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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 12:16:35 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Nachbarsleute - -Author: Ludwig Thoma - -Release Date: July 20, 2017 [EBook #55159] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHBARSLEUTE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Ein Verzeichnis von Ludwig Thomas Büchern - befindet sich am Schluß dieses Bandes - - - - - - Nachbarsleute - - von - - Ludwig Thoma - - 13. bis 15. Tausend - - - Albert Langen, München - - - - Übersetzungsrecht vorbehalten - Albert Langen Ludwig Thoma - - Copyright 1916 by Albert Langen, Munich - - - - - Inhalt - - - Seite - - Junker Hans 7 - - Das Volkslied 59 - - Auf dem Bahnsteig 73 - - Tja -- --! 81 - - Der Biedermann 91 - - Unser guater, alter Herzog Karl 99 - - Liebe um Liebe 107 - - Auf der Elektrischen 117 - - O Natur! 129 - - Das alte Recht 135 - - Anfänge 157 - - - - - Junker Hans - - Eine Kleinstadtgeschichte - - -Wie es gekommen war, ob Herr Pfaffinger höflich oder in barschem -Tone das Schließen der Türe verlangt, ob Herr Tresser nach dieser -Aufforderung erst recht die Türe aufgerissen, ob Herr Pfaffinger -in rüder Weise sie dann ins Schloß geworfen hatte und hierauf von -Herrn Tresser als ungebildeter Lümmel bezeichnet wurde, während Herr -Pfaffinger diesen, Herrn Tresser nämlich, mit dem Worte Lauskerl schon -vorher betitelt hatte, läßt sich aus den erregten Schilderungen der -angesehenen Bürger Dornsteins nicht unwiderleglich feststellen, -- -Tatsache ist, daß Herr Tresser Herrn Pfaffinger einerseits an der -Gurgel packte, während Herr Pfaffinger andererseits diesem, dem Herrn -Tresser nämlich, eine derart schallende Ohrfeige versetzte, daß der -Schlag sogar in den hintersten Sitzreihen des Höllbräusaales vernommen -wurde. - -Von vielen Zeugen des Vorfalles wird erzählt, daß die Tochter des -Herrn Magistratsrates Trinkl, Fräulein Fanny Trinkl, über Zugluft -geklagt habe, was den neben ihr sitzenden Brauereivolontär Pfaffinger -veranlaßte, aufzuspringen und die Saaltüre zu schließen, worauf Herr -Rechtspraktikant Tresser dieselbe sogleich wieder öffnete, sei es nun, -weil er und einige mitanwesende Beamte es zu heiß fanden, sei es, weil -er über die eigenmächtige Handlung des Herrn Pfaffinger entrüstet -war, was aber wiederum diesem, Herrn Pfaffinger, als eine Beleidigung -seiner Dame erscheinen mußte, so daß er sich zu einem Schimpfworte -hinreißen ließ, wobei freilich nicht bestimmt behauptet werden kann, -daß nicht etwa Herr Tresser schon vorher den Ausdruck ungebildeter -Lümmel gebraucht hatte, kurz und gut, was hier auch übereinstimmend -oder verschieden berichtet wird, -- Tatsache ist, daß Herr Pfaffinger -von Herrn Tresser an der Gurgel gefaßt wurde, und daß dann Herr Tresser -eine dermaßen starke Ohrfeige erhielt, daß seine linke Wange anschwoll. - -Mir war und ist es nur darum zu tun, eine vollkommen wahrheitsgetreue -Schilderung des Herganges zu geben, wobei ich keineswegs, wie Herr -Magistratsrat Trinkl, das Verhalten des Herrn Pfaffinger oder, wie -Herr Sekretär Hundertkäs, das Benehmen des Herrn Tresser als absolut -berechtigt hinstelle, sondern ich möchte ausschließlich die Tatsache -klarstellen, daß Herr Tresser einerseits Herrn Pfaffinger körperlich -anfiel, während Herr Pfaffinger andererseits diesem eine wuchtige -Maulschelle applizierte. - -Das Geschehnis läßt sich weder leugnen noch beschönigen, noch auf -irgendeine Weise aus der Welt schaffen, und es ist weiter nichts -zu erörtern als die Frage, welche Folgen die Mißhandlung eines den -besseren Kreisen angehörigen Mannes haben konnte. - - * * * * * - -In der Tat wurde der Vorfall auch von den bürgerlichen Elementen nach -Verlassen des Höllbräusaales lebhaft erörtert, und Bäckermeister -Schwarz bewies vielleicht die größte Heftigkeit der Gesinnung. - -»Also mir ... net ... also mir bal oana so was saget ... net ... also -ung'hobelter Lackel oder so was ... net ... also i ... mei Liaba ... -i den bei de Ohrwaschel nehma und beuteln ... hast d' g'hört ... und -nacha oani links und oani rechts abahau'n ... vastehst ... und nacha -no a paar ... also mir bal oana kam! Was? sag i ... an ung'hobelter -Lackel bin i ... moanst du vielleicht, weil di dei Vata studiern hat -lass'n ... derfst du an Bürgersmann, der wo seine Steuern zahlt ... net -... und wo seine Familli rechtschaff'n ernährt ... schimpf'n ... sag i -... Wer is ung'hobelt? sag i ... vielleicht net a Beamta, der si a so -aufführt? Was bin i? A Lackel bin i? Hab Eahna i scho amal an Lackel -abgeb'n? Han? Du Herrgottsakrament! sag i. Da hast a paar! sag i ...« - -»Plärr do net a so!« rief Magistratsrat Trinkl ... »Bleib'n ja d' Leut -steh' und schaug'n ...« - -»Ja no ... muß ma si so was hoaß'n lass'n?« - -»Zu dir hat er nix g'sagt!« - -»Dös is sei Glück, mei Liaba ... mir bal er so was saget! Also den -schlaget i sei Batterie scho a so her, daß er alle Engel pfeif'n -hörat ... Ung'hobelter Lackel möcht er an Bürgersmann hoaß'n ... so -a Schreibersg'sell, so a notiger, der wo si net amal was G'scheit's -z' fress'n kaff'n ko.... Dir gib i scho an Lackel ... also bloß sag'n -braucht er's zu mir ... nix als wia sag'n ... sag' i ...« - -»Mir g'fallt de G'schicht gar net ... dös ... dös ... i woaß net ... da -derleb'n mir no was!« sagte der Gold- und Silberarbeiter Elfinger und -machte ein bekümmertes Gesicht ... »De G'schicht is no net firti ...« - -»Was is net firti?« fragte Trinkl. - -»Ja ... dös mit dera Schell'n ...« - -»Dös is allerdings firti. Der hat sei Fotz'n, und gar is ...« - -»Wer'n ma's sehen, ob die Sache so einfach verläuft, also gewissermaßen -im Sande,« erwiderte Elfinger, der nicht ungerne hochdeutsch sprach. - -»Was will er denn mit a Klag?« höhnte Magistratsrat Trinkl. - -»Bal er z'erscht 's Maul aufreißt, net, und ganz ordinär werd' ... und -nacha aufs G'richt laff'n! Na, mei Liaba!« - -»G'richt laufen!« - -»Ja ... da werd halt 's G'richt sag'n, Herr Rechtspraktikant, -werd's sag'n, bald Sie eine würkliche Bildung besitzen, dürfen Sie -nicht anfangen und die Leute aufreizen, und bald Sie aber die Leute -aufreizen, müssen Sie Ihnen halt diese Behandlung gefallen lassen. A so -red't 's G'richt! Vastand'n?« - -»Ich rede ja überhaupts nicht vom Gericht,« sagte Elfinger etwas -ungeduldig. - -»Net?« - -»Nein ... durchaus nicht. Das weiß man doch, daß diese Herren ... -also ... die wo auf der Universität studiert haben ... eine Ohrfeige -durchaus nicht hinnehmen dürfen wie unsereiner ...« - -»Geh! Hör' auf!« - -»Nein! Das lest man doch in der Zeitung, daß für solchene Herren eine -Ohrfeige sozusagen eine tödliche Beleidigung ist, und auch bald sie -nicht wollen, müssen sie doch, indem es ein Ehrenstandpunkt ist ...« - -»Geh! Hör' auf!« - -»Na, frag' halt Leut', die 's wissen! Ob eine Ohrfeige nicht mit Blut -abgewaschen werden muß, und bald der Betreffende auch vielleicht nicht -will ...« - -»Jetzt muaß i scho sag'n ... Elfinger ... red' net gar so saudumm -daher!« - -»Ich rede durchaus nicht saudumm daher ... und überhaupts möchte ich -mir das verbitten ... net wahr ...« - -»Kam er da mit'n Bluat o'wasch'n ... und solche Sprüch!« - -»Weil es wahr ist! Jawohl! Wenn einer natürlich seiner Lebtag in -Dornstein hockt als Lebzelter, weiß er nicht, wie solche Vorkommnisse -sich auswachsen ...« - -»O mei! Da balst net gehst!...« - -»Ich war dritthalb Jahr in Erlangen, mein Lieber, wo sich eine -Universität befindlich ist, und bald du das nicht woißt, kannst es ja -nachles'n im Sulzbacher Kalender ...« - -»I huast dir auf dei Universatät!« - -»Das ist die Sprache der Ungebildeten ... das kann ich dir sagen ...« - -»Han?« - -»Jawohl! Da muß man einmal in der Welt herumgekommen sein, dann schaut -man die Sache etwas anders an. Ich hab viel erlebt in dieser Beziehung, -und bald ein Student dem anderen eine Ohrfeigen gibt, diese Fälle kenn' -ich, und da entscheidet dann das Ehrengericht, ob dieser Betreffende -nicht mit der Pistole in der Hand Rechenschaft verlangen muß ...« - -»Herrgottsakrament, jetzt sag' i 's nomal, a so a spinnata Tropf is ma -do aa no net fürkemma ...« - -»Da spinnt niemand!« - -»Net z' weni, sag' i ...« - -»Nein! Durchaus nicht! Das ist der Standpunkt der Satisfaktion, wennst -d' scho amal was g'hört hast von dem!...« - -»Da müaßt da Schorschl ...?« - -»Jawohl!!« - -»Da müaßt da Pfaffinger Schorschl si vo an so an notinga Hanswurscht'n -nauf schiaßn lass'n?« - -»Jawohl!! Das heißt, in dieser Beziehung weiß ja der Betreffende nicht, -ob ihn das Schicksal trifft, und äh ...« - -»Da Pfaffinger Schorschl, der in a paar Jahr de Brauerei von sein Vata -kriagt mit achtavierz'g Wirt ... und ...« - -»Was hat denn das damit zu tun ...?« - -»Und dös schöne Sach in Matzing drauß'n ... langa koane vierhundert -Tagwerk ...« - -»... Also ...« - -»Und a Stuck an achtz'g Küah im Stall ... der soll si ...? Geh! Wia no -a Mensch so daher red'n ko!« - -»Wenn du oan net red'n laßt und all's besser woaßt, na brauch ja i net -red'n,« schrie Elfinger, den der Zorn wieder ins Altbayerische brachte. - -»Für dös red'n kriagst d' nix,« erwiderte der Herr Magistratsrat -Trinkl mit gleichfalls erhobener Stimme. »Kam er do mit sein -Student'nschmarr'n daher! A Duwäl! Ah! Ah! da kunnt'st scho Grean -Baamwirt wer'n!« - -»Wenn er an Ehr im Leib hat ... vastehst!« - -»An Ehr! Woaßt, was da Pfaffinger Schorschl hat? An Diridari hat a! -Maxi hat a! Und auf dei Ehr is ...« - -»Mit dir ko ma net streit'n; dös woaß ma scho! Weil du a Hammi bist!« - -»I?« - -»Ja du! Für dös bist du bekannt in ganz Dornstoa!« - -»Ah! Der is guat! Was bist na du?« - -»Is scho recht!« - -»Was bist na du? A spinnata Deifi bist d'. Mit'n Bluat o'wasch'n kam er -daher! Wasch da du 's Hirn mit Salmiak, dös werd g'scheiter sei!« - -»Sie sind ein ordinärer Mensch, Herr Trinkl! Ich verkehre nicht mehr -mit Ihnen ...« - -»Bleib' halt weg, spinnata Deifi! Spinnata!« - -Herr Elfinger hatte sich mit raschen Schritten entfernt und war schon -in der Dunkelheit entschwunden, da schrie ihm Herr Trinkl noch durch -die hohlen Hände nach: »Druck di, du Hanswurscht, mit dein Duwäl!« - -Und zum Bäckermeister Schwarz sich noch immer erregt wendend, fragte -er: »Hast d' scho amal so was Dumm's g'hört? Der bracht's außa, als -wenn da Pfaffinger Schorschl so a Karmenadlstudent waar!« - -»I hab'n net recht vastand'n,« sagte Herr Schwarz. »Moant er, daß de -mit'n Sabl da so aufanand trischak'n müaßt'n?« - -»Oder schiaß'n, vastehst? Mit da Pistol'n! Der Pfaffinger Schorschl -werd si von so an Hungerleider aufi schiaß'n lass'n. Dös kost da -denk'n!« - -»Als der oanzige Sohn vom Danglbräu in Matzing!« rief Bäckermeister -Schwarz voll Hohn aus, denn auch er hatte sogleich die ganze -Lächerlichkeit dieses Gedankens erfaßt. - -»Also mir sollt oana mit so a'ra Duwälforderung kemma!« setzte er -hinzu. »Grad kemma sollt oana! Was? sag i ... fordern möcht'n Sie mi? -Auf was denn, sag i ... und an Schiaßa fürag'langa hintern Bachofa -und den am Kopf aufi hau'n mit da Pretsch'n ... vastehst ... daß er -drei Tag lang auf alli vieri umanandkriachat ... fordern möcht er mi -... so waar's recht! Fordern! An Bürger aa no koan Ruah lass'n mit -dena Duwälg'schicht'n! I an Nudelwalgla nehma und den aba scho so -umanandlass'n ... da hast dei Duwäl! sag i ... und hau eahm oani über -sein Gipskopf umi, daß er grad staubet ... da ... sag i ... und da ... -hast d' no oani ...« - -»Herrgott! Gib do acht! Haut er mir an Huat aba!« schrie Trinkl. - -»Muaßt scho entschuldinga ... aba da kunnt'st scho belzi wer'n ... net -... bal oan so was unterkimmt ... Fordern möcht oan der Schreiberg'sell -...« - -Und man hörte noch lange ihre erregten Stimmen, da sie den Stadtplatz -mehrmals hinauf und wieder herunter gingen. - - * * * * * - -»Sie san aber einer!« lispelte Fräulein Fanny Trinkl, als sie in -Gesellschaft des Herrn Pfaffinger den Höllbräusaal verließ. - -Der stattliche Brauereivolontär warf sich in die Brust und sagte mit -geheucheltem Gleichmute: »Da gibt's bei mir nix!« - -»Ich bin #so# derschrocken, wie Sie auf einmal aufg'sprungen sind. -Jessas Maria! hab ich mir denkt, es werd doch kein Unglück geb'n, daß -er Ihnen was tut ...« - -»Der -- mir?« - -»Man weiß halt oft nicht ...« - -Herr Pfaffinger schob den Hut verwegen aus der Stirne. - -»Solchene derfen drei daherkemma, nacha fürcht' i s' aa no net.« - -Das üppige Mädchen sah bewundernd zu dem Ritter auf, der sich kraftvoll -in den Hüften wiegte und mit den Fingern schnalzte, gleichsam um zu -beweisen, wieviel ihm an einer ganzen Schar von Gegnern läge. - -Fannys rehbraune Augen trafen sich mit seinen etwas hervorquellenden -wasserblauen und senkten sich sofort, indessen sie wiederum rief: - -»Nein, Sie sind aber einer!« - -Offenbar hegte Herr Pfaffinger die gleiche günstige Meinung von sich; -denn sein ganzes Gebaren verriet, daß er mit der Bewunderung seiner -Persönlichkeit beschäftigt war. - -»Ich hätt' mir gar nicht denkt, daß Sie so heftig sein können ...« -sagte Fräulein Fanny. - -»Ja, da kenn i nix.« - -»Wie Sie den Stuhl z'ruckg'stössen haben, und auf und hin ...« - -»Da gibt's koana Würschtel!...« - -»Und wie Sie ihm eine hing'haut haben, daß 's ihn gleich draht hat!« - -Wieder gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander, und indessen -Herr Pfaffinger beim Schein einer Straßenlaterne respektvoll seine -große Hand betrachtete, huschten Fannys Blicke wieder beifällig über -ihn hin. - -Schön war er nicht -- - -Ein gewissermaßen viereckiger Kopf auf einem kurzen Halse; eine stumpfe -Nase, dicke Lippen, die sich nicht ganz schlossen, so daß man die -unregelmäßigen Zähne sah, der Teint von jener biersäuerlichen Blässe, -wie sie Schenkkellnern und Bräuburschen eigen ist ... All das ließ den -Pfaffinger Schorschl nicht gerade als verführerisch erscheinen, und -doch besaß er Reize, die ein altbayerisches Mädchen, wenn auch noch so -flüchtig, wohl bemerken konnte. - -Derbe Rundungen und Breiten und Grobschlächtigkeiten, die -vielverheißend waren. - -»Eigentlich san S' wegen meiner in die G'schicht nein kommen, weil ich -mich beschwert hab', daß die Tür offen war, und mich hat's nachher -schon g'reut ...« - -»Da braucht Ihnen nix reu'n, Fräulein Fannerl ...« - -»Aber do, wenn S' jetzt solchene Unannehmlichkeiten hamm ...« - -»Dös is mir ganz egal ...« Schorschl sagte wirklich egal ... »Bald ich -amal bei einer Dame sitz ... nacha muß ich auch für die Dame eintreten -...« Ein zärtlicher Blick traf ihn, und seine wasserblauen Augen -streiften wohlgefällig über den sehr stattlichen Busen des Mädchens und -blieben daran haften. - -Vielleicht war es der Wunsch, diesen straffen Formen näher zu rücken, -vielleicht war es eine aufquellende Zärtlichkeit ... Schorschl streckte -seinen Ellbogen hin und fragte: »Darf ich Ihnen nicht meinen Arm -anbieten, Fräulein?« - -Fanny hing sich ein, und beide fühlten wohlig eines die Wärme des -anderen. - -»Da gibt's nix,« sagte Schorschl, »bal ich amal mit einer Dame -beisammen bin ...« - -»Sie sind einer!« - -»In Freising, wia 'r i studiert hab', da hat amal oana auf an Ball -meiner Dame auf 'n Fuaß tret'n. Dem hab i a paar abazog'n und hab'n -über d' Stiag'n abi g'schmiss'n, daß er dös halbe G'lander mitg'numma -hat ...« - -»Jessas Maria!...« - -»Und amal hat inser Verbindung a Gartenfest g'habt ...« - -»Waren's bei an Studentenkorps?« - -»Bei der Cerevisia in Weihenstephan in der Brauschul' ... und da hamm -mir a Gart'nfest g'habt, und da hat oana mit meiner Dame 's Speanzeln -o'g'fangt ... dem hab i aa zoagt, wo der Bartl an Most holt ...« - -»Sie sind g'wiß ein rechter Don Schuang g'wesen?« - -»Han?« - -»Daß Sie recht poussiert hamm?« - -»Gar so arg is 's net g'wes'n ...« - -Schorschl lächelte aber doch vielsagend, und Fanny wollte hastig ihren -Arm zurückziehen und wurde festgehalten. - -»Mit Ihnen sollt' man sich gar net geh'n trauen ... Sie sind vielleicht -ein ganz gefährlicher ...« - -»Eahna waar i net Feind, Fräulein Fannerl!« - -»Sie Schlimmer!« - -»G'wiß is wahr, i hab's Eahna scho lang sag'n woll'n ...« - -»Was?« - -»Daß S' mir gar so guat g'fall'n ...« - -Ein zärtlicher Blick streifte ihn. - -»Sie möcht'n mich g'wiß derbleck'n!« - -»G'wiß net ... überhaupts gibt's dös bei mir durchaus net ... Freil'n -Fannerl ... dös dürfens net glaub'n ... Fannerl ...« - -Sie drückte sich näher an ihn, und er wurde eifriger. - -»Moana S' denn, i hätt' mi so gift' über den Tresser, wenn i Eahna net -gern hätt ...« - -»Das sagen S' halt so ...« - -»Na! Wenn i no red'n kunnt ... aba da auf da Straß ko ma ja net red'n -... wenn S' mi bloß a bisserl ins Haus nei lasset'n, Fannerl!« - -»Aba Herr Pfaffinger!« - -»Bloß in Hausgang! Daß ma dischkrier'n kunnt'n ...« - -»Aba dös geht doch net!« - -»Warum denn net? Bloß red'n, Fannerl, weil i Eahna gar so gern hab'.« - -»Dös merkt doch der Vata!« - -»Der merkt nix!« - -»Hören S' auf! Was Sie red'n!« - -Und wenn Herr Pfaffinger auch nicht gewandt genug war, um eine -Situation blitzschnell zu überschauen, bemerkte er doch den sachlichen -Ernst, der in der Abwehr des Mädchens lag. - -»Geht's gar net ... Fannerl?« - -»Genga's Sie!« - -»I waar mäuserlstaad ...« - -»Aba Herr Pfaffinger!« - -»Geh! Wenn i d' Stiefeln ausziahg ...« - -»Jessas na!« - -»Höret mi koa Mensch ...« - -»Ja, wia red'n denn Sie?« - -»Fannerl!« - -Er zog das Mädchen an sich. Seine linke große Hand verirrte sich auf -den prallen Busen, indes er mit der rechten die schwach sich Sträubende -rückwärts faßte und auch hier Anlaß zur stürmischen Werbung fand. - -»Du Trutscherl, du liab's!« - -»Herr Pfa ...« - -Seine breiten Lippen erstickten ihre Stimme, und sie legten sich breit -und feucht auf ihren Mund. Ehrlich erwiderte sie den Kuß. - -»Du Gschmacherl du!« - -»Schorschl!« - - -- -- -- -- -- - -»Also paß auf, Fannerl, i ziahg d' Stiefeln aus ... werst sehg'n, es -hört mi neamd ...« - -»Aba da Vata schlaft do no net ...« - -»Der schlaft scho!« - -»Geh! Wenn er do jetzt erst hoam geht ...« - -»Nacha wart i halt a halbe Stund, bis er eing'schlaf'n is ... und du -machst mir d' Haustür auf!« - -»Na ... Schorschl ... dös geht net ...« - -»Leicht geht's.« - -»Was denkst da denn du von mir? So schnell! Na ... dös geht amal net -...« - -»Geh weiter ... Trutscherl! Jetzt dös derfst mir net o'toa!« - -»Was?« - -»Jetzt hab' i mi a so g'freut ... und nacha waar's nix!« - -»Aba wenn's net geht!« - -»Und i hab' mi so für di ins Zeug g'legt!« - -»Aba Schorschl!« - -»Ja ... Und du tatst mir gar koan G'fall'n!« - -»Wenn aba da Vata net so g'schwind ei'schlaft!« - -»Na ... wart i a Stund ...« - -Fannerl schien zu überlegen, und da die Ergebnisse solcher -Überlegungen immer die gleichen sind, sah Schorschl beseligt in die -Zukunft ... - -»Aba daß d' ja net früher kummst ...« - -»Na ...« - -»Und net an d' Stiag'n hi stößst ...« - -»I sag da ja ... daß i d' Stiefeln ausziahg ...« - -»Jessas! Jessas! Was muaßt dir du von mir denk'n!« - -»Daß du a G'schmacherl bist!« - -»Dös hast g'wiß scho zu viele g'sagt!« - -»Dös? Na ... dös hab i no zu gar koane g'sagt! Derfst d'as g'wiß -glaab'n ...« - -Er war doch ein Don Schuang und kannte das weibliche Herz. - -Ein neuer Kuß befestigte das Versprechen, und innig -aneinandergeschmiegt schritten die beiden dem Hause zu, in das -Schorschl so bald einzuschleichen gedachte. - -Auf dem Stadtplatze hörten sie die rauhen Worte des Herrn Schwarz durch -die stille Nacht schallen und stießen auch bald auf den ahnungslosen -Vater, der sie freudig begrüßte. - -»Ah! Der Herr Pfaffinger! Hamm S' mei Fannerl begleit'?« - -»Ich hab mir erlaubt, weil mir Ihnen nicht mehr g'sehen haben ...« - -»Ja ... i hab da a kloane Aussprach' g'habt ... über Eahna, Herr -Pfaffinger ...« - -»Ah so! Weg'n der Gaudi?...« - -»Ja ... und die Folgen, wo mir der Elfinger, der Hansdampf, der -spinnate, hätt erzähl'n mög'n. Daß Sie a Duwäl kriag'n ...« - -»I?« - -»Ja ...« sagt der Elfinger ... - -»Um Gott'swill'n ... Herr Pfaffinger ... weg'n mir ...« - -»Da brauchen Sie keine Angst nicht zu haben, Fräulein!« - -»Dös hab i aa g'sagt ... so a Schmarrn, sag i ... auf d' Kirta laden S' -den Kerl ei, wenn er Eahna was will ...« - -»Geh, Vata!« - -»Is ja wahr aa ... dös is de richtige Antwort ... Also guat Nacht, Herr -Pfaffinger, und b'suachen S' mi amal ... werd mir an Ehr sei!« - -»Guat Nacht, Fräulein!« - -»Gut Nacht!« - -Noch ein Blick, der alles auf ein neues bestätigte, dann huschte -das Mädchen ins Haus, die Türe klappte ins Schloß, Herr Pfaffinger -entfernte sich mit absichtlich lauten Schritten. - - -- -- -- -- -- - -Ob es nun gerade eine Ehre für den Stadtvater Trinkl war, als Schorschl -eine schwache Stunde später und sehr viel leiser wieder zu dem Hause -kam, die Türe frohlockend geöffnet fand und auf den Fußspitzen gehend -sich einschlich? Für ihn war es jedenfalls ein Glück. - -Da stand er im Dunkeln und fühlte die Nähe des Mädchens. Ein leises -Rascheln. »Pst!« - -Eine Hand ergriff die seine ... eine Stimme flüsterte dicht an seinem -Ohr: »Ziahg' d' Stiefeln aus!« - -Und er zog sie aus. - - * * * * * - -Es ist Zeit, von Anton Gumposch zu reden. Denn über allem darf nicht -vergessen werden, daß in der tätlichen Mißhandlung eines akademisch -gebildeten Mannes der Anlaß zu einem Ehrenhandel vorlag, jedenfalls -vorliegen konnte, wenn anders die uralten Gebote der Ehre auch in -diesem südlichen Winkel unseres deutschen Vaterlandes noch nicht alle -Geltung verloren hatten. - -Daß sie es #nicht# hatten, daß sie zum mindesten nicht stillschweigend -übergangen werden konnten, dafür bürgte die Existenz des Herrn Anton -Gumposch. - -Er war wohlhabender Rentner, Sohn und Enkel reicher Gutsbesitzer, -der seine Stellung in der Gesellschaft wie seinen Bildungsfonds als -Hospitant einer Universität erhöht hatte, oder, genauer gesagt, als -Mitglied eines Korps. Er liebte den Schein der Arbeit und war immer -bemüht, ihn sich zu geben, und wenn ihm auch jeder Trieb zu ernsthafter -Beschäftigung fehlte, war er doch Tag für Tag lebhaft und regsam und -beobachtete nicht ohne Strenge die Arbeit seiner Nebenmenschen. - -Wer sich rechtschaffen plagte, durfte sicher sein, daß ihm Gumposch -wohlwollend auf die Achsel klopfte, und wer es im Kampfe ums Dasein -vorwärts brachte, konnte in dem anerkennenden Lächeln des Herrn -Gumposch den Ansporn zu neuen Anstrengungen erblicken. - -Naturgemäß und ganz von selbst mußte sich ein so liebevolles Interesse -für die Umwelt auch auf das Gemeinwohl erstrecken, und Gumposch war -denn auch rastlos bemüht, alle Maßnahmen, Fürsorgen, Veranstaltungen -und Anordnungen der städtischen Behörden Dornsteins einer sachlichen -Prüfung wie einer ständigen Besprechung zu unterziehen. Sein nie -ruhender Geist ersann täglich Pläne zur Hebung des Wohlstandes und -Ansehens der Gemeinde; Hebung, Entwicklung, Fortschritt waren die -Leitmotive seiner unzähligen Probleme, und so sehr stand er unter ihrem -Banne, daß er nicht einmal die Möglichkeit eines Vorschlages prüfte, -wenn er unter dem Zeichen von Hebung und Fortschritt zu stehen schien. - -Gumposch versah im Geiste alle Berge der Umgebung mit Drahtseilbahnen, -wollte auf den Höhen Riesenhotels anlegen, Bäche anstauen, um Seen für -den Wintersport zu erhalten, rundum im Lande alle Wasserkräfte erwerben -zu großen städtischen Fabrikanlagen, er projektierte elektrische Bahnen -nach allen Ausflugsorten, Konzertsäle und Kaffeehäuser in der Stadt, -und war immer mit einem neuen Plane zur Hand, wenn die Dornsteiner -Rückständigkeit den alten kopfschüttelnd abgelehnt hatte, und war immer -begeistert und ließ über den Häuptern einer grämlichen Philisterschar -die Fahne des Fortschrittes flattern, des Fortschrittes, der Hebung und -der Entwicklung. - -Gumposch war als Politiker jenem früher allgemein üblichen Liberalismus -zugetan, der ohne eigentliches Programm nur ab und zu bemerkbar wurde, -wenn er sich gegen ultramontane Bedrückung aufbäumte oder sich bei -Festen in Liedern erging. In gewöhnlichen Zeitläuften machte er nicht -viel Aufhebens von seinen politischen Meinungen und vermochte sie -auch wohl zu ändern und anzupassen, aber wenn Wahlen im Reiche waren, -erhob Herr Gumposch einen starken Lärm, ließ sich auf den Schild heben -und vermaß sich, der liberalen Idee neues Terrain zu erobern. Im -»Dornsteiner Boten« tauchten Nachrichten auf von Reden, die unser Herr -Gumposch hier und dort gehalten hatte, und von sichtbaren Eindrücken, -die seine vaterländisch tiefempfundenen Worte auf die Bevölkerung -gemacht hatten. - -Das »Dornsteiner Wochenblatt« hingegen strotzte von hämischen -Invektiven gegen den verdienten Bürger der Stadt und mußte in jeder -Nummer Gumposchische Erwiderungen auf Grund des bekannten Paragraphen -bringen, mit Repliken und Dupliken, in denen ein überlegener Hohn bald -auf dieser, bald auf jener Seite zu finden war. - -In solchen Zeiten, da deutsche Männer ihre ganze Vaterlandsliebe -aufbieten müssen, um nicht vom Ekel übermannt zu werden, und ihre -ganze Kraft, um nicht erschöpft zusammenzubrechen, und ihren nimmer -versiegenden Glauben an Deutschlands Zukunft, um nicht daran zu -verzweifeln, in solchen Zeiten fühlte sich Gumposch am wohlsten. - -Das Zielscheibesein für gewissenlose Angriffe oder für Pfeile aus dem -Hinterhalte war seiner Natur so recht entsprechend und stillte sein -Bedürfnis, ein Mittelpunkt zu sein. - -In solchen Zeiten konnte er es freudig erleben, daß auch stumpfe -Naturen bei seinem Anblick in Bewegung gerieten, daß sonst -gleichgültige Bürger vielsagend mit den Augen zwinkerten, wenn sie ihm -begegneten, daß im Gasthause bei seinem Eintritte die Leute die Köpfe -zusammensteckten und es kam auch vor, daß der eine und andere ihm -lautes Lob erteilte. - -Und wenn dann am Wahltage, wohlgemerkt auf Kosten des Herrn Gumposch, -im Redaktionsfenster des »Dornsteiner Boten« nach ganz neuzeitlichen -Prinzipien die Wahlresultate hinter beleuchtetem Glase auftauchten und -in diesem magischen Licht auch der Name Gumposch erstrahlte, und war es -mit noch so wenig Stimmen des Durchfalles, dann bildete dieser Moment -einen schönen Abschluß beseligender Wochen. Man sieht, daß dieser Mann -ein Pol im Kreise der öffentlichen Interessen war, und darum noch -einmal: es ist Zeit, bei diesem Ehrenhandel von ihm zu reden. - -Er stand vor der Tatsache, daß Herr Rechtspraktikant Tresser nach -einem heftigen Wortwechsel im überfüllten Höllbräusaale von Herrn -Pfaffinger geohrfeigt worden war, und er war keineswegs geneigt, diesen -Vorfall leicht zu nehmen oder ihn mit sattsam bekannten Vernunftgründen -aus der Welt schaffen oder mit Worten einer billigen Entrüstung abtun -zu lassen. - -Nein! Hier war endlich ein wirklicher Skandal gegeben, an dem Leute -beteiligt waren, von denen der eine gewiß, der andere vielleicht zum -Verständnisse des tiefen Ernstes der Sache gebracht werden konnte. - -Und Gumposch fühlte sogleich, daß er der Mann dazu war, diese -Angelegenheit in die Hand zu nehmen, ihr Einschlafen zu verhindern, ihr -einen honetten Ausgang zu verschaffen. - -War es ohne Bedeutung für den gebildeten Teil der Dornsteiner -Gesellschaft, wenn die bürgerliche Welt sah, daß dieses Renkontre nicht -anders und nicht ernsthafter behandelt wurde wie etwa eine Schlägerei -in den niederen Schichten? War es ohne erzieherischen Wert, wenn das -Bürgertum einsehen lernte, daß zwischen seiner Auffassung von Händeln -und ihren Folgen und der Auffassung von satisfaktionsfähigen Männern -denn doch ein unüberbrückbarer Abgrund klaffte? War es zuletzt für die -Reputation der Stadt so gleichgültig, wenn hier Prügeleien nicht anders -bemessen wurden als in dem nächsten Bauerndorfe? - -Noch einmal nein! - -Hier war Gelegenheit geboten, mit höheren Ansichten durchzudringen, -dem Ehrenstandpunkte Geltung zu verschaffen gegenüber einer -Bevölkerung, die nur zu leicht geneigt war, die Schranken nicht zu -sehen, welche sie von der gebildeten Klasse trennten. - -Wenn diese Bevölkerung mit aus Grauen und Bewunderung gemischten -Empfindungen sehen mußte, daß in gewissen Sphären ein Mann eben doch -anders für seine Handlungen einzustehen habe als Krethi und Plethi -- -jawohl Krethi und Plethi -- dann fiel von der abgerungenen Hochachtung -auch für den Mann ein gut Teil ab, der dem Ehrenstandpunkte zum Siege -verhalf und seine Zugehörigkeit zur besten Klasse klar und deutlich und -weithin sichtbar bewies. - -Alle diese Gründe, in einem Selbstgespräche und vor dem Spiegel mit -Kraft vorgetragen, brachten Herrn Anton Gumposch schnell zu dem -Entschlusse, seine Person in den Vordergrund zu schieben und das -pöbelhafte Ereignis auf ein höheres Niveau zu bringen. - -Der Weg zu diesem Unternehmen war vorgezeichnet. Daß Herr Tresser nicht -erst einer Überredung bedurfte, um in der Sache klar zu sehen, war wohl -anzunehmen. - -Hingegen erschien es mehr als zweifelhaft, ob Herr Georg Pfaffinger -nach Erziehung und Charakter in der Lage war, seine Pflicht zur -Genugtuung voll zu begreifen. - -Hier also mußte der Leiter der Angelegenheit einsetzen. - -Zum ersten war die Frage zu prüfen, ob der Brauereivolontär -satisfaktionsfähig war. - -Vor nicht langer Zeit hatte die Regierung der Brauereiakademie den -Charakter einer Hochschule verliehen, und damit war offenbar nicht nur -dem Biersieder die Würde einer gelehrten Beschäftigung zugesprochen -worden, sondern auch den Kandidaten die Eigenschaft des akademischen -Bürgers. - -Es bestand sohin gegründete Hoffnung, daß Herr Georg Pfaffinger auch -von strengen Beurteilern für satisfaktionsfähig betrachtet werden -konnte -- -- aber! - -Ob sich der Mann diese Eigenschaft selbst zuerkannte, in einem -Zeitpunkte, da sie für ihn brenzlich war, das mußte bezweifelt werden. - -Gumposch, der sich zuweilen auch jovial zu geben wußte, kannte -Schorschl von einigen gemeinsamen Früh- und Abendschoppen her und hatte -einen Einblick getan in dessen robustes und bildungsfremdes Wesen. - -Der ungeschlachte Jüngling hatte von Welt und Menschen eine durchaus -bräuburschige Ansicht, und seiner Art lag es bestimmt näher, -Streitigkeiten mit Watschen als mit Pistolenschüssen auszutragen. - -Vielleicht wäre jeder andere zurückgeschreckt vor der Aufgabe, einen -Pfaffinger über ritterliche Pflichten aufzuklären, vielleicht hätte -jeder andere dieses hoffnungslose und übel angebrachte Beginnen von -sich gewiesen, aber Gumposch hatte das stärkste Vertrauen auf die -Macht seiner Persönlichkeit, und er ging sogleich daran, sein Vorhaben -auszuführen. - -Er zog seinen Gehrock an und bedeckte das Haupt mit einem Zylinderhute, -und wenn dieser feierliche Aufzug an einem Werktage in Dornstein -Aufsehen erregen mußte, so war das ganz und gar nicht den Absichten des -Herrn Gumposch zuwider, denn er war nicht der Mann, eine so wichtige -Sendung in Heimlichkeit und Stille zu vollziehen. - -Im Gegenteil, als er an diesem hellen Vormittag über den Stadtplatz -wandelte, verstärkte er so viel er nur konnte durch seine düstere Miene -die Seltsamkeit seiner Erscheinung, und er bemerkte es gerne, daß man -die Hälse reckte und aus Fenstern nach ihm sah. - -Der Metzgermeister Eder pfiff und schrie hinter ihm her, was denn los -wäre, und der Uhrmacher Haas nahm hastig das Vergrößerungsglas von -seinem Auge und humpelte ins Freie. - -»Herr Gumposch! Pst! Sie Herr Gumposch, is a Leich oder was?« - -»Heut is keine Leich oder was,« sagte Gumposch ungnädig und wie ein -Mann, der nicht aufgehalten zu werden wünscht. - -»Ja no! Weil S' an Bratlrock o'hamm. Machen S' an B'suach?« - -»Besuch?« - -Gumposch blickte dem neugierigen Uhrmacher ins Auge und sagte, jede -Silbe betonend: »Jawohl, Herr Haas, ich mache einen Besuch!« - -Haas verstand, daß hier irgend etwas im Hintergrunde lauere, und -erschrak beinahe darüber. - -»S ... soo? Und bei wem, wenn i frag'n derf?« - -»Sie dürfen eben nicht fragen.« - -»Net?« - -»Respektive,« sagte Herr Gumposch, »respektive ich darf Ihnen keine -Antwort nicht geben ...« - -»Ja, aber ...« - -»Was?« - -»I moan, warum nacha net?« - -»Weil es Dinge gibt, Herr Haas, über die man nicht spricht.« - -Bei diesen Worten machte Gumposch eine scharfe Wendung nach links in -die Hafnergasse und ließ den verblüfften Uhrmacher in tiefem Sinnen -stehen. - -».... Wei ... weil ...?« - -Weil es Dinge gibt, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen -läßt, schlichter Bürger ... - -Schauen Sie ihm nach, wie er dahin geht mit dem in die Stirne -gedrückten Zylinder, winken Sie Ihrem Nachbar, dem Lohgerber, zu, -der mit noch aufgekrempelten Ärmeln unter der Türe steht, wispert -miteinander, lacht oder klopft vielsagend an die Stirne, ihr ahnt es -nie, daß dieser Mann einen Gang geht, von dem Leben oder Tod abhängen -kann! - -Obwohl dem bedeutsam Ausschreitenden auch von hinten etwas anzusehen -wäre, was man Schicksalsschwere nennen könnte. - - * * * * * - -»Herein!« - -Mit stark verschleimter Stimme: »Herein!« - -Herr Pfaffinger drehte sein Haupt, auf dem alle Haare wirr -durcheinander geraten waren, mühsam gegen die Türe hin und versuchte -es, die verklebten Augen zu öffnen. - -Sein unsagbar leerer Blick fiel auf seine Hausfrau Margarete -Holdenried, die ihn eifrig und mehrmals anrief. - -»Herr Pfaffinger! Herr Pfaffinger!« - -»Wos denn?« - -»Da Herr Gumposch is da!« - -»Da ... da ...?« - -»Da Herr Gumposch!« - -Das Erinnerungsvermögen Schorschels erstreckte sich offenbar nicht auf -diese bedeutende Persönlichkeit. - -Er sagte »von mir aus!«, gähnte und drehte sich um. - -»Ja, aba Herr Pfaffinger, da Herr Gumposch möcht Ihnen doch sprechen!« - -»Han?« - -»Er muß Ihnen auf der Stell sprechen, hat er g'sagt ...« - -»Mi?« - -»Freilich, es muaß was Dringends sei ...« - -»Er soll ma mei Ruah lass'n ...« - -»Ja, aba, wenn er do sagt ...!« - -»I steh net auf.« - -Frau Holdenried stand ratlos unter der Tür und sah auf ihren -Zimmerherrn, der die Decke über die Schultern zog und zu schnarchen -anfing. - -»Aba ...« - -»Lassen S' mich nur herein,« sagte Herr Gumposch, schob sie höflich ein -wenig beiseite und betrat das Zimmer. - -»Jessas, wia's aba da ausschaugt!« seufzte Frau Holdenried, »... und -... und ...« setzte sie bei und öffnete ein Fenster. - -»Ich muß eine Viertelstund' allein sein mit 'n Herrn Pfaffinger,« -mahnte der Besucher. - -»Aba wia's da ausschaugt!« - -»Das ist jetzt Nebensache ... auf das geb' ich gar nicht acht ...« -sagte Herr Gumposch. - -»Ja no, wenn S' meinen, aba ...« - -Frau Holdenried schüttelte mißbilligend das Haupt und übersah noch -einmal mit einem Blick die wüste Unordnung im Zimmer, hob die Weste vom -Boden auf, erhaschte die beiden Stiefel, schüttelte wieder das Haupt -und ging. - -Es war still in dem Zimmer; vom Bett her tönte es leise und gleichmäßig -wie der Klang einer langsam gezogenen Säge. - -»Herr Pfaffinger!« - -Es kam keine Antwort, und die Haarwildnis, welche in den Kissen lag, -geriet nicht in die geringste Bewegung. - -Gumposch klopfte mit dem Stock auf das Bett, einmal, zweimal, öfter. -»Herr Pfaffinger!« - -Die Haarwildnis drehte sich um, langsam schob sich die Decke ein wenig -herunter, und langsam schob sich der Deckel des einen Auges so weit -hinauf, daß dieses verständnislos auf Herrn Gumposch starren konnte. - -Dieser nahm einen Stuhl und setzte sich mitten in das Zimmer. Sein -Kinn stützte er fest auf die Hände, die er über der Krücke seines -Spazierstockes gefaltet hatte, und richtete seine Augen ernst und -unverwandt auf den jungen Menschen, dem er eine Pause gönnte, um die -Wichtigkeit des Augenblickes wie jene des Besuchers allmählich zu -begreifen. - -Schorschl schloß vor den strengen Blicken des Herrn Gumposch die Augen -und öffnete sie nur zögernd wieder, und immer auf ein neues zeigte sich -darin Erstaunen über die Erscheinung des Sendboten der Ehre. - -Dieser räusperte sich etliche Male und sagte mit tiefer Stimme: - -»Ja, ja ... das ist eine böse Sache, Herr Pfaffinger!« - -Schorschels Gedanken reihten sich noch keineswegs geordnet aneinander. - -»Wia?« fragte er. - -»Sie haben sich was Böses eingerührt, gestern nachts ...« - -Die Erinnerung an eine leise knarrende Stiege, an eine Türe, die beim -Schließen ein wenig geächzt, an eine Hand, die ihn geführt hatte, die -Erinnerung an volle Arme, die sich um seinen Hals geschlungen hatten, -tauchte in Herrn Pfaffinger auf und vermochte ihn, seine Augen weiter -zu öffnen. - -Da saß vor ihm ein Mann, der ihn bitter ernst anblickte und beinahe -traurig mit dem Kopfe nickte ... irgendein Grund mußte ihn doch -hergeführt haben ... sollte wirklich der Vater was gemerkt ... die -Tochter was gestanden haben? - -Sein Herz fing an, schneller zu schlagen. - -»Wia?« fragte er unsicher, beinahe ängstlich. - -Gumposch, als ein gewiegter Menschenkenner, sah wohl, daß seine -Anwesenheit Gemütsbewegungen verursachte, und das freute ihn und -erregte in ihm sogar ein gewisses Wohlwollen mit seinem Opfer. - -»Tja!« sagte er, »lieber Pfaffinger, wie stellen Sie sich das vor, daß -die Sach 'nausgeht?« - -Wie stellte man sich das vor? - -Die Gedanken Schorschels richteten sich langsam auf ein paar -Möglichkeiten, Unannehmlichkeiten, auf Verdruß daheim, Verlust an Geld, -auf lange Weibsbilderreden. - -Er sah zerknirscht aus, was Gumposch sich hoch anrechnete, und da er -nun den Augenblick gekommen sah, wo er mit einer wohlgesetzten Rede -einfallen mußte, erhob er sich und wandelte im Zimmer hin und wieder -und war darauf bedacht, seine Perioden abzurunden. - -»Da haben wir die alte Geschichte,« sagte er, »die Jugend, die einfach -... brrr ... drauf los stürmt, nichts überlegt, an keine Folgen nicht -denkt, hitzig, nichts wie hitzig! Wacht man hernach am andern Tag auf, -dann kommt die Überlegung. Jetzt sieht der Mensch, was er für eine -Dummheit gemacht hat. Wie? Was sagen S'?« - -Schorschl sagte eigentlich nichts. Er brummte wohl etwas in die -Bettdecke hinein, aber es gehörte nicht unbedingt zur Sache und paßte -keineswegs zu dem würdigen Ton, den Herr Gumposch angeschlagen hatte -und festhielt. Bemerkenswert war nur, daß der junge Mensch in diesem -Augenblicke beschloß, faustdick zu lügen und nichts zu gestehen, nicht -das geringste zu gestehen und faustdick zu lügen. »Ja, da brummen Sie!« -konnte nun der Redner fortfahren, »das verdrießt Sie womöglich noch, -daß man Ihnen die Wahrheit sagt, aber die müssen Sie schon annehmen -von einem Manne, der das Leben kennt und der in solchen Dingen seine -Erfahrung hat. Seine reichliche Erfahrung, mein lieber Pfaffinger, und -Sie müssen ja nicht glauben, daß ich über die Sache urteile, wie ... -wie ... sagen wir ... ein Prolet oder ein Bürger ... Ich sage auch -nicht, daß so was absolut nicht vorkommen kann ... du lieber Gott! Ich -war auch kein Guter, wie ich so alt war wie Sie, ich war ein verdammt -scharfer Kerl, das kann ich Ihnen sagen, und deswegen verstehe ich das -Vorkommnis, verstehe es vollkommen. Sie müssen nicht glauben, daß ich -Ihnen Vorwürfe machen will, ich betrachte es nur als meine Aufgabe, -Ihnen mit Rat und Tat beizustehen ...« - -Schorschl fand, daß dieser Mann sehr lange brauchte, bis er die Katze -aus dem Sack ließ, und er betrachtete ihn blinzelnd und voll Unbehagen, -wie er da auf und ab schritt und redete wie ein Buch. - -Er sollte endlich einmal herausrücken mit der Farbe, damit man -frischweg lügen konnte ... - -»Pfaffinger,« sagte Herr Gumposch nun väterlich und zutunlich und sah -den jungen Menschen wohlwollend an, »Pfaffinger, Sie betrachten sich -doch selber als satisfaktionsfähig?« - -»... Wia?« - -»Nachdem Weihenstephan jetzt eine Hochschule ist, nicht wahr, haben -doch die Angehörigen dieser Hochschule, nicht wahr, auch ihrerseits das -Bestreben, als satisfaktionsfähig zu erscheinen ...?« - -»Wia?« - -Gumposch wurde ärgerlich. - -»Also, das ist doch klar, daß Sie dem Herrn Rechtspraktikant Tresser -nicht bloß eine herunterhauen können und damit fertig! Wir leben doch -nicht unter den Aschantis, nicht wahr, oder unter den Bauern ...« - -»Ja so!« Schorschl sagte es nicht eigentlich und deutlich. Seine -ganze ängstliche Spannung löste sich auf in einem »Ja so!« Er rutschte -mit einem kaum zu beschreibenden wohligen Gefühle tiefer unter die -Decke, er streckte froh und erleichtert die Beine aus und spielte -behaglich mit den Zehen und drehte sich gegen die Wand, und sein ganzes -Wesen war nur ein »Ja so!« »Wir leben doch nicht unter den Aschantis!« -wiederholte Gumposch, der diesen seelischen Vorgang nicht bemerkte, -weil er eben seinen Marsch durch das Zimmer wieder aufnahm. »Wenn ihr -Weihenstephaner das Bestreben habt, unter die Gebildeten aufgenommen -zu werden, so müßt ihr auch klar sein, daß es hier, daß es in solchen -Dingen nur ein Entweder -- Oder gibt. Entweder man ist Knote, oder man -gehört zu den Leuten, welche die Verantwortung für ihre Handlungen auf -sich nehmen. Ist man Knote, will man Knote sein, -- gut! Dann war es -nicht notwendig, daß ich mich hierher bemüht habe, dann war es sehr -überflüssig, sich den Rat eines Mannes zu erbitten, der von Jugend auf -gewohnt ist, Differenzen in ehrenhafter Weise auszutragen. Dann war -es ganz und gar nicht angebracht, sage ich, einem solchen Manne die -Entscheidung zu überlassen, die Entscheidung darüber, ob hier anständig -oder proletenhaft, jawohl, ich sage proletenhaft, verfahren werden -soll; denn darüber konnte kein Zweifel sein, wie meine Ansichten sind, -und jedenfalls würde ich es mir ganz energisch verbitten, in diesem -Punkte Zweifel zu haben. Wie gesagt, die Frage lautet ganz einfach: -»Wollen Sie ein Knote sein und als Knote gelten, Herr Pfaffinger? Ja -oder nein?« - -Es ertönte weder das eine noch das andere. Sondern, erst leise -einsetzend, dann zäh und wuchtig, als gelte es, Verlorenes nachzuholen, -schnarchte der junge Mensch, dem hier so eindringlich wie uneigennützig -ins Gewissen geredet worden war. Schnarchte dergestalt, daß jede -Aussicht auch auf zeitweilige Unterbrechung ausgeschlossen erschien. -Gumposch war mehr als indigniert, er war angefüllt mit Verachtung. Er -nahm Stock und Hut, stellte sich vor das Bett und warf einen stechenden -Blick auf diese jedes Pflichtgefühles bare und trotzdem in tiefstes -Behagen versunkene Masse. - -»Also Knote!« sagte er und ging. - - * * * * * - -Aber, wie gesagt, über all dem darf man nicht vergessen, daß -ein Mitglied der besseren Stände, und einer, dem die Laufbahn im -Staatsdienste eröffnet war, vor einem zusehenden Publikum das erhalten -hatte, was auch eifrigste Beschönigung eine Maulschelle heißen mußte. -Daß sie nicht einfach hingenommen werden konnte, war die Meinung aller -Beamten, deren Leidenschaftlichkeit nicht gänzlich unter Aktenstaub -erloschen war, und so konnte denn ein aufmerksamer Beobachter wohl -bemerken, daß zwei Tage nach dem Vorfalle ein lebhafter Frühschoppen -im Gasthofe zur Post herrschte. Der gebildete Teil der Bevölkerung -trank hier ein Glas Wein und trank es mit tiefstem Unwillen, mit einem -Gefühle, das man seiner weisen Mäßigung halber Indignation nennen -könnte. - -Er hatte sich immer mehr erhitzt, als Gumposch erklärte, daß der -ungehobelte Flegel, nämlich Herr Georg Pfaffinger, nicht das geringste -Verständnis für das Wesen der Satisfaktion besitze. - -Solange darüber nicht Klarheit herrschte, hatten die alten -Studenten und freien Burschen das unangenehme Nebengefühl gehabt, -daß ein Waffengang in Dornstein auch für entfernt Beteiligte große -Unannehmlichkeiten nach sich ziehen könne. Jetzt, da für ängstliche -Bedenken kein Platz mehr war, traute sich bei Oberamtsrichter -Herzensfroh wie bei jedem der tiefe Ingrimm über den Lümmel hervor. Man -war sich sogleich darüber einig, daß unter diesen Umständen dem ganzen -klobigen Spießbürgertum ein heilsamer Schrecken eingejagt werden müsse -durch eine scharfe Forderung auf Pistolen. - -Natürlich würde sie Pfaffinger nicht annehmen, wie Herr Gumposch immer -wieder versicherte, aber die bange Erkenntnis würde in ihm aufdämmern, -daß er mit seiner Roheit an Kreise geraten war, deren scharfkantige -Ehrbegriffe ihm furchtbar erscheinen mußten. Ihm und den anderen, die -gegenüber von der Post beim Lammwirt saßen und, wie man recht gut -wußte, ein unflätiges Vergnügen an dem bisherigen Gang der Ereignisse -bezeigten. - -Also über diese Notwendigkeit war man sogleich einig, und nun warf -Oberamtsrichter Herzensfroh die wichtige Frage auf, wer das Amt -des Kartellträgers, des, wie Gumposch versicherte, vergeblichen -Kartellträgers übernehmen sollte. - -In die engere Wahl kamen nur zwei Herren: Anton Gumposch und der -pensionierte Leutnant Hans Mühlritter, denn es stand fest, daß kein -Beamter sich der Aufgabe widmen durfte, weil die Expedition nicht -geheimbleiben konnte und sollte. - -Gumposch, ein mit dem Kodex der ritterlichen Pflichten vertrauter -Mann, mußte die Wahl ablehnen, da er schon in anderer Eigenschaft, als -Ratgeber und eventueller Sekundant, dem Menschen, nämlich Herrn Georg -Pfaffinger, nähergetreten war, und so blieb nur Mühlritter übrig, der, -ohne einen Augenblick zu zögern, seine Zusage gab. - -»Für einen alten Soldaten,« sagte er, »gibt es da kein langes hin -und her. Man stellt sich auf den Posten. _Bong!_« Alle dankten ihm -herzlich, fast lärmend, und Gumposch, der, wie immer, den günstigen -Augenblick ersah und das Richtige traf, bestellte eine Flasche guten -Rheinweines. - -Unter ihrem Einflusse wurde Mühlritter sehr gesprächig, und da er -in seinem Leben wohl nie derartig in den Mittelpunkt des Interesses -gestellt gewesen war, nützte er diese einzige und späte Gelegenheit -nach Kräften aus. - -Er war durch den magersten Ruhegehalt gezwungen, als Inspektor einer -Lebensversicherung Nebenverdienst zu suchen, und in dieser Eigenschaft -hatte er sich eine hinströmende und bilderreiche Redeweise angeeignet. - -So verbreitete er also eine Atmosphäre von Ritterlichkeit und rauher -Soldateska um sich und gab zu verstehen, daß solche Gänge, wie der -vorhabende, zu seinen Gewohnheiten gehört hätten in jenen Tagen, die er -mit Zungenschnalzen und Verdrehen der Augen seine tolle Leutnantszeit -hieß. - -Da Gumposch fleißig einschenkte und die Tafelrunde ihn mit -Wohlwollen anhörte, geriet er immer tiefer in seine waffenklirrende -Vergangenheit und berichtete Abenteuer, als wäre er bei Pappenheims -Kürassieren gestanden und nicht im glorreichen Jahr 1866 zum Leutnant -auf Kriegsdauer ernannt worden, und er überschüttete die Krämer, -Brezelbäcker und Kälberstecher Dornsteins mit unsäglicher Verachtung, -ganz vergessend, daß sie seine Mitbürger und Gläubiger waren. - -Als die Mittagsglocke läutete, erwachten alle Familienväter aus ihren -Heldenträumen und erhoben sich. - -Junker Hans Mühlritter sah jedem vielversprechend ins Auge und teilte -derbe Händedrücke aus und vermaß sich noch einmal und immer wieder, -er wolle noch desselbigen Tages ein Feuerlein anschüren, an dem die -Frechheit Pfaffingers wie Butterschmalz zergehen werde. - -Dann blieben sie zu dritt am Tische sitzen, der Leutnant-Inspektor, -Anton Gumposch und Tresser. - -Die Gläser klangen hell und häufig aneinander, und Mühlritter trank, -wie es recht war, Bruderschaft mit dem Jüngling, dessen Fehdebrief er -dem Gegner überbringen sollte, und der Korpsphilister Gumposch hielt -nicht an sich, sondern bot dem alten Kriegsknecht das traute »Du« an -und küßte ihn auf das weinsäuerlich duftende Maul. - -Und ein rauhes Wort gab das andere, und jugendliche Abenteuer tauchten -auf und verschwanden wieder im Nebel des Zigarrenrauches, und Tresser -versank in tiefe Traurigkeit darüber, daß sein Feind nicht auf dem Plan -erscheinen werde. - -»Und nacha,« so erzählt die Kellnerin Zenzi, »und nacha hat der Herr -Gumposch an Schampaniger zahlt, und da san 's allaweil b'suffener worn, -und der notige Leitnant is auf an Sessel durchs Zimmer g'ritt'n und -hat kummadiert, und de andern san hinter eahm drei' g'ritt'n, und wenn -er Galopp g'schriean hat, sans mit die Stühl so umanandbockelt, daß -zwoa brocha san, und g'sunga ham 's, und da Herr Gumposch hat mit sein -Steck'n umanandg'fuchtelt, als wenn er an Sabl in da Hand hätt', und -nacha hat er a Lamp'n aba g'haut, und nacha san 's hoam.« - - * * * * * - -Nicht alle gingen heim, wie Zenzi glaubte, sondern Junker Hans -marschierte über den Stadtplatz, und obwohl er krampfhaft sein Ziel, -den Eingang der Hafnergasse, ins Auge faßte, landete er dennoch in -schräger Linie seitab davon auf dem jenseitigen Bürgersteig und -gelangte erst nach mehreren Schwierigkeiten vor die Wohnung der Frau -Holdenried, welche erschrocken über den heftigen Klang der Glocke -herausstürzte. - -Der ihr nicht unbekannte Inspektor der Assekuranzgesellschaft Bolivia -gab sich die größte Mühe, finster und ahnungsschwer auszusehen und das -selige Lächeln aus seinem Antlitze weichen zu lassen. - -Er fragte mit hohler Stimme, ob ein gewisser Georg Pfaffinger anwesend -und gegenwärtig sei. - -»Nein, der komme erst in einer guten Stunde heim, und Jessas -- Jessas -na! was es denn schon wieder gebe?« - -»Nichts für Weiber!« war die Antwort, und da schaute nun die gute -Witwe Holdenried dem über die Treppe hinab Polternden in banger, aber -ungestillter Neugierde nach und faltete die Hände ineinander, wie es -die Frauenzimmer in solchen Lagen tun. - -»Jessas na! Also seit zwei Täg' is keine Ruh und kein Fried mehr im -Haus ...« - -Und eine Treppe tiefer kam die Frau Sattlermeister Widmann, welche -durch den lauten Abstieg Mühlritters in Argwohn versetzt worden war, -aus ihrer Wohnung. - -»Was gibt's denn, Frau Holdenried?« - -»Denken S' Ihnen nur, g'rad jetz is der Inspektor dag'wes'n und hat -nach 'n Herrn Pfaffinger g'fragt ...« - -»Der Mühlritter?« - -»Ja, und wie der ausg'schaut hat, sag' ich Ihnen, und wie der g'fragt -hat ... na ... das is grad, als wenn mein Zimmerherr kein Ruh' mehr -krieg'n derf ...« - -Frau Widmann kam nach oben und stand lange bei ihrer Hausgenossin und -tauschte mit ihr die schlimmsten Befürchtungen aus. - -Aber das war an diesem Tage das Los aller Dornsteiner, dieses Leben in -Angstzuständen. - -Als Anton Gumposch, den Hut tief in die Stirne gedrückt, nach Hause -ging, befiel ihn ein Gedanke, der seiner Gewissenhaftigkeit und -allgemeinen Fürsorge angemessen war. - -Wie? Wenn er sich getäuscht hatte? Wenn der junge Mensch die Last -der Verachtung als zu groß befand und im letzten Augenblicke den -Forderungen der Ehre Gehör schenkte? - -Mußte nicht zum wenigsten die Möglichkeit ins Auge gefaßt werden? - -Und wer sollte sie ins Auge fassen, wenn nicht er? - -Die Verantwortung, die so mit einem Male vor ihm stand, hob beinahe -alle Nachwirkungen des Frühschoppens in ihm auf, und er vermochte sich -Rechenschaft zu geben über die Reihenfolge der Pflichten, die ihm -bevorstehen konnten. - -Einen Platz auswählen, Fuhrwerke besorgen, einen Arzt ins Vertrauen -ziehen, nun natürlich ... einen Arzt um Beistand ersuchen, drei -Kutschen bestellen, einen Platz aussuchen ... einen Arzt ... Da lag -nun wieder einmal, wie so oft schon, alles auf seinen Schultern, -die anderen redeten und ließen sich's weiter nicht kümmern, bloß er -natürlich hatte die Arbeit, die Lauferei, die Sorge. - -Er war zu Hause angelangt und stellte sich vor den Spiegel und sah -kummervoll in das blaurote Antlitz, welches ihm mit verschwommenen -Augen entgegenblickte. - -»Wer dankt dir's eigentlich, Toni?« fragte er wehmütig. »Und was hast -du davon? Scherereien und Ärgernis, jawohl, und zuletzt Undank ...« - -Als er so fast in Schmerz versinken wollte, fiel sein Blick auf die -Pistolen, die an der Wand hingen, und sogleich fand er seine Tatkraft -wieder. Freilich! Pistolen brauchte man ja auch, und in ganz Dornstein -war vielleicht kein gleiches Paar außer den seinen zu finden. - -Er nahm sie herunter, und da sie Rost angesetzt hatten, wollte er sie -sogleich zum Büchsenmacher bringen. - -Vergessen war jedes lähmende Gefühl. - -Er umwickelte die Waffen sorgfältig mit einer alten Zeitung und stand -schon eine Viertelstunde später mit seinem Paket unterm Arm in der -Werkstatt des Xaver Reindl, der einen Gewehrlauf putzte und dabei -Unterhaltung pflog mit Herrn Magistratsrat Trinkl. - -Gumposch setzte seine geheimnisvollste Miene auf und erregte die -Neugierde des Büchsenmachers durch Nicken und Blinzeln. - -Er räusperte sich, gab ausweichende Antworten, trat von einem Fuß auf -den andern und zeigte so viel Ungeduld und Heimlichkeit, daß es sogar -Herr Trinkl merkte und ging. - -»Reindl,« sagte nun Gumposch, indes er dicht vor den Meister hintrat -und ihn durchbohrend anblickte, »Reindl, können Sie schweigen?« - -»Ja, was glauben S' denn, Herr Gumposch ...« - -»Kein Mensch darf nichts erfahren ...« - -»Aba Herr Gumposch, i bin do a Mann, der ...« - -»Gut, ich verlaß mich auf Sie.« - -Bei diesen Worten öffnete Gumposch sein Paket. - -»A paar alte Vorderladerpistol'n?« - -»Reindl, die Pistolen müssen heut noch herg'richt werden, Lauf, Piston, -alles sauber geputzt.« - -»Heut no?« - -»Es muß unbedingt sein.« - -Wieder traf ein durchbohrender Blick den Büchsenmacher. - -Der musterte eine Pistole und probierte die Feder. - -»Rostig san 's ... no, wenn's sei muaß ...« - -»Unbedingt.« - -»Aber net, daß i ...« - -»Was?« - -»Aber net, daß i da in a Schlamassel nei kimm.« - -»Wieso denn? Ich brauch die Pistolen zum Übungsschießen. Sie haben sich -um gar nichts zu kümmern.« - -Der Meister drückte sein linkes Auge zu und schaute Herrn Gumposch -vielsagend an. - -Der nickte und wiederholte: »Zum Übungsschießen. Hab' ich was andres -g'sagt?« - -Seine Blicke verrieten freilich, daß hinter seinen Worten ein blutiges -Geheimnis lauerte, aber es kam nichts über seine Lippen, und darum -konnte Reindl sein Gewissen beschwichtigen. - -»Von mir aus,« sagte er, »Sie schaffen's o -- net? Und i mach's -- net? -Und es g'hört zu mein G'schäft -- net?« - -»Ganz richtig,« entgegnete Gumposch, »und dann bleibt's dabei, ich hol' -abends die Pistolen und komm' hinten herein. Adieu!« - -»Adjes! Sie ... Herr Gumposch ...« - -»Was?« - -»Aba net, daß i in a Schlamassel einikimm?« - -»Nein, sag' ich. Reden nur Sie nix drüber.« - -Er ging. - -Der Meister kratzte sich hinter den Ohren und schaute bedenklich vor -sich hin. »Sakera! Sakera!« - -»Pst! Xaverl! Is der spinnata Deifi weg?« - -Reindl wandte sich hastig um. Der Herr Magistratsrat Trinkl war durch -die hintere Tür eingetreten. »I bin zu deiner Alt'n eini und hab' -g'wart', bis der furt is. Was hat er denn woll'n, daß er's gar so gnädi -g'habt hat?« - -»Ah ... nix b'sunders!« - -»So?« machte Trinkl mißtrauisch und warf flinke Blicke herum. - -»Zu was g'hör'n denn de Pistol'n?« - -»De? Ah ... de hab i scho lang do.« - -»Lüag no net a so, Mannderl! De hat der bracht. Ah, da schau her! Jetzt -kam's do no so weit!« - -»Was denn?« fragte der Büchsenmacher neugierig. - -»De möcht'n den junga Mensch'n frei zwinga zu dera Dummheit! De -Spitzbuab'nbande überananda!« - -»Red do!« drängte Reindl. - -»Ja ... red! Und du muaßt aa no dazua helf'n!« - -»I? Zu was?« - -»De Pistol'n herricht'n, gel, daß de eahna Duwäldummheit ausführ'n -kinna!« - -»Was denn für a Duwäl?« - -»Du woaßt nix, du Schlaucherl!« - -»I woaß aa nix. Mach' halt amal 's Maul auf!« - -»So, woaßt d' net, daß de an Pfaffinger Schorschl o'stift'n möcht'n, er -müaßt si duwelieren, weil er an Tresser a richtige Pretsch'n geb'n hot, -wia 's a si g'hört. Vo dem host du no gar nix läut'n hör'n?« - -Reindl pfiff durch die Zähne. - -»So? Dös waar's?« - -»Ja, dös waar's, und du bist der Dumm' und laßt di in de G'schicht -einiziahg'n ...« - -»Herrgott, wenn i nix woaß ...« - -»Jetzt woaßt d' as, weil i dir's g'sagt hab. Aba wart no, da wer i -glei g'holf'n hamm,« sagte Trinkl und nahm mit einem raschen Griff die -Pistolen und steckte eine in die linke und eine in die rechte Tasche. - -»Wart! De ko si der Hansdampf jetzt bei mir hol'n.« - -»Aba Michl!« - -»Wos aba? Nix aba! I bin an Amtsperson, verstand'n? Und bal i a -Werkzeug siech, wo ein Verbrech'n damit beganga wer'n soll, dös -konfiszier i ganz oafach ...« - -»Ja, mir is gleich ...« - -»Derf da scho gleich sei ... Derfst d' sogar froh sei, daß i di von -dera Dummheit z'ruckg'halt'n hab. Dös waar dös wahre, wenn a Bürger aa -no zu so was helfat!« - -»Wenn i dir sag, daß i nix g'wißt hab!« - -»Aber unwissend was hättst du eahm de Waff'n g'liefert. Wurdst scho -g'schaugt hamm, Manndei, wia s' di füra zog'n hätt'n!« - -»Ja no, du host jetzt de Pistol'n, und mi geht's nix mehr o, bal du -sagst, daß du's von Amts weg'n gnumma host ...« - -»Hab' i aa.« - -»Aba, was soll i denn zu eahm sag'n, bal er kimmt?« - -»Zu eahm? Zu dem Gschaftlhuaba? Sagst d' eahm, die Waffe hat der -Magistrat an sich gezogen, sagst d'; und bal er a Duwäl hamm will, soll -er si a Wurschtspritz'n z' leicha nehma, sagst d' eahm! Pfüat di Good!« - -Und in aufrechter Haltung schritt Herr Trinkl hinaus und schritt durch -die Gassen Dornsteins, anzusehen wie ein Räuberhauptmann, denn aus -jeder Tasche sah drohend ein Pistolenkolben hervor. - - * * * * * - -Gärung in der Stadt. Die Bürgerschaft, durch einen ihrer Besten -in Kenntnis gesetzt und durch Vorzeigung zweier Pistolen zur -zweifelsfreien Überzeugung gebracht, daß in den Mauern Dornsteins -ein hoffnungsvoller, auch wohlhabender junger Mensch zu einem -lebensgefährlichen Abenteuer, ja zu einem Verbrechen gezwungen werden -solle, fühlte sich bedroht und vergewaltigt und in ihrem Glauben an die -Gesetzlichkeit der Zustände schwankend. - -Jeder wußte über Beobachtungen zu berichten, die er in den letzten -Tagen gemacht hatte. Der eine war dem Rädelsführer Gumposch, der andere -dem notigen Leutnant in der Pfaffengasse begegnet, dieser hatte den -Oberamtsrichter, jener den Assessor in die »Post« wandern sehen, ein -dritter wußte schon, welche drohenden Reden beim Frühschoppen gehalten -worden waren, und die ganze Kette der Verdachtsgründe war geschlossen -durch die Entdeckungen, welche Trinkl beim Büchsenmacher zu machen so -glücklich war. - -Es bestand also eine Verschwörung in dieser friedlichen Stadt, -angezettelt von Dienern des Staates und darauf gerichtet, das Blut -eines jungen, auch wohlhabenden Menschen zu vergießen und dem Moloch -der Ehre ein Opfer zu bringen. - -Der Abendschoppen beim Lammwirt glich einer Volksversammlung, und -Bäckermeister Schwarz konnte die ganze Zügellosigkeit seines Wesens -offenbaren, ohne den geringsten Widerspruch zu finden. - -Von Lohgerber Holzböck aber ging eine Anregung aus, die Besseres -bezweckte als diese wütende Despektierlichkeit: die Anregung, eine -Deputation nach München zu schicken, dem Abgeordneten Hiempsel den -Sachverhalt vorzulegen und durch ihn den Landtag zum schleunigsten -Einschreiten zu veranlassen. - -Dieser Antrag fand außerordentlichen Beifall, und man ging sogleich -daran, die geeigneten Männer auszusuchen. - -Bäckermeister Schwarz erbot sich freiwillig, als Sprecher dieser -Deputation das seinige zu tun, wurde aber von dem Vater der Idee, Herrn -Bartholomäus Holzböck, darüber belehrt, daß Männer, die gewissermaßen -als Gesandte der hier versammelten Bürgerschaft auftreten müßten, nur -nach geheimer Abstimmung aus einer Wahlurne hervorgehen könnten, und -man war eben dabei, die dazu nötigen Zettel zu verteilen, als die -Tür aufging und -- Georg Pfaffinger an der Seite Hans Mühlritters -eintrat. Die überraschende, sonderbare und alle bisherigen Vermutungen -zerstörende Erscheinung der beiden wirkte so stark, daß sogleich -betretenes Schweigen herrschte. - -Man konnte in Gegenwart Mühlritters, der doch aus dem feindlichen Lager -kam, nicht in der Wahl fortfahren, man konnte auch angesichts der -Gelassenheit Pfaffingers nicht mehr so fest an einen Mordplan glauben, -man fühlte sich behindert und unsicher und fühlte auch mit Bedauern, -daß eine schönste Gelegenheit zum Spektakelmachen zu entschlüpfen -schien. - -Die Gegenstände der Aufmerksamkeit setzten sich in offenbarer Harmonie -an einen Nebentisch, bestellten Bier und stießen wahrhaftig miteinander -an. Da hielt es Trinkl nicht mehr aus! - -Er bat den Jüngling, für dessen Menschenrechte er so lebhaft -eingetreten war, um eine Unterredung und ging mit ihm an jenen Ort, -wo solche geheimen Angelegenheiten mit Vorliebe behandelt werden, und -erfuhr nun, daß nichts los sei. - -Daß rein gar nichts los sei. - -Keine Rede von einer Forderung, einem Duell, einem Mord. - -Aber der Gumposch? Der Frühschoppen in der Post? Aber die Pistolen? - -Was wußte Schorschl davon? Nichts. Was gingen ihn der damische Gumposch -und seine Geschichten an? Gar nichts. - -»Aba der Mühlritter? Sie wer'n do mir d' Wahrheit sag'n, Herr -Pfaffinger, indem daß mir für Eahna so auftret'n!« - -»Natürli sag' i Eahna d' Wahrheit, Herr Trinkl. Überhaupts.« - -»Indem daß mir a Deputation auf Minka hamm schick'n woll'n!« - -»I tat do Eahna nix verheimlinga, Herr Trinkl!« - -»Aba was hat na da Mühlritter von Eahna woll'n?« - -»Nix. Oder daß i's richtig sag', er hat mi in sei Lebensvasicherung -aufgnumma ...« - -»In ...?« - -»In sei Boliefia ...« - -»Ja ... Herrgott ... und mir strapaziern ins da oba ...« - -Gewiß war es merkwürdig. Noch viel merkwürdiger, als ein Bürger wissen -konnte, der den Schwur des Junker Hans nicht mit angehört hatte. Aber -trotzdem -- es war so. - -Sei es nun, daß Mühlritter unter der Einwirkung der starken Weine den -Zweck seines Besuches vergessen, sei es, daß er sich bei allmählicher -Ernüchterung auf seine eigentlichen Berufspflichten besonnen hatte, -Tatsache ist, daß er Herrn Georg Pfaffinger in gewählten Worten -die Vorzüge der Assekuranzgesellschaft Bolivia vor jeder anderen -gleichen oder ähnlichen Unternehmung vor Augen stellte und ihn, Herrn -Pfaffinger nämlich, auch bewog und überredete, seine Unterschrift -zu geben, Tatsache ist ferner, daß von einer Forderung oder irgend -etwas dem ähnlichen nicht die leiseste Erwähnung geschah. Mit diesen -Tatsachen hatte sich, da in Dornstein nichts verborgen bleiben konnte, -die gesamte Einwohnerschaft abzufinden, und sie erregten, was hier -konstatiert werden soll, allgemeine Zufriedenheit. - -Die größere bei dem Beamtenkörper, dessen Mitglieder jene beim -Frühschoppen gefaßten Beschlüsse noch am selben Nachmittag heftig -bereut hatten, die kleinere Zufriedenheit bei den Bürgern, die schon -begonnen hatten, sich in aufgeregten Zuständen behaglich zu fühlen. - -Ein einziger Mensch war empört über das unglaublich niedrige Niveau, -auf dem sich die Gesellschaft Dornsteins nun ein für allemal zu bewegen -schien: Herr Anton Gumposch. - - - - - Das Volkslied - - -Es erwachte damals die Freude am Volkstum, und man konnte überall -recht wohl den Drang bemerken, sich von echten, kleinsten Zügen der -Volksseele zu überzeugen und sie in gehaltvollen und gewundenen Sätzen -wiederum zu schildern. - -Neben Wortprägungen, die mit Heimat, Scholle, Erde, Erdgeruch wackere -Zusammenhänge fanden, begegnete man herzig schlichten Romanen, die, als -Aufgüsse über den würzigen Bodensatz Gottfried Kellerscher Getränke, -Farbe und Geschmack annahmen, und begegnete auch heimatliebenden, -von jeder peinlichen Tendenz abgekehrten Schulaufsätzen, welche man -ehedem Feuilletons genannt hatte. In dieser wonnigen, schollenseligen -Zeit bemühten sich auch Berufsmenschen, Perlen im Aktenschutte zu -finden, und so nahm sich ein Rechtsanwalt namens _Doctor juris_ Anton -Habergais vor, seine mitten in Land und Leute verschlagene Existenz -folkloristisch zu verwerten und seltene Lieder zu sammeln. Er glaubte, -daß sich ungehobene Schätze genug unter niederen Dächern befinden -konnten, und er wollte sie ans Licht ziehen und mit ihrer Naivität -ein heimatfrohes Publikum entzücken. Der Gedanke war kaum gefaßt und -im vorhinein lieblich verbrämt, als Herr Habergais auch an seine -Verwirklichung schritt und sich ein in Leder gebundenes Heft von -schönem Büttenpapier kaufte. - -Er stellte sich freudig vor, wie er wohl an stillen Winterabenden hier -hinein Lied für Lied mit Beibehaltung der ursprünglichen Schreibweise -eintragen wollte benebst Anmerkungen unter einem mit roter Tinte zu -ziehenden Striche. - -Nach etlichen fleißigen Monaten ließ sich dann wohl ein Büchlein -daraus formen, welches den Forschern zur Erquickung, anderen aber zur -Belehrung dienen mußte. Wie war nun aber das Material herbeizuschaffen? - -Der ehedem solchen Zwecken gerne dienstbare Volksschullehrer hatte -sich leider im Laufe der Zeiten daran gewöhnt, seine Entdeckungen -selbst zu Aufsätzen, zu Heften und Büchlein zu verwerten, und war -als selbstloser, höchstens im Vorworte erwähnter Mitarbeiter kaum -mehr zu haben. Darum blieb nichts übrig, als unter Umgehung dieses -Sammelbeckens sich geradeswegs an die Quellen zu begeben, was ja einem -Rechtsanwalt immerhin möglich war. - -So kam also Herr Doktor Habergais mit sich überein, von rechtsuchenden -Bauern selbst Beiträge zu erbitten. - -Ein in seiner Gemeinde Weidach wohlangesehener Ökonom, Jakob Hirtner, -genannt Matheiser, kam in seiner Angelegenheit zu Habergais, als dessen -Entschluß gerade gereift war. - -Nach dem Geschäftlichen ging der Rechtsanwalt zu einem jovialen Ton -über, klopfte dem Matheiser auf die Schulter und begann zu fragen. - -»Hirtner, nicht wahr, bei Ihnen in Weidach wird doch häufig gesungen?« - -»G'sunga?« - -»Ich meine die jungen Mädchen, die zum Brunnen gehen, die Burschen auf -der Landstraße -- --« - -»Brunna?« - -»Ja, die Mädchen, die vom Dorfbrunnen Wasser holen -- --« - -»Mir hamm ja gar koan Dorfbrunna net -- --« - -»Nu also, bei einer anderen Gelegenheit, nach der Arbeit, wenn der -Abend sinkt -- --« - -»Bei ins hat a jeda selm sein Brunna -- --« - -»Ich sage Ihnen ja, die Gelegenheit, bei der es geschieht, ist ganz -Nebensache. Ich denke überhaupt an den Feierabend, wenn alt und jung -vor den Türen steht -- --« - -»Beim Schuastahansl waar scho a Brunna bei da Straß hiebei, aba dersell -hat koa Wassa it -- --« - -»Ja ... ja ... lassen wir diese Brunnenfrage endgültig fallen. Ich -möchte nur in Erfahrung bringen, #was# diese jungen Mädchen, verstehen -Sie, Matheiser, #welche# Lieder sie singen.« - -»Han?« - -»Und Sie sollen mir dabei helfen, Matheiser. Sie sollen mir die Texte -verschaffen.« - -»Han?« - -»Sie müssen mir aufschreiben oder aufschreiben lassen, Wort für Wort, -was eure jungen Mädchen singen.« - -»I?« - -»Jawohl, und ich will Ihnen genau sagen, wie Sie das machen müssen ...« - -»Ja, was woaß denn i?« - -»Also, passen Sie auf! Nicht wahr, zum Beispiel, Sie hören die Anna -oder die Liesel singen ...« - -»Was für a Liesel?« - -»Irgendeine; ich meine irgendein Mädchen, das nächstbeste Mädchen hören -Sie singen ...« - -»Bal i aba koane hör'?« - -Herr Doktor Habergais sah mit einem gramvollen Zug im Gesichte -sein Gegenüber an, und er fühlte, wie eine nervöse Abspannung, ein -prickelndes Gefühl den Rücken entlang seinen Eifer vermindern wollte; -aber er gab sich einen Ruck, er lächelte, er klopfte Herrn Hirtner mit -der flachen Hand auf die Schulter, obwohl sich ihm die Finger krümmten, -obwohl sich ihm die Hand ballen wollte. »Verstehen Sie mich wohl, -Matheiser, Sie hören schon eine, oder Ihr Nachbar hört eine, oder Ihre -Frau hört eine ...« - -Habergais sprach jedes Wort scharf und gereizt aus. »Gut also, irgend -jemand hört irgendeine« -- es klang wie ein Befehl --, »verstanden, -dann gehen Sie zu ihr hin und sagen: Meine liebe Liesel ...« - -Hier wollte nun Hirtner doch nicht länger schweigen. - -»Was für a Liesel?« - -»Herrgott, Mensch! Matheiser, will ich sagen, Liesel, Anna, Marie, -ganz wurscht, wie sie heißt; Sie sagen zu ihr: Mein liebes Mädchen« --- Habergais machte hinter jedem Wort eine Pause und schrie das -nachfolgende um so lauter --, »mein liebes Mädchen, du hast soeben ein -Lied gesungen. Welches ist der Inhalt desselben? Sprich mir die Worte -vor, oder, noch besser, schreibe sie mir auf! Das sagen Sie zu ihr! -Haben Sie mich jetzt verstanden, Matheiser?« - -»Na!« - -Der Rechtsanwalt setzte sich und blickte zu Boden, während eine -fliegende Hitzwelle von seinem Nacken über die Ohrlappen hinzog, -während seine Stirnhaut pelzig wurde, bis dann ein erlösender Schweiß -ausbrach. - -»Sie haben mich nicht verstanden?« - -Die Frage klang heiser. - -»Weil Sie sag'n von an Brunna, und weil mi do koan Brunna durchaus gar -it hamm ...« - -»Ja, wer redet denn noch von einem Brunnen? Ja, wer redet denn noch von -einem blöden Himmelherrgottsakramentsbrunnen?« - -»Net?« - -»Nein! Aber ich will von vorne anfangen. Setzen Sie sich einmal, -Matheiser! Da, mir gegenüber -- so! Also lassen wir in drei Teufels ... -also lassen wir die Mädchen ... nicht wahr, Ihre Burschen singen doch -auch?« - -»Bal's b'suffa san, scho ...« - -»Nüchtern oder betrunken ... das ist mir jetzt ganz egal ... Matheiser -... jetzt schweifen Sie nicht mehr ab!... Belauschen Sie Ihre Burschen -...« - -»Wia?« - -»Hö--ren Sie ihnen zu! Hö--ren Sie den jung--en Bur--schen zu!« - -»Bal's b'suffa san?« - -»Wenn sie sing--en! Nicht wahr?« - -»De plärr'n scho a so, daß ma's hört ...« - -»Ja -- also, dann können Sie um so leichter tun, was ich meine. Hören -Sie ihnen zu und schreiben Sie auf, #was# die Burschen singen ...« - -»Schreib'n? Allssammete?« - -»Jawohl! Ich will die Lieder sammeln. Ich will genau wissen, was für -Lieder sie singen ...« - -»Ja ... aba ...« - -»Nichts aber. Sie können doch schreiben, nicht wahr ...? Es braucht -nicht schön zu sein ... Sie schreiben einfach Wort für Wort auf, und -damit Sie es lieber tun, will ich Ihnen für jedes Lied was bezahlen. -Verstehen Sie mich jetzt?« - -»Ja, guat! I vasteh Eahna ganz guat ...« - -»Na, endlich? Und dann sind wir einig?« - -»Was kriag i nacha, bal i schreib?« - -»Hm ... sagen wir ... für jedes Lied ... hm ... sagen wir fünfzig -Pfennige ...« - -»A Fufzgerl?« - -»Für jedes Lied; wenn Sie mir zum Beispiel sechs bringen, bekommen Sie -drei Mark, einen Taler, Matheiser.« - -»Aha, an Taler! Na bring i halt sechsi ...« - -»Soviel Sie eben hören, nicht wahr? Es können mehr sein, es können -weniger sein ...« - -»Ja ... ja ... sechsi wern's leicht ...« - -»Gut, und damit adieu, Matheiser!« - -»S' Good, Herr Dokta!« - -Habergais blickte dem Ökonomen nach, lange und sinnend. - -Denn hier drängte sich nun auch ein Allgemeines und ein Besonderes der -Betrachtung auf. Die schlichte, geradeaus zielende Art, zu denken, -welche dem Volke eignet, dieses Festhalten an einer Vorstellung und -diese gewisse Unbiegsamkeit der Folgerungen, welche in einer Linie auf -einen Punkt hinstreben und nie nach den Seiten hin ausladen. Dieses -schien ein Problem zu sein, und zwar ein beachtenswertes. - - * * * * * - -Tja -- ja. - -Übrigens waren seitdem etwa drei Wochen ins Land gegangen, und Doktor -Habergais gedachte wohl öfter seines Vorhabens und malte sich nicht -ohne Behaglichkeit die literarischen Aufgaben aus, welche ihm die -Wintermonate verkürzen konnten. - -Er blätterte in dem Hefte aus schönem Büttenpapier und sah im Geiste -die Seiten mit reinlicher Schrift gefüllt, die Titel der Lieder in -zierlicher Rundschrift in die Mitte gesetzt, dann den roten Strich, und -kluge landeskundige Anmerkungen und Erläuterungen darunter geschrieben. - -Es konnten sehr lange, begleitende Kommentare werden, wenn man etwas -Dialektforschung trieb, über Wortwerte, Wertunterschiede einzelner -Dialektformen sich verbreitete, Belegstellen anführte und überhaupt -wissenschaftlich verfuhr. - -Ob sich der Matheiser noch an sein Versprechen erinnerte? - -Es däuchte Herrn Doktor Habergais manches Mal zweifelhaft, aber dann -glaubte er doch wieder, daß die Freude am leichten Verdienst den Mann -anspornen könnte. - -Und wirklich kam eines Vormittags Jakob Hirtner zur Türe herein und -holte ein in Zeitungen gewickeltes verknittertes Schulheft aus der -Tasche. - -»Ha! da ist ja mein Mitarbeiter ... da ist ja der Matheiser! Na, also -haben Sie Lieder gefunden?« - -»Herr Dokta, i sag's glei, wia's is, schö hab i net g'schrieb'n ...« - -»Macht doch nichts!« - -»Und ... an Arbeit is dös! Des sell tat i fei nimma! A Markl derfat'n -S' no extra zahl'n, a so hab i mi scho plagt ...« - -»Darüber läßt sich reden ...« - -»D' Bäurin hat aa g'sagt, daß dös koa Macha net is, sagt's, und wei ma -mit da Tint'n a so umanandschmiert, sagt's ...« - -»Wie viele Lieder haben Sie denn, Matheiser?« - -»Sechsi, wia ma's ausg'macht ham.« - -»Sechs? Bravo! Das ist schon ein Anfang!« - -»Ja, san drei Markl, und oane derfat'n S' no spitz'n, weil d' Bäurin aa -sagt, dössell derfat ihr nimma fürkemma ...« - -»Na -- gut, Matheiser! Ich gebe Ihnen vier Mark, aber Sie versprechen -mir, daß Sie auch weiter für mich sammeln, das heißt gelegentlich ein -Lied aufschreiben ...« - -»Na ... na! Herr Dokta, dössell konn i durchaus gar it vasprecha, und -mit'n Schreib'n hon i's überhaupts it. I tua ma scho so bluati hart, -daß 's höcha nimma geht ...« - -»No ... no ... Matheiser, so schlimm ist das nicht. Später haben Sie -vielleicht selber Freude daran ...« - -»Dös glaab i gar it.« - -»Da haben Sie vier Mark, und nun geben Sie mir Ihre Aufschreibungen!« - -Hirtner nahm das Geld und wickelte das fettige Zeitungspapier -auseinander. - -»I ho's in a Heft von mein Deandl einig'schrieb'n,« bemerkte er, -»müassen's scho entschuldinga, bal's it schö g'schrieb'n is ...« - -»Das ist ganz nebensächlich ... nur her damit!« - -Doktor Habergais nahm nicht ohne Hast das verschmierte, öl-, tinten- -und fettfleckige Heft an sich und öffnete es. - -Es war wirklich auf den ersten Blick zu erkennen, daß hier eine -ungeübte, schwere Hand gewaltet hatte, aber das gerade verlieh dem -Ganzen einen gewissen Reiz. - -Wie die Buchstaben bald schief, bald gerade standen, wie die Zeilen -bergauf und talab liefen, wie hier die Feder sich gesträubt und dort -festgehakt hatte, wie sie hier ausgeglitten war und dort sich mühsam -in das Papier eingebohrt hatte, wie unter verwischten, aufgeschleckten -länglichen und runden Klecksen Buchstaben, halbe Worte, ganze Worte -versteckt lagen, alles das war unvergleichlich anziehender als etwa -eine glatte, charakterlose Schrift. - -Eben weil es echt war, von unleugbar schwielenbedeckter Hand oder -- -nein! -- Faust mühsam hingesetzt. - -Habergais lächelte befriedigt und begann zu lesen. - -Äs ... p ... brr ... prraußt ... ein ... r ... rh ... ruhf ... wie t -... tohner ... hal ... wie s ... ß ... schwärth ... ke ... geklirr un -... wa ... wah ... gen ... bral ...« - -..................................?? - -»Was ist das? Was soll das sein, Matheiser?« - -»Han?« - -»Was das sein soll, frage ich.« - -»A Liad ...« - -»Das ist doch 'Die Wacht am Rhein'!« - -»Ko scho sei, daß 's a so hoaßt ...« - -»Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen mir Lieder aufschreiben, die -Ihre Burschen singen --« - -»Ja, dös singan s'.« - -»Das??« - -»Dös singan s' fei gern!« - -»Also ... Matheiser ...!« - -Habergais überflog die anderen Seiten, die aus Bruchstücken -erkenntlichen Lieder. - -Ein sehr langes. »Heul unsern Känig ... heul!« ein kurzes »... im -gruhnen walth is holzauxion ...« und wieder »O du liber augastien«, -»Ich hath einen Kahmeraten« und das letzte noch »Das schöne land, -wo meine wihge stand.« Der Rechtsgelehrte blickte den Ökonomen -durchdringend an. - -»Also das sind ...??« - -»Dös singan s' allssammete,« sagte Hirtner treuherzig und ohne Arg ... -»und derfan S' g'wiß glaab'n, Herr Dokta, daß i mi schö plagt hab', und -d' Bäurin sagt aa, mit dem Glump derfst ma nimma komma, sagt s' ...« - -»Es ist recht, Matheiser, Sie haben Ihre vier Mark, gehen Sie!« - -»Und, sagt d' Bäurin, a so a spinnate Arbet, sagt s', muaß 's net glei -wieda geb'n ...« - -»Gehen Sie, sage ich!« - -»Und ... Herr Dokta ... bal 's grad gang, soll i Eahna nomal a sechsi -aufschreib'n ...?« - -Habergais wollte heftig werden, besann sich eines Besseren und sagte -mild: - -»Nein, Matheiser, es genügt ...« - -»Aba wenn S' moanen?« - -»Es genügt. Adieu!« - -»S' Good, Herr Dokta!« - - - - - Auf dem Bahnsteig - - -»Es wird Herbst!« sagte Major Burkhardt und blickte den Studienlehrer -fest an mit seinen furchtlosen Soldatenaugen. - -Er sagte es mit Betonung, als suchte er in seinem Begleiter bestimmte -Vorstellungen zu erwecken. - -»Ja -- -- ja,« seufzte Professor Hasleitner, »es wird allmählich kalt.« - -»Und ungemütlich. Kalt und ungemütlich.« - -Der Major wies auf die Kastanien vor dem Dornsteiner Bahnhofe, deren -gelbe Blätter sich fröstelnd zusammenkrümmten. - -»Um fünf Uhr wird es Nacht. Ein schlecht geheiztes Zimmer. Eine -qualmende Lampe. Die Zugeherin bringt lauwarmes Essen aus dem Gasthof. -Stellt es unfreundlich auf den Tisch. Das ist Ihr Leben.« - -Hasleitner hatte ins Weite geblickt, zu dem Walde hinüber, an dessen -Fichten der Nebel lange Fetzen zurückließ. - -Der soldatisch bestimmte Ton des pensionierten Majors weckte ihn auf. - -»Wie?« fragte er. - -»Ich sage, Sie müssen heiraten.« - -Der alte Soldat deutete auf die tiefer gelegene Stadt, deren Häuser -behaglich aneinandergerückt waren. - -»Das ist das Glück!« sagte er. »Eine Frau am Herde, fleißig, um unser -Wohl besorgt und stattlich.« - -Er beschrieb mit der Rechten eine nach rückwärts ausbauchende runde -Linie. - -»Und stattlich!« wiederholte er. - -Hasleitner sah, wie es weiß und grau und dick und dünn aus vielen -Kaminen rauchte, und er schien die Gemütlichkeit des Anblickes zu -verstehen. - -In seine Augen trat ein freundlicher Schimmer, und man konnte glauben, -daß er an Herdfeuer dachte, oder an die runde, sich nach rückwärts -ausbauchende Linie. - -Überhaupt, er war ein träumerischer Mensch. - -Sorglos im Äußeren, den Hemdkragen nicht immer blendend weiß, die -Krawatte verschoben, den Bart naß von der letzten Suppe, aber in den -Augen Herzensgüte, im ganzen Wesen eine Verträumtheit, die immer wieder -zum Nasenbohren führte. - -Kein Mann, der Backfische begeistern konnte, aber einer, der älteren -Töchtern hundert Dinge zeigte, die man in lieber Häuslichkeit flicken, -stopfen und bürsten mochte. - -Und doch -- dieser Mann, geschaffen, von den Ärmeln einer bürgerlichen -Schlafjacke umfangen zu werden, war durch eine seltsame Laune des -Schicksals mit einer verdorbenen Phantasie belastet, also daß seine -Gedanken an das weibliche Geschlecht sich stets mit Vorstellungen -von Eisbärenfellen verbanden, von Eisbärenfellen, auf denen dünne, -lasterhafte Beine in schwarzen Seidenstrümpfen ruhten. Noch dazu -lehrte er die Wissenschaft der Geographie und stieß auf der Landkarte -immer wieder auf Orte, wo seine Sinne knisternde Seide und herrlich -verstöpselte Parfüms vermuten durften. - -Paris -- Wien -- Budapest -- - -Ein Gefühl, das mit seiner heimlichen Sehnsucht zusammenhing, trieb ihn -täglich zum Bahnhofe, wo Punkt fünf Uhr der große Schnellzug hielt, der -glücklichere Menschen von einer Großstadt in die andere führte. - -Hier hatte nun der quieszierte Major den Träumer angesprochen, und ein -freundlicher Zufall fügte es, daß beide, als sie auf dem Bahnsteige -kehrtmachten, der Gattin des Offiziers gegenüberstanden, wie auch der -Tochter Elise. - -In merkwürdig schnellem Gedankengange brachte der Professor das -vorausgegangene Gespräch von Stattlichkeit in Zusammenhang mit der -Erscheinung Elisens, und vielleicht ohne daß er es wollte, drang seine -unlautere Phantasie dem älteren Mädchen durch Mantel und Rock und -begann, sich Dinge auszumalen. - -Freilich nicht langgestreckte, seidenumhüllte Beine, aber -Rundlichkeiten, mit denen sich die Vorstellung von Wärme und Innigkeit -verbindet. - -Die Tochter des Majors fühlte den sengenden Blick des Philologen, und -als eine reife Blume, die sie war, öffnete sie willig ihre Blätter -den wärmenden Strahlen. Dieses heimliche, unbewußte Suchen und dieses -bewußte Entgegenkommen spann Fäden zwischen den beiden, welche das -erfahrene Mädchen bald genug aufzuspulen beschloß, und es schickte sich -alsbald mit einem lieblichen Lächeln dazu an. - -Freilich war dieser Professor kein Gegenstand für brennende Wünsche und -verzehrende Glut, indessen wohl ein Objekt, das sich mit baumwollenen -Ärmeln sanft umfangen ließ, nachdem es vorher sorgfältig gereinigt war. - -Keine berauschend süße Frucht, sondern ein säuerlicher deutscher -Hausapfel, der aber, im Kachelofen gebraten, einigen Wohlgeschmack -bieten konnte. - -Und das Mädchen schickte sich alsbald an, den heimlichen Faden zu -ergreifen, als mit dumpfem Brausen der Schnellzug in die Station -einfuhr. - -Die riesige Lokomotive schnaufte, als wäre sie in der langen, -stürmischen Fahrt außer Atem gekommen, und die langen, schönen Wagen -standen da, als ruhten sie kurze Augenblicke, um weiterzujagen in die -weite Welt. - -Mit einem Male hatte Hasleitner alle Gedanken an runde Mädchenreize -vergessen; sie versanken vor ihm, er sah sie nicht mehr. - -Dort im ersten Coupé schob eine schmale Hand den Vorhang zurück, und -ein Paar müde Augen blickten entsetzt auf die Philister, hier prallte -ein entzückender Kopf entrüstet zurück. - -Es war die große Welt, die eine Minute lang Dornsteiner Luft einzog und -Pariser Odeurs zurückgab. - -Und da stand es auf weißen Tafeln und war darum kein phantastisches -Märchen: Paris -- Avricourt -- Wien -- - -Ja ... ja ... diese nämlichen Wagen waren gestern noch in Paris gewesen! - -Jene fabelhaften Damen, von denen man sich erzählt, daß sie gierig -und unerbittlich Jagd machen auf gut gebaute Männer, waren an ihnen -vorbeigewandelt, hatten süße Blicke in sie hineingeworfen, und von -ihrem Dufte hing etwas an Türen und Fenstern und verwirrte den Sinn -eines deutschen Jugendbildners. - -Wußte man, ob nicht eine solche Tigerin da drinnen auf schwellenden -Polstern saß und einen breitbrüstigen Germanen mit ihren Blicken -verschlang? - -Odette, Suzette -- Germaine -- ah! - -Hier steht ein Gymnasiallehrer von gänzlich unverdorbener Jugend, -und der für schlanke Waden und schwarze Strümpfe die heftigsten -Empfindungen angestaut hat. - -Warum seufzt ihr erleichtert auf, da sich nun der Zug in Bewegung setzt? - -Ihr saht erstaunt auf die Kostüme, die im Dornsteiner Atelier für -_modes_ und _confection_ kreiert waren, ihr saht Spitzbäuche und -gepreßte Busen, faltenreiche Hosen und geschmierte Stiefel, aber ihr -saht nicht in das Herz des blonden Professors und wißt nicht, wie er so -ganz der Eure ist! - -Fort! - -Die Lokomotive pfeift jubelnd aus der Station hinaus, als freute auch -sie sich, diesem Neste entronnen zu sein ... - -Diesem Himmelherrgott ... - -»Warum so träumerisch?« lispelte Elise und blickte schelmisch auf den -Professor, der dem Zuge nachstarrte und in der Nase bohrte. - -Da traf sie ein Blick, so leer, so fremd und so feindselig ..., daß sie -unter dem flanellenen Höschen eine Gänsehaut überlief. - --- -- Der Faden war zerrissen -- -- - - - - - Tja -- --! - - -Eine bunte Gesellschaft, wie sie die Sommerfrische zusammenführt, -saß im Postgarten zu Binswang und freute sich des schönen Abends und -führte kluge Gespräche über dies und das. Alle Anwesenden vorzustellen, -wäre ermüdend, denn es waren zwei lange Tische, an denen in dichter -Folge Männer und Frauen saßen, und es genüge hier zu sagen, daß ein -Kommerzienrat Diestelkamp aus Barmen, wie auch ein Landgerichtsdirektor -Höfler aus Fürth und ein pensionierter Hauptmann darunter waren und dem -Kreise das Gepräge der besseren Gesellschaft verliehen. - -Auch das bedeutende oder interessante Element fehlte nicht, da am -Vormittage der bekannte Schriftsteller Harry Mertens eingetroffen war, -dessen lyrische Gedichte und Versdramen nicht erst hervorgehoben werden -müssen. - -Er saß neben seiner Frau, die ihn an Stattlichkeit bei weitem -übertraf, denn er war eine kleine semmelblonde Erscheinung mit -kreisrunden blauen Augen und einem merkwürdig entsagungsvollen Lächeln -um den süßen Dichtermund, während sie einen heftig arbeitenden Busen -und pralle Arme und ein Doppelkinn hatte. - -Die Gesellschaft würdigte vollkommen die Ehre, mit einem gedruckten, -besprochenen und aufgeführten Genius unseres Volkes an einem Tische zu -sitzen, und nicht nur waren es die Damen, welche mit leuchtenden Augen -an ihm hingen, sondern auch die Herren Diestelkamp und Höfler legten -eine mit Neugierde vermischte Ehrerbietung an den Tag. - -Man hatte unmittelbar nach Mertens Ankunft nicht geahnt, mit wem man -es zu tun hatte, und Frau Mertens hatte nicht früher als beim ersten -Mittagmahle Gelegenheit gefunden, solche Bemerkungen hinzustreuen, -welche allgemeine Aufklärung verschafften, indem sie laut nach einer -Zeitung rief und den Semmelblonden fragte, ob nichts von ihm oder -über ihn darin stünde. Sie wiederholte die Frage, schlug die stark -rauschenden Blätter hastig um, überflog das Gedruckte und sagte, daß zu -ihrer Verwunderung keine Notiz zu finden sei. - -Sie beruhigte sich erst, als die Pfeile saßen und von den Nebentischen -forschende Blicke ihren Mann streiften, der seine Suppe aß und sich -apathisch wie ein dem Publikum vorgezeigter Menagerielöwe verhielt. - -Frau Mertens warf zwischen Rindfleisch und Mehlspeise und zwischen -Mehlspeise und Kaffee noch mehrmals die Angel aus, und als man sich -erhob, biß Frau Direktor Höfler an und erhielt auf schüchterne Fragen -eine erschöpfende Belehrung über das Stück Literaturgeschichte, welches -der Zufall in ihren Kreis geworfen hatte. - -Am Abend war dann alle Welt so unterrichtet, daß sie dem Dichter -Bewunderung zeigen und Kenntnis seiner Werke heucheln konnte. - -»Woher nehmen Sie Ihre Stoffe?« fragte Landgerichtsdirektor Höfler, der -hier zum ersten Male eines Genius inquirieren konnte und entschlossen -war, das Wesen der Schriftstellerei zu zerlegen. »Bietet sich Ihnen der -Stoff, wenn ich so sagen darf, zufällig dar, oder erfassen Sie durch -einen Willensakt die Materie, der Sie dann poetische Form verleihen?« - -»Tja ...« sagte der Dichter. - -»Ich meine, gehen Sie mit Überlegung und Absicht an das Objekt -heran, oder drängt es sich unabhängig und gewissermaßen fertig Ihrem -subjektiven Empfinden auf, oder ...« - -»Tja ...« sagte der Dichter. - -»#Oder#,« wiederholte Höfler mit erhobener Stimme, denn er liebte es -nicht, unterbrochen zu werden, »oder ist die Produktion in ihrem ersten -Stadium ein von den den Willen bildenden Momenten unabhängiger Vorgang -Ihrer Phantasie, welcher dann erst in seinem späteren Verlaufe in den -Bereich Ihrer geistigen Machtsphäre gelangt und so Ihrem formenden -Verstande unterworfen wird?« - -»Er macht alles mit der Phantasie,« warf Frau Mertens ein, »er sitzt -oft den ganzen Tag da und hat bloß Phantasie im Kopf; und dann kann man -mit ihm reden, was man will, -- er hört einen nicht.« - -»Das wäre also ein passiv empfangender Vorgang, der zeitlich dem aktiv -gestaltenden vorausgeht,« bestätigte Direktor Höfler und sammelte -zustimmendes Kopfnicken ein, indem er die Tafel entlang blickte. - -»Ich denke es mir furchtbar interessant,« sagte Frau Kommerzienrat -Diestelkamp, »wie so eine Dichtung entsteht; das muß zu spannend sein! -Was hat man da nun eigentlich für ein Gefühl dabei?« - -»Tja ...« sagte der Dichter. - -»Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, was wir da für ein Gefühl haben,« -warf wiederum Frau Mertens ein. »Zuerst, wenn wir anfangen, ist es -sehr nett, weil man sich darauf freut, und dann in der Mitte wird es -traurig, weil es oft nicht geht, aber dann, wenn es heraußen ist, sind -wir wieder froh.« - -»Ich kann mir das sehr gut vorstellen,« meinte Frau Diestelkamp, -»zuerst und dann ...« - -»So daß wir gewissermaßen drei Momente der aktiven Gestaltung -unterscheiden,« warf der Direktor in erklärender Weise ein, »der -von Hoffnungen getragene Beginn, das behinderte Werden und die -Erleichterung der Vollendung.« - -»Ja, ich bin immer erleichtert, wenn er es heraußen hat, denn Sie -glauben nicht, was man als Frau dabei aussteht. Beim zweiten Akt ist es -am ärgsten, weil man da immer stecken bleibt. Beim ersten hat er noch -Appetit und schläft gut und hat auch seinen regelmäßigen Stuhlgang. Sie -entschuldigen, wenn ich das erzähle ...« - -»Aber ich bitte Sie, es ist ja so interessant,« unterbrach hier Frau -Diestelkamp die lebhafte Dichtersgattin, welche sogleich fortfuhr: »Ja, -beim ersten Akt ist alles in Ordnung, aber sowie der zweite angeht, -ißt er weniger und wacht mitten in der Nacht auf und verliert seine -Regelmäßigkeit und verändert sich überhaupt. Ich kenne es sofort, wenn -der zweite Akt angeht, und ich sage dann zu meiner Köchin, daß sie -leicht verdauliche Speisen kocht, und daß mir immer Kompott auf den -Tisch kommt, und ich lasse ihn dann auch fleißig Hunyadywasser trinken, -bis wir den zweiten Akt heraußen haben, denn der dritte geht schon -wieder viel leichter. Er kriegt dann eine bessere Gesichtsfarbe und -schwitzt auch nicht mehr so stark in der Nacht.« - -»Also die Lösung des Knotens gestaltet sich weniger schwierig, Herr -Mertens?« wandte sich der Direktor an den Mann, der sich teilnahmslos -erklären ließ. - -»Tja ...« antwortete dieser und schnitt an seinem Rettig weiter. - -Seine Frau aber ließ den Faden nicht aus der Hand gleiten. - -»Der dritte Akt geht auch viel schneller. Wir haben höchstens vierzehn -Tage Arbeit damit. Heuer, beim 'Barbarossa' haben wir drei Wochen -gebraucht, weil eine Szene vorkam, wo sich alles reimen mußte. Ich -habe es ihm gleich gesagt, daß wir stecken bleiben; aber es war eine -Liebeserklärung, und da hat er es so im Kopf gehabt. Ein paar Tage hat -es gefährlich ausgesehen, und meiner Köchin ist es auch aufgefallen. -Sie hat mich gleich gefragt: 'Was hat denn der gnä' Herr? Es wird doch -um Gottes willen nicht schon wieder einen zweiten Akt geben?' 'Nein,' -sagte ich, 'Lina, den haben wir dieses Jahr glücklich hinter uns, aber -es muß sich vier oder fünf Seiten voll reimen, und Sie können ja für -morgen eine Eierspeise mit Pflaumenmus richten, und wenn es dann noch -nicht besser wird, wollen wir schon sehen.' Aber zum Glück waren dann -am andern Tag die Verse heraußen, und es ging wieder von selbst.« - -Die Frauen der Tafelrunde hatten mit großem Ernste zugehört und nickten -nun verständnisvoll mit den Köpfen. - -»So lebt man doch eigentlich als Frau die Werke seines Mannes mit!« -unterbrach Frau Direktor Höfler das kurze Schweigen. - -»Ich kann es mir so gut vorstellen!« sagte Frau Kommerzienrat -Diestelkamp. - -»Sie dürfen mir glauben, daß ich als Frau meinen Kopf beisammen haben -muß, wenn #er# dichtet.« - -Frau Mertens zeigte bei diesen Worten auf ihren Gatten, der kindlich -lächelnd seinen Rettig einsalzte. »Ich muß an alles denken, und mich -trifft es viel härter wie ihn. Er sitzt einfach in seinem Zimmer und -schreibt, aber ich habe die Haushaltung und muß genau achtgeben, daß -wir noch waschen und reinemachen, vor der zweite Akt angeht, denn dann -ist keine Zeit mehr zu so was, und es muß gut eingeteilt werden. Wie -wir den 'Perikles' gedichtet haben, sind wir mit dem Stöbern gerade -noch drei Tage in den zweiten Akt hineingekommen, und ich kann Ihnen -bloß sagen, ich möchte das nicht wieder erleben, und ich habe auch beim -'Theodorich' eine zweite Zugeherin genommen, daß wir nur ja schnell -fertig geworden sind.« - -»Wie interessant!« rief Frau Diestelkamp aus, »es wird einem alles so -näher gebracht. Ich habe bis jetzt gar keine rechte Vorstellung gehabt, -wie es wohl in Dichterfamilien ist, und nun verstehe ich manches.« - -»Sie müssen aber trotzdem sehr glücklich sein,« fügte Frau Höfler -hinzu. »Als Gattin eines Dichters! Ich stelle mir das entzückend vor.« - -»Ich möchte mit niemand tauschen,« erwiderte Frau Mertens, »obschon -manches vorkommt, was einem Sorgen macht. Denken Sie sich, wir haben -fünfzehn Jahre lang romantisch gedichtet, und jetzt geht das nicht -mehr, und wir müssen modern schreiben, oder realistisch, wie man auch -sagt. Das ist ein Schlag, kann ich Sie versichern! Mein Mann wollte -noch immer nicht, aber was kann man gegen die Kritiker machen?« - -»Erlauben Sie mir die Bemerkung, gnädige Frau, daß ich da ganz auf -Seite Ihres verehrten Gemahls stehe,« rief Herr Diestelkamp, »wir -wollen gerade in unserer nüchternen Zeit die Romantik nicht missen, und -wir suchen bei unsern Dichtern die herrliche Quelle der ... den ... den -Ritt in ... ich wollte sagen, wir wollen immer noch einen Trunk aus der -romantischen Quelle schlürfen.« - -»Es geht nicht,« sagte Frau Mertens mit einer Schärfe, die erraten -ließ, daß man hier auf ein eheliches Streitthema gekommen war; »es geht -durchaus nicht. Das nächste Stück muß er modern schreiben. Ich will -nicht, daß die Zeitungen noch einmal von veralteter Manier schreiben, -oder daß die Frau Nathusius die Nase rümpft, wenn sie mir begegnet, -weil ihr Mann schon dreimal hochmodern gedichtet hat.« - -»Aber die romantische Muse Ihres Mannes wird sich dagegen sträuben,« -sagte Direktor Höfler. - -»Sie #hat# sich gesträubt,« rief die streitbare Frau und blickte dabei -mit einiger Strenge auf ihren Mann, der den endlich weinenden Rettig -aß; »sie #hat# sich allerdings gesträubt, aber das ist jetzt vorbei. -Ich muß es auch aushalten, und wenn es noch schlimmer wird bei den -zweiten Akten.« - -»So geben also auch Sie den Ritt ins alte romantische Land auf?« fragte -Diestelkamp, der sich nun auf das Zitat besonnen hatte, mit starkem -Pathos. - -»Tja ...« antwortete der Dichter. - - - - - Der Biedermann - - -Der alte Buchberger Hans saß auf der Hausbank und ließ sich so -behaglich wie die Katze neben ihm die warme Märzensonne auf den -Pelz brennen. Auf dem Dache zerging der letzte Schnee, und eintönig -plätscherte es von der Rinne auf die Kieselsteine. Drüben am Waldrande -lag schon ein grüner Schimmer über den Sträuchern, und dem Hans kamen -fröhliche Gedanken von schönen Tagen und Wiederaufwachen aus langem -Schlafe. - -Zufrieden patschte er sich auf das linke Knie und rieb ein wenig daran. - -Das war auch wieder gut geworden; viel besser, als er geglaubt hatte -nach dem bösen Fall im vorigen Jahre. - -Hätte leicht steif bleiben können, und das wäre ihm hart gefallen in -seinen alten Tagen, und weil er ja auch noch arbeiten wollte neben den -Jungen in dem kleinen Haushalte, der jede Beihilfe brauchen konnte. - -Aber so war es nun wieder recht geworden. Der Unfall zahlte ihm -fünfzehn Mark alle Monate, und weiß Gott, wie wohl ihnen das Bargeld -tat, wenn es noch so wenig war, und faulenzen brauchte er deswegen doch -nicht. - -Er schlenkerte mit dem Fuß und streckte ihn wieder geradeaus. - -Es ging schon, jawohl, und vor ein paar Tagen war er mit dem Jungen -auch auf der Bergwiese droben gewesen und war rechtschaffen müd -geworden. - -Aber es ging und wurde alleweil besser. - -Alleweil besser. - -Da schau her! Den sonnigen Hang herauf kam ein Spaziergänger, ein -städtischer Herr, der oft stehenblieb und ausschnaufte. - -Tat halt einem jeden wohl, Wärme und Sonnenschein. - -Jetzt nahm der Herr den Hut ab und trocknete sich die Stirne. - -Der sah beinahe aus wie der Bezirksarzt mit seinem langen Vollbart, und -so groß und breitschultrig war er auch. - -Richtig, da fiel dem Buchberger ein, daß die Leitnerbäuerin krank war, -und vielleicht ging jetzt der Doktor zu ihr ... - -Und war schon so. - -Von weitem schon lachte der Bezirksarzt freundlich, wie er den Alten -erkannte, und der Hans stand auf und grüßte höflich. - -»Das is ja der Buchberger? Grüß Gott! Darf ich mich a bissel hersetzen?« - -»Ja freili, Herr Bezirksarzt! Oder soll i an Sessel außa hol'n?« - -»Na! I sitz gut g'nug.« - -»Gengan's g'wiß zum Leitner aufi?« - -»Ja ... mhm ... no, wie geht's Ihnen?« - -»Guat ... Herr Bezirksarzt ... Bin woh z'fried'n ...« - -»Das hört man gern ... ja! so ein alter Veteran laßt nicht aus!« - -Der leutselige Bezirksarzt klopfte dem Hans auf die Schulter und -schaute ihm mit herzlichem Wohlwollen in die Augen. - -»Sie sind ja noch einer von Anno siebzig?« fragte er. - -»Siebazgi und sechsasechzgi.« - -»Und sechsundsechzig! Allen Respekt! Da haben Sie was durchg'macht im -Leben!« - -»Ja ... dös ko ma wohl sag'n.« - -»Fürs deutsche Vaterland!« - -Und der freundliche Mann tätschelte wieder den braven alten Soldaten -auf die Achsel. - -»No, von sechsasechzgi kann i net viel prahl'n,« sagte der Hans. »Da -san ma de mehra Zeit retariert, weil si koa Mensch net auskennt hot und -überhaupts ...« - -»Ja ... ja ... der Bruderkrieg!« sagte der Arzt lächelnd. - -»Aba ... siebazgi! Sakera Hosenzwickl! Da hamm's as ins dafür -ei'kocht! I bin bei Wörth dabeig'wen und bei Sedan ... und nacha bei -Orleanß hinten! Bei Kulmirs hamm s' an Major Gruaba neben meiner aufi -g'schoss'n, und i und da Hage Pauli, mir hamm an im größt'n Feuer -z'ruckbracht ... und hab aa 's Eiserne Kreuz kriagt für dös und bin -belobigt wor'n vorn ganz'n Regament ...« - -»Ja, was Sie sagen!« - -Der Bezirksarzt streckte dem eifrigen Alten seine Hand hin. »Respekt -- -Buchberger! Ein deutscher Ritter des Eisernen Kreuzes! Da müssen wir -Jüngeren den Hut ziehen!« - -»No ja! Es hätten's eigentli alle vadeant, denn was mir selbigsmal -durchg'macht hamm, dös war a wengl hart ... und i sag's oft, de junga -Leut achten's nimmer a so, aba es hat scho was braucht!« - -»Ja, die jungen Leute! Die werden von den sozialdemokratischen -Zeitungen vergiftet. Das findet man nicht mehr, wie früher ... diese -... diese Einfachheit und ... ah ... diese ... diese Vaterlandsliebe -...« - -»Gel? I sag's aa'r allaweil! De Patriot'n san nimmer gar so viel! Und -wenn ma was sagt, wurd ma glei ausg'lacht von de Grasteufl!...« - -»Es ist schlimm, Buchberger! Schlimm! Aber ein alter Soldat, wie Sie, -der laßt sich nicht irrmachen ...« - -»Ja, was waar denn net dös? I laß net aus.« - -»Einer von der alten Garde! Han?« - -»Und de Erinnerung gab i net her ... dös derfen S' g'wiß glaab'n, Herr -Dokta ... Sakera Hosenzwickl ... wia mir einmarschiert san ...« - -»In Paris? Was?« - -»In Paris net; da bin i net dabeig'wen, weil inser Regament heraußd -bleib'n hat müass'n ... aba in Münk'n ... do bin i nobl mit ...« - -»Vor dem Kronprinz'n?« - -»Und an Kini; vor der Feldherrnhalle san ma an eahm vorbei ...« - -»Parademarsch?...« - -»Dös glaab i! Neig'haut, daß d' Stoa g'wackelt hamm!« - -»Eins ... zwei! Eins ... zwei ...! Ob's heut noch ging, Buchberger?« - -»Probier ma's!« lachte der Alte und sprang von der Bank auf und nahm -die Hände an die Hosennaht. Augen links! nach dem Bezirksarzt, und eins -und zwei ... eins und zwei ... und es ging noch. - -Freilich nicht mehr so stramm, daß die Steine wackelten, aber ganz -passabel, daß der joviale Arzt in die Hände patschte und herzhaft -lachte. - -»Bravo, Buchberger!« rief er, als sich der Hans wieder setzte und -patschte ihm urkräftig auf das Knie ... »ja, ihr alten Veteranen, ihr -seid aus einem andern Stahl als wir!« - -»Woaß net,« sagte der Hans, »i g'spüret's glei im Hax'n ...« - -»I wo! Sie sind ja marschiert wie ein Gardeleutnant ... also, jetzt muß -ich aber gehen ... es hat mich recht g'freut ...« - -»Mi scho aa, Herr Bezirksarzt, und kehren S' wieder amal zua! Adjes!« - -»Dös is a liaba Mo!« sagte er noch vor sich hin, als sich der Doktor -langsam entfernte -- »a ganz a g'führiger Mo!« - - * * * * * - -Eine Woche später, und es war schlechtes Wetter, regnete und schneite -durcheinander, brachte der Postbote dem Buchberger ein Schreiben, das -sich der Länge und Breite nach amtlich ausnahm und auch einen Stempel -trug. - -»Geh, Alte, hol mir mei Brill'n!« Als er sie bedächtig aufgesetzt und -das Schreiben geöffnet hatte, las er langsam die Mitteilung, daß ihm -die monatliche Unterstützung von fünfzehn Mark entzogen werde ... -entzogen werde ... indem daß der Königliche Bezirksarzt Dr. Stierlinger -sich persönlich davon überzeugt habe ... daß genannter Buchberger von -den Folgen des Unfalls gänzlich geheilt sei und nicht die geringsten -Beschwerden ... Beschwerden am Fuße mehr verspüre ... - -Ah! - -Ja ... Himmel ... Herrgott ... - - - - - Unser guater, alter Herzog Karl - - -Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung der Majestätsbeleidigung -bringen. Ich will es nicht entscheiden, ob die Neuerung viel verbessern -wird in der deutschen Welt. - -Aber eines weiß ich, und eines bedauere ich. - -Mein alter Freund Simon Lackner wird sich nicht mehr so leicht ein -billiges Winterquartier verschaffen können. - -Und das ist hart. - -Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre alt; ein herzensguter Kerl. - -Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen, nachdem er sechzehn -lange Jahre hindurch mit der alten so schöne Erfolge erzielt hat. - -Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine Lage! - -Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe; ein fahrender -Handwerksbursche. Das ist wohl ein schönes Metier, wenn der Apfelbaum -am Straßenrand blüht, und wenn ein Mensch, der auf dem Rücken im Grünen -liegt, mit blinzelnden Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue -Luft nachschaut. Das ist wohl ein schönes Metier, wenn die Kornähren -sich über dem müden Haupte wiegen und am heißesten Sommertag einen -erquickenden Schatten spenden. Auch ist es fröhlich und freudenvoll, -wenn noch eine mildtätige Herbstsonne auf den Buckel brennt, und wenn -die zerrissenen Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln. - -Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen und alte Felber in -die Gräben rollen? Wenn die Landstraßen aus dem Leim gehen und -pfundschwerer Brei an den Sohlen hängen bleibt? - -Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln sticht oder die Schneeflocken -wirbeln? Wenn alle warmen Ofenbänke von hartherzigen Bauern besetzt -sind, die für einen armen Handwerksburschen nicht zusammenrücken? - -Da wird's dem abgehärteten Landstreicher wehmütig ums Herz, und er -sehnt sich nach einem trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es -nicht tropft. - -Simon Lackner widerstand lange, aber endlich kriegte er das Reißen in -seinen Gliedern, und er fand ein Mittel, sich zu helfen. -- - -Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein gemütlicher, braver -Landesfürst. - -Natürlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber er stand doch in -gewissen Beziehungen zu ihm. - -Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um Gotteslohn eine Halbe Bier -trank, sah er von der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlächeln. - -Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in dem breiten Mund, in -den hängenden Backen des Landesherrn ausdrückte. - -Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern verschwimmenden -Schweinsäuglein und dachte sich, wie bürgerlich und selchermäßig -doch oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden Häupter -ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen Feindseligkeit haftete im Herzen -des Simon Lackner. - -Er liebte den Fürsten auf seine bescheidene Weise und nahm es ihm nicht -übel, wenn seine Gensdarmen grob und rauhändig waren. - -Denn nicht einmal der allmächtige Gott hat alle seine Geschöpfe -liebenswürdig geschaffen. - -Warum sollte man's von einem irdischen Fürsten verlangen? - -Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner gezwungen, alle Jahre -einmal dem Herzog Karl III. eine Despektierlichkeit zu zeigen, die ihm -nicht innewohnte. - -Aber es war eben seine Methode, und es war notwendig, um unter ein -schützendes Dach zu kommen. - -Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhuben, ging Simon Lackner zum -herzoglich neuburgischen Gefängnisse, welches auf freiem Felde lag, -hinaus. - -Dort versteckte er sich in einem Holzschupfen, welcher gegenüber dem -Eingange der Anstalt lag, und wartete. - -Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er allsogleich hervor und schrie -mit lauter Stimme: - -»Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!« - -Das erstemal und das zweitemal stürzten die Gendarmen gierig auf den -frevelhaften Menschen und glaubten, daß sie einen wichtigen Fang -gemacht hätten. Aber schon im dritten Jahre erlahmte ihr Eifer, denn -sie wußten jetzt, daß Simon Lackner sich nur auf diese harmlose Weise -ein Winterquartier verschaffen wollte. - -Simon Lackner mußte oft und oft schreien, bis sie ihn gefangen nahmen. - -Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang mit schöner Regelmäßigkeit. - -Man wußte es nicht mehr anders. - -Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am Himmel aufzogen, schaute -der Gefängnisinspektor in die herbstliche Natur hinaus und sagte: -»Jetzt wird der Lackner bald wieder schreien.« Und richtig: den andern -Tag zogen sich nasse Bindfaden vom Himmel zur Erde herunter, und vom -Holzschupfen herüber brüllte es: »Unser guater, alter Herzog Karl is a -Rindviech.« - -Die Gendarmen lächelten; Simon Lackner lächelte und betrat freudig die -Halle des Gefängnisses, wo ihm der Inspektor wohlwollend entgegentrat. - -Lackner wiederholte zur Sicherheit: »Unser guater, alter Herzog Karl -is a ..« »Weiß schon, weiß schon,« sagte der Inspektor, »Sie kriegen -schon Ihre fünf Monat.« - -Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder heraus und walzte fröhlich -durch das Herzogtum Neuburg. - -Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei seines lieben Karls III. -sah, lächelte er ihm verständnisinnig zu. Er hatte ja nie vergessen, -ihn den guten, alten Herzog zu nennen, und das mit dem Rindvieh war -nicht ernst gemeint. - -Jetzt wollen sie den schönen Paragraphen ändern, mit dem mein Freund -Simon Lackner seit sechzehn Jahren sich recht und schlecht über die -Wintersnot hinweggeholfen hat. - -Ist das nicht hart? - - - - - Liebe um Liebe - - Eine patriotische Stimmung - - -Durch Stoppelfelder und frisch gemähte Wiesen rollte ein Eisenbahnzug, -und die buttergelbe Herbstsonne glänzte in die Fenster eines lackierten -Salonwagens, der sich überhaupt in dieser Umgebung recht sonderbar -ausnahm. - -Darin saß Prinz Xaver, ein Seitensprosse des königlichen Hauses, -und fuhr mit seinem Adjutanten, Rittmeister Baron Schröfel, nach -Weißkirchen zur landwirtschaftlichen Ausstellung, die unter sein -Protektorat gestellt worden war. - -Weil aber hier Herablassung und dort Untertanenliebe gezeigt werden -sollte, hielt man überall; und wo größere Menschenmengen sich dem Auge -darboten, fragte Prinz Xaver seinen Begleiter: »Muaß i?« - -»Einen Augenblick, Königliche Hoheit!« antwortete alsdann der Baron -und sah in seinem Notizbuche nach. »Faistenhamm ... Kirchdorf ... 163 -Seelen ... katholisch ... 37 Pferde ... 281 Stück Rindvieh ... ja ... -Königliche Hoheit ... da ist's vorgemerkt.« - -Und Prinz Xaver hielt das edle große Haupt zum Fenster hinaus und -blickte durch seinen Kneifer, den er nur bei solchen Anlässen trug, -auf einige fette Herren, die das besitzende und bessere Publikum -vorstellten. - -»Diese Gegend,« sprach der Prinz, »ist sehr lieblich.« - -»Han?« fragte ein Posthalter oder Tafernwirt, der mehr Treue als -Schliff besaß. - -»Diese Gegend, sie ist sehr reizvoll,« wiederholte der Prinz. - -»Jawoi, Königliche Hoheit!« - -»Sie ist von sanften Höhen durchzogen und mit Wäldern bedeckt ...« - -»Jawol, Königliche Hoheit!« - -»Aber das Auge erblickt auch fruchtbare Felder, welche den Fleiß des -Landmannes belohnen und ... und ...« - -»Jawoi, Königliche Hoheit!« - -»Und ...« - -»Saftige Matten ...« soufflierte der Adjutant. - -»... und saftige Matten, welche dem kernigen Vieh dieses Volkes ... -welche dem Vieh dieses kernigen Volkes Nahrung bieten.« - -Prinz Xaver rückte den Zwicker, der ihm von der schwitzenden Nase -heruntergeglitten war, zurecht, und der Posthalter oder Tafernwirt -schaute mit geistlosen Augen in die ebenso blauen des Königssprossen, -und er fühlte, daß nunmehr die Aufgabe an ihn herangetreten war. - -»Königliche Hoheit ... diese Gefiehle, wo ins heute besäligen ... -durch dieses, daß Sie hier durchfahren und für Kinder und Kindeskinder -...« - -Die Lokomotive pfiff, und da legte der Tafernwirt die ganze ungeheure -Treuherzigkeit seines Landes in den Satz: »Pfüad Good, Königliche -Hoheit, aufs Wiederschaugen, und kemman S' halt wieda zu ins außa -...« Er entschwand den gütigen Blicken des Fürsten, der sich in die -Kissen zurückwarf, und sagte: »Dös hätt' ma wieda! Wo muaß i denn 's -nächstmal?« - -»Einen Augenblick, Königliche Hoheit!« antwortete Baron Schröfel. -»... Sünzing ... nein ... Matzling ... 214 Seelen ... katholisch ... -311 Stück Rindvieh ... in Matzling werden Königliche Hoheit wieder -sprechen.« - -»O jegerl!« seufzte der Prinz und wiederholte gewissermaßen im Geiste -jene Rede des Wohlwollens und lebendigen Interesses. - -Nach zwei langen Stunden fuhr der Zug in Weißkirchen ein, wo -ein Beamtenkörper, eine ergeben lächelnde Geistlichkeit, wo -Veteranenvereine, Feuerwehren und Schützen, wo alles, was -repräsentieren durfte, den kleinen Bahnhof füllte, nach vorwärts -gedrängt von einer wimmelnden Menge, die in dem aussteigenden Prinzen, -der sein quellendes Fleisch in eine blitzblaue Uniform gepreßt hatte, -alles Anverwandte und Angestammte erblickte und darüber in ein -gellendes Hoch ausbrach. - -Ein kleiner, stülpsnäsiger, aufgeregter Herr gab sich dem Prinzen -durch viele und schnell wiederholte Bücklinge als den zu erkennen, der -hier als Erster zu beachten war, und als einen Titularregierungsrat und -vorstehenden Chef des Bezirks. - -Dicke Herren mit mehr landwirtschaftlicher Färbung der feisten -Gesichter und Hälse wurden in zweiter Reihe als Tierärzte und -Ökonomieräte und verdiente Braun- oder Fleckviehzüchter erkannt, und -in veralteten, seit Jahren die Bäuche nicht mehr bedeckenden Gehröcken -schoben sie sich vor, und ehe es sich der Prinz versah, war er von -Leuten umringt, die als starke Esser viel animalische Wärme und als -treue Untertanen eine ungemeine Ergebenheit ausstrahlten. - -Und da ihre patriotischen Gefühle nirgends hinauskonnten, nicht durch -die verknüllten Hosen, nicht durch die krampfhaft geschlossenen Westen, -so drängten sie sich schweißtreibend nach oben und saßen hinter -schwimmenden Augen, die sich auf ihr prinzliches Ebenbild richteten. - -Der stülpsnäsige Herr hielt eine Rede, in der alle Gefühle, die weder -er noch sonst wer hegte, in Superlativen ausgedrückt waren, und niemand -lehnte sich innerlich dagegen auf. - -Im Gegenteile hörte Prinz Xaver mit tiefem Ernste die erhabenen -Tugenden aufzählen, die ihn und sein Haus schmücken sollten, obgleich -er es doch besser wissen mußte, und gleichermaßen hörten alle -Festgäste, die von Weißwürsten kamen oder zu Weißwürsten gingen, daß -sie in diesem Augenblicke den Schwur der Treue erneuert hätten und Gut -und Blut opfern wollten. - -Ja, und darauf mußte etwas gesagt werden. - -Der hohe Protektor umfaßte mit einem wohlwollenden Blicke diesen -Patriotismus, der um ihn herum schwitzte und schnaubte, und sagte es. - -»Diese Gegend,« hub er an, »sie ist sehr lieblich. Sie ist von sanften -Höhen durchzogen und mit Wäldern bedeckt. Aber das Auge erblickt auch -fruchtbare Felder, welche den Fleiß des Landmannes belohnen und ... und -...« - -»Seine Königliche Hoheit lebe hoch!« schrie jetzt verfrüht, unzeitig -und taktlos der Zimmermeister Schlegel, der immer etwas voraushaben -mußte. - -»Und saftige Matten ...« fuhr Prinz Xaver fort, aber das Hoch hatte -im Pulverfasse der angestammten Liebe gezündet, und die brausenden -- -oder auch donnernden -- Rufe übertönten die letzten Worte vom Vieh des -kernigen Volkes. - -Der Protektor lächelte gerührt und wurde zum Wagen verbracht, rechter -Hand die Stülpnase, linker Hand den dicksten Fleckviehzüchter. - -Er fuhr durch beflaggte Gassen an schreienden Menschen vorbei, -grüßte allerleutseligst, sah die Herzen, die ihm entgegenschlugen, -Triumphbögen, die sich wölbten, und langte auf dem Festplatze an, -wo es nicht minder laut blökte, quiekte und brüllte von treuen -Haustieren, die ihren Lärm nur so und unwissend warum vollführten. Da -sah Prinz Xaver alles, was unter sein Protektorat gestellt worden war. -Breitnackige Stiere, die ihn böse anblickten, wollige Schafe, die ihm -mild ins Auge schauten; braune, gelbe, weiße Kühe, die ihre Rücken -hoch zogen, wenn sie behaglichst ihre Wasser rinnen ließen, Kälber und -Schweine. - -Die Stülpsnase erklärte eifrig, aber ein besserer Menschenkenner, als -Prinzen sind, hätte wohl merken können, daß der bewegliche Beamte auch -nicht mehr verstand als der Protektor, welcher nur lebendige Eßwaren in -dem Getier sah. - -Auch in der viktualischen Abteilung überkamen Prinz Xaver mehr -reflektierende als züchterische Vorstellungen. Bei den Krautköpfen -dachte er an rosiges Surfleisch, beim Sellerie an gebratene Gänse, bei -Kartoffeln an den Fürst und Volk einigenden Nierenbraten, und Rettiche -sah er gebeizt, und Zwiebeln geschmort. - -Als man zuletzt noch die Hühner, denen man harte und weiche Eier, -Ochsenaugen und Rühreier verdankt, besichtigt, gut befunden und gelobt -hatte, war so eigentlich die Aufgabe der Königlichen Hoheit erledigt. - -Aber eine neuzeitliche Sitte ließ den Prinzen nicht sogleich zur Ruhe -kommen. - -Es geht ein demokratischer Zug durch unser Volk. - -Die Tage, da es in alle Schulbücher kam, wenn der Fürst einen kleinen -Mann aus dem Volke leutselig ansprach, sind vorüber, und heute spricht -der kleine Mann leutselig den Fürsten an. - -Ein Spenglermeister aus Sünzing fand hier den Mut, indem er vortrat, -nach Bier roch und treuherzig sagte: - -»Geh, Königliche Hoheit, unterschreiben S' de Kart'n an meine Spezeln, -daß de aa 'r a Freud hamm!« - -Die Stülpsnase winkte ihm strenge ab, jedoch der Prinz lächelte und -setzte seinen Namen auf die fettige Postkarte. - -Ein schöner Moment trat ein. Fürst und Untertan Auge in Auge, und der -wackere Spengler traf den Ton des echten Volksstückes, als er sagte: - -»Königliche Hoheit ... dös ... dös ... kimmt unter Glas und Rahmen, und -in hundert Jahr no müass'n d' Leut' sehg'n ...« - -»Ist schon gut,« sagte die Stülpsnase und schob den Redner ungnädig -weg, denn er roch wirklich sehr stark nach Bier, und auch wollten nun -viele die gleiche Gnade erlangen. - -»Königliche Hoheit ... an insern G'sellenverein ... dös war an Ehr' für -Kinda und Kindeskinda ...« - -»Königliche Hoheit ... an insern Stammtisch 'De Grüabig'n' ...« - -Den Prinzen überkamen väterliche Empfindungen, er hielt diese Leute für -anhängliche Kinder, ihre Wünsche für naiv, und er hatte keine Ahnung -davon, daß hier gar nichts ehrlich oder tiefwurzelnd war, außer seiner -eigenen Beschränktheit. - -Er schüttelte gütig alle Hände, die sich in seine Rechte schoben, -kalte und warme, trockene und feuchte, er unterschrieb wohlwollend -alles und setzte seinen Namen neben Ober- und Niedermayer unter ihre -Fröhlichkeit. - -»Menschen ... Menschen san mir alle ... Jakob Schanderl, #Xaver, -königlicher Prinz# ... Eins ... zwei ... drei ... g'suffa!... Es lebe die -Viecherei! Hans Breitsameter, Jakob Leistl, #Xaver, königlicher Prinz# -...« - -Die Karten wanderten hinaus in die Kneipen des Landes, und wenn sie -gleich nicht Ehrfurcht in Kindern und Kindeskindern erregen konnten, -spannen sie doch Fäden vom zünftigen Prinzen zu zünftigen Stammtischen. -Neue Fäden zum alten Bande, das Volk und Herrscherhaus verknüpft. - - - - - Auf der Elektrischen - - -In #München#. Der schwere Wagen poltert auf den Schienen; beim Anhalten -gibt es einen Ruck, daß die stehenden Passagiere durcheinander -gerüttelt werden. - -Ein Schaffner ruft die Station aus. - -»Müliansplatz!« - -Heißt eigentlich Maximiliansplatz. - -Aber der Schaffner hat Schmalzler geschnupft und kann die langen Namen -nicht leiden. - -Ein Student steigt auf. Er trägt eine farbige Mütze, und der Schaffner -salutiert militärisch. - -Er weiß: das zieht bei den Grünschnäbeln. Sie bilden sich darauf was -ein. - -Und wenn sich Grünschnäbel geschmeichelt fühlen, geben sie Trinkgelder. - -Er ist Menschenkenner und hat sich nicht getäuscht. - -Der junge Herr mit der großen Lausallee gibt fünf Pfennige. - -Er sieht dabei den Schaffner nicht an; er sieht gleichgültig ins Leere; -er zeigt, daß er dem Geschenke keine Bedeutung beimißt. Der Schaffner -salutiert wieder. - -Wumm! Prr! - -Der Wagen hält. - -»Deonsplatz!« schreit der Schaffner. - -Heißt eigentlich Odeonsplatz. - -Eine Frau, die ein großes Federbett trägt, schiebt sich in den Wagen. -Ein Sitzplatz ist noch frei. - -Die Frau zwängt sich zwischen zwei Herren. Sie stößt dem einen den -Zylinder vom Kopfe. - -Das ärgert den Herrn. Er klemmt den Zwicker fester auf die Nase und -blickt strafend auf das Weib. - -»Aber erlauben Sie!« sagt er. - --- ?! -- - -»Aber erlauben Sie, mit einem solchen Bett!« - -Die Leute im Wagen werden aufmerksam. - -Der Mann scheint ein Norddeutscher zu sein; der Sprache nach zu -schließen. Ein besserer Herr, der Kleidung nach zu schließen. - -Was fällt ihm ein, die arme Frau aus dem Volke zu beleidigen? - -Ein dicker Mann, dessen grünen Hut ein Gemsbart ziert, verleiht der -allgemeinen Stimmung Ausdruck. - -»Warum soll denn dös arme Weiberl net da herin sitzen? Soll's -vielleicht draußen bleib'n und frier'n? Bloß weil's dem nobligen Herrn -net recht is? Wenn ma so noblig is, fahrt ma halt mit da Droschken!« - -Der dicke Mann ist erregt. Der Gemsbart auf seinem Hute zittert. - -Einige Passagiere nicken ihm beifällig zu; andere murmeln ihre -Zustimmung. Ein Arbeiter sagt: »Überhaupt is de Tramway für an jed'n -da. Net wahr? Und dera Frau ihr Zehnerl is vielleicht g'rad so guat, -net wahr, als wia dem Herrn sei Zehnerl.« - -Die Frau mit dem Bett sieht recht gekränkt aus. Sie schweigt; sie will -nicht reden; sie weiß schon, daß arme Leute immer unterdrückt werden. - -Sie schnupft ein paarmal auf und setzt sich zurecht. Dabei fährt sie -mit dem Bette ihrem anderen Nachbarn ins Gesicht. - -Der stößt das Bett unsanft weg und redet in soliden Baßtönen: »Sie, mit -Eahnan dreckigen Bett brauchen S' mir fei's Maul net abwisch'n! Glauben -S' vielleicht, Sie müassen's mir unta d' Nasen halt'n, weil S' as jetzt -aus 'm Versatzamt g'holt hamm?« - -Die Passagiere horchen auf. - -Da ist noch einer, der die Frau aus dem Volke beleidigt; aber, wie es -scheint, ein süddeutscher Landsmann. - -Die Stimmung richtet sich nicht gegen ihn. Übrigens sieht er so aus, -als wenn ihm das gleichgültig sein könnte. - -Er hat etwas Gesundes an sich, etwas Robustes, Hinausschmeißerisches. - -Er imponiert sogar dem Herrn mit dem grünen Hute. - -Und dann, alle haben es gesehen: - -Die Frau ist ihm wirklich mit dem Federbette über das Gesicht gefahren. -So etwas tut man nicht. Der Mann selbst ist noch nicht fertig mit -seiner Entrüstung. Er wirft einen sehr unfreundlichen Blick auf die -Frau aus dem Volke und einen sehr verächtlichen Blick auf das Bett. - -Er sagt: »Überhaupt is dös a Frechheit gegen die Leut', mit so an Bett -do rei'geh'. Wer woaß denn, wer in dem Bett g'leg'n is? Vielleicht a -Kranker; und mir fahren S' ins G'sicht damit! Sie ausg'schamte Person!« -Einige murmeln beifällig. - -Der Mann mit dem grünen Hute gerät wieder in Zorn. - -Er sagt: »Der Herr hat ganz recht. Mit so an Bett geht ma net in a -Tramway. Da kunnten ja mir alle o'g'steckt wer'n. Heuntzutag, wo's so -viel Bazüllen gibt!« - -Der Gemsbart auf seinem Hute zittert. - -Alle Passagiere sind jetzt wütend über die Unverschämtheit der Frau. - -Man ruft den Schaffner. - -»De muaß außi!« sagt der Mann mit dem Gemsbart, »und überhaupts, -wia könna denn Sie de Frau da einaschiab'n? Muaß ma sie vielleicht -dös g'fallen lassen bei der Tramway? Daß de Bazüllen im Wag'n -umanandfliag'n?« - -Der Schaffner trifft die Entscheidung, daß die Frau sich auf die -vordere Plattform stellen muß. Sie verläßt ihren Platz und geht hinaus. - -»Dös war amal a freche Person!« sagt der Mann mit dem Gemsbart. - -Der Herr mit dem Zwicker meint: »Eigentlich war sie ganz anständig. Nur -mit dem Bette ...« - -»Was?!« schreit sein robuster Nachbar. »Sie woll'n vielleicht dös -Weibsbild in Schutz nehma? Gengan S' außi dazua, wann's Eahna so guat -g'fallt!« - -Alle murmeln beifällig. - -Und der Arbeiter sagt: »Da siecht ma halt wieda de Preißen!« - - * * * * * - -Ein kalter Wintertag. - -Die Passagiere des Straßenbahnwagens hauchen große Nebelwolken vor sich -hin. Die Fenster sind mit Eisblumen geziert, und wenn der Schaffner -die Türe öffnet, zieht jeder die Füße an; am Boden macht sich der -kalte Luftstrom zuerst bemerklich. Die Passagiere frieren, nur wenige -sind durch warme Kleidungen geschützt, denn der Wagen fährt durch eine -ärmliche Vorstadt. - -Da kommt ein Herr in den Wagen; er trägt einen pelzgefütterten -Überrock, eine Pelzmütze, dicke Handschuhe. - -Er setzt sich, ohne seiner Umgebung einen Blick zu schenken, zieht eine -Zeitung aus der Tasche und liest. - -Die anderen Passagiere mustern ihn; das heißt seine untere Partie. Die -obere ist hinter der Zeitung versteckt. - -Die größte Aufmerksamkeit schenkt ihm ein behäbiger Mann, der ihm -gerade gegenübersitzt. - -Er biegt sich nach links und rechts, um hinter die Zeitung zu schauen. -Es geht nicht. - -Er schiebt mit der Krücke seines Stockes das hemmende Papier weg und -fragt in gemütlichem Tone: - -»Sie, Herr Nachbar, wissen Sie, aus welchan Pelz Eahna Hauben is?« - -Der Herr zieht die Zeitung unwillig an sich. - -»Lassen Sie mich doch in Ruhe!« - -»Nix für ungut!« sagt der Behäbige. - -Nach einer Weile klopft er mit seinem Stocke an die Zeitung, die der -Herr noch immer vor sich hinhält. - -»Sie, Herr Nachbar!« - -»Waßß denn?!« - -»Sie, dös is fei a Biberpelz, Eahna Haub'n da.« - -»So lassen Sie mich doch endlich meine Zeitung lesen!« - -»Nix für ungut!« sagt der Mann und wendet sich an die anderen -Passagiere. - -»Ja, dös is a Biberpelz, de Haub'n. Dös is a schön's Trag'n und kost' -a schön's Geld, aba ma hat was, und es is an oanmalige Anschaffung. De -Haub'n, sag' i Eahna, de trag'n no amal de Kinder von dem Herrn. De is -net zum Umbringa. Freili, billig is er net, so a Biberpelz!« - -Die Passagiere beugen sich vor. Sie wollen auch die Pelzmütze sehen. - -Aber man sieht nichts von ihr; der Herr hat sich voll Unwillen in seine -Zeitung eingewickelt. - -Da wird sie ihm wieder weggezogen. Von dem behäbigen Manne, mit der -Stockkrücke. - -»Sie, Herr Nachbar ...« - -»Ja, was erlauben Sie sich denn ...?!« - -»Herr Nachbar, was hat jetzt de Haub'n eigentlich gekostet?« - -Der Herr gibt keine Antwort. - -Wütend steht er auf, geht hinaus und schlägt die Türe mit Geräusch zu. - -Der Behäbige deutet mit dem Stock auf den leeren Platz und sagt: »Der -Biberpelz, den wo dieser Herr hat, der wo jetzt hinaus is, der hat ganz -g'wiß seine zwanz'g Markln kost'; wenn er net teurer war!« - - * * * * * - -Der alte Professor Spengler fährt jeden Morgen gegen acht Uhr vom -großen Wirt in Schwabing bis zur Universität. - -Er fällt auf durch seine ehrwürdige Erscheinung; lange, weiße Locken -hängen ihm auf die Schultern, und er geht gebückt unter der Last der -Jahre. - -Ein Herr, der auf der Plattform steht, beobachtet ihn längere Zeit -durch das Fenster. - -Er wendet sich an den Schaffner. - -»Wer ist denn eigentlich der alte Herr? Den habe ich schon öfter -gesehen.« - -»Der? Den kenna Sie nöt?« - -»Nein.« - -»Dös is do unsa Professa Spengler.« - -»So? so? Spengler. M--hm.« - -»Professa der Weltgeschüchte,« ergänzt der Schaffner und schüttet eine -Prise Schnupftabak auf den Daumen. - -»Mhm!« macht der Herr. »So, so.« - -Der Schaffner hat den Tabak aufgeschnupft und schaut den Herrn -vorwurfsvoll an. - -»Den sollten S' aba scho kenna!« sagt er. »Der hat vier solchene Büacha -g'schrieb'n.« - -Er zeigt mit den Händen, wie dick die Bücher sind. - -»So ... so?« - -»Lauter Weltgeschüchte!« - -»Ich bin nicht von hier,« sagt der Herr und sieht jetzt mit sichtlichem -Respekte auf den Professor. - -»Ah so! Nacha is 's was anders, wenn Sie net von hier san,« erwidert -der Schaffner. - -Er öffnet die Türe. - -»Universität!« - -Professor Spengler steigt ab. Der Schaffner ist ihm behilflich; er gibt -acht, daß der alte Herr auf dem glatten Asphalt gut zu stehen kommt. -Dann klopft er ihm wohlwollend auf die Schulter. - -»Soo, Herr Professa! Nur net gar z' fleißig!« - -Er pfeift, und es geht weiter. - -Der Schaffner wendet sich nochmal an den Herrn: - -»Alle Tag, punkt acht Uhr, fahrt dös alte Mannderl auf d' Universität. -Nix wia lauta Weltgeschüchte!« - - * * * * * - -In #Berlin#. Der Straßenwagen fährt durch den Tiergarten. Seitab werden -Bäume gefällt, und es ist ein sonderbarer Anblick, mitten in der -Großstadt Waldarbeit zu sehen. - -Der Schaffner wendet sich an einen Herrn, der Ähnlichkeit mit dem -Kaiser hat. Die man in Norddeutschland so häufig trifft. Starkes Kinn. -Habyschnurrbart. - -Der Schaffner sagt: »Das geht nun schon so vier Wochen.« - -Er deutet auf die Holzarbeiter. - -Der Doppelgänger Kaiser Wilhelms schweigt. - -»Wenn sie nur nich den ganzen Tiergarten umschlagen!« sagt der -Schaffner. - -Keine Antwort. - -Der Schaffner versucht es noch einmal. - -»Den ganzen Tiergarten! Es wär doch jammerschade!« - -Jetzt blickt ihn der Doppelgänger Kaiser Wilhelms an; strenge und -abweisend. - -Und er sagt: - -»Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen in eine Konversation -einzulassen.« - - - - - O Natur! - - - Personen: Er --- Sie -- Ein Holzknecht. - - Ort: Im Gebirge. - - - Er: Wie das hier schon ganz anders riecht, Lizzi! A--ah! Endlich - aus der Stadt in die Natur geflohen! - - Sie: Himmlisch! - - Er: Stelle dir vor! Der Schnee in unseren Straßen, schwarz, - schmutzig, naß. Und hier blinkt und glitzert er. - - Sie: Er ist direkt keusch, finde ich. - - Er: Man denkt an Weihnachten, Christabend, an irgend was Poetisches. - - Sie: Karl, du Guter! Nein, wie bin ich dir dankbar, daß du mich aus - dem schrecklichen Trubel in diesen Frieden gebracht hast! - - Er: Nicht wahr? - - Sie: Weißt du, als ganz kleines Mädchen bin ich auch einmal im - Winter auf dem Lande gewesen. Bei Großmama. Da weiß ich noch, - wie da auch die Bäume verschneit waren und so merkwürdig - aussahen. - - Er: Du bekommst förmlich große Augen, wie du das sagst, Lizzi! - - Sie: Es muß die heimliche Sehnsucht nach der Natur sein, die in - einem lebt. Trotz allem, weißt du, Karl? - - Er: Ja, ja. Trotz allem. - - Sie: Nein! Sieh mal dort die große Tanne! Wie ein Ungeheuer sieht - so ein Zweig aus. Wie was Lebendiges. - - Er: Wie ein Märchen. - - Sie: Die Natur ist doch das einzig Wahre! - - Er: Man sollte hier immer leben! - - Sie: Das wäre herrlich! Ich ließe mir einen großen Pelz dazu - machen; weißt du, grünen Samt, mit Zobel besetzt, und innen - auch Zobel, oder Seal. - - Er: Das sollte man tun, hier leben. - - Sie: Oder Skunks, Karl, obwohl ich eigentlich Skunks nicht sehr - liebe. - - Er: Das würde sich schon finden. - - Sie: Und weißt du, eine Pelzmütze sollte ich haben. Ich habe - vorgestern bei Bachmann eine entzückende Mütze gesehen. - - Er: Dieser Friede ringsum! - - Sie: Ich glaube, sie war aus Otterfellen und hatte vorne eine - Agraffe, in der eine Reiherfeder steckte. - - Er: Sieh dort, Lizzi, wie die Bergspitze noch von der Abendsonne - beschienen ist. - - Sie: Wun--der--voll! Weißt du, man könnte statt Reiher auch eine - andere Feder nehmen. Meinst du nicht? - - Er: Ja -- ja. Ich könnte hier stundenlang in den Anblick versunken - stehen. - - Sie: Und ich möchte am liebsten durch den Schnee waten. Wie ein - Schulmädchen, und ganze rote Backen davon kriegen. - - Er: Und nasse Füße, Liebling! - - Sie (enttäuscht): Das ist wahr! - - Er: Man müßte eben andere Schuhe tragen. Und sich überhaupt daran - gewöhnen. Oh! Hier muß ein Mensch gesund werden! - - Sie: Ich fühle mich jetzt schon ganz anders. - - Er: Ich meine körperlich #und# geistig gesund werden. A--ah! Diese - Luft! Diese Luft! - - Sie: Wie die Sonne verglüht! Das sollte man jeden Abend haben. - - Er: Und sich von dem Zauber der Natur umfangen lassen. - - Sie: Ich möchte am liebsten gar nicht mehr weg. - - Er: Weißt du was? Wir bleiben einfach morgen noch hier. - - Sie: Ach ja -- das wäre himmlisch! Aber es geht nicht, Schatz. Ich - #muß# morgen zur Schneiderin, und dann sollen wir bei Hofrats - Besuch machen, und abends ist der »Rosenkavalier«, und ... - - Er: Richtig ja! Na, denn nich! Eigentlich ist es schade! - - Sie: Mir blutet ja das Herz, daß man sich von hier losreißen soll. - - Er: Mir auch. Diese Farben! Nein, diese Farben! - - Sie: Du, dort kommt ein Mann. - - Er: Er hat so was wie 'ne Säge umhängen. Das ist sicher 'n - Holzfäller. - - Sie: Wie stilvoll er aussieht! - - Er (seufzend): Ach, wer auch so einer wäre! He, guter Mann! - - Holzer: Han? - - Er: Sie leben wohl immer hier heraußen? - - Sie: In der Natur? - - Er: Und wissen vielleicht gar nicht, wie beneidenswert Sie sind! - - Holzer: Am -- -- -- -- --! (Entfernt sich.) - - Sie: Wie? Was hat er gesagt? - - Er: Ach, so was ... so was Bäuerliches, was die Leute hier oft - sagen. Nun wollen wir aber umkehren. (Bleibt stehen und atmet - tief auf.) Nein! Diese Natur! - - - - Das alte Recht - - -Es scheint mir, daß jene uns Deutschen oft nachgerühmte Scheu vor -gewissen Vorrechten der Geburt, des Ranges, des Besitzes in Wahrheit -besteht und unser öffentliches Leben vergiftet, indem sie das Fundament -der Gesellschaft, die Gleichheit vor dem Gesetze aufhebt, während sie -hinwiederum unserem privaten Leben durch Anreiz zur Eitelkeit, zur -Selbsterniedrigung, zu allen Gegenteilen von Stolz und Selbstgefühl -einen bedenklichen Einschlag gibt -- -- ja, das alles scheint mir so, -und ich finde diese Meinung durch alle möglichen Vorkommnisse immer -wieder auf ein neues bestätigt. Auch in unseren kleinen Provinzstädten, -wo doch wahrhaftig der Anblick des Hofes, der Umgang mit glänzenden -Militärs, die Bewunderung genialer Staatsmänner, wo all dies nicht die -klaren Begriffe von Recht verwirren könnte, selbst da finde ich immer -wieder, natürlich ins kleine übertragen, aber nicht minder verderblich --- was wollte ich sagen? -- Ja, also in Dornstein -- aber das muß -ordentlich und der Reihe nach erzählt werden, und weil das Thema an -sich etwas unappetitlich ist oder sein könnte, muß es auch mit Zartheit -vorgetragen werden. Nur eine Frage vorher! - -Wenn nach allgemein gültigen Begriffen von Moral, Anstand und Hygiene -die Verunreinigung von öffentlichen Plätzen und Straßen -- ich möchte -absichtlich keinen starken Ausdruck gebrauchen -- als ordinär, -jedenfalls aber als verboten gilt, wenn dieses Verbot in deutlichen -Verfügungen der Ortspolizeibehörde niedergelegt ist, mit Ausdrücken, -die keinerlei Deutung zulassen, so meine ich doch, dieses Verbot müßte -für alle Bewohner des Ortes gelten? Aber wir werden ja sehen! - -Ich meine sogar, gerade Leute von Bildung müßten im Falle einer -Zuwiderhandlung stärkere Mißbilligung und strengere Strafe finden, denn -wenn Bildung wirklich Bildung ist -- aber wir werden ja sehen! - -Jedenfalls hier will ich nur die Tatsachen in ihrer zeitlichen Folge -berichten und feststellen, und jeden Schein einer irgendwie gearteten -Färbung vermeiden. - -Alles, was sich in der Zeit vom 17. März bis mit 11. April 1913 in -Dornstein ereignete, das heißt: in dieser betreffenden Sache sich -ereignete, werde ich chronologisch erzählen. - -Eigentlich müßte man das Datum weiter zurücklegen, denn schon am 21. -Februar, 2. März und wieder am 11. März erschienen im Dornsteiner -Volksboten »Stimmen aus dem Publikum«, welche auf die Vorkommnisse -Bezug nahmen. - -»Gibt es =keine Polizei=, welche in der Luitpoldstraße =gewisse -Schweinereien gewisser Herren betrachtet=, und dürfen selbe tun, was -sie wollen?!? (Volksbote vom 21. 2. 1913, Seite 3.) - -»Es scheint, daß die =Nemesis= sich vor #gewissen Leuten# =verkriecht=, -welche die Luitpoldstraße zum Schauplatze ihrer =Gemeinheit= machen, -und daß sie in diesem Falle nicht so pünktlich bei der Hand ist, wie -vielleicht gegen die =minder bemittelte Klasse!!!=« (Volksbote vom 2. -3. 1913, Seite 3.) - -»Auch unsere gute Stadt Dornstein soll, wie es scheint, ihren -=Panamaskandal!!= haben, ohne den es #überhaupt in Deutschland nicht -mehr abzugehen scheint#!! Trägt der Kadi eine stärkere Binde vor den -Augen, wenn es #sogenannte Gebildete# betrifft?!? Wir fragen zum -=letzen Male!!=« (Volksbote vom 11. 3. 1913, Seite 2.) - -Die letzte Anfrage des Blattes war denn doch in einem Tone gestellt, -der hätte gehört werden müssen, wenn die maßgebenden Behörden dazu eine -Lust verspürt hätten, ich möchte sagen, wenn sie eine durchaus strenge -Auffassung von ihrer #Pflicht# besessen hätten. - -Sie hatten diese Auffassung #nicht#. Und nun traten in diesem Drama die -Personen aus den Kulissen heraus vor die Rampe der Öffentlichkeit. - --- Ich glaube, man kann dieses Bild füglich gebrauchen? -- - -Am 17. März gelangte folgendes hier wörtlich wiedergegebenes Schreiben -der Realitätenbesitzerswitwe #Ursula Hirgstettner# in den Einlauf des -Stadtmagistrats Dornstein: - -An den Maschißtrath, hochwolgebohren dahir und zu Händen des Herrn -Bürchermeisters. - -Eigene Angelegenheit des Emfängers! - -Beträf: Notdurfth und unberächtigte Ausübung dersälben in der -Luitpoldstraße. Auch beträf gegen die Sitlichkeith. - -Es ist gewieß ales recht und man schweicht oft und denkt sich blos -etwas, denn man wiel nichd fier eine frau gelthen, die wo zimbferlich -ist und die wo gleich iber ales sich empörth ist und obwoll man doch -auch seine Steuern und Abgahben zahlt und Gemeindeumlahgen. - -Aber was zu arch ist ist zu arch und mahn braucht sich nicht ales zu -gefallen zu lassen, indem man doch auch zum weiblichen Geschlächte -gehörth und vielleicht mehr bieldung besiezt als die wo immer davon -sprechen. Oder muß sich vieleicht eine schuzlose Wittwe ales gefallen -lasen? Oder denkt man vieleicht, ja hier braucht es keine Rücksicht -durchaus nicht mehr, weil diese Beträfende keinen Man nicht besiezt, -der wo solchene Angriefe auf das Schahmgefühl nicht erlaubt?? Alerdings -wenn mein unvergeslicher Leonhard nicht dahin geraft wäre durch ein -unerbitliches Geschiek, hernach würden sich vieleicht #gewise Herren -der Schöpfung# besinnen, ob sie sich so etwas trauen oder vieleicht -lieber ihre nothurft anderswo verriechten. - -Aber freilich ich bin ja blos eine schuzlose Wittwe und da braucht -man keine Rücksicht nicht zu nehmen!! Aber ich zeige es hiemit dem -hochwolgebornen Maschißtrate an und gebe keine Ruhe nicht mehr sondern -apeliere. - -Im Gasthaus zum Schiemel sitzen die »#besseren#«!! Herren beinahe ale -tage bis in die späthe Nacht obwol es mich nichts angeht und verlasen -selbes meistens um Mitternacht und sage ich auch nichts obwol oft ein -groser Spetakel ist, aber man denkt sich, es gibt auch feinere Herren, -wo so viel trinken wie ein Fuhrmann. - -Aber leider dises ist nicht ales, sondern sie bleiben auf der Strase -stehen und verichten selbes, wo man vieleicht als feinere Herren -anderswo veriechten soll und unterhalten sich dabei mit lauther Stimme. -Dises sind meistens der Herr Majohr Röklmeier und der penzionirte -Oberambsriechter Pollner und verschiedene Bürger und Maschißtratsräthe, -wo ich auch den Herrn Haslinger und Mühlberger deuthlich unterscheiden -konnte. Dieses geschieth vor meinem Hause, indem ich davon oft erwache -und mit Schmertzen frage, ob mahn dieses einer schuzlosen Wittwe -ales biethen darf. Ich habe es schohn dem Polizeiwachtmeister genau -beschriehben, aber leider es hilft nichts, sondern die feineren Herren -betreiben erst recht ihr schweinisches Geschäft und man hört auch daß -sie sich dabei zu Anspillungen auf meine Persönlichkeit erfrächen. Der -betrefende ist besonders erkannt und wenn es auch ein Beahmter ist, -besiezt er doch keine Bieldung und soll vieleicht denken, das er nicht -so unferschämbt zu sein braucht gegen leuthe, wo seine Penziohn auch -mitzahlen. - -Hochwollgeborner Maschißtrat ich zeige es hiedurch an, daß ich mir -durchaus nichts mehr gefahlen lasse und mich nicht mit Injuhrien auch -noch behaften lasse, sondern meine Geduld ist erschöpft, wodurch ich -auf einen standpunkt bin, das mahn sich sagt, bis hieher und nicht -weither! - -Wenn der Maschißtrat vieleicht sein Auge zudrüken will weil es feinere -Herren sind und die besiezende Klasse, dann weiß ich schon was ich thue. - -Ich verlange die strengste Bestraffung dieser Obigen und eine Tafel -gegen nächtliche Verunreinigung und ich glaube das auch eine schuzlose -Wittwe disses erreichen kann gegen die wo sich nicht schähmen, sondern -ihre sogenannte Bieldung in disser weise bezeichen. Ich verlange die -strengste Bestraffung!! Disses möchte ich noch bemerken. - - Laut Unterschrift: Ursula Hirgstettner, - hochachtungsvoll dahir. - -Am 26. März kam dieser Brief in geheimer Magistratssitzung zur Sprache. - -Herr Bürgermeister Dr. Pilzweyer hatte ursprünglich die Absicht -gehegt, und diese Absicht auch gegenüber dem Magistratssekretär Weigel -kundgetan, die Eingabe der Hirgstettner zu perhorreszieren, aber eine -Notiz im Volksboten brachte denn doch die Sache in Gang, da man nun -befürchten mußte, daß weitere sehr unangenehme Preßerörterungen das -stille Begräbnis der Anklage verhindern würden. - -Also ging man daran, die Angelegenheit amtlich, wenn auch nicht -ernstlich, zu behandeln. - -Denn schon die Miene des vorstehenden Sekretärs verriet die merkwürdige -Neigung, diese Herzensnöte einer Frau als Spaß zu betrachten, und -ein den Vortrag begleitendes Lächeln des Bürgermeisters schien die -Anwesenden aufzufordern, auch ihrerseits den Humor des Schriftstückes -zu erkennen. - -Allein Magistratsrat Mühlberger, ein angesehener Bäckermeister, konnte -trotzdem seinen aufsteigenden Zorn nicht meistern und sprang sogleich -auf, indem er rief: - -»Dös san ja Insinationa! Hat ma scho so was g'hört von so an alt'n -miserablinga Trankhafa? Dös san ja Insinationa!« - -»Herr Magistratsrat,« sagte der Bürgermeister in verbindlichem Tone, -»wir können und wollen uns über dieses Schriftstück doch wahrhaftig -nicht aufregen -- --« - -»Sie Eahna net! Aber i!« schrie Mühlberger. »Dös san ganz oafach -Insinationa! Und dös sag' i!« - -»Wir werden später darauf zurückkommen,« sagte immer lächelnd Herr Dr. -Pilzweyer. »Aber,« fuhr er fort, indes er seinen Kneifer abnahm und ihn -spielend an der Schnur pendeln ließ, »ich muß nun wohl das tatsächliche -Material den Herrn unterbreiten.« - -»Es handelt sich hier,« sagte er und lehnte sich zurück, indes er -jedes Wort mit verstandesmäßiger Betonung aussprach und im Wohlklange -seiner Rede schwelgte, »es handelt sich hier zweifellos um das Haus -Nummer 104a, als welches zu Eigentum der Witwe des verstorbenen -Realitätenbesitzers Leonhard Hirgstettner im Grundbuche vorgetragen -ist, -- und welches sich auf der nördlichen Seite der ehemaligen -Bachleitergasse, jetzt Prinzregent Luitpoldstraße befindet. Gegenüber -von diesem Hause ist die Gast- und Tafernwirtschaft zum Schimmel, -welche von den Eheleuten Johann und Maria Leutgschwendtner betrieben -wird. - -Dieses Gasthaus erfreut sich des Besuches gerade der Honoratioren.« - -»I g'hör aa dazua,« fiel hier die Baßstimme des Magistratsrates -Haslinger ein. - -»Gerade der Honoratioren,« fuhr der Bürgermeister fort, indes ein -Lächeln über seine Züge flog, »und man begegnet dort außer angesehenen -Bürgern« -- er machte eine leichte Verbeugung nach der Richtung, wo -Haslinger und Mühlberger saßen -- »man begegnet dort Offizieren, -Angehörigen des Beamtenkörpers, also Herren, denen eine Störung der -Ordnung, ein Zuwiderhandeln gegen Sitte und Anstand niemals, ich betone -das, niemals zuzutrauen wäre!« - -»Dös moan i halt aa,« rief Mühlberger ... - -»... Zuzutrauen wäre. Die streng vertraulich gepflogenen Recherchen -haben ergeben, daß vielleicht hier und da einer der Herren, dem Zwange -und Drange der Natur folgend, ganz gewiß in unauffälligster Weise ...« - -»Bitt ums Wort!« schrie Herr Haslinger. - -»Sogleich! Sie werden das Wort sogleich erhalten, Herr Magistratsrat -... also in diskretester Weise jenem Drange vielleicht Folge leistete. -Aber eine Beschuldigung wie diese hier« -- Herr Dr. Pilzweyer klopfte, -nun ernster werdend, auf das Schriftstück -- »eine solche Beschuldigung -ist frivol. Ich stehe nicht an zu sagen, es ist ein starkes Stück von -Frivolität.« - -»An Insination is!« rief Mühlberger ... - -»Eine haltlose Verdächtigung, und ich erteile nun, bevor ich einen -Antrag stelle, das Wort dem Herrn Magistratsrat Haslinger.« - -Dieser, von Beruf Brauereibesitzer, ein beleibter Mann von stattlicher -Größe, erhob sich, und da er gerade geschnupft hatte, zog er ein -blaues, geblümtes Taschentuch von der Größe einer Serviette aus der -Tasche und entfernte von Bart, Weste und Rock die Tabakreste. Dann -begann er in jovialem Tone zu reden. »Also, meine Herrn, de Sach' -is eigentli ganz oafach; und i muaß scho sagn, daß ma über so was -überhaupts red'n muaß, dös g'hört aa zu de Erscheinunga der Neuzeit. -Also i sag ganz oafach, de Beschwerde von dera ... Beißzanga da ... is -eigentli a Frechheit ersten Grades. Indem daß also Familienväta und -verheirate Männa, und daß ma 's scho glei sag'n, lauta Leut, de wo -eppas san und de wo eppas hamm und de wo eppas vorstell'n -- net -- -lauta richtige Leut -- net --- indem daß diese Leute a so hingestellt -wern als wia Sittlichkeitsverbrecher -- net -- und von an solchen alt'n -Trankhafa, bei der ma sie do überhaupts nix mehr denkt ...« - -Der Bürgermeister rührte an der Glocke. »Ich möchte den Herrn -Magistratsrat bitten, im Interesse einer sachlichen Behandlung ...« - -»Net unterbrecha!« sagte Haslinger grob. »Sie hamm dös überhaupts -a bissel gern, Herr Bürgermoasta, und i sag 's Eahna, daß über dös -bereits Stimmen laut geworden sind. - -»Über diese Unterbrecherei von Eahna. Da kimmt ma ja aus 'n Thema -außi! Also, meine Herrn, daß i 's kurz sag, seit i ins Wirtshaus geh, -und aa früherszeit, wia no mei Vata ganga is, und natürlicherweis -mei Großvata grad so, also da woaß ma's nia anderst, als daß ma vom -Wirtshaus außa ... no ja ... in Gott's Nam ... Sie verstengan mi scho. -I möcht überhaupts sag'n, dös is an alts Recht! Wenn ma so seine -vier, fünf oda sechs Maß Bier trunka hat -- no ja -- in Gott's Nam! -De Damenwelt is do um de Zeit nimma auf da Straß, und so lang unser -Dornstoa steht, hat ma dös net anderst g'wißt. Jetzt auf oamal kam de -Mistamsel, de abscheilige daher ... Theans mi net unterbrecha, sag -i, Herr Bürgermoasta, -- jetzt kam de daher und möcht ins des alte, -guate Herkomma für an Unsittlichkeit histell'n. Aba i sag bloß dös, -solchena Beleidigunga, solchena neumodische Unverschämtheiten, von dera -grauslinga Beißzanga, diese prallen an unserer Brust ab!« - -»Brafo! Brafo!« riefen die Magistratsräte und patschten auch lebhaft -in die Hände, so daß Herr Haslinger sich dankend noch einmal halb vom -Stuhle erhob und wiederholte. »Sie prallen ab, sag i, und mehra sag i -net ...« - -»Dös Luada mit ihre Insinationa!« rief Mühlberger, worauf sich der Herr -Bürgermeister räusperte und also begann: - -»Meine Herren! Nach den bemerkens- und auch dankenswerten Ausführungen -des Herrn Vorredners, nach diesen von den Tönen eines beleidigten -Ehrgefühles durchzitterten Worten erübrigt mir jetzt nur ... wie?« - -»Ich bitte ums Wort!« sagte zum zweiten Male der Buchbindermeister -Kallinger ... - -»Ach so! Pardon! Der Herr Magistratsrat Kallinger hat das Wort.« - -»Meine Herren!« sagte dieser, ein Freund feinerer Bildung, der einige -Jahre in Norddeutschland befindlich gewesen war, ... »meine Herren! -Ich glaube fürwahr mit Recht behaupten zu dürfen, daß ich einige -Erfahrungen besitze in betreff nämlich der Sitten und Gebräuche fremder -Städte ...« - -»Geh, hör auf!« - -»Ich höre #nicht# auf, Herr Haslinger, und ich möchte nur bemerken, -bald Sie sich beschweren in betreff von Unterbrechungen, dann dürfen -auch Sie nicht einen Redner unterbrechen ... ich möchte also nur -dieses sagen, daß ich in fremden Städten einige Erfahrungen gesammelt -habe auch in betreff dieses Themas, über das ich mich nicht näher -ausdrücken kann und ich behaupte, daß auch in anderen Städten dieses -häufig vorkommt. Dann möchte ich sagen, daß zum Beispiel während einer -Regenperiode sicherlich kein Grund zur Beschwerde vorhanden ist, -während im Schnee fürwahr zu viele Spuren zurückbleiben. Ich möchte -hierdurch nur eine bescheidene Anregung geben, ob die betreffenden -Herren nicht doch eine gewisse Rücksicht auf die Witterungsverhältnisse -walten lassen könnten ...« - -Damit setzte sich Herr Kallinger, und Herr Haslinger stieß Herrn -Mühlberger mit dem Ellenbogen an, und Herr Mühlberger stieß Herrn -Arzböck an, und es herrschte die allgemeine Ansicht, daß der Kallinger -natürlich wieder seinen Senf habe dazu geben müssen. - -Aber der Bürgermeister hustete leicht und fuhr an der alten Stelle fort. - -»Es erübrigt mir jetzt nur die Frage, ob der Magistrat sich irgendwie -offiziell, also beschlußfassend, mit der Sache beschäftigen soll ...« - -»Nix da! Da werd überhaupts nix mehr g'redt! Freili! Daß der alte -Trankhafa sei Freud hätt!...« - -»Ja, also, ich entnehme den allgemeinen Zurufen, daß man über die -Beschwerde zur Tagesordnung übergeht ... Herr Kallinger?« - -»Ich möchte nur einen Beschluß darüber vorschlagen, daß während -einer Schnee- oder Kälteperiode auch nachts keine solche Verrichtung -stattfinden dürfe ...« - -»Wer für den Antrag des Herrn Magistratsrates Kallinger ist, möge sich -erheben!... Niemand? Also, der Antrag ist mit allen gegen eine Stimme -abgelehnt ... und damit gehen wir zur Tagesordnung über. Es liegt vor -ein Antrag des Kaufmanns Oberloher ...« - - * * * * * - -Das war am 26. März. - -Am 29. des gleichen Monats brachte der »Volksbote« einen geharnischten -Artikel über »Korruption«: - -»Es ist einem Häuflein Bevorzugter gelungen, dem Gesetz ein Schnippchen -zu schlagen ... usw. ... bis ... wir erinnern aber an das so wahre -Sprüchwort _justitia fundamentum regnorum_, welches denn doch auch in -Dornstein einige Geltung haben dürfte ...« - -(Siehe Beilage 5 im Akt: Beschwerde der Ursula Hirgstettner usw.) - -Am Abend des 1. April brannte im Hause der Frau Hirgstettner das -Gaslicht nicht mehr. Tagsüber hatten zwei städtische Arbeiter sich -an der Leitung in der Luitpoldstraße zu schaffen gemacht und jede -Auskunft verweigert. Als nun Frau Offiziant Koppenwallner, welche in -dem Hirgstettnerschen Hause wohnte, im Gange Licht machen wollte und -immer wieder den Gashahn aufdrehte, blieb es dessenungeachtet dunkel. - -Obwohl sofort eine Magd zum Leiter der Gasanstalt geschickt wurde, kam -niemand zur Abhilfe. Auch den 2. und 3. April ließ sich der städtische -Installateur nicht blicken. - -Am 4. April ging Frau Ursula Hirgstettner selbst im Zustande der -höchsten Aufregung, da die Familie Koppenwallner sofort kündigen -wollte, zu Herrn Gasanstaltsdirektor Pfrombeck und stellte ihn -entrüstet zur Rede. - -»Nur net so hitzig!« sagte Herr Pfrombeck gelassen. »Am Gas fehlt's -net, aba wahrscheinli fehlt's an der Leitung. Vielleicht hamm S' dös -letzte Quartal net zahlt?« - -»Dös tat i mir scho verbitt'n! I bin meiner Lebtag nix schuldi blieb'n -...« - -»Ja no! Na werd's wo anders fehl'n. Mi geht dös nix o. De Gasleitung -hat da Herr Magistratsrat Mühlberger unter sich. Da müassen S' zu dem -geh' und frag'n.« - -Nun ging der Frau Ursula Hirgstettner allerdings ein Licht auf, aber -als resolute Witwe ging sie unverzagt in den Kampf um ihr gutes Recht -und in den Laden des Bäckermeisters und Magistratsrates Mühlberger. - -Sie mußte warten, bis alle Kunden bedient waren, und stand endlich in -dem Hinterzimmer vor dem finster blickenden Stadtvater. - -»Was woll'n denn Sie?« - -»I? Da tat i no lang frag'n, wenn seit vier Tag 's Gas nimmer brennt!« - -»So?« - -»Ja! Zahlt ma desweg'n seine Umlag'n und Gebühr'n, daß nacha a solchena -Schlamperei vorkimmt ...« - -»Sie, thean S' Eahna a bissel z'ruckhalt'n!« - -»Gar net halt i mi z'ruck, und auf der Stell muaß i wiss'n, warum daß -de Arbeita mei Leitung abdraht hamm ...« - -»Welchane Arbeita?« - -»Ja, ma hat's scho g'sehg'n! Für gar so dumm müaßt's oan aa net halt'n!« - -»Wenn de Arbeita Eahna Leitung unterbrocha hamm, nacha hat am Rohr was -g'feit. Vastand'n?« - -»So, warum fehlt denn grad bei mir was? Und bein Schimmiwirt net? Und -bei koan Nachbarn net?« - -»Dös is de Rohr eahna Sach.« - -»I wer scho sehg'n, ob i mir dös g'fall'n lass'n muaß. I woaß scho, was -da für a Spitzbuamg'schicht dahinta steckt.« - -»Halten S' Eahna z'ruck, sag i!« - -»Und a Spitzbuamg'schicht is, sag i!« - -»Sie, passen S' auf, Eahna kennt ma!« - -»Sie kenna mi no lang net, und wenn i net auf da Stell mei Gas kriag, -nacha zoag i Eahna, mit wem Sie's z'thoa hamm!« - -»Dös braucht's net. Eahna kennt ma, sag i. Sie san eine Frau, de wo -Insinationa macht. Verstengan Sie? Insinationa!« - -»I mach Eahna no ganz was anders, Sie Loawibacha, Sie ausgschamta!« - -»Jetzt hab i Eahna! Dös is an Amtsbeleidigung!« - -»Mei Gas möcht i!« - -»An Amtsbeleidigung is dös! Verstengan Sie? Jetzt san Sie -g'richtsmaßig!« - -»Gengan S' aufs G'richt! Auf da Stell geh i mit und bring mei Sach vor! -I will amal sehgn, ob Sie mir's Gas abdrahn derfa, weil i Eahna Sauerei -anzoagt hab' -- Sie!« - -»Und jetzt macha S', daß S' naus kemma, sunst gibt's an -Hausfriedensbruch aa no, Sie Trebernfaß, Sie ordanärs! Sie Mistamsel, -Sie gräusliche!« - -»So? So red'n Sie? Aba ...« - -»Außi!« - -Der Befehl war so kategorisch und mit Schub und Druck begleitet, daß -die fassungslose Witwe, ohne zu wissen wie, vor der Türe und auf der -Straße stand. - -Ihr eiligster Lauf ging in die Redaktion des Volksboten. - - -- -- -- -- -- - -Aber der Kämpfer für ihre Rechte, Herr Martin Irzinger, war nicht wie -sonst. - -Er hörte sie nicht an, er unterbrach sie lange, bevor ihre Klagen zu -Ende waren. - -»Dös is alles ganz recht, Frau Hiergstettner, und i kenn ja de ... i -will sag'n, i waaß ja alles, aba, es thuat mir leid, i ko in dera Sach' -nix mehr thoa.« - -»Sie san guat. Zerscht hamm's mi allaweil aufghetzt, daß i de Eingab' -mach, und Sie hamm in Eahnern Blattl de G'schicht aufgrührt ...« - -»Ja ... ja ... Dös hoaßt, i hab mi für Eahna a bissel einseitig ins -Zeug g'legt. Einseitig, verstengan Sie?« - -»Aba Sie hamm do g'sagt ...« - -»I #hab# g'sagt, aba jetzt sag i Eahna was anders, Frau Hiergstettner. -Schauen's, i muaß #von# de Leut' leb'n, und #Sie# müass'n #mit# de Leut -leb'n. Wir kinnan den Kriag net weiter führ'n.« - -»Mir geht da Proviant aus. Verstengan S', der diri dari -- und Eahna -geht 's Liacht aus.« - -»Ja, was soll i denn thoa?« - -»An Fried'n schliaß'n. Es bleibt ins nix anders net übrig ...« - -Da verließ die Witwe aller Kampfes- und Lebensmut, und sie fing -gottesjämmerlich zu weinen an. - -Es müssen hier einige Tatsachen nachgeholt werden. - -Am 1. April wurde dem »Volksboten« amtlich mitgeteilt: 1. daß der -Magistrat das bisherige Abonnement von zwei Exemplaren nicht erneuere, -2. daß der »Volksbote« künftighin keine amtlichen Inserate mehr zu -gewärtigen habe. - -Noch den gleichen Tag suchte Irzinger den Bürgermeister auf und bat um -Aufklärung. - -»Wundern Sie sich darüber?« fragte Herr Dr. Pilzweyer mit Nachdruck. -»Konnten Sie etwas anderes erwarten, nachdem Sie in jeder Nummer Ihres -Blattes ...?« - -»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...« - -»Oder, ich will sagen, wenn Sie beinahe in jeder Nummer die -angesehensten Männer der Stadt, ja die Stadtverwaltung selbst, in -maßloser Weise angreifen?« - -»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...« - -»Jawohl, maßlos, Herr Irzinger! Das Wort ist keineswegs stark gewählt -...« Herr Dr. Pilzweyer spielte hier wieder mit dem Zwicker und -lauschte auf seinen Tonfall. »Sie zweifeln unsere Intaktheit an, unsere -Gerechtigkeitsliebe, Sie sprechen von einem Panama ...« - -»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...« - -»Wortwörtlich Panama! Das ist ein schlimmer Vorwurf, Herr Irzinger! Und -ich kann Ihnen nur sagen, er hat mich persönlich geschmerzt, denn ich -verkenne keineswegs die Bedeutung der Presse ...« - -»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...« - -»Ich kann aber, und das werden Sie mir zugeben, ein Blatt nicht -unterstützen, welches in unser Gemeinwesen den Unfrieden trägt, welches -das Ansehen der besten Bürger zu untergraben sucht, welches die Leitung -der Gemeinde verdächtigt, welches ...« - -»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta, und bald diese Angriffe -unterbleiben?« - -»Wenn Sie mir das Versprechen geben ...« - -»Und bald ich den Herren vom Magistrat gewissermaßen im Volksboten eine -Genugtuung gebe?« - -»Dann abonniere ich wieder.« - -»Und de Inserat'?« - -»Bekommen Sie wieder.« - -»Gilt scho!« - -»Ihr Ehrenwort, Herr Irzinger?« - -»Auf Ehr und Seligkeit, sag i. Und bal i amal was sag', da gibt's nix; -dös is wia Stahl und Eis'n ...« - -»Also gut! Sie unterlassen die Angriffe -- auch in dieser etwas -komischen Sache ...« - -»A glänzende Ehrerklärung gib i, wenn i 's amal sag, Herr Bürgermoasta! -A glänzende Genugtuung.« - -»Schön, dann sind wir wieder einig.« - -»Dös glaab i.« - -Die glänzende Ehrenerklärung kam am 5. April, denn einiger Zeit -bedurfte Herr Irzinger denn doch, um seinen Gesinnungswechsel zu -stilisieren. Er packte die Sache beim richtigen Ende an, indem er -zuerst etwas humoristisch wurde, dann aber doch die echt altbayrische -Standhaftigkeit der Männer hervorhob, welche auch in einer kleinen -Sache, deren allzu deutliche Beschreibung sich von selbst verbot, -am alten Herkommen festhielten und durch diese Hartnäckigkeit alle -Widerstände besiegten. - -Auch wie Herr Irzinger freimütig bekennen zu müssen erklärte, den -Widerstand der Presse. - -Der im vollsten Sinne des Wortes verlassenen Witwe blieb nichts anderes -übrig, als die Verzeihung der standhaften Verunreiniger zu erflehen. - -Sie tat es. - -Nicht ganz so leichten Gemütes und nicht ganz so rasch wie der -Redakteur des Volksboten; aber die Notwendigkeit, Gas zu erhalten, -erlaubte auch kein allzulanges Zögern. - -Mühlberger sträubte sich und verzieh nur unter bissigen Bemerkungen die -Insinuationen der schmähsüchtigen Frau. - -Aber am 11. April brannten die Gasflammen wieder. - -Lange nachdem sie in dieser Nacht erloschen waren, um die Geisterstunde -vernahm die Lauschende wiederum die Ausübung jenes alten Rechtes oder -Herkommens. - -Und sie konnte feststellen, daß die vier Hauptkämpfer für den alten -Brauch samt und sonders sich betätigten. - -Der Herr Major Stöckelmeier, der Oberamtsrichter Pollner und die zwei -kriegerischen Magistratsräte. - - - - - Anfänge - - -Da war ich also Rechtsanwalt in dem kleinen Orte D., und weil ich -der erste war, der sich hierorts auf diese Weise sein Brot verdienen -wollte, konnte ich nicht verlangen, daß alle Welt von meiner Bedeutung -oder meinen Aussichten überzeugt war. - -Der Schneidermeister, in dessem Hause ich eine Wohnung gemietet hatte, -brachte mir ein stilles, aber inniges Mißtrauen entgegen, das wiederum -nicht frei war von einem wohlwollenden Mitleid. Der Vorstand des -Amtsgerichtes, dem ich mich sogleich vorstellte, strich einen langen, -grauen Schnurrbart und heftete seine scharfen Augen auf mich. - -Dann sagte er nur: »So, Sie san der?« - -Es war manches aus den Worten herauszulesen, nur keine freudige -Zustimmung zu meinem Unternehmen. - -Wenn ich über die Straße ging, merkte ich wohl, daß sich Leute nach mir -umdrehten, und wenn ich auch nicht feinnervig war, merkte ich doch, -daß sie sich frei von allem Respekt über meine mutmaßliche Zukunft -unterhielten. - -Am reichbesetzten Stammtische legten mir alle diese fest angestellten, -besoldeten und pensionsberechtigten Männer Fragen vor, die ihre -Überlegenheit ebenso wie ihre Zweifel dartaten. - -Das alles entmutigte mich nicht, aber wenn ich heim kam und durch meine -drei kärglich möblierten Zimmer ging, in denen die Schritte so stark -widerhallten, dann packte mich doch ein Gefühl der Unsicherheit und der -Vereinsamung. - -Ich half mir auf meine Weise. Mit dem alten Zimmerstutzen meines Vaters -schoß ich nach der Scheibe und vertrieb mir die langweiligsten Stunden. - -Denn wenn ich mich an den Tisch setzte und etwa zu lesen versuchte, -hörte ich mit einem Male diese Stille um mich, ich horchte auf sie, und -sie klang mir brausend in die Ohren. - -Da fiel mir alles schwer aufs Herz, was einmal war und nie mehr sein -würde, und ein Heimweh kam über mich nach lieben Menschen, nach Dingen -und Zuständen, von denen ich für immer hatte Abschied nehmen müssen. - -Das waren Trübseligkeiten, über die mir keine Arbeit weghalf, weil ich -keine hatte. - -Wenn ich die Treppe herunterstieg und in die Werkstatt meines -Schneidermeisters einen Blick werfen konnte, beneidete ich die blassen, -jungen Leute, die darauflos nähten von Montag bis Samstag und jeden -Feierabend und jeden Feiertag sich redlich verdienten. - -Das sah anders aus als in meiner leeren Stube, an deren Wand zwecklos -ein kleiner Tisch stand, auf dem ein Paket frischer Papierbogen lag -neben dem nagelneuen Tintenfasse, den ungebrauchten Federhaltern und -scharfgespitzten Bleistiften. Drei, vier lange Tage schlichen vorbei, -ohne daß jemand zu mir gekommen wäre. - -Der fragende Blick des Hausherrn wurde eindringlicher, die Bemerkungen -am Stammtische wurden berechtigter, die Mienen aller mir begegnenden -Spießbürger wurden höhnischer. Wie lange ich nachts mit offenen Augen -im Bette lag und nun erst recht die brausende, tosende Stille um mich -herum hörte! - -Leute standen vor mir, die mich mit ernsten Augen anblickten und mir -die Aussichtslosigkeit meines Versuches darlegten, Menschen, die ich -liebte und denen ich auch etwas galt, -- gegolten hatte. - -Denn was war dann, wenn ich hier scheiterte und allen recht gab, die -mir abgeraten hatten? - -Es waren lange Nächte. - -Gegenüber lag eine Schmiede, und vor Tagesanbruch klangen schon die -Hammerschläge. - -Da mußte ich aufstehen, zuschauen und mir immer wieder sagen, das sei -Arbeit, Freude und Leben. - -Am fünften Tage kroch mir schon die häßlichste Mutlosigkeit ans Herz. - -Aufstehen und warten, in der Stube herumgehen und warten. - -Den Zimmerstutzen hatte ich in eine Ecke gestellt. - -Mir war gottsjämmerlich zumut. Mein ganzes Vermögen von achtzig Mark -ging auf die Neige, und hier mit Schulden beginnen wollte mir doch als -Anfang vom Ende vorkommen. - -Da! - -Nein, es war keine Täuschung, hell und durchdringend läutet die Glocke -an meiner Wohnungstüre. - -Ich eilte hinaus und öffnete. - -Ein hochgewachsener, wohlbeleibter Mann mit einem mächtigen -altbayrischen Knebelbart stand vor mir, und sein städtischer Anzug -war für mich eine Enttäuschung, weil er so gar nicht wie ein -prozessierender Ökonom aussah. - -Aber vielleicht ein Gutsbesitzer, Pächter oder Verwalter? - -Das schien mir zweifelhaft. Eher konnte er ein behäbiger Bürger des -Marktes sein, und ja, das würde wohl stimmen. - -»Hab' ich die Ehr', den Herrn Rechtsanwalt ...?« - -»Bitte, kommen Sie nur herein ...« - -Ich mußte so etwas von der einladenden Höflichkeit eines Friseurs, -eines Zahnarztes, des Besitzers einer schlechtbesuchten Schaubude an -mir haben. - -Der Gast stand hoch und breit in meinem Zimmer und war sich, wie ich -merken konnte, sogleich über die Situation klar. - -»Aha!« sagte er, »-- m--hm -- da is aber a bissel -- --« - -»Wie meinen Sie?« - -»A bissel laar is.« - -»Ich lasse mir meine Möbel erst nachkommen,« sagte ich. »In den ersten -Tagen mochte ich natürlich nicht -- --« - -»Freili, natürli. Aba wo san denn de Büacha?« - -»Die kommen auch nach.« - -»M--hm -- ja -- ja -- I will Eahna was sag'n, Herr Dokta. Dös erste, -was Sie hamm müass'n, san Büacha. Es is ja scho weg'n de Klient'n. Da -wenn oana rei kimmt zum Beispiel, nacha muaß 's ausschaug'n da herin, -als wia 'r in a alt'n Kanzlei. An dera Wand da drüb'n, da müass'n lauta -Büacha steh', und da herent, da müassen S' a so a Stellaschi mit Papier -und Aktendeckel hamm. Derfen S' ma 's glaab'n, i hab scho mehra junge -Herrn o'fanga sehg'n ...« - -»Das kommt alles, aber mit was kann ich Ihnen dienen?« - -»Mir? Dös wer i Eahna glei sag'n. I bin nämli der Vertreter von der -Buchhandlung Maier -- J. A. Maier & Sohn -- Sie kennan ja die Firma?...« - -Es war wieder eine Enttäuschung, und diesmal eine ziemlich starke. - -»N ... nein ...« sagte ich. - -»Dös wundert mi, aba mir lerna uns scho no bessa kenna,« antwortete -er, und es strömte ein wirkliches und wohlwollendes Behagen von ihm -aus. »Mir lerna uns no guat kenna. Nämli, unser Spezialität is ja, daß -mir junge Herrn Rechtsanwält ausstaffiern, und i kann Eahna sag'n, i -hab scho ziemli viel Herrn ausstaffiert. Lesen S' no ...« - -Er gab mir eine Karte. - -J. A. Maier -- Buchhandlung -- Spezialität -- Anlage von Bibliotheken -für Herren Notare und Rechtsanwälte -- An- und Verkauf von juristischen -Bibliotheken -- Kulante Gewährung von Teilzahlungen -- usw. - -»Sehg'n S', Herr Dokta, dös is dös, was Sie brauchan. De Wand da -drüben, de muaß ganz zuadeckt sei mit lauta Büacha. Erschtens -- er -streckte den Daumen aus -- brauchan Sie wirkliche juristische Büacha --- dös kriag'n ma nacha -- zwoatens -- er gab den Zeigefinger dazu -- -brauchan Sie Entscheidunga -- mir hamm antiquarisch a paar Sammlunga -- -drittens -- und jetzt kam der Mittelfinger -- drittens, da gibt's so -Amtsblätter und alte Verordnungsblätter, de ja koan Wert nimmer hamm, -aba de san hübsch groß, in blaue Pappadeckel ei'bund'n, und macha an -recht'n Krawall, de nehman si großartig aus in da Kanzlei. De kriag'ns -von uns drein, an achtz'g Bänd für zwölf Markl ...« - -»Das ist alles recht schön, aber ...« - -»Nix aba!« Er sagte es energisch und jede Widerrede abschneidend. »Dös -is dös, was Sie brauchan, Herr Dokta. Und jetzt schreib'n mir amal auf, -was Sie für wirkliche Büacha hamm müass'n. Mit 'n Strafrecht fanga ma -'r o ...« - -Und er fing mit dem Strafrecht an und nannte im befehlenden Ton alle -anderen im besten Ansehen stehenden Kommentare, schrieb sie mit der -Füllfeder auf, fand immer noch ein Buch und gab es dazu, und erklärte -endlich, daß mir nunmehr einigermaßen und fürs erste geholfen sei. - -Alle Zahlungsbedenken schnitt er kurz ab, und erst, als er sein dickes -Notizbuch in die Brusttasche und seine Füllfeder in die Westentasche -gesteckt hatte, gab er den befehlshaberischen Ton auf und wurde wieder -umgänglich. - -»Soo,« sagte er gemütlich, »jetza hamm ma 's, und Notabeni, i mach no -mei Gratulation, daß Sie Eahna hier niederlassen hamm. De Gegend is -guat, de Bauern streit'n gern, g'rafft werd aa no Gott sei Dank, da hat -a junger Rechtsanwalt a ganz a schön's Feld der Betätigung, und jetzt -bhüat Eahna Good!« - -Er schied mit einem freundlichen Lächeln von mir, und seine Worte taten -mir wohl. Nur allmählich wurde mir klar, daß diese Anschaffung auf -Kredit meine Stellung nicht gerade gebessert und befestigt hatte. - -Ein ereignisloser Tag, der nun folgte, und die Gewißheit, der ich -entschlossen ins Gesicht sehen mußte, die Gewißheit, daß ich das -nächste Mittagessen würde schuldig bleiben müssen, ließen mir die -Bestellung einer Bibliothek als verbrecherische Torheit erscheinen. - -Die Schneider nähten, die Schmiede hämmerten, der Rechtsanwalt schaute -zum Fenster hinaus auf den Marktplatz. - -Vor seinem Bäckerladen stand der dicke Herr Holdenried und stocherte -in den Zähnen herum und gähnte und spuckte aus, und tat das alles mit -Ruhe, wie sie eine gefestigte Sicherheit gibt. - -Zwei Häuser weiter stand der Seiler Weiß auf dem Bürgersteig und zeigte -ebenso aller Welt, die es wissen wollte, daß er sich satt gegessen -hatte. - -Sie riefen sich etwas zu und lachten, und Herr Holdenried ging ein -paar Schritte hinauf, und Herr Weiß ging ein paar Schritte herunter, -bis sie beisammen standen und offenbar von den gleichgültigsten -Dingen miteinander redeten. Jeder stand würdig und breitbeinig und -zahlungsfähig auf dem Pflaster und jeder wußte, daß aus irgendeinem -Fenster, oder aus mehreren Fenstern, neidische Blicke auf sie geworfen -wurden. Und jeder wußte, daß er wie Vater und Vatersvater den Neid -verdiente. - -Ob je einer von diesen niederträchtigen Spießbürgern Sorgen getragen -hatte, oder auch nur wußte, wie der Gedanke an morgen bleischwer auf -dem Magen liegen konnte? - -Sie bliesen die Luft von sich und waren zufrieden mit sich und einer -mit dem andern, und dann ging Herr Holdenried ein paar Schritte -hinunter und Herr Weiß ein paar Schritte hinauf, und sie schloffen -durch ihre Haustüren ins Behagen zurück. - - -- -- -- -- -- - - -Und es war doch wieder die Glocke! Es war gewiß und wahrhaftig wieder -die Glocke! Ein kleiner, schmächtiger Mann stand vor der Türe. An -seinen Stiefeln hing zäher Lehm, und ich sah wohl, daß er auf Feldwegen -gegangen war, und in seinen Blicken lag etwas Unsicheres, Fragendes ... - -»Sind Sie der neue Herr ...« - -»Ja, jawohl, kommen Sie nur herein, bitte!« - -Es klang immer noch wie die Einladung einer Schießbudenmadam, nur -zögernder. - -Und das war also ein Lehrer aus Irzenham, einem weit entlegenen Orte, -der zu einem anderen Gerichte gehörte, aber der Herr Lehrer war etliche -Stationen weit mit der Bahn gefahren, hier ausgestiegen, und nun eben, -nun war er da. - -Es handelte sich um eine Beleidigung. Eigentlich um eine -ununterbrochene Reihe von Kränkungen, Beleidigungen und -Ehrabschneidungen. - -Man mußte weit zurückgreifen. Es handelte sich, wenn man es recht sagen -wollte, um einen förmlichen Krieg zwischen Pfarrer und Lehrer, Sie -wissen ja, wie das leider so häufig vorkommt ... Ob ich es wußte! Und -ob ich nicht, was ich wußte, mit starken Worten sagte, mit Entrüstung, -allgemeiner und gerade auf diesen Fall angewandter besonderer -Entrüstung! - -Wie konnte man einen Mann, der ... und wie konnte man einen Lehrer, -dessen dornenvoller, verantwortungsreicher Beruf -- -- und so weiter -- -Wie konnte man das? - -Der Pfarrer hatte es gekonnt. Er hatte schon bald, nachdem der Herr -Lehrer nach Irzenham versetzt worden war, begonnen, die Stellung -des Mannes zu untergraben, ihn zu reizen, ihn zu verdächtigen, ihn -herunterzusetzen --. Man mußte da weit zurückgreifen und die Irzenhamer -Geschichte der letzten drei, vier Jahre kennen lernen, um dann wieder -hier vorgreifend, dort Rückschlüsse ziehend, um, auch den schlechten -Charakter des neu gewählten Bürgermeisters so ganz begreifend, zu -verstehen, warum und wieso die letzten Angriffe auf den Herrn Lehrer, -dessen Ehefrau Amalie und wiederum deren Schwester Karoline von langer -Hand vorbereitet und besonders giftig waren. - -Man mußte weit zurückgreifen, und ob ich es gern tat! - -Ob ich nicht politische Bemerkungen einfließen ließ und mich voll -und ganz auf die Seite der Lehrer stellte, ganz allgemein aus -Gesichtspunkten, die für jeden anständigen Menschen gelten mußten, -die in jedem vernünftig geleiteten Staat, die in jeder ordentlich -verwalteten Gemeinde überhaupt nicht in Frage kommen konnten! - -Ob ich sie nicht mit juristischen Bemerkungen spickte! - -Ob ich nicht selber von einer sittlichen Entrüstung durchbebt war! - -Und ob ich nicht immer wieder betonte und feierlich versicherte, daß -diese seit Jahren auf Irzenham drückende, schwüle Temperatur bloß durch -das Gewitter einer Gerichtsverhandlung gereinigt werden könne und müsse! - -Ja, ich hatte wirklich das Gefühl der Erleichterung, der Befriedigung, -als es nun endlich feststand, daß ich als Kläger gegen den Pfarrer -auftreten würde! - -Es sollte dabei nichts verschwiegen werden? - -Aber gewiß nichts! - -Die Irzenhamer Geschichte der letzten vier Jahre sollte vor dem Forum -der Öffentlichkeit aufgerollt und unter eine alle Winkel erhellende -Beleuchtung gesetzt werden. Darauf konnte sich der Herr Lehrer -verlassen. - -Darauf konnten sich der Herr Lehrer, seine Ehefrau und deren Schwester -Karoline unbedingt verlassen. - -Die Vollmacht war unterschrieben. »Und ja, womit kann ich noch dienen?« - -»Ich möchte,« sagte der ehrenwerte und in allen seinen Gefühlen heftig -verletzte Mann, »ich möchte natürlich einen Vorschuß erlegen, aber ich -habe leider nicht mehr als fünfzig Mark bei mir ...« - -Er zog einen reizenden, von der liebenden Hand der Ehefrau gestickten -Geldbeutel hervor und nahm wundervoll klingende Goldstücke daraus ... - -Ich schwieg und sah ihm zu. - -Ich dachte durchaus ernsthaft darüber nach, wie unsagbar roh man -veranlagt sein mußte, wenn man diese Frau, welche die hübsche Geldbörse -vermutlich zu Weihnachten gestickt hatte, kränken oder ihrer Schwester -Karoline zu nahe treten konnte! Der Lehrer faßte mein tiefsinniges -Schweigen irrtümlich auf. - -»Ich kann Ihnen ja noch einiges schicken, wenn das nicht genügt ...« - -»Es genügt,« sagte ich und ließ meine Gedanken nicht weiter abschweifen. - -Er zählte das Geld auf den Tisch, ich schrieb mit scheinbarem Gleichmut -eine Quittung, alles sah geschäftsmäßig und richtig aus, und er wollte -nach höflichem Abschiede gehen. - -Da drängte sich mir eine Frage auf die Lippen. - -»Herr Lehrer, wie kommt das nun eigentlich? Ich meine, wie kommen Sie -von Irzenham hierher und zu mir?« - -»Hierher? Hm--m ...« - -»Sie haben wahrscheinlich meine Anzeige im Wochenblatt gelesen?« - -»Nein ... eigentlich nicht ...« - -»Und wieso ...?« - -»Ich wollte nämlich nach München fahren und dort zu einem Anwalt gehen, -aber in der Bahn ... wissen Sie ... da war ein Herr ... ein gebildeter -Mann, so militärisch hat er ausgesehen ...« - -Der Lehrer zwirbelte mit der Hand einen imaginären Schnurr- und -Knebelbart ... - -»... wie ein alter Soldat und auch in der Sprechweise ... nicht -wahr ... Und ja, wir sind ins Gespräch gekommen, wie man eben eine -Unterhaltung beginnt, und da erzählte ich dem Herrn von meinem Prozeß -...« - -»Richtig, dem Herrn erzählten Sie ...« - -»Daß ich nach München fahre, um einen Anwalt aufzusuchen, und da sagt -er zu mir: Was wollen Sie denn in München? Wissen Sie denn nicht, daß -ein ausgezeichneter Anwalt hier ist? Er meinte nämlich, hier ...« Der -Lehrer machte eine Verbeugung. - -»Bitte!« sagte ich ruhig. - -»Ja, und der Herr erzählte von Ihnen in sehr schmeichelhafter Weise -und er sagte, es sei ein Glück, wenn sich in der Provinz so gute -Anwälte niederlassen, Sie entschuldigen Herr Doktor, wenn ich das so -wiedererzähle, aber ...« - -»Bitte!« sagte ich ruhig. - -»Sie müssen schon öfter für den Herrn Prozesse gewonnen haben?« - -»Möglich«, log ich. »Momentan natürlich kann ich mich nicht erinnern -...« - -»Ein auffallend großer Mann mit einem militärischen Bart,« wiederholte -der Lehrer und zwirbelte einen unsichtbaren, martialischen Bart ... - -»Hm! Ich kann mir ungefähr denken ...« - -»Er war, wenn ich so sagen darf, sehr energisch. Wie der Zug hier -anhielt, und ich ... Sie entschuldigen, Herr Doktor, weil ich Sie doch -nicht kannte ... und ich wußte noch nicht, ob ich aussteigen sollte, -da hat er mich gewissermaßen hinausgeschoben und hat mir meinen Mantel -und meinen Regenschirm hinausgereicht, und er sagte immer: Sie müssen -zu dem Anwalt hier gehen. Das ist der rechte Mann für Sie, und er -sagte: Sie werden mir ewig dankbar sein, denn sehen Sie, sagte er, -in der Großstadt, da hat man nicht das Interesse und die Zeit, da -werden Sie kurz abgefertigt, sagte er, -- und da ist der Zug schon -weggefahren, und ich bin da gestanden. Ja, und der Herr hat noch zum -Fenster herausgesehen und hat mir gewunken ... hm ... ja ... und da -bin ich eben zu Ihnen gegangen ... und wenn ich so sagen darf, ich bin -eigentlich froh ...« - -»Seien Sie unbesorgt, Herr Lehrer, ich werde energisch für Ihr Recht -eintreten ...« - -»Ja, und wissen Sie, diese Äußerung gegen meine Schwägerin Karoline, -die muß besonders hervorgehoben werden ...« - -»Sie #wird# hervorgehoben,« sagte ich mit starker Stimme, »wir wollen -einmal sehen, ob der politische Fanatismus alles und jedes beschmutzen -darf, wir wollen sehen, ob ... kurz und gut, Sie können beruhigt -heimfahren.« - -Die Augen des Lehrers leuchteten auf. Er bot mir die Hand und -schüttelte sie und ging ... - -Ich nahm zu allererst die Goldstücke und ließ sie klirrend auf den -Tisch fallen und wieder in den hohlen Händen aneinander klingen. - -Ha! - -Ob ich mich an den Mann erinnerte, der einen so befehlenden Ton hatte, -wenn er die Bestellung einer Bibliothek erzwang oder zaghafte Klienten -zum richtigen Anwalt schickte? - -Es sollte mehr solche Männer geben! - - - - - Werke von Ludwig Thoma - - - Der Wittiber - - Ein Bauernroman. Illustriert von #Ignatius Taschner# - 15. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark - - - Andreas Vöst - - Bauernroman - 27. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark - - - Altaich - - Eine heitere Sommergeschichte - 50. Tausend, Geheftet 6 Mark, gebunden 9 Mark - - - Lausbubengeschichten - - Aus meiner Jugendzeit - 80. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark - - - Tante Frieda - - Neue Lausbubengeschichten. Illustriert von #Olaf Gulbransson# - 48. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark - - - Kleinstadtgeschichten - - 50. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark - - - Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten - - Illustriert von #Eduard Thöny# - 50. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark - - - Jozef Filsers Briefwexel 2. Buch - - Illustriert von #Eduard Thöny# - 25. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark - - - Hochzeit - - Eine Bauerngeschichte. Buchschmuck von #B. Paul# - 19. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 6 Mark - - - Agricola - - Bauerngeschichten. Illustriert von #Hölzel# und #Paul# - 17. Tausend. Geheftet 5 Mark, gebunden 8 Mark - - - Der heilige Hies - - Eine Bauerngeschichte. Illustriert von #Ignatius Taschner# - 10. Tausend. Gebunden 6 Mark - - - Das Kälbchen - - Novellen - 30. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark - - - Assessor Karlchen - - Humoresken - 50. Tausend. Gebunden 1.50 Mark - - - Das Aquarium - - Humoresken - 20. Tausend. Gebunden 1.50 Mark - - - »Peter Schlemihl« - - Gedichte - 5. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 5.50 Mark - - - Die Sippe - - Ein Schauspiel in drei Aufzügen - 3. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark - - - Magdalena - - Ein Volksstück in drei Aufzügen - 7. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark - - - Moral - - Komödie in drei Akten - 15. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark - - - Die Medaille - - Komödie in einem Akt - 13. Tausend. Geheftet 2 Mark, gebunden 4 Mark - - - Die Lokalbahn - - Komödie in drei Akten - 10. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark - - - Erster Klasse - - Bauernschwank in einem Akt - 14. Tausend. Geheftet 2 Mark, gebunden 4 Mark - - - Lottchens Geburtstag - - Lustspiel in einem Akt - 7. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark - - - Das Säuglingsheim - - Burleske in einem Akt - 5. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark - - - Der erste August -- Christnacht 1914 - - Zwei Einakter - 10. Tausend. Geheftet 1 Mark, gebunden 1.50 Mark - - - Brautschau - - drei Einakter - 5. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 5 Mark - - - Waldfrieden - - Lustspiel in einem Akt - 3. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark - - - Gelähmte Schwingen - - Lustspiel in einem Akt - 3. Tausend. Geheftet 1 Mark, gebunden 2 Mark - - - Heilige Nacht - - Weihnachtslegende. Illustriert von #Wilhelm Schulz# - Gebunden 6 Mark - - - Albert Langen / Verlag / München - - - Druck von Hesse & Becker in Leipzig - Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn - verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander - verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden - berichtigt. - - Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit # markiert. Im Original - fett gesetzter Text wurde mit = markiert. Text, der im Original nicht - in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war, wurde mit _ markiert. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Nachbarsleute, by Ludwig Thoma - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHBARSLEUTE *** - -***** This file should be named 55159-8.txt or 55159-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/1/5/55159/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Nachbarsleute - -Author: Ludwig Thoma - -Release Date: July 20, 2017 [EBook #55159] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHBARSLEUTE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - - -<p class="center">Ein Verzeichnis von <em class="gesperrt">Ludwig Thomas</em> Büchern -befindet sich am Schluß dieses Bandes</p> - - - - -<h1> -Nachbarsleute</h1> -<p class="center">von</p> -<p class="author">Ludwig Thoma</p> -<p class="center spaced"> -13. bis 15. Tausend</p> -<div class="figcenter" style="width: 100px;"> -<img src="images/signet.jpg" width="100" height="100" alt="" /> -</div> -<p class="publisher"> -Albert Langen, München -</p> - - - - -<p class="center spaced"> -<span class="gesperrt">Übersetzungsrecht vorbehalten</span><br /> -Albert Langen <span style="margin-left:2em;">Ludwig Thoma</span><br /> -Copyright 1916 by Albert Langen, Munich<br /> -</p> - - - - -<h2><a name="Inhalt" id="Inhalt">Inhalt</a></h2> - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary=""> -<tr><td /><td align="left"><span style="margin-left: 3em;">Seite</span></td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Junker_Hans">Junker Hans</a></td><td align="right">7</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Das_Volkslied">Das Volkslied</a></td><td align="right">59</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Auf_dem_Bahnsteig">Auf dem Bahnsteig</a></td><td align="right">73</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Tja_mdash">Tja — —!</a></td><td align="right">81</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Der_Biedermann">Der Biedermann</a></td><td align="right">91</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Unser_guater_alter_Herzog_Karl">Unser guater, alter Herzog Karl</a></td><td align="right">99</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Liebe_um_Liebe">Liebe um Liebe</a></td><td align="right">107</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Auf_der_Elektrischen">Auf der Elektrischen</a></td><td align="right">117</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#O_Natur">O Natur!</a></td><td align="right">129</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Das_alte_Recht">Das alte Recht</a></td><td align="right">135</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Anfaenge">Anfänge</a></td><td align="right">157</td></tr> -</table></div> - - -<div class="chapter"> -<h2 class="subtitled"><a name="Junker_Hans" id="Junker_Hans">Junker Hans</a></h2> -<p class="subtitle">Eine Kleinstadtgeschichte</p> -</div> - - -<p class="chap-start">Wie es gekommen war, ob Herr Pfaffinger -höflich oder in barschem Tone -das Schließen der Türe verlangt, ob -Herr Tresser nach dieser Aufforderung erst recht -die Türe aufgerissen, ob Herr Pfaffinger in rüder -Weise sie dann ins Schloß geworfen hatte und -hierauf von Herrn Tresser als ungebildeter Lümmel -bezeichnet wurde, während Herr Pfaffinger diesen, -Herrn Tresser nämlich, mit dem Worte Lauskerl -schon vorher betitelt hatte, läßt sich aus den erregten -Schilderungen der angesehenen Bürger Dornsteins -nicht unwiderleglich feststellen, — Tatsache -ist, daß Herr Tresser Herrn Pfaffinger einerseits -an der Gurgel packte, während Herr Pfaffinger -andererseits diesem, dem Herrn Tresser nämlich, -eine derart schallende Ohrfeige versetzte, daß der -Schlag sogar in den hintersten Sitzreihen des Höllbräusaales -vernommen wurde.</p> - -<p>Von vielen Zeugen des Vorfalles wird erzählt, -daß die Tochter des Herrn Magistratsrates Trinkl, -Fräulein Fanny Trinkl, über Zugluft geklagt habe, -was den neben ihr sitzenden Brauereivolontär Pfaffinger -veranlaßte, aufzuspringen und die Saaltüre -zu schließen, worauf Herr Rechtspraktikant Tresser -dieselbe sogleich wieder öffnete, sei es nun, weil -er und einige mitanwesende Beamte es zu heiß -fanden, sei es, weil er über die eigenmächtige -Handlung des Herrn Pfaffinger entrüstet war, -was aber wiederum diesem, Herrn Pfaffinger, als -eine Beleidigung seiner Dame erscheinen mußte, -so daß er sich zu einem Schimpfworte hinreißen -ließ, wobei freilich nicht bestimmt behauptet werden -kann, daß nicht etwa Herr Tresser schon vorher -den Ausdruck ungebildeter Lümmel gebraucht -hatte, kurz und gut, was hier auch übereinstimmend -oder verschieden berichtet wird, — Tatsache ist, daß -Herr Pfaffinger von Herrn Tresser an der Gurgel -gefaßt wurde, und daß dann Herr Tresser eine dermaßen -starke Ohrfeige erhielt, daß seine linke Wange -anschwoll.</p> - -<p>Mir war und ist es nur darum zu tun, eine -vollkommen wahrheitsgetreue Schilderung des Herganges -zu geben, wobei ich keineswegs, wie Herr -Magistratsrat Trinkl, das Verhalten des Herrn -Pfaffinger oder, wie Herr Sekretär Hundertkäs, -das Benehmen des Herrn Tresser als absolut berechtigt -hinstelle, sondern ich möchte ausschließlich -die Tatsache klarstellen, daß Herr Tresser einerseits -Herrn Pfaffinger körperlich anfiel, während -Herr Pfaffinger andererseits diesem eine wuchtige -Maulschelle applizierte.</p> - -<p>Das Geschehnis läßt sich weder leugnen noch -beschönigen, noch auf irgendeine Weise aus der -Welt schaffen, und es ist weiter nichts zu erörtern -als die Frage, welche Folgen die Mißhandlung -eines den besseren Kreisen angehörigen Mannes -haben konnte.</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>In der Tat wurde der Vorfall auch von den -bürgerlichen Elementen nach Verlassen des Höllbräusaales -lebhaft erörtert, und Bäckermeister -Schwarz bewies vielleicht die größte Heftigkeit der -Gesinnung.</p> - -<p>„Also mir ... net ... also mir bal oana so was -saget ... net ... also ung’hobelter Lackel oder so -was ... net ... also i ... mei Liaba ... i den -bei de Ohrwaschel nehma und beuteln ... hast d’ -g’hört ... und nacha oani links und oani rechts -abahau’n ... vastehst ... und nacha no a paar ... -also mir bal oana kam! Was? sag i ... an ung’hobelter -Lackel bin i ... moanst du vielleicht, -weil di dei Vata studiern hat lass’n ... derfst du -an Bürgersmann, der wo seine Steuern zahlt ... -net ... und wo seine Familli rechtschaff’n ernährt -... schimpf’n ... sag i ... Wer is ung’hobelt? -sag i ... vielleicht net a Beamta, der si -a so aufführt? Was bin i? A Lackel bin i? Hab -Eahna i scho amal an Lackel abgeb’n? Han? Du -Herrgottsakrament! sag i. Da hast a paar! sag i ...“</p> - -<p>„Plärr do net a so!“ rief Magistratsrat Trinkl ... -„Bleib’n ja d’ Leut steh’ und schaug’n ...“</p> - -<p>„Ja no ... muß ma si so was hoaß’n lass’n?“</p> - -<p>„Zu dir hat er nix g’sagt!“</p> - -<p>„Dös is sei Glück, mei Liaba ... mir bal er so -was saget! Also den schlaget i sei Batterie scho -a so her, daß er alle Engel pfeif’n hörat ... Ung’hobelter -Lackel möcht er an Bürgersmann hoaß’n ... -so a Schreibersg’sell, so a notiger, der wo si net -amal was G’scheit’s z’ fress’n kaff’n ko.... Dir -gib i scho an Lackel ... also bloß sag’n braucht -er’s zu mir ... nix als wia sag’n ... sag’ i ...“</p> - -<p>„Mir g’fallt de G’schicht gar net ... dös ... -dös ... i woaß net ... da derleb’n mir no was!“ -sagte der Gold- und Silberarbeiter Elfinger und -machte ein bekümmertes Gesicht ... „De G’schicht -is no net firti ...“</p> - -<p>„Was is net firti?“ fragte Trinkl.</p> - -<p>„Ja ... dös mit dera Schell’n ...“</p> - -<p>„Dös is allerdings firti. Der hat sei Fotz’n, -und gar is ...“</p> - -<p>„Wer’n ma’s sehen, ob die Sache so einfach -verläuft, also gewissermaßen im Sande,“ erwiderte -Elfinger, der nicht ungerne hochdeutsch sprach.</p> - -<p>„Was will er denn mit a Klag?“ höhnte Magistratsrat -Trinkl.</p> - -<p>„Bal er z’erscht ’s Maul aufreißt, net, und ganz -ordinär werd’ ... und nacha aufs G’richt laff’n! -Na, mei Liaba!“</p> - -<p>„G’richt laufen!“</p> - -<p>„Ja ... da werd halt ’s G’richt sag’n, Herr -Rechtspraktikant, werd’s sag’n, bald Sie eine würkliche -Bildung besitzen, dürfen Sie nicht anfangen -und die Leute aufreizen, und bald Sie aber die -Leute aufreizen, müssen Sie Ihnen halt diese -Behandlung gefallen lassen. A so red’t ’s G’richt! -Vastand’n?“</p> - -<p>„Ich rede ja überhaupts nicht vom Gericht,“ -sagte Elfinger etwas ungeduldig.</p> - -<p>„Net?“</p> - -<p>„Nein ... durchaus nicht. Das weiß man doch, -daß diese Herren ... also ... die wo auf der Universität -studiert haben ... eine Ohrfeige durchaus -nicht hinnehmen dürfen wie unsereiner ...“</p> - -<p>„Geh! Hör’ auf!“</p> - -<p>„Nein! Das lest man doch in der Zeitung, daß -für solchene Herren eine Ohrfeige sozusagen eine -tödliche Beleidigung ist, und auch bald sie nicht -wollen, müssen sie doch, indem es ein Ehrenstandpunkt -ist ...“</p> - -<p>„Geh! Hör’ auf!“</p> - -<p>„Na, frag’ halt Leut’, die ’s wissen! Ob eine -Ohrfeige nicht mit Blut abgewaschen werden muß, -und bald der Betreffende auch vielleicht nicht -will ...“</p> - -<p>„Jetzt muaß i scho sag’n ... Elfinger ... red’ -net gar so saudumm daher!“</p> - -<p>„Ich rede durchaus nicht saudumm daher ... -und überhaupts möchte ich mir das verbitten ... -net wahr ...“</p> - -<p>„Kam er da mit’n Bluat o’wasch’n ... und -solche Sprüch!“</p> - -<p>„Weil es wahr ist! Jawohl! Wenn einer natürlich -seiner Lebtag in Dornstein hockt als Lebzelter, -weiß er nicht, wie solche Vorkommnisse sich -auswachsen ...“</p> - -<p>„O mei! Da balst net gehst!...“</p> - -<p>„Ich war dritthalb Jahr in Erlangen, mein -Lieber, wo sich eine Universität befindlich ist, und -bald du das nicht woißt, kannst es ja nachles’n im -Sulzbacher Kalender ...“</p> - -<p>„I huast dir auf dei Universatät!“</p> - -<p>„Das ist die Sprache der Ungebildeten ... das -kann ich dir sagen ...“</p> - -<p>„Han?“</p> - -<p>„Jawohl! Da muß man einmal in der Welt -herumgekommen sein, dann schaut man die Sache -etwas anders an. Ich hab viel erlebt in dieser -Beziehung, und bald ein Student dem anderen -eine Ohrfeigen gibt, diese Fälle kenn’ ich, und da -entscheidet dann das Ehrengericht, ob dieser Betreffende -nicht mit der Pistole in der Hand Rechenschaft -verlangen muß ...“</p> - -<p>„Herrgottsakrament, jetzt sag’ i ’s nomal, a so -a spinnata Tropf is ma do aa no net fürkemma ...“</p> - -<p>„Da spinnt niemand!“</p> - -<p>„Net z’ weni, sag’ i ...“</p> - -<p>„Nein! Durchaus nicht! Das ist der Standpunkt -der Satisfaktion, wennst d’ scho amal was g’hört -hast von dem!...“</p> - -<p>„Da müaßt da Schorschl ...?“</p> - -<p>„Jawohl!!“</p> - -<p>„Da müaßt da Pfaffinger Schorschl si vo an -so an notinga Hanswurscht’n nauf schiaßn lass’n?“</p> - -<p>„Jawohl!! Das heißt, in dieser Beziehung weiß -ja der Betreffende nicht, ob ihn das Schicksal -trifft, und äh ...“</p> - -<p>„Da Pfaffinger Schorschl, der in a paar Jahr -de Brauerei von sein Vata kriagt mit achtavierz’g -Wirt ... und ...“</p> - -<p>„Was hat denn das damit zu tun ...?“</p> - -<p>„Und dös schöne Sach in Matzing drauß’n ... -langa koane vierhundert Tagwerk ...“</p> - -<p>„... Also ...“</p> - -<p>„Und a Stuck an achtz’g Küah im Stall ... -der soll si ...? Geh! Wia no a Mensch so daher -red’n ko!“</p> - -<p>„Wenn du oan net red’n laßt und all’s besser -woaßt, na brauch ja i net red’n,“ schrie Elfinger, -den der Zorn wieder ins Altbayerische brachte.</p> - -<p>„Für dös red’n kriagst d’ nix,“ erwiderte der -Herr Magistratsrat Trinkl mit gleichfalls erhobener -Stimme. „Kam er do mit sein Student’nschmarr’n -daher! A Duwäl! Ah! Ah! da kunnt’st scho Grean -Baamwirt wer’n!“</p> - -<p>„Wenn er an Ehr im Leib hat ... vastehst!“</p> - -<p>„An Ehr! Woaßt, was da Pfaffinger Schorschl -hat? An Diridari hat a! Maxi hat a! Und auf -dei Ehr is ...“</p> - -<p>„Mit dir ko ma net streit’n; dös woaß ma scho! -Weil du a Hammi bist!“</p> - -<p>„I?“</p> - -<p>„Ja du! Für dös bist du bekannt in ganz -Dornstoa!“</p> - -<p>„Ah! Der is guat! Was bist na du?“</p> - -<p>„Is scho recht!“</p> - -<p>„Was bist na du? A spinnata Deifi bist d’. -Mit’n Bluat o’wasch’n kam er daher! Wasch da -du ’s Hirn mit Salmiak, dös werd g’scheiter sei!“</p> - -<p>„Sie sind ein ordinärer Mensch, Herr Trinkl! -Ich verkehre nicht mehr mit Ihnen ...“</p> - -<p>„Bleib’ halt weg, spinnata Deifi! Spinnata!“</p> - -<p>Herr Elfinger hatte sich mit raschen Schritten -entfernt und war schon in der Dunkelheit entschwunden, -da schrie ihm Herr Trinkl noch durch -die hohlen Hände nach: „Druck di, du Hanswurscht, -mit dein Duwäl!“</p> - -<p>Und zum Bäckermeister Schwarz sich noch immer -erregt wendend, fragte er: „Hast d’ scho amal so -was Dumm’s g’hört? Der bracht’s außa, als -wenn da Pfaffinger Schorschl so a Karmenadlstudent -waar!“</p> - -<p>„I hab’n net recht vastand’n,“ sagte Herr Schwarz. -„Moant er, daß de mit’n Sabl da so aufanand -trischak’n müaßt’n?“</p> - -<p>„Oder schiaß’n, vastehst? Mit da Pistol’n! Der -Pfaffinger Schorschl werd si von so an Hungerleider -aufi schiaß’n lass’n. Dös kost da denk’n!“</p> - -<p>„Als der oanzige Sohn vom Danglbräu in -Matzing!“ rief Bäckermeister Schwarz voll Hohn -aus, denn auch er hatte sogleich die ganze Lächerlichkeit -dieses Gedankens erfaßt.</p> - -<p>„Also mir sollt oana mit so a’ra Duwälforderung -kemma!“ setzte er hinzu. „Grad kemma sollt -oana! Was? sag i ... fordern möcht’n Sie mi? -Auf was denn, sag i ... und an Schiaßa fürag’langa -hintern Bachofa und den am Kopf aufi -hau’n mit da Pretsch’n ... vastehst ... daß er drei -Tag lang auf alli vieri umanandkriachat ... -fordern möcht er mi ... so waar’s recht! Fordern! -An Bürger aa no koan Ruah lass’n mit dena -Duwälg’schicht’n! I an Nudelwalgla nehma und -den aba scho so umanandlass’n ... da hast dei -Duwäl! sag i ... und hau eahm oani über sein -Gipskopf umi, daß er grad staubet ... da ... -sag i ... und da ... hast d’ no oani ...“</p> - -<p>„Herrgott! Gib do acht! Haut er mir an Huat -aba!“ schrie Trinkl.</p> - -<p>„Muaßt scho entschuldinga ... aba da kunnt’st -scho belzi wer’n ... net ... bal oan so was unterkimmt -... Fordern möcht oan der Schreiberg’sell -...“</p> - -<p>Und man hörte noch lange ihre erregten Stimmen, -da sie den Stadtplatz mehrmals hinauf und -wieder herunter gingen.</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>„Sie san aber einer!“ lispelte Fräulein Fanny -Trinkl, als sie in Gesellschaft des Herrn Pfaffinger -den Höllbräusaal verließ.</p> - -<p>Der stattliche Brauereivolontär warf sich in die -Brust und sagte mit geheucheltem Gleichmute: -„Da gibt’s bei mir nix!“</p> - -<p>„Ich bin <em class="gesperrt">so</em> derschrocken, wie Sie auf einmal -aufg’sprungen sind. Jessas Maria! hab ich mir -denkt, es werd doch kein Unglück geb’n, daß er -Ihnen was tut ...“</p> - -<p>„Der — mir?“</p> - -<p>„Man weiß halt oft nicht ...“</p> - -<p>Herr Pfaffinger schob den Hut verwegen aus -der Stirne.</p> - -<p>„Solchene derfen drei daherkemma, nacha fürcht’ -i s’ aa no net.“</p> - -<p>Das üppige Mädchen sah bewundernd zu dem -Ritter auf, der sich kraftvoll in den Hüften wiegte -und mit den Fingern schnalzte, gleichsam um zu -beweisen, wieviel ihm an einer ganzen Schar von -Gegnern läge.</p> - -<p>Fannys rehbraune Augen trafen sich mit seinen -etwas hervorquellenden wasserblauen und senkten -sich sofort, indessen sie wiederum rief:</p> - -<p>„Nein, Sie sind aber einer!“</p> - -<p>Offenbar hegte Herr Pfaffinger die gleiche -günstige Meinung von sich; denn sein ganzes Gebaren -verriet, daß er mit der Bewunderung seiner -Persönlichkeit beschäftigt war.</p> - -<p>„Ich hätt’ mir gar nicht denkt, daß Sie so -heftig sein können ...“ sagte Fräulein Fanny.</p> - -<p>„Ja, da kenn i nix.“</p> - -<p>„Wie Sie den Stuhl z’ruckg’stössen haben, und -auf und hin ...“</p> - -<p>„Da gibt’s koana Würschtel!...“</p> - -<p>„Und wie Sie ihm eine hing’haut haben, daß -’s ihn gleich draht hat!“</p> - -<p>Wieder gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander, -und indessen Herr Pfaffinger beim Schein -einer Straßenlaterne respektvoll seine große Hand -betrachtete, huschten Fannys Blicke wieder beifällig -über ihn hin.</p> - -<p>Schön war er nicht —</p> - -<p>Ein gewissermaßen viereckiger Kopf auf einem -kurzen Halse; eine stumpfe Nase, dicke Lippen, die -sich nicht ganz schlossen, so daß man die unregelmäßigen -Zähne sah, der Teint von jener biersäuerlichen -Blässe, wie sie Schenkkellnern und -Bräuburschen eigen ist ... All das ließ den Pfaffinger -Schorschl nicht gerade als verführerisch erscheinen, -und doch besaß er Reize, die ein altbayerisches -Mädchen, wenn auch noch so flüchtig, -wohl bemerken konnte.</p> - -<p>Derbe Rundungen und Breiten und Grobschlächtigkeiten, -die vielverheißend waren.</p> - -<p>„Eigentlich san S’ wegen meiner in die G’schicht -nein kommen, weil ich mich beschwert hab’, daß -die Tür offen war, und mich hat’s nachher schon -g’reut ...“</p> - -<p>„Da braucht Ihnen nix reu’n, Fräulein Fannerl -...“</p> - -<p>„Aber do, wenn S’ jetzt solchene Unannehmlichkeiten -hamm ...“</p> - -<p>„Dös is mir ganz egal ...“ Schorschl sagte -wirklich egal ... „Bald ich amal bei einer Dame -sitz ... nacha muß ich auch für die Dame eintreten -...“ Ein zärtlicher Blick traf ihn, und seine -wasserblauen Augen streiften wohlgefällig über den -sehr stattlichen Busen des Mädchens und blieben -daran haften.</p> - -<p>Vielleicht war es der Wunsch, diesen straffen -Formen näher zu rücken, vielleicht war es eine -aufquellende Zärtlichkeit ... Schorschl streckte seinen -Ellbogen hin und fragte: „Darf ich Ihnen nicht -meinen Arm anbieten, Fräulein?“</p> - -<p>Fanny hing sich ein, und beide fühlten wohlig -eines die Wärme des anderen.</p> - -<p>„Da gibt’s nix,“ sagte Schorschl, „bal ich amal -mit einer Dame beisammen bin ...“</p> - -<p>„Sie sind einer!“</p> - -<p>„In Freising, wia ’r i studiert hab’, da hat -amal oana auf an Ball meiner Dame auf ’n Fuaß -tret’n. Dem hab i a paar abazog’n und hab’n -über d’ Stiag’n abi g’schmiss’n, daß er dös halbe -G’lander mitg’numma hat ...“</p> - -<p>„Jessas Maria!...“</p> - -<p>„Und amal hat inser Verbindung a Gartenfest -g’habt ...“</p> - -<p>„Waren’s bei an Studentenkorps?“</p> - -<p>„Bei der Cerevisia in Weihenstephan in der -Brauschul’ ... und da hamm mir a Gart’nfest -g’habt, und da hat oana mit meiner Dame ’s -Speanzeln o’g’fangt ... dem hab i aa zoagt, wo -der Bartl an Most holt ...“</p> - -<p>„Sie sind g’wiß ein rechter Don Schuang -g’wesen?“</p> - -<p>„Han?“</p> - -<p>„Daß Sie recht poussiert hamm?“</p> - -<p>„Gar so arg is ’s net g’wes’n ...“</p> - -<p>Schorschl lächelte aber doch vielsagend, und -Fanny wollte hastig ihren Arm zurückziehen und -wurde festgehalten.</p> - -<p>„Mit Ihnen sollt’ man sich gar net geh’n -trauen ... Sie sind vielleicht ein ganz gefährlicher -...“</p> - -<p>„Eahna waar i net Feind, Fräulein Fannerl!“</p> - -<p>„Sie Schlimmer!“</p> - -<p>„G’wiß is wahr, i hab’s Eahna scho lang sag’n -woll’n ...“</p> - -<p>„Was?“</p> - -<p>„Daß S’ mir gar so guat g’fall’n ...“</p> - -<p>Ein zärtlicher Blick streifte ihn.</p> - -<p>„Sie möcht’n mich g’wiß derbleck’n!“</p> - -<p>„G’wiß net ... überhaupts gibt’s dös bei mir -durchaus net ... Freil’n Fannerl ... dös dürfens -net glaub’n ... Fannerl ...“</p> - -<p>Sie drückte sich näher an ihn, und er wurde -eifriger.</p> - -<p>„Moana S’ denn, i hätt’ mi so gift’ über den -Tresser, wenn i Eahna net gern hätt ...“</p> - -<p>„Das sagen S’ halt so ...“</p> - -<p>„Na! Wenn i no red’n kunnt ... aba da auf -da Straß ko ma ja net red’n ... wenn S’ mi -bloß a bisserl ins Haus nei lasset’n, Fannerl!“</p> - -<p>„Aba Herr Pfaffinger!“</p> - -<p>„Bloß in Hausgang! Daß ma dischkrier’n -kunnt’n ...“</p> - -<p>„Aba dös geht doch net!“</p> - -<p>„Warum denn net? Bloß red’n, Fannerl, weil -i Eahna gar so gern hab’.“</p> - -<p>„Dös merkt doch der Vata!“</p> - -<p>„Der merkt nix!“</p> - -<p>„Hören S’ auf! Was Sie red’n!“</p> - -<p>Und wenn Herr Pfaffinger auch nicht gewandt -genug war, um eine Situation blitzschnell zu überschauen, -bemerkte er doch den sachlichen Ernst, der -in der Abwehr des Mädchens lag.</p> - -<p>„Geht’s gar net ... Fannerl?“</p> - -<p>„Genga’s Sie!“</p> - -<p>„I waar mäuserlstaad ...“</p> - -<p>„Aba Herr Pfaffinger!“</p> - -<p>„Geh! Wenn i d’ Stiefeln ausziahg ...“</p> - -<p>„Jessas na!“</p> - -<p>„Höret mi koa Mensch ...“</p> - -<p>„Ja, wia red’n denn Sie?“</p> - -<p>„Fannerl!“</p> - -<p>Er zog das Mädchen an sich. Seine linke große -Hand verirrte sich auf den prallen Busen, indes -er mit der rechten die schwach sich Sträubende -rückwärts faßte und auch hier Anlaß zur stürmischen -Werbung fand.</p> - -<p>„Du Trutscherl, du liab’s!“</p> - -<p>„Herr Pfa ...“</p> - -<p>Seine breiten Lippen erstickten ihre Stimme, -und sie legten sich breit und feucht auf ihren -Mund. Ehrlich erwiderte sie den Kuß.</p> - -<p>„Du Gschmacherl du!“</p> - -<p>„Schorschl!“</p> - -<hr /> - -<p>„Also paß auf, Fannerl, i ziahg d’ Stiefeln -aus ... werst sehg’n, es hört mi neamd ...“</p> - -<p>„Aba da Vata schlaft do no net ...“</p> - -<p>„Der schlaft scho!“</p> - -<p>„Geh! Wenn er do jetzt erst hoam geht ...“</p> - -<p>„Nacha wart i halt a halbe Stund, bis er -eing’schlaf’n is ... und du machst mir d’ Haustür -auf!“</p> - -<p>„Na ... Schorschl ... dös geht net ...“</p> - -<p>„Leicht geht’s.“</p> - -<p>„Was denkst da denn du von mir? So schnell! -Na ... dös geht amal net ...“</p> - -<p>„Geh weiter ... Trutscherl! Jetzt dös derfst -mir net o’toa!“</p> - -<p>„Was?“</p> - -<p>„Jetzt hab’ i mi a so g’freut ... und nacha -waar’s nix!“</p> - -<p>„Aba wenn’s net geht!“</p> - -<p>„Und i hab’ mi so für di ins Zeug g’legt!“</p> - -<p>„Aba Schorschl!“</p> - -<p>„Ja ... Und du tatst mir gar koan G’fall’n!“</p> - -<p>„Wenn aba da Vata net so g’schwind ei’schlaft!“</p> - -<p>„Na ... wart i a Stund ...“</p> - -<p>Fannerl schien zu überlegen, und da die -Ergebnisse solcher Überlegungen immer die gleichen -sind, sah Schorschl beseligt in die Zukunft -...</p> - -<p>„Aba daß d’ ja net früher kummst ...“</p> - -<p>„Na ...“</p> - -<p>„Und net an d’ Stiag’n hi stößst ...“</p> - -<p>„I sag da ja ... daß i d’ Stiefeln ausziahg ...“</p> - -<p>„Jessas! Jessas! Was muaßt dir du von mir -denk’n!“</p> - -<p>„Daß du a G’schmacherl bist!“</p> - -<p>„Dös hast g’wiß scho zu viele g’sagt!“</p> - -<p>„Dös? Na ... dös hab i no zu gar koane g’sagt! -Derfst d’as g’wiß glaab’n ...“</p> - -<p>Er war doch ein Don Schuang und kannte das -weibliche Herz.</p> - -<p>Ein neuer Kuß befestigte das Versprechen, und -innig aneinandergeschmiegt schritten die beiden -dem Hause zu, in das Schorschl so bald einzuschleichen -gedachte.</p> - -<p>Auf dem Stadtplatze hörten sie die rauhen -Worte des Herrn Schwarz durch die stille Nacht -schallen und stießen auch bald auf den ahnungslosen -Vater, der sie freudig begrüßte.</p> - -<p>„Ah! Der Herr Pfaffinger! Hamm S’ mei -Fannerl begleit’?“</p> - -<p>„Ich hab mir erlaubt, weil mir Ihnen nicht -mehr g’sehen haben ...“</p> - -<p>„Ja ... i hab da a kloane Aussprach’ g’habt ... -über Eahna, Herr Pfaffinger ...“</p> - -<p>„Ah so! Weg’n der Gaudi?...“</p> - -<p>„Ja ... und die Folgen, wo mir der Elfinger, -der Hansdampf, der spinnate, hätt erzähl’n mög’n. -Daß Sie a Duwäl kriag’n ...“</p> - -<p>„I?“</p> - -<p>„Ja ...“ sagt der Elfinger ...</p> - -<p>„Um Gott’swill’n ... Herr Pfaffinger ... weg’n -mir ...“</p> - -<p>„Da brauchen Sie keine Angst nicht zu haben, -Fräulein!“</p> - -<p>„Dös hab i aa g’sagt ... so a Schmarrn, sag -i ... auf d’ Kirta laden S’ den Kerl ei, wenn er -Eahna was will ...“</p> - -<p>„Geh, Vata!“</p> - -<p>„Is ja wahr aa ... dös is de richtige Antwort -... Also guat Nacht, Herr Pfaffinger, -und b’suachen S’ mi amal ... werd mir an -Ehr sei!“</p> - -<p>„Guat Nacht, Fräulein!“</p> - -<p>„Gut Nacht!“</p> - -<p>Noch ein Blick, der alles auf ein neues bestätigte, -dann huschte das Mädchen ins Haus, die -Türe klappte ins Schloß, Herr Pfaffinger entfernte -sich mit absichtlich lauten Schritten.</p> - -<hr /> - -<p>Ob es nun gerade eine Ehre für den Stadtvater -Trinkl war, als Schorschl eine schwache -Stunde später und sehr viel leiser wieder zu dem -Hause kam, die Türe frohlockend geöffnet fand -und auf den Fußspitzen gehend sich einschlich? Für -ihn war es jedenfalls ein Glück.</p> - -<p>Da stand er im Dunkeln und fühlte die Nähe -des Mädchens. Ein leises Rascheln. „Pst!“</p> - -<p>Eine Hand ergriff die seine ... eine Stimme -flüsterte dicht an seinem Ohr: „Ziahg’ d’ Stiefeln -aus!“</p> - -<p>Und er zog sie aus.</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>Es ist Zeit, von Anton Gumposch zu reden. -Denn über allem darf nicht vergessen werden, daß -in der tätlichen Mißhandlung eines akademisch gebildeten -Mannes der Anlaß zu einem Ehrenhandel -vorlag, jedenfalls vorliegen konnte, wenn anders -die uralten Gebote der Ehre auch in diesem südlichen -Winkel unseres deutschen Vaterlandes noch -nicht alle Geltung verloren hatten.</p> - -<p>Daß sie es <em class="gesperrt">nicht</em> hatten, daß sie zum mindesten -nicht stillschweigend übergangen werden konnten, -dafür bürgte die Existenz des Herrn Anton Gumposch.</p> - -<p>Er war wohlhabender Rentner, Sohn und Enkel -reicher Gutsbesitzer, der seine Stellung in der Gesellschaft -wie seinen Bildungsfonds als Hospitant -einer Universität erhöht hatte, oder, genauer gesagt, -als Mitglied eines Korps. Er liebte den Schein -der Arbeit und war immer bemüht, ihn sich zu -geben, und wenn ihm auch jeder Trieb zu ernsthafter -Beschäftigung fehlte, war er doch Tag für -Tag lebhaft und regsam und beobachtete nicht ohne -Strenge die Arbeit seiner Nebenmenschen.</p> - -<p>Wer sich rechtschaffen plagte, durfte sicher sein, -daß ihm Gumposch wohlwollend auf die Achsel -klopfte, und wer es im Kampfe ums Dasein vorwärts -brachte, konnte in dem anerkennenden Lächeln -des Herrn Gumposch den Ansporn zu neuen Anstrengungen -erblicken.</p> - -<p>Naturgemäß und ganz von selbst mußte sich ein -so liebevolles Interesse für die Umwelt auch auf -das Gemeinwohl erstrecken, und Gumposch war -denn auch rastlos bemüht, alle Maßnahmen, Fürsorgen, -Veranstaltungen und Anordnungen der -städtischen Behörden Dornsteins einer sachlichen -Prüfung wie einer ständigen Besprechung zu unterziehen. -Sein nie ruhender Geist ersann täglich -Pläne zur Hebung des Wohlstandes und Ansehens -der Gemeinde; Hebung, Entwicklung, Fortschritt -waren die Leitmotive seiner unzähligen Probleme, -und so sehr stand er unter ihrem Banne, -daß er nicht einmal die Möglichkeit eines Vorschlages -prüfte, wenn er unter dem Zeichen von -Hebung und Fortschritt zu stehen schien.</p> - -<p>Gumposch versah im Geiste alle Berge der Umgebung -mit Drahtseilbahnen, wollte auf den Höhen -Riesenhotels anlegen, Bäche anstauen, um Seen -für den Wintersport zu erhalten, rundum im Lande -alle Wasserkräfte erwerben zu großen städtischen -Fabrikanlagen, er projektierte elektrische Bahnen -nach allen Ausflugsorten, Konzertsäle und Kaffeehäuser -in der Stadt, und war immer mit einem -neuen Plane zur Hand, wenn die Dornsteiner -Rückständigkeit den alten kopfschüttelnd abgelehnt -hatte, und war immer begeistert und ließ über -den Häuptern einer grämlichen Philisterschar die -Fahne des Fortschrittes flattern, des Fortschrittes, -der Hebung und der Entwicklung.</p> - -<p>Gumposch war als Politiker jenem früher allgemein -üblichen Liberalismus zugetan, der ohne -eigentliches Programm nur ab und zu bemerkbar -wurde, wenn er sich gegen ultramontane Bedrückung -aufbäumte oder sich bei Festen in Liedern -erging. In gewöhnlichen Zeitläuften machte er -nicht viel Aufhebens von seinen politischen Meinungen -und vermochte sie auch wohl zu ändern -und anzupassen, aber wenn Wahlen im Reiche -waren, erhob Herr Gumposch einen starken Lärm, -ließ sich auf den Schild heben und vermaß sich, -der liberalen Idee neues Terrain zu erobern. -Im „Dornsteiner Boten“ tauchten Nachrichten auf -von Reden, die unser Herr Gumposch hier und -dort gehalten hatte, und von sichtbaren Eindrücken, -die seine vaterländisch tiefempfundenen Worte auf -die Bevölkerung gemacht hatten.</p> - -<p>Das „Dornsteiner Wochenblatt“ hingegen strotzte -von hämischen Invektiven gegen den verdienten -Bürger der Stadt und mußte in jeder Nummer -Gumposchische Erwiderungen auf Grund des bekannten -Paragraphen bringen, mit Repliken und -Dupliken, in denen ein überlegener Hohn bald -auf dieser, bald auf jener Seite zu finden war.</p> - -<p>In solchen Zeiten, da deutsche Männer ihre -ganze Vaterlandsliebe aufbieten müssen, um nicht -vom Ekel übermannt zu werden, und ihre ganze -Kraft, um nicht erschöpft zusammenzubrechen, und -ihren nimmer versiegenden Glauben an Deutschlands -Zukunft, um nicht daran zu verzweifeln, in -solchen Zeiten fühlte sich Gumposch am wohlsten.</p> - -<p>Das Zielscheibesein für gewissenlose Angriffe -oder für Pfeile aus dem Hinterhalte war seiner -Natur so recht entsprechend und stillte sein Bedürfnis, -ein Mittelpunkt zu sein.</p> - -<p>In solchen Zeiten konnte er es freudig erleben, -daß auch stumpfe Naturen bei seinem Anblick in -Bewegung gerieten, daß sonst gleichgültige Bürger -vielsagend mit den Augen zwinkerten, wenn sie -ihm begegneten, daß im Gasthause bei seinem -Eintritte die Leute die Köpfe zusammensteckten -und es kam auch vor, daß der eine und andere -ihm lautes Lob erteilte.</p> - -<p>Und wenn dann am Wahltage, wohlgemerkt -auf Kosten des Herrn Gumposch, im Redaktionsfenster -des „Dornsteiner Boten“ nach ganz neuzeitlichen -Prinzipien die Wahlresultate hinter beleuchtetem -Glase auftauchten und in diesem magischen -Licht auch der Name Gumposch erstrahlte, -und war es mit noch so wenig Stimmen des -Durchfalles, dann bildete dieser Moment einen -schönen Abschluß beseligender Wochen. Man sieht, -daß dieser Mann ein Pol im Kreise der öffentlichen -Interessen war, und darum noch einmal: -es ist Zeit, bei diesem Ehrenhandel von ihm zu -reden.</p> - -<p>Er stand vor der Tatsache, daß Herr Rechtspraktikant -Tresser nach einem heftigen Wortwechsel -im überfüllten Höllbräusaale von Herrn Pfaffinger -geohrfeigt worden war, und er war keineswegs -geneigt, diesen Vorfall leicht zu nehmen oder ihn -mit sattsam bekannten Vernunftgründen aus der -Welt schaffen oder mit Worten einer billigen Entrüstung -abtun zu lassen.</p> - -<p>Nein! Hier war endlich ein wirklicher Skandal -gegeben, an dem Leute beteiligt waren, von denen -der eine gewiß, der andere vielleicht zum Verständnisse -des tiefen Ernstes der Sache gebracht -werden konnte.</p> - -<p>Und Gumposch fühlte sogleich, daß er der Mann -dazu war, diese Angelegenheit in die Hand zu -nehmen, ihr Einschlafen zu verhindern, ihr einen -honetten Ausgang zu verschaffen.</p> - -<p>War es ohne Bedeutung für den gebildeten -Teil der Dornsteiner Gesellschaft, wenn die bürgerliche -Welt sah, daß dieses Renkontre nicht anders -und nicht ernsthafter behandelt wurde wie etwa -eine Schlägerei in den niederen Schichten? War -es ohne erzieherischen Wert, wenn das Bürgertum -einsehen lernte, daß zwischen seiner Auffassung -von Händeln und ihren Folgen und der Auffassung -von satisfaktionsfähigen Männern denn -doch ein unüberbrückbarer Abgrund klaffte? War -es zuletzt für die Reputation der Stadt so gleichgültig, -wenn hier Prügeleien nicht anders bemessen -wurden als in dem nächsten Bauerndorfe?</p> - -<p>Noch einmal nein!</p> - -<p>Hier war Gelegenheit geboten, mit höheren Ansichten -durchzudringen, dem Ehrenstandpunkte Geltung -zu verschaffen gegenüber einer Bevölkerung, -die nur zu leicht geneigt war, die Schranken nicht zu -sehen, welche sie von der gebildeten Klasse trennten.</p> - -<p>Wenn diese Bevölkerung mit aus Grauen und -Bewunderung gemischten Empfindungen sehen -mußte, daß in gewissen Sphären ein Mann eben -doch anders für seine Handlungen einzustehen -habe als Krethi und Plethi — jawohl Krethi und -Plethi — dann fiel von der abgerungenen Hochachtung -auch für den Mann ein gut Teil ab, der -dem Ehrenstandpunkte zum Siege verhalf und -seine Zugehörigkeit zur besten Klasse klar und -deutlich und weithin sichtbar bewies.</p> - -<p>Alle diese Gründe, in einem Selbstgespräche -und vor dem Spiegel mit Kraft vorgetragen, -brachten Herrn Anton Gumposch schnell zu dem -Entschlusse, seine Person in den Vordergrund zu -schieben und das pöbelhafte Ereignis auf ein -höheres Niveau zu bringen.</p> - -<p>Der Weg zu diesem Unternehmen war vorgezeichnet. -Daß Herr Tresser nicht erst einer Überredung -bedurfte, um in der Sache klar zu sehen, -war wohl anzunehmen.</p> - -<p>Hingegen erschien es mehr als zweifelhaft, ob -Herr Georg Pfaffinger nach Erziehung und Charakter -in der Lage war, seine Pflicht zur Genugtuung -voll zu begreifen.</p> - -<p>Hier also mußte der Leiter der Angelegenheit -einsetzen.</p> - -<p>Zum ersten war die Frage zu prüfen, ob der -Brauereivolontär satisfaktionsfähig war.</p> - -<p>Vor nicht langer Zeit hatte die Regierung der -Brauereiakademie den Charakter einer Hochschule -verliehen, und damit war offenbar nicht nur dem -Biersieder die Würde einer gelehrten Beschäftigung -zugesprochen worden, sondern auch den Kandidaten -die Eigenschaft des akademischen Bürgers.</p> - -<p>Es bestand sohin gegründete Hoffnung, daß -Herr Georg Pfaffinger auch von strengen Beurteilern -für satisfaktionsfähig betrachtet werden -konnte — — aber!</p> - -<p>Ob sich der Mann diese Eigenschaft selbst zuerkannte, -in einem Zeitpunkte, da sie für ihn -brenzlich war, das mußte bezweifelt werden.</p> - -<p>Gumposch, der sich zuweilen auch jovial zu geben -wußte, kannte Schorschl von einigen gemeinsamen -Früh- und Abendschoppen her und hatte einen -Einblick getan in dessen robustes und bildungsfremdes -Wesen.</p> - -<p>Der ungeschlachte Jüngling hatte von Welt -und Menschen eine durchaus bräuburschige Ansicht, -und seiner Art lag es bestimmt näher, Streitigkeiten -mit Watschen als mit Pistolenschüssen auszutragen.</p> - -<p>Vielleicht wäre jeder andere zurückgeschreckt vor -der Aufgabe, einen Pfaffinger über ritterliche -Pflichten aufzuklären, vielleicht hätte jeder andere -dieses hoffnungslose und übel angebrachte Beginnen -von sich gewiesen, aber Gumposch hatte -das stärkste Vertrauen auf die Macht seiner Persönlichkeit, -und er ging sogleich daran, sein Vorhaben -auszuführen.</p> - -<p>Er zog seinen Gehrock an und bedeckte das Haupt -mit einem Zylinderhute, und wenn dieser feierliche -Aufzug an einem Werktage in Dornstein -Aufsehen erregen mußte, so war das ganz und -gar nicht den Absichten des Herrn Gumposch zuwider, -denn er war nicht der Mann, eine so -wichtige Sendung in Heimlichkeit und Stille zu -vollziehen.</p> - -<p>Im Gegenteil, als er an diesem hellen Vormittag -über den Stadtplatz wandelte, verstärkte -er so viel er nur konnte durch seine düstere Miene -die Seltsamkeit seiner Erscheinung, und er bemerkte -es gerne, daß man die Hälse reckte und -aus Fenstern nach ihm sah.</p> - -<p>Der Metzgermeister Eder pfiff und schrie hinter -ihm her, was denn los wäre, und der Uhrmacher -Haas nahm hastig das Vergrößerungsglas von -seinem Auge und humpelte ins Freie.</p> - -<p>„Herr Gumposch! Pst! Sie Herr Gumposch, -is a Leich oder was?“</p> - -<p>„Heut is keine Leich oder was,“ sagte Gumposch -ungnädig und wie ein Mann, der nicht aufgehalten -zu werden wünscht.</p> - -<p>„Ja no! Weil S’ an Bratlrock o’hamm. Machen -S’ an B’suach?“</p> - -<p>„Besuch?“</p> - -<p>Gumposch blickte dem neugierigen Uhrmacher -ins Auge und sagte, jede Silbe betonend: „Jawohl, -Herr Haas, ich mache einen Besuch!“</p> - -<p>Haas verstand, daß hier irgend etwas im Hintergrunde -lauere, und erschrak beinahe darüber.</p> - -<p>„S ... soo? Und bei wem, wenn i frag’n derf?“</p> - -<p>„Sie dürfen eben nicht fragen.“</p> - -<p>„Net?“</p> - -<p>„Respektive,“ sagte Herr Gumposch, „respektive -ich darf Ihnen keine Antwort nicht geben ...“</p> - -<p>„Ja, aber ...“</p> - -<p>„Was?“</p> - -<p>„I moan, warum nacha net?“</p> - -<p>„Weil es Dinge gibt, Herr Haas, über die -man nicht spricht.“</p> - -<p>Bei diesen Worten machte Gumposch eine scharfe -Wendung nach links in die Hafnergasse und ließ -den verblüfften Uhrmacher in tiefem Sinnen stehen.</p> - -<p>„.... Wei ... weil ...?“</p> - -<p>Weil es Dinge gibt, von denen sich eure Schulweisheit -nichts träumen läßt, schlichter Bürger ...</p> - -<p>Schauen Sie ihm nach, wie er dahin geht mit -dem in die Stirne gedrückten Zylinder, winken -Sie Ihrem Nachbar, dem Lohgerber, zu, der mit -noch aufgekrempelten Ärmeln unter der Türe -steht, wispert miteinander, lacht oder klopft vielsagend -an die Stirne, ihr ahnt es nie, daß dieser -Mann einen Gang geht, von dem Leben oder Tod -abhängen kann!</p> - -<p>Obwohl dem bedeutsam Ausschreitenden auch -von hinten etwas anzusehen wäre, was man -Schicksalsschwere nennen könnte.</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>„Herein!“</p> - -<p>Mit stark verschleimter Stimme: „Herein!“</p> - -<p>Herr Pfaffinger drehte sein Haupt, auf dem -alle Haare wirr durcheinander geraten waren, -mühsam gegen die Türe hin und versuchte es, die -verklebten Augen zu öffnen.</p> - -<p>Sein unsagbar leerer Blick fiel auf seine Hausfrau -Margarete Holdenried, die ihn eifrig und -mehrmals anrief.</p> - -<p>„Herr Pfaffinger! Herr Pfaffinger!“</p> - -<p>„Wos denn?“</p> - -<p>„Da Herr Gumposch is da!“</p> - -<p>„Da ... da ...?“</p> - -<p>„Da Herr Gumposch!“</p> - -<p>Das Erinnerungsvermögen Schorschels erstreckte -sich offenbar nicht auf diese bedeutende Persönlichkeit.</p> - -<p>Er sagte „von mir aus!“, gähnte und drehte sich um.</p> - -<p>„Ja, aba Herr Pfaffinger, da Herr Gumposch -möcht Ihnen doch sprechen!“</p> - -<p>„Han?“</p> - -<p>„Er muß Ihnen auf der Stell sprechen, hat er -g’sagt ...“</p> - -<p>„Mi?“</p> - -<p>„Freilich, es muaß was Dringends sei ...“</p> - -<p>„Er soll ma mei Ruah lass’n ...“</p> - -<p>„Ja, aba, wenn er do sagt ...!“</p> - -<p>„I steh net auf.“</p> - -<p>Frau Holdenried stand ratlos unter der Tür -und sah auf ihren Zimmerherrn, der die Decke -über die Schultern zog und zu schnarchen anfing.</p> - -<p>„Aba ...“</p> - -<p>„Lassen S’ mich nur herein,“ sagte Herr Gumposch, -schob sie höflich ein wenig beiseite und betrat -das Zimmer.</p> - -<p>„Jessas, wia’s aba da ausschaugt!“ seufzte Frau -Holdenried, „... und ... und ...“ setzte sie bei -und öffnete ein Fenster.</p> - -<p>„Ich muß eine Viertelstund’ allein sein mit ’n -Herrn Pfaffinger,“ mahnte der Besucher.</p> - -<p>„Aba wia’s da ausschaugt!“</p> - -<p>„Das ist jetzt Nebensache ... auf das geb’ ich -gar nicht acht ...“ sagte Herr Gumposch.</p> - -<p>„Ja no, wenn S’ meinen, aba ...“</p> - -<p>Frau Holdenried schüttelte mißbilligend das -Haupt und übersah noch einmal mit einem Blick -die wüste Unordnung im Zimmer, hob die Weste -vom Boden auf, erhaschte die beiden Stiefel, -schüttelte wieder das Haupt und ging.</p> - -<p>Es war still in dem Zimmer; vom Bett her -tönte es leise und gleichmäßig wie der Klang -einer langsam gezogenen Säge.</p> - -<p>„Herr Pfaffinger!“</p> - -<p>Es kam keine Antwort, und die Haarwildnis, -welche in den Kissen lag, geriet nicht in die geringste -Bewegung.</p> - -<p>Gumposch klopfte mit dem Stock auf das Bett, -einmal, zweimal, öfter. „Herr Pfaffinger!“</p> - -<p>Die Haarwildnis drehte sich um, langsam schob -sich die Decke ein wenig herunter, und langsam -schob sich der Deckel des einen Auges so weit hinauf, -daß dieses verständnislos auf Herrn Gumposch -starren konnte.</p> - -<p>Dieser nahm einen Stuhl und setzte sich mitten -in das Zimmer. Sein Kinn stützte er fest auf die -Hände, die er über der Krücke seines Spazierstockes -gefaltet hatte, und richtete seine Augen ernst -und unverwandt auf den jungen Menschen, dem -er eine Pause gönnte, um die Wichtigkeit des -Augenblickes wie jene des Besuchers allmählich zu -begreifen.</p> - -<p>Schorschl schloß vor den strengen Blicken des -Herrn Gumposch die Augen und öffnete sie nur -zögernd wieder, und immer auf ein neues zeigte -sich darin Erstaunen über die Erscheinung des -Sendboten der Ehre.</p> - -<p>Dieser räusperte sich etliche Male und sagte mit -tiefer Stimme:</p> - -<p>„Ja, ja ... das ist eine böse Sache, Herr -Pfaffinger!“</p> - -<p>Schorschels Gedanken reihten sich noch keineswegs -geordnet aneinander.</p> - -<p>„Wia?“ fragte er.</p> - -<p>„Sie haben sich was Böses eingerührt, gestern -nachts ...“</p> - -<p>Die Erinnerung an eine leise knarrende Stiege, -an eine Türe, die beim Schließen ein wenig -geächzt, an eine Hand, die ihn geführt hatte, -die Erinnerung an volle Arme, die sich um seinen -Hals geschlungen hatten, tauchte in Herrn Pfaffinger -auf und vermochte ihn, seine Augen weiter -zu öffnen.</p> - -<p>Da saß vor ihm ein Mann, der ihn bitter ernst -anblickte und beinahe traurig mit dem Kopfe -nickte ... irgendein Grund mußte ihn doch hergeführt -haben ... sollte wirklich der Vater was -gemerkt ... die Tochter was gestanden haben?</p> - -<p>Sein Herz fing an, schneller zu schlagen.</p> - -<p>„Wia?“ fragte er unsicher, beinahe ängstlich.</p> - -<p>Gumposch, als ein gewiegter Menschenkenner, -sah wohl, daß seine Anwesenheit Gemütsbewegungen -verursachte, und das freute ihn und erregte in ihm -sogar ein gewisses Wohlwollen mit seinem Opfer.</p> - -<p>„Tja!“ sagte er, „lieber Pfaffinger, wie stellen -Sie sich das vor, daß die Sach ’nausgeht?“</p> - -<p>Wie stellte man sich das vor?</p> - -<p>Die Gedanken Schorschels richteten sich langsam -auf ein paar Möglichkeiten, Unannehmlichkeiten, -auf Verdruß daheim, Verlust an Geld, auf lange -Weibsbilderreden.</p> - -<p>Er sah zerknirscht aus, was Gumposch sich hoch -anrechnete, und da er nun den Augenblick gekommen -sah, wo er mit einer wohlgesetzten Rede -einfallen mußte, erhob er sich und wandelte im -Zimmer hin und wieder und war darauf bedacht, -seine Perioden abzurunden.</p> - -<p>„Da haben wir die alte Geschichte,“ sagte er, -„die Jugend, die einfach ... brrr ... drauf los -stürmt, nichts überlegt, an keine Folgen nicht denkt, -hitzig, nichts wie hitzig! Wacht man hernach am -andern Tag auf, dann kommt die Überlegung. -Jetzt sieht der Mensch, was er für eine Dummheit -gemacht hat. Wie? Was sagen S’?“</p> - -<p>Schorschl sagte eigentlich nichts. Er brummte -wohl etwas in die Bettdecke hinein, aber es gehörte -nicht unbedingt zur Sache und paßte keineswegs -zu dem würdigen Ton, den Herr Gumposch -angeschlagen hatte und festhielt. Bemerkenswert -war nur, daß der junge Mensch in diesem Augenblicke -beschloß, faustdick zu lügen und nichts zu -gestehen, nicht das geringste zu gestehen und faustdick -zu lügen. „Ja, da brummen Sie!“ konnte -nun der Redner fortfahren, „das verdrießt Sie -womöglich noch, daß man Ihnen die Wahrheit -sagt, aber die müssen Sie schon annehmen von -einem Manne, der das Leben kennt und der in -solchen Dingen seine Erfahrung hat. Seine reichliche -Erfahrung, mein lieber Pfaffinger, und Sie -müssen ja nicht glauben, daß ich über die Sache -urteile, wie ... wie ... sagen wir ... ein Prolet -oder ein Bürger ... Ich sage auch nicht, daß so -was absolut nicht vorkommen kann ... du lieber -Gott! Ich war auch kein Guter, wie ich so alt -war wie Sie, ich war ein verdammt scharfer Kerl, -das kann ich Ihnen sagen, und deswegen verstehe -ich das Vorkommnis, verstehe es vollkommen. Sie -müssen nicht glauben, daß ich Ihnen Vorwürfe -machen will, ich betrachte es nur als meine Aufgabe, -Ihnen mit Rat und Tat beizustehen ...“</p> - -<p>Schorschl fand, daß dieser Mann sehr lange -brauchte, bis er die Katze aus dem Sack ließ, und -er betrachtete ihn blinzelnd und voll Unbehagen, -wie er da auf und ab schritt und redete wie ein -Buch.</p> - -<p>Er sollte endlich einmal herausrücken mit der -Farbe, damit man frischweg lügen konnte ...</p> - -<p>„Pfaffinger,“ sagte Herr Gumposch nun väterlich -und zutunlich und sah den jungen Menschen -wohlwollend an, „Pfaffinger, Sie betrachten sich -doch selber als satisfaktionsfähig?“</p> - -<p>„... Wia?“</p> - -<p>„Nachdem Weihenstephan jetzt eine Hochschule -ist, nicht wahr, haben doch die Angehörigen dieser -Hochschule, nicht wahr, auch ihrerseits das Bestreben, -als satisfaktionsfähig zu erscheinen ...?“</p> - -<p>„Wia?“</p> - -<p>Gumposch wurde ärgerlich.</p> - -<p>„Also, das ist doch klar, daß Sie dem Herrn -Rechtspraktikant Tresser nicht bloß eine herunterhauen -können und damit fertig! Wir leben doch -nicht unter den Aschantis, nicht wahr, oder unter -den Bauern ...“</p> - -<p>„Ja so!“ Schorschl sagte es nicht eigentlich und -deutlich. Seine ganze ängstliche Spannung löste -sich auf in einem „Ja so!“ Er rutschte mit einem -kaum zu beschreibenden wohligen Gefühle tiefer -unter die Decke, er streckte froh und erleichtert die -Beine aus und spielte behaglich mit den Zehen -und drehte sich gegen die Wand, und sein ganzes -Wesen war nur ein „Ja so!“ „Wir leben doch -nicht unter den Aschantis!“ wiederholte Gumposch, -der diesen seelischen Vorgang nicht bemerkte, weil -er eben seinen Marsch durch das Zimmer wieder -aufnahm. „Wenn ihr Weihenstephaner das Bestreben -habt, unter die Gebildeten aufgenommen -zu werden, so müßt ihr auch klar sein, daß es -hier, daß es in solchen Dingen nur ein Entweder — -Oder gibt. Entweder man ist Knote, oder man -gehört zu den Leuten, welche die Verantwortung -für ihre Handlungen auf sich nehmen. Ist man -Knote, will man Knote sein, — gut! Dann war -es nicht notwendig, daß ich mich hierher bemüht -habe, dann war es sehr überflüssig, sich den Rat -eines Mannes zu erbitten, der von Jugend auf -gewohnt ist, Differenzen in ehrenhafter Weise auszutragen. -Dann war es ganz und gar nicht angebracht, -sage ich, einem solchen Manne die Entscheidung -zu überlassen, die Entscheidung darüber, -ob hier anständig oder proletenhaft, jawohl, ich -sage proletenhaft, verfahren werden soll; denn -darüber konnte kein Zweifel sein, wie meine Ansichten -sind, und jedenfalls würde ich es mir ganz -energisch verbitten, in diesem Punkte Zweifel zu -haben. Wie gesagt, die Frage lautet ganz einfach: -„Wollen Sie ein Knote sein und als Knote gelten, -Herr Pfaffinger? Ja oder nein?“</p> - -<p>Es ertönte weder das eine noch das andere. -Sondern, erst leise einsetzend, dann zäh und wuchtig, -als gelte es, Verlorenes nachzuholen, schnarchte -der junge Mensch, dem hier so eindringlich wie -uneigennützig ins Gewissen geredet worden war. -Schnarchte dergestalt, daß jede Aussicht auch auf -zeitweilige Unterbrechung ausgeschlossen erschien. -Gumposch war mehr als indigniert, er war angefüllt -mit Verachtung. Er nahm Stock und -Hut, stellte sich vor das Bett und warf einen -stechenden Blick auf diese jedes Pflichtgefühles -bare und trotzdem in tiefstes Behagen versunkene -Masse.</p> - -<p>„Also Knote!“ sagte er und ging.</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - -<p>Aber, wie gesagt, über all dem darf man nicht -vergessen, daß ein Mitglied der besseren Stände, -und einer, dem die Laufbahn im Staatsdienste -eröffnet war, vor einem zusehenden Publikum das -erhalten hatte, was auch eifrigste Beschönigung -eine Maulschelle heißen mußte. Daß sie nicht einfach -hingenommen werden konnte, war die Meinung -aller Beamten, deren Leidenschaftlichkeit nicht gänzlich -unter Aktenstaub erloschen war, und so konnte -denn ein aufmerksamer Beobachter wohl bemerken, -daß zwei Tage nach dem Vorfalle ein lebhafter -Frühschoppen im Gasthofe zur Post herrschte. Der -gebildete Teil der Bevölkerung trank hier ein Glas -Wein und trank es mit tiefstem Unwillen, mit -einem Gefühle, das man seiner weisen Mäßigung -halber Indignation nennen könnte.</p> - -<p>Er hatte sich immer mehr erhitzt, als Gumposch -erklärte, daß der ungehobelte Flegel, nämlich Herr -Georg Pfaffinger, nicht das geringste Verständnis -für das Wesen der Satisfaktion besitze.</p> - -<p>Solange darüber nicht Klarheit herrschte, hatten -die alten Studenten und freien Burschen das -unangenehme Nebengefühl gehabt, daß ein Waffengang -in Dornstein auch für entfernt Beteiligte -große Unannehmlichkeiten nach sich ziehen könne. -Jetzt, da für ängstliche Bedenken kein Platz mehr -war, traute sich bei Oberamtsrichter Herzensfroh -wie bei jedem der tiefe Ingrimm über den Lümmel -hervor. Man war sich sogleich darüber einig, daß -unter diesen Umständen dem ganzen klobigen Spießbürgertum -ein heilsamer Schrecken eingejagt werden -müsse durch eine scharfe Forderung auf Pistolen.</p> - -<p>Natürlich würde sie Pfaffinger nicht annehmen, -wie Herr Gumposch immer wieder versicherte, aber -die bange Erkenntnis würde in ihm aufdämmern, -daß er mit seiner Roheit an Kreise geraten war, -deren scharfkantige Ehrbegriffe ihm furchtbar erscheinen -mußten. Ihm und den anderen, die gegenüber -von der Post beim Lammwirt saßen und, wie -man recht gut wußte, ein unflätiges Vergnügen -an dem bisherigen Gang der Ereignisse bezeigten.</p> - -<p>Also über diese Notwendigkeit war man sogleich -einig, und nun warf Oberamtsrichter Herzensfroh -die wichtige Frage auf, wer das Amt des Kartellträgers, -des, wie Gumposch versicherte, vergeblichen -Kartellträgers übernehmen sollte.</p> - -<p>In die engere Wahl kamen nur zwei Herren: -Anton Gumposch und der pensionierte Leutnant -Hans Mühlritter, denn es stand fest, daß kein -Beamter sich der Aufgabe widmen durfte, weil -die Expedition nicht geheimbleiben konnte und sollte.</p> - -<p>Gumposch, ein mit dem Kodex der ritterlichen -Pflichten vertrauter Mann, mußte die Wahl ablehnen, -da er schon in anderer Eigenschaft, als -Ratgeber und eventueller Sekundant, dem Menschen, -nämlich Herrn Georg Pfaffinger, nähergetreten -war, und so blieb nur Mühlritter übrig, der, ohne -einen Augenblick zu zögern, seine Zusage gab.</p> - -<p>„Für einen alten Soldaten,“ sagte er, „gibt es -da kein langes hin und her. Man stellt sich auf -den Posten. <i>Bong!</i>“ Alle dankten ihm herzlich, -fast lärmend, und Gumposch, der, wie immer, den -günstigen Augenblick ersah und das Richtige traf, -bestellte eine Flasche guten Rheinweines.</p> - -<p>Unter ihrem Einflusse wurde Mühlritter sehr -gesprächig, und da er in seinem Leben wohl nie -derartig in den Mittelpunkt des Interesses gestellt -gewesen war, nützte er diese einzige und späte Gelegenheit -nach Kräften aus.</p> - -<p>Er war durch den magersten Ruhegehalt gezwungen, -als Inspektor einer Lebensversicherung -Nebenverdienst zu suchen, und in dieser Eigenschaft -hatte er sich eine hinströmende und bilderreiche -Redeweise angeeignet.</p> - -<p>So verbreitete er also eine Atmosphäre von -Ritterlichkeit und rauher Soldateska um sich und -gab zu verstehen, daß solche Gänge, wie der vorhabende, -zu seinen Gewohnheiten gehört hätten in -jenen Tagen, die er mit Zungenschnalzen und -Verdrehen der Augen seine tolle Leutnantszeit hieß.</p> - -<p>Da Gumposch fleißig einschenkte und die Tafelrunde -ihn mit Wohlwollen anhörte, geriet er immer -tiefer in seine waffenklirrende Vergangenheit und -berichtete Abenteuer, als wäre er bei Pappenheims -Kürassieren gestanden und nicht im glorreichen -Jahr 1866 zum Leutnant auf Kriegsdauer ernannt -worden, und er überschüttete die Krämer, Brezelbäcker -und Kälberstecher Dornsteins mit unsäglicher -Verachtung, ganz vergessend, daß sie seine Mitbürger -und Gläubiger waren.</p> - -<p>Als die Mittagsglocke läutete, erwachten alle -Familienväter aus ihren Heldenträumen und erhoben -sich.</p> - -<p>Junker Hans Mühlritter sah jedem vielversprechend -ins Auge und teilte derbe Händedrücke -aus und vermaß sich noch einmal und immer -wieder, er wolle noch desselbigen Tages ein Feuerlein -anschüren, an dem die Frechheit Pfaffingers -wie Butterschmalz zergehen werde.</p> - -<p>Dann blieben sie zu dritt am Tische sitzen, der -Leutnant-Inspektor, Anton Gumposch und Tresser.</p> - -<p>Die Gläser klangen hell und häufig aneinander, -und Mühlritter trank, wie es recht war, Bruderschaft -mit dem Jüngling, dessen Fehdebrief er -dem Gegner überbringen sollte, und der Korpsphilister -Gumposch hielt nicht an sich, sondern bot -dem alten Kriegsknecht das traute „Du“ an und -küßte ihn auf das weinsäuerlich duftende Maul.</p> - -<p>Und ein rauhes Wort gab das andere, und -jugendliche Abenteuer tauchten auf und verschwanden -wieder im Nebel des Zigarrenrauches, -und Tresser versank in tiefe Traurigkeit darüber, -daß sein Feind nicht auf dem Plan erscheinen werde.</p> - -<p>„Und nacha,“ so erzählt die Kellnerin Zenzi, -„und nacha hat der Herr Gumposch an Schampaniger -zahlt, und da san ’s allaweil b’suffener -worn, und der notige Leitnant is auf an Sessel -durchs Zimmer g’ritt’n und hat kummadiert, und -de andern san hinter eahm drei’ g’ritt’n, und -wenn er Galopp g’schriean hat, sans mit die Stühl -so umanandbockelt, daß zwoa brocha san, und -g’sunga ham ’s, und da Herr Gumposch hat mit -sein Steck’n umanandg’fuchtelt, als wenn er an -Sabl in da Hand hätt’, und nacha hat er a Lamp’n -aba g’haut, und nacha san ’s hoam.“</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>Nicht alle gingen heim, wie Zenzi glaubte, -sondern Junker Hans marschierte über den Stadtplatz, -und obwohl er krampfhaft sein Ziel, den -Eingang der Hafnergasse, ins Auge faßte, landete -er dennoch in schräger Linie seitab davon auf dem -jenseitigen Bürgersteig und gelangte erst nach -mehreren Schwierigkeiten vor die Wohnung der -Frau Holdenried, welche erschrocken über den -heftigen Klang der Glocke herausstürzte.</p> - -<p>Der ihr nicht unbekannte Inspektor der Assekuranzgesellschaft -Bolivia gab sich die größte Mühe, -finster und ahnungsschwer auszusehen und das -selige Lächeln aus seinem Antlitze weichen zu lassen.</p> - -<p>Er fragte mit hohler Stimme, ob ein gewisser -Georg Pfaffinger anwesend und gegenwärtig sei.</p> - -<p>„Nein, der komme erst in einer guten Stunde -heim, und Jessas — Jessas na! was es denn schon -wieder gebe?“</p> - -<p>„Nichts für Weiber!“ war die Antwort, und da -schaute nun die gute Witwe Holdenried dem über -die Treppe hinab Polternden in banger, aber ungestillter -Neugierde nach und faltete die Hände -ineinander, wie es die Frauenzimmer in solchen -Lagen tun.</p> - -<p>„Jessas na! Also seit zwei Täg’ is keine Ruh -und kein Fried mehr im Haus ...“</p> - -<p>Und eine Treppe tiefer kam die Frau Sattlermeister -Widmann, welche durch den lauten Abstieg -Mühlritters in Argwohn versetzt worden war, aus -ihrer Wohnung.</p> - -<p>„Was gibt’s denn, Frau Holdenried?“</p> - -<p>„Denken S’ Ihnen nur, g’rad jetz is der Inspektor -dag’wes’n und hat nach ’n Herrn Pfaffinger -g’fragt ...“</p> - -<p>„Der Mühlritter?“</p> - -<p>„Ja, und wie der ausg’schaut hat, sag’ ich Ihnen, -und wie der g’fragt hat ... na ... das is grad, -als wenn mein Zimmerherr kein Ruh’ mehr krieg’n -derf ...“</p> - -<p>Frau Widmann kam nach oben und stand lange -bei ihrer Hausgenossin und tauschte mit ihr die -schlimmsten Befürchtungen aus.</p> - -<p>Aber das war an diesem Tage das Los aller -Dornsteiner, dieses Leben in Angstzuständen.</p> - -<p>Als Anton Gumposch, den Hut tief in die -Stirne gedrückt, nach Hause ging, befiel ihn ein -Gedanke, der seiner Gewissenhaftigkeit und allgemeinen -Fürsorge angemessen war.</p> - -<p>Wie? Wenn er sich getäuscht hatte? Wenn der -junge Mensch die Last der Verachtung als zu groß -befand und im letzten Augenblicke den Forderungen -der Ehre Gehör schenkte?</p> - -<p>Mußte nicht zum wenigsten die Möglichkeit ins -Auge gefaßt werden?</p> - -<p>Und wer sollte sie ins Auge fassen, wenn -nicht er?</p> - -<p>Die Verantwortung, die so mit einem Male -vor ihm stand, hob beinahe alle Nachwirkungen -des Frühschoppens in ihm auf, und er vermochte -sich Rechenschaft zu geben über die Reihenfolge -der Pflichten, die ihm bevorstehen konnten.</p> - -<p>Einen Platz auswählen, Fuhrwerke besorgen, -einen Arzt ins Vertrauen ziehen, nun natürlich ... -einen Arzt um Beistand ersuchen, drei Kutschen -bestellen, einen Platz aussuchen ... einen Arzt ... -Da lag nun wieder einmal, wie so oft schon, alles -auf seinen Schultern, die anderen redeten und -ließen sich’s weiter nicht kümmern, bloß er natürlich -hatte die Arbeit, die Lauferei, die Sorge.</p> - -<p>Er war zu Hause angelangt und stellte sich vor -den Spiegel und sah kummervoll in das blaurote -Antlitz, welches ihm mit verschwommenen Augen -entgegenblickte.</p> - -<p>„Wer dankt dir’s eigentlich, Toni?“ fragte er -wehmütig. „Und was hast du davon? Scherereien -und Ärgernis, jawohl, und zuletzt Undank ...“</p> - -<p>Als er so fast in Schmerz versinken wollte, fiel -sein Blick auf die Pistolen, die an der Wand -hingen, und sogleich fand er seine Tatkraft wieder. -Freilich! Pistolen brauchte man ja auch, und in -ganz Dornstein war vielleicht kein gleiches Paar -außer den seinen zu finden.</p> - -<p>Er nahm sie herunter, und da sie Rost angesetzt -hatten, wollte er sie sogleich zum Büchsenmacher -bringen.</p> - -<p>Vergessen war jedes lähmende Gefühl.</p> - -<p>Er umwickelte die Waffen sorgfältig mit einer -alten Zeitung und stand schon eine Viertelstunde -später mit seinem Paket unterm Arm in der Werkstatt -des Xaver Reindl, der einen Gewehrlauf -putzte und dabei Unterhaltung pflog mit Herrn -Magistratsrat Trinkl.</p> - -<p>Gumposch setzte seine geheimnisvollste Miene -auf und erregte die Neugierde des Büchsenmachers -durch Nicken und Blinzeln.</p> - -<p>Er räusperte sich, gab ausweichende Antworten, -trat von einem Fuß auf den andern und zeigte -so viel Ungeduld und Heimlichkeit, daß es sogar -Herr Trinkl merkte und ging.</p> - -<p>„Reindl,“ sagte nun Gumposch, indes er dicht -vor den Meister hintrat und ihn durchbohrend anblickte, -„Reindl, können Sie schweigen?“</p> - -<p>„Ja, was glauben S’ denn, Herr Gumposch ...“</p> - -<p>„Kein Mensch darf nichts erfahren ...“</p> - -<p>„Aba Herr Gumposch, i bin do a Mann, -der ...“</p> - -<p>„Gut, ich verlaß mich auf Sie.“</p> - -<p>Bei diesen Worten öffnete Gumposch sein Paket.</p> - -<p>„A paar alte Vorderladerpistol’n?“</p> - -<p>„Reindl, die Pistolen müssen heut noch herg’richt -werden, Lauf, Piston, alles sauber geputzt.“</p> - -<p>„Heut no?“</p> - -<p>„Es muß unbedingt sein.“</p> - -<p>Wieder traf ein durchbohrender Blick den Büchsenmacher.</p> - -<p>Der musterte eine Pistole und probierte die -Feder.</p> - -<p>„Rostig san ’s ... no, wenn’s sei muaß ...“</p> - -<p>„Unbedingt.“</p> - -<p>„Aber net, daß i ...“</p> - -<p>„Was?“</p> - -<p>„Aber net, daß i da in a Schlamassel nei kimm.“</p> - -<p>„Wieso denn? Ich brauch die Pistolen zum -Übungsschießen. Sie haben sich um gar nichts zu -kümmern.“</p> - -<p>Der Meister drückte sein linkes Auge zu und -schaute Herrn Gumposch vielsagend an.</p> - -<p>Der nickte und wiederholte: „Zum Übungsschießen. -Hab’ ich was andres g’sagt?“</p> - -<p>Seine Blicke verrieten freilich, daß hinter seinen -Worten ein blutiges Geheimnis lauerte, aber es -kam nichts über seine Lippen, und darum konnte -Reindl sein Gewissen beschwichtigen.</p> - -<p>„Von mir aus,“ sagte er, „Sie schaffen’s o — -net? Und i mach’s — net? Und es g’hört zu mein -G’schäft — net?“</p> - -<p>„Ganz richtig,“ entgegnete Gumposch, „und -dann bleibt’s dabei, ich hol’ abends die Pistolen -und komm’ hinten herein. Adieu!“</p> - -<p>„Adjes! Sie ... Herr Gumposch ...“</p> - -<p>„Was?“</p> - -<p>„Aba net, daß i in a Schlamassel einikimm?“</p> - -<p>„Nein, sag’ ich. Reden nur Sie nix drüber.“</p> - -<p>Er ging.</p> - -<p>Der Meister kratzte sich hinter den Ohren und -schaute bedenklich vor sich hin. „Sakera! Sakera!“</p> - -<p>„Pst! Xaverl! Is der spinnata Deifi weg?“</p> - -<p>Reindl wandte sich hastig um. Der Herr Magistratsrat -Trinkl war durch die hintere Tür eingetreten. -„I bin zu deiner Alt’n eini und hab’ -g’wart’, bis der furt is. Was hat er denn woll’n, -daß er’s gar so gnädi g’habt hat?“</p> - -<p>„Ah ... nix b’sunders!“</p> - -<p>„So?“ machte Trinkl mißtrauisch und warf -flinke Blicke herum.</p> - -<p>„Zu was g’hör’n denn de Pistol’n?“</p> - -<p>„De? Ah ... de hab i scho lang do.“</p> - -<p>„Lüag no net a so, Mannderl! De hat der -bracht. Ah, da schau her! Jetzt kam’s do no so -weit!“</p> - -<p>„Was denn?“ fragte der Büchsenmacher neugierig.</p> - -<p>„De möcht’n den junga Mensch’n frei zwinga -zu dera Dummheit! De Spitzbuab’nbande überananda!“</p> - -<p>„Red do!“ drängte Reindl.</p> - -<p>„Ja ... red! Und du muaßt aa no dazua helf’n!“</p> - -<p>„I? Zu was?“</p> - -<p>„De Pistol’n herricht’n, gel, daß de eahna Duwäldummheit -ausführ’n kinna!“</p> - -<p>„Was denn für a Duwäl?“</p> - -<p>„Du woaßt nix, du Schlaucherl!“</p> - -<p>„I woaß aa nix. Mach’ halt amal ’s Maul -auf!“</p> - -<p>„So, woaßt d’ net, daß de an Pfaffinger -Schorschl o’stift’n möcht’n, er müaßt si duwelieren, -weil er an Tresser a richtige Pretsch’n geb’n hot, -wia ’s a si g’hört. Vo dem host du no gar nix -läut’n hör’n?“</p> - -<p>Reindl pfiff durch die Zähne.</p> - -<p>„So? Dös waar’s?“</p> - -<p>„Ja, dös waar’s, und du bist der Dumm’ und -laßt di in de G’schicht einiziahg’n ...“</p> - -<p>„Herrgott, wenn i nix woaß ...“</p> - -<p>„Jetzt woaßt d’ as, weil i dir’s g’sagt hab. -Aba wart no, da wer i glei g’holf’n hamm,“ sagte -Trinkl und nahm mit einem raschen Griff die -Pistolen und steckte eine in die linke und eine in -die rechte Tasche.</p> - -<p>„Wart! De ko si der Hansdampf jetzt bei mir -hol’n.“</p> - -<p>„Aba Michl!“</p> - -<p>„Wos aba? Nix aba! I bin an Amtsperson, -verstand’n? Und bal i a Werkzeug siech, wo ein -Verbrech’n damit beganga wer’n soll, dös konfiszier -i ganz oafach ...“</p> - -<p>„Ja, mir is gleich ...“</p> - -<p>„Derf da scho gleich sei ... Derfst d’ sogar -froh sei, daß i di von dera Dummheit z’ruckg’halt’n -hab. Dös waar dös wahre, wenn a Bürger aa -no zu so was helfat!“</p> - -<p>„Wenn i dir sag, daß i nix g’wißt hab!“</p> - -<p>„Aber unwissend was hättst du eahm de Waff’n -g’liefert. Wurdst scho g’schaugt hamm, Manndei, -wia s’ di füra zog’n hätt’n!“</p> - -<p>„Ja no, du host jetzt de Pistol’n, und mi geht’s -nix mehr o, bal du sagst, daß du’s von Amts -weg’n gnumma host ...“</p> - -<p>„Hab’ i aa.“</p> - -<p>„Aba, was soll i denn zu eahm sag’n, bal er -kimmt?“</p> - -<p>„Zu eahm? Zu dem Gschaftlhuaba? Sagst d’ -eahm, die Waffe hat der Magistrat an sich gezogen, -sagst d’; und bal er a Duwäl hamm will, -soll er si a Wurschtspritz’n z’ leicha nehma, sagst -d’ eahm! Pfüat di Good!“</p> - -<p>Und in aufrechter Haltung schritt Herr Trinkl -hinaus und schritt durch die Gassen Dornsteins, -anzusehen wie ein Räuberhauptmann, denn aus -jeder Tasche sah drohend ein Pistolenkolben hervor.</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>Gärung in der Stadt. Die Bürgerschaft, durch -einen ihrer Besten in Kenntnis gesetzt und durch -Vorzeigung zweier Pistolen zur zweifelsfreien -Überzeugung gebracht, daß in den Mauern Dornsteins -ein hoffnungsvoller, auch wohlhabender -junger Mensch zu einem lebensgefährlichen Abenteuer, -ja zu einem Verbrechen gezwungen werden -solle, fühlte sich bedroht und vergewaltigt und in -ihrem Glauben an die Gesetzlichkeit der Zustände -schwankend.</p> - -<p>Jeder wußte über Beobachtungen zu berichten, -die er in den letzten Tagen gemacht hatte. Der -eine war dem Rädelsführer Gumposch, der andere -dem notigen Leutnant in der Pfaffengasse begegnet, -dieser hatte den Oberamtsrichter, jener den Assessor -in die „Post“ wandern sehen, ein dritter wußte -schon, welche drohenden Reden beim Frühschoppen -gehalten worden waren, und die ganze Kette der -Verdachtsgründe war geschlossen durch die Entdeckungen, -welche Trinkl beim Büchsenmacher zu -machen so glücklich war.</p> - -<p>Es bestand also eine Verschwörung in dieser -friedlichen Stadt, angezettelt von Dienern des -Staates und darauf gerichtet, das Blut eines -jungen, auch wohlhabenden Menschen zu vergießen -und dem Moloch der Ehre ein Opfer zu -bringen.</p> - -<p>Der Abendschoppen beim Lammwirt glich einer -Volksversammlung, und Bäckermeister Schwarz -konnte die ganze Zügellosigkeit seines Wesens offenbaren, -ohne den geringsten Widerspruch zu finden.</p> - -<p>Von Lohgerber Holzböck aber ging eine Anregung -aus, die Besseres bezweckte als diese -wütende Despektierlichkeit: die Anregung, eine -Deputation nach München zu schicken, dem Abgeordneten -Hiempsel den Sachverhalt vorzulegen -und durch ihn den Landtag zum schleunigsten Einschreiten -zu veranlassen.</p> - -<p>Dieser Antrag fand außerordentlichen Beifall, -und man ging sogleich daran, die geeigneten -Männer auszusuchen.</p> - -<p>Bäckermeister Schwarz erbot sich freiwillig, als -Sprecher dieser Deputation das seinige zu tun, -wurde aber von dem Vater der Idee, Herrn Bartholomäus -Holzböck, darüber belehrt, daß Männer, -die gewissermaßen als Gesandte der hier versammelten -Bürgerschaft auftreten müßten, nur nach -geheimer Abstimmung aus einer Wahlurne hervorgehen -könnten, und man war eben dabei, die dazu -nötigen Zettel zu verteilen, als die Tür aufging -und — Georg Pfaffinger an der Seite Hans -Mühlritters eintrat. Die überraschende, sonderbare -und alle bisherigen Vermutungen zerstörende -Erscheinung der beiden wirkte so stark, daß sogleich -betretenes Schweigen herrschte.</p> - -<p>Man konnte in Gegenwart Mühlritters, der doch -aus dem feindlichen Lager kam, nicht in der Wahl -fortfahren, man konnte auch angesichts der Gelassenheit -Pfaffingers nicht mehr so fest an einen Mordplan -glauben, man fühlte sich behindert und unsicher -und fühlte auch mit Bedauern, daß eine -schönste Gelegenheit zum Spektakelmachen zu entschlüpfen -schien.</p> - -<p>Die Gegenstände der Aufmerksamkeit setzten sich -in offenbarer Harmonie an einen Nebentisch, bestellten -Bier und stießen wahrhaftig miteinander an. -Da hielt es Trinkl nicht mehr aus!</p> - -<p>Er bat den Jüngling, für dessen Menschenrechte -er so lebhaft eingetreten war, um eine Unterredung -und ging mit ihm an jenen Ort, wo solche geheimen -Angelegenheiten mit Vorliebe behandelt werden, -und erfuhr nun, daß nichts los sei.</p> - -<p>Daß rein gar nichts los sei.</p> - -<p>Keine Rede von einer Forderung, einem Duell, -einem Mord.</p> - -<p>Aber der Gumposch? Der Frühschoppen in der -Post? Aber die Pistolen?</p> - -<p>Was wußte Schorschl davon? Nichts. Was -gingen ihn der damische Gumposch und seine Geschichten -an? Gar nichts.</p> - -<p>„Aba der Mühlritter? Sie wer’n do mir d’ -Wahrheit sag’n, Herr Pfaffinger, indem daß mir -für Eahna so auftret’n!“</p> - -<p>„Natürli sag’ i Eahna d’ Wahrheit, Herr Trinkl. -Überhaupts.“</p> - -<p>„Indem daß mir a Deputation auf Minka hamm -schick’n woll’n!“</p> - -<p>„I tat do Eahna nix verheimlinga, Herr -Trinkl!“</p> - -<p>„Aba was hat na da Mühlritter von Eahna -woll’n?“</p> - -<p>„Nix. Oder daß i’s richtig sag’, er hat mi in -sei Lebensvasicherung aufgnumma ...“</p> - -<p>„In ...?“</p> - -<p>„In sei Boliefia ...“</p> - -<p>„Ja ... Herrgott ... und mir strapaziern ins -da oba ...“</p> - -<p>Gewiß war es merkwürdig. Noch viel merkwürdiger, -als ein Bürger wissen konnte, der den -Schwur des Junker Hans nicht mit angehört hatte. -Aber trotzdem — es war so.</p> - -<p>Sei es nun, daß Mühlritter unter der Einwirkung -der starken Weine den Zweck seines Besuches -vergessen, sei es, daß er sich bei allmählicher Ernüchterung -auf seine eigentlichen Berufspflichten -besonnen hatte, Tatsache ist, daß er Herrn Georg -Pfaffinger in gewählten Worten die Vorzüge der -Assekuranzgesellschaft Bolivia vor jeder anderen -gleichen oder ähnlichen Unternehmung vor Augen -stellte und ihn, Herrn Pfaffinger nämlich, auch -bewog und überredete, seine Unterschrift zu geben, -Tatsache ist ferner, daß von einer Forderung oder -irgend etwas dem ähnlichen nicht die leiseste Erwähnung -geschah. Mit diesen Tatsachen hatte sich, -da in Dornstein nichts verborgen bleiben konnte, -die gesamte Einwohnerschaft abzufinden, und sie -erregten, was hier konstatiert werden soll, allgemeine -Zufriedenheit.</p> - -<p>Die größere bei dem Beamtenkörper, dessen Mitglieder -jene beim Frühschoppen gefaßten Beschlüsse -noch am selben Nachmittag heftig bereut hatten, -die kleinere Zufriedenheit bei den Bürgern, die -schon begonnen hatten, sich in aufgeregten Zuständen -behaglich zu fühlen.</p> - -<p>Ein einziger Mensch war empört über das unglaublich -niedrige Niveau, auf dem sich die Gesellschaft -Dornsteins nun ein für allemal zu bewegen -schien: Herr Anton Gumposch.</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Das_Volkslied" id="Das_Volkslied">Das Volkslied</a></h2> -</div> - -<p class="chap-start">Es erwachte damals die Freude am Volkstum, -und man konnte überall recht wohl -den Drang bemerken, sich von echten, -kleinsten Zügen der Volksseele zu überzeugen und sie -in gehaltvollen und gewundenen Sätzen wiederum -zu schildern.</p> - -<p>Neben Wortprägungen, die mit Heimat, Scholle, -Erde, Erdgeruch wackere Zusammenhänge fanden, -begegnete man herzig schlichten Romanen, die, als -Aufgüsse über den würzigen Bodensatz Gottfried -Kellerscher Getränke, Farbe und Geschmack annahmen, -und begegnete auch heimatliebenden, von -jeder peinlichen Tendenz abgekehrten Schulaufsätzen, -welche man ehedem Feuilletons genannt -hatte. In dieser wonnigen, schollenseligen Zeit -bemühten sich auch Berufsmenschen, Perlen im -Aktenschutte zu finden, und so nahm sich ein -Rechtsanwalt namens <i>Doctor juris</i> Anton Habergais -vor, seine mitten in Land und Leute verschlagene -Existenz folkloristisch zu verwerten und -seltene Lieder zu sammeln. Er glaubte, daß sich -ungehobene Schätze genug unter niederen Dächern -befinden konnten, und er wollte sie ans Licht ziehen -und mit ihrer Naivität ein heimatfrohes Publikum -entzücken. Der Gedanke war kaum gefaßt und im -vorhinein lieblich verbrämt, als Herr Habergais -auch an seine Verwirklichung schritt und sich ein -in Leder gebundenes Heft von schönem Büttenpapier -kaufte.</p> - -<p>Er stellte sich freudig vor, wie er wohl an stillen -Winterabenden hier hinein Lied für Lied mit Beibehaltung -der ursprünglichen Schreibweise eintragen -wollte benebst Anmerkungen unter einem mit roter -Tinte zu ziehenden Striche.</p> - -<p>Nach etlichen fleißigen Monaten ließ sich dann -wohl ein Büchlein daraus formen, welches den -Forschern zur Erquickung, anderen aber zur Belehrung -dienen mußte. Wie war nun aber das -Material herbeizuschaffen?</p> - -<p>Der ehedem solchen Zwecken gerne dienstbare -Volksschullehrer hatte sich leider im Laufe der Zeiten -daran gewöhnt, seine Entdeckungen selbst zu Aufsätzen, -zu Heften und Büchlein zu verwerten, und -war als selbstloser, höchstens im Vorworte erwähnter -Mitarbeiter kaum mehr zu haben. Darum -blieb nichts übrig, als unter Umgehung dieses -Sammelbeckens sich geradeswegs an die Quellen -zu begeben, was ja einem Rechtsanwalt immerhin -möglich war.</p> - -<p>So kam also Herr Doktor Habergais mit sich -überein, von rechtsuchenden Bauern selbst Beiträge -zu erbitten.</p> - -<p>Ein in seiner Gemeinde Weidach wohlangesehener -Ökonom, Jakob Hirtner, genannt Matheiser, kam -in seiner Angelegenheit zu Habergais, als dessen -Entschluß gerade gereift war.</p> - -<p>Nach dem Geschäftlichen ging der Rechtsanwalt -zu einem jovialen Ton über, klopfte dem Matheiser -auf die Schulter und begann zu fragen.</p> - -<p>„Hirtner, nicht wahr, bei Ihnen in Weidach -wird doch häufig gesungen?“</p> - -<p>„G’sunga?“</p> - -<p>„Ich meine die jungen Mädchen, die zum Brunnen -gehen, die Burschen auf der Landstraße — —“</p> - -<p>„Brunna?“</p> - -<p>„Ja, die Mädchen, die vom Dorfbrunnen Wasser -holen — —“</p> - -<p>„Mir hamm ja gar koan Dorfbrunna net — —“</p> - -<p>„Nu also, bei einer anderen Gelegenheit, nach -der Arbeit, wenn der Abend sinkt — —“</p> - -<p>„Bei ins hat a jeda selm sein Brunna — —“</p> - -<p>„Ich sage Ihnen ja, die Gelegenheit, bei der es -geschieht, ist ganz Nebensache. Ich denke überhaupt -an den Feierabend, wenn alt und jung vor den -Türen steht — —“</p> - -<p>„Beim Schuastahansl waar scho a Brunna bei -da Straß hiebei, aba dersell hat koa Wassa it — —“</p> - -<p>„Ja ... ja ... lassen wir diese Brunnenfrage -endgültig fallen. Ich möchte nur in Erfahrung -bringen, <em class="gesperrt">was</em> diese jungen Mädchen, verstehen Sie, -Matheiser, <em class="gesperrt">welche</em> Lieder sie singen.“</p> - -<p>„Han?“</p> - -<p>„Und Sie sollen mir dabei helfen, Matheiser. -Sie sollen mir die Texte verschaffen.“</p> - -<p>„Han?“</p> - -<p>„Sie müssen mir aufschreiben oder aufschreiben -lassen, Wort für Wort, was eure jungen Mädchen -singen.“</p> - -<p>„I?“</p> - -<p>„Jawohl, und ich will Ihnen genau sagen, wie -Sie das machen müssen ...“</p> - -<p>„Ja, was woaß denn i?“</p> - -<p>„Also, passen Sie auf! Nicht wahr, zum Beispiel, -Sie hören die Anna oder die Liesel singen ...“</p> - -<p>„Was für a Liesel?“</p> - -<p>„Irgendeine; ich meine irgendein Mädchen, das -nächstbeste Mädchen hören Sie singen ...“</p> - -<p>„Bal i aba koane hör’?“</p> - -<p>Herr Doktor Habergais sah mit einem gramvollen -Zug im Gesichte sein Gegenüber an, und -er fühlte, wie eine nervöse Abspannung, ein prickelndes -Gefühl den Rücken entlang seinen Eifer vermindern -wollte; aber er gab sich einen Ruck, er -lächelte, er klopfte Herrn Hirtner mit der flachen -Hand auf die Schulter, obwohl sich ihm die -Finger krümmten, obwohl sich ihm die Hand -ballen wollte. „Verstehen Sie mich wohl, Matheiser, -Sie hören schon eine, oder Ihr Nachbar -hört eine, oder Ihre Frau hört eine ...“</p> - -<p>Habergais sprach jedes Wort scharf und gereizt -aus. „Gut also, irgend jemand hört irgendeine“ -— es klang wie ein Befehl —, „verstanden, -dann gehen Sie zu ihr hin und sagen: Meine -liebe Liesel ...“</p> - -<p>Hier wollte nun Hirtner doch nicht länger -schweigen.</p> - -<p>„Was für a Liesel?“</p> - -<p>„Herrgott, Mensch! Matheiser, will ich sagen, -Liesel, Anna, Marie, ganz wurscht, wie sie heißt; -Sie sagen zu ihr: Mein liebes Mädchen“ — Habergais -machte hinter jedem Wort eine Pause und -schrie das nachfolgende um so lauter —, „mein -liebes Mädchen, du hast soeben ein Lied gesungen. -Welches ist der Inhalt desselben? Sprich mir -die Worte vor, oder, noch besser, schreibe sie mir -auf! Das sagen Sie zu ihr! Haben Sie mich -jetzt verstanden, Matheiser?“</p> - -<p>„Na!“</p> - -<p>Der Rechtsanwalt setzte sich und blickte zu Boden, -während eine fliegende Hitzwelle von seinem -Nacken über die Ohrlappen hinzog, während seine -Stirnhaut pelzig wurde, bis dann ein erlösender -Schweiß ausbrach.</p> - -<p>„Sie haben mich nicht verstanden?“</p> - -<p>Die Frage klang heiser.</p> - -<p>„Weil Sie sag’n von an Brunna, und weil mi -do koan Brunna durchaus gar it hamm ...“</p> - -<p>„Ja, wer redet denn noch von einem Brunnen? -Ja, wer redet denn noch von einem blöden Himmelherrgottsakramentsbrunnen?“</p> - -<p>„Net?“</p> - -<p>„Nein! Aber ich will von vorne anfangen. -Setzen Sie sich einmal, Matheiser! Da, mir -gegenüber — so! Also lassen wir in drei Teufels -... also lassen wir die Mädchen ... nicht -wahr, Ihre Burschen singen doch auch?“</p> - -<p>„Bal’s b’suffa san, scho ...“</p> - -<p>„Nüchtern oder betrunken ... das ist mir jetzt -ganz egal ... Matheiser ... jetzt schweifen Sie -nicht mehr ab!... Belauschen Sie Ihre Burschen -...“</p> - -<p>„Wia?“</p> - -<p>„Hö—ren Sie ihnen zu! Hö—ren Sie den -jung—en Bur—schen zu!“</p> - -<p>„Bal’s b’suffa san?“</p> - -<p>„Wenn sie sing—en! Nicht wahr?“</p> - -<p>„De plärr’n scho a so, daß ma’s hört ...“</p> - -<p>„Ja — also, dann können Sie um so leichter -tun, was ich meine. Hören Sie ihnen zu und -schreiben Sie auf, <em class="gesperrt">was</em> die Burschen singen ...“</p> - -<p>„Schreib’n? Allssammete?“</p> - -<p>„Jawohl! Ich will die Lieder sammeln. Ich -will genau wissen, was für Lieder sie singen ...“</p> - -<p>„Ja ... aba ...“</p> - -<p>„Nichts aber. Sie können doch schreiben, nicht -wahr ...? Es braucht nicht schön zu sein ... -Sie schreiben einfach Wort für Wort auf, und -damit Sie es lieber tun, will ich Ihnen für jedes -Lied was bezahlen. Verstehen Sie mich jetzt?“</p> - -<p>„Ja, guat! I vasteh Eahna ganz guat ...“</p> - -<p>„Na, endlich? Und dann sind wir einig?“</p> - -<p>„Was kriag i nacha, bal i schreib?“</p> - -<p>„Hm ... sagen wir ... für jedes Lied ... -hm ... sagen wir fünfzig Pfennige ...“</p> - -<p>„A Fufzgerl?“</p> - -<p>„Für jedes Lied; wenn Sie mir zum Beispiel -sechs bringen, bekommen Sie drei Mark, einen -Taler, Matheiser.“</p> - -<p>„Aha, an Taler! Na bring i halt sechsi ...“</p> - -<p>„Soviel Sie eben hören, nicht wahr? Es können -mehr sein, es können weniger sein ...“</p> - -<p>„Ja ... ja ... sechsi wern’s leicht ...“</p> - -<p>„Gut, und damit adieu, Matheiser!“</p> - -<p>„S’ Good, Herr Dokta!“</p> - -<p>Habergais blickte dem Ökonomen nach, lange -und sinnend.</p> - -<p>Denn hier drängte sich nun auch ein Allgemeines -und ein Besonderes der Betrachtung auf. Die -schlichte, geradeaus zielende Art, zu denken, welche -dem Volke eignet, dieses Festhalten an einer Vorstellung -und diese gewisse Unbiegsamkeit der Folgerungen, -welche in einer Linie auf einen Punkt -hinstreben und nie nach den Seiten hin ausladen. -Dieses schien ein Problem zu sein, und zwar ein -beachtenswertes.</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>Tja — ja.</p> - -<p>Übrigens waren seitdem etwa drei Wochen ins -Land gegangen, und Doktor Habergais gedachte -wohl öfter seines Vorhabens und malte sich nicht -ohne Behaglichkeit die literarischen Aufgaben aus, -welche ihm die Wintermonate verkürzen konnten.</p> - -<p>Er blätterte in dem Hefte aus schönem Büttenpapier -und sah im Geiste die Seiten mit reinlicher -Schrift gefüllt, die Titel der Lieder in zierlicher -Rundschrift in die Mitte gesetzt, dann den roten -Strich, und kluge landeskundige Anmerkungen und -Erläuterungen darunter geschrieben.</p> - -<p>Es konnten sehr lange, begleitende Kommentare -werden, wenn man etwas Dialektforschung trieb, -über Wortwerte, Wertunterschiede einzelner Dialektformen -sich verbreitete, Belegstellen anführte und -überhaupt wissenschaftlich verfuhr.</p> - -<p>Ob sich der Matheiser noch an sein Versprechen -erinnerte?</p> - -<p>Es däuchte Herrn Doktor Habergais manches -Mal zweifelhaft, aber dann glaubte er doch wieder, -daß die Freude am leichten Verdienst den Mann -anspornen könnte.</p> - -<p>Und wirklich kam eines Vormittags Jakob Hirtner -zur Türe herein und holte ein in Zeitungen gewickeltes -verknittertes Schulheft aus der Tasche.</p> - -<p>„Ha! da ist ja mein Mitarbeiter ... da ist ja -der Matheiser! Na, also haben Sie Lieder gefunden?“</p> - -<p>„Herr Dokta, i sag’s glei, wia’s is, schö hab i -net g’schrieb’n ...“</p> - -<p>„Macht doch nichts!“</p> - -<p>„Und ... an Arbeit is dös! Des sell tat i fei -nimma! A Markl derfat’n S’ no extra zahl’n, a -so hab i mi scho plagt ...“</p> - -<p>„Darüber läßt sich reden ...“</p> - -<p>„D’ Bäurin hat aa g’sagt, daß dös koa Macha -net is, sagt’s, und wei ma mit da Tint’n a so -umanandschmiert, sagt’s ...“</p> - -<p>„Wie viele Lieder haben Sie denn, Matheiser?“</p> - -<p>„Sechsi, wia ma’s ausg’macht ham.“</p> - -<p>„Sechs? Bravo! Das ist schon ein Anfang!“</p> - -<p>„Ja, san drei Markl, und oane derfat’n S’ no -spitz’n, weil d’ Bäurin aa sagt, dössell derfat ihr -nimma fürkemma ...“</p> - -<p>„Na — gut, Matheiser! Ich gebe Ihnen vier -Mark, aber Sie versprechen mir, daß Sie auch -weiter für mich sammeln, das heißt gelegentlich -ein Lied aufschreiben ...“</p> - -<p>„Na ... na! Herr Dokta, dössell konn i durchaus -gar it vasprecha, und mit’n Schreib’n hon i’s -überhaupts it. I tua ma scho so bluati hart, daß -’s höcha nimma geht ...“</p> - -<p>„No ... no ... Matheiser, so schlimm ist das -nicht. Später haben Sie vielleicht selber Freude -daran ...“</p> - -<p>„Dös glaab i gar it.“</p> - -<p>„Da haben Sie vier Mark, und nun geben Sie -mir Ihre Aufschreibungen!“</p> - -<p>Hirtner nahm das Geld und wickelte das fettige -Zeitungspapier auseinander.</p> - -<p>„I ho’s in a Heft von mein Deandl einig’schrieb’n,“ -bemerkte er, „müassen’s scho entschuldinga, bal’s it -schö g’schrieb’n is ...“</p> - -<p>„Das ist ganz nebensächlich ... nur her damit!“</p> - -<p>Doktor Habergais nahm nicht ohne Hast das -verschmierte, öl-, tinten- und fettfleckige Heft an -sich und öffnete es.</p> - -<p>Es war wirklich auf den ersten Blick zu erkennen, -daß hier eine ungeübte, schwere Hand gewaltet -hatte, aber das gerade verlieh dem Ganzen einen -gewissen Reiz.</p> - -<p>Wie die Buchstaben bald schief, bald gerade -standen, wie die Zeilen bergauf und talab liefen, -wie hier die Feder sich gesträubt und dort festgehakt -hatte, wie sie hier ausgeglitten war und -dort sich mühsam in das Papier eingebohrt hatte, -wie unter verwischten, aufgeschleckten länglichen und -runden Klecksen Buchstaben, halbe Worte, ganze -Worte versteckt lagen, alles das war unvergleichlich -anziehender als etwa eine glatte, charakterlose -Schrift.</p> - -<p>Eben weil es echt war, von unleugbar schwielenbedeckter -Hand oder — nein! — Faust mühsam -hingesetzt.</p> - -<p>Habergais lächelte befriedigt und begann zu lesen.</p> - -<p>Äs ... p ... brr ... prraußt ... ein ... r ... -rh ... ruhf ... wie t ... tohner ... hal ... wie -s ... ß ... schwärth ... ke ... geklirr un ... wa ... -wah ... gen ... bral ...“</p> - -<p>..................................??</p> - -<p>„Was ist das? Was soll das sein, Matheiser?“</p> - -<p>„Han?“</p> - -<p>„Was das sein soll, frage ich.“</p> - -<p>„A Liad ...“</p> - -<p>„Das ist doch ‚Die Wacht am Rhein‘!“</p> - -<p>„Ko scho sei, daß ’s a so hoaßt ...“</p> - -<p>„Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen mir -Lieder aufschreiben, die Ihre Burschen singen —“</p> - -<p>„Ja, dös singan s’.“</p> - -<p>„Das??“</p> - -<p>„Dös singan s’ fei gern!“</p> - -<p>„Also ... Matheiser ...!“</p> - -<p>Habergais überflog die anderen Seiten, die aus -Bruchstücken erkenntlichen Lieder.</p> - -<p>Ein sehr langes. „Heul unsern Känig ... heul!“ -ein kurzes „... im gruhnen walth is holzauxion ...“ -und wieder „O du liber augastien“, „Ich hath einen -Kahmeraten“ und das letzte noch „Das schöne -land, wo meine wihge stand.“ Der Rechtsgelehrte -blickte den Ökonomen durchdringend an.</p> - -<p>„Also das sind ...??“</p> - -<p>„Dös singan s’ allssammete,“ sagte Hirtner treuherzig -und ohne Arg ... „und derfan S’ g’wiß -glaab’n, Herr Dokta, daß i mi schö plagt hab’, und -d’ Bäurin sagt aa, mit dem Glump derfst ma -nimma komma, sagt s’ ...“</p> - -<p>„Es ist recht, Matheiser, Sie haben Ihre vier -Mark, gehen Sie!“</p> - -<p>„Und, sagt d’ Bäurin, a so a spinnate Arbet, -sagt s’, muaß ’s net glei wieda geb’n ...“</p> - -<p>„Gehen Sie, sage ich!“</p> - -<p>„Und ... Herr Dokta ... bal ’s grad gang, soll -i Eahna nomal a sechsi aufschreib’n ...?“</p> - -<p>Habergais wollte heftig werden, besann sich eines -Besseren und sagte mild:</p> - -<p>„Nein, Matheiser, es genügt ...“</p> - -<p>„Aba wenn S’ moanen?“</p> - -<p>„Es genügt. Adieu!“</p> - -<p>„S’ Good, Herr Dokta!“</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Auf_dem_Bahnsteig" id="Auf_dem_Bahnsteig">Auf dem Bahnsteig</a></h2> -</div> - -<p class="chap-start">Es wird Herbst!“ sagte Major Burkhardt -und blickte den Studienlehrer fest an mit -seinen furchtlosen Soldatenaugen.</p> - -<p>Er sagte es mit Betonung, als suchte er in -seinem Begleiter bestimmte Vorstellungen zu erwecken.</p> - -<p>„Ja — — ja,“ seufzte Professor Hasleitner, -„es wird allmählich kalt.“</p> - -<p>„Und ungemütlich. Kalt und ungemütlich.“</p> - -<p>Der Major wies auf die Kastanien vor dem -Dornsteiner Bahnhofe, deren gelbe Blätter sich -fröstelnd zusammenkrümmten.</p> - -<p>„Um fünf Uhr wird es Nacht. Ein schlecht -geheiztes Zimmer. Eine qualmende Lampe. Die -Zugeherin bringt lauwarmes Essen aus dem Gasthof. -Stellt es unfreundlich auf den Tisch. Das -ist Ihr Leben.“</p> - -<p>Hasleitner hatte ins Weite geblickt, zu dem -Walde hinüber, an dessen Fichten der Nebel lange -Fetzen zurückließ.</p> - -<p>Der soldatisch bestimmte Ton des pensionierten -Majors weckte ihn auf.</p> - -<p>„Wie?“ fragte er.</p> - -<p>„Ich sage, Sie müssen heiraten.“</p> - -<p>Der alte Soldat deutete auf die tiefer gelegene -Stadt, deren Häuser behaglich aneinandergerückt -waren.</p> - -<p>„Das ist das Glück!“ sagte er. „Eine Frau am -Herde, fleißig, um unser Wohl besorgt und stattlich.“</p> - -<p>Er beschrieb mit der Rechten eine nach rückwärts -ausbauchende runde Linie.</p> - -<p>„Und stattlich!“ wiederholte er.</p> - -<p>Hasleitner sah, wie es weiß und grau und dick -und dünn aus vielen Kaminen rauchte, und er -schien die Gemütlichkeit des Anblickes zu verstehen.</p> - -<p>In seine Augen trat ein freundlicher Schimmer, -und man konnte glauben, daß er an Herdfeuer -dachte, oder an die runde, sich nach rückwärts -ausbauchende Linie.</p> - -<p>Überhaupt, er war ein träumerischer Mensch.</p> - -<p>Sorglos im Äußeren, den Hemdkragen nicht -immer blendend weiß, die Krawatte verschoben, den -Bart naß von der letzten Suppe, aber in den Augen -Herzensgüte, im ganzen Wesen eine Verträumtheit, -die immer wieder zum Nasenbohren führte.</p> - -<p>Kein Mann, der Backfische begeistern konnte, -aber einer, der älteren Töchtern hundert Dinge -zeigte, die man in lieber Häuslichkeit flicken, stopfen -und bürsten mochte.</p> - -<p>Und doch — dieser Mann, geschaffen, von den -Ärmeln einer bürgerlichen Schlafjacke umfangen -zu werden, war durch eine seltsame Laune des -Schicksals mit einer verdorbenen Phantasie belastet, -also daß seine Gedanken an das weibliche Geschlecht -sich stets mit Vorstellungen von Eisbärenfellen -verbanden, von Eisbärenfellen, auf denen -dünne, lasterhafte Beine in schwarzen Seidenstrümpfen -ruhten. Noch dazu lehrte er die Wissenschaft -der Geographie und stieß auf der Landkarte -immer wieder auf Orte, wo seine Sinne knisternde -Seide und herrlich verstöpselte Parfüms vermuten -durften.</p> - -<p>Paris — Wien — Budapest —</p> - -<p>Ein Gefühl, das mit seiner heimlichen Sehnsucht -zusammenhing, trieb ihn täglich zum Bahnhofe, -wo Punkt fünf Uhr der große Schnellzug -hielt, der glücklichere Menschen von einer Großstadt -in die andere führte.</p> - -<p>Hier hatte nun der quieszierte Major den Träumer -angesprochen, und ein freundlicher Zufall fügte -es, daß beide, als sie auf dem Bahnsteige kehrtmachten, -der Gattin des Offiziers gegenüberstanden, -wie auch der Tochter Elise.</p> - -<p>In merkwürdig schnellem Gedankengange brachte -der Professor das vorausgegangene Gespräch von -Stattlichkeit in Zusammenhang mit der Erscheinung -Elisens, und vielleicht ohne daß er es wollte, -drang seine unlautere Phantasie dem älteren Mädchen -durch Mantel und Rock und begann, sich -Dinge auszumalen.</p> - -<p>Freilich nicht langgestreckte, seidenumhüllte Beine, -aber Rundlichkeiten, mit denen sich die Vorstellung -von Wärme und Innigkeit verbindet.</p> - -<p>Die Tochter des Majors fühlte den sengenden -Blick des Philologen, und als eine reife Blume, -die sie war, öffnete sie willig ihre Blätter den -wärmenden Strahlen. Dieses heimliche, unbewußte -Suchen und dieses bewußte Entgegenkommen spann -Fäden zwischen den beiden, welche das erfahrene -Mädchen bald genug aufzuspulen beschloß, und es -schickte sich alsbald mit einem lieblichen Lächeln -dazu an.</p> - -<p>Freilich war dieser Professor kein Gegenstand -für brennende Wünsche und verzehrende Glut, indessen -wohl ein Objekt, das sich mit baumwollenen -Ärmeln sanft umfangen ließ, nachdem es vorher -sorgfältig gereinigt war.</p> - -<p>Keine berauschend süße Frucht, sondern ein -säuerlicher deutscher Hausapfel, der aber, im -Kachelofen gebraten, einigen Wohlgeschmack bieten -konnte.</p> - -<p>Und das Mädchen schickte sich alsbald an, den -heimlichen Faden zu ergreifen, als mit dumpfem -Brausen der Schnellzug in die Station einfuhr.</p> - -<p>Die riesige Lokomotive schnaufte, als wäre sie -in der langen, stürmischen Fahrt außer Atem gekommen, -und die langen, schönen Wagen standen -da, als ruhten sie kurze Augenblicke, um weiterzujagen -in die weite Welt.</p> - -<p>Mit einem Male hatte Hasleitner alle Gedanken -an runde Mädchenreize vergessen; sie versanken -vor ihm, er sah sie nicht mehr.</p> - -<p>Dort im ersten Coupé schob eine schmale Hand -den Vorhang zurück, und ein Paar müde Augen -blickten entsetzt auf die Philister, hier prallte ein -entzückender Kopf entrüstet zurück.</p> - -<p>Es war die große Welt, die eine Minute lang -Dornsteiner Luft einzog und Pariser Odeurs zurückgab.</p> - -<p>Und da stand es auf weißen Tafeln und war -darum kein phantastisches Märchen: Paris — -Avricourt — Wien —</p> - -<p>Ja ... ja ... diese nämlichen Wagen waren -gestern noch in Paris gewesen!</p> - -<p>Jene fabelhaften Damen, von denen man sich -erzählt, daß sie gierig und unerbittlich Jagd machen -auf gut gebaute Männer, waren an ihnen vorbeigewandelt, -hatten süße Blicke in sie hineingeworfen, -und von ihrem Dufte hing etwas an Türen und -Fenstern und verwirrte den Sinn eines deutschen -Jugendbildners.</p> - -<p>Wußte man, ob nicht eine solche Tigerin da -drinnen auf schwellenden Polstern saß und einen -breitbrüstigen Germanen mit ihren Blicken verschlang?</p> - -<p>Odette, Suzette — Germaine — ah!</p> - -<p>Hier steht ein Gymnasiallehrer von gänzlich unverdorbener -Jugend, und der für schlanke Waden -und schwarze Strümpfe die heftigsten Empfindungen -angestaut hat.</p> - -<p>Warum seufzt ihr erleichtert auf, da sich nun -der Zug in Bewegung setzt?</p> - -<p>Ihr saht erstaunt auf die Kostüme, die im Dornsteiner -Atelier für <i>modes</i> und <i>confection</i> kreiert -waren, ihr saht Spitzbäuche und gepreßte Busen, -faltenreiche Hosen und geschmierte Stiefel, aber -ihr saht nicht in das Herz des blonden Professors -und wißt nicht, wie er so ganz der Eure ist!</p> - -<p>Fort!</p> - -<p>Die Lokomotive pfeift jubelnd aus der Station -hinaus, als freute auch sie sich, diesem Neste entronnen -zu sein ...</p> - -<p>Diesem Himmelherrgott ...</p> - -<p>„Warum so träumerisch?“ lispelte Elise und -blickte schelmisch auf den Professor, der dem Zuge -nachstarrte und in der Nase bohrte.</p> - -<p>Da traf sie ein Blick, so leer, so fremd und so -feindselig ..., daß sie unter dem flanellenen Höschen -eine Gänsehaut überlief.</p> - -<p>— — Der Faden war zerrissen — —</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Tja_mdash" id="Tja_mdash">Tja — —!</a></h2> -</div> - -<p class="chap-start">Eine bunte Gesellschaft, wie sie die Sommerfrische -zusammenführt, saß im Postgarten -zu Binswang und freute sich des schönen -Abends und führte kluge Gespräche über dies und -das. Alle Anwesenden vorzustellen, wäre ermüdend, -denn es waren zwei lange Tische, an denen in -dichter Folge Männer und Frauen saßen, und es -genüge hier zu sagen, daß ein Kommerzienrat -Diestelkamp aus Barmen, wie auch ein Landgerichtsdirektor -Höfler aus Fürth und ein pensionierter -Hauptmann darunter waren und dem Kreise -das Gepräge der besseren Gesellschaft verliehen.</p> - -<p>Auch das bedeutende oder interessante Element -fehlte nicht, da am Vormittage der bekannte Schriftsteller -Harry Mertens eingetroffen war, dessen -lyrische Gedichte und Versdramen nicht erst hervorgehoben -werden müssen.</p> - -<p>Er saß neben seiner Frau, die ihn an Stattlichkeit -bei weitem übertraf, denn er war eine kleine -semmelblonde Erscheinung mit kreisrunden blauen -Augen und einem merkwürdig entsagungsvollen -Lächeln um den süßen Dichtermund, während sie -einen heftig arbeitenden Busen und pralle Arme -und ein Doppelkinn hatte.</p> - -<p>Die Gesellschaft würdigte vollkommen die Ehre, -mit einem gedruckten, besprochenen und aufgeführten -Genius unseres Volkes an einem Tische zu sitzen, -und nicht nur waren es die Damen, welche mit -leuchtenden Augen an ihm hingen, sondern auch -die Herren Diestelkamp und Höfler legten eine mit -Neugierde vermischte Ehrerbietung an den Tag.</p> - -<p>Man hatte unmittelbar nach Mertens Ankunft -nicht geahnt, mit wem man es zu tun hatte, und -Frau Mertens hatte nicht früher als beim ersten -Mittagmahle Gelegenheit gefunden, solche Bemerkungen -hinzustreuen, welche allgemeine Aufklärung -verschafften, indem sie laut nach einer Zeitung rief -und den Semmelblonden fragte, ob nichts von ihm -oder über ihn darin stünde. Sie wiederholte die -Frage, schlug die stark rauschenden Blätter hastig -um, überflog das Gedruckte und sagte, daß zu -ihrer Verwunderung keine Notiz zu finden sei.</p> - -<p>Sie beruhigte sich erst, als die Pfeile saßen und -von den Nebentischen forschende Blicke ihren Mann -streiften, der seine Suppe aß und sich apathisch -wie ein dem Publikum vorgezeigter Menagerielöwe -verhielt.</p> - -<p>Frau Mertens warf zwischen Rindfleisch und -Mehlspeise und zwischen Mehlspeise und Kaffee -noch mehrmals die Angel aus, und als man sich -erhob, biß Frau Direktor Höfler an und erhielt -auf schüchterne Fragen eine erschöpfende Belehrung -über das Stück Literaturgeschichte, welches -der Zufall in ihren Kreis geworfen hatte.</p> - -<p>Am Abend war dann alle Welt so unterrichtet, -daß sie dem Dichter Bewunderung zeigen und -Kenntnis seiner Werke heucheln konnte.</p> - -<p>„Woher nehmen Sie Ihre Stoffe?“ fragte Landgerichtsdirektor -Höfler, der hier zum ersten Male -eines Genius inquirieren konnte und entschlossen -war, das Wesen der Schriftstellerei zu zerlegen. -„Bietet sich Ihnen der Stoff, wenn ich so sagen -darf, zufällig dar, oder erfassen Sie durch einen -Willensakt die Materie, der Sie dann poetische -Form verleihen?“</p> - -<p>„Tja ...“ sagte der Dichter.</p> - -<p>„Ich meine, gehen Sie mit Überlegung und Absicht -an das Objekt heran, oder drängt es sich unabhängig -und gewissermaßen fertig Ihrem subjektiven -Empfinden auf, oder ...“</p> - -<p>„Tja ...“ sagte der Dichter.</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Oder</em>,“ wiederholte Höfler mit erhobener -Stimme, denn er liebte es nicht, unterbrochen zu -werden, „oder ist die Produktion in ihrem ersten -Stadium ein von den den Willen bildenden Momenten -unabhängiger Vorgang Ihrer Phantasie, -welcher dann erst in seinem späteren Verlaufe in -den Bereich Ihrer geistigen Machtsphäre gelangt -und so Ihrem formenden Verstande unterworfen -wird?“</p> - -<p>„Er macht alles mit der Phantasie,“ warf Frau -Mertens ein, „er sitzt oft den ganzen Tag da und -hat bloß Phantasie im Kopf; und dann kann man -mit ihm reden, was man will, — er hört einen nicht.“</p> - -<p>„Das wäre also ein passiv empfangender Vorgang, -der zeitlich dem aktiv gestaltenden vorausgeht,“ -bestätigte Direktor Höfler und sammelte zustimmendes -Kopfnicken ein, indem er die Tafel -entlang blickte.</p> - -<p>„Ich denke es mir furchtbar interessant,“ sagte -Frau Kommerzienrat Diestelkamp, „wie so eine -Dichtung entsteht; das muß zu spannend sein! -Was hat man da nun eigentlich für ein Gefühl -dabei?“</p> - -<p>„Tja ...“ sagte der Dichter.</p> - -<p>„Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, was -wir da für ein Gefühl haben,“ warf wiederum -Frau Mertens ein. „Zuerst, wenn wir anfangen, -ist es sehr nett, weil man sich darauf freut, und -dann in der Mitte wird es traurig, weil es oft -nicht geht, aber dann, wenn es heraußen ist, sind -wir wieder froh.“</p> - -<p>„Ich kann mir das sehr gut vorstellen,“ meinte -Frau Diestelkamp, „zuerst und dann ...“</p> - -<p>„So daß wir gewissermaßen drei Momente der -aktiven Gestaltung unterscheiden,“ warf der Direktor -in erklärender Weise ein, „der von Hoffnungen -getragene Beginn, das behinderte Werden und die -Erleichterung der Vollendung.“</p> - -<p>„Ja, ich bin immer erleichtert, wenn er es heraußen -hat, denn Sie glauben nicht, was man als -Frau dabei aussteht. Beim zweiten Akt ist es am -ärgsten, weil man da immer stecken bleibt. Beim -ersten hat er noch Appetit und schläft gut und hat -auch seinen regelmäßigen Stuhlgang. Sie entschuldigen, -wenn ich das erzähle ...“</p> - -<p>„Aber ich bitte Sie, es ist ja so interessant,“ -unterbrach hier Frau Diestelkamp die lebhafte Dichtersgattin, -welche sogleich fortfuhr: „Ja, beim ersten -Akt ist alles in Ordnung, aber sowie der zweite -angeht, ißt er weniger und wacht mitten in der -Nacht auf und verliert seine Regelmäßigkeit und -verändert sich überhaupt. Ich kenne es sofort, -wenn der zweite Akt angeht, und ich sage dann -zu meiner Köchin, daß sie leicht verdauliche Speisen -kocht, und daß mir immer Kompott auf den Tisch -kommt, und ich lasse ihn dann auch fleißig Hunyadywasser -trinken, bis wir den zweiten Akt heraußen -haben, denn der dritte geht schon wieder -viel leichter. Er kriegt dann eine bessere Gesichtsfarbe -und schwitzt auch nicht mehr so stark in der -Nacht.“</p> - -<p>„Also die Lösung des Knotens gestaltet sich -weniger schwierig, Herr Mertens?“ wandte sich -der Direktor an den Mann, der sich teilnahmslos -erklären ließ.</p> - -<p>„Tja ...“ antwortete dieser und schnitt an seinem -Rettig weiter.</p> - -<p>Seine Frau aber ließ den Faden nicht aus der -Hand gleiten.</p> - -<p>„Der dritte Akt geht auch viel schneller. Wir -haben höchstens vierzehn Tage Arbeit damit. Heuer, -beim ‚Barbarossa‘ haben wir drei Wochen gebraucht, -weil eine Szene vorkam, wo sich alles reimen mußte. -Ich habe es ihm gleich gesagt, daß wir stecken -bleiben; aber es war eine Liebeserklärung, und da -hat er es so im Kopf gehabt. Ein paar Tage -hat es gefährlich ausgesehen, und meiner Köchin -ist es auch aufgefallen. Sie hat mich gleich gefragt: -‚Was hat denn der gnä’ Herr? Es wird -doch um Gottes willen nicht schon wieder einen -zweiten Akt geben?‘ ‚Nein,‘ sagte ich, ‚Lina, den -haben wir dieses Jahr glücklich hinter uns, aber -es muß sich vier oder fünf Seiten voll reimen, -und Sie können ja für morgen eine Eierspeise mit -Pflaumenmus richten, und wenn es dann noch -nicht besser wird, wollen wir schon sehen.‘ Aber -zum Glück waren dann am andern Tag die Verse -heraußen, und es ging wieder von selbst.“</p> - -<p>Die Frauen der Tafelrunde hatten mit großem -Ernste zugehört und nickten nun verständnisvoll -mit den Köpfen.</p> - -<p>„So lebt man doch eigentlich als Frau die -Werke seines Mannes mit!“ unterbrach Frau -Direktor Höfler das kurze Schweigen.</p> - -<p>„Ich kann es mir so gut vorstellen!“ sagte Frau -Kommerzienrat Diestelkamp.</p> - -<p>„Sie dürfen mir glauben, daß ich als Frau meinen -Kopf beisammen haben muß, wenn <em class="gesperrt">er</em> dichtet.“</p> - -<p>Frau Mertens zeigte bei diesen Worten auf ihren -Gatten, der kindlich lächelnd seinen Rettig einsalzte. -„Ich muß an alles denken, und mich trifft -es viel härter wie ihn. Er sitzt einfach in seinem -Zimmer und schreibt, aber ich habe die Haushaltung -und muß genau achtgeben, daß wir noch waschen -und reinemachen, vor der zweite Akt angeht, denn -dann ist keine Zeit mehr zu so was, und es muß -gut eingeteilt werden. Wie wir den ‚Perikles‘ gedichtet -haben, sind wir mit dem Stöbern gerade -noch drei Tage in den zweiten Akt hineingekommen, -und ich kann Ihnen bloß sagen, ich möchte das -nicht wieder erleben, und ich habe auch beim ‚Theodorich‘ -eine zweite Zugeherin genommen, daß wir -nur ja schnell fertig geworden sind.“</p> - -<p>„Wie interessant!“ rief Frau Diestelkamp aus, -„es wird einem alles so näher gebracht. Ich habe -bis jetzt gar keine rechte Vorstellung gehabt, wie -es wohl in Dichterfamilien ist, und nun verstehe -ich manches.“</p> - -<p>„Sie müssen aber trotzdem sehr glücklich sein,“ -fügte Frau Höfler hinzu. „Als Gattin eines Dichters! -Ich stelle mir das entzückend vor.“</p> - -<p>„Ich möchte mit niemand tauschen,“ erwiderte -Frau Mertens, „obschon manches vorkommt, was -einem Sorgen macht. Denken Sie sich, wir haben -fünfzehn Jahre lang romantisch gedichtet, und jetzt -geht das nicht mehr, und wir müssen modern schreiben, -oder realistisch, wie man auch sagt. Das ist -ein Schlag, kann ich Sie versichern! Mein Mann -wollte noch immer nicht, aber was kann man gegen -die Kritiker machen?“</p> - -<p>„Erlauben Sie mir die Bemerkung, gnädige -Frau, daß ich da ganz auf Seite Ihres verehrten -Gemahls stehe,“ rief Herr Diestelkamp, „wir wollen -gerade in unserer nüchternen Zeit die Romantik -nicht missen, und wir suchen bei unsern Dichtern -die herrliche Quelle der ... den ... den Ritt in ... -ich wollte sagen, wir wollen immer noch einen -Trunk aus der romantischen Quelle schlürfen.“</p> - -<p>„Es geht nicht,“ sagte Frau Mertens mit einer -Schärfe, die erraten ließ, daß man hier auf ein -eheliches Streitthema gekommen war; „es geht -durchaus nicht. Das nächste Stück muß er modern -schreiben. Ich will nicht, daß die Zeitungen noch -einmal von veralteter Manier schreiben, oder daß -die Frau Nathusius die Nase rümpft, wenn sie -mir begegnet, weil ihr Mann schon dreimal hochmodern -gedichtet hat.“</p> - -<p>„Aber die romantische Muse Ihres Mannes -wird sich dagegen sträuben,“ sagte Direktor Höfler.</p> - -<p>„Sie <em class="gesperrt">hat</em> sich gesträubt,“ rief die streitbare Frau -und blickte dabei mit einiger Strenge auf ihren -Mann, der den endlich weinenden Rettig aß; „sie -<em class="gesperrt">hat</em> sich allerdings gesträubt, aber das ist jetzt vorbei. -Ich muß es auch aushalten, und wenn es -noch schlimmer wird bei den zweiten Akten.“</p> - -<p>„So geben also auch Sie den Ritt ins alte -romantische Land auf?“ fragte Diestelkamp, der sich -nun auf das Zitat besonnen hatte, mit starkem -Pathos.</p> - -<p>„Tja ...“ antwortete der Dichter.</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Der_Biedermann" id="Der_Biedermann">Der Biedermann</a></h2> -</div> - -<p class="chap-start">Der alte Buchberger Hans saß auf der -Hausbank und ließ sich so behaglich wie -die Katze neben ihm die warme Märzensonne -auf den Pelz brennen. Auf dem Dache -zerging der letzte Schnee, und eintönig plätscherte -es von der Rinne auf die Kieselsteine. Drüben -am Waldrande lag schon ein grüner Schimmer -über den Sträuchern, und dem Hans kamen fröhliche -Gedanken von schönen Tagen und Wiederaufwachen -aus langem Schlafe.</p> - -<p>Zufrieden patschte er sich auf das linke Knie -und rieb ein wenig daran.</p> - -<p>Das war auch wieder gut geworden; viel besser, -als er geglaubt hatte nach dem bösen Fall im -vorigen Jahre.</p> - -<p>Hätte leicht steif bleiben können, und das wäre ihm -hart gefallen in seinen alten Tagen, und weil er ja -auch noch arbeiten wollte neben den Jungen in dem -kleinen Haushalte, der jede Beihilfe brauchen konnte.</p> - -<p>Aber so war es nun wieder recht geworden. -Der Unfall zahlte ihm fünfzehn Mark alle Monate, -und weiß Gott, wie wohl ihnen das Bargeld tat, -wenn es noch so wenig war, und faulenzen brauchte -er deswegen doch nicht.</p> - -<p>Er schlenkerte mit dem Fuß und streckte ihn -wieder geradeaus.</p> - -<p>Es ging schon, jawohl, und vor ein paar Tagen -war er mit dem Jungen auch auf der Bergwiese -droben gewesen und war rechtschaffen müd geworden.</p> - -<p>Aber es ging und wurde alleweil besser.</p> - -<p>Alleweil besser.</p> - -<p>Da schau her! Den sonnigen Hang herauf kam -ein Spaziergänger, ein städtischer Herr, der oft -stehenblieb und ausschnaufte.</p> - -<p>Tat halt einem jeden wohl, Wärme und Sonnenschein.</p> - -<p>Jetzt nahm der Herr den Hut ab und trocknete -sich die Stirne.</p> - -<p>Der sah beinahe aus wie der Bezirksarzt mit -seinem langen Vollbart, und so groß und breitschultrig -war er auch.</p> - -<p>Richtig, da fiel dem Buchberger ein, daß die -Leitnerbäuerin krank war, und vielleicht ging jetzt -der Doktor zu ihr ...</p> - -<p>Und war schon so.</p> - -<p>Von weitem schon lachte der Bezirksarzt freundlich, -wie er den Alten erkannte, und der Hans -stand auf und grüßte höflich.</p> - -<p>„Das is ja der Buchberger? Grüß Gott! Darf -ich mich a bissel hersetzen?“</p> - -<p>„Ja freili, Herr Bezirksarzt! Oder soll i an -Sessel außa hol’n?“</p> - -<p>„Na! I sitz gut g’nug.“</p> - -<p>„Gengan’s g’wiß zum Leitner aufi?“</p> - -<p>„Ja ... mhm ... no, wie geht’s Ihnen?“</p> - -<p>„Guat ... Herr Bezirksarzt ... Bin woh -z’fried’n ...“</p> - -<p>„Das hört man gern ... ja! so ein alter Veteran -laßt nicht aus!“</p> - -<p>Der leutselige Bezirksarzt klopfte dem Hans auf -die Schulter und schaute ihm mit herzlichem Wohlwollen -in die Augen.</p> - -<p>„Sie sind ja noch einer von Anno siebzig?“ -fragte er.</p> - -<p>„Siebazgi und sechsasechzgi.“</p> - -<p>„Und sechsundsechzig! Allen Respekt! Da haben -Sie was durchg’macht im Leben!“</p> - -<p>„Ja ... dös ko ma wohl sag’n.“</p> - -<p>„Fürs deutsche Vaterland!“</p> - -<p>Und der freundliche Mann tätschelte wieder den -braven alten Soldaten auf die Achsel.</p> - -<p>„No, von sechsasechzgi kann i net viel prahl’n,“ -sagte der Hans. „Da san ma de mehra Zeit -retariert, weil si koa Mensch net auskennt hot und -überhaupts ...“</p> - -<p>„Ja ... ja ... der Bruderkrieg!“ sagte der Arzt -lächelnd.</p> - -<p>„Aba ... siebazgi! Sakera Hosenzwickl! Da -hamm’s as ins dafür ei’kocht! I bin bei Wörth -dabeig’wen und bei Sedan ... und nacha bei -Orleanß hinten! Bei Kulmirs hamm s’ an Major -Gruaba neben meiner aufi g’schoss’n, und i und -da Hage Pauli, mir hamm an im größt’n Feuer -z’ruckbracht ... und hab aa ’s Eiserne Kreuz kriagt -für dös und bin belobigt wor’n vorn ganz’n -Regament ...“</p> - -<p>„Ja, was Sie sagen!“</p> - -<p>Der Bezirksarzt streckte dem eifrigen Alten seine -Hand hin. „Respekt — Buchberger! Ein deutscher -Ritter des Eisernen Kreuzes! Da müssen wir -Jüngeren den Hut ziehen!“</p> - -<p>„No ja! Es hätten’s eigentli alle vadeant, denn -was mir selbigsmal durchg’macht hamm, dös war -a wengl hart ... und i sag’s oft, de junga Leut -achten’s nimmer a so, aba es hat scho was braucht!“</p> - -<p>„Ja, die jungen Leute! Die werden von den -sozialdemokratischen Zeitungen vergiftet. Das findet -man nicht mehr, wie früher ... diese ... diese Einfachheit -und ... ah ... diese ... diese Vaterlandsliebe -...“</p> - -<p>„Gel? I sag’s aa’r allaweil! De Patriot’n san -nimmer gar so viel! Und wenn ma was sagt, -wurd ma glei ausg’lacht von de Grasteufl!...“</p> - -<p>„Es ist schlimm, Buchberger! Schlimm! Aber -ein alter Soldat, wie Sie, der laßt sich nicht irrmachen -...“</p> - -<p>„Ja, was waar denn net dös? I laß net aus.“</p> - -<p>„Einer von der alten Garde! Han?“</p> - -<p>„Und de Erinnerung gab i net her ... dös -derfen S’ g’wiß glaab’n, Herr Dokta ... Sakera -Hosenzwickl ... wia mir einmarschiert san ...“</p> - -<p>„In Paris? Was?“</p> - -<p>„In Paris net; da bin i net dabeig’wen, weil -inser Regament heraußd bleib’n hat müass’n ... -aba in Münk’n ... do bin i nobl mit ...“</p> - -<p>„Vor dem Kronprinz’n?“</p> - -<p>„Und an Kini; vor der Feldherrnhalle san ma -an eahm vorbei ...“</p> - -<p>„Parademarsch?...“</p> - -<p>„Dös glaab i! Neig’haut, daß d’ Stoa g’wackelt -hamm!“</p> - -<p>„Eins ... zwei! Eins ... zwei ...! Ob’s heut -noch ging, Buchberger?“</p> - -<p>„Probier ma’s!“ lachte der Alte und sprang von -der Bank auf und nahm die Hände an die Hosennaht. -Augen links! nach dem Bezirksarzt, und -eins und zwei ... eins und zwei ... und es ging -noch.</p> - -<p>Freilich nicht mehr so stramm, daß die Steine -wackelten, aber ganz passabel, daß der joviale Arzt -in die Hände patschte und herzhaft lachte.</p> - -<p>„Bravo, Buchberger!“ rief er, als sich der Hans -wieder setzte und patschte ihm urkräftig auf das -Knie ... „ja, ihr alten Veteranen, ihr seid aus -einem andern Stahl als wir!“</p> - -<p>„Woaß net,“ sagte der Hans, „i g’spüret’s glei -im Hax’n ...“</p> - -<p>„I wo! Sie sind ja marschiert wie ein Gardeleutnant -... also, jetzt muß ich aber gehen ... es -hat mich recht g’freut ...“</p> - -<p>„Mi scho aa, Herr Bezirksarzt, und kehren S’ -wieder amal zua! Adjes!“</p> - -<p>„Dös is a liaba Mo!“ sagte er noch vor sich -hin, als sich der Doktor langsam entfernte — „a -ganz a g’führiger Mo!“</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>Eine Woche später, und es war schlechtes Wetter, -regnete und schneite durcheinander, brachte der -Postbote dem Buchberger ein Schreiben, das sich -der Länge und Breite nach amtlich ausnahm und -auch einen Stempel trug.</p> - -<p>„Geh, Alte, hol mir mei Brill’n!“ Als er sie -bedächtig aufgesetzt und das Schreiben geöffnet -hatte, las er langsam die Mitteilung, daß ihm die -monatliche Unterstützung von fünfzehn Mark entzogen -werde ... entzogen werde ... indem daß -der Königliche Bezirksarzt Dr. Stierlinger sich persönlich -davon überzeugt habe ... daß genannter -Buchberger von den Folgen des Unfalls gänzlich -geheilt sei und nicht die geringsten Beschwerden ... -Beschwerden am Fuße mehr verspüre ...</p> - -<p>Ah!</p> - -<p>Ja ... Himmel ... Herrgott ...</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Unser_guater_alter_Herzog_Karl" id="Unser_guater_alter_Herzog_Karl">Unser guater, alter Herzog Karl</a></h2> -</div> - -<p class="chap-start">Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung -der Majestätsbeleidigung bringen. -Ich will es nicht entscheiden, ob -die Neuerung viel verbessern wird in der deutschen -Welt.</p> - -<p>Aber eines weiß ich, und eines bedauere ich.</p> - -<p>Mein alter Freund Simon Lackner wird sich -nicht mehr so leicht ein billiges Winterquartier -verschaffen können.</p> - -<p>Und das ist hart.</p> - -<p>Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre -alt; ein herzensguter Kerl.</p> - -<p>Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen, -nachdem er sechzehn lange Jahre hindurch -mit der alten so schöne Erfolge erzielt hat.</p> - -<p>Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine -Lage!</p> - -<p>Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe; -ein fahrender Handwerksbursche. Das -ist wohl ein schönes Metier, wenn der Apfelbaum -am Straßenrand blüht, und wenn ein Mensch, der -auf dem Rücken im Grünen liegt, mit blinzelnden -Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue Luft -nachschaut. Das ist wohl ein schönes Metier, -wenn die Kornähren sich über dem müden Haupte -wiegen und am heißesten Sommertag einen erquickenden -Schatten spenden. Auch ist es fröhlich -und freudenvoll, wenn noch eine mildtätige Herbstsonne -auf den Buckel brennt, und wenn die zerrissenen -Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln.</p> - -<p>Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen -und alte Felber in die Gräben rollen? Wenn -die Landstraßen aus dem Leim gehen und pfundschwerer -Brei an den Sohlen hängen bleibt?</p> - -<p>Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln -sticht oder die Schneeflocken wirbeln? Wenn alle -warmen Ofenbänke von hartherzigen Bauern besetzt -sind, die für einen armen Handwerksburschen -nicht zusammenrücken?</p> - -<p>Da wird’s dem abgehärteten Landstreicher wehmütig -ums Herz, und er sehnt sich nach einem -trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es -nicht tropft.</p> - -<p>Simon Lackner widerstand lange, aber endlich -kriegte er das Reißen in seinen Gliedern, und er -fand ein Mittel, sich zu helfen. —</p> - -<p>Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein -gemütlicher, braver Landesfürst.</p> - -<p>Natürlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber -er stand doch in gewissen Beziehungen zu ihm.</p> - -<p>Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um -Gotteslohn eine Halbe Bier trank, sah er von -der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlächeln.</p> - -<p>Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in -dem breiten Mund, in den hängenden Backen des -Landesherrn ausdrückte.</p> - -<p>Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern -verschwimmenden Schweinsäuglein und -dachte sich, wie bürgerlich und selchermäßig doch -oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden -Häupter ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen -Feindseligkeit haftete im Herzen des Simon -Lackner.</p> - -<p>Er liebte den Fürsten auf seine bescheidene -Weise und nahm es ihm nicht übel, wenn seine -Gensdarmen grob und rauhändig waren.</p> - -<p>Denn nicht einmal der allmächtige Gott hat -alle seine Geschöpfe liebenswürdig geschaffen.</p> - -<p>Warum sollte man’s von einem irdischen Fürsten -verlangen?</p> - -<p>Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner -gezwungen, alle Jahre einmal dem Herzog Karl III. -eine Despektierlichkeit zu zeigen, die ihm nicht innewohnte.</p> - -<p>Aber es war eben seine Methode, und es war -notwendig, um unter ein schützendes Dach zu kommen.</p> - -<p>Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhuben, -ging Simon Lackner zum herzoglich neuburgischen -Gefängnisse, welches auf freiem Felde -lag, hinaus.</p> - -<p>Dort versteckte er sich in einem Holzschupfen, -welcher gegenüber dem Eingange der Anstalt lag, -und wartete.</p> - -<p>Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er -allsogleich hervor und schrie mit lauter Stimme:</p> - -<p>„Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!“</p> - -<p>Das erstemal und das zweitemal stürzten die -Gendarmen gierig auf den frevelhaften Menschen -und glaubten, daß sie einen wichtigen Fang gemacht -hätten. Aber schon im dritten Jahre erlahmte -ihr Eifer, denn sie wußten jetzt, daß Simon -Lackner sich nur auf diese harmlose Weise ein -Winterquartier verschaffen wollte.</p> - -<p>Simon Lackner mußte oft und oft schreien, bis -sie ihn gefangen nahmen.</p> - -<p>Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang -mit schöner Regelmäßigkeit.</p> - -<p>Man wußte es nicht mehr anders.</p> - -<p>Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am -Himmel aufzogen, schaute der Gefängnisinspektor -in die herbstliche Natur hinaus und sagte: „Jetzt -wird der Lackner bald wieder schreien.“ Und richtig: -den andern Tag zogen sich nasse Bindfaden vom -Himmel zur Erde herunter, und vom Holzschupfen -herüber brüllte es: „Unser guater, alter Herzog -Karl is a Rindviech.“</p> - -<p>Die Gendarmen lächelten; Simon Lackner -lächelte und betrat freudig die Halle des Gefängnisses, -wo ihm der Inspektor wohlwollend -entgegentrat.</p> - -<p>Lackner wiederholte zur Sicherheit: „Unser guater, -alter Herzog Karl is a ..“ „Weiß schon, -weiß schon,“ sagte der Inspektor, „Sie kriegen -schon Ihre fünf Monat.“</p> - -<p>Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder -heraus und walzte fröhlich durch das Herzogtum -Neuburg.</p> - -<p>Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei -seines lieben Karls III. sah, lächelte er ihm verständnisinnig -zu. Er hatte ja nie vergessen, ihn -den guten, alten Herzog zu nennen, und das mit -dem Rindvieh war nicht ernst gemeint.</p> - -<p>Jetzt wollen sie den schönen Paragraphen ändern, -mit dem mein Freund Simon Lackner seit -sechzehn Jahren sich recht und schlecht über die -Wintersnot hinweggeholfen hat.</p> - -<p>Ist das nicht hart?</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2 class="subtitled"><a name="Liebe_um_Liebe" id="Liebe_um_Liebe">Liebe um Liebe</a></h2> - -<p class="subtitle">Eine patriotische Stimmung</p> -</div> - -<p class="chap-start">Durch Stoppelfelder und frisch gemähte -Wiesen rollte ein Eisenbahnzug, und -die buttergelbe Herbstsonne glänzte in -die Fenster eines lackierten Salonwagens, der sich -überhaupt in dieser Umgebung recht sonderbar -ausnahm.</p> - -<p>Darin saß Prinz Xaver, ein Seitensprosse des -königlichen Hauses, und fuhr mit seinem Adjutanten, -Rittmeister Baron Schröfel, nach Weißkirchen -zur landwirtschaftlichen Ausstellung, die -unter sein Protektorat gestellt worden war.</p> - -<p>Weil aber hier Herablassung und dort Untertanenliebe -gezeigt werden sollte, hielt man überall; -und wo größere Menschenmengen sich dem Auge -darboten, fragte Prinz Xaver seinen Begleiter: -„Muaß i?“</p> - -<p>„Einen Augenblick, Königliche Hoheit!“ antwortete -alsdann der Baron und sah in seinem -Notizbuche nach. „Faistenhamm ... Kirchdorf ... -163 Seelen ... katholisch ... 37 Pferde ... -281 Stück Rindvieh ... ja ... Königliche Hoheit -... da ist’s vorgemerkt.“</p> - -<p>Und Prinz Xaver hielt das edle große Haupt -zum Fenster hinaus und blickte durch seinen Kneifer, -den er nur bei solchen Anlässen trug, auf einige -fette Herren, die das besitzende und bessere Publikum -vorstellten.</p> - -<p>„Diese Gegend,“ sprach der Prinz, „ist sehr -lieblich.“</p> - -<p>„Han?“ fragte ein Posthalter oder Tafernwirt, -der mehr Treue als Schliff besaß.</p> - -<p>„Diese Gegend, sie ist sehr reizvoll,“ wiederholte -der Prinz.</p> - -<p>„Jawoi, Königliche Hoheit!“</p> - -<p>„Sie ist von sanften Höhen durchzogen und mit -Wäldern bedeckt ...“</p> - -<p>„Jawol, Königliche Hoheit!“</p> - -<p>„Aber das Auge erblickt auch fruchtbare Felder, -welche den Fleiß des Landmannes belohnen und ... -und ...“</p> - -<p>„Jawoi, Königliche Hoheit!“</p> - -<p>„Und ...“</p> - -<p>„Saftige Matten ...“ soufflierte der Adjutant.</p> - -<p>„... und saftige Matten, welche dem kernigen -Vieh dieses Volkes ... welche dem Vieh dieses -kernigen Volkes Nahrung bieten.“</p> - -<p>Prinz Xaver rückte den Zwicker, der ihm von -der schwitzenden Nase heruntergeglitten war, zurecht, -und der Posthalter oder Tafernwirt schaute -mit geistlosen Augen in die ebenso blauen des -Königssprossen, und er fühlte, daß nunmehr die -Aufgabe an ihn herangetreten war.</p> - -<p>„Königliche Hoheit ... diese Gefiehle, wo ins -heute besäligen ... durch dieses, daß Sie hier -durchfahren und für Kinder und Kindeskinder ...“</p> - -<p>Die Lokomotive pfiff, und da legte der Tafernwirt -die ganze ungeheure Treuherzigkeit seines -Landes in den Satz: „Pfüad Good, Königliche -Hoheit, aufs Wiederschaugen, und kemman S’ -halt wieda zu ins außa ...“ Er entschwand den -gütigen Blicken des Fürsten, der sich in die Kissen -zurückwarf, und sagte: „Dös hätt’ ma wieda! Wo -muaß i denn ’s nächstmal?“</p> - -<p>„Einen Augenblick, Königliche Hoheit!“ antwortete -Baron Schröfel. „... Sünzing ... nein -... Matzling ... 214 Seelen ... katholisch ... -311 Stück Rindvieh ... in Matzling werden Königliche -Hoheit wieder sprechen.“</p> - -<p>„O jegerl!“ seufzte der Prinz und wiederholte -gewissermaßen im Geiste jene Rede des Wohlwollens -und lebendigen Interesses.</p> - -<p>Nach zwei langen Stunden fuhr der Zug in -Weißkirchen ein, wo ein Beamtenkörper, eine ergeben -lächelnde Geistlichkeit, wo Veteranenvereine, -Feuerwehren und Schützen, wo alles, was repräsentieren -durfte, den kleinen Bahnhof füllte, nach -vorwärts gedrängt von einer wimmelnden Menge, -die in dem aussteigenden Prinzen, der sein quellendes -Fleisch in eine blitzblaue Uniform gepreßt -hatte, alles Anverwandte und Angestammte erblickte -und darüber in ein gellendes Hoch ausbrach.</p> - -<p>Ein kleiner, stülpsnäsiger, aufgeregter Herr gab -sich dem Prinzen durch viele und schnell wiederholte -Bücklinge als den zu erkennen, der hier als -Erster zu beachten war, und als einen Titularregierungsrat -und vorstehenden Chef des Bezirks.</p> - -<p>Dicke Herren mit mehr landwirtschaftlicher Färbung -der feisten Gesichter und Hälse wurden in -zweiter Reihe als Tierärzte und Ökonomieräte -und verdiente Braun- oder Fleckviehzüchter erkannt, -und in veralteten, seit Jahren die Bäuche nicht -mehr bedeckenden Gehröcken schoben sie sich vor, -und ehe es sich der Prinz versah, war er von -Leuten umringt, die als starke Esser viel animalische -Wärme und als treue Untertanen eine ungemeine -Ergebenheit ausstrahlten.</p> - -<p>Und da ihre patriotischen Gefühle nirgends -hinauskonnten, nicht durch die verknüllten Hosen, -nicht durch die krampfhaft geschlossenen Westen, -so drängten sie sich schweißtreibend nach oben und -saßen hinter schwimmenden Augen, die sich auf -ihr prinzliches Ebenbild richteten.</p> - -<p>Der stülpsnäsige Herr hielt eine Rede, in der -alle Gefühle, die weder er noch sonst wer hegte, -in Superlativen ausgedrückt waren, und niemand -lehnte sich innerlich dagegen auf.</p> - -<p>Im Gegenteile hörte Prinz Xaver mit tiefem -Ernste die erhabenen Tugenden aufzählen, die ihn -und sein Haus schmücken sollten, obgleich er es -doch besser wissen mußte, und gleichermaßen hörten -alle Festgäste, die von Weißwürsten kamen oder -zu Weißwürsten gingen, daß sie in diesem Augenblicke -den Schwur der Treue erneuert hätten und -Gut und Blut opfern wollten.</p> - -<p>Ja, und darauf mußte etwas gesagt werden.</p> - -<p>Der hohe Protektor umfaßte mit einem wohlwollenden -Blicke diesen Patriotismus, der um ihn -herum schwitzte und schnaubte, und sagte es.</p> - -<p>„Diese Gegend,“ hub er an, „sie ist sehr lieblich. -Sie ist von sanften Höhen durchzogen und -mit Wäldern bedeckt. Aber das Auge erblickt auch -fruchtbare Felder, welche den Fleiß des Landmannes -belohnen und ... und ...“</p> - -<p>„Seine Königliche Hoheit lebe hoch!“ schrie -jetzt verfrüht, unzeitig und taktlos der Zimmermeister -Schlegel, der immer etwas voraushaben -mußte.</p> - -<p>„Und saftige Matten ...“ fuhr Prinz Xaver -fort, aber das Hoch hatte im Pulverfasse der angestammten -Liebe gezündet, und die brausenden — -oder auch donnernden — Rufe übertönten die -letzten Worte vom Vieh des kernigen Volkes.</p> - -<p>Der Protektor lächelte gerührt und wurde zum -Wagen verbracht, rechter Hand die Stülpnase, -linker Hand den dicksten Fleckviehzüchter.</p> - -<p>Er fuhr durch beflaggte Gassen an schreienden -Menschen vorbei, grüßte allerleutseligst, sah die -Herzen, die ihm entgegenschlugen, Triumphbögen, -die sich wölbten, und langte auf dem Festplatze -an, wo es nicht minder laut blökte, quiekte und -brüllte von treuen Haustieren, die ihren Lärm nur -so und unwissend warum vollführten. Da sah -Prinz Xaver alles, was unter sein Protektorat gestellt -worden war. Breitnackige Stiere, die ihn -böse anblickten, wollige Schafe, die ihm mild ins -Auge schauten; braune, gelbe, weiße Kühe, die -ihre Rücken hoch zogen, wenn sie behaglichst ihre -Wasser rinnen ließen, Kälber und Schweine.</p> - -<p>Die Stülpsnase erklärte eifrig, aber ein besserer -Menschenkenner, als Prinzen sind, hätte wohl -merken können, daß der bewegliche Beamte auch -nicht mehr verstand als der Protektor, welcher nur -lebendige Eßwaren in dem Getier sah.</p> - -<p>Auch in der viktualischen Abteilung überkamen -Prinz Xaver mehr reflektierende als züchterische -Vorstellungen. Bei den Krautköpfen dachte er an -rosiges Surfleisch, beim Sellerie an gebratene -Gänse, bei Kartoffeln an den Fürst und Volk -einigenden Nierenbraten, und Rettiche sah er gebeizt, -und Zwiebeln geschmort.</p> - -<p>Als man zuletzt noch die Hühner, denen man -harte und weiche Eier, Ochsenaugen und Rühreier -verdankt, besichtigt, gut befunden und gelobt hatte, -war so eigentlich die Aufgabe der Königlichen -Hoheit erledigt.</p> - -<p>Aber eine neuzeitliche Sitte ließ den Prinzen -nicht sogleich zur Ruhe kommen.</p> - -<p>Es geht ein demokratischer Zug durch unser Volk.</p> - -<p>Die Tage, da es in alle Schulbücher kam, wenn -der Fürst einen kleinen Mann aus dem Volke -leutselig ansprach, sind vorüber, und heute spricht -der kleine Mann leutselig den Fürsten an.</p> - -<p>Ein Spenglermeister aus Sünzing fand hier -den Mut, indem er vortrat, nach Bier roch und -treuherzig sagte:</p> - -<p>„Geh, Königliche Hoheit, unterschreiben S’ de -Kart’n an meine Spezeln, daß de aa ’r a Freud -hamm!“</p> - -<p>Die Stülpsnase winkte ihm strenge ab, jedoch -der Prinz lächelte und setzte seinen Namen auf -die fettige Postkarte.</p> - -<p>Ein schöner Moment trat ein. Fürst und Untertan -Auge in Auge, und der wackere Spengler -traf den Ton des echten Volksstückes, als er sagte:</p> - -<p>„Königliche Hoheit ... dös ... dös ... kimmt -unter Glas und Rahmen, und in hundert Jahr -no müass’n d’ Leut’ sehg’n ...“</p> - -<p>„Ist schon gut,“ sagte die Stülpsnase und schob -den Redner ungnädig weg, denn er roch wirklich -sehr stark nach Bier, und auch wollten nun viele -die gleiche Gnade erlangen.</p> - -<p>„Königliche Hoheit ... an insern G’sellenverein -... dös war an Ehr’ für Kinda und Kindeskinda -...“</p> - -<p>„Königliche Hoheit ... an insern Stammtisch -‚De Grüabig’n‘ ...“</p> - -<p>Den Prinzen überkamen väterliche Empfindungen, -er hielt diese Leute für anhängliche Kinder, ihre -Wünsche für naiv, und er hatte keine Ahnung davon, -daß hier gar nichts ehrlich oder tiefwurzelnd -war, außer seiner eigenen Beschränktheit.</p> - -<p>Er schüttelte gütig alle Hände, die sich in seine -Rechte schoben, kalte und warme, trockene und -feuchte, er unterschrieb wohlwollend alles und -setzte seinen Namen neben Ober- und Niedermayer -unter ihre Fröhlichkeit.</p> - -<p>„Menschen ... Menschen san mir alle ... Jakob -Schanderl, <em class="gesperrt">Xaver, königlicher Prinz</em> ... Eins -... zwei ... drei ... g’suffa!... Es lebe die -Viecherei! Hans Breitsameter, Jakob Leistl, <em class="gesperrt">Xaver, -königlicher Prinz</em> ...“</p> - -<p>Die Karten wanderten hinaus in die Kneipen -des Landes, und wenn sie gleich nicht Ehrfurcht -in Kindern und Kindeskindern erregen konnten, -spannen sie doch Fäden vom zünftigen Prinzen zu -zünftigen Stammtischen. Neue Fäden zum alten -Bande, das Volk und Herrscherhaus verknüpft.</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Auf_der_Elektrischen" id="Auf_der_Elektrischen">Auf der Elektrischen</a></h2> -</div> - -<p class="chap-start">In <em class="gesperrt">München</em>. Der schwere Wagen poltert -auf den Schienen; beim Anhalten gibt es -einen Ruck, daß die stehenden Passagiere -durcheinander gerüttelt werden.</p> - -<p>Ein Schaffner ruft die Station aus.</p> - -<p>„Müliansplatz!“</p> - -<p>Heißt eigentlich Maximiliansplatz.</p> - -<p>Aber der Schaffner hat Schmalzler geschnupft -und kann die langen Namen nicht leiden.</p> - -<p>Ein Student steigt auf. Er trägt eine farbige -Mütze, und der Schaffner salutiert militärisch.</p> - -<p>Er weiß: das zieht bei den Grünschnäbeln. Sie -bilden sich darauf was ein.</p> - -<p>Und wenn sich Grünschnäbel geschmeichelt fühlen, -geben sie Trinkgelder.</p> - -<p>Er ist Menschenkenner und hat sich nicht getäuscht.</p> - -<p>Der junge Herr mit der großen Lausallee gibt -fünf Pfennige.</p> - -<p>Er sieht dabei den Schaffner nicht an; er sieht -gleichgültig ins Leere; er zeigt, daß er dem Geschenke -keine Bedeutung beimißt. Der Schaffner -salutiert wieder.</p> - -<p>Wumm! Prr!</p> - -<p>Der Wagen hält.</p> - -<p>„Deonsplatz!“ schreit der Schaffner.</p> - -<p>Heißt eigentlich Odeonsplatz.</p> - -<p>Eine Frau, die ein großes Federbett trägt, -schiebt sich in den Wagen. Ein Sitzplatz ist -noch frei.</p> - -<p>Die Frau zwängt sich zwischen zwei Herren. -Sie stößt dem einen den Zylinder vom Kopfe.</p> - -<p>Das ärgert den Herrn. Er klemmt den Zwicker -fester auf die Nase und blickt strafend auf das -Weib.</p> - -<p>„Aber erlauben Sie!“ sagt er.</p> - -<p>— ?! —</p> - -<p>„Aber erlauben Sie, mit einem solchen Bett!“</p> - -<p>Die Leute im Wagen werden aufmerksam.</p> - -<p>Der Mann scheint ein Norddeutscher zu sein; -der Sprache nach zu schließen. Ein besserer Herr, -der Kleidung nach zu schließen.</p> - -<p>Was fällt ihm ein, die arme Frau aus dem -Volke zu beleidigen?</p> - -<p>Ein dicker Mann, dessen grünen Hut ein Gemsbart -ziert, verleiht der allgemeinen Stimmung -Ausdruck.</p> - -<p>„Warum soll denn dös arme Weiberl net da -herin sitzen? Soll’s vielleicht draußen bleib’n und -frier’n? Bloß weil’s dem nobligen Herrn net -recht is? Wenn ma so noblig is, fahrt ma halt -mit da Droschken!“</p> - -<p>Der dicke Mann ist erregt. Der Gemsbart auf -seinem Hute zittert.</p> - -<p>Einige Passagiere nicken ihm beifällig zu; andere -murmeln ihre Zustimmung. Ein Arbeiter sagt: -„Überhaupt is de Tramway für an jed’n da. Net -wahr? Und dera Frau ihr Zehnerl is vielleicht -g’rad so guat, net wahr, als wia dem Herrn sei -Zehnerl.“</p> - -<p>Die Frau mit dem Bett sieht recht gekränkt aus. -Sie schweigt; sie will nicht reden; sie weiß schon, -daß arme Leute immer unterdrückt werden.</p> - -<p>Sie schnupft ein paarmal auf und setzt sich zurecht. -Dabei fährt sie mit dem Bette ihrem anderen -Nachbarn ins Gesicht.</p> - -<p>Der stößt das Bett unsanft weg und redet in -soliden Baßtönen: „Sie, mit Eahnan dreckigen Bett -brauchen S’ mir fei’s Maul net abwisch’n! Glauben -S’ vielleicht, Sie müassen’s mir unta d’ Nasen -halt’n, weil S’ as jetzt aus ’m Versatzamt g’holt -hamm?“</p> - -<p>Die Passagiere horchen auf.</p> - -<p>Da ist noch einer, der die Frau aus dem Volke -beleidigt; aber, wie es scheint, ein süddeutscher -Landsmann.</p> - -<p>Die Stimmung richtet sich nicht gegen ihn. -Übrigens sieht er so aus, als wenn ihm das -gleichgültig sein könnte.</p> - -<p>Er hat etwas Gesundes an sich, etwas Robustes, -Hinausschmeißerisches.</p> - -<p>Er imponiert sogar dem Herrn mit dem grünen -Hute.</p> - -<p>Und dann, alle haben es gesehen:</p> - -<p>Die Frau ist ihm wirklich mit dem Federbette -über das Gesicht gefahren. So etwas tut man -nicht. Der Mann selbst ist noch nicht fertig mit -seiner Entrüstung. Er wirft einen sehr unfreundlichen -Blick auf die Frau aus dem Volke und -einen sehr verächtlichen Blick auf das Bett.</p> - -<p>Er sagt: „Überhaupt is dös a Frechheit gegen -die Leut’, mit so an Bett do rei’geh’. Wer woaß -denn, wer in dem Bett g’leg’n is? Vielleicht a -Kranker; und mir fahren S’ ins G’sicht damit! -Sie ausg’schamte Person!“ Einige murmeln beifällig.</p> - -<p>Der Mann mit dem grünen Hute gerät wieder -in Zorn.</p> - -<p>Er sagt: „Der Herr hat ganz recht. Mit so an -Bett geht ma net in a Tramway. Da kunnten ja -mir alle o’g’steckt wer’n. Heuntzutag, wo’s so viel -Bazüllen gibt!“</p> - -<p>Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.</p> - -<p>Alle Passagiere sind jetzt wütend über die Unverschämtheit -der Frau.</p> - -<p>Man ruft den Schaffner.</p> - -<p>„De muaß außi!“ sagt der Mann mit dem Gemsbart, -„und überhaupts, wia könna denn Sie de -Frau da einaschiab’n? Muaß ma sie vielleicht dös -g’fallen lassen bei der Tramway? Daß de Bazüllen -im Wag’n umanandfliag’n?“</p> - -<p>Der Schaffner trifft die Entscheidung, daß die -Frau sich auf die vordere Plattform stellen muß. -Sie verläßt ihren Platz und geht hinaus.</p> - -<p>„Dös war amal a freche Person!“ sagt der Mann -mit dem Gemsbart.</p> - -<p>Der Herr mit dem Zwicker meint: „Eigentlich -war sie ganz anständig. Nur mit dem Bette ...“</p> - -<p>„Was?!“ schreit sein robuster Nachbar. „Sie -woll’n vielleicht dös Weibsbild in Schutz nehma? -Gengan S’ außi dazua, wann’s Eahna so guat -g’fallt!“</p> - -<p>Alle murmeln beifällig.</p> - -<p>Und der Arbeiter sagt: „Da siecht ma halt wieda -de Preißen!“</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>Ein kalter Wintertag.</p> - -<p>Die Passagiere des Straßenbahnwagens hauchen -große Nebelwolken vor sich hin. Die Fenster sind -mit Eisblumen geziert, und wenn der Schaffner -die Türe öffnet, zieht jeder die Füße an; am -Boden macht sich der kalte Luftstrom zuerst bemerklich. -Die Passagiere frieren, nur wenige sind -durch warme Kleidungen geschützt, denn der Wagen -fährt durch eine ärmliche Vorstadt.</p> - -<p>Da kommt ein Herr in den Wagen; er trägt -einen pelzgefütterten Überrock, eine Pelzmütze, dicke -Handschuhe.</p> - -<p>Er setzt sich, ohne seiner Umgebung einen Blick zu -schenken, zieht eine Zeitung aus der Tasche und liest.</p> - -<p>Die anderen Passagiere mustern ihn; das heißt -seine untere Partie. Die obere ist hinter der -Zeitung versteckt.</p> - -<p>Die größte Aufmerksamkeit schenkt ihm ein behäbiger -Mann, der ihm gerade gegenübersitzt.</p> - -<p>Er biegt sich nach links und rechts, um hinter -die Zeitung zu schauen. Es geht nicht.</p> - -<p>Er schiebt mit der Krücke seines Stockes das -hemmende Papier weg und fragt in gemütlichem -Tone:</p> - -<p>„Sie, Herr Nachbar, wissen Sie, aus welchan -Pelz Eahna Hauben is?“</p> - -<p>Der Herr zieht die Zeitung unwillig an sich.</p> - -<p>„Lassen Sie mich doch in Ruhe!“</p> - -<p>„Nix für ungut!“ sagt der Behäbige.</p> - -<p>Nach einer Weile klopft er mit seinem Stocke -an die Zeitung, die der Herr noch immer vor sich -hinhält.</p> - -<p>„Sie, Herr Nachbar!“</p> - -<p>„Waßß denn?!“</p> - -<p>„Sie, dös is fei a Biberpelz, Eahna Haub’n da.“</p> - -<p>„So lassen Sie mich doch endlich meine Zeitung -lesen!“</p> - -<p>„Nix für ungut!“ sagt der Mann und wendet -sich an die anderen Passagiere.</p> - -<p>„Ja, dös is a Biberpelz, de Haub’n. Dös is -a schön’s Trag’n und kost’ a schön’s Geld, aba ma -hat was, und es is an oanmalige Anschaffung. -De Haub’n, sag’ i Eahna, de trag’n no amal de -Kinder von dem Herrn. De is net zum Umbringa. -Freili, billig is er net, so a Biberpelz!“</p> - -<p>Die Passagiere beugen sich vor. Sie wollen -auch die Pelzmütze sehen.</p> - -<p>Aber man sieht nichts von ihr; der Herr hat -sich voll Unwillen in seine Zeitung eingewickelt.</p> - -<p>Da wird sie ihm wieder weggezogen. Von dem -behäbigen Manne, mit der Stockkrücke.</p> - -<p>„Sie, Herr Nachbar ...“</p> - -<p>„Ja, was erlauben Sie sich denn ...?!“</p> - -<p>„Herr Nachbar, was hat jetzt de Haub’n eigentlich -gekostet?“</p> - -<p>Der Herr gibt keine Antwort.</p> - -<p>Wütend steht er auf, geht hinaus und schlägt -die Türe mit Geräusch zu.</p> - -<p>Der Behäbige deutet mit dem Stock auf den -leeren Platz und sagt: „Der Biberpelz, den wo -dieser Herr hat, der wo jetzt hinaus is, der hat -ganz g’wiß seine zwanz’g Markln kost’; wenn er -net teurer war!“</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>Der alte Professor Spengler fährt jeden Morgen -gegen acht Uhr vom großen Wirt in Schwabing -bis zur Universität.</p> - -<p>Er fällt auf durch seine ehrwürdige Erscheinung; -lange, weiße Locken hängen ihm auf die Schultern, -und er geht gebückt unter der Last der Jahre.</p> - -<p>Ein Herr, der auf der Plattform steht, beobachtet -ihn längere Zeit durch das Fenster.</p> - -<p>Er wendet sich an den Schaffner.</p> - -<p>„Wer ist denn eigentlich der alte Herr? Den -habe ich schon öfter gesehen.“</p> - -<p>„Der? Den kenna Sie nöt?“</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Dös is do unsa Professa Spengler.“</p> - -<p>„So? so? Spengler. M—hm.“</p> - -<p>„Professa der Weltgeschüchte,“ ergänzt der -Schaffner und schüttet eine Prise Schnupftabak -auf den Daumen.</p> - -<p>„Mhm!“ macht der Herr. „So, so.“</p> - -<p>Der Schaffner hat den Tabak aufgeschnupft und -schaut den Herrn vorwurfsvoll an.</p> - -<p>„Den sollten S’ aba scho kenna!“ sagt er. „Der -hat vier solchene Büacha g’schrieb’n.“</p> - -<p>Er zeigt mit den Händen, wie dick die Bücher -sind.</p> - -<p>„So ... so?“</p> - -<p>„Lauter Weltgeschüchte!“</p> - -<p>„Ich bin nicht von hier,“ sagt der Herr und sieht -jetzt mit sichtlichem Respekte auf den Professor.</p> - -<p>„Ah so! Nacha is ’s was anders, wenn Sie -net von hier san,“ erwidert der Schaffner.</p> - -<p>Er öffnet die Türe.</p> - -<p>„Universität!“</p> - -<p>Professor Spengler steigt ab. Der Schaffner -ist ihm behilflich; er gibt acht, daß der alte -Herr auf dem glatten Asphalt gut zu stehen -kommt. Dann klopft er ihm wohlwollend auf die -Schulter.</p> - -<p>„Soo, Herr Professa! Nur net gar z’ fleißig!“</p> - -<p>Er pfeift, und es geht weiter.</p> - -<p>Der Schaffner wendet sich nochmal an den -Herrn:</p> - -<p>„Alle Tag, punkt acht Uhr, fahrt dös alte Mannderl -auf d’ Universität. Nix wia lauta Weltgeschüchte!“</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>In <em class="gesperrt">Berlin</em>. Der Straßenwagen fährt durch -den Tiergarten. Seitab werden Bäume gefällt, -und es ist ein sonderbarer Anblick, mitten in der -Großstadt Waldarbeit zu sehen.</p> - -<p>Der Schaffner wendet sich an einen Herrn, der -Ähnlichkeit mit dem Kaiser hat. Die man in Norddeutschland -so häufig trifft. Starkes Kinn. Habyschnurrbart.</p> - -<p>Der Schaffner sagt: „Das geht nun schon so -vier Wochen.“</p> - -<p>Er deutet auf die Holzarbeiter.</p> - -<p>Der Doppelgänger Kaiser Wilhelms schweigt.</p> - -<p>„Wenn sie nur nich den ganzen Tiergarten umschlagen!“ -sagt der Schaffner.</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>Der Schaffner versucht es noch einmal.</p> - -<p>„Den ganzen Tiergarten! Es wär doch jammerschade!“</p> - -<p>Jetzt blickt ihn der Doppelgänger Kaiser Wilhelms -an; strenge und abweisend.</p> - -<p>Und er sagt:</p> - -<p>„Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen in -eine Konversation einzulassen.“</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="O_Natur" id="O_Natur">O Natur!</a></h2> -</div> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Personen</em>: Er — Sie — Ein Holzknecht.</p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Ort</em>: Im Gebirge.</p> - - -<p class="chap-start"><em class="gesperrt">Er</em>: Wie das hier schon ganz anders riecht, -Lizzi! A—ah! Endlich aus der Stadt -in die Natur geflohen!</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Himmlisch!</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Stelle dir vor! Der Schnee in unseren -Straßen, schwarz, schmutzig, naß. Und hier blinkt -und glitzert er.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Er ist direkt keusch, finde ich.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Man denkt an Weihnachten, Christabend, -an irgend was Poetisches.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Karl, du Guter! Nein, wie bin ich dir -dankbar, daß du mich aus dem schrecklichen Trubel -in diesen Frieden gebracht hast!</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Nicht wahr?</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Weißt du, als ganz kleines Mädchen bin -ich auch einmal im Winter auf dem Lande gewesen. -Bei Großmama. Da weiß ich noch, wie -da auch die Bäume verschneit waren und so merkwürdig -aussahen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Du bekommst förmlich große Augen, wie du -das sagst, Lizzi!</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Es muß die heimliche Sehnsucht nach der -Natur sein, die in einem lebt. Trotz allem, weißt -du, Karl?</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Ja, ja. Trotz allem.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Nein! Sieh mal dort die große Tanne! -Wie ein Ungeheuer sieht so ein Zweig aus. Wie -was Lebendiges.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Wie ein Märchen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Die Natur ist doch das einzig Wahre!</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Man sollte hier immer leben!</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Das wäre herrlich! Ich ließe mir einen -großen Pelz dazu machen; weißt du, grünen Samt, -mit Zobel besetzt, und innen auch Zobel, oder Seal.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Das sollte man tun, hier leben.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Oder Skunks, Karl, obwohl ich eigentlich -Skunks nicht sehr liebe.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Das würde sich schon finden.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Und weißt du, eine Pelzmütze sollte ich -haben. Ich habe vorgestern bei Bachmann eine -entzückende Mütze gesehen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Dieser Friede ringsum!</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Ich glaube, sie war aus Otterfellen und -hatte vorne eine Agraffe, in der eine Reiherfeder -steckte.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Sieh dort, Lizzi, wie die Bergspitze noch -von der Abendsonne beschienen ist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Wun—der—voll! Weißt du, man könnte -statt Reiher auch eine andere Feder nehmen. -Meinst du nicht?</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Ja — ja. Ich könnte hier stundenlang in -den Anblick versunken stehen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Und ich möchte am liebsten durch den -Schnee waten. Wie ein Schulmädchen, und ganze -rote Backen davon kriegen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Und nasse Füße, Liebling!</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em> (enttäuscht): Das ist wahr!</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Man müßte eben andere Schuhe tragen. -Und sich überhaupt daran gewöhnen. Oh! Hier -muß ein Mensch gesund werden!</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Ich fühle mich jetzt schon ganz anders.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Ich meine körperlich <em class="gesperrt">und</em> geistig gesund -werden. A—ah! Diese Luft! Diese Luft!</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Wie die Sonne verglüht! Das sollte man -jeden Abend haben.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Und sich von dem Zauber der Natur umfangen -lassen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Ich möchte am liebsten gar nicht mehr -weg.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Weißt du was? Wir bleiben einfach morgen -noch hier.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Ach ja — das wäre himmlisch! Aber es -geht nicht, Schatz. Ich <em class="gesperrt">muß</em> morgen zur Schneiderin, -und dann sollen wir bei Hofrats Besuch -machen, und abends ist der „Rosenkavalier“, und ...</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Richtig ja! Na, denn nich! Eigentlich ist -es schade!</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Mir blutet ja das Herz, daß man sich von -hier losreißen soll.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Mir auch. Diese Farben! Nein, diese -Farben!</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Du, dort kommt ein Mann.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Er hat so was wie ’ne Säge umhängen. -Das ist sicher ’n Holzfäller.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Wie stilvoll er aussieht!</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em> (seufzend): Ach, wer auch so einer wäre! -He, guter Mann!</p> - -<p><em class="gesperrt">Holzer</em>: Han?</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Sie leben wohl immer hier heraußen?</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: In der Natur?</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Und wissen vielleicht gar nicht, wie beneidenswert -Sie sind!</p> - -<p><em class="gesperrt">Holzer</em>: Am — — — — —! (Entfernt sich.)</p> - -<p><em class="gesperrt">Sie</em>: Wie? Was hat er gesagt?</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: Ach, so was ... so was Bäuerliches, was -die Leute hier oft sagen. Nun wollen wir aber -umkehren. (Bleibt stehen und atmet tief auf.) -Nein! Diese Natur!</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Das_alte_Recht" id="Das_alte_Recht">Das alte Recht</a></h2> -</div> - -<p class="chap-start">Es scheint mir, daß jene uns Deutschen oft -nachgerühmte Scheu vor gewissen Vorrechten -der Geburt, des Ranges, des Besitzes -in Wahrheit besteht und unser öffentliches -Leben vergiftet, indem sie das Fundament der Gesellschaft, -die Gleichheit vor dem Gesetze aufhebt, -während sie hinwiederum unserem privaten Leben -durch Anreiz zur Eitelkeit, zur Selbsterniedrigung, -zu allen Gegenteilen von Stolz und Selbstgefühl -einen bedenklichen Einschlag gibt — — ja, das -alles scheint mir so, und ich finde diese Meinung -durch alle möglichen Vorkommnisse immer wieder -auf ein neues bestätigt. Auch in unseren kleinen -Provinzstädten, wo doch wahrhaftig der Anblick -des Hofes, der Umgang mit glänzenden Militärs, -die Bewunderung genialer Staatsmänner, wo all -dies nicht die klaren Begriffe von Recht verwirren -könnte, selbst da finde ich immer wieder, natürlich -ins kleine übertragen, aber nicht minder verderblich -— was wollte ich sagen? — Ja, also in -Dornstein — aber das muß ordentlich und der -Reihe nach erzählt werden, und weil das Thema -an sich etwas unappetitlich ist oder sein könnte, -muß es auch mit Zartheit vorgetragen werden. -Nur eine Frage vorher!</p> - -<p>Wenn nach allgemein gültigen Begriffen von -Moral, Anstand und Hygiene die Verunreinigung -von öffentlichen Plätzen und Straßen — ich möchte -absichtlich keinen starken Ausdruck gebrauchen — -als ordinär, jedenfalls aber als verboten gilt, wenn -dieses Verbot in deutlichen Verfügungen der Ortspolizeibehörde -niedergelegt ist, mit Ausdrücken, die -keinerlei Deutung zulassen, so meine ich doch, dieses -Verbot müßte für alle Bewohner des Ortes gelten? -Aber wir werden ja sehen!</p> - -<p>Ich meine sogar, gerade Leute von Bildung -müßten im Falle einer Zuwiderhandlung stärkere -Mißbilligung und strengere Strafe finden, denn -wenn Bildung wirklich Bildung ist — aber wir -werden ja sehen!</p> - -<p>Jedenfalls hier will ich nur die Tatsachen in -ihrer zeitlichen Folge berichten und feststellen, und -jeden Schein einer irgendwie gearteten Färbung -vermeiden.</p> - -<p>Alles, was sich in der Zeit vom 17. März bis -mit 11. April 1913 in Dornstein ereignete, das -heißt: in dieser betreffenden Sache sich ereignete, -werde ich chronologisch erzählen.</p> - -<p>Eigentlich müßte man das Datum weiter zurücklegen, -denn schon am 21. Februar, 2. März und -wieder am 11. März erschienen im Dornsteiner -Volksboten „Stimmen aus dem Publikum“, welche -auf die Vorkommnisse Bezug nahmen.</p> - -<p>„Gibt es <b>keine Polizei</b>, welche in der Luitpoldstraße -<b>gewisse Schweinereien gewisser Herren betrachtet</b>, -und dürfen selbe tun, was sie wollen?!? -(Volksbote vom 21. 2. 1913, Seite 3.)</p> - -<p>„Es scheint, daß die <b>Nemesis</b> sich vor <em class="gesperrt">gewissen -Leuten</em> <b>verkriecht</b>, welche die Luitpoldstraße zum -Schauplatze ihrer <b>Gemeinheit</b> machen, und daß -sie in diesem Falle nicht so pünktlich bei der Hand -ist, wie vielleicht gegen die <b>minder bemittelte -Klasse!!!</b>“ (Volksbote vom 2. 3. 1913, Seite 3.)</p> - -<p>„Auch unsere gute Stadt Dornstein soll, wie es -scheint, ihren <b>Panamaskandal!!</b> haben, ohne den -es <em class="gesperrt">überhaupt in Deutschland nicht mehr abzugehen -scheint</em>!! Trägt der Kadi eine stärkere -Binde vor den Augen, wenn es <em class="gesperrt">sogenannte Gebildete</em> -betrifft?!? Wir fragen zum <b>letzen Male!!</b>“ -(Volksbote vom 11. 3. 1913, Seite 2.)</p> - -<p>Die letzte Anfrage des Blattes war denn doch -in einem Tone gestellt, der hätte gehört werden -müssen, wenn die maßgebenden Behörden dazu -eine Lust verspürt hätten, ich möchte sagen, wenn -sie eine durchaus strenge Auffassung von ihrer -<em class="gesperrt">Pflicht</em> besessen hätten.</p> - -<p>Sie hatten diese Auffassung <em class="gesperrt">nicht</em>. Und nun -traten in diesem Drama die Personen aus den -Kulissen heraus vor die Rampe der Öffentlichkeit.</p> - -<p>— Ich glaube, man kann dieses Bild füglich -gebrauchen? —</p> - -<p>Am 17. März gelangte folgendes hier wörtlich -wiedergegebenes Schreiben der Realitätenbesitzerswitwe -<em class="gesperrt">Ursula Hirgstettner</em> in den Einlauf des -Stadtmagistrats Dornstein:</p> - -<p>An den Maschißtrath, hochwolgebohren dahir -und zu Händen des Herrn Bürchermeisters.</p> - -<p>Eigene Angelegenheit des Emfängers!</p> - -<p>Beträf: Notdurfth und unberächtigte Ausübung -dersälben in der Luitpoldstraße. Auch beträf gegen -die Sitlichkeith.</p> - -<p>Es ist gewieß ales recht und man schweicht oft -und denkt sich blos etwas, denn man wiel nichd -fier eine frau gelthen, die wo zimbferlich ist und -die wo gleich iber ales sich empörth ist und obwoll -man doch auch seine Steuern und Abgahben zahlt -und Gemeindeumlahgen.</p> - -<p>Aber was zu arch ist ist zu arch und mahn braucht -sich nicht ales zu gefallen zu lassen, indem man -doch auch zum weiblichen Geschlächte gehörth und -vielleicht mehr bieldung besiezt als die wo immer -davon sprechen. Oder muß sich vieleicht eine -schuzlose Wittwe ales gefallen lasen? Oder denkt -man vieleicht, ja hier braucht es keine Rücksicht -durchaus nicht mehr, weil diese Beträfende keinen -Man nicht besiezt, der wo solchene Angriefe auf -das Schahmgefühl nicht erlaubt?? Alerdings -wenn mein unvergeslicher Leonhard nicht dahin -geraft wäre durch ein unerbitliches Geschiek, hernach -würden sich vieleicht <em class="gesperrt">gewise Herren der -Schöpfung</em> besinnen, ob sie sich so etwas trauen -oder vieleicht lieber ihre nothurft anderswo verriechten.</p> - -<p>Aber freilich ich bin ja blos eine schuzlose -Wittwe und da braucht man keine Rücksicht nicht -zu nehmen!! Aber ich zeige es hiemit dem hochwolgebornen -Maschißtrate an und gebe keine Ruhe -nicht mehr sondern apeliere.</p> - -<p>Im Gasthaus zum Schiemel sitzen die „<em class="gesperrt">besseren</em>“!! -Herren beinahe ale tage bis in die späthe Nacht -obwol es mich nichts angeht und verlasen selbes -meistens um Mitternacht und sage ich auch nichts -obwol oft ein groser Spetakel ist, aber man denkt -sich, es gibt auch feinere Herren, wo so viel trinken -wie ein Fuhrmann.</p> - -<p>Aber leider dises ist nicht ales, sondern sie -bleiben auf der Strase stehen und verichten selbes, -wo man vieleicht als feinere Herren anderswo -veriechten soll und unterhalten sich dabei mit lauther -Stimme. Dises sind meistens der Herr Majohr -Röklmeier und der penzionirte Oberambsriechter -Pollner und verschiedene Bürger und Maschißtratsräthe, -wo ich auch den Herrn Haslinger und Mühlberger -deuthlich unterscheiden konnte. Dieses geschieth -vor meinem Hause, indem ich davon oft -erwache und mit Schmertzen frage, ob mahn dieses -einer schuzlosen Wittwe ales biethen darf. Ich -habe es schohn dem Polizeiwachtmeister genau beschriehben, -aber leider es hilft nichts, sondern die -feineren Herren betreiben erst recht ihr schweinisches -Geschäft und man hört auch daß sie sich dabei zu Anspillungen -auf meine Persönlichkeit erfrächen. Der -betrefende ist besonders erkannt und wenn es auch -ein Beahmter ist, besiezt er doch keine Bieldung -und soll vieleicht denken, das er nicht so unferschämbt -zu sein braucht gegen leuthe, wo seine -Penziohn auch mitzahlen.</p> - -<p>Hochwollgeborner Maschißtrat ich zeige es hiedurch -an, daß ich mir durchaus nichts mehr gefahlen -lasse und mich nicht mit Injuhrien auch -noch behaften lasse, sondern meine Geduld ist erschöpft, -wodurch ich auf einen standpunkt bin, das -mahn sich sagt, bis hieher und nicht weither!</p> - -<p>Wenn der Maschißtrat vieleicht sein Auge zudrüken -will weil es feinere Herren sind und die -besiezende Klasse, dann weiß ich schon was ich thue.</p> - -<p>Ich verlange die strengste Bestraffung dieser -Obigen und eine Tafel gegen nächtliche Verunreinigung -und ich glaube das auch eine schuzlose -Wittwe disses erreichen kann gegen die wo -sich nicht schähmen, sondern ihre sogenannte Bieldung -in disser weise bezeichen. Ich verlange die -strengste Bestraffung!! Disses möchte ich noch bemerken.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poem"> -<p class="center"> -Laut Unterschrift: Ursula Hirgstettner,<br /> -hochachtungsvoll dahir.<br /> -</p> -</div> -</div> - -<p>Am 26. März kam dieser Brief in geheimer -Magistratssitzung zur Sprache.</p> - -<p>Herr Bürgermeister Dr. Pilzweyer hatte ursprünglich -die Absicht gehegt, und diese Absicht -auch gegenüber dem Magistratssekretär Weigel -kundgetan, die Eingabe der Hirgstettner zu perhorreszieren, -aber eine Notiz im Volksboten brachte -denn doch die Sache in Gang, da man nun befürchten -mußte, daß weitere sehr unangenehme -Preßerörterungen das stille Begräbnis der Anklage -verhindern würden.</p> - -<p>Also ging man daran, die Angelegenheit amtlich, -wenn auch nicht ernstlich, zu behandeln.</p> - -<p>Denn schon die Miene des vorstehenden Sekretärs -verriet die merkwürdige Neigung, diese Herzensnöte -einer Frau als Spaß zu betrachten, und ein -den Vortrag begleitendes Lächeln des Bürgermeisters -schien die Anwesenden aufzufordern, auch -ihrerseits den Humor des Schriftstückes zu erkennen.</p> - -<p>Allein Magistratsrat Mühlberger, ein angesehener -Bäckermeister, konnte trotzdem seinen aufsteigenden -Zorn nicht meistern und sprang sogleich -auf, indem er rief:</p> - -<p>„Dös san ja Insinationa! Hat ma scho so was -g’hört von so an alt’n miserablinga Trankhafa? -Dös san ja Insinationa!“</p> - -<p>„Herr Magistratsrat,“ sagte der Bürgermeister -in verbindlichem Tone, „wir können und wollen -uns über dieses Schriftstück doch wahrhaftig nicht -aufregen — —“</p> - -<p>„Sie Eahna net! Aber i!“ schrie Mühlberger. -„Dös san ganz oafach Insinationa! Und dös -sag’ i!“</p> - -<p>„Wir werden später darauf zurückkommen,“ sagte -immer lächelnd Herr Dr. Pilzweyer. „Aber,“ -fuhr er fort, indes er seinen Kneifer abnahm und -ihn spielend an der Schnur pendeln ließ, „ich -muß nun wohl das tatsächliche Material den -Herrn unterbreiten.“</p> - -<p>„Es handelt sich hier,“ sagte er und lehnte sich -zurück, indes er jedes Wort mit verstandesmäßiger -Betonung aussprach und im Wohlklange seiner -Rede schwelgte, „es handelt sich hier zweifellos -um das Haus Nummer 104<i>a</i>, als welches zu -Eigentum der Witwe des verstorbenen Realitätenbesitzers -Leonhard Hirgstettner im Grundbuche -vorgetragen ist, — und welches sich auf der nördlichen -Seite der ehemaligen Bachleitergasse, jetzt -Prinzregent Luitpoldstraße befindet. Gegenüber -von diesem Hause ist die Gast- und Tafernwirtschaft -zum Schimmel, welche von den Eheleuten -Johann und Maria Leutgschwendtner betrieben -wird.</p> - -<p>Dieses Gasthaus erfreut sich des Besuches gerade -der Honoratioren.“</p> - -<p>„I g’hör aa dazua,“ fiel hier die Baßstimme -des Magistratsrates Haslinger ein.</p> - -<p>„Gerade der Honoratioren,“ fuhr der Bürgermeister -fort, indes ein Lächeln über seine Züge -flog, „und man begegnet dort außer angesehenen -Bürgern“ — er machte eine leichte Verbeugung -nach der Richtung, wo Haslinger und Mühlberger -saßen — „man begegnet dort Offizieren, -Angehörigen des Beamtenkörpers, also Herren, -denen eine Störung der Ordnung, ein Zuwiderhandeln -gegen Sitte und Anstand niemals, ich betone -das, niemals zuzutrauen wäre!“</p> - -<p>„Dös moan i halt aa,“ rief Mühlberger ...</p> - -<p>„... Zuzutrauen wäre. Die streng vertraulich -gepflogenen Recherchen haben ergeben, daß vielleicht -hier und da einer der Herren, dem Zwange -und Drange der Natur folgend, ganz gewiß in -unauffälligster Weise ...“</p> - -<p>„Bitt ums Wort!“ schrie Herr Haslinger.</p> - -<p>„Sogleich! Sie werden das Wort sogleich erhalten, -Herr Magistratsrat ... also in diskretester -Weise jenem Drange vielleicht Folge leistete. Aber -eine Beschuldigung wie diese hier“ — Herr Dr. Pilzweyer -klopfte, nun ernster werdend, auf das Schriftstück -— „eine solche Beschuldigung ist frivol. Ich -stehe nicht an zu sagen, es ist ein starkes Stück -von Frivolität.“</p> - -<p>„An Insination is!“ rief Mühlberger ...</p> - -<p>„Eine haltlose Verdächtigung, und ich erteile -nun, bevor ich einen Antrag stelle, das Wort dem -Herrn Magistratsrat Haslinger.“</p> - -<p>Dieser, von Beruf Brauereibesitzer, ein beleibter -Mann von stattlicher Größe, erhob sich, und da -er gerade geschnupft hatte, zog er ein blaues, geblümtes -Taschentuch von der Größe einer Serviette -aus der Tasche und entfernte von Bart, -Weste und Rock die Tabakreste. Dann begann -er in jovialem Tone zu reden. „Also, meine -Herrn, de Sach’ is eigentli ganz oafach; und i -muaß scho sagn, daß ma über so was überhaupts -red’n muaß, dös g’hört aa zu de Erscheinunga -der Neuzeit. Also i sag ganz oafach, de Beschwerde -von dera ... Beißzanga da ... is eigentli -a Frechheit ersten Grades. Indem daß also -Familienväta und verheirate Männa, und daß -ma ’s scho glei sag’n, lauta Leut, de wo eppas -san und de wo eppas hamm und de wo eppas -vorstell’n — net — lauta richtige Leut — net —- -indem daß diese Leute a so hingestellt wern als -wia Sittlichkeitsverbrecher — net — und von an -solchen alt’n Trankhafa, bei der ma sie do überhaupts -nix mehr denkt ...“</p> - -<p>Der Bürgermeister rührte an der Glocke. „Ich -möchte den Herrn Magistratsrat bitten, im Interesse -einer sachlichen Behandlung ...“</p> - -<p>„Net unterbrecha!“ sagte Haslinger grob. „Sie -hamm dös überhaupts a bissel gern, Herr Bürgermoasta, -und i sag ’s Eahna, daß über dös bereits -Stimmen laut geworden sind.</p> - -<p>„Über diese Unterbrecherei von Eahna. Da kimmt -ma ja aus ’n Thema außi! Also, meine Herrn, -daß i ’s kurz sag, seit i ins Wirtshaus geh, und -aa früherszeit, wia no mei Vata ganga is, und -natürlicherweis mei Großvata grad so, also da -woaß ma’s nia anderst, als daß ma vom Wirtshaus -außa ... no ja ... in Gott’s Nam ... Sie -verstengan mi scho. I möcht überhaupts sag’n, -dös is an alts Recht! Wenn ma so seine vier, -fünf oda sechs Maß Bier trunka hat — no ja -— in Gott’s Nam! De Damenwelt is do um de -Zeit nimma auf da Straß, und so lang unser -Dornstoa steht, hat ma dös net anderst g’wißt. -Jetzt auf oamal kam de Mistamsel, de abscheilige -daher ... Theans mi net unterbrecha, sag i, Herr -Bürgermoasta, — jetzt kam de daher und möcht ins -des alte, guate Herkomma für an Unsittlichkeit histell’n. -Aba i sag bloß dös, solchena Beleidigunga, -solchena neumodische Unverschämtheiten, von dera -grauslinga Beißzanga, diese prallen an unserer -Brust ab!“</p> - -<p>„Brafo! Brafo!“ riefen die Magistratsräte und -patschten auch lebhaft in die Hände, so daß Herr -Haslinger sich dankend noch einmal halb vom -Stuhle erhob und wiederholte. „Sie prallen ab, -sag i, und mehra sag i net ...“</p> - -<p>„Dös Luada mit ihre Insinationa!“ rief Mühlberger, -worauf sich der Herr Bürgermeister räusperte -und also begann:</p> - -<p>„Meine Herren! Nach den bemerkens- und auch -dankenswerten Ausführungen des Herrn Vorredners, -nach diesen von den Tönen eines beleidigten -Ehrgefühles durchzitterten Worten erübrigt -mir jetzt nur ... wie?“</p> - -<p>„Ich bitte ums Wort!“ sagte zum zweiten Male -der Buchbindermeister Kallinger ...</p> - -<p>„Ach so! Pardon! Der Herr Magistratsrat -Kallinger hat das Wort.“</p> - -<p>„Meine Herren!“ sagte dieser, ein Freund feinerer -Bildung, der einige Jahre in Norddeutschland -befindlich gewesen war, ... „meine Herren! Ich -glaube fürwahr mit Recht behaupten zu dürfen, -daß ich einige Erfahrungen besitze in betreff nämlich -der Sitten und Gebräuche fremder Städte ...“</p> - -<p>„Geh, hör auf!“</p> - -<p>„Ich höre <em class="gesperrt">nicht</em> auf, Herr Haslinger, und ich -möchte nur bemerken, bald Sie sich beschweren in -betreff von Unterbrechungen, dann dürfen auch Sie -nicht einen Redner unterbrechen ... ich möchte -also nur dieses sagen, daß ich in fremden Städten -einige Erfahrungen gesammelt habe auch in betreff -dieses Themas, über das ich mich nicht näher ausdrücken -kann und ich behaupte, daß auch in anderen -Städten dieses häufig vorkommt. Dann -möchte ich sagen, daß zum Beispiel während einer -Regenperiode sicherlich kein Grund zur Beschwerde -vorhanden ist, während im Schnee fürwahr zu -viele Spuren zurückbleiben. Ich möchte hierdurch -nur eine bescheidene Anregung geben, ob die betreffenden -Herren nicht doch eine gewisse Rücksicht -auf die Witterungsverhältnisse walten lassen -könnten ...“</p> - -<p>Damit setzte sich Herr Kallinger, und Herr Haslinger -stieß Herrn Mühlberger mit dem Ellenbogen -an, und Herr Mühlberger stieß Herrn Arzböck an, -und es herrschte die allgemeine Ansicht, daß der -Kallinger natürlich wieder seinen Senf habe dazu -geben müssen.</p> - -<p>Aber der Bürgermeister hustete leicht und fuhr -an der alten Stelle fort.</p> - -<p>„Es erübrigt mir jetzt nur die Frage, ob der Magistrat -sich irgendwie offiziell, also beschlußfassend, -mit der Sache beschäftigen soll ...“</p> - -<p>„Nix da! Da werd überhaupts nix mehr g’redt! -Freili! Daß der alte Trankhafa sei Freud hätt!...“</p> - -<p>„Ja, also, ich entnehme den allgemeinen Zurufen, -daß man über die Beschwerde zur Tagesordnung -übergeht ... Herr Kallinger?“</p> - -<p>„Ich möchte nur einen Beschluß darüber vorschlagen, -daß während einer Schnee- oder Kälteperiode -auch nachts keine solche Verrichtung stattfinden -dürfe ...“</p> - -<p>„Wer für den Antrag des Herrn Magistratsrates -Kallinger ist, möge sich erheben!... Niemand? -Also, der Antrag ist mit allen gegen eine -Stimme abgelehnt ... und damit gehen wir zur -Tagesordnung über. Es liegt vor ein Antrag des -Kaufmanns Oberloher ...“</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - - -<p>Das war am 26. März.</p> - -<p>Am 29. des gleichen Monats brachte der „Volksbote“ -einen geharnischten Artikel über „Korruption“:</p> - -<p>„Es ist einem Häuflein Bevorzugter gelungen, -dem Gesetz ein Schnippchen zu schlagen ... usw. ... -bis ... wir erinnern aber an das so wahre Sprüchwort -<i>justitia fundamentum regnorum</i>, welches -denn doch auch in Dornstein einige Geltung haben -dürfte ...“</p> - -<p>(Siehe Beilage 5 im Akt: Beschwerde der Ursula -Hirgstettner usw.)</p> - -<p>Am Abend des 1. April brannte im Hause der -Frau Hirgstettner das Gaslicht nicht mehr. Tagsüber -hatten zwei städtische Arbeiter sich an der -Leitung in der Luitpoldstraße zu schaffen gemacht -und jede Auskunft verweigert. Als nun Frau Offiziant -Koppenwallner, welche in dem Hirgstettnerschen -Hause wohnte, im Gange Licht machen wollte -und immer wieder den Gashahn aufdrehte, blieb es -dessenungeachtet dunkel.</p> - -<p>Obwohl sofort eine Magd zum Leiter der Gasanstalt -geschickt wurde, kam niemand zur Abhilfe. -Auch den 2. und 3. April ließ sich der städtische -Installateur nicht blicken.</p> - -<p>Am 4. April ging Frau Ursula Hirgstettner selbst -im Zustande der höchsten Aufregung, da die Familie -Koppenwallner sofort kündigen wollte, zu -Herrn Gasanstaltsdirektor Pfrombeck und stellte -ihn entrüstet zur Rede.</p> - -<p>„Nur net so hitzig!“ sagte Herr Pfrombeck gelassen. -„Am Gas fehlt’s net, aba wahrscheinli -fehlt’s an der Leitung. Vielleicht hamm S’ dös -letzte Quartal net zahlt?“</p> - -<p>„Dös tat i mir scho verbitt’n! I bin meiner -Lebtag nix schuldi blieb’n ...“</p> - -<p>„Ja no! Na werd’s wo anders fehl’n. Mi -geht dös nix o. De Gasleitung hat da Herr -Magistratsrat Mühlberger unter sich. Da müassen -S’ zu dem geh’ und frag’n.“</p> - -<p>Nun ging der Frau Ursula Hirgstettner allerdings -ein Licht auf, aber als resolute Witwe ging -sie unverzagt in den Kampf um ihr gutes Recht -und in den Laden des Bäckermeisters und Magistratsrates -Mühlberger.</p> - -<p>Sie mußte warten, bis alle Kunden bedient -waren, und stand endlich in dem Hinterzimmer -vor dem finster blickenden Stadtvater.</p> - -<p>„Was woll’n denn Sie?“</p> - -<p>„I? Da tat i no lang frag’n, wenn seit vier -Tag ’s Gas nimmer brennt!“</p> - -<p>„So?“</p> - -<p>„Ja! Zahlt ma desweg’n seine Umlag’n und -Gebühr’n, daß nacha a solchena Schlamperei vorkimmt ...“</p> - -<p>„Sie, thean S’ Eahna a bissel z’ruckhalt’n!“</p> - -<p>„Gar net halt i mi z’ruck, und auf der Stell -muaß i wiss’n, warum daß de Arbeita mei Leitung -abdraht hamm ...“</p> - -<p>„Welchane Arbeita?“</p> - -<p>„Ja, ma hat’s scho g’sehg’n! Für gar so dumm -müaßt’s oan aa net halt’n!“</p> - -<p>„Wenn de Arbeita Eahna Leitung unterbrocha -hamm, nacha hat am Rohr was g’feit. Vastand’n?“</p> - -<p>„So, warum fehlt denn grad bei mir was? Und -bein Schimmiwirt net? Und bei koan Nachbarn -net?“</p> - -<p>„Dös is de Rohr eahna Sach.“</p> - -<p>„I wer scho sehg’n, ob i mir dös g’fall’n lass’n -muaß. I woaß scho, was da für a Spitzbuamg’schicht -dahinta steckt.“</p> - -<p>„Halten S’ Eahna z’ruck, sag i!“</p> - -<p>„Und a Spitzbuamg’schicht is, sag i!“</p> - -<p>„Sie, passen S’ auf, Eahna kennt ma!“</p> - -<p>„Sie kenna mi no lang net, und wenn i net -auf da Stell mei Gas kriag, nacha zoag i Eahna, -mit wem Sie’s z’thoa hamm!“</p> - -<p>„Dös braucht’s net. Eahna kennt ma, sag i. -Sie san eine Frau, de wo Insinationa macht. -Verstengan Sie? Insinationa!“</p> - -<p>„I mach Eahna no ganz was anders, Sie Loawibacha, -Sie ausgschamta!“</p> - -<p>„Jetzt hab i Eahna! Dös is an Amtsbeleidigung!“</p> - -<p>„Mei Gas möcht i!“</p> - -<p>„An Amtsbeleidigung is dös! Verstengan Sie? -Jetzt san Sie g’richtsmaßig!“</p> - -<p>„Gengan S’ aufs G’richt! Auf da Stell geh i -mit und bring mei Sach vor! I will amal sehgn, -ob Sie mir’s Gas abdrahn derfa, weil i Eahna -Sauerei anzoagt hab’ — Sie!“</p> - -<p>„Und jetzt macha S’, daß S’ naus kemma, sunst -gibt’s an Hausfriedensbruch aa no, Sie Trebernfaß, -Sie ordanärs! Sie Mistamsel, Sie gräusliche!“</p> - -<p>„So? So red’n Sie? Aba ...“</p> - -<p>„Außi!“</p> - -<p>Der Befehl war so kategorisch und mit Schub -und Druck begleitet, daß die fassungslose Witwe, -ohne zu wissen wie, vor der Türe und auf der -Straße stand.</p> - -<p>Ihr eiligster Lauf ging in die Redaktion des -Volksboten.</p> - -<hr /> - -<p>Aber der Kämpfer für ihre Rechte, Herr Martin -Irzinger, war nicht wie sonst.</p> - -<p>Er hörte sie nicht an, er unterbrach sie lange, -bevor ihre Klagen zu Ende waren.</p> - -<p>„Dös is alles ganz recht, Frau Hiergstettner, -und i kenn ja de ... i will sag’n, i waaß ja alles, -aba, es thuat mir leid, i ko in dera Sach’ nix -mehr thoa.“</p> - -<p>„Sie san guat. Zerscht hamm’s mi allaweil -aufghetzt, daß i de Eingab’ mach, und Sie hamm -in Eahnern Blattl de G’schicht aufgrührt ...“</p> - -<p>„Ja ... ja ... Dös hoaßt, i hab mi für -Eahna a bissel einseitig ins Zeug g’legt. Einseitig, -verstengan Sie?“</p> - -<p>„Aba Sie hamm do g’sagt ...“</p> - -<p>„I <em class="gesperrt">hab</em> g’sagt, aba jetzt sag i Eahna was anders, -Frau Hiergstettner. Schauen’s, i muaß <em class="gesperrt">von</em> -de Leut’ leb’n, und <em class="gesperrt">Sie</em> müass’n <em class="gesperrt">mit</em> de Leut leb’n. -Wir kinnan den Kriag net weiter führ’n.“</p> - -<p>„Mir geht da Proviant aus. Verstengan S’, -der diri dari — und Eahna geht ’s Liacht aus.“</p> - -<p>„Ja, was soll i denn thoa?“</p> - -<p>„An Fried’n schliaß’n. Es bleibt ins nix anders -net übrig ...“</p> - -<p>Da verließ die Witwe aller Kampfes- und Lebensmut, -und sie fing gottesjämmerlich zu weinen an.</p> - -<p>Es müssen hier einige Tatsachen nachgeholt werden.</p> - -<p>Am 1. April wurde dem „Volksboten“ amtlich -mitgeteilt: 1. daß der Magistrat das bisherige -Abonnement von zwei Exemplaren nicht erneuere, -2. daß der „Volksbote“ künftighin keine amtlichen -Inserate mehr zu gewärtigen habe.</p> - -<p>Noch den gleichen Tag suchte Irzinger den -Bürgermeister auf und bat um Aufklärung.</p> - -<p>„Wundern Sie sich darüber?“ fragte Herr -Dr. Pilzweyer mit Nachdruck. „Konnten Sie etwas -anderes erwarten, nachdem Sie in jeder Nummer -Ihres Blattes ...?“</p> - -<p>„Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...“</p> - -<p>„Oder, ich will sagen, wenn Sie beinahe in jeder -Nummer die angesehensten Männer der Stadt, -ja die Stadtverwaltung selbst, in maßloser Weise -angreifen?“</p> - -<p>„Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...“</p> - -<p>„Jawohl, maßlos, Herr Irzinger! Das Wort ist -keineswegs stark gewählt ...“ Herr Dr. Pilzweyer -spielte hier wieder mit dem Zwicker und lauschte -auf seinen Tonfall. „Sie zweifeln unsere Intaktheit -an, unsere Gerechtigkeitsliebe, Sie sprechen -von einem Panama ...“</p> - -<p>„Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...“</p> - -<p>„Wortwörtlich Panama! Das ist ein schlimmer -Vorwurf, Herr Irzinger! Und ich kann Ihnen nur -sagen, er hat mich persönlich geschmerzt, denn ich -verkenne keineswegs die Bedeutung der Presse ...“</p> - -<p>„Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...“</p> - -<p>„Ich kann aber, und das werden Sie mir zugeben, -ein Blatt nicht unterstützen, welches in unser -Gemeinwesen den Unfrieden trägt, welches das -Ansehen der besten Bürger zu untergraben sucht, -welches die Leitung der Gemeinde verdächtigt, -welches ...“</p> - -<p>„Entschuldinga, Herr Bürgermoasta, und bald -diese Angriffe unterbleiben?“</p> - -<p>„Wenn Sie mir das Versprechen geben ...“</p> - -<p>„Und bald ich den Herren vom Magistrat gewissermaßen -im Volksboten eine Genugtuung gebe?“</p> - -<p>„Dann abonniere ich wieder.“</p> - -<p>„Und de Inserat’?“</p> - -<p>„Bekommen Sie wieder.“</p> - -<p>„Gilt scho!“</p> - -<p>„Ihr Ehrenwort, Herr Irzinger?“</p> - -<p>„Auf Ehr und Seligkeit, sag i. Und bal i amal -was sag’, da gibt’s nix; dös is wia Stahl und -Eis’n ...“</p> - -<p>„Also gut! Sie unterlassen die Angriffe — auch -in dieser etwas komischen Sache ...“</p> - -<p>„A glänzende Ehrerklärung gib i, wenn i ’s -amal sag, Herr Bürgermoasta! A glänzende Genugtuung.“</p> - -<p>„Schön, dann sind wir wieder einig.“</p> - -<p>„Dös glaab i.“</p> - -<p>Die glänzende Ehrenerklärung kam am 5. April, -denn einiger Zeit bedurfte Herr Irzinger denn -doch, um seinen Gesinnungswechsel zu stilisieren. -Er packte die Sache beim richtigen Ende an, indem -er zuerst etwas humoristisch wurde, dann aber -doch die echt altbayrische Standhaftigkeit der -Männer hervorhob, welche auch in einer kleinen -Sache, deren allzu deutliche Beschreibung sich von -selbst verbot, am alten Herkommen festhielten und -durch diese Hartnäckigkeit alle Widerstände besiegten.</p> - -<p>Auch wie Herr Irzinger freimütig bekennen zu -müssen erklärte, den Widerstand der Presse.</p> - -<p>Der im vollsten Sinne des Wortes verlassenen -Witwe blieb nichts anderes übrig, als die Verzeihung -der standhaften Verunreiniger zu erflehen.</p> - -<p>Sie tat es.</p> - -<p>Nicht ganz so leichten Gemütes und nicht ganz -so rasch wie der Redakteur des Volksboten; aber -die Notwendigkeit, Gas zu erhalten, erlaubte auch -kein allzulanges Zögern.</p> - -<p>Mühlberger sträubte sich und verzieh nur unter -bissigen Bemerkungen die Insinuationen der schmähsüchtigen -Frau.</p> - -<p>Aber am 11. April brannten die Gasflammen -wieder.</p> - -<p>Lange nachdem sie in dieser Nacht erloschen -waren, um die Geisterstunde vernahm die Lauschende -wiederum die Ausübung jenes alten Rechtes oder -Herkommens.</p> - -<p>Und sie konnte feststellen, daß die vier Hauptkämpfer -für den alten Brauch samt und sonders -sich betätigten.</p> - -<p>Der Herr Major Stöckelmeier, der Oberamtsrichter -Pollner und die zwei kriegerischen Magistratsräte.</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Anfaenge" id="Anfaenge">Anfänge</a></h2> -</div> - -<p class="chap-start">Da war ich also Rechtsanwalt in dem -kleinen Orte D., und weil ich der erste -war, der sich hierorts auf diese Weise -sein Brot verdienen wollte, konnte ich nicht verlangen, -daß alle Welt von meiner Bedeutung oder -meinen Aussichten überzeugt war.</p> - -<p>Der Schneidermeister, in dessem Hause ich eine -Wohnung gemietet hatte, brachte mir ein stilles, -aber inniges Mißtrauen entgegen, das wiederum -nicht frei war von einem wohlwollenden Mitleid. -Der Vorstand des Amtsgerichtes, dem ich mich sogleich -vorstellte, strich einen langen, grauen Schnurrbart -und heftete seine scharfen Augen auf mich.</p> - -<p>Dann sagte er nur: „So, Sie san der?“</p> - -<p>Es war manches aus den Worten herauszulesen, -nur keine freudige Zustimmung zu meinem Unternehmen.</p> - -<p>Wenn ich über die Straße ging, merkte ich -wohl, daß sich Leute nach mir umdrehten, und -wenn ich auch nicht feinnervig war, merkte ich -doch, daß sie sich frei von allem Respekt über -meine mutmaßliche Zukunft unterhielten.</p> - -<p>Am reichbesetzten Stammtische legten mir alle -diese fest angestellten, besoldeten und pensionsberechtigten -Männer Fragen vor, die ihre Überlegenheit -ebenso wie ihre Zweifel dartaten.</p> - -<p>Das alles entmutigte mich nicht, aber wenn ich -heim kam und durch meine drei kärglich möblierten -Zimmer ging, in denen die Schritte so stark widerhallten, -dann packte mich doch ein Gefühl der Unsicherheit -und der Vereinsamung.</p> - -<p>Ich half mir auf meine Weise. Mit dem alten -Zimmerstutzen meines Vaters schoß ich nach der -Scheibe und vertrieb mir die langweiligsten Stunden.</p> - -<p>Denn wenn ich mich an den Tisch setzte und -etwa zu lesen versuchte, hörte ich mit einem Male -diese Stille um mich, ich horchte auf sie, und sie -klang mir brausend in die Ohren.</p> - -<p>Da fiel mir alles schwer aufs Herz, was einmal -war und nie mehr sein würde, und ein Heimweh -kam über mich nach lieben Menschen, nach -Dingen und Zuständen, von denen ich für immer -hatte Abschied nehmen müssen.</p> - -<p>Das waren Trübseligkeiten, über die mir keine -Arbeit weghalf, weil ich keine hatte.</p> - -<p>Wenn ich die Treppe herunterstieg und in die -Werkstatt meines Schneidermeisters einen Blick -werfen konnte, beneidete ich die blassen, jungen -Leute, die darauflos nähten von Montag bis -Samstag und jeden Feierabend und jeden Feiertag -sich redlich verdienten.</p> - -<p>Das sah anders aus als in meiner leeren Stube, -an deren Wand zwecklos ein kleiner Tisch stand, -auf dem ein Paket frischer Papierbogen lag neben -dem nagelneuen Tintenfasse, den ungebrauchten -Federhaltern und scharfgespitzten Bleistiften. Drei, -vier lange Tage schlichen vorbei, ohne daß jemand -zu mir gekommen wäre.</p> - -<p>Der fragende Blick des Hausherrn wurde eindringlicher, -die Bemerkungen am Stammtische -wurden berechtigter, die Mienen aller mir begegnenden -Spießbürger wurden höhnischer. Wie lange -ich nachts mit offenen Augen im Bette lag und -nun erst recht die brausende, tosende Stille um -mich herum hörte!</p> - -<p>Leute standen vor mir, die mich mit ernsten -Augen anblickten und mir die Aussichtslosigkeit -meines Versuches darlegten, Menschen, die ich -liebte und denen ich auch etwas galt, — gegolten -hatte.</p> - -<p>Denn was war dann, wenn ich hier scheiterte -und allen recht gab, die mir abgeraten hatten?</p> - -<p>Es waren lange Nächte.</p> - -<p>Gegenüber lag eine Schmiede, und vor Tagesanbruch -klangen schon die Hammerschläge.</p> - -<p>Da mußte ich aufstehen, zuschauen und mir -immer wieder sagen, das sei Arbeit, Freude und -Leben.</p> - -<p>Am fünften Tage kroch mir schon die häßlichste -Mutlosigkeit ans Herz.</p> - -<p>Aufstehen und warten, in der Stube herumgehen -und warten.</p> - -<p>Den Zimmerstutzen hatte ich in eine Ecke gestellt.</p> - -<p>Mir war gottsjämmerlich zumut. Mein ganzes -Vermögen von achtzig Mark ging auf die Neige, -und hier mit Schulden beginnen wollte mir doch -als Anfang vom Ende vorkommen.</p> - -<p>Da!</p> - -<p>Nein, es war keine Täuschung, hell und durchdringend -läutet die Glocke an meiner Wohnungstüre.</p> - -<p>Ich eilte hinaus und öffnete.</p> - -<p>Ein hochgewachsener, wohlbeleibter Mann mit -einem mächtigen altbayrischen Knebelbart stand -vor mir, und sein städtischer Anzug war für mich -eine Enttäuschung, weil er so gar nicht wie ein -prozessierender Ökonom aussah.</p> - -<p>Aber vielleicht ein Gutsbesitzer, Pächter oder -Verwalter?</p> - -<p>Das schien mir zweifelhaft. Eher konnte er ein -behäbiger Bürger des Marktes sein, und ja, das -würde wohl stimmen.</p> - -<p>„Hab’ ich die Ehr’, den Herrn Rechtsanwalt ...?“</p> - -<p>„Bitte, kommen Sie nur herein ...“</p> - -<p>Ich mußte so etwas von der einladenden Höflichkeit -eines Friseurs, eines Zahnarztes, des Besitzers -einer schlechtbesuchten Schaubude an mir -haben.</p> - -<p>Der Gast stand hoch und breit in meinem Zimmer -und war sich, wie ich merken konnte, sogleich über -die Situation klar.</p> - -<p>„Aha!“ sagte er, „— m—hm — da is aber a -bissel — —“</p> - -<p>„Wie meinen Sie?“</p> - -<p>„A bissel laar is.“</p> - -<p>„Ich lasse mir meine Möbel erst nachkommen,“ -sagte ich. „In den ersten Tagen mochte ich natürlich -nicht — —“</p> - -<p>„Freili, natürli. Aba wo san denn de Büacha?“</p> - -<p>„Die kommen auch nach.“</p> - -<p>„M—hm — ja — ja — I will Eahna was -sag’n, Herr Dokta. Dös erste, was Sie hamm -müass’n, san Büacha. Es is ja scho weg’n de -Klient’n. Da wenn oana rei kimmt zum Beispiel, -nacha muaß ’s ausschaug’n da herin, als wia ’r -in a alt’n Kanzlei. An dera Wand da drüb’n, -da müass’n lauta Büacha steh’, und da herent, da -müassen S’ a so a Stellaschi mit Papier und -Aktendeckel hamm. Derfen S’ ma ’s glaab’n, i -hab scho mehra junge Herrn o’fanga sehg’n ...“</p> - -<p>„Das kommt alles, aber mit was kann ich Ihnen -dienen?“</p> - -<p>„Mir? Dös wer i Eahna glei sag’n. I bin -nämli der Vertreter von der Buchhandlung Maier -— J. A. Maier & Sohn — Sie kennan ja die -Firma?...“</p> - -<p>Es war wieder eine Enttäuschung, und diesmal -eine ziemlich starke.</p> - -<p>„N ... nein ...“ sagte ich.</p> - -<p>„Dös wundert mi, aba mir lerna uns scho no -bessa kenna,“ antwortete er, und es strömte ein -wirkliches und wohlwollendes Behagen von ihm -aus. „Mir lerna uns no guat kenna. Nämli, -unser Spezialität is ja, daß mir junge Herrn -Rechtsanwält ausstaffiern, und i kann Eahna sag’n, -i hab scho ziemli viel Herrn ausstaffiert. Lesen -S’ no ...“</p> - -<p>Er gab mir eine Karte.</p> - -<p>J. A. Maier — Buchhandlung — Spezialität — -Anlage von Bibliotheken für Herren Notare und -Rechtsanwälte — An- und Verkauf von juristischen -Bibliotheken — Kulante Gewährung von Teilzahlungen -— usw.</p> - -<p>„Sehg’n S’, Herr Dokta, dös is dös, was Sie -brauchan. De Wand da drüben, de muaß ganz -zuadeckt sei mit lauta Büacha. Erschtens — er -streckte den Daumen aus — brauchan Sie wirkliche -juristische Büacha — dös kriag’n ma nacha — -zwoatens — er gab den Zeigefinger dazu — -brauchan Sie Entscheidunga — mir hamm antiquarisch -a paar Sammlunga — drittens — und -jetzt kam der Mittelfinger — drittens, da gibt’s -so Amtsblätter und alte Verordnungsblätter, de -ja koan Wert nimmer hamm, aba de san hübsch -groß, in blaue Pappadeckel ei’bund’n, und macha -an recht’n Krawall, de nehman si großartig aus -in da Kanzlei. De kriag’ns von uns drein, an -achtz’g Bänd für zwölf Markl ...“</p> - -<p>„Das ist alles recht schön, aber ...“</p> - -<p>„Nix aba!“ Er sagte es energisch und jede -Widerrede abschneidend. „Dös is dös, was Sie -brauchan, Herr Dokta. Und jetzt schreib’n mir -amal auf, was Sie für wirkliche Büacha hamm -müass’n. Mit ’n Strafrecht fanga ma ’r o ...“</p> - -<p>Und er fing mit dem Strafrecht an und nannte -im befehlenden Ton alle anderen im besten Ansehen -stehenden Kommentare, schrieb sie mit der -Füllfeder auf, fand immer noch ein Buch und gab -es dazu, und erklärte endlich, daß mir nunmehr -einigermaßen und fürs erste geholfen sei.</p> - -<p>Alle Zahlungsbedenken schnitt er kurz ab, und -erst, als er sein dickes Notizbuch in die Brusttasche -und seine Füllfeder in die Westentasche gesteckt -hatte, gab er den befehlshaberischen Ton auf und -wurde wieder umgänglich.</p> - -<p>„Soo,“ sagte er gemütlich, „jetza hamm ma ’s, -und Notabeni, i mach no mei Gratulation, daß -Sie Eahna hier niederlassen hamm. De Gegend -is guat, de Bauern streit’n gern, g’rafft werd aa -no Gott sei Dank, da hat a junger Rechtsanwalt -a ganz a schön’s Feld der Betätigung, und jetzt -bhüat Eahna Good!“</p> - -<p>Er schied mit einem freundlichen Lächeln von -mir, und seine Worte taten mir wohl. Nur allmählich -wurde mir klar, daß diese Anschaffung -auf Kredit meine Stellung nicht gerade gebessert -und befestigt hatte.</p> - -<p>Ein ereignisloser Tag, der nun folgte, und die -Gewißheit, der ich entschlossen ins Gesicht sehen -mußte, die Gewißheit, daß ich das nächste Mittagessen -würde schuldig bleiben müssen, ließen mir -die Bestellung einer Bibliothek als verbrecherische -Torheit erscheinen.</p> - -<p>Die Schneider nähten, die Schmiede hämmerten, -der Rechtsanwalt schaute zum Fenster hinaus auf -den Marktplatz.</p> - -<p>Vor seinem Bäckerladen stand der dicke Herr -Holdenried und stocherte in den Zähnen herum -und gähnte und spuckte aus, und tat das alles mit -Ruhe, wie sie eine gefestigte Sicherheit gibt.</p> - -<p>Zwei Häuser weiter stand der Seiler Weiß auf -dem Bürgersteig und zeigte ebenso aller Welt, die -es wissen wollte, daß er sich satt gegessen hatte.</p> - -<p>Sie riefen sich etwas zu und lachten, und Herr -Holdenried ging ein paar Schritte hinauf, und -Herr Weiß ging ein paar Schritte herunter, bis -sie beisammen standen und offenbar von den gleichgültigsten -Dingen miteinander redeten. Jeder -stand würdig und breitbeinig und zahlungsfähig -auf dem Pflaster und jeder wußte, daß aus irgendeinem -Fenster, oder aus mehreren Fenstern, neidische -Blicke auf sie geworfen wurden. Und jeder wußte, -daß er wie Vater und Vatersvater den Neid verdiente.</p> - -<p>Ob je einer von diesen niederträchtigen Spießbürgern -Sorgen getragen hatte, oder auch nur -wußte, wie der Gedanke an morgen bleischwer -auf dem Magen liegen konnte?</p> - -<p>Sie bliesen die Luft von sich und waren zufrieden -mit sich und einer mit dem andern, und -dann ging Herr Holdenried ein paar Schritte -hinunter und Herr Weiß ein paar Schritte hinauf, -und sie schloffen durch ihre Haustüren ins Behagen -zurück.</p> - -<hr /> - - -<p>Und es war doch wieder die Glocke! Es war -gewiß und wahrhaftig wieder die Glocke! Ein -kleiner, schmächtiger Mann stand vor der Türe. -An seinen Stiefeln hing zäher Lehm, und ich sah -wohl, daß er auf Feldwegen gegangen war, und -in seinen Blicken lag etwas Unsicheres, Fragendes ...</p> - -<p>„Sind Sie der neue Herr ...“</p> - -<p>„Ja, jawohl, kommen Sie nur herein, bitte!“</p> - -<p>Es klang immer noch wie die Einladung einer -Schießbudenmadam, nur zögernder.</p> - -<p>Und das war also ein Lehrer aus Irzenham, -einem weit entlegenen Orte, der zu einem anderen -Gerichte gehörte, aber der Herr Lehrer war etliche -Stationen weit mit der Bahn gefahren, hier ausgestiegen, -und nun eben, nun war er da.</p> - -<p>Es handelte sich um eine Beleidigung. Eigentlich -um eine ununterbrochene Reihe von Kränkungen, -Beleidigungen und Ehrabschneidungen.</p> - -<p>Man mußte weit zurückgreifen. Es handelte -sich, wenn man es recht sagen wollte, um einen -förmlichen Krieg zwischen Pfarrer und Lehrer, Sie -wissen ja, wie das leider so häufig vorkommt ... -Ob ich es wußte! Und ob ich nicht, was ich -wußte, mit starken Worten sagte, mit Entrüstung, -allgemeiner und gerade auf diesen Fall angewandter -besonderer Entrüstung!</p> - -<p>Wie konnte man einen Mann, der ... und wie -konnte man einen Lehrer, dessen dornenvoller, verantwortungsreicher -Beruf — — und so weiter — -Wie konnte man das?</p> - -<p>Der Pfarrer hatte es gekonnt. Er hatte schon -bald, nachdem der Herr Lehrer nach Irzenham -versetzt worden war, begonnen, die Stellung des -Mannes zu untergraben, ihn zu reizen, ihn zu -verdächtigen, ihn herunterzusetzen —. Man mußte -da weit zurückgreifen und die Irzenhamer Geschichte -der letzten drei, vier Jahre kennen lernen, -um dann wieder hier vorgreifend, dort Rückschlüsse -ziehend, um, auch den schlechten Charakter des neu -gewählten Bürgermeisters so ganz begreifend, zu -verstehen, warum und wieso die letzten Angriffe -auf den Herrn Lehrer, dessen Ehefrau Amalie und -wiederum deren Schwester Karoline von langer -Hand vorbereitet und besonders giftig waren.</p> - -<p>Man mußte weit zurückgreifen, und ob ich es gern tat!</p> - -<p>Ob ich nicht politische Bemerkungen einfließen -ließ und mich voll und ganz auf die Seite der -Lehrer stellte, ganz allgemein aus Gesichtspunkten, -die für jeden anständigen Menschen gelten mußten, -die in jedem vernünftig geleiteten Staat, die in -jeder ordentlich verwalteten Gemeinde überhaupt -nicht in Frage kommen konnten!</p> - -<p>Ob ich sie nicht mit juristischen Bemerkungen spickte!</p> - -<p>Ob ich nicht selber von einer sittlichen Entrüstung -durchbebt war!</p> - -<p>Und ob ich nicht immer wieder betonte und -feierlich versicherte, daß diese seit Jahren auf -Irzenham drückende, schwüle Temperatur bloß -durch das Gewitter einer Gerichtsverhandlung gereinigt -werden könne und müsse!</p> - -<p>Ja, ich hatte wirklich das Gefühl der Erleichterung, -der Befriedigung, als es nun endlich feststand, -daß ich als Kläger gegen den Pfarrer auftreten -würde!</p> - -<p>Es sollte dabei nichts verschwiegen werden?</p> - -<p>Aber gewiß nichts!</p> - -<p>Die Irzenhamer Geschichte der letzten vier Jahre -sollte vor dem Forum der Öffentlichkeit aufgerollt -und unter eine alle Winkel erhellende Beleuchtung -gesetzt werden. Darauf konnte sich der Herr Lehrer -verlassen.</p> - -<p>Darauf konnten sich der Herr Lehrer, seine Ehefrau -und deren Schwester Karoline unbedingt verlassen.</p> - -<p>Die Vollmacht war unterschrieben. „Und ja, -womit kann ich noch dienen?“</p> - -<p>„Ich möchte,“ sagte der ehrenwerte und in allen -seinen Gefühlen heftig verletzte Mann, „ich möchte -natürlich einen Vorschuß erlegen, aber ich habe -leider nicht mehr als fünfzig Mark bei mir ...“</p> - -<p>Er zog einen reizenden, von der liebenden Hand -der Ehefrau gestickten Geldbeutel hervor und nahm -wundervoll klingende Goldstücke daraus ...</p> - -<p>Ich schwieg und sah ihm zu.</p> - -<p>Ich dachte durchaus ernsthaft darüber nach, wie -unsagbar roh man veranlagt sein mußte, wenn -man diese Frau, welche die hübsche Geldbörse vermutlich -zu Weihnachten gestickt hatte, kränken oder -ihrer Schwester Karoline zu nahe treten konnte! -Der Lehrer faßte mein tiefsinniges Schweigen irrtümlich -auf.</p> - -<p>„Ich kann Ihnen ja noch einiges schicken, wenn -das nicht genügt ...“</p> - -<p>„Es genügt,“ sagte ich und ließ meine Gedanken -nicht weiter abschweifen.</p> - -<p>Er zählte das Geld auf den Tisch, ich schrieb -mit scheinbarem Gleichmut eine Quittung, alles -sah geschäftsmäßig und richtig aus, und er wollte -nach höflichem Abschiede gehen.</p> - -<p>Da drängte sich mir eine Frage auf die Lippen.</p> - -<p>„Herr Lehrer, wie kommt das nun eigentlich? -Ich meine, wie kommen Sie von Irzenham hierher -und zu mir?“</p> - -<p>„Hierher? Hm—m ...“</p> - -<p>„Sie haben wahrscheinlich meine Anzeige im -Wochenblatt gelesen?“</p> - -<p>„Nein ... eigentlich nicht ...“</p> - -<p>„Und wieso ...?“</p> - -<p>„Ich wollte nämlich nach München fahren und -dort zu einem Anwalt gehen, aber in der Bahn ... -wissen Sie ... da war ein Herr ... ein gebildeter -Mann, so militärisch hat er ausgesehen ...“</p> - -<p>Der Lehrer zwirbelte mit der Hand einen imaginären -Schnurr- und Knebelbart ...</p> - -<p>„... wie ein alter Soldat und auch in der -Sprechweise ... nicht wahr ... Und ja, wir sind -ins Gespräch gekommen, wie man eben eine Unterhaltung -beginnt, und da erzählte ich dem Herrn -von meinem Prozeß ...“</p> - -<p>„Richtig, dem Herrn erzählten Sie ...“</p> - -<p>„Daß ich nach München fahre, um einen Anwalt -aufzusuchen, und da sagt er zu mir: Was wollen -Sie denn in München? Wissen Sie denn nicht, -daß ein ausgezeichneter Anwalt hier ist? Er -meinte nämlich, hier ...“ Der Lehrer machte eine -Verbeugung.</p> - -<p>„Bitte!“ sagte ich ruhig.</p> - -<p>„Ja, und der Herr erzählte von Ihnen in sehr -schmeichelhafter Weise und er sagte, es sei ein -Glück, wenn sich in der Provinz so gute Anwälte -niederlassen, Sie entschuldigen Herr Doktor, wenn -ich das so wiedererzähle, aber ...“</p> - -<p>„Bitte!“ sagte ich ruhig.</p> - -<p>„Sie müssen schon öfter für den Herrn Prozesse -gewonnen haben?“</p> - -<p>„Möglich“, log ich. „Momentan natürlich kann -ich mich nicht erinnern ...“</p> - -<p>„Ein auffallend großer Mann mit einem militärischen -Bart,“ wiederholte der Lehrer und -zwirbelte einen unsichtbaren, martialischen Bart ...</p> - -<p>„Hm! Ich kann mir ungefähr denken ...“</p> - -<p>„Er war, wenn ich so sagen darf, sehr energisch. -Wie der Zug hier anhielt, und ich ... Sie entschuldigen, -Herr Doktor, weil ich Sie doch nicht -kannte ... und ich wußte noch nicht, ob ich aussteigen -sollte, da hat er mich gewissermaßen hinausgeschoben -und hat mir meinen Mantel und meinen -Regenschirm hinausgereicht, und er sagte immer: -Sie müssen zu dem Anwalt hier gehen. Das ist -der rechte Mann für Sie, und er sagte: Sie -werden mir ewig dankbar sein, denn sehen Sie, -sagte er, in der Großstadt, da hat man nicht das -Interesse und die Zeit, da werden Sie kurz abgefertigt, -sagte er, — und da ist der Zug schon -weggefahren, und ich bin da gestanden. Ja, und -der Herr hat noch zum Fenster herausgesehen und -hat mir gewunken ... hm ... ja ... und da bin -ich eben zu Ihnen gegangen ... und wenn ich so -sagen darf, ich bin eigentlich froh ...“</p> - -<p>„Seien Sie unbesorgt, Herr Lehrer, ich werde -energisch für Ihr Recht eintreten ...“</p> - -<p>„Ja, und wissen Sie, diese Äußerung gegen -meine Schwägerin Karoline, die muß besonders -hervorgehoben werden ...“</p> - -<p>„Sie <em class="gesperrt">wird</em> hervorgehoben,“ sagte ich mit starker -Stimme, „wir wollen einmal sehen, ob der politische -Fanatismus alles und jedes beschmutzen darf, wir -wollen sehen, ob ... kurz und gut, Sie können -beruhigt heimfahren.“</p> - -<p>Die Augen des Lehrers leuchteten auf. Er bot -mir die Hand und schüttelte sie und ging ...</p> - -<p>Ich nahm zu allererst die Goldstücke und ließ -sie klirrend auf den Tisch fallen und wieder in -den hohlen Händen aneinander klingen.</p> - -<p>Ha!</p> - -<p>Ob ich mich an den Mann erinnerte, der einen -so befehlenden Ton hatte, wenn er die Bestellung -einer Bibliothek erzwang oder zaghafte Klienten -zum richtigen Anwalt schickte?</p> - -<p>Es sollte mehr solche Männer geben!</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Werke_von_Ludwig_Thoma" id="Werke_von_Ludwig_Thoma">Werke von Ludwig Thoma</a></h2> -</div> - -<p class="book-title"> -Der Wittiber -</p> -<p class="center"> -Ein Bauernroman. Illustriert von <em class="gesperrt">Ignatius Taschner</em><br /> -15. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Andreas Vöst -</p> -<p class="center"> -Bauernroman<br /> -27. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Altaich -</p> -<p class="center"> -Eine heitere Sommergeschichte<br /> -50. Tausend, Geheftet 6 Mark, gebunden 9 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Lausbubengeschichten -</p> -<p class="center"> -Aus meiner Jugendzeit<br /> -80. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Tante Frieda -</p> -<p class="center"> -Neue Lausbubengeschichten. Illustriert von <em class="gesperrt">Olaf Gulbransson</em><br /> -48. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Kleinstadtgeschichten -</p> -<p class="center"> -50. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten -</p> -<p class="center"> -Illustriert von <em class="gesperrt">Eduard Thöny</em><br /> -50. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Jozef Filsers Briefwexel 2. Buch -</p> -<p class="center"> -Illustriert von <em class="gesperrt">Eduard Thöny</em><br /> -25. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Hochzeit -</p> -<p class="center"> -Eine Bauerngeschichte. Buchschmuck von <em class="gesperrt">B. Paul</em><br /> -19. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 6 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Agricola -</p> -<p class="center"> -Bauerngeschichten. Illustriert von <em class="gesperrt">Hölzel</em> und <em class="gesperrt">Paul</em><br /> -17. Tausend. Geheftet 5 Mark, gebunden 8 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Der heilige Hies -</p> -<p class="center"> -Eine Bauerngeschichte. Illustriert von <em class="gesperrt">Ignatius Taschner</em><br /> -10. Tausend. Gebunden 6 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Das Kälbchen -</p> -<p class="center"> -Novellen<br /> -30. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Assessor Karlchen -</p> -<p class="center"> -Humoresken<br /> -50. Tausend. Gebunden 1.50 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Das Aquarium -</p> -<p class="center"> -Humoresken<br /> -20. Tausend. Gebunden 1.50 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -„Peter Schlemihl“ -</p> -<p class="center"> -Gedichte<br /> -5. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 5.50 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Die Sippe -</p> -<p class="center"> -Ein Schauspiel in drei Aufzügen<br /> -3. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Magdalena -</p> -<p class="center"> -Ein Volksstück in drei Aufzügen<br /> -7. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Moral -</p> -<p class="center"> -Komödie in drei Akten<br /> -15. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Die Medaille -</p> -<p class="center"> -Komödie in einem Akt<br /> -13. Tausend. Geheftet 2 Mark, gebunden 4 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Die Lokalbahn -</p> -<p class="center"> -Komödie in drei Akten<br /> -10. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Erster Klasse -</p> -<p class="center"> -Bauernschwank in einem Akt<br /> -14. Tausend. Geheftet 2 Mark, gebunden 4 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Lottchens Geburtstag -</p> -<p class="center"> -Lustspiel in einem Akt<br /> -7. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Das Säuglingsheim -</p> -<p class="center"> -Burleske in einem Akt<br /> -5. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Der erste August — Christnacht 1914 -</p> -<p class="center"> -Zwei Einakter<br /> -10. Tausend. Geheftet 1 Mark, gebunden 1.50 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Brautschau -</p> -<p class="center"> -drei Einakter<br /> -5. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 5 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Waldfrieden -</p> -<p class="center"> -Lustspiel in einem Akt<br /> -3. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Gelähmte Schwingen -</p> -<p class="center"> -Lustspiel in einem Akt<br /> -3. Tausend. Geheftet 1 Mark, gebunden 2 Mark<br /> -</p> -<p class="book-title"> -Heilige Nacht -</p> -<p class="center"> -Weihnachtslegende. Illustriert von <em class="gesperrt">Wilhelm Schulz</em><br /> -Gebunden 6 Mark<br /> -</p> - - -<p class="publisher spaced"> -Albert Langen / Verlag / München</p> -<p class="center spaced"> -Druck von Hesse & Becker in Leipzig<br /> -Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig<br /> -</p> -<div class="transnote"> -<p class="tn-header">Anmerkungen zur Transkription -</p> -<p> - Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn - verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander - verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden - berichtigt. -</p> -<p class="ebook-only"> - Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hier <em class="gesperrt">fett</em> dargestellt, da manche E-Book-Reader keinen gesperrten Text anzeigen. -</p> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Nachbarsleute, by Ludwig Thoma - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHBARSLEUTE *** - -***** This file should be named 55159-h.htm or 55159-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/1/5/55159/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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