küste bringen konnte,
-hätte Keiner mehr auf den Anderen gewartet. Es
-dauerte auch nicht lange, so kehrte Pablo zurück und
-winkte der Sennora, ihm nur zu folgen. Er mußte
-jedenfalls ein passendes Boot gefunden haben, säumte
-auch nicht lange, sondern nahm die Thiere und führte
-sie eine kurze Strecke stromauf, wo sie schon durch die
-dort offenen Büsche eine Lichtung mit einer Hütte erkennen
-konnten.</p>
-
-<p>Dicht darunter lag ein nicht sehr großes, aber
-bequemes Canoe, das er für sie gemiethet zu haben
-schien. Der Preis dafür war allerdings, wie er in
-den Sand schrieb, eine Unze, also sechszehn Dollars,
-aber auch wieder nicht zu viel, wenn man bedachte,
-wie gerade dieser Volksstamm durch den zahlreichen
-<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a>
-Verkehr verwöhnt worden war, hohe Preise zu fordern.
-Bockenheim zahlte es auch mit dem größten Vergnügen;
-denn hatten sie doch jetzt die beschwerliche und
-sogar gefährliche Landreise hinter sich, und durften
-also hoffen, bald, recht bald das Ziel ihrer Reise zu
-erreichen. Einmal erst an Bord des Dampfers, und
-sie waren so gut wie zu Hause.</p>
-
-<p>Und wie glücklich war bis jetzt Alles gegangen.
-Von Räubern hatten sie auch nicht die Spur unterwegs
-gesehen, noch weniger irgend eine Unbequemlichkeit
-von ihnen erlitten. Die Neu-Granadiensische
-Eskorte nahm hier, mit einer reichlichen Belohnung
-für die einzelnen Leute, Abschied von ihnen, um eine
-gerade stromauf gekommene Gesellschaft zurück zu
-eskortiren. Sie hörten auch hier, daß zwei Dampfer,
-der eine für New-York, der andere für San Thomas
-bestimmt, vor Colon lagen. Der amerikanische wartete
-also auf die <i>San Francisco Mail</i>, der westindische
-dagegen segelte gleich ab, und je eher sie deshalb
-hinab kamen, desto besser.</p>
-
-<p>Wenn die Reisenden nun aber auch kein räuberisches
-Gesindel unterwegs und auf dem festen Land
-getroffen hatten, so war damit die Möglichkeit noch
-gar nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne solcher
-Strolche auf dem Chagresfluß selber herumtrieben,
-<a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a>
-und es blieb deshalb gerathen, die Canoes der verschiedenen
-Parteien dort ebenso zusammen zu halten,
-wie auf dem Lande ihre Maulthiere. Bockenheim wäre
-allerdings, da er am ersten mit Pablo's Hülfe reisefertig
-geworden, auch am liebsten voraus gefahren,
-denn der Boden brannte ihm hier unter den Füßen;
-Pablo selber aber rieth ihm durch Zeichen, zu warten,
-bis die Uebrigen sich ihnen anschließen konnten, und
-Mittag war es etwa, als sich die kleine Canoeflotte
-endlich in Bewegung setzte und mit der ziemlich starken
-Strömung rasch den Fluß hinabglitt.</p>
-
-<p>Der Indianer, dem das von Pablo gemiethete
-Canoe gehörte, saß am Steuer oder ruderte vielmehr
-im Stern seines kleinen Fahrzeuges; vor ihm, seine
-Schätze zu seinen Füßen, saß Bockenheim, dann kam
-Pablo, der ebenfalls ein Ruder führte, um sie rascher
-vorwärts zu bringen, und vorn im Bug hatte er der
-Sennora noch kurz vorher, ehe sie aufbrachen, von
-breiten Bananenblättern und übergebogenen Bambusstäben
-ein kleines Zeltdach gebaut, das sie gegen
-die Strahlen der Sonne oder etwa eintretende Regenschauer
-vollkommen schützen konnte. Allerdings
-hatten sich noch einige Reisegefährten als Mitpassagiere
-gemeldet, weil sie dadurch billiger
-wegzukommen hofften; Pablo zupfte aber dann
-<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a>
-jedesmal seinen neuen Herrn verstohlen, um ihm abzurathen,
-und Bockenheim selber hatte seine besonderen
-Gründe, keine fremden Menschen in sein Fahrzeug zu
-nehmen. So blieben sie denn allein und führten
-auch, von den beiden kräftigen Rudern vorwärts getrieben,
-bald den ganzen Zug an.</p>
-
-<p>Wie heiß aber die Sonne brannte &ndash; Bockenheim
-briet ordentlich in ihren Strahlen, und der aufmerksame
-Diener winkte endlich dem Indianer zu und
-schrie ihn in unartikulirten Lauten so lange an, bis
-dieser etwas seitab in den Schatten der über den
-Strom hineinhängenden Bäume hielt. Dadurch
-kamen sie allerdings aus der eigentlichen Strömung,
-und andere Canoes gewannen ihnen den Rang ab;
-aber was schadete das? Sie erreichten doch noch
-immer zur rechten Zeit die Mündung und konnten indessen
-wenigstens bequem im Schatten fahren.</p>
-
-<p>Das Canoe aber, das Anfangs das erste gewesen,
-blieb jetzt mehr und mehr zurück. Pablo schien doch
-mit Maulthieren besser und geschickter umgehen zu
-können, als mit einem Ruder. Der Indianer zankte
-wenigstens ein paar Mal auf ihn ein, wenn er durch
-irgend ein Versehen den Bug des Fahrzeuges aus
-seiner Richtung und in irgend ein paar Zweigen oder
-aushängendem Holz fest brachte, was immer einen
-<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a>
-geringen Zeitverlust erforderte, um es wieder los zu
-bekommen. Er nahm aber solche Scheltworte ruhig
-und demüthig hin, und that nachher sein Bestes, um
-es wieder gut zu machen.</p>
-
-<p>Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber
-die Entfernung sollte, nach des Indianers Angabe,
-gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das
-kleine Städtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der
-Himmel blieb dazu klar, Mondschein hatten sie ebenfalls,
-und bei fast windstiller Luft war nicht das Geringste
-zu befürchten. Sie brauchten ja eben nur mit
-der Strömung hinabzutreiben.</p>
-
-<p>Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims
-Frau besonders, die nie etwas Aehnliches gesehen,
-ganz entzückt von der prachtvollen, unbeschreiblich
-schönen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von
-dem sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn
-die ziemlich steilen und schroffen Ufer verhinderten sie
-daran; aber überall über diese hinaus hingen die
-herrlichsten Festons blumengeschmückter Ranken,
-neigten die Palmen ihre gefiederten Wipfel oder
-schüttelten breitblättrige Bananen ihre zitternden
-Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den
-Chagres einmündete oder selbst nur ein Sumpfwasser
-das, aus dem niederen Land kommend, hier seinen
-<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a>
-Ausfluß suchte, da überbot die dort wuchernde Vegetation
-Alles, was die Deutschen bis dahin für möglich
-gehalten, und diese konnten manchmal einen Ausruf
-des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrücken.</p>
-
-<p>Wie ein kleiner, aus einem Feenmärchen herausgeschnittener
-Zauberhain lagen zuweilen solche Stellen,
-mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und
-von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und
-Lianen wie in einen Rahmen eingefaßt, und ein paar
-Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes,
-damit sie nicht zu rasch an solch' zauberschönem Bild
-vorübergeführt wurden.</p>
-
-<p>Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein
-Recht. Die Natur schien allerdings all' ihre Reichthümer
-hier auf diese eine Strecke verschwendet zu
-haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig
-und durstig geworden, und wenn sie auch Lebensmittel
-und Wein im Canoe mitführten, fehlte es
-ihnen doch an Früchten. Besonders Madame Bockenheim
-verlangte darnach, Pablo aber winkte ihr zu,
-sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn sie
-würden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine
-Hütte am Ufer kommen, wo sie deren reichlich fänden.</p>
-
-<p>Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener
-<a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a>
-gewöhnt, daß sie dessen Zeichen so gut verstanden, als
-ob er mit Worten zu ihnen gesprochen hätte. Uebrigens
-wollte die Frau auch die Bestätigung, ob es an
-der nächsten Hütte Früchte gäbe, von dem Indianer
-hören; dieser lachte nur und nickte mit dem Kopf.
-Es mochte ihm komisch vorkommen, daß es da <em class="ge">keine</em>
-geben sollte, denn die Leute lebten ja fast einzig und
-allein davon.</p>
-
-<p>Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen
-der Eingeborenen aus, die sie hier und da am Ufer
-getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern
-oder Blättern gedeckt, und nackte und halbnackte
-braune Gestalten bemerkten sie auch hie und da
-unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um
-zu fischen, theils um sich zu baden. Solchen Plätzen
-darf man aber, einen so romantischen Anstrich sie auch
-haben mögen, nicht zu nahe kommen; denn der
-Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich,
-und Bockenheim selber hatte schon genug von den kalifornischen
-Indianern in dieser Hinsicht gesehen, um
-kein großes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken
-zu fühlen. Außerdem durften sie sich auch nicht
-zu lange aufhalten, denn so eben verschwand das letzte
-Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nächsten Biegung
-des Stromes.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a>
-Der Indianer sagte ihnen übrigens, daß die kleine
-Hütte, die sie jetzt vor sich sahen, die letzte am Ufer
-des Stromes wäre, wo sie Früchte bekommen könnten,
-da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges
-Land ströme. Pablo hatte mit seinem Ruder vorn
-den Bug auch schon herumgeworfen, daß sie jetzt gerade
-darauf zu hielten, und wenige Minuten später scheuerte
-derselbe den weichen Schlamm.</p>
-
-<p>Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe saß, hinauf
-gehen und Früchte holen; er lachte aber verlegen
-und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme
-Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim
-selber aber hatte keine Lust, das Canoe zu verlassen,
-und der Indianer wurde deshalb beordert, hinauf zu
-laufen und mitzubringen, was er rasch finden könne,
-auch wo möglich einen Trunk Milch für die Frau oder
-wenigstens ein paar Kokosnüsse. Bockenheim gab ihm
-dazu einen spanischen Dollar.</p>
-
-<p>In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht
-gut über die vor ihm Sitzenden wegsteigen, noch dazu
-da die Laube, unter welcher die Frau ihren Platz hatte,
-sein Aussteigen hinderte. Pablo stieß deshalb das
-Canoe wieder zurück und suchte es seitwärts an das
-Land zu bringen, was ihm auch endlich gelang. Dann
-sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm
-<a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a>
-auch fast bis an die Hüfte ging, und hielt es fest,
-damit der Indianer rasch und leicht hinaus und nachher
-die Früchte auch bequem einladen konnte.</p>
-
-<p>Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet,
-und nur ein schmaler, ausgehauener Pfad
-führte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer
-gleich darauf verschwand, um seinen Auftrag auszuführen.</p>
-
-<p>Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand
-und den Rand des Canoes festhielt, drehte es jetzt so,
-daß es mit dem Stern oder Hintertheil mehr an's
-Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurückkehrte,
-augenblicklich seinen Platz wieder einnehmen konnte.
-Bockenheim, der behaglich ausgestreckt in dem kleinen
-Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifällig mit dem
-Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln
-verschwunden und die Luft dadurch kühl und
-labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt
-hier schien, kein Lüftchen regte sich, kein Laut wurde
-gehört, auch keines der übrigen Canoes befand sich
-mehr in Sicht &ndash; sie mußten ihnen ein tüchtiges Stück
-vorausgekommen sein &ndash; aber was schadete das? Vor
-morgen früh fuhr der westindische Dampfer schwerlich
-von Colon ab, oder wenn doch, dann lag ja doch noch
-der nordamerikanische dort, der jedenfalls die Postsäcke
-<a class="pagenum" id="page_347" title="347"> </a>
-von San Francisco erwarten mußte. Den erreichten
-sie gewiß, und konnten dann ihre Reise mit
-diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland gab
-es von da ab genug, und <em class="ge">er</em> war unter jeder Bedingung
-in Sicherheit.</p>
-
-<p>Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen
-alten Freund aus den Minen, den Mexikaner, dachte,
-wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie wüthend er
-sein würde, wenn er endlich erführe, daß er da draußen
-auf dem Meere schwimme. Nach Deutschland mochte
-er ihm dann folgen; wo sollte er ihn da finden? Und
-<em class="ge">wenn</em> er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht
-hätte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner
-angenommen?</p>
-
-<p>Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht
-mehr auf den stummen Diener geachtet, der indessen
-an Bord gestiegen war, das Canoe etwas heranzog,
-dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam
-den Platz einnahm, den der steuernde Indianer vorher
-inne gehabt. Jetzt setzte er ruhig das Ruder gegen
-die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom
-hinaus und vom Lande ab.</p>
-
-<p>»Halt, Pablo,« sagte Bockenheim, ohne aber
-seine Stellung noch zu verändern, »nimm Dich
-in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du
-<a class="pagenum" id="page_348" title="348"> </a>
-weißt nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.«</p>
-
-<p>Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth.</p>
-
-<p>»Doch, Don Gaspard,« lachte er plötzlich mit
-heiserer Stimme, indem er das Canoe mit einem
-einzigen kräftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die
-Strömung schießen ließ &ndash; »vortrefflich!«</p>
-
-<p>»Alle Teufel!« schrie Bockenheim, in dem ersten
-Moment mehr davon überrascht, daß der Stumme
-sprach, als noch mit einem anderen Gedanken beschäftigt,
-indem er halb herum fuhr und sich auf seinen
-rechten Ellbogen stützte, um den also entpuppten
-Diener anzusehen, der aber indeß mit reißender
-Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abführte.
-Einen raschen Blick hatte dieser dabei über
-das untere Ufer geworfen, und ein triumphirendes
-Lächeln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr
-ein Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte
-keiner weiteren Vorsicht, denn seine Bahn war frei.</p>
-
-<p>»Aber Pablo!« rief Madame Bockenheim erschreckt,
-»der Indianer mit den Früchten ist ja noch
-auf dem Lande!«</p>
-
-<p>»Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard?« rief da
-Pablo. »Hat mich die Augenbinde, der abrasirte
-Bart und das kurz geschnittene Haar so verändert,
-<a class="pagenum" id="page_349" title="349"> </a>
-daß Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der
-Maske des Kajütenwärters gespürt habt?«</p>
-
-<p>»Felipe!« schrie der Deutsche, während Todtenblässe
-seine Züge deckte, »Teufel!« und fast krampfhaft
-suchte er sich emporzurichten, um den rechten Arm
-frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen;
-aber der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder
-in der linken Hand lassend, griff er mit der rechten
-neben sich und faßte das dort versteckte Beil.</p>
-
-<p>»Räuber und Mörder!« zischte er zwischen den
-zusammengebissenen Zähnen durch, »da nimm Deinen
-Lohn!« Und wie das Beil blitzschnell in die Höhe
-zuckte, fuhr es zurück und grub sich tief in die Stirn
-des Unglücklichen, der lautlos, nur mit einem dumpfen
-Röcheln, vornüber und zu seinen Füßen zusammenbrach.</p>
-
-<p>Einen einzigen gellenden, markdurchschneidenden
-Schrei stieß die Frau aus, die das Entsetzliche kaum
-begriff. Aber sie sah den Schlag, der nach ihrem
-Mann geführt wurde, hörte den dumpfen Laut, als
-die Waffe seine Stirn traf, und sank ohnmächtig auf
-ihren Sitz zurück.</p>
-
-<p>Weiter verlangte der Mexikaner Nichts, und sich
-um die Leiche zu seinen Füßen nicht mehr kümmernd,
-legte er das Beil wieder neben sich und ruderte dann,
-<a class="pagenum" id="page_350" title="350"> </a>
-langsamer als vorher, den Fluß hinab, um die vorangegangenen
-Canoes nicht einzuholen. Nur dicht am
-linken Ufer hielt er sich, damit er von der eben verlassenen
-Landung nicht mehr gesehen werden konnte,
-und fühlte sich dabei vollkommen sicher, daß ihm von
-dort ab, ehe nicht ein Canoe vorüber kam, Niemand
-im Stande war zu folgen. Am Ufer hin, in Sumpf
-und Schlingpflanzen, wäre es unmöglich gewesen, den
-Weg zurückzulegen.</p>
-
-<p>Kaum hatte er aber die nächste Biegung hinter
-sich und sah die Bahn auch vor sich frei, als er sich
-nach einem Platz umschaute, an welchem er, von dem
-Gebüsch versteckt, landen konnte; denn mit der Frau
-durfte er natürlich nicht nach Colon fahren. Eine
-solche Stelle zeigte sich auch bald. Dicht unterhalb
-einer Schlammbank hatte sich eine natürliche kleine
-Bucht gebildet, die auch jetzt weit genug von der zuletzt
-verlassenen Hütte ablag, um dort ein Hülferufen
-nicht mehr zu hören. Wohl durchzuckte ihn der Gedanke,
-auch die Frau des Verbrechers unschädlich zu
-machen; denn war sie todt, so konnte sie nicht mehr
-als Klägerin gegen ihn auftreten &ndash; aber er sträubte
-sich auch gegen den Mord eines Weibes &ndash; den Verbrecher
-hatte seine Strafe ereilt &ndash; sie selber trug
-keine Schuld, und rasch und geschickt lenkte er jetzt den
-<a class="pagenum" id="page_351" title="351"> </a>
-Bug des Canoes mitten in die überhängenden Zweige
-hinein, und hatte es wenige Minuten später so sicher
-hinter dem Gebüsch verborgen, daß selbst ein vorbeifahrendes
-Canoe seinen Versteck nicht hätte finden
-können.</p>
-
-<p>Die Frau lag noch in ihrer Ohnmacht, und er
-benutzte die freie Zeit, um den schweren Leichnam des
-Deutschen ans Land zu heben und zu untersuchen.
-Den Revolver und die Brieftasche nahm er an sich,
-das Gold, welches er bei ihm fand, legte er zurück ins
-Canoe. Das beendet, zog er dem Ermordeten die
-oberen Kleider aus, band ihm ein Seil, das er bei
-sich führte, um den Körper, befestigte das Ende
-desselben im Canoe und ließ dann den Leichnam wieder
-ins Wasser gleiten, damit die Frau, wenn sie sich
-erholte, nicht seiner ansichtig würde.</p>
-
-<p>Das geschah indessen rascher, als er selber geglaubt,
-und wie furchtbar ihr Erwachen war, läßt sich
-denken. Aber die Angst lähmte ihre Zunge, denn sie
-sah sich mit dem Furchtbaren allein, und wußte nicht,
-was nun auch ihr Schicksal sein würde. Felipe bemerkte
-aber kaum, daß sie zur Besinnung zurückgekehrt
-sei, als er ruhig sagte:</p>
-
-<p>»Sennorita, Sie haben für sich Nichts zu fürchten,
-wenn Sie sich still verhalten und nicht wahnsinnig
-<a class="pagenum" id="page_352" title="352"> </a>
-genug sind, Hülfe herbeirufen zu wollen, wo keine zu
-bekommen ist.«</p>
-
-<p>»Aber mein Mann &ndash; mein Mann!« stöhnte die
-Arme.</p>
-
-<p>»Er war ein Schurke!« rief der Mexikaner finster,
-»und alles Gold, das er mit nach Peru gebracht, nur
-der Raub, den er <em class="ge">mir</em> abgenommen, als er mich
-meuchlings im Kalifornischen Walde überfiel. Er
-hat seine Strafe erhalten &ndash; die Alligatoren des
-Chagres verzehren jetzt schon ihre Beute.«</p>
-
-<p>»O mein Gott! O mein Gott!« winselte die arme
-Frau, »und was wird jetzt aus mir?«</p>
-
-<p>»Wenn Sie mir das Versprechen geben,« sagte
-der Mexikaner, »daß Sie sich <em class="ge">heute</em>, an der Stelle
-auf welcher ich Sie hier aussetzen muß, vollkommen
-ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld
-genug geben, um Ihre Rückfahrt zu decken. Es ist
-mehr, als Ihr Mann damals für mich gethan.
-Morgen früh kehren dann die Canoes zurück, die jene
-Passagiere nach Colon gebracht haben &ndash; die mögen
-Sie anrufen und um Hülfe bitten. Auch Lebensmittel
-sollen Sie da behalten, um davon zu zehren;
-ich habe keine Vergeltung an Ihnen zu üben, nur an
-dem Verbrecher.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_353" title="353"> </a>
-»Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich
-allein zurückbleiben?« stöhnte die Frau entsetzt.</p>
-
-<p>»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner
-bitter; »halten Sie sich nur ein wenig vom Ufer ab,
-daß Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator zusammentreffen,
-dann haben Sie nichts zu fürchten;
-aber,« setzte er drohend hinzu, »wagen Sie es, auch
-nur <em class="ge">einen</em> Hülferuf auszustoßen, dann sind Sie verloren.
-Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber
-bis Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon
-herunter zu fahren. Höre ich einen einzigen Laut,
-dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen;
-denn ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.«</p>
-
-<p>Noch während er sprach, hatte er die Frau ans
-Land geführt und ihre Sachen, die er recht gut kannte,
-aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles, was sich an
-Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war
-auf den Boden gesunken und barg ihr Antlitz in den
-Händen. Leise schob indessen der Mexikaner das
-Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran
-hängenden Körper hinter sich her, bis in tiefes Wasser.
-Die Frau regte sich nicht. Wenige Minuten später
-befand er sich draußen in der Strömung, durchschnitt
-das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so
-rasch ihn das Ruder fördern konnte, den Strom hinab.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_354" title="354"> </a>
-Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die
-Blutspuren im Canoe fortzuschaffen, damit diese nicht
-einen Verdacht gegen ihn wecken konnten. Das that
-er, während er, von der Strömung getragen, weiter
-trieb mit den dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstücken,
-die er nachher ins Wasser warf. In
-kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit
-eben einbrechender Dunkelheit, war er fertig und
-hatte sein Canoe wieder so sauber und blank gewaschen,
-daß man auch nicht das mindeste Außergewöhnliche
-mehr daran erkennen konnte. Er dachte aber gar
-nicht daran, sich in der Nähe der am Ufer zurückgelassenen
-Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte
-nur dazu dienen, sie einzuschüchtern, damit sie nicht
-vor der Zeit doch noch Hülfe herbeischrie und unbequeme
-Verfolger auf seine Fährte setzte. Jetzt hatte
-er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes
-der übrigen Passagiere auszuweichen, und in Nacht
-und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit
-ihnen zusammenzutreffen.</p>
-
-<p>Wer von diesen bekümmerte sich aber auch um
-andere Passagiere, noch dazu um die Deutschen, mit
-denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt?
-Ein Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York,
-ein anderer nach San Thomas zu fahren; es
-<a class="pagenum" id="page_355" title="355"> </a>
-fragte Keiner von Allen darnach, wohin <em class="ge">sie</em> sich
-gewandt.</p>
-
-<p>Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr
-Abends, gedachte aber nicht, an der Stadt anzulegen,
-und fragte nur einen Fischer, den er noch an der
-Mündung des Stromes mit seinen Netzen beschäftigt
-fand, ob er wisse, welcher der beiden dort südlich
-von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren werde.</p>
-
-<p>»<i>Caramba, Señor</i>, seht Ihr denn das nicht?«
-lachte der Mann. »Der eine raucht ja schon aus
-Leibeskräften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt,
-müßt Ihr machen.«</p>
-
-<p>Felipe verlangte nicht, mehr zu hören; er legte
-sich scharf ins Ruder, und war bald langseit des
-Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepäck an
-Bord zu nehmen hatten, nicht wenig über das <em class="ge">Gewicht</em>
-der beiden kleinen Koffer wunderten. Aber
-Niemand fragte ihn, woher er käme, oder achtete darauf,
-daß er vorn ins Zwischendeck ging und dort
-seine Passage nahm. Nur bei dem Clerk des Dampfers
-mußte er sich melden und diesem die Fahrt nach
-San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte,
-zahlen.</p>
-
-<p>Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle für
-die Kajüte, Keiner von Allen kam nach vorn, und als
-<a class="pagenum" id="page_356" title="356"> </a>
-um zwölf Uhr die Räder anfingen zu arbeiten, der
-schwere Anker aus der Tiefe kam, saß Felipe in
-Sicherheit vorn auf der Back des Fahrzeuges und
-schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach
-der Mündung des Chagresflusses, der sein Opfer barg,
-hinüber.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung;
-denn ein Indianisches Canoe war mit der
-Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei
-augenblicklich auf den Füßen &ndash; aber zu spät. Der
-nordamerikanische Dampfer sollte San Thomas anlaufen,
-um den Verbrecher dort aufzuspüren, aber der
-Kapitän weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine
-Zeit einhalten mußte und sich nicht tagelang aus dem
-Wege fahren konnte. Die Frau wollte er nach New-York
-mitnehmen, weiter konnte er nichts für sie thun.</p>
-
-<p>Es hätte ihnen auch Nichts genützt; denn vor
-San Thomas kreuzen, sobald der englische Dampfer
-anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge
-nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach
-Venezuela ab; und wer hätte nachher sagen können,
-welches von allen der Flüchtige benutzt hatte, um vor
-der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner
-Spur abzubringen? Er war fort und in Sicherheit
-mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers
-<a class="pagenum" id="page_357" title="357"> </a>
-kehrte später mit dem kleinen Kapital, das sie in
-ihrem eigenen Koffer geborgen, nach Deutschland
-zurück. Allerdings gewann sie noch eine Summe aus
-dem Erlös ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner
-gelassen, oder an die er wohl nicht einmal gedacht,
-und nahe an tausend Thaler lieferte auch noch die
-später in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders
-hatte sie geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten!</p>
-
-<p>Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung
-noch nicht auf, den Mörder zu erreichen. Augenblicklich
-machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte
-in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln,
-bekamen bestimmten Auftrag, nach demselben zu
-forschen, daß man nur erst einmal seinen Aufenthalt
-erfuhr. Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar
-nicht wieder nach Mexiko zurückgekehrt war? Seine
-Spur wurde nie wieder aufgefunden.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_358" title="358"> </a>
-Ein <i>prize-fight</i> oder Boxerkampf<br />
-<span class="fss">in Cincinnati.</span></h2>
-
-
-<p>Als ich nach Cincinnati kam, beschäftigte die dortige
-Presse in dem Augenblick fast einzig und allein
-ein in den nächsten Tagen abzuhaltendes Preisboxen,
-das zwischen zwei berühmten Boxern Jones und
-McCoole stattfinden sollte. Wahlen, indianische
-Ueberfälle im Westen, Alles war in dem einen, zu erwartenden
-Genuß vergessen, und dabei wurde diese
-von den Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit
-einer so naiven Oeffentlichkeit betrieben, daß es besonders
-den Fremden in Erstaunen setzen mußte.
-Ueberall klebten die Zettel, die mit der Abbildung
-beider Kämpfer zur Theilnahme aufforderten, und
-Jones besonders, von dem man wußte oder wissen
-wollte, daß er die <i>science of the art</i> auf das Gründlichste
-verstehe, gab schon vorher eine Art von Vorstellung
-<a class="pagenum" id="page_359" title="359"> </a>
-in der »Mozart-Halle,« die dann auch bei
-dichtgedrängtem Hause stattfand.</p>
-
-<p>Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden
-weiße und lila Bänder verkauft (der Preis für ein
-lila Band für den inneren Ring <i>à</i> 7&nbsp;Dollars), die
-zugleich für freie Passage auf dem Extrazug galten.
-Aber Niemand wußte, wo der Kampf stattfinden sollte,
-als die wenigen Eingeweihten, und die Polizei mußte
-jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber
-augenblicklich wieder auf Bürgschaft entlassen wurde,
-als er sich verbindlich machte, den Frieden des Counties,
-in welchem Cincinnati lag (<i>Hamilton county</i>)
-nicht zu stören. Ueber die Grenzen desselben hinaus
-hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wußte
-man, daß der Preiskampf nichtsdestoweniger an der
-Grenze stattfinden würde, aber Niemand natürlich,
-nach welcher Himmelsrichtung, und man ließ der
-Sache eben ihren Lauf, ja kehrte sich sogar nicht daran,
-als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von
-jedem Theilnehmer gekannt waren.</p>
-
-<p>Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden
-und fünfzehn jener riesigen amerikanischen
-Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den
-Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber
-fast drei Uhr, ehe der Zug abging, und die Wägen
-<a class="pagenum" id="page_360" title="360"> </a>
-fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht
-allein die Sitze waren überfüllt, nein in jedem Wagen
-standen auch überdieß noch 25-30 unglückliche Individuen,
-von denen Viele wohl die ganze vorherige
-Nacht durchgeschwärmt hatten und vor Müdigkeit
-nicht mehr die Augen aufhalten konnten.</p>
-
-<p>Der Zug konnte nicht rasch vorrücken, denn der
-Verkehr auf der Bahn ist ein sehr starker, und nur zu
-oft mußten wir halten, um regelmäßige Züge, die sich
-eben so regelmäßig verspätet hatten, durchzulassen.
-Endlich nach sechs Uhr erreichten wir den Platz &ndash;
-ein kleines, parkartiges Gehölz, das zu der Farm
-eines Baptistenpredigers gehörte und zu dem Zweck
-von ihm gemiethet war. Einige der Passagiere wunderten
-sich darüber, daß der Geistliche sein Grundstück
-zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen
-Boxerkampf hergeben sollte, Andere aber vertheidigten
-ihn wieder und behaupteten, er würde keineswegs
-gewußt haben, wozu man es gebrauchen wolle. In
-Amerika ist aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu
-verdienen, Alles möglich, und so gut wie jetzt die
-Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf
-zehn Jahre an einen deutschen Wirth verpachtet
-haben, um für diese Zeit eine Bierhalle daraus zu
-machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine
-<a class="pagenum" id="page_361" title="361"> </a>
-Gehölz einmal auf ein paar Stunden für einen
-Schauplatz roher Brutalität vermiethen und sicherlich
-nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen.</p>
-
-<p>Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da,
-und kaum hielt nun der Zug, als das wilde blutdürstige
-Volk schon wie ein Schwarm von den Wägen
-hinabsprang und sich über die unter ihm zusammenbrechende
-Fenz warf, um einen »guten Platz« zu bekommen
-und den Kämpfenden so nahe als irgend
-möglich zu sein. Ja, damit waren Viele noch nicht
-einmal zufrieden, und wie sie nur das kleine Gehölz
-erreichten, suchten schon Hunderte an den nächsten
-Bäumen emporzuklettern, um von denen aus keinen
-Moment des »interessanten Kampfes« zu versäumen.
-Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht zu
-ersteigende Bäume waren im Nu mit Menschen gefüllt,
-die oft in lebensgefährlicher Weise bis in die
-äußersten Zweige hinauskletterten und dort hängen
-blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr
-fanden, versuchten sich an dickeren Bäumen, und
-Manche entwickelten dabei eine erstaunliche Fertigkeit.
-Wehe aber dem armen Teufel, dessen Kräfte unterwegs
-nachließen &ndash; Aller Augen, da es noch weiter
-nichts zu sehen gab, hingen an ihnen, und wie sie nur
-hielten, ertönten schon spöttisch ermuthigende Zurufe,
-<a class="pagenum" id="page_362" title="362"> </a>
-die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten,
-sobald der Unglückliche, mit hochhinaufgerutschten
-Hosen, seinen nicht mehr zu verheimlichenden Rückweg
-begann.</p>
-
-<p>Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten
-Ring aufzuschlagen, was aber durch die
-augenblicklich herbeidrängenden Menschen zur Unmöglichkeit
-wurde. Außerdem war der Boden hart
-und trocken und die Pfähle ließen sich nur sehr schwer
-eintreiben. Es dauerte auch in der That eine volle
-Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur
-so weit zurücktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff
-zu nehmen, und weder Vernunftgründe noch Gewalt
-schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen wollten
-sie &ndash; Alles sehen, wofür sie ihr Geld bezahlt, und
-nur erst, als sie doch wohl einsahen, daß in solcher
-Weise der Kampf nie stattfinden könne, gaben sie
-endlich nach.</p>
-
-<p>Die Pfosten wurden etwa 12&nbsp;Fuß von einander
-eingetrieben, so daß sie ein etwa 18&nbsp;Fuß im Quadrat
-haltendes Viereck umschlossen, und dann mit festen
-Tauen so gut als möglich zusammengeschnürt. Die
-Taue mußten auch dazu dienen, die Kämpfer, wenn sie
-dagegen geworfen würden, aufrecht zu halten.</p>
-
-<p>Dicht &ndash; so dicht als möglich um das Viereck
-<a class="pagenum" id="page_363" title="363"> </a>
-lagerten aber die Zuschauer, und da sich etwa 3000
-von diesen auf dem Plan befanden, so wäre es später
-für die hinten Stehenden nicht möglich gewesen, auch
-nur einen Blick in den Ring zu werfen. Dafür mußte
-Abhülfe geschafft werden, und es begann jetzt von
-Neuem die sehr undankbare Arbeit, die Menschenmasse,
-die sich sicher im Besitz eines guten Platzes
-fühlte, wieder eine ganze Strecke zurückzutreiben und
-nicht allein einen größeren Kreis, sondern auch einen
-freien Platz um den Ring zu bekommen.</p>
-
-<p>Auch dieß geschah endlich, nachdem ein Zeitungsredakteur,
-von Chicago, glaub' ich, der besonders zu
-dem Zweck hierher gekommen, eine Rede an das
-»Volk« gehalten und ihm damit gedroht hatte, daß der
-Kampf (<i>the fight</i>) unter keinen Umständen stattfinden
-könne, wenn sie nicht den Anordnungen der Kommission
-Folge leisteten. Widerstrebend gaben sie endlich
-Raum, aber nur Zoll für Zoll, bis sie endlich etwa
-zehn Schritt freie Bahn zwischen sich und dem Kampfplatz
-hatten. Dann wurden die ersten fünf bis sechs
-Reihen beordert, die Ersten sich zu lagern, die Anderen
-zu knieen, und wenn dann die Hintersten aufrecht
-standen, konnte jeder an dem Genuß Theil nehmen.</p>
-
-<p>Bis dahin war es etwa zehn Uhr geworden und
-das Publikum hatte, einzelne kleine Zwischenfälle
-<a class="pagenum" id="page_364" title="364"> </a>
-abgerechnet, gar kein Vergnügen, denn die Kampfrichter
-konnten sich noch nicht über einige Formalitäten
-einigen. Für Zwischenfälle sorgten aber die auf
-den Bäumen sitzenden Zuschauer, denn mehr und
-mehr kletterten hinauf, und hie und da knackte ein Ast,
-was die dadurch Bedrohten zwang, ihr Heil in der
-Flucht zu suchen. Ein paarmal brach auch ein zu
-sehr beladener Ast und die darauf Sitzenden stürzten
-dann, zum Jubel der ganzen Versammlung, auf den
-Boden nieder &ndash; glücklicherweise ohne ernstlichen
-Unfall.</p>
-
-<p>Auch einige Streitigkeiten kamen vor, denn die
-Herren in den Bäumen kauten sehr natürlich, nach
-amerikanischer Sitte, Tabak und mußten ausspucken,
-und das konnte eben so selbstverständlich nur nach
-unten geschehen. Von unten wurde dann hinaufgedroht
-und von oben heruntergelacht, und die Sache
-blieb beim Alten.</p>
-
-<p>Endlich &ndash; es war fast elf Uhr geworden &ndash;
-gerieth die Menge in Bewegung. »Sie kommen!«
-so lief der Ruf durch die Versammlung, und nach
-kurzer Zeit erschien einer der Kämpfer auf dem
-Schauplatz. Schon ehe er denselben erreichte, warf
-er, nach alter Boxersitte, seinen runden Hut voran
-und hinein, und ein Jubelschrei begrüßte ihn. Es
-<a class="pagenum" id="page_365" title="365"> </a>
-war der Engländer Jones, eine breitschultrige, derbknochige,
-aber gemein aussehende Gestalt, doch anständig
-gekleidet und nur mit einem breiten, ausdruckslosen
-und jetzt augenscheinlich bleichen Gesicht und
-kleinen Augen. Er schien grüne Handschuhe zu tragen.</p>
-
-<p>Ohne Aufenthalt kroch er unter den Tauen durch
-in den »<i>ring</i>« und nahm, da er die Wahl der Ecken
-hatte, seinen Platz in der einen, oberen, wo schon ein
-Stuhl für ihn bereit gestellt war. &ndash; Auch seine
-beiden Sekundanten, allem Anschein nach der untersten
-Schicht der Gesellschaft angehörend, kamen jetzt herzu,
-und nachdem sie sich die bezeichnenden seidenen
-Binden um die Hüften gelegt, als Zeichen, welcher
-Partei sie zugehörten, hielt der Eine von ihnen einen
-ausgespannten Regenschirm über Jones, um ihn gegen
-die Strahlen der schon ziemlich heiß brennenden
-Sonne zu schützen. &ndash; Es war ein rührendes Bild.</p>
-
-<p>Jetzt aber brach ein wilder Jubelsturm los, denn
-ein guter Theil der Anwesenden schien dem irischen
-Volksstamm anzugehören, und der Hut McCoole's,
-des Iren, flog wirbelnd in den Ring, während die
-riesige Gestalt desselben keck und wie siegesgewiß
-demselben folgte und seine Freunde lächelnd begrüßte.</p>
-
-<p>Ich selber zweifelte in dem Augenblick keinen
-<a class="pagenum" id="page_366" title="366"> </a>
-Moment mehr, wer von Beiden Sieger des heutigen
-Tages bleiben würde &ndash; Jones oder McCoole.</p>
-
-<p>Der Ire nahm die andere Ecke ein. Es war eine
-hohe, mächtige Gestalt, über sechs Fuß, mit breiter
-Brust, aber einem rohen, wüsten Ausdruck in den
-Zügen. Er ging in einen dicken Rock fest eingeknöpft
-und hatte noch außerdem, und trotz der Hitze, einen
-wollenen Shawl um den Hals geschlagen.</p>
-
-<p>Auch seine beiden Sekundanten gesellten sich, unter
-den nämlichen Vorbereitungen, zu ihm und Beide verharrten
-dann wohl volle zehn Minuten, vielleicht länger,
-in ihrer Stellung, nur dann und wann Einer nach
-dem Andern einen verstohlenen Blick hinüber werfend,
-um die Chancen des Kampfes vielleicht zu berechnen.</p>
-
-<p>Endlich warf Jones seinen Rock ab und löste sich
-das Halstuch, welchem Beispiel gleich darauf sein
-Gegner folgte. Die Sekundanten waren dabei beschäftigt,
-ihnen die Schuhe aus- und ein Paar Halbstiefeln
-anzuziehen, an denen sich, wie bei Steigeisen,
-scharfe Spitzen befanden, um ihr Ausrutschen auf
-dem Rasen zu verhindern.</p>
-
-<p>Wieder eine kurze Pause. McCoole hatte ein
-paar Worte mit seinen Sekundanten gewechselt und
-die Kampfrichter wurden auf die grünlichen Hände
-Jones' aufmerksam gemacht, die man Anfangs für
-<a class="pagenum" id="page_367" title="367"> </a>
-mit Handschuhen bedeckt angesehen hatte. Es scheint,
-daß McCoole den Verdacht geäußert, sie könnten
-mit einer giftigen Substanz versehen sein. Jones
-wurde deßhalb von dem vorhandenen Arzte, nachdem
-dieser sie berochen &ndash; was genau so aussah, als ob er
-dem Preisboxer die Hand küßte &ndash; aufgefordert,
-daran zu lecken. Er that das auch lächelnd und mit
-so augenscheinlich gutem Willen, daß jeder Verdacht
-schwinden mußte. Es war nur eine bei Preisboxern
-nicht seltene Gerbestoffmasse, mit welcher er die Hände
-angestrichen hatte, um die Haut fester zu machen und
-sie bei einem schweren Schlag nicht so leicht zu gefährden.</p>
-
-<p>Jetzt wurden den beiden Kämpfern die Beinkleider
-ausgezogen, unter denen sie kurze Hosen und lange
-Strümpfe trugen. Und nun erst erhob sich Jones
-und dann McCoole, warfen ihre Oberhemden ab und
-zeigten die breite nackte Brust, wie den muskulösen
-Bau der Schultern.</p>
-
-<p>Jones' Oberkörper war weiß und glatt, auch mehr
-fleischig, McCoole dagegen mit dichten schwarzen
-Haaren bedeckt, und so standen sie sich einen Augenblick
-gegenüber. Dann plötzlich schritt McCoole auf den
-Gegner zu und reichte ihm die Hand, die dieser nahm
-und hielt, während die Sekundanten jetzt auch
-<a class="pagenum" id="page_368" title="368"> </a>
-ihrerseits die Hände über denen der Gegner kreuzten,
-so daß die Sechs zusammen für wenige Sekunden in
-einem Ring standen. Der aber löste sich sehr bald
-wieder, und jetzt rückte der eigentliche Moment heran,
-dem heute ja Alles entgegenstrebte: der wirkliche
-Kampf.</p>
-
-<p>Beide Gegner waren noch einen Moment zu ihrem
-alten Stand zurückgetreten, jetzt schritt McCoole
-langsam wie ein Bär aus seiner Höhle vor und
-rascher folgte Jones seinem Beispiel. Der Letztere
-hielt aber ein kleines Packet Banknoten, sogenannte
-Greenbacks, in der Hand und forderte jetzt McCoole
-keck heraus, hundert Dollars gegen die seinigen zu
-setzen, daß er ihn zuerst zu Boden schlagen würde.</p>
-
-<p>McCoole erwiederte kopfschüttelnd, daß er kein
-Geld mehr habe, einer der Zuschauer aber nahm die
-Wette auf und das Geld wurde deponirt.</p>
-
-<p>Mir gefiel Jones' ganzes Auftreten nicht. Selbst
-die anscheinende Zuversicht, mit welcher er die Wette
-anbot, kam mir so vor, als ob Jemand aus lauter
-Verlegenheit lacht. Aber es blieb keine Zeit, weitere
-Beobachtungen zu machen, denn die Sache wurde
-Ernst. Die Sekundanten hatten Beiden noch einmal
-Brust und Arme abgerieben, etwa genau so, wie man
-ein Pferd abreibt, um seinen Muskeln mehr Geschmeidigkeit
-<a class="pagenum" id="page_369" title="369"> </a>
-zu geben, und jetzt wurden sie, wie bissige Köter,
-gegeneinander losgelassen.</p>
-
-<p>McCoole schien sich dabei mehr auf die Vertheidigung
-zu halten; er hatte wahrscheinlich zu viel von
-Jones' Kunstfertigkeit und Gewandtheit gehört und
-wollte sich nicht leichtsinnig einer Gefahr aussetzen,
-während Jones dagegen augenscheinlich bemüht war,
-den ersten Schlag anzubringen. Den führte er auch,
-aber McCoole parirte ihn. Beide gaben dabei ihren
-Armen freies Spiel, jetzt zu einem Scheinangriff ausfallend,
-jetzt zurückweichend, bis Jones eine Blöße
-McCoole's zu benützen suchte. Aber er hatte sich
-darin geirrt; der Schlag glitt ab und wurde rasch erwiedert,
-Jones parirte auch diesen und holte wieder
-aus, als McCoole's rechte Eisenfaust ihn gegen das
-linke Auge traf und wie einen Sack zu Boden warf.</p>
-
-<p>Ein wahres Jubelgeheul machte die Luft erbeben.
-Im Nu aber sprangen die Sekundanten hinzu und
-hoben nicht allein Jones auf, um ihn zu seinem Stuhl
-zu tragen, nein, thaten auch das Nämliche mit dem
-völlig ungeschädigten McCoole, der es sich ruhig gefallen
-ließ. Beider Gesicht wurde dann rasch mit
-kaltem Wasser abgewaschen, Jones schon mit Blut
-unterlaufenes Auge besonders aufmerksam, und
-während das der Eine that, schob der Andere seinem
-<a class="pagenum" id="page_370" title="370"> </a>
-Kämpfer etwas in den Mund, das wie ein Schwamm
-aussah und vielleicht etwas Stärkendes oder Erfrischendes
-enthielt. Es wurde ihnen auch nicht viel Zeit
-dabei gelassen, denn die Pausen zwischen den einzelnen
-Gängen oder <i>rounds</i> dürfen den hierbei gültigen
-Gesetzen nach nur genau 30&nbsp;Sekunden dauern, wozu
-ein Mann mit einer Sekundenuhr in der Hand fortwährend
-neben dem Kampfrichter steht. Wer von
-den Kämpfern nach 30&nbsp;Sekunden nicht wieder in der
-Arena steht, wird als besiegt erklärt &ndash; und wie rasch
-vergehen 30&nbsp;Sekunden!</p>
-
-<p>Jones stand zur bestimmten Zeit wieder auf den
-Füßen und McCoole gegenüber, aber es sah so aus,
-als ob er scheu geworden wäre, und er zeigte sich
-jedenfalls lange nicht so geneigt mehr, als beim ersten
-Gang, mit dem gefährlichen Gegner anzubinden.
-Desto weniger Zeit aber verlor McCoole und nach
-kaum einer halben Minute, in welcher Jones ein
-paarmal auswich, konnte er sich zuletzt nur dadurch
-vor einem gefährlichen Schlag des Iren retten, daß
-er sich wieder rasch zu Boden warf.</p>
-
-<p>Neues Geheul und stürmischer Jubelruf von allen
-Iren und Denen, die auf McCoole gewettet hatten,
-erfüllte die Luft, und wieder wurden beide Kämpfer
-zu ihren verschiedenen Sitzen zurückgetragen und genau
-<a class="pagenum" id="page_371" title="371"> </a>
-so behandelt als vorher &ndash; wieder standen sie sich
-30&nbsp;Sekunden später kampffertig gegenüber. Aber es
-war jetzt kaum noch ein Zweifel, wer von ihnen Sieger
-bleiben müsse. McCoole ging scharf und keck vor,
-Jones hatte alle Zuversicht verloren und nur noch
-eine Hoffnung &ndash; nämlich die, durch ein paar kunstgerechte
-Schläge die Augen des Gegners zu treffen,
-wonach er diesen dann leicht so lange aufhalten konnte,
-bis das Anschwellen der weichen Theile um die Augen
-ihn zeitweilig erblinden machte. Aber darin hatte er
-den Nachtheil, daß er wenigstens fünf Zoll kleiner als
-sein Gegner war und deßhalb zu hoch mit seinen
-Armen hinauflangen mußte. Als er so in die Höhe
-reichte, erhielt er einen furchtbaren Schlag in die
-Seite, der ihm zwei Rippen knickte, und nun war es
-vorüber. Noch viele Gänge hatten sie, und einmal
-ermannte sich Jones, hielt Stand und versetzt McCoole
-einen entsetzlichen Schlag gegen die rechte Seite des
-Kopfes, der auch aus seinem Auge Blut brachte, aber
-McCoole schlug ihn gleich dafür wieder zu Boden
-und weigerte sich sogar, von dem Kampf erregt, getragen
-zu werden. Er schritt selber leicht zu seinem
-Stuhl zurück.</p>
-
-<p>Noch erhielt Jones, der Muth und Kraft verloren
-hatte, einen Schlag gegen den Körper, der genau so
-<a class="pagenum" id="page_372" title="372"> </a>
-klang, als ob man mit einem Hebebaum auf einen
-Wollsack schmetterte, aber es bedurfte dessen kaum noch,
-denn bei ein paar Gängen mußte er sich zu Boden
-werfen, ohne nur berührt zu sein, um einem furchtbaren,
-nach ihm gerichteten Schlag auszuweichen.
-Hatte er doch die Kraft verloren, ihn zu pariren. Es
-war dann ein scheußlicher Anblick, wenn der überdieß
-nicht hübsche Bursche, mit den blutunterlaufenen
-Augen und bleichen Zügen, aber lächelnd zu seinem
-Sieger aufblickte, als ob er sagen wollte: Siehst Du
-wohl, dießmal bin ich Dir doch noch ausgewichen.
-Aber McCoole blickte nur verächtlich auf ihn nieder
-und schritt zu seinem Stand zurück, denn kein Schlag
-darf geführt werden, wenn der Gegner am Boden
-liegt.</p>
-
-<p>Noch zwei Gänge und der entscheidende Schlag
-fiel. Jones war augenscheinlich zur Verzweiflung
-getrieben. Er fühlte, daß er nicht lange mehr aushalten
-könne, und machte einen verzweifelten Angriff
-auf den Iren. Das aber bekam ihm schlecht. McCoole
-war auf seiner Hut und ein Schlag gegen den Hals
-oder untern Theil des Gesichts &ndash; es ließ sich das in
-der Schnelligkeit nicht so genau bestimmen &ndash; schmetterte
-Jones mit solcher Gewalt zu Boden, daß ihm
-der Kopf auf die Seite sank.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_373" title="373"> </a>
-Er wurde augenblicklich wieder auf seinen Stand
-getragen, aber er war nicht im Stande, sich in der
-kurzen Frist von 30&nbsp;Sekunden zu ermannen, hatte
-auch vielleicht, den Hieben gegenüber, keine besondere
-Lust dazu. Dreißig &ndash; fünfunddreißig Sekunden
-verflossen, und jetzt schmetterte das Siegesgebrüll der
-Irländer durch die Luft, und Alles sprang jauchzend
-in den Ring, um den Sieger zu begrüßen &ndash; oder
-auch vielleicht um zusehen, wie er seinen Gegner zugerichtet
-habe.</p>
-
-<p>Viele stimmten freilich nicht mit in das Siegesgeschrei
-ein, und zwar aus dem sehr triftigen
-Grunde, weil sie bedeutende Summen &ndash; man sprach
-sogar von <em class="ge">sehr</em> bedeutenden, die gewettet worden
-&ndash; verloren hatten. So soll ein Mann allein über
-50,000 Dollars auf ihn verloren haben. Nur
-die Gleichgültigen eilten, so rasch sie konnten, nach
-den schon ihrer harrenden Wagen des Extrazugs
-zurück, um Sitzplätze zu bekommen und die Stehplätze
-dießmal Denen zu überlassen, die hoch oben
-in den Bäumen saßen und nicht so rasch heruntergleiten
-konnten, und nach kaum einer halben
-Stunde setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung.</p>
-
-<p>Vorher war aber schon der wieder zum Bewußtsein
-<a class="pagenum" id="page_374" title="374"> </a>
-gekommene Jones in einen Wagen gesetzt
-worden und abgefahren, und als wir nach etwa zehn
-Minuten wieder hielten, überholten wir diesen.
-McCoole selber war mit im Zug, aber er stieg aus
-und ging zu Jones' Wagen, in welchem dieser mit
-verbundenem Kopf saß, und reichte ihm dort hinein
-die Hand.</p>
-
-<p>Zugleich ging im Zug das Gerücht um, daß
-Jones selber eine ziemlich große Summe bei dem
-Kampf gewettet und verloren habe, und daß man
-unterwegs für ihn sammeln würde. Es dauerte
-auch nicht lange, so kam McCoole selber, das breite,
-gemeine Gesicht wohl etwas geschunden, aber sonst
-allem Anschein nach völlig unverletzt, durch unsern
-Waggon. Vor ihm ging einer seiner Sekundanten,
-ein Papier in der Hand, um zu Unterschriften aufzufordern,
-hinter ihm McCoole mit seinem schwarzen
-breitrandigen Hut in der Hand, um kleinere Gaben
-gleich einzukassiren. Aber der Erfolg scheint kein
-besonders glänzender gewesen zu sein, &ndash; wer auf
-Jones gewettet und verloren hatte, fand seinen Geldbeutel
-schon genug in Anspruch genommen. Wer
-gegen ihn gewonnen, gab wohl etwas, und eine kleine
-Summe kam dadurch zusammen. Es ist auch in der
-That eine starke Zumuthung, einem besiegten Preisboxer
-<a class="pagenum" id="page_375" title="375"> </a>
-noch Almosen zu geben; die giebt man doch
-lieber einem braven, hülfsbedürftigen Arbeiter.</p>
-
-<p>So endete dieser wirklich berühmte Zweikampf,
-der auch in der That einiges politische Interesse hatte,
-da er, in damaliger Zeit gerade, zwischen einem
-Irländer und Engländer stattfand und dadurch schon
-die Sympathieen der Amerikaner für den Iren erweckte.
-Welchen Antheil man aber daran nahm,
-geht schon daraus hervor, daß der Kampf etwa
-16&nbsp;Minuten nach elf Uhr zu Ende kam und um
-zwölf Uhr &ndash; ja noch einige Minuten früher &ndash;
-schon die Zeitungen ausgegeben und von Jungen
-durch die Straßen geschrieen wurden, in welchen ein
-zwar flüchtiger, aber doch wahrer Bericht über den
-Kampf gedruckt stand. Hatte man doch zu dem
-Zweck einen Telegraphenapparat mit dem Draht
-dort in Verbindung gebracht, um auch nicht einen
-Augenblick Zeit zu verlieren, die werthvolle Nachricht
-zu verbreiten und einem Jeden zugänglich zu machen.</p>
-
-<p>Mir selber war das ganze Schauspiel, als überhaupt
-etwas Neues und in den Zweck meiner Reise
-einschlagend, interessant genug, aber es ist jedenfalls
-ein Beweis großer Brutalität, etwas Derartiges
-mit solchem Pomp und Spektakel und solchen Vorbereitungen
-zur Schau zu tragen. Uebrigens zeigten
-<a class="pagenum" id="page_376" title="376"> </a>
-die Deutschen in Cincinnati deutlich genug, daß sie
-keine Freude an einer solchen Bestialität finden, denn
-nur sehr Wenige waren draußen, und ich bin auch
-ziemlich fest überzeugt, daß keiner von ihnen einen
-Cent auf solche Menschenschinderei gewettet hat.</p>
-
-
-<p class="ce mt2 fss">Leipzig, Druck von Giesecke &amp; Devrient.</p>
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie
-Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i> hervorgehoben.</p>
-
-<p class="in0">Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert, sowie
-gegebenenfalls "«," geändert in ",«".</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"Camin" &ndash; "Kamin",
-"Canoe" &ndash; "Kanoe",
-"erwiderte" &ndash; "erwiederte",
-"Fourche-la-Fave" &ndash; "Fourche la Fave" &ndash; "Fourche-la-fave",
-"Jayhawker" &ndash; "Jay-hawker",
-"Palissaden" &ndash; "Pallisaden",
-"Partei" &ndash; "Parthei",
-"Petite Jeanne" &ndash; "Petite-Jeanne",
-"Señora" &ndash; "Sennora",
-"Señor" &ndash; "Sennor",
-"wonach" &ndash; "wornach",</p>
-
-<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_006">6</a>:<br />
-"Missisippi" geändert in "Mississippi"<br />
-(vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_013">13</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(rief der Major, »Sie reden gerade)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_022">22</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_026">26</a>:<br />
-"enfernteste" geändert in "entfernteste"<br />
-(auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_034">34</a>:<br />
-"Furche-la-fave" geändert in "Fourche-la-fave"<br />
-(Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br />
-"zn" geändert in "zu"<br />
-(von den Frauen selbst verhöhnt zu werden)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(rief der alte Mann,)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_047">47</a>:<br />
-"bisjetzt" geändert in "bis jetzt"<br />
-(die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_050">50</a>:<br />
-"Bushwacker" geändert in "Bushwhacker"<br />
-(bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_057">57</a>:<br />
-"peischte" geändert in "peitschte"<br />
-(Während man sie dann peitschte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(gegen Little Rock marschirt, um sich dort)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_113">113</a>:<br />
-"." geändert in "?"<br />
-(oder wer ist sonst noch bei Dir?)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_122">122</a>:<br />
-"könnne" geändert in "können"<br />
-(und dort nach Belieben wirthschaften können)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_126">126</a>:<br />
-"erkärten" geändert in "erklärten"<br />
-(von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_132">132</a>:<br />
-"Boyle's" geändert in "Boyles'"<br />
-(kehrten sie nach Boyles' Farm zurück)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_133">133</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_133">133</a>:<br />
-"," hinter "man" entfernt<br />
-(Revolverpatronen kann man ein paar Stunden)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_138">138</a>:<br />
-"." geändert in "?"<br />
-(Was ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_168">168</a>:<br />
-"ententgangen" geändert in "entgangen"<br />
-(ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_186">186</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(Er sah, wie sein Opfer noch einmal)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_192">192</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(und hielt mit seiner Arbeit inne.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_196">196</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(die wenigen Hinterbliebenen, ihre Ernährer und)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_223">223</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(und sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_265">265</a>:<br />
-"einen" geändert in "einem"<br />
-(dann zog die Mannschaft mit einem)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_273">273</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen König)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_280">280</a>:<br />
-"Sie" geändert in "sie"<br />
-(lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_305">305</a>:<br />
-"," hinter "gerathen" entfernt <br />
-(Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_314">314</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_329">329</a>:<br />
-"mi" geändert in "mit"<br />
-(und die Luft mit ihrem Arom erfüllten)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_344">344</a>:<br />
-"Biättern" geändert in "Blättern"<br />
-(mit Palmfasern oder Blättern gedeckt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_353">353</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Dritter Band, by
-Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND ***
-
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