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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 12:18:42 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Kreuz und Quer, Dritter Band - Neue gesammelte Erzählungen - -Author: Friedrich Gerstäcker - -Release Date: July 21, 2017 [EBook #55163] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - - -[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ] - - - - - Kreuz und Quer. - - Neue gesammelte Erzählungen - von - Friedrich Gerstäcker. - - Dritter Band. - - Leipzig, - Arnoldische Buchhandlung. - 1869. - - - - -Inhaltsverzeichniß. - - - Seite - - 1. Jay-hawkers 1 - - 2. König Zambiri 198 - - 3. Der Mexikaner 284 - - 4. Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati 358 - - - - -Jay-hawkers. - - - - -Erstes Kapitel. - -In Perryville. - - -Das kleine Städtchen Perryville in Arkansas, das, während der Krieg in den -östlichen Staaten der Union wüthete, nun über zwei Jahre fast wie todt und -verlassen gelegen hatte, schien heute, am ersten October des Jahres 1862, -seinen friedlichen Charakter abgelegt und sich in einen militärischen -Tummelplatz verwandelt zu haben. - -Daß von allen Seiten Reiter, die lange Büchse auf der Schulter, die -schweren Messer an der Seite, heransprengten, würde weniger aufgefallen -sein, denn ohne diese Waffen ging überhaupt kein Backwoodsman nur von Farm -zu Farm, aber dazwischen sah man auch eine Anzahl von Männern in grauen -uniformartigen Röcken und doch auch wieder nicht uniform, denn Mancher von -ihnen trug einen alten Filzhut, Mancher einen Strohhut auf dem Kopfe, aber -alle auch einen Gurt um den Leib und neben dem Messer einen, manchmal sogar -zwei Revolver. - -Perryville ist keine regelmäßige Stadt, wenn auch schon seit langen Jahren -regelmäßig ausgelegt. Arkansas selber hatte aber die in den schönen Staat -gesetzte Hoffnung, daß er sich rasch und entschieden bevölkern würde, nicht -bewährt. Viele seiner Bewohner, unstätes Volk alle zusammen, waren nach -Californien gezogen, als der erste Ruf des Goldes von dort herübertönte, -Andere nach Texas, weil sich vielleicht ein Fremder in ein oder zwei Miles -Entfernung von ihnen angesiedelt hatte und die »zu nahe« Nachbarschaft -ihnen unbequem wurde, und wenn sich dann auch mancher neue Einwanderer -von den östlichen Staaten her in das Land zog, hielt sich die Bevölkerung -trotzdem so ziemlich auf dem alten Stand. - -Nur an den kleinen Fluß hinauf, den Fourche-la-Fave, wie er genannt wird, -hatten sich die Farmen, aber auch nur mit weiten Unterbrechungen gezogen; -das innere Land lag noch in jungfräulicher Wildniß, von keiner Axt, -höchstens einmal von dem Beil des Jägers berührt, der sich dort junge -Stämme zu Lagerstangen abhieb, und das Städtchen, was so nach und nach am -Fourche-la-Fave entstanden, war eigentlich gar nicht nöthig. Die Farmer -und Jäger brauchten es nicht, hätten wenigstens recht gut ohne dasselbe -bestehen können, und benutzten es nur zu gelegentlichen Zusammenkünften. - -Bis hierher war auch der eigentliche Krieg noch nicht gedrungen und drang -überhaupt nicht hin. Truppenkörper der verschiedenen Armeen schickten wohl -später dann und wann einmal einen Streifzug durch den Wald, aber der -mußte die Straße halten und verweilte auch nicht gern lange in den dichten -Wäldern, wo er sich nie sicher davor fühlte, von einem anderen, vielleicht -stärkeren Corps überfallen zu werden. - -Little Rock, die Hauptstadt des Staates, hatte sich allerdings zu Gunsten -der Secession erklärt, denn Arkansas war ein echter Sclavenstaat, wenn -es auch im Verhältniß nur wenig Negersclaven aufweisen konnte. Die -eigentlichen Farmer und Jäger hatten sich aber bis jetzt, wie nach -stillschweigendem Uebereinkommen, noch nicht am Kriege betheiligt. Sie -waren weder angegriffen, noch belästigt worden und mit der geringen -Bevölkerung ihres Staates, warfen sie ja doch kein Gewicht in die -Wagschaale des Krieges. Ueberdies verkündeten die seltenen Nachrichten, -die wirklich zu ihnen drangen, nur immer neue Siege der Secessionisten, die -sogar das Capitol in Washington bedrohen sollten; sie wurden also dort -gar nicht gebraucht, während sie hier unumgänglich nöthig blieben, um -ihre Familien zu erhalten. Was hätten die einzelnen Frauen und Kinder hier -mitten im Walde anfangen wollen, wenn die Männer und jungen Leute -weit hinweg in andere Staaten gezogen wären, um sich mit den Yankees -herumzuschlagen. - -Außerdem standen fast alle _alten_ Leute in dem ganzen District, im -_Herzen_ auf Seite der Union. Am ganzen Fourche-la-Fave war auch nicht ein -einziger Sclavenhalter, kein einziger Neger zu finden. Am Petite-Jeanne -drüben gab es allerdings ein paar, aber ihretwegen wäre es wahrlich nicht -der Mühe werth gewesen, einen blutigen Krieg anzufangen und die große und -mächtige Union in zwei Hälften zu reißen. - -Einzelnen jungen Leuten zuckte es allerdings in den Gliedern, Theil an -dem Kampf zu nehmen und einen Tanz mit den »verdammten Abolitionisten« zu -haben, wie die Yankees damals genannt wurden und welchen Namen sie auch in -der That noch zum großen Theil jetzt führen; die große Mehrzahl war indeß -entschieden _gegen_ eine Betheiligung am Krieg, denn die Südstaaten, zu -denen sie allerdings ihrer Lage nach gehörten, hatten die Flagge der Union -beschimpft, die Constitution gebrochen und den Bürgerkrieg entzündet. _Sie_ -wollten keine Hand in solchen Dingen haben. - -Nur die Frauen neigten sich sonderbarer Weise der Secession zu, und aus -welchem Grunde? - -Im Herzen trugen sie alle den Wunsch, es einmal dahin zu bringen, daß sie -sich ein Hausmädchen -- natürlich eine Sclavin -- anschaffen konnten, denn -Dienstboten, wie wir solche bei uns gewohnt sind, gab es ja nicht in der -Union, und was man =a help= nannte, eine »Hülfe,« und worunter sich eine -Nachbarstochter verstand, die einmal auf kurze Zeit oder weil bei ihnen -selber das Brot knapp wurde, herüberkam und eine Weile aushalf -- konnte -natürlich nicht genügen, da diese jungen »=ladies=« wie die rohen -Eier behandelt sein wollten und bei dem ersten rauhen Wort das Haus -augenblicklich und indignirt verließen. Eine junge Negersclavin blieb also -ihr heimlicher, aber dafür desto innigerer Wunsch, und daß sie sich -- -unter solchen Umständen -- nicht für Abschaffung der Sclaverei begeistern -konnten, versteht sich wohl von selbst. - -Vor kaum acht Tagen nun war die Nachricht hier in den stillen Wald -gedrungen, daß die »Südlichen« wieder einen neuen und großen Sieg über -den Norden davongetragen hätten und dieser jetzt die verzweifeltsten -Anstrengungen mache, um den immer mächtiger werdenden Feind zu verhindern, -sich selbst in Besitz des Capitols zu setzen. Eine Aushebung von -Hunderttausenden sollte unter den Yankees ausgeschrieben sein, und es war -deshalb nöthig geworden, auch die Kräfte des Südens zusammenzurufen, um die -»Abolitionisten« nicht wieder zu Athem kommen zu lassen, sondern womöglich -gleich mit einem Schlage zu vernichten. Derartige Phrasen durchliefen ja -fortwährend die weit abgelegnen Territorien sowohl, als auch die einzelnen -Rebellenstaaten selber, und fanden in den letzteren vielleicht Wiederklang --- in Arkansas aber nicht. Als deshalb auf den heutigen Tag Emissaire vom -anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung in Perryville ausgeschrieben -hatten, um den Stand der Verhältnisse zu besprechen, fanden sich wohl die -jungen und auch die älteren Leute dazu ein, weil sie etwas Bestimmtes über -den Stand des Krieges zu erfahren hofften, aber begeistert für die Sache -selber waren sie nicht, ja die alten Backwoodsmen sogar fest entschlossen, -einer möglichen Anwerbung entschieden entgegenzutreten. - -Den jungen Burschen aber kam ein solcher »Frolic,« wie sie es nannten, -gerade recht. Der Krieg dauerte nun schon Jahre, und eine todte, -erdrückende Schwüle hatte indessen auf dem ganzen Land gelegen. Wer sollte -auch Lust gehabt haben sich zu vergnügen, während nur immer eine Nachricht -nach der anderen kam, wie bald da bald dort Tausende im gegenseitigen -Bruderkampf erschlagen waren und ihr Herzblut die zerstörten Felder -röthete. - -Die Meisten sammelten sich auch bei dem alten Bockenheim, denn obgleich -in den letzten fünf Jahren noch zwei andere kleinere =groceries= oder -Kaufläden geöffnet worden, hatte man sich doch an den Deutschen, einen der -ältesten Ansiedler der Fourche la Fave, gewöhnt, und außerdem sollte -auch die eigentliche Versammlung in der unmittelbaren Nähe seines Hauses -stattfinden, zu der sogar ein Major der Secessionisten herüber gekommen. - -Man lebte einmal wieder in dem bisher so todten Städtchen und der Whisky -floß. Allerdings war es nicht mehr möglich, diesen von Norden herunter zu -beziehen, woher sonst der beste Mohongahela kam, denn der Strom war sowohl -von den Nord- als Südstaaten blokirt worden und selbst auf jedes kleine -Boot wurde geschossen, das den Versuch machen wollte, sich hindurch -zu schleichen. Aber in Arkansas wußten sie sich, was wenigstens diesen -Gegenstand betraf, zu helfen, denn überall entstanden kleine Brennereien, -wobei noch die Heintzesche den besten Stoff lieferte. Von diesem war ein -frisches Faß angezapft worden, und die jungen Leute vom Fourche-la-Fave -hatten sich schon darum gesammelt, als die County-Straße herunter, von -zwei »Sesesch«-Officieren (Secessionisten) begleitet, der Major auf einem -prächtigen Rappen angesprengt kam, und vor Bockenheim's Thür sein muthiges -Roß einzügelte. - -»Hallo Major!« rief ihm Einer der jungen Burschen zu, indem er ihm zugleich -den vollen Becher entgegenhielt -- »=how do you swop horses= (wie wollt -Ihr Euer Pferd vertauschen) gegen den Grauen dort, der an den Hickory -angebunden steht?« - -»Mein junger Freund,« sagte der Major, nicht im Geringsten durch die Frage -beleidigt, denn sie war etwas zu Allgewöhnliches -- »wir brauchen jetzt -alle unsere guten Pferde selber, denn die verdammten Abolitionisten laufen -so rasch, daß man sie mit alten Kracken gar nicht einholen kann.« - -»Oho Major,« lachte Jim Jenkins, ein Farmerssohn, dessen Vaters kleine -Ansiedelung unmittelbar am Arkansas lag -- »so sehr schnell können sie doch -nicht laufen, wenigstens nicht so weit, denn Washington liegt doch dicht -bei Virginien, und bis dahin haben sie Euch noch nicht gelassen.« - -»Weil wir dort Nichts zu holen hatten, Jim,« rief Hendricks, ein junger -Mann vom Petite Jeanne, der aber auch schon die Uniform der Secessionisten -trug und -- wie er Anderen erzählte -- nicht blos ein paar der blutigsten -Schlachten mitgemacht, sondern auch ein paar Dutzend Abolitionisten mit -eigener Hand erschlagen hatte. »Was sollten wir in Washington? Das leere -Weiße Haus besetzen? Das Lumpenvolk hat es ja schon vollständig ausgeräumt, -und selbst die Bevölkerung der Stadt ihre beste Habe in Sicherheit -gebracht. Wohin wir kommen wollen, dahin kommen wir auch -- und wenn wir -jetzt Alle richtig zusammenhalten, rücken wir ihnen im nächsten Monat -nach New-York hinein, und da giebts nachher Beute, denn Lee hat uns fest -versprochen, daß wir dort plündern sollen.« - -»Bah, wir sind keine Räuber,« sagte Jim finster, »daß man suchen sollte, -uns damit anzulocken. Wer hier her kommt zu uns, um uns zu belästigen, -gegen den stehen wir zusammen -- was kümmern uns die Kaufläden in -New-York?« - -»Muß eine verwünscht gemeine Seele sein,« rief da ein anderer, John Wells, -der Sohn eines der besten Jäger am Fourche, der sich aber an politischen -Dingen nie betheiligte und still und zurückgezogen auf seiner Farm lebte --- »der in einem solchen Krieg von Plündern spricht -- verdient daß man ihm -die Uniform vom Leib risse.« - -»Dazu gehört ein _Mann_!« rief Hendricks, zornig auffahrend. - -»Gott verdamm Dich, hier steht er!« schrie John, in dem Augenblick auch -sein eigenes Jagdhemd abwerfend, um die Arme frei zu bekommen, indem er -Hendricks gegenüber sprang -- »stell' Dich bereit, mein Junge, und wahr' -Deine Nase --« - -»Ich bin nicht hergekommen um mich hier zu prügeln,« rief Hendricks -abwehrend -- - -»Feigling!« höhnte ihn John, und schien nicht übel Lust zu haben, trotz -alledem auf ihn einzuspringen; der Major aber, der sich indessen mit -einigen der alten Backwoodsmen unterhalten hatte, trat rasch dazwischen und -sagte abwehrend: - -»Boys, um Gottes Willen, fangt untereinander keinen Streit an. Wir haben -da draußen alle Hände voll zu thun, um mit den verwünschten Abolitionisten -fertig zu werden, und wenn Ihr denen die Fäuste zeigen wollt, ist's ja -recht, aber nicht hier Freund gegen Freund. Das wäre den Yankees gerade -recht, wenn sie uns hier im Süden selber gegeneinander hetzen könnten.« -- - -»Dann muß uns so ein hergelaufener Lump aber auch nicht mit Plündern -anlocken wollen!« trotzte John, der noch immer gar nicht übel Lust zu haben -schien, den Kampf aufzunehmen. - -»Ich habe nur gesagt, daß von Plündern gesprochen ist,« rief Hendricks, -»ich denke nicht daran, selber so 'was zu thun.« - -»Frieden! haltet Frieden!« riefen jetzt auch Einige der älteren Leute. »Es -fließt Blut genug im Lande, Jungens, laßt uns das Elend nicht auch an den -Fourche-la-Fave verpflanzen und erst einmal hören, was der Major zu sagen -hat. Sprecht Major, Ihr habt uns ja hierhergerufen, was soll's eigentlich.« - -»Ja, Gentlemen,« begann der Major, indem er seine Militärmütze abnahm und -sich mit der Hand durch die Haare fuhr, »die Sache ist höllisch einfach und -nicht viel darüber zu sagen. Ihr habt bis jetzt hier gelebt, als ob Euch -der Krieg, der da draußen geführt wird, gar nichts anginge, aber das muß -eben ein Ende nehmen. In Missouri sammeln die verdammten Yankees mehr und -mehr Truppen an, weil es ihnen unbequem ist, daß wir den Mississippi -hier haben und besetzt halten. Die also können jeden Augenblick bei Euch -einbrechen und dann sitzt Ihr da, Nichts ist organisirt, kein Commando, -keine Ordnung und Alles zerstreut im Busch, wo man Euch nachher einzeln -aufsuchen und gefangen in die Yankeestaaten hinaufschleppen kann.« - -»Aber, Major,« sagte der alte Klingelhöffer, ein Deutscher, der seit -30 Jahren in diesen Wäldern lebte, »red't keinen Unsinn. Wenn die -Unionstruppen wirklich einmal hier durchmarschirten, und Streifcorps sind -schon ein paar Mal in der Nähe gewesen, so haben sie genug für sich selber -mitzuschleppen, als daß sie sich auch noch Gefangene aufladen sollten. Daß -sie uns Rinder schlachten werden, um was zu leben zu haben, ja, das ist -möglich, aber weiter geschieht auch Nichts, und wenn wir unsere jungen -Leute in den Krieg schicken, können sie nachher erst recht machen, was sie -wollen.« - -»Daraus wird Nichts,« sagte der alte Jenkins, ebenfalls ein treuer -Unionsmann, der finster daneben auf einer Wagendeichsel gesessen und an -einem Spahn herumgeschnitzt hatte. »Unsere jungen Leute dürfen nicht fort -von hier; nachher ist der Wald leer und unsere Kinder können hungern -und verderben. Laßt es die ausfechten, die das Blutvergießen verschuldet -haben.« - -»Ist auch meine Meinung,« nickte der alte Hogau, der oben vom -Fourche-la-Fave heruntergekommen war, »wir oder die Unseren haben Nichts -draußen zu thun, wir gehören hier in die Range, und wenn uns dann Jemand -belästigen will, ei zum Wetter, dann haben wir auch noch unsere Büchsen und -hier zwischen den Bäumen drinn, soll ihnen der Platz bald zu warm werden.« - -»Aber Gentlemen!« rief der Major, »es spricht ja kein Mensch davon, daß -die jungen Leute hier den Staat verlassen sollen. General Lee selber ist -dagegen und stimmt ganz mit Ihrer Ansicht überein, daß es eben gefährlich -wäre, die Wälder hier von ihren Vertheidigern zu entblößen. Nur organisiren -sollen Sie sich und eine sogenannte Landwehr bilden, um im Fall eines -Angriffs im Stand zu sein, sich augenblicklich unter ihren Führern zu -sammeln, und ich glaube, das ist doch nur in Ihrem eigenen Interesse und zu -Ihrem eigenen Besten gehandelt.« - -»Ich sehe den Grund nicht ein,« rief Klingelhöffer; »zum Henker auch, wir -haben die Mittel und Wege, unsere jungen Leute auf den Fleck zu bekommen, -wenn sie nothwendig gebraucht werden sollten, und in Reih' und Glied können -wir hier im Walde doch nicht kämpfen. Uebrigens« -- setzte er langsamer -hinzu -- »weiß ich auch gar noch nicht einmal gegen wen wir fechten und wer -von den beiden Partheien unser schlimmster Feind ist.« - -»Aber Mister -- entschuldigen Sie, ich kann Ihren Namen nicht behalten,« -rief der Major, »Sie reden gerade, als ob Sie noch nicht einmal wissen, ob -Sie auf Seite der Südstaaten oder der Abolitionisten treten sollten.« - -»Weiß ich auch nicht,« brummte der alte Mann störrisch, indem er seinen -Hosengürtel in die Höhe zog, »denn einverstanden bin ich mit der ganzen -Geschichte nicht, weil sie eben Lügen braucht, um sich fortzuhelfen.« - -»Lügen, Mister?« - -»Jawohl, Lügen,« brummte der Alte, »denn, wenn die Berichte alle wahr -wären, die wir hier hergeschickt kriegen, so könnten die Yankees schon gar -keine Soldaten oder überhaupt noch Menschen haben, so viele sind in jeder -Schlacht gefallen und so geschwind sind die Anderen gelaufen. Dabei wird -aber der ganze Krieg eben nur in den Südstaaten geführt; nicht einmal über -dem Ohio drüben haben sich die Südlichen halten können, und uns wollen sie -jetzt auch noch mit hineinziehen.« - -»Aber das verlangt ja Niemand.« - -»Gut, dann überlaßt das Andere auch uns selber, wir wollen die Sache schon -hier in Ordnung halten. Hat sich überhaupt Niemand sonst darum zu kümmern.« -»Wär' auch etwa meine Meinung,« nickte Jenkins. -- »Wir alten Colonisten -hier haben jetzt herangewachsene Jungen, die selber schon Männer geworden -sind und können es denen ruhig überlassen.« - -»Und dann wohnen wir hier auch in keiner Stadt,« fiel Hogan ein, »wo in der -Zeit der Noth ein Nachbar dem anderen beispringen kann, und wenn Einen -was bedroht, der Andere ebenfalls davon wissen muß, weil er dicht daneben -sitzt. Wenn hier in unsere einzelnen Farmen eine Bande einbricht, so können -sie thun und lassen, was sie wollen, nicht einmal das Knallen der Gewehre -hört man beim Nachbar. Wenn die Südstaaten deshalb etwas für uns thun -wollen und überhaupt die Yankees, wo sie sich blicken lassen, vor sich -hertreiben, weshalb räumen sie denn da nicht unseren Nachbarstaat Missouri -von den Abolitionisten? nachher hätten wir hier gewiß Frieden.« - -»Das kann aber nur geschehen, wenn wir selber mit dazu helfen,« rief jetzt -Hendricks -- »was sagt Ihr Boys -- wär' das nicht gerade das Rechte für uns -hier, aus dem Wald gen Norden aufzubrechen und die Wälder vor uns, wenn wir -mehr hinaufzögen, rein zu fegen von dem Gesindel, das sich darin versteckt -hält.« - -»Das Gesindel,« lachte der junge Wells, »gehört aber so viel ich weiß, nur -zu Eurer Parthei, denn die Unionstruppen klagen genug über die südlichen -»Bushhawker«, die einzeln oder in kleinen Banden im Wald liegen und ihren -Feind nur feige aus dem Hinterhalt niederschießen.« - -»Und wißt Ihr einen Guerilla-Krieg, der anders zu führen wäre?« fragte -Hendricks, mit einem finsteren Blick auf den Sprecher. »Hätten sich die -wackern Burschen dort nicht in den Wald geworfen und setzten sie nicht -jeden Tag noch ihr Leben ein, so wären die verdammten Blauröcke lange schon -zu Euch hier herunter marschirt. Freilich ist es bequemer und sicherer, -hier auf der Farm zu sitzen und dann und wann einmal nach einem armen -Hirsch zu feuern. Der kann nicht wieder schießen.« - -»Lump Du -- verbrannter!« fuhr der junge Wells empor -- aber Klingelhöffer -sprang jetzt selber dazwischen und rief: - -»Frieden hier! wir wollen keinen Streit, wir wollen aber auch keine -südländischen Werber unter uns, die uns die Jungen vom Hause fortlocken. -Laßt uns abstimmen darüber. Wir haben hier fast den ganzen Fourche-la-Fave -versammelt. Laßt die Leute selber entscheiden, ob sie Soldaten spielen -wollen oder nicht. Ich meinestheils bin dagegen; wir sind außerdem schlimm -genug daran, denn mit Little Rock haben wir fast gar keinen Verkehr mehr; -zu kaufen ist Nichts im Land und was wir nothwendig zur Unterhaltung -unserer Familien brauchen, müssen wir uns selber ziehen. Was sagt Ihr, -Jenkins?« - -»Beim Alten soll's bleiben,« erwiderte der alte Mann mürrisch. »Wir -brauchen keine Zwischenträger, die uns hier sagen wollen, was wir zu thun -oder zu lassen haben. Ich stimme dagegen.« - -»Ich auch -- ich ebenfalls,« tönte es von den meisten Seiten, und nur -einige der jüngeren Leute versuchten eine kleine Opposition, wurden aber so -vollkommen überstimmt, daß sie gar nicht in Betracht kommen konnten. Major -Rollok hatte mit finster zusammengezogenen Brauen daneben gestanden und das -Resultat beobachtet, aber er war auch klug genug einzusehen, daß hier und -in _dieser_ Versammlung, in der überhaupt ein dem Süden nichts weniger als -freundlicher Geist zu herrschen schien, kaum etwas würde auszurichten sein. -Er mußte deshalb seine Zeit abpassen, und -- war auch gerade der richtige -Mann dazu. - -»Gentlemen,« sagte er, als er flüchtig den Blick umhergeworfen und sich die -von den jungen Leuten, die auf seiner Seite standen, rasch gemerkt hatte, -»die Frage hier kommt mir nicht mehr zweifelhaft vor. Wie ich sehe, sind -Sie fest entschlossen, ihre eigene Heimath zu vertheidigen, und das Land -in Betracht gezogen, in dem Sie nun einmal leben, kann ich Sie kaum -deshalb tadeln. Lassen wir das also. -- Mr. Bockenheim, Ihr Whisky ist -ausgezeichnet, ich bitte um eine andere Flasche, denn wir haben vom vielen -Reden Durst bekommen.« - -»Meiner ist gelöscht,« erwiederte Klingelhöffer, indem er seine Büchse über -die Schulter warf und hinüber zu seinem Poney ging -- »ich denke Boys, wir -sind hier fertig und um eine »=Spree=«[1] zu halten, ist die Zeit zu ernst. -_Ich_ gehe heim.« - - [1]: =Spree= (=sprie= gespr.) ein lustiges Trinkgelag -- ein vergnügter - Abend. - -»Ich auch -- wir Alle,« rief es von verschiedenen Seiten und wenn auch -manche der jungen Leute noch gern den Nachmittag dort geblieben wären, -folgten doch die Meisten den älteren. Nur zehn oder zwölf etwa, von denen -die Meisten in Perryville selber wohnten, blieben noch zurück, um, wie sie -sagten, von dem Major Näheres über den Krieg zu hören, und da diese jetzt -eine verhältnißmäßig kleine Gruppe bildeten, war die kleine Stadt bald -wieder so still und öde als vorher. - - - - -Zweites Kapitel. - -Der Korb. - - -Für den Augenblick war die Gefahr, die dem stillen Frieden dieser Gegend -drohte, abgewehrt; denn wenn auch der Major noch sein Bestes versuchte, die -Zurückgebliebenen wenigstens, von denen noch dazu die Meisten auf seiner -Seite standen, zu einem directen Vorgehen in diesem Sinne zu bewegen, so -hatte sich doch die Meinung des Fourche-la-Fave kurz vorher zu entschieden -ausgesprochen, um auf einen Erfolg hoffen zu können. Der Samen war aber -einmal ausgestreut und von diesem Tag an begann eine Art von Unruhe in der -ganzen Range, die man bis jetzt und so lange der Krieg währte, noch nicht -gekannt hatte. - -Allerdings verließ Major Rollock mit den übrigen Sesesch-Soldaten die -Ansiedlung, um drüben am Petite Jeanne sein Glück und wie sich später -zeigte mit besserem Erfolg zu probiren; Hendricks aber, der eine Menge -Bekannte am Fourche-la-Fave hatte, blieb zurück und schien dabei auch nicht -besonders durch den Wortstreit eingeschüchtert zu sein, den er mit einigen -der jungen Leute gehabt. Er war ihm ungelegen gekommen, ja -- noch dazu mit -_einem_ der jungen Backwoodsmen, aber er wußte auch recht gut, daß -deren Blut rasch aufbrauste, jedoch auch eben so rasch wieder durch ein -freundliches Wort beruhigt werden konnte. - -Acht Tage waren nach der, im vorigen Kapitel beschriebenen Versammlung -etwa verflossen. Der alte Jenkins stand vor seinem Haus und hieb mit seinem -kleinen Beil einen Axtstiel zurecht, sein Sohn James oder Jim, wie er -kurzweg genannt wurde, war nicht weit davon beschäftigt, eine neue -Corncrib oder einen Verschlag, in dem der Mais eingelegt werden sollte, -aufzurichten, und Betsy, seine Schwester, ein blühendes junges Mädchen -von etwa achtzehn Jahren, mit frischer Gesichtsfarbe -- etwas nicht sehr -gewöhnliches am Fourche, und gar so lieben, kastanienbraunen Augen, quälte -sich eben in einer benachbarten Umzäunung mit einer etwas störrischen Kuh -ab, die sich nicht wollte melken lassen, aber doch zuletzt der ruhigen -Entschlossenheit des Mädchens nachgeben mußte. Bill, ihr jüngster Bruder, -kam eben mit einem Eimer Wasser vom Fluß herauf. - -»=Hallo the house!=« rief da eine Stimme von außerhalb der Fenz die -Männer an und ein Reiter hielt dort, den Niemand der mit ihrer Arbeit -Beschäftigten hatte herankommen sehen. - -Die Hunde schlugen jetzt an und rannten heulend und bellend gegen die Fenz, -an der sie hinaufsprangen, die Gänse schnatterten, die Hühner durch die -zwischen ihnen hinfahrenden Hunde erschreckt, gakerten und es war für den -Augenblick ein Skandal, in dem man nicht einmal sein eigenes Wort hören -konnte. - -»Ruhe, Ihr Bestien,« schrie der alte Jenkins, indem er ein Stück Holz -aufgriff und zwischen die Köter hin schleuderte; »wollt Ihr Frieden geben! -Hallo Hendricks, _Ihr_ seid's? Ich glaube, Ihr wäret schon lange wieder -bei der Armee, rücktet mit ihr gegen New-York vor. Kommt herein, Mann, und -bleibt nicht da draußen auf Euerem Pferd halten.« - -»Dank Euch, Mr. Jenkins,« sagte der junge Mann, indem er von der Einladung -ohne Weiteres Gebrauch machte. Die Hunde hatten ja auch gesehen, daß ihr -Herr mit dem Fremden sprach, sie also Nichts mehr drein zu reden hatten, -und als dieser jetzt sein Thier draußen angebunden hatte und die kleine -Pforte öffnete, zogen sie sich, wohl immer noch knurrend, aber doch keine -offene Feindseligkeit mehr zeigend, unter das Haus zurück. - -Jim Jenkins hatte Hendricks eigentlich erstaunt und mit nicht besonders -freundlichen Blicken betrachtet. Nach dem, was neulich zwischen ihnen -vorgefallen, mochte er seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging er -_ihn_ an. Sein Vater hatte ihn aufgefordert, in's Haus zu kommen, er nicht, -und ohne sich deshalb weiter um ihn zu kümmern, fuhr er auch ruhig in -seiner Arbeit fort. Hendricks schien aber anders zu denken, denn nachdem er -dem alten Jenkins die Hand geschüttelt, ging er ohne Weiteres auf Jim -zu, so daß sich der junge Mann verlegen aufrichtete, und sagte mit -freundlicher, ja fast herzlicher Stimme: - -»Komm Jim. Die Politik hat schon manche Freunde entzweit, sie soll es aber -hier nicht im Walde thun. Wir waren Beide damals aufgeregt und heftig. -Jetzt haben wir kaltes Blut und ich wenigstens habe die Sache vergessen.« -Er streckte ihm dabei die Hand entgegen und wenn Jim auch wohl selber -schwerlich ein erstes freundliches Wort zu ihm gesagt hätte, war er -doch auch wieder viel zu offener, ehrlicher Natur, eine gebotene Hand -zurückzuweisen. Er schlug ein und nickte. - -»Gut Bob, so soll's sein. Du hast Recht, die Zeit ist danach angethan, daß -wir hier Alle zusammenhalten, und ich werd' es wahrhaftig nicht sein, der -den ersten Streit in die »Range« würfe. Sei willkommen.« - -»So recht Jungens,« nickte der Alte, der schweigend der kleinen -Versöhnungsscene zugeschaut. »Wir können hier in der That keine Uneinigkeit -gebrauchen, denn wer weiß wie bald wir Einer den Andern nöthig haben, -wenn das Unglück auch über uns hereinbrechen sollte. Und nun kommt herein -Hendricks; das Frühstück wird gleich fertig sein, die Betsy bettelt sich -nur noch da drüben die Milch von der Kuh, die ebenfalls halsstarrig zu sein -scheint. Kommt Mann und drin könnt Ihr uns sagen, was Euch zu diesem Winkel -von Arkansas hergeführt, denn Besuch bekomme ich verwünscht selten, wenn -nicht einmal ab oder zu ein einzelnes Canoe bei mir anlegt.« - -Hendricks dankte freundlich, schien aber doch noch keine rechte Lust zu -haben der Einladung ohne Weiteres zu folgen, denn Betsy trat eben mit ihrem -kleinen Melkkübel aus der Umzäunung und kam auf sie zu. - -»Wie geht's Miß Betsy,« sagte Hendricks, ihr ein Paar Schritt -entgegengehend und ihr die Hand reichend -- »Sie sehen wohl und munter aus, -und die Arkansas-Niederung scheint Ihnen vortrefflich zu bekommen.« - -»Danke Sir,« sagte das junge Mädchen, leicht erröthend, »ich habe ja auch, -Gott sei Dank, noch kein Fieber hier gehabt; Pa und Ma aber desto mehr.« - -»Bah, das richtet sich Alles ein,« brummte der Alte, »wenn man sich nur -erst einmal ein Bischen an die warme feuchte Luft gewöhnt hat. Das Land -hier ist aber desto besser. Seht einmal die Maiskolben an, Hendricks, ob -Ihr je in Euerem Leben größere getroffen habt. So lange ich und mein Junge -leben bleiben, hält auch der Boden aus; in dem ist kein Vergang.« - -Das Gespräch kam jetzt auf die Fruchtbarkeit der verschiedenen Distrikte, -in dem die Farmer unerschöpflich sind, und Betsy war indessen in das Haus -gegangen, um den Frühstückstisch zu bestellen, denn die Mutter hatte wieder -einen »Anfall« des ewigen kalten Fiebers und saß, sich schüttelnd, am Camin -in der Ecke, die offenen zitternden Hände gegen die Flamme ausgebreitet. - -Bei dem Frühstück, das übrigens frugal genug aus etwas gebratenem Speck, -warmem Weisbrod und einem Becher Kaffee oder Milch bestand, erzählte nun -auch der Gast seinen Wirthen, daß er gesonnen sei, den Petite Jeanne zu -verlassen, denn man wohne dorten gewissermaßen aus der Welt. Er wollte -deshalb herüber an den Fourche ziehen, wo er sich schon, ein Stück weiter -oben einen Platz ausgesucht habe, um eine Dampfsägemühle aufzustellen. Er -hatte, wie er bemerkte, eine Masse Vieh im Walde herumlaufen, das jetzt -einen nie dagewesenen hohen Preis in Little Rock brachte. Dorthin wollte er -es nun, ehe er wieder zur Armee ging, treiben und verkaufen und dafür eine -auf Speculation nach der Stadt gebrachte Sägemühle erstehen, die in der -jetzigen Zeit natürlich kein Mensch haben wollte noch auch gebrauchen -konnte, und die er unter solchen Umständen -- wie er sich auch schon -erkundigt -- zu einem Spottpreis bekam. - -Der alte Jenkins nickte dazu beistimmend vor sich hin, denn was der junge -Mann da vorrechnete, hatte Hand und Fuß, während sie Nichts nothwendiger in -der =range= brauchten, wie gerade eine schon lang ersehnte Sägemühle, die -auch wahrscheinlich vortreffliche Geschäfte machen würde. Das nur war ihm -dabei etwas Neues, daß Hendricks so viel Vieh haben sollte, denn der alte -Hendricks, der eine kleine Farm am Petite Jeanne angelegt hatte und fast -gar Nichts selber arbeitete, denn er saß den ganzen geschlagenen Tag im -Hause und las in der Bibel, war blutarm -- so wenigstens erzählte man sich -am Fourche-la-fave. Uebrigens bestand nicht viel Verbindung zwischen den -beiden kleinen Flüssen. Nicht einmal ein Weg führte vom unteren Theil der -Fourche-la-fave hinüber, und irrige Nachrichten konnten deshalb wohl recht -gut verbreitet sein. - -Der alte Jenkins dachte auch gar nicht daran, über die Verhältnisse eines -Nachbars nachzugrübeln. Das war dessen Sache, und wenn sich der Sohn Geld -erworben oder Vieh gezogen hatte, desto besser. Jenkins war wahrlich nicht -neidischer Natur, um es ihm zu mißgönnen. Seine eigene Arbeit durfte er -aber dabei nicht versäumen, und wie sie nun das Frühstück beendet, ging er -wieder hinaus, um seinen Axtstiel fertig zu schnitzen und dann dem eigenen -Sohn mit der =corncrib= zu helfen. - -Jim Jenkins und sein Bruder Bill standen ebenfalls auf, aber es war in -den Backwoods auch Gebrauch, daß ihnen der Gast nicht zu folgen brauchte, -sondern noch eine Zeitlang zurück und bei den Frauen blieb, um sich mit -diesen ein wenig zu unterhalten. Besuch kam ja so selten, und hatte dann -jedesmal einen so weiten Weg zurückzulegen, daß man ihn doch nicht gut auf -eine halbe Stunde beschränken konnte. - -Die Mutter war aber kränker geworden und hatte sich auf das Bett in -die entfernteste Ecke des Hauses gelegt, wo sie sich im Fieberfrost die -Steppdecke über den Kopf zog. Betsy stand am Kamin und wusch das Geschirr -auf. Hendricks, den Ellnbogen gegen den Simms gestützt, stand daneben. Die -Unterhaltung war aber in's Stocken gerathen und selbst ein paar Fragen, -die das junge Mädchen an ihn richtete, wurden so kurz und zerstreut -beantwortet, daß sie endlich von ihrer Arbeit auf und ihn ansah. - -Hendricks mochte in diesem Augenblick fühlen, daß er sich ungeschickt -benommen, denn das Blut schoß ihm in die Schläfe -- aber es war auch -wirklich nur ein Augenblick, denn schon im nächsten sagte er, wenn auch mit -nur halblauter und fast unterdrückter Stimme: - -»Miß Betsy, entschuldigen Sie mich -- meine Gedanken waren mit mir -durchgegangen, und ich glaube ich habe mich etwas albern benommen.« - -»Sie haben gewiß nicht verstanden, was ich Sie frug,« lächelte das Mädchen. - -»Nein -- in der That nicht, aber erlauben auch Sie mir eine Frage --« - -»Gern, wenn ich sie beantworten kann.« - -»Nun gut,« sagte Hendricks, und wie sich vorher sein Antlitz rasch und wie -mit einem Schlag röthete, eben so schnell erbleichte es auch jetzt, so -daß ihn Betsy, die sich sein wunderliches Betragen nicht erklären konnte, -erstaunt und fast erschreckt ansah. Hendricks ließ ihr aber nicht lange -Zeit, und nach einem halb scheuen Blick auf das Bett hinüber, wo er aber -keinen Horcher zu fürchten brauchte, fuhr er leidenschaftlich, aber nicht -laut fort: »Sie haben vorhin gehört, Betsy, daß ich mir in allernächster -Zeit eine Heimath zu gründen gedenke -- der Krieg kann kaum sechs Monat -mehr dauern, dann kehre ich zurück und baue mir meine Cabin -- wollen Sie -mein Weib sein? Wollen Sie Ihr künftiges Loos in meine Hände legen? Ich -gebe Ihnen die feste Versicherung, daß ich --« - -»Halten Sie ein, Mr. Hendricks,« unterbrach ihn aber Betsy, und es war -jetzt an ihr, zu erbleichen. Das Mädchen war in den wenigen Secunden so -weiß geworden wie Schnee. »Ihr Antrag hat mich allerdings überrascht -- -ich war nach unserer flüchtigen Bekanntschaft nicht darauf vorbereitet --- konnte es nicht sein, aber ich -- muß Ihnen auch erklären, daß jedes -weitere Wort unnöthig sein würde, denn -- ich bin schon Braut.« - -»Betsy?« rief Hendricks, und krampfhaft faßte er das Simms, an dem er bis -jetzt gestanden, »das ist nicht möglich. -- Vor kaum vierzehn Tagen war -ich hier und ich weiß, daß Sie da noch frei waren. Sie wollen nur Zeit -gewinnen, aber ich dränge Sie ja nicht -- nur die Möglichkeit will ich von -Ihren Lippen --« - -»Und selbst die Möglichkeit kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Betsy leise, -aber auch fest und entschlossen. »Ob ich glaube mit Ihnen glücklich leben -zu können oder nicht, kommt hier nicht mehr in Betracht. Ich habe dem -jungen Wells mein Wort gegeben, und sobald John sein neues Haus fertig -hat, wird die Hochzeit sein. Die Zeiten sind so unruhig, daß ich meine -Zustimmung zu einer so raschen Verbindung gab.« - -Hendricks hatte seine Unterlippe fest mit den oberen Zähnen gefaßt, und -sein Blick bohrte sich dabei so scharf in Betsy's Augen, daß diese ihn -nicht ertragen konnte. Aber in diesem Blick lag keine Liebe, kein Schmerz, -sondern nur Haß, und während sich ein höhnisches Lächeln über seine Züge -legte, sagte er ruhig: - -»Wenn die Sachen so stehen, Miß, dann möchte ich einer so glänzenden -Verbindung allerdings nicht im Wege sein -- der Sohn eines -Halb-Indianers --« - -»Mister Hendricks,« blitzte ihn aber jetzt das wieder voll auf ihn -gerichtete Auge des Mädchens an -- »Sie würden nicht den Muth haben, -das meinem Bräutigam in's Gesicht zu sagen. Entfernen Sie sich jetzt -augenblicklich oder ich rufe meinen Vater.« - -»Ich werde Sie nicht länger belästigen, Miß,« sagte Hendricks kalt; -»vielleicht habe ich einmal später die Freude, dem jungen glücklichen Paar -meine Glückwünsche zu bringen. Mr. Wells zieht ja wohl nicht mit aus, um -sein Vaterland zu vertheidigen -- was ich ihm auch unter solchen Umständen -nicht verdenken kann.« - -Betsy's Blut kochte -- ihre Lippen öffneten sich halb, ihre kleine Faust -ballte sich. Hendricks aber dachte nicht daran, sie noch mehr zu reizen, -die Nähe der Männer vor dem Haus war ihm auch vielleicht unbequem, und sich -nur mit spöttischer Ehrfurcht vor ihr tief verneigend, drehte er sich ab, -ging zu seinem Pferd, band es los, schwang sich in den Sattel, und den bei -ihrer Arbeit beschäftigten Männern einen kurzen Gruß zurufend, sprengte -er gleich darauf den schmalen Pfad entlang, der nach dem Fourche-la-fave -hinüberführte. - -»Na?« sagte Jim, der ihm erstaunt nachgesehen hatte, »der hat's ja auf -einmal verdammt eilig. Was ist denn dem in die Krone gefahren, daß er -davonschießt, als ob die Regulatoren hinter ihm her wären.« - -Der Alte hatte sich ebenfalls aufgerichtet, und wie von einem plötzlichen -Gedanken ergriffen, fuhr sein Blick nach der eigenen Hausthür hinüber, ob -er dort vielleicht eine Erklärung fände. Die Thür blieb aber leer; Betsy -ließ sich nicht blicken und Jenkins, sich den einen Balken zurecht rückend, -den er eben behauen wollte, sagte kopfschüttelnd: - -»Laß ihn laufen. Es ist mir recht, daß Ihr Euch nicht in den Haaren liegt, -denn Nachbarn sollen in Frieden beieinander wohnen. Sonst liegt mir aber -an dem Umgang auch nicht gerade besonders viel; denn der alte Hendricks ist -ein alter Heuchler, so viel ist sicher, und von dem jungen weiß ich eben -Nichts. Komm Jim, faß einmal hier mit an, daß wir den Block da ein wenig -mehr bei Seite schieben; komm Du auch her, Bill. Ich weiß nicht, mir ist es -in's Kreuz hinein gefahren und die alten Knochen wollen nicht mehr so recht -mit! Betsy mag auch eine Hand reichen; das Stück Holz ist mordmäßig schwer -und wir wollen uns gerade keinen Schaden damit thun. He Betsy -- oh Betsy --- komm einmal einen Augenblick her, Schatz, und nimm die Stange hier. -- -Wenn sie die nur immer unterstemmt, daß er nicht wieder zurückfällt, können -wir es schon machen.« - -Betsy kam aus dem Haus, dem Ruf Folge leistend, aber das Mädchen sah so -merkwürdig blaß aus, daß Jim erschreckt rief: - -»Hallo Betsy, was fehlt Dir? Du bist krank, Schatz -- siehst ja käseweiß im -Gesicht aus. Geh nur wieder hinein, Dich können wir hier nicht gebrauchen.« - -»Sagt mir nur, wo ich anfassen soll,« erwiederte das Mädchen ruhig, »mir -fehlt Nichts, wenn ich auch vielleicht ein Bischen blaß aussehe.« - -»Dir fehlt Nichts?« rief aber auch jetzt der Alte, der sie aufmerksam -betrachtete, und dann unwillkürlich nach dem Weg hinübersah, auf dem -Hendricks vor wenig Minuten davon geritten. -- »Hat Dir der -- =gentleman= -etwa was gesagt?« - -»Welcher =gentleman=, Pa?« - -»Nun, der Mister Hendricks.« - -»Das ist kein Gentleman,« sagte das junge Mädchen finster und fuhr nach -einer kurzen Zögerung fort: »Ja -- er hat mir seine Hand angeboten.« - -»Hm,« brummte der Alte, »merkwürdig geschwind muß es gegangen sein, das ist -wahr, aber als eine Beleidigung kann man das doch nicht eigentlich nehmen.« - -»Ich hab's aber so genommen Vater, doch -- laßt den -- Burschen. Sagt -mir wo ich mit anfassen kann, denn ich muß wieder zur Mutter hinein. Das -Schütteln ist vorüber und sie bekommt jetzt ihr Fieber.« - -Die beiden Männer wußten recht gut, daß aus der Betsy -- wenn sie nicht -reden wollte, Nichts herauszubringen sei. Der Alte betrachtete sie -allerdings wohl noch eine Minute lang scharf und forschend, aber sie -erwiederte den Blick nicht, und da war es denn das Beste, daß man sie -eben ruhig zufrieden ließ. Er zeigte ihr deshalb jetzt, wie sie die Stange -einsetzen und halten solle, und Betsy, nicht zum ersten Mal bei der Arbeit -verwandt, brauchte auch keine lange Erklärung. In kurzer Zeit war der Stamm -auf seinem Platz, und sie schritt dann wieder, ohne weiter ein Wort zu -sagen, nach dem Haus zurück. - -Jim wollte die Sache freilich nicht aus dem Kopf und als er gegen Mittag -noch einmal wieder zu ihr in's Haus kam, frug er sie: - -»Höre, Betsy, was hat Dir der Bursche denn eigentlich gesagt? es wäre mir -lieb, wenn ich's erfahren könnte.« - -»Laß ihn nur, Jim,« meinte aber die Schwester, »er wird uns hier nicht -wieder in's Haus kommen,« setzte dann ihr Bonnet auf, nahm ihren kleinen -Korb und ging hinaus in's Maisfeld, um dort Bohnen für das Mittagsessen zu -pflücken. - - - - -Drittes Kapitel. - -Der erste Schlag. - - -Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit wenig und die Bewohner -desselben wußten eigentlich gar nicht, wie glücklich und unbelästigt sie -bis jetzt von den Schrecken des Krieges verschont lebten, während im Osten -die Brandfackel in friedliche Hütten geschleudert wurde und in Virginien -besonders der Boden das darauf vergossene Blut kaum mehr einsaugen konnte. -Insofern befanden sie sich aber auch am Fourche in einer peinlichen Lage, -als sie die _Ungewißheit_ quälte: denn was nur an abenteuerlichen, oft -unmöglichen Dingen von der einen oder anderen Partei erfunden werden -mochte, fand doch sicher seinen Weg hier her in den Wald, und hielt die -Bewohner, besonders die Frauen, in einem steten Grad peinlicher Aufregung. - -Uebrigens rückte ihnen der Kampfplatz auch näher, denn der Norden fing an -einzusehen, daß er den Süden nie würde bezwingen können, wenn er nicht den -Mississippi, die Hauptstraße des Westens und Südens, vollständig in die -Hand bekam. Aber der Süden wußte das ebenfalls, und wenn auch New-Orleans -genommen und in den Händen der Yankees war, den oberen Mississippi, -Vicksburg und Memphis hielten die Südländer fest besetzt, und waren -von hier aus im Stande ihre Heere im Osten leicht mit dem im Westen -aufgekauften Vieh zu verproviantiren. Fuhr ihnen dann auch einmal -ein Kanonenboot des Northerners an der Nase vorüber und bedrohte die -Communication, so konnte es sich doch nie lange dort halten, und die -Nord-Armee fing deshalb auch schon an ihre Macht besonders gegen Vicksburg -zu entwickeln, um den Feind dadurch von allen Seiten einzuschließen. - -Indessen waren die Secessionisten aber auch in diesem Theil von Arkansas -gerade besonders thätig gewesen, um die Backwoodsmen zu einer compacten -Masse zu organisiren und mit ihnen, wie sie recht gut wußten, eine -Hauptmacht in's Feld zu stellen. Das aber scheiterte anfangs, wie wir -gesehen haben, aber nicht allein daran, daß hier im südlichen Wald die -meisten alten Farmer und Jäger wirklich gute Unionisten waren und von einem -Krieg gegen ihre alte Verfassung gar nichts wissen wollten, sondern auch -an ihrem Widerwillen, den Wald und ihre Heimath zu verlassen. Daß ein Mann -westlich ziehen konnte, weiter in die Wildniß hinein, ja, das schien ihnen -faßlich und kam auch oft genug vor, daß er aber zurück in die Ost-Staaten -geführt werden sollte, wäre keinem auch nur im Traum eingefallen. - -Der Süden mußte demzufolge anders manöveriren, und ein paar junge Officiere -wurden abgesandt, die in den verschiedenen Counties den alten Plan wieder -aufnehmen und eine Art Landwehr organisiren sollten -- nur vor der Hand zum -Schutz des Staates selber, und das gelang ihnen denn auch endlich, obgleich -sich die alten Backwoodsmen noch immer aus Leibeskräften dagegen sträubten. -Sie sahen weiter, als das junge Volk, und trauten den Versicherungen nicht -besonders, die jetzt fortwährend ausgestreut wurden: daß nämlich der Norden -in den letzten Zügen läge und jetzt nur auf eine Gelegenheit warte, um -den Süden anzuerkennen und einen halbweg ehrenvollen Frieden mit ihm -abzuschließen. - -Der Süden hatte allerdings in vielen Schlachten, von tüchtigen Feldherrn -angeführt, gesiegt, aber man schien doch die Spannkraft des Nordens -unterschätzt zu haben, und im Frühjahr 63 gewann die Lage der Staaten schon -ein anderes Aussehen. Memphis fiel, die nördlichen Truppen waren gegen -»das Gibraltar des Südens«, gegen Vicksburg vorgerückt und hatten eine -regelmäßige Belagerung begonnen, und Lee wurde im Norden so von neuen -anwachsenden Heeren bedrängt, daß er der bedrohten Stadt am Mississippi -nicht einmal zu Hülfe und zum Entsatz kommen konnte. - -Die jungen Leute vom Fourche-la-Fave, obgleich sich Viele von ihnen noch -immer zurückhielten, kamen nun schon ziemlich regelmäßig, wenigstens einen -Tag in der Woche, in Perryville zusammen, um ordentlich einexercirt zu -werden; denn wenn man dort im Walde auch keine »Feldschlacht« liefern -konnte, mußten sie doch nothwendigerweise die verschiedenen Signale und -Commandorufe kennen lernen, um eben auf alle Fälle gerüstet zu sein. Diese -Uebungen wurden auch den ganzen Sommer hindurch fortgesetzt, als plötzlich -ein dumpfes, freilich noch unbegründetes Gerücht durch den Wald lief: -Vicksburg sei gefallen, wie sich Memphis selber schon lange in den Händen -der Unionstruppen befand. - -Allerdings widersprachen die südlichen Agenten dem auf das Entschiedenste -und brachten selbst Zeitungen aus Vicksburg -- freilich von etwas früherem -Datum, in welchen aber die Belagerten noch eine vollkommen übermüthige, ja -fast höhnende Sprache gegen den Norden führten. Aber die Zeitungen selber --- das Papier nämlich, auf dem sie gedruckt waren, stimmte nicht recht -zu der darin enthaltenen Behauptung, daß die Yankees noch nicht einmal -im Stand gewesen wären, selbst ihre Communication mit dem Inland zu -unterbrechen, denn man war schon in Vicksburg gezwungen gewesen, die -Lettern nicht mehr auf Papier, sondern auf Tapeten zu drucken, da es an -dem ersteren in der eng eingeschlossenen Stadt vollkommen fehlen mußte. Die -Zeitungen hatten deshalb auch, blos auf einer Seite gedruckt und auf dem -Rücken mit irgend einem Tapetenmuster, ein höchst wunderliches Ansehen und -stimmten nicht zu dem Uebermuth, der sich noch immer in ihnen aussprach. - -Die Musterungen im Wald wurden aber desto eifriger betrieben, und plötzlich -kam sogar der Befehl, daß in Randolf, einer kleinen Stadt in Tennessee -aber an der andern Seite des Mississippi und also außerhalb Arkansas, -eine Hauptmusterung abgehalten werden solle, um der Zahl der waffenfähigen -Männer sicher zu sein. - -Das war allerdings gegen die erste Abrede, nach der eine Verwendung der -»Landwehr« nach Außen, gar nicht beabsichtigt worden. Die Verwendung -selber wurde auch jetzt noch geleugnet; es sollte, den Versicherungen der -Officiere nach, nur eben eine Musterung und nichts weiter sein, aber man -wünsche sehr, daß sich alle jungen Leute dabei betheiligen möchten, um -einen bestimmten Ueberblick zu gewinnen. - -Das gab große Aufregung am Fourche-la-Fave, und wenn auch bei Vielen die -Lust, sich an dem Krieg da draußen zu betheiligen, nicht besonders groß -sein mochte, weil es eben gegen den eigenen Stamm ging, und die meisten -der hiesigen Ansiedler gerade von den nördlichen Staaten, von Indiana und -Illinois, hierher gezogen waren, so arbeitete doch auch wieder der Ehrgeiz, -nicht zurückzustehen, zu Gunsten der Südstaaten, und brachte dadurch viel -Leid in einzelne Familien, ohne den Gang der Ereignisse wenden, ja nur -aufhalten zu können. - -In Klingelhöffer's Familie herrschte ebenfalls tiefe Trauer. Der alte Mann, -eine lange eherne Gestalt mit großem rothen Bart und hellblauen Augen, ging -mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengezogenen Brauen in seiner -Stube auf und ab. In der Ecke saß die Mutter, ein Bild tiefer Betrübniß, -die Hände im Schooß gefaltet, die guten Augen voller Thränen, die ihr -unbewußt an den Wangen niedertroffen, neben ihr die Töchter, ebenfalls -bedrückt, während am Fenster, den Blick auf den breiten Strom gerichtet, -der einzige Sohn, ein hochaufgeschossener, kräftiger Bursch stand und wohl -bleich und erregt, aber auch festentschlossen aussah. - -»Ich kann nicht anders, Vater,« sagte er endlich, nach einer langen Pause, -in der Niemand gewagt hatte, die Stille zu unterbrechen -- »ich bin -mit ihnen zusammen aufgewachsen, ich kann mich jetzt nicht von ihnen -ausschließen oder ich dürfte mich ja nicht einmal mehr in den Ansiedlungen -blicken lassen, ohne von den Frauen selbst verhöhnt zu werden.« - -Der Alte zerbiß einen Fluch. »Und was das Weibervolk über Dich sagt, liegt -Dir mehr am Herzen, als der eigene Vater, die eigene Mutter.« - -»Sie werden mich Memme schelten und das willst Du doch auch nicht.« - -»Nein, bei Gott nicht!« rief der alte Mann, »und wenn Du mir heute sagtest, -ich halt's nicht mehr länger daheim aus -- ich will hinauf in den Norden -ziehn und gegen Sklaverei und für die Verfassung kämpfen, ich gäbe Dir, -wenn auch mit blutendem Herzen, meinen Segen: aber daß Du mit den Sesesch -die Hand an das Palladium unserer Freiheiten legen willst, daß das mein -eigener, mein einziger Sohn thun will -- das thut weh.« - -»Und _könnt'_ ich in den Reihen des Nordens fechten,« sagte der junge Mann -wehmüthig, »wo alle meine Freunde und Schul- und Spielkameraden in den -Reihen der Feinde stünden? Es wäre zu furchtbar.« - -»Darum bleib. Die Musterung ist nur eine faule Lüge, um Euch erst einmal -von hier fortzulocken. Sie lassen Euch nie wieder in den Wald zurück.« - -»Ich kann nicht Vater. -- Sie gehen Alle.« - -»Sie gehen nicht Alle,« rief der Alte heftig. »Jim Jenkins denkt nicht -daran, für den Süden zu fechten, ebensowenig Jim Cook und die beiden Wells, -und daß Hogan geht, glaub' ich ebensowenig, und denen wirst Du doch gewiß -nicht vorwerfen, daß sie feige sind.« - -»Nein Vater, aber sie mögen das mit ihrem eigenen Gewissen abmachen. Die -drei Houstons gehn jedoch, Curtil, Rawlins, Rankins, die Mac Kinneys, -Smeiers, Hodges und wie sie Alle heißen und vom Petite Jeanne drüben gehen -sie Alle, ebenso vom Mamelle und der anderen Seite drüben und die jungen -Leute vom Van Buren herunter, von Washington, Fulton, ja selbst vom Fort -Smith haben sich schon bei Little Rock gesammelt und warten nur darauf, daß -sich unsere Compagnie ihnen anschließen soll.« - -»So geh'!« sagte der alte Mann, mit einem tief aus der Brust geholten -Seufzer, während seine Lippen zitterten und seine ganze Gestalt bebte. »Geh --- an dem Segen des Vaters ist Dir doch nichts gelegen.« - -»Vater!« rief der junge Mann mit hervorquellenden Thränen und tiefem -Schmerz -- »ich kann ja nicht anders; frage die Mutter, ob sie mich in den -anderen Reihen sehen möchte.« - -Der alte Mann hatte seine, aber schon lang ausgegangene Pfeife in der Hand, -und faßte sie so krampfhaft, daß das Rohr von einander brach -- aber er -sagte kein Wort; stützte sich nur mit dem rechten Arm auf den Kaminsimms, -und lehnte seine Stirn darauf, daß der rebellische Sohn die Thränen nicht -sehen sollte, die ihm selber in den Bart liefen und jetzt langsam und -schwer in die Asche niedertropften. - -»Geh nur,« sagte er endlich, ohne seine Stellung aber zu verändern, »geh --- Dein Pferd und Deine Waffen hast Du -- was Du an Geld etwa brauchen -solltest, kannst Du in Little Rock bekommen. Ich werde Dir einen Brief -dahin mitgeben.« - -»Aber doch nicht so, Vater. Willst Du nicht Abschied von mir nehmen?« - -»Willst Du jetzt schon fort?« rief der alte Mann, erschreckt emporfahrend. - -»Um drei Uhr haben wir unsern Sammelplatz an der Mamelle; es ist jetzt -schon acht Uhr und ich muß scharf zureiten, wenn ich ihn noch erreichen -will.« - -Klingelhöffer erwiderte nichts weiter. Er wischte sich die verrätherischen -Tropfen aus den Augen, ging dann an seinen Tisch, suchte sich sein wenig -gebrauchtes Schreibzeug zusammen, schrieb und faltete denn das Blatt. - -Die Mutter war in ihrer Stellung geblieben; sie wußte ja, wie Alles kommen -würde, denn mit ihr hatte der Sohn schon am Abend vorher gesprochen und ihr -seinen festen Entschluß verkündet. Was er mitzunehmen hatte, war auch -schon Alles eingepackt und in Ordnung -- und jetzt kam der Abschied -- der -furchtbare Abschied bei solcher Trennung. - -Die Frauen erleichterten sich auch dabei das Herz durch Thränen. -Klingelhöffer selber hatte seinen ersten Schmerz bezwungen und reichte dem -Sohne nur die Hand. - -»So zieh' mit Gott,« sagte er dabei, aber die Worte rangen sich ihm nur -mühsam aus der Kehle, -- »zieh mit Gott! Du hast es nicht anders haben -wollen. Dieser freien und herrlichen Constitution wegen habe ich mein -Vaterland verlassen und bin mit Deiner Mutter hier herüber in den Wald -gezogen. Du, mein einziger Sohn, willst die Hand dagegen erheben und sie -mit stürzen helfen.« - -»Vater,« bat der Sohn, »ich kann ja nicht anders. Oh, wie gern blieb ich -bei Dir --« - -»Ja wohl,« nickte der alte Mann, dessen Geist dadurch in eine andere Bahn -gelenkt wurde -- »bei mir -- Niemand bleibt jetzt bei mir. Wenn sie Dich -todtschießen, dann kann ich von vorn anfangen meinen Acker zu bauen -- so -lang' es die alten Knochen eben noch können und nachher --« - -»Ich kehre zurück Vater -- bald -- Du sollst nicht mehr arbeiten dürfen, -Du hast in Deinem Leben genug, über genug gethan. Leb' wohl. Gott schütze -Dich.« - -»Leb wohl,« sagte der alte Mann und drückte zum ersten Mal die Hand des -Sohnes, die er noch in der seinen hielt. Da hielt sich Gustav aber auch -nicht länger. Sich an des Vaters Brust werfend, faßte er ihn mit beiden -Armen und eine halbe Minute wohl hielten sich die beiden Männer fest und -schweigend umschlungen. Da schob der Vater den Sohn zuerst von sich ab und -sagte leise: - -»Du mußt fort -- Deine Zeit ist um -- mach's kurz.« - -Noch einmal umschlang der junge Mann Mutter und Schwestern, dann sprang er -hinaus -- reden konnte er nicht mehr, denn Thränen erstickten seine Stimme. -Draußen an der Fenz lehnte seine Büchse, die griff er auf, schwang sich in -den Sattel, und war im nächsten Augenblick um den Hügel verschwunden, der -den Pfad nach dem nahen Fourche la Fave zu deckte. Das Haus selber lag auf -der Spitze, welche der in den Arkansas einmündende Fourche bildete, und -über diesen mußte er sein Pferd bringen, um dann durch den Wald hin die -nach der Mamelle führende Straße zu erreichen. - -Das war überhaupt eine schwere Zeit für die Bewohner dieses bis jetzt -so stillen und eigentlich von dem Verkehr mit der Welt abgeschlossenen -Districts. Manche Hütte hatte damit den einzigen Sohn verloren und wenn -sich auch einzelne dadurch zu trösten suchten, daß es eben nichts -weiter als eine Musterung sei und die jungen Leute bald in ihre Heimath -zurückkehren würden, im Herzen glaubten sie es doch kaum selber und ihre -Befürchtungen sollten sich auch nur als zu begründet erweisen. - -Woche um Woche verging, aber die Compagnie kehrte nicht wieder und die -Nachricht kam ebensowenig, wohin man sie geführt, in welche Armee, ob nach -dem Norden oder Süden. - -Der alte Klingelhöffer hatte aber mit seiner Behauptung Recht gehabt, daß -sich nicht Alle diesem Zuge anschlossen. Jenkins, Cook und die beiden Wells -waren in der That zurück geblieben und zwar nicht etwa aus Feigheit, aber -im Herzen der Union ergeben, wollten und konnten sie nicht gegen diese -kämpfen. - -Uebrigens ließ man sie nicht lange in Frieden, denn kaum waren drei Wochen -nach der vorbeschriebenen Zeit verflossen, als ein Placat von dem in Little -Rock befehlenden General der Südstaaten in Perryville sowohl, wie in den -verschiedenen Ansiedlungen verbreitet wurde, in dem von einer Landwehr für -Arkansas nicht mehr die Rede war, sondern alle waffenfähige Mannschaft, bei -Drohung sofortigen Arrests, nach Little Rock selber einbeordert wurde, -um sich dort zu stellen und einem besonders equipirten Arkansas-Regiment -einrangirt zu werden. - -Früher wäre das nun allerdings nicht angegangen, denn mit Gewalt konnte man -den ganzen Fourche la Fave, wenn er einig geblieben wäre, nicht beitreiben. -Züge der Nördlichen waren schon von Missouri her im Anzug und in Little -Rock selber wurde jeder Mann nothwendig zur möglichen Vertheidigung der -offenen Stadt gebraucht. Jetzt aber ging das leichter. Man kannte recht -gut die Einzelnen, die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen, und -kleine Patrouillen langten oben an, um sie auf ihren Farmen aufzuheben. - -Der junge Cook, dessen Vater kurz vorher gestorben war, entging eines -Morgens nur mit Mühe einer ihm bestimmten Ueberraschung und flüchtete in -den Wald, wohin ihm natürlich die Soldaten nicht folgen konnten. Die beiden -Wells mußten ebenfalls ihren Platz verlassen, Jim Jenkins durfte sich gar -nicht mehr auf der, dicht am Arkansas liegenden Farm blicken lassen, weil -sogar mehrmals in der Nacht Boote gekommen waren, das Haus dann in der -Stille besetzt und nach ihm gesucht hatten. - -Eigentlich war es wunderlich genug, daß man sich solche Mühe um ein -Paar einzelne junge Leute gab, und um sie einzufangen, viel mehr andere -Mannschaft verwendete. Woher hatte überhaupt der General in Little Rock so -genaue Kunde von dem, was hier mitten im Wald passirte, wenn nicht irgend -ein geheimer, aber mit den hiesigen Verhältnissen sehr vertrauter Feind die -Säumigen denuncirt und ihre Verhaftung hartnäckig betrieben hätte? Aber wer -konnte das sein? -- Betsy Jenkins rieth augenblicklich auf Hendricks, doch -Niemand hatte ihn seit langer Zeit in der =range= gesehen. Eben so wenig -war er bei irgend einer Patrouille betheiligt gewesen, die man sogar, als -der Verdacht erst einmal geweckt war, nach ihm gefragt hatte. Sie kannten -den Namen gar nicht und meinten nur, wenn er schon damals hier in Uniform -gewesen sei, befinde er sich jetzt jedenfalls drüben über dem Mississippi -bei dem Heere, das eben abgeschickt wurde, um Vicksburg zu entsetzen und -die Abolitionisten zurück über ihre Grenzen zu jagen. - -Damit zogen sich wieder einige Wochen hin und das Gerücht wiederholte sich, -daß Vicksburg gefallen sei. Aber es war so oft schon aufgetaucht, daß man -es nicht weiter beachtete, noch dazu da die unmittelbare Nähe einen immer -bedrohlicheren Charakter annahm. Allerdings hieß es einmal, daß von Memphis -herüber ein Unionsheer rücke, um Little Rock zu besetzen und dadurch die -Gewalt im Staat zu bekommen, und vom Missouri herunter sollten ebenfalls -die Unionstruppen vordringen. Gegen diese hatten sich aber im Süden -von Missouri wie im Norden von Arkansas Guerillas gebildet -- ebenfalls -Backwoodsmen, aber dem Süden ergeben, die den Feind auf jede Weise zu -belästigen suchten und von den nördlichen in verächtlicher Art Bushwhackers -genannt wurden -- eine Bezeichnung die unserem »Buschklepper« wohl am -nächsten käme. - -Die Bushwhacker waren Anfangs auch wohl die reinen Guerillatrupps, wie -sie sich in andern wilden Ländern ebenfalls bilden und nothgedrungen da -entstehen müssen, wo man sich dem Eindringen eines Feindes widersetzen -will, und doch nicht Mannschaft genug auftreiben kann, um ihm im offenen -Feld die Stirn zu bieten. Daß sich aber auch Gesindel zwischen diesen -ordnungslosen Schaaren fand, ist nicht zu verwundern, und besonders -wurden mehrmals scheußliche Grausamkeiten nicht allein an gefangenen oder -verwundeten Soldaten, sondern auch sogar an einzelnen Familien im Wald -verübt, welchen Ueberschreitungen die eigentlichen Bushwhacker aber -vollkommen fern standen und mit Entrüstung solche Anschuldigungen -zurückwiesen. - -Nichts destoweniger waren sie aber vollständig begründet, und es zeigte -sich bald, daß es in der That einzelne ordnungslose oder geordnete Banden -im Walde gab, die, wie uns Cooper in seinem »Spion« die »Cowboys« -oder Kuhjungen des ersten amerikanischen Freiheitskrieges beschreibt, -rücksichtslos bei Freund und Feind einfielen und dann wie richtige Räuber -stahlen und plünderten, was sie eben bekommen konnten. - -Dieses Gesindel, das aber ebensogut den eigentlichen Bushwhackern wie den -Unionstruppen aus dem Wege ging, und nur da vorbrach und seine Schrecken -verbreitete, wo es sich vor Entdeckung ziemlich sicher wußte, bekam denn -auch bald einen neuen Namen. Man nannte jene, keiner bestimmten Partei -angehörigen Plünderer Jayhawker[2], das Geschäft selber, das sie betrieben, -Jay-hawking, und der Name war bald im ganzen Wald, besonders von Missouri -gefürchtet. Durch sie bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten -Namen, denn man wußte sie oft nicht von einander zu unterscheiden und die -regulairen Truppen des Nordens ließen diese -- wenn sie einmal einen in -ihre Gewalt bekamen, oft entgelten, was die anderen verübt hatten. - - [2]: Das Wort ist jedenfalls von =jay-bird= -- ein kleiner harmloser - Waldvogel und =hawk= Falke abgeleitet, bezeichnet also einen Mann, der - heimtückisch über einen Wehrlosen herfällt. - -Die jungen Leute am Fourche-la-Fave nun, Jenkins, Cook und die beiden -Wells, denen der Platz dort zu warm wurde, da man es wirklich ganz -ernstlich auf sie abgesehen zu haben schien, beschlossen den Staat zu -verlassen und bei der Nord-Armee Dienst zu nehmen. Möglich, daß sie dann -mit dieser nach Little Rock vordringen, und dazu beitragen konnten, den -Ihrigen am Fourche Luft und dem nichtswürdigen Spionirsystem ein Ende zu -machen. Nach Norden konnten sie freilich nicht fort, denn dort wären sie -jedenfalls den Bushwhackern in die Hände gelaufen und dann auch sicher für -die Sesesch gepreßt worden. Nach Süden zu durften sie ebensowenig, -denn dort schwärmte es ebenfalls von »Rebellen«, und Little Rock, die -Hauptstadt, war ja auch noch in deren Händen. - -Da blieb ihnen denn keine andere Wahl, als gerade gen Osten gegen den -Mississippi hin durch den Sumpf zu brechen. Die Jahreszeit war ja auch -günstig dazu, und im wilden Walde großgezogen, fürchteten sie nicht, ihren -Weg zu verlieren. Ihre Familien drängten sie selber dazu, denn soviel -hatte sich jetzt herausgestellt, daß es zur Unmöglichkeit geworden, länger -neutral zu bleiben. Auf eine oder die andere Seite mußte man sich schlagen -und ohne Weiteres beschlossen sie deshalb, ihren langen beschwerlichen Weg -anzutreten. - -Bei Klingelhöffer hatten sie ihren Sammelplatz verabredet, dort -übernachteten sie noch einmal und dem alten Mann war es ein wehes, -entsetzliches Gefühl wenn er sich dachte, daß gerade diese jungen Burschen, -die er als Kinder auf dem Arm herumgetragen, jetzt in das, seinem eigenen -Sohn feindlich entgegenstehende Heer treten und möglicherweise eine Kugel -gerade aus ihrem Rohr seine Brust treffen könne. Aber wie auch sein Herz -dabei denken mochte, sein Verstand, seine ganze Sympathie war trotzdem auf -Seite des Nordens. - -Er behielt sie über Nacht bei sich, füllte am nächsten Morgen ihre -Proviantbeutel mit Lebensmitteln und ruderte sie dann selber in seinem Boot -über den Arkansas. -- Wie es das Schicksal bestimmt hatte, mußte es sich -ja doch erfüllen -- es war ein Bürgerkrieg, der Bruder gegen Bruder, Vater -gegen Sohn anhetzte, -- welche Rücksicht konnte da der Freund auf den -Freund nehmen. Die Würfel rollten -- wie sie fielen? -- Nur Gott wußte es. - - - - -Viertes Kapitel. - -Jay-hawking. - - -Wie still das am Fourche-la-Fave geworden war, als das sämmtliche junge -Volk den kleinen Fluß verlassen hatte, wie merkwürdig still. Nur die -alten Leute saßen noch auf ihren vereinzelten Farmen -- nur die Frauen und -Kinder, und die getrauten sich jetzt nur in seltenen Fällen hinaus in den -Wald und vielleicht nur einmal nach der allernächsten Ansiedlung hinüber, -denn der alte Browns, der oben in Missouri gewesen war, um zu sehen, wie -es seinen dort wohnenden Kindern ging, hatte die eben nicht erfreuliche -Nachricht mit an den Fourche gebracht, daß die Raubbanden dort und schon -gar nicht mehr so weit vom Arkansas entfernt, mehr und mehr überhand -nähmen, je mehr die nördlichen Truppen nach Süden herunterrückten, und -dadurch auch das Gesindel vor sich her trieben. - -Uebrigens waren auch hier schon fremde Gesellen gesehen worden, die -sich allerdings nicht aufgehalten hatten, aber überall, und nur unter -verschiedenen Vorwänden, die genauesten Erkundigungen über den hiesigen -Stand der Bevölkerung einzogen. Bald gaben sie vor, sich hier niederlassen -zu wollen, weil man hier so wenig von dem Bürgerkrieg spüre, bald forschten -sie nach einem verloren gegangenen Verwandten, und wenn es nun auch im -Character der Backwoodsmen selber lag, auf irgend einem Ritt die genauesten -Fragen über Alles zu stellen, so waren die Leute doch durch den unsichern -Zustand ihres ganzen Landes so beunruhigt, daß selbst vielleicht vollkommen -unschuldige Nachfragen ihren Verdacht erwecken konnten. - -Aber waren die Nachfragen auch wirklich so unschuldig gewesen? Eines -Morgens kam der alte Smeiers auf seinem todtmüden abgehetzten Thier nach -Perryville hineingeritten und brachte die Meldung, daß sich oben an seiner -Farm verdächtiges Gesindel zeige. Drei von seinen besten Pferden fehlten -zu gleicher Zeit und nur zwei von seinen sieben Milchkühen seien vorgestern -Abend nach Hause gekommen. Es wäre möglich, daß ihnen ein Trupp dieser -verdammten Jay-hawker einen Besuch zugedacht und deshalb besser gleich den -ganzen Fourche-la-Fave aufzubieten, um den Wald abzusuchen und Feuer hinter -die Schufte zu machen. - -Er fand aber wenig Aussicht auf Hülfe in dem kleinen Städtchen, wohin eben -die Nachricht gelangt war, daß jetzt Vicksburg, das Gibraltar des Südens, -wirklich von den Yankees nach vielen furchtbaren Stürmen zwar und mit dem -Verlust vieler Menschenleben, aber trotzdem genommen sei und man wußte noch -gar nicht welchen Erfolg dieser, jedenfalls entscheidende Sieg des Nordens, -auf die Kriegführung des Südens haben würde. - -Außerdem fehlte es vollkommen an waffenfähiger Mannschaft um einen -wirksamen Zug auszuführen. Wo hätten sie Leute hernehmen wollen, da man ja -das ganze junge Volk hinweg und über den Mississippi hinüber gelockt hatte. -Zeigten sich aber wirklich Jay-hawkers in der Nachbarschaft, wie konnte -man dann das eigene Haus verlassen, um einem ungekannten Feind entgegen zu -ziehen, der vielleicht in derselben Zeit den Fourche gekreuzt hatte und, -solche Gelegenheit benutzend, die ganz unbeschützten Farmen überfiel? - -Smeiers fand bald, daß er hier nicht auf Hülfe rechnen konnte, warf sich -wieder auf sein kaum ausgeruhtes Pferd und suchte jetzt seine übrigen -Bekannten auf, die ihm aber auch nur wenig Trost geben konnten. - -Cooks Haus fand er ganz verödet, die junge Frau war mit dem kleinen Kind -fortgezogen und kein Mensch auf dem ganzen Platz zurückgeblieben, der ihm -hätte Nachricht geben können. Wells, einer seiner ältesten Freunde, hatte -sich mit der Axt in den Fuß geschlagen und konnte nicht von der Stelle. Die -Söhne waren fort. Wilson fand er wohl zu Haus aber ohne Munition. Er war -gerade von Little Rock zurückgekehrt, wo die Regierung sämmtliche Munition -mit Beschlag belegt hatte, so daß er nicht einmal Zündhütchen für seine -Büchse bekommen konnte -- und weiter hinab sah es genau so aus. Die wenigen -alten Backwoodsmen, die noch auf den Farmen lebten, konnten gar nicht -daran denken ihren Platz zu verlassen, und Klingelhöffer, auf den er fest -gerechnet hatte, lag krank in seinem Bette und konnte nicht einmal gehen, -viel weniger reiten. - -Der ganze Fourche-la-Fave befand sich in der That in einem vollkommen -schutzlosen Zustand, und die Nachricht schon, daß sich die allgemein -gefürchteten Gesellen in der Nachbarschaft gezeigt, brachte die Frauen -besonders in die furchtbarste Aufregung. - -Das waren die Vorläufer der Yankees -- so hieß es fast überall unter ihnen --- mit Rauben und Brennen fingen die an, und wie sollte es nun erst werden, -wenn das wirkliche Heer nachrückte und ihren stillen Wald mit seinen -marodirenden Schwärmen überschwemmte. - -Die Männer schüttelten freilich dazu mit dem Kopf, denn daß ein paar -Pferde gestohlen wurden -- nun ja, es wäre nicht das erste Mal in der -Range gewesen, und in früherer Zeit hatten sie sich ja auch einmal zu einem -Regulatorenbund zusammenthun müssen, um eine Bande übermüthig gewordener -Schufte zu züchtigen und unschädlich zu machen. Aber seit sie selber jung -gewesen, war das nicht wieder vorgekommen, und dann -- was in Gottes Namen -gab es denn in ihren ärmlichen Hütten zu stehlen, daß es die Habgier von -Dieben hätte reizen können? Das Vieh, nun ja, aber das mußte auch bald -seine Grenze haben, denn nach Little Rock durften sie sich nicht wagen es -zu treiben, und um die Rinder etwa zu verzehren? lächerlich! mit eben so -leichter Mühe konnten sie Hirsche und Truthühner genug im Walde schießen. - -So ganz recht war es ihnen aber doch nicht, und wenn sie es sich auch nicht -wollten gegen die Frauen merken lassen, untereinander sprachen sie darüber -und wünschten sich ziemlich offen, daß ihre Jungen nur erst wieder zurück -aus dem verbrannten Krieg wären -- nachher wollten sie mit derartigem -Gesindel schon rasch genug aufräumen, daß ihm der Wald und besonders der -Dogwood[3] darin, bald zu warm werden sollte. - - [3]: Dogwood ist eine Art wilder Corneliuskirsche mit sehr bröcklicher - Rinde; an diese kleinen Bäume wurden gewöhnlich Strolche angebunden, - die man bei einem Pferdediebstahl erwischt hatte. Während man sie dann - peitschte und sie sich um den Baum herumwanden, scheuerten sie die - Rinde ab und man nannte sogar die Strafe danach »Dogwood schälen.« - -Aber die »Jungen« kehrten nicht so bald aus dem Krieg zurück, denn der -Süden hatte, wie sich jetzt herausstellte, mit seinen immerwährenden -Siegesnachrichten, die er im Westen ausgestreut, nur gelogen, und den -Beweis sollten sie bald thatsächlich bekommen. Nicht allein, daß sie die -_Gewißheit_ erhielten, Vicksburg sei wirklich nach einem furchtbar blutigen -Kampfe genommen, nein, eines Morgens kamen sogar Flüchtlinge von Little -Rock herauf, die nach dem Ozark-Gebirge wollten und die Kunde brachten, die -Hauptstadt des Staates sei von den Unionstruppen besetzt und General Steene -befehlige jetzt dort, während sich die Sesesch nach den »Heißen Quellen« -mit Texas im Rücken hinübergezogen hätten und nicht etwa dort Stand -hielten, sondern ihre Flucht ohne Säumen bis über den Redriver selber -fortsetzten. - -Aber ein Weheschrei ging zugleich durch die ganze Ansiedelung, denn das -Schlimmste, was sie bis jetzt gefürchtet, war eingetroffen. Droben an dem -Petite-Jeanne war Einer der jungen, damals mit fortgegangenen Leute als -Krüppel heimgekehrt, und wie ein Lauffeuer zog sich die Unglücksbotschaft -durch die Hütten, daß jener ganze, so hinterlistig fortgelockte Trupp nach -Vicksburg hinabgeschleppt sei. Dort hatten sie es möglich gemacht, die -belagerte Stadt in der Nacht zu gewinnen, aber sie kamen gerade im letzten -Augenblick, wo die Stadt selber schon an ihrer Rettung verzweifelte. Sturm -folgte auf Sturm. Drei Tage und drei Nächte lang kam kein Schlaf in die -Augen der Vertheidiger, und da man die junge, ausgeruhte Mannschaft -am Unerbittlichsten dabei verwandte, hatte sie auch natürlich die -furchtbarsten Verluste aufzuweisen. - -Vom Fourche-la-Fave allein waren sieben todt geblieben. Unter ihnen Gustav --- Klingelhöffers einziger Sohn, und die Todesbotschaft traf den alten Mann -ins Herz. Selbst die Nachricht hörte er von da an mit Gleichgültigkeit, daß -mit dem Fall Vicksburgs die Rebellion der Sesesch den Todesstoß erhalten -habe, denn die Unionisten befanden sich jetzt im Besitz der großen -Wasserstraße des Mississippi und hatten damit die Einschließung des ganzen -südlichen Gebiets vollendet. Allen jenen rebellischen Staaten war jetzt die -Verbindung mit dem Ausland vollständig abgeschnitten und nicht einmal den -so nothwendigen Proviant, wie z. B. Schlachtvieh, das sie sonst unbehindert -aus Arkansas bezogen, konnten sie mehr bekommen. Ihre Unterwerfung war -von nun an keine _Frage_ mehr, sondern nur eine Sache der Zeit geworden, -während der Norden auch mit raschem Entschluß seine Truppen in den Westen -sandte, Arkansas selber oder doch die wenigen Hauptplätze besetzte, und ein -Heer Neger nach Texas hineinwarf, um auch dort die Rebellion zu vernichten -und den Rebellen damit die letzte Stütze, den letzten Zufluchtsort zu -nehmen. - -Zu spät! -- Der furchtbare Schlag war gefallen -- gefallen auf viele viele -Häupter -- der Sieg mit zu theuerem Blut erkauft worden und stumm, ja fast -gleichgültig sah man den kommenden Ereignissen entgegen. - -Aber die Bewohner der Fourche sollten trotzdem selbst aus ihrem Schmerz -aufgerüttelt werden, denn ihre schlimmste Zeit war noch nicht überstanden, -und eine Gefahr drohte ihnen, an die sie bis jetzt kaum gedacht. - -Vor wenigen Tagen war die Countystraße entlang ein Bataillon Unions-Truppen -gegen Little Rock marschirt, um sich dort mit General Steene zu vereinigen. -Ein paar Pferde aus der Range schienen dabei abhanden gekommen zu sein und -einige Kühe. Die Soldaten betrachteten sich ja in Feindes Land und daß die -Beraubten gerade zufällig lauter gute Unionisten waren, konnten sie nicht -wissen. - -Da durchlief plötzlich die Schreckenskunde die Range, daß die so lang -gefürchteten Jay-hawkers bei Wells oben am Fourche-la-Fave eingebrochen -seien und den alten kranken Wells, auf seinem Bett selbst, todtgeschossen -hätten. - -Wells war einer der ältesten Ansiedler, ein schlichter einfacher Mann, der -selten nur mit einem der Nachbarn verkehrte, aber deshalb doch aushalf, wo -er nur irgend konnte. Dabei gab es keinen besseren Jäger und Schützen in -der ganzen Range als ihn, und seine etwas gebräunte Hautfarbe, sein langes -straffes schwarzes Haar ließ ihn sogar, in der Meinung der Hinterwäldler, -vom indianischen Blut abstammen. Er hatte dabei ein bewegtes Leben -geführt und vor langen Jahren sogar einmal, als Texas noch von wilden -Indianerhorden schwärmte, einen Jagdzug dorthin _allein_ unternommen und -sich mehre Jahre dort, selbst einmal von Indianern gefangen genommen, -aufgehalten. Zu seinem Unglück mußten die Verbrecher erfahren haben, daß er -krank darnieder liege, sie würden sich sonst wohl kaum an ihn gewagt haben, -denn daß er seinen Schuß nie fehlte, war bekannt. - -Niemand war bei ihm im Haus gewesen als seine Frau und diese erzählte -jetzt, daß der Ueberfall durch sechs fremde Männer geschehen sei, die _sie_ -wenigstens früher nie am Fourche-la-Fave gesehen. Nur der Eine von ihnen, -und wie es schien, der Anführer der Schaar, habe ein geschwärztes Gesicht -gehabt und sei ihr bekannt vorgekommen, sie wäre aber nicht im Stande, -irgend einen bestimmten Namen zu bezeichnen. - -Daß die Räuber mitgenommen hatten, was sie _irgend_ gebrauchen konnten, -versteht sich von selbst, besonders Well's zwei Büchsen und alle Munition, -aber auch sonst noch an Fellen und Pelzwerk, was gerade da war, und -außerdem eine Menge anderer Dinge, die für sie selber keinen Werth haben -konnten. Die Vermuthung lag deshalb nahe, daß sie das Geraubte nach -irgend einem Versteck gebracht, oder auch vielleicht durch irgend einen -Zwischenhändler nach Little Rock zum Verkauf geschickt hatten. - -Die alten Backwoodsmen rüsteten sich jetzt so gut sie konnten, aber was -waren sie im Stand zu thun, wo sie sich einzeln nur auf ihrem von jeder -Hülfe entfernten Platz im Wald befanden. Möglich war auch, daß es nur ein -vereinzelter Raubzug gewesen, denn volle acht Tage lang hörte man Nichts -mehr von Räubern, bis sie auf's Neue, und dies mal mit wahrhaft teuflischer -Bosheit auftraten. - -Oben am Fourche wohnte ebenfalls ein alter Ansiedler Hogan, der, wie es -dort hieß, vor kurzer Zeit auf einem Jagdzug in den Ozarkgebirgen, eine -jener Silberminen entdeckt haben sollte, von denen man sich erzählte, daß -schon vor vierzig und funfzig Jahren Venetianer aus dem Osten gekommen -wären, um sie heimlich zu bearbeiten. Ob etwas an der Sache war oder nicht, -konnte natürlich Niemand sagen, aber wie derartige Gerüchte rasch -überhand nehmen, so wollte man schon hie und da wissen, daß Hogan zu Fuß -zurückgekehrt sei, weil sein Thier kaum im Stande gewesen sei, die schweren -Silberstücke fortzuschaffen, die er dort zwischen den Steinen gefunden -- -und das gerade mußte die Räuber angezogen haben. - -Hogan selber begegneten sie draußen im Wald oder lauerten ihm auch -vielleicht auf und schossen ihn gleich nieder, dann hatten sie leichte Mühe -mit seinem Haus, in dem sie nur die alte Frau, ein paar junge Mädchen und -zwei kleine Knaben fanden. Der Platz wurde umstellt, und nun sollte die -Frau bekennen, wo sie das Silber versteckt halte, das ihr Mann aus den -Bergen mitgebracht habe. Die Frau beschwor zwar die Männer nicht zu -glauben, was sich das Volk am Fourche-la-fave erzähle. Ihr Mann sei -allerdings oben am Whiteriver in den Ozarkgebirgen gewesen, aber nur um -sich einen Platz zur Ansiedlung auszusuchen. Silber habe er gar nicht -gefunden und nur ein paar bunte Steine mitgebracht, mit denen die Kinder -eine Weile gespielt und sie dann weggeworfen hätten. Die Steine würden auch -wohl die erste Ursache zu dem Gerüchte gegeben haben, an dem aber nicht -eine Sylbe Wahres sei. - -Der Führer der Schaar, der wieder ein geschwärztes Gesicht trug, hielt -sich, wie die Kinder später aussagten, die Zeit über an der Thür des Hauses -und gab von dort aus seine Befehle. Er betrug sich gerade so, als ob -er fürchte, erkannt zu werden. Der Bericht der Frau aber wurde von den -Jay-hawkern mit wilden Flüchen beantwortet. Ihr Leugnen helfe ihr Nichts -- -man wisse genau, daß sie das Silber im Haus versteckt halte und wenn sie -es nicht gutwillig herausgebe, wolle man sie schon zu einem Geständniß -zwingen. - -Die Frau weinte und flehte, die Kinder schrieen. Der Eine der rohen Buben -nahm den ersten Knaben und schleuderte ihn mit solcher Gewalt in die Ecke, -daß er dort winselnd am Boden liegen blieb, dann sprang ein Anderer zum -Kamin und stieß die Kohlen mit dem Fuß auseinander und nun setzten sie die -alte Frau, die in Todesangst um Erbarmen bat, auf einen Stuhl, banden sie -dort fest, umschnürten ihr die nackten Füße mit einem Seil und hielten sie -gewaltsam über die glühenden Kohlen. - -Die Frau kreischte laut auf, die Töchter warfen sich den Räubern zu Füßen --- umsonst. Die Frau sollte gestehen, wo Silber, das sie in ihrem Leben -nicht gesehen, versteckt sei, und als sie endlich ohnmächtig wurde, ließ -man sie los und vom Stuhle herunter fallen, und durchwühlte nun die Hütte -von oben bis unten, riß die Dielen auf, grub den Heerd auf und verwandelte -die ruhige stille Heimath guter friedlicher Menschen in wenigen Minuten -in eine Wüste. Silber fanden sie natürlich nicht, nur den ärmlichen, -schon halb zerstörten Hausrath eines Backwoodsman, und aus Wuth, mit allen -Rohheiten gegen die Töchter selber, streuten sie zuletzt die glühenden -Kohlen und Feuerbrände im Haus umher, schichteten das Stroh aus den Betten -darauf und verließen erst den Platz, als sie sich überzeugt hatten, daß er -in hellen Flammen stand. - -Die Frau starb, unter den furchtbarsten Schmerzen noch in der nämlichen -Nacht -- die Mädchen flüchteten mit den kleineren Kindern in den Wald, -weil sie die Rückkehr der Räuber fürchteten und wagten sich erst, halb -verhungert, nach einigen Tagen wieder vor, um eines Nachbars Wohnung und -dort Schutz zu suchen. - -Jetzt folgten die Ueberfälle rasch einer dem anderen, und Rankins, -ein alter Ansiedler in der Nachbarschaft, ließ sich endlich durch die -dringenden Bitten der Seinen bewegen, in den Wald und den Buben aus dem Weg -zu gehen, denn sie hatten schon nach ihm gefragt, und daß sie kein Erbarmen -kannten, wußte man. Er ging auch und hielt sich 14 Tage lang versteckt, -bekam aber draußen das Fieber und mußte, da er nicht jagen konnte, eines -Abends wieder zurück, um sich Lebensmittel zu holen. - -Von den Jay-hawkern hatte man die letzten Tage Nichts gehört, denn wieder -waren Unions-Truppen durch gekommen, von denen eine Abtheilung sogar -nach ihnen suchte, weil man vermuthete, daß sie mit den Bushwhackern in -Verbindung ständen. Aber vergebens; die Verbrecher mußten über alle gegen -sie beabsichtigten Bewegungen gut unterrichtet sein, denn sie ließen sich -nicht eher wieder blicken, als bis sich die Truppe entfernt hatte. - -Rankins war in der Zeit gerade zurückgekommen, und die Frauen drängten ihn, -sein Versteck wieder aufzusuchen, aber er weigerte sich. Nur eine Nacht -müsse er, wie er meinte, wieder einmal in seinem Bett schlafen, er hielte -es da draußen im kalten Wald, durch den jetzt schon die Winterstürme -tobten, nicht mehr aus. Lieber von den Jay-hawkern todt geschossen werden, -als da draußen elend in den nassen Büschen und Zoll bei Zoll verkommen. -Morgen wolle er sie wieder verlassen, aber auch in der Nähe bleiben, und -so viel Kraft werde er ja doch wohl noch haben, wenigstens den Rädelsführer -der Schurken von seinem Pferd zu schießen. - -Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen graute, stand die Frau auf, um -Caffee zu kochen und dem Mann seine mitzunehmenden Lebensmittel zurecht zu -legen. - -Rankins Haus stand etwa eine englische Meile vom Fourche-la-Fave ab, an der -Countystraße nach Little Rock, da dröhnte plötzlich in dem stillen Morgen -der Hufschlag rasch herangaloppirender Pferde durch den Wald. - -Das sind gewiß Soldaten, rief Frau Rankins, der aber doch das Herz in der -Brust zu hämmern anfing. Rankins selber, eben wach geworden, sprang, wie -er war aus dem Bett und griff seine neben ihm lehnende Büchse auf. Aber die -Reiter brachen schon hervor -- wie ein wildes Wetter sprengten sie gegen -die niedere Umzäunung an und setzten mit ihren Thieren in voller Flucht -darüber hin. Das Pferd des Einen stürzte und warf seinen Reiter gegen das -Haus. Der eine der Männer trug wieder das geschwärzte Gesicht. - -Teufel! schrie der alte Rankins und seine Büchse fuhr empor, aber zu -gleicher Zeit zerschmetterte eine Kugel seinen Arm, eine andere traf ihn in -den Hals und zurücktaumelnd fing ihn seine Frau auf und bog sich jammernd -über ihn. - -Im Nu waren die Räuber jetzt aus den Sätteln und das Rauben und Plündern -begann, wie in alter Weise, nur daß sie hier noch wilde Flüche ausstießen -und den Sterbenden einen verdammten Abolitionisten nannten, dem sie schon -lange aufgelauert hätten. Sie schwuren auch, daß sie nicht eher Frieden -geben würden, bis sie die ganze »Range« von allen Vaterlandsverräthern -gesäubert und reine Bahn für die Südstaaten gemacht hätten und schlossen -dann ihre Blutarbeit wie gewöhnlich, indem sie einen Feuerbrand unter das -Dach warfen, und dann direct in den Wald hineinritten. - -Rankins Knaben, einem Burschen von etwa 10 Jahren, der bei Annäherung der -Räuber entwischt war, und der dicht dabei im Busch auf der Lauer gelegen, -gelang es zwar das Feuer wieder zu löschen, aber das angerichtete Elend -konnte er nicht mehr ungeschehen machen. Der alte Rankins war todt und die -Frauen erfüllten mit ihrem Wehgeschrei die Luft. - -Noch an dem nämlichen Abend überfielen die Jay-hawker eine andere -Ansiedlung, erschlugen den alten Hewes, dem sie gehörte, und waren im -Begriff eine seiner Töchter mit in den Wald zu schleppen, als glücklicher -Weise ein kleiner Trupp Cavallerie angesprengt kam und sie, zum großen -Theil selbst die gemachte Beute im Stich lassend, in den Wald flüchten -mußten. Allerdings setzten ihnen die Soldaten nach und es gelang ihnen -auch, Einen von ihnen vom Pferd zu schießen. Die Andern entkamen aber, und -die Patrouille war nicht stark genug, um sich zu weit mit ihren überdies -schon ermüdeten Thieren in die Berge hinein zu wagen. - -Den erschossenen Räuber kannte übrigens Niemand; er mußte mit seinen -Genossen von irgend einem andern Staat oder County herübergekommen sein. -Uebrigens fanden sie eine Menge Werthsachen, zwei Uhren, sechs oder acht -Goldstücke und eine goldene Kette bei ihm, Dinge, die natürlich gleich als -gute Beute erklärt wurden, denn die Burschen konnten Alles gebrauchen. Dann -ließ man den Körper an der Straße, wohin man ihn geschleppt, liegen, damit -die Nachbarn ihn betrachten und, wenn sie wollten, auch begraben konnten. -Das war aber kaum nöthig, denn Wölfe gab es dort genug im Walde, die den -Cadaver schon beseitigen würden. - -Es schien fast, als ob die Räuber durch diese Ueberraschung eingeschüchtert -wären; man hörte wenigstens lange Nichts von ihnen, bis sie plötzlich -in der Nähe des Arkansas und an der Mündung des Fourche-la-fave wieder -auftauchten. - -Klingelhöffers alten Platz, wo er früher gewohnt, plünderten sie total aus, -fanden aber glücklicher Weise den Eigenthümer nicht. Klingelhöffer selber -erhielt gleich danach Botschaft von Perryville, und die Warnung, auf seiner -Hut zu sein und lieber mit seiner Familie in die »Stadt« zu kommen, denn -man vermuthete natürlich, daß ihm jetzt der nächste Besuch zugedacht -sein würde. Der alte Mann war aber nicht dazu zu bringen, seinen Platz zu -verlassen. Nach dem Tod des einzigen Sohnes lag ihm selber Nichts am -Leben, und nur seine noch von Deutschland herübergebrachten Gewehre, eine -Doppelflinte, eine Büchsflinte und eine Pirschbüchse brachte er in Ordnung -und lud sie frisch, verbarrikadirte dann seine Fenz und schwur, daß er -wenigstens fünf von ihnen unschädlich machen wollte, wenn sie es wagen -sollten, die Hand an seine Umzäunung zu legen. - -Sie kamen aber nicht dorthin -- der Platz lag ihnen unbequem, gerade auf -der Spitze zwischen dem Fourche und Arkansas. Sie konnten keine sichere -Nachricht erhalten, ob nicht dort vielleicht gerade die jetzt fortwährend -vorbeipassirenden Dampfer der Yankees, die häufig bei Klingelhöffer -anlegten, um Hühner, Eier, oder andere Provisionen zu kaufen, Bewaffnete -an Land gesetzt hätten, und durch den einen Ueberfall schüchtern, oder -wenigstens vorsichtig gemacht, schienen sie keine rechte Lust zu haben, -sich in diese Art von Falle, wo es nur nach einer Richtung hin einen -Rückweg gab, zu begeben. - -Jenkins, ebenfalls gewarnt, hatte aber sein Haus und seine Familie nicht -verlassen wollen und nur ein paar Büchsen bereit, um ebenfalls bei einem -Einbruch die Zähne zu zeigen. Außerdem hielten zwei handfeste Hunde den -Platz in der Nacht vor einem Ueberfall gesichert und kamen die Räuber in zu -großer Menge, dann hatte er immer noch Zeit, sich, von den Hunden gedeckt, -nach seinem großen, bereit liegenden Canoe zurückzuziehen. Betsy verstand -übrigens ebenfalls eine Waffe zu führen, und ihrer zwei waren sie der Bande -auch schon eher gewachsen. - -Jenkins selber, den Kopf in die Hand gestützt, saß eines Morgens an seinem -Frühstückstisch. Er dachte an den eigenen Sohn, von dem er so lange keine -Nachricht gehabt, und an das Schicksal des armen Klingelhöffer, und das -Herz war ihm übervoll. - -Betsy war draußen an der Landung gewesen, und hatte eben noch den Strom -hinabgesehen, wo sich wieder eins der kleinen Dampfboote gegen die Fluth -abmühte und dabei nur langsamen Fortgang machte. - -»Das Boot kommt, Vater,« sagte sie, als sie die Schwelle des Hauses betrat; -»es hat jetzt wohl eine Stunde da unten festgesessen, ist aber wieder flott -geworden. Vielleicht bringt es Briefe von Jim mit.« - -Der alte Mann seufzte und reichte ihr eine Zeitung hin. - -»Da lies,« sagte er -- »das ganze Blatt enthält fast weiter nichts als -Todtenlisten und Angaben von den 2000 -- oder gar 3000 Vermißten -- armen -Teufel, die nach der Schlacht elend im Walde umgekommen und von den Wölfen -gefressen wurden. Armer Jim! wer weiß, wo ihn sein Schicksal erreicht hat, -und ob wir uns je wiedersehen werden.« - -»=Hallo the house!=« rief da plötzlich eine Stimme und als die Hunde wie -immer, wüthend anschlugen und Betsy in die Thür trat, um zu sehen wer da -das Haus anrief, bemerkte sie einen einzelnen Reiter draußen an der Fenz, -einen Fremden, den sie nicht kannte und der jetzt den Hut gegen sie lüftete -und anfrug, ob Mr. Jenkins zu Hause wäre. - -Der Mann war in der gewöhnlichen Tracht der Backwoodsmen gekleidet, trug -aber keine Waffe und sah aus wie ein Ansiedler aus irgend einer anderen -Range, der vielleicht seinen Weg verfehlt hatte, oder auch von dem -eigentlichen Pfad abgeritten war, um ein Frühstück zu erbitten. Es kam das -ja gar nicht so selten vor, denn das nächste Haus an der Straße von dort ab -war noch wenigstens sieben Miles entfernt. - -»Steigen Sie ab Sir,« sagte das junge Mädchen, der Gastfreundschaft des -Landes folgend, indem sie die Hunde zurücktrieb, »Vater ist im Haus, wenn -Sie ihn sprechen wollten.« - -»Danke,« sagte der Fremde, indem er etwas schwerfällig aus dem Sattel stieg -und der Einladung Folge leistete. -- »Dann bin ich den weiten Weg doch -nicht umsonst gekommen. Kann ich ihn vielleicht einmal sehen?« - -»Wollt Ihr nicht in das Haus treten?« sagte das Mädchen. - -»Gleich,« erwiederte der Mann, der wie es schien, den rechten Fuß nicht gut -gebrauchen konnte; indem er sich überall im Hofe umsah. »Muß mir nur erst -einmal einen Platz aussuchen, wo ich mich ein wenig ausruhen kann.« Er -humpelte dabei auf einen, etwa funfzehn Schritt vom Haus entfernten Klotz -zu, auf den er sich setzte und dabei seinen rechten Fuß in die Höhe nahm, -als ob er Schmerzen darin habe. - -»Fehlt Euch etwas?« frug Betsy theilnehmend. - -»Hm, nichts Besonderes, bin nur damals, als wir auf der Flucht waren, mit -dem Pferd gestürzt und habe mir ein Bischen weh gethan.« - -»Auf der Flucht?« - -»Ja,« sagte der Mann -- »die verdammten Sesesch kamen hinter uns her, und -ich und der Sohn hier vom Hause --« - -»Bringt Ihr Nachricht von meinem Bruder?« rief Betsy rasch -- »oh Pa, hier -ist ein Mann, der Jim kennt -- oh habt Ihr Nachricht von ihm.« - -»Weiter Nichts als einen Brief,« sagte der Fremde, indem er ein -zusammengefaltetes Papier aus der Tasche nahm -- »aber nein Miß,« rief -er, als Betsy hastig danach greifen wollte -- »habe ihm fest versprechen -müssen, es nur in die Hände des alten Herrn selber abzugeben.« - -»Ein Brief? ein Brief von Jim?« rief jetzt auch der alte Mann, der vor -Aufregung zitternd in die Thür trat, die zwei Stufen daran hinabstieg und -auf den Fremden zueilte. »Oh gebt ihn her -- wie lange habe ich von dem -Jungen Nichts gehört.« - -Der Fremde reichte ihm jetzt ohne Weiteres das Papier, das er mit bebenden -Händen öffnete. Da knallte von der Fenz herüber, und kaum zwanzig Schritt -von ihnen entfernt, ein Schuß und Betsy wandte sich rasch und erschreckt -dorthin. In demselben Moment aber brach auch ihr Vater, das Papier noch in -der Hand haltend, wo er stand zusammen, und mit einem Angstschrei warf -sich die Tochter über ihn. Aber nicht lange sollte sie sich ihrem -Schmerz hingeben dürfen. Wilder Lärm störte sie auf und als sie den Blick -zurückwarf, sah sie fünf, sechs Männer über die Fenz springen. Die Hunde -fuhren allerdings wie rasend auf sie ein, aber ebenso viele Revolverschüsse -knallten ihnen entgegen und trieben sie heulend zurück, während Einer der -Burschen -- der Jay-hawker mit dem geschwärzten Gesicht direct auf Betsy -zusprang. - -»Hendricks!« schrie sie, wie sie nur den Blick auf ihn warf -- entsetzt und -zurückbebend. »Feiger, nichtswürdiger Mörder!« - -»Miß Betsy,« sagte der Mann aber, und die geschwärzten Züge legten sich -in drohende Falten, »Sie sind meine Gefangene. Sträuben Sie sich nicht; es -würde Sie nur nutzlos einer rohen Behandlung aussetzen. Der ganze Platz ist -umstellt, und unten am Strom liegt mein Canoe.« - -Betsy sah ihn starr an. Es war, als ob sie noch immer nicht einmal das -ganze Fürchterliche der eben ausgesprochenen Drohung begriff. Aber der -Bube sprach im Ernst; das Blut, das langsam aus dem Schlaf ihres armen -gemordeten Vaters quoll, war ein entsetzlicher Zeuge des beabsichtigten -Bubenstücks, und krampfhaft faßte sie mit beiden Händen ihre eigene Stirn -und warf den Blick scheu und verstört umher. -- Aber auch nur für einen -Augenblick, denn wie ein zündender Strahl durchzuckte sie der Gedanke: -lieber den Tod als Schande. - -Das Grundstück ihres Vaters, wenigstens der Hofraum, innerhalb dessen die -doppelte Blockhütte stand, lag unmittelbar am Ufer des Arkansas, der jetzt -wohl im Steigen war, seine volle Höhe aber noch nicht erreicht hatte. -Unmittelbar unterhalb der Farm stieg das Ufer allerdings mehr allmählich -und mit kleinen Weiden- und Baumwollenholzschößlingen bewachsen, empor, -dicht unter dem Haus aber fiel es steil ab in die wirbelnde Fluth und der -alte Jenkins hatte diesen Platz nicht allein deshalb für den Bau seines -Hauses gewählt, weil hier in dieser Gegend der höchste Uferpunkt war, -sondern auch weil er hier nur an drei Seiten eine hohe Fenz zu errichten -brauchte. In der konnte er dann einmal hineingetriebenes Vieh auch bequem -halten, denn an der offenen Seite nach dem Strom zu war kein Stück im -Stande auszubrechen. - -Der Verbrecher hielt natürlich eine Flucht des Mädchens für unmöglich, denn -fünf, sechs wilde Gestalten schwärmten schon über den Hof und wenn sich -auch die meisten mit dem Haus selber beschäftigten, sah Betsy doch zwei -der Buben schon auf sich zu kommen und daß sie -- erst einmal in _deren_ -Händen, kein Erbarmen zu erwarten hatte, wußte sie. Noch einmal hob sie -scheu und wild den Blick zu Hendricks auf, aber der Blick genügte auch. -Schon streckte der Bube selbst den Arm nach ihr aus, um sie zu umfassen, -aber selbst unter seinen Händen stürzte sie fort. -- An eine Waffe -dachte sie wohl dabei, und hätte sie eine erreichen können, so wäre es um -Hendricks geschehen gewesen. Aber wie konnte sie -- ein einzelnes schwaches -Wesen, der _Bande_ Widerstand leisten. - -Ehe der rasch ausgreifende Arm des Buben sie erreichte, war sie ihm schon -entschlüpft und mit Sätzen, so flüchtig wie ein gejagter Hirsch, flog sie -gegen das schroffe, abschüssige Ufer des Arkansas zu. - -Hendricks folgte ihr im Nu und es gab keinen rascheren Läufer in der Range, -aber gleich beim Ansprung stolperte er über die Leiche des alten Mannes, -die Entfernung bis zum Uferrand betrug überdieß kaum mehr als zwanzig -Schritt. Als er sich rasch wieder aufgerafft und schon die Hand -ausstreckte, um Betsy's wehendes Kleid zu erfassen, hatte sie den Rand -erreicht und warf sich mit einem Angstschrei in die gelbe gurgelnde Fluth -hinab. - -Hendricks schrak zurück, denn fast wäre er ihr selber in der Wucht des -Laufes, nachgestürzt. Aber konnte sie ihm selbst jetzt entgehen? sein Canoe -lag gleich unterhalb -- zwei seiner Leute warteten darin. - -»Teufel,« zischte er aber zwischen die Zähne durch, als er erst jetzt --- bis dahin völlig mit seinem Bubenstück beschäftigt -- das gerade -aufkommende kleine Dampfboot entdeckte, das indessen fast unter der Landung -angelangt und so geräuschlos aufgerückt war, da die steile Uferbank -den Schall dämpfte. Von diesem aber war schon ein Boot abgestoßen, -das jedenfalls Passagiere etwas weiter unten absetzen wollte und das -hinabspringende Mädchen mußte von ihnen gesehen, ihr Schrei jedenfalls -gehört sein, denn im Nu wandte sich der Bug des kleinen Bootes stromauf. - -In wilder Wuth, sich so getäuscht zu sehen, riß der Räuber die Büchse an -die Backe -- er wollte Rache -- aber die Waffe war ja, nach dem Schuß, -der den alten Jenkins so feige niedergeworfen, noch nicht wieder geladen -worden. - -Ein zweiter Blick überzeugte ihn aber auch, daß die Leute im Boot -bewaffnet, daß es Soldaten waren, und schon pfiff eine Kugel dicht an -seinem Ohr vorüber, die, aus dem Boot abgefeuert, wohl nur durch das -Schwanken desselben ihr Ziel verfehlt hatte. - -»Wo kommen die Canaillen jetzt auf einmal her,« rief einer seiner -Kameraden, der zu ihm gesprungen war, aber auch bei dem Schuß zurückfuhr. -»Ich werde ihnen einmal ein Stück Blei hinüber schicken.« - -»Fort! fort!« rief aber Hendricks, der todtenbleich geworden war, »das ist -der Sohn dessen da« -- und scheu zeigte er nach der Leiche -- »fort.« - -»Aber so viel Zeit haben wir doch wahrhaftig,« rief sein Gefährte, »daß -wir das Nest erst noch plündern und in Brand stecken können. Die brauchen -wenigstens noch eine Viertelstunde, ehe sie zu uns hier heraufkommen -können.« - -»Fort,« wiederholte aber Hendricks und warf scheu den Blick umher, als -ob er schon jetzt das Nahen der Rächer fürchte -- »der Platz wird hier zu -warm. Säumen wir nur noch Minuten hier, so sind wir verloren.« Und ohne -nur einen weiteren Einwurf abzuwarten, ja ohne sich selbst Zeit zu nehmen, -seine Büchse wieder zu laden, sprang er über den freien Hofplatz an der -Leiche vorbei, hinaus aus der Fenz, warf sich auf sein Thier und floh damit -in den Wald hinein. - -Die Uebrigen hätten den einmal gewonnenen Platz allerdings nicht gern -sogleich wieder verlassen. Die Furcht des Kameraden schien aber auch sie -anzustecken. - -Jenkins Frau, die wieder krank auf ihrem Bett gelegen, war aufgesprungen -und erfüllte jetzt, als sie die Leiche des Gatten am Boden liegen sah, die -Luft mit ihrem Wehegeschrei, die verwundeten Hunde heulten, und der scharf -ausgestoßene Dampf des kleinen Bootes, dicht unter der Farm, machte das -Ganze ebenfalls unruhig genug. Es war den Schurken selber nicht mehr recht -geheuer da oben, und was sie nur im Moment fassen konnten, die Büchsen im -Haus und die Kugeltaschen, griffen sie auf und folgten dann, nicht -viel langsamer als Hendricks ihnen vorangegangen war, dem Führer in das -Dickicht. - - - - -Fünftes Kapitel. - -Die Rückkehr. - - -Zu spät -- zu spät nur um wenige Minuten kam die Hülfe, weil das Boot -auf der Sandbank festgesessen! Hatte denn Gott selber gewollt, daß so -Furchtbares geschehen sollte, wo es so leicht gewesen war, es abzuwenden, -oder herrscht nur ein blinder Zufall auf dieser Welt, der eben geschehen -ließ, was geschah, ohne sich weiter darum zu kümmern? - -Jim Jenkins kniete neben der Leiche seines gemordeten Vaters. Nur die -Schwester hatte er mühsam mit dem Boot gerettet, und mit wenigen Worten, ja -nur mit den zwei Silben -- Hendricks -- das Furchtbare erfahren. - -John Wells, der mit ihm zurückgekehrt, war den Verbrechern mit Cook und -noch einigen andern zur Begleitung nachgeeilt, um sich nur wenigstens der -Richtung zu vergewissern, in der sie geflohen wären. Daß ein Canoe unten -an der Landung lag, hatten sie gar nicht beachtet, und die beiden dabei -gestörten Räuber sich wohl gehütet, aus den Büschen herauszukommen, in -welche sie sich bei der Ankunft des Dampfers zurückgezogen. Jetzt erst, als -dieser vorüber war, drückten diese sich wieder in ihr schwankes Fahrzeug, -und Jenkins eigenes Canoe ebenfalls abschneidend, nahmen sie es mit stromab -zu dem schon früher mit den Genossen besprochenen Versteck. Dadurch machten -sie eine Verfolgung auf dem Strom vor der Hand unmöglich, und daß sie im -Wald niemand finden sollte, dafür wollten sie schon Sorge tragen. - -Nach einer Stunde etwa kehrte der junge Wells zurück. Da sie ohne Pferde -waren, hätte es ihnen ja gar nichts geholfen, eine Verfolgung aufzunehmen, -noch dazu, da sich die Jay-hawker in der bedeutenden Mehrzahl befanden -und doch außer Zweifel alle gut bewaffnet waren. Jim war indessen um seine -ohnmächtig gewordene Mutter bemüht, die er anfangs ebenfalls für todt -hielt, aber unter seinen Liebkosungen erholte sich die alte Frau wieder, -und Betsy, die in der Nähe und unter dem Schutz des Bruders und Bräutigams -rasch jede Furcht verlor, war, nachdem sie sich umgekleidet, an seiner -Seite. - -Und jetzt mußte sie erzählen, was hier in den letzten Monden vorgefallen -- -eine ununterbrochene Schreckensgeschichte von Mord und Blut, und John Wells -stand dabei, die Zähne fest aufeinander gebissen, das Antlitz vollkommen -blutleer, die Augen stier und fast geisterhaft auf den Mund der Sprechenden -geheftet. - -Und woher sie selber kamen? Mit wenigen Worten war das berichtet. Sie -hatten sich dem Heer zutheilen lassen, das bestimmt war, Little Rock -zu nehmen. Nur so konnten sie hoffen, dem nichtswürdigen Treiben der -Sesesch-Partei in Arkansas rasch ein Ende machen zu helfen. Die Eroberung -war aber leicht gewesen und als sie -- in Little Rock angekommen -- die -Kunde von zahlreichen hier verübten Verbrechen hörten, hatten sie Urlaub -genommen, um die Ihrigen selber zu besuchen und zu hören, wie es hier -stehe. _Das_ Furchtbare freilich konnten sie nicht erwarten. - -Aber es waren keine Naturen, die sich lange einem nutzlosen Schmerz -hingegeben hätten. Vor allen Dingen mußten sie Pferde haben, um an irgend -eine Verfolgung denken zu können und auf der eigenen Farm fanden sie auch -kein einziges Stück Vieh mehr. Die Jayhawker mit ihrer, wie es schien, -weitverzweigten Verbindung, hatten schon Alles, was sie erreichen konnten, -fortgetrieben und nicht einmal vermuthen ließ es sich, nach welcher -Richtung sie die verschiedenen gestohlenen Thiere geschafft hatten. -Klingelhöffer allein, als ziemlich nächster Nachbar konnte da vielleicht -aushelfen und John Wells übernahm es, ihm die Trauerkunde von dem Tod -seines alten Freundes Jenkins zu bringen, um seine Hülfe in der Verfolgung -der Räuber zu erbitten. - -Jim indessen, von den Freunden dabei unterstützt, schaufelte ein Grab für -den Vater in seinem kleinen Garten aus, dann legten sie den alten wackeren -Mann hinein, breiteten Bretter und Stützen über ihn, daß die eingeworfene -Erde nicht auf die Leiche pressen konnte und wölbten den Hügel über der -einfachen Gruft. - -Kein Wort wurde dabei gesprochen, kaum noch eine Thräne von den Männern -vergossen, denen jetzt nur das nagende Gefühl der Rache das Herz -zusammenzog, und der Gedanke verscheuchte unerbittlich alle anderen. -Allerdings waren sie sich noch nicht klar, wie sie den gemeinsamen Feind -erreichen konnten, aber was that das? Ihr ganzes Leben hatte jetzt -kein anderes Ziel und wie der Bluthund auf der Fährte waren sie fest -entschlossen, nicht nachzulassen bis an's Ende. - -Abends kehrte John Wells zurück. Klingelhöffer stellte ihnen alle seine -Pferde zur Verfügung und würde sie selber begleitet haben, aber ein -heftiger Rheumatismus hatte ihn wieder auf sein Lager geworfen, um das -herum aber nichts destoweniger seine geladenen Gewehre standen. Er schwur, -daß er so lange schießen werde, als er noch einen Finger krumm biegen -könne, und dann möchten sie ihm selber den Hals abschneiden und verdammt -sein. - -Die einzige Hülfe, die sie noch erwarten konnten, lag in Perryville selber, -an das sich die Räuber natürlich nicht getrauten, wenn sie auch in der Nähe -herum Alles an Pferden gestohlen hatten, was sie nur bekommen konnten. Die -jungen Backwoodsmen aber durften keinen von ihrer kleinen Schaar dorthin -senden, um sich nicht zu schwächen und Jenkins jüngster Bruder, ein Knabe -von zehn Jahren, der bei dem Ueberfall gerade im Walde gewesen, wurde -deshalb abgeschickt. Allerdings war es eine starke Tagereise für den -kleinen Burschen, aber er ging ja oft schon allein Tage lang auf die Jagd -und kannte auch genau den Weg. - -Die jungen Leute brachen jetzt zur Verfolgung der Mörder auf, während sie -Betsy indessen mit der Mutter zu Klingelhöffers nicht sehr fernem Hause -schickten. An der Fähre wohnten ja Leute, die sie über die Fourche setzen -konnten. In dieser Richtung hin hatten sie auch nichts zu fürchten, und -selbst die von Perryville erbetene Hülfe war dorthin bestellt, wo sie sich -mit ihnen vereinigen wollten. - -Aber all' ihr Suchen war vergebens. Bis zum Mamelle hinüber, alle die -Bergrücken südlich am Fourche la Fave liefen sie ab, und scharfe Augen -waren es, die den Fährten folgten; nirgends ließ sich jedoch eine frische -Spur der Räuber in den Bergen erkennen. Weiter oben, mehr nach Westen -zu, fanden sie allerdings ein paar alte Lagerplätze, die es unzweifelhaft -ließen, daß sich die Jay-hawker dort eine ganze Zeitlang, vielleicht sogar -eine Woche aufgehalten, aber diese Stellen hatten sie auch ebenso sicher -wieder, und zwar nicht erst seit Kurzem verlassen, denn die ausgebrannten -Kohlen waren vom Regen überwaschen worden. Die ganze Richtung, der sie -bis dahin gefolgt, ging von dem oberen Fourche nach dem unteren, und -die einzigen bisher verschonten Wohnplätze waren die, durch ihre Lage -begünstigte Klingelhöffersche, und die benachbarte Farm gewesen. Man -durfte also fast annehmen, daß sie ihre Wirksamkeit am Fourche als beendet -betrachten mußten, und wohin konnten sie sich nun von hier gewendet haben? -Außerdem lief der erhaltene Urlaub der jungen Leute auch bald wieder ab und -was dann? Durften sie daran denken, die Ihrigen in einer solchen bedrohten -und auf's Aeußerste gefährdeten Gegend schutzlos zurückzulassen? - -Sie waren zu Klingelhöffer hinübergeritten, um mit diesem das Weitere zu -berathen. Der alte Mann fühlte sich heute etwas wohler und saß mit ihnen -und fünf von Perryville heruntergekommenen Farmern vorn auf der schmalen -Veranda seines Hauses, von der man den Arkansas überschauen konnte, und -den hier ziemlich breiten Strom dicht zu Füßen hatte. Aber er wußte selber -keinen Rath, denn das Land bot jetzt zu viele Schlupfwinkel, wo sich ein -ganzes Heer hätte verbergen können, vielmehr denn ein kleiner Trupp von -Leuten, denen nur daran gelegen war, eine kurze Zeit verborgen zu bleiben. - -In ruhigen Jahren, ja, da hatte den Fourche la Fave der offenste, -herrlichste Wald umgeben, mit großen stattlichen Bäumen wohl, aber lichtem -Unterholz, denn die Jäger hielten schon darauf, daß im Winter das trockene -Gras und Gestrüpp ordentlich und regelmäßig abgebrannt wurde. Dadurch -bekam nicht allein das Vieh, sondern auch das Wild gleich im Frühjahr -junge saftige Aesung und der Jäger konnte, wenn er durch den Wald pirschte, -diesen nach allen Richtungen hin überschauen. Jetzt dagegen war Alles total -verwildert, und die Niederung nicht allein von Dornen und Sassafras-Büschen -dicht durchwachsen, nein selbst an den Hängen war ein so üppiger junger -Kiefer- und Hickoryschlag emporgewachsen, daß man sich nicht selten selbst -mit dem Messer Bahn hauen mußte, um nur durchzukommen. Wer sich dort -verstecken wollte, konnte es gewiß, und war auch vor Entdeckung sicher, -wenn ihn der Zufall nicht einmal verrieth. - -Vertheilten sich aber sämmtliche noch waffenfähige Männer über die Berge, -so blieben sie nicht allein der Gefahr ausgesetzt, von dem geschlossenen -Trupp einzeln aufgerieben zu werden, sondern wer bürgte ihnen dann dafür, -daß sich die jetzt schon keck und übermüthig gewordene Bande indessen nicht -auf die übrigen Häuser, ja in diesem Fall selber nach Perryville hineinwarf -und den letzten Zufluchtsort zerstörte. - -Noch während sie sprachen, hatte Klingelhöffers Blick an dem gegenüber -liegenden Ufer gehangen, an dem sich den Sommer hindurch eine breite helle -Sandbank bis über die Hälfte des Stromes ausdehnte. Jetzt aber reichte der -Strom bis ziemlich an die jungen Baumwollenholz-Schößlinge hinan, die den -Wald der Niederung ränderten, und nur ein schmaler hellerer Streifen -war noch übrig geblieben, auf dem man jetzt, aber genau und scharf -abgezeichnet, die dunkle Gestalt eines Mannes erkennen konnte, der sich den -Fluß hinaufwandte. Klingelhöffer deutete mit seinem Arm hinüber und sagte: - -»Dort drüben geht Jemand.« - -»Wo?« -- rief Jim -- »ah dort! oh das wird ein Jäger sein.« - -»Nein, er geht zu rasch. Da hinauf zu kann er aber auch kein anderes Haus -erreichen, denn die =slews= sind jetzt voll Wasser.« - -»Vielleicht sieht er nach seinem Vieh. Es wird der alte Boyles sein, der -nach seinen Pferden sieht -- ein Sesesch wie er im Buche steht.« - -»Jetzt ist er in den Wald hinein,« sagte Wells. - -Die Männer hielten noch einen Augenblick die Augen auf die Stelle geheftet, -denn in dieser Zeit erweckte auch das Kleinste und Unbedeutendste Verdacht. - -»Da kommen mehrere aus dem Wald,« rief da plötzlich Jim Jenkins, in der -Erregung des Augenblicks von seinem Stuhl emporfahrend. »Ob sie uns hier, -von dort aus sehen können?« - -Mehrere Minuten beobachteten die Männer schweigend das, was sich da drüben -augenscheinlich am Waldrand regte, endlich sagte Klingelhöffer, dessen -Augen noch scharf wie die eines Luchses waren: - -»Dort ist noch immer nur ein Mann zu sehen, aber er schleppt ein Canoe aus -den Büschen heraus. Wenn es Mehrere wären, würden sie ihm helfen.« - -»Klingelhöffer hat Recht,« sagte Wecks. »Jetzt kommt er damit in's Freie; -er will in den Strom hinaus.« - -»Es ist besser, wir ziehen uns in's Haus zurück,« meinte Jenkins. »Es -braucht Niemand zu wissen, daß wir hier so zahlreich versammelt sind.« - -»Vielleicht kommt er herüber.« - -»Wir werden's bald sehen. Er ist schon damit am Wasserrand. Ob das Boyles -selber sein kann?« - -Die Männer hatten sich langsam von der offenen Veranda in das Haus gezogen. -Nur Klingelhöffer blieb draußen sitzen und es war bald keinem Zweifel mehr -unterworfen, daß das Canoe von drüben herüber halte und den Landungsplatz -an der diesseitigen Farm zu erreichen suchte, denn der Rudernde hielt den -Bug immer seitwärts stromauf, damit er von der starken Strömung nicht -zu weit hinab geführt würde. Wer es sei, ließ sich allerdings noch nicht -erkennen, da der Mann gebückt im Canoe saß und einen alten Strohhut noch -außerdem über die Augen gezogen hatte, aber das mußte sich bald auch -entscheiden, denn jetzt erreichte er schon fast die über der Farm liegende -felsige Spitze und indem er sein etwas schwankes Fahrzeug treiben ließ, -lenkte er es gleich darauf in den Sand-Einschnitt von Klingelhöffer's Ufer, -in welchem schon dessen Skiff befestigt lag. - -»Boyles! wahrhaftig,« rief Jim Jenkins, der jetzt auf die Veranda -hinausgetreten war, denn vor dem einzelnen Nachbar brauchten sie sich nicht -mehr zu verstecken -- »Hallo, Boyles, woher kommt Ihr und wo wollt Ihr -hin?« - -Boyles sah auf und erkannte den noch immer in der Uniform steckenden jungen -Mann nicht gleich. Die Uniform selber gefiel ihm ebenfalls nicht, denn er -war mit Leib und Seele Sesesch -- ja, einen Moment schien es fast, als -ob er nicht übel Lust habe, wieder mit seinem Canoe zurückzukehren. -Klingelhöffer selber machte aber seinen Zweifeln ein Ende: - -»Kommt herauf Mann, Ihr seid hier unter Freunden und habt Nichts zu -fürchten. Kennt Ihr Jim Jenkins nicht mehr?« - -»Jim, bei Gott!« sagte Boyles -- »das ist recht -- den wollte ich gerade -sprechen -- das trifft sich glücklich;« er sprang jetzt die steile Sandbank -mehr hinauf, als er sie stieg und stand auch wenige Minuten später inmitten -der jungen Leute, die ihn wohl freundlich aber trotzdem nicht herzlich -grüßten. Boyles war ihnen nie ein angenehmer Nachbar gewesen und daß er -sich so ganz zur Partei der Sclavenhalter schlug, auch selber der Einzige -fast in der ganzen Nachbarschaft war, der Neger hielt, konnte sie ihm nicht -geneigter machen. - -Von den Negern waren übrigens nur noch zwei auf der ganzen Plantage -geblieben, die Uebrigen aber, sobald die Unionisten dort einrückten, nach -Little Rock gelaufen. Was sollten sie jetzt noch arbeiten, wo sie freie -Leute geworden waren. Boyles selber mochte auch früher wohl zwischen den -einfachen Backwoodsmen ein wenig den Pflanzer gespielt, und sich etwas -vornehmer als die Nachbarn gedäucht haben. Er war in der That reicher -und sein Haus wohnlicher und bequemer eingerichtet gewesen als die der -Uebrigen, bis die Emancipation der Neger auch ihn ruinirte, oder doch -wenigstens seine großen Plantagen, deren er zwei besaß, werthlos machte. - -Die eine in Missouri liegende, hatte er aber glücklicher Weise vor kurzer -Zeit noch zu einem ziemlich guten Preis verkaufen können, denn gerade jetzt -glaubten manche Farmer im Norden einen guten Handel zu machen, wenn sie -sich ohne Sclavenarbeit im Süden niederließen. Allerdings war das erste -immer ein Experiment, aber es fand trotzdem Nachahmer, und die südlichen -Pflanzer, die nach dem Fall von Vicksburg die Unterwerfung des Südens mit -Recht für unausbleiblich hielten, verkauften unter solchen Umständen nur zu -gern. - -Klingelhöffer wunderte sich allerdings, daß gerade Boyles ihm einen Besuch -abstattete; denn wenn sie auch miteinander in Frieden lebten, hatten sie -sich -- schon ihrer verschiedenen politischen Ansichten wegen -- bisher -viel eher gemieden als gesucht. Er sollte aber darüber bald eine Erklärung -erhalten, denn kaum betrat Boyles das Haus, als er auch schon ausrief: - -»Gott sei ewig gedankt, daß ich hier brave und wackere Männer finde, die -einen Freund gegen Räuber und Mörder schützen können.« - -»Hallo,« rief John Wells, von seinem Stuhl aufspringend, denn er selber -haßte den alten Boyles, mit dessen Sohn er auch früher einmal Streit -gehabt, und nahm deshalb wenig Notiz von ihm. Seine Worte aber machten ihn -aufmerksam, denn sie deuteten auf das Einzige, was in diesem Augenblick -seine ganze Seele füllte -- die Spur der Jay-hawker -- »wißt Ihr was von -den Schuften? -- Haben sie Euch ebenfalls einen Besuch abgestattet?« - -»Ach was,« rief Jenkins; »wir haben ja ihre Spuren in den Wald hinein -verfolgt. Nach dem Mamelle werden sie hinüber sein -- nicht über den -Arkansas.« - -»Nein,« rief Boyles rasch, -- »drüben sind sie -- vorgestern haben sie den -Strom etwa drei Miles unterhalb in zwei großen Canoes gekreuzt -- Warner, -der gerade von Little Rock kam, hat sie gesehen.« - -»Da ist dann unser Canoe dabei,« sagte Jim, »das die Schurken neulich bei -dem Mord gestohlen haben. Aber wo sind sie jetzt?« - -»Weit können sie nicht sein,« erwiderte Boyles, »denn gestern waren sie bei -Auburn drüben -- der alte Auburn behielt kaum noch Zeit, in den Sumpf zu -flüchten, wo er sechzehn Stunden in Schlamm und Wasser stecken blieb, ehe -er sich wieder hinausgetraute. Dort aber hat ihnen der eine Neger erzählt, -daß ich meine eine Farm verkauft und viel Geld im Hause hätte, und Auburn's -kleiner Junge war eben bei mir, um sich ein Stück Fleisch zu borgen, weil -die Räuber Alles, was sie an Lebensmitteln fanden, fortgeführt, und der -sagte mir, ich solle mich vorsehen, denn sie hätten gelacht und gemeint, -ich würde wohl so gut sein und mit ihnen theilen.« - -»Und habt Ihr das Geld wirklich im Haus?« - -»Gott bewahre, das liegt sicher genug in Little Rock, aber das wissen ja -die Schufte nicht und werden es jetzt bei mir wie bei dem armen alten Hogan -machen. Frau und Kinder hab' ich auch deshalb mit den beiden Negern gleich -nach Auburn's hinübergeschickt, denn zweimal kommen sie nie auf einen -Platz, und ich selber hatte die Absicht, hier bei Euch Schutz zu suchen, -Klingelhöffer, bis die Gefahr vorüber ist. Mögen sie mir da drüben Alles -verwüsten und das Haus in Brand stecken. Ich kann es nicht hindern -- aber -ich will doch nicht von ihnen todtgeschossen werden oder meine Familie -ihren Mißhandlungen aussetzen.« - -»Und Ihr glaubt wirklich, daß sie die Absicht haben, Euer Haus zu -überfallen?« frug der junge Cook. - -»Ich bin fest davon überzeugt. Dort in der Nachbarschaft liegt weiter keine -einzelne Farm und lange werden sie sich hier nicht mehr halten können, -denn wie ich gehört habe, will General Steene die beiden Counties besetzen -lassen, um diesem Räuberwesen ein Ende zu machen.« - -»Ja wohl, jetzt kommen sie,« brummte Klingelhöffer, »wo die Canaillen schon -alles nur erdenkliche Unheil angerichtet, und Botschaft nach Botschaft -haben wir seit Wochen hinein in die Stadt gesandt. Gott bewahre, nicht -einmal Munition durften wir hinausbringen, um uns selber zu schützen.« - -»Und wißt Ihr ganz bestimmt, daß die Jay-hawkers, die auf dieser Seite ihr -Wesen trieben, jetzt über den Fluß gegangen sind?« frug Wells. - -»Es giebt keine zweite solche Bande in der Nachbarschaft,« versicherte -Boyles, »und daß diese mit ihren Pferden über den Strom gesetzt ist, hat -Warner mit eigenen Augen gesehen.« - -»Dann können sie aber auch eben so gut mit ihren Booten zu _mir_ -herüberkommen,« meinte Klingelhöffer, »denn was sie bis jetzt von mir -abgehalten hat, war weiter nichts als die Furcht, hier auf der Landspitze -einmal von irgend einem Trupp Bewaffneter abgeschnitten zu werden.« - -»Aber sie haben keine Canoes mehr,« rief Boyles. »Warner war nicht von -ihnen gesehen worden und hielt sich in seinem Versteck, bis sie die beiden -Fahrzeuge, gleich über der zweiten Sandbank unten, wo die kleine Slew -einmündet, in die Büsche hineingezogen und versteckt hatten, und als er -sich ganz sicher wußte, schlich er sich dort hinein und wollte die Canoes -in den Strom schieben und forttreiben lassen, aber er war dazu allein nicht -im Stande und hat deshalb ganz in der Stille und gerade zwischen ihnen ein -tüchtiges Feuer angezündet, bei dem er blieb, bis er sie völlig zerstört -wußte. In _den_ Canoes setzen sie gewiß nicht wieder über den Arkansas.« - -»Dann ist auch Hoffnung, daß wir sie drüben erwischen,« rief Cook rasch. -»Wie wär's, wenn wir das Haus besetzten? nachher laufen sie uns gerade in -die Hände.« - -»Hm,« sagte Wells, »ich habe auch schon darüber nachgedacht, aber -- wie -viel waren in den Canoes, die Warner gesehen hat?« - -»Er behauptet, es müßten etwa zehn oder elf gewesen sein. Natürlich -wagte er sich nicht zu weit hinan, denn wenn sie ihn entdeckten, wäre er -jedenfalls verloren gewesen.« - -»Und sie denken Geld bei Euch zu finden?« frug Jenkins. - -»Sie wissen, daß ich meine Farm in Missouri verkauft und das Geld dafür -erhalten habe. Soviel hat ihnen der schurkische Neger erzählt. -- Sie -werden jetzt vermuthen, daß ich es versteckt halte.« - -»Die Canaille verdient gehangen zu werden.« - -»Verdient hat er's,« sagte Boyles, »denn wie ich höre soll er sich den -Schuften angeschlossen haben, was also jetzt etwa elf oder zwölf Mann -für die Bande machen würde, wenn sie sich nicht außerdem verstärkt hat. -Verdächtiges Gesindel trieb sich wenigstens die letzte Zeit gerade genug am -Arkansas herum.« - -»Laßt uns die Nacht hinüberfahren,« rief da Wells, -- »verdammt, wenn -wir uns ordentlich eintheilen, laufen sie uns gerade in die Büchsenläufe -hinein.« - -»Ihr glaubt, daß sie bei Euch nach vergrabenem Gelde suchen werden?« fragte -Jenkins. - -»Dasselbe war wenigstens bei Hogan der Fall, bei dem sie Silber vermutheten -und der arme Teufel hatte wohl kaum einen Viertel Dollar Silber im Hause.« - -»Sie kommen sicher,« rief Wells, mit der Hand auf den Rand der Veranda -schlagend, »wenn wir uns in dem Hause eintheilen, haben wir sie.« - -Jenkins schüttelte mit dem Kopf und sagte: - -»So weit _ich_ das Haus kenne, glaub' ich es nicht. Es ist kein Logcabin, -wo man nach allen Seiten Schießscharten öffnen kann, sondern von behauenen -Balken aufgesetzt und mit Brettern beschlagen und die Fenster liegen alle -nach dem Fluß hin, während sich die Thür hinten befindet. Dicht darum her -stehen aber die kleinen Negerhäuser, jetzt wahrscheinlich alle leer und ich -kann mich nicht so genau auf den ganzen Platz besinnen, ob man durch diese -hin muß und durch sie verdeckt wird, wenn man zum Hause kommt oder ob sie -mehr Seit' ab liegen.« - -»Mr. Jenkins,« bemerkte Boyles, »Sie haben Recht. Die Negerhütten liegen -der Art, daß man von ihnen verdeckt bis dicht an das Haus hinan kann. -Ich weiß, wie mich das die paar Stunden, die ich heute noch drüben war, -beunruhigt hat, weil ich jeden Augenblick fürchtete, sie möchten sich an -denen hin heranschleichen.« - -»Und wenn wir nun die Negerhütten besetzten?« fragte Cook. - -»Ja, das wäre ganz gut, wenn man genau wüßte, ob sie den Weg oder vom -Wald herein kämen. In der Nacht ist es aber ebenfalls schlimm. Wir haben -freilich jetzt Vollmond, aber gerade um das Haus herum stehen die Hickory- -und Pfirsichbäume, und der wilde Wein, den ich an die letzteren angepflanzt -habe, hat sie dicht und undurchsichtig gemacht.« - -»Ich will Euch etwas sagen,« meinte Jenkins, der den Platz da drüben -genau kannte, weil er selber früher dort viel jagte -- »Ihr kennt doch die -künstliche Salzlecke gleich im Rohr drin, Boyles, die ich selber einmal -angelegt?« - -»Gewiß -- sie liegt ja keine zweihundert Schritt von meiner Fenz, und es -führt sogar ein kleiner Pfad hin, den sich die Kühe gemacht.« - -»Dieselbe,« sagte der junge Mann, »gleich daran, wenn man von Eurem Hause -hinüber geht, ist doch die kleine runde Waldblöße, die genau so aussieht, -als ob Menschen selber dort Bäume und Büsche sorgfältig ausgerodet hätten, -denn nicht einmal ein Strauch wächst darauf, nur hohes Gras und ein paar -Grün-Dornen.« - -»Ganz recht, aber was damit?« - -»Habt Ihr Niemanden mehr im Haus drüben?« - -»Keine Seele -- der Platz ist jetzt vollkommen verlassen, denn _ich_ konnte -ihn allein nicht schützen, und wenn sie mir ihn abbrennen, so muß ich's -eben ertragen.« - -»Habt Ihr Courage, Boyles?« - -»Gegen einen offenen Feind, ja,« sagte der Mann, »aber nicht gegen diese -Halunken. Denkt nur daran, wie heimtückisch sie Euren eigenen Vater -erschossen haben.« - -»Ihr würdet nicht wieder hinübergehen und in dem Hause bleiben?« - -»Nicht für hunderttausend Dollar,« erwiederte Jener bestimmt, »denn ich -weiß, daß sie mir nie etwas nützen könnten. O dieser unselige Krieg. Was -für Elend hat der schon über das Land gebracht.« - -»Wenn Ihr nur anfangt es einzusehen,« sagte Jenkins düster -- »aber was -geschehen, läßt sich eben nicht mehr ändern -- es muß ertragen werden -und nur das bleibt übrig, diese Schurken, die weder Freund noch Feind -angehören, wo wir sie fassen können zu züchtigen, und darin können wir uns -getrost die Hand bieten. Wo ist mein Bruder Bill, Klingelhöffer? war er -nicht vorhin hier?« - -»Er wird drüben in der Corncrib mit den Mädchen sein,« antwortete der -Deutsche -- »ich hörte, daß sie vorhin davon sprachen. Was soll er?« - -»Wir müssen Jemanden im Hause drüben haben,« sagte der junge Mann finster -und entschlossen -- »Laßt mich nur machen -- ich glaube, ich habe den -richtigen Plan -- jedenfalls ist es ein Versuch; Bill aber, so klein er -sein mag, ist ein ganz gescheuter und durchtriebener Bursche, der seine -Sache schon geschickt machen wird.« - -»Ihr wollt doch, um Gottes Willen, den Knaben nicht drüben allein lassen, -wenn die Jayhawker das Haus überfallen?« rief Boyles erschreckt. - -»Allerdings will ich das, aber sorgt Euch nicht deshalb. Bill und ich -werden das schon in Ordnung bringen. Ueberlaßt das mir. Ich habe _mein_ -Leben eingesetzt, des Vaters niederträchtigen Mord zu rächen, der Knabe -setzt das seine mit Freuden dafür ein, deß seid versichert -- laßt mich nur -mit ihm sprechen. -- Noch eins, Boyles -- habt Ihr Kienholz drüben an Eurem -Haus?« - -»Nein -- was wollt Ihr damit? Kienholz wächst ja nicht drüben im Bottom.« - -»Hier liegt genug,« sagte Klingelhöffer -- »was wollt Ihr damit?« - -»Ich erkläre Euch Alles nachher, vorher aber muß ich mit Bill sprechen,« -und ohne den Männern weiter zu antworten, ging Jenkins hinaus, um den -Bruder aufzusuchen und die nöthige Abrede mit ihm zu nehmen. - - - - -Sechstes Kapitel. - -Der Hinterhalt. - - -Bill Jenkins war noch fast ein Kind, aber Kinder in jenen wilden Wäldern -aufgezogen, wo sie schon täglich nicht selten sechs oder acht Miles allein -durch den Wald reiten müssen, um nur zum Schulhaus zu gelangen, sind nicht -mehr das, was sie, in unseren Verhältnissen aufgewachsen, sein würden. -Der kleine Bill, der kaum eine Büchse tragen konnte, war schon ein ganz -vortrefflicher Schütze, und wenn er auch eine Holzgabel mit in den Wald -nehmen mußte, um die Waffe beim Schießen aufzulegen, so hatte er doch in -seinem neunten Jahr schon ganz allein einen großen Panther im Wald erlegt -und sogar einmal einen Bären so verwundet, daß ihn sein Vater nachher -mit den Hunden einholen und erlegen konnte. Es mag sein, daß er sich der -Gefahr, die er dabei lief, nicht recht bewußt gewesen, aber er würde sie -auch trotzdem nicht geachtet haben, und auch jetzt ging er mit Freuden und -vollem Eifer auf des Bruders Plan ein, ja jubelte laut auf, als er erfuhr, -daß er selber etwas mit dazu beitragen solle und könne, den verruchten -Mördern ihre That heimzuzahlen. Es bedurfte auch keiner langen Erklärung, -denn er begriff im Augenblick, was man von ihm verlange und brannte jetzt -selber vor Begier, den an seinem Vater verübten Mord gerächt zu sehen. - -So lange es Tag war, durften sich aber die Männer -- denn die von -Perryville herübergekommenen erboten sich augenblicklich Theil an dem -Unternehmen zu haben, da sie selber ja ebenso durch die immer mehr -wachsende Bande bedroht blieben -- nicht über den Strom einschiffen, da -man nicht wissen konnte, ob die Jayhawker nicht etwa das Ufer überwachen -ließen. Mit einbrechender Dunkelheit waren sie aber fertig gerüstet, und -da der Mond etwa um sieben Uhr aufging, behielten sie auch reichlich genug -Zeit, um ihren Versteck zu erreichen. Klingelhöffer, der sie nicht selber -begleiten konnte, da ihn sein Kreuz immer noch plagte, und der auch sein -Haus, bei solcher Nachbarschaft, nicht ganz ohne Schutz lassen wollte, -drang ihnen aber noch, ehe sie gingen, Lebensmittel auf, die sie allerdings -anfangs nicht mitnehmen wollten; er hatte aber ganz Recht, wenn er sagte, -sie wüßten gar nicht, wann die Schurken kämen, und ob sie nicht vielleicht -vierundzwanzig Stunden in ihrem Versteck liegen müßten, und wenn sie dann -genöthigt wurden, nach Eßwaaren auszuschicken, konnten sie Alles verderben. - -Das Skiff mußte zwei Mal gehen, um Alle hinüberzubringen, und das zweite -Mal fuhr die jüngste Tochter vom Haus mit, um es zurückzunehmen, damit -es die Jayhawker nicht vielleicht zufällig fänden. Sie betraten auch die -Lichtung gar nicht, auf welcher die Häuser standen, sondern schritten, von -Jenkins geführt, quer und so geräuschlos als möglich durch den Wald, bis -sie den besprochenen Platz, am Rand eines dichten Schilfbruchs erreichten, -und nun hier im Stockfinsteren allerdings nichts thun konnten, als den -Aufgang des Mondes abzuwarten. - -Der kam aber bald, und Jenkins, der indessen schon den Uebrigen seinen -ganzen Plan mitgetheilt hatte, ging jetzt mit ihnen scharf an die Arbeit, -um die wenigen, aber doch nöthigen Vorbereitungen zu treffen. - -Eine Schaufel hatten sie mitgebracht, mit dieser wurde ein wenig Erde an -einer von ihm bestimmten Stelle ausgeworfen, daß es beim ersten Anblick so -aussah, als ob hier vor kurzer Zeit der Boden umgegraben und nicht wieder -ordentlich zusammengescharrt wäre. Dann wurden einige, dort im Ueberfluß -herumliegende Aeste darüber geworfen, daß sie den Platz scheinbar -verdeckten, und jetzt suchten sich die Männer auf der gegenüber liegenden -Seite ihre Stellen, von denen aus sie den Plan, ohne selber gesehen zu -werden, überschießen konnten. - -Die Ortslage selber war wie für einen solchen Hinterhalt gemacht, denn -gerade dort vorüber zog sich eine, selbst jetzt noch trockene, oder -wenigstens nur mit etwas Regenwasser seicht gefüllte Slew, die erst dann -gefüllt wurde, wenn der Arkansas seinen höchsten Stand erreichte und seine -Wasser durch diese Einläufe in den Sumpf hineinsandte. Jetzt konnte man sie -leicht durchwaten, dahinter aber hatte der mit eingewaschene Sand eine wohl -sechs bis acht Fuß hohe und ziemlich steile, wenigstens völlig kahle -Wand angespült, von der gedeckt sich wohl funfzig Menschen hätten sicher -verbergen können. Wer wenigstens von der Richtung des Hauses herüber -kam, konnte sie unmöglich bemerken. Nur im Rücken konnten sie angegriffen -werden, und um sich auch dagegen vollständig zu decken, wurde Einer der -jungen Leute aus Perryville in den Wald hineinpostirt, damit sie selber -jedenfalls sicher vor einem Ueberfall blieben. - -Uebrigens lagen sie immer zwei und zwei beisammen, so daß Einer wenigstens, -wenn sie die ganze Nacht dort wachen mußten, schlafen konnte, um dann -seinen Nachbar abzulösen. - -Bill indessen, der kleine Bursch, hatte die Männer bis zu ihrem -beabsichtigten Versteck begleitet, damit er selber das Terrain selber genau -kennen lernte, und erst als sie die Arbeit beendet hatten und er nun genau -wußte, wie Alles stand, schulterte er seinen Sack mit Kienholz, das er -brauchte, wenn sie in der Nacht ankamen, nahm einige Lebensmittel und -schritt _neben_ dem Pfad -- um keine Spuren zurückzulassen, dem gar nicht -fernen Hause zu. Er fürchtete sich auch nicht im Mindesten; was wissen -amerikanische Kinder überhaupt von Furcht, denn Gespenstergeschichten, mit -denen Kinder bei uns von ihren Ammen oder Wartefrauen groß gezogen werden, -kannte er gar nicht, und böse Menschen? ei auf die wartete er gerade, und -je eher sie kamen, desto besser. Er lief auch in der That keine andere -Gefahr, als daß die Räuber vielleicht, gleich bei dem ersten Anprall in das -Haus hineingeschossen hätten. Aber das geschah schwerlich, denn wer schießt -gern seine Büchse, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, ab, und den -kleinen Burschen, der noch jünger aussah, als er wirklich war, würden sie -schwerlich geschädigt haben. - -Als Bill den Platz erreichte, zündete er vor allen Dingen ein tüchtiges -Feuer im Kamin an. Es war ziemlich frisch die Nacht, und er mußte auch -Licht haben. Nachdem das geschehen und er ein Stück Kienholz auf das -Feuer geworfen, schüttete er die übrigen Kienreste hinter dem Haus auf den -Holzplatz und ließ nur noch etwas neben dem Kamin liegen. Hiernach legte -er sein mitgebrachtes Essen in den Fliegenschrank, in dem er aber noch ein -Stück Maisbrod und etwas kalten Speck fand. Hierauf untersuchte er die in -der Ecke stehende große Kaffeekanne, und richtig, sie war noch fast halb -gefüllt -- der kleine Bursch lachte still vor sich hin, denn er konnte nun -bald einen Becher heißen Kaffee's bekommen, und damit ließ sich dann schon -eine Nachtwache halten. - -Aber sollte er überhaupt wachen? nein. Blieb er am Feuer sitzen, so konnte -doch am Ende Einer von den schlechten Menschen, und wenn auch nur aus -nutzloser Bosheit, auf ihn schießen. Legte er sich aber in eine Ecke und -drangen sie dann in das Haus ein und fanden nur den Knaben vor, so hatte -er kaum etwas für sich zu fürchten, und das Weitere? Des Knaben Augen -blitzten, als er sich sein Begegnen mit den Jay-hawkern ausmalte, aber er -biß die Zähne auf einander, denn die Thränen traten ihm in die Augen, wenn -er an den Vater dachte, und er wollte jetzt nicht weinen. -- Er mußte eine -Beschäftigung haben, den Kaffeetopf setzte er deshalb auf's Feuer und holte -sich dann sein Abendbrod herzu, das er verzehrte und sich einen Becher -Kaffee dazu ausschenkte. - -In der Ecke stand ein großes, bequemes, mit einem Mosquitonetz überzogenes -Bett, aber in das wagte er nicht sich hineinzulegen. Es sah so vornehm und -sauber aus und er war nicht daran gewöhnt. Er nahm sich deshalb nur eine -der wollenen Decken herunter, schob sich ein paar am Kamin liegende Säcke -für ein Kopfkissen zurecht, wickelte sich dann in die Decke und legte sich -ruhig und unbesorgt in die eine Ecke, wo ihm der Feuerschein nicht auf die -Augen fallen konnte, und sich seine ganze Gestalt in der That in Schatten -befand, nieder. - -Er wollte aber gewiß nicht schlafen, sondern wachbleiben und aushorchen, -wenn er die Leute könne kommen hören; aber der Knabe hatte sich da wohl zu -viel zugetraut. Eine Weile ja, blieb er munter und beobachtete an der Wand -die wunderlichen Schatten, die der unstete Schein des Feuers durch einen -Stuhl und sein darüber gelegtes Röckchen warf. Wie aber das Feuer mehr und -mehr niederbrannte und das Licht matter und ungewisser wurde, schienen auch -ihm die Augenlider schwerer und schwerer zu werden. Ein paar Mal raffte er -sich wohl noch gewaltsam auf; er wollte nicht schlafen, ja das half aber -Nichts -- der Sandmann kam doch und streute seine Mohnkörner über ihn. Er -träumte schon, als er noch glaubte, daß er vollkommen wach wäre, und nur -wenige Minuten später, so schlief er sanft und süß -- und schlief fort bis -zum anderen Morgen und bis die Sonne ihm durch ein kleines über der Thür -angebrachtes Fenster gerade in die Augen schien. - -Erschreckt fuhr er von seinem Lager empor. -- Wo war er denn eigentlich? Er -konnte sich im ersten Moment gar nicht gleich darauf besinnen. Wie ihm aber -der Gedanke kam, weshalb er hier übernachtete, schoß es ihm auch wie ein -eisiges Gefühl durch's Herz -- das Gefühl der Gefahr, in der er sich -noch immer hier befand, während die Abends stets viel stärkere Aufregung -geschwunden war, und sich das kleine Kinderherz doch jetzt mit Sorge und -wohl auch mit etwas Furcht erfüllte. - -Wer von uns Allen hat nicht schon ein ähnliches Gefühl erlebt, wenn ihm der -Morgen mit seiner nüchternen Wirklichkeit irgend eine Sorge oder Angst und -sei sie noch so gering gewesen, vor die Seele brachte, und ein ganz eigenes -erkältendes Gefühl durch die Nerven zuckte. War es ein Wunder, daß es auch -das Kind beschlich, das sich hier allein auf der Farm, ja in der Absicht -da befand, einer Bande von Räubern die Stirn zu zeigen, die ihm den eigenen -Vater gemordet hatten und Blut und Verzweiflung in manche stille Hütte -getragen? Aber diese Schwäche dauerte trotzdem nicht lange. -- »Wenn -sie nur kämen,« zischte er, seiner eigenen Angst trotzend, zwischen den -zusammengebissenen Zähnen durch, und verrichtete dann ruhig seine gewohnte -Arbeit. Zuerst wusch er sich, dann setzte er sich seinen Kaffee wieder auf -das indessen zusammengeschürte Feuer und war damit so eifrig beschäftigt, -daß er gar nicht weiter auf das achtete, was um ihn her vorging. Er hielt -gerade das Schüreisen in der Hand, um die noch von gestern Abend her -übrig gebliebenen Kohlen ein wenig zusammenzuschüren, als er plötzlich -so zusammenschrak, daß ihm das Eisen aus der Hand und klirrend auf die -Heerdsteine fiel, denn eine rauhe Stimme in der Thür selbst sagte: - -»Hallo mein junger Bursch! so allein hier im Haus? Ist denn das ganze Nest -ausgeflogen, und hältst Du Haus allein?« - -Bill war todtenblaß geworden -- er zitterte an allen Gliedern, aber es -war keine Furcht mehr, die des Knaben Herz im entscheidenden Augenblick -beschlich, wenn sich auch zuerst wohl ein scheuer Schreck mit dem Gefühl -mischte. Es war das Bewußtsein, daß die Entscheidung gekommen; die Fremden -aber nahmen es selbstverständlich für die natürliche Furcht des Kindes -und achteten nicht weiter darauf, ja suchten den Knaben eher zu beruhigen, -damit er ihnen Rede und Antwort stände. - -»Na fürchte Dich nicht,« fuhr der Mann fort, der ihn zuerst angeredet hatte -und in dem Bill jetzt augenblicklich den Schurken Hendricks erkannte. »Wir -wollen Dir ja Nichts thun, sondern uns nur nach Mr. Boyles erkundigen. Hat -er sich versteckt? -- Ist es Dein Vater, mein Junge?« - -»Nein,« sagte Bill, der nicht gleich wußte, wie er auf die Frage antworten -sollte -- aber es war gut gewesen, daß er sie verneint hatte, denn ein -Anderer antwortete für ihn. - -»Ist denn der nicht ein Junge von Jenkins über dem Fluß drüben?« rief der, -und als Bill zu ihm aufsah, erkannte er Auburn's Neger, der manchmal drüben -bei ihnen gewesen war, um nach Vieh zu sehen, das Auburn auch auf jener -Seite laufen hatte. - -»Gewiß bin ich's,« sagte Bill, der in dem Augenblick blutroth wurde. - -»Und was machst Du hier drüben, mein Bursch?« frug Hendricks, der ihn jetzt -ebenfalls erkannte. - -Bill war durch seinen Bruder auf diese mögliche Frage vorbereitet worden, -und antwortete wohl scheu, aber doch bestimmt: »Den Vater haben böse -Menschen todtgeschossen, Schwester und Mutter sind fortgegangen nach -Perryville und da hat mich Mr. Boyles seit etwa acht Tagen zu sich -genommen, bis die Jayhawker aus der =range= vertrieben sind.« - -»So?« lachte Hendricks -- »also in Perryville ist Deine Schwester?« - -»Ja, aber mit dem ersten Soldatenzug, der wieder die Straße herabkommt, -geht sie nach Little Rock.« - -»Aha! sehr vorsichtig,« nickte der Bursche -- »nun vielleicht können _wir_ -ihr in diesen Tagen sicheres Geleit geben, damit sie von den Jay-hawkern -nichts zu fürchten hat. Bei wem ist sie im Haus?« - -»Bei Thomsons,« sagte Bill, auf gut Glück einen der dortigen Namen nennend. - -»Ach, laßt die Dummheiten,« unterbrach ihn aber einer der Uebrigen, und es -waren indessen etwa fünf Mann ins Haus getreten. »Da haben wir doch jetzt -Wichtigeres zu thun, als solche Faxen. Wo steckt Boyles?« - -»Er ist auch gestern Abend über den Fluß gefahren und nach Perryville -gegangen.« - -»So? und was will er da, mein Herz?« - -»Er will Hülfe haben, daß ihn böse Menschen nicht auch umbringen und -ausplündern können.« - -»Ei, sieh mal an,« lachte Hendricks, »ja, den Weg hätten wir ihm ersparen -können. Wir sind selber hierher gekommen, um bei ihm zu bleiben, denn die -Jay-hawker treiben sich wirklich in der Nachbarschaft herum. Aber bist Du -hier ganz allein auf der Farm oder wer ist sonst noch bei Dir?« - -»Ich bin ganz allein hier,« sagte der Knabe, »denn die Frauen sind auch -den Fluß hinab in die Ansiedlung gegangen, weil sie sich fürchten hier zu -bleiben.« - -»Hm -- fürchten, wovor, wenn _wir_ da sind,« lachte Hendricks -- »Aber -Boyles hat auch wohl Ursache, die bösen Menschen zu scheuen, denn, wie ich -gehört, soll er viel baares Geld mit von Missouri herunter gebracht haben. -Ist das wahr?« - -»Ich weiß es nicht,« sagte der Knabe scheu. - -»Wie lange bist Du bei ihm?« - -»Etwa acht Tage.« - -»Aber seit der Zeit ist er doch erst zurückgekommen und hat denn doch -sicher zu Haus davon gesprochen. -- Wie?« - -»Ja -- das wohl,« flüsterte Bill. - -»Nun siehst Du wohl, mein kleiner Bursch,« meinte Hendricks, indem er -einen Blick mit den Gefährten wechselte, »er hat es doch sicher und gut -aufgehoben, damit es die Räuber nicht gleich finden können.« - -Bill nickte nur, denn er wagte gar nicht, den Mörder seines Vaters -anzusehen. - -»Nun das dacht' ich mir,« lächelte Hendricks, »gewiß hier unter der Diele.« - -Bill schüttelte mit dem Kopf. - -»Oder oben unter dem Dach?« - -Bill schüttelte wieder. - -»Was? auch nicht? ja dann werden es die Jay-hawker gewiß finden, denn die -sind in so etwas schlau.« - -»Nein, die finden es nicht,« sagte aber Bill bestimmt, »denn er hat es -draußen im Wald vergraben und sie wissen den Platz nicht.« - -»In der That? -- aber Du weißt ihn, wie?« - -Bill schwieg und sah vor sich nieder. - -»Nun mein Junge, kannst Du nicht antworten?« rief der andere Bursche rauh, -denn das Verhör dauerte ihm zu lang. - -»Laß doch nur,« rief aber Hendricks, indem er dem Gefährten hinter des -Knaben Rücken zuwinkte -- »wir haben ja Zeit, denn wir bleiben ja doch -hier, bis Mr. Boyles mit seinen Leuten von Perryville zurückkommt. Nicht -wahr _Du_ weißt, wo er das Geld vergraben hat?« - -Bill nickte jetzt leise mit dem Kopfe, antwortete aber noch immer nicht -weiter. - -»So?« sagte Hendricks -- »nun das ist gut, dann wollen wir auch schon -dafür sorgen, daß ihm die Jay-hawker nicht zu nahe kommen. Wo ist denn der -Platz?« - -»Ich darf's nicht sagen,« erwiederte aber Bill jetzt. »Mr. Boyles hat es -mir streng verboten.« - -»Ja, keinen _fremden_ Leuten,« lachte Hendricks, »aber _uns_ schon, wir -wollen ihm ja gegen die Andern helfen -- also wo ist der Platz, weit von -hier, oder im Garten drüben?« - -»Ich darf's nicht sagen, oder Mr. Boyles schlägt mich,« erwiderte der -Knabe, und warf einen scheuen Blick nach dem Frager hinauf. - -»Ach was! wir vertrödeln hier die Zeit in höchst alberner Weise,« rief aber -jetzt der Andere, der ebenfalls ein Führer zu sein schien und einen großen -schwarzen Bart trug. Er faßte dabei den Knaben fest am Arm. »Komm her mein -Bursch und sei vernünftig -- Mr. Boyles giebt Dir vielleicht eine Tracht -Schläge, wenn er zurückkommt, das ist möglich, aber mit uns bist Du noch -viel schlimmer d'ran, denn wenn Du uns jetzt die Stelle nicht zeigst, wo -das Geld eingesscharrt ist, so binde _ich_ Dich da draußen an den nächsten -Pfirsichbaum und prügele Dich so lange, bis Dir das Fleisch in Fetzen vom -Rücken herunter hängt -- hast Du mich verstanden?« - -Hendricks schüttelte unwillig den Kopf, denn dadurch machten sie jedenfalls -mehr als nöthigen Lärm auf der Farm. Bill aber klagte: - -»Aber ich _darf's_ ja nicht sagen, Mr. Boyles hat es mir so streng -verboten.« - -»Sip!« rief der mit dem Bart da dem Neger zu. »Spring einmal hinaus und -schneid' mir ein paar tüchtige Stöcke ab, aber derbe, verstehst Du? Der -kleine Bursch scheint hier hartnäckiger Art zu sein und da wollen wir doch -einmal sehen, ob wir ihm den Trotzkopf brechen können!« - -Sip blieb nicht lange aus und Bill suchte sich indessen von der Hand des -Mannes loszumachen, was aber freilich einem Stärkeren schwer geworden wäre. -Der Mann lachte auch nur zu dem Versuch und suchte dabei in seiner Tasche -nach einem Stück Seil, um die Hände des Knaben zusammenzuschnüren, so daß -dieser endlich wie in Todesangst ausrief: - -»Ach schlagt mich nur nicht, schlagt mich nur nicht; ich will Euch ja auch -gern zu dem Platz führen, aber Ihr dürft Mr. Boyles nicht sagen, daß ich es -gethan habe, oder er jagte mich sonst gleich wieder aus dem Hause«. - -»Aha,« lachte der Jayhawker -- »nun denn heraus mit der Sprache, wo ist es? -weit von hier? im Garten vielleicht?« - -»Nein -- ein Stück im Wald drin,« antwortete der Knabe, während der wilde -Bursch den ihm von dem Neger gebrachten Stock in die Luft probirte. - -»Wo hinaus?« - -»Gleich dort drüben. Es führt ein schmaler Pfad nicht weit davon vorbei.« - -»Kannst Du ihn auffinden?« - -»Ich -- weiß es nicht -- ich glaube ja.« - -»Wie lange haben wir zu gehen?« - -»Oh, gar nicht lange -- noch an dieser Seite vom Schilfbruch ist's.« - -»Nun also denn vorwärts,« rief der Bärtige, der jetzt den Oberbefehl über -die Bande zu haben schien -- »und glaub' nicht etwa, mein Junge, daß Du uns -im Wald davon huschen kannst. Wie Du nur Miene machst fortzulaufen, drehe -ich dir den Hals um, darauf kannst Du Dich verlassen.« - -»Ich kann ja nicht fortlaufen,« klagte Bill, »ich habe ja ein lahmes Bein.« - -»Desto besser für dich,« nickte der Schwarze »denn das hält Dir den Hals -gerade -- aber nun vorwärts. -- Nein, mein Junge, nicht losmachen, ich -behalte Dich an der Hand, denn sicher ist sicher. Komm nur mit; es hilft -Dir jetzt nichts weiter. Und die Stöcke bring ebenfalls Sip, wenn ihn -unterwegs vielleicht sein Gedächtniß verlassen sollte.« - -Bill leistete keinen Widerstand weiter, denn Alles, was er wollte, hatte -er ja erreicht: Sie glaubten ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen, -aber trotzdem beschlich den Knaben jetzt eine und zwar nicht unbegründete -Furcht. - -Daß ihn die Freunde nicht mit ihren Kugeln treffen würden, wenn sie auf die -Räuber schossen, wußte er gut genug und scheute sich wahrlich nicht davor, -aber der baumstarke Mann mit dem großen schwarzen Bart, hielt seinen Arm -wie in einem Schraubstock und merkte er Verrath -- von dem er jetzt aber -noch keine Ahnung haben konnte, so war es sicherlich um ihn geschehen. Aber -trotzdem schritt der Knabe, der jedoch wirklich so that, als ob er nicht -rasch von der Stelle könne, neben dem Jayhawker her. Weigern hätte ihm auch -jetzt nichts mehr geholfen, das wußte er gut genug und nur die Kugeln der -Freunde konnten ihn wieder frei machen und in Sicherheit bringen. - -Der Pfad war ziemlich schmal und das kleine Gestrüpp an beiden Seiten -desselben, wie auch überall in diesen Wäldern, in den letzten Jahren wild -und üppig emporgeschossen, aber verfehlen konnte Bill seinen Weg schon -deshalb nicht, weil ihn die hin- und herwechselnden Kühe offen und betreten -gehalten. Trotzdem wurde seinen Begleitern die Zeit lang und der Schwarze -brummte. - -»Höre mein Bursch, wenn Du glaubst, daß Du uns hier zum Narren haben -kannst, so bist Du im Irrthum. Soweit vom Haus hat der alte Boyles sein -Geld wahrhaftig nicht begraben. Sind wir bald da?« - -»Seht Ihr den lichten Fleck da vorn?« fragte der Knabe. - -»Gleich da vor uns die Oeffnung?« - -»Ja -- dort ist's -- aber Mr. Boyles wird so böse werden.« - -»Sorg Dich nicht um den, mein Bursche,« lachte der Schwarze, »denn wenn Du -unter unserem Schutz stehst, wird er wohl die Hände von Dir lassen. Liegt -denn das Geld so dicht am Pfad?« - -»Nur ein klein Stückchen rechts davon, -- er hat abgebrochenes Holz darüber -gezogen, damit es Niemand finden kann.« - -»Gescheut gemacht, alter Gesell,« lachte der mit dem Bart -- »Boyles ist -von jeher ein grundpfiffiger Kerl gewesen -- und nun mein kleiner Bursch, -da sind wir an der Stelle. Wo ist jetzt der Platz?« - -»Gleich da drüben, seht Ihr unter dem Baumwollenholzstumpf, den der Blitz -abgeschlagen hat.« - -Der Jay-hawker blieb stehen und zwang dadurch auch die Anderen, zu halten. -Wie das Wild, ehe es eine größere Waldblöße erreicht, stehen bleibt und -umhersichert, ob ihm auch von keiner Seite Gefahr droht, so blieb der den -Gesetzen verfallene Mörder ebenfalls halten und überflog rasch mit seinem -Blick die angrenzenden Büsche. -- Aber selbst sein scharfes Auge konnte -nichts Verdächtiges bemerkt haben, doch Bills kleines Herz klopfte ihm wie -ein Hammer in der Brust. Der Moment war gekommen, und obgleich er selber -den Versteck der Freunde kannte, war er nicht im Stande, auch nur das -Geringste von ihnen zu bemerken. Hatte ihnen die Zeit zu lange gewährt und -die Schaar den Platz verlassen? -- was dann? - -Der Führer schien sich aber überzeugt zu haben, daß ihnen hier keine Gefahr -drohe. Nur um ganz sicher zu sein, wandte er sich zu dem Neger und sagte zu -diesem: - -»Du, Sip -- steig einmal da drüben die Bank hinauf -- wenn Du Dir auch die -bloßen Beine ein wenig naß machst, und spür' einmal den Platz ab. Sowie -Du etwas Verdächtiges merkst, kommst Du zurück -- und nun vorwärts, Ihr -Burschen. Habt Ihr die Hacken mitgenommen? Das ist Recht. Das sieht mir -selber so aus, als ob dort die Erde frisch umgewühlt wäre. Vorwärts, in -einer Viertelstunde müssen wir mit der Sache zu Ende sein.« - - - - -Siebentes Kapitel. - -Der Hinterhalt. - - -Die jungen Backwoodsmen vom Fourche la Fave hatten indessen den Abend -hinter ihrer Sandbank ziemlich ruhig verbracht, denn sie glaubten selber -nicht, daß die Jay-hawker zu dieser Zeit einen Ueberfall unternehmen -würden. Es war das wenigstens bis jetzt noch nicht ein einziges Mal -geschehen. Am liebsten kamen sie in früher Morgenstunde, ja meistens mit -anbrechendem Tag, bis zu welcher Zeit auch sämmtliche Indianerstämme ihre -Angriffe aufschieben, weil sie den Feind dann selten oder nie gerüstet -finden. - -Allerdings hielten die Freunde abwechselnd ihre Wacht und beobachteten -dabei ein vorsichtiges aber auch nothwendiges Stillschweigen. Schon der -Klang einer Menschenstimme hier im Wald, würde einem herumschleichenden -Feind den ganzen Plan verrathen haben, aber an wen es gerade war, sich zum -Schlafen nieder zu legen, der that das in voller Ruhe und in einem Gefühl -von Sicherheit, das jedoch rasch schwand, als der Whip-poor-Will Morgens -seinen ersten Laut hören ließ, und damit den nahenden Tag verkündete. - -Jetzt wurden Alle geweckt und lautlos, ihre Büchsen im Arm, horchten sie -der Richtung zu, in welcher das Haus lag, ob sie nicht den wilden -Schrei von dort herüber hören konnten, mit dem sich die Jay-hawker schon -verschiedene Male bei ihren Opfern eingeführt -- aber es blieb Alles still. -Der Tag dämmerte, die Sonne ging auf und stieg höher und höher, ja stand -schon über den Baumwipfeln, und noch immer regte sich Nichts nach jener -Richtung zu im Wald, und nur ein paar Spechte hämmerten ununterbrochen an -einem alten Stamm herum und stießen manchmal dazu ihr heiseres Gekreisch -aus. - -Hatten die Jay-hawker ihren Angriff auf Boyles' Haus aufgegeben und waren -am Ende doch mit einem vielleicht irgendwo sonst aufgefundenen Canoe -nach der anderen Seite zurückgekehrt? Sie hätten jetzt selbst Perryville -vollkommen schutzlos gefunden und dort nach Belieben wirthschaften können. - -Halt! das klang wie eine menschliche Stimme -- wenn sie jetzt kamen. -Den jungen Leuten schlug das Herz, als ob sie sich hätten an einen Bären -anpirschen wollen. Sie Alle waren aber auch Jäger genug, um zu wissen, daß -sie sich vollständig decken mußten, wenn sie den schlauen Feind überlisten -wollten. Das Blitzen der Sonne auf einem Büchsenlauf, die runden dunkeln -Umrisse eines Kopfes nur auf dem hellen Sand konnten sie schon verrathen, -und nicht allein, daß ihre ganze Arbeit dann umsonst gewesen wäre, nein, -sie gefährdeten in dem Fall auch auf das Ernstlichste das Leben des Knaben, -denn welche Gewissensbisse hätten sich jene Burschen gemacht im ersten -Moment und in Wuth und Rache selbst das Leben eines Kindes zu nehmen. - -Jim Jenkins hatte dafür auch schon vorher seine Ordre gegeben. Alle mußten -sich vollkommen hinter dem Sandrücken verborgen halten, und er selber -häufte, eben mit den Augen über dem Rand, für seinen Kopf eine Parthie -Reiser und Ranken so auf, daß sie ihm einen Blick hinausließen, aber ihn -auch sonst vollständig verdeckten. Erst wenn die Freunde sahen, daß er sich -selber schußfertig machte, sollten sie das Nämliche thun, die Büchsen dann -hinausschieben und rasch, aber sicher zielen und abdrücken -- um Gottes -Willen keinen Schuß nutzlos vergeuden. - -Jetzt konnte Jim die dunklen Gestalten der Jay-hawker schon deutlich im -Wald erkennen. Sie kamen näher und näher und das Blut stockte ihm fast, als -er sah, daß der Erste den Arm seines Bruders fest in der Faust hielt, -und der Kleine dadurch nicht einmal frei war, sich, der Verabredung nach, -gleich bei dem ersten Schuß in das Dickicht zu werfen -- aber jetzt blieb -keine Zeit mehr zum Besinnen -- wo war Hendricks? Jim's Blick suchte ihn, -aber er fand ihn nicht unter den Vorderen. War er am Ende gar nicht unter -der Schaar? -- Jim schrak unwillkürlich zusammen. Die Jay-hawker hielten -noch im Waldrand, so daß er bis jetzt nur auf den Einen hätte mit -Sicherheit zielen können. Hatten sie etwa Verdacht geschöpft -- aber durch -was? Jim durfte allerdings nicht einmal den Kopf zur Seite drehen, um sich -nicht durch die, selbst unbedeutende Bewegung selber zu verrathen, und nur -den Mund öffnete er weit, so schwer kam ihm der Athem aus der Brust. - -Wie still das gerade jetzt im Walde war -- deutlich konnte man das Klopfen -des Spechtes, den Schrei eines kleinen Falken hören, der mit zitterndem -Flügelschlag fast wie eine Lerche hoch in der Luft stand, und über die -Richtung, die er nehmen sollte, unschlüssig zu sein schien. Kein Blatt -regte sich dabei, so still und fast schwül war die Luft. -- Jetzt aber -schienen sich die Jay-hawker endlich überzeugt zu haben, daß ihnen hier -keine Gefahr drohe. Der Platz in dem sie das vergrabene Geld vermutheten, -lag überhaupt zu nahe und die Ungeduld trieb sie die Stelle zu untersuchen. - -Als ihr Führer aus dem, von Dornen eingeengten Pfad trat, breiteten sich -seine Begleiter ebenfalls auf der Lichtung aus -- Jim zählte, wenn er in -dem Augenblick überhaupt zählen konnte, etwa elf oder zwölf Mann, aber sein -Auge suchte Hendricks unter ihnen und fand ihn, aber noch immer von den -Uebrigen gedeckt. Sollte er warten bis er vollständig vortrat -- aber -der geringste Zufall konnte ihn den Räubern verrathen -- ein günstigerer -Zeitpunkt kam für ihn kaum wieder, denn der Trupp erreichte jetzt den -Platz und der Mann mit dem schwarzen Bart, der bis dahin Bill an der Hand -gehalten, ließ ihn los, um selber einen der schweren Aeste aufzuheben. - -Jim winkte zurück mit der Hand, und die Büchse, deren Hahn er schon -gespannt hatte, mit beiden Händen fassend, hob er sich etwas auf den Knieen -aus seiner gebückten Stellung empor. - -Es waren acht Männer die dort im Hinterhalt lagen -- der neunte hielt noch -am Holzrand Wacht, sollte aber ebenfalls nach dem ersten Schuß herbeieilen. --- Dort drüben stand ein Trupp von wenigstens zwölf so verzweifelten -Burschen als sie vielleicht das weite Land aufzuzeigen hatte -- hätten sie -alle ihre Gewehre abgeschossen, so hatten die Feinde, mit ihren geladenen -Büchsen und Revolvern, jedenfalls die Uebermacht. Aber wer von ihnen Allen -hätte deshalb auch nur für einen Moment den Angriff verzögern mögen. Sie -durften es auch gar nicht; der Neger schritt gerade auf sie zu -- dort -waren diese, von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker, von Mord -triefend und eben wieder im Begriff, einen neuen Raub zu begehen. Ein -günstigerer Zeitpunkt kam nicht wieder, und ohne jetzt auch nur noch -mit einer Wimper zu zucken, hoben sie sich gemeinschaftlich empor -- die -Büchsenläufe suchten ihr Ziel -- und der Wald wurde lebendig. - -Der Neger hatte, wenn auch nicht die größte, doch die erste Ueberraschung. -Ohne eine Gefahr zu ahnen, watete er durch das seichte Wasser, dem -Sandrücken zu, hinter dem die Männer lagen. Da sah er vor sich, wie mit -_einem_ Schlag, die dunklen Gestalten der Rächer auftauchen, und ehe er -selbst nur einen Warnungsschrei ausstoßen konnte, traf ihn die erste Kugel -in die Brust. - -Aber fast in demselben Moment auch fielen die anderen Schüsse -- wenigstens -unmittelbar nacheinander, und jetzt waren die Schützen selber auch nicht -mehr zu halten. Die Ueberraschung, der erste Schreck der Räuber mußte -benutzt werden, und wie sie nur ihre Kugel abgesandt, sprangen sie auch -auf die Sandbank und dann wie ein Wetter gegen die Räuber an, die in wilder -Furcht gar nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. -- Fünf brachen -wild dem nächsten Dickicht zu, aber schon nach wenigen Schritten taumelten -Einige und hätten den Kolbenschlag nicht mehr gebraucht, der sie -- eine -Leiche, zu Boden schmetterte. Da und dort brach es noch durch die Büsche -hinein und die Verfolger griffen die erbeuteten Büchsen auf, feuerten -hinterher, und stürzten dann wieder nach, die Kolben schwingend. - -Bill war der Einzige gewesen, der die Bewegung hinter der Sandbank -bemerkte, und nach ihm der Neger -- für ihn selber aber zu spät. Wie der -kleine Bursch aber die Büchsenläufe in die Höhe gehen sah, warf er sich -auch platt auf den Boden nieder und die Uebrigen mochten glauben, daß er -gestolpert wäre -- achteten wenigstens in der Erwartung des vergrabenen -Geldes nicht auf ihn, bis sie die zwischen sie einschlagenden und sicher -genug gezielten Kugeln inmitten ihrer verbrecherischen Laufbahn ereilten. - -Nur Einer war todt auf dem Platz geblieben; der schwarzbärtige Gesell, -der Bill an der Hand geführt, denn er hatte die Kugel in den linken Schlaf -bekommen und wohl kaum seinen Tod gefühlt. Fünf Leichen lagen in zehn bis -zwanzig Schritt von der Stelle, und andere Verwundete hörten sie noch nach -verschiedenen Richtungen hin durch die Büsche brechen. - -Jim selber hatte keinen freien Schuß auf Hendricks bekommen können, denn -Einer der anderen Jay-hawker stand vor ihm. Es blieb ihm Nichts übrig als -auf diesen zu schießen, in der Hoffnung, daß die Kugel durchschlagen und -Beide treffen möge -- aber unter den Todten fand er ihn nicht, und sein Ruf -sammelte die Freunde, daß sie sich nicht tollkühn einer unnöthigen Gefahr -aussetzten. - -Zuerst mußten sie ihre Büchsen wieder laden, dann wollten sie den Wald -absuchen und wer von Allen auch nur einen Streifschuß erhalten hatte und -nicht mehr so rasch von der Stelle konnte, mußte dann sicher in ihre Hände -fallen. - -Kein Wort wurde dabei gesprochen -- wachsam nur flogen die Blicke umher, -denn jeder Augenblick konnte noch von einem der Flüchtigen eine Kugel -herübersenden, während die Hände fast mechanisch die abgeschossenen Büchsen -wieder luden. Bill selber aber hatte sich schon eine der Büchsen vom -Boden aufgesucht -- seines _Vaters_ Waffe, die Einer der Räuber damals -mitgenommen. _Den_ wenigstens hatte die Vergeltung erreicht, und der kleine -Bursch sah so kaltblütig nach dem Zündhütchen, ob auch Alles in Richtigkeit -sei, als ob er schon in Gefahren grau geworden wäre -- aber die Kugeltasche -fehlte noch. Der Todte trug sie noch an seinem Leibe. Bill legte die Büchse -auf die Leiche, hob den Körper mit aller Kraft an der rechten Seite in die -Höhe, und hing sich dann die Tasche selber um. - -Und jetzt begann die Verfolgung der Verbrecher, die auch insofern ein -günstiges Resultat lieferte, als die Verfolger noch bald darauf einen -Todten und zwei schwer Verwundete antrafen, mit denen aber wenig Umstände -gemacht wurden. - -John Wells rief zwar, man solle sie aufhängen, denn Erschießen sei zu -gut für sie. Wenn aber auch die Männer mit der vorgeschlagenen Todesart -einverstanden gewesen wären, hätte ihnen das doch zu viel Zeit weggenommen. -Ein paar erbarmungslose Hiebe mit derselben Kaltblütigkeit geführt, als ob -sie einen angeschossenen Wolf abgefertigt hätten, beendeten die Leiden -der Verbrecher, und weiter stürmte dann die Schaar, denn noch immer fehlte -Hendricks unter den Opfern, und Jenkins wie Wells suchten ja doch nur den -Einen vor allen Andern. - -Weiter -- das Terrain war insofern der Verfolgung günstig, als der -Arkansas hier einen großen Bogen machte, und während sechs von den Leuten -abgeschickt wurden quer durch, nach dem Rand des oberen Ufers zu zu suchen, -vertheilten sich die Uebrigen, Bill seine Büchse schulternd mitten zwischen -ihnen, durch den Wald. - -Da wo noch Einer der Räuber durch die Gründornen gebrochen war, fanden sie -Blutspuren und folgten nun, wie gierige Schweißhunde, der aufgefundenen -warmen Fährte. Aber der Verwundete mußte Lebenskraft genug haben, um -rascher vorwärts zu rücken, als sie ihm folgen konnten, da sie gezwungen -waren, die oft kaum sichtbare Fährte zu halten. Sie erreichten sogar -endlich das Ufer des Arkansas, wo sie deutlich sahen, daß der Verwundete, -dessen Blut die Uferbank färbte, den Strom betreten haben mußte. Hatte er -noch Kraft behalten, um hinüber an's andere Ufer zu schwimmen? Die Fläche -war breit und es gehörten kräftige Arme dazu -- oder war er nur eine kurze -Strecke stromab getrieben, um die Verfolger von seiner Fährte zu bringen -und sich dort bis einbrechende Nacht versteckt zu halten. - -Beide Fälle waren möglich und zwei der jungen Leute erboten sich -augenblicklich, nach zu schwimmen und drüben die Ufer abzusuchen, während -die Andern an dieser Seite den ganzen Flußrand abspüren sollten. -Das Letztere zeigte sich aber nicht so leicht, denn eine Masse von -unterwaschenen Bäumen waren mit ihren Wipfeln in den Strom gestürzt; an -anderen Stellen hing das Rohr über die steile unterwaschene Bank, so daß -man sich nur mit Gefahr an den äußersten Rand wagen und dann noch nicht -einmal selbst die kleine Stelle vollkommen genau überschauen konnte. - -Die Verfolger gaben sich gewiß Mühe ihr Opfer aufzuspüren, aber vergebens. -Hatte der Verwundete im Arkansas seinen Tod gefunden? Es war möglich, ja -sogar wahrscheinlich, falls er wirklich, zur Verzweiflung getrieben, gewagt -haben sollte ihn zu kreuzen. An _diesem_ Ufer schien er sich aber nicht -gehalten zu haben und man mußte nun abwarten, welche Nachricht die beiden -Schwimmer brachten. - -Gegen Abend sammelten sich die Backwoodsmen wieder auf dem Platze ihres -Hinterhalts und Cook machte den Vorschlag, die Leichen zu begraben, was -aber von dem Rest der Schaar fast zornig zurückgewiesen wurde. - -Begraben? hatten diese Buben ein ehrliches Begräbniß verdient? wahrlich -nicht. Es gab Wölfe und Aasgeier genug im Walde, um sie im Lauf der -nächsten Tage zu beseitigen und das Einzige, wozu sich die Rächer -verstanden, war, es den Thieren des Waldes bequem zu machen, indem man den -Leichen die Kleider auszog, diese dann auf einen Haufen Reisig warf und das -Ganze anzündete. Dann, nachdem sie alle Waffen und Kugeltaschen gesammelt -hatten, kehrten sie nach Boyles' Farm zurück, wo die beiden jungen Leute, -die über den Fluß geschwommen, zu ihnen trafen. - -Diese aber schienen sich in größter Aufregung zu befinden und wie sie nur -ans Ufer sprangen, schrieen sie den Gefährten schon zu: - -»Er ist drüben, er ist entkommen, Hendricks lebt noch!« - -»Und Ihr habt ihn gesehen?« rief Jenkins fast außer sich. - -»So dicht wie Euch!« erwiderte der Eine, »aber was sollten wir machen? Er -hielt uns einen Revolver vor, _wir_ hatten nichts als unsere Messer, und -ich begreife eigentlich jetzt noch nicht, weshalb er uns nicht Beide über -den Haufen schoß.« - -»Weil er sich fürchtete, daß sein Revolver versagte,« knirschte John Wells -zwischen den Zähnen durch. »Teufel noch einmal, weshalb seid Ihr nicht auf -ihn gesprungen.« - -»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,« knurrte der Andere. »Die -Revolverpatronen kann man ein paar Stunden in's Wasser legen und sie -gehen doch los, und der Bursche war so zur Verzweiflung getrieben, daß er -wahrhaftig wenig Umstände mit uns gemacht haben würde.« - -»Und wo traft Ihr ihn?« - -»Keine hundert Schritt vom Ufer,« sagte der Erste wieder. »Er schien von -der Schwimmpartie erschöpft und wir hatten ebenfalls keinen Athem mehr. Wir -fanden den Platz, wo er an's Land gestiegen war, gleich an der Slew, die -etwa eine halbe Meile über Klingelhöffer's Platz in den Arkansas mündet. So -weit hatte ihn der Strom mit hinab genommen.« - -»Und weiß Klingelhöffer darum?« - -»Gewiß, der Alte riß augenblicklich, trotz seiner Kreuzschmerzen, seine -Büchse von der Wand und eilte hinüber.« - -»Und Ihr seid ihm nicht gefolgt?« - -»Weil wir Euch hier erst Nachricht geben wollten. Wenn wir jetzt Alle zur -Verfolgung ausgehen, _kann_ er gar nicht entkommen.« - -»Gut denn -- hinüber!« rief Jenkins rasch. »Es ist vielleicht auch gut -so, denn der Schuft hat jetzt wenigstens noch eine Weile Todesangst -auszustehen, bis wir ihm wieder auf den Fährten sitzen. Hat Einer von Euch -ein Seil?« - -»Hier im Hause sind genug,« sagte Bill. »Dort in der Ecke liegen drei oder -vier Stricke.« - -»Gut, nehmt ein paar mit und nun vorwärts. Unser Werk ist nur halb gethan, -wenn uns Hendricks entkommt.« - -Die Männer hielten sich in der That nicht auf, und wie nur die erste Hälfte -übergesetzt war, flogen sie auch mehr als sie gingen, am Ufer hinauf, -um die Stelle zu erreichen, wo der Verbrecher zuerst gesehen worden -- -umsonst. Nach etwa einer Stunde trafen sie Klingelhöffer, der die Fährte -verloren hatte, und sie nun an dem höheren Land, das mit einzeln stehendem -Rohr und kleinem Baumwuchs bestanden war, wieder aufzufinden suchte. Der -Boden dort war aber trocken, da das Regenwasser rasch in die Niederung -ablaufen konnte, die beiden Hunde, die er mitgenommen, verstanden nicht -auf einen Menschen zu jagen und setzten hinter einem vor ihnen aufstehendem -Hirsch her, und als die Nacht einbrach, in der jede Verfolgung nutzlos -wurde, mußten sie es aufgeben und nach Klingelhöffer's Haus zurückkehren. - - - - -Achtes Capitel. - -Die Suche. - - -In den nächsten Tagen war Alles, was sich noch von waffenfähigen Männern am -Fourche-la-Fave, wie an der anderen Seite des Stromes befand, auf den -Füßen und im Sattel, denn wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht über -die Zersprengung und fast vollständige Vernichtung der Jay-hawker-Bande -verbreitet, und Alles wollte jetzt Theil nehmen, um die Letzten dieser -gefürchteten Schaar mit einfangen und bestrafen zu können. - -Der Haupttrupp nahm auch dabei Hendrick's Fährte auf -- umsonst. Die Männer -auf der anderen Seite des Arkansas trafen noch auf einen Verwundeten, der -in einen Schilfbruch gekrochen war und sich kaum noch regen konnte. Das -aber schützte ihn nicht; er wurde hervorgezogen und an dem nächsten Dogwood -aufgehängt, während die Rächer am Fourche-la-Fave auch keine Fußspur mehr -von dem Flüchtigen fanden. - -Wo er sich versteckt hatte, ließ sich kaum denken, denn weiter geflohen -konnte er unmöglich sein, oder sie hätten ihn finden müssen; aber nach drei -Tagen vergeblicher Suche gaben sie die Sache endlich auf -- die Meisten -wenigstens, die in ihre Heimath zurückkehrten, während aber John Wells wie -Jenkins einen heiligen Schwur leisteten, nicht zu ruhen noch zu rasten, -bis sie den Mörder ihrer beiden Väter erreicht und deren Tod an ihm gerächt -hätten. - -Vor der Hand mußten sie allerdings nach Little Rock zurück, aber General -Steene, als er die Einzelheiten jener Verbrecherschaar gehört, gab ihnen -gern Urlaub, mit der Bedingung freilich, die Mörder, falls es ihnen irgend -möglich sein sollte, lebendig nach Little Rock einzuliefern. Er wolle -selber sein Urtheil fällen, und daß Hendricks bei ihm auf keine Gnade zu -hoffen hätte, darauf könnten sie sich fest verlassen. - -John Wells versprach das augenblicklich, als ihm aber Jim nachher Vorwürfe -darüber machte, lachte der junge Bursche kalt und höhnisch auf und murmelte -zwischen den zusammengebissenen Zähnen: - -»Wenn er das aushält, was ich mit ihm anfange, sobald er mir in die Hände -läuft, und nachher wirklich noch lebendig ist, dann werde ich ihn so an den -alten Herrn abliefern. Wahrscheinlich ist's freilich nicht.« - -»Aber Du hast es versprochen.« - -»Zum Teufel auch,« rief Wells, »ich hätt' ihm versprochen, ein Stück Mond -herunter zu holen, wenn er's verlangte, nur um loszukommen. Jetzt komm Jim. -Wenn der Schuft noch lebt, so ist ihm hier der Boden unter den Füßen zu -warm geworden; dann aber hat er sich auch nirgends anders hingewandt, als -nach dem gesegneten Texas -- und dorthin liegt jetzt unser Ziel.« - -»Und die Unseren daheim?« - -»Mein Bruder wird so lange für sie sorgen -- er hat's fest versprochen. -Deine Schwester zieht zu meiner Mutter und Bill ebenfalls; der Junge ist -ein Prachtkerl, und lebt Hendricks noch, dann finden wir auch seine Fährte --- oh nur die Seligkeit, ihm die Schnur um den Hals zu knüpfen -- weiter -verlange ich ja nichts auf der Gotteswelt.« - -»Und wann brechen wir auf?« - -»In drei Tagen. Ich muß noch erst einmal nach Hause, um Alles dort in -Ordnung zu bringen. Hast Du Geld, Jim?« - -»Keinen Dollar im Vermögen.« - -»Ich auch nicht, aber das schadet nichts -- wohin wir gehen, brauchen wir -nichts, als was wir uns leicht mit der Jagd verdienen können. Hast Du noch -einen anderen Anzug, denn in der Uniform dürfen wir nicht reisen -- Texas -ist noch im Aufstand.« - -»Ja, mein neues Zeug, das mir Betsy erst in dieser Woche fertig gemacht -hat.« - -»Gut -- ich will ebenfalls sehen, daß ich einen anständigen Rock auftreibe, -denn die letzte Suche hat dem meinigen bös mitgespielt. Wollene Decken -haben wir den Jayhawkern genügend abgenommen. Was ist denn das für eine -Büchse, die Du da trägst?« - -»Meines Vaters Waffe, die Bill dem einen Todten abgenommen. Ich habe dem -Knaben die meinige dafür gegeben.« - -»Alles in Ordnung denn. Am dritten Tag von heute hol' ich Dich ab,« und -sein Pferd wendend ritt er in scharfem Trab den Strom hinauf. - - * * * * * - -John Wells hielt sein Wort. Zu thun gab es jetzt auch Nichts mehr für -sie am Fourche-la-Fave, denn den Jay-hawkern war das Handwerk gelegt, und -wieder Land urbar zu machen oder zu pflanzen, dazu hatte keiner der Leute -Lust. Wußten sie denn, für wen sie es thaten, und waren ihnen nicht jetzt -drei Jahre hinter einander die Ernten von durchstreifenden Soldatentrupps -der einen oder anderen Partei geplündert oder zerstört worden? Erst mußte -wieder Frieden sein, ehe sie in diesen dem Wechsel des Krieges ausgesetzten -Districten an die ruhige Beschäftigung des Ackerbaues gehen konnten. Das -Wenige, was sie selber zum Leben brauchten, konnte jeder schon ziehen oder -durch die Jagd beibringen; jetzt hatte John Wells kein anderes Ziel als -den zehnfachen Mörder zu erreichen und dann -- ja, was er dann mit ihm thun -würde, wußte er selber noch nicht, und nur in Wuth und Ingrimm knirschte er -die Zähne zusammen, wenn er an den Buben dachte. - -Texas! und war er auch wirklich nach Texas geflohen? Konnte er sich nicht -westlich zu den Indianern gewandt haben? Wie mancher Verbrecher schon -hatte die weiten Prairien aufgesucht, um sich dem Arm der ihn verfolgenden -Gesetze zu entziehen. - -John hielt sein Pferd an und schien unschlüssig, aber wie wir bei allen -Menschenklassen, die den größten Theil ihres Lebens draußen in der freien -Natur verbringen, bald mehr bald weniger immer einen gewissen Grad von -Aberglauben finden, so sagte er sich jetzt selber: Dein erster Gedanke fiel -auf Texas -- Gott selber muß es Dir eingegeben haben, denn er kann nicht -wollen, daß ein solcher Bube frei und ungestraft auf seiner Erde wandelt --- also nach Texas! und als er zur verabredeten Zeit mit Jim zusammentraf, -konnte er den Moment nicht erwarten, wo er seinem Thier erst die Sporen -geben durfte. - -Aber Texas ist ein großes -- ein ungeheuer großes Land, und wenn sie es -erreichten, nach welcher Richtung sollten sie dann suchen? Doch die Frage -fand vielleicht schon ihre Erledigung auf dem Weg, denn wenn sich der -Flüchtige überhaupt dorthin gewandt, so konnte er fast nur durch Arkansas -die Straßen über Washington und Fulton eingeschlagen haben. Der folgten sie -jetzt ebenfalls, um vielleicht in irgend einer Hütte wieder auf die -Spur des Verbrechers zu kommen. Er war jedenfalls durch eine der Kugeln -getroffen worden, das bewies das Blut, das sie in seinen Fährten gefunden, -und möglich war's, daß sie gerade dadurch leichter auf seine Spur kommen -oder ihn wohl gar erschöpft in irgend einer Cabin fanden. - -Die Hoffnung sollte sich indessen nicht bewähren, denn Kunde bekamen sie -allerdings genug von verdächtigen Individuen, die sich dort in der letzten -Zeit auf der Straße herumgetrieben, und meist alle den Weg nach Texas -eingeschlagen hatten, aber ob der Gesuchte zwischen ihnen gewesen, wer -konnte es sagen. Verwundet waren ebenfalls Einige gewesen, das aber konnte -in jetziger Zeit, wo der blutige Krieg Tausende von Opfern kostete, kaum -auffallen. Es schien vielmehr sonderbar, wenn noch ein junger Mann mit -unverletzten Gliedern in der Welt herumlief. - -So setzten sie ihren Weg fort, bis sie endlich den Red-River erreichten, -diesen kreuzten und dann in die ungeheueren Wälder des weiten Landes -eintauchten. - -Dort hörte jede Spur auf, denn dort gab es nur einzelne, jetzt ebenfalls -wüstliegende Plantagen und das Land war so wildreich, daß sich ein -einzelner Wanderer, wenn er besonders Menschen ausweichen wollte, recht gut -verbergen und von jedem Pfad abseits erhalten konnte -- und Hendricks wußte -gut genug in der Wildniß Bescheid, um gerade einen solchen Cours, seiner -größeren Sicherheit wegen, zu verfolgen. - -Die Kreuz und die Quer zogen so unsere beiden jungen Backwoodsmen durch die -am wenigsten besiedelten Theile des großen Staates, und wenn sie auch -mit Manchem zusammentrafen, der recht gut in den Staaten einer solchen -Raubbande angehört haben könnte, den allein Gesuchten fanden sie nicht, und -konnten ihn auch von Keinem erfragen. - -Lange Monate hatten sie dabei dies Leben fortgeführt, und sogar schon in -der einen kleinen Ansiedelung, die sie erreichten, die Nachricht erhalten, -daß der Feldherr der Secessionisten: General Lee, capitulirt habe und der -Krieg somit beendet sei, wenn sich auch in Texas selber eine Truppenmacht -der Rebellen hielt. - -Sollte sich Hendricks am Ende diesen angeschlossen haben? Es schien nicht -wahrscheinlich, denn ein Meuchelmörder sucht nicht den offenen Kampf, so -lange er aus sicherem Hinterhalt sein Opfer treffen kann. Aber wo in aller -Welt stak er dann, und vergeudeten sie nicht hier ihre Zeit in völlig -nutzlosem Umhersuchen, während der Verbrecher vielleicht vollkommen sicher -und unbehelligt in irgend einem anderen Theil des weiten Landes, und dann -jedenfalls unter einem angenommenen Namen saß? - -Jim und John lagen an einem, im Wald entzündeten Feuer ausgestreckt. An der -Gluth briet ein von dem Ersteren erlegter Truthahn, und die beiden jungen -Leute hatten das Für und Wider ihrer langen mühseligen Wanderung hin und -her erwogen. Sie fingen an einzusehen, daß sie auf diese Weise ihr Ziel -wohl kaum erreichen würden. - -»Das geht nicht länger John,« sagte Jim nach einer langen Pause, in der -er still sinnend in die Flamme gestarrt hatte. »Wer weiß ob der Schuft -überhaupt noch lebt, und wir ziehen hier wie die Narren mitten im Wald -herum, als ob wir weiter in der Gottes Welt Nichts zu thun hätten, als auf -die Jagd zu gehen -- und daheim liegen doch unsere Farmen brach.« - -»Und hast Du etwa Lust _unsere_ Jagd aufzugeben?« - -»Wenn ich die _Möglichkeit_ eines Erfolges sähe, bei Gott nicht, aber wir -wissen nicht einmal, ob sich Hendricks nach Texas gewandt hat, und wo ihn -_dann_ suchen? Er kann eben so gut in Minnesota wie in Florida sitzen.« - -»Vielleicht hast Du Recht,« nickte John, nach einer kleinen Weile -- »wir -_könnten_ unsere Chancen verdoppeln, und das ist es, woran auch ich schon -gedacht habe.« - -»Und in welcher Art?« - -»Indem wir uns trennen und jeder einen anderen District absucht.« - -»Und was dann, wenn ihn _Einer_ findet? Haben wir nicht Beide Antheil an -der Rache?« - -»Das ist eben der Teufel, und wenn das nicht wäre,« meinte John, »so hätte -ich Dir den Vorschlag schon vor vier Wochen gemacht -- sobald wir uns aber -nach zwei Richtungen wenden, liegt doch viel eher die Möglichkeit vor, ihn -anzutreffen und sind wir ihm nur erst einmal auf der Spur -- wissen wir -bestimmt, daß er in Texas ist, dann wäre es auch nachher ein Leichtes, ihn -gemeinschaftlich wieder zu treffen.« - -»Und dann müßten wir ihn das erste Mal laufen lassen,« sagte Jim mit dem -Kopf schüttelnd -- »Du wärst der Letzte, der das thäte, John. Denk nur an -das Versprechen, das Du dem General in Little Rock gegeben.« - -»Bah, soviel für _den_; der hatte kein Anrecht an unserer Rache, aber -Du hast es, und ich möchte es Dir nicht verkümmern. Uebrigens braucht -Hendricks, _wenn_ ihn Einer von uns aufspürt, gar nicht zu erfahren, daß -wir in der Nähe sind. Wir wollen nur herauszubekommen suchen, _wo_ er sich -aufhält, und uns dann an einem verabredeten Sammelplatz treffen.« - -»Das ist weitläufig,« sagte Jim, mit dem Kopf schüttelnd, »und bekommt -er nachher Wind, so sind wir auf dem alten Fleck. Nein, Du weißt, daß -uns neulich einmal der Neger, den wir trafen, einen Mann beschrieb, der -möglicher Weise Hendricks gewesen sein _kann_. Der soll sich aber in -der Nähe einer deutschen Colonie aufhalten. Wie wär's, wenn wir zusammen -dorthin aufbrächen und dann erst -- sobald wir unseren Verdacht nur in -etwas bestätigt finden, getrennt suchen.« - -»Es ist ein verwünscht weiter Weg.« - -»Aber will uns das Glück wohl, so finden wir ihn vielleicht eben so leicht -in dieser Richtung, wie in irgend einer andern.« - -»Aber die Beschreibung paßte nur in etwas auf die _Person_, sonst wären -wir ja gleich auf der Spur nachgegangen,« rief John. »Jener Bursche war der -Sohn eines Pflanzers aus Florida, dem die Unionisten die Plantage zerstört -hatten.« - -»Bah, Geschichten sind leicht erzählt und Hendricks ist erfinderisch. -Was sollen wir hier? _Hier_ steckt er nicht, oder wir hätten ihn längst -gefunden, also weshalb ihn nicht in einer anderen Richtung suchen.« - -»Gut! einverstanden,« nickte John endlich, »aber -- in der deutschen -Colonie werden wir Geld brauchen und das --« - -»Nicht einen Cent,« rief Jim -- »denk an Klingelhöffer -- würde der Geld -für ein Nachtquartier nehmen? Sie sind alle gastfrei, und außer dem bringen -wir auch leicht ein Dutzend Hirschhäute zusammen, wenn wir ja einmal ein -paar Dollar brauchen sollten. Vorwärts, der Wald bleibt uns immer und giebt -uns Nahrung und Quartier.« - -Es wurde Nichts weiter über die Sache gesprochen. Die Männer beendeten ihre -Mahlzeit, holten dann ihre »ausgehobbelten« (=to hobble a horse=, ein Pferd -an den Vorderbeinen fesseln) Pferde herbei, schnürten ihre Decken zusammen -und schlugen mitten durch den Wald die etwaige Richtung ein, die sie ihrem -nächsten Ziel entgegenführen mußte. - - - - -Neuntes Kapitel. - -In der Colonie. - - -Man muß den Charakter dieser zähen amerikanischen Backwoodsmen kennen, um -zu begreifen, wie zwei junge Leute, nur mit ihren Büchsen und Pferden, und -eine wollene Decke am Sattel festgeschnallt, Monate lang und allein das -eine Ziel verfolgend, in einem wilden Land herumziehen konnten. Es war -ihnen aber eben Nichts weiter als eine Jagd, auf der sie früher ja auch -halbe Jahre verbrachten; an Ausdauer fehlte es ihnen wahrlich nicht dazu --- an Bequemlichkeiten waren sie nie gewöhnt gewesen -- solche ausgenommen, -die ihnen die Wildniß bot, und sie betrachteten die ganze Tour mehr als -einen Streifzug, um zugleich auch ein ihnen bisher fremdes Land kennen -zu lernen, in dem sie sich vielleicht später selber einmal eine Heimath -gründen konnten. Arkansas war ihnen verleidet worden, und es giebt ja -überhaupt kaum ein rastloseres Volk in der Welt, als eben diese westlichen -Jäger, die selbst ihre Farmen verkaufen, sobald ihnen nur halbwegs ein -Gebot gethan wird, und dann mit der größten Zufriedenheit weiter westlich -in eine neue Wildniß ziehen. - -So verfolgten auch unsere beiden Freunde ihren Weg, ohne aber auch nur -für einen Augenblick ihr eigentliches und blutiges Ziel aus den Augen zu -verlieren. Ueberall in den zerstreuten Ansiedlungen oder Städten, die sie -erreichten, horchten sie umher -- überall vergebens, denn der _gesuchte_ -Verbrecher war nirgends zu finden. Wohl aber hörten sie, als sie sich -jener deutschen Ansiedelung »Blumenthal« näherten, Gerüchte von einer -Räuberbande, die sich, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe derselben, -doch in der Nachbarschaft in einem wilden Schilfbruch festgesetzt haben und -die Gegend unsicher machen sollte. Mancher Reisende durch jene Strecken war -verschollen, und der Verdacht lag ziemlich nahe, daß sie eben jenen Buben -zum Opfer gefallen. - -Die beiden jungen Leute kamen hier in eine freundliche und reiche Gegend -- -in eine Strecke, die durch den unseligen Krieg wenig oder gar nicht berührt -war, und deutschen Fleiß und Arbeitssinn deßhalb so viel deutlicher zeigen -konnte. - -Hatten sie überhaupt schon je einmal in ihrem Leben einen solchen Platz -gesehen, wo Farm neben Farm lag, eine Fenz in die andere griff, und die -Acker von Wurzeln und Unkraut gereinigt, ebenen Prairien glichen, während -wohnliche Häuser und große aus Stein erbaute Scheunen Reichthum sowohl als -Behaglichkeit verriethen? - -_Das_ waren Farmen, wie sie eigentlich sein sollten, und wie sie ähnliche -auch wohl von Leuten, die aus dem fernen Osten kamen, beschreiben hörten. -Wo aber hätten sie selber sie schon in ihrem Leben betreten? -- Am -Fourche-la-Fave? -- Wilder Wald lag zwischen den einzelnen Wohnungen -und selbst diese boten wenig -- keine von allen auch nur mehr als den -nothdürftigsten Schutz gegen das Wetter und die Kälte, während sich hier -sogar schon ein ihnen vollständig fremder Luxus Bahn gebrochen und die -Stuben mit Teppichen, die Fenster mit Gardinen geschmückt hatte. - -Allerdings waren sie auf ihrem letzten Zug in Tennessee und Mississippi -durch reiche Districte gezogen, wo in Friedenszeiten die herrlichsten mit -Allem ausgestatteten Plantagen gelegen, aber wie sahen diese Plätze -aus, als ihr Fuß sie betrat? Die Häuser waren verbrannt, oder lagen mit -eingeschlagenen Fenstern und Thüren verödet da. Die Fenzstangen schienen -zu Feuerholz gedient zu haben, die Felder selber, seit Jahren nicht -mehr bestellt, waren von Büschen und Unkraut überwachsen, und Elend und -Zerstörung starrte ihnen überall entgegen. - -So hatten sie sich die ganze Zeit von einem Schlachtfeld zum andern -herumgetrieben, und als sie nach Hause in ihre Waldesheimath zurückkehrten, -wohnte dort der Mord, und das Blut der ihnen theuersten Menschen färbte den -Boden roth. - -Auch seit der Zeit durchstrichen sie wilde und wüste Gegenden, die noch -dazu meist alle durch den Krieg heimgesucht worden waren, bis ihr Fuß -hier plötzlich ein kleines friedliches Paradies betrat, das so still und -versteckt in den Bergen lag, um selbst den feindlichen Fouragirzügen zu -entgehen. - -Eigentlich war der Platz hier für eine Colonie so ungeschickt als möglich -gewählt, denn Blumenthal hatte fast gar keine Communication mit der übrigen -Welt. Auf dem von einem Amerikaner entworfenen Plan der jungen Stadt -befanden sich allerdings Eisenbahnen genug, die es zu einem Centralpunkt -des ganzen Staates machen sollten, aber das war nur auf dem Papier gewesen. -In Wirklichkeit existirte noch kaum eine Fahrstraße nach dem nächsten -kleinen Fluß, auf dem man einzelne Producte, aber nur in günstiger -Jahreszeit stromab schaffen konnte. Sonst liefen nur ein paar -Maulthierpfade einer nach Süden, einer nach Osten aus. - -Trotzdem aber war die junge Colonie gewachsen, denn wo der Deutsche erst -einmal seinen Pflug in den Boden getrieben hat, läßt er auch nicht locker -und arbeitet nicht allein stetig weiter, sondern zieht auch Freunde und -Familienglieder allmählich nach. Der Platz hatte sich auch in der That -so gehoben, daß man eben daran gehen wollte, eine gute Fahrstraße in das -niedere und mehr besiedelte Land zu bauen und dadurch die Bahn zu einem -Schienenstrang zu öffnen, als der Krieg im Norden ausbrach und natürlich -jede industrielle Arbeit entweder sistirte, oder wenn noch nicht begonnen, -hinausschob auf bessere Zeiten. - -Das aber was die Bewohner von Blumenthal früher als ein schweres Unglück -betrachteten, war eben zu ihrem Glück gewesen, denn das hielt sie, in ihrer -Abgeschiedenheit, von den Lasten des Krieges vollständig verschont und -nur ein einziges Mal verirrte sich ein kleiner Trupp von zersprengten -Sesesch-Soldaten hierher und zeigte Lust den Ort zu brandschatzen. Das aber -war den Ansiedlern außer dem Spaß, und da doch Jeder von ihnen, fast ohne -Ausnahme, seine Jagdflinte oder Büchse mit herüber nach Amerika gebracht -hatte, so erschienen sie plötzlich in so wuchtiger Zahl zusammen und unter -Waffen, daß die Sesesch außerordentlich freundlich wurden, nur um die -nöthigen Lebensmittel ersuchten -- mit dem Erbieten sogar, für dieselben -zu bezahlen, und dann als sie freigebig erhalten hatten, was sie wirklich -brauchten, die Ansiedlung wieder rasch verließen. - -Seit der Zeit hatten sie in Frieden gelebt, bis sich nördlich oder vielmehr -nordwestlich von ihnen, an den Quellen des Colorado Gesindel festzusetzen -schien, das anfing die Gegend unsicher zu machen. Allerdings hielt man die -Uebelthäter für einen Trupp versprengter Sesesch-Soldaten, die noch dort -für kurze Zeit in den Bergen ihr Wesen trieben -- vielleicht auch gar für -eine Bande mexicanischer Diebe, die sich möglicher Weise über die Grenze -hereingezogen. Merkwürdig nur, daß sie jedes Mal so genau wußten, wer Geld -hatte, und nie Leute behelligten, die dort draußen waren, um ihr Vieh zu -suchen oder nur zu jagen. Man war auch nach dieser Richtung hin noch nie -verdächtigem Gesindel begegnet, und nur ein Mann einmal, ein Amerikaner, -der sich zwischen ihnen niedergelassen, war von drei Strolchen angefallen -worden, von denen er aber fest behauptete, daß es Mexicaner gewesen wären. -Er hatte, wie er erzählte, einen erschossen und einen andern verwundet, und -obgleich sie mehrfach auf ihn gefeuert, seine Flucht bewerkstelligt. - -Hierauf wurden ein paar Streifzüge nach dieser Richtung hin unternommen, -aber ohne den geringsten Erfolg. Man fand keine Spur der Räuber, nicht -einmal den Todten, den sie jedenfalls fortgeschleppt und beerdigt hatten -und eine Zeitlang ruhte die Sache, bis wieder ein sehr reicher deutscher -Farmer, der da oben Vieh gekauft hatte und es bezahlen wollte, ebenfalls -nicht zurückkehrte und durch seinen wahrscheinlichen Tod die kleine -Ansiedlung in erneute Unruhe versetzte. - -Der Fall war um so trauriger, als sich die Tochter desselben Mannes in den -nächsten Tagen hatte mit einem jungen Amerikaner verheirathen wollen, und -dieser, der Nämliche, der schon früher angefallen worden, war jetzt mit -fünf oder sechs seiner Landsleute, und etwa zwanzig jungen deutschen -Farmern ausgegangen, um die Gegend gründlich abzusuchen und diesem -nichtswürdigen Räuberwesen ein Ende zu machen. - -Gerade in dieser Zeit trafen unsere beiden Freunde in der Ansiedlung -ein und wurden dort, wie das unter den Umständen wohl natürlich ist, mit -einigem Mißtrauen betrachtet. - -Ein Wunder war es nicht, denn Jim wie John, die sich jetzt unausgesetzt -schon lange Monate im Wald oder doch auf den verschiedenen Straßen -herumgetrieben, sahen eben wild genug aus, um ihnen selbst das Schlimmste -zuzutrauen, und die Aengstlichsten in dem kleinen Städtchen, das zum -großen Theil für den Augenblick von waffenfähigen Männern geräumt war, -befürchteten schon den indeß verabredeten Ueberfall einer größeren Bande, -von der dies möglicher Weise die Vorläufer sein konnten. - -Beide Freunde übrigens, mit keiner Ahnung, daß man sie hier in einem -solchen Verdacht haben konnte, erkundigten sich, sobald sie den Ort -erreichten und sich plötzlich unter lauter Fremden befanden, ob kein -Amerikaner im Ort wäre und wurden nach einem der nächsten Häuser zu einem -alten Mann -- und zwar einem der ersten Ansiedler hier, gewiesen. - -Und hielt sich hier ein Mr. Rollridge auf? so sollte sich des Pflanzers -Sohn genannt haben, von dem ihnen der Neger erzählte. - -Die Leute, an welche die Frage gerichtet wurde, sahen sich unter einander -an, gaben aber keine directe Antwort darauf, sondern erwiederten nur, daß -die Fremden bei Mr. Warner, wie der alte Mann hieß, wohl Alles, was sie zu -wissen wünschten, erfahren könnten. -- Und woher sie selber kämen? -- Aus -dem Wald, -- wohin sie wollten? -- sie wüßten es noch nicht, -- sie wären -Leute, die sich nach einem Platz zur Niederlassung umsähen. - -Das sagte ein Jeder, dem daran lag keine genaue Auskunft über sich zu -geben, aber Warner war, ebenso wie Friedensrichter im Ort, auch ein alter -gescheuter Bursch, der ihnen schon auf den Zahn fühlen würde und dem -konnten sie das Weitere deßhalb ruhig überlassen. - -Jenkins wie Wells jedoch, wie sie sich nur kurze Zeit mit ihrem älteren -Landsmann unterhielten, fanden bald, daß sie es mit einem einfach -schlichten Mann zu thun hatten, dem sie aus dem Zweck ihrer Reise kein -Geheimniß zu machen brauchten. Warner schüttelte aber den Kopf, als sie -ihren Verdacht gegen Rollridge äußerten. Er hatte selber dessen Vater -gekannt, und die Befürchtung lag hier in Blumenthal außerdem nahe genug, -daß sogar Rollridge, als er den Platz habe verlassen wollen, ermordet oder -sonst zu Schaden gekommen sei. Er hatte wenigstens sein nächstes Ziel -- -eine bestimmte Farm am Colorado, nie erreicht und man wisse dabei, daß er -ziemlich viel Geld mit sich führte. - -Wieder also waren sie vergebens eine so endlos weite Strecke gewandert, -wieder ihre Hoffnungen getäuscht worden und Jenkins selber fing an, der -Verfolgung müde zu werden. Hier erfuhren sie außerdem, daß der Krieg -vollständig beendet sei, und wie sollten sie jetzt, mit all den entlassenen -Soldaten, die sich über die Staaten zerstreuten, noch irgend eine bestimmte -Spur verfolgen können. - -Warner selber sprach dabei die feste Ueberzeugung aus, daß die Räuber, die -hier in der Nachbarschaft ihr Wesen trieben, jedenfalls dem mexicanischen -Stamm angehörten. Mr. Rawlins, wie der Amerikaner hieß, dessen -Schwiegervater gerade als letztes Opfer gefallen, war übrigens ein ganz -tüchtiger Mann und, wie er erklärt hatte, fest entschlossen, diesmal alle -seine Kräfte aufzubieten, um die Mörder auszuspüren und zu bestrafen, -und sie durften also hoffen, daß der überdies starke Zug nicht so ganz -unverrichteter Sache zurückkehren würde. Jedenfalls hatten sie die Unbill -lange genug geduldet, und es müßte ihr einmal ein Ende gemacht werden. - -Und was nun? -- Jim machte seinem Freund den Vorschlag nach Haus -zurückzukehren. Hatten sie dabei Glück, so konnten sie Hendricks ebensogut -in der, wie in jeder anderen Richtung antreffen, hatten sie aber keins, nun -dann half es ihnen auch Nichts, wenn sie den weiten Staat noch länger, bald -nach der, bald nach jener Himmelsgegend durchkreuzten. Wenn Hendricks ihnen -aber auch jetzt noch entging, später erfuhren sie doch vielleicht einmal -seinen Aufenthalt und dann war ihr Rachewerk wohl aufgeschoben, aber -wahrlich nicht aufgehoben gewesen. - -John Wells schien anfangs keine rechte Lust dazu zu haben, aber er mußte -dem Freund doch auch Recht geben, daß sie in dieser Art wenig Aussicht auf -Erfolg hätten. Er war ebenfalls müde geworden und die beiden jungen Leute -beschlossen deshalb, nicht einmal die Rückkehr der Ausgezogenen abzuwarten, -sondern gleich wieder nach Arkansas aufzubrechen. - -Das litt aber der alte Warner nicht, der, wie sich im Gespräch -herausstellte, Wells Vater gekannt, und selber einmal hier in Texas eine -Weile mit ihm gejagt hatte. Er wollte die beiden Freunde wenigstens nicht -wieder fortlassen, bis sie sich erst ordentlich ausgeruht, und dazu fanden -sie im ganzen weiten Staat keinen besseren Platz als gerade Blumenthal. - -John Wells fand an einem solchen, wie er meinte, zwecklosen Aufenthalt, -kein sonderliches Behagen, Jenkins selber aber redete ihm zuletzt zu, -ein paar Tage auf die hiesige Umgegend zu verwenden, die ihm wenigstens -außerordentlich gefiel. Das Land war reich, das Klima schien gesund, Wild -gab es ebenfalls ziemlich viel in der Nachbarschaft, und an dieser Gegend -hafteten doch nicht für sie so trübe Erinnerungen, als an ihrer bisherigen -Heimath, in der sie Alles an die erlittenen Verluste mahnte. - -Warner unterstützte ihn lebhaft darin und erbot sich auf das -Bereitwilligste, sie in den nächsten Tagen selber in der ganzen -Nachbarschaft herumzuführen. Es gab noch ein reizendes Thal in kaum zwei -Miles Entfernung von der kleinen Stadt, in dem bis jetzt kein Baum gefällt, -kein Acker Land aufgenommen war, und er sprach seine feste Ueberzeugung -aus, daß sie in sämmtlichen Staaten kein freundlicheres Fleckchen Erde -finden könnten. -- Und eine Uebersiedelung hierher? -- Lieber Gott, die -hatte für einen Backwoodsman auch nicht die geringste Schwierigkeit, denn -ihr ganzer Hausstand konnte leicht auf einem kleinen Karren, ja oft sogar -auf ein paar Pferden fortgeführt werden. Jedenfalls wollten sie den Platz -erst einmal sehen und ein Entschluß stand ihnen ja dann immer noch frei. - -Die nächsten Tage verwandten sie auch in der That dazu, so viel als möglich -von der Umgegend zu sehen und kennen zu lernen. Die Nachbarschaft -der Deutschen gefiel dem jungen Jenkins ebenfalls, denn er hatte am -Fourche-la-Fave schon viele von diesen kennen lernen und lieb gewonnen. Ihm -selber behagte der ganze Distrikt ungemein und wenn auch John Wells noch -keine besondere Neigung dafür zeigte, konnten sie sich das ja noch immer -unterwegs überlegen, und nachher mit den Ihrigen besprechen. Zu übereilen -war eben Nichts an der Sache. - -Am vierten Tag standen endlich ihre bis dahin vollkommen ausgeruhten und -ordentlich aufgefütterten Pferde bereit, und die alte Mrs. Warner packte -ihnen gerade noch ein tüchtiges Stück Wildpret und Fleisch ein, weil sie -unmittelbar in der Nähe der Ansiedlung doch wohl nicht viel zu jagen finden -würden, als draußen auf der Straße plötzlich ein wunderlicher Lärm gehört -wurde, der rasch ihre Aufmerksamkeit erregte und sie vor die Thür lockte. - -Die ausgezogenen Männer waren zurückgekehrt. Warner's Sohn ritt gleich -darauf am Hause vor und erzählte ihnen, daß sie von den Räubern selber -allerdings keine Spur, wohl aber den Leichnam des alten Deutschen gefunden -hätten, der, mit einer einzigen Kugel gerade durch den Kopf, nicht weit von -dem Pferd ab unter einem Maulbeerbaum gelegen hatte und nur mit Laub und -Reisig zugedeckt gewesen war. Nur durch die Aasgeier wurden sie auch auf -den Platz aufmerksam, an dem sie sonst jedenfalls vorüber geritten wären. - -Und war Rawlins mit ihnen zurückgekehrt? - -Ja -- aber nach Hause geritten, um sich umzuziehen und dann seine Braut und -Schwiegermutter zu trösten. - -»Du lieber Gott,« seufzte Mrs. Warner, die mit gefalteten Händen vor ihrer -Hausthür gestanden und den traurigen Bericht gehört hatte -- »da kommt das -arme Mädchen -- wie blaß und elend sie aussieht -- das ist freilich ein -schwerer Tag für sie. -- Habt Ihr denn die Leiche mitgebracht?« - -»Es war nicht mehr möglich,« sagte der junge Warner -- »wir mußten sie -gleich an Ort und Stelle begraben. Arme Catharina -- sie wird wohl schon -alles erfahren haben. Tröstet Ihr sie, Mutter, ich mag ihr jetzt lieber -nicht begegnen,« fuhr er fort, und schritt in das Haus hinein. - -Das junge Mädchen kam näher -- sie sah bleich und angegriffen aus und -schien auch die beiden fremden jungen Leute gar nicht zu beachten, oder nur -zu sehen. Still und lautlos schritt sie auf Mrs. Warner zu und als diese -ihr mitleidig die Hand entgegenstreckte, lehnte sie ihr müdes Haupt an die -Schulter der alten Frau und ohne daß eine Klage über ihre Lippen gekommen -wäre, liefen ihr die großen Thränen an den Wangen nieder. - -Catharine Fischer war eines der schönsten Mädchen im ganzen Ort und manche -der jungen deutschen Farmerssöhne hatten sich schon um sie beworben, aber -alle ohne Erfolg, bis sich der junge fremde Amerikaner, wie im Sturm und in -ganz kurzer Zeit ihr Herz gewann und von den Eltern -- die freilich lieber -einen deutschen Schwiegersohn gesehen hätten -- angenommen wurde. Jetzt -hatte sie dieser Schlag mitten in ihr junges Leben getroffen, und zwar ein -Schlag wie aus heiterem Himmel, ungeahnt, unvorbereitet. - -Jim Jenkins stand, die Zähne fest aufeinander gebissen, neben ihr. Hatte er -denn nicht den nämlichen Schmerz zu tragen, denselben Verlust erlitten, -wie das arme Kind da, und war denn Jammer und Sünde in solcher Art über -das schöne Land hereingebrochen, daß solches Elend nur allein alle guten -Menschen traf und die Verbrecher immer ungestraft entkommen sollten? -- -War das himmlische Gerechtigkeit, wie es ihnen die herumziehenden Prediger -vorreden wollten? Blut überall, wohin ihr Fuß trat -- heimtückisch und -feige aus dem Hinterhalt vergossenes Blut, und die Mörder frei da draußen -in der schönen sonnigen Welt. - -Er trat zu seinem Pferd, um sich die Zügel zurecht zu legen -- er wollte -fort -- Schmerz und Ingrimm genug trug er im eigenen Herzen, ohne das -fremde Leid auch noch mit anzusehen, als er sich plötzlich angerufen hörte. - -»Hollo Jim -- Wetter noch einmal Mann, wo kommst Du her -- und John auch -- -welcher Wind hat Euch nach Texas geblasen?« - -Jim sah überrascht auf und erkannte einen alten Kriegsgefährten aus -einem Indiana-Regiment, mit dem sie drüben über dem Mississippi gemeinsam -gekämpft und zusammen nach Little Rock gezogen waren. - -»Oh Peters -- wie kommst Du nach Texas? Ich glaubte, Ihr stündet noch in -Little Rock?« - -»Nein -- wir sind ausbezahlt und abgelöst worden,« antwortete der junge -Mann, indem er auf die Freunde zutrat und ihnen die Hände schüttelte. - -»Und wo kommst Du jetzt auf einmal her?« - -»Waren nur zusammen, um die verdammten Mörder aufzusuchen, die sich hier -schon seit einiger Zeit herumtreiben,« lautete die Antwort, »sind aber -unverrichteter Sache wieder zurückgekehrt. Weiß der Henker wo die Schurken -stecken mögen. Aber wo wollt Ihr hin?« - -»Zurück nach Arkansas.« - -»Jetzt gleich?« - -»Wir wollen eben fort.« - -»Fällt Euch gar nicht ein,« rief aber der Indiana-Mann -- »doch wahrhaftig -nicht eher, als bis Ihr mich auch einmal in meinem Hause besucht habt. Ich -bin hier verheirathet -- habe eins von den deutschen Mädchen und solch -ein freundliches kleines Häuschen und Weibchen, wie es sich ein Mann nur -wünschen kann. Vorwärts Jungen! daß Ihr aufgesattelt habt ist schon ganz -recht -- aber bei mir sattelt Ihr erst wieder ab.« - -»Das geht nicht, Peters.« - -»Ob es geht! oder meine Alte würde nicht schlecht böse werden, wenn ein -paar alte Freunde ihres Mannes so mir nichts Dir nichts an dem Haus vorüber -ritten. Ihr müßt wenigstens einmal sehen wie ich wohne, und wenn es Euch -dann nicht bei mir gefällt, könnt Ihr nachher noch immer thun, was Ihr -wollt.« - -John Wells schien nicht recht damit einverstanden zu sein, Jenkins aber, -indem er in den Sattel sprang, rief aus: - -»Was thut's, John -- auf ein paar Stunden kommt's nicht an -- ob wir etwas -später oder früher am Fourche la Fave eintreffen. Ich denke, wir gehen -mit.« - -Die Straße herab kam der Schall galoppirender Pferdehufe. Ein Reiter -sprengte heran und es schien fast, als ob er auf dasselbe Haus zu wolle, -vor dem die jungen Leute standen. Schon dicht daran aber warf er sein Pferd -herum, grüßte flüchtig und verfolgte dann seinen Weg die Straße hinab, -rascher noch fast, als er hergekommen. - -John hatte sich gerade mit seinem eigenen Thier beschäftigt und nicht auf -den Fremden geachtet; Jim aber griff seinem eigenen Pferd plötzlich so -rasch und gewaltsam in den Zügel, daß es hoch aufbäumte, und sich beinahe -mit ihm überschlagen hätte. Peters sprang zu, riß es noch herunter und rief -dann: - -»Was zum Wetter hat denn die Bestie -- scheut sie?« - -»Manchmal -- ja,« sagte Jim, kaum auf die Frage achtend, und den Blick noch -stier die Straße hinabgewandt -- »wer war das?« - -»Wer? -- der eben vorbeisprengte? -- Dein Pferd erschrak wohl und Du auch --- so ein alter Reiter -- Du siehst kreideweiß im Gesicht aus.« - -»Wer war der Reiter, Peters?« - -»Das war Rawlins,« sagte Peters, mit einem zur Seite geworfenen mitleidigen -Blick nach dem jungen Mädchen, »der Bräutigam der armen Catharine da,« -setzte er leiser hinzu. - -»Und ist er schon lange hier in der Ansiedlung?« - -»Etwa drei Monate -- vielleicht nicht ganz so lange. Weshalb?« - -»Und wißt Ihr, woher er stammt?« frug Jenkins mit vor Aufregung fast -heiserer Stimme. - -»Ich glaube aus dem alten Staat (Virginien), das wenigstens hat er hier -erzählt. Kennst Du ihn?« - -John war indessen ebenfalls aufgestiegen und ritt an Jim's Seite. - -»Weißt Du, wer das war, John?« rief jetzt Jenkins, des Freundes Arm -ergreifend und fast krampfhaft zwischen seinen Fingern pressend. - -»Der Reiter, der eben vorüber sprengte? Ich habe ihn nicht gesehen.« - -»_Hendricks!_« zischte ihm Jenkins in's Ohr -- »bei meinem Leben und meiner -Seligkeit -- er selber --« - -»Und Du hast Dich nicht geirrt?« rief John, fast unwillkürlich nach seiner -Büchse greifend. - -»Er trägt keinen Bart mehr!« sagte Jenkins -- »er kam mir auch fast jünger -vor, als ich ihn am Arkansas gesehen und geht besser gekleidet -- aber das -Gesicht wollte ich unter Tausenden heraus kennen. Er ist es und meinen Hals -setz ich zum Pfande.« - -»Hendricks?« fragte Peters -- »Das war Rawlins, der Schwiegersohn des -Ermordeten.« - -»Und vielleicht der Mörder selber,« rief Jenkins, »komm Peters, zu Pferd -und führ uns, so rasch uns die Thiere tragen können, jenem Herren nach, -dessen nähere Bekanntschaft wir dringend wünschen.« - -»Aber ich begreife Dich nicht.« - -»Ich erzähle Dir Alles mit wenigen Worten unterwegs. Fort! wir versäumen -hier die kostbarste Zeit, fort!« - - - - -Zehntes Kapitel. - -Die Verfolgung. - - -Die jungen Leute trabten nebeneinander die Straße hinab. Jenkins aber gab -dabei dem früheren Kampfgenossen in flüchtigen Umrissen ein Bild der am -Fourche-la-Fave vorgefallenen Gräuelthaten, die ihn selber wie seinen -Begleiter so nahe getroffen hatten, daß sie sich Beide aufgemacht, um Wald -und Wildniß nach dem Uebelthäter abzusuchen. - -»Und Ihr glaubt, daß Rawlins jener Mörder sei?« rief Peters entsetzt. - -»_Ich_ glaube es,« sagte Jenkins bestimmt. »_Ist_ er es aber, dann kann er -uns jetzt nicht mehr entgehen, und ist er es nicht, nun dann darf er -sich auch nicht darüber beleidigt fühlen, daß ihn Jemand, im raschen -Vorbeireiten, für einen Anderen gehalten.« - -»Und wenn das jener Hendricks wirklich ist,« rief da Peters, fast wie -erschreckt sein Pferd einzügelnd -- »wäre es denn da nicht möglich, daß er -selber mit jener Bande in Verbindung stünde, die hier bis jetzt ihr Unwesen -in der Gegend getrieben?« - -»Vorwärts, Kamerad, vorwärts!« drängte aber John -- »wir dürfen keinen -Augenblick verlieren, denn wenn der Bursche _uns_ erkannt hat, läßt er -sicher kein Gras unter seinen Hufen wachsen. Gewiß ist es möglich, und -sollte mich nicht wundern, wenn er der Führer und Leiter der ganzen Bande -wäre. Aber wohin reiten wir? Hier haben wir _drei_ Straßen vor uns und der -Boden ist ringsumher von Hufen zerstampft. So rasch _kann_ er doch nicht -geflohen sein.« - -»Dort links ist die Wohnung seiner Braut, der er jedenfalls zuritt,« sagte -Peters. »Er selber hat sein Haus am andern Ende der Stadt, aber hierher zu -schlug er die Richtung ein.« - -»Ich sehe nirgends ein Pferd angebunden. Wir hätten gleich sein eigenes -Haus besetzen sollen.« - -»Er wird es hineingeführt haben -- er ist ja dort ebenfalls zu Haus.« - -»Dann gnade Gott dem Elenden,« sagte Jim, seinem Pferd nun fester die -Sporen gebend, und jetzt wurde zwischen den Männern kein Wort weiter -gewechselt, bis sie die kleine freundliche Wohnung -- jetzt freilich ein -Haus der Trauer -- erreichten, aber der Gesuchte war nicht dort. - -Peters sprang augenblicklich vom Pferd, um sich nach ihm zu erkundigen, -der zwölfjährige Bruder Catharinens versicherte ihn aber, Mr. Rawlins nicht -gesehen zu haben, seit er vor einigen Tagen mit den anderen Männern in den -Wald gegangen sei. Keinenfalls wäre er eben hier gewesen, denn er selber -habe schon seit einer Stunde fast hier an der Thür gestanden und Mais auf -der kleinen Mühle gemahlen. - -»Habe ich es Dir nicht gesagt?« rief John fast außer sich, als Peters -wieder heraus und auf sein Pferd sprang -- »er ist fort! Laß uns den Weg -hier verfolgen -- dort führen Pferdespuren hinaus.« - -»Hier kam er nicht vorbei!« sagte Peters, sein eigenes Thier herumwerfend, -»denn dem Burschen da drinnen wäre ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht -entgangen.« - -»Das glaube ich auch nicht,« erwiederte Jim, »wenn er fliehen will, wird er -gewiß seine Beute nicht im Stich lassen und ist zu seiner eigenen Wohnung -geritten. Hätten wir die nur gleich aufgesucht. Vorwärts Peters --« - -»Und wenn Du Dich nun geirrt hast!« - -»Vorwärts! Das Alles können wir später besprechen. Wo ist seine Wohnung? -Reite voran, so rasch Dich Dein Thier trägt -- jede Verantwortung auf -mich!« -- Und wie ein Wetter jagten die drei jungen Leute die ziemlich -lange Straße hinab, bogen dann, fast am Ende der Stadt rechts in eine -Nebengasse hinein und erreichten dort wieder die dichter stehenden Häuser. -Hier war ein Gasthof, und ein Trupp dort angebundener Pferde, durch welche -sie nicht so rasch hindurch konnten, hielt sie etwas auf. Es war auch -möglich, daß sich Rawlins selbst hier befand, sie mußten jedenfalls nach -ihm fragen. Hier aber hatte ihn, seit sie die Stadt erreicht, Niemand -gesehen. Bei Warners würden sie ihn finden, rief ihnen einer zu, er hatte -gesagt, daß er zu dessen Haus wollte. - -Dort war er _nicht_; das wußten sie gut genug, und es blieb ihnen jetzt in -der That nichts übrig, als seine Wohnung aufzusuchen. - -Wenn es wirklich jener Hendricks war, so _konnte_ er ja doch noch keine -Ahnung haben, daß er erkannt sei und _so_ rasch verfolgt würde. - -Wieder klapperten ihre Hufe die harte Straße entlang, aber hier durften sie -nicht so rasch jagen, denn überall spielten Kinder in der Straße, Karren -mit Holz oder andere die in die Mühle wollten, begegneten ihnen und die -beiden Verfolger vergingen fast vor Ungeduld. - -»Haben wir denn noch weit? wir müssen ja durch den ganzen Ort geritten -sein,« rief John. - -»Das sind wir auch, denn sein Haus liegt gerade am äußersten Ende, aber -dort drüben ist die Wohnung, die kleine weiß angestrichene Cabine mit dem -einzelnen Baum davor.« - -»Aber auch hier steht kein Pferd.« - -Peters antwortete nicht mehr. Sie waren kaum noch funfzig Schritt von der -Wohnung entfernt, und wenige Secunden später warfen sich die Männer aus den -Sätteln. - -»Dort unten die Straße entlang sehe ich einen Reiter,« rief Jim, dessen -Blick rasch nach allen Seiten umherflog. - -»Bei Gott, dort galoppirt Jemand,« rief auch John, indem er im Nu wieder im -Sattel saß -- »spring in das Haus und sieh nach. Ist er nicht dort, so kann -er uns da draußen nicht mehr entgehen.« - -Peters war schon an der Thür, die nur angelehnt schien. Er stieß sie auf -und warf einen Blick in das Innere. Jim stand an seiner Seite. - -In der Stube sah es wild und wunderlich aus, als ob Diebe darin -umhergewühlt und was sie nicht gebraucht, über den Boden gestreut hatten. -Eine kleine Kiste war mitten in die Stube gezogen und die Hälfte ihres -Inhalts lag daneben am Boden. Jim sprang darauf zu -- während sein Blick -durch den Raum flog, hatte er ein kleines blau und roth gestreiftes Tuch -entdeckt, das mitten in dem Wust lag. Er kannte es, es war früher Eigenthum -seiner Schwester gewesen -- aber er gab sich keinen Betrachtungen darüber -hin. - -»Das genügt als Zeichen,« rief er, das Tuch vom Boden reißend und damit -gegen die Thür springend -- »kennst Du das, John? -- Fort!« - -John warf nur einen einzigen Blick darauf und in demselben Augenblick sein -Pferd herumreißend, bohrte er ihm die Hacken in die Seite und flog mit ihm -in gestrecktem Carrière die Straße entlang. -- Jim war fast ebenso rasch -draußen bei seinem Thier. - -»Aber so bleibt nur noch einen Moment,« rief Peters -- »ich hole meine -Büchse und begleite Euch.« - -Jim hörte ihn schon gar nicht mehr. Nach! das war der einzige Gedanke, den -er hatte -- nach! und sein Thier strengte alle Kräfte an, den vorangeeilten -Gefährten wieder einzuholen. - -Erst in dem wilden Ritt wurde er auch ruhiger. John, der noch immer voraus -auf seinem Rappen dahinflog, hatte vielleicht den flüchtigen Verbrecher im -Auge -- er folgte dem Rappen, und es blieb ihm Zeit, sich nach der Richtung -umzusehen, die sie einhielten. Ihr Cours lag etwa, wie der Weg jetzt lief, -südwestlich, also den Ansiedlungen wieder zu und zog sich, wenn auch hier -oben sehr allmählich, von der Hochebene hinab, auf der das kleine Städtchen -gelegen war und wo es, wie sich jetzt deutlich erkennen ließ, höhere -Berggruppen einschlossen. - -Und waren sie dem Buben denn wirklich endlich einmal auf der Fährte? -- -Er mußte es sein -- ein Irrthum ließ sich nicht mehr denken. Er hatte die -beiden Backwoodsmen, wie er sie da zum Weiterritt schon gerüstet fand, -erkannt und wußte, was ihm drohte, wenn er in ihre Hände fiel. -- Wären -sie nur gleich zu seinem Haus geritten, so lief er ihnen dort selber in das -Garn -- nein, blind und toll mußten sie die falsche Fährte annehmen, die -er ihnen gegeben, und jetzt hatten sie ihm sogar Zeit gelassen, seinen Raub -zusammenzuraffen und in die Wildniß hineinzureiten. -- Aber ein Trost blieb -ihnen -- ein grimmer Trost, denn nicht plötzlich und unerwartet war der -Verbrecher in ihre Hände gefallen und bestraft, nein, er mußte jetzt erst -die Qualen des Verfolgten leiden. Er wußte die Rächer auf seinen Fersen, -wußte, welches Schicksal ihm bevorstand, wenn nur sein Pferd strauchelte -oder das Geringste ihn aufhielt, und kannte die Männer, die nur das eine -Ziel haben konnten, seinen Tod, oder sie wären ihm nicht mit solcher -Hartnäckigkeit selbst bis in diesen entlegenen Theil der Union gefolgt. - -Erbarmen? -- er hatte es nie gezeigt, also auch nicht zu hoffen und nur -sein flüchtiges Thier konnte sein Schicksal noch hinausschieben -- wahrlich -nicht mehr ändern, denn nun, auf der frischen Fährte, ja den Buben fast in -Sicht, dachten seine Feinde nicht daran, die einmal begonnene Verfolgung je -wieder aufzugeben. - -Noch an den Grenzen der Stadt begegneten diese einigen Deutschen, die -theils aus dem Walde, theils von anderen Ansiedlungen vielleicht herüber -kamen und erschreckt zur Seite bogen, als sie auf die wie rasend an ihnen -vorbei sprengenden Männer trafen. Waren das die Räuber, die man in -den letzten Tagen gejagt? -- Aber voran ritt ja der Amerikaner, dessen -Schwiegervater man gerade ermordet, während man die andern beiden gar nicht -kannte. Floh er vor diesen, oder verfolgten sie alle ein und dasselbe Ziel? --- Ehe sie sich aber nur denken oder vermuthen konnten, was hier vorgehe, -waren die drei Reiter, die sich in längeren Zwischenräumen von einander -hielten, auch vorbeigebraust, und diese drehten nicht einmal den Kopf nach -ihnen um. - -John und Jim hatten allerdings vollkommen ausgeruhte und auch zähe und -kräftige Thiere, aber es zeigte sich trotzdem bald, daß sie keinen Fuß -breit an dem Fuchs gewinnen konnten, den Hendricks ritt und der, von seinem -Reiter nur noch zu rasenderem Lauf gespornt, wie ein Pfeil mit ihm über den -Boden flog. - -John behielt ihn allerdings noch, so lange sich die Straße fortzog, im -Auge, oder kam wenigstens dann und wann wieder in Sicht von ihm, und -einmal, als Hendricks zuerst einen ziemlich abschüssigen Hang erreichte, an -dem er nicht so rasch hinabreiten konnte, schien es seinem Verfolger auch, -als ob er an ihn gewönne. Aber unten lag wieder ebener Boden und der Fuchs -benutzte den nach besten Kräften -- ja der Weg zog sich hier mehr links in -den Wald hinein und in dessen Schatten verschwand bald darauf der Reiter; -deshalb entging er aber freilich seinem Verfolger noch nicht, denn hier war -der Boden nicht, wie in der Nähe der Stadt, von den Hufen anderer -Pferde zerstampft. Die Spuren prägten sich deutlich oder doch wenigstens -erkennbar, dem Boden ein, und einen besseren Nachsucher auf einer Fährte -als John Wells, gab es nicht in dem weiten Wald. - -John ritt dabei ein besseres Pferd als Jim Jenkins, der auch bald merkte, -daß er mehr und mehr zurück blieb, aber trotzdem folgte er den voran -eingedrückten Fährten und wußte, daß er bei der geringsten Zögerung seines -Feindes rasch das Versäumte wieder nachholen konnte. - -So hatte diese wilde Jagd wohl sechs volle Stunden gedauert und einen -Waldweg gab es schon lange nicht mehr -- nur noch einen Pfad, der sich -durch die Wildniß zog, aber dafür auch in dem abgefallenen Laub nur soviel -deutlicher die Spuren zeigte. Die Thiere konnten vor Erschöpfung kaum -noch weiter, aber immer wieder trieb sie der scharfe Sporn zu -neuen Anstrengungen, und Jim besonders, der jetzt eine gute Strecke -zurückgeblieben, fühlte, wie sein Thier anfing, zu ermatten. - -Da erreichte er eine Stelle, an welcher sich der Pfad theilte. John selbst -hatte keinen Moment dort gezögert, denn sein scharfes Auge erkannte die -rechts abführende Spur sogleich und folgte ihr ebenso rasch. Jenkins -dagegen zügelte sein Thier ein und als er sich der rechten Spur -vergewissert hatte und es weiter treiben wollte, konnte es nicht mehr von -der Stelle. So lange es in Gang geblieben, wäre es wohl fortgerannt, bis -seine Kräfte vollständig erschöpft waren und dann wahrscheinlich mit -einem Schlag zusammengebrochen; jetzt aber, wo die angestrengte Kraft und -Erregung der Muskeln, wenn auch nur für wenige Minuten, bei dem todtmüden -Thiere nachließ, war es nicht möglich, sie wieder von Neuem zu beleben. Es -strauchelte und knickte in die Knie, wollte sich noch einmal emporraffen -und stürzte dann auf die Seite nieder, wo es liegen blieb und alle viere -von sich streckte. - -Jenkins fluchte still und erbittert vor sich hin, aber an der Sache war -weiter nichts zu ändern, und das Pferd jedenfalls zu fernerem Gebrauch, -wenigstens in der nächsten Zeit unnütz. Nur das Einzige blieb ihm zu thun, -den Spuren so rasch als irgend möglich zu folgen. - -Allerdings hatte er eine Strecke zurück, seitwärts vom Weg eine kleine Farm -gesehen. Sollte er sich dorthin wenden und um ein frisches Pferd bitten? -wer hätte es ihm aber _geborgt_, kaufen konnte er sich keines, und wie viel -Zeit verlor er ohnedies damit. Dagegen lag die Möglichkeit vor, daß er noch -später eine Hütte im Wald oder vielleicht selber Pferde traf -- das erste -beste und wenn er es hätte stehlen sollen, er fühlte sich nicht in der -Stimmung, besonders wählerisch zu sein, und mit dem Gedanken war sein -Entschluß gefaßt. - -Ohne Zögern sattelte er sein marodes Thier ab trug den Sattel in den -Busch und verdeckte ihn dort mit Laub und Reisig -- die Stelle war, an dem -getheilten Pfad, leicht wieder zu erkennen. Dann nahm er den Zaum, hing -sich denselben um und folgte nun, die Büchse auf der Schulter, zu Fuß den, -deutlich genug in den Boden eingedrückten Spuren. Kaum eine Stunde mochte -er aber so gewandert sein als der mehr und mehr verschwimmende Pfad an -einer breiten Waldwiese vollständig aufhörte, oder sich vielmehr hier nach -allen Seiten auszweigte. Es war ein gewöhnlicher Kuh- oder Wildpfad, wie -sie sich so häufig im Wald finden und das Ziel desselben schien dieser -Weidengrund -- ein etwas tief liegender feuchter Wiesenplan zu sein. - -Ueber denselben hin waren die Hufe der galoppirenden Pferde auch noch -deutlich -- ja sogar deutlicher als bisher zu erkennen. Weiter aber schien -sich der Verfolgte mehr links und einem kleinen Höhenzug zugewandt zu -haben; er hatte wenigstens plötzlich und in einer scharfen Biegung seinen -Cours geändert. John konnte ihm aber dabei nicht in Sicht gewesen sein, -denn er würde sonst jedenfalls diese Biegung abgeschnitten haben. Das -war nicht geschehen, sondern seine Spuren blieben, wie bisher oder doch -überall, wo es der Weg erlaubte, links neben denen des Flüchtigen -sichtbar. Er war ihm also bis dahin nicht näher gekommen, sondern aller -Wahrscheinlichkeit nach sogar noch eher weiter zurückgeblieben. - -Jenkins hielt sich aber nicht lange bei Vermuthungen auf. Weiter ging die -Jagd. Der Schweiß lief ihm in Strömen an der Stirn nieder, aber er zögerte -auch nicht einen Moment in seinem Schritt. - -Das Terrain wurde hier felsig und hatte die Reiter jedenfalls aufgehalten, -denn wild zerstreut lagen große und kleine Granitblöcke über dem ganzen -Abhang. Wie er aber wieder zu Thal lief, sah er einen, wenn auch nicht sehr -breiten, doch ziemlich tiefen Bergstrom mit vollkommen klarem Wasser zu -seiner Linken, den die beiden Reiter angenommen hatten. -- Und sollte er -selber da hindurch. Das Wasser war, wie er die Hand hinein hielt, eisig -kalt; kam ihm wenigstens so vor, und er in Schweiß gebadet -- er konnte den -Tod von einer solchen Schwimmpartie haben. Doch nur ein Gedanke beseelte -ihn: der der Rache, den Feind wollte er erreichen und was ihn selber -betraf, vergaß er ganz. Nur Büchse und Kugeltasche nahm er in die linke -Hand, um sie trocken zu halten, und warf sich ohne Zögern in den Strom. - -Einen anderen Menschen hätte vielleicht unter solchen Umständen der Schlag -gerührt; dem zähen Backwoodsman schadete das kalte Bad nicht allein Nichts, -sondern es erfrischte ihn sogar nach dem heißen Lauf. Drüben angekommen war -auch sein erster Blick nach den Spuren der Pferde -- aber was war das? -- -nur die Hufe _eines_ Pferdes und zwar Johns, dessen Spuren er genau kannte, -sah er hier dem Boden eingedrückt -- und herüber und hinüber gingen sie, -als ob er selber nicht gewußt habe, welche Richtung er einschlagen sollte --- oh wie viel kostbare Zeit mußte er damit verloren haben -- weshalb hatte -er sich nur nicht gleich stromab gewandt. Der Flüchtige _konnte_ ja gar -nicht gegen die Strömung angeschwommen sein. - -Er selber suchte augenblicklich nach dieser Richtung zu, mußte aber eine -lange Strecke am Ufer hinabwandern ehe er die Stelle fand, wo der gehetzte -Räuber wieder an Land gegangen war, und erst als er hier den Spuren eine -Weile gefolgt war, sah er, daß John die Fährte ebenfalls wieder aufgenommen -hatte. - -Jetzt kam ein weites rauhes Terrain von Stein und Kies, wo man die Spuren -kaum erkennen konnte, und hier plötzlich theilten sie sich, ohne daß Jim -im Stande gewesen wäre, die Ursache zu errathen, denn so deutlich war die -Fährte immer geblieben, daß sie John nicht verlieren konnte. Und welches -war jetzt Johns Pferd gewesen, denn auf den Steinen ließ sich kaum hier und -da ein schwaches Zeichen erkennen. Er begriff das Ganze nicht und wählte -endlich die links abführende Fährte, die ihn aber eine Weile in gerader -Richtung abführte, dann rechts einbog, wieder links hinüber hielt und dann -noch einmal einen andern Cours nahm. - -Jetzt kam er auch auf weichen Boden und den Büchsenkolben stieß er -verzweifelnd vor sich in die Erde -- denn er hatte _John's_ Fährte -angenommen und der Verbrecher war jedenfalls entkommen. - -Was nun thun? -- Daß John den Wald hier nur auf gut Glück, bald herüber, -bald hinüber abgesucht, war ihm klar genug, aber er begriff nicht, daß John -hier die Fährte verloren haben konnte. Es gab ja keinen besseren Waldmann -am ganzen Fourche-la-Fave. Sollte _er_ jetzt zurück und an dem Bergstrom -die andere Spur aufnehmen? Dadurch erhielt der Flüchtige einen Stunden -weiten Vorsprung und dann -- konnte er überhaupt noch fort? Die Sonne -neigte sich schon dem Horizont und jetzt, da er endlich still stand, fühlte -er erst, wie furchtbar müde er selber geworden war. - -Die Knie fingen ihm an zu zittern, ein Frösteln lief über seinen ganzen -Körper und er mußte sich unter einen Baum legen, um nur etwas auszuruhen. -Menschliche Kräfte hielten es eben nicht länger aus. - -So lag er etwa eine halbe Stunde, aber der Frost trieb ihn wieder in die -Höhe, denn die nassen Kleider an seinem Körper kälteten ihn zu sehr. Er -konnte auch wieder marschiren, denn die kurze Rast hatte wenigstens genügt, -ihn in etwas aufzufrischen. Eine Zeitlang folgte er auch noch Johns Spuren, -um doch vielleicht mit diesem wieder zusammen zu treffen, aber er mußte das -bald als ein vergebliches Mühen aufgeben, denn nur zu deutlich sah er, daß -dieser keine feste Richtung gehalten habe und trotzdem noch immer in wilder -Eile fortgejagt sei. Brach aber die Nacht an, so verlor er die Fährten, die -sich überhaupt nur sehr schwach auf dem Felsenboden zeigten, doch aus den -Augen -- ja er war jetzt schon unsicher geworden, ob er noch die richtige -hielt. Hier herum hatten sich jedenfalls eine Anzahl Pferde auf der Weide -herumgetrieben und als er der einen Spur noch eine Weile folgte, traf er -mitten im Wald einen alten lahmen Schimmel, der sich ruhig an einem dünnen -Baumstamm die Seite rieb. - -Es war vorbei -- nicht einmal die Hoffnung konnte er mehr hegen, daß John -wenigstens allein sein Ziel erreicht habe, und durch das viele Hin- und -Herziehen irre gemacht, wußte er kaum selber mehr, wo er sich befand, viel -weniger denn, wo er einen Andern suchen sollte. An der untergehenden Sonne -konnte er aber doch die Himmelsrichtung erkennen, und beschloß nun seine -Bahn nach jenem letzten Hause zu nehmen, dessen Fenz er im Vorbeijagen -gesehen -- möglich, daß ihn John dort ebenfalls aufsuchen würde, und that -er das nicht, so wollte er zurück nach Blumenthal kehren und ihn dort -erwarten. - - - - -Elftes Kapitel. - -Die Ueberraschung. - - -Jim war todtmüde geworden und hätte sich gern gleich da, wo er stand, zum -Schlafen niedergeworfen, aber der Durst peinigte ihn außerdem; er mußte -jedenfalls Wasser suchen, und hielt deshalb, da er sich von dem Fluß zu -weit entfernt hatte, über den nächsten Hügelhang hinüber, an dessen anderer -Seite er einen Bach anzutreffen hoffte. Dort konnte er auch ein Feuer -anzünden, um sich zu trocknen, und etwas Brot und Fleisch trug er ja in -seiner Kugeltasche bei sich. - -Das Terrain war hier außerordentlich steinig. Es sah fast so aus, als -ob sich irgend ein Riese den Spaß gemacht habe, Tausende von kleinen -Felsblöcken über das weite Land auszustreuen, so dicht lagen sie -beieinander, und zu Pferde wäre hier überhaupt schwer durchzukommen -gewesen. Langsam schritt er dazwischen hin, traf endlich auf ein paar -feuchte Stellen, an denen sich etwas Wasser gesammelt hatte, und kniete bei -einer derselben nieder, um sich wenigstens erst einmal satt zu trinken. Es -war auch die höchste Zeit gewesen, denn die rothen Abendwolken verriethen -schon den Untergang der Sonne und das rasch eintretende Dämmerlicht legte -sich über den Wald. - -Er trank lange und um Athem zu holen, hob er endlich den Kopf, zuckte aber -bis in jeden Nerv seines Körpers zusammen, denn kaum hundert Schritt von -ihm entfernt -- oh, nicht so viel, es konnten kaum mehr als achtzig sein, -da die Dämmerung die Entfernung vergrößert, sprang ein Mann, eine Büchse in -der Hand haltend, rasch über den hier ziemlich offenen Plan von einem Stein -zum andern. Seine Richtung aber lag dem nicht weit davon wieder höher und -dichter werdenden Holze zu, und Jim erkannte auf den ersten Blick seinen -Feind. Es war Hendricks. - -Fast krampfhaft griff er, in seiner gebückten Stellung verharrend, nach -der neben ihm liegenden Büchse; aber wie hätte er jetzt, in schon halber -Dunkelheit, sein Ziel treffen wollen; und die Glieder flogen ihm dabei, wie -in Fieberfrost. - -Hendricks konnte ihn da, wo er mit seinem dunklen Kopf kaum über die fast -gleichfarbigen Felsstücke heraussah, nicht erkennen, schien auch kaum die -Nähe eines Menschen hier zu fürchten, sondern nur allein darauf bedacht -zu sein, keine Fährten mehr zu hinterlassen, was ihm auch auf den Steinen -vollkommen gelingen mußte. - -Wie in aller Welt hatte er John überlistet? -- war sein Pferd ebenfalls -gestürzt oder vielleicht absichtlich an einer Stelle aufgegeben, wo er -seine eigenen Fährten gut verbergen konnte? Aber wild und verworren -zuckten solche Fragen durch des jungen Backwoodsmans Hirn, und mit heftigen -Schlägen klopfte ihm das Herz in der Brust, denn an ihm vorüber floh der -Bube und wenn er jetzt im Wald verschwand -- Langsam und vorsichtig, mit -so wenig als möglich Bewegung, hob er seine Büchse und suchte sie auf einen -der Felsblöcke zu bringen; aber der vor ihm liegende war zu niedrig -- er -konnte nicht darauf zielen; -- er kroch etwas weiter nach rechts hinüber. -Dort sah er einen passenden Platz, aber Hendricks, mit keiner Ahnung in -welcher Gefahr er sich befand, sprang leichtfüßig von einem Stein zum -andern und ehe Jenkins nur die Büchse an die Backen und den Feind auf's -Korn bekommen konnte, war er in dem Gestrüpp, wenn auch nicht verschwunden, -doch so in den immer stärker werdenden Schatten gekommen, daß ein richtiges -Ziel zur Unmöglichkeit wurde. Einen gewissen Schuß mußte Jim aber haben -oder der Verbrecher war nicht allein gewarnt und dann auf immer für ihn -verloren, sondern er war auch viel stärker bewaffnet, als er selber. Jim -hatte nur die eine Kugel im Rohr, Hendricks dagegen, außer seiner Büchse -noch wenigstens einen sechsläufigen Revolver im Gürtel, und nur sein böses -Gewissen oder seine natürliche Feigheit mußten ihn, bei seiner Uebermacht -der Waffen, selbst beiden Verfolgern gegenüber, zur Flucht getrieben haben. - -Jim sah sich jetzt, da wo er gerade lag, durch einen ziemlich hohen -Felsblock gedeckt. Er wartete noch einen Moment und da Hendricks nicht auf -der anderen Seite desselben wieder zum Vorschein kam, glitt er wie eine -Schlange über den Boden und zu jenem Felsen hin, an dem er sich, die Büchse -aber zum augenblicklichen Gebrauch im Anschlag, langsam emporrichtete, um -darüber hin sehen zu können. Er schrak aber ordentlich zusammen, denn dort --- kaum zwanzig Schritt mehr von ihm entfernt und an der nämlichen Quelle, -an der er, etwas weiter unten getrunken, lag Hendricks -- ebenso verdurstet -wie er selber und ihm den Rücken zukehrend. Im Nu hob sich auch Jenkins -Büchse und sein Auge suchte das Korn -- aber es war nicht mehr möglich. Er -selber stand hier vollständig gedeckt unter einem dichten Dogwood-Busch, -und dort der Trinkende lag ebenso im tiefen Schatten, daß er wohl noch die -Gestalt erkennen, aber nicht mehr darauf zielen konnte. Und selbst, wenn er -es gekonnt hätte, sollte er den Buben mit einer Kugel tödten -- ihn seiner -selbst unbewußt von der Erde nehmen, der ihm so entsetzliches Weh angethan? - -Jetzt hob sich die Gestalt vom Boden auf, und wieder suchte Jenkins' Auge -das Korn seiner Büchse zu fangen; da sah er, wie Hendricks, der sich -hier vollkommen sicher glauben mußte, seine Büchse nahm und an einen Baum -lehnte, den Blick noch einmal vorsichtig umherwarf und dann alle Anstalten -machte, als ob er dort, wo er sich gerade befinde, etwas ausruhen wolle. -Die Nacht war eingebrochen, die Sterne traten heraus, und nur bei ihrem -Schein konnte Jim erkennen, wie der wahrscheinlich ebenfalls zum Tod -Ermüdete sich Laub unter dem nächsten Baum zusammenschob, um sich ein nur -einigermaßen trockenes Lager herzurichten. Natürlich wollte er nicht im -Dunkeln marschiren, wo er einer ihm drohenden Gefahr nicht hätte ausweichen -können. - -Jim Jenkins blieb unbeweglich hinter seinem Stein liegen, denn daß er -selber dort keine Gefahr lief, entdeckt zu werden, wußte er gut genug. -Er sah, wie sein Opfer noch einmal in langen Zügen trank und sich dann -endlich, die Büchse und den Revolver neben sich, auf das Laub, das er -rascheln hörte, niederwarf. Er war selber todtmüde gewesen, aber er -dachte nicht mehr an Schlaf und überlegte sich nur jetzt, wann der Mond -herauskommen müsse, um ihm zu seinem weiteren Handeln zu leuchten. - -Gestern war der Mond ziemlich spät aufgegangen -- wohl erst um neun Uhr -- -heute kam er noch später und ehe er nicht ziemlich hoch stand, konnte er -Nichts beginnen -- aber was that das. Und wenn er hätte zwölf Stunden da -liegen sollen, er würde nicht gemurrt haben, glaubte er sich doch jetzt -seiner Rache sicher. So regungslos wie der kalte Stein selber, an den er -sich lehnte und ebenso erbarmungslos hielt er, als er selbst nicht mehr -die Umrisse des Feindes in dem Dunkel erkennen konnte, die Augen noch -immer fest auf den Platz gerichtet und horchte, mit Anspannung aller seiner -Kräfte, dem geringsten Geräusch, was von dort zu ihm herüberdrang. - -Hendricks mußte unruhig schlafen; er warf sich auf seinem Laubbett herüber -und hinüber. War etwa der auf ihm haftende Blick seines Feindes daran -Schuld? Jim dachte selber daran und wandte ihn ab, aber kein Rascheln eines -Blattes entging seinem scharfen Ohr. - -So stand er, oder lag halb an dem Felsen, viele Stunden lang -- dort drüben -war Alles ruhig geworden -- endlich, endlich ging der Mond auf, stand aber -noch viel zu tief hinter den Bäumen, um hell genug zu leuchten. Jenkins -erwartete seine Zeit mit fast übermenschlicher Geduld und rührte sich nicht -eher, als bis Mitternacht schon lange vorüber sein mußte, und jetzt rüstete -er sich zum Handeln. - -Geräuschlos streifte er Alles ab, was ihn an seiner freien Bewegung hindern -konnte, selbst die Kugeltasche, Jagdhemd und Leggings -- die Nacht war -ziemlich kalt, aber ihn fror nicht, der Kopf brannte ihm sogar wie in -Fieberhitze. Jetzt war er soweit fertig und nur nach seiner Büchse sah -er noch, und setzte ein frisches Zündhütchen auf, daß sie ihm nicht im -entscheidenden Moment versagte. Dann aber, wie ein Panther auf seine Beute, -und ebenso mordgierig, ebenso geräuschlos verließ er den Stein, hinter dem -er sich bisher verborgen und glitt auf sein Opfer zu. - -Schlief Hendricks? -- Er wußte es nicht. Lag er wach und hörte den -Anschleichenden, so war es um ihn geschehen, aber was kümmerte ihn die -Gefahr, in der er sich befand. Rache wollte er, Rache an dem Mörder seines -Vaters und mit keinem Gedanken weiter, aber auch mit jeder nur möglichen -Vorsicht, schlich er näher und näher an sein Opfer hinan, immer wieder -horchend, ob er das Laub nicht könne rascheln hören. -- Aber Alles blieb -ruhig wie das Grab -- ja, jetzt tönte schon deutlich das langsam schwere -Athmen des Schlafenden zu ihm herüber. - -Aber war das nicht etwa Täuschung? stellte sich der Bube nicht vielleicht -nur schlafend und lag, mit gespanntem Revolver des Nahenden harrend? -Vorwärts! Jetzt konnte er die ausgestreckte Gestalt deutlich im Licht des -Mondes, der gerade einen Strahl durch die Baumwipfel warf, erkennen. Neben -ihm blitzte etwas -- es war der Revolver, auf dem seine Hand ruhte -- die -Büchse lag ebenfalls zum Griff bereit. - -Jim zögerte einen Augenblick -- aber auch nur einen -- jetzt war er neben -dem Schlafenden -- geräuschlos legte er die eigene Büchse neben sich auf -das Gras nieder, von dem Hendricks selber das Laub weggescharrt -- _ein_ -Griff nach dem Revolver mit der linken Hand, und wie der Mörder wild -und entsetzt durch die Berührung emporfuhr, traf ihn ein mit aller Wucht -geführter Faustschlag Jims so kräftig gegen den rechten Schlaf, daß er -bewußtlos und wie todt auf das Laub zurücksank. -- Es wäre besser für ihn -gewesen, er wäre todt geblieben. - -Jim, den Revolver neben sich legend, warf sich auf ihn, riß aus seiner -Tasche ein Stück derbes Seil, wie es meist alle Jäger bei sich führen, -und schnürte ihm damit die Hände auf den Rücken -- jetzt erst hatte er ihn -sicher und nur der eine Wunsch drängte sich über seine Lippen: Oh, wäre -John jetzt hier! -- Aber dem Gedanken gab er sich nicht weiter hin, denn -wer wußte wo der Freund jetzt war. Die Schnur reichte noch gerade aus, um -den Gefangenen an einen jungen Stamm anzubinden. Nicht weit davon stand ein -niederer Dogwood, dorthin schleppte er ihn und hatte sich seiner vollkommen -versichert, als der bis dahin vollständig Bewußtlose seine Besinnung wieder -gewann. - -Aber er kümmerte sich in dem Augenblick gar nicht um ihn -- und zu dem -Felsblock sprang er, um von dort seinen Zügel herüber zu holen und als er -jubelnd wieder zurück zu dem Gefangenen eilte, hatte sich Hendricks halb -auf seinem Ellbogen aufgerichtet und starrte ihn mit stieren entsetzten -Blicken an. - -»Jenkins« -- war Alles was sich seiner Brust entrang -- »oh mein Gott!« - -»Ja ruf Deinen Gott an, Schuft,« lachte aber der junge Backwoodsman, -ingrimmig zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. »Der, zu dem Du -betest, ist der Teufel, der Dich so lange beschützt hat -- aber Deine Zeit -ist um. Du siehst die Sonne nicht wieder.« - -»Jenkins,« sagte Hendricks mit leiser, heiserer Stimme, »Ihr wollt mich -doch nicht hier in der Nacht mit kaltem Blut morden.« - -»Gerade recht mahnst Du mich an das kalte Blut, mit dem Du meinen armen -alten Vater und den alten Wells, Rankins Hogan und viele Andere ermordet -hast. Scheusal wie es kein zweites die Welt trägt -- aber Deine Zeit ist -um; Erbarmen hast Du von mir nicht zu hoffen.« - -»Jenkins,« stöhnte Hendricks -- »ich bin reich -- ich habe bei Blumenthal -viel Geld vergraben -- es soll Alles Euer sein, wenn Ihr mich nur dorthin -führt, und ich bleibe ja doch in Eurer Gewalt.« - -»Dein Blutgeld, nicht wahr, um das Du auch wohl den armen Deutschen -ermordet?« -- knirschte Jim -- »Deine Zeit ist um und Bitten oder -Versprechungen helfen Dir nicht mehr.« - -Noch während er sprach hatte er den starken Zügel von dem Gebiß gelöst und -eine Schlinge daraus geformt. Jetzt sah er zu dem Dogwood auf -- einer der -Aeste zog sich gerade etwa hoch genug über dem Gefangenen hin und so, -daß er ihn bequem erreichen konnte. Hendricks suchte mit der Kraft der -Verzweiflung die Bande, die ihn hielten, zu zerreißen und Jim hielt dabei -vorsichtig den Revolver in der Hand -- doch das Seil hielt; er schob die -Waffe wieder in den Gürtel zurück, und ging dann kaltblütig daran, den -Riemen über den Ast zu werfen und zu befestigen. - -»Jenkins,« flehte Hendricks, »seid ein Mensch! Um Gottes Barmherzigkeit -willen mordet mich nicht hier im dunklen Wald -- o, laßt mich nur leben, -bis der Tag anbricht, nur noch eine Stunde, um meine Sünden zu bekennen. -Ich habe viel verbrochen. -- Ihr _müßt_ mich hören.« - -»Ich _weiß_ genug von Dir mein Bursche,« sagte der junge Backwoodsman -trocken, »um Dir zehnfachen Tod zu sichern -- komm! Du weißt, daß Du -verloren bist und selbst der Teufel, Dein Cumpan, könnte Dich nicht mehr -retten. Gieb Deinen Hals gutwillig her, denn ich werde noch genug Mühe -haben, Dich da hinauf zu ziehen.« - -Er warf ihm dabei die Schlinge um den Hals -- und »Hülfe! Mörder! Mörder!« -schrie mit gellender Stimme der Unglückliche durch den Wald, indem er sich -am Boden wand und krümmte -- »Hülfe! Hülfe!« - -Jim lachte -- aber plötzlich horchte er hoch auf und hielt mit seiner -Arbeit inne. »Hülfe!« rief der Gefesselte wieder, und der Schrei wurde -beantwortet -- in weiter Ferne zwar, aber der junge Backwoodsman -konnte genau einen Ruf unterscheiden. -- Sollte der Bube wirklich noch -Helfershelfer haben, -- aber nicht zehn von ihnen hätten sein Geschick mehr -wenden können. - -Da hörte er wieder einen Ruf und Jim ließ den Riemen fahren, legte die -Hände trichterförmig an den Mund und beantwortete selber den Ton. -- Das -war John's Jagdruf. -- Wieder gab er das Zeichen -- näher und näher kam der -Gerufene -- jetzt konnte er ihn schon durch die Büsche brechen hören. - -»Ach John! bist Du das?« - -»Wo steckst Du Jim -- wer schrie da?« - -»Hierher -- ich _hab'_ ihn!« - -Ein gellendes Jubelgeheul, wie es sonst nur ein Indianer ausstoßen kann, -schmetterte durch den Wald, und rücksichtslos um Dorn oder Schlingpflanze -brach im nächsten Augenblick John durch die Büsche und jauchzte laut auf, -als er den Gebundenen am Boden erkannte. - -Doch die jetzt folgende Scene ist zu furchtbar, um sie zu beschreiben. -Hendricks war in erbarmungslose Hände gefallen und seine verbrecherische -Laufbahn zu Ende. Mit der Kraft der Verzweiflung kämpfte er wohl noch eine -Weile gegen seine Richter an -- vergebens, und bald schien der Mond auf -die lang gestreckte, regungslose Gestalt, die an dem Ast des Dogwood-Baumes -hing und langsam in der leichten Morgenbrise hin und her schwankte. Und die -beiden jungen Leute lagerten so lange bei dem Baume, bis sie sich von dem -wirklichen Tod ihres Opfers vollständig überzeugt hatten -- dann nahmen -sie die Leiche ab, um, wie John Wells meinte, den Wölfen ihr Recht nicht zu -entziehen. - -John untersuchte auch Hendricks Taschen -- er trug drei Uhren, um den Leib -einen selbstgenähten Gürtel mit den verschiedenartigsten Schmucksachen und -Goldstücken gefüllt, und in der Kugeltasche ebenfalls ein Päckchen Geld, -das noch nicht einmal geöffnet schien, wie eine Anzahl loser mexicanischer -Dollar. - -Seine Waffen nahmen sie ebenfalls und verließen dann nach Sonnenaufgang -den schauerlichen Richtplatz, um ihren Weg vor der Hand nach Blumenthal -zurückzusuchen -- möglich daß sie, in den bei ihm gefundenen Gegenständen, -Beweise seines mörderischen Wirkens hatten. - -Aber es bedurfte deren nicht mehr. Als sie nach zwei Tagen, die sie -gebraucht, um ihre Pferde wieder aufzusuchen, den kleinen Ort erreichten, -hatte man schon, auf Peters Veranlassung, Hendrick's verlassene Wohnung -untersucht und die zweifellosesten Beweise gefunden, daß er an allen -kürzlich dort verübten Morden wenigstens betheiligt gewesen, wenn er sie -nicht am Ende gar allein ausgeführt hatte. - -Das noch eingenähte Geld hatte übrigens dem alten Fischer gehört, und -Catharina selber das Päckchen für ihn zurecht gemacht -- ebenso war eine -der Uhren die seinige gewesen, wie sich auch sein Trauring unter den Sachen -fand. - -Was nicht reclamirt wurde, nahmen Jim und John auf ihrem Rückweg nach dem -Fourche-la-Fave mit -- es war ihr wohlerworbenes Eigenthum, so lange sie -nicht die früheren Besitzer auffanden, -- aber Jim litt es nicht lange -in der alten Heimath, die zur viel der schmerzlichen Erinnerungen für ihn -trug. Auch John zog von dem alten Platz weg, aber nur in ein anderes County -über den Arkansas hinüber und Jim, nachdem er noch Johns Heirath mit seiner -Schwester beigewohnt, setzte sich auf ein, seinen Bruder Bill auf ein -anderes Pferd, und ritt zurück nach Texas, nach der kleinen, abgeschiedenen -Colonie Blumenthal, in welcher er gesonnen war, sich häuslich -niederzulassen. - -Am Fourche-la-Fave herrschte von da an Frieden -- aber der Frieden des -Grabes. Die Jay-hawkers waren allerdings theils ausgerottet, theils -vertrieben und die Anwohner des kleinen Stromes brauchten keine -Meuchelmörder mehr zu fürchten: aber wie viele, wie entsetzlich viele sonst -so friedliche Hütten, die glückliche brave Menschen und Familien bargen, -lagen verwüstet, zerstört, eingeäschert. Rings umher der Wald war wild -aufgewachsen und dornige Schlingpflanzen überwucherten die früheren -Spielplätze des jungen Volkes. - -Krieg und Mord hatten dem armen Land ihr Brandmal aufgedrückt; die wenigen -Hinterbliebenen, ihre Ernährer und ihren ganzen Reichthum, ihre paar -Kühe und Pferde verloren und Armuth und Elend war eingekehrt, wo sonst -glücklicher Frieden und verhältnißmäßiger Reichthum herrschte -- der -wenigstens dem Besitzer Alles das gewährte, was er zum Leben brauchte und -verlangte, so wenig das auch sein mochte. - -Drei Jahre später ritt John Wells wieder einmal nach Texas hinüber, um -Jim Jenkins bei seinem zweiten Sohn zu Gevatter zu bitten, und ihn zu -überreden, nach dem Fourche-la-Fave zurückzuziehen, weil sich die Schwester -so nach den beiden Brüdern sehne. - -Bill, der ein tüchtiger Bursch geworden war, konnte abkommen und zog, -wenigstens auf Besuch, mit zurück; Jim aber nicht. Er hatte im vorigen -Jahre Catharine Fischer, die frühere Braut des Jay-hawkers geheirathet und --- konnte jetzt gerade die blühende Ansiedlung und sein junges Weib nicht -verlassen. - - - - -König Zambiri. - -Afrikanische Skizze. - - - - -Erstes Kapitel. - -Der Schooner. - - -An der ostafrikanischen Küste, aber noch nördlich vom Aequator, kreuzte -einer jener amerikanischen Schooner die, aus den Yankeestaaten kommend, -Küstenhandel in allen Theilen der Erde treiben und, wenn sie irgend einen -Nutzen dabei zu finden glauben, eben so keck den Stürmen vom Kap Horn, wie -den Typhoons des chinesischen Meeres trotzen. - -Die Sarah Miles, wie das kleine Fahrzeug hieß, war denn auch, mit Zwiebeln, -Wanduhren und Blechwaaren beladen, von Connecticut nach Surinam gegangen, -hatte dort Zucker, Kaffee wie andere tropische Produkte für Chili -eingetauscht, von da aus Mehl, Wein und Kartoffeln nach der Südsee geführt -und von den Inseln Kokosnußöl, Perlen und Perlenmuttermuscheln nach -Australien gebracht. In Sydney verkaufte Kapitän Oacutt diese Ladung sehr -vortheilhaft an ein deutsches Handlungshaus und tauschte dafür theils -Waaren für den afrikanischen Markt ein, theils nahm er bessere Sachen für -die Kapstadt mit, um von dort echten Kapwein, oder was er sonst erhalten -konnte, zurück in sein Vaterland zu führen. - -Natürlich konnte er aber unterwegs der Versuchung nicht widerstehen, zuerst -einmal ein paar der kleinen Königreiche an der Ostküste anzulaufen. Dort -war jedenfalls noch ein Geschäft mit den uncivilisirten Wilden zu machen, -es mußte wenigstens versucht werden, und möglich ja, daß sich Elfenbein, -Gold, Gummi und wie die werthvollen Produkte dieses Himmelsstrichs alle -heißen, um einen Pappenstiel erstehen ließen. - -Hier befand sich aber Kapitain Oacutt -- in dem, was die geographischen -Verhältnisse dieser Länder betraf -- völlig aus seinem Fahrwasser, denn er -hatte wohl eine ausgezeichnete Karte von Connecticut an Bord, auch ein -paar andere, alt gekaufte von dem Hoogly, San Franzisco, Rio de Janeiro und -anderen Küstenstrichen. Wie es aber mit den Hafenplätzen jenes Erdstrichs -aussah, dem er gerade entgegen hielt und ob er sich hier einem schon -theilweise civilisirten oder noch vollkommen wilden Volke gegenüber -befinde, davon wußte er kein Wort und, aufrichtig gesagt, kümmerte sich -auch nicht darum. - -Wenn er nur Menschen dort fand, mit denen er Handel treiben konnte, und die -etwas des Handels Werthes besaßen, alles Uebrige fand sich von selbst, und -Gefahren? Bah! seine Amerikaner, die er an Bord hatte, fürchteten sich vor -dem Teufel nicht, viel weniger vor einer Horde nackter, schwarzer Wilden. - -Die Sarah Miles führte auch in der That eine für ein so kleines Fahrzeug -sehr starke Besatzung, und zwar schon der großen Schoonersegel wegen, mit -denen nicht so leicht hantiren ist, wie mit Raasegeln. Außerdem war dem -Kapitain in Sydney angerathen worden, sich an der afrikanischen Küste -vorzusehen, da jenen Völkerstämmen nie zu trauen sei, und er hatte dort -noch vier, einem Wallfischfänger entsprungene Matrosen, junge, kräftige -Bursche, dazu geworben. Mit Waffen war er überdies reichlich versehen, -sogar mit einer vortrefflichen Drehbasse, die vorn auf seinem Bug stand, -und sich deshalb bewußt, nichts versäumt zu haben, um einer möglichen -Gefahr auch kräftig zu begegnen. - -Uebrigens hatten sich diese Vorsichtsmaßregeln bis jetzt als sehr nutzlos -erwiesen, denn er sichtete, von Australien bis hieher, nicht ein einziges -Mal Land und bekam deßhalb auch keine Prouen, Dschunken, Kanoes, oder was -sonst noch auf Raub ausgeht, zu sehen. Ein paar Mal bemerkte er allerdings -Segelschiffe: friedliche Kauffahrer, die vielleicht zwischen Indien und -dem Kap fuhren. Diesen gefiel aber wieder der Schooner mit seinen keck -gestellten Masten nicht, und sie machten gewöhnlich, daß sie ihm aus dem -Weg kamen, während Kapitain Oacutt nicht das geringste Interesse hatte, sie -aufzusuchen. An denen war nichts zu verdienen; das wußte er aus Erfahrung -gut genug, und er steuerte sich ihretwegen auch nicht einen halben Strich -aus seinem Kurs. - -Mit einer allerdings sehr schwachen, aber doch günstigen Brise glitten -sie so durch das tiefblaue Wasser des Ozeans und der Kapitain schaute -sehnsuchtsvoll nach Land aus. Seiner Berechnung nach hätten sie nämlich -unter der Länge, die ihm sein Chronometer angab, schon ein paar Meilen in -Land auf der afrikanischen Küste sitzen müssen -- Gott nur wußte, welche -Zeit der hielt, -- und noch war nicht einmal ein Ufer zu erkennen. Die -ganze Nacht mußte deßhalb auch doppelte Wache an Bord bleiben, um, wenn -sie nichts sehen konnten, nach der Brandung auszuhorchen, aber sie konnten -ungestört ihren Weg fortsetzen, und erst am andern Morgen mit Tagesanbruch -kündete der frohe Ruf der Leute: »Land!« - -Sie mußten auch in der Nacht ziemlich nahe hinangekommen sein, denn -deutlich ließ sich schon ein erhöhtes und waldiges Ufer erkennen, das -verschiedene Einschnitte zeigte; welchem Theil der Küste es aber angehöre, -war schwer zu bestimmen, denn Kapitain Oacutt hatte, wie gesagt, keine -Spezialkarte von Afrika an Bord und verließ sich, im Auffinden von -günstigen Landungsplätzen, wie gewöhnlich auf sein gutes Glück. - -Die Brise frischte jetzt etwas auf, und um zehn Uhr etwa waren sie so nahe -gekommen, daß sie schon mit bloßen Augen Menschen auf dem weißen Uferstrand -erkennen konnten. Rauch stieg an vielen Orten auf, und die Gegend schien -jedenfalls bevölkert. - -Der Kapitain stand vorn auf der Back seines Schooners, das Fernrohr in der -Hand, um wo möglich einen Landungsplatz zu finden, aber er bemerkte, daß -die Eingebornen den Strand entlang, mehr in einer nördlichen Richtung -liefen und errieth leicht die Ursache. An jenem Punkt, auf welchen sie -zuhielten, lag wahrscheinlich kein günstiger Ankergrund, aber wohl -weiter oben. Ohne sich auch lange zu besinnen, gab er Ordre, den Kurs des -Fahrzeugs dahin zu ändern, und rief einen Mann vorn in die Rüsteisen, um -das Loth zu werfen, damit sie sich nicht in zu seichtes Wasser wagten, -- -hatte das Meer doch hier schon eine mehr gelbliche Färbung angenommen. - -Der Schooner gehorchte rasch dem Steuer, und auch die Eingebornen schienen -mit der neuen Richtung einverstanden, denn sie hatten grüne Zweige -abgebrochen und schwenkten sie in der Luft, ein Zeichen, daß sie die -Fremden freundlich empfangen und friedlich mit ihnen verkehren wollten. Man -darf jedoch diesen wohlwollenden Manifestationen nicht immer unbedingten -Glauben schenken, denn es giebt auch verrätherische Stämme, die dadurch -Beute heranzulocken suchen, ähnlich wie irische Stranddiebe Nachts durch -falsche Signale Fahrzeuge verführen, an die gefährliche Küste anzulaufen. - -Kapitain Oacutt traute auch diesen signalisirenden Betheurungen nicht -weiter als nöthig; d. h. er nahm sie nur für einen Beweis von Höflichkeit, -und erwiederte dieselbe damit, daß er seine Flagge aufzog. Zugleich -beschloß er aber, dem Land nicht näher als nöthig zu kommen, ehe er nicht -die Aufrichtigkeit der Eingebornen erprobt habe, auch nicht etwa gleich -fest vor Anker zu gehen, sondern, wenn nahe genug, ein Boot abzuschicken -und dann langsam dort auf und ab zu kreuzen. Dadurch behielt er nicht -allein sein kleines Fahrzeug vollständig in der Gewalt, sondern konnte -auch seinem Boot, wenn es etwa nöthig werden sollte, rasche Hülfe bringen. -Außerdem befand er sich hier noch immer in einigen zwanzig Faden Wasser, -also in einer Tiefe, bei der er nicht die geringste Gefahr lief. - -Für das Boot, das sein Steuermann führen sollte, wurden jetzt Freiwillige -aufgerufen, und diese selber vorsichtigerweise bewaffnet, um sich im Fall -der Noth vertheidigen zu können. So liefen sie, vollständig bereit, es -jeden Augenblick nieder zu lassen, direkt gegen die Küste, und bis fast in -fünf Faden Tiefe hinan und erwarteten eben den Befehl zum vom Bord gehen, -als der Mann am Steuer ein Kanoe bemerkte, das eben vom Ufer aus in Sicht -kam und augenscheinlich zu ihnen heraus wollte. -- Das mußte jedenfalls -abgewartet werden, denn man sah da gleich, mit wem man es zu thun hatte; -auch lag in dem Besuch nichts Außerordentliches. Freuen sich doch diese -wilden, nur auf ihre eigenen Erzeugnisse angewiesenen Stämme jedesmal, wenn -sie auf eine solche Art mit irgend einem fremden Fahrzeug in Verbindung -treten können, da ihnen dieses doch immer viel Neues und oft auch -Nützliches bringt. Was sie selber dafür an Werth geben mußten, rechneten -sie nicht, denn es waren stets Sachen, die sie leicht wieder ersetzen -konnten, und doch wie schmählich wurden sie dabei betrogen. Was für -glänzende Geschäfte hatte Oacutt auch schon in der Südsee gemacht, wo er -für Tabak und Branntwein, für Kattun, Tant, werthlose Knöpfe, ja oft -für abgebrochene Nägel Kokosnußöl und nicht selten kostbare Perlen -eingetauscht. Dieser Stamm war keinenfalls klüger als die dortigen, und -ein Sortiment derartiger Dinge auch deßhalb schon hervorgesucht und bereit -gelegt. - -Das herankommende Canoe sah indessen nicht so aus, als ob es einen Handel -eröffnen sollte. Es führte nur vier Mann an Bord. Einer saß am Steuer, zwei -ruderten und der vierte stand, mit einem grünen Busch in der Hand, vorn im -Bug. Sie waren sämmtlich nackt, nur mit einem blauen Schurz um die Lenden -bekleidet und gaben die schwarzen Wollköpfe trotzig der Sonne preis, -schienen aber keine Waffen zu tragen und eher eine Art von Gesandtschaft, -die heraus beordert wurde, um vielleicht einmal zu erfahren, welche Waaren -die Fremden brächten und was sie dafür verlangten. Jedenfalls blieb es -gerathen, sie freundlich zu empfangen, und der Kapitän befahl deßhalb, -die Fallreepstreppe hinab zu lassen, damit sie bequemer an Bord steigen -konnten. - -Die Leute im Kanoe mußten auch diese Erleichterung schon kennen, denn -der Steuernde hielt rasch darauf zu, aber man konnte nicht sagen, daß -sie neugierig seien, denn nur Einer von ihnen, der mit dem grünen Busch, -ergriff dieselbe und lief daran empor. Die Uebrigen blieben im Kanoe, -ergriffen nur die Taue und hielten sich fest, um nicht von dem, jetzt -allerdings nur wenig Fortgang machenden Fahrzeug zurückgelassen zu werden -und ihren Mann zu verlieren. - -Der Botschafter blieb indessen noch immer, mit seinem Busch in der Hand, -oben an Deck stehen, und schien vorher eine Einladung abzuwarten, um näher -zu treten, zeigte aber keine Furcht und schaute sich ruhig und gleichmüthig -an Bord um. Kapitän Oacutt war übrigens in Verlegenheit, wie er sich -dem schwarzen Burschen verständlich machen sollte, denn an Bord kannte -natürlich Niemand die Sprache dieses Volkes. Um aber seinen guten Willen -zu zeigen, nahm er ein großes Stück Kautabak in die eine, ein Glas mit -Branntwein in die andere Hand und ging damit auf den Botschafter zu. Den -Tabak mußte dieser auch kennen, denn sein schwarzbraunes Gesicht verklärte -sich ordentlich, als er ihn sah, und er griff rasch danach. Nicht so nach -dem Branntwein. Vorsichtig roch er vorher an das Glas, schob es dann zurück -und sagte in gebrochenem, aber doch verständlichem Englisch: »Danke -- ich -nicht Feuer trinken -- bös -- sehr bös!« - -»Alle Wetter!« rief Kapitän Oacutt erfreut aus, »Du sprichst amerikanisch, -mein Bursche? Das ist famos. Und was bringst Du uns?« - -»Bringen?« sagte der Eingeborne erstaunt, »ich soll was bringen? Dafür -schickt mich der König her, daß Du was bringen sollst. Geschenke, wie es -bei uns üblich ist; dann erlaubt er Dir auch, daß Du landen und zu ihm -kommen darfst.« - -»Unendlich gnädig,« lachte Oacutt, »und vorher dürfen wir nicht?« - -»Nein,« sagte der Schwarzbraune ganz ernsthaft, indem er ein Stück von -seinem Tabak abbiß. - -Der Amerikaner schüttelte mit dem Kopf. Der Abgesandte selber sah -allerdings nicht so aus, als ob es in seinem Lande viel Werthvolles zu -verhandeln gäbe, oder die Eingebornen irgend welche Bedürfnisse hätten. Er -ging, bis auf den blauen Schurz, völlig unbekleidet, und trug auch nicht -die Spur von Schmuck oder sonstigem Zierrath, viel weniger denn von Gold an -sich. Lohnte es überhaupt der Mühe, sich mit diesem Volk einzulassen? Aber -der Versuch mußte jedenfalls gemacht werden, denn der Weg, den sie dazu -hierher gekommen, war zu weit und lang gewesen. Er brauchte auch Früchte -und frisches Fleisch, um seinen Leuten eine Veränderung der Kost zu -gewähren, und dann erfuhren sie dort vielleicht etwas über die benachbarten -Küstenstriche, und wo es am Vortheilhaftesten sein würde, anzulaufen, um -die werthvollsten Produkte dieses Welttheils einzutauschen und überhaupt zu -finden. - -Der Eingeborne, eine schlanke, kräftige Gestalt, der eben so hier -hergekommen schien, wie er heute Morgen von seinem Lager aufgesprungen -sein mochte, und nur sein schwarzes Wollenhaar in unzählige kleine Zöpfe -geflochten und an den Spitzen mit einem weißen Baumwollfaden umwickelt -hatte, erwartete indessen in aller Ruhe die Antwort des Kapitäns. Während -er selber fast regungslos blieb, rollte er das Weiße seiner Augen nach -allen Seiten des Decks. Er war sich jedenfalls seiner Würde als Abgesandter -bewußt und durfte sich nichts vergeben. - -Kapitän Oacutt hatte aber sein Boot ja schon bereit liegen, und es galt nur -jetzt noch, die verlangten Geschenke für den König, die er allerdings nicht -für nöthig gehalten, beizufügen. Das konnte rasch geschehen sein, und der -Bote bekam deßhalb die Antwort, sie würden nicht versäumen, den König zu -begrüßen und hofften dann einen freundschaftlichen Verkehr mit dem Lande -herzustellen. Der Schwarze nickte auch bloß mit dem Kopf, drehte sich dann -um, stieg die Treppe wieder hinab, und wenige Sekunden später blieb das -Kanoe zurück und hielt dem Lande zu. - - - - -Zweites Kapitel. - -König Zambiri. - - -Kapitän Oacutt ging jetzt augenblicklich daran, das auszusuchen, was er dem -Oberhaupt der Wilden als Einführungsgeschenk überschicken wollte. Er zeigte -sich aber nicht besonders wählerisch darin, denn er wußte aus Erfahrung, -daß man einen derartigen Häuptling nicht gleich von Anfang an verwöhnen -durfte, sonst wurde er gierig auf mehr, und ein einträglicher Handel war -unmöglich. - -Am Liebsten wäre er freilich selber mit an Land gefahren, aber er durfte -als Kapitän das Schiff nicht verlassen, und sein Steuermann war wohl -auf See tüchtig, und dabei keck und unerschrocken und nicht so leicht -eingeschüchtert, aber doch kaum gewandt genug, wo irgend eine Form -erfordert wurde. Da erbot sich Doktor Spruce, ein junger Irländer, den -er als Passagier von Sydney nach der Kapstadt mitgenommen, das Boot zu -begleiten, war es doch auch eine Unterbrechung der monotonen Seefahrt, -und kurze Zeit danach, nachdem das Kanoe wieder zwischen den Büschen -verschwand, folgte ihm die Jölle. - -Uebrigens ging die Mannschaft ganz ordentlich bewaffnet; der Steuermann wie -der Doktor trugen ihre Revolver, und die Matrosen hatten Jeder einen -kurzen Schiffscutlaß im Boot liegen und ein doppelläufiges Pistol im Gürtel -stecken, konnten sich also schon die Feinde im Nothfalle vom Leib halten. - -Der Schooner drehte, wie ihn das Boot verlassen, etwas vom Ufer ab, denn -sie waren dem Lande schon fast zu nahe gekommen. Er konnte ja dort auf und -ab kreuzen, bis die Leute zurückkehrten und ihm Bericht abstatteten. Lohnte -es dann der Mühe und hielt man sich für sicher genug, so war es noch immer -Zeit, vor Anker zu gehen und einen Tauschhandel zu eröffnen. Unter der Zeit -segelte das Boot mit leichter Brise dem nicht mehr so fernen Land entgegen, -und es ist für den Seefahrer stets ein eigenthümliches Gefühl, in solcher -Weise eine fremde, von wilden oder doch wenigstens uncivilisirten Stämmen -bewohnte Küste zu betreten. Gibt man sich doch immer dadurch mehr oder -weniger in die Gewalt oft sehr zweifelhafter Horden. Aber es hat auch -wieder einen ganz eigenthümlichen Reiz, den Reiz der unbekannten Gefahr -_mit_ der Sehnsucht, die der Matrose stets nach festem Lande trägt, wenn er -sich gar zu lange Zeit auf Salzwasser herumgetrieben. Er will wieder einmal -den blauen Himmel durch Gesträuch und Baumzweige, nicht mehr durch das -Gewirr seiner Taue betrachten. Er will Vögel und Frauenstimmen hören, sich -an einer frischen Quelle satt trinken und die reife saftige Frucht selbst -vom Ast pflücken; daß ihn dabei der Speer oder Pfeil eines Wilden bedrohen -könne, kümmert ihn wenig -- wenigstens nie genug, um den Versuch nicht zu -wagen. - -So betrachteten auch jetzt die anfahrenden Seeleute das immer deutlicher -heraustretende Land mit steigendem Interesse, und nichts entging ihren -spähenden Blicken. Schon konnten sie einige niedere Hütten erkennen und -hielten diese Anfangs für die Hafenstadt, aber je näher sie kamen, desto -mehr schob sich das Land auseinander, und nach rechts hinein öffnete -sich plötzlich eine geräumige Bucht, an deren Rand, unter Palmen und -hochstämmigen Laubbäumen, eine dichte Gruppe von Häusern stand. - -Allerdings boten diese auch ein reizendes Landschaftsbild; denn das -frische, saftige Grün der Baumwipfel mischte sich freundlich mit dem -Graubraun der wunderlich geformten Dächer und dazwischen wirbelte der blaue -Rauch langsam in die Höhe. Aber das Auge der Seeleute verließ im Moment das -ländliche Bild und haftete auf einem anderen Gegenstand, der fest am Ufer -und halb noch vom Gesträuch verdeckt in diesem Moment erst sichtbar wurde --- einem Wrack. - -Die Ueberreste eines verloren gegangenen Fahrzeugs sind für den Seemann -immer von Interesse, denn unwillkürlich erinnern und mahnen sie ihn daran, -daß sein eigenes Seeboot ein ähnliches Schicksal treffen kann. Hier aber -drang sich ihnen unwillkürlich die Frage auf: Wie nur das Wrack dort -hingekommen, wo es lag? Denn gestrandet konnte es an jener Stelle ganz -unmöglich sein. Würde ja doch kein Seemann der Welt mit seinem Fahrzeug in -diese landumschlossene und ziemlich seichte Bucht eingedrungen sein, ohne -vorher genau zu untersuchen, wie weit er sich vorwagen könne. Ebensowenig -konnte es ein Sturm, die außerdem nie in der unmittelbaren Nähe der Linie -wüthen, herein verschlagen haben, denn dafür trat die eine Landspitze -viel zu weit vor. Hatten die Eingebornen das Fahrzeug etwa überfallen, -geplündert und hiehergeschleppt? Dann stand ihnen selber auch kein -freundlicher Empfang bevor und fast unwillkürlich warf der Steuermann den -Blick zurück, die Möglichkeit eines Rückzugs zu überschauen. - -Dafür zeigten sich freilich im Augenblick schlechte Aussichten, denn -erstlich waren sie mit der Brise eingelaufen, dann führte sie die steigende -Fluth rasch in die Bucht hinein und außerdem bemerkte er auch jetzt, daß -sich vier oder fünf Kanoes mit Eingebornen hinter ihnen vom Lande abgelöst -hatten und ihnen folgten. Und sollten sie jetzt plötzlich Furcht zeigen? -Nein! der Steuermann besaß überdieß kecken Muth genug, sich nicht durch -eine, nur erst drohende Gefahr einschüchtern zu lassen, und beschloß zu -thun, was er eben nicht mehr vermeiden konnte -- gerade voraus zu halten, -in die Bucht hinein. - -Sie passirten jetzt das Wrack! Was es gewesen, ließ sich nicht leicht -erkennen, denn die Masten fehlten und nur an einigen Stellen hing noch das -stärkere Takelwerk unordentlich über Bord. Dem Steuermann schien es eine -Brigg gewesen zu sein; er gab sich aber umsonst Mühe, den Namen heraus zu -bekommen, denn obgleich es mit dem Stern der Bucht zu lag, schienen -die Eingebornen das dort gewöhnlich angebrachte Namensbret entweder -herausgeschlagen oder unleserlich gemacht zu haben, mußten also wissen, daß -man daran das Schiff erkannt hätte, und fühlten sich also auch nicht ganz -rein bei der Sache. - -»Steuermann,« brummte der Doktor, als sie vorüberglitten, »dort liegt -ein Memento Mori, eine Art von Todtenkopf und die alten Planken würden -vielleicht viel zu erzählen wissen. Ein Glück, daß wir nicht gleich mit dem -Schooner vor Anker gegangen sind.« - -»Bah,« sagte der Steuermann, der sich nicht wollte merken lassen, daß -er eben erst ganz ähnliche Gedanken gehabt; »vom Schooner sollen sie die -Fäuste schon lassen.« - -»Hm, ja -- vielleicht -- aber von uns?« - -»Und was wäre bei uns zu holen? Nichts als heißes Blei!« lautete die -ziemlich mürrische Antwort. »Zum Teufel auch, Kamerad, wenn Ihr Euch -fürchtet, hättet Ihr an Bord bleiben sollen.« - -»Fürchten?« lachte der Doktor; »ich habe wohl schon davon gehört, weiß aber -nicht, was es bedeutet, und der Erfolg wird es lehren. Ich wäre auch der -Letzte, der zurückginge, also vorwärts, Mate, wir sitzen einmal drin und -müssen die Geschichte jetzt auch zu Ende führen.« - -»Und dort ist die Landung!« rief der Steuermann, als er jetzt am Ufer -eine Anzahl dunkler Gestalten bemerkte, die ihnen grüne Büsche -entgegenschwenkten und damit zu winken schienen. - -Hier bildete das Ufer wieder einen kleinen Einschnitt, aber es war -augenscheinlich, daß sie den eigentlichen Landungsplatz des Ortes erreicht -hatten, denn acht oder zehn Kanoes lagen dort ebenfalls angebunden, und -Trupps von Mädchen, Frauen und Kindern schienen auch schon an jener Stelle -die Ankunft der Fremden zu erwarten. Der Steuermann hatte ebenfalls -ihren Dolmetsch am Ufer erkannt, jenen Burschen, der bei ihnen zum Besuch -gewesen, und mit Recht vermuthend, daß dort der Punkt sei, wo man ihn -erwarte, lenkte er den Bug seiner Jölle direkt auf ihn zu. Im nächsten -Moment scheuerte ihr Kiel den Sand, und Einer der Leute, unbekümmert um den -Schwarm, der draußen stand, sprang an Land, um das Springtau zu befestigen. - -Der Doktor hatte sich indeß die Eingebornen betrachtet und sich eben nicht -besonders über ihr Aussehen gefreut. Sie gingen fast sämmtlich bis auf -den Schurz nackt. Nur die jungen Mädchen trugen noch ein oft phantastisch -herausgeputztes Tuch um die Schultern und Schmuck -- Glasperlen und -Goldtand -- in den Ohren und den künstlich und mühsam zusammengeflochtenen -Haaren, und Einige von ihnen konnten sogar für hübsch gelten, wären die -Lippen nicht so aufgeworfen gewesen. Die Männer sahen aber entschieden -häßlich aus: mager und grobknochig, mit einem scheuen, mürrischen, -gedrückten Wesen. Viele von ihnen trugen auch Waffen: lange, spitze und -dünne Wurfspeere oder Keulen, und Einige von ihnen große geflochtene -Schilde, und auf den Schultern und Armen eine häßliche Art von Tättowirung, -welche die betroffenen Stellen wie aufgeschwollen erscheinen läßt. -Feindliche Absichten schienen sie aber nicht zu hegen, denn selbst die -Bewaffneten verhielten sich vollkommen ruhig und sogar theilnahmlos und -standen nur in ungeordneten Gruppen umher, möglich um die Landung der -Fremden zu überwachen. - -Der Steuermann hätte nun am Liebsten seine ganze Mannschaft mit an Land -genommen, denn es war ihm nachdem er erst einmal das Wrack gesehen, kein -angenehmes Gefühl, sein kleines Häufchen noch zu trennen. Aber er durfte -das Boot auch nicht ohne Wache zurücklassen. Wer wußte denn, was das -Gesindel indessen damit vorgenommen hätte. Drei Mann genügten indeß dazu -vollkommen und er mit dem Doktor wollten dann ihren Besuch bei dem -Könige machen, während der Jüngste von den Matrosen das braunlackirte -Blechkästchen tragen konnte, in welches Kapitän Oacutt die Geschenke für -Seine Majestät gethan. - -Der Schwarze, der zugleich als ihr Führer ausersehen schien, hatte indeß -ruhig neben ihnen gestanden und sie betrachtet, jetzt aber, als der -Steuermann ihn anrief, voran zu gehen und ihnen den Weg zu zeigen, sagte er -erstaunt: »Ja, Freund, wo hast Du denn die Geschenke für den König?« - -»Nun, in dem Kasten da!« erwiederte der Seemann. - -»Und das ist Alles?« rief kopfschüttelnd der Schwarze. »Unser König ist -groß und mächtig; er wird über das Wenige hinwegsehen.« - -»Er soll zu Gras gehen!« brummte der Steuermann leise vor sich hin, setzte -aber laut hinzu: »Und weißt Du denn, was da drinnen ist, Wollkopf?« - -»Nein,« antwortete dieser etwas verblüfft; »wie kann ich's wissen -- ich -habe ja nicht hineingesehen.« - -»Also vorwärts marsch, daß wir weiter kommen und das Mittagessen nicht -versäumen,« nickte ihm der Steuermann zu und ihr Führer schien jetzt -ebenfalls damit einverstanden. Wer wußte in der That, was für kostbare -Dinge der kleine Kasten enthielt -- der Weiße hatte recht. Erst mußte man -es sehen, ehe man urtheilen konnte. Er schritt langsam, von den Fremden -gefolgt, gerade auf den Schwarm von Mädchen und Frauen zu, die aber scheu -zur Seite wichen und Raum gaben, wodurch sie eine Art von lebendiger Gasse -bildete, und die Amerikaner sahen jetzt ein niederes aber breites Gebäude -vor sich, auf welches sie direkt zuhielten. - -War das wirklich das Palais, so wohnte Seine Majestät allerdings sehr -bescheiden, konnte aber deßhalb natürlich doch von jeder orientalischen -Pracht umgeben sein. Wie oft bargen in solchen wilden Ländern schlichte -Rindendächer die bedeutendsten Schätze, und wer es da verstand, machte -leicht bessere Geschäfte, als in den größten Städten und Hafenplätzen. -Vergebens suchten aber sowohl der Doktor wie Steuermann einen Ueberblick -über die Stadt selber zu gewinnen, denn die Wohnungen lagen nicht in -geraden Straßen, sondern unordentlich durcheinander und meist so in -Gebüschen und Fruchtbäumen versteckt, daß man nur hie und da einzelne -Häuser und Dachspitzen zwischen Bananenhainen und Palmenwipfeln -durch erkennen konnte. Es blieb ihnen überdieß keine lange Zeit, sich -umzuschauen, denn eben betrat ihr Führer die Schwelle des niederen Gebäudes -und winkte ihnen dabei zu folgen. Eine vorherige Anmeldung wurde also nicht -für nöthig befunden. - -Sie fanden jedoch bald, daß die Hütte mit ihrem ärmlichen Aeußern dem -Innern vollkommen entsprach. Sie war von Pfählen und Reisig gebaut, luftig -allerdings genug und dem heißen Klima zusagend und nur mit einem guten -dichten Dach bedeckt, schien aber sonst sehr dürftig ausgestattet und -enthielt nur einige Stücke europäischer Ausstaffirung, auf welche die -Seeleute Anfangs jedoch nicht achteten, weil eine merkwürdige Gruppe im -Mittelpunkt der Hütte ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm. - -Auf einem dort ausgebreiteten Löwenfell -- sonst aber auf der blanken -Erde -- lag nämlich ein großer, schwarzer, unförmlicher, aber lebendiger -Klumpen, dem selbst der Doktor nicht gleich eine bestimmte Form und Gestalt -geben konnte, während oben darauf ein kleiner, schlanker, kaffeebrauner -Bursche, die Arme in die Seite gestemmt, gymnastische Uebungen auszuführen -schien, denn er stieg und tanzte darauf herum, obgleich es eine -Geschicklichkeit zu erfordern schien, das Gleichgewicht dabei zu erhalten. - -Links in der Ecke balgte sich eine Anzahl von Kindern unter der Aufsicht -von zwei jungen Mädchen, ohne indessen von dieser Produktion weitere Notiz -zu nehmen, und der Doktor besonders gab sich die größte Mühe, nur erst -einmal herauszubekommen, was er da eigentlich vor sich habe und was es -bedeute. Aber es dauerte nicht lange, so begann er, trotz dem in der -Hütte herrschenden Dämmerlicht, doch einige Umrisse an dem Klumpen zu -unterscheiden, der sich bald als ein wirklich menschliches Wesen, wenn -auch in wunderlicher Verunstaltung, herausstellte. Da war in der That ein -dicker, wolliger Kopf, da war etwas, das wie Beine und Füße aussah, wenn -auch nur im kürzesten aber dicksten Maßstab -- alles Uebrige mußte aber -Körper oder Rücken sein, denn das merkwürdige Geschöpf lag, wie er jetzt -bemerkte, auf dem Bauch, und der kleine gelenke Bursche tanzte eine Art von -Menuet auf seinem Rückgrat. - -Erstaunt sahen sich der Steuermann und Doktor, während der Matrose mit -offenem Mund daneben stand, nach ihrem Führer um, dieser winkte ihnen aber -mit der ernsthaftesten Miene von der Welt zu, ruhig zu bleiben, und deutete -dabei ehrfurchtsvoll auf den schwarzen, nackten Fleischklumpen. -- War das -etwa der König? - -Der Dicke schien sich indessen unter der Operation sehr behaglich zu -fühlen; er stöhnte ein paar Mal vor Vergnügen und fing dann an, erst die -Arme und dann die kurzen Beine auszustrecken, wälzte sich auch bald ein -wenig nach der, bald nach jener Seite, so daß der kleine Bursche ungemein -aufpassen mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und herabgeworfen -zu werden. - -Endlich schien aber der Koloß befriedigt; er grunzte fast vor Wonne, und -nachdem er dem Kleinen etwas zugerufen, wornach ihn dieser noch ein paar -Mal kräftig in's Genick trat und dann absprang, richtete er sich plötzlich -in die Höhe, so daß er, den Fremden unmittelbar gegenüber, auf das Fell zu -sitzen kam. In diesem Augenblick mußte er auch zum ersten Mal den Besuch -bemerken, denn er sah sie einen Moment so verdutzt an, daß besonders der -Doktor ein herauswollendes Lachen kaum verbeißen konnte. -- Ob er sich -vielleicht genirte, bei seinem »Tretbad« von den weißen Männern beobachtet -worden zu sein? Das war wohl kaum der Fall, indeß gewann er seine Fassung -sehr bald wieder. Er winkte dem Knaben und rief ihm ein paar Worte zu, -wonach ihm dieser eine Art von Oberhemd aus rothem Kattun überwarf, was -seine Toilette beendete. Dann redete er den Dolmetsch an. - -Dieser machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, nahm ohne Weiteres dem -Matrosen das Blechkästchen ab und setzte es neben sein Oberhaupt nieder. -Dem Steuermann entging auch der ungnädige Blick nicht, den dieser darauf -warf, sich dann aber doch herabließ, es zu öffnen und hineinzuschauen. Der -Doktor behielt indessen Muße, ihn etwas näher zu betrachten, und mußte sich -gestehen, in seinem ganzen Leben noch kein ähnliches menschliches Wesen -gesehen zu haben. - -Der kleine dicke Bursche, wie er da vor ihm saß, konnte kaum mehr als vier -Fuß hoch sein und war dabei in der That lauter Bauch. Ja es sah ordentlich -aus, als ob der Kopf, ohne auch nur einen Zollbreit Hals zu gestatten, fest -und tief in den unförmlichen Körper hineingeschraubt worden wäre. Beine -und Arme zeigten sich dazu von ganz unmäßiger Dicke und an Gewicht mußte er -wenigstens drei Centner wiegen -- wenn nicht noch mehr. Frisirt schien -er an dem Morgen nicht zu sein, die Haare standen ihm in struppigen, fest -ineinander gerollten Wollbüscheln nach allen Seiten hinaus und aus -dem dicken, fettglänzenden Gesicht stierten ein paar kleine, wie -zusammengekniffene Augen eben nicht besonders freundlich bald die Fremden, -bald seinen Dolmetsch, bald den eben geöffneten Blechkasten an. Sein Inhalt -beschäftigte ihn aber doch vor der Hand am Meisten, und er schien das -Gebrachte auch nicht etwa als ein Geschenk, sondern vollkommen als Tribut -zu betrachten, für den er sich natürlich nicht zu bedanken brauchte. - -Der dicke Bursche mußte übrigens schon öfters mit weißen Fremden verkehrt -haben, denn der Steuermann, der sich jetzt etwas näher in dem Gemach -umsah, bemerkte eine Menge von Dingen, die ihm nur Europäer oder Amerikaner -gebracht haben konnten. Dort drüben war an der Reisigwand ein Spiegel in -Goldrahmen aufgestellt, der genau so aussah, als ob er früher einmal in der -Kajüte eines Fahrzeugs gehangen; in der einen Ecke lagen Sophapolster, mit -dem Ueberzug aber schon lange heruntergefault; dann standen in der Ecke -mehrere Musketen mit Bajonneten und daneben einige Schiffscutlasse, während -ein sauber gearbeitetes Mahagonischränkchen mit Perlmutterschloß ebensogut -früher in eine Kajüte gehört haben konnte, denn Messingbügel waren jetzt -noch daran zu erkennen. - -Der Dicke indessen, der das geöffnete Kästchen eine Weile halb neugierig, -halb mißtrauisch betrachtet hatte, griff jetzt hinein und zuerst nach -einer oben aufliegenden langen Tafel Kautabak, an der er roch und sie -dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte. Die Kinder, die gesehen -hatten, daß es dort irgend etwas Neues gab, kamen jetzt herbeigelaufen. Sie -waren sämmtlich in dem Alter von etwa fünf bis neun Jahren und gingen, wie -das bei solchen Stämmen gewöhnlich der Fall ist, »bis an den Hals barfuß«. -Auch ihre Wärterinnen, die ihnen schon folgen mußten, kamen näher; sie -waren ebenfalls neugierig geworden. - -Unter dem Tabak fand Seine Majestät jetzt eine große, dicke, aber unechte -Uhrkette, auf welche sich der Kapitän, als er sie in den Kasten legte, -nicht wenig zu Gute gethan. Der König griff auch rasch danach, hatte sie -aber kaum in die Hand genommen, als er sie schon mißtrauisch betrachtete, -dann -- wie den Tabak vorher -- an die Nase hob und scharf und lange daran -roch. Die Untersuchung mochte aber nicht zu ihren Gunsten ausgefallen sein, -denn er schüttelte mit dem Kopf und warf sie dann -- ohne sie weiter eines -Blickes zu würdigen -- verächtlich unter die Kinder, die jubelnd darüber -herfielen. - -Das abgemacht, griff er zwischen die andern Dinge hinein, schien aber -nicht viel Tröstliches herauszufischen: ein paar bunte, aber baumwollene -Taschentücher -- ein paar Schnüre Glaskorallen -- einen kleinen Spiegel im -Futteral -- eine Scheere, und müde des nutzlosen Suchens drehte er endlich -in etwas summarischer Weise den Kasten um, schüttete den ganzen Inhalt -auf die Decke und wühlte in den Dingen, die Kapitän Oacutt als Kostbarkeit -eingepackt, geringschätzig mit dem rechten Fuß herum. Es zeigte sich auch -in der That nichts darunter, was er hätte gebrauchen können oder mögen; -nur eine kurze Tabakspfeife nahm er noch für sich und schob dann den ganzen -Plunder mit seinem dicken Bein den Kindern zu. - -Von der Gelegenheit suchte auch eine der »Bonnen« Nutzen zu ziehen und -griff nach einer Schnur hellblauer Glasperlen, aber ihr Herr und Gebieter -war -- unglücklicherweise für sie -- nicht in der Laune, irgend eine -Vertraulichkeit zu gestatten. Er schlug mit der rechten Hand aus und traf -das arme Mädchen so derb gegen den Nacken, daß sie wie betäubt zur Seite -taumelte und dann leise wimmernd aus dem Wege kroch. Der kleine Tyrann nahm -aber keine Notiz von ihr -- er war ärgerlich geworden. Sollten das etwa -Geschenke für einen König sein, wie sie ein fremdes Schiff ihm als Tribut -bringen mußte? Wollten die Weißen ihn verhöhnen? Und zornig wandte er sich -an den Dolmetscher, der achselzuckend und gebückt, als ob er die Stellung -schon einmal von einer deutschen Hofschranze abgesehen, ihm gegenüberstand -und die Vorwürfe geduldig und demüthig mit anhörte. Kaum aber hatte der -König geendet, als er sich auch, jetzt selber zornig und seinen Monarchen -repräsentirend, an die Fremden wandte und all' die Vorwürfe mit fast -schreiender Stimme wiederholte, die er eben mit angehört. Der Sinn der -Rede war etwa folgender: »Aus welchem Lande kommt ihr, daß ihr glaubt, ihr -dürftet dem Fürsten eines Volkes Kinderspielzeug zum Geschenk bringen? Geht -fort und kehrt nicht eher zurück, bis ihr mit einer würdigen Gabe nahen -könnt.« - -»Alle Wetter!« rief der Steuermann überrascht aus, »wie mir scheint, müßt -ihr selber hier sehr reich sein, wenn ihr das, was in unserem Lande als -Kostbarkeit gilt, so verächtlich bei Seite werft. Wir geben, was wir haben, -und es ist möglich, daß wir Sachen an Bord finden, die Deinem König noch -besser gefallen, aber dann müssen wir auch vorher wissen, was ihr uns zum -Handel bieten könnt und ob es der Mühe lohnt, mit euch zu verkehren.« - -Der Dolmetsch übersetzte, was ihm der kecke Fremde gesagt, und die Antwort -des Königs lautete, daß sie Sklaven zum Tausch hätten -- Sklaven genug, um -sein ganzes Schiff zu beladen. Brooks, der Steuermann, schüttelte aber mit -dem Kopf und erwiederte: sie wären keine Sklavenhändler, die nur an die -Küsten fremder Länder kämen, um Menschen zu stehlen. Sie wollten Waaren --- Produkte des Landes haben -- Elfenbein, Straußenfedern, Gummi, Goldsand -oder was da wäre, und die Geschenke für den König sollten dann dem -entsprechend ausfallen. - -Dieser erhielt das Gesagte wieder übersetzt und bedachte sich einen -Augenblick -- er überlegte wahrscheinlich, ob er durch eine Antwort darauf -seiner Würde nichts vergebe. Endlich nickte er leise vor sich hin und rief -ein paar rauhe Worte, wonach dann der Dolmetsch den Fremden nur winkte, ihm -zu folgen. - -Der Doktor, der nicht gern eine Höflichkeitsform versäumen wollte, zupfte -den Steuermann und flüsterte ihm zu, ob sie sich nicht vorher bei Seiner -Majestät verabschieden müßten. Der Dicke schien aber gar keine weitere -Notiz von ihnen zu nehmen, sondern drehte ihnen höchst ungenirt den breiten -Rücken zu, wonach die Fremden es dann auch nicht weiter für nöthig hielten, -irgend eine sonst vielleicht verlangte Ceremonie zu beachten. - - - - -Drittes Kapitel. - -Die Schatzkammer. - - -Ihr Führer schritt mit ihnen direkt wieder zum Strand zurück und der -Richtung zu, in welcher ihr Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die -Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, -vielleicht etwas Näheres darüber zu erfahren, und als sie wieder den -freien Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse des gestrandeten -Fahrzeugs eben erkennen konnte, sagte er, anscheinend leichthin: »Was ich -gleich sagen wollte, Freund! Was war das eigentlich für ein Fahrzeug, das -da drüben in den Büschen so fest vor Anker liegt?« - -»Welches?« sagte der Schwarze, als ob es zehn verschiedene gegeben hätte. - -»Welches? Das da drüben -- das große Fahrzeug der Weißen, das an Eurer -Küste liegt.« - -»O das,« meinte der Dolmetsch gleichgültig; »altes Schiff, liegt schon viel -lang drüben -- weiß es nicht.« - -Der Steuermann hätte nun darauf schwören wollen, daß das verunglückte -Fahrzeug noch gar nicht etwa so lange da drüben liegen _konnte_, denn die -Malerei daran sah viel zu frisch dafür aus, und von Verwitterung war keine -Spur zu erkennen. Aber er merkte auch wohl, daß der Bursche nichts gestehen -wollte oder durfte, und mochte selber nicht gleich Neugierde verrathen, -um keinen Verdacht zu erwecken. Traten sie erst mit dem Volk hier in einen -näheren Verkehr, so fand sich auch wohl einmal eine Gelegenheit, um das -Wrack zu besuchen, wenigstens dicht hinan zu laufen, und dann getraute -sich der Seemann auch schon nähere Daten darüber selber herauszufinden. Bis -dahin war es weit gerathener, vorsichtig zu Werk zu gehen. - -Ihr Führer schritt indessen nicht direkt auf ihr Boot zu, das sie schon von -Weitem erkennen konnten, sondern bog etwas mehr rechts ab, und zwar einem -wunderlich gestalteten, hohen und spitzen Hause zu, das sich nur dadurch -von den übrigen Wohnungen unterschied, daß es fest verschlossen schien und -keine offene Thüre zeigte. - -Der Doktor war einige Schritte dicht an der Umzäunung desselben hingegangen -und näherte sich jetzt einem eigenthümlichen, fest überdeckten Vorbau, als -er plötzlich erschreckt zur Seite fuhr, denn fast unmittelbar neben ihm -stieß ein Löwe sein heiseres Gebrüll aus. - -Die Eingebornen lachten und auch der Steuermann amüsirte sich über den -Satz, den der Doktor machte; übrigens war er selbst zusammengefahren, -denn hier, mitten im Dorf, hatte er keine solche Bestie erwartet, die da -jedenfalls hinter dem Palissadenwerk gefangen gehalten wurde. Sie waren -jetzt auch gerade über ihrem Boot angekommen, das etwa hundert Schritt von -ihnen entfernt unten am Strand lag, als ihr Führer vor diesem Löwenzwinger -stehen blieb und dort hineindeutend sagte: »Ihr glaubt nicht, Fremde, -daß unser König Waaren hat, um mit euch zu handeln. Seht, was da drinnen -aufgeschichtet liegt. Ihr wäret nicht im Stande, auch nur die Hälfte davon -zu kaufen.« - -»Hoho, mein Bursche!« sagte der Doktor, der sich eigentlich schämte, vorhin -eine plötzliche Schwäche gezeigt zu haben, aber das Gebrüll war auch zu -unerwartet und aus zu unmittelbarer Nähe gekommen: »und was hättet Ihr da?« - -»Jedenfalls Sachen, die werthvoller sind als Eure Geschenke,« grinste der -Schwarze. »Seht nur hindurch.« - -Die Fremden trauten nicht recht; hinter dem Gitter schritt der Löwe umher, -und der Doktor bemerkte jetzt auch dicht daneben eine wohl starke, -aber doch nur hölzerne Thür, die allein von zwei breiten Holzriegeln -verschlossen gehalten wurde und in den Zwinger führte. Aber was konnte -ihnen geschehen? und wenn er auch nicht recht begriff, welche Kostbarkeiten -der Löwenkäfig enthalten könne, trat er doch mit dem Steuermann dicht an -die Palissaden und sah hindurch. - -»Alle Teufel!« rief da der Seemann plötzlich; »Doktor, was meint Ihr -- da -drin läge Fracht für uns.« - -»Elfenbein!« sagte dieser, aber wirklich überrascht von der Masse, die -er da drinnen aufgeschichtet sah. »=Bless my soul=, die scheinen ja -sämmtlichen Elephanten die Zähne ausgerissen zu haben. Junge, Junge, wo -habt Ihr all' das Elfenbein her?« - -»Nun?« sagte der Schwarze, augenscheinlich von dem Erstaunen der Fremden -befriedigt; »hat der König zu viel gesagt?« - -Da drinnen lag in der That ein unschätzbarer Reichthum von werthvollen und -zum Theil außerordentlich großen Elephantenzähnen aufgeschichtet, und der -Löwe schien dabei als trefflicher Wächter zu dienen. Entsetzt rief aber -der Doktor aus, als er den Blick jetzt in dem inneren Raum umher schweifen -ließ: »Heiliger Gott, was ist das? füttert Ihr denn hier die Bestie mit -Menschenfleisch? Sehen Sie um des Himmels willen die Schädel und Knochen, -Brooks, die da drin umhergestreut liegen.« - -»Das ist nichts,« sagte der Eingeborne gleichgültig, »nur Sklaven oder -Kriegsgefangene, wenn sie krank oder schwer verwundet sind. Ja Zambiri ist -ein großer König und gerade jetzt jagen unsere Truppen einen feindlichen -Stamm. Wenn Ihr ein paar Tage hier bleibt, könnt Ihr sie mit Beute beladen -zurückkehren sehen.« - -»Und das Elfenbein gehört Alles dem König?« - -»Alles, und noch weit mehr, viele große Büffelhörner voll Perlen, -Schildpatt, Gold. Zambiri ist sehr reich, es ist ein großer König.« - -»Und verkauft er die Zähne?« - -»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, »aber es kommt darauf an, was Du ihm bieten -kannst. Viel mußt Du ihm bringen, und vor allen Dingen Geschenke für ihn, -sonst macht Ihr ihn nur böse, und dann ist er furchtbar, wie ein Löwe -selber.« - -»Die kleine schwarze Bestie,« brummte der Doktor leise vor sich hin, -bemerkte aber auch in demselben Augenblick den nämlichen kleinen schwarzen -Burschen, der vorher auf dem Rücken des Königs herumgestiegen war, und -der nun in einiger Entfernung hinter dem Dolmetsch stand und ihm -geheimnißvolle, aber scheue Zeichen machte. Sollte das eine Warnung sein, -und drohte ihnen Verrath? Fast unwillkürlich griff er mit der Hand nach -dem unter dem Rock versteckten Revolver, der Kleine aber, als ob er die -Bewegung verstanden hätte, schüttelte mit dem Kopf und deutete auf seinen -Mund. Wollte er ihm etwas sagen? Jedenfalls mußte er in seine Nähe zu -kommen suchen, aber der Dolmetsch war ihm dabei im Weg. - -»Schafft mir den schwarzen Kerl einen Moment bei Seite, Steuermann,« -flüsterte er diesem rasch zu, »geht mit ihm zum Boote, ich folge.« - -Der Steuermann sah ihn erstaunt an und begriff nicht, was er wolle, der -Doktor mußte aber jedenfalls seinen Grund dafür haben, und sich an den -Dolmetsch wendend, sagte er: »Unter den Umständen wird es am Besten sein, -gleich an Bord zurückzufahren und das Werthvollste herauszusuchen, was -wir haben, damit wir Deinen König zufrieden stellen. Wir sind als Freunde -hierhergekommen, und ich hoffe, wir sollen als Freunde mit einander -verkehren. Aber da unten sehe ich Früchte, könnten wir wohl einige davon -mit an Bord nehmen? Wir haben eine lange Fahrt gehabt, und nichts Grünes -unterwegs gefunden,« und dabei schritt er, von dem Matrosen dicht gefolgt, -zum Boot hinunter. - -»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, der sich an seiner Seite hielt. Der Doktor -blieb dabei ein paar Schritte zurück, als der Junge dicht an ihn hinanglitt -und zugleich im reinsten Englisch flüsterte: »Rettet uns -- gefangen -- vom -Schiff...« In demselben Moment aber auch und gerade als sich der Dolmetsch -nach ihm umdrehte, sprang er nach vorn, auf diesen zu und sagte irgend -etwas in seiner Sprache. - -Der Schwarzbraune blickte ihn zornig an, und sah bald auf ihn, bald auf den -Doktor, da dieser aber mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein -paar hier auf dem Sand liegende Muscheln aufhob und aufmerksam betrachtete, -schien sein plötzlich gefaßtes Mißtrauen zu schwinden. - -»Ich muß zum König,« sagte er zum Steuermann, »wartet für einen Augenblick, -ich werde Euch Früchte schicken; gebt den Leuten Taback dafür -- aber -keinen Branntwein -- er ist streng verboten und nur der König darf ihn -trinken,« und damit, die Weißen sich selber überlassend, rief er dem -Knaben einige Worte zu und eilte, diesen am Arm fassend, mit ihm zu seines -Oberhauptes Wohnung zurück. - -Wie gerne hätte der Doktor noch Weiteres von dem jungen Burschen gehört, -aber er sah auch ein, daß das nicht möglich sei, ohne augenblicklich -Verdacht zu erregen und jede Aussicht auf Erfolg abzuschneiden. Dem -Steuermann theilte er aber jetzt mit, was ihm der Junge zugeflüstert, und -dieser rief, seine rechte Faust in die linke flache Hand schlagend: »Ob ich -es mir denn nicht gedacht habe? Mit dem Wrack da ist faul Spiel gewesen, -und uns wollen sie jetzt bloß kirre machen, um uns nachher ebenso zu -bedienen.« - -»Und die Elephantenzähne sind auch nicht alle aus dem Land gekommen, Sir,« -sagte der junge Matrose, der daneben stand. »Zwei davon, das hab' -ich deutlich durch das Gitter gesehen, waren mit Schiemanns-Garn -zusammengebunden, und Schiemanns-Garn haben sie nur an Bord von Schiffen.« - -»Gar nicht unmöglich,« nickte der Seemann, »das Fahrzeug kann schon recht -gut an der Küste gekreuzt und Elephantenzähne eingehandelt haben, und -das hat dieser schwarze Heide jetzt Alles in seinem Waarenlager -aufgeschichtet.« - -»Aber was nun?« - -»Dort kommen die Früchte,« sagte der Steuermann, »die wollen wir erst -einnehmen, und dann so rasch als möglich an Bord zurück, um dem Kapitän -Bericht abzustatten. Hol's der Teufel, wir müssen doch wenigstens einen -Versuch machen, vielleicht sogar unsere Landsleute zu retten, und geht -das nicht, ei dann laufen wir nach dem Kap hinunter und schicken ein -Kriegsschiff her, denn ungestraft sollen sie sich beim Himmel nicht an -einem Fahrzeug der Weißen vergriffen haben.« - -Das Gespräch war hier abgebrochen, denn allerdings kamen jetzt Eingeborne -mit Früchten heran, erst einzeln und dann immer mehr. Der Steuermann hielt -sich aber nicht lange auf, hatte auch nicht genug Waaren bei sich, um mit -ihnen einen großen Tauschhandel zu eröffnen. Nur den Ersten nahm er, was -sie brachten, ab, und gab ihnen Tabak dafür, dann sprangen die Männer -wieder in ihr Boot und ruderten, so scharf sie konnten, in See hinaus, um -den ihnen schon wieder entgegenkommenden Schooner zu erreichen. - -Kapitän Oacutt war übrigens, als sie an Bord zurückkehrten, mit dem -Resultat ihrer Fahrt nicht besonders zufrieden. Er hörte wohl den Bericht -mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schüttelte aber dabei bedenklich -mit dem Kopf und meinte endlich: Das mit dem Elfenbeinvorrath klänge -allerdings sehr gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast, als -ob er, wenn er unter diesen Verhältnissen auf einen Handel einginge, am -Ende gar noch Schiff und Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem -eigenen Leben bezahlen könne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen, die von -dem Doktor kräftig unterstützt wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er -durfte die Küste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne nicht -wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, Näheres über das verunglückte -Fahrzeug zu hören, und da sie jetzt durch den Knaben die Gewißheit hatten, -daß wenigstens Einer an Land sei, der darüber zu erzählen wisse, so blieb -ihnen nichts übrig, als dem weiter nachzuforschen. - -Der Kapitän mußte ihnen darin beistimmen, und sehr verlockend wirkte dabei -auch die Schilderung des Haufens von Elephantenzähnen, die aber auf so -entschiedene Weise von einem der wildesten Ureinwohner, dem Löwen, bewacht -wurden. Jedenfalls hatte der Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten -wenig durch eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die Geschenke -und Proben für den Handel mitzunehmen brauchten. Es käme vor allen Dingen -darauf an, jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts, etwas -freundlich für sie zu stimmen und selber gierig auf eine Handelsverbindung -zu machen, nachher wäre es ein Leichtes, mehr über die Verhältnisse dort zu -erfahren. Günstigeren Zeitpunkt durften sie außerdem nicht hoffen, dafür -zu finden, als gerade jetzt, da sich, wie sie ja am Ufer gehört, der größte -Theil der bewaffneten Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang im Inneren -befand. Die Gefahr eines Ueberfalls begann erst, wenn die zurückkehrte, und -je eher sie deßhalb hier an's Werk gingen, desto besser. - -Einem Kapitän ist immer die Sicherheit seines eigenen Fahrzeugs das -Höchste, und muß es sein, denn nicht allein das Eigenthum seiner Rheder, -sondern auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem Spiel, aber -Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem Schicksal eines verunglückten -Fahrzeugs nachzuforschen, wirkte hier gleich stark, und er sträubte sich -nicht länger, sein Boot zum zweiten Mal hinüber zu senden. Nur die Wahl der -Geschenke hatte noch einige Schwierigkeit, da er gern so wenig als möglich -opfern wollte, während der Doktor wie auch der Steuermann darauf bestanden, -daß man sich dießmal, nach dem ersten verunglückten Versuch, ganz besonders -splendid benehmen müsse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen durch, und -ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich werthvollen Dingen, -seidenen Kleidern und Schärpen, wollenen bunten Stoffen, vergoldeten -Uniformtroddeln, reich verzierten Messern, hübsch aussehenden Glaskorallen -und anderen derartigen Dingen fast gefüllt. Außerdem sollte auch noch eine -Probe der Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein oder -andere werthvolle Produkte einzutauschen gedachte, auch Brod und guten -Branntwein mußten sie mitnehmen, den Letzteren nur für den König selber; -und also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz jenes -schwarzen Fleischklumpens für sich zu gewinnen. - -Heute war es natürlich mit all' diesen Berathungen und dem Auswählen zu -spät geworden, um noch einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der -Nacht mochten sie sich auch drüben nicht überraschen lassen, und der -Kapitän hielt deßhalb mit seinem Schooner weiter von der Küste ab. -Allerdings mochten die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen, glauben, -die Weißen hätten auf den Handel mit ihnen verzichtet, und wären wieder -abgefahren, aber das schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher -darauf, und das konnte das Geschäft für morgen nur erleichtern. - -Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft die Nachricht -verbreitet, daß die »Niggers« am Ufer weiße Männer in der Gefangenschaft -hielten, und die Wuth darüber war grenzenlos. Noch an demselben Abend kam -eine Deputation zum Kapitän, die ihn bat, er möchte mit dem Schooner an -Land fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschießen. Alle meldeten -sich als Freiwillige zum »Entern« und schienen besonders, der Beschreibung -ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethüm zu verlangen, das -Sklavenhandel treibe und seine eigenen Unterthanen dem Löwen vorwerfe. -Oacutt aber, so sehr er sich über die gute Stimmung der Leute freute, -stellte ihnen vor, daß sie erstlich noch nicht einmal genau wüßten, ob -wirkliche Weiße dort gefangen gehalten würden, dann aber auch durch einen -Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen, aber nie im Leben -wirklich Gefangene befreien könnten. Er versprach ihnen indeß, morgen früh -sechs von ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu sehen, was -sich machen ließe, und daß er sich dann auf sie verlasse, sie würden im -Nothfall ihre Schuldigkeit thun, verstand sich von selbst. - - - - -Viertes Kapitel. - -Der zweite Besuch. - - -Am nächsten Morgen mit erstem Tagesgrauen war die Sarah Miles schon wieder -fast auf der nämlichen Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen, und -hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen. Das brauchte auch -nur in See gelassen zu werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafür -bestimmte Mannschaft stand gerüstet an Deck und schien selber die Zeit kaum -erwarten zu können, wo sie da drüben ihre Thätigkeit beginnen möchte. Rasch -wurde auch dem Befehl: »=a shore!=« Folge geleistet; mit lautem Hurrah -hißten sie das kleine Segel, und fort ging es, der Mündung der Bai -entgegen. Kapitän Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal gegen -die Eingebornen gefaßten Verdacht nicht wieder, so wie gestern, aus -Sicht lassen. Daß sie in der Bucht tief Wasser hatten, wußte er schon vom -Steuermann, und langsam folgte er deßhalb seinem Boot, um dort entweder zu -kreuzen, oder wenn es sicher befunden wurde, auch vor Anker zu gehen. - -Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung entgegen und wunderte sich -nur, daß sie heute gar keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafür -eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied mit dem Fernrohr -eine Menge Frauen und Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten? -Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und der Seemann hielt -deßhalb die Gelegenheit für passend, um jetzt so dicht als möglich an das -Wrack hinan zu laufen und es ein wenig näher zu untersuchen. Das ging auch -leichter, als er selbst geglaubt, denn während sie sich am linken Ufer -hielten, wurden sie durch die vorhängenden Büsche desselben verdeckt, ja -das Wrack selber stand ein Stück in die Bai hinaus. Der Steuermann ließ -auch sein Boot dort anlaufen und kletterte rasch an Deck; aber da war -freilich nichts weiter zu sehen, als daß es eine nicht sehr große Brigg -gewesen, die jedoch rein ausgeplündert worden, wie sich das in dieser -Nachbarschaft auch von selbst verstand. Sogar das Skylight hatten sie -abgehoben und weggeführt, und die Kajüte war natürlich blank und leer. Aber -auch keine Spur eines Namens fand sich, denn ebenso wie das Namensbrett -am Stern herausgebrochen worden, so fehlten auch die beiden Bretter an der -Gallion, auf welchen früher wahrscheinlich ebenfalls der Name gestanden, -und da am Bugspriet kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag, -ließ sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die ganze Eintheilung und -Bauart des Fahrzeugs war jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei, -und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung gerade nicht freundlicher -gegen die Schwarzen gestimmt. - -Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten, es half ihm auch -nichts, denn an den Hölzern ließ sich nichts weiter erkennen, und sie -hätten das schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mißtrauisch gemacht. -Rasch deßhalb wieder in das Boot hinabsteigend, stieß er ab, und während -er den Leuten unterwegs erzählte, was er oben gefunden, und für welchen -Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie am Ufer hinauf, dem -Landungsplatz entgegen. - -Daß indessen dort etwas vorgegangen sein mußte, ließ sich nicht verkennen, -und je näher sie kamen, desto deutlicher hörten sie das Weh- und -Klagegeheul von Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begräbniß, bei welchem -die Frauen ja gewöhnlich ihre Trauer laut und oft herzzerreißend kund -geben, und sie kamen dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie -beizuwohnen. Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete, fiel es dabei auf, -daß er so viele Bewaffnete bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen -Lanzen überall am Ufer herumstanden und den Platz besonders einzuschließen -schienen, in dem die Elephantenzähne lagen. Hatten sie etwa Besorgniß, -daß die Weißen einen Angriff darauf machen könnten, oder bedeutete es -Schlimmeres? - -Der Steuermann schien etwas Aehnliches zu befürchten, denn er gab Befehl, -das Segel einzunehmen und zu den Rudern zu greifen. Sie blieben dadurch -weit besser Herr ihrer Bewegungen und konnten, wenn es sein mußte, gleich -zurück, oder wenigstens in freies Wasser halten. Mit ihren Feuerwaffen -wehrten sie dann schon leicht jeden etwaigen Angriff ab. Sonderbarerweise -bekümmerten sich aber die Leute am Ufer fast gar nicht um sie, nur ein -Platz wurde freigehalten, wo sie landen konnten, und zwar durch Bewaffnete, -und die Seeleute sahen jetzt, daß sich Alles um das Gitter oder die -Verpallisadirung drängte, um dort hineinzuschauen. - -In diesem Augenblick erschien der Dolmetsch an der Landung, und es kam -dem Steuermann fast so vor, als ob er über den so frühen Besuch der Weißen -etwas verlegen sei -- sie waren keinenfalls schon erwartet worden -- -und was bedeutete das Klagen und Jammern der Weiber? Der Doktor mußte -jedenfalls wissen, was da vorgegangen wäre, und frug den Burschen direkt -deßhalb. Dieser aber sagte ausweichend: »O nichts -- schlechte Menschen -giebt es immer -- Diebe -- bei den Schwarzen, wie bei den Weißen -- aber -Zambiri ist ein großer und strenger König.« - -»Alle Teufel!« rief der Steuermann erschreckt aus, »sie haben doch nicht -etwa wieder dem Löwen einen Menschen hineingeworfen?« - -»Bloß einen Dieb,« versicherte der Dolmetsch, »hatte dem König Taback -stehlen wollen, verdammter Sklave. -- Aber da kommt Zambiri -- er hat Euch -gesehen -- bringt nur an Land, was Ihr mitgebracht habt, damit er nicht -ungeduldig wird.« - -Zambiri schien in der That dem entsetzlichen Schauspiel als eine Art -von Morgenvergnügen beigewohnt zu haben. In seinen rothbaumwollenen -Königsmantel gekleidet, noch schmutziger und wilder als gestern aussehend, -und den Knaben wieder an seiner Seite, der ihm einen großen schweren Speer -tragen mußte, kam er eine Leiter heruntergestiegen, die, wie der Doktor -jetzt erst bemerkte, oben zu einer Art von Balkon führte. Auf dem hohen -Land aber blieb er stehen, er ging nicht bis an das Boot hinunter und -verlangte, daß die Weißen zu ihm hinauf kommen sollten. - -Der Steuermann hatte keine rechte Lust dazu, er traute dem schwarzen -Fleischklumpen nicht über den Weg. - -»Wozu habt Ihr alle die Leute mit den Lanzen da stehen?« frug er mürrisch -den Dolmetsch, »wir sind friedliche Händler und wollen keinen Krieg mit -Euch. Wir sind auch nur Wenige und Ihr Hunderte.« - -»Wenn Du Dich fürchtest, weßhalb bist Du zu uns gekommen?« sagte der -Schwarze finster, »wir sind auch Freunde der Weißen und wollen Euch keinen -Schaden thun.« - -»Und wo kommt das Schiff her, dessen Rumpf da draußen liegt?« sagte der -Doktor. - -»Was geht Dich das Schiff an?« brummte der Dolmetsch; »Zambiri wartet. Wenn -ich Euch rathen soll, macht ihn nicht ärgerlich.« - -»Hol's der Henker, Mate,« sagte der Doktor, »wir sind einmal dazu -hergekommen, und müssen die Sache nun auch ausbaden. Furcht sollen uns die -schwarzen -- Gentlemen doch wenigstens nicht vorwerfen. Laßt den Koffer -hinaufschaffen und Seiner Wohlbeleibtheit die Sachen vorlegen; ich denke, -dann wird er schon freundlich werden. Hier unten können wir doch nicht -liegen bleiben.« - -»Meinetwegen,« sagte der Seemann, »aber,« setzte er leise hinzu, »seid -auf der Hut, und bei dem geringsten Zeichen von Verrath nur so rasch als -möglich zum Boot hinunter. Dort wollen wir uns schon freie Bahn halten.« - -»Und wo habt Ihr die Sachen?« - -»Laßt ein paar von Euren Leuten anfassen und sie hinauftragen.« - -»Und können das nicht Eure Leute thun?« frug der Dolmetsch. - -»Ich will Dir was sagen, mein Bursche,« rief aber nun der Steuermann, jetzt -ebenfalls ärgerlich werdend, »die bleiben als Wache im Boot, und wenn Ihr -Eure jungen Leute nur dazu braucht, um wilde Bestien damit zu füttern, so -laßt sie meinethalben oben. Das ist das Kurze und Lange von der Sache.« - -Der Dolmetsch stand einen Moment unschlüssig, aber Zambiri brüllte ihm -etwas in seiner Sprache zu, und er gab jetzt rasch ein paar Burschen -den Befehl die mitgebrachten Sachen aus dem Boot zu nehmen und zum König -hinaufzubringen. Das geschah auch ungesäumt, denn mit dem regierenden Herrn -schien heute nicht zu spaßen; er hatte seinen bösen Tag, und es war besser, -ihm rasch zu Willen zu sein. Mit den Geschenken durften aber auch die -Weißen darauf rechnen, eine freundliche Aufnahme zu finden, und Steuermann -wie Doktor schritten jetzt langsam neben dem ziemlich schweren Koffer her, -um den Inhalt desselben dem Oberhaupt des Stammes vorzulegen. - -Merkwürdig sah der Mensch aus, als er dort aufrecht vor ihnen stand, und -der Doktor gestand sich, etwas Scheußlicheres und Unförmlicheres nie im -Leben gesehen zu haben. Er war selber nicht übermäßig groß, aber wenn er -den Arm ausstreckte, konnte der Wilde recht gut darunter durchgehen, ohne -anzustoßen, und Beine sah man dabei fast gar nicht an dem Fleischklumpen, -während der eine ausgestreckte Arm, der die Lanze hielt und sich daran -stützte, reichlich so dick und fleischig schien, wie ein starkes Bein. - -Der Ausdruck seines dicken, geschwollenen Gesichts verrieth auch keinen -freundlichen Gedanken und seine Augen flogen mürrisch und trotzig zugleich -über die Weißen und schweiften dann von ihnen nach dem Schooner hinüber, -der jetzt deutlich unten an der Mündung der Bucht erkennbar war. Da der -Steuermann aber keine Zeit verlor und den Koffer rasch öffnete, heiterte -sich seine Miene doch etwas auf, denn er mußte wohl sehen, daß ihm die -Fremden heute würdigere Geschenke gebracht, als gestern. - -Er ließ eine Decke auf die Erde breiten und die Gegenstände darauf legen, -und fegte dabei eigenhändig den Platz mit seiner Lanze frei, daß ihm sein -eigenes Volk nicht zu nahe rückte. Er traute ihnen wahrscheinlich nicht, -und doch mochte sie wohl nur die Neugierde heranpressen, denn die Strafe -folgte hier, wie sie eben gesehen, dem Vergehen auf dem Fuße. Zu gleicher -Zeit unterhielt sich Zambiri fortwährend mit dem Dolmetsch in seiner -eigenen Sprache, oft selbst mit unterdrückter Stimme, und dieser ging dann -langsam zu dem Boot hinab, wobei er angelegentlich mit Einigen der Leute -sprach. - -Dem Doktor gefiel das nicht, und er behielt den Burschen, so viel das -irgend anging, im Auge, konnte aber weiter nichts Auffälliges oder -Verdächtiges erkennen; ja die Zahl der Bewaffneten in ihrer Nähe schien -sich sogar zu verringern, und er bemerkte, wie kleine Trupps von ihnen -langsam am Ufer hinabschritten und sich dann in den Büschen verloren. Nur -ein Theil der Mädchen und Frauen waren noch bei ihnen geblieben, während -das Wehgeheul der Anderen jetzt aus dem Dickicht von Fruchtbäumen -heraustönte, das den Platz umschloß, und wo wahrscheinlich ihre Wohnungen -lagen. - -Im Ganzen mochten vielleicht vierzig »Krieger« zurückgeblieben sein, die -hinter und um den König in einzelnen Gruppen standen, und jedenfalls seine -Beiwache bildeten. - -Der Dolmetsch kam jetzt zurück, und da der König auch wohl die -mitgebrachten Gaben zur Genüge gemustert hatte und befriedigt schien -- er -grunzte wenigstens ein paar Mal still vergnügt vor sich hin -- befahl -er zweien von seinen Leuten, den Koffer in sein Haus zu tragen, und es -begannen nun die Verhandlungen über ein etwaiges Geschäft, wobei der -Steuermann erklärte, daß sie einzelne Stücke der Dinge, welche sie gesonnen -wären, gegen Elfenbein oder andere Produkte auszutauschen, mitgebracht -hätten und dem Häuptling vorlegen könnten. - -»Aber wo sind sie?« frug dieser rasch. - -»Unten im Boot.« - -»Und weßhalb bringt Ihr sie nicht herauf?« - -Der Steuermann hatte wohl mit Recht vermuthet, daß der Schwarze Alles, was -ihm dort auf die Uferbank gebracht wurde, als Geschenk betrachten und mit -Beschlag belegen könne. Er bat deßhalb den Dolmetsch, Seine Majestät zu -veranlassen, mit ihm hinunter zum Boot zu gehen, aber der Dicke wollte -nicht. Zwei Boten waren schon abgeschickt gewesen, und kamen jetzt mit dem -Löwenfell herbei, das sie dort für ihn ausbreiteten, und worauf er sich -niederließ, und nun verlangte er, daß ihm die Sachen heraufgebracht und -vorgelegt würden, dann wolle er bestimmen, was er dafür geben könne. - -Dem Steuermann schien das unbequem, denn alles weiter Mitgebrachte lag -lose, oder nur in Stücken Segeltuch eingeschlagen in ihrem Boot, und -schickte er Schwarze hinunter, um es herauf zu holen, so war er vor ihren -diebischen Händen nicht sicher. Wo sie irgend etwas bei Seite schaffen -konnten, thaten sie es gewiß und an wen sollte er sich nachher halten, wie -die Thäter herausfinden? Das Beste war immer -- denn daß der Dicke jetzt -nicht von dieser Stelle zu bringen war, sah er ein -- zwei von seinen -eigenen Leuten damit zu betrauen. Es blieben immer noch vier im Boot und -sie selber dann in zwei gleiche Trupps getheilt. Die Eingebornen zeigten -sich dabei so friedlich, daß an eine Gefahr wohl kaum zu denken war, ja es -schien fast, als ob der König die übrigen Soldaten nur weggeschickt habe, -um ihnen auch jede Befürchtung eines Verraths zu nehmen. Außerdem brauchten -sie nur wenige Schritte zum Boot hinab und die gerade ausgehende Ebbe -erleichterte ihnen die rasche Verbindung mit dem Schooner ebenfalls. - -Der Doktor übernahm es, die Leute herauf zu bringen, und der Dicke schien -indeß geduldig die Ankunft derselben zu erwarten. Brooks bemerkte nur, daß -die rechts von ihm stehenden Soldaten etwas bei Seite treten mußten, um -ihm die Aussicht nach dem unteren Theil der Bucht zu gestatten, wo der -Schooner, der bis dahin auf und abgekreuzt war, fest auf einem Punkt zu -liegen schien. Er mußte vor Anker gegangen sein, da die stark ausgehende -Ebbe und der beinahe eingeschlafene, hier wenigstens von dem höheren Land -gebrochene Wind ihm das Segeln wohl unmöglich machte. Der Dolmetsch sprach -indessen angelegentlich zu ihm, während Zambiri nach dem Boote sah. Wo -hatte jener Bursche auch nur sein Englisch gelernt? Doch sicher auf irgend -einem Schiff, dem er nachher davongelaufen, um hier wieder die Sitten und -ungezwungene Tracht seines Landes anzunehmen. Dem Steuermann gefiel sein -Gesicht auch nicht im Mindesten, und Bosheit wie Trotz lag zugleich darin, -während sich der ganze Ausdruck desselben, sobald er mit dem Dicken sprach, -in knechtische Unterwürfigkeit verwandelte. Aber es half nichts, sie -brauchten ihn eben, und mußten deßhalb mit ihm verkehren, denn der kleine -Bursche, jedenfalls ein Sklave des Königs, der den Doktor ebenfalls -englisch angeredet hatte, schien sich heute gar nicht an sie heran zu -getrauen und blieb nur immer scheu und furchtsam hinter seinem Herrn -sitzen, kannte doch der arme kleine Bursche den grausamen Charakter des -Mannes gut genug. - -Jetzt kehrte der Doktor mit den beiden Matrosen, die einen Theil der Waaren -trugen, zurück und der Steuermann breitete sie, während der Dolmetsch die -Unterhandlung leitete, vor dem König aus und pries ihm den Werth der Dinge. -Bei ihm war, mit der Voraussicht auf einen guten Handel, der Yankee wieder -zum Durchbruch gekommen, und er vergaß in dem Geschäft alles Andere. - -Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit, dem König -begreiflich zu machen, er habe nur Proben vor sich; er wollte die ganzen -Waaren vor sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu bestimmen, -und der Dolmetsch hatte nicht geringe Mühe, ihm zu erklären, daß die Sachen -an Land geschafft werden würden, ehe er sie zu bezahlen, oder den Werth -dafür herauszugeben habe. Er veranlaßte auch, daß ein Elephantenzahn aus -des Königs Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Maßstab zu dienen und -Brooks berechnete sich schon, nach dem was ihm der Dicke zugestand, daß -sie ungefähr 500 Prozent Nutzen an ihren Waaren haben würden. Der König -bewilligte, wie er nur erst einmal den Handel begriff, einen Zahn nach -dem anderen, und besonders für Taback stellte sich der Nutzen ganz enorm -heraus. - -Aber es zögerte sich auch furchtbar in die Länge, denn wenn Brooks glaubte, -sie wären fertig, so ließ Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn -anfangen, und wollte dann immer wieder etwas abhandeln. Dabei hatte er -sich jetzt so gesetzt, daß er das Fahrzeug draußen immer im Auge behielt, -während der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief, die Waaren zu -zeigen, der See den Rücken zu drehte. - -Neben diesem standen noch die beiden Matrosen als Wächter der -umhergestreuten Sachen. Der Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde, -da er persönlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte langsam nach -der Umzäunung hinauf, von woher zu Zeiten das dumpfe Brüllen des Löwen -herübertönte. Was war da heute Morgen vorgegangen? Er bekam vielleicht nie -im Leben wieder so passende Gelegenheit, um sich den Platz etwas näher zu -betrachten, denn von den Leuten achtete Niemand auf ihn, oder legte ihm das -Geringste in den Weg. Ein Schauder erfaßte ihn aber, als er den Platz, um -den herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz genommen, erreichte, -und durch die Spalten in den Palissaden die verstümmelten Ueberreste jenes -Unglücklichen entdeckte, den die Grausamkeit des wilden Ungethüms eines -erbärmlichen kleinen Diebstahls wegen zum Tod, zu einem solchen Tod -verurtheilt hatte. - -Dort drüben, dicht neben den Schätzen des Wütherichs, lag der zerstückelte -Leichnam, von dessen Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel -und Mitleiden abwandte, und der jetzt gesättigte Löwe ging mit langen, -majestätischen Schritten in der Umzäunung auf und ab, peitschte sich die -Flanken mit dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen Zunge. -Die Aasgeier aber warteten nur auf den Moment, wo sich der rastlose -König der Thiere zur Ruhe ausstrecken würde, um dann ebenfalls auf die -willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnäbel einzuhauen. - -Und wie scheinbar schwach war eigentlich der ganze Umbau, der das Raubthier -einschloß. Wenn es die riesigen Kräfte, die es besaß, genau gekannt hätte, -mußte es ja im Stande sein, diesen luftigen Kerker zu durchbrechen. Auch -sogar die Thür bestand nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch -Schnüre oder Streifen ungegerbter Büffelhaut allerdings fest verbunden -hatte. Den ganzen Verschluß bildeten jedoch zwei von außen vorgeschobene -hölzerne Riegel, während eine Abtheilung im Inneren dazu bestimmt schien, -den Löwen in einem Theil des Platzes abzuschließen, um dann ungefährdet -zu den Elephantenzähnen zu gelangen. Zwei hölzerne Riegel nur, und nicht -einmal ein Pflock war davor geschlagen, um sie gegen einen doch möglichen -Zufall zu schützen. Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und -bequem; wie aber seine Hand nur die Thür berührte, stutzte der Löwe da -drin, wandte sich halb und duckte sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte -jedenfalls den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte. - -Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden Gestalt des grimmen Thieres -gegenüber; hatte er doch auch schon oft davon gehört, wie furchtbar eine -solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch genährt, -ja nur ein einziges Mal erst Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich -erschreckt zog er die Hand zurück und wich von den Pallisaden ab, um ihn -selbst nicht zu einem Sprung zu reizen. Wie leicht konnte das vielleicht -schon mürbe Holz der Wucht eines solchen Anpralls nachgeben! - -Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem Handel dauerte; es war gar -kein Ende abzusehen, und ein Wunder nur, daß der Kapitän nicht ungeduldig -wurde. Zwei Stunden saßen sie dort jetzt wenigstens bei einander, und wenn -sie schon zu den Proben solche Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher -werden, wenn die Waaren an Land kamen! - -Er wandte sich langsam ab um wieder zurück zu der Gruppe zu gehen, als er -den Steuermann plötzlich emporfahren und nach dem Schooner hinüber deuten -sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein Schuß, und als er -sich erschreckt der Richtung zu drehte, bemerkte er, wie die ganze Bai von -dunklen Kanoes schwärmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten schienen. - - - - -Fünftes Kapitel. - -Der Löwe. - - -Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des ersten Augenblicks wirklich -gar nicht auf seine unmittelbare Umgebung geachtet, denn im Moment war ihm -klar, daß dort ein Ueberfall vorbereitet werde -- also Verrath! Aber eben -diese Umgebung drang sich ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in -Zweifel gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen am Ufer mit -dem feindlichen Angriff da draußen in Verbindung standen. - -Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen, aber er sah nur, daß -der König selber mit seiner Lanze nach einem der Weißen schlug, während -sich der Dolmetsch mit einem Cutlaß, den er jedenfalls dem verdachtlos -neben ihm stehenden Matrosen entrissen haben mußte, auf den Steuermann warf -und einen Schlag nach ihm führte. Aber er war an den Unrechten gekommen, -denn Brooks' Hand hatte fast unwillkürlich schon im ersten Moment den Griff -seines Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze mit der -scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal schnell hintereinander aus -dem Rohr blitzte, und der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und -zu Boden stürzte. Ehe sich der Seemann aber nur gegen einen neuen Feind -wenden konnte, fielen ihm von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in -die Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein Theil unten stürmte -gegen das Boot an, und er selber fand sich von etwa einem Dutzend Wilder -angegriffen, die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen. -Allerdings hatte er die eigene Waffe schon in der Faust, und drei -Schüsse feuerte er mitten hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre -Wurfspeere flogen aus, und er fühlte einen stechenden Schmerz in Arm und -Bein. - -Fast blind vor Wuth schoß er seine letzten Kugeln gegen die Feinde ab und -wandte sich dann zur Flucht. Aber wohin -- voraus -- nach rechts und links -war ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzäunung, die den Löwen -barg, trieben sie ihn zu. Und wie brüllte die Bestie, als sie die in -ihrer unmittelbaren Nähe abgefeuerten Schüsse und das wüthende Geheul der -Eingebornen hörte! - -Der Doktor wußte kaum, was er that, denn er sah den Tod von allen Seiten -auf sich eindringen. Erbarmen hatte er von den Menschen nicht zu hoffen, -und wie von einer unbewußten Gewalt getrieben, floh er der Thür des Käfigs -zu, als ob er Schutz suchen wollte bei der Bestie. - -Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden, denn dort konnte er ihnen -nicht mehr entgehen; wieder hoben sich die Speere zum Wurf, da riß er, von -Verzweiflung getrieben die Riegel der Thür zurück -- Rache wollte er haben --- nicht allein von der mörderischen Bande hingeschlachtet werden, und wenn -er dann untergehen sollte, wenigstens Verderben über seine Mörder bringen. - -Kaum hatte er aber die Riegel der Thür erfaßt, als ein wilder, gellender -Angstschrei aus der Menge brach -- jetzt flog die Pforte auf, und mit einem -Sprung stand der Löwe -- freudiges Gebrüll ausstoßend, daß es wie dumpfer -Donner durch das Thal rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schön war auch -der Anblick des so plötzlich seiner Freiheit sicheren Thieres, hoch schwang -es den buschigen Schweif und hob sich die trotzig geschüttelte Mähne, und -flammend kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten Opfer suchend, -während sich der Doktor scheu und selber erschreckt von der so plötzlichen -Erscheinung des Raubthiers an die Pallisaden drückte. - -Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung des freien Löwen auf die -Bande der Schwarzen. Was kümmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener -so gefürchteter König. Wenn sie der Löwe fraß, war es mit ihnen jedenfalls -vorbei, und im Nu stob der ganze Schwarm auseinander. Die dem Wasser -Nächsten warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile und Haifische -verachtend -- die Anderen schossen pfeilschnell über den Boden hin, den -nächsten Büschen und Häusern zu -- die Bootsmannschaft bekam Luft, und -war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen. Wen sie erreichen -konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen zusammen, und die im Boot unten -sahen auch in der That den Löwen erst, als er jetzt in langen Sätzen, und -sich weder um die flüchtigen Eingebornen, noch die Weißen kümmernd, dem -nächsten Dickicht zufloh. - -Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der Stelle konnte, und nur -starr vor Schrecken und Entsetzen zu dem entfesselten Löwen hinaufstarrte, -war Zambiri, der König jener Helden, während sein Knabe in flüchtigen -Sprüngen bei den Weißen Schutz gesucht. Der Steuermann ließ ihm aber keine -lange Zeit zum Ueberlegen. Denn kaum sah er, daß sie selber den Angriff -des Raubthiers nicht mehr zu fürchten brauchten, als er eine der von den -Eingebornen weggeworfenen Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten: »Und -das für Dich, Du verrätherischer Schurke!« den Dicken dermaßen über den -Schädel traf, daß er wie ein Sack zusammenknickte. - -»Hurrah!« rief aber jetzt der von oben niederspringende Doktor, »mein Löwe -hat uns Bahn gemacht, aber den Dicken in's Boot. An dem haben wir eine -Geißel, und beim Himmel, die Schufte sollen bezahlen, wenn sie ihn wieder -haben wollen!« - -»Das war ein glücklicher Gedanke, Doktor,« rief der Steuermann, »angefaßt, -Jungens, daß wir den Fleischklumpen bewältigen können -- schlagt ein Tau um -und schleift ihn auf dem Sand hinunter -- so recht -- nur rasch -- und dann -von Elephantenzähnen in's Boot, was wir laden können, denn die Bahn da oben -ist frei.« - -»Aber der Schooner!« rief der Doktor. - -»Hahaha,« lachte der Steuermann, »seht Ihr nicht, wie unser alter Kapitän -zwischen die Schufte hinein gepfeffert hat? Die Drehbasse war ihnen zu -viel. Er muß seinen Anker haben sitzen lassen, denn wie ein Wetter war er -los und mit dem Segel auch, mitten zwischen der Bande drin. Drei Kanoes -sind gesunken.« - -Noch während er sprach, hatte er sowohl als der Doktor frische Patronen in -ihre Revolver geschoben, indessen die Matrosen mit lautem Hurrah den noch -bewußtlosen Körper des Fleischkolosses mit ein paar Enden Tau umschlangen -und zum Boot hinabschleiften. Dort kostete es freilich einige Mühe, ihn -hinein zu bringen, aber die kräftigen Burschen hoben mit einem gutgewillten -Ho! ahoi! und hinein flog der Klumpen in die Jölle und unter die Doften, wo -er liegen blieb. - -Von den Eingebornen war augenblicklich allerdings nichts mehr zu sehen, -aber man wußte doch nicht, wie rasch sie, wenn sie die Gefahr beseitigt -glaubten, zurückkehren könnten, und es galt deßhalb rasch zu handeln. - -Während der Doktor jetzt den kleinen, zu ihm geflüchteten schwarzen -Burschen examinirte, lief ein Theil der Matrosen in die Umzäunung oben, -die kein Löwe mehr bewachte, hinein, um die stärksten dort liegenden -Elephantenzähne zum Ufer zu schleppen. Sie sahen dabei, wie der Schooner -jetzt mit einsetzender Fluth und ziemlich günstiger Brise keck mitten in -die Bucht und auf sie zu hielt, und wußten nun, daß sie für ihre Sicherheit -nichts mehr zu fürchten brauchten. - -Der Kleine erzählte indessen rasch und gedrängt, daß die Eingebornen hier, -wie sie es bei diesem versucht, jenes Fahrzeug, an dessen Bord er selber -gewesen, geentert, die Mannschaft erschlagen und außer ihm nur zwei Leute, -einen Passagier und den ersten Steuermann, gefangen in's Land geschleppt -hätten. Die Brigg sei schon länger an der Küste gefahren und sollte viel -Elfenbein an Bord gehabt haben; das Meiste, was dort in der Umzäunung -lag, stammte daher, denn aus dem Land kam wenig Elfenbein, da Zambiri nur -hauptsächlich Sklavenhandel mit portugiesischen Karawanen trieb. - -»Und wo waren die Weißen jetzt?« - -Der kleine Bursche wußte es nicht zu sagen, denn er hatte von dem -Augenblick seiner Gefangenschaft an die unmittelbare Nähe des Häuptlings -nicht verlassen dürfen. Es hieß allerdings, wie er meinte, daß weiße -Händler, jedenfalls Portugiesen, die Weißen mitgenommen, aber er konnte es -nicht verbürgen. Gesehen hatte er sie nie mehr seit der Zeit. - -Den Steuermann drängte es wieder fort, um an Bord des Schooners zu kommen; -sie durften auch nicht mehr einnehmen, denn das Gewicht Zambiri's allein -drückte schon die Jölle. Was noch hinein ging, wurde allerdings geladen, -dann aber sprangen die Leute nach, und ruderten, so rasch es die Schwere -des kleinen Bootes erlaubte, gegen die Strömung an, auf den Schooner zu. - -Sie waren auch nicht ohne Verlust weggekommen, der Doktor hatte zwei Wunden -von Wurfspeeren, der Steuermann einen Stich in den Schenkel und der eine -Matrose einen Hieb mit einer Keule und einen bösen Stich in der Seite. -Schlimmer hatten die Feuerwaffen freilich unter den Eingebornen aufgeräumt, -denn fünf von diesen lagen todt oder schwer verwundet auf dem Platz, und -Manche der Entflohenen mochten wohl ebenfalls noch getroffen sein. - -Doch jetzt war keine Zeit, nach Denen zu sehen; hatten sie sich doch auch -die Folgen ihrer Verrätherei nur selber zuzuschreiben. - -Und Zambiri, der mächtige König des Landes? Er mochte wohl noch in seinem -ganzen Leben in keinen schlimmeren Händen gewesen sein, denn unten im Boot, -in einer nichts weniger als bequemen Lage, schienen sich die Matrosen ein -Vergnügen daraus gemacht zu haben, die erbeuteten Elephantenzähne quer -über ihn wegzulegen, so daß ihm die Last beschwerlich genug fallen mußte. -Anfangs fühlte er das freilich nicht, der Schlag hatte ihn betäubt; als ihm -aber die Besinnung wiederkehrte, fing er an zu stöhnen und zu grunzen -und schrie einzelne Befehle mit zorniger Stimme vor. Er schien noch keine -Ahnung zu haben, wo und in wessen Händen er sich eigentlich befand. - -Das Boot näherte sich indessen dem Schooner mehr und mehr, und mit einem -Hurrah wurde die Mannschaft begrüßt, als sie nur in Rufsweite gekommen -waren. Allerdings schien die Gefahr noch immer nicht ganz beseitigt, denn -eine Menge von Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam nach, -und diese mußten sie allerdings wieder passiren, wenn sie den Rückweg -antreten wollten; aber die Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen -der Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder nahe hinan. Jetzt -wenigstens wurden sie nicht gestört. - -Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete Matrose in einem rasch -hergerichteten Stuhl an Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein -und zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die Seeleute aber -verwünscht wenig Umstände machten. Einer der Leute festigte oben an das -Gaffel einen Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglücklichen -Fürsten dann unter den Schultern durchgeschlagen, dann zog die Mannschaft -mit einem: =Oh, jolly men ho!= kräftig an, und wenige Sekunden später war -Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen Beinen austretend, an Deck -gehoben, wo ihn lautes Gelächter der Schoonermannschaft begrüßte. - -Steuermann und Kapitän tauschten jetzt ihre Berichte gegen einander aus; -Beide aber waren einig darüber, daß es das Beste wäre, nicht über Nacht -vor der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden möglicherweise einen neuen -Angriff wagen konnten. Aber in kurzer Zeit begünstigte sie auch wieder die -ausgehende Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen Versuch machen, -einen Theil der feindlichen Schätze als rechtmäßige Beute zu bergen, noch -dazu da sie für den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen -Truppen zu fürchten brauchten. Es war wenigstens kein einziger von ihnen -auch nur zu sehen, und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine -Landung leicht und fast sicher auszuführen. - -Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer leicht zu bekommen. -Gefahr? was kümmerte sie die, wenn es galt, irgend einen tollen Streich -auszuführen, und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzäunung -erzählten, in welcher der Löwe die Wache gehalten und wo die prachtvollen -Elephantenzähne aufgeschichtet lägen, waren sie kaum mehr zurückzuhalten. - -Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn stromauf, und vorn am Bug -stand der Steuermann, das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder Richtung -hin abzusuchen. Aber nirgends war auch nur ein lebendes Wesen zu erkennen; -der an dem Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben, und nur die -aus den Büschen aufragenden Giebel und Dächer verriethen, daß jene Strecke -bewohnt sei -- sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst nur -Rauch empor. Der Löwe hatte Wunder gewirkt. - -Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich spät geworden, aber noch -stand die Sonne am Himmel, und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls -gemacht werden. Der Kapitän beorderte auch das zweite Boot auf's Wasser, -was rasch geschehen war, und während der Schooner hier in vollkommen -ruhiger, unbewegter See vor einem Nothanker lag, stießen sie ab und -ruderten dem Land entgegen. Es wurde auch keine Vorsicht dabei versäumt, -einem etwaigen Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die Zähne -bewaffnet, und der Kapitän war dabei im Stande, mit seiner Drehbasse das -ganze Ufer zu bestreichen. - -Mit einem lauten Hurrah stürmten die Burschen, sobald die kleinen Fahrzeuge -nur das Land berührten, die Bank hinauf und von dem Steuermann geführt -der Umzäunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu den hier aufgehäuften -Schätzen nöthigen ließen. Genau genommen war es vielleicht Raub, aber die -verrätherischen Schwarzen mußten auch gezüchtigt werden, und wären sie -Sieger geblieben, so würde wohl kaum ein Mann der Besatzung mit dem Leben -davongekommen sein. Die moralische Seite der Frage beschäftigte die Leute -aber auch in der That nur sehr wenig. Allerdings schauderten sie, als sie -den Platz zuerst betraten und die indeß herbeigestrichenen Aasgeier von -ihrem eklen Mahl verjagten; der verstümmelte Körper jenes unglücklichen -Sklaven sah auch entsetzlich aus -- aber sie durften sich nicht dabei -aufhalten. Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume, und die -Dämmerung ist gar kurz in diesen Ländern. So faßten sie denn auf, was sie -erreichen konnten, und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht, als -ihnen der Kapitän schon wieder das Zeichen zur Abfahrt gab. Es dunkelte, -und er wollte seine Leute nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen. - - - - -Sechstes Kapitel. - -Der Gefangene. - - -Unter der Zeit hatte aber auch der gefangene Häuptling sein volles -Bewußtsein wieder erlangt und schäumte ordentlich vor Wuth, als er sich, -gebunden und zu Boden geworfen, in der Gewalt seiner weißen Feinde sah. -Aber die Seile hielten und schnitten ihm nur tief in die Fettwulsten seiner -Glieder ein, und zu seinen Füßen saß, mit Schadenfreude in den dunklen -Zügen, der Knabe und beobachtete vergnügt die machtlosen Anstrengungen des -einst so gefürchteten Mannes. - -Kapitän Oacutt lag aber weit weniger daran, dieß schwarze unförmliche -Menschenbild zu quälen, als durch ihn seinen Zweck zu erreichen, nämlich -die gefangenen Weißen zu befreien, falls sich diese noch in der Gewalt der -Eingebornen befinden sollten. Es dauerte freilich lange, bis er Zambiri so -weit brachte, ihm Rede zu stehen, und auf's Neue gerieth dieser außer sich, -als er den Knaben, den er gewohnt war als Sklaven zu mißhandeln, frei und -trotzig neben sich stehen und ihn verhöhnen sah. Aber er fühlte doch auch, -wie machtlos er jetzt sei, und gab sich endlich ruhig in sein Schicksal. -Allerdings wollte er Anfangs auf die an ihn gerichteten Fragen -- wobei -jetzt der Knabe als Dolmetsch gebraucht wurde, nicht antworten; als ihm -dieser aber sagte, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne -und die Weißen ihn sonst mit in ihr Land als Sklaven schleppten, wurde er -geschmeidiger. - -Zuerst leugnete er freilich, von dem Wrack, wie den darauf befindlich -gewesenen Weißen das Geringste zu wissen; endlich aber gestand er ein, daß -sie Krieg mit ihnen geführt, weil die Weißen seine Unterthanen als Sklaven -hätten fortführen wollen. Auch das gab er zu, daß sie zwei von ihnen -gefangen an Land gehabt hätten, aber sie wären vor Kurzem mit einer -portugiesischen Karawane fortgegangen, und er wüßte nichts weiter von -ihnen. - -Der Kapitän sagte ihm jetzt, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder -erlangen könne, wenn er die beiden Weißen herbeischaffe, denn er würde -seinen Lügen nie glauben. Zambiri blieb aber bei seiner Behauptung und -forderte die Weißen auf, den Knaben hinüber zu schicken und dort selber -nachzufragen. Alle Eingebornen würden seine Aussage bestätigen. - -Das war übrigens leichter gesagt, als ausgeführt, denn beide Boote befanden -sich gerade an Land und die Leute dort emsig genug beschäftigt. Ueberdieß -durfte er sie nicht länger drüben lassen, denn schon setzte mit der -Abenddämmerung ein leichter dünner Nebel ein, der den freien Blick auf -einige Entfernung hemmte. Unter dem Schutz desselben hätten die Wilden -recht gut plötzlich vorbrechen können, und er war sogar der Gefahr -ausgesetzt, daß sich der Nebel dichte und er den Weg nicht mehr aus der -Bucht hinaus fand. -- Für heute hatten sie jedenfalls ihre Arbeit -hier gethan; er gab das Zeichen zur Abfahrt, und als die Boote an Bord -zurückkehrten, kam der leichte Anker in die Höhe und der Schooner trieb -langsam mit der Ebbe stromab und wieder in See hinaus. - -Zambiri heulte laut auf, als er die Bewegung sah und jetzt bemerkte, daß -sie weiter und weiter ab von seinem Reiche trieben, aber Niemand achtete -auf ihn. An der Mündung der Bai fischte die Sarah Miles ihren vorher -an einer Buoye gelassenen Anker wieder auf und hielt dann auf's Neue in -offenes Wasser hinaus, wo sie keinen Angriff zu fürchten brauchte. - -Erst am nächsten Morgen kehrte sie zurück, aber nicht wieder in die Bucht, -in die sich der Kapitän nicht mehr hineinwagen mochte, sondern gegen das -untere Ufer hielt er an, wo sie jetzt Eingeborne entdecken konnten. Wie -aber nur das Boot ausgesetzt wurde, flohen sie in den Wald hinein und -es hatte nicht geringe Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß man keine -Feindseligkeit beabsichtige, sondern nur zu unterhandeln wünsche. Der -Knabe, obgleich er sich Anfangs dagegen sträubte, weil er fürchtete, daß -man ihn zurückhalten würde, mußte endlich allein an Land, und es gelang ihm -auch, Einzelne der tapferen Krieger zum Stehen zu bringen. - -Die Auskunft, die er von diesen erhielt, lautete aber wirklich ganz ähnlich -so wie die, welche ihnen schon Zambiri gegeben. Die beiden gefangenen -Weißen hatten, weil sie immer krank waren und keine Arbeit verrichten -konnten, mit den portugiesischen Händlern vor etwa drei Monaten das Land -verlassen, und Niemand wußte zu sagen, wo sie jetzt wären -- jedenfalls -aber weit von hier. - -Damit kehrten die Botschafter an Bord zurück, denn was hätte ihnen ein -längerer Aufenthalt am Lande genützt? Aus Zambiri selber war ebenfalls -nichts weiter heraus zu bekommen. Jetzt, mit der Todesangst, daß er -fortgeschleppt werden sollte, war er auch mürbe und zahm geworden und unter -Thränen schwur er, daß er die Wahrheit gesprochen -- würde er den Fremden -doch gern hundert Gefangene für seine eigene Freiheit gegeben haben. Er bot -ihnen auch wirklich so viele von seinen eigenen Leuten als Sklaven an, -wenn sie ihn wieder an's Ufer setzen wollten, und erklärte dabei, auf -jeden Handel einzugehen, den sie vorschlagen würden. Oacutt traute aber dem -Burschen nicht und wollte auch keine Sklaven haben. Mitnehmen konnten sie -ihn aber nicht, was sollten sie mit dem Koloß an Bord thun, und der Knabe -wurde deßhalb noch einmal an Land geschickt, um wenigstens ein Lösegeld für -den König zu erhalten. - -Zuerst sollten die Eingebornen die noch in der Umzäunung lagernden -Elephantenzähne, welche die Matrosen gestern nicht alle fortgeschafft, zum -Ufer herunterbringen, und ebenso den Koffer mit Geschenken, den er gestern -erhalten -- außerdem aber sämmtliche Sachen, die sie von jenem Fahrzeug der -Weißen geraubt und die sich in Zambiri's Wohnung befanden. - -Unter der Zeit hatte sich auch wieder eine Zahl von Eingebornen am -Ufer versammelt, denn sie sahen wohl, daß die Weißen keine feindseligen -Absichten mehr zeigten, und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen -König loszubitten. Uebrigens schienen sie sämmtlich bewaffnet, als ob sie -doch noch einen Angriff der Fremden fürchteten, und da Oacutt auch das -letzte Mißtrauen zu zerstreuen wünschte, so wurde der Doktor, den Knaben -als Dolmetsch bei sich, mit einer weißen Flagge hinübergesandt. Der -Steuermann nämlich konnte nicht gehen, da ihn seine Wunde zu sehr -schmerzte. - -Die Bedingung, die Spruce zu stellen hatte, lautete, daß die Eingebornen -das »Lösegeld« am Ufer niederlegen und sich dann entfernen sollten. Die -Weißen würden es dort in Empfang nehmen und ihren König dann ungesäumt an -Land setzen. - -Das Boot näherte sich, dieser Masse von Eingebornen gegenüber, nur -höchst vorsichtig dem Ufer, und der Doktor hielt es für gerathen, selbst -vornhinein zu treten und die Fahne zu schwenken, damit sie sähen, daß sie -in friedlicher Absicht kämen. - -Die Eingebornen standen indessen still und regungslos etwa hundert Schritt -vom Ufer ab und unmittelbar vor dem nächsten Dickicht, wahrscheinlich um -dort, wenn es etwa nöthig werden sollte, gleich hinein zu tauchen, und nur -erst als das Boot, das aber vorsichtigerweise nicht auflief, sondern flott -blieb, den Strand berührte und der Doktor, die Fahne in der Hand und nur -den Knaben als Dolmetscher an seiner Seite, an's Ufer sprang, kamen drei -der Schwarzen, aber ohne Waffen, zum Wasserrand herab, um zu hören, was die -Weißen von ihnen wollten. - -Der kleine Bursche richtete dabei die Botschaft aus, indem es ihm der -Doktor auf Englisch vorsagte und er die einzelnen Theile übersetzte, und -sie hörten ihn ruhig und aufmerksam an. Als er aber geendet, erwiederten -sie, daß sie sich darüber erst mit dem Stamm berathen müßten -- sie sollten -nur ein wenig warten, sie kämen gleich wieder zurück. - -Damit gingen sie und der Doktor machte sich schon auf eine lange Wartezeit -gefaßt, denn daß die Eingebornen einen schwierigen Stand mit dem dicken -König selber bekamen, wenn sie all' sein Eigenthum -- und sei es auch zu -seiner eigenen Rettung -- hergaben, ließ sich denken. Sie schienen aber -weniger Zeit zu brauchen, als er selber geglaubt, denn obgleich die -Unterhandlung da oben ziemlich stürmisch herging und viel und laut -gesprochen wurde, dauerte sie doch kaum eine volle Viertelstunde. Dann -kamen die schwarzen Botschafter wieder zurück und ihre Antwort lautete in -der Uebersetzung etwa folgendermaßen: - -»Unser König war Zambiri. Er war blutdürstig und grausam. Er hat viele -unserer jungen Leute hingeschlachtet und an die Weißen verkauft; wir waren -Alle seine Sklaven. Ihr habt ihn weggenommen und auf euer Schiff gebracht --- das ist gut. Behaltet ihn. Wir haben einen andern König gewählt und -Alles, was dem früheren gehörte, ist jetzt sein Eigenthum. Wir wollen auch -keinen Krieg mit den Fremden oder mit einem andern Stamm -- wir wollen -Frieden -- Llefugo hat gesprochen.« - -Der Doktor lachte gerade hinaus, als ihm der Knabe die Antwort übersetzte. -Das war ein liebender Volksstamm, der sich herzlich freute, den Landesvater -los zu werden, und nicht einen Elephantenzahn geben wollte, um ihn wieder -zu bekommen. -- Und was nun? Würdevoll aber standen die Abgesandten vor -ihm. Sie hatten ihren Auftrag ausgerichtet und kein ferneres Interesse an -der Sache. Eine weitere Verhandlung zeigte sich auch als völlig zwecklos, -denn die Eingebornen ließen sich auf nichts mehr ein. Die Weißen mochten -Zambiri mit fortnehmen, wenn es ihnen Freude machte; sie hatten einen -andern König und wollten keinen Krieg. - -Dabei winkte der Sprecher mit der Hand, und als thatsächlicher Beweis -des eben Gesagten kamen eine Anzahl Frauen und Kinder, Anfangs zwar noch -schüchtern, aber dann doch zutraulicher werdend, an die Landung herunter -und brachten Körbe mit Früchten, Mangas, Cocosnüsse, Eier, junge Hühner und -Ferkel, die sie zum Tausch anboten. Eine solche Aushülfe war nun allerdings -erwünscht, und der Doktor hatte auch schon zu dem Zweck eine Partie -Schmuck, Kattun und Tabak im Boot, was er ungesäumt gegen frische -Provisionen eintauschte. Von ihrem König wollten sie aber nichts weiter -hören -- Zambiri war ihr König nicht mehr, wie sie sagten, und nur ein -böser, schwarzer Mann, den die Weißen verkaufen sollten, wenn sie Lust -hätten -- sie wollten ihn aber nicht. - -Damit fuhr der Doktor an Bord zurück und überraschte seinen Kapitän mit -der allerdings unerwarteten Nachricht. Vollkommen wie rasend geberdete sich -dagegen Zambiri selber, als ihm der Kleine mit boshafter Schadenfreude das -wieder erzählte, was sein treues Volk über ihn gesagt, und als er hörte, -daß sie an Land einen neuen König gewählt, fing er so an zu wüthen, daß die -Matrosen endlich ein Stück Segeltuch über ihn herwarfen und ihn festhalten -mußten, er hätte sonst, trotz seiner Bande, ein Unglück angerichtet. - -Kapitän Oacutt kratzte sich den Kopf und lief auf seinem Quarterdeck mit -raschen Schritten auf und ab. -- Daß die hier früher gefangen gehaltenen -Weißen den Platz wieder verlassen hatten, schien vollkommen sicher zu sein, -denn halb und halb bestätigte das ja auch die Aussage des Knaben; was aber -sollten sie jetzt mit dem Fleischklumpen an Bord machen, den sein eigenes -Volk nicht einmal wieder haben wollte? Ihn mitnehmen? -- Er wäre ihnen eine -nutzlose Last gewesen -- und über Bord werfen? -- Verdient hätte er es, -denn sein Steuermann saß mit einer häßlichen Wunde an Deck, und der eine -Matrose war so bös getroffen, daß der Doktor schon bei dem ersten Verband -bedenklich mit dem Kopf schüttelte. -- Aber es ging doch nicht. Gefangen -durfte er ihn nehmen, aber über den Gefangenen stand ihm kein Recht auf -Leben und Tod zu. - -»Ei, zum Henker!« rief da der Kapitän plötzlich aus, indem er stehen blieb -und sich gegen den Doktor wandte, »was geht uns denn hier die ganze Bande -an, ob sie ihren König wieder haben wollen oder nicht; wir können ihn -keinenfalls gebrauchen und seinethalben auch keine Stunde länger an der -Küste bleiben. Zimmermann, nehmt Euch einmal zwei Leute in die kleine Jölle -und setzt mir den Fettfleck an Land -- mir wird übel, wenn ich das Ungethüm -sich da noch länger wälzen sehe.« - -»Und der Junge, Kapitän, soll der auch wieder mit fort?« - -»Wenn er will, meinetwegen.« - -Der Knabe hatte der für ihn verhängnißvollen Frage mit augenscheinlichem -Erschrecken gelauscht, jetzt aber warf er sich vor dem Kapitän nieder -und bat in so angstgepreßten Tönen, nicht wieder jenem grausamen Manne -überliefert zu werden, daß der Seemann endlich sagte: »Gut, da bleib', ich -hab' nichts dagegen, aber nun auch rasch, daß wir den dicken Burschen von -Bord kriegen. Bindet ihn los, Zimmermann, und sag' ihm, mein Junge, daß -er an's Ufer soll; nachher mag er sehen, wie er selber mit seinen Leuten -fertig wird.« - -Der Befehl wurde rasch ausgeführt; während die Leute den abgesetzten König -losbanden, sagte ihm der Knabe, daß er frei sei und an Land gehen könne; -dann schnürten sie ihm ein Tau um den Leib, ließen ihn wieder in's Boot -hinunter und wenige Minuten später ruderten sie den Koloß zum Ufer hinüber. - -Jetzt aber band sie auch nichts mehr an die Küste, und dem Kapitän lag -selber daran, so rasch als möglich wieder fortzukommen. Noch während die -Jölle unterwegs war, wurde das andere größere Boot an Bord genommen und der -Anker gehoben, und indeß der Kapitän die dazu nöthigen Befehle gab, stand -der Doktor an der einen Want, das Teleskop am Auge, und sah nach der -Landung hinüber, um zu beobachten, wie König Zambiri von seinen treuen -Unterthanen empfangen werden würde. - -Die Eingebornen am Ufer hatten sich indeß zum großen Theil zerstreut, denn -sie hielten nach ihrer gegebenen Erklärung die Sache wahrscheinlich für -abgemacht. Ein Theil von ihnen war aber doch noch zurückgeblieben, um den -Schooner und dessen Abfahrt zu überwachen, und diese wurden jetzt plötzlich -aufmerksam, als sie das Boot noch einmal zur Küste zurückkehren sahen. Was -es enthielt, vermochten sie freilich nicht gleich zu unterscheiden, da -man den Schwarzen auf der ihnen entgegengesetzten Seite des Schooners -niedergelassen; aber vorsichtig näherten sich die zuerst Gesandten wieder -dem Strande. Da verrieth ihnen das rothe, jetzt freilich arg zerrissene -Oberhemd ihres früheren Königs Zambiri vor der Zeit dessen Anwesenheit, und -einen lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den Ihrigen zurück, um ihnen -wahrscheinlich die Entdeckung mitzutheilen. - -Jetzt kam Leben in den Schwarm. Der Doktor bemerkte, wie nach allen Seiten -Leute abgeschickt wurden, die pfeilschnell über den Boden schossen, indeß -die Schaar der Bewaffneten mit ihren Lanzen und Schilden näher zum Strand -hinunterrückte. Dem Zimmermann wurde auch, wie er später erzählte, nicht -ganz wohl im Boot, und es lag ihm gar nichts daran, den jetzt jedenfalls -gereizten Eingebornen zu übermäßig nahe zu kommen. Darin begünstigte ihn -aber die indessen stark eingetretene Ebbe; gleich unterhalb bemerkte er -einen etwas weiter auslaufenden Sandstreifen, auf den er augenblicklich -zuhielt, und hier bekam Zambiri die Ordre, wie nur der Kiel den Sand -berührte, auszusteigen und seinen Weg allein fortzusetzen -- was schadete -es auch, wenn er mit seinen bloßen Beinen nasse Füße bekam. - -Zambiri schien keine rechte Lust zu haben, denn das ganze Benehmen seiner -Unterthanen am Ufer mochte ihm ebenfalls nicht gefallen -- aber es blieb -ihm keine Wahl, denn weit mehr fürchtete er an Bord zurückgeschafft zu -werden. Er stieg aus, im Nu schoß das dadurch fast um die Hälfte seines -Gewichts erleichterte Boot wieder zurück in tiefes Wasser, und Zambiri, den -zerfetzten rothen Mantel um die Schultern, stand an der Spitze der Sandbank -und starrte nach dem Ufer hinüber. - -Das Boot hielt sich nicht auf; rasche kräftige Ruderschläge brachten es zum -Schooner zurück, und während es dort eingehakt und an der Seite aufgezogen -wurde, kam auch der Anker herauf und der Bug der Sarah Miles schwang -langsam mit der Strömung herum der offenen See entgegen. - -Noch stand Zambiri am Strand, und eben so fest behaupteten die Krieger oben -ihren Platz. Jetzt aber mochte er doch wohl fühlen, daß er dort draußen -nicht länger bleiben könne, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Einen -Blick warf er nach dem Fahrzeug der Weißen zurück, dessen Segel sich voll -ausblähten und an dessen Bug sich schon das Wasser zu kräuseln begann -- -dann drehte er sich um und schritt entschlossen die Uferbank hinauf. - -Jetzt regte sich auch da oben die dunkle Masse -- der Doktor konnte noch -erkennen, obgleich sich die Entfernung mit jedem Augenblick vergrößerte, -daß von allen Seiten mehr Bewaffnete herbeiliefen. Da dröhnte plötzlich, -bis zu ihnen selbst hinaus, ein einziger gellender Aufschrei aus Aller -Kehlen, und wie ein Schatten über einen von der Sonne beschienenen Plan -wälzte sich der dunkle Schwarm dem König entgegen. - -Dieser warf die Arme empor, dann verschwand Alles in einem wilden Gewirre -von schwarzen Gestalten, und als sich diese endlich wieder zum Ufer -hinaufgezogen, blieb nur ein einziger dunkler Punkt auf dem hellen -Untergrund des Strands zurück. - -Der Doktor schob sein Glas noch etwas mehr zusammen, um den Punkt in den -Fokus zu bekommen. - -»Nun, Doktor, wie ist's?« lachte der Kapitän; »können Sie noch was -erkennen? -- Wie haben sie unsern Dicken aufgenommen?« - -»Dort liegt sein unbeholfener Leichnam am Strand,« sagte der Doktor, indem -er das Glas zusammenschob, denn die Entfernung wurde jetzt zu groß, »und -wenn die Fluth wieder steigt, wird sie ihn in die See schwemmen.« - -»Ein fetter Bissen für die Krokodile!« lachte der Seemann. »Alle Wetter! -das erste, das ihm begegnet, bekommt ein richtiges Maul voll -- ein Glück -nur, daß er uns zu seinen Erben eingesetzt. Aber was haben sie mit ihm -gemacht?« - -»Ihm wahrscheinlich ihre Lanzen in den Leib gerannt,« nickte der Doktor. -»Sonderbar doch; vorher hatte er nicht mehr Macht und Gewalt über sie -als jetzt, und doch duldeten sie Alles und ließen sich verkaufen und -abschlachten, wie es dem grausamen Tyrannen gefiel. Jetzt, da der Nimbus -gefallen ist, der ihn umgab, rennen sie ihm ihre Speere in den Leib und -lassen den Kadaver draußen auf dem Sande liegen.« - -»Menschennatur,« sagte der Yankee gleichgültig. »Na, wir sind ihn -wenigstens los und haben keine Verantwortung. Die Brise frischt auf, Doktor --- ich denke, jetzt halten wir gerade auf das Kap zu.« - -Der Schooner neigte sich vor dem frisch einsetzenden Wind auf die Seite und -flog schäumend durch die leichtbewegte Fluth. Vom Land aus hatten ihm die -Eingebornen nachgesehen, aber er wurde kleiner und kleiner und verschwand -endlich wie ein lichter Punkt am Horizont. - - - - -Der Mexikaner. - -Peruanische Erzählung. - - - - -Erstes Kapitel. - -Die verlassene Frau. - - -In Lima lebte im Jahr 1850 in einem kleinen Häuschen in der Vorstadt eine -arme deutsche Schusterfrau, der es außerordentlich knapp zu gehen schien, -denn sie war von ihrem Mann verlassen worden und hatte sich nun hier -draußen bei einer armen peruanischen Familie einquartieren müssen. Sie -ging auch, besonders in deutsche Häuser, plätten und nähen und suchte sich -wirklich auf ehrliche Art ihr Brot zu verdienen, wobei sie denn von den -wenigen deutschen Familien nach Kräften unterstützt wurde. - -Der Mann war -- so viel wußte man -- im Jahr 48, als die erste Nachricht -der in Kalifornien entdeckten Schätze nach Peru drang, plötzlich -verschwunden, und sollte in Callao -- dem Hafen von Lima, kurz vor der -Abfahrt eines nach San Francisco bestimmten Schiffes gesehen worden sein. -Der Verdacht lag also sehr nahe, daß er sich auf diesem entfernt habe, um, -wie tausend Andere, sein Glück in den Minen zu versuchen. Daß er die -Frau dabei in den dürftigsten Umständen und fast ohne einen Dollar -Geld zurückließ, war natürlich schlecht, aber es wäre doch wohl noch zu -entschuldigen gewesen, wenn er sich nur später um sie gekümmert, wenn er -nur einmal etwas Geld geschickt oder wenigstens einen Brief geschrieben -hätte. - -Aber Nichts dem Aehnliches erfolgte, und die arme Frau mußte zuletzt die -Hoffnung aufgeben, ihren Mann je wieder zu sehen und von ihm Hülfe zu -erhalten. Allerdings erkundigte sie sich -- als nun fast zwei Jahre -vergangen waren, und viele Peruaner aus den kalifornischen Goldminen -zurückkehrten, bei Jedem wohl nach dem Verlorenen und ob sie ihn nicht in -Kalifornien getroffen hätten -- aber, lieber Gott, Kalifornien war groß und -die dorthin gegangenen Goldwäscher staken oben in den Gebirgsschluchten, -wohin weder Weg noch Steg führte; wer sollte sie dort finden. Man konnte -Monate lang in ihrer unmittelbaren Nähe sein und bekam sie trotzdem nicht -zu sehen. Es wußte ihr auch Niemand auch nur den geringsten Trost oder -Anhaltepunkt zu geben -- sie mußte sich selber trösten, vielleicht kehrte -er, wie die Meisten sagten, einmal ganz plötzlich mit einem großen Sack -voll Gold zurück, und dann hatte alle ihre Noth ein Ende. - -Aber er kam nicht -- Woche nach Woche verging, wie Monat nach Monat -vergangen war, und die verlassene Frau beschloß endlich, in ihre Heimath -nach Deutschland zurückzukehren, wo ihr noch wohlhabende Verwandte lebten; -die einzige Schwierigkeit schien nur die, ein Schiff zu bekommen, das sie -für eine mäßige Passage hinüber brachte. Aber auch das fand sich endlich. -Ein in Callao ankernder hamburger Kapitän hatte von dem Schicksal der -Deutschen gehört, und als er sie zufällig einmal bei Bekannten traf und -sie ihm ihre Noth klagte, erbot er sich freundlich, sie gegen einen sehr -mäßigen Preis hinüber zu schaffen. - -Viel trug dazu auch ihr Aeußeres bei -- Frau Bockenheim mußte in ihrer -Jugend wirklich einmal schön gewesen sein, und sie war selbst jetzt noch, -in den dreißiger Jahren, eine hübsche, stattliche Frau zu nennen. -Früher galt sie auch unter den übrigen Handwerkerfamilien für stolz und -hochfährig; sie trug gern seidene Kleider und putzte sich manchmal so -heraus, daß man in ihr nie eines Schusters Frau vermuthet haben würde. -- -Das hatte sich freilich jetzt durch ihren Nothstand gründlich gelegt; von -dem Moment an, wo sie sich abhängig von fremden Leuten fühlte, wurde sie -eine ganz Andere. Sie ging höchst einfach, nur in die billigsten Stoffe -gekleidet, und schränkte sich wirklich nach Möglichkeit ein, um nur keine -Schulden zu machen. Trotzdem verkehrte sie aber wenig oder gar nicht mit -ihres Gleichen -- mit anderen Handwerkerfrauen -- von denen sie auch in der -That keinen Verdienst erwarten konnte. - -Jetzt hatte das überhaupt aufgehört und sie begann das Letzte zu thun, was -ihr übrig blieb, um ihre Passage zu bezahlen, nämlich die Ueberreste ihres -kleinen Hausstandes zu verkaufen. Da aber das zu langsam ging, denn das -Schiff wollte segeln, so setzte sie endlich eine Auktion an, auf welcher -auch das Handwerksgeräth ihres Mannes losgeschlagen wurde. Was sollte sie -auch damit machen? Der Verlorene kehrte doch nicht wieder. - -In Lima hatte sich indessen das Schicksal der Schusterfrau und ihre -Absicht, Peru zu verlassen, ausgesprochen, und schon aus Mitleiden mit -ihrem Schicksal besuchten Viele die Auktion, so daß die oft werthlosen -Gegenstände noch zu einigermaßen gutem Preis verkauft wurden. - -Die Auktion war vorüber; die letzten Sachen waren abgeholt; nur noch ein -Koffer und ein Reisesack standen in dem öden Raum, und die Frau hatte eben -einen kleinen Knaben aus dem Haus nach einem Peon oder Diener geschickt, -um sie forttransportiren zu lassen, als draußen ein Schritt auf der -Treppe laut wurde. Sie glaubte, es wäre der erwartete Packträger, und noch -seufzend einen Blick in den Räumen umherwerfend, in denen sie so manche -einsame und traurige Stunde verlebt, sagte sie: - -»Da, Freund -- nehmt die Sachen und tragt sie mir --« - -»Bertha,« flüsterte da eine Stimme, die ihr das Blut zum Herzen -zurückdrängte, und als sie sich erschreckt danach umwandte, stand ein mit -einem Poncho behangener fremder Mann auf ihrer Schwelle. Sie kannte ihn -nicht -- er trug einen großen dunklen Bart und den Hut fest in die Augen -gezogen, rührte sich auch nicht, und nur als sie ihn erstaunt anstarrte, -wiederholte er, mit der nämlichen Stimme das eine Wort, das ihren -Herzschlag stocken machte: »Bertha!« - -»Um der Wunden Christi Willen!« stöhnte die Frau, »wer ist denn das der -- -der meinen Namen --« - -»Und kennst Du mich nicht mehr?« - -»Ja -- wach' ich denn oder träum' ich -- Casper?« - -»Hab' ich mich denn so verändert?« lachte er und streckte ihr die Arme -entgegen, aber mit einem lauten, gellenden Freudenschrei stürzte sie auf -ihn zu und umschlang ihn krampfhaft mit ihren Armen. - -»Casper! Du bist's -- Du -- und oh mein Gott, wie lange hast Du mich warten -lassen -- oh wie ewig lange. Wo, wo bist Du nur gewesen?« - -»Und wenn ich ein klein wenig später gekommen wäre,« lächelte der Mann, -ohne die Frage für jetzt zu beantworten, »so hätte ich Dich am Ende gar -nicht mehr getroffen. Du wolltest verreisen --« - -»Nach Deutschland zurückkehren!« rief die Frau, »was sollte ich länger -allein hier in dem fremden Land? Ich hielt es nicht mehr aus und mußte Dich -ja todt glauben, da Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben. -- Ach, das -war nicht Recht, Casper.« - -»Ja, schreiben,« nickte dieser, »liebes Kind! Wo ich mich die ganze Zeit -herumgetrieben habe, gab es weder Feder noch Dinte noch Papier, viel -weniger Posten, und ich hätte einen Brief selber nach San Francisco tragen -müssen.« - -»So warst Du die ganze Zeit in Kalifornien?« - -»Gewiß war ich --« - -»Und hast Du Glück gehabt?« - -Der Mann schwieg und sah sie mit einem Blick an, der ihr ordentlich bis -in's innerste Herz hinein stach -- mit einem Blick, wie sie ihn noch nie -von ihm gesehen. Ueberhaupt kam er ihr so merkwürdig verändert vor. Machte -das vielleicht der große schwarze Bart, den sie allerdings nicht an ihm -gewohnt war? -- und er sah dabei so bleich aus -- so düster. -- Er hatte -jedenfalls Unglück gehabt und kehrte als armer Mann zurück. - -»Oh mein Gott,« stöhnte die Frau, als ihr der Gedanke kam, »und jetzt -hab' ich all' das Unsere, selbst Dein Handwerkszeug, um einen Spottpreis -verkauft -- Nichts ist mir geblieben, als meine Kleider und Wäsche und die -paar hundert Thaler, die ich für die Ueberfahrt zahlen wollte.« - -Da zuckte es wie ein Lächeln über des Mannes Gesicht, und er sagte: - -»Gott sei Dank, daß wir den alten Plunder los sind, wir hätten ihn doch -nicht mehr gebrauchen können.« - -»Nicht mehr gebrauchen können, Casper?« wiederholte die Frau erstaunt, »ich -weiß nicht, Du -- Du bist so sonderbar -- ich begreife Dich nicht.« - -»Weil ich mit einem ganzen Sack voll Gold zurück komme, Schatz,« lachte der -Mann laut auf. - -»Mit einem Sack voll Gold?« - -»Was ich Dir sage -- unsere Noth hat nun aufgehört -- ich habe Glück, viel -Glück in den Minen gehabt -- unserer Zwei trafen eine enorm reiche Stelle --- aber das Alles erzähle ich Dir später. -- Was will der Bursche da?« - -Während er noch sprach, war ein Peon auf der Schwelle der weit offen -stehenden Thür erschienen und sah in's Zimmer herein. - -»Die Sennorita hat einen Mann verlangt, um ihr Gepäck fort zu tragen.« - -»Ach ja -- =bueno= --« rief der Zurückgekehrte »du, guter Freund, schultert -einmal die Sachen und tragt sie in das amerikanische Hôtel -- oder wir -gehen besser gleich mit, denn hier haben wir doch wohl Nichts weiter zu -thun, Schatz, wie?« - -»Es ist Alles fort, selbst der letzte Stuhl --« - -»Also gänzlicher Ausverkauf,« lachte der Mann, »desto besser, dann werden -wir auch durch Nichts mehr gehindert -- =vamos nos, companero, vamos nos=« --- und damit gab er seiner Frau den Arm und schritt mit ihr die Treppe -hinab, die Vorstadt entlang und dann über die Brücke, immer die Hauptstraße -nieder und hinter dem Peon mit ihren Sachen her, bis sie das Hôtel -erreichten, wo er augenblicklich zwei Zimmer und ein gutes Diner für sie -bestellte. - -Die Frau ging wie in einem Traum an seiner Seite; sie fühlte kaum, wie ihre -Füße den Boden berührten. War denn das Alles wirklich wahr, und der Mann, -den sie schon lange todt geglaubt und in Verzweiflung aufgegeben, nicht -allein zurückgekehrt, sondern auch reich, mit Schätzen beladen? Wie ein -Märchen klang's ihr in den Ohren und sie bemerkte dabei gar nicht, daß die -Leute, denen sie unterwegs begegneten, fast immer stehen blieben und dem -etwas wunderlichen Paar nachschaueten. - -Und es war in der That ein wunderliches Paar für einen heißen, sonnigen Tag -in Lima. Der Mann trug einen alten breiträndrigen und chokoladenfarbigen -Filzhut, einen dicken, blau und roth gestreiften Poncho, und dazu -mexikanische, an den Seiten herunter offengeschlitzte Sammethosen mit -kleinen silbernen Knöpfen daran. Die Frau an seiner Seite ging dabei in -echt deutscher Handwerkertracht mit einem langen, braunen, etwas abgenutzt -aussehenden Kattunkleid, ohne Steifröcke darunter, einem rothwollenen Tuch -um, und einem Hut, von dem man eigentlich nicht sagen konnte, daß er hier -aus der Mode gekommen, denn er war in Lima wohl noch niemals Mode gewesen. -Auch die Blumen darauf sahen zerknickt und schmutzig aus, und so viel die -Frau auch wohl früher auf ihre Toilette gegeben hatte, und so nett sie -sich gehalten: jetzt, mit den Sorgen der letzten Zeit im Herzen, schien -sie Alles vernachlässigt zu haben, und dachte auch in diesem Augenblick -wahrlich an Nichts weniger, als an ihre abgetragenen Kleider. - -In dem ziemlich großartigen Hôtel betrachteten sich die Kellner das -sonderbare Paar ebenfalls ziemlich erstaunt und schienen nicht übel Lust -zu haben, sie etwas über die Achseln zu behandeln; als aber der Mann, nicht -etwa höflich, sondern mit barschem Ton »Zwei Zimmer vorn heraus und vor -Allem eine Flasche Champagner und dann so rasch als möglich ein gutes -Diner« bestellte, wurden sie aufmerksamer. Der Mann mußte Geld haben oder -er wäre höflich gewesen, und er wurde jetzt, trotz seinem unscheinbaren -Aeußeren, pünktlich bedient. - -Oben aber, in dem elegant möblirten freundlichen Gemach, dem Champagner, -der der Frau ebenfalls trefflich mundete, gar wacker zusprechend, saß der -von Kalifornien zurückgekehrte glückliche Miner und erzählte, nur erst -einmal in flüchtigen Umrissen, seine Abenteuer: Wie er Anfangs, und wohl -anderthalb Jahr hindurch, mit eisernem Fleiß und unermüdlicher Ausdauer -gearbeitet und ein Loch nach dem andern gegraben habe, immer und immer aber -wieder getäuscht, immer wieder auf neue Hoffnung angewiesen worden. Ja, -er verdiente sich, was er eben zum Leben brauchte, aber auch nicht mehr --- Gold gab es ja überall. Da machte er endlich die Bekanntschaft eines -Mexikaners, der großes Vertrauen zu den nördlichen Minen hatte. Mit dem -war er an den Yubafluß gegangen, und dort in einer der Ravinen, die noch -wahrscheinlich kein weißer Mann entdeckt, trafen sie plötzlich auf ein -Goldlager, wie sie es bis dahin nicht für möglich gehalten. Stücke fanden -sie dort, so groß wie die Wallnüße, und einzelne größer, die wie in einem -geschmolzenen und dann erkalteten Zustand vor Jahrtausenden vielleicht in -der kleinen, engen Schlucht herabgewaschen waren. - -Dort arbeiteten sie, von Niemandem gestört, ja von Niemandem bemerkt, -heimlich und versteckt sechs volle Monate, bis sie die ganze Goldader, -so weit das wenigstens anging, ausgebeutet hatten. Dann kauften sie sich -Maulthiere unten in Yubacity, einem kleinen Goldwäscherdorf, holten die -indeß vergrabenen Schätze ab, luden sie auf und zogen damit nach Sacramento -hinunter, von wo sie dann mit dem Dampfschiff nach San Francisco gingen. -Von hier aus kehrte der Mexikaner in sein eigenes Vaterland zurück, und -er selber ging an Bord des ersten nach Panama abfahrenden Dampfers, um von -dort wieder mit dem südlichen =vapor= so rasch als irgend möglich Peru -zu erreichen. Deshalb war es ja auch gar nicht möglich gewesen, vorher zu -schreiben, denn die erste Gelegenheit, die sich dazu bot, um rasch einen -Brief zu senden, benutzte er, und er hätte einen solchen nur selber -mitnehmen, nie aber vorher hierher befördern können. - -Der armen Frau kam es die ganze Zeit, während der Mann sprach, genau so -vor, als ob sie irgend eine wunderbare Geschichte in einem Buche läse, aber -keine Möglichkeit vorhanden wäre, daß das Alles sie mit betreffen könne und -das Gold, das viele Gold, das ihr Mann mitgebracht, ja doch nun auch ebenso -gut ihr gehöre und sie damit reiche und vornehme Leute geworden wären. - -»Aber wo hast Du das viele Gold, Casper?« frug sie ihn endlich, »doch nicht -bei Dir?« - -»Bei mir?« lachte der Mann, indem er eine Handvoll großer goldener -Doublonen aus der Tasche nahm und ihr vorhielt, »so ein paar Stück kann man -schon bei sich führen, aber ich möchte das Ganze wahrhaftig nicht auf der -Schulter tragen.« - -»So viel ist es?« - -»Nun natürlich -- Gold wiegt schwer, mein Kind -- und ich konnte mich damit -doch nicht in der ganzen Stadt herumschleppen, bis ich Dich da draußen, -im äußersten Winkel von Lima, aufgesucht? Es steht in zwei kleinen Koffern -sicher in einem Handlungshaus, das ich von früher kannte. Jetzt will ich -Dir aber wenigstens die Proben des Mitgebrachten zeigen.« - -Damit stand er auf, schloß erst vorsichtig die Thür zu und schnallte sich -dann einen ledernen langen Sack von den Hüften ab, dessen Inhalt er vor den -erstaunten Augen der Frau ausschüttete. - -Du lieber Gott! einen solchen Reichthum hatte sie bis dahin gar nicht für -möglich gehalten -- und was für große schwere Stücken dabei waren, und wie -wunderlich geformt! -- Und das sollte erst der kleinste Theil des Ganzen -- -nur eine Probe sein? Ihr Mann packte aber die Stücke wieder zusammen, denn -draußen klopfte es, und der Kellner frug sehr artig durch die Thür, ob die -=lady= und der =gentleman= jetzt zu speisen wünschten. - -Das Essen wurde gebracht, aber nach Tisch ging der frühere Schuhmacher -augenblicklich daran, den Koffer seiner Frau zu revidiren, um zu sehen, was -sie an Kleidern und Wäsche habe, und was sie Neues brauchen würde. Da sah -es freilich bös aus -- sie brauchte fast Alles neu, denn das Wenige, was -sie noch hatte, war so abgenutzt, daß ihr der Mann augenblicklich erklärte, -damit könne sie nicht mehr auf der Straße erscheinen. Der heutige Abend -sollte denn auch dazu benutzt werden, alle die nöthigen Einkäufe zu machen, -und nachher konnten sie dann in aller Ruhe überlegen, ob sie vor der Hand -noch hier in Lima bleiben oder ohne Weiteres nach Deutschland zurückkehren -sollten. Gegen den letzteren Plan sprach sich aber Madame Bockenheim auf -das Entschiedenste aus. War ihr Mann wirklich so reich, dann hielt sie es -auch für nöthig, den Leuten hier in Lima, die sie selber so oft über die -Achsel angesehen, zu zeigen, was sie könnten, und daß sie jetzt im Stande -wären, sich den »Besten« an die Seite zu stellen. Was lag auch daran, ob -sie sich hier einmal ein halbes Jahr einmietheten? - -Das war nun freilich ein Festtag für die Frau, wie sie ihn nie in ihrem -ganzen Leben für möglich gehalten, als sie an dem Abend mit ihrem Gatten -durch all' die großen, herrlichen Läden gehen und dabei aussuchen durfte, -was ihr Herz begehrte. Da war auch Nichts zu kostbar. Wo sie nur halbwegs -Bedenken hatten, sowie ihr Mann nur merkte, daß es ihr gefiel, ließ er es -augenblicklich bei Seite legen, zahlte dann die Rechnung in Doublonen und -beorderte es in ihr Hôtel. - -Früher hatte er die Packen selber getragen; jetzt dachte er gar nicht mehr -daran und schien sich mit dem ausgewaschenen Gold auch gleich die Sitten -und Gewohnheiten eines vornehmen Mannes angeeignet zu haben. - - - - -Zweites Kapitel. - -Der Mexikaner. - - -Am nächsten Tag sprach man fast von Nichts weiter, als dem aus Kalifornien -steinreich zurückgekehrten deutschen Schuster, und das Gerücht vergrößerte -dabei natürlich die Schätze, die er wirklich mitgebracht, um das Zehnfache. -Allerdings gab es noch Einzelne, die nicht so recht an einen solchen Erfolg -in den Minen glauben wollten; aber selbst diese mußten zuletzt eingestehen, -daß der Mann dort jedenfalls _Glück_ gehabt, denn er verausgabte gerade -in den ersten zwei oder drei Wochen eine sehr bedeutende Summe Geld, und -bezahlte Alles gleich baar in blankem Gold. -- Er machte nicht für einen -Centabo Schulden. Ebenso bestätigten die Kaufleute, daß er sich immer die -besten und kostbarsten Stoffe ausgesucht, und als er sich bald darauf -noch das schönste Pferd in Lima um achtzehn Unzen kaufte und mit dem -silberbedeckten Zaumwerk und Sattel in der Stadt herum galoppirte, fing man -doch an, ihn weniger mißtrauisch zu betrachten, und Leute, die sonst gar -nicht daran gedacht hätten, sich um ihn zu bekümmern, bewarben sich jetzt -um seine Freundschaft und machten ihm Besuche. - -Casper Bockenheim, wie der Deutsche hieß, besaß übrigens genug gesunden -Menschenverstand, um _derartige_ Burschen zu durchschauen, und hatte in -seinen früheren Jahren zu häufig mit der vornehmen Welt durch seine Arbeit -verkehrt, um nicht zu wissen, wie er sich gegen sie zu benehmen hatte. -Er ließ die Schmarotzer eben ablaufen, und gab sich dabei Mühe, in die -wirklich vornehmen Cirkel der Stadt zu kommen, mit denen er sich selber, so -weit es bedeutende Geldmittel ermöglichen konnten, auf eine Stufe gestellt. -Aber das gelang ihm ebenso wenig; denn wenn er sich auch die äußeren -Manieren eines »=caballero=«, so weit es seine Bildung zuließ, aneignete, -und seine Frau jetzt ebenso schöne Brillanten trug, wenn sie sich Abends -auf der Plaza zeigte, als irgend eine Sennorita der Stadt, so hatte er -doch sein ursprünglich rauhes Wesen nicht so abschleifen können, um seinen -früheren Stand weniger als seine ganze frühere Lebensweise vollständig -vergessen zu lassen, und die =haute volée= von Lima, welcher Nation sie -auch angehörte, wich ihm, so weit das anständiger Weise geschehen konnte, -aus. - -Bockenheim wurde dadurch nicht liebenswürdiger; er fühlte, daß hier in Lima -noch ein »Vorurtheil«, wie er es nannte, gegen ihn herrsche, und beschloß -endlich, Peru vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer zu verlassen, um -nach Deutschland zurückzukehren; und das war ja auch jetzt der einzige und -sehnlichste Wunsch seiner Frau, denn dort konnte sie nachher Staat mit sich -machen -- hier war es in der That nicht möglich. - -Madame Bockenheim oder Sennora Bockenheim hatte sich auch wirklich in den -letzten Monaten sehr verändert, und so einfach und zurückgezogen sie sonst -gelebt, so ganz aus sich heraus_gesprungen_ schien sie jetzt. Ihr Mann, der -Schuhmacher, suchte seinen Reichthum nur in äußerem Pomp zu zeigen. Er trug -schwere goldene Uhrketten, große Brillant-Tuchnadel, eine Menge Ringe und -sein, wie schon erwähnt silberbedecktes Sattelzeug, bummelte aber sonst -noch ebenso nachlässig über die Straße, wie früher, fiel auch wohl einmal -in ein gewöhnliches deutsches Bierhaus hinein und spielte dort seine -Partie Skat, wie er es sonst gewohnt gewesen. Seine Frau dagegen, der der -Hochmuthsteufel in den Kopf gestiegen, schwebte fast nur immer in höheren -Regionen. Sie war gerade keine ungebildete Frau, und deshalb auch früher -überall gern gesehen gewesen, aber sie wußte sich nur in der Sphäre zu -bewegen, der sie angehörte, und fiel aus der Rolle, sobald sie darüber -hinausstieg. Daß sich wirklich vornehme Personen fast immer durch ein -ungenirtes, leutseliges und selbstverständlich artiges Benehmen kundgeben, -hatte sie übersehen; sie suchte das Vornehme in alberner Aufgeblasenheit -und machte sich dadurch nur lächerlich. - -Bockenheim hatte sich in der Stadt ein sehr hübsches Haus gemiethet, das -sogar einen kleinen freundlichen Garten umschloß. Die Einrichtung desselben -war prachtvoll und schien auf einen jahrelangen Aufenthalt in Peru -hinzudeuten. Jetzt dachte er schon wieder daran, sie zu veräußern, und -ließ, erst einmal mit dem Entschluß im Reinen, seine Absicht in die Zeitung -setzen. - -Natürlich besuchte nun eine Menge von Leuten das Haus, die sich entweder -in der Absicht, die Sachen zu kaufen, diese betrachteten oder auch nur -neugierig waren zu sehen, wie sich der deutsche, so plötzlich reich -gewordene Schuster eingerichtet habe. Von Morgens an aber gingen und -kamen die Leute, Abkömmlinge _aller_ Nationen, und besonders strömten die -=señoritas= herbei, die dann von der Sennora Bockenheim in allem Pomp -eines seidenen, spitzenbedeckten Kleides empfangen wurden und sich nachher -halbtodt über die komische Deutsche lachen wollten. - -Bockenheim selber ließ sich wenig dabei sehen. Ihm war die ganze Sache -fatal, und er bereuete schon bitter, das Alles nicht früher und besser -überlegt zu haben, ehe er sich eine solche Last aufbürdete. Aber seine -Frau hatte ja so fest darauf bestanden; sie wollte den Bewohnern von Lima -zeigen, »was sie _konnten_«, und wenn sie auch ein paar tausend Dollars -Schaden dabei hatten, was lag daran? Schon damit zeigten sie, wie reich sie -waren. - -Lästig blieben diese ewigen Besuche gleichgültiger Menschen aber doch, -und Bockenheim war wirklich kaum im Stand gewesen, sich eine freie -Mittagsstunde auszuwirken, daß er sein Essen ungestört verzehren konnte. -Ein Zettel an seiner Thür sagte, daß die Lokalitäten von zwei bis vier -_nicht_ geöffnet würden; darnach mochten sich die Leute richten; er war -nicht gesonnen, ihnen seine ganze Bequemlichkeit zu opfern. - -Es war eben vier Uhr vorbei, und Casper Bockenheim saß am offenen Fenster, -die Füße gegen ein niederes eisernes Gitter gestemmt, seinen Kaffee neben -sich und rauchte seine Cigarre, als der eine Peon herein kam und meldete, -es sei ein fremder Herr draußen, der den Sennor zu sprechen wünsche. - -»Mich? -- Hol' ihn der Teufel,« brummte der Deutsche, »er soll zu meiner -Frau gehen, die wird ihn herumführen. Ich habe mit der Geschichte Nichts zu -thun und will ungestört meinen Kaffee trinken.« - -»Aber er will Sie selber sprechen, Sennor.« - -»Mich selber? Wer ist es denn?« - -»Ich kenne ihn nicht,« sagte der Peon, »er spricht sehr gut kastilianisch, -aber mit einem so sonderbaren Accent. Aus Peru kann er nicht sein.« - -»Hm,« brummte Bockenheim leise vor sich hin, »und wie sieht er aus?« - -»Ja, ich weiß nicht; er trägt einen großen Bart und hat einen sehr schönen -Poncho umhängen, als ob er von der Reise käme.« - -»Na, so laß ihn in des Bösen Namen herein. Frag' ihn aber erst, ob er die -Möbel sehen will, und wenn er Ja sagt, schick' ihn zu meiner Frau; die wird -am besten mit den Leuten fertig.« - -Der Peon ging, kehrte aber gleich darauf mit dem Fremden zurück, der ihm -auf dem Fuß folgte. Bockenheim war verdrießlich; er haßte Nichts mehr, als -sich spanisch zu unterhalten, denn wenn auch schon längere Jahre im -Land, konnte er mit der Sprache doch noch nicht gut fertig werden, und -mißhandelte sie auch auf das Grausamste. Er war langsam aufgestanden, um -den Fremden zu begrüßen und zu hören, was er wolle -- aber er kam nicht -weit. Wie nur sein Blick auf die Züge des vor ihm Stehenden fiel, war es -ihm, als ob ihm Jemand einen Stich durch's Herz gäbe. Er fühlte, daß er -leichenblaß wurde, seine Kniee zitterten, und er mußte sich an dem nächsten -Stuhl festhalten, um nicht zusammen zu sinken. - -Dem Fremden konnte auch die Erregung, die den Deutschen erfaßt hatte, nicht -entgehen. Ein spöttisches, fast verächtliches Lächeln zuckte aber nur um -seine Lippen und er sagte trocken: - -»=Buenos dias, Don Gaspár= -- ich sehe, Ihr kennt mich noch, obgleich ich -ein paar Monate an der Wunde das Lager hüten mußte.« - -Casper Bockenheim stierte ihn noch immer an, als ob er einen Geist gesehen -hätte; er brauchte Minuten lang, um sich zu sammeln, behielt aber doch so -viel Besinnung, daß er dem Peon zuwinkte, das Zimmer zu verlassen. Er mußte -mit dem Mann allein sein. Dieser schien das auch ganz in der Ordnung zu -finden und ließ indessen seinen Blick in dem höchst eleganten und reich -ausgestatteten Raum umher fliegen, wobei er nur langsam und wie, als ob -er eine Vermuthung bestätigt erhalten, mit dem Kopf nickte. Aber er sprach -kein Wort weiter; es war, als ob er jetzt erst eine Anrede des Deutschen -abwarten wollte, zu der er ihm völlig und ungestört Zeit ließ. - -Das war insofern gefehlt, als er diesem dadurch auch völlig Raum gab, sich -von seiner ersten Ueberraschung zu erholen, und Bockenheim schien Gebrauch -von der Gelegenheit zu machen. - -Sein finsterer Blick maß den Mexikaner, der ihm übrigens ganz unbefangen -gegenüber stand, und jetzt sogar, als wenn er hier zu Hause wäre, zu einer -dort stehenden Cigarrenkiste trat und sich eine Havana herausnahm. - -»Ah Don Gaspard,« lachte er dabei, »Ihr raucht jetzt feine =puros=! Wißt -Ihr wohl noch, wie wir auf dem Wege nach Macalome alle Taschen umdrehten, -um ein wenig Taback für eine Cigaretta darin zu finden?« - -»Mit wem habe ich das Vergnügen?« sagte da der Deutsche trocken, indem er -den unwillkommenen Gast mit finster zusammengezogenen Brauen betrachtete. -»Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein, Sennor.« - -»=Caramba=,« lachte der Mann und drehte sich rasch nach ihm um. »Ihr kennt -mich wohl nicht mehr? Wahrhaftig, wenn _mein_ Gedächtniß zum Teufel wäre, -sollt' es mich nicht Wunder nehmen; denn der Hieb, den Ihr mir damals -über den Kopf gegeben, hätte einem anderen Menschen wahrscheinlich den -Hirnkasten von einander gesprengt. Aber wie Ihr seht, habe ich mich -vollständig wieder erholt und befinde mich, den Umständen nach, wohl, -während Ihr Euch,« setzte er mit einem Blick umher hinzu, »_besser_ zu -befinden scheint.« - -»Dürft' ich fragen, was Ihr von mir wollt, Sennor?« sagte der Deutsche -trocken. »Ich habe nicht viel Zeit und noch weniger Lust, mich lange mit -Euch abzugeben.« - -»=En verdad, Señor?=« lachte der Mexikaner. »Nun gut, dann werde ich Euch -mit einem Wort sagen, was ich will: _Geld!_ -- Das Geld will ich, das Ihr -mir damals, als Ihr mich bei Macalome meuchlings überfielt und für todt im -Walde liegen ließet, abgenommen. Habt Ihr mich verstanden?« - -»Ich verstehe _so_ viel,« sagte der Deutsche, »daß Ihr jedenfalls -wahnsinnig sein müßt; denn ich habe Euch in meinem ganzen Leben noch nicht -gesehen, und die Beschuldigung ist deshalb eine niederträchtige Lüge!« - -»So?« sagte der Mexikaner. »Und weshalb erschrakt Ihr da so, als ich ins -Zimmer trat?« - -»Wer sagt Euch, daß ich erschrocken bin?« - -»=Carajo!=« rief der Mexikaner, ungeduldig werdend, »wir wollen den Tag -nicht mit nutzlosen Redensarten vergeuden. Ich _lebe_ noch, wie Ihr seht, -und bin Eurer Spur wie ein Schweißhund gefolgt -- jetzt aber bleibt Euch -kein Ausweg mehr. Ich kam zu Euch, weil ich die peruanischen Gerichte nicht -unnützer Weise bemühen wollte. -- Mir liegt nichts daran, Euch gehangen zu -sehen, und Strafe hatte _ich_ verdient, weil ich dumm genug gewesen war, -auch nur einem einzigen Menschen auf der Welt zu trauen, wo die Verführung -auf der Hand lag, mit _einem_ Schlag reich zu werden. Aber Ihr habt die -Geschichte ungeschickt angefangen. Wolltet Ihr einmal einen Mord verüben, -so mußtet Ihr auch sicher gehen und Eurem Opfer noch wenigstens den Hals -abschneiden -- _das_ habt Ihr versäumt und kommt jetzt in die unangenehme -Nothwendigkeit, das Geraubte wieder herausgeben zu müssen. Also macht keine -Umstände, oder ich zeige Euch hier bei den Gerichten als Straßenräuber an, -und was Euch dann erwartet, brauche ich Euch doch wohl nicht zu sagen!« - -»Ihren werthen Namen, wenn ich bitten darf,« sagte der Deutsche -außerordentlich höflich. - -Der Mexikaner biß die Zähne zusammen, und der Blick, den er auf den -früheren Gefährten schleuderte, war so voll Gift und Haß, daß Bockenheim -unwillkürlich nach der Lehne des neben ihm stehenden Stuhles griff, um nur -irgend eine Schutzwaffe bei der Hand zu haben, denn er erwartete wirklich -nichts weniger, als daß sich der zum Aeußersten gereizte Südländer jetzt -auf ihn stürzen würde. Der Fremde schien aber, wenn auch vielleicht der -Gedanke für einen Moment in ihm aufgestiegen war, etwas Derartiges nicht -zu beabsichtigen. Wohl war er unter dem Poncho mit der Hand nach der Seite, -möglich nach seinem Messer, gefahren; aber es blieb bei der Bewegung. Der -Mann bewahrte sein kaltes Blut; denn er wußte gut genug, wie viel Leute -im Haus waren, und daß er nie hoffen durfte, seinen Zweck mit Gewalt zu -erreichen. Er hätte sich nur selber der größten Gefahr ausgesetzt. - -»Also Ihr leugnet bestimmt, daß Ihr mich kennt?« sagte er endlich, nach -einer ziemlich langen Pause. »Ihr leugnet, daß Ihr mich, als wir zusammen -von Richgulch nach Macalome ritten, da, wo wir lagerten, überfallen --« - -»Geht zum Teufel mit Euren albernen Märchen!« rief aber jetzt Bockenheim -unwillig, indem er die auf dem Tisch stehende Klingel ergriff und heftig -schellte, »und das sag' ich Euch, laßt Ihr Euch noch einmal in meinem Hause -blicken, so ruf' ich die Polizei zu Hülfe!« - -In der Thür erschienen ein paar Peons, der Befehle ihres Herrn gewärtig. -Der Mexikaner aber sah recht gut ein, daß er vor der Hand hier Nichts -weiter ausrichten könne und jedenfalls den Kürzeren ziehen müsse. Er wußte -aber jetzt auch, was er von dem Deutschen _im Guten_ zu erwarten hatte. Nun -blieb ihm nichts anderes übrig, als die Polizei zu Hülfe zu rufen. - -»=Bueno, Señor=,« sagte er ruhig, »ich werde Ihnen nicht länger zur Last -fallen. -- _Auf Wiedersehen!_« Und mit den Worten drehte er sich um und -schritt zur Thür hinaus, wobei Bockenheim den Peons befahl, hinter ihm zu -bleiben und aufzupassen, daß er auch wirklich das Haus verließ. Es wäre, -wie er sagte, ein ganz gemeiner Vagabond, der Geld hatte von ihm erpressen -wollen, und welchem deshalb auch Alles zuzutrauen. Sie sollten nur das Haus -gut zuschließen. - -Kaum hatten sie übrigens den Raum verlassen, als Bockenheims Frau in -furchtbarer Aufregung aus der nächsten Stube trat, wo sie jedenfalls das -Ganze angehört haben mußte. - -»Um Gottes Willen, Caspar!« rief sie, »was war das? Was ist vorgefallen? -Was hattest Du mit dem Mann?« - -»Was ich mit dem Mann hatte?« sagte Bockenheim, der mit untergeschlagenen -Armen und zusammengezogenen Brauen finster brütend mitten in der Stube -stand. »Nichts -- gar Nichts! Ein Betrüger war es, der Geld von mir -erpressen wollte -- aber wenn er mir wieder kommt -- beim ewigen -Gott -- --« - -Die Frau hatte ängstlich zu ihm aufgeschaut. - -»Und kanntest Du den Mann gar nicht? -- Hast Du ihn nie früher gesehen oder -mit ihm gesprochen?« - -»Nie -- der Henker soll all' das mexikanische Gesindel kennen, das sich in -Kalifornien in den Minen herumtreibt!« - -»Und was verlangte er von Dir?« - -»Ach, Unsinn,« erwiderte mürrisch, aber doch ausweichend der Mann, »er -- -er wollte nur Geld geborgt haben.« - -»Er sprach von einem Todtschlag,« flüsterte die Frau. - -»Bah -- Geschwätz -- laß mich mit dem Blödsinn zufrieden!« rief Bockenheim. -»Der Kerl ist verrückt, und, wahrscheinlich ohne Centabo aus den Minen -zurückgekehrt, hat er vielleicht hier gehört, daß ich Glück dort oben -gehabt, und will mir nun ein paar hundert Dollars abschwindeln. Aber -verdamm mich! er ist an den Unrechten gekommen. Wo hat er Beweise? -- -Nichts -- gar nichts -- es ist Nichts, als niederträchtige gemeine Lüge --- weiter Nichts,« und damit verschränkte er die Arme wieder und ging mit -raschen, unruhigen Schritten in dem so behaglich eingerichteten Zimmer auf -und ab. - -Die Frau hatte, während ihr Mann sprach, keinen Blick von ihm verwandt, und -eine unsagbare Angst ergriff ihr Herz. Aber es war nicht die Furcht, daß -ihr Mann ein Verbrechen verübt haben, sondern die, daß es entdeckt werden -könne, und mit leiser Stimme sagte sie endlich: - -»Laß uns fort von hier, Caspar -- ich habe Dich schon lange darum gebeten; -wärst Du mir nur gefolgt.« - -»Ja, und eben _weil_ ich Dir gefolgt _bin_, können wir es jetzt nicht,« -knurrte Bockenheim ärgerlich, »denn den ganzen Plunder, den ich mir -Deinetwegen angeschafft, kann ich nicht auf den Buckel nehmen.« - -»So laß die Sachen hier! -- Was liegt daran? Gieb Jemand den Auftrag, -sie unter der Hand oder auf Auktion zu verkaufen. -- Uebermorgen geht der -Dampfer nach Panama -- übermorgen können wir weit draußen in See schwimmen -und wieder nach Deutschland fahren, und dorthin kommt der freche Bursche -gewiß nicht.« - -»Hm,« sagte Bockenheim, der, während die Frau sprach, leise vor sich hin -mit dem Kopf genickt hatte, »das ginge vielleicht -- aber wenn er mich hier -verklagt?« - -»Bah, _Du_ kennst doch die peruanischen Richter,« lachte die Frau, »und -dann wäre es doch wahrhaftig schlimm, wenn jeder Lump da ohne Beweise, -ohne Zeugen herkommen und einen ehrlichen Mann eines Verbrechens anklagen -könnte, das er tausend Meilen von hier entfernt begangen haben soll. Es ist -kein Sinn und Verstand darin.« - -Bockenheim war wieder eine Weile in dem Zimmer auf und ab gelaufen und -schien noch nicht mit sich im Reinen. - -»Und wenn Du _meinem_ Rath folgst,« sagte die Frau, die _ihre_ Sinne -wenigstens vollkommen beisammen hatte, »so gehst Du jetzt vor allen Dingen -augenblicklich selber auf die Polizei und machst die Anzeige, daß ein -mexikanischer Strolch, der wahrscheinlich davon gehört hätte, daß Du Lima -mit dem nächsten Dampfer verlassen wolltest -- verstehst Du mich? -- zu -Dir gekommen wäre und gesucht hätte, ein paar hundert Dollars von Dir zu -erpressen.« - -»Hm -- und dann?« - -»Nun, dann bittest Du den Direktor oder wie der Beamte heißt, ein wachsames -Auge auf den Burschen zu haben; denn Du fürchtetest, daß er Dir nach dem -Leben trachte, weil Du ihn so grob abgewiesen.« - -»Er wird mir sagen, daß ihn das nichts anginge.« - -»Kommt es Dir auf hundert Dollars an?« - -»Nein.« - -»Gut, dann gieb ihm die und bitte ihn, sie unter ein paar Polizeidiener zu -vertheilen, daß sie sich hier in der Nähe des Hauses aufhalten.« - -»Bah, dann steckt er sie einfach in die Tasche,« brummte Bockenheim, »ich -müßte meine Peruaner nicht kennen.« - -»Und soll er denn das nicht?« rief die Frau. »Du bist wie ein kleines Kind. -Nachher weißt Du aber doch sicher, daß er Deine Partei nimmt. -- Hab' ich -nicht Recht?« - -Bockenheim lachte -- zum ersten Mal wieder an dem Morgen. - -»Wahrhaftig, Schatz, ich glaube, ich werd's so machen,« rief er, indem er -seinen Panamahut von dem nächsten Stuhl nahm, »und kannst Du bis morgen -Abend mit Packen fertig werden?« - -»Bis _heut_ Abend, wenn es sein muß. Der Tischlermeister Müller kann -nachher Alles übernehmen, was hier zurückbleibt. Hast Du noch Schulden in -Lima?« - -»Keinen Pfennig.« - -»Desto besser -- das Geld schickt er uns später an eine Adresse, die wir -ihm aufgeben. Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.« - -»Und wenn der -- Schuft jetzt zurück käme?« - -»Wenn _ich_ mich nicht fürchte, brauchst Du doch keine Angst zu haben. Ich -gebe Dir mein Wort, daß ich den Burschen, falls er noch einmal Lust haben -sollte einzudringen, in sicherer Entfernung halten werde. Laß ihn nur -kommen; unsere Leute hier im Haus werden wahrhaftig kurzen Prozeß mit ihm -machen.« - -Der Mann blieb einen Augenblick zögernd an der Thür stehen, als ob er noch -etwas sagen wollte; aber plötzlich drehte er sich scharf auf dem Hacken -herum und schritt wenige Minuten später die Straße hinab, über die Plaza -und dem Polizeigebäude zu. - - - - -Drittes Kapitel. - -Die Flucht. - - -Der Mexikaner Felipe Corona, wie er mit Namen hieß, verließ indessen mit -bitteren Rachegedanken das Haus des Deutschen. Aber während er die Straße -hinab schritt, war er sich doch auch bewußt, auf wie unsicherer Basis -die Klage ruhte, die er hier, selber ein Fremder, gegen einen in Lima -ansässigen Mann vorbringen wollte. Und sollte er ihn deshalb im Besitz -aller der Schätze lassen, die, wie er fest behauptete, ihm -- allein nur -ihm gehörten? Nein! bei dem Blute des Gekreuzigten, nein. Wahrlich nicht, -so lange seine Faust noch ein Messer führen konnte, und wenn ihm die -Peruaner sein Recht nicht verschafften -- er biß die Zähne fest zusammen -und schritt, finster vor sich hin brütend, die Straße hinab, wo er das Haus -eines Advokaten wußte. Der sollte ihm helfen -- oder doch wenigstens einen -Rath geben, wie er sich zu verhalten habe, welche Schritte er hier in dem -fremden Lande thun müsse, um den Schuldigen zu überführen und zu strafen. - -Er fand den Herrn auch zu Hause, und zwar ziemlich behaglich in einer -Hängematte liegend und eine Cigarre rauchend; was sollte er sich bei der -Hitze anstrengen, wo er es so bequem haben konnte? Die Geschäfte mochten -eben warten bis die Abendkühle eintrat -- oder vielleicht auch bis morgen -früh. Die Gerechtigkeit ist blind und kann sich deshalb nicht Hals über -Kopf in einen Strudel von Arbeiten stürzen; sie muß eben langsam und -vorsichtig zu Werke gehen. - -Nach dem eintretenden Mexikaner drehte er auch kaum den Kopf, als dieser -das kühle, luftige Gemach betrat. Der Mann trug einen Poncho, war also -jedenfalls ein Peon oder Diener, denn ein Caballero ging nicht mehr mit -diesem eigentlich alt-peruanischen Kleidungsstück über die Straße; es war -völlig aus der Mode gekommen. Er brachte ihm wahrscheinlich eine Botschaft, -und die konnte er ebenso gut liegend anhören -- ja eigentlich noch viel -besser. - -»Und was wollt Ihr, =amigo=?« - -»Eure Hülfe oder Euren Rath, Sennor, gegen einen Schurken,« sagte der -Mexikaner ruhig. - -»So? Hm -- und wie heißt der Schurke?« - -»Er ist ein Fremder, Don Gaspard, der aus Kalifornien mit vielem Geld -hierher gekommen.« - -»So? Der Deutsche? Und was habt Ihr gegen ihn?« - -»Das Gold, das er mitgebracht, ist _mein_,« sagte der Mexikaner ruhig, -»ich hielt ein Spielzelt am Richgulch in Kalifornien und verkaufte zugleich -Waaren. Ich verdiente _viel_ Gold. Da aber die Americanos dort kein Spiel -mehr haben wollten, trieben sie uns fort, und ich lud mein Gold und meine -Waaren auf Maulthiere und zog nach dem Macalome hinüber, wo ich noch -einen Bruder hatte. Mit diesem wollte ich nach Mexiko zurückkehren -- ich -brauchte nicht mehr. Unterwegs traf ich den =Aleman=. Es sind sonst gute, -rechtliche Leute, und wir Mexikaner verkehrten dort nur mit ihnen und den -Franzosen. Ich freute mich, daß ich Begleitung bekam; denn ich hielt mich -mit meinen schwer beladenen Thieren nicht für ganz sicher im Wald. Manchen -von uns hatten die Amerikaner gemordet, und uns selber wurde es dann zur -Last gelegt. Ich hatte mir aber den schlimmsten Feind zu meiner Begleitung -ausgesucht. Als wir, kaum noch eine halbe Legua vom Macalome entfernt, eine -kurze Zeit im Wald rasteten, nahm er die Gelegenheit wahr und schlug mich -mit seinem schweren Messer über den Kopf -- hier an der Seite, Sennor, seht -Ihr noch die kaum verharrschte Narbe. Ich brach besinnungslos zusammen, und -er hielt mich jedenfalls für todt; ich war es auch fast. Landsleute fanden -mich später und trugen mich in die Minerstadt, und als ich nach Wochen -wieder zu mir kam und meinen Bruder an meinem Bett sitzend fand, war meine -erste Frage nach meinen Thieren, meinen Schätzen -- umsonst -- man hatte -Nichts bei mir gefunden -- gar Nichts -- der Räuber mußte Alles mit -fortgenommen haben, Thiere, Waaren und Gold, und ich war wieder arm, wie -ein Bettler.« - -»Hm -- eine verwünschte Situation,« brummte der Advokat, sich eine neue -Cigaretta anzündend, »und Ihr wißt gewiß, daß dieser Don Gaspard derselbe -ist, der Euch damals begleitete?« - -»Hört nur weiter,« fuhr der Mexikaner fort. »Vierzehn Tage brauchte ich -wohl noch, bis ich mich vollständig erholt hatte und meine Wunde vernarbt -war -- dann folgte ich seinen Spuren. Mein Bruder hatte mir einige Unzen -Gold geborgt, damit wanderte ich aus, und es dauerte nicht lange, so war -ich auf der Fährte des Mörders. In Stockton hatte er meine Maulthiere und -Waaren verkauft und war zu Schiff nach San Francisco gefahren, und bald -erfuhr ich, daß er nach Panama gegangen. Ich nahm Zwischendeckspassage und -folgte ihm. In Panama ließ ich mir die Passagierlisten geben und sah seinen -Namen nach Peru eingeschrieben. -- Ich mußte mein Geld sparen und bekam -freie Passage als Kajütenaufwärter hierher. -- Ich brauchte in Lima -nicht lange nach ihm zu suchen. Das Gerücht, daß er so viel Gold in den -kalifornischen Minen gefunden, hatte ihn rasch bekannt gemacht. Ich habe -ihn heute gesehen.« - -»In der That?« rief der Advokat, der sich doch jetzt für die Sache zu -interessiren anfing, indem er sich in seiner Hängematte halb emporrichtete, -»und was sagte er?« - -»Er leugnet Alles.« - -»Nun natürlich, versteht sich von selbst -- aber wo haben Sie Ihre Zeugen?« - -»Zeugen habe ich gar nicht -- wir waren allein.« - -»Den Teufel auch! gar keine Zeugen? Aber es hat Sie doch dort Jemand -zusammen wegreiten sehen, oder Sie sind Anderen begegnet? --« - -»Allerdings -- Menschen genug; aber wer das war und wo die jetzt sind, wer -könnte es sagen?« - -»Bitte, lieber Freund,« sagte der Advokat, sich jetzt in seiner Hängematte -aufsetzend, »wollen Sie mir vielleicht vorher erklären, ob Sie über -bedeutende Mittel verfügen, um einen längeren Prozeß durchzuführen? Hundert -Dollars müssen vor allen Dingen einmal bei mir deponirt werden, nur um die -ersten Ausgaben zu decken.« - -»Ich besitze nicht einmal mehr hundert Dollars in meinem ganzen Vermögen,« -sagte der Mexikaner finster, »jener Schuft hat mir ja _Alles_ geraubt; aber -wenn mir mein Recht zugesprochen wird --« - -»Entschuldigen Sie einen Augenblick, daß ich Sie unterbreche. Habe ich den -Fall folgender Art klar verstanden, daß Sie von Kalifornien, _ohne_ Geld -in der Tasche, hierher gekommen sind, um einen hier ansässigen Fremden -anzuklagen, daß er an Ihnen in den kalifornischen Wäldern einen Raubmord -verübt und Ihnen Alles abgenommen hat, ohne dafür weitere Zeugen und -Beweise beibringen zu können, als Ihr Wort?« - -»Das ist genau so der Fall,« sagte der Mexikaner; der Advokat fiel aber -in seine Hängematte zurück, als ob er geschossen wäre, pfiff nur leise vor -sich hin und sah nach der Decke hinauf. - -»Und wollen Sie mir dazu verhelfen?« fragte der Mexikaner. - -»Mein sehr verehrter Herr,« sagte der Rechtsanwalt, ohne aber seine -Stellung im Mindesten zu verändern, »vorher erlauben Sie mir denn wohl die -Frage an _Sie_ zu richten: Halten Sie mich für verrückt?« - -»Aber wenn ich, was ich sage, auf die Hostie beschwören kann?« rief der -arme Teufel. »Trag' ich denn nicht die Narbe jener Wunde, die mir sein -schweres Messer geschlagen, auf dem Kopf?« - -»Reden Sie keinen Unsinn,« bemerkte der Peruaner, »als vernünftiger Mann -müssen Sie doch einsehen, daß Sie mit der Narbe weiter Nichts beweisen -können, als früher einmal einen Hieb über den Kopf bekommen zu haben. _Wo_ -aber das geschehen ist und durch _wen_, mögen Sie selber wohl sehr genau -wissen, werden aber keinen Richter davon überzeugen können.« - -»Aber ist denn gar keine Gerechtigkeit in Peru?« rief der Mexikaner -bestürzt aus. »Soll denn der Räuber das Gold behalten dürfen?« - -»Gerechtigkeit genug,« erwiderte der Advokat. »_Sie_ behaupten, das Geld -gehöre Ihnen, _er_ behauptet, es wäre das seine. Befände sich die Summe -in den Händen des Gerichts, so bekämen Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, -Beide keinen kupfernen Centabo davon. So hat es aber der Deutsche, und daß -der _gutwillig_ etwas davon herausgeben sollte, bezweifle ich -- versuchen -Sie's aber immerhin noch einmal, denn ohne die geringste Beweisführung -können die Gerichte gar nicht gegen ihn einschreiten.« - -»Und wenn er sich weigert?« - -Der Advokat zuckte mit den Achseln. - -»Und Sie wollen sich meiner nicht annehmen?« - -»Lieber Freund, ich _habe_ mich Eurer angenommen,« rief der Advokat, »und -wenn Ihr nicht ein armer Teufel wäret, so bäte ich mir jetzt eine halbe -Unze für die Berathung aus -- aber ich will Nichts, als daß Ihr mich nun -ungeschoren laßt, denn ich mag mit der Sache nichts weiter zu thun haben.« - -»Dann muß ich mir selber helfen,« knirschte der Mexikaner zwischen den -zusammengebissenen Zähnen durch. - -»Das ist jedenfalls das Gescheuteste,« nickte der Advokat lächelnd vor sich -hin, »aber auch zu gleicher Zeit ein etwas gefährliches Experiment. Seid -Ihr kitzlich am Hals, =amigo=?« - -Der Mexikaner antwortete nicht; er hatte ein paar Momente schweigend vor -sich nieder gestarrt; jetzt drehte er sich plötzlich um und schritt der -Thür wieder zu. »=Buenos dias, Señor=,« sagte er dabei. »Vielen Dank für -den guten Rath -- ich werde meinem Hals ganz besondere Vorsicht widmen. -- -=Dios lo paga=,« und damit verschwand er aus der Thür. - -»Ja wohl,« brummte der Advokat vor sich hin, »=Dios lo paga= -- wenn der -liebe Gott alle die Wechsel acceptiren sollte, die auf ihn gezogen -werden, wäre er nicht allein allmächtig, sondern auch allbeschäftigt. -- -Lumpengesindel! Daß der Präsident nur so viel Vergnügen daran findet, die -Fremden ins Land zu ziehen -- wenn ich wie er wäre, hielt ich unsere Race -rein -- dann bliebe doch auch noch etwas zu verdienen,« und sich wieder -lang ausstreckend, gab er sich bald ganz seiner Siesta hin. - - * * * * * - -Der Mexikaner verließ das Haus, aber nicht etwa, um nach des Advokaten Rath -einen gütlichen Vergleich mit seinem Feind zu schließen, sondern sein Glück -noch einmal auf der Polizei zu suchen, traf es aber dort nicht glücklich, -denn Bockenheim war schon vor ihm da gewesen, und der eine Beamte fuhr den -armen Teufel so wild an, als ob er ihn auf der Straße gefunden hätte. Er -sollte sich auch selber legitimiren, ehe er einen Anderen, einen bis dahin -unbescholtenen Mann eines Verbrechens zeihen wollte, und da er das nicht -vermochte, wurde er bedeutet, binnen acht Tagen einen Nachweis zu bringen, -womit er sich hier ernähre, oder die Stadt zu verlassen. - -Damit durfte er gehen. Eine ganze Hölle aber von Wuth und Ingrimm im -Herzen, und düsteren Gedanken folgend, wühlte seine Hand, während er über -die Straße schritt, wild und trotzig in dem schwarzen struppigen Vollbart, -daß ihm die Begegnenden scheu auswichen und ihm nachsahen, so lange sie ihm -mit den Augen folgen konnten. - -Er befand sich auch in der That in einer verzweifelten Lage; denn was er -hier in Peru für Schutz von den Gerichten zu erwarten hatte, davon war ihm -eben der vollgültige Beweis geliefert worden. Und was sollte er jetzt thun? -Den Räuber in seiner eigenen Höhle aufsuchen und niederstechen? Damit -hätte er allerdings seiner _Rache_ genügt, aber für sich auch gar Nichts -erreicht; denn es war nicht denkbar, daß er das Gold in seiner Wohnung -liegen hatte. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, wie blieb ihm -nachher Zeit darnach zu suchen? Und _wurde_ er ergriffen, so konnte die -Warnung des Advokaten zur Wahrheit werden. - -Und in Güte? -- Er traute dem Deutschen nicht -- wenn er ihm aber nun -anbot, die _Hälfte_ des Raubes ungestört und als rechtmäßiges Eigenthum -zu behalten, mußte er da nicht mit beiden Händen zugreifen? -- Er wollte -wenigstens den Versuch machen, und gestand er ihm selbst das nicht zu -- -dann Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und mit dem Entschluß schritt er auf das -nicht mehr ferne Haus des Deutschen zu. -- Hier erwartete ihn aber eine -Ueberraschung. - -Kaum näherte er sich der kleinen, grün lackirten Thür, die hinein führte, -als von der gegenüber liegenden Seite der Straße ein Polizeidiener, der -dort vor einem Bilderladen gestanden hatte, auf ihn zu kam und ziemlich -barsch sagte: - -»=Compañero=, wollt Ihr einen guten Rath annehmen?« - -»=Como no, compañero?=« erwiderte der Mexikaner eben nicht in besonderer -Laune, »aber ich weiß nicht, daß ich Euch schon darum gebeten hätte.« - -»Thut auch nicht nöthig,« lautete die Antwort. »Ihr seid doch der -Mexikaner, wie?« - -»Ob ich _der_ Mexikaner bin, weiß ich nicht -- _ein_ Mexikaner bin ich -gewiß. Weshalb?« - -»Oh, nur wegen einer Kleinigkeit -- wegen dem Hause da. Ich bin hierher -gestellt, um Euch abzuweisen, wenn Ihr das _erste_ Mal kommt, und Euch -auf die Polizei zu schaffen, wenn Ihr den Versuch zum zweiten Mal machen -solltet.« - -»Aber ich habe mit dem Sennor da drinnen zu reden.« - -»Ja, das glaub' ich Euch wohl,« lachte der Polizeidiener, »aber _er_ -nicht mit _Euch_, und nun tragt Euren Schatten in ein anderes Stadtviertel -hinüber, hier habt Ihr Nichts mehr zu suchen.« - -»Und wenn ich ihm selbst nur einen Vorschlag zur Güte zu machen hätte -- es -wäre vielleicht in zehn Minuten erledigt.« - -»Er hat mir besonderen Auftrag gegeben, Euch unter gar keinem Vorwand -zu ihm zu lassen. Was Ihr von ihm wollt, das sollt Ihr vor den Gerichten -anbringen -- und so gehört sich's auch, also helfen Euch keine weiteren -Redensarten, und nun =vamos nos=, denn ich möchte hier nicht länger bei -Euch in der Sonne stehen bleiben.« - -»Also er verweigert jeden weiteren Verkehr mit mir?« - -»Na ja, nun fangt Ihr noch einmal von vorne an! Ich dächte doch wahrhaftig, -ich hätte deutlich genug gesprochen. Laßt Ihr Euch noch einmal hier am -Hause sehen, so werdet Ihr beigesteckt. Habt Ihr _das_ verstanden?« - -»Ja wohl, =amigo= -- es war nicht mißzuverstehen; also =adios= und einen -vergnügten Abend auf der Promenade,« und damit rückte der Mexikaner seinen -Hut und schritt rasch und trotzig die Straße hinab. -- - -Von dem Augenblick an ließ er sich nicht wieder in der Gegend der Stadt -blicken, ja, er mußte Lima ganz verlassen haben, da ihn keiner der -Polizeileute selber nachher mehr zu Gesicht bekam. Bockenheim war übrigens -gar nicht böse darüber, denn er behielt jetzt völlig freien Raum, um seine -Vorbereitungen zu schleuniger Abreise zu treffen. Er übergab, wie ihm seine -Frau gerathen hatte, seine ganze, ziemlich werthvolle Einrichtung einem -bekannten Deutschen, der das dafür gelöste Geld dem ***schen Konsul -überliefern sollte, und fuhr dann, ohne von irgend wem weiter Abschied zu -nehmen, mit seiner Frau und seinem Gold nach Callao hinunter, von wo der -englische Dampfer noch an demselben Tage nach Guayaquil, und von da weiter -nach Panama abging. - -Das war ein wonniges Gefühl, als die Räder des mächtigen Fahrzeuges erst zu -arbeiten begannen, der scharfe Bug die Wasser theilte und das Boot das Land -immer weiter und weiter zurückließ, bis sie endlich draußen, weit draußen -in See auf der blauen Tiefe schwammen. - -»Gott sei Dank!« murmelte er leise vor sich hin, als er vorn am Bug stand -und mit leuchtenden Blicken die Schnelle beobachtete, mit welcher sich der -Dampfer vom Hafen entfernte. »Gott sei Dank, und nun kann Don Felipe, -wenn er wieder nach Lima zurückkommt, sich ein Vergnügen machen, mich dort -aufzusuchen. Daß der Schuft auch --,« er murmelte das Uebrige nur leise -durch die Zähne; denn selbst die neben ihm stehende Frau sollte nicht -erfahren, nach welcher Richtung seine Gedanken abschweiften. - -Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine Vergnügungstour, und die -fünf Tage vergingen den Reisenden wie im Flug. Besonders genoß aber Madame -Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt, war sie hier vollkommen -im Stande, die vornehme Frau zu spielen, und that das wirklich nach besten -Kräften. Auf der spiegelglatten See und dem geräumigen Fahrzeug wurde -natürlich Niemand krank. Damen kleiden sich trotzdem gewöhnlich an Bord -außerordentlich einfach, denn sämmtliche Passagiere bilden ja doch, für die -Dauer der Reise, gewissermaßen _eine_ Familie, und man ist da nicht gern -genirt. Es befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas in der -Kajüte -- einige davon aus den ersten Familien Lima's und Valparaiso's, auf -einer Vergnügungstour nach Europa; aber wirkliche Toilette machten sie auf -der ganzen Reise nicht, und gingen nur gewöhnlich in einem ganz einfachen -Hauskleid, in dem sie sich frei und bequem bewegen konnten. - -Madame Bockenheim _strahlte_ zwischen ihnen; schon zum Frühstück rauschte -sie in Seide und Spitzen unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie -sogar mit ihrem Brillantschmuck und lächelte vergnügt vor sich hin, wenn -die anderen Damen leise mitsammen zischelten -- war es ja doch nur der -blasse Neid, der sie bewegte. - -Am fünften Tag erreichten sie Guayaquil, die südliche Hafenstadt Ecuadors; -aber die Passagiere bekamen keine Zeit, das Land zu betreten, da sich -der Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die für Ecuador bestimmten -Passagiere absetzte, Andere für Panama an Bord nahm und dann augenblicklich -wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt kaum Gelegenheit, eine -Partie der wundervollen Früchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der -ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit ihrem Arom erfüllten. - -Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord gekommen, besonders aber viel -Kajüten-Passagiere, da eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte, -und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen, dieselbe in einem -anderen Theile Amerika's abzuwarten. Es fehlte dadurch fast an Bedienung -an Bord, und besonders mußten alle Aufwärter aus der vorderen Kajüte oder -vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen werden, um bei Tisch zu bedienen. -Die Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein fertig wurden; -denn viel Umstände machte man mit denen nicht. - -Am besten bedient waren aber, merkwürdiger Weise, die beiden Deutschen -an Bord, Bockenheim und seine Frau; denn einer der Aufwärter, den sie bis -Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm sich ihrer an und schien nur -auf ihren Wink zu lauschen, um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen. -War es, daß ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte, oder hatte er -sich vielleicht kluger Weise eine ihm reich scheinende Familie ausgesucht, -um dann nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld zu erhalten: -genug, wenn er sich selbst am entferntesten Ende des Salons befand und -Bockenheim drehte nur den Kopf, so schoß er schon herbei, um seine Befehle -zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszuführen. - -Leider war der Bursche -- Peruaner oder Ecuadorianer ließ sich nicht gut -unterscheiden, da man alle möglichen Schattirungen der Haut bei beiden -Völkern trifft -- vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit ihm also nicht -möglich, auch trug er um das linke Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt -konnte man ihn nicht hübsch nennen, denn eine auffallend dicke Oberlippe -gab seinem Gesicht einen merkwürdigen, fast unangenehmen Ausdruck. Aber er -blieb die Gefälligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann sich dadurch -die Zuneigung der Frau auf das Vollständigste. - -Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich Panama erreichten, wo die -Passagiere in den Hôtels den Abgang der »Karavane« erwarten mußten, gab sie -ihm selber »für gute Bedienung« ein Zwanzig-Frankenstück, und hatte dafür -die Genugthuung, daß er ihr demüthig und dankbar die Hand küßte. Sprechen -konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen hatte er ihnen schon -früher einmal aufschreiben müssen. Er hieß Pablo. - -In Panama wurden die Reisenden einige Tage aufgehalten; denn die Eisenbahn, -die den Isthmus kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie mußten -deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren Weg per Maulthier -zu Land bis dahin zurücklegen, wo sie den Chagresfluß erreichten, und dann -ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes, und von der Strömung -getragen, bequemer fortsetzen konnten. - -Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere Weg; denn amerikanisches -Gesindel hatte in der letzten Zeit angefangen, den von Kalifornien -zurückkehrenden und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern und -sie zu überfallen und zu berauben. Ja sogar verschiedene Mordthaten waren -verübt worden, so daß sich Niemand mehr allein über den Isthmus getraute, -sondern die Reisenden, wenn der Dampfer in Panama landete, jedesmal -geschlossene und gut bewaffnete Züge bildeten, von denen die Strauchdiebe -dann wohl die Hände lassen mußten. - -So geschah es auch hier. Der Dampfer von San Francisco hätte eigentlich -auch gerade in dieser Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da -die vom Süden kommenden Passagiere ebenfalls schon einen ganz ansehnlichen -Zug stellen konnten, beschlossen sie, nicht auf das Unbestimmte in dem -überdies entsetzlich theuren Panama zu warten, sondern ungesäumt ihre -kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen. - -Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft, und so arg mußten es die -Isthmus-Räuber doch in der letzten Zeit getrieben haben, daß sich die -Neu-Granadiensische Regierung sogar veranlaßt sah, den Reisenden als Schutz -eine kleine Abtheilung Kavallerie mitzugeben, um ihre Truppe zu -verstärken und sicher zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel -Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch wenigstens zeigen, daß man -den guten Willen hatte, Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewähren. -Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall einer größeren Horde hätten -sich die Neu-Granadiensischen Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange -aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben einer Anzahl Fremder wegen -aufs Spiel stellen? - -Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden, daß sie allein durch den -Lärm, den sie machten, Achtung einflößen konnten, und mit gutem Muth -begannen sie die Tour, die freilich schon an und für sich durch den -weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in Mittel-Amerika genug -des Unangenehmen bot -- ohne noch Räubern und Mördern auf der Straße zu -begegnen. - -Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen, eine Ueberraschung -bevor; denn als an dem Morgen im Hof des Panama-Hôtels die Maulthiere -vorgeführt wurden, um beladen zu werden, meldete sich plötzlich der -gefällige Kellner vom Dampfboot, der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so -viel Freude und machte ihr durch Zeichen so klar, daß er ebenfalls über -den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle, daß sie den Burschen -augenblicklich engagirte. Ein treuer Diener war auf einer solchen Reise -allerdings von unschätzbarem Werth, und Bockenheim, der mit Maulthieren -nicht besonders umzugehen wußte, zeigte sich mit der neuen Acquisition -vollkommen einverstanden. - -Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er sah augenblicklich die -Packsättel der Maulthiere nach und warf den einen, der nicht ordentlich -aufgelegt schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter liegenden -Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere nicht wund gedrückt würden. Dann -sprang er hinauf, um das Gepäck zu holen, und wenn Bockenheim das auch -lieber selber besorgt hätte -- denn die kleinen Colli enthielten viel Gold -und waren schwer -- so hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts -zu fürchten, und der arme _stumme_ Mensch konnte auch Nichts ausplaudern, -und schien überhaupt sehr stiller, friedlicher Natur. - -Durch Pablo's Hülfe gelang es ihm auch weit rascher, mit all' seinen -Vorbereitungen zu Stande zu kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall -gewesen wäre, und kaum eine Stunde später setzte sich der Zug in Bewegung, -um so bald als möglich die Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen. - - - - -Viertes Kapitel. - -Auf dem Chagresfluß. - - -Es war in der That eine mühsame Tour. Wer noch nie diese tropische, dicht -bewaldete und von ewigem Regen feucht gehaltene Wildniß durchwandert hat, -kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die sich -da dem Reisenden entgegenstellen und ihm überall Hindernisse in den Weg -werfen. - -Die Vegetation ist unglaublich, und während Palmen und Laubhölzer ein -anscheinend festes Dach über den Wanderer wölben, daß kein Sonnenstrahl -wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise seine heiße Stirn -kühlen kann, läßt es den niederfluthenden Regen in Strömen durch, denn -jedes Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der Boden wird dadurch -natürlich fortwährend naß und weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen -nach allen Richtungen hin den Pfad, so daß die Maulthiere bald hier, bald -da bis über die Knie im Morast versinken und manchmal durch die Treiber -selber wieder herausgehoben und auf die Füße gebracht werden müssen. Und -dabei dies oft undurchdringliche Unterholz mit dornigen Schlingpflanzen, -breiten, nassen Blättern, Palmschößlingen und niederen Büschen, durch das -man sich an vielen Stellen die Bahn mit dem Messer oder der =macheta= hauen -muß, und in welchem die Thiere trotzdem überall hängen bleiben. - -Kein Wunder, daß man auf solchem Boden nur kleine, sehr kleine Tagereisen -machen kann. Den Abend verbringen die total durchnäßten Reisenden dann -unter einem von Palmblättern rasch hergestellten und sogenannten Rancho, -unter dem sie wenigstens trocken liegen. Außerdem ist auch das Klima so -warm, daß ihnen die Nässe selber Nichts schadet, denn Erkältungen kommen -dort nicht vor. - -Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst, welchen vortrefflichen -Begleiter die Familie Bockenheim auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo -schien im Urwald und bei einem niederströmenden Regen unbezahlbar. Ohne -dazu beauftragt zu sein, lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepäck -zusammen auf einen engen Raum, legte die Decken darüber und über diese die -Packsättel, und ging dann mit einem kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu -diesem Zweck bei sich führte, augenblicklich daran, eine Palme zu fällen, -die Blätter derselben dann zu spalten und nach einer passenden Stelle zu -schaffen, wo er das Lager für seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte. -Rasch hatte er jetzt Pfähle gehauen und in den Boden gerammt, Querhölzer -darüber gelegt und deckte die temporäre Hütte dann mit den Palmzweigen so -fest und dicht, daß auch kein Tropfen Regen hindurchdringen konnte. - -Auch weiche breite Blätter suchte er aus, um ein bequemes Lager zu -bereiten, und schichtete sie dick unter dem Palmendach auf, so daß -Bockenheim und seine Frau, wie sie nur erst ihr Gepäck an sich genommen -und ihre Decken ausgebreitet hatten, so bequem und weich wie in einem Bette -lagen. - -Dabei sorgte der stumme Diener für Alles, bereitete ihnen das Abendbrod, -zog sich dann auf sein eigenes Lager am äußersten Rand des Blätterdachs -zurück, und hatte am nächsten Morgen _ihre_ Maulthiere zuerst von allen -beigetrieben und gesattelt. - -In gleicher Art verbrachten sie das zweite Nachtquartier; dieser Tagemarsch -war aber fast noch beschwerlicher gewesen, als der erste, denn ein wahrer -Wolkenbruch entlud sich über die Höhen und wandelte die weiche Moorerde zu -einem flüssigen Morast, so daß einzelne Maulthiere abgeladen werden -mußten, um sie nur wieder aus den Sumpflöchern zu befreien, in denen -sie eingesunken waren. Natürlich hielt das die ganze Karavane auf. Die -einzelnen Reisenden durften sie doch nicht im Stich lassen, und wenn auch -nicht mehr weit vom Chagresfluß entfernt, konnten sie ihn doch nicht an -diesem Abend erreichen, und mußten zum zweiten Mal im Walde lagern. - -Endlich am dritten Morgen kamen sie in Sicht des Stromes, und Pablo winkte -hier seinem neuen Herrn, daß er nur bei dem Zuge bleiben solle, indeß er -selber voraus eilte und ein Canoe für sie schaffte. Es gab allerdings eine -Menge von Indianern in jener Gegend, die es einträglich gefunden hatten, -sich mit dem Transport von Fremden zu befassen; aber es war doch immer -besser, sich gleich von vornherein ein Canoe zu sichern, um nicht einmal -der Möglichkeit ausgesetzt zu sein, in dieser Wildniß von den Uebrigen -zurückgelassen zu werden. Jetzt nämlich, mit dem Strom vor sich, der sie in -kurzer Zeit an die Küste bringen konnte, hätte Keiner mehr auf den Anderen -gewartet. Es dauerte auch nicht lange, so kehrte Pablo zurück und winkte -der Sennora, ihm nur zu folgen. Er mußte jedenfalls ein passendes Boot -gefunden haben, säumte auch nicht lange, sondern nahm die Thiere und führte -sie eine kurze Strecke stromauf, wo sie schon durch die dort offenen Büsche -eine Lichtung mit einer Hütte erkennen konnten. - -Dicht darunter lag ein nicht sehr großes, aber bequemes Canoe, das er für -sie gemiethet zu haben schien. Der Preis dafür war allerdings, wie er in -den Sand schrieb, eine Unze, also sechszehn Dollars, aber auch wieder -nicht zu viel, wenn man bedachte, wie gerade dieser Volksstamm durch den -zahlreichen Verkehr verwöhnt worden war, hohe Preise zu fordern. Bockenheim -zahlte es auch mit dem größten Vergnügen; denn hatten sie doch jetzt die -beschwerliche und sogar gefährliche Landreise hinter sich, und durften also -hoffen, bald, recht bald das Ziel ihrer Reise zu erreichen. Einmal erst an -Bord des Dampfers, und sie waren so gut wie zu Hause. - -Und wie glücklich war bis jetzt Alles gegangen. Von Räubern hatten sie auch -nicht die Spur unterwegs gesehen, noch weniger irgend eine Unbequemlichkeit -von ihnen erlitten. Die Neu-Granadiensische Eskorte nahm hier, mit einer -reichlichen Belohnung für die einzelnen Leute, Abschied von ihnen, um eine -gerade stromauf gekommene Gesellschaft zurück zu eskortiren. Sie hörten -auch hier, daß zwei Dampfer, der eine für New-York, der andere für San -Thomas bestimmt, vor Colon lagen. Der amerikanische wartete also auf die -=San Francisco Mail=, der westindische dagegen segelte gleich ab, und je -eher sie deshalb hinab kamen, desto besser. - -Wenn die Reisenden nun aber auch kein räuberisches Gesindel unterwegs und -auf dem festen Land getroffen hatten, so war damit die Möglichkeit noch -gar nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne solcher Strolche auf dem -Chagresfluß selber herumtrieben, und es blieb deshalb gerathen, die Canoes -der verschiedenen Parteien dort ebenso zusammen zu halten, wie auf dem -Lande ihre Maulthiere. Bockenheim wäre allerdings, da er am ersten mit -Pablo's Hülfe reisefertig geworden, auch am liebsten voraus gefahren, denn -der Boden brannte ihm hier unter den Füßen; Pablo selber aber rieth ihm -durch Zeichen, zu warten, bis die Uebrigen sich ihnen anschließen konnten, -und Mittag war es etwa, als sich die kleine Canoeflotte endlich in Bewegung -setzte und mit der ziemlich starken Strömung rasch den Fluß hinabglitt. - -Der Indianer, dem das von Pablo gemiethete Canoe gehörte, saß am Steuer -oder ruderte vielmehr im Stern seines kleinen Fahrzeuges; vor ihm, seine -Schätze zu seinen Füßen, saß Bockenheim, dann kam Pablo, der ebenfalls ein -Ruder führte, um sie rascher vorwärts zu bringen, und vorn im Bug hatte -er der Sennora noch kurz vorher, ehe sie aufbrachen, von breiten -Bananenblättern und übergebogenen Bambusstäben ein kleines Zeltdach gebaut, -das sie gegen die Strahlen der Sonne oder etwa eintretende Regenschauer -vollkommen schützen konnte. Allerdings hatten sich noch einige -Reisegefährten als Mitpassagiere gemeldet, weil sie dadurch billiger -wegzukommen hofften; Pablo zupfte aber dann jedesmal seinen neuen Herrn -verstohlen, um ihm abzurathen, und Bockenheim selber hatte seine besonderen -Gründe, keine fremden Menschen in sein Fahrzeug zu nehmen. So blieben sie -denn allein und führten auch, von den beiden kräftigen Rudern vorwärts -getrieben, bald den ganzen Zug an. - -Wie heiß aber die Sonne brannte -- Bockenheim briet ordentlich in ihren -Strahlen, und der aufmerksame Diener winkte endlich dem Indianer zu und -schrie ihn in unartikulirten Lauten so lange an, bis dieser etwas seitab in -den Schatten der über den Strom hineinhängenden Bäume hielt. Dadurch kamen -sie allerdings aus der eigentlichen Strömung, und andere Canoes gewannen -ihnen den Rang ab; aber was schadete das? Sie erreichten doch noch immer -zur rechten Zeit die Mündung und konnten indessen wenigstens bequem im -Schatten fahren. - -Das Canoe aber, das Anfangs das erste gewesen, blieb jetzt mehr und mehr -zurück. Pablo schien doch mit Maulthieren besser und geschickter umgehen -zu können, als mit einem Ruder. Der Indianer zankte wenigstens ein paar Mal -auf ihn ein, wenn er durch irgend ein Versehen den Bug des Fahrzeuges aus -seiner Richtung und in irgend ein paar Zweigen oder aushängendem Holz fest -brachte, was immer einen geringen Zeitverlust erforderte, um es wieder los -zu bekommen. Er nahm aber solche Scheltworte ruhig und demüthig hin, und -that nachher sein Bestes, um es wieder gut zu machen. - -Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber die Entfernung sollte, nach -des Indianers Angabe, gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das -kleine Städtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der Himmel blieb dazu klar, -Mondschein hatten sie ebenfalls, und bei fast windstiller Luft war nicht -das Geringste zu befürchten. Sie brauchten ja eben nur mit der Strömung -hinabzutreiben. - -Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims Frau besonders, die -nie etwas Aehnliches gesehen, ganz entzückt von der prachtvollen, -unbeschreiblich schönen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von dem -sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn die ziemlich steilen und -schroffen Ufer verhinderten sie daran; aber überall über diese hinaus -hingen die herrlichsten Festons blumengeschmückter Ranken, neigten die -Palmen ihre gefiederten Wipfel oder schüttelten breitblättrige Bananen ihre -zitternden Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den Chagres einmündete -oder selbst nur ein Sumpfwasser das, aus dem niederen Land kommend, hier -seinen Ausfluß suchte, da überbot die dort wuchernde Vegetation Alles, was -die Deutschen bis dahin für möglich gehalten, und diese konnten manchmal -einen Ausruf des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrücken. - -Wie ein kleiner, aus einem Feenmärchen herausgeschnittener Zauberhain lagen -zuweilen solche Stellen, mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und -von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und Lianen wie in einen Rahmen -eingefaßt, und ein paar Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes, damit -sie nicht zu rasch an solch' zauberschönem Bild vorübergeführt wurden. - -Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein Recht. Die Natur schien -allerdings all' ihre Reichthümer hier auf diese eine Strecke verschwendet -zu haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig und durstig geworden, -und wenn sie auch Lebensmittel und Wein im Canoe mitführten, fehlte es -ihnen doch an Früchten. Besonders Madame Bockenheim verlangte darnach, -Pablo aber winkte ihr zu, sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn -sie würden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine Hütte am Ufer kommen, -wo sie deren reichlich fänden. - -Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener gewöhnt, daß sie dessen -Zeichen so gut verstanden, als ob er mit Worten zu ihnen gesprochen hätte. -Uebrigens wollte die Frau auch die Bestätigung, ob es an der nächsten Hütte -Früchte gäbe, von dem Indianer hören; dieser lachte nur und nickte mit dem -Kopf. Es mochte ihm komisch vorkommen, daß es da _keine_ geben sollte, denn -die Leute lebten ja fast einzig und allein davon. - -Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen der Eingeborenen aus, die sie -hier und da am Ufer getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern -oder Blättern gedeckt, und nackte und halbnackte braune Gestalten bemerkten -sie auch hie und da unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um zu -fischen, theils um sich zu baden. Solchen Plätzen darf man aber, einen so -romantischen Anstrich sie auch haben mögen, nicht zu nahe kommen; denn der -Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich, und Bockenheim selber -hatte schon genug von den kalifornischen Indianern in dieser Hinsicht -gesehen, um kein großes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken zu -fühlen. Außerdem durften sie sich auch nicht zu lange aufhalten, denn so -eben verschwand das letzte Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nächsten -Biegung des Stromes. - -Der Indianer sagte ihnen übrigens, daß die kleine Hütte, die sie jetzt vor -sich sahen, die letzte am Ufer des Stromes wäre, wo sie Früchte bekommen -könnten, da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges Land ströme. -Pablo hatte mit seinem Ruder vorn den Bug auch schon herumgeworfen, daß -sie jetzt gerade darauf zu hielten, und wenige Minuten später scheuerte -derselbe den weichen Schlamm. - -Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe saß, hinauf gehen und Früchte holen; -er lachte aber verlegen und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme -Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim selber aber hatte keine -Lust, das Canoe zu verlassen, und der Indianer wurde deshalb beordert, -hinauf zu laufen und mitzubringen, was er rasch finden könne, auch wo -möglich einen Trunk Milch für die Frau oder wenigstens ein paar Kokosnüsse. -Bockenheim gab ihm dazu einen spanischen Dollar. - -In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht gut über die vor ihm -Sitzenden wegsteigen, noch dazu da die Laube, unter welcher die Frau ihren -Platz hatte, sein Aussteigen hinderte. Pablo stieß deshalb das Canoe wieder -zurück und suchte es seitwärts an das Land zu bringen, was ihm auch endlich -gelang. Dann sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm auch fast bis -an die Hüfte ging, und hielt es fest, damit der Indianer rasch und leicht -hinaus und nachher die Früchte auch bequem einladen konnte. - -Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet, und nur ein schmaler, -ausgehauener Pfad führte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer gleich -darauf verschwand, um seinen Auftrag auszuführen. - -Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand und den Rand des Canoes -festhielt, drehte es jetzt so, daß es mit dem Stern oder Hintertheil mehr -an's Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurückkehrte, augenblicklich -seinen Platz wieder einnehmen konnte. Bockenheim, der behaglich -ausgestreckt in dem kleinen Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifällig -mit dem Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln verschwunden und -die Luft dadurch kühl und labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt -hier schien, kein Lüftchen regte sich, kein Laut wurde gehört, auch keines -der übrigen Canoes befand sich mehr in Sicht -- sie mußten ihnen ein -tüchtiges Stück vorausgekommen sein -- aber was schadete das? Vor morgen -früh fuhr der westindische Dampfer schwerlich von Colon ab, oder wenn -doch, dann lag ja doch noch der nordamerikanische dort, der jedenfalls die -Postsäcke von San Francisco erwarten mußte. Den erreichten sie gewiß, und -konnten dann ihre Reise mit diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland -gab es von da ab genug, und _er_ war unter jeder Bedingung in Sicherheit. - -Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen alten Freund aus -den Minen, den Mexikaner, dachte, wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie -wüthend er sein würde, wenn er endlich erführe, daß er da draußen auf dem -Meere schwimme. Nach Deutschland mochte er ihm dann folgen; wo sollte er -ihn da finden? Und _wenn_ er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht -hätte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner angenommen? - -Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht mehr auf den stummen -Diener geachtet, der indessen an Bord gestiegen war, das Canoe etwas -heranzog, dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam den Platz -einnahm, den der steuernde Indianer vorher inne gehabt. Jetzt setzte er -ruhig das Ruder gegen die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom -hinaus und vom Lande ab. - -»Halt, Pablo,« sagte Bockenheim, ohne aber seine Stellung noch zu -verändern, »nimm Dich in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du weißt -nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.« - -Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth. - -»Doch, Don Gaspard,« lachte er plötzlich mit heiserer Stimme, indem er -das Canoe mit einem einzigen kräftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die -Strömung schießen ließ -- »vortrefflich!« - -»Alle Teufel!« schrie Bockenheim, in dem ersten Moment mehr davon -überrascht, daß der Stumme sprach, als noch mit einem anderen Gedanken -beschäftigt, indem er halb herum fuhr und sich auf seinen rechten Ellbogen -stützte, um den also entpuppten Diener anzusehen, der aber indeß mit -reißender Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abführte. Einen -raschen Blick hatte dieser dabei über das untere Ufer geworfen, und ein -triumphirendes Lächeln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr ein -Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte keiner weiteren Vorsicht, denn -seine Bahn war frei. - -»Aber Pablo!« rief Madame Bockenheim erschreckt, »der Indianer mit den -Früchten ist ja noch auf dem Lande!« - -»Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard?« rief da Pablo. »Hat mich die -Augenbinde, der abrasirte Bart und das kurz geschnittene Haar so verändert, -daß Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der Maske des Kajütenwärters -gespürt habt?« - -»Felipe!« schrie der Deutsche, während Todtenblässe seine Züge deckte, -»Teufel!« und fast krampfhaft suchte er sich emporzurichten, um den -rechten Arm frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen; aber -der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder in der linken Hand lassend, -griff er mit der rechten neben sich und faßte das dort versteckte Beil. - -»Räuber und Mörder!« zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen -durch, »da nimm Deinen Lohn!« Und wie das Beil blitzschnell in die Höhe -zuckte, fuhr es zurück und grub sich tief in die Stirn des Unglücklichen, -der lautlos, nur mit einem dumpfen Röcheln, vornüber und zu seinen Füßen -zusammenbrach. - -Einen einzigen gellenden, markdurchschneidenden Schrei stieß die Frau aus, -die das Entsetzliche kaum begriff. Aber sie sah den Schlag, der nach ihrem -Mann geführt wurde, hörte den dumpfen Laut, als die Waffe seine Stirn traf, -und sank ohnmächtig auf ihren Sitz zurück. - -Weiter verlangte der Mexikaner Nichts, und sich um die Leiche zu seinen -Füßen nicht mehr kümmernd, legte er das Beil wieder neben sich und ruderte -dann, langsamer als vorher, den Fluß hinab, um die vorangegangenen Canoes -nicht einzuholen. Nur dicht am linken Ufer hielt er sich, damit er von der -eben verlassenen Landung nicht mehr gesehen werden konnte, und fühlte sich -dabei vollkommen sicher, daß ihm von dort ab, ehe nicht ein Canoe -vorüber kam, Niemand im Stande war zu folgen. Am Ufer hin, in Sumpf und -Schlingpflanzen, wäre es unmöglich gewesen, den Weg zurückzulegen. - -Kaum hatte er aber die nächste Biegung hinter sich und sah die Bahn auch -vor sich frei, als er sich nach einem Platz umschaute, an welchem er, von -dem Gebüsch versteckt, landen konnte; denn mit der Frau durfte er natürlich -nicht nach Colon fahren. Eine solche Stelle zeigte sich auch bald. Dicht -unterhalb einer Schlammbank hatte sich eine natürliche kleine Bucht -gebildet, die auch jetzt weit genug von der zuletzt verlassenen Hütte -ablag, um dort ein Hülferufen nicht mehr zu hören. Wohl durchzuckte ihn der -Gedanke, auch die Frau des Verbrechers unschädlich zu machen; denn war sie -todt, so konnte sie nicht mehr als Klägerin gegen ihn auftreten -- aber -er sträubte sich auch gegen den Mord eines Weibes -- den Verbrecher -hatte seine Strafe ereilt -- sie selber trug keine Schuld, und rasch und -geschickt lenkte er jetzt den Bug des Canoes mitten in die überhängenden -Zweige hinein, und hatte es wenige Minuten später so sicher hinter dem -Gebüsch verborgen, daß selbst ein vorbeifahrendes Canoe seinen Versteck -nicht hätte finden können. - -Die Frau lag noch in ihrer Ohnmacht, und er benutzte die freie Zeit, um den -schweren Leichnam des Deutschen ans Land zu heben und zu untersuchen. Den -Revolver und die Brieftasche nahm er an sich, das Gold, welches er bei ihm -fand, legte er zurück ins Canoe. Das beendet, zog er dem Ermordeten die -oberen Kleider aus, band ihm ein Seil, das er bei sich führte, um den -Körper, befestigte das Ende desselben im Canoe und ließ dann den Leichnam -wieder ins Wasser gleiten, damit die Frau, wenn sie sich erholte, nicht -seiner ansichtig würde. - -Das geschah indessen rascher, als er selber geglaubt, und wie furchtbar ihr -Erwachen war, läßt sich denken. Aber die Angst lähmte ihre Zunge, denn -sie sah sich mit dem Furchtbaren allein, und wußte nicht, was nun auch -ihr Schicksal sein würde. Felipe bemerkte aber kaum, daß sie zur Besinnung -zurückgekehrt sei, als er ruhig sagte: - -»Sennorita, Sie haben für sich Nichts zu fürchten, wenn Sie sich still -verhalten und nicht wahnsinnig genug sind, Hülfe herbeirufen zu wollen, wo -keine zu bekommen ist.« - -»Aber mein Mann -- mein Mann!« stöhnte die Arme. - -»Er war ein Schurke!« rief der Mexikaner finster, »und alles Gold, das er -mit nach Peru gebracht, nur der Raub, den er _mir_ abgenommen, als er mich -meuchlings im Kalifornischen Walde überfiel. Er hat seine Strafe erhalten --- die Alligatoren des Chagres verzehren jetzt schon ihre Beute.« - -»O mein Gott! O mein Gott!« winselte die arme Frau, »und was wird jetzt aus -mir?« - -»Wenn Sie mir das Versprechen geben,« sagte der Mexikaner, »daß Sie sich -_heute_, an der Stelle auf welcher ich Sie hier aussetzen muß, vollkommen -ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld genug geben, um Ihre -Rückfahrt zu decken. Es ist mehr, als Ihr Mann damals für mich gethan. -Morgen früh kehren dann die Canoes zurück, die jene Passagiere nach -Colon gebracht haben -- die mögen Sie anrufen und um Hülfe bitten. Auch -Lebensmittel sollen Sie da behalten, um davon zu zehren; ich habe keine -Vergeltung an Ihnen zu üben, nur an dem Verbrecher.« - -»Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich allein zurückbleiben?« stöhnte -die Frau entsetzt. - -»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner bitter; »halten Sie sich -nur ein wenig vom Ufer ab, daß Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator -zusammentreffen, dann haben Sie nichts zu fürchten; aber,« setzte er -drohend hinzu, »wagen Sie es, auch nur _einen_ Hülferuf auszustoßen, dann -sind Sie verloren. Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber bis -Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon herunter zu fahren. Höre -ich einen einzigen Laut, dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen; denn -ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.« - -Noch während er sprach, hatte er die Frau ans Land geführt und ihre Sachen, -die er recht gut kannte, aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles, -was sich an Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war auf den Boden -gesunken und barg ihr Antlitz in den Händen. Leise schob indessen der -Mexikaner das Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran hängenden -Körper hinter sich her, bis in tiefes Wasser. Die Frau regte sich nicht. -Wenige Minuten später befand er sich draußen in der Strömung, durchschnitt -das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so rasch ihn das Ruder -fördern konnte, den Strom hinab. - -Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die Blutspuren im Canoe -fortzuschaffen, damit diese nicht einen Verdacht gegen ihn wecken konnten. -Das that er, während er, von der Strömung getragen, weiter trieb mit den -dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstücken, die er nachher ins Wasser -warf. In kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit eben einbrechender -Dunkelheit, war er fertig und hatte sein Canoe wieder so sauber und blank -gewaschen, daß man auch nicht das mindeste Außergewöhnliche mehr daran -erkennen konnte. Er dachte aber gar nicht daran, sich in der Nähe der am -Ufer zurückgelassenen Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte nur dazu -dienen, sie einzuschüchtern, damit sie nicht vor der Zeit doch noch Hülfe -herbeischrie und unbequeme Verfolger auf seine Fährte setzte. Jetzt hatte -er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes der übrigen Passagiere -auszuweichen, und in Nacht und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit -ihnen zusammenzutreffen. - -Wer von diesen bekümmerte sich aber auch um andere Passagiere, noch dazu -um die Deutschen, mit denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt? Ein -Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York, ein anderer nach San -Thomas zu fahren; es fragte Keiner von Allen darnach, wohin _sie_ sich -gewandt. - -Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr Abends, gedachte aber nicht, -an der Stadt anzulegen, und fragte nur einen Fischer, den er noch an -der Mündung des Stromes mit seinen Netzen beschäftigt fand, ob er wisse, -welcher der beiden dort südlich von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren -werde. - -»=Caramba, Señor=, seht Ihr denn das nicht?« lachte der Mann. »Der eine -raucht ja schon aus Leibeskräften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt, müßt Ihr -machen.« - -Felipe verlangte nicht, mehr zu hören; er legte sich scharf ins Ruder, und -war bald langseit des Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepäck an -Bord zu nehmen hatten, nicht wenig über das _Gewicht_ der beiden kleinen -Koffer wunderten. Aber Niemand fragte ihn, woher er käme, oder achtete -darauf, daß er vorn ins Zwischendeck ging und dort seine Passage nahm. Nur -bei dem Clerk des Dampfers mußte er sich melden und diesem die Fahrt nach -San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte, zahlen. - -Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle für die Kajüte, Keiner von -Allen kam nach vorn, und als um zwölf Uhr die Räder anfingen zu arbeiten, -der schwere Anker aus der Tiefe kam, saß Felipe in Sicherheit vorn auf der -Back des Fahrzeuges und schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach -der Mündung des Chagresflusses, der sein Opfer barg, hinüber. - -Am nächsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung; denn ein Indianisches -Canoe war mit der Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei -augenblicklich auf den Füßen -- aber zu spät. Der nordamerikanische Dampfer -sollte San Thomas anlaufen, um den Verbrecher dort aufzuspüren, aber der -Kapitän weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine Zeit einhalten -mußte und sich nicht tagelang aus dem Wege fahren konnte. Die Frau wollte -er nach New-York mitnehmen, weiter konnte er nichts für sie thun. - -Es hätte ihnen auch Nichts genützt; denn vor San Thomas kreuzen, sobald der -englische Dampfer anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge -nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach Venezuela ab; und wer hätte -nachher sagen können, welches von allen der Flüchtige benutzt hatte, um vor -der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner Spur abzubringen? Er -war fort und in Sicherheit mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers -kehrte später mit dem kleinen Kapital, das sie in ihrem eigenen Koffer -geborgen, nach Deutschland zurück. Allerdings gewann sie noch eine Summe -aus dem Erlös ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner gelassen, oder an die -er wohl nicht einmal gedacht, und nahe an tausend Thaler lieferte auch -noch die später in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders hatte sie -geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten! - -Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung noch nicht auf, den Mörder zu -erreichen. Augenblicklich machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte -in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln, bekamen bestimmten Auftrag, nach -demselben zu forschen, daß man nur erst einmal seinen Aufenthalt erfuhr. -Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar nicht wieder nach Mexiko -zurückgekehrt war? Seine Spur wurde nie wieder aufgefunden. - - - - -Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati. - - -Als ich nach Cincinnati kam, beschäftigte die dortige Presse in dem -Augenblick fast einzig und allein ein in den nächsten Tagen abzuhaltendes -Preisboxen, das zwischen zwei berühmten Boxern Jones und McCoole -stattfinden sollte. Wahlen, indianische Ueberfälle im Westen, Alles war in -dem einen, zu erwartenden Genuß vergessen, und dabei wurde diese von den -Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit einer so naiven Oeffentlichkeit -betrieben, daß es besonders den Fremden in Erstaunen setzen mußte. Ueberall -klebten die Zettel, die mit der Abbildung beider Kämpfer zur Theilnahme -aufforderten, und Jones besonders, von dem man wußte oder wissen wollte, -daß er die =science of the art= auf das Gründlichste verstehe, gab schon -vorher eine Art von Vorstellung in der »Mozart-Halle,« die dann auch bei -dichtgedrängtem Hause stattfand. - -Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden weiße und lila Bänder -verkauft (der Preis für ein lila Band für den inneren Ring =à= 7 Dollars), -die zugleich für freie Passage auf dem Extrazug galten. Aber Niemand wußte, -wo der Kampf stattfinden sollte, als die wenigen Eingeweihten, und die -Polizei mußte jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber -augenblicklich wieder auf Bürgschaft entlassen wurde, als er sich -verbindlich machte, den Frieden des Counties, in welchem Cincinnati lag -(=Hamilton county=) nicht zu stören. Ueber die Grenzen desselben hinaus -hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wußte man, daß der Preiskampf -nichtsdestoweniger an der Grenze stattfinden würde, aber Niemand natürlich, -nach welcher Himmelsrichtung, und man ließ der Sache eben ihren Lauf, ja -kehrte sich sogar nicht daran, als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von -jedem Theilnehmer gekannt waren. - -Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden und fünfzehn jener -riesigen amerikanischen Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den -Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber fast drei Uhr, ehe der Zug -abging, und die Wägen fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht -allein die Sitze waren überfüllt, nein in jedem Wagen standen auch -überdieß noch 25-30 unglückliche Individuen, von denen Viele wohl die ganze -vorherige Nacht durchgeschwärmt hatten und vor Müdigkeit nicht mehr die -Augen aufhalten konnten. - -Der Zug konnte nicht rasch vorrücken, denn der Verkehr auf der Bahn ist ein -sehr starker, und nur zu oft mußten wir halten, um regelmäßige Züge, die -sich eben so regelmäßig verspätet hatten, durchzulassen. Endlich nach sechs -Uhr erreichten wir den Platz -- ein kleines, parkartiges Gehölz, das zu der -Farm eines Baptistenpredigers gehörte und zu dem Zweck von ihm gemiethet -war. Einige der Passagiere wunderten sich darüber, daß der Geistliche -sein Grundstück zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen Boxerkampf -hergeben sollte, Andere aber vertheidigten ihn wieder und behaupteten, er -würde keineswegs gewußt haben, wozu man es gebrauchen wolle. In Amerika ist -aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu verdienen, Alles möglich, und so -gut wie jetzt die Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf zehn Jahre -an einen deutschen Wirth verpachtet haben, um für diese Zeit eine Bierhalle -daraus zu machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine Gehölz -einmal auf ein paar Stunden für einen Schauplatz roher Brutalität -vermiethen und sicherlich nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen. - -Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da, und kaum hielt nun der Zug, als -das wilde blutdürstige Volk schon wie ein Schwarm von den Wägen hinabsprang -und sich über die unter ihm zusammenbrechende Fenz warf, um einen »guten -Platz« zu bekommen und den Kämpfenden so nahe als irgend möglich zu sein. -Ja, damit waren Viele noch nicht einmal zufrieden, und wie sie nur das -kleine Gehölz erreichten, suchten schon Hunderte an den nächsten Bäumen -emporzuklettern, um von denen aus keinen Moment des »interessanten Kampfes« -zu versäumen. Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht -zu ersteigende Bäume waren im Nu mit Menschen gefüllt, die oft in -lebensgefährlicher Weise bis in die äußersten Zweige hinauskletterten -und dort hängen blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr fanden, -versuchten sich an dickeren Bäumen, und Manche entwickelten dabei eine -erstaunliche Fertigkeit. Wehe aber dem armen Teufel, dessen Kräfte -unterwegs nachließen -- Aller Augen, da es noch weiter nichts zu sehen -gab, hingen an ihnen, und wie sie nur hielten, ertönten schon spöttisch -ermuthigende Zurufe, die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten, -sobald der Unglückliche, mit hochhinaufgerutschten Hosen, seinen nicht mehr -zu verheimlichenden Rückweg begann. - -Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten Ring aufzuschlagen, -was aber durch die augenblicklich herbeidrängenden Menschen zur -Unmöglichkeit wurde. Außerdem war der Boden hart und trocken und die Pfähle -ließen sich nur sehr schwer eintreiben. Es dauerte auch in der That -eine volle Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur so weit -zurücktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff zu nehmen, und weder -Vernunftgründe noch Gewalt schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen -wollten sie -- Alles sehen, wofür sie ihr Geld bezahlt, und nur erst, als -sie doch wohl einsahen, daß in solcher Weise der Kampf nie stattfinden -könne, gaben sie endlich nach. - -Die Pfosten wurden etwa 12 Fuß von einander eingetrieben, so daß sie ein -etwa 18 Fuß im Quadrat haltendes Viereck umschlossen, und dann mit festen -Tauen so gut als möglich zusammengeschnürt. Die Taue mußten auch dazu -dienen, die Kämpfer, wenn sie dagegen geworfen würden, aufrecht zu halten. - -Dicht -- so dicht als möglich um das Viereck lagerten aber die Zuschauer, -und da sich etwa 3000 von diesen auf dem Plan befanden, so wäre es später -für die hinten Stehenden nicht möglich gewesen, auch nur einen Blick in den -Ring zu werfen. Dafür mußte Abhülfe geschafft werden, und es begann jetzt -von Neuem die sehr undankbare Arbeit, die Menschenmasse, die sich sicher -im Besitz eines guten Platzes fühlte, wieder eine ganze Strecke -zurückzutreiben und nicht allein einen größeren Kreis, sondern auch einen -freien Platz um den Ring zu bekommen. - -Auch dieß geschah endlich, nachdem ein Zeitungsredakteur, von Chicago, -glaub' ich, der besonders zu dem Zweck hierher gekommen, eine Rede an das -»Volk« gehalten und ihm damit gedroht hatte, daß der Kampf (=the fight=) -unter keinen Umständen stattfinden könne, wenn sie nicht den Anordnungen -der Kommission Folge leisteten. Widerstrebend gaben sie endlich Raum, aber -nur Zoll für Zoll, bis sie endlich etwa zehn Schritt freie Bahn zwischen -sich und dem Kampfplatz hatten. Dann wurden die ersten fünf bis sechs -Reihen beordert, die Ersten sich zu lagern, die Anderen zu knieen, und -wenn dann die Hintersten aufrecht standen, konnte jeder an dem Genuß Theil -nehmen. - -Bis dahin war es etwa zehn Uhr geworden und das Publikum hatte, einzelne -kleine Zwischenfälle abgerechnet, gar kein Vergnügen, denn die Kampfrichter -konnten sich noch nicht über einige Formalitäten einigen. Für Zwischenfälle -sorgten aber die auf den Bäumen sitzenden Zuschauer, denn mehr und -mehr kletterten hinauf, und hie und da knackte ein Ast, was die dadurch -Bedrohten zwang, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Ein paarmal brach auch -ein zu sehr beladener Ast und die darauf Sitzenden stürzten dann, zum -Jubel der ganzen Versammlung, auf den Boden nieder -- glücklicherweise ohne -ernstlichen Unfall. - -Auch einige Streitigkeiten kamen vor, denn die Herren in den Bäumen kauten -sehr natürlich, nach amerikanischer Sitte, Tabak und mußten ausspucken, und -das konnte eben so selbstverständlich nur nach unten geschehen. Von unten -wurde dann hinaufgedroht und von oben heruntergelacht, und die Sache blieb -beim Alten. - -Endlich -- es war fast elf Uhr geworden -- gerieth die Menge in Bewegung. -»Sie kommen!« so lief der Ruf durch die Versammlung, und nach kurzer Zeit -erschien einer der Kämpfer auf dem Schauplatz. Schon ehe er denselben -erreichte, warf er, nach alter Boxersitte, seinen runden Hut voran und -hinein, und ein Jubelschrei begrüßte ihn. Es war der Engländer Jones, -eine breitschultrige, derbknochige, aber gemein aussehende Gestalt, doch -anständig gekleidet und nur mit einem breiten, ausdruckslosen und jetzt -augenscheinlich bleichen Gesicht und kleinen Augen. Er schien grüne -Handschuhe zu tragen. - -Ohne Aufenthalt kroch er unter den Tauen durch in den »=ring=« und nahm, -da er die Wahl der Ecken hatte, seinen Platz in der einen, oberen, wo schon -ein Stuhl für ihn bereit gestellt war. -- Auch seine beiden Sekundanten, -allem Anschein nach der untersten Schicht der Gesellschaft angehörend, -kamen jetzt herzu, und nachdem sie sich die bezeichnenden seidenen Binden -um die Hüften gelegt, als Zeichen, welcher Partei sie zugehörten, hielt der -Eine von ihnen einen ausgespannten Regenschirm über Jones, um ihn gegen die -Strahlen der schon ziemlich heiß brennenden Sonne zu schützen. -- Es war -ein rührendes Bild. - -Jetzt aber brach ein wilder Jubelsturm los, denn ein guter Theil der -Anwesenden schien dem irischen Volksstamm anzugehören, und der Hut -McCoole's, des Iren, flog wirbelnd in den Ring, während die riesige Gestalt -desselben keck und wie siegesgewiß demselben folgte und seine Freunde -lächelnd begrüßte. - -Ich selber zweifelte in dem Augenblick keinen Moment mehr, wer von Beiden -Sieger des heutigen Tages bleiben würde -- Jones oder McCoole. - -Der Ire nahm die andere Ecke ein. Es war eine hohe, mächtige Gestalt, über -sechs Fuß, mit breiter Brust, aber einem rohen, wüsten Ausdruck in den -Zügen. Er ging in einen dicken Rock fest eingeknöpft und hatte noch -außerdem, und trotz der Hitze, einen wollenen Shawl um den Hals geschlagen. - -Auch seine beiden Sekundanten gesellten sich, unter den nämlichen -Vorbereitungen, zu ihm und Beide verharrten dann wohl volle zehn Minuten, -vielleicht länger, in ihrer Stellung, nur dann und wann Einer nach dem -Andern einen verstohlenen Blick hinüber werfend, um die Chancen des Kampfes -vielleicht zu berechnen. - -Endlich warf Jones seinen Rock ab und löste sich das Halstuch, welchem -Beispiel gleich darauf sein Gegner folgte. Die Sekundanten waren dabei -beschäftigt, ihnen die Schuhe aus- und ein Paar Halbstiefeln anzuziehen, -an denen sich, wie bei Steigeisen, scharfe Spitzen befanden, um ihr -Ausrutschen auf dem Rasen zu verhindern. - -Wieder eine kurze Pause. McCoole hatte ein paar Worte mit seinen -Sekundanten gewechselt und die Kampfrichter wurden auf die grünlichen Hände -Jones' aufmerksam gemacht, die man Anfangs für mit Handschuhen bedeckt -angesehen hatte. Es scheint, daß McCoole den Verdacht geäußert, sie könnten -mit einer giftigen Substanz versehen sein. Jones wurde deßhalb von dem -vorhandenen Arzte, nachdem dieser sie berochen -- was genau so aussah, als -ob er dem Preisboxer die Hand küßte -- aufgefordert, daran zu lecken. Er -that das auch lächelnd und mit so augenscheinlich gutem Willen, daß jeder -Verdacht schwinden mußte. Es war nur eine bei Preisboxern nicht seltene -Gerbestoffmasse, mit welcher er die Hände angestrichen hatte, um die Haut -fester zu machen und sie bei einem schweren Schlag nicht so leicht zu -gefährden. - -Jetzt wurden den beiden Kämpfern die Beinkleider ausgezogen, unter denen -sie kurze Hosen und lange Strümpfe trugen. Und nun erst erhob sich Jones -und dann McCoole, warfen ihre Oberhemden ab und zeigten die breite nackte -Brust, wie den muskulösen Bau der Schultern. - -Jones' Oberkörper war weiß und glatt, auch mehr fleischig, McCoole dagegen -mit dichten schwarzen Haaren bedeckt, und so standen sie sich einen -Augenblick gegenüber. Dann plötzlich schritt McCoole auf den Gegner zu und -reichte ihm die Hand, die dieser nahm und hielt, während die Sekundanten -jetzt auch ihrerseits die Hände über denen der Gegner kreuzten, so daß die -Sechs zusammen für wenige Sekunden in einem Ring standen. Der aber löste -sich sehr bald wieder, und jetzt rückte der eigentliche Moment heran, dem -heute ja Alles entgegenstrebte: der wirkliche Kampf. - -Beide Gegner waren noch einen Moment zu ihrem alten Stand zurückgetreten, -jetzt schritt McCoole langsam wie ein Bär aus seiner Höhle vor und rascher -folgte Jones seinem Beispiel. Der Letztere hielt aber ein kleines Packet -Banknoten, sogenannte Greenbacks, in der Hand und forderte jetzt McCoole -keck heraus, hundert Dollars gegen die seinigen zu setzen, daß er ihn -zuerst zu Boden schlagen würde. - -McCoole erwiederte kopfschüttelnd, daß er kein Geld mehr habe, einer der -Zuschauer aber nahm die Wette auf und das Geld wurde deponirt. - -Mir gefiel Jones' ganzes Auftreten nicht. Selbst die anscheinende -Zuversicht, mit welcher er die Wette anbot, kam mir so vor, als ob -Jemand aus lauter Verlegenheit lacht. Aber es blieb keine Zeit, weitere -Beobachtungen zu machen, denn die Sache wurde Ernst. Die Sekundanten hatten -Beiden noch einmal Brust und Arme abgerieben, etwa genau so, wie man ein -Pferd abreibt, um seinen Muskeln mehr Geschmeidigkeit zu geben, und jetzt -wurden sie, wie bissige Köter, gegeneinander losgelassen. - -McCoole schien sich dabei mehr auf die Vertheidigung zu halten; er hatte -wahrscheinlich zu viel von Jones' Kunstfertigkeit und Gewandtheit gehört -und wollte sich nicht leichtsinnig einer Gefahr aussetzen, während Jones -dagegen augenscheinlich bemüht war, den ersten Schlag anzubringen. Den -führte er auch, aber McCoole parirte ihn. Beide gaben dabei ihren -Armen freies Spiel, jetzt zu einem Scheinangriff ausfallend, jetzt -zurückweichend, bis Jones eine Blöße McCoole's zu benützen suchte. Aber -er hatte sich darin geirrt; der Schlag glitt ab und wurde rasch erwiedert, -Jones parirte auch diesen und holte wieder aus, als McCoole's rechte -Eisenfaust ihn gegen das linke Auge traf und wie einen Sack zu Boden warf. - -Ein wahres Jubelgeheul machte die Luft erbeben. Im Nu aber sprangen die -Sekundanten hinzu und hoben nicht allein Jones auf, um ihn zu seinem Stuhl -zu tragen, nein, thaten auch das Nämliche mit dem völlig ungeschädigten -McCoole, der es sich ruhig gefallen ließ. Beider Gesicht wurde dann rasch -mit kaltem Wasser abgewaschen, Jones schon mit Blut unterlaufenes Auge -besonders aufmerksam, und während das der Eine that, schob der Andere -seinem Kämpfer etwas in den Mund, das wie ein Schwamm aussah und vielleicht -etwas Stärkendes oder Erfrischendes enthielt. Es wurde ihnen auch nicht -viel Zeit dabei gelassen, denn die Pausen zwischen den einzelnen Gängen -oder =rounds= dürfen den hierbei gültigen Gesetzen nach nur genau -30 Sekunden dauern, wozu ein Mann mit einer Sekundenuhr in der Hand -fortwährend neben dem Kampfrichter steht. Wer von den Kämpfern nach -30 Sekunden nicht wieder in der Arena steht, wird als besiegt erklärt -- -und wie rasch vergehen 30 Sekunden! - -Jones stand zur bestimmten Zeit wieder auf den Füßen und McCoole gegenüber, -aber es sah so aus, als ob er scheu geworden wäre, und er zeigte sich -jedenfalls lange nicht so geneigt mehr, als beim ersten Gang, mit dem -gefährlichen Gegner anzubinden. Desto weniger Zeit aber verlor McCoole und -nach kaum einer halben Minute, in welcher Jones ein paarmal auswich, konnte -er sich zuletzt nur dadurch vor einem gefährlichen Schlag des Iren retten, -daß er sich wieder rasch zu Boden warf. - -Neues Geheul und stürmischer Jubelruf von allen Iren und Denen, die auf -McCoole gewettet hatten, erfüllte die Luft, und wieder wurden beide Kämpfer -zu ihren verschiedenen Sitzen zurückgetragen und genau so behandelt als -vorher -- wieder standen sie sich 30 Sekunden später kampffertig gegenüber. -Aber es war jetzt kaum noch ein Zweifel, wer von ihnen Sieger bleiben -müsse. McCoole ging scharf und keck vor, Jones hatte alle Zuversicht -verloren und nur noch eine Hoffnung -- nämlich die, durch ein paar -kunstgerechte Schläge die Augen des Gegners zu treffen, wonach er diesen -dann leicht so lange aufhalten konnte, bis das Anschwellen der weichen -Theile um die Augen ihn zeitweilig erblinden machte. Aber darin hatte er -den Nachtheil, daß er wenigstens fünf Zoll kleiner als sein Gegner war und -deßhalb zu hoch mit seinen Armen hinauflangen mußte. Als er so in die Höhe -reichte, erhielt er einen furchtbaren Schlag in die Seite, der ihm zwei -Rippen knickte, und nun war es vorüber. Noch viele Gänge hatten sie, -und einmal ermannte sich Jones, hielt Stand und versetzt McCoole einen -entsetzlichen Schlag gegen die rechte Seite des Kopfes, der auch aus seinem -Auge Blut brachte, aber McCoole schlug ihn gleich dafür wieder zu Boden und -weigerte sich sogar, von dem Kampf erregt, getragen zu werden. Er schritt -selber leicht zu seinem Stuhl zurück. - -Noch erhielt Jones, der Muth und Kraft verloren hatte, einen Schlag gegen -den Körper, der genau so klang, als ob man mit einem Hebebaum auf einen -Wollsack schmetterte, aber es bedurfte dessen kaum noch, denn bei ein paar -Gängen mußte er sich zu Boden werfen, ohne nur berührt zu sein, um einem -furchtbaren, nach ihm gerichteten Schlag auszuweichen. Hatte er doch die -Kraft verloren, ihn zu pariren. Es war dann ein scheußlicher Anblick, wenn -der überdieß nicht hübsche Bursche, mit den blutunterlaufenen Augen und -bleichen Zügen, aber lächelnd zu seinem Sieger aufblickte, als ob er sagen -wollte: Siehst Du wohl, dießmal bin ich Dir doch noch ausgewichen. Aber -McCoole blickte nur verächtlich auf ihn nieder und schritt zu seinem Stand -zurück, denn kein Schlag darf geführt werden, wenn der Gegner am Boden -liegt. - -Noch zwei Gänge und der entscheidende Schlag fiel. Jones war -augenscheinlich zur Verzweiflung getrieben. Er fühlte, daß er nicht lange -mehr aushalten könne, und machte einen verzweifelten Angriff auf den Iren. -Das aber bekam ihm schlecht. McCoole war auf seiner Hut und ein Schlag -gegen den Hals oder untern Theil des Gesichts -- es ließ sich das in der -Schnelligkeit nicht so genau bestimmen -- schmetterte Jones mit solcher -Gewalt zu Boden, daß ihm der Kopf auf die Seite sank. - -Er wurde augenblicklich wieder auf seinen Stand getragen, aber er war nicht -im Stande, sich in der kurzen Frist von 30 Sekunden zu ermannen, hatte auch -vielleicht, den Hieben gegenüber, keine besondere Lust dazu. Dreißig -- -fünfunddreißig Sekunden verflossen, und jetzt schmetterte das Siegesgebrüll -der Irländer durch die Luft, und Alles sprang jauchzend in den Ring, um den -Sieger zu begrüßen -- oder auch vielleicht um zusehen, wie er seinen Gegner -zugerichtet habe. - -Viele stimmten freilich nicht mit in das Siegesgeschrei ein, und zwar aus -dem sehr triftigen Grunde, weil sie bedeutende Summen -- man sprach sogar -von _sehr_ bedeutenden, die gewettet worden -- verloren hatten. So soll -ein Mann allein über 50,000 Dollars auf ihn verloren haben. Nur die -Gleichgültigen eilten, so rasch sie konnten, nach den schon ihrer harrenden -Wagen des Extrazugs zurück, um Sitzplätze zu bekommen und die Stehplätze -dießmal Denen zu überlassen, die hoch oben in den Bäumen saßen und nicht -so rasch heruntergleiten konnten, und nach kaum einer halben Stunde setzte -sich der Zug langsam wieder in Bewegung. - -Vorher war aber schon der wieder zum Bewußtsein gekommene Jones in einen -Wagen gesetzt worden und abgefahren, und als wir nach etwa zehn Minuten -wieder hielten, überholten wir diesen. McCoole selber war mit im Zug, aber -er stieg aus und ging zu Jones' Wagen, in welchem dieser mit verbundenem -Kopf saß, und reichte ihm dort hinein die Hand. - -Zugleich ging im Zug das Gerücht um, daß Jones selber eine ziemlich große -Summe bei dem Kampf gewettet und verloren habe, und daß man unterwegs für -ihn sammeln würde. Es dauerte auch nicht lange, so kam McCoole selber, das -breite, gemeine Gesicht wohl etwas geschunden, aber sonst allem Anschein -nach völlig unverletzt, durch unsern Waggon. Vor ihm ging einer seiner -Sekundanten, ein Papier in der Hand, um zu Unterschriften aufzufordern, -hinter ihm McCoole mit seinem schwarzen breitrandigen Hut in der Hand, um -kleinere Gaben gleich einzukassiren. Aber der Erfolg scheint kein besonders -glänzender gewesen zu sein, -- wer auf Jones gewettet und verloren hatte, -fand seinen Geldbeutel schon genug in Anspruch genommen. Wer gegen ihn -gewonnen, gab wohl etwas, und eine kleine Summe kam dadurch zusammen. Es -ist auch in der That eine starke Zumuthung, einem besiegten Preisboxer noch -Almosen zu geben; die giebt man doch lieber einem braven, hülfsbedürftigen -Arbeiter. - -So endete dieser wirklich berühmte Zweikampf, der auch in der That einiges -politische Interesse hatte, da er, in damaliger Zeit gerade, zwischen einem -Irländer und Engländer stattfand und dadurch schon die Sympathieen der -Amerikaner für den Iren erweckte. Welchen Antheil man aber daran nahm, geht -schon daraus hervor, daß der Kampf etwa 16 Minuten nach elf Uhr zu Ende kam -und um zwölf Uhr -- ja noch einige Minuten früher -- schon die Zeitungen -ausgegeben und von Jungen durch die Straßen geschrieen wurden, in welchen -ein zwar flüchtiger, aber doch wahrer Bericht über den Kampf gedruckt -stand. Hatte man doch zu dem Zweck einen Telegraphenapparat mit dem -Draht dort in Verbindung gebracht, um auch nicht einen Augenblick Zeit -zu verlieren, die werthvolle Nachricht zu verbreiten und einem Jeden -zugänglich zu machen. - -Mir selber war das ganze Schauspiel, als überhaupt etwas Neues und in den -Zweck meiner Reise einschlagend, interessant genug, aber es ist jedenfalls -ein Beweis großer Brutalität, etwas Derartiges mit solchem Pomp und -Spektakel und solchen Vorbereitungen zur Schau zu tragen. Uebrigens zeigten -die Deutschen in Cincinnati deutlich genug, daß sie keine Freude an einer -solchen Bestialität finden, denn nur sehr Wenige waren draußen, und ich bin -auch ziemlich fest überzeugt, daß keiner von ihnen einen Cent auf solche -Menschenschinderei gewettet hat. - - -Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= -hervorgehoben. - -Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert, sowie -gegebenenfalls "«," geändert in ",«". - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Camin" -- "Kamin", -"Canoe" -- "Kanoe", "erwiderte" -- "erwiederte", "Fourche-la-Fave" -- -"Fourche la Fave" -- "Fourche-la-fave", "Jayhawker" -- "Jay-hawker", -"Palissaden" -- "Pallisaden", "Partei" -- "Parthei", "Petite Jeanne" -- -"Petite-Jeanne", "Señora" -- "Sennora", "Señor" -- "Sennor", "wonach" -- -"wornach", - -mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 6: - "Missisippi" geändert in "Mississippi" - (vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung) - - Seite 13: - "," eingefügt - (rief der Major, »Sie reden gerade) - - Seite 22: - "." eingefügt - (seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging) - - Seite 26: - "enfernteste" geändert in "entfernteste" - (auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt) - - Seite 34: - "Furche-la-fave" geändert in "Fourche-la-fave" - (Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit) - - Seite 40: - "zn" geändert in "zu" - (von den Frauen selbst verhöhnt zu werden) - - Seite 40: - "," eingefügt - (rief der alte Mann,) - - Seite 47: - "bisjetzt" geändert in "bis jetzt" - (die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen) - - Seite 50: - "Bushwacker" geändert in "Bushwhacker" - (bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen) - - Seite 57: - "peischte" geändert in "peitschte" - (Während man sie dann peitschte) - - Seite 60: - "," eingefügt - (gegen Little Rock marschirt, um sich dort) - - Seite 113: - "." geändert in "?" - (oder wer ist sonst noch bei Dir?) - - Seite 122: - "könnne" geändert in "können" - (und dort nach Belieben wirthschaften können) - - Seite 126: - "erkärten" geändert in "erklärten" - (von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker) - - Seite 132: - "Boyle's" geändert in "Boyles'" - (kehrten sie nach Boyles' Farm zurück) - - Seite 133: - "," eingefügt - (»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,«) - - Seite 133: - "," hinter "man" entfernt - (Revolverpatronen kann man ein paar Stunden) - - Seite 138: - "." geändert in "?" - (Was ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?) - - Seite 168: - "ententgangen" geändert in "entgangen" - (ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen) - - Seite 186: - "," eingefügt - (Er sah, wie sein Opfer noch einmal) - - Seite 192: - "." eingefügt - (und hielt mit seiner Arbeit inne.) - - Seite 196: - "," eingefügt - (die wenigen Hinterbliebenen, ihre Ernährer und) - - Seite 223: - "." eingefügt - (und sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte.) - - Seite 265: - "einen" geändert in "einem" - (dann zog die Mannschaft mit einem) - - Seite 273: - "," eingefügt - (und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen König) - - Seite 280: - "Sie" geändert in "sie" - (lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den) - - Seite 305: - "," hinter "gerathen" entfernt - (Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein) - - Seite 314: - "." eingefügt - (Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.) - - Seite 329: - "mi" geändert in "mit" - (und die Luft mit ihrem Arom erfüllten) - - Seite 344: - "Biättern" geändert in "Blättern" - (mit Palmfasern oder Blättern gedeckt) - - Seite 353: - "," eingefügt - (»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner)] - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Dritter Band, by -Friedrich Gerstäcker - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND *** - -***** This file should be named 55163-8.txt or 55163-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/1/6/55163/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Kreuz und Quer, Dritter Band - Neue gesammelte Erzählungen - -Author: Friedrich Gerstäcker - -Release Date: July 21, 2017 [EBook #55163] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - - - -<h1>Kreuz und Quer.</h1> - -<p class="ce mt2 lh2">Neue gesammelte Erzählungen<br /> -<span class="fss">von</span><br /> -<span class="fsl"><span class="ge"><b>Friedrich Gerstäcker.</b></span></span></p> - -<p class="ce mt2 lh2">Dritter Band.</p> - -<p class="ce mt2"><span class="ge"><b>Leipzig,</b></span><br /> -<span class="ge">Arnoldische Buchhandlung.</span><br /> -1869.</p> - - - - -<h2>Inhaltsverzeichniß.</h2> - - -<div class="ce"> -<table summary="" border="0" cellpadding="2"> -<tr> - <td class="tdr fss" colspan="2">Seite</td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">1. Jay-hawkers</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_001">1</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">2. König Zambiri</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_198">198</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">3. Der Mexikaner</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_284">284</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">4. Ein <i>prize-fight</i> oder Boxerkampf in Cincinnati </td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_358">358</a></td> -</tr> -</table> -</div> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -<span class="ge">Jay-hawkers.</span></h2> - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Erstes Kapitel.</span></span><br /> - -In Perryville.</h3> - - -<p>Das kleine Städtchen Perryville in Arkansas, das, -während der Krieg in den östlichen Staaten der Union -wüthete, nun über zwei Jahre fast wie todt und verlassen -gelegen hatte, schien heute, am ersten October -des Jahres 1862, seinen friedlichen Charakter abgelegt -und sich in einen militärischen Tummelplatz verwandelt -zu haben.</p> - -<p>Daß von allen Seiten Reiter, die lange Büchse -auf der Schulter, die schweren Messer an der Seite, -heransprengten, würde weniger aufgefallen sein, denn -ohne diese Waffen ging überhaupt kein Backwoodsman -nur von Farm zu Farm, aber dazwischen sah man -auch eine Anzahl von Männern in grauen uniformartigen -Röcken und doch auch wieder nicht uniform, denn -Mancher von ihnen trug einen alten Filzhut, Mancher -einen Strohhut auf dem Kopfe, aber alle auch einen -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -Gurt um den Leib und neben dem Messer einen, -manchmal sogar zwei Revolver.</p> - -<p>Perryville ist keine regelmäßige Stadt, wenn auch -schon seit langen Jahren regelmäßig ausgelegt. Arkansas -selber hatte aber die in den schönen Staat gesetzte -Hoffnung, daß er sich rasch und entschieden -bevölkern würde, nicht bewährt. Viele seiner Bewohner, -unstätes Volk alle zusammen, waren nach Californien -gezogen, als der erste Ruf des Goldes von -dort herübertönte, Andere nach Texas, weil sich vielleicht -ein Fremder in ein oder zwei Miles Entfernung -von ihnen angesiedelt hatte und die »zu nahe« Nachbarschaft -ihnen unbequem wurde, und wenn sich dann -auch mancher neue Einwanderer von den östlichen -Staaten her in das Land zog, hielt sich die Bevölkerung -trotzdem so ziemlich auf dem alten Stand.</p> - -<p>Nur an den kleinen Fluß hinauf, den Fourche-la-Fave, -wie er genannt wird, hatten sich die Farmen, -aber auch nur mit weiten Unterbrechungen gezogen; -das innere Land lag noch in jungfräulicher Wildniß, -von keiner Axt, höchstens einmal von dem Beil des -Jägers berührt, der sich dort junge Stämme zu Lagerstangen -abhieb, und das Städtchen, was so nach und -nach am Fourche-la-Fave entstanden, war eigentlich -gar nicht nöthig. Die Farmer und Jäger brauchten -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -es nicht, hätten wenigstens recht gut ohne dasselbe bestehen -können, und benutzten es nur zu gelegentlichen -Zusammenkünften.</p> - -<p>Bis hierher war auch der eigentliche Krieg noch -nicht gedrungen und drang überhaupt nicht hin. Truppenkörper -der verschiedenen Armeen schickten wohl -später dann und wann einmal einen Streifzug durch -den Wald, aber der mußte die Straße halten und verweilte -auch nicht gern lange in den dichten Wäldern, -wo er sich nie sicher davor fühlte, von einem anderen, -vielleicht stärkeren Corps überfallen zu werden.</p> - -<p>Little Rock, die Hauptstadt des Staates, hatte sich -allerdings zu Gunsten der Secession erklärt, denn Arkansas -war ein echter Sclavenstaat, wenn es auch im -Verhältniß nur wenig Negersclaven aufweisen konnte. -Die eigentlichen Farmer und Jäger hatten sich aber -bis jetzt, wie nach stillschweigendem Uebereinkommen, -noch nicht am Kriege betheiligt. Sie waren weder -angegriffen, noch belästigt worden und mit der geringen -Bevölkerung ihres Staates, warfen sie ja doch kein -Gewicht in die Wagschaale des Krieges. Ueberdies -verkündeten die seltenen Nachrichten, die wirklich zu -ihnen drangen, nur immer neue Siege der Secessionisten, -die sogar das Capitol in Washington bedrohen -sollten; sie wurden also dort gar nicht gebraucht, -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -während sie hier unumgänglich nöthig blieben, um -ihre Familien zu erhalten. Was hätten die einzelnen -Frauen und Kinder hier mitten im Walde anfangen -wollen, wenn die Männer und jungen Leute weit hinweg -in andere Staaten gezogen wären, um sich mit -den Yankees herumzuschlagen.</p> - -<p>Außerdem standen fast alle <em class="ge">alten</em> Leute in dem -ganzen District, im <em class="ge">Herzen</em> auf Seite der Union. Am -ganzen Fourche-la-Fave war auch nicht ein einziger -Sclavenhalter, kein einziger Neger zu finden. Am -Petite-Jeanne drüben gab es allerdings ein paar, aber -ihretwegen wäre es wahrlich nicht der Mühe werth -gewesen, einen blutigen Krieg anzufangen und die -große und mächtige Union in zwei Hälften zu reißen.</p> - -<p>Einzelnen jungen Leuten zuckte es allerdings in den -Gliedern, Theil an dem Kampf zu nehmen und einen -Tanz mit den »verdammten Abolitionisten« zu haben, -wie die Yankees damals genannt wurden und welchen -Namen sie auch in der That noch zum großen Theil -jetzt führen; die große Mehrzahl war indeß entschieden -<em class="ge">gegen</em> eine Betheiligung am Krieg, denn die Südstaaten, -zu denen sie allerdings ihrer Lage nach gehörten, -hatten die Flagge der Union beschimpft, die -Constitution gebrochen und den Bürgerkrieg entzündet. -<em class="ge">Sie</em> wollten keine Hand in solchen Dingen haben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -Nur die Frauen neigten sich sonderbarer Weise der -Secession zu, und aus welchem Grunde?</p> - -<p>Im Herzen trugen sie alle den Wunsch, es einmal -dahin zu bringen, daß sie sich ein Hausmädchen – -natürlich eine Sclavin – anschaffen konnten, denn -Dienstboten, wie wir solche bei uns gewohnt sind, gab -es ja nicht in der Union, und was man <i>a help</i> nannte, -eine »Hülfe,« und worunter sich eine Nachbarstochter -verstand, die einmal auf kurze Zeit oder weil bei -ihnen selber das Brot knapp wurde, herüberkam und -eine Weile aushalf – konnte natürlich nicht genügen, -da diese jungen »<i>ladies</i>« wie die rohen Eier behandelt -sein wollten und bei dem ersten rauhen Wort das -Haus augenblicklich und indignirt verließen. Eine -junge Negersclavin blieb also ihr heimlicher, aber dafür -desto innigerer Wunsch, und daß sie sich – unter -solchen Umständen – nicht für Abschaffung der Sclaverei -begeistern konnten, versteht sich wohl von selbst.</p> - -<p>Vor kaum acht Tagen nun war die Nachricht hier -in den stillen Wald gedrungen, daß die »Südlichen« -wieder einen neuen und großen Sieg über den Norden -davongetragen hätten und dieser jetzt die verzweifeltsten -Anstrengungen mache, um den immer mächtiger werdenden -Feind zu verhindern, sich selbst in Besitz des -Capitols zu setzen. Eine Aushebung von Hunderttausenden -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -sollte unter den Yankees ausgeschrieben sein, -und es war deshalb nöthig geworden, auch die Kräfte -des Südens zusammenzurufen, um die »Abolitionisten« -nicht wieder zu Athem kommen zu lassen, sondern womöglich -gleich mit einem Schlage zu vernichten. Derartige -Phrasen durchliefen ja fortwährend die weit -abgelegnen Territorien sowohl, als auch die einzelnen -Rebellenstaaten selber, und fanden in den letzteren -vielleicht Wiederklang – in Arkansas aber nicht. Als -deshalb auf den heutigen Tag Emissaire vom anderen -Ufer des Mississippi eine Versammlung in Perryville -ausgeschrieben hatten, um den Stand der Verhältnisse -zu besprechen, fanden sich wohl die jungen und auch -die älteren Leute dazu ein, weil sie etwas Bestimmtes -über den Stand des Krieges zu erfahren hofften, aber -begeistert für die Sache selber waren sie nicht, ja die -alten Backwoodsmen sogar fest entschlossen, einer möglichen -Anwerbung entschieden entgegenzutreten.</p> - -<p>Den jungen Burschen aber kam ein solcher -»Frolic,« wie sie es nannten, gerade recht. Der Krieg -dauerte nun schon Jahre, und eine todte, erdrückende -Schwüle hatte indessen auf dem ganzen Land gelegen. -Wer sollte auch Lust gehabt haben sich zu vergnügen, -während nur immer eine Nachricht nach der anderen -kam, wie bald da bald dort Tausende im gegenseitigen -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Bruderkampf erschlagen waren und ihr Herzblut die -zerstörten Felder röthete.</p> - -<p>Die Meisten sammelten sich auch bei dem alten -Bockenheim, denn obgleich in den letzten fünf Jahren -noch zwei andere kleinere <i>groceries</i> oder Kaufläden -geöffnet worden, hatte man sich doch an den Deutschen, -einen der ältesten Ansiedler der Fourche la Fave, gewöhnt, -und außerdem sollte auch die eigentliche Versammlung -in der unmittelbaren Nähe seines Hauses -stattfinden, zu der sogar ein Major der Secessionisten -herüber gekommen.</p> - -<p>Man lebte einmal wieder in dem bisher so todten -Städtchen und der Whisky floß. Allerdings war es -nicht mehr möglich, diesen von Norden herunter zu -beziehen, woher sonst der beste Mohongahela kam, -denn der Strom war sowohl von den Nord- als Südstaaten -blokirt worden und selbst auf jedes kleine Boot -wurde geschossen, das den Versuch machen wollte, sich -hindurch zu schleichen. Aber in Arkansas wußten sie -sich, was wenigstens diesen Gegenstand betraf, zu -helfen, denn überall entstanden kleine Brennereien, -wobei noch die Heintzesche den besten Stoff lieferte. -Von diesem war ein frisches Faß angezapft worden, -und die jungen Leute vom Fourche-la-Fave hatten sich -schon darum gesammelt, als die County-Straße -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -herunter, von zwei »Sesesch«-Officieren (Secessionisten) -begleitet, der Major auf einem prächtigen -Rappen angesprengt kam, und vor Bockenheim's -Thür sein muthiges Roß einzügelte.</p> - -<p>»Hallo Major!« rief ihm Einer der jungen Burschen -zu, indem er ihm zugleich den vollen Becher entgegenhielt -– »<i>how do you swop horses</i> (wie wollt Ihr -Euer Pferd vertauschen) gegen den Grauen dort, der -an den Hickory angebunden steht?«</p> - -<p>»Mein junger Freund,« sagte der Major, nicht im -Geringsten durch die Frage beleidigt, denn sie war -etwas zu Allgewöhnliches – »wir brauchen jetzt alle -unsere guten Pferde selber, denn die verdammten Abolitionisten -laufen so rasch, daß man sie mit alten -Kracken gar nicht einholen kann.«</p> - -<p>»Oho Major,« lachte Jim Jenkins, ein Farmerssohn, -dessen Vaters kleine Ansiedelung unmittelbar am -Arkansas lag – »so sehr schnell können sie doch nicht -laufen, wenigstens nicht so weit, denn Washington liegt -doch dicht bei Virginien, und bis dahin haben sie Euch -noch nicht gelassen.«</p> - -<p>»Weil wir dort Nichts zu holen hatten, Jim,« rief -Hendricks, ein junger Mann vom Petite Jeanne, der -aber auch schon die Uniform der Secessionisten trug -und – wie er Anderen erzählte – nicht blos ein -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -paar der blutigsten Schlachten mitgemacht, sondern -auch ein paar Dutzend Abolitionisten mit eigener -Hand erschlagen hatte. »Was sollten wir in Washington? -Das leere Weiße Haus besetzen? Das Lumpenvolk -hat es ja schon vollständig ausgeräumt, und -selbst die Bevölkerung der Stadt ihre beste Habe in -Sicherheit gebracht. Wohin wir kommen wollen, -dahin kommen wir auch – und wenn wir jetzt Alle -richtig zusammenhalten, rücken wir ihnen im nächsten -Monat nach New-York hinein, und da giebts nachher -Beute, denn Lee hat uns fest versprochen, daß wir dort -plündern sollen.«</p> - -<p>»Bah, wir sind keine Räuber,« sagte Jim finster, -»daß man suchen sollte, uns damit anzulocken. Wer -hier her kommt zu uns, um uns zu belästigen, gegen -den stehen wir zusammen – was kümmern uns die -Kaufläden in New-York?«</p> - -<p>»Muß eine verwünscht gemeine Seele sein,« rief -da ein anderer, John Wells, der Sohn eines der besten -Jäger am Fourche, der sich aber an politischen Dingen -nie betheiligte und still und zurückgezogen auf seiner Farm -lebte – »der in einem solchen Krieg von Plündern spricht -– verdient daß man ihm die Uniform vom Leib risse.«</p> - -<p>»Dazu gehört ein <em class="ge">Mann</em>!« rief Hendricks, zornig -auffahrend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -»Gott verdamm Dich, hier steht er!« schrie John, -in dem Augenblick auch sein eigenes Jagdhemd abwerfend, -um die Arme frei zu bekommen, indem er -Hendricks gegenüber sprang – »stell' Dich bereit, -mein Junge, und wahr' Deine Nase –«</p> - -<p>»Ich bin nicht hergekommen um mich hier zu -prügeln,« rief Hendricks abwehrend –</p> - -<p>»Feigling!« höhnte ihn John, und schien nicht übel -Lust zu haben, trotz alledem auf ihn einzuspringen; der -Major aber, der sich indessen mit einigen der alten -Backwoodsmen unterhalten hatte, trat rasch dazwischen -und sagte abwehrend:</p> - -<p>»Boys, um Gottes Willen, fangt untereinander -keinen Streit an. Wir haben da draußen alle Hände -voll zu thun, um mit den verwünschten Abolitionisten -fertig zu werden, und wenn Ihr denen die Fäuste -zeigen wollt, ist's ja recht, aber nicht hier Freund gegen -Freund. Das wäre den Yankees gerade recht, wenn -sie uns hier im Süden selber gegeneinander hetzen -könnten.« –</p> - -<p>»Dann muß uns so ein hergelaufener Lump aber -auch nicht mit Plündern anlocken wollen!« trotzte -John, der noch immer gar nicht übel Lust zu haben -schien, den Kampf aufzunehmen.</p> - -<p>»Ich habe nur gesagt, daß von Plündern gesprochen -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -ist,« rief Hendricks, »ich denke nicht daran, selber so -'was zu thun.«</p> - -<p>»Frieden! haltet Frieden!« riefen jetzt auch Einige -der älteren Leute. »Es fließt Blut genug im Lande, -Jungens, laßt uns das Elend nicht auch an den -Fourche-la-Fave verpflanzen und erst einmal hören, -was der Major zu sagen hat. Sprecht Major, -Ihr habt uns ja hierhergerufen, was soll's -eigentlich.«</p> - -<p>»Ja, Gentlemen,« begann der Major, indem er -seine Militärmütze abnahm und sich mit der Hand -durch die Haare fuhr, »die Sache ist höllisch einfach -und nicht viel darüber zu sagen. Ihr habt bis jetzt -hier gelebt, als ob Euch der Krieg, der da draußen -geführt wird, gar nichts anginge, aber das muß eben -ein Ende nehmen. In Missouri sammeln die verdammten -Yankees mehr und mehr Truppen an, weil -es ihnen unbequem ist, daß wir den Mississippi hier -haben und besetzt halten. Die also können jeden -Augenblick bei Euch einbrechen und dann sitzt Ihr da, -Nichts ist organisirt, kein Commando, keine Ordnung -und Alles zerstreut im Busch, wo man Euch nachher -einzeln aufsuchen und gefangen in die Yankeestaaten -hinaufschleppen kann.«</p> - -<p>»Aber, Major,« sagte der alte Klingelhöffer, ein -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -Deutscher, der seit 30 Jahren in diesen Wäldern lebte, -»red't keinen Unsinn. Wenn die Unionstruppen -wirklich einmal hier durchmarschirten, und Streifcorps -sind schon ein paar Mal in der Nähe gewesen, -so haben sie genug für sich selber mitzuschleppen, als -daß sie sich auch noch Gefangene aufladen sollten. Daß -sie uns Rinder schlachten werden, um was zu leben zu -haben, ja, das ist möglich, aber weiter geschieht auch -Nichts, und wenn wir unsere jungen Leute in den Krieg -schicken, können sie nachher erst recht machen, was sie -wollen.«</p> - -<p>»Daraus wird Nichts,« sagte der alte Jenkins, -ebenfalls ein treuer Unionsmann, der finster daneben -auf einer Wagendeichsel gesessen und an einem Spahn -herumgeschnitzt hatte. »Unsere jungen Leute dürfen -nicht fort von hier; nachher ist der Wald leer und -unsere Kinder können hungern und verderben. Laßt -es die ausfechten, die das Blutvergießen verschuldet -haben.«</p> - -<p>»Ist auch meine Meinung,« nickte der alte Hogau, -der oben vom Fourche-la-Fave heruntergekommen -war, »wir oder die Unseren haben Nichts draußen zu -thun, wir gehören hier in die Range, und wenn uns -dann Jemand belästigen will, ei zum Wetter, dann -haben wir auch noch unsere Büchsen und hier zwischen -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -den Bäumen drinn, soll ihnen der Platz bald zu warm -werden.«</p> - -<p>»Aber Gentlemen!« rief der Major, »es spricht -ja kein Mensch davon, daß die jungen Leute hier den -Staat verlassen sollen. General Lee selber ist dagegen -und stimmt ganz mit Ihrer Ansicht überein, daß -es eben gefährlich wäre, die Wälder hier von ihren -Vertheidigern zu entblößen. Nur organisiren sollen -Sie sich und eine sogenannte Landwehr bilden, um -im Fall eines Angriffs im Stand zu sein, sich augenblicklich -unter ihren Führern zu sammeln, und ich -glaube, das ist doch nur in Ihrem eigenen Interesse -und zu Ihrem eigenen Besten gehandelt.«</p> - -<p>»Ich sehe den Grund nicht ein,« rief Klingelhöffer; -»zum Henker auch, wir haben die Mittel und -Wege, unsere jungen Leute auf den Fleck zu bekommen, -wenn sie nothwendig gebraucht werden sollten, -und in Reih' und Glied können wir hier im Walde -doch nicht kämpfen. Uebrigens« – setzte er langsamer -hinzu – »weiß ich auch gar noch nicht einmal gegen -wen wir fechten und wer von den beiden Partheien -unser schlimmster Feind ist.«</p> - -<p>»Aber Mister – entschuldigen Sie, ich kann -Ihren Namen nicht behalten,« rief der Major, »Sie -reden gerade, als ob Sie noch nicht einmal wissen, ob -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -Sie auf Seite der Südstaaten oder der Abolitionisten -treten sollten.«</p> - -<p>»Weiß ich auch nicht,« brummte der alte Mann -störrisch, indem er seinen Hosengürtel in die Höhe zog, -»denn einverstanden bin ich mit der ganzen Geschichte -nicht, weil sie eben Lügen braucht, um sich fortzuhelfen.«</p> - -<p>»Lügen, Mister?«</p> - -<p>»Jawohl, Lügen,« brummte der Alte, »denn, -wenn die Berichte alle wahr wären, die wir hier hergeschickt -kriegen, so könnten die Yankees schon gar keine -Soldaten oder überhaupt noch Menschen haben, so -viele sind in jeder Schlacht gefallen und so geschwind -sind die Anderen gelaufen. Dabei wird aber der -ganze Krieg eben nur in den Südstaaten geführt; -nicht einmal über dem Ohio drüben haben sich die -Südlichen halten können, und uns wollen sie jetzt auch -noch mit hineinziehen.«</p> - -<p>»Aber das verlangt ja Niemand.«</p> - -<p>»Gut, dann überlaßt das Andere auch uns selber, -wir wollen die Sache schon hier in Ordnung halten. -Hat sich überhaupt Niemand sonst darum zu kümmern.« -»Wär' auch etwa meine Meinung,« nickte Jenkins. – -»Wir alten Colonisten hier haben jetzt herangewachsene -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -Jungen, die selber schon Männer geworden sind -und können es denen ruhig überlassen.«</p> - -<p>»Und dann wohnen wir hier auch in keiner -Stadt,« fiel Hogan ein, »wo in der Zeit der Noth ein -Nachbar dem anderen beispringen kann, und wenn -Einen was bedroht, der Andere ebenfalls davon wissen -muß, weil er dicht daneben sitzt. Wenn hier in unsere -einzelnen Farmen eine Bande einbricht, so können -sie thun und lassen, was sie wollen, nicht einmal das -Knallen der Gewehre hört man beim Nachbar. Wenn -die Südstaaten deshalb etwas für uns thun wollen -und überhaupt die Yankees, wo sie sich blicken lassen, -vor sich hertreiben, weshalb räumen sie denn da nicht -unseren Nachbarstaat Missouri von den Abolitionisten? -nachher hätten wir hier gewiß Frieden.«</p> - -<p>»Das kann aber nur geschehen, wenn wir selber -mit dazu helfen,« rief jetzt Hendricks – »was sagt -Ihr Boys – wär' das nicht gerade das Rechte für -uns hier, aus dem Wald gen Norden aufzubrechen -und die Wälder vor uns, wenn wir mehr hinaufzögen, -rein zu fegen von dem Gesindel, das sich darin versteckt -hält.«</p> - -<p>»Das Gesindel,« lachte der junge Wells, »gehört -aber so viel ich weiß, nur zu Eurer Parthei, denn die -Unionstruppen klagen genug über die südlichen »Bushhawker«, -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -die einzeln oder in kleinen Banden im Wald -liegen und ihren Feind nur feige aus dem Hinterhalt -niederschießen.«</p> - -<p>»Und wißt Ihr einen Guerilla-Krieg, der anders -zu führen wäre?« fragte Hendricks, mit einem finsteren -Blick auf den Sprecher. »Hätten sich die wackern -Burschen dort nicht in den Wald geworfen und setzten -sie nicht jeden Tag noch ihr Leben ein, so wären die -verdammten Blauröcke lange schon zu Euch hier -herunter marschirt. Freilich ist es bequemer und sicherer, -hier auf der Farm zu sitzen und dann und wann -einmal nach einem armen Hirsch zu feuern. Der kann -nicht wieder schießen.«</p> - -<p>»Lump Du – verbrannter!« fuhr der junge -Wells empor – aber Klingelhöffer sprang jetzt selber -dazwischen und rief:</p> - -<p>»Frieden hier! wir wollen keinen Streit, wir wollen -aber auch keine südländischen Werber unter uns, -die uns die Jungen vom Hause fortlocken. Laßt uns -abstimmen darüber. Wir haben hier fast den ganzen -Fourche-la-Fave versammelt. Laßt die Leute selber -entscheiden, ob sie Soldaten spielen wollen oder nicht. -Ich meinestheils bin dagegen; wir sind außerdem -schlimm genug daran, denn mit Little Rock haben wir -fast gar keinen Verkehr mehr; zu kaufen ist Nichts im -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -Land und was wir nothwendig zur Unterhaltung unserer -Familien brauchen, müssen wir uns selber ziehen. -Was sagt Ihr, Jenkins?«</p> - -<p>»Beim Alten soll's bleiben,« erwiderte der alte -Mann mürrisch. »Wir brauchen keine Zwischenträger, -die uns hier sagen wollen, was wir zu thun oder zu -lassen haben. Ich stimme dagegen.«</p> - -<p>»Ich auch – ich ebenfalls,« tönte es von den meisten -Seiten, und nur einige der jüngeren Leute versuchten -eine kleine Opposition, wurden aber so vollkommen -überstimmt, daß sie gar nicht in Betracht kommen -konnten. Major Rollok hatte mit finster zusammengezogenen -Brauen daneben gestanden und das Resultat -beobachtet, aber er war auch klug genug einzusehen, -daß hier und in <em class="ge">dieser</em> Versammlung, in der überhaupt -ein dem Süden nichts weniger als freundlicher -Geist zu herrschen schien, kaum etwas würde auszurichten -sein. Er mußte deshalb seine Zeit abpassen, -und – war auch gerade der richtige Mann -dazu.</p> - -<p>»Gentlemen,« sagte er, als er flüchtig den Blick -umhergeworfen und sich die von den jungen Leuten, -die auf seiner Seite standen, rasch gemerkt hatte, »die -Frage hier kommt mir nicht mehr zweifelhaft vor. -Wie ich sehe, sind Sie fest entschlossen, ihre eigene -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -Heimath zu vertheidigen, und das Land in Betracht -gezogen, in dem Sie nun einmal leben, kann ich Sie -kaum deshalb tadeln. Lassen wir das also. – Mr. -Bockenheim, Ihr Whisky ist ausgezeichnet, ich bitte -um eine andere Flasche, denn wir haben vom vielen -Reden Durst bekommen.«</p> - -<p>»Meiner ist gelöscht,« erwiederte Klingelhöffer, -indem er seine Büchse über die Schulter warf und -hinüber zu seinem Poney ging – »ich denke Boys, -wir sind hier fertig und um eine »<i>Spree</i>«<span class="top">[1]</span> zu halten, -ist die Zeit zu ernst. <em class="ge">Ich</em> gehe heim.«</p> - -<p class="ci fss"> -[1]: <i>Spree</i> (<i>sprie</i> gespr.) ein lustiges Trinkgelag – ein vergnügter -Abend.</p> - -<p>»Ich auch – wir Alle,« rief es von verschiedenen -Seiten und wenn auch manche der jungen Leute noch -gern den Nachmittag dort geblieben wären, folgten -doch die Meisten den älteren. Nur zehn oder zwölf -etwa, von denen die Meisten in Perryville selber -wohnten, blieben noch zurück, um, wie sie sagten, von -dem Major Näheres über den Krieg zu hören, und da -diese jetzt eine verhältnißmäßig kleine Gruppe bildeten, -war die kleine Stadt bald wieder so still und -öde als vorher.</p> - - - - -<h3><a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -<span class="subheader"><span class="ge">Zweites Kapitel.</span></span><br /> - -Der Korb.</h3> - - -<p>Für den Augenblick war die Gefahr, die dem -stillen Frieden dieser Gegend drohte, abgewehrt; denn -wenn auch der Major noch sein Bestes versuchte, die -Zurückgebliebenen wenigstens, von denen noch dazu die -Meisten auf seiner Seite standen, zu einem directen -Vorgehen in diesem Sinne zu bewegen, so hatte sich -doch die Meinung des Fourche-la-Fave kurz vorher zu -entschieden ausgesprochen, um auf einen Erfolg hoffen -zu können. Der Samen war aber einmal ausgestreut -und von diesem Tag an begann eine Art von Unruhe -in der ganzen Range, die man bis jetzt und so lange -der Krieg währte, noch nicht gekannt hatte.</p> - -<p>Allerdings verließ Major Rollock mit den übrigen -Sesesch-Soldaten die Ansiedlung, um drüben am -Petite Jeanne sein Glück und wie sich später zeigte -mit besserem Erfolg zu probiren; Hendricks aber, der -eine Menge Bekannte am Fourche-la-Fave hatte, -blieb zurück und schien dabei auch nicht besonders -durch den Wortstreit eingeschüchtert zu sein, den er -mit einigen der jungen Leute gehabt. Er war ihm -ungelegen gekommen, ja – noch dazu mit <em class="ge">einem</em> der -jungen Backwoodsmen, aber er wußte auch recht gut, -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -daß deren Blut rasch aufbrauste, jedoch auch eben so -rasch wieder durch ein freundliches Wort beruhigt -werden konnte.</p> - -<p>Acht Tage waren nach der, im vorigen Kapitel -beschriebenen Versammlung etwa verflossen. Der -alte Jenkins stand vor seinem Haus und hieb mit -seinem kleinen Beil einen Axtstiel zurecht, sein Sohn -James oder Jim, wie er kurzweg genannt wurde, -war nicht weit davon beschäftigt, eine neue Corncrib -oder einen Verschlag, in dem der Mais eingelegt -werden sollte, aufzurichten, und Betsy, seine Schwester, -ein blühendes junges Mädchen von etwa achtzehn -Jahren, mit frischer Gesichtsfarbe – etwas nicht -sehr gewöhnliches am Fourche, und gar so lieben, -kastanienbraunen Augen, quälte sich eben in einer benachbarten -Umzäunung mit einer etwas störrischen -Kuh ab, die sich nicht wollte melken lassen, aber doch -zuletzt der ruhigen Entschlossenheit des Mädchens -nachgeben mußte. Bill, ihr jüngster Bruder, kam -eben mit einem Eimer Wasser vom Fluß herauf.</p> - -<p>»<i>Hallo the house!</i>« rief da eine Stimme von -außerhalb der Fenz die Männer an und ein Reiter -hielt dort, den Niemand der mit ihrer Arbeit Beschäftigten -hatte herankommen sehen.</p> - -<p>Die Hunde schlugen jetzt an und rannten heulend -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -und bellend gegen die Fenz, an der sie hinaufsprangen, -die Gänse schnatterten, die Hühner durch die -zwischen ihnen hinfahrenden Hunde erschreckt, gakerten -und es war für den Augenblick ein Skandal, in -dem man nicht einmal sein eigenes Wort hören -konnte.</p> - -<p>»Ruhe, Ihr Bestien,« schrie der alte Jenkins, indem -er ein Stück Holz aufgriff und zwischen die Köter -hin schleuderte; »wollt Ihr Frieden geben! Hallo -Hendricks, <em class="ge">Ihr</em> seid's? Ich glaube, Ihr wäret schon -lange wieder bei der Armee, rücktet mit ihr gegen -New-York vor. Kommt herein, Mann, und bleibt -nicht da draußen auf Euerem Pferd halten.«</p> - -<p>»Dank Euch, Mr. Jenkins,« sagte der junge -Mann, indem er von der Einladung ohne Weiteres -Gebrauch machte. Die Hunde hatten ja auch gesehen, -daß ihr Herr mit dem Fremden sprach, sie also Nichts -mehr drein zu reden hatten, und als dieser jetzt sein -Thier draußen angebunden hatte und die kleine -Pforte öffnete, zogen sie sich, wohl immer noch knurrend, -aber doch keine offene Feindseligkeit mehr zeigend, -unter das Haus zurück.</p> - -<p>Jim Jenkins hatte Hendricks eigentlich erstaunt -und mit nicht besonders freundlichen Blicken betrachtet. -Nach dem, was neulich zwischen ihnen vorgefallen, -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -mochte er seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber -was ging er <em class="ge">ihn</em> an. Sein Vater hatte ihn aufgefordert, -in's Haus zu kommen, er nicht, und ohne sich -deshalb weiter um ihn zu kümmern, fuhr er auch ruhig -in seiner Arbeit fort. Hendricks schien aber anders -zu denken, denn nachdem er dem alten Jenkins die -Hand geschüttelt, ging er ohne Weiteres auf Jim -zu, so daß sich der junge Mann verlegen aufrichtete, -und sagte mit freundlicher, ja fast herzlicher -Stimme:</p> - -<p>»Komm Jim. Die Politik hat schon manche -Freunde entzweit, sie soll es aber hier nicht im Walde -thun. Wir waren Beide damals aufgeregt und heftig. -Jetzt haben wir kaltes Blut und ich wenigstens -habe die Sache vergessen.« Er streckte ihm dabei die -Hand entgegen und wenn Jim auch wohl selber -schwerlich ein erstes freundliches Wort zu ihm gesagt -hätte, war er doch auch wieder viel zu offener, ehrlicher -Natur, eine gebotene Hand zurückzuweisen. Er -schlug ein und nickte.</p> - -<p>»Gut Bob, so soll's sein. Du hast Recht, die Zeit -ist danach angethan, daß wir hier Alle zusammenhalten, -und ich werd' es wahrhaftig nicht sein, der den -ersten Streit in die »Range« würfe. Sei willkommen.«</p> - -<p>»So recht Jungens,« nickte der Alte, der schweigend -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -der kleinen Versöhnungsscene zugeschaut. »Wir -können hier in der That keine Uneinigkeit gebrauchen, -denn wer weiß wie bald wir Einer den Andern nöthig -haben, wenn das Unglück auch über uns hereinbrechen -sollte. Und nun kommt herein Hendricks; das -Frühstück wird gleich fertig sein, die Betsy bettelt sich -nur noch da drüben die Milch von der Kuh, die ebenfalls -halsstarrig zu sein scheint. Kommt Mann und -drin könnt Ihr uns sagen, was Euch zu diesem Winkel -von Arkansas hergeführt, denn Besuch bekomme ich -verwünscht selten, wenn nicht einmal ab oder zu ein -einzelnes Canoe bei mir anlegt.«</p> - -<p>Hendricks dankte freundlich, schien aber doch noch -keine rechte Lust zu haben der Einladung ohne Weiteres -zu folgen, denn Betsy trat eben mit ihrem -kleinen Melkkübel aus der Umzäunung und kam auf -sie zu.</p> - -<p>»Wie geht's Miß Betsy,« sagte Hendricks, ihr -ein Paar Schritt entgegengehend und ihr die Hand -reichend – »Sie sehen wohl und munter aus, und -die Arkansas-Niederung scheint Ihnen vortrefflich zu -bekommen.«</p> - -<p>»Danke Sir,« sagte das junge Mädchen, leicht -erröthend, »ich habe ja auch, Gott sei Dank, noch -kein Fieber hier gehabt; Pa und Ma aber desto mehr.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -»Bah, das richtet sich Alles ein,« brummte der -Alte, »wenn man sich nur erst einmal ein Bischen an -die warme feuchte Luft gewöhnt hat. Das Land hier -ist aber desto besser. Seht einmal die Maiskolben -an, Hendricks, ob Ihr je in Euerem Leben größere -getroffen habt. So lange ich und mein Junge leben -bleiben, hält auch der Boden aus; in dem ist kein -Vergang.«</p> - -<p>Das Gespräch kam jetzt auf die Fruchtbarkeit der -verschiedenen Distrikte, in dem die Farmer unerschöpflich -sind, und Betsy war indessen in das Haus gegangen, -um den Frühstückstisch zu bestellen, denn die -Mutter hatte wieder einen »Anfall« des ewigen kalten -Fiebers und saß, sich schüttelnd, am Camin in der -Ecke, die offenen zitternden Hände gegen die Flamme -ausgebreitet.</p> - -<p>Bei dem Frühstück, das übrigens frugal genug -aus etwas gebratenem Speck, warmem Weisbrod und -einem Becher Kaffee oder Milch bestand, erzählte nun -auch der Gast seinen Wirthen, daß er gesonnen sei, -den Petite Jeanne zu verlassen, denn man wohne -dorten gewissermaßen aus der Welt. Er wollte deshalb -herüber an den Fourche ziehen, wo er sich schon, -ein Stück weiter oben einen Platz ausgesucht habe, um -eine Dampfsägemühle aufzustellen. Er hatte, wie er -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -bemerkte, eine Masse Vieh im Walde herumlaufen, -das jetzt einen nie dagewesenen hohen Preis in Little -Rock brachte. Dorthin wollte er es nun, ehe er wieder -zur Armee ging, treiben und verkaufen und dafür -eine auf Speculation nach der Stadt gebrachte Sägemühle -erstehen, die in der jetzigen Zeit natürlich kein -Mensch haben wollte noch auch gebrauchen konnte, -und die er unter solchen Umständen – wie er -sich auch schon erkundigt – zu einem Spottpreis -bekam.</p> - -<p>Der alte Jenkins nickte dazu beistimmend vor sich -hin, denn was der junge Mann da vorrechnete, hatte -Hand und Fuß, während sie Nichts nothwendiger in -der <i>range</i> brauchten, wie gerade eine schon lang ersehnte -Sägemühle, die auch wahrscheinlich vortreffliche -Geschäfte machen würde. Das nur war ihm dabei -etwas Neues, daß Hendricks so viel Vieh haben sollte, -denn der alte Hendricks, der eine kleine Farm am -Petite Jeanne angelegt hatte und fast gar Nichts -selber arbeitete, denn er saß den ganzen geschlagenen -Tag im Hause und las in der Bibel, war blutarm -– so wenigstens erzählte man sich am Fourche-la-fave. -Uebrigens bestand nicht viel Verbindung zwischen den -beiden kleinen Flüssen. Nicht einmal ein Weg führte -vom unteren Theil der Fourche-la-fave hinüber, und -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -irrige Nachrichten konnten deshalb wohl recht gut -verbreitet sein.</p> - -<p>Der alte Jenkins dachte auch gar nicht daran, -über die Verhältnisse eines Nachbars nachzugrübeln. -Das war dessen Sache, und wenn sich der Sohn -Geld erworben oder Vieh gezogen hatte, desto besser. -Jenkins war wahrlich nicht neidischer Natur, um es -ihm zu mißgönnen. Seine eigene Arbeit durfte er -aber dabei nicht versäumen, und wie sie nun das -Frühstück beendet, ging er wieder hinaus, um seinen -Axtstiel fertig zu schnitzen und dann dem eigenen Sohn -mit der <i>corncrib</i> zu helfen.</p> - -<p>Jim Jenkins und sein Bruder Bill standen ebenfalls -auf, aber es war in den Backwoods auch Gebrauch, -daß ihnen der Gast nicht zu folgen brauchte, -sondern noch eine Zeitlang zurück und bei den Frauen -blieb, um sich mit diesen ein wenig zu unterhalten. -Besuch kam ja so selten, und hatte dann jedesmal -einen so weiten Weg zurückzulegen, daß man ihn -doch nicht gut auf eine halbe Stunde beschränken -konnte.</p> - -<p>Die Mutter war aber kränker geworden und -hatte sich auf das Bett in die entfernteste Ecke des -Hauses gelegt, wo sie sich im Fieberfrost die Steppdecke -über den Kopf zog. Betsy stand am Kamin -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -und wusch das Geschirr auf. Hendricks, den Ellnbogen -gegen den Simms gestützt, stand daneben. Die -Unterhaltung war aber in's Stocken gerathen und -selbst ein paar Fragen, die das junge Mädchen an -ihn richtete, wurden so kurz und zerstreut beantwortet, -daß sie endlich von ihrer Arbeit auf und ihn -ansah.</p> - -<p>Hendricks mochte in diesem Augenblick fühlen, daß -er sich ungeschickt benommen, denn das Blut schoß ihm -in die Schläfe – aber es war auch wirklich nur -ein Augenblick, denn schon im nächsten sagte er, wenn -auch mit nur halblauter und fast unterdrückter -Stimme:</p> - -<p>»Miß Betsy, entschuldigen Sie mich – meine -Gedanken waren mit mir durchgegangen, und ich -glaube ich habe mich etwas albern benommen.«</p> - -<p>»Sie haben gewiß nicht verstanden, was ich Sie -frug,« lächelte das Mädchen.</p> - -<p>»Nein – in der That nicht, aber erlauben auch -Sie mir eine Frage –«</p> - -<p>»Gern, wenn ich sie beantworten kann.«</p> - -<p>»Nun gut,« sagte Hendricks, und wie sich vorher -sein Antlitz rasch und wie mit einem Schlag röthete, -eben so schnell erbleichte es auch jetzt, so daß ihn -Betsy, die sich sein wunderliches Betragen nicht erklären -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -konnte, erstaunt und fast erschreckt ansah. -Hendricks ließ ihr aber nicht lange Zeit, und nach -einem halb scheuen Blick auf das Bett hinüber, wo -er aber keinen Horcher zu fürchten brauchte, fuhr er -leidenschaftlich, aber nicht laut fort: »Sie haben vorhin -gehört, Betsy, daß ich mir in allernächster Zeit -eine Heimath zu gründen gedenke – der Krieg kann -kaum sechs Monat mehr dauern, dann kehre ich zurück -und baue mir meine Cabin – wollen Sie mein -Weib sein? Wollen Sie Ihr künftiges Loos in meine -Hände legen? Ich gebe Ihnen die feste Versicherung, -daß ich –«</p> - -<p>»Halten Sie ein, Mr. Hendricks,« unterbrach ihn -aber Betsy, und es war jetzt an ihr, zu erbleichen. -Das Mädchen war in den wenigen Secunden so -weiß geworden wie Schnee. »Ihr Antrag hat mich -allerdings überrascht – ich war nach unserer flüchtigen -Bekanntschaft nicht darauf vorbereitet – konnte -es nicht sein, aber ich – muß Ihnen auch erklären, -daß jedes weitere Wort unnöthig sein würde, denn -– ich bin schon Braut.«</p> - -<p>»Betsy?« rief Hendricks, und krampfhaft faßte er -das Simms, an dem er bis jetzt gestanden, »das ist -nicht möglich. – Vor kaum vierzehn Tagen war ich -hier und ich weiß, daß Sie da noch frei waren. Sie -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -wollen nur Zeit gewinnen, aber ich dränge Sie ja -nicht – nur die Möglichkeit will ich von Ihren Lippen –«</p> - -<p>»Und selbst die Möglichkeit kann ich Ihnen nicht -geben,« sagte Betsy leise, aber auch fest und entschlossen. -»Ob ich glaube mit Ihnen glücklich leben zu -können oder nicht, kommt hier nicht mehr in Betracht. -Ich habe dem jungen Wells mein Wort gegeben, -und sobald John sein neues Haus fertig hat, wird -die Hochzeit sein. Die Zeiten sind so unruhig, daß -ich meine Zustimmung zu einer so raschen Verbindung -gab.«</p> - -<p>Hendricks hatte seine Unterlippe fest mit den -oberen Zähnen gefaßt, und sein Blick bohrte sich -dabei so scharf in Betsy's Augen, daß diese ihn nicht -ertragen konnte. Aber in diesem Blick lag keine Liebe, -kein Schmerz, sondern nur Haß, und während sich -ein höhnisches Lächeln über seine Züge legte, sagte er -ruhig:</p> - -<p>»Wenn die Sachen so stehen, Miß, dann möchte -ich einer so glänzenden Verbindung allerdings nicht -im Wege sein – der Sohn eines Halb-Indianers –«</p> - -<p>»Mister Hendricks,« blitzte ihn aber jetzt das -wieder voll auf ihn gerichtete Auge des Mädchens -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -an – »Sie würden nicht den Muth haben, das -meinem Bräutigam in's Gesicht zu sagen. Entfernen -Sie sich jetzt augenblicklich oder ich rufe meinen -Vater.«</p> - -<p>»Ich werde Sie nicht länger belästigen, Miß,« -sagte Hendricks kalt; »vielleicht habe ich einmal später -die Freude, dem jungen glücklichen Paar meine -Glückwünsche zu bringen. Mr. Wells zieht ja wohl -nicht mit aus, um sein Vaterland zu vertheidigen – -was ich ihm auch unter solchen Umständen nicht verdenken -kann.«</p> - -<p>Betsy's Blut kochte – ihre Lippen öffneten sich -halb, ihre kleine Faust ballte sich. Hendricks aber -dachte nicht daran, sie noch mehr zu reizen, die Nähe -der Männer vor dem Haus war ihm auch vielleicht -unbequem, und sich nur mit spöttischer Ehrfurcht vor -ihr tief verneigend, drehte er sich ab, ging zu seinem -Pferd, band es los, schwang sich in den Sattel, und -den bei ihrer Arbeit beschäftigten Männern einen -kurzen Gruß zurufend, sprengte er gleich darauf den -schmalen Pfad entlang, der nach dem Fourche-la-fave -hinüberführte.</p> - -<p>»Na?« sagte Jim, der ihm erstaunt nachgesehen -hatte, »der hat's ja auf einmal verdammt eilig. -Was ist denn dem in die Krone gefahren, daß er -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -davonschießt, als ob die Regulatoren hinter ihm her -wären.«</p> - -<p>Der Alte hatte sich ebenfalls aufgerichtet, und -wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, fuhr -sein Blick nach der eigenen Hausthür hinüber, ob er -dort vielleicht eine Erklärung fände. Die Thür blieb -aber leer; Betsy ließ sich nicht blicken und Jenkins, -sich den einen Balken zurecht rückend, den er eben behauen -wollte, sagte kopfschüttelnd:</p> - -<p>»Laß ihn laufen. Es ist mir recht, daß Ihr Euch -nicht in den Haaren liegt, denn Nachbarn sollen in -Frieden beieinander wohnen. Sonst liegt mir aber -an dem Umgang auch nicht gerade besonders viel; -denn der alte Hendricks ist ein alter Heuchler, so viel -ist sicher, und von dem jungen weiß ich eben Nichts. -Komm Jim, faß einmal hier mit an, daß wir den -Block da ein wenig mehr bei Seite schieben; komm -Du auch her, Bill. Ich weiß nicht, mir ist es in's -Kreuz hinein gefahren und die alten Knochen wollen -nicht mehr so recht mit! Betsy mag auch eine Hand -reichen; das Stück Holz ist mordmäßig schwer und -wir wollen uns gerade keinen Schaden damit thun. -He Betsy – oh Betsy – komm einmal einen -Augenblick her, Schatz, und nimm die Stange hier. -– Wenn sie die nur immer unterstemmt, daß er -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -nicht wieder zurückfällt, können wir es schon -machen.«</p> - -<p>Betsy kam aus dem Haus, dem Ruf Folge leistend, -aber das Mädchen sah so merkwürdig blaß aus, daß -Jim erschreckt rief:</p> - -<p>»Hallo Betsy, was fehlt Dir? Du bist krank, -Schatz – siehst ja käseweiß im Gesicht aus. Geh -nur wieder hinein, Dich können wir hier nicht gebrauchen.«</p> - -<p>»Sagt mir nur, wo ich anfassen soll,« erwiederte -das Mädchen ruhig, »mir fehlt Nichts, wenn ich auch -vielleicht ein Bischen blaß aussehe.«</p> - -<p>»Dir fehlt Nichts?« rief aber auch jetzt der Alte, -der sie aufmerksam betrachtete, und dann unwillkürlich -nach dem Weg hinübersah, auf dem Hendricks -vor wenig Minuten davon geritten. – »Hat Dir der -– <i>gentleman</i> etwa was gesagt?«</p> - -<p>»Welcher <i>gentleman</i>, Pa?«</p> - -<p>»Nun, der Mister Hendricks.«</p> - -<p>»Das ist kein Gentleman,« sagte das junge Mädchen -finster und fuhr nach einer kurzen Zögerung fort: -»Ja – er hat mir seine Hand angeboten.«</p> - -<p>»Hm,« brummte der Alte, »merkwürdig geschwind -muß es gegangen sein, das ist wahr, aber als eine Beleidigung -kann man das doch nicht eigentlich nehmen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -»Ich hab's aber so genommen Vater, doch – laßt -den – Burschen. Sagt mir wo ich mit anfassen -kann, denn ich muß wieder zur Mutter hinein. Das -Schütteln ist vorüber und sie bekommt jetzt ihr -Fieber.«</p> - -<p>Die beiden Männer wußten recht gut, daß aus -der Betsy – wenn sie nicht reden wollte, Nichts herauszubringen -sei. Der Alte betrachtete sie allerdings -wohl noch eine Minute lang scharf und forschend, aber -sie erwiederte den Blick nicht, und da war es denn -das Beste, daß man sie eben ruhig zufrieden ließ. -Er zeigte ihr deshalb jetzt, wie sie die Stange einsetzen -und halten solle, und Betsy, nicht zum ersten Mal bei -der Arbeit verwandt, brauchte auch keine lange Erklärung. -In kurzer Zeit war der Stamm auf seinem -Platz, und sie schritt dann wieder, ohne weiter ein -Wort zu sagen, nach dem Haus zurück.</p> - -<p>Jim wollte die Sache freilich nicht aus dem Kopf -und als er gegen Mittag noch einmal wieder zu ihr -in's Haus kam, frug er sie:</p> - -<p>»Höre, Betsy, was hat Dir der Bursche denn -eigentlich gesagt? es wäre mir lieb, wenn ich's erfahren -könnte.«</p> - -<p>»Laß ihn nur, Jim,« meinte aber die Schwester, -»er wird uns hier nicht wieder in's Haus kommen,« -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -setzte dann ihr Bonnet auf, nahm ihren kleinen Korb -und ging hinaus in's Maisfeld, um dort Bohnen für -das Mittagsessen zu pflücken.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Drittes Kapitel.</span></span><br /> - -Der erste Schlag.</h3> - - -<p>Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten -Zeit wenig und die Bewohner desselben wußten eigentlich -gar nicht, wie glücklich und unbelästigt sie bis -jetzt von den Schrecken des Krieges verschont lebten, -während im Osten die Brandfackel in friedliche Hütten -geschleudert wurde und in Virginien besonders -der Boden das darauf vergossene Blut kaum mehr -einsaugen konnte. Insofern befanden sie sich aber -auch am Fourche in einer peinlichen Lage, als sie die <em class="ge">Ungewißheit</em> -quälte: denn was nur an abenteuerlichen, -oft unmöglichen Dingen von der einen oder anderen -Partei erfunden werden mochte, fand doch sicher seinen -Weg hier her in den Wald, und hielt die Bewohner, -besonders die Frauen, in einem steten Grad -peinlicher Aufregung.</p> - -<p>Uebrigens rückte ihnen der Kampfplatz auch näher, -denn der Norden fing an einzusehen, daß er den Süden -nie würde bezwingen können, wenn er nicht den -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Mississippi, die Hauptstraße des Westens und Südens, -vollständig in die Hand bekam. Aber der Süden -wußte das ebenfalls, und wenn auch New-Orleans -genommen und in den Händen der Yankees war, den -oberen Mississippi, Vicksburg und Memphis hielten -die Südländer fest besetzt, und waren von hier aus -im Stande ihre Heere im Osten leicht mit dem im -Westen aufgekauften Vieh zu verproviantiren. Fuhr -ihnen dann auch einmal ein Kanonenboot des Northerners -an der Nase vorüber und bedrohte die Communication, -so konnte es sich doch nie lange dort halten, -und die Nord-Armee fing deshalb auch schon an -ihre Macht besonders gegen Vicksburg zu entwickeln, -um den Feind dadurch von allen Seiten einzuschließen.</p> - -<p>Indessen waren die Secessionisten aber auch in -diesem Theil von Arkansas gerade besonders thätig -gewesen, um die Backwoodsmen zu einer compacten -Masse zu organisiren und mit ihnen, wie sie recht gut -wußten, eine Hauptmacht in's Feld zu stellen. Das -aber scheiterte anfangs, wie wir gesehen haben, aber -nicht allein daran, daß hier im südlichen Wald die -meisten alten Farmer und Jäger wirklich gute Unionisten -waren und von einem Krieg gegen ihre alte -Verfassung gar nichts wissen wollten, sondern auch -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -an ihrem Widerwillen, den Wald und ihre Heimath -zu verlassen. Daß ein Mann westlich ziehen konnte, -weiter in die Wildniß hinein, ja, das schien ihnen -faßlich und kam auch oft genug vor, daß er aber zurück -in die Ost-Staaten geführt werden sollte, wäre -keinem auch nur im Traum eingefallen.</p> - -<p>Der Süden mußte demzufolge anders manöveriren, -und ein paar junge Officiere wurden abgesandt, -die in den verschiedenen Counties den alten Plan -wieder aufnehmen und eine Art Landwehr organisiren -sollten – nur vor der Hand zum Schutz des Staates -selber, und das gelang ihnen denn auch endlich, obgleich -sich die alten Backwoodsmen noch immer -aus Leibeskräften dagegen sträubten. Sie sahen -weiter, als das junge Volk, und trauten den Versicherungen -nicht besonders, die jetzt fortwährend ausgestreut -wurden: daß nämlich der Norden in den letzten -Zügen läge und jetzt nur auf eine Gelegenheit warte, -um den Süden anzuerkennen und einen halbweg ehrenvollen -Frieden mit ihm abzuschließen.</p> - -<p>Der Süden hatte allerdings in vielen Schlachten, -von tüchtigen Feldherrn angeführt, gesiegt, aber man -schien doch die Spannkraft des Nordens unterschätzt -zu haben, und im Frühjahr 63 gewann die Lage der -Staaten schon ein anderes Aussehen. Memphis fiel, -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -die nördlichen Truppen waren gegen »das Gibraltar -des Südens«, gegen Vicksburg vorgerückt und hatten -eine regelmäßige Belagerung begonnen, und Lee wurde -im Norden so von neuen anwachsenden Heeren bedrängt, -daß er der bedrohten Stadt am Mississippi -nicht einmal zu Hülfe und zum Entsatz kommen -konnte.</p> - -<p>Die jungen Leute vom Fourche-la-Fave, obgleich -sich Viele von ihnen noch immer zurückhielten, kamen -nun schon ziemlich regelmäßig, wenigstens einen Tag -in der Woche, in Perryville zusammen, um ordentlich -einexercirt zu werden; denn wenn man dort im Walde -auch keine »Feldschlacht« liefern konnte, mußten sie -doch nothwendigerweise die verschiedenen Signale und -Commandorufe kennen lernen, um eben auf alle -Fälle gerüstet zu sein. Diese Uebungen wurden auch -den ganzen Sommer hindurch fortgesetzt, als plötzlich -ein dumpfes, freilich noch unbegründetes Gerücht -durch den Wald lief: Vicksburg sei gefallen, wie sich -Memphis selber schon lange in den Händen der -Unionstruppen befand.</p> - -<p>Allerdings widersprachen die südlichen Agenten -dem auf das Entschiedenste und brachten selbst Zeitungen -aus Vicksburg – freilich von etwas früherem -Datum, in welchen aber die Belagerten noch eine -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -vollkommen übermüthige, ja fast höhnende Sprache -gegen den Norden führten. Aber die Zeitungen selber -– das Papier nämlich, auf dem sie gedruckt -waren, stimmte nicht recht zu der darin enthaltenen -Behauptung, daß die Yankees noch nicht einmal im -Stand gewesen wären, selbst ihre Communication -mit dem Inland zu unterbrechen, denn man war -schon in Vicksburg gezwungen gewesen, die Lettern -nicht mehr auf Papier, sondern auf Tapeten zu drucken, -da es an dem ersteren in der eng eingeschlossenen -Stadt vollkommen fehlen mußte. Die Zeitungen -hatten deshalb auch, blos auf einer Seite gedruckt -und auf dem Rücken mit irgend einem Tapetenmuster, -ein höchst wunderliches Ansehen und stimmten nicht -zu dem Uebermuth, der sich noch immer in ihnen -aussprach.</p> - -<p>Die Musterungen im Wald wurden aber desto -eifriger betrieben, und plötzlich kam sogar der Befehl, -daß in Randolf, einer kleinen Stadt in Tennessee -aber an der andern Seite des Mississippi und also -außerhalb Arkansas, eine Hauptmusterung abgehalten -werden solle, um der Zahl der waffenfähigen Männer -sicher zu sein.</p> - -<p>Das war allerdings gegen die erste Abrede, nach -der eine Verwendung der »Landwehr« nach Außen, -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -gar nicht beabsichtigt worden. Die Verwendung selber -wurde auch jetzt noch geleugnet; es sollte, den Versicherungen -der Officiere nach, nur eben eine Musterung -und nichts weiter sein, aber man wünsche sehr, -daß sich alle jungen Leute dabei betheiligen möchten, -um einen bestimmten Ueberblick zu gewinnen.</p> - -<p>Das gab große Aufregung am Fourche-la-Fave, -und wenn auch bei Vielen die Lust, sich an dem Krieg -da draußen zu betheiligen, nicht besonders groß sein -mochte, weil es eben gegen den eigenen Stamm ging, -und die meisten der hiesigen Ansiedler gerade von -den nördlichen Staaten, von Indiana und Illinois, -hierher gezogen waren, so arbeitete doch auch wieder -der Ehrgeiz, nicht zurückzustehen, zu Gunsten der -Südstaaten, und brachte dadurch viel Leid in einzelne -Familien, ohne den Gang der Ereignisse wenden, ja -nur aufhalten zu können.</p> - -<p>In Klingelhöffer's Familie herrschte ebenfalls -tiefe Trauer. Der alte Mann, eine lange eherne -Gestalt mit großem rothen Bart und hellblauen Augen, -ging mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengezogenen -Brauen in seiner Stube auf und -ab. In der Ecke saß die Mutter, ein Bild tiefer Betrübniß, -die Hände im Schooß gefaltet, die guten Augen -voller Thränen, die ihr unbewußt an den Wangen -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -niedertroffen, neben ihr die Töchter, ebenfalls -bedrückt, während am Fenster, den Blick auf den -breiten Strom gerichtet, der einzige Sohn, ein -hochaufgeschossener, kräftiger Bursch stand und -wohl bleich und erregt, aber auch festentschlossen aussah.</p> - -<p>»Ich kann nicht anders, Vater,« sagte er endlich, -nach einer langen Pause, in der Niemand gewagt -hatte, die Stille zu unterbrechen – »ich bin mit ihnen -zusammen aufgewachsen, ich kann mich jetzt nicht von -ihnen ausschließen oder ich dürfte mich ja nicht einmal -mehr in den Ansiedlungen blicken lassen, ohne von -den Frauen selbst verhöhnt zu werden.«</p> - -<p>Der Alte zerbiß einen Fluch. »Und was das -Weibervolk über Dich sagt, liegt Dir mehr am Herzen, -als der eigene Vater, die eigene Mutter.«</p> - -<p>»Sie werden mich Memme schelten und das willst -Du doch auch nicht.«</p> - -<p>»Nein, bei Gott nicht!« rief der alte Mann, »und -wenn Du mir heute sagtest, ich halt's nicht mehr länger -daheim aus – ich will hinauf in den Norden -ziehn und gegen Sklaverei und für die Verfassung -kämpfen, ich gäbe Dir, wenn auch mit blutendem -Herzen, meinen Segen: aber daß Du mit den Sesesch -die Hand an das Palladium unserer Freiheiten legen -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -willst, daß das mein eigener, mein einziger Sohn -thun will – das thut weh.«</p> - -<p>»Und <em class="ge">könnt'</em> ich in den Reihen des Nordens fechten,« -sagte der junge Mann wehmüthig, »wo alle meine -Freunde und Schul- und Spielkameraden in den -Reihen der Feinde stünden? Es wäre zu furchtbar.«</p> - -<p>»Darum bleib. Die Musterung ist nur eine faule -Lüge, um Euch erst einmal von hier fortzulocken. -Sie lassen Euch nie wieder in den Wald zurück.«</p> - -<p>»Ich kann nicht Vater. – Sie gehen Alle.«</p> - -<p>»Sie gehen nicht Alle,« rief der Alte heftig. »Jim -Jenkins denkt nicht daran, für den Süden zu fechten, -ebensowenig Jim Cook und die beiden Wells, und daß -Hogan geht, glaub' ich ebensowenig, und denen wirst -Du doch gewiß nicht vorwerfen, daß sie feige sind.«</p> - -<p>»Nein Vater, aber sie mögen das mit ihrem eigenen -Gewissen abmachen. Die drei Houstons gehn -jedoch, Curtil, Rawlins, Rankins, die Mac Kinneys, -Smeiers, Hodges und wie sie Alle heißen und vom -Petite Jeanne drüben gehen sie Alle, ebenso vom -Mamelle und der anderen Seite drüben und die jungen -Leute vom Van Buren herunter, von Washington, -Fulton, ja selbst vom Fort Smith haben sich schon -bei Little Rock gesammelt und warten nur darauf, daß -sich unsere Compagnie ihnen anschließen soll.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -»So geh'!« sagte der alte Mann, mit einem tief -aus der Brust geholten Seufzer, während seine Lippen -zitterten und seine ganze Gestalt bebte. »Geh -– an dem Segen des Vaters ist Dir doch nichts gelegen.«</p> - -<p>»Vater!« rief der junge Mann mit hervorquellenden -Thränen und tiefem Schmerz – »ich kann ja -nicht anders; frage die Mutter, ob sie mich in den -anderen Reihen sehen möchte.«</p> - -<p>Der alte Mann hatte seine, aber schon lang ausgegangene -Pfeife in der Hand, und faßte sie so krampfhaft, -daß das Rohr von einander brach – aber er -sagte kein Wort; stützte sich nur mit dem rechten Arm -auf den Kaminsimms, und lehnte seine Stirn darauf, -daß der rebellische Sohn die Thränen nicht sehen -sollte, die ihm selber in den Bart liefen und jetzt langsam -und schwer in die Asche niedertropften.</p> - -<p>»Geh nur,« sagte er endlich, ohne seine Stellung -aber zu verändern, »geh – Dein Pferd und Deine -Waffen hast Du – was Du an Geld etwa brauchen -solltest, kannst Du in Little Rock bekommen. Ich -werde Dir einen Brief dahin mitgeben.«</p> - -<p>»Aber doch nicht so, Vater. Willst Du nicht -Abschied von mir nehmen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -»Willst Du jetzt schon fort?« rief der alte Mann, -erschreckt emporfahrend.</p> - -<p>»Um drei Uhr haben wir unsern Sammelplatz -an der Mamelle; es ist jetzt schon acht Uhr und ich -muß scharf zureiten, wenn ich ihn noch erreichen -will.«</p> - -<p>Klingelhöffer erwiderte nichts weiter. Er wischte -sich die verrätherischen Tropfen aus den Augen, ging -dann an seinen Tisch, suchte sich sein wenig gebrauchtes -Schreibzeug zusammen, schrieb und faltete denn -das Blatt.</p> - -<p>Die Mutter war in ihrer Stellung geblieben; sie -wußte ja, wie Alles kommen würde, denn mit ihr -hatte der Sohn schon am Abend vorher gesprochen -und ihr seinen festen Entschluß verkündet. Was er -mitzunehmen hatte, war auch schon Alles eingepackt -und in Ordnung – und jetzt kam der Abschied – der -furchtbare Abschied bei solcher Trennung.</p> - -<p>Die Frauen erleichterten sich auch dabei das Herz -durch Thränen. Klingelhöffer selber hatte seinen -ersten Schmerz bezwungen und reichte dem Sohne -nur die Hand.</p> - -<p>»So zieh' mit Gott,« sagte er dabei, aber die -Worte rangen sich ihm nur mühsam aus der Kehle, -– »zieh mit Gott! Du hast es nicht anders haben -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -wollen. Dieser freien und herrlichen Constitution -wegen habe ich mein Vaterland verlassen und bin -mit Deiner Mutter hier herüber in den Wald gezogen. -Du, mein einziger Sohn, willst die Hand dagegen -erheben und sie mit stürzen helfen.«</p> - -<p>»Vater,« bat der Sohn, »ich kann ja nicht anders. -Oh, wie gern blieb ich bei Dir –«</p> - -<p>»Ja wohl,« nickte der alte Mann, dessen Geist -dadurch in eine andere Bahn gelenkt wurde – »bei -mir – Niemand bleibt jetzt bei mir. Wenn sie Dich -todtschießen, dann kann ich von vorn anfangen meinen -Acker zu bauen – so lang' es die alten Knochen eben -noch können und nachher –«</p> - -<p>»Ich kehre zurück Vater – bald – Du sollst -nicht mehr arbeiten dürfen, Du hast in Deinem Leben -genug, über genug gethan. Leb' wohl. Gott schütze -Dich.«</p> - -<p>»Leb wohl,« sagte der alte Mann und drückte zum -ersten Mal die Hand des Sohnes, die er noch in der -seinen hielt. Da hielt sich Gustav aber auch nicht -länger. Sich an des Vaters Brust werfend, faßte -er ihn mit beiden Armen und eine halbe Minute -wohl hielten sich die beiden Männer fest und schweigend -umschlungen. Da schob der Vater den Sohn -zuerst von sich ab und sagte leise:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -»Du mußt fort – Deine Zeit ist um – mach's -kurz.«</p> - -<p>Noch einmal umschlang der junge Mann Mutter -und Schwestern, dann sprang er hinaus – reden -konnte er nicht mehr, denn Thränen erstickten seine -Stimme. Draußen an der Fenz lehnte seine Büchse, -die griff er auf, schwang sich in den Sattel, und war -im nächsten Augenblick um den Hügel verschwunden, -der den Pfad nach dem nahen Fourche la Fave zu -deckte. Das Haus selber lag auf der Spitze, welche -der in den Arkansas einmündende Fourche bildete, -und über diesen mußte er sein Pferd bringen, um -dann durch den Wald hin die nach der Mamelle führende -Straße zu erreichen.</p> - -<p>Das war überhaupt eine schwere Zeit für die -Bewohner dieses bis jetzt so stillen und eigentlich von -dem Verkehr mit der Welt abgeschlossenen Districts. -Manche Hütte hatte damit den einzigen Sohn verloren -und wenn sich auch einzelne dadurch zu trösten -suchten, daß es eben nichts weiter als eine Musterung -sei und die jungen Leute bald in ihre Heimath zurückkehren -würden, im Herzen glaubten sie es doch -kaum selber und ihre Befürchtungen sollten sich auch -nur als zu begründet erweisen.</p> - -<p>Woche um Woche verging, aber die Compagnie -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -kehrte nicht wieder und die Nachricht kam ebensowenig, -wohin man sie geführt, in welche Armee, ob nach -dem Norden oder Süden.</p> - -<p>Der alte Klingelhöffer hatte aber mit seiner Behauptung -Recht gehabt, daß sich nicht Alle diesem Zuge -anschlossen. Jenkins, Cook und die beiden Wells waren -in der That zurück geblieben und zwar nicht etwa -aus Feigheit, aber im Herzen der Union ergeben, -wollten und konnten sie nicht gegen diese kämpfen.</p> - -<p>Uebrigens ließ man sie nicht lange in Frieden, -denn kaum waren drei Wochen nach der vorbeschriebenen -Zeit verflossen, als ein Placat von dem in -Little Rock befehlenden General der Südstaaten in -Perryville sowohl, wie in den verschiedenen Ansiedlungen -verbreitet wurde, in dem von einer Landwehr -für Arkansas nicht mehr die Rede war, sondern alle -waffenfähige Mannschaft, bei Drohung sofortigen Arrests, -nach Little Rock selber einbeordert wurde, um -sich dort zu stellen und einem besonders equipirten -Arkansas-Regiment einrangirt zu werden.</p> - -<p>Früher wäre das nun allerdings nicht angegangen, -denn mit Gewalt konnte man den ganzen Fourche la -Fave, wenn er einig geblieben wäre, nicht beitreiben. -Züge der Nördlichen waren schon von Missouri her -im Anzug und in Little Rock selber wurde jeder Mann -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -nothwendig zur möglichen Vertheidigung der offenen -Stadt gebraucht. Jetzt aber ging das leichter. Man -kannte recht gut die Einzelnen, die sich bis jetzt der -Einberufungs-Ordre entzogen, und kleine Patrouillen -langten oben an, um sie auf ihren Farmen aufzuheben.</p> - -<p>Der junge Cook, dessen Vater kurz vorher gestorben -war, entging eines Morgens nur mit Mühe einer -ihm bestimmten Ueberraschung und flüchtete in den -Wald, wohin ihm natürlich die Soldaten nicht folgen -konnten. Die beiden Wells mußten ebenfalls ihren -Platz verlassen, Jim Jenkins durfte sich gar nicht -mehr auf der, dicht am Arkansas liegenden Farm -blicken lassen, weil sogar mehrmals in der Nacht -Boote gekommen waren, das Haus dann in der Stille -besetzt und nach ihm gesucht hatten.</p> - -<p>Eigentlich war es wunderlich genug, daß man sich -solche Mühe um ein Paar einzelne junge Leute gab, -und um sie einzufangen, viel mehr andere Mannschaft -verwendete. Woher hatte überhaupt der General in -Little Rock so genaue Kunde von dem, was hier mitten -im Wald passirte, wenn nicht irgend ein geheimer, -aber mit den hiesigen Verhältnissen sehr vertrauter -Feind die Säumigen denuncirt und ihre Verhaftung -hartnäckig betrieben hätte? Aber wer konnte das sein? -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -– Betsy Jenkins rieth augenblicklich auf Hendricks, -doch Niemand hatte ihn seit langer Zeit in der <i>range</i> -gesehen. Eben so wenig war er bei irgend einer -Patrouille betheiligt gewesen, die man sogar, als der -Verdacht erst einmal geweckt war, nach ihm gefragt -hatte. Sie kannten den Namen gar nicht und meinten -nur, wenn er schon damals hier in Uniform gewesen -sei, befinde er sich jetzt jedenfalls drüben über dem -Mississippi bei dem Heere, das eben abgeschickt wurde, -um Vicksburg zu entsetzen und die Abolitionisten zurück -über ihre Grenzen zu jagen.</p> - -<p>Damit zogen sich wieder einige Wochen hin und -das Gerücht wiederholte sich, daß Vicksburg gefallen -sei. Aber es war so oft schon aufgetaucht, daß man -es nicht weiter beachtete, noch dazu da die unmittelbare -Nähe einen immer bedrohlicheren Charakter annahm. -Allerdings hieß es einmal, daß von Memphis -herüber ein Unionsheer rücke, um Little Rock zu besetzen -und dadurch die Gewalt im Staat zu bekommen, -und vom Missouri herunter sollten ebenfalls die -Unionstruppen vordringen. Gegen diese hatten sich -aber im Süden von Missouri wie im Norden von -Arkansas Guerillas gebildet – ebenfalls Backwoodsmen, -aber dem Süden ergeben, die den Feind auf jede -Weise zu belästigen suchten und von den nördlichen -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -in verächtlicher Art Bushwhackers genannt wurden -– eine Bezeichnung die unserem »Buschklepper« wohl -am nächsten käme.</p> - -<p>Die Bushwhacker waren Anfangs auch wohl die -reinen Guerillatrupps, wie sie sich in andern wilden -Ländern ebenfalls bilden und nothgedrungen da entstehen -müssen, wo man sich dem Eindringen eines -Feindes widersetzen will, und doch nicht Mannschaft -genug auftreiben kann, um ihm im offenen Feld die -Stirn zu bieten. Daß sich aber auch Gesindel zwischen -diesen ordnungslosen Schaaren fand, ist nicht zu -verwundern, und besonders wurden mehrmals scheußliche -Grausamkeiten nicht allein an gefangenen oder -verwundeten Soldaten, sondern auch sogar an einzelnen -Familien im Wald verübt, welchen Ueberschreitungen -die eigentlichen Bushwhacker aber vollkommen fern -standen und mit Entrüstung solche Anschuldigungen -zurückwiesen.</p> - -<p>Nichts destoweniger waren sie aber vollständig -begründet, und es zeigte sich bald, daß es in der That -einzelne ordnungslose oder geordnete Banden im -Walde gab, die, wie uns Cooper in seinem »Spion« -die »Cowboys« oder Kuhjungen des ersten amerikanischen -Freiheitskrieges beschreibt, rücksichtslos bei -Freund und Feind einfielen und dann wie richtige -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -Räuber stahlen und plünderten, was sie eben bekommen -konnten.</p> - -<p>Dieses Gesindel, das aber ebensogut den eigentlichen -Bushwhackern wie den Unionstruppen aus dem -Wege ging, und nur da vorbrach und seine Schrecken -verbreitete, wo es sich vor Entdeckung ziemlich sicher -wußte, bekam denn auch bald einen neuen Namen. -Man nannte jene, keiner bestimmten Partei angehörigen -Plünderer Jayhawker<span class="top">[2]</span>, das Geschäft selber, -das sie betrieben, Jay-hawking, und der Name war -bald im ganzen Wald, besonders von Missouri gefürchtet. -Durch sie bekamen aber auch die Bushwhacker -einen schlechten Namen, denn man wußte sie oft nicht -von einander zu unterscheiden und die regulairen -Truppen des Nordens ließen diese – wenn sie einmal -einen in ihre Gewalt bekamen, oft entgelten, was -die anderen verübt hatten.</p> - -<p class="ci fss"> -[2]: Das Wort ist jedenfalls von <i>jay-bird</i> – ein kleiner harmloser -Waldvogel und <i>hawk</i> Falke abgeleitet, bezeichnet also -einen Mann, der heimtückisch über einen Wehrlosen herfällt.</p> - -<p>Die jungen Leute am Fourche-la-Fave nun, Jenkins, -Cook und die beiden Wells, denen der Platz dort -zu warm wurde, da man es wirklich ganz ernstlich -auf sie abgesehen zu haben schien, beschlossen den Staat -zu verlassen und bei der Nord-Armee Dienst zu nehmen. -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Möglich, daß sie dann mit dieser nach Little -Rock vordringen, und dazu beitragen konnten, den -Ihrigen am Fourche Luft und dem nichtswürdigen -Spionirsystem ein Ende zu machen. Nach Norden -konnten sie freilich nicht fort, denn dort wären sie jedenfalls -den Bushwhackern in die Hände gelaufen -und dann auch sicher für die Sesesch gepreßt worden. -Nach Süden zu durften sie ebensowenig, denn dort -schwärmte es ebenfalls von »Rebellen«, und Little -Rock, die Hauptstadt, war ja auch noch in deren -Händen.</p> - -<p>Da blieb ihnen denn keine andere Wahl, als -gerade gen Osten gegen den Mississippi hin durch den -Sumpf zu brechen. Die Jahreszeit war ja auch -günstig dazu, und im wilden Walde großgezogen, fürchteten -sie nicht, ihren Weg zu verlieren. Ihre Familien -drängten sie selber dazu, denn soviel hatte sich -jetzt herausgestellt, daß es zur Unmöglichkeit geworden, -länger neutral zu bleiben. Auf eine oder die andere -Seite mußte man sich schlagen und ohne Weiteres beschlossen -sie deshalb, ihren langen beschwerlichen Weg -anzutreten.</p> - -<p>Bei Klingelhöffer hatten sie ihren Sammelplatz -verabredet, dort übernachteten sie noch einmal und -dem alten Mann war es ein wehes, entsetzliches Gefühl -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -wenn er sich dachte, daß gerade diese jungen -Burschen, die er als Kinder auf dem Arm herumgetragen, -jetzt in das, seinem eigenen Sohn feindlich -entgegenstehende Heer treten und möglicherweise eine -Kugel gerade aus ihrem Rohr seine Brust treffen -könne. Aber wie auch sein Herz dabei denken mochte, -sein Verstand, seine ganze Sympathie war trotzdem -auf Seite des Nordens.</p> - -<p>Er behielt sie über Nacht bei sich, füllte am -nächsten Morgen ihre Proviantbeutel mit Lebensmitteln -und ruderte sie dann selber in seinem Boot -über den Arkansas. – Wie es das Schicksal bestimmt -hatte, mußte es sich ja doch erfüllen – es war ein -Bürgerkrieg, der Bruder gegen Bruder, Vater gegen -Sohn anhetzte, – welche Rücksicht konnte da der -Freund auf den Freund nehmen. Die Würfel rollten -– wie sie fielen? – Nur Gott wußte es.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Viertes Kapitel.</span></span><br /> - -Jay-hawking.</h3> - - -<p>Wie still das am Fourche-la-Fave geworden war, -als das sämmtliche junge Volk den kleinen Fluß verlassen -hatte, wie merkwürdig still. Nur die alten -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -Leute saßen noch auf ihren vereinzelten Farmen – -nur die Frauen und Kinder, und die getrauten sich -jetzt nur in seltenen Fällen hinaus in den Wald und -vielleicht nur einmal nach der allernächsten Ansiedlung -hinüber, denn der alte Browns, der oben in Missouri -gewesen war, um zu sehen, wie es seinen dort wohnenden -Kindern ging, hatte die eben nicht erfreuliche -Nachricht mit an den Fourche gebracht, daß die Raubbanden -dort und schon gar nicht mehr so weit vom -Arkansas entfernt, mehr und mehr überhand nähmen, -je mehr die nördlichen Truppen nach Süden herunterrückten, -und dadurch auch das Gesindel vor sich her -trieben.</p> - -<p>Uebrigens waren auch hier schon fremde Gesellen -gesehen worden, die sich allerdings nicht aufgehalten -hatten, aber überall, und nur unter verschiedenen Vorwänden, -die genauesten Erkundigungen über den hiesigen -Stand der Bevölkerung einzogen. Bald gaben -sie vor, sich hier niederlassen zu wollen, weil man hier -so wenig von dem Bürgerkrieg spüre, bald forschten -sie nach einem verloren gegangenen Verwandten, und -wenn es nun auch im Character der Backwoodsmen -selber lag, auf irgend einem Ritt die genauesten -Fragen über Alles zu stellen, so waren die Leute doch -durch den unsichern Zustand ihres ganzen Landes so -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -beunruhigt, daß selbst vielleicht vollkommen unschuldige -Nachfragen ihren Verdacht erwecken konnten.</p> - -<p>Aber waren die Nachfragen auch wirklich so unschuldig -gewesen? Eines Morgens kam der alte -Smeiers auf seinem todtmüden abgehetzten Thier nach -Perryville hineingeritten und brachte die Meldung, -daß sich oben an seiner Farm verdächtiges Gesindel -zeige. Drei von seinen besten Pferden fehlten zu -gleicher Zeit und nur zwei von seinen sieben Milchkühen -seien vorgestern Abend nach Hause gekommen. -Es wäre möglich, daß ihnen ein Trupp dieser verdammten -Jay-hawker einen Besuch zugedacht und -deshalb besser gleich den ganzen Fourche-la-Fave aufzubieten, -um den Wald abzusuchen und Feuer hinter -die Schufte zu machen.</p> - -<p>Er fand aber wenig Aussicht auf Hülfe in dem -kleinen Städtchen, wohin eben die Nachricht gelangt -war, daß jetzt Vicksburg, das Gibraltar des Südens, -wirklich von den Yankees nach vielen furchtbaren -Stürmen zwar und mit dem Verlust vieler Menschenleben, -aber trotzdem genommen sei und man wußte -noch gar nicht welchen Erfolg dieser, jedenfalls entscheidende -Sieg des Nordens, auf die Kriegführung -des Südens haben würde.</p> - -<p>Außerdem fehlte es vollkommen an waffenfähiger -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -Mannschaft um einen wirksamen Zug auszuführen. -Wo hätten sie Leute hernehmen wollen, da man ja das -ganze junge Volk hinweg und über den Mississippi -hinüber gelockt hatte. Zeigten sich aber wirklich Jay-hawkers -in der Nachbarschaft, wie konnte man dann -das eigene Haus verlassen, um einem ungekannten -Feind entgegen zu ziehen, der vielleicht in derselben -Zeit den Fourche gekreuzt hatte und, solche Gelegenheit -benutzend, die ganz unbeschützten Farmen überfiel?</p> - -<p>Smeiers fand bald, daß er hier nicht auf Hülfe -rechnen konnte, warf sich wieder auf sein kaum ausgeruhtes -Pferd und suchte jetzt seine übrigen Bekannten -auf, die ihm aber auch nur wenig Trost geben konnten.</p> - -<p>Cooks Haus fand er ganz verödet, die junge Frau -war mit dem kleinen Kind fortgezogen und kein Mensch -auf dem ganzen Platz zurückgeblieben, der ihm hätte -Nachricht geben können. Wells, einer seiner ältesten -Freunde, hatte sich mit der Axt in den Fuß geschlagen -und konnte nicht von der Stelle. Die Söhne waren -fort. Wilson fand er wohl zu Haus aber ohne Munition. -Er war gerade von Little Rock zurückgekehrt, wo -die Regierung sämmtliche Munition mit Beschlag -belegt hatte, so daß er nicht einmal Zündhütchen für -seine Büchse bekommen konnte – und weiter hinab -sah es genau so aus. Die wenigen alten Backwoodsmen, -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -die noch auf den Farmen lebten, konnten -gar nicht daran denken ihren Platz zu verlassen, und -Klingelhöffer, auf den er fest gerechnet hatte, lag krank -in seinem Bette und konnte nicht einmal gehen, viel -weniger reiten.</p> - -<p>Der ganze Fourche-la-Fave befand sich in der -That in einem vollkommen schutzlosen Zustand, und -die Nachricht schon, daß sich die allgemein gefürchteten -Gesellen in der Nachbarschaft gezeigt, brachte die -Frauen besonders in die furchtbarste Aufregung.</p> - -<p>Das waren die Vorläufer der Yankees – so hieß -es fast überall unter ihnen – mit Rauben und -Brennen fingen die an, und wie sollte es nun erst -werden, wenn das wirkliche Heer nachrückte und ihren -stillen Wald mit seinen marodirenden Schwärmen -überschwemmte.</p> - -<p>Die Männer schüttelten freilich dazu mit dem -Kopf, denn daß ein paar Pferde gestohlen wurden – -nun ja, es wäre nicht das erste Mal in der Range -gewesen, und in früherer Zeit hatten sie sich ja -auch einmal zu einem Regulatorenbund zusammenthun -müssen, um eine Bande übermüthig gewordener -Schufte zu züchtigen und unschädlich zu machen. Aber -seit sie selber jung gewesen, war das nicht wieder vorgekommen, -und dann – was in Gottes Namen gab -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -es denn in ihren ärmlichen Hütten zu stehlen, daß es -die Habgier von Dieben hätte reizen können? Das -Vieh, nun ja, aber das mußte auch bald seine Grenze -haben, denn nach Little Rock durften sie sich nicht -wagen es zu treiben, und um die Rinder etwa zu verzehren? -lächerlich! mit eben so leichter Mühe konnten -sie Hirsche und Truthühner genug im Walde schießen.</p> - -<p>So ganz recht war es ihnen aber doch nicht, und -wenn sie es sich auch nicht wollten gegen die Frauen -merken lassen, untereinander sprachen sie darüber und -wünschten sich ziemlich offen, daß ihre Jungen nur erst -wieder zurück aus dem verbrannten Krieg wären – -nachher wollten sie mit derartigem Gesindel schon rasch -genug aufräumen, daß ihm der Wald und besonders -der Dogwood<span class="top">[3]</span> darin, bald zu warm werden sollte.</p> - -<p class="ci fss"> -[3]: Dogwood ist eine Art wilder Corneliuskirsche mit sehr -bröcklicher Rinde; an diese kleinen Bäume wurden gewöhnlich -Strolche angebunden, die man bei einem Pferdediebstahl erwischt -hatte. Während man sie dann peitschte und sie sich um -den Baum herumwanden, scheuerten sie die Rinde ab und man -nannte sogar die Strafe danach »Dogwood schälen.«</p> - -<p>Aber die »Jungen« kehrten nicht so bald aus dem -Krieg zurück, denn der Süden hatte, wie sich jetzt -herausstellte, mit seinen immerwährenden Siegesnachrichten, -die er im Westen ausgestreut, nur gelogen, -und den Beweis sollten sie bald thatsächlich bekommen. -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -Nicht allein, daß sie die <em class="ge">Gewißheit</em> erhielten, Vicksburg -sei wirklich nach einem furchtbar blutigen Kampfe -genommen, nein, eines Morgens kamen sogar Flüchtlinge -von Little Rock herauf, die nach dem Ozark-Gebirge -wollten und die Kunde brachten, die Hauptstadt -des Staates sei von den Unionstruppen besetzt und -General Steene befehlige jetzt dort, während sich die -Sesesch nach den »Heißen Quellen« mit Texas im -Rücken hinübergezogen hätten und nicht etwa dort -Stand hielten, sondern ihre Flucht ohne Säumen bis -über den Redriver selber fortsetzten.</p> - -<p>Aber ein Weheschrei ging zugleich durch die ganze -Ansiedelung, denn das Schlimmste, was sie bis jetzt -gefürchtet, war eingetroffen. Droben an dem Petite-Jeanne -war Einer der jungen, damals mit fortgegangenen -Leute als Krüppel heimgekehrt, und wie ein -Lauffeuer zog sich die Unglücksbotschaft durch die -Hütten, daß jener ganze, so hinterlistig fortgelockte -Trupp nach Vicksburg hinabgeschleppt sei. Dort -hatten sie es möglich gemacht, die belagerte Stadt in -der Nacht zu gewinnen, aber sie kamen gerade im letzten -Augenblick, wo die Stadt selber schon an ihrer -Rettung verzweifelte. Sturm folgte auf Sturm. Drei -Tage und drei Nächte lang kam kein Schlaf in die -Augen der Vertheidiger, und da man die junge, ausgeruhte -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -Mannschaft am Unerbittlichsten dabei verwandte, -hatte sie auch natürlich die furchtbarsten Verluste -aufzuweisen.</p> - -<p>Vom Fourche-la-Fave allein waren sieben todt geblieben. -Unter ihnen Gustav – Klingelhöffers einziger -Sohn, und die Todesbotschaft traf den alten -Mann ins Herz. Selbst die Nachricht hörte er von da -an mit Gleichgültigkeit, daß mit dem Fall Vicksburgs -die Rebellion der Sesesch den Todesstoß erhalten habe, -denn die Unionisten befanden sich jetzt im Besitz der -großen Wasserstraße des Mississippi und hatten damit -die Einschließung des ganzen südlichen Gebiets vollendet. -Allen jenen rebellischen Staaten war jetzt die -Verbindung mit dem Ausland vollständig abgeschnitten -und nicht einmal den so nothwendigen Proviant, -wie z. B. Schlachtvieh, das sie sonst unbehindert aus -Arkansas bezogen, konnten sie mehr bekommen. Ihre -Unterwerfung war von nun an keine <em class="ge">Frage</em> mehr, -sondern nur eine Sache der Zeit geworden, während -der Norden auch mit raschem Entschluß seine Truppen -in den Westen sandte, Arkansas selber oder doch die -wenigen Hauptplätze besetzte, und ein Heer Neger nach -Texas hineinwarf, um auch dort die Rebellion zu -vernichten und den Rebellen damit die letzte Stütze, -den letzten Zufluchtsort zu nehmen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -Zu spät! – Der furchtbare Schlag war gefallen -– gefallen auf viele viele Häupter – der Sieg mit -zu theuerem Blut erkauft worden und stumm, ja fast -gleichgültig sah man den kommenden Ereignissen entgegen.</p> - -<p>Aber die Bewohner der Fourche sollten trotzdem -selbst aus ihrem Schmerz aufgerüttelt werden, denn -ihre schlimmste Zeit war noch nicht überstanden, und -eine Gefahr drohte ihnen, an die sie bis jetzt kaum -gedacht.</p> - -<p>Vor wenigen Tagen war die Countystraße entlang -ein Bataillon Unions-Truppen gegen Little Rock -marschirt, um sich dort mit General Steene zu vereinigen. -Ein paar Pferde aus der Range schienen dabei -abhanden gekommen zu sein und einige Kühe. Die -Soldaten betrachteten sich ja in Feindes Land und daß -die Beraubten gerade zufällig lauter gute Unionisten -waren, konnten sie nicht wissen.</p> - -<p>Da durchlief plötzlich die Schreckenskunde die -Range, daß die so lang gefürchteten Jay-hawkers bei -Wells oben am Fourche-la-Fave eingebrochen seien und -den alten kranken Wells, auf seinem Bett selbst, todtgeschossen -hätten.</p> - -<p>Wells war einer der ältesten Ansiedler, ein schlichter -einfacher Mann, der selten nur mit einem der -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -Nachbarn verkehrte, aber deshalb doch aushalf, wo er -nur irgend konnte. Dabei gab es keinen besseren -Jäger und Schützen in der ganzen Range als ihn, und -seine etwas gebräunte Hautfarbe, sein langes straffes -schwarzes Haar ließ ihn sogar, in der Meinung der -Hinterwäldler, vom indianischen Blut abstammen. -Er hatte dabei ein bewegtes Leben geführt und vor -langen Jahren sogar einmal, als Texas noch von -wilden Indianerhorden schwärmte, einen Jagdzug -dorthin <em class="ge">allein</em> unternommen und sich mehre Jahre -dort, selbst einmal von Indianern gefangen genommen, -aufgehalten. Zu seinem Unglück mußten die Verbrecher -erfahren haben, daß er krank darnieder liege, -sie würden sich sonst wohl kaum an ihn gewagt haben, -denn daß er seinen Schuß nie fehlte, war bekannt.</p> - -<p>Niemand war bei ihm im Haus gewesen als seine -Frau und diese erzählte jetzt, daß der Ueberfall durch -sechs fremde Männer geschehen sei, die <em class="ge">sie</em> wenigstens -früher nie am Fourche-la-Fave gesehen. Nur der -Eine von ihnen, und wie es schien, der Anführer der -Schaar, habe ein geschwärztes Gesicht gehabt und sei -ihr bekannt vorgekommen, sie wäre aber nicht im -Stande, irgend einen bestimmten Namen zu bezeichnen.</p> - -<p>Daß die Räuber mitgenommen hatten, was sie -<em class="ge">irgend</em> gebrauchen konnten, versteht sich von selbst, -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -besonders Well's zwei Büchsen und alle Munition, -aber auch sonst noch an Fellen und Pelzwerk, was -gerade da war, und außerdem eine Menge anderer -Dinge, die für sie selber keinen Werth haben konnten. -Die Vermuthung lag deshalb nahe, daß sie das Geraubte -nach irgend einem Versteck gebracht, oder auch -vielleicht durch irgend einen Zwischenhändler nach -Little Rock zum Verkauf geschickt hatten.</p> - -<p>Die alten Backwoodsmen rüsteten sich jetzt so gut -sie konnten, aber was waren sie im Stand zu thun, -wo sie sich einzeln nur auf ihrem von jeder Hülfe entfernten -Platz im Wald befanden. Möglich war auch, -daß es nur ein vereinzelter Raubzug gewesen, denn -volle acht Tage lang hörte man Nichts mehr von -Räubern, bis sie auf's Neue, und dies mal mit wahrhaft -teuflischer Bosheit auftraten.</p> - -<p>Oben am Fourche wohnte ebenfalls ein alter Ansiedler -Hogan, der, wie es dort hieß, vor kurzer Zeit -auf einem Jagdzug in den Ozarkgebirgen, eine jener -Silberminen entdeckt haben sollte, von denen man sich -erzählte, daß schon vor vierzig und funfzig Jahren -Venetianer aus dem Osten gekommen wären, um sie -heimlich zu bearbeiten. Ob etwas an der Sache war -oder nicht, konnte natürlich Niemand sagen, aber wie -derartige Gerüchte rasch überhand nehmen, so wollte -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -man schon hie und da wissen, daß Hogan zu Fuß zurückgekehrt -sei, weil sein Thier kaum im Stande gewesen -sei, die schweren Silberstücke fortzuschaffen, die -er dort zwischen den Steinen gefunden – und das -gerade mußte die Räuber angezogen haben.</p> - -<p>Hogan selber begegneten sie draußen im Wald oder -lauerten ihm auch vielleicht auf und schossen ihn gleich -nieder, dann hatten sie leichte Mühe mit seinem Haus, -in dem sie nur die alte Frau, ein paar junge Mädchen -und zwei kleine Knaben fanden. Der Platz wurde umstellt, -und nun sollte die Frau bekennen, wo sie das -Silber versteckt halte, das ihr Mann aus den Bergen -mitgebracht habe. Die Frau beschwor zwar die -Männer nicht zu glauben, was sich das Volk am -Fourche-la-fave erzähle. Ihr Mann sei allerdings -oben am Whiteriver in den Ozarkgebirgen gewesen, -aber nur um sich einen Platz zur Ansiedlung auszusuchen. -Silber habe er gar nicht gefunden und nur -ein paar bunte Steine mitgebracht, mit denen die -Kinder eine Weile gespielt und sie dann weggeworfen -hätten. Die Steine würden auch wohl die erste Ursache -zu dem Gerüchte gegeben haben, an dem aber -nicht eine Sylbe Wahres sei.</p> - -<p>Der Führer der Schaar, der wieder ein geschwärztes -Gesicht trug, hielt sich, wie die Kinder später aussagten, -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -die Zeit über an der Thür des Hauses und gab -von dort aus seine Befehle. Er betrug sich gerade so, -als ob er fürchte, erkannt zu werden. Der Bericht -der Frau aber wurde von den Jay-hawkern mit wilden -Flüchen beantwortet. Ihr Leugnen helfe ihr Nichts -– man wisse genau, daß sie das Silber im Haus versteckt -halte und wenn sie es nicht gutwillig herausgebe, -wolle man sie schon zu einem Geständniß zwingen.</p> - -<p>Die Frau weinte und flehte, die Kinder schrieen. -Der Eine der rohen Buben nahm den ersten Knaben -und schleuderte ihn mit solcher Gewalt in die Ecke, -daß er dort winselnd am Boden liegen blieb, dann -sprang ein Anderer zum Kamin und stieß die Kohlen -mit dem Fuß auseinander und nun setzten sie die alte -Frau, die in Todesangst um Erbarmen bat, auf einen -Stuhl, banden sie dort fest, umschnürten ihr die nackten -Füße mit einem Seil und hielten sie gewaltsam über -die glühenden Kohlen.</p> - -<p>Die Frau kreischte laut auf, die Töchter warfen -sich den Räubern zu Füßen – umsonst. Die Frau -sollte gestehen, wo Silber, das sie in ihrem Leben nicht -gesehen, versteckt sei, und als sie endlich ohnmächtig -wurde, ließ man sie los und vom Stuhle herunter -fallen, und durchwühlte nun die Hütte von oben bis -unten, riß die Dielen auf, grub den Heerd auf und -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -verwandelte die ruhige stille Heimath guter friedlicher -Menschen in wenigen Minuten in eine Wüste. Silber -fanden sie natürlich nicht, nur den ärmlichen, schon -halb zerstörten Hausrath eines Backwoodsman, und -aus Wuth, mit allen Rohheiten gegen die Töchter -selber, streuten sie zuletzt die glühenden Kohlen und -Feuerbrände im Haus umher, schichteten das Stroh -aus den Betten darauf und verließen erst den Platz, -als sie sich überzeugt hatten, daß er in hellen Flammen -stand.</p> - -<p>Die Frau starb, unter den furchtbarsten Schmerzen -noch in der nämlichen Nacht – die Mädchen flüchteten -mit den kleineren Kindern in den Wald, weil sie -die Rückkehr der Räuber fürchteten und wagten sich -erst, halb verhungert, nach einigen Tagen wieder vor, -um eines Nachbars Wohnung und dort Schutz zu -suchen.</p> - -<p>Jetzt folgten die Ueberfälle rasch einer dem anderen, -und Rankins, ein alter Ansiedler in der Nachbarschaft, -ließ sich endlich durch die dringenden Bitten -der Seinen bewegen, in den Wald und den Buben -aus dem Weg zu gehen, denn sie hatten schon nach ihm -gefragt, und daß sie kein Erbarmen kannten, wußte -man. Er ging auch und hielt sich 14 Tage lang versteckt, -bekam aber draußen das Fieber und mußte, da -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -er nicht jagen konnte, eines Abends wieder zurück, um -sich Lebensmittel zu holen.</p> - -<p>Von den Jay-hawkern hatte man die letzten Tage -Nichts gehört, denn wieder waren Unions-Truppen -durch gekommen, von denen eine Abtheilung sogar -nach ihnen suchte, weil man vermuthete, daß sie mit -den Bushwhackern in Verbindung ständen. Aber vergebens; -die Verbrecher mußten über alle gegen sie beabsichtigten -Bewegungen gut unterrichtet sein, denn sie -ließen sich nicht eher wieder blicken, als bis sich die -Truppe entfernt hatte.</p> - -<p>Rankins war in der Zeit gerade zurückgekommen, -und die Frauen drängten ihn, sein Versteck wieder -aufzusuchen, aber er weigerte sich. Nur eine Nacht -müsse er, wie er meinte, wieder einmal in seinem Bett -schlafen, er hielte es da draußen im kalten Wald, durch -den jetzt schon die Winterstürme tobten, nicht mehr -aus. Lieber von den Jay-hawkern todt geschossen -werden, als da draußen elend in den nassen Büschen -und Zoll bei Zoll verkommen. Morgen wolle er sie -wieder verlassen, aber auch in der Nähe bleiben, und -so viel Kraft werde er ja doch wohl noch haben, -wenigstens den Rädelsführer der Schurken von seinem -Pferd zu schießen.</p> - -<p>Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -graute, stand die Frau auf, um Caffee zu kochen und -dem Mann seine mitzunehmenden Lebensmittel zurecht -zu legen.</p> - -<p>Rankins Haus stand etwa eine englische Meile -vom Fourche-la-Fave ab, an der Countystraße nach -Little Rock, da dröhnte plötzlich in dem stillen Morgen -der Hufschlag rasch herangaloppirender Pferde durch -den Wald.</p> - -<p>Das sind gewiß Soldaten, rief Frau Rankins, der -aber doch das Herz in der Brust zu hämmern anfing. -Rankins selber, eben wach geworden, sprang, wie er -war aus dem Bett und griff seine neben ihm lehnende -Büchse auf. Aber die Reiter brachen schon hervor – -wie ein wildes Wetter sprengten sie gegen die niedere -Umzäunung an und setzten mit ihren Thieren in voller -Flucht darüber hin. Das Pferd des Einen stürzte und -warf seinen Reiter gegen das Haus. Der eine der -Männer trug wieder das geschwärzte Gesicht.</p> - -<p>Teufel! schrie der alte Rankins und seine Büchse -fuhr empor, aber zu gleicher Zeit zerschmetterte eine -Kugel seinen Arm, eine andere traf ihn in den Hals -und zurücktaumelnd fing ihn seine Frau auf und bog -sich jammernd über ihn.</p> - -<p>Im Nu waren die Räuber jetzt aus den Sätteln -und das Rauben und Plündern begann, wie in alter -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -Weise, nur daß sie hier noch wilde Flüche ausstießen -und den Sterbenden einen verdammten Abolitionisten -nannten, dem sie schon lange aufgelauert hätten. Sie -schwuren auch, daß sie nicht eher Frieden geben würden, -bis sie die ganze »Range« von allen Vaterlandsverräthern -gesäubert und reine Bahn für die Südstaaten -gemacht hätten und schlossen dann ihre Blutarbeit -wie gewöhnlich, indem sie einen Feuerbrand -unter das Dach warfen, und dann direct in den Wald -hineinritten.</p> - -<p>Rankins Knaben, einem Burschen von etwa -10 Jahren, der bei Annäherung der Räuber entwischt -war, und der dicht dabei im Busch auf der Lauer gelegen, -gelang es zwar das Feuer wieder zu löschen, aber -das angerichtete Elend konnte er nicht mehr ungeschehen -machen. Der alte Rankins war todt und die Frauen -erfüllten mit ihrem Wehgeschrei die Luft.</p> - -<p>Noch an dem nämlichen Abend überfielen die -Jay-hawker eine andere Ansiedlung, erschlugen den -alten Hewes, dem sie gehörte, und waren im Begriff -eine seiner Töchter mit in den Wald zu schleppen, -als glücklicher Weise ein kleiner Trupp Cavallerie -angesprengt kam und sie, zum großen Theil selbst die -gemachte Beute im Stich lassend, in den Wald flüchten -mußten. Allerdings setzten ihnen die Soldaten -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -nach und es gelang ihnen auch, Einen von ihnen vom -Pferd zu schießen. Die Andern entkamen aber, und -die Patrouille war nicht stark genug, um sich zu weit -mit ihren überdies schon ermüdeten Thieren in die -Berge hinein zu wagen.</p> - -<p>Den erschossenen Räuber kannte übrigens Niemand; -er mußte mit seinen Genossen von irgend -einem andern Staat oder County herübergekommen -sein. Uebrigens fanden sie eine Menge Werthsachen, -zwei Uhren, sechs oder acht Goldstücke und eine goldene -Kette bei ihm, Dinge, die natürlich gleich als -gute Beute erklärt wurden, denn die Burschen konnten -Alles gebrauchen. Dann ließ man den Körper an -der Straße, wohin man ihn geschleppt, liegen, damit -die Nachbarn ihn betrachten und, wenn sie wollten, -auch begraben konnten. Das war aber kaum nöthig, -denn Wölfe gab es dort genug im Walde, die den -Cadaver schon beseitigen würden.</p> - -<p>Es schien fast, als ob die Räuber durch diese -Ueberraschung eingeschüchtert wären; man hörte wenigstens -lange Nichts von ihnen, bis sie plötzlich in -der Nähe des Arkansas und an der Mündung des -Fourche-la-fave wieder auftauchten.</p> - -<p>Klingelhöffers alten Platz, wo er früher gewohnt, -plünderten sie total aus, fanden aber glücklicher Weise -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -den Eigenthümer nicht. Klingelhöffer selber erhielt -gleich danach Botschaft von Perryville, und die Warnung, -auf seiner Hut zu sein und lieber mit seiner -Familie in die »Stadt« zu kommen, denn man vermuthete -natürlich, daß ihm jetzt der nächste Besuch -zugedacht sein würde. Der alte Mann war aber -nicht dazu zu bringen, seinen Platz zu verlassen. Nach -dem Tod des einzigen Sohnes lag ihm selber Nichts -am Leben, und nur seine noch von Deutschland -herübergebrachten Gewehre, eine Doppelflinte, eine -Büchsflinte und eine Pirschbüchse brachte er in Ordnung -und lud sie frisch, verbarrikadirte dann seine -Fenz und schwur, daß er wenigstens fünf von ihnen -unschädlich machen wollte, wenn sie es wagen sollten, -die Hand an seine Umzäunung zu legen.</p> - -<p>Sie kamen aber nicht dorthin – der Platz lag -ihnen unbequem, gerade auf der Spitze zwischen dem -Fourche und Arkansas. Sie konnten keine sichere -Nachricht erhalten, ob nicht dort vielleicht gerade die -jetzt fortwährend vorbeipassirenden Dampfer der -Yankees, die häufig bei Klingelhöffer anlegten, um -Hühner, Eier, oder andere Provisionen zu kaufen, -Bewaffnete an Land gesetzt hätten, und durch den -einen Ueberfall schüchtern, oder wenigstens vorsichtig -gemacht, schienen sie keine rechte Lust zu haben, -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -sich in diese Art von Falle, wo es nur nach einer -Richtung hin einen Rückweg gab, zu begeben.</p> - -<p>Jenkins, ebenfalls gewarnt, hatte aber sein Haus -und seine Familie nicht verlassen wollen und nur ein -paar Büchsen bereit, um ebenfalls bei einem Einbruch -die Zähne zu zeigen. Außerdem hielten zwei handfeste -Hunde den Platz in der Nacht vor einem Ueberfall -gesichert und kamen die Räuber in zu großer -Menge, dann hatte er immer noch Zeit, sich, von -den Hunden gedeckt, nach seinem großen, bereit -liegenden Canoe zurückzuziehen. Betsy verstand -übrigens ebenfalls eine Waffe zu führen, und -ihrer zwei waren sie der Bande auch schon eher -gewachsen.</p> - -<p>Jenkins selber, den Kopf in die Hand gestützt, -saß eines Morgens an seinem Frühstückstisch. Er -dachte an den eigenen Sohn, von dem er so lange -keine Nachricht gehabt, und an das Schicksal -des armen Klingelhöffer, und das Herz war ihm -übervoll.</p> - -<p>Betsy war draußen an der Landung gewesen, -und hatte eben noch den Strom hinabgesehen, wo -sich wieder eins der kleinen Dampfboote gegen die -Fluth abmühte und dabei nur langsamen Fortgang -machte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -»Das Boot kommt, Vater,« sagte sie, als sie -die Schwelle des Hauses betrat; »es hat jetzt wohl -eine Stunde da unten festgesessen, ist aber wieder -flott geworden. Vielleicht bringt es Briefe von -Jim mit.«</p> - -<p>Der alte Mann seufzte und reichte ihr eine Zeitung -hin.</p> - -<p>»Da lies,« sagte er – »das ganze Blatt enthält -fast weiter nichts als Todtenlisten und Angaben -von den 2000 – oder gar 3000 Vermißten – -armen Teufel, die nach der Schlacht elend im -Walde umgekommen und von den Wölfen gefressen -wurden. Armer Jim! wer weiß, wo ihn sein Schicksal -erreicht hat, und ob wir uns je wiedersehen -werden.«</p> - -<p>»<i>Hallo the house!</i>« rief da plötzlich eine Stimme -und als die Hunde wie immer, wüthend anschlugen -und Betsy in die Thür trat, um zu sehen wer da -das Haus anrief, bemerkte sie einen einzelnen Reiter -draußen an der Fenz, einen Fremden, den -sie nicht kannte und der jetzt den Hut gegen sie -lüftete und anfrug, ob Mr. Jenkins zu Hause -wäre.</p> - -<p>Der Mann war in der gewöhnlichen Tracht der -Backwoodsmen gekleidet, trug aber keine Waffe und -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -sah aus wie ein Ansiedler aus irgend einer anderen -Range, der vielleicht seinen Weg verfehlt hatte, oder -auch von dem eigentlichen Pfad abgeritten war, um -ein Frühstück zu erbitten. Es kam das ja gar nicht -so selten vor, denn das nächste Haus an der Straße -von dort ab war noch wenigstens sieben Miles entfernt.</p> - -<p>»Steigen Sie ab Sir,« sagte das junge Mädchen, -der Gastfreundschaft des Landes folgend, indem sie -die Hunde zurücktrieb, »Vater ist im Haus, wenn Sie -ihn sprechen wollten.«</p> - -<p>»Danke,« sagte der Fremde, indem er etwas -schwerfällig aus dem Sattel stieg und der Einladung -Folge leistete. – »Dann bin ich den weiten Weg doch -nicht umsonst gekommen. Kann ich ihn vielleicht einmal -sehen?«</p> - -<p>»Wollt Ihr nicht in das Haus treten?« sagte das -Mädchen.</p> - -<p>»Gleich,« erwiederte der Mann, der wie es schien, -den rechten Fuß nicht gut gebrauchen konnte; indem -er sich überall im Hofe umsah. »Muß mir nur erst -einmal einen Platz aussuchen, wo ich mich ein wenig -ausruhen kann.« Er humpelte dabei auf einen, etwa -funfzehn Schritt vom Haus entfernten Klotz zu, -auf den er sich setzte und dabei seinen rechten Fuß -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -in die Höhe nahm, als ob er Schmerzen darin -habe.</p> - -<p>»Fehlt Euch etwas?« frug Betsy theilnehmend.</p> - -<p>»Hm, nichts Besonderes, bin nur damals, als wir -auf der Flucht waren, mit dem Pferd gestürzt und -habe mir ein Bischen weh gethan.«</p> - -<p>»Auf der Flucht?«</p> - -<p>»Ja,« sagte der Mann – »die verdammten Sesesch -kamen hinter uns her, und ich und der Sohn -hier vom Hause –«</p> - -<p>»Bringt Ihr Nachricht von meinem Bruder?« -rief Betsy rasch – »oh Pa, hier ist ein Mann, der -Jim kennt – oh habt Ihr Nachricht von ihm.«</p> - -<p>»Weiter Nichts als einen Brief,« sagte der -Fremde, indem er ein zusammengefaltetes Papier aus -der Tasche nahm – »aber nein Miß,« rief er, als -Betsy hastig danach greifen wollte – »habe ihm fest -versprechen müssen, es nur in die Hände des alten -Herrn selber abzugeben.«</p> - -<p>»Ein Brief? ein Brief von Jim?« rief jetzt auch -der alte Mann, der vor Aufregung zitternd in die -Thür trat, die zwei Stufen daran hinabstieg und -auf den Fremden zueilte. »Oh gebt ihn her – -wie lange habe ich von dem Jungen Nichts gehört.«</p> - -<p>Der Fremde reichte ihm jetzt ohne Weiteres das -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -Papier, das er mit bebenden Händen öffnete. Da -knallte von der Fenz herüber, und kaum zwanzig -Schritt von ihnen entfernt, ein Schuß und Betsy -wandte sich rasch und erschreckt dorthin. In demselben -Moment aber brach auch ihr Vater, das Papier -noch in der Hand haltend, wo er stand zusammen, -und mit einem Angstschrei warf sich die Tochter über -ihn. Aber nicht lange sollte sie sich ihrem Schmerz -hingeben dürfen. Wilder Lärm störte sie auf und als -sie den Blick zurückwarf, sah sie fünf, sechs Männer -über die Fenz springen. Die Hunde fuhren allerdings -wie rasend auf sie ein, aber ebenso viele Revolverschüsse -knallten ihnen entgegen und trieben sie -heulend zurück, während Einer der Burschen – der -Jay-hawker mit dem geschwärzten Gesicht direct auf -Betsy zusprang.</p> - -<p>»Hendricks!« schrie sie, wie sie nur den Blick auf -ihn warf – entsetzt und zurückbebend. »Feiger, -nichtswürdiger Mörder!«</p> - -<p>»Miß Betsy,« sagte der Mann aber, und die -geschwärzten Züge legten sich in drohende Falten, -»Sie sind meine Gefangene. Sträuben Sie sich -nicht; es würde Sie nur nutzlos einer rohen Behandlung -aussetzen. Der ganze Platz ist umstellt, und -unten am Strom liegt mein Canoe.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Betsy sah ihn starr an. Es war, als ob sie noch -immer nicht einmal das ganze Fürchterliche der eben -ausgesprochenen Drohung begriff. Aber der Bube -sprach im Ernst; das Blut, das langsam aus dem -Schlaf ihres armen gemordeten Vaters quoll, war -ein entsetzlicher Zeuge des beabsichtigten Bubenstücks, -und krampfhaft faßte sie mit beiden Händen ihre -eigene Stirn und warf den Blick scheu und verstört -umher. – Aber auch nur für einen Augenblick, denn -wie ein zündender Strahl durchzuckte sie der Gedanke: -lieber den Tod als Schande.</p> - -<p>Das Grundstück ihres Vaters, wenigstens der Hofraum, -innerhalb dessen die doppelte Blockhütte stand, -lag unmittelbar am Ufer des Arkansas, der jetzt wohl -im Steigen war, seine volle Höhe aber noch nicht erreicht -hatte. Unmittelbar unterhalb der Farm stieg -das Ufer allerdings mehr allmählich und mit kleinen -Weiden- und Baumwollenholzschößlingen bewachsen, -empor, dicht unter dem Haus aber fiel es steil ab in -die wirbelnde Fluth und der alte Jenkins hatte diesen -Platz nicht allein deshalb für den Bau seines Hauses -gewählt, weil hier in dieser Gegend der höchste Uferpunkt -war, sondern auch weil er hier nur an drei -Seiten eine hohe Fenz zu errichten brauchte. In der -konnte er dann einmal hineingetriebenes Vieh auch -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -bequem halten, denn an der offenen Seite nach dem -Strom zu war kein Stück im Stande auszubrechen.</p> - -<p>Der Verbrecher hielt natürlich eine Flucht des -Mädchens für unmöglich, denn fünf, sechs wilde Gestalten -schwärmten schon über den Hof und wenn sich -auch die meisten mit dem Haus selber beschäftigten, -sah Betsy doch zwei der Buben schon auf sich zu -kommen und daß sie – erst einmal in <em class="ge">deren</em> Händen, -kein Erbarmen zu erwarten hatte, wußte sie. Noch -einmal hob sie scheu und wild den Blick zu Hendricks -auf, aber der Blick genügte auch. Schon streckte der -Bube selbst den Arm nach ihr aus, um sie zu umfassen, -aber selbst unter seinen Händen stürzte sie fort. -– An eine Waffe dachte sie wohl dabei, und hätte sie -eine erreichen können, so wäre es um Hendricks geschehen -gewesen. Aber wie konnte sie – ein einzelnes -schwaches Wesen, der <em class="ge">Bande</em> Widerstand leisten.</p> - -<p>Ehe der rasch ausgreifende Arm des Buben sie -erreichte, war sie ihm schon entschlüpft und mit -Sätzen, so flüchtig wie ein gejagter Hirsch, flog sie -gegen das schroffe, abschüssige Ufer des Arkansas zu.</p> - -<p>Hendricks folgte ihr im Nu und es gab keinen -rascheren Läufer in der Range, aber gleich beim Ansprung -stolperte er über die Leiche des alten Mannes, -die Entfernung bis zum Uferrand betrug überdieß -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -kaum mehr als zwanzig Schritt. Als er sich rasch -wieder aufgerafft und schon die Hand ausstreckte, um -Betsy's wehendes Kleid zu erfassen, hatte sie den Rand -erreicht und warf sich mit einem Angstschrei in die -gelbe gurgelnde Fluth hinab.</p> - -<p>Hendricks schrak zurück, denn fast wäre er ihr -selber in der Wucht des Laufes, nachgestürzt. Aber -konnte sie ihm selbst jetzt entgehen? sein Canoe lag -gleich unterhalb – zwei seiner Leute warteten darin.</p> - -<p>»Teufel,« zischte er aber zwischen die Zähne durch, -als er erst jetzt – bis dahin völlig mit seinem Bubenstück -beschäftigt – das gerade aufkommende kleine -Dampfboot entdeckte, das indessen fast unter der Landung -angelangt und so geräuschlos aufgerückt war, da -die steile Uferbank den Schall dämpfte. Von diesem -aber war schon ein Boot abgestoßen, das jedenfalls -Passagiere etwas weiter unten absetzen wollte und das -hinabspringende Mädchen mußte von ihnen gesehen, -ihr Schrei jedenfalls gehört sein, denn im Nu wandte -sich der Bug des kleinen Bootes stromauf.</p> - -<p>In wilder Wuth, sich so getäuscht zu sehen, riß der -Räuber die Büchse an die Backe – er wollte Rache -– aber die Waffe war ja, nach dem Schuß, der den -alten Jenkins so feige niedergeworfen, noch nicht wieder -geladen worden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Ein zweiter Blick überzeugte ihn aber auch, daß -die Leute im Boot bewaffnet, daß es Soldaten waren, -und schon pfiff eine Kugel dicht an seinem Ohr vorüber, -die, aus dem Boot abgefeuert, wohl nur durch -das Schwanken desselben ihr Ziel verfehlt hatte.</p> - -<p>»Wo kommen die Canaillen jetzt auf einmal her,« -rief einer seiner Kameraden, der zu ihm gesprungen -war, aber auch bei dem Schuß zurückfuhr. »Ich -werde ihnen einmal ein Stück Blei hinüber schicken.«</p> - -<p>»Fort! fort!« rief aber Hendricks, der todtenbleich -geworden war, »das ist der Sohn dessen da« – und -scheu zeigte er nach der Leiche – »fort.«</p> - -<p>»Aber so viel Zeit haben wir doch wahrhaftig,« -rief sein Gefährte, »daß wir das Nest erst noch plündern -und in Brand stecken können. Die brauchen -wenigstens noch eine Viertelstunde, ehe sie zu uns hier -heraufkommen können.«</p> - -<p>»Fort,« wiederholte aber Hendricks und warf scheu -den Blick umher, als ob er schon jetzt das Nahen der -Rächer fürchte – »der Platz wird hier zu warm. -Säumen wir nur noch Minuten hier, so sind wir verloren.« -Und ohne nur einen weiteren Einwurf abzuwarten, -ja ohne sich selbst Zeit zu nehmen, seine Büchse -wieder zu laden, sprang er über den freien Hofplatz -an der Leiche vorbei, hinaus aus der Fenz, warf -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -sich auf sein Thier und floh damit in den Wald -hinein.</p> - -<p>Die Uebrigen hätten den einmal gewonnenen Platz -allerdings nicht gern sogleich wieder verlassen. Die -Furcht des Kameraden schien aber auch sie anzustecken.</p> - -<p>Jenkins Frau, die wieder krank auf ihrem Bett -gelegen, war aufgesprungen und erfüllte jetzt, als sie -die Leiche des Gatten am Boden liegen sah, die Luft -mit ihrem Wehegeschrei, die verwundeten Hunde -heulten, und der scharf ausgestoßene Dampf des kleinen -Bootes, dicht unter der Farm, machte das Ganze -ebenfalls unruhig genug. Es war den Schurken -selber nicht mehr recht geheuer da oben, und was sie -nur im Moment fassen konnten, die Büchsen im Haus -und die Kugeltaschen, griffen sie auf und folgten dann, -nicht viel langsamer als Hendricks ihnen vorangegangen -war, dem Führer in das Dickicht.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Fünftes Kapitel.</span></span><br /> - -Die Rückkehr.</h3> - - -<p>Zu spät – zu spät nur um wenige Minuten kam -die Hülfe, weil das Boot auf der Sandbank festgesessen! -Hatte denn Gott selber gewollt, daß so Furchtbares -geschehen sollte, wo es so leicht gewesen war, -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -es abzuwenden, oder herrscht nur ein blinder Zufall -auf dieser Welt, der eben geschehen ließ, was geschah, -ohne sich weiter darum zu kümmern?</p> - -<p>Jim Jenkins kniete neben der Leiche seines gemordeten -Vaters. Nur die Schwester hatte er mühsam -mit dem Boot gerettet, und mit wenigen Worten, ja -nur mit den zwei Silben – Hendricks – das Furchtbare -erfahren.</p> - -<p>John Wells, der mit ihm zurückgekehrt, war den -Verbrechern mit Cook und noch einigen andern zur -Begleitung nachgeeilt, um sich nur wenigstens der -Richtung zu vergewissern, in der sie geflohen wären. -Daß ein Canoe unten an der Landung lag, hatten sie -gar nicht beachtet, und die beiden dabei gestörten -Räuber sich wohl gehütet, aus den Büschen herauszukommen, -in welche sie sich bei der Ankunft des -Dampfers zurückgezogen. Jetzt erst, als dieser vorüber -war, drückten diese sich wieder in ihr schwankes -Fahrzeug, und Jenkins eigenes Canoe ebenfalls abschneidend, -nahmen sie es mit stromab zu dem schon -früher mit den Genossen besprochenen Versteck. Dadurch -machten sie eine Verfolgung auf dem Strom -vor der Hand unmöglich, und daß sie im Wald niemand -finden sollte, dafür wollten sie schon Sorge -tragen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -Nach einer Stunde etwa kehrte der junge Wells -zurück. Da sie ohne Pferde waren, hätte es ihnen -ja gar nichts geholfen, eine Verfolgung aufzunehmen, -noch dazu, da sich die Jay-hawker in der bedeutenden -Mehrzahl befanden und doch außer Zweifel alle gut -bewaffnet waren. Jim war indessen um seine ohnmächtig -gewordene Mutter bemüht, die er anfangs -ebenfalls für todt hielt, aber unter seinen Liebkosungen -erholte sich die alte Frau wieder, und Betsy, die in -der Nähe und unter dem Schutz des Bruders und -Bräutigams rasch jede Furcht verlor, war, nachdem -sie sich umgekleidet, an seiner Seite.</p> - -<p>Und jetzt mußte sie erzählen, was hier in den -letzten Monden vorgefallen – eine ununterbrochene -Schreckensgeschichte von Mord und Blut, und John -Wells stand dabei, die Zähne fest aufeinander gebissen, -das Antlitz vollkommen blutleer, die Augen stier und -fast geisterhaft auf den Mund der Sprechenden geheftet.</p> - -<p>Und woher sie selber kamen? Mit wenigen Worten -war das berichtet. Sie hatten sich dem Heer zutheilen -lassen, das bestimmt war, Little Rock zu nehmen. -Nur so konnten sie hoffen, dem nichtswürdigen -Treiben der Sesesch-Partei in Arkansas rasch ein -Ende machen zu helfen. Die Eroberung war aber -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -leicht gewesen und als sie – in Little Rock angekommen -– die Kunde von zahlreichen hier verübten Verbrechen -hörten, hatten sie Urlaub genommen, um die -Ihrigen selber zu besuchen und zu hören, wie es hier -stehe. <em class="ge">Das</em> Furchtbare freilich konnten sie nicht erwarten.</p> - -<p>Aber es waren keine Naturen, die sich lange einem -nutzlosen Schmerz hingegeben hätten. Vor allen -Dingen mußten sie Pferde haben, um an irgend eine -Verfolgung denken zu können und auf der eigenen -Farm fanden sie auch kein einziges Stück Vieh mehr. -Die Jayhawker mit ihrer, wie es schien, weitverzweigten -Verbindung, hatten schon Alles, was sie erreichen -konnten, fortgetrieben und nicht einmal vermuthen -ließ es sich, nach welcher Richtung sie die verschiedenen -gestohlenen Thiere geschafft hatten. Klingelhöffer -allein, als ziemlich nächster Nachbar konnte da -vielleicht aushelfen und John Wells übernahm es, -ihm die Trauerkunde von dem Tod seines alten -Freundes Jenkins zu bringen, um seine Hülfe in der -Verfolgung der Räuber zu erbitten.</p> - -<p>Jim indessen, von den Freunden dabei unterstützt, -schaufelte ein Grab für den Vater in seinem kleinen -Garten aus, dann legten sie den alten wackeren Mann -hinein, breiteten Bretter und Stützen über ihn, daß -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -die eingeworfene Erde nicht auf die Leiche pressen -konnte und wölbten den Hügel über der einfachen -Gruft.</p> - -<p>Kein Wort wurde dabei gesprochen, kaum noch -eine Thräne von den Männern vergossen, denen jetzt -nur das nagende Gefühl der Rache das Herz zusammenzog, -und der Gedanke verscheuchte unerbittlich -alle anderen. Allerdings waren sie sich noch nicht -klar, wie sie den gemeinsamen Feind erreichen konnten, -aber was that das? Ihr ganzes Leben hatte jetzt kein -anderes Ziel und wie der Bluthund auf der Fährte -waren sie fest entschlossen, nicht nachzulassen bis an's -Ende.</p> - -<p>Abends kehrte John Wells zurück. Klingelhöffer -stellte ihnen alle seine Pferde zur Verfügung und -würde sie selber begleitet haben, aber ein heftiger -Rheumatismus hatte ihn wieder auf sein Lager geworfen, -um das herum aber nichts destoweniger seine -geladenen Gewehre standen. Er schwur, daß er so -lange schießen werde, als er noch einen Finger krumm -biegen könne, und dann möchten sie ihm selber den -Hals abschneiden und verdammt sein.</p> - -<p>Die einzige Hülfe, die sie noch erwarten konnten, -lag in Perryville selber, an das sich die Räuber natürlich -nicht getrauten, wenn sie auch in der Nähe -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -herum Alles an Pferden gestohlen hatten, was sie -nur bekommen konnten. Die jungen Backwoodsmen -aber durften keinen von ihrer kleinen Schaar dorthin -senden, um sich nicht zu schwächen und Jenkins jüngster -Bruder, ein Knabe von zehn Jahren, der bei dem -Ueberfall gerade im Walde gewesen, wurde deshalb -abgeschickt. Allerdings war es eine starke Tagereise -für den kleinen Burschen, aber er ging ja oft schon -allein Tage lang auf die Jagd und kannte auch genau -den Weg.</p> - -<p>Die jungen Leute brachen jetzt zur Verfolgung -der Mörder auf, während sie Betsy indessen mit der -Mutter zu Klingelhöffers nicht sehr fernem Hause -schickten. An der Fähre wohnten ja Leute, die sie über -die Fourche setzen konnten. In dieser Richtung hin -hatten sie auch nichts zu fürchten, und selbst die von -Perryville erbetene Hülfe war dorthin bestellt, wo sie -sich mit ihnen vereinigen wollten.</p> - -<p>Aber all' ihr Suchen war vergebens. Bis zum -Mamelle hinüber, alle die Bergrücken südlich am -Fourche la Fave liefen sie ab, und scharfe Augen -waren es, die den Fährten folgten; nirgends ließ sich -jedoch eine frische Spur der Räuber in den Bergen -erkennen. Weiter oben, mehr nach Westen zu, fanden -sie allerdings ein paar alte Lagerplätze, die es unzweifelhaft -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -ließen, daß sich die Jay-hawker dort eine -ganze Zeitlang, vielleicht sogar eine Woche aufgehalten, -aber diese Stellen hatten sie auch ebenso sicher wieder, -und zwar nicht erst seit Kurzem verlassen, denn die -ausgebrannten Kohlen waren vom Regen überwaschen -worden. Die ganze Richtung, der sie bis dahin gefolgt, -ging von dem oberen Fourche nach dem unteren, -und die einzigen bisher verschonten Wohnplätze waren -die, durch ihre Lage begünstigte Klingelhöffersche, und -die benachbarte Farm gewesen. Man durfte also -fast annehmen, daß sie ihre Wirksamkeit am Fourche -als beendet betrachten mußten, und wohin konnten sie -sich nun von hier gewendet haben? Außerdem lief -der erhaltene Urlaub der jungen Leute auch bald -wieder ab und was dann? Durften sie daran denken, -die Ihrigen in einer solchen bedrohten und auf's -Aeußerste gefährdeten Gegend schutzlos zurückzulassen?</p> - -<p>Sie waren zu Klingelhöffer hinübergeritten, um -mit diesem das Weitere zu berathen. Der alte Mann -fühlte sich heute etwas wohler und saß mit ihnen und -fünf von Perryville heruntergekommenen Farmern -vorn auf der schmalen Veranda seines Hauses, von -der man den Arkansas überschauen konnte, und den -hier ziemlich breiten Strom dicht zu Füßen hatte. -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Aber er wußte selber keinen Rath, denn das Land bot -jetzt zu viele Schlupfwinkel, wo sich ein ganzes Heer -hätte verbergen können, vielmehr denn ein kleiner -Trupp von Leuten, denen nur daran gelegen war, -eine kurze Zeit verborgen zu bleiben.</p> - -<p>In ruhigen Jahren, ja, da hatte den Fourche la -Fave der offenste, herrlichste Wald umgeben, mit -großen stattlichen Bäumen wohl, aber lichtem Unterholz, -denn die Jäger hielten schon darauf, daß im -Winter das trockene Gras und Gestrüpp ordentlich -und regelmäßig abgebrannt wurde. Dadurch bekam -nicht allein das Vieh, sondern auch das Wild gleich -im Frühjahr junge saftige Aesung und der Jäger -konnte, wenn er durch den Wald pirschte, diesen nach -allen Richtungen hin überschauen. Jetzt dagegen war -Alles total verwildert, und die Niederung nicht allein -von Dornen und Sassafras-Büschen dicht durchwachsen, -nein selbst an den Hängen war ein so üppiger junger -Kiefer- und Hickoryschlag emporgewachsen, daß man -sich nicht selten selbst mit dem Messer Bahn hauen -mußte, um nur durchzukommen. Wer sich dort verstecken -wollte, konnte es gewiß, und war auch vor -Entdeckung sicher, wenn ihn der Zufall nicht einmal -verrieth.</p> - -<p>Vertheilten sich aber sämmtliche noch waffenfähige -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -Männer über die Berge, so blieben sie nicht allein -der Gefahr ausgesetzt, von dem geschlossenen Trupp -einzeln aufgerieben zu werden, sondern wer bürgte -ihnen dann dafür, daß sich die jetzt schon keck und übermüthig -gewordene Bande indessen nicht auf die übrigen -Häuser, ja in diesem Fall selber nach Perryville -hineinwarf und den letzten Zufluchtsort zerstörte.</p> - -<p>Noch während sie sprachen, hatte Klingelhöffers -Blick an dem gegenüber liegenden Ufer gehangen, an -dem sich den Sommer hindurch eine breite helle -Sandbank bis über die Hälfte des Stromes ausdehnte. -Jetzt aber reichte der Strom bis ziemlich an -die jungen Baumwollenholz-Schößlinge hinan, die -den Wald der Niederung ränderten, und nur ein -schmaler hellerer Streifen war noch übrig geblieben, -auf dem man jetzt, aber genau und scharf abgezeichnet, -die dunkle Gestalt eines Mannes erkennen konnte, -der sich den Fluß hinaufwandte. Klingelhöffer deutete -mit seinem Arm hinüber und sagte:</p> - -<p>»Dort drüben geht Jemand.«</p> - -<p>»Wo?« – rief Jim – »ah dort! oh das wird -ein Jäger sein.«</p> - -<p>»Nein, er geht zu rasch. Da hinauf zu kann er -aber auch kein anderes Haus erreichen, denn die -<i>slews</i> sind jetzt voll Wasser.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -»Vielleicht sieht er nach seinem Vieh. Es wird -der alte Boyles sein, der nach seinen Pferden sieht -– ein Sesesch wie er im Buche steht.«</p> - -<p>»Jetzt ist er in den Wald hinein,« sagte Wells.</p> - -<p>Die Männer hielten noch einen Augenblick die -Augen auf die Stelle geheftet, denn in dieser Zeit erweckte -auch das Kleinste und Unbedeutendste Verdacht.</p> - -<p>»Da kommen mehrere aus dem Wald,« rief da -plötzlich Jim Jenkins, in der Erregung des Augenblicks -von seinem Stuhl emporfahrend. »Ob sie uns -hier, von dort aus sehen können?«</p> - -<p>Mehrere Minuten beobachteten die Männer -schweigend das, was sich da drüben augenscheinlich -am Waldrand regte, endlich sagte Klingelhöffer, dessen -Augen noch scharf wie die eines Luchses waren:</p> - -<p>»Dort ist noch immer nur ein Mann zu sehen, -aber er schleppt ein Canoe aus den Büschen heraus. -Wenn es Mehrere wären, würden sie ihm helfen.«</p> - -<p>»Klingelhöffer hat Recht,« sagte Wecks. »Jetzt -kommt er damit in's Freie; er will in den Strom -hinaus.«</p> - -<p>»Es ist besser, wir ziehen uns in's Haus zurück,« -meinte Jenkins. »Es braucht Niemand zu wissen, -daß wir hier so zahlreich versammelt sind.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -»Vielleicht kommt er herüber.«</p> - -<p>»Wir werden's bald sehen. Er ist schon damit -am Wasserrand. Ob das Boyles selber sein kann?«</p> - -<p>Die Männer hatten sich langsam von der offenen -Veranda in das Haus gezogen. Nur Klingelhöffer -blieb draußen sitzen und es war bald keinem Zweifel -mehr unterworfen, daß das Canoe von drüben herüber -halte und den Landungsplatz an der diesseitigen -Farm zu erreichen suchte, denn der Rudernde hielt -den Bug immer seitwärts stromauf, damit er von -der starken Strömung nicht zu weit hinab geführt -würde. Wer es sei, ließ sich allerdings noch nicht erkennen, -da der Mann gebückt im Canoe saß und einen -alten Strohhut noch außerdem über die Augen gezogen -hatte, aber das mußte sich bald auch entscheiden, -denn jetzt erreichte er schon fast die über der Farm -liegende felsige Spitze und indem er sein etwas -schwankes Fahrzeug treiben ließ, lenkte er es gleich -darauf in den Sand-Einschnitt von Klingelhöffer's -Ufer, in welchem schon dessen Skiff befestigt lag.</p> - -<p>»Boyles! wahrhaftig,« rief Jim Jenkins, der -jetzt auf die Veranda hinausgetreten war, denn vor -dem einzelnen Nachbar brauchten sie sich nicht mehr -zu verstecken – »Hallo, Boyles, woher kommt Ihr -und wo wollt Ihr hin?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -Boyles sah auf und erkannte den noch immer in -der Uniform steckenden jungen Mann nicht gleich. -Die Uniform selber gefiel ihm ebenfalls nicht, denn -er war mit Leib und Seele Sesesch – ja, einen Moment -schien es fast, als ob er nicht übel Lust habe, -wieder mit seinem Canoe zurückzukehren. Klingelhöffer -selber machte aber seinen Zweifeln ein -Ende:</p> - -<p>»Kommt herauf Mann, Ihr seid hier unter -Freunden und habt Nichts zu fürchten. Kennt Ihr -Jim Jenkins nicht mehr?«</p> - -<p>»Jim, bei Gott!« sagte Boyles – »das ist recht -– den wollte ich gerade sprechen – das trifft sich -glücklich;« er sprang jetzt die steile Sandbank mehr -hinauf, als er sie stieg und stand auch wenige Minuten -später inmitten der jungen Leute, die ihn wohl -freundlich aber trotzdem nicht herzlich grüßten. Boyles -war ihnen nie ein angenehmer Nachbar gewesen und -daß er sich so ganz zur Partei der Sclavenhalter -schlug, auch selber der Einzige fast in der ganzen -Nachbarschaft war, der Neger hielt, konnte sie ihm -nicht geneigter machen.</p> - -<p>Von den Negern waren übrigens nur noch zwei -auf der ganzen Plantage geblieben, die Uebrigen aber, -sobald die Unionisten dort einrückten, nach Little Rock -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -gelaufen. Was sollten sie jetzt noch arbeiten, wo sie -freie Leute geworden waren. Boyles selber mochte -auch früher wohl zwischen den einfachen Backwoodsmen -ein wenig den Pflanzer gespielt, und sich etwas -vornehmer als die Nachbarn gedäucht haben. Er -war in der That reicher und sein Haus wohnlicher -und bequemer eingerichtet gewesen als die der Uebrigen, -bis die Emancipation der Neger auch ihn ruinirte, -oder doch wenigstens seine großen Plantagen, -deren er zwei besaß, werthlos machte.</p> - -<p>Die eine in Missouri liegende, hatte er aber -glücklicher Weise vor kurzer Zeit noch zu einem ziemlich -guten Preis verkaufen können, denn gerade jetzt -glaubten manche Farmer im Norden einen guten -Handel zu machen, wenn sie sich ohne Sclavenarbeit -im Süden niederließen. Allerdings war das erste -immer ein Experiment, aber es fand trotzdem Nachahmer, -und die südlichen Pflanzer, die nach dem Fall -von Vicksburg die Unterwerfung des Südens mit -Recht für unausbleiblich hielten, verkauften unter -solchen Umständen nur zu gern.</p> - -<p>Klingelhöffer wunderte sich allerdings, daß gerade -Boyles ihm einen Besuch abstattete; denn wenn sie -auch miteinander in Frieden lebten, hatten sie sich – -schon ihrer verschiedenen politischen Ansichten wegen -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -– bisher viel eher gemieden als gesucht. Er sollte -aber darüber bald eine Erklärung erhalten, denn -kaum betrat Boyles das Haus, als er auch schon -ausrief:</p> - -<p>»Gott sei ewig gedankt, daß ich hier brave und -wackere Männer finde, die einen Freund gegen Räuber -und Mörder schützen können.«</p> - -<p>»Hallo,« rief John Wells, von seinem Stuhl aufspringend, -denn er selber haßte den alten Boyles, -mit dessen Sohn er auch früher einmal Streit gehabt, -und nahm deshalb wenig Notiz von ihm. Seine -Worte aber machten ihn aufmerksam, denn sie deuteten -auf das Einzige, was in diesem Augenblick seine -ganze Seele füllte – die Spur der Jay-hawker – -»wißt Ihr was von den Schuften? – Haben sie Euch -ebenfalls einen Besuch abgestattet?«</p> - -<p>»Ach was,« rief Jenkins; »wir haben ja ihre -Spuren in den Wald hinein verfolgt. Nach dem -Mamelle werden sie hinüber sein – nicht über den -Arkansas.«</p> - -<p>»Nein,« rief Boyles rasch, – »drüben sind sie -– vorgestern haben sie den Strom etwa drei Miles -unterhalb in zwei großen Canoes gekreuzt – Warner, -der gerade von Little Rock kam, hat sie gesehen.«</p> - -<p>»Da ist dann unser Canoe dabei,« sagte Jim, »das -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -die Schurken neulich bei dem Mord gestohlen haben. -Aber wo sind sie jetzt?«</p> - -<p>»Weit können sie nicht sein,« erwiderte Boyles, -»denn gestern waren sie bei Auburn drüben – der -alte Auburn behielt kaum noch Zeit, in den Sumpf -zu flüchten, wo er sechzehn Stunden in Schlamm und -Wasser stecken blieb, ehe er sich wieder hinausgetraute. -Dort aber hat ihnen der eine Neger erzählt, daß ich -meine eine Farm verkauft und viel Geld im Hause -hätte, und Auburn's kleiner Junge war eben bei mir, -um sich ein Stück Fleisch zu borgen, weil die Räuber -Alles, was sie an Lebensmitteln fanden, fortgeführt, -und der sagte mir, ich solle mich vorsehen, denn sie -hätten gelacht und gemeint, ich würde wohl so gut sein -und mit ihnen theilen.«</p> - -<p>»Und habt Ihr das Geld wirklich im Haus?«</p> - -<p>»Gott bewahre, das liegt sicher genug in Little -Rock, aber das wissen ja die Schufte nicht und werden -es jetzt bei mir wie bei dem armen alten Hogan -machen. Frau und Kinder hab' ich auch deshalb mit -den beiden Negern gleich nach Auburn's hinübergeschickt, -denn zweimal kommen sie nie auf einen Platz, -und ich selber hatte die Absicht, hier bei Euch Schutz -zu suchen, Klingelhöffer, bis die Gefahr vorüber ist. -Mögen sie mir da drüben Alles verwüsten und das -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -Haus in Brand stecken. Ich kann es nicht hindern -– aber ich will doch nicht von ihnen todtgeschossen -werden oder meine Familie ihren Mißhandlungen -aussetzen.«</p> - -<p>»Und Ihr glaubt wirklich, daß sie die Absicht -haben, Euer Haus zu überfallen?« frug der junge Cook.</p> - -<p>»Ich bin fest davon überzeugt. Dort in der -Nachbarschaft liegt weiter keine einzelne Farm und -lange werden sie sich hier nicht mehr halten können, -denn wie ich gehört habe, will General Steene die -beiden Counties besetzen lassen, um diesem Räuberwesen -ein Ende zu machen.«</p> - -<p>»Ja wohl, jetzt kommen sie,« brummte Klingelhöffer, -»wo die Canaillen schon alles nur erdenkliche -Unheil angerichtet, und Botschaft nach Botschaft haben -wir seit Wochen hinein in die Stadt gesandt. Gott -bewahre, nicht einmal Munition durften wir hinausbringen, -um uns selber zu schützen.«</p> - -<p>»Und wißt Ihr ganz bestimmt, daß die Jay-hawkers, -die auf dieser Seite ihr Wesen trieben, jetzt über -den Fluß gegangen sind?« frug Wells.</p> - -<p>»Es giebt keine zweite solche Bande in der -Nachbarschaft,« versicherte Boyles, »und daß diese -mit ihren Pferden über den Strom gesetzt ist, hat -Warner mit eigenen Augen gesehen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -»Dann können sie aber auch eben so gut mit ihren -Booten zu <em class="ge">mir</em> herüberkommen,« meinte Klingelhöffer, -»denn was sie bis jetzt von mir abgehalten hat, war -weiter nichts als die Furcht, hier auf der Landspitze -einmal von irgend einem Trupp Bewaffneter abgeschnitten -zu werden.«</p> - -<p>»Aber sie haben keine Canoes mehr,« rief Boyles. -»Warner war nicht von ihnen gesehen worden und -hielt sich in seinem Versteck, bis sie die beiden Fahrzeuge, -gleich über der zweiten Sandbank unten, wo die -kleine Slew einmündet, in die Büsche hineingezogen -und versteckt hatten, und als er sich ganz sicher wußte, -schlich er sich dort hinein und wollte die Canoes in den -Strom schieben und forttreiben lassen, aber er war -dazu allein nicht im Stande und hat deshalb ganz in -der Stille und gerade zwischen ihnen ein tüchtiges -Feuer angezündet, bei dem er blieb, bis er sie völlig -zerstört wußte. In <em class="ge">den</em> Canoes setzen sie gewiß nicht -wieder über den Arkansas.«</p> - -<p>»Dann ist auch Hoffnung, daß wir sie drüben erwischen,« -rief Cook rasch. »Wie wär's, wenn wir das Haus -besetzten? nachher laufen sie uns gerade in die Hände.«</p> - -<p>»Hm,« sagte Wells, »ich habe auch schon darüber -nachgedacht, aber – wie viel waren in den Canoes, -die Warner gesehen hat?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -»Er behauptet, es müßten etwa zehn oder elf gewesen -sein. Natürlich wagte er sich nicht zu weit hinan, -denn wenn sie ihn entdeckten, wäre er jedenfalls -verloren gewesen.«</p> - -<p>»Und sie denken Geld bei Euch zu finden?« frug -Jenkins.</p> - -<p>»Sie wissen, daß ich meine Farm in Missouri -verkauft und das Geld dafür erhalten habe. Soviel -hat ihnen der schurkische Neger erzählt. – Sie werden -jetzt vermuthen, daß ich es versteckt halte.«</p> - -<p>»Die Canaille verdient gehangen zu werden.«</p> - -<p>»Verdient hat er's,« sagte Boyles, »denn wie ich -höre soll er sich den Schuften angeschlossen haben, was -also jetzt etwa elf oder zwölf Mann für die Bande -machen würde, wenn sie sich nicht außerdem verstärkt -hat. Verdächtiges Gesindel trieb sich wenigstens die -letzte Zeit gerade genug am Arkansas herum.«</p> - -<p>»Laßt uns die Nacht hinüberfahren,« rief da Wells, -– »verdammt, wenn wir uns ordentlich eintheilen, -laufen sie uns gerade in die Büchsenläufe hinein.«</p> - -<p>»Ihr glaubt, daß sie bei Euch nach vergrabenem -Gelde suchen werden?« fragte Jenkins.</p> - -<p>»Dasselbe war wenigstens bei Hogan der Fall, bei -dem sie Silber vermutheten und der arme Teufel -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -hatte wohl kaum einen Viertel Dollar Silber im -Hause.«</p> - -<p>»Sie kommen sicher,« rief Wells, mit der Hand -auf den Rand der Veranda schlagend, »wenn wir uns -in dem Hause eintheilen, haben wir sie.«</p> - -<p>Jenkins schüttelte mit dem Kopf und sagte:</p> - -<p>»So weit <em class="ge">ich</em> das Haus kenne, glaub' ich es nicht. -Es ist kein Logcabin, wo man nach allen Seiten -Schießscharten öffnen kann, sondern von behauenen -Balken aufgesetzt und mit Brettern beschlagen und die -Fenster liegen alle nach dem Fluß hin, während sich -die Thür hinten befindet. Dicht darum her stehen -aber die kleinen Negerhäuser, jetzt wahrscheinlich alle -leer und ich kann mich nicht so genau auf den ganzen -Platz besinnen, ob man durch diese hin muß und durch -sie verdeckt wird, wenn man zum Hause kommt oder ob -sie mehr Seit' ab liegen.«</p> - -<p>»Mr. Jenkins,« bemerkte Boyles, »Sie haben -Recht. Die Negerhütten liegen der Art, daß man von -ihnen verdeckt bis dicht an das Haus hinan kann. Ich -weiß, wie mich das die paar Stunden, die ich heute noch -drüben war, beunruhigt hat, weil ich jeden Augenblick -fürchtete, sie möchten sich an denen hin heranschleichen.«</p> - -<p>»Und wenn wir nun die Negerhütten besetzten?« -fragte Cook.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -»Ja, das wäre ganz gut, wenn man genau wüßte, -ob sie den Weg oder vom Wald herein kämen. In der -Nacht ist es aber ebenfalls schlimm. Wir haben -freilich jetzt Vollmond, aber gerade um das Haus -herum stehen die Hickory- und Pfirsichbäume, und der -wilde Wein, den ich an die letzteren angepflanzt habe, -hat sie dicht und undurchsichtig gemacht.«</p> - -<p>»Ich will Euch etwas sagen,« meinte Jenkins, der -den Platz da drüben genau kannte, weil er selber -früher dort viel jagte – »Ihr kennt doch die künstliche -Salzlecke gleich im Rohr drin, Boyles, die ich -selber einmal angelegt?«</p> - -<p>»Gewiß – sie liegt ja keine zweihundert Schritt -von meiner Fenz, und es führt sogar ein kleiner Pfad -hin, den sich die Kühe gemacht.«</p> - -<p>»Dieselbe,« sagte der junge Mann, »gleich daran, -wenn man von Eurem Hause hinüber geht, ist doch -die kleine runde Waldblöße, die genau so aussieht, als -ob Menschen selber dort Bäume und Büsche sorgfältig -ausgerodet hätten, denn nicht einmal ein Strauch -wächst darauf, nur hohes Gras und ein paar Grün-Dornen.«</p> - -<p>»Ganz recht, aber was damit?«</p> - -<p>»Habt Ihr Niemanden mehr im Haus drüben?«</p> - -<p>»Keine Seele – der Platz ist jetzt vollkommen -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -verlassen, denn <em class="ge">ich</em> konnte ihn allein nicht schützen, -und wenn sie mir ihn abbrennen, so muß ich's eben -ertragen.«</p> - -<p>»Habt Ihr Courage, Boyles?«</p> - -<p>»Gegen einen offenen Feind, ja,« sagte der Mann, -»aber nicht gegen diese Halunken. Denkt nur daran, -wie heimtückisch sie Euren eigenen Vater erschossen -haben.«</p> - -<p>»Ihr würdet nicht wieder hinübergehen und in -dem Hause bleiben?«</p> - -<p>»Nicht für hunderttausend Dollar,« erwiederte -Jener bestimmt, »denn ich weiß, daß sie mir nie etwas -nützen könnten. O dieser unselige Krieg. Was für -Elend hat der schon über das Land gebracht.«</p> - -<p>»Wenn Ihr nur anfangt es einzusehen,« sagte -Jenkins düster – »aber was geschehen, läßt sich eben -nicht mehr ändern – es muß ertragen werden und -nur das bleibt übrig, diese Schurken, die weder Freund -noch Feind angehören, wo wir sie fassen können zu -züchtigen, und darin können wir uns getrost die Hand -bieten. Wo ist mein Bruder Bill, Klingelhöffer? -war er nicht vorhin hier?«</p> - -<p>»Er wird drüben in der Corncrib mit den Mädchen -sein,« antwortete der Deutsche – »ich hörte, daß sie -vorhin davon sprachen. Was soll er?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -»Wir müssen Jemanden im Hause drüben haben,« -sagte der junge Mann finster und entschlossen – -»Laßt mich nur machen – ich glaube, ich habe den -richtigen Plan – jedenfalls ist es ein Versuch; Bill -aber, so klein er sein mag, ist ein ganz gescheuter und -durchtriebener Bursche, der seine Sache schon geschickt -machen wird.«</p> - -<p>»Ihr wollt doch, um Gottes Willen, den Knaben -nicht drüben allein lassen, wenn die Jayhawker das -Haus überfallen?« rief Boyles erschreckt.</p> - -<p>»Allerdings will ich das, aber sorgt Euch nicht -deshalb. Bill und ich werden das schon in Ordnung -bringen. Ueberlaßt das mir. Ich habe <em class="ge">mein</em> Leben -eingesetzt, des Vaters niederträchtigen Mord zu -rächen, der Knabe setzt das seine mit Freuden dafür -ein, deß seid versichert – laßt mich nur mit ihm -sprechen. – Noch eins, Boyles – habt Ihr Kienholz -drüben an Eurem Haus?«</p> - -<p>»Nein – was wollt Ihr damit? Kienholz wächst -ja nicht drüben im Bottom.«</p> - -<p>»Hier liegt genug,« sagte Klingelhöffer – »was -wollt Ihr damit?«</p> - -<p>»Ich erkläre Euch Alles nachher, vorher aber -muß ich mit Bill sprechen,« und ohne den Männern -weiter zu antworten, ging Jenkins hinaus, um den -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Bruder aufzusuchen und die nöthige Abrede mit -ihm zu nehmen.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Sechstes Kapitel.</span></span><br /> - -Der Hinterhalt.</h3> - - -<p>Bill Jenkins war noch fast ein Kind, aber Kinder -in jenen wilden Wäldern aufgezogen, wo sie schon -täglich nicht selten sechs oder acht Miles allein durch -den Wald reiten müssen, um nur zum Schulhaus zu -gelangen, sind nicht mehr das, was sie, in unseren -Verhältnissen aufgewachsen, sein würden. Der kleine -Bill, der kaum eine Büchse tragen konnte, war schon -ein ganz vortrefflicher Schütze, und wenn er auch -eine Holzgabel mit in den Wald nehmen mußte, um -die Waffe beim Schießen aufzulegen, so hatte er doch -in seinem neunten Jahr schon ganz allein einen großen -Panther im Wald erlegt und sogar einmal einen -Bären so verwundet, daß ihn sein Vater nachher mit -den Hunden einholen und erlegen konnte. Es mag -sein, daß er sich der Gefahr, die er dabei lief, nicht -recht bewußt gewesen, aber er würde sie auch trotzdem -nicht geachtet haben, und auch jetzt ging er mit Freuden -und vollem Eifer auf des Bruders Plan ein, ja jubelte -laut auf, als er erfuhr, daß er selber etwas mit -dazu beitragen solle und könne, den verruchten Mördern -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -ihre That heimzuzahlen. Es bedurfte auch keiner -langen Erklärung, denn er begriff im Augenblick, was -man von ihm verlange und brannte jetzt selber vor -Begier, den an seinem Vater verübten Mord gerächt -zu sehen.</p> - -<p>So lange es Tag war, durften sich aber die -Männer – denn die von Perryville herübergekommenen -erboten sich augenblicklich Theil an dem Unternehmen -zu haben, da sie selber ja ebenso durch die -immer mehr wachsende Bande bedroht blieben – -nicht über den Strom einschiffen, da man nicht wissen -konnte, ob die Jayhawker nicht etwa das Ufer überwachen -ließen. Mit einbrechender Dunkelheit waren -sie aber fertig gerüstet, und da der Mond etwa um -sieben Uhr aufging, behielten sie auch reichlich genug Zeit, -um ihren Versteck zu erreichen. Klingelhöffer, der -sie nicht selber begleiten konnte, da ihn sein Kreuz -immer noch plagte, und der auch sein Haus, bei solcher -Nachbarschaft, nicht ganz ohne Schutz lassen wollte, -drang ihnen aber noch, ehe sie gingen, Lebensmittel -auf, die sie allerdings anfangs nicht mitnehmen -wollten; er hatte aber ganz Recht, wenn er sagte, -sie wüßten gar nicht, wann die Schurken kämen, und -ob sie nicht vielleicht vierundzwanzig Stunden in -ihrem Versteck liegen müßten, und wenn sie dann genöthigt -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -wurden, nach Eßwaaren auszuschicken, konnten -sie Alles verderben.</p> - -<p>Das Skiff mußte zwei Mal gehen, um Alle hinüberzubringen, -und das zweite Mal fuhr die jüngste -Tochter vom Haus mit, um es zurückzunehmen, damit -es die Jayhawker nicht vielleicht zufällig fänden. Sie -betraten auch die Lichtung gar nicht, auf welcher die -Häuser standen, sondern schritten, von Jenkins geführt, -quer und so geräuschlos als möglich durch den Wald, -bis sie den besprochenen Platz, am Rand eines dichten -Schilfbruchs erreichten, und nun hier im Stockfinsteren -allerdings nichts thun konnten, als den Aufgang -des Mondes abzuwarten.</p> - -<p>Der kam aber bald, und Jenkins, der indessen schon -den Uebrigen seinen ganzen Plan mitgetheilt hatte, -ging jetzt mit ihnen scharf an die Arbeit, um die wenigen, -aber doch nöthigen Vorbereitungen zu treffen.</p> - -<p>Eine Schaufel hatten sie mitgebracht, mit dieser -wurde ein wenig Erde an einer von ihm bestimmten -Stelle ausgeworfen, daß es beim ersten Anblick so -aussah, als ob hier vor kurzer Zeit der Boden umgegraben -und nicht wieder ordentlich zusammengescharrt -wäre. Dann wurden einige, dort im Ueberfluß herumliegende -Aeste darüber geworfen, daß sie den Platz -scheinbar verdeckten, und jetzt suchten sich die Männer -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -auf der gegenüber liegenden Seite ihre Stellen, von -denen aus sie den Plan, ohne selber gesehen zu werden, -überschießen konnten.</p> - -<p>Die Ortslage selber war wie für einen solchen -Hinterhalt gemacht, denn gerade dort vorüber zog sich -eine, selbst jetzt noch trockene, oder wenigstens nur mit -etwas Regenwasser seicht gefüllte Slew, die erst dann -gefüllt wurde, wenn der Arkansas seinen höchsten -Stand erreichte und seine Wasser durch diese Einläufe -in den Sumpf hineinsandte. Jetzt konnte man sie -leicht durchwaten, dahinter aber hatte der mit eingewaschene -Sand eine wohl sechs bis acht Fuß hohe und -ziemlich steile, wenigstens völlig kahle Wand angespült, -von der gedeckt sich wohl funfzig Menschen hätten -sicher verbergen können. Wer wenigstens von der -Richtung des Hauses herüber kam, konnte sie unmöglich -bemerken. Nur im Rücken konnten sie angegriffen -werden, und um sich auch dagegen vollständig -zu decken, wurde Einer der jungen Leute aus Perryville -in den Wald hineinpostirt, damit sie selber jedenfalls -sicher vor einem Ueberfall blieben.</p> - -<p>Uebrigens lagen sie immer zwei und zwei beisammen, -so daß Einer wenigstens, wenn sie die ganze -Nacht dort wachen mußten, schlafen konnte, um dann -seinen Nachbar abzulösen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Bill indessen, der kleine Bursch, hatte die Männer -bis zu ihrem beabsichtigten Versteck begleitet, damit -er selber das Terrain selber genau kennen lernte, und -erst als sie die Arbeit beendet hatten und er nun genau -wußte, wie Alles stand, schulterte er seinen Sack -mit Kienholz, das er brauchte, wenn sie in der Nacht -ankamen, nahm einige Lebensmittel und schritt <em class="ge">neben</em> -dem Pfad – um keine Spuren zurückzulassen, dem -gar nicht fernen Hause zu. Er fürchtete sich auch -nicht im Mindesten; was wissen amerikanische Kinder -überhaupt von Furcht, denn Gespenstergeschichten, mit -denen Kinder bei uns von ihren Ammen oder Wartefrauen -groß gezogen werden, kannte er gar nicht, und -böse Menschen? ei auf die wartete er gerade, und je -eher sie kamen, desto besser. Er lief auch in der That -keine andere Gefahr, als daß die Räuber vielleicht, -gleich bei dem ersten Anprall in das Haus hineingeschossen -hätten. Aber das geschah schwerlich, denn -wer schießt gern seine Büchse, ohne ein bestimmtes -Ziel zu haben, ab, und den kleinen Burschen, der noch -jünger aussah, als er wirklich war, würden sie schwerlich -geschädigt haben.</p> - -<p>Als Bill den Platz erreichte, zündete er vor allen -Dingen ein tüchtiges Feuer im Kamin an. Es war -ziemlich frisch die Nacht, und er mußte auch Licht -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -haben. Nachdem das geschehen und er ein Stück -Kienholz auf das Feuer geworfen, schüttete er die -übrigen Kienreste hinter dem Haus auf den Holzplatz -und ließ nur noch etwas neben dem Kamin liegen. -Hiernach legte er sein mitgebrachtes Essen in den -Fliegenschrank, in dem er aber noch ein Stück Maisbrod -und etwas kalten Speck fand. Hierauf untersuchte -er die in der Ecke stehende große Kaffeekanne, -und richtig, sie war noch fast halb gefüllt – der kleine -Bursch lachte still vor sich hin, denn er konnte nun -bald einen Becher heißen Kaffee's bekommen, und -damit ließ sich dann schon eine Nachtwache halten.</p> - -<p>Aber sollte er überhaupt wachen? nein. Blieb -er am Feuer sitzen, so konnte doch am Ende Einer -von den schlechten Menschen, und wenn auch nur aus -nutzloser Bosheit, auf ihn schießen. Legte er sich aber -in eine Ecke und drangen sie dann in das Haus ein -und fanden nur den Knaben vor, so hatte er kaum -etwas für sich zu fürchten, und das Weitere? Des -Knaben Augen blitzten, als er sich sein Begegnen mit -den Jay-hawkern ausmalte, aber er biß die Zähne -auf einander, denn die Thränen traten ihm in die -Augen, wenn er an den Vater dachte, und er wollte -jetzt nicht weinen. – Er mußte eine Beschäftigung -haben, den Kaffeetopf setzte er deshalb auf's Feuer -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -und holte sich dann sein Abendbrod herzu, das er -verzehrte und sich einen Becher Kaffee dazu ausschenkte.</p> - -<p>In der Ecke stand ein großes, bequemes, mit -einem Mosquitonetz überzogenes Bett, aber in das -wagte er nicht sich hineinzulegen. Es sah so vornehm -und sauber aus und er war nicht daran gewöhnt. -Er nahm sich deshalb nur eine der wollenen Decken -herunter, schob sich ein paar am Kamin liegende Säcke -für ein Kopfkissen zurecht, wickelte sich dann in die -Decke und legte sich ruhig und unbesorgt in die eine -Ecke, wo ihm der Feuerschein nicht auf die Augen -fallen konnte, und sich seine ganze Gestalt in der That -in Schatten befand, nieder.</p> - -<p>Er wollte aber gewiß nicht schlafen, sondern wachbleiben -und aushorchen, wenn er die Leute könne kommen -hören; aber der Knabe hatte sich da wohl zu viel -zugetraut. Eine Weile ja, blieb er munter und beobachtete -an der Wand die wunderlichen Schatten, -die der unstete Schein des Feuers durch einen Stuhl -und sein darüber gelegtes Röckchen warf. Wie aber -das Feuer mehr und mehr niederbrannte und das -Licht matter und ungewisser wurde, schienen auch ihm -die Augenlider schwerer und schwerer zu werden. -Ein paar Mal raffte er sich wohl noch gewaltsam -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -auf; er wollte nicht schlafen, ja das half aber Nichts -– der Sandmann kam doch und streute seine Mohnkörner -über ihn. Er träumte schon, als er noch -glaubte, daß er vollkommen wach wäre, und nur wenige -Minuten später, so schlief er sanft und süß – -und schlief fort bis zum anderen Morgen und bis -die Sonne ihm durch ein kleines über der Thür angebrachtes -Fenster gerade in die Augen schien.</p> - -<p>Erschreckt fuhr er von seinem Lager empor. – -Wo war er denn eigentlich? Er konnte sich im ersten -Moment gar nicht gleich darauf besinnen. Wie ihm -aber der Gedanke kam, weshalb er hier übernachtete, -schoß es ihm auch wie ein eisiges Gefühl durch's Herz – -das Gefühl der Gefahr, in der er sich noch immer -hier befand, während die Abends stets viel stärkere -Aufregung geschwunden war, und sich das kleine Kinderherz -doch jetzt mit Sorge und wohl auch mit etwas -Furcht erfüllte.</p> - -<p>Wer von uns Allen hat nicht schon ein ähnliches -Gefühl erlebt, wenn ihm der Morgen mit seiner nüchternen -Wirklichkeit irgend eine Sorge oder Angst und -sei sie noch so gering gewesen, vor die Seele brachte, -und ein ganz eigenes erkältendes Gefühl durch die -Nerven zuckte. War es ein Wunder, daß es auch das -Kind beschlich, das sich hier allein auf der Farm, ja -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -in der Absicht da befand, einer Bande von Räubern -die Stirn zu zeigen, die ihm den eigenen Vater gemordet -hatten und Blut und Verzweiflung in manche -stille Hütte getragen? Aber diese Schwäche dauerte -trotzdem nicht lange. – »Wenn sie nur kämen,« zischte -er, seiner eigenen Angst trotzend, zwischen den zusammengebissenen -Zähnen durch, und verrichtete dann -ruhig seine gewohnte Arbeit. Zuerst wusch er sich, -dann setzte er sich seinen Kaffee wieder auf das indessen -zusammengeschürte Feuer und war damit so -eifrig beschäftigt, daß er gar nicht weiter auf das -achtete, was um ihn her vorging. Er hielt gerade -das Schüreisen in der Hand, um die noch von gestern -Abend her übrig gebliebenen Kohlen ein wenig zusammenzuschüren, -als er plötzlich so zusammenschrak, daß -ihm das Eisen aus der Hand und klirrend auf die -Heerdsteine fiel, denn eine rauhe Stimme in der Thür -selbst sagte:</p> - -<p>»Hallo mein junger Bursch! so allein hier im -Haus? Ist denn das ganze Nest ausgeflogen, und -hältst Du Haus allein?«</p> - -<p>Bill war todtenblaß geworden – er zitterte an -allen Gliedern, aber es war keine Furcht mehr, die -des Knaben Herz im entscheidenden Augenblick beschlich, -wenn sich auch zuerst wohl ein scheuer Schreck -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -mit dem Gefühl mischte. Es war das Bewußtsein, -daß die Entscheidung gekommen; die Fremden aber -nahmen es selbstverständlich für die natürliche Furcht -des Kindes und achteten nicht weiter darauf, ja suchten -den Knaben eher zu beruhigen, damit er ihnen Rede -und Antwort stände.</p> - -<p>»Na fürchte Dich nicht,« fuhr der Mann fort, der -ihn zuerst angeredet hatte und in dem Bill jetzt augenblicklich -den Schurken Hendricks erkannte. »Wir -wollen Dir ja Nichts thun, sondern uns nur nach -Mr. Boyles erkundigen. Hat er sich versteckt? – Ist -es Dein Vater, mein Junge?«</p> - -<p>»Nein,« sagte Bill, der nicht gleich wußte, wie er -auf die Frage antworten sollte – aber es war gut -gewesen, daß er sie verneint hatte, denn ein Anderer -antwortete für ihn.</p> - -<p>»Ist denn der nicht ein Junge von Jenkins über -dem Fluß drüben?« rief der, und als Bill zu ihm -aufsah, erkannte er Auburn's Neger, der manchmal -drüben bei ihnen gewesen war, um nach Vieh zu sehen, -das Auburn auch auf jener Seite laufen hatte.</p> - -<p>»Gewiß bin ich's,« sagte Bill, der in dem Augenblick -blutroth wurde.</p> - -<p>»Und was machst Du hier drüben, mein Bursch?« -frug Hendricks, der ihn jetzt ebenfalls erkannte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -Bill war durch seinen Bruder auf diese mögliche -Frage vorbereitet worden, und antwortete wohl scheu, -aber doch bestimmt: »Den Vater haben böse Menschen -todtgeschossen, Schwester und Mutter sind fortgegangen -nach Perryville und da hat mich Mr. Boyles seit etwa -acht Tagen zu sich genommen, bis die Jayhawker aus -der <i>range</i> vertrieben sind.«</p> - -<p>»So?« lachte Hendricks – »also in Perryville ist -Deine Schwester?«</p> - -<p>»Ja, aber mit dem ersten Soldatenzug, der wieder -die Straße herabkommt, geht sie nach Little Rock.«</p> - -<p>»Aha! sehr vorsichtig,« nickte der Bursche – »nun -vielleicht können <em class="ge">wir</em> ihr in diesen Tagen sicheres Geleit -geben, damit sie von den Jay-hawkern nichts zu -fürchten hat. Bei wem ist sie im Haus?«</p> - -<p>»Bei Thomsons,« sagte Bill, auf gut Glück einen -der dortigen Namen nennend.</p> - -<p>»Ach, laßt die Dummheiten,« unterbrach ihn aber -einer der Uebrigen, und es waren indessen etwa fünf -Mann ins Haus getreten. »Da haben wir doch jetzt -Wichtigeres zu thun, als solche Faxen. Wo steckt -Boyles?«</p> - -<p>»Er ist auch gestern Abend über den Fluß gefahren -und nach Perryville gegangen.«</p> - -<p>»So? und was will er da, mein Herz?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -»Er will Hülfe haben, daß ihn böse Menschen nicht -auch umbringen und ausplündern können.«</p> - -<p>»Ei, sieh mal an,« lachte Hendricks, »ja, den Weg -hätten wir ihm ersparen können. Wir sind selber -hierher gekommen, um bei ihm zu bleiben, denn die -Jay-hawker treiben sich wirklich in der Nachbarschaft -herum. Aber bist Du hier ganz allein auf der Farm -oder wer ist sonst noch bei Dir?«</p> - -<p>»Ich bin ganz allein hier,« sagte der Knabe, »denn -die Frauen sind auch den Fluß hinab in die Ansiedlung -gegangen, weil sie sich fürchten hier zu bleiben.«</p> - -<p>»Hm – fürchten, wovor, wenn <em class="ge">wir</em> da sind,« -lachte Hendricks – »Aber Boyles hat auch wohl Ursache, -die bösen Menschen zu scheuen, denn, wie ich -gehört, soll er viel baares Geld mit von Missouri -herunter gebracht haben. Ist das wahr?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht,« sagte der Knabe scheu.</p> - -<p>»Wie lange bist Du bei ihm?«</p> - -<p>»Etwa acht Tage.«</p> - -<p>»Aber seit der Zeit ist er doch erst zurückgekommen -und hat denn doch sicher zu Haus davon gesprochen. -– Wie?«</p> - -<p>»Ja – das wohl,« flüsterte Bill.</p> - -<p>»Nun siehst Du wohl, mein kleiner Bursch,« -meinte Hendricks, indem er einen Blick mit den Gefährten -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -wechselte, »er hat es doch sicher und gut aufgehoben, -damit es die Räuber nicht gleich finden -können.«</p> - -<p>Bill nickte nur, denn er wagte gar nicht, den -Mörder seines Vaters anzusehen.</p> - -<p>»Nun das dacht' ich mir,« lächelte Hendricks, -»gewiß hier unter der Diele.«</p> - -<p>Bill schüttelte mit dem Kopf.</p> - -<p>»Oder oben unter dem Dach?«</p> - -<p>Bill schüttelte wieder.</p> - -<p>»Was? auch nicht? ja dann werden es die Jay-hawker -gewiß finden, denn die sind in so etwas schlau.«</p> - -<p>»Nein, die finden es nicht,« sagte aber Bill bestimmt, -»denn er hat es draußen im Wald vergraben -und sie wissen den Platz nicht.«</p> - -<p>»In der That? – aber Du weißt ihn, wie?«</p> - -<p>Bill schwieg und sah vor sich nieder.</p> - -<p>»Nun mein Junge, kannst Du nicht antworten?« -rief der andere Bursche rauh, denn das Verhör -dauerte ihm zu lang.</p> - -<p>»Laß doch nur,« rief aber Hendricks, indem er dem -Gefährten hinter des Knaben Rücken zuwinkte – »wir -haben ja Zeit, denn wir bleiben ja doch hier, bis Mr. -Boyles mit seinen Leuten von Perryville zurückkommt. -Nicht wahr <em class="ge">Du</em> weißt, wo er das Geld vergraben hat?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Bill nickte jetzt leise mit dem Kopfe, antwortete -aber noch immer nicht weiter.</p> - -<p>»So?« sagte Hendricks – »nun das ist gut, dann -wollen wir auch schon dafür sorgen, daß ihm die Jay-hawker -nicht zu nahe kommen. Wo ist denn der Platz?«</p> - -<p>»Ich darf's nicht sagen,« erwiederte aber Bill jetzt. -»Mr. Boyles hat es mir streng verboten.«</p> - -<p>»Ja, keinen <em class="ge">fremden</em> Leuten,« lachte Hendricks, -»aber <em class="ge">uns</em> schon, wir wollen ihm ja gegen die Andern -helfen – also wo ist der Platz, weit von hier, -oder im Garten drüben?«</p> - -<p>»Ich darf's nicht sagen, oder Mr. Boyles schlägt -mich,« erwiderte der Knabe, und warf einen scheuen -Blick nach dem Frager hinauf.</p> - -<p>»Ach was! wir vertrödeln hier die Zeit in höchst -alberner Weise,« rief aber jetzt der Andere, der ebenfalls -ein Führer zu sein schien und einen großen -schwarzen Bart trug. Er faßte dabei den Knaben fest -am Arm. »Komm her mein Bursch und sei vernünftig -– Mr. Boyles giebt Dir vielleicht eine Tracht -Schläge, wenn er zurückkommt, das ist möglich, aber -mit uns bist Du noch viel schlimmer d'ran, denn wenn -Du uns jetzt die Stelle nicht zeigst, wo das Geld eingesscharrt -ist, so binde <em class="ge">ich</em> Dich da draußen an den nächsten -Pfirsichbaum und prügele Dich so lange, bis Dir das -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -Fleisch in Fetzen vom Rücken herunter hängt – hast -Du mich verstanden?«</p> - -<p>Hendricks schüttelte unwillig den Kopf, denn dadurch -machten sie jedenfalls mehr als nöthigen Lärm -auf der Farm. Bill aber klagte:</p> - -<p>»Aber ich <em class="ge">darf's</em> ja nicht sagen, Mr. Boyles hat -es mir so streng verboten.«</p> - -<p>»Sip!« rief der mit dem Bart da dem Neger zu. -»Spring einmal hinaus und schneid' mir ein paar -tüchtige Stöcke ab, aber derbe, verstehst Du? Der -kleine Bursch scheint hier hartnäckiger Art zu sein und -da wollen wir doch einmal sehen, ob wir ihm den -Trotzkopf brechen können!«</p> - -<p>Sip blieb nicht lange aus und Bill suchte sich indessen -von der Hand des Mannes loszumachen, was -aber freilich einem Stärkeren schwer geworden wäre. -Der Mann lachte auch nur zu dem Versuch und suchte -dabei in seiner Tasche nach einem Stück Seil, um die -Hände des Knaben zusammenzuschnüren, so daß dieser -endlich wie in Todesangst ausrief:</p> - -<p>»Ach schlagt mich nur nicht, schlagt mich nur nicht; -ich will Euch ja auch gern zu dem Platz führen, aber -Ihr dürft Mr. Boyles nicht sagen, daß ich es gethan -habe, oder er jagte mich sonst gleich wieder aus dem -Hause«.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -»Aha,« lachte der Jayhawker – »nun denn heraus -mit der Sprache, wo ist es? weit von hier? im -Garten vielleicht?«</p> - -<p>»Nein – ein Stück im Wald drin,« antwortete -der Knabe, während der wilde Bursch den ihm von -dem Neger gebrachten Stock in die Luft probirte.</p> - -<p>»Wo hinaus?«</p> - -<p>»Gleich dort drüben. Es führt ein schmaler -Pfad nicht weit davon vorbei.«</p> - -<p>»Kannst Du ihn auffinden?«</p> - -<p>»Ich – weiß es nicht – ich glaube ja.«</p> - -<p>»Wie lange haben wir zu gehen?«</p> - -<p>»Oh, gar nicht lange – noch an dieser Seite vom -Schilfbruch ist's.«</p> - -<p>»Nun also denn vorwärts,« rief der Bärtige, der -jetzt den Oberbefehl über die Bande zu haben schien -– »und glaub' nicht etwa, mein Junge, daß Du uns -im Wald davon huschen kannst. Wie Du nur Miene -machst fortzulaufen, drehe ich dir den Hals um, darauf -kannst Du Dich verlassen.«</p> - -<p>»Ich kann ja nicht fortlaufen,« klagte Bill, »ich -habe ja ein lahmes Bein.«</p> - -<p>»Desto besser für dich,« nickte der Schwarze »denn -das hält Dir den Hals gerade – aber nun vorwärts. -– Nein, mein Junge, nicht losmachen, ich behalte -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -Dich an der Hand, denn sicher ist sicher. Komm nur -mit; es hilft Dir jetzt nichts weiter. Und die Stöcke -bring ebenfalls Sip, wenn ihn unterwegs vielleicht -sein Gedächtniß verlassen sollte.«</p> - -<p>Bill leistete keinen Widerstand weiter, denn Alles, -was er wollte, hatte er ja erreicht: Sie glaubten ihm -und waren im Begriff, ihm zu folgen, aber trotzdem -beschlich den Knaben jetzt eine und zwar nicht unbegründete -Furcht.</p> - -<p>Daß ihn die Freunde nicht mit ihren Kugeln -treffen würden, wenn sie auf die Räuber schossen, -wußte er gut genug und scheute sich wahrlich nicht -davor, aber der baumstarke Mann mit dem großen -schwarzen Bart, hielt seinen Arm wie in einem -Schraubstock und merkte er Verrath – von dem er -jetzt aber noch keine Ahnung haben konnte, so war es -sicherlich um ihn geschehen. Aber trotzdem schritt der -Knabe, der jedoch wirklich so that, als ob er nicht -rasch von der Stelle könne, neben dem Jayhawker -her. Weigern hätte ihm auch jetzt nichts mehr geholfen, -das wußte er gut genug und nur die Kugeln -der Freunde konnten ihn wieder frei machen und in -Sicherheit bringen.</p> - -<p>Der Pfad war ziemlich schmal und das kleine -Gestrüpp an beiden Seiten desselben, wie auch überall -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -in diesen Wäldern, in den letzten Jahren wild -und üppig emporgeschossen, aber verfehlen konnte Bill -seinen Weg schon deshalb nicht, weil ihn die hin- und -herwechselnden Kühe offen und betreten gehalten. -Trotzdem wurde seinen Begleitern die Zeit lang und -der Schwarze brummte.</p> - -<p>»Höre mein Bursch, wenn Du glaubst, daß Du -uns hier zum Narren haben kannst, so bist Du im -Irrthum. Soweit vom Haus hat der alte Boyles -sein Geld wahrhaftig nicht begraben. Sind wir -bald da?«</p> - -<p>»Seht Ihr den lichten Fleck da vorn?« fragte der -Knabe.</p> - -<p>»Gleich da vor uns die Oeffnung?«</p> - -<p>»Ja – dort ist's – aber Mr. Boyles wird so -böse werden.«</p> - -<p>»Sorg Dich nicht um den, mein Bursche,« lachte -der Schwarze, »denn wenn Du unter unserem Schutz -stehst, wird er wohl die Hände von Dir lassen. -Liegt denn das Geld so dicht am Pfad?«</p> - -<p>»Nur ein klein Stückchen rechts davon, – er hat -abgebrochenes Holz darüber gezogen, damit es Niemand -finden kann.«</p> - -<p>»Gescheut gemacht, alter Gesell,« lachte der mit -dem Bart – »Boyles ist von jeher ein grundpfiffiger -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -Kerl gewesen – und nun mein kleiner Bursch, da -sind wir an der Stelle. Wo ist jetzt der Platz?«</p> - -<p>»Gleich da drüben, seht Ihr unter dem Baumwollenholzstumpf, -den der Blitz abgeschlagen hat.«</p> - -<p>Der Jay-hawker blieb stehen und zwang dadurch -auch die Anderen, zu halten. Wie das Wild, ehe es -eine größere Waldblöße erreicht, stehen bleibt und -umhersichert, ob ihm auch von keiner Seite Gefahr -droht, so blieb der den Gesetzen verfallene Mörder -ebenfalls halten und überflog rasch mit seinem Blick -die angrenzenden Büsche. – Aber selbst sein scharfes -Auge konnte nichts Verdächtiges bemerkt haben, doch -Bills kleines Herz klopfte ihm wie ein Hammer in -der Brust. Der Moment war gekommen, und obgleich -er selber den Versteck der Freunde kannte, war -er nicht im Stande, auch nur das Geringste von ihnen -zu bemerken. Hatte ihnen die Zeit zu lange gewährt -und die Schaar den Platz verlassen? – was -dann?</p> - -<p>Der Führer schien sich aber überzeugt zu haben, -daß ihnen hier keine Gefahr drohe. Nur um ganz -sicher zu sein, wandte er sich zu dem Neger und sagte -zu diesem:</p> - -<p>»Du, Sip – steig einmal da drüben die Bank -hinauf – wenn Du Dir auch die bloßen Beine ein -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -wenig naß machst, und spür' einmal den Platz ab. -Sowie Du etwas Verdächtiges merkst, kommst Du -zurück – und nun vorwärts, Ihr Burschen. Habt -Ihr die Hacken mitgenommen? Das ist Recht. Das -sieht mir selber so aus, als ob dort die Erde frisch -umgewühlt wäre. Vorwärts, in einer Viertelstunde -müssen wir mit der Sache zu Ende sein.«</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Siebentes Kapitel.</span></span><br /> - -Der Hinterhalt.</h3> - - -<p>Die jungen Backwoodsmen vom Fourche la Fave -hatten indessen den Abend hinter ihrer Sandbank -ziemlich ruhig verbracht, denn sie glaubten selber nicht, -daß die Jay-hawker zu dieser Zeit einen Ueberfall -unternehmen würden. Es war das wenigstens bis -jetzt noch nicht ein einziges Mal geschehen. Am liebsten -kamen sie in früher Morgenstunde, ja meistens mit -anbrechendem Tag, bis zu welcher Zeit auch sämmtliche -Indianerstämme ihre Angriffe aufschieben, weil -sie den Feind dann selten oder nie gerüstet finden.</p> - -<p>Allerdings hielten die Freunde abwechselnd ihre -Wacht und beobachteten dabei ein vorsichtiges aber -auch nothwendiges Stillschweigen. Schon der Klang -einer Menschenstimme hier im Wald, würde einem -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -herumschleichenden Feind den ganzen Plan verrathen -haben, aber an wen es gerade war, sich zum Schlafen -nieder zu legen, der that das in voller Ruhe und in -einem Gefühl von Sicherheit, das jedoch rasch schwand, -als der Whip-poor-Will Morgens seinen ersten Laut -hören ließ, und damit den nahenden Tag verkündete.</p> - -<p>Jetzt wurden Alle geweckt und lautlos, ihre Büchsen -im Arm, horchten sie der Richtung zu, in welcher das -Haus lag, ob sie nicht den wilden Schrei von dort -herüber hören konnten, mit dem sich die Jay-hawker -schon verschiedene Male bei ihren Opfern eingeführt -– aber es blieb Alles still. Der Tag dämmerte, die -Sonne ging auf und stieg höher und höher, ja stand -schon über den Baumwipfeln, und noch immer regte -sich Nichts nach jener Richtung zu im Wald, und nur -ein paar Spechte hämmerten ununterbrochen an einem -alten Stamm herum und stießen manchmal dazu ihr -heiseres Gekreisch aus.</p> - -<p>Hatten die Jay-hawker ihren Angriff auf Boyles' -Haus aufgegeben und waren am Ende doch mit einem -vielleicht irgendwo sonst aufgefundenen Canoe nach -der anderen Seite zurückgekehrt? Sie hätten jetzt -selbst Perryville vollkommen schutzlos gefunden und -dort nach Belieben wirthschaften können.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Halt! das klang wie eine menschliche Stimme – -wenn sie jetzt kamen. Den jungen Leuten schlug das -Herz, als ob sie sich hätten an einen Bären anpirschen -wollen. Sie Alle waren aber auch Jäger genug, um -zu wissen, daß sie sich vollständig decken mußten, wenn -sie den schlauen Feind überlisten wollten. Das -Blitzen der Sonne auf einem Büchsenlauf, die runden -dunkeln Umrisse eines Kopfes nur auf dem hellen -Sand konnten sie schon verrathen, und nicht allein, -daß ihre ganze Arbeit dann umsonst gewesen wäre, -nein, sie gefährdeten in dem Fall auch auf das Ernstlichste -das Leben des Knaben, denn welche Gewissensbisse -hätten sich jene Burschen gemacht im ersten Moment -und in Wuth und Rache selbst das Leben eines -Kindes zu nehmen.</p> - -<p>Jim Jenkins hatte dafür auch schon vorher seine -Ordre gegeben. Alle mußten sich vollkommen hinter -dem Sandrücken verborgen halten, und er selber -häufte, eben mit den Augen über dem Rand, für -seinen Kopf eine Parthie Reiser und Ranken so auf, -daß sie ihm einen Blick hinausließen, aber ihn auch -sonst vollständig verdeckten. Erst wenn die Freunde -sahen, daß er sich selber schußfertig machte, sollten -sie das Nämliche thun, die Büchsen dann hinausschieben -und rasch, aber sicher zielen und abdrücken -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -– um Gottes Willen keinen Schuß nutzlos vergeuden.</p> - -<p>Jetzt konnte Jim die dunklen Gestalten der Jay-hawker -schon deutlich im Wald erkennen. Sie kamen näher -und näher und das Blut stockte ihm fast, als er sah, -daß der Erste den Arm seines Bruders fest in der -Faust hielt, und der Kleine dadurch nicht einmal frei -war, sich, der Verabredung nach, gleich bei dem ersten -Schuß in das Dickicht zu werfen – aber jetzt blieb -keine Zeit mehr zum Besinnen – wo war Hendricks? -Jim's Blick suchte ihn, aber er fand ihn nicht unter -den Vorderen. War er am Ende gar nicht unter der -Schaar? – Jim schrak unwillkürlich zusammen. Die -Jay-hawker hielten noch im Waldrand, so daß er bis -jetzt nur auf den Einen hätte mit Sicherheit zielen -können. Hatten sie etwa Verdacht geschöpft – aber -durch was? Jim durfte allerdings nicht einmal den -Kopf zur Seite drehen, um sich nicht durch die, selbst -unbedeutende Bewegung selber zu verrathen, und -nur den Mund öffnete er weit, so schwer kam ihm der -Athem aus der Brust.</p> - -<p>Wie still das gerade jetzt im Walde war – deutlich -konnte man das Klopfen des Spechtes, den Schrei -eines kleinen Falken hören, der mit zitterndem Flügelschlag -fast wie eine Lerche hoch in der Luft stand, -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -und über die Richtung, die er nehmen sollte, unschlüssig -zu sein schien. Kein Blatt regte sich dabei, -so still und fast schwül war die Luft. – Jetzt aber -schienen sich die Jay-hawker endlich überzeugt zu haben, -daß ihnen hier keine Gefahr drohe. Der Platz -in dem sie das vergrabene Geld vermutheten, lag -überhaupt zu nahe und die Ungeduld trieb sie die -Stelle zu untersuchen.</p> - -<p>Als ihr Führer aus dem, von Dornen eingeengten -Pfad trat, breiteten sich seine Begleiter ebenfalls auf -der Lichtung aus – Jim zählte, wenn er in dem Augenblick -überhaupt zählen konnte, etwa elf oder zwölf -Mann, aber sein Auge suchte Hendricks unter ihnen -und fand ihn, aber noch immer von den Uebrigen gedeckt. -Sollte er warten bis er vollständig vortrat -– aber der geringste Zufall konnte ihn den Räubern -verrathen – ein günstigerer Zeitpunkt kam für ihn -kaum wieder, denn der Trupp erreichte jetzt den Platz -und der Mann mit dem schwarzen Bart, der bis -dahin Bill an der Hand gehalten, ließ ihn los, um -selber einen der schweren Aeste aufzuheben.</p> - -<p>Jim winkte zurück mit der Hand, und die Büchse, -deren Hahn er schon gespannt hatte, mit beiden Händen -fassend, hob er sich etwas auf den Knieen aus seiner -gebückten Stellung empor.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Es waren acht Männer die dort im Hinterhalt -lagen – der neunte hielt noch am Holzrand Wacht, -sollte aber ebenfalls nach dem ersten Schuß herbeieilen. -– Dort drüben stand ein Trupp von wenigstens -zwölf so verzweifelten Burschen als sie vielleicht das -weite Land aufzuzeigen hatte – hätten sie alle ihre -Gewehre abgeschossen, so hatten die Feinde, mit ihren -geladenen Büchsen und Revolvern, jedenfalls die -Uebermacht. Aber wer von ihnen Allen hätte deshalb -auch nur für einen Moment den Angriff verzögern -mögen. Sie durften es auch gar nicht; der Neger -schritt gerade auf sie zu – dort waren diese, von der -Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker, von Mord -triefend und eben wieder im Begriff, einen neuen -Raub zu begehen. Ein günstigerer Zeitpunkt kam -nicht wieder, und ohne jetzt auch nur noch mit einer -Wimper zu zucken, hoben sie sich gemeinschaftlich empor -– die Büchsenläufe suchten ihr Ziel – und der -Wald wurde lebendig.</p> - -<p>Der Neger hatte, wenn auch nicht die größte, doch -die erste Ueberraschung. Ohne eine Gefahr zu ahnen, -watete er durch das seichte Wasser, dem Sandrücken -zu, hinter dem die Männer lagen. Da sah er vor sich, -wie mit <em class="ge">einem</em> Schlag, die dunklen Gestalten der -Rächer auftauchen, und ehe er selbst nur einen Warnungsschrei -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -ausstoßen konnte, traf ihn die erste Kugel -in die Brust.</p> - -<p>Aber fast in demselben Moment auch fielen die anderen -Schüsse – wenigstens unmittelbar nacheinander, -und jetzt waren die Schützen selber auch nicht -mehr zu halten. Die Ueberraschung, der erste Schreck -der Räuber mußte benutzt werden, und wie sie nur -ihre Kugel abgesandt, sprangen sie auch auf die Sandbank -und dann wie ein Wetter gegen die Räuber an, -die in wilder Furcht gar nicht wußten, wohin sie sich -wenden sollten. – Fünf brachen wild dem nächsten -Dickicht zu, aber schon nach wenigen Schritten taumelten -Einige und hätten den Kolbenschlag nicht mehr -gebraucht, der sie – eine Leiche, zu Boden schmetterte. -Da und dort brach es noch durch die Büsche hinein -und die Verfolger griffen die erbeuteten Büchsen auf, -feuerten hinterher, und stürzten dann wieder nach, die -Kolben schwingend.</p> - -<p>Bill war der Einzige gewesen, der die Bewegung -hinter der Sandbank bemerkte, und nach ihm der -Neger – für ihn selber aber zu spät. Wie der kleine -Bursch aber die Büchsenläufe in die Höhe gehen sah, -warf er sich auch platt auf den Boden nieder und die -Uebrigen mochten glauben, daß er gestolpert wäre – -achteten wenigstens in der Erwartung des vergrabenen -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -Geldes nicht auf ihn, bis sie die zwischen sie einschlagenden -und sicher genug gezielten Kugeln inmitten -ihrer verbrecherischen Laufbahn ereilten.</p> - -<p>Nur Einer war todt auf dem Platz geblieben; der -schwarzbärtige Gesell, der Bill an der Hand geführt, -denn er hatte die Kugel in den linken Schlaf bekommen -und wohl kaum seinen Tod gefühlt. Fünf Leichen -lagen in zehn bis zwanzig Schritt von der Stelle, und -andere Verwundete hörten sie noch nach verschiedenen -Richtungen hin durch die Büsche brechen.</p> - -<p>Jim selber hatte keinen freien Schuß auf Hendricks -bekommen können, denn Einer der anderen Jay-hawker -stand vor ihm. Es blieb ihm Nichts übrig als auf -diesen zu schießen, in der Hoffnung, daß die Kugel -durchschlagen und Beide treffen möge – aber unter -den Todten fand er ihn nicht, und sein Ruf sammelte -die Freunde, daß sie sich nicht tollkühn einer unnöthigen -Gefahr aussetzten.</p> - -<p>Zuerst mußten sie ihre Büchsen wieder laden, -dann wollten sie den Wald absuchen und wer von Allen -auch nur einen Streifschuß erhalten hatte und nicht -mehr so rasch von der Stelle konnte, mußte dann sicher -in ihre Hände fallen.</p> - -<p>Kein Wort wurde dabei gesprochen – wachsam -nur flogen die Blicke umher, denn jeder Augenblick -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -konnte noch von einem der Flüchtigen eine Kugel -herübersenden, während die Hände fast mechanisch die -abgeschossenen Büchsen wieder luden. Bill selber aber -hatte sich schon eine der Büchsen vom Boden aufgesucht -– seines <em class="ge">Vaters</em> Waffe, die Einer der Räuber -damals mitgenommen. <em class="ge">Den</em> wenigstens hatte die -Vergeltung erreicht, und der kleine Bursch sah so -kaltblütig nach dem Zündhütchen, ob auch Alles in -Richtigkeit sei, als ob er schon in Gefahren grau geworden -wäre – aber die Kugeltasche fehlte noch. Der -Todte trug sie noch an seinem Leibe. Bill legte die -Büchse auf die Leiche, hob den Körper mit aller Kraft -an der rechten Seite in die Höhe, und hing sich dann -die Tasche selber um.</p> - -<p>Und jetzt begann die Verfolgung der Verbrecher, -die auch insofern ein günstiges Resultat lieferte, als -die Verfolger noch bald darauf einen Todten und zwei -schwer Verwundete antrafen, mit denen aber wenig -Umstände gemacht wurden.</p> - -<p>John Wells rief zwar, man solle sie aufhängen, -denn Erschießen sei zu gut für sie. Wenn aber auch -die Männer mit der vorgeschlagenen Todesart einverstanden -gewesen wären, hätte ihnen das doch zu viel -Zeit weggenommen. Ein paar erbarmungslose Hiebe -mit derselben Kaltblütigkeit geführt, als ob sie einen -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -angeschossenen Wolf abgefertigt hätten, beendeten die -Leiden der Verbrecher, und weiter stürmte dann die -Schaar, denn noch immer fehlte Hendricks unter den -Opfern, und Jenkins wie Wells suchten ja doch nur -den Einen vor allen Andern.</p> - -<p>Weiter – das Terrain war insofern der Verfolgung -günstig, als der Arkansas hier einen großen -Bogen machte, und während sechs von den Leuten abgeschickt -wurden quer durch, nach dem Rand des oberen -Ufers zu zu suchen, vertheilten sich die Uebrigen, Bill -seine Büchse schulternd mitten zwischen ihnen, durch -den Wald.</p> - -<p>Da wo noch Einer der Räuber durch die Gründornen -gebrochen war, fanden sie Blutspuren und -folgten nun, wie gierige Schweißhunde, der aufgefundenen -warmen Fährte. Aber der Verwundete mußte -Lebenskraft genug haben, um rascher vorwärts zu -rücken, als sie ihm folgen konnten, da sie gezwungen -waren, die oft kaum sichtbare Fährte zu halten. Sie -erreichten sogar endlich das Ufer des Arkansas, wo sie -deutlich sahen, daß der Verwundete, dessen Blut die -Uferbank färbte, den Strom betreten haben mußte. -Hatte er noch Kraft behalten, um hinüber an's andere -Ufer zu schwimmen? Die Fläche war breit und -es gehörten kräftige Arme dazu – oder war er nur -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -eine kurze Strecke stromab getrieben, um die Verfolger -von seiner Fährte zu bringen und sich dort bis einbrechende -Nacht versteckt zu halten.</p> - -<p>Beide Fälle waren möglich und zwei der jungen -Leute erboten sich augenblicklich, nach zu schwimmen -und drüben die Ufer abzusuchen, während die Andern -an dieser Seite den ganzen Flußrand abspüren sollten. -Das Letztere zeigte sich aber nicht so leicht, denn eine -Masse von unterwaschenen Bäumen waren mit ihren -Wipfeln in den Strom gestürzt; an anderen Stellen -hing das Rohr über die steile unterwaschene Bank, so -daß man sich nur mit Gefahr an den äußersten Rand -wagen und dann noch nicht einmal selbst die kleine -Stelle vollkommen genau überschauen konnte.</p> - -<p>Die Verfolger gaben sich gewiß Mühe ihr Opfer -aufzuspüren, aber vergebens. Hatte der Verwundete -im Arkansas seinen Tod gefunden? Es war möglich, -ja sogar wahrscheinlich, falls er wirklich, zur Verzweiflung -getrieben, gewagt haben sollte ihn zu kreuzen. -An <em class="ge">diesem</em> Ufer schien er sich aber nicht gehalten zu -haben und man mußte nun abwarten, welche Nachricht -die beiden Schwimmer brachten.</p> - -<p>Gegen Abend sammelten sich die Backwoodsmen -wieder auf dem Platze ihres Hinterhalts und Cook -machte den Vorschlag, die Leichen zu begraben, was -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -aber von dem Rest der Schaar fast zornig zurückgewiesen -wurde.</p> - -<p>Begraben? hatten diese Buben ein ehrliches Begräbniß -verdient? wahrlich nicht. Es gab Wölfe und -Aasgeier genug im Walde, um sie im Lauf der nächsten -Tage zu beseitigen und das Einzige, wozu sich die -Rächer verstanden, war, es den Thieren des Waldes -bequem zu machen, indem man den Leichen die Kleider -auszog, diese dann auf einen Haufen Reisig warf und -das Ganze anzündete. Dann, nachdem sie alle Waffen -und Kugeltaschen gesammelt hatten, kehrten sie nach -Boyles' Farm zurück, wo die beiden jungen Leute, die -über den Fluß geschwommen, zu ihnen trafen.</p> - -<p>Diese aber schienen sich in größter Aufregung zu -befinden und wie sie nur ans Ufer sprangen, schrieen -sie den Gefährten schon zu:</p> - -<p>»Er ist drüben, er ist entkommen, Hendricks lebt -noch!«</p> - -<p>»Und Ihr habt ihn gesehen?« rief Jenkins fast -außer sich.</p> - -<p>»So dicht wie Euch!« erwiderte der Eine, »aber was -sollten wir machen? Er hielt uns einen Revolver vor, -<em class="ge">wir</em> hatten nichts als unsere Messer, und ich begreife -eigentlich jetzt noch nicht, weshalb er uns nicht Beide -über den Haufen schoß.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -»Weil er sich fürchtete, daß sein Revolver versagte,« -knirschte John Wells zwischen den Zähnen durch. -»Teufel noch einmal, weshalb seid Ihr nicht auf ihn -gesprungen.«</p> - -<p>»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,« -knurrte der Andere. »Die Revolverpatronen kann man -ein paar Stunden in's Wasser legen und sie gehen doch -los, und der Bursche war so zur Verzweiflung getrieben, -daß er wahrhaftig wenig Umstände mit uns -gemacht haben würde.«</p> - -<p>»Und wo traft Ihr ihn?«</p> - -<p>»Keine hundert Schritt vom Ufer,« sagte der Erste -wieder. »Er schien von der Schwimmpartie erschöpft -und wir hatten ebenfalls keinen Athem mehr. Wir -fanden den Platz, wo er an's Land gestiegen war, -gleich an der Slew, die etwa eine halbe Meile über -Klingelhöffer's Platz in den Arkansas mündet. So -weit hatte ihn der Strom mit hinab genommen.«</p> - -<p>»Und weiß Klingelhöffer darum?«</p> - -<p>»Gewiß, der Alte riß augenblicklich, trotz seiner -Kreuzschmerzen, seine Büchse von der Wand und eilte -hinüber.«</p> - -<p>»Und Ihr seid ihm nicht gefolgt?«</p> - -<p>»Weil wir Euch hier erst Nachricht geben wollten. -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -Wenn wir jetzt Alle zur Verfolgung ausgehen, <em class="ge">kann</em> -er gar nicht entkommen.«</p> - -<p>»Gut denn – hinüber!« rief Jenkins rasch. »Es ist -vielleicht auch gut so, denn der Schuft hat jetzt wenigstens -noch eine Weile Todesangst auszustehen, bis wir -ihm wieder auf den Fährten sitzen. Hat Einer von -Euch ein Seil?«</p> - -<p>»Hier im Hause sind genug,« sagte Bill. »Dort in -der Ecke liegen drei oder vier Stricke.«</p> - -<p>»Gut, nehmt ein paar mit und nun vorwärts. -Unser Werk ist nur halb gethan, wenn uns Hendricks -entkommt.«</p> - -<p>Die Männer hielten sich in der That nicht auf, -und wie nur die erste Hälfte übergesetzt war, flogen sie -auch mehr als sie gingen, am Ufer hinauf, um die -Stelle zu erreichen, wo der Verbrecher zuerst gesehen -worden – umsonst. Nach etwa einer Stunde trafen -sie Klingelhöffer, der die Fährte verloren hatte, und -sie nun an dem höheren Land, das mit einzeln stehendem -Rohr und kleinem Baumwuchs bestanden war, -wieder aufzufinden suchte. Der Boden dort war aber -trocken, da das Regenwasser rasch in die Niederung -ablaufen konnte, die beiden Hunde, die er mitgenommen, -verstanden nicht auf einen Menschen zu jagen -und setzten hinter einem vor ihnen aufstehendem Hirsch -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -her, und als die Nacht einbrach, in der jede Verfolgung -nutzlos wurde, mußten sie es aufgeben und nach -Klingelhöffer's Haus zurückkehren.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Achtes Capitel.</span></span><br /> - -Die Suche.</h3> - - -<p>In den nächsten Tagen war Alles, was sich noch -von waffenfähigen Männern am Fourche-la-Fave, -wie an der anderen Seite des Stromes befand, auf -den Füßen und im Sattel, denn wie ein Lauffeuer -hatte sich das Gerücht über die Zersprengung und -fast vollständige Vernichtung der Jay-hawker-Bande -verbreitet, und Alles wollte jetzt Theil nehmen, um -die Letzten dieser gefürchteten Schaar mit einfangen -und bestrafen zu können.</p> - -<p>Der Haupttrupp nahm auch dabei Hendrick's -Fährte auf – umsonst. Die Männer auf der anderen -Seite des Arkansas trafen noch auf einen Verwundeten, -der in einen Schilfbruch gekrochen war und -sich kaum noch regen konnte. Das aber schützte ihn -nicht; er wurde hervorgezogen und an dem nächsten -Dogwood aufgehängt, während die Rächer am Fourche-la-Fave -auch keine Fußspur mehr von dem Flüchtigen -fanden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Wo er sich versteckt hatte, ließ sich kaum denken, -denn weiter geflohen konnte er unmöglich sein, oder -sie hätten ihn finden müssen; aber nach drei Tagen -vergeblicher Suche gaben sie die Sache endlich auf – -die Meisten wenigstens, die in ihre Heimath zurückkehrten, -während aber John Wells wie Jenkins einen -heiligen Schwur leisteten, nicht zu ruhen noch zu -rasten, bis sie den Mörder ihrer beiden Väter erreicht -und deren Tod an ihm gerächt hätten.</p> - -<p>Vor der Hand mußten sie allerdings nach Little -Rock zurück, aber General Steene, als er die Einzelheiten -jener Verbrecherschaar gehört, gab ihnen gern -Urlaub, mit der Bedingung freilich, die Mörder, falls -es ihnen irgend möglich sein sollte, lebendig nach -Little Rock einzuliefern. Er wolle selber sein Urtheil -fällen, und daß Hendricks bei ihm auf keine Gnade -zu hoffen hätte, darauf könnten sie sich fest verlassen.</p> - -<p>John Wells versprach das augenblicklich, als ihm -aber Jim nachher Vorwürfe darüber machte, lachte -der junge Bursche kalt und höhnisch auf und murmelte -zwischen den zusammengebissenen Zähnen:</p> - -<p>»Wenn er das aushält, was ich mit ihm anfange, -sobald er mir in die Hände läuft, und nachher wirklich -noch lebendig ist, dann werde ich ihn so an den -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -alten Herrn abliefern. Wahrscheinlich ist's freilich -nicht.«</p> - -<p>»Aber Du hast es versprochen.«</p> - -<p>»Zum Teufel auch,« rief Wells, »ich hätt' ihm -versprochen, ein Stück Mond herunter zu holen, wenn -er's verlangte, nur um loszukommen. Jetzt komm -Jim. Wenn der Schuft noch lebt, so ist ihm hier -der Boden unter den Füßen zu warm geworden; -dann aber hat er sich auch nirgends anders hingewandt, -als nach dem gesegneten Texas – und dorthin -liegt jetzt unser Ziel.«</p> - -<p>»Und die Unseren daheim?«</p> - -<p>»Mein Bruder wird so lange für sie sorgen – -er hat's fest versprochen. Deine Schwester zieht zu -meiner Mutter und Bill ebenfalls; der Junge ist ein -Prachtkerl, und lebt Hendricks noch, dann finden wir -auch seine Fährte – oh nur die Seligkeit, ihm die -Schnur um den Hals zu knüpfen – weiter verlange -ich ja nichts auf der Gotteswelt.«</p> - -<p>»Und wann brechen wir auf?«</p> - -<p>»In drei Tagen. Ich muß noch erst einmal nach -Hause, um Alles dort in Ordnung zu bringen. Hast -Du Geld, Jim?«</p> - -<p>»Keinen Dollar im Vermögen.«</p> - -<p>»Ich auch nicht, aber das schadet nichts – wohin -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -wir gehen, brauchen wir nichts, als was wir uns -leicht mit der Jagd verdienen können. Hast Du noch -einen anderen Anzug, denn in der Uniform dürfen -wir nicht reisen – Texas ist noch im Aufstand.«</p> - -<p>»Ja, mein neues Zeug, das mir Betsy erst in -dieser Woche fertig gemacht hat.«</p> - -<p>»Gut – ich will ebenfalls sehen, daß ich einen -anständigen Rock auftreibe, denn die letzte Suche hat -dem meinigen bös mitgespielt. Wollene Decken haben -wir den Jayhawkern genügend abgenommen. Was -ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?«</p> - -<p>»Meines Vaters Waffe, die Bill dem einen Todten -abgenommen. Ich habe dem Knaben die meinige -dafür gegeben.«</p> - -<p>»Alles in Ordnung denn. Am dritten Tag von -heute hol' ich Dich ab,« und sein Pferd wendend ritt -er in scharfem Trab den Strom hinauf.</p> - -<hr /> - -<p>John Wells hielt sein Wort. Zu thun gab es -jetzt auch Nichts mehr für sie am Fourche-la-Fave, -denn den Jay-hawkern war das Handwerk gelegt, -und wieder Land urbar zu machen oder zu pflanzen, -dazu hatte keiner der Leute Lust. Wußten sie denn, -für wen sie es thaten, und waren ihnen nicht jetzt -drei Jahre hinter einander die Ernten von durchstreifenden -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Soldatentrupps der einen oder anderen Partei -geplündert oder zerstört worden? Erst mußte wieder -Frieden sein, ehe sie in diesen dem Wechsel des Krieges -ausgesetzten Districten an die ruhige Beschäftigung -des Ackerbaues gehen konnten. Das Wenige, was sie -selber zum Leben brauchten, konnte jeder schon ziehen -oder durch die Jagd beibringen; jetzt hatte John Wells -kein anderes Ziel als den zehnfachen Mörder zu erreichen -und dann – ja, was er dann mit ihm thun -würde, wußte er selber noch nicht, und nur in Wuth -und Ingrimm knirschte er die Zähne zusammen, wenn -er an den Buben dachte.</p> - -<p>Texas! und war er auch wirklich nach Texas geflohen? -Konnte er sich nicht westlich zu den Indianern -gewandt haben? Wie mancher Verbrecher schon hatte -die weiten Prairien aufgesucht, um sich dem Arm der -ihn verfolgenden Gesetze zu entziehen.</p> - -<p>John hielt sein Pferd an und schien unschlüssig, -aber wie wir bei allen Menschenklassen, die den größten -Theil ihres Lebens draußen in der freien Natur verbringen, -bald mehr bald weniger immer einen gewissen -Grad von Aberglauben finden, so sagte er sich jetzt -selber: Dein erster Gedanke fiel auf Texas – Gott -selber muß es Dir eingegeben haben, denn er kann -nicht wollen, daß ein solcher Bube frei und ungestraft -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -auf seiner Erde wandelt – also nach Texas! und als -er zur verabredeten Zeit mit Jim zusammentraf, -konnte er den Moment nicht erwarten, wo er seinem -Thier erst die Sporen geben durfte.</p> - -<p>Aber Texas ist ein großes – ein ungeheuer großes -Land, und wenn sie es erreichten, nach welcher Richtung -sollten sie dann suchen? Doch die Frage fand -vielleicht schon ihre Erledigung auf dem Weg, denn -wenn sich der Flüchtige überhaupt dorthin gewandt, -so konnte er fast nur durch Arkansas die Straßen -über Washington und Fulton eingeschlagen haben. -Der folgten sie jetzt ebenfalls, um vielleicht in irgend -einer Hütte wieder auf die Spur des Verbrechers -zu kommen. Er war jedenfalls durch eine der Kugeln -getroffen worden, das bewies das Blut, das sie -in seinen Fährten gefunden, und möglich war's, daß -sie gerade dadurch leichter auf seine Spur kommen -oder ihn wohl gar erschöpft in irgend einer Cabin -fanden.</p> - -<p>Die Hoffnung sollte sich indessen nicht bewähren, -denn Kunde bekamen sie allerdings genug von verdächtigen -Individuen, die sich dort in der letzten Zeit -auf der Straße herumgetrieben, und meist alle den -Weg nach Texas eingeschlagen hatten, aber ob der -Gesuchte zwischen ihnen gewesen, wer konnte es sagen. -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -Verwundet waren ebenfalls Einige gewesen, das aber -konnte in jetziger Zeit, wo der blutige Krieg Tausende -von Opfern kostete, kaum auffallen. Es schien vielmehr -sonderbar, wenn noch ein junger Mann mit unverletzten -Gliedern in der Welt herumlief.</p> - -<p>So setzten sie ihren Weg fort, bis sie endlich den -Red-River erreichten, diesen kreuzten und dann in die -ungeheueren Wälder des weiten Landes eintauchten.</p> - -<p>Dort hörte jede Spur auf, denn dort gab es nur -einzelne, jetzt ebenfalls wüstliegende Plantagen und -das Land war so wildreich, daß sich ein einzelner -Wanderer, wenn er besonders Menschen ausweichen -wollte, recht gut verbergen und von jedem Pfad abseits -erhalten konnte – und Hendricks wußte gut genug -in der Wildniß Bescheid, um gerade einen solchen -Cours, seiner größeren Sicherheit wegen, zu verfolgen.</p> - -<p>Die Kreuz und die Quer zogen so unsere beiden -jungen Backwoodsmen durch die am wenigsten besiedelten -Theile des großen Staates, und wenn sie auch -mit Manchem zusammentrafen, der recht gut in den -Staaten einer solchen Raubbande angehört haben -könnte, den allein Gesuchten fanden sie nicht, und -konnten ihn auch von Keinem erfragen.</p> - -<p>Lange Monate hatten sie dabei dies Leben fortgeführt, -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -und sogar schon in der einen kleinen Ansiedelung, -die sie erreichten, die Nachricht erhalten, daß -der Feldherr der Secessionisten: General Lee, capitulirt -habe und der Krieg somit beendet sei, wenn sich -auch in Texas selber eine Truppenmacht der Rebellen -hielt.</p> - -<p>Sollte sich Hendricks am Ende diesen angeschlossen -haben? Es schien nicht wahrscheinlich, denn ein Meuchelmörder -sucht nicht den offenen Kampf, so lange er -aus sicherem Hinterhalt sein Opfer treffen kann. -Aber wo in aller Welt stak er dann, und vergeudeten -sie nicht hier ihre Zeit in völlig nutzlosem Umhersuchen, -während der Verbrecher vielleicht vollkommen sicher -und unbehelligt in irgend einem anderen Theil des -weiten Landes, und dann jedenfalls unter einem angenommenen -Namen saß?</p> - -<p>Jim und John lagen an einem, im Wald entzündeten -Feuer ausgestreckt. An der Gluth briet ein von -dem Ersteren erlegter Truthahn, und die beiden jungen -Leute hatten das Für und Wider ihrer langen mühseligen -Wanderung hin und her erwogen. Sie fingen -an einzusehen, daß sie auf diese Weise ihr Ziel wohl -kaum erreichen würden.</p> - -<p>»Das geht nicht länger John,« sagte Jim nach -einer langen Pause, in der er still sinnend in die -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Flamme gestarrt hatte. »Wer weiß ob der Schuft -überhaupt noch lebt, und wir ziehen hier wie die -Narren mitten im Wald herum, als ob wir weiter in -der Gottes Welt Nichts zu thun hätten, als auf die -Jagd zu gehen – und daheim liegen doch unsere -Farmen brach.«</p> - -<p>»Und hast Du etwa Lust <em class="ge">unsere</em> Jagd aufzugeben?«</p> - -<p>»Wenn ich die <em class="ge">Möglichkeit</em> eines Erfolges sähe, -bei Gott nicht, aber wir wissen nicht einmal, ob sich -Hendricks nach Texas gewandt hat, und wo ihn <em class="ge">dann</em> -suchen? Er kann eben so gut in Minnesota wie in -Florida sitzen.«</p> - -<p>»Vielleicht hast Du Recht,« nickte John, nach einer -kleinen Weile – »wir <em class="ge">könnten</em> unsere Chancen verdoppeln, -und das ist es, woran auch ich schon gedacht -habe.«</p> - -<p>»Und in welcher Art?«</p> - -<p>»Indem wir uns trennen und jeder einen anderen -District absucht.«</p> - -<p>»Und was dann, wenn ihn <em class="ge">Einer</em> findet? Haben -wir nicht Beide Antheil an der Rache?«</p> - -<p>»Das ist eben der Teufel, und wenn das nicht -wäre,« meinte John, »so hätte ich Dir den Vorschlag -schon vor vier Wochen gemacht – sobald wir uns -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -aber nach zwei Richtungen wenden, liegt doch viel eher -die Möglichkeit vor, ihn anzutreffen und sind wir ihm -nur erst einmal auf der Spur – wissen wir bestimmt, -daß er in Texas ist, dann wäre es auch nachher ein -Leichtes, ihn gemeinschaftlich wieder zu treffen.«</p> - -<p>»Und dann müßten wir ihn das erste Mal laufen -lassen,« sagte Jim mit dem Kopf schüttelnd – »Du -wärst der Letzte, der das thäte, John. Denk nur an -das Versprechen, das Du dem General in Little Rock -gegeben.«</p> - -<p>»Bah, soviel für <em class="ge">den</em>; der hatte kein Anrecht an -unserer Rache, aber Du hast es, und ich möchte es Dir -nicht verkümmern. Uebrigens braucht Hendricks, -<em class="ge">wenn</em> ihn Einer von uns aufspürt, gar nicht zu erfahren, -daß wir in der Nähe sind. Wir wollen nur -herauszubekommen suchen, <em class="ge">wo</em> er sich aufhält, und uns -dann an einem verabredeten Sammelplatz treffen.«</p> - -<p>»Das ist weitläufig,« sagte Jim, mit dem Kopf -schüttelnd, »und bekommt er nachher Wind, so sind wir -auf dem alten Fleck. Nein, Du weißt, daß uns neulich -einmal der Neger, den wir trafen, einen Mann beschrieb, -der möglicher Weise Hendricks gewesen sein -<em class="ge">kann</em>. Der soll sich aber in der Nähe einer deutschen -Colonie aufhalten. Wie wär's, wenn wir zusammen -dorthin aufbrächen und dann erst – sobald wir unseren -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -Verdacht nur in etwas bestätigt finden, getrennt -suchen.«</p> - -<p>»Es ist ein verwünscht weiter Weg.«</p> - -<p>»Aber will uns das Glück wohl, so finden wir ihn -vielleicht eben so leicht in dieser Richtung, wie in -irgend einer andern.«</p> - -<p>»Aber die Beschreibung paßte nur in etwas auf -die <em class="ge">Person</em>, sonst wären wir ja gleich auf der Spur -nachgegangen,« rief John. »Jener Bursche war der -Sohn eines Pflanzers aus Florida, dem die Unionisten -die Plantage zerstört hatten.«</p> - -<p>»Bah, Geschichten sind leicht erzählt und Hendricks -ist erfinderisch. Was sollen wir hier? <em class="ge">Hier</em> steckt er -nicht, oder wir hätten ihn längst gefunden, also weshalb -ihn nicht in einer anderen Richtung suchen.«</p> - -<p>»Gut! einverstanden,« nickte John endlich, »aber -– in der deutschen Colonie werden wir Geld brauchen -und das –«</p> - -<p>»Nicht einen Cent,« rief Jim – »denk an Klingelhöffer -– würde der Geld für ein Nachtquartier -nehmen? Sie sind alle gastfrei, und außer dem -bringen wir auch leicht ein Dutzend Hirschhäute zusammen, -wenn wir ja einmal ein paar Dollar brauchen -sollten. Vorwärts, der Wald bleibt uns immer und -giebt uns Nahrung und Quartier.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -Es wurde Nichts weiter über die Sache gesprochen. -Die Männer beendeten ihre Mahlzeit, holten dann -ihre »ausgehobbelten« (<i>to hobble a horse</i>, ein Pferd -an den Vorderbeinen fesseln) Pferde herbei, schnürten -ihre Decken zusammen und schlugen mitten durch den -Wald die etwaige Richtung ein, die sie ihrem nächsten -Ziel entgegenführen mußte.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Neuntes Kapitel.</span></span><br /> - -In der Colonie.</h3> - - -<p>Man muß den Charakter dieser zähen amerikanischen -Backwoodsmen kennen, um zu begreifen, wie -zwei junge Leute, nur mit ihren Büchsen und Pferden, -und eine wollene Decke am Sattel festgeschnallt, -Monate lang und allein das eine Ziel verfolgend, in -einem wilden Land herumziehen konnten. Es war -ihnen aber eben Nichts weiter als eine Jagd, auf der -sie früher ja auch halbe Jahre verbrachten; an Ausdauer -fehlte es ihnen wahrlich nicht dazu – an Bequemlichkeiten -waren sie nie gewöhnt gewesen – solche -ausgenommen, die ihnen die Wildniß bot, und sie betrachteten -die ganze Tour mehr als einen Streifzug, -um zugleich auch ein ihnen bisher fremdes Land kennen -zu lernen, in dem sie sich vielleicht später selber einmal -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -eine Heimath gründen konnten. Arkansas war ihnen -verleidet worden, und es giebt ja überhaupt kaum ein -rastloseres Volk in der Welt, als eben diese westlichen -Jäger, die selbst ihre Farmen verkaufen, sobald ihnen -nur halbwegs ein Gebot gethan wird, und dann mit -der größten Zufriedenheit weiter westlich in eine neue -Wildniß ziehen.</p> - -<p>So verfolgten auch unsere beiden Freunde ihren -Weg, ohne aber auch nur für einen Augenblick ihr -eigentliches und blutiges Ziel aus den Augen zu verlieren. -Ueberall in den zerstreuten Ansiedlungen oder -Städten, die sie erreichten, horchten sie umher – -überall vergebens, denn der <em class="ge">gesuchte</em> Verbrecher war -nirgends zu finden. Wohl aber hörten sie, als sie sich -jener deutschen Ansiedelung »Blumenthal« näherten, -Gerüchte von einer Räuberbande, die sich, wenn auch -nicht in unmittelbarer Nähe derselben, doch in der -Nachbarschaft in einem wilden Schilfbruch festgesetzt -haben und die Gegend unsicher machen sollte. Mancher -Reisende durch jene Strecken war verschollen, und der -Verdacht lag ziemlich nahe, daß sie eben jenen Buben -zum Opfer gefallen.</p> - -<p>Die beiden jungen Leute kamen hier in eine freundliche -und reiche Gegend – in eine Strecke, die durch -den unseligen Krieg wenig oder gar nicht berührt war, -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -und deutschen Fleiß und Arbeitssinn deßhalb so viel -deutlicher zeigen konnte.</p> - -<p>Hatten sie überhaupt schon je einmal in ihrem -Leben einen solchen Platz gesehen, wo Farm neben -Farm lag, eine Fenz in die andere griff, und die Acker -von Wurzeln und Unkraut gereinigt, ebenen Prairien -glichen, während wohnliche Häuser und große aus -Stein erbaute Scheunen Reichthum sowohl als Behaglichkeit -verriethen?</p> - -<p><em class="ge">Das</em> waren Farmen, wie sie eigentlich sein sollten, -und wie sie ähnliche auch wohl von Leuten, die aus -dem fernen Osten kamen, beschreiben hörten. Wo -aber hätten sie selber sie schon in ihrem Leben betreten? -– Am Fourche-la-Fave? – Wilder Wald -lag zwischen den einzelnen Wohnungen und selbst diese -boten wenig – keine von allen auch nur mehr als -den nothdürftigsten Schutz gegen das Wetter und die -Kälte, während sich hier sogar schon ein ihnen vollständig -fremder Luxus Bahn gebrochen und die Stuben -mit Teppichen, die Fenster mit Gardinen geschmückt -hatte.</p> - -<p>Allerdings waren sie auf ihrem letzten Zug in -Tennessee und Mississippi durch reiche Districte gezogen, -wo in Friedenszeiten die herrlichsten mit Allem -ausgestatteten Plantagen gelegen, aber wie sahen diese -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -Plätze aus, als ihr Fuß sie betrat? Die Häuser waren -verbrannt, oder lagen mit eingeschlagenen Fenstern -und Thüren verödet da. Die Fenzstangen schienen zu -Feuerholz gedient zu haben, die Felder selber, seit -Jahren nicht mehr bestellt, waren von Büschen und -Unkraut überwachsen, und Elend und Zerstörung starrte -ihnen überall entgegen.</p> - -<p>So hatten sie sich die ganze Zeit von einem -Schlachtfeld zum andern herumgetrieben, und als sie -nach Hause in ihre Waldesheimath zurückkehrten, -wohnte dort der Mord, und das Blut der ihnen -theuersten Menschen färbte den Boden roth.</p> - -<p>Auch seit der Zeit durchstrichen sie wilde und wüste -Gegenden, die noch dazu meist alle durch den Krieg -heimgesucht worden waren, bis ihr Fuß hier plötzlich -ein kleines friedliches Paradies betrat, das so still und -versteckt in den Bergen lag, um selbst den feindlichen -Fouragirzügen zu entgehen.</p> - -<p>Eigentlich war der Platz hier für eine Colonie so -ungeschickt als möglich gewählt, denn Blumenthal -hatte fast gar keine Communication mit der übrigen -Welt. Auf dem von einem Amerikaner entworfenen -Plan der jungen Stadt befanden sich allerdings Eisenbahnen -genug, die es zu einem Centralpunkt des -ganzen Staates machen sollten, aber das war nur auf -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -dem Papier gewesen. In Wirklichkeit existirte noch -kaum eine Fahrstraße nach dem nächsten kleinen Fluß, -auf dem man einzelne Producte, aber nur in günstiger -Jahreszeit stromab schaffen konnte. Sonst liefen nur -ein paar Maulthierpfade einer nach Süden, einer -nach Osten aus.</p> - -<p>Trotzdem aber war die junge Colonie gewachsen, -denn wo der Deutsche erst einmal seinen Pflug in -den Boden getrieben hat, läßt er auch nicht locker und -arbeitet nicht allein stetig weiter, sondern zieht auch -Freunde und Familienglieder allmählich nach. Der -Platz hatte sich auch in der That so gehoben, daß man -eben daran gehen wollte, eine gute Fahrstraße in das -niedere und mehr besiedelte Land zu bauen und dadurch -die Bahn zu einem Schienenstrang zu öffnen, -als der Krieg im Norden ausbrach und natürlich -jede industrielle Arbeit entweder sistirte, oder wenn -noch nicht begonnen, hinausschob auf bessere Zeiten.</p> - -<p>Das aber was die Bewohner von Blumenthal -früher als ein schweres Unglück betrachteten, war -eben zu ihrem Glück gewesen, denn das hielt sie, in -ihrer Abgeschiedenheit, von den Lasten des Krieges -vollständig verschont und nur ein einziges Mal verirrte -sich ein kleiner Trupp von zersprengten Sesesch-Soldaten -hierher und zeigte Lust den Ort zu brandschatzen. -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -Das aber war den Ansiedlern außer dem -Spaß, und da doch Jeder von ihnen, fast ohne Ausnahme, -seine Jagdflinte oder Büchse mit herüber nach -Amerika gebracht hatte, so erschienen sie plötzlich in -so wuchtiger Zahl zusammen und unter Waffen, daß -die Sesesch außerordentlich freundlich wurden, nur -um die nöthigen Lebensmittel ersuchten – mit dem -Erbieten sogar, für dieselben zu bezahlen, und dann -als sie freigebig erhalten hatten, was sie wirklich -brauchten, die Ansiedlung wieder rasch verließen.</p> - -<p>Seit der Zeit hatten sie in Frieden gelebt, bis sich -nördlich oder vielmehr nordwestlich von ihnen, an -den Quellen des Colorado Gesindel festzusetzen schien, -das anfing die Gegend unsicher zu machen. Allerdings -hielt man die Uebelthäter für einen Trupp -versprengter Sesesch-Soldaten, die noch dort für kurze -Zeit in den Bergen ihr Wesen trieben – vielleicht -auch gar für eine Bande mexicanischer Diebe, die sich -möglicher Weise über die Grenze hereingezogen. -Merkwürdig nur, daß sie jedes Mal so genau wußten, -wer Geld hatte, und nie Leute behelligten, die dort -draußen waren, um ihr Vieh zu suchen oder nur zu -jagen. Man war auch nach dieser Richtung hin noch -nie verdächtigem Gesindel begegnet, und nur ein -Mann einmal, ein Amerikaner, der sich zwischen ihnen -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -niedergelassen, war von drei Strolchen angefallen -worden, von denen er aber fest behauptete, daß es -Mexicaner gewesen wären. Er hatte, wie er erzählte, -einen erschossen und einen andern verwundet, und obgleich -sie mehrfach auf ihn gefeuert, seine Flucht bewerkstelligt.</p> - -<p>Hierauf wurden ein paar Streifzüge nach dieser -Richtung hin unternommen, aber ohne den geringsten -Erfolg. Man fand keine Spur der Räuber, nicht -einmal den Todten, den sie jedenfalls fortgeschleppt -und beerdigt hatten und eine Zeitlang ruhte die Sache, -bis wieder ein sehr reicher deutscher Farmer, der da -oben Vieh gekauft hatte und es bezahlen wollte, ebenfalls -nicht zurückkehrte und durch seinen wahrscheinlichen -Tod die kleine Ansiedlung in erneute Unruhe -versetzte.</p> - -<p>Der Fall war um so trauriger, als sich die Tochter -desselben Mannes in den nächsten Tagen hatte mit -einem jungen Amerikaner verheirathen wollen, und -dieser, der Nämliche, der schon früher angefallen -worden, war jetzt mit fünf oder sechs seiner Landsleute, -und etwa zwanzig jungen deutschen Farmern -ausgegangen, um die Gegend gründlich abzusuchen -und diesem nichtswürdigen Räuberwesen ein Ende zu -machen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -Gerade in dieser Zeit trafen unsere beiden Freunde -in der Ansiedlung ein und wurden dort, wie das unter -den Umständen wohl natürlich ist, mit einigem Mißtrauen -betrachtet.</p> - -<p>Ein Wunder war es nicht, denn Jim wie John, -die sich jetzt unausgesetzt schon lange Monate im -Wald oder doch auf den verschiedenen Straßen herumgetrieben, -sahen eben wild genug aus, um ihnen -selbst das Schlimmste zuzutrauen, und die Aengstlichsten -in dem kleinen Städtchen, das zum großen Theil für -den Augenblick von waffenfähigen Männern geräumt -war, befürchteten schon den indeß verabredeten Ueberfall -einer größeren Bande, von der dies möglicher -Weise die Vorläufer sein konnten.</p> - -<p>Beide Freunde übrigens, mit keiner Ahnung, daß -man sie hier in einem solchen Verdacht haben konnte, -erkundigten sich, sobald sie den Ort erreichten und -sich plötzlich unter lauter Fremden befanden, ob kein -Amerikaner im Ort wäre und wurden nach einem -der nächsten Häuser zu einem alten Mann – und -zwar einem der ersten Ansiedler hier, gewiesen.</p> - -<p>Und hielt sich hier ein Mr. Rollridge auf? so sollte -sich des Pflanzers Sohn genannt haben, von dem -ihnen der Neger erzählte.</p> - -<p>Die Leute, an welche die Frage gerichtet wurde, -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -sahen sich unter einander an, gaben aber keine directe -Antwort darauf, sondern erwiederten nur, daß die -Fremden bei Mr. Warner, wie der alte Mann hieß, -wohl Alles, was sie zu wissen wünschten, erfahren -könnten. – Und woher sie selber kämen? – Aus dem -Wald, – wohin sie wollten? – sie wüßten es noch -nicht, – sie wären Leute, die sich nach einem Platz -zur Niederlassung umsähen.</p> - -<p>Das sagte ein Jeder, dem daran lag keine genaue -Auskunft über sich zu geben, aber Warner war, ebenso -wie Friedensrichter im Ort, auch ein alter gescheuter -Bursch, der ihnen schon auf den Zahn fühlen würde -und dem konnten sie das Weitere deßhalb ruhig überlassen.</p> - -<p>Jenkins wie Wells jedoch, wie sie sich nur kurze -Zeit mit ihrem älteren Landsmann unterhielten, fanden -bald, daß sie es mit einem einfach schlichten Mann -zu thun hatten, dem sie aus dem Zweck ihrer Reise -kein Geheimniß zu machen brauchten. Warner schüttelte -aber den Kopf, als sie ihren Verdacht gegen -Rollridge äußerten. Er hatte selber dessen Vater gekannt, -und die Befürchtung lag hier in Blumenthal -außerdem nahe genug, daß sogar Rollridge, als er -den Platz habe verlassen wollen, ermordet oder sonst -zu Schaden gekommen sei. Er hatte wenigstens sein -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -nächstes Ziel – eine bestimmte Farm am Colorado, -nie erreicht und man wisse dabei, daß er ziemlich viel -Geld mit sich führte.</p> - -<p>Wieder also waren sie vergebens eine so endlos -weite Strecke gewandert, wieder ihre Hoffnungen getäuscht -worden und Jenkins selber fing an, der Verfolgung -müde zu werden. Hier erfuhren sie außerdem, -daß der Krieg vollständig beendet sei, und wie -sollten sie jetzt, mit all den entlassenen Soldaten, die -sich über die Staaten zerstreuten, noch irgend eine bestimmte -Spur verfolgen können.</p> - -<p>Warner selber sprach dabei die feste Ueberzeugung -aus, daß die Räuber, die hier in der Nachbarschaft -ihr Wesen trieben, jedenfalls dem mexicanischen -Stamm angehörten. Mr. Rawlins, wie der Amerikaner -hieß, dessen Schwiegervater gerade als letztes -Opfer gefallen, war übrigens ein ganz tüchtiger Mann -und, wie er erklärt hatte, fest entschlossen, diesmal -alle seine Kräfte aufzubieten, um die Mörder auszuspüren -und zu bestrafen, und sie durften also hoffen, -daß der überdies starke Zug nicht so ganz unverrichteter -Sache zurückkehren würde. Jedenfalls hatten -sie die Unbill lange genug geduldet, und es müßte ihr -einmal ein Ende gemacht werden.</p> - -<p>Und was nun? – Jim machte seinem Freund -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -den Vorschlag nach Haus zurückzukehren. Hatten sie -dabei Glück, so konnten sie Hendricks ebensogut in der, -wie in jeder anderen Richtung antreffen, hatten sie -aber keins, nun dann half es ihnen auch Nichts, wenn -sie den weiten Staat noch länger, bald nach der, bald -nach jener Himmelsgegend durchkreuzten. Wenn -Hendricks ihnen aber auch jetzt noch entging, später -erfuhren sie doch vielleicht einmal seinen Aufenthalt -und dann war ihr Rachewerk wohl aufgeschoben, aber -wahrlich nicht aufgehoben gewesen.</p> - -<p>John Wells schien anfangs keine rechte Lust dazu -zu haben, aber er mußte dem Freund doch auch Recht -geben, daß sie in dieser Art wenig Aussicht auf Erfolg -hätten. Er war ebenfalls müde geworden und -die beiden jungen Leute beschlossen deshalb, nicht einmal -die Rückkehr der Ausgezogenen abzuwarten, -sondern gleich wieder nach Arkansas aufzubrechen.</p> - -<p>Das litt aber der alte Warner nicht, der, wie sich -im Gespräch herausstellte, Wells Vater gekannt, und -selber einmal hier in Texas eine Weile mit ihm gejagt -hatte. Er wollte die beiden Freunde wenigstens -nicht wieder fortlassen, bis sie sich erst ordentlich ausgeruht, -und dazu fanden sie im ganzen weiten Staat -keinen besseren Platz als gerade Blumenthal.</p> - -<p>John Wells fand an einem solchen, wie er meinte, -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -zwecklosen Aufenthalt, kein sonderliches Behagen, -Jenkins selber aber redete ihm zuletzt zu, ein paar -Tage auf die hiesige Umgegend zu verwenden, die -ihm wenigstens außerordentlich gefiel. Das Land -war reich, das Klima schien gesund, Wild gab es -ebenfalls ziemlich viel in der Nachbarschaft, und an -dieser Gegend hafteten doch nicht für sie so trübe Erinnerungen, -als an ihrer bisherigen Heimath, in der -sie Alles an die erlittenen Verluste mahnte.</p> - -<p>Warner unterstützte ihn lebhaft darin und erbot -sich auf das Bereitwilligste, sie in den nächsten Tagen -selber in der ganzen Nachbarschaft herumzuführen. -Es gab noch ein reizendes Thal in kaum zwei Miles -Entfernung von der kleinen Stadt, in dem bis jetzt -kein Baum gefällt, kein Acker Land aufgenommen -war, und er sprach seine feste Ueberzeugung aus, daß -sie in sämmtlichen Staaten kein freundlicheres Fleckchen -Erde finden könnten. – Und eine Uebersiedelung -hierher? – Lieber Gott, die hatte für einen Backwoodsman -auch nicht die geringste Schwierigkeit, denn -ihr ganzer Hausstand konnte leicht auf einem kleinen -Karren, ja oft sogar auf ein paar Pferden fortgeführt -werden. Jedenfalls wollten sie den Platz erst einmal -sehen und ein Entschluß stand ihnen ja dann immer -noch frei.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -Die nächsten Tage verwandten sie auch in der -That dazu, so viel als möglich von der Umgegend zu -sehen und kennen zu lernen. Die Nachbarschaft der -Deutschen gefiel dem jungen Jenkins ebenfalls, denn -er hatte am Fourche-la-Fave schon viele von diesen -kennen lernen und lieb gewonnen. Ihm selber behagte -der ganze Distrikt ungemein und wenn auch -John Wells noch keine besondere Neigung dafür zeigte, -konnten sie sich das ja noch immer unterwegs überlegen, -und nachher mit den Ihrigen besprechen. Zu -übereilen war eben Nichts an der Sache.</p> - -<p>Am vierten Tag standen endlich ihre bis dahin -vollkommen ausgeruhten und ordentlich aufgefütterten -Pferde bereit, und die alte Mrs. Warner packte ihnen -gerade noch ein tüchtiges Stück Wildpret und Fleisch -ein, weil sie unmittelbar in der Nähe der Ansiedlung -doch wohl nicht viel zu jagen finden würden, als -draußen auf der Straße plötzlich ein wunderlicher -Lärm gehört wurde, der rasch ihre Aufmerksamkeit erregte -und sie vor die Thür lockte.</p> - -<p>Die ausgezogenen Männer waren zurückgekehrt. -Warner's Sohn ritt gleich darauf am Hause vor und -erzählte ihnen, daß sie von den Räubern selber allerdings -keine Spur, wohl aber den Leichnam des alten -Deutschen gefunden hätten, der, mit einer einzigen -<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -Kugel gerade durch den Kopf, nicht weit von dem -Pferd ab unter einem Maulbeerbaum gelegen hatte -und nur mit Laub und Reisig zugedeckt gewesen war. -Nur durch die Aasgeier wurden sie auch auf den -Platz aufmerksam, an dem sie sonst jedenfalls vorüber -geritten wären.</p> - -<p>Und war Rawlins mit ihnen zurückgekehrt?</p> - -<p>Ja – aber nach Hause geritten, um sich umzuziehen -und dann seine Braut und Schwiegermutter -zu trösten.</p> - -<p>»Du lieber Gott,« seufzte Mrs. Warner, die mit -gefalteten Händen vor ihrer Hausthür gestanden und -den traurigen Bericht gehört hatte – »da kommt das -arme Mädchen – wie blaß und elend sie aussieht – -das ist freilich ein schwerer Tag für sie. – Habt Ihr -denn die Leiche mitgebracht?«</p> - -<p>»Es war nicht mehr möglich,« sagte der junge -Warner – »wir mußten sie gleich an Ort und Stelle -begraben. Arme Catharina – sie wird wohl schon -alles erfahren haben. Tröstet Ihr sie, Mutter, ich -mag ihr jetzt lieber nicht begegnen,« fuhr er fort, und -schritt in das Haus hinein.</p> - -<p>Das junge Mädchen kam näher – sie sah bleich -und angegriffen aus und schien auch die beiden fremden -jungen Leute gar nicht zu beachten, oder nur zu -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -sehen. Still und lautlos schritt sie auf Mrs. Warner -zu und als diese ihr mitleidig die Hand entgegenstreckte, -lehnte sie ihr müdes Haupt an die Schulter -der alten Frau und ohne daß eine Klage über ihre -Lippen gekommen wäre, liefen ihr die großen Thränen -an den Wangen nieder.</p> - -<p>Catharine Fischer war eines der schönsten Mädchen -im ganzen Ort und manche der jungen deutschen -Farmerssöhne hatten sich schon um sie beworben, aber -alle ohne Erfolg, bis sich der junge fremde Amerikaner, -wie im Sturm und in ganz kurzer Zeit ihr -Herz gewann und von den Eltern – die freilich lieber -einen deutschen Schwiegersohn gesehen hätten – angenommen -wurde. Jetzt hatte sie dieser Schlag mitten -in ihr junges Leben getroffen, und zwar ein Schlag -wie aus heiterem Himmel, ungeahnt, unvorbereitet.</p> - -<p>Jim Jenkins stand, die Zähne fest aufeinander -gebissen, neben ihr. Hatte er denn nicht den nämlichen -Schmerz zu tragen, denselben Verlust erlitten, -wie das arme Kind da, und war denn Jammer und -Sünde in solcher Art über das schöne Land hereingebrochen, -daß solches Elend nur allein alle guten Menschen -traf und die Verbrecher immer ungestraft entkommen -sollten? – War das himmlische Gerechtigkeit, -wie es ihnen die herumziehenden Prediger vorreden -<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -wollten? Blut überall, wohin ihr Fuß trat – heimtückisch -und feige aus dem Hinterhalt vergossenes -Blut, und die Mörder frei da draußen in der schönen -sonnigen Welt.</p> - -<p>Er trat zu seinem Pferd, um sich die Zügel zurecht -zu legen – er wollte fort – Schmerz und Ingrimm -genug trug er im eigenen Herzen, ohne das fremde -Leid auch noch mit anzusehen, als er sich plötzlich angerufen -hörte.</p> - -<p>»Hollo Jim – Wetter noch einmal Mann, wo -kommst Du her – und John auch – welcher Wind -hat Euch nach Texas geblasen?«</p> - -<p>Jim sah überrascht auf und erkannte einen alten -Kriegsgefährten aus einem Indiana-Regiment, mit -dem sie drüben über dem Mississippi gemeinsam gekämpft -und zusammen nach Little Rock gezogen -waren.</p> - -<p>»Oh Peters – wie kommst Du nach Texas? Ich -glaubte, Ihr stündet noch in Little Rock?«</p> - -<p>»Nein – wir sind ausbezahlt und abgelöst worden,« -antwortete der junge Mann, indem er auf die -Freunde zutrat und ihnen die Hände schüttelte.</p> - -<p>»Und wo kommst Du jetzt auf einmal her?«</p> - -<p>»Waren nur zusammen, um die verdammten Mörder -aufzusuchen, die sich hier schon seit einiger Zeit -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -herumtreiben,« lautete die Antwort, »sind aber unverrichteter -Sache wieder zurückgekehrt. Weiß der -Henker wo die Schurken stecken mögen. Aber wo -wollt Ihr hin?«</p> - -<p>»Zurück nach Arkansas.«</p> - -<p>»Jetzt gleich?«</p> - -<p>»Wir wollen eben fort.«</p> - -<p>»Fällt Euch gar nicht ein,« rief aber der Indiana-Mann -– »doch wahrhaftig nicht eher, als bis Ihr -mich auch einmal in meinem Hause besucht habt. Ich -bin hier verheirathet – habe eins von den deutschen -Mädchen und solch ein freundliches kleines Häuschen -und Weibchen, wie es sich ein Mann nur wünschen -kann. Vorwärts Jungen! daß Ihr aufgesattelt habt -ist schon ganz recht – aber bei mir sattelt Ihr erst -wieder ab.«</p> - -<p>»Das geht nicht, Peters.«</p> - -<p>»Ob es geht! oder meine Alte würde nicht schlecht -böse werden, wenn ein paar alte Freunde ihres Mannes -so mir nichts Dir nichts an dem Haus vorüber -ritten. Ihr müßt wenigstens einmal sehen wie ich -wohne, und wenn es Euch dann nicht bei mir gefällt, -könnt Ihr nachher noch immer thun, was Ihr -wollt.«</p> - -<p>John Wells schien nicht recht damit einverstanden -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -zu sein, Jenkins aber, indem er in den Sattel sprang, -rief aus:</p> - -<p>»Was thut's, John – auf ein paar Stunden -kommt's nicht an – ob wir etwas später oder früher -am Fourche la Fave eintreffen. Ich denke, wir -gehen mit.«</p> - -<p>Die Straße herab kam der Schall galoppirender -Pferdehufe. Ein Reiter sprengte heran und es schien -fast, als ob er auf dasselbe Haus zu wolle, vor dem -die jungen Leute standen. Schon dicht daran aber -warf er sein Pferd herum, grüßte flüchtig und verfolgte -dann seinen Weg die Straße hinab, rascher noch -fast, als er hergekommen.</p> - -<p>John hatte sich gerade mit seinem eigenen Thier -beschäftigt und nicht auf den Fremden geachtet; Jim -aber griff seinem eigenen Pferd plötzlich so rasch und -gewaltsam in den Zügel, daß es hoch aufbäumte, und -sich beinahe mit ihm überschlagen hätte. Peters sprang -zu, riß es noch herunter und rief dann:</p> - -<p>»Was zum Wetter hat denn die Bestie – scheut -sie?«</p> - -<p>»Manchmal – ja,« sagte Jim, kaum auf die Frage -achtend, und den Blick noch stier die Straße hinabgewandt -– »wer war das?«</p> - -<p>»Wer? – der eben vorbeisprengte? – Dein -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -Pferd erschrak wohl und Du auch – so ein alter -Reiter – Du siehst kreideweiß im Gesicht aus.«</p> - -<p>»Wer war der Reiter, Peters?«</p> - -<p>»Das war Rawlins,« sagte Peters, mit einem zur -Seite geworfenen mitleidigen Blick nach dem jungen -Mädchen, »der Bräutigam der armen Catharine da,« -setzte er leiser hinzu.</p> - -<p>»Und ist er schon lange hier in der Ansiedlung?«</p> - -<p>»Etwa drei Monate – vielleicht nicht ganz so -lange. Weshalb?«</p> - -<p>»Und wißt Ihr, woher er stammt?« frug Jenkins -mit vor Aufregung fast heiserer Stimme.</p> - -<p>»Ich glaube aus dem alten Staat (Virginien), das -wenigstens hat er hier erzählt. Kennst Du ihn?«</p> - -<p>John war indessen ebenfalls aufgestiegen und ritt -an Jim's Seite.</p> - -<p>»Weißt Du, wer das war, John?« rief jetzt Jenkins, -des Freundes Arm ergreifend und fast krampfhaft -zwischen seinen Fingern pressend.</p> - -<p>»Der Reiter, der eben vorüber sprengte? Ich habe -ihn nicht gesehen.«</p> - -<p>»<em class="ge">Hendricks!</em>« zischte ihm Jenkins in's Ohr – -»bei meinem Leben und meiner Seligkeit – er -selber –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -»Und Du hast Dich nicht geirrt?« rief John, fast -unwillkürlich nach seiner Büchse greifend.</p> - -<p>»Er trägt keinen Bart mehr!« sagte Jenkins – -»er kam mir auch fast jünger vor, als ich ihn am Arkansas -gesehen und geht besser gekleidet – aber das -Gesicht wollte ich unter Tausenden heraus kennen. Er -ist es und meinen Hals setz ich zum Pfande.«</p> - -<p>»Hendricks?« fragte Peters – »Das war Rawlins, -der Schwiegersohn des Ermordeten.«</p> - -<p>»Und vielleicht der Mörder selber,« rief Jenkins, -»komm Peters, zu Pferd und führ uns, so rasch uns -die Thiere tragen können, jenem Herren nach, dessen -nähere Bekanntschaft wir dringend wünschen.«</p> - -<p>»Aber ich begreife Dich nicht.«</p> - -<p>»Ich erzähle Dir Alles mit wenigen Worten unterwegs. -Fort! wir versäumen hier die kostbarste -Zeit, fort!«</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Zehntes Kapitel.</span></span><br /> - -Die Verfolgung.</h3> - - -<p>Die jungen Leute trabten nebeneinander die Straße -hinab. Jenkins aber gab dabei dem früheren Kampfgenossen -in flüchtigen Umrissen ein Bild der am -Fourche-la-Fave vorgefallenen Gräuelthaten, die ihn -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -selber wie seinen Begleiter so nahe getroffen hatten, -daß sie sich Beide aufgemacht, um Wald und Wildniß -nach dem Uebelthäter abzusuchen.</p> - -<p>»Und Ihr glaubt, daß Rawlins jener Mörder -sei?« rief Peters entsetzt.</p> - -<p>»<em class="ge">Ich</em> glaube es,« sagte Jenkins bestimmt. »<em class="ge">Ist</em> -er es aber, dann kann er uns jetzt nicht mehr entgehen, -und ist er es nicht, nun dann darf er sich auch -nicht darüber beleidigt fühlen, daß ihn Jemand, im -raschen Vorbeireiten, für einen Anderen gehalten.«</p> - -<p>»Und wenn das jener Hendricks wirklich ist,« rief -da Peters, fast wie erschreckt sein Pferd einzügelnd – -»wäre es denn da nicht möglich, daß er selber mit jener -Bande in Verbindung stünde, die hier bis jetzt ihr Unwesen -in der Gegend getrieben?«</p> - -<p>»Vorwärts, Kamerad, vorwärts!« drängte aber -John – »wir dürfen keinen Augenblick verlieren, denn -wenn der Bursche <em class="ge">uns</em> erkannt hat, läßt er sicher kein -Gras unter seinen Hufen wachsen. Gewiß ist es -möglich, und sollte mich nicht wundern, wenn er der -Führer und Leiter der ganzen Bande wäre. Aber -wohin reiten wir? Hier haben wir <em class="ge">drei</em> Straßen vor -uns und der Boden ist ringsumher von Hufen zerstampft. -So rasch <em class="ge">kann</em> er doch nicht geflohen sein.«</p> - -<p>»Dort links ist die Wohnung seiner Braut, der er -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -jedenfalls zuritt,« sagte Peters. »Er selber hat sein -Haus am andern Ende der Stadt, aber hierher zu -schlug er die Richtung ein.«</p> - -<p>»Ich sehe nirgends ein Pferd angebunden. Wir -hätten gleich sein eigenes Haus besetzen sollen.«</p> - -<p>»Er wird es hineingeführt haben – er ist ja dort -ebenfalls zu Haus.«</p> - -<p>»Dann gnade Gott dem Elenden,« sagte Jim, -seinem Pferd nun fester die Sporen gebend, und jetzt -wurde zwischen den Männern kein Wort weiter gewechselt, -bis sie die kleine freundliche Wohnung – -jetzt freilich ein Haus der Trauer – erreichten, aber -der Gesuchte war nicht dort.</p> - -<p>Peters sprang augenblicklich vom Pferd, um sich -nach ihm zu erkundigen, der zwölfjährige Bruder Catharinens -versicherte ihn aber, Mr. Rawlins nicht gesehen -zu haben, seit er vor einigen Tagen mit den -anderen Männern in den Wald gegangen sei. Keinenfalls -wäre er eben hier gewesen, denn er selber habe -schon seit einer Stunde fast hier an der Thür gestanden -und Mais auf der kleinen Mühle gemahlen.</p> - -<p>»Habe ich es Dir nicht gesagt?« rief John fast -außer sich, als Peters wieder heraus und auf sein -Pferd sprang – »er ist fort! Laß uns den Weg hier -verfolgen – dort führen Pferdespuren hinaus.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -»Hier kam er nicht vorbei!« sagte Peters, sein -eigenes Thier herumwerfend, »denn dem Burschen da -drinnen wäre ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen.«</p> - -<p>»Das glaube ich auch nicht,« erwiederte Jim, »wenn -er fliehen will, wird er gewiß seine Beute nicht im -Stich lassen und ist zu seiner eigenen Wohnung geritten. -Hätten wir die nur gleich aufgesucht. Vorwärts -Peters –«</p> - -<p>»Und wenn Du Dich nun geirrt hast!«</p> - -<p>»Vorwärts! Das Alles können wir später besprechen. -Wo ist seine Wohnung? Reite voran, so rasch -Dich Dein Thier trägt – jede Verantwortung auf -mich!« – Und wie ein Wetter jagten die drei jungen -Leute die ziemlich lange Straße hinab, bogen dann, -fast am Ende der Stadt rechts in eine Nebengasse -hinein und erreichten dort wieder die dichter stehenden -Häuser. Hier war ein Gasthof, und ein Trupp dort -angebundener Pferde, durch welche sie nicht so rasch -hindurch konnten, hielt sie etwas auf. Es war auch -möglich, daß sich Rawlins selbst hier befand, sie mußten -jedenfalls nach ihm fragen. Hier aber hatte ihn, -seit sie die Stadt erreicht, Niemand gesehen. Bei -Warners würden sie ihn finden, rief ihnen einer zu, -er hatte gesagt, daß er zu dessen Haus wollte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -Dort war er <em class="ge">nicht</em>; das wußten sie gut genug, -und es blieb ihnen jetzt in der That nichts übrig, als -seine Wohnung aufzusuchen.</p> - -<p>Wenn es wirklich jener Hendricks war, so <em class="ge">konnte</em> -er ja doch noch keine Ahnung haben, daß er erkannt -sei und <em class="ge">so</em> rasch verfolgt würde.</p> - -<p>Wieder klapperten ihre Hufe die harte Straße entlang, -aber hier durften sie nicht so rasch jagen, denn -überall spielten Kinder in der Straße, Karren mit -Holz oder andere die in die Mühle wollten, begegneten -ihnen und die beiden Verfolger vergingen fast vor Ungeduld.</p> - -<p>»Haben wir denn noch weit? wir müssen ja durch -den ganzen Ort geritten sein,« rief John.</p> - -<p>»Das sind wir auch, denn sein Haus liegt gerade -am äußersten Ende, aber dort drüben ist die Wohnung, -die kleine weiß angestrichene Cabine mit dem einzelnen -Baum davor.«</p> - -<p>»Aber auch hier steht kein Pferd.«</p> - -<p>Peters antwortete nicht mehr. Sie waren kaum -noch funfzig Schritt von der Wohnung entfernt, und -wenige Secunden später warfen sich die Männer aus -den Sätteln.</p> - -<p>»Dort unten die Straße entlang sehe ich einen -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -Reiter,« rief Jim, dessen Blick rasch nach allen Seiten -umherflog.</p> - -<p>»Bei Gott, dort galoppirt Jemand,« rief auch -John, indem er im Nu wieder im Sattel saß – »spring -in das Haus und sieh nach. Ist er nicht dort, so -kann er uns da draußen nicht mehr entgehen.«</p> - -<p>Peters war schon an der Thür, die nur angelehnt -schien. Er stieß sie auf und warf einen Blick in das -Innere. Jim stand an seiner Seite.</p> - -<p>In der Stube sah es wild und wunderlich aus, -als ob Diebe darin umhergewühlt und was sie nicht -gebraucht, über den Boden gestreut hatten. Eine -kleine Kiste war mitten in die Stube gezogen und die -Hälfte ihres Inhalts lag daneben am Boden. Jim -sprang darauf zu – während sein Blick durch den -Raum flog, hatte er ein kleines blau und roth gestreiftes -Tuch entdeckt, das mitten in dem Wust lag. Er -kannte es, es war früher Eigenthum seiner Schwester -gewesen – aber er gab sich keinen Betrachtungen -darüber hin.</p> - -<p>»Das genügt als Zeichen,« rief er, das Tuch vom -Boden reißend und damit gegen die Thür springend -– »kennst Du das, John? – Fort!«</p> - -<p>John warf nur einen einzigen Blick darauf und -in demselben Augenblick sein Pferd herumreißend, -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -bohrte er ihm die Hacken in die Seite und flog mit -ihm in gestrecktem Carrière die Straße entlang. – -Jim war fast ebenso rasch draußen bei seinem Thier.</p> - -<p>»Aber so bleibt nur noch einen Moment,« rief -Peters – »ich hole meine Büchse und begleite -Euch.«</p> - -<p>Jim hörte ihn schon gar nicht mehr. Nach! das -war der einzige Gedanke, den er hatte – nach! und -sein Thier strengte alle Kräfte an, den vorangeeilten -Gefährten wieder einzuholen.</p> - -<p>Erst in dem wilden Ritt wurde er auch ruhiger. -John, der noch immer voraus auf seinem Rappen dahinflog, -hatte vielleicht den flüchtigen Verbrecher im -Auge – er folgte dem Rappen, und es blieb ihm -Zeit, sich nach der Richtung umzusehen, die sie einhielten. -Ihr Cours lag etwa, wie der Weg jetzt lief, -südwestlich, also den Ansiedlungen wieder zu und zog -sich, wenn auch hier oben sehr allmählich, von der -Hochebene hinab, auf der das kleine Städtchen gelegen -war und wo es, wie sich jetzt deutlich erkennen -ließ, höhere Berggruppen einschlossen.</p> - -<p>Und waren sie dem Buben denn wirklich endlich -einmal auf der Fährte? – Er mußte es sein – ein -Irrthum ließ sich nicht mehr denken. Er hatte die -beiden Backwoodsmen, wie er sie da zum Weiterritt -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -schon gerüstet fand, erkannt und wußte, was ihm -drohte, wenn er in ihre Hände fiel. – Wären sie nur -gleich zu seinem Haus geritten, so lief er ihnen dort -selber in das Garn – nein, blind und toll mußten -sie die falsche Fährte annehmen, die er ihnen gegeben, -und jetzt hatten sie ihm sogar Zeit gelassen, seinen -Raub zusammenzuraffen und in die Wildniß hineinzureiten. -– Aber ein Trost blieb ihnen – ein grimmer -Trost, denn nicht plötzlich und unerwartet war -der Verbrecher in ihre Hände gefallen und bestraft, -nein, er mußte jetzt erst die Qualen des Verfolgten -leiden. Er wußte die Rächer auf seinen Fersen, -wußte, welches Schicksal ihm bevorstand, wenn nur -sein Pferd strauchelte oder das Geringste ihn aufhielt, -und kannte die Männer, die nur das eine Ziel haben -konnten, seinen Tod, oder sie wären ihm nicht mit -solcher Hartnäckigkeit selbst bis in diesen entlegenen -Theil der Union gefolgt.</p> - -<p>Erbarmen? – er hatte es nie gezeigt, also auch -nicht zu hoffen und nur sein flüchtiges Thier konnte -sein Schicksal noch hinausschieben – wahrlich nicht -mehr ändern, denn nun, auf der frischen Fährte, ja -den Buben fast in Sicht, dachten seine Feinde nicht -daran, die einmal begonnene Verfolgung je wieder -aufzugeben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -Noch an den Grenzen der Stadt begegneten diese -einigen Deutschen, die theils aus dem Walde, theils -von anderen Ansiedlungen vielleicht herüber kamen -und erschreckt zur Seite bogen, als sie auf die wie -rasend an ihnen vorbei sprengenden Männer trafen. -Waren das die Räuber, die man in den letzten Tagen -gejagt? – Aber voran ritt ja der Amerikaner, dessen -Schwiegervater man gerade ermordet, während man -die andern beiden gar nicht kannte. Floh er vor -diesen, oder verfolgten sie alle ein und dasselbe Ziel? -– Ehe sie sich aber nur denken oder vermuthen konnten, -was hier vorgehe, waren die drei Reiter, die sich -in längeren Zwischenräumen von einander hielten, -auch vorbeigebraust, und diese drehten nicht einmal -den Kopf nach ihnen um.</p> - -<p>John und Jim hatten allerdings vollkommen ausgeruhte -und auch zähe und kräftige Thiere, aber es -zeigte sich trotzdem bald, daß sie keinen Fuß breit an -dem Fuchs gewinnen konnten, den Hendricks ritt und -der, von seinem Reiter nur noch zu rasenderem Lauf -gespornt, wie ein Pfeil mit ihm über den Boden -flog.</p> - -<p>John behielt ihn allerdings noch, so lange sich die -Straße fortzog, im Auge, oder kam wenigstens dann -und wann wieder in Sicht von ihm, und einmal, als -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -Hendricks zuerst einen ziemlich abschüssigen Hang erreichte, -an dem er nicht so rasch hinabreiten konnte, -schien es seinem Verfolger auch, als ob er an ihn gewönne. -Aber unten lag wieder ebener Boden und -der Fuchs benutzte den nach besten Kräften – ja der -Weg zog sich hier mehr links in den Wald hinein und -in dessen Schatten verschwand bald darauf der Reiter; -deshalb entging er aber freilich seinem Verfolger noch -nicht, denn hier war der Boden nicht, wie in der -Nähe der Stadt, von den Hufen anderer Pferde zerstampft. -Die Spuren prägten sich deutlich oder doch -wenigstens erkennbar, dem Boden ein, und einen besseren -Nachsucher auf einer Fährte als John Wells, -gab es nicht in dem weiten Wald.</p> - -<p>John ritt dabei ein besseres Pferd als Jim Jenkins, -der auch bald merkte, daß er mehr und mehr zurück -blieb, aber trotzdem folgte er den voran eingedrückten -Fährten und wußte, daß er bei der geringsten Zögerung -seines Feindes rasch das Versäumte wieder nachholen -konnte.</p> - -<p>So hatte diese wilde Jagd wohl sechs volle Stunden -gedauert und einen Waldweg gab es schon lange -nicht mehr – nur noch einen Pfad, der sich durch die -Wildniß zog, aber dafür auch in dem abgefallenen -Laub nur soviel deutlicher die Spuren zeigte. Die -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -Thiere konnten vor Erschöpfung kaum noch weiter, -aber immer wieder trieb sie der scharfe Sporn zu -neuen Anstrengungen, und Jim besonders, der jetzt -eine gute Strecke zurückgeblieben, fühlte, wie sein -Thier anfing, zu ermatten.</p> - -<p>Da erreichte er eine Stelle, an welcher sich der -Pfad theilte. John selbst hatte keinen Moment dort -gezögert, denn sein scharfes Auge erkannte die rechts -abführende Spur sogleich und folgte ihr ebenso rasch. -Jenkins dagegen zügelte sein Thier ein und als er sich -der rechten Spur vergewissert hatte und es weiter -treiben wollte, konnte es nicht mehr von der Stelle. -So lange es in Gang geblieben, wäre es wohl fortgerannt, -bis seine Kräfte vollständig erschöpft waren -und dann wahrscheinlich mit einem Schlag zusammengebrochen; -jetzt aber, wo die angestrengte Kraft und -Erregung der Muskeln, wenn auch nur für wenige -Minuten, bei dem todtmüden Thiere nachließ, war es -nicht möglich, sie wieder von Neuem zu beleben. Es -strauchelte und knickte in die Knie, wollte sich noch -einmal emporraffen und stürzte dann auf die Seite -nieder, wo es liegen blieb und alle viere von sich -streckte.</p> - -<p>Jenkins fluchte still und erbittert vor sich hin, aber -an der Sache war weiter nichts zu ändern, und das -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -Pferd jedenfalls zu fernerem Gebrauch, wenigstens in -der nächsten Zeit unnütz. Nur das Einzige blieb ihm -zu thun, den Spuren so rasch als irgend möglich zu -folgen.</p> - -<p>Allerdings hatte er eine Strecke zurück, seitwärts -vom Weg eine kleine Farm gesehen. Sollte er sich -dorthin wenden und um ein frisches Pferd bitten? wer -hätte es ihm aber <em class="ge">geborgt</em>, kaufen konnte er sich -keines, und wie viel Zeit verlor er ohnedies damit. -Dagegen lag die Möglichkeit vor, daß er noch später -eine Hütte im Wald oder vielleicht selber Pferde traf -– das erste beste und wenn er es hätte stehlen sollen, -er fühlte sich nicht in der Stimmung, besonders wählerisch -zu sein, und mit dem Gedanken war sein Entschluß -gefaßt.</p> - -<p>Ohne Zögern sattelte er sein marodes Thier ab -trug den Sattel in den Busch und verdeckte ihn dort -mit Laub und Reisig – die Stelle war, an dem getheilten -Pfad, leicht wieder zu erkennen. Dann nahm -er den Zaum, hing sich denselben um und folgte nun, -die Büchse auf der Schulter, zu Fuß den, deutlich -genug in den Boden eingedrückten Spuren. Kaum -eine Stunde mochte er aber so gewandert sein als der -mehr und mehr verschwimmende Pfad an einer breiten -Waldwiese vollständig aufhörte, oder sich vielmehr -<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -hier nach allen Seiten auszweigte. Es war ein gewöhnlicher -Kuh- oder Wildpfad, wie sie sich so häufig -im Wald finden und das Ziel desselben schien dieser -Weidengrund – ein etwas tief liegender feuchter Wiesenplan -zu sein.</p> - -<p>Ueber denselben hin waren die Hufe der galoppirenden -Pferde auch noch deutlich – ja sogar deutlicher -als bisher zu erkennen. Weiter aber schien sich -der Verfolgte mehr links und einem kleinen Höhenzug -zugewandt zu haben; er hatte wenigstens plötzlich und -in einer scharfen Biegung seinen Cours geändert. -John konnte ihm aber dabei nicht in Sicht gewesen -sein, denn er würde sonst jedenfalls diese Biegung abgeschnitten -haben. Das war nicht geschehen, sondern -seine Spuren blieben, wie bisher oder doch überall, -wo es der Weg erlaubte, links neben denen des Flüchtigen -sichtbar. Er war ihm also bis dahin nicht näher -gekommen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach sogar -noch eher weiter zurückgeblieben.</p> - -<p>Jenkins hielt sich aber nicht lange bei Vermuthungen -auf. Weiter ging die Jagd. Der Schweiß lief -ihm in Strömen an der Stirn nieder, aber er zögerte -auch nicht einen Moment in seinem Schritt.</p> - -<p>Das Terrain wurde hier felsig und hatte die -Reiter jedenfalls aufgehalten, denn wild zerstreut lagen -<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -große und kleine Granitblöcke über dem ganzen Abhang. -Wie er aber wieder zu Thal lief, sah er einen, -wenn auch nicht sehr breiten, doch ziemlich tiefen Bergstrom -mit vollkommen klarem Wasser zu seiner Linken, -den die beiden Reiter angenommen hatten. – Und -sollte er selber da hindurch. Das Wasser war, wie er -die Hand hinein hielt, eisig kalt; kam ihm wenigstens -so vor, und er in Schweiß gebadet – er konnte den -Tod von einer solchen Schwimmpartie haben. Doch -nur ein Gedanke beseelte ihn: der der Rache, den Feind -wollte er erreichen und was ihn selber betraf, vergaß -er ganz. Nur Büchse und Kugeltasche nahm er in die -linke Hand, um sie trocken zu halten, und warf sich -ohne Zögern in den Strom.</p> - -<p>Einen anderen Menschen hätte vielleicht unter -solchen Umständen der Schlag gerührt; dem zähen -Backwoodsman schadete das kalte Bad nicht allein -Nichts, sondern es erfrischte ihn sogar nach dem heißen -Lauf. Drüben angekommen war auch sein erster Blick -nach den Spuren der Pferde – aber was war das? -– nur die Hufe <em class="ge">eines</em> Pferdes und zwar Johns, -dessen Spuren er genau kannte, sah er hier dem Boden -eingedrückt – und herüber und hinüber gingen sie, -als ob er selber nicht gewußt habe, welche Richtung er -einschlagen sollte – oh wie viel kostbare Zeit mußte -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -er damit verloren haben – weshalb hatte er sich nur -nicht gleich stromab gewandt. Der Flüchtige <em class="ge">konnte</em> -ja gar nicht gegen die Strömung angeschwommen -sein.</p> - -<p>Er selber suchte augenblicklich nach dieser Richtung -zu, mußte aber eine lange Strecke am Ufer hinabwandern -ehe er die Stelle fand, wo der gehetzte -Räuber wieder an Land gegangen war, und erst als -er hier den Spuren eine Weile gefolgt war, sah er, -daß John die Fährte ebenfalls wieder aufgenommen -hatte.</p> - -<p>Jetzt kam ein weites rauhes Terrain von Stein -und Kies, wo man die Spuren kaum erkennen konnte, -und hier plötzlich theilten sie sich, ohne daß Jim im -Stande gewesen wäre, die Ursache zu errathen, denn -so deutlich war die Fährte immer geblieben, daß sie -John nicht verlieren konnte. Und welches war jetzt -Johns Pferd gewesen, denn auf den Steinen ließ sich -kaum hier und da ein schwaches Zeichen erkennen. Er -begriff das Ganze nicht und wählte endlich die links -abführende Fährte, die ihn aber eine Weile in gerader -Richtung abführte, dann rechts einbog, wieder links -hinüber hielt und dann noch einmal einen andern -Cours nahm.</p> - -<p>Jetzt kam er auch auf weichen Boden und den -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -Büchsenkolben stieß er verzweifelnd vor sich in die Erde -– denn er hatte <em class="ge">John's</em> Fährte angenommen und -der Verbrecher war jedenfalls entkommen.</p> - -<p>Was nun thun? – Daß John den Wald hier nur -auf gut Glück, bald herüber, bald hinüber abgesucht, -war ihm klar genug, aber er begriff nicht, daß John -hier die Fährte verloren haben konnte. Es gab ja -keinen besseren Waldmann am ganzen Fourche-la-Fave. -Sollte <em class="ge">er</em> jetzt zurück und an dem Bergstrom -die andere Spur aufnehmen? Dadurch erhielt der -Flüchtige einen Stunden weiten Vorsprung und dann -– konnte er überhaupt noch fort? Die Sonne neigte -sich schon dem Horizont und jetzt, da er endlich still -stand, fühlte er erst, wie furchtbar müde er selber geworden -war.</p> - -<p>Die Knie fingen ihm an zu zittern, ein Frösteln -lief über seinen ganzen Körper und er mußte sich -unter einen Baum legen, um nur etwas auszuruhen. -Menschliche Kräfte hielten es eben nicht -länger aus.</p> - -<p>So lag er etwa eine halbe Stunde, aber der -Frost trieb ihn wieder in die Höhe, denn die nassen -Kleider an seinem Körper kälteten ihn zu sehr. Er -konnte auch wieder marschiren, denn die kurze Rast -hatte wenigstens genügt, ihn in etwas aufzufrischen. -<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -Eine Zeitlang folgte er auch noch Johns Spuren, um -doch vielleicht mit diesem wieder zusammen zu treffen, -aber er mußte das bald als ein vergebliches Mühen -aufgeben, denn nur zu deutlich sah er, daß dieser keine -feste Richtung gehalten habe und trotzdem noch immer -in wilder Eile fortgejagt sei. Brach aber die Nacht -an, so verlor er die Fährten, die sich überhaupt nur -sehr schwach auf dem Felsenboden zeigten, doch aus -den Augen – ja er war jetzt schon unsicher geworden, -ob er noch die richtige hielt. Hier herum hatten sich -jedenfalls eine Anzahl Pferde auf der Weide herumgetrieben -und als er der einen Spur noch eine Weile -folgte, traf er mitten im Wald einen alten lahmen -Schimmel, der sich ruhig an einem dünnen Baumstamm -die Seite rieb.</p> - -<p>Es war vorbei – nicht einmal die Hoffnung -konnte er mehr hegen, daß John wenigstens allein sein -Ziel erreicht habe, und durch das viele Hin- und Herziehen -irre gemacht, wußte er kaum selber mehr, wo er -sich befand, viel weniger denn, wo er einen Andern -suchen sollte. An der untergehenden Sonne konnte er -aber doch die Himmelsrichtung erkennen, und beschloß -nun seine Bahn nach jenem letzten Hause zu nehmen, -dessen Fenz er im Vorbeijagen gesehen – möglich, -daß ihn John dort ebenfalls aufsuchen würde, und -<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -that er das nicht, so wollte er zurück nach Blumenthal -kehren und ihn dort erwarten.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Elftes Kapitel.</span></span><br /> - -Die Ueberraschung.</h3> - - -<p>Jim war todtmüde geworden und hätte sich gern -gleich da, wo er stand, zum Schlafen niedergeworfen, -aber der Durst peinigte ihn außerdem; er mußte jedenfalls -Wasser suchen, und hielt deshalb, da er sich -von dem Fluß zu weit entfernt hatte, über den nächsten -Hügelhang hinüber, an dessen anderer Seite er einen -Bach anzutreffen hoffte. Dort konnte er auch ein -Feuer anzünden, um sich zu trocknen, und etwas Brot -und Fleisch trug er ja in seiner Kugeltasche bei sich.</p> - -<p>Das Terrain war hier außerordentlich steinig. -Es sah fast so aus, als ob sich irgend ein Riese den -Spaß gemacht habe, Tausende von kleinen Felsblöcken -über das weite Land auszustreuen, so dicht lagen sie -beieinander, und zu Pferde wäre hier überhaupt schwer -durchzukommen gewesen. Langsam schritt er dazwischen -hin, traf endlich auf ein paar feuchte Stellen, an -denen sich etwas Wasser gesammelt hatte, und kniete -bei einer derselben nieder, um sich wenigstens erst -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -einmal satt zu trinken. Es war auch die höchste Zeit -gewesen, denn die rothen Abendwolken verriethen schon -den Untergang der Sonne und das rasch eintretende -Dämmerlicht legte sich über den Wald.</p> - -<p>Er trank lange und um Athem zu holen, hob er -endlich den Kopf, zuckte aber bis in jeden Nerv seines -Körpers zusammen, denn kaum hundert Schritt von -ihm entfernt – oh, nicht so viel, es konnten kaum -mehr als achtzig sein, da die Dämmerung die Entfernung -vergrößert, sprang ein Mann, eine Büchse in -der Hand haltend, rasch über den hier ziemlich offenen -Plan von einem Stein zum andern. Seine Richtung -aber lag dem nicht weit davon wieder höher und -dichter werdenden Holze zu, und Jim erkannte auf -den ersten Blick seinen Feind. Es war Hendricks.</p> - -<p>Fast krampfhaft griff er, in seiner gebückten Stellung -verharrend, nach der neben ihm liegenden Büchse; -aber wie hätte er jetzt, in schon halber Dunkelheit, -sein Ziel treffen wollen; und die Glieder flogen ihm -dabei, wie in Fieberfrost.</p> - -<p>Hendricks konnte ihn da, wo er mit seinem dunklen -Kopf kaum über die fast gleichfarbigen Felsstücke heraussah, -nicht erkennen, schien auch kaum die Nähe -eines Menschen hier zu fürchten, sondern nur allein -darauf bedacht zu sein, keine Fährten mehr zu hinterlassen, -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -was ihm auch auf den Steinen vollkommen gelingen -mußte.</p> - -<p>Wie in aller Welt hatte er John überlistet? – -war sein Pferd ebenfalls gestürzt oder vielleicht absichtlich -an einer Stelle aufgegeben, wo er seine eigenen -Fährten gut verbergen konnte? Aber wild und -verworren zuckten solche Fragen durch des jungen -Backwoodsmans Hirn, und mit heftigen Schlägen -klopfte ihm das Herz in der Brust, denn an ihm vorüber -floh der Bube und wenn er jetzt im Wald verschwand -– Langsam und vorsichtig, mit so wenig als -möglich Bewegung, hob er seine Büchse und suchte -sie auf einen der Felsblöcke zu bringen; aber der -vor ihm liegende war zu niedrig – er konnte nicht -darauf zielen; – er kroch etwas weiter nach rechts -hinüber. Dort sah er einen passenden Platz, aber -Hendricks, mit keiner Ahnung in welcher Gefahr er -sich befand, sprang leichtfüßig von einem Stein zum -andern und ehe Jenkins nur die Büchse an die Backen -und den Feind auf's Korn bekommen konnte, war er -in dem Gestrüpp, wenn auch nicht verschwunden, doch -so in den immer stärker werdenden Schatten gekommen, -daß ein richtiges Ziel zur Unmöglichkeit wurde. -Einen gewissen Schuß mußte Jim aber haben oder -der Verbrecher war nicht allein gewarnt und dann -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -auf immer für ihn verloren, sondern er war auch viel -stärker bewaffnet, als er selber. Jim hatte nur die -eine Kugel im Rohr, Hendricks dagegen, außer seiner -Büchse noch wenigstens einen sechsläufigen Revolver -im Gürtel, und nur sein böses Gewissen oder seine -natürliche Feigheit mußten ihn, bei seiner Uebermacht -der Waffen, selbst beiden Verfolgern gegenüber, zur -Flucht getrieben haben.</p> - -<p>Jim sah sich jetzt, da wo er gerade lag, durch einen -ziemlich hohen Felsblock gedeckt. Er wartete noch -einen Moment und da Hendricks nicht auf der anderen -Seite desselben wieder zum Vorschein kam, glitt -er wie eine Schlange über den Boden und zu jenem -Felsen hin, an dem er sich, die Büchse aber zum augenblicklichen -Gebrauch im Anschlag, langsam emporrichtete, -um darüber hin sehen zu können. Er schrak -aber ordentlich zusammen, denn dort – kaum zwanzig -Schritt mehr von ihm entfernt und an der nämlichen -Quelle, an der er, etwas weiter unten getrunken, lag -Hendricks – ebenso verdurstet wie er selber und ihm -den Rücken zukehrend. Im Nu hob sich auch Jenkins -Büchse und sein Auge suchte das Korn – aber es -war nicht mehr möglich. Er selber stand hier vollständig -gedeckt unter einem dichten Dogwood-Busch, -und dort der Trinkende lag ebenso im tiefen Schatten, -<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -daß er wohl noch die Gestalt erkennen, aber nicht -mehr darauf zielen konnte. Und selbst, wenn er es -gekonnt hätte, sollte er den Buben mit einer Kugel -tödten – ihn seiner selbst unbewußt von der Erde -nehmen, der ihm so entsetzliches Weh angethan?</p> - -<p>Jetzt hob sich die Gestalt vom Boden auf, und -wieder suchte Jenkins' Auge das Korn seiner Büchse -zu fangen; da sah er, wie Hendricks, der sich hier -vollkommen sicher glauben mußte, seine Büchse nahm -und an einen Baum lehnte, den Blick noch einmal -vorsichtig umherwarf und dann alle Anstalten machte, -als ob er dort, wo er sich gerade befinde, etwas ausruhen -wolle. Die Nacht war eingebrochen, die -Sterne traten heraus, und nur bei ihrem Schein -konnte Jim erkennen, wie der wahrscheinlich ebenfalls -zum Tod Ermüdete sich Laub unter dem nächsten Baum -zusammenschob, um sich ein nur einigermaßen trockenes -Lager herzurichten. Natürlich wollte er nicht im -Dunkeln marschiren, wo er einer ihm drohenden Gefahr -nicht hätte ausweichen können.</p> - -<p>Jim Jenkins blieb unbeweglich hinter seinem -Stein liegen, denn daß er selber dort keine Gefahr -lief, entdeckt zu werden, wußte er gut genug. Er sah, -wie sein Opfer noch einmal in langen Zügen trank -und sich dann endlich, die Büchse und den Revolver -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -neben sich, auf das Laub, das er rascheln hörte, niederwarf. -Er war selber todtmüde gewesen, aber er -dachte nicht mehr an Schlaf und überlegte sich nur -jetzt, wann der Mond herauskommen müsse, um ihm -zu seinem weiteren Handeln zu leuchten.</p> - -<p>Gestern war der Mond ziemlich spät aufgegangen -– wohl erst um neun Uhr – heute kam er noch -später und ehe er nicht ziemlich hoch stand, konnte er -Nichts beginnen – aber was that das. Und wenn -er hätte zwölf Stunden da liegen sollen, er würde -nicht gemurrt haben, glaubte er sich doch jetzt seiner -Rache sicher. So regungslos wie der kalte Stein -selber, an den er sich lehnte und ebenso erbarmungslos -hielt er, als er selbst nicht mehr die Umrisse des -Feindes in dem Dunkel erkennen konnte, die Augen -noch immer fest auf den Platz gerichtet und horchte, -mit Anspannung aller seiner Kräfte, dem geringsten -Geräusch, was von dort zu ihm herüberdrang.</p> - -<p>Hendricks mußte unruhig schlafen; er warf sich -auf seinem Laubbett herüber und hinüber. War -etwa der auf ihm haftende Blick seines Feindes daran -Schuld? Jim dachte selber daran und wandte ihn ab, -aber kein Rascheln eines Blattes entging seinem -scharfen Ohr.</p> - -<p>So stand er, oder lag halb an dem Felsen, viele -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -Stunden lang – dort drüben war Alles ruhig geworden -– endlich, endlich ging der Mond auf, stand -aber noch viel zu tief hinter den Bäumen, um hell -genug zu leuchten. Jenkins erwartete seine Zeit mit -fast übermenschlicher Geduld und rührte sich nicht -eher, als bis Mitternacht schon lange vorüber sein -mußte, und jetzt rüstete er sich zum Handeln.</p> - -<p>Geräuschlos streifte er Alles ab, was ihn an seiner -freien Bewegung hindern konnte, selbst die Kugeltasche, -Jagdhemd und Leggings – die Nacht war -ziemlich kalt, aber ihn fror nicht, der Kopf brannte -ihm sogar wie in Fieberhitze. Jetzt war er soweit -fertig und nur nach seiner Büchse sah er noch, und -setzte ein frisches Zündhütchen auf, daß sie ihm nicht -im entscheidenden Moment versagte. Dann aber, -wie ein Panther auf seine Beute, und ebenso mordgierig, -ebenso geräuschlos verließ er den Stein, hinter -dem er sich bisher verborgen und glitt auf sein -Opfer zu.</p> - -<p>Schlief Hendricks? – Er wußte es nicht. Lag -er wach und hörte den Anschleichenden, so war es um -ihn geschehen, aber was kümmerte ihn die Gefahr, in -der er sich befand. Rache wollte er, Rache an dem -Mörder seines Vaters und mit keinem Gedanken -weiter, aber auch mit jeder nur möglichen Vorsicht, -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -schlich er näher und näher an sein Opfer hinan, -immer wieder horchend, ob er das Laub nicht könne -rascheln hören. – Aber Alles blieb ruhig wie das -Grab – ja, jetzt tönte schon deutlich das langsam -schwere Athmen des Schlafenden zu ihm herüber.</p> - -<p>Aber war das nicht etwa Täuschung? stellte sich -der Bube nicht vielleicht nur schlafend und lag, mit -gespanntem Revolver des Nahenden harrend? Vorwärts! -Jetzt konnte er die ausgestreckte Gestalt deutlich -im Licht des Mondes, der gerade einen Strahl -durch die Baumwipfel warf, erkennen. Neben ihm -blitzte etwas – es war der Revolver, auf dem seine -Hand ruhte – die Büchse lag ebenfalls zum Griff bereit.</p> - -<p>Jim zögerte einen Augenblick – aber auch nur -einen – jetzt war er neben dem Schlafenden – geräuschlos -legte er die eigene Büchse neben sich auf das -Gras nieder, von dem Hendricks selber das Laub weggescharrt -– <em class="ge">ein</em> Griff nach dem Revolver mit der -linken Hand, und wie der Mörder wild und entsetzt -durch die Berührung emporfuhr, traf ihn ein mit -aller Wucht geführter Faustschlag Jims so kräftig gegen -den rechten Schlaf, daß er bewußtlos und wie todt auf -das Laub zurücksank. – Es wäre besser für ihn gewesen, -er wäre todt geblieben.</p> - -<p>Jim, den Revolver neben sich legend, warf sich -<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -auf ihn, riß aus seiner Tasche ein Stück derbes Seil, -wie es meist alle Jäger bei sich führen, und schnürte -ihm damit die Hände auf den Rücken – jetzt erst hatte -er ihn sicher und nur der eine Wunsch drängte sich -über seine Lippen: Oh, wäre John jetzt hier! – Aber -dem Gedanken gab er sich nicht weiter hin, denn wer -wußte wo der Freund jetzt war. Die Schnur reichte -noch gerade aus, um den Gefangenen an einen jungen -Stamm anzubinden. Nicht weit davon stand ein niederer -Dogwood, dorthin schleppte er ihn und hatte sich -seiner vollkommen versichert, als der bis dahin vollständig -Bewußtlose seine Besinnung wieder gewann.</p> - -<p>Aber er kümmerte sich in dem Augenblick gar nicht -um ihn – und zu dem Felsblock sprang er, um von -dort seinen Zügel herüber zu holen und als er jubelnd -wieder zurück zu dem Gefangenen eilte, hatte sich -Hendricks halb auf seinem Ellbogen aufgerichtet und -starrte ihn mit stieren entsetzten Blicken an.</p> - -<p>»Jenkins« – war Alles was sich seiner Brust -entrang – »oh mein Gott!«</p> - -<p>»Ja ruf Deinen Gott an, Schuft,« lachte aber der -junge Backwoodsman, ingrimmig zwischen den zusammengebissenen -Zähnen durch. »Der, zu dem Du betest, -ist der Teufel, der Dich so lange beschützt hat – aber -Deine Zeit ist um. Du siehst die Sonne nicht wieder.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -»Jenkins,« sagte Hendricks mit leiser, heiserer -Stimme, »Ihr wollt mich doch nicht hier in der Nacht -mit kaltem Blut morden.«</p> - -<p>»Gerade recht mahnst Du mich an das kalte Blut, -mit dem Du meinen armen alten Vater und den alten -Wells, Rankins Hogan und viele Andere ermordet -hast. Scheusal wie es kein zweites die Welt trägt – -aber Deine Zeit ist um; Erbarmen hast Du von mir -nicht zu hoffen.«</p> - -<p>»Jenkins,« stöhnte Hendricks – »ich bin reich – -ich habe bei Blumenthal viel Geld vergraben – es -soll Alles Euer sein, wenn Ihr mich nur dorthin führt, -und ich bleibe ja doch in Eurer Gewalt.«</p> - -<p>»Dein Blutgeld, nicht wahr, um das Du auch -wohl den armen Deutschen ermordet?« – knirschte -Jim – »Deine Zeit ist um und Bitten oder Versprechungen -helfen Dir nicht mehr.«</p> - -<p>Noch während er sprach hatte er den starken Zügel -von dem Gebiß gelöst und eine Schlinge daraus geformt. -Jetzt sah er zu dem Dogwood auf – einer -der Aeste zog sich gerade etwa hoch genug über dem -Gefangenen hin und so, daß er ihn bequem erreichen -konnte. Hendricks suchte mit der Kraft der Verzweiflung -die Bande, die ihn hielten, zu zerreißen und Jim -hielt dabei vorsichtig den Revolver in der Hand – -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -doch das Seil hielt; er schob die Waffe wieder in den -Gürtel zurück, und ging dann kaltblütig daran, den -Riemen über den Ast zu werfen und zu befestigen.</p> - -<p>»Jenkins,« flehte Hendricks, »seid ein Mensch! Um -Gottes Barmherzigkeit willen mordet mich nicht hier -im dunklen Wald – o, laßt mich nur leben, bis der -Tag anbricht, nur noch eine Stunde, um meine Sünden -zu bekennen. Ich habe viel verbrochen. – Ihr -<em class="ge">müßt</em> mich hören.«</p> - -<p>»Ich <em class="ge">weiß</em> genug von Dir mein Bursche,« sagte -der junge Backwoodsman trocken, »um Dir zehnfachen -Tod zu sichern – komm! Du weißt, daß Du verloren -bist und selbst der Teufel, Dein Cumpan, könnte Dich -nicht mehr retten. Gieb Deinen Hals gutwillig her, -denn ich werde noch genug Mühe haben, Dich da -hinauf zu ziehen.«</p> - -<p>Er warf ihm dabei die Schlinge um den Hals – -und »Hülfe! Mörder! Mörder!« schrie mit gellender -Stimme der Unglückliche durch den Wald, indem -er sich am Boden wand und krümmte – »Hülfe! -Hülfe!«</p> - -<p>Jim lachte – aber plötzlich horchte er hoch auf -und hielt mit seiner Arbeit inne. »Hülfe!« rief der Gefesselte -wieder, und der Schrei wurde beantwortet – -in weiter Ferne zwar, aber der junge Backwoodsman -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -konnte genau einen Ruf unterscheiden. – Sollte der -Bube wirklich noch Helfershelfer haben, – aber -nicht zehn von ihnen hätten sein Geschick mehr wenden -können.</p> - -<p>Da hörte er wieder einen Ruf und Jim ließ den -Riemen fahren, legte die Hände trichterförmig an den -Mund und beantwortete selber den Ton. – Das -war John's Jagdruf. – Wieder gab er das Zeichen -– näher und näher kam der Gerufene – jetzt konnte -er ihn schon durch die Büsche brechen hören.</p> - -<p>»Ach John! bist Du das?«</p> - -<p>»Wo steckst Du Jim – wer schrie da?«</p> - -<p>»Hierher – ich <em class="ge">hab'</em> ihn!«</p> - -<p>Ein gellendes Jubelgeheul, wie es sonst nur ein -Indianer ausstoßen kann, schmetterte durch den Wald, -und rücksichtslos um Dorn oder Schlingpflanze brach -im nächsten Augenblick John durch die Büsche und -jauchzte laut auf, als er den Gebundenen am Boden -erkannte.</p> - -<p>Doch die jetzt folgende Scene ist zu furchtbar, um -sie zu beschreiben. Hendricks war in erbarmungslose -Hände gefallen und seine verbrecherische Laufbahn zu -Ende. Mit der Kraft der Verzweiflung kämpfte er -wohl noch eine Weile gegen seine Richter an – vergebens, -und bald schien der Mond auf die lang gestreckte, -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -regungslose Gestalt, die an dem Ast des Dogwood-Baumes -hing und langsam in der leichten Morgenbrise -hin und her schwankte. Und die beiden jungen -Leute lagerten so lange bei dem Baume, bis sie sich -von dem wirklichen Tod ihres Opfers vollständig -überzeugt hatten – dann nahmen sie die Leiche ab, -um, wie John Wells meinte, den Wölfen ihr Recht -nicht zu entziehen.</p> - -<p>John untersuchte auch Hendricks Taschen – er -trug drei Uhren, um den Leib einen selbstgenähten -Gürtel mit den verschiedenartigsten Schmucksachen -und Goldstücken gefüllt, und in der Kugeltasche -ebenfalls ein Päckchen Geld, das noch nicht einmal -geöffnet schien, wie eine Anzahl loser mexicanischer -Dollar.</p> - -<p>Seine Waffen nahmen sie ebenfalls und verließen -dann nach Sonnenaufgang den schauerlichen Richtplatz, -um ihren Weg vor der Hand nach Blumenthal zurückzusuchen -– möglich daß sie, in den bei ihm gefundenen -Gegenständen, Beweise seines mörderischen Wirkens -hatten.</p> - -<p>Aber es bedurfte deren nicht mehr. Als sie nach -zwei Tagen, die sie gebraucht, um ihre Pferde wieder -aufzusuchen, den kleinen Ort erreichten, hatte man -schon, auf Peters Veranlassung, Hendrick's verlassene -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -Wohnung untersucht und die zweifellosesten Beweise -gefunden, daß er an allen kürzlich dort verübten -Morden wenigstens betheiligt gewesen, wenn er sie -nicht am Ende gar allein ausgeführt hatte.</p> - -<p>Das noch eingenähte Geld hatte übrigens dem -alten Fischer gehört, und Catharina selber das Päckchen -für ihn zurecht gemacht – ebenso war eine der -Uhren die seinige gewesen, wie sich auch sein Trauring -unter den Sachen fand.</p> - -<p>Was nicht reclamirt wurde, nahmen Jim und -John auf ihrem Rückweg nach dem Fourche-la-Fave -mit – es war ihr wohlerworbenes Eigenthum, so -lange sie nicht die früheren Besitzer auffanden, – -aber Jim litt es nicht lange in der alten Heimath, -die zur viel der schmerzlichen Erinnerungen für ihn -trug. Auch John zog von dem alten Platz weg, aber -nur in ein anderes County über den Arkansas hinüber -und Jim, nachdem er noch Johns Heirath mit -seiner Schwester beigewohnt, setzte sich auf ein, seinen -Bruder Bill auf ein anderes Pferd, und ritt -zurück nach Texas, nach der kleinen, abgeschiedenen -Colonie Blumenthal, in welcher er gesonnen war, sich -häuslich niederzulassen.</p> - -<p>Am Fourche-la-Fave herrschte von da an Frieden -– aber der Frieden des Grabes. Die Jay-hawkers -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -waren allerdings theils ausgerottet, theils vertrieben -und die Anwohner des kleinen Stromes brauchten -keine Meuchelmörder mehr zu fürchten: aber wie -viele, wie entsetzlich viele sonst so friedliche Hütten, -die glückliche brave Menschen und Familien bargen, -lagen verwüstet, zerstört, eingeäschert. Rings umher -der Wald war wild aufgewachsen und dornige Schlingpflanzen -überwucherten die früheren Spielplätze des -jungen Volkes.</p> - -<p>Krieg und Mord hatten dem armen Land ihr -Brandmal aufgedrückt; die wenigen Hinterbliebenen, -ihre Ernährer und ihren ganzen Reichthum, ihre -paar Kühe und Pferde verloren und Armuth und -Elend war eingekehrt, wo sonst glücklicher Frieden -und verhältnißmäßiger Reichthum herrschte – der -wenigstens dem Besitzer Alles das gewährte, was er -zum Leben brauchte und verlangte, so wenig das auch -sein mochte.</p> - -<p>Drei Jahre später ritt John Wells wieder einmal -nach Texas hinüber, um Jim Jenkins bei -seinem zweiten Sohn zu Gevatter zu bitten, und -ihn zu überreden, nach dem Fourche-la-Fave zurückzuziehen, -weil sich die Schwester so nach den beiden -Brüdern sehne.</p> - -<p>Bill, der ein tüchtiger Bursch geworden war, -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -konnte abkommen und zog, wenigstens auf Besuch, -mit zurück; Jim aber nicht. Er hatte im vorigen -Jahre Catharine Fischer, die frühere Braut des -Jay-hawkers geheirathet und – konnte jetzt gerade -die blühende Ansiedlung und sein junges Weib nicht -verlassen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -<span class="ge">König Zambiri.</span><br /> - -<span class="subheader">Afrikanische Skizze.</span></h2> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Erstes Kapitel.</span></span><br /> - -Der Schooner.</h3> - - -<p>An der ostafrikanischen Küste, aber noch nördlich -vom Aequator, kreuzte einer jener amerikanischen -Schooner die, aus den Yankeestaaten kommend, Küstenhandel -in allen Theilen der Erde treiben und, wenn -sie irgend einen Nutzen dabei zu finden glauben, eben -so keck den Stürmen vom Kap Horn, wie den Typhoons -des chinesischen Meeres trotzen.</p> - -<p>Die Sarah Miles, wie das kleine Fahrzeug hieß, -war denn auch, mit Zwiebeln, Wanduhren und Blechwaaren -beladen, von Connecticut nach Surinam gegangen, -hatte dort Zucker, Kaffee wie andere tropische -Produkte für Chili eingetauscht, von da aus Mehl, -Wein und Kartoffeln nach der Südsee geführt und -von den Inseln Kokosnußöl, Perlen und Perlenmuttermuscheln -nach Australien gebracht. In Sydney verkaufte -Kapitän Oacutt diese Ladung sehr vortheilhaft -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -an ein deutsches Handlungshaus und tauschte dafür -theils Waaren für den afrikanischen Markt ein, theils -nahm er bessere Sachen für die Kapstadt mit, um -von dort echten Kapwein, oder was er sonst erhalten -konnte, zurück in sein Vaterland zu führen.</p> - -<p>Natürlich konnte er aber unterwegs der Versuchung -nicht widerstehen, zuerst einmal ein paar der -kleinen Königreiche an der Ostküste anzulaufen. Dort -war jedenfalls noch ein Geschäft mit den uncivilisirten -Wilden zu machen, es mußte wenigstens versucht -werden, und möglich ja, daß sich Elfenbein, Gold, -Gummi und wie die werthvollen Produkte dieses -Himmelsstrichs alle heißen, um einen Pappenstiel erstehen -ließen.</p> - -<p>Hier befand sich aber Kapitain Oacutt – in dem, -was die geographischen Verhältnisse dieser Länder -betraf – völlig aus seinem Fahrwasser, denn er -hatte wohl eine ausgezeichnete Karte von Connecticut -an Bord, auch ein paar andere, alt gekaufte von -dem Hoogly, San Franzisco, Rio de Janeiro und -anderen Küstenstrichen. Wie es aber mit den Hafenplätzen -jenes Erdstrichs aussah, dem er gerade -entgegen hielt und ob er sich hier einem schon -theilweise civilisirten oder noch vollkommen wilden -Volke gegenüber befinde, davon wußte er kein Wort -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -und, aufrichtig gesagt, kümmerte sich auch nicht -darum.</p> - -<p>Wenn er nur Menschen dort fand, mit denen er -Handel treiben konnte, und die etwas des Handels -Werthes besaßen, alles Uebrige fand sich von selbst, -und Gefahren? Bah! seine Amerikaner, die er an -Bord hatte, fürchteten sich vor dem Teufel nicht, -viel weniger vor einer Horde nackter, schwarzer -Wilden.</p> - -<p>Die Sarah Miles führte auch in der That eine -für ein so kleines Fahrzeug sehr starke Besatzung, -und zwar schon der großen Schoonersegel wegen, mit -denen nicht so leicht hantiren ist, wie mit Raasegeln. -Außerdem war dem Kapitain in Sydney angerathen -worden, sich an der afrikanischen Küste vorzusehen, -da jenen Völkerstämmen nie zu trauen sei, und er -hatte dort noch vier, einem Wallfischfänger entsprungene -Matrosen, junge, kräftige Bursche, dazu geworben. -Mit Waffen war er überdies reichlich versehen, -sogar mit einer vortrefflichen Drehbasse, die -vorn auf seinem Bug stand, und sich deshalb bewußt, -nichts versäumt zu haben, um einer möglichen Gefahr -auch kräftig zu begegnen.</p> - -<p>Uebrigens hatten sich diese Vorsichtsmaßregeln -bis jetzt als sehr nutzlos erwiesen, denn er sichtete, -<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -von Australien bis hieher, nicht ein einziges Mal -Land und bekam deßhalb auch keine Prouen, Dschunken, -Kanoes, oder was sonst noch auf Raub ausgeht, zu -sehen. Ein paar Mal bemerkte er allerdings Segelschiffe: -friedliche Kauffahrer, die vielleicht zwischen -Indien und dem Kap fuhren. Diesen gefiel aber -wieder der Schooner mit seinen keck gestellten Masten -nicht, und sie machten gewöhnlich, daß sie ihm aus -dem Weg kamen, während Kapitain Oacutt nicht das -geringste Interesse hatte, sie aufzusuchen. An denen -war nichts zu verdienen; das wußte er aus Erfahrung -gut genug, und er steuerte sich ihretwegen auch nicht -einen halben Strich aus seinem Kurs.</p> - -<p>Mit einer allerdings sehr schwachen, aber doch -günstigen Brise glitten sie so durch das tiefblaue -Wasser des Ozeans und der Kapitain schaute sehnsuchtsvoll -nach Land aus. Seiner Berechnung nach -hätten sie nämlich unter der Länge, die ihm sein Chronometer -angab, schon ein paar Meilen in Land auf -der afrikanischen Küste sitzen müssen – Gott nur -wußte, welche Zeit der hielt, – und noch war nicht -einmal ein Ufer zu erkennen. Die ganze Nacht -mußte deßhalb auch doppelte Wache an Bord bleiben, -um, wenn sie nichts sehen konnten, nach der Brandung -auszuhorchen, aber sie konnten ungestört ihren -<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -Weg fortsetzen, und erst am andern Morgen mit Tagesanbruch -kündete der frohe Ruf der Leute: »Land!«</p> - -<p>Sie mußten auch in der Nacht ziemlich nahe hinangekommen -sein, denn deutlich ließ sich schon ein erhöhtes -und waldiges Ufer erkennen, das verschiedene -Einschnitte zeigte; welchem Theil der Küste es aber -angehöre, war schwer zu bestimmen, denn Kapitain -Oacutt hatte, wie gesagt, keine Spezialkarte von Afrika -an Bord und verließ sich, im Auffinden von günstigen -Landungsplätzen, wie gewöhnlich auf sein gutes Glück.</p> - -<p>Die Brise frischte jetzt etwas auf, und um zehn -Uhr etwa waren sie so nahe gekommen, daß sie schon -mit bloßen Augen Menschen auf dem weißen Uferstrand -erkennen konnten. Rauch stieg an vielen Orten auf, -und die Gegend schien jedenfalls bevölkert.</p> - -<p>Der Kapitain stand vorn auf der Back seines -Schooners, das Fernrohr in der Hand, um wo möglich -einen Landungsplatz zu finden, aber er bemerkte, -daß die Eingebornen den Strand entlang, mehr in -einer nördlichen Richtung liefen und errieth leicht die -Ursache. An jenem Punkt, auf welchen sie zuhielten, -lag wahrscheinlich kein günstiger Ankergrund, aber -wohl weiter oben. Ohne sich auch lange zu besinnen, -gab er Ordre, den Kurs des Fahrzeugs dahin zu -ändern, und rief einen Mann vorn in die Rüsteisen, -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -um das Loth zu werfen, damit sie sich nicht in zu -seichtes Wasser wagten, – hatte das Meer doch hier -schon eine mehr gelbliche Färbung angenommen.</p> - -<p>Der Schooner gehorchte rasch dem Steuer, und -auch die Eingebornen schienen mit der neuen Richtung -einverstanden, denn sie hatten grüne Zweige abgebrochen -und schwenkten sie in der Luft, ein Zeichen, -daß sie die Fremden freundlich empfangen und friedlich -mit ihnen verkehren wollten. Man darf jedoch -diesen wohlwollenden Manifestationen nicht immer -unbedingten Glauben schenken, denn es giebt auch -verrätherische Stämme, die dadurch Beute heranzulocken -suchen, ähnlich wie irische Stranddiebe Nachts -durch falsche Signale Fahrzeuge verführen, an die -gefährliche Küste anzulaufen.</p> - -<p>Kapitain Oacutt traute auch diesen signalisirenden -Betheurungen nicht weiter als nöthig; d. h. er nahm -sie nur für einen Beweis von Höflichkeit, und erwiederte -dieselbe damit, daß er seine Flagge aufzog. Zugleich -beschloß er aber, dem Land nicht näher als -nöthig zu kommen, ehe er nicht die Aufrichtigkeit der -Eingebornen erprobt habe, auch nicht etwa gleich fest -vor Anker zu gehen, sondern, wenn nahe genug, ein -Boot abzuschicken und dann langsam dort auf und -ab zu kreuzen. Dadurch behielt er nicht allein sein -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -kleines Fahrzeug vollständig in der Gewalt, sondern -konnte auch seinem Boot, wenn es etwa nöthig werden -sollte, rasche Hülfe bringen. Außerdem befand er -sich hier noch immer in einigen zwanzig Faden Wasser, -also in einer Tiefe, bei der er nicht die geringste Gefahr -lief.</p> - -<p>Für das Boot, das sein Steuermann führen sollte, -wurden jetzt Freiwillige aufgerufen, und diese selber -vorsichtigerweise bewaffnet, um sich im Fall der Noth -vertheidigen zu können. So liefen sie, vollständig -bereit, es jeden Augenblick nieder zu lassen, direkt -gegen die Küste, und bis fast in fünf Faden Tiefe hinan -und erwarteten eben den Befehl zum vom Bord gehen, -als der Mann am Steuer ein Kanoe bemerkte, das -eben vom Ufer aus in Sicht kam und augenscheinlich -zu ihnen heraus wollte. – Das mußte jedenfalls abgewartet -werden, denn man sah da gleich, mit wem -man es zu thun hatte; auch lag in dem Besuch nichts -Außerordentliches. Freuen sich doch diese wilden, -nur auf ihre eigenen Erzeugnisse angewiesenen Stämme -jedesmal, wenn sie auf eine solche Art mit irgend -einem fremden Fahrzeug in Verbindung treten können, -da ihnen dieses doch immer viel Neues und oft auch -Nützliches bringt. Was sie selber dafür an Werth -geben mußten, rechneten sie nicht, denn es waren stets -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -Sachen, die sie leicht wieder ersetzen konnten, und doch -wie schmählich wurden sie dabei betrogen. Was für -glänzende Geschäfte hatte Oacutt auch schon in der -Südsee gemacht, wo er für Tabak und Branntwein, -für Kattun, Tant, werthlose Knöpfe, ja oft für abgebrochene -Nägel Kokosnußöl und nicht selten kostbare -Perlen eingetauscht. Dieser Stamm war keinenfalls -klüger als die dortigen, und ein Sortiment derartiger -Dinge auch deßhalb schon hervorgesucht und -bereit gelegt.</p> - -<p>Das herankommende Canoe sah indessen nicht so -aus, als ob es einen Handel eröffnen sollte. Es führte -nur vier Mann an Bord. Einer saß am Steuer, -zwei ruderten und der vierte stand, mit einem grünen -Busch in der Hand, vorn im Bug. Sie waren -sämmtlich nackt, nur mit einem blauen Schurz um -die Lenden bekleidet und gaben die schwarzen Wollköpfe -trotzig der Sonne preis, schienen aber keine -Waffen zu tragen und eher eine Art von Gesandtschaft, -die heraus beordert wurde, um vielleicht einmal zu -erfahren, welche Waaren die Fremden brächten und -was sie dafür verlangten. Jedenfalls blieb es gerathen, -sie freundlich zu empfangen, und der Kapitän -befahl deßhalb, die Fallreepstreppe hinab zu lassen, -damit sie bequemer an Bord steigen konnten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -Die Leute im Kanoe mußten auch diese Erleichterung -schon kennen, denn der Steuernde hielt rasch -darauf zu, aber man konnte nicht sagen, daß sie neugierig -seien, denn nur Einer von ihnen, der mit dem -grünen Busch, ergriff dieselbe und lief daran empor. -Die Uebrigen blieben im Kanoe, ergriffen nur die -Taue und hielten sich fest, um nicht von dem, jetzt -allerdings nur wenig Fortgang machenden Fahrzeug -zurückgelassen zu werden und ihren Mann zu verlieren.</p> - -<p>Der Botschafter blieb indessen noch immer, mit -seinem Busch in der Hand, oben an Deck stehen, und -schien vorher eine Einladung abzuwarten, um näher -zu treten, zeigte aber keine Furcht und schaute sich -ruhig und gleichmüthig an Bord um. Kapitän Oacutt -war übrigens in Verlegenheit, wie er sich dem schwarzen -Burschen verständlich machen sollte, denn an Bord -kannte natürlich Niemand die Sprache dieses Volkes. -Um aber seinen guten Willen zu zeigen, nahm er ein -großes Stück Kautabak in die eine, ein Glas mit -Branntwein in die andere Hand und ging damit auf -den Botschafter zu. Den Tabak mußte dieser auch -kennen, denn sein schwarzbraunes Gesicht verklärte sich -ordentlich, als er ihn sah, und er griff rasch danach. -Nicht so nach dem Branntwein. Vorsichtig roch er -vorher an das Glas, schob es dann zurück und sagte -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -in gebrochenem, aber doch verständlichem Englisch: -»Danke – ich nicht Feuer trinken – bös – sehr bös!«</p> - -<p>»Alle Wetter!« rief Kapitän Oacutt erfreut aus, -»Du sprichst amerikanisch, mein Bursche? Das ist -famos. Und was bringst Du uns?«</p> - -<p>»Bringen?« sagte der Eingeborne erstaunt, »ich -soll was bringen? Dafür schickt mich der König her, -daß Du was bringen sollst. Geschenke, wie es bei -uns üblich ist; dann erlaubt er Dir auch, daß Du -landen und zu ihm kommen darfst.«</p> - -<p>»Unendlich gnädig,« lachte Oacutt, »und vorher -dürfen wir nicht?«</p> - -<p>»Nein,« sagte der Schwarzbraune ganz ernsthaft, -indem er ein Stück von seinem Tabak abbiß.</p> - -<p>Der Amerikaner schüttelte mit dem Kopf. Der -Abgesandte selber sah allerdings nicht so aus, als ob -es in seinem Lande viel Werthvolles zu verhandeln -gäbe, oder die Eingebornen irgend welche Bedürfnisse -hätten. Er ging, bis auf den blauen Schurz, völlig -unbekleidet, und trug auch nicht die Spur von Schmuck -oder sonstigem Zierrath, viel weniger denn von Gold -an sich. Lohnte es überhaupt der Mühe, sich mit -diesem Volk einzulassen? Aber der Versuch mußte jedenfalls -gemacht werden, denn der Weg, den sie dazu -hierher gekommen, war zu weit und lang gewesen. -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -Er brauchte auch Früchte und frisches Fleisch, um -seinen Leuten eine Veränderung der Kost zu gewähren, -und dann erfuhren sie dort vielleicht etwas über die -benachbarten Küstenstriche, und wo es am Vortheilhaftesten -sein würde, anzulaufen, um die werthvollsten -Produkte dieses Welttheils einzutauschen und überhaupt -zu finden.</p> - -<p>Der Eingeborne, eine schlanke, kräftige Gestalt, -der eben so hier hergekommen schien, wie er heute -Morgen von seinem Lager aufgesprungen sein mochte, -und nur sein schwarzes Wollenhaar in unzählige kleine -Zöpfe geflochten und an den Spitzen mit einem weißen -Baumwollfaden umwickelt hatte, erwartete indessen in -aller Ruhe die Antwort des Kapitäns. Während er -selber fast regungslos blieb, rollte er das Weiße seiner -Augen nach allen Seiten des Decks. Er war sich -jedenfalls seiner Würde als Abgesandter bewußt und -durfte sich nichts vergeben.</p> - -<p>Kapitän Oacutt hatte aber sein Boot ja schon -bereit liegen, und es galt nur jetzt noch, die verlangten -Geschenke für den König, die er allerdings nicht -für nöthig gehalten, beizufügen. Das konnte rasch -geschehen sein, und der Bote bekam deßhalb die Antwort, -sie würden nicht versäumen, den König zu begrüßen -und hofften dann einen freundschaftlichen -<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -Verkehr mit dem Lande herzustellen. Der Schwarze -nickte auch bloß mit dem Kopf, drehte sich dann um, -stieg die Treppe wieder hinab, und wenige Sekunden -später blieb das Kanoe zurück und hielt dem Lande zu.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Zweites Kapitel.</span></span><br /> - -König Zambiri.</h3> - - -<p>Kapitän Oacutt ging jetzt augenblicklich daran, -das auszusuchen, was er dem Oberhaupt der Wilden -als Einführungsgeschenk überschicken wollte. Er zeigte -sich aber nicht besonders wählerisch darin, denn er -wußte aus Erfahrung, daß man einen derartigen -Häuptling nicht gleich von Anfang an verwöhnen -durfte, sonst wurde er gierig auf mehr, und ein einträglicher -Handel war unmöglich.</p> - -<p>Am Liebsten wäre er freilich selber mit an Land -gefahren, aber er durfte als Kapitän das Schiff nicht -verlassen, und sein Steuermann war wohl auf See -tüchtig, und dabei keck und unerschrocken und nicht so -leicht eingeschüchtert, aber doch kaum gewandt genug, -wo irgend eine Form erfordert wurde. Da erbot sich -Doktor Spruce, ein junger Irländer, den er als -Passagier von Sydney nach der Kapstadt mitgenommen, -das Boot zu begleiten, war es doch auch eine -<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -Unterbrechung der monotonen Seefahrt, und kurze -Zeit danach, nachdem das Kanoe wieder zwischen den -Büschen verschwand, folgte ihm die Jölle.</p> - -<p>Uebrigens ging die Mannschaft ganz ordentlich -bewaffnet; der Steuermann wie der Doktor trugen -ihre Revolver, und die Matrosen hatten Jeder einen -kurzen Schiffscutlaß im Boot liegen und ein doppelläufiges -Pistol im Gürtel stecken, konnten sich also -schon die Feinde im Nothfalle vom Leib halten.</p> - -<p>Der Schooner drehte, wie ihn das Boot verlassen, -etwas vom Ufer ab, denn sie waren dem Lande schon -fast zu nahe gekommen. Er konnte ja dort auf und -ab kreuzen, bis die Leute zurückkehrten und ihm Bericht -abstatteten. Lohnte es dann der Mühe und hielt man -sich für sicher genug, so war es noch immer Zeit, vor -Anker zu gehen und einen Tauschhandel zu eröffnen. -Unter der Zeit segelte das Boot mit leichter Brise -dem nicht mehr so fernen Land entgegen, und es ist -für den Seefahrer stets ein eigenthümliches Gefühl, -in solcher Weise eine fremde, von wilden oder doch -wenigstens uncivilisirten Stämmen bewohnte Küste zu -betreten. Gibt man sich doch immer dadurch mehr -oder weniger in die Gewalt oft sehr zweifelhafter -Horden. Aber es hat auch wieder einen ganz eigenthümlichen -Reiz, den Reiz der unbekannten Gefahr -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -<em class="ge">mit</em> der Sehnsucht, die der Matrose stets nach festem -Lande trägt, wenn er sich gar zu lange Zeit auf Salzwasser -herumgetrieben. Er will wieder einmal den -blauen Himmel durch Gesträuch und Baumzweige, -nicht mehr durch das Gewirr seiner Taue betrachten. -Er will Vögel und Frauenstimmen hören, sich an einer -frischen Quelle satt trinken und die reife saftige Frucht -selbst vom Ast pflücken; daß ihn dabei der Speer oder -Pfeil eines Wilden bedrohen könne, kümmert ihn -wenig – wenigstens nie genug, um den Versuch nicht -zu wagen.</p> - -<p>So betrachteten auch jetzt die anfahrenden Seeleute -das immer deutlicher heraustretende Land mit steigendem -Interesse, und nichts entging ihren spähenden -Blicken. Schon konnten sie einige niedere Hütten erkennen -und hielten diese Anfangs für die Hafenstadt, -aber je näher sie kamen, desto mehr schob sich das Land -auseinander, und nach rechts hinein öffnete sich plötzlich -eine geräumige Bucht, an deren Rand, unter Palmen -und hochstämmigen Laubbäumen, eine dichte Gruppe -von Häusern stand.</p> - -<p>Allerdings boten diese auch ein reizendes Landschaftsbild; -denn das frische, saftige Grün der Baumwipfel -mischte sich freundlich mit dem Graubraun der -wunderlich geformten Dächer und dazwischen wirbelte -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -der blaue Rauch langsam in die Höhe. Aber das -Auge der Seeleute verließ im Moment das ländliche -Bild und haftete auf einem anderen Gegenstand, der -fest am Ufer und halb noch vom Gesträuch verdeckt -in diesem Moment erst sichtbar wurde – einem Wrack.</p> - -<p>Die Ueberreste eines verloren gegangenen Fahrzeugs -sind für den Seemann immer von Interesse, -denn unwillkürlich erinnern und mahnen sie ihn daran, -daß sein eigenes Seeboot ein ähnliches Schicksal treffen -kann. Hier aber drang sich ihnen unwillkürlich die -Frage auf: Wie nur das Wrack dort hingekommen, -wo es lag? Denn gestrandet konnte es an jener Stelle -ganz unmöglich sein. Würde ja doch kein Seemann -der Welt mit seinem Fahrzeug in diese landumschlossene -und ziemlich seichte Bucht eingedrungen sein, ohne -vorher genau zu untersuchen, wie weit er sich vorwagen -könne. Ebensowenig konnte es ein Sturm, die -außerdem nie in der unmittelbaren Nähe der Linie -wüthen, herein verschlagen haben, denn dafür trat die -eine Landspitze viel zu weit vor. Hatten die Eingebornen -das Fahrzeug etwa überfallen, geplündert und -hiehergeschleppt? Dann stand ihnen selber auch kein -freundlicher Empfang bevor und fast unwillkürlich -warf der Steuermann den Blick zurück, die Möglichkeit -eines Rückzugs zu überschauen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -Dafür zeigten sich freilich im Augenblick schlechte -Aussichten, denn erstlich waren sie mit der Brise -eingelaufen, dann führte sie die steigende Fluth rasch -in die Bucht hinein und außerdem bemerkte er auch -jetzt, daß sich vier oder fünf Kanoes mit Eingebornen -hinter ihnen vom Lande abgelöst hatten und ihnen -folgten. Und sollten sie jetzt plötzlich Furcht zeigen? -Nein! der Steuermann besaß überdieß kecken Muth -genug, sich nicht durch eine, nur erst drohende Gefahr -einschüchtern zu lassen, und beschloß zu thun, was er -eben nicht mehr vermeiden konnte – gerade voraus -zu halten, in die Bucht hinein.</p> - -<p>Sie passirten jetzt das Wrack! Was es gewesen, -ließ sich nicht leicht erkennen, denn die Masten fehlten -und nur an einigen Stellen hing noch das stärkere -Takelwerk unordentlich über Bord. Dem Steuermann -schien es eine Brigg gewesen zu sein; er gab sich aber -umsonst Mühe, den Namen heraus zu bekommen, -denn obgleich es mit dem Stern der Bucht zu lag, -schienen die Eingebornen das dort gewöhnlich angebrachte -Namensbret entweder herausgeschlagen oder -unleserlich gemacht zu haben, mußten also wissen, daß -man daran das Schiff erkannt hätte, und fühlten sich -also auch nicht ganz rein bei der Sache.</p> - -<p>»Steuermann,« brummte der Doktor, als sie vorüberglitten, -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -»dort liegt ein Memento Mori, eine Art -von Todtenkopf und die alten Planken würden vielleicht -viel zu erzählen wissen. Ein Glück, daß wir -nicht gleich mit dem Schooner vor Anker gegangen -sind.«</p> - -<p>»Bah,« sagte der Steuermann, der sich nicht -wollte merken lassen, daß er eben erst ganz ähnliche -Gedanken gehabt; »vom Schooner sollen sie die Fäuste -schon lassen.«</p> - -<p>»Hm, ja – vielleicht – aber von uns?«</p> - -<p>»Und was wäre bei uns zu holen? Nichts als -heißes Blei!« lautete die ziemlich mürrische Antwort. -»Zum Teufel auch, Kamerad, wenn Ihr Euch fürchtet, -hättet Ihr an Bord bleiben sollen.«</p> - -<p>»Fürchten?« lachte der Doktor; »ich habe wohl -schon davon gehört, weiß aber nicht, was es bedeutet, -und der Erfolg wird es lehren. Ich wäre auch der -Letzte, der zurückginge, also vorwärts, Mate, wir sitzen -einmal drin und müssen die Geschichte jetzt auch zu -Ende führen.«</p> - -<p>»Und dort ist die Landung!« rief der Steuermann, -als er jetzt am Ufer eine Anzahl dunkler Gestalten -bemerkte, die ihnen grüne Büsche entgegenschwenkten -und damit zu winken schienen.</p> - -<p>Hier bildete das Ufer wieder einen kleinen Einschnitt, -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -aber es war augenscheinlich, daß sie den eigentlichen -Landungsplatz des Ortes erreicht hatten, denn -acht oder zehn Kanoes lagen dort ebenfalls angebunden, -und Trupps von Mädchen, Frauen und Kindern -schienen auch schon an jener Stelle die Ankunft der -Fremden zu erwarten. Der Steuermann hatte ebenfalls -ihren Dolmetsch am Ufer erkannt, jenen Burschen, -der bei ihnen zum Besuch gewesen, und mit Recht vermuthend, -daß dort der Punkt sei, wo man ihn erwarte, -lenkte er den Bug seiner Jölle direkt auf ihn zu. Im -nächsten Moment scheuerte ihr Kiel den Sand, und -Einer der Leute, unbekümmert um den Schwarm, der -draußen stand, sprang an Land, um das Springtau zu -befestigen.</p> - -<p>Der Doktor hatte sich indeß die Eingebornen betrachtet -und sich eben nicht besonders über ihr Aussehen -gefreut. Sie gingen fast sämmtlich bis auf den -Schurz nackt. Nur die jungen Mädchen trugen noch -ein oft phantastisch herausgeputztes Tuch um die -Schultern und Schmuck – Glasperlen und Goldtand -– in den Ohren und den künstlich und mühsam zusammengeflochtenen -Haaren, und Einige von ihnen -konnten sogar für hübsch gelten, wären die Lippen -nicht so aufgeworfen gewesen. Die Männer sahen -aber entschieden häßlich aus: mager und grobknochig, -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -mit einem scheuen, mürrischen, gedrückten Wesen. -Viele von ihnen trugen auch Waffen: lange, spitze und -dünne Wurfspeere oder Keulen, und Einige von ihnen -große geflochtene Schilde, und auf den Schultern und -Armen eine häßliche Art von Tättowirung, welche die -betroffenen Stellen wie aufgeschwollen erscheinen läßt. -Feindliche Absichten schienen sie aber nicht zu hegen, -denn selbst die Bewaffneten verhielten sich vollkommen -ruhig und sogar theilnahmlos und standen nur in ungeordneten -Gruppen umher, möglich um die Landung -der Fremden zu überwachen.</p> - -<p>Der Steuermann hätte nun am Liebsten seine -ganze Mannschaft mit an Land genommen, denn es -war ihm nachdem er erst einmal das Wrack gesehen, -kein angenehmes Gefühl, sein kleines Häufchen noch -zu trennen. Aber er durfte das Boot auch nicht ohne -Wache zurücklassen. Wer wußte denn, was das Gesindel -indessen damit vorgenommen hätte. Drei -Mann genügten indeß dazu vollkommen und er mit -dem Doktor wollten dann ihren Besuch bei dem Könige -machen, während der Jüngste von den Matrosen das -braunlackirte Blechkästchen tragen konnte, in welches -Kapitän Oacutt die Geschenke für Seine Majestät -gethan.</p> - -<p>Der Schwarze, der zugleich als ihr Führer ausersehen -<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -schien, hatte indeß ruhig neben ihnen gestanden -und sie betrachtet, jetzt aber, als der Steuermann -ihn anrief, voran zu gehen und ihnen den Weg zu -zeigen, sagte er erstaunt: »Ja, Freund, wo hast Du -denn die Geschenke für den König?«</p> - -<p>»Nun, in dem Kasten da!« erwiederte der Seemann.</p> - -<p>»Und das ist Alles?« rief kopfschüttelnd der -Schwarze. »Unser König ist groß und mächtig; er -wird über das Wenige hinwegsehen.«</p> - -<p>»Er soll zu Gras gehen!« brummte der Steuermann -leise vor sich hin, setzte aber laut hinzu: »Und -weißt Du denn, was da drinnen ist, Wollkopf?«</p> - -<p>»Nein,« antwortete dieser etwas verblüfft; »wie -kann ich's wissen – ich habe ja nicht hineingesehen.«</p> - -<p>»Also vorwärts marsch, daß wir weiter kommen -und das Mittagessen nicht versäumen,« nickte ihm der -Steuermann zu und ihr Führer schien jetzt ebenfalls -damit einverstanden. Wer wußte in der That, was -für kostbare Dinge der kleine Kasten enthielt – der -Weiße hatte recht. Erst mußte man es sehen, ehe -man urtheilen konnte. Er schritt langsam, von den -Fremden gefolgt, gerade auf den Schwarm von Mädchen -und Frauen zu, die aber scheu zur Seite wichen -und Raum gaben, wodurch sie eine Art von lebendiger -<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -Gasse bildete, und die Amerikaner sahen jetzt ein niederes -aber breites Gebäude vor sich, auf welches sie -direkt zuhielten.</p> - -<p>War das wirklich das Palais, so wohnte Seine -Majestät allerdings sehr bescheiden, konnte aber deßhalb -natürlich doch von jeder orientalischen Pracht -umgeben sein. Wie oft bargen in solchen wilden Ländern -schlichte Rindendächer die bedeutendsten Schätze, -und wer es da verstand, machte leicht bessere Geschäfte, -als in den größten Städten und Hafenplätzen. Vergebens -suchten aber sowohl der Doktor wie Steuermann -einen Ueberblick über die Stadt selber zu gewinnen, -denn die Wohnungen lagen nicht in geraden -Straßen, sondern unordentlich durcheinander und -meist so in Gebüschen und Fruchtbäumen versteckt, daß -man nur hie und da einzelne Häuser und Dachspitzen -zwischen Bananenhainen und Palmenwipfeln durch -erkennen konnte. Es blieb ihnen überdieß keine lange -Zeit, sich umzuschauen, denn eben betrat ihr Führer -die Schwelle des niederen Gebäudes und winkte ihnen -dabei zu folgen. Eine vorherige Anmeldung wurde -also nicht für nöthig befunden.</p> - -<p>Sie fanden jedoch bald, daß die Hütte mit ihrem -ärmlichen Aeußern dem Innern vollkommen entsprach. -Sie war von Pfählen und Reisig gebaut, luftig allerdings -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -genug und dem heißen Klima zusagend und nur -mit einem guten dichten Dach bedeckt, schien aber -sonst sehr dürftig ausgestattet und enthielt nur einige -Stücke europäischer Ausstaffirung, auf welche die -Seeleute Anfangs jedoch nicht achteten, weil eine -merkwürdige Gruppe im Mittelpunkt der Hütte ihre -Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm.</p> - -<p>Auf einem dort ausgebreiteten Löwenfell – sonst -aber auf der blanken Erde – lag nämlich ein großer, -schwarzer, unförmlicher, aber lebendiger Klumpen, -dem selbst der Doktor nicht gleich eine bestimmte -Form und Gestalt geben konnte, während oben darauf -ein kleiner, schlanker, kaffeebrauner Bursche, die -Arme in die Seite gestemmt, gymnastische Uebungen -auszuführen schien, denn er stieg und tanzte darauf -herum, obgleich es eine Geschicklichkeit zu erfordern -schien, das Gleichgewicht dabei zu erhalten.</p> - -<p>Links in der Ecke balgte sich eine Anzahl von Kindern -unter der Aufsicht von zwei jungen Mädchen, -ohne indessen von dieser Produktion weitere Notiz zu -nehmen, und der Doktor besonders gab sich die größte -Mühe, nur erst einmal herauszubekommen, was er -da eigentlich vor sich habe und was es bedeute. Aber -es dauerte nicht lange, so begann er, trotz dem in der -Hütte herrschenden Dämmerlicht, doch einige Umrisse -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -an dem Klumpen zu unterscheiden, der sich bald als -ein wirklich menschliches Wesen, wenn auch in wunderlicher -Verunstaltung, herausstellte. Da war in -der That ein dicker, wolliger Kopf, da war etwas, das -wie Beine und Füße aussah, wenn auch nur im kürzesten -aber dicksten Maßstab – alles Uebrige mußte -aber Körper oder Rücken sein, denn das merkwürdige -Geschöpf lag, wie er jetzt bemerkte, auf dem -Bauch, und der kleine gelenke Bursche tanzte eine -Art von Menuet auf seinem Rückgrat.</p> - -<p>Erstaunt sahen sich der Steuermann und Doktor, -während der Matrose mit offenem Mund daneben -stand, nach ihrem Führer um, dieser winkte ihnen -aber mit der ernsthaftesten Miene von der Welt zu, -ruhig zu bleiben, und deutete dabei ehrfurchtsvoll auf -den schwarzen, nackten Fleischklumpen. – War das -etwa der König?</p> - -<p>Der Dicke schien sich indessen unter der Operation -sehr behaglich zu fühlen; er stöhnte ein paar Mal -vor Vergnügen und fing dann an, erst die Arme und -dann die kurzen Beine auszustrecken, wälzte sich auch -bald ein wenig nach der, bald nach jener Seite, so -daß der kleine Bursche ungemein aufpassen mußte, um -nicht das Gleichgewicht zu verlieren und herabgeworfen -zu werden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Endlich schien aber der Koloß befriedigt; er -grunzte fast vor Wonne, und nachdem er dem Kleinen -etwas zugerufen, wornach ihn dieser noch ein paar -Mal kräftig in's Genick trat und dann absprang, -richtete er sich plötzlich in die Höhe, so daß er, den -Fremden unmittelbar gegenüber, auf das Fell zu -sitzen kam. In diesem Augenblick mußte er auch zum -ersten Mal den Besuch bemerken, denn er sah sie -einen Moment so verdutzt an, daß besonders der -Doktor ein herauswollendes Lachen kaum verbeißen -konnte. – Ob er sich vielleicht genirte, bei seinem -»Tretbad« von den weißen Männern beobachtet worden -zu sein? Das war wohl kaum der Fall, indeß gewann -er seine Fassung sehr bald wieder. Er winkte -dem Knaben und rief ihm ein paar Worte zu, wonach -ihm dieser eine Art von Oberhemd aus rothem -Kattun überwarf, was seine Toilette beendete. Dann -redete er den Dolmetsch an.</p> - -<p>Dieser machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, -nahm ohne Weiteres dem Matrosen das Blechkästchen -ab und setzte es neben sein Oberhaupt nieder. Dem -Steuermann entging auch der ungnädige Blick nicht, -den dieser darauf warf, sich dann aber doch herabließ, -es zu öffnen und hineinzuschauen. Der Doktor behielt -indessen Muße, ihn etwas näher zu betrachten, -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -und mußte sich gestehen, in seinem ganzen Leben noch -kein ähnliches menschliches Wesen gesehen zu haben.</p> - -<p>Der kleine dicke Bursche, wie er da vor ihm saß, -konnte kaum mehr als vier Fuß hoch sein und war -dabei in der That lauter Bauch. Ja es sah ordentlich -aus, als ob der Kopf, ohne auch nur einen Zollbreit -Hals zu gestatten, fest und tief in den unförmlichen -Körper hineingeschraubt worden wäre. Beine -und Arme zeigten sich dazu von ganz unmäßiger Dicke -und an Gewicht mußte er wenigstens drei Centner -wiegen – wenn nicht noch mehr. Frisirt schien er -an dem Morgen nicht zu sein, die Haare standen ihm -in struppigen, fest ineinander gerollten Wollbüscheln -nach allen Seiten hinaus und aus dem dicken, fettglänzenden -Gesicht stierten ein paar kleine, wie zusammengekniffene -Augen eben nicht besonders freundlich -bald die Fremden, bald seinen Dolmetsch, bald -den eben geöffneten Blechkasten an. Sein Inhalt -beschäftigte ihn aber doch vor der Hand am Meisten, -und er schien das Gebrachte auch nicht etwa als ein -Geschenk, sondern vollkommen als Tribut zu betrachten, -für den er sich natürlich nicht zu bedanken -brauchte.</p> - -<p>Der dicke Bursche mußte übrigens schon öfters -mit weißen Fremden verkehrt haben, denn der Steuermann, -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -der sich jetzt etwas näher in dem Gemach -umsah, bemerkte eine Menge von Dingen, die ihm -nur Europäer oder Amerikaner gebracht haben konnten. -Dort drüben war an der Reisigwand ein Spiegel in -Goldrahmen aufgestellt, der genau so aussah, als ob -er früher einmal in der Kajüte eines Fahrzeugs gehangen; -in der einen Ecke lagen Sophapolster, mit -dem Ueberzug aber schon lange heruntergefault; dann -standen in der Ecke mehrere Musketen mit Bajonneten -und daneben einige Schiffscutlasse, während ein sauber -gearbeitetes Mahagonischränkchen mit Perlmutterschloß -ebensogut früher in eine Kajüte gehört -haben konnte, denn Messingbügel waren jetzt noch -daran zu erkennen.</p> - -<p>Der Dicke indessen, der das geöffnete Kästchen -eine Weile halb neugierig, halb mißtrauisch betrachtet -hatte, griff jetzt hinein und zuerst nach einer oben aufliegenden -langen Tafel Kautabak, an der er roch und -sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte. -Die Kinder, die gesehen hatten, daß es dort irgend -etwas Neues gab, kamen jetzt herbeigelaufen. Sie -waren sämmtlich in dem Alter von etwa fünf bis -neun Jahren und gingen, wie das bei solchen Stämmen -gewöhnlich der Fall ist, »bis an den Hals barfuß«. -Auch ihre Wärterinnen, die ihnen schon folgen -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -mußten, kamen näher; sie waren ebenfalls neugierig -geworden.</p> - -<p>Unter dem Tabak fand Seine Majestät jetzt eine -große, dicke, aber unechte Uhrkette, auf welche sich der -Kapitän, als er sie in den Kasten legte, nicht wenig -zu Gute gethan. Der König griff auch rasch danach, -hatte sie aber kaum in die Hand genommen, als er -sie schon mißtrauisch betrachtete, dann – wie den -Tabak vorher – an die Nase hob und scharf und -lange daran roch. Die Untersuchung mochte aber -nicht zu ihren Gunsten ausgefallen sein, denn er schüttelte -mit dem Kopf und warf sie dann – ohne sie -weiter eines Blickes zu würdigen – verächtlich unter -die Kinder, die jubelnd darüber herfielen.</p> - -<p>Das abgemacht, griff er zwischen die andern -Dinge hinein, schien aber nicht viel Tröstliches herauszufischen: -ein paar bunte, aber baumwollene -Taschentücher – ein paar Schnüre Glaskorallen – -einen kleinen Spiegel im Futteral – eine Scheere, -und müde des nutzlosen Suchens drehte er endlich in -etwas summarischer Weise den Kasten um, schüttete -den ganzen Inhalt auf die Decke und wühlte in den -Dingen, die Kapitän Oacutt als Kostbarkeit eingepackt, -geringschätzig mit dem rechten Fuß herum. Es -zeigte sich auch in der That nichts darunter, was er -<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -hätte gebrauchen können oder mögen; nur eine kurze -Tabakspfeife nahm er noch für sich und schob dann -den ganzen Plunder mit seinem dicken Bein den -Kindern zu.</p> - -<p>Von der Gelegenheit suchte auch eine der »Bonnen« -Nutzen zu ziehen und griff nach einer Schnur -hellblauer Glasperlen, aber ihr Herr und Gebieter -war – unglücklicherweise für sie – nicht in der -Laune, irgend eine Vertraulichkeit zu gestatten. Er -schlug mit der rechten Hand aus und traf das arme -Mädchen so derb gegen den Nacken, daß sie wie betäubt -zur Seite taumelte und dann leise wimmernd -aus dem Wege kroch. Der kleine Tyrann nahm -aber keine Notiz von ihr – er war ärgerlich geworden. -Sollten das etwa Geschenke für einen König -sein, wie sie ein fremdes Schiff ihm als Tribut bringen -mußte? Wollten die Weißen ihn verhöhnen? Und -zornig wandte er sich an den Dolmetscher, der achselzuckend -und gebückt, als ob er die Stellung schon einmal -von einer deutschen Hofschranze abgesehen, ihm -gegenüberstand und die Vorwürfe geduldig und demüthig -mit anhörte. Kaum aber hatte der König -geendet, als er sich auch, jetzt selber zornig und seinen -Monarchen repräsentirend, an die Fremden wandte -und all' die Vorwürfe mit fast schreiender Stimme -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -wiederholte, die er eben mit angehört. Der Sinn -der Rede war etwa folgender: »Aus welchem Lande -kommt ihr, daß ihr glaubt, ihr dürftet dem Fürsten -eines Volkes Kinderspielzeug zum Geschenk bringen? -Geht fort und kehrt nicht eher zurück, bis ihr mit -einer würdigen Gabe nahen könnt.«</p> - -<p>»Alle Wetter!« rief der Steuermann überrascht -aus, »wie mir scheint, müßt ihr selber hier sehr reich -sein, wenn ihr das, was in unserem Lande als Kostbarkeit -gilt, so verächtlich bei Seite werft. Wir geben, -was wir haben, und es ist möglich, daß wir Sachen -an Bord finden, die Deinem König noch besser gefallen, -aber dann müssen wir auch vorher wissen, was -ihr uns zum Handel bieten könnt und ob es der Mühe -lohnt, mit euch zu verkehren.«</p> - -<p>Der Dolmetsch übersetzte, was ihm der kecke -Fremde gesagt, und die Antwort des Königs lautete, -daß sie Sklaven zum Tausch hätten – Sklaven genug, -um sein ganzes Schiff zu beladen. Brooks, der -Steuermann, schüttelte aber mit dem Kopf und erwiederte: -sie wären keine Sklavenhändler, die nur an -die Küsten fremder Länder kämen, um Menschen zu -stehlen. Sie wollten Waaren – Produkte des Landes -haben – Elfenbein, Straußenfedern, Gummi, -Goldsand oder was da wäre, und die Geschenke -<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -für den König sollten dann dem entsprechend ausfallen.</p> - -<p>Dieser erhielt das Gesagte wieder übersetzt und -bedachte sich einen Augenblick – er überlegte wahrscheinlich, -ob er durch eine Antwort darauf seiner -Würde nichts vergebe. Endlich nickte er leise vor -sich hin und rief ein paar rauhe Worte, wonach dann -der Dolmetsch den Fremden nur winkte, ihm zu -folgen.</p> - -<p>Der Doktor, der nicht gern eine Höflichkeitsform -versäumen wollte, zupfte den Steuermann und flüsterte -ihm zu, ob sie sich nicht vorher bei Seiner Majestät -verabschieden müßten. Der Dicke schien aber gar -keine weitere Notiz von ihnen zu nehmen, sondern -drehte ihnen höchst ungenirt den breiten Rücken zu, -wonach die Fremden es dann auch nicht weiter für -nöthig hielten, irgend eine sonst vielleicht verlangte -Ceremonie zu beachten.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Drittes Kapitel.</span></span><br /> - -Die Schatzkammer.</h3> - - -<p>Ihr Führer schritt mit ihnen direkt wieder zum -Strand zurück und der Richtung zu, in welcher ihr -Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die -<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit -nicht versäumen, vielleicht etwas Näheres darüber -zu erfahren, und als sie wieder den freien -Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse -des gestrandeten Fahrzeugs eben erkennen konnte, -sagte er, anscheinend leichthin: »Was ich gleich sagen -wollte, Freund! Was war das eigentlich für ein Fahrzeug, -das da drüben in den Büschen so fest vor Anker -liegt?«</p> - -<p>»Welches?« sagte der Schwarze, als ob es zehn -verschiedene gegeben hätte.</p> - -<p>»Welches? Das da drüben – das große Fahrzeug -der Weißen, das an Eurer Küste liegt.«</p> - -<p>»O das,« meinte der Dolmetsch gleichgültig; »altes -Schiff, liegt schon viel lang drüben – weiß es -nicht.«</p> - -<p>Der Steuermann hätte nun darauf schwören -wollen, daß das verunglückte Fahrzeug noch gar nicht -etwa so lange da drüben liegen <em class="ge">konnte</em>, denn die -Malerei daran sah viel zu frisch dafür aus, und von -Verwitterung war keine Spur zu erkennen. Aber -er merkte auch wohl, daß der Bursche nichts gestehen -wollte oder durfte, und mochte selber nicht gleich Neugierde -verrathen, um keinen Verdacht zu erwecken. -Traten sie erst mit dem Volk hier in einen näheren -<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -Verkehr, so fand sich auch wohl einmal eine Gelegenheit, -um das Wrack zu besuchen, wenigstens dicht -hinan zu laufen, und dann getraute sich der Seemann -auch schon nähere Daten darüber selber herauszufinden. -Bis dahin war es weit gerathener, -vorsichtig zu Werk zu gehen.</p> - -<p>Ihr Führer schritt indessen nicht direkt auf ihr -Boot zu, das sie schon von Weitem erkennen konnten, -sondern bog etwas mehr rechts ab, und zwar einem -wunderlich gestalteten, hohen und spitzen Hause zu, -das sich nur dadurch von den übrigen Wohnungen -unterschied, daß es fest verschlossen schien und keine -offene Thüre zeigte.</p> - -<p>Der Doktor war einige Schritte dicht an der Umzäunung -desselben hingegangen und näherte sich jetzt -einem eigenthümlichen, fest überdeckten Vorbau, als -er plötzlich erschreckt zur Seite fuhr, denn fast unmittelbar -neben ihm stieß ein Löwe sein heiseres Gebrüll -aus.</p> - -<p>Die Eingebornen lachten und auch der Steuermann -amüsirte sich über den Satz, den der Doktor -machte; übrigens war er selbst zusammengefahren, -denn hier, mitten im Dorf, hatte er keine solche Bestie -erwartet, die da jedenfalls hinter dem Palissadenwerk -gefangen gehalten wurde. Sie waren jetzt auch gerade -<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -über ihrem Boot angekommen, das etwa hundert -Schritt von ihnen entfernt unten am Strand lag, als -ihr Führer vor diesem Löwenzwinger stehen blieb und -dort hineindeutend sagte: »Ihr glaubt nicht, Fremde, -daß unser König Waaren hat, um mit euch zu handeln. -Seht, was da drinnen aufgeschichtet liegt. Ihr -wäret nicht im Stande, auch nur die Hälfte davon zu -kaufen.«</p> - -<p>»Hoho, mein Bursche!« sagte der Doktor, der sich -eigentlich schämte, vorhin eine plötzliche Schwäche gezeigt -zu haben, aber das Gebrüll war auch zu unerwartet -und aus zu unmittelbarer Nähe gekommen: -»und was hättet Ihr da?«</p> - -<p>»Jedenfalls Sachen, die werthvoller sind als Eure -Geschenke,« grinste der Schwarze. »Seht nur hindurch.«</p> - -<p>Die Fremden trauten nicht recht; hinter dem -Gitter schritt der Löwe umher, und der Doktor bemerkte -jetzt auch dicht daneben eine wohl starke, aber -doch nur hölzerne Thür, die allein von zwei breiten -Holzriegeln verschlossen gehalten wurde und in den -Zwinger führte. Aber was konnte ihnen geschehen? -und wenn er auch nicht recht begriff, welche Kostbarkeiten -der Löwenkäfig enthalten könne, trat er doch -mit dem Steuermann dicht an die Palissaden und sah -hindurch.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -»Alle Teufel!« rief da der Seemann plötzlich; -»Doktor, was meint Ihr – da drin läge Fracht für -uns.«</p> - -<p>»Elfenbein!« sagte dieser, aber wirklich überrascht -von der Masse, die er da drinnen aufgeschichtet sah. -»<i>Bless my soul</i>, die scheinen ja sämmtlichen Elephanten -die Zähne ausgerissen zu haben. Junge, -Junge, wo habt Ihr all' das Elfenbein her?«</p> - -<p>»Nun?« sagte der Schwarze, augenscheinlich von -dem Erstaunen der Fremden befriedigt; »hat der -König zu viel gesagt?«</p> - -<p>Da drinnen lag in der That ein unschätzbarer -Reichthum von werthvollen und zum Theil außerordentlich -großen Elephantenzähnen aufgeschichtet, und -der Löwe schien dabei als trefflicher Wächter zu dienen. -Entsetzt rief aber der Doktor aus, als er den Blick -jetzt in dem inneren Raum umher schweifen ließ: -»Heiliger Gott, was ist das? füttert Ihr denn hier -die Bestie mit Menschenfleisch? Sehen Sie um des -Himmels willen die Schädel und Knochen, Brooks, -die da drin umhergestreut liegen.«</p> - -<p>»Das ist nichts,« sagte der Eingeborne gleichgültig, -»nur Sklaven oder Kriegsgefangene, wenn sie -krank oder schwer verwundet sind. Ja Zambiri ist -ein großer König und gerade jetzt jagen unsere Truppen -<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -einen feindlichen Stamm. Wenn Ihr ein paar -Tage hier bleibt, könnt Ihr sie mit Beute beladen -zurückkehren sehen.«</p> - -<p>»Und das Elfenbein gehört Alles dem König?«</p> - -<p>»Alles, und noch weit mehr, viele große Büffelhörner -voll Perlen, Schildpatt, Gold. Zambiri ist -sehr reich, es ist ein großer König.«</p> - -<p>»Und verkauft er die Zähne?«</p> - -<p>»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, »aber es kommt -darauf an, was Du ihm bieten kannst. Viel mußt -Du ihm bringen, und vor allen Dingen Geschenke für -ihn, sonst macht Ihr ihn nur böse, und dann ist er -furchtbar, wie ein Löwe selber.«</p> - -<p>»Die kleine schwarze Bestie,« brummte der Doktor -leise vor sich hin, bemerkte aber auch in demselben -Augenblick den nämlichen kleinen schwarzen Burschen, -der vorher auf dem Rücken des Königs herumgestiegen -war, und der nun in einiger Entfernung hinter -dem Dolmetsch stand und ihm geheimnißvolle, aber -scheue Zeichen machte. Sollte das eine Warnung -sein, und drohte ihnen Verrath? Fast unwillkürlich -griff er mit der Hand nach dem unter dem Rock versteckten -Revolver, der Kleine aber, als ob er die Bewegung -verstanden hätte, schüttelte mit dem Kopf und -deutete auf seinen Mund. Wollte er ihm etwas -<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -sagen? Jedenfalls mußte er in seine Nähe zu kommen -suchen, aber der Dolmetsch war ihm dabei im Weg.</p> - -<p>»Schafft mir den schwarzen Kerl einen Moment -bei Seite, Steuermann,« flüsterte er diesem rasch zu, -»geht mit ihm zum Boote, ich folge.«</p> - -<p>Der Steuermann sah ihn erstaunt an und begriff -nicht, was er wolle, der Doktor mußte aber jedenfalls -seinen Grund dafür haben, und sich an den -Dolmetsch wendend, sagte er: »Unter den Umständen -wird es am Besten sein, gleich an Bord zurückzufahren -und das Werthvollste herauszusuchen, was wir -haben, damit wir Deinen König zufrieden stellen. -Wir sind als Freunde hierhergekommen, und ich hoffe, -wir sollen als Freunde mit einander verkehren. Aber -da unten sehe ich Früchte, könnten wir wohl einige -davon mit an Bord nehmen? Wir haben eine lange -Fahrt gehabt, und nichts Grünes unterwegs gefunden,« -und dabei schritt er, von dem Matrosen dicht gefolgt, -zum Boot hinunter.</p> - -<p>»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, der sich an seiner -Seite hielt. Der Doktor blieb dabei ein paar Schritte zurück, -als der Junge dicht an ihn hinanglitt und zugleich -im reinsten Englisch flüsterte: »Rettet uns – -gefangen – vom Schiff...« In demselben Moment -aber auch und gerade als sich der Dolmetsch nach -<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a> -ihm umdrehte, sprang er nach vorn, auf diesen zu und -sagte irgend etwas in seiner Sprache.</p> - -<p>Der Schwarzbraune blickte ihn zornig an, und -sah bald auf ihn, bald auf den Doktor, da dieser aber -mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein paar -hier auf dem Sand liegende Muscheln aufhob und -aufmerksam betrachtete, schien sein plötzlich gefaßtes -Mißtrauen zu schwinden.</p> - -<p>»Ich muß zum König,« sagte er zum Steuermann, -»wartet für einen Augenblick, ich werde Euch Früchte -schicken; gebt den Leuten Taback dafür – aber keinen -Branntwein – er ist streng verboten und nur der -König darf ihn trinken,« und damit, die Weißen sich -selber überlassend, rief er dem Knaben einige Worte -zu und eilte, diesen am Arm fassend, mit ihm zu -seines Oberhauptes Wohnung zurück.</p> - -<p>Wie gerne hätte der Doktor noch Weiteres von -dem jungen Burschen gehört, aber er sah auch ein, -daß das nicht möglich sei, ohne augenblicklich Verdacht -zu erregen und jede Aussicht auf Erfolg abzuschneiden. -Dem Steuermann theilte er aber jetzt mit, was ihm -der Junge zugeflüstert, und dieser rief, seine rechte -Faust in die linke flache Hand schlagend: »Ob ich es -mir denn nicht gedacht habe? Mit dem Wrack -da ist faul Spiel gewesen, und uns wollen sie jetzt -<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -bloß kirre machen, um uns nachher ebenso zu bedienen.«</p> - -<p>»Und die Elephantenzähne sind auch nicht alle aus -dem Land gekommen, Sir,« sagte der junge Matrose, -der daneben stand. »Zwei davon, das hab' ich deutlich -durch das Gitter gesehen, waren mit Schiemanns-Garn -zusammengebunden, und Schiemanns-Garn -haben sie nur an Bord von Schiffen.«</p> - -<p>»Gar nicht unmöglich,« nickte der Seemann, »das -Fahrzeug kann schon recht gut an der Küste gekreuzt -und Elephantenzähne eingehandelt haben, und das hat -dieser schwarze Heide jetzt Alles in seinem Waarenlager -aufgeschichtet.«</p> - -<p>»Aber was nun?«</p> - -<p>»Dort kommen die Früchte,« sagte der Steuermann, -»die wollen wir erst einnehmen, und dann so -rasch als möglich an Bord zurück, um dem Kapitän -Bericht abzustatten. Hol's der Teufel, wir müssen -doch wenigstens einen Versuch machen, vielleicht sogar -unsere Landsleute zu retten, und geht das nicht, ei -dann laufen wir nach dem Kap hinunter und schicken -ein Kriegsschiff her, denn ungestraft sollen sie sich -beim Himmel nicht an einem Fahrzeug der Weißen -vergriffen haben.«</p> - -<p>Das Gespräch war hier abgebrochen, denn allerdings -<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -kamen jetzt Eingeborne mit Früchten heran, erst -einzeln und dann immer mehr. Der Steuermann -hielt sich aber nicht lange auf, hatte auch nicht genug -Waaren bei sich, um mit ihnen einen großen Tauschhandel -zu eröffnen. Nur den Ersten nahm er, was -sie brachten, ab, und gab ihnen Tabak dafür, dann -sprangen die Männer wieder in ihr Boot und ruderten, -so scharf sie konnten, in See hinaus, um den ihnen -schon wieder entgegenkommenden Schooner zu erreichen.</p> - -<p>Kapitän Oacutt war übrigens, als sie an Bord -zurückkehrten, mit dem Resultat ihrer Fahrt nicht besonders -zufrieden. Er hörte wohl den Bericht mit -der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schüttelte aber -dabei bedenklich mit dem Kopf und meinte endlich: -Das mit dem Elfenbeinvorrath klänge allerdings sehr -gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast, -als ob er, wenn er unter diesen Verhältnissen auf -einen Handel einginge, am Ende gar noch Schiff und -Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem eigenen -Leben bezahlen könne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen, -die von dem Doktor kräftig unterstützt -wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er durfte die -Küste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne -nicht wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, -Näheres über das verunglückte Fahrzeug zu hören, -<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a> -und da sie jetzt durch den Knaben die Gewißheit hatten, -daß wenigstens Einer an Land sei, der darüber zu -erzählen wisse, so blieb ihnen nichts übrig, als dem -weiter nachzuforschen.</p> - -<p>Der Kapitän mußte ihnen darin beistimmen, und -sehr verlockend wirkte dabei auch die Schilderung des -Haufens von Elephantenzähnen, die aber auf so entschiedene -Weise von einem der wildesten Ureinwohner, -dem Löwen, bewacht wurden. Jedenfalls hatte der -Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten wenig durch -eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die -Geschenke und Proben für den Handel mitzunehmen -brauchten. Es käme vor allen Dingen darauf an, -jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts, -etwas freundlich für sie zu stimmen und selber -gierig auf eine Handelsverbindung zu machen, nachher -wäre es ein Leichtes, mehr über die Verhältnisse dort -zu erfahren. Günstigeren Zeitpunkt durften sie außerdem -nicht hoffen, dafür zu finden, als gerade jetzt, da -sich, wie sie ja am Ufer gehört, der größte Theil der bewaffneten -Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang -im Inneren befand. Die Gefahr eines Ueberfalls -begann erst, wenn die zurückkehrte, und je eher -sie deßhalb hier an's Werk gingen, desto besser.</p> - -<p>Einem Kapitän ist immer die Sicherheit seines -<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a> -eigenen Fahrzeugs das Höchste, und muß es sein, denn -nicht allein das Eigenthum seiner Rheder, sondern -auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem -Spiel, aber Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem -Schicksal eines verunglückten Fahrzeugs nachzuforschen, -wirkte hier gleich stark, und er sträubte sich nicht -länger, sein Boot zum zweiten Mal hinüber zu senden. -Nur die Wahl der Geschenke hatte noch einige -Schwierigkeit, da er gern so wenig als möglich opfern -wollte, während der Doktor wie auch der Steuermann -darauf bestanden, daß man sich dießmal, nach dem -ersten verunglückten Versuch, ganz besonders splendid -benehmen müsse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen -durch, und ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich -werthvollen Dingen, seidenen Kleidern und Schärpen, -wollenen bunten Stoffen, vergoldeten Uniformtroddeln, -reich verzierten Messern, hübsch aussehenden -Glaskorallen und anderen derartigen Dingen fast -gefüllt. Außerdem sollte auch noch eine Probe der -Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein -oder andere werthvolle Produkte einzutauschen -gedachte, auch Brod und guten Branntwein mußten sie -mitnehmen, den Letzteren nur für den König selber; und -also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz -jenes schwarzen Fleischklumpens für sich zu gewinnen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a> -Heute war es natürlich mit all' diesen Berathungen -und dem Auswählen zu spät geworden, um noch -einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der -Nacht mochten sie sich auch drüben nicht überraschen -lassen, und der Kapitän hielt deßhalb mit seinem -Schooner weiter von der Küste ab. Allerdings mochten -die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen, -glauben, die Weißen hätten auf den Handel mit ihnen -verzichtet, und wären wieder abgefahren, aber das -schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher -darauf, und das konnte das Geschäft für morgen nur -erleichtern.</p> - -<p>Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft -die Nachricht verbreitet, daß die »Niggers« am -Ufer weiße Männer in der Gefangenschaft hielten, -und die Wuth darüber war grenzenlos. Noch an -demselben Abend kam eine Deputation zum Kapitän, -die ihn bat, er möchte mit dem Schooner an Land -fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschießen. -Alle meldeten sich als Freiwillige zum -»Entern« und schienen besonders, der Beschreibung -ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethüm -zu verlangen, das Sklavenhandel treibe und seine -eigenen Unterthanen dem Löwen vorwerfe. Oacutt -aber, so sehr er sich über die gute Stimmung der -<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a> -Leute freute, stellte ihnen vor, daß sie erstlich noch nicht -einmal genau wüßten, ob wirkliche Weiße dort gefangen -gehalten würden, dann aber auch durch einen -Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen, -aber nie im Leben wirklich Gefangene befreien könnten. -Er versprach ihnen indeß, morgen früh sechs von -ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu -sehen, was sich machen ließe, und daß er sich dann auf -sie verlasse, sie würden im Nothfall ihre Schuldigkeit -thun, verstand sich von selbst.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Viertes Kapitel.</span></span><br /> - -Der zweite Besuch.</h3> - - -<p>Am nächsten Morgen mit erstem Tagesgrauen -war die Sarah Miles schon wieder fast auf der nämlichen -Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen, -und hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen. -Das brauchte auch nur in See gelassen zu -werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafür -bestimmte Mannschaft stand gerüstet an Deck und -schien selber die Zeit kaum erwarten zu können, wo sie -da drüben ihre Thätigkeit beginnen möchte. Rasch -wurde auch dem Befehl: »<i>a shore!</i>« Folge geleistet; -mit lautem Hurrah hißten sie das kleine Segel, und -<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a> -fort ging es, der Mündung der Bai entgegen. Kapitän -Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal -gegen die Eingebornen gefaßten Verdacht nicht wieder, -so wie gestern, aus Sicht lassen. Daß sie in der -Bucht tief Wasser hatten, wußte er schon vom Steuermann, -und langsam folgte er deßhalb seinem Boot, -um dort entweder zu kreuzen, oder wenn es sicher befunden -wurde, auch vor Anker zu gehen.</p> - -<p>Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung -entgegen und wunderte sich nur, daß sie heute gar -keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafür -eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied -mit dem Fernrohr eine Menge Frauen und -Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten? -Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und -der Seemann hielt deßhalb die Gelegenheit für passend, -um jetzt so dicht als möglich an das Wrack hinan zu -laufen und es ein wenig näher zu untersuchen. Das -ging auch leichter, als er selbst geglaubt, denn während -sie sich am linken Ufer hielten, wurden sie durch die -vorhängenden Büsche desselben verdeckt, ja das Wrack -selber stand ein Stück in die Bai hinaus. Der -Steuermann ließ auch sein Boot dort anlaufen und -kletterte rasch an Deck; aber da war freilich nichts -weiter zu sehen, als daß es eine nicht sehr große Brigg -<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a> -gewesen, die jedoch rein ausgeplündert worden, wie -sich das in dieser Nachbarschaft auch von selbst verstand. -Sogar das Skylight hatten sie abgehoben und -weggeführt, und die Kajüte war natürlich blank und -leer. Aber auch keine Spur eines Namens fand sich, -denn ebenso wie das Namensbrett am Stern herausgebrochen -worden, so fehlten auch die beiden Bretter -an der Gallion, auf welchen früher wahrscheinlich -ebenfalls der Name gestanden, und da am Bugspriet -kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag, -ließ sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die -ganze Eintheilung und Bauart des Fahrzeugs war -jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei, -und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung -gerade nicht freundlicher gegen die Schwarzen gestimmt.</p> - -<p>Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten, -es half ihm auch nichts, denn an den Hölzern -ließ sich nichts weiter erkennen, und sie hätten das -schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mißtrauisch -gemacht. Rasch deßhalb wieder in das Boot -hinabsteigend, stieß er ab, und während er den Leuten -unterwegs erzählte, was er oben gefunden, und für -welchen Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie -am Ufer hinauf, dem Landungsplatz entgegen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a> -Daß indessen dort etwas vorgegangen sein mußte, -ließ sich nicht verkennen, und je näher sie kamen, desto -deutlicher hörten sie das Weh- und Klagegeheul von -Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begräbniß, -bei welchem die Frauen ja gewöhnlich ihre Trauer -laut und oft herzzerreißend kund geben, und sie kamen -dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie beizuwohnen. -Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete, -fiel es dabei auf, daß er so viele Bewaffnete -bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen Lanzen -überall am Ufer herumstanden und den Platz besonders -einzuschließen schienen, in dem die Elephantenzähne -lagen. Hatten sie etwa Besorgniß, daß die -Weißen einen Angriff darauf machen könnten, oder -bedeutete es Schlimmeres?</p> - -<p>Der Steuermann schien etwas Aehnliches zu befürchten, -denn er gab Befehl, das Segel einzunehmen -und zu den Rudern zu greifen. Sie blieben dadurch -weit besser Herr ihrer Bewegungen und konnten, -wenn es sein mußte, gleich zurück, oder wenigstens in -freies Wasser halten. Mit ihren Feuerwaffen wehrten -sie dann schon leicht jeden etwaigen Angriff ab. -Sonderbarerweise bekümmerten sich aber die Leute -am Ufer fast gar nicht um sie, nur ein Platz wurde -freigehalten, wo sie landen konnten, und zwar durch -<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a> -Bewaffnete, und die Seeleute sahen jetzt, daß sich Alles -um das Gitter oder die Verpallisadirung drängte, um -dort hineinzuschauen.</p> - -<p>In diesem Augenblick erschien der Dolmetsch an -der Landung, und es kam dem Steuermann fast so -vor, als ob er über den so frühen Besuch der Weißen -etwas verlegen sei – sie waren keinenfalls schon erwartet -worden – und was bedeutete das Klagen und -Jammern der Weiber? Der Doktor mußte jedenfalls -wissen, was da vorgegangen wäre, und frug den Burschen -direkt deßhalb. Dieser aber sagte ausweichend: -»O nichts – schlechte Menschen giebt es immer – -Diebe – bei den Schwarzen, wie bei den Weißen – -aber Zambiri ist ein großer und strenger König.«</p> - -<p>»Alle Teufel!« rief der Steuermann erschreckt -aus, »sie haben doch nicht etwa wieder dem Löwen -einen Menschen hineingeworfen?«</p> - -<p>»Bloß einen Dieb,« versicherte der Dolmetsch, -»hatte dem König Taback stehlen wollen, verdammter -Sklave. – Aber da kommt Zambiri – er hat Euch -gesehen – bringt nur an Land, was Ihr mitgebracht -habt, damit er nicht ungeduldig wird.«</p> - -<p>Zambiri schien in der That dem entsetzlichen -Schauspiel als eine Art von Morgenvergnügen beigewohnt -zu haben. In seinen rothbaumwollenen -<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a> -Königsmantel gekleidet, noch schmutziger und wilder -als gestern aussehend, und den Knaben wieder an -seiner Seite, der ihm einen großen schweren Speer -tragen mußte, kam er eine Leiter heruntergestiegen, -die, wie der Doktor jetzt erst bemerkte, oben zu einer -Art von Balkon führte. Auf dem hohen Land aber -blieb er stehen, er ging nicht bis an das Boot hinunter -und verlangte, daß die Weißen zu ihm hinauf -kommen sollten.</p> - -<p>Der Steuermann hatte keine rechte Lust dazu, er -traute dem schwarzen Fleischklumpen nicht über den -Weg.</p> - -<p>»Wozu habt Ihr alle die Leute mit den Lanzen da -stehen?« frug er mürrisch den Dolmetsch, »wir sind -friedliche Händler und wollen keinen Krieg mit Euch. -Wir sind auch nur Wenige und Ihr Hunderte.«</p> - -<p>»Wenn Du Dich fürchtest, weßhalb bist Du zu -uns gekommen?« sagte der Schwarze finster, »wir -sind auch Freunde der Weißen und wollen Euch keinen -Schaden thun.«</p> - -<p>»Und wo kommt das Schiff her, dessen Rumpf -da draußen liegt?« sagte der Doktor.</p> - -<p>»Was geht Dich das Schiff an?« brummte der -Dolmetsch; »Zambiri wartet. Wenn ich Euch rathen -soll, macht ihn nicht ärgerlich.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a> -»Hol's der Henker, Mate,« sagte der Doktor, -»wir sind einmal dazu hergekommen, und müssen die -Sache nun auch ausbaden. Furcht sollen uns die -schwarzen – Gentlemen doch wenigstens nicht vorwerfen. -Laßt den Koffer hinaufschaffen und Seiner -Wohlbeleibtheit die Sachen vorlegen; ich denke, dann -wird er schon freundlich werden. Hier unten können -wir doch nicht liegen bleiben.«</p> - -<p>»Meinetwegen,« sagte der Seemann, »aber,« setzte -er leise hinzu, »seid auf der Hut, und bei dem geringsten -Zeichen von Verrath nur so rasch als möglich -zum Boot hinunter. Dort wollen wir uns schon freie -Bahn halten.«</p> - -<p>»Und wo habt Ihr die Sachen?«</p> - -<p>»Laßt ein paar von Euren Leuten anfassen und -sie hinauftragen.«</p> - -<p>»Und können das nicht Eure Leute thun?« frug -der Dolmetsch.</p> - -<p>»Ich will Dir was sagen, mein Bursche,« rief -aber nun der Steuermann, jetzt ebenfalls ärgerlich -werdend, »die bleiben als Wache im Boot, und wenn -Ihr Eure jungen Leute nur dazu braucht, um wilde -Bestien damit zu füttern, so laßt sie meinethalben -oben. Das ist das Kurze und Lange von der Sache.«</p> - -<p>Der Dolmetsch stand einen Moment unschlüssig, -<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a> -aber Zambiri brüllte ihm etwas in seiner Sprache -zu, und er gab jetzt rasch ein paar Burschen den Befehl -die mitgebrachten Sachen aus dem Boot zu -nehmen und zum König hinaufzubringen. Das geschah -auch ungesäumt, denn mit dem regierenden -Herrn schien heute nicht zu spaßen; er hatte seinen -bösen Tag, und es war besser, ihm rasch zu Willen -zu sein. Mit den Geschenken durften aber auch die -Weißen darauf rechnen, eine freundliche Aufnahme zu -finden, und Steuermann wie Doktor schritten jetzt -langsam neben dem ziemlich schweren Koffer her, um -den Inhalt desselben dem Oberhaupt des Stammes -vorzulegen.</p> - -<p>Merkwürdig sah der Mensch aus, als er dort -aufrecht vor ihnen stand, und der Doktor gestand sich, -etwas Scheußlicheres und Unförmlicheres nie im -Leben gesehen zu haben. Er war selber nicht übermäßig -groß, aber wenn er den Arm ausstreckte, konnte -der Wilde recht gut darunter durchgehen, ohne anzustoßen, -und Beine sah man dabei fast gar nicht an -dem Fleischklumpen, während der eine ausgestreckte -Arm, der die Lanze hielt und sich daran stützte, reichlich -so dick und fleischig schien, wie ein starkes Bein.</p> - -<p>Der Ausdruck seines dicken, geschwollenen Gesichts -verrieth auch keinen freundlichen Gedanken und seine -<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a> -Augen flogen mürrisch und trotzig zugleich über die -Weißen und schweiften dann von ihnen nach dem -Schooner hinüber, der jetzt deutlich unten an der -Mündung der Bucht erkennbar war. Da der Steuermann -aber keine Zeit verlor und den Koffer rasch -öffnete, heiterte sich seine Miene doch etwas auf, denn -er mußte wohl sehen, daß ihm die Fremden heute -würdigere Geschenke gebracht, als gestern.</p> - -<p>Er ließ eine Decke auf die Erde breiten und die -Gegenstände darauf legen, und fegte dabei eigenhändig -den Platz mit seiner Lanze frei, daß ihm sein -eigenes Volk nicht zu nahe rückte. Er traute ihnen -wahrscheinlich nicht, und doch mochte sie wohl nur -die Neugierde heranpressen, denn die Strafe folgte -hier, wie sie eben gesehen, dem Vergehen auf dem -Fuße. Zu gleicher Zeit unterhielt sich Zambiri fortwährend -mit dem Dolmetsch in seiner eigenen Sprache, -oft selbst mit unterdrückter Stimme, und dieser ging -dann langsam zu dem Boot hinab, wobei er angelegentlich -mit Einigen der Leute sprach.</p> - -<p>Dem Doktor gefiel das nicht, und er behielt den -Burschen, so viel das irgend anging, im Auge, konnte -aber weiter nichts Auffälliges oder Verdächtiges erkennen; -ja die Zahl der Bewaffneten in ihrer Nähe -schien sich sogar zu verringern, und er bemerkte, wie -<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a> -kleine Trupps von ihnen langsam am Ufer hinabschritten -und sich dann in den Büschen verloren. Nur -ein Theil der Mädchen und Frauen waren noch bei -ihnen geblieben, während das Wehgeheul der Anderen -jetzt aus dem Dickicht von Fruchtbäumen heraustönte, -das den Platz umschloß, und wo wahrscheinlich -ihre Wohnungen lagen.</p> - -<p>Im Ganzen mochten vielleicht vierzig »Krieger« -zurückgeblieben sein, die hinter und um den König in -einzelnen Gruppen standen, und jedenfalls seine Beiwache -bildeten.</p> - -<p>Der Dolmetsch kam jetzt zurück, und da der König -auch wohl die mitgebrachten Gaben zur Genüge gemustert -hatte und befriedigt schien – er grunzte wenigstens -ein paar Mal still vergnügt vor sich hin – -befahl er zweien von seinen Leuten, den Koffer in sein -Haus zu tragen, und es begannen nun die Verhandlungen -über ein etwaiges Geschäft, wobei der Steuermann -erklärte, daß sie einzelne Stücke der Dinge, -welche sie gesonnen wären, gegen Elfenbein oder andere -Produkte auszutauschen, mitgebracht hätten und -dem Häuptling vorlegen könnten.</p> - -<p>»Aber wo sind sie?« frug dieser rasch.</p> - -<p>»Unten im Boot.«</p> - -<p>»Und weßhalb bringt Ihr sie nicht herauf?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a> -Der Steuermann hatte wohl mit Recht vermuthet, -daß der Schwarze Alles, was ihm dort auf die -Uferbank gebracht wurde, als Geschenk betrachten und -mit Beschlag belegen könne. Er bat deßhalb den -Dolmetsch, Seine Majestät zu veranlassen, mit ihm -hinunter zum Boot zu gehen, aber der Dicke wollte -nicht. Zwei Boten waren schon abgeschickt gewesen, -und kamen jetzt mit dem Löwenfell herbei, das sie -dort für ihn ausbreiteten, und worauf er sich niederließ, -und nun verlangte er, daß ihm die Sachen heraufgebracht -und vorgelegt würden, dann wolle er bestimmen, -was er dafür geben könne.</p> - -<p>Dem Steuermann schien das unbequem, denn -alles weiter Mitgebrachte lag lose, oder nur in Stücken -Segeltuch eingeschlagen in ihrem Boot, und schickte -er Schwarze hinunter, um es herauf zu holen, so war -er vor ihren diebischen Händen nicht sicher. Wo sie -irgend etwas bei Seite schaffen konnten, thaten sie es -gewiß und an wen sollte er sich nachher halten, wie -die Thäter herausfinden? Das Beste war immer – -denn daß der Dicke jetzt nicht von dieser Stelle zu -bringen war, sah er ein – zwei von seinen eigenen -Leuten damit zu betrauen. Es blieben immer noch -vier im Boot und sie selber dann in zwei gleiche -Trupps getheilt. Die Eingebornen zeigten sich dabei -<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a> -so friedlich, daß an eine Gefahr wohl kaum zu denken -war, ja es schien fast, als ob der König die übrigen -Soldaten nur weggeschickt habe, um ihnen auch jede -Befürchtung eines Verraths zu nehmen. Außerdem -brauchten sie nur wenige Schritte zum Boot hinab -und die gerade ausgehende Ebbe erleichterte ihnen die -rasche Verbindung mit dem Schooner ebenfalls.</p> - -<p>Der Doktor übernahm es, die Leute herauf zu -bringen, und der Dicke schien indeß geduldig die Ankunft -derselben zu erwarten. Brooks bemerkte nur, -daß die rechts von ihm stehenden Soldaten etwas bei -Seite treten mußten, um ihm die Aussicht nach dem -unteren Theil der Bucht zu gestatten, wo der Schooner, -der bis dahin auf und abgekreuzt war, fest auf -einem Punkt zu liegen schien. Er mußte vor Anker -gegangen sein, da die stark ausgehende Ebbe und der -beinahe eingeschlafene, hier wenigstens von dem höheren -Land gebrochene Wind ihm das Segeln wohl -unmöglich machte. Der Dolmetsch sprach indessen -angelegentlich zu ihm, während Zambiri nach dem -Boote sah. Wo hatte jener Bursche auch nur sein -Englisch gelernt? Doch sicher auf irgend einem Schiff, -dem er nachher davongelaufen, um hier wieder die -Sitten und ungezwungene Tracht seines Landes anzunehmen. -Dem Steuermann gefiel sein Gesicht -<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a> -auch nicht im Mindesten, und Bosheit wie Trotz lag -zugleich darin, während sich der ganze Ausdruck desselben, -sobald er mit dem Dicken sprach, in knechtische -Unterwürfigkeit verwandelte. Aber es half nichts, -sie brauchten ihn eben, und mußten deßhalb mit ihm -verkehren, denn der kleine Bursche, jedenfalls ein -Sklave des Königs, der den Doktor ebenfalls englisch -angeredet hatte, schien sich heute gar nicht an sie heran -zu getrauen und blieb nur immer scheu und furchtsam -hinter seinem Herrn sitzen, kannte doch der arme kleine -Bursche den grausamen Charakter des Mannes gut -genug.</p> - -<p>Jetzt kehrte der Doktor mit den beiden Matrosen, -die einen Theil der Waaren trugen, zurück und der -Steuermann breitete sie, während der Dolmetsch die -Unterhandlung leitete, vor dem König aus und pries -ihm den Werth der Dinge. Bei ihm war, mit der -Voraussicht auf einen guten Handel, der Yankee wieder -zum Durchbruch gekommen, und er vergaß in dem -Geschäft alles Andere.</p> - -<p>Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit, -dem König begreiflich zu machen, er habe nur -Proben vor sich; er wollte die ganzen Waaren vor -sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu -bestimmen, und der Dolmetsch hatte nicht geringe -<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a> -Mühe, ihm zu erklären, daß die Sachen an Land geschafft -werden würden, ehe er sie zu bezahlen, oder -den Werth dafür herauszugeben habe. Er veranlaßte -auch, daß ein Elephantenzahn aus des Königs -Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Maßstab zu -dienen und Brooks berechnete sich schon, nach dem -was ihm der Dicke zugestand, daß sie ungefähr 500 -Prozent Nutzen an ihren Waaren haben würden. -Der König bewilligte, wie er nur erst einmal den -Handel begriff, einen Zahn nach dem anderen, und -besonders für Taback stellte sich der Nutzen ganz -enorm heraus.</p> - -<p>Aber es zögerte sich auch furchtbar in die Länge, -denn wenn Brooks glaubte, sie wären fertig, so ließ -Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn anfangen, -und wollte dann immer wieder etwas abhandeln. -Dabei hatte er sich jetzt so gesetzt, daß er das -Fahrzeug draußen immer im Auge behielt, während -der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief, -die Waaren zu zeigen, der See den Rücken zu drehte.</p> - -<p>Neben diesem standen noch die beiden Matrosen -als Wächter der umhergestreuten Sachen. Der -Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde, da -er persönlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte -langsam nach der Umzäunung hinauf, von woher -<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a> -zu Zeiten das dumpfe Brüllen des Löwen herübertönte. -Was war da heute Morgen vorgegangen? -Er bekam vielleicht nie im Leben wieder so passende -Gelegenheit, um sich den Platz etwas näher zu betrachten, -denn von den Leuten achtete Niemand auf -ihn, oder legte ihm das Geringste in den Weg. Ein -Schauder erfaßte ihn aber, als er den Platz, um den -herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz -genommen, erreichte, und durch die Spalten in den -Palissaden die verstümmelten Ueberreste jenes Unglücklichen -entdeckte, den die Grausamkeit des wilden -Ungethüms eines erbärmlichen kleinen Diebstahls -wegen zum Tod, zu einem solchen Tod verurtheilt hatte.</p> - -<p>Dort drüben, dicht neben den Schätzen des -Wütherichs, lag der zerstückelte Leichnam, von dessen -Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel und -Mitleiden abwandte, und der jetzt gesättigte Löwe -ging mit langen, majestätischen Schritten in der Umzäunung -auf und ab, peitschte sich die Flanken mit -dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen -Zunge. Die Aasgeier aber warteten nur auf den -Moment, wo sich der rastlose König der Thiere zur -Ruhe ausstrecken würde, um dann ebenfalls auf die -willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnäbel -einzuhauen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a> -Und wie scheinbar schwach war eigentlich der -ganze Umbau, der das Raubthier einschloß. Wenn -es die riesigen Kräfte, die es besaß, genau gekannt -hätte, mußte es ja im Stande sein, diesen luftigen -Kerker zu durchbrechen. Auch sogar die Thür bestand -nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch -Schnüre oder Streifen ungegerbter Büffelhaut allerdings -fest verbunden hatte. Den ganzen Verschluß -bildeten jedoch zwei von außen vorgeschobene hölzerne -Riegel, während eine Abtheilung im Inneren dazu -bestimmt schien, den Löwen in einem Theil des Platzes -abzuschließen, um dann ungefährdet zu den Elephantenzähnen -zu gelangen. Zwei hölzerne Riegel nur, -und nicht einmal ein Pflock war davor geschlagen, um -sie gegen einen doch möglichen Zufall zu schützen. -Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und -bequem; wie aber seine Hand nur die Thür berührte, -stutzte der Löwe da drin, wandte sich halb und duckte -sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte jedenfalls -den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte.</p> - -<p>Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden -Gestalt des grimmen Thieres gegenüber; hatte er -doch auch schon oft davon gehört, wie furchtbar eine -solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch -genährt, ja nur ein einziges Mal erst -<a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a> -Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich erschreckt -zog er die Hand zurück und wich von den Pallisaden -ab, um ihn selbst nicht zu einem Sprung zu reizen. -Wie leicht konnte das vielleicht schon mürbe Holz der -Wucht eines solchen Anpralls nachgeben!</p> - -<p>Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem -Handel dauerte; es war gar kein Ende abzusehen, und -ein Wunder nur, daß der Kapitän nicht ungeduldig -wurde. Zwei Stunden saßen sie dort jetzt wenigstens -bei einander, und wenn sie schon zu den Proben solche -Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher werden, wenn -die Waaren an Land kamen!</p> - -<p>Er wandte sich langsam ab um wieder zurück zu -der Gruppe zu gehen, als er den Steuermann plötzlich -emporfahren und nach dem Schooner hinüber deuten -sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein -Schuß, und als er sich erschreckt der Richtung zu drehte, -bemerkte er, wie die ganze Bai von dunklen Kanoes -schwärmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten -schienen.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Fünftes Kapitel.</span></span><br /> - -Der Löwe.</h3> - - -<p>Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des -ersten Augenblicks wirklich gar nicht auf seine unmittelbare -<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a> -Umgebung geachtet, denn im Moment war -ihm klar, daß dort ein Ueberfall vorbereitet werde – -also Verrath! Aber eben diese Umgebung drang sich -ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in Zweifel -gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen -am Ufer mit dem feindlichen Angriff da draußen in -Verbindung standen.</p> - -<p>Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen, -aber er sah nur, daß der König selber mit -seiner Lanze nach einem der Weißen schlug, während -sich der Dolmetsch mit einem Cutlaß, den er jedenfalls -dem verdachtlos neben ihm stehenden Matrosen entrissen -haben mußte, auf den Steuermann warf und -einen Schlag nach ihm führte. Aber er war an den -Unrechten gekommen, denn Brooks' Hand hatte fast -unwillkürlich schon im ersten Moment den Griff seines -Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze -mit der scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal -schnell hintereinander aus dem Rohr blitzte, und -der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und -zu Boden stürzte. Ehe sich der Seemann aber nur -gegen einen neuen Feind wenden konnte, fielen ihm -von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in die -Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein -Theil unten stürmte gegen das Boot an, und er selber -<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a> -fand sich von etwa einem Dutzend Wilder angegriffen, -die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen. -Allerdings hatte er die eigene Waffe schon -in der Faust, und drei Schüsse feuerte er mitten -hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre -Wurfspeere flogen aus, und er fühlte einen stechenden -Schmerz in Arm und Bein.</p> - -<p>Fast blind vor Wuth schoß er seine letzten Kugeln -gegen die Feinde ab und wandte sich dann zur Flucht. -Aber wohin – voraus – nach rechts und links war -ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzäunung, -die den Löwen barg, trieben sie ihn zu. Und -wie brüllte die Bestie, als sie die in ihrer unmittelbaren -Nähe abgefeuerten Schüsse und das wüthende -Geheul der Eingebornen hörte!</p> - -<p>Der Doktor wußte kaum, was er that, denn er sah -den Tod von allen Seiten auf sich eindringen. Erbarmen -hatte er von den Menschen nicht zu hoffen, -und wie von einer unbewußten Gewalt getrieben, floh -er der Thür des Käfigs zu, als ob er Schutz suchen -wollte bei der Bestie.</p> - -<p>Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden, -denn dort konnte er ihnen nicht mehr entgehen; wieder -hoben sich die Speere zum Wurf, da riß er, von Verzweiflung -getrieben die Riegel der Thür zurück – -<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a> -Rache wollte er haben – nicht allein von der mörderischen -Bande hingeschlachtet werden, und wenn er -dann untergehen sollte, wenigstens Verderben über -seine Mörder bringen.</p> - -<p>Kaum hatte er aber die Riegel der Thür erfaßt, -als ein wilder, gellender Angstschrei aus der Menge -brach – jetzt flog die Pforte auf, und mit einem -Sprung stand der Löwe – freudiges Gebrüll ausstoßend, -daß es wie dumpfer Donner durch das Thal -rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schön war auch -der Anblick des so plötzlich seiner Freiheit sicheren -Thieres, hoch schwang es den buschigen Schweif und -hob sich die trotzig geschüttelte Mähne, und flammend -kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten -Opfer suchend, während sich der Doktor scheu und -selber erschreckt von der so plötzlichen Erscheinung des -Raubthiers an die Pallisaden drückte.</p> - -<p>Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung -des freien Löwen auf die Bande der Schwarzen. Was -kümmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener so -gefürchteter König. Wenn sie der Löwe fraß, war es -mit ihnen jedenfalls vorbei, und im Nu stob der ganze -Schwarm auseinander. Die dem Wasser Nächsten -warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile -und Haifische verachtend – die Anderen schossen pfeilschnell -<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a> -über den Boden hin, den nächsten Büschen und -Häusern zu – die Bootsmannschaft bekam Luft, und -war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen. -Wen sie erreichen konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen -zusammen, und die im Boot unten sahen auch -in der That den Löwen erst, als er jetzt in langen -Sätzen, und sich weder um die flüchtigen Eingebornen, -noch die Weißen kümmernd, dem nächsten Dickicht -zufloh.</p> - -<p>Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der -Stelle konnte, und nur starr vor Schrecken und Entsetzen -zu dem entfesselten Löwen hinaufstarrte, war -Zambiri, der König jener Helden, während sein Knabe -in flüchtigen Sprüngen bei den Weißen Schutz gesucht. -Der Steuermann ließ ihm aber keine lange Zeit zum -Ueberlegen. Denn kaum sah er, daß sie selber den -Angriff des Raubthiers nicht mehr zu fürchten brauchten, -als er eine der von den Eingebornen weggeworfenen -Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten: -»Und das für Dich, Du verrätherischer Schurke!« den -Dicken dermaßen über den Schädel traf, daß er wie -ein Sack zusammenknickte.</p> - -<p>»Hurrah!« rief aber jetzt der von oben niederspringende -Doktor, »mein Löwe hat uns Bahn gemacht, -aber den Dicken in's Boot. An dem haben -<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a> -wir eine Geißel, und beim Himmel, die Schufte sollen -bezahlen, wenn sie ihn wieder haben wollen!«</p> - -<p>»Das war ein glücklicher Gedanke, Doktor,« rief -der Steuermann, »angefaßt, Jungens, daß wir den -Fleischklumpen bewältigen können – schlagt ein Tau -um und schleift ihn auf dem Sand hinunter – so -recht – nur rasch – und dann von Elephantenzähnen -in's Boot, was wir laden können, denn die Bahn da -oben ist frei.«</p> - -<p>»Aber der Schooner!« rief der Doktor.</p> - -<p>»Hahaha,« lachte der Steuermann, »seht Ihr -nicht, wie unser alter Kapitän zwischen die Schufte -hinein gepfeffert hat? Die Drehbasse war ihnen zu -viel. Er muß seinen Anker haben sitzen lassen, denn -wie ein Wetter war er los und mit dem Segel auch, -mitten zwischen der Bande drin. Drei Kanoes sind -gesunken.«</p> - -<p>Noch während er sprach, hatte er sowohl als der -Doktor frische Patronen in ihre Revolver geschoben, -indessen die Matrosen mit lautem Hurrah den noch -bewußtlosen Körper des Fleischkolosses mit ein paar -Enden Tau umschlangen und zum Boot hinabschleiften. -Dort kostete es freilich einige Mühe, ihn hinein -zu bringen, aber die kräftigen Burschen hoben mit einem -gutgewillten Ho! ahoi! und hinein flog der Klumpen -<a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a> -in die Jölle und unter die Doften, wo er liegen -blieb.</p> - -<p>Von den Eingebornen war augenblicklich allerdings -nichts mehr zu sehen, aber man wußte doch nicht, -wie rasch sie, wenn sie die Gefahr beseitigt glaubten, -zurückkehren könnten, und es galt deßhalb rasch zu -handeln.</p> - -<p>Während der Doktor jetzt den kleinen, zu ihm geflüchteten -schwarzen Burschen examinirte, lief ein -Theil der Matrosen in die Umzäunung oben, die kein -Löwe mehr bewachte, hinein, um die stärksten dort -liegenden Elephantenzähne zum Ufer zu schleppen. -Sie sahen dabei, wie der Schooner jetzt mit einsetzender -Fluth und ziemlich günstiger Brise keck mitten in -die Bucht und auf sie zu hielt, und wußten nun, -daß sie für ihre Sicherheit nichts mehr zu fürchten -brauchten.</p> - -<p>Der Kleine erzählte indessen rasch und gedrängt, -daß die Eingebornen hier, wie sie es bei diesem versucht, -jenes Fahrzeug, an dessen Bord er selber gewesen, -geentert, die Mannschaft erschlagen und außer -ihm nur zwei Leute, einen Passagier und den ersten -Steuermann, gefangen in's Land geschleppt hätten. -Die Brigg sei schon länger an der Küste gefahren und -sollte viel Elfenbein an Bord gehabt haben; das -<a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a> -Meiste, was dort in der Umzäunung lag, stammte daher, -denn aus dem Land kam wenig Elfenbein, da -Zambiri nur hauptsächlich Sklavenhandel mit portugiesischen -Karawanen trieb.</p> - -<p>»Und wo waren die Weißen jetzt?«</p> - -<p>Der kleine Bursche wußte es nicht zu sagen, denn -er hatte von dem Augenblick seiner Gefangenschaft an -die unmittelbare Nähe des Häuptlings nicht verlassen -dürfen. Es hieß allerdings, wie er meinte, daß weiße -Händler, jedenfalls Portugiesen, die Weißen mitgenommen, -aber er konnte es nicht verbürgen. Gesehen -hatte er sie nie mehr seit der Zeit.</p> - -<p>Den Steuermann drängte es wieder fort, um an -Bord des Schooners zu kommen; sie durften auch -nicht mehr einnehmen, denn das Gewicht Zambiri's -allein drückte schon die Jölle. Was noch hinein ging, -wurde allerdings geladen, dann aber sprangen die -Leute nach, und ruderten, so rasch es die Schwere des -kleinen Bootes erlaubte, gegen die Strömung an, auf -den Schooner zu.</p> - -<p>Sie waren auch nicht ohne Verlust weggekommen, -der Doktor hatte zwei Wunden von Wurfspeeren, der -Steuermann einen Stich in den Schenkel und der eine -Matrose einen Hieb mit einer Keule und einen bösen -Stich in der Seite. Schlimmer hatten die Feuerwaffen -<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a> -freilich unter den Eingebornen aufgeräumt, -denn fünf von diesen lagen todt oder schwer verwundet -auf dem Platz, und Manche der Entflohenen mochten -wohl ebenfalls noch getroffen sein.</p> - -<p>Doch jetzt war keine Zeit, nach Denen zu sehen; -hatten sie sich doch auch die Folgen ihrer Verrätherei -nur selber zuzuschreiben.</p> - -<p>Und Zambiri, der mächtige König des Landes? -Er mochte wohl noch in seinem ganzen Leben in keinen -schlimmeren Händen gewesen sein, denn unten im -Boot, in einer nichts weniger als bequemen Lage, -schienen sich die Matrosen ein Vergnügen daraus gemacht -zu haben, die erbeuteten Elephantenzähne quer -über ihn wegzulegen, so daß ihm die Last beschwerlich -genug fallen mußte. Anfangs fühlte er das freilich -nicht, der Schlag hatte ihn betäubt; als ihm aber die -Besinnung wiederkehrte, fing er an zu stöhnen und zu -grunzen und schrie einzelne Befehle mit zorniger -Stimme vor. Er schien noch keine Ahnung zu haben, -wo und in wessen Händen er sich eigentlich befand.</p> - -<p>Das Boot näherte sich indessen dem Schooner -mehr und mehr, und mit einem Hurrah wurde die -Mannschaft begrüßt, als sie nur in Rufsweite gekommen -waren. Allerdings schien die Gefahr noch -immer nicht ganz beseitigt, denn eine Menge von -<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a> -Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam -nach, und diese mußten sie allerdings wieder passiren, -wenn sie den Rückweg antreten wollten; aber die -Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen der -Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder -nahe hinan. Jetzt wenigstens wurden sie nicht gestört.</p> - -<p>Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete -Matrose in einem rasch hergerichteten Stuhl an -Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein und -zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die -Seeleute aber verwünscht wenig Umstände machten. -Einer der Leute festigte oben an das Gaffel einen -Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglücklichen -Fürsten dann unter den Schultern durchgeschlagen, -dann zog die Mannschaft mit einem: <i>Oh, jolly -men ho!</i> kräftig an, und wenige Sekunden später war -Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen -Beinen austretend, an Deck gehoben, wo ihn lautes -Gelächter der Schoonermannschaft begrüßte.</p> - -<p>Steuermann und Kapitän tauschten jetzt ihre -Berichte gegen einander aus; Beide aber waren einig -darüber, daß es das Beste wäre, nicht über Nacht vor -der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden möglicherweise -einen neuen Angriff wagen konnten. Aber in -kurzer Zeit begünstigte sie auch wieder die ausgehende -<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a> -Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen -Versuch machen, einen Theil der feindlichen Schätze -als rechtmäßige Beute zu bergen, noch dazu da sie für -den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen -Truppen zu fürchten brauchten. Es war wenigstens -kein einziger von ihnen auch nur zu sehen, -und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine -Landung leicht und fast sicher auszuführen.</p> - -<p>Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer -leicht zu bekommen. Gefahr? was kümmerte sie die, -wenn es galt, irgend einen tollen Streich auszuführen, -und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzäunung -erzählten, in welcher der Löwe die Wache gehalten -und wo die prachtvollen Elephantenzähne aufgeschichtet -lägen, waren sie kaum mehr zurückzuhalten.</p> - -<p>Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn -stromauf, und vorn am Bug stand der Steuermann, -das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder -Richtung hin abzusuchen. Aber nirgends war auch -nur ein lebendes Wesen zu erkennen; der an dem -Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben, -und nur die aus den Büschen aufragenden Giebel -und Dächer verriethen, daß jene Strecke bewohnt sei -– sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst -nur Rauch empor. Der Löwe hatte Wunder gewirkt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a> -Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich -spät geworden, aber noch stand die Sonne am Himmel, -und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls gemacht -werden. Der Kapitän beorderte auch das -zweite Boot auf's Wasser, was rasch geschehen war, -und während der Schooner hier in vollkommen ruhiger, -unbewegter See vor einem Nothanker lag, stießen -sie ab und ruderten dem Land entgegen. Es wurde -auch keine Vorsicht dabei versäumt, einem etwaigen -Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die -Zähne bewaffnet, und der Kapitän war dabei im -Stande, mit seiner Drehbasse das ganze Ufer zu bestreichen.</p> - -<p>Mit einem lauten Hurrah stürmten die Burschen, -sobald die kleinen Fahrzeuge nur das Land berührten, -die Bank hinauf und von dem Steuermann geführt -der Umzäunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu -den hier aufgehäuften Schätzen nöthigen ließen. Genau -genommen war es vielleicht Raub, aber die verrätherischen -Schwarzen mußten auch gezüchtigt werden, -und wären sie Sieger geblieben, so würde wohl kaum -ein Mann der Besatzung mit dem Leben davongekommen -sein. Die moralische Seite der Frage beschäftigte -die Leute aber auch in der That nur sehr wenig. -Allerdings schauderten sie, als sie den Platz zuerst -<a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a> -betraten und die indeß herbeigestrichenen Aasgeier -von ihrem eklen Mahl verjagten; der verstümmelte -Körper jenes unglücklichen Sklaven sah auch entsetzlich -aus – aber sie durften sich nicht dabei aufhalten. -Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume, -und die Dämmerung ist gar kurz in diesen Ländern. -So faßten sie denn auf, was sie erreichen konnten, -und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht, -als ihnen der Kapitän schon wieder das Zeichen zur -Abfahrt gab. Es dunkelte, und er wollte seine Leute -nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Sechstes Kapitel.</span></span><br /> - -Der Gefangene.</h3> - - -<p>Unter der Zeit hatte aber auch der gefangene -Häuptling sein volles Bewußtsein wieder erlangt und -schäumte ordentlich vor Wuth, als er sich, gebunden -und zu Boden geworfen, in der Gewalt seiner weißen -Feinde sah. Aber die Seile hielten und schnitten -ihm nur tief in die Fettwulsten seiner Glieder ein, -und zu seinen Füßen saß, mit Schadenfreude in den -dunklen Zügen, der Knabe und beobachtete vergnügt -die machtlosen Anstrengungen des einst so gefürchteten -Mannes.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a> -Kapitän Oacutt lag aber weit weniger daran, -dieß schwarze unförmliche Menschenbild zu quälen, -als durch ihn seinen Zweck zu erreichen, nämlich die -gefangenen Weißen zu befreien, falls sich diese noch -in der Gewalt der Eingebornen befinden sollten. Es -dauerte freilich lange, bis er Zambiri so weit brachte, -ihm Rede zu stehen, und auf's Neue gerieth dieser -außer sich, als er den Knaben, den er gewohnt war -als Sklaven zu mißhandeln, frei und trotzig neben -sich stehen und ihn verhöhnen sah. Aber er fühlte -doch auch, wie machtlos er jetzt sei, und gab sich endlich -ruhig in sein Schicksal. Allerdings wollte er -Anfangs auf die an ihn gerichteten Fragen – wobei -jetzt der Knabe als Dolmetsch gebraucht wurde, nicht -antworten; als ihm dieser aber sagte, daß er nur -dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne und die -Weißen ihn sonst mit in ihr Land als Sklaven schleppten, -wurde er geschmeidiger.</p> - -<p>Zuerst leugnete er freilich, von dem Wrack, wie -den darauf befindlich gewesenen Weißen das Geringste -zu wissen; endlich aber gestand er ein, daß sie -Krieg mit ihnen geführt, weil die Weißen seine Unterthanen -als Sklaven hätten fortführen wollen. -Auch das gab er zu, daß sie zwei von ihnen gefangen -an Land gehabt hätten, aber sie wären vor Kurzem -<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a> -mit einer portugiesischen Karawane fortgegangen, und -er wüßte nichts weiter von ihnen.</p> - -<p>Der Kapitän sagte ihm jetzt, daß er nur dadurch -seine Freiheit wieder erlangen könne, wenn er die -beiden Weißen herbeischaffe, denn er würde seinen -Lügen nie glauben. Zambiri blieb aber bei seiner -Behauptung und forderte die Weißen auf, den Knaben -hinüber zu schicken und dort selber nachzufragen. Alle -Eingebornen würden seine Aussage bestätigen.</p> - -<p>Das war übrigens leichter gesagt, als ausgeführt, -denn beide Boote befanden sich gerade an Land und -die Leute dort emsig genug beschäftigt. Ueberdieß -durfte er sie nicht länger drüben lassen, denn schon -setzte mit der Abenddämmerung ein leichter dünner -Nebel ein, der den freien Blick auf einige Entfernung -hemmte. Unter dem Schutz desselben hätten die -Wilden recht gut plötzlich vorbrechen können, und er -war sogar der Gefahr ausgesetzt, daß sich der Nebel -dichte und er den Weg nicht mehr aus der Bucht -hinaus fand. – Für heute hatten sie jedenfalls ihre -Arbeit hier gethan; er gab das Zeichen zur Abfahrt, -und als die Boote an Bord zurückkehrten, kam der -leichte Anker in die Höhe und der Schooner trieb -langsam mit der Ebbe stromab und wieder in See -hinaus.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a> -Zambiri heulte laut auf, als er die Bewegung -sah und jetzt bemerkte, daß sie weiter und weiter ab -von seinem Reiche trieben, aber Niemand achtete auf -ihn. An der Mündung der Bai fischte die Sarah -Miles ihren vorher an einer Buoye gelassenen Anker -wieder auf und hielt dann auf's Neue in offenes -Wasser hinaus, wo sie keinen Angriff zu fürchten -brauchte.</p> - -<p>Erst am nächsten Morgen kehrte sie zurück, aber -nicht wieder in die Bucht, in die sich der Kapitän nicht -mehr hineinwagen mochte, sondern gegen das untere -Ufer hielt er an, wo sie jetzt Eingeborne entdecken -konnten. Wie aber nur das Boot ausgesetzt wurde, -flohen sie in den Wald hinein und es hatte nicht geringe -Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß man -keine Feindseligkeit beabsichtige, sondern nur zu unterhandeln -wünsche. Der Knabe, obgleich er sich Anfangs -dagegen sträubte, weil er fürchtete, daß man -ihn zurückhalten würde, mußte endlich allein an Land, -und es gelang ihm auch, Einzelne der tapferen Krieger -zum Stehen zu bringen.</p> - -<p>Die Auskunft, die er von diesen erhielt, lautete -aber wirklich ganz ähnlich so wie die, welche ihnen -schon Zambiri gegeben. Die beiden gefangenen -Weißen hatten, weil sie immer krank waren und keine -<a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a> -Arbeit verrichten konnten, mit den portugiesischen -Händlern vor etwa drei Monaten das Land verlassen, -und Niemand wußte zu sagen, wo sie jetzt wären – -jedenfalls aber weit von hier.</p> - -<p>Damit kehrten die Botschafter an Bord zurück, -denn was hätte ihnen ein längerer Aufenthalt am -Lande genützt? Aus Zambiri selber war ebenfalls -nichts weiter heraus zu bekommen. Jetzt, mit der -Todesangst, daß er fortgeschleppt werden sollte, war -er auch mürbe und zahm geworden und unter Thränen -schwur er, daß er die Wahrheit gesprochen – -würde er den Fremden doch gern hundert Gefangene -für seine eigene Freiheit gegeben haben. Er bot ihnen -auch wirklich so viele von seinen eigenen Leuten als -Sklaven an, wenn sie ihn wieder an's Ufer setzen -wollten, und erklärte dabei, auf jeden Handel einzugehen, -den sie vorschlagen würden. Oacutt traute -aber dem Burschen nicht und wollte auch keine Sklaven -haben. Mitnehmen konnten sie ihn aber nicht, -was sollten sie mit dem Koloß an Bord thun, und -der Knabe wurde deßhalb noch einmal an Land geschickt, -um wenigstens ein Lösegeld für den König zu -erhalten.</p> - -<p>Zuerst sollten die Eingebornen die noch in der -Umzäunung lagernden Elephantenzähne, welche die -<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a> -Matrosen gestern nicht alle fortgeschafft, zum Ufer herunterbringen, -und ebenso den Koffer mit Geschenken, -den er gestern erhalten – außerdem aber sämmtliche -Sachen, die sie von jenem Fahrzeug der Weißen geraubt -und die sich in Zambiri's Wohnung befanden.</p> - -<p>Unter der Zeit hatte sich auch wieder eine Zahl -von Eingebornen am Ufer versammelt, denn sie sahen -wohl, daß die Weißen keine feindseligen Absichten -mehr zeigten, und kamen jetzt, wahrscheinlich um -ihren gefangenen König loszubitten. Uebrigens schienen -sie sämmtlich bewaffnet, als ob sie doch noch einen -Angriff der Fremden fürchteten, und da Oacutt auch -das letzte Mißtrauen zu zerstreuen wünschte, so wurde -der Doktor, den Knaben als Dolmetsch bei sich, mit -einer weißen Flagge hinübergesandt. Der Steuermann -nämlich konnte nicht gehen, da ihn seine Wunde -zu sehr schmerzte.</p> - -<p>Die Bedingung, die Spruce zu stellen hatte, lautete, -daß die Eingebornen das »Lösegeld« am Ufer -niederlegen und sich dann entfernen sollten. Die -Weißen würden es dort in Empfang nehmen und -ihren König dann ungesäumt an Land setzen.</p> - -<p>Das Boot näherte sich, dieser Masse von Eingebornen -gegenüber, nur höchst vorsichtig dem Ufer, -und der Doktor hielt es für gerathen, selbst vornhinein -<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a> -zu treten und die Fahne zu schwenken, damit sie -sähen, daß sie in friedlicher Absicht kämen.</p> - -<p>Die Eingebornen standen indessen still und regungslos -etwa hundert Schritt vom Ufer ab und unmittelbar -vor dem nächsten Dickicht, wahrscheinlich um -dort, wenn es etwa nöthig werden sollte, gleich hinein -zu tauchen, und nur erst als das Boot, das aber vorsichtigerweise -nicht auflief, sondern flott blieb, den -Strand berührte und der Doktor, die Fahne in der -Hand und nur den Knaben als Dolmetscher an seiner -Seite, an's Ufer sprang, kamen drei der Schwarzen, -aber ohne Waffen, zum Wasserrand herab, um zu -hören, was die Weißen von ihnen wollten.</p> - -<p>Der kleine Bursche richtete dabei die Botschaft -aus, indem es ihm der Doktor auf Englisch vorsagte -und er die einzelnen Theile übersetzte, und sie hörten -ihn ruhig und aufmerksam an. Als er aber geendet, -erwiederten sie, daß sie sich darüber erst mit dem -Stamm berathen müßten – sie sollten nur ein wenig -warten, sie kämen gleich wieder zurück.</p> - -<p>Damit gingen sie und der Doktor machte sich schon -auf eine lange Wartezeit gefaßt, denn daß die Eingebornen -einen schwierigen Stand mit dem dicken König -selber bekamen, wenn sie all' sein Eigenthum – und -sei es auch zu seiner eigenen Rettung – hergaben, -<a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a> -ließ sich denken. Sie schienen aber weniger Zeit zu -brauchen, als er selber geglaubt, denn obgleich die -Unterhandlung da oben ziemlich stürmisch herging -und viel und laut gesprochen wurde, dauerte sie doch -kaum eine volle Viertelstunde. Dann kamen die schwarzen -Botschafter wieder zurück und ihre Antwort lautete in -der Uebersetzung etwa folgendermaßen:</p> - -<p>»Unser König war Zambiri. Er war blutdürstig -und grausam. Er hat viele unserer jungen Leute hingeschlachtet -und an die Weißen verkauft; wir waren -Alle seine Sklaven. Ihr habt ihn weggenommen und -auf euer Schiff gebracht – das ist gut. Behaltet ihn. -Wir haben einen andern König gewählt und Alles, -was dem früheren gehörte, ist jetzt sein Eigenthum. -Wir wollen auch keinen Krieg mit den Fremden oder -mit einem andern Stamm – wir wollen Frieden – -Llefugo hat gesprochen.«</p> - -<p>Der Doktor lachte gerade hinaus, als ihm der -Knabe die Antwort übersetzte. Das war ein liebender -Volksstamm, der sich herzlich freute, den Landesvater -los zu werden, und nicht einen Elephantenzahn -geben wollte, um ihn wieder zu bekommen. – Und -was nun? Würdevoll aber standen die Abgesandten -vor ihm. Sie hatten ihren Auftrag ausgerichtet und -kein ferneres Interesse an der Sache. Eine weitere -<a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a> -Verhandlung zeigte sich auch als völlig zwecklos, denn -die Eingebornen ließen sich auf nichts mehr ein. Die -Weißen mochten Zambiri mit fortnehmen, wenn es -ihnen Freude machte; sie hatten einen andern König -und wollten keinen Krieg.</p> - -<p>Dabei winkte der Sprecher mit der Hand, und -als thatsächlicher Beweis des eben Gesagten kamen -eine Anzahl Frauen und Kinder, Anfangs zwar noch -schüchtern, aber dann doch zutraulicher werdend, an -die Landung herunter und brachten Körbe mit Früchten, -Mangas, Cocosnüsse, Eier, junge Hühner und -Ferkel, die sie zum Tausch anboten. Eine solche Aushülfe -war nun allerdings erwünscht, und der Doktor -hatte auch schon zu dem Zweck eine Partie Schmuck, -Kattun und Tabak im Boot, was er ungesäumt gegen -frische Provisionen eintauschte. Von ihrem König -wollten sie aber nichts weiter hören – Zambiri war -ihr König nicht mehr, wie sie sagten, und nur ein -böser, schwarzer Mann, den die Weißen verkaufen -sollten, wenn sie Lust hätten – sie wollten ihn aber -nicht.</p> - -<p>Damit fuhr der Doktor an Bord zurück und überraschte -seinen Kapitän mit der allerdings unerwarteten -Nachricht. Vollkommen wie rasend geberdete sich dagegen -Zambiri selber, als ihm der Kleine mit boshafter -<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a> -Schadenfreude das wieder erzählte, was sein -treues Volk über ihn gesagt, und als er hörte, daß sie -an Land einen neuen König gewählt, fing er so an zu -wüthen, daß die Matrosen endlich ein Stück Segeltuch -über ihn herwarfen und ihn festhalten mußten, er -hätte sonst, trotz seiner Bande, ein Unglück angerichtet.</p> - -<p>Kapitän Oacutt kratzte sich den Kopf und lief auf -seinem Quarterdeck mit raschen Schritten auf und ab. -– Daß die hier früher gefangen gehaltenen Weißen den -Platz wieder verlassen hatten, schien vollkommen sicher -zu sein, denn halb und halb bestätigte das ja auch die -Aussage des Knaben; was aber sollten sie jetzt mit -dem Fleischklumpen an Bord machen, den sein eigenes -Volk nicht einmal wieder haben wollte? Ihn mitnehmen? -– Er wäre ihnen eine nutzlose Last gewesen -– und über Bord werfen? – Verdient hätte er es, -denn sein Steuermann saß mit einer häßlichen Wunde -an Deck, und der eine Matrose war so bös getroffen, -daß der Doktor schon bei dem ersten Verband bedenklich -mit dem Kopf schüttelte. – Aber es ging -doch nicht. Gefangen durfte er ihn nehmen, aber über -den Gefangenen stand ihm kein Recht auf Leben und -Tod zu.</p> - -<p>»Ei, zum Henker!« rief da der Kapitän plötzlich -aus, indem er stehen blieb und sich gegen den Doktor -<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a> -wandte, »was geht uns denn hier die ganze Bande an, -ob sie ihren König wieder haben wollen oder nicht; -wir können ihn keinenfalls gebrauchen und seinethalben -auch keine Stunde länger an der Küste bleiben. -Zimmermann, nehmt Euch einmal zwei Leute in die -kleine Jölle und setzt mir den Fettfleck an Land – mir -wird übel, wenn ich das Ungethüm sich da noch -länger wälzen sehe.«</p> - -<p>»Und der Junge, Kapitän, soll der auch wieder -mit fort?«</p> - -<p>»Wenn er will, meinetwegen.«</p> - -<p>Der Knabe hatte der für ihn verhängnißvollen -Frage mit augenscheinlichem Erschrecken gelauscht, jetzt -aber warf er sich vor dem Kapitän nieder und bat in -so angstgepreßten Tönen, nicht wieder jenem grausamen -Manne überliefert zu werden, daß der Seemann -endlich sagte: »Gut, da bleib', ich hab' nichts -dagegen, aber nun auch rasch, daß wir den dicken -Burschen von Bord kriegen. Bindet ihn los, Zimmermann, -und sag' ihm, mein Junge, daß er an's -Ufer soll; nachher mag er sehen, wie er selber mit -seinen Leuten fertig wird.«</p> - -<p>Der Befehl wurde rasch ausgeführt; während die -Leute den abgesetzten König losbanden, sagte ihm der -Knabe, daß er frei sei und an Land gehen könne; dann -<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a> -schnürten sie ihm ein Tau um den Leib, ließen ihn -wieder in's Boot hinunter und wenige Minuten später -ruderten sie den Koloß zum Ufer hinüber.</p> - -<p>Jetzt aber band sie auch nichts mehr an die Küste, -und dem Kapitän lag selber daran, so rasch als -möglich wieder fortzukommen. Noch während die -Jölle unterwegs war, wurde das andere größere -Boot an Bord genommen und der Anker gehoben, -und indeß der Kapitän die dazu nöthigen Befehle gab, -stand der Doktor an der einen Want, das Teleskop -am Auge, und sah nach der Landung hinüber, um zu -beobachten, wie König Zambiri von seinen treuen -Unterthanen empfangen werden würde.</p> - -<p>Die Eingebornen am Ufer hatten sich indeß zum -großen Theil zerstreut, denn sie hielten nach ihrer gegebenen -Erklärung die Sache wahrscheinlich für abgemacht. -Ein Theil von ihnen war aber doch noch -zurückgeblieben, um den Schooner und dessen Abfahrt -zu überwachen, und diese wurden jetzt plötzlich aufmerksam, -als sie das Boot noch einmal zur Küste -zurückkehren sahen. Was es enthielt, vermochten sie -freilich nicht gleich zu unterscheiden, da man den -Schwarzen auf der ihnen entgegengesetzten Seite des -Schooners niedergelassen; aber vorsichtig näherten -sich die zuerst Gesandten wieder dem Strande. Da -<a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a> -verrieth ihnen das rothe, jetzt freilich arg zerrissene -Oberhemd ihres früheren Königs Zambiri vor der -Zeit dessen Anwesenheit, und einen lauten Schrei -ausstoßend liefen sie zu den Ihrigen zurück, um -ihnen wahrscheinlich die Entdeckung mitzutheilen.</p> - -<p>Jetzt kam Leben in den Schwarm. Der Doktor -bemerkte, wie nach allen Seiten Leute abgeschickt wurden, -die pfeilschnell über den Boden schossen, indeß -die Schaar der Bewaffneten mit ihren Lanzen und -Schilden näher zum Strand hinunterrückte. Dem -Zimmermann wurde auch, wie er später erzählte, -nicht ganz wohl im Boot, und es lag ihm gar nichts -daran, den jetzt jedenfalls gereizten Eingebornen zu -übermäßig nahe zu kommen. Darin begünstigte ihn -aber die indessen stark eingetretene Ebbe; gleich unterhalb -bemerkte er einen etwas weiter auslaufenden -Sandstreifen, auf den er augenblicklich zuhielt, und -hier bekam Zambiri die Ordre, wie nur der Kiel -den Sand berührte, auszusteigen und seinen Weg -allein fortzusetzen – was schadete es auch, wenn er -mit seinen bloßen Beinen nasse Füße bekam.</p> - -<p>Zambiri schien keine rechte Lust zu haben, denn -das ganze Benehmen seiner Unterthanen am Ufer -mochte ihm ebenfalls nicht gefallen – aber es blieb -ihm keine Wahl, denn weit mehr fürchtete er an -<a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a> -Bord zurückgeschafft zu werden. Er stieg aus, im -Nu schoß das dadurch fast um die Hälfte seines Gewichts -erleichterte Boot wieder zurück in tiefes Wasser, -und Zambiri, den zerfetzten rothen Mantel um die -Schultern, stand an der Spitze der Sandbank und -starrte nach dem Ufer hinüber.</p> - -<p>Das Boot hielt sich nicht auf; rasche kräftige Ruderschläge -brachten es zum Schooner zurück, und -während es dort eingehakt und an der Seite aufgezogen -wurde, kam auch der Anker herauf und der Bug -der Sarah Miles schwang langsam mit der Strömung -herum der offenen See entgegen.</p> - -<p>Noch stand Zambiri am Strand, und eben so fest -behaupteten die Krieger oben ihren Platz. Jetzt aber -mochte er doch wohl fühlen, daß er dort draußen nicht -länger bleiben könne, ohne seiner Würde etwas zu -vergeben. Einen Blick warf er nach dem Fahrzeug -der Weißen zurück, dessen Segel sich voll ausblähten -und an dessen Bug sich schon das Wasser zu kräuseln -begann – dann drehte er sich um und schritt entschlossen -die Uferbank hinauf.</p> - -<p>Jetzt regte sich auch da oben die dunkle Masse – -der Doktor konnte noch erkennen, obgleich sich die -Entfernung mit jedem Augenblick vergrößerte, daß -von allen Seiten mehr Bewaffnete herbeiliefen. Da -<a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a> -dröhnte plötzlich, bis zu ihnen selbst hinaus, ein einziger -gellender Aufschrei aus Aller Kehlen, und wie -ein Schatten über einen von der Sonne beschienenen -Plan wälzte sich der dunkle Schwarm dem König -entgegen.</p> - -<p>Dieser warf die Arme empor, dann verschwand -Alles in einem wilden Gewirre von schwarzen Gestalten, -und als sich diese endlich wieder zum -Ufer hinaufgezogen, blieb nur ein einziger dunkler -Punkt auf dem hellen Untergrund des Strands -zurück.</p> - -<p>Der Doktor schob sein Glas noch etwas mehr -zusammen, um den Punkt in den Fokus zu bekommen.</p> - -<p>»Nun, Doktor, wie ist's?« lachte der Kapitän; -»können Sie noch was erkennen? – Wie haben sie -unsern Dicken aufgenommen?«</p> - -<p>»Dort liegt sein unbeholfener Leichnam am -Strand,« sagte der Doktor, indem er das Glas zusammenschob, -denn die Entfernung wurde jetzt zu -groß, »und wenn die Fluth wieder steigt, wird sie ihn -in die See schwemmen.«</p> - -<p>»Ein fetter Bissen für die Krokodile!« lachte der -Seemann. »Alle Wetter! das erste, das ihm begegnet, -bekommt ein richtiges Maul voll – ein Glück -<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a> -nur, daß er uns zu seinen Erben eingesetzt. Aber was -haben sie mit ihm gemacht?«</p> - -<p>»Ihm wahrscheinlich ihre Lanzen in den Leib gerannt,« -nickte der Doktor. »Sonderbar doch; vorher -hatte er nicht mehr Macht und Gewalt über sie als -jetzt, und doch duldeten sie Alles und ließen sich verkaufen -und abschlachten, wie es dem grausamen Tyrannen -gefiel. Jetzt, da der Nimbus gefallen ist, der -ihn umgab, rennen sie ihm ihre Speere in den Leib -und lassen den Kadaver draußen auf dem Sande -liegen.«</p> - -<p>»Menschennatur,« sagte der Yankee gleichgültig. -»Na, wir sind ihn wenigstens los und haben keine -Verantwortung. Die Brise frischt auf, Doktor – -ich denke, jetzt halten wir gerade auf das Kap zu.«</p> - -<p>Der Schooner neigte sich vor dem frisch einsetzenden -Wind auf die Seite und flog schäumend durch -die leichtbewegte Fluth. Vom Land aus hatten ihm -die Eingebornen nachgesehen, aber er wurde kleiner -und kleiner und verschwand endlich wie ein lichter -Punkt am Horizont.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a> -<span class="ge">Der Mexikaner.</span><br /> - -<span class="subheader">Peruanische Erzählung.</span></h2> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Erstes Kapitel.</span></span><br /> - -Die verlassene Frau.</h3> - - -<p>In Lima lebte im Jahr 1850 in einem kleinen -Häuschen in der Vorstadt eine arme deutsche Schusterfrau, -der es außerordentlich knapp zu gehen schien, -denn sie war von ihrem Mann verlassen worden und -hatte sich nun hier draußen bei einer armen peruanischen -Familie einquartieren müssen. Sie ging auch, -besonders in deutsche Häuser, plätten und nähen und -suchte sich wirklich auf ehrliche Art ihr Brot zu verdienen, -wobei sie denn von den wenigen deutschen Familien -nach Kräften unterstützt wurde.</p> - -<p>Der Mann war – so viel wußte man – im -Jahr 48, als die erste Nachricht der in Kalifornien -entdeckten Schätze nach Peru drang, plötzlich verschwunden, -und sollte in Callao – dem Hafen von -Lima, kurz vor der Abfahrt eines nach San Francisco -bestimmten Schiffes gesehen worden sein. Der Verdacht -<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a> -lag also sehr nahe, daß er sich auf diesem entfernt -habe, um, wie tausend Andere, sein Glück in den -Minen zu versuchen. Daß er die Frau dabei in den -dürftigsten Umständen und fast ohne einen Dollar -Geld zurückließ, war natürlich schlecht, aber es wäre -doch wohl noch zu entschuldigen gewesen, wenn er sich -nur später um sie gekümmert, wenn er nur einmal -etwas Geld geschickt oder wenigstens einen Brief geschrieben -hätte.</p> - -<p>Aber Nichts dem Aehnliches erfolgte, und die -arme Frau mußte zuletzt die Hoffnung aufgeben, ihren -Mann je wieder zu sehen und von ihm Hülfe zu erhalten. -Allerdings erkundigte sie sich – als nun -fast zwei Jahre vergangen waren, und viele Peruaner -aus den kalifornischen Goldminen zurückkehrten, bei -Jedem wohl nach dem Verlorenen und ob sie ihn -nicht in Kalifornien getroffen hätten – aber, lieber -Gott, Kalifornien war groß und die dorthin gegangenen -Goldwäscher staken oben in den Gebirgsschluchten, -wohin weder Weg noch Steg führte; wer sollte sie -dort finden. Man konnte Monate lang in ihrer unmittelbaren -Nähe sein und bekam sie trotzdem nicht zu -sehen. Es wußte ihr auch Niemand auch nur den -geringsten Trost oder Anhaltepunkt zu geben – sie -mußte sich selber trösten, vielleicht kehrte er, wie die -<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a> -Meisten sagten, einmal ganz plötzlich mit einem großen -Sack voll Gold zurück, und dann hatte alle ihre Noth -ein Ende.</p> - -<p>Aber er kam nicht – Woche nach Woche verging, -wie Monat nach Monat vergangen war, und die verlassene -Frau beschloß endlich, in ihre Heimath nach -Deutschland zurückzukehren, wo ihr noch wohlhabende -Verwandte lebten; die einzige Schwierigkeit schien nur -die, ein Schiff zu bekommen, das sie für eine mäßige -Passage hinüber brachte. Aber auch das fand sich -endlich. Ein in Callao ankernder hamburger Kapitän -hatte von dem Schicksal der Deutschen gehört, und -als er sie zufällig einmal bei Bekannten traf und sie -ihm ihre Noth klagte, erbot er sich freundlich, sie -gegen einen sehr mäßigen Preis hinüber zu schaffen.</p> - -<p>Viel trug dazu auch ihr Aeußeres bei – Frau -Bockenheim mußte in ihrer Jugend wirklich einmal -schön gewesen sein, und sie war selbst jetzt noch, in -den dreißiger Jahren, eine hübsche, stattliche Frau zu -nennen. Früher galt sie auch unter den übrigen -Handwerkerfamilien für stolz und hochfährig; sie trug -gern seidene Kleider und putzte sich manchmal so heraus, -daß man in ihr nie eines Schusters Frau vermuthet -haben würde. – Das hatte sich freilich jetzt -durch ihren Nothstand gründlich gelegt; von dem -<a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a> -Moment an, wo sie sich abhängig von fremden Leuten -fühlte, wurde sie eine ganz Andere. Sie ging höchst -einfach, nur in die billigsten Stoffe gekleidet, und -schränkte sich wirklich nach Möglichkeit ein, um nur -keine Schulden zu machen. Trotzdem verkehrte sie -aber wenig oder gar nicht mit ihres Gleichen – mit -anderen Handwerkerfrauen – von denen sie auch in -der That keinen Verdienst erwarten konnte.</p> - -<p>Jetzt hatte das überhaupt aufgehört und sie begann -das Letzte zu thun, was ihr übrig blieb, um ihre -Passage zu bezahlen, nämlich die Ueberreste ihres -kleinen Hausstandes zu verkaufen. Da aber das zu -langsam ging, denn das Schiff wollte segeln, so setzte -sie endlich eine Auktion an, auf welcher auch das -Handwerksgeräth ihres Mannes losgeschlagen wurde. -Was sollte sie auch damit machen? Der Verlorene -kehrte doch nicht wieder.</p> - -<p>In Lima hatte sich indessen das Schicksal der -Schusterfrau und ihre Absicht, Peru zu verlassen, -ausgesprochen, und schon aus Mitleiden mit ihrem -Schicksal besuchten Viele die Auktion, so daß die oft -werthlosen Gegenstände noch zu einigermaßen gutem -Preis verkauft wurden.</p> - -<p>Die Auktion war vorüber; die letzten Sachen -waren abgeholt; nur noch ein Koffer und ein Reisesack -<a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a> -standen in dem öden Raum, und die Frau hatte -eben einen kleinen Knaben aus dem Haus nach einem -Peon oder Diener geschickt, um sie forttransportiren -zu lassen, als draußen ein Schritt auf der Treppe -laut wurde. Sie glaubte, es wäre der erwartete -Packträger, und noch seufzend einen Blick in den -Räumen umherwerfend, in denen sie so manche einsame -und traurige Stunde verlebt, sagte sie:</p> - -<p>»Da, Freund – nehmt die Sachen und tragt sie -mir –«</p> - -<p>»Bertha,« flüsterte da eine Stimme, die ihr das -Blut zum Herzen zurückdrängte, und als sie sich erschreckt -danach umwandte, stand ein mit einem Poncho -behangener fremder Mann auf ihrer Schwelle. Sie -kannte ihn nicht – er trug einen großen dunklen -Bart und den Hut fest in die Augen gezogen, rührte -sich auch nicht, und nur als sie ihn erstaunt anstarrte, -wiederholte er, mit der nämlichen Stimme das eine -Wort, das ihren Herzschlag stocken machte: »Bertha!«</p> - -<p>»Um der Wunden Christi Willen!« stöhnte die -Frau, »wer ist denn das der – der meinen Namen –«</p> - -<p>»Und kennst Du mich nicht mehr?«</p> - -<p>»Ja – wach' ich denn oder träum' ich – -Casper?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a> -»Hab' ich mich denn so verändert?« lachte er und -streckte ihr die Arme entgegen, aber mit einem lauten, -gellenden Freudenschrei stürzte sie auf ihn zu und -umschlang ihn krampfhaft mit ihren Armen.</p> - -<p>»Casper! Du bist's – Du – und oh mein Gott, -wie lange hast Du mich warten lassen – oh wie -ewig lange. Wo, wo bist Du nur gewesen?«</p> - -<p>»Und wenn ich ein klein wenig später gekommen -wäre,« lächelte der Mann, ohne die Frage für jetzt -zu beantworten, »so hätte ich Dich am Ende gar nicht -mehr getroffen. Du wolltest verreisen –«</p> - -<p>»Nach Deutschland zurückkehren!« rief die Frau, -»was sollte ich länger allein hier in dem fremden -Land? Ich hielt es nicht mehr aus und mußte Dich -ja todt glauben, da Du mir nicht ein einziges Mal -geschrieben. – Ach, das war nicht Recht, Casper.«</p> - -<p>»Ja, schreiben,« nickte dieser, »liebes Kind! Wo -ich mich die ganze Zeit herumgetrieben habe, gab es -weder Feder noch Dinte noch Papier, viel weniger -Posten, und ich hätte einen Brief selber nach San -Francisco tragen müssen.«</p> - -<p>»So warst Du die ganze Zeit in Kalifornien?«</p> - -<p>»Gewiß war ich –«</p> - -<p>»Und hast Du Glück gehabt?«</p> - -<p>Der Mann schwieg und sah sie mit einem Blick -<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a> -an, der ihr ordentlich bis in's innerste Herz hinein -stach – mit einem Blick, wie sie ihn noch nie von -ihm gesehen. Ueberhaupt kam er ihr so merkwürdig -verändert vor. Machte das vielleicht der große -schwarze Bart, den sie allerdings nicht an ihm gewohnt -war? – und er sah dabei so bleich aus – so -düster. – Er hatte jedenfalls Unglück gehabt und -kehrte als armer Mann zurück.</p> - -<p>»Oh mein Gott,« stöhnte die Frau, als ihr der -Gedanke kam, »und jetzt hab' ich all' das Unsere, selbst -Dein Handwerkszeug, um einen Spottpreis verkauft -– Nichts ist mir geblieben, als meine Kleider und -Wäsche und die paar hundert Thaler, die ich für die -Ueberfahrt zahlen wollte.«</p> - -<p>Da zuckte es wie ein Lächeln über des Mannes -Gesicht, und er sagte:</p> - -<p>»Gott sei Dank, daß wir den alten Plunder los -sind, wir hätten ihn doch nicht mehr gebrauchen -können.«</p> - -<p>»Nicht mehr gebrauchen können, Casper?« wiederholte -die Frau erstaunt, »ich weiß nicht, Du – -Du bist so sonderbar – ich begreife Dich nicht.«</p> - -<p>»Weil ich mit einem ganzen Sack voll Gold zurück -komme, Schatz,« lachte der Mann laut auf.</p> - -<p>»Mit einem Sack voll Gold?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a> -»Was ich Dir sage – unsere Noth hat nun aufgehört -– ich habe Glück, viel Glück in den Minen -gehabt – unserer Zwei trafen eine enorm reiche Stelle -– aber das Alles erzähle ich Dir später. – Was -will der Bursche da?«</p> - -<p>Während er noch sprach, war ein Peon auf der -Schwelle der weit offen stehenden Thür erschienen -und sah in's Zimmer herein.</p> - -<p>»Die Sennorita hat einen Mann verlangt, um -ihr Gepäck fort zu tragen.«</p> - -<p>»Ach ja – <i>bueno</i> –« rief der Zurückgekehrte -»du, guter Freund, schultert einmal die Sachen und -tragt sie in das amerikanische Hôtel – oder wir gehen -besser gleich mit, denn hier haben wir doch wohl Nichts -weiter zu thun, Schatz, wie?«</p> - -<p>»Es ist Alles fort, selbst der letzte Stuhl –«</p> - -<p>»Also gänzlicher Ausverkauf,« lachte der Mann, -»desto besser, dann werden wir auch durch Nichts mehr -gehindert – <i>vamos nos, companero, vamos nos</i>« -– und damit gab er seiner Frau den Arm und schritt -mit ihr die Treppe hinab, die Vorstadt entlang und -dann über die Brücke, immer die Hauptstraße nieder -und hinter dem Peon mit ihren Sachen her, bis sie -das Hôtel erreichten, wo er augenblicklich zwei Zimmer -und ein gutes Diner für sie bestellte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a> -Die Frau ging wie in einem Traum an seiner -Seite; sie fühlte kaum, wie ihre Füße den Boden -berührten. War denn das Alles wirklich wahr, und -der Mann, den sie schon lange todt geglaubt und in -Verzweiflung aufgegeben, nicht allein zurückgekehrt, -sondern auch reich, mit Schätzen beladen? Wie ein -Märchen klang's ihr in den Ohren und sie bemerkte -dabei gar nicht, daß die Leute, denen sie unterwegs -begegneten, fast immer stehen blieben und dem etwas -wunderlichen Paar nachschaueten.</p> - -<p>Und es war in der That ein wunderliches Paar -für einen heißen, sonnigen Tag in Lima. Der Mann -trug einen alten breiträndrigen und chokoladenfarbigen -Filzhut, einen dicken, blau und roth gestreiften -Poncho, und dazu mexikanische, an den Seiten herunter -offengeschlitzte Sammethosen mit kleinen silbernen -Knöpfen daran. Die Frau an seiner Seite -ging dabei in echt deutscher Handwerkertracht mit -einem langen, braunen, etwas abgenutzt aussehenden -Kattunkleid, ohne Steifröcke darunter, einem rothwollenen -Tuch um, und einem Hut, von dem man eigentlich -nicht sagen konnte, daß er hier aus der Mode -gekommen, denn er war in Lima wohl noch niemals -Mode gewesen. Auch die Blumen darauf sahen zerknickt -und schmutzig aus, und so viel die Frau auch -<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a> -wohl früher auf ihre Toilette gegeben hatte, und so -nett sie sich gehalten: jetzt, mit den Sorgen der letzten -Zeit im Herzen, schien sie Alles vernachlässigt zu haben, -und dachte auch in diesem Augenblick wahrlich an -Nichts weniger, als an ihre abgetragenen Kleider.</p> - -<p>In dem ziemlich großartigen Hôtel betrachteten -sich die Kellner das sonderbare Paar ebenfalls ziemlich -erstaunt und schienen nicht übel Lust zu haben, -sie etwas über die Achseln zu behandeln; als aber -der Mann, nicht etwa höflich, sondern mit barschem -Ton »Zwei Zimmer vorn heraus und vor Allem eine -Flasche Champagner und dann so rasch als möglich -ein gutes Diner« bestellte, wurden sie aufmerksamer. -Der Mann mußte Geld haben oder er wäre höflich gewesen, -und er wurde jetzt, trotz seinem unscheinbaren -Aeußeren, pünktlich bedient.</p> - -<p>Oben aber, in dem elegant möblirten freundlichen -Gemach, dem Champagner, der der Frau ebenfalls -trefflich mundete, gar wacker zusprechend, saß der von -Kalifornien zurückgekehrte glückliche Miner und erzählte, -nur erst einmal in flüchtigen Umrissen, seine Abenteuer: -Wie er Anfangs, und wohl anderthalb Jahr -hindurch, mit eisernem Fleiß und unermüdlicher Ausdauer -gearbeitet und ein Loch nach dem andern gegraben -habe, immer und immer aber wieder getäuscht, -<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a> -immer wieder auf neue Hoffnung angewiesen worden. -Ja, er verdiente sich, was er eben zum Leben brauchte, -aber auch nicht mehr – Gold gab es ja überall. Da -machte er endlich die Bekanntschaft eines Mexikaners, -der großes Vertrauen zu den nördlichen Minen hatte. -Mit dem war er an den Yubafluß gegangen, und -dort in einer der Ravinen, die noch wahrscheinlich -kein weißer Mann entdeckt, trafen sie plötzlich auf ein -Goldlager, wie sie es bis dahin nicht für möglich gehalten. -Stücke fanden sie dort, so groß wie die -Wallnüße, und einzelne größer, die wie in einem geschmolzenen -und dann erkalteten Zustand vor Jahrtausenden -vielleicht in der kleinen, engen Schlucht herabgewaschen -waren.</p> - -<p>Dort arbeiteten sie, von Niemandem gestört, ja -von Niemandem bemerkt, heimlich und versteckt sechs -volle Monate, bis sie die ganze Goldader, so weit das -wenigstens anging, ausgebeutet hatten. Dann kauften -sie sich Maulthiere unten in Yubacity, einem kleinen -Goldwäscherdorf, holten die indeß vergrabenen Schätze -ab, luden sie auf und zogen damit nach Sacramento -hinunter, von wo sie dann mit dem Dampfschiff nach -San Francisco gingen. Von hier aus kehrte der -Mexikaner in sein eigenes Vaterland zurück, und er -selber ging an Bord des ersten nach Panama abfahrenden -<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a> -Dampfers, um von dort wieder mit dem südlichen -<i>vapor</i> so rasch als irgend möglich Peru zu erreichen. -Deshalb war es ja auch gar nicht möglich -gewesen, vorher zu schreiben, denn die erste Gelegenheit, -die sich dazu bot, um rasch einen Brief zu senden, -benutzte er, und er hätte einen solchen nur selber mitnehmen, -nie aber vorher hierher befördern können.</p> - -<p>Der armen Frau kam es die ganze Zeit, während -der Mann sprach, genau so vor, als ob sie irgend -eine wunderbare Geschichte in einem Buche läse, aber -keine Möglichkeit vorhanden wäre, daß das Alles sie -mit betreffen könne und das Gold, das viele Gold, -das ihr Mann mitgebracht, ja doch nun auch ebenso -gut ihr gehöre und sie damit reiche und vornehme -Leute geworden wären.</p> - -<p>»Aber wo hast Du das viele Gold, Casper?« frug -sie ihn endlich, »doch nicht bei Dir?«</p> - -<p>»Bei mir?« lachte der Mann, indem er eine -Handvoll großer goldener Doublonen aus der Tasche -nahm und ihr vorhielt, »so ein paar Stück kann man -schon bei sich führen, aber ich möchte das Ganze wahrhaftig -nicht auf der Schulter tragen.«</p> - -<p>»So viel ist es?«</p> - -<p>»Nun natürlich – Gold wiegt schwer, mein Kind -– und ich konnte mich damit doch nicht in der ganzen -<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a> -Stadt herumschleppen, bis ich Dich da draußen, im -äußersten Winkel von Lima, aufgesucht? Es steht in -zwei kleinen Koffern sicher in einem Handlungshaus, -das ich von früher kannte. Jetzt will ich Dir aber -wenigstens die Proben des Mitgebrachten zeigen.«</p> - -<p>Damit stand er auf, schloß erst vorsichtig die -Thür zu und schnallte sich dann einen ledernen langen -Sack von den Hüften ab, dessen Inhalt er vor den -erstaunten Augen der Frau ausschüttete.</p> - -<p>Du lieber Gott! einen solchen Reichthum hatte -sie bis dahin gar nicht für möglich gehalten – und -was für große schwere Stücken dabei waren, und wie -wunderlich geformt! – Und das sollte erst der kleinste -Theil des Ganzen – nur eine Probe sein? Ihr -Mann packte aber die Stücke wieder zusammen, denn -draußen klopfte es, und der Kellner frug sehr artig -durch die Thür, ob die <i>lady</i> und der <i>gentleman</i> jetzt -zu speisen wünschten.</p> - -<p>Das Essen wurde gebracht, aber nach Tisch ging -der frühere Schuhmacher augenblicklich daran, den -Koffer seiner Frau zu revidiren, um zu sehen, was -sie an Kleidern und Wäsche habe, und was sie Neues -brauchen würde. Da sah es freilich bös aus – sie -brauchte fast Alles neu, denn das Wenige, was sie -noch hatte, war so abgenutzt, daß ihr der Mann augenblicklich -<a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a> -erklärte, damit könne sie nicht mehr auf der -Straße erscheinen. Der heutige Abend sollte denn -auch dazu benutzt werden, alle die nöthigen Einkäufe -zu machen, und nachher konnten sie dann in aller -Ruhe überlegen, ob sie vor der Hand noch hier in -Lima bleiben oder ohne Weiteres nach Deutschland -zurückkehren sollten. Gegen den letzteren Plan sprach -sich aber Madame Bockenheim auf das Entschiedenste -aus. War ihr Mann wirklich so reich, dann hielt -sie es auch für nöthig, den Leuten hier in Lima, die -sie selber so oft über die Achsel angesehen, zu zeigen, -was sie könnten, und daß sie jetzt im Stande wären, -sich den »Besten« an die Seite zu stellen. Was lag -auch daran, ob sie sich hier einmal ein halbes Jahr -einmietheten?</p> - -<p>Das war nun freilich ein Festtag für die Frau, -wie sie ihn nie in ihrem ganzen Leben für möglich gehalten, -als sie an dem Abend mit ihrem Gatten durch -all' die großen, herrlichen Läden gehen und dabei aussuchen -durfte, was ihr Herz begehrte. Da war auch -Nichts zu kostbar. Wo sie nur halbwegs Bedenken -hatten, sowie ihr Mann nur merkte, daß es ihr gefiel, -ließ er es augenblicklich bei Seite legen, zahlte dann -die Rechnung in Doublonen und beorderte es in ihr -Hôtel.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a> -Früher hatte er die Packen selber getragen; jetzt -dachte er gar nicht mehr daran und schien sich mit dem -ausgewaschenen Gold auch gleich die Sitten und -Gewohnheiten eines vornehmen Mannes angeeignet -zu haben.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Zweites Kapitel.</span></span><br /> - -Der Mexikaner.</h3> - - -<p>Am nächsten Tag sprach man fast von Nichts -weiter, als dem aus Kalifornien steinreich zurückgekehrten -deutschen Schuster, und das Gerücht vergrößerte -dabei natürlich die Schätze, die er wirklich mitgebracht, -um das Zehnfache. Allerdings gab es noch -Einzelne, die nicht so recht an einen solchen Erfolg in -den Minen glauben wollten; aber selbst diese mußten -zuletzt eingestehen, daß der Mann dort jedenfalls -<em class="ge">Glück</em> gehabt, denn er verausgabte gerade in den -ersten zwei oder drei Wochen eine sehr bedeutende -Summe Geld, und bezahlte Alles gleich baar in -blankem Gold. – Er machte nicht für einen Centabo -Schulden. Ebenso bestätigten die Kaufleute, daß er -sich immer die besten und kostbarsten Stoffe ausgesucht, -und als er sich bald darauf noch das schönste -Pferd in Lima um achtzehn Unzen kaufte und mit dem -<a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a> -silberbedeckten Zaumwerk und Sattel in der Stadt -herum galoppirte, fing man doch an, ihn weniger -mißtrauisch zu betrachten, und Leute, die sonst gar -nicht daran gedacht hätten, sich um ihn zu bekümmern, -bewarben sich jetzt um seine Freundschaft und machten -ihm Besuche.</p> - -<p>Casper Bockenheim, wie der Deutsche hieß, besaß -übrigens genug gesunden Menschenverstand, um <em class="ge">derartige</em> -Burschen zu durchschauen, und hatte in seinen -früheren Jahren zu häufig mit der vornehmen Welt -durch seine Arbeit verkehrt, um nicht zu wissen, wie er -sich gegen sie zu benehmen hatte. Er ließ die Schmarotzer -eben ablaufen, und gab sich dabei Mühe, in die -wirklich vornehmen Cirkel der Stadt zu kommen, mit -denen er sich selber, so weit es bedeutende Geldmittel -ermöglichen konnten, auf eine Stufe gestellt. Aber -das gelang ihm ebenso wenig; denn wenn er sich auch -die äußeren Manieren eines »<i>caballero</i>«, so weit es -seine Bildung zuließ, aneignete, und seine Frau jetzt -ebenso schöne Brillanten trug, wenn sie sich Abends -auf der Plaza zeigte, als irgend eine Sennorita der -Stadt, so hatte er doch sein ursprünglich rauhes -Wesen nicht so abschleifen können, um seinen früheren -Stand weniger als seine ganze frühere Lebensweise -vollständig vergessen zu lassen, und die <i>haute volée</i> -<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a> -von Lima, welcher Nation sie auch angehörte, wich -ihm, so weit das anständiger Weise geschehen konnte, -aus.</p> - -<p>Bockenheim wurde dadurch nicht liebenswürdiger; -er fühlte, daß hier in Lima noch ein »Vorurtheil«, -wie er es nannte, gegen ihn herrsche, und beschloß -endlich, Peru vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer -zu verlassen, um nach Deutschland zurückzukehren; -und das war ja auch jetzt der einzige und sehnlichste -Wunsch seiner Frau, denn dort konnte sie nachher -Staat mit sich machen – hier war es in der That -nicht möglich.</p> - -<p>Madame Bockenheim oder Sennora Bockenheim -hatte sich auch wirklich in den letzten Monaten sehr -verändert, und so einfach und zurückgezogen sie sonst -gelebt, so ganz aus sich heraus<em class="ge">gesprungen</em> schien sie -jetzt. Ihr Mann, der Schuhmacher, suchte seinen -Reichthum nur in äußerem Pomp zu zeigen. Er trug -schwere goldene Uhrketten, große Brillant-Tuchnadel, -eine Menge Ringe und sein, wie schon erwähnt silberbedecktes -Sattelzeug, bummelte aber sonst noch ebenso -nachlässig über die Straße, wie früher, fiel auch wohl -einmal in ein gewöhnliches deutsches Bierhaus hinein -und spielte dort seine Partie Skat, wie er es sonst -gewohnt gewesen. Seine Frau dagegen, der der Hochmuthsteufel -<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a> -in den Kopf gestiegen, schwebte fast nur -immer in höheren Regionen. Sie war gerade keine -ungebildete Frau, und deshalb auch früher überall -gern gesehen gewesen, aber sie wußte sich nur in der -Sphäre zu bewegen, der sie angehörte, und fiel aus -der Rolle, sobald sie darüber hinausstieg. Daß sich -wirklich vornehme Personen fast immer durch ein ungenirtes, -leutseliges und selbstverständlich artiges Benehmen -kundgeben, hatte sie übersehen; sie suchte das -Vornehme in alberner Aufgeblasenheit und machte sich -dadurch nur lächerlich.</p> - -<p>Bockenheim hatte sich in der Stadt ein sehr -hübsches Haus gemiethet, das sogar einen kleinen -freundlichen Garten umschloß. Die Einrichtung -desselben war prachtvoll und schien auf einen jahrelangen -Aufenthalt in Peru hinzudeuten. Jetzt dachte er -schon wieder daran, sie zu veräußern, und ließ, erst -einmal mit dem Entschluß im Reinen, seine Absicht in -die Zeitung setzen.</p> - -<p>Natürlich besuchte nun eine Menge von Leuten das -Haus, die sich entweder in der Absicht, die Sachen zu -kaufen, diese betrachteten oder auch nur neugierig -waren zu sehen, wie sich der deutsche, so plötzlich reich -gewordene Schuster eingerichtet habe. Von Morgens -an aber gingen und kamen die Leute, Abkömmlinge -<a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a> -<em class="ge">aller</em> Nationen, und besonders strömten die <i>señoritas</i> -herbei, die dann von der Sennora Bockenheim in -allem Pomp eines seidenen, spitzenbedeckten Kleides -empfangen wurden und sich nachher halbtodt über die -komische Deutsche lachen wollten.</p> - -<p>Bockenheim selber ließ sich wenig dabei sehen. Ihm -war die ganze Sache fatal, und er bereuete schon -bitter, das Alles nicht früher und besser überlegt zu -haben, ehe er sich eine solche Last aufbürdete. Aber -seine Frau hatte ja so fest darauf bestanden; sie wollte -den Bewohnern von Lima zeigen, »was sie <em class="ge">konnten</em>«, -und wenn sie auch ein paar tausend Dollars Schaden -dabei hatten, was lag daran? Schon damit zeigten sie, -wie reich sie waren.</p> - -<p>Lästig blieben diese ewigen Besuche gleichgültiger -Menschen aber doch, und Bockenheim war wirklich -kaum im Stand gewesen, sich eine freie Mittagsstunde -auszuwirken, daß er sein Essen ungestört verzehren -konnte. Ein Zettel an seiner Thür sagte, daß die Lokalitäten -von zwei bis vier <em class="ge">nicht</em> geöffnet würden; -darnach mochten sich die Leute richten; er war nicht -gesonnen, ihnen seine ganze Bequemlichkeit zu opfern.</p> - -<p>Es war eben vier Uhr vorbei, und Casper Bockenheim -saß am offenen Fenster, die Füße gegen ein niederes -eisernes Gitter gestemmt, seinen Kaffee neben -<a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a> -sich und rauchte seine Cigarre, als der eine Peon -herein kam und meldete, es sei ein fremder Herr -draußen, der den Sennor zu sprechen wünsche.</p> - -<p>»Mich? – Hol' ihn der Teufel,« brummte der -Deutsche, »er soll zu meiner Frau gehen, die wird ihn -herumführen. Ich habe mit der Geschichte Nichts zu -thun und will ungestört meinen Kaffee trinken.«</p> - -<p>»Aber er will Sie selber sprechen, Sennor.«</p> - -<p>»Mich selber? Wer ist es denn?«</p> - -<p>»Ich kenne ihn nicht,« sagte der Peon, »er spricht -sehr gut kastilianisch, aber mit einem so sonderbaren -Accent. Aus Peru kann er nicht sein.«</p> - -<p>»Hm,« brummte Bockenheim leise vor sich hin, -»und wie sieht er aus?«</p> - -<p>»Ja, ich weiß nicht; er trägt einen großen Bart -und hat einen sehr schönen Poncho umhängen, als ob -er von der Reise käme.«</p> - -<p>»Na, so laß ihn in des Bösen Namen herein. -Frag' ihn aber erst, ob er die Möbel sehen will, und -wenn er Ja sagt, schick' ihn zu meiner Frau; die wird -am besten mit den Leuten fertig.«</p> - -<p>Der Peon ging, kehrte aber gleich darauf mit dem -Fremden zurück, der ihm auf dem Fuß folgte. Bockenheim -war verdrießlich; er haßte Nichts mehr, als sich -spanisch zu unterhalten, denn wenn auch schon längere -<a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a> -Jahre im Land, konnte er mit der Sprache doch noch -nicht gut fertig werden, und mißhandelte sie auch auf -das Grausamste. Er war langsam aufgestanden, um -den Fremden zu begrüßen und zu hören, was er wolle -– aber er kam nicht weit. Wie nur sein Blick auf -die Züge des vor ihm Stehenden fiel, war es ihm, -als ob ihm Jemand einen Stich durch's Herz gäbe. -Er fühlte, daß er leichenblaß wurde, seine Kniee zitterten, -und er mußte sich an dem nächsten Stuhl festhalten, -um nicht zusammen zu sinken.</p> - -<p>Dem Fremden konnte auch die Erregung, die den -Deutschen erfaßt hatte, nicht entgehen. Ein spöttisches, -fast verächtliches Lächeln zuckte aber nur um seine -Lippen und er sagte trocken:</p> - -<p>»<i>Buenos dias, Don Gaspár</i> – ich sehe, Ihr -kennt mich noch, obgleich ich ein paar Monate an der -Wunde das Lager hüten mußte.«</p> - -<p>Casper Bockenheim stierte ihn noch immer an, -als ob er einen Geist gesehen hätte; er brauchte -Minuten lang, um sich zu sammeln, behielt aber doch -so viel Besinnung, daß er dem Peon zuwinkte, das -Zimmer zu verlassen. Er mußte mit dem Mann allein -sein. Dieser schien das auch ganz in der Ordnung zu -finden und ließ indessen seinen Blick in dem höchst -eleganten und reich ausgestatteten Raum umher -<a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a> -fliegen, wobei er nur langsam und wie, als ob er eine -Vermuthung bestätigt erhalten, mit dem Kopf nickte. -Aber er sprach kein Wort weiter; es war, als ob er -jetzt erst eine Anrede des Deutschen abwarten wollte, -zu der er ihm völlig und ungestört Zeit ließ.</p> - -<p>Das war insofern gefehlt, als er diesem dadurch -auch völlig Raum gab, sich von seiner ersten Ueberraschung -zu erholen, und Bockenheim schien Gebrauch -von der Gelegenheit zu machen.</p> - -<p>Sein finsterer Blick maß den Mexikaner, der ihm -übrigens ganz unbefangen gegenüber stand, und jetzt -sogar, als wenn er hier zu Hause wäre, zu einer dort -stehenden Cigarrenkiste trat und sich eine Havana -herausnahm.</p> - -<p>»Ah Don Gaspard,« lachte er dabei, »Ihr raucht -jetzt feine <i>puros</i>! Wißt Ihr wohl noch, wie wir auf -dem Wege nach Macalome alle Taschen umdrehten, -um ein wenig Taback für eine Cigaretta darin zu -finden?«</p> - -<p>»Mit wem habe ich das Vergnügen?« sagte da der -Deutsche trocken, indem er den unwillkommenen Gast -mit finster zusammengezogenen Brauen betrachtete. -»Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen -sein, Sennor.«</p> - -<p>»<i>Caramba</i>,« lachte der Mann und drehte sich -<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a> -rasch nach ihm um. »Ihr kennt mich wohl nicht mehr? -Wahrhaftig, wenn <em class="ge">mein</em> Gedächtniß zum Teufel wäre, -sollt' es mich nicht Wunder nehmen; denn der Hieb, -den Ihr mir damals über den Kopf gegeben, hätte -einem anderen Menschen wahrscheinlich den Hirnkasten -von einander gesprengt. Aber wie Ihr seht, habe ich -mich vollständig wieder erholt und befinde mich, den -Umständen nach, wohl, während Ihr Euch,« setzte er -mit einem Blick umher hinzu, »<em class="ge">besser</em> zu befinden -scheint.«</p> - -<p>»Dürft' ich fragen, was Ihr von mir wollt, -Sennor?« sagte der Deutsche trocken. »Ich habe nicht -viel Zeit und noch weniger Lust, mich lange mit Euch -abzugeben.«</p> - -<p>»<i>En verdad, Señor?</i>« lachte der Mexikaner. -»Nun gut, dann werde ich Euch mit einem Wort -sagen, was ich will: <em class="ge">Geld!</em> – Das Geld will ich, -das Ihr mir damals, als Ihr mich bei Macalome -meuchlings überfielt und für todt im Walde liegen -ließet, abgenommen. Habt Ihr mich verstanden?«</p> - -<p>»Ich verstehe <em class="ge">so</em> viel,« sagte der Deutsche, »daß -Ihr jedenfalls wahnsinnig sein müßt; denn ich habe -Euch in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen, und -die Beschuldigung ist deshalb eine niederträchtige -Lüge!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a> -»So?« sagte der Mexikaner. »Und weshalb -erschrakt Ihr da so, als ich ins Zimmer trat?«</p> - -<p>»Wer sagt Euch, daß ich erschrocken bin?«</p> - -<p>»<i>Carajo!</i>« rief der Mexikaner, ungeduldig werdend, -»wir wollen den Tag nicht mit nutzlosen Redensarten -vergeuden. Ich <em class="ge">lebe</em> noch, wie Ihr seht, und -bin Eurer Spur wie ein Schweißhund gefolgt – jetzt -aber bleibt Euch kein Ausweg mehr. Ich kam zu -Euch, weil ich die peruanischen Gerichte nicht unnützer -Weise bemühen wollte. – Mir liegt nichts daran, -Euch gehangen zu sehen, und Strafe hatte <em class="ge">ich</em> verdient, -weil ich dumm genug gewesen war, auch nur -einem einzigen Menschen auf der Welt zu trauen, wo -die Verführung auf der Hand lag, mit <em class="ge">einem</em> Schlag -reich zu werden. Aber Ihr habt die Geschichte ungeschickt -angefangen. Wolltet Ihr einmal einen Mord -verüben, so mußtet Ihr auch sicher gehen und -Eurem Opfer noch wenigstens den Hals abschneiden -– <em class="ge">das</em> habt Ihr versäumt und kommt jetzt in -die unangenehme Nothwendigkeit, das Geraubte -wieder herausgeben zu müssen. Also macht keine -Umstände, oder ich zeige Euch hier bei den Gerichten -als Straßenräuber an, und was Euch dann -erwartet, brauche ich Euch doch wohl nicht zu -sagen!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a> -»Ihren werthen Namen, wenn ich bitten darf,« -sagte der Deutsche außerordentlich höflich.</p> - -<p>Der Mexikaner biß die Zähne zusammen, und der -Blick, den er auf den früheren Gefährten schleuderte, -war so voll Gift und Haß, daß Bockenheim unwillkürlich -nach der Lehne des neben ihm stehenden -Stuhles griff, um nur irgend eine Schutzwaffe bei der -Hand zu haben, denn er erwartete wirklich nichts -weniger, als daß sich der zum Aeußersten gereizte -Südländer jetzt auf ihn stürzen würde. Der Fremde -schien aber, wenn auch vielleicht der Gedanke für einen -Moment in ihm aufgestiegen war, etwas Derartiges -nicht zu beabsichtigen. Wohl war er unter dem Poncho -mit der Hand nach der Seite, möglich nach seinem -Messer, gefahren; aber es blieb bei der Bewegung. -Der Mann bewahrte sein kaltes Blut; denn er wußte -gut genug, wie viel Leute im Haus waren, und daß er -nie hoffen durfte, seinen Zweck mit Gewalt zu erreichen. -Er hätte sich nur selber der größten Gefahr -ausgesetzt.</p> - -<p>»Also Ihr leugnet bestimmt, daß Ihr mich kennt?« -sagte er endlich, nach einer ziemlich langen Pause. -»Ihr leugnet, daß Ihr mich, als wir zusammen von -Richgulch nach Macalome ritten, da, wo wir lagerten, -überfallen –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a> -»Geht zum Teufel mit Euren albernen Märchen!« -rief aber jetzt Bockenheim unwillig, indem er die auf -dem Tisch stehende Klingel ergriff und heftig schellte, -»und das sag' ich Euch, laßt Ihr Euch noch einmal -in meinem Hause blicken, so ruf' ich die Polizei zu -Hülfe!«</p> - -<p>In der Thür erschienen ein paar Peons, der Befehle -ihres Herrn gewärtig. Der Mexikaner aber -sah recht gut ein, daß er vor der Hand hier Nichts -weiter ausrichten könne und jedenfalls den Kürzeren -ziehen müsse. Er wußte aber jetzt auch, was er von -dem Deutschen <em class="ge">im Guten</em> zu erwarten hatte. Nun -blieb ihm nichts anderes übrig, als die Polizei zu -Hülfe zu rufen.</p> - -<p>»<i>Bueno, Señor</i>,« sagte er ruhig, »ich werde -Ihnen nicht länger zur Last fallen. – <em class="ge">Auf Wiedersehen!</em>« -Und mit den Worten drehte er sich um und -schritt zur Thür hinaus, wobei Bockenheim den Peons -befahl, hinter ihm zu bleiben und aufzupassen, daß er -auch wirklich das Haus verließ. Es wäre, wie er -sagte, ein ganz gemeiner Vagabond, der Geld hatte -von ihm erpressen wollen, und welchem deshalb auch -Alles zuzutrauen. Sie sollten nur das Haus gut zuschließen.</p> - -<p>Kaum hatten sie übrigens den Raum verlassen, -<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a> -als Bockenheims Frau in furchtbarer Aufregung aus -der nächsten Stube trat, wo sie jedenfalls das Ganze -angehört haben mußte.</p> - -<p>»Um Gottes Willen, Caspar!« rief sie, »was war -das? Was ist vorgefallen? Was hattest Du mit dem -Mann?«</p> - -<p>»Was ich mit dem Mann hatte?« sagte Bockenheim, -der mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen -Brauen finster brütend mitten in der Stube -stand. »Nichts – gar Nichts! Ein Betrüger war es, -der Geld von mir erpressen wollte – aber wenn er -mir wieder kommt – beim ewigen Gott – –«</p> - -<p>Die Frau hatte ängstlich zu ihm aufgeschaut.</p> - -<p>»Und kanntest Du den Mann gar nicht? – Hast -Du ihn nie früher gesehen oder mit ihm gesprochen?«</p> - -<p>»Nie – der Henker soll all' das mexikanische Gesindel -kennen, das sich in Kalifornien in den Minen -herumtreibt!«</p> - -<p>»Und was verlangte er von Dir?«</p> - -<p>»Ach, Unsinn,« erwiderte mürrisch, aber doch ausweichend -der Mann, »er – er wollte nur Geld geborgt -haben.«</p> - -<p>»Er sprach von einem Todtschlag,« flüsterte die -Frau.</p> - -<p>»Bah – Geschwätz – laß mich mit dem Blödsinn -<a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a> -zufrieden!« rief Bockenheim. »Der Kerl ist verrückt, -und, wahrscheinlich ohne Centabo aus den Minen -zurückgekehrt, hat er vielleicht hier gehört, daß ich Glück -dort oben gehabt, und will mir nun ein paar hundert -Dollars abschwindeln. Aber verdamm mich! er ist an -den Unrechten gekommen. Wo hat er Beweise? – -Nichts – gar nichts – es ist Nichts, als niederträchtige -gemeine Lüge – weiter Nichts,« und damit verschränkte -er die Arme wieder und ging mit raschen, -unruhigen Schritten in dem so behaglich eingerichteten -Zimmer auf und ab.</p> - -<p>Die Frau hatte, während ihr Mann sprach, keinen -Blick von ihm verwandt, und eine unsagbare Angst -ergriff ihr Herz. Aber es war nicht die Furcht, daß -ihr Mann ein Verbrechen verübt haben, sondern die, -daß es entdeckt werden könne, und mit leiser Stimme -sagte sie endlich:</p> - -<p>»Laß uns fort von hier, Caspar – ich habe Dich -schon lange darum gebeten; wärst Du mir nur gefolgt.«</p> - -<p>»Ja, und eben <em class="ge">weil</em> ich Dir gefolgt <em class="ge">bin</em>, können -wir es jetzt nicht,« knurrte Bockenheim ärgerlich, »denn -den ganzen Plunder, den ich mir Deinetwegen angeschafft, -kann ich nicht auf den Buckel nehmen.«</p> - -<p>»So laß die Sachen hier! – Was liegt daran? -Gieb Jemand den Auftrag, sie unter der Hand oder -<a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a> -auf Auktion zu verkaufen. – Uebermorgen geht der -Dampfer nach Panama – übermorgen können wir -weit draußen in See schwimmen und wieder nach -Deutschland fahren, und dorthin kommt der freche -Bursche gewiß nicht.«</p> - -<p>»Hm,« sagte Bockenheim, der, während die Frau -sprach, leise vor sich hin mit dem Kopf genickt hatte, -»das ginge vielleicht – aber wenn er mich hier -verklagt?«</p> - -<p>»Bah, <em class="ge">Du</em> kennst doch die peruanischen Richter,« -lachte die Frau, »und dann wäre es doch wahrhaftig -schlimm, wenn jeder Lump da ohne Beweise, ohne -Zeugen herkommen und einen ehrlichen Mann eines -Verbrechens anklagen könnte, das er tausend Meilen -von hier entfernt begangen haben soll. Es ist kein -Sinn und Verstand darin.«</p> - -<p>Bockenheim war wieder eine Weile in dem Zimmer -auf und ab gelaufen und schien noch nicht mit sich im -Reinen.</p> - -<p>»Und wenn Du <em class="ge">meinem</em> Rath folgst,« sagte die -Frau, die <em class="ge">ihre</em> Sinne wenigstens vollkommen beisammen -hatte, »so gehst Du jetzt vor allen Dingen -augenblicklich selber auf die Polizei und machst die -Anzeige, daß ein mexikanischer Strolch, der wahrscheinlich -davon gehört hätte, daß Du Lima mit dem -<a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a> -nächsten Dampfer verlassen wolltest – verstehst Du -mich? – zu Dir gekommen wäre und gesucht hätte, -ein paar hundert Dollars von Dir zu erpressen.«</p> - -<p>»Hm – und dann?«</p> - -<p>»Nun, dann bittest Du den Direktor oder wie der -Beamte heißt, ein wachsames Auge auf den Burschen -zu haben; denn Du fürchtetest, daß er Dir nach dem -Leben trachte, weil Du ihn so grob abgewiesen.«</p> - -<p>»Er wird mir sagen, daß ihn das nichts anginge.«</p> - -<p>»Kommt es Dir auf hundert Dollars an?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Gut, dann gieb ihm die und bitte ihn, sie unter -ein paar Polizeidiener zu vertheilen, daß sie sich hier -in der Nähe des Hauses aufhalten.«</p> - -<p>»Bah, dann steckt er sie einfach in die Tasche,« -brummte Bockenheim, »ich müßte meine Peruaner -nicht kennen.«</p> - -<p>»Und soll er denn das nicht?« rief die Frau. »Du -bist wie ein kleines Kind. Nachher weißt Du aber -doch sicher, daß er Deine Partei nimmt. – Hab' ich -nicht Recht?«</p> - -<p>Bockenheim lachte – zum ersten Mal wieder an -dem Morgen.</p> - -<p>»Wahrhaftig, Schatz, ich glaube, ich werd's so -machen,« rief er, indem er seinen Panamahut von dem -<a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a> -nächsten Stuhl nahm, »und kannst Du bis morgen -Abend mit Packen fertig werden?«</p> - -<p>»Bis <em class="ge">heut</em> Abend, wenn es sein muß. Der -Tischlermeister Müller kann nachher Alles übernehmen, -was hier zurückbleibt. Hast Du noch Schulden -in Lima?«</p> - -<p>»Keinen Pfennig.«</p> - -<p>»Desto besser – das Geld schickt er uns später an -eine Adresse, die wir ihm aufgeben. Geh nur rasch, -daß Du keine Zeit versäumst.«</p> - -<p>»Und wenn der – Schuft jetzt zurück käme?«</p> - -<p>»Wenn <em class="ge">ich</em> mich nicht fürchte, brauchst Du doch -keine Angst zu haben. Ich gebe Dir mein Wort, -daß ich den Burschen, falls er noch einmal Lust haben -sollte einzudringen, in sicherer Entfernung halten -werde. Laß ihn nur kommen; unsere Leute hier im -Haus werden wahrhaftig kurzen Prozeß mit ihm -machen.«</p> - -<p>Der Mann blieb einen Augenblick zögernd an der -Thür stehen, als ob er noch etwas sagen wollte; aber -plötzlich drehte er sich scharf auf dem Hacken herum -und schritt wenige Minuten später die Straße hinab, -über die Plaza und dem Polizeigebäude zu.</p> - - - - -<h3><a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a> -<span class="subheader"><span class="ge">Drittes Kapitel.</span></span><br /> - -Die Flucht.</h3> - - -<p>Der Mexikaner Felipe Corona, wie er mit Namen -hieß, verließ indessen mit bitteren Rachegedanken das -Haus des Deutschen. Aber während er die Straße -hinab schritt, war er sich doch auch bewußt, auf wie -unsicherer Basis die Klage ruhte, die er hier, selber -ein Fremder, gegen einen in Lima ansässigen Mann -vorbringen wollte. Und sollte er ihn deshalb im Besitz -aller der Schätze lassen, die, wie er fest behauptete, -ihm – allein nur ihm gehörten? Nein! bei dem -Blute des Gekreuzigten, nein. Wahrlich nicht, so -lange seine Faust noch ein Messer führen konnte, und -wenn ihm die Peruaner sein Recht nicht verschafften -– er biß die Zähne fest zusammen und schritt, finster -vor sich hin brütend, die Straße hinab, wo er das -Haus eines Advokaten wußte. Der sollte ihm helfen -– oder doch wenigstens einen Rath geben, wie er -sich zu verhalten habe, welche Schritte er hier in dem -fremden Lande thun müsse, um den Schuldigen zu -überführen und zu strafen.</p> - -<p>Er fand den Herrn auch zu Hause, und zwar -ziemlich behaglich in einer Hängematte liegend und -eine Cigarre rauchend; was sollte er sich bei der -<a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a> -Hitze anstrengen, wo er es so bequem haben konnte? -Die Geschäfte mochten eben warten bis die Abendkühle -eintrat – oder vielleicht auch bis morgen früh. -Die Gerechtigkeit ist blind und kann sich deshalb nicht -Hals über Kopf in einen Strudel von Arbeiten stürzen; -sie muß eben langsam und vorsichtig zu Werke gehen.</p> - -<p>Nach dem eintretenden Mexikaner drehte er auch -kaum den Kopf, als dieser das kühle, luftige Gemach -betrat. Der Mann trug einen Poncho, war also jedenfalls -ein Peon oder Diener, denn ein Caballero ging -nicht mehr mit diesem eigentlich alt-peruanischen -Kleidungsstück über die Straße; es war völlig aus der -Mode gekommen. Er brachte ihm wahrscheinlich eine -Botschaft, und die konnte er ebenso gut liegend anhören -– ja eigentlich noch viel besser.</p> - -<p>»Und was wollt Ihr, <i>amigo</i>?«</p> - -<p>»Eure Hülfe oder Euren Rath, Sennor, gegen -einen Schurken,« sagte der Mexikaner ruhig.</p> - -<p>»So? Hm – und wie heißt der Schurke?«</p> - -<p>»Er ist ein Fremder, Don Gaspard, der aus Kalifornien -mit vielem Geld hierher gekommen.«</p> - -<p>»So? Der Deutsche? Und was habt Ihr gegen -ihn?«</p> - -<p>»Das Gold, das er mitgebracht, ist <em class="ge">mein</em>,« sagte -der Mexikaner ruhig, »ich hielt ein Spielzelt am -<a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a> -Richgulch in Kalifornien und verkaufte zugleich Waaren. -Ich verdiente <em class="ge">viel</em> Gold. Da aber die Americanos -dort kein Spiel mehr haben wollten, trieben sie uns -fort, und ich lud mein Gold und meine Waaren auf -Maulthiere und zog nach dem Macalome hinüber, wo -ich noch einen Bruder hatte. Mit diesem wollte ich -nach Mexiko zurückkehren – ich brauchte nicht mehr. -Unterwegs traf ich den <i>Aleman</i>. Es sind sonst gute, -rechtliche Leute, und wir Mexikaner verkehrten dort -nur mit ihnen und den Franzosen. Ich freute mich, -daß ich Begleitung bekam; denn ich hielt mich mit -meinen schwer beladenen Thieren nicht für ganz sicher -im Wald. Manchen von uns hatten die Amerikaner -gemordet, und uns selber wurde es dann zur Last -gelegt. Ich hatte mir aber den schlimmsten Feind zu -meiner Begleitung ausgesucht. Als wir, kaum noch -eine halbe Legua vom Macalome entfernt, eine kurze -Zeit im Wald rasteten, nahm er die Gelegenheit wahr -und schlug mich mit seinem schweren Messer über den -Kopf – hier an der Seite, Sennor, seht Ihr noch die -kaum verharrschte Narbe. Ich brach besinnungslos -zusammen, und er hielt mich jedenfalls für todt; ich -war es auch fast. Landsleute fanden mich später und -trugen mich in die Minerstadt, und als ich nach Wochen -wieder zu mir kam und meinen Bruder an meinem -<a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a> -Bett sitzend fand, war meine erste Frage nach meinen -Thieren, meinen Schätzen – umsonst – man hatte Nichts -bei mir gefunden – gar Nichts – der Räuber mußte -Alles mit fortgenommen haben, Thiere, Waaren und -Gold, und ich war wieder arm, wie ein Bettler.«</p> - -<p>»Hm – eine verwünschte Situation,« brummte -der Advokat, sich eine neue Cigaretta anzündend, »und -Ihr wißt gewiß, daß dieser Don Gaspard derselbe ist, -der Euch damals begleitete?«</p> - -<p>»Hört nur weiter,« fuhr der Mexikaner fort. -»Vierzehn Tage brauchte ich wohl noch, bis ich mich -vollständig erholt hatte und meine Wunde vernarbt -war – dann folgte ich seinen Spuren. Mein Bruder -hatte mir einige Unzen Gold geborgt, damit wanderte -ich aus, und es dauerte nicht lange, so war ich auf der -Fährte des Mörders. In Stockton hatte er meine -Maulthiere und Waaren verkauft und war zu Schiff -nach San Francisco gefahren, und bald erfuhr ich, daß -er nach Panama gegangen. Ich nahm Zwischendeckspassage -und folgte ihm. In Panama ließ ich mir die -Passagierlisten geben und sah seinen Namen nach -Peru eingeschrieben. – Ich mußte mein Geld sparen -und bekam freie Passage als Kajütenaufwärter hierher. -– Ich brauchte in Lima nicht lange nach ihm zu -suchen. Das Gerücht, daß er so viel Gold in den -<a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a> -kalifornischen Minen gefunden, hatte ihn rasch bekannt -gemacht. Ich habe ihn heute gesehen.«</p> - -<p>»In der That?« rief der Advokat, der sich doch -jetzt für die Sache zu interessiren anfing, indem er sich -in seiner Hängematte halb emporrichtete, »und was -sagte er?«</p> - -<p>»Er leugnet Alles.«</p> - -<p>»Nun natürlich, versteht sich von selbst – aber wo -haben Sie Ihre Zeugen?«</p> - -<p>»Zeugen habe ich gar nicht – wir waren -allein.«</p> - -<p>»Den Teufel auch! gar keine Zeugen? Aber es hat -Sie doch dort Jemand zusammen wegreiten sehen, oder -Sie sind Anderen begegnet? –«</p> - -<p>»Allerdings – Menschen genug; aber wer das -war und wo die jetzt sind, wer könnte es sagen?«</p> - -<p>»Bitte, lieber Freund,« sagte der Advokat, sich jetzt -in seiner Hängematte aufsetzend, »wollen Sie mir vielleicht -vorher erklären, ob Sie über bedeutende Mittel -verfügen, um einen längeren Prozeß durchzuführen? -Hundert Dollars müssen vor allen Dingen einmal -bei mir deponirt werden, nur um die ersten Ausgaben -zu decken.«</p> - -<p>»Ich besitze nicht einmal mehr hundert Dollars -in meinem ganzen Vermögen,« sagte der Mexikaner -<a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a> -finster, »jener Schuft hat mir ja <em class="ge">Alles</em> geraubt; aber -wenn mir mein Recht zugesprochen wird –«</p> - -<p>»Entschuldigen Sie einen Augenblick, daß ich Sie -unterbreche. Habe ich den Fall folgender Art klar verstanden, -daß Sie von Kalifornien, <em class="ge">ohne</em> Geld in der -Tasche, hierher gekommen sind, um einen hier ansässigen -Fremden anzuklagen, daß er an Ihnen in den -kalifornischen Wäldern einen Raubmord verübt und -Ihnen Alles abgenommen hat, ohne dafür weitere -Zeugen und Beweise beibringen zu können, als Ihr -Wort?«</p> - -<p>»Das ist genau so der Fall,« sagte der Mexikaner; -der Advokat fiel aber in seine Hängematte zurück, als -ob er geschossen wäre, pfiff nur leise vor sich hin und -sah nach der Decke hinauf.</p> - -<p>»Und wollen Sie mir dazu verhelfen?« fragte der -Mexikaner.</p> - -<p>»Mein sehr verehrter Herr,« sagte der Rechtsanwalt, -ohne aber seine Stellung im Mindesten zu -verändern, »vorher erlauben Sie mir denn wohl die -Frage an <em class="ge">Sie</em> zu richten: Halten Sie mich für verrückt?«</p> - -<p>»Aber wenn ich, was ich sage, auf die Hostie beschwören -kann?« rief der arme Teufel. »Trag' ich -denn nicht die Narbe jener Wunde, die mir sein -schweres Messer geschlagen, auf dem Kopf?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a> -»Reden Sie keinen Unsinn,« bemerkte der Peruaner, -»als vernünftiger Mann müssen Sie doch einsehen, -daß Sie mit der Narbe weiter Nichts beweisen -können, als früher einmal einen Hieb über den Kopf -bekommen zu haben. <em class="ge">Wo</em> aber das geschehen ist und -durch <em class="ge">wen</em>, mögen Sie selber wohl sehr genau wissen, -werden aber keinen Richter davon überzeugen können.«</p> - -<p>»Aber ist denn gar keine Gerechtigkeit in Peru?« -rief der Mexikaner bestürzt aus. »Soll denn der -Räuber das Gold behalten dürfen?«</p> - -<p>»Gerechtigkeit genug,« erwiderte der Advokat. -»<em class="ge">Sie</em> behaupten, das Geld gehöre Ihnen, <em class="ge">er</em> behauptet, -es wäre das seine. Befände sich die Summe in den -Händen des Gerichts, so bekämen Sie, aller Wahrscheinlichkeit -nach, Beide keinen kupfernen Centabo -davon. So hat es aber der Deutsche, und daß der -<em class="ge">gutwillig</em> etwas davon herausgeben sollte, bezweifle -ich – versuchen Sie's aber immerhin noch einmal, -denn ohne die geringste Beweisführung können die -Gerichte gar nicht gegen ihn einschreiten.«</p> - -<p>»Und wenn er sich weigert?«</p> - -<p>Der Advokat zuckte mit den Achseln.</p> - -<p>»Und Sie wollen sich meiner nicht annehmen?«</p> - -<p>»Lieber Freund, ich <em class="ge">habe</em> mich Eurer angenommen,« -rief der Advokat, »und wenn Ihr nicht ein -<a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a> -armer Teufel wäret, so bäte ich mir jetzt eine halbe -Unze für die Berathung aus – aber ich will Nichts, -als daß Ihr mich nun ungeschoren laßt, denn ich mag -mit der Sache nichts weiter zu thun haben.«</p> - -<p>»Dann muß ich mir selber helfen,« knirschte der -Mexikaner zwischen den zusammengebissenen Zähnen -durch.</p> - -<p>»Das ist jedenfalls das Gescheuteste,« nickte der -Advokat lächelnd vor sich hin, »aber auch zu gleicher -Zeit ein etwas gefährliches Experiment. Seid Ihr -kitzlich am Hals, <i>amigo</i>?«</p> - -<p>Der Mexikaner antwortete nicht; er hatte ein paar -Momente schweigend vor sich nieder gestarrt; jetzt -drehte er sich plötzlich um und schritt der Thür wieder -zu. »<i>Buenos dias, Señor</i>,« sagte er dabei. »Vielen -Dank für den guten Rath – ich werde meinem Hals -ganz besondere Vorsicht widmen. – <i>Dios lo paga</i>,« -und damit verschwand er aus der Thür.</p> - -<p>»Ja wohl,« brummte der Advokat vor sich hin, -»<i>Dios lo paga</i> – wenn der liebe Gott alle die -Wechsel acceptiren sollte, die auf ihn gezogen werden, -wäre er nicht allein allmächtig, sondern auch allbeschäftigt. -– Lumpengesindel! Daß der Präsident nur -so viel Vergnügen daran findet, die Fremden ins Land -zu ziehen – wenn ich wie er wäre, hielt ich unsere Race -<a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a> -rein – dann bliebe doch auch noch etwas zu verdienen,« -und sich wieder lang ausstreckend, gab er sich -bald ganz seiner Siesta hin.</p> - -<hr /> - -<p>Der Mexikaner verließ das Haus, aber nicht etwa, -um nach des Advokaten Rath einen gütlichen Vergleich -mit seinem Feind zu schließen, sondern sein Glück noch -einmal auf der Polizei zu suchen, traf es aber dort -nicht glücklich, denn Bockenheim war schon vor ihm -da gewesen, und der eine Beamte fuhr den armen -Teufel so wild an, als ob er ihn auf der Straße gefunden -hätte. Er sollte sich auch selber legitimiren, -ehe er einen Anderen, einen bis dahin unbescholtenen -Mann eines Verbrechens zeihen wollte, und da er das -nicht vermochte, wurde er bedeutet, binnen acht Tagen -einen Nachweis zu bringen, womit er sich hier ernähre, -oder die Stadt zu verlassen.</p> - -<p>Damit durfte er gehen. Eine ganze Hölle aber -von Wuth und Ingrimm im Herzen, und düsteren -Gedanken folgend, wühlte seine Hand, während er -über die Straße schritt, wild und trotzig in dem -schwarzen struppigen Vollbart, daß ihm die Begegnenden -scheu auswichen und ihm nachsahen, so lange sie -ihm mit den Augen folgen konnten.</p> - -<p>Er befand sich auch in der That in einer verzweifelten -<a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a> -Lage; denn was er hier in Peru für Schutz von -den Gerichten zu erwarten hatte, davon war ihm eben -der vollgültige Beweis geliefert worden. Und was -sollte er jetzt thun? Den Räuber in seiner eigenen -Höhle aufsuchen und niederstechen? Damit hätte er -allerdings seiner <em class="ge">Rache</em> genügt, aber für sich auch gar -Nichts erreicht; denn es war nicht denkbar, daß er das -Gold in seiner Wohnung liegen hatte. Aber selbst -wenn das der Fall gewesen wäre, wie blieb ihm nachher -Zeit darnach zu suchen? Und <em class="ge">wurde</em> er ergriffen, -so konnte die Warnung des Advokaten zur Wahrheit -werden.</p> - -<p>Und in Güte? – Er traute dem Deutschen nicht -– wenn er ihm aber nun anbot, die <em class="ge">Hälfte</em> des -Raubes ungestört und als rechtmäßiges Eigenthum zu -behalten, mußte er da nicht mit beiden Händen zugreifen? -– Er wollte wenigstens den Versuch machen, -und gestand er ihm selbst das nicht zu – dann Auge -um Auge, Zahn um Zahn! Und mit dem Entschluß -schritt er auf das nicht mehr ferne Haus des -Deutschen zu. – Hier erwartete ihn aber eine Ueberraschung.</p> - -<p>Kaum näherte er sich der kleinen, grün lackirten -Thür, die hinein führte, als von der gegenüber liegenden -Seite der Straße ein Polizeidiener, der dort vor -<a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a> -einem Bilderladen gestanden hatte, auf ihn zu kam -und ziemlich barsch sagte:</p> - -<p>»<i>Compañero</i>, wollt Ihr einen guten Rath annehmen?«</p> - -<p>»<i>Como no, compañero?</i>« erwiderte der Mexikaner -eben nicht in besonderer Laune, »aber ich weiß nicht, -daß ich Euch schon darum gebeten hätte.«</p> - -<p>»Thut auch nicht nöthig,« lautete die Antwort. -»Ihr seid doch der Mexikaner, wie?«</p> - -<p>»Ob ich <em class="ge">der</em> Mexikaner bin, weiß ich nicht – <em class="ge">ein</em> -Mexikaner bin ich gewiß. Weshalb?«</p> - -<p>»Oh, nur wegen einer Kleinigkeit – wegen dem -Hause da. Ich bin hierher gestellt, um Euch abzuweisen, -wenn Ihr das <em class="ge">erste</em> Mal kommt, und Euch -auf die Polizei zu schaffen, wenn Ihr den Versuch zum -zweiten Mal machen solltet.«</p> - -<p>»Aber ich habe mit dem Sennor da drinnen zu -reden.«</p> - -<p>»Ja, das glaub' ich Euch wohl,« lachte der Polizeidiener, -»aber <em class="ge">er</em> nicht mit <em class="ge">Euch</em>, und nun tragt Euren -Schatten in ein anderes Stadtviertel hinüber, hier -habt Ihr Nichts mehr zu suchen.«</p> - -<p>»Und wenn ich ihm selbst nur einen Vorschlag zur -Güte zu machen hätte – es wäre vielleicht in zehn -Minuten erledigt.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a> -»Er hat mir besonderen Auftrag gegeben, Euch -unter gar keinem Vorwand zu ihm zu lassen. Was -Ihr von ihm wollt, das sollt Ihr vor den Gerichten -anbringen – und so gehört sich's auch, also helfen -Euch keine weiteren Redensarten, und nun <i>vamos -nos</i>, denn ich möchte hier nicht länger bei Euch in der -Sonne stehen bleiben.«</p> - -<p>»Also er verweigert jeden weiteren Verkehr mit -mir?«</p> - -<p>»Na ja, nun fangt Ihr noch einmal von vorne an! -Ich dächte doch wahrhaftig, ich hätte deutlich genug -gesprochen. Laßt Ihr Euch noch einmal hier am -Hause sehen, so werdet Ihr beigesteckt. Habt Ihr <em class="ge">das</em> -verstanden?«</p> - -<p>»Ja wohl, <i>amigo</i> – es war nicht mißzuverstehen; -also <i>adios</i> und einen vergnügten Abend auf der Promenade,« -und damit rückte der Mexikaner seinen -Hut und schritt rasch und trotzig die Straße hinab. –</p> - -<p>Von dem Augenblick an ließ er sich nicht wieder in -der Gegend der Stadt blicken, ja, er mußte Lima ganz -verlassen haben, da ihn keiner der Polizeileute selber -nachher mehr zu Gesicht bekam. Bockenheim war -übrigens gar nicht böse darüber, denn er behielt jetzt -völlig freien Raum, um seine Vorbereitungen zu schleuniger -Abreise zu treffen. Er übergab, wie ihm seine -<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a> -Frau gerathen hatte, seine ganze, ziemlich werthvolle -Einrichtung einem bekannten Deutschen, der das dafür -gelöste Geld dem ***schen Konsul überliefern -sollte, und fuhr dann, ohne von irgend wem weiter -Abschied zu nehmen, mit seiner Frau und seinem Gold -nach Callao hinunter, von wo der englische Dampfer -noch an demselben Tage nach Guayaquil, und von da -weiter nach Panama abging.</p> - -<p>Das war ein wonniges Gefühl, als die Räder -des mächtigen Fahrzeuges erst zu arbeiten begannen, -der scharfe Bug die Wasser theilte und das Boot das -Land immer weiter und weiter zurückließ, bis sie -endlich draußen, weit draußen in See auf der blauen -Tiefe schwammen.</p> - -<p>»Gott sei Dank!« murmelte er leise vor sich hin, -als er vorn am Bug stand und mit leuchtenden -Blicken die Schnelle beobachtete, mit welcher sich der -Dampfer vom Hafen entfernte. »Gott sei Dank, und -nun kann Don Felipe, wenn er wieder nach Lima zurückkommt, -sich ein Vergnügen machen, mich dort aufzusuchen. -Daß der Schuft auch –,« er murmelte das -Uebrige nur leise durch die Zähne; denn selbst die -neben ihm stehende Frau sollte nicht erfahren, nach -welcher Richtung seine Gedanken abschweiften.</p> - -<p>Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine -<a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a> -Vergnügungstour, und die fünf Tage vergingen den -Reisenden wie im Flug. Besonders genoß aber Madame -Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt, -war sie hier vollkommen im Stande, die vornehme -Frau zu spielen, und that das wirklich nach -besten Kräften. Auf der spiegelglatten See und dem -geräumigen Fahrzeug wurde natürlich Niemand krank. -Damen kleiden sich trotzdem gewöhnlich an Bord -außerordentlich einfach, denn sämmtliche Passagiere -bilden ja doch, für die Dauer der Reise, gewissermaßen -<em class="ge">eine</em> Familie, und man ist da nicht gern genirt. Es -befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas -in der Kajüte – einige davon aus den ersten -Familien Lima's und Valparaiso's, auf einer Vergnügungstour -nach Europa; aber wirkliche Toilette -machten sie auf der ganzen Reise nicht, und gingen -nur gewöhnlich in einem ganz einfachen Hauskleid, in -dem sie sich frei und bequem bewegen konnten.</p> - -<p>Madame Bockenheim <em class="ge">strahlte</em> zwischen ihnen; -schon zum Frühstück rauschte sie in Seide und Spitzen -unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie sogar -mit ihrem Brillantschmuck und lächelte vergnügt vor -sich hin, wenn die anderen Damen leise mitsammen -zischelten – war es ja doch nur der blasse Neid, der -sie bewegte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a> -Am fünften Tag erreichten sie Guayaquil, die -südliche Hafenstadt Ecuadors; aber die Passagiere bekamen -keine Zeit, das Land zu betreten, da sich der -Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die für -Ecuador bestimmten Passagiere absetzte, Andere für -Panama an Bord nahm und dann augenblicklich -wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt -kaum Gelegenheit, eine Partie der wundervollen -Früchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der -ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit -ihrem Arom erfüllten.</p> - -<p>Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord -gekommen, besonders aber viel Kajüten-Passagiere, da -eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte, -und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen, -dieselbe in einem anderen Theile Amerika's abzuwarten. -Es fehlte dadurch fast an Bedienung an -Bord, und besonders mußten alle Aufwärter aus der -vorderen Kajüte oder vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen -werden, um bei Tisch zu bedienen. Die -Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein -fertig wurden; denn viel Umstände machte man mit -denen nicht.</p> - -<p>Am besten bedient waren aber, merkwürdiger -Weise, die beiden Deutschen an Bord, Bockenheim -<a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a> -und seine Frau; denn einer der Aufwärter, den sie -bis Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm -sich ihrer an und schien nur auf ihren Wink zu lauschen, -um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen. War -es, daß ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte, -oder hatte er sich vielleicht kluger Weise eine -ihm reich scheinende Familie ausgesucht, um dann -nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld -zu erhalten: genug, wenn er sich selbst am entferntesten -Ende des Salons befand und Bockenheim drehte nur -den Kopf, so schoß er schon herbei, um seine Befehle -zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszuführen.</p> - -<p>Leider war der Bursche – Peruaner oder Ecuadorianer -ließ sich nicht gut unterscheiden, da man alle -möglichen Schattirungen der Haut bei beiden Völkern -trifft – vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit -ihm also nicht möglich, auch trug er um das linke -Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt konnte man -ihn nicht hübsch nennen, denn eine auffallend dicke -Oberlippe gab seinem Gesicht einen merkwürdigen, -fast unangenehmen Ausdruck. Aber er blieb die -Gefälligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann -sich dadurch die Zuneigung der Frau auf das Vollständigste.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a> -Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich -Panama erreichten, wo die Passagiere in den Hôtels -den Abgang der »Karavane« erwarten mußten, gab sie -ihm selber »für gute Bedienung« ein Zwanzig-Frankenstück, -und hatte dafür die Genugthuung, daß er ihr -demüthig und dankbar die Hand küßte. Sprechen -konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen -hatte er ihnen schon früher einmal aufschreiben müssen. -Er hieß Pablo.</p> - -<p>In Panama wurden die Reisenden einige Tage -aufgehalten; denn die Eisenbahn, die den Isthmus -kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie -mußten deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren -Weg per Maulthier zu Land bis dahin zurücklegen, -wo sie den Chagresfluß erreichten, und dann -ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes, -und von der Strömung getragen, bequemer fortsetzen -konnten.</p> - -<p>Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere -Weg; denn amerikanisches Gesindel hatte in der letzten -Zeit angefangen, den von Kalifornien zurückkehrenden -und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern -und sie zu überfallen und zu berauben. Ja -sogar verschiedene Mordthaten waren verübt worden, -so daß sich Niemand mehr allein über den Isthmus -<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a> -getraute, sondern die Reisenden, wenn der Dampfer -in Panama landete, jedesmal geschlossene und gut bewaffnete -Züge bildeten, von denen die Strauchdiebe -dann wohl die Hände lassen mußten.</p> - -<p>So geschah es auch hier. Der Dampfer von -San Francisco hätte eigentlich auch gerade in dieser -Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da -die vom Süden kommenden Passagiere ebenfalls schon -einen ganz ansehnlichen Zug stellen konnten, beschlossen -sie, nicht auf das Unbestimmte in dem überdies entsetzlich -theuren Panama zu warten, sondern ungesäumt -ihre kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen.</p> - -<p>Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft, -und so arg mußten es die Isthmus-Räuber doch in -der letzten Zeit getrieben haben, daß sich die Neu-Granadiensische -Regierung sogar veranlaßt sah, den -Reisenden als Schutz eine kleine Abtheilung Kavallerie -mitzugeben, um ihre Truppe zu verstärken und sicher -zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel -Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch -wenigstens zeigen, daß man den guten Willen hatte, -Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewähren. -Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall -einer größeren Horde hätten sich die Neu-Granadiensischen -<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a> -Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange -aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben -einer Anzahl Fremder wegen aufs Spiel stellen?</p> - -<p>Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden, -daß sie allein durch den Lärm, den sie machten, Achtung -einflößen konnten, und mit gutem Muth begannen sie -die Tour, die freilich schon an und für sich durch den -weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in -Mittel-Amerika genug des Unangenehmen bot – -ohne noch Räubern und Mördern auf der Straße zu -begegnen.</p> - -<p>Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen, -eine Ueberraschung bevor; denn als an dem -Morgen im Hof des Panama-Hôtels die Maulthiere -vorgeführt wurden, um beladen zu werden, meldete -sich plötzlich der gefällige Kellner vom Dampfboot, -der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so viel Freude -und machte ihr durch Zeichen so klar, daß er ebenfalls -über den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle, -daß sie den Burschen augenblicklich engagirte. Ein -treuer Diener war auf einer solchen Reise allerdings -von unschätzbarem Werth, und Bockenheim, der mit -Maulthieren nicht besonders umzugehen wußte, -zeigte sich mit der neuen Acquisition vollkommen einverstanden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a> -Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er -sah augenblicklich die Packsättel der Maulthiere nach -und warf den einen, der nicht ordentlich aufgelegt -schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter -liegenden Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere -nicht wund gedrückt würden. Dann sprang er hinauf, -um das Gepäck zu holen, und wenn Bockenheim das -auch lieber selber besorgt hätte – denn die kleinen -Colli enthielten viel Gold und waren schwer – so -hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts zu -fürchten, und der arme <em class="ge">stumme</em> Mensch konnte auch -Nichts ausplaudern, und schien überhaupt sehr stiller, -friedlicher Natur.</p> - -<p>Durch Pablo's Hülfe gelang es ihm auch weit -rascher, mit all' seinen Vorbereitungen zu Stande zu -kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall gewesen -wäre, und kaum eine Stunde später setzte sich -der Zug in Bewegung, um so bald als möglich die -Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Viertes Kapitel.</span></span><br /> - -Auf dem Chagresfluß.</h3> - - -<p>Es war in der That eine mühsame Tour. Wer -noch nie diese tropische, dicht bewaldete und von ewigem -<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a> -Regen feucht gehaltene Wildniß durchwandert hat, -kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten -machen, die sich da dem Reisenden entgegenstellen -und ihm überall Hindernisse in den Weg -werfen.</p> - -<p>Die Vegetation ist unglaublich, und während -Palmen und Laubhölzer ein anscheinend festes Dach -über den Wanderer wölben, daß kein Sonnenstrahl -wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise -seine heiße Stirn kühlen kann, läßt es den niederfluthenden -Regen in Strömen durch, denn jedes -Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der -Boden wird dadurch natürlich fortwährend naß und -weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen nach -allen Richtungen hin den Pfad, so daß die Maulthiere -bald hier, bald da bis über die Knie im Morast versinken -und manchmal durch die Treiber selber wieder -herausgehoben und auf die Füße gebracht werden -müssen. Und dabei dies oft undurchdringliche Unterholz -mit dornigen Schlingpflanzen, breiten, nassen -Blättern, Palmschößlingen und niederen Büschen, -durch das man sich an vielen Stellen die Bahn mit -dem Messer oder der <i>macheta</i> hauen muß, und in -welchem die Thiere trotzdem überall hängen bleiben.</p> - -<p>Kein Wunder, daß man auf solchem Boden nur -<a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a> -kleine, sehr kleine Tagereisen machen kann. Den -Abend verbringen die total durchnäßten Reisenden -dann unter einem von Palmblättern rasch hergestellten -und sogenannten Rancho, unter dem sie wenigstens -trocken liegen. Außerdem ist auch das Klima so -warm, daß ihnen die Nässe selber Nichts schadet, denn -Erkältungen kommen dort nicht vor.</p> - -<p>Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst, -welchen vortrefflichen Begleiter die Familie Bockenheim -auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo -schien im Urwald und bei einem niederströmenden -Regen unbezahlbar. Ohne dazu beauftragt zu sein, -lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepäck zusammen -auf einen engen Raum, legte die Decken darüber -und über diese die Packsättel, und ging dann mit einem -kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu diesem Zweck -bei sich führte, augenblicklich daran, eine Palme zu -fällen, die Blätter derselben dann zu spalten und nach -einer passenden Stelle zu schaffen, wo er das Lager -für seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte. -Rasch hatte er jetzt Pfähle gehauen und in den Boden -gerammt, Querhölzer darüber gelegt und deckte die -temporäre Hütte dann mit den Palmzweigen so fest -und dicht, daß auch kein Tropfen Regen hindurchdringen -konnte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a> -Auch weiche breite Blätter suchte er aus, um ein -bequemes Lager zu bereiten, und schichtete sie dick -unter dem Palmendach auf, so daß Bockenheim und -seine Frau, wie sie nur erst ihr Gepäck an sich genommen -und ihre Decken ausgebreitet hatten, so -bequem und weich wie in einem Bette lagen.</p> - -<p>Dabei sorgte der stumme Diener für Alles, bereitete -ihnen das Abendbrod, zog sich dann auf sein -eigenes Lager am äußersten Rand des Blätterdachs -zurück, und hatte am nächsten Morgen <em class="ge">ihre</em> Maulthiere -zuerst von allen beigetrieben und gesattelt.</p> - -<p>In gleicher Art verbrachten sie das zweite Nachtquartier; -dieser Tagemarsch war aber fast noch beschwerlicher -gewesen, als der erste, denn ein wahrer -Wolkenbruch entlud sich über die Höhen und wandelte -die weiche Moorerde zu einem flüssigen Morast, so -daß einzelne Maulthiere abgeladen werden mußten, -um sie nur wieder aus den Sumpflöchern zu befreien, -in denen sie eingesunken waren. Natürlich hielt das -die ganze Karavane auf. Die einzelnen Reisenden -durften sie doch nicht im Stich lassen, und wenn auch -nicht mehr weit vom Chagresfluß entfernt, konnten sie -ihn doch nicht an diesem Abend erreichen, und mußten -zum zweiten Mal im Walde lagern.</p> - -<p>Endlich am dritten Morgen kamen sie in Sicht -<a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a> -des Stromes, und Pablo winkte hier seinem neuen Herrn, -daß er nur bei dem Zuge bleiben solle, indeß er selber -voraus eilte und ein Canoe für sie schaffte. Es gab -allerdings eine Menge von Indianern in jener Gegend, -die es einträglich gefunden hatten, sich mit dem Transport -von Fremden zu befassen; aber es war doch -immer besser, sich gleich von vornherein ein Canoe -zu sichern, um nicht einmal der Möglichkeit ausgesetzt -zu sein, in dieser Wildniß von den Uebrigen zurückgelassen -zu werden. Jetzt nämlich, mit dem Strom vor -sich, der sie in kurzer Zeit an die Küste bringen konnte, -hätte Keiner mehr auf den Anderen gewartet. Es -dauerte auch nicht lange, so kehrte Pablo zurück und -winkte der Sennora, ihm nur zu folgen. Er mußte -jedenfalls ein passendes Boot gefunden haben, säumte -auch nicht lange, sondern nahm die Thiere und führte -sie eine kurze Strecke stromauf, wo sie schon durch die -dort offenen Büsche eine Lichtung mit einer Hütte erkennen -konnten.</p> - -<p>Dicht darunter lag ein nicht sehr großes, aber -bequemes Canoe, das er für sie gemiethet zu haben -schien. Der Preis dafür war allerdings, wie er in -den Sand schrieb, eine Unze, also sechszehn Dollars, -aber auch wieder nicht zu viel, wenn man bedachte, -wie gerade dieser Volksstamm durch den zahlreichen -<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a> -Verkehr verwöhnt worden war, hohe Preise zu fordern. -Bockenheim zahlte es auch mit dem größten Vergnügen; -denn hatten sie doch jetzt die beschwerliche und -sogar gefährliche Landreise hinter sich, und durften -also hoffen, bald, recht bald das Ziel ihrer Reise zu -erreichen. Einmal erst an Bord des Dampfers, und -sie waren so gut wie zu Hause.</p> - -<p>Und wie glücklich war bis jetzt Alles gegangen. -Von Räubern hatten sie auch nicht die Spur unterwegs -gesehen, noch weniger irgend eine Unbequemlichkeit -von ihnen erlitten. Die Neu-Granadiensische -Eskorte nahm hier, mit einer reichlichen Belohnung -für die einzelnen Leute, Abschied von ihnen, um eine -gerade stromauf gekommene Gesellschaft zurück zu -eskortiren. Sie hörten auch hier, daß zwei Dampfer, -der eine für New-York, der andere für San Thomas -bestimmt, vor Colon lagen. Der amerikanische wartete -also auf die <i>San Francisco Mail</i>, der westindische -dagegen segelte gleich ab, und je eher sie deshalb -hinab kamen, desto besser.</p> - -<p>Wenn die Reisenden nun aber auch kein räuberisches -Gesindel unterwegs und auf dem festen Land -getroffen hatten, so war damit die Möglichkeit noch -gar nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne solcher -Strolche auf dem Chagresfluß selber herumtrieben, -<a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a> -und es blieb deshalb gerathen, die Canoes der verschiedenen -Parteien dort ebenso zusammen zu halten, -wie auf dem Lande ihre Maulthiere. Bockenheim wäre -allerdings, da er am ersten mit Pablo's Hülfe reisefertig -geworden, auch am liebsten voraus gefahren, -denn der Boden brannte ihm hier unter den Füßen; -Pablo selber aber rieth ihm durch Zeichen, zu warten, -bis die Uebrigen sich ihnen anschließen konnten, und -Mittag war es etwa, als sich die kleine Canoeflotte -endlich in Bewegung setzte und mit der ziemlich starken -Strömung rasch den Fluß hinabglitt.</p> - -<p>Der Indianer, dem das von Pablo gemiethete -Canoe gehörte, saß am Steuer oder ruderte vielmehr -im Stern seines kleinen Fahrzeuges; vor ihm, seine -Schätze zu seinen Füßen, saß Bockenheim, dann kam -Pablo, der ebenfalls ein Ruder führte, um sie rascher -vorwärts zu bringen, und vorn im Bug hatte er der -Sennora noch kurz vorher, ehe sie aufbrachen, von -breiten Bananenblättern und übergebogenen Bambusstäben -ein kleines Zeltdach gebaut, das sie gegen -die Strahlen der Sonne oder etwa eintretende Regenschauer -vollkommen schützen konnte. Allerdings -hatten sich noch einige Reisegefährten als Mitpassagiere -gemeldet, weil sie dadurch billiger -wegzukommen hofften; Pablo zupfte aber dann -<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a> -jedesmal seinen neuen Herrn verstohlen, um ihm abzurathen, -und Bockenheim selber hatte seine besonderen -Gründe, keine fremden Menschen in sein Fahrzeug zu -nehmen. So blieben sie denn allein und führten -auch, von den beiden kräftigen Rudern vorwärts getrieben, -bald den ganzen Zug an.</p> - -<p>Wie heiß aber die Sonne brannte – Bockenheim -briet ordentlich in ihren Strahlen, und der aufmerksame -Diener winkte endlich dem Indianer zu und -schrie ihn in unartikulirten Lauten so lange an, bis -dieser etwas seitab in den Schatten der über den -Strom hineinhängenden Bäume hielt. Dadurch -kamen sie allerdings aus der eigentlichen Strömung, -und andere Canoes gewannen ihnen den Rang ab; -aber was schadete das? Sie erreichten doch noch -immer zur rechten Zeit die Mündung und konnten indessen -wenigstens bequem im Schatten fahren.</p> - -<p>Das Canoe aber, das Anfangs das erste gewesen, -blieb jetzt mehr und mehr zurück. Pablo schien doch -mit Maulthieren besser und geschickter umgehen zu -können, als mit einem Ruder. Der Indianer zankte -wenigstens ein paar Mal auf ihn ein, wenn er durch -irgend ein Versehen den Bug des Fahrzeuges aus -seiner Richtung und in irgend ein paar Zweigen oder -aushängendem Holz fest brachte, was immer einen -<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a> -geringen Zeitverlust erforderte, um es wieder los zu -bekommen. Er nahm aber solche Scheltworte ruhig -und demüthig hin, und that nachher sein Bestes, um -es wieder gut zu machen.</p> - -<p>Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber -die Entfernung sollte, nach des Indianers Angabe, -gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das -kleine Städtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der -Himmel blieb dazu klar, Mondschein hatten sie ebenfalls, -und bei fast windstiller Luft war nicht das Geringste -zu befürchten. Sie brauchten ja eben nur mit -der Strömung hinabzutreiben.</p> - -<p>Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims -Frau besonders, die nie etwas Aehnliches gesehen, -ganz entzückt von der prachtvollen, unbeschreiblich -schönen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von -dem sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn -die ziemlich steilen und schroffen Ufer verhinderten sie -daran; aber überall über diese hinaus hingen die -herrlichsten Festons blumengeschmückter Ranken, -neigten die Palmen ihre gefiederten Wipfel oder -schüttelten breitblättrige Bananen ihre zitternden -Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den -Chagres einmündete oder selbst nur ein Sumpfwasser -das, aus dem niederen Land kommend, hier seinen -<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a> -Ausfluß suchte, da überbot die dort wuchernde Vegetation -Alles, was die Deutschen bis dahin für möglich -gehalten, und diese konnten manchmal einen Ausruf -des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrücken.</p> - -<p>Wie ein kleiner, aus einem Feenmärchen herausgeschnittener -Zauberhain lagen zuweilen solche Stellen, -mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und -von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und -Lianen wie in einen Rahmen eingefaßt, und ein paar -Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes, -damit sie nicht zu rasch an solch' zauberschönem Bild -vorübergeführt wurden.</p> - -<p>Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein -Recht. Die Natur schien allerdings all' ihre Reichthümer -hier auf diese eine Strecke verschwendet zu -haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig -und durstig geworden, und wenn sie auch Lebensmittel -und Wein im Canoe mitführten, fehlte es -ihnen doch an Früchten. Besonders Madame Bockenheim -verlangte darnach, Pablo aber winkte ihr zu, -sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn sie -würden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine -Hütte am Ufer kommen, wo sie deren reichlich fänden.</p> - -<p>Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener -<a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a> -gewöhnt, daß sie dessen Zeichen so gut verstanden, als -ob er mit Worten zu ihnen gesprochen hätte. Uebrigens -wollte die Frau auch die Bestätigung, ob es an -der nächsten Hütte Früchte gäbe, von dem Indianer -hören; dieser lachte nur und nickte mit dem Kopf. -Es mochte ihm komisch vorkommen, daß es da <em class="ge">keine</em> -geben sollte, denn die Leute lebten ja fast einzig und -allein davon.</p> - -<p>Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen -der Eingeborenen aus, die sie hier und da am Ufer -getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern -oder Blättern gedeckt, und nackte und halbnackte -braune Gestalten bemerkten sie auch hie und da -unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um -zu fischen, theils um sich zu baden. Solchen Plätzen -darf man aber, einen so romantischen Anstrich sie auch -haben mögen, nicht zu nahe kommen; denn der -Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich, -und Bockenheim selber hatte schon genug von den kalifornischen -Indianern in dieser Hinsicht gesehen, um -kein großes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken -zu fühlen. Außerdem durften sie sich auch nicht -zu lange aufhalten, denn so eben verschwand das letzte -Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nächsten Biegung -des Stromes.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a> -Der Indianer sagte ihnen übrigens, daß die kleine -Hütte, die sie jetzt vor sich sahen, die letzte am Ufer -des Stromes wäre, wo sie Früchte bekommen könnten, -da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges -Land ströme. Pablo hatte mit seinem Ruder vorn -den Bug auch schon herumgeworfen, daß sie jetzt gerade -darauf zu hielten, und wenige Minuten später scheuerte -derselbe den weichen Schlamm.</p> - -<p>Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe saß, hinauf -gehen und Früchte holen; er lachte aber verlegen -und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme -Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim -selber aber hatte keine Lust, das Canoe zu verlassen, -und der Indianer wurde deshalb beordert, hinauf zu -laufen und mitzubringen, was er rasch finden könne, -auch wo möglich einen Trunk Milch für die Frau oder -wenigstens ein paar Kokosnüsse. Bockenheim gab ihm -dazu einen spanischen Dollar.</p> - -<p>In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht -gut über die vor ihm Sitzenden wegsteigen, noch dazu -da die Laube, unter welcher die Frau ihren Platz hatte, -sein Aussteigen hinderte. Pablo stieß deshalb das -Canoe wieder zurück und suchte es seitwärts an das -Land zu bringen, was ihm auch endlich gelang. Dann -sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm -<a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a> -auch fast bis an die Hüfte ging, und hielt es fest, -damit der Indianer rasch und leicht hinaus und nachher -die Früchte auch bequem einladen konnte.</p> - -<p>Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet, -und nur ein schmaler, ausgehauener Pfad -führte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer -gleich darauf verschwand, um seinen Auftrag auszuführen.</p> - -<p>Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand -und den Rand des Canoes festhielt, drehte es jetzt so, -daß es mit dem Stern oder Hintertheil mehr an's -Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurückkehrte, -augenblicklich seinen Platz wieder einnehmen konnte. -Bockenheim, der behaglich ausgestreckt in dem kleinen -Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifällig mit dem -Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln -verschwunden und die Luft dadurch kühl und -labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt -hier schien, kein Lüftchen regte sich, kein Laut wurde -gehört, auch keines der übrigen Canoes befand sich -mehr in Sicht – sie mußten ihnen ein tüchtiges Stück -vorausgekommen sein – aber was schadete das? Vor -morgen früh fuhr der westindische Dampfer schwerlich -von Colon ab, oder wenn doch, dann lag ja doch noch -der nordamerikanische dort, der jedenfalls die Postsäcke -<a class="pagenum" id="page_347" title="347"> </a> -von San Francisco erwarten mußte. Den erreichten -sie gewiß, und konnten dann ihre Reise mit -diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland gab -es von da ab genug, und <em class="ge">er</em> war unter jeder Bedingung -in Sicherheit.</p> - -<p>Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen -alten Freund aus den Minen, den Mexikaner, dachte, -wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie wüthend er -sein würde, wenn er endlich erführe, daß er da draußen -auf dem Meere schwimme. Nach Deutschland mochte -er ihm dann folgen; wo sollte er ihn da finden? Und -<em class="ge">wenn</em> er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht -hätte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner -angenommen?</p> - -<p>Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht -mehr auf den stummen Diener geachtet, der indessen -an Bord gestiegen war, das Canoe etwas heranzog, -dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam -den Platz einnahm, den der steuernde Indianer vorher -inne gehabt. Jetzt setzte er ruhig das Ruder gegen -die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom -hinaus und vom Lande ab.</p> - -<p>»Halt, Pablo,« sagte Bockenheim, ohne aber -seine Stellung noch zu verändern, »nimm Dich -in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du -<a class="pagenum" id="page_348" title="348"> </a> -weißt nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.«</p> - -<p>Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth.</p> - -<p>»Doch, Don Gaspard,« lachte er plötzlich mit -heiserer Stimme, indem er das Canoe mit einem -einzigen kräftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die -Strömung schießen ließ – »vortrefflich!«</p> - -<p>»Alle Teufel!« schrie Bockenheim, in dem ersten -Moment mehr davon überrascht, daß der Stumme -sprach, als noch mit einem anderen Gedanken beschäftigt, -indem er halb herum fuhr und sich auf seinen -rechten Ellbogen stützte, um den also entpuppten -Diener anzusehen, der aber indeß mit reißender -Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abführte. -Einen raschen Blick hatte dieser dabei über -das untere Ufer geworfen, und ein triumphirendes -Lächeln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr -ein Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte -keiner weiteren Vorsicht, denn seine Bahn war frei.</p> - -<p>»Aber Pablo!« rief Madame Bockenheim erschreckt, -»der Indianer mit den Früchten ist ja noch -auf dem Lande!«</p> - -<p>»Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard?« rief da -Pablo. »Hat mich die Augenbinde, der abrasirte -Bart und das kurz geschnittene Haar so verändert, -<a class="pagenum" id="page_349" title="349"> </a> -daß Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der -Maske des Kajütenwärters gespürt habt?«</p> - -<p>»Felipe!« schrie der Deutsche, während Todtenblässe -seine Züge deckte, »Teufel!« und fast krampfhaft -suchte er sich emporzurichten, um den rechten Arm -frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen; -aber der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder -in der linken Hand lassend, griff er mit der rechten -neben sich und faßte das dort versteckte Beil.</p> - -<p>»Räuber und Mörder!« zischte er zwischen den -zusammengebissenen Zähnen durch, »da nimm Deinen -Lohn!« Und wie das Beil blitzschnell in die Höhe -zuckte, fuhr es zurück und grub sich tief in die Stirn -des Unglücklichen, der lautlos, nur mit einem dumpfen -Röcheln, vornüber und zu seinen Füßen zusammenbrach.</p> - -<p>Einen einzigen gellenden, markdurchschneidenden -Schrei stieß die Frau aus, die das Entsetzliche kaum -begriff. Aber sie sah den Schlag, der nach ihrem -Mann geführt wurde, hörte den dumpfen Laut, als -die Waffe seine Stirn traf, und sank ohnmächtig auf -ihren Sitz zurück.</p> - -<p>Weiter verlangte der Mexikaner Nichts, und sich -um die Leiche zu seinen Füßen nicht mehr kümmernd, -legte er das Beil wieder neben sich und ruderte dann, -<a class="pagenum" id="page_350" title="350"> </a> -langsamer als vorher, den Fluß hinab, um die vorangegangenen -Canoes nicht einzuholen. Nur dicht am -linken Ufer hielt er sich, damit er von der eben verlassenen -Landung nicht mehr gesehen werden konnte, -und fühlte sich dabei vollkommen sicher, daß ihm von -dort ab, ehe nicht ein Canoe vorüber kam, Niemand -im Stande war zu folgen. Am Ufer hin, in Sumpf -und Schlingpflanzen, wäre es unmöglich gewesen, den -Weg zurückzulegen.</p> - -<p>Kaum hatte er aber die nächste Biegung hinter -sich und sah die Bahn auch vor sich frei, als er sich -nach einem Platz umschaute, an welchem er, von dem -Gebüsch versteckt, landen konnte; denn mit der Frau -durfte er natürlich nicht nach Colon fahren. Eine -solche Stelle zeigte sich auch bald. Dicht unterhalb -einer Schlammbank hatte sich eine natürliche kleine -Bucht gebildet, die auch jetzt weit genug von der zuletzt -verlassenen Hütte ablag, um dort ein Hülferufen -nicht mehr zu hören. Wohl durchzuckte ihn der Gedanke, -auch die Frau des Verbrechers unschädlich zu -machen; denn war sie todt, so konnte sie nicht mehr -als Klägerin gegen ihn auftreten – aber er sträubte -sich auch gegen den Mord eines Weibes – den Verbrecher -hatte seine Strafe ereilt – sie selber trug -keine Schuld, und rasch und geschickt lenkte er jetzt den -<a class="pagenum" id="page_351" title="351"> </a> -Bug des Canoes mitten in die überhängenden Zweige -hinein, und hatte es wenige Minuten später so sicher -hinter dem Gebüsch verborgen, daß selbst ein vorbeifahrendes -Canoe seinen Versteck nicht hätte finden -können.</p> - -<p>Die Frau lag noch in ihrer Ohnmacht, und er -benutzte die freie Zeit, um den schweren Leichnam des -Deutschen ans Land zu heben und zu untersuchen. -Den Revolver und die Brieftasche nahm er an sich, -das Gold, welches er bei ihm fand, legte er zurück ins -Canoe. Das beendet, zog er dem Ermordeten die -oberen Kleider aus, band ihm ein Seil, das er bei -sich führte, um den Körper, befestigte das Ende -desselben im Canoe und ließ dann den Leichnam wieder -ins Wasser gleiten, damit die Frau, wenn sie sich -erholte, nicht seiner ansichtig würde.</p> - -<p>Das geschah indessen rascher, als er selber geglaubt, -und wie furchtbar ihr Erwachen war, läßt sich -denken. Aber die Angst lähmte ihre Zunge, denn sie -sah sich mit dem Furchtbaren allein, und wußte nicht, -was nun auch ihr Schicksal sein würde. Felipe bemerkte -aber kaum, daß sie zur Besinnung zurückgekehrt -sei, als er ruhig sagte:</p> - -<p>»Sennorita, Sie haben für sich Nichts zu fürchten, -wenn Sie sich still verhalten und nicht wahnsinnig -<a class="pagenum" id="page_352" title="352"> </a> -genug sind, Hülfe herbeirufen zu wollen, wo keine zu -bekommen ist.«</p> - -<p>»Aber mein Mann – mein Mann!« stöhnte die -Arme.</p> - -<p>»Er war ein Schurke!« rief der Mexikaner finster, -»und alles Gold, das er mit nach Peru gebracht, nur -der Raub, den er <em class="ge">mir</em> abgenommen, als er mich -meuchlings im Kalifornischen Walde überfiel. Er -hat seine Strafe erhalten – die Alligatoren des -Chagres verzehren jetzt schon ihre Beute.«</p> - -<p>»O mein Gott! O mein Gott!« winselte die arme -Frau, »und was wird jetzt aus mir?«</p> - -<p>»Wenn Sie mir das Versprechen geben,« sagte -der Mexikaner, »daß Sie sich <em class="ge">heute</em>, an der Stelle -auf welcher ich Sie hier aussetzen muß, vollkommen -ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld -genug geben, um Ihre Rückfahrt zu decken. Es ist -mehr, als Ihr Mann damals für mich gethan. -Morgen früh kehren dann die Canoes zurück, die jene -Passagiere nach Colon gebracht haben – die mögen -Sie anrufen und um Hülfe bitten. Auch Lebensmittel -sollen Sie da behalten, um davon zu zehren; -ich habe keine Vergeltung an Ihnen zu üben, nur an -dem Verbrecher.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_353" title="353"> </a> -»Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich -allein zurückbleiben?« stöhnte die Frau entsetzt.</p> - -<p>»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner -bitter; »halten Sie sich nur ein wenig vom Ufer ab, -daß Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator zusammentreffen, -dann haben Sie nichts zu fürchten; -aber,« setzte er drohend hinzu, »wagen Sie es, auch -nur <em class="ge">einen</em> Hülferuf auszustoßen, dann sind Sie verloren. -Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber -bis Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon -herunter zu fahren. Höre ich einen einzigen Laut, -dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen; -denn ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.«</p> - -<p>Noch während er sprach, hatte er die Frau ans -Land geführt und ihre Sachen, die er recht gut kannte, -aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles, was sich an -Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war -auf den Boden gesunken und barg ihr Antlitz in den -Händen. Leise schob indessen der Mexikaner das -Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran -hängenden Körper hinter sich her, bis in tiefes Wasser. -Die Frau regte sich nicht. Wenige Minuten später -befand er sich draußen in der Strömung, durchschnitt -das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so -rasch ihn das Ruder fördern konnte, den Strom hinab.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_354" title="354"> </a> -Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die -Blutspuren im Canoe fortzuschaffen, damit diese nicht -einen Verdacht gegen ihn wecken konnten. Das that -er, während er, von der Strömung getragen, weiter -trieb mit den dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstücken, -die er nachher ins Wasser warf. In -kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit -eben einbrechender Dunkelheit, war er fertig und -hatte sein Canoe wieder so sauber und blank gewaschen, -daß man auch nicht das mindeste Außergewöhnliche -mehr daran erkennen konnte. Er dachte aber gar -nicht daran, sich in der Nähe der am Ufer zurückgelassenen -Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte -nur dazu dienen, sie einzuschüchtern, damit sie nicht -vor der Zeit doch noch Hülfe herbeischrie und unbequeme -Verfolger auf seine Fährte setzte. Jetzt hatte -er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes -der übrigen Passagiere auszuweichen, und in Nacht -und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit -ihnen zusammenzutreffen.</p> - -<p>Wer von diesen bekümmerte sich aber auch um -andere Passagiere, noch dazu um die Deutschen, mit -denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt? -Ein Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York, -ein anderer nach San Thomas zu fahren; es -<a class="pagenum" id="page_355" title="355"> </a> -fragte Keiner von Allen darnach, wohin <em class="ge">sie</em> sich -gewandt.</p> - -<p>Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr -Abends, gedachte aber nicht, an der Stadt anzulegen, -und fragte nur einen Fischer, den er noch an der -Mündung des Stromes mit seinen Netzen beschäftigt -fand, ob er wisse, welcher der beiden dort südlich -von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren werde.</p> - -<p>»<i>Caramba, Señor</i>, seht Ihr denn das nicht?« -lachte der Mann. »Der eine raucht ja schon aus -Leibeskräften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt, -müßt Ihr machen.«</p> - -<p>Felipe verlangte nicht, mehr zu hören; er legte -sich scharf ins Ruder, und war bald langseit des -Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepäck an -Bord zu nehmen hatten, nicht wenig über das <em class="ge">Gewicht</em> -der beiden kleinen Koffer wunderten. Aber -Niemand fragte ihn, woher er käme, oder achtete darauf, -daß er vorn ins Zwischendeck ging und dort -seine Passage nahm. Nur bei dem Clerk des Dampfers -mußte er sich melden und diesem die Fahrt nach -San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte, -zahlen.</p> - -<p>Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle für -die Kajüte, Keiner von Allen kam nach vorn, und als -<a class="pagenum" id="page_356" title="356"> </a> -um zwölf Uhr die Räder anfingen zu arbeiten, der -schwere Anker aus der Tiefe kam, saß Felipe in -Sicherheit vorn auf der Back des Fahrzeuges und -schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach -der Mündung des Chagresflusses, der sein Opfer barg, -hinüber.</p> - -<p>Am nächsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung; -denn ein Indianisches Canoe war mit der -Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei -augenblicklich auf den Füßen – aber zu spät. Der -nordamerikanische Dampfer sollte San Thomas anlaufen, -um den Verbrecher dort aufzuspüren, aber der -Kapitän weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine -Zeit einhalten mußte und sich nicht tagelang aus dem -Wege fahren konnte. Die Frau wollte er nach New-York -mitnehmen, weiter konnte er nichts für sie thun.</p> - -<p>Es hätte ihnen auch Nichts genützt; denn vor -San Thomas kreuzen, sobald der englische Dampfer -anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge -nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach -Venezuela ab; und wer hätte nachher sagen können, -welches von allen der Flüchtige benutzt hatte, um vor -der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner -Spur abzubringen? Er war fort und in Sicherheit -mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers -<a class="pagenum" id="page_357" title="357"> </a> -kehrte später mit dem kleinen Kapital, das sie in -ihrem eigenen Koffer geborgen, nach Deutschland -zurück. Allerdings gewann sie noch eine Summe aus -dem Erlös ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner -gelassen, oder an die er wohl nicht einmal gedacht, -und nahe an tausend Thaler lieferte auch noch die -später in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders -hatte sie geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten!</p> - -<p>Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung -noch nicht auf, den Mörder zu erreichen. Augenblicklich -machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte -in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln, -bekamen bestimmten Auftrag, nach demselben zu -forschen, daß man nur erst einmal seinen Aufenthalt -erfuhr. Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar -nicht wieder nach Mexiko zurückgekehrt war? Seine -Spur wurde nie wieder aufgefunden.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_358" title="358"> </a> -Ein <i>prize-fight</i> oder Boxerkampf<br /> -<span class="fss">in Cincinnati.</span></h2> - - -<p>Als ich nach Cincinnati kam, beschäftigte die dortige -Presse in dem Augenblick fast einzig und allein -ein in den nächsten Tagen abzuhaltendes Preisboxen, -das zwischen zwei berühmten Boxern Jones und -McCoole stattfinden sollte. Wahlen, indianische -Ueberfälle im Westen, Alles war in dem einen, zu erwartenden -Genuß vergessen, und dabei wurde diese -von den Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit -einer so naiven Oeffentlichkeit betrieben, daß es besonders -den Fremden in Erstaunen setzen mußte. -Ueberall klebten die Zettel, die mit der Abbildung -beider Kämpfer zur Theilnahme aufforderten, und -Jones besonders, von dem man wußte oder wissen -wollte, daß er die <i>science of the art</i> auf das Gründlichste -verstehe, gab schon vorher eine Art von Vorstellung -<a class="pagenum" id="page_359" title="359"> </a> -in der »Mozart-Halle,« die dann auch bei -dichtgedrängtem Hause stattfand.</p> - -<p>Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden -weiße und lila Bänder verkauft (der Preis für ein -lila Band für den inneren Ring <i>à</i> 7 Dollars), die -zugleich für freie Passage auf dem Extrazug galten. -Aber Niemand wußte, wo der Kampf stattfinden sollte, -als die wenigen Eingeweihten, und die Polizei mußte -jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber -augenblicklich wieder auf Bürgschaft entlassen wurde, -als er sich verbindlich machte, den Frieden des Counties, -in welchem Cincinnati lag (<i>Hamilton county</i>) -nicht zu stören. Ueber die Grenzen desselben hinaus -hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wußte -man, daß der Preiskampf nichtsdestoweniger an der -Grenze stattfinden würde, aber Niemand natürlich, -nach welcher Himmelsrichtung, und man ließ der -Sache eben ihren Lauf, ja kehrte sich sogar nicht daran, -als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von -jedem Theilnehmer gekannt waren.</p> - -<p>Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden -und fünfzehn jener riesigen amerikanischen -Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den -Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber -fast drei Uhr, ehe der Zug abging, und die Wägen -<a class="pagenum" id="page_360" title="360"> </a> -fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht -allein die Sitze waren überfüllt, nein in jedem Wagen -standen auch überdieß noch 25-30 unglückliche Individuen, -von denen Viele wohl die ganze vorherige -Nacht durchgeschwärmt hatten und vor Müdigkeit -nicht mehr die Augen aufhalten konnten.</p> - -<p>Der Zug konnte nicht rasch vorrücken, denn der -Verkehr auf der Bahn ist ein sehr starker, und nur zu -oft mußten wir halten, um regelmäßige Züge, die sich -eben so regelmäßig verspätet hatten, durchzulassen. -Endlich nach sechs Uhr erreichten wir den Platz – -ein kleines, parkartiges Gehölz, das zu der Farm -eines Baptistenpredigers gehörte und zu dem Zweck -von ihm gemiethet war. Einige der Passagiere wunderten -sich darüber, daß der Geistliche sein Grundstück -zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen -Boxerkampf hergeben sollte, Andere aber vertheidigten -ihn wieder und behaupteten, er würde keineswegs -gewußt haben, wozu man es gebrauchen wolle. In -Amerika ist aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu -verdienen, Alles möglich, und so gut wie jetzt die -Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf -zehn Jahre an einen deutschen Wirth verpachtet -haben, um für diese Zeit eine Bierhalle daraus zu -machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine -<a class="pagenum" id="page_361" title="361"> </a> -Gehölz einmal auf ein paar Stunden für einen -Schauplatz roher Brutalität vermiethen und sicherlich -nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen.</p> - -<p>Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da, -und kaum hielt nun der Zug, als das wilde blutdürstige -Volk schon wie ein Schwarm von den Wägen -hinabsprang und sich über die unter ihm zusammenbrechende -Fenz warf, um einen »guten Platz« zu bekommen -und den Kämpfenden so nahe als irgend -möglich zu sein. Ja, damit waren Viele noch nicht -einmal zufrieden, und wie sie nur das kleine Gehölz -erreichten, suchten schon Hunderte an den nächsten -Bäumen emporzuklettern, um von denen aus keinen -Moment des »interessanten Kampfes« zu versäumen. -Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht zu -ersteigende Bäume waren im Nu mit Menschen gefüllt, -die oft in lebensgefährlicher Weise bis in die -äußersten Zweige hinauskletterten und dort hängen -blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr -fanden, versuchten sich an dickeren Bäumen, und -Manche entwickelten dabei eine erstaunliche Fertigkeit. -Wehe aber dem armen Teufel, dessen Kräfte unterwegs -nachließen – Aller Augen, da es noch weiter -nichts zu sehen gab, hingen an ihnen, und wie sie nur -hielten, ertönten schon spöttisch ermuthigende Zurufe, -<a class="pagenum" id="page_362" title="362"> </a> -die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten, -sobald der Unglückliche, mit hochhinaufgerutschten -Hosen, seinen nicht mehr zu verheimlichenden Rückweg -begann.</p> - -<p>Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten -Ring aufzuschlagen, was aber durch die -augenblicklich herbeidrängenden Menschen zur Unmöglichkeit -wurde. Außerdem war der Boden hart -und trocken und die Pfähle ließen sich nur sehr schwer -eintreiben. Es dauerte auch in der That eine volle -Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur -so weit zurücktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff -zu nehmen, und weder Vernunftgründe noch Gewalt -schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen wollten -sie – Alles sehen, wofür sie ihr Geld bezahlt, und -nur erst, als sie doch wohl einsahen, daß in solcher -Weise der Kampf nie stattfinden könne, gaben sie -endlich nach.</p> - -<p>Die Pfosten wurden etwa 12 Fuß von einander -eingetrieben, so daß sie ein etwa 18 Fuß im Quadrat -haltendes Viereck umschlossen, und dann mit festen -Tauen so gut als möglich zusammengeschnürt. Die -Taue mußten auch dazu dienen, die Kämpfer, wenn sie -dagegen geworfen würden, aufrecht zu halten.</p> - -<p>Dicht – so dicht als möglich um das Viereck -<a class="pagenum" id="page_363" title="363"> </a> -lagerten aber die Zuschauer, und da sich etwa 3000 -von diesen auf dem Plan befanden, so wäre es später -für die hinten Stehenden nicht möglich gewesen, auch -nur einen Blick in den Ring zu werfen. Dafür mußte -Abhülfe geschafft werden, und es begann jetzt von -Neuem die sehr undankbare Arbeit, die Menschenmasse, -die sich sicher im Besitz eines guten Platzes -fühlte, wieder eine ganze Strecke zurückzutreiben und -nicht allein einen größeren Kreis, sondern auch einen -freien Platz um den Ring zu bekommen.</p> - -<p>Auch dieß geschah endlich, nachdem ein Zeitungsredakteur, -von Chicago, glaub' ich, der besonders zu -dem Zweck hierher gekommen, eine Rede an das -»Volk« gehalten und ihm damit gedroht hatte, daß der -Kampf (<i>the fight</i>) unter keinen Umständen stattfinden -könne, wenn sie nicht den Anordnungen der Kommission -Folge leisteten. Widerstrebend gaben sie endlich -Raum, aber nur Zoll für Zoll, bis sie endlich etwa -zehn Schritt freie Bahn zwischen sich und dem Kampfplatz -hatten. Dann wurden die ersten fünf bis sechs -Reihen beordert, die Ersten sich zu lagern, die Anderen -zu knieen, und wenn dann die Hintersten aufrecht -standen, konnte jeder an dem Genuß Theil nehmen.</p> - -<p>Bis dahin war es etwa zehn Uhr geworden und -das Publikum hatte, einzelne kleine Zwischenfälle -<a class="pagenum" id="page_364" title="364"> </a> -abgerechnet, gar kein Vergnügen, denn die Kampfrichter -konnten sich noch nicht über einige Formalitäten -einigen. Für Zwischenfälle sorgten aber die auf -den Bäumen sitzenden Zuschauer, denn mehr und -mehr kletterten hinauf, und hie und da knackte ein Ast, -was die dadurch Bedrohten zwang, ihr Heil in der -Flucht zu suchen. Ein paarmal brach auch ein zu -sehr beladener Ast und die darauf Sitzenden stürzten -dann, zum Jubel der ganzen Versammlung, auf den -Boden nieder – glücklicherweise ohne ernstlichen -Unfall.</p> - -<p>Auch einige Streitigkeiten kamen vor, denn die -Herren in den Bäumen kauten sehr natürlich, nach -amerikanischer Sitte, Tabak und mußten ausspucken, -und das konnte eben so selbstverständlich nur nach -unten geschehen. Von unten wurde dann hinaufgedroht -und von oben heruntergelacht, und die Sache -blieb beim Alten.</p> - -<p>Endlich – es war fast elf Uhr geworden – -gerieth die Menge in Bewegung. »Sie kommen!« -so lief der Ruf durch die Versammlung, und nach -kurzer Zeit erschien einer der Kämpfer auf dem -Schauplatz. Schon ehe er denselben erreichte, warf -er, nach alter Boxersitte, seinen runden Hut voran -und hinein, und ein Jubelschrei begrüßte ihn. Es -<a class="pagenum" id="page_365" title="365"> </a> -war der Engländer Jones, eine breitschultrige, derbknochige, -aber gemein aussehende Gestalt, doch anständig -gekleidet und nur mit einem breiten, ausdruckslosen -und jetzt augenscheinlich bleichen Gesicht und -kleinen Augen. Er schien grüne Handschuhe zu tragen.</p> - -<p>Ohne Aufenthalt kroch er unter den Tauen durch -in den »<i>ring</i>« und nahm, da er die Wahl der Ecken -hatte, seinen Platz in der einen, oberen, wo schon ein -Stuhl für ihn bereit gestellt war. – Auch seine -beiden Sekundanten, allem Anschein nach der untersten -Schicht der Gesellschaft angehörend, kamen jetzt herzu, -und nachdem sie sich die bezeichnenden seidenen -Binden um die Hüften gelegt, als Zeichen, welcher -Partei sie zugehörten, hielt der Eine von ihnen einen -ausgespannten Regenschirm über Jones, um ihn gegen -die Strahlen der schon ziemlich heiß brennenden -Sonne zu schützen. – Es war ein rührendes Bild.</p> - -<p>Jetzt aber brach ein wilder Jubelsturm los, denn -ein guter Theil der Anwesenden schien dem irischen -Volksstamm anzugehören, und der Hut McCoole's, -des Iren, flog wirbelnd in den Ring, während die -riesige Gestalt desselben keck und wie siegesgewiß -demselben folgte und seine Freunde lächelnd begrüßte.</p> - -<p>Ich selber zweifelte in dem Augenblick keinen -<a class="pagenum" id="page_366" title="366"> </a> -Moment mehr, wer von Beiden Sieger des heutigen -Tages bleiben würde – Jones oder McCoole.</p> - -<p>Der Ire nahm die andere Ecke ein. Es war eine -hohe, mächtige Gestalt, über sechs Fuß, mit breiter -Brust, aber einem rohen, wüsten Ausdruck in den -Zügen. Er ging in einen dicken Rock fest eingeknöpft -und hatte noch außerdem, und trotz der Hitze, einen -wollenen Shawl um den Hals geschlagen.</p> - -<p>Auch seine beiden Sekundanten gesellten sich, unter -den nämlichen Vorbereitungen, zu ihm und Beide verharrten -dann wohl volle zehn Minuten, vielleicht länger, -in ihrer Stellung, nur dann und wann Einer nach -dem Andern einen verstohlenen Blick hinüber werfend, -um die Chancen des Kampfes vielleicht zu berechnen.</p> - -<p>Endlich warf Jones seinen Rock ab und löste sich -das Halstuch, welchem Beispiel gleich darauf sein -Gegner folgte. Die Sekundanten waren dabei beschäftigt, -ihnen die Schuhe aus- und ein Paar Halbstiefeln -anzuziehen, an denen sich, wie bei Steigeisen, -scharfe Spitzen befanden, um ihr Ausrutschen auf -dem Rasen zu verhindern.</p> - -<p>Wieder eine kurze Pause. McCoole hatte ein -paar Worte mit seinen Sekundanten gewechselt und -die Kampfrichter wurden auf die grünlichen Hände -Jones' aufmerksam gemacht, die man Anfangs für -<a class="pagenum" id="page_367" title="367"> </a> -mit Handschuhen bedeckt angesehen hatte. Es scheint, -daß McCoole den Verdacht geäußert, sie könnten -mit einer giftigen Substanz versehen sein. Jones -wurde deßhalb von dem vorhandenen Arzte, nachdem -dieser sie berochen – was genau so aussah, als ob er -dem Preisboxer die Hand küßte – aufgefordert, -daran zu lecken. Er that das auch lächelnd und mit -so augenscheinlich gutem Willen, daß jeder Verdacht -schwinden mußte. Es war nur eine bei Preisboxern -nicht seltene Gerbestoffmasse, mit welcher er die Hände -angestrichen hatte, um die Haut fester zu machen und -sie bei einem schweren Schlag nicht so leicht zu gefährden.</p> - -<p>Jetzt wurden den beiden Kämpfern die Beinkleider -ausgezogen, unter denen sie kurze Hosen und lange -Strümpfe trugen. Und nun erst erhob sich Jones -und dann McCoole, warfen ihre Oberhemden ab und -zeigten die breite nackte Brust, wie den muskulösen -Bau der Schultern.</p> - -<p>Jones' Oberkörper war weiß und glatt, auch mehr -fleischig, McCoole dagegen mit dichten schwarzen -Haaren bedeckt, und so standen sie sich einen Augenblick -gegenüber. Dann plötzlich schritt McCoole auf den -Gegner zu und reichte ihm die Hand, die dieser nahm -und hielt, während die Sekundanten jetzt auch -<a class="pagenum" id="page_368" title="368"> </a> -ihrerseits die Hände über denen der Gegner kreuzten, -so daß die Sechs zusammen für wenige Sekunden in -einem Ring standen. Der aber löste sich sehr bald -wieder, und jetzt rückte der eigentliche Moment heran, -dem heute ja Alles entgegenstrebte: der wirkliche -Kampf.</p> - -<p>Beide Gegner waren noch einen Moment zu ihrem -alten Stand zurückgetreten, jetzt schritt McCoole -langsam wie ein Bär aus seiner Höhle vor und -rascher folgte Jones seinem Beispiel. Der Letztere -hielt aber ein kleines Packet Banknoten, sogenannte -Greenbacks, in der Hand und forderte jetzt McCoole -keck heraus, hundert Dollars gegen die seinigen zu -setzen, daß er ihn zuerst zu Boden schlagen würde.</p> - -<p>McCoole erwiederte kopfschüttelnd, daß er kein -Geld mehr habe, einer der Zuschauer aber nahm die -Wette auf und das Geld wurde deponirt.</p> - -<p>Mir gefiel Jones' ganzes Auftreten nicht. Selbst -die anscheinende Zuversicht, mit welcher er die Wette -anbot, kam mir so vor, als ob Jemand aus lauter -Verlegenheit lacht. Aber es blieb keine Zeit, weitere -Beobachtungen zu machen, denn die Sache wurde -Ernst. Die Sekundanten hatten Beiden noch einmal -Brust und Arme abgerieben, etwa genau so, wie man -ein Pferd abreibt, um seinen Muskeln mehr Geschmeidigkeit -<a class="pagenum" id="page_369" title="369"> </a> -zu geben, und jetzt wurden sie, wie bissige Köter, -gegeneinander losgelassen.</p> - -<p>McCoole schien sich dabei mehr auf die Vertheidigung -zu halten; er hatte wahrscheinlich zu viel von -Jones' Kunstfertigkeit und Gewandtheit gehört und -wollte sich nicht leichtsinnig einer Gefahr aussetzen, -während Jones dagegen augenscheinlich bemüht war, -den ersten Schlag anzubringen. Den führte er auch, -aber McCoole parirte ihn. Beide gaben dabei ihren -Armen freies Spiel, jetzt zu einem Scheinangriff ausfallend, -jetzt zurückweichend, bis Jones eine Blöße -McCoole's zu benützen suchte. Aber er hatte sich -darin geirrt; der Schlag glitt ab und wurde rasch erwiedert, -Jones parirte auch diesen und holte wieder -aus, als McCoole's rechte Eisenfaust ihn gegen das -linke Auge traf und wie einen Sack zu Boden warf.</p> - -<p>Ein wahres Jubelgeheul machte die Luft erbeben. -Im Nu aber sprangen die Sekundanten hinzu und -hoben nicht allein Jones auf, um ihn zu seinem Stuhl -zu tragen, nein, thaten auch das Nämliche mit dem -völlig ungeschädigten McCoole, der es sich ruhig gefallen -ließ. Beider Gesicht wurde dann rasch mit -kaltem Wasser abgewaschen, Jones schon mit Blut -unterlaufenes Auge besonders aufmerksam, und -während das der Eine that, schob der Andere seinem -<a class="pagenum" id="page_370" title="370"> </a> -Kämpfer etwas in den Mund, das wie ein Schwamm -aussah und vielleicht etwas Stärkendes oder Erfrischendes -enthielt. Es wurde ihnen auch nicht viel Zeit -dabei gelassen, denn die Pausen zwischen den einzelnen -Gängen oder <i>rounds</i> dürfen den hierbei gültigen -Gesetzen nach nur genau 30 Sekunden dauern, wozu -ein Mann mit einer Sekundenuhr in der Hand fortwährend -neben dem Kampfrichter steht. Wer von -den Kämpfern nach 30 Sekunden nicht wieder in der -Arena steht, wird als besiegt erklärt – und wie rasch -vergehen 30 Sekunden!</p> - -<p>Jones stand zur bestimmten Zeit wieder auf den -Füßen und McCoole gegenüber, aber es sah so aus, -als ob er scheu geworden wäre, und er zeigte sich -jedenfalls lange nicht so geneigt mehr, als beim ersten -Gang, mit dem gefährlichen Gegner anzubinden. -Desto weniger Zeit aber verlor McCoole und nach -kaum einer halben Minute, in welcher Jones ein -paarmal auswich, konnte er sich zuletzt nur dadurch -vor einem gefährlichen Schlag des Iren retten, daß -er sich wieder rasch zu Boden warf.</p> - -<p>Neues Geheul und stürmischer Jubelruf von allen -Iren und Denen, die auf McCoole gewettet hatten, -erfüllte die Luft, und wieder wurden beide Kämpfer -zu ihren verschiedenen Sitzen zurückgetragen und genau -<a class="pagenum" id="page_371" title="371"> </a> -so behandelt als vorher – wieder standen sie sich -30 Sekunden später kampffertig gegenüber. Aber es -war jetzt kaum noch ein Zweifel, wer von ihnen Sieger -bleiben müsse. McCoole ging scharf und keck vor, -Jones hatte alle Zuversicht verloren und nur noch -eine Hoffnung – nämlich die, durch ein paar kunstgerechte -Schläge die Augen des Gegners zu treffen, -wonach er diesen dann leicht so lange aufhalten konnte, -bis das Anschwellen der weichen Theile um die Augen -ihn zeitweilig erblinden machte. Aber darin hatte er -den Nachtheil, daß er wenigstens fünf Zoll kleiner als -sein Gegner war und deßhalb zu hoch mit seinen -Armen hinauflangen mußte. Als er so in die Höhe -reichte, erhielt er einen furchtbaren Schlag in die -Seite, der ihm zwei Rippen knickte, und nun war es -vorüber. Noch viele Gänge hatten sie, und einmal -ermannte sich Jones, hielt Stand und versetzt McCoole -einen entsetzlichen Schlag gegen die rechte Seite des -Kopfes, der auch aus seinem Auge Blut brachte, aber -McCoole schlug ihn gleich dafür wieder zu Boden -und weigerte sich sogar, von dem Kampf erregt, getragen -zu werden. Er schritt selber leicht zu seinem -Stuhl zurück.</p> - -<p>Noch erhielt Jones, der Muth und Kraft verloren -hatte, einen Schlag gegen den Körper, der genau so -<a class="pagenum" id="page_372" title="372"> </a> -klang, als ob man mit einem Hebebaum auf einen -Wollsack schmetterte, aber es bedurfte dessen kaum noch, -denn bei ein paar Gängen mußte er sich zu Boden -werfen, ohne nur berührt zu sein, um einem furchtbaren, -nach ihm gerichteten Schlag auszuweichen. -Hatte er doch die Kraft verloren, ihn zu pariren. Es -war dann ein scheußlicher Anblick, wenn der überdieß -nicht hübsche Bursche, mit den blutunterlaufenen -Augen und bleichen Zügen, aber lächelnd zu seinem -Sieger aufblickte, als ob er sagen wollte: Siehst Du -wohl, dießmal bin ich Dir doch noch ausgewichen. -Aber McCoole blickte nur verächtlich auf ihn nieder -und schritt zu seinem Stand zurück, denn kein Schlag -darf geführt werden, wenn der Gegner am Boden -liegt.</p> - -<p>Noch zwei Gänge und der entscheidende Schlag -fiel. Jones war augenscheinlich zur Verzweiflung -getrieben. Er fühlte, daß er nicht lange mehr aushalten -könne, und machte einen verzweifelten Angriff -auf den Iren. Das aber bekam ihm schlecht. McCoole -war auf seiner Hut und ein Schlag gegen den Hals -oder untern Theil des Gesichts – es ließ sich das in -der Schnelligkeit nicht so genau bestimmen – schmetterte -Jones mit solcher Gewalt zu Boden, daß ihm -der Kopf auf die Seite sank.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_373" title="373"> </a> -Er wurde augenblicklich wieder auf seinen Stand -getragen, aber er war nicht im Stande, sich in der -kurzen Frist von 30 Sekunden zu ermannen, hatte -auch vielleicht, den Hieben gegenüber, keine besondere -Lust dazu. Dreißig – fünfunddreißig Sekunden -verflossen, und jetzt schmetterte das Siegesgebrüll der -Irländer durch die Luft, und Alles sprang jauchzend -in den Ring, um den Sieger zu begrüßen – oder -auch vielleicht um zusehen, wie er seinen Gegner zugerichtet -habe.</p> - -<p>Viele stimmten freilich nicht mit in das Siegesgeschrei -ein, und zwar aus dem sehr triftigen -Grunde, weil sie bedeutende Summen – man sprach -sogar von <em class="ge">sehr</em> bedeutenden, die gewettet worden -– verloren hatten. So soll ein Mann allein über -50,000 Dollars auf ihn verloren haben. Nur -die Gleichgültigen eilten, so rasch sie konnten, nach -den schon ihrer harrenden Wagen des Extrazugs -zurück, um Sitzplätze zu bekommen und die Stehplätze -dießmal Denen zu überlassen, die hoch oben -in den Bäumen saßen und nicht so rasch heruntergleiten -konnten, und nach kaum einer halben -Stunde setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung.</p> - -<p>Vorher war aber schon der wieder zum Bewußtsein -<a class="pagenum" id="page_374" title="374"> </a> -gekommene Jones in einen Wagen gesetzt -worden und abgefahren, und als wir nach etwa zehn -Minuten wieder hielten, überholten wir diesen. -McCoole selber war mit im Zug, aber er stieg aus -und ging zu Jones' Wagen, in welchem dieser mit -verbundenem Kopf saß, und reichte ihm dort hinein -die Hand.</p> - -<p>Zugleich ging im Zug das Gerücht um, daß -Jones selber eine ziemlich große Summe bei dem -Kampf gewettet und verloren habe, und daß man -unterwegs für ihn sammeln würde. Es dauerte -auch nicht lange, so kam McCoole selber, das breite, -gemeine Gesicht wohl etwas geschunden, aber sonst -allem Anschein nach völlig unverletzt, durch unsern -Waggon. Vor ihm ging einer seiner Sekundanten, -ein Papier in der Hand, um zu Unterschriften aufzufordern, -hinter ihm McCoole mit seinem schwarzen -breitrandigen Hut in der Hand, um kleinere Gaben -gleich einzukassiren. Aber der Erfolg scheint kein -besonders glänzender gewesen zu sein, – wer auf -Jones gewettet und verloren hatte, fand seinen Geldbeutel -schon genug in Anspruch genommen. Wer -gegen ihn gewonnen, gab wohl etwas, und eine kleine -Summe kam dadurch zusammen. Es ist auch in der -That eine starke Zumuthung, einem besiegten Preisboxer -<a class="pagenum" id="page_375" title="375"> </a> -noch Almosen zu geben; die giebt man doch -lieber einem braven, hülfsbedürftigen Arbeiter.</p> - -<p>So endete dieser wirklich berühmte Zweikampf, -der auch in der That einiges politische Interesse hatte, -da er, in damaliger Zeit gerade, zwischen einem -Irländer und Engländer stattfand und dadurch schon -die Sympathieen der Amerikaner für den Iren erweckte. -Welchen Antheil man aber daran nahm, -geht schon daraus hervor, daß der Kampf etwa -16 Minuten nach elf Uhr zu Ende kam und um -zwölf Uhr – ja noch einige Minuten früher – -schon die Zeitungen ausgegeben und von Jungen -durch die Straßen geschrieen wurden, in welchen ein -zwar flüchtiger, aber doch wahrer Bericht über den -Kampf gedruckt stand. Hatte man doch zu dem -Zweck einen Telegraphenapparat mit dem Draht -dort in Verbindung gebracht, um auch nicht einen -Augenblick Zeit zu verlieren, die werthvolle Nachricht -zu verbreiten und einem Jeden zugänglich zu machen.</p> - -<p>Mir selber war das ganze Schauspiel, als überhaupt -etwas Neues und in den Zweck meiner Reise -einschlagend, interessant genug, aber es ist jedenfalls -ein Beweis großer Brutalität, etwas Derartiges -mit solchem Pomp und Spektakel und solchen Vorbereitungen -zur Schau zu tragen. Uebrigens zeigten -<a class="pagenum" id="page_376" title="376"> </a> -die Deutschen in Cincinnati deutlich genug, daß sie -keine Freude an einer solchen Bestialität finden, denn -nur sehr Wenige waren draußen, und ich bin auch -ziemlich fest überzeugt, daß keiner von ihnen einen -Cent auf solche Menschenschinderei gewettet hat.</p> - - -<p class="ce mt2 fss">Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.</p> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie -Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i> hervorgehoben.</p> - -<p class="in0">Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert, sowie -gegebenenfalls "«," geändert in ",«".</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise -"Camin" – "Kamin", -"Canoe" – "Kanoe", -"erwiderte" – "erwiederte", -"Fourche-la-Fave" – "Fourche la Fave" – "Fourche-la-fave", -"Jayhawker" – "Jay-hawker", -"Palissaden" – "Pallisaden", -"Partei" – "Parthei", -"Petite Jeanne" – "Petite-Jeanne", -"Señora" – "Sennora", -"Señor" – "Sennor", -"wonach" – "wornach",</p> - -<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_006">6</a>:<br /> -"Missisippi" geändert in "Mississippi"<br /> -(vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_013">13</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(rief der Major, »Sie reden gerade)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_022">22</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_026">26</a>:<br /> -"enfernteste" geändert in "entfernteste"<br /> -(auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_034">34</a>:<br /> -"Furche-la-fave" geändert in "Fourche-la-fave"<br /> -(Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br /> -"zn" geändert in "zu"<br /> -(von den Frauen selbst verhöhnt zu werden)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(rief der alte Mann,)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_047">47</a>:<br /> -"bisjetzt" geändert in "bis jetzt"<br /> -(die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_050">50</a>:<br /> -"Bushwacker" geändert in "Bushwhacker"<br /> -(bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_057">57</a>:<br /> -"peischte" geändert in "peitschte"<br /> -(Während man sie dann peitschte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(gegen Little Rock marschirt, um sich dort)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_113">113</a>:<br /> -"." geändert in "?"<br /> -(oder wer ist sonst noch bei Dir?)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_122">122</a>:<br /> -"könnne" geändert in "können"<br /> -(und dort nach Belieben wirthschaften können)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_126">126</a>:<br /> -"erkärten" geändert in "erklärten"<br /> -(von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_132">132</a>:<br /> -"Boyle's" geändert in "Boyles'"<br /> -(kehrten sie nach Boyles' Farm zurück)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_133">133</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_133">133</a>:<br /> -"," hinter "man" entfernt<br /> -(Revolverpatronen kann man ein paar Stunden)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_138">138</a>:<br /> -"." geändert in "?"<br /> -(Was ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_168">168</a>:<br /> -"ententgangen" geändert in "entgangen"<br /> -(ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_186">186</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(Er sah, wie sein Opfer noch einmal)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_192">192</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(und hielt mit seiner Arbeit inne.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_196">196</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(die wenigen Hinterbliebenen, ihre Ernährer und)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_223">223</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(und sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_265">265</a>:<br /> -"einen" geändert in "einem"<br /> -(dann zog die Mannschaft mit einem)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_273">273</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen König)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_280">280</a>:<br /> -"Sie" geändert in "sie"<br /> -(lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_305">305</a>:<br /> -"," hinter "gerathen" entfernt <br /> -(Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_314">314</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_329">329</a>:<br /> -"mi" geändert in "mit"<br /> -(und die Luft mit ihrem Arom erfüllten)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_344">344</a>:<br /> -"Biättern" geändert in "Blättern"<br /> -(mit Palmfasern oder Blättern gedeckt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_353">353</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Dritter Band, by -Friedrich Gerstäcker - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND *** - -***** This file should be named 55163-h.htm or 55163-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/1/6/55163/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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