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-The Project Gutenberg EBook of Nachbarsleute, by Ludwig Thoma
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Nachbarsleute
-
-Author: Ludwig Thoma
-
-Release Date: July 20, 2017 [EBook #55159]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHBARSLEUTE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Ein Verzeichnis von Ludwig Thomas Büchern
- befindet sich am Schluß dieses Bandes
-
-
-
-
-
- Nachbarsleute
-
- von
-
- Ludwig Thoma
-
- 13. bis 15. Tausend
-
-
- Albert Langen, München
-
-
-
- Übersetzungsrecht vorbehalten
- Albert Langen Ludwig Thoma
-
- Copyright 1916 by Albert Langen, Munich
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Seite
-
- Junker Hans 7
-
- Das Volkslied 59
-
- Auf dem Bahnsteig 73
-
- Tja -- --! 81
-
- Der Biedermann 91
-
- Unser guater, alter Herzog Karl 99
-
- Liebe um Liebe 107
-
- Auf der Elektrischen 117
-
- O Natur! 129
-
- Das alte Recht 135
-
- Anfänge 157
-
-
-
-
- Junker Hans
-
- Eine Kleinstadtgeschichte
-
-
-Wie es gekommen war, ob Herr Pfaffinger höflich oder in barschem
-Tone das Schließen der Türe verlangt, ob Herr Tresser nach dieser
-Aufforderung erst recht die Türe aufgerissen, ob Herr Pfaffinger
-in rüder Weise sie dann ins Schloß geworfen hatte und hierauf von
-Herrn Tresser als ungebildeter Lümmel bezeichnet wurde, während Herr
-Pfaffinger diesen, Herrn Tresser nämlich, mit dem Worte Lauskerl schon
-vorher betitelt hatte, läßt sich aus den erregten Schilderungen der
-angesehenen Bürger Dornsteins nicht unwiderleglich feststellen, --
-Tatsache ist, daß Herr Tresser Herrn Pfaffinger einerseits an der
-Gurgel packte, während Herr Pfaffinger andererseits diesem, dem Herrn
-Tresser nämlich, eine derart schallende Ohrfeige versetzte, daß der
-Schlag sogar in den hintersten Sitzreihen des Höllbräusaales vernommen
-wurde.
-
-Von vielen Zeugen des Vorfalles wird erzählt, daß die Tochter des
-Herrn Magistratsrates Trinkl, Fräulein Fanny Trinkl, über Zugluft
-geklagt habe, was den neben ihr sitzenden Brauereivolontär Pfaffinger
-veranlaßte, aufzuspringen und die Saaltüre zu schließen, worauf Herr
-Rechtspraktikant Tresser dieselbe sogleich wieder öffnete, sei es nun,
-weil er und einige mitanwesende Beamte es zu heiß fanden, sei es, weil
-er über die eigenmächtige Handlung des Herrn Pfaffinger entrüstet
-war, was aber wiederum diesem, Herrn Pfaffinger, als eine Beleidigung
-seiner Dame erscheinen mußte, so daß er sich zu einem Schimpfworte
-hinreißen ließ, wobei freilich nicht bestimmt behauptet werden kann,
-daß nicht etwa Herr Tresser schon vorher den Ausdruck ungebildeter
-Lümmel gebraucht hatte, kurz und gut, was hier auch übereinstimmend
-oder verschieden berichtet wird, -- Tatsache ist, daß Herr Pfaffinger
-von Herrn Tresser an der Gurgel gefaßt wurde, und daß dann Herr Tresser
-eine dermaßen starke Ohrfeige erhielt, daß seine linke Wange anschwoll.
-
-Mir war und ist es nur darum zu tun, eine vollkommen wahrheitsgetreue
-Schilderung des Herganges zu geben, wobei ich keineswegs, wie Herr
-Magistratsrat Trinkl, das Verhalten des Herrn Pfaffinger oder, wie
-Herr Sekretär Hundertkäs, das Benehmen des Herrn Tresser als absolut
-berechtigt hinstelle, sondern ich möchte ausschließlich die Tatsache
-klarstellen, daß Herr Tresser einerseits Herrn Pfaffinger körperlich
-anfiel, während Herr Pfaffinger andererseits diesem eine wuchtige
-Maulschelle applizierte.
-
-Das Geschehnis läßt sich weder leugnen noch beschönigen, noch auf
-irgendeine Weise aus der Welt schaffen, und es ist weiter nichts
-zu erörtern als die Frage, welche Folgen die Mißhandlung eines den
-besseren Kreisen angehörigen Mannes haben konnte.
-
- * * * * *
-
-In der Tat wurde der Vorfall auch von den bürgerlichen Elementen nach
-Verlassen des Höllbräusaales lebhaft erörtert, und Bäckermeister
-Schwarz bewies vielleicht die größte Heftigkeit der Gesinnung.
-
-»Also mir ... net ... also mir bal oana so was saget ... net ... also
-ung'hobelter Lackel oder so was ... net ... also i ... mei Liaba ...
-i den bei de Ohrwaschel nehma und beuteln ... hast d' g'hört ... und
-nacha oani links und oani rechts abahau'n ... vastehst ... und nacha
-no a paar ... also mir bal oana kam! Was? sag i ... an ung'hobelter
-Lackel bin i ... moanst du vielleicht, weil di dei Vata studiern hat
-lass'n ... derfst du an Bürgersmann, der wo seine Steuern zahlt ... net
-... und wo seine Familli rechtschaff'n ernährt ... schimpf'n ... sag i
-... Wer is ung'hobelt? sag i ... vielleicht net a Beamta, der si a so
-aufführt? Was bin i? A Lackel bin i? Hab Eahna i scho amal an Lackel
-abgeb'n? Han? Du Herrgottsakrament! sag i. Da hast a paar! sag i ...«
-
-»Plärr do net a so!« rief Magistratsrat Trinkl ... »Bleib'n ja d' Leut
-steh' und schaug'n ...«
-
-»Ja no ... muß ma si so was hoaß'n lass'n?«
-
-»Zu dir hat er nix g'sagt!«
-
-»Dös is sei Glück, mei Liaba ... mir bal er so was saget! Also den
-schlaget i sei Batterie scho a so her, daß er alle Engel pfeif'n
-hörat ... Ung'hobelter Lackel möcht er an Bürgersmann hoaß'n ... so
-a Schreibersg'sell, so a notiger, der wo si net amal was G'scheit's
-z' fress'n kaff'n ko.... Dir gib i scho an Lackel ... also bloß sag'n
-braucht er's zu mir ... nix als wia sag'n ... sag' i ...«
-
-»Mir g'fallt de G'schicht gar net ... dös ... dös ... i woaß net ... da
-derleb'n mir no was!« sagte der Gold- und Silberarbeiter Elfinger und
-machte ein bekümmertes Gesicht ... »De G'schicht is no net firti ...«
-
-»Was is net firti?« fragte Trinkl.
-
-»Ja ... dös mit dera Schell'n ...«
-
-»Dös is allerdings firti. Der hat sei Fotz'n, und gar is ...«
-
-»Wer'n ma's sehen, ob die Sache so einfach verläuft, also gewissermaßen
-im Sande,« erwiderte Elfinger, der nicht ungerne hochdeutsch sprach.
-
-»Was will er denn mit a Klag?« höhnte Magistratsrat Trinkl.
-
-»Bal er z'erscht 's Maul aufreißt, net, und ganz ordinär werd' ... und
-nacha aufs G'richt laff'n! Na, mei Liaba!«
-
-»G'richt laufen!«
-
-»Ja ... da werd halt 's G'richt sag'n, Herr Rechtspraktikant,
-werd's sag'n, bald Sie eine würkliche Bildung besitzen, dürfen Sie
-nicht anfangen und die Leute aufreizen, und bald Sie aber die Leute
-aufreizen, müssen Sie Ihnen halt diese Behandlung gefallen lassen. A so
-red't 's G'richt! Vastand'n?«
-
-»Ich rede ja überhaupts nicht vom Gericht,« sagte Elfinger etwas
-ungeduldig.
-
-»Net?«
-
-»Nein ... durchaus nicht. Das weiß man doch, daß diese Herren ...
-also ... die wo auf der Universität studiert haben ... eine Ohrfeige
-durchaus nicht hinnehmen dürfen wie unsereiner ...«
-
-»Geh! Hör' auf!«
-
-»Nein! Das lest man doch in der Zeitung, daß für solchene Herren eine
-Ohrfeige sozusagen eine tödliche Beleidigung ist, und auch bald sie
-nicht wollen, müssen sie doch, indem es ein Ehrenstandpunkt ist ...«
-
-»Geh! Hör' auf!«
-
-»Na, frag' halt Leut', die 's wissen! Ob eine Ohrfeige nicht mit Blut
-abgewaschen werden muß, und bald der Betreffende auch vielleicht nicht
-will ...«
-
-»Jetzt muaß i scho sag'n ... Elfinger ... red' net gar so saudumm
-daher!«
-
-»Ich rede durchaus nicht saudumm daher ... und überhaupts möchte ich
-mir das verbitten ... net wahr ...«
-
-»Kam er da mit'n Bluat o'wasch'n ... und solche Sprüch!«
-
-»Weil es wahr ist! Jawohl! Wenn einer natürlich seiner Lebtag in
-Dornstein hockt als Lebzelter, weiß er nicht, wie solche Vorkommnisse
-sich auswachsen ...«
-
-»O mei! Da balst net gehst!...«
-
-»Ich war dritthalb Jahr in Erlangen, mein Lieber, wo sich eine
-Universität befindlich ist, und bald du das nicht woißt, kannst es ja
-nachles'n im Sulzbacher Kalender ...«
-
-»I huast dir auf dei Universatät!«
-
-»Das ist die Sprache der Ungebildeten ... das kann ich dir sagen ...«
-
-»Han?«
-
-»Jawohl! Da muß man einmal in der Welt herumgekommen sein, dann schaut
-man die Sache etwas anders an. Ich hab viel erlebt in dieser Beziehung,
-und bald ein Student dem anderen eine Ohrfeigen gibt, diese Fälle kenn'
-ich, und da entscheidet dann das Ehrengericht, ob dieser Betreffende
-nicht mit der Pistole in der Hand Rechenschaft verlangen muß ...«
-
-»Herrgottsakrament, jetzt sag' i 's nomal, a so a spinnata Tropf is ma
-do aa no net fürkemma ...«
-
-»Da spinnt niemand!«
-
-»Net z' weni, sag' i ...«
-
-»Nein! Durchaus nicht! Das ist der Standpunkt der Satisfaktion, wennst
-d' scho amal was g'hört hast von dem!...«
-
-»Da müaßt da Schorschl ...?«
-
-»Jawohl!!«
-
-»Da müaßt da Pfaffinger Schorschl si vo an so an notinga Hanswurscht'n
-nauf schiaßn lass'n?«
-
-»Jawohl!! Das heißt, in dieser Beziehung weiß ja der Betreffende nicht,
-ob ihn das Schicksal trifft, und äh ...«
-
-»Da Pfaffinger Schorschl, der in a paar Jahr de Brauerei von sein Vata
-kriagt mit achtavierz'g Wirt ... und ...«
-
-»Was hat denn das damit zu tun ...?«
-
-»Und dös schöne Sach in Matzing drauß'n ... langa koane vierhundert
-Tagwerk ...«
-
-»... Also ...«
-
-»Und a Stuck an achtz'g Küah im Stall ... der soll si ...? Geh! Wia no
-a Mensch so daher red'n ko!«
-
-»Wenn du oan net red'n laßt und all's besser woaßt, na brauch ja i net
-red'n,« schrie Elfinger, den der Zorn wieder ins Altbayerische brachte.
-
-»Für dös red'n kriagst d' nix,« erwiderte der Herr Magistratsrat
-Trinkl mit gleichfalls erhobener Stimme. »Kam er do mit sein
-Student'nschmarr'n daher! A Duwäl! Ah! Ah! da kunnt'st scho Grean
-Baamwirt wer'n!«
-
-»Wenn er an Ehr im Leib hat ... vastehst!«
-
-»An Ehr! Woaßt, was da Pfaffinger Schorschl hat? An Diridari hat a!
-Maxi hat a! Und auf dei Ehr is ...«
-
-»Mit dir ko ma net streit'n; dös woaß ma scho! Weil du a Hammi bist!«
-
-»I?«
-
-»Ja du! Für dös bist du bekannt in ganz Dornstoa!«
-
-»Ah! Der is guat! Was bist na du?«
-
-»Is scho recht!«
-
-»Was bist na du? A spinnata Deifi bist d'. Mit'n Bluat o'wasch'n kam er
-daher! Wasch da du 's Hirn mit Salmiak, dös werd g'scheiter sei!«
-
-»Sie sind ein ordinärer Mensch, Herr Trinkl! Ich verkehre nicht mehr
-mit Ihnen ...«
-
-»Bleib' halt weg, spinnata Deifi! Spinnata!«
-
-Herr Elfinger hatte sich mit raschen Schritten entfernt und war schon
-in der Dunkelheit entschwunden, da schrie ihm Herr Trinkl noch durch
-die hohlen Hände nach: »Druck di, du Hanswurscht, mit dein Duwäl!«
-
-Und zum Bäckermeister Schwarz sich noch immer erregt wendend, fragte
-er: »Hast d' scho amal so was Dumm's g'hört? Der bracht's außa, als
-wenn da Pfaffinger Schorschl so a Karmenadlstudent waar!«
-
-»I hab'n net recht vastand'n,« sagte Herr Schwarz. »Moant er, daß de
-mit'n Sabl da so aufanand trischak'n müaßt'n?«
-
-»Oder schiaß'n, vastehst? Mit da Pistol'n! Der Pfaffinger Schorschl
-werd si von so an Hungerleider aufi schiaß'n lass'n. Dös kost da
-denk'n!«
-
-»Als der oanzige Sohn vom Danglbräu in Matzing!« rief Bäckermeister
-Schwarz voll Hohn aus, denn auch er hatte sogleich die ganze
-Lächerlichkeit dieses Gedankens erfaßt.
-
-»Also mir sollt oana mit so a'ra Duwälforderung kemma!« setzte er
-hinzu. »Grad kemma sollt oana! Was? sag i ... fordern möcht'n Sie mi?
-Auf was denn, sag i ... und an Schiaßa fürag'langa hintern Bachofa
-und den am Kopf aufi hau'n mit da Pretsch'n ... vastehst ... daß er
-drei Tag lang auf alli vieri umanandkriachat ... fordern möcht er mi
-... so waar's recht! Fordern! An Bürger aa no koan Ruah lass'n mit
-dena Duwälg'schicht'n! I an Nudelwalgla nehma und den aba scho so
-umanandlass'n ... da hast dei Duwäl! sag i ... und hau eahm oani über
-sein Gipskopf umi, daß er grad staubet ... da ... sag i ... und da ...
-hast d' no oani ...«
-
-»Herrgott! Gib do acht! Haut er mir an Huat aba!« schrie Trinkl.
-
-»Muaßt scho entschuldinga ... aba da kunnt'st scho belzi wer'n ... net
-... bal oan so was unterkimmt ... Fordern möcht oan der Schreiberg'sell
-...«
-
-Und man hörte noch lange ihre erregten Stimmen, da sie den Stadtplatz
-mehrmals hinauf und wieder herunter gingen.
-
- * * * * *
-
-»Sie san aber einer!« lispelte Fräulein Fanny Trinkl, als sie in
-Gesellschaft des Herrn Pfaffinger den Höllbräusaal verließ.
-
-Der stattliche Brauereivolontär warf sich in die Brust und sagte mit
-geheucheltem Gleichmute: »Da gibt's bei mir nix!«
-
-»Ich bin #so# derschrocken, wie Sie auf einmal aufg'sprungen sind.
-Jessas Maria! hab ich mir denkt, es werd doch kein Unglück geb'n, daß
-er Ihnen was tut ...«
-
-»Der -- mir?«
-
-»Man weiß halt oft nicht ...«
-
-Herr Pfaffinger schob den Hut verwegen aus der Stirne.
-
-»Solchene derfen drei daherkemma, nacha fürcht' i s' aa no net.«
-
-Das üppige Mädchen sah bewundernd zu dem Ritter auf, der sich kraftvoll
-in den Hüften wiegte und mit den Fingern schnalzte, gleichsam um zu
-beweisen, wieviel ihm an einer ganzen Schar von Gegnern läge.
-
-Fannys rehbraune Augen trafen sich mit seinen etwas hervorquellenden
-wasserblauen und senkten sich sofort, indessen sie wiederum rief:
-
-»Nein, Sie sind aber einer!«
-
-Offenbar hegte Herr Pfaffinger die gleiche günstige Meinung von sich;
-denn sein ganzes Gebaren verriet, daß er mit der Bewunderung seiner
-Persönlichkeit beschäftigt war.
-
-»Ich hätt' mir gar nicht denkt, daß Sie so heftig sein können ...«
-sagte Fräulein Fanny.
-
-»Ja, da kenn i nix.«
-
-»Wie Sie den Stuhl z'ruckg'stössen haben, und auf und hin ...«
-
-»Da gibt's koana Würschtel!...«
-
-»Und wie Sie ihm eine hing'haut haben, daß 's ihn gleich draht hat!«
-
-Wieder gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander, und indessen
-Herr Pfaffinger beim Schein einer Straßenlaterne respektvoll seine
-große Hand betrachtete, huschten Fannys Blicke wieder beifällig über
-ihn hin.
-
-Schön war er nicht --
-
-Ein gewissermaßen viereckiger Kopf auf einem kurzen Halse; eine stumpfe
-Nase, dicke Lippen, die sich nicht ganz schlossen, so daß man die
-unregelmäßigen Zähne sah, der Teint von jener biersäuerlichen Blässe,
-wie sie Schenkkellnern und Bräuburschen eigen ist ... All das ließ den
-Pfaffinger Schorschl nicht gerade als verführerisch erscheinen, und
-doch besaß er Reize, die ein altbayerisches Mädchen, wenn auch noch so
-flüchtig, wohl bemerken konnte.
-
-Derbe Rundungen und Breiten und Grobschlächtigkeiten, die
-vielverheißend waren.
-
-»Eigentlich san S' wegen meiner in die G'schicht nein kommen, weil ich
-mich beschwert hab', daß die Tür offen war, und mich hat's nachher
-schon g'reut ...«
-
-»Da braucht Ihnen nix reu'n, Fräulein Fannerl ...«
-
-»Aber do, wenn S' jetzt solchene Unannehmlichkeiten hamm ...«
-
-»Dös is mir ganz egal ...« Schorschl sagte wirklich egal ... »Bald ich
-amal bei einer Dame sitz ... nacha muß ich auch für die Dame eintreten
-...« Ein zärtlicher Blick traf ihn, und seine wasserblauen Augen
-streiften wohlgefällig über den sehr stattlichen Busen des Mädchens und
-blieben daran haften.
-
-Vielleicht war es der Wunsch, diesen straffen Formen näher zu rücken,
-vielleicht war es eine aufquellende Zärtlichkeit ... Schorschl streckte
-seinen Ellbogen hin und fragte: »Darf ich Ihnen nicht meinen Arm
-anbieten, Fräulein?«
-
-Fanny hing sich ein, und beide fühlten wohlig eines die Wärme des
-anderen.
-
-»Da gibt's nix,« sagte Schorschl, »bal ich amal mit einer Dame
-beisammen bin ...«
-
-»Sie sind einer!«
-
-»In Freising, wia 'r i studiert hab', da hat amal oana auf an Ball
-meiner Dame auf 'n Fuaß tret'n. Dem hab i a paar abazog'n und hab'n
-über d' Stiag'n abi g'schmiss'n, daß er dös halbe G'lander mitg'numma
-hat ...«
-
-»Jessas Maria!...«
-
-»Und amal hat inser Verbindung a Gartenfest g'habt ...«
-
-»Waren's bei an Studentenkorps?«
-
-»Bei der Cerevisia in Weihenstephan in der Brauschul' ... und da hamm
-mir a Gart'nfest g'habt, und da hat oana mit meiner Dame 's Speanzeln
-o'g'fangt ... dem hab i aa zoagt, wo der Bartl an Most holt ...«
-
-»Sie sind g'wiß ein rechter Don Schuang g'wesen?«
-
-»Han?«
-
-»Daß Sie recht poussiert hamm?«
-
-»Gar so arg is 's net g'wes'n ...«
-
-Schorschl lächelte aber doch vielsagend, und Fanny wollte hastig ihren
-Arm zurückziehen und wurde festgehalten.
-
-»Mit Ihnen sollt' man sich gar net geh'n trauen ... Sie sind vielleicht
-ein ganz gefährlicher ...«
-
-»Eahna waar i net Feind, Fräulein Fannerl!«
-
-»Sie Schlimmer!«
-
-»G'wiß is wahr, i hab's Eahna scho lang sag'n woll'n ...«
-
-»Was?«
-
-»Daß S' mir gar so guat g'fall'n ...«
-
-Ein zärtlicher Blick streifte ihn.
-
-»Sie möcht'n mich g'wiß derbleck'n!«
-
-»G'wiß net ... überhaupts gibt's dös bei mir durchaus net ... Freil'n
-Fannerl ... dös dürfens net glaub'n ... Fannerl ...«
-
-Sie drückte sich näher an ihn, und er wurde eifriger.
-
-»Moana S' denn, i hätt' mi so gift' über den Tresser, wenn i Eahna net
-gern hätt ...«
-
-»Das sagen S' halt so ...«
-
-»Na! Wenn i no red'n kunnt ... aba da auf da Straß ko ma ja net red'n
-... wenn S' mi bloß a bisserl ins Haus nei lasset'n, Fannerl!«
-
-»Aba Herr Pfaffinger!«
-
-»Bloß in Hausgang! Daß ma dischkrier'n kunnt'n ...«
-
-»Aba dös geht doch net!«
-
-»Warum denn net? Bloß red'n, Fannerl, weil i Eahna gar so gern hab'.«
-
-»Dös merkt doch der Vata!«
-
-»Der merkt nix!«
-
-»Hören S' auf! Was Sie red'n!«
-
-Und wenn Herr Pfaffinger auch nicht gewandt genug war, um eine
-Situation blitzschnell zu überschauen, bemerkte er doch den sachlichen
-Ernst, der in der Abwehr des Mädchens lag.
-
-»Geht's gar net ... Fannerl?«
-
-»Genga's Sie!«
-
-»I waar mäuserlstaad ...«
-
-»Aba Herr Pfaffinger!«
-
-»Geh! Wenn i d' Stiefeln ausziahg ...«
-
-»Jessas na!«
-
-»Höret mi koa Mensch ...«
-
-»Ja, wia red'n denn Sie?«
-
-»Fannerl!«
-
-Er zog das Mädchen an sich. Seine linke große Hand verirrte sich auf
-den prallen Busen, indes er mit der rechten die schwach sich Sträubende
-rückwärts faßte und auch hier Anlaß zur stürmischen Werbung fand.
-
-»Du Trutscherl, du liab's!«
-
-»Herr Pfa ...«
-
-Seine breiten Lippen erstickten ihre Stimme, und sie legten sich breit
-und feucht auf ihren Mund. Ehrlich erwiderte sie den Kuß.
-
-»Du Gschmacherl du!«
-
-»Schorschl!«
-
- -- -- -- -- --
-
-»Also paß auf, Fannerl, i ziahg d' Stiefeln aus ... werst sehg'n, es
-hört mi neamd ...«
-
-»Aba da Vata schlaft do no net ...«
-
-»Der schlaft scho!«
-
-»Geh! Wenn er do jetzt erst hoam geht ...«
-
-»Nacha wart i halt a halbe Stund, bis er eing'schlaf'n is ... und du
-machst mir d' Haustür auf!«
-
-»Na ... Schorschl ... dös geht net ...«
-
-»Leicht geht's.«
-
-»Was denkst da denn du von mir? So schnell! Na ... dös geht amal net
-...«
-
-»Geh weiter ... Trutscherl! Jetzt dös derfst mir net o'toa!«
-
-»Was?«
-
-»Jetzt hab' i mi a so g'freut ... und nacha waar's nix!«
-
-»Aba wenn's net geht!«
-
-»Und i hab' mi so für di ins Zeug g'legt!«
-
-»Aba Schorschl!«
-
-»Ja ... Und du tatst mir gar koan G'fall'n!«
-
-»Wenn aba da Vata net so g'schwind ei'schlaft!«
-
-»Na ... wart i a Stund ...«
-
-Fannerl schien zu überlegen, und da die Ergebnisse solcher
-Überlegungen immer die gleichen sind, sah Schorschl beseligt in die
-Zukunft ...
-
-»Aba daß d' ja net früher kummst ...«
-
-»Na ...«
-
-»Und net an d' Stiag'n hi stößst ...«
-
-»I sag da ja ... daß i d' Stiefeln ausziahg ...«
-
-»Jessas! Jessas! Was muaßt dir du von mir denk'n!«
-
-»Daß du a G'schmacherl bist!«
-
-»Dös hast g'wiß scho zu viele g'sagt!«
-
-»Dös? Na ... dös hab i no zu gar koane g'sagt! Derfst d'as g'wiß
-glaab'n ...«
-
-Er war doch ein Don Schuang und kannte das weibliche Herz.
-
-Ein neuer Kuß befestigte das Versprechen, und innig
-aneinandergeschmiegt schritten die beiden dem Hause zu, in das
-Schorschl so bald einzuschleichen gedachte.
-
-Auf dem Stadtplatze hörten sie die rauhen Worte des Herrn Schwarz durch
-die stille Nacht schallen und stießen auch bald auf den ahnungslosen
-Vater, der sie freudig begrüßte.
-
-»Ah! Der Herr Pfaffinger! Hamm S' mei Fannerl begleit'?«
-
-»Ich hab mir erlaubt, weil mir Ihnen nicht mehr g'sehen haben ...«
-
-»Ja ... i hab da a kloane Aussprach' g'habt ... über Eahna, Herr
-Pfaffinger ...«
-
-»Ah so! Weg'n der Gaudi?...«
-
-»Ja ... und die Folgen, wo mir der Elfinger, der Hansdampf, der
-spinnate, hätt erzähl'n mög'n. Daß Sie a Duwäl kriag'n ...«
-
-»I?«
-
-»Ja ...« sagt der Elfinger ...
-
-»Um Gott'swill'n ... Herr Pfaffinger ... weg'n mir ...«
-
-»Da brauchen Sie keine Angst nicht zu haben, Fräulein!«
-
-»Dös hab i aa g'sagt ... so a Schmarrn, sag i ... auf d' Kirta laden S'
-den Kerl ei, wenn er Eahna was will ...«
-
-»Geh, Vata!«
-
-»Is ja wahr aa ... dös is de richtige Antwort ... Also guat Nacht, Herr
-Pfaffinger, und b'suachen S' mi amal ... werd mir an Ehr sei!«
-
-»Guat Nacht, Fräulein!«
-
-»Gut Nacht!«
-
-Noch ein Blick, der alles auf ein neues bestätigte, dann huschte
-das Mädchen ins Haus, die Türe klappte ins Schloß, Herr Pfaffinger
-entfernte sich mit absichtlich lauten Schritten.
-
- -- -- -- -- --
-
-Ob es nun gerade eine Ehre für den Stadtvater Trinkl war, als Schorschl
-eine schwache Stunde später und sehr viel leiser wieder zu dem Hause
-kam, die Türe frohlockend geöffnet fand und auf den Fußspitzen gehend
-sich einschlich? Für ihn war es jedenfalls ein Glück.
-
-Da stand er im Dunkeln und fühlte die Nähe des Mädchens. Ein leises
-Rascheln. »Pst!«
-
-Eine Hand ergriff die seine ... eine Stimme flüsterte dicht an seinem
-Ohr: »Ziahg' d' Stiefeln aus!«
-
-Und er zog sie aus.
-
- * * * * *
-
-Es ist Zeit, von Anton Gumposch zu reden. Denn über allem darf nicht
-vergessen werden, daß in der tätlichen Mißhandlung eines akademisch
-gebildeten Mannes der Anlaß zu einem Ehrenhandel vorlag, jedenfalls
-vorliegen konnte, wenn anders die uralten Gebote der Ehre auch in
-diesem südlichen Winkel unseres deutschen Vaterlandes noch nicht alle
-Geltung verloren hatten.
-
-Daß sie es #nicht# hatten, daß sie zum mindesten nicht stillschweigend
-übergangen werden konnten, dafür bürgte die Existenz des Herrn Anton
-Gumposch.
-
-Er war wohlhabender Rentner, Sohn und Enkel reicher Gutsbesitzer,
-der seine Stellung in der Gesellschaft wie seinen Bildungsfonds als
-Hospitant einer Universität erhöht hatte, oder, genauer gesagt, als
-Mitglied eines Korps. Er liebte den Schein der Arbeit und war immer
-bemüht, ihn sich zu geben, und wenn ihm auch jeder Trieb zu ernsthafter
-Beschäftigung fehlte, war er doch Tag für Tag lebhaft und regsam und
-beobachtete nicht ohne Strenge die Arbeit seiner Nebenmenschen.
-
-Wer sich rechtschaffen plagte, durfte sicher sein, daß ihm Gumposch
-wohlwollend auf die Achsel klopfte, und wer es im Kampfe ums Dasein
-vorwärts brachte, konnte in dem anerkennenden Lächeln des Herrn
-Gumposch den Ansporn zu neuen Anstrengungen erblicken.
-
-Naturgemäß und ganz von selbst mußte sich ein so liebevolles Interesse
-für die Umwelt auch auf das Gemeinwohl erstrecken, und Gumposch war
-denn auch rastlos bemüht, alle Maßnahmen, Fürsorgen, Veranstaltungen
-und Anordnungen der städtischen Behörden Dornsteins einer sachlichen
-Prüfung wie einer ständigen Besprechung zu unterziehen. Sein nie
-ruhender Geist ersann täglich Pläne zur Hebung des Wohlstandes und
-Ansehens der Gemeinde; Hebung, Entwicklung, Fortschritt waren die
-Leitmotive seiner unzähligen Probleme, und so sehr stand er unter ihrem
-Banne, daß er nicht einmal die Möglichkeit eines Vorschlages prüfte,
-wenn er unter dem Zeichen von Hebung und Fortschritt zu stehen schien.
-
-Gumposch versah im Geiste alle Berge der Umgebung mit Drahtseilbahnen,
-wollte auf den Höhen Riesenhotels anlegen, Bäche anstauen, um Seen für
-den Wintersport zu erhalten, rundum im Lande alle Wasserkräfte erwerben
-zu großen städtischen Fabrikanlagen, er projektierte elektrische Bahnen
-nach allen Ausflugsorten, Konzertsäle und Kaffeehäuser in der Stadt,
-und war immer mit einem neuen Plane zur Hand, wenn die Dornsteiner
-Rückständigkeit den alten kopfschüttelnd abgelehnt hatte, und war immer
-begeistert und ließ über den Häuptern einer grämlichen Philisterschar
-die Fahne des Fortschrittes flattern, des Fortschrittes, der Hebung und
-der Entwicklung.
-
-Gumposch war als Politiker jenem früher allgemein üblichen Liberalismus
-zugetan, der ohne eigentliches Programm nur ab und zu bemerkbar wurde,
-wenn er sich gegen ultramontane Bedrückung aufbäumte oder sich bei
-Festen in Liedern erging. In gewöhnlichen Zeitläuften machte er nicht
-viel Aufhebens von seinen politischen Meinungen und vermochte sie
-auch wohl zu ändern und anzupassen, aber wenn Wahlen im Reiche waren,
-erhob Herr Gumposch einen starken Lärm, ließ sich auf den Schild heben
-und vermaß sich, der liberalen Idee neues Terrain zu erobern. Im
-»Dornsteiner Boten« tauchten Nachrichten auf von Reden, die unser Herr
-Gumposch hier und dort gehalten hatte, und von sichtbaren Eindrücken,
-die seine vaterländisch tiefempfundenen Worte auf die Bevölkerung
-gemacht hatten.
-
-Das »Dornsteiner Wochenblatt« hingegen strotzte von hämischen
-Invektiven gegen den verdienten Bürger der Stadt und mußte in jeder
-Nummer Gumposchische Erwiderungen auf Grund des bekannten Paragraphen
-bringen, mit Repliken und Dupliken, in denen ein überlegener Hohn bald
-auf dieser, bald auf jener Seite zu finden war.
-
-In solchen Zeiten, da deutsche Männer ihre ganze Vaterlandsliebe
-aufbieten müssen, um nicht vom Ekel übermannt zu werden, und ihre
-ganze Kraft, um nicht erschöpft zusammenzubrechen, und ihren nimmer
-versiegenden Glauben an Deutschlands Zukunft, um nicht daran zu
-verzweifeln, in solchen Zeiten fühlte sich Gumposch am wohlsten.
-
-Das Zielscheibesein für gewissenlose Angriffe oder für Pfeile aus dem
-Hinterhalte war seiner Natur so recht entsprechend und stillte sein
-Bedürfnis, ein Mittelpunkt zu sein.
-
-In solchen Zeiten konnte er es freudig erleben, daß auch stumpfe
-Naturen bei seinem Anblick in Bewegung gerieten, daß sonst
-gleichgültige Bürger vielsagend mit den Augen zwinkerten, wenn sie ihm
-begegneten, daß im Gasthause bei seinem Eintritte die Leute die Köpfe
-zusammensteckten und es kam auch vor, daß der eine und andere ihm
-lautes Lob erteilte.
-
-Und wenn dann am Wahltage, wohlgemerkt auf Kosten des Herrn Gumposch,
-im Redaktionsfenster des »Dornsteiner Boten« nach ganz neuzeitlichen
-Prinzipien die Wahlresultate hinter beleuchtetem Glase auftauchten und
-in diesem magischen Licht auch der Name Gumposch erstrahlte, und war es
-mit noch so wenig Stimmen des Durchfalles, dann bildete dieser Moment
-einen schönen Abschluß beseligender Wochen. Man sieht, daß dieser Mann
-ein Pol im Kreise der öffentlichen Interessen war, und darum noch
-einmal: es ist Zeit, bei diesem Ehrenhandel von ihm zu reden.
-
-Er stand vor der Tatsache, daß Herr Rechtspraktikant Tresser nach
-einem heftigen Wortwechsel im überfüllten Höllbräusaale von Herrn
-Pfaffinger geohrfeigt worden war, und er war keineswegs geneigt, diesen
-Vorfall leicht zu nehmen oder ihn mit sattsam bekannten Vernunftgründen
-aus der Welt schaffen oder mit Worten einer billigen Entrüstung abtun
-zu lassen.
-
-Nein! Hier war endlich ein wirklicher Skandal gegeben, an dem Leute
-beteiligt waren, von denen der eine gewiß, der andere vielleicht zum
-Verständnisse des tiefen Ernstes der Sache gebracht werden konnte.
-
-Und Gumposch fühlte sogleich, daß er der Mann dazu war, diese
-Angelegenheit in die Hand zu nehmen, ihr Einschlafen zu verhindern, ihr
-einen honetten Ausgang zu verschaffen.
-
-War es ohne Bedeutung für den gebildeten Teil der Dornsteiner
-Gesellschaft, wenn die bürgerliche Welt sah, daß dieses Renkontre nicht
-anders und nicht ernsthafter behandelt wurde wie etwa eine Schlägerei
-in den niederen Schichten? War es ohne erzieherischen Wert, wenn das
-Bürgertum einsehen lernte, daß zwischen seiner Auffassung von Händeln
-und ihren Folgen und der Auffassung von satisfaktionsfähigen Männern
-denn doch ein unüberbrückbarer Abgrund klaffte? War es zuletzt für die
-Reputation der Stadt so gleichgültig, wenn hier Prügeleien nicht anders
-bemessen wurden als in dem nächsten Bauerndorfe?
-
-Noch einmal nein!
-
-Hier war Gelegenheit geboten, mit höheren Ansichten durchzudringen,
-dem Ehrenstandpunkte Geltung zu verschaffen gegenüber einer
-Bevölkerung, die nur zu leicht geneigt war, die Schranken nicht zu
-sehen, welche sie von der gebildeten Klasse trennten.
-
-Wenn diese Bevölkerung mit aus Grauen und Bewunderung gemischten
-Empfindungen sehen mußte, daß in gewissen Sphären ein Mann eben doch
-anders für seine Handlungen einzustehen habe als Krethi und Plethi --
-jawohl Krethi und Plethi -- dann fiel von der abgerungenen Hochachtung
-auch für den Mann ein gut Teil ab, der dem Ehrenstandpunkte zum Siege
-verhalf und seine Zugehörigkeit zur besten Klasse klar und deutlich und
-weithin sichtbar bewies.
-
-Alle diese Gründe, in einem Selbstgespräche und vor dem Spiegel mit
-Kraft vorgetragen, brachten Herrn Anton Gumposch schnell zu dem
-Entschlusse, seine Person in den Vordergrund zu schieben und das
-pöbelhafte Ereignis auf ein höheres Niveau zu bringen.
-
-Der Weg zu diesem Unternehmen war vorgezeichnet. Daß Herr Tresser nicht
-erst einer Überredung bedurfte, um in der Sache klar zu sehen, war wohl
-anzunehmen.
-
-Hingegen erschien es mehr als zweifelhaft, ob Herr Georg Pfaffinger
-nach Erziehung und Charakter in der Lage war, seine Pflicht zur
-Genugtuung voll zu begreifen.
-
-Hier also mußte der Leiter der Angelegenheit einsetzen.
-
-Zum ersten war die Frage zu prüfen, ob der Brauereivolontär
-satisfaktionsfähig war.
-
-Vor nicht langer Zeit hatte die Regierung der Brauereiakademie den
-Charakter einer Hochschule verliehen, und damit war offenbar nicht nur
-dem Biersieder die Würde einer gelehrten Beschäftigung zugesprochen
-worden, sondern auch den Kandidaten die Eigenschaft des akademischen
-Bürgers.
-
-Es bestand sohin gegründete Hoffnung, daß Herr Georg Pfaffinger auch
-von strengen Beurteilern für satisfaktionsfähig betrachtet werden
-konnte -- -- aber!
-
-Ob sich der Mann diese Eigenschaft selbst zuerkannte, in einem
-Zeitpunkte, da sie für ihn brenzlich war, das mußte bezweifelt werden.
-
-Gumposch, der sich zuweilen auch jovial zu geben wußte, kannte
-Schorschl von einigen gemeinsamen Früh- und Abendschoppen her und hatte
-einen Einblick getan in dessen robustes und bildungsfremdes Wesen.
-
-Der ungeschlachte Jüngling hatte von Welt und Menschen eine durchaus
-bräuburschige Ansicht, und seiner Art lag es bestimmt näher,
-Streitigkeiten mit Watschen als mit Pistolenschüssen auszutragen.
-
-Vielleicht wäre jeder andere zurückgeschreckt vor der Aufgabe, einen
-Pfaffinger über ritterliche Pflichten aufzuklären, vielleicht hätte
-jeder andere dieses hoffnungslose und übel angebrachte Beginnen von
-sich gewiesen, aber Gumposch hatte das stärkste Vertrauen auf die
-Macht seiner Persönlichkeit, und er ging sogleich daran, sein Vorhaben
-auszuführen.
-
-Er zog seinen Gehrock an und bedeckte das Haupt mit einem Zylinderhute,
-und wenn dieser feierliche Aufzug an einem Werktage in Dornstein
-Aufsehen erregen mußte, so war das ganz und gar nicht den Absichten des
-Herrn Gumposch zuwider, denn er war nicht der Mann, eine so wichtige
-Sendung in Heimlichkeit und Stille zu vollziehen.
-
-Im Gegenteil, als er an diesem hellen Vormittag über den Stadtplatz
-wandelte, verstärkte er so viel er nur konnte durch seine düstere Miene
-die Seltsamkeit seiner Erscheinung, und er bemerkte es gerne, daß man
-die Hälse reckte und aus Fenstern nach ihm sah.
-
-Der Metzgermeister Eder pfiff und schrie hinter ihm her, was denn los
-wäre, und der Uhrmacher Haas nahm hastig das Vergrößerungsglas von
-seinem Auge und humpelte ins Freie.
-
-»Herr Gumposch! Pst! Sie Herr Gumposch, is a Leich oder was?«
-
-»Heut is keine Leich oder was,« sagte Gumposch ungnädig und wie ein
-Mann, der nicht aufgehalten zu werden wünscht.
-
-»Ja no! Weil S' an Bratlrock o'hamm. Machen S' an B'suach?«
-
-»Besuch?«
-
-Gumposch blickte dem neugierigen Uhrmacher ins Auge und sagte, jede
-Silbe betonend: »Jawohl, Herr Haas, ich mache einen Besuch!«
-
-Haas verstand, daß hier irgend etwas im Hintergrunde lauere, und
-erschrak beinahe darüber.
-
-»S ... soo? Und bei wem, wenn i frag'n derf?«
-
-»Sie dürfen eben nicht fragen.«
-
-»Net?«
-
-»Respektive,« sagte Herr Gumposch, »respektive ich darf Ihnen keine
-Antwort nicht geben ...«
-
-»Ja, aber ...«
-
-»Was?«
-
-»I moan, warum nacha net?«
-
-»Weil es Dinge gibt, Herr Haas, über die man nicht spricht.«
-
-Bei diesen Worten machte Gumposch eine scharfe Wendung nach links in
-die Hafnergasse und ließ den verblüfften Uhrmacher in tiefem Sinnen
-stehen.
-
-».... Wei ... weil ...?«
-
-Weil es Dinge gibt, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen
-läßt, schlichter Bürger ...
-
-Schauen Sie ihm nach, wie er dahin geht mit dem in die Stirne
-gedrückten Zylinder, winken Sie Ihrem Nachbar, dem Lohgerber, zu,
-der mit noch aufgekrempelten Ärmeln unter der Türe steht, wispert
-miteinander, lacht oder klopft vielsagend an die Stirne, ihr ahnt es
-nie, daß dieser Mann einen Gang geht, von dem Leben oder Tod abhängen
-kann!
-
-Obwohl dem bedeutsam Ausschreitenden auch von hinten etwas anzusehen
-wäre, was man Schicksalsschwere nennen könnte.
-
- * * * * *
-
-»Herein!«
-
-Mit stark verschleimter Stimme: »Herein!«
-
-Herr Pfaffinger drehte sein Haupt, auf dem alle Haare wirr
-durcheinander geraten waren, mühsam gegen die Türe hin und versuchte
-es, die verklebten Augen zu öffnen.
-
-Sein unsagbar leerer Blick fiel auf seine Hausfrau Margarete
-Holdenried, die ihn eifrig und mehrmals anrief.
-
-»Herr Pfaffinger! Herr Pfaffinger!«
-
-»Wos denn?«
-
-»Da Herr Gumposch is da!«
-
-»Da ... da ...?«
-
-»Da Herr Gumposch!«
-
-Das Erinnerungsvermögen Schorschels erstreckte sich offenbar nicht auf
-diese bedeutende Persönlichkeit.
-
-Er sagte »von mir aus!«, gähnte und drehte sich um.
-
-»Ja, aba Herr Pfaffinger, da Herr Gumposch möcht Ihnen doch sprechen!«
-
-»Han?«
-
-»Er muß Ihnen auf der Stell sprechen, hat er g'sagt ...«
-
-»Mi?«
-
-»Freilich, es muaß was Dringends sei ...«
-
-»Er soll ma mei Ruah lass'n ...«
-
-»Ja, aba, wenn er do sagt ...!«
-
-»I steh net auf.«
-
-Frau Holdenried stand ratlos unter der Tür und sah auf ihren
-Zimmerherrn, der die Decke über die Schultern zog und zu schnarchen
-anfing.
-
-»Aba ...«
-
-»Lassen S' mich nur herein,« sagte Herr Gumposch, schob sie höflich ein
-wenig beiseite und betrat das Zimmer.
-
-»Jessas, wia's aba da ausschaugt!« seufzte Frau Holdenried, »... und
-... und ...« setzte sie bei und öffnete ein Fenster.
-
-»Ich muß eine Viertelstund' allein sein mit 'n Herrn Pfaffinger,«
-mahnte der Besucher.
-
-»Aba wia's da ausschaugt!«
-
-»Das ist jetzt Nebensache ... auf das geb' ich gar nicht acht ...«
-sagte Herr Gumposch.
-
-»Ja no, wenn S' meinen, aba ...«
-
-Frau Holdenried schüttelte mißbilligend das Haupt und übersah noch
-einmal mit einem Blick die wüste Unordnung im Zimmer, hob die Weste vom
-Boden auf, erhaschte die beiden Stiefel, schüttelte wieder das Haupt
-und ging.
-
-Es war still in dem Zimmer; vom Bett her tönte es leise und gleichmäßig
-wie der Klang einer langsam gezogenen Säge.
-
-»Herr Pfaffinger!«
-
-Es kam keine Antwort, und die Haarwildnis, welche in den Kissen lag,
-geriet nicht in die geringste Bewegung.
-
-Gumposch klopfte mit dem Stock auf das Bett, einmal, zweimal, öfter.
-»Herr Pfaffinger!«
-
-Die Haarwildnis drehte sich um, langsam schob sich die Decke ein wenig
-herunter, und langsam schob sich der Deckel des einen Auges so weit
-hinauf, daß dieses verständnislos auf Herrn Gumposch starren konnte.
-
-Dieser nahm einen Stuhl und setzte sich mitten in das Zimmer. Sein
-Kinn stützte er fest auf die Hände, die er über der Krücke seines
-Spazierstockes gefaltet hatte, und richtete seine Augen ernst und
-unverwandt auf den jungen Menschen, dem er eine Pause gönnte, um die
-Wichtigkeit des Augenblickes wie jene des Besuchers allmählich zu
-begreifen.
-
-Schorschl schloß vor den strengen Blicken des Herrn Gumposch die Augen
-und öffnete sie nur zögernd wieder, und immer auf ein neues zeigte sich
-darin Erstaunen über die Erscheinung des Sendboten der Ehre.
-
-Dieser räusperte sich etliche Male und sagte mit tiefer Stimme:
-
-»Ja, ja ... das ist eine böse Sache, Herr Pfaffinger!«
-
-Schorschels Gedanken reihten sich noch keineswegs geordnet aneinander.
-
-»Wia?« fragte er.
-
-»Sie haben sich was Böses eingerührt, gestern nachts ...«
-
-Die Erinnerung an eine leise knarrende Stiege, an eine Türe, die beim
-Schließen ein wenig geächzt, an eine Hand, die ihn geführt hatte, die
-Erinnerung an volle Arme, die sich um seinen Hals geschlungen hatten,
-tauchte in Herrn Pfaffinger auf und vermochte ihn, seine Augen weiter
-zu öffnen.
-
-Da saß vor ihm ein Mann, der ihn bitter ernst anblickte und beinahe
-traurig mit dem Kopfe nickte ... irgendein Grund mußte ihn doch
-hergeführt haben ... sollte wirklich der Vater was gemerkt ... die
-Tochter was gestanden haben?
-
-Sein Herz fing an, schneller zu schlagen.
-
-»Wia?« fragte er unsicher, beinahe ängstlich.
-
-Gumposch, als ein gewiegter Menschenkenner, sah wohl, daß seine
-Anwesenheit Gemütsbewegungen verursachte, und das freute ihn und
-erregte in ihm sogar ein gewisses Wohlwollen mit seinem Opfer.
-
-»Tja!« sagte er, »lieber Pfaffinger, wie stellen Sie sich das vor, daß
-die Sach 'nausgeht?«
-
-Wie stellte man sich das vor?
-
-Die Gedanken Schorschels richteten sich langsam auf ein paar
-Möglichkeiten, Unannehmlichkeiten, auf Verdruß daheim, Verlust an Geld,
-auf lange Weibsbilderreden.
-
-Er sah zerknirscht aus, was Gumposch sich hoch anrechnete, und da er
-nun den Augenblick gekommen sah, wo er mit einer wohlgesetzten Rede
-einfallen mußte, erhob er sich und wandelte im Zimmer hin und wieder
-und war darauf bedacht, seine Perioden abzurunden.
-
-»Da haben wir die alte Geschichte,« sagte er, »die Jugend, die einfach
-... brrr ... drauf los stürmt, nichts überlegt, an keine Folgen nicht
-denkt, hitzig, nichts wie hitzig! Wacht man hernach am andern Tag auf,
-dann kommt die Überlegung. Jetzt sieht der Mensch, was er für eine
-Dummheit gemacht hat. Wie? Was sagen S'?«
-
-Schorschl sagte eigentlich nichts. Er brummte wohl etwas in die
-Bettdecke hinein, aber es gehörte nicht unbedingt zur Sache und paßte
-keineswegs zu dem würdigen Ton, den Herr Gumposch angeschlagen hatte
-und festhielt. Bemerkenswert war nur, daß der junge Mensch in diesem
-Augenblicke beschloß, faustdick zu lügen und nichts zu gestehen, nicht
-das geringste zu gestehen und faustdick zu lügen. »Ja, da brummen Sie!«
-konnte nun der Redner fortfahren, »das verdrießt Sie womöglich noch,
-daß man Ihnen die Wahrheit sagt, aber die müssen Sie schon annehmen
-von einem Manne, der das Leben kennt und der in solchen Dingen seine
-Erfahrung hat. Seine reichliche Erfahrung, mein lieber Pfaffinger, und
-Sie müssen ja nicht glauben, daß ich über die Sache urteile, wie ...
-wie ... sagen wir ... ein Prolet oder ein Bürger ... Ich sage auch
-nicht, daß so was absolut nicht vorkommen kann ... du lieber Gott! Ich
-war auch kein Guter, wie ich so alt war wie Sie, ich war ein verdammt
-scharfer Kerl, das kann ich Ihnen sagen, und deswegen verstehe ich das
-Vorkommnis, verstehe es vollkommen. Sie müssen nicht glauben, daß ich
-Ihnen Vorwürfe machen will, ich betrachte es nur als meine Aufgabe,
-Ihnen mit Rat und Tat beizustehen ...«
-
-Schorschl fand, daß dieser Mann sehr lange brauchte, bis er die Katze
-aus dem Sack ließ, und er betrachtete ihn blinzelnd und voll Unbehagen,
-wie er da auf und ab schritt und redete wie ein Buch.
-
-Er sollte endlich einmal herausrücken mit der Farbe, damit man
-frischweg lügen konnte ...
-
-»Pfaffinger,« sagte Herr Gumposch nun väterlich und zutunlich und sah
-den jungen Menschen wohlwollend an, »Pfaffinger, Sie betrachten sich
-doch selber als satisfaktionsfähig?«
-
-»... Wia?«
-
-»Nachdem Weihenstephan jetzt eine Hochschule ist, nicht wahr, haben
-doch die Angehörigen dieser Hochschule, nicht wahr, auch ihrerseits das
-Bestreben, als satisfaktionsfähig zu erscheinen ...?«
-
-»Wia?«
-
-Gumposch wurde ärgerlich.
-
-»Also, das ist doch klar, daß Sie dem Herrn Rechtspraktikant Tresser
-nicht bloß eine herunterhauen können und damit fertig! Wir leben doch
-nicht unter den Aschantis, nicht wahr, oder unter den Bauern ...«
-
-»Ja so!« Schorschl sagte es nicht eigentlich und deutlich. Seine
-ganze ängstliche Spannung löste sich auf in einem »Ja so!« Er rutschte
-mit einem kaum zu beschreibenden wohligen Gefühle tiefer unter die
-Decke, er streckte froh und erleichtert die Beine aus und spielte
-behaglich mit den Zehen und drehte sich gegen die Wand, und sein ganzes
-Wesen war nur ein »Ja so!« »Wir leben doch nicht unter den Aschantis!«
-wiederholte Gumposch, der diesen seelischen Vorgang nicht bemerkte,
-weil er eben seinen Marsch durch das Zimmer wieder aufnahm. »Wenn ihr
-Weihenstephaner das Bestreben habt, unter die Gebildeten aufgenommen
-zu werden, so müßt ihr auch klar sein, daß es hier, daß es in solchen
-Dingen nur ein Entweder -- Oder gibt. Entweder man ist Knote, oder man
-gehört zu den Leuten, welche die Verantwortung für ihre Handlungen auf
-sich nehmen. Ist man Knote, will man Knote sein, -- gut! Dann war es
-nicht notwendig, daß ich mich hierher bemüht habe, dann war es sehr
-überflüssig, sich den Rat eines Mannes zu erbitten, der von Jugend auf
-gewohnt ist, Differenzen in ehrenhafter Weise auszutragen. Dann war
-es ganz und gar nicht angebracht, sage ich, einem solchen Manne die
-Entscheidung zu überlassen, die Entscheidung darüber, ob hier anständig
-oder proletenhaft, jawohl, ich sage proletenhaft, verfahren werden
-soll; denn darüber konnte kein Zweifel sein, wie meine Ansichten sind,
-und jedenfalls würde ich es mir ganz energisch verbitten, in diesem
-Punkte Zweifel zu haben. Wie gesagt, die Frage lautet ganz einfach:
-»Wollen Sie ein Knote sein und als Knote gelten, Herr Pfaffinger? Ja
-oder nein?«
-
-Es ertönte weder das eine noch das andere. Sondern, erst leise
-einsetzend, dann zäh und wuchtig, als gelte es, Verlorenes nachzuholen,
-schnarchte der junge Mensch, dem hier so eindringlich wie uneigennützig
-ins Gewissen geredet worden war. Schnarchte dergestalt, daß jede
-Aussicht auch auf zeitweilige Unterbrechung ausgeschlossen erschien.
-Gumposch war mehr als indigniert, er war angefüllt mit Verachtung. Er
-nahm Stock und Hut, stellte sich vor das Bett und warf einen stechenden
-Blick auf diese jedes Pflichtgefühles bare und trotzdem in tiefstes
-Behagen versunkene Masse.
-
-»Also Knote!« sagte er und ging.
-
- * * * * *
-
-Aber, wie gesagt, über all dem darf man nicht vergessen, daß
-ein Mitglied der besseren Stände, und einer, dem die Laufbahn im
-Staatsdienste eröffnet war, vor einem zusehenden Publikum das erhalten
-hatte, was auch eifrigste Beschönigung eine Maulschelle heißen mußte.
-Daß sie nicht einfach hingenommen werden konnte, war die Meinung aller
-Beamten, deren Leidenschaftlichkeit nicht gänzlich unter Aktenstaub
-erloschen war, und so konnte denn ein aufmerksamer Beobachter wohl
-bemerken, daß zwei Tage nach dem Vorfalle ein lebhafter Frühschoppen
-im Gasthofe zur Post herrschte. Der gebildete Teil der Bevölkerung
-trank hier ein Glas Wein und trank es mit tiefstem Unwillen, mit einem
-Gefühle, das man seiner weisen Mäßigung halber Indignation nennen
-könnte.
-
-Er hatte sich immer mehr erhitzt, als Gumposch erklärte, daß der
-ungehobelte Flegel, nämlich Herr Georg Pfaffinger, nicht das geringste
-Verständnis für das Wesen der Satisfaktion besitze.
-
-Solange darüber nicht Klarheit herrschte, hatten die alten
-Studenten und freien Burschen das unangenehme Nebengefühl gehabt,
-daß ein Waffengang in Dornstein auch für entfernt Beteiligte große
-Unannehmlichkeiten nach sich ziehen könne. Jetzt, da für ängstliche
-Bedenken kein Platz mehr war, traute sich bei Oberamtsrichter
-Herzensfroh wie bei jedem der tiefe Ingrimm über den Lümmel hervor. Man
-war sich sogleich darüber einig, daß unter diesen Umständen dem ganzen
-klobigen Spießbürgertum ein heilsamer Schrecken eingejagt werden müsse
-durch eine scharfe Forderung auf Pistolen.
-
-Natürlich würde sie Pfaffinger nicht annehmen, wie Herr Gumposch immer
-wieder versicherte, aber die bange Erkenntnis würde in ihm aufdämmern,
-daß er mit seiner Roheit an Kreise geraten war, deren scharfkantige
-Ehrbegriffe ihm furchtbar erscheinen mußten. Ihm und den anderen, die
-gegenüber von der Post beim Lammwirt saßen und, wie man recht gut
-wußte, ein unflätiges Vergnügen an dem bisherigen Gang der Ereignisse
-bezeigten.
-
-Also über diese Notwendigkeit war man sogleich einig, und nun warf
-Oberamtsrichter Herzensfroh die wichtige Frage auf, wer das Amt
-des Kartellträgers, des, wie Gumposch versicherte, vergeblichen
-Kartellträgers übernehmen sollte.
-
-In die engere Wahl kamen nur zwei Herren: Anton Gumposch und der
-pensionierte Leutnant Hans Mühlritter, denn es stand fest, daß kein
-Beamter sich der Aufgabe widmen durfte, weil die Expedition nicht
-geheimbleiben konnte und sollte.
-
-Gumposch, ein mit dem Kodex der ritterlichen Pflichten vertrauter
-Mann, mußte die Wahl ablehnen, da er schon in anderer Eigenschaft, als
-Ratgeber und eventueller Sekundant, dem Menschen, nämlich Herrn Georg
-Pfaffinger, nähergetreten war, und so blieb nur Mühlritter übrig, der,
-ohne einen Augenblick zu zögern, seine Zusage gab.
-
-»Für einen alten Soldaten,« sagte er, »gibt es da kein langes hin
-und her. Man stellt sich auf den Posten. _Bong!_« Alle dankten ihm
-herzlich, fast lärmend, und Gumposch, der, wie immer, den günstigen
-Augenblick ersah und das Richtige traf, bestellte eine Flasche guten
-Rheinweines.
-
-Unter ihrem Einflusse wurde Mühlritter sehr gesprächig, und da er
-in seinem Leben wohl nie derartig in den Mittelpunkt des Interesses
-gestellt gewesen war, nützte er diese einzige und späte Gelegenheit
-nach Kräften aus.
-
-Er war durch den magersten Ruhegehalt gezwungen, als Inspektor einer
-Lebensversicherung Nebenverdienst zu suchen, und in dieser Eigenschaft
-hatte er sich eine hinströmende und bilderreiche Redeweise angeeignet.
-
-So verbreitete er also eine Atmosphäre von Ritterlichkeit und rauher
-Soldateska um sich und gab zu verstehen, daß solche Gänge, wie der
-vorhabende, zu seinen Gewohnheiten gehört hätten in jenen Tagen, die er
-mit Zungenschnalzen und Verdrehen der Augen seine tolle Leutnantszeit
-hieß.
-
-Da Gumposch fleißig einschenkte und die Tafelrunde ihn mit
-Wohlwollen anhörte, geriet er immer tiefer in seine waffenklirrende
-Vergangenheit und berichtete Abenteuer, als wäre er bei Pappenheims
-Kürassieren gestanden und nicht im glorreichen Jahr 1866 zum Leutnant
-auf Kriegsdauer ernannt worden, und er überschüttete die Krämer,
-Brezelbäcker und Kälberstecher Dornsteins mit unsäglicher Verachtung,
-ganz vergessend, daß sie seine Mitbürger und Gläubiger waren.
-
-Als die Mittagsglocke läutete, erwachten alle Familienväter aus ihren
-Heldenträumen und erhoben sich.
-
-Junker Hans Mühlritter sah jedem vielversprechend ins Auge und teilte
-derbe Händedrücke aus und vermaß sich noch einmal und immer wieder,
-er wolle noch desselbigen Tages ein Feuerlein anschüren, an dem die
-Frechheit Pfaffingers wie Butterschmalz zergehen werde.
-
-Dann blieben sie zu dritt am Tische sitzen, der Leutnant-Inspektor,
-Anton Gumposch und Tresser.
-
-Die Gläser klangen hell und häufig aneinander, und Mühlritter trank,
-wie es recht war, Bruderschaft mit dem Jüngling, dessen Fehdebrief er
-dem Gegner überbringen sollte, und der Korpsphilister Gumposch hielt
-nicht an sich, sondern bot dem alten Kriegsknecht das traute »Du« an
-und küßte ihn auf das weinsäuerlich duftende Maul.
-
-Und ein rauhes Wort gab das andere, und jugendliche Abenteuer tauchten
-auf und verschwanden wieder im Nebel des Zigarrenrauches, und Tresser
-versank in tiefe Traurigkeit darüber, daß sein Feind nicht auf dem Plan
-erscheinen werde.
-
-»Und nacha,« so erzählt die Kellnerin Zenzi, »und nacha hat der Herr
-Gumposch an Schampaniger zahlt, und da san 's allaweil b'suffener worn,
-und der notige Leitnant is auf an Sessel durchs Zimmer g'ritt'n und
-hat kummadiert, und de andern san hinter eahm drei' g'ritt'n, und wenn
-er Galopp g'schriean hat, sans mit die Stühl so umanandbockelt, daß
-zwoa brocha san, und g'sunga ham 's, und da Herr Gumposch hat mit sein
-Steck'n umanandg'fuchtelt, als wenn er an Sabl in da Hand hätt', und
-nacha hat er a Lamp'n aba g'haut, und nacha san 's hoam.«
-
- * * * * *
-
-Nicht alle gingen heim, wie Zenzi glaubte, sondern Junker Hans
-marschierte über den Stadtplatz, und obwohl er krampfhaft sein Ziel,
-den Eingang der Hafnergasse, ins Auge faßte, landete er dennoch in
-schräger Linie seitab davon auf dem jenseitigen Bürgersteig und
-gelangte erst nach mehreren Schwierigkeiten vor die Wohnung der Frau
-Holdenried, welche erschrocken über den heftigen Klang der Glocke
-herausstürzte.
-
-Der ihr nicht unbekannte Inspektor der Assekuranzgesellschaft Bolivia
-gab sich die größte Mühe, finster und ahnungsschwer auszusehen und das
-selige Lächeln aus seinem Antlitze weichen zu lassen.
-
-Er fragte mit hohler Stimme, ob ein gewisser Georg Pfaffinger anwesend
-und gegenwärtig sei.
-
-»Nein, der komme erst in einer guten Stunde heim, und Jessas -- Jessas
-na! was es denn schon wieder gebe?«
-
-»Nichts für Weiber!« war die Antwort, und da schaute nun die gute
-Witwe Holdenried dem über die Treppe hinab Polternden in banger, aber
-ungestillter Neugierde nach und faltete die Hände ineinander, wie es
-die Frauenzimmer in solchen Lagen tun.
-
-»Jessas na! Also seit zwei Täg' is keine Ruh und kein Fried mehr im
-Haus ...«
-
-Und eine Treppe tiefer kam die Frau Sattlermeister Widmann, welche
-durch den lauten Abstieg Mühlritters in Argwohn versetzt worden war,
-aus ihrer Wohnung.
-
-»Was gibt's denn, Frau Holdenried?«
-
-»Denken S' Ihnen nur, g'rad jetz is der Inspektor dag'wes'n und hat
-nach 'n Herrn Pfaffinger g'fragt ...«
-
-»Der Mühlritter?«
-
-»Ja, und wie der ausg'schaut hat, sag' ich Ihnen, und wie der g'fragt
-hat ... na ... das is grad, als wenn mein Zimmerherr kein Ruh' mehr
-krieg'n derf ...«
-
-Frau Widmann kam nach oben und stand lange bei ihrer Hausgenossin und
-tauschte mit ihr die schlimmsten Befürchtungen aus.
-
-Aber das war an diesem Tage das Los aller Dornsteiner, dieses Leben in
-Angstzuständen.
-
-Als Anton Gumposch, den Hut tief in die Stirne gedrückt, nach Hause
-ging, befiel ihn ein Gedanke, der seiner Gewissenhaftigkeit und
-allgemeinen Fürsorge angemessen war.
-
-Wie? Wenn er sich getäuscht hatte? Wenn der junge Mensch die Last
-der Verachtung als zu groß befand und im letzten Augenblicke den
-Forderungen der Ehre Gehör schenkte?
-
-Mußte nicht zum wenigsten die Möglichkeit ins Auge gefaßt werden?
-
-Und wer sollte sie ins Auge fassen, wenn nicht er?
-
-Die Verantwortung, die so mit einem Male vor ihm stand, hob beinahe
-alle Nachwirkungen des Frühschoppens in ihm auf, und er vermochte sich
-Rechenschaft zu geben über die Reihenfolge der Pflichten, die ihm
-bevorstehen konnten.
-
-Einen Platz auswählen, Fuhrwerke besorgen, einen Arzt ins Vertrauen
-ziehen, nun natürlich ... einen Arzt um Beistand ersuchen, drei
-Kutschen bestellen, einen Platz aussuchen ... einen Arzt ... Da lag
-nun wieder einmal, wie so oft schon, alles auf seinen Schultern,
-die anderen redeten und ließen sich's weiter nicht kümmern, bloß er
-natürlich hatte die Arbeit, die Lauferei, die Sorge.
-
-Er war zu Hause angelangt und stellte sich vor den Spiegel und sah
-kummervoll in das blaurote Antlitz, welches ihm mit verschwommenen
-Augen entgegenblickte.
-
-»Wer dankt dir's eigentlich, Toni?« fragte er wehmütig. »Und was hast
-du davon? Scherereien und Ärgernis, jawohl, und zuletzt Undank ...«
-
-Als er so fast in Schmerz versinken wollte, fiel sein Blick auf die
-Pistolen, die an der Wand hingen, und sogleich fand er seine Tatkraft
-wieder. Freilich! Pistolen brauchte man ja auch, und in ganz Dornstein
-war vielleicht kein gleiches Paar außer den seinen zu finden.
-
-Er nahm sie herunter, und da sie Rost angesetzt hatten, wollte er sie
-sogleich zum Büchsenmacher bringen.
-
-Vergessen war jedes lähmende Gefühl.
-
-Er umwickelte die Waffen sorgfältig mit einer alten Zeitung und stand
-schon eine Viertelstunde später mit seinem Paket unterm Arm in der
-Werkstatt des Xaver Reindl, der einen Gewehrlauf putzte und dabei
-Unterhaltung pflog mit Herrn Magistratsrat Trinkl.
-
-Gumposch setzte seine geheimnisvollste Miene auf und erregte die
-Neugierde des Büchsenmachers durch Nicken und Blinzeln.
-
-Er räusperte sich, gab ausweichende Antworten, trat von einem Fuß auf
-den andern und zeigte so viel Ungeduld und Heimlichkeit, daß es sogar
-Herr Trinkl merkte und ging.
-
-»Reindl,« sagte nun Gumposch, indes er dicht vor den Meister hintrat
-und ihn durchbohrend anblickte, »Reindl, können Sie schweigen?«
-
-»Ja, was glauben S' denn, Herr Gumposch ...«
-
-»Kein Mensch darf nichts erfahren ...«
-
-»Aba Herr Gumposch, i bin do a Mann, der ...«
-
-»Gut, ich verlaß mich auf Sie.«
-
-Bei diesen Worten öffnete Gumposch sein Paket.
-
-»A paar alte Vorderladerpistol'n?«
-
-»Reindl, die Pistolen müssen heut noch herg'richt werden, Lauf, Piston,
-alles sauber geputzt.«
-
-»Heut no?«
-
-»Es muß unbedingt sein.«
-
-Wieder traf ein durchbohrender Blick den Büchsenmacher.
-
-Der musterte eine Pistole und probierte die Feder.
-
-»Rostig san 's ... no, wenn's sei muaß ...«
-
-»Unbedingt.«
-
-»Aber net, daß i ...«
-
-»Was?«
-
-»Aber net, daß i da in a Schlamassel nei kimm.«
-
-»Wieso denn? Ich brauch die Pistolen zum Übungsschießen. Sie haben sich
-um gar nichts zu kümmern.«
-
-Der Meister drückte sein linkes Auge zu und schaute Herrn Gumposch
-vielsagend an.
-
-Der nickte und wiederholte: »Zum Übungsschießen. Hab' ich was andres
-g'sagt?«
-
-Seine Blicke verrieten freilich, daß hinter seinen Worten ein blutiges
-Geheimnis lauerte, aber es kam nichts über seine Lippen, und darum
-konnte Reindl sein Gewissen beschwichtigen.
-
-»Von mir aus,« sagte er, »Sie schaffen's o -- net? Und i mach's -- net?
-Und es g'hört zu mein G'schäft -- net?«
-
-»Ganz richtig,« entgegnete Gumposch, »und dann bleibt's dabei, ich hol'
-abends die Pistolen und komm' hinten herein. Adieu!«
-
-»Adjes! Sie ... Herr Gumposch ...«
-
-»Was?«
-
-»Aba net, daß i in a Schlamassel einikimm?«
-
-»Nein, sag' ich. Reden nur Sie nix drüber.«
-
-Er ging.
-
-Der Meister kratzte sich hinter den Ohren und schaute bedenklich vor
-sich hin. »Sakera! Sakera!«
-
-»Pst! Xaverl! Is der spinnata Deifi weg?«
-
-Reindl wandte sich hastig um. Der Herr Magistratsrat Trinkl war durch
-die hintere Tür eingetreten. »I bin zu deiner Alt'n eini und hab'
-g'wart', bis der furt is. Was hat er denn woll'n, daß er's gar so gnädi
-g'habt hat?«
-
-»Ah ... nix b'sunders!«
-
-»So?« machte Trinkl mißtrauisch und warf flinke Blicke herum.
-
-»Zu was g'hör'n denn de Pistol'n?«
-
-»De? Ah ... de hab i scho lang do.«
-
-»Lüag no net a so, Mannderl! De hat der bracht. Ah, da schau her! Jetzt
-kam's do no so weit!«
-
-»Was denn?« fragte der Büchsenmacher neugierig.
-
-»De möcht'n den junga Mensch'n frei zwinga zu dera Dummheit! De
-Spitzbuab'nbande überananda!«
-
-»Red do!« drängte Reindl.
-
-»Ja ... red! Und du muaßt aa no dazua helf'n!«
-
-»I? Zu was?«
-
-»De Pistol'n herricht'n, gel, daß de eahna Duwäldummheit ausführ'n
-kinna!«
-
-»Was denn für a Duwäl?«
-
-»Du woaßt nix, du Schlaucherl!«
-
-»I woaß aa nix. Mach' halt amal 's Maul auf!«
-
-»So, woaßt d' net, daß de an Pfaffinger Schorschl o'stift'n möcht'n, er
-müaßt si duwelieren, weil er an Tresser a richtige Pretsch'n geb'n hot,
-wia 's a si g'hört. Vo dem host du no gar nix läut'n hör'n?«
-
-Reindl pfiff durch die Zähne.
-
-»So? Dös waar's?«
-
-»Ja, dös waar's, und du bist der Dumm' und laßt di in de G'schicht
-einiziahg'n ...«
-
-»Herrgott, wenn i nix woaß ...«
-
-»Jetzt woaßt d' as, weil i dir's g'sagt hab. Aba wart no, da wer i
-glei g'holf'n hamm,« sagte Trinkl und nahm mit einem raschen Griff die
-Pistolen und steckte eine in die linke und eine in die rechte Tasche.
-
-»Wart! De ko si der Hansdampf jetzt bei mir hol'n.«
-
-»Aba Michl!«
-
-»Wos aba? Nix aba! I bin an Amtsperson, verstand'n? Und bal i a
-Werkzeug siech, wo ein Verbrech'n damit beganga wer'n soll, dös
-konfiszier i ganz oafach ...«
-
-»Ja, mir is gleich ...«
-
-»Derf da scho gleich sei ... Derfst d' sogar froh sei, daß i di von
-dera Dummheit z'ruckg'halt'n hab. Dös waar dös wahre, wenn a Bürger aa
-no zu so was helfat!«
-
-»Wenn i dir sag, daß i nix g'wißt hab!«
-
-»Aber unwissend was hättst du eahm de Waff'n g'liefert. Wurdst scho
-g'schaugt hamm, Manndei, wia s' di füra zog'n hätt'n!«
-
-»Ja no, du host jetzt de Pistol'n, und mi geht's nix mehr o, bal du
-sagst, daß du's von Amts weg'n gnumma host ...«
-
-»Hab' i aa.«
-
-»Aba, was soll i denn zu eahm sag'n, bal er kimmt?«
-
-»Zu eahm? Zu dem Gschaftlhuaba? Sagst d' eahm, die Waffe hat der
-Magistrat an sich gezogen, sagst d'; und bal er a Duwäl hamm will, soll
-er si a Wurschtspritz'n z' leicha nehma, sagst d' eahm! Pfüat di Good!«
-
-Und in aufrechter Haltung schritt Herr Trinkl hinaus und schritt durch
-die Gassen Dornsteins, anzusehen wie ein Räuberhauptmann, denn aus
-jeder Tasche sah drohend ein Pistolenkolben hervor.
-
- * * * * *
-
-Gärung in der Stadt. Die Bürgerschaft, durch einen ihrer Besten
-in Kenntnis gesetzt und durch Vorzeigung zweier Pistolen zur
-zweifelsfreien Überzeugung gebracht, daß in den Mauern Dornsteins
-ein hoffnungsvoller, auch wohlhabender junger Mensch zu einem
-lebensgefährlichen Abenteuer, ja zu einem Verbrechen gezwungen werden
-solle, fühlte sich bedroht und vergewaltigt und in ihrem Glauben an die
-Gesetzlichkeit der Zustände schwankend.
-
-Jeder wußte über Beobachtungen zu berichten, die er in den letzten
-Tagen gemacht hatte. Der eine war dem Rädelsführer Gumposch, der andere
-dem notigen Leutnant in der Pfaffengasse begegnet, dieser hatte den
-Oberamtsrichter, jener den Assessor in die »Post« wandern sehen, ein
-dritter wußte schon, welche drohenden Reden beim Frühschoppen gehalten
-worden waren, und die ganze Kette der Verdachtsgründe war geschlossen
-durch die Entdeckungen, welche Trinkl beim Büchsenmacher zu machen so
-glücklich war.
-
-Es bestand also eine Verschwörung in dieser friedlichen Stadt,
-angezettelt von Dienern des Staates und darauf gerichtet, das Blut
-eines jungen, auch wohlhabenden Menschen zu vergießen und dem Moloch
-der Ehre ein Opfer zu bringen.
-
-Der Abendschoppen beim Lammwirt glich einer Volksversammlung, und
-Bäckermeister Schwarz konnte die ganze Zügellosigkeit seines Wesens
-offenbaren, ohne den geringsten Widerspruch zu finden.
-
-Von Lohgerber Holzböck aber ging eine Anregung aus, die Besseres
-bezweckte als diese wütende Despektierlichkeit: die Anregung, eine
-Deputation nach München zu schicken, dem Abgeordneten Hiempsel den
-Sachverhalt vorzulegen und durch ihn den Landtag zum schleunigsten
-Einschreiten zu veranlassen.
-
-Dieser Antrag fand außerordentlichen Beifall, und man ging sogleich
-daran, die geeigneten Männer auszusuchen.
-
-Bäckermeister Schwarz erbot sich freiwillig, als Sprecher dieser
-Deputation das seinige zu tun, wurde aber von dem Vater der Idee, Herrn
-Bartholomäus Holzböck, darüber belehrt, daß Männer, die gewissermaßen
-als Gesandte der hier versammelten Bürgerschaft auftreten müßten, nur
-nach geheimer Abstimmung aus einer Wahlurne hervorgehen könnten, und
-man war eben dabei, die dazu nötigen Zettel zu verteilen, als die
-Tür aufging und -- Georg Pfaffinger an der Seite Hans Mühlritters
-eintrat. Die überraschende, sonderbare und alle bisherigen Vermutungen
-zerstörende Erscheinung der beiden wirkte so stark, daß sogleich
-betretenes Schweigen herrschte.
-
-Man konnte in Gegenwart Mühlritters, der doch aus dem feindlichen Lager
-kam, nicht in der Wahl fortfahren, man konnte auch angesichts der
-Gelassenheit Pfaffingers nicht mehr so fest an einen Mordplan glauben,
-man fühlte sich behindert und unsicher und fühlte auch mit Bedauern,
-daß eine schönste Gelegenheit zum Spektakelmachen zu entschlüpfen
-schien.
-
-Die Gegenstände der Aufmerksamkeit setzten sich in offenbarer Harmonie
-an einen Nebentisch, bestellten Bier und stießen wahrhaftig miteinander
-an. Da hielt es Trinkl nicht mehr aus!
-
-Er bat den Jüngling, für dessen Menschenrechte er so lebhaft
-eingetreten war, um eine Unterredung und ging mit ihm an jenen Ort,
-wo solche geheimen Angelegenheiten mit Vorliebe behandelt werden, und
-erfuhr nun, daß nichts los sei.
-
-Daß rein gar nichts los sei.
-
-Keine Rede von einer Forderung, einem Duell, einem Mord.
-
-Aber der Gumposch? Der Frühschoppen in der Post? Aber die Pistolen?
-
-Was wußte Schorschl davon? Nichts. Was gingen ihn der damische Gumposch
-und seine Geschichten an? Gar nichts.
-
-»Aba der Mühlritter? Sie wer'n do mir d' Wahrheit sag'n, Herr
-Pfaffinger, indem daß mir für Eahna so auftret'n!«
-
-»Natürli sag' i Eahna d' Wahrheit, Herr Trinkl. Überhaupts.«
-
-»Indem daß mir a Deputation auf Minka hamm schick'n woll'n!«
-
-»I tat do Eahna nix verheimlinga, Herr Trinkl!«
-
-»Aba was hat na da Mühlritter von Eahna woll'n?«
-
-»Nix. Oder daß i's richtig sag', er hat mi in sei Lebensvasicherung
-aufgnumma ...«
-
-»In ...?«
-
-»In sei Boliefia ...«
-
-»Ja ... Herrgott ... und mir strapaziern ins da oba ...«
-
-Gewiß war es merkwürdig. Noch viel merkwürdiger, als ein Bürger wissen
-konnte, der den Schwur des Junker Hans nicht mit angehört hatte. Aber
-trotzdem -- es war so.
-
-Sei es nun, daß Mühlritter unter der Einwirkung der starken Weine den
-Zweck seines Besuches vergessen, sei es, daß er sich bei allmählicher
-Ernüchterung auf seine eigentlichen Berufspflichten besonnen hatte,
-Tatsache ist, daß er Herrn Georg Pfaffinger in gewählten Worten
-die Vorzüge der Assekuranzgesellschaft Bolivia vor jeder anderen
-gleichen oder ähnlichen Unternehmung vor Augen stellte und ihn, Herrn
-Pfaffinger nämlich, auch bewog und überredete, seine Unterschrift
-zu geben, Tatsache ist ferner, daß von einer Forderung oder irgend
-etwas dem ähnlichen nicht die leiseste Erwähnung geschah. Mit diesen
-Tatsachen hatte sich, da in Dornstein nichts verborgen bleiben konnte,
-die gesamte Einwohnerschaft abzufinden, und sie erregten, was hier
-konstatiert werden soll, allgemeine Zufriedenheit.
-
-Die größere bei dem Beamtenkörper, dessen Mitglieder jene beim
-Frühschoppen gefaßten Beschlüsse noch am selben Nachmittag heftig
-bereut hatten, die kleinere Zufriedenheit bei den Bürgern, die schon
-begonnen hatten, sich in aufgeregten Zuständen behaglich zu fühlen.
-
-Ein einziger Mensch war empört über das unglaublich niedrige Niveau,
-auf dem sich die Gesellschaft Dornsteins nun ein für allemal zu bewegen
-schien: Herr Anton Gumposch.
-
-
-
-
- Das Volkslied
-
-
-Es erwachte damals die Freude am Volkstum, und man konnte überall
-recht wohl den Drang bemerken, sich von echten, kleinsten Zügen der
-Volksseele zu überzeugen und sie in gehaltvollen und gewundenen Sätzen
-wiederum zu schildern.
-
-Neben Wortprägungen, die mit Heimat, Scholle, Erde, Erdgeruch wackere
-Zusammenhänge fanden, begegnete man herzig schlichten Romanen, die, als
-Aufgüsse über den würzigen Bodensatz Gottfried Kellerscher Getränke,
-Farbe und Geschmack annahmen, und begegnete auch heimatliebenden,
-von jeder peinlichen Tendenz abgekehrten Schulaufsätzen, welche man
-ehedem Feuilletons genannt hatte. In dieser wonnigen, schollenseligen
-Zeit bemühten sich auch Berufsmenschen, Perlen im Aktenschutte zu
-finden, und so nahm sich ein Rechtsanwalt namens _Doctor juris_ Anton
-Habergais vor, seine mitten in Land und Leute verschlagene Existenz
-folkloristisch zu verwerten und seltene Lieder zu sammeln. Er glaubte,
-daß sich ungehobene Schätze genug unter niederen Dächern befinden
-konnten, und er wollte sie ans Licht ziehen und mit ihrer Naivität
-ein heimatfrohes Publikum entzücken. Der Gedanke war kaum gefaßt und
-im vorhinein lieblich verbrämt, als Herr Habergais auch an seine
-Verwirklichung schritt und sich ein in Leder gebundenes Heft von
-schönem Büttenpapier kaufte.
-
-Er stellte sich freudig vor, wie er wohl an stillen Winterabenden hier
-hinein Lied für Lied mit Beibehaltung der ursprünglichen Schreibweise
-eintragen wollte benebst Anmerkungen unter einem mit roter Tinte zu
-ziehenden Striche.
-
-Nach etlichen fleißigen Monaten ließ sich dann wohl ein Büchlein
-daraus formen, welches den Forschern zur Erquickung, anderen aber zur
-Belehrung dienen mußte. Wie war nun aber das Material herbeizuschaffen?
-
-Der ehedem solchen Zwecken gerne dienstbare Volksschullehrer hatte
-sich leider im Laufe der Zeiten daran gewöhnt, seine Entdeckungen
-selbst zu Aufsätzen, zu Heften und Büchlein zu verwerten, und war
-als selbstloser, höchstens im Vorworte erwähnter Mitarbeiter kaum
-mehr zu haben. Darum blieb nichts übrig, als unter Umgehung dieses
-Sammelbeckens sich geradeswegs an die Quellen zu begeben, was ja einem
-Rechtsanwalt immerhin möglich war.
-
-So kam also Herr Doktor Habergais mit sich überein, von rechtsuchenden
-Bauern selbst Beiträge zu erbitten.
-
-Ein in seiner Gemeinde Weidach wohlangesehener Ökonom, Jakob Hirtner,
-genannt Matheiser, kam in seiner Angelegenheit zu Habergais, als dessen
-Entschluß gerade gereift war.
-
-Nach dem Geschäftlichen ging der Rechtsanwalt zu einem jovialen Ton
-über, klopfte dem Matheiser auf die Schulter und begann zu fragen.
-
-»Hirtner, nicht wahr, bei Ihnen in Weidach wird doch häufig gesungen?«
-
-»G'sunga?«
-
-»Ich meine die jungen Mädchen, die zum Brunnen gehen, die Burschen auf
-der Landstraße -- --«
-
-»Brunna?«
-
-»Ja, die Mädchen, die vom Dorfbrunnen Wasser holen -- --«
-
-»Mir hamm ja gar koan Dorfbrunna net -- --«
-
-»Nu also, bei einer anderen Gelegenheit, nach der Arbeit, wenn der
-Abend sinkt -- --«
-
-»Bei ins hat a jeda selm sein Brunna -- --«
-
-»Ich sage Ihnen ja, die Gelegenheit, bei der es geschieht, ist ganz
-Nebensache. Ich denke überhaupt an den Feierabend, wenn alt und jung
-vor den Türen steht -- --«
-
-»Beim Schuastahansl waar scho a Brunna bei da Straß hiebei, aba dersell
-hat koa Wassa it -- --«
-
-»Ja ... ja ... lassen wir diese Brunnenfrage endgültig fallen. Ich
-möchte nur in Erfahrung bringen, #was# diese jungen Mädchen, verstehen
-Sie, Matheiser, #welche# Lieder sie singen.«
-
-»Han?«
-
-»Und Sie sollen mir dabei helfen, Matheiser. Sie sollen mir die Texte
-verschaffen.«
-
-»Han?«
-
-»Sie müssen mir aufschreiben oder aufschreiben lassen, Wort für Wort,
-was eure jungen Mädchen singen.«
-
-»I?«
-
-»Jawohl, und ich will Ihnen genau sagen, wie Sie das machen müssen ...«
-
-»Ja, was woaß denn i?«
-
-»Also, passen Sie auf! Nicht wahr, zum Beispiel, Sie hören die Anna
-oder die Liesel singen ...«
-
-»Was für a Liesel?«
-
-»Irgendeine; ich meine irgendein Mädchen, das nächstbeste Mädchen hören
-Sie singen ...«
-
-»Bal i aba koane hör'?«
-
-Herr Doktor Habergais sah mit einem gramvollen Zug im Gesichte
-sein Gegenüber an, und er fühlte, wie eine nervöse Abspannung, ein
-prickelndes Gefühl den Rücken entlang seinen Eifer vermindern wollte;
-aber er gab sich einen Ruck, er lächelte, er klopfte Herrn Hirtner mit
-der flachen Hand auf die Schulter, obwohl sich ihm die Finger krümmten,
-obwohl sich ihm die Hand ballen wollte. »Verstehen Sie mich wohl,
-Matheiser, Sie hören schon eine, oder Ihr Nachbar hört eine, oder Ihre
-Frau hört eine ...«
-
-Habergais sprach jedes Wort scharf und gereizt aus. »Gut also, irgend
-jemand hört irgendeine« -- es klang wie ein Befehl --, »verstanden,
-dann gehen Sie zu ihr hin und sagen: Meine liebe Liesel ...«
-
-Hier wollte nun Hirtner doch nicht länger schweigen.
-
-»Was für a Liesel?«
-
-»Herrgott, Mensch! Matheiser, will ich sagen, Liesel, Anna, Marie,
-ganz wurscht, wie sie heißt; Sie sagen zu ihr: Mein liebes Mädchen«
--- Habergais machte hinter jedem Wort eine Pause und schrie das
-nachfolgende um so lauter --, »mein liebes Mädchen, du hast soeben ein
-Lied gesungen. Welches ist der Inhalt desselben? Sprich mir die Worte
-vor, oder, noch besser, schreibe sie mir auf! Das sagen Sie zu ihr!
-Haben Sie mich jetzt verstanden, Matheiser?«
-
-»Na!«
-
-Der Rechtsanwalt setzte sich und blickte zu Boden, während eine
-fliegende Hitzwelle von seinem Nacken über die Ohrlappen hinzog,
-während seine Stirnhaut pelzig wurde, bis dann ein erlösender Schweiß
-ausbrach.
-
-»Sie haben mich nicht verstanden?«
-
-Die Frage klang heiser.
-
-»Weil Sie sag'n von an Brunna, und weil mi do koan Brunna durchaus gar
-it hamm ...«
-
-»Ja, wer redet denn noch von einem Brunnen? Ja, wer redet denn noch von
-einem blöden Himmelherrgottsakramentsbrunnen?«
-
-»Net?«
-
-»Nein! Aber ich will von vorne anfangen. Setzen Sie sich einmal,
-Matheiser! Da, mir gegenüber -- so! Also lassen wir in drei Teufels ...
-also lassen wir die Mädchen ... nicht wahr, Ihre Burschen singen doch
-auch?«
-
-»Bal's b'suffa san, scho ...«
-
-»Nüchtern oder betrunken ... das ist mir jetzt ganz egal ... Matheiser
-... jetzt schweifen Sie nicht mehr ab!... Belauschen Sie Ihre Burschen
-...«
-
-»Wia?«
-
-»Hö--ren Sie ihnen zu! Hö--ren Sie den jung--en Bur--schen zu!«
-
-»Bal's b'suffa san?«
-
-»Wenn sie sing--en! Nicht wahr?«
-
-»De plärr'n scho a so, daß ma's hört ...«
-
-»Ja -- also, dann können Sie um so leichter tun, was ich meine. Hören
-Sie ihnen zu und schreiben Sie auf, #was# die Burschen singen ...«
-
-»Schreib'n? Allssammete?«
-
-»Jawohl! Ich will die Lieder sammeln. Ich will genau wissen, was für
-Lieder sie singen ...«
-
-»Ja ... aba ...«
-
-»Nichts aber. Sie können doch schreiben, nicht wahr ...? Es braucht
-nicht schön zu sein ... Sie schreiben einfach Wort für Wort auf, und
-damit Sie es lieber tun, will ich Ihnen für jedes Lied was bezahlen.
-Verstehen Sie mich jetzt?«
-
-»Ja, guat! I vasteh Eahna ganz guat ...«
-
-»Na, endlich? Und dann sind wir einig?«
-
-»Was kriag i nacha, bal i schreib?«
-
-»Hm ... sagen wir ... für jedes Lied ... hm ... sagen wir fünfzig
-Pfennige ...«
-
-»A Fufzgerl?«
-
-»Für jedes Lied; wenn Sie mir zum Beispiel sechs bringen, bekommen Sie
-drei Mark, einen Taler, Matheiser.«
-
-»Aha, an Taler! Na bring i halt sechsi ...«
-
-»Soviel Sie eben hören, nicht wahr? Es können mehr sein, es können
-weniger sein ...«
-
-»Ja ... ja ... sechsi wern's leicht ...«
-
-»Gut, und damit adieu, Matheiser!«
-
-»S' Good, Herr Dokta!«
-
-Habergais blickte dem Ökonomen nach, lange und sinnend.
-
-Denn hier drängte sich nun auch ein Allgemeines und ein Besonderes der
-Betrachtung auf. Die schlichte, geradeaus zielende Art, zu denken,
-welche dem Volke eignet, dieses Festhalten an einer Vorstellung und
-diese gewisse Unbiegsamkeit der Folgerungen, welche in einer Linie auf
-einen Punkt hinstreben und nie nach den Seiten hin ausladen. Dieses
-schien ein Problem zu sein, und zwar ein beachtenswertes.
-
- * * * * *
-
-Tja -- ja.
-
-Übrigens waren seitdem etwa drei Wochen ins Land gegangen, und Doktor
-Habergais gedachte wohl öfter seines Vorhabens und malte sich nicht
-ohne Behaglichkeit die literarischen Aufgaben aus, welche ihm die
-Wintermonate verkürzen konnten.
-
-Er blätterte in dem Hefte aus schönem Büttenpapier und sah im Geiste
-die Seiten mit reinlicher Schrift gefüllt, die Titel der Lieder in
-zierlicher Rundschrift in die Mitte gesetzt, dann den roten Strich, und
-kluge landeskundige Anmerkungen und Erläuterungen darunter geschrieben.
-
-Es konnten sehr lange, begleitende Kommentare werden, wenn man etwas
-Dialektforschung trieb, über Wortwerte, Wertunterschiede einzelner
-Dialektformen sich verbreitete, Belegstellen anführte und überhaupt
-wissenschaftlich verfuhr.
-
-Ob sich der Matheiser noch an sein Versprechen erinnerte?
-
-Es däuchte Herrn Doktor Habergais manches Mal zweifelhaft, aber dann
-glaubte er doch wieder, daß die Freude am leichten Verdienst den Mann
-anspornen könnte.
-
-Und wirklich kam eines Vormittags Jakob Hirtner zur Türe herein und
-holte ein in Zeitungen gewickeltes verknittertes Schulheft aus der
-Tasche.
-
-»Ha! da ist ja mein Mitarbeiter ... da ist ja der Matheiser! Na, also
-haben Sie Lieder gefunden?«
-
-»Herr Dokta, i sag's glei, wia's is, schö hab i net g'schrieb'n ...«
-
-»Macht doch nichts!«
-
-»Und ... an Arbeit is dös! Des sell tat i fei nimma! A Markl derfat'n
-S' no extra zahl'n, a so hab i mi scho plagt ...«
-
-»Darüber läßt sich reden ...«
-
-»D' Bäurin hat aa g'sagt, daß dös koa Macha net is, sagt's, und wei ma
-mit da Tint'n a so umanandschmiert, sagt's ...«
-
-»Wie viele Lieder haben Sie denn, Matheiser?«
-
-»Sechsi, wia ma's ausg'macht ham.«
-
-»Sechs? Bravo! Das ist schon ein Anfang!«
-
-»Ja, san drei Markl, und oane derfat'n S' no spitz'n, weil d' Bäurin aa
-sagt, dössell derfat ihr nimma fürkemma ...«
-
-»Na -- gut, Matheiser! Ich gebe Ihnen vier Mark, aber Sie versprechen
-mir, daß Sie auch weiter für mich sammeln, das heißt gelegentlich ein
-Lied aufschreiben ...«
-
-»Na ... na! Herr Dokta, dössell konn i durchaus gar it vasprecha, und
-mit'n Schreib'n hon i's überhaupts it. I tua ma scho so bluati hart,
-daß 's höcha nimma geht ...«
-
-»No ... no ... Matheiser, so schlimm ist das nicht. Später haben Sie
-vielleicht selber Freude daran ...«
-
-»Dös glaab i gar it.«
-
-»Da haben Sie vier Mark, und nun geben Sie mir Ihre Aufschreibungen!«
-
-Hirtner nahm das Geld und wickelte das fettige Zeitungspapier
-auseinander.
-
-»I ho's in a Heft von mein Deandl einig'schrieb'n,« bemerkte er,
-»müassen's scho entschuldinga, bal's it schö g'schrieb'n is ...«
-
-»Das ist ganz nebensächlich ... nur her damit!«
-
-Doktor Habergais nahm nicht ohne Hast das verschmierte, öl-, tinten-
-und fettfleckige Heft an sich und öffnete es.
-
-Es war wirklich auf den ersten Blick zu erkennen, daß hier eine
-ungeübte, schwere Hand gewaltet hatte, aber das gerade verlieh dem
-Ganzen einen gewissen Reiz.
-
-Wie die Buchstaben bald schief, bald gerade standen, wie die Zeilen
-bergauf und talab liefen, wie hier die Feder sich gesträubt und dort
-festgehakt hatte, wie sie hier ausgeglitten war und dort sich mühsam
-in das Papier eingebohrt hatte, wie unter verwischten, aufgeschleckten
-länglichen und runden Klecksen Buchstaben, halbe Worte, ganze Worte
-versteckt lagen, alles das war unvergleichlich anziehender als etwa
-eine glatte, charakterlose Schrift.
-
-Eben weil es echt war, von unleugbar schwielenbedeckter Hand oder --
-nein! -- Faust mühsam hingesetzt.
-
-Habergais lächelte befriedigt und begann zu lesen.
-
-Äs ... p ... brr ... prraußt ... ein ... r ... rh ... ruhf ... wie t
-... tohner ... hal ... wie s ... ß ... schwärth ... ke ... geklirr un
-... wa ... wah ... gen ... bral ...«
-
-..................................??
-
-»Was ist das? Was soll das sein, Matheiser?«
-
-»Han?«
-
-»Was das sein soll, frage ich.«
-
-»A Liad ...«
-
-»Das ist doch 'Die Wacht am Rhein'!«
-
-»Ko scho sei, daß 's a so hoaßt ...«
-
-»Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen mir Lieder aufschreiben, die
-Ihre Burschen singen --«
-
-»Ja, dös singan s'.«
-
-»Das??«
-
-»Dös singan s' fei gern!«
-
-»Also ... Matheiser ...!«
-
-Habergais überflog die anderen Seiten, die aus Bruchstücken
-erkenntlichen Lieder.
-
-Ein sehr langes. »Heul unsern Känig ... heul!« ein kurzes »... im
-gruhnen walth is holzauxion ...« und wieder »O du liber augastien«,
-»Ich hath einen Kahmeraten« und das letzte noch »Das schöne land,
-wo meine wihge stand.« Der Rechtsgelehrte blickte den Ökonomen
-durchdringend an.
-
-»Also das sind ...??«
-
-»Dös singan s' allssammete,« sagte Hirtner treuherzig und ohne Arg ...
-»und derfan S' g'wiß glaab'n, Herr Dokta, daß i mi schö plagt hab', und
-d' Bäurin sagt aa, mit dem Glump derfst ma nimma komma, sagt s' ...«
-
-»Es ist recht, Matheiser, Sie haben Ihre vier Mark, gehen Sie!«
-
-»Und, sagt d' Bäurin, a so a spinnate Arbet, sagt s', muaß 's net glei
-wieda geb'n ...«
-
-»Gehen Sie, sage ich!«
-
-»Und ... Herr Dokta ... bal 's grad gang, soll i Eahna nomal a sechsi
-aufschreib'n ...?«
-
-Habergais wollte heftig werden, besann sich eines Besseren und sagte
-mild:
-
-»Nein, Matheiser, es genügt ...«
-
-»Aba wenn S' moanen?«
-
-»Es genügt. Adieu!«
-
-»S' Good, Herr Dokta!«
-
-
-
-
- Auf dem Bahnsteig
-
-
-»Es wird Herbst!« sagte Major Burkhardt und blickte den Studienlehrer
-fest an mit seinen furchtlosen Soldatenaugen.
-
-Er sagte es mit Betonung, als suchte er in seinem Begleiter bestimmte
-Vorstellungen zu erwecken.
-
-»Ja -- -- ja,« seufzte Professor Hasleitner, »es wird allmählich kalt.«
-
-»Und ungemütlich. Kalt und ungemütlich.«
-
-Der Major wies auf die Kastanien vor dem Dornsteiner Bahnhofe, deren
-gelbe Blätter sich fröstelnd zusammenkrümmten.
-
-»Um fünf Uhr wird es Nacht. Ein schlecht geheiztes Zimmer. Eine
-qualmende Lampe. Die Zugeherin bringt lauwarmes Essen aus dem Gasthof.
-Stellt es unfreundlich auf den Tisch. Das ist Ihr Leben.«
-
-Hasleitner hatte ins Weite geblickt, zu dem Walde hinüber, an dessen
-Fichten der Nebel lange Fetzen zurückließ.
-
-Der soldatisch bestimmte Ton des pensionierten Majors weckte ihn auf.
-
-»Wie?« fragte er.
-
-»Ich sage, Sie müssen heiraten.«
-
-Der alte Soldat deutete auf die tiefer gelegene Stadt, deren Häuser
-behaglich aneinandergerückt waren.
-
-»Das ist das Glück!« sagte er. »Eine Frau am Herde, fleißig, um unser
-Wohl besorgt und stattlich.«
-
-Er beschrieb mit der Rechten eine nach rückwärts ausbauchende runde
-Linie.
-
-»Und stattlich!« wiederholte er.
-
-Hasleitner sah, wie es weiß und grau und dick und dünn aus vielen
-Kaminen rauchte, und er schien die Gemütlichkeit des Anblickes zu
-verstehen.
-
-In seine Augen trat ein freundlicher Schimmer, und man konnte glauben,
-daß er an Herdfeuer dachte, oder an die runde, sich nach rückwärts
-ausbauchende Linie.
-
-Überhaupt, er war ein träumerischer Mensch.
-
-Sorglos im Äußeren, den Hemdkragen nicht immer blendend weiß, die
-Krawatte verschoben, den Bart naß von der letzten Suppe, aber in den
-Augen Herzensgüte, im ganzen Wesen eine Verträumtheit, die immer wieder
-zum Nasenbohren führte.
-
-Kein Mann, der Backfische begeistern konnte, aber einer, der älteren
-Töchtern hundert Dinge zeigte, die man in lieber Häuslichkeit flicken,
-stopfen und bürsten mochte.
-
-Und doch -- dieser Mann, geschaffen, von den Ärmeln einer bürgerlichen
-Schlafjacke umfangen zu werden, war durch eine seltsame Laune des
-Schicksals mit einer verdorbenen Phantasie belastet, also daß seine
-Gedanken an das weibliche Geschlecht sich stets mit Vorstellungen
-von Eisbärenfellen verbanden, von Eisbärenfellen, auf denen dünne,
-lasterhafte Beine in schwarzen Seidenstrümpfen ruhten. Noch dazu
-lehrte er die Wissenschaft der Geographie und stieß auf der Landkarte
-immer wieder auf Orte, wo seine Sinne knisternde Seide und herrlich
-verstöpselte Parfüms vermuten durften.
-
-Paris -- Wien -- Budapest --
-
-Ein Gefühl, das mit seiner heimlichen Sehnsucht zusammenhing, trieb ihn
-täglich zum Bahnhofe, wo Punkt fünf Uhr der große Schnellzug hielt, der
-glücklichere Menschen von einer Großstadt in die andere führte.
-
-Hier hatte nun der quieszierte Major den Träumer angesprochen, und ein
-freundlicher Zufall fügte es, daß beide, als sie auf dem Bahnsteige
-kehrtmachten, der Gattin des Offiziers gegenüberstanden, wie auch der
-Tochter Elise.
-
-In merkwürdig schnellem Gedankengange brachte der Professor das
-vorausgegangene Gespräch von Stattlichkeit in Zusammenhang mit der
-Erscheinung Elisens, und vielleicht ohne daß er es wollte, drang seine
-unlautere Phantasie dem älteren Mädchen durch Mantel und Rock und
-begann, sich Dinge auszumalen.
-
-Freilich nicht langgestreckte, seidenumhüllte Beine, aber
-Rundlichkeiten, mit denen sich die Vorstellung von Wärme und Innigkeit
-verbindet.
-
-Die Tochter des Majors fühlte den sengenden Blick des Philologen, und
-als eine reife Blume, die sie war, öffnete sie willig ihre Blätter
-den wärmenden Strahlen. Dieses heimliche, unbewußte Suchen und dieses
-bewußte Entgegenkommen spann Fäden zwischen den beiden, welche das
-erfahrene Mädchen bald genug aufzuspulen beschloß, und es schickte sich
-alsbald mit einem lieblichen Lächeln dazu an.
-
-Freilich war dieser Professor kein Gegenstand für brennende Wünsche und
-verzehrende Glut, indessen wohl ein Objekt, das sich mit baumwollenen
-Ärmeln sanft umfangen ließ, nachdem es vorher sorgfältig gereinigt war.
-
-Keine berauschend süße Frucht, sondern ein säuerlicher deutscher
-Hausapfel, der aber, im Kachelofen gebraten, einigen Wohlgeschmack
-bieten konnte.
-
-Und das Mädchen schickte sich alsbald an, den heimlichen Faden zu
-ergreifen, als mit dumpfem Brausen der Schnellzug in die Station
-einfuhr.
-
-Die riesige Lokomotive schnaufte, als wäre sie in der langen,
-stürmischen Fahrt außer Atem gekommen, und die langen, schönen Wagen
-standen da, als ruhten sie kurze Augenblicke, um weiterzujagen in die
-weite Welt.
-
-Mit einem Male hatte Hasleitner alle Gedanken an runde Mädchenreize
-vergessen; sie versanken vor ihm, er sah sie nicht mehr.
-
-Dort im ersten Coupé schob eine schmale Hand den Vorhang zurück, und
-ein Paar müde Augen blickten entsetzt auf die Philister, hier prallte
-ein entzückender Kopf entrüstet zurück.
-
-Es war die große Welt, die eine Minute lang Dornsteiner Luft einzog und
-Pariser Odeurs zurückgab.
-
-Und da stand es auf weißen Tafeln und war darum kein phantastisches
-Märchen: Paris -- Avricourt -- Wien --
-
-Ja ... ja ... diese nämlichen Wagen waren gestern noch in Paris gewesen!
-
-Jene fabelhaften Damen, von denen man sich erzählt, daß sie gierig
-und unerbittlich Jagd machen auf gut gebaute Männer, waren an ihnen
-vorbeigewandelt, hatten süße Blicke in sie hineingeworfen, und von
-ihrem Dufte hing etwas an Türen und Fenstern und verwirrte den Sinn
-eines deutschen Jugendbildners.
-
-Wußte man, ob nicht eine solche Tigerin da drinnen auf schwellenden
-Polstern saß und einen breitbrüstigen Germanen mit ihren Blicken
-verschlang?
-
-Odette, Suzette -- Germaine -- ah!
-
-Hier steht ein Gymnasiallehrer von gänzlich unverdorbener Jugend,
-und der für schlanke Waden und schwarze Strümpfe die heftigsten
-Empfindungen angestaut hat.
-
-Warum seufzt ihr erleichtert auf, da sich nun der Zug in Bewegung setzt?
-
-Ihr saht erstaunt auf die Kostüme, die im Dornsteiner Atelier für
-_modes_ und _confection_ kreiert waren, ihr saht Spitzbäuche und
-gepreßte Busen, faltenreiche Hosen und geschmierte Stiefel, aber ihr
-saht nicht in das Herz des blonden Professors und wißt nicht, wie er so
-ganz der Eure ist!
-
-Fort!
-
-Die Lokomotive pfeift jubelnd aus der Station hinaus, als freute auch
-sie sich, diesem Neste entronnen zu sein ...
-
-Diesem Himmelherrgott ...
-
-»Warum so träumerisch?« lispelte Elise und blickte schelmisch auf den
-Professor, der dem Zuge nachstarrte und in der Nase bohrte.
-
-Da traf sie ein Blick, so leer, so fremd und so feindselig ..., daß sie
-unter dem flanellenen Höschen eine Gänsehaut überlief.
-
--- -- Der Faden war zerrissen -- --
-
-
-
-
- Tja -- --!
-
-
-Eine bunte Gesellschaft, wie sie die Sommerfrische zusammenführt,
-saß im Postgarten zu Binswang und freute sich des schönen Abends und
-führte kluge Gespräche über dies und das. Alle Anwesenden vorzustellen,
-wäre ermüdend, denn es waren zwei lange Tische, an denen in dichter
-Folge Männer und Frauen saßen, und es genüge hier zu sagen, daß ein
-Kommerzienrat Diestelkamp aus Barmen, wie auch ein Landgerichtsdirektor
-Höfler aus Fürth und ein pensionierter Hauptmann darunter waren und dem
-Kreise das Gepräge der besseren Gesellschaft verliehen.
-
-Auch das bedeutende oder interessante Element fehlte nicht, da am
-Vormittage der bekannte Schriftsteller Harry Mertens eingetroffen war,
-dessen lyrische Gedichte und Versdramen nicht erst hervorgehoben werden
-müssen.
-
-Er saß neben seiner Frau, die ihn an Stattlichkeit bei weitem
-übertraf, denn er war eine kleine semmelblonde Erscheinung mit
-kreisrunden blauen Augen und einem merkwürdig entsagungsvollen Lächeln
-um den süßen Dichtermund, während sie einen heftig arbeitenden Busen
-und pralle Arme und ein Doppelkinn hatte.
-
-Die Gesellschaft würdigte vollkommen die Ehre, mit einem gedruckten,
-besprochenen und aufgeführten Genius unseres Volkes an einem Tische zu
-sitzen, und nicht nur waren es die Damen, welche mit leuchtenden Augen
-an ihm hingen, sondern auch die Herren Diestelkamp und Höfler legten
-eine mit Neugierde vermischte Ehrerbietung an den Tag.
-
-Man hatte unmittelbar nach Mertens Ankunft nicht geahnt, mit wem man
-es zu tun hatte, und Frau Mertens hatte nicht früher als beim ersten
-Mittagmahle Gelegenheit gefunden, solche Bemerkungen hinzustreuen,
-welche allgemeine Aufklärung verschafften, indem sie laut nach einer
-Zeitung rief und den Semmelblonden fragte, ob nichts von ihm oder
-über ihn darin stünde. Sie wiederholte die Frage, schlug die stark
-rauschenden Blätter hastig um, überflog das Gedruckte und sagte, daß zu
-ihrer Verwunderung keine Notiz zu finden sei.
-
-Sie beruhigte sich erst, als die Pfeile saßen und von den Nebentischen
-forschende Blicke ihren Mann streiften, der seine Suppe aß und sich
-apathisch wie ein dem Publikum vorgezeigter Menagerielöwe verhielt.
-
-Frau Mertens warf zwischen Rindfleisch und Mehlspeise und zwischen
-Mehlspeise und Kaffee noch mehrmals die Angel aus, und als man sich
-erhob, biß Frau Direktor Höfler an und erhielt auf schüchterne Fragen
-eine erschöpfende Belehrung über das Stück Literaturgeschichte, welches
-der Zufall in ihren Kreis geworfen hatte.
-
-Am Abend war dann alle Welt so unterrichtet, daß sie dem Dichter
-Bewunderung zeigen und Kenntnis seiner Werke heucheln konnte.
-
-»Woher nehmen Sie Ihre Stoffe?« fragte Landgerichtsdirektor Höfler, der
-hier zum ersten Male eines Genius inquirieren konnte und entschlossen
-war, das Wesen der Schriftstellerei zu zerlegen. »Bietet sich Ihnen der
-Stoff, wenn ich so sagen darf, zufällig dar, oder erfassen Sie durch
-einen Willensakt die Materie, der Sie dann poetische Form verleihen?«
-
-»Tja ...« sagte der Dichter.
-
-»Ich meine, gehen Sie mit Überlegung und Absicht an das Objekt
-heran, oder drängt es sich unabhängig und gewissermaßen fertig Ihrem
-subjektiven Empfinden auf, oder ...«
-
-»Tja ...« sagte der Dichter.
-
-»#Oder#,« wiederholte Höfler mit erhobener Stimme, denn er liebte es
-nicht, unterbrochen zu werden, »oder ist die Produktion in ihrem ersten
-Stadium ein von den den Willen bildenden Momenten unabhängiger Vorgang
-Ihrer Phantasie, welcher dann erst in seinem späteren Verlaufe in den
-Bereich Ihrer geistigen Machtsphäre gelangt und so Ihrem formenden
-Verstande unterworfen wird?«
-
-»Er macht alles mit der Phantasie,« warf Frau Mertens ein, »er sitzt
-oft den ganzen Tag da und hat bloß Phantasie im Kopf; und dann kann man
-mit ihm reden, was man will, -- er hört einen nicht.«
-
-»Das wäre also ein passiv empfangender Vorgang, der zeitlich dem aktiv
-gestaltenden vorausgeht,« bestätigte Direktor Höfler und sammelte
-zustimmendes Kopfnicken ein, indem er die Tafel entlang blickte.
-
-»Ich denke es mir furchtbar interessant,« sagte Frau Kommerzienrat
-Diestelkamp, »wie so eine Dichtung entsteht; das muß zu spannend sein!
-Was hat man da nun eigentlich für ein Gefühl dabei?«
-
-»Tja ...« sagte der Dichter.
-
-»Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, was wir da für ein Gefühl haben,«
-warf wiederum Frau Mertens ein. »Zuerst, wenn wir anfangen, ist es
-sehr nett, weil man sich darauf freut, und dann in der Mitte wird es
-traurig, weil es oft nicht geht, aber dann, wenn es heraußen ist, sind
-wir wieder froh.«
-
-»Ich kann mir das sehr gut vorstellen,« meinte Frau Diestelkamp,
-»zuerst und dann ...«
-
-»So daß wir gewissermaßen drei Momente der aktiven Gestaltung
-unterscheiden,« warf der Direktor in erklärender Weise ein, »der
-von Hoffnungen getragene Beginn, das behinderte Werden und die
-Erleichterung der Vollendung.«
-
-»Ja, ich bin immer erleichtert, wenn er es heraußen hat, denn Sie
-glauben nicht, was man als Frau dabei aussteht. Beim zweiten Akt ist es
-am ärgsten, weil man da immer stecken bleibt. Beim ersten hat er noch
-Appetit und schläft gut und hat auch seinen regelmäßigen Stuhlgang. Sie
-entschuldigen, wenn ich das erzähle ...«
-
-»Aber ich bitte Sie, es ist ja so interessant,« unterbrach hier Frau
-Diestelkamp die lebhafte Dichtersgattin, welche sogleich fortfuhr: »Ja,
-beim ersten Akt ist alles in Ordnung, aber sowie der zweite angeht,
-ißt er weniger und wacht mitten in der Nacht auf und verliert seine
-Regelmäßigkeit und verändert sich überhaupt. Ich kenne es sofort, wenn
-der zweite Akt angeht, und ich sage dann zu meiner Köchin, daß sie
-leicht verdauliche Speisen kocht, und daß mir immer Kompott auf den
-Tisch kommt, und ich lasse ihn dann auch fleißig Hunyadywasser trinken,
-bis wir den zweiten Akt heraußen haben, denn der dritte geht schon
-wieder viel leichter. Er kriegt dann eine bessere Gesichtsfarbe und
-schwitzt auch nicht mehr so stark in der Nacht.«
-
-»Also die Lösung des Knotens gestaltet sich weniger schwierig, Herr
-Mertens?« wandte sich der Direktor an den Mann, der sich teilnahmslos
-erklären ließ.
-
-»Tja ...« antwortete dieser und schnitt an seinem Rettig weiter.
-
-Seine Frau aber ließ den Faden nicht aus der Hand gleiten.
-
-»Der dritte Akt geht auch viel schneller. Wir haben höchstens vierzehn
-Tage Arbeit damit. Heuer, beim 'Barbarossa' haben wir drei Wochen
-gebraucht, weil eine Szene vorkam, wo sich alles reimen mußte. Ich
-habe es ihm gleich gesagt, daß wir stecken bleiben; aber es war eine
-Liebeserklärung, und da hat er es so im Kopf gehabt. Ein paar Tage hat
-es gefährlich ausgesehen, und meiner Köchin ist es auch aufgefallen.
-Sie hat mich gleich gefragt: 'Was hat denn der gnä' Herr? Es wird doch
-um Gottes willen nicht schon wieder einen zweiten Akt geben?' 'Nein,'
-sagte ich, 'Lina, den haben wir dieses Jahr glücklich hinter uns, aber
-es muß sich vier oder fünf Seiten voll reimen, und Sie können ja für
-morgen eine Eierspeise mit Pflaumenmus richten, und wenn es dann noch
-nicht besser wird, wollen wir schon sehen.' Aber zum Glück waren dann
-am andern Tag die Verse heraußen, und es ging wieder von selbst.«
-
-Die Frauen der Tafelrunde hatten mit großem Ernste zugehört und nickten
-nun verständnisvoll mit den Köpfen.
-
-»So lebt man doch eigentlich als Frau die Werke seines Mannes mit!«
-unterbrach Frau Direktor Höfler das kurze Schweigen.
-
-»Ich kann es mir so gut vorstellen!« sagte Frau Kommerzienrat
-Diestelkamp.
-
-»Sie dürfen mir glauben, daß ich als Frau meinen Kopf beisammen haben
-muß, wenn #er# dichtet.«
-
-Frau Mertens zeigte bei diesen Worten auf ihren Gatten, der kindlich
-lächelnd seinen Rettig einsalzte. »Ich muß an alles denken, und mich
-trifft es viel härter wie ihn. Er sitzt einfach in seinem Zimmer und
-schreibt, aber ich habe die Haushaltung und muß genau achtgeben, daß
-wir noch waschen und reinemachen, vor der zweite Akt angeht, denn dann
-ist keine Zeit mehr zu so was, und es muß gut eingeteilt werden. Wie
-wir den 'Perikles' gedichtet haben, sind wir mit dem Stöbern gerade
-noch drei Tage in den zweiten Akt hineingekommen, und ich kann Ihnen
-bloß sagen, ich möchte das nicht wieder erleben, und ich habe auch beim
-'Theodorich' eine zweite Zugeherin genommen, daß wir nur ja schnell
-fertig geworden sind.«
-
-»Wie interessant!« rief Frau Diestelkamp aus, »es wird einem alles so
-näher gebracht. Ich habe bis jetzt gar keine rechte Vorstellung gehabt,
-wie es wohl in Dichterfamilien ist, und nun verstehe ich manches.«
-
-»Sie müssen aber trotzdem sehr glücklich sein,« fügte Frau Höfler
-hinzu. »Als Gattin eines Dichters! Ich stelle mir das entzückend vor.«
-
-»Ich möchte mit niemand tauschen,« erwiderte Frau Mertens, »obschon
-manches vorkommt, was einem Sorgen macht. Denken Sie sich, wir haben
-fünfzehn Jahre lang romantisch gedichtet, und jetzt geht das nicht
-mehr, und wir müssen modern schreiben, oder realistisch, wie man auch
-sagt. Das ist ein Schlag, kann ich Sie versichern! Mein Mann wollte
-noch immer nicht, aber was kann man gegen die Kritiker machen?«
-
-»Erlauben Sie mir die Bemerkung, gnädige Frau, daß ich da ganz auf
-Seite Ihres verehrten Gemahls stehe,« rief Herr Diestelkamp, »wir
-wollen gerade in unserer nüchternen Zeit die Romantik nicht missen, und
-wir suchen bei unsern Dichtern die herrliche Quelle der ... den ... den
-Ritt in ... ich wollte sagen, wir wollen immer noch einen Trunk aus der
-romantischen Quelle schlürfen.«
-
-»Es geht nicht,« sagte Frau Mertens mit einer Schärfe, die erraten
-ließ, daß man hier auf ein eheliches Streitthema gekommen war; »es geht
-durchaus nicht. Das nächste Stück muß er modern schreiben. Ich will
-nicht, daß die Zeitungen noch einmal von veralteter Manier schreiben,
-oder daß die Frau Nathusius die Nase rümpft, wenn sie mir begegnet,
-weil ihr Mann schon dreimal hochmodern gedichtet hat.«
-
-»Aber die romantische Muse Ihres Mannes wird sich dagegen sträuben,«
-sagte Direktor Höfler.
-
-»Sie #hat# sich gesträubt,« rief die streitbare Frau und blickte dabei
-mit einiger Strenge auf ihren Mann, der den endlich weinenden Rettig
-aß; »sie #hat# sich allerdings gesträubt, aber das ist jetzt vorbei.
-Ich muß es auch aushalten, und wenn es noch schlimmer wird bei den
-zweiten Akten.«
-
-»So geben also auch Sie den Ritt ins alte romantische Land auf?« fragte
-Diestelkamp, der sich nun auf das Zitat besonnen hatte, mit starkem
-Pathos.
-
-»Tja ...« antwortete der Dichter.
-
-
-
-
- Der Biedermann
-
-
-Der alte Buchberger Hans saß auf der Hausbank und ließ sich so
-behaglich wie die Katze neben ihm die warme Märzensonne auf den
-Pelz brennen. Auf dem Dache zerging der letzte Schnee, und eintönig
-plätscherte es von der Rinne auf die Kieselsteine. Drüben am Waldrande
-lag schon ein grüner Schimmer über den Sträuchern, und dem Hans kamen
-fröhliche Gedanken von schönen Tagen und Wiederaufwachen aus langem
-Schlafe.
-
-Zufrieden patschte er sich auf das linke Knie und rieb ein wenig daran.
-
-Das war auch wieder gut geworden; viel besser, als er geglaubt hatte
-nach dem bösen Fall im vorigen Jahre.
-
-Hätte leicht steif bleiben können, und das wäre ihm hart gefallen in
-seinen alten Tagen, und weil er ja auch noch arbeiten wollte neben den
-Jungen in dem kleinen Haushalte, der jede Beihilfe brauchen konnte.
-
-Aber so war es nun wieder recht geworden. Der Unfall zahlte ihm
-fünfzehn Mark alle Monate, und weiß Gott, wie wohl ihnen das Bargeld
-tat, wenn es noch so wenig war, und faulenzen brauchte er deswegen doch
-nicht.
-
-Er schlenkerte mit dem Fuß und streckte ihn wieder geradeaus.
-
-Es ging schon, jawohl, und vor ein paar Tagen war er mit dem Jungen
-auch auf der Bergwiese droben gewesen und war rechtschaffen müd
-geworden.
-
-Aber es ging und wurde alleweil besser.
-
-Alleweil besser.
-
-Da schau her! Den sonnigen Hang herauf kam ein Spaziergänger, ein
-städtischer Herr, der oft stehenblieb und ausschnaufte.
-
-Tat halt einem jeden wohl, Wärme und Sonnenschein.
-
-Jetzt nahm der Herr den Hut ab und trocknete sich die Stirne.
-
-Der sah beinahe aus wie der Bezirksarzt mit seinem langen Vollbart, und
-so groß und breitschultrig war er auch.
-
-Richtig, da fiel dem Buchberger ein, daß die Leitnerbäuerin krank war,
-und vielleicht ging jetzt der Doktor zu ihr ...
-
-Und war schon so.
-
-Von weitem schon lachte der Bezirksarzt freundlich, wie er den Alten
-erkannte, und der Hans stand auf und grüßte höflich.
-
-»Das is ja der Buchberger? Grüß Gott! Darf ich mich a bissel hersetzen?«
-
-»Ja freili, Herr Bezirksarzt! Oder soll i an Sessel außa hol'n?«
-
-»Na! I sitz gut g'nug.«
-
-»Gengan's g'wiß zum Leitner aufi?«
-
-»Ja ... mhm ... no, wie geht's Ihnen?«
-
-»Guat ... Herr Bezirksarzt ... Bin woh z'fried'n ...«
-
-»Das hört man gern ... ja! so ein alter Veteran laßt nicht aus!«
-
-Der leutselige Bezirksarzt klopfte dem Hans auf die Schulter und
-schaute ihm mit herzlichem Wohlwollen in die Augen.
-
-»Sie sind ja noch einer von Anno siebzig?« fragte er.
-
-»Siebazgi und sechsasechzgi.«
-
-»Und sechsundsechzig! Allen Respekt! Da haben Sie was durchg'macht im
-Leben!«
-
-»Ja ... dös ko ma wohl sag'n.«
-
-»Fürs deutsche Vaterland!«
-
-Und der freundliche Mann tätschelte wieder den braven alten Soldaten
-auf die Achsel.
-
-»No, von sechsasechzgi kann i net viel prahl'n,« sagte der Hans. »Da
-san ma de mehra Zeit retariert, weil si koa Mensch net auskennt hot und
-überhaupts ...«
-
-»Ja ... ja ... der Bruderkrieg!« sagte der Arzt lächelnd.
-
-»Aba ... siebazgi! Sakera Hosenzwickl! Da hamm's as ins dafür
-ei'kocht! I bin bei Wörth dabeig'wen und bei Sedan ... und nacha bei
-Orleanß hinten! Bei Kulmirs hamm s' an Major Gruaba neben meiner aufi
-g'schoss'n, und i und da Hage Pauli, mir hamm an im größt'n Feuer
-z'ruckbracht ... und hab aa 's Eiserne Kreuz kriagt für dös und bin
-belobigt wor'n vorn ganz'n Regament ...«
-
-»Ja, was Sie sagen!«
-
-Der Bezirksarzt streckte dem eifrigen Alten seine Hand hin. »Respekt --
-Buchberger! Ein deutscher Ritter des Eisernen Kreuzes! Da müssen wir
-Jüngeren den Hut ziehen!«
-
-»No ja! Es hätten's eigentli alle vadeant, denn was mir selbigsmal
-durchg'macht hamm, dös war a wengl hart ... und i sag's oft, de junga
-Leut achten's nimmer a so, aba es hat scho was braucht!«
-
-»Ja, die jungen Leute! Die werden von den sozialdemokratischen
-Zeitungen vergiftet. Das findet man nicht mehr, wie früher ... diese
-... diese Einfachheit und ... ah ... diese ... diese Vaterlandsliebe
-...«
-
-»Gel? I sag's aa'r allaweil! De Patriot'n san nimmer gar so viel! Und
-wenn ma was sagt, wurd ma glei ausg'lacht von de Grasteufl!...«
-
-»Es ist schlimm, Buchberger! Schlimm! Aber ein alter Soldat, wie Sie,
-der laßt sich nicht irrmachen ...«
-
-»Ja, was waar denn net dös? I laß net aus.«
-
-»Einer von der alten Garde! Han?«
-
-»Und de Erinnerung gab i net her ... dös derfen S' g'wiß glaab'n, Herr
-Dokta ... Sakera Hosenzwickl ... wia mir einmarschiert san ...«
-
-»In Paris? Was?«
-
-»In Paris net; da bin i net dabeig'wen, weil inser Regament heraußd
-bleib'n hat müass'n ... aba in Münk'n ... do bin i nobl mit ...«
-
-»Vor dem Kronprinz'n?«
-
-»Und an Kini; vor der Feldherrnhalle san ma an eahm vorbei ...«
-
-»Parademarsch?...«
-
-»Dös glaab i! Neig'haut, daß d' Stoa g'wackelt hamm!«
-
-»Eins ... zwei! Eins ... zwei ...! Ob's heut noch ging, Buchberger?«
-
-»Probier ma's!« lachte der Alte und sprang von der Bank auf und nahm
-die Hände an die Hosennaht. Augen links! nach dem Bezirksarzt, und eins
-und zwei ... eins und zwei ... und es ging noch.
-
-Freilich nicht mehr so stramm, daß die Steine wackelten, aber ganz
-passabel, daß der joviale Arzt in die Hände patschte und herzhaft
-lachte.
-
-»Bravo, Buchberger!« rief er, als sich der Hans wieder setzte und
-patschte ihm urkräftig auf das Knie ... »ja, ihr alten Veteranen, ihr
-seid aus einem andern Stahl als wir!«
-
-»Woaß net,« sagte der Hans, »i g'spüret's glei im Hax'n ...«
-
-»I wo! Sie sind ja marschiert wie ein Gardeleutnant ... also, jetzt muß
-ich aber gehen ... es hat mich recht g'freut ...«
-
-»Mi scho aa, Herr Bezirksarzt, und kehren S' wieder amal zua! Adjes!«
-
-»Dös is a liaba Mo!« sagte er noch vor sich hin, als sich der Doktor
-langsam entfernte -- »a ganz a g'führiger Mo!«
-
- * * * * *
-
-Eine Woche später, und es war schlechtes Wetter, regnete und schneite
-durcheinander, brachte der Postbote dem Buchberger ein Schreiben, das
-sich der Länge und Breite nach amtlich ausnahm und auch einen Stempel
-trug.
-
-»Geh, Alte, hol mir mei Brill'n!« Als er sie bedächtig aufgesetzt und
-das Schreiben geöffnet hatte, las er langsam die Mitteilung, daß ihm
-die monatliche Unterstützung von fünfzehn Mark entzogen werde ...
-entzogen werde ... indem daß der Königliche Bezirksarzt Dr. Stierlinger
-sich persönlich davon überzeugt habe ... daß genannter Buchberger von
-den Folgen des Unfalls gänzlich geheilt sei und nicht die geringsten
-Beschwerden ... Beschwerden am Fuße mehr verspüre ...
-
-Ah!
-
-Ja ... Himmel ... Herrgott ...
-
-
-
-
- Unser guater, alter Herzog Karl
-
-
-Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung der Majestätsbeleidigung
-bringen. Ich will es nicht entscheiden, ob die Neuerung viel verbessern
-wird in der deutschen Welt.
-
-Aber eines weiß ich, und eines bedauere ich.
-
-Mein alter Freund Simon Lackner wird sich nicht mehr so leicht ein
-billiges Winterquartier verschaffen können.
-
-Und das ist hart.
-
-Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre alt; ein herzensguter Kerl.
-
-Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen, nachdem er sechzehn
-lange Jahre hindurch mit der alten so schöne Erfolge erzielt hat.
-
-Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine Lage!
-
-Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe; ein fahrender
-Handwerksbursche. Das ist wohl ein schönes Metier, wenn der Apfelbaum
-am Straßenrand blüht, und wenn ein Mensch, der auf dem Rücken im Grünen
-liegt, mit blinzelnden Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue
-Luft nachschaut. Das ist wohl ein schönes Metier, wenn die Kornähren
-sich über dem müden Haupte wiegen und am heißesten Sommertag einen
-erquickenden Schatten spenden. Auch ist es fröhlich und freudenvoll,
-wenn noch eine mildtätige Herbstsonne auf den Buckel brennt, und wenn
-die zerrissenen Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln.
-
-Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen und alte Felber in
-die Gräben rollen? Wenn die Landstraßen aus dem Leim gehen und
-pfundschwerer Brei an den Sohlen hängen bleibt?
-
-Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln sticht oder die Schneeflocken
-wirbeln? Wenn alle warmen Ofenbänke von hartherzigen Bauern besetzt
-sind, die für einen armen Handwerksburschen nicht zusammenrücken?
-
-Da wird's dem abgehärteten Landstreicher wehmütig ums Herz, und er
-sehnt sich nach einem trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es
-nicht tropft.
-
-Simon Lackner widerstand lange, aber endlich kriegte er das Reißen in
-seinen Gliedern, und er fand ein Mittel, sich zu helfen. --
-
-Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein gemütlicher, braver
-Landesfürst.
-
-Natürlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber er stand doch in
-gewissen Beziehungen zu ihm.
-
-Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um Gotteslohn eine Halbe Bier
-trank, sah er von der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlächeln.
-
-Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in dem breiten Mund, in
-den hängenden Backen des Landesherrn ausdrückte.
-
-Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern verschwimmenden
-Schweinsäuglein und dachte sich, wie bürgerlich und selchermäßig
-doch oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden Häupter
-ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen Feindseligkeit haftete im Herzen
-des Simon Lackner.
-
-Er liebte den Fürsten auf seine bescheidene Weise und nahm es ihm nicht
-übel, wenn seine Gensdarmen grob und rauhändig waren.
-
-Denn nicht einmal der allmächtige Gott hat alle seine Geschöpfe
-liebenswürdig geschaffen.
-
-Warum sollte man's von einem irdischen Fürsten verlangen?
-
-Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner gezwungen, alle Jahre
-einmal dem Herzog Karl III. eine Despektierlichkeit zu zeigen, die ihm
-nicht innewohnte.
-
-Aber es war eben seine Methode, und es war notwendig, um unter ein
-schützendes Dach zu kommen.
-
-Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhuben, ging Simon Lackner zum
-herzoglich neuburgischen Gefängnisse, welches auf freiem Felde lag,
-hinaus.
-
-Dort versteckte er sich in einem Holzschupfen, welcher gegenüber dem
-Eingange der Anstalt lag, und wartete.
-
-Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er allsogleich hervor und schrie
-mit lauter Stimme:
-
-»Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!«
-
-Das erstemal und das zweitemal stürzten die Gendarmen gierig auf den
-frevelhaften Menschen und glaubten, daß sie einen wichtigen Fang
-gemacht hätten. Aber schon im dritten Jahre erlahmte ihr Eifer, denn
-sie wußten jetzt, daß Simon Lackner sich nur auf diese harmlose Weise
-ein Winterquartier verschaffen wollte.
-
-Simon Lackner mußte oft und oft schreien, bis sie ihn gefangen nahmen.
-
-Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang mit schöner Regelmäßigkeit.
-
-Man wußte es nicht mehr anders.
-
-Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am Himmel aufzogen, schaute
-der Gefängnisinspektor in die herbstliche Natur hinaus und sagte:
-»Jetzt wird der Lackner bald wieder schreien.« Und richtig: den andern
-Tag zogen sich nasse Bindfaden vom Himmel zur Erde herunter, und vom
-Holzschupfen herüber brüllte es: »Unser guater, alter Herzog Karl is a
-Rindviech.«
-
-Die Gendarmen lächelten; Simon Lackner lächelte und betrat freudig die
-Halle des Gefängnisses, wo ihm der Inspektor wohlwollend entgegentrat.
-
-Lackner wiederholte zur Sicherheit: »Unser guater, alter Herzog Karl
-is a ..« »Weiß schon, weiß schon,« sagte der Inspektor, »Sie kriegen
-schon Ihre fünf Monat.«
-
-Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder heraus und walzte fröhlich
-durch das Herzogtum Neuburg.
-
-Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei seines lieben Karls III.
-sah, lächelte er ihm verständnisinnig zu. Er hatte ja nie vergessen,
-ihn den guten, alten Herzog zu nennen, und das mit dem Rindvieh war
-nicht ernst gemeint.
-
-Jetzt wollen sie den schönen Paragraphen ändern, mit dem mein Freund
-Simon Lackner seit sechzehn Jahren sich recht und schlecht über die
-Wintersnot hinweggeholfen hat.
-
-Ist das nicht hart?
-
-
-
-
- Liebe um Liebe
-
- Eine patriotische Stimmung
-
-
-Durch Stoppelfelder und frisch gemähte Wiesen rollte ein Eisenbahnzug,
-und die buttergelbe Herbstsonne glänzte in die Fenster eines lackierten
-Salonwagens, der sich überhaupt in dieser Umgebung recht sonderbar
-ausnahm.
-
-Darin saß Prinz Xaver, ein Seitensprosse des königlichen Hauses,
-und fuhr mit seinem Adjutanten, Rittmeister Baron Schröfel, nach
-Weißkirchen zur landwirtschaftlichen Ausstellung, die unter sein
-Protektorat gestellt worden war.
-
-Weil aber hier Herablassung und dort Untertanenliebe gezeigt werden
-sollte, hielt man überall; und wo größere Menschenmengen sich dem Auge
-darboten, fragte Prinz Xaver seinen Begleiter: »Muaß i?«
-
-»Einen Augenblick, Königliche Hoheit!« antwortete alsdann der Baron
-und sah in seinem Notizbuche nach. »Faistenhamm ... Kirchdorf ... 163
-Seelen ... katholisch ... 37 Pferde ... 281 Stück Rindvieh ... ja ...
-Königliche Hoheit ... da ist's vorgemerkt.«
-
-Und Prinz Xaver hielt das edle große Haupt zum Fenster hinaus und
-blickte durch seinen Kneifer, den er nur bei solchen Anlässen trug,
-auf einige fette Herren, die das besitzende und bessere Publikum
-vorstellten.
-
-»Diese Gegend,« sprach der Prinz, »ist sehr lieblich.«
-
-»Han?« fragte ein Posthalter oder Tafernwirt, der mehr Treue als
-Schliff besaß.
-
-»Diese Gegend, sie ist sehr reizvoll,« wiederholte der Prinz.
-
-»Jawoi, Königliche Hoheit!«
-
-»Sie ist von sanften Höhen durchzogen und mit Wäldern bedeckt ...«
-
-»Jawol, Königliche Hoheit!«
-
-»Aber das Auge erblickt auch fruchtbare Felder, welche den Fleiß des
-Landmannes belohnen und ... und ...«
-
-»Jawoi, Königliche Hoheit!«
-
-»Und ...«
-
-»Saftige Matten ...« soufflierte der Adjutant.
-
-»... und saftige Matten, welche dem kernigen Vieh dieses Volkes ...
-welche dem Vieh dieses kernigen Volkes Nahrung bieten.«
-
-Prinz Xaver rückte den Zwicker, der ihm von der schwitzenden Nase
-heruntergeglitten war, zurecht, und der Posthalter oder Tafernwirt
-schaute mit geistlosen Augen in die ebenso blauen des Königssprossen,
-und er fühlte, daß nunmehr die Aufgabe an ihn herangetreten war.
-
-»Königliche Hoheit ... diese Gefiehle, wo ins heute besäligen ...
-durch dieses, daß Sie hier durchfahren und für Kinder und Kindeskinder
-...«
-
-Die Lokomotive pfiff, und da legte der Tafernwirt die ganze ungeheure
-Treuherzigkeit seines Landes in den Satz: »Pfüad Good, Königliche
-Hoheit, aufs Wiederschaugen, und kemman S' halt wieda zu ins außa
-...« Er entschwand den gütigen Blicken des Fürsten, der sich in die
-Kissen zurückwarf, und sagte: »Dös hätt' ma wieda! Wo muaß i denn 's
-nächstmal?«
-
-»Einen Augenblick, Königliche Hoheit!« antwortete Baron Schröfel.
-»... Sünzing ... nein ... Matzling ... 214 Seelen ... katholisch ...
-311 Stück Rindvieh ... in Matzling werden Königliche Hoheit wieder
-sprechen.«
-
-»O jegerl!« seufzte der Prinz und wiederholte gewissermaßen im Geiste
-jene Rede des Wohlwollens und lebendigen Interesses.
-
-Nach zwei langen Stunden fuhr der Zug in Weißkirchen ein, wo
-ein Beamtenkörper, eine ergeben lächelnde Geistlichkeit, wo
-Veteranenvereine, Feuerwehren und Schützen, wo alles, was
-repräsentieren durfte, den kleinen Bahnhof füllte, nach vorwärts
-gedrängt von einer wimmelnden Menge, die in dem aussteigenden Prinzen,
-der sein quellendes Fleisch in eine blitzblaue Uniform gepreßt hatte,
-alles Anverwandte und Angestammte erblickte und darüber in ein
-gellendes Hoch ausbrach.
-
-Ein kleiner, stülpsnäsiger, aufgeregter Herr gab sich dem Prinzen
-durch viele und schnell wiederholte Bücklinge als den zu erkennen, der
-hier als Erster zu beachten war, und als einen Titularregierungsrat und
-vorstehenden Chef des Bezirks.
-
-Dicke Herren mit mehr landwirtschaftlicher Färbung der feisten
-Gesichter und Hälse wurden in zweiter Reihe als Tierärzte und
-Ökonomieräte und verdiente Braun- oder Fleckviehzüchter erkannt, und
-in veralteten, seit Jahren die Bäuche nicht mehr bedeckenden Gehröcken
-schoben sie sich vor, und ehe es sich der Prinz versah, war er von
-Leuten umringt, die als starke Esser viel animalische Wärme und als
-treue Untertanen eine ungemeine Ergebenheit ausstrahlten.
-
-Und da ihre patriotischen Gefühle nirgends hinauskonnten, nicht durch
-die verknüllten Hosen, nicht durch die krampfhaft geschlossenen Westen,
-so drängten sie sich schweißtreibend nach oben und saßen hinter
-schwimmenden Augen, die sich auf ihr prinzliches Ebenbild richteten.
-
-Der stülpsnäsige Herr hielt eine Rede, in der alle Gefühle, die weder
-er noch sonst wer hegte, in Superlativen ausgedrückt waren, und niemand
-lehnte sich innerlich dagegen auf.
-
-Im Gegenteile hörte Prinz Xaver mit tiefem Ernste die erhabenen
-Tugenden aufzählen, die ihn und sein Haus schmücken sollten, obgleich
-er es doch besser wissen mußte, und gleichermaßen hörten alle
-Festgäste, die von Weißwürsten kamen oder zu Weißwürsten gingen, daß
-sie in diesem Augenblicke den Schwur der Treue erneuert hätten und Gut
-und Blut opfern wollten.
-
-Ja, und darauf mußte etwas gesagt werden.
-
-Der hohe Protektor umfaßte mit einem wohlwollenden Blicke diesen
-Patriotismus, der um ihn herum schwitzte und schnaubte, und sagte es.
-
-»Diese Gegend,« hub er an, »sie ist sehr lieblich. Sie ist von sanften
-Höhen durchzogen und mit Wäldern bedeckt. Aber das Auge erblickt auch
-fruchtbare Felder, welche den Fleiß des Landmannes belohnen und ... und
-...«
-
-»Seine Königliche Hoheit lebe hoch!« schrie jetzt verfrüht, unzeitig
-und taktlos der Zimmermeister Schlegel, der immer etwas voraushaben
-mußte.
-
-»Und saftige Matten ...« fuhr Prinz Xaver fort, aber das Hoch hatte
-im Pulverfasse der angestammten Liebe gezündet, und die brausenden --
-oder auch donnernden -- Rufe übertönten die letzten Worte vom Vieh des
-kernigen Volkes.
-
-Der Protektor lächelte gerührt und wurde zum Wagen verbracht, rechter
-Hand die Stülpnase, linker Hand den dicksten Fleckviehzüchter.
-
-Er fuhr durch beflaggte Gassen an schreienden Menschen vorbei,
-grüßte allerleutseligst, sah die Herzen, die ihm entgegenschlugen,
-Triumphbögen, die sich wölbten, und langte auf dem Festplatze an,
-wo es nicht minder laut blökte, quiekte und brüllte von treuen
-Haustieren, die ihren Lärm nur so und unwissend warum vollführten. Da
-sah Prinz Xaver alles, was unter sein Protektorat gestellt worden war.
-Breitnackige Stiere, die ihn böse anblickten, wollige Schafe, die ihm
-mild ins Auge schauten; braune, gelbe, weiße Kühe, die ihre Rücken
-hoch zogen, wenn sie behaglichst ihre Wasser rinnen ließen, Kälber und
-Schweine.
-
-Die Stülpsnase erklärte eifrig, aber ein besserer Menschenkenner, als
-Prinzen sind, hätte wohl merken können, daß der bewegliche Beamte auch
-nicht mehr verstand als der Protektor, welcher nur lebendige Eßwaren in
-dem Getier sah.
-
-Auch in der viktualischen Abteilung überkamen Prinz Xaver mehr
-reflektierende als züchterische Vorstellungen. Bei den Krautköpfen
-dachte er an rosiges Surfleisch, beim Sellerie an gebratene Gänse, bei
-Kartoffeln an den Fürst und Volk einigenden Nierenbraten, und Rettiche
-sah er gebeizt, und Zwiebeln geschmort.
-
-Als man zuletzt noch die Hühner, denen man harte und weiche Eier,
-Ochsenaugen und Rühreier verdankt, besichtigt, gut befunden und gelobt
-hatte, war so eigentlich die Aufgabe der Königlichen Hoheit erledigt.
-
-Aber eine neuzeitliche Sitte ließ den Prinzen nicht sogleich zur Ruhe
-kommen.
-
-Es geht ein demokratischer Zug durch unser Volk.
-
-Die Tage, da es in alle Schulbücher kam, wenn der Fürst einen kleinen
-Mann aus dem Volke leutselig ansprach, sind vorüber, und heute spricht
-der kleine Mann leutselig den Fürsten an.
-
-Ein Spenglermeister aus Sünzing fand hier den Mut, indem er vortrat,
-nach Bier roch und treuherzig sagte:
-
-»Geh, Königliche Hoheit, unterschreiben S' de Kart'n an meine Spezeln,
-daß de aa 'r a Freud hamm!«
-
-Die Stülpsnase winkte ihm strenge ab, jedoch der Prinz lächelte und
-setzte seinen Namen auf die fettige Postkarte.
-
-Ein schöner Moment trat ein. Fürst und Untertan Auge in Auge, und der
-wackere Spengler traf den Ton des echten Volksstückes, als er sagte:
-
-»Königliche Hoheit ... dös ... dös ... kimmt unter Glas und Rahmen, und
-in hundert Jahr no müass'n d' Leut' sehg'n ...«
-
-»Ist schon gut,« sagte die Stülpsnase und schob den Redner ungnädig
-weg, denn er roch wirklich sehr stark nach Bier, und auch wollten nun
-viele die gleiche Gnade erlangen.
-
-»Königliche Hoheit ... an insern G'sellenverein ... dös war an Ehr' für
-Kinda und Kindeskinda ...«
-
-»Königliche Hoheit ... an insern Stammtisch 'De Grüabig'n' ...«
-
-Den Prinzen überkamen väterliche Empfindungen, er hielt diese Leute für
-anhängliche Kinder, ihre Wünsche für naiv, und er hatte keine Ahnung
-davon, daß hier gar nichts ehrlich oder tiefwurzelnd war, außer seiner
-eigenen Beschränktheit.
-
-Er schüttelte gütig alle Hände, die sich in seine Rechte schoben,
-kalte und warme, trockene und feuchte, er unterschrieb wohlwollend
-alles und setzte seinen Namen neben Ober- und Niedermayer unter ihre
-Fröhlichkeit.
-
-»Menschen ... Menschen san mir alle ... Jakob Schanderl, #Xaver,
-königlicher Prinz# ... Eins ... zwei ... drei ... g'suffa!... Es lebe die
-Viecherei! Hans Breitsameter, Jakob Leistl, #Xaver, königlicher Prinz#
-...«
-
-Die Karten wanderten hinaus in die Kneipen des Landes, und wenn sie
-gleich nicht Ehrfurcht in Kindern und Kindeskindern erregen konnten,
-spannen sie doch Fäden vom zünftigen Prinzen zu zünftigen Stammtischen.
-Neue Fäden zum alten Bande, das Volk und Herrscherhaus verknüpft.
-
-
-
-
- Auf der Elektrischen
-
-
-In #München#. Der schwere Wagen poltert auf den Schienen; beim Anhalten
-gibt es einen Ruck, daß die stehenden Passagiere durcheinander
-gerüttelt werden.
-
-Ein Schaffner ruft die Station aus.
-
-»Müliansplatz!«
-
-Heißt eigentlich Maximiliansplatz.
-
-Aber der Schaffner hat Schmalzler geschnupft und kann die langen Namen
-nicht leiden.
-
-Ein Student steigt auf. Er trägt eine farbige Mütze, und der Schaffner
-salutiert militärisch.
-
-Er weiß: das zieht bei den Grünschnäbeln. Sie bilden sich darauf was
-ein.
-
-Und wenn sich Grünschnäbel geschmeichelt fühlen, geben sie Trinkgelder.
-
-Er ist Menschenkenner und hat sich nicht getäuscht.
-
-Der junge Herr mit der großen Lausallee gibt fünf Pfennige.
-
-Er sieht dabei den Schaffner nicht an; er sieht gleichgültig ins Leere;
-er zeigt, daß er dem Geschenke keine Bedeutung beimißt. Der Schaffner
-salutiert wieder.
-
-Wumm! Prr!
-
-Der Wagen hält.
-
-»Deonsplatz!« schreit der Schaffner.
-
-Heißt eigentlich Odeonsplatz.
-
-Eine Frau, die ein großes Federbett trägt, schiebt sich in den Wagen.
-Ein Sitzplatz ist noch frei.
-
-Die Frau zwängt sich zwischen zwei Herren. Sie stößt dem einen den
-Zylinder vom Kopfe.
-
-Das ärgert den Herrn. Er klemmt den Zwicker fester auf die Nase und
-blickt strafend auf das Weib.
-
-»Aber erlauben Sie!« sagt er.
-
--- ?! --
-
-»Aber erlauben Sie, mit einem solchen Bett!«
-
-Die Leute im Wagen werden aufmerksam.
-
-Der Mann scheint ein Norddeutscher zu sein; der Sprache nach zu
-schließen. Ein besserer Herr, der Kleidung nach zu schließen.
-
-Was fällt ihm ein, die arme Frau aus dem Volke zu beleidigen?
-
-Ein dicker Mann, dessen grünen Hut ein Gemsbart ziert, verleiht der
-allgemeinen Stimmung Ausdruck.
-
-»Warum soll denn dös arme Weiberl net da herin sitzen? Soll's
-vielleicht draußen bleib'n und frier'n? Bloß weil's dem nobligen Herrn
-net recht is? Wenn ma so noblig is, fahrt ma halt mit da Droschken!«
-
-Der dicke Mann ist erregt. Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.
-
-Einige Passagiere nicken ihm beifällig zu; andere murmeln ihre
-Zustimmung. Ein Arbeiter sagt: »Überhaupt is de Tramway für an jed'n
-da. Net wahr? Und dera Frau ihr Zehnerl is vielleicht g'rad so guat,
-net wahr, als wia dem Herrn sei Zehnerl.«
-
-Die Frau mit dem Bett sieht recht gekränkt aus. Sie schweigt; sie will
-nicht reden; sie weiß schon, daß arme Leute immer unterdrückt werden.
-
-Sie schnupft ein paarmal auf und setzt sich zurecht. Dabei fährt sie
-mit dem Bette ihrem anderen Nachbarn ins Gesicht.
-
-Der stößt das Bett unsanft weg und redet in soliden Baßtönen: »Sie, mit
-Eahnan dreckigen Bett brauchen S' mir fei's Maul net abwisch'n! Glauben
-S' vielleicht, Sie müassen's mir unta d' Nasen halt'n, weil S' as jetzt
-aus 'm Versatzamt g'holt hamm?«
-
-Die Passagiere horchen auf.
-
-Da ist noch einer, der die Frau aus dem Volke beleidigt; aber, wie es
-scheint, ein süddeutscher Landsmann.
-
-Die Stimmung richtet sich nicht gegen ihn. Übrigens sieht er so aus,
-als wenn ihm das gleichgültig sein könnte.
-
-Er hat etwas Gesundes an sich, etwas Robustes, Hinausschmeißerisches.
-
-Er imponiert sogar dem Herrn mit dem grünen Hute.
-
-Und dann, alle haben es gesehen:
-
-Die Frau ist ihm wirklich mit dem Federbette über das Gesicht gefahren.
-So etwas tut man nicht. Der Mann selbst ist noch nicht fertig mit
-seiner Entrüstung. Er wirft einen sehr unfreundlichen Blick auf die
-Frau aus dem Volke und einen sehr verächtlichen Blick auf das Bett.
-
-Er sagt: »Überhaupt is dös a Frechheit gegen die Leut', mit so an Bett
-do rei'geh'. Wer woaß denn, wer in dem Bett g'leg'n is? Vielleicht a
-Kranker; und mir fahren S' ins G'sicht damit! Sie ausg'schamte Person!«
-Einige murmeln beifällig.
-
-Der Mann mit dem grünen Hute gerät wieder in Zorn.
-
-Er sagt: »Der Herr hat ganz recht. Mit so an Bett geht ma net in a
-Tramway. Da kunnten ja mir alle o'g'steckt wer'n. Heuntzutag, wo's so
-viel Bazüllen gibt!«
-
-Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.
-
-Alle Passagiere sind jetzt wütend über die Unverschämtheit der Frau.
-
-Man ruft den Schaffner.
-
-»De muaß außi!« sagt der Mann mit dem Gemsbart, »und überhaupts,
-wia könna denn Sie de Frau da einaschiab'n? Muaß ma sie vielleicht
-dös g'fallen lassen bei der Tramway? Daß de Bazüllen im Wag'n
-umanandfliag'n?«
-
-Der Schaffner trifft die Entscheidung, daß die Frau sich auf die
-vordere Plattform stellen muß. Sie verläßt ihren Platz und geht hinaus.
-
-»Dös war amal a freche Person!« sagt der Mann mit dem Gemsbart.
-
-Der Herr mit dem Zwicker meint: »Eigentlich war sie ganz anständig. Nur
-mit dem Bette ...«
-
-»Was?!« schreit sein robuster Nachbar. »Sie woll'n vielleicht dös
-Weibsbild in Schutz nehma? Gengan S' außi dazua, wann's Eahna so guat
-g'fallt!«
-
-Alle murmeln beifällig.
-
-Und der Arbeiter sagt: »Da siecht ma halt wieda de Preißen!«
-
- * * * * *
-
-Ein kalter Wintertag.
-
-Die Passagiere des Straßenbahnwagens hauchen große Nebelwolken vor sich
-hin. Die Fenster sind mit Eisblumen geziert, und wenn der Schaffner
-die Türe öffnet, zieht jeder die Füße an; am Boden macht sich der
-kalte Luftstrom zuerst bemerklich. Die Passagiere frieren, nur wenige
-sind durch warme Kleidungen geschützt, denn der Wagen fährt durch eine
-ärmliche Vorstadt.
-
-Da kommt ein Herr in den Wagen; er trägt einen pelzgefütterten
-Überrock, eine Pelzmütze, dicke Handschuhe.
-
-Er setzt sich, ohne seiner Umgebung einen Blick zu schenken, zieht eine
-Zeitung aus der Tasche und liest.
-
-Die anderen Passagiere mustern ihn; das heißt seine untere Partie. Die
-obere ist hinter der Zeitung versteckt.
-
-Die größte Aufmerksamkeit schenkt ihm ein behäbiger Mann, der ihm
-gerade gegenübersitzt.
-
-Er biegt sich nach links und rechts, um hinter die Zeitung zu schauen.
-Es geht nicht.
-
-Er schiebt mit der Krücke seines Stockes das hemmende Papier weg und
-fragt in gemütlichem Tone:
-
-»Sie, Herr Nachbar, wissen Sie, aus welchan Pelz Eahna Hauben is?«
-
-Der Herr zieht die Zeitung unwillig an sich.
-
-»Lassen Sie mich doch in Ruhe!«
-
-»Nix für ungut!« sagt der Behäbige.
-
-Nach einer Weile klopft er mit seinem Stocke an die Zeitung, die der
-Herr noch immer vor sich hinhält.
-
-»Sie, Herr Nachbar!«
-
-»Waßß denn?!«
-
-»Sie, dös is fei a Biberpelz, Eahna Haub'n da.«
-
-»So lassen Sie mich doch endlich meine Zeitung lesen!«
-
-»Nix für ungut!« sagt der Mann und wendet sich an die anderen
-Passagiere.
-
-»Ja, dös is a Biberpelz, de Haub'n. Dös is a schön's Trag'n und kost'
-a schön's Geld, aba ma hat was, und es is an oanmalige Anschaffung. De
-Haub'n, sag' i Eahna, de trag'n no amal de Kinder von dem Herrn. De is
-net zum Umbringa. Freili, billig is er net, so a Biberpelz!«
-
-Die Passagiere beugen sich vor. Sie wollen auch die Pelzmütze sehen.
-
-Aber man sieht nichts von ihr; der Herr hat sich voll Unwillen in seine
-Zeitung eingewickelt.
-
-Da wird sie ihm wieder weggezogen. Von dem behäbigen Manne, mit der
-Stockkrücke.
-
-»Sie, Herr Nachbar ...«
-
-»Ja, was erlauben Sie sich denn ...?!«
-
-»Herr Nachbar, was hat jetzt de Haub'n eigentlich gekostet?«
-
-Der Herr gibt keine Antwort.
-
-Wütend steht er auf, geht hinaus und schlägt die Türe mit Geräusch zu.
-
-Der Behäbige deutet mit dem Stock auf den leeren Platz und sagt: »Der
-Biberpelz, den wo dieser Herr hat, der wo jetzt hinaus is, der hat ganz
-g'wiß seine zwanz'g Markln kost'; wenn er net teurer war!«
-
- * * * * *
-
-Der alte Professor Spengler fährt jeden Morgen gegen acht Uhr vom
-großen Wirt in Schwabing bis zur Universität.
-
-Er fällt auf durch seine ehrwürdige Erscheinung; lange, weiße Locken
-hängen ihm auf die Schultern, und er geht gebückt unter der Last der
-Jahre.
-
-Ein Herr, der auf der Plattform steht, beobachtet ihn längere Zeit
-durch das Fenster.
-
-Er wendet sich an den Schaffner.
-
-»Wer ist denn eigentlich der alte Herr? Den habe ich schon öfter
-gesehen.«
-
-»Der? Den kenna Sie nöt?«
-
-»Nein.«
-
-»Dös is do unsa Professa Spengler.«
-
-»So? so? Spengler. M--hm.«
-
-»Professa der Weltgeschüchte,« ergänzt der Schaffner und schüttet eine
-Prise Schnupftabak auf den Daumen.
-
-»Mhm!« macht der Herr. »So, so.«
-
-Der Schaffner hat den Tabak aufgeschnupft und schaut den Herrn
-vorwurfsvoll an.
-
-»Den sollten S' aba scho kenna!« sagt er. »Der hat vier solchene Büacha
-g'schrieb'n.«
-
-Er zeigt mit den Händen, wie dick die Bücher sind.
-
-»So ... so?«
-
-»Lauter Weltgeschüchte!«
-
-»Ich bin nicht von hier,« sagt der Herr und sieht jetzt mit sichtlichem
-Respekte auf den Professor.
-
-»Ah so! Nacha is 's was anders, wenn Sie net von hier san,« erwidert
-der Schaffner.
-
-Er öffnet die Türe.
-
-»Universität!«
-
-Professor Spengler steigt ab. Der Schaffner ist ihm behilflich; er gibt
-acht, daß der alte Herr auf dem glatten Asphalt gut zu stehen kommt.
-Dann klopft er ihm wohlwollend auf die Schulter.
-
-»Soo, Herr Professa! Nur net gar z' fleißig!«
-
-Er pfeift, und es geht weiter.
-
-Der Schaffner wendet sich nochmal an den Herrn:
-
-»Alle Tag, punkt acht Uhr, fahrt dös alte Mannderl auf d' Universität.
-Nix wia lauta Weltgeschüchte!«
-
- * * * * *
-
-In #Berlin#. Der Straßenwagen fährt durch den Tiergarten. Seitab werden
-Bäume gefällt, und es ist ein sonderbarer Anblick, mitten in der
-Großstadt Waldarbeit zu sehen.
-
-Der Schaffner wendet sich an einen Herrn, der Ähnlichkeit mit dem
-Kaiser hat. Die man in Norddeutschland so häufig trifft. Starkes Kinn.
-Habyschnurrbart.
-
-Der Schaffner sagt: »Das geht nun schon so vier Wochen.«
-
-Er deutet auf die Holzarbeiter.
-
-Der Doppelgänger Kaiser Wilhelms schweigt.
-
-»Wenn sie nur nich den ganzen Tiergarten umschlagen!« sagt der
-Schaffner.
-
-Keine Antwort.
-
-Der Schaffner versucht es noch einmal.
-
-»Den ganzen Tiergarten! Es wär doch jammerschade!«
-
-Jetzt blickt ihn der Doppelgänger Kaiser Wilhelms an; strenge und
-abweisend.
-
-Und er sagt:
-
-»Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen in eine Konversation
-einzulassen.«
-
-
-
-
- O Natur!
-
-
- Personen: Er --- Sie -- Ein Holzknecht.
-
- Ort: Im Gebirge.
-
-
- Er: Wie das hier schon ganz anders riecht, Lizzi! A--ah! Endlich
- aus der Stadt in die Natur geflohen!
-
- Sie: Himmlisch!
-
- Er: Stelle dir vor! Der Schnee in unseren Straßen, schwarz,
- schmutzig, naß. Und hier blinkt und glitzert er.
-
- Sie: Er ist direkt keusch, finde ich.
-
- Er: Man denkt an Weihnachten, Christabend, an irgend was Poetisches.
-
- Sie: Karl, du Guter! Nein, wie bin ich dir dankbar, daß du mich aus
- dem schrecklichen Trubel in diesen Frieden gebracht hast!
-
- Er: Nicht wahr?
-
- Sie: Weißt du, als ganz kleines Mädchen bin ich auch einmal im
- Winter auf dem Lande gewesen. Bei Großmama. Da weiß ich noch,
- wie da auch die Bäume verschneit waren und so merkwürdig
- aussahen.
-
- Er: Du bekommst förmlich große Augen, wie du das sagst, Lizzi!
-
- Sie: Es muß die heimliche Sehnsucht nach der Natur sein, die in
- einem lebt. Trotz allem, weißt du, Karl?
-
- Er: Ja, ja. Trotz allem.
-
- Sie: Nein! Sieh mal dort die große Tanne! Wie ein Ungeheuer sieht
- so ein Zweig aus. Wie was Lebendiges.
-
- Er: Wie ein Märchen.
-
- Sie: Die Natur ist doch das einzig Wahre!
-
- Er: Man sollte hier immer leben!
-
- Sie: Das wäre herrlich! Ich ließe mir einen großen Pelz dazu
- machen; weißt du, grünen Samt, mit Zobel besetzt, und innen
- auch Zobel, oder Seal.
-
- Er: Das sollte man tun, hier leben.
-
- Sie: Oder Skunks, Karl, obwohl ich eigentlich Skunks nicht sehr
- liebe.
-
- Er: Das würde sich schon finden.
-
- Sie: Und weißt du, eine Pelzmütze sollte ich haben. Ich habe
- vorgestern bei Bachmann eine entzückende Mütze gesehen.
-
- Er: Dieser Friede ringsum!
-
- Sie: Ich glaube, sie war aus Otterfellen und hatte vorne eine
- Agraffe, in der eine Reiherfeder steckte.
-
- Er: Sieh dort, Lizzi, wie die Bergspitze noch von der Abendsonne
- beschienen ist.
-
- Sie: Wun--der--voll! Weißt du, man könnte statt Reiher auch eine
- andere Feder nehmen. Meinst du nicht?
-
- Er: Ja -- ja. Ich könnte hier stundenlang in den Anblick versunken
- stehen.
-
- Sie: Und ich möchte am liebsten durch den Schnee waten. Wie ein
- Schulmädchen, und ganze rote Backen davon kriegen.
-
- Er: Und nasse Füße, Liebling!
-
- Sie (enttäuscht): Das ist wahr!
-
- Er: Man müßte eben andere Schuhe tragen. Und sich überhaupt daran
- gewöhnen. Oh! Hier muß ein Mensch gesund werden!
-
- Sie: Ich fühle mich jetzt schon ganz anders.
-
- Er: Ich meine körperlich #und# geistig gesund werden. A--ah! Diese
- Luft! Diese Luft!
-
- Sie: Wie die Sonne verglüht! Das sollte man jeden Abend haben.
-
- Er: Und sich von dem Zauber der Natur umfangen lassen.
-
- Sie: Ich möchte am liebsten gar nicht mehr weg.
-
- Er: Weißt du was? Wir bleiben einfach morgen noch hier.
-
- Sie: Ach ja -- das wäre himmlisch! Aber es geht nicht, Schatz. Ich
- #muß# morgen zur Schneiderin, und dann sollen wir bei Hofrats
- Besuch machen, und abends ist der »Rosenkavalier«, und ...
-
- Er: Richtig ja! Na, denn nich! Eigentlich ist es schade!
-
- Sie: Mir blutet ja das Herz, daß man sich von hier losreißen soll.
-
- Er: Mir auch. Diese Farben! Nein, diese Farben!
-
- Sie: Du, dort kommt ein Mann.
-
- Er: Er hat so was wie 'ne Säge umhängen. Das ist sicher 'n
- Holzfäller.
-
- Sie: Wie stilvoll er aussieht!
-
- Er (seufzend): Ach, wer auch so einer wäre! He, guter Mann!
-
- Holzer: Han?
-
- Er: Sie leben wohl immer hier heraußen?
-
- Sie: In der Natur?
-
- Er: Und wissen vielleicht gar nicht, wie beneidenswert Sie sind!
-
- Holzer: Am -- -- -- -- --! (Entfernt sich.)
-
- Sie: Wie? Was hat er gesagt?
-
- Er: Ach, so was ... so was Bäuerliches, was die Leute hier oft
- sagen. Nun wollen wir aber umkehren. (Bleibt stehen und atmet
- tief auf.) Nein! Diese Natur!
-
-
-
- Das alte Recht
-
-
-Es scheint mir, daß jene uns Deutschen oft nachgerühmte Scheu vor
-gewissen Vorrechten der Geburt, des Ranges, des Besitzes in Wahrheit
-besteht und unser öffentliches Leben vergiftet, indem sie das Fundament
-der Gesellschaft, die Gleichheit vor dem Gesetze aufhebt, während sie
-hinwiederum unserem privaten Leben durch Anreiz zur Eitelkeit, zur
-Selbsterniedrigung, zu allen Gegenteilen von Stolz und Selbstgefühl
-einen bedenklichen Einschlag gibt -- -- ja, das alles scheint mir so,
-und ich finde diese Meinung durch alle möglichen Vorkommnisse immer
-wieder auf ein neues bestätigt. Auch in unseren kleinen Provinzstädten,
-wo doch wahrhaftig der Anblick des Hofes, der Umgang mit glänzenden
-Militärs, die Bewunderung genialer Staatsmänner, wo all dies nicht die
-klaren Begriffe von Recht verwirren könnte, selbst da finde ich immer
-wieder, natürlich ins kleine übertragen, aber nicht minder verderblich
--- was wollte ich sagen? -- Ja, also in Dornstein -- aber das muß
-ordentlich und der Reihe nach erzählt werden, und weil das Thema an
-sich etwas unappetitlich ist oder sein könnte, muß es auch mit Zartheit
-vorgetragen werden. Nur eine Frage vorher!
-
-Wenn nach allgemein gültigen Begriffen von Moral, Anstand und Hygiene
-die Verunreinigung von öffentlichen Plätzen und Straßen -- ich möchte
-absichtlich keinen starken Ausdruck gebrauchen -- als ordinär,
-jedenfalls aber als verboten gilt, wenn dieses Verbot in deutlichen
-Verfügungen der Ortspolizeibehörde niedergelegt ist, mit Ausdrücken,
-die keinerlei Deutung zulassen, so meine ich doch, dieses Verbot müßte
-für alle Bewohner des Ortes gelten? Aber wir werden ja sehen!
-
-Ich meine sogar, gerade Leute von Bildung müßten im Falle einer
-Zuwiderhandlung stärkere Mißbilligung und strengere Strafe finden, denn
-wenn Bildung wirklich Bildung ist -- aber wir werden ja sehen!
-
-Jedenfalls hier will ich nur die Tatsachen in ihrer zeitlichen Folge
-berichten und feststellen, und jeden Schein einer irgendwie gearteten
-Färbung vermeiden.
-
-Alles, was sich in der Zeit vom 17. März bis mit 11. April 1913 in
-Dornstein ereignete, das heißt: in dieser betreffenden Sache sich
-ereignete, werde ich chronologisch erzählen.
-
-Eigentlich müßte man das Datum weiter zurücklegen, denn schon am 21.
-Februar, 2. März und wieder am 11. März erschienen im Dornsteiner
-Volksboten »Stimmen aus dem Publikum«, welche auf die Vorkommnisse
-Bezug nahmen.
-
-»Gibt es =keine Polizei=, welche in der Luitpoldstraße =gewisse
-Schweinereien gewisser Herren betrachtet=, und dürfen selbe tun, was
-sie wollen?!? (Volksbote vom 21. 2. 1913, Seite 3.)
-
-»Es scheint, daß die =Nemesis= sich vor #gewissen Leuten# =verkriecht=,
-welche die Luitpoldstraße zum Schauplatze ihrer =Gemeinheit= machen,
-und daß sie in diesem Falle nicht so pünktlich bei der Hand ist, wie
-vielleicht gegen die =minder bemittelte Klasse!!!=« (Volksbote vom 2.
-3. 1913, Seite 3.)
-
-»Auch unsere gute Stadt Dornstein soll, wie es scheint, ihren
-=Panamaskandal!!= haben, ohne den es #überhaupt in Deutschland nicht
-mehr abzugehen scheint#!! Trägt der Kadi eine stärkere Binde vor den
-Augen, wenn es #sogenannte Gebildete# betrifft?!? Wir fragen zum
-=letzen Male!!=« (Volksbote vom 11. 3. 1913, Seite 2.)
-
-Die letzte Anfrage des Blattes war denn doch in einem Tone gestellt,
-der hätte gehört werden müssen, wenn die maßgebenden Behörden dazu eine
-Lust verspürt hätten, ich möchte sagen, wenn sie eine durchaus strenge
-Auffassung von ihrer #Pflicht# besessen hätten.
-
-Sie hatten diese Auffassung #nicht#. Und nun traten in diesem Drama die
-Personen aus den Kulissen heraus vor die Rampe der Öffentlichkeit.
-
--- Ich glaube, man kann dieses Bild füglich gebrauchen? --
-
-Am 17. März gelangte folgendes hier wörtlich wiedergegebenes Schreiben
-der Realitätenbesitzerswitwe #Ursula Hirgstettner# in den Einlauf des
-Stadtmagistrats Dornstein:
-
-An den Maschißtrath, hochwolgebohren dahir und zu Händen des Herrn
-Bürchermeisters.
-
-Eigene Angelegenheit des Emfängers!
-
-Beträf: Notdurfth und unberächtigte Ausübung dersälben in der
-Luitpoldstraße. Auch beträf gegen die Sitlichkeith.
-
-Es ist gewieß ales recht und man schweicht oft und denkt sich blos
-etwas, denn man wiel nichd fier eine frau gelthen, die wo zimbferlich
-ist und die wo gleich iber ales sich empörth ist und obwoll man doch
-auch seine Steuern und Abgahben zahlt und Gemeindeumlahgen.
-
-Aber was zu arch ist ist zu arch und mahn braucht sich nicht ales zu
-gefallen zu lassen, indem man doch auch zum weiblichen Geschlächte
-gehörth und vielleicht mehr bieldung besiezt als die wo immer davon
-sprechen. Oder muß sich vieleicht eine schuzlose Wittwe ales gefallen
-lasen? Oder denkt man vieleicht, ja hier braucht es keine Rücksicht
-durchaus nicht mehr, weil diese Beträfende keinen Man nicht besiezt,
-der wo solchene Angriefe auf das Schahmgefühl nicht erlaubt?? Alerdings
-wenn mein unvergeslicher Leonhard nicht dahin geraft wäre durch ein
-unerbitliches Geschiek, hernach würden sich vieleicht #gewise Herren
-der Schöpfung# besinnen, ob sie sich so etwas trauen oder vieleicht
-lieber ihre nothurft anderswo verriechten.
-
-Aber freilich ich bin ja blos eine schuzlose Wittwe und da braucht
-man keine Rücksicht nicht zu nehmen!! Aber ich zeige es hiemit dem
-hochwolgebornen Maschißtrate an und gebe keine Ruhe nicht mehr sondern
-apeliere.
-
-Im Gasthaus zum Schiemel sitzen die »#besseren#«!! Herren beinahe ale
-tage bis in die späthe Nacht obwol es mich nichts angeht und verlasen
-selbes meistens um Mitternacht und sage ich auch nichts obwol oft ein
-groser Spetakel ist, aber man denkt sich, es gibt auch feinere Herren,
-wo so viel trinken wie ein Fuhrmann.
-
-Aber leider dises ist nicht ales, sondern sie bleiben auf der Strase
-stehen und verichten selbes, wo man vieleicht als feinere Herren
-anderswo veriechten soll und unterhalten sich dabei mit lauther Stimme.
-Dises sind meistens der Herr Majohr Röklmeier und der penzionirte
-Oberambsriechter Pollner und verschiedene Bürger und Maschißtratsräthe,
-wo ich auch den Herrn Haslinger und Mühlberger deuthlich unterscheiden
-konnte. Dieses geschieth vor meinem Hause, indem ich davon oft erwache
-und mit Schmertzen frage, ob mahn dieses einer schuzlosen Wittwe
-ales biethen darf. Ich habe es schohn dem Polizeiwachtmeister genau
-beschriehben, aber leider es hilft nichts, sondern die feineren Herren
-betreiben erst recht ihr schweinisches Geschäft und man hört auch daß
-sie sich dabei zu Anspillungen auf meine Persönlichkeit erfrächen. Der
-betrefende ist besonders erkannt und wenn es auch ein Beahmter ist,
-besiezt er doch keine Bieldung und soll vieleicht denken, das er nicht
-so unferschämbt zu sein braucht gegen leuthe, wo seine Penziohn auch
-mitzahlen.
-
-Hochwollgeborner Maschißtrat ich zeige es hiedurch an, daß ich mir
-durchaus nichts mehr gefahlen lasse und mich nicht mit Injuhrien auch
-noch behaften lasse, sondern meine Geduld ist erschöpft, wodurch ich
-auf einen standpunkt bin, das mahn sich sagt, bis hieher und nicht
-weither!
-
-Wenn der Maschißtrat vieleicht sein Auge zudrüken will weil es feinere
-Herren sind und die besiezende Klasse, dann weiß ich schon was ich thue.
-
-Ich verlange die strengste Bestraffung dieser Obigen und eine Tafel
-gegen nächtliche Verunreinigung und ich glaube das auch eine schuzlose
-Wittwe disses erreichen kann gegen die wo sich nicht schähmen, sondern
-ihre sogenannte Bieldung in disser weise bezeichen. Ich verlange die
-strengste Bestraffung!! Disses möchte ich noch bemerken.
-
- Laut Unterschrift: Ursula Hirgstettner,
- hochachtungsvoll dahir.
-
-Am 26. März kam dieser Brief in geheimer Magistratssitzung zur Sprache.
-
-Herr Bürgermeister Dr. Pilzweyer hatte ursprünglich die Absicht
-gehegt, und diese Absicht auch gegenüber dem Magistratssekretär Weigel
-kundgetan, die Eingabe der Hirgstettner zu perhorreszieren, aber eine
-Notiz im Volksboten brachte denn doch die Sache in Gang, da man nun
-befürchten mußte, daß weitere sehr unangenehme Preßerörterungen das
-stille Begräbnis der Anklage verhindern würden.
-
-Also ging man daran, die Angelegenheit amtlich, wenn auch nicht
-ernstlich, zu behandeln.
-
-Denn schon die Miene des vorstehenden Sekretärs verriet die merkwürdige
-Neigung, diese Herzensnöte einer Frau als Spaß zu betrachten, und
-ein den Vortrag begleitendes Lächeln des Bürgermeisters schien die
-Anwesenden aufzufordern, auch ihrerseits den Humor des Schriftstückes
-zu erkennen.
-
-Allein Magistratsrat Mühlberger, ein angesehener Bäckermeister, konnte
-trotzdem seinen aufsteigenden Zorn nicht meistern und sprang sogleich
-auf, indem er rief:
-
-»Dös san ja Insinationa! Hat ma scho so was g'hört von so an alt'n
-miserablinga Trankhafa? Dös san ja Insinationa!«
-
-»Herr Magistratsrat,« sagte der Bürgermeister in verbindlichem Tone,
-»wir können und wollen uns über dieses Schriftstück doch wahrhaftig
-nicht aufregen -- --«
-
-»Sie Eahna net! Aber i!« schrie Mühlberger. »Dös san ganz oafach
-Insinationa! Und dös sag' i!«
-
-»Wir werden später darauf zurückkommen,« sagte immer lächelnd Herr Dr.
-Pilzweyer. »Aber,« fuhr er fort, indes er seinen Kneifer abnahm und ihn
-spielend an der Schnur pendeln ließ, »ich muß nun wohl das tatsächliche
-Material den Herrn unterbreiten.«
-
-»Es handelt sich hier,« sagte er und lehnte sich zurück, indes er
-jedes Wort mit verstandesmäßiger Betonung aussprach und im Wohlklange
-seiner Rede schwelgte, »es handelt sich hier zweifellos um das Haus
-Nummer 104a, als welches zu Eigentum der Witwe des verstorbenen
-Realitätenbesitzers Leonhard Hirgstettner im Grundbuche vorgetragen
-ist, -- und welches sich auf der nördlichen Seite der ehemaligen
-Bachleitergasse, jetzt Prinzregent Luitpoldstraße befindet. Gegenüber
-von diesem Hause ist die Gast- und Tafernwirtschaft zum Schimmel,
-welche von den Eheleuten Johann und Maria Leutgschwendtner betrieben
-wird.
-
-Dieses Gasthaus erfreut sich des Besuches gerade der Honoratioren.«
-
-»I g'hör aa dazua,« fiel hier die Baßstimme des Magistratsrates
-Haslinger ein.
-
-»Gerade der Honoratioren,« fuhr der Bürgermeister fort, indes ein
-Lächeln über seine Züge flog, »und man begegnet dort außer angesehenen
-Bürgern« -- er machte eine leichte Verbeugung nach der Richtung, wo
-Haslinger und Mühlberger saßen -- »man begegnet dort Offizieren,
-Angehörigen des Beamtenkörpers, also Herren, denen eine Störung der
-Ordnung, ein Zuwiderhandeln gegen Sitte und Anstand niemals, ich betone
-das, niemals zuzutrauen wäre!«
-
-»Dös moan i halt aa,« rief Mühlberger ...
-
-»... Zuzutrauen wäre. Die streng vertraulich gepflogenen Recherchen
-haben ergeben, daß vielleicht hier und da einer der Herren, dem Zwange
-und Drange der Natur folgend, ganz gewiß in unauffälligster Weise ...«
-
-»Bitt ums Wort!« schrie Herr Haslinger.
-
-»Sogleich! Sie werden das Wort sogleich erhalten, Herr Magistratsrat
-... also in diskretester Weise jenem Drange vielleicht Folge leistete.
-Aber eine Beschuldigung wie diese hier« -- Herr Dr. Pilzweyer klopfte,
-nun ernster werdend, auf das Schriftstück -- »eine solche Beschuldigung
-ist frivol. Ich stehe nicht an zu sagen, es ist ein starkes Stück von
-Frivolität.«
-
-»An Insination is!« rief Mühlberger ...
-
-»Eine haltlose Verdächtigung, und ich erteile nun, bevor ich einen
-Antrag stelle, das Wort dem Herrn Magistratsrat Haslinger.«
-
-Dieser, von Beruf Brauereibesitzer, ein beleibter Mann von stattlicher
-Größe, erhob sich, und da er gerade geschnupft hatte, zog er ein
-blaues, geblümtes Taschentuch von der Größe einer Serviette aus der
-Tasche und entfernte von Bart, Weste und Rock die Tabakreste. Dann
-begann er in jovialem Tone zu reden. »Also, meine Herrn, de Sach'
-is eigentli ganz oafach; und i muaß scho sagn, daß ma über so was
-überhaupts red'n muaß, dös g'hört aa zu de Erscheinunga der Neuzeit.
-Also i sag ganz oafach, de Beschwerde von dera ... Beißzanga da ... is
-eigentli a Frechheit ersten Grades. Indem daß also Familienväta und
-verheirate Männa, und daß ma 's scho glei sag'n, lauta Leut, de wo
-eppas san und de wo eppas hamm und de wo eppas vorstell'n -- net --
-lauta richtige Leut -- net --- indem daß diese Leute a so hingestellt
-wern als wia Sittlichkeitsverbrecher -- net -- und von an solchen alt'n
-Trankhafa, bei der ma sie do überhaupts nix mehr denkt ...«
-
-Der Bürgermeister rührte an der Glocke. »Ich möchte den Herrn
-Magistratsrat bitten, im Interesse einer sachlichen Behandlung ...«
-
-»Net unterbrecha!« sagte Haslinger grob. »Sie hamm dös überhaupts
-a bissel gern, Herr Bürgermoasta, und i sag 's Eahna, daß über dös
-bereits Stimmen laut geworden sind.
-
-Ȇber diese Unterbrecherei von Eahna. Da kimmt ma ja aus 'n Thema
-außi! Also, meine Herrn, daß i 's kurz sag, seit i ins Wirtshaus geh,
-und aa früherszeit, wia no mei Vata ganga is, und natürlicherweis
-mei Großvata grad so, also da woaß ma's nia anderst, als daß ma vom
-Wirtshaus außa ... no ja ... in Gott's Nam ... Sie verstengan mi scho.
-I möcht überhaupts sag'n, dös is an alts Recht! Wenn ma so seine
-vier, fünf oda sechs Maß Bier trunka hat -- no ja -- in Gott's Nam!
-De Damenwelt is do um de Zeit nimma auf da Straß, und so lang unser
-Dornstoa steht, hat ma dös net anderst g'wißt. Jetzt auf oamal kam de
-Mistamsel, de abscheilige daher ... Theans mi net unterbrecha, sag
-i, Herr Bürgermoasta, -- jetzt kam de daher und möcht ins des alte,
-guate Herkomma für an Unsittlichkeit histell'n. Aba i sag bloß dös,
-solchena Beleidigunga, solchena neumodische Unverschämtheiten, von dera
-grauslinga Beißzanga, diese prallen an unserer Brust ab!«
-
-»Brafo! Brafo!« riefen die Magistratsräte und patschten auch lebhaft
-in die Hände, so daß Herr Haslinger sich dankend noch einmal halb vom
-Stuhle erhob und wiederholte. »Sie prallen ab, sag i, und mehra sag i
-net ...«
-
-»Dös Luada mit ihre Insinationa!« rief Mühlberger, worauf sich der Herr
-Bürgermeister räusperte und also begann:
-
-»Meine Herren! Nach den bemerkens- und auch dankenswerten Ausführungen
-des Herrn Vorredners, nach diesen von den Tönen eines beleidigten
-Ehrgefühles durchzitterten Worten erübrigt mir jetzt nur ... wie?«
-
-»Ich bitte ums Wort!« sagte zum zweiten Male der Buchbindermeister
-Kallinger ...
-
-»Ach so! Pardon! Der Herr Magistratsrat Kallinger hat das Wort.«
-
-»Meine Herren!« sagte dieser, ein Freund feinerer Bildung, der einige
-Jahre in Norddeutschland befindlich gewesen war, ... »meine Herren!
-Ich glaube fürwahr mit Recht behaupten zu dürfen, daß ich einige
-Erfahrungen besitze in betreff nämlich der Sitten und Gebräuche fremder
-Städte ...«
-
-»Geh, hör auf!«
-
-»Ich höre #nicht# auf, Herr Haslinger, und ich möchte nur bemerken,
-bald Sie sich beschweren in betreff von Unterbrechungen, dann dürfen
-auch Sie nicht einen Redner unterbrechen ... ich möchte also nur
-dieses sagen, daß ich in fremden Städten einige Erfahrungen gesammelt
-habe auch in betreff dieses Themas, über das ich mich nicht näher
-ausdrücken kann und ich behaupte, daß auch in anderen Städten dieses
-häufig vorkommt. Dann möchte ich sagen, daß zum Beispiel während einer
-Regenperiode sicherlich kein Grund zur Beschwerde vorhanden ist,
-während im Schnee fürwahr zu viele Spuren zurückbleiben. Ich möchte
-hierdurch nur eine bescheidene Anregung geben, ob die betreffenden
-Herren nicht doch eine gewisse Rücksicht auf die Witterungsverhältnisse
-walten lassen könnten ...«
-
-Damit setzte sich Herr Kallinger, und Herr Haslinger stieß Herrn
-Mühlberger mit dem Ellenbogen an, und Herr Mühlberger stieß Herrn
-Arzböck an, und es herrschte die allgemeine Ansicht, daß der Kallinger
-natürlich wieder seinen Senf habe dazu geben müssen.
-
-Aber der Bürgermeister hustete leicht und fuhr an der alten Stelle fort.
-
-»Es erübrigt mir jetzt nur die Frage, ob der Magistrat sich irgendwie
-offiziell, also beschlußfassend, mit der Sache beschäftigen soll ...«
-
-»Nix da! Da werd überhaupts nix mehr g'redt! Freili! Daß der alte
-Trankhafa sei Freud hätt!...«
-
-»Ja, also, ich entnehme den allgemeinen Zurufen, daß man über die
-Beschwerde zur Tagesordnung übergeht ... Herr Kallinger?«
-
-»Ich möchte nur einen Beschluß darüber vorschlagen, daß während
-einer Schnee- oder Kälteperiode auch nachts keine solche Verrichtung
-stattfinden dürfe ...«
-
-»Wer für den Antrag des Herrn Magistratsrates Kallinger ist, möge sich
-erheben!... Niemand? Also, der Antrag ist mit allen gegen eine Stimme
-abgelehnt ... und damit gehen wir zur Tagesordnung über. Es liegt vor
-ein Antrag des Kaufmanns Oberloher ...«
-
- * * * * *
-
-Das war am 26. März.
-
-Am 29. des gleichen Monats brachte der »Volksbote« einen geharnischten
-Artikel über »Korruption«:
-
-»Es ist einem Häuflein Bevorzugter gelungen, dem Gesetz ein Schnippchen
-zu schlagen ... usw. ... bis ... wir erinnern aber an das so wahre
-Sprüchwort _justitia fundamentum regnorum_, welches denn doch auch in
-Dornstein einige Geltung haben dürfte ...«
-
-(Siehe Beilage 5 im Akt: Beschwerde der Ursula Hirgstettner usw.)
-
-Am Abend des 1. April brannte im Hause der Frau Hirgstettner das
-Gaslicht nicht mehr. Tagsüber hatten zwei städtische Arbeiter sich
-an der Leitung in der Luitpoldstraße zu schaffen gemacht und jede
-Auskunft verweigert. Als nun Frau Offiziant Koppenwallner, welche in
-dem Hirgstettnerschen Hause wohnte, im Gange Licht machen wollte und
-immer wieder den Gashahn aufdrehte, blieb es dessenungeachtet dunkel.
-
-Obwohl sofort eine Magd zum Leiter der Gasanstalt geschickt wurde, kam
-niemand zur Abhilfe. Auch den 2. und 3. April ließ sich der städtische
-Installateur nicht blicken.
-
-Am 4. April ging Frau Ursula Hirgstettner selbst im Zustande der
-höchsten Aufregung, da die Familie Koppenwallner sofort kündigen
-wollte, zu Herrn Gasanstaltsdirektor Pfrombeck und stellte ihn
-entrüstet zur Rede.
-
-»Nur net so hitzig!« sagte Herr Pfrombeck gelassen. »Am Gas fehlt's
-net, aba wahrscheinli fehlt's an der Leitung. Vielleicht hamm S' dös
-letzte Quartal net zahlt?«
-
-»Dös tat i mir scho verbitt'n! I bin meiner Lebtag nix schuldi blieb'n
-...«
-
-»Ja no! Na werd's wo anders fehl'n. Mi geht dös nix o. De Gasleitung
-hat da Herr Magistratsrat Mühlberger unter sich. Da müassen S' zu dem
-geh' und frag'n.«
-
-Nun ging der Frau Ursula Hirgstettner allerdings ein Licht auf, aber
-als resolute Witwe ging sie unverzagt in den Kampf um ihr gutes Recht
-und in den Laden des Bäckermeisters und Magistratsrates Mühlberger.
-
-Sie mußte warten, bis alle Kunden bedient waren, und stand endlich in
-dem Hinterzimmer vor dem finster blickenden Stadtvater.
-
-»Was woll'n denn Sie?«
-
-»I? Da tat i no lang frag'n, wenn seit vier Tag 's Gas nimmer brennt!«
-
-»So?«
-
-»Ja! Zahlt ma desweg'n seine Umlag'n und Gebühr'n, daß nacha a solchena
-Schlamperei vorkimmt ...«
-
-»Sie, thean S' Eahna a bissel z'ruckhalt'n!«
-
-»Gar net halt i mi z'ruck, und auf der Stell muaß i wiss'n, warum daß
-de Arbeita mei Leitung abdraht hamm ...«
-
-»Welchane Arbeita?«
-
-»Ja, ma hat's scho g'sehg'n! Für gar so dumm müaßt's oan aa net halt'n!«
-
-»Wenn de Arbeita Eahna Leitung unterbrocha hamm, nacha hat am Rohr was
-g'feit. Vastand'n?«
-
-»So, warum fehlt denn grad bei mir was? Und bein Schimmiwirt net? Und
-bei koan Nachbarn net?«
-
-»Dös is de Rohr eahna Sach.«
-
-»I wer scho sehg'n, ob i mir dös g'fall'n lass'n muaß. I woaß scho, was
-da für a Spitzbuamg'schicht dahinta steckt.«
-
-»Halten S' Eahna z'ruck, sag i!«
-
-»Und a Spitzbuamg'schicht is, sag i!«
-
-»Sie, passen S' auf, Eahna kennt ma!«
-
-»Sie kenna mi no lang net, und wenn i net auf da Stell mei Gas kriag,
-nacha zoag i Eahna, mit wem Sie's z'thoa hamm!«
-
-»Dös braucht's net. Eahna kennt ma, sag i. Sie san eine Frau, de wo
-Insinationa macht. Verstengan Sie? Insinationa!«
-
-»I mach Eahna no ganz was anders, Sie Loawibacha, Sie ausgschamta!«
-
-»Jetzt hab i Eahna! Dös is an Amtsbeleidigung!«
-
-»Mei Gas möcht i!«
-
-»An Amtsbeleidigung is dös! Verstengan Sie? Jetzt san Sie
-g'richtsmaßig!«
-
-»Gengan S' aufs G'richt! Auf da Stell geh i mit und bring mei Sach vor!
-I will amal sehgn, ob Sie mir's Gas abdrahn derfa, weil i Eahna Sauerei
-anzoagt hab' -- Sie!«
-
-»Und jetzt macha S', daß S' naus kemma, sunst gibt's an
-Hausfriedensbruch aa no, Sie Trebernfaß, Sie ordanärs! Sie Mistamsel,
-Sie gräusliche!«
-
-»So? So red'n Sie? Aba ...«
-
-»Außi!«
-
-Der Befehl war so kategorisch und mit Schub und Druck begleitet, daß
-die fassungslose Witwe, ohne zu wissen wie, vor der Türe und auf der
-Straße stand.
-
-Ihr eiligster Lauf ging in die Redaktion des Volksboten.
-
- -- -- -- -- --
-
-Aber der Kämpfer für ihre Rechte, Herr Martin Irzinger, war nicht wie
-sonst.
-
-Er hörte sie nicht an, er unterbrach sie lange, bevor ihre Klagen zu
-Ende waren.
-
-»Dös is alles ganz recht, Frau Hiergstettner, und i kenn ja de ... i
-will sag'n, i waaß ja alles, aba, es thuat mir leid, i ko in dera Sach'
-nix mehr thoa.«
-
-»Sie san guat. Zerscht hamm's mi allaweil aufghetzt, daß i de Eingab'
-mach, und Sie hamm in Eahnern Blattl de G'schicht aufgrührt ...«
-
-»Ja ... ja ... Dös hoaßt, i hab mi für Eahna a bissel einseitig ins
-Zeug g'legt. Einseitig, verstengan Sie?«
-
-»Aba Sie hamm do g'sagt ...«
-
-»I #hab# g'sagt, aba jetzt sag i Eahna was anders, Frau Hiergstettner.
-Schauen's, i muaß #von# de Leut' leb'n, und #Sie# müass'n #mit# de Leut
-leb'n. Wir kinnan den Kriag net weiter führ'n.«
-
-»Mir geht da Proviant aus. Verstengan S', der diri dari -- und Eahna
-geht 's Liacht aus.«
-
-»Ja, was soll i denn thoa?«
-
-»An Fried'n schliaß'n. Es bleibt ins nix anders net übrig ...«
-
-Da verließ die Witwe aller Kampfes- und Lebensmut, und sie fing
-gottesjämmerlich zu weinen an.
-
-Es müssen hier einige Tatsachen nachgeholt werden.
-
-Am 1. April wurde dem »Volksboten« amtlich mitgeteilt: 1. daß der
-Magistrat das bisherige Abonnement von zwei Exemplaren nicht erneuere,
-2. daß der »Volksbote« künftighin keine amtlichen Inserate mehr zu
-gewärtigen habe.
-
-Noch den gleichen Tag suchte Irzinger den Bürgermeister auf und bat um
-Aufklärung.
-
-»Wundern Sie sich darüber?« fragte Herr Dr. Pilzweyer mit Nachdruck.
-»Konnten Sie etwas anderes erwarten, nachdem Sie in jeder Nummer Ihres
-Blattes ...?«
-
-»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...«
-
-»Oder, ich will sagen, wenn Sie beinahe in jeder Nummer die
-angesehensten Männer der Stadt, ja die Stadtverwaltung selbst, in
-maßloser Weise angreifen?«
-
-»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...«
-
-»Jawohl, maßlos, Herr Irzinger! Das Wort ist keineswegs stark gewählt
-...« Herr Dr. Pilzweyer spielte hier wieder mit dem Zwicker und
-lauschte auf seinen Tonfall. »Sie zweifeln unsere Intaktheit an, unsere
-Gerechtigkeitsliebe, Sie sprechen von einem Panama ...«
-
-»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...«
-
-»Wortwörtlich Panama! Das ist ein schlimmer Vorwurf, Herr Irzinger! Und
-ich kann Ihnen nur sagen, er hat mich persönlich geschmerzt, denn ich
-verkenne keineswegs die Bedeutung der Presse ...«
-
-»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...«
-
-»Ich kann aber, und das werden Sie mir zugeben, ein Blatt nicht
-unterstützen, welches in unser Gemeinwesen den Unfrieden trägt, welches
-das Ansehen der besten Bürger zu untergraben sucht, welches die Leitung
-der Gemeinde verdächtigt, welches ...«
-
-»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta, und bald diese Angriffe
-unterbleiben?«
-
-»Wenn Sie mir das Versprechen geben ...«
-
-»Und bald ich den Herren vom Magistrat gewissermaßen im Volksboten eine
-Genugtuung gebe?«
-
-»Dann abonniere ich wieder.«
-
-»Und de Inserat'?«
-
-»Bekommen Sie wieder.«
-
-»Gilt scho!«
-
-»Ihr Ehrenwort, Herr Irzinger?«
-
-»Auf Ehr und Seligkeit, sag i. Und bal i amal was sag', da gibt's nix;
-dös is wia Stahl und Eis'n ...«
-
-»Also gut! Sie unterlassen die Angriffe -- auch in dieser etwas
-komischen Sache ...«
-
-»A glänzende Ehrerklärung gib i, wenn i 's amal sag, Herr Bürgermoasta!
-A glänzende Genugtuung.«
-
-»Schön, dann sind wir wieder einig.«
-
-»Dös glaab i.«
-
-Die glänzende Ehrenerklärung kam am 5. April, denn einiger Zeit
-bedurfte Herr Irzinger denn doch, um seinen Gesinnungswechsel zu
-stilisieren. Er packte die Sache beim richtigen Ende an, indem er
-zuerst etwas humoristisch wurde, dann aber doch die echt altbayrische
-Standhaftigkeit der Männer hervorhob, welche auch in einer kleinen
-Sache, deren allzu deutliche Beschreibung sich von selbst verbot,
-am alten Herkommen festhielten und durch diese Hartnäckigkeit alle
-Widerstände besiegten.
-
-Auch wie Herr Irzinger freimütig bekennen zu müssen erklärte, den
-Widerstand der Presse.
-
-Der im vollsten Sinne des Wortes verlassenen Witwe blieb nichts anderes
-übrig, als die Verzeihung der standhaften Verunreiniger zu erflehen.
-
-Sie tat es.
-
-Nicht ganz so leichten Gemütes und nicht ganz so rasch wie der
-Redakteur des Volksboten; aber die Notwendigkeit, Gas zu erhalten,
-erlaubte auch kein allzulanges Zögern.
-
-Mühlberger sträubte sich und verzieh nur unter bissigen Bemerkungen die
-Insinuationen der schmähsüchtigen Frau.
-
-Aber am 11. April brannten die Gasflammen wieder.
-
-Lange nachdem sie in dieser Nacht erloschen waren, um die Geisterstunde
-vernahm die Lauschende wiederum die Ausübung jenes alten Rechtes oder
-Herkommens.
-
-Und sie konnte feststellen, daß die vier Hauptkämpfer für den alten
-Brauch samt und sonders sich betätigten.
-
-Der Herr Major Stöckelmeier, der Oberamtsrichter Pollner und die zwei
-kriegerischen Magistratsräte.
-
-
-
-
- Anfänge
-
-
-Da war ich also Rechtsanwalt in dem kleinen Orte D., und weil ich
-der erste war, der sich hierorts auf diese Weise sein Brot verdienen
-wollte, konnte ich nicht verlangen, daß alle Welt von meiner Bedeutung
-oder meinen Aussichten überzeugt war.
-
-Der Schneidermeister, in dessem Hause ich eine Wohnung gemietet hatte,
-brachte mir ein stilles, aber inniges Mißtrauen entgegen, das wiederum
-nicht frei war von einem wohlwollenden Mitleid. Der Vorstand des
-Amtsgerichtes, dem ich mich sogleich vorstellte, strich einen langen,
-grauen Schnurrbart und heftete seine scharfen Augen auf mich.
-
-Dann sagte er nur: »So, Sie san der?«
-
-Es war manches aus den Worten herauszulesen, nur keine freudige
-Zustimmung zu meinem Unternehmen.
-
-Wenn ich über die Straße ging, merkte ich wohl, daß sich Leute nach mir
-umdrehten, und wenn ich auch nicht feinnervig war, merkte ich doch,
-daß sie sich frei von allem Respekt über meine mutmaßliche Zukunft
-unterhielten.
-
-Am reichbesetzten Stammtische legten mir alle diese fest angestellten,
-besoldeten und pensionsberechtigten Männer Fragen vor, die ihre
-Überlegenheit ebenso wie ihre Zweifel dartaten.
-
-Das alles entmutigte mich nicht, aber wenn ich heim kam und durch meine
-drei kärglich möblierten Zimmer ging, in denen die Schritte so stark
-widerhallten, dann packte mich doch ein Gefühl der Unsicherheit und der
-Vereinsamung.
-
-Ich half mir auf meine Weise. Mit dem alten Zimmerstutzen meines Vaters
-schoß ich nach der Scheibe und vertrieb mir die langweiligsten Stunden.
-
-Denn wenn ich mich an den Tisch setzte und etwa zu lesen versuchte,
-hörte ich mit einem Male diese Stille um mich, ich horchte auf sie, und
-sie klang mir brausend in die Ohren.
-
-Da fiel mir alles schwer aufs Herz, was einmal war und nie mehr sein
-würde, und ein Heimweh kam über mich nach lieben Menschen, nach Dingen
-und Zuständen, von denen ich für immer hatte Abschied nehmen müssen.
-
-Das waren Trübseligkeiten, über die mir keine Arbeit weghalf, weil ich
-keine hatte.
-
-Wenn ich die Treppe herunterstieg und in die Werkstatt meines
-Schneidermeisters einen Blick werfen konnte, beneidete ich die blassen,
-jungen Leute, die darauflos nähten von Montag bis Samstag und jeden
-Feierabend und jeden Feiertag sich redlich verdienten.
-
-Das sah anders aus als in meiner leeren Stube, an deren Wand zwecklos
-ein kleiner Tisch stand, auf dem ein Paket frischer Papierbogen lag
-neben dem nagelneuen Tintenfasse, den ungebrauchten Federhaltern und
-scharfgespitzten Bleistiften. Drei, vier lange Tage schlichen vorbei,
-ohne daß jemand zu mir gekommen wäre.
-
-Der fragende Blick des Hausherrn wurde eindringlicher, die Bemerkungen
-am Stammtische wurden berechtigter, die Mienen aller mir begegnenden
-Spießbürger wurden höhnischer. Wie lange ich nachts mit offenen Augen
-im Bette lag und nun erst recht die brausende, tosende Stille um mich
-herum hörte!
-
-Leute standen vor mir, die mich mit ernsten Augen anblickten und mir
-die Aussichtslosigkeit meines Versuches darlegten, Menschen, die ich
-liebte und denen ich auch etwas galt, -- gegolten hatte.
-
-Denn was war dann, wenn ich hier scheiterte und allen recht gab, die
-mir abgeraten hatten?
-
-Es waren lange Nächte.
-
-Gegenüber lag eine Schmiede, und vor Tagesanbruch klangen schon die
-Hammerschläge.
-
-Da mußte ich aufstehen, zuschauen und mir immer wieder sagen, das sei
-Arbeit, Freude und Leben.
-
-Am fünften Tage kroch mir schon die häßlichste Mutlosigkeit ans Herz.
-
-Aufstehen und warten, in der Stube herumgehen und warten.
-
-Den Zimmerstutzen hatte ich in eine Ecke gestellt.
-
-Mir war gottsjämmerlich zumut. Mein ganzes Vermögen von achtzig Mark
-ging auf die Neige, und hier mit Schulden beginnen wollte mir doch als
-Anfang vom Ende vorkommen.
-
-Da!
-
-Nein, es war keine Täuschung, hell und durchdringend läutet die Glocke
-an meiner Wohnungstüre.
-
-Ich eilte hinaus und öffnete.
-
-Ein hochgewachsener, wohlbeleibter Mann mit einem mächtigen
-altbayrischen Knebelbart stand vor mir, und sein städtischer Anzug
-war für mich eine Enttäuschung, weil er so gar nicht wie ein
-prozessierender Ökonom aussah.
-
-Aber vielleicht ein Gutsbesitzer, Pächter oder Verwalter?
-
-Das schien mir zweifelhaft. Eher konnte er ein behäbiger Bürger des
-Marktes sein, und ja, das würde wohl stimmen.
-
-»Hab' ich die Ehr', den Herrn Rechtsanwalt ...?«
-
-»Bitte, kommen Sie nur herein ...«
-
-Ich mußte so etwas von der einladenden Höflichkeit eines Friseurs,
-eines Zahnarztes, des Besitzers einer schlechtbesuchten Schaubude an
-mir haben.
-
-Der Gast stand hoch und breit in meinem Zimmer und war sich, wie ich
-merken konnte, sogleich über die Situation klar.
-
-»Aha!« sagte er, »-- m--hm -- da is aber a bissel -- --«
-
-»Wie meinen Sie?«
-
-»A bissel laar is.«
-
-»Ich lasse mir meine Möbel erst nachkommen,« sagte ich. »In den ersten
-Tagen mochte ich natürlich nicht -- --«
-
-»Freili, natürli. Aba wo san denn de Büacha?«
-
-»Die kommen auch nach.«
-
-»M--hm -- ja -- ja -- I will Eahna was sag'n, Herr Dokta. Dös erste,
-was Sie hamm müass'n, san Büacha. Es is ja scho weg'n de Klient'n. Da
-wenn oana rei kimmt zum Beispiel, nacha muaß 's ausschaug'n da herin,
-als wia 'r in a alt'n Kanzlei. An dera Wand da drüb'n, da müass'n lauta
-Büacha steh', und da herent, da müassen S' a so a Stellaschi mit Papier
-und Aktendeckel hamm. Derfen S' ma 's glaab'n, i hab scho mehra junge
-Herrn o'fanga sehg'n ...«
-
-»Das kommt alles, aber mit was kann ich Ihnen dienen?«
-
-»Mir? Dös wer i Eahna glei sag'n. I bin nämli der Vertreter von der
-Buchhandlung Maier -- J. A. Maier & Sohn -- Sie kennan ja die Firma?...«
-
-Es war wieder eine Enttäuschung, und diesmal eine ziemlich starke.
-
-»N ... nein ...« sagte ich.
-
-»Dös wundert mi, aba mir lerna uns scho no bessa kenna,« antwortete
-er, und es strömte ein wirkliches und wohlwollendes Behagen von ihm
-aus. »Mir lerna uns no guat kenna. Nämli, unser Spezialität is ja, daß
-mir junge Herrn Rechtsanwält ausstaffiern, und i kann Eahna sag'n, i
-hab scho ziemli viel Herrn ausstaffiert. Lesen S' no ...«
-
-Er gab mir eine Karte.
-
-J. A. Maier -- Buchhandlung -- Spezialität -- Anlage von Bibliotheken
-für Herren Notare und Rechtsanwälte -- An- und Verkauf von juristischen
-Bibliotheken -- Kulante Gewährung von Teilzahlungen -- usw.
-
-»Sehg'n S', Herr Dokta, dös is dös, was Sie brauchan. De Wand da
-drüben, de muaß ganz zuadeckt sei mit lauta Büacha. Erschtens -- er
-streckte den Daumen aus -- brauchan Sie wirkliche juristische Büacha
--- dös kriag'n ma nacha -- zwoatens -- er gab den Zeigefinger dazu --
-brauchan Sie Entscheidunga -- mir hamm antiquarisch a paar Sammlunga --
-drittens -- und jetzt kam der Mittelfinger -- drittens, da gibt's so
-Amtsblätter und alte Verordnungsblätter, de ja koan Wert nimmer hamm,
-aba de san hübsch groß, in blaue Pappadeckel ei'bund'n, und macha an
-recht'n Krawall, de nehman si großartig aus in da Kanzlei. De kriag'ns
-von uns drein, an achtz'g Bänd für zwölf Markl ...«
-
-»Das ist alles recht schön, aber ...«
-
-»Nix aba!« Er sagte es energisch und jede Widerrede abschneidend. »Dös
-is dös, was Sie brauchan, Herr Dokta. Und jetzt schreib'n mir amal auf,
-was Sie für wirkliche Büacha hamm müass'n. Mit 'n Strafrecht fanga ma
-'r o ...«
-
-Und er fing mit dem Strafrecht an und nannte im befehlenden Ton alle
-anderen im besten Ansehen stehenden Kommentare, schrieb sie mit der
-Füllfeder auf, fand immer noch ein Buch und gab es dazu, und erklärte
-endlich, daß mir nunmehr einigermaßen und fürs erste geholfen sei.
-
-Alle Zahlungsbedenken schnitt er kurz ab, und erst, als er sein dickes
-Notizbuch in die Brusttasche und seine Füllfeder in die Westentasche
-gesteckt hatte, gab er den befehlshaberischen Ton auf und wurde wieder
-umgänglich.
-
-»Soo,« sagte er gemütlich, »jetza hamm ma 's, und Notabeni, i mach no
-mei Gratulation, daß Sie Eahna hier niederlassen hamm. De Gegend is
-guat, de Bauern streit'n gern, g'rafft werd aa no Gott sei Dank, da hat
-a junger Rechtsanwalt a ganz a schön's Feld der Betätigung, und jetzt
-bhüat Eahna Good!«
-
-Er schied mit einem freundlichen Lächeln von mir, und seine Worte taten
-mir wohl. Nur allmählich wurde mir klar, daß diese Anschaffung auf
-Kredit meine Stellung nicht gerade gebessert und befestigt hatte.
-
-Ein ereignisloser Tag, der nun folgte, und die Gewißheit, der ich
-entschlossen ins Gesicht sehen mußte, die Gewißheit, daß ich das
-nächste Mittagessen würde schuldig bleiben müssen, ließen mir die
-Bestellung einer Bibliothek als verbrecherische Torheit erscheinen.
-
-Die Schneider nähten, die Schmiede hämmerten, der Rechtsanwalt schaute
-zum Fenster hinaus auf den Marktplatz.
-
-Vor seinem Bäckerladen stand der dicke Herr Holdenried und stocherte
-in den Zähnen herum und gähnte und spuckte aus, und tat das alles mit
-Ruhe, wie sie eine gefestigte Sicherheit gibt.
-
-Zwei Häuser weiter stand der Seiler Weiß auf dem Bürgersteig und zeigte
-ebenso aller Welt, die es wissen wollte, daß er sich satt gegessen
-hatte.
-
-Sie riefen sich etwas zu und lachten, und Herr Holdenried ging ein
-paar Schritte hinauf, und Herr Weiß ging ein paar Schritte herunter,
-bis sie beisammen standen und offenbar von den gleichgültigsten
-Dingen miteinander redeten. Jeder stand würdig und breitbeinig und
-zahlungsfähig auf dem Pflaster und jeder wußte, daß aus irgendeinem
-Fenster, oder aus mehreren Fenstern, neidische Blicke auf sie geworfen
-wurden. Und jeder wußte, daß er wie Vater und Vatersvater den Neid
-verdiente.
-
-Ob je einer von diesen niederträchtigen Spießbürgern Sorgen getragen
-hatte, oder auch nur wußte, wie der Gedanke an morgen bleischwer auf
-dem Magen liegen konnte?
-
-Sie bliesen die Luft von sich und waren zufrieden mit sich und einer
-mit dem andern, und dann ging Herr Holdenried ein paar Schritte
-hinunter und Herr Weiß ein paar Schritte hinauf, und sie schloffen
-durch ihre Haustüren ins Behagen zurück.
-
- -- -- -- -- --
-
-
-Und es war doch wieder die Glocke! Es war gewiß und wahrhaftig wieder
-die Glocke! Ein kleiner, schmächtiger Mann stand vor der Türe. An
-seinen Stiefeln hing zäher Lehm, und ich sah wohl, daß er auf Feldwegen
-gegangen war, und in seinen Blicken lag etwas Unsicheres, Fragendes ...
-
-»Sind Sie der neue Herr ...«
-
-»Ja, jawohl, kommen Sie nur herein, bitte!«
-
-Es klang immer noch wie die Einladung einer Schießbudenmadam, nur
-zögernder.
-
-Und das war also ein Lehrer aus Irzenham, einem weit entlegenen Orte,
-der zu einem anderen Gerichte gehörte, aber der Herr Lehrer war etliche
-Stationen weit mit der Bahn gefahren, hier ausgestiegen, und nun eben,
-nun war er da.
-
-Es handelte sich um eine Beleidigung. Eigentlich um eine
-ununterbrochene Reihe von Kränkungen, Beleidigungen und
-Ehrabschneidungen.
-
-Man mußte weit zurückgreifen. Es handelte sich, wenn man es recht sagen
-wollte, um einen förmlichen Krieg zwischen Pfarrer und Lehrer, Sie
-wissen ja, wie das leider so häufig vorkommt ... Ob ich es wußte! Und
-ob ich nicht, was ich wußte, mit starken Worten sagte, mit Entrüstung,
-allgemeiner und gerade auf diesen Fall angewandter besonderer
-Entrüstung!
-
-Wie konnte man einen Mann, der ... und wie konnte man einen Lehrer,
-dessen dornenvoller, verantwortungsreicher Beruf -- -- und so weiter --
-Wie konnte man das?
-
-Der Pfarrer hatte es gekonnt. Er hatte schon bald, nachdem der Herr
-Lehrer nach Irzenham versetzt worden war, begonnen, die Stellung
-des Mannes zu untergraben, ihn zu reizen, ihn zu verdächtigen, ihn
-herunterzusetzen --. Man mußte da weit zurückgreifen und die Irzenhamer
-Geschichte der letzten drei, vier Jahre kennen lernen, um dann wieder
-hier vorgreifend, dort Rückschlüsse ziehend, um, auch den schlechten
-Charakter des neu gewählten Bürgermeisters so ganz begreifend, zu
-verstehen, warum und wieso die letzten Angriffe auf den Herrn Lehrer,
-dessen Ehefrau Amalie und wiederum deren Schwester Karoline von langer
-Hand vorbereitet und besonders giftig waren.
-
-Man mußte weit zurückgreifen, und ob ich es gern tat!
-
-Ob ich nicht politische Bemerkungen einfließen ließ und mich voll
-und ganz auf die Seite der Lehrer stellte, ganz allgemein aus
-Gesichtspunkten, die für jeden anständigen Menschen gelten mußten,
-die in jedem vernünftig geleiteten Staat, die in jeder ordentlich
-verwalteten Gemeinde überhaupt nicht in Frage kommen konnten!
-
-Ob ich sie nicht mit juristischen Bemerkungen spickte!
-
-Ob ich nicht selber von einer sittlichen Entrüstung durchbebt war!
-
-Und ob ich nicht immer wieder betonte und feierlich versicherte, daß
-diese seit Jahren auf Irzenham drückende, schwüle Temperatur bloß durch
-das Gewitter einer Gerichtsverhandlung gereinigt werden könne und müsse!
-
-Ja, ich hatte wirklich das Gefühl der Erleichterung, der Befriedigung,
-als es nun endlich feststand, daß ich als Kläger gegen den Pfarrer
-auftreten würde!
-
-Es sollte dabei nichts verschwiegen werden?
-
-Aber gewiß nichts!
-
-Die Irzenhamer Geschichte der letzten vier Jahre sollte vor dem Forum
-der Öffentlichkeit aufgerollt und unter eine alle Winkel erhellende
-Beleuchtung gesetzt werden. Darauf konnte sich der Herr Lehrer
-verlassen.
-
-Darauf konnten sich der Herr Lehrer, seine Ehefrau und deren Schwester
-Karoline unbedingt verlassen.
-
-Die Vollmacht war unterschrieben. »Und ja, womit kann ich noch dienen?«
-
-»Ich möchte,« sagte der ehrenwerte und in allen seinen Gefühlen heftig
-verletzte Mann, »ich möchte natürlich einen Vorschuß erlegen, aber ich
-habe leider nicht mehr als fünfzig Mark bei mir ...«
-
-Er zog einen reizenden, von der liebenden Hand der Ehefrau gestickten
-Geldbeutel hervor und nahm wundervoll klingende Goldstücke daraus ...
-
-Ich schwieg und sah ihm zu.
-
-Ich dachte durchaus ernsthaft darüber nach, wie unsagbar roh man
-veranlagt sein mußte, wenn man diese Frau, welche die hübsche Geldbörse
-vermutlich zu Weihnachten gestickt hatte, kränken oder ihrer Schwester
-Karoline zu nahe treten konnte! Der Lehrer faßte mein tiefsinniges
-Schweigen irrtümlich auf.
-
-»Ich kann Ihnen ja noch einiges schicken, wenn das nicht genügt ...«
-
-»Es genügt,« sagte ich und ließ meine Gedanken nicht weiter abschweifen.
-
-Er zählte das Geld auf den Tisch, ich schrieb mit scheinbarem Gleichmut
-eine Quittung, alles sah geschäftsmäßig und richtig aus, und er wollte
-nach höflichem Abschiede gehen.
-
-Da drängte sich mir eine Frage auf die Lippen.
-
-»Herr Lehrer, wie kommt das nun eigentlich? Ich meine, wie kommen Sie
-von Irzenham hierher und zu mir?«
-
-»Hierher? Hm--m ...«
-
-»Sie haben wahrscheinlich meine Anzeige im Wochenblatt gelesen?«
-
-»Nein ... eigentlich nicht ...«
-
-»Und wieso ...?«
-
-»Ich wollte nämlich nach München fahren und dort zu einem Anwalt gehen,
-aber in der Bahn ... wissen Sie ... da war ein Herr ... ein gebildeter
-Mann, so militärisch hat er ausgesehen ...«
-
-Der Lehrer zwirbelte mit der Hand einen imaginären Schnurr- und
-Knebelbart ...
-
-»... wie ein alter Soldat und auch in der Sprechweise ... nicht
-wahr ... Und ja, wir sind ins Gespräch gekommen, wie man eben eine
-Unterhaltung beginnt, und da erzählte ich dem Herrn von meinem Prozeß
-...«
-
-»Richtig, dem Herrn erzählten Sie ...«
-
-»Daß ich nach München fahre, um einen Anwalt aufzusuchen, und da sagt
-er zu mir: Was wollen Sie denn in München? Wissen Sie denn nicht, daß
-ein ausgezeichneter Anwalt hier ist? Er meinte nämlich, hier ...« Der
-Lehrer machte eine Verbeugung.
-
-»Bitte!« sagte ich ruhig.
-
-»Ja, und der Herr erzählte von Ihnen in sehr schmeichelhafter Weise
-und er sagte, es sei ein Glück, wenn sich in der Provinz so gute
-Anwälte niederlassen, Sie entschuldigen Herr Doktor, wenn ich das so
-wiedererzähle, aber ...«
-
-»Bitte!« sagte ich ruhig.
-
-»Sie müssen schon öfter für den Herrn Prozesse gewonnen haben?«
-
-»Möglich«, log ich. »Momentan natürlich kann ich mich nicht erinnern
-...«
-
-»Ein auffallend großer Mann mit einem militärischen Bart,« wiederholte
-der Lehrer und zwirbelte einen unsichtbaren, martialischen Bart ...
-
-»Hm! Ich kann mir ungefähr denken ...«
-
-»Er war, wenn ich so sagen darf, sehr energisch. Wie der Zug hier
-anhielt, und ich ... Sie entschuldigen, Herr Doktor, weil ich Sie doch
-nicht kannte ... und ich wußte noch nicht, ob ich aussteigen sollte,
-da hat er mich gewissermaßen hinausgeschoben und hat mir meinen Mantel
-und meinen Regenschirm hinausgereicht, und er sagte immer: Sie müssen
-zu dem Anwalt hier gehen. Das ist der rechte Mann für Sie, und er
-sagte: Sie werden mir ewig dankbar sein, denn sehen Sie, sagte er,
-in der Großstadt, da hat man nicht das Interesse und die Zeit, da
-werden Sie kurz abgefertigt, sagte er, -- und da ist der Zug schon
-weggefahren, und ich bin da gestanden. Ja, und der Herr hat noch zum
-Fenster herausgesehen und hat mir gewunken ... hm ... ja ... und da
-bin ich eben zu Ihnen gegangen ... und wenn ich so sagen darf, ich bin
-eigentlich froh ...«
-
-»Seien Sie unbesorgt, Herr Lehrer, ich werde energisch für Ihr Recht
-eintreten ...«
-
-»Ja, und wissen Sie, diese Äußerung gegen meine Schwägerin Karoline,
-die muß besonders hervorgehoben werden ...«
-
-»Sie #wird# hervorgehoben,« sagte ich mit starker Stimme, »wir wollen
-einmal sehen, ob der politische Fanatismus alles und jedes beschmutzen
-darf, wir wollen sehen, ob ... kurz und gut, Sie können beruhigt
-heimfahren.«
-
-Die Augen des Lehrers leuchteten auf. Er bot mir die Hand und
-schüttelte sie und ging ...
-
-Ich nahm zu allererst die Goldstücke und ließ sie klirrend auf den
-Tisch fallen und wieder in den hohlen Händen aneinander klingen.
-
-Ha!
-
-Ob ich mich an den Mann erinnerte, der einen so befehlenden Ton hatte,
-wenn er die Bestellung einer Bibliothek erzwang oder zaghafte Klienten
-zum richtigen Anwalt schickte?
-
-Es sollte mehr solche Männer geben!
-
-
-
-
- Werke von Ludwig Thoma
-
-
- Der Wittiber
-
- Ein Bauernroman. Illustriert von #Ignatius Taschner#
- 15. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark
-
-
- Andreas Vöst
-
- Bauernroman
- 27. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark
-
-
- Altaich
-
- Eine heitere Sommergeschichte
- 50. Tausend, Geheftet 6 Mark, gebunden 9 Mark
-
-
- Lausbubengeschichten
-
- Aus meiner Jugendzeit
- 80. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark
-
-
- Tante Frieda
-
- Neue Lausbubengeschichten. Illustriert von #Olaf Gulbransson#
- 48. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark
-
-
- Kleinstadtgeschichten
-
- 50. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark
-
-
- Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten
-
- Illustriert von #Eduard Thöny#
- 50. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark
-
-
- Jozef Filsers Briefwexel 2. Buch
-
- Illustriert von #Eduard Thöny#
- 25. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark
-
-
- Hochzeit
-
- Eine Bauerngeschichte. Buchschmuck von #B. Paul#
- 19. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 6 Mark
-
-
- Agricola
-
- Bauerngeschichten. Illustriert von #Hölzel# und #Paul#
- 17. Tausend. Geheftet 5 Mark, gebunden 8 Mark
-
-
- Der heilige Hies
-
- Eine Bauerngeschichte. Illustriert von #Ignatius Taschner#
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-
-
- Das Kälbchen
-
- Novellen
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-
-
- Assessor Karlchen
-
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-
-
- Das Aquarium
-
- Humoresken
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-
-
- »Peter Schlemihl«
-
- Gedichte
- 5. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 5.50 Mark
-
-
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-
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-
-
- Magdalena
-
- Ein Volksstück in drei Aufzügen
- 7. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark
-
-
- Moral
-
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-
-
- Die Medaille
-
- Komödie in einem Akt
- 13. Tausend. Geheftet 2 Mark, gebunden 4 Mark
-
-
- Die Lokalbahn
-
- Komödie in drei Akten
- 10. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark
-
-
- Erster Klasse
-
- Bauernschwank in einem Akt
- 14. Tausend. Geheftet 2 Mark, gebunden 4 Mark
-
-
- Lottchens Geburtstag
-
- Lustspiel in einem Akt
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- Das Säuglingsheim
-
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- 5. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark
-
-
- Der erste August -- Christnacht 1914
-
- Zwei Einakter
- 10. Tausend. Geheftet 1 Mark, gebunden 1.50 Mark
-
-
- Brautschau
-
- drei Einakter
- 5. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 5 Mark
-
-
- Waldfrieden
-
- Lustspiel in einem Akt
- 3. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark
-
-
- Gelähmte Schwingen
-
- Lustspiel in einem Akt
- 3. Tausend. Geheftet 1 Mark, gebunden 2 Mark
-
-
- Heilige Nacht
-
- Weihnachtslegende. Illustriert von #Wilhelm Schulz#
- Gebunden 6 Mark
-
-
- Albert Langen / Verlag / München
-
-
- Druck von Hesse & Becker in Leipzig
- Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn
- verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander
- verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden
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-
- Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit # markiert. Im Original
- fett gesetzter Text wurde mit = markiert. Text, der im Original nicht
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-End of the Project Gutenberg EBook of Nachbarsleute, by Ludwig Thoma
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHBARSLEUTE ***
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-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
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-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Nachbarsleute, by Ludwig Thoma
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Nachbarsleute
-
-Author: Ludwig Thoma
-
-Release Date: July 20, 2017 [EBook #55159]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHBARSLEUTE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
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-</pre>
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-
-
-<p class="center">Ein Verzeichnis von <em class="gesperrt">Ludwig Thomas</em> Büchern
-befindet sich am Schluß dieses Bandes</p>
-
-
-
-
-<h1>
-Nachbarsleute</h1>
-<p class="center">von</p>
-<p class="author">Ludwig Thoma</p>
-<p class="center spaced">
-13. bis 15. Tausend</p>
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/signet.jpg" width="100" height="100" alt="" />
-</div>
-<p class="publisher">
-Albert Langen, München
-</p>
-
-
-
-
-<p class="center spaced">
-<span class="gesperrt">Übersetzungsrecht vorbehalten</span><br />
-Albert Langen <span style="margin-left:2em;">Ludwig Thoma</span><br />
-Copyright 1916 by Albert Langen, Munich<br />
-</p>
-
-
-
-
-<h2><a name="Inhalt" id="Inhalt">Inhalt</a></h2>
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="">
-<tr><td /><td align="left"><span style="margin-left: 3em;">Seite</span></td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Junker_Hans">Junker Hans</a></td><td align="right">7</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Das_Volkslied">Das Volkslied</a></td><td align="right">59</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Auf_dem_Bahnsteig">Auf dem Bahnsteig</a></td><td align="right">73</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Tja_mdash">Tja &mdash; &mdash;!</a></td><td align="right">81</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Der_Biedermann">Der Biedermann</a></td><td align="right">91</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Unser_guater_alter_Herzog_Karl">Unser guater, alter Herzog Karl</a></td><td align="right">99</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Liebe_um_Liebe">Liebe um Liebe</a></td><td align="right">107</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Auf_der_Elektrischen">Auf der Elektrischen</a></td><td align="right">117</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#O_Natur">O Natur!</a></td><td align="right">129</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Das_alte_Recht">Das alte Recht</a></td><td align="right">135</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Anfaenge">Anfänge</a></td><td align="right">157</td></tr>
-</table></div>
-
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="subtitled"><a name="Junker_Hans" id="Junker_Hans">Junker Hans</a></h2>
-<p class="subtitle">Eine Kleinstadtgeschichte</p>
-</div>
-
-
-<p class="chap-start">Wie es gekommen war, ob Herr Pfaffinger
-höflich oder in barschem Tone
-das Schließen der Türe verlangt, ob
-Herr Tresser nach dieser Aufforderung erst recht
-die Türe aufgerissen, ob Herr Pfaffinger in rüder
-Weise sie dann ins Schloß geworfen hatte und
-hierauf von Herrn Tresser als ungebildeter Lümmel
-bezeichnet wurde, während Herr Pfaffinger diesen,
-Herrn Tresser nämlich, mit dem Worte Lauskerl
-schon vorher betitelt hatte, läßt sich aus den erregten
-Schilderungen der angesehenen Bürger Dornsteins
-nicht unwiderleglich feststellen, &mdash; Tatsache
-ist, daß Herr Tresser Herrn Pfaffinger einerseits
-an der Gurgel packte, während Herr Pfaffinger
-andererseits diesem, dem Herrn Tresser nämlich,
-eine derart schallende Ohrfeige versetzte, daß der
-Schlag sogar in den hintersten Sitzreihen des Höllbräusaales
-vernommen wurde.</p>
-
-<p>Von vielen Zeugen des Vorfalles wird erzählt,
-daß die Tochter des Herrn Magistratsrates Trinkl,
-Fräulein Fanny Trinkl, über Zugluft geklagt habe,
-was den neben ihr sitzenden Brauereivolontär Pfaffinger
-veranlaßte, aufzuspringen und die Saaltüre
-zu schließen, worauf Herr Rechtspraktikant Tresser
-dieselbe sogleich wieder öffnete, sei es nun, weil
-er und einige mitanwesende Beamte es zu heiß
-fanden, sei es, weil er über die eigenmächtige
-Handlung des Herrn Pfaffinger entrüstet war,
-was aber wiederum diesem, Herrn Pfaffinger, als
-eine Beleidigung seiner Dame erscheinen mußte,
-so daß er sich zu einem Schimpfworte hinreißen
-ließ, wobei freilich nicht bestimmt behauptet werden
-kann, daß nicht etwa Herr Tresser schon vorher
-den Ausdruck ungebildeter Lümmel gebraucht
-hatte, kurz und gut, was hier auch übereinstimmend
-oder verschieden berichtet wird, &mdash; Tatsache ist, daß
-Herr Pfaffinger von Herrn Tresser an der Gurgel
-gefaßt wurde, und daß dann Herr Tresser eine dermaßen
-starke Ohrfeige erhielt, daß seine linke Wange
-anschwoll.</p>
-
-<p>Mir war und ist es nur darum zu tun, eine
-vollkommen wahrheitsgetreue Schilderung des Herganges
-zu geben, wobei ich keineswegs, wie Herr
-Magistratsrat Trinkl, das Verhalten des Herrn
-Pfaffinger oder, wie Herr Sekretär Hundertkäs,
-das Benehmen des Herrn Tresser als absolut berechtigt
-hinstelle, sondern ich möchte ausschließlich
-die Tatsache klarstellen, daß Herr Tresser einerseits
-Herrn Pfaffinger körperlich anfiel, während
-Herr Pfaffinger andererseits diesem eine wuchtige
-Maulschelle applizierte.</p>
-
-<p>Das Geschehnis läßt sich weder leugnen noch
-beschönigen, noch auf irgendeine Weise aus der
-Welt schaffen, und es ist weiter nichts zu erörtern
-als die Frage, welche Folgen die Mißhandlung
-eines den besseren Kreisen angehörigen Mannes
-haben konnte.</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>In der Tat wurde der Vorfall auch von den
-bürgerlichen Elementen nach Verlassen des Höllbräusaales
-lebhaft erörtert, und Bäckermeister
-Schwarz bewies vielleicht die größte Heftigkeit der
-Gesinnung.</p>
-
-<p>&bdquo;Also mir ... net ... also mir bal oana so was
-saget ... net ... also ung&rsquo;hobelter Lackel oder so
-was ... net ... also i ... mei Liaba ... i den
-bei de Ohrwaschel nehma und beuteln ... hast d&rsquo;
-g&rsquo;hört ... und nacha oani links und oani rechts
-abahau&rsquo;n ... vastehst ... und nacha no a paar ...
-also mir bal oana kam! Was? sag i ... an ung&rsquo;hobelter
-Lackel bin i ... moanst du vielleicht,
-weil di dei Vata studiern hat lass&rsquo;n ... derfst du
-an Bürgersmann, der wo seine Steuern zahlt ...
-net ... und wo seine Familli rechtschaff&rsquo;n ernährt
-... schimpf&rsquo;n ... sag i ... Wer is ung&rsquo;hobelt?
-sag i ... vielleicht net a Beamta, der si
-a so aufführt? Was bin i? A Lackel bin i? Hab
-Eahna i scho amal an Lackel abgeb&rsquo;n? Han? Du
-Herrgottsakrament! sag i. Da hast a paar! sag i ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Plärr do net a so!&ldquo; rief Magistratsrat Trinkl ...
-&bdquo;Bleib&rsquo;n ja d&rsquo; Leut steh&rsquo; und schaug&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja no ... muß ma si so was hoaß&rsquo;n lass&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Zu dir hat er nix g&rsquo;sagt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös is sei Glück, mei Liaba ... mir bal er so
-was saget! Also den schlaget i sei Batterie scho
-a so her, daß er alle Engel pfeif&rsquo;n hörat ... Ung&rsquo;hobelter
-Lackel möcht er an Bürgersmann hoaß&rsquo;n ...
-so a Schreibersg&rsquo;sell, so a notiger, der wo si net
-amal was G&rsquo;scheit&rsquo;s z&rsquo; fress&rsquo;n kaff&rsquo;n ko.... Dir
-gib i scho an Lackel ... also bloß sag&rsquo;n braucht
-er&rsquo;s zu mir ... nix als wia sag&rsquo;n ... sag&rsquo; i ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mir g&rsquo;fallt de G&rsquo;schicht gar net ... dös ...
-dös ... i woaß net ... da derleb&rsquo;n mir no was!&ldquo;
-sagte der Gold- und Silberarbeiter Elfinger und
-machte ein bekümmertes Gesicht ... &bdquo;De G&rsquo;schicht
-is no net firti ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was is net firti?&ldquo; fragte Trinkl.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... dös mit dera Schell&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös is allerdings firti. Der hat sei Fotz&rsquo;n,
-und gar is ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wer&rsquo;n ma&rsquo;s sehen, ob die Sache so einfach
-verläuft, also gewissermaßen im Sande,&ldquo; erwiderte
-Elfinger, der nicht ungerne hochdeutsch sprach.</p>
-
-<p>&bdquo;Was will er denn mit a Klag?&ldquo; höhnte Magistratsrat
-Trinkl.</p>
-
-<p>&bdquo;Bal er z&rsquo;erscht &rsquo;s Maul aufreißt, net, und ganz
-ordinär werd&rsquo; ... und nacha aufs G&rsquo;richt laff&rsquo;n!
-Na, mei Liaba!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;G&rsquo;richt laufen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... da werd halt &rsquo;s G&rsquo;richt sag&rsquo;n, Herr
-Rechtspraktikant, werd&rsquo;s sag&rsquo;n, bald Sie eine würkliche
-Bildung besitzen, dürfen Sie nicht anfangen
-und die Leute aufreizen, und bald Sie aber die
-Leute aufreizen, müssen Sie Ihnen halt diese
-Behandlung gefallen lassen. A so red&rsquo;t &rsquo;s G&rsquo;richt!
-Vastand&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich rede ja überhaupts nicht vom Gericht,&ldquo;
-sagte Elfinger etwas ungeduldig.</p>
-
-<p>&bdquo;Net?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein ... durchaus nicht. Das weiß man doch,
-daß diese Herren ... also ... die wo auf der Universität
-studiert haben ... eine Ohrfeige durchaus
-nicht hinnehmen dürfen wie unsereiner ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Geh! Hör&rsquo; auf!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein! Das lest man doch in der Zeitung, daß
-für solchene Herren eine Ohrfeige sozusagen eine
-tödliche Beleidigung ist, und auch bald sie nicht
-wollen, müssen sie doch, indem es ein Ehrenstandpunkt
-ist ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Geh! Hör&rsquo; auf!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na, frag&rsquo; halt Leut&rsquo;, die &rsquo;s wissen! Ob eine
-Ohrfeige nicht mit Blut abgewaschen werden muß,
-und bald der Betreffende auch vielleicht nicht
-will ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jetzt muaß i scho sag&rsquo;n ... Elfinger ... red&rsquo;
-net gar so saudumm daher!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich rede durchaus nicht saudumm daher ...
-und überhaupts möchte ich mir das verbitten ...
-net wahr ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Kam er da mit&rsquo;n Bluat o&rsquo;wasch&rsquo;n ... und
-solche Sprüch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Weil es wahr ist! Jawohl! Wenn einer natürlich
-seiner Lebtag in Dornstein hockt als Lebzelter,
-weiß er nicht, wie solche Vorkommnisse sich
-auswachsen ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O mei! Da balst net gehst!...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich war dritthalb Jahr in Erlangen, mein
-Lieber, wo sich eine Universität befindlich ist, und
-bald du das nicht woißt, kannst es ja nachles&rsquo;n im
-Sulzbacher Kalender ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I huast dir auf dei Universatät!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist die Sprache der Ungebildeten ... das
-kann ich dir sagen ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Han?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jawohl! Da muß man einmal in der Welt
-herumgekommen sein, dann schaut man die Sache
-etwas anders an. Ich hab viel erlebt in dieser
-Beziehung, und bald ein Student dem anderen
-eine Ohrfeigen gibt, diese Fälle kenn&rsquo; ich, und da
-entscheidet dann das Ehrengericht, ob dieser Betreffende
-nicht mit der Pistole in der Hand Rechenschaft
-verlangen muß ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Herrgottsakrament, jetzt sag&rsquo; i &rsquo;s nomal, a so
-a spinnata Tropf is ma do aa no net fürkemma ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da spinnt niemand!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Net z&rsquo; weni, sag&rsquo; i ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein! Durchaus nicht! Das ist der Standpunkt
-der Satisfaktion, wennst d&rsquo; scho amal was g&rsquo;hört
-hast von dem!...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da müaßt da Schorschl ...?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jawohl!!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da müaßt da Pfaffinger Schorschl si vo an
-so an notinga Hanswurscht&rsquo;n nauf schiaßn lass&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jawohl!! Das heißt, in dieser Beziehung weiß
-ja der Betreffende nicht, ob ihn das Schicksal
-trifft, und äh ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da Pfaffinger Schorschl, der in a paar Jahr
-de Brauerei von sein Vata kriagt mit achtavierz&rsquo;g
-Wirt ... und ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was hat denn das damit zu tun ...?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und dös schöne Sach in Matzing drauß&rsquo;n ...
-langa koane vierhundert Tagwerk ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;... Also ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und a Stuck an achtz&rsquo;g Küah im Stall ...
-der soll si ...? Geh! Wia no a Mensch so daher
-red&rsquo;n ko!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn du oan net red&rsquo;n laßt und all&rsquo;s besser
-woaßt, na brauch ja i net red&rsquo;n,&ldquo; schrie Elfinger,
-den der Zorn wieder ins Altbayerische brachte.</p>
-
-<p>&bdquo;Für dös red&rsquo;n kriagst d&rsquo; nix,&ldquo; erwiderte der
-Herr Magistratsrat Trinkl mit gleichfalls erhobener
-Stimme. &bdquo;Kam er do mit sein Student&rsquo;nschmarr&rsquo;n
-daher! A Duwäl! Ah! Ah! da kunnt&rsquo;st scho Grean
-Baamwirt wer&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn er an Ehr im Leib hat ... vastehst!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;An Ehr! Woaßt, was da Pfaffinger Schorschl
-hat? An Diridari hat a! Maxi hat a! Und auf
-dei Ehr is ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mit dir ko ma net streit&rsquo;n; dös woaß ma scho!
-Weil du a Hammi bist!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja du! Für dös bist du bekannt in ganz
-Dornstoa!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ah! Der is guat! Was bist na du?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Is scho recht!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was bist na du? A spinnata Deifi bist d&rsquo;.
-Mit&rsquo;n Bluat o&rsquo;wasch&rsquo;n kam er daher! Wasch da
-du &rsquo;s Hirn mit Salmiak, dös werd g&rsquo;scheiter sei!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind ein ordinärer Mensch, Herr Trinkl!
-Ich verkehre nicht mehr mit Ihnen ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bleib&rsquo; halt weg, spinnata Deifi! Spinnata!&ldquo;</p>
-
-<p>Herr Elfinger hatte sich mit raschen Schritten
-entfernt und war schon in der Dunkelheit entschwunden,
-da schrie ihm Herr Trinkl noch durch
-die hohlen Hände nach: &bdquo;Druck di, du Hanswurscht,
-mit dein Duwäl!&ldquo;</p>
-
-<p>Und zum Bäckermeister Schwarz sich noch immer
-erregt wendend, fragte er: &bdquo;Hast d&rsquo; scho amal so
-was Dumm&rsquo;s g&rsquo;hört? Der bracht&rsquo;s außa, als
-wenn da Pfaffinger Schorschl so a Karmenadlstudent
-waar!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I hab&rsquo;n net recht vastand&rsquo;n,&ldquo; sagte Herr Schwarz.
-&bdquo;Moant er, daß de mit&rsquo;n Sabl da so aufanand
-trischak&rsquo;n müaßt&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Oder schiaß&rsquo;n, vastehst? Mit da Pistol&rsquo;n! Der
-Pfaffinger Schorschl werd si von so an Hungerleider
-aufi schiaß&rsquo;n lass&rsquo;n. Dös kost da denk&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Als der oanzige Sohn vom Danglbräu in
-Matzing!&ldquo; rief Bäckermeister Schwarz voll Hohn
-aus, denn auch er hatte sogleich die ganze Lächerlichkeit
-dieses Gedankens erfaßt.</p>
-
-<p>&bdquo;Also mir sollt oana mit so a&rsquo;ra Duwälforderung
-kemma!&ldquo; setzte er hinzu. &bdquo;Grad kemma sollt
-oana! Was? sag i ... fordern möcht&rsquo;n Sie mi?
-Auf was denn, sag i ... und an Schiaßa fürag&rsquo;langa
-hintern Bachofa und den am Kopf aufi
-hau&rsquo;n mit da Pretsch&rsquo;n ... vastehst ... daß er drei
-Tag lang auf alli vieri umanandkriachat ...
-fordern möcht er mi ... so waar&rsquo;s recht! Fordern!
-An Bürger aa no koan Ruah lass&rsquo;n mit dena
-Duwälg&rsquo;schicht&rsquo;n! I an Nudelwalgla nehma und
-den aba scho so umanandlass&rsquo;n ... da hast dei
-Duwäl! sag i ... und hau eahm oani über sein
-Gipskopf umi, daß er grad staubet ... da ...
-sag i ... und da ... hast d&rsquo; no oani ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Herrgott! Gib do acht! Haut er mir an Huat
-aba!&ldquo; schrie Trinkl.</p>
-
-<p>&bdquo;Muaßt scho entschuldinga ... aba da kunnt&rsquo;st
-scho belzi wer&rsquo;n ... net ... bal oan so was unterkimmt
-... Fordern möcht oan der Schreiberg&rsquo;sell
-...&ldquo;</p>
-
-<p>Und man hörte noch lange ihre erregten Stimmen,
-da sie den Stadtplatz mehrmals hinauf und
-wieder herunter gingen.</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>&bdquo;Sie san aber einer!&ldquo; lispelte Fräulein Fanny
-Trinkl, als sie in Gesellschaft des Herrn Pfaffinger
-den Höllbräusaal verließ.</p>
-
-<p>Der stattliche Brauereivolontär warf sich in die
-Brust und sagte mit geheucheltem Gleichmute:
-&bdquo;Da gibt&rsquo;s bei mir nix!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bin <em class="gesperrt">so</em> derschrocken, wie Sie auf einmal
-aufg&rsquo;sprungen sind. Jessas Maria! hab ich mir
-denkt, es werd doch kein Unglück geb&rsquo;n, daß er
-Ihnen was tut ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der &mdash; mir?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Man weiß halt oft nicht ...&ldquo;</p>
-
-<p>Herr Pfaffinger schob den Hut verwegen aus
-der Stirne.</p>
-
-<p>&bdquo;Solchene derfen drei daherkemma, nacha fürcht&rsquo;
-i s&rsquo; aa no net.&ldquo;</p>
-
-<p>Das üppige Mädchen sah bewundernd zu dem
-Ritter auf, der sich kraftvoll in den Hüften wiegte
-und mit den Fingern schnalzte, gleichsam um zu
-beweisen, wieviel ihm an einer ganzen Schar von
-Gegnern läge.</p>
-
-<p>Fannys rehbraune Augen trafen sich mit seinen
-etwas hervorquellenden wasserblauen und senkten
-sich sofort, indessen sie wiederum rief:</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, Sie sind aber einer!&ldquo;</p>
-
-<p>Offenbar hegte Herr Pfaffinger die gleiche
-günstige Meinung von sich; denn sein ganzes Gebaren
-verriet, daß er mit der Bewunderung seiner
-Persönlichkeit beschäftigt war.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich hätt&rsquo; mir gar nicht denkt, daß Sie so
-heftig sein können ...&ldquo; sagte Fräulein Fanny.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, da kenn i nix.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wie Sie den Stuhl z&rsquo;ruckg&rsquo;stössen haben, und
-auf und hin ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da gibt&rsquo;s koana Würschtel!...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und wie Sie ihm eine hing&rsquo;haut haben, daß
-&rsquo;s ihn gleich draht hat!&ldquo;</p>
-
-<p>Wieder gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander,
-und indessen Herr Pfaffinger beim Schein
-einer Straßenlaterne respektvoll seine große Hand
-betrachtete, huschten Fannys Blicke wieder beifällig
-über ihn hin.</p>
-
-<p>Schön war er nicht &mdash;</p>
-
-<p>Ein gewissermaßen viereckiger Kopf auf einem
-kurzen Halse; eine stumpfe Nase, dicke Lippen, die
-sich nicht ganz schlossen, so daß man die unregelmäßigen
-Zähne sah, der Teint von jener biersäuerlichen
-Blässe, wie sie Schenkkellnern und
-Bräuburschen eigen ist ... All das ließ den Pfaffinger
-Schorschl nicht gerade als verführerisch erscheinen,
-und doch besaß er Reize, die ein altbayerisches
-Mädchen, wenn auch noch so flüchtig,
-wohl bemerken konnte.</p>
-
-<p>Derbe Rundungen und Breiten und Grobschlächtigkeiten,
-die vielverheißend waren.</p>
-
-<p>&bdquo;Eigentlich san S&rsquo; wegen meiner in die G&rsquo;schicht
-nein kommen, weil ich mich beschwert hab&rsquo;, daß
-die Tür offen war, und mich hat&rsquo;s nachher schon
-g&rsquo;reut ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da braucht Ihnen nix reu&rsquo;n, Fräulein Fannerl
-...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber do, wenn S&rsquo; jetzt solchene Unannehmlichkeiten
-hamm ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös is mir ganz egal ...&ldquo; Schorschl sagte
-wirklich egal ... &bdquo;Bald ich amal bei einer Dame
-sitz ... nacha muß ich auch für die Dame eintreten
-...&ldquo; Ein zärtlicher Blick traf ihn, und seine
-wasserblauen Augen streiften wohlgefällig über den
-sehr stattlichen Busen des Mädchens und blieben
-daran haften.</p>
-
-<p>Vielleicht war es der Wunsch, diesen straffen
-Formen näher zu rücken, vielleicht war es eine
-aufquellende Zärtlichkeit ... Schorschl streckte seinen
-Ellbogen hin und fragte: &bdquo;Darf ich Ihnen nicht
-meinen Arm anbieten, Fräulein?&ldquo;</p>
-
-<p>Fanny hing sich ein, und beide fühlten wohlig
-eines die Wärme des anderen.</p>
-
-<p>&bdquo;Da gibt&rsquo;s nix,&ldquo; sagte Schorschl, &bdquo;bal ich amal
-mit einer Dame beisammen bin ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind einer!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;In Freising, wia &rsquo;r i studiert hab&rsquo;, da hat
-amal oana auf an Ball meiner Dame auf &rsquo;n Fuaß
-tret&rsquo;n. Dem hab i a paar abazog&rsquo;n und hab&rsquo;n
-über d&rsquo; Stiag&rsquo;n abi g&rsquo;schmiss&rsquo;n, daß er dös halbe
-G&rsquo;lander mitg&rsquo;numma hat ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jessas Maria!...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und amal hat inser Verbindung a Gartenfest
-g&rsquo;habt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Waren&rsquo;s bei an Studentenkorps?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bei der Cerevisia in Weihenstephan in der
-Brauschul&rsquo; ... und da hamm mir a Gart&rsquo;nfest
-g&rsquo;habt, und da hat oana mit meiner Dame &rsquo;s
-Speanzeln o&rsquo;g&rsquo;fangt ... dem hab i aa zoagt, wo
-der Bartl an Most holt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind g&rsquo;wiß ein rechter Don Schuang
-g&rsquo;wesen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Han?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Daß Sie recht poussiert hamm?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gar so arg is &rsquo;s net g&rsquo;wes&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>Schorschl lächelte aber doch vielsagend, und
-Fanny wollte hastig ihren Arm zurückziehen und
-wurde festgehalten.</p>
-
-<p>&bdquo;Mit Ihnen sollt&rsquo; man sich gar net geh&rsquo;n
-trauen ... Sie sind vielleicht ein ganz gefährlicher
-...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Eahna waar i net Feind, Fräulein Fannerl!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie Schlimmer!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;G&rsquo;wiß is wahr, i hab&rsquo;s Eahna scho lang sag&rsquo;n
-woll&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Daß S&rsquo; mir gar so guat g&rsquo;fall&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>Ein zärtlicher Blick streifte ihn.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie möcht&rsquo;n mich g&rsquo;wiß derbleck&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;G&rsquo;wiß net ... überhaupts gibt&rsquo;s dös bei mir
-durchaus net ... Freil&rsquo;n Fannerl ... dös dürfens
-net glaub&rsquo;n ... Fannerl ...&ldquo;</p>
-
-<p>Sie drückte sich näher an ihn, und er wurde
-eifriger.</p>
-
-<p>&bdquo;Moana S&rsquo; denn, i hätt&rsquo; mi so gift&rsquo; über den
-Tresser, wenn i Eahna net gern hätt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das sagen S&rsquo; halt so ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na! Wenn i no red&rsquo;n kunnt ... aba da auf
-da Straß ko ma ja net red&rsquo;n ... wenn S&rsquo; mi
-bloß a bisserl ins Haus nei lasset&rsquo;n, Fannerl!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba Herr Pfaffinger!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bloß in Hausgang! Daß ma dischkrier&rsquo;n
-kunnt&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba dös geht doch net!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Warum denn net? Bloß red&rsquo;n, Fannerl, weil
-i Eahna gar so gern hab&rsquo;.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös merkt doch der Vata!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der merkt nix!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hören S&rsquo; auf! Was Sie red&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>Und wenn Herr Pfaffinger auch nicht gewandt
-genug war, um eine Situation blitzschnell zu überschauen,
-bemerkte er doch den sachlichen Ernst, der
-in der Abwehr des Mädchens lag.</p>
-
-<p>&bdquo;Geht&rsquo;s gar net ... Fannerl?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Genga&rsquo;s Sie!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I waar mäuserlstaad ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba Herr Pfaffinger!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Geh! Wenn i d&rsquo; Stiefeln ausziahg ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jessas na!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Höret mi koa Mensch ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, wia red&rsquo;n denn Sie?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Fannerl!&ldquo;</p>
-
-<p>Er zog das Mädchen an sich. Seine linke große
-Hand verirrte sich auf den prallen Busen, indes
-er mit der rechten die schwach sich Sträubende
-rückwärts faßte und auch hier Anlaß zur stürmischen
-Werbung fand.</p>
-
-<p>&bdquo;Du Trutscherl, du liab&rsquo;s!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Pfa ...&ldquo;</p>
-
-<p>Seine breiten Lippen erstickten ihre Stimme,
-und sie legten sich breit und feucht auf ihren
-Mund. Ehrlich erwiderte sie den Kuß.</p>
-
-<p>&bdquo;Du Gschmacherl du!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Schorschl!&ldquo;</p>
-
-<hr />
-
-<p>&bdquo;Also paß auf, Fannerl, i ziahg d&rsquo; Stiefeln
-aus ... werst sehg&rsquo;n, es hört mi neamd ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba da Vata schlaft do no net ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der schlaft scho!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Geh! Wenn er do jetzt erst hoam geht ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nacha wart i halt a halbe Stund, bis er
-eing&rsquo;schlaf&rsquo;n is ... und du machst mir d&rsquo; Haustür
-auf!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na ... Schorschl ... dös geht net ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Leicht geht&rsquo;s.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was denkst da denn du von mir? So schnell!
-Na ... dös geht amal net ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Geh weiter ... Trutscherl! Jetzt dös derfst
-mir net o&rsquo;toa!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jetzt hab&rsquo; i mi a so g&rsquo;freut ... und nacha
-waar&rsquo;s nix!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba wenn&rsquo;s net geht!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und i hab&rsquo; mi so für di ins Zeug g&rsquo;legt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba Schorschl!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... Und du tatst mir gar koan G&rsquo;fall&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn aba da Vata net so g&rsquo;schwind ei&rsquo;schlaft!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na ... wart i a Stund ...&ldquo;</p>
-
-<p>Fannerl schien zu überlegen, und da die
-Ergebnisse solcher Überlegungen immer die gleichen
-sind, sah Schorschl beseligt in die Zukunft
-...</p>
-
-<p>&bdquo;Aba daß d&rsquo; ja net früher kummst ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und net an d&rsquo; Stiag&rsquo;n hi stößst ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I sag da ja ... daß i d&rsquo; Stiefeln ausziahg ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jessas! Jessas! Was muaßt dir du von mir
-denk&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Daß du a G&rsquo;schmacherl bist!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös hast g&rsquo;wiß scho zu viele g&rsquo;sagt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös? Na ... dös hab i no zu gar koane g&rsquo;sagt!
-Derfst d&rsquo;as g&rsquo;wiß glaab&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>Er war doch ein Don Schuang und kannte das
-weibliche Herz.</p>
-
-<p>Ein neuer Kuß befestigte das Versprechen, und
-innig aneinandergeschmiegt schritten die beiden
-dem Hause zu, in das Schorschl so bald einzuschleichen
-gedachte.</p>
-
-<p>Auf dem Stadtplatze hörten sie die rauhen
-Worte des Herrn Schwarz durch die stille Nacht
-schallen und stießen auch bald auf den ahnungslosen
-Vater, der sie freudig begrüßte.</p>
-
-<p>&bdquo;Ah! Der Herr Pfaffinger! Hamm S&rsquo; mei
-Fannerl begleit&rsquo;?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich hab mir erlaubt, weil mir Ihnen nicht
-mehr g&rsquo;sehen haben ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... i hab da a kloane Aussprach&rsquo; g&rsquo;habt ...
-über Eahna, Herr Pfaffinger ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ah so! Weg&rsquo;n der Gaudi?...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... und die Folgen, wo mir der Elfinger,
-der Hansdampf, der spinnate, hätt erzähl&rsquo;n mög&rsquo;n.
-Daß Sie a Duwäl kriag&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ...&ldquo; sagt der Elfinger ...</p>
-
-<p>&bdquo;Um Gott&rsquo;swill&rsquo;n ... Herr Pfaffinger ... weg&rsquo;n
-mir ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da brauchen Sie keine Angst nicht zu haben,
-Fräulein!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös hab i aa g&rsquo;sagt ... so a Schmarrn, sag
-i ... auf d&rsquo; Kirta laden S&rsquo; den Kerl ei, wenn er
-Eahna was will ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Geh, Vata!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Is ja wahr aa ... dös is de richtige Antwort
-... Also guat Nacht, Herr Pfaffinger,
-und b&rsquo;suachen S&rsquo; mi amal ... werd mir an
-Ehr sei!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Guat Nacht, Fräulein!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gut Nacht!&ldquo;</p>
-
-<p>Noch ein Blick, der alles auf ein neues bestätigte,
-dann huschte das Mädchen ins Haus, die
-Türe klappte ins Schloß, Herr Pfaffinger entfernte
-sich mit absichtlich lauten Schritten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ob es nun gerade eine Ehre für den Stadtvater
-Trinkl war, als Schorschl eine schwache
-Stunde später und sehr viel leiser wieder zu dem
-Hause kam, die Türe frohlockend geöffnet fand
-und auf den Fußspitzen gehend sich einschlich? Für
-ihn war es jedenfalls ein Glück.</p>
-
-<p>Da stand er im Dunkeln und fühlte die Nähe
-des Mädchens. Ein leises Rascheln. &bdquo;Pst!&ldquo;</p>
-
-<p>Eine Hand ergriff die seine ... eine Stimme
-flüsterte dicht an seinem Ohr: &bdquo;Ziahg&rsquo; d&rsquo; Stiefeln
-aus!&ldquo;</p>
-
-<p>Und er zog sie aus.</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>Es ist Zeit, von Anton Gumposch zu reden.
-Denn über allem darf nicht vergessen werden, daß
-in der tätlichen Mißhandlung eines akademisch gebildeten
-Mannes der Anlaß zu einem Ehrenhandel
-vorlag, jedenfalls vorliegen konnte, wenn anders
-die uralten Gebote der Ehre auch in diesem südlichen
-Winkel unseres deutschen Vaterlandes noch
-nicht alle Geltung verloren hatten.</p>
-
-<p>Daß sie es <em class="gesperrt">nicht</em> hatten, daß sie zum mindesten
-nicht stillschweigend übergangen werden konnten,
-dafür bürgte die Existenz des Herrn Anton Gumposch.</p>
-
-<p>Er war wohlhabender Rentner, Sohn und Enkel
-reicher Gutsbesitzer, der seine Stellung in der Gesellschaft
-wie seinen Bildungsfonds als Hospitant
-einer Universität erhöht hatte, oder, genauer gesagt,
-als Mitglied eines Korps. Er liebte den Schein
-der Arbeit und war immer bemüht, ihn sich zu
-geben, und wenn ihm auch jeder Trieb zu ernsthafter
-Beschäftigung fehlte, war er doch Tag für
-Tag lebhaft und regsam und beobachtete nicht ohne
-Strenge die Arbeit seiner Nebenmenschen.</p>
-
-<p>Wer sich rechtschaffen plagte, durfte sicher sein,
-daß ihm Gumposch wohlwollend auf die Achsel
-klopfte, und wer es im Kampfe ums Dasein vorwärts
-brachte, konnte in dem anerkennenden Lächeln
-des Herrn Gumposch den Ansporn zu neuen Anstrengungen
-erblicken.</p>
-
-<p>Naturgemäß und ganz von selbst mußte sich ein
-so liebevolles Interesse für die Umwelt auch auf
-das Gemeinwohl erstrecken, und Gumposch war
-denn auch rastlos bemüht, alle Maßnahmen, Fürsorgen,
-Veranstaltungen und Anordnungen der
-städtischen Behörden Dornsteins einer sachlichen
-Prüfung wie einer ständigen Besprechung zu unterziehen.
-Sein nie ruhender Geist ersann täglich
-Pläne zur Hebung des Wohlstandes und Ansehens
-der Gemeinde; Hebung, Entwicklung, Fortschritt
-waren die Leitmotive seiner unzähligen Probleme,
-und so sehr stand er unter ihrem Banne,
-daß er nicht einmal die Möglichkeit eines Vorschlages
-prüfte, wenn er unter dem Zeichen von
-Hebung und Fortschritt zu stehen schien.</p>
-
-<p>Gumposch versah im Geiste alle Berge der Umgebung
-mit Drahtseilbahnen, wollte auf den Höhen
-Riesenhotels anlegen, Bäche anstauen, um Seen
-für den Wintersport zu erhalten, rundum im Lande
-alle Wasserkräfte erwerben zu großen städtischen
-Fabrikanlagen, er projektierte elektrische Bahnen
-nach allen Ausflugsorten, Konzertsäle und Kaffeehäuser
-in der Stadt, und war immer mit einem
-neuen Plane zur Hand, wenn die Dornsteiner
-Rückständigkeit den alten kopfschüttelnd abgelehnt
-hatte, und war immer begeistert und ließ über
-den Häuptern einer grämlichen Philisterschar die
-Fahne des Fortschrittes flattern, des Fortschrittes,
-der Hebung und der Entwicklung.</p>
-
-<p>Gumposch war als Politiker jenem früher allgemein
-üblichen Liberalismus zugetan, der ohne
-eigentliches Programm nur ab und zu bemerkbar
-wurde, wenn er sich gegen ultramontane Bedrückung
-aufbäumte oder sich bei Festen in Liedern
-erging. In gewöhnlichen Zeitläuften machte er
-nicht viel Aufhebens von seinen politischen Meinungen
-und vermochte sie auch wohl zu ändern
-und anzupassen, aber wenn Wahlen im Reiche
-waren, erhob Herr Gumposch einen starken Lärm,
-ließ sich auf den Schild heben und vermaß sich,
-der liberalen Idee neues Terrain zu erobern.
-Im &bdquo;Dornsteiner Boten&ldquo; tauchten Nachrichten auf
-von Reden, die unser Herr Gumposch hier und
-dort gehalten hatte, und von sichtbaren Eindrücken,
-die seine vaterländisch tiefempfundenen Worte auf
-die Bevölkerung gemacht hatten.</p>
-
-<p>Das &bdquo;Dornsteiner Wochenblatt&ldquo; hingegen strotzte
-von hämischen Invektiven gegen den verdienten
-Bürger der Stadt und mußte in jeder Nummer
-Gumposchische Erwiderungen auf Grund des bekannten
-Paragraphen bringen, mit Repliken und
-Dupliken, in denen ein überlegener Hohn bald
-auf dieser, bald auf jener Seite zu finden war.</p>
-
-<p>In solchen Zeiten, da deutsche Männer ihre
-ganze Vaterlandsliebe aufbieten müssen, um nicht
-vom Ekel übermannt zu werden, und ihre ganze
-Kraft, um nicht erschöpft zusammenzubrechen, und
-ihren nimmer versiegenden Glauben an Deutschlands
-Zukunft, um nicht daran zu verzweifeln, in
-solchen Zeiten fühlte sich Gumposch am wohlsten.</p>
-
-<p>Das Zielscheibesein für gewissenlose Angriffe
-oder für Pfeile aus dem Hinterhalte war seiner
-Natur so recht entsprechend und stillte sein Bedürfnis,
-ein Mittelpunkt zu sein.</p>
-
-<p>In solchen Zeiten konnte er es freudig erleben,
-daß auch stumpfe Naturen bei seinem Anblick in
-Bewegung gerieten, daß sonst gleichgültige Bürger
-vielsagend mit den Augen zwinkerten, wenn sie
-ihm begegneten, daß im Gasthause bei seinem
-Eintritte die Leute die Köpfe zusammensteckten
-und es kam auch vor, daß der eine und andere
-ihm lautes Lob erteilte.</p>
-
-<p>Und wenn dann am Wahltage, wohlgemerkt
-auf Kosten des Herrn Gumposch, im Redaktionsfenster
-des &bdquo;Dornsteiner Boten&ldquo; nach ganz neuzeitlichen
-Prinzipien die Wahlresultate hinter beleuchtetem
-Glase auftauchten und in diesem magischen
-Licht auch der Name Gumposch erstrahlte,
-und war es mit noch so wenig Stimmen des
-Durchfalles, dann bildete dieser Moment einen
-schönen Abschluß beseligender Wochen. Man sieht,
-daß dieser Mann ein Pol im Kreise der öffentlichen
-Interessen war, und darum noch einmal:
-es ist Zeit, bei diesem Ehrenhandel von ihm zu
-reden.</p>
-
-<p>Er stand vor der Tatsache, daß Herr Rechtspraktikant
-Tresser nach einem heftigen Wortwechsel
-im überfüllten Höllbräusaale von Herrn Pfaffinger
-geohrfeigt worden war, und er war keineswegs
-geneigt, diesen Vorfall leicht zu nehmen oder ihn
-mit sattsam bekannten Vernunftgründen aus der
-Welt schaffen oder mit Worten einer billigen Entrüstung
-abtun zu lassen.</p>
-
-<p>Nein! Hier war endlich ein wirklicher Skandal
-gegeben, an dem Leute beteiligt waren, von denen
-der eine gewiß, der andere vielleicht zum Verständnisse
-des tiefen Ernstes der Sache gebracht
-werden konnte.</p>
-
-<p>Und Gumposch fühlte sogleich, daß er der Mann
-dazu war, diese Angelegenheit in die Hand zu
-nehmen, ihr Einschlafen zu verhindern, ihr einen
-honetten Ausgang zu verschaffen.</p>
-
-<p>War es ohne Bedeutung für den gebildeten
-Teil der Dornsteiner Gesellschaft, wenn die bürgerliche
-Welt sah, daß dieses Renkontre nicht anders
-und nicht ernsthafter behandelt wurde wie etwa
-eine Schlägerei in den niederen Schichten? War
-es ohne erzieherischen Wert, wenn das Bürgertum
-einsehen lernte, daß zwischen seiner Auffassung
-von Händeln und ihren Folgen und der Auffassung
-von satisfaktionsfähigen Männern denn
-doch ein unüberbrückbarer Abgrund klaffte? War
-es zuletzt für die Reputation der Stadt so gleichgültig,
-wenn hier Prügeleien nicht anders bemessen
-wurden als in dem nächsten Bauerndorfe?</p>
-
-<p>Noch einmal nein!</p>
-
-<p>Hier war Gelegenheit geboten, mit höheren Ansichten
-durchzudringen, dem Ehrenstandpunkte Geltung
-zu verschaffen gegenüber einer Bevölkerung,
-die nur zu leicht geneigt war, die Schranken nicht zu
-sehen, welche sie von der gebildeten Klasse trennten.</p>
-
-<p>Wenn diese Bevölkerung mit aus Grauen und
-Bewunderung gemischten Empfindungen sehen
-mußte, daß in gewissen Sphären ein Mann eben
-doch anders für seine Handlungen einzustehen
-habe als Krethi und Plethi &mdash; jawohl Krethi und
-Plethi &mdash; dann fiel von der abgerungenen Hochachtung
-auch für den Mann ein gut Teil ab, der
-dem Ehrenstandpunkte zum Siege verhalf und
-seine Zugehörigkeit zur besten Klasse klar und
-deutlich und weithin sichtbar bewies.</p>
-
-<p>Alle diese Gründe, in einem Selbstgespräche
-und vor dem Spiegel mit Kraft vorgetragen,
-brachten Herrn Anton Gumposch schnell zu dem
-Entschlusse, seine Person in den Vordergrund zu
-schieben und das pöbelhafte Ereignis auf ein
-höheres Niveau zu bringen.</p>
-
-<p>Der Weg zu diesem Unternehmen war vorgezeichnet.
-Daß Herr Tresser nicht erst einer Überredung
-bedurfte, um in der Sache klar zu sehen,
-war wohl anzunehmen.</p>
-
-<p>Hingegen erschien es mehr als zweifelhaft, ob
-Herr Georg Pfaffinger nach Erziehung und Charakter
-in der Lage war, seine Pflicht zur Genugtuung
-voll zu begreifen.</p>
-
-<p>Hier also mußte der Leiter der Angelegenheit
-einsetzen.</p>
-
-<p>Zum ersten war die Frage zu prüfen, ob der
-Brauereivolontär satisfaktionsfähig war.</p>
-
-<p>Vor nicht langer Zeit hatte die Regierung der
-Brauereiakademie den Charakter einer Hochschule
-verliehen, und damit war offenbar nicht nur dem
-Biersieder die Würde einer gelehrten Beschäftigung
-zugesprochen worden, sondern auch den Kandidaten
-die Eigenschaft des akademischen Bürgers.</p>
-
-<p>Es bestand sohin gegründete Hoffnung, daß
-Herr Georg Pfaffinger auch von strengen Beurteilern
-für satisfaktionsfähig betrachtet werden
-konnte &mdash; &mdash; aber!</p>
-
-<p>Ob sich der Mann diese Eigenschaft selbst zuerkannte,
-in einem Zeitpunkte, da sie für ihn
-brenzlich war, das mußte bezweifelt werden.</p>
-
-<p>Gumposch, der sich zuweilen auch jovial zu geben
-wußte, kannte Schorschl von einigen gemeinsamen
-Früh- und Abendschoppen her und hatte einen
-Einblick getan in dessen robustes und bildungsfremdes
-Wesen.</p>
-
-<p>Der ungeschlachte Jüngling hatte von Welt
-und Menschen eine durchaus bräuburschige Ansicht,
-und seiner Art lag es bestimmt näher, Streitigkeiten
-mit Watschen als mit Pistolenschüssen auszutragen.</p>
-
-<p>Vielleicht wäre jeder andere zurückgeschreckt vor
-der Aufgabe, einen Pfaffinger über ritterliche
-Pflichten aufzuklären, vielleicht hätte jeder andere
-dieses hoffnungslose und übel angebrachte Beginnen
-von sich gewiesen, aber Gumposch hatte
-das stärkste Vertrauen auf die Macht seiner Persönlichkeit,
-und er ging sogleich daran, sein Vorhaben
-auszuführen.</p>
-
-<p>Er zog seinen Gehrock an und bedeckte das Haupt
-mit einem Zylinderhute, und wenn dieser feierliche
-Aufzug an einem Werktage in Dornstein
-Aufsehen erregen mußte, so war das ganz und
-gar nicht den Absichten des Herrn Gumposch zuwider,
-denn er war nicht der Mann, eine so
-wichtige Sendung in Heimlichkeit und Stille zu
-vollziehen.</p>
-
-<p>Im Gegenteil, als er an diesem hellen Vormittag
-über den Stadtplatz wandelte, verstärkte
-er so viel er nur konnte durch seine düstere Miene
-die Seltsamkeit seiner Erscheinung, und er bemerkte
-es gerne, daß man die Hälse reckte und
-aus Fenstern nach ihm sah.</p>
-
-<p>Der Metzgermeister Eder pfiff und schrie hinter
-ihm her, was denn los wäre, und der Uhrmacher
-Haas nahm hastig das Vergrößerungsglas von
-seinem Auge und humpelte ins Freie.</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Gumposch! Pst! Sie Herr Gumposch,
-is a Leich oder was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Heut is keine Leich oder was,&ldquo; sagte Gumposch
-ungnädig und wie ein Mann, der nicht aufgehalten
-zu werden wünscht.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja no! Weil S&rsquo; an Bratlrock o&rsquo;hamm. Machen
-S&rsquo; an B&rsquo;suach?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Besuch?&ldquo;</p>
-
-<p>Gumposch blickte dem neugierigen Uhrmacher
-ins Auge und sagte, jede Silbe betonend: &bdquo;Jawohl,
-Herr Haas, ich mache einen Besuch!&ldquo;</p>
-
-<p>Haas verstand, daß hier irgend etwas im Hintergrunde
-lauere, und erschrak beinahe darüber.</p>
-
-<p>&bdquo;S ... soo? Und bei wem, wenn i frag&rsquo;n derf?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie dürfen eben nicht fragen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Net?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Respektive,&ldquo; sagte Herr Gumposch, &bdquo;respektive
-ich darf Ihnen keine Antwort nicht geben ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, aber ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I moan, warum nacha net?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Weil es Dinge gibt, Herr Haas, über die
-man nicht spricht.&ldquo;</p>
-
-<p>Bei diesen Worten machte Gumposch eine scharfe
-Wendung nach links in die Hafnergasse und ließ
-den verblüfften Uhrmacher in tiefem Sinnen stehen.</p>
-
-<p>&bdquo;.... Wei ... weil ...?&ldquo;</p>
-
-<p>Weil es Dinge gibt, von denen sich eure Schulweisheit
-nichts träumen läßt, schlichter Bürger ...</p>
-
-<p>Schauen Sie ihm nach, wie er dahin geht mit
-dem in die Stirne gedrückten Zylinder, winken
-Sie Ihrem Nachbar, dem Lohgerber, zu, der mit
-noch aufgekrempelten Ärmeln unter der Türe
-steht, wispert miteinander, lacht oder klopft vielsagend
-an die Stirne, ihr ahnt es nie, daß dieser
-Mann einen Gang geht, von dem Leben oder Tod
-abhängen kann!</p>
-
-<p>Obwohl dem bedeutsam Ausschreitenden auch
-von hinten etwas anzusehen wäre, was man
-Schicksalsschwere nennen könnte.</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>&bdquo;Herein!&ldquo;</p>
-
-<p>Mit stark verschleimter Stimme: &bdquo;Herein!&ldquo;</p>
-
-<p>Herr Pfaffinger drehte sein Haupt, auf dem
-alle Haare wirr durcheinander geraten waren,
-mühsam gegen die Türe hin und versuchte es, die
-verklebten Augen zu öffnen.</p>
-
-<p>Sein unsagbar leerer Blick fiel auf seine Hausfrau
-Margarete Holdenried, die ihn eifrig und
-mehrmals anrief.</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Pfaffinger! Herr Pfaffinger!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wos denn?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da Herr Gumposch is da!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da ... da ...?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da Herr Gumposch!&ldquo;</p>
-
-<p>Das Erinnerungsvermögen Schorschels erstreckte
-sich offenbar nicht auf diese bedeutende Persönlichkeit.</p>
-
-<p>Er sagte &bdquo;von mir aus!&ldquo;, gähnte und drehte sich um.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, aba Herr Pfaffinger, da Herr Gumposch
-möcht Ihnen doch sprechen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Han?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Er muß Ihnen auf der Stell sprechen, hat er
-g&rsquo;sagt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mi?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Freilich, es muaß was Dringends sei ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Er soll ma mei Ruah lass&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, aba, wenn er do sagt ...!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I steh net auf.&ldquo;</p>
-
-<p>Frau Holdenried stand ratlos unter der Tür
-und sah auf ihren Zimmerherrn, der die Decke
-über die Schultern zog und zu schnarchen anfing.</p>
-
-<p>&bdquo;Aba ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Lassen S&rsquo; mich nur herein,&ldquo; sagte Herr Gumposch,
-schob sie höflich ein wenig beiseite und betrat
-das Zimmer.</p>
-
-<p>&bdquo;Jessas, wia&rsquo;s aba da ausschaugt!&ldquo; seufzte Frau
-Holdenried, &bdquo;... und ... und ...&ldquo; setzte sie bei
-und öffnete ein Fenster.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich muß eine Viertelstund&rsquo; allein sein mit &rsquo;n
-Herrn Pfaffinger,&ldquo; mahnte der Besucher.</p>
-
-<p>&bdquo;Aba wia&rsquo;s da ausschaugt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist jetzt Nebensache ... auf das geb&rsquo; ich
-gar nicht acht ...&ldquo; sagte Herr Gumposch.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja no, wenn S&rsquo; meinen, aba ...&ldquo;</p>
-
-<p>Frau Holdenried schüttelte mißbilligend das
-Haupt und übersah noch einmal mit einem Blick
-die wüste Unordnung im Zimmer, hob die Weste
-vom Boden auf, erhaschte die beiden Stiefel,
-schüttelte wieder das Haupt und ging.</p>
-
-<p>Es war still in dem Zimmer; vom Bett her
-tönte es leise und gleichmäßig wie der Klang
-einer langsam gezogenen Säge.</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Pfaffinger!&ldquo;</p>
-
-<p>Es kam keine Antwort, und die Haarwildnis,
-welche in den Kissen lag, geriet nicht in die geringste
-Bewegung.</p>
-
-<p>Gumposch klopfte mit dem Stock auf das Bett,
-einmal, zweimal, öfter. &bdquo;Herr Pfaffinger!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Haarwildnis drehte sich um, langsam schob
-sich die Decke ein wenig herunter, und langsam
-schob sich der Deckel des einen Auges so weit hinauf,
-daß dieses verständnislos auf Herrn Gumposch
-starren konnte.</p>
-
-<p>Dieser nahm einen Stuhl und setzte sich mitten
-in das Zimmer. Sein Kinn stützte er fest auf die
-Hände, die er über der Krücke seines Spazierstockes
-gefaltet hatte, und richtete seine Augen ernst
-und unverwandt auf den jungen Menschen, dem
-er eine Pause gönnte, um die Wichtigkeit des
-Augenblickes wie jene des Besuchers allmählich zu
-begreifen.</p>
-
-<p>Schorschl schloß vor den strengen Blicken des
-Herrn Gumposch die Augen und öffnete sie nur
-zögernd wieder, und immer auf ein neues zeigte
-sich darin Erstaunen über die Erscheinung des
-Sendboten der Ehre.</p>
-
-<p>Dieser räusperte sich etliche Male und sagte mit
-tiefer Stimme:</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, ja ... das ist eine böse Sache, Herr
-Pfaffinger!&ldquo;</p>
-
-<p>Schorschels Gedanken reihten sich noch keineswegs
-geordnet aneinander.</p>
-
-<p>&bdquo;Wia?&ldquo; fragte er.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie haben sich was Böses eingerührt, gestern
-nachts ...&ldquo;</p>
-
-<p>Die Erinnerung an eine leise knarrende Stiege,
-an eine Türe, die beim Schließen ein wenig
-geächzt, an eine Hand, die ihn geführt hatte,
-die Erinnerung an volle Arme, die sich um seinen
-Hals geschlungen hatten, tauchte in Herrn Pfaffinger
-auf und vermochte ihn, seine Augen weiter
-zu öffnen.</p>
-
-<p>Da saß vor ihm ein Mann, der ihn bitter ernst
-anblickte und beinahe traurig mit dem Kopfe
-nickte ... irgendein Grund mußte ihn doch hergeführt
-haben ... sollte wirklich der Vater was
-gemerkt ... die Tochter was gestanden haben?</p>
-
-<p>Sein Herz fing an, schneller zu schlagen.</p>
-
-<p>&bdquo;Wia?&ldquo; fragte er unsicher, beinahe ängstlich.</p>
-
-<p>Gumposch, als ein gewiegter Menschenkenner,
-sah wohl, daß seine Anwesenheit Gemütsbewegungen
-verursachte, und das freute ihn und erregte in ihm
-sogar ein gewisses Wohlwollen mit seinem Opfer.</p>
-
-<p>&bdquo;Tja!&ldquo; sagte er, &bdquo;lieber Pfaffinger, wie stellen
-Sie sich das vor, daß die Sach &rsquo;nausgeht?&ldquo;</p>
-
-<p>Wie stellte man sich das vor?</p>
-
-<p>Die Gedanken Schorschels richteten sich langsam
-auf ein paar Möglichkeiten, Unannehmlichkeiten,
-auf Verdruß daheim, Verlust an Geld, auf lange
-Weibsbilderreden.</p>
-
-<p>Er sah zerknirscht aus, was Gumposch sich hoch
-anrechnete, und da er nun den Augenblick gekommen
-sah, wo er mit einer wohlgesetzten Rede
-einfallen mußte, erhob er sich und wandelte im
-Zimmer hin und wieder und war darauf bedacht,
-seine Perioden abzurunden.</p>
-
-<p>&bdquo;Da haben wir die alte Geschichte,&ldquo; sagte er,
-&bdquo;die Jugend, die einfach ... brrr ... drauf los
-stürmt, nichts überlegt, an keine Folgen nicht denkt,
-hitzig, nichts wie hitzig! Wacht man hernach am
-andern Tag auf, dann kommt die Überlegung.
-Jetzt sieht der Mensch, was er für eine Dummheit
-gemacht hat. Wie? Was sagen S&rsquo;?&ldquo;</p>
-
-<p>Schorschl sagte eigentlich nichts. Er brummte
-wohl etwas in die Bettdecke hinein, aber es gehörte
-nicht unbedingt zur Sache und paßte keineswegs
-zu dem würdigen Ton, den Herr Gumposch
-angeschlagen hatte und festhielt. Bemerkenswert
-war nur, daß der junge Mensch in diesem Augenblicke
-beschloß, faustdick zu lügen und nichts zu
-gestehen, nicht das geringste zu gestehen und faustdick
-zu lügen. &bdquo;Ja, da brummen Sie!&ldquo; konnte
-nun der Redner fortfahren, &bdquo;das verdrießt Sie
-womöglich noch, daß man Ihnen die Wahrheit
-sagt, aber die müssen Sie schon annehmen von
-einem Manne, der das Leben kennt und der in
-solchen Dingen seine Erfahrung hat. Seine reichliche
-Erfahrung, mein lieber Pfaffinger, und Sie
-müssen ja nicht glauben, daß ich über die Sache
-urteile, wie ... wie ... sagen wir ... ein Prolet
-oder ein Bürger ... Ich sage auch nicht, daß so
-was absolut nicht vorkommen kann ... du lieber
-Gott! Ich war auch kein Guter, wie ich so alt
-war wie Sie, ich war ein verdammt scharfer Kerl,
-das kann ich Ihnen sagen, und deswegen verstehe
-ich das Vorkommnis, verstehe es vollkommen. Sie
-müssen nicht glauben, daß ich Ihnen Vorwürfe
-machen will, ich betrachte es nur als meine Aufgabe,
-Ihnen mit Rat und Tat beizustehen ...&ldquo;</p>
-
-<p>Schorschl fand, daß dieser Mann sehr lange
-brauchte, bis er die Katze aus dem Sack ließ, und
-er betrachtete ihn blinzelnd und voll Unbehagen,
-wie er da auf und ab schritt und redete wie ein
-Buch.</p>
-
-<p>Er sollte endlich einmal herausrücken mit der
-Farbe, damit man frischweg lügen konnte ...</p>
-
-<p>&bdquo;Pfaffinger,&ldquo; sagte Herr Gumposch nun väterlich
-und zutunlich und sah den jungen Menschen
-wohlwollend an, &bdquo;Pfaffinger, Sie betrachten sich
-doch selber als satisfaktionsfähig?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;... Wia?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nachdem Weihenstephan jetzt eine Hochschule
-ist, nicht wahr, haben doch die Angehörigen dieser
-Hochschule, nicht wahr, auch ihrerseits das Bestreben,
-als satisfaktionsfähig zu erscheinen ...?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wia?&ldquo;</p>
-
-<p>Gumposch wurde ärgerlich.</p>
-
-<p>&bdquo;Also, das ist doch klar, daß Sie dem Herrn
-Rechtspraktikant Tresser nicht bloß eine herunterhauen
-können und damit fertig! Wir leben doch
-nicht unter den Aschantis, nicht wahr, oder unter
-den Bauern ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja so!&ldquo; Schorschl sagte es nicht eigentlich und
-deutlich. Seine ganze ängstliche Spannung löste
-sich auf in einem &bdquo;Ja so!&ldquo; Er rutschte mit einem
-kaum zu beschreibenden wohligen Gefühle tiefer
-unter die Decke, er streckte froh und erleichtert die
-Beine aus und spielte behaglich mit den Zehen
-und drehte sich gegen die Wand, und sein ganzes
-Wesen war nur ein &bdquo;Ja so!&ldquo; &bdquo;Wir leben doch
-nicht unter den Aschantis!&ldquo; wiederholte Gumposch,
-der diesen seelischen Vorgang nicht bemerkte, weil
-er eben seinen Marsch durch das Zimmer wieder
-aufnahm. &bdquo;Wenn ihr Weihenstephaner das Bestreben
-habt, unter die Gebildeten aufgenommen
-zu werden, so müßt ihr auch klar sein, daß es
-hier, daß es in solchen Dingen nur ein Entweder &mdash;
-Oder gibt. Entweder man ist Knote, oder man
-gehört zu den Leuten, welche die Verantwortung
-für ihre Handlungen auf sich nehmen. Ist man
-Knote, will man Knote sein, &mdash; gut! Dann war
-es nicht notwendig, daß ich mich hierher bemüht
-habe, dann war es sehr überflüssig, sich den Rat
-eines Mannes zu erbitten, der von Jugend auf
-gewohnt ist, Differenzen in ehrenhafter Weise auszutragen.
-Dann war es ganz und gar nicht angebracht,
-sage ich, einem solchen Manne die Entscheidung
-zu überlassen, die Entscheidung darüber,
-ob hier anständig oder proletenhaft, jawohl, ich
-sage proletenhaft, verfahren werden soll; denn
-darüber konnte kein Zweifel sein, wie meine Ansichten
-sind, und jedenfalls würde ich es mir ganz
-energisch verbitten, in diesem Punkte Zweifel zu
-haben. Wie gesagt, die Frage lautet ganz einfach:
-&bdquo;Wollen Sie ein Knote sein und als Knote gelten,
-Herr Pfaffinger? Ja oder nein?&ldquo;</p>
-
-<p>Es ertönte weder das eine noch das andere.
-Sondern, erst leise einsetzend, dann zäh und wuchtig,
-als gelte es, Verlorenes nachzuholen, schnarchte
-der junge Mensch, dem hier so eindringlich wie
-uneigennützig ins Gewissen geredet worden war.
-Schnarchte dergestalt, daß jede Aussicht auch auf
-zeitweilige Unterbrechung ausgeschlossen erschien.
-Gumposch war mehr als indigniert, er war angefüllt
-mit Verachtung. Er nahm Stock und
-Hut, stellte sich vor das Bett und warf einen
-stechenden Blick auf diese jedes Pflichtgefühles
-bare und trotzdem in tiefstes Behagen versunkene
-Masse.</p>
-
-<p>&bdquo;Also Knote!&ldquo; sagte er und ging.</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-<p>Aber, wie gesagt, über all dem darf man nicht
-vergessen, daß ein Mitglied der besseren Stände,
-und einer, dem die Laufbahn im Staatsdienste
-eröffnet war, vor einem zusehenden Publikum das
-erhalten hatte, was auch eifrigste Beschönigung
-eine Maulschelle heißen mußte. Daß sie nicht einfach
-hingenommen werden konnte, war die Meinung
-aller Beamten, deren Leidenschaftlichkeit nicht gänzlich
-unter Aktenstaub erloschen war, und so konnte
-denn ein aufmerksamer Beobachter wohl bemerken,
-daß zwei Tage nach dem Vorfalle ein lebhafter
-Frühschoppen im Gasthofe zur Post herrschte. Der
-gebildete Teil der Bevölkerung trank hier ein Glas
-Wein und trank es mit tiefstem Unwillen, mit
-einem Gefühle, das man seiner weisen Mäßigung
-halber Indignation nennen könnte.</p>
-
-<p>Er hatte sich immer mehr erhitzt, als Gumposch
-erklärte, daß der ungehobelte Flegel, nämlich Herr
-Georg Pfaffinger, nicht das geringste Verständnis
-für das Wesen der Satisfaktion besitze.</p>
-
-<p>Solange darüber nicht Klarheit herrschte, hatten
-die alten Studenten und freien Burschen das
-unangenehme Nebengefühl gehabt, daß ein Waffengang
-in Dornstein auch für entfernt Beteiligte
-große Unannehmlichkeiten nach sich ziehen könne.
-Jetzt, da für ängstliche Bedenken kein Platz mehr
-war, traute sich bei Oberamtsrichter Herzensfroh
-wie bei jedem der tiefe Ingrimm über den Lümmel
-hervor. Man war sich sogleich darüber einig, daß
-unter diesen Umständen dem ganzen klobigen Spießbürgertum
-ein heilsamer Schrecken eingejagt werden
-müsse durch eine scharfe Forderung auf Pistolen.</p>
-
-<p>Natürlich würde sie Pfaffinger nicht annehmen,
-wie Herr Gumposch immer wieder versicherte, aber
-die bange Erkenntnis würde in ihm aufdämmern,
-daß er mit seiner Roheit an Kreise geraten war,
-deren scharfkantige Ehrbegriffe ihm furchtbar erscheinen
-mußten. Ihm und den anderen, die gegenüber
-von der Post beim Lammwirt saßen und, wie
-man recht gut wußte, ein unflätiges Vergnügen
-an dem bisherigen Gang der Ereignisse bezeigten.</p>
-
-<p>Also über diese Notwendigkeit war man sogleich
-einig, und nun warf Oberamtsrichter Herzensfroh
-die wichtige Frage auf, wer das Amt des Kartellträgers,
-des, wie Gumposch versicherte, vergeblichen
-Kartellträgers übernehmen sollte.</p>
-
-<p>In die engere Wahl kamen nur zwei Herren:
-Anton Gumposch und der pensionierte Leutnant
-Hans Mühlritter, denn es stand fest, daß kein
-Beamter sich der Aufgabe widmen durfte, weil
-die Expedition nicht geheimbleiben konnte und sollte.</p>
-
-<p>Gumposch, ein mit dem Kodex der ritterlichen
-Pflichten vertrauter Mann, mußte die Wahl ablehnen,
-da er schon in anderer Eigenschaft, als
-Ratgeber und eventueller Sekundant, dem Menschen,
-nämlich Herrn Georg Pfaffinger, nähergetreten
-war, und so blieb nur Mühlritter übrig, der, ohne
-einen Augenblick zu zögern, seine Zusage gab.</p>
-
-<p>&bdquo;Für einen alten Soldaten,&ldquo; sagte er, &bdquo;gibt es
-da kein langes hin und her. Man stellt sich auf
-den Posten. <i>Bong!</i>&ldquo; Alle dankten ihm herzlich,
-fast lärmend, und Gumposch, der, wie immer, den
-günstigen Augenblick ersah und das Richtige traf,
-bestellte eine Flasche guten Rheinweines.</p>
-
-<p>Unter ihrem Einflusse wurde Mühlritter sehr
-gesprächig, und da er in seinem Leben wohl nie
-derartig in den Mittelpunkt des Interesses gestellt
-gewesen war, nützte er diese einzige und späte Gelegenheit
-nach Kräften aus.</p>
-
-<p>Er war durch den magersten Ruhegehalt gezwungen,
-als Inspektor einer Lebensversicherung
-Nebenverdienst zu suchen, und in dieser Eigenschaft
-hatte er sich eine hinströmende und bilderreiche
-Redeweise angeeignet.</p>
-
-<p>So verbreitete er also eine Atmosphäre von
-Ritterlichkeit und rauher Soldateska um sich und
-gab zu verstehen, daß solche Gänge, wie der vorhabende,
-zu seinen Gewohnheiten gehört hätten in
-jenen Tagen, die er mit Zungenschnalzen und
-Verdrehen der Augen seine tolle Leutnantszeit hieß.</p>
-
-<p>Da Gumposch fleißig einschenkte und die Tafelrunde
-ihn mit Wohlwollen anhörte, geriet er immer
-tiefer in seine waffenklirrende Vergangenheit und
-berichtete Abenteuer, als wäre er bei Pappenheims
-Kürassieren gestanden und nicht im glorreichen
-Jahr 1866 zum Leutnant auf Kriegsdauer ernannt
-worden, und er überschüttete die Krämer, Brezelbäcker
-und Kälberstecher Dornsteins mit unsäglicher
-Verachtung, ganz vergessend, daß sie seine Mitbürger
-und Gläubiger waren.</p>
-
-<p>Als die Mittagsglocke läutete, erwachten alle
-Familienväter aus ihren Heldenträumen und erhoben
-sich.</p>
-
-<p>Junker Hans Mühlritter sah jedem vielversprechend
-ins Auge und teilte derbe Händedrücke
-aus und vermaß sich noch einmal und immer
-wieder, er wolle noch desselbigen Tages ein Feuerlein
-anschüren, an dem die Frechheit Pfaffingers
-wie Butterschmalz zergehen werde.</p>
-
-<p>Dann blieben sie zu dritt am Tische sitzen, der
-Leutnant-Inspektor, Anton Gumposch und Tresser.</p>
-
-<p>Die Gläser klangen hell und häufig aneinander,
-und Mühlritter trank, wie es recht war, Bruderschaft
-mit dem Jüngling, dessen Fehdebrief er
-dem Gegner überbringen sollte, und der Korpsphilister
-Gumposch hielt nicht an sich, sondern bot
-dem alten Kriegsknecht das traute &bdquo;Du&ldquo; an und
-küßte ihn auf das weinsäuerlich duftende Maul.</p>
-
-<p>Und ein rauhes Wort gab das andere, und
-jugendliche Abenteuer tauchten auf und verschwanden
-wieder im Nebel des Zigarrenrauches,
-und Tresser versank in tiefe Traurigkeit darüber,
-daß sein Feind nicht auf dem Plan erscheinen werde.</p>
-
-<p>&bdquo;Und nacha,&ldquo; so erzählt die Kellnerin Zenzi,
-&bdquo;und nacha hat der Herr Gumposch an Schampaniger
-zahlt, und da san &rsquo;s allaweil b&rsquo;suffener
-worn, und der notige Leitnant is auf an Sessel
-durchs Zimmer g&rsquo;ritt&rsquo;n und hat kummadiert, und
-de andern san hinter eahm drei&rsquo; g&rsquo;ritt&rsquo;n, und
-wenn er Galopp g&rsquo;schriean hat, sans mit die Stühl
-so umanandbockelt, daß zwoa brocha san, und
-g&rsquo;sunga ham &rsquo;s, und da Herr Gumposch hat mit
-sein Steck&rsquo;n umanandg&rsquo;fuchtelt, als wenn er an
-Sabl in da Hand hätt&rsquo;, und nacha hat er a Lamp&rsquo;n
-aba g&rsquo;haut, und nacha san &rsquo;s hoam.&ldquo;</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>Nicht alle gingen heim, wie Zenzi glaubte,
-sondern Junker Hans marschierte über den Stadtplatz,
-und obwohl er krampfhaft sein Ziel, den
-Eingang der Hafnergasse, ins Auge faßte, landete
-er dennoch in schräger Linie seitab davon auf dem
-jenseitigen Bürgersteig und gelangte erst nach
-mehreren Schwierigkeiten vor die Wohnung der
-Frau Holdenried, welche erschrocken über den
-heftigen Klang der Glocke herausstürzte.</p>
-
-<p>Der ihr nicht unbekannte Inspektor der Assekuranzgesellschaft
-Bolivia gab sich die größte Mühe,
-finster und ahnungsschwer auszusehen und das
-selige Lächeln aus seinem Antlitze weichen zu lassen.</p>
-
-<p>Er fragte mit hohler Stimme, ob ein gewisser
-Georg Pfaffinger anwesend und gegenwärtig sei.</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, der komme erst in einer guten Stunde
-heim, und Jessas &mdash; Jessas na! was es denn schon
-wieder gebe?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nichts für Weiber!&ldquo; war die Antwort, und da
-schaute nun die gute Witwe Holdenried dem über
-die Treppe hinab Polternden in banger, aber ungestillter
-Neugierde nach und faltete die Hände
-ineinander, wie es die Frauenzimmer in solchen
-Lagen tun.</p>
-
-<p>&bdquo;Jessas na! Also seit zwei Täg&rsquo; is keine Ruh
-und kein Fried mehr im Haus ...&ldquo;</p>
-
-<p>Und eine Treppe tiefer kam die Frau Sattlermeister
-Widmann, welche durch den lauten Abstieg
-Mühlritters in Argwohn versetzt worden war, aus
-ihrer Wohnung.</p>
-
-<p>&bdquo;Was gibt&rsquo;s denn, Frau Holdenried?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Denken S&rsquo; Ihnen nur, g&rsquo;rad jetz is der Inspektor
-dag&rsquo;wes&rsquo;n und hat nach &rsquo;n Herrn Pfaffinger
-g&rsquo;fragt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der Mühlritter?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, und wie der ausg&rsquo;schaut hat, sag&rsquo; ich Ihnen,
-und wie der g&rsquo;fragt hat ... na ... das is grad,
-als wenn mein Zimmerherr kein Ruh&rsquo; mehr krieg&rsquo;n
-derf ...&ldquo;</p>
-
-<p>Frau Widmann kam nach oben und stand lange
-bei ihrer Hausgenossin und tauschte mit ihr die
-schlimmsten Befürchtungen aus.</p>
-
-<p>Aber das war an diesem Tage das Los aller
-Dornsteiner, dieses Leben in Angstzuständen.</p>
-
-<p>Als Anton Gumposch, den Hut tief in die
-Stirne gedrückt, nach Hause ging, befiel ihn ein
-Gedanke, der seiner Gewissenhaftigkeit und allgemeinen
-Fürsorge angemessen war.</p>
-
-<p>Wie? Wenn er sich getäuscht hatte? Wenn der
-junge Mensch die Last der Verachtung als zu groß
-befand und im letzten Augenblicke den Forderungen
-der Ehre Gehör schenkte?</p>
-
-<p>Mußte nicht zum wenigsten die Möglichkeit ins
-Auge gefaßt werden?</p>
-
-<p>Und wer sollte sie ins Auge fassen, wenn
-nicht er?</p>
-
-<p>Die Verantwortung, die so mit einem Male
-vor ihm stand, hob beinahe alle Nachwirkungen
-des Frühschoppens in ihm auf, und er vermochte
-sich Rechenschaft zu geben über die Reihenfolge
-der Pflichten, die ihm bevorstehen konnten.</p>
-
-<p>Einen Platz auswählen, Fuhrwerke besorgen,
-einen Arzt ins Vertrauen ziehen, nun natürlich ...
-einen Arzt um Beistand ersuchen, drei Kutschen
-bestellen, einen Platz aussuchen ... einen Arzt ...
-Da lag nun wieder einmal, wie so oft schon, alles
-auf seinen Schultern, die anderen redeten und
-ließen sich&rsquo;s weiter nicht kümmern, bloß er natürlich
-hatte die Arbeit, die Lauferei, die Sorge.</p>
-
-<p>Er war zu Hause angelangt und stellte sich vor
-den Spiegel und sah kummervoll in das blaurote
-Antlitz, welches ihm mit verschwommenen Augen
-entgegenblickte.</p>
-
-<p>&bdquo;Wer dankt dir&rsquo;s eigentlich, Toni?&ldquo; fragte er
-wehmütig. &bdquo;Und was hast du davon? Scherereien
-und Ärgernis, jawohl, und zuletzt Undank ...&ldquo;</p>
-
-<p>Als er so fast in Schmerz versinken wollte, fiel
-sein Blick auf die Pistolen, die an der Wand
-hingen, und sogleich fand er seine Tatkraft wieder.
-Freilich! Pistolen brauchte man ja auch, und in
-ganz Dornstein war vielleicht kein gleiches Paar
-außer den seinen zu finden.</p>
-
-<p>Er nahm sie herunter, und da sie Rost angesetzt
-hatten, wollte er sie sogleich zum Büchsenmacher
-bringen.</p>
-
-<p>Vergessen war jedes lähmende Gefühl.</p>
-
-<p>Er umwickelte die Waffen sorgfältig mit einer
-alten Zeitung und stand schon eine Viertelstunde
-später mit seinem Paket unterm Arm in der Werkstatt
-des Xaver Reindl, der einen Gewehrlauf
-putzte und dabei Unterhaltung pflog mit Herrn
-Magistratsrat Trinkl.</p>
-
-<p>Gumposch setzte seine geheimnisvollste Miene
-auf und erregte die Neugierde des Büchsenmachers
-durch Nicken und Blinzeln.</p>
-
-<p>Er räusperte sich, gab ausweichende Antworten,
-trat von einem Fuß auf den andern und zeigte
-so viel Ungeduld und Heimlichkeit, daß es sogar
-Herr Trinkl merkte und ging.</p>
-
-<p>&bdquo;Reindl,&ldquo; sagte nun Gumposch, indes er dicht
-vor den Meister hintrat und ihn durchbohrend anblickte,
-&bdquo;Reindl, können Sie schweigen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, was glauben S&rsquo; denn, Herr Gumposch ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Kein Mensch darf nichts erfahren ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba Herr Gumposch, i bin do a Mann,
-der ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gut, ich verlaß mich auf Sie.&ldquo;</p>
-
-<p>Bei diesen Worten öffnete Gumposch sein Paket.</p>
-
-<p>&bdquo;A paar alte Vorderladerpistol&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Reindl, die Pistolen müssen heut noch herg&rsquo;richt
-werden, Lauf, Piston, alles sauber geputzt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Heut no?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es muß unbedingt sein.&ldquo;</p>
-
-<p>Wieder traf ein durchbohrender Blick den Büchsenmacher.</p>
-
-<p>Der musterte eine Pistole und probierte die
-Feder.</p>
-
-<p>&bdquo;Rostig san &rsquo;s ... no, wenn&rsquo;s sei muaß ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Unbedingt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber net, daß i ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber net, daß i da in a Schlamassel nei kimm.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wieso denn? Ich brauch die Pistolen zum
-Übungsschießen. Sie haben sich um gar nichts zu
-kümmern.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Meister drückte sein linkes Auge zu und
-schaute Herrn Gumposch vielsagend an.</p>
-
-<p>Der nickte und wiederholte: &bdquo;Zum Übungsschießen.
-Hab&rsquo; ich was andres g&rsquo;sagt?&ldquo;</p>
-
-<p>Seine Blicke verrieten freilich, daß hinter seinen
-Worten ein blutiges Geheimnis lauerte, aber es
-kam nichts über seine Lippen, und darum konnte
-Reindl sein Gewissen beschwichtigen.</p>
-
-<p>&bdquo;Von mir aus,&ldquo; sagte er, &bdquo;Sie schaffen&rsquo;s o &mdash;
-net? Und i mach&rsquo;s &mdash; net? Und es g&rsquo;hört zu mein
-G&rsquo;schäft &mdash; net?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ganz richtig,&ldquo; entgegnete Gumposch, &bdquo;und
-dann bleibt&rsquo;s dabei, ich hol&rsquo; abends die Pistolen
-und komm&rsquo; hinten herein. Adieu!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Adjes! Sie ... Herr Gumposch ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba net, daß i in a Schlamassel einikimm?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, sag&rsquo; ich. Reden nur Sie nix drüber.&ldquo;</p>
-
-<p>Er ging.</p>
-
-<p>Der Meister kratzte sich hinter den Ohren und
-schaute bedenklich vor sich hin. &bdquo;Sakera! Sakera!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Pst! Xaverl! Is der spinnata Deifi weg?&ldquo;</p>
-
-<p>Reindl wandte sich hastig um. Der Herr Magistratsrat
-Trinkl war durch die hintere Tür eingetreten.
-&bdquo;I bin zu deiner Alt&rsquo;n eini und hab&rsquo;
-g&rsquo;wart&rsquo;, bis der furt is. Was hat er denn woll&rsquo;n,
-daß er&rsquo;s gar so gnädi g&rsquo;habt hat?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ah ... nix b&rsquo;sunders!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So?&ldquo; machte Trinkl mißtrauisch und warf
-flinke Blicke herum.</p>
-
-<p>&bdquo;Zu was g&rsquo;hör&rsquo;n denn de Pistol&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;De? Ah ... de hab i scho lang do.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Lüag no net a so, Mannderl! De hat der
-bracht. Ah, da schau her! Jetzt kam&rsquo;s do no so
-weit!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was denn?&ldquo; fragte der Büchsenmacher neugierig.</p>
-
-<p>&bdquo;De möcht&rsquo;n den junga Mensch&rsquo;n frei zwinga
-zu dera Dummheit! De Spitzbuab&rsquo;nbande überananda!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Red do!&ldquo; drängte Reindl.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... red! Und du muaßt aa no dazua helf&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I? Zu was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;De Pistol&rsquo;n herricht&rsquo;n, gel, daß de eahna Duwäldummheit
-ausführ&rsquo;n kinna!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was denn für a Duwäl?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Du woaßt nix, du Schlaucherl!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I woaß aa nix. Mach&rsquo; halt amal &rsquo;s Maul
-auf!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So, woaßt d&rsquo; net, daß de an Pfaffinger
-Schorschl o&rsquo;stift&rsquo;n möcht&rsquo;n, er müaßt si duwelieren,
-weil er an Tresser a richtige Pretsch&rsquo;n geb&rsquo;n hot,
-wia &rsquo;s a si g&rsquo;hört. Vo dem host du no gar nix
-läut&rsquo;n hör&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>Reindl pfiff durch die Zähne.</p>
-
-<p>&bdquo;So? Dös waar&rsquo;s?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, dös waar&rsquo;s, und du bist der Dumm&rsquo; und
-laßt di in de G&rsquo;schicht einiziahg&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Herrgott, wenn i nix woaß ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jetzt woaßt d&rsquo; as, weil i dir&rsquo;s g&rsquo;sagt hab.
-Aba wart no, da wer i glei g&rsquo;holf&rsquo;n hamm,&ldquo; sagte
-Trinkl und nahm mit einem raschen Griff die
-Pistolen und steckte eine in die linke und eine in
-die rechte Tasche.</p>
-
-<p>&bdquo;Wart! De ko si der Hansdampf jetzt bei mir
-hol&rsquo;n.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba Michl!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wos aba? Nix aba! I bin an Amtsperson,
-verstand&rsquo;n? Und bal i a Werkzeug siech, wo ein
-Verbrech&rsquo;n damit beganga wer&rsquo;n soll, dös konfiszier
-i ganz oafach ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, mir is gleich ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Derf da scho gleich sei ... Derfst d&rsquo; sogar
-froh sei, daß i di von dera Dummheit z&rsquo;ruckg&rsquo;halt&rsquo;n
-hab. Dös waar dös wahre, wenn a Bürger aa
-no zu so was helfat!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn i dir sag, daß i nix g&rsquo;wißt hab!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber unwissend was hättst du eahm de Waff&rsquo;n
-g&rsquo;liefert. Wurdst scho g&rsquo;schaugt hamm, Manndei,
-wia s&rsquo; di füra zog&rsquo;n hätt&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja no, du host jetzt de Pistol&rsquo;n, und mi geht&rsquo;s
-nix mehr o, bal du sagst, daß du&rsquo;s von Amts
-weg&rsquo;n gnumma host ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hab&rsquo; i aa.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba, was soll i denn zu eahm sag&rsquo;n, bal er
-kimmt?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Zu eahm? Zu dem Gschaftlhuaba? Sagst d&rsquo;
-eahm, die Waffe hat der Magistrat an sich gezogen,
-sagst d&rsquo;; und bal er a Duwäl hamm will,
-soll er si a Wurschtspritz&rsquo;n z&rsquo; leicha nehma, sagst
-d&rsquo; eahm! Pfüat di Good!&ldquo;</p>
-
-<p>Und in aufrechter Haltung schritt Herr Trinkl
-hinaus und schritt durch die Gassen Dornsteins,
-anzusehen wie ein Räuberhauptmann, denn aus
-jeder Tasche sah drohend ein Pistolenkolben hervor.</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>Gärung in der Stadt. Die Bürgerschaft, durch
-einen ihrer Besten in Kenntnis gesetzt und durch
-Vorzeigung zweier Pistolen zur zweifelsfreien
-Überzeugung gebracht, daß in den Mauern Dornsteins
-ein hoffnungsvoller, auch wohlhabender
-junger Mensch zu einem lebensgefährlichen Abenteuer,
-ja zu einem Verbrechen gezwungen werden
-solle, fühlte sich bedroht und vergewaltigt und in
-ihrem Glauben an die Gesetzlichkeit der Zustände
-schwankend.</p>
-
-<p>Jeder wußte über Beobachtungen zu berichten,
-die er in den letzten Tagen gemacht hatte. Der
-eine war dem Rädelsführer Gumposch, der andere
-dem notigen Leutnant in der Pfaffengasse begegnet,
-dieser hatte den Oberamtsrichter, jener den Assessor
-in die &bdquo;Post&ldquo; wandern sehen, ein dritter wußte
-schon, welche drohenden Reden beim Frühschoppen
-gehalten worden waren, und die ganze Kette der
-Verdachtsgründe war geschlossen durch die Entdeckungen,
-welche Trinkl beim Büchsenmacher zu
-machen so glücklich war.</p>
-
-<p>Es bestand also eine Verschwörung in dieser
-friedlichen Stadt, angezettelt von Dienern des
-Staates und darauf gerichtet, das Blut eines
-jungen, auch wohlhabenden Menschen zu vergießen
-und dem Moloch der Ehre ein Opfer zu
-bringen.</p>
-
-<p>Der Abendschoppen beim Lammwirt glich einer
-Volksversammlung, und Bäckermeister Schwarz
-konnte die ganze Zügellosigkeit seines Wesens offenbaren,
-ohne den geringsten Widerspruch zu finden.</p>
-
-<p>Von Lohgerber Holzböck aber ging eine Anregung
-aus, die Besseres bezweckte als diese
-wütende Despektierlichkeit: die Anregung, eine
-Deputation nach München zu schicken, dem Abgeordneten
-Hiempsel den Sachverhalt vorzulegen
-und durch ihn den Landtag zum schleunigsten Einschreiten
-zu veranlassen.</p>
-
-<p>Dieser Antrag fand außerordentlichen Beifall,
-und man ging sogleich daran, die geeigneten
-Männer auszusuchen.</p>
-
-<p>Bäckermeister Schwarz erbot sich freiwillig, als
-Sprecher dieser Deputation das seinige zu tun,
-wurde aber von dem Vater der Idee, Herrn Bartholomäus
-Holzböck, darüber belehrt, daß Männer,
-die gewissermaßen als Gesandte der hier versammelten
-Bürgerschaft auftreten müßten, nur nach
-geheimer Abstimmung aus einer Wahlurne hervorgehen
-könnten, und man war eben dabei, die dazu
-nötigen Zettel zu verteilen, als die Tür aufging
-und &mdash; Georg Pfaffinger an der Seite Hans
-Mühlritters eintrat. Die überraschende, sonderbare
-und alle bisherigen Vermutungen zerstörende
-Erscheinung der beiden wirkte so stark, daß sogleich
-betretenes Schweigen herrschte.</p>
-
-<p>Man konnte in Gegenwart Mühlritters, der doch
-aus dem feindlichen Lager kam, nicht in der Wahl
-fortfahren, man konnte auch angesichts der Gelassenheit
-Pfaffingers nicht mehr so fest an einen Mordplan
-glauben, man fühlte sich behindert und unsicher
-und fühlte auch mit Bedauern, daß eine
-schönste Gelegenheit zum Spektakelmachen zu entschlüpfen
-schien.</p>
-
-<p>Die Gegenstände der Aufmerksamkeit setzten sich
-in offenbarer Harmonie an einen Nebentisch, bestellten
-Bier und stießen wahrhaftig miteinander an.
-Da hielt es Trinkl nicht mehr aus!</p>
-
-<p>Er bat den Jüngling, für dessen Menschenrechte
-er so lebhaft eingetreten war, um eine Unterredung
-und ging mit ihm an jenen Ort, wo solche geheimen
-Angelegenheiten mit Vorliebe behandelt werden,
-und erfuhr nun, daß nichts los sei.</p>
-
-<p>Daß rein gar nichts los sei.</p>
-
-<p>Keine Rede von einer Forderung, einem Duell,
-einem Mord.</p>
-
-<p>Aber der Gumposch? Der Frühschoppen in der
-Post? Aber die Pistolen?</p>
-
-<p>Was wußte Schorschl davon? Nichts. Was
-gingen ihn der damische Gumposch und seine Geschichten
-an? Gar nichts.</p>
-
-<p>&bdquo;Aba der Mühlritter? Sie wer&rsquo;n do mir d&rsquo;
-Wahrheit sag&rsquo;n, Herr Pfaffinger, indem daß mir
-für Eahna so auftret&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Natürli sag&rsquo; i Eahna d&rsquo; Wahrheit, Herr Trinkl.
-Überhaupts.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Indem daß mir a Deputation auf Minka hamm
-schick&rsquo;n woll&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I tat do Eahna nix verheimlinga, Herr
-Trinkl!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba was hat na da Mühlritter von Eahna
-woll&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nix. Oder daß i&rsquo;s richtig sag&rsquo;, er hat mi in
-sei Lebensvasicherung aufgnumma ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;In ...?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;In sei Boliefia ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... Herrgott ... und mir strapaziern ins
-da oba ...&ldquo;</p>
-
-<p>Gewiß war es merkwürdig. Noch viel merkwürdiger,
-als ein Bürger wissen konnte, der den
-Schwur des Junker Hans nicht mit angehört hatte.
-Aber trotzdem &mdash; es war so.</p>
-
-<p>Sei es nun, daß Mühlritter unter der Einwirkung
-der starken Weine den Zweck seines Besuches
-vergessen, sei es, daß er sich bei allmählicher Ernüchterung
-auf seine eigentlichen Berufspflichten
-besonnen hatte, Tatsache ist, daß er Herrn Georg
-Pfaffinger in gewählten Worten die Vorzüge der
-Assekuranzgesellschaft Bolivia vor jeder anderen
-gleichen oder ähnlichen Unternehmung vor Augen
-stellte und ihn, Herrn Pfaffinger nämlich, auch
-bewog und überredete, seine Unterschrift zu geben,
-Tatsache ist ferner, daß von einer Forderung oder
-irgend etwas dem ähnlichen nicht die leiseste Erwähnung
-geschah. Mit diesen Tatsachen hatte sich,
-da in Dornstein nichts verborgen bleiben konnte,
-die gesamte Einwohnerschaft abzufinden, und sie
-erregten, was hier konstatiert werden soll, allgemeine
-Zufriedenheit.</p>
-
-<p>Die größere bei dem Beamtenkörper, dessen Mitglieder
-jene beim Frühschoppen gefaßten Beschlüsse
-noch am selben Nachmittag heftig bereut hatten,
-die kleinere Zufriedenheit bei den Bürgern, die
-schon begonnen hatten, sich in aufgeregten Zuständen
-behaglich zu fühlen.</p>
-
-<p>Ein einziger Mensch war empört über das unglaublich
-niedrige Niveau, auf dem sich die Gesellschaft
-Dornsteins nun ein für allemal zu bewegen
-schien: Herr Anton Gumposch.</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Das_Volkslied" id="Das_Volkslied">Das Volkslied</a></h2>
-</div>
-
-<p class="chap-start">Es erwachte damals die Freude am Volkstum,
-und man konnte überall recht wohl
-den Drang bemerken, sich von echten,
-kleinsten Zügen der Volksseele zu überzeugen und sie
-in gehaltvollen und gewundenen Sätzen wiederum
-zu schildern.</p>
-
-<p>Neben Wortprägungen, die mit Heimat, Scholle,
-Erde, Erdgeruch wackere Zusammenhänge fanden,
-begegnete man herzig schlichten Romanen, die, als
-Aufgüsse über den würzigen Bodensatz Gottfried
-Kellerscher Getränke, Farbe und Geschmack annahmen,
-und begegnete auch heimatliebenden, von
-jeder peinlichen Tendenz abgekehrten Schulaufsätzen,
-welche man ehedem Feuilletons genannt
-hatte. In dieser wonnigen, schollenseligen Zeit
-bemühten sich auch Berufsmenschen, Perlen im
-Aktenschutte zu finden, und so nahm sich ein
-Rechtsanwalt namens <i>Doctor juris</i> Anton Habergais
-vor, seine mitten in Land und Leute verschlagene
-Existenz folkloristisch zu verwerten und
-seltene Lieder zu sammeln. Er glaubte, daß sich
-ungehobene Schätze genug unter niederen Dächern
-befinden konnten, und er wollte sie ans Licht ziehen
-und mit ihrer Naivität ein heimatfrohes Publikum
-entzücken. Der Gedanke war kaum gefaßt und im
-vorhinein lieblich verbrämt, als Herr Habergais
-auch an seine Verwirklichung schritt und sich ein
-in Leder gebundenes Heft von schönem Büttenpapier
-kaufte.</p>
-
-<p>Er stellte sich freudig vor, wie er wohl an stillen
-Winterabenden hier hinein Lied für Lied mit Beibehaltung
-der ursprünglichen Schreibweise eintragen
-wollte benebst Anmerkungen unter einem mit roter
-Tinte zu ziehenden Striche.</p>
-
-<p>Nach etlichen fleißigen Monaten ließ sich dann
-wohl ein Büchlein daraus formen, welches den
-Forschern zur Erquickung, anderen aber zur Belehrung
-dienen mußte. Wie war nun aber das
-Material herbeizuschaffen?</p>
-
-<p>Der ehedem solchen Zwecken gerne dienstbare
-Volksschullehrer hatte sich leider im Laufe der Zeiten
-daran gewöhnt, seine Entdeckungen selbst zu Aufsätzen,
-zu Heften und Büchlein zu verwerten, und
-war als selbstloser, höchstens im Vorworte erwähnter
-Mitarbeiter kaum mehr zu haben. Darum
-blieb nichts übrig, als unter Umgehung dieses
-Sammelbeckens sich geradeswegs an die Quellen
-zu begeben, was ja einem Rechtsanwalt immerhin
-möglich war.</p>
-
-<p>So kam also Herr Doktor Habergais mit sich
-überein, von rechtsuchenden Bauern selbst Beiträge
-zu erbitten.</p>
-
-<p>Ein in seiner Gemeinde Weidach wohlangesehener
-Ökonom, Jakob Hirtner, genannt Matheiser, kam
-in seiner Angelegenheit zu Habergais, als dessen
-Entschluß gerade gereift war.</p>
-
-<p>Nach dem Geschäftlichen ging der Rechtsanwalt
-zu einem jovialen Ton über, klopfte dem Matheiser
-auf die Schulter und begann zu fragen.</p>
-
-<p>&bdquo;Hirtner, nicht wahr, bei Ihnen in Weidach
-wird doch häufig gesungen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;G&rsquo;sunga?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich meine die jungen Mädchen, die zum Brunnen
-gehen, die Burschen auf der Landstraße &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Brunna?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, die Mädchen, die vom Dorfbrunnen Wasser
-holen &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mir hamm ja gar koan Dorfbrunna net &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nu also, bei einer anderen Gelegenheit, nach
-der Arbeit, wenn der Abend sinkt &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bei ins hat a jeda selm sein Brunna &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich sage Ihnen ja, die Gelegenheit, bei der es
-geschieht, ist ganz Nebensache. Ich denke überhaupt
-an den Feierabend, wenn alt und jung vor den
-Türen steht &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Beim Schuastahansl waar scho a Brunna bei
-da Straß hiebei, aba dersell hat koa Wassa it &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... ja ... lassen wir diese Brunnenfrage
-endgültig fallen. Ich möchte nur in Erfahrung
-bringen, <em class="gesperrt">was</em> diese jungen Mädchen, verstehen Sie,
-Matheiser, <em class="gesperrt">welche</em> Lieder sie singen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Han?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und Sie sollen mir dabei helfen, Matheiser.
-Sie sollen mir die Texte verschaffen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Han?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie müssen mir aufschreiben oder aufschreiben
-lassen, Wort für Wort, was eure jungen Mädchen
-singen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jawohl, und ich will Ihnen genau sagen, wie
-Sie das machen müssen ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, was woaß denn i?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Also, passen Sie auf! Nicht wahr, zum Beispiel,
-Sie hören die Anna oder die Liesel singen ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was für a Liesel?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Irgendeine; ich meine irgendein Mädchen, das
-nächstbeste Mädchen hören Sie singen ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bal i aba koane hör&rsquo;?&ldquo;</p>
-
-<p>Herr Doktor Habergais sah mit einem gramvollen
-Zug im Gesichte sein Gegenüber an, und
-er fühlte, wie eine nervöse Abspannung, ein prickelndes
-Gefühl den Rücken entlang seinen Eifer vermindern
-wollte; aber er gab sich einen Ruck, er
-lächelte, er klopfte Herrn Hirtner mit der flachen
-Hand auf die Schulter, obwohl sich ihm die
-Finger krümmten, obwohl sich ihm die Hand
-ballen wollte. &bdquo;Verstehen Sie mich wohl, Matheiser,
-Sie hören schon eine, oder Ihr Nachbar
-hört eine, oder Ihre Frau hört eine ...&ldquo;</p>
-
-<p>Habergais sprach jedes Wort scharf und gereizt
-aus. &bdquo;Gut also, irgend jemand hört irgendeine&ldquo;
-&mdash; es klang wie ein Befehl &mdash;, &bdquo;verstanden,
-dann gehen Sie zu ihr hin und sagen: Meine
-liebe Liesel ...&ldquo;</p>
-
-<p>Hier wollte nun Hirtner doch nicht länger
-schweigen.</p>
-
-<p>&bdquo;Was für a Liesel?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Herrgott, Mensch! Matheiser, will ich sagen,
-Liesel, Anna, Marie, ganz wurscht, wie sie heißt;
-Sie sagen zu ihr: Mein liebes Mädchen&ldquo; &mdash; Habergais
-machte hinter jedem Wort eine Pause und
-schrie das nachfolgende um so lauter &mdash;, &bdquo;mein
-liebes Mädchen, du hast soeben ein Lied gesungen.
-Welches ist der Inhalt desselben? Sprich mir
-die Worte vor, oder, noch besser, schreibe sie mir
-auf! Das sagen Sie zu ihr! Haben Sie mich
-jetzt verstanden, Matheiser?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Rechtsanwalt setzte sich und blickte zu Boden,
-während eine fliegende Hitzwelle von seinem
-Nacken über die Ohrlappen hinzog, während seine
-Stirnhaut pelzig wurde, bis dann ein erlösender
-Schweiß ausbrach.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie haben mich nicht verstanden?&ldquo;</p>
-
-<p>Die Frage klang heiser.</p>
-
-<p>&bdquo;Weil Sie sag&rsquo;n von an Brunna, und weil mi
-do koan Brunna durchaus gar it hamm ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, wer redet denn noch von einem Brunnen?
-Ja, wer redet denn noch von einem blöden Himmelherrgottsakramentsbrunnen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Net?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein! Aber ich will von vorne anfangen.
-Setzen Sie sich einmal, Matheiser! Da, mir
-gegenüber &mdash; so! Also lassen wir in drei Teufels
-... also lassen wir die Mädchen ... nicht
-wahr, Ihre Burschen singen doch auch?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bal&rsquo;s b&rsquo;suffa san, scho ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nüchtern oder betrunken ... das ist mir jetzt
-ganz egal ... Matheiser ... jetzt schweifen Sie
-nicht mehr ab!... Belauschen Sie Ihre Burschen
-...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wia?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hö&mdash;ren Sie ihnen zu! Hö&mdash;ren Sie den
-jung&mdash;en Bur&mdash;schen zu!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bal&rsquo;s b&rsquo;suffa san?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn sie sing&mdash;en! Nicht wahr?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;De plärr&rsquo;n scho a so, daß ma&rsquo;s hört ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja &mdash; also, dann können Sie um so leichter
-tun, was ich meine. Hören Sie ihnen zu und
-schreiben Sie auf, <em class="gesperrt">was</em> die Burschen singen ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Schreib&rsquo;n? Allssammete?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jawohl! Ich will die Lieder sammeln. Ich
-will genau wissen, was für Lieder sie singen ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... aba ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nichts aber. Sie können doch schreiben, nicht
-wahr ...? Es braucht nicht schön zu sein ...
-Sie schreiben einfach Wort für Wort auf, und
-damit Sie es lieber tun, will ich Ihnen für jedes
-Lied was bezahlen. Verstehen Sie mich jetzt?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, guat! I vasteh Eahna ganz guat ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na, endlich? Und dann sind wir einig?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was kriag i nacha, bal i schreib?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hm ... sagen wir ... für jedes Lied ...
-hm ... sagen wir fünfzig Pfennige ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;A Fufzgerl?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Für jedes Lied; wenn Sie mir zum Beispiel
-sechs bringen, bekommen Sie drei Mark, einen
-Taler, Matheiser.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aha, an Taler! Na bring i halt sechsi ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Soviel Sie eben hören, nicht wahr? Es können
-mehr sein, es können weniger sein ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... ja ... sechsi wern&rsquo;s leicht ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gut, und damit adieu, Matheiser!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;S&rsquo; Good, Herr Dokta!&ldquo;</p>
-
-<p>Habergais blickte dem Ökonomen nach, lange
-und sinnend.</p>
-
-<p>Denn hier drängte sich nun auch ein Allgemeines
-und ein Besonderes der Betrachtung auf. Die
-schlichte, geradeaus zielende Art, zu denken, welche
-dem Volke eignet, dieses Festhalten an einer Vorstellung
-und diese gewisse Unbiegsamkeit der Folgerungen,
-welche in einer Linie auf einen Punkt
-hinstreben und nie nach den Seiten hin ausladen.
-Dieses schien ein Problem zu sein, und zwar ein
-beachtenswertes.</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>Tja &mdash; ja.</p>
-
-<p>Übrigens waren seitdem etwa drei Wochen ins
-Land gegangen, und Doktor Habergais gedachte
-wohl öfter seines Vorhabens und malte sich nicht
-ohne Behaglichkeit die literarischen Aufgaben aus,
-welche ihm die Wintermonate verkürzen konnten.</p>
-
-<p>Er blätterte in dem Hefte aus schönem Büttenpapier
-und sah im Geiste die Seiten mit reinlicher
-Schrift gefüllt, die Titel der Lieder in zierlicher
-Rundschrift in die Mitte gesetzt, dann den roten
-Strich, und kluge landeskundige Anmerkungen und
-Erläuterungen darunter geschrieben.</p>
-
-<p>Es konnten sehr lange, begleitende Kommentare
-werden, wenn man etwas Dialektforschung trieb,
-über Wortwerte, Wertunterschiede einzelner Dialektformen
-sich verbreitete, Belegstellen anführte und
-überhaupt wissenschaftlich verfuhr.</p>
-
-<p>Ob sich der Matheiser noch an sein Versprechen
-erinnerte?</p>
-
-<p>Es däuchte Herrn Doktor Habergais manches
-Mal zweifelhaft, aber dann glaubte er doch wieder,
-daß die Freude am leichten Verdienst den Mann
-anspornen könnte.</p>
-
-<p>Und wirklich kam eines Vormittags Jakob Hirtner
-zur Türe herein und holte ein in Zeitungen gewickeltes
-verknittertes Schulheft aus der Tasche.</p>
-
-<p>&bdquo;Ha! da ist ja mein Mitarbeiter ... da ist ja
-der Matheiser! Na, also haben Sie Lieder gefunden?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Dokta, i sag&rsquo;s glei, wia&rsquo;s is, schö hab i
-net g&rsquo;schrieb&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Macht doch nichts!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und ... an Arbeit is dös! Des sell tat i fei
-nimma! A Markl derfat&rsquo;n S&rsquo; no extra zahl&rsquo;n, a
-so hab i mi scho plagt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Darüber läßt sich reden ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;D&rsquo; Bäurin hat aa g&rsquo;sagt, daß dös koa Macha
-net is, sagt&rsquo;s, und wei ma mit da Tint&rsquo;n a so
-umanandschmiert, sagt&rsquo;s ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wie viele Lieder haben Sie denn, Matheiser?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sechsi, wia ma&rsquo;s ausg&rsquo;macht ham.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sechs? Bravo! Das ist schon ein Anfang!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, san drei Markl, und oane derfat&rsquo;n S&rsquo; no
-spitz&rsquo;n, weil d&rsquo; Bäurin aa sagt, dössell derfat ihr
-nimma fürkemma ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na &mdash; gut, Matheiser! Ich gebe Ihnen vier
-Mark, aber Sie versprechen mir, daß Sie auch
-weiter für mich sammeln, das heißt gelegentlich
-ein Lied aufschreiben ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na ... na! Herr Dokta, dössell konn i durchaus
-gar it vasprecha, und mit&rsquo;n Schreib&rsquo;n hon i&rsquo;s
-überhaupts it. I tua ma scho so bluati hart, daß
-&rsquo;s höcha nimma geht ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;No ... no ... Matheiser, so schlimm ist das
-nicht. Später haben Sie vielleicht selber Freude
-daran ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös glaab i gar it.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Da haben Sie vier Mark, und nun geben Sie
-mir Ihre Aufschreibungen!&ldquo;</p>
-
-<p>Hirtner nahm das Geld und wickelte das fettige
-Zeitungspapier auseinander.</p>
-
-<p>&bdquo;I ho&rsquo;s in a Heft von mein Deandl einig&rsquo;schrieb&rsquo;n,&ldquo;
-bemerkte er, &bdquo;müassen&rsquo;s scho entschuldinga, bal&rsquo;s it
-schö g&rsquo;schrieb&rsquo;n is ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist ganz nebensächlich ... nur her damit!&ldquo;</p>
-
-<p>Doktor Habergais nahm nicht ohne Hast das
-verschmierte, öl-, tinten- und fettfleckige Heft an
-sich und öffnete es.</p>
-
-<p>Es war wirklich auf den ersten Blick zu erkennen,
-daß hier eine ungeübte, schwere Hand gewaltet
-hatte, aber das gerade verlieh dem Ganzen einen
-gewissen Reiz.</p>
-
-<p>Wie die Buchstaben bald schief, bald gerade
-standen, wie die Zeilen bergauf und talab liefen,
-wie hier die Feder sich gesträubt und dort festgehakt
-hatte, wie sie hier ausgeglitten war und
-dort sich mühsam in das Papier eingebohrt hatte,
-wie unter verwischten, aufgeschleckten länglichen und
-runden Klecksen Buchstaben, halbe Worte, ganze
-Worte versteckt lagen, alles das war unvergleichlich
-anziehender als etwa eine glatte, charakterlose
-Schrift.</p>
-
-<p>Eben weil es echt war, von unleugbar schwielenbedeckter
-Hand oder &mdash; nein! &mdash; Faust mühsam
-hingesetzt.</p>
-
-<p>Habergais lächelte befriedigt und begann zu lesen.</p>
-
-<p>Äs ... p ... brr ... prraußt ... ein ... r ...
-rh ... ruhf ... wie t ... tohner ... hal ... wie
-s ... ß ... schwärth ... ke ... geklirr un ... wa ...
-wah ... gen ... bral ...&ldquo;</p>
-
-<p>..................................??</p>
-
-<p>&bdquo;Was ist das? Was soll das sein, Matheiser?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Han?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was das sein soll, frage ich.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;A Liad ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist doch &sbquo;Die Wacht am Rhein&lsquo;!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ko scho sei, daß &rsquo;s a so hoaßt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen mir
-Lieder aufschreiben, die Ihre Burschen singen &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, dös singan s&rsquo;.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das??&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös singan s&rsquo; fei gern!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Also ... Matheiser ...!&ldquo;</p>
-
-<p>Habergais überflog die anderen Seiten, die aus
-Bruchstücken erkenntlichen Lieder.</p>
-
-<p>Ein sehr langes. &bdquo;Heul unsern Känig ... heul!&ldquo;
-ein kurzes &bdquo;... im gruhnen walth is holzauxion ...&ldquo;
-und wieder &bdquo;O du liber augastien&ldquo;, &bdquo;Ich hath einen
-Kahmeraten&ldquo; und das letzte noch &bdquo;Das schöne
-land, wo meine wihge stand.&ldquo; Der Rechtsgelehrte
-blickte den Ökonomen durchdringend an.</p>
-
-<p>&bdquo;Also das sind ...??&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös singan s&rsquo; allssammete,&ldquo; sagte Hirtner treuherzig
-und ohne Arg ... &bdquo;und derfan S&rsquo; g&rsquo;wiß
-glaab&rsquo;n, Herr Dokta, daß i mi schö plagt hab&rsquo;, und
-d&rsquo; Bäurin sagt aa, mit dem Glump derfst ma
-nimma komma, sagt s&rsquo; ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es ist recht, Matheiser, Sie haben Ihre vier
-Mark, gehen Sie!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und, sagt d&rsquo; Bäurin, a so a spinnate Arbet,
-sagt s&rsquo;, muaß &rsquo;s net glei wieda geb&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gehen Sie, sage ich!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und ... Herr Dokta ... bal &rsquo;s grad gang, soll
-i Eahna nomal a sechsi aufschreib&rsquo;n ...?&ldquo;</p>
-
-<p>Habergais wollte heftig werden, besann sich eines
-Besseren und sagte mild:</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, Matheiser, es genügt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba wenn S&rsquo; moanen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es genügt. Adieu!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;S&rsquo; Good, Herr Dokta!&ldquo;</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Auf_dem_Bahnsteig" id="Auf_dem_Bahnsteig">Auf dem Bahnsteig</a></h2>
-</div>
-
-<p class="chap-start">Es wird Herbst!&ldquo; sagte Major Burkhardt
-und blickte den Studienlehrer fest an mit
-seinen furchtlosen Soldatenaugen.</p>
-
-<p>Er sagte es mit Betonung, als suchte er in
-seinem Begleiter bestimmte Vorstellungen zu erwecken.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja &mdash; &mdash; ja,&ldquo; seufzte Professor Hasleitner,
-&bdquo;es wird allmählich kalt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und ungemütlich. Kalt und ungemütlich.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Major wies auf die Kastanien vor dem
-Dornsteiner Bahnhofe, deren gelbe Blätter sich
-fröstelnd zusammenkrümmten.</p>
-
-<p>&bdquo;Um fünf Uhr wird es Nacht. Ein schlecht
-geheiztes Zimmer. Eine qualmende Lampe. Die
-Zugeherin bringt lauwarmes Essen aus dem Gasthof.
-Stellt es unfreundlich auf den Tisch. Das
-ist Ihr Leben.&ldquo;</p>
-
-<p>Hasleitner hatte ins Weite geblickt, zu dem
-Walde hinüber, an dessen Fichten der Nebel lange
-Fetzen zurückließ.</p>
-
-<p>Der soldatisch bestimmte Ton des pensionierten
-Majors weckte ihn auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Wie?&ldquo; fragte er.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich sage, Sie müssen heiraten.&ldquo;</p>
-
-<p>Der alte Soldat deutete auf die tiefer gelegene
-Stadt, deren Häuser behaglich aneinandergerückt
-waren.</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist das Glück!&ldquo; sagte er. &bdquo;Eine Frau am
-Herde, fleißig, um unser Wohl besorgt und stattlich.&ldquo;</p>
-
-<p>Er beschrieb mit der Rechten eine nach rückwärts
-ausbauchende runde Linie.</p>
-
-<p>&bdquo;Und stattlich!&ldquo; wiederholte er.</p>
-
-<p>Hasleitner sah, wie es weiß und grau und dick
-und dünn aus vielen Kaminen rauchte, und er
-schien die Gemütlichkeit des Anblickes zu verstehen.</p>
-
-<p>In seine Augen trat ein freundlicher Schimmer,
-und man konnte glauben, daß er an Herdfeuer
-dachte, oder an die runde, sich nach rückwärts
-ausbauchende Linie.</p>
-
-<p>Überhaupt, er war ein träumerischer Mensch.</p>
-
-<p>Sorglos im Äußeren, den Hemdkragen nicht
-immer blendend weiß, die Krawatte verschoben, den
-Bart naß von der letzten Suppe, aber in den Augen
-Herzensgüte, im ganzen Wesen eine Verträumtheit,
-die immer wieder zum Nasenbohren führte.</p>
-
-<p>Kein Mann, der Backfische begeistern konnte,
-aber einer, der älteren Töchtern hundert Dinge
-zeigte, die man in lieber Häuslichkeit flicken, stopfen
-und bürsten mochte.</p>
-
-<p>Und doch &mdash; dieser Mann, geschaffen, von den
-Ärmeln einer bürgerlichen Schlafjacke umfangen
-zu werden, war durch eine seltsame Laune des
-Schicksals mit einer verdorbenen Phantasie belastet,
-also daß seine Gedanken an das weibliche Geschlecht
-sich stets mit Vorstellungen von Eisbärenfellen
-verbanden, von Eisbärenfellen, auf denen
-dünne, lasterhafte Beine in schwarzen Seidenstrümpfen
-ruhten. Noch dazu lehrte er die Wissenschaft
-der Geographie und stieß auf der Landkarte
-immer wieder auf Orte, wo seine Sinne knisternde
-Seide und herrlich verstöpselte Parfüms vermuten
-durften.</p>
-
-<p>Paris &mdash; Wien &mdash; Budapest &mdash;</p>
-
-<p>Ein Gefühl, das mit seiner heimlichen Sehnsucht
-zusammenhing, trieb ihn täglich zum Bahnhofe,
-wo Punkt fünf Uhr der große Schnellzug
-hielt, der glücklichere Menschen von einer Großstadt
-in die andere führte.</p>
-
-<p>Hier hatte nun der quieszierte Major den Träumer
-angesprochen, und ein freundlicher Zufall fügte
-es, daß beide, als sie auf dem Bahnsteige kehrtmachten,
-der Gattin des Offiziers gegenüberstanden,
-wie auch der Tochter Elise.</p>
-
-<p>In merkwürdig schnellem Gedankengange brachte
-der Professor das vorausgegangene Gespräch von
-Stattlichkeit in Zusammenhang mit der Erscheinung
-Elisens, und vielleicht ohne daß er es wollte,
-drang seine unlautere Phantasie dem älteren Mädchen
-durch Mantel und Rock und begann, sich
-Dinge auszumalen.</p>
-
-<p>Freilich nicht langgestreckte, seidenumhüllte Beine,
-aber Rundlichkeiten, mit denen sich die Vorstellung
-von Wärme und Innigkeit verbindet.</p>
-
-<p>Die Tochter des Majors fühlte den sengenden
-Blick des Philologen, und als eine reife Blume,
-die sie war, öffnete sie willig ihre Blätter den
-wärmenden Strahlen. Dieses heimliche, unbewußte
-Suchen und dieses bewußte Entgegenkommen spann
-Fäden zwischen den beiden, welche das erfahrene
-Mädchen bald genug aufzuspulen beschloß, und es
-schickte sich alsbald mit einem lieblichen Lächeln
-dazu an.</p>
-
-<p>Freilich war dieser Professor kein Gegenstand
-für brennende Wünsche und verzehrende Glut, indessen
-wohl ein Objekt, das sich mit baumwollenen
-Ärmeln sanft umfangen ließ, nachdem es vorher
-sorgfältig gereinigt war.</p>
-
-<p>Keine berauschend süße Frucht, sondern ein
-säuerlicher deutscher Hausapfel, der aber, im
-Kachelofen gebraten, einigen Wohlgeschmack bieten
-konnte.</p>
-
-<p>Und das Mädchen schickte sich alsbald an, den
-heimlichen Faden zu ergreifen, als mit dumpfem
-Brausen der Schnellzug in die Station einfuhr.</p>
-
-<p>Die riesige Lokomotive schnaufte, als wäre sie
-in der langen, stürmischen Fahrt außer Atem gekommen,
-und die langen, schönen Wagen standen
-da, als ruhten sie kurze Augenblicke, um weiterzujagen
-in die weite Welt.</p>
-
-<p>Mit einem Male hatte Hasleitner alle Gedanken
-an runde Mädchenreize vergessen; sie versanken
-vor ihm, er sah sie nicht mehr.</p>
-
-<p>Dort im ersten Coupé schob eine schmale Hand
-den Vorhang zurück, und ein Paar müde Augen
-blickten entsetzt auf die Philister, hier prallte ein
-entzückender Kopf entrüstet zurück.</p>
-
-<p>Es war die große Welt, die eine Minute lang
-Dornsteiner Luft einzog und Pariser Odeurs zurückgab.</p>
-
-<p>Und da stand es auf weißen Tafeln und war
-darum kein phantastisches Märchen: Paris &mdash;
-Avricourt &mdash; Wien &mdash;</p>
-
-<p>Ja ... ja ... diese nämlichen Wagen waren
-gestern noch in Paris gewesen!</p>
-
-<p>Jene fabelhaften Damen, von denen man sich
-erzählt, daß sie gierig und unerbittlich Jagd machen
-auf gut gebaute Männer, waren an ihnen vorbeigewandelt,
-hatten süße Blicke in sie hineingeworfen,
-und von ihrem Dufte hing etwas an Türen und
-Fenstern und verwirrte den Sinn eines deutschen
-Jugendbildners.</p>
-
-<p>Wußte man, ob nicht eine solche Tigerin da
-drinnen auf schwellenden Polstern saß und einen
-breitbrüstigen Germanen mit ihren Blicken verschlang?</p>
-
-<p>Odette, Suzette &mdash; Germaine &mdash; ah!</p>
-
-<p>Hier steht ein Gymnasiallehrer von gänzlich unverdorbener
-Jugend, und der für schlanke Waden
-und schwarze Strümpfe die heftigsten Empfindungen
-angestaut hat.</p>
-
-<p>Warum seufzt ihr erleichtert auf, da sich nun
-der Zug in Bewegung setzt?</p>
-
-<p>Ihr saht erstaunt auf die Kostüme, die im Dornsteiner
-Atelier für <i>modes</i> und <i>confection</i> kreiert
-waren, ihr saht Spitzbäuche und gepreßte Busen,
-faltenreiche Hosen und geschmierte Stiefel, aber
-ihr saht nicht in das Herz des blonden Professors
-und wißt nicht, wie er so ganz der Eure ist!</p>
-
-<p>Fort!</p>
-
-<p>Die Lokomotive pfeift jubelnd aus der Station
-hinaus, als freute auch sie sich, diesem Neste entronnen
-zu sein ...</p>
-
-<p>Diesem Himmelherrgott ...</p>
-
-<p>&bdquo;Warum so träumerisch?&ldquo; lispelte Elise und
-blickte schelmisch auf den Professor, der dem Zuge
-nachstarrte und in der Nase bohrte.</p>
-
-<p>Da traf sie ein Blick, so leer, so fremd und so
-feindselig ..., daß sie unter dem flanellenen Höschen
-eine Gänsehaut überlief.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Der Faden war zerrissen &mdash; &mdash;</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Tja_mdash" id="Tja_mdash">Tja &mdash; &mdash;!</a></h2>
-</div>
-
-<p class="chap-start">Eine bunte Gesellschaft, wie sie die Sommerfrische
-zusammenführt, saß im Postgarten
-zu Binswang und freute sich des schönen
-Abends und führte kluge Gespräche über dies und
-das. Alle Anwesenden vorzustellen, wäre ermüdend,
-denn es waren zwei lange Tische, an denen in
-dichter Folge Männer und Frauen saßen, und es
-genüge hier zu sagen, daß ein Kommerzienrat
-Diestelkamp aus Barmen, wie auch ein Landgerichtsdirektor
-Höfler aus Fürth und ein pensionierter
-Hauptmann darunter waren und dem Kreise
-das Gepräge der besseren Gesellschaft verliehen.</p>
-
-<p>Auch das bedeutende oder interessante Element
-fehlte nicht, da am Vormittage der bekannte Schriftsteller
-Harry Mertens eingetroffen war, dessen
-lyrische Gedichte und Versdramen nicht erst hervorgehoben
-werden müssen.</p>
-
-<p>Er saß neben seiner Frau, die ihn an Stattlichkeit
-bei weitem übertraf, denn er war eine kleine
-semmelblonde Erscheinung mit kreisrunden blauen
-Augen und einem merkwürdig entsagungsvollen
-Lächeln um den süßen Dichtermund, während sie
-einen heftig arbeitenden Busen und pralle Arme
-und ein Doppelkinn hatte.</p>
-
-<p>Die Gesellschaft würdigte vollkommen die Ehre,
-mit einem gedruckten, besprochenen und aufgeführten
-Genius unseres Volkes an einem Tische zu sitzen,
-und nicht nur waren es die Damen, welche mit
-leuchtenden Augen an ihm hingen, sondern auch
-die Herren Diestelkamp und Höfler legten eine mit
-Neugierde vermischte Ehrerbietung an den Tag.</p>
-
-<p>Man hatte unmittelbar nach Mertens Ankunft
-nicht geahnt, mit wem man es zu tun hatte, und
-Frau Mertens hatte nicht früher als beim ersten
-Mittagmahle Gelegenheit gefunden, solche Bemerkungen
-hinzustreuen, welche allgemeine Aufklärung
-verschafften, indem sie laut nach einer Zeitung rief
-und den Semmelblonden fragte, ob nichts von ihm
-oder über ihn darin stünde. Sie wiederholte die
-Frage, schlug die stark rauschenden Blätter hastig
-um, überflog das Gedruckte und sagte, daß zu
-ihrer Verwunderung keine Notiz zu finden sei.</p>
-
-<p>Sie beruhigte sich erst, als die Pfeile saßen und
-von den Nebentischen forschende Blicke ihren Mann
-streiften, der seine Suppe aß und sich apathisch
-wie ein dem Publikum vorgezeigter Menagerielöwe
-verhielt.</p>
-
-<p>Frau Mertens warf zwischen Rindfleisch und
-Mehlspeise und zwischen Mehlspeise und Kaffee
-noch mehrmals die Angel aus, und als man sich
-erhob, biß Frau Direktor Höfler an und erhielt
-auf schüchterne Fragen eine erschöpfende Belehrung
-über das Stück Literaturgeschichte, welches
-der Zufall in ihren Kreis geworfen hatte.</p>
-
-<p>Am Abend war dann alle Welt so unterrichtet,
-daß sie dem Dichter Bewunderung zeigen und
-Kenntnis seiner Werke heucheln konnte.</p>
-
-<p>&bdquo;Woher nehmen Sie Ihre Stoffe?&ldquo; fragte Landgerichtsdirektor
-Höfler, der hier zum ersten Male
-eines Genius inquirieren konnte und entschlossen
-war, das Wesen der Schriftstellerei zu zerlegen.
-&bdquo;Bietet sich Ihnen der Stoff, wenn ich so sagen
-darf, zufällig dar, oder erfassen Sie durch einen
-Willensakt die Materie, der Sie dann poetische
-Form verleihen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Tja ...&ldquo; sagte der Dichter.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich meine, gehen Sie mit Überlegung und Absicht
-an das Objekt heran, oder drängt es sich unabhängig
-und gewissermaßen fertig Ihrem subjektiven
-Empfinden auf, oder ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Tja ...&ldquo; sagte der Dichter.</p>
-
-<p>&bdquo;<em class="gesperrt">Oder</em>,&ldquo; wiederholte Höfler mit erhobener
-Stimme, denn er liebte es nicht, unterbrochen zu
-werden, &bdquo;oder ist die Produktion in ihrem ersten
-Stadium ein von den den Willen bildenden Momenten
-unabhängiger Vorgang Ihrer Phantasie,
-welcher dann erst in seinem späteren Verlaufe in
-den Bereich Ihrer geistigen Machtsphäre gelangt
-und so Ihrem formenden Verstande unterworfen
-wird?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Er macht alles mit der Phantasie,&ldquo; warf Frau
-Mertens ein, &bdquo;er sitzt oft den ganzen Tag da und
-hat bloß Phantasie im Kopf; und dann kann man
-mit ihm reden, was man will, &mdash; er hört einen nicht.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das wäre also ein passiv empfangender Vorgang,
-der zeitlich dem aktiv gestaltenden vorausgeht,&ldquo;
-bestätigte Direktor Höfler und sammelte zustimmendes
-Kopfnicken ein, indem er die Tafel
-entlang blickte.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich denke es mir furchtbar interessant,&ldquo; sagte
-Frau Kommerzienrat Diestelkamp, &bdquo;wie so eine
-Dichtung entsteht; das muß zu spannend sein!
-Was hat man da nun eigentlich für ein Gefühl
-dabei?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Tja ...&ldquo; sagte der Dichter.</p>
-
-<p>&bdquo;Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, was
-wir da für ein Gefühl haben,&ldquo; warf wiederum
-Frau Mertens ein. &bdquo;Zuerst, wenn wir anfangen,
-ist es sehr nett, weil man sich darauf freut, und
-dann in der Mitte wird es traurig, weil es oft
-nicht geht, aber dann, wenn es heraußen ist, sind
-wir wieder froh.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich kann mir das sehr gut vorstellen,&ldquo; meinte
-Frau Diestelkamp, &bdquo;zuerst und dann ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So daß wir gewissermaßen drei Momente der
-aktiven Gestaltung unterscheiden,&ldquo; warf der Direktor
-in erklärender Weise ein, &bdquo;der von Hoffnungen
-getragene Beginn, das behinderte Werden und die
-Erleichterung der Vollendung.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, ich bin immer erleichtert, wenn er es heraußen
-hat, denn Sie glauben nicht, was man als
-Frau dabei aussteht. Beim zweiten Akt ist es am
-ärgsten, weil man da immer stecken bleibt. Beim
-ersten hat er noch Appetit und schläft gut und hat
-auch seinen regelmäßigen Stuhlgang. Sie entschuldigen,
-wenn ich das erzähle ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber ich bitte Sie, es ist ja so interessant,&ldquo;
-unterbrach hier Frau Diestelkamp die lebhafte Dichtersgattin,
-welche sogleich fortfuhr: &bdquo;Ja, beim ersten
-Akt ist alles in Ordnung, aber sowie der zweite
-angeht, ißt er weniger und wacht mitten in der
-Nacht auf und verliert seine Regelmäßigkeit und
-verändert sich überhaupt. Ich kenne es sofort,
-wenn der zweite Akt angeht, und ich sage dann
-zu meiner Köchin, daß sie leicht verdauliche Speisen
-kocht, und daß mir immer Kompott auf den Tisch
-kommt, und ich lasse ihn dann auch fleißig Hunyadywasser
-trinken, bis wir den zweiten Akt heraußen
-haben, denn der dritte geht schon wieder
-viel leichter. Er kriegt dann eine bessere Gesichtsfarbe
-und schwitzt auch nicht mehr so stark in der
-Nacht.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Also die Lösung des Knotens gestaltet sich
-weniger schwierig, Herr Mertens?&ldquo; wandte sich
-der Direktor an den Mann, der sich teilnahmslos
-erklären ließ.</p>
-
-<p>&bdquo;Tja ...&ldquo; antwortete dieser und schnitt an seinem
-Rettig weiter.</p>
-
-<p>Seine Frau aber ließ den Faden nicht aus der
-Hand gleiten.</p>
-
-<p>&bdquo;Der dritte Akt geht auch viel schneller. Wir
-haben höchstens vierzehn Tage Arbeit damit. Heuer,
-beim &sbquo;Barbarossa&lsquo; haben wir drei Wochen gebraucht,
-weil eine Szene vorkam, wo sich alles reimen mußte.
-Ich habe es ihm gleich gesagt, daß wir stecken
-bleiben; aber es war eine Liebeserklärung, und da
-hat er es so im Kopf gehabt. Ein paar Tage
-hat es gefährlich ausgesehen, und meiner Köchin
-ist es auch aufgefallen. Sie hat mich gleich gefragt:
-&sbquo;Was hat denn der gnä&rsquo; Herr? Es wird
-doch um Gottes willen nicht schon wieder einen
-zweiten Akt geben?&lsquo; &sbquo;Nein,&lsquo; sagte ich, &sbquo;Lina, den
-haben wir dieses Jahr glücklich hinter uns, aber
-es muß sich vier oder fünf Seiten voll reimen,
-und Sie können ja für morgen eine Eierspeise mit
-Pflaumenmus richten, und wenn es dann noch
-nicht besser wird, wollen wir schon sehen.&lsquo; Aber
-zum Glück waren dann am andern Tag die Verse
-heraußen, und es ging wieder von selbst.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Frauen der Tafelrunde hatten mit großem
-Ernste zugehört und nickten nun verständnisvoll
-mit den Köpfen.</p>
-
-<p>&bdquo;So lebt man doch eigentlich als Frau die
-Werke seines Mannes mit!&ldquo; unterbrach Frau
-Direktor Höfler das kurze Schweigen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich kann es mir so gut vorstellen!&ldquo; sagte Frau
-Kommerzienrat Diestelkamp.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie dürfen mir glauben, daß ich als Frau meinen
-Kopf beisammen haben muß, wenn <em class="gesperrt">er</em> dichtet.&ldquo;</p>
-
-<p>Frau Mertens zeigte bei diesen Worten auf ihren
-Gatten, der kindlich lächelnd seinen Rettig einsalzte.
-&bdquo;Ich muß an alles denken, und mich trifft
-es viel härter wie ihn. Er sitzt einfach in seinem
-Zimmer und schreibt, aber ich habe die Haushaltung
-und muß genau achtgeben, daß wir noch waschen
-und reinemachen, vor der zweite Akt angeht, denn
-dann ist keine Zeit mehr zu so was, und es muß
-gut eingeteilt werden. Wie wir den &sbquo;Perikles&lsquo; gedichtet
-haben, sind wir mit dem Stöbern gerade
-noch drei Tage in den zweiten Akt hineingekommen,
-und ich kann Ihnen bloß sagen, ich möchte das
-nicht wieder erleben, und ich habe auch beim &sbquo;Theodorich&lsquo;
-eine zweite Zugeherin genommen, daß wir
-nur ja schnell fertig geworden sind.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wie interessant!&ldquo; rief Frau Diestelkamp aus,
-&bdquo;es wird einem alles so näher gebracht. Ich habe
-bis jetzt gar keine rechte Vorstellung gehabt, wie
-es wohl in Dichterfamilien ist, und nun verstehe
-ich manches.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie müssen aber trotzdem sehr glücklich sein,&ldquo;
-fügte Frau Höfler hinzu. &bdquo;Als Gattin eines Dichters!
-Ich stelle mir das entzückend vor.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich möchte mit niemand tauschen,&ldquo; erwiderte
-Frau Mertens, &bdquo;obschon manches vorkommt, was
-einem Sorgen macht. Denken Sie sich, wir haben
-fünfzehn Jahre lang romantisch gedichtet, und jetzt
-geht das nicht mehr, und wir müssen modern schreiben,
-oder realistisch, wie man auch sagt. Das ist
-ein Schlag, kann ich Sie versichern! Mein Mann
-wollte noch immer nicht, aber was kann man gegen
-die Kritiker machen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Erlauben Sie mir die Bemerkung, gnädige
-Frau, daß ich da ganz auf Seite Ihres verehrten
-Gemahls stehe,&ldquo; rief Herr Diestelkamp, &bdquo;wir wollen
-gerade in unserer nüchternen Zeit die Romantik
-nicht missen, und wir suchen bei unsern Dichtern
-die herrliche Quelle der ... den ... den Ritt in ...
-ich wollte sagen, wir wollen immer noch einen
-Trunk aus der romantischen Quelle schlürfen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es geht nicht,&ldquo; sagte Frau Mertens mit einer
-Schärfe, die erraten ließ, daß man hier auf ein
-eheliches Streitthema gekommen war; &bdquo;es geht
-durchaus nicht. Das nächste Stück muß er modern
-schreiben. Ich will nicht, daß die Zeitungen noch
-einmal von veralteter Manier schreiben, oder daß
-die Frau Nathusius die Nase rümpft, wenn sie
-mir begegnet, weil ihr Mann schon dreimal hochmodern
-gedichtet hat.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber die romantische Muse Ihres Mannes
-wird sich dagegen sträuben,&ldquo; sagte Direktor Höfler.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie <em class="gesperrt">hat</em> sich gesträubt,&ldquo; rief die streitbare Frau
-und blickte dabei mit einiger Strenge auf ihren
-Mann, der den endlich weinenden Rettig aß; &bdquo;sie
-<em class="gesperrt">hat</em> sich allerdings gesträubt, aber das ist jetzt vorbei.
-Ich muß es auch aushalten, und wenn es
-noch schlimmer wird bei den zweiten Akten.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So geben also auch Sie den Ritt ins alte
-romantische Land auf?&ldquo; fragte Diestelkamp, der sich
-nun auf das Zitat besonnen hatte, mit starkem
-Pathos.</p>
-
-<p>&bdquo;Tja ...&ldquo; antwortete der Dichter.</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Der_Biedermann" id="Der_Biedermann">Der Biedermann</a></h2>
-</div>
-
-<p class="chap-start">Der alte Buchberger Hans saß auf der
-Hausbank und ließ sich so behaglich wie
-die Katze neben ihm die warme Märzensonne
-auf den Pelz brennen. Auf dem Dache
-zerging der letzte Schnee, und eintönig plätscherte
-es von der Rinne auf die Kieselsteine. Drüben
-am Waldrande lag schon ein grüner Schimmer
-über den Sträuchern, und dem Hans kamen fröhliche
-Gedanken von schönen Tagen und Wiederaufwachen
-aus langem Schlafe.</p>
-
-<p>Zufrieden patschte er sich auf das linke Knie
-und rieb ein wenig daran.</p>
-
-<p>Das war auch wieder gut geworden; viel besser,
-als er geglaubt hatte nach dem bösen Fall im
-vorigen Jahre.</p>
-
-<p>Hätte leicht steif bleiben können, und das wäre ihm
-hart gefallen in seinen alten Tagen, und weil er ja
-auch noch arbeiten wollte neben den Jungen in dem
-kleinen Haushalte, der jede Beihilfe brauchen konnte.</p>
-
-<p>Aber so war es nun wieder recht geworden.
-Der Unfall zahlte ihm fünfzehn Mark alle Monate,
-und weiß Gott, wie wohl ihnen das Bargeld tat,
-wenn es noch so wenig war, und faulenzen brauchte
-er deswegen doch nicht.</p>
-
-<p>Er schlenkerte mit dem Fuß und streckte ihn
-wieder geradeaus.</p>
-
-<p>Es ging schon, jawohl, und vor ein paar Tagen
-war er mit dem Jungen auch auf der Bergwiese
-droben gewesen und war rechtschaffen müd geworden.</p>
-
-<p>Aber es ging und wurde alleweil besser.</p>
-
-<p>Alleweil besser.</p>
-
-<p>Da schau her! Den sonnigen Hang herauf kam
-ein Spaziergänger, ein städtischer Herr, der oft
-stehenblieb und ausschnaufte.</p>
-
-<p>Tat halt einem jeden wohl, Wärme und Sonnenschein.</p>
-
-<p>Jetzt nahm der Herr den Hut ab und trocknete
-sich die Stirne.</p>
-
-<p>Der sah beinahe aus wie der Bezirksarzt mit
-seinem langen Vollbart, und so groß und breitschultrig
-war er auch.</p>
-
-<p>Richtig, da fiel dem Buchberger ein, daß die
-Leitnerbäuerin krank war, und vielleicht ging jetzt
-der Doktor zu ihr ...</p>
-
-<p>Und war schon so.</p>
-
-<p>Von weitem schon lachte der Bezirksarzt freundlich,
-wie er den Alten erkannte, und der Hans
-stand auf und grüßte höflich.</p>
-
-<p>&bdquo;Das is ja der Buchberger? Grüß Gott! Darf
-ich mich a bissel hersetzen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja freili, Herr Bezirksarzt! Oder soll i an
-Sessel außa hol&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na! I sitz gut g&rsquo;nug.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gengan&rsquo;s g&rsquo;wiß zum Leitner aufi?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... mhm ... no, wie geht&rsquo;s Ihnen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Guat ... Herr Bezirksarzt ... Bin woh
-z&rsquo;fried&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das hört man gern ... ja! so ein alter Veteran
-laßt nicht aus!&ldquo;</p>
-
-<p>Der leutselige Bezirksarzt klopfte dem Hans auf
-die Schulter und schaute ihm mit herzlichem Wohlwollen
-in die Augen.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind ja noch einer von Anno siebzig?&ldquo;
-fragte er.</p>
-
-<p>&bdquo;Siebazgi und sechsasechzgi.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und sechsundsechzig! Allen Respekt! Da haben
-Sie was durchg&rsquo;macht im Leben!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... dös ko ma wohl sag&rsquo;n.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Fürs deutsche Vaterland!&ldquo;</p>
-
-<p>Und der freundliche Mann tätschelte wieder den
-braven alten Soldaten auf die Achsel.</p>
-
-<p>&bdquo;No, von sechsasechzgi kann i net viel prahl&rsquo;n,&ldquo;
-sagte der Hans. &bdquo;Da san ma de mehra Zeit
-retariert, weil si koa Mensch net auskennt hot und
-überhaupts ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... ja ... der Bruderkrieg!&ldquo; sagte der Arzt
-lächelnd.</p>
-
-<p>&bdquo;Aba ... siebazgi! Sakera Hosenzwickl! Da
-hamm&rsquo;s as ins dafür ei&rsquo;kocht! I bin bei Wörth
-dabeig&rsquo;wen und bei Sedan ... und nacha bei
-Orleanß hinten! Bei Kulmirs hamm s&rsquo; an Major
-Gruaba neben meiner aufi g&rsquo;schoss&rsquo;n, und i und
-da Hage Pauli, mir hamm an im größt&rsquo;n Feuer
-z&rsquo;ruckbracht ... und hab aa &rsquo;s Eiserne Kreuz kriagt
-für dös und bin belobigt wor&rsquo;n vorn ganz&rsquo;n
-Regament ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, was Sie sagen!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Bezirksarzt streckte dem eifrigen Alten seine
-Hand hin. &bdquo;Respekt &mdash; Buchberger! Ein deutscher
-Ritter des Eisernen Kreuzes! Da müssen wir
-Jüngeren den Hut ziehen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;No ja! Es hätten&rsquo;s eigentli alle vadeant, denn
-was mir selbigsmal durchg&rsquo;macht hamm, dös war
-a wengl hart ... und i sag&rsquo;s oft, de junga Leut
-achten&rsquo;s nimmer a so, aba es hat scho was braucht!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, die jungen Leute! Die werden von den
-sozialdemokratischen Zeitungen vergiftet. Das findet
-man nicht mehr, wie früher ... diese ... diese Einfachheit
-und ... ah ... diese ... diese Vaterlandsliebe
-...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gel? I sag&rsquo;s aa&rsquo;r allaweil! De Patriot&rsquo;n san
-nimmer gar so viel! Und wenn ma was sagt,
-wurd ma glei ausg&rsquo;lacht von de Grasteufl!...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es ist schlimm, Buchberger! Schlimm! Aber
-ein alter Soldat, wie Sie, der laßt sich nicht irrmachen
-...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, was waar denn net dös? I laß net aus.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Einer von der alten Garde! Han?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und de Erinnerung gab i net her ... dös
-derfen S&rsquo; g&rsquo;wiß glaab&rsquo;n, Herr Dokta ... Sakera
-Hosenzwickl ... wia mir einmarschiert san ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;In Paris? Was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;In Paris net; da bin i net dabeig&rsquo;wen, weil
-inser Regament heraußd bleib&rsquo;n hat müass&rsquo;n ...
-aba in Münk&rsquo;n ... do bin i nobl mit ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Vor dem Kronprinz&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und an Kini; vor der Feldherrnhalle san ma
-an eahm vorbei ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Parademarsch?...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös glaab i! Neig&rsquo;haut, daß d&rsquo; Stoa g&rsquo;wackelt
-hamm!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Eins ... zwei! Eins ... zwei ...! Ob&rsquo;s heut
-noch ging, Buchberger?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Probier ma&rsquo;s!&ldquo; lachte der Alte und sprang von
-der Bank auf und nahm die Hände an die Hosennaht.
-Augen links! nach dem Bezirksarzt, und
-eins und zwei ... eins und zwei ... und es ging
-noch.</p>
-
-<p>Freilich nicht mehr so stramm, daß die Steine
-wackelten, aber ganz passabel, daß der joviale Arzt
-in die Hände patschte und herzhaft lachte.</p>
-
-<p>&bdquo;Bravo, Buchberger!&ldquo; rief er, als sich der Hans
-wieder setzte und patschte ihm urkräftig auf das
-Knie ... &bdquo;ja, ihr alten Veteranen, ihr seid aus
-einem andern Stahl als wir!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Woaß net,&ldquo; sagte der Hans, &bdquo;i g&rsquo;spüret&rsquo;s glei
-im Hax&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I wo! Sie sind ja marschiert wie ein Gardeleutnant
-... also, jetzt muß ich aber gehen ... es
-hat mich recht g&rsquo;freut ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mi scho aa, Herr Bezirksarzt, und kehren S&rsquo;
-wieder amal zua! Adjes!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös is a liaba Mo!&ldquo; sagte er noch vor sich
-hin, als sich der Doktor langsam entfernte &mdash; &bdquo;a
-ganz a g&rsquo;führiger Mo!&ldquo;</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>Eine Woche später, und es war schlechtes Wetter,
-regnete und schneite durcheinander, brachte der
-Postbote dem Buchberger ein Schreiben, das sich
-der Länge und Breite nach amtlich ausnahm und
-auch einen Stempel trug.</p>
-
-<p>&bdquo;Geh, Alte, hol mir mei Brill&rsquo;n!&ldquo; Als er sie
-bedächtig aufgesetzt und das Schreiben geöffnet
-hatte, las er langsam die Mitteilung, daß ihm die
-monatliche Unterstützung von fünfzehn Mark entzogen
-werde ... entzogen werde ... indem daß
-der Königliche Bezirksarzt Dr. Stierlinger sich persönlich
-davon überzeugt habe ... daß genannter
-Buchberger von den Folgen des Unfalls gänzlich
-geheilt sei und nicht die geringsten Beschwerden ...
-Beschwerden am Fuße mehr verspüre ...</p>
-
-<p>Ah!</p>
-
-<p>Ja ... Himmel ... Herrgott ...</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Unser_guater_alter_Herzog_Karl" id="Unser_guater_alter_Herzog_Karl">Unser guater, alter Herzog Karl</a></h2>
-</div>
-
-<p class="chap-start">Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung
-der Majestätsbeleidigung bringen.
-Ich will es nicht entscheiden, ob
-die Neuerung viel verbessern wird in der deutschen
-Welt.</p>
-
-<p>Aber eines weiß ich, und eines bedauere ich.</p>
-
-<p>Mein alter Freund Simon Lackner wird sich
-nicht mehr so leicht ein billiges Winterquartier
-verschaffen können.</p>
-
-<p>Und das ist hart.</p>
-
-<p>Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre
-alt; ein herzensguter Kerl.</p>
-
-<p>Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen,
-nachdem er sechzehn lange Jahre hindurch
-mit der alten so schöne Erfolge erzielt hat.</p>
-
-<p>Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine
-Lage!</p>
-
-<p>Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe;
-ein fahrender Handwerksbursche. Das
-ist wohl ein schönes Metier, wenn der Apfelbaum
-am Straßenrand blüht, und wenn ein Mensch, der
-auf dem Rücken im Grünen liegt, mit blinzelnden
-Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue Luft
-nachschaut. Das ist wohl ein schönes Metier,
-wenn die Kornähren sich über dem müden Haupte
-wiegen und am heißesten Sommertag einen erquickenden
-Schatten spenden. Auch ist es fröhlich
-und freudenvoll, wenn noch eine mildtätige Herbstsonne
-auf den Buckel brennt, und wenn die zerrissenen
-Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln.</p>
-
-<p>Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen
-und alte Felber in die Gräben rollen? Wenn
-die Landstraßen aus dem Leim gehen und pfundschwerer
-Brei an den Sohlen hängen bleibt?</p>
-
-<p>Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln
-sticht oder die Schneeflocken wirbeln? Wenn alle
-warmen Ofenbänke von hartherzigen Bauern besetzt
-sind, die für einen armen Handwerksburschen
-nicht zusammenrücken?</p>
-
-<p>Da wird&rsquo;s dem abgehärteten Landstreicher wehmütig
-ums Herz, und er sehnt sich nach einem
-trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es
-nicht tropft.</p>
-
-<p>Simon Lackner widerstand lange, aber endlich
-kriegte er das Reißen in seinen Gliedern, und er
-fand ein Mittel, sich zu helfen. &mdash;</p>
-
-<p>Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein
-gemütlicher, braver Landesfürst.</p>
-
-<p>Natürlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber
-er stand doch in gewissen Beziehungen zu ihm.</p>
-
-<p>Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um
-Gotteslohn eine Halbe Bier trank, sah er von
-der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlächeln.</p>
-
-<p>Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in
-dem breiten Mund, in den hängenden Backen des
-Landesherrn ausdrückte.</p>
-
-<p>Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern
-verschwimmenden Schweinsäuglein und
-dachte sich, wie bürgerlich und selchermäßig doch
-oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden
-Häupter ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen
-Feindseligkeit haftete im Herzen des Simon
-Lackner.</p>
-
-<p>Er liebte den Fürsten auf seine bescheidene
-Weise und nahm es ihm nicht übel, wenn seine
-Gensdarmen grob und rauhändig waren.</p>
-
-<p>Denn nicht einmal der allmächtige Gott hat
-alle seine Geschöpfe liebenswürdig geschaffen.</p>
-
-<p>Warum sollte man&rsquo;s von einem irdischen Fürsten
-verlangen?</p>
-
-<p>Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner
-gezwungen, alle Jahre einmal dem Herzog Karl III.
-eine Despektierlichkeit zu zeigen, die ihm nicht innewohnte.</p>
-
-<p>Aber es war eben seine Methode, und es war
-notwendig, um unter ein schützendes Dach zu kommen.</p>
-
-<p>Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhuben,
-ging Simon Lackner zum herzoglich neuburgischen
-Gefängnisse, welches auf freiem Felde
-lag, hinaus.</p>
-
-<p>Dort versteckte er sich in einem Holzschupfen,
-welcher gegenüber dem Eingange der Anstalt lag,
-und wartete.</p>
-
-<p>Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er
-allsogleich hervor und schrie mit lauter Stimme:</p>
-
-<p>&bdquo;Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!&ldquo;</p>
-
-<p>Das erstemal und das zweitemal stürzten die
-Gendarmen gierig auf den frevelhaften Menschen
-und glaubten, daß sie einen wichtigen Fang gemacht
-hätten. Aber schon im dritten Jahre erlahmte
-ihr Eifer, denn sie wußten jetzt, daß Simon
-Lackner sich nur auf diese harmlose Weise ein
-Winterquartier verschaffen wollte.</p>
-
-<p>Simon Lackner mußte oft und oft schreien, bis
-sie ihn gefangen nahmen.</p>
-
-<p>Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang
-mit schöner Regelmäßigkeit.</p>
-
-<p>Man wußte es nicht mehr anders.</p>
-
-<p>Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am
-Himmel aufzogen, schaute der Gefängnisinspektor
-in die herbstliche Natur hinaus und sagte: &bdquo;Jetzt
-wird der Lackner bald wieder schreien.&ldquo; Und richtig:
-den andern Tag zogen sich nasse Bindfaden vom
-Himmel zur Erde herunter, und vom Holzschupfen
-herüber brüllte es: &bdquo;Unser guater, alter Herzog
-Karl is a Rindviech.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Gendarmen lächelten; Simon Lackner
-lächelte und betrat freudig die Halle des Gefängnisses,
-wo ihm der Inspektor wohlwollend
-entgegentrat.</p>
-
-<p>Lackner wiederholte zur Sicherheit: &bdquo;Unser guater,
-alter Herzog Karl is a ..&ldquo; &bdquo;Weiß schon,
-weiß schon,&ldquo; sagte der Inspektor, &bdquo;Sie kriegen
-schon Ihre fünf Monat.&ldquo;</p>
-
-<p>Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder
-heraus und walzte fröhlich durch das Herzogtum
-Neuburg.</p>
-
-<p>Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei
-seines lieben Karls III. sah, lächelte er ihm verständnisinnig
-zu. Er hatte ja nie vergessen, ihn
-den guten, alten Herzog zu nennen, und das mit
-dem Rindvieh war nicht ernst gemeint.</p>
-
-<p>Jetzt wollen sie den schönen Paragraphen ändern,
-mit dem mein Freund Simon Lackner seit
-sechzehn Jahren sich recht und schlecht über die
-Wintersnot hinweggeholfen hat.</p>
-
-<p>Ist das nicht hart?</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="subtitled"><a name="Liebe_um_Liebe" id="Liebe_um_Liebe">Liebe um Liebe</a></h2>
-
-<p class="subtitle">Eine patriotische Stimmung</p>
-</div>
-
-<p class="chap-start">Durch Stoppelfelder und frisch gemähte
-Wiesen rollte ein Eisenbahnzug, und
-die buttergelbe Herbstsonne glänzte in
-die Fenster eines lackierten Salonwagens, der sich
-überhaupt in dieser Umgebung recht sonderbar
-ausnahm.</p>
-
-<p>Darin saß Prinz Xaver, ein Seitensprosse des
-königlichen Hauses, und fuhr mit seinem Adjutanten,
-Rittmeister Baron Schröfel, nach Weißkirchen
-zur landwirtschaftlichen Ausstellung, die
-unter sein Protektorat gestellt worden war.</p>
-
-<p>Weil aber hier Herablassung und dort Untertanenliebe
-gezeigt werden sollte, hielt man überall;
-und wo größere Menschenmengen sich dem Auge
-darboten, fragte Prinz Xaver seinen Begleiter:
-&bdquo;Muaß i?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Einen Augenblick, Königliche Hoheit!&ldquo; antwortete
-alsdann der Baron und sah in seinem
-Notizbuche nach. &bdquo;Faistenhamm ... Kirchdorf ...
-163 Seelen ... katholisch ... 37 Pferde ...
-281 Stück Rindvieh ... ja ... Königliche Hoheit
-... da ist&rsquo;s vorgemerkt.&ldquo;</p>
-
-<p>Und Prinz Xaver hielt das edle große Haupt
-zum Fenster hinaus und blickte durch seinen Kneifer,
-den er nur bei solchen Anlässen trug, auf einige
-fette Herren, die das besitzende und bessere Publikum
-vorstellten.</p>
-
-<p>&bdquo;Diese Gegend,&ldquo; sprach der Prinz, &bdquo;ist sehr
-lieblich.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Han?&ldquo; fragte ein Posthalter oder Tafernwirt,
-der mehr Treue als Schliff besaß.</p>
-
-<p>&bdquo;Diese Gegend, sie ist sehr reizvoll,&ldquo; wiederholte
-der Prinz.</p>
-
-<p>&bdquo;Jawoi, Königliche Hoheit!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie ist von sanften Höhen durchzogen und mit
-Wäldern bedeckt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jawol, Königliche Hoheit!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber das Auge erblickt auch fruchtbare Felder,
-welche den Fleiß des Landmannes belohnen und ...
-und ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jawoi, Königliche Hoheit!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Saftige Matten ...&ldquo; soufflierte der Adjutant.</p>
-
-<p>&bdquo;... und saftige Matten, welche dem kernigen
-Vieh dieses Volkes ... welche dem Vieh dieses
-kernigen Volkes Nahrung bieten.&ldquo;</p>
-
-<p>Prinz Xaver rückte den Zwicker, der ihm von
-der schwitzenden Nase heruntergeglitten war, zurecht,
-und der Posthalter oder Tafernwirt schaute
-mit geistlosen Augen in die ebenso blauen des
-Königssprossen, und er fühlte, daß nunmehr die
-Aufgabe an ihn herangetreten war.</p>
-
-<p>&bdquo;Königliche Hoheit ... diese Gefiehle, wo ins
-heute besäligen ... durch dieses, daß Sie hier
-durchfahren und für Kinder und Kindeskinder ...&ldquo;</p>
-
-<p>Die Lokomotive pfiff, und da legte der Tafernwirt
-die ganze ungeheure Treuherzigkeit seines
-Landes in den Satz: &bdquo;Pfüad Good, Königliche
-Hoheit, aufs Wiederschaugen, und kemman S&rsquo;
-halt wieda zu ins außa ...&ldquo; Er entschwand den
-gütigen Blicken des Fürsten, der sich in die Kissen
-zurückwarf, und sagte: &bdquo;Dös hätt&rsquo; ma wieda! Wo
-muaß i denn &rsquo;s nächstmal?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Einen Augenblick, Königliche Hoheit!&ldquo; antwortete
-Baron Schröfel. &bdquo;... Sünzing ... nein
-... Matzling ... 214 Seelen ... katholisch ...
-311 Stück Rindvieh ... in Matzling werden Königliche
-Hoheit wieder sprechen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O jegerl!&ldquo; seufzte der Prinz und wiederholte
-gewissermaßen im Geiste jene Rede des Wohlwollens
-und lebendigen Interesses.</p>
-
-<p>Nach zwei langen Stunden fuhr der Zug in
-Weißkirchen ein, wo ein Beamtenkörper, eine ergeben
-lächelnde Geistlichkeit, wo Veteranenvereine,
-Feuerwehren und Schützen, wo alles, was repräsentieren
-durfte, den kleinen Bahnhof füllte, nach
-vorwärts gedrängt von einer wimmelnden Menge,
-die in dem aussteigenden Prinzen, der sein quellendes
-Fleisch in eine blitzblaue Uniform gepreßt
-hatte, alles Anverwandte und Angestammte erblickte
-und darüber in ein gellendes Hoch ausbrach.</p>
-
-<p>Ein kleiner, stülpsnäsiger, aufgeregter Herr gab
-sich dem Prinzen durch viele und schnell wiederholte
-Bücklinge als den zu erkennen, der hier als
-Erster zu beachten war, und als einen Titularregierungsrat
-und vorstehenden Chef des Bezirks.</p>
-
-<p>Dicke Herren mit mehr landwirtschaftlicher Färbung
-der feisten Gesichter und Hälse wurden in
-zweiter Reihe als Tierärzte und Ökonomieräte
-und verdiente Braun- oder Fleckviehzüchter erkannt,
-und in veralteten, seit Jahren die Bäuche nicht
-mehr bedeckenden Gehröcken schoben sie sich vor,
-und ehe es sich der Prinz versah, war er von
-Leuten umringt, die als starke Esser viel animalische
-Wärme und als treue Untertanen eine ungemeine
-Ergebenheit ausstrahlten.</p>
-
-<p>Und da ihre patriotischen Gefühle nirgends
-hinauskonnten, nicht durch die verknüllten Hosen,
-nicht durch die krampfhaft geschlossenen Westen,
-so drängten sie sich schweißtreibend nach oben und
-saßen hinter schwimmenden Augen, die sich auf
-ihr prinzliches Ebenbild richteten.</p>
-
-<p>Der stülpsnäsige Herr hielt eine Rede, in der
-alle Gefühle, die weder er noch sonst wer hegte,
-in Superlativen ausgedrückt waren, und niemand
-lehnte sich innerlich dagegen auf.</p>
-
-<p>Im Gegenteile hörte Prinz Xaver mit tiefem
-Ernste die erhabenen Tugenden aufzählen, die ihn
-und sein Haus schmücken sollten, obgleich er es
-doch besser wissen mußte, und gleichermaßen hörten
-alle Festgäste, die von Weißwürsten kamen oder
-zu Weißwürsten gingen, daß sie in diesem Augenblicke
-den Schwur der Treue erneuert hätten und
-Gut und Blut opfern wollten.</p>
-
-<p>Ja, und darauf mußte etwas gesagt werden.</p>
-
-<p>Der hohe Protektor umfaßte mit einem wohlwollenden
-Blicke diesen Patriotismus, der um ihn
-herum schwitzte und schnaubte, und sagte es.</p>
-
-<p>&bdquo;Diese Gegend,&ldquo; hub er an, &bdquo;sie ist sehr lieblich.
-Sie ist von sanften Höhen durchzogen und
-mit Wäldern bedeckt. Aber das Auge erblickt auch
-fruchtbare Felder, welche den Fleiß des Landmannes
-belohnen und ... und ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Seine Königliche Hoheit lebe hoch!&ldquo; schrie
-jetzt verfrüht, unzeitig und taktlos der Zimmermeister
-Schlegel, der immer etwas voraushaben
-mußte.</p>
-
-<p>&bdquo;Und saftige Matten ...&ldquo; fuhr Prinz Xaver
-fort, aber das Hoch hatte im Pulverfasse der angestammten
-Liebe gezündet, und die brausenden &mdash;
-oder auch donnernden &mdash; Rufe übertönten die
-letzten Worte vom Vieh des kernigen Volkes.</p>
-
-<p>Der Protektor lächelte gerührt und wurde zum
-Wagen verbracht, rechter Hand die Stülpnase,
-linker Hand den dicksten Fleckviehzüchter.</p>
-
-<p>Er fuhr durch beflaggte Gassen an schreienden
-Menschen vorbei, grüßte allerleutseligst, sah die
-Herzen, die ihm entgegenschlugen, Triumphbögen,
-die sich wölbten, und langte auf dem Festplatze
-an, wo es nicht minder laut blökte, quiekte und
-brüllte von treuen Haustieren, die ihren Lärm nur
-so und unwissend warum vollführten. Da sah
-Prinz Xaver alles, was unter sein Protektorat gestellt
-worden war. Breitnackige Stiere, die ihn
-böse anblickten, wollige Schafe, die ihm mild ins
-Auge schauten; braune, gelbe, weiße Kühe, die
-ihre Rücken hoch zogen, wenn sie behaglichst ihre
-Wasser rinnen ließen, Kälber und Schweine.</p>
-
-<p>Die Stülpsnase erklärte eifrig, aber ein besserer
-Menschenkenner, als Prinzen sind, hätte wohl
-merken können, daß der bewegliche Beamte auch
-nicht mehr verstand als der Protektor, welcher nur
-lebendige Eßwaren in dem Getier sah.</p>
-
-<p>Auch in der viktualischen Abteilung überkamen
-Prinz Xaver mehr reflektierende als züchterische
-Vorstellungen. Bei den Krautköpfen dachte er an
-rosiges Surfleisch, beim Sellerie an gebratene
-Gänse, bei Kartoffeln an den Fürst und Volk
-einigenden Nierenbraten, und Rettiche sah er gebeizt,
-und Zwiebeln geschmort.</p>
-
-<p>Als man zuletzt noch die Hühner, denen man
-harte und weiche Eier, Ochsenaugen und Rühreier
-verdankt, besichtigt, gut befunden und gelobt hatte,
-war so eigentlich die Aufgabe der Königlichen
-Hoheit erledigt.</p>
-
-<p>Aber eine neuzeitliche Sitte ließ den Prinzen
-nicht sogleich zur Ruhe kommen.</p>
-
-<p>Es geht ein demokratischer Zug durch unser Volk.</p>
-
-<p>Die Tage, da es in alle Schulbücher kam, wenn
-der Fürst einen kleinen Mann aus dem Volke
-leutselig ansprach, sind vorüber, und heute spricht
-der kleine Mann leutselig den Fürsten an.</p>
-
-<p>Ein Spenglermeister aus Sünzing fand hier
-den Mut, indem er vortrat, nach Bier roch und
-treuherzig sagte:</p>
-
-<p>&bdquo;Geh, Königliche Hoheit, unterschreiben S&rsquo; de
-Kart&rsquo;n an meine Spezeln, daß de aa &rsquo;r a Freud
-hamm!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Stülpsnase winkte ihm strenge ab, jedoch
-der Prinz lächelte und setzte seinen Namen auf
-die fettige Postkarte.</p>
-
-<p>Ein schöner Moment trat ein. Fürst und Untertan
-Auge in Auge, und der wackere Spengler
-traf den Ton des echten Volksstückes, als er sagte:</p>
-
-<p>&bdquo;Königliche Hoheit ... dös ... dös ... kimmt
-unter Glas und Rahmen, und in hundert Jahr
-no müass&rsquo;n d&rsquo; Leut&rsquo; sehg&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ist schon gut,&ldquo; sagte die Stülpsnase und schob
-den Redner ungnädig weg, denn er roch wirklich
-sehr stark nach Bier, und auch wollten nun viele
-die gleiche Gnade erlangen.</p>
-
-<p>&bdquo;Königliche Hoheit ... an insern G&rsquo;sellenverein
-... dös war an Ehr&rsquo; für Kinda und Kindeskinda
-...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Königliche Hoheit ... an insern Stammtisch
-&sbquo;De Grüabig&rsquo;n&lsquo; ...&ldquo;</p>
-
-<p>Den Prinzen überkamen väterliche Empfindungen,
-er hielt diese Leute für anhängliche Kinder, ihre
-Wünsche für naiv, und er hatte keine Ahnung davon,
-daß hier gar nichts ehrlich oder tiefwurzelnd
-war, außer seiner eigenen Beschränktheit.</p>
-
-<p>Er schüttelte gütig alle Hände, die sich in seine
-Rechte schoben, kalte und warme, trockene und
-feuchte, er unterschrieb wohlwollend alles und
-setzte seinen Namen neben Ober- und Niedermayer
-unter ihre Fröhlichkeit.</p>
-
-<p>&bdquo;Menschen ... Menschen san mir alle ... Jakob
-Schanderl, <em class="gesperrt">Xaver, königlicher Prinz</em> ... Eins
-... zwei ... drei ... g&rsquo;suffa!... Es lebe die
-Viecherei! Hans Breitsameter, Jakob Leistl, <em class="gesperrt">Xaver,
-königlicher Prinz</em> ...&ldquo;</p>
-
-<p>Die Karten wanderten hinaus in die Kneipen
-des Landes, und wenn sie gleich nicht Ehrfurcht
-in Kindern und Kindeskindern erregen konnten,
-spannen sie doch Fäden vom zünftigen Prinzen zu
-zünftigen Stammtischen. Neue Fäden zum alten
-Bande, das Volk und Herrscherhaus verknüpft.</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Auf_der_Elektrischen" id="Auf_der_Elektrischen">Auf der Elektrischen</a></h2>
-</div>
-
-<p class="chap-start">In <em class="gesperrt">München</em>. Der schwere Wagen poltert
-auf den Schienen; beim Anhalten gibt es
-einen Ruck, daß die stehenden Passagiere
-durcheinander gerüttelt werden.</p>
-
-<p>Ein Schaffner ruft die Station aus.</p>
-
-<p>&bdquo;Müliansplatz!&ldquo;</p>
-
-<p>Heißt eigentlich Maximiliansplatz.</p>
-
-<p>Aber der Schaffner hat Schmalzler geschnupft
-und kann die langen Namen nicht leiden.</p>
-
-<p>Ein Student steigt auf. Er trägt eine farbige
-Mütze, und der Schaffner salutiert militärisch.</p>
-
-<p>Er weiß: das zieht bei den Grünschnäbeln. Sie
-bilden sich darauf was ein.</p>
-
-<p>Und wenn sich Grünschnäbel geschmeichelt fühlen,
-geben sie Trinkgelder.</p>
-
-<p>Er ist Menschenkenner und hat sich nicht getäuscht.</p>
-
-<p>Der junge Herr mit der großen Lausallee gibt
-fünf Pfennige.</p>
-
-<p>Er sieht dabei den Schaffner nicht an; er sieht
-gleichgültig ins Leere; er zeigt, daß er dem Geschenke
-keine Bedeutung beimißt. Der Schaffner
-salutiert wieder.</p>
-
-<p>Wumm! Prr!</p>
-
-<p>Der Wagen hält.</p>
-
-<p>&bdquo;Deonsplatz!&ldquo; schreit der Schaffner.</p>
-
-<p>Heißt eigentlich Odeonsplatz.</p>
-
-<p>Eine Frau, die ein großes Federbett trägt,
-schiebt sich in den Wagen. Ein Sitzplatz ist
-noch frei.</p>
-
-<p>Die Frau zwängt sich zwischen zwei Herren.
-Sie stößt dem einen den Zylinder vom Kopfe.</p>
-
-<p>Das ärgert den Herrn. Er klemmt den Zwicker
-fester auf die Nase und blickt strafend auf das
-Weib.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber erlauben Sie!&ldquo; sagt er.</p>
-
-<p>&mdash; ?! &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber erlauben Sie, mit einem solchen Bett!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Leute im Wagen werden aufmerksam.</p>
-
-<p>Der Mann scheint ein Norddeutscher zu sein;
-der Sprache nach zu schließen. Ein besserer Herr,
-der Kleidung nach zu schließen.</p>
-
-<p>Was fällt ihm ein, die arme Frau aus dem
-Volke zu beleidigen?</p>
-
-<p>Ein dicker Mann, dessen grünen Hut ein Gemsbart
-ziert, verleiht der allgemeinen Stimmung
-Ausdruck.</p>
-
-<p>&bdquo;Warum soll denn dös arme Weiberl net da
-herin sitzen? Soll&rsquo;s vielleicht draußen bleib&rsquo;n und
-frier&rsquo;n? Bloß weil&rsquo;s dem nobligen Herrn net
-recht is? Wenn ma so noblig is, fahrt ma halt
-mit da Droschken!&ldquo;</p>
-
-<p>Der dicke Mann ist erregt. Der Gemsbart auf
-seinem Hute zittert.</p>
-
-<p>Einige Passagiere nicken ihm beifällig zu; andere
-murmeln ihre Zustimmung. Ein Arbeiter sagt:
-&bdquo;Überhaupt is de Tramway für an jed&rsquo;n da. Net
-wahr? Und dera Frau ihr Zehnerl is vielleicht
-g&rsquo;rad so guat, net wahr, als wia dem Herrn sei
-Zehnerl.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Frau mit dem Bett sieht recht gekränkt aus.
-Sie schweigt; sie will nicht reden; sie weiß schon,
-daß arme Leute immer unterdrückt werden.</p>
-
-<p>Sie schnupft ein paarmal auf und setzt sich zurecht.
-Dabei fährt sie mit dem Bette ihrem anderen
-Nachbarn ins Gesicht.</p>
-
-<p>Der stößt das Bett unsanft weg und redet in
-soliden Baßtönen: &bdquo;Sie, mit Eahnan dreckigen Bett
-brauchen S&rsquo; mir fei&rsquo;s Maul net abwisch&rsquo;n! Glauben
-S&rsquo; vielleicht, Sie müassen&rsquo;s mir unta d&rsquo; Nasen
-halt&rsquo;n, weil S&rsquo; as jetzt aus &rsquo;m Versatzamt g&rsquo;holt
-hamm?&ldquo;</p>
-
-<p>Die Passagiere horchen auf.</p>
-
-<p>Da ist noch einer, der die Frau aus dem Volke
-beleidigt; aber, wie es scheint, ein süddeutscher
-Landsmann.</p>
-
-<p>Die Stimmung richtet sich nicht gegen ihn.
-Übrigens sieht er so aus, als wenn ihm das
-gleichgültig sein könnte.</p>
-
-<p>Er hat etwas Gesundes an sich, etwas Robustes,
-Hinausschmeißerisches.</p>
-
-<p>Er imponiert sogar dem Herrn mit dem grünen
-Hute.</p>
-
-<p>Und dann, alle haben es gesehen:</p>
-
-<p>Die Frau ist ihm wirklich mit dem Federbette
-über das Gesicht gefahren. So etwas tut man
-nicht. Der Mann selbst ist noch nicht fertig mit
-seiner Entrüstung. Er wirft einen sehr unfreundlichen
-Blick auf die Frau aus dem Volke und
-einen sehr verächtlichen Blick auf das Bett.</p>
-
-<p>Er sagt: &bdquo;Überhaupt is dös a Frechheit gegen
-die Leut&rsquo;, mit so an Bett do rei&rsquo;geh&rsquo;. Wer woaß
-denn, wer in dem Bett g&rsquo;leg&rsquo;n is? Vielleicht a
-Kranker; und mir fahren S&rsquo; ins G&rsquo;sicht damit!
-Sie ausg&rsquo;schamte Person!&ldquo; Einige murmeln beifällig.</p>
-
-<p>Der Mann mit dem grünen Hute gerät wieder
-in Zorn.</p>
-
-<p>Er sagt: &bdquo;Der Herr hat ganz recht. Mit so an
-Bett geht ma net in a Tramway. Da kunnten ja
-mir alle o&rsquo;g&rsquo;steckt wer&rsquo;n. Heuntzutag, wo&rsquo;s so viel
-Bazüllen gibt!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.</p>
-
-<p>Alle Passagiere sind jetzt wütend über die Unverschämtheit
-der Frau.</p>
-
-<p>Man ruft den Schaffner.</p>
-
-<p>&bdquo;De muaß außi!&ldquo; sagt der Mann mit dem Gemsbart,
-&bdquo;und überhaupts, wia könna denn Sie de
-Frau da einaschiab&rsquo;n? Muaß ma sie vielleicht dös
-g&rsquo;fallen lassen bei der Tramway? Daß de Bazüllen
-im Wag&rsquo;n umanandfliag&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Schaffner trifft die Entscheidung, daß die
-Frau sich auf die vordere Plattform stellen muß.
-Sie verläßt ihren Platz und geht hinaus.</p>
-
-<p>&bdquo;Dös war amal a freche Person!&ldquo; sagt der Mann
-mit dem Gemsbart.</p>
-
-<p>Der Herr mit dem Zwicker meint: &bdquo;Eigentlich
-war sie ganz anständig. Nur mit dem Bette ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was?!&ldquo; schreit sein robuster Nachbar. &bdquo;Sie
-woll&rsquo;n vielleicht dös Weibsbild in Schutz nehma?
-Gengan S&rsquo; außi dazua, wann&rsquo;s Eahna so guat
-g&rsquo;fallt!&ldquo;</p>
-
-<p>Alle murmeln beifällig.</p>
-
-<p>Und der Arbeiter sagt: &bdquo;Da siecht ma halt wieda
-de Preißen!&ldquo;</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>Ein kalter Wintertag.</p>
-
-<p>Die Passagiere des Straßenbahnwagens hauchen
-große Nebelwolken vor sich hin. Die Fenster sind
-mit Eisblumen geziert, und wenn der Schaffner
-die Türe öffnet, zieht jeder die Füße an; am
-Boden macht sich der kalte Luftstrom zuerst bemerklich.
-Die Passagiere frieren, nur wenige sind
-durch warme Kleidungen geschützt, denn der Wagen
-fährt durch eine ärmliche Vorstadt.</p>
-
-<p>Da kommt ein Herr in den Wagen; er trägt
-einen pelzgefütterten Überrock, eine Pelzmütze, dicke
-Handschuhe.</p>
-
-<p>Er setzt sich, ohne seiner Umgebung einen Blick zu
-schenken, zieht eine Zeitung aus der Tasche und liest.</p>
-
-<p>Die anderen Passagiere mustern ihn; das heißt
-seine untere Partie. Die obere ist hinter der
-Zeitung versteckt.</p>
-
-<p>Die größte Aufmerksamkeit schenkt ihm ein behäbiger
-Mann, der ihm gerade gegenübersitzt.</p>
-
-<p>Er biegt sich nach links und rechts, um hinter
-die Zeitung zu schauen. Es geht nicht.</p>
-
-<p>Er schiebt mit der Krücke seines Stockes das
-hemmende Papier weg und fragt in gemütlichem
-Tone:</p>
-
-<p>&bdquo;Sie, Herr Nachbar, wissen Sie, aus welchan
-Pelz Eahna Hauben is?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Herr zieht die Zeitung unwillig an sich.</p>
-
-<p>&bdquo;Lassen Sie mich doch in Ruhe!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nix für ungut!&ldquo; sagt der Behäbige.</p>
-
-<p>Nach einer Weile klopft er mit seinem Stocke
-an die Zeitung, die der Herr noch immer vor sich
-hinhält.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie, Herr Nachbar!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Waßß denn?!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie, dös is fei a Biberpelz, Eahna Haub&rsquo;n da.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So lassen Sie mich doch endlich meine Zeitung
-lesen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nix für ungut!&ldquo; sagt der Mann und wendet
-sich an die anderen Passagiere.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, dös is a Biberpelz, de Haub&rsquo;n. Dös is
-a schön&rsquo;s Trag&rsquo;n und kost&rsquo; a schön&rsquo;s Geld, aba ma
-hat was, und es is an oanmalige Anschaffung.
-De Haub&rsquo;n, sag&rsquo; i Eahna, de trag&rsquo;n no amal de
-Kinder von dem Herrn. De is net zum Umbringa.
-Freili, billig is er net, so a Biberpelz!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Passagiere beugen sich vor. Sie wollen
-auch die Pelzmütze sehen.</p>
-
-<p>Aber man sieht nichts von ihr; der Herr hat
-sich voll Unwillen in seine Zeitung eingewickelt.</p>
-
-<p>Da wird sie ihm wieder weggezogen. Von dem
-behäbigen Manne, mit der Stockkrücke.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie, Herr Nachbar ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, was erlauben Sie sich denn ...?!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Nachbar, was hat jetzt de Haub&rsquo;n eigentlich
-gekostet?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Herr gibt keine Antwort.</p>
-
-<p>Wütend steht er auf, geht hinaus und schlägt
-die Türe mit Geräusch zu.</p>
-
-<p>Der Behäbige deutet mit dem Stock auf den
-leeren Platz und sagt: &bdquo;Der Biberpelz, den wo
-dieser Herr hat, der wo jetzt hinaus is, der hat
-ganz g&rsquo;wiß seine zwanz&rsquo;g Markln kost&rsquo;; wenn er
-net teurer war!&ldquo;</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>Der alte Professor Spengler fährt jeden Morgen
-gegen acht Uhr vom großen Wirt in Schwabing
-bis zur Universität.</p>
-
-<p>Er fällt auf durch seine ehrwürdige Erscheinung;
-lange, weiße Locken hängen ihm auf die Schultern,
-und er geht gebückt unter der Last der Jahre.</p>
-
-<p>Ein Herr, der auf der Plattform steht, beobachtet
-ihn längere Zeit durch das Fenster.</p>
-
-<p>Er wendet sich an den Schaffner.</p>
-
-<p>&bdquo;Wer ist denn eigentlich der alte Herr? Den
-habe ich schon öfter gesehen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der? Den kenna Sie nöt?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös is do unsa Professa Spengler.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So? so? Spengler. M&mdash;hm.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Professa der Weltgeschüchte,&ldquo; ergänzt der
-Schaffner und schüttet eine Prise Schnupftabak
-auf den Daumen.</p>
-
-<p>&bdquo;Mhm!&ldquo; macht der Herr. &bdquo;So, so.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Schaffner hat den Tabak aufgeschnupft und
-schaut den Herrn vorwurfsvoll an.</p>
-
-<p>&bdquo;Den sollten S&rsquo; aba scho kenna!&ldquo; sagt er. &bdquo;Der
-hat vier solchene Büacha g&rsquo;schrieb&rsquo;n.&ldquo;</p>
-
-<p>Er zeigt mit den Händen, wie dick die Bücher
-sind.</p>
-
-<p>&bdquo;So ... so?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Lauter Weltgeschüchte!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bin nicht von hier,&ldquo; sagt der Herr und sieht
-jetzt mit sichtlichem Respekte auf den Professor.</p>
-
-<p>&bdquo;Ah so! Nacha is &rsquo;s was anders, wenn Sie
-net von hier san,&ldquo; erwidert der Schaffner.</p>
-
-<p>Er öffnet die Türe.</p>
-
-<p>&bdquo;Universität!&ldquo;</p>
-
-<p>Professor Spengler steigt ab. Der Schaffner
-ist ihm behilflich; er gibt acht, daß der alte
-Herr auf dem glatten Asphalt gut zu stehen
-kommt. Dann klopft er ihm wohlwollend auf die
-Schulter.</p>
-
-<p>&bdquo;Soo, Herr Professa! Nur net gar z&rsquo; fleißig!&ldquo;</p>
-
-<p>Er pfeift, und es geht weiter.</p>
-
-<p>Der Schaffner wendet sich nochmal an den
-Herrn:</p>
-
-<p>&bdquo;Alle Tag, punkt acht Uhr, fahrt dös alte Mannderl
-auf d&rsquo; Universität. Nix wia lauta Weltgeschüchte!&ldquo;</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>In <em class="gesperrt">Berlin</em>. Der Straßenwagen fährt durch
-den Tiergarten. Seitab werden Bäume gefällt,
-und es ist ein sonderbarer Anblick, mitten in der
-Großstadt Waldarbeit zu sehen.</p>
-
-<p>Der Schaffner wendet sich an einen Herrn, der
-Ähnlichkeit mit dem Kaiser hat. Die man in Norddeutschland
-so häufig trifft. Starkes Kinn. Habyschnurrbart.</p>
-
-<p>Der Schaffner sagt: &bdquo;Das geht nun schon so
-vier Wochen.&ldquo;</p>
-
-<p>Er deutet auf die Holzarbeiter.</p>
-
-<p>Der Doppelgänger Kaiser Wilhelms schweigt.</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn sie nur nich den ganzen Tiergarten umschlagen!&ldquo;
-sagt der Schaffner.</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>Der Schaffner versucht es noch einmal.</p>
-
-<p>&bdquo;Den ganzen Tiergarten! Es wär doch jammerschade!&ldquo;</p>
-
-<p>Jetzt blickt ihn der Doppelgänger Kaiser Wilhelms
-an; strenge und abweisend.</p>
-
-<p>Und er sagt:</p>
-
-<p>&bdquo;Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen in
-eine Konversation einzulassen.&ldquo;</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="O_Natur" id="O_Natur">O Natur!</a></h2>
-</div>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Personen</em>: Er &mdash; Sie &mdash; Ein Holzknecht.</p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Ort</em>: Im Gebirge.</p>
-
-
-<p class="chap-start"><em class="gesperrt">Er</em>: Wie das hier schon ganz anders riecht,
-Lizzi! A&mdash;ah! Endlich aus der Stadt
-in die Natur geflohen!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Himmlisch!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Stelle dir vor! Der Schnee in unseren
-Straßen, schwarz, schmutzig, naß. Und hier blinkt
-und glitzert er.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Er ist direkt keusch, finde ich.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Man denkt an Weihnachten, Christabend,
-an irgend was Poetisches.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Karl, du Guter! Nein, wie bin ich dir
-dankbar, daß du mich aus dem schrecklichen Trubel
-in diesen Frieden gebracht hast!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Nicht wahr?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Weißt du, als ganz kleines Mädchen bin
-ich auch einmal im Winter auf dem Lande gewesen.
-Bei Großmama. Da weiß ich noch, wie
-da auch die Bäume verschneit waren und so merkwürdig
-aussahen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Du bekommst förmlich große Augen, wie du
-das sagst, Lizzi!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Es muß die heimliche Sehnsucht nach der
-Natur sein, die in einem lebt. Trotz allem, weißt
-du, Karl?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Ja, ja. Trotz allem.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Nein! Sieh mal dort die große Tanne!
-Wie ein Ungeheuer sieht so ein Zweig aus. Wie
-was Lebendiges.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Wie ein Märchen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Die Natur ist doch das einzig Wahre!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Man sollte hier immer leben!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Das wäre herrlich! Ich ließe mir einen
-großen Pelz dazu machen; weißt du, grünen Samt,
-mit Zobel besetzt, und innen auch Zobel, oder Seal.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Das sollte man tun, hier leben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Oder Skunks, Karl, obwohl ich eigentlich
-Skunks nicht sehr liebe.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Das würde sich schon finden.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Und weißt du, eine Pelzmütze sollte ich
-haben. Ich habe vorgestern bei Bachmann eine
-entzückende Mütze gesehen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Dieser Friede ringsum!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Ich glaube, sie war aus Otterfellen und
-hatte vorne eine Agraffe, in der eine Reiherfeder
-steckte.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Sieh dort, Lizzi, wie die Bergspitze noch
-von der Abendsonne beschienen ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Wun&mdash;der&mdash;voll! Weißt du, man könnte
-statt Reiher auch eine andere Feder nehmen.
-Meinst du nicht?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Ja &mdash; ja. Ich könnte hier stundenlang in
-den Anblick versunken stehen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Und ich möchte am liebsten durch den
-Schnee waten. Wie ein Schulmädchen, und ganze
-rote Backen davon kriegen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Und nasse Füße, Liebling!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em> (enttäuscht): Das ist wahr!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Man müßte eben andere Schuhe tragen.
-Und sich überhaupt daran gewöhnen. Oh! Hier
-muß ein Mensch gesund werden!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Ich fühle mich jetzt schon ganz anders.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Ich meine körperlich <em class="gesperrt">und</em> geistig gesund
-werden. A&mdash;ah! Diese Luft! Diese Luft!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Wie die Sonne verglüht! Das sollte man
-jeden Abend haben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Und sich von dem Zauber der Natur umfangen
-lassen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Ich möchte am liebsten gar nicht mehr
-weg.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Weißt du was? Wir bleiben einfach morgen
-noch hier.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Ach ja &mdash; das wäre himmlisch! Aber es
-geht nicht, Schatz. Ich <em class="gesperrt">muß</em> morgen zur Schneiderin,
-und dann sollen wir bei Hofrats Besuch
-machen, und abends ist der &bdquo;Rosenkavalier&ldquo;, und ...</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Richtig ja! Na, denn nich! Eigentlich ist
-es schade!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Mir blutet ja das Herz, daß man sich von
-hier losreißen soll.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Mir auch. Diese Farben! Nein, diese
-Farben!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Du, dort kommt ein Mann.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Er hat so was wie &rsquo;ne Säge umhängen.
-Das ist sicher &rsquo;n Holzfäller.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Wie stilvoll er aussieht!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em> (seufzend): Ach, wer auch so einer wäre!
-He, guter Mann!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Holzer</em>: Han?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Sie leben wohl immer hier heraußen?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: In der Natur?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Und wissen vielleicht gar nicht, wie beneidenswert
-Sie sind!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Holzer</em>: Am &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;! (Entfernt sich.)</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Wie? Was hat er gesagt?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: Ach, so was ... so was Bäuerliches, was
-die Leute hier oft sagen. Nun wollen wir aber
-umkehren. (Bleibt stehen und atmet tief auf.)
-Nein! Diese Natur!</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Das_alte_Recht" id="Das_alte_Recht">Das alte Recht</a></h2>
-</div>
-
-<p class="chap-start">Es scheint mir, daß jene uns Deutschen oft
-nachgerühmte Scheu vor gewissen Vorrechten
-der Geburt, des Ranges, des Besitzes
-in Wahrheit besteht und unser öffentliches
-Leben vergiftet, indem sie das Fundament der Gesellschaft,
-die Gleichheit vor dem Gesetze aufhebt,
-während sie hinwiederum unserem privaten Leben
-durch Anreiz zur Eitelkeit, zur Selbsterniedrigung,
-zu allen Gegenteilen von Stolz und Selbstgefühl
-einen bedenklichen Einschlag gibt &mdash; &mdash; ja, das
-alles scheint mir so, und ich finde diese Meinung
-durch alle möglichen Vorkommnisse immer wieder
-auf ein neues bestätigt. Auch in unseren kleinen
-Provinzstädten, wo doch wahrhaftig der Anblick
-des Hofes, der Umgang mit glänzenden Militärs,
-die Bewunderung genialer Staatsmänner, wo all
-dies nicht die klaren Begriffe von Recht verwirren
-könnte, selbst da finde ich immer wieder, natürlich
-ins kleine übertragen, aber nicht minder verderblich
-&mdash; was wollte ich sagen? &mdash; Ja, also in
-Dornstein &mdash; aber das muß ordentlich und der
-Reihe nach erzählt werden, und weil das Thema
-an sich etwas unappetitlich ist oder sein könnte,
-muß es auch mit Zartheit vorgetragen werden.
-Nur eine Frage vorher!</p>
-
-<p>Wenn nach allgemein gültigen Begriffen von
-Moral, Anstand und Hygiene die Verunreinigung
-von öffentlichen Plätzen und Straßen &mdash; ich möchte
-absichtlich keinen starken Ausdruck gebrauchen &mdash;
-als ordinär, jedenfalls aber als verboten gilt, wenn
-dieses Verbot in deutlichen Verfügungen der Ortspolizeibehörde
-niedergelegt ist, mit Ausdrücken, die
-keinerlei Deutung zulassen, so meine ich doch, dieses
-Verbot müßte für alle Bewohner des Ortes gelten?
-Aber wir werden ja sehen!</p>
-
-<p>Ich meine sogar, gerade Leute von Bildung
-müßten im Falle einer Zuwiderhandlung stärkere
-Mißbilligung und strengere Strafe finden, denn
-wenn Bildung wirklich Bildung ist &mdash; aber wir
-werden ja sehen!</p>
-
-<p>Jedenfalls hier will ich nur die Tatsachen in
-ihrer zeitlichen Folge berichten und feststellen, und
-jeden Schein einer irgendwie gearteten Färbung
-vermeiden.</p>
-
-<p>Alles, was sich in der Zeit vom 17. März bis
-mit 11. April 1913 in Dornstein ereignete, das
-heißt: in dieser betreffenden Sache sich ereignete,
-werde ich chronologisch erzählen.</p>
-
-<p>Eigentlich müßte man das Datum weiter zurücklegen,
-denn schon am 21. Februar, 2. März und
-wieder am 11. März erschienen im Dornsteiner
-Volksboten &bdquo;Stimmen aus dem Publikum&ldquo;, welche
-auf die Vorkommnisse Bezug nahmen.</p>
-
-<p>&bdquo;Gibt es <b>keine Polizei</b>, welche in der Luitpoldstraße
-<b>gewisse Schweinereien gewisser Herren betrachtet</b>,
-und dürfen selbe tun, was sie wollen?!?
-(Volksbote vom 21. 2. 1913, Seite 3.)</p>
-
-<p>&bdquo;Es scheint, daß die <b>Nemesis</b> sich vor <em class="gesperrt">gewissen
-Leuten</em> <b>verkriecht</b>, welche die Luitpoldstraße zum
-Schauplatze ihrer <b>Gemeinheit</b> machen, und daß
-sie in diesem Falle nicht so pünktlich bei der Hand
-ist, wie vielleicht gegen die <b>minder bemittelte
-Klasse!!!</b>&ldquo; (Volksbote vom 2. 3. 1913, Seite 3.)</p>
-
-<p>&bdquo;Auch unsere gute Stadt Dornstein soll, wie es
-scheint, ihren <b>Panamaskandal!!</b> haben, ohne den
-es <em class="gesperrt">überhaupt in Deutschland nicht mehr abzugehen
-scheint</em>!! Trägt der Kadi eine stärkere
-Binde vor den Augen, wenn es <em class="gesperrt">sogenannte Gebildete</em>
-betrifft?!? Wir fragen zum <b>letzen Male!!</b>&ldquo;
-(Volksbote vom 11. 3. 1913, Seite 2.)</p>
-
-<p>Die letzte Anfrage des Blattes war denn doch
-in einem Tone gestellt, der hätte gehört werden
-müssen, wenn die maßgebenden Behörden dazu
-eine Lust verspürt hätten, ich möchte sagen, wenn
-sie eine durchaus strenge Auffassung von ihrer
-<em class="gesperrt">Pflicht</em> besessen hätten.</p>
-
-<p>Sie hatten diese Auffassung <em class="gesperrt">nicht</em>. Und nun
-traten in diesem Drama die Personen aus den
-Kulissen heraus vor die Rampe der Öffentlichkeit.</p>
-
-<p>&mdash; Ich glaube, man kann dieses Bild füglich
-gebrauchen? &mdash;</p>
-
-<p>Am 17. März gelangte folgendes hier wörtlich
-wiedergegebenes Schreiben der Realitätenbesitzerswitwe
-<em class="gesperrt">Ursula Hirgstettner</em> in den Einlauf des
-Stadtmagistrats Dornstein:</p>
-
-<p>An den Maschißtrath, hochwolgebohren dahir
-und zu Händen des Herrn Bürchermeisters.</p>
-
-<p>Eigene Angelegenheit des Emfängers!</p>
-
-<p>Beträf: Notdurfth und unberächtigte Ausübung
-dersälben in der Luitpoldstraße. Auch beträf gegen
-die Sitlichkeith.</p>
-
-<p>Es ist gewieß ales recht und man schweicht oft
-und denkt sich blos etwas, denn man wiel nichd
-fier eine frau gelthen, die wo zimbferlich ist und
-die wo gleich iber ales sich empörth ist und obwoll
-man doch auch seine Steuern und Abgahben zahlt
-und Gemeindeumlahgen.</p>
-
-<p>Aber was zu arch ist ist zu arch und mahn braucht
-sich nicht ales zu gefallen zu lassen, indem man
-doch auch zum weiblichen Geschlächte gehörth und
-vielleicht mehr bieldung besiezt als die wo immer
-davon sprechen. Oder muß sich vieleicht eine
-schuzlose Wittwe ales gefallen lasen? Oder denkt
-man vieleicht, ja hier braucht es keine Rücksicht
-durchaus nicht mehr, weil diese Beträfende keinen
-Man nicht besiezt, der wo solchene Angriefe auf
-das Schahmgefühl nicht erlaubt?? Alerdings
-wenn mein unvergeslicher Leonhard nicht dahin
-geraft wäre durch ein unerbitliches Geschiek, hernach
-würden sich vieleicht <em class="gesperrt">gewise Herren der
-Schöpfung</em> besinnen, ob sie sich so etwas trauen
-oder vieleicht lieber ihre nothurft anderswo verriechten.</p>
-
-<p>Aber freilich ich bin ja blos eine schuzlose
-Wittwe und da braucht man keine Rücksicht nicht
-zu nehmen!! Aber ich zeige es hiemit dem hochwolgebornen
-Maschißtrate an und gebe keine Ruhe
-nicht mehr sondern apeliere.</p>
-
-<p>Im Gasthaus zum Schiemel sitzen die &bdquo;<em class="gesperrt">besseren</em>&ldquo;!!
-Herren beinahe ale tage bis in die späthe Nacht
-obwol es mich nichts angeht und verlasen selbes
-meistens um Mitternacht und sage ich auch nichts
-obwol oft ein groser Spetakel ist, aber man denkt
-sich, es gibt auch feinere Herren, wo so viel trinken
-wie ein Fuhrmann.</p>
-
-<p>Aber leider dises ist nicht ales, sondern sie
-bleiben auf der Strase stehen und verichten selbes,
-wo man vieleicht als feinere Herren anderswo
-veriechten soll und unterhalten sich dabei mit lauther
-Stimme. Dises sind meistens der Herr Majohr
-Röklmeier und der penzionirte Oberambsriechter
-Pollner und verschiedene Bürger und Maschißtratsräthe,
-wo ich auch den Herrn Haslinger und Mühlberger
-deuthlich unterscheiden konnte. Dieses geschieth
-vor meinem Hause, indem ich davon oft
-erwache und mit Schmertzen frage, ob mahn dieses
-einer schuzlosen Wittwe ales biethen darf. Ich
-habe es schohn dem Polizeiwachtmeister genau beschriehben,
-aber leider es hilft nichts, sondern die
-feineren Herren betreiben erst recht ihr schweinisches
-Geschäft und man hört auch daß sie sich dabei zu Anspillungen
-auf meine Persönlichkeit erfrächen. Der
-betrefende ist besonders erkannt und wenn es auch
-ein Beahmter ist, besiezt er doch keine Bieldung
-und soll vieleicht denken, das er nicht so unferschämbt
-zu sein braucht gegen leuthe, wo seine
-Penziohn auch mitzahlen.</p>
-
-<p>Hochwollgeborner Maschißtrat ich zeige es hiedurch
-an, daß ich mir durchaus nichts mehr gefahlen
-lasse und mich nicht mit Injuhrien auch
-noch behaften lasse, sondern meine Geduld ist erschöpft,
-wodurch ich auf einen standpunkt bin, das
-mahn sich sagt, bis hieher und nicht weither!</p>
-
-<p>Wenn der Maschißtrat vieleicht sein Auge zudrüken
-will weil es feinere Herren sind und die
-besiezende Klasse, dann weiß ich schon was ich thue.</p>
-
-<p>Ich verlange die strengste Bestraffung dieser
-Obigen und eine Tafel gegen nächtliche Verunreinigung
-und ich glaube das auch eine schuzlose
-Wittwe disses erreichen kann gegen die wo
-sich nicht schähmen, sondern ihre sogenannte Bieldung
-in disser weise bezeichen. Ich verlange die
-strengste Bestraffung!! Disses möchte ich noch bemerken.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poem">
-<p class="center">
-Laut Unterschrift: Ursula Hirgstettner,<br />
-hochachtungsvoll dahir.<br />
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Am 26. März kam dieser Brief in geheimer
-Magistratssitzung zur Sprache.</p>
-
-<p>Herr Bürgermeister Dr. Pilzweyer hatte ursprünglich
-die Absicht gehegt, und diese Absicht
-auch gegenüber dem Magistratssekretär Weigel
-kundgetan, die Eingabe der Hirgstettner zu perhorreszieren,
-aber eine Notiz im Volksboten brachte
-denn doch die Sache in Gang, da man nun befürchten
-mußte, daß weitere sehr unangenehme
-Preßerörterungen das stille Begräbnis der Anklage
-verhindern würden.</p>
-
-<p>Also ging man daran, die Angelegenheit amtlich,
-wenn auch nicht ernstlich, zu behandeln.</p>
-
-<p>Denn schon die Miene des vorstehenden Sekretärs
-verriet die merkwürdige Neigung, diese Herzensnöte
-einer Frau als Spaß zu betrachten, und ein
-den Vortrag begleitendes Lächeln des Bürgermeisters
-schien die Anwesenden aufzufordern, auch
-ihrerseits den Humor des Schriftstückes zu erkennen.</p>
-
-<p>Allein Magistratsrat Mühlberger, ein angesehener
-Bäckermeister, konnte trotzdem seinen aufsteigenden
-Zorn nicht meistern und sprang sogleich
-auf, indem er rief:</p>
-
-<p>&bdquo;Dös san ja Insinationa! Hat ma scho so was
-g&rsquo;hört von so an alt&rsquo;n miserablinga Trankhafa?
-Dös san ja Insinationa!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Magistratsrat,&ldquo; sagte der Bürgermeister
-in verbindlichem Tone, &bdquo;wir können und wollen
-uns über dieses Schriftstück doch wahrhaftig nicht
-aufregen &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie Eahna net! Aber i!&ldquo; schrie Mühlberger.
-&bdquo;Dös san ganz oafach Insinationa! Und dös
-sag&rsquo; i!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wir werden später darauf zurückkommen,&ldquo; sagte
-immer lächelnd Herr Dr. Pilzweyer. &bdquo;Aber,&ldquo;
-fuhr er fort, indes er seinen Kneifer abnahm und
-ihn spielend an der Schnur pendeln ließ, &bdquo;ich
-muß nun wohl das tatsächliche Material den
-Herrn unterbreiten.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es handelt sich hier,&ldquo; sagte er und lehnte sich
-zurück, indes er jedes Wort mit verstandesmäßiger
-Betonung aussprach und im Wohlklange seiner
-Rede schwelgte, &bdquo;es handelt sich hier zweifellos
-um das Haus Nummer 104<i>a</i>, als welches zu
-Eigentum der Witwe des verstorbenen Realitätenbesitzers
-Leonhard Hirgstettner im Grundbuche
-vorgetragen ist, &mdash; und welches sich auf der nördlichen
-Seite der ehemaligen Bachleitergasse, jetzt
-Prinzregent Luitpoldstraße befindet. Gegenüber
-von diesem Hause ist die Gast- und Tafernwirtschaft
-zum Schimmel, welche von den Eheleuten
-Johann und Maria Leutgschwendtner betrieben
-wird.</p>
-
-<p>Dieses Gasthaus erfreut sich des Besuches gerade
-der Honoratioren.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I g&rsquo;hör aa dazua,&ldquo; fiel hier die Baßstimme
-des Magistratsrates Haslinger ein.</p>
-
-<p>&bdquo;Gerade der Honoratioren,&ldquo; fuhr der Bürgermeister
-fort, indes ein Lächeln über seine Züge
-flog, &bdquo;und man begegnet dort außer angesehenen
-Bürgern&ldquo; &mdash; er machte eine leichte Verbeugung
-nach der Richtung, wo Haslinger und Mühlberger
-saßen &mdash; &bdquo;man begegnet dort Offizieren,
-Angehörigen des Beamtenkörpers, also Herren,
-denen eine Störung der Ordnung, ein Zuwiderhandeln
-gegen Sitte und Anstand niemals, ich betone
-das, niemals zuzutrauen wäre!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös moan i halt aa,&ldquo; rief Mühlberger ...</p>
-
-<p>&bdquo;... Zuzutrauen wäre. Die streng vertraulich
-gepflogenen Recherchen haben ergeben, daß vielleicht
-hier und da einer der Herren, dem Zwange
-und Drange der Natur folgend, ganz gewiß in
-unauffälligster Weise ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bitt ums Wort!&ldquo; schrie Herr Haslinger.</p>
-
-<p>&bdquo;Sogleich! Sie werden das Wort sogleich erhalten,
-Herr Magistratsrat ... also in diskretester
-Weise jenem Drange vielleicht Folge leistete. Aber
-eine Beschuldigung wie diese hier&ldquo; &mdash; Herr Dr. Pilzweyer
-klopfte, nun ernster werdend, auf das Schriftstück
-&mdash; &bdquo;eine solche Beschuldigung ist frivol. Ich
-stehe nicht an zu sagen, es ist ein starkes Stück
-von Frivolität.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;An Insination is!&ldquo; rief Mühlberger ...</p>
-
-<p>&bdquo;Eine haltlose Verdächtigung, und ich erteile
-nun, bevor ich einen Antrag stelle, das Wort dem
-Herrn Magistratsrat Haslinger.&ldquo;</p>
-
-<p>Dieser, von Beruf Brauereibesitzer, ein beleibter
-Mann von stattlicher Größe, erhob sich, und da
-er gerade geschnupft hatte, zog er ein blaues, geblümtes
-Taschentuch von der Größe einer Serviette
-aus der Tasche und entfernte von Bart,
-Weste und Rock die Tabakreste. Dann begann
-er in jovialem Tone zu reden. &bdquo;Also, meine
-Herrn, de Sach&rsquo; is eigentli ganz oafach; und i
-muaß scho sagn, daß ma über so was überhaupts
-red&rsquo;n muaß, dös g&rsquo;hört aa zu de Erscheinunga
-der Neuzeit. Also i sag ganz oafach, de Beschwerde
-von dera ... Beißzanga da ... is eigentli
-a Frechheit ersten Grades. Indem daß also
-Familienväta und verheirate Männa, und daß
-ma &rsquo;s scho glei sag&rsquo;n, lauta Leut, de wo eppas
-san und de wo eppas hamm und de wo eppas
-vorstell&rsquo;n &mdash; net &mdash; lauta richtige Leut &mdash; net &mdash;-
-indem daß diese Leute a so hingestellt wern als
-wia Sittlichkeitsverbrecher &mdash; net &mdash; und von an
-solchen alt&rsquo;n Trankhafa, bei der ma sie do überhaupts
-nix mehr denkt ...&ldquo;</p>
-
-<p>Der Bürgermeister rührte an der Glocke. &bdquo;Ich
-möchte den Herrn Magistratsrat bitten, im Interesse
-einer sachlichen Behandlung ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Net unterbrecha!&ldquo; sagte Haslinger grob. &bdquo;Sie
-hamm dös überhaupts a bissel gern, Herr Bürgermoasta,
-und i sag &rsquo;s Eahna, daß über dös bereits
-Stimmen laut geworden sind.</p>
-
-<p>&bdquo;Über diese Unterbrecherei von Eahna. Da kimmt
-ma ja aus &rsquo;n Thema außi! Also, meine Herrn,
-daß i &rsquo;s kurz sag, seit i ins Wirtshaus geh, und
-aa früherszeit, wia no mei Vata ganga is, und
-natürlicherweis mei Großvata grad so, also da
-woaß ma&rsquo;s nia anderst, als daß ma vom Wirtshaus
-außa ... no ja ... in Gott&rsquo;s Nam ... Sie
-verstengan mi scho. I möcht überhaupts sag&rsquo;n,
-dös is an alts Recht! Wenn ma so seine vier,
-fünf oda sechs Maß Bier trunka hat &mdash; no ja
-&mdash; in Gott&rsquo;s Nam! De Damenwelt is do um de
-Zeit nimma auf da Straß, und so lang unser
-Dornstoa steht, hat ma dös net anderst g&rsquo;wißt.
-Jetzt auf oamal kam de Mistamsel, de abscheilige
-daher ... Theans mi net unterbrecha, sag i, Herr
-Bürgermoasta, &mdash; jetzt kam de daher und möcht ins
-des alte, guate Herkomma für an Unsittlichkeit histell&rsquo;n.
-Aba i sag bloß dös, solchena Beleidigunga,
-solchena neumodische Unverschämtheiten, von dera
-grauslinga Beißzanga, diese prallen an unserer
-Brust ab!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Brafo! Brafo!&ldquo; riefen die Magistratsräte und
-patschten auch lebhaft in die Hände, so daß Herr
-Haslinger sich dankend noch einmal halb vom
-Stuhle erhob und wiederholte. &bdquo;Sie prallen ab,
-sag i, und mehra sag i net ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös Luada mit ihre Insinationa!&ldquo; rief Mühlberger,
-worauf sich der Herr Bürgermeister räusperte
-und also begann:</p>
-
-<p>&bdquo;Meine Herren! Nach den bemerkens- und auch
-dankenswerten Ausführungen des Herrn Vorredners,
-nach diesen von den Tönen eines beleidigten
-Ehrgefühles durchzitterten Worten erübrigt
-mir jetzt nur ... wie?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bitte ums Wort!&ldquo; sagte zum zweiten Male
-der Buchbindermeister Kallinger ...</p>
-
-<p>&bdquo;Ach so! Pardon! Der Herr Magistratsrat
-Kallinger hat das Wort.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Meine Herren!&ldquo; sagte dieser, ein Freund feinerer
-Bildung, der einige Jahre in Norddeutschland
-befindlich gewesen war, ... &bdquo;meine Herren! Ich
-glaube fürwahr mit Recht behaupten zu dürfen,
-daß ich einige Erfahrungen besitze in betreff nämlich
-der Sitten und Gebräuche fremder Städte ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Geh, hör auf!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich höre <em class="gesperrt">nicht</em> auf, Herr Haslinger, und ich
-möchte nur bemerken, bald Sie sich beschweren in
-betreff von Unterbrechungen, dann dürfen auch Sie
-nicht einen Redner unterbrechen ... ich möchte
-also nur dieses sagen, daß ich in fremden Städten
-einige Erfahrungen gesammelt habe auch in betreff
-dieses Themas, über das ich mich nicht näher ausdrücken
-kann und ich behaupte, daß auch in anderen
-Städten dieses häufig vorkommt. Dann
-möchte ich sagen, daß zum Beispiel während einer
-Regenperiode sicherlich kein Grund zur Beschwerde
-vorhanden ist, während im Schnee fürwahr zu
-viele Spuren zurückbleiben. Ich möchte hierdurch
-nur eine bescheidene Anregung geben, ob die betreffenden
-Herren nicht doch eine gewisse Rücksicht
-auf die Witterungsverhältnisse walten lassen
-könnten ...&ldquo;</p>
-
-<p>Damit setzte sich Herr Kallinger, und Herr Haslinger
-stieß Herrn Mühlberger mit dem Ellenbogen
-an, und Herr Mühlberger stieß Herrn Arzböck an,
-und es herrschte die allgemeine Ansicht, daß der
-Kallinger natürlich wieder seinen Senf habe dazu
-geben müssen.</p>
-
-<p>Aber der Bürgermeister hustete leicht und fuhr
-an der alten Stelle fort.</p>
-
-<p>&bdquo;Es erübrigt mir jetzt nur die Frage, ob der Magistrat
-sich irgendwie offiziell, also beschlußfassend,
-mit der Sache beschäftigen soll ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nix da! Da werd überhaupts nix mehr g&rsquo;redt!
-Freili! Daß der alte Trankhafa sei Freud hätt!...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, also, ich entnehme den allgemeinen Zurufen,
-daß man über die Beschwerde zur Tagesordnung
-übergeht ... Herr Kallinger?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich möchte nur einen Beschluß darüber vorschlagen,
-daß während einer Schnee- oder Kälteperiode
-auch nachts keine solche Verrichtung stattfinden
-dürfe ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wer für den Antrag des Herrn Magistratsrates
-Kallinger ist, möge sich erheben!... Niemand?
-Also, der Antrag ist mit allen gegen eine
-Stimme abgelehnt ... und damit gehen wir zur
-Tagesordnung über. Es liegt vor ein Antrag des
-Kaufmanns Oberloher ...&ldquo;</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-
-<p>Das war am 26. März.</p>
-
-<p>Am 29. des gleichen Monats brachte der &bdquo;Volksbote&ldquo;
-einen geharnischten Artikel über &bdquo;Korruption&ldquo;:</p>
-
-<p>&bdquo;Es ist einem Häuflein Bevorzugter gelungen,
-dem Gesetz ein Schnippchen zu schlagen ... usw. ...
-bis ... wir erinnern aber an das so wahre Sprüchwort
-<i>justitia fundamentum regnorum</i>, welches
-denn doch auch in Dornstein einige Geltung haben
-dürfte ...&ldquo;</p>
-
-<p>(Siehe Beilage 5 im Akt: Beschwerde der Ursula
-Hirgstettner usw.)</p>
-
-<p>Am Abend des 1. April brannte im Hause der
-Frau Hirgstettner das Gaslicht nicht mehr. Tagsüber
-hatten zwei städtische Arbeiter sich an der
-Leitung in der Luitpoldstraße zu schaffen gemacht
-und jede Auskunft verweigert. Als nun Frau Offiziant
-Koppenwallner, welche in dem Hirgstettnerschen
-Hause wohnte, im Gange Licht machen wollte
-und immer wieder den Gashahn aufdrehte, blieb es
-dessenungeachtet dunkel.</p>
-
-<p>Obwohl sofort eine Magd zum Leiter der Gasanstalt
-geschickt wurde, kam niemand zur Abhilfe.
-Auch den 2. und 3. April ließ sich der städtische
-Installateur nicht blicken.</p>
-
-<p>Am 4. April ging Frau Ursula Hirgstettner selbst
-im Zustande der höchsten Aufregung, da die Familie
-Koppenwallner sofort kündigen wollte, zu
-Herrn Gasanstaltsdirektor Pfrombeck und stellte
-ihn entrüstet zur Rede.</p>
-
-<p>&bdquo;Nur net so hitzig!&ldquo; sagte Herr Pfrombeck gelassen.
-&bdquo;Am Gas fehlt&rsquo;s net, aba wahrscheinli
-fehlt&rsquo;s an der Leitung. Vielleicht hamm S&rsquo; dös
-letzte Quartal net zahlt?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös tat i mir scho verbitt&rsquo;n! I bin meiner
-Lebtag nix schuldi blieb&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja no! Na werd&rsquo;s wo anders fehl&rsquo;n. Mi
-geht dös nix o. De Gasleitung hat da Herr
-Magistratsrat Mühlberger unter sich. Da müassen
-S&rsquo; zu dem geh&rsquo; und frag&rsquo;n.&ldquo;</p>
-
-<p>Nun ging der Frau Ursula Hirgstettner allerdings
-ein Licht auf, aber als resolute Witwe ging
-sie unverzagt in den Kampf um ihr gutes Recht
-und in den Laden des Bäckermeisters und Magistratsrates
-Mühlberger.</p>
-
-<p>Sie mußte warten, bis alle Kunden bedient
-waren, und stand endlich in dem Hinterzimmer
-vor dem finster blickenden Stadtvater.</p>
-
-<p>&bdquo;Was woll&rsquo;n denn Sie?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I? Da tat i no lang frag&rsquo;n, wenn seit vier
-Tag &rsquo;s Gas nimmer brennt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja! Zahlt ma desweg&rsquo;n seine Umlag&rsquo;n und
-Gebühr&rsquo;n, daß nacha a solchena Schlamperei vorkimmt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie, thean S&rsquo; Eahna a bissel z&rsquo;ruckhalt&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gar net halt i mi z&rsquo;ruck, und auf der Stell
-muaß i wiss&rsquo;n, warum daß de Arbeita mei Leitung
-abdraht hamm ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Welchane Arbeita?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, ma hat&rsquo;s scho g&rsquo;sehg&rsquo;n! Für gar so dumm
-müaßt&rsquo;s oan aa net halt&rsquo;n!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn de Arbeita Eahna Leitung unterbrocha
-hamm, nacha hat am Rohr was g&rsquo;feit. Vastand&rsquo;n?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So, warum fehlt denn grad bei mir was? Und
-bein Schimmiwirt net? Und bei koan Nachbarn
-net?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös is de Rohr eahna Sach.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I wer scho sehg&rsquo;n, ob i mir dös g&rsquo;fall&rsquo;n lass&rsquo;n
-muaß. I woaß scho, was da für a Spitzbuamg&rsquo;schicht
-dahinta steckt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Halten S&rsquo; Eahna z&rsquo;ruck, sag i!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und a Spitzbuamg&rsquo;schicht is, sag i!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie, passen S&rsquo; auf, Eahna kennt ma!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie kenna mi no lang net, und wenn i net
-auf da Stell mei Gas kriag, nacha zoag i Eahna,
-mit wem Sie&rsquo;s z&rsquo;thoa hamm!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös braucht&rsquo;s net. Eahna kennt ma, sag i.
-Sie san eine Frau, de wo Insinationa macht.
-Verstengan Sie? Insinationa!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I mach Eahna no ganz was anders, Sie Loawibacha,
-Sie ausgschamta!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jetzt hab i Eahna! Dös is an Amtsbeleidigung!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mei Gas möcht i!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;An Amtsbeleidigung is dös! Verstengan Sie?
-Jetzt san Sie g&rsquo;richtsmaßig!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gengan S&rsquo; aufs G&rsquo;richt! Auf da Stell geh i
-mit und bring mei Sach vor! I will amal sehgn,
-ob Sie mir&rsquo;s Gas abdrahn derfa, weil i Eahna
-Sauerei anzoagt hab&rsquo; &mdash; Sie!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und jetzt macha S&rsquo;, daß S&rsquo; naus kemma, sunst
-gibt&rsquo;s an Hausfriedensbruch aa no, Sie Trebernfaß,
-Sie ordanärs! Sie Mistamsel, Sie gräusliche!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So? So red&rsquo;n Sie? Aba ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Außi!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Befehl war so kategorisch und mit Schub
-und Druck begleitet, daß die fassungslose Witwe,
-ohne zu wissen wie, vor der Türe und auf der
-Straße stand.</p>
-
-<p>Ihr eiligster Lauf ging in die Redaktion des
-Volksboten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Aber der Kämpfer für ihre Rechte, Herr Martin
-Irzinger, war nicht wie sonst.</p>
-
-<p>Er hörte sie nicht an, er unterbrach sie lange,
-bevor ihre Klagen zu Ende waren.</p>
-
-<p>&bdquo;Dös is alles ganz recht, Frau Hiergstettner,
-und i kenn ja de ... i will sag&rsquo;n, i waaß ja alles,
-aba, es thuat mir leid, i ko in dera Sach&rsquo; nix
-mehr thoa.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie san guat. Zerscht hamm&rsquo;s mi allaweil
-aufghetzt, daß i de Eingab&rsquo; mach, und Sie hamm
-in Eahnern Blattl de G&rsquo;schicht aufgrührt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ... ja ... Dös hoaßt, i hab mi für
-Eahna a bissel einseitig ins Zeug g&rsquo;legt. Einseitig,
-verstengan Sie?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aba Sie hamm do g&rsquo;sagt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I <em class="gesperrt">hab</em> g&rsquo;sagt, aba jetzt sag i Eahna was anders,
-Frau Hiergstettner. Schauen&rsquo;s, i muaß <em class="gesperrt">von</em>
-de Leut&rsquo; leb&rsquo;n, und <em class="gesperrt">Sie</em> müass&rsquo;n <em class="gesperrt">mit</em> de Leut leb&rsquo;n.
-Wir kinnan den Kriag net weiter führ&rsquo;n.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mir geht da Proviant aus. Verstengan S&rsquo;,
-der diri dari &mdash; und Eahna geht &rsquo;s Liacht aus.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, was soll i denn thoa?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;An Fried&rsquo;n schliaß&rsquo;n. Es bleibt ins nix anders
-net übrig ...&ldquo;</p>
-
-<p>Da verließ die Witwe aller Kampfes- und Lebensmut,
-und sie fing gottesjämmerlich zu weinen an.</p>
-
-<p>Es müssen hier einige Tatsachen nachgeholt werden.</p>
-
-<p>Am 1. April wurde dem &bdquo;Volksboten&ldquo; amtlich
-mitgeteilt: 1. daß der Magistrat das bisherige
-Abonnement von zwei Exemplaren nicht erneuere,
-2. daß der &bdquo;Volksbote&ldquo; künftighin keine amtlichen
-Inserate mehr zu gewärtigen habe.</p>
-
-<p>Noch den gleichen Tag suchte Irzinger den
-Bürgermeister auf und bat um Aufklärung.</p>
-
-<p>&bdquo;Wundern Sie sich darüber?&ldquo; fragte Herr
-Dr. Pilzweyer mit Nachdruck. &bdquo;Konnten Sie etwas
-anderes erwarten, nachdem Sie in jeder Nummer
-Ihres Blattes ...?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Oder, ich will sagen, wenn Sie beinahe in jeder
-Nummer die angesehensten Männer der Stadt,
-ja die Stadtverwaltung selbst, in maßloser Weise
-angreifen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jawohl, maßlos, Herr Irzinger! Das Wort ist
-keineswegs stark gewählt ...&ldquo; Herr Dr. Pilzweyer
-spielte hier wieder mit dem Zwicker und lauschte
-auf seinen Tonfall. &bdquo;Sie zweifeln unsere Intaktheit
-an, unsere Gerechtigkeitsliebe, Sie sprechen
-von einem Panama ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wortwörtlich Panama! Das ist ein schlimmer
-Vorwurf, Herr Irzinger! Und ich kann Ihnen nur
-sagen, er hat mich persönlich geschmerzt, denn ich
-verkenne keineswegs die Bedeutung der Presse ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich kann aber, und das werden Sie mir zugeben,
-ein Blatt nicht unterstützen, welches in unser
-Gemeinwesen den Unfrieden trägt, welches das
-Ansehen der besten Bürger zu untergraben sucht,
-welches die Leitung der Gemeinde verdächtigt,
-welches ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Entschuldinga, Herr Bürgermoasta, und bald
-diese Angriffe unterbleiben?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn Sie mir das Versprechen geben ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und bald ich den Herren vom Magistrat gewissermaßen
-im Volksboten eine Genugtuung gebe?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dann abonniere ich wieder.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und de Inserat&rsquo;?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bekommen Sie wieder.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gilt scho!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ihr Ehrenwort, Herr Irzinger?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Auf Ehr und Seligkeit, sag i. Und bal i amal
-was sag&rsquo;, da gibt&rsquo;s nix; dös is wia Stahl und
-Eis&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Also gut! Sie unterlassen die Angriffe &mdash; auch
-in dieser etwas komischen Sache ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;A glänzende Ehrerklärung gib i, wenn i &rsquo;s
-amal sag, Herr Bürgermoasta! A glänzende Genugtuung.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Schön, dann sind wir wieder einig.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dös glaab i.&ldquo;</p>
-
-<p>Die glänzende Ehrenerklärung kam am 5. April,
-denn einiger Zeit bedurfte Herr Irzinger denn
-doch, um seinen Gesinnungswechsel zu stilisieren.
-Er packte die Sache beim richtigen Ende an, indem
-er zuerst etwas humoristisch wurde, dann aber
-doch die echt altbayrische Standhaftigkeit der
-Männer hervorhob, welche auch in einer kleinen
-Sache, deren allzu deutliche Beschreibung sich von
-selbst verbot, am alten Herkommen festhielten und
-durch diese Hartnäckigkeit alle Widerstände besiegten.</p>
-
-<p>Auch wie Herr Irzinger freimütig bekennen zu
-müssen erklärte, den Widerstand der Presse.</p>
-
-<p>Der im vollsten Sinne des Wortes verlassenen
-Witwe blieb nichts anderes übrig, als die Verzeihung
-der standhaften Verunreiniger zu erflehen.</p>
-
-<p>Sie tat es.</p>
-
-<p>Nicht ganz so leichten Gemütes und nicht ganz
-so rasch wie der Redakteur des Volksboten; aber
-die Notwendigkeit, Gas zu erhalten, erlaubte auch
-kein allzulanges Zögern.</p>
-
-<p>Mühlberger sträubte sich und verzieh nur unter
-bissigen Bemerkungen die Insinuationen der schmähsüchtigen
-Frau.</p>
-
-<p>Aber am 11. April brannten die Gasflammen
-wieder.</p>
-
-<p>Lange nachdem sie in dieser Nacht erloschen
-waren, um die Geisterstunde vernahm die Lauschende
-wiederum die Ausübung jenes alten Rechtes oder
-Herkommens.</p>
-
-<p>Und sie konnte feststellen, daß die vier Hauptkämpfer
-für den alten Brauch samt und sonders
-sich betätigten.</p>
-
-<p>Der Herr Major Stöckelmeier, der Oberamtsrichter
-Pollner und die zwei kriegerischen Magistratsräte.</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Anfaenge" id="Anfaenge">Anfänge</a></h2>
-</div>
-
-<p class="chap-start">Da war ich also Rechtsanwalt in dem
-kleinen Orte D., und weil ich der erste
-war, der sich hierorts auf diese Weise
-sein Brot verdienen wollte, konnte ich nicht verlangen,
-daß alle Welt von meiner Bedeutung oder
-meinen Aussichten überzeugt war.</p>
-
-<p>Der Schneidermeister, in dessem Hause ich eine
-Wohnung gemietet hatte, brachte mir ein stilles,
-aber inniges Mißtrauen entgegen, das wiederum
-nicht frei war von einem wohlwollenden Mitleid.
-Der Vorstand des Amtsgerichtes, dem ich mich sogleich
-vorstellte, strich einen langen, grauen Schnurrbart
-und heftete seine scharfen Augen auf mich.</p>
-
-<p>Dann sagte er nur: &bdquo;So, Sie san der?&ldquo;</p>
-
-<p>Es war manches aus den Worten herauszulesen,
-nur keine freudige Zustimmung zu meinem Unternehmen.</p>
-
-<p>Wenn ich über die Straße ging, merkte ich
-wohl, daß sich Leute nach mir umdrehten, und
-wenn ich auch nicht feinnervig war, merkte ich
-doch, daß sie sich frei von allem Respekt über
-meine mutmaßliche Zukunft unterhielten.</p>
-
-<p>Am reichbesetzten Stammtische legten mir alle
-diese fest angestellten, besoldeten und pensionsberechtigten
-Männer Fragen vor, die ihre Überlegenheit
-ebenso wie ihre Zweifel dartaten.</p>
-
-<p>Das alles entmutigte mich nicht, aber wenn ich
-heim kam und durch meine drei kärglich möblierten
-Zimmer ging, in denen die Schritte so stark widerhallten,
-dann packte mich doch ein Gefühl der Unsicherheit
-und der Vereinsamung.</p>
-
-<p>Ich half mir auf meine Weise. Mit dem alten
-Zimmerstutzen meines Vaters schoß ich nach der
-Scheibe und vertrieb mir die langweiligsten Stunden.</p>
-
-<p>Denn wenn ich mich an den Tisch setzte und
-etwa zu lesen versuchte, hörte ich mit einem Male
-diese Stille um mich, ich horchte auf sie, und sie
-klang mir brausend in die Ohren.</p>
-
-<p>Da fiel mir alles schwer aufs Herz, was einmal
-war und nie mehr sein würde, und ein Heimweh
-kam über mich nach lieben Menschen, nach
-Dingen und Zuständen, von denen ich für immer
-hatte Abschied nehmen müssen.</p>
-
-<p>Das waren Trübseligkeiten, über die mir keine
-Arbeit weghalf, weil ich keine hatte.</p>
-
-<p>Wenn ich die Treppe herunterstieg und in die
-Werkstatt meines Schneidermeisters einen Blick
-werfen konnte, beneidete ich die blassen, jungen
-Leute, die darauflos nähten von Montag bis
-Samstag und jeden Feierabend und jeden Feiertag
-sich redlich verdienten.</p>
-
-<p>Das sah anders aus als in meiner leeren Stube,
-an deren Wand zwecklos ein kleiner Tisch stand,
-auf dem ein Paket frischer Papierbogen lag neben
-dem nagelneuen Tintenfasse, den ungebrauchten
-Federhaltern und scharfgespitzten Bleistiften. Drei,
-vier lange Tage schlichen vorbei, ohne daß jemand
-zu mir gekommen wäre.</p>
-
-<p>Der fragende Blick des Hausherrn wurde eindringlicher,
-die Bemerkungen am Stammtische
-wurden berechtigter, die Mienen aller mir begegnenden
-Spießbürger wurden höhnischer. Wie lange
-ich nachts mit offenen Augen im Bette lag und
-nun erst recht die brausende, tosende Stille um
-mich herum hörte!</p>
-
-<p>Leute standen vor mir, die mich mit ernsten
-Augen anblickten und mir die Aussichtslosigkeit
-meines Versuches darlegten, Menschen, die ich
-liebte und denen ich auch etwas galt, &mdash; gegolten
-hatte.</p>
-
-<p>Denn was war dann, wenn ich hier scheiterte
-und allen recht gab, die mir abgeraten hatten?</p>
-
-<p>Es waren lange Nächte.</p>
-
-<p>Gegenüber lag eine Schmiede, und vor Tagesanbruch
-klangen schon die Hammerschläge.</p>
-
-<p>Da mußte ich aufstehen, zuschauen und mir
-immer wieder sagen, das sei Arbeit, Freude und
-Leben.</p>
-
-<p>Am fünften Tage kroch mir schon die häßlichste
-Mutlosigkeit ans Herz.</p>
-
-<p>Aufstehen und warten, in der Stube herumgehen
-und warten.</p>
-
-<p>Den Zimmerstutzen hatte ich in eine Ecke gestellt.</p>
-
-<p>Mir war gottsjämmerlich zumut. Mein ganzes
-Vermögen von achtzig Mark ging auf die Neige,
-und hier mit Schulden beginnen wollte mir doch
-als Anfang vom Ende vorkommen.</p>
-
-<p>Da!</p>
-
-<p>Nein, es war keine Täuschung, hell und durchdringend
-läutet die Glocke an meiner Wohnungstüre.</p>
-
-<p>Ich eilte hinaus und öffnete.</p>
-
-<p>Ein hochgewachsener, wohlbeleibter Mann mit
-einem mächtigen altbayrischen Knebelbart stand
-vor mir, und sein städtischer Anzug war für mich
-eine Enttäuschung, weil er so gar nicht wie ein
-prozessierender Ökonom aussah.</p>
-
-<p>Aber vielleicht ein Gutsbesitzer, Pächter oder
-Verwalter?</p>
-
-<p>Das schien mir zweifelhaft. Eher konnte er ein
-behäbiger Bürger des Marktes sein, und ja, das
-würde wohl stimmen.</p>
-
-<p>&bdquo;Hab&rsquo; ich die Ehr&rsquo;, den Herrn Rechtsanwalt ...?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bitte, kommen Sie nur herein ...&ldquo;</p>
-
-<p>Ich mußte so etwas von der einladenden Höflichkeit
-eines Friseurs, eines Zahnarztes, des Besitzers
-einer schlechtbesuchten Schaubude an mir
-haben.</p>
-
-<p>Der Gast stand hoch und breit in meinem Zimmer
-und war sich, wie ich merken konnte, sogleich über
-die Situation klar.</p>
-
-<p>&bdquo;Aha!&ldquo; sagte er, &bdquo;&mdash; m&mdash;hm &mdash; da is aber a
-bissel &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wie meinen Sie?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;A bissel laar is.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich lasse mir meine Möbel erst nachkommen,&ldquo;
-sagte ich. &bdquo;In den ersten Tagen mochte ich natürlich
-nicht &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Freili, natürli. Aba wo san denn de Büacha?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Die kommen auch nach.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;M&mdash;hm &mdash; ja &mdash; ja &mdash; I will Eahna was
-sag&rsquo;n, Herr Dokta. Dös erste, was Sie hamm
-müass&rsquo;n, san Büacha. Es is ja scho weg&rsquo;n de
-Klient&rsquo;n. Da wenn oana rei kimmt zum Beispiel,
-nacha muaß &rsquo;s ausschaug&rsquo;n da herin, als wia &rsquo;r
-in a alt&rsquo;n Kanzlei. An dera Wand da drüb&rsquo;n,
-da müass&rsquo;n lauta Büacha steh&rsquo;, und da herent, da
-müassen S&rsquo; a so a Stellaschi mit Papier und
-Aktendeckel hamm. Derfen S&rsquo; ma &rsquo;s glaab&rsquo;n, i
-hab scho mehra junge Herrn o&rsquo;fanga sehg&rsquo;n ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das kommt alles, aber mit was kann ich Ihnen
-dienen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mir? Dös wer i Eahna glei sag&rsquo;n. I bin
-nämli der Vertreter von der Buchhandlung Maier
-&mdash; J. A. Maier &amp; Sohn &mdash; Sie kennan ja die
-Firma?...&ldquo;</p>
-
-<p>Es war wieder eine Enttäuschung, und diesmal
-eine ziemlich starke.</p>
-
-<p>&bdquo;N ... nein ...&ldquo; sagte ich.</p>
-
-<p>&bdquo;Dös wundert mi, aba mir lerna uns scho no
-bessa kenna,&ldquo; antwortete er, und es strömte ein
-wirkliches und wohlwollendes Behagen von ihm
-aus. &bdquo;Mir lerna uns no guat kenna. Nämli,
-unser Spezialität is ja, daß mir junge Herrn
-Rechtsanwält ausstaffiern, und i kann Eahna sag&rsquo;n,
-i hab scho ziemli viel Herrn ausstaffiert. Lesen
-S&rsquo; no ...&ldquo;</p>
-
-<p>Er gab mir eine Karte.</p>
-
-<p>J. A. Maier &mdash; Buchhandlung &mdash; Spezialität &mdash;
-Anlage von Bibliotheken für Herren Notare und
-Rechtsanwälte &mdash; An- und Verkauf von juristischen
-Bibliotheken &mdash; Kulante Gewährung von Teilzahlungen
-&mdash; usw.</p>
-
-<p>&bdquo;Sehg&rsquo;n S&rsquo;, Herr Dokta, dös is dös, was Sie
-brauchan. De Wand da drüben, de muaß ganz
-zuadeckt sei mit lauta Büacha. Erschtens &mdash; er
-streckte den Daumen aus &mdash; brauchan Sie wirkliche
-juristische Büacha &mdash; dös kriag&rsquo;n ma nacha &mdash;
-zwoatens &mdash; er gab den Zeigefinger dazu &mdash;
-brauchan Sie Entscheidunga &mdash; mir hamm antiquarisch
-a paar Sammlunga &mdash; drittens &mdash; und
-jetzt kam der Mittelfinger &mdash; drittens, da gibt&rsquo;s
-so Amtsblätter und alte Verordnungsblätter, de
-ja koan Wert nimmer hamm, aba de san hübsch
-groß, in blaue Pappadeckel ei&rsquo;bund&rsquo;n, und macha
-an recht&rsquo;n Krawall, de nehman si großartig aus
-in da Kanzlei. De kriag&rsquo;ns von uns drein, an
-achtz&rsquo;g Bänd für zwölf Markl ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist alles recht schön, aber ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nix aba!&ldquo; Er sagte es energisch und jede
-Widerrede abschneidend. &bdquo;Dös is dös, was Sie
-brauchan, Herr Dokta. Und jetzt schreib&rsquo;n mir
-amal auf, was Sie für wirkliche Büacha hamm
-müass&rsquo;n. Mit &rsquo;n Strafrecht fanga ma &rsquo;r o ...&ldquo;</p>
-
-<p>Und er fing mit dem Strafrecht an und nannte
-im befehlenden Ton alle anderen im besten Ansehen
-stehenden Kommentare, schrieb sie mit der
-Füllfeder auf, fand immer noch ein Buch und gab
-es dazu, und erklärte endlich, daß mir nunmehr
-einigermaßen und fürs erste geholfen sei.</p>
-
-<p>Alle Zahlungsbedenken schnitt er kurz ab, und
-erst, als er sein dickes Notizbuch in die Brusttasche
-und seine Füllfeder in die Westentasche gesteckt
-hatte, gab er den befehlshaberischen Ton auf und
-wurde wieder umgänglich.</p>
-
-<p>&bdquo;Soo,&ldquo; sagte er gemütlich, &bdquo;jetza hamm ma &rsquo;s,
-und Notabeni, i mach no mei Gratulation, daß
-Sie Eahna hier niederlassen hamm. De Gegend
-is guat, de Bauern streit&rsquo;n gern, g&rsquo;rafft werd aa
-no Gott sei Dank, da hat a junger Rechtsanwalt
-a ganz a schön&rsquo;s Feld der Betätigung, und jetzt
-bhüat Eahna Good!&ldquo;</p>
-
-<p>Er schied mit einem freundlichen Lächeln von
-mir, und seine Worte taten mir wohl. Nur allmählich
-wurde mir klar, daß diese Anschaffung
-auf Kredit meine Stellung nicht gerade gebessert
-und befestigt hatte.</p>
-
-<p>Ein ereignisloser Tag, der nun folgte, und die
-Gewißheit, der ich entschlossen ins Gesicht sehen
-mußte, die Gewißheit, daß ich das nächste Mittagessen
-würde schuldig bleiben müssen, ließen mir
-die Bestellung einer Bibliothek als verbrecherische
-Torheit erscheinen.</p>
-
-<p>Die Schneider nähten, die Schmiede hämmerten,
-der Rechtsanwalt schaute zum Fenster hinaus auf
-den Marktplatz.</p>
-
-<p>Vor seinem Bäckerladen stand der dicke Herr
-Holdenried und stocherte in den Zähnen herum
-und gähnte und spuckte aus, und tat das alles mit
-Ruhe, wie sie eine gefestigte Sicherheit gibt.</p>
-
-<p>Zwei Häuser weiter stand der Seiler Weiß auf
-dem Bürgersteig und zeigte ebenso aller Welt, die
-es wissen wollte, daß er sich satt gegessen hatte.</p>
-
-<p>Sie riefen sich etwas zu und lachten, und Herr
-Holdenried ging ein paar Schritte hinauf, und
-Herr Weiß ging ein paar Schritte herunter, bis
-sie beisammen standen und offenbar von den gleichgültigsten
-Dingen miteinander redeten. Jeder
-stand würdig und breitbeinig und zahlungsfähig
-auf dem Pflaster und jeder wußte, daß aus irgendeinem
-Fenster, oder aus mehreren Fenstern, neidische
-Blicke auf sie geworfen wurden. Und jeder wußte,
-daß er wie Vater und Vatersvater den Neid verdiente.</p>
-
-<p>Ob je einer von diesen niederträchtigen Spießbürgern
-Sorgen getragen hatte, oder auch nur
-wußte, wie der Gedanke an morgen bleischwer
-auf dem Magen liegen konnte?</p>
-
-<p>Sie bliesen die Luft von sich und waren zufrieden
-mit sich und einer mit dem andern, und
-dann ging Herr Holdenried ein paar Schritte
-hinunter und Herr Weiß ein paar Schritte hinauf,
-und sie schloffen durch ihre Haustüren ins Behagen
-zurück.</p>
-
-<hr />
-
-
-<p>Und es war doch wieder die Glocke! Es war
-gewiß und wahrhaftig wieder die Glocke! Ein
-kleiner, schmächtiger Mann stand vor der Türe.
-An seinen Stiefeln hing zäher Lehm, und ich sah
-wohl, daß er auf Feldwegen gegangen war, und
-in seinen Blicken lag etwas Unsicheres, Fragendes ...</p>
-
-<p>&bdquo;Sind Sie der neue Herr ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, jawohl, kommen Sie nur herein, bitte!&ldquo;</p>
-
-<p>Es klang immer noch wie die Einladung einer
-Schießbudenmadam, nur zögernder.</p>
-
-<p>Und das war also ein Lehrer aus Irzenham,
-einem weit entlegenen Orte, der zu einem anderen
-Gerichte gehörte, aber der Herr Lehrer war etliche
-Stationen weit mit der Bahn gefahren, hier ausgestiegen,
-und nun eben, nun war er da.</p>
-
-<p>Es handelte sich um eine Beleidigung. Eigentlich
-um eine ununterbrochene Reihe von Kränkungen,
-Beleidigungen und Ehrabschneidungen.</p>
-
-<p>Man mußte weit zurückgreifen. Es handelte
-sich, wenn man es recht sagen wollte, um einen
-förmlichen Krieg zwischen Pfarrer und Lehrer, Sie
-wissen ja, wie das leider so häufig vorkommt ...
-Ob ich es wußte! Und ob ich nicht, was ich
-wußte, mit starken Worten sagte, mit Entrüstung,
-allgemeiner und gerade auf diesen Fall angewandter
-besonderer Entrüstung!</p>
-
-<p>Wie konnte man einen Mann, der ... und wie
-konnte man einen Lehrer, dessen dornenvoller, verantwortungsreicher
-Beruf &mdash; &mdash; und so weiter &mdash;
-Wie konnte man das?</p>
-
-<p>Der Pfarrer hatte es gekonnt. Er hatte schon
-bald, nachdem der Herr Lehrer nach Irzenham
-versetzt worden war, begonnen, die Stellung des
-Mannes zu untergraben, ihn zu reizen, ihn zu
-verdächtigen, ihn herunterzusetzen &mdash;. Man mußte
-da weit zurückgreifen und die Irzenhamer Geschichte
-der letzten drei, vier Jahre kennen lernen,
-um dann wieder hier vorgreifend, dort Rückschlüsse
-ziehend, um, auch den schlechten Charakter des neu
-gewählten Bürgermeisters so ganz begreifend, zu
-verstehen, warum und wieso die letzten Angriffe
-auf den Herrn Lehrer, dessen Ehefrau Amalie und
-wiederum deren Schwester Karoline von langer
-Hand vorbereitet und besonders giftig waren.</p>
-
-<p>Man mußte weit zurückgreifen, und ob ich es gern tat!</p>
-
-<p>Ob ich nicht politische Bemerkungen einfließen
-ließ und mich voll und ganz auf die Seite der
-Lehrer stellte, ganz allgemein aus Gesichtspunkten,
-die für jeden anständigen Menschen gelten mußten,
-die in jedem vernünftig geleiteten Staat, die in
-jeder ordentlich verwalteten Gemeinde überhaupt
-nicht in Frage kommen konnten!</p>
-
-<p>Ob ich sie nicht mit juristischen Bemerkungen spickte!</p>
-
-<p>Ob ich nicht selber von einer sittlichen Entrüstung
-durchbebt war!</p>
-
-<p>Und ob ich nicht immer wieder betonte und
-feierlich versicherte, daß diese seit Jahren auf
-Irzenham drückende, schwüle Temperatur bloß
-durch das Gewitter einer Gerichtsverhandlung gereinigt
-werden könne und müsse!</p>
-
-<p>Ja, ich hatte wirklich das Gefühl der Erleichterung,
-der Befriedigung, als es nun endlich feststand,
-daß ich als Kläger gegen den Pfarrer auftreten
-würde!</p>
-
-<p>Es sollte dabei nichts verschwiegen werden?</p>
-
-<p>Aber gewiß nichts!</p>
-
-<p>Die Irzenhamer Geschichte der letzten vier Jahre
-sollte vor dem Forum der Öffentlichkeit aufgerollt
-und unter eine alle Winkel erhellende Beleuchtung
-gesetzt werden. Darauf konnte sich der Herr Lehrer
-verlassen.</p>
-
-<p>Darauf konnten sich der Herr Lehrer, seine Ehefrau
-und deren Schwester Karoline unbedingt verlassen.</p>
-
-<p>Die Vollmacht war unterschrieben. &bdquo;Und ja,
-womit kann ich noch dienen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich möchte,&ldquo; sagte der ehrenwerte und in allen
-seinen Gefühlen heftig verletzte Mann, &bdquo;ich möchte
-natürlich einen Vorschuß erlegen, aber ich habe
-leider nicht mehr als fünfzig Mark bei mir ...&ldquo;</p>
-
-<p>Er zog einen reizenden, von der liebenden Hand
-der Ehefrau gestickten Geldbeutel hervor und nahm
-wundervoll klingende Goldstücke daraus ...</p>
-
-<p>Ich schwieg und sah ihm zu.</p>
-
-<p>Ich dachte durchaus ernsthaft darüber nach, wie
-unsagbar roh man veranlagt sein mußte, wenn
-man diese Frau, welche die hübsche Geldbörse vermutlich
-zu Weihnachten gestickt hatte, kränken oder
-ihrer Schwester Karoline zu nahe treten konnte!
-Der Lehrer faßte mein tiefsinniges Schweigen irrtümlich
-auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich kann Ihnen ja noch einiges schicken, wenn
-das nicht genügt ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es genügt,&ldquo; sagte ich und ließ meine Gedanken
-nicht weiter abschweifen.</p>
-
-<p>Er zählte das Geld auf den Tisch, ich schrieb
-mit scheinbarem Gleichmut eine Quittung, alles
-sah geschäftsmäßig und richtig aus, und er wollte
-nach höflichem Abschiede gehen.</p>
-
-<p>Da drängte sich mir eine Frage auf die Lippen.</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Lehrer, wie kommt das nun eigentlich?
-Ich meine, wie kommen Sie von Irzenham hierher
-und zu mir?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hierher? Hm&mdash;m ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie haben wahrscheinlich meine Anzeige im
-Wochenblatt gelesen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein ... eigentlich nicht ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und wieso ...?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich wollte nämlich nach München fahren und
-dort zu einem Anwalt gehen, aber in der Bahn ...
-wissen Sie ... da war ein Herr ... ein gebildeter
-Mann, so militärisch hat er ausgesehen ...&ldquo;</p>
-
-<p>Der Lehrer zwirbelte mit der Hand einen imaginären
-Schnurr- und Knebelbart ...</p>
-
-<p>&bdquo;... wie ein alter Soldat und auch in der
-Sprechweise ... nicht wahr ... Und ja, wir sind
-ins Gespräch gekommen, wie man eben eine Unterhaltung
-beginnt, und da erzählte ich dem Herrn
-von meinem Prozeß ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Richtig, dem Herrn erzählten Sie ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Daß ich nach München fahre, um einen Anwalt
-aufzusuchen, und da sagt er zu mir: Was wollen
-Sie denn in München? Wissen Sie denn nicht,
-daß ein ausgezeichneter Anwalt hier ist? Er
-meinte nämlich, hier ...&ldquo; Der Lehrer machte eine
-Verbeugung.</p>
-
-<p>&bdquo;Bitte!&ldquo; sagte ich ruhig.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, und der Herr erzählte von Ihnen in sehr
-schmeichelhafter Weise und er sagte, es sei ein
-Glück, wenn sich in der Provinz so gute Anwälte
-niederlassen, Sie entschuldigen Herr Doktor, wenn
-ich das so wiedererzähle, aber ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bitte!&ldquo; sagte ich ruhig.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie müssen schon öfter für den Herrn Prozesse
-gewonnen haben?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Möglich&ldquo;, log ich. &bdquo;Momentan natürlich kann
-ich mich nicht erinnern ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ein auffallend großer Mann mit einem militärischen
-Bart,&ldquo; wiederholte der Lehrer und
-zwirbelte einen unsichtbaren, martialischen Bart ...</p>
-
-<p>&bdquo;Hm! Ich kann mir ungefähr denken ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Er war, wenn ich so sagen darf, sehr energisch.
-Wie der Zug hier anhielt, und ich ... Sie entschuldigen,
-Herr Doktor, weil ich Sie doch nicht
-kannte ... und ich wußte noch nicht, ob ich aussteigen
-sollte, da hat er mich gewissermaßen hinausgeschoben
-und hat mir meinen Mantel und meinen
-Regenschirm hinausgereicht, und er sagte immer:
-Sie müssen zu dem Anwalt hier gehen. Das ist
-der rechte Mann für Sie, und er sagte: Sie
-werden mir ewig dankbar sein, denn sehen Sie,
-sagte er, in der Großstadt, da hat man nicht das
-Interesse und die Zeit, da werden Sie kurz abgefertigt,
-sagte er, &mdash; und da ist der Zug schon
-weggefahren, und ich bin da gestanden. Ja, und
-der Herr hat noch zum Fenster herausgesehen und
-hat mir gewunken ... hm ... ja ... und da bin
-ich eben zu Ihnen gegangen ... und wenn ich so
-sagen darf, ich bin eigentlich froh ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Seien Sie unbesorgt, Herr Lehrer, ich werde
-energisch für Ihr Recht eintreten ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, und wissen Sie, diese Äußerung gegen
-meine Schwägerin Karoline, die muß besonders
-hervorgehoben werden ...&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie <em class="gesperrt">wird</em> hervorgehoben,&ldquo; sagte ich mit starker
-Stimme, &bdquo;wir wollen einmal sehen, ob der politische
-Fanatismus alles und jedes beschmutzen darf, wir
-wollen sehen, ob ... kurz und gut, Sie können
-beruhigt heimfahren.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Augen des Lehrers leuchteten auf. Er bot
-mir die Hand und schüttelte sie und ging ...</p>
-
-<p>Ich nahm zu allererst die Goldstücke und ließ
-sie klirrend auf den Tisch fallen und wieder in
-den hohlen Händen aneinander klingen.</p>
-
-<p>Ha!</p>
-
-<p>Ob ich mich an den Mann erinnerte, der einen
-so befehlenden Ton hatte, wenn er die Bestellung
-einer Bibliothek erzwang oder zaghafte Klienten
-zum richtigen Anwalt schickte?</p>
-
-<p>Es sollte mehr solche Männer geben!</p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Werke_von_Ludwig_Thoma" id="Werke_von_Ludwig_Thoma">Werke von Ludwig Thoma</a></h2>
-</div>
-
-<p class="book-title">
-Der Wittiber
-</p>
-<p class="center">
-Ein Bauernroman. Illustriert von <em class="gesperrt">Ignatius Taschner</em><br />
-15. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Andreas Vöst
-</p>
-<p class="center">
-Bauernroman<br />
-27. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Altaich
-</p>
-<p class="center">
-Eine heitere Sommergeschichte<br />
-50. Tausend, Geheftet 6 Mark, gebunden 9 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Lausbubengeschichten
-</p>
-<p class="center">
-Aus meiner Jugendzeit<br />
-80. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Tante Frieda
-</p>
-<p class="center">
-Neue Lausbubengeschichten. Illustriert von <em class="gesperrt">Olaf Gulbransson</em><br />
-48. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Kleinstadtgeschichten
-</p>
-<p class="center">
-50. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten
-</p>
-<p class="center">
-Illustriert von <em class="gesperrt">Eduard Thöny</em><br />
-50. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Jozef Filsers Briefwexel 2. Buch
-</p>
-<p class="center">
-Illustriert von <em class="gesperrt">Eduard Thöny</em><br />
-25. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Hochzeit
-</p>
-<p class="center">
-Eine Bauerngeschichte. Buchschmuck von <em class="gesperrt">B. Paul</em><br />
-19. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 6 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Agricola
-</p>
-<p class="center">
-Bauerngeschichten. Illustriert von <em class="gesperrt">Hölzel</em> und <em class="gesperrt">Paul</em><br />
-17. Tausend. Geheftet 5 Mark, gebunden 8 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Der heilige Hies
-</p>
-<p class="center">
-Eine Bauerngeschichte. Illustriert von <em class="gesperrt">Ignatius Taschner</em><br />
-10. Tausend. Gebunden 6 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Das Kälbchen
-</p>
-<p class="center">
-Novellen<br />
-30. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Assessor Karlchen
-</p>
-<p class="center">
-Humoresken<br />
-50. Tausend. Gebunden 1.50 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Das Aquarium
-</p>
-<p class="center">
-Humoresken<br />
-20. Tausend. Gebunden 1.50 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-&bdquo;Peter Schlemihl&ldquo;
-</p>
-<p class="center">
-Gedichte<br />
-5. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 5.50 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Die Sippe
-</p>
-<p class="center">
-Ein Schauspiel in drei Aufzügen<br />
-3. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Magdalena
-</p>
-<p class="center">
-Ein Volksstück in drei Aufzügen<br />
-7. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Moral
-</p>
-<p class="center">
-Komödie in drei Akten<br />
-15. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Die Medaille
-</p>
-<p class="center">
-Komödie in einem Akt<br />
-13. Tausend. Geheftet 2 Mark, gebunden 4 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Die Lokalbahn
-</p>
-<p class="center">
-Komödie in drei Akten<br />
-10. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Erster Klasse
-</p>
-<p class="center">
-Bauernschwank in einem Akt<br />
-14. Tausend. Geheftet 2 Mark, gebunden 4 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Lottchens Geburtstag
-</p>
-<p class="center">
-Lustspiel in einem Akt<br />
-7. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Das Säuglingsheim
-</p>
-<p class="center">
-Burleske in einem Akt<br />
-5. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Der erste August &mdash; Christnacht 1914
-</p>
-<p class="center">
-Zwei Einakter<br />
-10. Tausend. Geheftet 1 Mark, gebunden 1.50 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Brautschau
-</p>
-<p class="center">
-drei Einakter<br />
-5. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 5 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Waldfrieden
-</p>
-<p class="center">
-Lustspiel in einem Akt<br />
-3. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Gelähmte Schwingen
-</p>
-<p class="center">
-Lustspiel in einem Akt<br />
-3. Tausend. Geheftet 1 Mark, gebunden 2 Mark<br />
-</p>
-<p class="book-title">
-Heilige Nacht
-</p>
-<p class="center">
-Weihnachtslegende. Illustriert von <em class="gesperrt">Wilhelm Schulz</em><br />
-Gebunden 6 Mark<br />
-</p>
-
-
-<p class="publisher spaced">
-Albert Langen / Verlag / München</p>
-<p class="center spaced">
-Druck von Hesse &amp; Becker in Leipzig<br />
-Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig<br />
-</p>
-<div class="transnote">
-<p class="tn-header">Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-<p>
- Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn
- verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander
- verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden
- berichtigt.
-</p>
-<p class="ebook-only">
- Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hier <em class="gesperrt">fett</em> dargestellt, da manche E-Book-Reader keinen gesperrten Text anzeigen.
-</p>
-</div>
-
-
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-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Nachbarsleute, by Ludwig Thoma
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHBARSLEUTE ***
-
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