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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 11:56:37 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Carlos und Nicolás - Kinderjahre in Argentinien / Auf dem Meere - -Author: Rudolf Johannes Schmied - -Illustrator: Georg Walter Rößner - -Release Date: July 17, 2017 [EBook #55130] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARLOS UND NICOLÁS *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - - - - Carlos und Nicolás - - - von - Rudolf Johannes Schmied - - Mit vielen ganzseitigen Original-Steindrucken von - Georg Walter Rößner - - - Verlegt bei Erich Reiß, Berlin - - - Copyright 1909 by Erich Reiß, Verlag - - - Spamersche Buchdruckerei in Leipzig - - - - - Inhalt - - - Carlos und Nicolás Kinderjahre in Argentinien - Die Boleadoras 9 - Der Chinese 19 - Das Brüderchen 25 - Die Tigerjagd 29 - Herr Dr. Bürstenfeger 35 - Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger 41 - Die Reise nach Mendoza 50 - Die Stadt Mendoza 54 - In den Kordilleren 60 - Nach Paraguay 70 - Paraguay 77 - Die Revolution 84 - Carlos und Nicolás auf dem Meere - Auf dem großen Meer 97 - In der Bai von Rio 104 - Rio de Janeiro 108 - Nach der Alten Welt 121 - Europa 145 - - - - - Carlos und Nicolás - Kinderjahre in Argentinien - - - Ines Wolff - zugeeignet - - - - - Die Boleadoras - - -Der breite Paraná mit seinen Inseln, eine Schafherde, über der ein -hungriger Geier, nach Lämmern auslugend, kreist, kleine Trupps von Kühen -und Pferden, das große, weiße Herrschaftsgebäude mit den Parkanlagen -unterbrechen die Monotonie der Pampa. - -Carlos und Nicolás saßen in weißen Matrosenanzügen am Stromufer. Sie -waren Brüder. Carlos war sieben Jahre, Nicolás sechs. - -Ihre Ponys, dickbauchige Pampasponys mit kurzen Hälsen und großen -Köpfen, standen einige Schritte von ihnen schweißbedeckt und keuchend an -einer Weide angebunden. - -Die Knaben hatten hinter Straußen gejagt, ohne sie einholen zu können. -Carlos hatte dabei seine Boleadoras verloren. - -»Schenke mir deine Boleadoras[1], und ich tausche mein Pferd mit -deinem«, sagte Carlos. - -Carlos' Pferd war wertvoller. Wenn die Brüder um die Wette rannten, war -es immer um zwei Nasenlängen voraus. Bei raschem Anhalten warf es nicht -den Kopf zurück, daß er mit dem seines Herrn zusammenstieß. Es hatte -nicht die böse Gewohnheit, nach dem Beine zu schnappen, wenn man aufsaß. -Auch wußte es geschickt die gefährlichen, im Grase versteckten Löcher -der Tucatús zu umgehen, die Nicolás schon manchmal zum Stürzen gebracht -hatten. - -Aber trotzdem wollte Nicolás nicht tauschen. Er spielte mit seiner Waffe -und gab keine Antwort. - -»Du kriegst meinen Sattel dazu«, fuhr der Bruder fort. - -[Fußnote 1: Ein aus Lederriemen gedrehtes Seil, an dessen Enden -Eisenkugeln hängen; zum Einfangen von Tieren.] - -»Was hat dir Onkel Paulus alles geschenkt?« fragte Nicolás begierig. - -»Sehr viel«, antwortete Carlos. »Zu meinem Geburtstage schenkte er mir -ein großes Landgut in Paraguay mit zwei Millionen Pferden und einer -Million Kühen. Nächstes Jahr reise ich hin auf meinem Dampfer Pingo; ich -werde hundert Soldaten mitnehmen, um mit den Indianern zu kämpfen, drei -Tigerfelle bringe ich dir mit; ich denke vierzig Indianer zu töten. Mein -Landgut heißt Isla-Verde und liegt links neben dem Fluß. Aber weil du -mir die Boleadoras gegeben hast, schenke ich dir das Landgut.« - -Darauf zeigte er nach der Schafherde, die in einiger Entfernung von -ihnen graste: »Die Schafe gehören mir.« Er zeigte nach einem Baum, der -sich einsam aus der Steppe erhob: »Von jenem Ombú an gehört alles Land -mir, hundert Meilen weit bis nach Chile. Ich schenke es dir.« - -Bei diesen Worten machte er einen Schritt zurück, und ohne auf Dank zu -warten, ging er mit leuchtenden Augen nach seinem Pferde, stieg auf und -ritt hochaufgerichtet, die Kugeln über seinem Haupte schwingend, davon. - -Nicolás blieb liegen und schaute ihm nach. Er dachte, wie edel sein -Bruder sei, aber zugleich auch, was für ein Narr er sei, für ein paar -armselige Boleadoras so viel Reichtum wegzugeben. - -Eine geraume Weile lag er unbeweglich: »Du hast Landgüter, du hast Kühe -und Pferde«, sagte er sich. Er schloß die Augen und ließ im Geiste all -diese Herrlichkeiten an sich vorüberziehen. »Du hast einen Dampfer«, -sagte er, die Augen öffnend, und sah nach dem Fluß hin. - -Gleich würde der Dampfer hinter der Biegung des Stromes verschwinden. -Ganz lautlos glitt er dahin. Man sah die Leute auf dem Verdeck nicht -mehr. - -Dann blickte Nicolás zum Himmel, ob keine Wolken da seien, denn er -wußte, daß Stürme den Schiffen gefährlich sein könnten. Er wünschte, daß -es bald aus Paraguay zurückkehren möchte; er würde hier am Ufer stehen -und mit dem Taschentuch winken. - -Damit erhob er sich. Es litt ihn nicht länger in der tödlichen -Einsamkeit allein mit seinem unendlichen Glück. - -Er wollte zu Juanita, der Tochter des Schafhirten, und ihr erzählen, wie -unermeßlich reich er sei. - - * * * * * - -Nicolás stieg zu Pferd und ritt in kurzem Trabe davon, an dem -Herrschaftsgebäude und dann an dem Galpon vorbei. - -Unweit der Schafherde stand die Hütte von Juanitas Vater, und nicht weit -davon saß sie im Grase und peitschte mit einer Gerte die Halme. - -Sobald Nicolás sie sah, ließ er sein Pferd kurbettieren; er schlug, die -losen Zügel in der Hand, darauf ein und riß es dann gleich wieder -zurück. - -Er liebte Juanita, und er wollte, daß sie ihn in Gefahr sehen solle. - -Sie aber blickte ihn mit leisem Lächeln an. Ihr älterer Bruder Isidor -war Pferdebändiger auf dem Gute von Don Ignacio Rodriguez, und das -erschien ihr weit gefährlicher. - -Nicolás hatte sich ihr inzwischen bis auf wenige Schritte genähert und -begann sein Pony zu beruhigen, indem er ihm freundliche Worte sagte und -auf Hals und Kruppe tätschelte. - -Dann stieg er mit einem meisterhaften Sprung ab und stand dicht bei ihr. - -Er war sehr ernst, beinahe feierlich. - -»Juanita,« begann er, »vorhin ist der Tridente vorbeigefahren, du weißt, -er ist der schnellste Dampfer von allen; ich habe ihn von Carlos -bekommen mit dem Silbergeschirr, mit den Betten und Stühlen und mit der -Maschine. Ich habe mir ein Landgut in Paraguay erworben mit Millionen -von Kühen und Pferden.« Er zeigte nach dem Baume: »Von jenem Ombú an ist -alles Land mein bis nach Chile.« Er zeigte nach der Schafherde: »Und -auch die Schafe hier sind mein.« - -Juanita hatte ihm zugehört, ohne daß eine Miene sich in ihrem Gesichte -veränderte; bei seinen letzten Worten jedoch zuckte sie die Achseln, -rümpfte die Nase und wiegte den Kopf langsam hin und her. - -Eine kleine Pause entstand. - -Endlich sagte sie: »Ich weiß nicht, ob du lügst, wenn du sagst, daß der -Tridente dein ist und alle Landgüter in Paraguay und alles Land hinter -dem Ombú bis nach Chile. Aber du lügst, wenn du sagst, daß die Schafe -dein sind; die Schafe gehören meinem Vater, und wenn mein Vater tot ist, -gehören sie meiner Mutter, und wenn meine Mutter tot ist, gehören sie -meinem Bruder und mir.« - -Nicolás war über diese Worte etwas betroffen, dann aber stieg der Ärger -in ihm auf. - -»Was mein ist,« antwortete er, »hat zuerst Papa und Onkel Paulus gehört. -Papa und Onkel Paulus haben das Recht, zu verschenken, was sie wollen. -Onkel Paulus lügt meinen Bruder nicht an. Er hat ihm das Land und die -Sachen gegeben, er darf es.« - -»Er kann dir alles Land und alle Schiffe verschenken, aber niemals die -Schafe, die gehören meinem Vater.« - -»Meinetwegen,« sagte Nicolás mit einer nachlässigen Gebärde, »die Schafe -sollen deinem Papa gehören, ich würde sie ihm ja sowieso geschenkt -haben. Gefallen mir einmal alle Reichtümer nicht, gebe ich sie her oder -verkaufe sie und gehe nach Europa und kaufe mir die großen Wälder. Weißt -du, was Wälder sind, Juanita?« - -»Nein«, sagte sie. - -»Natürlich kannst du nicht wissen, was Wälder sind, weil es hier keine -gibt. In Buenos Aires und Uruguay sind die großen Städte und die Pampas. -Die Wälder sind in Europa, und das sind viele große Bäume, die -beieinander sind. Man kann tagelang darin reisen, die Bäume ragen -beinahe bis zum Himmel.« - -»Willst du wissen, wie es darin aussieht, beuge dich ins Gras herab und -bleibe eine Weile ruhig. Aber schaue immer zwischen den Halmen hindurch. -Gibst du dir Mühe und denkst du immer an einen Wald, wird es dir so -vorkommen. Das hat mich Onkel Paulus gelehrt.« - -Juanita verharrte eine Weile schweigend. - -Schließlich sagte sie: »Beug' du dich doch zuerst herab, und wenn du -einen Wald siehst, so sage es mir.« - -Sogleich kniete Nicolás nieder. - -Juanita sah ihn eine ganze Weile ernst an, plötzlich aber mußte sie laut -auflachen, denn Nicolás erschien ihr in seiner kauernden Stellung -komisch. - -Er blieb trotzdem noch eine ganze halbe Minute unbeweglich, dann aber -richtete er sich auf und sagte ärgerlich: »Ich begann schon die Wälder -zu sehen, aber durch dein Lachen hast du mir alles verdorben.« - -Nach einigen Sekunden aber war sein Ärger wieder verraucht. - -»Beug' dich herab, Juanita,« beharrte er, »bleibe eine Weile ruhig, -denke immer an die Wälder, und du wirst sie sehen.« - -Sie war unschlüssig; es widerstrebte ihr, etwas zu tun, wozu ihr der -richtige Glaube fehlte und was ihr außerdem etwas lächerlich erschien. - -Aber da sie schließlich doch ein bißchen neugierig war, stand sie auf, -kniete nieder und blieb eine Zeitlang still. - -Doch es wollten sich ihr keine Wälder zeigen. - -Sie richtete sich auf, strich sich über das Kleidchen und sagte: »Ich -sehe nichts.« - -Nicolás ließ resigniert den Kopf sinken. - -Nicht lange jedoch, und er hatte sich von seiner Enttäuschung erholt. - -»In Europa«, hub er an, »ist es schöner als hier, durch die Straßen -fließen Ströme. Schwarze Boote fahren darauf. Der Himmel ist golden und -blau; an allen Häusern sind Balkone und viele Blumen, ich habe es auf -einem Bilde gesehen. In Europa gibt es Könige und nicht Präsidenten, sie -fahren auf goldenen Booten und sind die reichsten Leute der Welt. Wenn -die Präsidenten sehr reich werden wollen, müssen sie stehlen, habe ich -schon oft sagen hören, die Könige brauchen das nicht, denn sie bekommen -alles von selbst. In Europa gibt es Prinzessinnen, die sind tausendmal -schöner als alle Frauen von Buenos Aires und Uruguay, sie haben goldene -Haare und reiten auf weißen Pferden, manchmal tragen sie große Adler, -die man Falken nennt, auf dem Arme. Könige und Prinzessinnen wohnen -zusammen in Palästen, die sind am Meere gebaut, denn in Europa ist das -Meer, und das ist der größte Strom von allen. Auf dem Meere fahren die -größten Schiffe, die es gibt, Kanonen sind darauf, um gegen die -Walfische zu kämpfen. Ich bin ein mächtiger Mann, Juanita, der viel Geld -und Güter hat, und wenn ich groß bin, will ich mich zum Präsidenten von -Buenos Aires machen, und weißt du, Juanita, was ich dann tue? Ich werde -mir ein Meerschiff bauen lassen und werde nach Europa reisen, und als -mächtigen Präsidenten von Buenos Aires müssen mich die Könige auf ihren -goldenen Booten empfangen, und die Prinzessinnen sitzen dabei und -spielen auf goldenen Harfen.« - -Nicolás hielt inne, um zu hören, was sie dazu sagte. - -Aber sie schwieg, und von ihrem Antlitz war gar nichts abzulesen, weder -Unglauben noch Erstaunen. - -Etwas gereizt fuhr er fort: »Wenn ich will, kann ich die Töchter der -Könige heiraten, und ich werde es tun, Juanita, bei allen Königen werde -ich anfragen, nur beim König eines großen Landes, das Paris heißt, -nicht. Gegen diesen werde ich Krieg machen, denn er ist der Mächtigste, -und wenn ich ihn dann mit meinem Schwert erschlagen habe, kann ich, wenn -ich will, mich zum Herrscher seines Landes machen. Sag' mal, Juanita,« -sagte er, seine Stimme erhebend, »möchtest du Königin von Paris werden?« - -Es entstand eine Pause. - -»Ph,« sagte sie, »ich möchte schon.« - -»Gut,« antwortete Nicolás »du mußt mir aber versprechen, wenn du Königin -bist, meine Frau zu werden.« - -»Bin ich einmal Königin, will ich deine Frau sein«, sagte sie und zuckte -die Achseln. - -»Du wirst es, aber da müssen wir uns zuerst verloben, und du mußt mir -einen Kuß geben.« - -»Ich kann mich ja mit dir verloben und dir einen Kuß geben, aber alles, -was du erzählst, ist ja Lüge«, meinte sie, die Nase rümpfend. - -»Wenn du glaubst, daß ich lüge, gehen wir zu José und fragen wir ihn. -José war König von England, früher, als es ihm noch gut ging und er -nicht Knecht zu sein brauchte.« - -»Meinetwegen, gehen wir zu ihm«, sagte sie und lächelte ziemlich -überlegen. - -José, ein geborener Neapolitaner, aber seit langem eingewandert, stand -dicht beim Galpon und wusch den Schecken des Verwalters. Er goß Eimer -auf Eimer über Bauch und Rücken des Pferdes, das bebend auswich; dazu -fluchte er, denn jede Arbeit war ihm verhaßt. Unter den Pferden haßte er -aber den Schecken, seiner heiklen Hautfarbe wegen, und weil er die -schlechte Gewohnheit hatte, sobald er freigelassen war, sich auf der -Erde zu wälzen. - -Nicolás trat mit Juanita an ihn heran und sagte laut und in einem Tone, -der keine Widerrede litt: »Nicht wahr, José, du warst früher König von -England?« - -Zuerst erstaunte José, dann aber antwortete er mit wildhumoristischem -Auflachen: »Natürlich war ich König von England, _corpo di Dio_, war das -eine fröhliche Zeit, damals, als ich noch König von England war!« Bei -diesen Worten gab er dem Schecken einen Fußtritt, als wollte er ihn den -grausamen Umschwung der Dinge vergelten lassen. - -»Siehst du, Juanita«, sagte Nicolás, »José war König von England. Gehen -wir jetzt.« - -Als sie einige Schritte gegangen waren, sagte er: »Jetzt müssen wir uns -verloben« und faßte sie bei der Hand; sie folgte ihm kichernd, und als -sie an die Stelle gelangt waren, von wo sie gekommen waren, küßte er sie -feierlich auf den Mund. - -»Jetzt bist du meine Braut und wirst Königin von Paris«, sagte er. Er -sah sie leuchtend an, tat einen Schritt zurück, wie vorhin sein Bruder, -und stieg zu Pferd. - -Im Galopp, graziös den Oberkörper wiegend, ritt er davon. - -Juanita sah ihm nach, die Rechte schlaff am Leibe; mit der Linken -wischte sie sich die feuchten Spuren ab, die Nicolás weihevoller Kuß -zurückgelassen hatte. - - * * * * * - -Es war Nacht geworden, Carlos war nicht zum Abendessen zurückgekehrt, er -war beim Puestero Eusebio; Gäste waren bei ihm und man hatte ein Lamm -geschlachtet. Carlos hatte es abhäuten und ausweiden helfen. - -Ziemlich spät ritt er heim. Seine Stimmung war etwas gedrückt, außerdem -langweilten ihn bereits die Boleadoras. - -Zu Hause war alles schlafen gegangen. Carlos sattelte sein Pferd ab und -ließ es auf die Weide laufen. Dann ging er, die Boleadoras in der Hand, -in sein und seines Bruders Schlafzimmer. - -Nicolás lag im Bett, aber er schlief noch nicht; es brannte Licht. - -»Wo warst du?« fragte Nicolás. - -»Bei Eusebio.« - -»Freuen dich die Boleadoras?« - -Carlos gab keine Antwort. - -»Was hast du?« - -»Nichts«, sagte Carlos und zog sich mürrisch aus. - -Nicolás fragte nicht weiter. Carlos ging ins Bett und löschte das Licht -aus. - -»Nicolás!« rief er plötzlich. - -»Was?« - -»Bah!« sagte Carlos und drehte sich im Bett um. - -Es herrschte Stille. - -Und nochmals: »Nicolás!« - -»Was willst du denn?« - -Sehr gepreßt kam es aus Carlos heraus: »Ich meinte nur ...« und dann: -... »die Boleadoras sind wieder dein.« - -Die Knaben schwiegen. - -Carlos richtete sich im Bette auf und sagte schmerzlich: »Die Boleadoras -sind dein, denn den Tridente und das Gut in Paraguay und alles Land -hinter dem Ombú bis nach Chile und die Schafe hat mir Onkel Paulus nicht -geschenkt; daher durfte ich sie dir nicht schenken.« - -Wieder herrschte Pause. - -»Also hast du mich angelogen«, tönte es von Nicolás' Bett tief -enttäuscht zurück. - -»Ja, ich habe dich angelogen«, antwortete Carlos etwas erleichtert. - -»Warum hast du mich angelogen?« - -»Weil ich die Boleadoras haben wollte«, kam es zerknirscht zurück. - -Nochmals Pause. - -Nicolás raffte sich auf: »Schwörst du mir, daß du mich angelogen hast?« - -»Ich schwöre es.« - -»Küß' das Kreuz!« - -Carlos machte ein Kreuz mit beiden Zeigefingern und schwor: »_Te juro, -que Dios me castigue._« - -»Hast du wirklich das Kreuz geküßt?« fragte Nicolás mißtrauisch, denn er -konnte es der Dunkelheit wegen nicht sehen. - -»Ja«, sagte Carlos. - -»Schwörst du mir, daß dich sofort der Blitz treffen wird, wenn es nicht -wahr ist?« - -»Ich schwöre es«, antwortete Carlos. - -Daraufhin herrschte vollständiges Schweigen. - -Nicolás lag da, erfüllt von einer nie gekannten, unsagbaren -Trostlosigkeit: Keine Güter! Kein Schiff! Keine Schafe! Nie würde er die -Wälder von Europa kaufen, niemals würde er den König von Paris bekriegen -dürfen und Juanita würde niemals seine Frau. - -Er versank in tiefes Grübeln. - -Vom Bette seines Bruders aber vernahm man ruhige Atemzüge; er schlief -schon lange. - -Was würde Juanita zu allem sagen? Wie sollte er ihr morgen unter die -Augen treten? Er hatte sie angelogen, nie würde sie ihm das verzeihen. - -Und weil er die quälenden Gedanken nicht los werden konnte, zündete er -schließlich Licht an, stand auf, kroch unters Bett und zog eine kleine -grüne Eisenbahn hervor: eine Lokomotive mit drei Waggons. - -Aus der Schublade des Nachttisches holte er einen starken Faden und band -ihn an den Schornstein der Lokomotive. - -Lange stand Nicolás da, barfuß auf den Fliesen, und ließ die Eisenbahn -im Kreise laufen. - -Und das war seine Erlösung. - -Langsam zog tiefer Trost und Friede in seine Seele ein. - - - - - Der Chinese - - -Hinter dem Hause im Hofe hielten Carlos und Nicolás Tiere, Haustiere und -Tiere der Pampa. Oft machten sie Streifzüge und kehrten mit einem Fang -zurück, einem jungen Strauß, einer Kropfeidechse, einem Gürteltier; sie -stellten Fallen im Hof auf und fingen Beutelratten. Aber über die neuen -Tiere vernachlässigten und vergaßen sie die alten. Einmal brachen die -meisten aus. Ein junges Reh hatte oben im Salon übernachtet, eine -Kropfeidechse war ins Bett einer Magd gekrochen. Da wurde Carlos und -Nicolás gedroht, die Tiere müßten fort, wenn sie sich nicht besser um -sie kümmerten. - -Am nächsten Tag waren die Knaben, wie gewöhnlich, hinaus in die Pampa -geritten. Nach einer Stunde scharfen Galopps wandten sie die Ponnys nach -einem Ombú, um Rast zu halten; es war ein sehr heißer Tag, die Pferde -ließen die Köpfe hängen und bewegten die Ohren müde nach den Seiten; die -Sättel lagen beinahe auf ihren Hälsen. Als die Knaben sich dem Baum -näherten, sahen sie dort einen seltsamen, kleinen, dicken Mann auf der -Erde sitzen, den Kopf gegen den Stamm gelehnt. Statt eines Rockes oder -Ponchos trug er einen ganz eigentümlichen Kittel, der ihm bis an die -Kniee reichte; neben ihm lag ein breitrandiger Strohhut und ein rotes -Bündel. Gleich nachher erkannten sie jedoch, daß es kein Mann war, -sondern eine Frau in Männertracht; denn es trug einen langen, dünnen -Zopf. - -»Das ist komisch«, sagte Carlos und lachte. - -»Sehr komisch«, sagte Nicolás und lachte auch. - -Sie ritten ganz nah an den Baum heran: es war keine Frau. - -»Ein Chinese!« sagte Carlos und erbleichte. - -»Ein Chinese!« sagte Nicolás und erbleichte auch. - -Der Kopf, der Kittel und der Hut waren ganz so, wie sie es bei Chinesen -auf Bilderbogen gesehen hatten. - -Der Chinese, der geschlafen hatte, war erwacht und sah die Knaben ohne -merkliches Erstaunen an. - -Sie wollten kehrtmachen und fliehen, denn sie hatten gehört, diese -Menschen seien wild und blutdürstig wie die Indianer des Gran Chaco. -Aber sie ermannten sich zugleich, denn keiner wollte vor dem anderen -feig erscheinen; und dazu blinzelte und lächelte der Chinese so -gemütlich und Vertrauen erweckend, daß Flucht den Knaben doppelte -Feigheit erschien. Vielleicht ist es ein zahmer Chinese, dachten sie. - -»Was schaut ihr mich so an, ihr Büblein?« fragte er endlich. Seine -Stimme klang sanft; sie hatte nichts von einem wilden Indianergeheul. - -»Wir schauen dich nicht an«, sagte Carlos und starrte fortwährend auf -ihn. - -»Seht mir diese Knaben!« Der Chinese lachte und schlug sich auf die -dicken Schenkel; das Gesicht, das er dabei machte, war so komisch, daß -auch Carlos und Nicolás in Lachen ausbrachen. - -»Was hast du in deinem Bündel?« fragte Carlos nach einer Weile. - -»Zwei Hemden und eine Hose; ich bin auf Reisen.« - -»Weite Reisen?« - -»Ich gehe von Gut zu Gut und suche mir eine Stelle als Koch. Meine -Herrschaft hat ihr Gut verkauft und ist ausgezogen; da bin ich auch -ausgezogen. Könnt ihr einen Koch bei euch brauchen, ihr Buben?« - -»Nein«, sagte Carlos. Gleich darauf aber durchzuckte ihn ein Gedanke: -»Wir können dir aber eine andere Stelle verschaffen.« - -»So. Eine andere Stelle? Und die wäre?« - -»Du könntest unsere Tiere pflegen, denn sonst müssen sie fort. Ich will -Mama sagen, daß man dir so viel bezahlt wie einem Koch. Kannst du Tiere -pflegen?« - -»Gewiß; aber was für Tiere sind's, ihr lieben kleinen Knaben?« - -»Verschiedene; wenn du mit uns nach Hause kommst, wirst du sie sehen.« - -Der Chinese war damit einverstanden; die Kinder hielten kurze Rast, -rückten dann die Sättel zurecht, schnallten die Gurte fester und stiegen -zu Pferd. Der Chinese saß bei Nicolás hinten auf. - -»Wie ist denn dein Name?« fragte Carlos; »denn wenn wir jetzt zu Mama -gehen, um dir die Stelle zu verschaffen, müssen wir wissen, wie du -heißt.« - -Der Chinese nannte einen Namen, der sehr seltsam klang. Die Knaben -brachten immer nur Bichuante heraus. - -»Nennt mich nur immerhin Bichuante!« meinte der Chinese. - -Mit stark klopfendem Herzen ritten Carlos und Nicolás in das Gut ein. -Von irgendwoher erschien José, der Knecht, und starrte diesem seltsamen -Aufzug mit offenem Munde nach. Die Knaben ritten bis zur Mitteltür des -Hauses. Carlos sprang ab und rannte hinauf zu seiner Mutter. - -Sie saß im Musikzimmer am Klavier. »Mama,« schrie er, »wir haben einen -Chinesen mitgebracht, aber einen zahmen Chinesen!« - -»Was habt ihr mitgebracht?« Sie unterbrach ihr Spiel. - -»Einen ganz zahmen Chinesen, Mama, der Bichuante heißt.« - -»Was redest du da für Unsinn? Was soll denn der Mann?« - -»Er soll unsere Tiere pflegen, Mama.« - -Carlos faßte seine Mutter am Arm, zog sie ungestüm nach dem Fenster und -zeigte nach unten: »Dort ist er.« - -Wahrhaftig: es war ein Chinese. »Das ist schon euer verrücktester -Einfall!« sagte sie. Aber nachher ward ihnen gestattet, den Chinesen zu -behalten. - -Er trat sofort seinen Dienst an. Ställe mußten ausgebessert und -gründlich gereinigt werden. Er stieg in den Taubenschlag hinauf und -wirtschaftete. Weiß gesprenkelt und mit Federn bedeckt, kam er wieder -herunter. Er grub für das Wasserschwein einen regelrechten Teich; bisher -hatte es sich mit einem Tümpel begnügen müssen, der nach einer halben -Stunde immer wieder ausgetrocknet war. Vor allem war es eine Freude, zu -sehen, wie sanft er mit den Tieren umging. Die Kaninchen schnupperten -ihm durch die Fenster ihrer Kisten entgegen, sobald er sich zeigte; -nicht lange, und die Tauben setzten sich ihm auf die Schultern, das Reh -lief ihm nach. Nicolás glaubte sogar zu sehen, wie das Gürteltier ihn -freundlich anblinzelte. Die Knaben liebten den Chinesen, besonders -Nicolás. - -Von den Dienstboten hielt sich der Bichuante möglichst fern, denn sie -lachten über ihn und spielten ihm auch manchmal einen Schabernack. -Namentlich aber fürchtete er José. Als er einmal an der Küche -vorbeiging, hörte er, wie der Knecht dem Gärtner sagte, er wolle den -Chinesen umbringen (José haßte ihn, weil er fand, daß die Tierpflege -eine zu leichte Arbeit sei). Der Bichuante erbebte, ließ aber nie ein -Wort darüber verlauten. Nur wenn er zu Bett ging (seine Kammer lag neben -der Josés), verriegelte er die Tür, schlief aber trotzdem immer gleich -ein. - -Er kümmerte sich aber gar nicht nur um die Tiere auf dem Hof. Er -striegelte und sattelte die Ponnys, er putzte ihr Zaumzeug; einmal wusch -er sogar den Schecken des Verwalters. Als José das sah, war er gleich -darauf bedacht, ihm nach Kräften von seiner Arbeit aufzubürden, und -seinem Beispiel folgten die anderen Dienstboten. Der Chinese verrichtete -alles, still, ohne zu klagen. - -Manchmal, wenn er sich freimachen konnte, saß er gegen Sonnenuntergang -mit den Knaben auf der Weide im Grase. Ein leichtes Lächeln lag auf -seinen Lippen, er pflückte eine Blume, besah sie aufmerksam und murmelte -leise etwas vor sich hin. Carlos und Nicolás rückten ganz nah an ihn -heran, um zu hören, was er sage. Dann baten sie: »Sprich jetzt mal ganz -laut auf Chinesisch.« Der Bichuante zog die dünnen Augenbrauen in die -Höhe, bewegte den Kopf langsam hin und her und sagte einige Sätze, -worüber die Kinder laut auflachen mußten. - -»So, jetzt sprich wieder die christliche Sprache«, sagte Carlos; denn er -wußte von den Gauchos: alles, was nicht spanisch ist, ist auch nicht -christlich. Dann mußte der Bichuante Purzelbäume schlagen. Das konnte er -wie kein anderer. Nicolás umarmte ihn und gab ihm lautschallende Küsse -auf beide Backen. Aus Dankbarkeit, denn den ganzen Tag hatte er sich auf -diese Purzelbäume gefreut. Und dann saßen sie wieder im Gras -beieinander. - -Der Bichuante stand auf und schlich auf den Zehenspitzen einem -Schmetterling nach; ohne eigentlichen Grund, aus unbegreiflicher Freude. -Der Schmetterling setzte sich auf eine Blume, klappte die Flügel auf und -zu; aber sobald der Bichuante sich genähert hatte, flog er wieder auf -und setzte sich auf eine andere Blume. Der Chinese blieb in behutsamer -Entfernung von ihm stehen und ahmte mit Daumen und Zeigefinger den -Flügelschlag nach, ganz erstaunt, als hätte er nie in seinem Leben einen -Schmetterling auf einer Blume gesehen. - -»Wie merkwürdig ist doch so ein Chinese!« sagte Nicolás zu Carlos. - -Einmal hatte Nicolás, ohne etwas Böses zu denken, den Bichuante am Zopf -gezogen; da hatte ihn der Chinese sehr ernst und traurig angeschaut und -gesagt: »Tu' das ja nie wieder, mein Liebling!« Nicolás erschrak. Auch -freute es den Chinesen nicht, wenn die Kinder den Ponnys Zöpfe flochten, -wie es am Samstagabend geschah, damit die Pferde gewellte Mähnen hätten, -wenn man am Sonntag zu den Wettrennen der Gauchos ritt. Merkwürdig, -dachte Nicolás; er fand manches an dem guten Bichuante merkwürdig ... - -Die Eltern der Knaben waren auf einige Zeit nach Buenos Aires verreist. -Die Kinder blieben unter der Obhut des Verwalters, eines sehr strengen -Franzosen, der selbst einmal ein großes Gut gehabt hatte. Er kümmerte -sich äußerst gewissenhaft um die Wirtschaft und alle fürchteten ihn. Der -Bichuante hatte mehrmals in der Küche mithelfen müssen und da war sein -Kochtalent in vollem Glanz sichtbar geworden. Der Franzose hielt auf -gute Küche. Er entließ ohne weiteres den alten Koch und erhob den -Chinesen auf diesen Posten. Der Bichuante erhielt einen weißen Rock, -eine weiße Schürze und eine weiße Mütze und war mit einem Schlag eine -Respektsperson unter den übrigen Dienstboten. Das war ein Triumph für -Carlos und Nicolás, und ihre Dankbarkeit und Verehrung für den Verwalter -kannte keine Grenzen. - -Sechs Wochen waren vergangen; es war an einem außergewöhnlich heißen -Tage, der Chinese stand in der Küche und bereitete den Teig für die -Nachtischpasteten. Carlos und Nicolás schauten ihm zu. Weil die Hitze -geradezu unerträglich war und der Chinese, seit er seine neue Stelle -bekleidete, viel dicker geworden war, beschloß er, um sich Luft zu -machen, Rock und Hemd abzulegen. Carlos und Nicolás halfen ihm dabei -unter Freudengeschrei. - -»Nie hätte ich geglaubt, daß du einen so dicken Bauch hast«, sagte -Carlos und klopfte ihm auf den Leib. - -Aber ein unendlicher Jubel brach aus, als der Bichuante, um sich ein -Späßlein zu erlauben, zwei Hände voll Teig nahm und, sich ein wenig nach -hinten beugend, ihn auf seinem nackten Leib zu kneten begann. »Bravo!« -riefen die Knaben, umtanzten ihn und schüttelten sich vor Lachen. Und -der Chinese stand da, von Fliegen umsummt, grinste und knetete weiter. -Dann wurde der Teig auf dem Tisch ausgerollt und die Pasteten geformt -und gefüllt. - -»Das ist meine Pastete«, sagte Carlos und machte in die größte ein Loch -mit dem Zeigefinger. »Und die ist meine«, sagte Nicolás und machte ein -Loch in die zweitgrößte. Dann wurden die Pasteten in den Ofen geschoben. - -Einige Stunden später saßen Carlos und Nicolás mit dem Verwalter bei -Tisch. Die Suppe und der Puchero, die Carbonado und der Asado wurden -gebracht; zum Schluß kamen die Pasteten ... - -»Ach,« sagte der Verwalter, »die Pasteten sind heute wirklich ganz -ausgezeichnet!« - -Carlos würgte, denn er hatte den Mund voll und wollte antworten. »Warum -sind sie so gut?« sagte er, mit vollen Backen kauend; »weil der -Bichuante den Teig auf seinem nackten Bauch geknetet hat. So macht man's -in seiner Heimat und dann werden die Pasteten sehr gut.« - -»Was hat er getan?« fragte der Verwalter betroffen. - -»Er hat Rock und Hemd ausgezogen und hat den Teig auf seinem nackten -Bauch gerieben«, sagte Carlos arglos; und er sprang auf, beugte sich -etwas rückwärts und ahmte den Chinesen nach. Der Verwalter gab keine -Antwort ... Er schob seinen Teller weg und drückte auf den Knopf einer -Klingel ... - -Eine Viertelstunde später hingen Carlos und Nicolás weinend am Hals des -Chinesen; der Bichuante mußte fort. Die Knaben wußten: der Verwalter hat -sein letztes Wort gesprochen. - -»Warum hast du das von den Pasteten erzählt, Carlos?« heulte Nicolás. - -»Ich wußte doch nicht ...!« Carlos konnte nicht weiter. Er drückte sein -Gesicht auf den Hals des Chinesen, der ganz naß von Tränen war. - -»Der Bichuante muß jetzt fort ...!« Nicolás' Stimme schnappte über, er -gluckste und hustete. - -»Geh' nicht fort, Bichuante!« heulte Carlos. - -»Weinet nicht, ihr Buben,« sagte der Chinese, der seine Rührung -niederzwang; »weinet nicht, seid Männer!« - -Carlos und Nicolás trockneten sich die Augen und schneuzten sich. Sie -sahen einander an, ein Beben ging über ihre Züge und wieder brachen sie -in Tränen aus. - -Am nächsten Morgen war der Aufbruch. - -Carlos und Nicolás sattelten ihre Ponnys; der Chinese saß bei Nicolás -hinten auf. Man ritt in der Richtung des Ombús; dort wollte man Abschied -nehmen, denn dort hatte man sich einst gefunden. Auf des Chinesen -Gesicht lag ein ruhiges, resigniertes Lächeln. Carlos und Nicolás -weinten leise. Der Bichuante redete ihnen zu: »Ruhig, ruhig, ihr Buben, -seid Männer!« - -Als sie vor dem Ombú angekommen waren, stieg der Chinese vom Pferd. Er -umarmte Carlos und Nicolás; auch sie schlangen ihre Arme um seinen Hals -und küßten ihn auf den Mund. - -Dann, wie auf Verabredung, wandten sie die Pferde (denn sie wollten als -Helden scheiden) und ritten im Galopp, laut heulend, nach dem Gut -zurück. - - - - - Das Brüderchen - - -Am Morgen waren Carlos und Nicolás mit ihren Eltern aus Buenos Aires -zurückgekehrt, es war Nachmittag, sie ritten in der Pampa spazieren. -Carlos hielt im Arm einen kleinen weißen Seidenpintscher, den er vor -vierzehn Tagen geschenkt bekommen hatte. - -Sie kamen bis vor die einsame Hütte des Puesteros Eusebio und sahen sein -sechsjähriges Söhnchen Miguelito, das nahe bei der Schwelle stand und -eine niedrige Holzwiege wiegte, in der ein Säugling lag. Er lag -festeingewickelt, konnte weder Arme noch Beine bewegen und schrie. - -Der Pintscher spitzte die Ohren nach der Wiege und bellte feindselig. - -»Ist das dein Brüderchen?« fragte Carlos ganz erstaunt. - -»Ja!« sagte Miguelito und sah mit leuchtenden Augen nach dem Pintscher. - -»Seit wann hast du dieses Brüderchen?« fragten Carlos und Nicolás -zugleich. - -»Weiß nicht«, antwortete Miguelito. »Vor einigen Wochen brachte mich -abends der Vater zu Don Ignacio, und als ich am Morgen wieder hier war, -war das Brüderchen da.« - -Nicolás ritt ganz nahe an die Wiege heran, um sich das Kind genau zu -betrachten. - -Miguelito blickte unverwandt den Pintscher an und fragte: »Seit wann -habt ihr dieses Hündchen?« - -»Ich habe es von Papa geschenkt bekommen«, antwortete Carlos. - -»Wie heißt dein Brüderchen?« fragte er nach einer Weile. - -»Pepito.« - -Was ist das für ein schönes Brüderchen! sagte sich Carlos, und es -entstand ein Gedanke in ihm, den er aber kaum auszudenken wagte. - -Doch er ließ ihm keine Ruhe und zaghaft fragte er: »Gefällt dir mein -Hündchen?« - -»Ja!« sagte Miguelito und war ganz verklärt. - -»Er heißt Blanco«, antwortete Carlos, »und wenn du seine Wolle berührst, -ist sie wie Seide. Da, fühle doch!« - -Und er beugte sich herab und hielt ihm das Hündchen hin: »Ist das nicht -schön?« - -»Sehr schön!« erwiderte Miguelito. - -Carlos stieg behend vom Pferd und sagte: »Jetzt werde ich dir was -zeigen.« - -Er bückte sich, streckte den Arm aus und rief: »Hops!« - -Blanco sprang über seinen Arm. - -»Hops!« rief Carlos, und Blanco sprang zurück. - -Miguelito klatschte selig in die Hände. - -»Und jetzt, Blanco, aufwarten!« befahl Carlos. - -Blanco setzte sich auf die Hinterbeine, bewegte die Pfoten und Miguelito -jubelte. - -»Wenn du mir dein Brüderchen gibst, gebe ich dir mein Hündchen!« sagte -Carlos. - -Miguelito war einige Sekunden unschlüssig, dann aber siegte die -Versuchung, er ging nach der Wiege und bat Carlos, ihm zu helfen, das -Kind herauszuheben. - -Darauf bestieg Carlos sein Ponny, und Miguelito und Nicolás reichten ihm -Pepito hinauf. - -Carlos und Nicolás aber machten, daß sie schnell fortkamen, denn sie -fürchteten, den andern würde der Tausch bald reuen. - -Carlos hielt das Kind vor sich auf dem Sattel wie ein Bündel, sie ritten -im Trab, mußten aber gleich halten, denn es wäre beinahe -heruntergefallen. - -Sie ritten im Schritt weiter und nach einiger Zeit wollte Nicolás es -tragen. - -Wieder hielten sie an und Carlos reichte es ihm hinüber, was nicht ohne -Lebensgefahr war für den kleinen Pepito. - -Nach zehn Minuten beschlossen sie abzusteigen, denn er war nicht leicht -zu tragen, außerdem schrie er immerfort aus Leibeskräften. - -Carlos sprang vom Pferd, nahm seinem Bruder das Kind ab und legte es -sacht auf die Erde. - -Darauf pflückten sie zusammen Gräser, machten daraus ein weiches Bett -und legten es hinein. So würde es sich beruhigen. - -Und wirklich, es dauerte nicht lange und das Kind war eingeschlafen. - -Nicolás kniete neben ihm und betrachtete es voller Andacht, er beugte -sich ganz nahe herab, um seinen Atem zu hören. - -»Kann man wohl die Stelle sehen, wo ihn der Storch gehalten hat?« fragte -er Carlos. - -»Niemals!« antwortete Carlos, »denn da müßte er ihm ja wehe getan haben! -Außerdem ist es gar nicht gesagt, daß ihn der Storch gebracht hat. -Zenobia hat ihr Baby in einem Eimer gefunden, als sie aus der Zisterne -Wasser schöpfte.« - -»Aber da hat doch alles gelacht in der Küche, wie sie das erzählte«, -erwiderte Nicolás. - -»Vielleicht hat sie gelogen«, meinte nachdenklich Carlos. »Aber das weiß -ich, man findet ganz sicher die Kinder in den Lagunen, und die bringen -dann gewöhnlich die Störche. Auch sind sie manchmal in Straußeneiern, -und man muß die Eier dann zerschlagen.« - -Die Knaben schwiegen, Nicolás kaute an einem Grashalm; schließlich -fragte er: »Sag mal, Carlos, glaubst du, daß wir vielleicht auch ein -Brüderchen finden könnten, wenn wir in der Lagune suchten, oder wir -zerschlügen Straußeneier; denn weißt du, Carlos, ich habe vorhin -nachgedacht, so ganz ist doch nicht Pepito unser Brüderchen, wie ich -dein Bruder bin, und du mein Bruder bist, Miguelito hat ihn doch für den -Blanco vertauscht.« - -Carlos hatte darüber nicht nachgedacht, aber was ihm sein Bruder eben -sagte, leuchtete ihm ein. - -»Weißt du was«, sagte er, »reiten wir nach der Lagune und suchen wir -- -wenn wir nichts finden, suchen wir Straußeneier!« - -Nicolás war einverstanden, sie stiegen auf ihre Ponnys und ließen den -schlafenden Pepito so lange allein. - -Die Lagune war nicht weit; als sie angesprengt kamen, entstand eine -Bewegung. Die Kibitze schrieen, die Enten erhoben sich schnatternd, ein -paar Störche schlugen mit den Flügeln und klapperten zu den Knaben -hinüber. Ein einsamer Reiher nur suchte unbekümmert weiter nach -Fröschen. - -Carlos sagte zu seinem Bruder: »Höre mal, Nicolás, ich werde in der -Lagune suchen und du wirst Straußeneier suchen, so stört keiner den -andern!« - -Sie stiegen ab, Carlos zog Schuhe und Strümpfe aus und watete im Wasser. - -Nach einer Weile rief Nicolás hinüber: »Hast du was gefunden, Carlos?« - -Carlos antwortete nicht, er starrte krampfhaft nach dem Grunde, er -glaubte, ein kleines Kind zu sehen. - -Lange suchten sie, aber sie fanden kein Brüderchen. - -Nicolás stand vor zwei zerschlagenen Straußeneiern, von plötzlicher -Melancholie befallen. - -»Wir haben kein Glück«, sagte Carlos sehr niedergeschlagen, und sie -kehrten zu Pepito zurück. - -Er schlief nicht mehr, er lag da mit großen offenen Augen, den Blick -ernst staunend zum Himmel gerichtet, und um ihn herum weideten Strauße, -Hirsche, Rinder und Pferde. - -Carlos und Nicolás hoben ihn auf und ritten zum Puestero zurück. - -Sie hatten beschlossen, es Miguelito wieder zurückzubringen, weil es -doch sein Brüderchen war. - -Miguelito kauerte vor der Hütte, der Tausch hatte begonnen, ihn zu -reuen, auch hatte ihn Blanco in den Finger gebissen. - -Er nahm Pepito in Empfang, Carlos hielt wieder seinen Hund im Arm ... - -Kurz nachher kehrten der Vater und die Mutter zurück ... - -Die Sonne ging unter, die Herden trieben heim nach ihren Hürden, unter -dem Ombú vor der Hütte saß der Gaucho Gonzales und sang laut ein -melancholisches Steppenlied. - -Carlos und Nicolás schauten der Mutter zu, wie sie ihr Kind säugte. - - - - - Die Tigerjagd - - -Der Paraná war weit aus seinen Ufern getreten; die Überschwemmung nahm -zu, bald war das Land bis dicht an die Parkanlagen unter Wasser. Wipfel -von Weidenbäumen bezeichneten die Stelle, wo früher das Ufer gewesen war -... - -Im Norden von Argentinien hatten große Regengüsse stattgefunden, auf -schwimmenden Inseln war Getier aller Art heruntergeschwemmt worden, und -nun wimmelte es hier von einer unbekannten Fauna, von seltsamen Wat- und -Schwimmvögeln, Amphibien und Säugetieren. - -Eines Nachts vernahm man, nicht sehr weit vom Hause, in der Richtung des -Stromes, das Brüllen eines Jaguars. Durch die Herden ging eine Bewegung, -trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren -Umzäunungen erbebten; viele, die gelegen hatten, erhoben sich, machten -mit vibrierenden Nüstern ein paar Schritte und blieben dann schnaufend -und den Kopf emporgereckt stehen. - -Zenobia, die Mulattin, spazierte mit ihrem Liebsten, dem Stallknecht -Ramon, in einiger Entfernung vom Hause. Auch sie blieben stehen und -horchten entsetzt auf. - -In der Küche, wo noch ein Teil der Dienstboten versammelt war, reckte -man die Hälse, der Papagei, der nicht schlafen konnte, weil es hell war, -schrie »Caramba!« - -Auch Carlos und Nicolás hatten das Brüllen gehört. Sie befanden sich -oben in ihrem Zimmer und waren eben zu Bett gegangen. Nie in ihrem Leben -hatten sie einen Jaguar brüllen hören, aber sie wußten gleich, was es -war. - -»Ein Tiger!« rief Carlos und schnellte auf. - -Auch Nicolás hatte sich erhoben. - -»Was sagst du dazu, jetzt gibt's auch Tiger hier!« sagte Carlos. - -Nicolás antwortete nichts vor lauter Ergriffenheit. - -Nun schwieg auch Carlos und beide lauschten, ob er nicht zum zweitenmal -brüllen würde. - -Richtig, da brüllte er wieder. - -Sie standen auf, traten ans Fenster und spähten, ob sie ihn vielleicht -irgendwo sehen könnten, denn der Mond schien; aber es war zwecklos, er -lag auf einer der nahen Inseln im Schilfe verborgen. - -Carlos und Nicolás warteten, ob er sich nicht zum drittenmal hören -ließe. Doch es blieb still. - -Schräg vor ihnen am Himmel fiel langsam, einen langen Lichtstreifen -hinter sich ziehend, ein Meteor zur Erde. - -Carlos ergriff Nicolás Hand und die Knaben starrten in der Richtung. - -»Hast du dir was gewünscht?« fragte Carlos mit unterdrückter Stimme. - -»Daß wir den Tiger erlegen!« antwortete der jüngere Bruder. - -»Das gleiche habe ich mir von ganzer Seele gewünscht!« antwortete der -andere. Dann schwiegen sie wieder. - -Endlich sagte Carlos: »Sieh, Nicolás, nun kann es nicht fehlen, wir -werden den Tiger schießen. Morgen gehen wir zum Capataz und er muß uns -seine Flinte leihen, und wenn ich acht Jahre alt bin, muß Papa mir eine -kaufen.« - -Sie blieben noch lange am Fenster, da sie viel zu aufgeregt waren, jetzt -schon schlafen zu gehen. Dann aber lag Carlos noch lange wach im Bett -auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und dachte an den -Tiger ... - -In der Frühe, wie sie aufstanden, war es bereits allgemein bekannt, daß -sich in der Nähe ein Jaguar aufhielt. - -Die Knaben gingen sofort zum Capataz, und Carlos sagte mit einer Miene, -als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Tiger gejagt: -»Leihe uns deine Flinte, wir fahren nach den Inseln und wollen den Tiger -töten!« - -Der Capataz brach in Lachen aus: »Ich werde euch Flinte geben!« und -machte eine Handbewegung durch die Luft. - -Sie gingen mit ihrem Gesuch zu anderen Leuten, die ein Gewehr hatten, -wurden aber überall gleich höhnisch abgewiesen. - -Nachmittags hörten sie, der Capataz und viele andere seien nach den -Inseln gefahren, um den Jaguar zu töten. Abends aber kehrten sie -unverrichteter Sache zurück. - -Und es war ein Trost für die Knaben. - -Nachts hörte man wieder den Jaguar brüllen. Aber am Morgen ganz in der -Frühe weckte Carlos seinen Bruder: »Weißt du was, reiten wir zu Benito, -er wird uns sicher sein Gewehr leihen.« - -Benito war Capataz auf dem Nachbargut und ein guter Freund von ihnen. - -Es waren jedoch sechs Meilen bis zu ihm und mittags wollten sie wieder -zurück sein. - -In gestrecktem Galopp, mit kurzen Unterbrechungen, ritten sie die Hälfte -des Weges, ließen die Pferde ausschnaufen und machten dann gleich -schnell die zweite Hälfte. - -Benito war mit einigen Knechten draußen bei den Herden, beschäftigt, -neugekauften Rindern die Marke aufzudrücken. - -Auf Feuern, die in Abständen brannten, glühten die Eisen. - -Die Tiere wurden mit dem Lasso gefangen, zu Boden geworfen und dann -brannte man ihnen die Namenszeichen des neuen Besitzers auf die Seite. - -»Leih uns dein Gewehr!« rief Carlos, im Galopp auf Benito zureitend, der -neben einem niedergestreckten Stier stand. - -Carlos sprang vom Pferd und umarmte seinen Freund: »Gib es uns, wir -wollen einen Tiger schießen!« - -»Tiger?« lachte der Capataz, denn er wußte nicht, daß ein Jaguar -heruntergeschwemmt worden war, »die gibt es nur im Norden in Chaco!« und -war nicht zu bewegen, ihnen das Gewehr zu leihen. - -Nachts stand Carlos in seinem Zimmer im Hemd am Fenster und brütete: am -Ende existiert der Tiger nicht mehr? Vielleicht hat man ihn heute -geschossen?! - -Nicolás lag im Bett, hatte bereits begonnen, sich in das Unvermeidliche -zu fügen und sprach zu seinem Bruder: »Nimm es nicht so schwer; wenn wir -groß sind, gehen wir nach dem Gran Chaco und töten viele Tiger.« - -Das war aber kein Trost für Carlos. Nicolás war eingeschlafen; Carlos -lag am Fenster und brütete. - -Plötzlich ergriff er seinen Bruder am Arm und rüttelte ihn: - -»Hast du gehört?! Er lebt, da brüllt er wieder!« - -Das Brüllen kam von ganz fern, das viele Schießen hatte den Jaguar -vertrieben. - -»Da brüllt er wieder!« murmelte Nicolás schlaftrunken und schlief wieder -ein. - -Aber Carlos hielt es nicht länger im Zimmer aus. »Ich kann nicht -schlafen, ich reite aus«, sagte er sich, die Tränen, die ihm in die -Augen stiegen, hinunterwürgend, »und wenn mich auch der Tiger -verschlingt.« - -Er zog sich an, nahm den Sattel mit und ging nach der Umzäunung, wo die -Pferde waren. - -Sein Ponny schlief stehend mit etwas gesenktem Kopfe; als Carlos sich -näherte, erwachte es und machte eine Bewegung nach der Seite, Carlos -ergriff es bei der Mähne, das Tier erbebte, Carlos warf ihm die Zügel um -den Hals und das Pferd ergab sich in sein Schicksal. - -Ein paar Minuten später sprengte er in die Pampa hinein, bis das -Herrschaftsgebäude und die Parkanlagen in der Nacht verschwanden. - -Er warf sein Pferd nach rechts und sprengte in der Richtung des Paraná, -an einer Straußenhenne, die mit ihren Kücken floh, vorbei und an zwei -jungen schlafenden Stieren, die, sich aufrichtend, ihm feindselig -nachstarrten. - -Am Flusse angekommen, stieg Carlos vom Pferde, koppelte dessen beide -Vorderbeine fest und zog sich aus. Er wollte baden. - -Der Mond stand ziemlich hoch am Himmel, in der Ferne schwamm undeutlich -ein langer, schwarzer Streifen, es waren die Parkanlagen ... - -Der Ritt, das laue Flußwasser hatten Carlos beruhigt. - -Er legte sich nahe am Ufer in den Schlamm, der sich wie eine weiche -Decke an seine Glieder schmiegte, steckte Mund und Nase zum Wasser -heraus und sagte sich, er läge zu Hause in seinem Bett. - -Dann spazierte er nach der Mitte des Stromes zu, eine gute Strecke weit, -bis das Wasser sein Kinn berührte. Dann schwamm er. Einmal tauchte er -nach dem Grund unter, öffnete plötzlich die Augen und es war ganz -seltsam hell um ihn, weil der Mond hinein schien. - -Seine Glieder leuchteten, es ward ihm unheimlich. Vom nahen Grunde löste -sich schnappend ein seltsames Ungetüm, irgend ein großer, unbekannter -Fisch. Ein Grausen packte ihn, er schloß krampfhaft die Augen, arbeitete -sich nach oben und schwamm zurück, mit einem Mal erfüllt von einem -Gefühl furchtbarster Verlassenheit. - -Am Ufer angelangt, schlüpfte er, naß, wie er war, in seine Kleider und -ritt in gestreckter Karriere zum Gut zurück ... - -Es war am Morgen. Carlos war soeben erwacht und sein erster Gedanke war -der Tiger. - -Da hörte er vor seinem Fenster unten Stimmen. Der Franzose Dupont, der -auf einem nahen Gut, das aber vom Fluß entfernt war, auf Besuch und ein -Freund des hiesigen Verwalters war, sprach zum Gaucho Gonzales: »Ich -kann mich verlassen, die Kanoe ist gut?« und sah auf den Eimer, den -dieser in der Hand hielt. - -»Sie ist gut«, antwortete trocken Gonzales. - -»Also auf! wir werden ihn schon noch aufstöbern!« rief Dupont. - -Mit zwei Sprüngen war Carlos am Fenster; er wußte, um was es sich -handelte. - -»Dupont!« schrie er, »nimm uns mit, ich bitte, nimm uns mit. Wir wollen -ja nicht schießen; wir wollen nur dabei sein, wenn du den Tiger tötest!« - -Dupont blickte etwas überrascht hinauf. Er stand auf sein Gewehr -gestützt, in Poncho und Chiripá, wie ein Gaucho. - -Nicht ohne Feierlichkeit erwiderte er: »Euch kleine Bengels, euch soll -ich auf eine Jagd mitnehmen, auf der man sein Leben riskiert?!« - -Pause. - -»Aber ihr gefallt mir, ihr seid beherzt. Ich, Dupont, auf meine -Verantwortung hin ... ich nehme euch mit!« - -Carlos stieß einen Freudenschrei aus, daß Nicolás erwachte. - -»Warte vier Minuten noch!« rief er, »wir ziehen uns an, ohne uns zu -waschen!« - -Die Knaben stürzten in ihre Kleider und standen knappe vier Minuten -später in ihren Matrosenanzügen und mit ungekämmten Köpfen bereit zur -Tigerjagd. - -»_Mes braves garçons_,« entschlüpfte es Dupont auf französisch, »ihr -dürft abwechselnd, bis wir zur Kanoe kommen, mein Gewehr tragen, weil -ihr so tapfere Bengels seid.« - -Stolz umklammerte Carlos das »Remington«, doppelt stolz, weil er -glaubte, es sei geladen, wie Dupont versicherte. - -»Ist die Kanoe auch wirklich gut?« fragte der Franzose mit einem -mißtrauischen Blick auf den Eimer. - -»Gut genug«, sagte verächtlich der Gaucho. - -Als man am Flusse ankam, sah Dupont zu seinem nicht geringen Schrecken, -daß die Kanoe bis beinahe zur Hälfte mit Wasser angefüllt war. Kröten -schwammen darin herum, an den Wänden klebten Laubfrösche. - -Ohne eine Miene zu verziehen, begann Gonzales mit seinem Eimer das -Wasser herauszuschöpfen, wobei es sich herausstellte, daß unten ein -nicht unbeträchtliches Loch war. - -Dupont zögerte, in das Boot zu treten, Gonzales aber meinte, es mache -nichts. - -Und so stieß man denn ab. - -Zuerst wurde das Ufer abgesucht. Der Franzose stand in der Mitte der -Kanoe, das Gewehr im Anschlag und spähte umher. Die Kanoe füllte sich -mit Wasser; Gonzales war fortwährend mit dem Eimer beschäftigt. - -Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine emporgezogen. Ihre -Gesichter glühten vor Erwartung. - -»Endlich,« sagte Carlos, »endlich werden wir den Tiger erschießen!« - -Plötzlich schnellte er auf, daß der Kahn beinahe umgekippt wäre, -klammerte sich bebend an Dupont und zeigte krampfhaft nach dem Ufer: -»Der Tiger ... schieß, Dupont!« - -Dupont, in maßloser Aufregung, feuerte ab. - -Der Rauch verzog sich, es war kein Tiger. - -»... die Blätter ... das Gras, und ich sah was Braunes und Gelbes, -wahrhaftig, ich glaubte ...« stammelte Carlos. - -Dupont sagte nichts, er sah ihn an. Er schämte sich vor Gonzales, von -dem er wußte, daß er ihn verachtete. - -Das Absuchen des Ufers blieb erfolglos; man fuhr nach den Inseln unter -allgemeiner Besorgnis, das Boot würde nicht standhalten. - -Die erste Insel wurde nach allen Richtungen durchstreift, jedoch ohne -Ergebnis. - -»Ich fürchte, wir schießen den Tiger nicht,« sagte Carlos leise zu -Nicolás, worauf Nicolás erwiderte: »Sei ruhig, wir werden ihn schießen, -erinnerst du dich nicht an den Meteor?« - -Man landete auf der zweiten Insel. Vorn ging der Franzose, hinter ihm -Carlos, dann Nicolás, und es folgte Gonzales, alle drei tief gebückt, -wie es Dupont befohlen hatte. - -Einmal rührte sich etwas im Schilf, Dupont schoß ab, und von der -entgegengesetzten Seite, von der Mitte der Insel zu, erhoben sich -schreiend Wildgänse und strichen gen Norden. - -Die Expedition auf der dritten Insel blieb gleichfalls erfolglos, und es -war inzwischen Mittag geworden, und die Hitze war kaum zu ertragen. - -Nachdem man auf Anraten von Gonzales die Kanoe ans Land gezogen hatte -und das Loch im Boden, so gut es ging, mit Gras und Schilf verstopft -hatte, fuhr man, um sich etwas auszuruhen und einen kleinen Imbiß zu -nehmen, zum Italiener Barruchi, der weiter oben auf dem Festlande, nicht -weit vom Ufer, seine Hütte hatte. - -Als sie da ankamen, saß der Italiener auf einem Holzklotz und kaute -Tabak; vor ihm auf der Erde lag der Jaguar, den er heute erlegt hatte -... - -Carlos und Nicolás waren starr, Dupont entsetzt, der Italiener lächelte -mit selbstverständlicher Miene, Gonzales lachte stumm in sich hinein ... - -Eine Stunde später aber trieb etwas, anzuschauen wie eine trübselige -Jagdmaskerade, den Strom herab: die Kanoe mit dem Franzosen Dupont, -Carlos und Nicolás und Gonzales. - -Mitten im Boot stand Dupont in seinem Gauchokostüm mit Poncho und -Chiripá, auf seine Flinte gestützt, die Füße im Wasser. Um seine Lippen -war ein melancholischer Zug. Das Boot war mit Reihern und Störchen und -anderen Vögeln bis zum Rand gefüllt, die er aus Wut und Verzweiflung -geschossen hatte. Auch ein Wasserhuhn war dabei, halb zerfleischt von -der Remingtonkugel. Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine -eingezogen. - -Vor ihnen Gonzales, abwechselnd rudernd und Wasser schöpfend. - -Lange hörte man nicht mehr das Brüllen eines Jaguars in der Gegend. - - - - - Herr Dr. Bürstenfeger - - -Im Herbst war man in Buenos Aires. - -Es war Nachmittag, die Knaben befanden sich hinten im Stall und -stifteten Unruhe und Verwirrung unter den Pferden, zur unverhohlenen Wut -Josés, des Knechtes. - -Als sie dann genug hatten, zogen sie einen Hammel, den sie vom Landgut -mitgebracht hatten, aus seinem Verschlage und banden ihn an einen -Karren. Carlos stieg auf, sein Bruder stand daneben und kniff den Hammel -in die Schwanzwurzel, damit er ziehen sollte. Das Tier drückte den -Schwanz ein, machte einen jähen Satz, und der Wagen warf um. - -Darauf hielt ihm Nicolás ein Büschel Weinblätter dicht vors Maul, und -nun lief der Hammel hinter ihm her; Carlos saß oben auf dem Karren und -jauchzte. - -Da ertönte laut von der Terrasse die Stimme des Kindermädchens, der -Mulattin Zenobia: »Kommt den Lehrer abholen!« - -»Der Lehrer!« murmelte Nicolás entsetzt und blieb stehen. - -Seit geraumer Zeit lag ihnen Herr Dr. Bürstenfeger, der künftige -Hauslehrer, beständig im Sinn. - -Vor einem Monat hatte er sich in Bremen aufs Schiff gesetzt, und acht -Tage darauf schon sagte der Papa: »Heute ist Herr Dr. Bürstenfeger in -Lissabon angekommen, ich habe es auf der Agentur erfahren.« - -Man saß gerade bei Tische, der Diener, der auftrug, ein frecher -Galicier, grinste schadenfroh. - -Und wieder nach ungefähr acht Tagen sagte der Papa: »Jetzt ist er in -Teneriffa.« - -Gestern aber war er in Montevideo angekommen, und heute lag das Schiff -draußen auf der Rede von Buenos Aires, und alles grinste im Hause: -Zenobia, die Mulattin, Mauricio, der Galicier, der Gärtner, ein strenger -Sachse, der Kutscher und vor allem José, der Knecht ... - -Die Knaben brachten schnell Hammel und Wagen in den Verschlag und liefen -ins Haus, um sich anzuziehen. - -Sie stürmten die Treppe hinauf und erfüllten das Haus mit Stallgeruch, -sie hatten ein warmes Bad zu nehmen unter Aufsicht der Zenobia, sie -rauften im Bade und liefen dann nackt durch die Zimmer, Zenobia hinter -ihnen her. - -Eine Stunde später aber standen sie mit leuchtend gewaschenen Gesichtern -und vor Aufregung knallroten Backen vor ihrer Mutter. Von ihren Köpfen, -die wie Schwarten glänzten, ging ein starker Duft von Eau de Quinin aus. - -Die Mama befahl, daß sie Handschuhe anziehen sollten, um ihre Nägel, die -durchaus nicht weiß werden wollten, vor Herrn Dr. Bürstenfeger zu -verbergen. Carlos tat es nur unter der Bedingung, daß sie ihm drei -Knäuel Bindfaden für einen Drachen versprach und ihm erlaubte, auf dem -Rebgang herumzuklettern, was den Trauben schadete, denn die Handschuhe -machten ihn ganz wahnsinnig. - -Nun stand er da, die Arme ausgestreckt, die zehn Finger gespreizt und -heulte. - -Dann fuhren sie mit Zenobia, die eine blendend weiße Schürze trug, zum -Papa ins Bureau. - -Er schrieb gerade einen sehr wichtigen Brief. - -Carlos und Nicolás hatten sich eine halbe Stunde lang mäuschenstill zu -verhalten, sie taten es mit Schmerzen, aber dabei brummte der Papa die -ganze Zeit, sie sollten noch stiller sein. - -Als der Brief fertig war, wandte er sich streng an Carlos, der noch -Tränenspuren auf den Backen hatte: »Du hast geweint, warum?« - -»Weil mich die Handschuhe ganz verrückt machen«, antwortete Carlos. - -»So ziehe sie doch aus«, meinte der Papa lächelnd. - -Carlos gehorchte und dachte: »Du hast doch einen guten Papa.« - -Zenobia kehrte nach Hause zurück, und der Papa fuhr mit den Knaben nach -der Landungsbrücke. - -Es wimmelte da von Menschen; es roch nach Pasteten und Kuchen. Allerhand -Erfrischungen wurden feilgeboten, Schwärme von Fliegen summten. Irgendwo -spielte ein Orgelmann. Rechts und links dem Strand entlang flatterte -Wäsche, und Männer und Frauen hockten am Ufer und wuschen. - -Weit dehnte sich der La Plata mit seinem gelb-trüben Wasser, es wimmelte -von Segeln, Flußdampfer lagen weiter draußen vor Anker, und am Horizont -sah man die Rauchsäulen der überseeischen »Steamer« aufsteigen. - -Es war gerade Wassertiefstand. Selbst am Ende der Landungsbrücke, die -sich ein paar hundert Meter weit in den Fluß hinaus erstreckte, war das -Wasser nicht höher als zwei Fuß. Es fuhren Karren darin herum, die -Fuhrleute knallten mit ihren Peitschen nach Kundschaft, gerade wie -Droschkenkutscher. - -Man stieg in einen Karren und wurde zu einer Barke befördert, die einen -bis zum kleinen Dampfer der Agentur brachte. - -Nun folgte eine Fahrt von zwei Stunden, bald jedoch verschwanden die -Ufer im Horizont. - -Carlos und Nicolás sahen heute zum erstenmal ein überseeisches Schiff, -aber sie hatten sich ein solches viel größer vorgestellt und waren -enttäuscht. - -Doch ihre Aufmerksamkeit wurde bald abgelenkt durch die Sorge, wie ihr -Lehrer wohl aussehen möchte. - -Dort oben auf Deck stand am Geländer dichtgedrängt ein Haufen Menschen. -Viele schrieen und gestikulierten nach dem Dampfer der Agentur hinunter, -wo ebenfalls am Geländer sämtliche Passagiere standen, daß er sich -bedenklich nach der Seite neigte, und schrieen und gestikulierten -hinauf. - -Carlos und Nicolás blickten gespannt nach oben, ob sie nicht vielleicht -den Lehrer erkannten, wie Zenobia ihn geschildert hatte: als einen Mann, -stark und gewaltig, mit einem langwallenden Bart, zornfunkelnden Augen -und einem furchtbaren Stock in der Hand; aber sie erkannten keinen -solchen Mann, und Carlos sagte leise zu Nicolás: »Ich sehe ihn nicht«, -und Nicolás erwiderte: »Wo ist er wohl?« - -Oben wurde das Fallreep heruntergelassen. Carlos und Nicolás erstiegen -mit ihrem Papa und einem großen Teil der Passagiere den Bauch des -Kolosses. - -»Können Sie mir nicht vielleicht einen Herrn Dr. Bürstenfeger zeigen?« -fragte der Papa einen Herrn in blauer Uniform mit einer Pfeife im Mund, -der auf einer Bank saß und der aufgeregten Gesellschaft teilnahmslos den -Rücken zukehrte. - -Er verneinte und zeigte auf einen anderen Herrn in Uniform, dieser -nickte, wies wieder auf einen anderen Herrn mit einem äußerst milden -Gesicht, der einen Regenschirm in der Rechten hielt und in der Linken -eine grüne Reisetasche, auf der Veilchen und Rosen gestickt waren, mit -einem Nickelverschluß, der in der Sonne funkelte, und sagte laut: »Herr -Dr. Bürstenfeger ...« - -Carlos und Nicolás waren starr. - -So also sah Herr Dr. Bürstenfeger aus? Er war nicht fürchterlich, er -trug keinen gewaltigen Stock in der Hand, er hatte keinen gewaltigen -Bart. - -Das war der Lehrer?! Sie faßten es nicht. - -Nachdem man sich gegenseitig vorgestellt hatte und einige Worte -ausgetauscht, stieg man wieder das Fallreep zum kleinen Dampfer -hinunter. - -Während der Heimfahrt unterhielt sich der Lehrer meistens mit dem Papa. - -Carlos und Nicolás verbrachten die Zeit damit, Herrn Dr. Bürstenfeger -aufmerksam zu betrachten. - -Sein Anzug war schwarz, die Krawatte war schwarz, der Kragen niedrig, -die Manschetten mit den Knöpfen aus Elfenbein, auf welchen die -Initialien RB standen, ragten ziemlich weit aus den Ärmeln heraus. - -Sein hoher steifer Hut war mit dem Gummiband an dem obersten Knopf der -Weste befestigt, obgleich sich kaum ein Lüftchen regte. - -Carlos beobachtete sein Gesicht und überlegte, ob es vielleicht doch ein -sehr grimmiges Aussehen haben könnte, wenn er einen Bart trüge, wie ihn -Zenobia geschildert hatte. Er schloß die Augen, um sich das zu -vergegenwärtigen, aber es gelang ihm nicht, trotz aller Mühe. - -Es war eine Weile Stillschweigen, und Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich -an die Knaben; er sprach mit mildem Ernste: »Es wird euch nicht -unbekannt sein, Karl und Nikolaus, daß hier der La Plata, an dem eure -Heimatstadt erbaut ist, einer der imposantesten Ströme der Welt ist?« - -»Ja, ja«, antworteten Carlos und Nicolás, wußten jedoch nicht, was sie -weiter sagen sollten. - -»Was eure Heimatstadt anlangt,« fuhr Herr Dr. Bürstenfeger fort, »so -werdet ihr wissen, daß ihr Umfang dem der französischen Hauptstadt Paris -nahekommt, und daß diese Tatsache darauf zurückzuführen ist, daß eure -Häuser, mit wenigen Ausnahmen, alle sehr niedrig sind.« - -»Woher wissen Sie das, waren Sie schon in Buenos Aires?« fragte Carlos -begierig. - -Herr Dr. Bürstenfeger lächelte: »Gewiß nicht, ich kenne von Südamerika -nur flüchtig einige wenige Häfen, die ich auf dieser Reise berührt habe, -aber das ist Sache des Studiums, der Bildung, Karl ...« - -So gelangte man wieder bis zur Barke zurück, worauf man nochmal auf die -Karren stieg. - -Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf über diese originelle -Beförderungsart; er hatte darüber noch nichts gelesen. - -Auf der Landungsbrücke nahm er mit Erlaubnis des Papas die Knaben bei -der Hand, Carlos rechts, Nicolás links. Man ging bis zum Wagen und fuhr -dann nach Hause. - -Dort begab sich Herr Dr. Bürstenfeger, von Nicolás begleitet, auf sein -Zimmer, und Carlos lief aufgeregt zur Zenobia. - -»Du verfluchte Schwarze,« schrie er, »warum hast du mich angelogen; er -hat ja gar keinen langen Bart?!« - -Worauf Zenobia mit höhnischem Lachen antwortete: »Paß auf, der Bart wird -ihm schon noch wachsen!« - -Eine halbe Stunde später wurde der Lehrer mit der Mama bekannt gemacht, -und dann war es Zeit zum Abendessen. - -Carlos und Nicolás saßen zu beiden Seiten von Herrn Dr. Bürstenfeger. -Die Unterhaltung war sehr lebhaft, an der sich aber die Knaben nicht -beteiligten. Sie ihrerseits sprachen laut von Sachen, die mehr Interesse -für sie hatten: von Pferden und Schafen und Ziegen, von Gänsen, Hühnern -und Hahnenkämpfen, und Herr Dr. Bürstenfeger schaute manchmal mit leisem -Erstaunen auf sie, aufs höchste aber erstaunte er darüber, daß, wenn -ihnen ein Gericht nicht schmeckte, sie es einfach weitergehen ließen, -ohne daß Papa und Mama etwas sagten ... - -Nach dem Essen nahm der Lehrer Carlos und Nicolás bei der Hand und ging -mit ihnen in den Garten. - -Er blieb plötzlich stehen und sagte sehr ernsthaft: »Karl und Nikolaus, -ein neuer Abschnitt geht in eurem Leben an. Eure braven Eltern werden -euch hinlänglich unterrichtet haben, was mein Eintritt hier in diesen -Kreis für euch bedeutet. Karl und Nikolaus, euch wie mir sind Pflichten -auferlegt ... Ich bitte euch mit ganzer Seele, seid mir stets gehorsam, -lügt niemals ... ja, lügt niemals, denn seht, nichts auf der ganzen Welt -ist häßlicher, verabscheuungswürdiger. Bei den alten Germanen machte -kein Laster den Mann verächtlicher, und Deutsche sind Germanen, merkt -euch, Karl und Nikolaus. Euer Vater ist ein Deutscher, ihr seid Deutsche -... Sagt, wollt ihr euch bestreben, gute Deutsche zu sein?« - -Hier machte Herr Dr. Bürstenfeger eine Pause. - -Carlos und Nicolás, verwirrt über diese ungewohnte Rede, schwiegen. - -Wenn auch manchmal der Papa mit ihnen deutsch sprach, waren sie doch -Argentinier, dachten sie. - -Carlos erwiderte endlich: »Aber Deutschland verliert doch immer gegen -Argentinien?!« - -»Wieso, Karl?!« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger überrascht. - -Carlos wußte nicht recht, wie er diese Behauptung begründen sollte. Es -war ihm nur eingefallen, daß er neulich mit seinem Freunde Pedro Kestner -Krieg gespielt hatte, Pedro hatte eine deutsche Fahne in der Hand -gehalten und war Deutschland gewesen, und Carlos hatte eine -argentinische Fahne gehalten und war Argentinien gewesen. - -»Und da ist Pedro auf dem Bauch gelegen,« erzählte Carlos, »und ich -stand mit dem einen Fuß auf seinem Rücken und hatte gesiegt. Papa und -Mama haben zugeschaut, und Alberto Hanfstett war auch dabei und auch der -Papa von Pedro. Der lachte auch, aber nicht so sehr.« - -Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem leisen Lächeln, wollte dann -etwas erwidern, ließ aber klug für heute das Thema fallen. - -Schweigend gingen sie weiter. - -Carlos, den die Stille drückte, sagte endlich: »Ich will Argentinier -sein, aber ich will mir Mühe geben, auch ein guter Deutscher zu sein.« - -Und Nicolás sagte: »Ich will auch ein wenig ein guter Deutscher sein!« - - - - - Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger - - -Der Hauslehrer sagte zu Carlos und Nicolás: »Ihr dürft wie zuvor allein -ausreiten, nur um eines bitte ich euch inständig, reitet niemals mehr -Karriere, ich bin für euer Wohl und Wehe verantwortlich und muß -einstehen, wenn ihr Schaden nehmt.« - -Der Ton, in dem Herr Dr. Bürstenfeger das sagte, zeugte von bestimmter -Erwartung, war aber im übrigen milde. - -Die Knaben fühlten beide: »So frei, wie wir früher waren, sind wir nun -freilich nicht«, aber sie waren erfüllt von dem guten Willen, sich ihm -zu unterwerfen, da sie sich ihn ja weit schlimmer vorgestellt hatten und -außerdem Zenobia bestimmt wußte, man würde einen anderen Lehrer -anstellen, wenn sie diesem nicht gehorchten, und der wäre dann wirklich -fürchterlich. - -Carlos und Nicolás antworteten: »Wir werden nicht Karriere reiten«, aber -als sie knappe zehn Minuten fort waren, erreichten sie das offene Feld, -und schon rein aus Macht der Gewohnheit ließen sie den Pferden die Zügel -schießen und ritten Karriere. - -Herr Dr. Bürstenfeger aber war mit seinem Operngucker auf das flache -Dach des Hauses gestiegen und war Zeuge ihres Ungehorsams. - -»Karl und Nikolaus,« sagte er, als sie zurück waren, mit gedämpfter -Traurigkeit in der Stimme, »habt ihr Karriere geritten?« - -Carlos und Nicolás senkten die Köpfe und antworteten nichts. - -»Zeigt ihr euch so?! ...« fuhr Herr Dr. Bürstenfeger mit wachsender -Traurigkeit fort. »Ich schäme mich für euch, Karl und Nikolaus; geht, -wascht euch die Hände, es ist Zeit zum Abendessen!« - -Wie sie aber zu Bett gebracht worden waren, kam er wie jeden Abend noch, -gab ihnen den Gutenachtkuß auf die Stirn, drückte ihnen leise die Hand -und dachte: »Auch ihr leidet um eures Ungehorsams willen, Karl und -Nikolaus.« - -Anfangs waren sie wirklich ein wenig beschämt gewesen, hatten sich aber -schon lange wieder erholt und waren jetzt nur von dem einen Gefühl -erfüllt: Er ist ein guter Mann, der Herr Dr. Bürstenfeger! - -Herr Dr. Bürstenfeger jedoch ging ins Musikzimmer, wie immer zu dieser -Stunde, und phantasierte, bevor er auch schlafen ging. - -Carlos und Nicolás aber lauschten mit offenen Augen, und als er geendet -hatte, sagte der Ältere: »Wie seltsam, wenn Herr Dr. Bürstenfeger -spielt, denke ich mir alles Schöne aus, was kommen wird, wenn ich groß -bin, und ich mache weite Reisen in Ländern und auf Meeren, und wenn er -aufgehört hat, versuche ich es weiter, aber es ist dann lange nicht mehr -so schön.« - -»Seltsam,« meinte Nicolás, »wie du das nur so sagst; ganz das gleiche -fühle ich auch! ...« - -Bald nachher waren sie beide eingeschlafen ... - -Über einen Monat schon war der Hauslehrer in Buenos Aires, vor etwa drei -Wochen hatte der Unterricht begonnen. - -Jeden Morgen um halb sieben klopfte Herr Dr. Bürstenfeger dreimal -vernehmlich an Carlos' und Nicolás' Türe, die Knaben sprangen aus den -Betten und zogen sich an. - -Dann ging es hinunter zum Frühstück. - -Bisher waren die Knaben gewohnt, des Morgens Kaffee zu trinken, auf -Herrn Dr. Bürstenfegers Veranlassung tranken sie jetzt Kakao. - -Früher war das Frühstück in zwei Minuten erledigt gewesen, jetzt saß man -über eine Viertelstunde bei Tisch. - -Herr Dr. Bürstenfeger, der an einem sehr schlechten Magen litt, pflegte -äußerst langsam und umständlich zu kauen und stellte das gleiche -Ansinnen an Carlos und Nicolás, die großartige Magen hatten, und er war -gezwungen, sie jeden Augenblick zu ermahnen, da sie immer wieder seine -Vorschrift vergaßen. - -Nach dem Frühstück machten sie einen dreiviertelstündigen Spaziergang. -Herr Dr. Bürstenfeger ging in der Mitte und hielt die Knaben an der -Hand. - -Dann folgte der Unterricht. Er fand in einem dafür hergerichteten Zimmer -statt, in dem eine Schulbank stand und eine große schwarze Tafel mit -einem Schwamm. - -Zuerst kam das Rechnen, weil die Gehirne noch unverbraucht waren. - -Herr Dr. Bürstenfeger stellte die Rechenmaschine vor sich auf den Tisch -und fragte: »Karl, wieviel ist 3 + 2?« - -Pause -- Carlos schwieg. - -Carlos streckte unwillkürlich die Hand nach der Maschine aus. - -Herr Dr. Bürstenfeger schlug ihn leise auf die Finger. - -Da mußte Nicolás antworten, und er wußte es. - -»Karl, wieviel ist 3 + 1?« - -Carlos streckte die Hand nach der Maschine aus. - -»Sei gehorsam, Karl!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger und richtete sich ein -wenig auf, wobei er etwas rot wurde. - -Carlos schwieg ratlos. - -»3 + 1«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, wandte sich halb ab, summte irgend -etwas und tat, als interessiere ihn zugleich die Fensterscheibe. - -Nochmal griff Carlos nach der Maschine, er hatte den Kopf vollkommen -verloren. Er berührte zitternd drei Kugeln und dann noch eine, und das -waren vier. Es fehlte ihm nämlich jeder Sinn für die Rechenkunst. - -Herr Dr. Bürstenfeger aber ging im Zimmer auf und ab und murmelte: »Es -kann nicht böser Wille sein!« - -Nachher kam das Lesen. Da war Carlos schon ganz anders. - -Herr Dr. Bürstenfeger schrieb ein großes U an die Wandtafel. - -»Karl, was für ein Buchstabe ist das?« - -»U!« rief Carlos, er erinnerte sich ganz deutlich, daneben auf der Fibel -einen Uhu gesehen zu haben. - -»Richtig! Und das?« Er schrieb ein I hin. - -»I!« rief Carlos, ganz deutlich sah er einen Igel daneben. - -»Bravo!« rief Herr Dr. Bürstenfeger und schrieb ein E hin. - -»E!« sagte Carlos. Ganz deutlich sah er einen Esel daneben. - -»Merkwürdig, merkwürdig,« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger, »wie seltsam -bei ihm die Elemente auseinandergehen; individuelles Verfahren tut hier -wohl not!« - -Nach dem Lesen war größere Pause. Dann öffnete der Lehrer die Türe nach -der Terrasse, und es kam Freiturnen: »Beinstrecken«, »Kniebeugen«, -»Fußwippen«, »Mähen«, »Holzhacken« usw. Diese Übungen begleitete Herr -Dr. Bürstenfeger mit seinem eigenen Beispiel. - -Daran schloß sich eine Art höheren Anschauungsunterrichtes im Garten an. - -»Was ist das für eine Blume?« fragte der Lehrer und zeigte auf ein Beet. - -»Nelke!« riefen Carlos und Nicolás. - -»Nelke«, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger. - -Sie gingen einige Minuten schweigend weiter: »Was ist das für eine -Frucht?« - -»Granatapfel!« riefen sie. - -»Granatapfel«, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Das ist ein Säugetier«, sagte er plötzlich sehr bestimmt und zeigte auf -einen Wurm. Er wollte sie irreführen. - -»Nein, kein Säugetier!« riefen beide triumphierend aus. Das wußten sie -doch zu genau. - -Nach dem Anschauungsunterricht hatten sie frei, und dann kam das -Mittagessen. - -Heute gab es Hirn. Über fünf Wochen schon hatte es keines mehr gegeben. - -»Herr Dr. Bürstenfeger, wir können kein Hirn essen!« sagten sie -kläglich. - -Der Lehrer blickte abwechselnd beide Knaben an und kaute zu Ende. - -»Karl und Nikolaus, tut mir den Gefallen, mäkelt nicht!« antwortete er -nicht ohne Milde, aber bestimmt. - -Die Knaben blickten flehentlich nach der Mama. - -Die Mama zeigte mit den Augen auf Herrn Dr. Bürstenfeger, sie durfte -sich nicht einmischen. - -Nicolás sah seinen Bruder ermutigend an, und beide würgten das Hirn -hinunter, daß ihnen die Tränen auf die Teller fielen. - -Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten eine Hütte, -machten Pfeile und Bogen, um Indianer zu spielen, oder fuhren auf ihren -Karren herum. Manchmal nahm Carlos ein Blatt Papier und einen Bleistift -zur Hand und versuchte nach der Natur zu zeichnen, eine Baumgruppe oder -sonst etwas. Das wollte er einrahmen lassen und der Mama zu ihrem -Geburtstag für den Salon schenken. - -»Komisch,« sagte Nicolás, »wenn man deine Bilder von ganz nah ansieht, -erscheinen sie schlecht, stellt man sich aber weiter weg, so kommen sie -einem besser vor.« - -Carlos war nicht sehr erfreut über diese Kritik. Er hatte es nicht so -gemeint. - -Von zwei bis vier war in der Regel Schule, heute aber nur bis drei, denn -es fand der »große Spaziergang« statt. - -Es gab heute Schreiben, was die Knaben sehr liebten. Sie hatten dicke -und dünne Striche zu ziehen, gerade und schiefe. Besonders die dicken -Striche machten ihnen Freude, weil es ihnen angenehm war, auf den -Bleistift zu drücken. - -Das dauerte aber nur eine halbe Stunde, und dann kam das Allerschönste -vom ganzen Schultag. - -Herr Dr. Bürstenfeger las ihnen eine Geschichte vor, die mußten sie dann -wiedererzählen. - -Heute war es die Schilderung eines Turniers aus einem mit herrlichen -Bildern geschmückten Sagenbuch. - -Die Folge dieser Vorlesung ahnte Herr Dr. Bürstenfeger nicht, Carlos und -Nicolás waren ganz aufgelöst. - -Verschiedene Male war er nahe daran, das Buch zuzuklappen, so aufgeregt -benahm sich Carlos. - -»Weißt du was,« sagte dieser nach der Schule zu Nicolás, »sobald wir vom -großen Spaziergang zurück sind, veranstalten wir zusammen ein Turnier.« - -Und Nicolás war damit aufs höchste einverstanden. - -Die »großen Spaziergänge« aber dauerten mindestens bis um sechs. So -hatte es Herr Dr. Bürstenfeger eingerichtet. - -Heute schlugen sie den Weg nach der Stadt ein. Da für Carlos und Nicolás -Schuhe zu kaufen waren, wollte man die Gelegenheit benützen. - -Über eine Stunde gingen sie auf der großen breiten Straße. Herr Dr. -Bürstenfeger marschierte, den Blick geradeaus gerichtet, in langsamem, -aber regelmäßigem Tempo. Carlos und Nicolás gingen an seiner Hand mit -gedämpfter Unzufriedenheit auf ihren Mienen. - -Manchmal drehte sich ein Passant um und lächelte. - -Auch geschah es, daß irgendein Gassenjunge ihnen eine Hand voll -trockenen Kotes nachwarf. - -Carlos vergaß sich und wollte auf ihn eindringen. Herr Dr. Bürstenfeger -aber drückte strafend seine Hand und sagte: »Karl, kümmere dich nicht -darum!« - -So gelangte man bis zum Zentrum; hier waren die Straßen sehr eng, das -Pflaster zum Teil sehr holperig, überall roch es nach Gas, weil an der -Leitung gearbeitet wurde. Große, beladene Karren fuhren unter -fürchterlichem Getöse langsam und schwerfällig aneinander vorüber, die -Tramways fuhren im Schritt, von Zeit zu Zeit zu kurzem Trab einsetzend, -mußten aber wieder jäh bremsen; die kleinen abgehetzten Pampaspferde -streckten sich in ihrer ganzen Länge, um den Wagen nochmal in Bewegung -zu bringen, eines stürzte und lag da mit vor Ermattung geschlossenen -Augen. - -Aus den offenen Magazinen drang der Geruch von Teer, von getrocknetem -Stockfisch. An einem Haustor stand ein Neger, einen Sack auf dem Kopf -und keuchte. - -Herr Dr. Bürstenfeger bahnte sich, Carlos und Nicolás an der Hand, einen -Weg durchs Gedränge, schüttelte den Kopf und murmelte: »Schon über 30 -Advokatenschilder in einer halben Stunde gezählt.« - -Sie kamen bis zur Calle Florida. Dies war die Straße des eleganten -Publikums und der schönen Läden. - -Vor der Confiteria del Aguila stauten sich die Gecken. Elegante, schöne -Frauen gingen vorüber. Equipagen fuhren langsam in langer Reihe. - -Herr Dr. Bürstenfeger blieb plötzlich stehen und sah zu einem Haus -empor. Auf dem Dache ragte eine Flasche, wohl über 8 Meter hoch. Die -Flasche war aus Holz, und der Name eines bekannten Likörs stand schräg -darauf in Riesenlettern. - -»Amerikanismus!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und stampfte leise mit -dem Fuß auf. - -Ein paar Minuten später traten sie in den Schuhladen ein. Als sie wieder -herauskamen, hatten Carlos und Nicolás strahlende Gesichter: jeder hielt -einen eben geschenkten Luftballon in der Hand. Sie schauten abwechselnd -zu ihnen hinauf und herab auf die neuen Schuhe, die sie trugen, und das -erschwerte sehr das Gehen im Gedränge. In einem fort mußte Herr Dr. -Bürstenfeger ermahnen. - -Sowie sie aus dem ärgsten Gewühl heraus waren, zog Herr Dr. Bürstenfeger -seine Uhr und sagte: »Jetzt steigen wir in eine Tram und machen unseren -versprochenen Besuch bei der Familie Hanfstett.« - -Der siebenjährige Alberto Hanfstett, ein bildschöner und verwöhnter -Knabe, war ein Freund von Carlos und Nicolás. Auch seine Mutter hatten -sie von Herzen gern, denn sie gab ihnen Kuchen und Bonbons, soviel sie -nur wollten, und sie freuten sich jetzt darauf. - -Seit vierzehn Tagen hatten sie auch dort einen Hauslehrer, einen -gewissen Herrn Klausroth, der mit der Absicht, sich dem kaufmännischen -Beruf zu widmen, nach Amerika gekommen war. Seine Anlagen aber waren -rein pädagogische, und so hatte er sich zum Kaufmann ungeeignet -erwiesen. - -Herr Dr. Bürstenfeger war nur einmal flüchtig mit ihm zusammengekommen, -und er sehnte sich, in nähere Beziehungen zu ihm zu treten. - -Auf der Trambahn verkürzten sich die Knaben die Zeit damit, daß sie die -Insassen einer heiteren Kritik unterzogen. - -»Sieht nicht unser Gegenüber so aus wie eine Ziege?« fragte Carlos -leise. - -Nicolás quiekte: »Großartig, ganz wie eine magere Ziege!« - -Carlos fragte: »Schau dir mal den dort drüben an, sieht er nicht so aus -wie ein Huhn?« - -Nicolás betrachtete ihn eine Weile mit naiver Unverblümtheit und -bestätigte es fröhlich. - -Carlos fand, daß ein kleiner dicker Herr, der seine Brille abgenommen -hatte und jetzt matt und müde dreinblickte, einem abgezäumten Pony -glich; auch damit war Nicolás sehr einverstanden. - -Herr Dr. Bürstenfeger hatte einige spanische Worte, die er verstand, -aufgefangen und legte sich ins Mittel, denn er fand solche Vergleiche -sehr unpassend. - -Hanfstetts bewohnten eine prächtige Villa in einer schönen, breiten -Straße. - -Der Diener, der ihnen öffnete, geleitete sie bis zur Türe des -Schulzimmers: »Der Unterricht müsse schon zu Ende sein.« - -Sie klopften, traten ein, aber es war noch Schule. - -Herr Klausroth stand vor der Schulbank, ein Buch in der Hand und sagte: - -»_La mesa_ der Tisch.« - -Unter der Bank aber hockte Alberto und sang trotzig zu einer selbst -erfundenen Melodie: »Ich will kein Deutsch lernen!« - -»_La mesa_ der Tisch«, wiederholte Herr Klausroth mit einem zynischen -Lächeln. - -Er durfte ihn nicht hauen, die Mama erlaubte es nicht. - -»_Tschisch, tschisch_«, sagte Alberto. Das bedeutete Tisch und war eine -Verhöhnung der deutschen Sprache. - -Herr Dr. Bürstenfeger, der anfangs nicht begriff, was da vorging, machte -plötzlich einen Schritt zurück und breitete abwehrend die Hände nach -Carlos und Nicolás aus. - -»_La mesa_ der Tisch«, sagte Herr Klausroth, lächelte, stampfte leise -mit dem Fuß auf und spielte mit fünf Fingern Klavier auf der Bank. - -Jetzt wollte Alberto sich vor Carlos und Nicolás zeigen. - -Er kroch unter der Bank heraus, verfügte sich auf allen vieren hinter -eine lange Gardine und war unsichtbar. - -Herr Klausroth folgte ihm. - -»_La mesa_ der Tisch«, wiederholte er mit wachsendem Zynismus. - -Er rieb sich die Hände: »Ich darf ihn nicht hauen, ich haue ihn nicht! -_La mesa_ der Tisch.« - -Nun erfolgte gar keine Antwort. - -Herr Klausroth fuhr fort, sich die Hände zu reiben, und lachte laut; er -schien ungemein aufgeräumt zu sein. - -Alberto steckte den Kopf zur Gardine heraus und rief: »_Tschisch, -tschisch, tschisch!_« - -In dem Augenblick aber ging die Tür auf, und der Papa stand auf der -Schwelle, eine Gerte in der Hand. - -Er hatte geahnt, was vorging. - -Schnurstracks verfügte er sich zur Gardine, und was jetzt geschah, sahen -weder Herr Dr. Bürstenfeger noch Carlos und Nicolás. - -Bestürzt packte er sie bei den Händen und verließ mit ihnen das Haus. - -In ihrem Zimmer aber saß Albertos Mama und weinte, weil ihr Sohn Prügel -bekommen sollte. - -Sie war eine geborene Rodriguez, und auch sie haßte die deutsche Sprache -... - -Herr Dr. Bürstenfeger ging, Carlos und Nicolás an der Hand, die schöne -breite Straße entlang mit beschleunigten Schritten, weil die Erregung -noch mächtig in ihm war. - -Sie kamen an der herrlichen Villa der Familie Ilinares vorbei. - -Aus dem Gartenportale fuhr eine elegante Equipage heraus, in der das -achtjährige Töchterchen Julietta mit ihrer Gouvernante saß. - -Man grüßte. Carlos sagte zu Herrn Dr. Bürstenfeger: »Das hübsche Mädchen -ist meine Braut.« - -Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem Lächeln: »Du kannst noch keine -Braut haben, Karl.« - -»Warum nicht?« - -»Weil du noch zu jung bist«, dabei drückte er kaum merklich seine Hand. - -»Bah!« antwortete Carlos, »Alfredo Lopez, mein Freund, ist ein Jahr -jünger als ich, und hat acht Bräute.« - -Herr Dr. Bürstenfeger antwortete nichts, runzelte aber stark die Stirn. - -In die schöne, breite Straße, auf der sie gingen, mündete eine andere, -die stark vernachlässigt war. - -Es war kein Trottoir und kein Pflaster da, außerdem versank man ein -wenig in den Kot. - -Irgendwo lag ein totes Pferd mit aufgedunsenem Bauch. - -Aasgeruch wehte herüber. - -»Brr!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger, ließ Carlos' Hand los und hielt sich -die Nase zu. - -»Das ist noch gar nichts!« rief Carlos und bückte sich nach einem -Ziegelstein. »Passen Sie auf, jetzt werfe ich, das Pferd platzt und dann -stinkt es ganz fürchterlich!« - -»Halt ein!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger, ließ seine Nase los, packte -Carlos' Hand wieder und floh mit ihnen aus dem Bereich des Kadavers. - -Es waltete aber ein Unstern über dem heutigen Tage. Zu Hause angekommen, -sagte Carlos zu seinem Bruder: »Wir haben noch Zeit; jetzt führen wir -unser Turnier auf!« - -In einer halben Stunde hatten sie aus Brettern zwei Schilde gezimmert; -aus Zeitungspapier machten sie primitive Helme, in die sie Hahnenfedern -spießten. - -Zwei lange Stecken, an deren Spitzen ein Wedel war, womit man an den -Decken der Zimmer nach Spinngeweben suchte, verwandelten sie in Lanzen. - -Die Wedel aber wurden zum Kopfschmuck ihrer Ponys verwandt, denen sie -auch noch die Stalldecken umgelegt hatten. - -Ihrem vierjährigen Schwesterchen, die sie »die Dicke« nannten, weil sie -kugelrund war, drückten sie eine Kindertrompete in die Hand. Sie war der -Herold und mußte zum Kampfe blasen. - -Carlos und Nicolás stiegen auf ihre Pferde; sie waren anzuschauen wie -zwei prächtige Ritter. Die Backen des Schwesterchens blähten sich, -Carlos und Nicolás stürmten aufeinander los, über die Beete. - -Wie sie ganz nahe beieinander waren, scheuten die Pferde und machten -einen Sprung auf die Seite, so daß sie unverrichteter Sache ein Stück -weitertraben mußten. - -Wieder stellten sie sich auf, wieder wollten sie aufeinander eindringen. - -Schon kündigte die Schwester den Kampf an, als mit fliegenden Schößen -eine Gestalt daherkam: »Wehe euch, Karl und Nikolaus, haltet ein!« - -»Halt ein!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger und war mit einigen Sprüngen am -Zügel von Carlos' Pferd. - -»Die Dicke« floh erschrocken mit der Kindertrompete. - -Carlos ließ die Lanze sinken. - -»Herunter!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger und machte mit beiden -Zeigefingern eine gebieterische Bewegung nach der Erde. - -Die Knaben stiegen ab, und ohne Schild und Lanze -- Carlos hatte auch -noch seine Hahnenfeder verloren -- folgten sie dem Lehrer in der -Richtung des Hauses. - -Friedlich grasten die Ponys nebeneinander, während die Wedel auf ihren -Köpfen leise zitterten. - -Wetternd tauchte von der einen Seite der Gärtner auf und höhnend von der -anderen José, der Knecht ... - -Von nun an war Herr Dr. Bürstenfeger ungemein scharf in seinen -Maßregeln. - -Wenn die Knaben ausritten, ging er neben ihnen zu Fuß auf dem Trottoir. - - - - - Die Reise nach Mendoza - - -Das war eine schwere Zeit gewesen, viele Wochen hatte die Mama sehr -krank im Bette gelegen. Seit gestern erst durfte sie wieder ein wenig im -Garten spazierengehen, und heute hatte der Arzt bestimmt, daß sie in die -Kordilleren hinauf sollte, dort würde sie sich vollständig erholen. - -Carlos und Nicolás mußten mit Herrn Dr. Bürstenfeger vorausreisen. Er -hatte im Auftrage der Eltern einiges mit Don Pablo Romero zu besprechen, -der sich in dieser Zeit in Mendoza aufhielt, ihnen aber sein Landgut -oben am Fuße der Berge beinahe ganz zur Verfügung gestellt hatte. Die -wichtigen Teile in dieser Angelegenheit wurden Herrn Dr. Bürstenfeger so -oft und so nachdrücklich auseinandergesetzt, daß er anfing, sich etwas -beleidigt zu fühlen. Man hatte ihn nämlich im Verdacht, ein wenig -unpraktisch zu sein. - -Viel Mühe hatte er nun, Carlos und Nicolás zu beruhigen, die die Abreise -mit brennender Ungeduld erwarteten; wo sie auch waren, in der Schule, -auf den Spaziergängen, bei Tische, weilten ihre Gedanken in den fernen -Bergen, die sie zum erstenmal in ihrem Leben besuchen sollten, bei -Maultieren, Pumas und Kondors. - -Herr Dr. Bürstenfeger aber, der sich ein Bild von Land und Leuten machen -wollte, kaufte sich eine Karte und spanische und deutsche Bücher; die -spanischen las er mit Hilfe eines dickbauchigen Lexikons, das er aus -Europa mitgebracht hatte. Die Karte breitete er auf dem Tisch aus und -spießte Stecknadeln auf Flüsse und Berge, Städte und Dörfer, die ihn -interessierten. - -Carlos brannte vor Neugier, zu wissen, was das zu bedeuten habe, wagte -aber nicht zu fragen, weil die Erläuterungen des Hauslehrers immer -fürchterlich lang waren ... - -Zehn Tage später saßen die drei im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn. -Bald hatten sie Buenos Aires mit seinen Lichtern, Schornsteinen, -Vororten und Anlagen hinter sich, und es umfing sie die weite Pampa. - -Carlos und Nicolás hatten schon lange keine Eisenbahnfahrt mehr gemacht, -nach dem Landgut reisten sie immer zu Schiff. In einem Schlafwagen aber -waren sie noch nie gefahren. - -Alles um sie her war neu und entzückte sie. Sie kletterten auf die -Betten und tasteten nach der Decke hinauf, die sie nicht erreichen -konnten, sie berochen die Wand, den Lederriemen an der Fensterscheibe, -sogar die Reisetasche eines fremden Herrn, bis Herr Dr. Bürstenfeger, -der mit dem Gepäck beschäftigt war, es sah und einschritt. - -Nach zehn Uhr ermahnte er sie, sich zum Schlafen niederzulegen. - -Das war eine neue Freude für die Knaben. - -Der Hauslehrer war schon eingeschlafen, als sie sich das Versprechen -abnahmen, einander zu wecken, wenn einer von ihnen auch einschlafen -sollte, was doch zu schade wäre. Und so sahen sie, auf ihren Arm -gestützt, zum Fenster hinaus, und als ihnen das zu langweilig wurde, -starrten sie zur Decke empor, wo über ihnen leise die Lampe zitterte. -Ganz hinten im Wagen schnarchte jemand von Zeit zu Zeit. Jedesmal ließ -dann ein anderer in seiner Nähe ein Wimmern oder ein Seufzen hören. Herr -Dr. Bürstenfeger aber lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust -gefaltet, und gab keinen Laut von sich. - -Endlich schliefen auch Carlos und Nicolás ein. Als sie erwachten, ging -gerade die Sonne auf, und zu beiden Seiten des Geleises lag ein Feld von -Gerippen, Knochen von Pferden und Rindern, die der letzte große Frost -getötet hatte. In der Ferne galoppierte ein Reiter. Dann verschwanden -Reiter und Gerippe, der Zug fuhr an einer Lagune vorbei, groß wie ein -See, bevölkert mit Reihern und Störchen, Kibitzen und Enten. Weit -entfernt stand ein Ombú, am Horizont eine große Baumgruppe, irgendein -Landsitz. Und beide bewegten sich in ihrer Richtung. - -Herden von Straußen weideten nahe am Geleise, weiter hinten verbreitete -sich als großer, hellgrauer Fleck eine Schafherde. - -Dann erschienen Rinder und Pferde. Sie trabten manchmal bis dicht ans -Geleise heran und flohen wieder zurück, die Rinder mit erhobenen -Schweifen, die Pferde mit steilen Mähnen. - -Der Zug hielt an einer kleinen Pampastation. Eine Dame stieg in den -vorderen Wagen, eine Provinzlerin in bunten Farben, sie hatte sich für -die Reise aufgeputzt. Eine fette alte Indianerin in einem geblümten -Kattunkleid bot Fleischpasteten feil, verkaufte aber nichts, weil die -Passagiere noch schliefen. - -Neben der Station stand ein Tilbury mit zwei abgetriebenen Gäulen. Sie -schlugen mit den kotigen Schwänzen nach den ersten Fliegen, die ihnen -der heiße Sommertag brachte. In einiger Entfernung sauste die Post -heran, in eine Staubwolke gehüllt. Zwölf Pferde waren davorgespannt. - -Der Zug fuhr weiter. - -Man stand auf und trank den Kaffee im Restaurationswagen. Als Carlos und -Nicolás zurückkehrten, hatte sich der Schlafwagen zu ihrem nicht -geringen Erstaunen vollständig verändert, an der Stelle der Betten -standen Stühle. - -Bis zum Abend ringsum das gleiche Bild: Rinder, Pferde, Schafe, Strauße -und die weite Pampa. - -Aber Carlos und Nicolás langweilten sich nicht. Sie verstanden, sich die -Zeit auf ihre Weise zu vertreiben. Sie zählten z. B. die gescheckten -Rinder, die gescheckten Pferde und schwarzen Schafe, die sie sahen, und -wer mehr gezählt hatte, hatte gewonnen. - -Oder sie führten seltsame Gespräche miteinander. Carlos fragte -tiefsinnig: »Was möchtest du lieber sein, wenn man dich wählen ließe, -der Mann, der dort in der Ferne reitet, oder dieser Herr im Staubmantel -auf dem Perron?« Und Nicolás antwortete, nachdem er eine Weile -nachgedacht hatte: »Lieber dieser Herr, denn er ist kein Gaucho und -braucht niemandem zu dienen.« - -Carlos entgegnete: »Aber der Gaucho kann reiten, so viel er will, vom -Morgen bis zum Abend.« - -Darauf wußte Nicolás nichts zu erwidern. - -Dann gaben sie diesem Frage- und Antwortspiel eine scherzhafte Wendung. -Carlos fragte: »Was möchtest du lieber sein, der Stuhl, auf dem du -sitzest, oder der Stuhl, auf dem ich sitze?« - -Da griff gewöhnlich Herr Dr. Bürstenfeger in diese Unterhaltung ein, -weil er sie zu albern fand, und schlug etwas Nützlicheres vor. Er holte -einen Band Fabeln oder ein Märchenbuch aus seiner Reisetasche und las -den Knaben vor. - -Damit waren sie auch einverstanden, und mit pochenden Herzen und roten -Gesichtern hörten sie zu, und ihre Blicke hingen an seinen Lippen. - -Bei besonders aufregenden Stellen, wie z. B. da, wo die böse Hexe sagt: -Heda, Gretel, sei flink und trag Wasser, Hänsel mag fett oder mager -sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen, fuhr Carlos von seinem -Stuhl auf und zuckte mit der Nase. - -Herr Dr. Bürstenfeger klappte das Buch über seinen Zeigefinger zusammen -und sagte mißbilligend: »Verhalte dich still, Karl, und mache keine -Grimassen!« Und um zu zeigen, wie häßlich das aussähe, fuhr er selbst -von seinem Stuhl auf und zuckte ein paarmal mit der Nase, hielt sich -aber dabei den Kneifer fest, damit er nicht herunterfalle. Dann las er -in seiner Geschichte weiter ... - -Gegen Abend wurde verkündet, daß man in einer Stunde die ersten -Ausläufer der Kordilleren sehen würde. - -Sofort knieten Carlos und Nicolás ans Fenster und ihr Blick war -unverwandt nach dem Horizont gerichtet; sie rührten sich nicht von der -Stelle, bis die Berge auftauchten, aber da waren sie enttäuscht, denn -sie hatten sie sich viel, viel höher vorgestellt ... - -Am nächsten Morgen um sechs Uhr kamen sie in Mendoza an. - - - - - Die Stadt Mendoza - - -Herr Dr. Bürstenfeger trat, Carlos und Nicolás an der Hand, aus seinem -Zimmer im Hotel, hinaus auf den ersten Hof. Ein Orangenbaum stand dort, -an dem drei große Knochen hingen. - -»Was sind das für Knochen?« wandte sich Herr Dr. Bürstenfeger an einen -Kellner. - -»Menschenknochen, eine Erinnerung an das große Erdbeben vor dreißig -Jahren.« - -»Barbarisch!« dachte der Hauslehrer, blieb eine Weile in Gedanken -versunken vor dem Baum stehen, und dann erinnerte er sich plötzlich, daß -er den Eltern einen Brief zu schreiben habe. - -Er überließ Carlos und Nicolás eine kleine Viertelstunde sich selbst und -ging zurück in sein Zimmer. - -Er schrieb, daß sie heute gesund angekommen seien, Karl und Nikolaus -seien ganz artig, er werde ein wenig Toilette machen und sich mit ihnen -zu Don Pablo Romero begeben und dann auch der Familie Igarzabal Grüße -bringen, wie er es am Tage der Abreise versprochen habe. - -Carlos und Nicolás gingen unterdessen nach dem zweiten Hof und sahen -dort einen kleinen barfüßigen Indianer, der Ball spielte. Carlos fragte, -ob sie mitspielen dürften, er sagte ja, und sie waren drei Parteien. - -Das erste Mal gewann der Indianer, das zweite Mal Nicolás, das dritte -Mal wieder der Indianer. - -Darauf kauerten die drei sich an die Wand hin. - -Carlos fragte den Indianer, wie er heiße. - -»Julio!« antwortete er. »Ich bin von Julio Roca bei seinem letzten -Ausfall im Azul erbeutet worden.« - -»Also bist du ein wilder Indianer?« fragte Carlos nicht ohne Respekt. - -»Ich bin Indio Pampa!« sagte Julio mit Würde, »mein Vater wurde getötet, -meine Mutter ist in Stellung in Entre-Rios.« - -»Siehst du oft deine Mutter?« fragte Carlos. - -»Ich habe sie seit dem Tage, an dem ich gefangen wurde, nicht mehr -gesehen.« - -»Warst du sehr traurig, als dein Vater getötet wurde?« fragte Nicolás. - -Julio grinste. - -Herr Dr. Bürstenfeger trat auf. Er nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, -und sie gingen zu Don Pablo Romero. - -Der Hauslehrer wußte, daß alle Häuser in Mendoza, die bekleideten und -die unbekleideten, aus Lehm waren, seit dem letzten fürchterlichen -Erdbeben. - -Aber man begann bereits das Unglück zu vergessen, und von Zeit zu Zeit -wagte sich wieder ein Ziegelsteinbau empor. - -Es war heute ein trüber Tag, in der Luft lag ein seltsamer Geruch, den -Herr Dr. Bürstenfeger sich nicht zu deuten wußte. - -Es war der Geruch von Kräutern auf den nahen kahlen Bergen, womit die -Ziegenhirten ihr Feuer anzündeten. - -Den Knaben schien es, als ob die Menschen auf den ziemlich leeren -Straßen unheimlich langsam gingen und als ob auch die Wagen und Karren -unheimlich langsam fuhren. - -Vor dem Hause Don Pablo Romeros wartete ein Kabriolett. - -Herr Dr. Bürstenfeger klopfte mit dem bronzenen Klopfer an die Tür. - -Eine alte, schmutzige Mulattin, gefolgt von einer Meute von Hunden, -öffnete. - -Mitten im Hof stand ein verkrüppelter Orangenbaum, überall lungerten -Dienstboten herum. Im Hintergrund lehnte ein Bursche an einer Mauer und -spielte auf einer Mundharmonika. - -Ein großer zottiger Hund lag auf der Erde und wälzte sich nach den -Sonnenstrahlen, die die Wolken durchbrachen, erschauerte aber, als -zugleich ein feiner Sprühregen ihn bespritzte. - -Die Mulattin führte die Gäste ohne weiteres in den Salon. Auf den Möbeln -waren die Bezüge, auf dem unebenen Fließboden lagen Zigarettenstummel. -Es roch nach Weihrauch. - -Die Mulattin forderte sie auf, zu Don Pablo Romero einzutreten. - -Der lag in seinem Zimmer, das von Zigarettenqualm erfüllt war, im Bett. -Seine Füße schauten unter einer wollenen Decke hervor. Sie ruhten auf -einem schwarzen, vollständig unbehaarten, mit Warzen bedeckten Hunde. - -Der Hauslehrer erfuhr später, daß man solche Hunde dort als Bettwärmer -gebrauchte. - -Auf dem Nachttisch schwammen in einer braunen Brühe unzählige -Zigarettenstummel. - -Während sich Herr Dr. Bürstenfeger mit dem Hausherrn unterhielt, machten -die Knaben ihre Beobachtungen; sie sahen, daß Don Pablo Romero kein -Nachthemd trug, sondern ein Taghemd, sie sahen, daß aus der einen Warze -des Hundes ein langes Haar wuchs. Sie beobachteten Herrn Dr. -Bürstenfeger, wie er die Hände bewegte, während er sprach, denn weil er -sich nur schwer auf spanisch verständlich machen konnte, mußte er stark -durch Gestikulationen nachhelfen, und sie sahen, wie er bei seinen -Erläuterungen Kreise zog, Dreiecke beschrieb, wie er die Hände -auseinanderbreitete und sie beseligt wieder zusammenlegte, weil er das -Wort gefunden hatte. - -Don Pablo Romero sagte endlich, sein Kabriolett warte draußen, er habe -beabsichtigt, heute hinauf nach seinem Gute zu fahren, aber es werde -wohl nichts daraus werden. - -Er lud den Hauslehrer und die Knaben ein, mit ihm eine Fahrt in die -Umgebungen der Stadt zu machen, etwa in einer Stunde, wenn es ihnen -recht sei. - -Sie waren damit einverstanden, verabschiedeten sich und gingen ein paar -Straßen weiter zur Familie Igarzabal. Herr Dr. Bürstenfeger klopfte. -Nach einer langen Pause, in der sich nichts rührte, stellte sich Carlos -auf eine Fußspitze, streckte den Arm aus und wollte noch einmal klopfen, -aber Herr Dr. Bürstenfeger zog streng seinen Arm zurück. Schließlich -mußte er sich selbst dazu entschließen. Jetzt hörte man eine Stimme, von -der man nicht wußte, ob sie aus dem Munde einer Frau oder eines Mannes -kam. »Pancha, man hat geklopft!« - -Und dann nach einer Weile aus dem Hintergrund links eine andere Stimme, -und diesmal war es bestimmt die einer Frau: »Es hat geklopft, Pancha!« - -Darauf näherten sich träge Schritte, und eine Magd mit einem Kropf -öffnete. - -Herr Dr. Bürstenfeger machte ein schmerzliches Gesicht. Sie führte sie -geradewegs in den Salon. - -Dort waren elf Frauen versammelt und unter ihnen ein kleiner fetter Herr -mit einem blassen weichen Gesicht und einer hängenden Unterlippe. - -Es war die Familie Igarzabal. Wie Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und -Nicolás wußten, lauter Geschwister. Zwei hatten eine Häkelarbeit in der -Hand. Zu ihrem großen Erstaunen sahen die Knaben, daß auch der Herr -häkelte. - -Don José Igarzabal erhob sich und sprach; und es war jene Stimme, von -der man nicht wußte, ob sie einer Frau oder einem Mann angehörte. - -Sie blieben nicht lange dort. - -Um die Stunde auszufüllen, nach deren Ablauf sie bei Don Pablo Romero -sein sollten, gingen sie ein wenig auf den Straßen spazieren. - -Die Sonne hatte sich hinter den Wolken verkrochen, es regnete nicht -mehr. - -Alle drei waren ziemlich wortkarg, es erfüllte sie eine unbestimmte -Traurigkeit. Besonders der Hauslehrer war sehr niedergeschlagen ... - -Die Magd Don Pablo Romeros bat sie, sofort ins Schlafzimmer zu gehen. - -Sie klopfte, es blieb still; da hatte Carlos, bevor Herr Dr. -Bürstenfeger ihn daran hindern konnte, geöffnet. - -Eingehüllt in Zigarettenqualm, schlief der Hausherr, der Hund knurrte. -Der Lehrer nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie verließen das -Haus. - -Sie kehrten ins Hotel zurück, Herr Dr. Bürstenfeger zuerst ungemein -gekränkt über Don Pablo Romeros Empfang, dann aber gequält von einem -Gefühl wachsender Traurigkeit. - -Wieder schien die Sonne durch die Wolken, wieder rieselte ein feiner -Regen herab. - -Über ihnen spielte jemand immer wieder eine Tonleiter ... - -Plötzlich trat der Hauslehrer auf eine tote Ratte, machte einen Sprung -und wischte sich dann den Schweiß von der Stirne ab. - -Sie gingen weiter. Da sah Herr Dr. Bürstenfeger ein Plakat, das er in -Breslau bei seiner Abreise noch gesehen hatte. Seine Züge erhellten -sich, aber bald umfing ihn wieder Traurigkeit. - -Im Hotel bat er die Knaben, in den Hof zu gehen und Ball zu spielen, er -wollte sich ein wenig ausruhen. - -Kaum war er in seinem Zimmer, als Carlos auf einen Berg zeigte und -Nicolás den Vorschlag machte, hinaufzusteigen, in einer Viertelstunde -würden sie wieder zurück sein. - -Sie gingen und gingen, länger als eine Stunde, weit zur Stadt hinaus, an -Weinbergen vorbei, die von niedrigen Lehmmauern umschlossen waren, aber -der Berg entfernte sich immer mehr von ihnen. - -Da fragte Carlos einen Mann, der einen Kropf hatte, wie weit es wohl bis -dahin sei. - -Der Mann antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: »Etwa drei -bis vier Stunden.« - -Carlos und Nicolás konnten das nicht begreifen, aber sie mußten sich -entschließen, zurückzukehren, denn es war spät und Herr Dr. Bürstenfeger -würde wohl sehr unruhig sein. Der Mann begleitete sie ins Hotel zurück. -Nicolás schaute manchmal verstohlen nach seinem Kropf. - -Aber Herr Dr. Bürstenfeger hatte sonderbarerweise ihre lange Abwesenheit -gar nicht beachtet. Er saß in seinem Bett und las in einem spanischen -Buch mit Hilfe des dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht -hatte, über das letzte fürchterliche Erdbeben in Mendoza. - -»Warum haben die Menschen so viel Kröpfe hier?« fragte Nicolás. - -»Ja, das ist nicht schön!« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. »Aber das -macht das kalkige Wasser.« - -Nach Tische ging Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben spazieren. - -Ein Bettler bat um Geld. Er hatte beim letzten großen Erdbeben ein Bein -eingebüßt; er war geschwätzig, und um sich interessant zu machen, -erzählte er, daß er dabei seine Eltern und seine sämtlichen Geschwister -verloren habe. - -Sie kamen durch den Teil der Stadt, von dem nur noch Ruinen erhalten -waren, ein eingestürzter Kirchturm, eingestürzte Tore, geborstene, mit -Gras bewachsene Mauern. - -Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: »In einer einzigen Nacht sind beinahe -zwanzigtausend Menschen in dieser Stadt umgekommen.« - -Der folgende Tag war stockfinster. Staub fegte durch die Straßen, aber -es regnete nicht. - -Der Hauslehrer ging mit den Knaben in der Stadt spazieren, er ging -später in seinem Zimmer auf und ab über eine Stunde lang, von einer -Aufregung ergriffen, die immer mächtiger wurde ... - -Es war nach Mitternacht, als er sich zu Bett legte. Kaum war er im Bett, -als er wieder aufstand und sich anzog; er drückte den Kopf an eine -Fensterscheibe, würgte die Tränen hinab, die ihm gewaltsam in die Augen -drangen, und ballte die Fäuste. - -So war Herr Dr. Bürstenfeger noch nie gewesen. - -Er setzte sich aufs Kanapee und pfiff mit einer fürchterlichen Miene ein -lustiges Liedchen. - -Dann zog er sich rasch aus und warf sich aufstöhnend ins Bett. Lange -wälzte er sich herum, plötzlich begann er zu beten: »Unser Vater, der du -bist im Himmel ...« - -»Unser Vater, der du bist im Himmel ...« wiederholte er. - -Vier, fünfmal rekapitulierte er, aber er hatte in seiner maßlosen -Aufregung die Fortsetzung vergessen. - -Er saß in seinem Bett aufgerichtet und stierte ins Dunkle. Dann fiel er -in wahnsinniger Erschöpfung zurück. - -Er schlief zwei Stunden traumlos und dann träumte er, daß er von Bremen -reise, und es war Sturm auf der See. - -Er erwachte und hielt sich am Bettpfosten fest. - -Draußen aber schwankten die Kirchtürme, daß die Glocken erklangen, die -Menschenknochen im Orangenbaum bewegten sich; dann war es ruhig. - -Die Leute im Hotel stürzten auf den Hof hinaus, die Einheimischen, die -die Gefahr besser kannten, auf die Straßen. - -Herr Dr. Bürstenfeger stürzte in Carlos' und Nicolás' Zimmer und dann -mit ihnen ebenfalls auf den Hof hinaus. - -Don Pablo Romero floh aus seinem Hause, in eine wollene Decke gehüllt, -gefolgt von seinem schwarzen Hunde. - -Don José Igarzabal floh im Hemd mit seinen elf Schwestern. - -Aus allen Häusern stürzte man heraus; es war jetzt mit einem Mal eine -furchtbare Bewegung in Mendoza. - -Der Hotelhof war angefüllt mit Menschen. - -In einem Zimmer aber saß eine schöne, blonde Frau und hielt einen -kleinen Knaben und ein kleines Mädchen umfangen. Sie schämte sich, im -Hemd zu fliehen. - -Herr Dr. Bürstenfeger stand neben einer kaum bekleideten Engländerin. - -Sie starrte nach der Hofmauer vor sich, in der ein breiter Riß gähnte -... - -Eine halbe Stunde verging, es blieb ruhig. - -Da erinnerte sich plötzlich Herr Dr. Bürstenfeger, daß er im Hemd war, -und schämte sich. - -Er ging in sein Zimmer, bekleidete sich schnell, holte zwei Decken und -warf sie um Carlos und Nicolás. - -Dann eilte er mit ihnen hinaus auf den Platz vor dem Hotel. - -Eine Menschenmenge war dort versammelt. - -Im Hintergrund kniete ein Priester und betete laut. - -Die Knaben blickten erstaunt auf einen Zwerg mit einem Wasserkopf, der, -ein Bündel in der Hand, laut heulte. - -Über zwei Stunden stand dort Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und -Nicolás. Es blieb ruhig, die Sonne ging auf, die Luft war klar und -schön. - -Auf den Bergen zündeten die Hirten ihre Feuer an. Der Duft der Kräuter -erfüllte die Stadt. - -Carlos sagte zu Nicolás: Das ist der Geruch des Erdbebens. - -Herr Dr. Bürstenfeger aber kehrte mit ihnen ins Hotel zurück. Auf seinen -Lippen ruhte ein Lächeln großer Befreiung; er legte sich zu Bett und -schlief zwölf Stunden hintereinander. Manchmal träumte er von seiner -Heimat. - - - - - In den Kordilleren - - -Die Ansiedelung Don Pablo Romeros war eine kleine Oase, die aus einigen -Wiesen, einem Obstgarten und einer Pappelallee bestand. Hinten erhoben -sich die grauen, kahlen, nur mit dichtem Gestrüpp und Kakteen -bewachsenen Berge, und vorn senkte sich ebenfalls kahl und grau die -Ebene in die Pampa hinab. - -Bloß zwei Zimmer seines Häuschens bewohnte Don Pablo, die übrigen hatte -er Carlos' und Nicolás' Eltern überlassen, und weil trotzdem Raummangel -war, waren noch drei Zelte aufgespannt worden. Das eine, etwas abseits -gelegen, bewohnten die weiblichen Dienstboten, das zweite war als eine -Art kleiner Salon hergerichtet, und im dritten schliefen Herr Dr. -Bürstenfeger und Carlos und Nicolás. - -Seine Sorge um die Knaben blieb immer gleich mustergültig. Morgens, wenn -sie erwachten, stand er an ihrem Bett, beinahe den ganzen Tag ließ er -sie nicht aus den Augen. Abends, wenn sie schlafen gingen, kam er noch -und gab ihnen den Gutenachtkuß. - -Zum nicht geringen Verdruß der beiden hielt er aber immer fest am -Prinzip der weiten Spaziergänge. Nur an Tagen, an denen er besonders -zufrieden mit ihnen war, durften sie, während er zu Fuß ging, rechts und -links von ihm auf ihren Maultieren reiten. Wünschten sie zu galoppieren, -mußten sie fragen, und Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: »Ja, aber nur -bis zu jenem Strauch oder jener Kuh!« oder er verweigerte auch die -Erlaubnis. - -In der Regel aber blieb es bei den gewöhnlichen Spaziergängen, und sie -durchstreiften zusammen die Gegend nach allen Richtungen. Zu Hause -banden sie sich, auf Wunsch von Herrn Dr. Bürstenfeger, Lappen um die -Füße, um keine Blasen zu bekommen. Auch versahen sie sich mit einer -kleinen Apotheke, mit Mitteln gegen den Sonnenstich, den Schlangenbiß, -mit Pflastern und Pflästerchen gegen kleine Verletzungen, mit -Pfeffermünzpastillen und Orangen und Zitronenessenzen gegen den Durst. -Um die Schultern hingen sie sich zwei Feldflaschen mit Wasser und eine -blecherne Büchse, auf der ein grasender Hirsch abgebildet war -- gefüllt -mit Brot, harten Eiern, Butter und »Landjäger«. - -Und so zogen sie aus, zur Freude des gesamten Dienstpersonals; denn -Fußgänger und dazu noch so ausgerüstete, waren hier seltene Leute. - -Zu Anfang hielt Herr Dr. Bürstenfeger seine Leidenschaft ein wenig im -Zügel, weil er fürchtete, sich zu verirren, und aus Angst vor den wilden -Tieren, besonders auf den Spaziergängen in der Richtung nach den Bergen. -Bald aber waren sie mit der Umgegend so vertraut, daß sie die ersten -Gipfel ersteigen konnten, von denen aus man eine herrliche Aussicht auf -die dahinter liegenden, höheren hatte. Herr Dr. Bürstenfeger zog seine -Karte aus der Tasche, um nachzusehen, wie die wohl heißen möchten, aber -es stand kein Name da, und als er später daheim fragte, wußte es auch -niemand. Darüber mußte er heimlich den Kopf schütteln; er fand aber -zugleich auch diese Kulturlosigkeit interessant. - -Was seine Angst vor den wilden Tieren betraf, so brauchte er geraume -Zeit, bis er sie überwunden hatte. - -Zu den wilden Tieren zählte er aber auch die Schlangen, obgleich er -wußte, daß sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehörten. Ein -abgebrochener Ast auf der Erde, der Schatten seines eigenen Stockes ... -überall sah er welche. - -Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr. -Bürstenfeger blieb stehen, erblaßte, sammelte sich aber und flüsterte: -»der Silberlöwe greift nicht den Menschen an, sondern flieht ihn.« Ein -andermal, als sie durch eine Schlucht gingen, kreiste in ziemlicher Höhe -über ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer wußte, daß er ihnen -nicht gefährlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die Knaben an sich -und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ... - -Die Spaziergänge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab -Herr Dr. Bürstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht -erteilte er hinter dem Hause im Garten unter einem Nußbaum, wo ein Tisch -und zwei Bänke standen. - -Jeden Morgen mußte sie José, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr. -Bürstenfegers mit heißem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von -den Vögeln beschmutzt worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden, -die auch nicht ohne Zwischenfälle abliefen. Es trieb sich z. B. José mit -einer der Mägde weiter hinten herum, oder es wurde Obst von den Bäumen -geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten, oder gar die Säue. - -Diese zu hüten war ein kleiner, dreijähriger Indianer angestellt, der -zusammen mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er -hieß Manuelito und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die -einem halbwüchsigen Knaben gehört hatten, umschlotterten seine Beine. -Auf dem Kopfe trug er einen riesigen Filzhut, dessen Krempen auf seinen -Schultern ruhten. So ausgerüstet, hatte er die Schweine auf die Weide zu -treiben, die ihn aber gar nicht respektierten. - -Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten. -Manuelito hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und -geschrien: »Kehrt um, kehrt um, ihr Schweinchen!« Sie aber waren einfach -über ihn hinweggetrampelt. - -Als Carlos und Nicolás das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und -eilten Manuelito, der heulend auf dem Rücken lag, zu Hilfe. - -Herr Dr. Bürstenfeger stand im Hintergrund und kämpfte einen harten -Kampf zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und -Carlos und Nicolás hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich -auf den Schulunterricht und Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser -Zwischenfall aber änderte durchaus nichts am Programm des Schultages. -Zum Schluß nahm der Hauslehrer das Lineal in die Hand, reichte den -Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er mit ungemein -kräftigem Baß, Carlos und Nicolás mit sehr falscher Stimme: - - Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald, - Lasset uns singen, tanzen und springen. - -»Tanzen und springen!« brüllte Herr Dr. Bürstenfeger und schlug mit dem -Lineal auf den Tisch, daß ein Huhn, das sich in der Nähe aufhielt, -gackernd davonstelzte, denn Carlos hatte drei Noten daneben gesungen. Im -Hintergrund aber, den Knaben zugekehrt, stand Zenobia, die Mulattin, -wiegte den Kopf, fletschte die Zähne und ahmte Herrn Dr. Bürstenfeger -mit einem Besenstiel nach ... - -Am gleichen Nachmittag noch machten sie einen Spaziergang in die Berge. -In einer Schlucht sahen sie ein Pferd liegen, das abgestürzt war und die -Vorderbeine gebrochen hatte. Als die drei herankamen, bewegte es mit -einem unsäglich schmerzhaften Ausdruck der Augen den Kopf ein wenig in -die Höhe und stöhnte. - -Der Hauslehrer erlaubte, daß sofort der Spaziergang unterbrochen wurde, -und die Knaben gingen zu Don Pablo und baten ihn, das Tier töten zu -lassen. Aber Don Pablo antwortete: »Das Pferd ist in unser Gebiet -eingedrungen, es gehört dem Nachbar, töte ich es, so muß ich es -bezahlen.« - -Die Knaben ritten zu Don Andrés (so hieß der Nachbar) und stellten an -ihn die gleiche Bitte. Don Andrés lächelte und erwiderte, er werde heute -jemanden hinschicken. - -Abends aber lag das Pferd zu Carlos' und Nicolás' Entsetzen noch immer -in der Schlucht und stöhnte. - -Es fiel ihnen ein, daß es zu seinen Schmerzen auch noch Hunger und Durst -leiden müsse, sie kehrten daher zum Gut zurück, Nicolás nahm ein Bündel -Gras und Carlos einen Eimer mit, den er in einer Quelle, die halbwegs -von der Schlucht entfernt war, füllte. - -Das Pferd hob schnaubend den Kopf, sobald es das Wasser roch, wollte -sich auf seinen beiden Vorderbeinen aufrichten und fiel mit einem -Schmerzenslaut zurück. Carlos und Nicolás hoben seinen Kopf ein wenig in -die Höhe, und so konnte es, ohne sich sonst zu bewegen, saufen. - -Am folgenden Abend hatte man das Pferd noch nicht getötet, Don Andrés -hatte es scheint's ganz vergessen. - -Der Gedanke an das Tier ließ Carlos und Nicolás in der Nacht nicht -ruhen. - -»Ich höre es ächzen!« rief Carlos und richtete sich im Bett auf. - -»Es ist nicht möglich, es ist zu weit«, antwortete Nicolás; aber ihm tat -das Tier nicht weniger leid. - -Pause. - -»Weißt du was, wir wollen es töten, jetzt sofort, dann leidet es nicht -mehr«, meinte Carlos. - -Nicolás antwortete nicht gleich, dann aber sagte er ebenfalls -entschlossen: »Ja!« ... - -Sie standen auf, nahmen eine Axt aus der Küche, sattelten ihre Maultiere -und ritten davon. - -Es war eine wunderbare, sternklare Nacht, die Sträucher mit ihren -harten, öligen Blättern, die harten Kräuter, gespeist vom trockenen, -vulkanischen Boden, dufteten. - -In der Schlucht lag das Pferd und stöhnte. - -Nicolás sagte zu seinem Bruder: »Carlos, du bist der Ältere, du wirst -das Pferd töten!« - -Aber kaum hatte er das ausgesprochen, als ihn Beschämung und Mitleid mit -Carlos ergriff. - -»Losen wir!« sagte er mit gepreßter Stimme, rupfte zwei Gräser aus, die -aus einem Riß in einem Steine wuchsen, und hielt sie ihm hin. - -Carlos, das Beil in der Linken, zog zitternd einen Halm und hatte den -kürzeren gezogen. - -Da ging sein Bruder zehn Schritte weg, kehrte sich ab und hielt sich die -Ohren zu. - -Carlos ging entschlossen zum Pferd, streichelte es und hob dann das Beil -in die Höhe, ließ es aber kraftlos sinken und weinte. - -Nicolás hatte sich wieder umgewandt, stand da und sah ihn dumpf an. - -Am folgenden Morgen ließen sie durch José, für eine kleine Geldsumme, -die sie aus ihren Sparbüchsen nahmen, das Tier umbringen ... - -Drei Tage später kam der General Acevedo zu Besuch aufs Gut. Er war ein -Mann von etwa fünfzig Jahren mit bereits ergrautem Haar, groß und breit -und mit einem starken Ansatz von Embonpoint. Er kam auf einem großen, -schwarzen Maultier geritten, trug einen Poncho um die Schultern und ein -weißes flatterndes Tuch um den Hals. - -Das war ein Fest für die Knaben; er war immer sehr gut zu ihnen gewesen; -stets brachte er ihnen Geschenke mit. - -Diesmal holte er aus seiner Reisetasche zwei große Schachteln mit -Bleisoldaten heraus und dazu noch für jeden eine Kinderpistole mit roten -Zündhütchen. - -Die Knaben schossen und stellten ihre Soldaten auf. Obgleich der General -morgen schon wieder reisen mußte, fand er doch noch Zeit, ihnen einen -großen Drachen zu machen. - -Am nächsten Morgen vor dem Unterricht traten Carlos und Nicolás in sein -Zimmer; das Fenster ging nach dem Garten. - -Der General schlief noch, er trug ein elegantes, seidenes Nachthemd mit -einer Brusttasche, in der ein Batisttaschentuch steckte. Die linke Hand -lag auf der Bettdecke, sie war weiß, aber kräftig und gut gepflegt, die -Nägel rosig und schön gestutzt. - -Auf dem primitiven Waschtisch sah man ein Schlachtgewühl von Flakons. Es -roch im Zimmer nach allen möglichen Essenzen. Auf dem Nachttisch stand -eine offene Pomadenbüchse, in die drei Fliegen ihre Rüssel getaucht -hielten. Daneben lag ein Revolver mit elfenbeinernem Griff und kleinen -silbernen Initialen. - -Auf der Erde lag offen seine Reisetasche aus indischem Strohgeflecht, in -der ein Durcheinander herrschte. - -Carlos und Nicolás schlichen auf den Fußzehen aus dem Zimmer, um den -General nicht zu wecken; aber gleich nach der ersten Pause machten sie -ihm wieder ihren Besuch. Er war eben erwacht, streckte seine Arme mit -geschlossenen Fäusten in die Höhe und gähnte. - -Die Knaben krochen zu ihm ins Bett und rupften ihm am Schnurrbart. - -»Macht das eurem Schulmeister, verfluchte Bengels!« rief der General. -»Wollen wir wetten, ihr habt ihm noch nie einen Streich gespielt?!« - -Herr Dr. Bürstenfeger saß unter dem Nußbaum und las Klopstock, er war -ganz darin versunken. - -»Habt ihr ihm denn noch keinen einzigen Streich gespielt?« forschte der -General. - -Carlos und Nicolás schwiegen und sahen ihn mit großen Augen an. - -»Ihr seid Kerls, ihr wollt Argentinier sein und wagt euch nicht an -diesen _gringo_[2] heran! In eurem Alter war ich doch ein anderer Kerl, -da habe ich meinen Lehrern ...« - -Der General schwieg und schmunzelte. - -»Was haben Sie ihnen getan?« fragten Carlos und Nicolás. - -»Ich habe ihnen Honig auf die Bank geschmiert, Schwänze an die Röcke -gehängt, einem habe ich ein Loch in seinen blechernen Nachttopf gebohrt, -und da er die Gewohnheit hatte, nachts den Topf ins Bett zu nehmen, hat -es ein großes Unglück gegeben.« - -Carlos und Nicolás mußten lachen. - -Der General höhnte: »Ihr wollt Argentinier sein? Schämt euch!« - -Er strich Carlos über den Schopf und sagte: »Was dich betrifft, so traue -ich dir sowieso nicht viel zu, du bist viel zu blond!« - -Carlos war gekränkt. Er schwieg eine Weile, dann sagte er, jedoch -ziemlich zaghaft: »So schlagen Sie doch was vor!« - -»Bravo!« rief der General. Dann sann er nach. - -»Um einen kleinen Anfang zu machen, nehmt eine Hand voll Zündhütchen, -geht zu eurem Dr. Burstenfecherr und streut sie ihm in seiner Nähe auf -den Boden. So wie ich ihn kenne, wird er Luftsprünge machen, wenn er -darauf tritt.« - -Die Knaben machten einen harten Kampf durch, aber die höhnische Miene -des Generals trieb sie zum Entschluß. - -Sie griffen in ihre Taschen, wo sie noch einen Haufen Zündhütchen -hatten, traten aus dem Zimmer und schlichen auf den Hauslehrer zu. - -Wie sie ganz nahe bei ihm standen, blickte Herr Dr. Bürstenfeger von -seinem Buch auf und fragte: »Na, was wollt ihr, Karl und Nikolaus?« - -Hinten aber saß der General aufgerichtet in seinem Bett, schwang den -einen Arm in die Höhe und spornte die Knaben zum Kampf an. - -[Fußnote 2: Verächtliche Bezeichnung für Fremder.] - -Carlos antwortete: »Wir wollten sehen, was Sie da lesen, Herr Dr. -Bürstenfeger.« - -»Was ich da lese?« antwortete er nicht ohne leises Erstaunen, »ist der -Messias von Klopstock, aber es wird noch manches Jahr vergehen, bis ihr -auch darin lesen könnt, Karl und Nikolaus.« - -Sie fragten nicht mehr, sie schlichen weiter, mit blutroten Köpfen; sie -schämten sich vor dem General und schämten sich, daß sie nie gute -Argentinier werden könnten. - -Der General aber war ins Bett zurückgesunken und hielt sich den Bauch -vor Lachen ... - -Am Nachmittag reiste er wieder fort ... - -Weiter oben, den Bergen näher, wuchs neben einer großen schattigen Weide -bei einer Quelle ein Pfirsichbaum, der jedes Jahr um diese Zeit die -schönsten Früchte trug. - -Niemand wußte, wie er dahingekommen war, kein Mensch hatte ihn -gepflanzt, vielleicht hatte irgendein Vorübergehender bei der Quelle -einen Kern fallen lassen. Auch Carlos und Nicolás kannten ihn, und eines -Tages baten sie ihren Lehrer, einen Ausflug mit ihnen dorthin zu machen, -denn Pfirsiche waren ihre Lieblingsfrucht. - -Da Herr Dr. Bürstenfeger heute sehr mit ihnen zufrieden gewesen war, so -durften sie auf ihre Maultiere steigen, Herr Dr. Bürstenfeger stellte -sich in die Mitte, und man brach auf. - -Am Ziel angelangt, blieben die Knaben, auf seinen Befehl hin, auf ihren -Tieren sitzen, Herr Dr. Bürstenfeger schritt zum Baume, von dem sich -eine bunte Schar von Singvögeln kreischend erhob, und rüttelte am Stamm. - -Eine ganze Anzahl Pfirsiche fiel herab, er hob einige auf, prüfte sie, -bewegte unentschlossen den Kopf und sagte endlich: »Karl und Nikolaus, -wartet eine Woche noch, dann sind sie ganz reif.« - -Und nach diesem Bescheid kehrte er mit ihnen, ohne daß sie einen -einzigen Pfirsich gegessen hatten, zum Gut zurück. - -Als die Woche vorbei war, ließ er sie noch zwei Tage warten, dann sagte -er: »Ich werde euch nicht begleiten, reitet allein!« - -Er nahm Carlos' Hand in seine Rechte und die des Bruders in die Linke -und fügte mit nachdrücklichem Ernst hinzu: »Karl und Nikolaus, ihr wißt, -daß ich es gut mit euch meine, ihr seid bisher gehorsame Knaben gewesen, -ich kann es ruhig sagen: bis auf gewisse Ausnahmen. Ich habe -beschlossen, von nun an euch nicht mehr auf Schritt und Tritt zu folgen, -ihr seid selbständig genug.« - -Pause! -- Darauf feierlich: »Karl und Nikolaus, ich nehme euch das -Versprechen nicht ab, ihr seid frei, zu handeln, wie ihr wollt. Aber -Karl und Nikolaus« -- und jetzt lag ein Ausdruck von wehmütiger Sorge -auf seinem Gesicht: »Ich bitte euch, als euer väterlicher Freund, eßt -nicht mehr als vier Pfirsiche jeder!« - -Carlos und Nicolás, glücklich, überhaupt Pfirsiche essen zu dürfen, -gelobten ihm das, Herr Dr. Bürstenfeger aber zog die Hände zurück zum -Zeichen, daß sie sich nicht durch ein Versprechen binden sollten. - -So waren sie aus seiner Hut entlassen und ritten davon. - -Bei der Quelle banden sie ihre Maultiere an die Weide und stiegen auf -den Pfirsichbaum hinauf. Singvögel stoben kreischend auseinander. - -Nun pflückte jeder von ihnen vier der schönsten Pfirsiche, und sie -wollten schon wieder herabsteigen, als Carlos den Vorschlag machte, sie -oben zu essen, weil es ihm schien, daß sie dann besser schmeckten; und -so saßen sie sich denn gegenüber, jeder auf einem dicken Ast, lautlos -und beobachteten sich gegenseitig aufmerksam, und wenn einer einen Biß -tat, wartete der andere eine Weile und biß ein etwas kleineres Stück ab; -denn jeder wollte, um einen längeren Genuß zu haben, der letzte sein. -Bei diesem stummen Ringen verhielten sie sich so mäuschenstill, daß -sämtliche verscheuchten Vögel sich wieder zurückwagten, und es war ganz -still bis weithin. Unten nur hörte man die Quelle murmeln, und oben war -ein Kauen und Picken. - -Als nun Carlos seine vier Pfirsiche verzehrt hatte, hatte Nicolás noch -einen, den wollte er auf dem Heimweg essen. Sie kletterten wieder herab -und stiegen auf ihre Maultiere, Nicolás in etwas gedrückter Stimmung, -Carlos tief melancholisch. - -Stumm ritten sie nebeneinander her. Nicolás hielt seinen Pfirsich in der -Hand, strich mit den Fingerspitzen darüber hin, manchmal roch er daran, -einmal wollte er hineinbeißen, besann sich aber und steckte ihn wieder -in die Tasche. - -Carlos schaute zu, seine Augen füllten sich mit Tränen, er wollte sich -zur Resignation zwingen, aber der innere Kampf dauerte fort. - -Plötzlich hielt er sein Maultier an, stieß einen schweren Seufzer aus -und sagte zu seinem Bruder: »Ich reite zu Bernabé, dem Ziegenhirten, -sage Herrn Dr. Bürstenfeger, ich werde in einer Stunde nachkommen.« Dann -wandte er sein Maultier, ritt zum Pfirsichbaum zurück und setzte sich -auf den Ast, auf dem er vorhin gesessen war. Beschämt und zaghaft biß er -in den ersten Pfirsich, dann aber wurde er kühner, und bald dachte er an -nichts weniger, als an Herrn Dr. Bürstenfeger und seine inständige -Bitte. - -Als er endlich genug hatte, stieg er hinunter, setzte sich faul an den -Baumstamm und war in kurzer Zeit, ohne daß er wußte wie, eingeschlafen. - -Als er erwachte, verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, langsam -krochen die Schatten die Ebene hinab. - -Sein erster Gedanke war, daß er Herrn Dr. Bürstenfeger jämmerlich -hintergangen hatte, und eine tiefe Traurigkeit erfüllte ihn. Er saß da, -den Kopf an den Baum gelehnt, und weinte vor Reue. - -Aber es war schon spät, und er mußte an die Rückkehr denken. - -Im Schritt, die losen Zügel in der Hand, ritt er heimwärts; er war aber -noch keine Viertelstunde geritten, als er sich mit Schrecken erinnerte, -daß unter dem Baume die Kerne der vielen gegessenen Pfirsiche lagen, die -würden ihn verraten, er kehrte daher um und vergrub sie nahe bei der -Quelle. Schon wollte er wieder aufs Pferd steigen, als ihn plötzlich der -Gedanke überfiel, aus den Kernen könnten Pfirsichbäume wachsen, und -obgleich er wußte, daß es noch in weiter Ferne lag, ließ der Gedanke ihm -doch keine Ruhe, er scharrte die Kerne wieder aus und steckte sie in -seine Rocktasche. - -Als er im Gut ankam, war die Ebene schon ganz vom Abend beschattet. Aber -fern am Horizont stieg blutrot der Mond auf. - -Vor ihm stand Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Du warst beim Ziegenhüter Bernabé«, sagte er, »du hättest nicht so spät -heimkommen sollen, Karl.« - -Ganz harmlos, etwas vorwurfsvoll sagte er das, und doch war etwas wie -leises Mißtrauen in seiner Stimme. - -»Ich war beim Ziegenhirten Bernabé«, antwortete Carlos. Seine Stimme -zitterte, er blickte Herrn Dr. Bürstenfeger nicht in die Augen. Trotz -der ziemlichen Dunkelheit sah Herr Dr. Bürstenfeger, daß Carlos über und -über rot war. - -Da wußte er, daß er ihn belogen hatte, und stumm wandte er sich ab, von -Beschämung überwältigt. - -Carlos aber ging ins Zelt, legte sich zu Bett und schluchzte in die -Kissen hinein. - - - - - Nach Paraguay - - -Im Garten blühten die Veilchen, es duftete der Mimosenbaum; aber der -Winter hatte schon lange begonnen. - -In der Frühe standen Carlos und Nicolás im Garten vor dem Springbrunnen. -Der bronzene Reiher streckte den Kopf in die Höhe, und kalte Tropfen -rieselten ihm über Hals und Brust in das Bassin herab, wo sich eine -dünne Eisschicht gebildet hatte. Die Knaben drückten den Finger darauf, -daß sie brach, und sie dachten: Hundertmal so dick und tausendmal so -weit, und es ist ein Fest in Europa, die roten Lampions leuchten, auf -großen Tribünen spielt die Musik, und man schwebt wie auf weiten Flügeln -über die Fläche. - -So hatte es Tia Lolita erzählt und ähnlich auch Herr Dr. Bürstenfeger. - -Tia Lolita war die jüngste Schwester ihrer Mutter; die Knaben nannten -sie aber gewöhnlich nur Lolita. - -Sie war sechzehn Jahre alt, hatte langes, goldblondes Haar und trug ein -blaues Kleid mit Matrosenkragen. Jedermann sagte, sie sei ein -ungewöhnlich schönes Mädchen. Carlos und Nicolás meinten: vielleicht das -schönste auf der ganzen Welt. - -Damals, als sie noch im Kloster erzogen wurde, sahen die Knaben sie nur -manchmal des Sonntags. Dann aber spielte sie mit ihnen, erzählte ihnen -schöne Geschichten und ritt mit ihnen aus. Jetzt, da sie von Europa -zurück war, wo sie sich mit der Großmama zwei Jahre aufgehalten hatte, -kam sie beinahe jeden Tag zu ihnen auf Besuch. - -In Herrn Dr. Bürstenfeger aber schien seitdem etwas Seltsames -vorzugehen. - -Oft mitten im Unterricht, wenn Carlos und Nicolás über einem -Rechenexempel saßen oder aus dem Gedächtnis ein Lesestück -niederschrieben, erhob er sich plötzlich, stampfte auf, ballte die -Fäuste, setzte sich ans Klavier und phantasierte mit flammenden Backen, -und seine Hände rasten über die Tasten, wie losgelassene Pferde auf der -Pampa; mit einem Schlage aber hielt er inne, seufzte tief auf, und es -war ein sehr wehmütiges Spiel, das nun folgte. - -Manchmal, wenn Carlos und Nicolás hinten im Garten waren, sahen sie ihn -auf der Terrasse auf und ab gehen, den Blick zu Boden gerichtet, wie in -tiefe, melancholische Gedanken versunken. Es war die Zeit, wo er sonst -immer die Hefte korrigierte; die Knaben wußten nicht, was es zu bedeuten -hatte. - -Eines Morgens, während der ersten Pause -- Carlos und Nicolás schnitten -Figuren aus einem Pappdeckel -- klopfte es, und Tia Lolita stand im -Zimmer. - -Herr Dr. Bürstenfeger machte einen Schritt zurück, über und über -errötend, verbeugte sich und wischte sich die Finger, die voll Kreide -waren, an den Rockschößen ab. - -Die Knaben sprangen auf, packten die Tante an beiden Armen und drehten -sie im Kreise herum. - -»Carlos und Nicolás«, sagte sie, die Hand an der Stirne, denn es war ihr -schwindlig, »wir reisen in einigen Tagen alle miteinander nach der -Kolonie Trinidad. Mama hält es nicht mehr aus!« - -Die Knaben stürzten ins Zimmer ihrer Mutter: es war wahr, in einer Woche -reiste man. -- - -Es goß in Strömen an dem Tage der Abfahrt. - -Carlos und Nicolás knieten auf dem Sofa im Salon des Dampfers und -schauten zum Fenster hinaus. Die Wolken hingen zerfetzt und niedrig. Aus -dem Schornstein stieg schwarz der Rauch auf. Die Knaben folgten ihm mit -den Blicken, und als er ganz hoch war, glaubten sie, er sei jetzt auch -eine Wolke. - -Man hatte vor drei Stunden Campana verlassen; große beladene Barken -strichen vorüber, langsam, mit eingezogenen Segeln, die dunkel vom Regen -waren. Carlos und Nicolás schauten auf die trübe Fläche des Stromes, auf -der fortwährend Blasen entstanden und platzten. Leise pochte die -Maschine. - -Darauf setzten sie sich zu Tia Lolita, die melancholisch in einem großen -roten Album blätterte, und verlangten, daß sie ihnen eine Geschichte -erzählte. - -»Das Märchen von Amlet!« bat Carlos. - -Herr Dr. Bürstenfeger, der in der Nähe saß und eine Idylle von Voß las, -sah auf. - -»Meinst du Hamlet? ... Aber das ist doch kein Märchen, sondern ein -Trauerspiel!« - -Carlos begriff das nicht recht, es war doch keine wahre Geschichte, -sondern ausgedacht. - -»Erzähle uns lieber das Märchen vom Swinegel und sine Fru, es ist viel -schöner!« rief Nicolás. - -Herr Dr. Bürstenfeger sah manchmal auf, die Parallele schmerzte ihn. - -Und Tia Lolita erzählte, um Carlos zu befriedigen, »das Märchen von -Amlet« und dann das Märchen vom Swinegel und sine Fru, um Nicolás zu -befriedigen. - -Herr Dr. Bürstenfeger hatte zugehört und war entzückt, er sagte sich: -Hamlet ist doch eigentlich nichts für Kinder, aber wie hat sie gewußt, -es ihnen nahezubringen, mit welch feinem Eindringen in die kindliche -Seele! - -Hundertmal schon hatte Tia Lolita ihnen das Märchen von Amlet erzählt, -und hundertmal schon das Märchen vom Swinegel und sine Fru; aber es war -immer wieder eine neue Geschichte für sie. - -Carlos sagte: »Armer, armer Amlet, aber auch armer Polonius!« - -Über das Schicksal der Ophelia jedoch waren sie sehr erfreut, Tia Lolita -hatte nämlich, um ihre Gemüter nicht zu sehr zu belasten, es von Grund -aus umgestaltet und einen fröhlichen Ausgang erdacht. - -Nicolás sagte: »Beim Märchen vom Swinegel und sine Fru kann man auch -traurig und lustig sein, die Swinegels sind komisch, aber der Hase tut -mir leid.« - -Tia Lolita bestätigte das, und Herr Dr. Bürstenfeger lächelte -nachsichtig und milde. - -Es wurde zu Tische geläutet, nachher ging Herr Dr. Bürstenfeger in seine -Kabine, um ein Mittagsschläfchen zu halten. - -Carlos und Nicolás spielten mit Tia Lolita Fangen, und dann versteckten -sie sich, und sie mußte sie suchen. - -Carlos war schlau; er wußte, daß sie schwerlich auf Deck gehen würde, -weil es in Strömen regnete, ging hinauf und duckte sich in eine -Taurolle. - -Nach seinem Mittagsschläfchen begab sich Herr Dr. Bürstenfeger in den -Salon; er fand die Knaben nicht, suchte sie und sah sie schließlich oben -auf Deck mit aufgespannten Regenschirmen bei Backbord sitzen, jeder eine -lange Angelrute in der Hand. Die gehörten dem Schiffskommissär. Sie -hatten sie vor seiner Kabine stehen sehen, und auf ihre Frage, ob er -erlaube, daß sie damit Fische für das Abendessen fingen, war er überaus -erfreut darüber gewesen; und nun saßen Carlos und Nicolás bereits -dreiviertel Stunden lang da und fingen nichts. - -Der Lehrer legte ihnen die Hand auf die Schulter und belehrte sie, es -sei bei der schnellen Fahrt nicht gut möglich, Fische zu fangen, und der -Schiffskommissär, der weiter hinten unter Dach stand, lachte und meinte, -die Fische müßten lange Beine haben, und warnte sie vor dem Kapitän, der -beleidigt sei, denn sein Schiff sei kein lahmer Klepper. - -Bei Tisch sahen Carlos und Nicolás nach der Spitze, wo der Kapitän saß, -und waren nachher furchtbar froh, weil er nichts gesagt hatte. - -Heute hatte man frei gehabt, aber morgen war Schule ... - -»Wir werden gesattelt«, sagte Carlos zu Nicolás, als Herr Dr. -Bürstenfeger sie zum Unterricht abholte. Sie meinten, so müsse es auch -ihren Ponys zumute sein, wenn die Knaben mit ihren Zäumen kamen. - -Übrigens war es ungewiß, wer diesen Witz erdacht hatte, Carlos oder -Nicolás. Der Witz war alt, jeder nahm ihn für sich in Anspruch, und sie -hatten sich manchmal ernstlich darüber gestritten. - -Auf Carlos' Vorschlag führten sie seit einiger Zeit ein Notizbuch in der -Tasche, und machte einer von ihnen einen Witz, so wurde er sofort in -beide Hefte eingetragen und darunter geschrieben: - - Diesen Witz hat Carlos (oder Nicolás) am 5. - November 18.. um 4 Uhr nachmittags auf - einem Ritt nach Flores gemacht. - -Es folgten dann beide Unterschriften. - -Aber auch dies lief nicht immer ohne Streitigkeiten ab, denn oft war der -andere geneigt, den Witz zu schlecht zu finden, als daß er notiert -werden sollte, was ihn aber manchmal nicht daran hinderte, später, als -er bereits längst vergessen schien, darauf zurückzukommen und für sich -die Autorschaft zu beanspruchen. -- - -In Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine lag alles fein säuberlich -nebeneinander: das Rechenbuch, das Lesebuch, die französische Grammatik, -zwei Hefte und zwei gespitzte Bleistifte. - -Sie setzten sich. Zuerst kam das Rechnen, dann folgte Französisch. - -Draußen vor der Tür aber war Geräusch zu hören, ganz sicher stand dort -jemand und horchte. - -Carlos wurde unruhig. Herr Dr. Bürstenfeger aber tat, als höre er -nichts. Er öffnete die Grammatik und las: - -»_Ma tangt a oublie song parablü_«, und Carlos übersetzte: »Meine Tante -hat ihren Regenschirm vergessen.« - -Herr Dr. Bürstenfeger las: »_Hannibal frangschi les Alp._« - -Carlos starrte nach der Tür. Er hörte kichern, ganz deutlich sah er ein -Auge durch das Schlüsselloch. - -Er würgte und übersetzte: »Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen.« - -Herr Dr. Bürstenfeger fuhr auf, er glaubte, Carlos erlaube sich einen -Scherz. Dann aber erkannte er seine Verwirrung. - -Er stand auf, ging entrüstet nach der Tür und öffnete. - -Es war Tia Lolita gewesen, die schnell entschlüpft war, ohne daß Herr -Dr. Bürstenfeger sie gesehen hatte. - -Der Unterricht wurde fortgesetzt. - -Zum Schluß kam das Freiturnen, der Gesang wurde ausgelassen. - -Herr Dr. Bürstenfeger öffnete die Luke, damit frische Luft herein käme, -und es wurde mit der Kniebeuge begonnen, zuerst er und Carlos allein, -weil zu wenig Raum in der Kabine war. - -Carlos dachte: Wir bewegen uns auf und ab wie die Kolben unten in der -Maschine. Er empfand es aber nicht als einen Witz, weil er zu erbittert -war ... - -In der Nacht schliefen Carlos und Nicolás lange nicht ein vor Aufregung; -am Morgen würden sie ihr Landgut passieren, noch nie waren sie im Schiff -daran vorbeigefahren. Außerdem hatten sie einige Tage vor ihrer Abfahrt -einen Brief an den Verwalter geschrieben, unter welchen die Mama ihre -Unterschrift gesetzt hatte. Darin stand, daß, wer Zeit hätte: der -Capataz, Ramon der Stallknecht, Juanita die Tochter des Schafhirten, -Juan der Sohn des Capataz, sich, sobald das Schiff in Sicht wäre, ans -Ufer begeben sollte, weil Carlos und Nicolás mit dem Taschentuch winken -wollten. - -Die Knaben baten den Kapitän, sich möglichst nahe an der Küste zu -halten, und gaben ihm den Grund an. - -Der Kapitän, der ihnen scheinbar das Fischen gar nicht übelgenommen -hatte, erklärte sich bereit, und wirklich fuhr er so nahe daran vorbei, -als er konnte. - -Von allem Gesinde aber waren nur Ramon der Stallknecht und Miguel der -Koch anwesend. - -Carlos und Nicolás waren ganz außer sich vor Freude, winkten und -schrieen, man konnte aber nichts verstehen. - -In gestrecktem Galopp kam plötzlich Juan auf Carlos' Pony, das er ihm -für die Zeit seiner Abwesenheit geliehen hatte, dahergeritten. - -Um zu zeigen, daß er so schnell als das Schiff sei, ritt er in Karriere -mit diesem parallel und hieb unbarmherzig auf das Pferd ein; mit seinem -dicken Bauch und seinem kurzen Halse glich es einer dahinstürmenden -Wildsau. - -Carlos hatte sich anfangs gefreut, dann aber begann er, sich über Juan -zu ärgern. - -»Hau nicht so! Hau mein Pferd nicht so!« schrie er, »sonst hau ich -dich!« - -Juan aber kehrte sich nicht daran, erstens weil er nichts hörte, und -zweitens, weil Carlos ihn doch nicht hauen konnte. - -Die Passagiere aber lachten. -- - -Man hatte bereits San Nicolas, Rosario und Santa Fé hinter sich. - -Die warme Luft des Nordens begann sich schon bemerkbar zu machen. Heute -war ein schöner, windstiller Tag. - -Nach dem Mittagessen lag man auf Deck unter dem aufgespannten Toldo auf -langen Strohstühlen und trank schwarzen Kaffee und rauchte Zigaretten. - -Auch Herr Dr. Bürstenfeger war oben, lag aber nicht, sondern saß, auch -rauchte er nicht Zigaretten, sondern eine leichte Bremer Zigarre, von -denen er einen großen Vorrat aus Deutschland mitgebracht hatte, ohne sie -dem Zoll vorzuenthalten. - -Zwei Stunden später hielt plötzlich das Schiff mit starkem Erbeben an, -die Schaufelräder bohrten sich in den Grund, ein Dutzend Gläser und -sechs Flaschen zerbrachen, ein Buch fiel in Herrn Dr. Bürstenfegers -Kabine vom Netz. Es war Wassertiefstand, und man war auf eine Sandbank -aufgefahren. Es war aber weiter kein Unglück geschehen. - -Gegen Dämmerung kam ein großes Dampfschiff den Strom herab; mit Tauen -versuchte es das andere frei zu machen, aber es war umsonst. - -Am Morgen jedoch, als Carlos und Nicolás erwachten, war man bereits -wieder in voller Fahrt begriffen. Ein Sturm hatte in der Nacht das -Schiff flott gemacht. - -Vor Ablauf einer Woche langte man in Formosa an. Man ging ans Land. Auf -einem Balkon saß ein schönes kleines Mädchen, fächelte sich mit einem -Papierfächer und kokettierte zu Carlos und Nicolás herab. Carlos und -Nicolás blieben stehen und lächelten hinauf, Herr Dr. Bürstenfeger -drängte vorwärts; das schöne kleine Mädchen klappte den Papierfächer zu -und lachte. - -Sieben Stunden war man bereits wieder unterwegs; ein Dampfer mit -Militärbesatzung fuhr stromabwärts. Es galt, Formosa zu Hilfe zu kommen, -das soeben von Horden von Tobasindianern angegriffen worden war. - -Carlos und Nicolás hörten die Nachricht und waren trostlos, daß ihr -Schiff so früh abgefahren war, so daß sie sich nicht am Kampfe -beteiligen konnten. Es fiel ihnen plötzlich ein, daß das kleine schöne -Mädchen, das in Formosa auf dem Balkon gestanden hatte, in großer -Lebensgefahr sein müsse. Niemals würden Carlos und Nicolás erfahren, ob -sie tot sei, denn sie hatten die Straße, wo sie wohnte, vollständig -vergessen, auch konnten sie sich ihres Gesichtes gar nicht mehr -erinnern, so starken Eindruck es auch auf sie gemacht hatte. Und sie -waren erfüllt von Traurigkeit. - -Ganz in der Frühe hielt wieder der Dampfer an. Vom Lande wurde eine -lange Brücke bis zum Schiff geschlagen, ein langer Zug von Indianern und -Indianerinnen brachte Orangen an Bord in großen Körben, die sie auf den -Köpfen trugen. - -Bis spät nachmittags dauerte das Verladen. Auf dem vorderen Teil des -Schiffes ragte ein goldener Berg von Orangen, ein leiser Wind ging und -brachte den Duft herüber. - -Carlos und Nicolás gruben sich ein Loch in den Berg, kauerten hinein und -aßen Orangen. - -Der Kapitän sah es, auch die Verlader sahen es, sagten aber nichts. - -Die Knaben jedoch glaubten von niemandem beobachtet zu sein und fanden -es romantisch und abenteuerlich. - -Gegen Dunkelwerden fuhr man ab. -- - -Am Morgen nach dem Frühstück -- die Knaben saßen im Eßzimmer -- erscholl -plötzlich auf Deck Gewehrschießen. Sie sprangen auf und eilten hin, Herr -Dr. Bürstenfeger sehr besorgt hinter ihnen her. - -Oben wurde auf Alligatoren geschossen, die sich auf dem nahen Ufer -sonnten. - -Vor einer Stunde hatten sich die ersten gezeigt, bis jetzt zählte man -bereits über zwanzig; zwei Passagiere hatten ihre »Remingtons« -heraufgebracht, und andere eilten, es ihnen nachzutun. - -»Karl und Nikolaus,« rief streng Herr Dr. Bürstenfeger, »kommt zum -Unterricht herab!« - -Carlos begann zu weinen, Nicolás war sehr niedergedrückt. Aber es half -nichts. - -Es wurde die Grammatik aufgeschlagen, und Carlos las: »_Après la -bataille de Marathon_ ...« - -Oben auf Deck aber krachte ein Schuß nach dem andern. - -»_Après la bataille de Marathon_ ...« heulte Carlos. »Oh, Herr Dr. -Bürstenfeger, lassen Sie uns hinauf!« - -Aber Herr Dr. Bürstenfeger wehrte streng ab. - -Er hätte wohl den Unterricht verschoben, wenn es sich um eine würdigere -Sache gehandelt hätte, aber er wollte nicht, daß Carlos und Nicolás -ihren Spaß daran hätten, daß Tiere getötet werden. - -Da ging die Türe auf, und Tia Lolita stand in der Kabine. - -»Herr Dr. Bürstenfeger,« bat sie, »lassen Sie die Knaben hinauf!« - -Herr Dr. Bürstenfeger war blutrot. Er verbeugte sich und sagte flehend: -»Mein gnädiges Fräulein, ich bitte ... ich bitte Sie ... nein ... mein -gnädiges Fräulein ...!« - -Es war umsonst, Tia Lolita kehrte unverrichteter Sache zurück. - -Es waren aber nicht drei Minuten vergangen, da schlug er plötzlich sein -Buch zu und rief, während seine Stimme vor Beschämung bebte: »Geht -hinauf, Karl und Nikolaus, geht hinauf!« -- - -Am Abend war man in Asuncion. - - - - - Paraguay - - -»Nach dieser langen Flußfahrt ist es nötig, daß wir uns endlich einmal -gründlich Bewegung machen«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und nahm Carlos -und Nicolás bei der Hand. - -Und sie spazierten auf den Straßen von Asuncion, der Stadt mit den -blendend weißen Häusern, den vorgebauten Holzgitterfenstern, den -bedeckten Galerien, in denen Hängematten hingen, und den breiten, -ungepflasterten Straßen mit der roten, weichen Erde. Der Duft der -Orangenblüte erfüllte die Stadt. Frauen, eingehüllt in lange, weiße -Tücher, wandelten langsam und sehr aufrecht, bunte Krüge auf den Köpfen. -In ihren Gärtchen, unter Orangenbäumen, lagen die Männer, manchmal nur -mit einem Hemd bekleidet, und schliefen. - -»Es ist dies ein paradiesisches Land,« sagte der Lehrer, »ohne Hast und -Qual und ohne Arg verbringen die Menschen hier ihre Tage, brauchen, um -zu leben, nur die Hand auszustrecken nach den herrlichen Früchten, die -diese gütige Erde ihnen spendet.« - -Der Weg führte sie am Markt vorbei. - -Carlos und Nicolás sahen zwei Affen je auf einem großen Kürbis kauern. -Vier uralte, verschrumpfte Indianerinnen saßen um einen großen Kessel, -kauten Mais und spuckten ihn hinein. - -»Der Speichel bringt den Mais zum Gären, daraus wird Schnaps«, sagte -Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte sich. - -Aber die Aufmerksamkeit der Knaben war auf die beiden Affen gerichtet. - -Wenn man nach Paraguay käme, sollten sie einen haben, hatte die Mama -gesagt. - -Eine der alten Indianerinnen erhob sich, setzte auf jede Hand einen -Affen und hielt sie dem Hauslehrer hin. - -Sie wimmerten und kratzten sich. - -»Herr Dr. Bürstenfeger, kaufen Sie uns einen Affen!« baten Carlos und -Nicolás zugleich. - -Herr Dr. Bürstenfeger machte eine erschrockene Bewegung; er erinnerte -sich an das Versprechen, das ihnen die Mama gegeben hatte. - -Aber kein Tier war ihm so unsympathisch wie ein Affe. - -»Kaufen Sie uns einen Affen!« wiederholten die Knaben. - -Nach einigem Zaudern begann er mit der Indianerin zu unterhandeln. - -Carlos und Nicolás waren sich nicht einig in der Wahl; schließlich -einigten sie sich auf den, der auf der linken Hand saß, und der Lehrer -gab seine Einwilligung. - -Als aber die Indianerin die Kiste, in die er hineingehörte, in die Höhe -hob und ihn an der Schnur zog, an der er angebunden war, fielen sich -beide Tiere in die Arme und begannen laut zu heulen. - -Sie wußten es von manchen Vorgängern, daß es galt, Abschied zu nehmen. - -»Arme Affen!« sagten Carlos und Nicolás. - -Auch Herr Dr. Bürstenfeger war voller Mitleid. - -Die Affen hielten sich umklammert, der Lehrer war ratlos. - -»Kaufen Sie beide!« baten die Knaben. - -Herr Dr. Bürstenfeger rang mit sich. - -»Es wäre eine Grausamkeit, die armen Tiere zu trennen!« entschied er -endlich. - -Er gab der Indianerin eine Weisung, die Knaben jubelten, und einige -Minuten später zogen sie heim, Carlos und Nicolás rechts und links von -Herrn Dr. Bürstenfeger, jeder mit seiner Kiste und seinem Affen. -- - -Zwei Tage später fand die Weiterreise nach Trinidad statt; es war ein -Ritt von fünf Stunden. - -Zum erstenmal in seinem Leben mußte sich Herr Dr. Bürstenfeger -entschließen, auf ein Pferd zu steigen. In ganz Asuncion war kein -einziger Wagen aufzutreiben. Sie hätten kaum fortkommen können auf der -weichen, lockeren Erde der Wege. - -Da der Tag zu heiß war, entschloß man sich, nachts zu reisen. - -Man brach um 11 Uhr auf, bei herrlichem Mondschein, um mit beginnender -Dämmerung anzukommen. - -Die Pferde waren zahm und mager, und es war gesorgt worden, daß Herr Dr. -Bürstenfeger das zahmste erhielt. Die Eltern, Tia Lolita und die übrigen -ritten voraus. Carlos und Nicolás ritten neben ihrem Lehrer und waren -beschäftigt, sein Tier anzutreiben, wenn sie traben wollten. Gewöhnlich -aber ging es im Schritt, da der Weg zum größten Teil durch Urwälder -führte. -- - -Die Kolonie Trinidad war von Urwäldern umgeben, nachts drang von dort -das Geschrei der Brüllaffen herüber. - -Der größte Teil der Einwohnerschaft bestand aus deutschen Bauern und -Handwerkern, die beinahe alle eine zweifelhafte Vergangenheit hatten. - -Sie waren zusammengewürfelt aus allen Teilen des Reiches, und man hörte -sämtliche Dialekte nebeneinander. - -Es lebten aber auch dort Leute aus anderen Gesellschaftsklassen: -verbummelte deutsche Studenten, durchgefallene Mediziner, die sich um -die Praxis rauften, verlotterte Richter und Advokaten. Sie nannten sich -»alte Semester« und berauschten sich nachts an billigem Schnaps; es -wimmelte in Trinidad von Wirtshäusern. Des Tages aßen sie Orangen, -Bananen und Mandioca, das kostete wenig. - -Alle Einwohner lebten in Haß und Hader miteinander. - -Ging Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Dorfe spazieren, -widerhallten seine Ohren von böswilligem Klatsche. - -Der Bäcker lauerte ihm auf und begeiferte den Schuster, der Schuster -ging ihnen heimlich nach, und sobald Herr Dr. Bürstenfeger frei war, -redete er schmählich über den Bäcker, der Tischler folgte und erzählte -Ruchloses von der Frau des Bienenzüchters. - -Und ganz so war es auch mit den Ärzten, Richtern und Advokaten bestellt. - -Anfangs ließ Herr Dr. Bürstenfeger wortlos den Schwall über sich -ergehen. Dann aber wehrte er mit den Händen ab und floh nach dem Urwald. - -Aber als er nach Hause zurückkehrte, umging er das Dorf. -- - -Zweimal in der Woche war es Carlos und Nicolás erlaubt, allein -auszureiten. Herr Dr. Bürstenfeger erlaubte es, weil die Gegend sicher -war, von den friedlichen Guarangsindianern war keine Gefahr zu erwarten. - -Auf ihren mageren, struppigen Pferden schlugen die Knaben am liebsten -die Richtung dahin ein, wo bald nach dem Urwald die Steppe begann. - -Da konnten sie lange Galopp reiten, und es erinnerte sie an die Pampas -in Argentinien. Nur erhoben sich hier von Zeit zu Zeit kleine -Palmenhaine. Die Palmen aber standen nicht dicht beieinander, sondern -so, daß die Sonne breit hineinfluten konnte. - -Sie ritten, bis der Urwald ein schwarzer Streifen am Horizont war, -stiegen von den Pferden und legten sich ins Gras, wie sie es oft auf -ihrem Gute getan hatten, und lauschten in die Stille hinein; eine -Heuschrecke klapperte, irgendwo sang ein Vogel. Diese Geräusche und die -Hitze des Tages wiegte sie in Halbschlaf ein. - -Carlos träumte, er jage hinter Straußen, dann träumte er, daß er mit den -wilden Tobasindianern kämpfe. Plötzlich erwachte er. Er rieb sich die -Augen, und es war seltsam, was er eben geträumt hatte, sah er deutlich -aber regungslos in die Wolken gezeichnet, die über dem Horizonte -lagerten, und je länger er hinstarrte, um so lebendiger wurde das Bild. -Er schloß die Augen und sah es langsam vergehen, er öffnete sie, und das -Bild schwebte über dem Horizonte. -- - -Eines Tages, als Carlos und Nicolás in den Urwald ausritten, begegneten -sie einem kleinen Indianer. Er hielt eine große bunte Schlange, die er -eben getötet hatte, auf einem Stocke. - -Carlos fragte, ob er sie verkaufen oder gegen irgend etwas vertauschen -wollte. - -Da er nickte, sie aber kein Geld hatten, sprang er vom Pferd und gab ihm -eine Satteldecke dafür. - -Auf dem Heimritt beschlossen sie, eine Schlangensammlung zu machen. - -Sie verschafften sich Flaschen, denen sie die Köpfe abschlugen, und -füllten sie mit Spiritus. - -Einen Teil ihrer Mußestunden aber verbrachten sie damit, Schlangen -aufzustöbern, die sie töteten, in die Flaschen taten und sorgfältig in -ihrem Kleiderschrank verschlossen, weil sie wußten, welchen Abscheu Herr -Dr. Bürstenfeger vor diesen Reptilien hatte. - -Aber das Unglück wollte es, daß einmal der Schrank aufblieb und Herr Dr. -Bürstenfeger hineinsah und mit einer Miene, als blicke er in Blaubarts -Kammer. - -Er strafte sie aber nicht, er war nur sehr blaß und sagte: »Karl und -Nikolaus, ihr habt mich unendlich betrübt!« - -Carlos und Nicolás gelobten ihm unter Tränen, nie mehr eine Schlange zu -fangen, flehten ihn aber an, diese behalten zu dürfen, da sie ja tot -seien und dabei so wunderbar schöne Tiere. - -Diese letztere Bemerkung erregte in Herrn Dr. Bürstenfeger wieder ein -Gefühl des Grausens. Mit großem Nachdruck erwiderte er: »Daß ihr nie -mehr welche fangen werdet, weiß ich -- im übrigen habe ich euch nichts -mehr zu sagen!« - -Damit entfernte er sich. - -Seine Unterhaltung mit den Knaben beschränkte sich von nun an auf das -Allernotwendigste; er hatte durch Zenobia in Erfahrung gebracht, daß die -Schlangen noch immer im Schrank seien. - -In der Schule sagte er mit höchst betrübtem Tonfall: »Jetzt gehen wir -zum Kopfrechnen über«, oder »Karl, schlag deine Grammatik auf!« - -Und das trieb er so lange, bis Carlos und Nicolás es nicht mehr ertragen -konnten und die Schlangen vergruben. - -Herr Dr. Bürstenfeger zuckte mit keiner Miene, als er es erfuhr. Abends -aber, als sie zu Bett gegangen waren, gab er ihnen mit ungleich mehr -Herzlichkeit, als in den letzten Tagen, den Gutenachtkuß. -- - -Eines Vormittags während der großen Pause saßen Carlos und Nicolás -rechts und links von Tia Lolita unter dem Bananenbaum vor dem Hause. - -Carlos hatte ihr die Zöpfe aufgeflochten und das Haar auf die Schultern -gelegt, daß auch ihr Gesicht umrahmt war. So fand er sie noch viel -schöner als gewöhnlich und nannte sie Genovefa. - -»Du siehst wie Sneewittchen aus,« sagte Nicolás, »das war die schönste -Königstochter.« - -Tia Lolita lachte: »Ich kann doch nicht Sneewittchen gleichen; ihr Haar -war doch so schwarz wie Ebenholz, und ich bin blond!« - -»Aber der Gänsemagd gleichst du«, meinte er. - -Herr Dr. Bürstenfeger kam vorbei. Er blieb stehen und starrte Tia Lolita -an. - -»Mit einer Gänsemagd vergleicht Nicolás mich, was meinen Sie dazu, Herr -Dr. Bürstenfeger?« sagte sie und stellte sich gekränkt. - -»Oh, oh!« meinte Herr Dr. Bürstenfeger, fand aber keine Worte mehr, er -schien verwirrt. - -Nicolás war geärgert: »Ich meine doch nicht eine gewöhnliche Gänsemagd, -sondern die Gänsemagd, die in Wirklichkeit eine Königstochter war, ihr -Haar war eitel Gold, und sie mußte mit Kurtchen die Gänse hüten.« - -Mit dieser Erklärung war Tia Lolita zufrieden, sie gab Nicolás einen -Kuß, und er schmiegte seinen Kopf an ihre Schulter. - -Herr Dr. Bürstenfeger machte ganz unwillkürlich eine rasche Bewegung und -ging weiter. Dann begab er sich hinauf in den Salon, setzte sich ans -Klavier und phantasierte. - -Tia Lolita und Carlos und Nicolás lauschten, ohne ein Wort zu sprechen. - -Carlos sagte: »Wie schön spielt doch Herr Dr. Bürstenfeger!« - -»Sehr schön spielt er«, antwortete sie aufrichtig. -- - -Einige Tage später hatten die Landbewohner Tanz weiter draußen unter -einem uralten Baum. - -Ein alter Indianer spielte die Gitarre und sang leise dazu. - -Es war Mondnacht, und die jungen Indianerinnen tanzten. Sie hatten -feine, schmale Gesichter und große, dunkle Augen. Die dicken -Haarflechten fielen auf die braunen nackten Schultern. Sie trugen weiße -Leinenhemden und weiße Sommerröcke, eine Korallenkette um den Hals und -sämtliche Finger mit Ringen geschmückt. - -Der Duft der Orangenblüte wehte herüber. - -Tia Lolita schwatzte mit Herrn Dr. Bürstenfeger. In einem Anfall von -Laune lachte sie ihm zu und neckte ihn harmlos. - -Herr Dr. Bürstenfeger starrte sie wortlos an mit klopfendem Herzen. - -»Wollen wir auch einmal tanzen!« sagte sie. - -»Ja, ja ...!« stammelte Herr Dr. Bürstenfeger; er wußte selbst nicht -recht, was er sagte. - -Und sie tanzten. -- - -Als Carlos und Nicolás im Begriff waren, zu Bett zu gehen, ging Herr Dr. -Bürstenfeger nebenan in seinem Zimmer langsam auf und ab und murmelte -leise etwas vor sich hin. - -Plötzlich blieb er stehen, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte: -»Ich liebe dich, Lolita ... sei mein Weib, ich liebe dich mit meiner -ganzen Seele!« - -Carlos und Nicolás hörten das, und maßloses Erstaunen ergriff sie. - -Sie saßen sprachlos auf ihren Stühlen und konnten es lange nicht fassen. - -... Seine Frau sollte sie werden, Tia Lolita! Aber armer Herr Dr. -Bürstenfeger!! - -Sie waren von tiefem Mitleid mit ihm erfüllt, waren aber weit entfernt, -den Umfang seines Schmerzes zu ehren. - -Tia Lolita würde ja den Prinzen heiraten, mit ihm auf sein Schloß ziehen -und die schönste Königin der Welt werden. Niemals würde sie Herrn Dr. -Bürstenfeger heiraten! ... - -Am nächsten Tag während des Unterrichts war der Lehrer sehr seltsam, er -hörte kaum auf die Antworten, die Carlos und Nicolás gaben. - -Ein dunkles Gefühl sagte ihnen, er wisse, daß sie den Prinzen heiraten -werde, und darüber sei er so traurig. - -Abends bei anbrechender Dunkelheit saßen sie mit Tia Lolita in ihrem -Zimmer am offenen Fenster. - -»Wirst du den Prinzen heiraten?« fragte Carlos. - -»Gewiß«, antwortete sie. - -»Armer Herr Dr. Bürstenfeger!« - -Tia Lolita lachte. - -Was sich gestern ereignet hatte, hatten sie ihr arglos erzählt. Anfangs -war sie betroffen gewesen und dann aufs höchste belustigt. - -Da, unten im Garten, kam Herr Dr. Bürstenfeger daher. - -Er ging, den Kopf zu Boden gerichtet, und bewegte die Hände, wie im -Selbstgespräch. - -Er ging zur Bank und setzte sich. - -Ganz deutlich hörten sie, wie er leise sagte: »Lolita!« - -Carlos ahnte nicht, was in Herrn Dr. Bürstenfeger vorging; aber ein -Mitleid ergriff ihn, unbestimmt, doch übergewaltig. - -Er lief die Treppe herab, zum Garten hinaus, Herrn Dr. Bürstenfeger -entgegen: »Armer Herr Dr. Bürstenfeger!« - -Aufs höchste betroffen, sah ihn der Lehrer an. - -»Armer Herr Dr. Bürstenfeger, sie wird ja den Prinzen heiraten!« - -Oben am Fenster war Bewegung. - -Herr Dr. Bürstenfeger sah hinauf und sah Tia Lolita dort sitzen. - -Da erkannte er, daß er belauscht worden war, und erhob sich jäh, während -ihm das Blut ins Gesicht strömte. - -Dann aber fiel er zurück, ließ den Kopf sinken und begann zu schluchzen, -aufgelöst in wahnsinnige Beschämung. - -Carlos stand da, sah ihn an und begriff das große Rätsel nicht. - -Plötzlich aber fiel er ihm um den Hals und brach ebenfalls in Schluchzen -aus. - -Aus den Urwäldern aber ertönte laut das Konzert der Brüllaffen. - - - - - Die Revolution - - -Ein paar Jahre waren vergangen. - -Man wohnte seit einigen Wochen in der Stadt, da die Villa restauriert -wurde. - -In zehn Tagen aber sollten Carlos und Nicolás mit Herrn Dr. Bürstenfeger -nach Europa reisen. - -Carlos wurde nächstens zehn Jahre. Sie waren in ihrem Unterricht so -weit, daß sie in die erste Klasse des Gymnasiums eintreten konnten, und -es war dafür eine kleine Stadt irgendwo in Deutschland bestimmt worden. - -Nach Europa! jauchzten Carlos und Nicolás, das war endlich einmal eine -weite Reise. Übers Meer reiste man, wo die Wellen wie Berge waren. Man -sah Walfische und Haifische. Man erlebte vielleicht auch Schiffbruch, -man strandete auf einer einsamen Insel und nährte sich von Gräsern und -Kräutern, bis die Vorräte des Wracks ans Land geschafft waren. Dann kam -ein Schiff vorbei, Carlos und Nicolás würden die Hemden ausziehen und -damit winken, und dann würden sie endlich nach Europa kommen und eine -herrliche Robinsongeschichte erlebt haben. - -In Europa aber versank man bis zum Hals in den Schnee, wenn man auf den -Straßen ging. Das erschien ihnen lustig. Dann waren auch dort die großen -Schlittenfahrten. Sechs Pferde waren vor die Schlitten gespannt, und in -Karriere ging es über Berge und Täler und durch den Wald. Oft verfolgten -sie Wölfe. - -In der Schule war es schön. Man ging mit einem Tornister auf dem Rücken -dahin, und um zehn Uhr war Picknick, das mußte man sich von zu Hause -mitnehmen. - -Die Schule fand in einem großen Saale statt, darin wimmelte es von -Schülern. Der Lehrer sprach mit lauter Stimme, alle lauschten, und jeder -wollte der Beste sein. Wenn man so allein zu zweit im Hause Schule -hatte, war man lange nicht so ehrgeizig. - -So war es in Europa! Carlos und Nicolás wußten es, obgleich Herr Dr. -Bürstenfeger es nur zum Teil so dargestellt hatte. -- - -Heute aber saßen sie noch in Buenos Aires im Spielzimmer und stellten -eine Liste auf von den Knaben und Mädchen, die sie für übermorgen -einladen wollten, zu Carlos' Geburtstag. - -Carlos wollte, daß auch sein bester Freund dabei sein sollte, ein Junge -in seinem Alter, der auf einem lahmen Schimmel ritt mit einem Schafspelz -als Sattel, und dessen Vater Knecht bei den Schlächtereien in Barracas -war. - -Herr Dr. Bürstenfeger aber fand es durchaus nicht statthaft, und so -verließen denn die drei das Haus, ohne daß Carlos' Wunsch willfahrt -worden wäre, um die Einladungen zu besorgen. - -Zuerst gingen sie zu Aguieres, die nicht weit von ihnen wohnten. - -Sie wurden zum älteren Bruder des Freundes, der zwanzig Jahre alt war -und einen Schnurrbart hatte, ins Zimmer gebeten. - -Er saß vor einem großen Schreibtisch, auf dem ein Haufen Papiere lagen, -schien nachdenklich und besorgt und versprach zerstreut, daß sein -kleinerer Bruder, der augenblicklich noch in der Schule sei, zu Carlos' -Geburtstag kommen werde. Dann schrieb er sich das auf einen Zettel auf. - -Im Sagnan begegneten Herr Dr. Bürstenfeger und die Knaben der Mama, -einer Dame aus den nördlichen Provinzen mit mattem Teint und großen, -sanften Augen. Sie gab den Knaben einen Kuß und bestätigte die -Erlaubnis. - -An Carlos' Geburtstag erwachten die Knaben ganz in der Frühe. Im -Dämmerlicht sahen sie die vor den Betten aufgestellten Geschenke. - -Nicolás wurde ebenfalls zu Carlos' Geburtstag beschenkt, weil der seine -kurz nach Weihnachten fiel. - -Auf einer großen Kiste lag ein Zettel, darauf zu lesen stand: Von Herrn -Dr. Bürstenfeger. - -Nachdem sie von den übrigen Sachen fieberhaft Kenntnis genommen hatten, -eilte Carlos im Hemd nach der Küche und holte ein Brecheisen, um die -Kiste zu öffnen. - -Darin fanden sie eine Pappschachtel, die beinahe die ganze Kiste -einnahm. Als sie diese öffneten, fanden sie wieder eine Schachtel darin, -und in dieser ein Paket. Es war aber kein Paket, sondern -zusammengeknülltes Zeitungspapier. - -Wie sie bereits verzagen wollten, stießen sie auf einen großen Zettel, -auf dem zu lesen stand: - - »Diese Kiste mit allem, was darin ist, - nennt man bei uns einen Julklapp.« - -Unzufrieden mit dieser Erklärung, suchten sie jetzt ohne alle Hoffnung -weiter, fanden aber zuletzt, in braunes Papier eingewickelt, zwei schöne -Bücher als Geschenk, in die Herr Dr. Bürstenfeger eine herzliche Widmung -geschrieben hatte. - -Carlos und Nicolás zogen sich an und gingen ins Spielzimmer; es war noch -ganz still im Hause. - -Auch draußen war es still, die Tramways fuhren noch nicht, nur ein -Bäckergeselle ritt auf seinem Maultier pfeifend die Straße herab. - -Carlos und Nicolás hatten eine Menge Bleisoldaten erhalten, die wurden -ihren Armeen einverleibt. Dann zogen sie einen Kreidestrich mitten über -den großen Tisch, die Kanonen wurden mit Erbsen geladen, und die -Schlacht begann. - -Unten auf der Straße aber ertönte gedämpfter Trommelschlag, die Knaben -sprangen zum Balkon, ein Bataillon Infanterie zog vorüber. - -Inzwischen war es ganz hell geworden, die Dienstboten waren -aufgestanden. - -An der Straßenecke stand ein Trupp Leute, ein Stück weiter wieder einer. - -Eine Schwadron Polizei mit Gewehren ritt im Trabe vorbei, von einigen -Neugierigen gefolgt. - -Immer noch fuhren die Tramways nicht ... - -Herr Dr. Bürstenfeger war mittlerweile aufgestanden. Er beglückwünschte -Carlos zu seinem Geburtstag, die Knaben dankten für das schöne Geschenk; -darauf gingen sie ins Eßzimmer, um zu frühstücken. - -Auf dem Gang hörten sie die Köchin laut und aufgeregt sprechen. - -Herr Dr. Bürstenfeger stand auf, um zu hören, was geschehen war. - -Ganz aufgelöst erzählte sie, man hätte sie nicht auf den Markt gelangen -lassen, die Plaza sei mit Militär besetzt, Kanonen stünden dort, das -Pflaster sei ausgehoben. - -»Revolution!« sagte Mauricio, der Diener aus Galicien. - -»Waas ...!« entgegnete Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Das ist die Revolution!« riefen Carlos und Nicolás und stürmten nach -dem Balkon. - -Auf der Plaza aber krachte eine Salve, daß die Fenster klirrten; das war -der Beginn. -- - -Es dauerte eine geraume Weile, bis Herr Dr. Bürstenfeger sich von seinem -ersten großen Schreck erholt hatte, sofort aber nahm er die Knaben unter -seine Obhut. - -»Die Revolution, die Revolution!« schrieen Carlos und Nicolás und waren -ganz außer sich. - -Herr Dr. Bürstenfeger beschwor sie, zu schweigen, und faßte sie dann -streng an beide Hände. - -Darauf befahl er Mauricio, alle Fenster, die auf sein sollten, zu -schließen. - -Um nun kümmerlich sehen zu können, was auf der eigenen Straße geschah, -mußte man auf Stühle steigen. - -Von Zeit zu Zeit ertönte von der nahen Plaza wieder eine Salve. - -Aber auch in anderen Teilen der Stadt begann es lebendig zu werden; -Bürger stiegen bewaffnet auf die flachen Dächer ihrer Häuser, aus -Fenstern und Balkonen wurde geschossen. - -Mit anbrechender Dunkelheit aber wurde es allmählich überall still. - -Losgelöste Rotten durchzogen schreiend die Straßen. - -Man verriegelte die Häuser, um sich gegen Einbrecher zu schützen. - -Auch bei Carlos und Nicolás wurde das Tor sorgfältig geschlossen, und -Herr Dr. Bürstenfeger ging hinunter, um sich davon zu überzeugen. -- - -Als die Knaben zu Bett gegangen waren, unterhielten sie sich noch lange -über die Lage. - -Es waren Flugschriften von der Regierung und auch von der -Revolutionspartei herausgegeben worden, die vom Gange der Ereignisse -berichteten. - -Herr Dr. Bürstenfeger und der Papa hatten heute bei Tische darüber -gesprochen, und Carlos und Nicolás versuchten, sich davon ein Bild zu -machen: sie waren sich klar, der Präsident hatte viel gestohlen, und wer -ein guter Argentinier war, mußte Revolution machen. - -Gewiß wollten Carlos und Nicolás sich Mühe geben, gute Deutsche zu sein, -aber sie wollten auch gute Argentinier bleiben. - -»Weißt du was!« sagte Carlos. »Sollte der Präsident daran sein, zu -gewinnen, so ziehen wir beide auch in die Revolution, und alle unsere -Freunde müssen mit. Auf unseren Ponys reiten wir einher und helfen den -Präsidenten schlagen.« - -Mit diesem Entschlusse schliefen sie beruhigt ein ... - -Bei anbrechendem Tage wurden sie durch lautes und ununterbrochenes -Schießen geweckt. Auch auf nahen Straßen schoß man. - -Ein Bataillon Infanterie zog unten auf der Straße mit aufgepflanztem -Bajonett nach der Plaza, ohne Trommelschlag. - -Gleich würden sie dort sein. Carlos und Nicolás erschauerten. - -Wenige Minuten, und eine neue, das allgemeine Krachen übertönende Salve -erfolgte. - -Das war der Empfang. - -»Mein Gott!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger und entfärbte sich. - -Wieder zog eine Rotte schreiender Menschen vorüber, mit Stößen von -Flugblättern beladen. - -Sie türmten sie zu Bergen auf und verbrannten sie. - -Dabei brüllten sie: »_Viva la revolucion!_« - -»_Viva la revolucion!_« schrien Carlos und Nicolás, von Begeisterung -ergriffen. - -»Schweigt, um Himmels willen,« rief Herr Dr. Bürstenfeger; »enthaltet -euch jeder Meinungsäußerung!« - -Gegen Mittag erschien das Geschwader, das eine Tagreise südlich von -Buenos Aires stationiert hatte. Es kam den Revolutionären zu Hilfe. - -Und jetzt begann von dorther ein Bombardement auf die Stadt. - -Die weiblichen Dienstboten hatten sich schreiend in die Küche -geflüchtet, denn schon eines der ersten Geschosse war nicht sehr weit -vom Hause geplatzt. - -Die Eltern, Carlos und Nicolás und Herr Dr. Bürstenfeger saßen zusammen -im Eßzimmer. - -»Recht töricht,« meinte der Papa, »jetzt gilt ja Freund und Feind -gleich.« - -»Büberei!« hauchte Herr Dr. Bürstenfeger, er war kreidebleich. - -»Wenn wir aufs Dach stiegen, könnten wir alles sehen«, sagte Carlos zu -Nicolás. - -Niemand hatte es gehört. Die Mama stand bei der Tür, Herr Dr. -Bürstenfeger war ganz aufgelöst, der Papa sprach über die Aussichten der -Revolution. - -Die Knaben stiegen die Treppe zum flachen Dach hinauf. - -Die fünf Panzer des Geschwaders standen etwa einen Kilometer entfernt in -Schlachtlinie. - -Sie schossen abwechselnd. - -»Klingt es nicht wie eine Eisenbahn, die vorübersaust?« sagte Carlos zu -Nicolás, wenn eine Bombe vorbeiflog. - -... Plötzlich stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihnen. - -»Karl und Nikol...!« mehr brachte er nicht heraus. Aschfahl war er im -Gesicht. Er packte jeden an einem Arm, und seine Hände waren wie -Schraubstöcke. - -Ohne ein Wort zu sagen, stieg er mit ihnen die Treppe hinab und brachte -sie zu Papa und Mama. - -Die ganze Zeit hielt jetzt Herr Dr. Bürstenfeger die Hände der Knaben -erfaßt. - -Das Bombardement dauerte fort. - -»Herr Dr. Bürstenfeger,« flehten sie, »lassen Sie unsere Hände los!« - -»Nein«, sagte er. - -»Wir bitten Sie, Herr Dr. Bürstenfeger!« - -Er ließ sie los. - -»Wir möchten ins Spielzimmer«, sagten sie und standen auf. - -Herr Dr. Bürstenfeger folgte ihnen. - -Sie stellten ihre Bleisoldaten auf, schossen mit Erbsen und spielten -Revolution. Jeder von ihnen war die Revolutionspartei. Sie vergaßen sich -ganz und rückten einander auf den Leib. - -»Haltet ein!« rief Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff sie bei den Armen. -Dann legte er seine Hände auf ihre Schultern und sagte emphatisch: »Karl -und Nikolaus!« und nun zeigte er mit einer raschen Bewegung nach -draußen, »euren braven Eltern und dann mir habt ihr es zu verdanken, daß -ihr nicht werdet, wie jene bübischen ... dort ...« - -Bei diesen letzten Worten platzte nicht weit eine Bombe, daß die -Scheiben barsten. - -Carlos und Nicolás aber, sinnlos vor Aufregung, sprangen zum Fenster, -rissen es auf und sahen einige Häuser weiter eine große rote Wolke -Ziegelstaubes aufsteigen -- dort, wo die Bombe geplatzt war ... - -Was in den nächsten drei Stunden vorging, sahen Carlos und Nicolás -nicht. - -Herr Dr. Bürstenfeger hatte sie ins Schulzimmer eingesperrt, das hinten -auf den Hof hinausging; er war ganz ratlos. - -Sie sahen nicht, wie der ältere Bruder ihres Freundes, der -zwanzigjährige Augiere, der, so jung er auch war, zu den Häuptern der -Revolution gehörte, von vier bewaffneten jungen Bürgern auf einer Bahre -am Hause vorbeigetragen wurde. - -Er war von einer Kugel unterhalb der Brust getroffen worden, und man -brachte ihn, weil er es wünschte, zu seiner Mutter nach Hause. Er würde -wohl heute noch sterben. - -Sie hörten nur das Sausen und Krachen der Bomben. - -Herr Dr. Bürstenfeger aber saß, ohne daß die Knaben es wußten, draußen -bei der Tür. - -Er wollte nahe bei ihnen sein in diesen gefährlichen Stunden, kein -Vorwurf sollte ihn treffen ... - -Gegen Abend hörte das Bombardement auf, und auch auf Plätzen und Straßen -wurde es ruhiger. - -Herr Dr. Bürstenfeger entließ sie aus ihrer Haft. - -Als sie einige Augenblicke später im Eßzimmer auf den Stühlen standen -und auf die Straße herabsahen, kam ein langer Zug Karren vorbeigefahren. -Leichen von Soldaten, Polizisten und Bürgern lagen darauf gehäuft. - -Nicolás wandte sich ab, Carlos aber blickte wie festgebannt hin, und da -sah er, wie in diesem Haufen sich Arme und Beine bewegten, es waren noch -Verwundete darunter. - -Von Schauder und Angst ergriffen, floh er in sein Zimmer und vergrub -sein Gesicht in die Kissen. - -Den Plan, der Revolution zu Hilfe zu kommen, falls der Präsident siegen -sollte, hatten sie jetzt plötzlich ganz fallen gelassen ... - -Als sie nachts im Bett lagen -- sie konnten lange vor Aufregung nicht -einschlafen --, klopfte es mit einem Mal laut an die Haustür, es war -gegen zwölf Uhr. - -Carlos fuhr auf. - -»Öffnen, öffnen, um Gottes willen, öffnen!« rief jemand unten. - -Carlos sprang aus dem Bett und eilte in Herrn Dr. Bürstenfegers Zimmer. - -»Herr Dr. Bürstenfeger, jemand klopft unten und verlangt herein!« - -Der Hauslehrer saß aufrecht in seinem Bett, stierte ihn an und -antwortete nicht. - -Carlos lief ins Zimmer seines Vaters: - -»An der Haustür klopft jemand und bittet _por el amor de Dios_, daß man -ihn hereinläßt!« - -Der Papa stand auf und ging ans Fenster. - -Unten stand ein Polizist, über und über mit Kot bedeckt, ganz verstört. - -Der Papa schlüpfte in seine Beinkleider und zog den Rock an. - -Draußen war Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Wir müssen ihm öffnen!« meinte der Lehrer düster. - -Beide gingen, von Carlos und Nicolás gefolgt, hinunter. - -Der Polizist trat schnell in die geöffnete Tür, sein linker Arm blutete. - -Er hatte einen Streifschuß bekommen. - -Man führte ihn in die Küche, weckte den Diener und verband seinen Arm. - -Armer Gallego! dachten Carlos und Nicolás, von Mitleid erfüllt. - -Es war ein spanischer Galicier, einer der vielen eingewanderten armen -Teufel, die sich mit der ersten besten Anstellung zufriedengeben mußten. - -»Man schießt auf uns, von den Dächern, zu dieser Zeit noch. Wie Fliegen -tötet man uns, ich bin der letzte der Patrouille!« sagte er. - -Sein angstverstörtes Gesicht war auf Herrn Dr. Bürstenfeger gerichtet. - -Er bat, man möchte ihm die glänzenden Knöpfe seiner Uniform abschneiden, -damit er nicht auf den ersten Blick kenntlich sei. - -Carlos und Nicolás holten zwei Messer aus der Schublade und machten sich -sofort daran. - -»Legen Sie auch Ihr Käppi ab,« sagte Nicolás, »und setzen Sie einen -alten Hut von Papa auf, so glaubt jeder, Sie seien ein Zivilist!« - -Der Polizist sah Nicolás einen Augenblick an, als leuchte ihm dieser -Vorschlag ein. - -Dann aber meinte er kläglich: »Nein, das geht doch nicht ... ich darf -nicht ... die Knöpfe höchstens.« - -Man hatte ihm Wein gebracht, er trank drei Gläser. - -Nach einer halben Stunde aber sagte er, er müsse fort, er dürfe nicht -länger bleiben. - -Er konnte sich anfangs kaum auf den Beinen halten: die Wirkung des -Weines, die durchwachten Nächte und die Angst. - -Der Diener begleitete ihn hinunter und öffnete ihm. - -Nicolás sagte: »Armer Polizist, ich habe so große Furcht, daß man ihn -tötet.« - -Er aber huschte an den Häusern entlang, sah manchmal verstohlen in die -Höhe, ob nicht jemand herunterziele, und verschwand dann um die -Straßenecke ... - -Als Carlos und Nicolás am Morgen erwachten, hörten sie unten auf der -Straße die Trambahn fahren, der Kutscher stieß in sein Horn, es waren -die ausgelassensten Melodien; polternd fuhren die Karren. Auf ihren -kleinen dickbäuchigen Pferden ritten die Milchmänner. Man hörte das -Klatschen der Milch in ihren Blecheimern. - -Carlos öffnete das Fenster. - -»Nicolás,« rief er seinem Bruder zu, der eben erwachte, »die Revolution -ist zu Ende, glaube ich!« ... - -»Wir haben Frieden«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, als die Knaben zum -Frühstück erschienen. »Gott sei Dank, Frieden ... Karl und Nikolaus, -jetzt dürft ihr wieder ungehindert auf den Balkon!« - -In dem Augenblick zog unten eine Rotte Menschen vorbei. Sie schrien: -»Fort ist sie, fort ist die Canaille!« - -Damit war der Präsident gemeint, er war gestürzt; gestern war er fort -nach Paris mit einigen Millionen. - -»Fort ist sie, fort ist die Canaille!« Der Jubel griff um sich, alles -Volk stimmte mit ein. - -Acht Tage später reisten Carlos und Nicolás nach Europa ... - -Sie waren im Zimmer ihrer Mutter und sagten ihr Adieu. - -Sie wollte nicht mit aufs Schiff, um nicht die Qual des Abschieds zu -verlängern. - -Der Papa aber würde die Knaben bis nach Montevideo begleiten. - -Sie weinte, Carlos und Nicolás weinten. - -»Nicht wahr, du besuchst uns bald!« Nicolás hielt die Mama umarmt. - -»In einem Jahr reise ich hinüber«, schluchzte sie. - -Plötzlich begann Carlos laut zu heulen: »Ich will nicht nach Europa, ich -will bei dir bleiben!« - -Und Nicolás heulte: »Ich will auch nicht nach Europa, ich will bei dir -bleiben!« - -Draußen aber stand Herr Dr. Bürstenfeger mit seiner Reisetasche, auf der -Veilchen und Rosen gestickt waren, die Uhr in der Hand. - -Eine Viertelstunde später fuhren die drei an der Calle Horida vorbei. - -Carlos wandte sich dreimal schnell nach der großen Holzflasche um und -dachte schluchzend: Wann werde ich die wiedersehen?! ... - -Auf der Landungsbrücke wartete der Papa. - -Die Knaben fielen ihm um den Hals: »Nicht wahr, bis nach Montevideo -begleitest du uns ...?!« - -»Ja, meine lieben Jungens«, sagte er und wischte sich eine Träne ab, die -ihm über die Backe lief. - - - - - Carlos und Nicolás - auf dem Meere - - - - - Auf dem großen Meer - - -Die Lombardia hatte vor drei Stunden Montevideo verlassen. Carlos und -Nicolás standen mit Herrn Dr. Bürstenfeger hinten auf Deck. - -Eine halbe Tagereise hinter ihnen lag Buenos Aires; nun endlich waren -sie auf dem Meer. In den Abschiedsschmerz, der die Knaben erfüllte, -mischte sich die freudige Erwartung noch nie gesehener, vielleicht -unerhörter Dinge. - -Sie fragten einen Schiffsoffizier, der neben ihnen stand, ob Sturm im -Anzuge sei. - -»Gott sei Dank nein!« antwortete lachend der Offizier, worauf sie sich -auf morgen vertrösteten. - -Die Knaben hatten in ihrer Kabine um die Betten gelost. Nicolás war das -obere zugefallen; von da aus konnte er durch die gegenüberliegende Luke -gerade aufs Meer sehen. - -Sollte er, wenn er nachts erwachte, die Wolke am Horizont schauen, die -unfehlbar Sturm verkündete, hatte er seinen Bruder zu wecken. - -Es reisten nicht viel Passagiere in der ersten Klasse. Mit einem dicken -fröhlichen Priester aus Montevideo waren sie gleich Freunde geworden. - -Sie hatten ihn abends bei Tische beobachtet, wie er vor jedem Gericht -seine Reverenz machte. - -Nachher lag er oben auf Deck auf seinem Reisestuhl ausgestreckt und -verdaute. - -»Seid ihr noch nicht seekrank, Süßwasserratten!« sprach er Carlos und -Nicolás an. - -»Wir sind keine Süßwasserratten,« antwortete Carlos und zeigte nach -seiner Matrosenmütze, worauf der Name eines großen französischen Panzers -stand, »und vor dem Sturm fürchten wir uns auch nicht!« - -»Bravo!« rief der fröhliche Priester. - -Darauf erzählten sie ihm, daß sie mit ihrem Hauslehrer, Herrn Dr. -Bürstenfeger, nach einem schönen Städtchen in Deutschland reisten, das -Mufflingen hieße, um in die Schule zu gehen. Dort wohnten auch ein Onkel -und eine Tante von ihnen. Sie selbst zwar seien aus Buenos Aires und -daher Argentinier, aber zugleich auch Deutsche, weil ihr Vater ein -Deutscher sei. - -Der fröhliche Priester antwortete: »Wenn ihr in Argentinien geboren -seid, so seid ihr Argentinier, und vergeßt ihr das, seid ihr keine -braven Kerle!« - -»Wir bleiben gute Argentinier!« antworteten ein wenig gereizt beide -Knaben. - -»Das ist gut!« meinte zufriedengestellt der Priester. - -Nicht weit von ihnen an der Reling stand ein Herr mit einem langen -fahlen Gesicht und einer fahlen Glatze. - -Auch er war ihnen bei Tisch aufgefallen. Seltsam düster hatte er vor -sich hingeschaut und manchmal ganz absonderlich gelächelt. - -Jetzt machte er Carlos und Nicolás heimlich Winke, die sie aber nicht -gleich verstanden. Schließlich begriffen sie, daß sie zu ihm hinüber -sollten, und, wie es schien, in einer sehr dringlichen Angelegenheit. - -Als eine Pause in der Unterhaltung entstand, gehorchten sie möglichst -unauffällig. - -»Das ist ein schwarzer Pfaffe«, sprach leise und finster der Herr mit -der fahlen Glatze und zeigte auf den fröhlichen Priester, der mit -geschlossenen Augen wieder seine Verdauung pflegte. »Gebt euch nicht mit -ihm ab, schwarze Pfaffen bringen Unglück. Ich würde wieder an Land -gegangen sein, wenn nicht noch zwei Mönche mit weißen Kutten an Bord -wären.« - -Darauf erzählte er anschaulich und grausig von den Schrecken eines -Schiffunterganges, von Menschen, die verzweifelt mit den -sturmgepeitschten Wellen ringen, sprach vom Nachlassen ihrer Kräfte, dem -völligen Ermatten und der Drangsal des Ertrinkens, sprach vom Hai und -beschrieb seine Gestalt und seinen Charakter. »Wehe denen, die in seinen -grausigen Rachen gerieten!« Er ließ krachende Knochen hören und -herzzerreißende Aufschreie und schloß seine Schilderung mit dem Bild -eines oben am höchsten Mast angeklammerten Mannes im Lichte des -zuckenden Blitzes. - -Und dabei rieb er sich die Hände und lachte unheimlich, als bereiteten -ihm diese Vorstellungen ein unsägliches Vergnügen. - -Carlos und Nicolás aber überlief es eiskalt. Sie hatten keine Sehnsucht -mehr nach dem Sturm. - -Und als sie nachher in ihren Betten lagen, schaute Nicolás voller Angst -nach dem Horizont, ob sich nicht vielleicht die unheilverkündende Wolke -zeige. - -Am nächsten Morgen, als sie erwachten, schaukelte das Schiff -beträchtlich. Ein wenig beunruhigte sie das, denn sie hatten die -Erzählung des Herrn mit der Glatze noch nicht vergessen. - -Durch die Luke sahen sie, daß das Meer nun blau statt grün, die Wellen -aber nicht viel höher waren als gestern, und das enttäuschte sie wieder, -denn sie mußten längst auf offenem Ozeane sein. - -Rasch zogen sie sich an und eilten auf Deck. Sie ließen die Blicke nach -allen Richtungen schweifen, doch überall sahen sie nur Himmel und -Wasser. - -Carlos und Nicolás schöpften einige Male tief Atem, und Carlos sagte: -»Es ist doch schön, das große Meer!« - -Bald darauf fiel ihnen ein, daß sie eigentlich auch zu Herrn Dr. -Bürstenfeger müßten; überdies klingelte es schon zum Frühstück. - -Sie gingen in seine Kabine; er lag noch im Bett und war ungemein bleich. - -»Mir ist nicht recht wohl, Karl und Nikolaus,« sagte er, »mein Magen ist -wieder einmal nicht in Ordnung; aber geht nur jetzt zum Frühstück; ich -werde gleich folgen.« - -Im Eßzimmer saß bereits der fröhliche Priester vor einer Tasse -Schokolade. Er war erstaunt, Carlos und Nicolás so früh munter und immer -noch nicht seekrank zu sehen. - -Beide Knaben dachten zugleich an die gestrige Warnung des Herrn mit der -Glatze. Aber wie sie jetzt wieder in des Priesters breites gutmütiges -Gesicht sahen, verging ihnen sofort alle Angst. Sie begriffen nicht -recht, daß er ihnen gefährlich sein könnte, nur darum, weil er ein -schwarzes Gewand trug. - -Der fröhliche Priester tauchte einen Zwieback in seine Schokolade und -sagte: »Nun, Jungens, setzt euch neben mich!« - -Aber sie hatten auf ihren Lehrer zu warten. - -Sie begannen miteinander zu plaudern. Der Priester machte ihnen den -Vorschlag, nicht nach Deutschland zu reisen, sondern mit ihm nach Rom. -Er werde sie dort dem Papst vorstellen, und in wenigen Jahren schon -würde ganz sicher Nicolás ein Erzbischof und Carlos ein Kardinal werden. - -Was ein Erzbischof sei, wußten ungefähr die Knaben; aber unter einem -Kardinal verstanden sie nur einen grauen Vogel mit einer roten Haube. -Davon hatten sie viele auf dem Gute in der Pampa mit Klebruten gefangen. -Aber das zu sein bedankte sich Carlos lebhaft. - -Der Priester erklärte ihnen, ein Kardinal, wie er ihn meine, sei ein -mächtiger Kirchenfürst, der übrigens auch eine rote Haube trage. Darauf -behauptete er, in Deutschland liefen die Leute auf acht Beinen umher und -der Großtürke sei dort Herrscher. Er schneide allen seinen Untertanen -die Ohren ab und mache sich daraus einen türkischen Salat. - -Carlos und Nicolás merkten nun, daß der fröhliche Priester Witze machte, -und lachten. Sie dachten wieder an den Herrn mit der fahlen Glatze; sehr -wahrscheinlich hatte er gestern auch nur Witze gemacht. - -Inzwischen erschienen die übrigen Passagiere; auch der Herr mit der -Glatze. Ganz zum Schluß kam Herr Dr. Bürstenfeger. Von den Damen war -keine einzige da. - -»Die werden jetzt schon seekrank sein«, meinte der Priester. - -Der Herr mit der Glatze nahm weit von ihnen Platz und warf düstere -Blicke auf die Knaben. - -Carlos und Nicolás glaubten, er fahre mit seinen gestrigen Späßen fort, -grüßten ihn und lachten. - -Aber die finster vorwurfsvolle Miene, die er daraufhin machte, verwirrte -sie wieder ganz. - -Herr Dr. Bürstenfeger setzte sich zwischen Carlos und Nicolás und -schenkte sich und ihnen Schokolade ein, trank aber selbst beinahe -nichts. Weder Kuchen noch Brot berührte er; dabei aber schien er in -einemfort seltsam zu schlucken. - -Von Zeit zu Zeit ermahnte er sie, die Bissen nicht, wie es ihre -Gewohnheit war, hinunterzuschlingen, sondern ordentlich zu kauen. Bei -der schaukelnden Bewegung des Dampfers seien die Magen ohnehin nicht -sehr aufnahmefähig. - -Der fröhliche Priester, der Herrn Dr. Bürstenfeger gegenübersaß, sah ihn -einige Male verstohlen an und zwinkerte dann den Knaben zu. - -Carlos und Nicolás schauten ihren Lehrer an; er war noch bleicher als -vorher; es war ihnen klar, er war seekrank. Sie hatten großes Mitleid -mit ihm, aber zugleich dachten sie: Wenn das andauert, haben wir keine -Schule! - -Sie hatten kaum fertig gegessen, als Herr Dr. Bürstenfeger aufstand und -sagte: »Gehen wir auf Deck, die Luft ist dort besser!« - -»Ach diese Schiffsgerüche!« seufzte er auf der Treppe und blieb eine -Zeitlang stehen. - -»Es riecht nur nach Teer«, meinte Nicolás. - -Oben irgendwo stand ein Froschspiel. Carlos und Nicolás nahmen es sofort -in Beschlag. - -Herr Dr. Bürstenfeger marschierte mit langen Schritten auf Deck auf und -ab. - -Nun stieg eine Dame aus einem Städtchen in Patagonien die Treppe hinauf. -Den Kopf hatte sie in einen schwarzen Schal gewickelt, ihr Gesicht war -gelbgrün. - -Schwankend ging sie auf ihren Reisestuhl zu, der sich in der Nähe von -Carlos und Nicolás befand, blieb plötzlich stehen, blickte zu Boden, -ächzte, ging dann einige Schritte nach der Seite und beugte sich über -die Reling. - -Herr Dr. Bürstenfeger sah sie, und Schweißtropfen perlten auf seiner -bleichen Stirn. Er machte kehrt und verfügte sich schnell nach der -anderen Seite des Decks. - -Wenige Minuten darauf erschien er wieder, aschfahl und mit einer -Haarsträhne über der Stirn. - -»Karl und Nikolaus,« sagte er, seine Stimme klang mitleiderregend, »ich -gehe in meine Kabine, bleibt meinetwegen hier, aber treibt keinen Unfug -und besucht mich bald!« - -Damit entfernte er sich. - -Gleich nachher sahen die Knaben weiter hinten den Herrn mit der Glatze -in Gesellschaft eines kleinen hageren Herrn, der Pantoffeln trug und -eine Reisemütze mit einem großen weißen Hornschirm. - -Der Herr mit der Glatze hielt ihn am Rock fest und redete lebhaft auf -ihn ein. Der Herr mit der Reisemütze wiegte den Kopf und zuckte die -Achseln; schließlich gab er ihm einen Klaps auf die Schulter und machte -sich lachend von ihm los. Er ging auf die seekranke Dame zu und -streichelte ihr teilnehmend die Wange. - -Sie stöhnte leise und schloß die Augen. - -Aber auch der Herr mit der Glatze war herangetreten. - -Carlos und Nicolás hörten, wie er eindringlich von einem schweren -Kesselschaden auf einer früheren Reise sprach und sich dann in düstere -Mutmaßungen über die Lombardia erging. - -Die seekranke Dame öffnete langsam ihre großen leeren Augen, schloß sie -wieder und hauchte: »Mir ist jetzt alles gleich.« - -Der Herr mit der Reisemütze jedoch rief: »Um Himmels willen, wissen Sie -denn immer nur von solch unheimlichen Dingen zu reden? Sie verderben -einem ja die ganze Reisefreude!« - -»Niemandem will ich die Reisefreude verderben, ich schweige!« rief der -Herr mit der Glatze aus, wobei er ein unheimliches Gelächter erschallen -ließ. - -»Der Herr macht keine Späße«, sagte Carlos leise und erschrocken zu -seinem Bruder. - -»Nein, er macht keine Späße«, antwortete Nicolás. - -Beide sehnten sich jetzt nach dem fröhlichen Priester, weil er so lustig -war, und sie gingen ihn suchen. - -Er lag weiter vorn auf seinem Reisestuhl und schlief. - -Die Knaben wollten ihn nicht wecken. Da das Froschspiel sie bereits -langweilte, gingen sie nach Zwischendeck, um die Emigranten zu sehen. - -Viele hundert Menschen waren dort beisammen: Italiener, Spanier, Basken; -Leute aus allen möglichen Nationen. - -Sie standen umher, saßen auf Kisten und Säcken oder lagen auf der Erde -ausgestreckt mit einem Bündel als Kopfkissen. Manche waren seekrank; -einige hatten sich übergeben, auf dem Platze, wo sie waren. - -Im großen und ganzen aber war Lustigkeit. Man schwatzte laut, man sang, -es wurde Gitarre gespielt. -- - -Kurz vor dem zweiten Frühstück gingen die Knaben zu ihrem Lehrer. - -Er lag im Bett und hatte Rock und Kragen abgetan. Neben ihm auf dem -Boden stand ein Blechkübel. - -Sein Aussehen war bejammernswert. - -»Karl und Nikolaus, ist euch wohl?« fragte Herr Dr. Bürstenfeger mit -matter Stimme, indem er sich langsam aufrichtete. - -»Ja«, antworteten Carlos und Nicolás zögernd, denn im Netze auf Armweite -von ihm sahen sie einen Stoß Hefte. - -»Das ist gut,« fuhr er fort, »denn seht, mir ist sehr schlecht, und ich -bin für heute nicht in der Lage, euch Unterricht zu geben.« Er faßte -sich an die Stirn und schwieg einige Sekunden. »Damit ihr nun die Zeit -nicht zwecklos verbringt, nehmt diese Hefte und seht sie durch, es sind -alles Sachen, die wir noch zusammen an Bord behandeln werden.« - -Nach diesen Worten langte er mit einer schmerzlichen Miene nach dem -Netz, ergriff die Hefte und streckte sie ihnen hin. - -Eine Weile saß er aufgerichtet und blickte stumm geradeaus. Dann beugte -er sich rasch über sein Bett und übergab sich in den Kübel. - -Carlos und Nicolás verließen ihn höchst mißmutig. - -»Jetzt ist er seekrank, und wir haben doch nicht frei!« sagte draußen -Carlos. - -»Wären wir etwas länger in seiner Kabine geblieben, würden wir auch -seekrank geworden sein, und wir hätten frei«, antwortete Nicolás. - -Darauf hielten sie Rat, wann sie mit ihrer Tätigkeit beginnen wollten, -und beschlossen, sie für einstweilen aufzuschieben. - -Bald nachher ertönte die Glocke zum zweiten Frühstück. - -Sehr selten hatten sie Gelegenheit gehabt, ohne ihren Lehrer zu Tisch zu -gehen. Es war ihnen eine langentbehrte Freude, Schüsseln, die ihnen -nicht schmeckten, weitergehen zu lassen, und sie machten jetzt -ausgiebigen Gebrauch davon. Dafür aßen sie dreimal Torte und auch -Bananen und Orangen nach Herzenslust. - -Herr Dr. Bürstenfeger kam den ganzen Tag nicht aus seiner Kabine. - -Sie machten ihm einige pflichtschuldige Besuche. Auf seine Fragen, ob -sie auch fleißig gewesen seien, gaben sie nur ausweichenden Bescheid. - -Am folgenden Morgen war das Wetter gut, die Bewegungen des Dampfers weit -ruhiger und regelmäßiger. - -Herr Dr. Bürstenfeger befand sich in leidlichem Zustand; er erschien auf -Deck und erteilte den Knaben am Vormittag schon zwei Stunden in seiner -Kabine. Von Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen -Abständen schwere Schritte hörbar. - -Während Carlos mühselig und weinerlich die dritte lateinische -Deklination hersagte, dachten beide Knaben: oben spaziert jemand, der -keine Schule hat! - -Als der Unterricht zu Ende war, liefen sie auf Deck, neugierig zu -erfahren, wer es sei. - -Es war der fröhliche Priester, der ein lustiges Lied trällernd seinen -Vormittagsspaziergang machte. - -»Meinen Appetitsspaziergang für den Lunch«, erklärte er. Darauf stellte -er fest, daß er heute bereits drei Meilen gegangen sei. - -Nachmittags hatten Carlos und Nicolás nochmals Unterricht. Den Rest der -Zeit verbrachten sie spielend auf Deck und in Gesellschaft des -Priesters. - -Abends nach Tisch hörten Carlos und Nicolás den Schiffsarzt über den -Herrn mit der fahlen Glatze reden. Er sei ein italienischer -Handlungsreisender in Konserven, ein harmloser Herr, der seine -phantastischen Grillen habe, niemand nehme ihn ernst. - -So vergingen die Tage, das Wetter war gut, der fröhliche Priester aß mit -Appetit, der Herr mit der Glatze fuhr fort in seiner düsteren Freude an -allem Ungemach, und Herr Dr. Bürstenfeger gab seinen Unterricht, aber -jetzt auf Deck, weil die Hitze in der Kabine zu drückend wurde. - - - - - In der Bai von Rio - - -Am fünften Tage frühmorgens fuhr die Lombardia in die Bai von Rio ein. -Der Himmel war heiter, die Luft schwül. - -Herr Dr. Bürstenfeger stand mit Carlos und Nicolás auf Deck. - -Er rief begeistert aus: »Unsäglich lang habe ich mich auf diesen Anblick -gefreut, Karl und Nikolaus. Herrlicheres bietet die Natur nicht oft! -- -Bai von Rio de Janeiro, seit Entdeckung Amerikas gepriesen von den -hehrsten Reisenden aller Nationen, sei mir gegrüßt!« - -Eine Weile verharrte er stumm in Betrachtung der Ufer; dann bemerkte er: -»Schaut hin, Karl und Nikolaus, rechts von uns haben wir jetzt das Fort -Santa Cruz und links den weltberühmten Zuckerhut -- Pao d'Azuka. Der -Meerbusen -- gerade fahren wir hinein -- ist einer der inselreichsten -der Welt und hat die erstaunliche Breite von mehr als zwanzig Kilometer! --- Betrachtet diese Hügel, diese Berge! Noch sind wir ihnen freilich zu -fern, als daß wir uns ein Bild machen könnten ihrer über alle Begriffe -göttlichen Vegetation!« - -»Seht«, rief er nach einer Weile, »nun die Stadt selbst!« - -Eine Zeitlang genoß er schweigend ihren Anblick: »Wahrhaftig, man sollte -glauben, nur glücklich sei dieses Rio zu preisen, um solchen Kranzes -lodernder Schönheit willen; aber auf dieser Stadt ruht zugleich -abgrundtief der Fluch des Schöpfers. Eine lautlose, gespenstische -Schlacht wird hier zum großen Teil des Jahres geschlagen, ich meine das -Wüten des fürchterlichen gelben Fiebers, das die Dünste dieser nur zu -freigiebigen Erde nähren. Die günstige Jahreszeit, Karl und Nikolaus, -bewahrt uns davor.« - -Neben ihnen tauchte jetzt der italienische Handlungsreisende auf, und -erstaunt sahen die Knaben auf seiner fahlen Glatze eine seltsame gelbe -Kruste. - -»Ich beschwöre Sie und jedermann im Interesse von uns allen,« wandte er -sich an Herrn Dr. Bürstenfeger, »gehen Sie nicht an Land, laden Sie sich -nicht das schreckliche Fieber auf, hören Sie vielmehr auf meinen -inständigen Rat: Nehmen Sie um Himmels willen Schwefel ein oder -bestreuen Sie sich damit.« Er zeigte auf seine Glatze. »Es ist das -einzige halbwegs sichere Mittel gegen die Ansteckung. Was mich betrifft, -ich schließe mich jetzt in meine Kabine ein, bis wir diesen verruchten -Ort weit hinter uns haben!« - -Nach diesen Worten machte er kehrt und verschwand. - -Kopfschüttelnd sah ihm Herr Dr. Bürstenfeger nach. Dann meinte er: »Karl -und Nikolaus, ich muß schlechterdings annehmen, daß dieser Herr sich mit -seinem seltsamen Rat nur einen Scherz erlaubt hat, Schwefel als inneres -Mittel wird freilich hie und da angewandt, aber schwerlich glaube ich,« -und nun lächelte Herr Dr. Bürstenfeger, »daß durch bloßes Bestreichen -des Kopfes bei Fieberanlässen irgendwelche Wirkung erzielt wird, obwohl, -ich wiederhole es, jetzt gar keine Gefahr ist.« - -Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf und lächelte noch lange. - -Plötzlich rief Carlos erfreut: »Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, wenn -Sie, ich, Nicolás und alle Passagiere uns mit Schwefel bestreuten, dann -wären wir ja alle miteinander eine Schwefelbande?!« - -»Karl,« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger, »ich bitte dich, laß mich -wenigstens aus dem Spiel bei deinen recht törichten, wirklich übel -angebrachten Witzen!« - -Eine Viertelstunde darauf warf die Lombardia Anker. - -Als der kleine Dampfer der Sanität das Schiff verlassen hatte, fuhren -Barken und Boote heran, beladen mit Orangen, Bananen, Ananas, -Kokosnüssen und Käfigen mit kreischenden bunten Vögeln. - -Auf einem Berg von Orangen stand eine Kiste, auf der zwei Affen hockten. - -Sofort hatten Carlos und Nicolás sie gesehen. Die beiden Affen waren -ganz so wie die, welche sie in Paraguay gekauft hatten. - -Weil sie ihnen mit der Zeit lästig geworden waren, hatten sie die Knaben -in Buenos Aires einem Straßenjungen für einen Drachen vertauscht, aber -seit einiger Zeit war wieder ihr größter Wunsch, zwei Affen zu besitzen. -Die Eltern hatten die Erlaubnis gegeben, auf der Reise nach Europa ein -Paar zu kaufen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte. - -Beinahe gleichzeitig mit den Knaben hatte auch Herr Dr. Bürstenfeger die -beiden Affen bemerkt. - -Heftig erschrocken wollte er sich schnell mit Carlos und Nicolás nach -der anderen Seite des Decks verfügen. - -Aber schon riefen sie: »Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie nicht dort die -zwei Affen, kaufen Sie sie uns, Papa und Mama haben es erlaubt!« - -Einen Augenblick schwieg Herr Dr. Bürstenfeger, dann erwiderte er: »Es -sei, ich weiß, es war dies der Wunsch eurer Eltern. Es wird mir aber -schwer; ihr seid Zeugen, zu oft und über Gebühr haben mich die beiden -unappetitlichen Vorgänger dieser häßlichen grimassierenden Tiere -geärgert.« - -Carlos und Nicolás hatten jetzt für Herrn Dr. Bürstenfegers Mißmut -keinen Sinn, sondern waren hocherfreut, weil er zu kaufen gesonnen war. - -Wenige Minuten nachher stand die Kiste vor ihnen auf Deck, und sie waren -nun ausschließlich mit den Affen beschäftigt, die Welt um sich her -vergessend. -- - -Kurz darauf trat eine Dame unbestimmten Alters neben sie an die -Schiffsbrüstung. - -Die Knaben hatten sie bisher nur ein einziges Mal flüchtig am Tage ihrer -Abreise, unten bei Tische gesehen. - -Sie war klein und hager, mit einem Gesicht voller Sommersprossen, trug -ein altmodisches Kleid und Ringellocken auf der Stirn. Ihre Nase war -stark gerötet; sie trug eine Brille. - -»Himmlisches Panorama!« rief sie aus und ließ beide Arme auf die -Brüstung sinken. »Ach doppelt schön erscheint einem die Welt,« und dabei -schielte sie nach Herrn Dr. Bürstenfeger, »wenn man fünf Tage krank in -seiner Kabine lag!« - -Plötzlich hatte sie auch die beiden Affen bemerkt. - -»Sieh mal an,« rief sie aus, »was sind das für zwei allerliebste, süße -Geschöpfchen!« - -Sie trippelte heran und begann die Affen am Halse zu kraulen; dabei -blickte sie ganz eigentümlich Herrn Dr. Bürstenfeger an. - -»Wohl der Papa der beiden jungen Herren«, nickte sie und zeigte auf -Carlos und Nicolás. - -Herr Dr. Bürstenfeger rieb sich die Hände und schien etwas verlegen zu -sein. - -»Ich bin der Erzieher dieser beiden Knaben, mein Name ist Bürstenfeger«, -antwortete er, indem er sich verneigte. - -»Ach das trifft sich ja reizend; ich war Erzieherin in Buenos Aires, -mein Name ist Libussa v. Pfnühl.« Sie brach in ein silberhelles Lachen -aus. »Miß Von nannten mich kurzweg meine argentinischen Schülerinnen. -Was wissen diese indolenten Zierpüppchen von deutschem Adel! Aber das -sage ich Ihnen, glücklich bin ich jetzt, nach Deutschland -zurückzureisen, zu meinem guten, geliebten Bruder. Ach,« sie schlug die -Augen zum Himmel auf, »er ist eine Perle!« - -»Seht erfreut, sehr erfreut«, murmelte in einem fort Herr Dr. -Bürstenfeger. - -»Übrigens,« sie neigte den Kopf auf die Seite und lächelte Herrn Dr. -Bürstenfeger schelmisch an, »ich wußte bereits, wer Sie sind, Herr -Doktor, nichts bleibt ja hier an Bord verborgen.« - -Sie senkte die Augen nieder und fuhr fort zu lächeln. Ihre Finger -spielten mit einer dünnen silbernen Uhrkette, die sie um den Hals trug. - -Was will diese Dame! dachten Carlos und Nicolás. - -Herr Dr. Bürstenfeger war betreten; er räusperte sich, rieb sich die -Hände und machte kleine Verbeugungen, indem er fortwährend lächelte. - -»Karl und Nikolaus,« sagte er und sah die Knaben kläglich an, »wollen -wir uns nicht nach einer geeigneten Unterkunft für die beiden Affen -umsehen? Gleich kommt die Barkasse, und wir müssen an Land!« - -Er stammelte einige Entschuldigungen, verbeugte sich und entfernte sich -mit den Knaben. - -Sie gingen nach Zwischendeck; ein Matrose nahm die Affen in seine Obhut. - -Darauf stiegen sie als erste in die Barkasse. - -Herr Dr. Bürstenfeger trug einen rohseidenen Rock und einen -breitrandigen Strohhut; Carlos und Nicolás hatten weiße Matrosenanzüge -an. - - - - - Rio de Janeiro - - -Erst nach längerer Zeit kam es zur Abfahrt; dann waren sie in zehn -Minuten an Land, und bald nachher spazierten sie in den Straßen von Rio -im Menschengewühl umher. - -Carlos und Nicolás fiel es auf, wieviel Neger es in dieser Stadt gab. - -Die Hitze auf den Straßen war unerträglich. Herr Dr. Bürstenfeger hielt -in der Linken ein deutsch-portugiesisches Lexikon und in der Rechten -sein Taschentuch, womit er sich von Zeit zu Zeit seufzend den Schweiß -von der Stirne wischte. - -Sie gingen durch die schmale, elegante Hauptstraße Rua d'Ouvidor, die -nur für Fußgänger bestimmt war. - -Der Anblick gelber, ausgemergelter brasilianischer Herren in schwarzen -Gehröcken und Zylindern steigerte in Herrn Dr. Bürstenfeger das -Hitzegefühl. - -Sie blieben vor einem Schaufenster stehen, wo in Massen Fächer und -phantastische Blumen ausgestellt waren, aus dem Gefieder brasilianischer -Singvögel gefertigt. - -»Barbarisches Verfahren!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte -den Kopf. - -Man sah in der Auslage auch Broschen, Ohrringe und Armbänder, -hergestellt aus bunt schillernden Käfern. - -Schließlich trat Herr Dr. Bürstenfeger in den Laden und kaufte einen -Kasten mit brasilianischen Schmetterlingen für seinen jüngeren Bruder in -Deutschland, der Botanik und Zoologie studierte. - -Als sie wieder auf der Straße waren, blieb Herr Dr. Bürstenfeger stehen -und ächzte: »Flüchten wir uns jetzt um Gottes willen auf irgendeinen -freien Platz, wo man atmen kann; dort wollen wir in Erwägung ziehen, was -wir weiter machen wollen!« - -Bald darauf standen sie auf einer großen Plaza, die von grellem -Sonnenlicht durchflutet war. - -Vor einem großen rosafarbigen Palaste ging eine Schildwache in -scharlachroter Uniform auf und ab. Ein barfüßiger Neger, der Zuckerwaren -verkaufte, kam an Carlos und Nicolás vorbei. Er schwang eine Knarre in -der Hand, hielt eine weiße Zuckerstange zwischen den wulstigen Lippen -und nickte den Knaben einladend zu. - -Die Sonne brannte unerträglich. - -Carlos und Nicolás hatten die Krempen ihrer Strohhüte herabgezogen. Ihre -Gesichter glühten. - -Herr Dr. Bürstenfeger stöhnte: »Hier ist es schon ganz und gar nicht -mehr zum Ertragen -- fahren wir aus der Stadt.« - -Sie gingen auf einen mit Maultieren bespannten Wagen zu, der unter dem -Schatten eines Baumes hielt, und stiegen ein. - -»Botafogo, Botafogo!« rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu. - -Bald waren sie aus dem Innern der Stadt heraus und fuhren dem Meere -entlang, an vielen schönen Gärten und bunt aufgeputzten Villen vorbei. - -»Seltsam kindlich exotische Farbenfreudigkeit«, murmelte Herr Dr. -Bürstenfeger. - -Carlos und Nicolás wetteten, wer von ihnen die meisten Neger zählen -könnte, bis zur nächsten Ecke. Carlos sah nach rechts, Nicolás nach -links. - -»Zehn«, rief Carlos aus. - -»Vierzehn«, rief Nicolás, er hatte gewonnen: denn gerade in dem -Augenblick kamen sechs Negerweiber um die Ecke. - -»Was zählt ihr da?« fragte Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Neger«, antworteten Carlos und Nicolás. - -Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf. »Ist das euer ganzes -Interesse an dieser Stadt? Was seid ihr kindisch!« - -Eine Trambahn, von Maultieren gezogen, kam ihnen entgegen. Eine -Militärkapelle saß auf den Bänken. Der Kapellmeister schwang stehend den -Taktstock: er hatte eine Nelke hinter dem Ohr; grell erklangen die -Blechinstrumente, die Pauke dröhnte. Immer ohrenbetäubender wurde der -Lärm. - -Ein mit Steinen beladener Karten kreuzte die Schienen und brachte die -Trambahn zum Stehen. - -Der Droschkenkutscher hielt jetzt auch den Wagen an, damit seine -Insassen die Musik länger genießen könnten. Er drehte sich um und rief -Herrn Dr. Bürstenfeger triumphierend zu: »_Imno brasileiro!_« - -»Vorwärts, vorwärts!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger auf Spanisch und -hielt sich die Ohren zu. Ergrimmt schlug der Kutscher auf die Maultiere -ein, die in raschem Galopp den Wagen mit sich fortzogen. Bald nachher -trabten sie wieder träge in ihrem früheren Tempo. - -»Karl und Nikolaus,« bemerkte Herr Dr. Bürstenfeger nach einer Weile, -»ist es euch nicht aufgefallen, wie schwächlich und verkümmert diese -brasilianische Bevölkerung ist; doppelt auffällig bei Betrachtung der -Wehrkraft?!« - -In diesem Augenblick fuhren sie an einem schattigen, mit Palmen -bewachsenen Platze vorbei. - -Ein halbwüchsiger sehniger brauner Bursche, nur mit Hemd und -Zwillichhosen bekleidet, verteidigte sich mit Faustschlägen und -Fußtritten gegen drei Polizisten. Ein Polizist lag schon auf der Erde, -ein anderer stand keuchend daneben, der dritte hielt den Burschen fest -umklammert. Dieser wand sich wie ein Aal, entriß sich ihm und floh davon -mit fliegendem zerfetztem Hemd, das eine Hosenbein über dem Knie; die -Polizisten hinter ihm drein. - -Eine fette alte Negerin unter einem Magnolienbaum hielt sich die Seiten -vor Lachen. - -»Dieser Junge war aber doch ein starker Brasilianer!« rief Nicolás aus. - -»Nikolaus,« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd, »du weißt: keine -Regel ohne Ausnahme.« - -Bald fuhren sie nach der Stadt zurück. Sie begaben sich in ein -Restaurant und speisten. - -Darauf sagte Herr Dr. Bürstenfeger: »Jetzt gehen wir zur Zahnradbahn und -fahren auf den Corcovadoberg. Dort wird uns die Natur die Wunder ihrer -Vegetation in nächster Nähe offenbaren!« - -Als sie auf der Station anlangten, war die Bahn zur Abfahrt bereit. Es -fuhren nur wenige Passagiere. - -Sie stiegen ein; mit starkem Rütteln fuhr die Zahnradbahn die Höhe -hinauf. Bald hatten sie die Stadt unter sich, weit dehnte sich die Bai. - -»Die Luft wird immer leichter, welche Wohltat!« rief Herr Dr. -Bürstenfeger aus. - -Auf der Station Silvestre stieg ein brasilianisches Ehepaar mit einem -Knaben und einem kleinen Mädchen ein und nahm ihnen gegenüber Platz. - -Man fuhr durch den Wald. Links sah man das Meer durch die Wipfel der -Bäume schimmern. - -Carlos und Nicolás dachten: das ist ja viel schöner als in Paraguay! - -Herr Dr. Bürstenfeger erhob sich plötzlich von seinem Sitz und rief -begeistert aus: »Unsere Erwartungen sind nicht getäuscht worden: blickt -in diesen Abhang, welche Pflanzenwelt! welch grandiose Verwirrung von -Schönheit!« - -Die brasilianische Dame starrte Herrn Dr. Bürstenfeger mit ihren großen -braunen Glotzaugen an; dann hielt sie sich das Taschentuch vor den Mund -und kicherte. - -»Karl und Nikolaus,« rief Herr Dr. Bürstenfeger und schnellte noch mal -von seinem Sitz auf, »seht mir jetzt mal dorthin, die baumhohen Farne, -die mit Früchten beladenen Bananenbäume und die Orchideen dort! -- -Wirklich ein generöses Land, wo die Schmarotzer Orchideen heißen!« - -Die brasilianische Dame kicherte immer mehr. Auch der kleine Knabe und -das kleine Mädchen lachten. - -Kurz danach beugte sich der Papa zum Wagen hinaus und schleuderte weit -ausholend ein Bambusrohr in den Abgrund. - -Herr Dr. Bürstenfeger fuhr zurück, die Hand vor den Augen, es -schwindelte ihm. - -Die brasilianische Dame lachte laut auf. Der kleine Knabe und das kleine -Mädchen lachten auch aus voller Kehle. - -Herr Dr. Bürstenfeger sah die Dame aufs höchste verwundert an. Carlos -und Nicolás, von ihrer Fröhlichkeit angesteckt, lachten mit, ohne zu -wissen, um was es sich handelte. - -Nach dreiviertelstündiger Fahrt war man am Ziel. Man hatte noch fünf -Minuten zu steigen; dann stand man oben auf der Spitze des Corcovado am -Rande einer niedrigen Mauer. - -Man sah weit hinaus aufs offene Meer. In der Reede wimmelte es von -Schiffen. Von allen Richtungen fuhren Schiffe in die Bai hinein. - -»Herrlich, herrlich!« rief Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Sehen Sie diese vielen schönen bunten Käfer auf der Mauer!« riefen -Carlos und Nicolás. - -»Genießt jetzt lieber den Anblick dieses unvergleichlichen Panoramas«, -antwortete der Lehrer. »So Schönes wird euch nicht so leicht im Leben -wieder geboten werden!« - -Sie standen noch einige Zeit oben, dann fuhr die Bahn wieder zurück. - -Auf der Station Silvestre stiegen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und -Nicolás aus. Zu Fuß auf schattigen Wegen gingen sie nach dem schönen -Hotel auf dem Berge Santa Teresa mit dem Ausblick auf die Bai. - -Hier wollten sie die Nacht verbringen. - -Herr Dr. Bürstenfeger begab sich auf sein Zimmer, um Toilette zu machen, -Carlos und Nicolás trieben sich im Garten umher. - -Der Himmel begann sich langsam zu trüben ... - -Es war nach dem Nachtessen. Jenseits der Bai über den Bergen von -Petropolis ragte eine mächtige Wolkenbank; dahinter wanderte unsichtbar -der Mond. Am ganzen Himmel hingen zerfetzte Wolken. - -Grell leuchteten unten am Strande bei Botafogo die Lichter der -Landesproduktenausstellung. Die Bai war dunkel. - -Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás saßen im Garten unter einem -Mangobaum. - -»Wie schade,« sagte Herr Dr. Bürstenfeger, »daß die herrliche Mondnacht -uns so verdorben worden ist!« - -Aus dem Salon des Hotels ertönte jetzt ein Nocturno Chopins. - -»Horcht,« sagte Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff Carlos' und Nicolás' -Hände ... »so schön hörte ich noch nie Chopin spielen!« - -Stumm lauschten sie, bis das Nocturno zu Ende war. - -Gleich darauf erschien am hellerleuchteten Salonfenster ein junger Mann. -Er trug Smoking, sein Gesicht war blaß und von Pockennarben zerrissen. - -Lange starrte er nach der Wolkenbank. - -Plötzlich streckte er die geballten Fäuste nach ihr aus und schrie laut: -»Mond, Mond, Mond!« - -Einige Damen und Herren, die am Gartengeländer standen, und auch Herr -Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás schauten erstaunt und -erschrocken zu ihm hinauf. - -»Mond, Schmierenschauspieler,« schrie er nochmals, »was stehst du hinter -deinem Vorhang, wartest du noch auf Publikum?« - -Vier deutsche Exporteure aus Buenos Aires, Herr Hurtwig, Herr Drumke, -Herr Kitzian und Herr Krause, Inhaber starker Firmen, und Herr -Schurtzenjager, ein deutscher Bankier aus London, die auf dem gleichen -Schiff mit ihm die Reise gemacht hatten, traten nun aus der Hoteltüre -heraus und stellten sich unter einer Gruppe von Königspalmen auf. - -Eine Weile verging. Unter den Damen und Herren war Bewegung und -Geflüster. - -Die Wolkenbank färbte sich am Rande silbern, der Mond erschien. Bald -erstrahlte die Bai. - -»Mond,« jubelte der junge Mann in maßloser Verzückung, »o du Genie, das -du erweckst.« Er wies mit ausgestreckten Armen nach unten: »Sieh, wie -die Bai leuchtet, wie der Gischt hüpft gegen den Pao d'Azuka!« - -»Nanu!« rief Herr Schurtzenjager aus. - -»Der hat mal wieder einen gehörigen sitzen«, meinte gelassen Herr -Drumke. - -Nochmal war Stille. Der Mond verschwand hinter einer zweiten Wolke. - -»Verruchter,« jammerte laut der junge Mann, »läßt du uns wieder ganz im -Dunkeln?!« - -»Mahlzeit!« rief Herr Kitzian hinauf. - -Doch jener hörte es nicht: »Hahaha,« lachte er laut, »Licht der -Landesproduktenausstellung, du leuchtest weiter in deinem proletarischen -Glanze, grell und frech, aber du erweckst die Bai nicht; du führst keine -Konversation mit ihr!« - -Mit dem Ausdruck unendlicher Trauer ließ er den Kopf sinken und blickte -hinab in den Garten und gerade auf Herrn Krause. - -»Verehrtester,« rief Herr Krause aus, dem endlich die Geduld riß, »wir -wünschen keine Konversation mit Ihnen!« - -Die übrigen Exporteure und der Bankier lachten laut über den Witz. Die -Damen und die übrigen Herren schüttelten verwirrt lächelnd die Köpfe. -Herr Dr. Bürstenfeger war wortlos, Carlos und Nicolás lachten. Aber der -junge Mann hatte wieder nichts gehört. - -Und nochmals erschien der Mond, und nun leuchtete er lang, denn die Bahn -war weit bis zur nächsten Wolke. - -Stark vorgebeugt und reglos stand jetzt der junge Mann und starrte nach -der Bai, wie erfüllt von einer unendlichen Erwartung. Sein Atem ging -schwer; er richtete sich auf. Die Augen waren ekstatisch geöffnet. - -»Venus,« hauchte er, »entsteigst du dem Meere?! ... Aphrodite, jetzt -schau' ich dich!« ... - -Er verschwand vom Fenster, und gleich darauf ertönte ein kurzes, grell -verworrenes Spiel in den Garten hinab. - -»Was waren das für schreckliche Disharmonien!« rief Herr Dr. -Bürstenfeger aus und erhob sich jäh von seiner Bank. - -Die Damen und die Herren blickten sich gegenseitig an. Alle schwiegen -bestürzt. - -»Ganz ausgefallene Type!« rief ein junger deutscher Leutnant aus. - -Herr Hurtwig sagte: »Ein ganz unmöglicher Kauz! Freund von -Gratisvorstellungen war er immer, aber das zuletzt übertraf alles!« - -»Er wird noch ganz überschnappen!« meinte Herr Kitzian. - -»Er ist es wohl schon!« antwortete Herr Krause. - -Herr Dr. Bürstenfeger, der alles dies gehört hatte, schaute aufgeregt -zum Fenster hinauf. - -Carlos und Nicolás drangen in ihn, zu erklären, wer dieser sehr seltsame -Herr sei. - -Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: »Karl und Nikolaus, quält mich nicht, -ich weiß es selbst nicht!« - -Er saß noch lange in Gedanken versunken unter dem Mangobaum. Dann stand -er auf und spazierte mit den Knaben im Garten umher. - -Sie stiegen die breite steinerne Treppe zum Wege nach Silvestre hinab -und standen am Rande des urwaldbewachsenen Abhanges. - -Ein Nachtvogel sang, der Mond schien in den Wald. Die Kronen zweier -geknickter Wandrerpalmen ruhten schwer auf Lianen, die sich um Agaven -schlangen. - -Herr Dr. Bürstenfeger seufzte. Carlos und Nicolás dachten: ob es wohl in -Deutschland auch so schön ist? - -Nun stiegen sie wieder zum Garten hinauf. - -Nochmal saßen sie auf der Bank unter dem Mangobaum und blickten auf die -Bai hinab. - -Ein starker Wind kam jäh von der Spitze des Corcovado und schwoll -mächtig an. - -Schnell zogen die Wolken; rasch wurde es hell und rasch wieder dunkel. -Es rauschten die Königspalmen. Alle die vielen seltsamen Bäume rauschten -gewaltig. In der Bai sprang hoch der Gischt gegen die Felsen. - -Nun kommt ein Sturm, dachte Carlos; jetzt wird unser Schiff untergehen -... - -Mit verstörtem Gesicht und Verzweiflungsgeschrei stolperte gerade durch -den Urwald auf den Hängen von Silvestre der unmögliche Kauz: »Ha es -klopfte ein Herz im Mutterschoße, aber nun endlich hat die Entbindung -stattgefunden ... in Buenos Aires war ich ein verachteter Mann; aber -hier bin ich lebend geworden!« - -Er rannte wild mit den Fäusten gegen einen mächtigen Baumstamm, prallte -zurück und brach in ein lautes, höhnisches Gelächter aus: »Es darf nicht -sein, daß vom Protoplasma bis zu den Menschen der Weg näher sei, als wie -von ihnen bis zu Dante und Jesus Christus; wir müssen uns stark -verbinden! Hohoho, mein Urgroßvater war ein toller Mann!!« ... - -Herr Dr. Bürstenfeger unter dem Mangobaum hielt seinen Hut in der Hand, -während der Sturm seine Haare zauste. Er sagte: »Karl und Nikolaus, auch -dieser Aufruhr in der Natur ist wunderbar!« -- - -Allmählich begann sich der Wind zu legen. Die Bäume hörten auf zu -rauschen; bald war überall Stille. Nur die Wipfel der Königspalmen -bewegten sich noch leise wie lächelnd im seligen Einschlafen. - -Der Himmel war bis weit hinaus frei von Wolken ... - -Aus der Hoteltür trat jetzt ein bildschönes, schwarzäugiges kleines -Mädchen in einem weißen Kleide. - -Auf den Zehenspitzen schlich sie näher und stand nun neben Herrn Dr. -Bürstenfeger. - -Da ist ja wieder das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás, -denn sie hatten sie schon bei Tische bewundert, und ihre Herzen -klopften. - -»Senhor,« fragte sie Herrn Dr. Bürstenfeger und lächelte schalkhaft, -»lieben Sie die Schmetterlinge?« - -»Oh«, antwortete er begeistert, »diese prächtigen brasilianischen -Schmetterlinge ...« - -»Hier schenke ich Ihnen einen!« Sie machte eine rasche Bewegung nach -seiner Manschette und hüpfte lachend weg. - -Herr Dr. Bürstenfeger saß zuerst etwas betroffen da, dann aber sprang er -auf und schüttelte heftig seinen Arm; denn unter dem Hemdsärmel -krabbelte ihm etwas hinauf und kitzelte ihn sehr. - -Ein kleiner schwarzer Falter fiel auf die Erde, flatterte aber gleich -davon. - -»Der Racker, der Racker!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger. - -Wie unartig ist das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás ... - -Spät in der Nacht war Tumult im Hotel: zwischen zerschlagenen Spiegeln, -Tischen und Stühlen und herabgerissenen Bildern raste der unmögliche -Kauz in seinem Zimmer. - -Der Hotelier, die Kellner und einzelne Gäste stürzten zu ihm. - -Mit blutenden Fäusten warf er sich auf sie. - -Man rang mit ihm. Er heulte und tobte. Am Genick, an der Brust, an Armen -und Beinen wurde er gefaßt und gebändigt. - -Ein weißer Pfau, der draußen im Garten in einem Brotfruchtbaum -geschlafen hatte, flog krächzend auf. Irgendwo schnatterte eine Ente. - -In den Gängen trieben sich flüsternd aufgeregte Gäste umher. - -Der Hotelier trat mit zerzauster Krawatte zu ihnen. Er war ganz bestürzt -über die schreckliche nächtliche Störung und entschuldigte sich nach -Kräften. - -Langsam beruhigte man sich und zog sich zurück. - -Die Exporteure und der Bankier aber standen noch lange in der Halle vor -der Treppe und besprachen ernst den Fall. - -Herr Drumke drückte den Zeigefinger auf seine Stirn und sagte: »Wenn es -bei einem von jeher im obersten Stübchen nicht recht bestellt war, so -kann die Konsequenz der Wahnsinn sein. Was war überhaupt Natur und was -war Whisky bei diesem Menschen?!« - -Herr Hurtig meinte streng: »Er hat zuviel gebummelt, er hat die Nacht -zum Tag gemacht. Niemand weiß von seiner Arbeit!« - -Herr Krause sagte: »Er hat manchmal bei uns verkehrt, aber um die -Wahrheit zu sagen, nie wurde ich ganz aus ihm klug!« - -Herr Kitzian bewegte den Zeigefinger hin und her und bemerkte: »Ich sage -nur oha!« - -Der deutsche Bankier aus London sagte nichts. Er hatte die Hände in den -Taschen, kniff sich in die Schenkel vor Wonne und dachte: ich trank und -trinke noch viel mehr Whisky als er und werde nicht verrückt! - -Die Exporteure und der Bankier stiegen nun die Treppe hinauf, um zu Bett -zu gehen. - -Draußen am Gartengeländer lehnte stumm Herr Dr. Bürstenfeger. - -Am Himmel bewegten sich zwei letzte dunkle Wolkenmassen langsam dem -Horizonte zu, wie abziehende Bataillone. - -Auf seinem Bett lag geknebelt und an Händen und Füßen gebunden der -unmögliche Kauz und stierte gegen die Decke. Ein Hausknecht und ein -kräftiger Stallbursche waren bei ihm. - -Carlos und Nicolás schliefen schon einige Stunden tief und traumlos in -einem der Gartenpavillong ... - -Kurz nach Sonnenaufgang, als die Uistiti-Äfflein in den Wäldern -kreischten, brachten ein Herr mit einer Brille und zwei Männer den -unmöglichen Kauz nach einem geschlossenen Wagen und fuhren mit ihm -davon. Ein Rudel kleiner Straßenjungen lief im Staube jubelnd -hinterdrein. - -Über den Felsen Ipanemas, wo unten stark die Brandung geht, erhob sich -ein Adler und flog über die Bai, hinüber nach dem Orgelgebirge. - -Bald nachher stand Herr Dr. Bürstenfeger auf. Er stand vor dem -Waschtisch in Gedanken versunken. - -»Wie schön spielte er Klavier ... und nachher das Schreckliche!« -murmelte er. Er seufzte tief auf: »Aber man darf sich nicht beladen mit -allen Qualen dieser Welt!« - -Als er angezogen war, ging er zu Carlos und Nicolás und weckte sie. - -Nach dem Frühstück machten sie einen Spaziergang in der Richtung der -Tijuca. - -In vielen Krümmungen führte der Weg durch Sonne und Urwaldschatten. - -Als sie in den Wald gelangten, sagten Carlos und Nicolás: »Es riecht -hier ganz so wie bei uns zu Hause im Invernaculo.« - -Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: »Ich habe euch schon gesagt, es heißt -auf deutsch Treibhaus und nicht Invernaculo!« - -An einer Krümmung tauchte plötzlich am Wegrand in der Einsamkeit eine -Strohhütte auf. Einige Neger und Negerinnen standen davor. Sie sprachen -mit lebhaften Gebärden alle zugleich und stießen dabei ein grausig -tierisches Gelächter aus. Die Frauen hatten gelbe Schals um die -Schultern, eine trug einen roten Turban. Die Männer waren nackt bis zum -Gürtel und schwangen lange blitzende Messer in der Hand, womit sie eben -Rinde von den Bäumen geschält hatten. Einer biß mit seinen großen weißen -Zähnen in ein Stück Kokosnuß, ein anderer schlug zum Zeitvertreib mit -einem dicken Knüppel auf einen Strauch mit seltsamen roten Blumen. - -Carlos und Nicolás zerrten Herrn Dr. Bürstenfeger am Ärmel zurück und -sagten ängstlich: »Die Neger werden uns töten!« - -Herr Dr. Bürstenfeger schaute unsicher nach der Gruppe, dann aber sagte -er: »Karl und Nikolaus, fürchtet euch nicht!« Und mit beschleunigten -Schritten gingen sie an der Gruppe vorbei. - -Bei jeder neuen Krümmung des Weges hörten sie wieder ihr tierisch -grausiges Lachen, bis es langsam verhallte. - -Auf einem Umweg kehrten sie zum Hotel zurück und nahmen dort ihren -Lunch. Dann begaben sie sich hinunter in die Stadt. Dort setzten sie -sich in einen Wagen und fuhren nach dem Botanischen Garten. - -Unterwegs sahen sie vor einem Gartentor ein paar Mulatinnen vergnügt -schwatzend einen farbigen Sarg in einen Leichenwagen schieben. Und nicht -lange drauf kam ihnen ein Mann entgegen, einen mit rosa Stoff -überzogenen und mit Silberspitzen ausgeschmückten Kindersarg auf dem -Kopf. - -Plötzliche Unruhe malte sich in Herrn Dr. Bürstenfegers Zügen, er dachte -an das gelbe Fieber. - -In diesem Augenblicke setzte der Mann den Sarg nieder und öffnete den -Deckel. - -Herr Dr. Bürstenfeger lachte laut auf: »Karl und Nikolaus, seht hin, es -ist ja nur ein Kuchenkasten!« - -»Eigentümliche Gebräuche«, murmelte er vor sich hin. - -Bald waren sie im Botanischen Garten. Sie schritten durch das breite -Portal und standen in einer endlos schnurgeraden Allee uralter -Königspalmen. - -»Die Vegetation der ganzen Tropen ist hier in diesem Garten vereinigt«, -erklärte Herr Dr. Bürstenfeger. - -Sie spazierten umher. Nicolás blieb staunend vor einer Gruppe von -Riesenbambussen stehen. Herr Dr. Bürstenfeger machte Carlos auf ein Beet -mit zarten kleinen Pflänzlein aufmerksam. - -»_Mimosa pudica sensitiva_« stand auf einem kleinen Brettlein -geschrieben. - -»Karl, berühre leise ein Blatt dieser Pflänzchen«, sagte Herr Dr. -Bürstenfeger. - -Carlos beugte sich nieder und berührte sachte ein Blättchen. Das -Blättchen schloß sich; darauf zog das Pflänzlein langsam seine -sämtlichen Blätter ein und knickte zusammen; im Fallen streifte es eine -Nachbarin -- eine ganze Gruppe sank zusammen. - -»Sie werden sich bald wieder aufgerichtet haben«, sagte Herr Dr. -Bürstenfeger. - -»Ob wohl die Pflanzen wie die Menschen fühlen?« bemerkte Carlos. - -»Die Betrachtung ist nicht übel, Karl«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger. - -Sie gingen weiter, bis sie am Fuße eines Berges standen; hier verlor -sich der Garten in den Urwald. - -Herr Dr. Bürstenfeger zog seine Uhr. - -Carlos und Nicolás sahen plötzlich einen großen blauen prächtigen -Schmetterling. - -Sie liefen ihm nach, um ihn zu fangen. - -»Lauft nicht weg, es ist viel später, als ich dachte,« rief ihnen Herr -Dr. Bürstenfeger nach, »wir verlieren noch das Schiff!« - -Nicolás blieb stehen, Carlos lief weiter. - -Der Schmetterling ließ sich auf einen blühenden Gardenienbusch nieder. -Carlos wollte ihn fassen. - -Der Schmetterling erhob sich, setzte sich auf eine Fächerpalme, bewegte -die Flügel und glich einer lebenden, prächtigen Blume. - -Beinahe hätte Carlos ihn gehascht, aber schon war er wieder fort, er -flog hinein in den Wald, Carlos hinterher. - -Tief drinnen in einer Wildnis baumhoher Farne verschwand der -Schmetterling, tauchte wieder auf, ließ sich wieder auf einen Busch -nieder, stieg hoch in die Luft und verlor sich im blauen Himmel. - -Carlos hörte in der Ferne Herrn Dr. Bürstenfegers Stimme, der ihn laut -und zornig rief. Erschreckt lief er zurück, über Baumwurzeln stolpernd -und sich in Lianen verwickelnd, vor Hitze und Wut heulend. - -Am Waldrand stand Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Ungehorsamer Junge,« schrie er, »warum kamst du nicht, als ich dich -rief!« Carlos heulte: »Der schöne Schmetterling ist fort, nie mehr werde -ich ihn fangen!« - -Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte ihn am Arm: »Wegen dir werden wir noch -das Schiff verlieren!« - -Carlos heulte immer lauter. - -»Kommt schnell zum Wagen,« rief Herr Dr. Bürstenfeger, »wenn wir uns -beeilen, erreichen wir vielleicht noch die Barkasse!« - -Rasch gingen sie die Allee hinunter und stiegen draußen in den Wagen. - -»Zum Hafen, schnell!« rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu. - -Der Kutscher trieb die Pferde zur Eile an; in einer halben Stunde waren -sie am Hafen. - -Aus dem Schornstein der Lombardia stieg schwarzer Rauch auf, sie gab -langgezogene Signale. - -Herr Dr. Bürstenfeger erkundigte sich aufgeregt nach der Barkasse. - -»Dampfer weg, Dampfer weg!« schrieen fröhlich einige schwarze -Bootsmänner. - -»Siebzigtausend, sechzigtausend, fünfzigtausend Reis nach dem Bord -Lombardia!« riefen sie durcheinander. - -»Vierzigtausend«, rief einer und sprang in sein Boot, erfaßte die Ruder -und winkte Herrn Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás zu. - -»Schamlose Ausbeutung!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger empört. - -»Senhor, zwanzigtausend Reis!« rief ein anderer und zupfte Herrn Dr. -Bürstenfeger am Rock. - -»Unverschämt teuer, aber jetzt ist nichts zu machen. Das haben wir nur -dir zu verdanken, Karl!« - -Sie stiegen ein, gleich stieß der Bootsmann ab. - -Am Ufer erhob sich ein lautes Wutgeschrei. - -Ein baumstarker Neger schleuderte ihnen ein Ruder nach. Es platschte -dicht neben Herrn Dr. Bürstenfeger ins Wasser. - -Erschreckt fuhr er zur Seite und rief: »Das sind hier die reinsten -Wilden!« - -Der Bootsmann legte sich mit doppelter Kraft in die Ruder; bald hatten -sie das Ufer weit hinter sich. - -Carlos und Nicolás blickten zurück. - -»Dort waren wir noch vor einer Stunde«, sagte Nicolás und zeigte in der -Richtung von Botafogo. - -»Man sieht noch den Wald«, antwortete Carlos. »Wie schade, der schöne -blaue Schmetterling ist fort!« - -»Denke doch nicht immer an den Schmetterling«, meinte Nicolás. »Wir -haben ja die Affen!« - -In einigen Minuten waren sie an Bord. Sie stiegen das Fallreep hinauf. - -Der zweite Offizier rief Herrn Dr. Bürstenfeger lachend zu: »Signore, -bald wären wir ohne Sie abgefahren!« - -»Ob wohl der Herr mit der Glatze noch immer in seiner Kabine ist?« sagte -Carlos zu seinem Bruder. - -Herr Dr. Bürstenfeger ging in den Salon, Carlos und Nicolás begaben sich -zu den Affen. - -Als sie zum Promenadendeck zurückkehrten, sahen sie eine große, sehr -schöne Dame mit goldblondem Haar, roten Wangen und Purpurlippen, von -Herren umringt, sich laut und lachend unterhalten. - -Carlos und Nicolás sahen sie verwundert an. - -»Das ist ja eine neue Dame,« sagte Nicolás, »die muß hier eingestiegen -sein!« - -Jetzt ertönte die Glocke zum Abendessen. Herr Dr. Bürstenfeger erschien -auf Deck, trat mit den Knaben an die Reling und zeigte nach dem sich -entfernenden Festlande: »Karl und Nikolaus, seht noch einmal hin nach -der letzten Küste eures Heimatkontinentes; es werden viele Jahre -vergehen, bis ihr es wieder erblickt!« - - - - - Nach der Alten Welt - - -Fräulein von Pfnühl hatte zwei Tage seekrank in ihrer Kabine gelegen, am -dritten erschien sie wieder. - -Beim Lunch bemerkten Carlos und Nicolás, daß sie sehr oft zu ihnen -hinüberschaute und Herr Dr. Bürstenfeger dann krampfhaft auf seinen -Teller blickte. - -Nachher hatte sich Carlos zu den Affen begeben. - -Auf Deck war Fräulein von Pfnühl eifrig bemüht, ihren Reisestuhl von -einer Stelle zur anderen zu rücken. Dabei warf sie hilflose Blicke auf -Herrn Dr. Bürstenfeger, der zufällig mit Nicolás in der Nähe stand. - -Nicolás sprang hinzu, um ihr behilflich zu sein. - -»Laß das,« zischte sie ihn an, »hast du denn nie Schularbeiten zu -machen, du Dummbart?!« - -Erschreckt wich Nicolás zurück. - -Gleich kam Herr Dr. Bürstenfeger nach. Er brachte den Stuhl nach der -Stelle, die sie wünschte, und ordnete ihre Kissen. - -Sie dankte; er wollte sich mit einer Verbeugung zurückziehen. Aber sie -redete ihn an: - -»Ach, Herr Doktor, gehen Sie noch nicht, es freut mich so, Sie -wiederzusehen; nehmen Sie doch einen Augenblick Platz!« Dabei ließ sie -sich auf ihren Stuhl nieder und zeigte auf einen Rohrsessel neben sich. - -Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: »Sehr angenehm« und setzte sich am Rande -des Rohrsessels. - -»Nun,« meinte sie, »wie finden Sie unsere Mitreisenden?! -- Ach, Herr -Doktor,« sie schlug die Augen, die sie einige Sekunden gesenkt hatte, zu -ihm auf, »ich lese in Ihrer Seele -- wie können Sie an dieser -zusammengewürfelten, zum Teil fragwürdigen Gesellschaft Gefallen finden --- gerade Sie, Herr Doktor!« Sie stieß einen Seufzer aus, schloß die -Augen und sah ihn dann gleich wieder an. - -»Und überhaupt, wo findet man die Menschen, die einem ganz zusagen, mit -denen man eins sein möchte in seinem tiefsten Innern?! ... Was folgt dem -einsamen Heischen hochgestellter Seelen nach Wahlverwandtschaft?« Wieder -seufzte sie und schloß die Augen: »Ach nur Resignation!« - -In diesem Augenblick war nicht weit von ihnen ein seltsam langgezogenes -Gewinsel hörbar, dem gleich darauf ein markdurchdringendes erbostes -Schreien und Quieken folgte. - -Gleich nachher tauchte Carlos auf, beide Affen, die sich grimmig -balgten, an ihren Schnüren hinter sich herzerrend. - -»Karl, was hast du wieder mit dem süßen Tierchen getan!« schrie Fräulein -von Pfnühl, indem sie sich aufrichtete. - -Carlos wandte sich weinerlich an Herrn Dr. Bürstenfeger: »Ich brachte -sie auf meinen Schultern vom Zwischendeck hierher, sie haben das Zanken -bekommen und sich einander verwickelt, und als ich sie auf die Erde -setzte, bekamen sie noch mehr das Zanken!« - -Der Lehrer winkte dem Decksteward, und nicht ohne Mühe gelang es, die -Affen wieder auseinander zu bringen. - -Worauf Carlos und Nicolás, von Herrn Dr. Bürstenfeger begleitet, sie in -ihre Kiste zurückbrachten. - -»Karl und Nikolaus,« sagte Herr Dr. Bürstenfeger, »ich gehe jetzt -einstweilen in meine Kabine, doch bitte ich euch ernstlich, treibt -keinen Unsinn!« - -»Zu der verrückten Dame gehe ich nicht mehr!« sagte Nicolás. - -»Nikolaus, was sind das für Ausdrücke!« antwortete Herr Dr. -Bürstenfeger. - -»Sie hat mir ein Schimpfwort gesagt!« - -»Ein Schimpfwort, wieso?!« - -»Sie hat mich einen Dummbart genannt!« - -»Das ist kein Schimpfwort!« Herr Dr. Bürstenfeger unterdrückte ein -Lächeln. »Aber wahrscheinlich hast du es auch verdient!« - -»Ich habe es nicht verdient, ich habe ihr nur mit ihrem Stuhle helfen -wollen!« antwortete Nicolás. - -»Schon gut«, meinte nach einer kleinen Weile Herr Dr. Bürstenfeger. »Man -darf einer alten Dame nicht gleich alles übelnehmen, sie wird es nicht -so böse gemeint haben!« - -Darauf ging er. - -Nun erzählte Nicolás seinem Bruder, was ihm geschehen war. - -»Mich hat sie vorhin auch angeschnauzt!« sagte Carlos. - -Um sich zu rächen, beschlossen die Knaben die verrückte Dame auch nur -Miß Von zu nennen. - -Sie kehrten nach Deck zurück und begegneten dort dem fröhlichen -Priester, der trotz der großen Hitze wieder seinen Spaziergang machte. - -Sie schlossen sich ihm an, er erzählte ihnen Geschichten, die sie sehr -lustig fanden, aber zugleich auch im höchsten Grade lügenhaft. - -Als ihm nichts mehr einfiel, verließen sie ihn und setzten sich auf eine -Bank. - -Lange saßen sie schweigend da und baumelten mit den Beinen. - -Carlos sagte schließlich: »Wie langweilig ist eine Seereise ... man -sieht nichts ... nie ein brennendes Schiff und auch niemals einen -Walfisch!« - -»Es ist langweilig, aber bald sind wir im schönen Europa«, tröstete ihn -Nicolás. - -Darauf beschlossen sie wieder nach Zwischendeck zu ihren Affen zu gehen. - -Unterwegs blieben sie vor einem Windleiter stehen, der nach dem großen -gemeinsamen Schlafraum der Emigranten führte. - -Carlos steckte den Kopf in die Öffnung, zog ihn aber rasch zurück und -machte »brr!« - -Sofort steckte nun Nicolás den Kopf hinein, schnellte aber auch gleich -zurück. - -»Das stinkt!« sagten beide. - -Sie wollten schon weitergehen, als Nicolás vorschlug: »Wenn du mir -zwanzig Centavos gibst, rieche ich zwanzig Sekunden hinein!« - -»Gut, wetten wir«, antwortete Carlos und zog die Uhr. - -Nicolás' Kopf verschwand in der Öffnung. - -»Zwanzig!« rief Carlos, als die Zeit um war. - -Nicolás aber, um seine Willenskraft zu zeigen, beschloß es zwanzig -Sekunden länger auszuhalten. Hochrot tauchte dann sein Kopf aus der -Öffnung. - -Er schüttelte sich, spuckte aus und schneuzte sich. - -»War das ein Gestank!« rief er aus. »Jetzt gib mir die zwanzig -Centavos!« - -»Die Wette gilt nicht, du hast bis vierzig gerochen und nicht bis -zwanzig!« antwortete Carlos. - -Nicolás sah seinen Bruder an, er traute seinen Ohren nicht. - -»Ich bezahle nichts!« sagte Carlos. - -»Meinst du, daß ich umsonst den schrecklichen Gestank ausgehalten -habe?!« rief Nicolás zornig. - -»Es galt nur bis zwanzig; ich zahle nichts!« beharrte Carlos. - -»Du bist betrügerisch und gemein!« rief Nicolás und wollte auf ihn -eindringen. Schon wurden sie handgemein; da erschien Herr Dr. -Bürstenfeger. - -»Was ist hier los, Karl und Nikolaus?!« fragte er streng. - -Nicolás erzählte ihm aufgeregt den Fall. - -Herr Dr. Bürstenfeger runzelte die Stirn, sann eine Weile und antwortete -sehr ernst: »Dein Vorschlag, Nikolaus, der reinen Geldgier entsprungen, -zeugte von wenig Geschmack, Stolz und persönlicher Würde. Die Ausführung -war außerdem im höchsten Grade gesundheitsschädlich. -- Nicht weniger -geschmacklos, Karl, war dein Eingehen in diesen unappetitlichen -Kontrakt. Dein weiteres Betragen Nikolaus gegenüber sehr mutwillig und -durchaus nicht brüderlich. Jetzt kommt mit, und macht Schularbeiten, die -viele Freiheit, die ich euch der Hitze wegen gegeben habe, scheint euch -nicht gut zu bekommen!« - -Damit erfaßte er sie bei den Händen. Sie folgten ihm aufs höchste -verdutzt. - -Bald folgte ein Tag von unerträglicher Hitze, denn man hatte -vollständige Windstille. Totenstill und bleifarben lag das Meer. -Dunstschleier verbargen die Sonne; von Zeit zu Zeit gingen Regenschauer -nieder. Dann aber wurde die Temperatur noch drückender. - -Im Maschinenraum arbeiteten halbnackt die Heizer, Herr Dr. Bürstenfeger -lag reglos unter dem aufgespannten Zeltdach auf Deck: unter der Dusche -im Badezimmer aber stand der fröhliche Priester und dachte: Reiste ich -jetzt nicht nach Rom, um den Heiligen Vater zu sehen, ich wollte, eine -Seereise sollte immer dauern. -- - -Manche Passagiere verbrachten die Nacht auf Deck. Carlos und Nicolás -lagen in ihren Betten und wälzten sich hin und her. - -Kurz nach Mitternacht -- Herr Dr. Bürstenfeger war eben in einen -unruhigen Schlaf verfallen -- wurde er plötzlich durch laute Schreie -geweckt. - -Er richtete sich jäh auf und noch unsicher, ob er geträumt habe, saß er -reglos aufrecht mit stark klopfendem Herzen und horchte gespannt. - -»Hilfe, Hilfe, ich sterbe!« kreischte durchdringend eine weibliche -Stimme. - -»Mein Gott, mein Gott, ... was für ein Unglück ist da wieder geschehen!« -Herr Dr. Bürstenfeger rang nach Atem; dann war er mit einem Satz aus dem -Bett. - -»Hilfe, Hilfe!« gellte es wieder. - -Wie von Sinnen drehte sich Herr Dr. Bürstenfeger im Kreise herum; er -suchte etwas: seine Hosen. Jetzt hatte er sie; im Nu war er drin. - -Er stürzte in den Gang; draußen standen schon Leute. - -Von neuem ertönten durchdringende Schreie. - -»Schwarzer Pfaffe, Schiffsuntergang!« rief der Herr mit der fahlen -Glatze. - -Man eilte in der Richtung, woher die Schreie kamen, allen voran Bepino -der Nachtsteward. - -Er riß die Tür einer Kabine auf. - -Mit einem Satz stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihm. Aber er prallte -zurück. - -In ihrem Bett lag Fräulein von Pfnühl, und ein fliegender Fisch -schnellte über ihr auf und nieder. - -Auch die übrigen Passagiere wichen zurück. - -Gleich erschien Bepino aus der Kabine, den Fisch, der heftig zappelte, -in den Händen. - -»Durch die offene Luke hat er sich ins Bett der Dame verirrt!« rief er -vor Lachen platzend. - -Es erfolgt ein allgemeines Gelächter. - -Hinten vor ihrer Kabinentüre standen Carlos und Nicolás in ihren -Nachthemden und lachten auch aus vollem Halse. - -»Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, jetzt hat Miß Von auch das Gruseln -gelernt!« rief Carlos aus. - -»Ihr müßt auch bei allem dabei sein; geht schlafen!« antwortete Herr Dr. -Bürstenfeger und schob sie in die Kabine hinein. - - * * * * * - -Am nächsten Morgen gingen Carlos und Nicolás nach Zwischendeck, um ihre -Affen zu füttern. Gerade erhielten auch die Emigranten ihre erste -Ration. - -Irgendwo kauerte ein altes verrunzeltes Mütterchen auf der Erde, den -Rücken gegen eine Kiste gelehnt; sie war bisher noch nie auf Deck -erschienen. - -So ein uraltes Mütterchen glaubten Carlos und Nicolás noch nie in ihrem -Leben gesehen zu haben. Ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet; die -Augen, die nie zuckten, schienen seltsam ins Weite zu blicken. - -Ein Bursche, der eine Baskenmütze trug, kniete mit einem Blechteller vor -ihr und flößte ihr Suppe ein. Daneben stand eine Frau mit einem -zerrissenen Schal gegen einen schwarzbärtigen Mann gelehnt, der leise -und scheinbar zerstreut auf einer Ziehharmonika spielte, während sie an -einem großen Stück Brot kauend sehr ernst auf die Alte herabblickte. - -Carlos und Nicolás erfuhren gleich darauf, daß die vier eine Familie -waren und die Alte beinahe hundert Jahre alt und blind. - - * * * * * - -Als Carlos und Nicolás zum Promenadendeck zurückkehrten, spazierte die -schöne Dame mit den Purpurlippen, in Gesellschaft eines brasilianischen -Herrn, der im Gespräch lebhaft mit den Händen gestikulierte. Von seinen -Fingern, die voller Ringe waren, ging ein Blitzen und Funkeln aus. - -Gerade als die Knaben an ihnen vorbeikamen, glitt ihr ein mit Perlen -besetzter Kamm aus den Haaren und fiel auf den Boden. - -Die Knaben bückten sich rasch danach, Nicolás hatte ihn erfaßt, lief der -Dame nach und überreichte ihn ihr. - -»Ich danke dir, mein lieber Junge«, sagte die schöne Dame, streichelte -ihn mit der Hand über den Kopf und gab ihm einen Kuß. »Ihr -liebenswürdigen Kavaliere, ich muß euch doch endlich mal die längst -versprochenen Bonbons geben, kommt mit!« - -»Gleich bin ich wieder da«, nickte sie dem Herrn zu und lief lachend die -Treppe hinunter. Carlos und Nicolás hinter ihr drein, in ihre Kabine. - -»Das ist ja hier wie in einem Kleiderschrank«, rief Carlos aus, denn -ringsherum hingen Kleider, Spitzenblusen und seidene Röcke. Die Gardinen -waren vollgesteckt mit Schleiern, Krawatten und Bändern. Handtaschen und -Hutschachteln, Stiefel und Schuhe waren unter die Betten gezwängt. - -»Und wie es wunderschön riecht!« rief nochmals Carlos. - -»Gefällt euch das Parfüm, meine Jungens?« Sie griff nach einem kleinen -silbernen Flakon, der auf dem Waschtisch stand. - -»Na, gebt mir eure Taschentücher.« - -Rot und verlegen sahen sich Carlos und Nicolás an. - -Zögernd sagte Nicolás, indem er noch mehr errötete: »Unsere -Taschentücher sind sehr schmutzig!« - -»Das schadet nichts,« lachte sie, »gebt nur her; Jungens haben immer -schmutzige Taschentücher!« und damit entleerte sie die Hälfte ihres -Fläschchens in die Taschentücher der Knaben. - -Darauf holte sie eine große Schachtel mit Pralinés aus ihrem Koffer und -füllte davon Carlos' und Nicolás' Taschen. - -Dann gab sie jedem einen laut schallenden Kuß: - -»So, jetzt aber muß ich rasch wieder hinauf!« ... - -Kurz nachher lag die schöne Dame oben auf Deck auf ihrem Reisestuhl; ihr -Kopf lehnte gegen ein rotseidenes Kissen; der Herr mit den Ringen -fächelte ihr Kühlung zu mit einem großen japanischen Fächer und redete -leise und eindringlich auf sie ein. - -Sie lächelte nach einer Weile und nickte. - -Ganz in ihrer Nähe saßen Carlos und Nicolás stumm auf einer Bank und -knabberten an ihren Bonbons. - -»Du,« sagte Carlos, »hier habe ich einen mit Likör!« - -Ganz weit hinten stand Herr Dr. Bürstenfeger vor einer schwarzen Tafel -und konstatierte freudig: »Drei Meilen mehr als gestern!« - -Gegen Abend waren die Knaben wieder auf Zwischendeck. - -Das alte blinde Mütterchen hockte noch immer in ihrer alten Stellung, -ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet, die Augen blickten ins Weite. - -Carlos und Nicolás schritten scheu an ihr vorbei; sie gingen bis ganz -vorn nach der Spitze des Schiffes. - -Der Steuermann auf der Brücke drehte das Rad. Langsam wandte sich das -Schiff nach Nordosten. - -Die Sonne neigte sich gegen den Horizont, blutrot und strahlenlos. Jetzt -berührte sie ihn. Schon war sie unter. - -»Die Sonne ist tot, ertrunken!« sagte Carlos zu seinem Bruder. - -In verschleiertem Blau dämmerte der Himmel weiter. - -Zwei ungeheure Wolkenbänke standen gleich gigantischen Torflügeln -rosenrot im Nordosten. - -Und mitten auf das offene Tor zu fuhr das Schiff. - -Ein junger Mann und eine junge Frau standen neben Carlos und Nicolás an -der Reling. Ihre Gesichter waren verhärmt, ihre Kleider abgetragen. - -Der junge Mann zeigte in der Richtung des offenen Tores. - -Tränen glänzten in seinen Augen. Er sagte leise: »Sieh, ist es nicht, -als führen wir endlich unserem Ziele entgegen?« -- - -Sie stand da, stumm und sah nach den Wolken. - -Zwei italienische Emigranten sangen: - - In guerra non voglio andare - perquè si mangea male - e si dorme in terra. - -»Carlos, horch', es ist das Lied, das José immer zu Hause sang!« sagte -Nicolás. - -Gleich fielen andere Stimmen ein, und bald brauste es aus mehr als -hundert Kehlen: - - In guerra non voglio andare - perquè si mangea male ... - -Ein gellender Schrei unterbrach den Gesang: »Jesus, Maria, Mutter ist -tot!« - -Und gleich darauf erfolgte ein herzzerreißendes Weinen. - -Die Frau mit dem Schal war auf die Knie gesunken, ihre Arme hielten das -alte tote Mütterchen umfangen. - -Und neben ihr kniete der junge Baske, und der Mann mit der Ziehharmonika -und sie bekreuzten sich schluchzend. - -Ein Haufen Männer und Frauen umdrängte die Gruppe. Viele Frauen waren -niedergekniet, hielten die Hände vors Gesicht und jammerten laut; bald -knieten alle Frauen. Das Jammern und Schreien griff um sich: der ganze -große Haufe stimmte laut mit ein in die Totenklage. - -Bleich und wortlos standen Carlos und Nicolás auf ihren Plätzen. - -Erschreckt durch den Lärm spähte Herr Dr. Bürstenfeger vom -Promenadendeck nach ihnen aus. Zugleich ertönte die Glocke zum -Abendessen. - -Carlos und Nicolás gingen rasch nach der ersten Klasse, die Blicke vom -Haufen, der die Alte umgab, abgewandt. - -Bei Tisch konnten sie keinen Bissen herunterbringen. Sie dachten an das -alte Mütterchen; vor einer halben Stunde noch hatte sie lebend -dagesessen mit gefalteten Händen, und nun war sie eine Tote. - -Nachher hörten sie, wie der Herr mit der fahlen Glatze der Dame aus -Patagonien erzählte, heute noch werde man die Leiche auf ein Brett -geschnallt und in ein Segeltuch gewickelt ins Meer senken. - -Carlos und Nicolás erschauerten. - -Gegen zehn Uhr brachte Herr Dr. Bürstenfeger die Knaben in ihre Kabine. - -Als er fort war, zündeten sie das Licht wieder an und lagen schweigend -in den Betten, fortwährend an das tote Mütterchen denkend. - -Endlich meinte Carlos: »Um ein Uhr wird sie ins Meer geworfen!« - -»Um zwei Uhr hat man gesagt.« - -»Niemand weiß es genau.« - -»Wirst du heute nacht einschlafen können?« fragte eine Weile darauf -Nicolás. - -»Brr, ich bleibe sicher die ganze Nacht wach.« - -»Wir sollten versuchen, an etwas Lustiges zu denken, vielleicht könnten -wir dann doch einschlafen! -- Weißt du noch, wie alle gelacht haben, als -du einmal eines Abends, als wir noch klein waren, zu Mama ins Eßzimmer -gelaufen kamst und sagtest, ein Wolf sei in ihrem Zimmer, und es war -doch nur Papa, der auf dem Sofa fürchterlich schnarchte!« - -»Ja, Mama hatte mir an dem Tage die Geschichte von Rotkäppchen erzählt«, -antwortete Carlos. - -Er schwieg. - -»Arme Alte«, sagte er nach einer Weile. - -»Denke doch nicht immer daran!« -- - -»Nicolás, fährt das Schiff nicht langsamer?!« Carlos richtete sich in -seinem Bett auf. »Jetzt -- ich glaube, man wirft sie ins Meer!« - -Nicolás horchte gespannt; auch ihm war recht gruselig zumute. - -»Nein, das Schiff fährt gleichschnell!« flüsterte er. - -Es wurde elf. Der Steward trat in die Kabine und löschte die Lichter. - -Carlos und Nicolás hielten es jetzt nicht länger in ihren Betten aus. - -Sie standen auf, knieten auf dem Sofa und schauten durch die Luke. -Draußen war stockfinstre Nacht, das Meer schwarz wie Tinte. - -Sie hörten, wie die Wellen rauschten und gegen das Schiff aufschlugen. -Sonst war es totenstill. - -»Wie dunkel!« flüsterte Carlos. »Wenn man nur einen einzigen Stern sehen -könnte!« - -»Ob wohl die Fische die Alte gleich auffressen werden?« meinte er nach -einer Weile. - -»Sie werden sie wohl bald auffressen,« antwortete Nicolás, »aber -vielleicht kommt sie auch heil bis zum Grunde!« - -»Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?« - -»Vielleicht so tief, als der Acongaqua hoch ist.« - -Carlos schloß die Augen, und erschauernd suchte er sich den Grund des -Meeres vorzustellen. - -Sie schwiegen lange. - -Wieder fuhr Carlos zusammen. Er faßte seinen Bruder beim Arm: »Hörst du -nicht ... die Stricke?! Jetzt wird sie heruntergelassen!« - -Sie hielten den Atem an und horchten. - -Nicolás sagte: »Es waren nur die Taue der Boote, die sich bewegten.« - -Nun sprachen sie nicht mehr; sie horchten angestrengt weiter. - -Schließlich fielen Nicolás die Augen zu. Er ging ins Bett und war gleich -eingeschlafen. Carlos blieb vor der Luke, bis der Morgen begann. Dann -begab er sich auch ins Bett und verfiel sofort in einen schweren Schlaf. --- - -Gegen acht Uhr trat Herr Dr. Bürstenfeger in die Kabine. - -Hell schien die Sonne durch die Luke. - -»Heraus, ihr Langschläfer«, rief er. »Es hat schon längst zum Frühstück -geläutet!« - -Carlos und Nicolás richteten sich auf und rieben sich schlaftrunken die -Augen. - -Vom Zwischendeck ertönte Gesang und Gitarrespiel. - -Die gestrigen Ereignisse traten plötzlich wieder in ihre Erinnerung. - -»Da singen sie ja wieder, und heute nacht hat man doch das Mütterchen -ins Wasser geworfen!« rief Carlos aufs höchste verwundert aus. - -Herr Dr. Bürstenfeger antwortete lächelnd: »Bedenkt, Karl und Nikolaus, -daß dies ein leichtlebiges Völklein ist, unter einem heiteren Himmel -geboren. Freude und Leid wechseln schnell bei ihnen ab!« - -Im Eßzimmer fragten die Knaben sofort den Obersteward, wann man in der -Nacht die Leiche ins Meer gesenkt hätte. »Um zwei Uhr«, antwortete der -Obersteward. - -»Wir haben aber gar nichts gehört!« sagte Carlos. - -»Dergleichen Sachen werden hier möglichst still abgetan«, antwortete der -Obersteward. - - * * * * * - -Zwei Tage später passierte man die Linie. Abends war Galadiner. Der -Speisesalon war mit Fähnchen und Papiergirlanden ausgeschmückt, auf den -Tischen standen große Aufsätze mit Kuchen und Knallbonbons. - -Die Damen hatten ihre schönsten Kleider angezogen; die Dame mit den -Purpurlippen trug Brillanten im Haar und Perlen um den Hals; Herr Dr. -Bürstenfeger erschien im Gehrock und weißer Krawatte, Carlos und Nicolás -in ihren besten weißen Matrosenanzügen mit hellblauen seidenen Kragen. - -Man war in der festlichsten Stimmung. Es wurde viel Champagner -getrunken; auch Carlos und Nicolás durften mittrinken; gegen Ende der -Mahlzeit herrschte die ausgelassenste Fröhlichkeit ... - -Nach Tisch spazierte Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben auf Deck auf -und ab. Er hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, heute bis elf Uhr -aufzubleiben. - -Die Sonne war vor kurzem untergegangen; schnell kam die Nacht. - -Herr Dr. Bürstenfeger war sehr aufgeräumt ... - -»Bis jetzt, Karl und Nikolaus,« sagte er, »können wir uns im großen und -ganzen über die Seereise nicht beklagen; aber unendlich freue ich mich -doch auf Deutschland; der Winter hält jetzt dort seinen Einzug, unser -prächtiger deutscher Winter; ihr werdet Schlittschuhlaufen lernen und -Schneemänner machen, hei, das wird ein Spaß!« - -Herr Dr. Bürstenfeger wurde immer aufgeräumter. Er erzählte ihnen weiter -von den Freuden des Winters und dann viele lustige Geschichten aus -seiner Kindheit und Studentenzeit. - -Carlos und Nicolás hörten begierig zu. So vergnügt hatten sie ihren -Lehrer noch nie gesehen. - -Durch die geöffneten Oberlichtfenster sahen Carlos und Nicolás ins -Eßzimmer hinab. Alles war schon aufgestanden; nur Fräulein von Pfnühl -saß noch auf ihrem Platze, vor sich ein Glas und eine halbgeleerte -Flasche. - -»Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie,« sagte Carlos, »wieviel Puder sich -Miß Von auf ihre Nase gepappst hat, und dabei ist sie doch noch rot!« - -»Still, Karl, werde nur nicht übermütig,« antwortete Herr Dr. -Bürstenfeger lächelnd, »Fräulein von Pfnühl ist und bleibt eine gute, -harmlose Dame!« - -Er verfügte sich mit den Knaben nach Hinterdeck, blieb dort stehen und -begann etwas vor sich hinzusummen. - -»Herr Dr. Bürstenfeger, singen Sie doch lauter!« baten Carlos und -Nicolás. - -Herr Dr. Bürstenfeger sang: - - »Als die Römer frech geworden, sim serim sim sim sim sim, - sogen sie nach Deutschlands Norden, sim serim sim sim sim sim, - Vorne mit Trompetenschall terätätätäterä - Ritt der General-Feldmarschall terätätätäterä - Herr Quintilius Varus wau wau wau wau wau wau, - Herr Quintilius Varus, schnäderängtäng, schnäderängtäng, schnäderäng - tängderängtängtäng.« - -»Was ist das für ein komisches Lied?!« unterbrachen ihn Carlos und -Nicolás lachend. - -»Ein wackeres deutsches Kneiplied, das ich gar oft gesungen habe in -feuchtfröhlichem Zecherkreise.« - -Herr Dr. Bürstenfeger sang weiter: - - »In dem Teutoburger Walde, sim serim sim sim sim sim, - Huh! wie pfiff der Wind so kalte, sim serim sim sim sim sim, - Raben flogen durch die Luft, trä ...« - -»Endlich gefunden!« ertönte emphatisch eine Stimme. - -Vor Herrn Dr. Bürstenfeger stand Fräulein von Pfnühl. - -»Wie eine Stecknadel habe ich Sie gesucht, Herr Doktor; ich mußte Sie -sehen, Sie sprechen, Sie mich einzig verstehende, mir wahlverwandte -Seele!« - -Fräulein von Pfnühl machte einen Schritt näher. Ein Geruch nach Kognak, -wie noch nie, schlug Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen. - -»Sie guter, edler Mann,« Fräulein von Pfnühl begann laut zu schluchzen, -»lassen Sie mich an Ihrem Busen meinen Lebensschmerz ausweinen!« - -Herr Dr. Bürstenfeger wich entsetzt zurück. - -Sprachlos starrten Carlos und Nicolás Fräulein von Pfnühl an. - -»Ich habe den Glauben an die Welt verloren«, schluchzte sie wieder laut -auf. - -Von neuem näherte sie sich ihm, ihr Kopf senkte sich gegen Herrn Dr. -Bürstenfegers Brust. - -»Karl und Nikolaus, zu Bett, zu Bett, es ist die höchste Zeit!« Herr Dr. -Bürstenfeger ergriff Carlos und Nicolás bei den Händen und zog sie mit -sich fort. - -»Ich will noch nicht zu Bett!« schrie Carlos und zerrte an seinem Arm. - -»Du hast zu gehorchen!« rief Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Wir dürfen bis elf Uhr aufbleiben, Sie haben es erlaubt!« heulte -Carlos. - -»Marsch, marsch!« - -Sich widersetzend und laut heulend, folgte Carlos; Nicolás trabte -resigniert mit. Herr Dr. Bürstenfeger eilte mit ihnen die Treppe -hinunter, in seine Kabine, dort ließ er sie los. - -»Alberner, törichter Junge!« herrschte er Carlos an. - -Knirschend und schluchzend rieb sich Carlos sein Handgelenk. Plötzlich -heulte er laut auf: »Ich bekomme den Krebs!« - -»Waas!« rief Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Sie haben mich fürchterlich am Arm gekniffen, eine alte Frau hat man -auch am Arm gekniffen, und da hat sie den Krebs bekommen und ist -gestorben!« - -»Was schwatzt du da für Unsinn,« schrie Herr Dr. Bürstenfeger, »erstens -bist du keine alte Frau, und zweitens bin ich noch viel zu glimpflich -mit dir umgegangen!« - -Er schwieg, die Lippen fest aufeinandergepreßt. Nicolás sah, wie sein -Kehlkopf sich über dem niederen Klappkragen auf und ab bewegte. - -»Ich habe mich bedacht, ihr braucht noch nicht zu Bett,« sagte Herr Dr. -Bürstenfeger, »geht einstweilen ins Eßzimmer und verhaltet euch still, -ich komme bald nach!« - -Carlos wollte schon die Türklinke ergreifen. - -Herr Dr. Bürstenfeger hielt ihn zurück. Er sah ihn an. Über seiner -Nasenwurzel hatten sich zwei Furchen gebildet. - -»Rebellischer Knabe, rebellischer Knabe, pfui, schäme dich -- so, jetzt -geht!« - -Sie gehorchten schweigend. - -Stumm blickte er noch eine Weile in der Richtung der geschlossenen Tür. -Dann aber glätteten sich langsam seine Züge; er sagte vor sich hin: »Ich -hätte diesem aufgeregten Karl auch heute den Alkoholgenuß versagen -sollen!« - - * * * * * - -Am nächsten Morgen beim Frühstück wagte Herr Dr. Bürstenfeger nicht vom -Teller wegzusehen, aus Angst, den Augen Fräulein von Pfnühls zu -begegnen. - -Als er nachher mit Carlos und Nicolás auf Deck ging, ließ er die Knaben -allein. - -Von Unruhe gequält, spazierte er umher und spähte in alle Winkel. - -Plötzlich erhellten sich seine Züge. Neben einer großmächtigen Taurolle -hatte er ein Plätzchen gefunden, das wie geschaffen schien, ihn aufs -prächtigste vor aller Welt Blicken zu verbergen. - -Schon wollte er seinen Reisestuhl holen. In diesem Augenblick erscholl -zwanzig Schritte von ihm Fräulein von Pfnühls Stimme: »Herr Doktor!« - -Herr Dr. Bürstenfeger sah sie starr an, machte dann kehrt und floh nach -dem Treppenhaus. - -Zwei Stewards mit Teebrettern voller Teller und Schüsseln kamen gerade -die Treppe hinauf und versperrten ihm den Weg. - -»Herr Doktor!« ertönte es noch mal kläglich bittend dicht hinter ihm. - -Herr Dr. Bürstenfeger duckte sich, und mit zwei Sätzen war er unter den -Teebrettern durch, die Treppe hinab, lief durchs Eßzimmer in seine -Kabine und schloß sich ein. - -Schwer ließ er sich auf das Sofa nieder. Gleich aber hatte er sich -wieder erhoben. Er reckte die Arme zur Decke empor und rief aus: »Nichts -Fürchterlicheres gibt es für einen Mann, als wenn eine Frau, die er -nicht lieben kann, ihn immerzu mit ihrer Zärtlichkeit verfolgt!« - -Aber von nun an haßte und verabscheute Fräulein von Pfnühl Herrn Dr. -Bürstenfeger aus ganzer Seele. - -Auch sie begab sich gleich in ihre Kabine. Von Zorn und Bitterkeit -erfüllt, schenkte sie sich ein Wasserglas Kognak ein und trank es mit -einem Zuge aus. - - * * * * * - -Mehr als eine Woche war vergangen. Man war aus dem Bereich der Tropen. - -Seit St. Fernando d'Oronho, der Verbrecherinsel, hatte man kein Land -mehr gesehen. - -Am zehnten Tage aber, gegen Mittag, kündeten vereinzelte Möwen die Nähe -der Küste an, gegen Abend umkreisten sie in Scharen das Schiff. Am -Horizont tauchten Dampfer und Segler auf. - -Bei Dunkelwerden fuhr die Lombardia ganz nahe an einem Feuerschiff -vorbei. Carlos und Nicolás schwenkten jubelnd die Mützen. - -Am frühen Morgen erschien in der Ferne die schneebedeckte Spitze des -Piks von Teneriffa; um Mittag aber sah man schon Palmen und schimmernde -Häuser. - -»Land, Land!« riefen Carlos und Nicolás beglückt aus ... - -Bald stieg der Lotse an Bord. Langsam führte er das Schiff in die Reede -des felsenumstandenen Santa Cruz ... - -Die Lombardia sollte Kohlen laden. - -Sämtliche Passagiere begaben sich an Land. Man stieg zu Wagen und ließ -sich im Städtchen umherfahren. - -Oberhalb der Stadt auf der Anhöhe speiste man im Hotel auf der Veranda -mit dem Blick auf Felsen und Meer. - -Die Gesellschaft war in der heitersten Stimmung, denn endlich war man -wieder an Land nach langer Seereise. - -Dann spazierte man auf den Berghängen umher, und als das erste Signal -des Dampfers ertönte, kehrte man an Bord zurück .... - -Noch war die Lombardia lange nicht mit dem Laden fertig, die Krane -lärmten, das ganze Schiff war schwarz vom Kohlenstaub. - -Aber die gute Laune der Passagiere dauerte unvermindert fort. - -Alle Welt war auf Deck; man wollte den Anblick der schönen Insel -genießen, solange es noch hell war. -- - -Der vorletzte Leichter hatte seine Arbeit beendet und sollte gerade -abstoßen, als ein kleines schmächtiges Männchen in einem geflickten -Zwillichanzug das Fallreep herunterstieg. Er war barhäuptig und trug ein -kleines Bündel in der Hand; ein Matrose ging hinter ihm. - -Auf der letzten Stufe blieb er stehen und sah den Matrosen unschlüssig -an. Aber dieser legte ihm die Hand auf die Schulter und zwang ihn in den -Leichter zu steigen. - -Sein Bündel krampfhaft gefaßt, blickte der kleine Mann verzweifelt zum -Deck der Lombardia hinauf. - -Als der Leichter im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, streckte er -die Arme in die Höhe und brach in lautes Weinen aus: »Herr Kapitän, ich -beschwöre Sie um Himmels willen, lassen Sie mich nicht auf dieser Insel -zurück, nehmen Sie mich nach Barcelona mit, ich muß ja zu den Meinen!« - -Der Kapitän, ein Mann mit einem dicken gutmütigen Gesicht, stand reglos -an der Reling, mitten im Haufen der Passagiere, die neugierig -herunterschauten. - -»Ein blinder Passagier, der sich in Rio eingeschmuggelt hat und hier an -Land gesetzt wird«, erklärte der Kapitän einigen Umstehenden, die ihn -mit Fragen bestürmten. - -»Um Himmels willen doch kein Anarchist!« schrie Fräulein von Pfnühl auf. - -»Warum darf der arme Mann nicht mitfahren?!« fragten Carlos und Nicolás -voller Mitleid einen Herrn aus Coruña, der karierte Hosen trug. - -»Weil er sich eingeschmuggelt hat, wie ein Dieb, um umsonst zu fahren, -versteht ihr, Jungens?!« belehrte sie dieser. - -»Herr Kapitän«, schrie das Männchen hinauf und weinte herzbrechend, »ich -flehe Sie an, nehmen Sie mich mit; ich will ja wieder jede Arbeit tun; -machen Sie mich doch nicht unglücklich!« - -»Das fehlte noch,« lachte der Herr aus Coruña, »wir haben bei uns schon -genug anarchistisches Gesindel!« - -Die meisten Passagiere schauten gleichmütig hinunter; einige -bemitleideten das Männchen, andere lachten über sein Geschrei und seine -komischen Armbewegungen. - -Der Kapitän zuckte die Achseln, brummte etwas in den Bart und trat von -der Reling zurück. - -»Herr Kapitän, ist es erlaubt, dem armen Mann etwas Geld zu geben?!« -fragten aufgeregt Carlos und Nicolás. - -»Erlaubt ist es schon, und brauchen wird er es wohl auch!« lächelte der -Kapitän. - -Carlos und Nicolás wollten sofort in die Kabine laufen, um ihre -Sparbüchse zu holen. - -Aber Herr Dr. Bürstenfeger hielt sie zurück: »Ihr habt keine Zeit, der -Leichter fährt schon ab!« - -Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche und gab einem Matrosen ein -Goldstück, der schnell das Fallreep hinunterlief und es dem noch immer -laut weinenden Mann hinreichte. - -In diesem Augenblick fuhr der Leichter weg. - -»_Gracias, gracias, Señores, que Dios se lo pague!_« rief schluchzend -der Mann und winkte mit dem Bündel zum Schiff hinauf ... - -Es war schon lange dunkel, als der letzte Kohlenleichter abstieß. Kurz -darauf lichtete die Lombardia die Anker und verließ die Reede. - -Carlos und Nicolás standen noch lange auf Deck und sahen stumm nach den -steilen Felsen der Insel, die allmählich in der Dunkelheit verschwanden. - -Es war ihnen traurig zumute. - -Nicolás sagte: »Was wird wohl jetzt der arme Mann anfangen?« -- - - * * * * * - -Sechs Stunden vor der Lombardia hatte ein spanischer Dampfer, -gleichfalls mit Bestimmung nach Barcelona, Teneriffa verlassen. - -»Den werden wir morgen vormittag schon eingeholt haben!« sagte der -Kapitän. - -Am Morgen spähten Carlos und Nicolás nach dem spanischen Dampfer aus, -aber er war noch nicht sichtbar. - -Der Herr aus Coruña mit den karierten Hosen stand, sein Fernglas in der -Hand, auf Deck, suchte den Horizont ab und sagte triumphierend: »Den -holen wir nie ein, der Kapitän hat wieder einmal den Mund zu voll -genommen.« - -Nicolás fragte verwundert: »Freuen Sie sich denn, wenn jener dreckige -Kasten gewinnt?« - -»Was für ein Landsmann bist du?« fragte der Herr aus Coruña ein wenig -herausfordernd. - -»Argentiner!« antwortete Nicolás stolz. - -»So, und wenn jener dreckige Kasten ein Argentiner wäre, würdest du dich -freuen, wenn unser Schiff gewönne?« - -»Ja,« antwortete Nicolás »denn wir sind ja selbst darauf!« - -»Du bist mir ein trauriger Patriot,« antwortete der Herr aus Coruña und -klopfte ihm auf die Schulter, »ich bin ein Spanier, und jener dreckige -Kasten ist es auch, ich wünsche ihm von ganzen Herzen den Sieg!« - -Damit richtete er sein Fernglas wieder nach dem Horizont. - - * * * * * - -Als Carlos und Nicolás kurz darauf nach Zwischendeck gingen, waren sie -aufs höchste überrascht: dort stand der blinde Passagier von gestern und -putzte eifrig Blechteller. - -Er sah die Knaben, und sein Gesicht hellte sich auf. Rasch kam er auf -sie zu, erfaßte ihre Hände und drückte sie lange und herzlich: »Tausend -Dank, meine kleinen Herren, Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen.« -Tränen standen in seinen Augen. »Von einem Matrosen habe ich erfahren, -daß Sie es waren, die mir das Geld schenkten.« - -»Ja, aber wie sind Sie wieder aufs Schiff gekommen?!« riefen Carlos und -Nicolás. - -»So ... mit einem Boot!« antwortete er und zwinkerte schlau mit den -Augen. - -Jubelnd liefen Carlos und Nicolás zu Herrn Dr. Bürstenfeger: »Der arme -Anarchist ist wieder da!« - -Gleichfalls überrascht hörte Herr Dr. Bürstenfeger die Nachricht. -Schließlich meinte er nicht ohne Bedenklichkeit: »Er wird sich doch -nicht wieder eingeschmuggelt haben?« - -Gleich begab er sich zum Schiffskommissar, um Näheres zu erfahren. - -Der Schiffskommissar lachte: »Das haben Sie auf dem Gewissen, mit Ihrem -Geld hat er einen Bootsmann bestochen und sich als Kohlenträger in der -Dunkelheit wieder eingeschlichen.« - -»Herr Kommissar, dann wäre ich ja das indirekte Werkzeug dieser Tat!« -meinte Herr Dr. Bürstenfeger in peinlichster Verwirrung. - -»Beruhigen Sie sich nur, in diesem Falle war es eine gute Tat; der arme -Teufel wollte zu seiner schwerkranken Frau nach Barcelona und hatte kein -Reisegeld, aber wir haben strenge Order, blinde Passagiere an Land zu -setzen.« Er lachte wieder. »Da er nun aber wieder da ist, muß er mit -nach Barcelona, ins Wasser kann man ihn nicht werfen.« - -Beruhigt und erfreut antwortete Herr Dr. Bürstenfeger: »Dann freilich -war das die beste Wendung, Herr Kommissar!« ... - -Als Carlos und Nicolás am nächsten Morgen auf Deck erschienen, stand -dort alle Welt, die Ferngläser und Operngucker nach dem spanischen -Dampfer gerichtet, der einige Seemeilen vor ihnen herdampfte. Er -entsandte eine dicke Rauchsäule; man konnte schon die Farben des -Schornsteins erkennen. - -Der Herr mit der Reisemütze lachte: »Er will nicht schmählich überholt -werden und arbeitet mit Volldampf!« - -Ein Franzose aus Teneriffa meinte: »Auch die Lombardia spart nicht die -Kohlen, sie sollte dem Spanier mehr Verachtung zeigen.« - -»Nur zu, nur zu!« meinte ein aufgeregter Herr aus Triest. - -Der Herr aus Coruña stand abseits, zuckte die Achseln und versuchte -hämisch und überlegen zu lächeln. - -Carlos und Nicolás aber glühten vor Stolz und Begeisterung für die -Lombardia. - -Sie liefen zu ihrem Lehrer, der auf der anderen Seite des Decks stand: -»Herr Dr. Bürstenfeger, kommen Sie, wir überholen den Spanier, wir -gewinnen!« - -»Ich habe keinen Sinn für diese alberne Wettfahrt,« antwortete Herr Dr. -Bürstenfeger, »ich betrachte jetzt das Meer; so schön und so licht war -es auf der ganzen Reise noch nicht, schaut doch: geradezu ins Unendliche -scheint der Horizont gerückt!« - -Aber Carlos und Nicolás waren bereits auf und davon und wieder zurück -nach der anderen Deckseite. - -Der Herr mit der fahlen Glatze, der neben ihnen stand, meinte kurz: -»Wenn dieser Spaß noch andauert, prophezeie ich beiden Schiffen eine -Kesselexplosion!« - - * * * * * - -Es war am nächsten Tag; Carlos und Nicolás waren auf Zwischendeck. Unter -den Passagieren, die in Teneriffa an Bord gekommen waren, sahen sie -einen spindeldürren alten Mann mit einer Adlernase. Er trug einen -verblichenen blauen Rock und Zwillichhosen. Über dem eingesunkenen Leib -baumelte eine schwere silberne Uhrkette. Die magere Brust bedeckte eine -Lavallièrekrawatte, reichlich bedeckt mit Speiseresten. - -Neben ihm auf einem Feldstuhl saß eine hagere, alte Frau in einem -schmutzigen Waschkleide von sehr jugendlichem Schnitt, einen -aufgespannten Sonnenschirm in der Hand. Das Gesicht war voller Falten, -aber ihr schwarzes Haar, das seltsam aufgeklebt schien, zeigte keinen -einzigen weißen Faden. - -Mit lauter Stimme, die manchmal überschnappte, und lebhaften Gebärden -trug der Greis einem Haufen, der ihn umstand, ein Gesangstück vor. - -Carlos und Nicolás blieben in einiger Entfernung stehen und hörten zu. - -Als er geendet hatte, wurde laut bravo gerufen und geklatscht. Viele -schrien begeistert: »_Da capo, da capo!_« - -Der Alte dankte lächelnd herablassend und setzte sich neben die Frau auf -einen Holzkoffer. Mit nachlässiger Gebärde holte er eine Zigarre aus -seiner Tasche und steckte sie an. - -Carlos und Nicolás fragten sich; wer wohl diese beiden alten Leute sein -möchten. - -Der Alte aber, der neulich Zeuge ihres Wiedersehens mit dem blinden -Passagier gewesen war, hatte sie schon längst bemerkt. - -»Meine jungen Herren,« sagte er und verneigte sich leicht, »ich weiß -nicht, ob Sie meine Darbietung angehört haben; aber immerhin, wollen Sie -uns nicht die Ehre erweisen, näher zu treten?« - -Er stand auf und machte eine großartige Verbeugung: »Mein Name ist -Vittorio Chiasaponte!« - -Etwas verwirrt über eine so ungewöhnliche Ansprache, traten die Knaben -heran. - -»Hier stelle ich Ihnen meine Gattin vor!« Der Alte zeigte nach der Dame -auf dem Feldstuhl, die sich mit einem huldreichen Lächeln verneigte. -»Santa Madonna, ohne mich brüsten zu wollen, aus dem Nichts zog ich sie -einst empor, in Lumpen gehüllt; ich brachte sie zur Erkenntnis ihres -schlichten Talentes, machte sie zur Sängerin, die sie wurde, machte sie -zu meiner Gattin!« - -»Ja, das tat er«, nickte sie mit Überzeugung. Und emphatisch die Hand in -die Höhe bewegend: »Er, der große Vittorio! Ich habe ihm zu danken bis -zu meinem letzten Atemzuge!« - -»Schon gut, schon gut, Elvira«, winkte der Künstler gutmütig ab. Mit -schmerzlichem Pathos fuhr er fort: »Freilich, Signorini, die Zeit meines -großen Wirkens liegt hinter mir, die Zeit, da mein Name in der Welt -jenen Klang hatte, den heute noch die Annalen eines Teatro San Carlo und -einer Scala verzeichnen, und der erlöschen muß, wenn es der Ratschluß -der grausamen Nachwelt bestimmt, die Schauspielern, Sängern und -Virtuosen niemals dankbar war!« - -»Vittorio, das wird nicht geschehen!« rief die Gattin. - -»Wie dem auch sei!« Zwei Zornesfalten erschienen auf seiner Stirn. »Der -Schauplatz meines Wirkens hat sich verändert; Haß und Neid haben mich -von den großen Bühnen vertrieben; einzig allein mir selbst angehörend, -reise ich mit meiner treuen, geliebten Elvira als freier Künstler in der -Welt umher!« - -»Bravo, bravissimo!« sagte ein kleiner Mann, der ein rotes Halstuch -trug. Ein Beifallsgemurmel ertönte umher. - -Chiasaponte trat einen Schritt zurück und machte vor Carlos und Nicolás -nochmal eine Verbeugung: »Signorini, meine Gattin und ich stehen mit -unserem reichen Repertoire«, er zeigte in der Richtung der ersten -Klasse, »einem hochdistingierten, hochkultivierten Publikum jederzeit -zur Verfügung. Wenn Sie geneigt wären, in diesem Sinne ein Abkommen zu -vermitteln, wäre an Chiasaponte die Reihe, Ihnen zu dienen!« - -Carlos und Nicolás standen ein wenig verlegen da, sie hatten den Inhalt -seiner Rede nicht ganz verstanden. - -Der kleine Mann mit dem roten Halstuch trat vor: »Il Signor Chiasaponte -bittet euch, zu euren Leuten in die erste Klasse zu gehen und ihnen die -Mitteilung zu machen, daß zwei große Künstler«, er wies auf das Paar, -»oben eine Gesangsvorstellung zu veranstalten beabsichtigen -- -selbstverständlich«, der kleine Mann neigte sein Gesicht zu Carlos und -Nicolás herab und rieb den Daumen gegen den Zeigefinger -- »gegen -entsprechende Bezahlung!« - -Die Knaben hatten jetzt vollkommen begriffen. Hocherfreut über die -Aussicht auf Theater, eilten sie nach der ersten Klasse. - -Der Vorschlag wurde von der Gesellschaft angenommen. Die -Honorarbedingungen lauteten: Nach der Vorstellung wird eingesammelt. - -Chiasaponte war mit dem Anerbieten vollkommen einverstanden. In Sachen -der Kunst, meinte er, sei die Geldfrage Nebensache. - -Die Vorstellung wurde für den nächsten Tag bestimmt. Carlos und Nicolás -konnten die Zeit kaum erwarten. - -Am folgenden Abend nach dem Essen stand auf Deck eine improvisierte -Bühne. Straff gespannte Segeltücher, mit Fahnen behängt, bildeten den -Hintergrund und die Seiten, zwei große Fahnen den Vorhang. - -Das Publikum erschien vollzählig und pünktlich. Auch die Passagiere der -zweiten Klasse waren eingeladen; die Versammlung bestand aus mehr als -sechzig Personen. - -Bereits über zehn Minuten wartete man; das Publikum wurde ungeduldig, -begann zu scharren und zu stampfen. - -Da sahen Carlos und Nicolás in der Dunkelheit zwei abenteuerlich -gekleidete Gestalten die Treppe nach Deck hinaufsteigen und schnell -hinter der Bühne verschwinden. - -Der Vorhang bewegte sich, man hörte dahinter leise und aufgeregt -sprechen. Die Knaben unterschieden Chiasapontes Stimme. Dann wurde es -still, und bald nachher öffnete sich der Vorhang. Rechts im Vordergrund -der Bühne stand das Klavier vom Salon. Daran saß ein Herr aus der ersten -Klasse, der sich lächelnd gegen das Publikum verneigte. Links weiter -hinten stand ein kleiner runder Tisch. - -Hinter der Szene hörte man wieder Chiasapontes Stimme, eine Hand mit -einem Glas Wasser kam zum Vorschein. Der Herr am Klavier stand auf, nahm -das Glas und stellte es auf den Tisch. - -Kurz darauf erschienen beide Künstler. Durch den Zuschauerraum ging eine -Bewegung. Carlos und Nicolás reckten die Hälse. - -Chiasaponte trug einen roten Samtrock mit einem Spitzenkragen, rote -Pluderhosen und lange schwarze Strümpfe, die einige Löcher hatten, als -Fußbekleidung die Stiefel, welche er immer trug, auf dem Kopf eine weiße -Perücke, an der Seite einen Degen. Sein Gesicht war sehr stark -geschminkt, die hageren Waden ausgestopft; den eingesunkenen Leib -bedeckte ein gestreiftes Kissen, das unter seiner schlecht schließenden -Weste sichtbar war. - -Die Künstlerin hatte ein verblaßtes Atlaskleid an mit roten -Papierblumen, trug eine hohe weiße Perücke und war sehr ausgeschnitten. -Auf ihrem grotesk geschminkten Gesicht prangten Schönheitspflästerchen, -die Augen leuchteten schwarz wie Kohlen. Weiße schmutzige Atlasschuhe -mit abgetretenen Absätzen zierten ihre Füße. - -Jetzt wandte sich die Künstlerin halb ihrem Partner zu, legte die Hand -auf ihren Busen und begann in hohem Sopran zu singen. - -Schon bei den ersten Tönen preßte Herr Dr. Bürstenfeger seine Hände -zusammen, verzog schmerzlich das Gesicht und murmelte: »Ach schrecklich, -arme Frau!« - -Chiasaponte griff nach der Hand der Künstlerin. Aber sie trippelte -lächelnd zurück, mit schnell verneinenden Bewegungen des Kopfes. Er -näherte sich ihr singend, die Hand auf der Brust. - -Nochmal verzog Herr Dr. Bürstenfeger schmerzlich sein Gesicht, denn auch -sein Tenor erschien ihm ganz unerträglich. - -Wieder griff Chiasaponte nach ihrer Hand. Sie wich nicht mehr zurück, -sondern lehnte ihren Kopf an seine Schulter und lächelte zu ihm hinauf. -Sie sangen ein Duett. - -Plötzlich stieß er sie zurück. Seine Miene war mit einem Schlage -verändert, die Augen schossen Blitze; sein Tenor erscholl drohend und -racheheischend. - -Unter den Zuschauern hörte man unterdrücktes Kichern; irgendwo rief -jemand laut: »Bravo!« Mit flammenden Backen verfolgten Carlos und -Nicolás die Vorgänge. - -Flehend und beteuernd mischte sich Donna Elviras Gesang in den -Chiasapontes. - -Er langte in eine Seitentasche und überreichte ihr wild triumphierend -einen Brief, worauf er seinen Degen zog. - -Sie überflog die Zeilen, ihr Busen wogte heftig. Schmerzlich -aufschreiend warf sie den Brief von sich und sang mit wild verzweifelten -Gebärden eine leidenschaftliche Arie. - -Er warf seinen Degen auf die Erde und schlug sich mit den Fäusten gegen -die Brust. Flehentlich näherte er sich ihr. - -Sie machte eine streng abwehrende Bewegung, ging nach dem Tisch und -griff nach dem Glase. - -Er fiel auf die Knie und rang die Hände zu ihr empor. - -Die Heiterkeit beim Publikum wuchs. - -Chiasaponte trat an die Rampe, und gegen das Auditorium gewandt, gab er -in einer langen Arie verzweifelt kund, sie werde nun doch das Gift -nehmen, und niemand könne sie mehr erretten. - -Die rechte Wade war ihm heruntergerutscht, die Perücke saß ihm schief -auf dem Kopf, seine Stimme schnappte wiederholt über. - -Das Lachen beim Publikum wurde immer haltloser. Der Herr mit der -Reisemütze, der Carlos und Nicolás schräg gegenüber saß, hatte sein -Taschentuch in den Mund gestopft und wand sich. - -Carlos zupfte Herrn Dr. Bürstenfeger am Rock und fragte: »Ist das ernst -oder komisch?« Nicolás sagte leise: »Ich glaube komisch.« »Eher wohl -ernst«, meinte kurz Herr Dr. Bürstenfeger. - -Mit wachsendem Feuereifer sang Chiasaponte. Hinten lag seine Gattin -schon längst als Leiche auf der Erde. - -Nun war die Arie beendet. Laute Bravo-, _bis, da capo_-Rufe ertönten. - -Chiasaponte verbeugte sich verschiedene Male. - -»_Bis, da capo!_« ertönte es von neuem. - -Nochmal sang er die Arie. Darauf kehrte er sich nach seiner Gattin um. - -Mit einem Schrei taumelte er zurück; dann aber machte er einige Schritte -vorwärts, und nach einem kurzen, ergreifenden Schlußgesang bückte er -sich nach seinem Degen, stieß ihn sich in den Leib und fiel neben seine -Gattin nieder. - -Ein grenzenloser Applaus erfolgte. Man stampfte, jubelte, der Beifall -wollte nicht enden. - -Das Paar erhob sich; Chiasaponte nahm die Hand seiner Gattin, sie traten -bis zur Rampe und verbeugten sich viele Male; worauf sie sich dann -wieder zurückzogen. - -Kurz danach erschien Donna Elvira mit einem Teller unter den Zuschauern. -Man war allgemein in der freigebigsten Stimmung. Gold und Banknoten -flogen in den Teller. Die Künstlerin ging die Reihen auf und ab, der -Teller zitterte in ihrer Hand. Beinahe taumelnd verschwand sie hinter -der Szene. - -Das Publikum begann sich von den Plätzen zu erheben. - -»Pst, stille!« ertönte es plötzlich, denn in demselben Augenblick -erschienen wieder beide Künstler auf der Bühne. Ihm wie ihr rannen dicke -Tränen über die geschminkten Backen. - -Sie traten bis zur Rampe und verbeugten sich. - -»Meine Damen und Herren ...«, begann Chiasaponte. Seine Stimme bebte, er -hielt inne und schluckte heftig. »... Ich danke Ihnen ... Wohl weiß -ich,« zitternd berührte er seine Kehle, »daß ich nicht meiner Stimme -diesen Erfolg zu verdanken habe ... sie ist nicht mehr die frühere; ich -bin ein Greis ... aber das, was höher steht als die Materie, der Geist, -der zu den Gemütern spricht, er ist noch nicht ganz erloschen, er hat -einen Widerhall bei Ihnen gefunden!« -- Wieder hielt er inne »Meine -Damen und Herren, nicht immer hat man Gelegenheit, vor ein solches -Publikum zu treten!« - -Die Künstler verneigten sich und zogen sich von der Szene zurück. - -Im Publikum war große Stille. Allmählich ging man auseinander. - -»Warum weinten sie, sie haben ja soviel Geld bekommen?« fragte Carlos -Herrn Dr. Bürstenfeger. - -»Arme, arme Menschen«, flüsterte der Lehrer. - - - - - Europa - - - Ilona Ritscher - gewidmet - -Ein paar Tage waren vergangen. Morgen in der Frühe würden Carlos und -Nicolás zum ersten Male die Küste Europas erblicken. - -Vor freudiger Aufregung konnten sie die halbe Nacht nicht schlafen. - -Kurz nach Sonnenaufgang waren sie schon wach. Sie schauten durch die -Luke, sahen aber nichts als Himmel und Wasser. - -Schnell zogen sie sich an und eilten auf Deck; nirgends sah man noch -Land. - -Vor acht Uhr würde noch nichts zu sehen sein, erklärte ein Matrose. - -Von Ungeduld erfüllt, gingen Carlos und Nicolás bis zur Spitze des -Schiffes; dort waren sie der Küste näher. - -Carlos sagte: »Man sieht nur Schiffe.« - -Ein kalter Wind wehte; sie froren und kehrten aufs Promenadendeck -zurück. - -Dort standen einige Passagiere und schauten mit Ferngläsern nach dem -Horizont. - -»Sieht man was?« fragte Carlos gespannt. - -»Nein, noch nichts!« - -Herr Dr. Bürstenfeger erschien. - -»Karl und Nikolaus,« sagte er, »ihr seid heute frühzeitig auf!« - -»Ja,« antwortete Nicolás, »wir sind ja bald in Europa.« - -»Na, das wird noch eine kleine Weile dauern«, antwortete Herr Dr. -Bürstenfeger lächelnd. - -Bald ertönte die Frühstücksglocke. - -Carlos und Nicolás gingen widerwillig hinunter und ärgerten sich, weil -Herr Dr. Bürstenfeger so gemächlich kaute. - -Als sie wieder oben waren, sagte ein Offizier, man würde jetzt schon -Land sehen, wenn die Luft klarer wäre. - -Eine Stunde verging; es wurde immer dunstiger. Noch immer sah man kein -Land. - -Geärgert und gelangweilt gingen Carlos und Nicolás in den Salon und -spielten Mühle. - -Manchmal blickten sie zum Fenster hinaus; ein Dampfer und zwei Segler -fuhren an ihnen vorbei. - -Als die Knaben auf Deck zurückkehrten, erfuhren sie, daß man bereits am -Eingang der Meerenge sei. - -Aber Land sah man nicht. - -»Wie schade, nicht einmal Afrika«, sagte Carlos. - -»Wir bekommen Nebel,« sagte der Herr mit der Reisemütze, »das wird eine -schöne Durchfahrt!« - -Einige Seemeilen von ihnen fuhr ein Schiff in leichte Dunstschleier -gehüllt. - -Etwas später saß man beim Lunch. Der Kapitän war nicht zu Tisch -erschienen. - -Kaum waren die Passagiere mit dem Essen fertig, als über ihren Köpfen -ein langgezogenes dumpfes Signal ertönte. - -Der Herr mit der fahlen Glatze rief aus: »Die Sirene, da haben wir die -Bescherung!« - -Alles ging schnell auf Deck. Es war bereits starker Nebel, man sah kaum -zweihundert Meter weit. - -Wieder ertönte laut und dumpf die Sirene. - -»Unverantwortlich vom Kapitän, sich bei solchem Nebel in die Meerenge zu -wagen; ich mache mich auf alles gefaßt!« rief der Herr mit der fahlen -Glatze aus. - -»Wir fahren jetzt nur mit halber Kraft«, bemerkte der Herr mit der -Reisemütze. - -Der Herr mit der Glatze meinte: »Damit uns ein fixer Engländer um so -leichter in den Grund rennt!« - -Herr Dr. Bürstenfeger sah ihn an und dachte: Eine peinliche Erscheinung! - -Irgendwo hörte man ein Nebelhorn, ganz in der Ferne eine Sirene. - -Der Nebel wurde dichter; immer häufiger gab die Lombardia ihre Signale. - -»Brrr, diese Feuchtigkeit dringt in die Knochen«, bemerkte Herr Dr. -Bürstenfeger. »Karl und Nikolaus, geht hinunter und holt eure Mäntel!« - -Carlos und Nicolás gingen in ihre Kabine. Gleich erschienen sie wieder -in ihren Pelerinenmänteln, die Kapuzen über die Köpfe gezogen. - -»Man kann nicht mal mehr bis zur Spitze des Schiffes sehen«, sagte -Nicolás. - -»Es wird immer schlimmer«, murmelte Herr Dr. Bürstenfeger zwischen den -Zähnen. - -Wieder hörte man ein Nebelhorn. - -Grausiges Getute, dachte Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Karl und Nikolaus, marschieren wir etwas schneller, es ist sehr kalt!« - -Kurz darauf ging er mit ihnen ins Rauchzimmer. - -Vier Herren spielten Karten, der Schiffsarzt stand dabei und rauchte -eine Toskanazigarre. - -Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich leise an ihn: »Wird dieser -schreckliche Nebel noch lange anhalten?« - -Der Schiffsarzt zuckte die Achseln: »Das ist sehr schwer vorauszusehen!« - -»Ist wohl ernstliche Gefahr vorhanden?« fragte Herr Dr. Bürstenfeger -noch leiser. - -»O nein, kaum; unser Kapitän ist sehr vorsichtig.« - -Herr Dr. Bürstenfeger nahm ein Buch zur Hand und setzte sich. - -»Lassen Sie uns bitte wieder hinaus, Herr Dr. Bürstenfeger,« baten -Carlos und Nicolás, »es ist schrecklich langweilig hier.« - -»Gut, aber ich komme mit euch«, antwortete der Lehrer. - -Sie traten hinaus. - -Nicht weit von ihnen ertönte eine Sirene; die Lombardia gab Antwort. - -Der Nebel war noch dichter geworden. - -An der Reling lehnte der fröhliche Priester. - -»Ich glaube, unser Dampfer steht still«, sagte er. - -Der Herr mit der Reisemütze tauchte auf. - -»Ein Dampfer kommt uns entgegen,« raunte er Herrn Dr. Bürstenfeger zu; -»gehen wir nach vorn und stellen wir uns hinter die Kommandobrücke!« - -»Herr Dr. Bürstenfeger, gehen wir!« drängten die Knaben. - -»Aber ihr müßt euch dort ganz still verhalten, um die Offiziere nicht zu -stören«, sagte der Herr mit der Reisemütze. - -Sie gingen nach Zwischendeck, stiegen dort eine schmale Treppe hinauf -und standen hinter der Kommandobrücke neben dem Schornstein. - -Vorn, unter ihnen saßen und kauerten die Emigranten, fröstelnd in ihre -Mantel und Decken gehüllt. - -Wie Chirurgen bei einer schweren Operation standen schweigend die -Offiziere hinter ihren Instrumenten. - -Ihre Gegenwart erfüllte Herrn Dr. Bürstenfeger mit Beruhigung. - -Plötzlich machte er von eisigem Schrecken erfaßt einen Satz. - -Auch der Herr mit der Reisemütze und die Knaben fuhren zusammen. Denn -gerade über ihnen ertönte markerschütternd der Schrei der Sirene. - -»Um Gottes willen!« rief Herr Dr. Bürstenfeger und preßte die Hände an -die Ohren. - -Sofort kam die Antwort des Dampfers vor ihnen, und wieder heulte die -Sirene der Lombardia. - -»Wenn wir nur endlich aus diesem schrecklichen Nebel heraus wären!« Die -Hände fest an die Ohren gepreßt, starrte Herr Dr. Bürstenfeger in den -dichten Nebel, er fühlte eine Beklemmung auf der Brust, Schweißtropfen -standen ihm auf der Stirn. - -»Miserikordia!« ertönte es plötzlich aus dem Haufen der Emigranten; -mitten unter ihnen stand der Herr mit der fahlen Glatze und verbreitete -Panik. Man sah seine Hände im Nebel fuchteln. - -Jetzt stieg ein Offizier schnell die Treppe von der Kommandobrücke -hinab. - -Carlos und Nicolás sahen, wie er energisch auf den Herrn mit der fahlen -Glatze zuschritt und in der Richtung der ersten Klasse zeigte. - -Der Herr mit der fahlen Glatze duckte sich und verschwand. - -Nochmals heulte die Sirene über ihnen; ganz nahe erfolgte die Antwort. - -»Karl und Nikolaus, gehen wir nach dem Promenadendeck«, sagte Herr Dr. -Bürstenfeger. - -Sie kehrten zurück. - -An der Reling lehnte ernst der fröhliche Priester, sein Brevier in der -Hand. - -Beinahe alle Passagiere waren auf Deck. - -Fräulein von Pfnühl saß in ihrem Reisestuhl in ihren Schal gehüllt und -weinte leise: »Wir werden untergehen; mein guter, lieber Bruder, du -siehst mich nie wieder!« - -Bewegungslos stand die Lombardia, die Sirene heulte. Aus nächster Nähe -erfolgte jetzt die Antwort des fremden Dampfers. - -Herrn Dr. Bürstenfegers Herz krampfte sich zusammen. - -Einige Sekunden vergingen; Lichter glitten im Nebel vorüber. - -»Gott sei Dank ... er ist an uns vorbei!« murmelte Herr Dr. -Bürstenfeger. - -Bald setzte die Lombardia wieder zu langsamer Fahrt an. - -Herr Dr. Bürstenfeger ging mit Carlos und Nicolás ins Rauchzimmer; die -vier Herren waren noch immer in ihr Kartenspiel vertieft. - -In einer Ecke saß stumm und finster der Herr mit der fahlen Glatze und -brütete vor sich hin ... - -Nicolás zeigte heimlich auf ihn und sagte zu Carlos: »Er ist noch wütend -über den Anschnauzer, den er vom Offizier bekommen hat ...« - -Zwei Stunden war die Lombardia langsam weitergefahren. In kurzen, -regelmäßigen Abständen gab sie ihre Warnungssignale. - -Plötzlich ertönten nahe vor dem Schiffe Schreie, zugleich laut ein -Nebelhorn. Einige Barken huschten wie Schatten dicht an der Lombardia -vorbei. - -Die Maschine des Dampfers arbeitete nach rückwärts. Das Schiff stand. - -Sämtliche Passagiere waren aufs Deck gestürzt. Von rechts und links kam -schrilles Pfeifen; wieder ertönten Nebelhörner, dazwischen Schimpfen und -Fluchen. - -»Wir sind in eine Fischerflottille geraten«, rief ein Steward. - -»Um Gottes willen, man hat doch keine Barke überfahren?!« rief Herr Dr. -Bürstenfeger. - -»Es ist nichts passiert«, lachte der Steward ... - -Die Schreie und Rufe verklangen in der Ferne. - -Eine Möwe flog nahe an Carlos und Nicolás vorbei, beinahe die Reling -streifend. - -Lange rührte sich die Lombardia nicht von der Stelle, unaufhörlich -ertönten ihre Signale. - -Dann fuhr sie wieder langsam weiter ... - -Nach dem Nachtessen saß Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im -Rauchzimmer. - -Auf dem Sofa saß die Dame aus Patagonien, neben ihr der Herr mit der -Reisemütze. - -»Heute nacht gehe ich nicht zu Bett!« sagte sie. - -»Das Klügste wäre, wir blieben alle auf«, bemerkte er. - -Lange saß man schweigend. - -Plötzlich rief Carlos aus: »Es tutet ja schon lange nicht mehr!« - -In dem Augenblick kam der Herr aus Coruña hereingelaufen und rief laut -und freudig: »Meine Herrschaften, der Nebel zerteilt sich!« - -Alles eilte auf Deck. Man sah weit hinaus ins Meer. Hell erleuchtete -Schiffe fuhren vorüber. - -Gibraltar erstrahlte in tausend Lichtern. - -»Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie, Europa!« riefen Carlos und Nicolás. - -Bald leuchteten sämtliche Sterne am Himmel. - -Ein großer Dampfer fuhr mit Musik nahe an der Lombardia vorbei. - -Herr Dr. Bürstenfeger stand noch eine Weile mit Carlos und Nicolás auf -Deck, dann ging er hinunter in den Salon, und von Begeisterung erfüllt, -setzte er sich ans Klavier und spielte Beethovens Eroika ... - -Zwei Tage später war man in Barcelona. - -Schon frühmorgens war ein großer Teil der Emigranten ausgeschifft -worden. - -Etwas später stiegen die Passagiere der ersten Klasse aus. - -Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás standen auf Deck. - -»Schade, daß wir nicht an Land können, weil das Schiff so kurze Zeit -hält«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Ist es denn in Deutschland nicht schöner als hier?!« bemerkte tief -enttäuscht Carlos. - -»Barcelona ist eine schöne spanische Stadt, freilich ist dies hier von -der Ferne aus schwer zu beurteilen«, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. - -»Aber Deutschland ist doch viel schöner?!« - -»Es wird euch dort schon gefallen«, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. - -Jetzt stieg die schöne Dame mit den Purpurlippen in Begleitung eines -jungen Exdeputierten aus Buenos Aires als Letzte in die unten wartende -Barkasse. - -Unzähliges Handgepäck folgte. - -Die Barkasse stieß ab. - -Die schöne Frau sah Carlos und Nicolás oben an der Reling stehen und -warf ihnen zum Abschied Kußhände zu. - -Carlos und Nicolás winkten mit den Taschentüchern und schrieen aus -Leibeskräften: »Adieu, adieu, auf Wiedersehen!« - -»Schon gut, schon gut, jetzt hört mal endlich auf!« sagte Herr Dr. -Bürstenfeger ärgerlich und legte ihnen die Hand auf die Schulter ... - - * * * * * - -Zwei Tage später in der Frühe fuhr die Lombardia in den Hafen von Genua -ein. - -Beinahe alle Passagiere waren auf Deck. - -An der Reling standen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás, -neben ihnen das Handgepäck und die Kiste mit den Affen. - -Die Knaben dachten: Wie schön, bald sind wir in Mufflingen! - -Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: »Genua, Königin des Meeres, letzte große -Station vor meiner Heimat!« - -Auf Zwischendeck standen zwischen Koffern, Ballen und zusammengerollten -Matratzen die Emigranten zum Aussteigen bereit. - -Ganz vorn an der Spitze lehnte an der Reling ein alter Mann. - -Vierzig Jahre war er von seiner Vaterstadt fortgewesen. Arm wie er -fortgezogen, kehrte er jetzt wieder zurück. - -Die Lippen aufeinandergepreßt, blickte er schon lange auf das sich -nahende Genua. - -Plötzlich breitete er die Arme aus, und laut weinend rief er, daß es -über das ganze Schiff ertönte: »_Genova mia Genova!_« - -Auf den Hafendocks spazierte Fräulein von Pfnühls guter Bruder. In Angst -und Sorge wartete er auf seine Schwester. Er wußte, daß sie -sich dem Trunk ergeben hatte, und stand bereits mit einer -Alkoholentziehungsanstalt Mitteldeutschlands in Verbindung. - - - -- Ende -- - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Korrekturen (vorher/nachher): - - [S. 29]: - ... trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren - Umzäumungen ... - ... trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren - Umzäunungen ... - - [S. 44]: - ... Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten ein - Hütte, machten ... - ... Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten eine - Hütte, machten ... - - [S. 53]: - ... auf dem ich sitze.« ... - ... auf dem ich sitze?« ... - - [S. 103]: - ... Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen - Abständen schwere Schritt ... - ... Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen - Abständen schwere Schritte ... - - - - - - -End of Project Gutenberg's Carlos und Nicolás, by Rudolf Johannes Schmied - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARLOS UND NICOLÁS *** - -***** This file should be named 55130-8.txt or 55130-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/1/3/55130/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Carlos und Nicolás - Kinderjahre in Argentinien / Auf dem Meere - -Author: Rudolf Johannes Schmied - -Illustrator: Georg Walter Rößner - -Release Date: July 17, 2017 [EBook #55130] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARLOS UND NICOLÁS *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - -</pre> - - -<div class="centerpic"> -<img src="images/cover-page.jpg" alt="" /></div> - -<div class="frontmatter"> -<h1 class="title"> -Carlos und Nicolás -</h1> - -<p class="aut"> -<span class="line1">von</span><br /> -<span class="line2">Rudolf Johannes Schmied</span> -</p> - -<p class="ill"> -<span class="line1">Mit vielen ganzseitigen Original-Steindrucken von</span><br /> -<span class="line2">Georg Walter Rößner</span> -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Verlegt bei Erich Reiß, Berlin</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="cop"> -Copyright 1909 by Erich Reiß, Verlag -</p> - -<p class="printer"> -Spamersche Buchdruckerei in Leipzig -</p> - -</div> - -<h2 class="toc" id="part-1"> -Inhalt -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Carlos und Nicolás Kinderjahre in Argentinien</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Boleadoras</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-1">9</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Chinese</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-2">19</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Das Brüderchen</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-3">25</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Tigerjagd</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-4">29</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Herr Dr. Bürstenfeger</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-5">35</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-6">41</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Reise nach Mendoza</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-7">50</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Stadt Mendoza</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-8">54</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">In den Kordilleren</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-9">60</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Nach Paraguay</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-10">70</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Paraguay</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-11">77</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Revolution</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-2-12">84</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Carlos und Nicolás auf dem Meere</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Auf dem großen Meer</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-3-1">97</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">In der Bai von Rio</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-3-2">104</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Rio de Janeiro</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-3-3">108</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Nach der Alten Welt</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-3-4">121</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Europa</td> - <td class="col_page"><a href="#chapter-3-5">145</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Carlos und Nicolás -Kinderjahre in Argentinien -</h2> - -<p class="ded"> -<span class="line1">Ines Wolff</span><br /> -<span class="line2">zugeeignet</span> -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-1"> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Die Boleadoras -</h3> - -<p class="first"> -Der breite Paraná mit seinen Inseln, eine Schafherde, über der ein hungriger -Geier, nach Lämmern auslugend, kreist, kleine Trupps von Kühen und Pferden, -das große, weiße Herrschaftsgebäude mit den Parkanlagen unterbrechen die Monotonie -der Pampa. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás saßen in weißen Matrosenanzügen am Stromufer. Sie waren -Brüder. Carlos war sieben Jahre, Nicolás sechs. -</p> - -<p> -Ihre Ponys, dickbauchige Pampasponys mit kurzen Hälsen und großen Köpfen, -standen einige Schritte von ihnen schweißbedeckt und keuchend an einer Weide angebunden. -</p> - -<p> -Die Knaben hatten hinter Straußen gejagt, ohne sie einholen zu können. Carlos -hatte dabei seine Boleadoras verloren. -</p> - -<p> -„Schenke mir deine Boleadoras<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>, und ich tausche mein Pferd mit deinem“, sagte -Carlos. -</p> - -<p> -Carlos’ Pferd war wertvoller. Wenn die Brüder um die Wette rannten, war es -immer um zwei Nasenlängen voraus. Bei raschem Anhalten warf es nicht den Kopf -zurück, daß er mit dem seines Herrn zusammenstieß. Es hatte nicht die böse Gewohnheit, -nach dem Beine zu schnappen, wenn man aufsaß. Auch wußte es geschickt -die gefährlichen, im Grase versteckten Löcher der Tucatús zu umgehen, die -Nicolás schon manchmal zum Stürzen gebracht hatten. -</p> - -<p> -Aber trotzdem wollte Nicolás nicht tauschen. Er spielte mit seiner Waffe und gab -keine Antwort. -</p> - -<p> -„Du kriegst meinen Sattel dazu“, fuhr der Bruder fort. -</p> - -<p> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -<a id="pagehdr-12" class="pagehdr" title="Carlos reitet hochaufgerichtet davon"></a> -„Was hat dir Onkel Paulus alles geschenkt?“ fragte Nicolás begierig. -</p> - -<p> -„Sehr viel“, antwortete Carlos. „Zu meinem Geburtstage schenkte er mir ein -großes Landgut in Paraguay mit zwei Millionen Pferden und einer Million Kühen. -Nächstes Jahr reise ich hin auf meinem Dampfer Pingo; ich werde hundert Soldaten -mitnehmen, um mit den Indianern zu kämpfen, drei Tigerfelle bringe ich dir mit; -ich denke vierzig Indianer zu töten. Mein Landgut heißt Isla-Verde und liegt -links neben dem Fluß. Aber weil du mir die Boleadoras gegeben hast, schenke ich -dir das Landgut.“ -</p> - -<p> -Darauf zeigte er nach der Schafherde, die in einiger Entfernung von ihnen graste: -„Die Schafe gehören mir.“ Er zeigte nach einem Baum, der sich einsam aus der -Steppe erhob: „Von jenem Ombú an gehört alles Land mir, hundert Meilen weit -bis nach Chile. Ich schenke es dir.“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten machte er einen Schritt zurück, und ohne auf Dank zu warten, -ging er mit leuchtenden Augen nach seinem Pferde, stieg auf und ritt hochaufgerichtet, -die Kugeln über seinem Haupte schwingend, davon. -</p> - -<p> -Nicolás blieb liegen und schaute ihm nach. Er dachte, wie edel sein Bruder sei, -aber zugleich auch, was für ein Narr er sei, für ein paar armselige Boleadoras so viel -Reichtum wegzugeben. -</p> - -<p> -Eine geraume Weile lag er unbeweglich: „Du hast Landgüter, du hast Kühe und -Pferde“, sagte er sich. Er schloß die Augen und ließ im Geiste all diese Herrlichkeiten -an sich vorüberziehen. „Du hast einen Dampfer“, sagte er, die Augen öffnend, und -sah nach dem Fluß hin. -</p> - -<p> -Gleich würde der Dampfer hinter der Biegung des Stromes verschwinden. Ganz -lautlos glitt er dahin. Man sah die Leute auf dem Verdeck nicht mehr. -</p> - -<p> -Dann blickte Nicolás zum Himmel, ob keine Wolken da seien, denn er wußte, daß -Stürme den Schiffen gefährlich sein könnten. Er wünschte, daß es bald aus Paraguay -zurückkehren möchte; er würde hier am Ufer stehen und mit dem Taschentuch winken. -</p> - -<p> -Damit erhob er sich. Es litt ihn nicht länger in der tödlichen Einsamkeit allein -mit seinem unendlichen Glück. -</p> - -<p> -Er wollte zu Juanita, der Tochter des Schafhirten, und ihr erzählen, wie unermeßlich -reich er sei. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -<a id="pagehdr-13" class="pagehdr" title="Wem gehören die Schafe?"></a> -Nicolás stieg zu Pferd und ritt in kurzem Trabe davon, an dem Herrschaftsgebäude -und dann an dem Galpon vorbei. -</p> - -<p> -Unweit der Schafherde stand die Hütte von Juanitas Vater, und nicht weit davon -saß sie im Grase und peitschte mit einer Gerte die Halme. -</p> - -<p> -Sobald Nicolás sie sah, ließ er sein Pferd kurbettieren; er schlug, die losen Zügel -in der Hand, darauf ein und riß es dann gleich wieder zurück. -</p> - -<p> -Er liebte Juanita, und er wollte, daß sie ihn in Gefahr sehen solle. -</p> - -<p> -Sie aber blickte ihn mit leisem Lächeln an. Ihr älterer Bruder Isidor war Pferdebändiger -auf dem Gute von Don Ignacio Rodriguez, und das erschien ihr weit -gefährlicher. -</p> - -<p> -Nicolás hatte sich ihr inzwischen bis auf wenige Schritte genähert und begann sein -Pony zu beruhigen, indem er ihm freundliche Worte sagte und auf Hals und Kruppe -tätschelte. -</p> - -<p> -Dann stieg er mit einem meisterhaften Sprung ab und stand dicht bei ihr. -</p> - -<p> -Er war sehr ernst, beinahe feierlich. -</p> - -<p> -„Juanita,“ begann er, „vorhin ist der Tridente vorbeigefahren, du weißt, er ist -der schnellste Dampfer von allen; ich habe ihn von Carlos bekommen mit dem Silbergeschirr, -mit den Betten und Stühlen und mit der Maschine. Ich habe mir ein Landgut -in Paraguay erworben mit Millionen von Kühen und Pferden.“ Er zeigte nach -dem Baume: „Von jenem Ombú an ist alles Land mein bis nach Chile.“ Er zeigte -nach der Schafherde: „Und auch die Schafe hier sind mein.“ -</p> - -<p> -Juanita hatte ihm zugehört, ohne daß eine Miene sich in ihrem Gesichte veränderte; -bei seinen letzten Worten jedoch zuckte sie die Achseln, rümpfte die Nase und wiegte -den Kopf langsam hin und her. -</p> - -<p> -Eine kleine Pause entstand. -</p> - -<p> -Endlich sagte sie: „Ich weiß nicht, ob du lügst, wenn du sagst, daß der Tridente -dein ist und alle Landgüter in Paraguay und alles Land hinter dem Ombú bis nach -Chile. Aber du lügst, wenn du sagst, daß die Schafe dein sind; die Schafe gehören -meinem Vater, und wenn mein Vater tot ist, gehören sie meiner Mutter, und wenn -meine Mutter tot ist, gehören sie meinem Bruder und mir.“ -</p> - -<p> -Nicolás war über diese Worte etwas betroffen, dann aber stieg der Ärger in ihm auf. -</p> - -<p> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -<a id="pagehdr-14" class="pagehdr" title="Juanita weiß nicht, was Wälder sind"></a> -„Was mein ist,“ antwortete er, „hat zuerst Papa und Onkel Paulus gehört. Papa -und Onkel Paulus haben das Recht, zu verschenken, was sie wollen. Onkel Paulus -lügt meinen Bruder nicht an. Er hat ihm das Land und die Sachen gegeben, er -darf es.“ -</p> - -<p> -„Er kann dir alles Land und alle Schiffe verschenken, aber niemals die Schafe, -die gehören meinem Vater.“ -</p> - -<p> -„Meinetwegen,“ sagte Nicolás mit einer nachlässigen Gebärde, „die Schafe sollen -deinem Papa gehören, ich würde sie ihm ja sowieso geschenkt haben. Gefallen mir -einmal alle Reichtümer nicht, gebe ich sie her oder verkaufe sie und gehe nach Europa -und kaufe mir die großen Wälder. Weißt du, was Wälder sind, Juanita?“ -</p> - -<p> -„Nein“, sagte sie. -</p> - -<p> -„Natürlich kannst du nicht wissen, was Wälder sind, weil es hier keine gibt. In -Buenos Aires und Uruguay sind die großen Städte und die Pampas. Die Wälder -sind in Europa, und das sind viele große Bäume, die beieinander sind. Man kann -tagelang darin reisen, die Bäume ragen beinahe bis zum Himmel.“ -</p> - -<p> -„Willst du wissen, wie es darin aussieht, beuge dich ins Gras herab und bleibe -eine Weile ruhig. Aber schaue immer zwischen den Halmen hindurch. Gibst du dir -Mühe und denkst du immer an einen Wald, wird es dir so vorkommen. Das hat -mich Onkel Paulus gelehrt.“ -</p> - -<p> -Juanita verharrte eine Weile schweigend. -</p> - -<p> -Schließlich sagte sie: „Beug’ du dich doch zuerst herab, und wenn du einen Wald -siehst, so sage es mir.“ -</p> - -<p> -Sogleich kniete Nicolás nieder. -</p> - -<p> -Juanita sah ihn eine ganze Weile ernst an, plötzlich aber mußte sie laut auflachen, -denn Nicolás erschien ihr in seiner kauernden Stellung komisch. -</p> - -<p> -Er blieb trotzdem noch eine ganze halbe Minute unbeweglich, dann aber richtete -er sich auf und sagte ärgerlich: „Ich begann schon die Wälder zu sehen, aber durch -dein Lachen hast du mir alles verdorben.“ -</p> - -<p> -Nach einigen Sekunden aber war sein Ärger wieder verraucht. -</p> - -<p> -„Beug’ dich herab, Juanita,“ beharrte er, „bleibe eine Weile ruhig, denke immer an -die Wälder, und du wirst sie sehen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -<a id="pagehdr-15" class="pagehdr" title="In Europa fließen Ströme durch die Straßen"></a> -Sie war unschlüssig; es widerstrebte ihr, etwas zu tun, wozu ihr der richtige Glaube -fehlte und was ihr außerdem etwas lächerlich erschien. -</p> - -<p> -Aber da sie schließlich doch ein bißchen neugierig war, stand sie auf, kniete nieder -und blieb eine Zeitlang still. -</p> - -<p> -Doch es wollten sich ihr keine Wälder zeigen. -</p> - -<p> -Sie richtete sich auf, strich sich über das Kleidchen und sagte: „Ich sehe nichts.“ -</p> - -<p> -Nicolás ließ resigniert den Kopf sinken. -</p> - -<p> -Nicht lange jedoch, und er hatte sich von seiner Enttäuschung erholt. -</p> - -<p> -„In Europa“, hub er an, „ist es schöner als hier, durch die Straßen fließen Ströme. -Schwarze Boote fahren darauf. Der Himmel ist golden und blau; an allen Häusern -sind Balkone und viele Blumen, ich habe es auf einem Bilde gesehen. In Europa -gibt es Könige und nicht Präsidenten, sie fahren auf goldenen Booten und sind die -reichsten Leute der Welt. Wenn die Präsidenten sehr reich werden wollen, müssen -sie stehlen, habe ich schon oft sagen hören, die Könige brauchen das nicht, denn sie -bekommen alles von selbst. In Europa gibt es Prinzessinnen, die sind tausendmal -schöner als alle Frauen von Buenos Aires und Uruguay, sie haben goldene Haare -und reiten auf weißen Pferden, manchmal tragen sie große Adler, die man Falken -nennt, auf dem Arme. Könige und Prinzessinnen wohnen zusammen in Palästen, -die sind am Meere gebaut, denn in Europa ist das Meer, und das ist der größte Strom -von allen. Auf dem Meere fahren die größten Schiffe, die es gibt, Kanonen sind -darauf, um gegen die Walfische zu kämpfen. Ich bin ein mächtiger Mann, Juanita, -der viel Geld und Güter hat, und wenn ich groß bin, will ich mich zum Präsidenten -von Buenos Aires machen, und weißt du, Juanita, was ich dann tue? Ich werde -mir ein Meerschiff bauen lassen und werde nach Europa reisen, und als mächtigen -Präsidenten von Buenos Aires müssen mich die Könige auf ihren goldenen Booten -empfangen, und die Prinzessinnen sitzen dabei und spielen auf goldenen Harfen.“ -</p> - -<p> -Nicolás hielt inne, um zu hören, was sie dazu sagte. -</p> - -<p> -Aber sie schwieg, und von ihrem Antlitz war gar nichts abzulesen, weder Unglauben -noch Erstaunen. -</p> - -<p> -Etwas gereizt fuhr er fort: „Wenn ich will, kann ich die Töchter der Könige heiraten, -und ich werde es tun, Juanita, bei allen Königen werde ich anfragen, nur -beim König eines großen Landes, das Paris heißt, nicht. Gegen diesen werde ich -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -<a id="pagehdr-16" class="pagehdr" title="Der ehemalige König von England wäscht den Schecken"></a> -Krieg machen, denn er ist der Mächtigste, und wenn ich ihn dann mit meinem Schwert -erschlagen habe, kann ich, wenn ich will, mich zum Herrscher seines Landes machen. -Sag’ mal, Juanita,“ sagte er, seine Stimme erhebend, „möchtest du Königin von -Paris werden?“ -</p> - -<p> -Es entstand eine Pause. -</p> - -<p> -„Ph,“ sagte sie, „ich möchte schon.“ -</p> - -<p> -„Gut,“ antwortete Nicolás „du mußt mir aber versprechen, wenn du Königin -bist, meine Frau zu werden.“ -</p> - -<p> -„Bin ich einmal Königin, will ich deine Frau sein“, sagte sie und zuckte die Achseln. -</p> - -<p> -„Du wirst es, aber da müssen wir uns zuerst verloben, und du mußt mir einen -Kuß geben.“ -</p> - -<p> -„Ich kann mich ja mit dir verloben und dir einen Kuß geben, aber alles, was du -erzählst, ist ja Lüge“, meinte sie, die Nase rümpfend. -</p> - -<p> -„Wenn du glaubst, daß ich lüge, gehen wir zu José und fragen wir ihn. José war -König von England, früher, als es ihm noch gut ging und er nicht Knecht zu sein -brauchte.“ -</p> - -<p> -„Meinetwegen, gehen wir zu ihm“, sagte sie und lächelte ziemlich überlegen. -</p> - -<p> -José, ein geborener Neapolitaner, aber seit langem eingewandert, stand dicht -beim Galpon und wusch den Schecken des Verwalters. Er goß Eimer auf Eimer -über Bauch und Rücken des Pferdes, das bebend auswich; dazu fluchte er, denn -jede Arbeit war ihm verhaßt. Unter den Pferden haßte er aber den Schecken, seiner -heiklen Hautfarbe wegen, und weil er die schlechte Gewohnheit hatte, sobald er freigelassen -war, sich auf der Erde zu wälzen. -</p> - -<p> -Nicolás trat mit Juanita an ihn heran und sagte laut und in einem Tone, der -keine Widerrede litt: „Nicht wahr, José, du warst früher König von England?“ -</p> - -<p> -Zuerst erstaunte José, dann aber antwortete er mit wildhumoristischem Auflachen: -„Natürlich war ich König von England, <span class="antiqua">corpo di Dio</span>, war das eine fröhliche Zeit, -damals, als ich noch König von England war!“ Bei diesen Worten gab er dem -Schecken einen Fußtritt, als wollte er ihn den grausamen Umschwung der Dinge -vergelten lassen. -</p> - -<p> -„Siehst du, Juanita“, sagte Nicolás, „José war König von England. Gehen wir -jetzt.“ -</p> - -<p> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -<a id="pagehdr-17" class="pagehdr" title="Die Spuren eines weihevollen Kusses werden verwischt"></a> -Als sie einige Schritte gegangen waren, sagte er: „Jetzt müssen wir uns verloben“ -und faßte sie bei der Hand; sie folgte ihm kichernd, und als sie an die Stelle gelangt -waren, von wo sie gekommen waren, küßte er sie feierlich auf den Mund. -</p> - -<p> -„Jetzt bist du meine Braut und wirst Königin von Paris“, sagte er. Er sah sie -leuchtend an, tat einen Schritt zurück, wie vorhin sein Bruder, und stieg zu Pferd. -</p> - -<p> -Im Galopp, graziös den Oberkörper wiegend, ritt er davon. -</p> - -<p> -Juanita sah ihm nach, die Rechte schlaff am Leibe; mit der Linken wischte sie sich -die feuchten Spuren ab, die Nicolás weihevoller Kuß zurückgelassen hatte. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Es war Nacht geworden, Carlos war nicht zum Abendessen zurückgekehrt, er war -beim Puestero Eusebio; Gäste waren bei ihm und man hatte ein Lamm geschlachtet. -Carlos hatte es abhäuten und ausweiden helfen. -</p> - -<p> -Ziemlich spät ritt er heim. Seine Stimmung war etwas gedrückt, außerdem -langweilten ihn bereits die Boleadoras. -</p> - -<p> -Zu Hause war alles schlafen gegangen. Carlos sattelte sein Pferd ab und ließ -es auf die Weide laufen. Dann ging er, die Boleadoras in der Hand, in sein und -seines Bruders Schlafzimmer. -</p> - -<p> -Nicolás lag im Bett, aber er schlief noch nicht; es brannte Licht. -</p> - -<p> -„Wo warst du?“ fragte Nicolás. -</p> - -<p> -„Bei Eusebio.“ -</p> - -<p> -„Freuen dich die Boleadoras?“ -</p> - -<p> -Carlos gab keine Antwort. -</p> - -<p> -„Was hast du?“ -</p> - -<p> -„Nichts“, sagte Carlos und zog sich mürrisch aus. -</p> - -<p> -Nicolás fragte nicht weiter. Carlos ging ins Bett und löschte das Licht aus. -</p> - -<p> -„Nicolás!“ rief er plötzlich. -</p> - -<p> -„Was?“ -</p> - -<p> -„Bah!“ sagte Carlos und drehte sich im Bett um. -</p> - -<p> -Es herrschte Stille. -</p> - -<p> -Und nochmals: „Nicolás!“ -</p> - -<p> -„Was willst du denn?“ -</p> - -<p> -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -<a id="pagehdr-18" class="pagehdr" title="Ein fürchterlicher Schwur"></a> -Sehr gepreßt kam es aus Carlos heraus: „Ich meinte nur ...“ und dann: ... -„die Boleadoras sind wieder dein.“ -</p> - -<p> -Die Knaben schwiegen. -</p> - -<p> -Carlos richtete sich im Bette auf und sagte schmerzlich: „Die Boleadoras sind -dein, denn den Tridente und das Gut in Paraguay und alles Land hinter dem Ombú -bis nach Chile und die Schafe hat mir Onkel Paulus nicht geschenkt; daher durfte -ich sie dir nicht schenken.“ -</p> - -<p> -Wieder herrschte Pause. -</p> - -<p> -„Also hast du mich angelogen“, tönte es von Nicolás’ Bett tief enttäuscht zurück. -</p> - -<p> -„Ja, ich habe dich angelogen“, antwortete Carlos etwas erleichtert. -</p> - -<p> -„Warum hast du mich angelogen?“ -</p> - -<p> -„Weil ich die Boleadoras haben wollte“, kam es zerknirscht zurück. -</p> - -<p> -Nochmals Pause. -</p> - -<p> -Nicolás raffte sich auf: „Schwörst du mir, daß du mich angelogen hast?“ -</p> - -<p> -„Ich schwöre es.“ -</p> - -<p> -„Küß’ das Kreuz!“ -</p> - -<p> -Carlos machte ein Kreuz mit beiden Zeigefingern und schwor: „<span class="antiqua">Te juro, que -Dios me castigue.</span>“ -</p> - -<p> -„Hast du wirklich das Kreuz geküßt?“ fragte Nicolás mißtrauisch, denn er konnte -es der Dunkelheit wegen nicht sehen. -</p> - -<p> -„Ja“, sagte Carlos. -</p> - -<p> -„Schwörst du mir, daß dich sofort der Blitz treffen wird, wenn es nicht wahr ist?“ -</p> - -<p> -„Ich schwöre es“, antwortete Carlos. -</p> - -<p> -Daraufhin herrschte vollständiges Schweigen. -</p> - -<p> -Nicolás lag da, erfüllt von einer nie gekannten, unsagbaren Trostlosigkeit: Keine -Güter! Kein Schiff! Keine Schafe! Nie würde er die Wälder von Europa kaufen, -niemals würde er den König von Paris bekriegen dürfen und Juanita würde niemals -seine Frau. -</p> - -<p> -Er versank in tiefes Grübeln. -</p> - -<p> -Vom Bette seines Bruders aber vernahm man ruhige Atemzüge; er schlief schon -lange. -</p> - -<p> -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -<a id="pagehdr-19" class="pagehdr" title="Ein junges Reh übernachtet im Salon"></a> -Was würde Juanita zu allem sagen? Wie sollte er ihr morgen unter die Augen -treten? Er hatte sie angelogen, nie würde sie ihm das verzeihen. -</p> - -<p> -Und weil er die quälenden Gedanken nicht los werden konnte, zündete er schließlich -Licht an, stand auf, kroch unters Bett und zog eine kleine grüne Eisenbahn hervor: -eine Lokomotive mit drei Waggons. -</p> - -<p> -Aus der Schublade des Nachttisches holte er einen starken Faden und band ihn -an den Schornstein der Lokomotive. -</p> - -<p> -Lange stand Nicolás da, barfuß auf den Fliesen, und ließ die Eisenbahn im Kreise -laufen. -</p> - -<p> -Und das war seine Erlösung. -</p> - -<p> -Langsam zog tiefer Trost und Friede in seine Seele ein. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-2"> -Der Chinese -</h3> - -<p class="first"> -Hinter dem Hause im Hofe hielten Carlos und Nicolás Tiere, Haustiere und Tiere -der Pampa. Oft machten sie Streifzüge und kehrten mit einem Fang zurück, -einem jungen Strauß, einer Kropfeidechse, einem Gürteltier; sie stellten Fallen im Hof -auf und fingen Beutelratten. Aber über die neuen Tiere vernachlässigten und vergaßen -sie die alten. Einmal brachen die meisten aus. Ein junges Reh hatte oben im Salon -übernachtet, eine Kropfeidechse war ins Bett einer Magd gekrochen. Da wurde -Carlos und Nicolás gedroht, die Tiere müßten fort, wenn sie sich nicht besser um -sie kümmerten. -</p> - -<p> -Am nächsten Tag waren die Knaben, wie gewöhnlich, hinaus in die Pampa geritten. -Nach einer Stunde scharfen Galopps wandten sie die Ponnys nach einem -Ombú, um Rast zu halten; es war ein sehr heißer Tag, die Pferde ließen die Köpfe -hängen und bewegten die Ohren müde nach den Seiten; die Sättel lagen beinahe -auf ihren Hälsen. Als die Knaben sich dem Baum näherten, sahen sie dort einen -seltsamen, kleinen, dicken Mann auf der Erde sitzen, den Kopf gegen den Stamm -gelehnt. Statt eines Rockes oder Ponchos trug er einen ganz eigentümlichen Kittel, -der ihm bis an die Kniee reichte; neben ihm lag ein breitrandiger Strohhut und ein -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -<a id="pagehdr-20" class="pagehdr" title="Ein zahmer Chinese sitzt unter dem Ombú"></a> -rotes Bündel. Gleich nachher erkannten sie jedoch, daß es kein Mann war, sondern -eine Frau in Männertracht; denn es trug einen langen, dünnen Zopf. -</p> - -<p> -„Das ist komisch“, sagte Carlos und lachte. -</p> - -<p> -„Sehr komisch“, sagte Nicolás und lachte auch. -</p> - -<p> -Sie ritten ganz nah an den Baum heran: es war keine Frau. -</p> - -<p> -„Ein Chinese!“ sagte Carlos und erbleichte. -</p> - -<p> -„Ein Chinese!“ sagte Nicolás und erbleichte auch. -</p> - -<p> -Der Kopf, der Kittel und der Hut waren ganz so, wie sie es bei Chinesen auf Bilderbogen -gesehen hatten. -</p> - -<p> -Der Chinese, der geschlafen hatte, war erwacht und sah die Knaben ohne merkliches -Erstaunen an. -</p> - -<p> -Sie wollten kehrtmachen und fliehen, denn sie hatten gehört, diese Menschen -seien wild und blutdürstig wie die Indianer des Gran Chaco. Aber sie ermannten -sich zugleich, denn keiner wollte vor dem anderen feig erscheinen; und dazu -blinzelte und lächelte der Chinese so gemütlich und Vertrauen erweckend, daß -Flucht den Knaben doppelte Feigheit erschien. Vielleicht ist es ein zahmer Chinese, -dachten sie. -</p> - -<p> -„Was schaut ihr mich so an, ihr Büblein?“ fragte er endlich. Seine Stimme klang -sanft; sie hatte nichts von einem wilden Indianergeheul. -</p> - -<p> -„Wir schauen dich nicht an“, sagte Carlos und starrte fortwährend auf ihn. -</p> - -<p> -„Seht mir diese Knaben!“ Der Chinese lachte und schlug sich auf die dicken Schenkel; -das Gesicht, das er dabei machte, war so komisch, daß auch Carlos und Nicolás in -Lachen ausbrachen. -</p> - -<p> -„Was hast du in deinem Bündel?“ fragte Carlos nach einer Weile. -</p> - -<p> -„Zwei Hemden und eine Hose; ich bin auf Reisen.“ -</p> - -<p> -„Weite Reisen?“ -</p> - -<p> -„Ich gehe von Gut zu Gut und suche mir eine Stelle als Koch. Meine Herrschaft -hat ihr Gut verkauft und ist ausgezogen; da bin ich auch ausgezogen. Könnt ihr -einen Koch bei euch brauchen, ihr Buben?“ -</p> - -<p> -„Nein“, sagte Carlos. Gleich darauf aber durchzuckte ihn ein Gedanke: „Wir -können dir aber eine andere Stelle verschaffen.“ -</p> - -<p> -„So. Eine andere Stelle? Und die wäre?“ -</p> - -<p> -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -<a id="pagehdr-21" class="pagehdr" title="Das Wasserschwein bekommt einen Teich"></a> -„Du könntest unsere Tiere pflegen, denn sonst müssen sie fort. Ich will Mama -sagen, daß man dir so viel bezahlt wie einem Koch. Kannst du Tiere pflegen?“ -</p> - -<p> -„Gewiß; aber was für Tiere sind’s, ihr lieben kleinen Knaben?“ -</p> - -<p> -„Verschiedene; wenn du mit uns nach Hause kommst, wirst du sie sehen.“ -</p> - -<p> -Der Chinese war damit einverstanden; die Kinder hielten kurze Rast, rückten dann -die Sättel zurecht, schnallten die Gurte fester und stiegen zu Pferd. Der Chinese -saß bei Nicolás hinten auf. -</p> - -<p> -„Wie ist denn dein Name?“ fragte Carlos; „denn wenn wir jetzt zu Mama gehen, -um dir die Stelle zu verschaffen, müssen wir wissen, wie du heißt.“ -</p> - -<p> -Der Chinese nannte einen Namen, der sehr seltsam klang. Die Knaben brachten -immer nur Bichuante heraus. -</p> - -<p> -„Nennt mich nur immerhin Bichuante!“ meinte der Chinese. -</p> - -<p> -Mit stark klopfendem Herzen ritten Carlos und Nicolás in das Gut ein. Von -irgendwoher erschien José, der Knecht, und starrte diesem seltsamen Aufzug mit -offenem Munde nach. Die Knaben ritten bis zur Mitteltür des Hauses. Carlos -sprang ab und rannte hinauf zu seiner Mutter. -</p> - -<p> -Sie saß im Musikzimmer am Klavier. „Mama,“ schrie er, „wir haben einen Chinesen -mitgebracht, aber einen zahmen Chinesen!“ -</p> - -<p> -„Was habt ihr mitgebracht?“ Sie unterbrach ihr Spiel. -</p> - -<p> -„Einen ganz zahmen Chinesen, Mama, der Bichuante heißt.“ -</p> - -<p> -„Was redest du da für Unsinn? Was soll denn der Mann?“ -</p> - -<p> -„Er soll unsere Tiere pflegen, Mama.“ -</p> - -<p> -Carlos faßte seine Mutter am Arm, zog sie ungestüm nach dem Fenster und zeigte -nach unten: „Dort ist er.“ -</p> - -<p> -Wahrhaftig: es war ein Chinese. „Das ist schon euer verrücktester Einfall!“ sagte -sie. Aber nachher ward ihnen gestattet, den Chinesen zu behalten. -</p> - -<p> -Er trat sofort seinen Dienst an. Ställe mußten ausgebessert und gründlich gereinigt -werden. Er stieg in den Taubenschlag hinauf und wirtschaftete. Weiß gesprenkelt -und mit Federn bedeckt, kam er wieder herunter. Er grub für das Wasserschwein -einen regelrechten Teich; bisher hatte es sich mit einem Tümpel begnügen -müssen, der nach einer halben Stunde immer wieder ausgetrocknet war. Vor allem -war es eine Freude, zu sehen, wie sanft er mit den Tieren umging. Die Kaninchen -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -<a id="pagehdr-22" class="pagehdr" title="José findet, daß Tierpflege eine zu leichte Arbeit sei"></a> -schnupperten ihm durch die Fenster ihrer Kisten entgegen, sobald er sich zeigte; nicht -lange, und die Tauben setzten sich ihm auf die Schultern, das Reh lief ihm nach. -Nicolás glaubte sogar zu sehen, wie das Gürteltier ihn freundlich anblinzelte. Die -Knaben liebten den Chinesen, besonders Nicolás. -</p> - -<p> -Von den Dienstboten hielt sich der Bichuante möglichst fern, denn sie lachten über -ihn und spielten ihm auch manchmal einen Schabernack. Namentlich aber fürchtete -er José. Als er einmal an der Küche vorbeiging, hörte er, wie der Knecht dem Gärtner -sagte, er wolle den Chinesen umbringen (José haßte ihn, weil er fand, daß die Tierpflege -eine zu leichte Arbeit sei). Der Bichuante erbebte, ließ aber nie ein Wort -darüber verlauten. Nur wenn er zu Bett ging (seine Kammer lag neben der Josés), -verriegelte er die Tür, schlief aber trotzdem immer gleich ein. -</p> - -<p> -Er kümmerte sich aber gar nicht nur um die Tiere auf dem Hof. Er striegelte und -sattelte die Ponnys, er putzte ihr Zaumzeug; einmal wusch er sogar den Schecken -des Verwalters. Als José das sah, war er gleich darauf bedacht, ihm nach Kräften -von seiner Arbeit aufzubürden, und seinem Beispiel folgten die anderen Dienstboten. -Der Chinese verrichtete alles, still, ohne zu klagen. -</p> - -<p> -Manchmal, wenn er sich freimachen konnte, saß er gegen Sonnenuntergang mit -den Knaben auf der Weide im Grase. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen, -er pflückte eine Blume, besah sie aufmerksam und murmelte leise etwas vor sich hin. -Carlos und Nicolás rückten ganz nah an ihn heran, um zu hören, was er sage. Dann -baten sie: „Sprich jetzt mal ganz laut auf Chinesisch.“ Der Bichuante zog die dünnen -Augenbrauen in die Höhe, bewegte den Kopf langsam hin und her und sagte einige -Sätze, worüber die Kinder laut auflachen mußten. -</p> - -<p> -„So, jetzt sprich wieder die christliche Sprache“, sagte Carlos; denn er wußte von -den Gauchos: alles, was nicht spanisch ist, ist auch nicht christlich. Dann mußte der -Bichuante Purzelbäume schlagen. Das konnte er wie kein anderer. Nicolás umarmte -ihn und gab ihm lautschallende Küsse auf beide Backen. Aus Dankbarkeit, denn -den ganzen Tag hatte er sich auf diese Purzelbäume gefreut. Und dann saßen sie -wieder im Gras beieinander. -</p> - -<p> -Der Bichuante stand auf und schlich auf den Zehenspitzen einem Schmetterling -nach; ohne eigentlichen Grund, aus unbegreiflicher Freude. Der Schmetterling -setzte sich auf eine Blume, klappte die Flügel auf und zu; aber sobald der Bichuante -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -<a id="pagehdr-23" class="pagehdr" title="Der Bichuante erhält einen weißen Rock"></a> -sich genähert hatte, flog er wieder auf und setzte sich auf eine andere Blume. Der -Chinese blieb in behutsamer Entfernung von ihm stehen und ahmte mit Daumen -und Zeigefinger den Flügelschlag nach, ganz erstaunt, als hätte er nie in seinem -Leben einen Schmetterling auf einer Blume gesehen. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/022a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -„Wie merkwürdig ist doch so ein Chinese!“ sagte Nicolás zu Carlos. -</p> - -<p> -Einmal hatte Nicolás, ohne etwas Böses zu denken, den Bichuante am Zopf -gezogen; da hatte ihn der Chinese sehr ernst und traurig angeschaut und gesagt: „Tu’ -das ja nie wieder, mein Liebling!“ Nicolás erschrak. Auch freute es den Chinesen -nicht, wenn die Kinder den Ponnys Zöpfe flochten, wie es am Samstagabend geschah, -damit die Pferde gewellte Mähnen hätten, wenn man am Sonntag zu den -Wettrennen der Gauchos ritt. Merkwürdig, dachte Nicolás; er fand manches an dem -guten Bichuante merkwürdig ... -</p> - -<p> -Die Eltern der Knaben waren auf einige Zeit nach Buenos Aires verreist. Die -Kinder blieben unter der Obhut des Verwalters, eines sehr strengen Franzosen, -der selbst einmal ein großes Gut gehabt hatte. Er kümmerte sich äußerst gewissenhaft -um die Wirtschaft und alle fürchteten ihn. Der Bichuante hatte mehrmals in der -Küche mithelfen müssen und da war sein Kochtalent in vollem Glanz sichtbar geworden. -Der Franzose hielt auf gute Küche. Er entließ ohne weiteres den alten Koch und erhob -den Chinesen auf diesen Posten. Der Bichuante erhielt einen weißen Rock, eine -weiße Schürze und eine weiße Mütze und war mit einem Schlag eine Respektsperson -unter den übrigen Dienstboten. Das war ein Triumph für Carlos und Nicolás, -und ihre Dankbarkeit und Verehrung für den Verwalter kannte keine Grenzen. -</p> - -<p> -Sechs Wochen waren vergangen; es war an einem außergewöhnlich heißen Tage, -der Chinese stand in der Küche und bereitete den Teig für die Nachtischpasteten. -Carlos und Nicolás schauten ihm zu. Weil die Hitze geradezu unerträglich war und -der Chinese, seit er seine neue Stelle bekleidete, viel dicker geworden war, beschloß -er, um sich Luft zu machen, Rock und Hemd abzulegen. Carlos und Nicolás halfen -ihm dabei unter Freudengeschrei. -</p> - -<p> -„Nie hätte ich geglaubt, daß du einen so dicken Bauch hast“, sagte Carlos und -klopfte ihm auf den Leib. -</p> - -<p> -Aber ein unendlicher Jubel brach aus, als der Bichuante, um sich ein Späßlein zu -erlauben, zwei Hände voll Teig nahm und, sich ein wenig nach hinten beugend, ihn -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -<a id="pagehdr-24" class="pagehdr" title="Die Pasteten schmecken dem Verwalter ausgezeichnet"></a> -auf seinem nackten Leib zu kneten begann. „Bravo!“ riefen die Knaben, umtanzten -ihn und schüttelten sich vor Lachen. Und der Chinese stand da, von Fliegen umsummt, -grinste und knetete weiter. Dann wurde der Teig auf dem Tisch ausgerollt -und die Pasteten geformt und gefüllt. -</p> - -<p> -„Das ist meine Pastete“, sagte Carlos und machte in die größte ein Loch mit dem -Zeigefinger. „Und die ist meine“, sagte Nicolás und machte ein Loch in die zweitgrößte. -Dann wurden die Pasteten in den Ofen geschoben. -</p> - -<p> -Einige Stunden später saßen Carlos und Nicolás mit dem Verwalter bei Tisch. -Die Suppe und der Puchero, die Carbonado und der Asado wurden gebracht; zum -Schluß kamen die Pasteten ... -</p> - -<p> -„Ach,“ sagte der Verwalter, „die Pasteten sind heute wirklich ganz ausgezeichnet!“ -</p> - -<p> -Carlos würgte, denn er hatte den Mund voll und wollte antworten. „Warum -sind sie so gut?“ sagte er, mit vollen Backen kauend; „weil der Bichuante den Teig -auf seinem nackten Bauch geknetet hat. So macht man’s in seiner Heimat und dann -werden die Pasteten sehr gut.“ -</p> - -<p> -„Was hat er getan?“ fragte der Verwalter betroffen. -</p> - -<p> -„Er hat Rock und Hemd ausgezogen und hat den Teig auf seinem nackten Bauch -gerieben“, sagte Carlos arglos; und er sprang auf, beugte sich etwas rückwärts und -ahmte den Chinesen nach. Der Verwalter gab keine Antwort ... Er schob seinen -Teller weg und drückte auf den Knopf einer Klingel ... -</p> - -<p> -Eine Viertelstunde später hingen Carlos und Nicolás weinend am Hals des Chinesen; -der Bichuante mußte fort. Die Knaben wußten: der Verwalter hat sein letztes -Wort gesprochen. -</p> - -<p> -„Warum hast du das von den Pasteten erzählt, Carlos?“ heulte Nicolás. -</p> - -<p> -„Ich wußte doch nicht ...!“ Carlos konnte nicht weiter. Er drückte sein Gesicht -auf den Hals des Chinesen, der ganz naß von Tränen war. -</p> - -<p> -„Der Bichuante muß jetzt fort ...!“ Nicolás’ Stimme schnappte über, er gluckste -und hustete. -</p> - -<p> -„Geh’ nicht fort, Bichuante!“ heulte Carlos. -</p> - -<p> -„Weinet nicht, ihr Buben,“ sagte der Chinese, der seine Rührung niederzwang; -„weinet nicht, seid Männer!“ -</p> - -<p> -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -<a id="pagehdr-25" class="pagehdr" title="Der Säugling kann weder Arme noch Beine bewegen"></a> -Carlos und Nicolás trockneten sich die Augen und schneuzten sich. Sie sahen einander -an, ein Beben ging über ihre Züge und wieder brachen sie in Tränen aus. -</p> - -<p> -Am nächsten Morgen war der Aufbruch. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás sattelten ihre Ponnys; der Chinese saß bei Nicolás hinten auf. -Man ritt in der Richtung des Ombús; dort wollte man Abschied nehmen, denn dort -hatte man sich einst gefunden. Auf des Chinesen Gesicht lag ein ruhiges, resigniertes -Lächeln. Carlos und Nicolás weinten leise. Der Bichuante redete ihnen zu: „Ruhig, -ruhig, ihr Buben, seid Männer!“ -</p> - -<p> -Als sie vor dem Ombú angekommen waren, stieg der Chinese vom Pferd. Er -umarmte Carlos und Nicolás; auch sie schlangen ihre Arme um seinen Hals und -küßten ihn auf den Mund. -</p> - -<p> -Dann, wie auf Verabredung, wandten sie die Pferde (denn sie wollten als Helden -scheiden) und ritten im Galopp, laut heulend, nach dem Gut zurück. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-3"> -Das Brüderchen -</h3> - -<p class="first"> -Am Morgen waren Carlos und Nicolás mit ihren Eltern aus Buenos Aires zurückgekehrt, -es war Nachmittag, sie ritten in der Pampa spazieren. Carlos hielt im -Arm einen kleinen weißen Seidenpintscher, den er vor vierzehn Tagen geschenkt bekommen -hatte. -</p> - -<p> -Sie kamen bis vor die einsame Hütte des Puesteros Eusebio und sahen sein sechsjähriges -Söhnchen Miguelito, das nahe bei der Schwelle stand und eine niedrige -Holzwiege wiegte, in der ein Säugling lag. Er lag festeingewickelt, konnte weder -Arme noch Beine bewegen und schrie. -</p> - -<p> -Der Pintscher spitzte die Ohren nach der Wiege und bellte feindselig. -</p> - -<p> -„Ist das dein Brüderchen?“ fragte Carlos ganz erstaunt. -</p> - -<p> -„Ja!“ sagte Miguelito und sah mit leuchtenden Augen nach dem Pintscher. -</p> - -<p> -„Seit wann hast du dieses Brüderchen?“ fragten Carlos und Nicolás zugleich. -</p> - -<p> -„Weiß nicht“, antwortete Miguelito. „Vor einigen Wochen brachte mich abends -der Vater zu Don Ignacio, und als ich am Morgen wieder hier war, war das Brüderchen -da.“ -</p> - -<p> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -<a id="pagehdr-26" class="pagehdr" title="Blancos Wolle fühlt sich wie Seide an"></a> -Nicolás ritt ganz nahe an die Wiege heran, um sich das Kind genau zu betrachten. -</p> - -<p> -Miguelito blickte unverwandt den Pintscher an und fragte: „Seit wann habt -ihr dieses Hündchen?“ -</p> - -<p> -„Ich habe es von Papa geschenkt bekommen“, antwortete Carlos. -</p> - -<p> -„Wie heißt dein Brüderchen?“ fragte er nach einer Weile. -</p> - -<p> -„Pepito.“ -</p> - -<p> -Was ist das für ein schönes Brüderchen! sagte sich Carlos, und es entstand ein -Gedanke in ihm, den er aber kaum auszudenken wagte. -</p> - -<p> -Doch er ließ ihm keine Ruhe und zaghaft fragte er: „Gefällt dir mein Hündchen?“ -</p> - -<p> -„Ja!“ sagte Miguelito und war ganz verklärt. -</p> - -<p> -„Er heißt Blanco“, antwortete Carlos, „und wenn du seine Wolle berührst, ist sie -wie Seide. Da, fühle doch!“ -</p> - -<p> -Und er beugte sich herab und hielt ihm das Hündchen hin: „Ist das nicht schön?“ -</p> - -<p> -„Sehr schön!“ erwiderte Miguelito. -</p> - -<p> -Carlos stieg behend vom Pferd und sagte: „Jetzt werde ich dir was zeigen.“ -</p> - -<p> -Er bückte sich, streckte den Arm aus und rief: „Hops!“ -</p> - -<p> -Blanco sprang über seinen Arm. -</p> - -<p> -„Hops!“ rief Carlos, und Blanco sprang zurück. -</p> - -<p> -Miguelito klatschte selig in die Hände. -</p> - -<p> -„Und jetzt, Blanco, aufwarten!“ befahl Carlos. -</p> - -<p> -Blanco setzte sich auf die Hinterbeine, bewegte die Pfoten und Miguelito jubelte. -</p> - -<p> -„Wenn du mir dein Brüderchen gibst, gebe ich dir mein Hündchen!“ sagte Carlos. -</p> - -<p> -Miguelito war einige Sekunden unschlüssig, dann aber siegte die Versuchung, er -ging nach der Wiege und bat Carlos, ihm zu helfen, das Kind herauszuheben. -</p> - -<p> -Darauf bestieg Carlos sein Ponny, und Miguelito und Nicolás reichten ihm Pepito -hinauf. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás aber machten, daß sie schnell fortkamen, denn sie fürchteten, -den andern würde der Tausch bald reuen. -</p> - -<p> -Carlos hielt das Kind vor sich auf dem Sattel wie ein Bündel, sie ritten im Trab, -mußten aber gleich halten, denn es wäre beinahe heruntergefallen. -</p> - -<p> -Sie ritten im Schritt weiter und nach einiger Zeit wollte Nicolás es tragen. -</p> - -<p> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -<a id="pagehdr-27" class="pagehdr" title="Manchmal sind die Kinder auch in Straußeneiern"></a> -Wieder hielten sie an und Carlos reichte es ihm hinüber, was nicht ohne Lebensgefahr -war für den kleinen Pepito. -</p> - -<p> -Nach zehn Minuten beschlossen sie abzusteigen, denn er war nicht leicht zu tragen, -außerdem schrie er immerfort aus Leibeskräften. -</p> - -<p> -Carlos sprang vom Pferd, nahm seinem Bruder das Kind ab und legte es sacht -auf die Erde. -</p> - -<p> -Darauf pflückten sie zusammen Gräser, machten daraus ein weiches Bett und -legten es hinein. So würde es sich beruhigen. -</p> - -<p> -Und wirklich, es dauerte nicht lange und das Kind war eingeschlafen. -</p> - -<p> -Nicolás kniete neben ihm und betrachtete es voller Andacht, er beugte sich ganz -nahe herab, um seinen Atem zu hören. -</p> - -<p> -„Kann man wohl die Stelle sehen, wo ihn der Storch gehalten hat?“ fragte er -Carlos. -</p> - -<p> -„Niemals!“ antwortete Carlos, „denn da müßte er ihm ja wehe getan haben! -Außerdem ist es gar nicht gesagt, daß ihn der Storch gebracht hat. Zenobia hat ihr -Baby in einem Eimer gefunden, als sie aus der Zisterne Wasser schöpfte.“ -</p> - -<p> -„Aber da hat doch alles gelacht in der Küche, wie sie das erzählte“, erwiderte -Nicolás. -</p> - -<p> -„Vielleicht hat sie gelogen“, meinte nachdenklich Carlos. „Aber das weiß ich, man -findet ganz sicher die Kinder in den Lagunen, und die bringen dann gewöhnlich -die Störche. Auch sind sie manchmal in Straußeneiern, und man muß die Eier dann -zerschlagen.“ -</p> - -<p> -Die Knaben schwiegen, Nicolás kaute an einem Grashalm; schließlich fragte er: -„Sag mal, Carlos, glaubst du, daß wir vielleicht auch ein Brüderchen finden könnten, -wenn wir in der Lagune suchten, oder wir zerschlügen Straußeneier; denn weißt -du, Carlos, ich habe vorhin nachgedacht, so ganz ist doch nicht Pepito unser Brüderchen, -wie ich dein Bruder bin, und du mein Bruder bist, Miguelito hat ihn doch -für den Blanco vertauscht.“ -</p> - -<p> -Carlos hatte darüber nicht nachgedacht, aber was ihm sein Bruder eben sagte, -leuchtete ihm ein. -</p> - -<p> -„Weißt du was“, sagte er, „reiten wir nach der Lagune und suchen wir — wenn -wir nichts finden, suchen wir Straußeneier!“ -</p> - -<p> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -<a id="pagehdr-28" class="pagehdr" title="Blanco hat Miguelito in den Finger gebissen"></a> -Nicolás war einverstanden, sie stiegen auf ihre Ponnys und ließen den schlafenden -Pepito so lange allein. -</p> - -<p> -Die Lagune war nicht weit; als sie angesprengt kamen, entstand eine Bewegung. -Die Kibitze schrieen, die Enten erhoben sich schnatternd, ein paar Störche schlugen mit -den Flügeln und klapperten zu den Knaben hinüber. Ein einsamer Reiher nur suchte -unbekümmert weiter nach Fröschen. -</p> - -<p> -Carlos sagte zu seinem Bruder: „Höre mal, Nicolás, ich werde in der Lagune -suchen und du wirst Straußeneier suchen, so stört keiner den andern!“ -</p> - -<p> -Sie stiegen ab, Carlos zog Schuhe und Strümpfe aus und watete im Wasser. -</p> - -<p> -Nach einer Weile rief Nicolás hinüber: „Hast du was gefunden, Carlos?“ -</p> - -<p> -Carlos antwortete nicht, er starrte krampfhaft nach dem Grunde, er glaubte, ein -kleines Kind zu sehen. -</p> - -<p> -Lange suchten sie, aber sie fanden kein Brüderchen. -</p> - -<p> -Nicolás stand vor zwei zerschlagenen Straußeneiern, von plötzlicher Melancholie -befallen. -</p> - -<p> -„Wir haben kein Glück“, sagte Carlos sehr niedergeschlagen, und sie kehrten zu -Pepito zurück. -</p> - -<p> -Er schlief nicht mehr, er lag da mit großen offenen Augen, den Blick ernst staunend -zum Himmel gerichtet, und um ihn herum weideten Strauße, Hirsche, Rinder und -Pferde. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás hoben ihn auf und ritten zum Puestero zurück. -</p> - -<p> -Sie hatten beschlossen, es Miguelito wieder zurückzubringen, weil es doch sein -Brüderchen war. -</p> - -<p> -Miguelito kauerte vor der Hütte, der Tausch hatte begonnen, ihn zu reuen, auch -hatte ihn Blanco in den Finger gebissen. -</p> - -<p> -Er nahm Pepito in Empfang, Carlos hielt wieder seinen Hund im Arm ... -</p> - -<p> -Kurz nachher kehrten der Vater und die Mutter zurück ... -</p> - -<p> -Die Sonne ging unter, die Herden trieben heim nach ihren Hürden, unter dem -Ombú vor der Hütte saß der Gaucho Gonzales und sang laut ein melancholisches -Steppenlied. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás schauten der Mutter zu, wie sie ihr Kind säugte. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/028a.jpg" alt="" /></div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-4"> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -<a id="pagehdr-29" class="pagehdr" title="Eines Nachts vernimmt man das Brüllen eines Jaguars"></a> -Die Tigerjagd -</h3> - -<p class="first"> -Der Paraná war weit aus seinen Ufern getreten; die Überschwemmung nahm zu, -bald war das Land bis dicht an die Parkanlagen unter Wasser. Wipfel von -Weidenbäumen bezeichneten die Stelle, wo früher das Ufer gewesen war ... -</p> - -<p> -Im Norden von Argentinien hatten große Regengüsse stattgefunden, auf schwimmenden -Inseln war Getier aller Art heruntergeschwemmt worden, und nun wimmelte -es hier von einer unbekannten Fauna, von seltsamen Wat- und Schwimmvögeln, -Amphibien und Säugetieren. -</p> - -<p> -Eines Nachts vernahm man, nicht sehr weit vom Hause, in der Richtung des -Stromes, das Brüllen eines Jaguars. Durch die Herden ging eine Bewegung, -trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren <a id="corr-1"></a>Umzäunungen -erbebten; viele, die gelegen hatten, erhoben sich, machten mit vibrierenden Nüstern -ein paar Schritte und blieben dann schnaufend und den Kopf emporgereckt stehen. -</p> - -<p> -Zenobia, die Mulattin, spazierte mit ihrem Liebsten, dem Stallknecht Ramon, -in einiger Entfernung vom Hause. Auch sie blieben stehen und horchten entsetzt auf. -</p> - -<p> -In der Küche, wo noch ein Teil der Dienstboten versammelt war, reckte man die -Hälse, der Papagei, der nicht schlafen konnte, weil es hell war, schrie „Caramba!“ -</p> - -<p> -Auch Carlos und Nicolás hatten das Brüllen gehört. Sie befanden sich oben in -ihrem Zimmer und waren eben zu Bett gegangen. Nie in ihrem Leben hatten sie -einen Jaguar brüllen hören, aber sie wußten gleich, was es war. -</p> - -<p> -„Ein Tiger!“ rief Carlos und schnellte auf. -</p> - -<p> -Auch Nicolás hatte sich erhoben. -</p> - -<p> -„Was sagst du dazu, jetzt gibt’s auch Tiger hier!“ sagte Carlos. -</p> - -<p> -Nicolás antwortete nichts vor lauter Ergriffenheit. -</p> - -<p> -Nun schwieg auch Carlos und beide lauschten, ob er nicht zum zweitenmal brüllen -würde. -</p> - -<p> -Richtig, da brüllte er wieder. -</p> - -<p> -Sie standen auf, traten ans Fenster und spähten, ob sie ihn vielleicht irgendwo -sehen könnten, denn der Mond schien; aber es war zwecklos, er lag auf einer der nahen -Inseln im Schilfe verborgen. -</p> - -<p> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -<a id="pagehdr-30" class="pagehdr" title="Der Capataz gibt seine Flinte nicht her"></a> -Carlos und Nicolás warteten, ob er sich nicht zum drittenmal hören ließe. Doch -es blieb still. -</p> - -<p> -Schräg vor ihnen am Himmel fiel langsam, einen langen Lichtstreifen hinter sich -ziehend, ein Meteor zur Erde. -</p> - -<p> -Carlos ergriff Nicolás Hand und die Knaben starrten in der Richtung. -</p> - -<p> -„Hast du dir was gewünscht?“ fragte Carlos mit unterdrückter Stimme. -</p> - -<p> -„Daß wir den Tiger erlegen!“ antwortete der jüngere Bruder. -</p> - -<p> -„Das gleiche habe ich mir von ganzer Seele gewünscht!“ antwortete der andere. -Dann schwiegen sie wieder. -</p> - -<p> -Endlich sagte Carlos: „Sieh, Nicolás, nun kann es nicht fehlen, wir werden den -Tiger schießen. Morgen gehen wir zum Capataz und er muß uns seine Flinte leihen, -und wenn ich acht Jahre alt bin, muß Papa mir eine kaufen.“ -</p> - -<p> -Sie blieben noch lange am Fenster, da sie viel zu aufgeregt waren, jetzt schon -schlafen zu gehen. Dann aber lag Carlos noch lange wach im Bett auf dem Rücken, -die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und dachte an den Tiger ... -</p> - -<p> -In der Frühe, wie sie aufstanden, war es bereits allgemein bekannt, daß sich in der -Nähe ein Jaguar aufhielt. -</p> - -<p> -Die Knaben gingen sofort zum Capataz, und Carlos sagte mit einer Miene, als -hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Tiger gejagt: „Leihe uns deine -Flinte, wir fahren nach den Inseln und wollen den Tiger töten!“ -</p> - -<p> -Der Capataz brach in Lachen aus: „Ich werde euch Flinte geben!“ und machte -eine Handbewegung durch die Luft. -</p> - -<p> -Sie gingen mit ihrem Gesuch zu anderen Leuten, die ein Gewehr hatten, wurden -aber überall gleich höhnisch abgewiesen. -</p> - -<p> -Nachmittags hörten sie, der Capataz und viele andere seien nach den Inseln gefahren, -um den Jaguar zu töten. Abends aber kehrten sie unverrichteter Sache zurück. -</p> - -<p> -Und es war ein Trost für die Knaben. -</p> - -<p> -Nachts hörte man wieder den Jaguar brüllen. Aber am Morgen ganz in der Frühe -weckte Carlos seinen Bruder: „Weißt du was, reiten wir zu Benito, er wird uns -sicher sein Gewehr leihen.“ -</p> - -<p> -Benito war Capataz auf dem Nachbargut und ein guter Freund von ihnen. -</p> - -<p> -Es waren jedoch sechs Meilen bis zu ihm und mittags wollten sie wieder zurück sein. -</p> - -<p> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -<a id="pagehdr-31" class="pagehdr" title="Der Jaguar brüllt wieder"></a> -In gestrecktem Galopp, mit kurzen Unterbrechungen, ritten sie die Hälfte des Weges, -ließen die Pferde ausschnaufen und machten dann gleich schnell die zweite Hälfte. -</p> - -<p> -Benito war mit einigen Knechten draußen bei den Herden, beschäftigt, neugekauften -Rindern die Marke aufzudrücken. -</p> - -<p> -Auf Feuern, die in Abständen brannten, glühten die Eisen. -</p> - -<p> -Die Tiere wurden mit dem Lasso gefangen, zu Boden geworfen und dann brannte -man ihnen die Namenszeichen des neuen Besitzers auf die Seite. -</p> - -<p> -„Leih uns dein Gewehr!“ rief Carlos, im Galopp auf Benito zureitend, der neben -einem niedergestreckten Stier stand. -</p> - -<p> -Carlos sprang vom Pferd und umarmte seinen Freund: „Gib es uns, wir wollen -einen Tiger schießen!“ -</p> - -<p> -„Tiger?“ lachte der Capataz, denn er wußte nicht, daß ein Jaguar heruntergeschwemmt -worden war, „die gibt es nur im Norden in Chaco!“ und war nicht zu -bewegen, ihnen das Gewehr zu leihen. -</p> - -<p> -Nachts stand Carlos in seinem Zimmer im Hemd am Fenster und brütete: am -Ende existiert der Tiger nicht mehr? Vielleicht hat man ihn heute geschossen?! -</p> - -<p> -Nicolás lag im Bett, hatte bereits begonnen, sich in das Unvermeidliche zu fügen -und sprach zu seinem Bruder: „Nimm es nicht so schwer; wenn wir groß sind, gehen -wir nach dem Gran Chaco und töten viele Tiger.“ -</p> - -<p> -Das war aber kein Trost für Carlos. Nicolás war eingeschlafen; Carlos lag am -Fenster und brütete. -</p> - -<p> -Plötzlich ergriff er seinen Bruder am Arm und rüttelte ihn: -</p> - -<p> -„Hast du gehört?! Er lebt, da brüllt er wieder!“ -</p> - -<p> -Das Brüllen kam von ganz fern, das viele Schießen hatte den Jaguar vertrieben. -</p> - -<p> -„Da brüllt er wieder!“ murmelte Nicolás schlaftrunken und schlief wieder ein. -</p> - -<p> -Aber Carlos hielt es nicht länger im Zimmer aus. „Ich kann nicht schlafen, ich reite -aus“, sagte er sich, die Tränen, die ihm in die Augen stiegen, hinunterwürgend, „und -wenn mich auch der Tiger verschlingt.“ -</p> - -<p> -Er zog sich an, nahm den Sattel mit und ging nach der Umzäunung, wo die Pferde -waren. -</p> - -<p> -Sein Ponny schlief stehend mit etwas gesenktem Kopfe; als Carlos sich näherte, -erwachte es und machte eine Bewegung nach der Seite, Carlos ergriff es bei der -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -<a id="pagehdr-32" class="pagehdr" title="Ein großer unbekannter Fisch löst sich vom Grunde"></a> -Mähne, das Tier erbebte, Carlos warf ihm die Zügel um den Hals und das Pferd -ergab sich in sein Schicksal. -</p> - -<p> -Ein paar Minuten später sprengte er in die Pampa hinein, bis das Herrschaftsgebäude -und die Parkanlagen in der Nacht verschwanden. -</p> - -<p> -Er warf sein Pferd nach rechts und sprengte in der Richtung des Paraná, an einer -Straußenhenne, die mit ihren Kücken floh, vorbei und an zwei jungen schlafenden -Stieren, die, sich aufrichtend, ihm feindselig nachstarrten. -</p> - -<p> -Am Flusse angekommen, stieg Carlos vom Pferde, koppelte dessen beide Vorderbeine -fest und zog sich aus. Er wollte baden. -</p> - -<p> -Der Mond stand ziemlich hoch am Himmel, in der Ferne schwamm undeutlich ein -langer, schwarzer Streifen, es waren die Parkanlagen ... -</p> - -<p> -Der Ritt, das laue Flußwasser hatten Carlos beruhigt. -</p> - -<p> -Er legte sich nahe am Ufer in den Schlamm, der sich wie eine weiche Decke an seine -Glieder schmiegte, steckte Mund und Nase zum Wasser heraus und sagte sich, er läge -zu Hause in seinem Bett. -</p> - -<p> -Dann spazierte er nach der Mitte des Stromes zu, eine gute Strecke weit, bis das -Wasser sein Kinn berührte. Dann schwamm er. Einmal tauchte er nach dem Grund -unter, öffnete plötzlich die Augen und es war ganz seltsam hell um ihn, weil der Mond -hinein schien. -</p> - -<p> -Seine Glieder leuchteten, es ward ihm unheimlich. Vom nahen Grunde löste sich -schnappend ein seltsames Ungetüm, irgend ein großer, unbekannter Fisch. Ein Grausen -packte ihn, er schloß krampfhaft die Augen, arbeitete sich nach oben und schwamm -zurück, mit einem Mal erfüllt von einem Gefühl furchtbarster Verlassenheit. -</p> - -<p> -Am Ufer angelangt, schlüpfte er, naß, wie er war, in seine Kleider und ritt in gestreckter -Karriere zum Gut zurück ... -</p> - -<p> -Es war am Morgen. Carlos war soeben erwacht und sein erster Gedanke war der -Tiger. -</p> - -<p> -Da hörte er vor seinem Fenster unten Stimmen. Der Franzose Dupont, der auf -einem nahen Gut, das aber vom Fluß entfernt war, auf Besuch und ein Freund -des hiesigen Verwalters war, sprach zum Gaucho Gonzales: „Ich kann mich verlassen, -die Kanoe ist gut?“ und sah auf den Eimer, den dieser in der Hand hielt. -</p> - -<p> -„Sie ist gut“, antwortete trocken Gonzales. -</p> - -<p> -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -<a id="pagehdr-33" class="pagehdr" title="Die Kanoe hat ein nicht unbeträchtliches Loch"></a> -„Also auf! wir werden ihn schon noch aufstöbern!“ rief Dupont. -</p> - -<p> -Mit zwei Sprüngen war Carlos am Fenster; er wußte, um was es sich handelte. -</p> - -<p> -„Dupont!“ schrie er, „nimm uns mit, ich bitte, nimm uns mit. Wir wollen ja nicht -schießen; wir wollen nur dabei sein, wenn du den Tiger tötest!“ -</p> - -<p> -Dupont blickte etwas überrascht hinauf. Er stand auf sein Gewehr gestützt, in -Poncho und Chiripá, wie ein Gaucho. -</p> - -<p> -Nicht ohne Feierlichkeit erwiderte er: „Euch kleine Bengels, euch soll ich auf eine -Jagd mitnehmen, auf der man sein Leben riskiert?!“ -</p> - -<p> -Pause. -</p> - -<p> -„Aber ihr gefallt mir, ihr seid beherzt. Ich, Dupont, auf meine Verantwortung -hin ... ich nehme euch mit!“ -</p> - -<p> -Carlos stieß einen Freudenschrei aus, daß Nicolás erwachte. -</p> - -<p> -„Warte vier Minuten noch!“ rief er, „wir ziehen uns an, ohne uns zu waschen!“ -</p> - -<p> -Die Knaben stürzten in ihre Kleider und standen knappe vier Minuten später in -ihren Matrosenanzügen und mit ungekämmten Köpfen bereit zur Tigerjagd. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Mes braves garçons</span>,“ entschlüpfte es Dupont auf französisch, „ihr dürft abwechselnd, -bis wir zur Kanoe kommen, mein Gewehr tragen, weil ihr so tapfere Bengels -seid.“ -</p> - -<p> -Stolz umklammerte Carlos das „Remington“, doppelt stolz, weil er glaubte, es sei -geladen, wie Dupont versicherte. -</p> - -<p> -„Ist die Kanoe auch wirklich gut?“ fragte der Franzose mit einem mißtrauischen -Blick auf den Eimer. -</p> - -<p> -„Gut genug“, sagte verächtlich der Gaucho. -</p> - -<p> -Als man am Flusse ankam, sah Dupont zu seinem nicht geringen Schrecken, daß -die Kanoe bis beinahe zur Hälfte mit Wasser angefüllt war. Kröten schwammen -darin herum, an den Wänden klebten Laubfrösche. -</p> - -<p> -Ohne eine Miene zu verziehen, begann Gonzales mit seinem Eimer das Wasser -herauszuschöpfen, wobei es sich herausstellte, daß unten ein nicht unbeträchtliches -Loch war. -</p> - -<p> -Dupont zögerte, in das Boot zu treten, Gonzales aber meinte, es mache nichts. -</p> - -<p> -Und so stieß man denn ab. -</p> - -<p> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -<a id="pagehdr-34" class="pagehdr" title="Carlos sieht was Braunes und Gelbes"></a> -Zuerst wurde das Ufer abgesucht. Der Franzose stand in der Mitte der Kanoe, -das Gewehr im Anschlag und spähte umher. Die Kanoe füllte sich mit Wasser; -Gonzales war fortwährend mit dem Eimer beschäftigt. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine emporgezogen. Ihre Gesichter -glühten vor Erwartung. -</p> - -<p> -„Endlich,“ sagte Carlos, „endlich werden wir den Tiger erschießen!“ -</p> - -<p> -Plötzlich schnellte er auf, daß der Kahn beinahe umgekippt wäre, klammerte sich -bebend an Dupont und zeigte krampfhaft nach dem Ufer: „Der Tiger ... schieß, -Dupont!“ -</p> - -<p> -Dupont, in maßloser Aufregung, feuerte ab. -</p> - -<p> -Der Rauch verzog sich, es war kein Tiger. -</p> - -<p> -„... die Blätter ... das Gras, und ich sah was Braunes und Gelbes, wahrhaftig, -ich glaubte ...“ stammelte Carlos. -</p> - -<p> -Dupont sagte nichts, er sah ihn an. Er schämte sich vor Gonzales, von dem er -wußte, daß er ihn verachtete. -</p> - -<p> -Das Absuchen des Ufers blieb erfolglos; man fuhr nach den Inseln unter allgemeiner -Besorgnis, das Boot würde nicht standhalten. -</p> - -<p> -Die erste Insel wurde nach allen Richtungen durchstreift, jedoch ohne Ergebnis. -</p> - -<p> -„Ich fürchte, wir schießen den Tiger nicht,“ sagte Carlos leise zu Nicolás, worauf -Nicolás erwiderte: „Sei ruhig, wir werden ihn schießen, erinnerst du dich nicht an -den Meteor?“ -</p> - -<p> -Man landete auf der zweiten Insel. Vorn ging der Franzose, hinter ihm Carlos, -dann Nicolás, und es folgte Gonzales, alle drei tief gebückt, wie es Dupont befohlen -hatte. -</p> - -<p> -Einmal rührte sich etwas im Schilf, Dupont schoß ab, und von der entgegengesetzten -Seite, von der Mitte der Insel zu, erhoben sich schreiend Wildgänse und strichen gen -Norden. -</p> - -<p> -Die Expedition auf der dritten Insel blieb gleichfalls erfolglos, und es war inzwischen -Mittag geworden, und die Hitze war kaum zu ertragen. -</p> - -<p> -Nachdem man auf Anraten von Gonzales die Kanoe ans Land gezogen hatte -und das Loch im Boden, so gut es ging, mit Gras und Schilf verstopft hatte, fuhr -man, um sich etwas auszuruhen und einen kleinen Imbiß zu nehmen, zum Italiener -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -<a id="pagehdr-35" class="pagehdr" title="Der Hammel wird in die Schwanzwurzel gekniffen"></a> -Barruchi, der weiter oben auf dem Festlande, nicht weit vom Ufer, seine Hütte -hatte. -</p> - -<p> -Als sie da ankamen, saß der Italiener auf einem Holzklotz und kaute Tabak; vor -ihm auf der Erde lag der Jaguar, den er heute erlegt hatte ... -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás waren starr, Dupont entsetzt, der Italiener lächelte mit selbstverständlicher -Miene, Gonzales lachte stumm in sich hinein ... -</p> - -<p> -Eine Stunde später aber trieb etwas, anzuschauen wie eine trübselige Jagdmaskerade, -den Strom herab: die Kanoe mit dem Franzosen Dupont, Carlos und -Nicolás und Gonzales. -</p> - -<p> -Mitten im Boot stand Dupont in seinem Gauchokostüm mit Poncho und Chiripá, -auf seine Flinte gestützt, die Füße im Wasser. Um seine Lippen war ein melancholischer -Zug. Das Boot war mit Reihern und Störchen und anderen Vögeln bis -zum Rand gefüllt, die er aus Wut und Verzweiflung geschossen hatte. Auch ein -Wasserhuhn war dabei, halb zerfleischt von der Remingtonkugel. Carlos und Nicolás -saßen nebeneinander, die Beine eingezogen. -</p> - -<p> -Vor ihnen Gonzales, abwechselnd rudernd und Wasser schöpfend. -</p> - -<p> -Lange hörte man nicht mehr das Brüllen eines Jaguars in der Gegend. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-5"> -Herr Dr. Bürstenfeger -</h3> - -<p class="first"> -Im Herbst war man in Buenos Aires. -</p> - -<p> -Es war Nachmittag, die Knaben befanden sich hinten im Stall und stifteten Unruhe -und Verwirrung unter den Pferden, zur unverhohlenen Wut Josés, des Knechtes. -</p> - -<p> -Als sie dann genug hatten, zogen sie einen Hammel, den sie vom Landgut mitgebracht -hatten, aus seinem Verschlage und banden ihn an einen Karren. Carlos -stieg auf, sein Bruder stand daneben und kniff den Hammel in die Schwanzwurzel, -damit er ziehen sollte. Das Tier drückte den Schwanz ein, machte einen jähen Satz, -und der Wagen warf um. -</p> - -<p> -Darauf hielt ihm Nicolás ein Büschel Weinblätter dicht vors Maul, und nun lief -der Hammel hinter ihm her; Carlos saß oben auf dem Karren und jauchzte. -</p> - -<p> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -<a id="pagehdr-36" class="pagehdr" title="Die Fingernägel wollen durchaus nicht weiß werden"></a> -Da ertönte laut von der Terrasse die Stimme des Kindermädchens, der Mulattin -Zenobia: „Kommt den Lehrer abholen!“ -</p> - -<p> -„Der Lehrer!“ murmelte Nicolás entsetzt und blieb stehen. -</p> - -<p> -Seit geraumer Zeit lag ihnen Herr Dr. Bürstenfeger, der künftige Hauslehrer, -beständig im Sinn. -</p> - -<p> -Vor einem Monat hatte er sich in Bremen aufs Schiff gesetzt, und acht Tage darauf -schon sagte der Papa: „Heute ist Herr Dr. Bürstenfeger in Lissabon angekommen, -ich habe es auf der Agentur erfahren.“ -</p> - -<p> -Man saß gerade bei Tische, der Diener, der auftrug, ein frecher Galicier, grinste -schadenfroh. -</p> - -<p> -Und wieder nach ungefähr acht Tagen sagte der Papa: „Jetzt ist er in Teneriffa.“ -</p> - -<p> -Gestern aber war er in Montevideo angekommen, und heute lag das Schiff draußen -auf der Rede von Buenos Aires, und alles grinste im Hause: Zenobia, die Mulattin, -Mauricio, der Galicier, der Gärtner, ein strenger Sachse, der Kutscher und vor allem -José, der Knecht ... -</p> - -<p> -Die Knaben brachten schnell Hammel und Wagen in den Verschlag und liefen -ins Haus, um sich anzuziehen. -</p> - -<p> -Sie stürmten die Treppe hinauf und erfüllten das Haus mit Stallgeruch, sie -hatten ein warmes Bad zu nehmen unter Aufsicht der Zenobia, sie rauften im Bade -und liefen dann nackt durch die Zimmer, Zenobia hinter ihnen her. -</p> - -<p> -Eine Stunde später aber standen sie mit leuchtend gewaschenen Gesichtern und -vor Aufregung knallroten Backen vor ihrer Mutter. Von ihren Köpfen, die wie -Schwarten glänzten, ging ein starker Duft von Eau de Quinin aus. -</p> - -<p> -Die Mama befahl, daß sie Handschuhe anziehen sollten, um ihre Nägel, die durchaus -nicht weiß werden wollten, vor Herrn Dr. Bürstenfeger zu verbergen. Carlos -tat es nur unter der Bedingung, daß sie ihm drei Knäuel Bindfaden für einen -Drachen versprach und ihm erlaubte, auf dem Rebgang herumzuklettern, was den -Trauben schadete, denn die Handschuhe machten ihn ganz wahnsinnig. -</p> - -<p> -Nun stand er da, die Arme ausgestreckt, die zehn Finger gespreizt und heulte. -</p> - -<p> -Dann fuhren sie mit Zenobia, die eine blendend weiße Schürze trug, zum Papa -ins Bureau. -</p> - -<p> -Er schrieb gerade einen sehr wichtigen Brief. -</p> - -<p> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -<a id="pagehdr-37" class="pagehdr" title="Auf der Landungsbrücke riecht es nach Pasteten"></a> -Carlos und Nicolás hatten sich eine halbe Stunde lang mäuschenstill zu verhalten, -sie taten es mit Schmerzen, aber dabei brummte der Papa die ganze Zeit, sie sollten -noch stiller sein. -</p> - -<p> -Als der Brief fertig war, wandte er sich streng an Carlos, der noch Tränenspuren -auf den Backen hatte: „Du hast geweint, warum?“ -</p> - -<p> -„Weil mich die Handschuhe ganz verrückt machen“, antwortete Carlos. -</p> - -<p> -„So ziehe sie doch aus“, meinte der Papa lächelnd. -</p> - -<p> -Carlos gehorchte und dachte: „Du hast doch einen guten Papa.“ -</p> - -<p> -Zenobia kehrte nach Hause zurück, und der Papa fuhr mit den Knaben nach der -Landungsbrücke. -</p> - -<p> -Es wimmelte da von Menschen; es roch nach Pasteten und Kuchen. Allerhand -Erfrischungen wurden feilgeboten, Schwärme von Fliegen summten. Irgendwo -spielte ein Orgelmann. Rechts und links dem Strand entlang flatterte Wäsche, und -Männer und Frauen hockten am Ufer und wuschen. -</p> - -<p> -Weit dehnte sich der La Plata mit seinem gelb-trüben Wasser, es wimmelte von -Segeln, Flußdampfer lagen weiter draußen vor Anker, und am Horizont sah man -die Rauchsäulen der überseeischen „Steamer“ aufsteigen. -</p> - -<p> -Es war gerade Wassertiefstand. Selbst am Ende der Landungsbrücke, die sich ein -paar hundert Meter weit in den Fluß hinaus erstreckte, war das Wasser nicht höher -als zwei Fuß. Es fuhren Karren darin herum, die Fuhrleute knallten mit ihren -Peitschen nach Kundschaft, gerade wie Droschkenkutscher. -</p> - -<p> -Man stieg in einen Karren und wurde zu einer Barke befördert, die einen bis -zum kleinen Dampfer der Agentur brachte. -</p> - -<p> -Nun folgte eine Fahrt von zwei Stunden, bald jedoch verschwanden die Ufer im -Horizont. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás sahen heute zum erstenmal ein überseeisches Schiff, aber sie -hatten sich ein solches viel größer vorgestellt und waren enttäuscht. -</p> - -<p> -Doch ihre Aufmerksamkeit wurde bald abgelenkt durch die Sorge, wie ihr Lehrer -wohl aussehen möchte. -</p> - -<p> -Dort oben auf Deck stand am Geländer dichtgedrängt ein Haufen Menschen. -Viele schrieen und gestikulierten nach dem Dampfer der Agentur hinunter, wo ebenfalls -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -<a id="pagehdr-38" class="pagehdr" title="Die grüne Reisetasche ist mit Veilchen und Rosen bestickt"></a> -am Geländer sämtliche Passagiere standen, daß er sich bedenklich nach der Seite -neigte, und schrieen und gestikulierten hinauf. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás blickten gespannt nach oben, ob sie nicht vielleicht den Lehrer -erkannten, wie Zenobia ihn geschildert hatte: als einen Mann, stark und gewaltig, -mit einem langwallenden Bart, zornfunkelnden Augen und einem furchtbaren Stock -in der Hand; aber sie erkannten keinen solchen Mann, und Carlos sagte leise zu -Nicolás: „Ich sehe ihn nicht“, und Nicolás erwiderte: „Wo ist er wohl?“ -</p> - -<p> -Oben wurde das Fallreep heruntergelassen. Carlos und Nicolás erstiegen mit -ihrem Papa und einem großen Teil der Passagiere den Bauch des Kolosses. -</p> - -<p> -„Können Sie mir nicht vielleicht einen Herrn Dr. Bürstenfeger zeigen?“ fragte -der Papa einen Herrn in blauer Uniform mit einer Pfeife im Mund, der auf einer -Bank saß und der aufgeregten Gesellschaft teilnahmslos den Rücken zukehrte. -</p> - -<p> -Er verneinte und zeigte auf einen anderen Herrn in Uniform, dieser nickte, wies -wieder auf einen anderen Herrn mit einem äußerst milden Gesicht, der einen Regenschirm -in der Rechten hielt und in der Linken eine grüne Reisetasche, auf der Veilchen -und Rosen gestickt waren, mit einem Nickelverschluß, der in der Sonne funkelte, und -sagte laut: „Herr Dr. Bürstenfeger ...“ -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás waren starr. -</p> - -<p> -So also sah Herr Dr. Bürstenfeger aus? Er war nicht fürchterlich, er trug keinen -gewaltigen Stock in der Hand, er hatte keinen gewaltigen Bart. -</p> - -<p> -Das war der Lehrer?! Sie faßten es nicht. -</p> - -<p> -Nachdem man sich gegenseitig vorgestellt hatte und einige Worte ausgetauscht, -stieg man wieder das Fallreep zum kleinen Dampfer hinunter. -</p> - -<p> -Während der Heimfahrt unterhielt sich der Lehrer meistens mit dem Papa. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás verbrachten die Zeit damit, Herrn Dr. Bürstenfeger aufmerksam -zu betrachten. -</p> - -<p> -Sein Anzug war schwarz, die Krawatte war schwarz, der Kragen niedrig, die -Manschetten mit den Knöpfen aus Elfenbein, auf welchen die Initialien RB standen, -ragten ziemlich weit aus den Ärmeln heraus. -</p> - -<p> -Sein hoher steifer Hut war mit dem Gummiband an dem obersten Knopf der -Weste befestigt, obgleich sich kaum ein Lüftchen regte. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/038a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -<a id="pagehdr-39" class="pagehdr" title="„Der Bart wird ihm schon noch wachsen!“"></a> -Carlos beobachtete sein Gesicht und überlegte, ob es vielleicht doch ein sehr -grimmiges Aussehen haben könnte, wenn er einen Bart trüge, wie ihn Zenobia -geschildert hatte. Er schloß die Augen, um sich das zu vergegenwärtigen, aber es -gelang ihm nicht, trotz aller Mühe. -</p> - -<p> -Es war eine Weile Stillschweigen, und Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich an die -Knaben; er sprach mit mildem Ernste: „Es wird euch nicht unbekannt sein, Karl -und Nikolaus, daß hier der La Plata, an dem eure Heimatstadt erbaut ist, einer der -imposantesten Ströme der Welt ist?“ -</p> - -<p> -„Ja, ja“, antworteten Carlos und Nicolás, wußten jedoch nicht, was sie weiter -sagen sollten. -</p> - -<p> -„Was eure Heimatstadt anlangt,“ fuhr Herr Dr. Bürstenfeger fort, „so werdet -ihr wissen, daß ihr Umfang dem der französischen Hauptstadt Paris nahekommt, -und daß diese Tatsache darauf zurückzuführen ist, daß eure Häuser, mit wenigen -Ausnahmen, alle sehr niedrig sind.“ -</p> - -<p> -„Woher wissen Sie das, waren Sie schon in Buenos Aires?“ fragte Carlos begierig. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger lächelte: „Gewiß nicht, ich kenne von Südamerika nur -flüchtig einige wenige Häfen, die ich auf dieser Reise berührt habe, aber das ist Sache -des Studiums, der Bildung, Karl ...“ -</p> - -<p> -So gelangte man wieder bis zur Barke zurück, worauf man nochmal auf die -Karren stieg. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf über diese originelle Beförderungsart; -er hatte darüber noch nichts gelesen. -</p> - -<p> -Auf der Landungsbrücke nahm er mit Erlaubnis des Papas die Knaben bei der Hand, -Carlos rechts, Nicolás links. Man ging bis zum Wagen und fuhr dann nach Hause. -</p> - -<p> -Dort begab sich Herr Dr. Bürstenfeger, von Nicolás begleitet, auf sein Zimmer, -und Carlos lief aufgeregt zur Zenobia. -</p> - -<p> -„Du verfluchte Schwarze,“ schrie er, „warum hast du mich angelogen; er hat ja -gar keinen langen Bart?!“ -</p> - -<p> -Worauf Zenobia mit höhnischem Lachen antwortete: „Paß auf, der Bart wird -ihm schon noch wachsen!“ -</p> - -<p> -Eine halbe Stunde später wurde der Lehrer mit der Mama bekannt gemacht, -und dann war es Zeit zum Abendessen. -</p> - -<p> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -<a id="pagehdr-40" class="pagehdr" title="Deutschland verliert immer gegen Argentinien"></a> -Carlos und Nicolás saßen zu beiden Seiten von Herrn Dr. Bürstenfeger. Die -Unterhaltung war sehr lebhaft, an der sich aber die Knaben nicht beteiligten. Sie -ihrerseits sprachen laut von Sachen, die mehr Interesse für sie hatten: von Pferden -und Schafen und Ziegen, von Gänsen, Hühnern und Hahnenkämpfen, und Herr -Dr. Bürstenfeger schaute manchmal mit leisem Erstaunen auf sie, aufs höchste aber -erstaunte er darüber, daß, wenn ihnen ein Gericht nicht schmeckte, sie es einfach -weitergehen ließen, ohne daß Papa und Mama etwas sagten ... -</p> - -<p> -Nach dem Essen nahm der Lehrer Carlos und Nicolás bei der Hand und ging mit -ihnen in den Garten. -</p> - -<p> -Er blieb plötzlich stehen und sagte sehr ernsthaft: „Karl und Nikolaus, ein neuer -Abschnitt geht in eurem Leben an. Eure braven Eltern werden euch hinlänglich -unterrichtet haben, was mein Eintritt hier in diesen Kreis für euch bedeutet. Karl -und Nikolaus, euch wie mir sind Pflichten auferlegt ... Ich bitte euch mit ganzer -Seele, seid mir stets gehorsam, lügt niemals ... ja, lügt niemals, denn seht, nichts -auf der ganzen Welt ist häßlicher, verabscheuungswürdiger. Bei den alten Germanen -machte kein Laster den Mann verächtlicher, und Deutsche sind Germanen, merkt -euch, Karl und Nikolaus. Euer Vater ist ein Deutscher, ihr seid Deutsche ... Sagt, -wollt ihr euch bestreben, gute Deutsche zu sein?“ -</p> - -<p> -Hier machte Herr Dr. Bürstenfeger eine Pause. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás, verwirrt über diese ungewohnte Rede, schwiegen. -</p> - -<p> -Wenn auch manchmal der Papa mit ihnen deutsch sprach, waren sie doch Argentinier, -dachten sie. -</p> - -<p> -Carlos erwiderte endlich: „Aber Deutschland verliert doch immer gegen Argentinien?!“ -</p> - -<p> -„Wieso, Karl?!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger überrascht. -</p> - -<p> -Carlos wußte nicht recht, wie er diese Behauptung begründen sollte. Es war ihm -nur eingefallen, daß er neulich mit seinem Freunde Pedro Kestner Krieg gespielt -hatte, Pedro hatte eine deutsche Fahne in der Hand gehalten und war Deutschland -gewesen, und Carlos hatte eine argentinische Fahne gehalten und war Argentinien -gewesen. -</p> - -<p> -„Und da ist Pedro auf dem Bauch gelegen,“ erzählte Carlos, „und ich stand mit -dem einen Fuß auf seinem Rücken und hatte gesiegt. Papa und Mama haben zugeschaut, -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -<a id="pagehdr-41" class="pagehdr" title="Die Macht der Gewohnheit im offenen Felde"></a> -und Alberto Hanfstett war auch dabei und auch der Papa von Pedro. Der -lachte auch, aber nicht so sehr.“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem leisen Lächeln, wollte dann etwas -erwidern, ließ aber klug für heute das Thema fallen. -</p> - -<p> -Schweigend gingen sie weiter. -</p> - -<p> -Carlos, den die Stille drückte, sagte endlich: „Ich will Argentinier sein, aber ich -will mir Mühe geben, auch ein guter Deutscher zu sein.“ -</p> - -<p> -Und Nicolás sagte: „Ich will auch ein wenig ein guter Deutscher sein!“ -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-6"> -Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger -</h3> - -<p class="first"> -Der Hauslehrer sagte zu Carlos und Nicolás: „Ihr dürft wie zuvor allein ausreiten, -nur um eines bitte ich euch inständig, reitet niemals mehr Karriere, ich -bin für euer Wohl und Wehe verantwortlich und muß einstehen, wenn ihr Schaden -nehmt.“ -</p> - -<p> -Der Ton, in dem Herr Dr. Bürstenfeger das sagte, zeugte von bestimmter Erwartung, -war aber im übrigen milde. -</p> - -<p> -Die Knaben fühlten beide: „So frei, wie wir früher waren, sind wir nun freilich -nicht“, aber sie waren erfüllt von dem guten Willen, sich ihm zu unterwerfen, da -sie sich ihn ja weit schlimmer vorgestellt hatten und außerdem Zenobia bestimmt -wußte, man würde einen anderen Lehrer anstellen, wenn sie diesem nicht gehorchten, -und der wäre dann wirklich fürchterlich. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás antworteten: „Wir werden nicht Karriere reiten“, aber als -sie knappe zehn Minuten fort waren, erreichten sie das offene Feld, und schon rein -aus Macht der Gewohnheit ließen sie den Pferden die Zügel schießen und ritten -Karriere. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger aber war mit seinem Operngucker auf das flache Dach -des Hauses gestiegen und war Zeuge ihres Ungehorsams. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus,“ sagte er, als sie zurück waren, mit gedämpfter Traurigkeit -in der Stimme, „habt ihr Karriere geritten?“ -</p> - -<p> -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -<a id="pagehdr-42" class="pagehdr" title="„Er ist ein guter Mann, der Herr Dr. Bürstenfeger!“"></a> -Carlos und Nicolás senkten die Köpfe und antworteten nichts. -</p> - -<p> -„Zeigt ihr euch so?! ...“ fuhr Herr Dr. Bürstenfeger mit wachsender Traurigkeit -fort. „Ich schäme mich für euch, Karl und Nikolaus; geht, wascht euch die Hände, -es ist Zeit zum Abendessen!“ -</p> - -<p> -Wie sie aber zu Bett gebracht worden waren, kam er wie jeden Abend noch, gab -ihnen den Gutenachtkuß auf die Stirn, drückte ihnen leise die Hand und dachte: -„Auch ihr leidet um eures Ungehorsams willen, Karl und Nikolaus.“ -</p> - -<p> -Anfangs waren sie wirklich ein wenig beschämt gewesen, hatten sich aber schon lange -wieder erholt und waren jetzt nur von dem einen Gefühl erfüllt: Er ist ein guter -Mann, der Herr Dr. Bürstenfeger! -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger jedoch ging ins Musikzimmer, wie immer zu dieser Stunde, -und phantasierte, bevor er auch schlafen ging. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás aber lauschten mit offenen Augen, und als er geendet hatte, -sagte der Ältere: „Wie seltsam, wenn Herr Dr. Bürstenfeger spielt, denke ich mir -alles Schöne aus, was kommen wird, wenn ich groß bin, und ich mache weite Reisen -in Ländern und auf Meeren, und wenn er aufgehört hat, versuche ich es weiter, -aber es ist dann lange nicht mehr so schön.“ -</p> - -<p> -„Seltsam,“ meinte Nicolás, „wie du das nur so sagst; ganz das gleiche fühle ich -auch! ...“ -</p> - -<p> -Bald nachher waren sie beide eingeschlafen ... -</p> - -<p> -Über einen Monat schon war der Hauslehrer in Buenos Aires, vor etwa drei -Wochen hatte der Unterricht begonnen. -</p> - -<p> -Jeden Morgen um halb sieben klopfte Herr Dr. Bürstenfeger dreimal vernehmlich -an Carlos’ und Nicolás’ Türe, die Knaben sprangen aus den Betten und zogen -sich an. -</p> - -<p> -Dann ging es hinunter zum Frühstück. -</p> - -<p> -Bisher waren die Knaben gewohnt, des Morgens Kaffee zu trinken, auf Herrn -Dr. Bürstenfegers Veranlassung tranken sie jetzt Kakao. -</p> - -<p> -Früher war das Frühstück in zwei Minuten erledigt gewesen, jetzt saß man über -eine Viertelstunde bei Tisch. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger, der an einem sehr schlechten Magen litt, pflegte äußerst -langsam und umständlich zu kauen und stellte das gleiche Ansinnen an Carlos und -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -<a id="pagehdr-43" class="pagehdr" title="Carlos fehlt jeder Sinn für die Rechenkunst"></a> -Nicolás, die großartige Magen hatten, und er war gezwungen, sie jeden Augenblick -zu ermahnen, da sie immer wieder seine Vorschrift vergaßen. -</p> - -<p> -Nach dem Frühstück machten sie einen dreiviertelstündigen Spaziergang. Herr -Dr. Bürstenfeger ging in der Mitte und hielt die Knaben an der Hand. -</p> - -<p> -Dann folgte der Unterricht. Er fand in einem dafür hergerichteten Zimmer statt, -in dem eine Schulbank stand und eine große schwarze Tafel mit einem Schwamm. -</p> - -<p> -Zuerst kam das Rechnen, weil die Gehirne noch unverbraucht waren. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger stellte die Rechenmaschine vor sich auf den Tisch und fragte: -„Karl, wieviel ist 3 + 2?“ -</p> - -<p> -Pause — Carlos schwieg. -</p> - -<p> -Carlos streckte unwillkürlich die Hand nach der Maschine aus. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger schlug ihn leise auf die Finger. -</p> - -<p> -Da mußte Nicolás antworten, und er wußte es. -</p> - -<p> -„Karl, wieviel ist 3 + 1?“ -</p> - -<p> -Carlos streckte die Hand nach der Maschine aus. -</p> - -<p> -„Sei gehorsam, Karl!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger und richtete sich ein wenig -auf, wobei er etwas rot wurde. -</p> - -<p> -Carlos schwieg ratlos. -</p> - -<p> -„3 + 1“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, wandte sich halb ab, summte irgend etwas -und tat, als interessiere ihn zugleich die Fensterscheibe. -</p> - -<p> -Nochmal griff Carlos nach der Maschine, er hatte den Kopf vollkommen verloren. -Er berührte zitternd drei Kugeln und dann noch eine, und das waren vier. Es fehlte -ihm nämlich jeder Sinn für die Rechenkunst. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger aber ging im Zimmer auf und ab und murmelte: „Es kann -nicht böser Wille sein!“ -</p> - -<p> -Nachher kam das Lesen. Da war Carlos schon ganz anders. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger schrieb ein großes U an die Wandtafel. -</p> - -<p> -„Karl, was für ein Buchstabe ist das?“ -</p> - -<p> -„U!“ rief Carlos, er erinnerte sich ganz deutlich, daneben auf der Fibel einen -Uhu gesehen zu haben. -</p> - -<p> -„Richtig! Und das?“ Er schrieb ein I hin. -</p> - -<p> -„I!“ rief Carlos, ganz deutlich sah er einen Igel daneben. -</p> - -<p> -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -<a id="pagehdr-44" class="pagehdr" title="Heute gibt es Hirn"></a> -„Bravo!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und schrieb ein E hin. -</p> - -<p> -„E!“ sagte Carlos. Ganz deutlich sah er einen Esel daneben. -</p> - -<p> -„Merkwürdig, merkwürdig,“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger, „wie seltsam bei -ihm die Elemente auseinandergehen; individuelles Verfahren tut hier wohl not!“ -</p> - -<p> -Nach dem Lesen war größere Pause. Dann öffnete der Lehrer die Türe nach der -Terrasse, und es kam Freiturnen: „Beinstrecken“, „Kniebeugen“, „Fußwippen“, -„Mähen“, „Holzhacken“ usw. Diese Übungen begleitete Herr Dr. Bürstenfeger mit -seinem eigenen Beispiel. -</p> - -<p> -Daran schloß sich eine Art höheren Anschauungsunterrichtes im Garten an. -</p> - -<p> -„Was ist das für eine Blume?“ fragte der Lehrer und zeigte auf ein Beet. -</p> - -<p> -„Nelke!“ riefen Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -„Nelke“, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Sie gingen einige Minuten schweigend weiter: „Was ist das für eine Frucht?“ -</p> - -<p> -„Granatapfel!“ riefen sie. -</p> - -<p> -„Granatapfel“, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Das ist ein Säugetier“, sagte er plötzlich sehr bestimmt und zeigte auf einen Wurm. -Er wollte sie irreführen. -</p> - -<p> -„Nein, kein Säugetier!“ riefen beide triumphierend aus. Das wußten sie doch -zu genau. -</p> - -<p> -Nach dem Anschauungsunterricht hatten sie frei, und dann kam das Mittagessen. -</p> - -<p> -Heute gab es Hirn. Über fünf Wochen schon hatte es keines mehr gegeben. -</p> - -<p> -„Herr Dr. Bürstenfeger, wir können kein Hirn essen!“ sagten sie kläglich. -</p> - -<p> -Der Lehrer blickte abwechselnd beide Knaben an und kaute zu Ende. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus, tut mir den Gefallen, mäkelt nicht!“ antwortete er nicht ohne -Milde, aber bestimmt. -</p> - -<p> -Die Knaben blickten flehentlich nach der Mama. -</p> - -<p> -Die Mama zeigte mit den Augen auf Herrn Dr. Bürstenfeger, sie durfte sich nicht -einmischen. -</p> - -<p> -Nicolás sah seinen Bruder ermutigend an, und beide würgten das Hirn hinunter, -daß ihnen die Tränen auf die Teller fielen. -</p> - -<p> -Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten <a id="corr-3"></a>eine Hütte, machten -Pfeile und Bogen, um Indianer zu spielen, oder fuhren auf ihren Karren herum. -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -<a id="pagehdr-45" class="pagehdr" title="Das Allerschönste vom ganzen Schultag"></a> -Manchmal nahm Carlos ein Blatt Papier und einen Bleistift zur Hand und versuchte -nach der Natur zu zeichnen, eine Baumgruppe oder sonst etwas. Das wollte er -einrahmen lassen und der Mama zu ihrem Geburtstag für den Salon schenken. -</p> - -<p> -„Komisch,“ sagte Nicolás, „wenn man deine Bilder von ganz nah ansieht, erscheinen -sie schlecht, stellt man sich aber weiter weg, so kommen sie einem besser vor.“ -</p> - -<p> -Carlos war nicht sehr erfreut über diese Kritik. Er hatte es nicht so gemeint. -</p> - -<p> -Von zwei bis vier war in der Regel Schule, heute aber nur bis drei, denn es fand -der „große Spaziergang“ statt. -</p> - -<p> -Es gab heute Schreiben, was die Knaben sehr liebten. Sie hatten dicke und dünne -Striche zu ziehen, gerade und schiefe. Besonders die dicken Striche machten ihnen -Freude, weil es ihnen angenehm war, auf den Bleistift zu drücken. -</p> - -<p> -Das dauerte aber nur eine halbe Stunde, und dann kam das Allerschönste vom -ganzen Schultag. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger las ihnen eine Geschichte vor, die mußten sie dann wiedererzählen. -</p> - -<p> -Heute war es die Schilderung eines Turniers aus einem mit herrlichen Bildern -geschmückten Sagenbuch. -</p> - -<p> -Die Folge dieser Vorlesung ahnte Herr Dr. Bürstenfeger nicht, Carlos und Nicolás -waren ganz aufgelöst. -</p> - -<p> -Verschiedene Male war er nahe daran, das Buch zuzuklappen, so aufgeregt benahm -sich Carlos. -</p> - -<p> -„Weißt du was,“ sagte dieser nach der Schule zu Nicolás, „sobald wir vom großen -Spaziergang zurück sind, veranstalten wir zusammen ein Turnier.“ -</p> - -<p> -Und Nicolás war damit aufs höchste einverstanden. -</p> - -<p> -Die „großen Spaziergänge“ aber dauerten mindestens bis um sechs. So hatte -es Herr Dr. Bürstenfeger eingerichtet. -</p> - -<p> -Heute schlugen sie den Weg nach der Stadt ein. Da für Carlos und Nicolás Schuhe -zu kaufen waren, wollte man die Gelegenheit benützen. -</p> - -<p> -Über eine Stunde gingen sie auf der großen breiten Straße. Herr Dr. Bürstenfeger -marschierte, den Blick geradeaus gerichtet, in langsamem, aber regelmäßigem -Tempo. Carlos und Nicolás gingen an seiner Hand mit gedämpfter Unzufriedenheit -auf ihren Mienen. -</p> - -<p> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -<a id="pagehdr-46" class="pagehdr" title="„Amerikanismus!“"></a> -Manchmal drehte sich ein Passant um und lächelte. -</p> - -<p> -Auch geschah es, daß irgendein Gassenjunge ihnen eine Hand voll trockenen Kotes -nachwarf. -</p> - -<p> -Carlos vergaß sich und wollte auf ihn eindringen. Herr Dr. Bürstenfeger aber -drückte strafend seine Hand und sagte: „Karl, kümmere dich nicht darum!“ -</p> - -<p> -So gelangte man bis zum Zentrum; hier waren die Straßen sehr eng, das Pflaster -zum Teil sehr holperig, überall roch es nach Gas, weil an der Leitung gearbeitet -wurde. Große, beladene Karren fuhren unter fürchterlichem Getöse langsam und -schwerfällig aneinander vorüber, die Tramways fuhren im Schritt, von Zeit zu Zeit -zu kurzem Trab einsetzend, mußten aber wieder jäh bremsen; die kleinen abgehetzten -Pampaspferde streckten sich in ihrer ganzen Länge, um den Wagen nochmal in -Bewegung zu bringen, eines stürzte und lag da mit vor Ermattung geschlossenen -Augen. -</p> - -<p> -Aus den offenen Magazinen drang der Geruch von Teer, von getrocknetem -Stockfisch. An einem Haustor stand ein Neger, einen Sack auf dem Kopf und keuchte. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger bahnte sich, Carlos und Nicolás an der Hand, einen Weg -durchs Gedränge, schüttelte den Kopf und murmelte: „Schon über 30 Advokatenschilder -in einer halben Stunde gezählt.“ -</p> - -<p> -Sie kamen bis zur Calle Florida. Dies war die Straße des eleganten Publikums -und der schönen Läden. -</p> - -<p> -Vor der Confiteria del Aguila stauten sich die Gecken. Elegante, schöne Frauen -gingen vorüber. Equipagen fuhren langsam in langer Reihe. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger blieb plötzlich stehen und sah zu einem Haus empor. Auf -dem Dache ragte eine Flasche, wohl über 8 Meter hoch. Die Flasche war aus Holz, -und der Name eines bekannten Likörs stand schräg darauf in Riesenlettern. -</p> - -<p> -„Amerikanismus!“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und stampfte leise mit dem -Fuß auf. -</p> - -<p> -Ein paar Minuten später traten sie in den Schuhladen ein. Als sie wieder herauskamen, -hatten Carlos und Nicolás strahlende Gesichter: jeder hielt einen eben geschenkten -Luftballon in der Hand. Sie schauten abwechselnd zu ihnen hinauf und -herab auf die neuen Schuhe, die sie trugen, und das erschwerte sehr das Gehen im -Gedränge. In einem fort mußte Herr Dr. Bürstenfeger ermahnen. -</p> - -<p> -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -<a id="pagehdr-47" class="pagehdr" title="Kritik der Trambahninsassen"></a> -Sowie sie aus dem ärgsten Gewühl heraus waren, zog Herr Dr. Bürstenfeger -seine Uhr und sagte: „Jetzt steigen wir in eine Tram und machen unseren versprochenen -Besuch bei der Familie Hanfstett.“ -</p> - -<p> -Der siebenjährige Alberto Hanfstett, ein bildschöner und verwöhnter Knabe, war -ein Freund von Carlos und Nicolás. Auch seine Mutter hatten sie von Herzen gern, -denn sie gab ihnen Kuchen und Bonbons, soviel sie nur wollten, und sie freuten sich -jetzt darauf. -</p> - -<p> -Seit vierzehn Tagen hatten sie auch dort einen Hauslehrer, einen gewissen Herrn -Klausroth, der mit der Absicht, sich dem kaufmännischen Beruf zu widmen, nach -Amerika gekommen war. Seine Anlagen aber waren rein pädagogische, und so hatte -er sich zum Kaufmann ungeeignet erwiesen. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger war nur einmal flüchtig mit ihm zusammengekommen, und -er sehnte sich, in nähere Beziehungen zu ihm zu treten. -</p> - -<p> -Auf der Trambahn verkürzten sich die Knaben die Zeit damit, daß sie die Insassen -einer heiteren Kritik unterzogen. -</p> - -<p> -„Sieht nicht unser Gegenüber so aus wie eine Ziege?“ fragte Carlos leise. -</p> - -<p> -Nicolás quiekte: „Großartig, ganz wie eine magere Ziege!“ -</p> - -<p> -Carlos fragte: „Schau dir mal den dort drüben an, sieht er nicht so aus wie ein -Huhn?“ -</p> - -<p> -Nicolás betrachtete ihn eine Weile mit naiver Unverblümtheit und bestätigte es -fröhlich. -</p> - -<p> -Carlos fand, daß ein kleiner dicker Herr, der seine Brille abgenommen hatte und -jetzt matt und müde dreinblickte, einem abgezäumten Pony glich; auch damit war -Nicolás sehr einverstanden. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger hatte einige spanische Worte, die er verstand, aufgefangen -und legte sich ins Mittel, denn er fand solche Vergleiche sehr unpassend. -</p> - -<p> -Hanfstetts bewohnten eine prächtige Villa in einer schönen, breiten Straße. -</p> - -<p> -Der Diener, der ihnen öffnete, geleitete sie bis zur Türe des Schulzimmers: „Der -Unterricht müsse schon zu Ende sein.“ -</p> - -<p> -Sie klopften, traten ein, aber es war noch Schule. -</p> - -<p> -Herr Klausroth stand vor der Schulbank, ein Buch in der Hand und sagte: -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">La mesa</span> der Tisch.“ -</p> - -<p> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -<a id="pagehdr-48" class="pagehdr" title="Alberto verhöhnt die deutsche Sprache"></a> -Unter der Bank aber hockte Alberto und sang trotzig zu einer selbst erfundenen -Melodie: „Ich will kein Deutsch lernen!“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">La mesa</span> der Tisch“, wiederholte Herr Klausroth mit einem zynischen Lächeln. -</p> - -<p> -Er durfte ihn nicht hauen, die Mama erlaubte es nicht. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Tschisch, tschisch</span>“, sagte Alberto. Das bedeutete Tisch und war eine Verhöhnung -der deutschen Sprache. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger, der anfangs nicht begriff, was da vorging, machte plötzlich -einen Schritt zurück und breitete abwehrend die Hände nach Carlos und Nicolás aus. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">La mesa</span> der Tisch“, sagte Herr Klausroth, lächelte, stampfte leise mit dem Fuß -auf und spielte mit fünf Fingern Klavier auf der Bank. -</p> - -<p> -Jetzt wollte Alberto sich vor Carlos und Nicolás zeigen. -</p> - -<p> -Er kroch unter der Bank heraus, verfügte sich auf allen vieren hinter eine lange -Gardine und war unsichtbar. -</p> - -<p> -Herr Klausroth folgte ihm. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">La mesa</span> der Tisch“, wiederholte er mit wachsendem Zynismus. -</p> - -<p> -Er rieb sich die Hände: „Ich darf ihn nicht hauen, ich haue ihn nicht! <span class="antiqua">La mesa</span> -der Tisch.“ -</p> - -<p> -Nun erfolgte gar keine Antwort. -</p> - -<p> -Herr Klausroth fuhr fort, sich die Hände zu reiben, und lachte laut; er schien ungemein -aufgeräumt zu sein. -</p> - -<p> -Alberto steckte den Kopf zur Gardine heraus und rief: „<span class="antiqua">Tschisch, tschisch, tschisch!</span>“ -</p> - -<p> -In dem Augenblick aber ging die Tür auf, und der Papa stand auf der Schwelle, -eine Gerte in der Hand. -</p> - -<p> -Er hatte geahnt, was vorging. -</p> - -<p> -Schnurstracks verfügte er sich zur Gardine, und was jetzt geschah, sahen weder -Herr Dr. Bürstenfeger noch Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -Bestürzt packte er sie bei den Händen und verließ mit ihnen das Haus. -</p> - -<p> -In ihrem Zimmer aber saß Albertos Mama und weinte, weil ihr Sohn Prügel -bekommen sollte. -</p> - -<p> -Sie war eine geborene Rodriguez, und auch sie haßte die deutsche Sprache ... -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger ging, Carlos und Nicolás an der Hand, die schöne breite Straße -entlang mit beschleunigten Schritten, weil die Erregung noch mächtig in ihm war. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/048a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -<a id="pagehdr-49" class="pagehdr" title="Carlos bückt sich nach einem Ziegelstein"></a> -Sie kamen an der herrlichen Villa der Familie Ilinares vorbei. -</p> - -<p> -Aus dem Gartenportale fuhr eine elegante Equipage heraus, in der das achtjährige -Töchterchen Julietta mit ihrer Gouvernante saß. -</p> - -<p> -Man grüßte. Carlos sagte zu Herrn Dr. Bürstenfeger: „Das hübsche Mädchen -ist meine Braut.“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem Lächeln: „Du kannst noch keine Braut -haben, Karl.“ -</p> - -<p> -„Warum nicht?“ -</p> - -<p> -„Weil du noch zu jung bist“, dabei drückte er kaum merklich seine Hand. -</p> - -<p> -„Bah!“ antwortete Carlos, „Alfredo Lopez, mein Freund, ist ein Jahr jünger -als ich, und hat acht Bräute.“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger antwortete nichts, runzelte aber stark die Stirn. -</p> - -<p> -In die schöne, breite Straße, auf der sie gingen, mündete eine andere, die stark -vernachlässigt war. -</p> - -<p> -Es war kein Trottoir und kein Pflaster da, außerdem versank man ein wenig in -den Kot. -</p> - -<p> -Irgendwo lag ein totes Pferd mit aufgedunsenem Bauch. -</p> - -<p> -Aasgeruch wehte herüber. -</p> - -<p> -„Brr!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, ließ Carlos’ Hand los und hielt sich die Nase zu. -</p> - -<p> -„Das ist noch gar nichts!“ rief Carlos und bückte sich nach einem Ziegelstein. „Passen -Sie auf, jetzt werfe ich, das Pferd platzt und dann stinkt es ganz fürchterlich!“ -</p> - -<p> -„Halt ein!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger, ließ seine Nase los, packte Carlos’ Hand -wieder und floh mit ihnen aus dem Bereich des Kadavers. -</p> - -<p> -Es waltete aber ein Unstern über dem heutigen Tage. Zu Hause angekommen, -sagte Carlos zu seinem Bruder: „Wir haben noch Zeit; jetzt führen wir unser Turnier -auf!“ -</p> - -<p> -In einer halben Stunde hatten sie aus Brettern zwei Schilde gezimmert; aus -Zeitungspapier machten sie primitive Helme, in die sie Hahnenfedern spießten. -</p> - -<p> -Zwei lange Stecken, an deren Spitzen ein Wedel war, womit man an den Decken -der Zimmer nach Spinngeweben suchte, verwandelten sie in Lanzen. -</p> - -<p> -Die Wedel aber wurden zum Kopfschmuck ihrer Ponys verwandt, denen sie -auch noch die Stalldecken umgelegt hatten. -</p> - -<p> -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -<a id="pagehdr-50" class="pagehdr" title="„Die Dicke“ flieht erschrocken mit der Kindertrompete"></a> -Ihrem vierjährigen Schwesterchen, die sie „die Dicke“ nannten, weil sie kugelrund -war, drückten sie eine Kindertrompete in die Hand. Sie war der Herold und mußte -zum Kampfe blasen. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás stiegen auf ihre Pferde; sie waren anzuschauen wie zwei -prächtige Ritter. Die Backen des Schwesterchens blähten sich, Carlos und Nicolás -stürmten aufeinander los, über die Beete. -</p> - -<p> -Wie sie ganz nahe beieinander waren, scheuten die Pferde und machten einen -Sprung auf die Seite, so daß sie unverrichteter Sache ein Stück weitertraben mußten. -</p> - -<p> -Wieder stellten sie sich auf, wieder wollten sie aufeinander eindringen. -</p> - -<p> -Schon kündigte die Schwester den Kampf an, als mit fliegenden Schößen eine -Gestalt daherkam: „Wehe euch, Karl und Nikolaus, haltet ein!“ -</p> - -<p> -„Halt ein!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger und war mit einigen Sprüngen am -Zügel von Carlos’ Pferd. -</p> - -<p> -„Die Dicke“ floh erschrocken mit der Kindertrompete. -</p> - -<p> -Carlos ließ die Lanze sinken. -</p> - -<p> -„Herunter!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger und machte mit beiden Zeigefingern -eine gebieterische Bewegung nach der Erde. -</p> - -<p> -Die Knaben stiegen ab, und ohne Schild und Lanze — Carlos hatte auch noch -seine Hahnenfeder verloren — folgten sie dem Lehrer in der Richtung des Hauses. -</p> - -<p> -Friedlich grasten die Ponys nebeneinander, während die Wedel auf ihren Köpfen -leise zitterten. -</p> - -<p> -Wetternd tauchte von der einen Seite der Gärtner auf und höhnend von der anderen -José, der Knecht ... -</p> - -<p> -Von nun an war Herr Dr. Bürstenfeger ungemein scharf in seinen Maßregeln. -</p> - -<p> -Wenn die Knaben ausritten, ging er neben ihnen zu Fuß auf dem Trottoir. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-7"> -Die Reise nach Mendoza -</h3> - -<p class="first"> -Das war eine schwere Zeit gewesen, viele Wochen hatte die Mama sehr krank im -Bette gelegen. Seit gestern erst durfte sie wieder ein wenig im Garten spazierengehen, -und heute hatte der Arzt bestimmt, daß sie in die Kordilleren hinauf sollte, -dort würde sie sich vollständig erholen. -</p> - -<p> -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -<a id="pagehdr-51" class="pagehdr" title="Im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn"></a> -Carlos und Nicolás mußten mit Herrn Dr. Bürstenfeger vorausreisen. Er hatte -im Auftrage der Eltern einiges mit Don Pablo Romero zu besprechen, der sich in -dieser Zeit in Mendoza aufhielt, ihnen aber sein Landgut oben am Fuße der Berge -beinahe ganz zur Verfügung gestellt hatte. Die wichtigen Teile in dieser Angelegenheit -wurden Herrn Dr. Bürstenfeger so oft und so nachdrücklich auseinandergesetzt, -daß er anfing, sich etwas beleidigt zu fühlen. Man hatte ihn nämlich im Verdacht, -ein wenig unpraktisch zu sein. -</p> - -<p> -Viel Mühe hatte er nun, Carlos und Nicolás zu beruhigen, die die Abreise mit -brennender Ungeduld erwarteten; wo sie auch waren, in der Schule, auf den Spaziergängen, -bei Tische, weilten ihre Gedanken in den fernen Bergen, die sie zum erstenmal -in ihrem Leben besuchen sollten, bei Maultieren, Pumas und Kondors. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger aber, der sich ein Bild von Land und Leuten machen wollte, -kaufte sich eine Karte und spanische und deutsche Bücher; die spanischen las er mit -Hilfe eines dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte. Die Karte -breitete er auf dem Tisch aus und spießte Stecknadeln auf Flüsse und Berge, Städte -und Dörfer, die ihn interessierten. -</p> - -<p> -Carlos brannte vor Neugier, zu wissen, was das zu bedeuten habe, wagte aber -nicht zu fragen, weil die Erläuterungen des Hauslehrers immer fürchterlich lang -waren ... -</p> - -<p> -Zehn Tage später saßen die drei im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn. Bald -hatten sie Buenos Aires mit seinen Lichtern, Schornsteinen, Vororten und Anlagen -hinter sich, und es umfing sie die weite Pampa. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás hatten schon lange keine Eisenbahnfahrt mehr gemacht, nach -dem Landgut reisten sie immer zu Schiff. In einem Schlafwagen aber waren sie -noch nie gefahren. -</p> - -<p> -Alles um sie her war neu und entzückte sie. Sie kletterten auf die Betten und -tasteten nach der Decke hinauf, die sie nicht erreichen konnten, sie berochen die -Wand, den Lederriemen an der Fensterscheibe, sogar die Reisetasche eines fremden -Herrn, bis Herr Dr. Bürstenfeger, der mit dem Gepäck beschäftigt war, es sah und -einschritt. -</p> - -<p> -Nach zehn Uhr ermahnte er sie, sich zum Schlafen niederzulegen. -</p> - -<p> -Das war eine neue Freude für die Knaben. -</p> - -<p> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -<a id="pagehdr-52" class="pagehdr" title="Der Zug hält an einer kleinen Pampastation"></a> -Der Hauslehrer war schon eingeschlafen, als sie sich das Versprechen abnahmen, -einander zu wecken, wenn einer von ihnen auch einschlafen sollte, was doch zu schade -wäre. Und so sahen sie, auf ihren Arm gestützt, zum Fenster hinaus, und als ihnen -das zu langweilig wurde, starrten sie zur Decke empor, wo über ihnen leise die -Lampe zitterte. Ganz hinten im Wagen schnarchte jemand von Zeit zu Zeit. Jedesmal -ließ dann ein anderer in seiner Nähe ein Wimmern oder ein Seufzen hören. -Herr Dr. Bürstenfeger aber lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust gefaltet, -und gab keinen Laut von sich. -</p> - -<p> -Endlich schliefen auch Carlos und Nicolás ein. Als sie erwachten, ging gerade die -Sonne auf, und zu beiden Seiten des Geleises lag ein Feld von Gerippen, Knochen -von Pferden und Rindern, die der letzte große Frost getötet hatte. In der Ferne -galoppierte ein Reiter. Dann verschwanden Reiter und Gerippe, der Zug fuhr an -einer Lagune vorbei, groß wie ein See, bevölkert mit Reihern und Störchen, Kibitzen -und Enten. Weit entfernt stand ein Ombú, am Horizont eine große Baumgruppe, -irgendein Landsitz. Und beide bewegten sich in ihrer Richtung. -</p> - -<p> -Herden von Straußen weideten nahe am Geleise, weiter hinten verbreitete sich -als großer, hellgrauer Fleck eine Schafherde. -</p> - -<p> -Dann erschienen Rinder und Pferde. Sie trabten manchmal bis dicht ans Geleise -heran und flohen wieder zurück, die Rinder mit erhobenen Schweifen, die Pferde -mit steilen Mähnen. -</p> - -<p> -Der Zug hielt an einer kleinen Pampastation. Eine Dame stieg in den vorderen -Wagen, eine Provinzlerin in bunten Farben, sie hatte sich für die Reise aufgeputzt. -Eine fette alte Indianerin in einem geblümten Kattunkleid bot Fleischpasteten feil, -verkaufte aber nichts, weil die Passagiere noch schliefen. -</p> - -<p> -Neben der Station stand ein Tilbury mit zwei abgetriebenen Gäulen. Sie schlugen -mit den kotigen Schwänzen nach den ersten Fliegen, die ihnen der heiße Sommertag -brachte. In einiger Entfernung sauste die Post heran, in eine Staubwolke gehüllt. -Zwölf Pferde waren davorgespannt. -</p> - -<p> -Der Zug fuhr weiter. -</p> - -<p> -Man stand auf und trank den Kaffee im Restaurationswagen. Als Carlos und -Nicolás zurückkehrten, hatte sich der Schlafwagen zu ihrem nicht geringen Erstaunen -vollständig verändert, an der Stelle der Betten standen Stühle. -</p> - -<p> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -<a id="pagehdr-53" class="pagehdr" title="Seltsame und tiefsinnige Gespräche"></a> -Bis zum Abend ringsum das gleiche Bild: Rinder, Pferde, Schafe, Strauße und -die weite Pampa. -</p> - -<p> -Aber Carlos und Nicolás langweilten sich nicht. Sie verstanden, sich die Zeit auf -ihre Weise zu vertreiben. Sie zählten z. B. die gescheckten Rinder, die gescheckten -Pferde und schwarzen Schafe, die sie sahen, und wer mehr gezählt hatte, hatte -gewonnen. -</p> - -<p> -Oder sie führten seltsame Gespräche miteinander. Carlos fragte tiefsinnig: „Was -möchtest du lieber sein, wenn man dich wählen ließe, der Mann, der dort in der Ferne -reitet, oder dieser Herr im Staubmantel auf dem Perron?“ Und Nicolás antwortete, -nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: „Lieber dieser Herr, denn er ist kein Gaucho -und braucht niemandem zu dienen.“ -</p> - -<p> -Carlos entgegnete: „Aber der Gaucho kann reiten, so viel er will, vom Morgen -bis zum Abend.“ -</p> - -<p> -Darauf wußte Nicolás nichts zu erwidern. -</p> - -<p> -Dann gaben sie diesem Frage- und Antwortspiel eine scherzhafte Wendung. Carlos -fragte: „Was möchtest du lieber sein, der Stuhl, auf dem du sitzest, oder der Stuhl, -auf dem ich sitze<a id="corr-5"></a>?“ -</p> - -<p> -Da griff gewöhnlich Herr Dr. Bürstenfeger in diese Unterhaltung ein, weil er sie -zu albern fand, und schlug etwas Nützlicheres vor. Er holte einen Band Fabeln oder -ein Märchenbuch aus seiner Reisetasche und las den Knaben vor. -</p> - -<p> -Damit waren sie auch einverstanden, und mit pochenden Herzen und roten -Gesichtern hörten sie zu, und ihre Blicke hingen an seinen Lippen. -</p> - -<p> -Bei besonders aufregenden Stellen, wie z. B. da, wo die böse Hexe sagt: Heda, -Gretel, sei flink und trag Wasser, Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will -ich ihn schlachten und kochen, fuhr Carlos von seinem Stuhl auf und zuckte mit der Nase. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger klappte das Buch über seinen Zeigefinger zusammen und -sagte mißbilligend: „Verhalte dich still, Karl, und mache keine Grimassen!“ Und um -zu zeigen, wie häßlich das aussähe, fuhr er selbst von seinem Stuhl auf und zuckte -ein paarmal mit der Nase, hielt sich aber dabei den Kneifer fest, damit er nicht herunterfalle. -Dann las er in seiner Geschichte weiter ... -</p> - -<p> -Gegen Abend wurde verkündet, daß man in einer Stunde die ersten Ausläufer -der Kordilleren sehen würde. -</p> - -<p> -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -<a id="pagehdr-54" class="pagehdr" title="Eine Erinnerung an das große Erdbeben"></a> -Sofort knieten Carlos und Nicolás ans Fenster und ihr Blick war unverwandt -nach dem Horizont gerichtet; sie rührten sich nicht von der Stelle, bis die Berge -auftauchten, aber da waren sie enttäuscht, denn sie hatten sie sich viel, viel höher -vorgestellt ... -</p> - -<p> -Am nächsten Morgen um sechs Uhr kamen sie in Mendoza an. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-8"> -Die Stadt Mendoza -</h3> - -<p class="first"> -Herr Dr. Bürstenfeger trat, Carlos und Nicolás an der Hand, aus seinem Zimmer -im Hotel, hinaus auf den ersten Hof. Ein Orangenbaum stand dort, an dem -drei große Knochen hingen. -</p> - -<p> -„Was sind das für Knochen?“ wandte sich Herr Dr. Bürstenfeger an einen Kellner. -</p> - -<p> -„Menschenknochen, eine Erinnerung an das große Erdbeben vor dreißig Jahren.“ -</p> - -<p> -„Barbarisch!“ dachte der Hauslehrer, blieb eine Weile in Gedanken versunken -vor dem Baum stehen, und dann erinnerte er sich plötzlich, daß er den Eltern einen -Brief zu schreiben habe. -</p> - -<p> -Er überließ Carlos und Nicolás eine kleine Viertelstunde sich selbst und ging zurück -in sein Zimmer. -</p> - -<p> -Er schrieb, daß sie heute gesund angekommen seien, Karl und Nikolaus seien ganz -artig, er werde ein wenig Toilette machen und sich mit ihnen zu Don Pablo Romero -begeben und dann auch der Familie Igarzabal Grüße bringen, wie er es am Tage -der Abreise versprochen habe. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás gingen unterdessen nach dem zweiten Hof und sahen dort -einen kleinen barfüßigen Indianer, der Ball spielte. Carlos fragte, ob sie mitspielen -dürften, er sagte ja, und sie waren drei Parteien. -</p> - -<p> -Das erste Mal gewann der Indianer, das zweite Mal Nicolás, das dritte Mal -wieder der Indianer. -</p> - -<p> -Darauf kauerten die drei sich an die Wand hin. -</p> - -<p> -Carlos fragte den Indianer, wie er heiße. -</p> - -<p> -„Julio!“ antwortete er. „Ich bin von Julio Roca bei seinem letzten Ausfall im -Azul erbeutet worden.“ -</p> - -<p> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -<a id="pagehdr-55" class="pagehdr" title="Ein seltsamer Geruch liegt in der Luft"></a> -„Also bist du ein wilder Indianer?“ fragte Carlos nicht ohne Respekt. -</p> - -<p> -„Ich bin Indio Pampa!“ sagte Julio mit Würde, „mein Vater wurde getötet, -meine Mutter ist in Stellung in Entre-Rios.“ -</p> - -<p> -„Siehst du oft deine Mutter?“ fragte Carlos. -</p> - -<p> -„Ich habe sie seit dem Tage, an dem ich gefangen wurde, nicht mehr gesehen.“ -</p> - -<p> -„Warst du sehr traurig, als dein Vater getötet wurde?“ fragte Nicolás. -</p> - -<p> -Julio grinste. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger trat auf. Er nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und -sie gingen zu Don Pablo Romero. -</p> - -<p> -Der Hauslehrer wußte, daß alle Häuser in Mendoza, die bekleideten und die -unbekleideten, aus Lehm waren, seit dem letzten fürchterlichen Erdbeben. -</p> - -<p> -Aber man begann bereits das Unglück zu vergessen, und von Zeit zu Zeit wagte -sich wieder ein Ziegelsteinbau empor. -</p> - -<p> -Es war heute ein trüber Tag, in der Luft lag ein seltsamer Geruch, den Herr -Dr. Bürstenfeger sich nicht zu deuten wußte. -</p> - -<p> -Es war der Geruch von Kräutern auf den nahen kahlen Bergen, womit die -Ziegenhirten ihr Feuer anzündeten. -</p> - -<p> -Den Knaben schien es, als ob die Menschen auf den ziemlich leeren Straßen -unheimlich langsam gingen und als ob auch die Wagen und Karren unheimlich -langsam fuhren. -</p> - -<p> -Vor dem Hause Don Pablo Romeros wartete ein Kabriolett. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger klopfte mit dem bronzenen Klopfer an die Tür. -</p> - -<p> -Eine alte, schmutzige Mulattin, gefolgt von einer Meute von Hunden, öffnete. -</p> - -<p> -Mitten im Hof stand ein verkrüppelter Orangenbaum, überall lungerten Dienstboten -herum. Im Hintergrund lehnte ein Bursche an einer Mauer und spielte auf -einer Mundharmonika. -</p> - -<p> -Ein großer zottiger Hund lag auf der Erde und wälzte sich nach den Sonnenstrahlen, -die die Wolken durchbrachen, erschauerte aber, als zugleich ein feiner Sprühregen -ihn bespritzte. -</p> - -<p> -Die Mulattin führte die Gäste ohne weiteres in den Salon. Auf den Möbeln -waren die Bezüge, auf dem unebenen Fließboden lagen Zigarettenstummel. Es roch -nach Weihrauch. -</p> - -<p> -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -<a id="pagehdr-56" class="pagehdr" title="Aus der Warze des Hundes wächst ein langes Haar"></a> -Die Mulattin forderte sie auf, zu Don Pablo Romero einzutreten. -</p> - -<p> -Der lag in seinem Zimmer, das von Zigarettenqualm erfüllt war, im Bett. Seine -Füße schauten unter einer wollenen Decke hervor. Sie ruhten auf einem schwarzen, -vollständig unbehaarten, mit Warzen bedeckten Hunde. -</p> - -<p> -Der Hauslehrer erfuhr später, daß man solche Hunde dort als Bettwärmer -gebrauchte. -</p> - -<p> -Auf dem Nachttisch schwammen in einer braunen Brühe unzählige Zigarettenstummel. -</p> - -<p> -Während sich Herr Dr. Bürstenfeger mit dem Hausherrn unterhielt, machten die -Knaben ihre Beobachtungen; sie sahen, daß Don Pablo Romero kein Nachthemd -trug, sondern ein Taghemd, sie sahen, daß aus der einen Warze des Hundes ein -langes Haar wuchs. Sie beobachteten Herrn Dr. Bürstenfeger, wie er die Hände -bewegte, während er sprach, denn weil er sich nur schwer auf spanisch verständlich -machen konnte, mußte er stark durch Gestikulationen nachhelfen, und sie sahen, wie -er bei seinen Erläuterungen Kreise zog, Dreiecke beschrieb, wie er die Hände auseinanderbreitete -und sie beseligt wieder zusammenlegte, weil er das Wort gefunden -hatte. -</p> - -<p> -Don Pablo Romero sagte endlich, sein Kabriolett warte draußen, er habe beabsichtigt, -heute hinauf nach seinem Gute zu fahren, aber es werde wohl nichts daraus -werden. -</p> - -<p> -Er lud den Hauslehrer und die Knaben ein, mit ihm eine Fahrt in die Umgebungen -der Stadt zu machen, etwa in einer Stunde, wenn es ihnen recht sei. -</p> - -<p> -Sie waren damit einverstanden, verabschiedeten sich und gingen ein paar Straßen -weiter zur Familie Igarzabal. Herr Dr. Bürstenfeger klopfte. Nach einer langen -Pause, in der sich nichts rührte, stellte sich Carlos auf eine Fußspitze, streckte den Arm -aus und wollte noch einmal klopfen, aber Herr Dr. Bürstenfeger zog streng seinen -Arm zurück. Schließlich mußte er sich selbst dazu entschließen. Jetzt hörte man eine -Stimme, von der man nicht wußte, ob sie aus dem Munde einer Frau oder eines -Mannes kam. „Pancha, man hat geklopft!“ -</p> - -<p> -Und dann nach einer Weile aus dem Hintergrund links eine andere Stimme, und -diesmal war es bestimmt die einer Frau: „Es hat geklopft, Pancha!“ -</p> - -<p> -Darauf näherten sich träge Schritte, und eine Magd mit einem Kropf öffnete. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/056a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -<a id="pagehdr-57" class="pagehdr" title="Herr Dr. Bürstenfeger tritt auf eine tote Ratte"></a> -Herr Dr. Bürstenfeger machte ein schmerzliches Gesicht. Sie führte sie geradewegs -in den Salon. -</p> - -<p> -Dort waren elf Frauen versammelt und unter ihnen ein kleiner fetter Herr mit -einem blassen weichen Gesicht und einer hängenden Unterlippe. -</p> - -<p> -Es war die Familie Igarzabal. Wie Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás -wußten, lauter Geschwister. Zwei hatten eine Häkelarbeit in der Hand. Zu ihrem -großen Erstaunen sahen die Knaben, daß auch der Herr häkelte. -</p> - -<p> -Don José Igarzabal erhob sich und sprach; und es war jene Stimme, von der -man nicht wußte, ob sie einer Frau oder einem Mann angehörte. -</p> - -<p> -Sie blieben nicht lange dort. -</p> - -<p> -Um die Stunde auszufüllen, nach deren Ablauf sie bei Don Pablo Romero sein -sollten, gingen sie ein wenig auf den Straßen spazieren. -</p> - -<p> -Die Sonne hatte sich hinter den Wolken verkrochen, es regnete nicht mehr. -</p> - -<p> -Alle drei waren ziemlich wortkarg, es erfüllte sie eine unbestimmte Traurigkeit. -Besonders der Hauslehrer war sehr niedergeschlagen ... -</p> - -<p> -Die Magd Don Pablo Romeros bat sie, sofort ins Schlafzimmer zu gehen. -</p> - -<p> -Sie klopfte, es blieb still; da hatte Carlos, bevor Herr Dr. Bürstenfeger ihn daran -hindern konnte, geöffnet. -</p> - -<p> -Eingehüllt in Zigarettenqualm, schlief der Hausherr, der Hund knurrte. Der -Lehrer nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie verließen das Haus. -</p> - -<p> -Sie kehrten ins Hotel zurück, Herr Dr. Bürstenfeger zuerst ungemein gekränkt -über Don Pablo Romeros Empfang, dann aber gequält von einem Gefühl wachsender -Traurigkeit. -</p> - -<p> -Wieder schien die Sonne durch die Wolken, wieder rieselte ein feiner Regen herab. -</p> - -<p> -Über ihnen spielte jemand immer wieder eine Tonleiter ... -</p> - -<p> -Plötzlich trat der Hauslehrer auf eine tote Ratte, machte einen Sprung und wischte -sich dann den Schweiß von der Stirne ab. -</p> - -<p> -Sie gingen weiter. Da sah Herr Dr. Bürstenfeger ein Plakat, das er in Breslau -bei seiner Abreise noch gesehen hatte. Seine Züge erhellten sich, aber bald umfing -ihn wieder Traurigkeit. -</p> - -<p> -Im Hotel bat er die Knaben, in den Hof zu gehen und Ball zu spielen, er wollte -sich ein wenig ausruhen. -</p> - -<p> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -<a id="pagehdr-58" class="pagehdr" title="Die Menschen haben hier Kröpfe"></a> -Kaum war er in seinem Zimmer, als Carlos auf einen Berg zeigte und Nicolás -den Vorschlag machte, hinaufzusteigen, in einer Viertelstunde würden sie wieder -zurück sein. -</p> - -<p> -Sie gingen und gingen, länger als eine Stunde, weit zur Stadt hinaus, an Weinbergen -vorbei, die von niedrigen Lehmmauern umschlossen waren, aber der Berg -entfernte sich immer mehr von ihnen. -</p> - -<p> -Da fragte Carlos einen Mann, der einen Kropf hatte, wie weit es wohl bis -dahin sei. -</p> - -<p> -Der Mann antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: „Etwa drei -bis vier Stunden.“ -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás konnten das nicht begreifen, aber sie mußten sich entschließen, -zurückzukehren, denn es war spät und Herr Dr. Bürstenfeger würde wohl sehr unruhig -sein. Der Mann begleitete sie ins Hotel zurück. Nicolás schaute manchmal verstohlen -nach seinem Kropf. -</p> - -<p> -Aber Herr Dr. Bürstenfeger hatte sonderbarerweise ihre lange Abwesenheit gar -nicht beachtet. Er saß in seinem Bett und las in einem spanischen Buch mit Hilfe -des dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte, über das letzte -fürchterliche Erdbeben in Mendoza. -</p> - -<p> -„Warum haben die Menschen so viel Kröpfe hier?“ fragte Nicolás. -</p> - -<p> -„Ja, das ist nicht schön!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. „Aber das macht -das kalkige Wasser.“ -</p> - -<p> -Nach Tische ging Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben spazieren. -</p> - -<p> -Ein Bettler bat um Geld. Er hatte beim letzten großen Erdbeben ein Bein eingebüßt; -er war geschwätzig, und um sich interessant zu machen, erzählte er, daß er -dabei seine Eltern und seine sämtlichen Geschwister verloren habe. -</p> - -<p> -Sie kamen durch den Teil der Stadt, von dem nur noch Ruinen erhalten waren, -ein eingestürzter Kirchturm, eingestürzte Tore, geborstene, mit Gras bewachsene -Mauern. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: „In einer einzigen Nacht sind beinahe zwanzigtausend -Menschen in dieser Stadt umgekommen.“ -</p> - -<p> -Der folgende Tag war stockfinster. Staub fegte durch die Straßen, aber es regnete -nicht. -</p> - -<p> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -<a id="pagehdr-59" class="pagehdr" title="In Mendoza ist mit einem Mal eine furchtbare Bewegung"></a> -Der Hauslehrer ging mit den Knaben in der Stadt spazieren, er ging später in -seinem Zimmer auf und ab über eine Stunde lang, von einer Aufregung ergriffen, -die immer mächtiger wurde ... -</p> - -<p> -Es war nach Mitternacht, als er sich zu Bett legte. Kaum war er im Bett, als er -wieder aufstand und sich anzog; er drückte den Kopf an eine Fensterscheibe, würgte -die Tränen hinab, die ihm gewaltsam in die Augen drangen, und ballte die Fäuste. -</p> - -<p> -So war Herr Dr. Bürstenfeger noch nie gewesen. -</p> - -<p> -Er setzte sich aufs Kanapee und pfiff mit einer fürchterlichen Miene ein lustiges -Liedchen. -</p> - -<p> -Dann zog er sich rasch aus und warf sich aufstöhnend ins Bett. Lange wälzte er -sich herum, plötzlich begann er zu beten: „Unser Vater, der du bist im Himmel ...“ -</p> - -<p> -„Unser Vater, der du bist im Himmel ...“ wiederholte er. -</p> - -<p> -Vier, fünfmal rekapitulierte er, aber er hatte in seiner maßlosen Aufregung die -Fortsetzung vergessen. -</p> - -<p> -Er saß in seinem Bett aufgerichtet und stierte ins Dunkle. Dann fiel er in wahnsinniger -Erschöpfung zurück. -</p> - -<p> -Er schlief zwei Stunden traumlos und dann träumte er, daß er von Bremen reise, -und es war Sturm auf der See. -</p> - -<p> -Er erwachte und hielt sich am Bettpfosten fest. -</p> - -<p> -Draußen aber schwankten die Kirchtürme, daß die Glocken erklangen, die Menschenknochen -im Orangenbaum bewegten sich; dann war es ruhig. -</p> - -<p> -Die Leute im Hotel stürzten auf den Hof hinaus, die Einheimischen, die die Gefahr -besser kannten, auf die Straßen. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger stürzte in Carlos’ und Nicolás’ Zimmer und dann mit ihnen -ebenfalls auf den Hof hinaus. -</p> - -<p> -Don Pablo Romero floh aus seinem Hause, in eine wollene Decke gehüllt, gefolgt -von seinem schwarzen Hunde. -</p> - -<p> -Don José Igarzabal floh im Hemd mit seinen elf Schwestern. -</p> - -<p> -Aus allen Häusern stürzte man heraus; es war jetzt mit einem Mal eine furchtbare -Bewegung in Mendoza. -</p> - -<p> -Der Hotelhof war angefüllt mit Menschen. -</p> - -<p> -In einem Zimmer aber saß eine schöne, blonde Frau und hielt einen kleinen -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -<a id="pagehdr-60" class="pagehdr" title="Der Geruch des Erdbebens"></a> -Knaben und ein kleines Mädchen umfangen. Sie schämte sich, im Hemd zu -fliehen. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger stand neben einer kaum bekleideten Engländerin. -</p> - -<p> -Sie starrte nach der Hofmauer vor sich, in der ein breiter Riß gähnte ... -</p> - -<p> -Eine halbe Stunde verging, es blieb ruhig. -</p> - -<p> -Da erinnerte sich plötzlich Herr Dr. Bürstenfeger, daß er im Hemd war, und -schämte sich. -</p> - -<p> -Er ging in sein Zimmer, bekleidete sich schnell, holte zwei Decken und warf sie um -Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -Dann eilte er mit ihnen hinaus auf den Platz vor dem Hotel. -</p> - -<p> -Eine Menschenmenge war dort versammelt. -</p> - -<p> -Im Hintergrund kniete ein Priester und betete laut. -</p> - -<p> -Die Knaben blickten erstaunt auf einen Zwerg mit einem Wasserkopf, der, ein -Bündel in der Hand, laut heulte. -</p> - -<p> -Über zwei Stunden stand dort Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás. -Es blieb ruhig, die Sonne ging auf, die Luft war klar und schön. -</p> - -<p> -Auf den Bergen zündeten die Hirten ihre Feuer an. Der Duft der Kräuter erfüllte -die Stadt. -</p> - -<p> -Carlos sagte zu Nicolás: Das ist der Geruch des Erdbebens. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger aber kehrte mit ihnen ins Hotel zurück. Auf seinen Lippen -ruhte ein Lächeln großer Befreiung; er legte sich zu Bett und schlief zwölf Stunden -hintereinander. Manchmal träumte er von seiner Heimat. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-9"> -In den Kordilleren -</h3> - -<p class="first"> -Die Ansiedelung Don Pablo Romeros war eine kleine Oase, die aus einigen -Wiesen, einem Obstgarten und einer Pappelallee bestand. Hinten erhoben sich -die grauen, kahlen, nur mit dichtem Gestrüpp und Kakteen bewachsenen Berge, und -vorn senkte sich ebenfalls kahl und grau die Ebene in die Pampa hinab. -</p> - -<p> -Bloß zwei Zimmer seines Häuschens bewohnte Don Pablo, die übrigen hatte -er Carlos’ und Nicolás’ Eltern überlassen, und weil trotzdem Raummangel war, waren -noch drei Zelte aufgespannt worden. Das eine, etwas abseits gelegen, bewohnten -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -<a id="pagehdr-61" class="pagehdr" title="Fußgänger sind hier seltene Leute"></a> -die weiblichen Dienstboten, das zweite war als eine Art kleiner Salon hergerichtet, -und im dritten schliefen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -Seine Sorge um die Knaben blieb immer gleich mustergültig. Morgens, wenn -sie erwachten, stand er an ihrem Bett, beinahe den ganzen Tag ließ er sie nicht aus -den Augen. Abends, wenn sie schlafen gingen, kam er noch und gab ihnen den -Gutenachtkuß. -</p> - -<p> -Zum nicht geringen Verdruß der beiden hielt er aber immer fest am Prinzip der -weiten Spaziergänge. Nur an Tagen, an denen er besonders zufrieden mit ihnen -war, durften sie, während er zu Fuß ging, rechts und links von ihm auf ihren Maultieren -reiten. Wünschten sie zu galoppieren, mußten sie fragen, und Herr Dr. Bürstenfeger -antwortete: „Ja, aber nur bis zu jenem Strauch oder jener Kuh!“ oder er -verweigerte auch die Erlaubnis. -</p> - -<p> -In der Regel aber blieb es bei den gewöhnlichen Spaziergängen, und sie durchstreiften -zusammen die Gegend nach allen Richtungen. Zu Hause banden sie sich, -auf Wunsch von Herrn Dr. Bürstenfeger, Lappen um die Füße, um keine Blasen -zu bekommen. Auch versahen sie sich mit einer kleinen Apotheke, mit Mitteln gegen -den Sonnenstich, den Schlangenbiß, mit Pflastern und Pflästerchen gegen kleine -Verletzungen, mit Pfeffermünzpastillen und Orangen und Zitronenessenzen gegen -den Durst. Um die Schultern hingen sie sich zwei Feldflaschen mit Wasser und eine -blecherne Büchse, auf der ein grasender Hirsch abgebildet war — gefüllt mit Brot, -harten Eiern, Butter und „Landjäger“. -</p> - -<p> -Und so zogen sie aus, zur Freude des gesamten Dienstpersonals; denn Fußgänger -und dazu noch so ausgerüstete, waren hier seltene Leute. -</p> - -<p> -Zu Anfang hielt Herr Dr. Bürstenfeger seine Leidenschaft ein wenig im Zügel, -weil er fürchtete, sich zu verirren, und aus Angst vor den wilden Tieren, besonders -auf den Spaziergängen in der Richtung nach den Bergen. Bald aber waren sie mit -der Umgegend so vertraut, daß sie die ersten Gipfel ersteigen konnten, von denen -aus man eine herrliche Aussicht auf die dahinter liegenden, höheren hatte. Herr -Dr. Bürstenfeger zog seine Karte aus der Tasche, um nachzusehen, wie die wohl -heißen möchten, aber es stand kein Name da, und als er später daheim fragte, wußte -es auch niemand. Darüber mußte er heimlich den Kopf schütteln; er fand aber -zugleich auch diese Kulturlosigkeit interessant. -</p> - -<p> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -<a id="pagehdr-62" class="pagehdr" title="Manuelito wird von seinen Schweinen überrannt"></a> -Was seine Angst vor den wilden Tieren betraf, so brauchte er geraume Zeit, bis -er sie überwunden hatte. -</p> - -<p> -Zu den wilden Tieren zählte er aber auch die Schlangen, obgleich er wußte, daß -sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehörten. Ein abgebrochener Ast auf der Erde, -der Schatten seines eigenen Stockes ... überall sah er welche. -</p> - -<p> -Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr. Bürstenfeger -blieb stehen, erblaßte, sammelte sich aber und flüsterte: „der Silberlöwe greift nicht -den Menschen an, sondern flieht ihn.“ Ein andermal, als sie durch eine Schlucht -gingen, kreiste in ziemlicher Höhe über ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer -wußte, daß er ihnen nicht gefährlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die -Knaben an sich und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ... -</p> - -<p> -Die Spaziergänge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab Herr -Dr. Bürstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht erteilte er -hinter dem Hause im Garten unter einem Nußbaum, wo ein Tisch und zwei Bänke -standen. -</p> - -<p> -Jeden Morgen mußte sie José, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr. Bürstenfegers -mit heißem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von den Vögeln beschmutzt -worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden, die auch nicht ohne Zwischenfälle -abliefen. Es trieb sich z. B. José mit einer der Mägde weiter hinten herum, -oder es wurde Obst von den Bäumen geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten, -oder gar die Säue. -</p> - -<p> -Diese zu hüten war ein kleiner, dreijähriger Indianer angestellt, der zusammen -mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er hieß Manuelito -und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die einem halbwüchsigen Knaben -gehört hatten, umschlotterten seine Beine. Auf dem Kopfe trug er einen riesigen -Filzhut, dessen Krempen auf seinen Schultern ruhten. So ausgerüstet, hatte er die -Schweine auf die Weide zu treiben, die ihn aber gar nicht respektierten. -</p> - -<p> -Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten. Manuelito -hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und geschrien: „Kehrt -um, kehrt um, ihr Schweinchen!“ Sie aber waren einfach über ihn hinweggetrampelt. -</p> - -<p> -Als Carlos und Nicolás das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und eilten -Manuelito, der heulend auf dem Rücken lag, zu Hilfe. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/062a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -<a id="pagehdr-63" class="pagehdr" title="Ein abgestürztes Pferd stöhnt in einer Schlucht"></a> -Herr Dr. Bürstenfeger stand im Hintergrund und kämpfte einen harten Kampf -zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und Carlos und Nicolás -hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich auf den Schulunterricht und -Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser Zwischenfall aber änderte durchaus -nichts am Programm des Schultages. Zum Schluß nahm der Hauslehrer das Lineal -in die Hand, reichte den Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er -mit ungemein kräftigem Baß, Carlos und Nicolás mit sehr falscher Stimme: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald,</p> - <p class="verse">Lasset uns singen, tanzen und springen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Tanzen und springen!“ brüllte Herr Dr. Bürstenfeger und schlug mit dem Lineal -auf den Tisch, daß ein Huhn, das sich in der Nähe aufhielt, gackernd davonstelzte, -denn Carlos hatte drei Noten daneben gesungen. Im Hintergrund aber, den Knaben -zugekehrt, stand Zenobia, die Mulattin, wiegte den Kopf, fletschte die Zähne und -ahmte Herrn Dr. Bürstenfeger mit einem Besenstiel nach ... -</p> - -<p> -Am gleichen Nachmittag noch machten sie einen Spaziergang in die Berge. In -einer Schlucht sahen sie ein Pferd liegen, das abgestürzt war und die Vorderbeine -gebrochen hatte. Als die drei herankamen, bewegte es mit einem unsäglich schmerzhaften -Ausdruck der Augen den Kopf ein wenig in die Höhe und stöhnte. -</p> - -<p> -Der Hauslehrer erlaubte, daß sofort der Spaziergang unterbrochen wurde, und -die Knaben gingen zu Don Pablo und baten ihn, das Tier töten zu lassen. Aber -Don Pablo antwortete: „Das Pferd ist in unser Gebiet eingedrungen, es gehört -dem Nachbar, töte ich es, so muß ich es bezahlen.“ -</p> - -<p> -Die Knaben ritten zu Don Andrés (so hieß der Nachbar) und stellten an ihn die -gleiche Bitte. Don Andrés lächelte und erwiderte, er werde heute jemanden hinschicken. -</p> - -<p> -Abends aber lag das Pferd zu Carlos’ und Nicolás’ Entsetzen noch immer in der -Schlucht und stöhnte. -</p> - -<p> -Es fiel ihnen ein, daß es zu seinen Schmerzen auch noch Hunger und Durst leiden -müsse, sie kehrten daher zum Gut zurück, Nicolás nahm ein Bündel Gras und Carlos -einen Eimer mit, den er in einer Quelle, die halbwegs von der Schlucht entfernt -war, füllte. -</p> - -<p> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -<a id="pagehdr-64" class="pagehdr" title="Don Andrés hat das Pferd vergessen"></a> -Das Pferd hob schnaubend den Kopf, sobald es das Wasser roch, wollte sich auf -seinen beiden Vorderbeinen aufrichten und fiel mit einem Schmerzenslaut zurück. -Carlos und Nicolás hoben seinen Kopf ein wenig in die Höhe, und so konnte es, -ohne sich sonst zu bewegen, saufen. -</p> - -<p> -Am folgenden Abend hatte man das Pferd noch nicht getötet, Don Andrés hatte -es scheint’s ganz vergessen. -</p> - -<p> -Der Gedanke an das Tier ließ Carlos und Nicolás in der Nacht nicht ruhen. -</p> - -<p> -„Ich höre es ächzen!“ rief Carlos und richtete sich im Bett auf. -</p> - -<p> -„Es ist nicht möglich, es ist zu weit“, antwortete Nicolás; aber ihm tat das Tier -nicht weniger leid. -</p> - -<p> -Pause. -</p> - -<p> -„Weißt du was, wir wollen es töten, jetzt sofort, dann leidet es nicht mehr“, meinte -Carlos. -</p> - -<p> -Nicolás antwortete nicht gleich, dann aber sagte er ebenfalls entschlossen: „Ja!“ ... -</p> - -<p> -Sie standen auf, nahmen eine Axt aus der Küche, sattelten ihre Maultiere und -ritten davon. -</p> - -<p> -Es war eine wunderbare, sternklare Nacht, die Sträucher mit ihren harten, -öligen Blättern, die harten Kräuter, gespeist vom trockenen, vulkanischen Boden, -dufteten. -</p> - -<p> -In der Schlucht lag das Pferd und stöhnte. -</p> - -<p> -Nicolás sagte zu seinem Bruder: „Carlos, du bist der Ältere, du wirst das Pferd -töten!“ -</p> - -<p> -Aber kaum hatte er das ausgesprochen, als ihn Beschämung und Mitleid mit -Carlos ergriff. -</p> - -<p> -„Losen wir!“ sagte er mit gepreßter Stimme, rupfte zwei Gräser aus, die aus -einem Riß in einem Steine wuchsen, und hielt sie ihm hin. -</p> - -<p> -Carlos, das Beil in der Linken, zog zitternd einen Halm und hatte den kürzeren -gezogen. -</p> - -<p> -Da ging sein Bruder zehn Schritte weg, kehrte sich ab und hielt sich die Ohren zu. -</p> - -<p> -Carlos ging entschlossen zum Pferd, streichelte es und hob dann das Beil in die -Höhe, ließ es aber kraftlos sinken und weinte. -</p> - -<p> -Nicolás hatte sich wieder umgewandt, stand da und sah ihn dumpf an. -</p> - -<p> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -<a id="pagehdr-65" class="pagehdr" title="General Acevedo bringt zwei Schachteln mit Bleisoldaten"></a> -Am folgenden Morgen ließen sie durch José, für eine kleine Geldsumme, die sie -aus ihren Sparbüchsen nahmen, das Tier umbringen ... -</p> - -<p> -Drei Tage später kam der General Acevedo zu Besuch aufs Gut. Er war ein Mann -von etwa fünfzig Jahren mit bereits ergrautem Haar, groß und breit und mit einem -starken Ansatz von Embonpoint. Er kam auf einem großen, schwarzen Maultier -geritten, trug einen Poncho um die Schultern und ein weißes flatterndes Tuch um -den Hals. -</p> - -<p> -Das war ein Fest für die Knaben; er war immer sehr gut zu ihnen gewesen; stets -brachte er ihnen Geschenke mit. -</p> - -<p> -Diesmal holte er aus seiner Reisetasche zwei große Schachteln mit Bleisoldaten -heraus und dazu noch für jeden eine Kinderpistole mit roten Zündhütchen. -</p> - -<p> -Die Knaben schossen und stellten ihre Soldaten auf. Obgleich der General morgen -schon wieder reisen mußte, fand er doch noch Zeit, ihnen einen großen Drachen zu -machen. -</p> - -<p> -Am nächsten Morgen vor dem Unterricht traten Carlos und Nicolás in sein -Zimmer; das Fenster ging nach dem Garten. -</p> - -<p> -Der General schlief noch, er trug ein elegantes, seidenes Nachthemd mit einer -Brusttasche, in der ein Batisttaschentuch steckte. Die linke Hand lag auf der Bettdecke, -sie war weiß, aber kräftig und gut gepflegt, die Nägel rosig und schön gestutzt. -</p> - -<p> -Auf dem primitiven Waschtisch sah man ein Schlachtgewühl von Flakons. Es roch -im Zimmer nach allen möglichen Essenzen. Auf dem Nachttisch stand eine offene -Pomadenbüchse, in die drei Fliegen ihre Rüssel getaucht hielten. Daneben lag ein -Revolver mit elfenbeinernem Griff und kleinen silbernen Initialen. -</p> - -<p> -Auf der Erde lag offen seine Reisetasche aus indischem Strohgeflecht, in der ein -Durcheinander herrschte. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás schlichen auf den Fußzehen aus dem Zimmer, um den General -nicht zu wecken; aber gleich nach der ersten Pause machten sie ihm wieder ihren -Besuch. Er war eben erwacht, streckte seine Arme mit geschlossenen Fäusten in die -Höhe und gähnte. -</p> - -<p> -Die Knaben krochen zu ihm ins Bett und rupften ihm am Schnurrbart. -</p> - -<p> -„Macht das eurem Schulmeister, verfluchte Bengels!“ rief der General. „Wollen -wir wetten, ihr habt ihm noch nie einen Streich gespielt?!“ -</p> - -<p> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -<a id="pagehdr-66" class="pagehdr" title="General Acevedo war ein anderer Kerl"></a> -Herr Dr. Bürstenfeger saß unter dem Nußbaum und las Klopstock, er war ganz -darin versunken. -</p> - -<p> -„Habt ihr ihm denn noch keinen einzigen Streich gespielt?“ forschte der General. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás schwiegen und sahen ihn mit großen Augen an. -</p> - -<p> -„Ihr seid Kerls, ihr wollt Argentinier sein und wagt euch nicht an diesen <span class="antiqua">gringo</span><a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> -heran! In eurem Alter war ich doch ein anderer Kerl, da habe ich meinen Lehrern ...“ -</p> - -<p> -Der General schwieg und schmunzelte. -</p> - -<p> -„Was haben Sie ihnen getan?“ fragten Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -„Ich habe ihnen Honig auf die Bank geschmiert, Schwänze an die Röcke gehängt, -einem habe ich ein Loch in seinen blechernen Nachttopf gebohrt, und da er die -Gewohnheit hatte, nachts den Topf ins Bett zu nehmen, hat es ein großes Unglück -gegeben.“ -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás mußten lachen. -</p> - -<p> -Der General höhnte: „Ihr wollt Argentinier sein? Schämt euch!“ -</p> - -<p> -Er strich Carlos über den Schopf und sagte: „Was dich betrifft, so traue ich dir -sowieso nicht viel zu, du bist viel zu blond!“ -</p> - -<p> -Carlos war gekränkt. Er schwieg eine Weile, dann sagte er, jedoch ziemlich zaghaft: -„So schlagen Sie doch was vor!“ -</p> - -<p> -„Bravo!“ rief der General. Dann sann er nach. -</p> - -<p> -„Um einen kleinen Anfang zu machen, nehmt eine Hand voll Zündhütchen, geht -zu eurem Dr. Burstenfecherr und streut sie ihm in seiner Nähe auf den Boden. So -wie ich ihn kenne, wird er Luftsprünge machen, wenn er darauf tritt.“ -</p> - -<p> -Die Knaben machten einen harten Kampf durch, aber die höhnische Miene des -Generals trieb sie zum Entschluß. -</p> - -<p> -Sie griffen in ihre Taschen, wo sie noch einen Haufen Zündhütchen hatten, traten -aus dem Zimmer und schlichen auf den Hauslehrer zu. -</p> - -<p> -Wie sie ganz nahe bei ihm standen, blickte Herr Dr. Bürstenfeger von seinem Buch -auf und fragte: „Na, was wollt ihr, Karl und Nikolaus?“ -</p> - -<p> -Hinten aber saß der General aufgerichtet in seinem Bett, schwang den einen Arm -in die Höhe und spornte die Knaben zum Kampf an. -</p> - -<p> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -<a id="pagehdr-67" class="pagehdr" title="Die Pfirsiche sind noch nicht ganz reif"></a> -Carlos antwortete: „Wir wollten sehen, was Sie da lesen, Herr Dr. Bürstenfeger.“ -</p> - -<p> -„Was ich da lese?“ antwortete er nicht ohne leises Erstaunen, „ist der Messias von -Klopstock, aber es wird noch manches Jahr vergehen, bis ihr auch darin lesen könnt, -Karl und Nikolaus.“ -</p> - -<p> -Sie fragten nicht mehr, sie schlichen weiter, mit blutroten Köpfen; sie schämten -sich vor dem General und schämten sich, daß sie nie gute Argentinier werden könnten. -</p> - -<p> -Der General aber war ins Bett zurückgesunken und hielt sich den Bauch vor Lachen ... -</p> - -<p> -Am Nachmittag reiste er wieder fort ... -</p> - -<p> -Weiter oben, den Bergen näher, wuchs neben einer großen schattigen Weide bei -einer Quelle ein Pfirsichbaum, der jedes Jahr um diese Zeit die schönsten Früchte trug. -</p> - -<p> -Niemand wußte, wie er dahingekommen war, kein Mensch hatte ihn gepflanzt, -vielleicht hatte irgendein Vorübergehender bei der Quelle einen Kern fallen lassen. -Auch Carlos und Nicolás kannten ihn, und eines Tages baten sie ihren Lehrer, einen -Ausflug mit ihnen dorthin zu machen, denn Pfirsiche waren ihre Lieblingsfrucht. -</p> - -<p> -Da Herr Dr. Bürstenfeger heute sehr mit ihnen zufrieden gewesen war, so durften -sie auf ihre Maultiere steigen, Herr Dr. Bürstenfeger stellte sich in die Mitte, und -man brach auf. -</p> - -<p> -Am Ziel angelangt, blieben die Knaben, auf seinen Befehl hin, auf ihren Tieren -sitzen, Herr Dr. Bürstenfeger schritt zum Baume, von dem sich eine bunte Schar von -Singvögeln kreischend erhob, und rüttelte am Stamm. -</p> - -<p> -Eine ganze Anzahl Pfirsiche fiel herab, er hob einige auf, prüfte sie, bewegte -unentschlossen den Kopf und sagte endlich: „Karl und Nikolaus, wartet eine Woche -noch, dann sind sie ganz reif.“ -</p> - -<p> -Und nach diesem Bescheid kehrte er mit ihnen, ohne daß sie einen einzigen Pfirsich -gegessen hatten, zum Gut zurück. -</p> - -<p> -Als die Woche vorbei war, ließ er sie noch zwei Tage warten, dann sagte er: „Ich -werde euch nicht begleiten, reitet allein!“ -</p> - -<p> -Er nahm Carlos’ Hand in seine Rechte und die des Bruders in die Linke und fügte -mit nachdrücklichem Ernst hinzu: „Karl und Nikolaus, ihr wißt, daß ich es gut mit -euch meine, ihr seid bisher gehorsame Knaben gewesen, ich kann es ruhig sagen: -bis auf gewisse Ausnahmen. Ich habe beschlossen, von nun an euch nicht mehr auf -Schritt und Tritt zu folgen, ihr seid selbständig genug.“ -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -<a id="pagehdr-68" class="pagehdr" title="Der verlängerte Genuß"></a> -Pause! — Darauf feierlich: „Karl und Nikolaus, ich nehme euch das Versprechen -nicht ab, ihr seid frei, zu handeln, wie ihr wollt. Aber Karl und Nikolaus“ — und -jetzt lag ein Ausdruck von wehmütiger Sorge auf seinem Gesicht: „Ich bitte euch, -als euer väterlicher Freund, eßt nicht mehr als vier Pfirsiche jeder!“ -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás, glücklich, überhaupt Pfirsiche essen zu dürfen, gelobten ihm -das, Herr Dr. Bürstenfeger aber zog die Hände zurück zum Zeichen, daß sie sich nicht -durch ein Versprechen binden sollten. -</p> - -<p> -So waren sie aus seiner Hut entlassen und ritten davon. -</p> - -<p> -Bei der Quelle banden sie ihre Maultiere an die Weide und stiegen auf den -Pfirsichbaum hinauf. Singvögel stoben kreischend auseinander. -</p> - -<p> -Nun pflückte jeder von ihnen vier der schönsten Pfirsiche, und sie wollten schon -wieder herabsteigen, als Carlos den Vorschlag machte, sie oben zu essen, weil es -ihm schien, daß sie dann besser schmeckten; und so saßen sie sich denn gegenüber, jeder -auf einem dicken Ast, lautlos und beobachteten sich gegenseitig aufmerksam, und -wenn einer einen Biß tat, wartete der andere eine Weile und biß ein etwas kleineres -Stück ab; denn jeder wollte, um einen längeren Genuß zu haben, der letzte sein. -Bei diesem stummen Ringen verhielten sie sich so mäuschenstill, daß sämtliche verscheuchten -Vögel sich wieder zurückwagten, und es war ganz still bis weithin. Unten -nur hörte man die Quelle murmeln, und oben war ein Kauen und Picken. -</p> - -<p> -Als nun Carlos seine vier Pfirsiche verzehrt hatte, hatte Nicolás noch einen, den -wollte er auf dem Heimweg essen. Sie kletterten wieder herab und stiegen auf ihre -Maultiere, Nicolás in etwas gedrückter Stimmung, Carlos tief melancholisch. -</p> - -<p> -Stumm ritten sie nebeneinander her. Nicolás hielt seinen Pfirsich in der Hand, -strich mit den Fingerspitzen darüber hin, manchmal roch er daran, einmal wollte er -hineinbeißen, besann sich aber und steckte ihn wieder in die Tasche. -</p> - -<p> -Carlos schaute zu, seine Augen füllten sich mit Tränen, er wollte sich zur Resignation -zwingen, aber der innere Kampf dauerte fort. -</p> - -<p> -Plötzlich hielt er sein Maultier an, stieß einen schweren Seufzer aus und sagte -zu seinem Bruder: „Ich reite zu Bernabé, dem Ziegenhirten, sage Herrn Dr. Bürstenfeger, -ich werde in einer Stunde nachkommen.“ Dann wandte er sein Maultier, -ritt zum Pfirsichbaum zurück und setzte sich auf den Ast, auf dem er vorhin gesessen -war. Beschämt und zaghaft biß er in den ersten Pfirsich, dann aber wurde er kühner, -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -<a id="pagehdr-69" class="pagehdr" title="Der Mond steigt blutrot auf"></a> -und bald dachte er an nichts weniger, als an Herrn Dr. Bürstenfeger und seine inständige -Bitte. -</p> - -<p> -Als er endlich genug hatte, stieg er hinunter, setzte sich faul an den Baumstamm -und war in kurzer Zeit, ohne daß er wußte wie, eingeschlafen. -</p> - -<p> -Als er erwachte, verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, langsam krochen -die Schatten die Ebene hinab. -</p> - -<p> -Sein erster Gedanke war, daß er Herrn Dr. Bürstenfeger jämmerlich hintergangen -hatte, und eine tiefe Traurigkeit erfüllte ihn. Er saß da, den Kopf an den Baum -gelehnt, und weinte vor Reue. -</p> - -<p> -Aber es war schon spät, und er mußte an die Rückkehr denken. -</p> - -<p> -Im Schritt, die losen Zügel in der Hand, ritt er heimwärts; er war aber noch -keine Viertelstunde geritten, als er sich mit Schrecken erinnerte, daß unter dem -Baume die Kerne der vielen gegessenen Pfirsiche lagen, die würden ihn verraten, -er kehrte daher um und vergrub sie nahe bei der Quelle. Schon wollte er wieder -aufs Pferd steigen, als ihn plötzlich der Gedanke überfiel, aus den Kernen könnten -Pfirsichbäume wachsen, und obgleich er wußte, daß es noch in weiter Ferne lag, -ließ der Gedanke ihm doch keine Ruhe, er scharrte die Kerne wieder aus und steckte -sie in seine Rocktasche. -</p> - -<p> -Als er im Gut ankam, war die Ebene schon ganz vom Abend beschattet. Aber fern -am Horizont stieg blutrot der Mond auf. -</p> - -<p> -Vor ihm stand Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Du warst beim Ziegenhüter Bernabé“, sagte er, „du hättest nicht so spät heimkommen -sollen, Karl.“ -</p> - -<p> -Ganz harmlos, etwas vorwurfsvoll sagte er das, und doch war etwas wie leises -Mißtrauen in seiner Stimme. -</p> - -<p> -„Ich war beim Ziegenhirten Bernabé“, antwortete Carlos. Seine Stimme zitterte, -er blickte Herrn Dr. Bürstenfeger nicht in die Augen. Trotz der ziemlichen -Dunkelheit sah Herr Dr. Bürstenfeger, daß Carlos über und über rot war. -</p> - -<p> -Da wußte er, daß er ihn belogen hatte, und stumm wandte er sich ab, von Beschämung -überwältigt. -</p> - -<p> -Carlos aber ging ins Zelt, legte sich zu Bett und schluchzte in die Kissen hinein. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-10"> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -<a id="pagehdr-70" class="pagehdr" title="Das schönste Mädchen auf der ganzen Welt"></a> -Nach Paraguay -</h3> - -<p class="first"> -Im Garten blühten die Veilchen, es duftete der Mimosenbaum; aber der Winter -hatte schon lange begonnen. -</p> - -<p> -In der Frühe standen Carlos und Nicolás im Garten vor dem Springbrunnen. -Der bronzene Reiher streckte den Kopf in die Höhe, und kalte Tropfen rieselten ihm -über Hals und Brust in das Bassin herab, wo sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte. -Die Knaben drückten den Finger darauf, daß sie brach, und sie dachten: Hundertmal -so dick und tausendmal so weit, und es ist ein Fest in Europa, die roten Lampions -leuchten, auf großen Tribünen spielt die Musik, und man schwebt wie auf weiten -Flügeln über die Fläche. -</p> - -<p> -So hatte es Tia Lolita erzählt und ähnlich auch Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Tia Lolita war die jüngste Schwester ihrer Mutter; die Knaben nannten sie aber -gewöhnlich nur Lolita. -</p> - -<p> -Sie war sechzehn Jahre alt, hatte langes, goldblondes Haar und trug ein blaues -Kleid mit Matrosenkragen. Jedermann sagte, sie sei ein ungewöhnlich schönes Mädchen. -Carlos und Nicolás meinten: vielleicht das schönste auf der ganzen Welt. -</p> - -<p> -Damals, als sie noch im Kloster erzogen wurde, sahen die Knaben sie nur manchmal -des Sonntags. Dann aber spielte sie mit ihnen, erzählte ihnen schöne Geschichten -und ritt mit ihnen aus. Jetzt, da sie von Europa zurück war, wo sie sich -mit der Großmama zwei Jahre aufgehalten hatte, kam sie beinahe jeden Tag zu -ihnen auf Besuch. -</p> - -<p> -In Herrn Dr. Bürstenfeger aber schien seitdem etwas Seltsames vorzugehen. -</p> - -<p> -Oft mitten im Unterricht, wenn Carlos und Nicolás über einem Rechenexempel -saßen oder aus dem Gedächtnis ein Lesestück niederschrieben, erhob er sich plötzlich, -stampfte auf, ballte die Fäuste, setzte sich ans Klavier und phantasierte mit flammenden -Backen, und seine Hände rasten über die Tasten, wie losgelassene Pferde auf -der Pampa; mit einem Schlage aber hielt er inne, seufzte tief auf, und es war ein -sehr wehmütiges Spiel, das nun folgte. -</p> - -<p> -Manchmal, wenn Carlos und Nicolás hinten im Garten waren, sahen sie ihn -auf der Terrasse auf und ab gehen, den Blick zu Boden gerichtet, wie in tiefe, melancholische -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -<a id="pagehdr-71" class="pagehdr" title="„Das Märchen von Amlet“"></a> -Gedanken versunken. Es war die Zeit, wo er sonst immer die Hefte -korrigierte; die Knaben wußten nicht, was es zu bedeuten hatte. -</p> - -<p> -Eines Morgens, während der ersten Pause — Carlos und Nicolás schnitten Figuren -aus einem Pappdeckel — klopfte es, und Tia Lolita stand im Zimmer. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger machte einen Schritt zurück, über und über errötend, verbeugte -sich und wischte sich die Finger, die voll Kreide waren, an den Rockschößen ab. -</p> - -<p> -Die Knaben sprangen auf, packten die Tante an beiden Armen und drehten sie -im Kreise herum. -</p> - -<p> -„Carlos und Nicolás“, sagte sie, die Hand an der Stirne, denn es war ihr schwindlig, -„wir reisen in einigen Tagen alle miteinander nach der Kolonie Trinidad. Mama -hält es nicht mehr aus!“ -</p> - -<p> -Die Knaben stürzten ins Zimmer ihrer Mutter: es war wahr, in einer Woche -reiste man. — -</p> - -<p> -Es goß in Strömen an dem Tage der Abfahrt. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás knieten auf dem Sofa im Salon des Dampfers und schauten -zum Fenster hinaus. Die Wolken hingen zerfetzt und niedrig. Aus dem Schornstein -stieg schwarz der Rauch auf. Die Knaben folgten ihm mit den Blicken, und als -er ganz hoch war, glaubten sie, er sei jetzt auch eine Wolke. -</p> - -<p> -Man hatte vor drei Stunden Campana verlassen; große beladene Barken strichen -vorüber, langsam, mit eingezogenen Segeln, die dunkel vom Regen waren. Carlos -und Nicolás schauten auf die trübe Fläche des Stromes, auf der fortwährend Blasen -entstanden und platzten. Leise pochte die Maschine. -</p> - -<p> -Darauf setzten sie sich zu Tia Lolita, die melancholisch in einem großen roten Album -blätterte, und verlangten, daß sie ihnen eine Geschichte erzählte. -</p> - -<p> -„Das Märchen von Amlet!“ bat Carlos. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger, der in der Nähe saß und eine Idylle von Voß las, sah auf. -</p> - -<p> -„Meinst du Hamlet? ... Aber das ist doch kein Märchen, sondern ein Trauerspiel!“ -</p> - -<p> -Carlos begriff das nicht recht, es war doch keine wahre Geschichte, sondern ausgedacht. -</p> - -<p> -„Erzähle uns lieber das Märchen vom Swinegel und sine Fru, es ist viel schöner!“ -rief Nicolás. -</p> - -<p> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -<a id="pagehdr-72" class="pagehdr" title="Carlos und Nicolás fangen Fische für das Abendessen"></a> -Herr Dr. Bürstenfeger sah manchmal auf, die Parallele schmerzte ihn. -</p> - -<p> -Und Tia Lolita erzählte, um Carlos zu befriedigen, „das Märchen von Amlet“ -und dann das Märchen vom Swinegel und sine Fru, um Nicolás zu befriedigen. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger hatte zugehört und war entzückt, er sagte sich: Hamlet -ist doch eigentlich nichts für Kinder, aber wie hat sie gewußt, es ihnen nahezubringen, -mit welch feinem Eindringen in die kindliche Seele! -</p> - -<p> -Hundertmal schon hatte Tia Lolita ihnen das Märchen von Amlet erzählt, und -hundertmal schon das Märchen vom Swinegel und sine Fru; aber es war immer -wieder eine neue Geschichte für sie. -</p> - -<p> -Carlos sagte: „Armer, armer Amlet, aber auch armer Polonius!“ -</p> - -<p> -Über das Schicksal der Ophelia jedoch waren sie sehr erfreut, Tia Lolita hatte -nämlich, um ihre Gemüter nicht zu sehr zu belasten, es von Grund aus umgestaltet -und einen fröhlichen Ausgang erdacht. -</p> - -<p> -Nicolás sagte: „Beim Märchen vom Swinegel und sine Fru kann man auch traurig -und lustig sein, die Swinegels sind komisch, aber der Hase tut mir leid.“ -</p> - -<p> -Tia Lolita bestätigte das, und Herr Dr. Bürstenfeger lächelte nachsichtig und milde. -</p> - -<p> -Es wurde zu Tische geläutet, nachher ging Herr Dr. Bürstenfeger in seine Kabine, -um ein Mittagsschläfchen zu halten. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás spielten mit Tia Lolita Fangen, und dann versteckten sie sich, -und sie mußte sie suchen. -</p> - -<p> -Carlos war schlau; er wußte, daß sie schwerlich auf Deck gehen würde, weil es in -Strömen regnete, ging hinauf und duckte sich in eine Taurolle. -</p> - -<p> -Nach seinem Mittagsschläfchen begab sich Herr Dr. Bürstenfeger in den Salon; -er fand die Knaben nicht, suchte sie und sah sie schließlich oben auf Deck mit aufgespannten -Regenschirmen bei Backbord sitzen, jeder eine lange Angelrute in der -Hand. Die gehörten dem Schiffskommissär. Sie hatten sie vor seiner Kabine stehen -sehen, und auf ihre Frage, ob er erlaube, daß sie damit Fische für das Abendessen -fingen, war er überaus erfreut darüber gewesen; und nun saßen Carlos und Nicolás -bereits dreiviertel Stunden lang da und fingen nichts. -</p> - -<p> -Der Lehrer legte ihnen die Hand auf die Schulter und belehrte sie, es sei bei der -schnellen Fahrt nicht gut möglich, Fische zu fangen, und der Schiffskommissär, der -weiter hinten unter Dach stand, lachte und meinte, die Fische müßten lange Beine -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -<a id="pagehdr-73" class="pagehdr" title="Die Witzautoren"></a> -haben, und warnte sie vor dem Kapitän, der beleidigt sei, denn sein Schiff sei kein -lahmer Klepper. -</p> - -<p> -Bei Tisch sahen Carlos und Nicolás nach der Spitze, wo der Kapitän saß, und waren -nachher furchtbar froh, weil er nichts gesagt hatte. -</p> - -<p> -Heute hatte man frei gehabt, aber morgen war Schule ... -</p> - -<p> -„Wir werden gesattelt“, sagte Carlos zu Nicolás, als Herr Dr. Bürstenfeger sie -zum Unterricht abholte. Sie meinten, so müsse es auch ihren Ponys zumute sein, -wenn die Knaben mit ihren Zäumen kamen. -</p> - -<p> -Übrigens war es ungewiß, wer diesen Witz erdacht hatte, Carlos oder Nicolás. -Der Witz war alt, jeder nahm ihn für sich in Anspruch, und sie hatten sich manchmal -ernstlich darüber gestritten. -</p> - -<p> -Auf Carlos’ Vorschlag führten sie seit einiger Zeit ein Notizbuch in der Tasche, -und machte einer von ihnen einen Witz, so wurde er sofort in beide Hefte eingetragen -und darunter geschrieben: -</p> - -<div class="block"> -<p class="noindent"> -Diesen Witz hat Carlos (oder Nicolás) -am 5. November 18.. um 4 Uhr nachmittags -auf einem Ritt nach Flores gemacht. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Es folgten dann beide Unterschriften. -</p> - -<p> -Aber auch dies lief nicht immer ohne Streitigkeiten ab, denn oft war der andere -geneigt, den Witz zu schlecht zu finden, als daß er notiert werden sollte, was ihn -aber manchmal nicht daran hinderte, später, als er bereits längst vergessen schien, -darauf zurückzukommen und für sich die Autorschaft zu beanspruchen. — -</p> - -<p> -In Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine lag alles fein säuberlich nebeneinander: das -Rechenbuch, das Lesebuch, die französische Grammatik, zwei Hefte und zwei gespitzte -Bleistifte. -</p> - -<p> -Sie setzten sich. Zuerst kam das Rechnen, dann folgte Französisch. -</p> - -<p> -Draußen vor der Tür aber war Geräusch zu hören, ganz sicher stand dort jemand -und horchte. -</p> - -<p> -Carlos wurde unruhig. Herr Dr. Bürstenfeger aber tat, als höre er nichts. Er -öffnete die Grammatik und las: -</p> - -<p> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -<a id="pagehdr-74" class="pagehdr" title="„Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen“"></a> -„<span class="antiqua">Ma tangt a oublie song parablü</span>“, und Carlos übersetzte: „Meine Tante hat -ihren Regenschirm vergessen.“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger las: „<span class="antiqua">Hannibal frangschi les Alp.</span>“ -</p> - -<p> -Carlos starrte nach der Tür. Er hörte kichern, ganz deutlich sah er ein Auge durch -das Schlüsselloch. -</p> - -<p> -Er würgte und übersetzte: „Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen.“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger fuhr auf, er glaubte, Carlos erlaube sich einen Scherz. -Dann aber erkannte er seine Verwirrung. -</p> - -<p> -Er stand auf, ging entrüstet nach der Tür und öffnete. -</p> - -<p> -Es war Tia Lolita gewesen, die schnell entschlüpft war, ohne daß Herr Dr. Bürstenfeger -sie gesehen hatte. -</p> - -<p> -Der Unterricht wurde fortgesetzt. -</p> - -<p> -Zum Schluß kam das Freiturnen, der Gesang wurde ausgelassen. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger öffnete die Luke, damit frische Luft herein käme, und es -wurde mit der Kniebeuge begonnen, zuerst er und Carlos allein, weil zu wenig Raum -in der Kabine war. -</p> - -<p> -Carlos dachte: Wir bewegen uns auf und ab wie die Kolben unten in der Maschine. -Er empfand es aber nicht als einen Witz, weil er zu erbittert war ... -</p> - -<p> -In der Nacht schliefen Carlos und Nicolás lange nicht ein vor Aufregung; am -Morgen würden sie ihr Landgut passieren, noch nie waren sie im Schiff daran vorbeigefahren. -Außerdem hatten sie einige Tage vor ihrer Abfahrt einen Brief an -den Verwalter geschrieben, unter welchen die Mama ihre Unterschrift gesetzt hatte. -Darin stand, daß, wer Zeit hätte: der Capataz, Ramon der Stallknecht, Juanita die -Tochter des Schafhirten, Juan der Sohn des Capataz, sich, sobald das Schiff in Sicht -wäre, ans Ufer begeben sollte, weil Carlos und Nicolás mit dem Taschentuch winken -wollten. -</p> - -<p> -Die Knaben baten den Kapitän, sich möglichst nahe an der Küste zu halten, und -gaben ihm den Grund an. -</p> - -<p> -Der Kapitän, der ihnen scheinbar das Fischen gar nicht übelgenommen hatte, -erklärte sich bereit, und wirklich fuhr er so nahe daran vorbei, als er konnte. -</p> - -<p> -Von allem Gesinde aber waren nur Ramon der Stallknecht und Miguel der -Koch anwesend. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/074a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -<a id="pagehdr-75" class="pagehdr" title="Der Dampfer ist auf eine Sandbank aufgefahren"></a> -Carlos und Nicolás waren ganz außer sich vor Freude, winkten und schrieen, man -konnte aber nichts verstehen. -</p> - -<p> -In gestrecktem Galopp kam plötzlich Juan auf Carlos’ Pony, das er ihm für die -Zeit seiner Abwesenheit geliehen hatte, dahergeritten. -</p> - -<p> -Um zu zeigen, daß er so schnell als das Schiff sei, ritt er in Karriere mit diesem -parallel und hieb unbarmherzig auf das Pferd ein; mit seinem dicken Bauch und -seinem kurzen Halse glich es einer dahinstürmenden Wildsau. -</p> - -<p> -Carlos hatte sich anfangs gefreut, dann aber begann er, sich über Juan zu ärgern. -</p> - -<p> -„Hau nicht so! Hau mein Pferd nicht so!“ schrie er, „sonst hau ich dich!“ -</p> - -<p> -Juan aber kehrte sich nicht daran, erstens weil er nichts hörte, und zweitens, weil -Carlos ihn doch nicht hauen konnte. -</p> - -<p> -Die Passagiere aber lachten. — -</p> - -<p> -Man hatte bereits San Nicolas, Rosario und Santa Fé hinter sich. -</p> - -<p> -Die warme Luft des Nordens begann sich schon bemerkbar zu machen. Heute -war ein schöner, windstiller Tag. -</p> - -<p> -Nach dem Mittagessen lag man auf Deck unter dem aufgespannten Toldo auf -langen Strohstühlen und trank schwarzen Kaffee und rauchte Zigaretten. -</p> - -<p> -Auch Herr Dr. Bürstenfeger war oben, lag aber nicht, sondern saß, auch rauchte -er nicht Zigaretten, sondern eine leichte Bremer Zigarre, von denen er einen großen -Vorrat aus Deutschland mitgebracht hatte, ohne sie dem Zoll vorzuenthalten. -</p> - -<p> -Zwei Stunden später hielt plötzlich das Schiff mit starkem Erbeben an, die Schaufelräder -bohrten sich in den Grund, ein Dutzend Gläser und sechs Flaschen zerbrachen, -ein Buch fiel in Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine vom Netz. Es war Wassertiefstand, -und man war auf eine Sandbank aufgefahren. Es war aber weiter kein Unglück -geschehen. -</p> - -<p> -Gegen Dämmerung kam ein großes Dampfschiff den Strom herab; mit Tauen -versuchte es das andere frei zu machen, aber es war umsonst. -</p> - -<p> -Am Morgen jedoch, als Carlos und Nicolás erwachten, war man bereits wieder -in voller Fahrt begriffen. Ein Sturm hatte in der Nacht das Schiff flott gemacht. -</p> - -<p> -Vor Ablauf einer Woche langte man in Formosa an. Man ging ans Land. Auf -einem Balkon saß ein schönes kleines Mädchen, fächelte sich mit einem Papierfächer -und kokettierte zu Carlos und Nicolás herab. Carlos und Nicolás blieben stehen -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -<a id="pagehdr-76" class="pagehdr" title="Im goldenen Berg von Orangen"></a> -und lächelten hinauf, Herr Dr. Bürstenfeger drängte vorwärts; das schöne kleine -Mädchen klappte den Papierfächer zu und lachte. -</p> - -<p> -Sieben Stunden war man bereits wieder unterwegs; ein Dampfer mit Militärbesatzung -fuhr stromabwärts. Es galt, Formosa zu Hilfe zu kommen, das soeben -von Horden von Tobasindianern angegriffen worden war. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás hörten die Nachricht und waren trostlos, daß ihr Schiff so -früh abgefahren war, so daß sie sich nicht am Kampfe beteiligen konnten. Es fiel -ihnen plötzlich ein, daß das kleine schöne Mädchen, das in Formosa auf dem Balkon -gestanden hatte, in großer Lebensgefahr sein müsse. Niemals würden Carlos und -Nicolás erfahren, ob sie tot sei, denn sie hatten die Straße, wo sie wohnte, vollständig -vergessen, auch konnten sie sich ihres Gesichtes gar nicht mehr erinnern, so starken -Eindruck es auch auf sie gemacht hatte. Und sie waren erfüllt von Traurigkeit. -</p> - -<p> -Ganz in der Frühe hielt wieder der Dampfer an. Vom Lande wurde eine -lange Brücke bis zum Schiff geschlagen, ein langer Zug von Indianern und -Indianerinnen brachte Orangen an Bord in großen Körben, die sie auf den -Köpfen trugen. -</p> - -<p> -Bis spät nachmittags dauerte das Verladen. Auf dem vorderen Teil des Schiffes -ragte ein goldener Berg von Orangen, ein leiser Wind ging und brachte den Duft -herüber. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás gruben sich ein Loch in den Berg, kauerten hinein und aßen -Orangen. -</p> - -<p> -Der Kapitän sah es, auch die Verlader sahen es, sagten aber nichts. -</p> - -<p> -Die Knaben jedoch glaubten von niemandem beobachtet zu sein und fanden es -romantisch und abenteuerlich. -</p> - -<p> -Gegen Dunkelwerden fuhr man ab. — -</p> - -<p> -Am Morgen nach dem Frühstück — die Knaben saßen im Eßzimmer — erscholl -plötzlich auf Deck Gewehrschießen. Sie sprangen auf und eilten hin, Herr Dr. Bürstenfeger -sehr besorgt hinter ihnen her. -</p> - -<p> -Oben wurde auf Alligatoren geschossen, die sich auf dem nahen Ufer sonnten. -</p> - -<p> -Vor einer Stunde hatten sich die ersten gezeigt, bis jetzt zählte man bereits über -zwanzig; zwei Passagiere hatten ihre „Remingtons“ heraufgebracht, und andere -eilten, es ihnen nachzutun. -</p> - -<p> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -<a id="pagehdr-77" class="pagehdr" title="„Après la bataille de Marathon ...“"></a> -„Karl und Nikolaus,“ rief streng Herr Dr. Bürstenfeger, „kommt zum Unterricht -herab!“ -</p> - -<p> -Carlos begann zu weinen, Nicolás war sehr niedergedrückt. Aber es half nichts. -</p> - -<p> -Es wurde die Grammatik aufgeschlagen, und Carlos las: „<span class="antiqua">Après la bataille de -Marathon</span> ...“ -</p> - -<p> -Oben auf Deck aber krachte ein Schuß nach dem andern. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Après la bataille de Marathon</span> ...“ heulte Carlos. „Oh, Herr Dr. Bürstenfeger, -lassen Sie uns hinauf!“ -</p> - -<p> -Aber Herr Dr. Bürstenfeger wehrte streng ab. -</p> - -<p> -Er hätte wohl den Unterricht verschoben, wenn es sich um eine würdigere Sache -gehandelt hätte, aber er wollte nicht, daß Carlos und Nicolás ihren Spaß daran -hätten, daß Tiere getötet werden. -</p> - -<p> -Da ging die Türe auf, und Tia Lolita stand in der Kabine. -</p> - -<p> -„Herr Dr. Bürstenfeger,“ bat sie, „lassen Sie die Knaben hinauf!“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger war blutrot. Er verbeugte sich und sagte flehend: „Mein -gnädiges Fräulein, ich bitte ... ich bitte Sie ... nein ... mein gnädiges Fräulein ...!“ -</p> - -<p> -Es war umsonst, Tia Lolita kehrte unverrichteter Sache zurück. -</p> - -<p> -Es waren aber nicht drei Minuten vergangen, da schlug er plötzlich sein Buch zu -und rief, während seine Stimme vor Beschämung bebte: „Geht hinauf, Karl und -Nikolaus, geht hinauf!“ — -</p> - -<p> -Am Abend war man in Asuncion. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-11"> -Paraguay -</h3> - -<p class="first"> -„Nach dieser langen Flußfahrt ist es nötig, daß wir uns endlich einmal gründlich -Bewegung machen“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und nahm Carlos und Nicolás -bei der Hand. -</p> - -<p> -Und sie spazierten auf den Straßen von Asuncion, der Stadt mit den blendend -weißen Häusern, den vorgebauten Holzgitterfenstern, den bedeckten Galerien, in -denen Hängematten hingen, und den breiten, ungepflasterten Straßen mit der -roten, weichen Erde. Der Duft der Orangenblüte erfüllte die Stadt. Frauen, eingehüllt -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -<a id="pagehdr-78" class="pagehdr" title="Die Affen fallen sich in die Arme"></a> -in lange, weiße Tücher, wandelten langsam und sehr aufrecht, bunte Krüge -auf den Köpfen. In ihren Gärtchen, unter Orangenbäumen, lagen die Männer, -manchmal nur mit einem Hemd bekleidet, und schliefen. -</p> - -<p> -„Es ist dies ein paradiesisches Land,“ sagte der Lehrer, „ohne Hast und Qual und -ohne Arg verbringen die Menschen hier ihre Tage, brauchen, um zu leben, nur die -Hand auszustrecken nach den herrlichen Früchten, die diese gütige Erde ihnen spendet.“ -</p> - -<p> -Der Weg führte sie am Markt vorbei. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás sahen zwei Affen je auf einem großen Kürbis kauern. Vier -uralte, verschrumpfte Indianerinnen saßen um einen großen Kessel, kauten Mais -und spuckten ihn hinein. -</p> - -<p> -„Der Speichel bringt den Mais zum Gären, daraus wird Schnaps“, sagte Herr -Dr. Bürstenfeger und schüttelte sich. -</p> - -<p> -Aber die Aufmerksamkeit der Knaben war auf die beiden Affen gerichtet. -</p> - -<p> -Wenn man nach Paraguay käme, sollten sie einen haben, hatte die Mama gesagt. -</p> - -<p> -Eine der alten Indianerinnen erhob sich, setzte auf jede Hand einen Affen und -hielt sie dem Hauslehrer hin. -</p> - -<p> -Sie wimmerten und kratzten sich. -</p> - -<p> -„Herr Dr. Bürstenfeger, kaufen Sie uns einen Affen!“ baten Carlos und Nicolás -zugleich. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger machte eine erschrockene Bewegung; er erinnerte sich an -das Versprechen, das ihnen die Mama gegeben hatte. -</p> - -<p> -Aber kein Tier war ihm so unsympathisch wie ein Affe. -</p> - -<p> -„Kaufen Sie uns einen Affen!“ wiederholten die Knaben. -</p> - -<p> -Nach einigem Zaudern begann er mit der Indianerin zu unterhandeln. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás waren sich nicht einig in der Wahl; schließlich einigten sie sich -auf den, der auf der linken Hand saß, und der Lehrer gab seine Einwilligung. -</p> - -<p> -Als aber die Indianerin die Kiste, in die er hineingehörte, in die Höhe hob und -ihn an der Schnur zog, an der er angebunden war, fielen sich beide Tiere in die Arme -und begannen laut zu heulen. -</p> - -<p> -Sie wußten es von manchen Vorgängern, daß es galt, Abschied zu nehmen. -</p> - -<p> -„Arme Affen!“ sagten Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -Auch Herr Dr. Bürstenfeger war voller Mitleid. -</p> - -<p> -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -<a id="pagehdr-79" class="pagehdr" title="In ganz Asuncion ist kein Wagen aufzutreiben"></a> -Die Affen hielten sich umklammert, der Lehrer war ratlos. -</p> - -<p> -„Kaufen Sie beide!“ baten die Knaben. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger rang mit sich. -</p> - -<p> -„Es wäre eine Grausamkeit, die armen Tiere zu trennen!“ entschied er endlich. -</p> - -<p> -Er gab der Indianerin eine Weisung, die Knaben jubelten, und einige Minuten -später zogen sie heim, Carlos und Nicolás rechts und links von Herrn Dr. Bürstenfeger, -jeder mit seiner Kiste und seinem Affen. — -</p> - -<p> -Zwei Tage später fand die Weiterreise nach Trinidad statt; es war ein Ritt von -fünf Stunden. -</p> - -<p> -Zum erstenmal in seinem Leben mußte sich Herr Dr. Bürstenfeger entschließen, -auf ein Pferd zu steigen. In ganz Asuncion war kein einziger Wagen aufzutreiben. -Sie hätten kaum fortkommen können auf der weichen, lockeren Erde der Wege. -</p> - -<p> -Da der Tag zu heiß war, entschloß man sich, nachts zu reisen. -</p> - -<p> -Man brach um 11 Uhr auf, bei herrlichem Mondschein, um mit beginnender Dämmerung -anzukommen. -</p> - -<p> -Die Pferde waren zahm und mager, und es war gesorgt worden, daß Herr Dr. Bürstenfeger -das zahmste erhielt. Die Eltern, Tia Lolita und die übrigen ritten voraus. -Carlos und Nicolás ritten neben ihrem Lehrer und waren beschäftigt, sein Tier anzutreiben, -wenn sie traben wollten. Gewöhnlich aber ging es im Schritt, da der -Weg zum größten Teil durch Urwälder führte. — -</p> - -<p> -Die Kolonie Trinidad war von Urwäldern umgeben, nachts drang von dort das -Geschrei der Brüllaffen herüber. -</p> - -<p> -Der größte Teil der Einwohnerschaft bestand aus deutschen Bauern und Handwerkern, -die beinahe alle eine zweifelhafte Vergangenheit hatten. -</p> - -<p> -Sie waren zusammengewürfelt aus allen Teilen des Reiches, und man hörte sämtliche -Dialekte nebeneinander. -</p> - -<p> -Es lebten aber auch dort Leute aus anderen Gesellschaftsklassen: verbummelte -deutsche Studenten, durchgefallene Mediziner, die sich um die Praxis rauften, verlotterte -Richter und Advokaten. Sie nannten sich „alte Semester“ und berauschten -sich nachts an billigem Schnaps; es wimmelte in Trinidad von Wirtshäusern. Des -Tages aßen sie Orangen, Bananen und Mandioca, das kostete wenig. -</p> - -<p> -Alle Einwohner lebten in Haß und Hader miteinander. -</p> - -<p> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -<a id="pagehdr-80" class="pagehdr" title="Die Knaben reiten in die Steppe"></a> -Ging Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Dorfe spazieren, widerhallten -seine Ohren von böswilligem Klatsche. -</p> - -<p> -Der Bäcker lauerte ihm auf und begeiferte den Schuster, der Schuster ging ihnen -heimlich nach, und sobald Herr Dr. Bürstenfeger frei war, redete er schmählich über -den Bäcker, der Tischler folgte und erzählte Ruchloses von der Frau des Bienenzüchters. -</p> - -<p> -Und ganz so war es auch mit den Ärzten, Richtern und Advokaten bestellt. -</p> - -<p> -Anfangs ließ Herr Dr. Bürstenfeger wortlos den Schwall über sich ergehen. Dann -aber wehrte er mit den Händen ab und floh nach dem Urwald. -</p> - -<p> -Aber als er nach Hause zurückkehrte, umging er das Dorf. — -</p> - -<p> -Zweimal in der Woche war es Carlos und Nicolás erlaubt, allein auszureiten. -Herr Dr. Bürstenfeger erlaubte es, weil die Gegend sicher war, von den friedlichen -Guarangsindianern war keine Gefahr zu erwarten. -</p> - -<p> -Auf ihren mageren, struppigen Pferden schlugen die Knaben am liebsten die Richtung -dahin ein, wo bald nach dem Urwald die Steppe begann. -</p> - -<p> -Da konnten sie lange Galopp reiten, und es erinnerte sie an die Pampas in Argentinien. -Nur erhoben sich hier von Zeit zu Zeit kleine Palmenhaine. Die Palmen -aber standen nicht dicht beieinander, sondern so, daß die Sonne breit hineinfluten -konnte. -</p> - -<p> -Sie ritten, bis der Urwald ein schwarzer Streifen am Horizont war, stiegen von -den Pferden und legten sich ins Gras, wie sie es oft auf ihrem Gute getan hatten, -und lauschten in die Stille hinein; eine Heuschrecke klapperte, irgendwo sang ein -Vogel. Diese Geräusche und die Hitze des Tages wiegte sie in Halbschlaf ein. -</p> - -<p> -Carlos träumte, er jage hinter Straußen, dann träumte er, daß er mit den wilden -Tobasindianern kämpfe. Plötzlich erwachte er. Er rieb sich die Augen, und es war -seltsam, was er eben geträumt hatte, sah er deutlich aber regungslos in die Wolken -gezeichnet, die über dem Horizonte lagerten, und je länger er hinstarrte, um so lebendiger -wurde das Bild. Er schloß die Augen und sah es langsam vergehen, er öffnete -sie, und das Bild schwebte über dem Horizonte. — -</p> - -<p> -Eines Tages, als Carlos und Nicolás in den Urwald ausritten, begegneten sie -einem kleinen Indianer. Er hielt eine große bunte Schlange, die er eben getötet -hatte, auf einem Stocke. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/080a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -<a id="pagehdr-81" class="pagehdr" title="Die Schlangensammlung im Kleiderschrank"></a> -Carlos fragte, ob er sie verkaufen oder gegen irgend etwas vertauschen wollte. -</p> - -<p> -Da er nickte, sie aber kein Geld hatten, sprang er vom Pferd und gab ihm eine -Satteldecke dafür. -</p> - -<p> -Auf dem Heimritt beschlossen sie, eine Schlangensammlung zu machen. -</p> - -<p> -Sie verschafften sich Flaschen, denen sie die Köpfe abschlugen, und füllten sie mit -Spiritus. -</p> - -<p> -Einen Teil ihrer Mußestunden aber verbrachten sie damit, Schlangen aufzustöbern, -die sie töteten, in die Flaschen taten und sorgfältig in ihrem Kleiderschrank verschlossen, -weil sie wußten, welchen Abscheu Herr Dr. Bürstenfeger vor diesen Reptilien hatte. -</p> - -<p> -Aber das Unglück wollte es, daß einmal der Schrank aufblieb und Herr Dr. Bürstenfeger -hineinsah und mit einer Miene, als blicke er in Blaubarts Kammer. -</p> - -<p> -Er strafte sie aber nicht, er war nur sehr blaß und sagte: „Karl und Nikolaus, ihr -habt mich unendlich betrübt!“ -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás gelobten ihm unter Tränen, nie mehr eine Schlange zu fangen, -flehten ihn aber an, diese behalten zu dürfen, da sie ja tot seien und dabei so wunderbar -schöne Tiere. -</p> - -<p> -Diese letztere Bemerkung erregte in Herrn Dr. Bürstenfeger wieder ein Gefühl -des Grausens. Mit großem Nachdruck erwiderte er: „Daß ihr nie mehr welche fangen -werdet, weiß ich — im übrigen habe ich euch nichts mehr zu sagen!“ -</p> - -<p> -Damit entfernte er sich. -</p> - -<p> -Seine Unterhaltung mit den Knaben beschränkte sich von nun an auf das Allernotwendigste; -er hatte durch Zenobia in Erfahrung gebracht, daß die Schlangen -noch immer im Schrank seien. -</p> - -<p> -In der Schule sagte er mit höchst betrübtem Tonfall: „Jetzt gehen wir zum Kopfrechnen -über“, oder „Karl, schlag deine Grammatik auf!“ -</p> - -<p> -Und das trieb er so lange, bis Carlos und Nicolás es nicht mehr ertragen konnten -und die Schlangen vergruben. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger zuckte mit keiner Miene, als er es erfuhr. Abends aber, -als sie zu Bett gegangen waren, gab er ihnen mit ungleich mehr Herzlichkeit, als in -den letzten Tagen, den Gutenachtkuß. — -</p> - -<p> -Eines Vormittags während der großen Pause saßen Carlos und Nicolás rechts -und links von Tia Lolita unter dem Bananenbaum vor dem Hause. -</p> - -<p> -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -<a id="pagehdr-82" class="pagehdr" title="Herr Dr. Bürstenfeger setzt sich ans Klavier und phantasiert"></a> -Carlos hatte ihr die Zöpfe aufgeflochten und das Haar auf die Schultern gelegt, -daß auch ihr Gesicht umrahmt war. So fand er sie noch viel schöner als gewöhnlich -und nannte sie Genovefa. -</p> - -<p> -„Du siehst wie Sneewittchen aus,“ sagte Nicolás, „das war die schönste Königstochter.“ -</p> - -<p> -Tia Lolita lachte: „Ich kann doch nicht Sneewittchen gleichen; ihr Haar war doch -so schwarz wie Ebenholz, und ich bin blond!“ -</p> - -<p> -„Aber der Gänsemagd gleichst du“, meinte er. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger kam vorbei. Er blieb stehen und starrte Tia Lolita an. -</p> - -<p> -„Mit einer Gänsemagd vergleicht Nicolás mich, was meinen Sie dazu, Herr Dr. -Bürstenfeger?“ sagte sie und stellte sich gekränkt. -</p> - -<p> -„Oh, oh!“ meinte Herr Dr. Bürstenfeger, fand aber keine Worte mehr, er schien -verwirrt. -</p> - -<p> -Nicolás war geärgert: „Ich meine doch nicht eine gewöhnliche Gänsemagd, sondern -die Gänsemagd, die in Wirklichkeit eine Königstochter war, ihr Haar war eitel Gold, -und sie mußte mit Kurtchen die Gänse hüten.“ -</p> - -<p> -Mit dieser Erklärung war Tia Lolita zufrieden, sie gab Nicolás einen Kuß, und -er schmiegte seinen Kopf an ihre Schulter. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger machte ganz unwillkürlich eine rasche Bewegung und -ging weiter. Dann begab er sich hinauf in den Salon, setzte sich ans Klavier und -phantasierte. -</p> - -<p> -Tia Lolita und Carlos und Nicolás lauschten, ohne ein Wort zu sprechen. -</p> - -<p> -Carlos sagte: „Wie schön spielt doch Herr Dr. Bürstenfeger!“ -</p> - -<p> -„Sehr schön spielt er“, antwortete sie aufrichtig. — -</p> - -<p> -Einige Tage später hatten die Landbewohner Tanz weiter draußen unter einem -uralten Baum. -</p> - -<p> -Ein alter Indianer spielte die Gitarre und sang leise dazu. -</p> - -<p> -Es war Mondnacht, und die jungen Indianerinnen tanzten. Sie hatten feine, -schmale Gesichter und große, dunkle Augen. Die dicken Haarflechten fielen auf die -braunen nackten Schultern. Sie trugen weiße Leinenhemden und weiße Sommerröcke, -eine Korallenkette um den Hals und sämtliche Finger mit Ringen geschmückt. -</p> - -<p> -Der Duft der Orangenblüte wehte herüber. -</p> - -<p> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -<a id="pagehdr-83" class="pagehdr" title="„Armer Herr Dr. Bürstenfeger!“"></a> -Tia Lolita schwatzte mit Herrn Dr. Bürstenfeger. In einem Anfall von Laune -lachte sie ihm zu und neckte ihn harmlos. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger starrte sie wortlos an mit klopfendem Herzen. -</p> - -<p> -„Wollen wir auch einmal tanzen!“ sagte sie. -</p> - -<p> -„Ja, ja ...!“ stammelte Herr Dr. Bürstenfeger; er wußte selbst nicht recht, was er sagte. -</p> - -<p> -Und sie tanzten. — -</p> - -<p> -Als Carlos und Nicolás im Begriff waren, zu Bett zu gehen, ging Herr Dr. Bürstenfeger -nebenan in seinem Zimmer langsam auf und ab und murmelte leise etwas -vor sich hin. -</p> - -<p> -Plötzlich blieb er stehen, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte: „Ich liebe -dich, Lolita ... sei mein Weib, ich liebe dich mit meiner ganzen Seele!“ -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás hörten das, und maßloses Erstaunen ergriff sie. -</p> - -<p> -Sie saßen sprachlos auf ihren Stühlen und konnten es lange nicht fassen. -</p> - -<p> -... Seine Frau sollte sie werden, Tia Lolita! Aber armer Herr Dr. Bürstenfeger!! -</p> - -<p> -Sie waren von tiefem Mitleid mit ihm erfüllt, waren aber weit entfernt, den -Umfang seines Schmerzes zu ehren. -</p> - -<p> -Tia Lolita würde ja den Prinzen heiraten, mit ihm auf sein Schloß ziehen und -die schönste Königin der Welt werden. Niemals würde sie Herrn Dr. Bürstenfeger -heiraten! ... -</p> - -<p> -Am nächsten Tag während des Unterrichts war der Lehrer sehr seltsam, er hörte -kaum auf die Antworten, die Carlos und Nicolás gaben. -</p> - -<p> -Ein dunkles Gefühl sagte ihnen, er wisse, daß sie den Prinzen heiraten werde, -und darüber sei er so traurig. -</p> - -<p> -Abends bei anbrechender Dunkelheit saßen sie mit Tia Lolita in ihrem Zimmer -am offenen Fenster. -</p> - -<p> -„Wirst du den Prinzen heiraten?“ fragte Carlos. -</p> - -<p> -„Gewiß“, antwortete sie. -</p> - -<p> -„Armer Herr Dr. Bürstenfeger!“ -</p> - -<p> -Tia Lolita lachte. -</p> - -<p> -Was sich gestern ereignet hatte, hatten sie ihr arglos erzählt. Anfangs war sie -betroffen gewesen und dann aufs höchste belustigt. -</p> - -<p> -Da, unten im Garten, kam Herr Dr. Bürstenfeger daher. -</p> - -<p> -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -<a id="pagehdr-84" class="pagehdr" title="Carlos begreift das Rätsel nicht"></a> -Er ging, den Kopf zu Boden gerichtet, und bewegte die Hände, wie im Selbstgespräch. -</p> - -<p> -Er ging zur Bank und setzte sich. -</p> - -<p> -Ganz deutlich hörten sie, wie er leise sagte: „Lolita!“ -</p> - -<p> -Carlos ahnte nicht, was in Herrn Dr. Bürstenfeger vorging; aber ein Mitleid -ergriff ihn, unbestimmt, doch übergewaltig. -</p> - -<p> -Er lief die Treppe herab, zum Garten hinaus, Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen: -„Armer Herr Dr. Bürstenfeger!“ -</p> - -<p> -Aufs höchste betroffen, sah ihn der Lehrer an. -</p> - -<p> -„Armer Herr Dr. Bürstenfeger, sie wird ja den Prinzen heiraten!“ -</p> - -<p> -Oben am Fenster war Bewegung. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger sah hinauf und sah Tia Lolita dort sitzen. -</p> - -<p> -Da erkannte er, daß er belauscht worden war, und erhob sich jäh, während ihm -das Blut ins Gesicht strömte. -</p> - -<p> -Dann aber fiel er zurück, ließ den Kopf sinken und begann zu schluchzen, aufgelöst -in wahnsinnige Beschämung. -</p> - -<p> -Carlos stand da, sah ihn an und begriff das große Rätsel nicht. -</p> - -<p> -Plötzlich aber fiel er ihm um den Hals und brach ebenfalls in Schluchzen aus. -</p> - -<p> -Aus den Urwäldern aber ertönte laut das Konzert der Brüllaffen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-12"> -Die Revolution -</h3> - -<p class="first"> -Ein paar Jahre waren vergangen. -</p> - -<p> -Man wohnte seit einigen Wochen in der Stadt, da die Villa restauriert wurde. -</p> - -<p> -In zehn Tagen aber sollten Carlos und Nicolás mit Herrn Dr. Bürstenfeger nach -Europa reisen. -</p> - -<p> -Carlos wurde nächstens zehn Jahre. Sie waren in ihrem Unterricht so weit, daß -sie in die erste Klasse des Gymnasiums eintreten konnten, und es war dafür eine -kleine Stadt irgendwo in Deutschland bestimmt worden. -</p> - -<p> -Nach Europa! jauchzten Carlos und Nicolás, das war endlich einmal eine weite -Reise. Übers Meer reiste man, wo die Wellen wie Berge waren. Man sah Walfische -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -<a id="pagehdr-85" class="pagehdr" title="Carlos wird übermorgen zehn Jahre älter"></a> -und Haifische. Man erlebte vielleicht auch Schiffbruch, man strandete auf einer einsamen -Insel und nährte sich von Gräsern und Kräutern, bis die Vorräte des Wracks -ans Land geschafft waren. Dann kam ein Schiff vorbei, Carlos und Nicolás würden -die Hemden ausziehen und damit winken, und dann würden sie endlich nach Europa -kommen und eine herrliche Robinsongeschichte erlebt haben. -</p> - -<p> -In Europa aber versank man bis zum Hals in den Schnee, wenn man auf den -Straßen ging. Das erschien ihnen lustig. Dann waren auch dort die großen Schlittenfahrten. -Sechs Pferde waren vor die Schlitten gespannt, und in Karriere ging es -über Berge und Täler und durch den Wald. Oft verfolgten sie Wölfe. -</p> - -<p> -In der Schule war es schön. Man ging mit einem Tornister auf dem Rücken dahin, -und um zehn Uhr war Picknick, das mußte man sich von zu Hause mitnehmen. -</p> - -<p> -Die Schule fand in einem großen Saale statt, darin wimmelte es von Schülern. -Der Lehrer sprach mit lauter Stimme, alle lauschten, und jeder wollte der Beste -sein. Wenn man so allein zu zweit im Hause Schule hatte, war man lange nicht -so ehrgeizig. -</p> - -<p> -So war es in Europa! Carlos und Nicolás wußten es, obgleich Herr Dr. Bürstenfeger -es nur zum Teil so dargestellt hatte. — -</p> - -<p> -Heute aber saßen sie noch in Buenos Aires im Spielzimmer und stellten eine -Liste auf von den Knaben und Mädchen, die sie für übermorgen einladen wollten, -zu Carlos’ Geburtstag. -</p> - -<p> -Carlos wollte, daß auch sein bester Freund dabei sein sollte, ein Junge in seinem -Alter, der auf einem lahmen Schimmel ritt mit einem Schafspelz als Sattel, und -dessen Vater Knecht bei den Schlächtereien in Barracas war. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger aber fand es durchaus nicht statthaft, und so verließen denn -die drei das Haus, ohne daß Carlos’ Wunsch willfahrt worden wäre, um die Einladungen -zu besorgen. -</p> - -<p> -Zuerst gingen sie zu Aguieres, die nicht weit von ihnen wohnten. -</p> - -<p> -Sie wurden zum älteren Bruder des Freundes, der zwanzig Jahre alt war und -einen Schnurrbart hatte, ins Zimmer gebeten. -</p> - -<p> -Er saß vor einem großen Schreibtisch, auf dem ein Haufen Papiere lagen, schien -nachdenklich und besorgt und versprach zerstreut, daß sein kleinerer Bruder, der -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -<a id="pagehdr-86" class="pagehdr" title="Ein Julklapp"></a> -augenblicklich noch in der Schule sei, zu Carlos’ Geburtstag kommen werde. Dann -schrieb er sich das auf einen Zettel auf. -</p> - -<p> -Im Sagnan begegneten Herr Dr. Bürstenfeger und die Knaben der Mama, einer -Dame aus den nördlichen Provinzen mit mattem Teint und großen, sanften Augen. -Sie gab den Knaben einen Kuß und bestätigte die Erlaubnis. -</p> - -<p> -An Carlos’ Geburtstag erwachten die Knaben ganz in der Frühe. Im Dämmerlicht -sahen sie die vor den Betten aufgestellten Geschenke. -</p> - -<p> -Nicolás wurde ebenfalls zu Carlos’ Geburtstag beschenkt, weil der seine kurz nach -Weihnachten fiel. -</p> - -<p> -Auf einer großen Kiste lag ein Zettel, darauf zu lesen stand: Von Herrn Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Nachdem sie von den übrigen Sachen fieberhaft Kenntnis genommen hatten, -eilte Carlos im Hemd nach der Küche und holte ein Brecheisen, um die Kiste zu öffnen. -</p> - -<p> -Darin fanden sie eine Pappschachtel, die beinahe die ganze Kiste einnahm. Als -sie diese öffneten, fanden sie wieder eine Schachtel darin, und in dieser ein Paket. -Es war aber kein Paket, sondern zusammengeknülltes Zeitungspapier. -</p> - -<p> -Wie sie bereits verzagen wollten, stießen sie auf einen großen Zettel, auf dem zu -lesen stand: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Diese Kiste mit allem, was darin ist,</p> - <p class="verse">nennt man bei uns einen Julklapp.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Unzufrieden mit dieser Erklärung, suchten sie jetzt ohne alle Hoffnung weiter, -fanden aber zuletzt, in braunes Papier eingewickelt, zwei schöne Bücher als Geschenk, -in die Herr Dr. Bürstenfeger eine herzliche Widmung geschrieben hatte. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás zogen sich an und gingen ins Spielzimmer; es war noch ganz -still im Hause. -</p> - -<p> -Auch draußen war es still, die Tramways fuhren noch nicht, nur ein Bäckergeselle -ritt auf seinem Maultier pfeifend die Straße herab. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás hatten eine Menge Bleisoldaten erhalten, die wurden ihren -Armeen einverleibt. Dann zogen sie einen Kreidestrich mitten über den großen -Tisch, die Kanonen wurden mit Erbsen geladen, und die Schlacht begann. -</p> - -<p> -Unten auf der Straße aber ertönte gedämpfter Trommelschlag, die Knaben sprangen -zum Balkon, ein Bataillon Infanterie zog vorüber. -</p> - -<p> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -<a id="pagehdr-87" class="pagehdr" title="Mauricio muß alle Fenster schließen"></a> -Inzwischen war es ganz hell geworden, die Dienstboten waren aufgestanden. -</p> - -<p> -An der Straßenecke stand ein Trupp Leute, ein Stück weiter wieder einer. -</p> - -<p> -Eine Schwadron Polizei mit Gewehren ritt im Trabe vorbei, von einigen Neugierigen -gefolgt. -</p> - -<p> -Immer noch fuhren die Tramways nicht ... -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger war mittlerweile aufgestanden. Er beglückwünschte Carlos -zu seinem Geburtstag, die Knaben dankten für das schöne Geschenk; darauf gingen -sie ins Eßzimmer, um zu frühstücken. -</p> - -<p> -Auf dem Gang hörten sie die Köchin laut und aufgeregt sprechen. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger stand auf, um zu hören, was geschehen war. -</p> - -<p> -Ganz aufgelöst erzählte sie, man hätte sie nicht auf den Markt gelangen lassen, -die Plaza sei mit Militär besetzt, Kanonen stünden dort, das Pflaster sei ausgehoben. -</p> - -<p> -„Revolution!“ sagte Mauricio, der Diener aus Galicien. -</p> - -<p> -„Waas ...!“ entgegnete Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Das ist die Revolution!“ riefen Carlos und Nicolás und stürmten nach dem Balkon. -</p> - -<p> -Auf der Plaza aber krachte eine Salve, daß die Fenster klirrten; das war der Beginn. -— -</p> - -<p> -Es dauerte eine geraume Weile, bis Herr Dr. Bürstenfeger sich von seinem ersten -großen Schreck erholt hatte, sofort aber nahm er die Knaben unter seine Obhut. -</p> - -<p> -„Die Revolution, die Revolution!“ schrieen Carlos und Nicolás und waren ganz -außer sich. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger beschwor sie, zu schweigen, und faßte sie dann streng an beide -Hände. -</p> - -<p> -Darauf befahl er Mauricio, alle Fenster, die auf sein sollten, zu schließen. -</p> - -<p> -Um nun kümmerlich sehen zu können, was auf der eigenen Straße geschah, mußte -man auf Stühle steigen. -</p> - -<p> -Von Zeit zu Zeit ertönte von der nahen Plaza wieder eine Salve. -</p> - -<p> -Aber auch in anderen Teilen der Stadt begann es lebendig zu werden; Bürger -stiegen bewaffnet auf die flachen Dächer ihrer Häuser, aus Fenstern und Balkonen -wurde geschossen. -</p> - -<p> -Mit anbrechender Dunkelheit aber wurde es allmählich überall still. -</p> - -<p> -Losgelöste Rotten durchzogen schreiend die Straßen. -</p> - -<p> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -<a id="pagehdr-88" class="pagehdr" title="„Viva la revolucion!“"></a> -Man verriegelte die Häuser, um sich gegen Einbrecher zu schützen. -</p> - -<p> -Auch bei Carlos und Nicolás wurde das Tor sorgfältig geschlossen, und Herr Dr. -Bürstenfeger ging hinunter, um sich davon zu überzeugen. — -</p> - -<p> -Als die Knaben zu Bett gegangen waren, unterhielten sie sich noch lange über -die Lage. -</p> - -<p> -Es waren Flugschriften von der Regierung und auch von der Revolutionspartei -herausgegeben worden, die vom Gange der Ereignisse berichteten. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger und der Papa hatten heute bei Tische darüber gesprochen, -und Carlos und Nicolás versuchten, sich davon ein Bild zu machen: sie waren sich -klar, der Präsident hatte viel gestohlen, und wer ein guter Argentinier war, mußte -Revolution machen. -</p> - -<p> -Gewiß wollten Carlos und Nicolás sich Mühe geben, gute Deutsche zu sein, aber -sie wollten auch gute Argentinier bleiben. -</p> - -<p> -„Weißt du was!“ sagte Carlos. „Sollte der Präsident daran sein, zu gewinnen, -so ziehen wir beide auch in die Revolution, und alle unsere Freunde müssen mit. -Auf unseren Ponys reiten wir einher und helfen den Präsidenten schlagen.“ -</p> - -<p> -Mit diesem Entschlusse schliefen sie beruhigt ein ... -</p> - -<p> -Bei anbrechendem Tage wurden sie durch lautes und ununterbrochenes Schießen -geweckt. Auch auf nahen Straßen schoß man. -</p> - -<p> -Ein Bataillon Infanterie zog unten auf der Straße mit aufgepflanztem Bajonett -nach der Plaza, ohne Trommelschlag. -</p> - -<p> -Gleich würden sie dort sein. Carlos und Nicolás erschauerten. -</p> - -<p> -Wenige Minuten, und eine neue, das allgemeine Krachen übertönende Salve erfolgte. -</p> - -<p> -Das war der Empfang. -</p> - -<p> -„Mein Gott!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger und entfärbte sich. -</p> - -<p> -Wieder zog eine Rotte schreiender Menschen vorüber, mit Stößen von Flugblättern -beladen. -</p> - -<p> -Sie türmten sie zu Bergen auf und verbrannten sie. -</p> - -<p> -Dabei brüllten sie: „<span class="antiqua">Viva la revolucion!</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Viva la revolucion!</span>“ schrien Carlos und Nicolás, von Begeisterung ergriffen. -</p> - -<p> -„Schweigt, um Himmels willen,“ rief Herr Dr. Bürstenfeger; „enthaltet euch -jeder Meinungsäußerung!“ -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/088a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -<a id="pagehdr-89" class="pagehdr" title="Das Bombardement dauert fort"></a> -Gegen Mittag erschien das Geschwader, das eine Tagreise südlich von Buenos -Aires stationiert hatte. Es kam den Revolutionären zu Hilfe. -</p> - -<p> -Und jetzt begann von dorther ein Bombardement auf die Stadt. -</p> - -<p> -Die weiblichen Dienstboten hatten sich schreiend in die Küche geflüchtet, denn -schon eines der ersten Geschosse war nicht sehr weit vom Hause geplatzt. -</p> - -<p> -Die Eltern, Carlos und Nicolás und Herr Dr. Bürstenfeger saßen zusammen im -Eßzimmer. -</p> - -<p> -„Recht töricht,“ meinte der Papa, „jetzt gilt ja Freund und Feind gleich.“ -</p> - -<p> -„Büberei!“ hauchte Herr Dr. Bürstenfeger, er war kreidebleich. -</p> - -<p> -„Wenn wir aufs Dach stiegen, könnten wir alles sehen“, sagte Carlos zu -Nicolás. -</p> - -<p> -Niemand hatte es gehört. Die Mama stand bei der Tür, Herr Dr. Bürstenfeger -war ganz aufgelöst, der Papa sprach über die Aussichten der Revolution. -</p> - -<p> -Die Knaben stiegen die Treppe zum flachen Dach hinauf. -</p> - -<p> -Die fünf Panzer des Geschwaders standen etwa einen Kilometer entfernt in -Schlachtlinie. -</p> - -<p> -Sie schossen abwechselnd. -</p> - -<p> -„Klingt es nicht wie eine Eisenbahn, die vorübersaust?“ sagte Carlos zu Nicolás, -wenn eine Bombe vorbeiflog. -</p> - -<p> -... Plötzlich stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihnen. -</p> - -<p> -„Karl und Nikol...!“ mehr brachte er nicht heraus. Aschfahl war er im Gesicht. -Er packte jeden an einem Arm, und seine Hände waren wie Schraubstöcke. -</p> - -<p> -Ohne ein Wort zu sagen, stieg er mit ihnen die Treppe hinab und brachte sie zu -Papa und Mama. -</p> - -<p> -Die ganze Zeit hielt jetzt Herr Dr. Bürstenfeger die Hände der Knaben erfaßt. -</p> - -<p> -Das Bombardement dauerte fort. -</p> - -<p> -„Herr Dr. Bürstenfeger,“ flehten sie, „lassen Sie unsere Hände los!“ -</p> - -<p> -„Nein“, sagte er. -</p> - -<p> -„Wir bitten Sie, Herr Dr. Bürstenfeger!“ -</p> - -<p> -Er ließ sie los. -</p> - -<p> -„Wir möchten ins Spielzimmer“, sagten sie und standen auf. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger folgte ihnen. -</p> - -<p> -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -<a id="pagehdr-90" class="pagehdr" title="Gefährliche Stunden"></a> -Sie stellten ihre Bleisoldaten auf, schossen mit Erbsen und spielten Revolution. -Jeder von ihnen war die Revolutionspartei. Sie vergaßen sich ganz und rückten -einander auf den Leib. -</p> - -<p> -„Haltet ein!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff sie bei den Armen. Dann -legte er seine Hände auf ihre Schultern und sagte emphatisch: „Karl und Nikolaus!“ -und nun zeigte er mit einer raschen Bewegung nach draußen, „euren braven Eltern -und dann mir habt ihr es zu verdanken, daß ihr nicht werdet, wie jene bübischen ... -dort ...“ -</p> - -<p> -Bei diesen letzten Worten platzte nicht weit eine Bombe, daß die Scheiben barsten. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás aber, sinnlos vor Aufregung, sprangen zum Fenster, rissen es -auf und sahen einige Häuser weiter eine große rote Wolke Ziegelstaubes aufsteigen — -dort, wo die Bombe geplatzt war ... -</p> - -<p> -Was in den nächsten drei Stunden vorging, sahen Carlos und Nicolás nicht. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger hatte sie ins Schulzimmer eingesperrt, das hinten auf den -Hof hinausging; er war ganz ratlos. -</p> - -<p> -Sie sahen nicht, wie der ältere Bruder ihres Freundes, der zwanzigjährige Augiere, -der, so jung er auch war, zu den Häuptern der Revolution gehörte, von vier bewaffneten -jungen Bürgern auf einer Bahre am Hause vorbeigetragen wurde. -</p> - -<p> -Er war von einer Kugel unterhalb der Brust getroffen worden, und man brachte -ihn, weil er es wünschte, zu seiner Mutter nach Hause. Er würde wohl heute noch -sterben. -</p> - -<p> -Sie hörten nur das Sausen und Krachen der Bomben. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger aber saß, ohne daß die Knaben es wußten, draußen bei -der Tür. -</p> - -<p> -Er wollte nahe bei ihnen sein in diesen gefährlichen Stunden, kein Vorwurf sollte -ihn treffen ... -</p> - -<p> -Gegen Abend hörte das Bombardement auf, und auch auf Plätzen und Straßen -wurde es ruhiger. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger entließ sie aus ihrer Haft. -</p> - -<p> -Als sie einige Augenblicke später im Eßzimmer auf den Stühlen standen und auf -die Straße herabsahen, kam ein langer Zug Karren vorbeigefahren. Leichen von -Soldaten, Polizisten und Bürgern lagen darauf gehäuft. -</p> - -<p> -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -<a id="pagehdr-91" class="pagehdr" title="Es klopft um Zwölf Uhr nachts laut an die Haustür"></a> -Nicolás wandte sich ab, Carlos aber blickte wie festgebannt hin, und da sah er, -wie in diesem Haufen sich Arme und Beine bewegten, es waren noch Verwundete -darunter. -</p> - -<p> -Von Schauder und Angst ergriffen, floh er in sein Zimmer und vergrub sein Gesicht -in die Kissen. -</p> - -<p> -Den Plan, der Revolution zu Hilfe zu kommen, falls der Präsident siegen sollte, -hatten sie jetzt plötzlich ganz fallen gelassen ... -</p> - -<p> -Als sie nachts im Bett lagen — sie konnten lange vor Aufregung nicht einschlafen —, -klopfte es mit einem Mal laut an die Haustür, es war gegen zwölf Uhr. -</p> - -<p> -Carlos fuhr auf. -</p> - -<p> -„Öffnen, öffnen, um Gottes willen, öffnen!“ rief jemand unten. -</p> - -<p> -Carlos sprang aus dem Bett und eilte in Herrn Dr. Bürstenfegers Zimmer. -</p> - -<p> -„Herr Dr. Bürstenfeger, jemand klopft unten und verlangt herein!“ -</p> - -<p> -Der Hauslehrer saß aufrecht in seinem Bett, stierte ihn an und antwortete nicht. -</p> - -<p> -Carlos lief ins Zimmer seines Vaters: -</p> - -<p> -„An der Haustür klopft jemand und bittet <span class="antiqua">por el amor de Dios</span>, daß man ihn -hereinläßt!“ -</p> - -<p> -Der Papa stand auf und ging ans Fenster. -</p> - -<p> -Unten stand ein Polizist, über und über mit Kot bedeckt, ganz verstört. -</p> - -<p> -Der Papa schlüpfte in seine Beinkleider und zog den Rock an. -</p> - -<p> -Draußen war Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Wir müssen ihm öffnen!“ meinte der Lehrer düster. -</p> - -<p> -Beide gingen, von Carlos und Nicolás gefolgt, hinunter. -</p> - -<p> -Der Polizist trat schnell in die geöffnete Tür, sein linker Arm blutete. -</p> - -<p> -Er hatte einen Streifschuß bekommen. -</p> - -<p> -Man führte ihn in die Küche, weckte den Diener und verband seinen Arm. -</p> - -<p> -Armer Gallego! dachten Carlos und Nicolás, von Mitleid erfüllt. -</p> - -<p> -Es war ein spanischer Galicier, einer der vielen eingewanderten armen Teufel, -die sich mit der ersten besten Anstellung zufriedengeben mußten. -</p> - -<p> -„Man schießt auf uns, von den Dächern, zu dieser Zeit noch. Wie Fliegen tötet -man uns, ich bin der letzte der Patrouille!“ sagte er. -</p> - -<p> -Sein angstverstörtes Gesicht war auf Herrn Dr. Bürstenfeger gerichtet. -</p> - -<p> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -<a id="pagehdr-92" class="pagehdr" title="Die Revolution ist zu Erde"></a> -Er bat, man möchte ihm die glänzenden Knöpfe seiner Uniform abschneiden, -damit er nicht auf den ersten Blick kenntlich sei. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás holten zwei Messer aus der Schublade und machten sich sofort -daran. -</p> - -<p> -„Legen Sie auch Ihr Käppi ab,“ sagte Nicolás, „und setzen Sie einen alten Hut -von Papa auf, so glaubt jeder, Sie seien ein Zivilist!“ -</p> - -<p> -Der Polizist sah Nicolás einen Augenblick an, als leuchte ihm dieser Vorschlag ein. -</p> - -<p> -Dann aber meinte er kläglich: „Nein, das geht doch nicht ... ich darf nicht ... -die Knöpfe höchstens.“ -</p> - -<p> -Man hatte ihm Wein gebracht, er trank drei Gläser. -</p> - -<p> -Nach einer halben Stunde aber sagte er, er müsse fort, er dürfe nicht länger -bleiben. -</p> - -<p> -Er konnte sich anfangs kaum auf den Beinen halten: die Wirkung des Weines, -die durchwachten Nächte und die Angst. -</p> - -<p> -Der Diener begleitete ihn hinunter und öffnete ihm. -</p> - -<p> -Nicolás sagte: „Armer Polizist, ich habe so große Furcht, daß man ihn tötet.“ -</p> - -<p> -Er aber huschte an den Häusern entlang, sah manchmal verstohlen in die Höhe, -ob nicht jemand herunterziele, und verschwand dann um die Straßenecke ... -</p> - -<p> -Als Carlos und Nicolás am Morgen erwachten, hörten sie unten auf der Straße -die Trambahn fahren, der Kutscher stieß in sein Horn, es waren die ausgelassensten -Melodien; polternd fuhren die Karren. Auf ihren kleinen dickbäuchigen Pferden -ritten die Milchmänner. Man hörte das Klatschen der Milch in ihren Blecheimern. -</p> - -<p> -Carlos öffnete das Fenster. -</p> - -<p> -„Nicolás,“ rief er seinem Bruder zu, der eben erwachte, „die Revolution ist zu -Ende, glaube ich!“ ... -</p> - -<p> -„Wir haben Frieden“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, als die Knaben zum Frühstück -erschienen. „Gott sei Dank, Frieden ... Karl und Nikolaus, jetzt dürft ihr wieder -ungehindert auf den Balkon!“ -</p> - -<p> -In dem Augenblick zog unten eine Rotte Menschen vorbei. Sie schrien: „Fort -ist sie, fort ist die Canaille!“ -</p> - -<p> -Damit war der Präsident gemeint, er war gestürzt; gestern war er fort nach Paris -mit einigen Millionen. -</p> - -<p> -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -<a id="pagehdr-93" class="pagehdr" title="Dem Papa lauft eine Träne über die Backe"></a> -„Fort ist sie, fort ist die Canaille!“ Der Jubel griff um sich, alles Volk stimmte -mit ein. -</p> - -<p> -Acht Tage später reisten Carlos und Nicolás nach Europa ... -</p> - -<p> -Sie waren im Zimmer ihrer Mutter und sagten ihr Adieu. -</p> - -<p> -Sie wollte nicht mit aufs Schiff, um nicht die Qual des Abschieds zu verlängern. -</p> - -<p> -Der Papa aber würde die Knaben bis nach Montevideo begleiten. -</p> - -<p> -Sie weinte, Carlos und Nicolás weinten. -</p> - -<p> -„Nicht wahr, du besuchst uns bald!“ Nicolás hielt die Mama umarmt. -</p> - -<p> -„In einem Jahr reise ich hinüber“, schluchzte sie. -</p> - -<p> -Plötzlich begann Carlos laut zu heulen: „Ich will nicht nach Europa, ich will bei -dir bleiben!“ -</p> - -<p> -Und Nicolás heulte: „Ich will auch nicht nach Europa, ich will bei dir bleiben!“ -</p> - -<p> -Draußen aber stand Herr Dr. Bürstenfeger mit seiner Reisetasche, auf der Veilchen -und Rosen gestickt waren, die Uhr in der Hand. -</p> - -<p> -Eine Viertelstunde später fuhren die drei an der Calle Horida vorbei. -</p> - -<p> -Carlos wandte sich dreimal schnell nach der großen Holzflasche um und dachte -schluchzend: Wann werde ich die wiedersehen?! ... -</p> - -<p> -Auf der Landungsbrücke wartete der Papa. -</p> - -<p> -Die Knaben fielen ihm um den Hals: „Nicht wahr, bis nach Montevideo begleitest -du uns ...?!“ -</p> - -<p> -„Ja, meine lieben Jungens“, sagte er und wischte sich eine Träne ab, die ihm über -die Backe lief. -</p> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -Carlos und Nicolás -auf dem Meere -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-1"> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -Auf dem großen Meer -</h3> - -<p class="first"> -Die Lombardia hatte vor drei Stunden Montevideo verlassen. Carlos und Nicolás -standen mit Herrn Dr. Bürstenfeger hinten auf Deck. -</p> - -<p> -Eine halbe Tagereise hinter ihnen lag Buenos Aires; nun endlich waren sie auf -dem Meer. In den Abschiedsschmerz, der die Knaben erfüllte, mischte sich die freudige -Erwartung noch nie gesehener, vielleicht unerhörter Dinge. -</p> - -<p> -Sie fragten einen Schiffsoffizier, der neben ihnen stand, ob Sturm im Anzuge sei. -</p> - -<p> -„Gott sei Dank nein!“ antwortete lachend der Offizier, worauf sie sich auf morgen -vertrösteten. -</p> - -<p> -Die Knaben hatten in ihrer Kabine um die Betten gelost. Nicolás war das obere -zugefallen; von da aus konnte er durch die gegenüberliegende Luke gerade aufs -Meer sehen. -</p> - -<p> -Sollte er, wenn er nachts erwachte, die Wolke am Horizont schauen, die unfehlbar -Sturm verkündete, hatte er seinen Bruder zu wecken. -</p> - -<p> -Es reisten nicht viel Passagiere in der ersten Klasse. Mit einem dicken fröhlichen -Priester aus Montevideo waren sie gleich Freunde geworden. -</p> - -<p> -Sie hatten ihn abends bei Tische beobachtet, wie er vor jedem Gericht seine Reverenz -machte. -</p> - -<p> -Nachher lag er oben auf Deck auf seinem Reisestuhl ausgestreckt und verdaute. -</p> - -<p> -„Seid ihr noch nicht seekrank, Süßwasserratten!“ sprach er Carlos und Nicolás an. -</p> - -<p> -„Wir sind keine Süßwasserratten,“ antwortete Carlos und zeigte nach seiner -Matrosenmütze, worauf der Name eines großen französischen Panzers stand, „und -vor dem Sturm fürchten wir uns auch nicht!“ -</p> - -<p> -„Bravo!“ rief der fröhliche Priester. -</p> - -<p> -Darauf erzählten sie ihm, daß sie mit ihrem Hauslehrer, Herrn Dr. Bürstenfeger, -nach einem schönen Städtchen in Deutschland reisten, das Mufflingen hieße, um in -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -<a id="pagehdr-98" class="pagehdr" title="Die Schrecken eines Schiffsunterganges"></a> -die Schule zu gehen. Dort wohnten auch ein Onkel und eine Tante von ihnen. Sie -selbst zwar seien aus Buenos Aires und daher Argentinier, aber zugleich auch -Deutsche, weil ihr Vater ein Deutscher sei. -</p> - -<p> -Der fröhliche Priester antwortete: „Wenn ihr in Argentinien geboren seid, so -seid ihr Argentinier, und vergeßt ihr das, seid ihr keine braven Kerle!“ -</p> - -<p> -„Wir bleiben gute Argentinier!“ antworteten ein wenig gereizt beide Knaben. -</p> - -<p> -„Das ist gut!“ meinte zufriedengestellt der Priester. -</p> - -<p> -Nicht weit von ihnen an der Reling stand ein Herr mit einem langen fahlen -Gesicht und einer fahlen Glatze. -</p> - -<p> -Auch er war ihnen bei Tisch aufgefallen. Seltsam düster hatte er vor sich hingeschaut -und manchmal ganz absonderlich gelächelt. -</p> - -<p> -Jetzt machte er Carlos und Nicolás heimlich Winke, die sie aber nicht gleich verstanden. -Schließlich begriffen sie, daß sie zu ihm hinüber sollten, und, wie es schien, -in einer sehr dringlichen Angelegenheit. -</p> - -<p> -Als eine Pause in der Unterhaltung entstand, gehorchten sie möglichst unauffällig. -</p> - -<p> -„Das ist ein schwarzer Pfaffe“, sprach leise und finster der Herr mit der fahlen -Glatze und zeigte auf den fröhlichen Priester, der mit geschlossenen Augen wieder -seine Verdauung pflegte. „Gebt euch nicht mit ihm ab, schwarze Pfaffen bringen -Unglück. Ich würde wieder an Land gegangen sein, wenn nicht noch zwei Mönche -mit weißen Kutten an Bord wären.“ -</p> - -<p> -Darauf erzählte er anschaulich und grausig von den Schrecken eines Schiffunterganges, -von Menschen, die verzweifelt mit den sturmgepeitschten Wellen ringen, -sprach vom Nachlassen ihrer Kräfte, dem völligen Ermatten und der Drangsal des -Ertrinkens, sprach vom Hai und beschrieb seine Gestalt und seinen Charakter. „Wehe -denen, die in seinen grausigen Rachen gerieten!“ Er ließ krachende Knochen -hören und herzzerreißende Aufschreie und schloß seine Schilderung mit dem Bild -eines oben am höchsten Mast angeklammerten Mannes im Lichte des zuckenden -Blitzes. -</p> - -<p> -Und dabei rieb er sich die Hände und lachte unheimlich, als bereiteten ihm diese -Vorstellungen ein unsägliches Vergnügen. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás aber überlief es eiskalt. Sie hatten keine Sehnsucht mehr -nach dem Sturm. -</p> - -<p> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -<a id="pagehdr-99" class="pagehdr" title="Der Priester taucht einen Zwieback in die Schokolade"></a> -Und als sie nachher in ihren Betten lagen, schaute Nicolás voller Angst nach dem -Horizont, ob sich nicht vielleicht die unheilverkündende Wolke zeige. -</p> - -<p> -Am nächsten Morgen, als sie erwachten, schaukelte das Schiff beträchtlich. Ein -wenig beunruhigte sie das, denn sie hatten die Erzählung des Herrn mit der Glatze -noch nicht vergessen. -</p> - -<p> -Durch die Luke sahen sie, daß das Meer nun blau statt grün, die Wellen aber nicht -viel höher waren als gestern, und das enttäuschte sie wieder, denn sie mußten längst -auf offenem Ozeane sein. -</p> - -<p> -Rasch zogen sie sich an und eilten auf Deck. Sie ließen die Blicke nach allen Richtungen -schweifen, doch überall sahen sie nur Himmel und Wasser. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás schöpften einige Male tief Atem, und Carlos sagte: „Es ist doch -schön, das große Meer!“ -</p> - -<p> -Bald darauf fiel ihnen ein, daß sie eigentlich auch zu Herrn Dr. Bürstenfeger -müßten; überdies klingelte es schon zum Frühstück. -</p> - -<p> -Sie gingen in seine Kabine; er lag noch im Bett und war ungemein bleich. -</p> - -<p> -„Mir ist nicht recht wohl, Karl und Nikolaus,“ sagte er, „mein Magen ist wieder -einmal nicht in Ordnung; aber geht nur jetzt zum Frühstück; ich werde gleich -folgen.“ -</p> - -<p> -Im Eßzimmer saß bereits der fröhliche Priester vor einer Tasse Schokolade. Er -war erstaunt, Carlos und Nicolás so früh munter und immer noch nicht seekrank zu -sehen. -</p> - -<p> -Beide Knaben dachten zugleich an die gestrige Warnung des Herrn mit der Glatze. -Aber wie sie jetzt wieder in des Priesters breites gutmütiges Gesicht sahen, verging -ihnen sofort alle Angst. Sie begriffen nicht recht, daß er ihnen gefährlich sein könnte, -nur darum, weil er ein schwarzes Gewand trug. -</p> - -<p> -Der fröhliche Priester tauchte einen Zwieback in seine Schokolade und sagte: „Nun, -Jungens, setzt euch neben mich!“ -</p> - -<p> -Aber sie hatten auf ihren Lehrer zu warten. -</p> - -<p> -Sie begannen miteinander zu plaudern. Der Priester machte ihnen den Vorschlag, -nicht nach Deutschland zu reisen, sondern mit ihm nach Rom. Er werde sie dort -dem Papst vorstellen, und in wenigen Jahren schon würde ganz sicher Nicolás ein -Erzbischof und Carlos ein Kardinal werden. -</p> - -<p> -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -<a id="pagehdr-100" class="pagehdr" title="Türkischer Salat"></a> -Was ein Erzbischof sei, wußten ungefähr die Knaben; aber unter einem Kardinal -verstanden sie nur einen grauen Vogel mit einer roten Haube. Davon hatten sie -viele auf dem Gute in der Pampa mit Klebruten gefangen. Aber das zu sein bedankte -sich Carlos lebhaft. -</p> - -<p> -Der Priester erklärte ihnen, ein Kardinal, wie er ihn meine, sei ein mächtiger -Kirchenfürst, der übrigens auch eine rote Haube trage. Darauf behauptete er, in -Deutschland liefen die Leute auf acht Beinen umher und der Großtürke sei dort -Herrscher. Er schneide allen seinen Untertanen die Ohren ab und mache sich daraus -einen türkischen Salat. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás merkten nun, daß der fröhliche Priester Witze machte, und -lachten. Sie dachten wieder an den Herrn mit der fahlen Glatze; sehr wahrscheinlich -hatte er gestern auch nur Witze gemacht. -</p> - -<p> -Inzwischen erschienen die übrigen Passagiere; auch der Herr mit der Glatze. Ganz -zum Schluß kam Herr Dr. Bürstenfeger. Von den Damen war keine einzige da. -</p> - -<p> -„Die werden jetzt schon seekrank sein“, meinte der Priester. -</p> - -<p> -Der Herr mit der Glatze nahm weit von ihnen Platz und warf düstere Blicke auf -die Knaben. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás glaubten, er fahre mit seinen gestrigen Späßen fort, grüßten -ihn und lachten. -</p> - -<p> -Aber die finster vorwurfsvolle Miene, die er daraufhin machte, verwirrte sie -wieder ganz. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger setzte sich zwischen Carlos und Nicolás und schenkte sich -und ihnen Schokolade ein, trank aber selbst beinahe nichts. Weder Kuchen noch -Brot berührte er; dabei aber schien er in einemfort seltsam zu schlucken. -</p> - -<p> -Von Zeit zu Zeit ermahnte er sie, die Bissen nicht, wie es ihre Gewohnheit war, -hinunterzuschlingen, sondern ordentlich zu kauen. Bei der schaukelnden Bewegung -des Dampfers seien die Magen ohnehin nicht sehr aufnahmefähig. -</p> - -<p> -Der fröhliche Priester, der Herrn Dr. Bürstenfeger gegenübersaß, sah ihn einige -Male verstohlen an und zwinkerte dann den Knaben zu. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás schauten ihren Lehrer an; er war noch bleicher als vorher; -es war ihnen klar, er war seekrank. Sie hatten großes Mitleid mit ihm, aber zugleich -dachten sie: Wenn das andauert, haben wir keine Schule! -</p> - -<p> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -<a id="pagehdr-101" class="pagehdr" title="Herr Dr. Bürstenfeger wird aschfahl"></a> -Sie hatten kaum fertig gegessen, als Herr Dr. Bürstenfeger aufstand und sagte: -„Gehen wir auf Deck, die Luft ist dort besser!“ -</p> - -<p> -„Ach diese Schiffsgerüche!“ seufzte er auf der Treppe und blieb eine Zeitlang -stehen. -</p> - -<p> -„Es riecht nur nach Teer“, meinte Nicolás. -</p> - -<p> -Oben irgendwo stand ein Froschspiel. Carlos und Nicolás nahmen es sofort in -Beschlag. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger marschierte mit langen Schritten auf Deck auf und ab. -</p> - -<p> -Nun stieg eine Dame aus einem Städtchen in Patagonien die Treppe hinauf. -Den Kopf hatte sie in einen schwarzen Schal gewickelt, ihr Gesicht war gelbgrün. -</p> - -<p> -Schwankend ging sie auf ihren Reisestuhl zu, der sich in der Nähe von Carlos und -Nicolás befand, blieb plötzlich stehen, blickte zu Boden, ächzte, ging dann einige -Schritte nach der Seite und beugte sich über die Reling. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger sah sie, und Schweißtropfen perlten auf seiner bleichen -Stirn. Er machte kehrt und verfügte sich schnell nach der anderen Seite des Decks. -</p> - -<p> -Wenige Minuten darauf erschien er wieder, aschfahl und mit einer Haarsträhne -über der Stirn. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus,“ sagte er, seine Stimme klang mitleiderregend, „ich gehe in -meine Kabine, bleibt meinetwegen hier, aber treibt keinen Unfug und besucht mich bald!“ -</p> - -<p> -Damit entfernte er sich. -</p> - -<p> -Gleich nachher sahen die Knaben weiter hinten den Herrn mit der Glatze in -Gesellschaft eines kleinen hageren Herrn, der Pantoffeln trug und eine Reisemütze -mit einem großen weißen Hornschirm. -</p> - -<p> -Der Herr mit der Glatze hielt ihn am Rock fest und redete lebhaft auf ihn ein. Der -Herr mit der Reisemütze wiegte den Kopf und zuckte die Achseln; schließlich gab er -ihm einen Klaps auf die Schulter und machte sich lachend von ihm los. Er ging -auf die seekranke Dame zu und streichelte ihr teilnehmend die Wange. -</p> - -<p> -Sie stöhnte leise und schloß die Augen. -</p> - -<p> -Aber auch der Herr mit der Glatze war herangetreten. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás hörten, wie er eindringlich von einem schweren Kesselschaden -auf einer früheren Reise sprach und sich dann in düstere Mutmaßungen über die -Lombardia erging. -</p> - -<p> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -<a id="pagehdr-102" class="pagehdr" title="Leute aus allen möglichen Nationen"></a> -Die seekranke Dame öffnete langsam ihre großen leeren Augen, schloß sie wieder -und hauchte: „Mir ist jetzt alles gleich.“ -</p> - -<p> -Der Herr mit der Reisemütze jedoch rief: „Um Himmels willen, wissen Sie denn -immer nur von solch unheimlichen Dingen zu reden? Sie verderben einem ja die -ganze Reisefreude!“ -</p> - -<p> -„Niemandem will ich die Reisefreude verderben, ich schweige!“ rief der Herr mit -der Glatze aus, wobei er ein unheimliches Gelächter erschallen ließ. -</p> - -<p> -„Der Herr macht keine Späße“, sagte Carlos leise und erschrocken zu seinem Bruder. -</p> - -<p> -„Nein, er macht keine Späße“, antwortete Nicolás. -</p> - -<p> -Beide sehnten sich jetzt nach dem fröhlichen Priester, weil er so lustig war, und -sie gingen ihn suchen. -</p> - -<p> -Er lag weiter vorn auf seinem Reisestuhl und schlief. -</p> - -<p> -Die Knaben wollten ihn nicht wecken. Da das Froschspiel sie bereits langweilte, -gingen sie nach Zwischendeck, um die Emigranten zu sehen. -</p> - -<p> -Viele hundert Menschen waren dort beisammen: Italiener, Spanier, Basken; -Leute aus allen möglichen Nationen. -</p> - -<p> -Sie standen umher, saßen auf Kisten und Säcken oder lagen auf der Erde ausgestreckt -mit einem Bündel als Kopfkissen. Manche waren seekrank; einige hatten -sich übergeben, auf dem Platze, wo sie waren. -</p> - -<p> -Im großen und ganzen aber war Lustigkeit. Man schwatzte laut, man sang, es -wurde Gitarre gespielt. — -</p> - -<p> -Kurz vor dem zweiten Frühstück gingen die Knaben zu ihrem Lehrer. -</p> - -<p> -Er lag im Bett und hatte Rock und Kragen abgetan. Neben ihm auf dem Boden -stand ein Blechkübel. -</p> - -<p> -Sein Aussehen war bejammernswert. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus, ist euch wohl?“ fragte Herr Dr. Bürstenfeger mit matter -Stimme, indem er sich langsam aufrichtete. -</p> - -<p> -„Ja“, antworteten Carlos und Nicolás zögernd, denn im Netze auf Armweite von -ihm sahen sie einen Stoß Hefte. -</p> - -<p> -„Das ist gut,“ fuhr er fort, „denn seht, mir ist sehr schlecht, und ich bin für heute -nicht in der Lage, euch Unterricht zu geben.“ Er faßte sich an die Stirn und schwieg -einige Sekunden. „Damit ihr nun die Zeit nicht zwecklos verbringt, nehmt diese -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -<a id="pagehdr-103" class="pagehdr" title="Dreimal Torte zum zweiten Frühstück"></a> -Hefte und seht sie durch, es sind alles Sachen, die wir noch zusammen an Bord -behandeln werden.“ -</p> - -<p> -Nach diesen Worten langte er mit einer schmerzlichen Miene nach dem Netz, ergriff -die Hefte und streckte sie ihnen hin. -</p> - -<p> -Eine Weile saß er aufgerichtet und blickte stumm geradeaus. Dann beugte er -sich rasch über sein Bett und übergab sich in den Kübel. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás verließen ihn höchst mißmutig. -</p> - -<p> -„Jetzt ist er seekrank, und wir haben doch nicht frei!“ sagte draußen Carlos. -</p> - -<p> -„Wären wir etwas länger in seiner Kabine geblieben, würden wir auch seekrank -geworden sein, und wir hätten frei“, antwortete Nicolás. -</p> - -<p> -Darauf hielten sie Rat, wann sie mit ihrer Tätigkeit beginnen wollten, und -beschlossen, sie für einstweilen aufzuschieben. -</p> - -<p> -Bald nachher ertönte die Glocke zum zweiten Frühstück. -</p> - -<p> -Sehr selten hatten sie Gelegenheit gehabt, ohne ihren Lehrer zu Tisch zu gehen. -Es war ihnen eine langentbehrte Freude, Schüsseln, die ihnen nicht schmeckten, -weitergehen zu lassen, und sie machten jetzt ausgiebigen Gebrauch davon. Dafür -aßen sie dreimal Torte und auch Bananen und Orangen nach Herzenslust. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger kam den ganzen Tag nicht aus seiner Kabine. -</p> - -<p> -Sie machten ihm einige pflichtschuldige Besuche. Auf seine Fragen, ob sie auch -fleißig gewesen seien, gaben sie nur ausweichenden Bescheid. -</p> - -<p> -Am folgenden Morgen war das Wetter gut, die Bewegungen des Dampfers -weit ruhiger und regelmäßiger. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger befand sich in leidlichem Zustand; er erschien auf Deck -und erteilte den Knaben am Vormittag schon zwei Stunden in seiner Kabine. Von -Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen Abständen schwere <a id="corr-8"></a>Schritte -hörbar. -</p> - -<p> -Während Carlos mühselig und weinerlich die dritte lateinische Deklination hersagte, -dachten beide Knaben: oben spaziert jemand, der keine Schule hat! -</p> - -<p> -Als der Unterricht zu Ende war, liefen sie auf Deck, neugierig zu erfahren, wer -es sei. -</p> - -<p> -Es war der fröhliche Priester, der ein lustiges Lied trällernd seinen Vormittagsspaziergang -machte. -</p> - -<p> -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -<a id="pagehdr-104" class="pagehdr" title="„Herrlicheres bietet die Natur nicht oft!“"></a> -„Meinen Appetitsspaziergang für den Lunch“, erklärte er. Darauf stellte er fest, -daß er heute bereits drei Meilen gegangen sei. -</p> - -<p> -Nachmittags hatten Carlos und Nicolás nochmals Unterricht. Den Rest der Zeit -verbrachten sie spielend auf Deck und in Gesellschaft des Priesters. -</p> - -<p> -Abends nach Tisch hörten Carlos und Nicolás den Schiffsarzt über den Herrn -mit der fahlen Glatze reden. Er sei ein italienischer Handlungsreisender in Konserven, -ein harmloser Herr, der seine phantastischen Grillen habe, niemand nehme ihn ernst. -</p> - -<p> -So vergingen die Tage, das Wetter war gut, der fröhliche Priester aß mit Appetit, -der Herr mit der Glatze fuhr fort in seiner düsteren Freude an allem Ungemach, und -Herr Dr. Bürstenfeger gab seinen Unterricht, aber jetzt auf Deck, weil die Hitze in -der Kabine zu drückend wurde. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-2"> -In der Bai von Rio -</h3> - -<p class="first"> -Am fünften Tage frühmorgens fuhr die Lombardia in die Bai von Rio ein. -Der Himmel war heiter, die Luft schwül. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger stand mit Carlos und Nicolás auf Deck. -</p> - -<p> -Er rief begeistert aus: „Unsäglich lang habe ich mich auf diesen Anblick gefreut, -Karl und Nikolaus. Herrlicheres bietet die Natur nicht oft! — Bai von Rio de -Janeiro, seit Entdeckung Amerikas gepriesen von den hehrsten Reisenden aller -Nationen, sei mir gegrüßt!“ -</p> - -<p> -Eine Weile verharrte er stumm in Betrachtung der Ufer; dann bemerkte er: „Schaut -hin, Karl und Nikolaus, rechts von uns haben wir jetzt das Fort Santa Cruz und links -den weltberühmten Zuckerhut — Pao d’Azuka. Der Meerbusen — gerade fahren -wir hinein — ist einer der inselreichsten der Welt und hat die erstaunliche Breite von -mehr als zwanzig Kilometer! — Betrachtet diese Hügel, diese Berge! Noch sind -wir ihnen freilich zu fern, als daß wir uns ein Bild machen könnten ihrer über alle -Begriffe göttlichen Vegetation!“ -</p> - -<p> -„Seht“, rief er nach einer Weile, „nun die Stadt selbst!“ -</p> - -<p> -Eine Zeitlang genoß er schweigend ihren Anblick: „Wahrhaftig, man sollte glauben, -nur glücklich sei dieses Rio zu preisen, um solchen Kranzes lodernder Schönheit -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -<a id="pagehdr-105" class="pagehdr" title="„Eine Schwefelbande“"></a> -willen; aber auf dieser Stadt ruht zugleich abgrundtief der Fluch des Schöpfers. -Eine lautlose, gespenstische Schlacht wird hier zum großen Teil des Jahres geschlagen, -ich meine das Wüten des fürchterlichen gelben Fiebers, das die Dünste dieser nur zu -freigiebigen Erde nähren. Die günstige Jahreszeit, Karl und Nikolaus, bewahrt -uns davor.“ -</p> - -<p> -Neben ihnen tauchte jetzt der italienische Handlungsreisende auf, und erstaunt -sahen die Knaben auf seiner fahlen Glatze eine seltsame gelbe Kruste. -</p> - -<p> -„Ich beschwöre Sie und jedermann im Interesse von uns allen,“ wandte er sich -an Herrn Dr. Bürstenfeger, „gehen Sie nicht an Land, laden Sie sich nicht das -schreckliche Fieber auf, hören Sie vielmehr auf meinen inständigen Rat: Nehmen -Sie um Himmels willen Schwefel ein oder bestreuen Sie sich damit.“ Er zeigte -auf seine Glatze. „Es ist das einzige halbwegs sichere Mittel gegen die Ansteckung. -Was mich betrifft, ich schließe mich jetzt in meine Kabine ein, bis wir diesen verruchten -Ort weit hinter uns haben!“ -</p> - -<p> -Nach diesen Worten machte er kehrt und verschwand. -</p> - -<p> -Kopfschüttelnd sah ihm Herr Dr. Bürstenfeger nach. Dann meinte er: „Karl und -Nikolaus, ich muß schlechterdings annehmen, daß dieser Herr sich mit seinem seltsamen -Rat nur einen Scherz erlaubt hat, Schwefel als inneres Mittel wird freilich -hie und da angewandt, aber schwerlich glaube ich,“ und nun lächelte Herr Dr. Bürstenfeger, -„daß durch bloßes Bestreichen des Kopfes bei Fieberanlässen irgendwelche -Wirkung erzielt wird, obwohl, ich wiederhole es, jetzt gar keine Gefahr ist.“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf und lächelte noch lange. -</p> - -<p> -Plötzlich rief Carlos erfreut: „Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, wenn Sie, ich, -Nicolás und alle Passagiere uns mit Schwefel bestreuten, dann wären wir ja alle -miteinander eine Schwefelbande?!“ -</p> - -<p> -„Karl,“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger, „ich bitte dich, laß mich wenigstens -aus dem Spiel bei deinen recht törichten, wirklich übel angebrachten Witzen!“ -</p> - -<p> -Eine Viertelstunde darauf warf die Lombardia Anker. -</p> - -<p> -Als der kleine Dampfer der Sanität das Schiff verlassen hatte, fuhren Barken und -Boote heran, beladen mit Orangen, Bananen, Ananas, Kokosnüssen und Käfigen -mit kreischenden bunten Vögeln. -</p> - -<p> -Auf einem Berg von Orangen stand eine Kiste, auf der zwei Affen hockten. -</p> - -<p> -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -<a id="pagehdr-106" class="pagehdr" title="Eine Dame unbestimmten Alters tritt an die Schiffsbrüstung"></a> -Sofort hatten Carlos und Nicolás sie gesehen. Die beiden Affen waren ganz so -wie die, welche sie in Paraguay gekauft hatten. -</p> - -<p> -Weil sie ihnen mit der Zeit lästig geworden waren, hatten sie die Knaben in -Buenos Aires einem Straßenjungen für einen Drachen vertauscht, aber seit einiger -Zeit war wieder ihr größter Wunsch, zwei Affen zu besitzen. Die Eltern hatten die -Erlaubnis gegeben, auf der Reise nach Europa ein Paar zu kaufen, wenn sich die -Gelegenheit bieten sollte. -</p> - -<p> -Beinahe gleichzeitig mit den Knaben hatte auch Herr Dr. Bürstenfeger die beiden -Affen bemerkt. -</p> - -<p> -Heftig erschrocken wollte er sich schnell mit Carlos und Nicolás nach der anderen -Seite des Decks verfügen. -</p> - -<p> -Aber schon riefen sie: „Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie nicht dort die zwei Affen, -kaufen Sie sie uns, Papa und Mama haben es erlaubt!“ -</p> - -<p> -Einen Augenblick schwieg Herr Dr. Bürstenfeger, dann erwiderte er: „Es sei, ich -weiß, es war dies der Wunsch eurer Eltern. Es wird mir aber schwer; ihr seid -Zeugen, zu oft und über Gebühr haben mich die beiden unappetitlichen Vorgänger -dieser häßlichen grimassierenden Tiere geärgert.“ -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás hatten jetzt für Herrn Dr. Bürstenfegers Mißmut keinen Sinn, -sondern waren hocherfreut, weil er zu kaufen gesonnen war. -</p> - -<p> -Wenige Minuten nachher stand die Kiste vor ihnen auf Deck, und sie waren nun -ausschließlich mit den Affen beschäftigt, die Welt um sich her vergessend. — -</p> - -<p> -Kurz darauf trat eine Dame unbestimmten Alters neben sie an die Schiffsbrüstung. -</p> - -<p> -Die Knaben hatten sie bisher nur ein einziges Mal flüchtig am Tage ihrer Abreise, -unten bei Tische gesehen. -</p> - -<p> -Sie war klein und hager, mit einem Gesicht voller Sommersprossen, trug ein -altmodisches Kleid und Ringellocken auf der Stirn. Ihre Nase war stark gerötet; -sie trug eine Brille. -</p> - -<p> -„Himmlisches Panorama!“ rief sie aus und ließ beide Arme auf die Brüstung -sinken. „Ach doppelt schön erscheint einem die Welt,“ und dabei schielte sie nach -Herrn Dr. Bürstenfeger, „wenn man fünf Tage krank in seiner Kabine lag!“ -</p> - -<p> -Plötzlich hatte sie auch die beiden Affen bemerkt. -</p> - -<p> -„Sieh mal an,“ rief sie aus, „was sind das für zwei allerliebste, süße Geschöpfchen!“ -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/106a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -<a id="pagehdr-107" class="pagehdr" title="Herr Dr. Bürstenfeger ist betreten"></a> -Sie trippelte heran und begann die Affen am Halse zu kraulen; dabei blickte sie -ganz eigentümlich Herrn Dr. Bürstenfeger an. -</p> - -<p> -„Wohl der Papa der beiden jungen Herren“, nickte sie und zeigte auf Carlos und -Nicolás. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger rieb sich die Hände und schien etwas verlegen zu sein. -</p> - -<p> -„Ich bin der Erzieher dieser beiden Knaben, mein Name ist Bürstenfeger“, antwortete -er, indem er sich verneigte. -</p> - -<p> -„Ach das trifft sich ja reizend; ich war Erzieherin in Buenos Aires, mein Name -ist Libussa v. Pfnühl.“ Sie brach in ein silberhelles Lachen aus. „Miß Von nannten -mich kurzweg meine argentinischen Schülerinnen. Was wissen diese indolenten -Zierpüppchen von deutschem Adel! Aber das sage ich Ihnen, glücklich bin ich jetzt, -nach Deutschland zurückzureisen, zu meinem guten, geliebten Bruder. Ach,“ sie -schlug die Augen zum Himmel auf, „er ist eine Perle!“ -</p> - -<p> -„Seht erfreut, sehr erfreut“, murmelte in einem fort Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Übrigens,“ sie neigte den Kopf auf die Seite und lächelte Herrn Dr. Bürstenfeger -schelmisch an, „ich wußte bereits, wer Sie sind, Herr Doktor, nichts bleibt ja -hier an Bord verborgen.“ -</p> - -<p> -Sie senkte die Augen nieder und fuhr fort zu lächeln. Ihre Finger spielten mit -einer dünnen silbernen Uhrkette, die sie um den Hals trug. -</p> - -<p> -Was will diese Dame! dachten Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger war betreten; er räusperte sich, rieb sich die Hände und -machte kleine Verbeugungen, indem er fortwährend lächelte. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus,“ sagte er und sah die Knaben kläglich an, „wollen wir uns -nicht nach einer geeigneten Unterkunft für die beiden Affen umsehen? Gleich kommt -die Barkasse, und wir müssen an Land!“ -</p> - -<p> -Er stammelte einige Entschuldigungen, verbeugte sich und entfernte sich mit den -Knaben. -</p> - -<p> -Sie gingen nach Zwischendeck; ein Matrose nahm die Affen in seine Obhut. -</p> - -<p> -Darauf stiegen sie als erste in die Barkasse. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger trug einen rohseidenen Rock und einen breitrandigen -Strohhut; Carlos und Nicolás hatten weiße Matrosenanzüge an. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-3"> -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -<a id="pagehdr-108" class="pagehdr" title="Die Hitze auf den Straßen ist unerträglich"></a> -Rio de Janeiro -</h3> - -<p class="first"> -Erst nach längerer Zeit kam es zur Abfahrt; dann waren sie in zehn Minuten an -Land, und bald nachher spazierten sie in den Straßen von Rio im Menschengewühl -umher. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás fiel es auf, wieviel Neger es in dieser Stadt gab. -</p> - -<p> -Die Hitze auf den Straßen war unerträglich. Herr Dr. Bürstenfeger hielt in der -Linken ein deutsch-portugiesisches Lexikon und in der Rechten sein Taschentuch, -womit er sich von Zeit zu Zeit seufzend den Schweiß von der Stirne wischte. -</p> - -<p> -Sie gingen durch die schmale, elegante Hauptstraße Rua d’Ouvidor, die nur für -Fußgänger bestimmt war. -</p> - -<p> -Der Anblick gelber, ausgemergelter brasilianischer Herren in schwarzen Gehröcken -und Zylindern steigerte in Herrn Dr. Bürstenfeger das Hitzegefühl. -</p> - -<p> -Sie blieben vor einem Schaufenster stehen, wo in Massen Fächer und phantastische -Blumen ausgestellt waren, aus dem Gefieder brasilianischer Singvögel gefertigt. -</p> - -<p> -„Barbarisches Verfahren!“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte den -Kopf. -</p> - -<p> -Man sah in der Auslage auch Broschen, Ohrringe und Armbänder, hergestellt aus -bunt schillernden Käfern. -</p> - -<p> -Schließlich trat Herr Dr. Bürstenfeger in den Laden und kaufte einen Kasten mit -brasilianischen Schmetterlingen für seinen jüngeren Bruder in Deutschland, der -Botanik und Zoologie studierte. -</p> - -<p> -Als sie wieder auf der Straße waren, blieb Herr Dr. Bürstenfeger stehen und -ächzte: „Flüchten wir uns jetzt um Gottes willen auf irgendeinen freien Platz, wo -man atmen kann; dort wollen wir in Erwägung ziehen, was wir weiter machen -wollen!“ -</p> - -<p> -Bald darauf standen sie auf einer großen Plaza, die von grellem Sonnenlicht -durchflutet war. -</p> - -<p> -Vor einem großen rosafarbigen Palaste ging eine Schildwache in scharlachroter -Uniform auf und ab. Ein barfüßiger Neger, der Zuckerwaren verkaufte, kam an -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -<a id="pagehdr-109" class="pagehdr" title="Der Kapellmeister hat eine Nelke hinter dem Ohr"></a> -Carlos und Nicolás vorbei. Er schwang eine Knarre in der Hand, hielt eine weiße -Zuckerstange zwischen den wulstigen Lippen und nickte den Knaben einladend zu. -</p> - -<p> -Die Sonne brannte unerträglich. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás hatten die Krempen ihrer Strohhüte herabgezogen. Ihre -Gesichter glühten. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger stöhnte: „Hier ist es schon ganz und gar nicht mehr zum -Ertragen — fahren wir aus der Stadt.“ -</p> - -<p> -Sie gingen auf einen mit Maultieren bespannten Wagen zu, der unter dem -Schatten eines Baumes hielt, und stiegen ein. -</p> - -<p> -„Botafogo, Botafogo!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu. -</p> - -<p> -Bald waren sie aus dem Innern der Stadt heraus und fuhren dem Meere entlang, -an vielen schönen Gärten und bunt aufgeputzten Villen vorbei. -</p> - -<p> -„Seltsam kindlich exotische Farbenfreudigkeit“, murmelte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás wetteten, wer von ihnen die meisten Neger zählen könnte, -bis zur nächsten Ecke. Carlos sah nach rechts, Nicolás nach links. -</p> - -<p> -„Zehn“, rief Carlos aus. -</p> - -<p> -„Vierzehn“, rief Nicolás, er hatte gewonnen: denn gerade in dem Augenblick -kamen sechs Negerweiber um die Ecke. -</p> - -<p> -„Was zählt ihr da?“ fragte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Neger“, antworteten Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf. „Ist das euer ganzes Interesse an -dieser Stadt? Was seid ihr kindisch!“ -</p> - -<p> -Eine Trambahn, von Maultieren gezogen, kam ihnen entgegen. Eine Militärkapelle -saß auf den Bänken. Der Kapellmeister schwang stehend den Taktstock: er -hatte eine Nelke hinter dem Ohr; grell erklangen die Blechinstrumente, die Pauke -dröhnte. Immer ohrenbetäubender wurde der Lärm. -</p> - -<p> -Ein mit Steinen beladener Karten kreuzte die Schienen und brachte die Trambahn -zum Stehen. -</p> - -<p> -Der Droschkenkutscher hielt jetzt auch den Wagen an, damit seine Insassen die -Musik länger genießen könnten. Er drehte sich um und rief Herrn Dr. Bürstenfeger -triumphierend zu: „<span class="antiqua">Imno brasileiro!</span>“ -</p> - -<p> -„Vorwärts, vorwärts!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger auf Spanisch und hielt sich -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -<a id="pagehdr-110" class="pagehdr" title="Die Wehrkraft der brasilianischen Bevölkerung"></a> -die Ohren zu. Ergrimmt schlug der Kutscher auf die Maultiere ein, die in raschem -Galopp den Wagen mit sich fortzogen. Bald nachher trabten sie wieder träge in ihrem -früheren Tempo. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus,“ bemerkte Herr Dr. Bürstenfeger nach einer Weile, „ist es -euch nicht aufgefallen, wie schwächlich und verkümmert diese brasilianische Bevölkerung -ist; doppelt auffällig bei Betrachtung der Wehrkraft?!“ -</p> - -<p> -In diesem Augenblick fuhren sie an einem schattigen, mit Palmen bewachsenen -Platze vorbei. -</p> - -<p> -Ein halbwüchsiger sehniger brauner Bursche, nur mit Hemd und Zwillichhosen -bekleidet, verteidigte sich mit Faustschlägen und Fußtritten gegen drei Polizisten. -Ein Polizist lag schon auf der Erde, ein anderer stand keuchend daneben, der dritte -hielt den Burschen fest umklammert. Dieser wand sich wie ein Aal, entriß sich ihm -und floh davon mit fliegendem zerfetztem Hemd, das eine Hosenbein über dem Knie; -die Polizisten hinter ihm drein. -</p> - -<p> -Eine fette alte Negerin unter einem Magnolienbaum hielt sich die Seiten vor Lachen. -</p> - -<p> -„Dieser Junge war aber doch ein starker Brasilianer!“ rief Nicolás aus. -</p> - -<p> -„Nikolaus,“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd, „du weißt: keine Regel -ohne Ausnahme.“ -</p> - -<p> -Bald fuhren sie nach der Stadt zurück. Sie begaben sich in ein Restaurant und -speisten. -</p> - -<p> -Darauf sagte Herr Dr. Bürstenfeger: „Jetzt gehen wir zur Zahnradbahn und -fahren auf den Corcovadoberg. Dort wird uns die Natur die Wunder ihrer Vegetation -in nächster Nähe offenbaren!“ -</p> - -<p> -Als sie auf der Station anlangten, war die Bahn zur Abfahrt bereit. Es fuhren -nur wenige Passagiere. -</p> - -<p> -Sie stiegen ein; mit starkem Rütteln fuhr die Zahnradbahn die Höhe hinauf. Bald -hatten sie die Stadt unter sich, weit dehnte sich die Bai. -</p> - -<p> -„Die Luft wird immer leichter, welche Wohltat!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger aus. -</p> - -<p> -Auf der Station Silvestre stieg ein brasilianisches Ehepaar mit einem Knaben -und einem kleinen Mädchen ein und nahm ihnen gegenüber Platz. -</p> - -<p> -Man fuhr durch den Wald. Links sah man das Meer durch die Wipfel der Bäume -schimmern. -</p> - -<p> -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -<a id="pagehdr-111" class="pagehdr" title="Auf der Spitze des Corcovado"></a> -Carlos und Nicolás dachten: das ist ja viel schöner als in Paraguay! -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger erhob sich plötzlich von seinem Sitz und rief begeistert aus: -„Unsere Erwartungen sind nicht getäuscht worden: blickt in diesen Abhang, welche -Pflanzenwelt! welch grandiose Verwirrung von Schönheit!“ -</p> - -<p> -Die brasilianische Dame starrte Herrn Dr. Bürstenfeger mit ihren großen braunen -Glotzaugen an; dann hielt sie sich das Taschentuch vor den Mund und kicherte. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus,“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und schnellte noch mal von -seinem Sitz auf, „seht mir jetzt mal dorthin, die baumhohen Farne, die mit Früchten -beladenen Bananenbäume und die Orchideen dort! — Wirklich ein generöses Land, -wo die Schmarotzer Orchideen heißen!“ -</p> - -<p> -Die brasilianische Dame kicherte immer mehr. Auch der kleine Knabe und das -kleine Mädchen lachten. -</p> - -<p> -Kurz danach beugte sich der Papa zum Wagen hinaus und schleuderte weit ausholend -ein Bambusrohr in den Abgrund. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger fuhr zurück, die Hand vor den Augen, es schwindelte ihm. -</p> - -<p> -Die brasilianische Dame lachte laut auf. Der kleine Knabe und das kleine Mädchen -lachten auch aus voller Kehle. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger sah die Dame aufs höchste verwundert an. Carlos und -Nicolás, von ihrer Fröhlichkeit angesteckt, lachten mit, ohne zu wissen, um was es sich -handelte. -</p> - -<p> -Nach dreiviertelstündiger Fahrt war man am Ziel. Man hatte noch fünf Minuten -zu steigen; dann stand man oben auf der Spitze des Corcovado am Rande einer -niedrigen Mauer. -</p> - -<p> -Man sah weit hinaus aufs offene Meer. In der Reede wimmelte es von Schiffen. -Von allen Richtungen fuhren Schiffe in die Bai hinein. -</p> - -<p> -„Herrlich, herrlich!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Sehen Sie diese vielen schönen bunten Käfer auf der Mauer!“ riefen Carlos -und Nicolás. -</p> - -<p> -„Genießt jetzt lieber den Anblick dieses unvergleichlichen Panoramas“, antwortete -der Lehrer. „So Schönes wird euch nicht so leicht im Leben wieder geboten werden!“ -</p> - -<p> -Sie standen noch einige Zeit oben, dann fuhr die Bahn wieder zurück. -</p> - -<p> -Auf der Station Silvestre stiegen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -<a id="pagehdr-112" class="pagehdr" title="Aus dem Salon des Hotels ertönt ein Nocturno Chopins."></a> -aus. Zu Fuß auf schattigen Wegen gingen sie nach dem schönen Hotel auf dem -Berge Santa Teresa mit dem Ausblick auf die Bai. -</p> - -<p> -Hier wollten sie die Nacht verbringen. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger begab sich auf sein Zimmer, um Toilette zu machen, Carlos -und Nicolás trieben sich im Garten umher. -</p> - -<p> -Der Himmel begann sich langsam zu trüben ... -</p> - -<p> -Es war nach dem Nachtessen. Jenseits der Bai über den Bergen von Petropolis -ragte eine mächtige Wolkenbank; dahinter wanderte unsichtbar der Mond. Am -ganzen Himmel hingen zerfetzte Wolken. -</p> - -<p> -Grell leuchteten unten am Strande bei Botafogo die Lichter der Landesproduktenausstellung. -Die Bai war dunkel. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás saßen im Garten unter einem -Mangobaum. -</p> - -<p> -„Wie schade,“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, „daß die herrliche Mondnacht uns so -verdorben worden ist!“ -</p> - -<p> -Aus dem Salon des Hotels ertönte jetzt ein Nocturno Chopins. -</p> - -<p> -„Horcht,“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff Carlos’ und Nicolás’ Hände ... -„so schön hörte ich noch nie Chopin spielen!“ -</p> - -<p> -Stumm lauschten sie, bis das Nocturno zu Ende war. -</p> - -<p> -Gleich darauf erschien am hellerleuchteten Salonfenster ein junger Mann. Er -trug Smoking, sein Gesicht war blaß und von Pockennarben zerrissen. -</p> - -<p> -Lange starrte er nach der Wolkenbank. -</p> - -<p> -Plötzlich streckte er die geballten Fäuste nach ihr aus und schrie laut: „Mond, -Mond, Mond!“ -</p> - -<p> -Einige Damen und Herren, die am Gartengeländer standen, und auch Herr -Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás schauten erstaunt und erschrocken zu ihm -hinauf. -</p> - -<p> -„Mond, Schmierenschauspieler,“ schrie er nochmals, „was stehst du hinter deinem -Vorhang, wartest du noch auf Publikum?“ -</p> - -<p> -Vier deutsche Exporteure aus Buenos Aires, Herr Hurtwig, Herr Drumke, Herr -Kitzian und Herr Krause, Inhaber starker Firmen, und Herr Schurtzenjager, ein -deutscher Bankier aus London, die auf dem gleichen Schiff mit ihm die Reise gemacht -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -<a id="pagehdr-113" class="pagehdr" title="Die Damen und die Herren schütteln verwirrt die Köpfe"></a> -hatten, traten nun aus der Hoteltüre heraus und stellten sich unter einer Gruppe -von Königspalmen auf. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/112a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Eine Weile verging. Unter den Damen und Herren war Bewegung und Geflüster. -</p> - -<p> -Die Wolkenbank färbte sich am Rande silbern, der Mond erschien. Bald erstrahlte -die Bai. -</p> - -<p> -„Mond,“ jubelte der junge Mann in maßloser Verzückung, „o du Genie, das du -erweckst.“ Er wies mit ausgestreckten Armen nach unten: „Sieh, wie die Bai leuchtet, -wie der Gischt hüpft gegen den Pao d’Azuka!“ -</p> - -<p> -„Nanu!“ rief Herr Schurtzenjager aus. -</p> - -<p> -„Der hat mal wieder einen gehörigen sitzen“, meinte gelassen Herr Drumke. -</p> - -<p> -Nochmal war Stille. Der Mond verschwand hinter einer zweiten Wolke. -</p> - -<p> -„Verruchter,“ jammerte laut der junge Mann, „läßt du uns wieder ganz im -Dunkeln?!“ -</p> - -<p> -„Mahlzeit!“ rief Herr Kitzian hinauf. -</p> - -<p> -Doch jener hörte es nicht: „Hahaha,“ lachte er laut, „Licht der Landesproduktenausstellung, -du leuchtest weiter in deinem proletarischen Glanze, grell und frech, -aber du erweckst die Bai nicht; du führst keine Konversation mit ihr!“ -</p> - -<p> -Mit dem Ausdruck unendlicher Trauer ließ er den Kopf sinken und blickte hinab -in den Garten und gerade auf Herrn Krause. -</p> - -<p> -„Verehrtester,“ rief Herr Krause aus, dem endlich die Geduld riß, „wir wünschen -keine Konversation mit Ihnen!“ -</p> - -<p> -Die übrigen Exporteure und der Bankier lachten laut über den Witz. Die Damen -und die übrigen Herren schüttelten verwirrt lächelnd die Köpfe. Herr Dr. Bürstenfeger -war wortlos, Carlos und Nicolás lachten. Aber der junge Mann hatte wieder -nichts gehört. -</p> - -<p> -Und nochmals erschien der Mond, und nun leuchtete er lang, denn die Bahn war -weit bis zur nächsten Wolke. -</p> - -<p> -Stark vorgebeugt und reglos stand jetzt der junge Mann und starrte nach der Bai, -wie erfüllt von einer unendlichen Erwartung. Sein Atem ging schwer; er richtete -sich auf. Die Augen waren ekstatisch geöffnet. -</p> - -<p> -„Venus,“ hauchte er, „entsteigst du dem Meere?! ... Aphrodite, jetzt schau’ ich -dich!“ ... -</p> - -<p> -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -<a id="pagehdr-114" class="pagehdr" title="Der Gischt springt hoch gegen die Felsen"></a> -Er verschwand vom Fenster, und gleich darauf ertönte ein kurzes, grell verworrenes -Spiel in den Garten hinab. -</p> - -<p> -„Was waren das für schreckliche Disharmonien!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger aus -und erhob sich jäh von seiner Bank. -</p> - -<p> -Die Damen und die Herren blickten sich gegenseitig an. Alle schwiegen bestürzt. -</p> - -<p> -„Ganz ausgefallene Type!“ rief ein junger deutscher Leutnant aus. -</p> - -<p> -Herr Hurtwig sagte: „Ein ganz unmöglicher Kauz! Freund von Gratisvorstellungen -war er immer, aber das zuletzt übertraf alles!“ -</p> - -<p> -„Er wird noch ganz überschnappen!“ meinte Herr Kitzian. -</p> - -<p> -„Er ist es wohl schon!“ antwortete Herr Krause. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger, der alles dies gehört hatte, schaute aufgeregt zum Fenster -hinauf. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás drangen in ihn, zu erklären, wer dieser sehr seltsame Herr sei. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: „Karl und Nikolaus, quält mich nicht, ich weiß -es selbst nicht!“ -</p> - -<p> -Er saß noch lange in Gedanken versunken unter dem Mangobaum. Dann stand -er auf und spazierte mit den Knaben im Garten umher. -</p> - -<p> -Sie stiegen die breite steinerne Treppe zum Wege nach Silvestre hinab und standen -am Rande des urwaldbewachsenen Abhanges. -</p> - -<p> -Ein Nachtvogel sang, der Mond schien in den Wald. Die Kronen zweier geknickter -Wandrerpalmen ruhten schwer auf Lianen, die sich um Agaven schlangen. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger seufzte. Carlos und Nicolás dachten: ob es wohl in Deutschland -auch so schön ist? -</p> - -<p> -Nun stiegen sie wieder zum Garten hinauf. -</p> - -<p> -Nochmal saßen sie auf der Bank unter dem Mangobaum und blickten auf die Bai -hinab. -</p> - -<p> -Ein starker Wind kam jäh von der Spitze des Corcovado und schwoll mächtig an. -</p> - -<p> -Schnell zogen die Wolken; rasch wurde es hell und rasch wieder dunkel. Es -rauschten die Königspalmen. Alle die vielen seltsamen Bäume rauschten gewaltig. -In der Bai sprang hoch der Gischt gegen die Felsen. -</p> - -<p> -Nun kommt ein Sturm, dachte Carlos; jetzt wird unser Schiff untergehen ... -</p> - -<p> -Mit verstörtem Gesicht und Verzweiflungsgeschrei stolperte gerade durch den -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -<a id="pagehdr-115" class="pagehdr" title="Dr. Bürstenfeger liebt die Schmetterlinge"></a> -Urwald auf den Hängen von Silvestre der unmögliche Kauz: „Ha es klopfte ein -Herz im Mutterschoße, aber nun endlich hat die Entbindung stattgefunden ... in -Buenos Aires war ich ein verachteter Mann; aber hier bin ich lebend geworden!“ -</p> - -<p> -Er rannte wild mit den Fäusten gegen einen mächtigen Baumstamm, prallte -zurück und brach in ein lautes, höhnisches Gelächter aus: „Es darf nicht sein, daß -vom Protoplasma bis zu den Menschen der Weg näher sei, als wie von ihnen bis -zu Dante und Jesus Christus; wir müssen uns stark verbinden! Hohoho, mein Urgroßvater -war ein toller Mann!!“ ... -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger unter dem Mangobaum hielt seinen Hut in der Hand, -während der Sturm seine Haare zauste. Er sagte: „Karl und Nikolaus, auch dieser -Aufruhr in der Natur ist wunderbar!“ — -</p> - -<p> -Allmählich begann sich der Wind zu legen. Die Bäume hörten auf zu rauschen; -bald war überall Stille. Nur die Wipfel der Königspalmen bewegten sich noch leise -wie lächelnd im seligen Einschlafen. -</p> - -<p> -Der Himmel war bis weit hinaus frei von Wolken ... -</p> - -<p> -Aus der Hoteltür trat jetzt ein bildschönes, schwarzäugiges kleines Mädchen in -einem weißen Kleide. -</p> - -<p> -Auf den Zehenspitzen schlich sie näher und stand nun neben Herrn Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Da ist ja wieder das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás, denn -sie hatten sie schon bei Tische bewundert, und ihre Herzen klopften. -</p> - -<p> -„Senhor,“ fragte sie Herrn Dr. Bürstenfeger und lächelte schalkhaft, „lieben Sie -die Schmetterlinge?“ -</p> - -<p> -„Oh“, antwortete er begeistert, „diese prächtigen brasilianischen Schmetterlinge ...“ -</p> - -<p> -„Hier schenke ich Ihnen einen!“ Sie machte eine rasche Bewegung nach seiner -Manschette und hüpfte lachend weg. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger saß zuerst etwas betroffen da, dann aber sprang er auf -und schüttelte heftig seinen Arm; denn unter dem Hemdsärmel krabbelte ihm etwas -hinauf und kitzelte ihn sehr. -</p> - -<p> -Ein kleiner schwarzer Falter fiel auf die Erde, flatterte aber gleich davon. -</p> - -<p> -„Der Racker, der Racker!“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Wie unartig ist das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás ... -</p> - -<p> -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -<a id="pagehdr-116" class="pagehdr" title="Ernste Besprechung der nächtlichen Störung"></a> -Spät in der Nacht war Tumult im Hotel: zwischen zerschlagenen Spiegeln, Tischen -und Stühlen und herabgerissenen Bildern raste der unmögliche Kauz in seinem -Zimmer. -</p> - -<p> -Der Hotelier, die Kellner und einzelne Gäste stürzten zu ihm. -</p> - -<p> -Mit blutenden Fäusten warf er sich auf sie. -</p> - -<p> -Man rang mit ihm. Er heulte und tobte. Am Genick, an der Brust, an Armen -und Beinen wurde er gefaßt und gebändigt. -</p> - -<p> -Ein weißer Pfau, der draußen im Garten in einem Brotfruchtbaum geschlafen -hatte, flog krächzend auf. Irgendwo schnatterte eine Ente. -</p> - -<p> -In den Gängen trieben sich flüsternd aufgeregte Gäste umher. -</p> - -<p> -Der Hotelier trat mit zerzauster Krawatte zu ihnen. Er war ganz bestürzt über -die schreckliche nächtliche Störung und entschuldigte sich nach Kräften. -</p> - -<p> -Langsam beruhigte man sich und zog sich zurück. -</p> - -<p> -Die Exporteure und der Bankier aber standen noch lange in der Halle vor der -Treppe und besprachen ernst den Fall. -</p> - -<p> -Herr Drumke drückte den Zeigefinger auf seine Stirn und sagte: „Wenn es bei -einem von jeher im obersten Stübchen nicht recht bestellt war, so kann die Konsequenz -der Wahnsinn sein. Was war überhaupt Natur und was war Whisky bei diesem -Menschen?!“ -</p> - -<p> -Herr Hurtig meinte streng: „Er hat zuviel gebummelt, er hat die Nacht zum Tag -gemacht. Niemand weiß von seiner Arbeit!“ -</p> - -<p> -Herr Krause sagte: „Er hat manchmal bei uns verkehrt, aber um die Wahrheit -zu sagen, nie wurde ich ganz aus ihm klug!“ -</p> - -<p> -Herr Kitzian bewegte den Zeigefinger hin und her und bemerkte: „Ich sage nur -oha!“ -</p> - -<p> -Der deutsche Bankier aus London sagte nichts. Er hatte die Hände in den Taschen, -kniff sich in die Schenkel vor Wonne und dachte: ich trank und trinke noch viel mehr -Whisky als er und werde nicht verrückt! -</p> - -<p> -Die Exporteure und der Bankier stiegen nun die Treppe hinauf, um zu Bett zu gehen. -</p> - -<p> -Draußen am Gartengeländer lehnte stumm Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Am Himmel bewegten sich zwei letzte dunkle Wolkenmassen langsam dem Horizonte -zu, wie abziehende Bataillone. -</p> - -<p> -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -<a id="pagehdr-117" class="pagehdr" title="Die Qualen dieser Welt"></a> -Auf seinem Bett lag geknebelt und an Händen und Füßen gebunden der unmögliche -Kauz und stierte gegen die Decke. Ein Hausknecht und ein kräftiger Stallbursche -waren bei ihm. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás schliefen schon einige Stunden tief und traumlos in einem der -Gartenpavillong ... -</p> - -<p> -Kurz nach Sonnenaufgang, als die Uistiti-Äfflein in den Wäldern kreischten, brachten -ein Herr mit einer Brille und zwei Männer den unmöglichen Kauz nach einem -geschlossenen Wagen und fuhren mit ihm davon. Ein Rudel kleiner Straßenjungen -lief im Staube jubelnd hinterdrein. -</p> - -<p> -Über den Felsen Ipanemas, wo unten stark die Brandung geht, erhob sich ein -Adler und flog über die Bai, hinüber nach dem Orgelgebirge. -</p> - -<p> -Bald nachher stand Herr Dr. Bürstenfeger auf. Er stand vor dem Waschtisch in -Gedanken versunken. -</p> - -<p> -„Wie schön spielte er Klavier ... und nachher das Schreckliche!“ murmelte er. -Er seufzte tief auf: „Aber man darf sich nicht beladen mit allen Qualen dieser -Welt!“ -</p> - -<p> -Als er angezogen war, ging er zu Carlos und Nicolás und weckte sie. -</p> - -<p> -Nach dem Frühstück machten sie einen Spaziergang in der Richtung der Tijuca. -</p> - -<p> -In vielen Krümmungen führte der Weg durch Sonne und Urwaldschatten. -</p> - -<p> -Als sie in den Wald gelangten, sagten Carlos und Nicolás: „Es riecht hier ganz -so wie bei uns zu Hause im Invernaculo.“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: „Ich habe euch schon gesagt, es heißt auf deutsch -Treibhaus und nicht Invernaculo!“ -</p> - -<p> -An einer Krümmung tauchte plötzlich am Wegrand in der Einsamkeit eine Strohhütte -auf. Einige Neger und Negerinnen standen davor. Sie sprachen mit lebhaften -Gebärden alle zugleich und stießen dabei ein grausig tierisches Gelächter aus. Die -Frauen hatten gelbe Schals um die Schultern, eine trug einen roten Turban. Die -Männer waren nackt bis zum Gürtel und schwangen lange blitzende Messer in der -Hand, womit sie eben Rinde von den Bäumen geschält hatten. Einer biß mit seinen -großen weißen Zähnen in ein Stück Kokosnuß, ein anderer schlug zum Zeitvertreib -mit einem dicken Knüppel auf einen Strauch mit seltsamen roten Blumen. -</p> - -<p> -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -<a id="pagehdr-118" class="pagehdr" title="Eigentümliche Gebräuche"></a> -Carlos und Nicolás zerrten Herrn Dr. Bürstenfeger am Ärmel zurück und sagten -ängstlich: „Die Neger werden uns töten!“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger schaute unsicher nach der Gruppe, dann aber sagte er: -„Karl und Nikolaus, fürchtet euch nicht!“ Und mit beschleunigten Schritten gingen -sie an der Gruppe vorbei. -</p> - -<p> -Bei jeder neuen Krümmung des Weges hörten sie wieder ihr tierisch grausiges -Lachen, bis es langsam verhallte. -</p> - -<p> -Auf einem Umweg kehrten sie zum Hotel zurück und nahmen dort ihren Lunch. -Dann begaben sie sich hinunter in die Stadt. Dort setzten sie sich in einen Wagen -und fuhren nach dem Botanischen Garten. -</p> - -<p> -Unterwegs sahen sie vor einem Gartentor ein paar Mulatinnen vergnügt -schwatzend einen farbigen Sarg in einen Leichenwagen schieben. Und nicht lange -drauf kam ihnen ein Mann entgegen, einen mit rosa Stoff überzogenen und mit -Silberspitzen ausgeschmückten Kindersarg auf dem Kopf. -</p> - -<p> -Plötzliche Unruhe malte sich in Herrn Dr. Bürstenfegers Zügen, er dachte an das -gelbe Fieber. -</p> - -<p> -In diesem Augenblicke setzte der Mann den Sarg nieder und öffnete den Deckel. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger lachte laut auf: „Karl und Nikolaus, seht hin, es ist ja nur -ein Kuchenkasten!“ -</p> - -<p> -„Eigentümliche Gebräuche“, murmelte er vor sich hin. -</p> - -<p> -Bald waren sie im Botanischen Garten. Sie schritten durch das breite Portal -und standen in einer endlos schnurgeraden Allee uralter Königspalmen. -</p> - -<p> -„Die Vegetation der ganzen Tropen ist hier in diesem Garten vereinigt“, erklärte -Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Sie spazierten umher. Nicolás blieb staunend vor einer Gruppe von Riesenbambussen -stehen. Herr Dr. Bürstenfeger machte Carlos auf ein Beet mit zarten -kleinen Pflänzlein aufmerksam. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Mimosa pudica sensitiva</span>“ stand auf einem kleinen Brettlein geschrieben. -</p> - -<p> -„Karl, berühre leise ein Blatt dieser Pflänzchen“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Carlos beugte sich nieder und berührte sachte ein Blättchen. Das Blättchen schloß -sich; darauf zog das Pflänzlein langsam seine sämtlichen Blätter ein und knickte zusammen; -im Fallen streifte es eine Nachbarin — eine ganze Gruppe sank zusammen. -</p> - -<p> -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -<a id="pagehdr-119" class="pagehdr" title="Der blaue Schmetterling fliegt in den Urwald"></a> -„Sie werden sich bald wieder aufgerichtet haben“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Ob wohl die Pflanzen wie die Menschen fühlen?“ bemerkte Carlos. -</p> - -<p> -„Die Betrachtung ist nicht übel, Karl“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Sie gingen weiter, bis sie am Fuße eines Berges standen; hier verlor sich der -Garten in den Urwald. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger zog seine Uhr. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás sahen plötzlich einen großen blauen prächtigen Schmetterling. -</p> - -<p> -Sie liefen ihm nach, um ihn zu fangen. -</p> - -<p> -„Lauft nicht weg, es ist viel später, als ich dachte,“ rief ihnen Herr Dr. Bürstenfeger -nach, „wir verlieren noch das Schiff!“ -</p> - -<p> -Nicolás blieb stehen, Carlos lief weiter. -</p> - -<p> -Der Schmetterling ließ sich auf einen blühenden Gardenienbusch nieder. Carlos -wollte ihn fassen. -</p> - -<p> -Der Schmetterling erhob sich, setzte sich auf eine Fächerpalme, bewegte die Flügel -und glich einer lebenden, prächtigen Blume. -</p> - -<p> -Beinahe hätte Carlos ihn gehascht, aber schon war er wieder fort, er flog hinein -in den Wald, Carlos hinterher. -</p> - -<p> -Tief drinnen in einer Wildnis baumhoher Farne verschwand der Schmetterling, -tauchte wieder auf, ließ sich wieder auf einen Busch nieder, stieg hoch in die Luft -und verlor sich im blauen Himmel. -</p> - -<p> -Carlos hörte in der Ferne Herrn Dr. Bürstenfegers Stimme, der ihn laut und -zornig rief. Erschreckt lief er zurück, über Baumwurzeln stolpernd und sich in Lianen -verwickelnd, vor Hitze und Wut heulend. -</p> - -<p> -Am Waldrand stand Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Ungehorsamer Junge,“ schrie er, „warum kamst du nicht, als ich dich rief!“ Carlos -heulte: „Der schöne Schmetterling ist fort, nie mehr werde ich ihn fangen!“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte ihn am Arm: „Wegen dir werden wir noch das -Schiff verlieren!“ -</p> - -<p> -Carlos heulte immer lauter. -</p> - -<p> -„Kommt schnell zum Wagen,“ rief Herr Dr. Bürstenfeger, „wenn wir uns beeilen, -erreichen wir vielleicht noch die Barkasse!“ -</p> - -<p> -Rasch gingen sie die Allee hinunter und stiegen draußen in den Wagen. -</p> - -<p> -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -<a id="pagehdr-120" class="pagehdr" title="„Schamlose Ausbeutung“"></a> -„Zum Hafen, schnell!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu. -</p> - -<p> -Der Kutscher trieb die Pferde zur Eile an; in einer halben Stunde waren sie am Hafen. -</p> - -<p> -Aus dem Schornstein der Lombardia stieg schwarzer Rauch auf, sie gab langgezogene -Signale. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger erkundigte sich aufgeregt nach der Barkasse. -</p> - -<p> -„Dampfer weg, Dampfer weg!“ schrieen fröhlich einige schwarze Bootsmänner. -</p> - -<p> -„Siebzigtausend, sechzigtausend, fünfzigtausend Reis nach dem Bord Lombardia!“ -riefen sie durcheinander. -</p> - -<p> -„Vierzigtausend“, rief einer und sprang in sein Boot, erfaßte die Ruder und winkte -Herrn Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás zu. -</p> - -<p> -„Schamlose Ausbeutung!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger empört. -</p> - -<p> -„Senhor, zwanzigtausend Reis!“ rief ein anderer und zupfte Herrn Dr. Bürstenfeger -am Rock. -</p> - -<p> -„Unverschämt teuer, aber jetzt ist nichts zu machen. Das haben wir nur dir zu -verdanken, Karl!“ -</p> - -<p> -Sie stiegen ein, gleich stieß der Bootsmann ab. -</p> - -<p> -Am Ufer erhob sich ein lautes Wutgeschrei. -</p> - -<p> -Ein baumstarker Neger schleuderte ihnen ein Ruder nach. Es platschte dicht neben -Herrn Dr. Bürstenfeger ins Wasser. -</p> - -<p> -Erschreckt fuhr er zur Seite und rief: „Das sind hier die reinsten Wilden!“ -</p> - -<p> -Der Bootsmann legte sich mit doppelter Kraft in die Ruder; bald hatten sie das -Ufer weit hinter sich. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás blickten zurück. -</p> - -<p> -„Dort waren wir noch vor einer Stunde“, sagte Nicolás und zeigte in der Richtung -von Botafogo. -</p> - -<p> -„Man sieht noch den Wald“, antwortete Carlos. „Wie schade, der schöne blaue -Schmetterling ist fort!“ -</p> - -<p> -„Denke doch nicht immer an den Schmetterling“, meinte Nicolás. „Wir haben -ja die Affen!“ -</p> - -<p> -In einigen Minuten waren sie an Bord. Sie stiegen das Fallreep hinauf. -</p> - -<p> -Der zweite Offizier rief Herrn Dr. Bürstenfeger lachend zu: „Signore, bald wären -wir ohne Sie abgefahren!“ -</p> - -<p> -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -<a id="pagehdr-121" class="pagehdr" title="Die letzte Küste des Heimatkontinentes"></a> -„Ob wohl der Herr mit der Glatze noch immer in seiner Kabine ist?“ sagte Carlos -zu seinem Bruder. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger ging in den Salon, Carlos und Nicolás begaben sich zu -den Affen. -</p> - -<p> -Als sie zum Promenadendeck zurückkehrten, sahen sie eine große, sehr schöne Dame -mit goldblondem Haar, roten Wangen und Purpurlippen, von Herren umringt, -sich laut und lachend unterhalten. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás sahen sie verwundert an. -</p> - -<p> -„Das ist ja eine neue Dame,“ sagte Nicolás, „die muß hier eingestiegen sein!“ -</p> - -<p> -Jetzt ertönte die Glocke zum Abendessen. Herr Dr. Bürstenfeger erschien auf Deck, -trat mit den Knaben an die Reling und zeigte nach dem sich entfernenden Festlande: -„Karl und Nikolaus, seht noch einmal hin nach der letzten Küste eures Heimatkontinentes; -es werden viele Jahre vergehen, bis ihr es wieder erblickt!“ -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-4"> -Nach der Alten Welt -</h3> - -<p class="first"> -Fräulein von Pfnühl hatte zwei Tage seekrank in ihrer Kabine gelegen, am dritten -erschien sie wieder. -</p> - -<p> -Beim Lunch bemerkten Carlos und Nicolás, daß sie sehr oft zu ihnen hinüberschaute -und Herr Dr. Bürstenfeger dann krampfhaft auf seinen Teller blickte. -</p> - -<p> -Nachher hatte sich Carlos zu den Affen begeben. -</p> - -<p> -Auf Deck war Fräulein von Pfnühl eifrig bemüht, ihren Reisestuhl von einer -Stelle zur anderen zu rücken. Dabei warf sie hilflose Blicke auf Herrn Dr. Bürstenfeger, -der zufällig mit Nicolás in der Nähe stand. -</p> - -<p> -Nicolás sprang hinzu, um ihr behilflich zu sein. -</p> - -<p> -„Laß das,“ zischte sie ihn an, „hast du denn nie Schularbeiten zu machen, du -Dummbart?!“ -</p> - -<p> -Erschreckt wich Nicolás zurück. -</p> - -<p> -Gleich kam Herr Dr. Bürstenfeger nach. Er brachte den Stuhl nach der Stelle, -die sie wünschte, und ordnete ihre Kissen. -</p> - -<p> -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -<a id="pagehdr-122" class="pagehdr" title="„Einsames Heischen nach Wahlverwandtschaft“"></a> -Sie dankte; er wollte sich mit einer Verbeugung zurückziehen. Aber sie redete ihn an: -</p> - -<p> -„Ach, Herr Doktor, gehen Sie noch nicht, es freut mich so, Sie wiederzusehen; -nehmen Sie doch einen Augenblick Platz!“ Dabei ließ sie sich auf ihren Stuhl nieder -und zeigte auf einen Rohrsessel neben sich. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: „Sehr angenehm“ und setzte sich am Rande -des Rohrsessels. -</p> - -<p> -„Nun,“ meinte sie, „wie finden Sie unsere Mitreisenden?! — Ach, Herr Doktor,“ -sie schlug die Augen, die sie einige Sekunden gesenkt hatte, zu ihm auf, „ich lese -in Ihrer Seele — wie können Sie an dieser zusammengewürfelten, zum Teil fragwürdigen -Gesellschaft Gefallen finden — gerade Sie, Herr Doktor!“ Sie stieß einen -Seufzer aus, schloß die Augen und sah ihn dann gleich wieder an. -</p> - -<p> -„Und überhaupt, wo findet man die Menschen, die einem ganz zusagen, mit -denen man eins sein möchte in seinem tiefsten Innern?! ... Was folgt dem einsamen -Heischen hochgestellter Seelen nach Wahlverwandtschaft?“ Wieder seufzte sie -und schloß die Augen: „Ach nur Resignation!“ -</p> - -<p> -In diesem Augenblick war nicht weit von ihnen ein seltsam langgezogenes Gewinsel -hörbar, dem gleich darauf ein markdurchdringendes erbostes Schreien und Quieken -folgte. -</p> - -<p> -Gleich nachher tauchte Carlos auf, beide Affen, die sich grimmig balgten, an ihren -Schnüren hinter sich herzerrend. -</p> - -<p> -„Karl, was hast du wieder mit dem süßen Tierchen getan!“ schrie Fräulein von -Pfnühl, indem sie sich aufrichtete. -</p> - -<p> -Carlos wandte sich weinerlich an Herrn Dr. Bürstenfeger: „Ich brachte sie auf -meinen Schultern vom Zwischendeck hierher, sie haben das Zanken bekommen und -sich einander verwickelt, und als ich sie auf die Erde setzte, bekamen sie noch mehr -das Zanken!“ -</p> - -<p> -Der Lehrer winkte dem Decksteward, und nicht ohne Mühe gelang es, die Affen -wieder auseinander zu bringen. -</p> - -<p> -Worauf Carlos und Nicolás, von Herrn Dr. Bürstenfeger begleitet, sie in ihre -Kiste zurückbrachten. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus,“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, „ich gehe jetzt einstweilen in -meine Kabine, doch bitte ich euch ernstlich, treibt keinen Unsinn!“ -</p> - -<p> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -<a id="pagehdr-123" class="pagehdr" title="Man darf einer alten Dame nicht gleich alles übelnehmen"></a> -„Zu der verrückten Dame gehe ich nicht mehr!“ sagte Nicolás. -</p> - -<p> -„Nikolaus, was sind das für Ausdrücke!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Sie hat mir ein Schimpfwort gesagt!“ -</p> - -<p> -„Ein Schimpfwort, wieso?!“ -</p> - -<p> -„Sie hat mich einen Dummbart genannt!“ -</p> - -<p> -„Das ist kein Schimpfwort!“ Herr Dr. Bürstenfeger unterdrückte ein Lächeln. -„Aber wahrscheinlich hast du es auch verdient!“ -</p> - -<p> -„Ich habe es nicht verdient, ich habe ihr nur mit ihrem Stuhle helfen wollen!“ -antwortete Nicolás. -</p> - -<p> -„Schon gut“, meinte nach einer kleinen Weile Herr Dr. Bürstenfeger. „Man darf -einer alten Dame nicht gleich alles übelnehmen, sie wird es nicht so böse gemeint haben!“ -</p> - -<p> -Darauf ging er. -</p> - -<p> -Nun erzählte Nicolás seinem Bruder, was ihm geschehen war. -</p> - -<p> -„Mich hat sie vorhin auch angeschnauzt!“ sagte Carlos. -</p> - -<p> -Um sich zu rächen, beschlossen die Knaben die verrückte Dame auch nur Miß Von -zu nennen. -</p> - -<p> -Sie kehrten nach Deck zurück und begegneten dort dem fröhlichen Priester, der -trotz der großen Hitze wieder seinen Spaziergang machte. -</p> - -<p> -Sie schlossen sich ihm an, er erzählte ihnen Geschichten, die sie sehr lustig fanden, -aber zugleich auch im höchsten Grade lügenhaft. -</p> - -<p> -Als ihm nichts mehr einfiel, verließen sie ihn und setzten sich auf eine Bank. -</p> - -<p> -Lange saßen sie schweigend da und baumelten mit den Beinen. -</p> - -<p> -Carlos sagte schließlich: „Wie langweilig ist eine Seereise ... man sieht nichts ... -nie ein brennendes Schiff und auch niemals einen Walfisch!“ -</p> - -<p> -„Es ist langweilig, aber bald sind wir im schönen Europa“, tröstete ihn Nicolás. -</p> - -<p> -Darauf beschlossen sie wieder nach Zwischendeck zu ihren Affen zu gehen. -</p> - -<p> -Unterwegs blieben sie vor einem Windleiter stehen, der nach dem großen gemeinsamen -Schlafraum der Emigranten führte. -</p> - -<p> -Carlos steckte den Kopf in die Öffnung, zog ihn aber rasch zurück und machte „brr!“ -</p> - -<p> -Sofort steckte nun Nicolás den Kopf hinein, schnellte aber auch gleich zurück. -</p> - -<p> -„Das stinkt!“ sagten beide. -</p> - -<p> -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -<a id="pagehdr-124" class="pagehdr" title="„Ein unappetitlicher Kontrakt“"></a> -Sie wollten schon weitergehen, als Nicolás vorschlug: „Wenn du mir zwanzig -Centavos gibst, rieche ich zwanzig Sekunden hinein!“ -</p> - -<p> -„Gut, wetten wir“, antwortete Carlos und zog die Uhr. -</p> - -<p> -Nicolás’ Kopf verschwand in der Öffnung. -</p> - -<p> -„Zwanzig!“ rief Carlos, als die Zeit um war. -</p> - -<p> -Nicolás aber, um seine Willenskraft zu zeigen, beschloß es zwanzig Sekunden -länger auszuhalten. Hochrot tauchte dann sein Kopf aus der Öffnung. -</p> - -<p> -Er schüttelte sich, spuckte aus und schneuzte sich. -</p> - -<p> -„War das ein Gestank!“ rief er aus. „Jetzt gib mir die zwanzig Centavos!“ -</p> - -<p> -„Die Wette gilt nicht, du hast bis vierzig gerochen und nicht bis zwanzig!“ antwortete -Carlos. -</p> - -<p> -Nicolás sah seinen Bruder an, er traute seinen Ohren nicht. -</p> - -<p> -„Ich bezahle nichts!“ sagte Carlos. -</p> - -<p> -„Meinst du, daß ich umsonst den schrecklichen Gestank ausgehalten habe?!“ rief -Nicolás zornig. -</p> - -<p> -„Es galt nur bis zwanzig; ich zahle nichts!“ beharrte Carlos. -</p> - -<p> -„Du bist betrügerisch und gemein!“ rief Nicolás und wollte auf ihn eindringen. -Schon wurden sie handgemein; da erschien Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Was ist hier los, Karl und Nikolaus?!“ fragte er streng. -</p> - -<p> -Nicolás erzählte ihm aufgeregt den Fall. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger runzelte die Stirn, sann eine Weile und antwortete sehr -ernst: „Dein Vorschlag, Nikolaus, der reinen Geldgier entsprungen, zeugte von -wenig Geschmack, Stolz und persönlicher Würde. Die Ausführung war außerdem -im höchsten Grade gesundheitsschädlich. — Nicht weniger geschmacklos, Karl, war -dein Eingehen in diesen unappetitlichen Kontrakt. Dein weiteres Betragen Nikolaus -gegenüber sehr mutwillig und durchaus nicht brüderlich. Jetzt kommt mit, und -macht Schularbeiten, die viele Freiheit, die ich euch der Hitze wegen gegeben habe, -scheint euch nicht gut zu bekommen!“ -</p> - -<p> -Damit erfaßte er sie bei den Händen. Sie folgten ihm aufs höchste verdutzt. -</p> - -<p> -Bald folgte ein Tag von unerträglicher Hitze, denn man hatte vollständige Windstille. -Totenstill und bleifarben lag das Meer. Dunstschleier verbargen die Sonne; -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -<a id="pagehdr-125" class="pagehdr" title="Eine weibliche Stimme kreischt durchdringend um Hilfe"></a> -von Zeit zu Zeit gingen Regenschauer nieder. Dann aber wurde die Temperatur -noch drückender. -</p> - -<p> -Im Maschinenraum arbeiteten halbnackt die Heizer, Herr Dr. Bürstenfeger lag -reglos unter dem aufgespannten Zeltdach auf Deck: unter der Dusche im Badezimmer -aber stand der fröhliche Priester und dachte: Reiste ich jetzt nicht nach Rom, um den -Heiligen Vater zu sehen, ich wollte, eine Seereise sollte immer dauern. — -</p> - -<p> -Manche Passagiere verbrachten die Nacht auf Deck. Carlos und Nicolás lagen in -ihren Betten und wälzten sich hin und her. -</p> - -<p> -Kurz nach Mitternacht — Herr Dr. Bürstenfeger war eben in einen unruhigen -Schlaf verfallen — wurde er plötzlich durch laute Schreie geweckt. -</p> - -<p> -Er richtete sich jäh auf und noch unsicher, ob er geträumt habe, saß er reglos -aufrecht mit stark klopfendem Herzen und horchte gespannt. -</p> - -<p> -„Hilfe, Hilfe, ich sterbe!“ kreischte durchdringend eine weibliche Stimme. -</p> - -<p> -„Mein Gott, mein Gott, ... was für ein Unglück ist da wieder geschehen!“ Herr -Dr. Bürstenfeger rang nach Atem; dann war er mit einem Satz aus dem Bett. -</p> - -<p> -„Hilfe, Hilfe!“ gellte es wieder. -</p> - -<p> -Wie von Sinnen drehte sich Herr Dr. Bürstenfeger im Kreise herum; er suchte -etwas: seine Hosen. Jetzt hatte er sie; im Nu war er drin. -</p> - -<p> -Er stürzte in den Gang; draußen standen schon Leute. -</p> - -<p> -Von neuem ertönten durchdringende Schreie. -</p> - -<p> -„Schwarzer Pfaffe, Schiffsuntergang!“ rief der Herr mit der fahlen Glatze. -</p> - -<p> -Man eilte in der Richtung, woher die Schreie kamen, allen voran Bepino der -Nachtsteward. -</p> - -<p> -Er riß die Tür einer Kabine auf. -</p> - -<p> -Mit einem Satz stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihm. Aber er prallte zurück. -</p> - -<p> -In ihrem Bett lag Fräulein von Pfnühl, und ein fliegender Fisch schnellte über ihr -auf und nieder. -</p> - -<p> -Auch die übrigen Passagiere wichen zurück. -</p> - -<p> -Gleich erschien Bepino aus der Kabine, den Fisch, der heftig zappelte, in den Händen. -</p> - -<p> -„Durch die offene Luke hat er sich ins Bett der Dame verirrt!“ rief er vor Lachen -platzend. -</p> - -<p> -Es erfolgt ein allgemeines Gelächter. -</p> - -<p> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -<a id="pagehdr-126" class="pagehdr" title="Miß Von lernt das Gruseln"></a> -Hinten vor ihrer Kabinentüre standen Carlos und Nicolás in ihren Nachthemden -und lachten auch aus vollem Halse. -</p> - -<p> -„Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, jetzt hat Miß Von auch das Gruseln gelernt!“ -rief Carlos aus. -</p> - -<p> -„Ihr müßt auch bei allem dabei sein; geht schlafen!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger -und schob sie in die Kabine hinein. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Am nächsten Morgen gingen Carlos und Nicolás nach Zwischendeck, um ihre Affen -zu füttern. Gerade erhielten auch die Emigranten ihre erste Ration. -</p> - -<p> -Irgendwo kauerte ein altes verrunzeltes Mütterchen auf der Erde, den Rücken -gegen eine Kiste gelehnt; sie war bisher noch nie auf Deck erschienen. -</p> - -<p> -So ein uraltes Mütterchen glaubten Carlos und Nicolás noch nie in ihrem Leben -gesehen zu haben. Ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet; die Augen, die nie zuckten, -schienen seltsam ins Weite zu blicken. -</p> - -<p> -Ein Bursche, der eine Baskenmütze trug, kniete mit einem Blechteller vor ihr -und flößte ihr Suppe ein. Daneben stand eine Frau mit einem zerrissenen Schal -gegen einen schwarzbärtigen Mann gelehnt, der leise und scheinbar zerstreut auf -einer Ziehharmonika spielte, während sie an einem großen Stück Brot kauend sehr -ernst auf die Alte herabblickte. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás erfuhren gleich darauf, daß die vier eine Familie waren und -die Alte beinahe hundert Jahre alt und blind. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Als Carlos und Nicolás zum Promenadendeck zurückkehrten, spazierte die schöne -Dame mit den Purpurlippen, in Gesellschaft eines brasilianischen Herrn, der im -Gespräch lebhaft mit den Händen gestikulierte. Von seinen Fingern, die voller Ringe -waren, ging ein Blitzen und Funkeln aus. -</p> - -<p> -Gerade als die Knaben an ihnen vorbeikamen, glitt ihr ein mit Perlen besetzter -Kamm aus den Haaren und fiel auf den Boden. -</p> - -<p> -Die Knaben bückten sich rasch danach, Nicolás hatte ihn erfaßt, lief der Dame nach -und überreichte ihn ihr. -</p> - -<p> -„Ich danke dir, mein lieber Junge“, sagte die schöne Dame, streichelte ihn mit -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -<a id="pagehdr-127" class="pagehdr" title="„Jungens haben immer schmutzige Taschentücher!“"></a> -der Hand über den Kopf und gab ihm einen Kuß. „Ihr liebenswürdigen Kavaliere, -ich muß euch doch endlich mal die längst versprochenen Bonbons geben, kommt mit!“ -</p> - -<p> -„Gleich bin ich wieder da“, nickte sie dem Herrn zu und lief lachend die Treppe -hinunter. Carlos und Nicolás hinter ihr drein, in ihre Kabine. -</p> - -<p> -„Das ist ja hier wie in einem Kleiderschrank“, rief Carlos aus, denn ringsherum -hingen Kleider, Spitzenblusen und seidene Röcke. Die Gardinen waren vollgesteckt -mit Schleiern, Krawatten und Bändern. Handtaschen und Hutschachteln, Stiefel -und Schuhe waren unter die Betten gezwängt. -</p> - -<p> -„Und wie es wunderschön riecht!“ rief nochmals Carlos. -</p> - -<p> -„Gefällt euch das Parfüm, meine Jungens?“ Sie griff nach einem kleinen silbernen -Flakon, der auf dem Waschtisch stand. -</p> - -<p> -„Na, gebt mir eure Taschentücher.“ -</p> - -<p> -Rot und verlegen sahen sich Carlos und Nicolás an. -</p> - -<p> -Zögernd sagte Nicolás, indem er noch mehr errötete: „Unsere Taschentücher sind -sehr schmutzig!“ -</p> - -<p> -„Das schadet nichts,“ lachte sie, „gebt nur her; Jungens haben immer schmutzige -Taschentücher!“ und damit entleerte sie die Hälfte ihres Fläschchens in die Taschentücher -der Knaben. -</p> - -<p> -Darauf holte sie eine große Schachtel mit Pralinés aus ihrem Koffer und füllte -davon Carlos’ und Nicolás’ Taschen. -</p> - -<p> -Dann gab sie jedem einen laut schallenden Kuß: -</p> - -<p> -„So, jetzt aber muß ich rasch wieder hinauf!“ ... -</p> - -<p> -Kurz nachher lag die schöne Dame oben auf Deck auf ihrem Reisestuhl; ihr Kopf -lehnte gegen ein rotseidenes Kissen; der Herr mit den Ringen fächelte ihr Kühlung -zu mit einem großen japanischen Fächer und redete leise und eindringlich auf sie ein. -</p> - -<p> -Sie lächelte nach einer Weile und nickte. -</p> - -<p> -Ganz in ihrer Nähe saßen Carlos und Nicolás stumm auf einer Bank und knabberten -an ihren Bonbons. -</p> - -<p> -„Du,“ sagte Carlos, „hier habe ich einen mit Likör!“ -</p> - -<p> -Ganz weit hinten stand Herr Dr. Bürstenfeger vor einer schwarzen Tafel und -konstatierte freudig: „Drei Meilen mehr als gestern!“ -</p> - -<p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -<a id="pagehdr-128" class="pagehdr" title="Das offene Tor"></a> -Gegen Abend waren die Knaben wieder auf Zwischendeck. -</p> - -<p> -Das alte blinde Mütterchen hockte noch immer in ihrer alten Stellung, ihre -zitterigen Hände hielt sie gefaltet, die Augen blickten ins Weite. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás schritten scheu an ihr vorbei; sie gingen bis ganz vorn nach der -Spitze des Schiffes. -</p> - -<p> -Der Steuermann auf der Brücke drehte das Rad. Langsam wandte sich das Schiff -nach Nordosten. -</p> - -<p> -Die Sonne neigte sich gegen den Horizont, blutrot und strahlenlos. Jetzt berührte -sie ihn. Schon war sie unter. -</p> - -<p> -„Die Sonne ist tot, ertrunken!“ sagte Carlos zu seinem Bruder. -</p> - -<p> -In verschleiertem Blau dämmerte der Himmel weiter. -</p> - -<p> -Zwei ungeheure Wolkenbänke standen gleich gigantischen Torflügeln rosenrot im -Nordosten. -</p> - -<p> -Und mitten auf das offene Tor zu fuhr das Schiff. -</p> - -<p> -Ein junger Mann und eine junge Frau standen neben Carlos und Nicolás an der -Reling. Ihre Gesichter waren verhärmt, ihre Kleider abgetragen. -</p> - -<p> -Der junge Mann zeigte in der Richtung des offenen Tores. -</p> - -<p> -Tränen glänzten in seinen Augen. Er sagte leise: „Sieh, ist es nicht, als führen -wir endlich unserem Ziele entgegen?“ — -</p> - -<p> -Sie stand da, stumm und sah nach den Wolken. -</p> - -<p> -Zwei italienische Emigranten sangen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza antiqua"> - <p class="verse">In guerra non voglio andare</p> - <p class="verse">perquè si mangea male</p> - <p class="verse">e si dorme in terra.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Carlos, horch’, es ist das Lied, das José immer zu Hause sang!“ sagte Nicolás. -</p> - -<p> -Gleich fielen andere Stimmen ein, und bald brauste es aus mehr als hundert -Kehlen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza antiqua"> - <p class="verse">In guerra non voglio andare</p> - <p class="verse">perquè si mangea male ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Ein gellender Schrei unterbrach den Gesang: „Jesus, Maria, Mutter ist tot!“ -</p> - -<p> -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -<a id="pagehdr-129" class="pagehdr" title="Carlos und Nicolás erschauern"></a> -Und gleich darauf erfolgte ein herzzerreißendes Weinen. -</p> - -<p> -Die Frau mit dem Schal war auf die Knie gesunken, ihre Arme hielten das alte -tote Mütterchen umfangen. -</p> - -<p> -Und neben ihr kniete der junge Baske, und der Mann mit der Ziehharmonika und -sie bekreuzten sich schluchzend. -</p> - -<p> -Ein Haufen Männer und Frauen umdrängte die Gruppe. Viele Frauen waren -niedergekniet, hielten die Hände vors Gesicht und jammerten laut; bald knieten alle -Frauen. Das Jammern und Schreien griff um sich: der ganze große Haufe stimmte -laut mit ein in die Totenklage. -</p> - -<p> -Bleich und wortlos standen Carlos und Nicolás auf ihren Plätzen. -</p> - -<p> -Erschreckt durch den Lärm spähte Herr Dr. Bürstenfeger vom Promenadendeck -nach ihnen aus. Zugleich ertönte die Glocke zum Abendessen. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás gingen rasch nach der ersten Klasse, die Blicke vom Haufen, -der die Alte umgab, abgewandt. -</p> - -<p> -Bei Tisch konnten sie keinen Bissen herunterbringen. Sie dachten an das alte -Mütterchen; vor einer halben Stunde noch hatte sie lebend dagesessen mit gefalteten -Händen, und nun war sie eine Tote. -</p> - -<p> -Nachher hörten sie, wie der Herr mit der fahlen Glatze der Dame aus Patagonien -erzählte, heute noch werde man die Leiche auf ein Brett geschnallt und in ein Segeltuch -gewickelt ins Meer senken. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás erschauerten. -</p> - -<p> -Gegen zehn Uhr brachte Herr Dr. Bürstenfeger die Knaben in ihre Kabine. -</p> - -<p> -Als er fort war, zündeten sie das Licht wieder an und lagen schweigend in den -Betten, fortwährend an das tote Mütterchen denkend. -</p> - -<p> -Endlich meinte Carlos: „Um ein Uhr wird sie ins Meer geworfen!“ -</p> - -<p> -„Um zwei Uhr hat man gesagt.“ -</p> - -<p> -„Niemand weiß es genau.“ -</p> - -<p> -„Wirst du heute nacht einschlafen können?“ fragte eine Weile darauf Nicolás. -</p> - -<p> -„Brr, ich bleibe sicher die ganze Nacht wach.“ -</p> - -<p> -„Wir sollten versuchen, an etwas Lustiges zu denken, vielleicht könnten wir dann -doch einschlafen! — Weißt du noch, wie alle gelacht haben, als du einmal eines Abends, -als wir noch klein waren, zu Mama ins Eßzimmer gelaufen kamst und sagtest, ein -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -<a id="pagehdr-130" class="pagehdr" title="„Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?“"></a> -Wolf sei in ihrem Zimmer, und es war doch nur Papa, der auf dem Sofa fürchterlich -schnarchte!“ -</p> - -<p> -„Ja, Mama hatte mir an dem Tage die Geschichte von Rotkäppchen erzählt“, -antwortete Carlos. -</p> - -<p> -Er schwieg. -</p> - -<p> -„Arme Alte“, sagte er nach einer Weile. -</p> - -<p> -„Denke doch nicht immer daran!“ — -</p> - -<p> -„Nicolás, fährt das Schiff nicht langsamer?!“ Carlos richtete sich in seinem Bett -auf. „Jetzt — ich glaube, man wirft sie ins Meer!“ -</p> - -<p> -Nicolás horchte gespannt; auch ihm war recht gruselig zumute. -</p> - -<p> -„Nein, das Schiff fährt gleichschnell!“ flüsterte er. -</p> - -<p> -Es wurde elf. Der Steward trat in die Kabine und löschte die Lichter. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás hielten es jetzt nicht länger in ihren Betten aus. -</p> - -<p> -Sie standen auf, knieten auf dem Sofa und schauten durch die Luke. Draußen war -stockfinstre Nacht, das Meer schwarz wie Tinte. -</p> - -<p> -Sie hörten, wie die Wellen rauschten und gegen das Schiff aufschlugen. Sonst -war es totenstill. -</p> - -<p> -„Wie dunkel!“ flüsterte Carlos. „Wenn man nur einen einzigen Stern sehen -könnte!“ -</p> - -<p> -„Ob wohl die Fische die Alte gleich auffressen werden?“ meinte er nach einer Weile. -</p> - -<p> -„Sie werden sie wohl bald auffressen,“ antwortete Nicolás, „aber vielleicht kommt -sie auch heil bis zum Grunde!“ -</p> - -<p> -„Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?“ -</p> - -<p> -„Vielleicht so tief, als der Acongaqua hoch ist.“ -</p> - -<p> -Carlos schloß die Augen, und erschauernd suchte er sich den Grund des Meeres -vorzustellen. -</p> - -<p> -Sie schwiegen lange. -</p> - -<p> -Wieder fuhr Carlos zusammen. Er faßte seinen Bruder beim Arm: „Hörst du -nicht ... die Stricke?! Jetzt wird sie heruntergelassen!“ -</p> - -<p> -Sie hielten den Atem an und horchten. -</p> - -<p> -Nicolás sagte: „Es waren nur die Taue der Boote, die sich bewegten.“ -</p> - -<p> -Nun sprachen sie nicht mehr; sie horchten angestrengt weiter. -</p> - -<p> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -<a id="pagehdr-131" class="pagehdr" title="Die Linie wird passiert"></a> -Schließlich fielen Nicolás die Augen zu. Er ging ins Bett und war gleich eingeschlafen. -Carlos blieb vor der Luke, bis der Morgen begann. Dann begab er sich -auch ins Bett und verfiel sofort in einen schweren Schlaf. — -</p> - -<p> -Gegen acht Uhr trat Herr Dr. Bürstenfeger in die Kabine. -</p> - -<p> -Hell schien die Sonne durch die Luke. -</p> - -<p> -„Heraus, ihr Langschläfer“, rief er. „Es hat schon längst zum Frühstück geläutet!“ -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás richteten sich auf und rieben sich schlaftrunken die Augen. -</p> - -<p> -Vom Zwischendeck ertönte Gesang und Gitarrespiel. -</p> - -<p> -Die gestrigen Ereignisse traten plötzlich wieder in ihre Erinnerung. -</p> - -<p> -„Da singen sie ja wieder, und heute nacht hat man doch das Mütterchen ins Wasser -geworfen!“ rief Carlos aufs höchste verwundert aus. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger antwortete lächelnd: „Bedenkt, Karl und Nikolaus, daß -dies ein leichtlebiges Völklein ist, unter einem heiteren Himmel geboren. Freude -und Leid wechseln schnell bei ihnen ab!“ -</p> - -<p> -Im Eßzimmer fragten die Knaben sofort den Obersteward, wann man in der -Nacht die Leiche ins Meer gesenkt hätte. „Um zwei Uhr“, antwortete der Obersteward. -</p> - -<p> -„Wir haben aber gar nichts gehört!“ sagte Carlos. -</p> - -<p> -„Dergleichen Sachen werden hier möglichst still abgetan“, antwortete der Obersteward. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Zwei Tage später passierte man die Linie. Abends war Galadiner. Der Speisesalon -war mit Fähnchen und Papiergirlanden ausgeschmückt, auf den Tischen standen -große Aufsätze mit Kuchen und Knallbonbons. -</p> - -<p> -Die Damen hatten ihre schönsten Kleider angezogen; die Dame mit den Purpurlippen -trug Brillanten im Haar und Perlen um den Hals; Herr Dr. Bürstenfeger -erschien im Gehrock und weißer Krawatte, Carlos und Nicolás in ihren besten weißen -Matrosenanzügen mit hellblauen seidenen Kragen. -</p> - -<p> -Man war in der festlichsten Stimmung. Es wurde viel Champagner getrunken; -auch Carlos und Nicolás durften mittrinken; gegen Ende der Mahlzeit herrschte die -ausgelassenste Fröhlichkeit ... -</p> - -<p> -Nach Tisch spazierte Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben auf Deck auf und ab. -Er hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, heute bis elf Uhr aufzubleiben. -</p> - -<p> -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -<a id="pagehdr-132" class="pagehdr" title="„Schnäderängtäng, schnäderäng tängderängtängtäng“"></a> -Die Sonne war vor kurzem untergegangen; schnell kam die Nacht. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger war sehr aufgeräumt ... -</p> - -<p> -„Bis jetzt, Karl und Nikolaus,“ sagte er, „können wir uns im großen und ganzen -über die Seereise nicht beklagen; aber unendlich freue ich mich doch auf Deutschland; -der Winter hält jetzt dort seinen Einzug, unser prächtiger deutscher Winter; ihr werdet -Schlittschuhlaufen lernen und Schneemänner machen, hei, das wird ein Spaß!“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger wurde immer aufgeräumter. Er erzählte ihnen weiter -von den Freuden des Winters und dann viele lustige Geschichten aus seiner Kindheit -und Studentenzeit. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás hörten begierig zu. So vergnügt hatten sie ihren Lehrer noch -nie gesehen. -</p> - -<p> -Durch die geöffneten Oberlichtfenster sahen Carlos und Nicolás ins Eßzimmer -hinab. Alles war schon aufgestanden; nur Fräulein von Pfnühl saß noch auf ihrem -Platze, vor sich ein Glas und eine halbgeleerte Flasche. -</p> - -<p> -„Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie,“ sagte Carlos, „wieviel Puder sich Miß Von -auf ihre Nase gepappst hat, und dabei ist sie doch noch rot!“ -</p> - -<p> -„Still, Karl, werde nur nicht übermütig,“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd, -„Fräulein von Pfnühl ist und bleibt eine gute, harmlose Dame!“ -</p> - -<p> -Er verfügte sich mit den Knaben nach Hinterdeck, blieb dort stehen und begann -etwas vor sich hinzusummen. -</p> - -<p> -„Herr Dr. Bürstenfeger, singen Sie doch lauter!“ baten Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger sang: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Als die Römer frech geworden, sim serim sim sim sim sim,</p> - <p class="verse">sogen sie nach Deutschlands Norden, sim serim sim sim sim sim,</p> - <p class="verse">Vorne mit Trompetenschall terätätätäterä</p> - <p class="verse">Ritt der General-Feldmarschall terätätätäterä</p> - <p class="verse">Herr Quintilius Varus wau wau wau wau wau wau,</p> - <p class="verse">Herr Quintilius Varus, schnäderängtäng, schnäderängtäng, schnäderäng tängderängtängtäng.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Was ist das für ein komisches Lied?!“ unterbrachen ihn Carlos und Nicolás -lachend. -</p> - -<p> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -<a id="pagehdr-133" class="pagehdr" title="Ein Geruch von Kognak schlägt Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen"></a> -„Ein wackeres deutsches Kneiplied, das ich gar oft gesungen habe in feuchtfröhlichem -Zecherkreise.“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger sang weiter: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„In dem Teutoburger Walde, sim serim sim sim sim sim,</p> - <p class="verse">Huh! wie pfiff der Wind so kalte, sim serim sim sim sim sim,</p> - <p class="verse">Raben flogen durch die Luft, trä ...“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Endlich gefunden!“ ertönte emphatisch eine Stimme. -</p> - -<p> -Vor Herrn Dr. Bürstenfeger stand Fräulein von Pfnühl. -</p> - -<p> -„Wie eine Stecknadel habe ich Sie gesucht, Herr Doktor; ich mußte Sie sehen, -Sie sprechen, Sie mich einzig verstehende, mir wahlverwandte Seele!“ -</p> - -<p> -Fräulein von Pfnühl machte einen Schritt näher. Ein Geruch nach Kognak, wie -noch nie, schlug Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen. -</p> - -<p> -„Sie guter, edler Mann,“ Fräulein von Pfnühl begann laut zu schluchzen, „lassen -Sie mich an Ihrem Busen meinen Lebensschmerz ausweinen!“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger wich entsetzt zurück. -</p> - -<p> -Sprachlos starrten Carlos und Nicolás Fräulein von Pfnühl an. -</p> - -<p> -„Ich habe den Glauben an die Welt verloren“, schluchzte sie wieder laut auf. -</p> - -<p> -Von neuem näherte sie sich ihm, ihr Kopf senkte sich gegen Herrn Dr. Bürstenfegers -Brust. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus, zu Bett, zu Bett, es ist die höchste Zeit!“ Herr Dr. Bürstenfeger -ergriff Carlos und Nicolás bei den Händen und zog sie mit sich fort. -</p> - -<p> -„Ich will noch nicht zu Bett!“ schrie Carlos und zerrte an seinem Arm. -</p> - -<p> -„Du hast zu gehorchen!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Wir dürfen bis elf Uhr aufbleiben, Sie haben es erlaubt!“ heulte Carlos. -</p> - -<p> -„Marsch, marsch!“ -</p> - -<p> -Sich widersetzend und laut heulend, folgte Carlos; Nicolás trabte resigniert mit. -Herr Dr. Bürstenfeger eilte mit ihnen die Treppe hinunter, in seine Kabine, dort -ließ er sie los. -</p> - -<p> -„Alberner, törichter Junge!“ herrschte er Carlos an. -</p> - -<p> -Knirschend und schluchzend rieb sich Carlos sein Handgelenk. Plötzlich heulte er -laut auf: „Ich bekomme den Krebs!“ -</p> - -<p> -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -<a id="pagehdr-134" class="pagehdr" title="Herr Dr. Bürstenfeger macht kehrt und flieht"></a> -„Waas!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Sie haben mich fürchterlich am Arm gekniffen, eine alte Frau hat man auch -am Arm gekniffen, und da hat sie den Krebs bekommen und ist gestorben!“ -</p> - -<p> -„Was schwatzt du da für Unsinn,“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger, „erstens bist du -keine alte Frau, und zweitens bin ich noch viel zu glimpflich mit dir umgegangen!“ -</p> - -<p> -Er schwieg, die Lippen fest aufeinandergepreßt. Nicolás sah, wie sein Kehlkopf -sich über dem niederen Klappkragen auf und ab bewegte. -</p> - -<p> -„Ich habe mich bedacht, ihr braucht noch nicht zu Bett,“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, -„geht einstweilen ins Eßzimmer und verhaltet euch still, ich komme bald nach!“ -</p> - -<p> -Carlos wollte schon die Türklinke ergreifen. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger hielt ihn zurück. Er sah ihn an. Über seiner Nasenwurzel -hatten sich zwei Furchen gebildet. -</p> - -<p> -„Rebellischer Knabe, rebellischer Knabe, pfui, schäme dich — so, jetzt geht!“ -</p> - -<p> -Sie gehorchten schweigend. -</p> - -<p> -Stumm blickte er noch eine Weile in der Richtung der geschlossenen Tür. Dann -aber glätteten sich langsam seine Züge; er sagte vor sich hin: „Ich hätte diesem aufgeregten -Karl auch heute den Alkoholgenuß versagen sollen!“ -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Am nächsten Morgen beim Frühstück wagte Herr Dr. Bürstenfeger nicht vom -Teller wegzusehen, aus Angst, den Augen Fräulein von Pfnühls zu begegnen. -</p> - -<p> -Als er nachher mit Carlos und Nicolás auf Deck ging, ließ er die Knaben allein. -</p> - -<p> -Von Unruhe gequält, spazierte er umher und spähte in alle Winkel. -</p> - -<p> -Plötzlich erhellten sich seine Züge. Neben einer großmächtigen Taurolle hatte er -ein Plätzchen gefunden, das wie geschaffen schien, ihn aufs prächtigste vor aller Welt -Blicken zu verbergen. -</p> - -<p> -Schon wollte er seinen Reisestuhl holen. In diesem Augenblick erscholl zwanzig -Schritte von ihm Fräulein von Pfnühls Stimme: „Herr Doktor!“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger sah sie starr an, machte dann kehrt und floh nach dem -Treppenhaus. -</p> - -<p> -Zwei Stewards mit Teebrettern voller Teller und Schüsseln kamen gerade die -Treppe hinauf und versperrten ihm den Weg. -</p> - -<p> -„Herr Doktor!“ ertönte es noch mal kläglich bittend dicht hinter ihm. -</p> - -<p> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -<a id="pagehdr-135" class="pagehdr" title="Vereinzelte Möwen künden die Nähe der Küste an"></a> -Herr Dr. Bürstenfeger duckte sich, und mit zwei Sätzen war er unter den Teebrettern -durch, die Treppe hinab, lief durchs Eßzimmer in seine Kabine und schloß -sich ein. -</p> - -<p> -Schwer ließ er sich auf das Sofa nieder. Gleich aber hatte er sich wieder erhoben. -Er reckte die Arme zur Decke empor und rief aus: „Nichts Fürchterlicheres gibt es -für einen Mann, als wenn eine Frau, die er nicht lieben kann, ihn immerzu mit -ihrer Zärtlichkeit verfolgt!“ -</p> - -<p> -Aber von nun an haßte und verabscheute Fräulein von Pfnühl Herrn Dr. Bürstenfeger -aus ganzer Seele. -</p> - -<p> -Auch sie begab sich gleich in ihre Kabine. Von Zorn und Bitterkeit erfüllt, schenkte -sie sich ein Wasserglas Kognak ein und trank es mit einem Zuge aus. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Mehr als eine Woche war vergangen. Man war aus dem Bereich der Tropen. -</p> - -<p> -Seit St. Fernando d’Oronho, der Verbrecherinsel, hatte man kein Land mehr -gesehen. -</p> - -<p> -Am zehnten Tage aber, gegen Mittag, kündeten vereinzelte Möwen die Nähe der -Küste an, gegen Abend umkreisten sie in Scharen das Schiff. Am Horizont tauchten -Dampfer und Segler auf. -</p> - -<p> -Bei Dunkelwerden fuhr die Lombardia ganz nahe an einem Feuerschiff vorbei. -Carlos und Nicolás schwenkten jubelnd die Mützen. -</p> - -<p> -Am frühen Morgen erschien in der Ferne die schneebedeckte Spitze des Piks von -Teneriffa; um Mittag aber sah man schon Palmen und schimmernde Häuser. -</p> - -<p> -„Land, Land!“ riefen Carlos und Nicolás beglückt aus ... -</p> - -<p> -Bald stieg der Lotse an Bord. Langsam führte er das Schiff in die Reede des -felsenumstandenen Santa Cruz ... -</p> - -<p> -Die Lombardia sollte Kohlen laden. -</p> - -<p> -Sämtliche Passagiere begaben sich an Land. Man stieg zu Wagen und ließ sich -im Städtchen umherfahren. -</p> - -<p> -Oberhalb der Stadt auf der Anhöhe speiste man im Hotel auf der Veranda mit -dem Blick auf Felsen und Meer. -</p> - -<p> -Die Gesellschaft war in der heitersten Stimmung, denn endlich war man wieder -an Land nach langer Seereise. -</p> - -<p> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -<a id="pagehdr-136" class="pagehdr" title="Ein blinder Passagier"></a> -Dann spazierte man auf den Berghängen umher, und als das erste Signal des -Dampfers ertönte, kehrte man an Bord zurück .... -</p> - -<p> -Noch war die Lombardia lange nicht mit dem Laden fertig, die Krane lärmten, -das ganze Schiff war schwarz vom Kohlenstaub. -</p> - -<p> -Aber die gute Laune der Passagiere dauerte unvermindert fort. -</p> - -<p> -Alle Welt war auf Deck; man wollte den Anblick der schönen Insel genießen, solange -es noch hell war. — -</p> - -<p> -Der vorletzte Leichter hatte seine Arbeit beendet und sollte gerade abstoßen, als -ein kleines schmächtiges Männchen in einem geflickten Zwillichanzug das Fallreep -herunterstieg. Er war barhäuptig und trug ein kleines Bündel in der Hand; ein -Matrose ging hinter ihm. -</p> - -<p> -Auf der letzten Stufe blieb er stehen und sah den Matrosen unschlüssig an. Aber -dieser legte ihm die Hand auf die Schulter und zwang ihn in den Leichter zu steigen. -</p> - -<p> -Sein Bündel krampfhaft gefaßt, blickte der kleine Mann verzweifelt zum Deck der -Lombardia hinauf. -</p> - -<p> -Als der Leichter im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, streckte er die Arme -in die Höhe und brach in lautes Weinen aus: „Herr Kapitän, ich beschwöre Sie um -Himmels willen, lassen Sie mich nicht auf dieser Insel zurück, nehmen Sie mich -nach Barcelona mit, ich muß ja zu den Meinen!“ -</p> - -<p> -Der Kapitän, ein Mann mit einem dicken gutmütigen Gesicht, stand reglos an der -Reling, mitten im Haufen der Passagiere, die neugierig herunterschauten. -</p> - -<p> -„Ein blinder Passagier, der sich in Rio eingeschmuggelt hat und hier an Land -gesetzt wird“, erklärte der Kapitän einigen Umstehenden, die ihn mit Fragen bestürmten. -</p> - -<p> -„Um Himmels willen doch kein Anarchist!“ schrie Fräulein von Pfnühl auf. -</p> - -<p> -„Warum darf der arme Mann nicht mitfahren?!“ fragten Carlos und Nicolás -voller Mitleid einen Herrn aus Coruña, der karierte Hosen trug. -</p> - -<p> -„Weil er sich eingeschmuggelt hat, wie ein Dieb, um umsonst zu fahren, versteht -ihr, Jungens?!“ belehrte sie dieser. -</p> - -<p> -„Herr Kapitän“, schrie das Männchen hinauf und weinte herzbrechend, „ich flehe -Sie an, nehmen Sie mich mit; ich will ja wieder jede Arbeit tun; machen Sie mich -doch nicht unglücklich!“ -</p> - -<p> -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -<a id="pagehdr-137" class="pagehdr" title="Der Kapitän brummt etwas in den Bart"></a> -„Das fehlte noch,“ lachte der Herr aus Coruña, „wir haben bei uns schon genug -anarchistisches Gesindel!“ -</p> - -<p> -Die meisten Passagiere schauten gleichmütig hinunter; einige bemitleideten das -Männchen, andere lachten über sein Geschrei und seine komischen Armbewegungen. -</p> - -<p> -Der Kapitän zuckte die Achseln, brummte etwas in den Bart und trat von der -Reling zurück. -</p> - -<p> -„Herr Kapitän, ist es erlaubt, dem armen Mann etwas Geld zu geben?!“ fragten -aufgeregt Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -„Erlaubt ist es schon, und brauchen wird er es wohl auch!“ lächelte der Kapitän. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás wollten sofort in die Kabine laufen, um ihre Sparbüchse zu -holen. -</p> - -<p> -Aber Herr Dr. Bürstenfeger hielt sie zurück: „Ihr habt keine Zeit, der Leichter -fährt schon ab!“ -</p> - -<p> -Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche und gab einem Matrosen ein Goldstück, -der schnell das Fallreep hinunterlief und es dem noch immer laut weinenden Mann -hinreichte. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick fuhr der Leichter weg. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Gracias, gracias, Señores, que Dios se lo pague!</span>“ rief schluchzend der Mann -und winkte mit dem Bündel zum Schiff hinauf ... -</p> - -<p> -Es war schon lange dunkel, als der letzte Kohlenleichter abstieß. Kurz darauf lichtete -die Lombardia die Anker und verließ die Reede. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás standen noch lange auf Deck und sahen stumm nach den steilen -Felsen der Insel, die allmählich in der Dunkelheit verschwanden. -</p> - -<p> -Es war ihnen traurig zumute. -</p> - -<p> -Nicolás sagte: „Was wird wohl jetzt der arme Mann anfangen?“ — -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Sechs Stunden vor der Lombardia hatte ein spanischer Dampfer, gleichfalls mit -Bestimmung nach Barcelona, Teneriffa verlassen. -</p> - -<p> -„Den werden wir morgen vormittag schon eingeholt haben!“ sagte der Kapitän. -</p> - -<p> -Am Morgen spähten Carlos und Nicolás nach dem spanischen Dampfer aus, aber -er war noch nicht sichtbar. -</p> - -<p> -Der Herr aus Coruña mit den karierten Hosen stand, sein Fernglas in der Hand, -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -<a id="pagehdr-138" class="pagehdr" title="„Der arme Anarchist ist wieder da!“"></a> -auf Deck, suchte den Horizont ab und sagte triumphierend: „Den holen wir nie ein, -der Kapitän hat wieder einmal den Mund zu voll genommen.“ -</p> - -<p> -Nicolás fragte verwundert: „Freuen Sie sich denn, wenn jener dreckige Kasten -gewinnt?“ -</p> - -<p> -„Was für ein Landsmann bist du?“ fragte der Herr aus Coruña ein wenig herausfordernd. -</p> - -<p> -„Argentiner!“ antwortete Nicolás stolz. -</p> - -<p> -„So, und wenn jener dreckige Kasten ein Argentiner wäre, würdest du dich freuen, -wenn unser Schiff gewönne?“ -</p> - -<p> -„Ja,“ antwortete Nicolás „denn wir sind ja selbst darauf!“ -</p> - -<p> -„Du bist mir ein trauriger Patriot,“ antwortete der Herr aus Coruña und klopfte -ihm auf die Schulter, „ich bin ein Spanier, und jener dreckige Kasten ist es auch, ich -wünsche ihm von ganzen Herzen den Sieg!“ -</p> - -<p> -Damit richtete er sein Fernglas wieder nach dem Horizont. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Als Carlos und Nicolás kurz darauf nach Zwischendeck gingen, waren sie aufs -höchste überrascht: dort stand der blinde Passagier von gestern und putzte eifrig -Blechteller. -</p> - -<p> -Er sah die Knaben, und sein Gesicht hellte sich auf. Rasch kam er auf sie zu, erfaßte -ihre Hände und drückte sie lange und herzlich: „Tausend Dank, meine kleinen Herren, -Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen.“ Tränen standen in seinen Augen. -„Von einem Matrosen habe ich erfahren, daß Sie es waren, die mir das Geld -schenkten.“ -</p> - -<p> -„Ja, aber wie sind Sie wieder aufs Schiff gekommen?!“ riefen Carlos und -Nicolás. -</p> - -<p> -„So ... mit einem Boot!“ antwortete er und zwinkerte schlau mit den Augen. -</p> - -<p> -Jubelnd liefen Carlos und Nicolás zu Herrn Dr. Bürstenfeger: „Der arme Anarchist -ist wieder da!“ -</p> - -<p> -Gleichfalls überrascht hörte Herr Dr. Bürstenfeger die Nachricht. Schließlich -meinte er nicht ohne Bedenklichkeit: „Er wird sich doch nicht wieder eingeschmuggelt -haben?“ -</p> - -<p> -Gleich begab er sich zum Schiffskommissar, um Näheres zu erfahren. -</p> - -<p> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -<a id="pagehdr-139" class="pagehdr" title="Alle Ferngläser sind nach dem spanischen Dampfer gerichtet"></a> -Der Schiffskommissar lachte: „Das haben Sie auf dem Gewissen, mit Ihrem Geld -hat er einen Bootsmann bestochen und sich als Kohlenträger in der Dunkelheit wieder -eingeschlichen.“ -</p> - -<p> -„Herr Kommissar, dann wäre ich ja das indirekte Werkzeug dieser Tat!“ meinte -Herr Dr. Bürstenfeger in peinlichster Verwirrung. -</p> - -<p> -„Beruhigen Sie sich nur, in diesem Falle war es eine gute Tat; der arme Teufel -wollte zu seiner schwerkranken Frau nach Barcelona und hatte kein Reisegeld, aber -wir haben strenge Order, blinde Passagiere an Land zu setzen.“ Er lachte wieder. -„Da er nun aber wieder da ist, muß er mit nach Barcelona, ins Wasser kann man -ihn nicht werfen.“ -</p> - -<p> -Beruhigt und erfreut antwortete Herr Dr. Bürstenfeger: „Dann freilich war das -die beste Wendung, Herr Kommissar!“ ... -</p> - -<p> -Als Carlos und Nicolás am nächsten Morgen auf Deck erschienen, stand dort alle -Welt, die Ferngläser und Operngucker nach dem spanischen Dampfer gerichtet, der -einige Seemeilen vor ihnen herdampfte. Er entsandte eine dicke Rauchsäule; man -konnte schon die Farben des Schornsteins erkennen. -</p> - -<p> -Der Herr mit der Reisemütze lachte: „Er will nicht schmählich überholt werden -und arbeitet mit Volldampf!“ -</p> - -<p> -Ein Franzose aus Teneriffa meinte: „Auch die Lombardia spart nicht die Kohlen, -sie sollte dem Spanier mehr Verachtung zeigen.“ -</p> - -<p> -„Nur zu, nur zu!“ meinte ein aufgeregter Herr aus Triest. -</p> - -<p> -Der Herr aus Coruña stand abseits, zuckte die Achseln und versuchte hämisch und -überlegen zu lächeln. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás aber glühten vor Stolz und Begeisterung für die Lombardia. -</p> - -<p> -Sie liefen zu ihrem Lehrer, der auf der anderen Seite des Decks stand: „Herr -Dr. Bürstenfeger, kommen Sie, wir überholen den Spanier, wir gewinnen!“ -</p> - -<p> -„Ich habe keinen Sinn für diese alberne Wettfahrt,“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger, -„ich betrachte jetzt das Meer; so schön und so licht war es auf der ganzen -Reise noch nicht, schaut doch: geradezu ins Unendliche scheint der Horizont gerückt!“ -</p> - -<p> -Aber Carlos und Nicolás waren bereits auf und davon und wieder zurück nach -der anderen Deckseite. -</p> - -<p> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -<a id="pagehdr-140" class="pagehdr" title="Vittorio Chiasaponte stellt seine Gattin vor"></a> -Der Herr mit der fahlen Glatze, der neben ihnen stand, meinte kurz: „Wenn dieser -Spaß noch andauert, prophezeie ich beiden Schiffen eine Kesselexplosion!“ -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Es war am nächsten Tag; Carlos und Nicolás waren auf Zwischendeck. Unter -den Passagieren, die in Teneriffa an Bord gekommen waren, sahen sie einen spindeldürren -alten Mann mit einer Adlernase. Er trug einen verblichenen blauen Rock -und Zwillichhosen. Über dem eingesunkenen Leib baumelte eine schwere silberne -Uhrkette. Die magere Brust bedeckte eine Lavallièrekrawatte, reichlich bedeckt mit -Speiseresten. -</p> - -<p> -Neben ihm auf einem Feldstuhl saß eine hagere, alte Frau in einem schmutzigen -Waschkleide von sehr jugendlichem Schnitt, einen aufgespannten Sonnenschirm in -der Hand. Das Gesicht war voller Falten, aber ihr schwarzes Haar, das seltsam aufgeklebt -schien, zeigte keinen einzigen weißen Faden. -</p> - -<p> -Mit lauter Stimme, die manchmal überschnappte, und lebhaften Gebärden trug -der Greis einem Haufen, der ihn umstand, ein Gesangstück vor. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás blieben in einiger Entfernung stehen und hörten zu. -</p> - -<p> -Als er geendet hatte, wurde laut bravo gerufen und geklatscht. Viele schrien -begeistert: „<span class="antiqua">Da capo, da capo!</span>“ -</p> - -<p> -Der Alte dankte lächelnd herablassend und setzte sich neben die Frau auf einen -Holzkoffer. Mit nachlässiger Gebärde holte er eine Zigarre aus seiner Tasche und -steckte sie an. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás fragten sich; wer wohl diese beiden alten Leute sein möchten. -</p> - -<p> -Der Alte aber, der neulich Zeuge ihres Wiedersehens mit dem blinden Passagier -gewesen war, hatte sie schon längst bemerkt. -</p> - -<p> -„Meine jungen Herren,“ sagte er und verneigte sich leicht, „ich weiß nicht, ob -Sie meine Darbietung angehört haben; aber immerhin, wollen Sie uns nicht die -Ehre erweisen, näher zu treten?“ -</p> - -<p> -Er stand auf und machte eine großartige Verbeugung: „Mein Name ist Vittorio -Chiasaponte!“ -</p> - -<p> -Etwas verwirrt über eine so ungewöhnliche Ansprache, traten die Knaben heran. -</p> - -<p> -„Hier stelle ich Ihnen meine Gattin vor!“ Der Alte zeigte nach der Dame auf -dem Feldstuhl, die sich mit einem huldreichen Lächeln verneigte. „Santa Madonna, -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -<a id="pagehdr-141" class="pagehdr" title="„Der Ratschluß der grausamen Nachwelt“"></a> -ohne mich brüsten zu wollen, aus dem Nichts zog ich sie einst empor, in Lumpen -gehüllt; ich brachte sie zur Erkenntnis ihres schlichten Talentes, machte sie zur Sängerin, -die sie wurde, machte sie zu meiner Gattin!“ -</p> - -<p> -„Ja, das tat er“, nickte sie mit Überzeugung. Und emphatisch die Hand in die Höhe -bewegend: „Er, der große Vittorio! Ich habe ihm zu danken bis zu meinem letzten -Atemzuge!“ -</p> - -<p> -„Schon gut, schon gut, Elvira“, winkte der Künstler gutmütig ab. Mit schmerzlichem -Pathos fuhr er fort: „Freilich, Signorini, die Zeit meines großen Wirkens -liegt hinter mir, die Zeit, da mein Name in der Welt jenen Klang hatte, den heute -noch die Annalen eines Teatro San Carlo und einer Scala verzeichnen, und der -erlöschen muß, wenn es der Ratschluß der grausamen Nachwelt bestimmt, die Schauspielern, -Sängern und Virtuosen niemals dankbar war!“ -</p> - -<p> -„Vittorio, das wird nicht geschehen!“ rief die Gattin. -</p> - -<p> -„Wie dem auch sei!“ Zwei Zornesfalten erschienen auf seiner Stirn. „Der Schauplatz -meines Wirkens hat sich verändert; Haß und Neid haben mich von den großen -Bühnen vertrieben; einzig allein mir selbst angehörend, reise ich mit meiner treuen, -geliebten Elvira als freier Künstler in der Welt umher!“ -</p> - -<p> -„Bravo, bravissimo!“ sagte ein kleiner Mann, der ein rotes Halstuch trug. Ein -Beifallsgemurmel ertönte umher. -</p> - -<p> -Chiasaponte trat einen Schritt zurück und machte vor Carlos und Nicolás nochmal -eine Verbeugung: „Signorini, meine Gattin und ich stehen mit unserem reichen -Repertoire“, er zeigte in der Richtung der ersten Klasse, „einem hochdistingierten, -hochkultivierten Publikum jederzeit zur Verfügung. Wenn Sie geneigt wären, in -diesem Sinne ein Abkommen zu vermitteln, wäre an Chiasaponte die Reihe, Ihnen -zu dienen!“ -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás standen ein wenig verlegen da, sie hatten den Inhalt seiner -Rede nicht ganz verstanden. -</p> - -<p> -Der kleine Mann mit dem roten Halstuch trat vor: „Il Signor Chiasaponte bittet -euch, zu euren Leuten in die erste Klasse zu gehen und ihnen die Mitteilung zu -machen, daß zwei große Künstler“, er wies auf das Paar, „oben eine Gesangsvorstellung -zu veranstalten beabsichtigen — selbstverständlich“, der kleine Mann -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -<a id="pagehdr-142" class="pagehdr" title="Eine improvisierte Bühne auf Deck"></a> -neigte sein Gesicht zu Carlos und Nicolás herab und rieb den Daumen gegen den -Zeigefinger — „gegen entsprechende Bezahlung!“ -</p> - -<p> -Die Knaben hatten jetzt vollkommen begriffen. Hocherfreut über die Aussicht -auf Theater, eilten sie nach der ersten Klasse. -</p> - -<p> -Der Vorschlag wurde von der Gesellschaft angenommen. Die Honorarbedingungen -lauteten: Nach der Vorstellung wird eingesammelt. -</p> - -<p> -Chiasaponte war mit dem Anerbieten vollkommen einverstanden. In Sachen der -Kunst, meinte er, sei die Geldfrage Nebensache. -</p> - -<p> -Die Vorstellung wurde für den nächsten Tag bestimmt. Carlos und Nicolás konnten -die Zeit kaum erwarten. -</p> - -<p> -Am folgenden Abend nach dem Essen stand auf Deck eine improvisierte Bühne. -Straff gespannte Segeltücher, mit Fahnen behängt, bildeten den Hintergrund und -die Seiten, zwei große Fahnen den Vorhang. -</p> - -<p> -Das Publikum erschien vollzählig und pünktlich. Auch die Passagiere der zweiten -Klasse waren eingeladen; die Versammlung bestand aus mehr als sechzig Personen. -</p> - -<p> -Bereits über zehn Minuten wartete man; das Publikum wurde ungeduldig, -begann zu scharren und zu stampfen. -</p> - -<p> -Da sahen Carlos und Nicolás in der Dunkelheit zwei abenteuerlich gekleidete -Gestalten die Treppe nach Deck hinaufsteigen und schnell hinter der Bühne verschwinden. -</p> - -<p> -Der Vorhang bewegte sich, man hörte dahinter leise und aufgeregt sprechen. Die -Knaben unterschieden Chiasapontes Stimme. Dann wurde es still, und bald nachher -öffnete sich der Vorhang. Rechts im Vordergrund der Bühne stand das Klavier vom -Salon. Daran saß ein Herr aus der ersten Klasse, der sich lächelnd gegen das Publikum -verneigte. Links weiter hinten stand ein kleiner runder Tisch. -</p> - -<p> -Hinter der Szene hörte man wieder Chiasapontes Stimme, eine Hand mit einem -Glas Wasser kam zum Vorschein. Der Herr am Klavier stand auf, nahm das Glas -und stellte es auf den Tisch. -</p> - -<p> -Kurz darauf erschienen beide Künstler. Durch den Zuschauerraum ging eine -Bewegung. Carlos und Nicolás reckten die Hälse. -</p> - -<p> -Chiasaponte trug einen roten Samtrock mit einem Spitzenkragen, rote Pluderhosen -und lange schwarze Strümpfe, die einige Löcher hatten, als Fußbekleidung -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -<a id="pagehdr-143" class="pagehdr" title="Ein Duett"></a> -die Stiefel, welche er immer trug, auf dem Kopf eine weiße Perücke, an der Seite -einen Degen. Sein Gesicht war sehr stark geschminkt, die hageren Waden ausgestopft; -den eingesunkenen Leib bedeckte ein gestreiftes Kissen, das unter seiner -schlecht schließenden Weste sichtbar war. -</p> - -<p> -Die Künstlerin hatte ein verblaßtes Atlaskleid an mit roten Papierblumen, trug -eine hohe weiße Perücke und war sehr ausgeschnitten. Auf ihrem grotesk geschminkten -Gesicht prangten Schönheitspflästerchen, die Augen leuchteten schwarz wie Kohlen. -Weiße schmutzige Atlasschuhe mit abgetretenen Absätzen zierten ihre Füße. -</p> - -<p> -Jetzt wandte sich die Künstlerin halb ihrem Partner zu, legte die Hand auf ihren -Busen und begann in hohem Sopran zu singen. -</p> - -<p> -Schon bei den ersten Tönen preßte Herr Dr. Bürstenfeger seine Hände zusammen, -verzog schmerzlich das Gesicht und murmelte: „Ach schrecklich, arme Frau!“ -</p> - -<p> -Chiasaponte griff nach der Hand der Künstlerin. Aber sie trippelte lächelnd zurück, -mit schnell verneinenden Bewegungen des Kopfes. Er näherte sich ihr singend, die -Hand auf der Brust. -</p> - -<p> -Nochmal verzog Herr Dr. Bürstenfeger schmerzlich sein Gesicht, denn auch sein -Tenor erschien ihm ganz unerträglich. -</p> - -<p> -Wieder griff Chiasaponte nach ihrer Hand. Sie wich nicht mehr zurück, sondern -lehnte ihren Kopf an seine Schulter und lächelte zu ihm hinauf. Sie sangen ein Duett. -</p> - -<p> -Plötzlich stieß er sie zurück. Seine Miene war mit einem Schlage verändert, die -Augen schossen Blitze; sein Tenor erscholl drohend und racheheischend. -</p> - -<p> -Unter den Zuschauern hörte man unterdrücktes Kichern; irgendwo rief jemand -laut: „Bravo!“ Mit flammenden Backen verfolgten Carlos und Nicolás die Vorgänge. -</p> - -<p> -Flehend und beteuernd mischte sich Donna Elviras Gesang in den Chiasapontes. -</p> - -<p> -Er langte in eine Seitentasche und überreichte ihr wild triumphierend einen Brief, -worauf er seinen Degen zog. -</p> - -<p> -Sie überflog die Zeilen, ihr Busen wogte heftig. Schmerzlich aufschreiend warf -sie den Brief von sich und sang mit wild verzweifelten Gebärden eine leidenschaftliche -Arie. -</p> - -<p> -Er warf seinen Degen auf die Erde und schlug sich mit den Fäusten gegen die -Brust. Flehentlich näherte er sich ihr. -</p> - -<p> -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -<a id="pagehdr-144" class="pagehdr" title="Chiasaponte ist die rechte Wade heruntergerutscht"></a> -Sie machte eine streng abwehrende Bewegung, ging nach dem Tisch und griff -nach dem Glase. -</p> - -<p> -Er fiel auf die Knie und rang die Hände zu ihr empor. -</p> - -<p> -Die Heiterkeit beim Publikum wuchs. -</p> - -<p> -Chiasaponte trat an die Rampe, und gegen das Auditorium gewandt, gab er in -einer langen Arie verzweifelt kund, sie werde nun doch das Gift nehmen, und -niemand könne sie mehr erretten. -</p> - -<p> -Die rechte Wade war ihm heruntergerutscht, die Perücke saß ihm schief auf dem -Kopf, seine Stimme schnappte wiederholt über. -</p> - -<p> -Das Lachen beim Publikum wurde immer haltloser. Der Herr mit der Reisemütze, -der Carlos und Nicolás schräg gegenüber saß, hatte sein Taschentuch in den -Mund gestopft und wand sich. -</p> - -<p> -Carlos zupfte Herrn Dr. Bürstenfeger am Rock und fragte: „Ist das ernst oder -komisch?“ Nicolás sagte leise: „Ich glaube komisch.“ „Eher wohl ernst“, meinte kurz -Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Mit wachsendem Feuereifer sang Chiasaponte. Hinten lag seine Gattin schon -längst als Leiche auf der Erde. -</p> - -<p> -Nun war die Arie beendet. Laute Bravo-, <span class="antiqua">bis, da capo</span>-Rufe ertönten. -</p> - -<p> -Chiasaponte verbeugte sich verschiedene Male. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Bis, da capo!</span>“ ertönte es von neuem. -</p> - -<p> -Nochmal sang er die Arie. Darauf kehrte er sich nach seiner Gattin um. -</p> - -<p> -Mit einem Schrei taumelte er zurück; dann aber machte er einige Schritte vorwärts, -und nach einem kurzen, ergreifenden Schlußgesang bückte er sich nach seinem -Degen, stieß ihn sich in den Leib und fiel neben seine Gattin nieder. -</p> - -<p> -Ein grenzenloser Applaus erfolgte. Man stampfte, jubelte, der Beifall wollte -nicht enden. -</p> - -<p> -Das Paar erhob sich; Chiasaponte nahm die Hand seiner Gattin, sie traten bis -zur Rampe und verbeugten sich viele Male; worauf sie sich dann wieder zurückzogen. -</p> - -<p> -Kurz danach erschien Donna Elvira mit einem Teller unter den Zuschauern. Man -war allgemein in der freigebigsten Stimmung. Gold und Banknoten flogen in den -Teller. Die Künstlerin ging die Reihen auf und ab, der Teller zitterte in ihrer Hand. -Beinahe taumelnd verschwand sie hinter der Szene. -</p> - -<p> -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -<a id="pagehdr-145" class="pagehdr" title="Ein Widerhall des Geistes"></a> -Das Publikum begann sich von den Plätzen zu erheben. -</p> - -<p> -„Pst, stille!“ ertönte es plötzlich, denn in demselben Augenblick erschienen wieder -beide Künstler auf der Bühne. Ihm wie ihr rannen dicke Tränen über die geschminkten -Backen. -</p> - -<p> -Sie traten bis zur Rampe und verbeugten sich. -</p> - -<p> -„Meine Damen und Herren ...“, begann Chiasaponte. Seine Stimme bebte, er -hielt inne und schluckte heftig. „... Ich danke Ihnen ... Wohl weiß ich,“ zitternd -berührte er seine Kehle, „daß ich nicht meiner Stimme diesen Erfolg zu verdanken -habe ... sie ist nicht mehr die frühere; ich bin ein Greis ... aber das, was höher -steht als die Materie, der Geist, der zu den Gemütern spricht, er ist noch nicht ganz -erloschen, er hat einen Widerhall bei Ihnen gefunden!“ — Wieder hielt er inne -„Meine Damen und Herren, nicht immer hat man Gelegenheit, vor ein solches -Publikum zu treten!“ -</p> - -<p> -Die Künstler verneigten sich und zogen sich von der Szene zurück. -</p> - -<p> -Im Publikum war große Stille. Allmählich ging man auseinander. -</p> - -<p> -„Warum weinten sie, sie haben ja soviel Geld bekommen?“ fragte Carlos Herrn -Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Arme, arme Menschen“, flüsterte der Lehrer. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-5"> -Europa -</h3> - -<p class="ded"> -<span class="line1">Ilona Ritscher</span><br /> -<span class="line2">gewidmet</span> -</p> - -<p class="first"> -Ein paar Tage waren vergangen. Morgen in der Frühe würden Carlos und -Nicolás zum ersten Male die Küste Europas erblicken. -</p> - -<p> -Vor freudiger Aufregung konnten sie die halbe Nacht nicht schlafen. -</p> - -<p> -Kurz nach Sonnenaufgang waren sie schon wach. Sie schauten durch die Luke, -sahen aber nichts als Himmel und Wasser. -</p> - -<p> -Schnell zogen sie sich an und eilten auf Deck; nirgends sah man noch Land. -</p> - -<p> -Vor acht Uhr würde noch nichts zu sehen sein, erklärte ein Matrose. -</p> - -<p> -Von Ungeduld erfüllt, gingen Carlos und Nicolás bis zur Spitze des Schiffes; -dort waren sie der Küste näher. -</p> - -<p> -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -<a id="pagehdr-146" class="pagehdr" title="Ein langgezogenes dumpfes Signal ertönt"></a> -Carlos sagte: „Man sieht nur Schiffe.“ -</p> - -<p> -Ein kalter Wind wehte; sie froren und kehrten aufs Promenadendeck zurück. -</p> - -<p> -Dort standen einige Passagiere und schauten mit Ferngläsern nach dem Horizont. -</p> - -<p> -„Sieht man was?“ fragte Carlos gespannt. -</p> - -<p> -„Nein, noch nichts!“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger erschien. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus,“ sagte er, „ihr seid heute frühzeitig auf!“ -</p> - -<p> -„Ja,“ antwortete Nicolás, „wir sind ja bald in Europa.“ -</p> - -<p> -„Na, das wird noch eine kleine Weile dauern“, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger -lächelnd. -</p> - -<p> -Bald ertönte die Frühstücksglocke. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás gingen widerwillig hinunter und ärgerten sich, weil Herr -Dr. Bürstenfeger so gemächlich kaute. -</p> - -<p> -Als sie wieder oben waren, sagte ein Offizier, man würde jetzt schon Land sehen, -wenn die Luft klarer wäre. -</p> - -<p> -Eine Stunde verging; es wurde immer dunstiger. Noch immer sah man kein Land. -</p> - -<p> -Geärgert und gelangweilt gingen Carlos und Nicolás in den Salon und spielten -Mühle. -</p> - -<p> -Manchmal blickten sie zum Fenster hinaus; ein Dampfer und zwei Segler fuhren -an ihnen vorbei. -</p> - -<p> -Als die Knaben auf Deck zurückkehrten, erfuhren sie, daß man bereits am Eingang -der Meerenge sei. -</p> - -<p> -Aber Land sah man nicht. -</p> - -<p> -„Wie schade, nicht einmal Afrika“, sagte Carlos. -</p> - -<p> -„Wir bekommen Nebel,“ sagte der Herr mit der Reisemütze, „das wird eine schöne -Durchfahrt!“ -</p> - -<p> -Einige Seemeilen von ihnen fuhr ein Schiff in leichte Dunstschleier gehüllt. -</p> - -<p> -Etwas später saß man beim Lunch. Der Kapitän war nicht zu Tisch erschienen. -</p> - -<p> -Kaum waren die Passagiere mit dem Essen fertig, als über ihren Köpfen ein langgezogenes -dumpfes Signal ertönte. -</p> - -<p> -Der Herr mit der fahlen Glatze rief aus: „Die Sirene, da haben wir die Bescherung!“ -</p> - -<p> -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -<a id="pagehdr-147" class="pagehdr" title="Eine peinliche Erscheinung"></a> -Alles ging schnell auf Deck. Es war bereits starker Nebel, man sah kaum zweihundert -Meter weit. -</p> - -<p> -Wieder ertönte laut und dumpf die Sirene. -</p> - -<p> -„Unverantwortlich vom Kapitän, sich bei solchem Nebel in die Meerenge zu wagen; -ich mache mich auf alles gefaßt!“ rief der Herr mit der fahlen Glatze aus. -</p> - -<p> -„Wir fahren jetzt nur mit halber Kraft“, bemerkte der Herr mit der Reisemütze. -</p> - -<p> -Der Herr mit der Glatze meinte: „Damit uns ein fixer Engländer um so leichter -in den Grund rennt!“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger sah ihn an und dachte: Eine peinliche Erscheinung! -</p> - -<p> -Irgendwo hörte man ein Nebelhorn, ganz in der Ferne eine Sirene. -</p> - -<p> -Der Nebel wurde dichter; immer häufiger gab die Lombardia ihre Signale. -</p> - -<p> -„Brrr, diese Feuchtigkeit dringt in die Knochen“, bemerkte Herr Dr. Bürstenfeger. -„Karl und Nikolaus, geht hinunter und holt eure Mäntel!“ -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás gingen in ihre Kabine. Gleich erschienen sie wieder in ihren -Pelerinenmänteln, die Kapuzen über die Köpfe gezogen. -</p> - -<p> -„Man kann nicht mal mehr bis zur Spitze des Schiffes sehen“, sagte Nicolás. -</p> - -<p> -„Es wird immer schlimmer“, murmelte Herr Dr. Bürstenfeger zwischen den Zähnen. -</p> - -<p> -Wieder hörte man ein Nebelhorn. -</p> - -<p> -Grausiges Getute, dachte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus, marschieren wir etwas schneller, es ist sehr kalt!“ -</p> - -<p> -Kurz darauf ging er mit ihnen ins Rauchzimmer. -</p> - -<p> -Vier Herren spielten Karten, der Schiffsarzt stand dabei und rauchte eine Toskanazigarre. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich leise an ihn: „Wird dieser schreckliche Nebel -noch lange anhalten?“ -</p> - -<p> -Der Schiffsarzt zuckte die Achseln: „Das ist sehr schwer vorauszusehen!“ -</p> - -<p> -„Ist wohl ernstliche Gefahr vorhanden?“ fragte Herr Dr. Bürstenfeger noch leiser. -</p> - -<p> -„O nein, kaum; unser Kapitän ist sehr vorsichtig.“ -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger nahm ein Buch zur Hand und setzte sich. -</p> - -<p> -„Lassen Sie uns bitte wieder hinaus, Herr Dr. Bürstenfeger,“ baten Carlos und -Nicolás, „es ist schrecklich langweilig hier.“ -</p> - -<p> -„Gut, aber ich komme mit euch“, antwortete der Lehrer. -</p> - -<p> -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -<a id="pagehdr-148" class="pagehdr" title="Hinter der Kommandobrücke neben dem Schornstein"></a> -Sie traten hinaus. -</p> - -<p> -Nicht weit von ihnen ertönte eine Sirene; die Lombardia gab Antwort. -</p> - -<p> -Der Nebel war noch dichter geworden. -</p> - -<p> -An der Reling lehnte der fröhliche Priester. -</p> - -<p> -„Ich glaube, unser Dampfer steht still“, sagte er. -</p> - -<p> -Der Herr mit der Reisemütze tauchte auf. -</p> - -<p> -„Ein Dampfer kommt uns entgegen,“ raunte er Herrn Dr. Bürstenfeger zu; -„gehen wir nach vorn und stellen wir uns hinter die Kommandobrücke!“ -</p> - -<p> -„Herr Dr. Bürstenfeger, gehen wir!“ drängten die Knaben. -</p> - -<p> -„Aber ihr müßt euch dort ganz still verhalten, um die Offiziere nicht zu stören“, -sagte der Herr mit der Reisemütze. -</p> - -<p> -Sie gingen nach Zwischendeck, stiegen dort eine schmale Treppe hinauf und standen -hinter der Kommandobrücke neben dem Schornstein. -</p> - -<p> -Vorn, unter ihnen saßen und kauerten die Emigranten, fröstelnd in ihre Mantel -und Decken gehüllt. -</p> - -<p> -Wie Chirurgen bei einer schweren Operation standen schweigend die Offiziere -hinter ihren Instrumenten. -</p> - -<p> -Ihre Gegenwart erfüllte Herrn Dr. Bürstenfeger mit Beruhigung. -</p> - -<p> -Plötzlich machte er von eisigem Schrecken erfaßt einen Satz. -</p> - -<p> -Auch der Herr mit der Reisemütze und die Knaben fuhren zusammen. Denn gerade -über ihnen ertönte markerschütternd der Schrei der Sirene. -</p> - -<p> -„Um Gottes willen!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und preßte die Hände an die -Ohren. -</p> - -<p> -Sofort kam die Antwort des Dampfers vor ihnen, und wieder heulte die Sirene -der Lombardia. -</p> - -<p> -„Wenn wir nur endlich aus diesem schrecklichen Nebel heraus wären!“ Die Hände -fest an die Ohren gepreßt, starrte Herr Dr. Bürstenfeger in den dichten Nebel, er -fühlte eine Beklemmung auf der Brust, Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. -</p> - -<p> -„Miserikordia!“ ertönte es plötzlich aus dem Haufen der Emigranten; mitten unter -ihnen stand der Herr mit der fahlen Glatze und verbreitete Panik. Man sah seine -Hände im Nebel fuchteln. -</p> - -<p> -Jetzt stieg ein Offizier schnell die Treppe von der Kommandobrücke hinab. -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/148a.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -<a id="pagehdr-149" class="pagehdr" title="Lichter gleiten im Nebel vorüber"></a> -Carlos und Nicolás sahen, wie er energisch auf den Herrn mit der fahlen Glatze -zuschritt und in der Richtung der ersten Klasse zeigte. -</p> - -<p> -Der Herr mit der fahlen Glatze duckte sich und verschwand. -</p> - -<p> -Nochmals heulte die Sirene über ihnen; ganz nahe erfolgte die Antwort. -</p> - -<p> -„Karl und Nikolaus, gehen wir nach dem Promenadendeck“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Sie kehrten zurück. -</p> - -<p> -An der Reling lehnte ernst der fröhliche Priester, sein Brevier in der Hand. -</p> - -<p> -Beinahe alle Passagiere waren auf Deck. -</p> - -<p> -Fräulein von Pfnühl saß in ihrem Reisestuhl in ihren Schal gehüllt und weinte -leise: „Wir werden untergehen; mein guter, lieber Bruder, du siehst mich nie -wieder!“ -</p> - -<p> -Bewegungslos stand die Lombardia, die Sirene heulte. Aus nächster Nähe erfolgte -jetzt die Antwort des fremden Dampfers. -</p> - -<p> -Herrn Dr. Bürstenfegers Herz krampfte sich zusammen. -</p> - -<p> -Einige Sekunden vergingen; Lichter glitten im Nebel vorüber. -</p> - -<p> -„Gott sei Dank ... er ist an uns vorbei!“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Bald setzte die Lombardia wieder zu langsamer Fahrt an. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger ging mit Carlos und Nicolás ins Rauchzimmer; die vier -Herren waren noch immer in ihr Kartenspiel vertieft. -</p> - -<p> -In einer Ecke saß stumm und finster der Herr mit der fahlen Glatze und brütete -vor sich hin ... -</p> - -<p> -Nicolás zeigte heimlich auf ihn und sagte zu Carlos: „Er ist noch wütend über -den Anschnauzer, den er vom Offizier bekommen hat ...“ -</p> - -<p> -Zwei Stunden war die Lombardia langsam weitergefahren. In kurzen, regelmäßigen -Abständen gab sie ihre Warnungssignale. -</p> - -<p> -Plötzlich ertönten nahe vor dem Schiffe Schreie, zugleich laut ein Nebelhorn. -Einige Barken huschten wie Schatten dicht an der Lombardia vorbei. -</p> - -<p> -Die Maschine des Dampfers arbeitete nach rückwärts. Das Schiff stand. -</p> - -<p> -Sämtliche Passagiere waren aufs Deck gestürzt. Von rechts und links kam schrilles -Pfeifen; wieder ertönten Nebelhörner, dazwischen Schimpfen und Fluchen. -</p> - -<p> -„Wir sind in eine Fischerflottille geraten“, rief ein Steward. -</p> - -<p> -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -<a id="pagehdr-150" class="pagehdr" title="Gibraltar erstrahlt in tausend Lichtern"></a> -„Um Gottes willen, man hat doch keine Barke überfahren?!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Es ist nichts passiert“, lachte der Steward ... -</p> - -<p> -Die Schreie und Rufe verklangen in der Ferne. -</p> - -<p> -Eine Möwe flog nahe an Carlos und Nicolás vorbei, beinahe die Reling -streifend. -</p> - -<p> -Lange rührte sich die Lombardia nicht von der Stelle, unaufhörlich ertönten ihre -Signale. -</p> - -<p> -Dann fuhr sie wieder langsam weiter ... -</p> - -<p> -Nach dem Nachtessen saß Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Rauchzimmer. -</p> - -<p> -Auf dem Sofa saß die Dame aus Patagonien, neben ihr der Herr mit der Reisemütze. -</p> - -<p> -„Heute nacht gehe ich nicht zu Bett!“ sagte sie. -</p> - -<p> -„Das Klügste wäre, wir blieben alle auf“, bemerkte er. -</p> - -<p> -Lange saß man schweigend. -</p> - -<p> -Plötzlich rief Carlos aus: „Es tutet ja schon lange nicht mehr!“ -</p> - -<p> -In dem Augenblick kam der Herr aus Coruña hereingelaufen und rief laut und -freudig: „Meine Herrschaften, der Nebel zerteilt sich!“ -</p> - -<p> -Alles eilte auf Deck. Man sah weit hinaus ins Meer. Hell erleuchtete Schiffe -fuhren vorüber. -</p> - -<p> -Gibraltar erstrahlte in tausend Lichtern. -</p> - -<p> -„Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie, Europa!“ riefen Carlos und Nicolás. -</p> - -<p> -Bald leuchteten sämtliche Sterne am Himmel. -</p> - -<p> -Ein großer Dampfer fuhr mit Musik nahe an der Lombardia vorbei. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger stand noch eine Weile mit Carlos und Nicolás auf Deck, -dann ging er hinunter in den Salon, und von Begeisterung erfüllt, setzte er sich ans -Klavier und spielte Beethovens Eroika ... -</p> - -<p> -Zwei Tage später war man in Barcelona. -</p> - -<p> -Schon frühmorgens war ein großer Teil der Emigranten ausgeschifft worden. -</p> - -<p> -Etwas später stiegen die Passagiere der ersten Klasse aus. -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás standen auf Deck. -</p> - -<p> -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -<a id="pagehdr-151" class="pagehdr" title="Letzte große Station vor Mufflingen"></a> -„Schade, daß wir nicht an Land können, weil das Schiff so kurze Zeit hält“, sagte -Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Ist es denn in Deutschland nicht schöner als hier?!“ bemerkte tief enttäuscht -Carlos. -</p> - -<p> -„Barcelona ist eine schöne spanische Stadt, freilich ist dies hier von der Ferne aus -schwer zu beurteilen“, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -„Aber Deutschland ist doch viel schöner?!“ -</p> - -<p> -„Es wird euch dort schon gefallen“, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. -</p> - -<p> -Jetzt stieg die schöne Dame mit den Purpurlippen in Begleitung eines jungen -Exdeputierten aus Buenos Aires als Letzte in die unten wartende Barkasse. -</p> - -<p> -Unzähliges Handgepäck folgte. -</p> - -<p> -Die Barkasse stieß ab. -</p> - -<p> -Die schöne Frau sah Carlos und Nicolás oben an der Reling stehen und warf ihnen -zum Abschied Kußhände zu. -</p> - -<p> -Carlos und Nicolás winkten mit den Taschentüchern und schrieen aus Leibeskräften: -„Adieu, adieu, auf Wiedersehen!“ -</p> - -<p> -„Schon gut, schon gut, jetzt hört mal endlich auf!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger -ärgerlich und legte ihnen die Hand auf die Schulter ... -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Zwei Tage später in der Frühe fuhr die Lombardia in den Hafen von Genua ein. -</p> - -<p> -Beinahe alle Passagiere waren auf Deck. -</p> - -<p> -An der Reling standen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás, neben -ihnen das Handgepäck und die Kiste mit den Affen. -</p> - -<p> -Die Knaben dachten: Wie schön, bald sind wir in Mufflingen! -</p> - -<p> -Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: „Genua, Königin des Meeres, letzte große -Station vor meiner Heimat!“ -</p> - -<p> -Auf Zwischendeck standen zwischen Koffern, Ballen und zusammengerollten Matratzen -die Emigranten zum Aussteigen bereit. -</p> - -<p> -Ganz vorn an der Spitze lehnte an der Reling ein alter Mann. -</p> - -<p> -Vierzig Jahre war er von seiner Vaterstadt fortgewesen. Arm wie er fortgezogen, -kehrte er jetzt wieder zurück. -</p> - -<p> -Die Lippen aufeinandergepreßt, blickte er schon lange auf das sich nahende Genua. -</p> - -<p> -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -<a id="pagehdr-152" class="pagehdr" title="„Genova mia Genova“"></a> -Plötzlich breitete er die Arme aus, und laut weinend rief er, daß es über das ganze -Schiff ertönte: „<span class="antiqua">Genova mia Genova!</span>“ -</p> - -<p> -Auf den Hafendocks spazierte Fräulein von Pfnühls guter Bruder. In Angst und -Sorge wartete er auf seine Schwester. Er wußte, daß sie sich dem Trunk ergeben -hatte, und stand bereits mit einer Alkoholentziehungsanstalt Mitteldeutschlands in -Verbindung. -</p> - -<p class="end"> -— Ende — -</p> - -<div class="centerpic"> -<img src="images/backcover.jpg" alt="" /></div> - - -<h2 class="footnotes">Fußnoten</h2> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Ein aus Lederriemen gedrehtes Seil, an dessen Enden Eisenkugeln hängen; zum Einfangen -von Tieren. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Verächtliche Bezeichnung für Fremder. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Korrekturen (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren <span class="underline">Umzäumungen</span> ...<br /> -... trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren <a href="#corr-1"><span class="underline">Umzäunungen</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten <span class="underline">ein</span> Hütte, machten ...<br /> -... Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten <a href="#corr-3"><span class="underline">eine</span></a> Hütte, machten ...<br /> -</li> - -<li> -... auf dem ich sitze<span class="underline">.</span>“ ...<br /> -... auf dem ich sitze<a href="#corr-5"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen Abständen schwere <span class="underline">Schritt</span> ...<br /> -... Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen Abständen schwere <a href="#corr-8"><span class="underline">Schritte</span></a> ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Carlos und Nicolás, by Rudolf Johannes Schmied - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARLOS UND NICOLÁS *** - -***** This file should be named 55130-h.htm or 55130-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/1/3/55130/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/55130-h/images/022a.jpg b/old/55130-h/images/022a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 72a5647..0000000 --- a/old/55130-h/images/022a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/028a.jpg b/old/55130-h/images/028a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index cf8325d..0000000 --- a/old/55130-h/images/028a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/038a.jpg b/old/55130-h/images/038a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 792dfaf..0000000 --- a/old/55130-h/images/038a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/048a.jpg b/old/55130-h/images/048a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 89d4901..0000000 --- a/old/55130-h/images/048a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/056a.jpg b/old/55130-h/images/056a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d7e3fa7..0000000 --- a/old/55130-h/images/056a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/062a.jpg b/old/55130-h/images/062a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7d4fd71..0000000 --- a/old/55130-h/images/062a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/074a.jpg b/old/55130-h/images/074a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 713c834..0000000 --- a/old/55130-h/images/074a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/080a.jpg b/old/55130-h/images/080a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e105b76..0000000 --- a/old/55130-h/images/080a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/088a.jpg b/old/55130-h/images/088a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2555865..0000000 --- a/old/55130-h/images/088a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/106a.jpg b/old/55130-h/images/106a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a857d10..0000000 --- a/old/55130-h/images/106a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/112a.jpg b/old/55130-h/images/112a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2bd0aa8..0000000 --- a/old/55130-h/images/112a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/148a.jpg b/old/55130-h/images/148a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a6347c1..0000000 --- a/old/55130-h/images/148a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/backcover.jpg b/old/55130-h/images/backcover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 292b183..0000000 --- a/old/55130-h/images/backcover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55130-h/images/cover-page.jpg b/old/55130-h/images/cover-page.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f3e2442..0000000 --- a/old/55130-h/images/cover-page.jpg +++ /dev/null |
