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-The Project Gutenberg EBook of Carlos und Nicolás, by Rudolf Johannes Schmied
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Carlos und Nicolás
- Kinderjahre in Argentinien / Auf dem Meere
-
-Author: Rudolf Johannes Schmied
-
-Illustrator: Georg Walter Rößner
-
-Release Date: July 17, 2017 [EBook #55130]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARLOS UND NICOLÁS ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
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-
-
-
- Carlos und Nicolás
-
-
- von
- Rudolf Johannes Schmied
-
- Mit vielen ganzseitigen Original-Steindrucken von
- Georg Walter Rößner
-
-
- Verlegt bei Erich Reiß, Berlin
-
-
- Copyright 1909 by Erich Reiß, Verlag
-
-
- Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Carlos und Nicolás Kinderjahre in Argentinien
- Die Boleadoras 9
- Der Chinese 19
- Das Brüderchen 25
- Die Tigerjagd 29
- Herr Dr. Bürstenfeger 35
- Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger 41
- Die Reise nach Mendoza 50
- Die Stadt Mendoza 54
- In den Kordilleren 60
- Nach Paraguay 70
- Paraguay 77
- Die Revolution 84
- Carlos und Nicolás auf dem Meere
- Auf dem großen Meer 97
- In der Bai von Rio 104
- Rio de Janeiro 108
- Nach der Alten Welt 121
- Europa 145
-
-
-
-
- Carlos und Nicolás
- Kinderjahre in Argentinien
-
-
- Ines Wolff
- zugeeignet
-
-
-
-
- Die Boleadoras
-
-
-Der breite Paraná mit seinen Inseln, eine Schafherde, über der ein
-hungriger Geier, nach Lämmern auslugend, kreist, kleine Trupps von Kühen
-und Pferden, das große, weiße Herrschaftsgebäude mit den Parkanlagen
-unterbrechen die Monotonie der Pampa.
-
-Carlos und Nicolás saßen in weißen Matrosenanzügen am Stromufer. Sie
-waren Brüder. Carlos war sieben Jahre, Nicolás sechs.
-
-Ihre Ponys, dickbauchige Pampasponys mit kurzen Hälsen und großen
-Köpfen, standen einige Schritte von ihnen schweißbedeckt und keuchend an
-einer Weide angebunden.
-
-Die Knaben hatten hinter Straußen gejagt, ohne sie einholen zu können.
-Carlos hatte dabei seine Boleadoras verloren.
-
-»Schenke mir deine Boleadoras[1], und ich tausche mein Pferd mit
-deinem«, sagte Carlos.
-
-Carlos' Pferd war wertvoller. Wenn die Brüder um die Wette rannten, war
-es immer um zwei Nasenlängen voraus. Bei raschem Anhalten warf es nicht
-den Kopf zurück, daß er mit dem seines Herrn zusammenstieß. Es hatte
-nicht die böse Gewohnheit, nach dem Beine zu schnappen, wenn man aufsaß.
-Auch wußte es geschickt die gefährlichen, im Grase versteckten Löcher
-der Tucatús zu umgehen, die Nicolás schon manchmal zum Stürzen gebracht
-hatten.
-
-Aber trotzdem wollte Nicolás nicht tauschen. Er spielte mit seiner Waffe
-und gab keine Antwort.
-
-»Du kriegst meinen Sattel dazu«, fuhr der Bruder fort.
-
-[Fußnote 1: Ein aus Lederriemen gedrehtes Seil, an dessen Enden
-Eisenkugeln hängen; zum Einfangen von Tieren.]
-
-»Was hat dir Onkel Paulus alles geschenkt?« fragte Nicolás begierig.
-
-»Sehr viel«, antwortete Carlos. »Zu meinem Geburtstage schenkte er mir
-ein großes Landgut in Paraguay mit zwei Millionen Pferden und einer
-Million Kühen. Nächstes Jahr reise ich hin auf meinem Dampfer Pingo; ich
-werde hundert Soldaten mitnehmen, um mit den Indianern zu kämpfen, drei
-Tigerfelle bringe ich dir mit; ich denke vierzig Indianer zu töten. Mein
-Landgut heißt Isla-Verde und liegt links neben dem Fluß. Aber weil du
-mir die Boleadoras gegeben hast, schenke ich dir das Landgut.«
-
-Darauf zeigte er nach der Schafherde, die in einiger Entfernung von
-ihnen graste: »Die Schafe gehören mir.« Er zeigte nach einem Baum, der
-sich einsam aus der Steppe erhob: »Von jenem Ombú an gehört alles Land
-mir, hundert Meilen weit bis nach Chile. Ich schenke es dir.«
-
-Bei diesen Worten machte er einen Schritt zurück, und ohne auf Dank zu
-warten, ging er mit leuchtenden Augen nach seinem Pferde, stieg auf und
-ritt hochaufgerichtet, die Kugeln über seinem Haupte schwingend, davon.
-
-Nicolás blieb liegen und schaute ihm nach. Er dachte, wie edel sein
-Bruder sei, aber zugleich auch, was für ein Narr er sei, für ein paar
-armselige Boleadoras so viel Reichtum wegzugeben.
-
-Eine geraume Weile lag er unbeweglich: »Du hast Landgüter, du hast Kühe
-und Pferde«, sagte er sich. Er schloß die Augen und ließ im Geiste all
-diese Herrlichkeiten an sich vorüberziehen. »Du hast einen Dampfer«,
-sagte er, die Augen öffnend, und sah nach dem Fluß hin.
-
-Gleich würde der Dampfer hinter der Biegung des Stromes verschwinden.
-Ganz lautlos glitt er dahin. Man sah die Leute auf dem Verdeck nicht
-mehr.
-
-Dann blickte Nicolás zum Himmel, ob keine Wolken da seien, denn er
-wußte, daß Stürme den Schiffen gefährlich sein könnten. Er wünschte, daß
-es bald aus Paraguay zurückkehren möchte; er würde hier am Ufer stehen
-und mit dem Taschentuch winken.
-
-Damit erhob er sich. Es litt ihn nicht länger in der tödlichen
-Einsamkeit allein mit seinem unendlichen Glück.
-
-Er wollte zu Juanita, der Tochter des Schafhirten, und ihr erzählen, wie
-unermeßlich reich er sei.
-
- * * * * *
-
-Nicolás stieg zu Pferd und ritt in kurzem Trabe davon, an dem
-Herrschaftsgebäude und dann an dem Galpon vorbei.
-
-Unweit der Schafherde stand die Hütte von Juanitas Vater, und nicht weit
-davon saß sie im Grase und peitschte mit einer Gerte die Halme.
-
-Sobald Nicolás sie sah, ließ er sein Pferd kurbettieren; er schlug, die
-losen Zügel in der Hand, darauf ein und riß es dann gleich wieder
-zurück.
-
-Er liebte Juanita, und er wollte, daß sie ihn in Gefahr sehen solle.
-
-Sie aber blickte ihn mit leisem Lächeln an. Ihr älterer Bruder Isidor
-war Pferdebändiger auf dem Gute von Don Ignacio Rodriguez, und das
-erschien ihr weit gefährlicher.
-
-Nicolás hatte sich ihr inzwischen bis auf wenige Schritte genähert und
-begann sein Pony zu beruhigen, indem er ihm freundliche Worte sagte und
-auf Hals und Kruppe tätschelte.
-
-Dann stieg er mit einem meisterhaften Sprung ab und stand dicht bei ihr.
-
-Er war sehr ernst, beinahe feierlich.
-
-»Juanita,« begann er, »vorhin ist der Tridente vorbeigefahren, du weißt,
-er ist der schnellste Dampfer von allen; ich habe ihn von Carlos
-bekommen mit dem Silbergeschirr, mit den Betten und Stühlen und mit der
-Maschine. Ich habe mir ein Landgut in Paraguay erworben mit Millionen
-von Kühen und Pferden.« Er zeigte nach dem Baume: »Von jenem Ombú an ist
-alles Land mein bis nach Chile.« Er zeigte nach der Schafherde: »Und
-auch die Schafe hier sind mein.«
-
-Juanita hatte ihm zugehört, ohne daß eine Miene sich in ihrem Gesichte
-veränderte; bei seinen letzten Worten jedoch zuckte sie die Achseln,
-rümpfte die Nase und wiegte den Kopf langsam hin und her.
-
-Eine kleine Pause entstand.
-
-Endlich sagte sie: »Ich weiß nicht, ob du lügst, wenn du sagst, daß der
-Tridente dein ist und alle Landgüter in Paraguay und alles Land hinter
-dem Ombú bis nach Chile. Aber du lügst, wenn du sagst, daß die Schafe
-dein sind; die Schafe gehören meinem Vater, und wenn mein Vater tot ist,
-gehören sie meiner Mutter, und wenn meine Mutter tot ist, gehören sie
-meinem Bruder und mir.«
-
-Nicolás war über diese Worte etwas betroffen, dann aber stieg der Ärger
-in ihm auf.
-
-»Was mein ist,« antwortete er, »hat zuerst Papa und Onkel Paulus gehört.
-Papa und Onkel Paulus haben das Recht, zu verschenken, was sie wollen.
-Onkel Paulus lügt meinen Bruder nicht an. Er hat ihm das Land und die
-Sachen gegeben, er darf es.«
-
-»Er kann dir alles Land und alle Schiffe verschenken, aber niemals die
-Schafe, die gehören meinem Vater.«
-
-»Meinetwegen,« sagte Nicolás mit einer nachlässigen Gebärde, »die Schafe
-sollen deinem Papa gehören, ich würde sie ihm ja sowieso geschenkt
-haben. Gefallen mir einmal alle Reichtümer nicht, gebe ich sie her oder
-verkaufe sie und gehe nach Europa und kaufe mir die großen Wälder. Weißt
-du, was Wälder sind, Juanita?«
-
-»Nein«, sagte sie.
-
-»Natürlich kannst du nicht wissen, was Wälder sind, weil es hier keine
-gibt. In Buenos Aires und Uruguay sind die großen Städte und die Pampas.
-Die Wälder sind in Europa, und das sind viele große Bäume, die
-beieinander sind. Man kann tagelang darin reisen, die Bäume ragen
-beinahe bis zum Himmel.«
-
-»Willst du wissen, wie es darin aussieht, beuge dich ins Gras herab und
-bleibe eine Weile ruhig. Aber schaue immer zwischen den Halmen hindurch.
-Gibst du dir Mühe und denkst du immer an einen Wald, wird es dir so
-vorkommen. Das hat mich Onkel Paulus gelehrt.«
-
-Juanita verharrte eine Weile schweigend.
-
-Schließlich sagte sie: »Beug' du dich doch zuerst herab, und wenn du
-einen Wald siehst, so sage es mir.«
-
-Sogleich kniete Nicolás nieder.
-
-Juanita sah ihn eine ganze Weile ernst an, plötzlich aber mußte sie laut
-auflachen, denn Nicolás erschien ihr in seiner kauernden Stellung
-komisch.
-
-Er blieb trotzdem noch eine ganze halbe Minute unbeweglich, dann aber
-richtete er sich auf und sagte ärgerlich: »Ich begann schon die Wälder
-zu sehen, aber durch dein Lachen hast du mir alles verdorben.«
-
-Nach einigen Sekunden aber war sein Ärger wieder verraucht.
-
-»Beug' dich herab, Juanita,« beharrte er, »bleibe eine Weile ruhig,
-denke immer an die Wälder, und du wirst sie sehen.«
-
-Sie war unschlüssig; es widerstrebte ihr, etwas zu tun, wozu ihr der
-richtige Glaube fehlte und was ihr außerdem etwas lächerlich erschien.
-
-Aber da sie schließlich doch ein bißchen neugierig war, stand sie auf,
-kniete nieder und blieb eine Zeitlang still.
-
-Doch es wollten sich ihr keine Wälder zeigen.
-
-Sie richtete sich auf, strich sich über das Kleidchen und sagte: »Ich
-sehe nichts.«
-
-Nicolás ließ resigniert den Kopf sinken.
-
-Nicht lange jedoch, und er hatte sich von seiner Enttäuschung erholt.
-
-»In Europa«, hub er an, »ist es schöner als hier, durch die Straßen
-fließen Ströme. Schwarze Boote fahren darauf. Der Himmel ist golden und
-blau; an allen Häusern sind Balkone und viele Blumen, ich habe es auf
-einem Bilde gesehen. In Europa gibt es Könige und nicht Präsidenten, sie
-fahren auf goldenen Booten und sind die reichsten Leute der Welt. Wenn
-die Präsidenten sehr reich werden wollen, müssen sie stehlen, habe ich
-schon oft sagen hören, die Könige brauchen das nicht, denn sie bekommen
-alles von selbst. In Europa gibt es Prinzessinnen, die sind tausendmal
-schöner als alle Frauen von Buenos Aires und Uruguay, sie haben goldene
-Haare und reiten auf weißen Pferden, manchmal tragen sie große Adler,
-die man Falken nennt, auf dem Arme. Könige und Prinzessinnen wohnen
-zusammen in Palästen, die sind am Meere gebaut, denn in Europa ist das
-Meer, und das ist der größte Strom von allen. Auf dem Meere fahren die
-größten Schiffe, die es gibt, Kanonen sind darauf, um gegen die
-Walfische zu kämpfen. Ich bin ein mächtiger Mann, Juanita, der viel Geld
-und Güter hat, und wenn ich groß bin, will ich mich zum Präsidenten von
-Buenos Aires machen, und weißt du, Juanita, was ich dann tue? Ich werde
-mir ein Meerschiff bauen lassen und werde nach Europa reisen, und als
-mächtigen Präsidenten von Buenos Aires müssen mich die Könige auf ihren
-goldenen Booten empfangen, und die Prinzessinnen sitzen dabei und
-spielen auf goldenen Harfen.«
-
-Nicolás hielt inne, um zu hören, was sie dazu sagte.
-
-Aber sie schwieg, und von ihrem Antlitz war gar nichts abzulesen, weder
-Unglauben noch Erstaunen.
-
-Etwas gereizt fuhr er fort: »Wenn ich will, kann ich die Töchter der
-Könige heiraten, und ich werde es tun, Juanita, bei allen Königen werde
-ich anfragen, nur beim König eines großen Landes, das Paris heißt,
-nicht. Gegen diesen werde ich Krieg machen, denn er ist der Mächtigste,
-und wenn ich ihn dann mit meinem Schwert erschlagen habe, kann ich, wenn
-ich will, mich zum Herrscher seines Landes machen. Sag' mal, Juanita,«
-sagte er, seine Stimme erhebend, »möchtest du Königin von Paris werden?«
-
-Es entstand eine Pause.
-
-»Ph,« sagte sie, »ich möchte schon.«
-
-»Gut,« antwortete Nicolás »du mußt mir aber versprechen, wenn du Königin
-bist, meine Frau zu werden.«
-
-»Bin ich einmal Königin, will ich deine Frau sein«, sagte sie und zuckte
-die Achseln.
-
-»Du wirst es, aber da müssen wir uns zuerst verloben, und du mußt mir
-einen Kuß geben.«
-
-»Ich kann mich ja mit dir verloben und dir einen Kuß geben, aber alles,
-was du erzählst, ist ja Lüge«, meinte sie, die Nase rümpfend.
-
-»Wenn du glaubst, daß ich lüge, gehen wir zu José und fragen wir ihn.
-José war König von England, früher, als es ihm noch gut ging und er
-nicht Knecht zu sein brauchte.«
-
-»Meinetwegen, gehen wir zu ihm«, sagte sie und lächelte ziemlich
-überlegen.
-
-José, ein geborener Neapolitaner, aber seit langem eingewandert, stand
-dicht beim Galpon und wusch den Schecken des Verwalters. Er goß Eimer
-auf Eimer über Bauch und Rücken des Pferdes, das bebend auswich; dazu
-fluchte er, denn jede Arbeit war ihm verhaßt. Unter den Pferden haßte er
-aber den Schecken, seiner heiklen Hautfarbe wegen, und weil er die
-schlechte Gewohnheit hatte, sobald er freigelassen war, sich auf der
-Erde zu wälzen.
-
-Nicolás trat mit Juanita an ihn heran und sagte laut und in einem Tone,
-der keine Widerrede litt: »Nicht wahr, José, du warst früher König von
-England?«
-
-Zuerst erstaunte José, dann aber antwortete er mit wildhumoristischem
-Auflachen: »Natürlich war ich König von England, _corpo di Dio_, war das
-eine fröhliche Zeit, damals, als ich noch König von England war!« Bei
-diesen Worten gab er dem Schecken einen Fußtritt, als wollte er ihn den
-grausamen Umschwung der Dinge vergelten lassen.
-
-»Siehst du, Juanita«, sagte Nicolás, »José war König von England. Gehen
-wir jetzt.«
-
-Als sie einige Schritte gegangen waren, sagte er: »Jetzt müssen wir uns
-verloben« und faßte sie bei der Hand; sie folgte ihm kichernd, und als
-sie an die Stelle gelangt waren, von wo sie gekommen waren, küßte er sie
-feierlich auf den Mund.
-
-»Jetzt bist du meine Braut und wirst Königin von Paris«, sagte er. Er
-sah sie leuchtend an, tat einen Schritt zurück, wie vorhin sein Bruder,
-und stieg zu Pferd.
-
-Im Galopp, graziös den Oberkörper wiegend, ritt er davon.
-
-Juanita sah ihm nach, die Rechte schlaff am Leibe; mit der Linken
-wischte sie sich die feuchten Spuren ab, die Nicolás weihevoller Kuß
-zurückgelassen hatte.
-
- * * * * *
-
-Es war Nacht geworden, Carlos war nicht zum Abendessen zurückgekehrt, er
-war beim Puestero Eusebio; Gäste waren bei ihm und man hatte ein Lamm
-geschlachtet. Carlos hatte es abhäuten und ausweiden helfen.
-
-Ziemlich spät ritt er heim. Seine Stimmung war etwas gedrückt, außerdem
-langweilten ihn bereits die Boleadoras.
-
-Zu Hause war alles schlafen gegangen. Carlos sattelte sein Pferd ab und
-ließ es auf die Weide laufen. Dann ging er, die Boleadoras in der Hand,
-in sein und seines Bruders Schlafzimmer.
-
-Nicolás lag im Bett, aber er schlief noch nicht; es brannte Licht.
-
-»Wo warst du?« fragte Nicolás.
-
-»Bei Eusebio.«
-
-»Freuen dich die Boleadoras?«
-
-Carlos gab keine Antwort.
-
-»Was hast du?«
-
-»Nichts«, sagte Carlos und zog sich mürrisch aus.
-
-Nicolás fragte nicht weiter. Carlos ging ins Bett und löschte das Licht
-aus.
-
-»Nicolás!« rief er plötzlich.
-
-»Was?«
-
-»Bah!« sagte Carlos und drehte sich im Bett um.
-
-Es herrschte Stille.
-
-Und nochmals: »Nicolás!«
-
-»Was willst du denn?«
-
-Sehr gepreßt kam es aus Carlos heraus: »Ich meinte nur ...« und dann:
-... »die Boleadoras sind wieder dein.«
-
-Die Knaben schwiegen.
-
-Carlos richtete sich im Bette auf und sagte schmerzlich: »Die Boleadoras
-sind dein, denn den Tridente und das Gut in Paraguay und alles Land
-hinter dem Ombú bis nach Chile und die Schafe hat mir Onkel Paulus nicht
-geschenkt; daher durfte ich sie dir nicht schenken.«
-
-Wieder herrschte Pause.
-
-»Also hast du mich angelogen«, tönte es von Nicolás' Bett tief
-enttäuscht zurück.
-
-»Ja, ich habe dich angelogen«, antwortete Carlos etwas erleichtert.
-
-»Warum hast du mich angelogen?«
-
-»Weil ich die Boleadoras haben wollte«, kam es zerknirscht zurück.
-
-Nochmals Pause.
-
-Nicolás raffte sich auf: »Schwörst du mir, daß du mich angelogen hast?«
-
-»Ich schwöre es.«
-
-»Küß' das Kreuz!«
-
-Carlos machte ein Kreuz mit beiden Zeigefingern und schwor: »_Te juro,
-que Dios me castigue._«
-
-»Hast du wirklich das Kreuz geküßt?« fragte Nicolás mißtrauisch, denn er
-konnte es der Dunkelheit wegen nicht sehen.
-
-»Ja«, sagte Carlos.
-
-»Schwörst du mir, daß dich sofort der Blitz treffen wird, wenn es nicht
-wahr ist?«
-
-»Ich schwöre es«, antwortete Carlos.
-
-Daraufhin herrschte vollständiges Schweigen.
-
-Nicolás lag da, erfüllt von einer nie gekannten, unsagbaren
-Trostlosigkeit: Keine Güter! Kein Schiff! Keine Schafe! Nie würde er die
-Wälder von Europa kaufen, niemals würde er den König von Paris bekriegen
-dürfen und Juanita würde niemals seine Frau.
-
-Er versank in tiefes Grübeln.
-
-Vom Bette seines Bruders aber vernahm man ruhige Atemzüge; er schlief
-schon lange.
-
-Was würde Juanita zu allem sagen? Wie sollte er ihr morgen unter die
-Augen treten? Er hatte sie angelogen, nie würde sie ihm das verzeihen.
-
-Und weil er die quälenden Gedanken nicht los werden konnte, zündete er
-schließlich Licht an, stand auf, kroch unters Bett und zog eine kleine
-grüne Eisenbahn hervor: eine Lokomotive mit drei Waggons.
-
-Aus der Schublade des Nachttisches holte er einen starken Faden und band
-ihn an den Schornstein der Lokomotive.
-
-Lange stand Nicolás da, barfuß auf den Fliesen, und ließ die Eisenbahn
-im Kreise laufen.
-
-Und das war seine Erlösung.
-
-Langsam zog tiefer Trost und Friede in seine Seele ein.
-
-
-
-
- Der Chinese
-
-
-Hinter dem Hause im Hofe hielten Carlos und Nicolás Tiere, Haustiere und
-Tiere der Pampa. Oft machten sie Streifzüge und kehrten mit einem Fang
-zurück, einem jungen Strauß, einer Kropfeidechse, einem Gürteltier; sie
-stellten Fallen im Hof auf und fingen Beutelratten. Aber über die neuen
-Tiere vernachlässigten und vergaßen sie die alten. Einmal brachen die
-meisten aus. Ein junges Reh hatte oben im Salon übernachtet, eine
-Kropfeidechse war ins Bett einer Magd gekrochen. Da wurde Carlos und
-Nicolás gedroht, die Tiere müßten fort, wenn sie sich nicht besser um
-sie kümmerten.
-
-Am nächsten Tag waren die Knaben, wie gewöhnlich, hinaus in die Pampa
-geritten. Nach einer Stunde scharfen Galopps wandten sie die Ponnys nach
-einem Ombú, um Rast zu halten; es war ein sehr heißer Tag, die Pferde
-ließen die Köpfe hängen und bewegten die Ohren müde nach den Seiten; die
-Sättel lagen beinahe auf ihren Hälsen. Als die Knaben sich dem Baum
-näherten, sahen sie dort einen seltsamen, kleinen, dicken Mann auf der
-Erde sitzen, den Kopf gegen den Stamm gelehnt. Statt eines Rockes oder
-Ponchos trug er einen ganz eigentümlichen Kittel, der ihm bis an die
-Kniee reichte; neben ihm lag ein breitrandiger Strohhut und ein rotes
-Bündel. Gleich nachher erkannten sie jedoch, daß es kein Mann war,
-sondern eine Frau in Männertracht; denn es trug einen langen, dünnen
-Zopf.
-
-»Das ist komisch«, sagte Carlos und lachte.
-
-»Sehr komisch«, sagte Nicolás und lachte auch.
-
-Sie ritten ganz nah an den Baum heran: es war keine Frau.
-
-»Ein Chinese!« sagte Carlos und erbleichte.
-
-»Ein Chinese!« sagte Nicolás und erbleichte auch.
-
-Der Kopf, der Kittel und der Hut waren ganz so, wie sie es bei Chinesen
-auf Bilderbogen gesehen hatten.
-
-Der Chinese, der geschlafen hatte, war erwacht und sah die Knaben ohne
-merkliches Erstaunen an.
-
-Sie wollten kehrtmachen und fliehen, denn sie hatten gehört, diese
-Menschen seien wild und blutdürstig wie die Indianer des Gran Chaco.
-Aber sie ermannten sich zugleich, denn keiner wollte vor dem anderen
-feig erscheinen; und dazu blinzelte und lächelte der Chinese so
-gemütlich und Vertrauen erweckend, daß Flucht den Knaben doppelte
-Feigheit erschien. Vielleicht ist es ein zahmer Chinese, dachten sie.
-
-»Was schaut ihr mich so an, ihr Büblein?« fragte er endlich. Seine
-Stimme klang sanft; sie hatte nichts von einem wilden Indianergeheul.
-
-»Wir schauen dich nicht an«, sagte Carlos und starrte fortwährend auf
-ihn.
-
-»Seht mir diese Knaben!« Der Chinese lachte und schlug sich auf die
-dicken Schenkel; das Gesicht, das er dabei machte, war so komisch, daß
-auch Carlos und Nicolás in Lachen ausbrachen.
-
-»Was hast du in deinem Bündel?« fragte Carlos nach einer Weile.
-
-»Zwei Hemden und eine Hose; ich bin auf Reisen.«
-
-»Weite Reisen?«
-
-»Ich gehe von Gut zu Gut und suche mir eine Stelle als Koch. Meine
-Herrschaft hat ihr Gut verkauft und ist ausgezogen; da bin ich auch
-ausgezogen. Könnt ihr einen Koch bei euch brauchen, ihr Buben?«
-
-»Nein«, sagte Carlos. Gleich darauf aber durchzuckte ihn ein Gedanke:
-»Wir können dir aber eine andere Stelle verschaffen.«
-
-»So. Eine andere Stelle? Und die wäre?«
-
-»Du könntest unsere Tiere pflegen, denn sonst müssen sie fort. Ich will
-Mama sagen, daß man dir so viel bezahlt wie einem Koch. Kannst du Tiere
-pflegen?«
-
-»Gewiß; aber was für Tiere sind's, ihr lieben kleinen Knaben?«
-
-»Verschiedene; wenn du mit uns nach Hause kommst, wirst du sie sehen.«
-
-Der Chinese war damit einverstanden; die Kinder hielten kurze Rast,
-rückten dann die Sättel zurecht, schnallten die Gurte fester und stiegen
-zu Pferd. Der Chinese saß bei Nicolás hinten auf.
-
-»Wie ist denn dein Name?« fragte Carlos; »denn wenn wir jetzt zu Mama
-gehen, um dir die Stelle zu verschaffen, müssen wir wissen, wie du
-heißt.«
-
-Der Chinese nannte einen Namen, der sehr seltsam klang. Die Knaben
-brachten immer nur Bichuante heraus.
-
-»Nennt mich nur immerhin Bichuante!« meinte der Chinese.
-
-Mit stark klopfendem Herzen ritten Carlos und Nicolás in das Gut ein.
-Von irgendwoher erschien José, der Knecht, und starrte diesem seltsamen
-Aufzug mit offenem Munde nach. Die Knaben ritten bis zur Mitteltür des
-Hauses. Carlos sprang ab und rannte hinauf zu seiner Mutter.
-
-Sie saß im Musikzimmer am Klavier. »Mama,« schrie er, »wir haben einen
-Chinesen mitgebracht, aber einen zahmen Chinesen!«
-
-»Was habt ihr mitgebracht?« Sie unterbrach ihr Spiel.
-
-»Einen ganz zahmen Chinesen, Mama, der Bichuante heißt.«
-
-»Was redest du da für Unsinn? Was soll denn der Mann?«
-
-»Er soll unsere Tiere pflegen, Mama.«
-
-Carlos faßte seine Mutter am Arm, zog sie ungestüm nach dem Fenster und
-zeigte nach unten: »Dort ist er.«
-
-Wahrhaftig: es war ein Chinese. »Das ist schon euer verrücktester
-Einfall!« sagte sie. Aber nachher ward ihnen gestattet, den Chinesen zu
-behalten.
-
-Er trat sofort seinen Dienst an. Ställe mußten ausgebessert und
-gründlich gereinigt werden. Er stieg in den Taubenschlag hinauf und
-wirtschaftete. Weiß gesprenkelt und mit Federn bedeckt, kam er wieder
-herunter. Er grub für das Wasserschwein einen regelrechten Teich; bisher
-hatte es sich mit einem Tümpel begnügen müssen, der nach einer halben
-Stunde immer wieder ausgetrocknet war. Vor allem war es eine Freude, zu
-sehen, wie sanft er mit den Tieren umging. Die Kaninchen schnupperten
-ihm durch die Fenster ihrer Kisten entgegen, sobald er sich zeigte;
-nicht lange, und die Tauben setzten sich ihm auf die Schultern, das Reh
-lief ihm nach. Nicolás glaubte sogar zu sehen, wie das Gürteltier ihn
-freundlich anblinzelte. Die Knaben liebten den Chinesen, besonders
-Nicolás.
-
-Von den Dienstboten hielt sich der Bichuante möglichst fern, denn sie
-lachten über ihn und spielten ihm auch manchmal einen Schabernack.
-Namentlich aber fürchtete er José. Als er einmal an der Küche
-vorbeiging, hörte er, wie der Knecht dem Gärtner sagte, er wolle den
-Chinesen umbringen (José haßte ihn, weil er fand, daß die Tierpflege
-eine zu leichte Arbeit sei). Der Bichuante erbebte, ließ aber nie ein
-Wort darüber verlauten. Nur wenn er zu Bett ging (seine Kammer lag neben
-der Josés), verriegelte er die Tür, schlief aber trotzdem immer gleich
-ein.
-
-Er kümmerte sich aber gar nicht nur um die Tiere auf dem Hof. Er
-striegelte und sattelte die Ponnys, er putzte ihr Zaumzeug; einmal wusch
-er sogar den Schecken des Verwalters. Als José das sah, war er gleich
-darauf bedacht, ihm nach Kräften von seiner Arbeit aufzubürden, und
-seinem Beispiel folgten die anderen Dienstboten. Der Chinese verrichtete
-alles, still, ohne zu klagen.
-
-Manchmal, wenn er sich freimachen konnte, saß er gegen Sonnenuntergang
-mit den Knaben auf der Weide im Grase. Ein leichtes Lächeln lag auf
-seinen Lippen, er pflückte eine Blume, besah sie aufmerksam und murmelte
-leise etwas vor sich hin. Carlos und Nicolás rückten ganz nah an ihn
-heran, um zu hören, was er sage. Dann baten sie: »Sprich jetzt mal ganz
-laut auf Chinesisch.« Der Bichuante zog die dünnen Augenbrauen in die
-Höhe, bewegte den Kopf langsam hin und her und sagte einige Sätze,
-worüber die Kinder laut auflachen mußten.
-
-»So, jetzt sprich wieder die christliche Sprache«, sagte Carlos; denn er
-wußte von den Gauchos: alles, was nicht spanisch ist, ist auch nicht
-christlich. Dann mußte der Bichuante Purzelbäume schlagen. Das konnte er
-wie kein anderer. Nicolás umarmte ihn und gab ihm lautschallende Küsse
-auf beide Backen. Aus Dankbarkeit, denn den ganzen Tag hatte er sich auf
-diese Purzelbäume gefreut. Und dann saßen sie wieder im Gras
-beieinander.
-
-Der Bichuante stand auf und schlich auf den Zehenspitzen einem
-Schmetterling nach; ohne eigentlichen Grund, aus unbegreiflicher Freude.
-Der Schmetterling setzte sich auf eine Blume, klappte die Flügel auf und
-zu; aber sobald der Bichuante sich genähert hatte, flog er wieder auf
-und setzte sich auf eine andere Blume. Der Chinese blieb in behutsamer
-Entfernung von ihm stehen und ahmte mit Daumen und Zeigefinger den
-Flügelschlag nach, ganz erstaunt, als hätte er nie in seinem Leben einen
-Schmetterling auf einer Blume gesehen.
-
-»Wie merkwürdig ist doch so ein Chinese!« sagte Nicolás zu Carlos.
-
-Einmal hatte Nicolás, ohne etwas Böses zu denken, den Bichuante am Zopf
-gezogen; da hatte ihn der Chinese sehr ernst und traurig angeschaut und
-gesagt: »Tu' das ja nie wieder, mein Liebling!« Nicolás erschrak. Auch
-freute es den Chinesen nicht, wenn die Kinder den Ponnys Zöpfe flochten,
-wie es am Samstagabend geschah, damit die Pferde gewellte Mähnen hätten,
-wenn man am Sonntag zu den Wettrennen der Gauchos ritt. Merkwürdig,
-dachte Nicolás; er fand manches an dem guten Bichuante merkwürdig ...
-
-Die Eltern der Knaben waren auf einige Zeit nach Buenos Aires verreist.
-Die Kinder blieben unter der Obhut des Verwalters, eines sehr strengen
-Franzosen, der selbst einmal ein großes Gut gehabt hatte. Er kümmerte
-sich äußerst gewissenhaft um die Wirtschaft und alle fürchteten ihn. Der
-Bichuante hatte mehrmals in der Küche mithelfen müssen und da war sein
-Kochtalent in vollem Glanz sichtbar geworden. Der Franzose hielt auf
-gute Küche. Er entließ ohne weiteres den alten Koch und erhob den
-Chinesen auf diesen Posten. Der Bichuante erhielt einen weißen Rock,
-eine weiße Schürze und eine weiße Mütze und war mit einem Schlag eine
-Respektsperson unter den übrigen Dienstboten. Das war ein Triumph für
-Carlos und Nicolás, und ihre Dankbarkeit und Verehrung für den Verwalter
-kannte keine Grenzen.
-
-Sechs Wochen waren vergangen; es war an einem außergewöhnlich heißen
-Tage, der Chinese stand in der Küche und bereitete den Teig für die
-Nachtischpasteten. Carlos und Nicolás schauten ihm zu. Weil die Hitze
-geradezu unerträglich war und der Chinese, seit er seine neue Stelle
-bekleidete, viel dicker geworden war, beschloß er, um sich Luft zu
-machen, Rock und Hemd abzulegen. Carlos und Nicolás halfen ihm dabei
-unter Freudengeschrei.
-
-»Nie hätte ich geglaubt, daß du einen so dicken Bauch hast«, sagte
-Carlos und klopfte ihm auf den Leib.
-
-Aber ein unendlicher Jubel brach aus, als der Bichuante, um sich ein
-Späßlein zu erlauben, zwei Hände voll Teig nahm und, sich ein wenig nach
-hinten beugend, ihn auf seinem nackten Leib zu kneten begann. »Bravo!«
-riefen die Knaben, umtanzten ihn und schüttelten sich vor Lachen. Und
-der Chinese stand da, von Fliegen umsummt, grinste und knetete weiter.
-Dann wurde der Teig auf dem Tisch ausgerollt und die Pasteten geformt
-und gefüllt.
-
-»Das ist meine Pastete«, sagte Carlos und machte in die größte ein Loch
-mit dem Zeigefinger. »Und die ist meine«, sagte Nicolás und machte ein
-Loch in die zweitgrößte. Dann wurden die Pasteten in den Ofen geschoben.
-
-Einige Stunden später saßen Carlos und Nicolás mit dem Verwalter bei
-Tisch. Die Suppe und der Puchero, die Carbonado und der Asado wurden
-gebracht; zum Schluß kamen die Pasteten ...
-
-»Ach,« sagte der Verwalter, »die Pasteten sind heute wirklich ganz
-ausgezeichnet!«
-
-Carlos würgte, denn er hatte den Mund voll und wollte antworten. »Warum
-sind sie so gut?« sagte er, mit vollen Backen kauend; »weil der
-Bichuante den Teig auf seinem nackten Bauch geknetet hat. So macht man's
-in seiner Heimat und dann werden die Pasteten sehr gut.«
-
-»Was hat er getan?« fragte der Verwalter betroffen.
-
-»Er hat Rock und Hemd ausgezogen und hat den Teig auf seinem nackten
-Bauch gerieben«, sagte Carlos arglos; und er sprang auf, beugte sich
-etwas rückwärts und ahmte den Chinesen nach. Der Verwalter gab keine
-Antwort ... Er schob seinen Teller weg und drückte auf den Knopf einer
-Klingel ...
-
-Eine Viertelstunde später hingen Carlos und Nicolás weinend am Hals des
-Chinesen; der Bichuante mußte fort. Die Knaben wußten: der Verwalter hat
-sein letztes Wort gesprochen.
-
-»Warum hast du das von den Pasteten erzählt, Carlos?« heulte Nicolás.
-
-»Ich wußte doch nicht ...!« Carlos konnte nicht weiter. Er drückte sein
-Gesicht auf den Hals des Chinesen, der ganz naß von Tränen war.
-
-»Der Bichuante muß jetzt fort ...!« Nicolás' Stimme schnappte über, er
-gluckste und hustete.
-
-»Geh' nicht fort, Bichuante!« heulte Carlos.
-
-»Weinet nicht, ihr Buben,« sagte der Chinese, der seine Rührung
-niederzwang; »weinet nicht, seid Männer!«
-
-Carlos und Nicolás trockneten sich die Augen und schneuzten sich. Sie
-sahen einander an, ein Beben ging über ihre Züge und wieder brachen sie
-in Tränen aus.
-
-Am nächsten Morgen war der Aufbruch.
-
-Carlos und Nicolás sattelten ihre Ponnys; der Chinese saß bei Nicolás
-hinten auf. Man ritt in der Richtung des Ombús; dort wollte man Abschied
-nehmen, denn dort hatte man sich einst gefunden. Auf des Chinesen
-Gesicht lag ein ruhiges, resigniertes Lächeln. Carlos und Nicolás
-weinten leise. Der Bichuante redete ihnen zu: »Ruhig, ruhig, ihr Buben,
-seid Männer!«
-
-Als sie vor dem Ombú angekommen waren, stieg der Chinese vom Pferd. Er
-umarmte Carlos und Nicolás; auch sie schlangen ihre Arme um seinen Hals
-und küßten ihn auf den Mund.
-
-Dann, wie auf Verabredung, wandten sie die Pferde (denn sie wollten als
-Helden scheiden) und ritten im Galopp, laut heulend, nach dem Gut
-zurück.
-
-
-
-
- Das Brüderchen
-
-
-Am Morgen waren Carlos und Nicolás mit ihren Eltern aus Buenos Aires
-zurückgekehrt, es war Nachmittag, sie ritten in der Pampa spazieren.
-Carlos hielt im Arm einen kleinen weißen Seidenpintscher, den er vor
-vierzehn Tagen geschenkt bekommen hatte.
-
-Sie kamen bis vor die einsame Hütte des Puesteros Eusebio und sahen sein
-sechsjähriges Söhnchen Miguelito, das nahe bei der Schwelle stand und
-eine niedrige Holzwiege wiegte, in der ein Säugling lag. Er lag
-festeingewickelt, konnte weder Arme noch Beine bewegen und schrie.
-
-Der Pintscher spitzte die Ohren nach der Wiege und bellte feindselig.
-
-»Ist das dein Brüderchen?« fragte Carlos ganz erstaunt.
-
-»Ja!« sagte Miguelito und sah mit leuchtenden Augen nach dem Pintscher.
-
-»Seit wann hast du dieses Brüderchen?« fragten Carlos und Nicolás
-zugleich.
-
-»Weiß nicht«, antwortete Miguelito. »Vor einigen Wochen brachte mich
-abends der Vater zu Don Ignacio, und als ich am Morgen wieder hier war,
-war das Brüderchen da.«
-
-Nicolás ritt ganz nahe an die Wiege heran, um sich das Kind genau zu
-betrachten.
-
-Miguelito blickte unverwandt den Pintscher an und fragte: »Seit wann
-habt ihr dieses Hündchen?«
-
-»Ich habe es von Papa geschenkt bekommen«, antwortete Carlos.
-
-»Wie heißt dein Brüderchen?« fragte er nach einer Weile.
-
-»Pepito.«
-
-Was ist das für ein schönes Brüderchen! sagte sich Carlos, und es
-entstand ein Gedanke in ihm, den er aber kaum auszudenken wagte.
-
-Doch er ließ ihm keine Ruhe und zaghaft fragte er: »Gefällt dir mein
-Hündchen?«
-
-»Ja!« sagte Miguelito und war ganz verklärt.
-
-»Er heißt Blanco«, antwortete Carlos, »und wenn du seine Wolle berührst,
-ist sie wie Seide. Da, fühle doch!«
-
-Und er beugte sich herab und hielt ihm das Hündchen hin: »Ist das nicht
-schön?«
-
-»Sehr schön!« erwiderte Miguelito.
-
-Carlos stieg behend vom Pferd und sagte: »Jetzt werde ich dir was
-zeigen.«
-
-Er bückte sich, streckte den Arm aus und rief: »Hops!«
-
-Blanco sprang über seinen Arm.
-
-»Hops!« rief Carlos, und Blanco sprang zurück.
-
-Miguelito klatschte selig in die Hände.
-
-»Und jetzt, Blanco, aufwarten!« befahl Carlos.
-
-Blanco setzte sich auf die Hinterbeine, bewegte die Pfoten und Miguelito
-jubelte.
-
-»Wenn du mir dein Brüderchen gibst, gebe ich dir mein Hündchen!« sagte
-Carlos.
-
-Miguelito war einige Sekunden unschlüssig, dann aber siegte die
-Versuchung, er ging nach der Wiege und bat Carlos, ihm zu helfen, das
-Kind herauszuheben.
-
-Darauf bestieg Carlos sein Ponny, und Miguelito und Nicolás reichten ihm
-Pepito hinauf.
-
-Carlos und Nicolás aber machten, daß sie schnell fortkamen, denn sie
-fürchteten, den andern würde der Tausch bald reuen.
-
-Carlos hielt das Kind vor sich auf dem Sattel wie ein Bündel, sie ritten
-im Trab, mußten aber gleich halten, denn es wäre beinahe
-heruntergefallen.
-
-Sie ritten im Schritt weiter und nach einiger Zeit wollte Nicolás es
-tragen.
-
-Wieder hielten sie an und Carlos reichte es ihm hinüber, was nicht ohne
-Lebensgefahr war für den kleinen Pepito.
-
-Nach zehn Minuten beschlossen sie abzusteigen, denn er war nicht leicht
-zu tragen, außerdem schrie er immerfort aus Leibeskräften.
-
-Carlos sprang vom Pferd, nahm seinem Bruder das Kind ab und legte es
-sacht auf die Erde.
-
-Darauf pflückten sie zusammen Gräser, machten daraus ein weiches Bett
-und legten es hinein. So würde es sich beruhigen.
-
-Und wirklich, es dauerte nicht lange und das Kind war eingeschlafen.
-
-Nicolás kniete neben ihm und betrachtete es voller Andacht, er beugte
-sich ganz nahe herab, um seinen Atem zu hören.
-
-»Kann man wohl die Stelle sehen, wo ihn der Storch gehalten hat?« fragte
-er Carlos.
-
-»Niemals!« antwortete Carlos, »denn da müßte er ihm ja wehe getan haben!
-Außerdem ist es gar nicht gesagt, daß ihn der Storch gebracht hat.
-Zenobia hat ihr Baby in einem Eimer gefunden, als sie aus der Zisterne
-Wasser schöpfte.«
-
-»Aber da hat doch alles gelacht in der Küche, wie sie das erzählte«,
-erwiderte Nicolás.
-
-»Vielleicht hat sie gelogen«, meinte nachdenklich Carlos. »Aber das weiß
-ich, man findet ganz sicher die Kinder in den Lagunen, und die bringen
-dann gewöhnlich die Störche. Auch sind sie manchmal in Straußeneiern,
-und man muß die Eier dann zerschlagen.«
-
-Die Knaben schwiegen, Nicolás kaute an einem Grashalm; schließlich
-fragte er: »Sag mal, Carlos, glaubst du, daß wir vielleicht auch ein
-Brüderchen finden könnten, wenn wir in der Lagune suchten, oder wir
-zerschlügen Straußeneier; denn weißt du, Carlos, ich habe vorhin
-nachgedacht, so ganz ist doch nicht Pepito unser Brüderchen, wie ich
-dein Bruder bin, und du mein Bruder bist, Miguelito hat ihn doch für den
-Blanco vertauscht.«
-
-Carlos hatte darüber nicht nachgedacht, aber was ihm sein Bruder eben
-sagte, leuchtete ihm ein.
-
-»Weißt du was«, sagte er, »reiten wir nach der Lagune und suchen wir --
-wenn wir nichts finden, suchen wir Straußeneier!«
-
-Nicolás war einverstanden, sie stiegen auf ihre Ponnys und ließen den
-schlafenden Pepito so lange allein.
-
-Die Lagune war nicht weit; als sie angesprengt kamen, entstand eine
-Bewegung. Die Kibitze schrieen, die Enten erhoben sich schnatternd, ein
-paar Störche schlugen mit den Flügeln und klapperten zu den Knaben
-hinüber. Ein einsamer Reiher nur suchte unbekümmert weiter nach
-Fröschen.
-
-Carlos sagte zu seinem Bruder: »Höre mal, Nicolás, ich werde in der
-Lagune suchen und du wirst Straußeneier suchen, so stört keiner den
-andern!«
-
-Sie stiegen ab, Carlos zog Schuhe und Strümpfe aus und watete im Wasser.
-
-Nach einer Weile rief Nicolás hinüber: »Hast du was gefunden, Carlos?«
-
-Carlos antwortete nicht, er starrte krampfhaft nach dem Grunde, er
-glaubte, ein kleines Kind zu sehen.
-
-Lange suchten sie, aber sie fanden kein Brüderchen.
-
-Nicolás stand vor zwei zerschlagenen Straußeneiern, von plötzlicher
-Melancholie befallen.
-
-»Wir haben kein Glück«, sagte Carlos sehr niedergeschlagen, und sie
-kehrten zu Pepito zurück.
-
-Er schlief nicht mehr, er lag da mit großen offenen Augen, den Blick
-ernst staunend zum Himmel gerichtet, und um ihn herum weideten Strauße,
-Hirsche, Rinder und Pferde.
-
-Carlos und Nicolás hoben ihn auf und ritten zum Puestero zurück.
-
-Sie hatten beschlossen, es Miguelito wieder zurückzubringen, weil es
-doch sein Brüderchen war.
-
-Miguelito kauerte vor der Hütte, der Tausch hatte begonnen, ihn zu
-reuen, auch hatte ihn Blanco in den Finger gebissen.
-
-Er nahm Pepito in Empfang, Carlos hielt wieder seinen Hund im Arm ...
-
-Kurz nachher kehrten der Vater und die Mutter zurück ...
-
-Die Sonne ging unter, die Herden trieben heim nach ihren Hürden, unter
-dem Ombú vor der Hütte saß der Gaucho Gonzales und sang laut ein
-melancholisches Steppenlied.
-
-Carlos und Nicolás schauten der Mutter zu, wie sie ihr Kind säugte.
-
-
-
-
- Die Tigerjagd
-
-
-Der Paraná war weit aus seinen Ufern getreten; die Überschwemmung nahm
-zu, bald war das Land bis dicht an die Parkanlagen unter Wasser. Wipfel
-von Weidenbäumen bezeichneten die Stelle, wo früher das Ufer gewesen war
-...
-
-Im Norden von Argentinien hatten große Regengüsse stattgefunden, auf
-schwimmenden Inseln war Getier aller Art heruntergeschwemmt worden, und
-nun wimmelte es hier von einer unbekannten Fauna, von seltsamen Wat- und
-Schwimmvögeln, Amphibien und Säugetieren.
-
-Eines Nachts vernahm man, nicht sehr weit vom Hause, in der Richtung des
-Stromes, das Brüllen eines Jaguars. Durch die Herden ging eine Bewegung,
-trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren
-Umzäunungen erbebten; viele, die gelegen hatten, erhoben sich, machten
-mit vibrierenden Nüstern ein paar Schritte und blieben dann schnaufend
-und den Kopf emporgereckt stehen.
-
-Zenobia, die Mulattin, spazierte mit ihrem Liebsten, dem Stallknecht
-Ramon, in einiger Entfernung vom Hause. Auch sie blieben stehen und
-horchten entsetzt auf.
-
-In der Küche, wo noch ein Teil der Dienstboten versammelt war, reckte
-man die Hälse, der Papagei, der nicht schlafen konnte, weil es hell war,
-schrie »Caramba!«
-
-Auch Carlos und Nicolás hatten das Brüllen gehört. Sie befanden sich
-oben in ihrem Zimmer und waren eben zu Bett gegangen. Nie in ihrem Leben
-hatten sie einen Jaguar brüllen hören, aber sie wußten gleich, was es
-war.
-
-»Ein Tiger!« rief Carlos und schnellte auf.
-
-Auch Nicolás hatte sich erhoben.
-
-»Was sagst du dazu, jetzt gibt's auch Tiger hier!« sagte Carlos.
-
-Nicolás antwortete nichts vor lauter Ergriffenheit.
-
-Nun schwieg auch Carlos und beide lauschten, ob er nicht zum zweitenmal
-brüllen würde.
-
-Richtig, da brüllte er wieder.
-
-Sie standen auf, traten ans Fenster und spähten, ob sie ihn vielleicht
-irgendwo sehen könnten, denn der Mond schien; aber es war zwecklos, er
-lag auf einer der nahen Inseln im Schilfe verborgen.
-
-Carlos und Nicolás warteten, ob er sich nicht zum drittenmal hören
-ließe. Doch es blieb still.
-
-Schräg vor ihnen am Himmel fiel langsam, einen langen Lichtstreifen
-hinter sich ziehend, ein Meteor zur Erde.
-
-Carlos ergriff Nicolás Hand und die Knaben starrten in der Richtung.
-
-»Hast du dir was gewünscht?« fragte Carlos mit unterdrückter Stimme.
-
-»Daß wir den Tiger erlegen!« antwortete der jüngere Bruder.
-
-»Das gleiche habe ich mir von ganzer Seele gewünscht!« antwortete der
-andere. Dann schwiegen sie wieder.
-
-Endlich sagte Carlos: »Sieh, Nicolás, nun kann es nicht fehlen, wir
-werden den Tiger schießen. Morgen gehen wir zum Capataz und er muß uns
-seine Flinte leihen, und wenn ich acht Jahre alt bin, muß Papa mir eine
-kaufen.«
-
-Sie blieben noch lange am Fenster, da sie viel zu aufgeregt waren, jetzt
-schon schlafen zu gehen. Dann aber lag Carlos noch lange wach im Bett
-auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und dachte an den
-Tiger ...
-
-In der Frühe, wie sie aufstanden, war es bereits allgemein bekannt, daß
-sich in der Nähe ein Jaguar aufhielt.
-
-Die Knaben gingen sofort zum Capataz, und Carlos sagte mit einer Miene,
-als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Tiger gejagt:
-»Leihe uns deine Flinte, wir fahren nach den Inseln und wollen den Tiger
-töten!«
-
-Der Capataz brach in Lachen aus: »Ich werde euch Flinte geben!« und
-machte eine Handbewegung durch die Luft.
-
-Sie gingen mit ihrem Gesuch zu anderen Leuten, die ein Gewehr hatten,
-wurden aber überall gleich höhnisch abgewiesen.
-
-Nachmittags hörten sie, der Capataz und viele andere seien nach den
-Inseln gefahren, um den Jaguar zu töten. Abends aber kehrten sie
-unverrichteter Sache zurück.
-
-Und es war ein Trost für die Knaben.
-
-Nachts hörte man wieder den Jaguar brüllen. Aber am Morgen ganz in der
-Frühe weckte Carlos seinen Bruder: »Weißt du was, reiten wir zu Benito,
-er wird uns sicher sein Gewehr leihen.«
-
-Benito war Capataz auf dem Nachbargut und ein guter Freund von ihnen.
-
-Es waren jedoch sechs Meilen bis zu ihm und mittags wollten sie wieder
-zurück sein.
-
-In gestrecktem Galopp, mit kurzen Unterbrechungen, ritten sie die Hälfte
-des Weges, ließen die Pferde ausschnaufen und machten dann gleich
-schnell die zweite Hälfte.
-
-Benito war mit einigen Knechten draußen bei den Herden, beschäftigt,
-neugekauften Rindern die Marke aufzudrücken.
-
-Auf Feuern, die in Abständen brannten, glühten die Eisen.
-
-Die Tiere wurden mit dem Lasso gefangen, zu Boden geworfen und dann
-brannte man ihnen die Namenszeichen des neuen Besitzers auf die Seite.
-
-»Leih uns dein Gewehr!« rief Carlos, im Galopp auf Benito zureitend, der
-neben einem niedergestreckten Stier stand.
-
-Carlos sprang vom Pferd und umarmte seinen Freund: »Gib es uns, wir
-wollen einen Tiger schießen!«
-
-»Tiger?« lachte der Capataz, denn er wußte nicht, daß ein Jaguar
-heruntergeschwemmt worden war, »die gibt es nur im Norden in Chaco!« und
-war nicht zu bewegen, ihnen das Gewehr zu leihen.
-
-Nachts stand Carlos in seinem Zimmer im Hemd am Fenster und brütete: am
-Ende existiert der Tiger nicht mehr? Vielleicht hat man ihn heute
-geschossen?!
-
-Nicolás lag im Bett, hatte bereits begonnen, sich in das Unvermeidliche
-zu fügen und sprach zu seinem Bruder: »Nimm es nicht so schwer; wenn wir
-groß sind, gehen wir nach dem Gran Chaco und töten viele Tiger.«
-
-Das war aber kein Trost für Carlos. Nicolás war eingeschlafen; Carlos
-lag am Fenster und brütete.
-
-Plötzlich ergriff er seinen Bruder am Arm und rüttelte ihn:
-
-»Hast du gehört?! Er lebt, da brüllt er wieder!«
-
-Das Brüllen kam von ganz fern, das viele Schießen hatte den Jaguar
-vertrieben.
-
-»Da brüllt er wieder!« murmelte Nicolás schlaftrunken und schlief wieder
-ein.
-
-Aber Carlos hielt es nicht länger im Zimmer aus. »Ich kann nicht
-schlafen, ich reite aus«, sagte er sich, die Tränen, die ihm in die
-Augen stiegen, hinunterwürgend, »und wenn mich auch der Tiger
-verschlingt.«
-
-Er zog sich an, nahm den Sattel mit und ging nach der Umzäunung, wo die
-Pferde waren.
-
-Sein Ponny schlief stehend mit etwas gesenktem Kopfe; als Carlos sich
-näherte, erwachte es und machte eine Bewegung nach der Seite, Carlos
-ergriff es bei der Mähne, das Tier erbebte, Carlos warf ihm die Zügel um
-den Hals und das Pferd ergab sich in sein Schicksal.
-
-Ein paar Minuten später sprengte er in die Pampa hinein, bis das
-Herrschaftsgebäude und die Parkanlagen in der Nacht verschwanden.
-
-Er warf sein Pferd nach rechts und sprengte in der Richtung des Paraná,
-an einer Straußenhenne, die mit ihren Kücken floh, vorbei und an zwei
-jungen schlafenden Stieren, die, sich aufrichtend, ihm feindselig
-nachstarrten.
-
-Am Flusse angekommen, stieg Carlos vom Pferde, koppelte dessen beide
-Vorderbeine fest und zog sich aus. Er wollte baden.
-
-Der Mond stand ziemlich hoch am Himmel, in der Ferne schwamm undeutlich
-ein langer, schwarzer Streifen, es waren die Parkanlagen ...
-
-Der Ritt, das laue Flußwasser hatten Carlos beruhigt.
-
-Er legte sich nahe am Ufer in den Schlamm, der sich wie eine weiche
-Decke an seine Glieder schmiegte, steckte Mund und Nase zum Wasser
-heraus und sagte sich, er läge zu Hause in seinem Bett.
-
-Dann spazierte er nach der Mitte des Stromes zu, eine gute Strecke weit,
-bis das Wasser sein Kinn berührte. Dann schwamm er. Einmal tauchte er
-nach dem Grund unter, öffnete plötzlich die Augen und es war ganz
-seltsam hell um ihn, weil der Mond hinein schien.
-
-Seine Glieder leuchteten, es ward ihm unheimlich. Vom nahen Grunde löste
-sich schnappend ein seltsames Ungetüm, irgend ein großer, unbekannter
-Fisch. Ein Grausen packte ihn, er schloß krampfhaft die Augen, arbeitete
-sich nach oben und schwamm zurück, mit einem Mal erfüllt von einem
-Gefühl furchtbarster Verlassenheit.
-
-Am Ufer angelangt, schlüpfte er, naß, wie er war, in seine Kleider und
-ritt in gestreckter Karriere zum Gut zurück ...
-
-Es war am Morgen. Carlos war soeben erwacht und sein erster Gedanke war
-der Tiger.
-
-Da hörte er vor seinem Fenster unten Stimmen. Der Franzose Dupont, der
-auf einem nahen Gut, das aber vom Fluß entfernt war, auf Besuch und ein
-Freund des hiesigen Verwalters war, sprach zum Gaucho Gonzales: »Ich
-kann mich verlassen, die Kanoe ist gut?« und sah auf den Eimer, den
-dieser in der Hand hielt.
-
-»Sie ist gut«, antwortete trocken Gonzales.
-
-»Also auf! wir werden ihn schon noch aufstöbern!« rief Dupont.
-
-Mit zwei Sprüngen war Carlos am Fenster; er wußte, um was es sich
-handelte.
-
-»Dupont!« schrie er, »nimm uns mit, ich bitte, nimm uns mit. Wir wollen
-ja nicht schießen; wir wollen nur dabei sein, wenn du den Tiger tötest!«
-
-Dupont blickte etwas überrascht hinauf. Er stand auf sein Gewehr
-gestützt, in Poncho und Chiripá, wie ein Gaucho.
-
-Nicht ohne Feierlichkeit erwiderte er: »Euch kleine Bengels, euch soll
-ich auf eine Jagd mitnehmen, auf der man sein Leben riskiert?!«
-
-Pause.
-
-»Aber ihr gefallt mir, ihr seid beherzt. Ich, Dupont, auf meine
-Verantwortung hin ... ich nehme euch mit!«
-
-Carlos stieß einen Freudenschrei aus, daß Nicolás erwachte.
-
-»Warte vier Minuten noch!« rief er, »wir ziehen uns an, ohne uns zu
-waschen!«
-
-Die Knaben stürzten in ihre Kleider und standen knappe vier Minuten
-später in ihren Matrosenanzügen und mit ungekämmten Köpfen bereit zur
-Tigerjagd.
-
-»_Mes braves garçons_,« entschlüpfte es Dupont auf französisch, »ihr
-dürft abwechselnd, bis wir zur Kanoe kommen, mein Gewehr tragen, weil
-ihr so tapfere Bengels seid.«
-
-Stolz umklammerte Carlos das »Remington«, doppelt stolz, weil er
-glaubte, es sei geladen, wie Dupont versicherte.
-
-»Ist die Kanoe auch wirklich gut?« fragte der Franzose mit einem
-mißtrauischen Blick auf den Eimer.
-
-»Gut genug«, sagte verächtlich der Gaucho.
-
-Als man am Flusse ankam, sah Dupont zu seinem nicht geringen Schrecken,
-daß die Kanoe bis beinahe zur Hälfte mit Wasser angefüllt war. Kröten
-schwammen darin herum, an den Wänden klebten Laubfrösche.
-
-Ohne eine Miene zu verziehen, begann Gonzales mit seinem Eimer das
-Wasser herauszuschöpfen, wobei es sich herausstellte, daß unten ein
-nicht unbeträchtliches Loch war.
-
-Dupont zögerte, in das Boot zu treten, Gonzales aber meinte, es mache
-nichts.
-
-Und so stieß man denn ab.
-
-Zuerst wurde das Ufer abgesucht. Der Franzose stand in der Mitte der
-Kanoe, das Gewehr im Anschlag und spähte umher. Die Kanoe füllte sich
-mit Wasser; Gonzales war fortwährend mit dem Eimer beschäftigt.
-
-Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine emporgezogen. Ihre
-Gesichter glühten vor Erwartung.
-
-»Endlich,« sagte Carlos, »endlich werden wir den Tiger erschießen!«
-
-Plötzlich schnellte er auf, daß der Kahn beinahe umgekippt wäre,
-klammerte sich bebend an Dupont und zeigte krampfhaft nach dem Ufer:
-»Der Tiger ... schieß, Dupont!«
-
-Dupont, in maßloser Aufregung, feuerte ab.
-
-Der Rauch verzog sich, es war kein Tiger.
-
-»... die Blätter ... das Gras, und ich sah was Braunes und Gelbes,
-wahrhaftig, ich glaubte ...« stammelte Carlos.
-
-Dupont sagte nichts, er sah ihn an. Er schämte sich vor Gonzales, von
-dem er wußte, daß er ihn verachtete.
-
-Das Absuchen des Ufers blieb erfolglos; man fuhr nach den Inseln unter
-allgemeiner Besorgnis, das Boot würde nicht standhalten.
-
-Die erste Insel wurde nach allen Richtungen durchstreift, jedoch ohne
-Ergebnis.
-
-»Ich fürchte, wir schießen den Tiger nicht,« sagte Carlos leise zu
-Nicolás, worauf Nicolás erwiderte: »Sei ruhig, wir werden ihn schießen,
-erinnerst du dich nicht an den Meteor?«
-
-Man landete auf der zweiten Insel. Vorn ging der Franzose, hinter ihm
-Carlos, dann Nicolás, und es folgte Gonzales, alle drei tief gebückt,
-wie es Dupont befohlen hatte.
-
-Einmal rührte sich etwas im Schilf, Dupont schoß ab, und von der
-entgegengesetzten Seite, von der Mitte der Insel zu, erhoben sich
-schreiend Wildgänse und strichen gen Norden.
-
-Die Expedition auf der dritten Insel blieb gleichfalls erfolglos, und es
-war inzwischen Mittag geworden, und die Hitze war kaum zu ertragen.
-
-Nachdem man auf Anraten von Gonzales die Kanoe ans Land gezogen hatte
-und das Loch im Boden, so gut es ging, mit Gras und Schilf verstopft
-hatte, fuhr man, um sich etwas auszuruhen und einen kleinen Imbiß zu
-nehmen, zum Italiener Barruchi, der weiter oben auf dem Festlande, nicht
-weit vom Ufer, seine Hütte hatte.
-
-Als sie da ankamen, saß der Italiener auf einem Holzklotz und kaute
-Tabak; vor ihm auf der Erde lag der Jaguar, den er heute erlegt hatte
-...
-
-Carlos und Nicolás waren starr, Dupont entsetzt, der Italiener lächelte
-mit selbstverständlicher Miene, Gonzales lachte stumm in sich hinein ...
-
-Eine Stunde später aber trieb etwas, anzuschauen wie eine trübselige
-Jagdmaskerade, den Strom herab: die Kanoe mit dem Franzosen Dupont,
-Carlos und Nicolás und Gonzales.
-
-Mitten im Boot stand Dupont in seinem Gauchokostüm mit Poncho und
-Chiripá, auf seine Flinte gestützt, die Füße im Wasser. Um seine Lippen
-war ein melancholischer Zug. Das Boot war mit Reihern und Störchen und
-anderen Vögeln bis zum Rand gefüllt, die er aus Wut und Verzweiflung
-geschossen hatte. Auch ein Wasserhuhn war dabei, halb zerfleischt von
-der Remingtonkugel. Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine
-eingezogen.
-
-Vor ihnen Gonzales, abwechselnd rudernd und Wasser schöpfend.
-
-Lange hörte man nicht mehr das Brüllen eines Jaguars in der Gegend.
-
-
-
-
- Herr Dr. Bürstenfeger
-
-
-Im Herbst war man in Buenos Aires.
-
-Es war Nachmittag, die Knaben befanden sich hinten im Stall und
-stifteten Unruhe und Verwirrung unter den Pferden, zur unverhohlenen Wut
-Josés, des Knechtes.
-
-Als sie dann genug hatten, zogen sie einen Hammel, den sie vom Landgut
-mitgebracht hatten, aus seinem Verschlage und banden ihn an einen
-Karren. Carlos stieg auf, sein Bruder stand daneben und kniff den Hammel
-in die Schwanzwurzel, damit er ziehen sollte. Das Tier drückte den
-Schwanz ein, machte einen jähen Satz, und der Wagen warf um.
-
-Darauf hielt ihm Nicolás ein Büschel Weinblätter dicht vors Maul, und
-nun lief der Hammel hinter ihm her; Carlos saß oben auf dem Karren und
-jauchzte.
-
-Da ertönte laut von der Terrasse die Stimme des Kindermädchens, der
-Mulattin Zenobia: »Kommt den Lehrer abholen!«
-
-»Der Lehrer!« murmelte Nicolás entsetzt und blieb stehen.
-
-Seit geraumer Zeit lag ihnen Herr Dr. Bürstenfeger, der künftige
-Hauslehrer, beständig im Sinn.
-
-Vor einem Monat hatte er sich in Bremen aufs Schiff gesetzt, und acht
-Tage darauf schon sagte der Papa: »Heute ist Herr Dr. Bürstenfeger in
-Lissabon angekommen, ich habe es auf der Agentur erfahren.«
-
-Man saß gerade bei Tische, der Diener, der auftrug, ein frecher
-Galicier, grinste schadenfroh.
-
-Und wieder nach ungefähr acht Tagen sagte der Papa: »Jetzt ist er in
-Teneriffa.«
-
-Gestern aber war er in Montevideo angekommen, und heute lag das Schiff
-draußen auf der Rede von Buenos Aires, und alles grinste im Hause:
-Zenobia, die Mulattin, Mauricio, der Galicier, der Gärtner, ein strenger
-Sachse, der Kutscher und vor allem José, der Knecht ...
-
-Die Knaben brachten schnell Hammel und Wagen in den Verschlag und liefen
-ins Haus, um sich anzuziehen.
-
-Sie stürmten die Treppe hinauf und erfüllten das Haus mit Stallgeruch,
-sie hatten ein warmes Bad zu nehmen unter Aufsicht der Zenobia, sie
-rauften im Bade und liefen dann nackt durch die Zimmer, Zenobia hinter
-ihnen her.
-
-Eine Stunde später aber standen sie mit leuchtend gewaschenen Gesichtern
-und vor Aufregung knallroten Backen vor ihrer Mutter. Von ihren Köpfen,
-die wie Schwarten glänzten, ging ein starker Duft von Eau de Quinin aus.
-
-Die Mama befahl, daß sie Handschuhe anziehen sollten, um ihre Nägel, die
-durchaus nicht weiß werden wollten, vor Herrn Dr. Bürstenfeger zu
-verbergen. Carlos tat es nur unter der Bedingung, daß sie ihm drei
-Knäuel Bindfaden für einen Drachen versprach und ihm erlaubte, auf dem
-Rebgang herumzuklettern, was den Trauben schadete, denn die Handschuhe
-machten ihn ganz wahnsinnig.
-
-Nun stand er da, die Arme ausgestreckt, die zehn Finger gespreizt und
-heulte.
-
-Dann fuhren sie mit Zenobia, die eine blendend weiße Schürze trug, zum
-Papa ins Bureau.
-
-Er schrieb gerade einen sehr wichtigen Brief.
-
-Carlos und Nicolás hatten sich eine halbe Stunde lang mäuschenstill zu
-verhalten, sie taten es mit Schmerzen, aber dabei brummte der Papa die
-ganze Zeit, sie sollten noch stiller sein.
-
-Als der Brief fertig war, wandte er sich streng an Carlos, der noch
-Tränenspuren auf den Backen hatte: »Du hast geweint, warum?«
-
-»Weil mich die Handschuhe ganz verrückt machen«, antwortete Carlos.
-
-»So ziehe sie doch aus«, meinte der Papa lächelnd.
-
-Carlos gehorchte und dachte: »Du hast doch einen guten Papa.«
-
-Zenobia kehrte nach Hause zurück, und der Papa fuhr mit den Knaben nach
-der Landungsbrücke.
-
-Es wimmelte da von Menschen; es roch nach Pasteten und Kuchen. Allerhand
-Erfrischungen wurden feilgeboten, Schwärme von Fliegen summten. Irgendwo
-spielte ein Orgelmann. Rechts und links dem Strand entlang flatterte
-Wäsche, und Männer und Frauen hockten am Ufer und wuschen.
-
-Weit dehnte sich der La Plata mit seinem gelb-trüben Wasser, es wimmelte
-von Segeln, Flußdampfer lagen weiter draußen vor Anker, und am Horizont
-sah man die Rauchsäulen der überseeischen »Steamer« aufsteigen.
-
-Es war gerade Wassertiefstand. Selbst am Ende der Landungsbrücke, die
-sich ein paar hundert Meter weit in den Fluß hinaus erstreckte, war das
-Wasser nicht höher als zwei Fuß. Es fuhren Karren darin herum, die
-Fuhrleute knallten mit ihren Peitschen nach Kundschaft, gerade wie
-Droschkenkutscher.
-
-Man stieg in einen Karren und wurde zu einer Barke befördert, die einen
-bis zum kleinen Dampfer der Agentur brachte.
-
-Nun folgte eine Fahrt von zwei Stunden, bald jedoch verschwanden die
-Ufer im Horizont.
-
-Carlos und Nicolás sahen heute zum erstenmal ein überseeisches Schiff,
-aber sie hatten sich ein solches viel größer vorgestellt und waren
-enttäuscht.
-
-Doch ihre Aufmerksamkeit wurde bald abgelenkt durch die Sorge, wie ihr
-Lehrer wohl aussehen möchte.
-
-Dort oben auf Deck stand am Geländer dichtgedrängt ein Haufen Menschen.
-Viele schrieen und gestikulierten nach dem Dampfer der Agentur hinunter,
-wo ebenfalls am Geländer sämtliche Passagiere standen, daß er sich
-bedenklich nach der Seite neigte, und schrieen und gestikulierten
-hinauf.
-
-Carlos und Nicolás blickten gespannt nach oben, ob sie nicht vielleicht
-den Lehrer erkannten, wie Zenobia ihn geschildert hatte: als einen Mann,
-stark und gewaltig, mit einem langwallenden Bart, zornfunkelnden Augen
-und einem furchtbaren Stock in der Hand; aber sie erkannten keinen
-solchen Mann, und Carlos sagte leise zu Nicolás: »Ich sehe ihn nicht«,
-und Nicolás erwiderte: »Wo ist er wohl?«
-
-Oben wurde das Fallreep heruntergelassen. Carlos und Nicolás erstiegen
-mit ihrem Papa und einem großen Teil der Passagiere den Bauch des
-Kolosses.
-
-»Können Sie mir nicht vielleicht einen Herrn Dr. Bürstenfeger zeigen?«
-fragte der Papa einen Herrn in blauer Uniform mit einer Pfeife im Mund,
-der auf einer Bank saß und der aufgeregten Gesellschaft teilnahmslos den
-Rücken zukehrte.
-
-Er verneinte und zeigte auf einen anderen Herrn in Uniform, dieser
-nickte, wies wieder auf einen anderen Herrn mit einem äußerst milden
-Gesicht, der einen Regenschirm in der Rechten hielt und in der Linken
-eine grüne Reisetasche, auf der Veilchen und Rosen gestickt waren, mit
-einem Nickelverschluß, der in der Sonne funkelte, und sagte laut: »Herr
-Dr. Bürstenfeger ...«
-
-Carlos und Nicolás waren starr.
-
-So also sah Herr Dr. Bürstenfeger aus? Er war nicht fürchterlich, er
-trug keinen gewaltigen Stock in der Hand, er hatte keinen gewaltigen
-Bart.
-
-Das war der Lehrer?! Sie faßten es nicht.
-
-Nachdem man sich gegenseitig vorgestellt hatte und einige Worte
-ausgetauscht, stieg man wieder das Fallreep zum kleinen Dampfer
-hinunter.
-
-Während der Heimfahrt unterhielt sich der Lehrer meistens mit dem Papa.
-
-Carlos und Nicolás verbrachten die Zeit damit, Herrn Dr. Bürstenfeger
-aufmerksam zu betrachten.
-
-Sein Anzug war schwarz, die Krawatte war schwarz, der Kragen niedrig,
-die Manschetten mit den Knöpfen aus Elfenbein, auf welchen die
-Initialien RB standen, ragten ziemlich weit aus den Ärmeln heraus.
-
-Sein hoher steifer Hut war mit dem Gummiband an dem obersten Knopf der
-Weste befestigt, obgleich sich kaum ein Lüftchen regte.
-
-Carlos beobachtete sein Gesicht und überlegte, ob es vielleicht doch ein
-sehr grimmiges Aussehen haben könnte, wenn er einen Bart trüge, wie ihn
-Zenobia geschildert hatte. Er schloß die Augen, um sich das zu
-vergegenwärtigen, aber es gelang ihm nicht, trotz aller Mühe.
-
-Es war eine Weile Stillschweigen, und Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich
-an die Knaben; er sprach mit mildem Ernste: »Es wird euch nicht
-unbekannt sein, Karl und Nikolaus, daß hier der La Plata, an dem eure
-Heimatstadt erbaut ist, einer der imposantesten Ströme der Welt ist?«
-
-»Ja, ja«, antworteten Carlos und Nicolás, wußten jedoch nicht, was sie
-weiter sagen sollten.
-
-»Was eure Heimatstadt anlangt,« fuhr Herr Dr. Bürstenfeger fort, »so
-werdet ihr wissen, daß ihr Umfang dem der französischen Hauptstadt Paris
-nahekommt, und daß diese Tatsache darauf zurückzuführen ist, daß eure
-Häuser, mit wenigen Ausnahmen, alle sehr niedrig sind.«
-
-»Woher wissen Sie das, waren Sie schon in Buenos Aires?« fragte Carlos
-begierig.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger lächelte: »Gewiß nicht, ich kenne von Südamerika
-nur flüchtig einige wenige Häfen, die ich auf dieser Reise berührt habe,
-aber das ist Sache des Studiums, der Bildung, Karl ...«
-
-So gelangte man wieder bis zur Barke zurück, worauf man nochmal auf die
-Karren stieg.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf über diese originelle
-Beförderungsart; er hatte darüber noch nichts gelesen.
-
-Auf der Landungsbrücke nahm er mit Erlaubnis des Papas die Knaben bei
-der Hand, Carlos rechts, Nicolás links. Man ging bis zum Wagen und fuhr
-dann nach Hause.
-
-Dort begab sich Herr Dr. Bürstenfeger, von Nicolás begleitet, auf sein
-Zimmer, und Carlos lief aufgeregt zur Zenobia.
-
-»Du verfluchte Schwarze,« schrie er, »warum hast du mich angelogen; er
-hat ja gar keinen langen Bart?!«
-
-Worauf Zenobia mit höhnischem Lachen antwortete: »Paß auf, der Bart wird
-ihm schon noch wachsen!«
-
-Eine halbe Stunde später wurde der Lehrer mit der Mama bekannt gemacht,
-und dann war es Zeit zum Abendessen.
-
-Carlos und Nicolás saßen zu beiden Seiten von Herrn Dr. Bürstenfeger.
-Die Unterhaltung war sehr lebhaft, an der sich aber die Knaben nicht
-beteiligten. Sie ihrerseits sprachen laut von Sachen, die mehr Interesse
-für sie hatten: von Pferden und Schafen und Ziegen, von Gänsen, Hühnern
-und Hahnenkämpfen, und Herr Dr. Bürstenfeger schaute manchmal mit leisem
-Erstaunen auf sie, aufs höchste aber erstaunte er darüber, daß, wenn
-ihnen ein Gericht nicht schmeckte, sie es einfach weitergehen ließen,
-ohne daß Papa und Mama etwas sagten ...
-
-Nach dem Essen nahm der Lehrer Carlos und Nicolás bei der Hand und ging
-mit ihnen in den Garten.
-
-Er blieb plötzlich stehen und sagte sehr ernsthaft: »Karl und Nikolaus,
-ein neuer Abschnitt geht in eurem Leben an. Eure braven Eltern werden
-euch hinlänglich unterrichtet haben, was mein Eintritt hier in diesen
-Kreis für euch bedeutet. Karl und Nikolaus, euch wie mir sind Pflichten
-auferlegt ... Ich bitte euch mit ganzer Seele, seid mir stets gehorsam,
-lügt niemals ... ja, lügt niemals, denn seht, nichts auf der ganzen Welt
-ist häßlicher, verabscheuungswürdiger. Bei den alten Germanen machte
-kein Laster den Mann verächtlicher, und Deutsche sind Germanen, merkt
-euch, Karl und Nikolaus. Euer Vater ist ein Deutscher, ihr seid Deutsche
-... Sagt, wollt ihr euch bestreben, gute Deutsche zu sein?«
-
-Hier machte Herr Dr. Bürstenfeger eine Pause.
-
-Carlos und Nicolás, verwirrt über diese ungewohnte Rede, schwiegen.
-
-Wenn auch manchmal der Papa mit ihnen deutsch sprach, waren sie doch
-Argentinier, dachten sie.
-
-Carlos erwiderte endlich: »Aber Deutschland verliert doch immer gegen
-Argentinien?!«
-
-»Wieso, Karl?!« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger überrascht.
-
-Carlos wußte nicht recht, wie er diese Behauptung begründen sollte. Es
-war ihm nur eingefallen, daß er neulich mit seinem Freunde Pedro Kestner
-Krieg gespielt hatte, Pedro hatte eine deutsche Fahne in der Hand
-gehalten und war Deutschland gewesen, und Carlos hatte eine
-argentinische Fahne gehalten und war Argentinien gewesen.
-
-»Und da ist Pedro auf dem Bauch gelegen,« erzählte Carlos, »und ich
-stand mit dem einen Fuß auf seinem Rücken und hatte gesiegt. Papa und
-Mama haben zugeschaut, und Alberto Hanfstett war auch dabei und auch der
-Papa von Pedro. Der lachte auch, aber nicht so sehr.«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem leisen Lächeln, wollte dann
-etwas erwidern, ließ aber klug für heute das Thema fallen.
-
-Schweigend gingen sie weiter.
-
-Carlos, den die Stille drückte, sagte endlich: »Ich will Argentinier
-sein, aber ich will mir Mühe geben, auch ein guter Deutscher zu sein.«
-
-Und Nicolás sagte: »Ich will auch ein wenig ein guter Deutscher sein!«
-
-
-
-
- Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger
-
-
-Der Hauslehrer sagte zu Carlos und Nicolás: »Ihr dürft wie zuvor allein
-ausreiten, nur um eines bitte ich euch inständig, reitet niemals mehr
-Karriere, ich bin für euer Wohl und Wehe verantwortlich und muß
-einstehen, wenn ihr Schaden nehmt.«
-
-Der Ton, in dem Herr Dr. Bürstenfeger das sagte, zeugte von bestimmter
-Erwartung, war aber im übrigen milde.
-
-Die Knaben fühlten beide: »So frei, wie wir früher waren, sind wir nun
-freilich nicht«, aber sie waren erfüllt von dem guten Willen, sich ihm
-zu unterwerfen, da sie sich ihn ja weit schlimmer vorgestellt hatten und
-außerdem Zenobia bestimmt wußte, man würde einen anderen Lehrer
-anstellen, wenn sie diesem nicht gehorchten, und der wäre dann wirklich
-fürchterlich.
-
-Carlos und Nicolás antworteten: »Wir werden nicht Karriere reiten«, aber
-als sie knappe zehn Minuten fort waren, erreichten sie das offene Feld,
-und schon rein aus Macht der Gewohnheit ließen sie den Pferden die Zügel
-schießen und ritten Karriere.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger aber war mit seinem Operngucker auf das flache
-Dach des Hauses gestiegen und war Zeuge ihres Ungehorsams.
-
-»Karl und Nikolaus,« sagte er, als sie zurück waren, mit gedämpfter
-Traurigkeit in der Stimme, »habt ihr Karriere geritten?«
-
-Carlos und Nicolás senkten die Köpfe und antworteten nichts.
-
-»Zeigt ihr euch so?! ...« fuhr Herr Dr. Bürstenfeger mit wachsender
-Traurigkeit fort. »Ich schäme mich für euch, Karl und Nikolaus; geht,
-wascht euch die Hände, es ist Zeit zum Abendessen!«
-
-Wie sie aber zu Bett gebracht worden waren, kam er wie jeden Abend noch,
-gab ihnen den Gutenachtkuß auf die Stirn, drückte ihnen leise die Hand
-und dachte: »Auch ihr leidet um eures Ungehorsams willen, Karl und
-Nikolaus.«
-
-Anfangs waren sie wirklich ein wenig beschämt gewesen, hatten sich aber
-schon lange wieder erholt und waren jetzt nur von dem einen Gefühl
-erfüllt: Er ist ein guter Mann, der Herr Dr. Bürstenfeger!
-
-Herr Dr. Bürstenfeger jedoch ging ins Musikzimmer, wie immer zu dieser
-Stunde, und phantasierte, bevor er auch schlafen ging.
-
-Carlos und Nicolás aber lauschten mit offenen Augen, und als er geendet
-hatte, sagte der Ältere: »Wie seltsam, wenn Herr Dr. Bürstenfeger
-spielt, denke ich mir alles Schöne aus, was kommen wird, wenn ich groß
-bin, und ich mache weite Reisen in Ländern und auf Meeren, und wenn er
-aufgehört hat, versuche ich es weiter, aber es ist dann lange nicht mehr
-so schön.«
-
-»Seltsam,« meinte Nicolás, »wie du das nur so sagst; ganz das gleiche
-fühle ich auch! ...«
-
-Bald nachher waren sie beide eingeschlafen ...
-
-Über einen Monat schon war der Hauslehrer in Buenos Aires, vor etwa drei
-Wochen hatte der Unterricht begonnen.
-
-Jeden Morgen um halb sieben klopfte Herr Dr. Bürstenfeger dreimal
-vernehmlich an Carlos' und Nicolás' Türe, die Knaben sprangen aus den
-Betten und zogen sich an.
-
-Dann ging es hinunter zum Frühstück.
-
-Bisher waren die Knaben gewohnt, des Morgens Kaffee zu trinken, auf
-Herrn Dr. Bürstenfegers Veranlassung tranken sie jetzt Kakao.
-
-Früher war das Frühstück in zwei Minuten erledigt gewesen, jetzt saß man
-über eine Viertelstunde bei Tisch.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger, der an einem sehr schlechten Magen litt, pflegte
-äußerst langsam und umständlich zu kauen und stellte das gleiche
-Ansinnen an Carlos und Nicolás, die großartige Magen hatten, und er war
-gezwungen, sie jeden Augenblick zu ermahnen, da sie immer wieder seine
-Vorschrift vergaßen.
-
-Nach dem Frühstück machten sie einen dreiviertelstündigen Spaziergang.
-Herr Dr. Bürstenfeger ging in der Mitte und hielt die Knaben an der
-Hand.
-
-Dann folgte der Unterricht. Er fand in einem dafür hergerichteten Zimmer
-statt, in dem eine Schulbank stand und eine große schwarze Tafel mit
-einem Schwamm.
-
-Zuerst kam das Rechnen, weil die Gehirne noch unverbraucht waren.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger stellte die Rechenmaschine vor sich auf den Tisch
-und fragte: »Karl, wieviel ist 3 + 2?«
-
-Pause -- Carlos schwieg.
-
-Carlos streckte unwillkürlich die Hand nach der Maschine aus.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger schlug ihn leise auf die Finger.
-
-Da mußte Nicolás antworten, und er wußte es.
-
-»Karl, wieviel ist 3 + 1?«
-
-Carlos streckte die Hand nach der Maschine aus.
-
-»Sei gehorsam, Karl!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger und richtete sich ein
-wenig auf, wobei er etwas rot wurde.
-
-Carlos schwieg ratlos.
-
-»3 + 1«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, wandte sich halb ab, summte irgend
-etwas und tat, als interessiere ihn zugleich die Fensterscheibe.
-
-Nochmal griff Carlos nach der Maschine, er hatte den Kopf vollkommen
-verloren. Er berührte zitternd drei Kugeln und dann noch eine, und das
-waren vier. Es fehlte ihm nämlich jeder Sinn für die Rechenkunst.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger aber ging im Zimmer auf und ab und murmelte: »Es
-kann nicht böser Wille sein!«
-
-Nachher kam das Lesen. Da war Carlos schon ganz anders.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger schrieb ein großes U an die Wandtafel.
-
-»Karl, was für ein Buchstabe ist das?«
-
-»U!« rief Carlos, er erinnerte sich ganz deutlich, daneben auf der Fibel
-einen Uhu gesehen zu haben.
-
-»Richtig! Und das?« Er schrieb ein I hin.
-
-»I!« rief Carlos, ganz deutlich sah er einen Igel daneben.
-
-»Bravo!« rief Herr Dr. Bürstenfeger und schrieb ein E hin.
-
-»E!« sagte Carlos. Ganz deutlich sah er einen Esel daneben.
-
-»Merkwürdig, merkwürdig,« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger, »wie seltsam
-bei ihm die Elemente auseinandergehen; individuelles Verfahren tut hier
-wohl not!«
-
-Nach dem Lesen war größere Pause. Dann öffnete der Lehrer die Türe nach
-der Terrasse, und es kam Freiturnen: »Beinstrecken«, »Kniebeugen«,
-»Fußwippen«, »Mähen«, »Holzhacken« usw. Diese Übungen begleitete Herr
-Dr. Bürstenfeger mit seinem eigenen Beispiel.
-
-Daran schloß sich eine Art höheren Anschauungsunterrichtes im Garten an.
-
-»Was ist das für eine Blume?« fragte der Lehrer und zeigte auf ein Beet.
-
-»Nelke!« riefen Carlos und Nicolás.
-
-»Nelke«, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-Sie gingen einige Minuten schweigend weiter: »Was ist das für eine
-Frucht?«
-
-»Granatapfel!« riefen sie.
-
-»Granatapfel«, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Das ist ein Säugetier«, sagte er plötzlich sehr bestimmt und zeigte auf
-einen Wurm. Er wollte sie irreführen.
-
-»Nein, kein Säugetier!« riefen beide triumphierend aus. Das wußten sie
-doch zu genau.
-
-Nach dem Anschauungsunterricht hatten sie frei, und dann kam das
-Mittagessen.
-
-Heute gab es Hirn. Über fünf Wochen schon hatte es keines mehr gegeben.
-
-»Herr Dr. Bürstenfeger, wir können kein Hirn essen!« sagten sie
-kläglich.
-
-Der Lehrer blickte abwechselnd beide Knaben an und kaute zu Ende.
-
-»Karl und Nikolaus, tut mir den Gefallen, mäkelt nicht!« antwortete er
-nicht ohne Milde, aber bestimmt.
-
-Die Knaben blickten flehentlich nach der Mama.
-
-Die Mama zeigte mit den Augen auf Herrn Dr. Bürstenfeger, sie durfte
-sich nicht einmischen.
-
-Nicolás sah seinen Bruder ermutigend an, und beide würgten das Hirn
-hinunter, daß ihnen die Tränen auf die Teller fielen.
-
-Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten eine Hütte,
-machten Pfeile und Bogen, um Indianer zu spielen, oder fuhren auf ihren
-Karren herum. Manchmal nahm Carlos ein Blatt Papier und einen Bleistift
-zur Hand und versuchte nach der Natur zu zeichnen, eine Baumgruppe oder
-sonst etwas. Das wollte er einrahmen lassen und der Mama zu ihrem
-Geburtstag für den Salon schenken.
-
-»Komisch,« sagte Nicolás, »wenn man deine Bilder von ganz nah ansieht,
-erscheinen sie schlecht, stellt man sich aber weiter weg, so kommen sie
-einem besser vor.«
-
-Carlos war nicht sehr erfreut über diese Kritik. Er hatte es nicht so
-gemeint.
-
-Von zwei bis vier war in der Regel Schule, heute aber nur bis drei, denn
-es fand der »große Spaziergang« statt.
-
-Es gab heute Schreiben, was die Knaben sehr liebten. Sie hatten dicke
-und dünne Striche zu ziehen, gerade und schiefe. Besonders die dicken
-Striche machten ihnen Freude, weil es ihnen angenehm war, auf den
-Bleistift zu drücken.
-
-Das dauerte aber nur eine halbe Stunde, und dann kam das Allerschönste
-vom ganzen Schultag.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger las ihnen eine Geschichte vor, die mußten sie dann
-wiedererzählen.
-
-Heute war es die Schilderung eines Turniers aus einem mit herrlichen
-Bildern geschmückten Sagenbuch.
-
-Die Folge dieser Vorlesung ahnte Herr Dr. Bürstenfeger nicht, Carlos und
-Nicolás waren ganz aufgelöst.
-
-Verschiedene Male war er nahe daran, das Buch zuzuklappen, so aufgeregt
-benahm sich Carlos.
-
-»Weißt du was,« sagte dieser nach der Schule zu Nicolás, »sobald wir vom
-großen Spaziergang zurück sind, veranstalten wir zusammen ein Turnier.«
-
-Und Nicolás war damit aufs höchste einverstanden.
-
-Die »großen Spaziergänge« aber dauerten mindestens bis um sechs. So
-hatte es Herr Dr. Bürstenfeger eingerichtet.
-
-Heute schlugen sie den Weg nach der Stadt ein. Da für Carlos und Nicolás
-Schuhe zu kaufen waren, wollte man die Gelegenheit benützen.
-
-Über eine Stunde gingen sie auf der großen breiten Straße. Herr Dr.
-Bürstenfeger marschierte, den Blick geradeaus gerichtet, in langsamem,
-aber regelmäßigem Tempo. Carlos und Nicolás gingen an seiner Hand mit
-gedämpfter Unzufriedenheit auf ihren Mienen.
-
-Manchmal drehte sich ein Passant um und lächelte.
-
-Auch geschah es, daß irgendein Gassenjunge ihnen eine Hand voll
-trockenen Kotes nachwarf.
-
-Carlos vergaß sich und wollte auf ihn eindringen. Herr Dr. Bürstenfeger
-aber drückte strafend seine Hand und sagte: »Karl, kümmere dich nicht
-darum!«
-
-So gelangte man bis zum Zentrum; hier waren die Straßen sehr eng, das
-Pflaster zum Teil sehr holperig, überall roch es nach Gas, weil an der
-Leitung gearbeitet wurde. Große, beladene Karren fuhren unter
-fürchterlichem Getöse langsam und schwerfällig aneinander vorüber, die
-Tramways fuhren im Schritt, von Zeit zu Zeit zu kurzem Trab einsetzend,
-mußten aber wieder jäh bremsen; die kleinen abgehetzten Pampaspferde
-streckten sich in ihrer ganzen Länge, um den Wagen nochmal in Bewegung
-zu bringen, eines stürzte und lag da mit vor Ermattung geschlossenen
-Augen.
-
-Aus den offenen Magazinen drang der Geruch von Teer, von getrocknetem
-Stockfisch. An einem Haustor stand ein Neger, einen Sack auf dem Kopf
-und keuchte.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger bahnte sich, Carlos und Nicolás an der Hand, einen
-Weg durchs Gedränge, schüttelte den Kopf und murmelte: »Schon über 30
-Advokatenschilder in einer halben Stunde gezählt.«
-
-Sie kamen bis zur Calle Florida. Dies war die Straße des eleganten
-Publikums und der schönen Läden.
-
-Vor der Confiteria del Aguila stauten sich die Gecken. Elegante, schöne
-Frauen gingen vorüber. Equipagen fuhren langsam in langer Reihe.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger blieb plötzlich stehen und sah zu einem Haus
-empor. Auf dem Dache ragte eine Flasche, wohl über 8 Meter hoch. Die
-Flasche war aus Holz, und der Name eines bekannten Likörs stand schräg
-darauf in Riesenlettern.
-
-»Amerikanismus!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und stampfte leise mit
-dem Fuß auf.
-
-Ein paar Minuten später traten sie in den Schuhladen ein. Als sie wieder
-herauskamen, hatten Carlos und Nicolás strahlende Gesichter: jeder hielt
-einen eben geschenkten Luftballon in der Hand. Sie schauten abwechselnd
-zu ihnen hinauf und herab auf die neuen Schuhe, die sie trugen, und das
-erschwerte sehr das Gehen im Gedränge. In einem fort mußte Herr Dr.
-Bürstenfeger ermahnen.
-
-Sowie sie aus dem ärgsten Gewühl heraus waren, zog Herr Dr. Bürstenfeger
-seine Uhr und sagte: »Jetzt steigen wir in eine Tram und machen unseren
-versprochenen Besuch bei der Familie Hanfstett.«
-
-Der siebenjährige Alberto Hanfstett, ein bildschöner und verwöhnter
-Knabe, war ein Freund von Carlos und Nicolás. Auch seine Mutter hatten
-sie von Herzen gern, denn sie gab ihnen Kuchen und Bonbons, soviel sie
-nur wollten, und sie freuten sich jetzt darauf.
-
-Seit vierzehn Tagen hatten sie auch dort einen Hauslehrer, einen
-gewissen Herrn Klausroth, der mit der Absicht, sich dem kaufmännischen
-Beruf zu widmen, nach Amerika gekommen war. Seine Anlagen aber waren
-rein pädagogische, und so hatte er sich zum Kaufmann ungeeignet
-erwiesen.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger war nur einmal flüchtig mit ihm zusammengekommen,
-und er sehnte sich, in nähere Beziehungen zu ihm zu treten.
-
-Auf der Trambahn verkürzten sich die Knaben die Zeit damit, daß sie die
-Insassen einer heiteren Kritik unterzogen.
-
-»Sieht nicht unser Gegenüber so aus wie eine Ziege?« fragte Carlos
-leise.
-
-Nicolás quiekte: »Großartig, ganz wie eine magere Ziege!«
-
-Carlos fragte: »Schau dir mal den dort drüben an, sieht er nicht so aus
-wie ein Huhn?«
-
-Nicolás betrachtete ihn eine Weile mit naiver Unverblümtheit und
-bestätigte es fröhlich.
-
-Carlos fand, daß ein kleiner dicker Herr, der seine Brille abgenommen
-hatte und jetzt matt und müde dreinblickte, einem abgezäumten Pony
-glich; auch damit war Nicolás sehr einverstanden.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger hatte einige spanische Worte, die er verstand,
-aufgefangen und legte sich ins Mittel, denn er fand solche Vergleiche
-sehr unpassend.
-
-Hanfstetts bewohnten eine prächtige Villa in einer schönen, breiten
-Straße.
-
-Der Diener, der ihnen öffnete, geleitete sie bis zur Türe des
-Schulzimmers: »Der Unterricht müsse schon zu Ende sein.«
-
-Sie klopften, traten ein, aber es war noch Schule.
-
-Herr Klausroth stand vor der Schulbank, ein Buch in der Hand und sagte:
-
-»_La mesa_ der Tisch.«
-
-Unter der Bank aber hockte Alberto und sang trotzig zu einer selbst
-erfundenen Melodie: »Ich will kein Deutsch lernen!«
-
-»_La mesa_ der Tisch«, wiederholte Herr Klausroth mit einem zynischen
-Lächeln.
-
-Er durfte ihn nicht hauen, die Mama erlaubte es nicht.
-
-»_Tschisch, tschisch_«, sagte Alberto. Das bedeutete Tisch und war eine
-Verhöhnung der deutschen Sprache.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger, der anfangs nicht begriff, was da vorging, machte
-plötzlich einen Schritt zurück und breitete abwehrend die Hände nach
-Carlos und Nicolás aus.
-
-»_La mesa_ der Tisch«, sagte Herr Klausroth, lächelte, stampfte leise
-mit dem Fuß auf und spielte mit fünf Fingern Klavier auf der Bank.
-
-Jetzt wollte Alberto sich vor Carlos und Nicolás zeigen.
-
-Er kroch unter der Bank heraus, verfügte sich auf allen vieren hinter
-eine lange Gardine und war unsichtbar.
-
-Herr Klausroth folgte ihm.
-
-»_La mesa_ der Tisch«, wiederholte er mit wachsendem Zynismus.
-
-Er rieb sich die Hände: »Ich darf ihn nicht hauen, ich haue ihn nicht!
-_La mesa_ der Tisch.«
-
-Nun erfolgte gar keine Antwort.
-
-Herr Klausroth fuhr fort, sich die Hände zu reiben, und lachte laut; er
-schien ungemein aufgeräumt zu sein.
-
-Alberto steckte den Kopf zur Gardine heraus und rief: »_Tschisch,
-tschisch, tschisch!_«
-
-In dem Augenblick aber ging die Tür auf, und der Papa stand auf der
-Schwelle, eine Gerte in der Hand.
-
-Er hatte geahnt, was vorging.
-
-Schnurstracks verfügte er sich zur Gardine, und was jetzt geschah, sahen
-weder Herr Dr. Bürstenfeger noch Carlos und Nicolás.
-
-Bestürzt packte er sie bei den Händen und verließ mit ihnen das Haus.
-
-In ihrem Zimmer aber saß Albertos Mama und weinte, weil ihr Sohn Prügel
-bekommen sollte.
-
-Sie war eine geborene Rodriguez, und auch sie haßte die deutsche Sprache
-...
-
-Herr Dr. Bürstenfeger ging, Carlos und Nicolás an der Hand, die schöne
-breite Straße entlang mit beschleunigten Schritten, weil die Erregung
-noch mächtig in ihm war.
-
-Sie kamen an der herrlichen Villa der Familie Ilinares vorbei.
-
-Aus dem Gartenportale fuhr eine elegante Equipage heraus, in der das
-achtjährige Töchterchen Julietta mit ihrer Gouvernante saß.
-
-Man grüßte. Carlos sagte zu Herrn Dr. Bürstenfeger: »Das hübsche Mädchen
-ist meine Braut.«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem Lächeln: »Du kannst noch keine
-Braut haben, Karl.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Weil du noch zu jung bist«, dabei drückte er kaum merklich seine Hand.
-
-»Bah!« antwortete Carlos, »Alfredo Lopez, mein Freund, ist ein Jahr
-jünger als ich, und hat acht Bräute.«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger antwortete nichts, runzelte aber stark die Stirn.
-
-In die schöne, breite Straße, auf der sie gingen, mündete eine andere,
-die stark vernachlässigt war.
-
-Es war kein Trottoir und kein Pflaster da, außerdem versank man ein
-wenig in den Kot.
-
-Irgendwo lag ein totes Pferd mit aufgedunsenem Bauch.
-
-Aasgeruch wehte herüber.
-
-»Brr!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger, ließ Carlos' Hand los und hielt sich
-die Nase zu.
-
-»Das ist noch gar nichts!« rief Carlos und bückte sich nach einem
-Ziegelstein. »Passen Sie auf, jetzt werfe ich, das Pferd platzt und dann
-stinkt es ganz fürchterlich!«
-
-»Halt ein!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger, ließ seine Nase los, packte
-Carlos' Hand wieder und floh mit ihnen aus dem Bereich des Kadavers.
-
-Es waltete aber ein Unstern über dem heutigen Tage. Zu Hause angekommen,
-sagte Carlos zu seinem Bruder: »Wir haben noch Zeit; jetzt führen wir
-unser Turnier auf!«
-
-In einer halben Stunde hatten sie aus Brettern zwei Schilde gezimmert;
-aus Zeitungspapier machten sie primitive Helme, in die sie Hahnenfedern
-spießten.
-
-Zwei lange Stecken, an deren Spitzen ein Wedel war, womit man an den
-Decken der Zimmer nach Spinngeweben suchte, verwandelten sie in Lanzen.
-
-Die Wedel aber wurden zum Kopfschmuck ihrer Ponys verwandt, denen sie
-auch noch die Stalldecken umgelegt hatten.
-
-Ihrem vierjährigen Schwesterchen, die sie »die Dicke« nannten, weil sie
-kugelrund war, drückten sie eine Kindertrompete in die Hand. Sie war der
-Herold und mußte zum Kampfe blasen.
-
-Carlos und Nicolás stiegen auf ihre Pferde; sie waren anzuschauen wie
-zwei prächtige Ritter. Die Backen des Schwesterchens blähten sich,
-Carlos und Nicolás stürmten aufeinander los, über die Beete.
-
-Wie sie ganz nahe beieinander waren, scheuten die Pferde und machten
-einen Sprung auf die Seite, so daß sie unverrichteter Sache ein Stück
-weitertraben mußten.
-
-Wieder stellten sie sich auf, wieder wollten sie aufeinander eindringen.
-
-Schon kündigte die Schwester den Kampf an, als mit fliegenden Schößen
-eine Gestalt daherkam: »Wehe euch, Karl und Nikolaus, haltet ein!«
-
-»Halt ein!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger und war mit einigen Sprüngen am
-Zügel von Carlos' Pferd.
-
-»Die Dicke« floh erschrocken mit der Kindertrompete.
-
-Carlos ließ die Lanze sinken.
-
-»Herunter!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger und machte mit beiden
-Zeigefingern eine gebieterische Bewegung nach der Erde.
-
-Die Knaben stiegen ab, und ohne Schild und Lanze -- Carlos hatte auch
-noch seine Hahnenfeder verloren -- folgten sie dem Lehrer in der
-Richtung des Hauses.
-
-Friedlich grasten die Ponys nebeneinander, während die Wedel auf ihren
-Köpfen leise zitterten.
-
-Wetternd tauchte von der einen Seite der Gärtner auf und höhnend von der
-anderen José, der Knecht ...
-
-Von nun an war Herr Dr. Bürstenfeger ungemein scharf in seinen
-Maßregeln.
-
-Wenn die Knaben ausritten, ging er neben ihnen zu Fuß auf dem Trottoir.
-
-
-
-
- Die Reise nach Mendoza
-
-
-Das war eine schwere Zeit gewesen, viele Wochen hatte die Mama sehr
-krank im Bette gelegen. Seit gestern erst durfte sie wieder ein wenig im
-Garten spazierengehen, und heute hatte der Arzt bestimmt, daß sie in die
-Kordilleren hinauf sollte, dort würde sie sich vollständig erholen.
-
-Carlos und Nicolás mußten mit Herrn Dr. Bürstenfeger vorausreisen. Er
-hatte im Auftrage der Eltern einiges mit Don Pablo Romero zu besprechen,
-der sich in dieser Zeit in Mendoza aufhielt, ihnen aber sein Landgut
-oben am Fuße der Berge beinahe ganz zur Verfügung gestellt hatte. Die
-wichtigen Teile in dieser Angelegenheit wurden Herrn Dr. Bürstenfeger so
-oft und so nachdrücklich auseinandergesetzt, daß er anfing, sich etwas
-beleidigt zu fühlen. Man hatte ihn nämlich im Verdacht, ein wenig
-unpraktisch zu sein.
-
-Viel Mühe hatte er nun, Carlos und Nicolás zu beruhigen, die die Abreise
-mit brennender Ungeduld erwarteten; wo sie auch waren, in der Schule,
-auf den Spaziergängen, bei Tische, weilten ihre Gedanken in den fernen
-Bergen, die sie zum erstenmal in ihrem Leben besuchen sollten, bei
-Maultieren, Pumas und Kondors.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger aber, der sich ein Bild von Land und Leuten machen
-wollte, kaufte sich eine Karte und spanische und deutsche Bücher; die
-spanischen las er mit Hilfe eines dickbauchigen Lexikons, das er aus
-Europa mitgebracht hatte. Die Karte breitete er auf dem Tisch aus und
-spießte Stecknadeln auf Flüsse und Berge, Städte und Dörfer, die ihn
-interessierten.
-
-Carlos brannte vor Neugier, zu wissen, was das zu bedeuten habe, wagte
-aber nicht zu fragen, weil die Erläuterungen des Hauslehrers immer
-fürchterlich lang waren ...
-
-Zehn Tage später saßen die drei im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn.
-Bald hatten sie Buenos Aires mit seinen Lichtern, Schornsteinen,
-Vororten und Anlagen hinter sich, und es umfing sie die weite Pampa.
-
-Carlos und Nicolás hatten schon lange keine Eisenbahnfahrt mehr gemacht,
-nach dem Landgut reisten sie immer zu Schiff. In einem Schlafwagen aber
-waren sie noch nie gefahren.
-
-Alles um sie her war neu und entzückte sie. Sie kletterten auf die
-Betten und tasteten nach der Decke hinauf, die sie nicht erreichen
-konnten, sie berochen die Wand, den Lederriemen an der Fensterscheibe,
-sogar die Reisetasche eines fremden Herrn, bis Herr Dr. Bürstenfeger,
-der mit dem Gepäck beschäftigt war, es sah und einschritt.
-
-Nach zehn Uhr ermahnte er sie, sich zum Schlafen niederzulegen.
-
-Das war eine neue Freude für die Knaben.
-
-Der Hauslehrer war schon eingeschlafen, als sie sich das Versprechen
-abnahmen, einander zu wecken, wenn einer von ihnen auch einschlafen
-sollte, was doch zu schade wäre. Und so sahen sie, auf ihren Arm
-gestützt, zum Fenster hinaus, und als ihnen das zu langweilig wurde,
-starrten sie zur Decke empor, wo über ihnen leise die Lampe zitterte.
-Ganz hinten im Wagen schnarchte jemand von Zeit zu Zeit. Jedesmal ließ
-dann ein anderer in seiner Nähe ein Wimmern oder ein Seufzen hören. Herr
-Dr. Bürstenfeger aber lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust
-gefaltet, und gab keinen Laut von sich.
-
-Endlich schliefen auch Carlos und Nicolás ein. Als sie erwachten, ging
-gerade die Sonne auf, und zu beiden Seiten des Geleises lag ein Feld von
-Gerippen, Knochen von Pferden und Rindern, die der letzte große Frost
-getötet hatte. In der Ferne galoppierte ein Reiter. Dann verschwanden
-Reiter und Gerippe, der Zug fuhr an einer Lagune vorbei, groß wie ein
-See, bevölkert mit Reihern und Störchen, Kibitzen und Enten. Weit
-entfernt stand ein Ombú, am Horizont eine große Baumgruppe, irgendein
-Landsitz. Und beide bewegten sich in ihrer Richtung.
-
-Herden von Straußen weideten nahe am Geleise, weiter hinten verbreitete
-sich als großer, hellgrauer Fleck eine Schafherde.
-
-Dann erschienen Rinder und Pferde. Sie trabten manchmal bis dicht ans
-Geleise heran und flohen wieder zurück, die Rinder mit erhobenen
-Schweifen, die Pferde mit steilen Mähnen.
-
-Der Zug hielt an einer kleinen Pampastation. Eine Dame stieg in den
-vorderen Wagen, eine Provinzlerin in bunten Farben, sie hatte sich für
-die Reise aufgeputzt. Eine fette alte Indianerin in einem geblümten
-Kattunkleid bot Fleischpasteten feil, verkaufte aber nichts, weil die
-Passagiere noch schliefen.
-
-Neben der Station stand ein Tilbury mit zwei abgetriebenen Gäulen. Sie
-schlugen mit den kotigen Schwänzen nach den ersten Fliegen, die ihnen
-der heiße Sommertag brachte. In einiger Entfernung sauste die Post
-heran, in eine Staubwolke gehüllt. Zwölf Pferde waren davorgespannt.
-
-Der Zug fuhr weiter.
-
-Man stand auf und trank den Kaffee im Restaurationswagen. Als Carlos und
-Nicolás zurückkehrten, hatte sich der Schlafwagen zu ihrem nicht
-geringen Erstaunen vollständig verändert, an der Stelle der Betten
-standen Stühle.
-
-Bis zum Abend ringsum das gleiche Bild: Rinder, Pferde, Schafe, Strauße
-und die weite Pampa.
-
-Aber Carlos und Nicolás langweilten sich nicht. Sie verstanden, sich die
-Zeit auf ihre Weise zu vertreiben. Sie zählten z. B. die gescheckten
-Rinder, die gescheckten Pferde und schwarzen Schafe, die sie sahen, und
-wer mehr gezählt hatte, hatte gewonnen.
-
-Oder sie führten seltsame Gespräche miteinander. Carlos fragte
-tiefsinnig: »Was möchtest du lieber sein, wenn man dich wählen ließe,
-der Mann, der dort in der Ferne reitet, oder dieser Herr im Staubmantel
-auf dem Perron?« Und Nicolás antwortete, nachdem er eine Weile
-nachgedacht hatte: »Lieber dieser Herr, denn er ist kein Gaucho und
-braucht niemandem zu dienen.«
-
-Carlos entgegnete: »Aber der Gaucho kann reiten, so viel er will, vom
-Morgen bis zum Abend.«
-
-Darauf wußte Nicolás nichts zu erwidern.
-
-Dann gaben sie diesem Frage- und Antwortspiel eine scherzhafte Wendung.
-Carlos fragte: »Was möchtest du lieber sein, der Stuhl, auf dem du
-sitzest, oder der Stuhl, auf dem ich sitze?«
-
-Da griff gewöhnlich Herr Dr. Bürstenfeger in diese Unterhaltung ein,
-weil er sie zu albern fand, und schlug etwas Nützlicheres vor. Er holte
-einen Band Fabeln oder ein Märchenbuch aus seiner Reisetasche und las
-den Knaben vor.
-
-Damit waren sie auch einverstanden, und mit pochenden Herzen und roten
-Gesichtern hörten sie zu, und ihre Blicke hingen an seinen Lippen.
-
-Bei besonders aufregenden Stellen, wie z. B. da, wo die böse Hexe sagt:
-Heda, Gretel, sei flink und trag Wasser, Hänsel mag fett oder mager
-sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen, fuhr Carlos von seinem
-Stuhl auf und zuckte mit der Nase.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger klappte das Buch über seinen Zeigefinger zusammen
-und sagte mißbilligend: »Verhalte dich still, Karl, und mache keine
-Grimassen!« Und um zu zeigen, wie häßlich das aussähe, fuhr er selbst
-von seinem Stuhl auf und zuckte ein paarmal mit der Nase, hielt sich
-aber dabei den Kneifer fest, damit er nicht herunterfalle. Dann las er
-in seiner Geschichte weiter ...
-
-Gegen Abend wurde verkündet, daß man in einer Stunde die ersten
-Ausläufer der Kordilleren sehen würde.
-
-Sofort knieten Carlos und Nicolás ans Fenster und ihr Blick war
-unverwandt nach dem Horizont gerichtet; sie rührten sich nicht von der
-Stelle, bis die Berge auftauchten, aber da waren sie enttäuscht, denn
-sie hatten sie sich viel, viel höher vorgestellt ...
-
-Am nächsten Morgen um sechs Uhr kamen sie in Mendoza an.
-
-
-
-
- Die Stadt Mendoza
-
-
-Herr Dr. Bürstenfeger trat, Carlos und Nicolás an der Hand, aus seinem
-Zimmer im Hotel, hinaus auf den ersten Hof. Ein Orangenbaum stand dort,
-an dem drei große Knochen hingen.
-
-»Was sind das für Knochen?« wandte sich Herr Dr. Bürstenfeger an einen
-Kellner.
-
-»Menschenknochen, eine Erinnerung an das große Erdbeben vor dreißig
-Jahren.«
-
-»Barbarisch!« dachte der Hauslehrer, blieb eine Weile in Gedanken
-versunken vor dem Baum stehen, und dann erinnerte er sich plötzlich, daß
-er den Eltern einen Brief zu schreiben habe.
-
-Er überließ Carlos und Nicolás eine kleine Viertelstunde sich selbst und
-ging zurück in sein Zimmer.
-
-Er schrieb, daß sie heute gesund angekommen seien, Karl und Nikolaus
-seien ganz artig, er werde ein wenig Toilette machen und sich mit ihnen
-zu Don Pablo Romero begeben und dann auch der Familie Igarzabal Grüße
-bringen, wie er es am Tage der Abreise versprochen habe.
-
-Carlos und Nicolás gingen unterdessen nach dem zweiten Hof und sahen
-dort einen kleinen barfüßigen Indianer, der Ball spielte. Carlos fragte,
-ob sie mitspielen dürften, er sagte ja, und sie waren drei Parteien.
-
-Das erste Mal gewann der Indianer, das zweite Mal Nicolás, das dritte
-Mal wieder der Indianer.
-
-Darauf kauerten die drei sich an die Wand hin.
-
-Carlos fragte den Indianer, wie er heiße.
-
-»Julio!« antwortete er. »Ich bin von Julio Roca bei seinem letzten
-Ausfall im Azul erbeutet worden.«
-
-»Also bist du ein wilder Indianer?« fragte Carlos nicht ohne Respekt.
-
-»Ich bin Indio Pampa!« sagte Julio mit Würde, »mein Vater wurde getötet,
-meine Mutter ist in Stellung in Entre-Rios.«
-
-»Siehst du oft deine Mutter?« fragte Carlos.
-
-»Ich habe sie seit dem Tage, an dem ich gefangen wurde, nicht mehr
-gesehen.«
-
-»Warst du sehr traurig, als dein Vater getötet wurde?« fragte Nicolás.
-
-Julio grinste.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger trat auf. Er nahm Carlos und Nicolás bei der Hand,
-und sie gingen zu Don Pablo Romero.
-
-Der Hauslehrer wußte, daß alle Häuser in Mendoza, die bekleideten und
-die unbekleideten, aus Lehm waren, seit dem letzten fürchterlichen
-Erdbeben.
-
-Aber man begann bereits das Unglück zu vergessen, und von Zeit zu Zeit
-wagte sich wieder ein Ziegelsteinbau empor.
-
-Es war heute ein trüber Tag, in der Luft lag ein seltsamer Geruch, den
-Herr Dr. Bürstenfeger sich nicht zu deuten wußte.
-
-Es war der Geruch von Kräutern auf den nahen kahlen Bergen, womit die
-Ziegenhirten ihr Feuer anzündeten.
-
-Den Knaben schien es, als ob die Menschen auf den ziemlich leeren
-Straßen unheimlich langsam gingen und als ob auch die Wagen und Karren
-unheimlich langsam fuhren.
-
-Vor dem Hause Don Pablo Romeros wartete ein Kabriolett.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger klopfte mit dem bronzenen Klopfer an die Tür.
-
-Eine alte, schmutzige Mulattin, gefolgt von einer Meute von Hunden,
-öffnete.
-
-Mitten im Hof stand ein verkrüppelter Orangenbaum, überall lungerten
-Dienstboten herum. Im Hintergrund lehnte ein Bursche an einer Mauer und
-spielte auf einer Mundharmonika.
-
-Ein großer zottiger Hund lag auf der Erde und wälzte sich nach den
-Sonnenstrahlen, die die Wolken durchbrachen, erschauerte aber, als
-zugleich ein feiner Sprühregen ihn bespritzte.
-
-Die Mulattin führte die Gäste ohne weiteres in den Salon. Auf den Möbeln
-waren die Bezüge, auf dem unebenen Fließboden lagen Zigarettenstummel.
-Es roch nach Weihrauch.
-
-Die Mulattin forderte sie auf, zu Don Pablo Romero einzutreten.
-
-Der lag in seinem Zimmer, das von Zigarettenqualm erfüllt war, im Bett.
-Seine Füße schauten unter einer wollenen Decke hervor. Sie ruhten auf
-einem schwarzen, vollständig unbehaarten, mit Warzen bedeckten Hunde.
-
-Der Hauslehrer erfuhr später, daß man solche Hunde dort als Bettwärmer
-gebrauchte.
-
-Auf dem Nachttisch schwammen in einer braunen Brühe unzählige
-Zigarettenstummel.
-
-Während sich Herr Dr. Bürstenfeger mit dem Hausherrn unterhielt, machten
-die Knaben ihre Beobachtungen; sie sahen, daß Don Pablo Romero kein
-Nachthemd trug, sondern ein Taghemd, sie sahen, daß aus der einen Warze
-des Hundes ein langes Haar wuchs. Sie beobachteten Herrn Dr.
-Bürstenfeger, wie er die Hände bewegte, während er sprach, denn weil er
-sich nur schwer auf spanisch verständlich machen konnte, mußte er stark
-durch Gestikulationen nachhelfen, und sie sahen, wie er bei seinen
-Erläuterungen Kreise zog, Dreiecke beschrieb, wie er die Hände
-auseinanderbreitete und sie beseligt wieder zusammenlegte, weil er das
-Wort gefunden hatte.
-
-Don Pablo Romero sagte endlich, sein Kabriolett warte draußen, er habe
-beabsichtigt, heute hinauf nach seinem Gute zu fahren, aber es werde
-wohl nichts daraus werden.
-
-Er lud den Hauslehrer und die Knaben ein, mit ihm eine Fahrt in die
-Umgebungen der Stadt zu machen, etwa in einer Stunde, wenn es ihnen
-recht sei.
-
-Sie waren damit einverstanden, verabschiedeten sich und gingen ein paar
-Straßen weiter zur Familie Igarzabal. Herr Dr. Bürstenfeger klopfte.
-Nach einer langen Pause, in der sich nichts rührte, stellte sich Carlos
-auf eine Fußspitze, streckte den Arm aus und wollte noch einmal klopfen,
-aber Herr Dr. Bürstenfeger zog streng seinen Arm zurück. Schließlich
-mußte er sich selbst dazu entschließen. Jetzt hörte man eine Stimme, von
-der man nicht wußte, ob sie aus dem Munde einer Frau oder eines Mannes
-kam. »Pancha, man hat geklopft!«
-
-Und dann nach einer Weile aus dem Hintergrund links eine andere Stimme,
-und diesmal war es bestimmt die einer Frau: »Es hat geklopft, Pancha!«
-
-Darauf näherten sich träge Schritte, und eine Magd mit einem Kropf
-öffnete.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger machte ein schmerzliches Gesicht. Sie führte sie
-geradewegs in den Salon.
-
-Dort waren elf Frauen versammelt und unter ihnen ein kleiner fetter Herr
-mit einem blassen weichen Gesicht und einer hängenden Unterlippe.
-
-Es war die Familie Igarzabal. Wie Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und
-Nicolás wußten, lauter Geschwister. Zwei hatten eine Häkelarbeit in der
-Hand. Zu ihrem großen Erstaunen sahen die Knaben, daß auch der Herr
-häkelte.
-
-Don José Igarzabal erhob sich und sprach; und es war jene Stimme, von
-der man nicht wußte, ob sie einer Frau oder einem Mann angehörte.
-
-Sie blieben nicht lange dort.
-
-Um die Stunde auszufüllen, nach deren Ablauf sie bei Don Pablo Romero
-sein sollten, gingen sie ein wenig auf den Straßen spazieren.
-
-Die Sonne hatte sich hinter den Wolken verkrochen, es regnete nicht
-mehr.
-
-Alle drei waren ziemlich wortkarg, es erfüllte sie eine unbestimmte
-Traurigkeit. Besonders der Hauslehrer war sehr niedergeschlagen ...
-
-Die Magd Don Pablo Romeros bat sie, sofort ins Schlafzimmer zu gehen.
-
-Sie klopfte, es blieb still; da hatte Carlos, bevor Herr Dr.
-Bürstenfeger ihn daran hindern konnte, geöffnet.
-
-Eingehüllt in Zigarettenqualm, schlief der Hausherr, der Hund knurrte.
-Der Lehrer nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie verließen das
-Haus.
-
-Sie kehrten ins Hotel zurück, Herr Dr. Bürstenfeger zuerst ungemein
-gekränkt über Don Pablo Romeros Empfang, dann aber gequält von einem
-Gefühl wachsender Traurigkeit.
-
-Wieder schien die Sonne durch die Wolken, wieder rieselte ein feiner
-Regen herab.
-
-Über ihnen spielte jemand immer wieder eine Tonleiter ...
-
-Plötzlich trat der Hauslehrer auf eine tote Ratte, machte einen Sprung
-und wischte sich dann den Schweiß von der Stirne ab.
-
-Sie gingen weiter. Da sah Herr Dr. Bürstenfeger ein Plakat, das er in
-Breslau bei seiner Abreise noch gesehen hatte. Seine Züge erhellten
-sich, aber bald umfing ihn wieder Traurigkeit.
-
-Im Hotel bat er die Knaben, in den Hof zu gehen und Ball zu spielen, er
-wollte sich ein wenig ausruhen.
-
-Kaum war er in seinem Zimmer, als Carlos auf einen Berg zeigte und
-Nicolás den Vorschlag machte, hinaufzusteigen, in einer Viertelstunde
-würden sie wieder zurück sein.
-
-Sie gingen und gingen, länger als eine Stunde, weit zur Stadt hinaus, an
-Weinbergen vorbei, die von niedrigen Lehmmauern umschlossen waren, aber
-der Berg entfernte sich immer mehr von ihnen.
-
-Da fragte Carlos einen Mann, der einen Kropf hatte, wie weit es wohl bis
-dahin sei.
-
-Der Mann antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: »Etwa drei
-bis vier Stunden.«
-
-Carlos und Nicolás konnten das nicht begreifen, aber sie mußten sich
-entschließen, zurückzukehren, denn es war spät und Herr Dr. Bürstenfeger
-würde wohl sehr unruhig sein. Der Mann begleitete sie ins Hotel zurück.
-Nicolás schaute manchmal verstohlen nach seinem Kropf.
-
-Aber Herr Dr. Bürstenfeger hatte sonderbarerweise ihre lange Abwesenheit
-gar nicht beachtet. Er saß in seinem Bett und las in einem spanischen
-Buch mit Hilfe des dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht
-hatte, über das letzte fürchterliche Erdbeben in Mendoza.
-
-»Warum haben die Menschen so viel Kröpfe hier?« fragte Nicolás.
-
-»Ja, das ist nicht schön!« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. »Aber das
-macht das kalkige Wasser.«
-
-Nach Tische ging Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben spazieren.
-
-Ein Bettler bat um Geld. Er hatte beim letzten großen Erdbeben ein Bein
-eingebüßt; er war geschwätzig, und um sich interessant zu machen,
-erzählte er, daß er dabei seine Eltern und seine sämtlichen Geschwister
-verloren habe.
-
-Sie kamen durch den Teil der Stadt, von dem nur noch Ruinen erhalten
-waren, ein eingestürzter Kirchturm, eingestürzte Tore, geborstene, mit
-Gras bewachsene Mauern.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: »In einer einzigen Nacht sind beinahe
-zwanzigtausend Menschen in dieser Stadt umgekommen.«
-
-Der folgende Tag war stockfinster. Staub fegte durch die Straßen, aber
-es regnete nicht.
-
-Der Hauslehrer ging mit den Knaben in der Stadt spazieren, er ging
-später in seinem Zimmer auf und ab über eine Stunde lang, von einer
-Aufregung ergriffen, die immer mächtiger wurde ...
-
-Es war nach Mitternacht, als er sich zu Bett legte. Kaum war er im Bett,
-als er wieder aufstand und sich anzog; er drückte den Kopf an eine
-Fensterscheibe, würgte die Tränen hinab, die ihm gewaltsam in die Augen
-drangen, und ballte die Fäuste.
-
-So war Herr Dr. Bürstenfeger noch nie gewesen.
-
-Er setzte sich aufs Kanapee und pfiff mit einer fürchterlichen Miene ein
-lustiges Liedchen.
-
-Dann zog er sich rasch aus und warf sich aufstöhnend ins Bett. Lange
-wälzte er sich herum, plötzlich begann er zu beten: »Unser Vater, der du
-bist im Himmel ...«
-
-»Unser Vater, der du bist im Himmel ...« wiederholte er.
-
-Vier, fünfmal rekapitulierte er, aber er hatte in seiner maßlosen
-Aufregung die Fortsetzung vergessen.
-
-Er saß in seinem Bett aufgerichtet und stierte ins Dunkle. Dann fiel er
-in wahnsinniger Erschöpfung zurück.
-
-Er schlief zwei Stunden traumlos und dann träumte er, daß er von Bremen
-reise, und es war Sturm auf der See.
-
-Er erwachte und hielt sich am Bettpfosten fest.
-
-Draußen aber schwankten die Kirchtürme, daß die Glocken erklangen, die
-Menschenknochen im Orangenbaum bewegten sich; dann war es ruhig.
-
-Die Leute im Hotel stürzten auf den Hof hinaus, die Einheimischen, die
-die Gefahr besser kannten, auf die Straßen.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger stürzte in Carlos' und Nicolás' Zimmer und dann
-mit ihnen ebenfalls auf den Hof hinaus.
-
-Don Pablo Romero floh aus seinem Hause, in eine wollene Decke gehüllt,
-gefolgt von seinem schwarzen Hunde.
-
-Don José Igarzabal floh im Hemd mit seinen elf Schwestern.
-
-Aus allen Häusern stürzte man heraus; es war jetzt mit einem Mal eine
-furchtbare Bewegung in Mendoza.
-
-Der Hotelhof war angefüllt mit Menschen.
-
-In einem Zimmer aber saß eine schöne, blonde Frau und hielt einen
-kleinen Knaben und ein kleines Mädchen umfangen. Sie schämte sich, im
-Hemd zu fliehen.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger stand neben einer kaum bekleideten Engländerin.
-
-Sie starrte nach der Hofmauer vor sich, in der ein breiter Riß gähnte
-...
-
-Eine halbe Stunde verging, es blieb ruhig.
-
-Da erinnerte sich plötzlich Herr Dr. Bürstenfeger, daß er im Hemd war,
-und schämte sich.
-
-Er ging in sein Zimmer, bekleidete sich schnell, holte zwei Decken und
-warf sie um Carlos und Nicolás.
-
-Dann eilte er mit ihnen hinaus auf den Platz vor dem Hotel.
-
-Eine Menschenmenge war dort versammelt.
-
-Im Hintergrund kniete ein Priester und betete laut.
-
-Die Knaben blickten erstaunt auf einen Zwerg mit einem Wasserkopf, der,
-ein Bündel in der Hand, laut heulte.
-
-Über zwei Stunden stand dort Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und
-Nicolás. Es blieb ruhig, die Sonne ging auf, die Luft war klar und
-schön.
-
-Auf den Bergen zündeten die Hirten ihre Feuer an. Der Duft der Kräuter
-erfüllte die Stadt.
-
-Carlos sagte zu Nicolás: Das ist der Geruch des Erdbebens.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger aber kehrte mit ihnen ins Hotel zurück. Auf seinen
-Lippen ruhte ein Lächeln großer Befreiung; er legte sich zu Bett und
-schlief zwölf Stunden hintereinander. Manchmal träumte er von seiner
-Heimat.
-
-
-
-
- In den Kordilleren
-
-
-Die Ansiedelung Don Pablo Romeros war eine kleine Oase, die aus einigen
-Wiesen, einem Obstgarten und einer Pappelallee bestand. Hinten erhoben
-sich die grauen, kahlen, nur mit dichtem Gestrüpp und Kakteen
-bewachsenen Berge, und vorn senkte sich ebenfalls kahl und grau die
-Ebene in die Pampa hinab.
-
-Bloß zwei Zimmer seines Häuschens bewohnte Don Pablo, die übrigen hatte
-er Carlos' und Nicolás' Eltern überlassen, und weil trotzdem Raummangel
-war, waren noch drei Zelte aufgespannt worden. Das eine, etwas abseits
-gelegen, bewohnten die weiblichen Dienstboten, das zweite war als eine
-Art kleiner Salon hergerichtet, und im dritten schliefen Herr Dr.
-Bürstenfeger und Carlos und Nicolás.
-
-Seine Sorge um die Knaben blieb immer gleich mustergültig. Morgens, wenn
-sie erwachten, stand er an ihrem Bett, beinahe den ganzen Tag ließ er
-sie nicht aus den Augen. Abends, wenn sie schlafen gingen, kam er noch
-und gab ihnen den Gutenachtkuß.
-
-Zum nicht geringen Verdruß der beiden hielt er aber immer fest am
-Prinzip der weiten Spaziergänge. Nur an Tagen, an denen er besonders
-zufrieden mit ihnen war, durften sie, während er zu Fuß ging, rechts und
-links von ihm auf ihren Maultieren reiten. Wünschten sie zu galoppieren,
-mußten sie fragen, und Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: »Ja, aber nur
-bis zu jenem Strauch oder jener Kuh!« oder er verweigerte auch die
-Erlaubnis.
-
-In der Regel aber blieb es bei den gewöhnlichen Spaziergängen, und sie
-durchstreiften zusammen die Gegend nach allen Richtungen. Zu Hause
-banden sie sich, auf Wunsch von Herrn Dr. Bürstenfeger, Lappen um die
-Füße, um keine Blasen zu bekommen. Auch versahen sie sich mit einer
-kleinen Apotheke, mit Mitteln gegen den Sonnenstich, den Schlangenbiß,
-mit Pflastern und Pflästerchen gegen kleine Verletzungen, mit
-Pfeffermünzpastillen und Orangen und Zitronenessenzen gegen den Durst.
-Um die Schultern hingen sie sich zwei Feldflaschen mit Wasser und eine
-blecherne Büchse, auf der ein grasender Hirsch abgebildet war -- gefüllt
-mit Brot, harten Eiern, Butter und »Landjäger«.
-
-Und so zogen sie aus, zur Freude des gesamten Dienstpersonals; denn
-Fußgänger und dazu noch so ausgerüstete, waren hier seltene Leute.
-
-Zu Anfang hielt Herr Dr. Bürstenfeger seine Leidenschaft ein wenig im
-Zügel, weil er fürchtete, sich zu verirren, und aus Angst vor den wilden
-Tieren, besonders auf den Spaziergängen in der Richtung nach den Bergen.
-Bald aber waren sie mit der Umgegend so vertraut, daß sie die ersten
-Gipfel ersteigen konnten, von denen aus man eine herrliche Aussicht auf
-die dahinter liegenden, höheren hatte. Herr Dr. Bürstenfeger zog seine
-Karte aus der Tasche, um nachzusehen, wie die wohl heißen möchten, aber
-es stand kein Name da, und als er später daheim fragte, wußte es auch
-niemand. Darüber mußte er heimlich den Kopf schütteln; er fand aber
-zugleich auch diese Kulturlosigkeit interessant.
-
-Was seine Angst vor den wilden Tieren betraf, so brauchte er geraume
-Zeit, bis er sie überwunden hatte.
-
-Zu den wilden Tieren zählte er aber auch die Schlangen, obgleich er
-wußte, daß sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehörten. Ein
-abgebrochener Ast auf der Erde, der Schatten seines eigenen Stockes ...
-überall sah er welche.
-
-Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr.
-Bürstenfeger blieb stehen, erblaßte, sammelte sich aber und flüsterte:
-»der Silberlöwe greift nicht den Menschen an, sondern flieht ihn.« Ein
-andermal, als sie durch eine Schlucht gingen, kreiste in ziemlicher Höhe
-über ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer wußte, daß er ihnen
-nicht gefährlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die Knaben an sich
-und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ...
-
-Die Spaziergänge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab
-Herr Dr. Bürstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht
-erteilte er hinter dem Hause im Garten unter einem Nußbaum, wo ein Tisch
-und zwei Bänke standen.
-
-Jeden Morgen mußte sie José, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr.
-Bürstenfegers mit heißem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von
-den Vögeln beschmutzt worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden,
-die auch nicht ohne Zwischenfälle abliefen. Es trieb sich z. B. José mit
-einer der Mägde weiter hinten herum, oder es wurde Obst von den Bäumen
-geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten, oder gar die Säue.
-
-Diese zu hüten war ein kleiner, dreijähriger Indianer angestellt, der
-zusammen mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er
-hieß Manuelito und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die
-einem halbwüchsigen Knaben gehört hatten, umschlotterten seine Beine.
-Auf dem Kopfe trug er einen riesigen Filzhut, dessen Krempen auf seinen
-Schultern ruhten. So ausgerüstet, hatte er die Schweine auf die Weide zu
-treiben, die ihn aber gar nicht respektierten.
-
-Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten.
-Manuelito hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und
-geschrien: »Kehrt um, kehrt um, ihr Schweinchen!« Sie aber waren einfach
-über ihn hinweggetrampelt.
-
-Als Carlos und Nicolás das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und
-eilten Manuelito, der heulend auf dem Rücken lag, zu Hilfe.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger stand im Hintergrund und kämpfte einen harten
-Kampf zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und
-Carlos und Nicolás hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich
-auf den Schulunterricht und Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser
-Zwischenfall aber änderte durchaus nichts am Programm des Schultages.
-Zum Schluß nahm der Hauslehrer das Lineal in die Hand, reichte den
-Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er mit ungemein
-kräftigem Baß, Carlos und Nicolás mit sehr falscher Stimme:
-
- Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald,
- Lasset uns singen, tanzen und springen.
-
-»Tanzen und springen!« brüllte Herr Dr. Bürstenfeger und schlug mit dem
-Lineal auf den Tisch, daß ein Huhn, das sich in der Nähe aufhielt,
-gackernd davonstelzte, denn Carlos hatte drei Noten daneben gesungen. Im
-Hintergrund aber, den Knaben zugekehrt, stand Zenobia, die Mulattin,
-wiegte den Kopf, fletschte die Zähne und ahmte Herrn Dr. Bürstenfeger
-mit einem Besenstiel nach ...
-
-Am gleichen Nachmittag noch machten sie einen Spaziergang in die Berge.
-In einer Schlucht sahen sie ein Pferd liegen, das abgestürzt war und die
-Vorderbeine gebrochen hatte. Als die drei herankamen, bewegte es mit
-einem unsäglich schmerzhaften Ausdruck der Augen den Kopf ein wenig in
-die Höhe und stöhnte.
-
-Der Hauslehrer erlaubte, daß sofort der Spaziergang unterbrochen wurde,
-und die Knaben gingen zu Don Pablo und baten ihn, das Tier töten zu
-lassen. Aber Don Pablo antwortete: »Das Pferd ist in unser Gebiet
-eingedrungen, es gehört dem Nachbar, töte ich es, so muß ich es
-bezahlen.«
-
-Die Knaben ritten zu Don Andrés (so hieß der Nachbar) und stellten an
-ihn die gleiche Bitte. Don Andrés lächelte und erwiderte, er werde heute
-jemanden hinschicken.
-
-Abends aber lag das Pferd zu Carlos' und Nicolás' Entsetzen noch immer
-in der Schlucht und stöhnte.
-
-Es fiel ihnen ein, daß es zu seinen Schmerzen auch noch Hunger und Durst
-leiden müsse, sie kehrten daher zum Gut zurück, Nicolás nahm ein Bündel
-Gras und Carlos einen Eimer mit, den er in einer Quelle, die halbwegs
-von der Schlucht entfernt war, füllte.
-
-Das Pferd hob schnaubend den Kopf, sobald es das Wasser roch, wollte
-sich auf seinen beiden Vorderbeinen aufrichten und fiel mit einem
-Schmerzenslaut zurück. Carlos und Nicolás hoben seinen Kopf ein wenig in
-die Höhe, und so konnte es, ohne sich sonst zu bewegen, saufen.
-
-Am folgenden Abend hatte man das Pferd noch nicht getötet, Don Andrés
-hatte es scheint's ganz vergessen.
-
-Der Gedanke an das Tier ließ Carlos und Nicolás in der Nacht nicht
-ruhen.
-
-»Ich höre es ächzen!« rief Carlos und richtete sich im Bett auf.
-
-»Es ist nicht möglich, es ist zu weit«, antwortete Nicolás; aber ihm tat
-das Tier nicht weniger leid.
-
-Pause.
-
-»Weißt du was, wir wollen es töten, jetzt sofort, dann leidet es nicht
-mehr«, meinte Carlos.
-
-Nicolás antwortete nicht gleich, dann aber sagte er ebenfalls
-entschlossen: »Ja!« ...
-
-Sie standen auf, nahmen eine Axt aus der Küche, sattelten ihre Maultiere
-und ritten davon.
-
-Es war eine wunderbare, sternklare Nacht, die Sträucher mit ihren
-harten, öligen Blättern, die harten Kräuter, gespeist vom trockenen,
-vulkanischen Boden, dufteten.
-
-In der Schlucht lag das Pferd und stöhnte.
-
-Nicolás sagte zu seinem Bruder: »Carlos, du bist der Ältere, du wirst
-das Pferd töten!«
-
-Aber kaum hatte er das ausgesprochen, als ihn Beschämung und Mitleid mit
-Carlos ergriff.
-
-»Losen wir!« sagte er mit gepreßter Stimme, rupfte zwei Gräser aus, die
-aus einem Riß in einem Steine wuchsen, und hielt sie ihm hin.
-
-Carlos, das Beil in der Linken, zog zitternd einen Halm und hatte den
-kürzeren gezogen.
-
-Da ging sein Bruder zehn Schritte weg, kehrte sich ab und hielt sich die
-Ohren zu.
-
-Carlos ging entschlossen zum Pferd, streichelte es und hob dann das Beil
-in die Höhe, ließ es aber kraftlos sinken und weinte.
-
-Nicolás hatte sich wieder umgewandt, stand da und sah ihn dumpf an.
-
-Am folgenden Morgen ließen sie durch José, für eine kleine Geldsumme,
-die sie aus ihren Sparbüchsen nahmen, das Tier umbringen ...
-
-Drei Tage später kam der General Acevedo zu Besuch aufs Gut. Er war ein
-Mann von etwa fünfzig Jahren mit bereits ergrautem Haar, groß und breit
-und mit einem starken Ansatz von Embonpoint. Er kam auf einem großen,
-schwarzen Maultier geritten, trug einen Poncho um die Schultern und ein
-weißes flatterndes Tuch um den Hals.
-
-Das war ein Fest für die Knaben; er war immer sehr gut zu ihnen gewesen;
-stets brachte er ihnen Geschenke mit.
-
-Diesmal holte er aus seiner Reisetasche zwei große Schachteln mit
-Bleisoldaten heraus und dazu noch für jeden eine Kinderpistole mit roten
-Zündhütchen.
-
-Die Knaben schossen und stellten ihre Soldaten auf. Obgleich der General
-morgen schon wieder reisen mußte, fand er doch noch Zeit, ihnen einen
-großen Drachen zu machen.
-
-Am nächsten Morgen vor dem Unterricht traten Carlos und Nicolás in sein
-Zimmer; das Fenster ging nach dem Garten.
-
-Der General schlief noch, er trug ein elegantes, seidenes Nachthemd mit
-einer Brusttasche, in der ein Batisttaschentuch steckte. Die linke Hand
-lag auf der Bettdecke, sie war weiß, aber kräftig und gut gepflegt, die
-Nägel rosig und schön gestutzt.
-
-Auf dem primitiven Waschtisch sah man ein Schlachtgewühl von Flakons. Es
-roch im Zimmer nach allen möglichen Essenzen. Auf dem Nachttisch stand
-eine offene Pomadenbüchse, in die drei Fliegen ihre Rüssel getaucht
-hielten. Daneben lag ein Revolver mit elfenbeinernem Griff und kleinen
-silbernen Initialen.
-
-Auf der Erde lag offen seine Reisetasche aus indischem Strohgeflecht, in
-der ein Durcheinander herrschte.
-
-Carlos und Nicolás schlichen auf den Fußzehen aus dem Zimmer, um den
-General nicht zu wecken; aber gleich nach der ersten Pause machten sie
-ihm wieder ihren Besuch. Er war eben erwacht, streckte seine Arme mit
-geschlossenen Fäusten in die Höhe und gähnte.
-
-Die Knaben krochen zu ihm ins Bett und rupften ihm am Schnurrbart.
-
-»Macht das eurem Schulmeister, verfluchte Bengels!« rief der General.
-»Wollen wir wetten, ihr habt ihm noch nie einen Streich gespielt?!«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger saß unter dem Nußbaum und las Klopstock, er war
-ganz darin versunken.
-
-»Habt ihr ihm denn noch keinen einzigen Streich gespielt?« forschte der
-General.
-
-Carlos und Nicolás schwiegen und sahen ihn mit großen Augen an.
-
-»Ihr seid Kerls, ihr wollt Argentinier sein und wagt euch nicht an
-diesen _gringo_[2] heran! In eurem Alter war ich doch ein anderer Kerl,
-da habe ich meinen Lehrern ...«
-
-Der General schwieg und schmunzelte.
-
-»Was haben Sie ihnen getan?« fragten Carlos und Nicolás.
-
-»Ich habe ihnen Honig auf die Bank geschmiert, Schwänze an die Röcke
-gehängt, einem habe ich ein Loch in seinen blechernen Nachttopf gebohrt,
-und da er die Gewohnheit hatte, nachts den Topf ins Bett zu nehmen, hat
-es ein großes Unglück gegeben.«
-
-Carlos und Nicolás mußten lachen.
-
-Der General höhnte: »Ihr wollt Argentinier sein? Schämt euch!«
-
-Er strich Carlos über den Schopf und sagte: »Was dich betrifft, so traue
-ich dir sowieso nicht viel zu, du bist viel zu blond!«
-
-Carlos war gekränkt. Er schwieg eine Weile, dann sagte er, jedoch
-ziemlich zaghaft: »So schlagen Sie doch was vor!«
-
-»Bravo!« rief der General. Dann sann er nach.
-
-»Um einen kleinen Anfang zu machen, nehmt eine Hand voll Zündhütchen,
-geht zu eurem Dr. Burstenfecherr und streut sie ihm in seiner Nähe auf
-den Boden. So wie ich ihn kenne, wird er Luftsprünge machen, wenn er
-darauf tritt.«
-
-Die Knaben machten einen harten Kampf durch, aber die höhnische Miene
-des Generals trieb sie zum Entschluß.
-
-Sie griffen in ihre Taschen, wo sie noch einen Haufen Zündhütchen
-hatten, traten aus dem Zimmer und schlichen auf den Hauslehrer zu.
-
-Wie sie ganz nahe bei ihm standen, blickte Herr Dr. Bürstenfeger von
-seinem Buch auf und fragte: »Na, was wollt ihr, Karl und Nikolaus?«
-
-Hinten aber saß der General aufgerichtet in seinem Bett, schwang den
-einen Arm in die Höhe und spornte die Knaben zum Kampf an.
-
-[Fußnote 2: Verächtliche Bezeichnung für Fremder.]
-
-Carlos antwortete: »Wir wollten sehen, was Sie da lesen, Herr Dr.
-Bürstenfeger.«
-
-»Was ich da lese?« antwortete er nicht ohne leises Erstaunen, »ist der
-Messias von Klopstock, aber es wird noch manches Jahr vergehen, bis ihr
-auch darin lesen könnt, Karl und Nikolaus.«
-
-Sie fragten nicht mehr, sie schlichen weiter, mit blutroten Köpfen; sie
-schämten sich vor dem General und schämten sich, daß sie nie gute
-Argentinier werden könnten.
-
-Der General aber war ins Bett zurückgesunken und hielt sich den Bauch
-vor Lachen ...
-
-Am Nachmittag reiste er wieder fort ...
-
-Weiter oben, den Bergen näher, wuchs neben einer großen schattigen Weide
-bei einer Quelle ein Pfirsichbaum, der jedes Jahr um diese Zeit die
-schönsten Früchte trug.
-
-Niemand wußte, wie er dahingekommen war, kein Mensch hatte ihn
-gepflanzt, vielleicht hatte irgendein Vorübergehender bei der Quelle
-einen Kern fallen lassen. Auch Carlos und Nicolás kannten ihn, und eines
-Tages baten sie ihren Lehrer, einen Ausflug mit ihnen dorthin zu machen,
-denn Pfirsiche waren ihre Lieblingsfrucht.
-
-Da Herr Dr. Bürstenfeger heute sehr mit ihnen zufrieden gewesen war, so
-durften sie auf ihre Maultiere steigen, Herr Dr. Bürstenfeger stellte
-sich in die Mitte, und man brach auf.
-
-Am Ziel angelangt, blieben die Knaben, auf seinen Befehl hin, auf ihren
-Tieren sitzen, Herr Dr. Bürstenfeger schritt zum Baume, von dem sich
-eine bunte Schar von Singvögeln kreischend erhob, und rüttelte am Stamm.
-
-Eine ganze Anzahl Pfirsiche fiel herab, er hob einige auf, prüfte sie,
-bewegte unentschlossen den Kopf und sagte endlich: »Karl und Nikolaus,
-wartet eine Woche noch, dann sind sie ganz reif.«
-
-Und nach diesem Bescheid kehrte er mit ihnen, ohne daß sie einen
-einzigen Pfirsich gegessen hatten, zum Gut zurück.
-
-Als die Woche vorbei war, ließ er sie noch zwei Tage warten, dann sagte
-er: »Ich werde euch nicht begleiten, reitet allein!«
-
-Er nahm Carlos' Hand in seine Rechte und die des Bruders in die Linke
-und fügte mit nachdrücklichem Ernst hinzu: »Karl und Nikolaus, ihr wißt,
-daß ich es gut mit euch meine, ihr seid bisher gehorsame Knaben gewesen,
-ich kann es ruhig sagen: bis auf gewisse Ausnahmen. Ich habe
-beschlossen, von nun an euch nicht mehr auf Schritt und Tritt zu folgen,
-ihr seid selbständig genug.«
-
-Pause! -- Darauf feierlich: »Karl und Nikolaus, ich nehme euch das
-Versprechen nicht ab, ihr seid frei, zu handeln, wie ihr wollt. Aber
-Karl und Nikolaus« -- und jetzt lag ein Ausdruck von wehmütiger Sorge
-auf seinem Gesicht: »Ich bitte euch, als euer väterlicher Freund, eßt
-nicht mehr als vier Pfirsiche jeder!«
-
-Carlos und Nicolás, glücklich, überhaupt Pfirsiche essen zu dürfen,
-gelobten ihm das, Herr Dr. Bürstenfeger aber zog die Hände zurück zum
-Zeichen, daß sie sich nicht durch ein Versprechen binden sollten.
-
-So waren sie aus seiner Hut entlassen und ritten davon.
-
-Bei der Quelle banden sie ihre Maultiere an die Weide und stiegen auf
-den Pfirsichbaum hinauf. Singvögel stoben kreischend auseinander.
-
-Nun pflückte jeder von ihnen vier der schönsten Pfirsiche, und sie
-wollten schon wieder herabsteigen, als Carlos den Vorschlag machte, sie
-oben zu essen, weil es ihm schien, daß sie dann besser schmeckten; und
-so saßen sie sich denn gegenüber, jeder auf einem dicken Ast, lautlos
-und beobachteten sich gegenseitig aufmerksam, und wenn einer einen Biß
-tat, wartete der andere eine Weile und biß ein etwas kleineres Stück ab;
-denn jeder wollte, um einen längeren Genuß zu haben, der letzte sein.
-Bei diesem stummen Ringen verhielten sie sich so mäuschenstill, daß
-sämtliche verscheuchten Vögel sich wieder zurückwagten, und es war ganz
-still bis weithin. Unten nur hörte man die Quelle murmeln, und oben war
-ein Kauen und Picken.
-
-Als nun Carlos seine vier Pfirsiche verzehrt hatte, hatte Nicolás noch
-einen, den wollte er auf dem Heimweg essen. Sie kletterten wieder herab
-und stiegen auf ihre Maultiere, Nicolás in etwas gedrückter Stimmung,
-Carlos tief melancholisch.
-
-Stumm ritten sie nebeneinander her. Nicolás hielt seinen Pfirsich in der
-Hand, strich mit den Fingerspitzen darüber hin, manchmal roch er daran,
-einmal wollte er hineinbeißen, besann sich aber und steckte ihn wieder
-in die Tasche.
-
-Carlos schaute zu, seine Augen füllten sich mit Tränen, er wollte sich
-zur Resignation zwingen, aber der innere Kampf dauerte fort.
-
-Plötzlich hielt er sein Maultier an, stieß einen schweren Seufzer aus
-und sagte zu seinem Bruder: »Ich reite zu Bernabé, dem Ziegenhirten,
-sage Herrn Dr. Bürstenfeger, ich werde in einer Stunde nachkommen.« Dann
-wandte er sein Maultier, ritt zum Pfirsichbaum zurück und setzte sich
-auf den Ast, auf dem er vorhin gesessen war. Beschämt und zaghaft biß er
-in den ersten Pfirsich, dann aber wurde er kühner, und bald dachte er an
-nichts weniger, als an Herrn Dr. Bürstenfeger und seine inständige
-Bitte.
-
-Als er endlich genug hatte, stieg er hinunter, setzte sich faul an den
-Baumstamm und war in kurzer Zeit, ohne daß er wußte wie, eingeschlafen.
-
-Als er erwachte, verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, langsam
-krochen die Schatten die Ebene hinab.
-
-Sein erster Gedanke war, daß er Herrn Dr. Bürstenfeger jämmerlich
-hintergangen hatte, und eine tiefe Traurigkeit erfüllte ihn. Er saß da,
-den Kopf an den Baum gelehnt, und weinte vor Reue.
-
-Aber es war schon spät, und er mußte an die Rückkehr denken.
-
-Im Schritt, die losen Zügel in der Hand, ritt er heimwärts; er war aber
-noch keine Viertelstunde geritten, als er sich mit Schrecken erinnerte,
-daß unter dem Baume die Kerne der vielen gegessenen Pfirsiche lagen, die
-würden ihn verraten, er kehrte daher um und vergrub sie nahe bei der
-Quelle. Schon wollte er wieder aufs Pferd steigen, als ihn plötzlich der
-Gedanke überfiel, aus den Kernen könnten Pfirsichbäume wachsen, und
-obgleich er wußte, daß es noch in weiter Ferne lag, ließ der Gedanke ihm
-doch keine Ruhe, er scharrte die Kerne wieder aus und steckte sie in
-seine Rocktasche.
-
-Als er im Gut ankam, war die Ebene schon ganz vom Abend beschattet. Aber
-fern am Horizont stieg blutrot der Mond auf.
-
-Vor ihm stand Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Du warst beim Ziegenhüter Bernabé«, sagte er, »du hättest nicht so spät
-heimkommen sollen, Karl.«
-
-Ganz harmlos, etwas vorwurfsvoll sagte er das, und doch war etwas wie
-leises Mißtrauen in seiner Stimme.
-
-»Ich war beim Ziegenhirten Bernabé«, antwortete Carlos. Seine Stimme
-zitterte, er blickte Herrn Dr. Bürstenfeger nicht in die Augen. Trotz
-der ziemlichen Dunkelheit sah Herr Dr. Bürstenfeger, daß Carlos über und
-über rot war.
-
-Da wußte er, daß er ihn belogen hatte, und stumm wandte er sich ab, von
-Beschämung überwältigt.
-
-Carlos aber ging ins Zelt, legte sich zu Bett und schluchzte in die
-Kissen hinein.
-
-
-
-
- Nach Paraguay
-
-
-Im Garten blühten die Veilchen, es duftete der Mimosenbaum; aber der
-Winter hatte schon lange begonnen.
-
-In der Frühe standen Carlos und Nicolás im Garten vor dem Springbrunnen.
-Der bronzene Reiher streckte den Kopf in die Höhe, und kalte Tropfen
-rieselten ihm über Hals und Brust in das Bassin herab, wo sich eine
-dünne Eisschicht gebildet hatte. Die Knaben drückten den Finger darauf,
-daß sie brach, und sie dachten: Hundertmal so dick und tausendmal so
-weit, und es ist ein Fest in Europa, die roten Lampions leuchten, auf
-großen Tribünen spielt die Musik, und man schwebt wie auf weiten Flügeln
-über die Fläche.
-
-So hatte es Tia Lolita erzählt und ähnlich auch Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-Tia Lolita war die jüngste Schwester ihrer Mutter; die Knaben nannten
-sie aber gewöhnlich nur Lolita.
-
-Sie war sechzehn Jahre alt, hatte langes, goldblondes Haar und trug ein
-blaues Kleid mit Matrosenkragen. Jedermann sagte, sie sei ein
-ungewöhnlich schönes Mädchen. Carlos und Nicolás meinten: vielleicht das
-schönste auf der ganzen Welt.
-
-Damals, als sie noch im Kloster erzogen wurde, sahen die Knaben sie nur
-manchmal des Sonntags. Dann aber spielte sie mit ihnen, erzählte ihnen
-schöne Geschichten und ritt mit ihnen aus. Jetzt, da sie von Europa
-zurück war, wo sie sich mit der Großmama zwei Jahre aufgehalten hatte,
-kam sie beinahe jeden Tag zu ihnen auf Besuch.
-
-In Herrn Dr. Bürstenfeger aber schien seitdem etwas Seltsames
-vorzugehen.
-
-Oft mitten im Unterricht, wenn Carlos und Nicolás über einem
-Rechenexempel saßen oder aus dem Gedächtnis ein Lesestück
-niederschrieben, erhob er sich plötzlich, stampfte auf, ballte die
-Fäuste, setzte sich ans Klavier und phantasierte mit flammenden Backen,
-und seine Hände rasten über die Tasten, wie losgelassene Pferde auf der
-Pampa; mit einem Schlage aber hielt er inne, seufzte tief auf, und es
-war ein sehr wehmütiges Spiel, das nun folgte.
-
-Manchmal, wenn Carlos und Nicolás hinten im Garten waren, sahen sie ihn
-auf der Terrasse auf und ab gehen, den Blick zu Boden gerichtet, wie in
-tiefe, melancholische Gedanken versunken. Es war die Zeit, wo er sonst
-immer die Hefte korrigierte; die Knaben wußten nicht, was es zu bedeuten
-hatte.
-
-Eines Morgens, während der ersten Pause -- Carlos und Nicolás schnitten
-Figuren aus einem Pappdeckel -- klopfte es, und Tia Lolita stand im
-Zimmer.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger machte einen Schritt zurück, über und über
-errötend, verbeugte sich und wischte sich die Finger, die voll Kreide
-waren, an den Rockschößen ab.
-
-Die Knaben sprangen auf, packten die Tante an beiden Armen und drehten
-sie im Kreise herum.
-
-»Carlos und Nicolás«, sagte sie, die Hand an der Stirne, denn es war ihr
-schwindlig, »wir reisen in einigen Tagen alle miteinander nach der
-Kolonie Trinidad. Mama hält es nicht mehr aus!«
-
-Die Knaben stürzten ins Zimmer ihrer Mutter: es war wahr, in einer Woche
-reiste man. --
-
-Es goß in Strömen an dem Tage der Abfahrt.
-
-Carlos und Nicolás knieten auf dem Sofa im Salon des Dampfers und
-schauten zum Fenster hinaus. Die Wolken hingen zerfetzt und niedrig. Aus
-dem Schornstein stieg schwarz der Rauch auf. Die Knaben folgten ihm mit
-den Blicken, und als er ganz hoch war, glaubten sie, er sei jetzt auch
-eine Wolke.
-
-Man hatte vor drei Stunden Campana verlassen; große beladene Barken
-strichen vorüber, langsam, mit eingezogenen Segeln, die dunkel vom Regen
-waren. Carlos und Nicolás schauten auf die trübe Fläche des Stromes, auf
-der fortwährend Blasen entstanden und platzten. Leise pochte die
-Maschine.
-
-Darauf setzten sie sich zu Tia Lolita, die melancholisch in einem großen
-roten Album blätterte, und verlangten, daß sie ihnen eine Geschichte
-erzählte.
-
-»Das Märchen von Amlet!« bat Carlos.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger, der in der Nähe saß und eine Idylle von Voß las,
-sah auf.
-
-»Meinst du Hamlet? ... Aber das ist doch kein Märchen, sondern ein
-Trauerspiel!«
-
-Carlos begriff das nicht recht, es war doch keine wahre Geschichte,
-sondern ausgedacht.
-
-»Erzähle uns lieber das Märchen vom Swinegel und sine Fru, es ist viel
-schöner!« rief Nicolás.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger sah manchmal auf, die Parallele schmerzte ihn.
-
-Und Tia Lolita erzählte, um Carlos zu befriedigen, »das Märchen von
-Amlet« und dann das Märchen vom Swinegel und sine Fru, um Nicolás zu
-befriedigen.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger hatte zugehört und war entzückt, er sagte sich:
-Hamlet ist doch eigentlich nichts für Kinder, aber wie hat sie gewußt,
-es ihnen nahezubringen, mit welch feinem Eindringen in die kindliche
-Seele!
-
-Hundertmal schon hatte Tia Lolita ihnen das Märchen von Amlet erzählt,
-und hundertmal schon das Märchen vom Swinegel und sine Fru; aber es war
-immer wieder eine neue Geschichte für sie.
-
-Carlos sagte: »Armer, armer Amlet, aber auch armer Polonius!«
-
-Über das Schicksal der Ophelia jedoch waren sie sehr erfreut, Tia Lolita
-hatte nämlich, um ihre Gemüter nicht zu sehr zu belasten, es von Grund
-aus umgestaltet und einen fröhlichen Ausgang erdacht.
-
-Nicolás sagte: »Beim Märchen vom Swinegel und sine Fru kann man auch
-traurig und lustig sein, die Swinegels sind komisch, aber der Hase tut
-mir leid.«
-
-Tia Lolita bestätigte das, und Herr Dr. Bürstenfeger lächelte
-nachsichtig und milde.
-
-Es wurde zu Tische geläutet, nachher ging Herr Dr. Bürstenfeger in seine
-Kabine, um ein Mittagsschläfchen zu halten.
-
-Carlos und Nicolás spielten mit Tia Lolita Fangen, und dann versteckten
-sie sich, und sie mußte sie suchen.
-
-Carlos war schlau; er wußte, daß sie schwerlich auf Deck gehen würde,
-weil es in Strömen regnete, ging hinauf und duckte sich in eine
-Taurolle.
-
-Nach seinem Mittagsschläfchen begab sich Herr Dr. Bürstenfeger in den
-Salon; er fand die Knaben nicht, suchte sie und sah sie schließlich oben
-auf Deck mit aufgespannten Regenschirmen bei Backbord sitzen, jeder eine
-lange Angelrute in der Hand. Die gehörten dem Schiffskommissär. Sie
-hatten sie vor seiner Kabine stehen sehen, und auf ihre Frage, ob er
-erlaube, daß sie damit Fische für das Abendessen fingen, war er überaus
-erfreut darüber gewesen; und nun saßen Carlos und Nicolás bereits
-dreiviertel Stunden lang da und fingen nichts.
-
-Der Lehrer legte ihnen die Hand auf die Schulter und belehrte sie, es
-sei bei der schnellen Fahrt nicht gut möglich, Fische zu fangen, und der
-Schiffskommissär, der weiter hinten unter Dach stand, lachte und meinte,
-die Fische müßten lange Beine haben, und warnte sie vor dem Kapitän, der
-beleidigt sei, denn sein Schiff sei kein lahmer Klepper.
-
-Bei Tisch sahen Carlos und Nicolás nach der Spitze, wo der Kapitän saß,
-und waren nachher furchtbar froh, weil er nichts gesagt hatte.
-
-Heute hatte man frei gehabt, aber morgen war Schule ...
-
-»Wir werden gesattelt«, sagte Carlos zu Nicolás, als Herr Dr.
-Bürstenfeger sie zum Unterricht abholte. Sie meinten, so müsse es auch
-ihren Ponys zumute sein, wenn die Knaben mit ihren Zäumen kamen.
-
-Übrigens war es ungewiß, wer diesen Witz erdacht hatte, Carlos oder
-Nicolás. Der Witz war alt, jeder nahm ihn für sich in Anspruch, und sie
-hatten sich manchmal ernstlich darüber gestritten.
-
-Auf Carlos' Vorschlag führten sie seit einiger Zeit ein Notizbuch in der
-Tasche, und machte einer von ihnen einen Witz, so wurde er sofort in
-beide Hefte eingetragen und darunter geschrieben:
-
- Diesen Witz hat Carlos (oder Nicolás) am 5.
- November 18.. um 4 Uhr nachmittags auf
- einem Ritt nach Flores gemacht.
-
-Es folgten dann beide Unterschriften.
-
-Aber auch dies lief nicht immer ohne Streitigkeiten ab, denn oft war der
-andere geneigt, den Witz zu schlecht zu finden, als daß er notiert
-werden sollte, was ihn aber manchmal nicht daran hinderte, später, als
-er bereits längst vergessen schien, darauf zurückzukommen und für sich
-die Autorschaft zu beanspruchen. --
-
-In Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine lag alles fein säuberlich
-nebeneinander: das Rechenbuch, das Lesebuch, die französische Grammatik,
-zwei Hefte und zwei gespitzte Bleistifte.
-
-Sie setzten sich. Zuerst kam das Rechnen, dann folgte Französisch.
-
-Draußen vor der Tür aber war Geräusch zu hören, ganz sicher stand dort
-jemand und horchte.
-
-Carlos wurde unruhig. Herr Dr. Bürstenfeger aber tat, als höre er
-nichts. Er öffnete die Grammatik und las:
-
-»_Ma tangt a oublie song parablü_«, und Carlos übersetzte: »Meine Tante
-hat ihren Regenschirm vergessen.«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger las: »_Hannibal frangschi les Alp._«
-
-Carlos starrte nach der Tür. Er hörte kichern, ganz deutlich sah er ein
-Auge durch das Schlüsselloch.
-
-Er würgte und übersetzte: »Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen.«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger fuhr auf, er glaubte, Carlos erlaube sich einen
-Scherz. Dann aber erkannte er seine Verwirrung.
-
-Er stand auf, ging entrüstet nach der Tür und öffnete.
-
-Es war Tia Lolita gewesen, die schnell entschlüpft war, ohne daß Herr
-Dr. Bürstenfeger sie gesehen hatte.
-
-Der Unterricht wurde fortgesetzt.
-
-Zum Schluß kam das Freiturnen, der Gesang wurde ausgelassen.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger öffnete die Luke, damit frische Luft herein käme,
-und es wurde mit der Kniebeuge begonnen, zuerst er und Carlos allein,
-weil zu wenig Raum in der Kabine war.
-
-Carlos dachte: Wir bewegen uns auf und ab wie die Kolben unten in der
-Maschine. Er empfand es aber nicht als einen Witz, weil er zu erbittert
-war ...
-
-In der Nacht schliefen Carlos und Nicolás lange nicht ein vor Aufregung;
-am Morgen würden sie ihr Landgut passieren, noch nie waren sie im Schiff
-daran vorbeigefahren. Außerdem hatten sie einige Tage vor ihrer Abfahrt
-einen Brief an den Verwalter geschrieben, unter welchen die Mama ihre
-Unterschrift gesetzt hatte. Darin stand, daß, wer Zeit hätte: der
-Capataz, Ramon der Stallknecht, Juanita die Tochter des Schafhirten,
-Juan der Sohn des Capataz, sich, sobald das Schiff in Sicht wäre, ans
-Ufer begeben sollte, weil Carlos und Nicolás mit dem Taschentuch winken
-wollten.
-
-Die Knaben baten den Kapitän, sich möglichst nahe an der Küste zu
-halten, und gaben ihm den Grund an.
-
-Der Kapitän, der ihnen scheinbar das Fischen gar nicht übelgenommen
-hatte, erklärte sich bereit, und wirklich fuhr er so nahe daran vorbei,
-als er konnte.
-
-Von allem Gesinde aber waren nur Ramon der Stallknecht und Miguel der
-Koch anwesend.
-
-Carlos und Nicolás waren ganz außer sich vor Freude, winkten und
-schrieen, man konnte aber nichts verstehen.
-
-In gestrecktem Galopp kam plötzlich Juan auf Carlos' Pony, das er ihm
-für die Zeit seiner Abwesenheit geliehen hatte, dahergeritten.
-
-Um zu zeigen, daß er so schnell als das Schiff sei, ritt er in Karriere
-mit diesem parallel und hieb unbarmherzig auf das Pferd ein; mit seinem
-dicken Bauch und seinem kurzen Halse glich es einer dahinstürmenden
-Wildsau.
-
-Carlos hatte sich anfangs gefreut, dann aber begann er, sich über Juan
-zu ärgern.
-
-»Hau nicht so! Hau mein Pferd nicht so!« schrie er, »sonst hau ich
-dich!«
-
-Juan aber kehrte sich nicht daran, erstens weil er nichts hörte, und
-zweitens, weil Carlos ihn doch nicht hauen konnte.
-
-Die Passagiere aber lachten. --
-
-Man hatte bereits San Nicolas, Rosario und Santa Fé hinter sich.
-
-Die warme Luft des Nordens begann sich schon bemerkbar zu machen. Heute
-war ein schöner, windstiller Tag.
-
-Nach dem Mittagessen lag man auf Deck unter dem aufgespannten Toldo auf
-langen Strohstühlen und trank schwarzen Kaffee und rauchte Zigaretten.
-
-Auch Herr Dr. Bürstenfeger war oben, lag aber nicht, sondern saß, auch
-rauchte er nicht Zigaretten, sondern eine leichte Bremer Zigarre, von
-denen er einen großen Vorrat aus Deutschland mitgebracht hatte, ohne sie
-dem Zoll vorzuenthalten.
-
-Zwei Stunden später hielt plötzlich das Schiff mit starkem Erbeben an,
-die Schaufelräder bohrten sich in den Grund, ein Dutzend Gläser und
-sechs Flaschen zerbrachen, ein Buch fiel in Herrn Dr. Bürstenfegers
-Kabine vom Netz. Es war Wassertiefstand, und man war auf eine Sandbank
-aufgefahren. Es war aber weiter kein Unglück geschehen.
-
-Gegen Dämmerung kam ein großes Dampfschiff den Strom herab; mit Tauen
-versuchte es das andere frei zu machen, aber es war umsonst.
-
-Am Morgen jedoch, als Carlos und Nicolás erwachten, war man bereits
-wieder in voller Fahrt begriffen. Ein Sturm hatte in der Nacht das
-Schiff flott gemacht.
-
-Vor Ablauf einer Woche langte man in Formosa an. Man ging ans Land. Auf
-einem Balkon saß ein schönes kleines Mädchen, fächelte sich mit einem
-Papierfächer und kokettierte zu Carlos und Nicolás herab. Carlos und
-Nicolás blieben stehen und lächelten hinauf, Herr Dr. Bürstenfeger
-drängte vorwärts; das schöne kleine Mädchen klappte den Papierfächer zu
-und lachte.
-
-Sieben Stunden war man bereits wieder unterwegs; ein Dampfer mit
-Militärbesatzung fuhr stromabwärts. Es galt, Formosa zu Hilfe zu kommen,
-das soeben von Horden von Tobasindianern angegriffen worden war.
-
-Carlos und Nicolás hörten die Nachricht und waren trostlos, daß ihr
-Schiff so früh abgefahren war, so daß sie sich nicht am Kampfe
-beteiligen konnten. Es fiel ihnen plötzlich ein, daß das kleine schöne
-Mädchen, das in Formosa auf dem Balkon gestanden hatte, in großer
-Lebensgefahr sein müsse. Niemals würden Carlos und Nicolás erfahren, ob
-sie tot sei, denn sie hatten die Straße, wo sie wohnte, vollständig
-vergessen, auch konnten sie sich ihres Gesichtes gar nicht mehr
-erinnern, so starken Eindruck es auch auf sie gemacht hatte. Und sie
-waren erfüllt von Traurigkeit.
-
-Ganz in der Frühe hielt wieder der Dampfer an. Vom Lande wurde eine
-lange Brücke bis zum Schiff geschlagen, ein langer Zug von Indianern und
-Indianerinnen brachte Orangen an Bord in großen Körben, die sie auf den
-Köpfen trugen.
-
-Bis spät nachmittags dauerte das Verladen. Auf dem vorderen Teil des
-Schiffes ragte ein goldener Berg von Orangen, ein leiser Wind ging und
-brachte den Duft herüber.
-
-Carlos und Nicolás gruben sich ein Loch in den Berg, kauerten hinein und
-aßen Orangen.
-
-Der Kapitän sah es, auch die Verlader sahen es, sagten aber nichts.
-
-Die Knaben jedoch glaubten von niemandem beobachtet zu sein und fanden
-es romantisch und abenteuerlich.
-
-Gegen Dunkelwerden fuhr man ab. --
-
-Am Morgen nach dem Frühstück -- die Knaben saßen im Eßzimmer -- erscholl
-plötzlich auf Deck Gewehrschießen. Sie sprangen auf und eilten hin, Herr
-Dr. Bürstenfeger sehr besorgt hinter ihnen her.
-
-Oben wurde auf Alligatoren geschossen, die sich auf dem nahen Ufer
-sonnten.
-
-Vor einer Stunde hatten sich die ersten gezeigt, bis jetzt zählte man
-bereits über zwanzig; zwei Passagiere hatten ihre »Remingtons«
-heraufgebracht, und andere eilten, es ihnen nachzutun.
-
-»Karl und Nikolaus,« rief streng Herr Dr. Bürstenfeger, »kommt zum
-Unterricht herab!«
-
-Carlos begann zu weinen, Nicolás war sehr niedergedrückt. Aber es half
-nichts.
-
-Es wurde die Grammatik aufgeschlagen, und Carlos las: »_Après la
-bataille de Marathon_ ...«
-
-Oben auf Deck aber krachte ein Schuß nach dem andern.
-
-»_Après la bataille de Marathon_ ...« heulte Carlos. »Oh, Herr Dr.
-Bürstenfeger, lassen Sie uns hinauf!«
-
-Aber Herr Dr. Bürstenfeger wehrte streng ab.
-
-Er hätte wohl den Unterricht verschoben, wenn es sich um eine würdigere
-Sache gehandelt hätte, aber er wollte nicht, daß Carlos und Nicolás
-ihren Spaß daran hätten, daß Tiere getötet werden.
-
-Da ging die Türe auf, und Tia Lolita stand in der Kabine.
-
-»Herr Dr. Bürstenfeger,« bat sie, »lassen Sie die Knaben hinauf!«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger war blutrot. Er verbeugte sich und sagte flehend:
-»Mein gnädiges Fräulein, ich bitte ... ich bitte Sie ... nein ... mein
-gnädiges Fräulein ...!«
-
-Es war umsonst, Tia Lolita kehrte unverrichteter Sache zurück.
-
-Es waren aber nicht drei Minuten vergangen, da schlug er plötzlich sein
-Buch zu und rief, während seine Stimme vor Beschämung bebte: »Geht
-hinauf, Karl und Nikolaus, geht hinauf!« --
-
-Am Abend war man in Asuncion.
-
-
-
-
- Paraguay
-
-
-»Nach dieser langen Flußfahrt ist es nötig, daß wir uns endlich einmal
-gründlich Bewegung machen«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und nahm Carlos
-und Nicolás bei der Hand.
-
-Und sie spazierten auf den Straßen von Asuncion, der Stadt mit den
-blendend weißen Häusern, den vorgebauten Holzgitterfenstern, den
-bedeckten Galerien, in denen Hängematten hingen, und den breiten,
-ungepflasterten Straßen mit der roten, weichen Erde. Der Duft der
-Orangenblüte erfüllte die Stadt. Frauen, eingehüllt in lange, weiße
-Tücher, wandelten langsam und sehr aufrecht, bunte Krüge auf den Köpfen.
-In ihren Gärtchen, unter Orangenbäumen, lagen die Männer, manchmal nur
-mit einem Hemd bekleidet, und schliefen.
-
-»Es ist dies ein paradiesisches Land,« sagte der Lehrer, »ohne Hast und
-Qual und ohne Arg verbringen die Menschen hier ihre Tage, brauchen, um
-zu leben, nur die Hand auszustrecken nach den herrlichen Früchten, die
-diese gütige Erde ihnen spendet.«
-
-Der Weg führte sie am Markt vorbei.
-
-Carlos und Nicolás sahen zwei Affen je auf einem großen Kürbis kauern.
-Vier uralte, verschrumpfte Indianerinnen saßen um einen großen Kessel,
-kauten Mais und spuckten ihn hinein.
-
-»Der Speichel bringt den Mais zum Gären, daraus wird Schnaps«, sagte
-Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte sich.
-
-Aber die Aufmerksamkeit der Knaben war auf die beiden Affen gerichtet.
-
-Wenn man nach Paraguay käme, sollten sie einen haben, hatte die Mama
-gesagt.
-
-Eine der alten Indianerinnen erhob sich, setzte auf jede Hand einen
-Affen und hielt sie dem Hauslehrer hin.
-
-Sie wimmerten und kratzten sich.
-
-»Herr Dr. Bürstenfeger, kaufen Sie uns einen Affen!« baten Carlos und
-Nicolás zugleich.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger machte eine erschrockene Bewegung; er erinnerte
-sich an das Versprechen, das ihnen die Mama gegeben hatte.
-
-Aber kein Tier war ihm so unsympathisch wie ein Affe.
-
-»Kaufen Sie uns einen Affen!« wiederholten die Knaben.
-
-Nach einigem Zaudern begann er mit der Indianerin zu unterhandeln.
-
-Carlos und Nicolás waren sich nicht einig in der Wahl; schließlich
-einigten sie sich auf den, der auf der linken Hand saß, und der Lehrer
-gab seine Einwilligung.
-
-Als aber die Indianerin die Kiste, in die er hineingehörte, in die Höhe
-hob und ihn an der Schnur zog, an der er angebunden war, fielen sich
-beide Tiere in die Arme und begannen laut zu heulen.
-
-Sie wußten es von manchen Vorgängern, daß es galt, Abschied zu nehmen.
-
-»Arme Affen!« sagten Carlos und Nicolás.
-
-Auch Herr Dr. Bürstenfeger war voller Mitleid.
-
-Die Affen hielten sich umklammert, der Lehrer war ratlos.
-
-»Kaufen Sie beide!« baten die Knaben.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger rang mit sich.
-
-»Es wäre eine Grausamkeit, die armen Tiere zu trennen!« entschied er
-endlich.
-
-Er gab der Indianerin eine Weisung, die Knaben jubelten, und einige
-Minuten später zogen sie heim, Carlos und Nicolás rechts und links von
-Herrn Dr. Bürstenfeger, jeder mit seiner Kiste und seinem Affen. --
-
-Zwei Tage später fand die Weiterreise nach Trinidad statt; es war ein
-Ritt von fünf Stunden.
-
-Zum erstenmal in seinem Leben mußte sich Herr Dr. Bürstenfeger
-entschließen, auf ein Pferd zu steigen. In ganz Asuncion war kein
-einziger Wagen aufzutreiben. Sie hätten kaum fortkommen können auf der
-weichen, lockeren Erde der Wege.
-
-Da der Tag zu heiß war, entschloß man sich, nachts zu reisen.
-
-Man brach um 11 Uhr auf, bei herrlichem Mondschein, um mit beginnender
-Dämmerung anzukommen.
-
-Die Pferde waren zahm und mager, und es war gesorgt worden, daß Herr Dr.
-Bürstenfeger das zahmste erhielt. Die Eltern, Tia Lolita und die übrigen
-ritten voraus. Carlos und Nicolás ritten neben ihrem Lehrer und waren
-beschäftigt, sein Tier anzutreiben, wenn sie traben wollten. Gewöhnlich
-aber ging es im Schritt, da der Weg zum größten Teil durch Urwälder
-führte. --
-
-Die Kolonie Trinidad war von Urwäldern umgeben, nachts drang von dort
-das Geschrei der Brüllaffen herüber.
-
-Der größte Teil der Einwohnerschaft bestand aus deutschen Bauern und
-Handwerkern, die beinahe alle eine zweifelhafte Vergangenheit hatten.
-
-Sie waren zusammengewürfelt aus allen Teilen des Reiches, und man hörte
-sämtliche Dialekte nebeneinander.
-
-Es lebten aber auch dort Leute aus anderen Gesellschaftsklassen:
-verbummelte deutsche Studenten, durchgefallene Mediziner, die sich um
-die Praxis rauften, verlotterte Richter und Advokaten. Sie nannten sich
-»alte Semester« und berauschten sich nachts an billigem Schnaps; es
-wimmelte in Trinidad von Wirtshäusern. Des Tages aßen sie Orangen,
-Bananen und Mandioca, das kostete wenig.
-
-Alle Einwohner lebten in Haß und Hader miteinander.
-
-Ging Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Dorfe spazieren,
-widerhallten seine Ohren von böswilligem Klatsche.
-
-Der Bäcker lauerte ihm auf und begeiferte den Schuster, der Schuster
-ging ihnen heimlich nach, und sobald Herr Dr. Bürstenfeger frei war,
-redete er schmählich über den Bäcker, der Tischler folgte und erzählte
-Ruchloses von der Frau des Bienenzüchters.
-
-Und ganz so war es auch mit den Ärzten, Richtern und Advokaten bestellt.
-
-Anfangs ließ Herr Dr. Bürstenfeger wortlos den Schwall über sich
-ergehen. Dann aber wehrte er mit den Händen ab und floh nach dem Urwald.
-
-Aber als er nach Hause zurückkehrte, umging er das Dorf. --
-
-Zweimal in der Woche war es Carlos und Nicolás erlaubt, allein
-auszureiten. Herr Dr. Bürstenfeger erlaubte es, weil die Gegend sicher
-war, von den friedlichen Guarangsindianern war keine Gefahr zu erwarten.
-
-Auf ihren mageren, struppigen Pferden schlugen die Knaben am liebsten
-die Richtung dahin ein, wo bald nach dem Urwald die Steppe begann.
-
-Da konnten sie lange Galopp reiten, und es erinnerte sie an die Pampas
-in Argentinien. Nur erhoben sich hier von Zeit zu Zeit kleine
-Palmenhaine. Die Palmen aber standen nicht dicht beieinander, sondern
-so, daß die Sonne breit hineinfluten konnte.
-
-Sie ritten, bis der Urwald ein schwarzer Streifen am Horizont war,
-stiegen von den Pferden und legten sich ins Gras, wie sie es oft auf
-ihrem Gute getan hatten, und lauschten in die Stille hinein; eine
-Heuschrecke klapperte, irgendwo sang ein Vogel. Diese Geräusche und die
-Hitze des Tages wiegte sie in Halbschlaf ein.
-
-Carlos träumte, er jage hinter Straußen, dann träumte er, daß er mit den
-wilden Tobasindianern kämpfe. Plötzlich erwachte er. Er rieb sich die
-Augen, und es war seltsam, was er eben geträumt hatte, sah er deutlich
-aber regungslos in die Wolken gezeichnet, die über dem Horizonte
-lagerten, und je länger er hinstarrte, um so lebendiger wurde das Bild.
-Er schloß die Augen und sah es langsam vergehen, er öffnete sie, und das
-Bild schwebte über dem Horizonte. --
-
-Eines Tages, als Carlos und Nicolás in den Urwald ausritten, begegneten
-sie einem kleinen Indianer. Er hielt eine große bunte Schlange, die er
-eben getötet hatte, auf einem Stocke.
-
-Carlos fragte, ob er sie verkaufen oder gegen irgend etwas vertauschen
-wollte.
-
-Da er nickte, sie aber kein Geld hatten, sprang er vom Pferd und gab ihm
-eine Satteldecke dafür.
-
-Auf dem Heimritt beschlossen sie, eine Schlangensammlung zu machen.
-
-Sie verschafften sich Flaschen, denen sie die Köpfe abschlugen, und
-füllten sie mit Spiritus.
-
-Einen Teil ihrer Mußestunden aber verbrachten sie damit, Schlangen
-aufzustöbern, die sie töteten, in die Flaschen taten und sorgfältig in
-ihrem Kleiderschrank verschlossen, weil sie wußten, welchen Abscheu Herr
-Dr. Bürstenfeger vor diesen Reptilien hatte.
-
-Aber das Unglück wollte es, daß einmal der Schrank aufblieb und Herr Dr.
-Bürstenfeger hineinsah und mit einer Miene, als blicke er in Blaubarts
-Kammer.
-
-Er strafte sie aber nicht, er war nur sehr blaß und sagte: »Karl und
-Nikolaus, ihr habt mich unendlich betrübt!«
-
-Carlos und Nicolás gelobten ihm unter Tränen, nie mehr eine Schlange zu
-fangen, flehten ihn aber an, diese behalten zu dürfen, da sie ja tot
-seien und dabei so wunderbar schöne Tiere.
-
-Diese letztere Bemerkung erregte in Herrn Dr. Bürstenfeger wieder ein
-Gefühl des Grausens. Mit großem Nachdruck erwiderte er: »Daß ihr nie
-mehr welche fangen werdet, weiß ich -- im übrigen habe ich euch nichts
-mehr zu sagen!«
-
-Damit entfernte er sich.
-
-Seine Unterhaltung mit den Knaben beschränkte sich von nun an auf das
-Allernotwendigste; er hatte durch Zenobia in Erfahrung gebracht, daß die
-Schlangen noch immer im Schrank seien.
-
-In der Schule sagte er mit höchst betrübtem Tonfall: »Jetzt gehen wir
-zum Kopfrechnen über«, oder »Karl, schlag deine Grammatik auf!«
-
-Und das trieb er so lange, bis Carlos und Nicolás es nicht mehr ertragen
-konnten und die Schlangen vergruben.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger zuckte mit keiner Miene, als er es erfuhr. Abends
-aber, als sie zu Bett gegangen waren, gab er ihnen mit ungleich mehr
-Herzlichkeit, als in den letzten Tagen, den Gutenachtkuß. --
-
-Eines Vormittags während der großen Pause saßen Carlos und Nicolás
-rechts und links von Tia Lolita unter dem Bananenbaum vor dem Hause.
-
-Carlos hatte ihr die Zöpfe aufgeflochten und das Haar auf die Schultern
-gelegt, daß auch ihr Gesicht umrahmt war. So fand er sie noch viel
-schöner als gewöhnlich und nannte sie Genovefa.
-
-»Du siehst wie Sneewittchen aus,« sagte Nicolás, »das war die schönste
-Königstochter.«
-
-Tia Lolita lachte: »Ich kann doch nicht Sneewittchen gleichen; ihr Haar
-war doch so schwarz wie Ebenholz, und ich bin blond!«
-
-»Aber der Gänsemagd gleichst du«, meinte er.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger kam vorbei. Er blieb stehen und starrte Tia Lolita
-an.
-
-»Mit einer Gänsemagd vergleicht Nicolás mich, was meinen Sie dazu, Herr
-Dr. Bürstenfeger?« sagte sie und stellte sich gekränkt.
-
-»Oh, oh!« meinte Herr Dr. Bürstenfeger, fand aber keine Worte mehr, er
-schien verwirrt.
-
-Nicolás war geärgert: »Ich meine doch nicht eine gewöhnliche Gänsemagd,
-sondern die Gänsemagd, die in Wirklichkeit eine Königstochter war, ihr
-Haar war eitel Gold, und sie mußte mit Kurtchen die Gänse hüten.«
-
-Mit dieser Erklärung war Tia Lolita zufrieden, sie gab Nicolás einen
-Kuß, und er schmiegte seinen Kopf an ihre Schulter.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger machte ganz unwillkürlich eine rasche Bewegung und
-ging weiter. Dann begab er sich hinauf in den Salon, setzte sich ans
-Klavier und phantasierte.
-
-Tia Lolita und Carlos und Nicolás lauschten, ohne ein Wort zu sprechen.
-
-Carlos sagte: »Wie schön spielt doch Herr Dr. Bürstenfeger!«
-
-»Sehr schön spielt er«, antwortete sie aufrichtig. --
-
-Einige Tage später hatten die Landbewohner Tanz weiter draußen unter
-einem uralten Baum.
-
-Ein alter Indianer spielte die Gitarre und sang leise dazu.
-
-Es war Mondnacht, und die jungen Indianerinnen tanzten. Sie hatten
-feine, schmale Gesichter und große, dunkle Augen. Die dicken
-Haarflechten fielen auf die braunen nackten Schultern. Sie trugen weiße
-Leinenhemden und weiße Sommerröcke, eine Korallenkette um den Hals und
-sämtliche Finger mit Ringen geschmückt.
-
-Der Duft der Orangenblüte wehte herüber.
-
-Tia Lolita schwatzte mit Herrn Dr. Bürstenfeger. In einem Anfall von
-Laune lachte sie ihm zu und neckte ihn harmlos.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger starrte sie wortlos an mit klopfendem Herzen.
-
-»Wollen wir auch einmal tanzen!« sagte sie.
-
-»Ja, ja ...!« stammelte Herr Dr. Bürstenfeger; er wußte selbst nicht
-recht, was er sagte.
-
-Und sie tanzten. --
-
-Als Carlos und Nicolás im Begriff waren, zu Bett zu gehen, ging Herr Dr.
-Bürstenfeger nebenan in seinem Zimmer langsam auf und ab und murmelte
-leise etwas vor sich hin.
-
-Plötzlich blieb er stehen, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte:
-»Ich liebe dich, Lolita ... sei mein Weib, ich liebe dich mit meiner
-ganzen Seele!«
-
-Carlos und Nicolás hörten das, und maßloses Erstaunen ergriff sie.
-
-Sie saßen sprachlos auf ihren Stühlen und konnten es lange nicht fassen.
-
-... Seine Frau sollte sie werden, Tia Lolita! Aber armer Herr Dr.
-Bürstenfeger!!
-
-Sie waren von tiefem Mitleid mit ihm erfüllt, waren aber weit entfernt,
-den Umfang seines Schmerzes zu ehren.
-
-Tia Lolita würde ja den Prinzen heiraten, mit ihm auf sein Schloß ziehen
-und die schönste Königin der Welt werden. Niemals würde sie Herrn Dr.
-Bürstenfeger heiraten! ...
-
-Am nächsten Tag während des Unterrichts war der Lehrer sehr seltsam, er
-hörte kaum auf die Antworten, die Carlos und Nicolás gaben.
-
-Ein dunkles Gefühl sagte ihnen, er wisse, daß sie den Prinzen heiraten
-werde, und darüber sei er so traurig.
-
-Abends bei anbrechender Dunkelheit saßen sie mit Tia Lolita in ihrem
-Zimmer am offenen Fenster.
-
-»Wirst du den Prinzen heiraten?« fragte Carlos.
-
-»Gewiß«, antwortete sie.
-
-»Armer Herr Dr. Bürstenfeger!«
-
-Tia Lolita lachte.
-
-Was sich gestern ereignet hatte, hatten sie ihr arglos erzählt. Anfangs
-war sie betroffen gewesen und dann aufs höchste belustigt.
-
-Da, unten im Garten, kam Herr Dr. Bürstenfeger daher.
-
-Er ging, den Kopf zu Boden gerichtet, und bewegte die Hände, wie im
-Selbstgespräch.
-
-Er ging zur Bank und setzte sich.
-
-Ganz deutlich hörten sie, wie er leise sagte: »Lolita!«
-
-Carlos ahnte nicht, was in Herrn Dr. Bürstenfeger vorging; aber ein
-Mitleid ergriff ihn, unbestimmt, doch übergewaltig.
-
-Er lief die Treppe herab, zum Garten hinaus, Herrn Dr. Bürstenfeger
-entgegen: »Armer Herr Dr. Bürstenfeger!«
-
-Aufs höchste betroffen, sah ihn der Lehrer an.
-
-»Armer Herr Dr. Bürstenfeger, sie wird ja den Prinzen heiraten!«
-
-Oben am Fenster war Bewegung.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger sah hinauf und sah Tia Lolita dort sitzen.
-
-Da erkannte er, daß er belauscht worden war, und erhob sich jäh, während
-ihm das Blut ins Gesicht strömte.
-
-Dann aber fiel er zurück, ließ den Kopf sinken und begann zu schluchzen,
-aufgelöst in wahnsinnige Beschämung.
-
-Carlos stand da, sah ihn an und begriff das große Rätsel nicht.
-
-Plötzlich aber fiel er ihm um den Hals und brach ebenfalls in Schluchzen
-aus.
-
-Aus den Urwäldern aber ertönte laut das Konzert der Brüllaffen.
-
-
-
-
- Die Revolution
-
-
-Ein paar Jahre waren vergangen.
-
-Man wohnte seit einigen Wochen in der Stadt, da die Villa restauriert
-wurde.
-
-In zehn Tagen aber sollten Carlos und Nicolás mit Herrn Dr. Bürstenfeger
-nach Europa reisen.
-
-Carlos wurde nächstens zehn Jahre. Sie waren in ihrem Unterricht so
-weit, daß sie in die erste Klasse des Gymnasiums eintreten konnten, und
-es war dafür eine kleine Stadt irgendwo in Deutschland bestimmt worden.
-
-Nach Europa! jauchzten Carlos und Nicolás, das war endlich einmal eine
-weite Reise. Übers Meer reiste man, wo die Wellen wie Berge waren. Man
-sah Walfische und Haifische. Man erlebte vielleicht auch Schiffbruch,
-man strandete auf einer einsamen Insel und nährte sich von Gräsern und
-Kräutern, bis die Vorräte des Wracks ans Land geschafft waren. Dann kam
-ein Schiff vorbei, Carlos und Nicolás würden die Hemden ausziehen und
-damit winken, und dann würden sie endlich nach Europa kommen und eine
-herrliche Robinsongeschichte erlebt haben.
-
-In Europa aber versank man bis zum Hals in den Schnee, wenn man auf den
-Straßen ging. Das erschien ihnen lustig. Dann waren auch dort die großen
-Schlittenfahrten. Sechs Pferde waren vor die Schlitten gespannt, und in
-Karriere ging es über Berge und Täler und durch den Wald. Oft verfolgten
-sie Wölfe.
-
-In der Schule war es schön. Man ging mit einem Tornister auf dem Rücken
-dahin, und um zehn Uhr war Picknick, das mußte man sich von zu Hause
-mitnehmen.
-
-Die Schule fand in einem großen Saale statt, darin wimmelte es von
-Schülern. Der Lehrer sprach mit lauter Stimme, alle lauschten, und jeder
-wollte der Beste sein. Wenn man so allein zu zweit im Hause Schule
-hatte, war man lange nicht so ehrgeizig.
-
-So war es in Europa! Carlos und Nicolás wußten es, obgleich Herr Dr.
-Bürstenfeger es nur zum Teil so dargestellt hatte. --
-
-Heute aber saßen sie noch in Buenos Aires im Spielzimmer und stellten
-eine Liste auf von den Knaben und Mädchen, die sie für übermorgen
-einladen wollten, zu Carlos' Geburtstag.
-
-Carlos wollte, daß auch sein bester Freund dabei sein sollte, ein Junge
-in seinem Alter, der auf einem lahmen Schimmel ritt mit einem Schafspelz
-als Sattel, und dessen Vater Knecht bei den Schlächtereien in Barracas
-war.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger aber fand es durchaus nicht statthaft, und so
-verließen denn die drei das Haus, ohne daß Carlos' Wunsch willfahrt
-worden wäre, um die Einladungen zu besorgen.
-
-Zuerst gingen sie zu Aguieres, die nicht weit von ihnen wohnten.
-
-Sie wurden zum älteren Bruder des Freundes, der zwanzig Jahre alt war
-und einen Schnurrbart hatte, ins Zimmer gebeten.
-
-Er saß vor einem großen Schreibtisch, auf dem ein Haufen Papiere lagen,
-schien nachdenklich und besorgt und versprach zerstreut, daß sein
-kleinerer Bruder, der augenblicklich noch in der Schule sei, zu Carlos'
-Geburtstag kommen werde. Dann schrieb er sich das auf einen Zettel auf.
-
-Im Sagnan begegneten Herr Dr. Bürstenfeger und die Knaben der Mama,
-einer Dame aus den nördlichen Provinzen mit mattem Teint und großen,
-sanften Augen. Sie gab den Knaben einen Kuß und bestätigte die
-Erlaubnis.
-
-An Carlos' Geburtstag erwachten die Knaben ganz in der Frühe. Im
-Dämmerlicht sahen sie die vor den Betten aufgestellten Geschenke.
-
-Nicolás wurde ebenfalls zu Carlos' Geburtstag beschenkt, weil der seine
-kurz nach Weihnachten fiel.
-
-Auf einer großen Kiste lag ein Zettel, darauf zu lesen stand: Von Herrn
-Dr. Bürstenfeger.
-
-Nachdem sie von den übrigen Sachen fieberhaft Kenntnis genommen hatten,
-eilte Carlos im Hemd nach der Küche und holte ein Brecheisen, um die
-Kiste zu öffnen.
-
-Darin fanden sie eine Pappschachtel, die beinahe die ganze Kiste
-einnahm. Als sie diese öffneten, fanden sie wieder eine Schachtel darin,
-und in dieser ein Paket. Es war aber kein Paket, sondern
-zusammengeknülltes Zeitungspapier.
-
-Wie sie bereits verzagen wollten, stießen sie auf einen großen Zettel,
-auf dem zu lesen stand:
-
- »Diese Kiste mit allem, was darin ist,
- nennt man bei uns einen Julklapp.«
-
-Unzufrieden mit dieser Erklärung, suchten sie jetzt ohne alle Hoffnung
-weiter, fanden aber zuletzt, in braunes Papier eingewickelt, zwei schöne
-Bücher als Geschenk, in die Herr Dr. Bürstenfeger eine herzliche Widmung
-geschrieben hatte.
-
-Carlos und Nicolás zogen sich an und gingen ins Spielzimmer; es war noch
-ganz still im Hause.
-
-Auch draußen war es still, die Tramways fuhren noch nicht, nur ein
-Bäckergeselle ritt auf seinem Maultier pfeifend die Straße herab.
-
-Carlos und Nicolás hatten eine Menge Bleisoldaten erhalten, die wurden
-ihren Armeen einverleibt. Dann zogen sie einen Kreidestrich mitten über
-den großen Tisch, die Kanonen wurden mit Erbsen geladen, und die
-Schlacht begann.
-
-Unten auf der Straße aber ertönte gedämpfter Trommelschlag, die Knaben
-sprangen zum Balkon, ein Bataillon Infanterie zog vorüber.
-
-Inzwischen war es ganz hell geworden, die Dienstboten waren
-aufgestanden.
-
-An der Straßenecke stand ein Trupp Leute, ein Stück weiter wieder einer.
-
-Eine Schwadron Polizei mit Gewehren ritt im Trabe vorbei, von einigen
-Neugierigen gefolgt.
-
-Immer noch fuhren die Tramways nicht ...
-
-Herr Dr. Bürstenfeger war mittlerweile aufgestanden. Er beglückwünschte
-Carlos zu seinem Geburtstag, die Knaben dankten für das schöne Geschenk;
-darauf gingen sie ins Eßzimmer, um zu frühstücken.
-
-Auf dem Gang hörten sie die Köchin laut und aufgeregt sprechen.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger stand auf, um zu hören, was geschehen war.
-
-Ganz aufgelöst erzählte sie, man hätte sie nicht auf den Markt gelangen
-lassen, die Plaza sei mit Militär besetzt, Kanonen stünden dort, das
-Pflaster sei ausgehoben.
-
-»Revolution!« sagte Mauricio, der Diener aus Galicien.
-
-»Waas ...!« entgegnete Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Das ist die Revolution!« riefen Carlos und Nicolás und stürmten nach
-dem Balkon.
-
-Auf der Plaza aber krachte eine Salve, daß die Fenster klirrten; das war
-der Beginn. --
-
-Es dauerte eine geraume Weile, bis Herr Dr. Bürstenfeger sich von seinem
-ersten großen Schreck erholt hatte, sofort aber nahm er die Knaben unter
-seine Obhut.
-
-»Die Revolution, die Revolution!« schrieen Carlos und Nicolás und waren
-ganz außer sich.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger beschwor sie, zu schweigen, und faßte sie dann
-streng an beide Hände.
-
-Darauf befahl er Mauricio, alle Fenster, die auf sein sollten, zu
-schließen.
-
-Um nun kümmerlich sehen zu können, was auf der eigenen Straße geschah,
-mußte man auf Stühle steigen.
-
-Von Zeit zu Zeit ertönte von der nahen Plaza wieder eine Salve.
-
-Aber auch in anderen Teilen der Stadt begann es lebendig zu werden;
-Bürger stiegen bewaffnet auf die flachen Dächer ihrer Häuser, aus
-Fenstern und Balkonen wurde geschossen.
-
-Mit anbrechender Dunkelheit aber wurde es allmählich überall still.
-
-Losgelöste Rotten durchzogen schreiend die Straßen.
-
-Man verriegelte die Häuser, um sich gegen Einbrecher zu schützen.
-
-Auch bei Carlos und Nicolás wurde das Tor sorgfältig geschlossen, und
-Herr Dr. Bürstenfeger ging hinunter, um sich davon zu überzeugen. --
-
-Als die Knaben zu Bett gegangen waren, unterhielten sie sich noch lange
-über die Lage.
-
-Es waren Flugschriften von der Regierung und auch von der
-Revolutionspartei herausgegeben worden, die vom Gange der Ereignisse
-berichteten.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger und der Papa hatten heute bei Tische darüber
-gesprochen, und Carlos und Nicolás versuchten, sich davon ein Bild zu
-machen: sie waren sich klar, der Präsident hatte viel gestohlen, und wer
-ein guter Argentinier war, mußte Revolution machen.
-
-Gewiß wollten Carlos und Nicolás sich Mühe geben, gute Deutsche zu sein,
-aber sie wollten auch gute Argentinier bleiben.
-
-»Weißt du was!« sagte Carlos. »Sollte der Präsident daran sein, zu
-gewinnen, so ziehen wir beide auch in die Revolution, und alle unsere
-Freunde müssen mit. Auf unseren Ponys reiten wir einher und helfen den
-Präsidenten schlagen.«
-
-Mit diesem Entschlusse schliefen sie beruhigt ein ...
-
-Bei anbrechendem Tage wurden sie durch lautes und ununterbrochenes
-Schießen geweckt. Auch auf nahen Straßen schoß man.
-
-Ein Bataillon Infanterie zog unten auf der Straße mit aufgepflanztem
-Bajonett nach der Plaza, ohne Trommelschlag.
-
-Gleich würden sie dort sein. Carlos und Nicolás erschauerten.
-
-Wenige Minuten, und eine neue, das allgemeine Krachen übertönende Salve
-erfolgte.
-
-Das war der Empfang.
-
-»Mein Gott!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger und entfärbte sich.
-
-Wieder zog eine Rotte schreiender Menschen vorüber, mit Stößen von
-Flugblättern beladen.
-
-Sie türmten sie zu Bergen auf und verbrannten sie.
-
-Dabei brüllten sie: »_Viva la revolucion!_«
-
-»_Viva la revolucion!_« schrien Carlos und Nicolás, von Begeisterung
-ergriffen.
-
-»Schweigt, um Himmels willen,« rief Herr Dr. Bürstenfeger; »enthaltet
-euch jeder Meinungsäußerung!«
-
-Gegen Mittag erschien das Geschwader, das eine Tagreise südlich von
-Buenos Aires stationiert hatte. Es kam den Revolutionären zu Hilfe.
-
-Und jetzt begann von dorther ein Bombardement auf die Stadt.
-
-Die weiblichen Dienstboten hatten sich schreiend in die Küche
-geflüchtet, denn schon eines der ersten Geschosse war nicht sehr weit
-vom Hause geplatzt.
-
-Die Eltern, Carlos und Nicolás und Herr Dr. Bürstenfeger saßen zusammen
-im Eßzimmer.
-
-»Recht töricht,« meinte der Papa, »jetzt gilt ja Freund und Feind
-gleich.«
-
-»Büberei!« hauchte Herr Dr. Bürstenfeger, er war kreidebleich.
-
-»Wenn wir aufs Dach stiegen, könnten wir alles sehen«, sagte Carlos zu
-Nicolás.
-
-Niemand hatte es gehört. Die Mama stand bei der Tür, Herr Dr.
-Bürstenfeger war ganz aufgelöst, der Papa sprach über die Aussichten der
-Revolution.
-
-Die Knaben stiegen die Treppe zum flachen Dach hinauf.
-
-Die fünf Panzer des Geschwaders standen etwa einen Kilometer entfernt in
-Schlachtlinie.
-
-Sie schossen abwechselnd.
-
-»Klingt es nicht wie eine Eisenbahn, die vorübersaust?« sagte Carlos zu
-Nicolás, wenn eine Bombe vorbeiflog.
-
-... Plötzlich stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihnen.
-
-»Karl und Nikol...!« mehr brachte er nicht heraus. Aschfahl war er im
-Gesicht. Er packte jeden an einem Arm, und seine Hände waren wie
-Schraubstöcke.
-
-Ohne ein Wort zu sagen, stieg er mit ihnen die Treppe hinab und brachte
-sie zu Papa und Mama.
-
-Die ganze Zeit hielt jetzt Herr Dr. Bürstenfeger die Hände der Knaben
-erfaßt.
-
-Das Bombardement dauerte fort.
-
-»Herr Dr. Bürstenfeger,« flehten sie, »lassen Sie unsere Hände los!«
-
-»Nein«, sagte er.
-
-»Wir bitten Sie, Herr Dr. Bürstenfeger!«
-
-Er ließ sie los.
-
-»Wir möchten ins Spielzimmer«, sagten sie und standen auf.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger folgte ihnen.
-
-Sie stellten ihre Bleisoldaten auf, schossen mit Erbsen und spielten
-Revolution. Jeder von ihnen war die Revolutionspartei. Sie vergaßen sich
-ganz und rückten einander auf den Leib.
-
-»Haltet ein!« rief Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff sie bei den Armen.
-Dann legte er seine Hände auf ihre Schultern und sagte emphatisch: »Karl
-und Nikolaus!« und nun zeigte er mit einer raschen Bewegung nach
-draußen, »euren braven Eltern und dann mir habt ihr es zu verdanken, daß
-ihr nicht werdet, wie jene bübischen ... dort ...«
-
-Bei diesen letzten Worten platzte nicht weit eine Bombe, daß die
-Scheiben barsten.
-
-Carlos und Nicolás aber, sinnlos vor Aufregung, sprangen zum Fenster,
-rissen es auf und sahen einige Häuser weiter eine große rote Wolke
-Ziegelstaubes aufsteigen -- dort, wo die Bombe geplatzt war ...
-
-Was in den nächsten drei Stunden vorging, sahen Carlos und Nicolás
-nicht.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger hatte sie ins Schulzimmer eingesperrt, das hinten
-auf den Hof hinausging; er war ganz ratlos.
-
-Sie sahen nicht, wie der ältere Bruder ihres Freundes, der
-zwanzigjährige Augiere, der, so jung er auch war, zu den Häuptern der
-Revolution gehörte, von vier bewaffneten jungen Bürgern auf einer Bahre
-am Hause vorbeigetragen wurde.
-
-Er war von einer Kugel unterhalb der Brust getroffen worden, und man
-brachte ihn, weil er es wünschte, zu seiner Mutter nach Hause. Er würde
-wohl heute noch sterben.
-
-Sie hörten nur das Sausen und Krachen der Bomben.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger aber saß, ohne daß die Knaben es wußten, draußen
-bei der Tür.
-
-Er wollte nahe bei ihnen sein in diesen gefährlichen Stunden, kein
-Vorwurf sollte ihn treffen ...
-
-Gegen Abend hörte das Bombardement auf, und auch auf Plätzen und Straßen
-wurde es ruhiger.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger entließ sie aus ihrer Haft.
-
-Als sie einige Augenblicke später im Eßzimmer auf den Stühlen standen
-und auf die Straße herabsahen, kam ein langer Zug Karren vorbeigefahren.
-Leichen von Soldaten, Polizisten und Bürgern lagen darauf gehäuft.
-
-Nicolás wandte sich ab, Carlos aber blickte wie festgebannt hin, und da
-sah er, wie in diesem Haufen sich Arme und Beine bewegten, es waren noch
-Verwundete darunter.
-
-Von Schauder und Angst ergriffen, floh er in sein Zimmer und vergrub
-sein Gesicht in die Kissen.
-
-Den Plan, der Revolution zu Hilfe zu kommen, falls der Präsident siegen
-sollte, hatten sie jetzt plötzlich ganz fallen gelassen ...
-
-Als sie nachts im Bett lagen -- sie konnten lange vor Aufregung nicht
-einschlafen --, klopfte es mit einem Mal laut an die Haustür, es war
-gegen zwölf Uhr.
-
-Carlos fuhr auf.
-
-»Öffnen, öffnen, um Gottes willen, öffnen!« rief jemand unten.
-
-Carlos sprang aus dem Bett und eilte in Herrn Dr. Bürstenfegers Zimmer.
-
-»Herr Dr. Bürstenfeger, jemand klopft unten und verlangt herein!«
-
-Der Hauslehrer saß aufrecht in seinem Bett, stierte ihn an und
-antwortete nicht.
-
-Carlos lief ins Zimmer seines Vaters:
-
-»An der Haustür klopft jemand und bittet _por el amor de Dios_, daß man
-ihn hereinläßt!«
-
-Der Papa stand auf und ging ans Fenster.
-
-Unten stand ein Polizist, über und über mit Kot bedeckt, ganz verstört.
-
-Der Papa schlüpfte in seine Beinkleider und zog den Rock an.
-
-Draußen war Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Wir müssen ihm öffnen!« meinte der Lehrer düster.
-
-Beide gingen, von Carlos und Nicolás gefolgt, hinunter.
-
-Der Polizist trat schnell in die geöffnete Tür, sein linker Arm blutete.
-
-Er hatte einen Streifschuß bekommen.
-
-Man führte ihn in die Küche, weckte den Diener und verband seinen Arm.
-
-Armer Gallego! dachten Carlos und Nicolás, von Mitleid erfüllt.
-
-Es war ein spanischer Galicier, einer der vielen eingewanderten armen
-Teufel, die sich mit der ersten besten Anstellung zufriedengeben mußten.
-
-»Man schießt auf uns, von den Dächern, zu dieser Zeit noch. Wie Fliegen
-tötet man uns, ich bin der letzte der Patrouille!« sagte er.
-
-Sein angstverstörtes Gesicht war auf Herrn Dr. Bürstenfeger gerichtet.
-
-Er bat, man möchte ihm die glänzenden Knöpfe seiner Uniform abschneiden,
-damit er nicht auf den ersten Blick kenntlich sei.
-
-Carlos und Nicolás holten zwei Messer aus der Schublade und machten sich
-sofort daran.
-
-»Legen Sie auch Ihr Käppi ab,« sagte Nicolás, »und setzen Sie einen
-alten Hut von Papa auf, so glaubt jeder, Sie seien ein Zivilist!«
-
-Der Polizist sah Nicolás einen Augenblick an, als leuchte ihm dieser
-Vorschlag ein.
-
-Dann aber meinte er kläglich: »Nein, das geht doch nicht ... ich darf
-nicht ... die Knöpfe höchstens.«
-
-Man hatte ihm Wein gebracht, er trank drei Gläser.
-
-Nach einer halben Stunde aber sagte er, er müsse fort, er dürfe nicht
-länger bleiben.
-
-Er konnte sich anfangs kaum auf den Beinen halten: die Wirkung des
-Weines, die durchwachten Nächte und die Angst.
-
-Der Diener begleitete ihn hinunter und öffnete ihm.
-
-Nicolás sagte: »Armer Polizist, ich habe so große Furcht, daß man ihn
-tötet.«
-
-Er aber huschte an den Häusern entlang, sah manchmal verstohlen in die
-Höhe, ob nicht jemand herunterziele, und verschwand dann um die
-Straßenecke ...
-
-Als Carlos und Nicolás am Morgen erwachten, hörten sie unten auf der
-Straße die Trambahn fahren, der Kutscher stieß in sein Horn, es waren
-die ausgelassensten Melodien; polternd fuhren die Karren. Auf ihren
-kleinen dickbäuchigen Pferden ritten die Milchmänner. Man hörte das
-Klatschen der Milch in ihren Blecheimern.
-
-Carlos öffnete das Fenster.
-
-»Nicolás,« rief er seinem Bruder zu, der eben erwachte, »die Revolution
-ist zu Ende, glaube ich!« ...
-
-»Wir haben Frieden«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, als die Knaben zum
-Frühstück erschienen. »Gott sei Dank, Frieden ... Karl und Nikolaus,
-jetzt dürft ihr wieder ungehindert auf den Balkon!«
-
-In dem Augenblick zog unten eine Rotte Menschen vorbei. Sie schrien:
-»Fort ist sie, fort ist die Canaille!«
-
-Damit war der Präsident gemeint, er war gestürzt; gestern war er fort
-nach Paris mit einigen Millionen.
-
-»Fort ist sie, fort ist die Canaille!« Der Jubel griff um sich, alles
-Volk stimmte mit ein.
-
-Acht Tage später reisten Carlos und Nicolás nach Europa ...
-
-Sie waren im Zimmer ihrer Mutter und sagten ihr Adieu.
-
-Sie wollte nicht mit aufs Schiff, um nicht die Qual des Abschieds zu
-verlängern.
-
-Der Papa aber würde die Knaben bis nach Montevideo begleiten.
-
-Sie weinte, Carlos und Nicolás weinten.
-
-»Nicht wahr, du besuchst uns bald!« Nicolás hielt die Mama umarmt.
-
-»In einem Jahr reise ich hinüber«, schluchzte sie.
-
-Plötzlich begann Carlos laut zu heulen: »Ich will nicht nach Europa, ich
-will bei dir bleiben!«
-
-Und Nicolás heulte: »Ich will auch nicht nach Europa, ich will bei dir
-bleiben!«
-
-Draußen aber stand Herr Dr. Bürstenfeger mit seiner Reisetasche, auf der
-Veilchen und Rosen gestickt waren, die Uhr in der Hand.
-
-Eine Viertelstunde später fuhren die drei an der Calle Horida vorbei.
-
-Carlos wandte sich dreimal schnell nach der großen Holzflasche um und
-dachte schluchzend: Wann werde ich die wiedersehen?! ...
-
-Auf der Landungsbrücke wartete der Papa.
-
-Die Knaben fielen ihm um den Hals: »Nicht wahr, bis nach Montevideo
-begleitest du uns ...?!«
-
-»Ja, meine lieben Jungens«, sagte er und wischte sich eine Träne ab, die
-ihm über die Backe lief.
-
-
-
-
- Carlos und Nicolás
- auf dem Meere
-
-
-
-
- Auf dem großen Meer
-
-
-Die Lombardia hatte vor drei Stunden Montevideo verlassen. Carlos und
-Nicolás standen mit Herrn Dr. Bürstenfeger hinten auf Deck.
-
-Eine halbe Tagereise hinter ihnen lag Buenos Aires; nun endlich waren
-sie auf dem Meer. In den Abschiedsschmerz, der die Knaben erfüllte,
-mischte sich die freudige Erwartung noch nie gesehener, vielleicht
-unerhörter Dinge.
-
-Sie fragten einen Schiffsoffizier, der neben ihnen stand, ob Sturm im
-Anzuge sei.
-
-»Gott sei Dank nein!« antwortete lachend der Offizier, worauf sie sich
-auf morgen vertrösteten.
-
-Die Knaben hatten in ihrer Kabine um die Betten gelost. Nicolás war das
-obere zugefallen; von da aus konnte er durch die gegenüberliegende Luke
-gerade aufs Meer sehen.
-
-Sollte er, wenn er nachts erwachte, die Wolke am Horizont schauen, die
-unfehlbar Sturm verkündete, hatte er seinen Bruder zu wecken.
-
-Es reisten nicht viel Passagiere in der ersten Klasse. Mit einem dicken
-fröhlichen Priester aus Montevideo waren sie gleich Freunde geworden.
-
-Sie hatten ihn abends bei Tische beobachtet, wie er vor jedem Gericht
-seine Reverenz machte.
-
-Nachher lag er oben auf Deck auf seinem Reisestuhl ausgestreckt und
-verdaute.
-
-»Seid ihr noch nicht seekrank, Süßwasserratten!« sprach er Carlos und
-Nicolás an.
-
-»Wir sind keine Süßwasserratten,« antwortete Carlos und zeigte nach
-seiner Matrosenmütze, worauf der Name eines großen französischen Panzers
-stand, »und vor dem Sturm fürchten wir uns auch nicht!«
-
-»Bravo!« rief der fröhliche Priester.
-
-Darauf erzählten sie ihm, daß sie mit ihrem Hauslehrer, Herrn Dr.
-Bürstenfeger, nach einem schönen Städtchen in Deutschland reisten, das
-Mufflingen hieße, um in die Schule zu gehen. Dort wohnten auch ein Onkel
-und eine Tante von ihnen. Sie selbst zwar seien aus Buenos Aires und
-daher Argentinier, aber zugleich auch Deutsche, weil ihr Vater ein
-Deutscher sei.
-
-Der fröhliche Priester antwortete: »Wenn ihr in Argentinien geboren
-seid, so seid ihr Argentinier, und vergeßt ihr das, seid ihr keine
-braven Kerle!«
-
-»Wir bleiben gute Argentinier!« antworteten ein wenig gereizt beide
-Knaben.
-
-»Das ist gut!« meinte zufriedengestellt der Priester.
-
-Nicht weit von ihnen an der Reling stand ein Herr mit einem langen
-fahlen Gesicht und einer fahlen Glatze.
-
-Auch er war ihnen bei Tisch aufgefallen. Seltsam düster hatte er vor
-sich hingeschaut und manchmal ganz absonderlich gelächelt.
-
-Jetzt machte er Carlos und Nicolás heimlich Winke, die sie aber nicht
-gleich verstanden. Schließlich begriffen sie, daß sie zu ihm hinüber
-sollten, und, wie es schien, in einer sehr dringlichen Angelegenheit.
-
-Als eine Pause in der Unterhaltung entstand, gehorchten sie möglichst
-unauffällig.
-
-»Das ist ein schwarzer Pfaffe«, sprach leise und finster der Herr mit
-der fahlen Glatze und zeigte auf den fröhlichen Priester, der mit
-geschlossenen Augen wieder seine Verdauung pflegte. »Gebt euch nicht mit
-ihm ab, schwarze Pfaffen bringen Unglück. Ich würde wieder an Land
-gegangen sein, wenn nicht noch zwei Mönche mit weißen Kutten an Bord
-wären.«
-
-Darauf erzählte er anschaulich und grausig von den Schrecken eines
-Schiffunterganges, von Menschen, die verzweifelt mit den
-sturmgepeitschten Wellen ringen, sprach vom Nachlassen ihrer Kräfte, dem
-völligen Ermatten und der Drangsal des Ertrinkens, sprach vom Hai und
-beschrieb seine Gestalt und seinen Charakter. »Wehe denen, die in seinen
-grausigen Rachen gerieten!« Er ließ krachende Knochen hören und
-herzzerreißende Aufschreie und schloß seine Schilderung mit dem Bild
-eines oben am höchsten Mast angeklammerten Mannes im Lichte des
-zuckenden Blitzes.
-
-Und dabei rieb er sich die Hände und lachte unheimlich, als bereiteten
-ihm diese Vorstellungen ein unsägliches Vergnügen.
-
-Carlos und Nicolás aber überlief es eiskalt. Sie hatten keine Sehnsucht
-mehr nach dem Sturm.
-
-Und als sie nachher in ihren Betten lagen, schaute Nicolás voller Angst
-nach dem Horizont, ob sich nicht vielleicht die unheilverkündende Wolke
-zeige.
-
-Am nächsten Morgen, als sie erwachten, schaukelte das Schiff
-beträchtlich. Ein wenig beunruhigte sie das, denn sie hatten die
-Erzählung des Herrn mit der Glatze noch nicht vergessen.
-
-Durch die Luke sahen sie, daß das Meer nun blau statt grün, die Wellen
-aber nicht viel höher waren als gestern, und das enttäuschte sie wieder,
-denn sie mußten längst auf offenem Ozeane sein.
-
-Rasch zogen sie sich an und eilten auf Deck. Sie ließen die Blicke nach
-allen Richtungen schweifen, doch überall sahen sie nur Himmel und
-Wasser.
-
-Carlos und Nicolás schöpften einige Male tief Atem, und Carlos sagte:
-»Es ist doch schön, das große Meer!«
-
-Bald darauf fiel ihnen ein, daß sie eigentlich auch zu Herrn Dr.
-Bürstenfeger müßten; überdies klingelte es schon zum Frühstück.
-
-Sie gingen in seine Kabine; er lag noch im Bett und war ungemein bleich.
-
-»Mir ist nicht recht wohl, Karl und Nikolaus,« sagte er, »mein Magen ist
-wieder einmal nicht in Ordnung; aber geht nur jetzt zum Frühstück; ich
-werde gleich folgen.«
-
-Im Eßzimmer saß bereits der fröhliche Priester vor einer Tasse
-Schokolade. Er war erstaunt, Carlos und Nicolás so früh munter und immer
-noch nicht seekrank zu sehen.
-
-Beide Knaben dachten zugleich an die gestrige Warnung des Herrn mit der
-Glatze. Aber wie sie jetzt wieder in des Priesters breites gutmütiges
-Gesicht sahen, verging ihnen sofort alle Angst. Sie begriffen nicht
-recht, daß er ihnen gefährlich sein könnte, nur darum, weil er ein
-schwarzes Gewand trug.
-
-Der fröhliche Priester tauchte einen Zwieback in seine Schokolade und
-sagte: »Nun, Jungens, setzt euch neben mich!«
-
-Aber sie hatten auf ihren Lehrer zu warten.
-
-Sie begannen miteinander zu plaudern. Der Priester machte ihnen den
-Vorschlag, nicht nach Deutschland zu reisen, sondern mit ihm nach Rom.
-Er werde sie dort dem Papst vorstellen, und in wenigen Jahren schon
-würde ganz sicher Nicolás ein Erzbischof und Carlos ein Kardinal werden.
-
-Was ein Erzbischof sei, wußten ungefähr die Knaben; aber unter einem
-Kardinal verstanden sie nur einen grauen Vogel mit einer roten Haube.
-Davon hatten sie viele auf dem Gute in der Pampa mit Klebruten gefangen.
-Aber das zu sein bedankte sich Carlos lebhaft.
-
-Der Priester erklärte ihnen, ein Kardinal, wie er ihn meine, sei ein
-mächtiger Kirchenfürst, der übrigens auch eine rote Haube trage. Darauf
-behauptete er, in Deutschland liefen die Leute auf acht Beinen umher und
-der Großtürke sei dort Herrscher. Er schneide allen seinen Untertanen
-die Ohren ab und mache sich daraus einen türkischen Salat.
-
-Carlos und Nicolás merkten nun, daß der fröhliche Priester Witze machte,
-und lachten. Sie dachten wieder an den Herrn mit der fahlen Glatze; sehr
-wahrscheinlich hatte er gestern auch nur Witze gemacht.
-
-Inzwischen erschienen die übrigen Passagiere; auch der Herr mit der
-Glatze. Ganz zum Schluß kam Herr Dr. Bürstenfeger. Von den Damen war
-keine einzige da.
-
-»Die werden jetzt schon seekrank sein«, meinte der Priester.
-
-Der Herr mit der Glatze nahm weit von ihnen Platz und warf düstere
-Blicke auf die Knaben.
-
-Carlos und Nicolás glaubten, er fahre mit seinen gestrigen Späßen fort,
-grüßten ihn und lachten.
-
-Aber die finster vorwurfsvolle Miene, die er daraufhin machte, verwirrte
-sie wieder ganz.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger setzte sich zwischen Carlos und Nicolás und
-schenkte sich und ihnen Schokolade ein, trank aber selbst beinahe
-nichts. Weder Kuchen noch Brot berührte er; dabei aber schien er in
-einemfort seltsam zu schlucken.
-
-Von Zeit zu Zeit ermahnte er sie, die Bissen nicht, wie es ihre
-Gewohnheit war, hinunterzuschlingen, sondern ordentlich zu kauen. Bei
-der schaukelnden Bewegung des Dampfers seien die Magen ohnehin nicht
-sehr aufnahmefähig.
-
-Der fröhliche Priester, der Herrn Dr. Bürstenfeger gegenübersaß, sah ihn
-einige Male verstohlen an und zwinkerte dann den Knaben zu.
-
-Carlos und Nicolás schauten ihren Lehrer an; er war noch bleicher als
-vorher; es war ihnen klar, er war seekrank. Sie hatten großes Mitleid
-mit ihm, aber zugleich dachten sie: Wenn das andauert, haben wir keine
-Schule!
-
-Sie hatten kaum fertig gegessen, als Herr Dr. Bürstenfeger aufstand und
-sagte: »Gehen wir auf Deck, die Luft ist dort besser!«
-
-»Ach diese Schiffsgerüche!« seufzte er auf der Treppe und blieb eine
-Zeitlang stehen.
-
-»Es riecht nur nach Teer«, meinte Nicolás.
-
-Oben irgendwo stand ein Froschspiel. Carlos und Nicolás nahmen es sofort
-in Beschlag.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger marschierte mit langen Schritten auf Deck auf und
-ab.
-
-Nun stieg eine Dame aus einem Städtchen in Patagonien die Treppe hinauf.
-Den Kopf hatte sie in einen schwarzen Schal gewickelt, ihr Gesicht war
-gelbgrün.
-
-Schwankend ging sie auf ihren Reisestuhl zu, der sich in der Nähe von
-Carlos und Nicolás befand, blieb plötzlich stehen, blickte zu Boden,
-ächzte, ging dann einige Schritte nach der Seite und beugte sich über
-die Reling.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger sah sie, und Schweißtropfen perlten auf seiner
-bleichen Stirn. Er machte kehrt und verfügte sich schnell nach der
-anderen Seite des Decks.
-
-Wenige Minuten darauf erschien er wieder, aschfahl und mit einer
-Haarsträhne über der Stirn.
-
-»Karl und Nikolaus,« sagte er, seine Stimme klang mitleiderregend, »ich
-gehe in meine Kabine, bleibt meinetwegen hier, aber treibt keinen Unfug
-und besucht mich bald!«
-
-Damit entfernte er sich.
-
-Gleich nachher sahen die Knaben weiter hinten den Herrn mit der Glatze
-in Gesellschaft eines kleinen hageren Herrn, der Pantoffeln trug und
-eine Reisemütze mit einem großen weißen Hornschirm.
-
-Der Herr mit der Glatze hielt ihn am Rock fest und redete lebhaft auf
-ihn ein. Der Herr mit der Reisemütze wiegte den Kopf und zuckte die
-Achseln; schließlich gab er ihm einen Klaps auf die Schulter und machte
-sich lachend von ihm los. Er ging auf die seekranke Dame zu und
-streichelte ihr teilnehmend die Wange.
-
-Sie stöhnte leise und schloß die Augen.
-
-Aber auch der Herr mit der Glatze war herangetreten.
-
-Carlos und Nicolás hörten, wie er eindringlich von einem schweren
-Kesselschaden auf einer früheren Reise sprach und sich dann in düstere
-Mutmaßungen über die Lombardia erging.
-
-Die seekranke Dame öffnete langsam ihre großen leeren Augen, schloß sie
-wieder und hauchte: »Mir ist jetzt alles gleich.«
-
-Der Herr mit der Reisemütze jedoch rief: »Um Himmels willen, wissen Sie
-denn immer nur von solch unheimlichen Dingen zu reden? Sie verderben
-einem ja die ganze Reisefreude!«
-
-»Niemandem will ich die Reisefreude verderben, ich schweige!« rief der
-Herr mit der Glatze aus, wobei er ein unheimliches Gelächter erschallen
-ließ.
-
-»Der Herr macht keine Späße«, sagte Carlos leise und erschrocken zu
-seinem Bruder.
-
-»Nein, er macht keine Späße«, antwortete Nicolás.
-
-Beide sehnten sich jetzt nach dem fröhlichen Priester, weil er so lustig
-war, und sie gingen ihn suchen.
-
-Er lag weiter vorn auf seinem Reisestuhl und schlief.
-
-Die Knaben wollten ihn nicht wecken. Da das Froschspiel sie bereits
-langweilte, gingen sie nach Zwischendeck, um die Emigranten zu sehen.
-
-Viele hundert Menschen waren dort beisammen: Italiener, Spanier, Basken;
-Leute aus allen möglichen Nationen.
-
-Sie standen umher, saßen auf Kisten und Säcken oder lagen auf der Erde
-ausgestreckt mit einem Bündel als Kopfkissen. Manche waren seekrank;
-einige hatten sich übergeben, auf dem Platze, wo sie waren.
-
-Im großen und ganzen aber war Lustigkeit. Man schwatzte laut, man sang,
-es wurde Gitarre gespielt. --
-
-Kurz vor dem zweiten Frühstück gingen die Knaben zu ihrem Lehrer.
-
-Er lag im Bett und hatte Rock und Kragen abgetan. Neben ihm auf dem
-Boden stand ein Blechkübel.
-
-Sein Aussehen war bejammernswert.
-
-»Karl und Nikolaus, ist euch wohl?« fragte Herr Dr. Bürstenfeger mit
-matter Stimme, indem er sich langsam aufrichtete.
-
-»Ja«, antworteten Carlos und Nicolás zögernd, denn im Netze auf Armweite
-von ihm sahen sie einen Stoß Hefte.
-
-»Das ist gut,« fuhr er fort, »denn seht, mir ist sehr schlecht, und ich
-bin für heute nicht in der Lage, euch Unterricht zu geben.« Er faßte
-sich an die Stirn und schwieg einige Sekunden. »Damit ihr nun die Zeit
-nicht zwecklos verbringt, nehmt diese Hefte und seht sie durch, es sind
-alles Sachen, die wir noch zusammen an Bord behandeln werden.«
-
-Nach diesen Worten langte er mit einer schmerzlichen Miene nach dem
-Netz, ergriff die Hefte und streckte sie ihnen hin.
-
-Eine Weile saß er aufgerichtet und blickte stumm geradeaus. Dann beugte
-er sich rasch über sein Bett und übergab sich in den Kübel.
-
-Carlos und Nicolás verließen ihn höchst mißmutig.
-
-»Jetzt ist er seekrank, und wir haben doch nicht frei!« sagte draußen
-Carlos.
-
-»Wären wir etwas länger in seiner Kabine geblieben, würden wir auch
-seekrank geworden sein, und wir hätten frei«, antwortete Nicolás.
-
-Darauf hielten sie Rat, wann sie mit ihrer Tätigkeit beginnen wollten,
-und beschlossen, sie für einstweilen aufzuschieben.
-
-Bald nachher ertönte die Glocke zum zweiten Frühstück.
-
-Sehr selten hatten sie Gelegenheit gehabt, ohne ihren Lehrer zu Tisch zu
-gehen. Es war ihnen eine langentbehrte Freude, Schüsseln, die ihnen
-nicht schmeckten, weitergehen zu lassen, und sie machten jetzt
-ausgiebigen Gebrauch davon. Dafür aßen sie dreimal Torte und auch
-Bananen und Orangen nach Herzenslust.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger kam den ganzen Tag nicht aus seiner Kabine.
-
-Sie machten ihm einige pflichtschuldige Besuche. Auf seine Fragen, ob
-sie auch fleißig gewesen seien, gaben sie nur ausweichenden Bescheid.
-
-Am folgenden Morgen war das Wetter gut, die Bewegungen des Dampfers weit
-ruhiger und regelmäßiger.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger befand sich in leidlichem Zustand; er erschien auf
-Deck und erteilte den Knaben am Vormittag schon zwei Stunden in seiner
-Kabine. Von Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen
-Abständen schwere Schritte hörbar.
-
-Während Carlos mühselig und weinerlich die dritte lateinische
-Deklination hersagte, dachten beide Knaben: oben spaziert jemand, der
-keine Schule hat!
-
-Als der Unterricht zu Ende war, liefen sie auf Deck, neugierig zu
-erfahren, wer es sei.
-
-Es war der fröhliche Priester, der ein lustiges Lied trällernd seinen
-Vormittagsspaziergang machte.
-
-»Meinen Appetitsspaziergang für den Lunch«, erklärte er. Darauf stellte
-er fest, daß er heute bereits drei Meilen gegangen sei.
-
-Nachmittags hatten Carlos und Nicolás nochmals Unterricht. Den Rest der
-Zeit verbrachten sie spielend auf Deck und in Gesellschaft des
-Priesters.
-
-Abends nach Tisch hörten Carlos und Nicolás den Schiffsarzt über den
-Herrn mit der fahlen Glatze reden. Er sei ein italienischer
-Handlungsreisender in Konserven, ein harmloser Herr, der seine
-phantastischen Grillen habe, niemand nehme ihn ernst.
-
-So vergingen die Tage, das Wetter war gut, der fröhliche Priester aß mit
-Appetit, der Herr mit der Glatze fuhr fort in seiner düsteren Freude an
-allem Ungemach, und Herr Dr. Bürstenfeger gab seinen Unterricht, aber
-jetzt auf Deck, weil die Hitze in der Kabine zu drückend wurde.
-
-
-
-
- In der Bai von Rio
-
-
-Am fünften Tage frühmorgens fuhr die Lombardia in die Bai von Rio ein.
-Der Himmel war heiter, die Luft schwül.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger stand mit Carlos und Nicolás auf Deck.
-
-Er rief begeistert aus: »Unsäglich lang habe ich mich auf diesen Anblick
-gefreut, Karl und Nikolaus. Herrlicheres bietet die Natur nicht oft! --
-Bai von Rio de Janeiro, seit Entdeckung Amerikas gepriesen von den
-hehrsten Reisenden aller Nationen, sei mir gegrüßt!«
-
-Eine Weile verharrte er stumm in Betrachtung der Ufer; dann bemerkte er:
-»Schaut hin, Karl und Nikolaus, rechts von uns haben wir jetzt das Fort
-Santa Cruz und links den weltberühmten Zuckerhut -- Pao d'Azuka. Der
-Meerbusen -- gerade fahren wir hinein -- ist einer der inselreichsten
-der Welt und hat die erstaunliche Breite von mehr als zwanzig Kilometer!
--- Betrachtet diese Hügel, diese Berge! Noch sind wir ihnen freilich zu
-fern, als daß wir uns ein Bild machen könnten ihrer über alle Begriffe
-göttlichen Vegetation!«
-
-»Seht«, rief er nach einer Weile, »nun die Stadt selbst!«
-
-Eine Zeitlang genoß er schweigend ihren Anblick: »Wahrhaftig, man sollte
-glauben, nur glücklich sei dieses Rio zu preisen, um solchen Kranzes
-lodernder Schönheit willen; aber auf dieser Stadt ruht zugleich
-abgrundtief der Fluch des Schöpfers. Eine lautlose, gespenstische
-Schlacht wird hier zum großen Teil des Jahres geschlagen, ich meine das
-Wüten des fürchterlichen gelben Fiebers, das die Dünste dieser nur zu
-freigiebigen Erde nähren. Die günstige Jahreszeit, Karl und Nikolaus,
-bewahrt uns davor.«
-
-Neben ihnen tauchte jetzt der italienische Handlungsreisende auf, und
-erstaunt sahen die Knaben auf seiner fahlen Glatze eine seltsame gelbe
-Kruste.
-
-»Ich beschwöre Sie und jedermann im Interesse von uns allen,« wandte er
-sich an Herrn Dr. Bürstenfeger, »gehen Sie nicht an Land, laden Sie sich
-nicht das schreckliche Fieber auf, hören Sie vielmehr auf meinen
-inständigen Rat: Nehmen Sie um Himmels willen Schwefel ein oder
-bestreuen Sie sich damit.« Er zeigte auf seine Glatze. »Es ist das
-einzige halbwegs sichere Mittel gegen die Ansteckung. Was mich betrifft,
-ich schließe mich jetzt in meine Kabine ein, bis wir diesen verruchten
-Ort weit hinter uns haben!«
-
-Nach diesen Worten machte er kehrt und verschwand.
-
-Kopfschüttelnd sah ihm Herr Dr. Bürstenfeger nach. Dann meinte er: »Karl
-und Nikolaus, ich muß schlechterdings annehmen, daß dieser Herr sich mit
-seinem seltsamen Rat nur einen Scherz erlaubt hat, Schwefel als inneres
-Mittel wird freilich hie und da angewandt, aber schwerlich glaube ich,«
-und nun lächelte Herr Dr. Bürstenfeger, »daß durch bloßes Bestreichen
-des Kopfes bei Fieberanlässen irgendwelche Wirkung erzielt wird, obwohl,
-ich wiederhole es, jetzt gar keine Gefahr ist.«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf und lächelte noch lange.
-
-Plötzlich rief Carlos erfreut: »Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, wenn
-Sie, ich, Nicolás und alle Passagiere uns mit Schwefel bestreuten, dann
-wären wir ja alle miteinander eine Schwefelbande?!«
-
-»Karl,« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger, »ich bitte dich, laß mich
-wenigstens aus dem Spiel bei deinen recht törichten, wirklich übel
-angebrachten Witzen!«
-
-Eine Viertelstunde darauf warf die Lombardia Anker.
-
-Als der kleine Dampfer der Sanität das Schiff verlassen hatte, fuhren
-Barken und Boote heran, beladen mit Orangen, Bananen, Ananas,
-Kokosnüssen und Käfigen mit kreischenden bunten Vögeln.
-
-Auf einem Berg von Orangen stand eine Kiste, auf der zwei Affen hockten.
-
-Sofort hatten Carlos und Nicolás sie gesehen. Die beiden Affen waren
-ganz so wie die, welche sie in Paraguay gekauft hatten.
-
-Weil sie ihnen mit der Zeit lästig geworden waren, hatten sie die Knaben
-in Buenos Aires einem Straßenjungen für einen Drachen vertauscht, aber
-seit einiger Zeit war wieder ihr größter Wunsch, zwei Affen zu besitzen.
-Die Eltern hatten die Erlaubnis gegeben, auf der Reise nach Europa ein
-Paar zu kaufen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte.
-
-Beinahe gleichzeitig mit den Knaben hatte auch Herr Dr. Bürstenfeger die
-beiden Affen bemerkt.
-
-Heftig erschrocken wollte er sich schnell mit Carlos und Nicolás nach
-der anderen Seite des Decks verfügen.
-
-Aber schon riefen sie: »Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie nicht dort die
-zwei Affen, kaufen Sie sie uns, Papa und Mama haben es erlaubt!«
-
-Einen Augenblick schwieg Herr Dr. Bürstenfeger, dann erwiderte er: »Es
-sei, ich weiß, es war dies der Wunsch eurer Eltern. Es wird mir aber
-schwer; ihr seid Zeugen, zu oft und über Gebühr haben mich die beiden
-unappetitlichen Vorgänger dieser häßlichen grimassierenden Tiere
-geärgert.«
-
-Carlos und Nicolás hatten jetzt für Herrn Dr. Bürstenfegers Mißmut
-keinen Sinn, sondern waren hocherfreut, weil er zu kaufen gesonnen war.
-
-Wenige Minuten nachher stand die Kiste vor ihnen auf Deck, und sie waren
-nun ausschließlich mit den Affen beschäftigt, die Welt um sich her
-vergessend. --
-
-Kurz darauf trat eine Dame unbestimmten Alters neben sie an die
-Schiffsbrüstung.
-
-Die Knaben hatten sie bisher nur ein einziges Mal flüchtig am Tage ihrer
-Abreise, unten bei Tische gesehen.
-
-Sie war klein und hager, mit einem Gesicht voller Sommersprossen, trug
-ein altmodisches Kleid und Ringellocken auf der Stirn. Ihre Nase war
-stark gerötet; sie trug eine Brille.
-
-»Himmlisches Panorama!« rief sie aus und ließ beide Arme auf die
-Brüstung sinken. »Ach doppelt schön erscheint einem die Welt,« und dabei
-schielte sie nach Herrn Dr. Bürstenfeger, »wenn man fünf Tage krank in
-seiner Kabine lag!«
-
-Plötzlich hatte sie auch die beiden Affen bemerkt.
-
-»Sieh mal an,« rief sie aus, »was sind das für zwei allerliebste, süße
-Geschöpfchen!«
-
-Sie trippelte heran und begann die Affen am Halse zu kraulen; dabei
-blickte sie ganz eigentümlich Herrn Dr. Bürstenfeger an.
-
-»Wohl der Papa der beiden jungen Herren«, nickte sie und zeigte auf
-Carlos und Nicolás.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger rieb sich die Hände und schien etwas verlegen zu
-sein.
-
-»Ich bin der Erzieher dieser beiden Knaben, mein Name ist Bürstenfeger«,
-antwortete er, indem er sich verneigte.
-
-»Ach das trifft sich ja reizend; ich war Erzieherin in Buenos Aires,
-mein Name ist Libussa v. Pfnühl.« Sie brach in ein silberhelles Lachen
-aus. »Miß Von nannten mich kurzweg meine argentinischen Schülerinnen.
-Was wissen diese indolenten Zierpüppchen von deutschem Adel! Aber das
-sage ich Ihnen, glücklich bin ich jetzt, nach Deutschland
-zurückzureisen, zu meinem guten, geliebten Bruder. Ach,« sie schlug die
-Augen zum Himmel auf, »er ist eine Perle!«
-
-»Seht erfreut, sehr erfreut«, murmelte in einem fort Herr Dr.
-Bürstenfeger.
-
-»Übrigens,« sie neigte den Kopf auf die Seite und lächelte Herrn Dr.
-Bürstenfeger schelmisch an, »ich wußte bereits, wer Sie sind, Herr
-Doktor, nichts bleibt ja hier an Bord verborgen.«
-
-Sie senkte die Augen nieder und fuhr fort zu lächeln. Ihre Finger
-spielten mit einer dünnen silbernen Uhrkette, die sie um den Hals trug.
-
-Was will diese Dame! dachten Carlos und Nicolás.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger war betreten; er räusperte sich, rieb sich die
-Hände und machte kleine Verbeugungen, indem er fortwährend lächelte.
-
-»Karl und Nikolaus,« sagte er und sah die Knaben kläglich an, »wollen
-wir uns nicht nach einer geeigneten Unterkunft für die beiden Affen
-umsehen? Gleich kommt die Barkasse, und wir müssen an Land!«
-
-Er stammelte einige Entschuldigungen, verbeugte sich und entfernte sich
-mit den Knaben.
-
-Sie gingen nach Zwischendeck; ein Matrose nahm die Affen in seine Obhut.
-
-Darauf stiegen sie als erste in die Barkasse.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger trug einen rohseidenen Rock und einen
-breitrandigen Strohhut; Carlos und Nicolás hatten weiße Matrosenanzüge
-an.
-
-
-
-
- Rio de Janeiro
-
-
-Erst nach längerer Zeit kam es zur Abfahrt; dann waren sie in zehn
-Minuten an Land, und bald nachher spazierten sie in den Straßen von Rio
-im Menschengewühl umher.
-
-Carlos und Nicolás fiel es auf, wieviel Neger es in dieser Stadt gab.
-
-Die Hitze auf den Straßen war unerträglich. Herr Dr. Bürstenfeger hielt
-in der Linken ein deutsch-portugiesisches Lexikon und in der Rechten
-sein Taschentuch, womit er sich von Zeit zu Zeit seufzend den Schweiß
-von der Stirne wischte.
-
-Sie gingen durch die schmale, elegante Hauptstraße Rua d'Ouvidor, die
-nur für Fußgänger bestimmt war.
-
-Der Anblick gelber, ausgemergelter brasilianischer Herren in schwarzen
-Gehröcken und Zylindern steigerte in Herrn Dr. Bürstenfeger das
-Hitzegefühl.
-
-Sie blieben vor einem Schaufenster stehen, wo in Massen Fächer und
-phantastische Blumen ausgestellt waren, aus dem Gefieder brasilianischer
-Singvögel gefertigt.
-
-»Barbarisches Verfahren!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte
-den Kopf.
-
-Man sah in der Auslage auch Broschen, Ohrringe und Armbänder,
-hergestellt aus bunt schillernden Käfern.
-
-Schließlich trat Herr Dr. Bürstenfeger in den Laden und kaufte einen
-Kasten mit brasilianischen Schmetterlingen für seinen jüngeren Bruder in
-Deutschland, der Botanik und Zoologie studierte.
-
-Als sie wieder auf der Straße waren, blieb Herr Dr. Bürstenfeger stehen
-und ächzte: »Flüchten wir uns jetzt um Gottes willen auf irgendeinen
-freien Platz, wo man atmen kann; dort wollen wir in Erwägung ziehen, was
-wir weiter machen wollen!«
-
-Bald darauf standen sie auf einer großen Plaza, die von grellem
-Sonnenlicht durchflutet war.
-
-Vor einem großen rosafarbigen Palaste ging eine Schildwache in
-scharlachroter Uniform auf und ab. Ein barfüßiger Neger, der Zuckerwaren
-verkaufte, kam an Carlos und Nicolás vorbei. Er schwang eine Knarre in
-der Hand, hielt eine weiße Zuckerstange zwischen den wulstigen Lippen
-und nickte den Knaben einladend zu.
-
-Die Sonne brannte unerträglich.
-
-Carlos und Nicolás hatten die Krempen ihrer Strohhüte herabgezogen. Ihre
-Gesichter glühten.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger stöhnte: »Hier ist es schon ganz und gar nicht
-mehr zum Ertragen -- fahren wir aus der Stadt.«
-
-Sie gingen auf einen mit Maultieren bespannten Wagen zu, der unter dem
-Schatten eines Baumes hielt, und stiegen ein.
-
-»Botafogo, Botafogo!« rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu.
-
-Bald waren sie aus dem Innern der Stadt heraus und fuhren dem Meere
-entlang, an vielen schönen Gärten und bunt aufgeputzten Villen vorbei.
-
-»Seltsam kindlich exotische Farbenfreudigkeit«, murmelte Herr Dr.
-Bürstenfeger.
-
-Carlos und Nicolás wetteten, wer von ihnen die meisten Neger zählen
-könnte, bis zur nächsten Ecke. Carlos sah nach rechts, Nicolás nach
-links.
-
-»Zehn«, rief Carlos aus.
-
-»Vierzehn«, rief Nicolás, er hatte gewonnen: denn gerade in dem
-Augenblick kamen sechs Negerweiber um die Ecke.
-
-»Was zählt ihr da?« fragte Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Neger«, antworteten Carlos und Nicolás.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf. »Ist das euer ganzes
-Interesse an dieser Stadt? Was seid ihr kindisch!«
-
-Eine Trambahn, von Maultieren gezogen, kam ihnen entgegen. Eine
-Militärkapelle saß auf den Bänken. Der Kapellmeister schwang stehend den
-Taktstock: er hatte eine Nelke hinter dem Ohr; grell erklangen die
-Blechinstrumente, die Pauke dröhnte. Immer ohrenbetäubender wurde der
-Lärm.
-
-Ein mit Steinen beladener Karten kreuzte die Schienen und brachte die
-Trambahn zum Stehen.
-
-Der Droschkenkutscher hielt jetzt auch den Wagen an, damit seine
-Insassen die Musik länger genießen könnten. Er drehte sich um und rief
-Herrn Dr. Bürstenfeger triumphierend zu: »_Imno brasileiro!_«
-
-»Vorwärts, vorwärts!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger auf Spanisch und
-hielt sich die Ohren zu. Ergrimmt schlug der Kutscher auf die Maultiere
-ein, die in raschem Galopp den Wagen mit sich fortzogen. Bald nachher
-trabten sie wieder träge in ihrem früheren Tempo.
-
-»Karl und Nikolaus,« bemerkte Herr Dr. Bürstenfeger nach einer Weile,
-»ist es euch nicht aufgefallen, wie schwächlich und verkümmert diese
-brasilianische Bevölkerung ist; doppelt auffällig bei Betrachtung der
-Wehrkraft?!«
-
-In diesem Augenblick fuhren sie an einem schattigen, mit Palmen
-bewachsenen Platze vorbei.
-
-Ein halbwüchsiger sehniger brauner Bursche, nur mit Hemd und
-Zwillichhosen bekleidet, verteidigte sich mit Faustschlägen und
-Fußtritten gegen drei Polizisten. Ein Polizist lag schon auf der Erde,
-ein anderer stand keuchend daneben, der dritte hielt den Burschen fest
-umklammert. Dieser wand sich wie ein Aal, entriß sich ihm und floh davon
-mit fliegendem zerfetztem Hemd, das eine Hosenbein über dem Knie; die
-Polizisten hinter ihm drein.
-
-Eine fette alte Negerin unter einem Magnolienbaum hielt sich die Seiten
-vor Lachen.
-
-»Dieser Junge war aber doch ein starker Brasilianer!« rief Nicolás aus.
-
-»Nikolaus,« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd, »du weißt: keine
-Regel ohne Ausnahme.«
-
-Bald fuhren sie nach der Stadt zurück. Sie begaben sich in ein
-Restaurant und speisten.
-
-Darauf sagte Herr Dr. Bürstenfeger: »Jetzt gehen wir zur Zahnradbahn und
-fahren auf den Corcovadoberg. Dort wird uns die Natur die Wunder ihrer
-Vegetation in nächster Nähe offenbaren!«
-
-Als sie auf der Station anlangten, war die Bahn zur Abfahrt bereit. Es
-fuhren nur wenige Passagiere.
-
-Sie stiegen ein; mit starkem Rütteln fuhr die Zahnradbahn die Höhe
-hinauf. Bald hatten sie die Stadt unter sich, weit dehnte sich die Bai.
-
-»Die Luft wird immer leichter, welche Wohltat!« rief Herr Dr.
-Bürstenfeger aus.
-
-Auf der Station Silvestre stieg ein brasilianisches Ehepaar mit einem
-Knaben und einem kleinen Mädchen ein und nahm ihnen gegenüber Platz.
-
-Man fuhr durch den Wald. Links sah man das Meer durch die Wipfel der
-Bäume schimmern.
-
-Carlos und Nicolás dachten: das ist ja viel schöner als in Paraguay!
-
-Herr Dr. Bürstenfeger erhob sich plötzlich von seinem Sitz und rief
-begeistert aus: »Unsere Erwartungen sind nicht getäuscht worden: blickt
-in diesen Abhang, welche Pflanzenwelt! welch grandiose Verwirrung von
-Schönheit!«
-
-Die brasilianische Dame starrte Herrn Dr. Bürstenfeger mit ihren großen
-braunen Glotzaugen an; dann hielt sie sich das Taschentuch vor den Mund
-und kicherte.
-
-»Karl und Nikolaus,« rief Herr Dr. Bürstenfeger und schnellte noch mal
-von seinem Sitz auf, »seht mir jetzt mal dorthin, die baumhohen Farne,
-die mit Früchten beladenen Bananenbäume und die Orchideen dort! --
-Wirklich ein generöses Land, wo die Schmarotzer Orchideen heißen!«
-
-Die brasilianische Dame kicherte immer mehr. Auch der kleine Knabe und
-das kleine Mädchen lachten.
-
-Kurz danach beugte sich der Papa zum Wagen hinaus und schleuderte weit
-ausholend ein Bambusrohr in den Abgrund.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger fuhr zurück, die Hand vor den Augen, es
-schwindelte ihm.
-
-Die brasilianische Dame lachte laut auf. Der kleine Knabe und das kleine
-Mädchen lachten auch aus voller Kehle.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger sah die Dame aufs höchste verwundert an. Carlos
-und Nicolás, von ihrer Fröhlichkeit angesteckt, lachten mit, ohne zu
-wissen, um was es sich handelte.
-
-Nach dreiviertelstündiger Fahrt war man am Ziel. Man hatte noch fünf
-Minuten zu steigen; dann stand man oben auf der Spitze des Corcovado am
-Rande einer niedrigen Mauer.
-
-Man sah weit hinaus aufs offene Meer. In der Reede wimmelte es von
-Schiffen. Von allen Richtungen fuhren Schiffe in die Bai hinein.
-
-»Herrlich, herrlich!« rief Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Sehen Sie diese vielen schönen bunten Käfer auf der Mauer!« riefen
-Carlos und Nicolás.
-
-»Genießt jetzt lieber den Anblick dieses unvergleichlichen Panoramas«,
-antwortete der Lehrer. »So Schönes wird euch nicht so leicht im Leben
-wieder geboten werden!«
-
-Sie standen noch einige Zeit oben, dann fuhr die Bahn wieder zurück.
-
-Auf der Station Silvestre stiegen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und
-Nicolás aus. Zu Fuß auf schattigen Wegen gingen sie nach dem schönen
-Hotel auf dem Berge Santa Teresa mit dem Ausblick auf die Bai.
-
-Hier wollten sie die Nacht verbringen.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger begab sich auf sein Zimmer, um Toilette zu machen,
-Carlos und Nicolás trieben sich im Garten umher.
-
-Der Himmel begann sich langsam zu trüben ...
-
-Es war nach dem Nachtessen. Jenseits der Bai über den Bergen von
-Petropolis ragte eine mächtige Wolkenbank; dahinter wanderte unsichtbar
-der Mond. Am ganzen Himmel hingen zerfetzte Wolken.
-
-Grell leuchteten unten am Strande bei Botafogo die Lichter der
-Landesproduktenausstellung. Die Bai war dunkel.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás saßen im Garten unter einem
-Mangobaum.
-
-»Wie schade,« sagte Herr Dr. Bürstenfeger, »daß die herrliche Mondnacht
-uns so verdorben worden ist!«
-
-Aus dem Salon des Hotels ertönte jetzt ein Nocturno Chopins.
-
-»Horcht,« sagte Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff Carlos' und Nicolás'
-Hände ... »so schön hörte ich noch nie Chopin spielen!«
-
-Stumm lauschten sie, bis das Nocturno zu Ende war.
-
-Gleich darauf erschien am hellerleuchteten Salonfenster ein junger Mann.
-Er trug Smoking, sein Gesicht war blaß und von Pockennarben zerrissen.
-
-Lange starrte er nach der Wolkenbank.
-
-Plötzlich streckte er die geballten Fäuste nach ihr aus und schrie laut:
-»Mond, Mond, Mond!«
-
-Einige Damen und Herren, die am Gartengeländer standen, und auch Herr
-Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás schauten erstaunt und
-erschrocken zu ihm hinauf.
-
-»Mond, Schmierenschauspieler,« schrie er nochmals, »was stehst du hinter
-deinem Vorhang, wartest du noch auf Publikum?«
-
-Vier deutsche Exporteure aus Buenos Aires, Herr Hurtwig, Herr Drumke,
-Herr Kitzian und Herr Krause, Inhaber starker Firmen, und Herr
-Schurtzenjager, ein deutscher Bankier aus London, die auf dem gleichen
-Schiff mit ihm die Reise gemacht hatten, traten nun aus der Hoteltüre
-heraus und stellten sich unter einer Gruppe von Königspalmen auf.
-
-Eine Weile verging. Unter den Damen und Herren war Bewegung und
-Geflüster.
-
-Die Wolkenbank färbte sich am Rande silbern, der Mond erschien. Bald
-erstrahlte die Bai.
-
-»Mond,« jubelte der junge Mann in maßloser Verzückung, »o du Genie, das
-du erweckst.« Er wies mit ausgestreckten Armen nach unten: »Sieh, wie
-die Bai leuchtet, wie der Gischt hüpft gegen den Pao d'Azuka!«
-
-»Nanu!« rief Herr Schurtzenjager aus.
-
-»Der hat mal wieder einen gehörigen sitzen«, meinte gelassen Herr
-Drumke.
-
-Nochmal war Stille. Der Mond verschwand hinter einer zweiten Wolke.
-
-»Verruchter,« jammerte laut der junge Mann, »läßt du uns wieder ganz im
-Dunkeln?!«
-
-»Mahlzeit!« rief Herr Kitzian hinauf.
-
-Doch jener hörte es nicht: »Hahaha,« lachte er laut, »Licht der
-Landesproduktenausstellung, du leuchtest weiter in deinem proletarischen
-Glanze, grell und frech, aber du erweckst die Bai nicht; du führst keine
-Konversation mit ihr!«
-
-Mit dem Ausdruck unendlicher Trauer ließ er den Kopf sinken und blickte
-hinab in den Garten und gerade auf Herrn Krause.
-
-»Verehrtester,« rief Herr Krause aus, dem endlich die Geduld riß, »wir
-wünschen keine Konversation mit Ihnen!«
-
-Die übrigen Exporteure und der Bankier lachten laut über den Witz. Die
-Damen und die übrigen Herren schüttelten verwirrt lächelnd die Köpfe.
-Herr Dr. Bürstenfeger war wortlos, Carlos und Nicolás lachten. Aber der
-junge Mann hatte wieder nichts gehört.
-
-Und nochmals erschien der Mond, und nun leuchtete er lang, denn die Bahn
-war weit bis zur nächsten Wolke.
-
-Stark vorgebeugt und reglos stand jetzt der junge Mann und starrte nach
-der Bai, wie erfüllt von einer unendlichen Erwartung. Sein Atem ging
-schwer; er richtete sich auf. Die Augen waren ekstatisch geöffnet.
-
-»Venus,« hauchte er, »entsteigst du dem Meere?! ... Aphrodite, jetzt
-schau' ich dich!« ...
-
-Er verschwand vom Fenster, und gleich darauf ertönte ein kurzes, grell
-verworrenes Spiel in den Garten hinab.
-
-»Was waren das für schreckliche Disharmonien!« rief Herr Dr.
-Bürstenfeger aus und erhob sich jäh von seiner Bank.
-
-Die Damen und die Herren blickten sich gegenseitig an. Alle schwiegen
-bestürzt.
-
-»Ganz ausgefallene Type!« rief ein junger deutscher Leutnant aus.
-
-Herr Hurtwig sagte: »Ein ganz unmöglicher Kauz! Freund von
-Gratisvorstellungen war er immer, aber das zuletzt übertraf alles!«
-
-»Er wird noch ganz überschnappen!« meinte Herr Kitzian.
-
-»Er ist es wohl schon!« antwortete Herr Krause.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger, der alles dies gehört hatte, schaute aufgeregt
-zum Fenster hinauf.
-
-Carlos und Nicolás drangen in ihn, zu erklären, wer dieser sehr seltsame
-Herr sei.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: »Karl und Nikolaus, quält mich nicht,
-ich weiß es selbst nicht!«
-
-Er saß noch lange in Gedanken versunken unter dem Mangobaum. Dann stand
-er auf und spazierte mit den Knaben im Garten umher.
-
-Sie stiegen die breite steinerne Treppe zum Wege nach Silvestre hinab
-und standen am Rande des urwaldbewachsenen Abhanges.
-
-Ein Nachtvogel sang, der Mond schien in den Wald. Die Kronen zweier
-geknickter Wandrerpalmen ruhten schwer auf Lianen, die sich um Agaven
-schlangen.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger seufzte. Carlos und Nicolás dachten: ob es wohl in
-Deutschland auch so schön ist?
-
-Nun stiegen sie wieder zum Garten hinauf.
-
-Nochmal saßen sie auf der Bank unter dem Mangobaum und blickten auf die
-Bai hinab.
-
-Ein starker Wind kam jäh von der Spitze des Corcovado und schwoll
-mächtig an.
-
-Schnell zogen die Wolken; rasch wurde es hell und rasch wieder dunkel.
-Es rauschten die Königspalmen. Alle die vielen seltsamen Bäume rauschten
-gewaltig. In der Bai sprang hoch der Gischt gegen die Felsen.
-
-Nun kommt ein Sturm, dachte Carlos; jetzt wird unser Schiff untergehen
-...
-
-Mit verstörtem Gesicht und Verzweiflungsgeschrei stolperte gerade durch
-den Urwald auf den Hängen von Silvestre der unmögliche Kauz: »Ha es
-klopfte ein Herz im Mutterschoße, aber nun endlich hat die Entbindung
-stattgefunden ... in Buenos Aires war ich ein verachteter Mann; aber
-hier bin ich lebend geworden!«
-
-Er rannte wild mit den Fäusten gegen einen mächtigen Baumstamm, prallte
-zurück und brach in ein lautes, höhnisches Gelächter aus: »Es darf nicht
-sein, daß vom Protoplasma bis zu den Menschen der Weg näher sei, als wie
-von ihnen bis zu Dante und Jesus Christus; wir müssen uns stark
-verbinden! Hohoho, mein Urgroßvater war ein toller Mann!!« ...
-
-Herr Dr. Bürstenfeger unter dem Mangobaum hielt seinen Hut in der Hand,
-während der Sturm seine Haare zauste. Er sagte: »Karl und Nikolaus, auch
-dieser Aufruhr in der Natur ist wunderbar!« --
-
-Allmählich begann sich der Wind zu legen. Die Bäume hörten auf zu
-rauschen; bald war überall Stille. Nur die Wipfel der Königspalmen
-bewegten sich noch leise wie lächelnd im seligen Einschlafen.
-
-Der Himmel war bis weit hinaus frei von Wolken ...
-
-Aus der Hoteltür trat jetzt ein bildschönes, schwarzäugiges kleines
-Mädchen in einem weißen Kleide.
-
-Auf den Zehenspitzen schlich sie näher und stand nun neben Herrn Dr.
-Bürstenfeger.
-
-Da ist ja wieder das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás,
-denn sie hatten sie schon bei Tische bewundert, und ihre Herzen
-klopften.
-
-»Senhor,« fragte sie Herrn Dr. Bürstenfeger und lächelte schalkhaft,
-»lieben Sie die Schmetterlinge?«
-
-»Oh«, antwortete er begeistert, »diese prächtigen brasilianischen
-Schmetterlinge ...«
-
-»Hier schenke ich Ihnen einen!« Sie machte eine rasche Bewegung nach
-seiner Manschette und hüpfte lachend weg.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger saß zuerst etwas betroffen da, dann aber sprang er
-auf und schüttelte heftig seinen Arm; denn unter dem Hemdsärmel
-krabbelte ihm etwas hinauf und kitzelte ihn sehr.
-
-Ein kleiner schwarzer Falter fiel auf die Erde, flatterte aber gleich
-davon.
-
-»Der Racker, der Racker!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-Wie unartig ist das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás ...
-
-Spät in der Nacht war Tumult im Hotel: zwischen zerschlagenen Spiegeln,
-Tischen und Stühlen und herabgerissenen Bildern raste der unmögliche
-Kauz in seinem Zimmer.
-
-Der Hotelier, die Kellner und einzelne Gäste stürzten zu ihm.
-
-Mit blutenden Fäusten warf er sich auf sie.
-
-Man rang mit ihm. Er heulte und tobte. Am Genick, an der Brust, an Armen
-und Beinen wurde er gefaßt und gebändigt.
-
-Ein weißer Pfau, der draußen im Garten in einem Brotfruchtbaum
-geschlafen hatte, flog krächzend auf. Irgendwo schnatterte eine Ente.
-
-In den Gängen trieben sich flüsternd aufgeregte Gäste umher.
-
-Der Hotelier trat mit zerzauster Krawatte zu ihnen. Er war ganz bestürzt
-über die schreckliche nächtliche Störung und entschuldigte sich nach
-Kräften.
-
-Langsam beruhigte man sich und zog sich zurück.
-
-Die Exporteure und der Bankier aber standen noch lange in der Halle vor
-der Treppe und besprachen ernst den Fall.
-
-Herr Drumke drückte den Zeigefinger auf seine Stirn und sagte: »Wenn es
-bei einem von jeher im obersten Stübchen nicht recht bestellt war, so
-kann die Konsequenz der Wahnsinn sein. Was war überhaupt Natur und was
-war Whisky bei diesem Menschen?!«
-
-Herr Hurtig meinte streng: »Er hat zuviel gebummelt, er hat die Nacht
-zum Tag gemacht. Niemand weiß von seiner Arbeit!«
-
-Herr Krause sagte: »Er hat manchmal bei uns verkehrt, aber um die
-Wahrheit zu sagen, nie wurde ich ganz aus ihm klug!«
-
-Herr Kitzian bewegte den Zeigefinger hin und her und bemerkte: »Ich sage
-nur oha!«
-
-Der deutsche Bankier aus London sagte nichts. Er hatte die Hände in den
-Taschen, kniff sich in die Schenkel vor Wonne und dachte: ich trank und
-trinke noch viel mehr Whisky als er und werde nicht verrückt!
-
-Die Exporteure und der Bankier stiegen nun die Treppe hinauf, um zu Bett
-zu gehen.
-
-Draußen am Gartengeländer lehnte stumm Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-Am Himmel bewegten sich zwei letzte dunkle Wolkenmassen langsam dem
-Horizonte zu, wie abziehende Bataillone.
-
-Auf seinem Bett lag geknebelt und an Händen und Füßen gebunden der
-unmögliche Kauz und stierte gegen die Decke. Ein Hausknecht und ein
-kräftiger Stallbursche waren bei ihm.
-
-Carlos und Nicolás schliefen schon einige Stunden tief und traumlos in
-einem der Gartenpavillong ...
-
-Kurz nach Sonnenaufgang, als die Uistiti-Äfflein in den Wäldern
-kreischten, brachten ein Herr mit einer Brille und zwei Männer den
-unmöglichen Kauz nach einem geschlossenen Wagen und fuhren mit ihm
-davon. Ein Rudel kleiner Straßenjungen lief im Staube jubelnd
-hinterdrein.
-
-Über den Felsen Ipanemas, wo unten stark die Brandung geht, erhob sich
-ein Adler und flog über die Bai, hinüber nach dem Orgelgebirge.
-
-Bald nachher stand Herr Dr. Bürstenfeger auf. Er stand vor dem
-Waschtisch in Gedanken versunken.
-
-»Wie schön spielte er Klavier ... und nachher das Schreckliche!«
-murmelte er. Er seufzte tief auf: »Aber man darf sich nicht beladen mit
-allen Qualen dieser Welt!«
-
-Als er angezogen war, ging er zu Carlos und Nicolás und weckte sie.
-
-Nach dem Frühstück machten sie einen Spaziergang in der Richtung der
-Tijuca.
-
-In vielen Krümmungen führte der Weg durch Sonne und Urwaldschatten.
-
-Als sie in den Wald gelangten, sagten Carlos und Nicolás: »Es riecht
-hier ganz so wie bei uns zu Hause im Invernaculo.«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: »Ich habe euch schon gesagt, es heißt
-auf deutsch Treibhaus und nicht Invernaculo!«
-
-An einer Krümmung tauchte plötzlich am Wegrand in der Einsamkeit eine
-Strohhütte auf. Einige Neger und Negerinnen standen davor. Sie sprachen
-mit lebhaften Gebärden alle zugleich und stießen dabei ein grausig
-tierisches Gelächter aus. Die Frauen hatten gelbe Schals um die
-Schultern, eine trug einen roten Turban. Die Männer waren nackt bis zum
-Gürtel und schwangen lange blitzende Messer in der Hand, womit sie eben
-Rinde von den Bäumen geschält hatten. Einer biß mit seinen großen weißen
-Zähnen in ein Stück Kokosnuß, ein anderer schlug zum Zeitvertreib mit
-einem dicken Knüppel auf einen Strauch mit seltsamen roten Blumen.
-
-Carlos und Nicolás zerrten Herrn Dr. Bürstenfeger am Ärmel zurück und
-sagten ängstlich: »Die Neger werden uns töten!«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger schaute unsicher nach der Gruppe, dann aber sagte
-er: »Karl und Nikolaus, fürchtet euch nicht!« Und mit beschleunigten
-Schritten gingen sie an der Gruppe vorbei.
-
-Bei jeder neuen Krümmung des Weges hörten sie wieder ihr tierisch
-grausiges Lachen, bis es langsam verhallte.
-
-Auf einem Umweg kehrten sie zum Hotel zurück und nahmen dort ihren
-Lunch. Dann begaben sie sich hinunter in die Stadt. Dort setzten sie
-sich in einen Wagen und fuhren nach dem Botanischen Garten.
-
-Unterwegs sahen sie vor einem Gartentor ein paar Mulatinnen vergnügt
-schwatzend einen farbigen Sarg in einen Leichenwagen schieben. Und nicht
-lange drauf kam ihnen ein Mann entgegen, einen mit rosa Stoff
-überzogenen und mit Silberspitzen ausgeschmückten Kindersarg auf dem
-Kopf.
-
-Plötzliche Unruhe malte sich in Herrn Dr. Bürstenfegers Zügen, er dachte
-an das gelbe Fieber.
-
-In diesem Augenblicke setzte der Mann den Sarg nieder und öffnete den
-Deckel.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger lachte laut auf: »Karl und Nikolaus, seht hin, es
-ist ja nur ein Kuchenkasten!«
-
-»Eigentümliche Gebräuche«, murmelte er vor sich hin.
-
-Bald waren sie im Botanischen Garten. Sie schritten durch das breite
-Portal und standen in einer endlos schnurgeraden Allee uralter
-Königspalmen.
-
-»Die Vegetation der ganzen Tropen ist hier in diesem Garten vereinigt«,
-erklärte Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-Sie spazierten umher. Nicolás blieb staunend vor einer Gruppe von
-Riesenbambussen stehen. Herr Dr. Bürstenfeger machte Carlos auf ein Beet
-mit zarten kleinen Pflänzlein aufmerksam.
-
-»_Mimosa pudica sensitiva_« stand auf einem kleinen Brettlein
-geschrieben.
-
-»Karl, berühre leise ein Blatt dieser Pflänzchen«, sagte Herr Dr.
-Bürstenfeger.
-
-Carlos beugte sich nieder und berührte sachte ein Blättchen. Das
-Blättchen schloß sich; darauf zog das Pflänzlein langsam seine
-sämtlichen Blätter ein und knickte zusammen; im Fallen streifte es eine
-Nachbarin -- eine ganze Gruppe sank zusammen.
-
-»Sie werden sich bald wieder aufgerichtet haben«, sagte Herr Dr.
-Bürstenfeger.
-
-»Ob wohl die Pflanzen wie die Menschen fühlen?« bemerkte Carlos.
-
-»Die Betrachtung ist nicht übel, Karl«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-Sie gingen weiter, bis sie am Fuße eines Berges standen; hier verlor
-sich der Garten in den Urwald.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger zog seine Uhr.
-
-Carlos und Nicolás sahen plötzlich einen großen blauen prächtigen
-Schmetterling.
-
-Sie liefen ihm nach, um ihn zu fangen.
-
-»Lauft nicht weg, es ist viel später, als ich dachte,« rief ihnen Herr
-Dr. Bürstenfeger nach, »wir verlieren noch das Schiff!«
-
-Nicolás blieb stehen, Carlos lief weiter.
-
-Der Schmetterling ließ sich auf einen blühenden Gardenienbusch nieder.
-Carlos wollte ihn fassen.
-
-Der Schmetterling erhob sich, setzte sich auf eine Fächerpalme, bewegte
-die Flügel und glich einer lebenden, prächtigen Blume.
-
-Beinahe hätte Carlos ihn gehascht, aber schon war er wieder fort, er
-flog hinein in den Wald, Carlos hinterher.
-
-Tief drinnen in einer Wildnis baumhoher Farne verschwand der
-Schmetterling, tauchte wieder auf, ließ sich wieder auf einen Busch
-nieder, stieg hoch in die Luft und verlor sich im blauen Himmel.
-
-Carlos hörte in der Ferne Herrn Dr. Bürstenfegers Stimme, der ihn laut
-und zornig rief. Erschreckt lief er zurück, über Baumwurzeln stolpernd
-und sich in Lianen verwickelnd, vor Hitze und Wut heulend.
-
-Am Waldrand stand Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Ungehorsamer Junge,« schrie er, »warum kamst du nicht, als ich dich
-rief!« Carlos heulte: »Der schöne Schmetterling ist fort, nie mehr werde
-ich ihn fangen!«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte ihn am Arm: »Wegen dir werden wir noch
-das Schiff verlieren!«
-
-Carlos heulte immer lauter.
-
-»Kommt schnell zum Wagen,« rief Herr Dr. Bürstenfeger, »wenn wir uns
-beeilen, erreichen wir vielleicht noch die Barkasse!«
-
-Rasch gingen sie die Allee hinunter und stiegen draußen in den Wagen.
-
-»Zum Hafen, schnell!« rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu.
-
-Der Kutscher trieb die Pferde zur Eile an; in einer halben Stunde waren
-sie am Hafen.
-
-Aus dem Schornstein der Lombardia stieg schwarzer Rauch auf, sie gab
-langgezogene Signale.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger erkundigte sich aufgeregt nach der Barkasse.
-
-»Dampfer weg, Dampfer weg!« schrieen fröhlich einige schwarze
-Bootsmänner.
-
-»Siebzigtausend, sechzigtausend, fünfzigtausend Reis nach dem Bord
-Lombardia!« riefen sie durcheinander.
-
-»Vierzigtausend«, rief einer und sprang in sein Boot, erfaßte die Ruder
-und winkte Herrn Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás zu.
-
-»Schamlose Ausbeutung!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger empört.
-
-»Senhor, zwanzigtausend Reis!« rief ein anderer und zupfte Herrn Dr.
-Bürstenfeger am Rock.
-
-»Unverschämt teuer, aber jetzt ist nichts zu machen. Das haben wir nur
-dir zu verdanken, Karl!«
-
-Sie stiegen ein, gleich stieß der Bootsmann ab.
-
-Am Ufer erhob sich ein lautes Wutgeschrei.
-
-Ein baumstarker Neger schleuderte ihnen ein Ruder nach. Es platschte
-dicht neben Herrn Dr. Bürstenfeger ins Wasser.
-
-Erschreckt fuhr er zur Seite und rief: »Das sind hier die reinsten
-Wilden!«
-
-Der Bootsmann legte sich mit doppelter Kraft in die Ruder; bald hatten
-sie das Ufer weit hinter sich.
-
-Carlos und Nicolás blickten zurück.
-
-»Dort waren wir noch vor einer Stunde«, sagte Nicolás und zeigte in der
-Richtung von Botafogo.
-
-»Man sieht noch den Wald«, antwortete Carlos. »Wie schade, der schöne
-blaue Schmetterling ist fort!«
-
-»Denke doch nicht immer an den Schmetterling«, meinte Nicolás. »Wir
-haben ja die Affen!«
-
-In einigen Minuten waren sie an Bord. Sie stiegen das Fallreep hinauf.
-
-Der zweite Offizier rief Herrn Dr. Bürstenfeger lachend zu: »Signore,
-bald wären wir ohne Sie abgefahren!«
-
-»Ob wohl der Herr mit der Glatze noch immer in seiner Kabine ist?« sagte
-Carlos zu seinem Bruder.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger ging in den Salon, Carlos und Nicolás begaben sich
-zu den Affen.
-
-Als sie zum Promenadendeck zurückkehrten, sahen sie eine große, sehr
-schöne Dame mit goldblondem Haar, roten Wangen und Purpurlippen, von
-Herren umringt, sich laut und lachend unterhalten.
-
-Carlos und Nicolás sahen sie verwundert an.
-
-»Das ist ja eine neue Dame,« sagte Nicolás, »die muß hier eingestiegen
-sein!«
-
-Jetzt ertönte die Glocke zum Abendessen. Herr Dr. Bürstenfeger erschien
-auf Deck, trat mit den Knaben an die Reling und zeigte nach dem sich
-entfernenden Festlande: »Karl und Nikolaus, seht noch einmal hin nach
-der letzten Küste eures Heimatkontinentes; es werden viele Jahre
-vergehen, bis ihr es wieder erblickt!«
-
-
-
-
- Nach der Alten Welt
-
-
-Fräulein von Pfnühl hatte zwei Tage seekrank in ihrer Kabine gelegen, am
-dritten erschien sie wieder.
-
-Beim Lunch bemerkten Carlos und Nicolás, daß sie sehr oft zu ihnen
-hinüberschaute und Herr Dr. Bürstenfeger dann krampfhaft auf seinen
-Teller blickte.
-
-Nachher hatte sich Carlos zu den Affen begeben.
-
-Auf Deck war Fräulein von Pfnühl eifrig bemüht, ihren Reisestuhl von
-einer Stelle zur anderen zu rücken. Dabei warf sie hilflose Blicke auf
-Herrn Dr. Bürstenfeger, der zufällig mit Nicolás in der Nähe stand.
-
-Nicolás sprang hinzu, um ihr behilflich zu sein.
-
-»Laß das,« zischte sie ihn an, »hast du denn nie Schularbeiten zu
-machen, du Dummbart?!«
-
-Erschreckt wich Nicolás zurück.
-
-Gleich kam Herr Dr. Bürstenfeger nach. Er brachte den Stuhl nach der
-Stelle, die sie wünschte, und ordnete ihre Kissen.
-
-Sie dankte; er wollte sich mit einer Verbeugung zurückziehen. Aber sie
-redete ihn an:
-
-»Ach, Herr Doktor, gehen Sie noch nicht, es freut mich so, Sie
-wiederzusehen; nehmen Sie doch einen Augenblick Platz!« Dabei ließ sie
-sich auf ihren Stuhl nieder und zeigte auf einen Rohrsessel neben sich.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: »Sehr angenehm« und setzte sich am Rande
-des Rohrsessels.
-
-»Nun,« meinte sie, »wie finden Sie unsere Mitreisenden?! -- Ach, Herr
-Doktor,« sie schlug die Augen, die sie einige Sekunden gesenkt hatte, zu
-ihm auf, »ich lese in Ihrer Seele -- wie können Sie an dieser
-zusammengewürfelten, zum Teil fragwürdigen Gesellschaft Gefallen finden
--- gerade Sie, Herr Doktor!« Sie stieß einen Seufzer aus, schloß die
-Augen und sah ihn dann gleich wieder an.
-
-»Und überhaupt, wo findet man die Menschen, die einem ganz zusagen, mit
-denen man eins sein möchte in seinem tiefsten Innern?! ... Was folgt dem
-einsamen Heischen hochgestellter Seelen nach Wahlverwandtschaft?« Wieder
-seufzte sie und schloß die Augen: »Ach nur Resignation!«
-
-In diesem Augenblick war nicht weit von ihnen ein seltsam langgezogenes
-Gewinsel hörbar, dem gleich darauf ein markdurchdringendes erbostes
-Schreien und Quieken folgte.
-
-Gleich nachher tauchte Carlos auf, beide Affen, die sich grimmig
-balgten, an ihren Schnüren hinter sich herzerrend.
-
-»Karl, was hast du wieder mit dem süßen Tierchen getan!« schrie Fräulein
-von Pfnühl, indem sie sich aufrichtete.
-
-Carlos wandte sich weinerlich an Herrn Dr. Bürstenfeger: »Ich brachte
-sie auf meinen Schultern vom Zwischendeck hierher, sie haben das Zanken
-bekommen und sich einander verwickelt, und als ich sie auf die Erde
-setzte, bekamen sie noch mehr das Zanken!«
-
-Der Lehrer winkte dem Decksteward, und nicht ohne Mühe gelang es, die
-Affen wieder auseinander zu bringen.
-
-Worauf Carlos und Nicolás, von Herrn Dr. Bürstenfeger begleitet, sie in
-ihre Kiste zurückbrachten.
-
-»Karl und Nikolaus,« sagte Herr Dr. Bürstenfeger, »ich gehe jetzt
-einstweilen in meine Kabine, doch bitte ich euch ernstlich, treibt
-keinen Unsinn!«
-
-»Zu der verrückten Dame gehe ich nicht mehr!« sagte Nicolás.
-
-»Nikolaus, was sind das für Ausdrücke!« antwortete Herr Dr.
-Bürstenfeger.
-
-»Sie hat mir ein Schimpfwort gesagt!«
-
-»Ein Schimpfwort, wieso?!«
-
-»Sie hat mich einen Dummbart genannt!«
-
-»Das ist kein Schimpfwort!« Herr Dr. Bürstenfeger unterdrückte ein
-Lächeln. »Aber wahrscheinlich hast du es auch verdient!«
-
-»Ich habe es nicht verdient, ich habe ihr nur mit ihrem Stuhle helfen
-wollen!« antwortete Nicolás.
-
-»Schon gut«, meinte nach einer kleinen Weile Herr Dr. Bürstenfeger. »Man
-darf einer alten Dame nicht gleich alles übelnehmen, sie wird es nicht
-so böse gemeint haben!«
-
-Darauf ging er.
-
-Nun erzählte Nicolás seinem Bruder, was ihm geschehen war.
-
-»Mich hat sie vorhin auch angeschnauzt!« sagte Carlos.
-
-Um sich zu rächen, beschlossen die Knaben die verrückte Dame auch nur
-Miß Von zu nennen.
-
-Sie kehrten nach Deck zurück und begegneten dort dem fröhlichen
-Priester, der trotz der großen Hitze wieder seinen Spaziergang machte.
-
-Sie schlossen sich ihm an, er erzählte ihnen Geschichten, die sie sehr
-lustig fanden, aber zugleich auch im höchsten Grade lügenhaft.
-
-Als ihm nichts mehr einfiel, verließen sie ihn und setzten sich auf eine
-Bank.
-
-Lange saßen sie schweigend da und baumelten mit den Beinen.
-
-Carlos sagte schließlich: »Wie langweilig ist eine Seereise ... man
-sieht nichts ... nie ein brennendes Schiff und auch niemals einen
-Walfisch!«
-
-»Es ist langweilig, aber bald sind wir im schönen Europa«, tröstete ihn
-Nicolás.
-
-Darauf beschlossen sie wieder nach Zwischendeck zu ihren Affen zu gehen.
-
-Unterwegs blieben sie vor einem Windleiter stehen, der nach dem großen
-gemeinsamen Schlafraum der Emigranten führte.
-
-Carlos steckte den Kopf in die Öffnung, zog ihn aber rasch zurück und
-machte »brr!«
-
-Sofort steckte nun Nicolás den Kopf hinein, schnellte aber auch gleich
-zurück.
-
-»Das stinkt!« sagten beide.
-
-Sie wollten schon weitergehen, als Nicolás vorschlug: »Wenn du mir
-zwanzig Centavos gibst, rieche ich zwanzig Sekunden hinein!«
-
-»Gut, wetten wir«, antwortete Carlos und zog die Uhr.
-
-Nicolás' Kopf verschwand in der Öffnung.
-
-»Zwanzig!« rief Carlos, als die Zeit um war.
-
-Nicolás aber, um seine Willenskraft zu zeigen, beschloß es zwanzig
-Sekunden länger auszuhalten. Hochrot tauchte dann sein Kopf aus der
-Öffnung.
-
-Er schüttelte sich, spuckte aus und schneuzte sich.
-
-»War das ein Gestank!« rief er aus. »Jetzt gib mir die zwanzig
-Centavos!«
-
-»Die Wette gilt nicht, du hast bis vierzig gerochen und nicht bis
-zwanzig!« antwortete Carlos.
-
-Nicolás sah seinen Bruder an, er traute seinen Ohren nicht.
-
-»Ich bezahle nichts!« sagte Carlos.
-
-»Meinst du, daß ich umsonst den schrecklichen Gestank ausgehalten
-habe?!« rief Nicolás zornig.
-
-»Es galt nur bis zwanzig; ich zahle nichts!« beharrte Carlos.
-
-»Du bist betrügerisch und gemein!« rief Nicolás und wollte auf ihn
-eindringen. Schon wurden sie handgemein; da erschien Herr Dr.
-Bürstenfeger.
-
-»Was ist hier los, Karl und Nikolaus?!« fragte er streng.
-
-Nicolás erzählte ihm aufgeregt den Fall.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger runzelte die Stirn, sann eine Weile und antwortete
-sehr ernst: »Dein Vorschlag, Nikolaus, der reinen Geldgier entsprungen,
-zeugte von wenig Geschmack, Stolz und persönlicher Würde. Die Ausführung
-war außerdem im höchsten Grade gesundheitsschädlich. -- Nicht weniger
-geschmacklos, Karl, war dein Eingehen in diesen unappetitlichen
-Kontrakt. Dein weiteres Betragen Nikolaus gegenüber sehr mutwillig und
-durchaus nicht brüderlich. Jetzt kommt mit, und macht Schularbeiten, die
-viele Freiheit, die ich euch der Hitze wegen gegeben habe, scheint euch
-nicht gut zu bekommen!«
-
-Damit erfaßte er sie bei den Händen. Sie folgten ihm aufs höchste
-verdutzt.
-
-Bald folgte ein Tag von unerträglicher Hitze, denn man hatte
-vollständige Windstille. Totenstill und bleifarben lag das Meer.
-Dunstschleier verbargen die Sonne; von Zeit zu Zeit gingen Regenschauer
-nieder. Dann aber wurde die Temperatur noch drückender.
-
-Im Maschinenraum arbeiteten halbnackt die Heizer, Herr Dr. Bürstenfeger
-lag reglos unter dem aufgespannten Zeltdach auf Deck: unter der Dusche
-im Badezimmer aber stand der fröhliche Priester und dachte: Reiste ich
-jetzt nicht nach Rom, um den Heiligen Vater zu sehen, ich wollte, eine
-Seereise sollte immer dauern. --
-
-Manche Passagiere verbrachten die Nacht auf Deck. Carlos und Nicolás
-lagen in ihren Betten und wälzten sich hin und her.
-
-Kurz nach Mitternacht -- Herr Dr. Bürstenfeger war eben in einen
-unruhigen Schlaf verfallen -- wurde er plötzlich durch laute Schreie
-geweckt.
-
-Er richtete sich jäh auf und noch unsicher, ob er geträumt habe, saß er
-reglos aufrecht mit stark klopfendem Herzen und horchte gespannt.
-
-»Hilfe, Hilfe, ich sterbe!« kreischte durchdringend eine weibliche
-Stimme.
-
-»Mein Gott, mein Gott, ... was für ein Unglück ist da wieder geschehen!«
-Herr Dr. Bürstenfeger rang nach Atem; dann war er mit einem Satz aus dem
-Bett.
-
-»Hilfe, Hilfe!« gellte es wieder.
-
-Wie von Sinnen drehte sich Herr Dr. Bürstenfeger im Kreise herum; er
-suchte etwas: seine Hosen. Jetzt hatte er sie; im Nu war er drin.
-
-Er stürzte in den Gang; draußen standen schon Leute.
-
-Von neuem ertönten durchdringende Schreie.
-
-»Schwarzer Pfaffe, Schiffsuntergang!« rief der Herr mit der fahlen
-Glatze.
-
-Man eilte in der Richtung, woher die Schreie kamen, allen voran Bepino
-der Nachtsteward.
-
-Er riß die Tür einer Kabine auf.
-
-Mit einem Satz stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihm. Aber er prallte
-zurück.
-
-In ihrem Bett lag Fräulein von Pfnühl, und ein fliegender Fisch
-schnellte über ihr auf und nieder.
-
-Auch die übrigen Passagiere wichen zurück.
-
-Gleich erschien Bepino aus der Kabine, den Fisch, der heftig zappelte,
-in den Händen.
-
-»Durch die offene Luke hat er sich ins Bett der Dame verirrt!« rief er
-vor Lachen platzend.
-
-Es erfolgt ein allgemeines Gelächter.
-
-Hinten vor ihrer Kabinentüre standen Carlos und Nicolás in ihren
-Nachthemden und lachten auch aus vollem Halse.
-
-»Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, jetzt hat Miß Von auch das Gruseln
-gelernt!« rief Carlos aus.
-
-»Ihr müßt auch bei allem dabei sein; geht schlafen!« antwortete Herr Dr.
-Bürstenfeger und schob sie in die Kabine hinein.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen gingen Carlos und Nicolás nach Zwischendeck, um ihre
-Affen zu füttern. Gerade erhielten auch die Emigranten ihre erste
-Ration.
-
-Irgendwo kauerte ein altes verrunzeltes Mütterchen auf der Erde, den
-Rücken gegen eine Kiste gelehnt; sie war bisher noch nie auf Deck
-erschienen.
-
-So ein uraltes Mütterchen glaubten Carlos und Nicolás noch nie in ihrem
-Leben gesehen zu haben. Ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet; die
-Augen, die nie zuckten, schienen seltsam ins Weite zu blicken.
-
-Ein Bursche, der eine Baskenmütze trug, kniete mit einem Blechteller vor
-ihr und flößte ihr Suppe ein. Daneben stand eine Frau mit einem
-zerrissenen Schal gegen einen schwarzbärtigen Mann gelehnt, der leise
-und scheinbar zerstreut auf einer Ziehharmonika spielte, während sie an
-einem großen Stück Brot kauend sehr ernst auf die Alte herabblickte.
-
-Carlos und Nicolás erfuhren gleich darauf, daß die vier eine Familie
-waren und die Alte beinahe hundert Jahre alt und blind.
-
- * * * * *
-
-Als Carlos und Nicolás zum Promenadendeck zurückkehrten, spazierte die
-schöne Dame mit den Purpurlippen, in Gesellschaft eines brasilianischen
-Herrn, der im Gespräch lebhaft mit den Händen gestikulierte. Von seinen
-Fingern, die voller Ringe waren, ging ein Blitzen und Funkeln aus.
-
-Gerade als die Knaben an ihnen vorbeikamen, glitt ihr ein mit Perlen
-besetzter Kamm aus den Haaren und fiel auf den Boden.
-
-Die Knaben bückten sich rasch danach, Nicolás hatte ihn erfaßt, lief der
-Dame nach und überreichte ihn ihr.
-
-»Ich danke dir, mein lieber Junge«, sagte die schöne Dame, streichelte
-ihn mit der Hand über den Kopf und gab ihm einen Kuß. »Ihr
-liebenswürdigen Kavaliere, ich muß euch doch endlich mal die längst
-versprochenen Bonbons geben, kommt mit!«
-
-»Gleich bin ich wieder da«, nickte sie dem Herrn zu und lief lachend die
-Treppe hinunter. Carlos und Nicolás hinter ihr drein, in ihre Kabine.
-
-»Das ist ja hier wie in einem Kleiderschrank«, rief Carlos aus, denn
-ringsherum hingen Kleider, Spitzenblusen und seidene Röcke. Die Gardinen
-waren vollgesteckt mit Schleiern, Krawatten und Bändern. Handtaschen und
-Hutschachteln, Stiefel und Schuhe waren unter die Betten gezwängt.
-
-»Und wie es wunderschön riecht!« rief nochmals Carlos.
-
-»Gefällt euch das Parfüm, meine Jungens?« Sie griff nach einem kleinen
-silbernen Flakon, der auf dem Waschtisch stand.
-
-»Na, gebt mir eure Taschentücher.«
-
-Rot und verlegen sahen sich Carlos und Nicolás an.
-
-Zögernd sagte Nicolás, indem er noch mehr errötete: »Unsere
-Taschentücher sind sehr schmutzig!«
-
-»Das schadet nichts,« lachte sie, »gebt nur her; Jungens haben immer
-schmutzige Taschentücher!« und damit entleerte sie die Hälfte ihres
-Fläschchens in die Taschentücher der Knaben.
-
-Darauf holte sie eine große Schachtel mit Pralinés aus ihrem Koffer und
-füllte davon Carlos' und Nicolás' Taschen.
-
-Dann gab sie jedem einen laut schallenden Kuß:
-
-»So, jetzt aber muß ich rasch wieder hinauf!« ...
-
-Kurz nachher lag die schöne Dame oben auf Deck auf ihrem Reisestuhl; ihr
-Kopf lehnte gegen ein rotseidenes Kissen; der Herr mit den Ringen
-fächelte ihr Kühlung zu mit einem großen japanischen Fächer und redete
-leise und eindringlich auf sie ein.
-
-Sie lächelte nach einer Weile und nickte.
-
-Ganz in ihrer Nähe saßen Carlos und Nicolás stumm auf einer Bank und
-knabberten an ihren Bonbons.
-
-»Du,« sagte Carlos, »hier habe ich einen mit Likör!«
-
-Ganz weit hinten stand Herr Dr. Bürstenfeger vor einer schwarzen Tafel
-und konstatierte freudig: »Drei Meilen mehr als gestern!«
-
-Gegen Abend waren die Knaben wieder auf Zwischendeck.
-
-Das alte blinde Mütterchen hockte noch immer in ihrer alten Stellung,
-ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet, die Augen blickten ins Weite.
-
-Carlos und Nicolás schritten scheu an ihr vorbei; sie gingen bis ganz
-vorn nach der Spitze des Schiffes.
-
-Der Steuermann auf der Brücke drehte das Rad. Langsam wandte sich das
-Schiff nach Nordosten.
-
-Die Sonne neigte sich gegen den Horizont, blutrot und strahlenlos. Jetzt
-berührte sie ihn. Schon war sie unter.
-
-»Die Sonne ist tot, ertrunken!« sagte Carlos zu seinem Bruder.
-
-In verschleiertem Blau dämmerte der Himmel weiter.
-
-Zwei ungeheure Wolkenbänke standen gleich gigantischen Torflügeln
-rosenrot im Nordosten.
-
-Und mitten auf das offene Tor zu fuhr das Schiff.
-
-Ein junger Mann und eine junge Frau standen neben Carlos und Nicolás an
-der Reling. Ihre Gesichter waren verhärmt, ihre Kleider abgetragen.
-
-Der junge Mann zeigte in der Richtung des offenen Tores.
-
-Tränen glänzten in seinen Augen. Er sagte leise: »Sieh, ist es nicht,
-als führen wir endlich unserem Ziele entgegen?« --
-
-Sie stand da, stumm und sah nach den Wolken.
-
-Zwei italienische Emigranten sangen:
-
- In guerra non voglio andare
- perquè si mangea male
- e si dorme in terra.
-
-»Carlos, horch', es ist das Lied, das José immer zu Hause sang!« sagte
-Nicolás.
-
-Gleich fielen andere Stimmen ein, und bald brauste es aus mehr als
-hundert Kehlen:
-
- In guerra non voglio andare
- perquè si mangea male ...
-
-Ein gellender Schrei unterbrach den Gesang: »Jesus, Maria, Mutter ist
-tot!«
-
-Und gleich darauf erfolgte ein herzzerreißendes Weinen.
-
-Die Frau mit dem Schal war auf die Knie gesunken, ihre Arme hielten das
-alte tote Mütterchen umfangen.
-
-Und neben ihr kniete der junge Baske, und der Mann mit der Ziehharmonika
-und sie bekreuzten sich schluchzend.
-
-Ein Haufen Männer und Frauen umdrängte die Gruppe. Viele Frauen waren
-niedergekniet, hielten die Hände vors Gesicht und jammerten laut; bald
-knieten alle Frauen. Das Jammern und Schreien griff um sich: der ganze
-große Haufe stimmte laut mit ein in die Totenklage.
-
-Bleich und wortlos standen Carlos und Nicolás auf ihren Plätzen.
-
-Erschreckt durch den Lärm spähte Herr Dr. Bürstenfeger vom
-Promenadendeck nach ihnen aus. Zugleich ertönte die Glocke zum
-Abendessen.
-
-Carlos und Nicolás gingen rasch nach der ersten Klasse, die Blicke vom
-Haufen, der die Alte umgab, abgewandt.
-
-Bei Tisch konnten sie keinen Bissen herunterbringen. Sie dachten an das
-alte Mütterchen; vor einer halben Stunde noch hatte sie lebend
-dagesessen mit gefalteten Händen, und nun war sie eine Tote.
-
-Nachher hörten sie, wie der Herr mit der fahlen Glatze der Dame aus
-Patagonien erzählte, heute noch werde man die Leiche auf ein Brett
-geschnallt und in ein Segeltuch gewickelt ins Meer senken.
-
-Carlos und Nicolás erschauerten.
-
-Gegen zehn Uhr brachte Herr Dr. Bürstenfeger die Knaben in ihre Kabine.
-
-Als er fort war, zündeten sie das Licht wieder an und lagen schweigend
-in den Betten, fortwährend an das tote Mütterchen denkend.
-
-Endlich meinte Carlos: »Um ein Uhr wird sie ins Meer geworfen!«
-
-»Um zwei Uhr hat man gesagt.«
-
-»Niemand weiß es genau.«
-
-»Wirst du heute nacht einschlafen können?« fragte eine Weile darauf
-Nicolás.
-
-»Brr, ich bleibe sicher die ganze Nacht wach.«
-
-»Wir sollten versuchen, an etwas Lustiges zu denken, vielleicht könnten
-wir dann doch einschlafen! -- Weißt du noch, wie alle gelacht haben, als
-du einmal eines Abends, als wir noch klein waren, zu Mama ins Eßzimmer
-gelaufen kamst und sagtest, ein Wolf sei in ihrem Zimmer, und es war
-doch nur Papa, der auf dem Sofa fürchterlich schnarchte!«
-
-»Ja, Mama hatte mir an dem Tage die Geschichte von Rotkäppchen erzählt«,
-antwortete Carlos.
-
-Er schwieg.
-
-»Arme Alte«, sagte er nach einer Weile.
-
-»Denke doch nicht immer daran!« --
-
-»Nicolás, fährt das Schiff nicht langsamer?!« Carlos richtete sich in
-seinem Bett auf. »Jetzt -- ich glaube, man wirft sie ins Meer!«
-
-Nicolás horchte gespannt; auch ihm war recht gruselig zumute.
-
-»Nein, das Schiff fährt gleichschnell!« flüsterte er.
-
-Es wurde elf. Der Steward trat in die Kabine und löschte die Lichter.
-
-Carlos und Nicolás hielten es jetzt nicht länger in ihren Betten aus.
-
-Sie standen auf, knieten auf dem Sofa und schauten durch die Luke.
-Draußen war stockfinstre Nacht, das Meer schwarz wie Tinte.
-
-Sie hörten, wie die Wellen rauschten und gegen das Schiff aufschlugen.
-Sonst war es totenstill.
-
-»Wie dunkel!« flüsterte Carlos. »Wenn man nur einen einzigen Stern sehen
-könnte!«
-
-»Ob wohl die Fische die Alte gleich auffressen werden?« meinte er nach
-einer Weile.
-
-»Sie werden sie wohl bald auffressen,« antwortete Nicolás, »aber
-vielleicht kommt sie auch heil bis zum Grunde!«
-
-»Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?«
-
-»Vielleicht so tief, als der Acongaqua hoch ist.«
-
-Carlos schloß die Augen, und erschauernd suchte er sich den Grund des
-Meeres vorzustellen.
-
-Sie schwiegen lange.
-
-Wieder fuhr Carlos zusammen. Er faßte seinen Bruder beim Arm: »Hörst du
-nicht ... die Stricke?! Jetzt wird sie heruntergelassen!«
-
-Sie hielten den Atem an und horchten.
-
-Nicolás sagte: »Es waren nur die Taue der Boote, die sich bewegten.«
-
-Nun sprachen sie nicht mehr; sie horchten angestrengt weiter.
-
-Schließlich fielen Nicolás die Augen zu. Er ging ins Bett und war gleich
-eingeschlafen. Carlos blieb vor der Luke, bis der Morgen begann. Dann
-begab er sich auch ins Bett und verfiel sofort in einen schweren Schlaf.
---
-
-Gegen acht Uhr trat Herr Dr. Bürstenfeger in die Kabine.
-
-Hell schien die Sonne durch die Luke.
-
-»Heraus, ihr Langschläfer«, rief er. »Es hat schon längst zum Frühstück
-geläutet!«
-
-Carlos und Nicolás richteten sich auf und rieben sich schlaftrunken die
-Augen.
-
-Vom Zwischendeck ertönte Gesang und Gitarrespiel.
-
-Die gestrigen Ereignisse traten plötzlich wieder in ihre Erinnerung.
-
-»Da singen sie ja wieder, und heute nacht hat man doch das Mütterchen
-ins Wasser geworfen!« rief Carlos aufs höchste verwundert aus.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger antwortete lächelnd: »Bedenkt, Karl und Nikolaus,
-daß dies ein leichtlebiges Völklein ist, unter einem heiteren Himmel
-geboren. Freude und Leid wechseln schnell bei ihnen ab!«
-
-Im Eßzimmer fragten die Knaben sofort den Obersteward, wann man in der
-Nacht die Leiche ins Meer gesenkt hätte. »Um zwei Uhr«, antwortete der
-Obersteward.
-
-»Wir haben aber gar nichts gehört!« sagte Carlos.
-
-»Dergleichen Sachen werden hier möglichst still abgetan«, antwortete der
-Obersteward.
-
- * * * * *
-
-Zwei Tage später passierte man die Linie. Abends war Galadiner. Der
-Speisesalon war mit Fähnchen und Papiergirlanden ausgeschmückt, auf den
-Tischen standen große Aufsätze mit Kuchen und Knallbonbons.
-
-Die Damen hatten ihre schönsten Kleider angezogen; die Dame mit den
-Purpurlippen trug Brillanten im Haar und Perlen um den Hals; Herr Dr.
-Bürstenfeger erschien im Gehrock und weißer Krawatte, Carlos und Nicolás
-in ihren besten weißen Matrosenanzügen mit hellblauen seidenen Kragen.
-
-Man war in der festlichsten Stimmung. Es wurde viel Champagner
-getrunken; auch Carlos und Nicolás durften mittrinken; gegen Ende der
-Mahlzeit herrschte die ausgelassenste Fröhlichkeit ...
-
-Nach Tisch spazierte Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben auf Deck auf
-und ab. Er hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, heute bis elf Uhr
-aufzubleiben.
-
-Die Sonne war vor kurzem untergegangen; schnell kam die Nacht.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger war sehr aufgeräumt ...
-
-»Bis jetzt, Karl und Nikolaus,« sagte er, »können wir uns im großen und
-ganzen über die Seereise nicht beklagen; aber unendlich freue ich mich
-doch auf Deutschland; der Winter hält jetzt dort seinen Einzug, unser
-prächtiger deutscher Winter; ihr werdet Schlittschuhlaufen lernen und
-Schneemänner machen, hei, das wird ein Spaß!«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger wurde immer aufgeräumter. Er erzählte ihnen weiter
-von den Freuden des Winters und dann viele lustige Geschichten aus
-seiner Kindheit und Studentenzeit.
-
-Carlos und Nicolás hörten begierig zu. So vergnügt hatten sie ihren
-Lehrer noch nie gesehen.
-
-Durch die geöffneten Oberlichtfenster sahen Carlos und Nicolás ins
-Eßzimmer hinab. Alles war schon aufgestanden; nur Fräulein von Pfnühl
-saß noch auf ihrem Platze, vor sich ein Glas und eine halbgeleerte
-Flasche.
-
-»Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie,« sagte Carlos, »wieviel Puder sich
-Miß Von auf ihre Nase gepappst hat, und dabei ist sie doch noch rot!«
-
-»Still, Karl, werde nur nicht übermütig,« antwortete Herr Dr.
-Bürstenfeger lächelnd, »Fräulein von Pfnühl ist und bleibt eine gute,
-harmlose Dame!«
-
-Er verfügte sich mit den Knaben nach Hinterdeck, blieb dort stehen und
-begann etwas vor sich hinzusummen.
-
-»Herr Dr. Bürstenfeger, singen Sie doch lauter!« baten Carlos und
-Nicolás.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger sang:
-
- »Als die Römer frech geworden, sim serim sim sim sim sim,
- sogen sie nach Deutschlands Norden, sim serim sim sim sim sim,
- Vorne mit Trompetenschall terätätätäterä
- Ritt der General-Feldmarschall terätätätäterä
- Herr Quintilius Varus wau wau wau wau wau wau,
- Herr Quintilius Varus, schnäderängtäng, schnäderängtäng, schnäderäng
- tängderängtängtäng.«
-
-»Was ist das für ein komisches Lied?!« unterbrachen ihn Carlos und
-Nicolás lachend.
-
-»Ein wackeres deutsches Kneiplied, das ich gar oft gesungen habe in
-feuchtfröhlichem Zecherkreise.«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger sang weiter:
-
- »In dem Teutoburger Walde, sim serim sim sim sim sim,
- Huh! wie pfiff der Wind so kalte, sim serim sim sim sim sim,
- Raben flogen durch die Luft, trä ...«
-
-»Endlich gefunden!« ertönte emphatisch eine Stimme.
-
-Vor Herrn Dr. Bürstenfeger stand Fräulein von Pfnühl.
-
-»Wie eine Stecknadel habe ich Sie gesucht, Herr Doktor; ich mußte Sie
-sehen, Sie sprechen, Sie mich einzig verstehende, mir wahlverwandte
-Seele!«
-
-Fräulein von Pfnühl machte einen Schritt näher. Ein Geruch nach Kognak,
-wie noch nie, schlug Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen.
-
-»Sie guter, edler Mann,« Fräulein von Pfnühl begann laut zu schluchzen,
-»lassen Sie mich an Ihrem Busen meinen Lebensschmerz ausweinen!«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger wich entsetzt zurück.
-
-Sprachlos starrten Carlos und Nicolás Fräulein von Pfnühl an.
-
-»Ich habe den Glauben an die Welt verloren«, schluchzte sie wieder laut
-auf.
-
-Von neuem näherte sie sich ihm, ihr Kopf senkte sich gegen Herrn Dr.
-Bürstenfegers Brust.
-
-»Karl und Nikolaus, zu Bett, zu Bett, es ist die höchste Zeit!« Herr Dr.
-Bürstenfeger ergriff Carlos und Nicolás bei den Händen und zog sie mit
-sich fort.
-
-»Ich will noch nicht zu Bett!« schrie Carlos und zerrte an seinem Arm.
-
-»Du hast zu gehorchen!« rief Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Wir dürfen bis elf Uhr aufbleiben, Sie haben es erlaubt!« heulte
-Carlos.
-
-»Marsch, marsch!«
-
-Sich widersetzend und laut heulend, folgte Carlos; Nicolás trabte
-resigniert mit. Herr Dr. Bürstenfeger eilte mit ihnen die Treppe
-hinunter, in seine Kabine, dort ließ er sie los.
-
-»Alberner, törichter Junge!« herrschte er Carlos an.
-
-Knirschend und schluchzend rieb sich Carlos sein Handgelenk. Plötzlich
-heulte er laut auf: »Ich bekomme den Krebs!«
-
-»Waas!« rief Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Sie haben mich fürchterlich am Arm gekniffen, eine alte Frau hat man
-auch am Arm gekniffen, und da hat sie den Krebs bekommen und ist
-gestorben!«
-
-»Was schwatzt du da für Unsinn,« schrie Herr Dr. Bürstenfeger, »erstens
-bist du keine alte Frau, und zweitens bin ich noch viel zu glimpflich
-mit dir umgegangen!«
-
-Er schwieg, die Lippen fest aufeinandergepreßt. Nicolás sah, wie sein
-Kehlkopf sich über dem niederen Klappkragen auf und ab bewegte.
-
-»Ich habe mich bedacht, ihr braucht noch nicht zu Bett,« sagte Herr Dr.
-Bürstenfeger, »geht einstweilen ins Eßzimmer und verhaltet euch still,
-ich komme bald nach!«
-
-Carlos wollte schon die Türklinke ergreifen.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger hielt ihn zurück. Er sah ihn an. Über seiner
-Nasenwurzel hatten sich zwei Furchen gebildet.
-
-»Rebellischer Knabe, rebellischer Knabe, pfui, schäme dich -- so, jetzt
-geht!«
-
-Sie gehorchten schweigend.
-
-Stumm blickte er noch eine Weile in der Richtung der geschlossenen Tür.
-Dann aber glätteten sich langsam seine Züge; er sagte vor sich hin: »Ich
-hätte diesem aufgeregten Karl auch heute den Alkoholgenuß versagen
-sollen!«
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen beim Frühstück wagte Herr Dr. Bürstenfeger nicht vom
-Teller wegzusehen, aus Angst, den Augen Fräulein von Pfnühls zu
-begegnen.
-
-Als er nachher mit Carlos und Nicolás auf Deck ging, ließ er die Knaben
-allein.
-
-Von Unruhe gequält, spazierte er umher und spähte in alle Winkel.
-
-Plötzlich erhellten sich seine Züge. Neben einer großmächtigen Taurolle
-hatte er ein Plätzchen gefunden, das wie geschaffen schien, ihn aufs
-prächtigste vor aller Welt Blicken zu verbergen.
-
-Schon wollte er seinen Reisestuhl holen. In diesem Augenblick erscholl
-zwanzig Schritte von ihm Fräulein von Pfnühls Stimme: »Herr Doktor!«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger sah sie starr an, machte dann kehrt und floh nach
-dem Treppenhaus.
-
-Zwei Stewards mit Teebrettern voller Teller und Schüsseln kamen gerade
-die Treppe hinauf und versperrten ihm den Weg.
-
-»Herr Doktor!« ertönte es noch mal kläglich bittend dicht hinter ihm.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger duckte sich, und mit zwei Sätzen war er unter den
-Teebrettern durch, die Treppe hinab, lief durchs Eßzimmer in seine
-Kabine und schloß sich ein.
-
-Schwer ließ er sich auf das Sofa nieder. Gleich aber hatte er sich
-wieder erhoben. Er reckte die Arme zur Decke empor und rief aus: »Nichts
-Fürchterlicheres gibt es für einen Mann, als wenn eine Frau, die er
-nicht lieben kann, ihn immerzu mit ihrer Zärtlichkeit verfolgt!«
-
-Aber von nun an haßte und verabscheute Fräulein von Pfnühl Herrn Dr.
-Bürstenfeger aus ganzer Seele.
-
-Auch sie begab sich gleich in ihre Kabine. Von Zorn und Bitterkeit
-erfüllt, schenkte sie sich ein Wasserglas Kognak ein und trank es mit
-einem Zuge aus.
-
- * * * * *
-
-Mehr als eine Woche war vergangen. Man war aus dem Bereich der Tropen.
-
-Seit St. Fernando d'Oronho, der Verbrecherinsel, hatte man kein Land
-mehr gesehen.
-
-Am zehnten Tage aber, gegen Mittag, kündeten vereinzelte Möwen die Nähe
-der Küste an, gegen Abend umkreisten sie in Scharen das Schiff. Am
-Horizont tauchten Dampfer und Segler auf.
-
-Bei Dunkelwerden fuhr die Lombardia ganz nahe an einem Feuerschiff
-vorbei. Carlos und Nicolás schwenkten jubelnd die Mützen.
-
-Am frühen Morgen erschien in der Ferne die schneebedeckte Spitze des
-Piks von Teneriffa; um Mittag aber sah man schon Palmen und schimmernde
-Häuser.
-
-»Land, Land!« riefen Carlos und Nicolás beglückt aus ...
-
-Bald stieg der Lotse an Bord. Langsam führte er das Schiff in die Reede
-des felsenumstandenen Santa Cruz ...
-
-Die Lombardia sollte Kohlen laden.
-
-Sämtliche Passagiere begaben sich an Land. Man stieg zu Wagen und ließ
-sich im Städtchen umherfahren.
-
-Oberhalb der Stadt auf der Anhöhe speiste man im Hotel auf der Veranda
-mit dem Blick auf Felsen und Meer.
-
-Die Gesellschaft war in der heitersten Stimmung, denn endlich war man
-wieder an Land nach langer Seereise.
-
-Dann spazierte man auf den Berghängen umher, und als das erste Signal
-des Dampfers ertönte, kehrte man an Bord zurück ....
-
-Noch war die Lombardia lange nicht mit dem Laden fertig, die Krane
-lärmten, das ganze Schiff war schwarz vom Kohlenstaub.
-
-Aber die gute Laune der Passagiere dauerte unvermindert fort.
-
-Alle Welt war auf Deck; man wollte den Anblick der schönen Insel
-genießen, solange es noch hell war. --
-
-Der vorletzte Leichter hatte seine Arbeit beendet und sollte gerade
-abstoßen, als ein kleines schmächtiges Männchen in einem geflickten
-Zwillichanzug das Fallreep herunterstieg. Er war barhäuptig und trug ein
-kleines Bündel in der Hand; ein Matrose ging hinter ihm.
-
-Auf der letzten Stufe blieb er stehen und sah den Matrosen unschlüssig
-an. Aber dieser legte ihm die Hand auf die Schulter und zwang ihn in den
-Leichter zu steigen.
-
-Sein Bündel krampfhaft gefaßt, blickte der kleine Mann verzweifelt zum
-Deck der Lombardia hinauf.
-
-Als der Leichter im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, streckte er
-die Arme in die Höhe und brach in lautes Weinen aus: »Herr Kapitän, ich
-beschwöre Sie um Himmels willen, lassen Sie mich nicht auf dieser Insel
-zurück, nehmen Sie mich nach Barcelona mit, ich muß ja zu den Meinen!«
-
-Der Kapitän, ein Mann mit einem dicken gutmütigen Gesicht, stand reglos
-an der Reling, mitten im Haufen der Passagiere, die neugierig
-herunterschauten.
-
-»Ein blinder Passagier, der sich in Rio eingeschmuggelt hat und hier an
-Land gesetzt wird«, erklärte der Kapitän einigen Umstehenden, die ihn
-mit Fragen bestürmten.
-
-»Um Himmels willen doch kein Anarchist!« schrie Fräulein von Pfnühl auf.
-
-»Warum darf der arme Mann nicht mitfahren?!« fragten Carlos und Nicolás
-voller Mitleid einen Herrn aus Coruña, der karierte Hosen trug.
-
-»Weil er sich eingeschmuggelt hat, wie ein Dieb, um umsonst zu fahren,
-versteht ihr, Jungens?!« belehrte sie dieser.
-
-»Herr Kapitän«, schrie das Männchen hinauf und weinte herzbrechend, »ich
-flehe Sie an, nehmen Sie mich mit; ich will ja wieder jede Arbeit tun;
-machen Sie mich doch nicht unglücklich!«
-
-»Das fehlte noch,« lachte der Herr aus Coruña, »wir haben bei uns schon
-genug anarchistisches Gesindel!«
-
-Die meisten Passagiere schauten gleichmütig hinunter; einige
-bemitleideten das Männchen, andere lachten über sein Geschrei und seine
-komischen Armbewegungen.
-
-Der Kapitän zuckte die Achseln, brummte etwas in den Bart und trat von
-der Reling zurück.
-
-»Herr Kapitän, ist es erlaubt, dem armen Mann etwas Geld zu geben?!«
-fragten aufgeregt Carlos und Nicolás.
-
-»Erlaubt ist es schon, und brauchen wird er es wohl auch!« lächelte der
-Kapitän.
-
-Carlos und Nicolás wollten sofort in die Kabine laufen, um ihre
-Sparbüchse zu holen.
-
-Aber Herr Dr. Bürstenfeger hielt sie zurück: »Ihr habt keine Zeit, der
-Leichter fährt schon ab!«
-
-Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche und gab einem Matrosen ein
-Goldstück, der schnell das Fallreep hinunterlief und es dem noch immer
-laut weinenden Mann hinreichte.
-
-In diesem Augenblick fuhr der Leichter weg.
-
-»_Gracias, gracias, Señores, que Dios se lo pague!_« rief schluchzend
-der Mann und winkte mit dem Bündel zum Schiff hinauf ...
-
-Es war schon lange dunkel, als der letzte Kohlenleichter abstieß. Kurz
-darauf lichtete die Lombardia die Anker und verließ die Reede.
-
-Carlos und Nicolás standen noch lange auf Deck und sahen stumm nach den
-steilen Felsen der Insel, die allmählich in der Dunkelheit verschwanden.
-
-Es war ihnen traurig zumute.
-
-Nicolás sagte: »Was wird wohl jetzt der arme Mann anfangen?« --
-
- * * * * *
-
-Sechs Stunden vor der Lombardia hatte ein spanischer Dampfer,
-gleichfalls mit Bestimmung nach Barcelona, Teneriffa verlassen.
-
-»Den werden wir morgen vormittag schon eingeholt haben!« sagte der
-Kapitän.
-
-Am Morgen spähten Carlos und Nicolás nach dem spanischen Dampfer aus,
-aber er war noch nicht sichtbar.
-
-Der Herr aus Coruña mit den karierten Hosen stand, sein Fernglas in der
-Hand, auf Deck, suchte den Horizont ab und sagte triumphierend: »Den
-holen wir nie ein, der Kapitän hat wieder einmal den Mund zu voll
-genommen.«
-
-Nicolás fragte verwundert: »Freuen Sie sich denn, wenn jener dreckige
-Kasten gewinnt?«
-
-»Was für ein Landsmann bist du?« fragte der Herr aus Coruña ein wenig
-herausfordernd.
-
-»Argentiner!« antwortete Nicolás stolz.
-
-»So, und wenn jener dreckige Kasten ein Argentiner wäre, würdest du dich
-freuen, wenn unser Schiff gewönne?«
-
-»Ja,« antwortete Nicolás »denn wir sind ja selbst darauf!«
-
-»Du bist mir ein trauriger Patriot,« antwortete der Herr aus Coruña und
-klopfte ihm auf die Schulter, »ich bin ein Spanier, und jener dreckige
-Kasten ist es auch, ich wünsche ihm von ganzen Herzen den Sieg!«
-
-Damit richtete er sein Fernglas wieder nach dem Horizont.
-
- * * * * *
-
-Als Carlos und Nicolás kurz darauf nach Zwischendeck gingen, waren sie
-aufs höchste überrascht: dort stand der blinde Passagier von gestern und
-putzte eifrig Blechteller.
-
-Er sah die Knaben, und sein Gesicht hellte sich auf. Rasch kam er auf
-sie zu, erfaßte ihre Hände und drückte sie lange und herzlich: »Tausend
-Dank, meine kleinen Herren, Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen.«
-Tränen standen in seinen Augen. »Von einem Matrosen habe ich erfahren,
-daß Sie es waren, die mir das Geld schenkten.«
-
-»Ja, aber wie sind Sie wieder aufs Schiff gekommen?!« riefen Carlos und
-Nicolás.
-
-»So ... mit einem Boot!« antwortete er und zwinkerte schlau mit den
-Augen.
-
-Jubelnd liefen Carlos und Nicolás zu Herrn Dr. Bürstenfeger: »Der arme
-Anarchist ist wieder da!«
-
-Gleichfalls überrascht hörte Herr Dr. Bürstenfeger die Nachricht.
-Schließlich meinte er nicht ohne Bedenklichkeit: »Er wird sich doch
-nicht wieder eingeschmuggelt haben?«
-
-Gleich begab er sich zum Schiffskommissar, um Näheres zu erfahren.
-
-Der Schiffskommissar lachte: »Das haben Sie auf dem Gewissen, mit Ihrem
-Geld hat er einen Bootsmann bestochen und sich als Kohlenträger in der
-Dunkelheit wieder eingeschlichen.«
-
-»Herr Kommissar, dann wäre ich ja das indirekte Werkzeug dieser Tat!«
-meinte Herr Dr. Bürstenfeger in peinlichster Verwirrung.
-
-»Beruhigen Sie sich nur, in diesem Falle war es eine gute Tat; der arme
-Teufel wollte zu seiner schwerkranken Frau nach Barcelona und hatte kein
-Reisegeld, aber wir haben strenge Order, blinde Passagiere an Land zu
-setzen.« Er lachte wieder. »Da er nun aber wieder da ist, muß er mit
-nach Barcelona, ins Wasser kann man ihn nicht werfen.«
-
-Beruhigt und erfreut antwortete Herr Dr. Bürstenfeger: »Dann freilich
-war das die beste Wendung, Herr Kommissar!« ...
-
-Als Carlos und Nicolás am nächsten Morgen auf Deck erschienen, stand
-dort alle Welt, die Ferngläser und Operngucker nach dem spanischen
-Dampfer gerichtet, der einige Seemeilen vor ihnen herdampfte. Er
-entsandte eine dicke Rauchsäule; man konnte schon die Farben des
-Schornsteins erkennen.
-
-Der Herr mit der Reisemütze lachte: »Er will nicht schmählich überholt
-werden und arbeitet mit Volldampf!«
-
-Ein Franzose aus Teneriffa meinte: »Auch die Lombardia spart nicht die
-Kohlen, sie sollte dem Spanier mehr Verachtung zeigen.«
-
-»Nur zu, nur zu!« meinte ein aufgeregter Herr aus Triest.
-
-Der Herr aus Coruña stand abseits, zuckte die Achseln und versuchte
-hämisch und überlegen zu lächeln.
-
-Carlos und Nicolás aber glühten vor Stolz und Begeisterung für die
-Lombardia.
-
-Sie liefen zu ihrem Lehrer, der auf der anderen Seite des Decks stand:
-»Herr Dr. Bürstenfeger, kommen Sie, wir überholen den Spanier, wir
-gewinnen!«
-
-»Ich habe keinen Sinn für diese alberne Wettfahrt,« antwortete Herr Dr.
-Bürstenfeger, »ich betrachte jetzt das Meer; so schön und so licht war
-es auf der ganzen Reise noch nicht, schaut doch: geradezu ins Unendliche
-scheint der Horizont gerückt!«
-
-Aber Carlos und Nicolás waren bereits auf und davon und wieder zurück
-nach der anderen Deckseite.
-
-Der Herr mit der fahlen Glatze, der neben ihnen stand, meinte kurz:
-»Wenn dieser Spaß noch andauert, prophezeie ich beiden Schiffen eine
-Kesselexplosion!«
-
- * * * * *
-
-Es war am nächsten Tag; Carlos und Nicolás waren auf Zwischendeck. Unter
-den Passagieren, die in Teneriffa an Bord gekommen waren, sahen sie
-einen spindeldürren alten Mann mit einer Adlernase. Er trug einen
-verblichenen blauen Rock und Zwillichhosen. Über dem eingesunkenen Leib
-baumelte eine schwere silberne Uhrkette. Die magere Brust bedeckte eine
-Lavallièrekrawatte, reichlich bedeckt mit Speiseresten.
-
-Neben ihm auf einem Feldstuhl saß eine hagere, alte Frau in einem
-schmutzigen Waschkleide von sehr jugendlichem Schnitt, einen
-aufgespannten Sonnenschirm in der Hand. Das Gesicht war voller Falten,
-aber ihr schwarzes Haar, das seltsam aufgeklebt schien, zeigte keinen
-einzigen weißen Faden.
-
-Mit lauter Stimme, die manchmal überschnappte, und lebhaften Gebärden
-trug der Greis einem Haufen, der ihn umstand, ein Gesangstück vor.
-
-Carlos und Nicolás blieben in einiger Entfernung stehen und hörten zu.
-
-Als er geendet hatte, wurde laut bravo gerufen und geklatscht. Viele
-schrien begeistert: »_Da capo, da capo!_«
-
-Der Alte dankte lächelnd herablassend und setzte sich neben die Frau auf
-einen Holzkoffer. Mit nachlässiger Gebärde holte er eine Zigarre aus
-seiner Tasche und steckte sie an.
-
-Carlos und Nicolás fragten sich; wer wohl diese beiden alten Leute sein
-möchten.
-
-Der Alte aber, der neulich Zeuge ihres Wiedersehens mit dem blinden
-Passagier gewesen war, hatte sie schon längst bemerkt.
-
-»Meine jungen Herren,« sagte er und verneigte sich leicht, »ich weiß
-nicht, ob Sie meine Darbietung angehört haben; aber immerhin, wollen Sie
-uns nicht die Ehre erweisen, näher zu treten?«
-
-Er stand auf und machte eine großartige Verbeugung: »Mein Name ist
-Vittorio Chiasaponte!«
-
-Etwas verwirrt über eine so ungewöhnliche Ansprache, traten die Knaben
-heran.
-
-»Hier stelle ich Ihnen meine Gattin vor!« Der Alte zeigte nach der Dame
-auf dem Feldstuhl, die sich mit einem huldreichen Lächeln verneigte.
-»Santa Madonna, ohne mich brüsten zu wollen, aus dem Nichts zog ich sie
-einst empor, in Lumpen gehüllt; ich brachte sie zur Erkenntnis ihres
-schlichten Talentes, machte sie zur Sängerin, die sie wurde, machte sie
-zu meiner Gattin!«
-
-»Ja, das tat er«, nickte sie mit Überzeugung. Und emphatisch die Hand in
-die Höhe bewegend: »Er, der große Vittorio! Ich habe ihm zu danken bis
-zu meinem letzten Atemzuge!«
-
-»Schon gut, schon gut, Elvira«, winkte der Künstler gutmütig ab. Mit
-schmerzlichem Pathos fuhr er fort: »Freilich, Signorini, die Zeit meines
-großen Wirkens liegt hinter mir, die Zeit, da mein Name in der Welt
-jenen Klang hatte, den heute noch die Annalen eines Teatro San Carlo und
-einer Scala verzeichnen, und der erlöschen muß, wenn es der Ratschluß
-der grausamen Nachwelt bestimmt, die Schauspielern, Sängern und
-Virtuosen niemals dankbar war!«
-
-»Vittorio, das wird nicht geschehen!« rief die Gattin.
-
-»Wie dem auch sei!« Zwei Zornesfalten erschienen auf seiner Stirn. »Der
-Schauplatz meines Wirkens hat sich verändert; Haß und Neid haben mich
-von den großen Bühnen vertrieben; einzig allein mir selbst angehörend,
-reise ich mit meiner treuen, geliebten Elvira als freier Künstler in der
-Welt umher!«
-
-»Bravo, bravissimo!« sagte ein kleiner Mann, der ein rotes Halstuch
-trug. Ein Beifallsgemurmel ertönte umher.
-
-Chiasaponte trat einen Schritt zurück und machte vor Carlos und Nicolás
-nochmal eine Verbeugung: »Signorini, meine Gattin und ich stehen mit
-unserem reichen Repertoire«, er zeigte in der Richtung der ersten
-Klasse, »einem hochdistingierten, hochkultivierten Publikum jederzeit
-zur Verfügung. Wenn Sie geneigt wären, in diesem Sinne ein Abkommen zu
-vermitteln, wäre an Chiasaponte die Reihe, Ihnen zu dienen!«
-
-Carlos und Nicolás standen ein wenig verlegen da, sie hatten den Inhalt
-seiner Rede nicht ganz verstanden.
-
-Der kleine Mann mit dem roten Halstuch trat vor: »Il Signor Chiasaponte
-bittet euch, zu euren Leuten in die erste Klasse zu gehen und ihnen die
-Mitteilung zu machen, daß zwei große Künstler«, er wies auf das Paar,
-»oben eine Gesangsvorstellung zu veranstalten beabsichtigen --
-selbstverständlich«, der kleine Mann neigte sein Gesicht zu Carlos und
-Nicolás herab und rieb den Daumen gegen den Zeigefinger -- »gegen
-entsprechende Bezahlung!«
-
-Die Knaben hatten jetzt vollkommen begriffen. Hocherfreut über die
-Aussicht auf Theater, eilten sie nach der ersten Klasse.
-
-Der Vorschlag wurde von der Gesellschaft angenommen. Die
-Honorarbedingungen lauteten: Nach der Vorstellung wird eingesammelt.
-
-Chiasaponte war mit dem Anerbieten vollkommen einverstanden. In Sachen
-der Kunst, meinte er, sei die Geldfrage Nebensache.
-
-Die Vorstellung wurde für den nächsten Tag bestimmt. Carlos und Nicolás
-konnten die Zeit kaum erwarten.
-
-Am folgenden Abend nach dem Essen stand auf Deck eine improvisierte
-Bühne. Straff gespannte Segeltücher, mit Fahnen behängt, bildeten den
-Hintergrund und die Seiten, zwei große Fahnen den Vorhang.
-
-Das Publikum erschien vollzählig und pünktlich. Auch die Passagiere der
-zweiten Klasse waren eingeladen; die Versammlung bestand aus mehr als
-sechzig Personen.
-
-Bereits über zehn Minuten wartete man; das Publikum wurde ungeduldig,
-begann zu scharren und zu stampfen.
-
-Da sahen Carlos und Nicolás in der Dunkelheit zwei abenteuerlich
-gekleidete Gestalten die Treppe nach Deck hinaufsteigen und schnell
-hinter der Bühne verschwinden.
-
-Der Vorhang bewegte sich, man hörte dahinter leise und aufgeregt
-sprechen. Die Knaben unterschieden Chiasapontes Stimme. Dann wurde es
-still, und bald nachher öffnete sich der Vorhang. Rechts im Vordergrund
-der Bühne stand das Klavier vom Salon. Daran saß ein Herr aus der ersten
-Klasse, der sich lächelnd gegen das Publikum verneigte. Links weiter
-hinten stand ein kleiner runder Tisch.
-
-Hinter der Szene hörte man wieder Chiasapontes Stimme, eine Hand mit
-einem Glas Wasser kam zum Vorschein. Der Herr am Klavier stand auf, nahm
-das Glas und stellte es auf den Tisch.
-
-Kurz darauf erschienen beide Künstler. Durch den Zuschauerraum ging eine
-Bewegung. Carlos und Nicolás reckten die Hälse.
-
-Chiasaponte trug einen roten Samtrock mit einem Spitzenkragen, rote
-Pluderhosen und lange schwarze Strümpfe, die einige Löcher hatten, als
-Fußbekleidung die Stiefel, welche er immer trug, auf dem Kopf eine weiße
-Perücke, an der Seite einen Degen. Sein Gesicht war sehr stark
-geschminkt, die hageren Waden ausgestopft; den eingesunkenen Leib
-bedeckte ein gestreiftes Kissen, das unter seiner schlecht schließenden
-Weste sichtbar war.
-
-Die Künstlerin hatte ein verblaßtes Atlaskleid an mit roten
-Papierblumen, trug eine hohe weiße Perücke und war sehr ausgeschnitten.
-Auf ihrem grotesk geschminkten Gesicht prangten Schönheitspflästerchen,
-die Augen leuchteten schwarz wie Kohlen. Weiße schmutzige Atlasschuhe
-mit abgetretenen Absätzen zierten ihre Füße.
-
-Jetzt wandte sich die Künstlerin halb ihrem Partner zu, legte die Hand
-auf ihren Busen und begann in hohem Sopran zu singen.
-
-Schon bei den ersten Tönen preßte Herr Dr. Bürstenfeger seine Hände
-zusammen, verzog schmerzlich das Gesicht und murmelte: »Ach schrecklich,
-arme Frau!«
-
-Chiasaponte griff nach der Hand der Künstlerin. Aber sie trippelte
-lächelnd zurück, mit schnell verneinenden Bewegungen des Kopfes. Er
-näherte sich ihr singend, die Hand auf der Brust.
-
-Nochmal verzog Herr Dr. Bürstenfeger schmerzlich sein Gesicht, denn auch
-sein Tenor erschien ihm ganz unerträglich.
-
-Wieder griff Chiasaponte nach ihrer Hand. Sie wich nicht mehr zurück,
-sondern lehnte ihren Kopf an seine Schulter und lächelte zu ihm hinauf.
-Sie sangen ein Duett.
-
-Plötzlich stieß er sie zurück. Seine Miene war mit einem Schlage
-verändert, die Augen schossen Blitze; sein Tenor erscholl drohend und
-racheheischend.
-
-Unter den Zuschauern hörte man unterdrücktes Kichern; irgendwo rief
-jemand laut: »Bravo!« Mit flammenden Backen verfolgten Carlos und
-Nicolás die Vorgänge.
-
-Flehend und beteuernd mischte sich Donna Elviras Gesang in den
-Chiasapontes.
-
-Er langte in eine Seitentasche und überreichte ihr wild triumphierend
-einen Brief, worauf er seinen Degen zog.
-
-Sie überflog die Zeilen, ihr Busen wogte heftig. Schmerzlich
-aufschreiend warf sie den Brief von sich und sang mit wild verzweifelten
-Gebärden eine leidenschaftliche Arie.
-
-Er warf seinen Degen auf die Erde und schlug sich mit den Fäusten gegen
-die Brust. Flehentlich näherte er sich ihr.
-
-Sie machte eine streng abwehrende Bewegung, ging nach dem Tisch und
-griff nach dem Glase.
-
-Er fiel auf die Knie und rang die Hände zu ihr empor.
-
-Die Heiterkeit beim Publikum wuchs.
-
-Chiasaponte trat an die Rampe, und gegen das Auditorium gewandt, gab er
-in einer langen Arie verzweifelt kund, sie werde nun doch das Gift
-nehmen, und niemand könne sie mehr erretten.
-
-Die rechte Wade war ihm heruntergerutscht, die Perücke saß ihm schief
-auf dem Kopf, seine Stimme schnappte wiederholt über.
-
-Das Lachen beim Publikum wurde immer haltloser. Der Herr mit der
-Reisemütze, der Carlos und Nicolás schräg gegenüber saß, hatte sein
-Taschentuch in den Mund gestopft und wand sich.
-
-Carlos zupfte Herrn Dr. Bürstenfeger am Rock und fragte: »Ist das ernst
-oder komisch?« Nicolás sagte leise: »Ich glaube komisch.« »Eher wohl
-ernst«, meinte kurz Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-Mit wachsendem Feuereifer sang Chiasaponte. Hinten lag seine Gattin
-schon längst als Leiche auf der Erde.
-
-Nun war die Arie beendet. Laute Bravo-, _bis, da capo_-Rufe ertönten.
-
-Chiasaponte verbeugte sich verschiedene Male.
-
-»_Bis, da capo!_« ertönte es von neuem.
-
-Nochmal sang er die Arie. Darauf kehrte er sich nach seiner Gattin um.
-
-Mit einem Schrei taumelte er zurück; dann aber machte er einige Schritte
-vorwärts, und nach einem kurzen, ergreifenden Schlußgesang bückte er
-sich nach seinem Degen, stieß ihn sich in den Leib und fiel neben seine
-Gattin nieder.
-
-Ein grenzenloser Applaus erfolgte. Man stampfte, jubelte, der Beifall
-wollte nicht enden.
-
-Das Paar erhob sich; Chiasaponte nahm die Hand seiner Gattin, sie traten
-bis zur Rampe und verbeugten sich viele Male; worauf sie sich dann
-wieder zurückzogen.
-
-Kurz danach erschien Donna Elvira mit einem Teller unter den Zuschauern.
-Man war allgemein in der freigebigsten Stimmung. Gold und Banknoten
-flogen in den Teller. Die Künstlerin ging die Reihen auf und ab, der
-Teller zitterte in ihrer Hand. Beinahe taumelnd verschwand sie hinter
-der Szene.
-
-Das Publikum begann sich von den Plätzen zu erheben.
-
-»Pst, stille!« ertönte es plötzlich, denn in demselben Augenblick
-erschienen wieder beide Künstler auf der Bühne. Ihm wie ihr rannen dicke
-Tränen über die geschminkten Backen.
-
-Sie traten bis zur Rampe und verbeugten sich.
-
-»Meine Damen und Herren ...«, begann Chiasaponte. Seine Stimme bebte, er
-hielt inne und schluckte heftig. »... Ich danke Ihnen ... Wohl weiß
-ich,« zitternd berührte er seine Kehle, »daß ich nicht meiner Stimme
-diesen Erfolg zu verdanken habe ... sie ist nicht mehr die frühere; ich
-bin ein Greis ... aber das, was höher steht als die Materie, der Geist,
-der zu den Gemütern spricht, er ist noch nicht ganz erloschen, er hat
-einen Widerhall bei Ihnen gefunden!« -- Wieder hielt er inne »Meine
-Damen und Herren, nicht immer hat man Gelegenheit, vor ein solches
-Publikum zu treten!«
-
-Die Künstler verneigten sich und zogen sich von der Szene zurück.
-
-Im Publikum war große Stille. Allmählich ging man auseinander.
-
-»Warum weinten sie, sie haben ja soviel Geld bekommen?« fragte Carlos
-Herrn Dr. Bürstenfeger.
-
-»Arme, arme Menschen«, flüsterte der Lehrer.
-
-
-
-
- Europa
-
-
- Ilona Ritscher
- gewidmet
-
-Ein paar Tage waren vergangen. Morgen in der Frühe würden Carlos und
-Nicolás zum ersten Male die Küste Europas erblicken.
-
-Vor freudiger Aufregung konnten sie die halbe Nacht nicht schlafen.
-
-Kurz nach Sonnenaufgang waren sie schon wach. Sie schauten durch die
-Luke, sahen aber nichts als Himmel und Wasser.
-
-Schnell zogen sie sich an und eilten auf Deck; nirgends sah man noch
-Land.
-
-Vor acht Uhr würde noch nichts zu sehen sein, erklärte ein Matrose.
-
-Von Ungeduld erfüllt, gingen Carlos und Nicolás bis zur Spitze des
-Schiffes; dort waren sie der Küste näher.
-
-Carlos sagte: »Man sieht nur Schiffe.«
-
-Ein kalter Wind wehte; sie froren und kehrten aufs Promenadendeck
-zurück.
-
-Dort standen einige Passagiere und schauten mit Ferngläsern nach dem
-Horizont.
-
-»Sieht man was?« fragte Carlos gespannt.
-
-»Nein, noch nichts!«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger erschien.
-
-»Karl und Nikolaus,« sagte er, »ihr seid heute frühzeitig auf!«
-
-»Ja,« antwortete Nicolás, »wir sind ja bald in Europa.«
-
-»Na, das wird noch eine kleine Weile dauern«, antwortete Herr Dr.
-Bürstenfeger lächelnd.
-
-Bald ertönte die Frühstücksglocke.
-
-Carlos und Nicolás gingen widerwillig hinunter und ärgerten sich, weil
-Herr Dr. Bürstenfeger so gemächlich kaute.
-
-Als sie wieder oben waren, sagte ein Offizier, man würde jetzt schon
-Land sehen, wenn die Luft klarer wäre.
-
-Eine Stunde verging; es wurde immer dunstiger. Noch immer sah man kein
-Land.
-
-Geärgert und gelangweilt gingen Carlos und Nicolás in den Salon und
-spielten Mühle.
-
-Manchmal blickten sie zum Fenster hinaus; ein Dampfer und zwei Segler
-fuhren an ihnen vorbei.
-
-Als die Knaben auf Deck zurückkehrten, erfuhren sie, daß man bereits am
-Eingang der Meerenge sei.
-
-Aber Land sah man nicht.
-
-»Wie schade, nicht einmal Afrika«, sagte Carlos.
-
-»Wir bekommen Nebel,« sagte der Herr mit der Reisemütze, »das wird eine
-schöne Durchfahrt!«
-
-Einige Seemeilen von ihnen fuhr ein Schiff in leichte Dunstschleier
-gehüllt.
-
-Etwas später saß man beim Lunch. Der Kapitän war nicht zu Tisch
-erschienen.
-
-Kaum waren die Passagiere mit dem Essen fertig, als über ihren Köpfen
-ein langgezogenes dumpfes Signal ertönte.
-
-Der Herr mit der fahlen Glatze rief aus: »Die Sirene, da haben wir die
-Bescherung!«
-
-Alles ging schnell auf Deck. Es war bereits starker Nebel, man sah kaum
-zweihundert Meter weit.
-
-Wieder ertönte laut und dumpf die Sirene.
-
-»Unverantwortlich vom Kapitän, sich bei solchem Nebel in die Meerenge zu
-wagen; ich mache mich auf alles gefaßt!« rief der Herr mit der fahlen
-Glatze aus.
-
-»Wir fahren jetzt nur mit halber Kraft«, bemerkte der Herr mit der
-Reisemütze.
-
-Der Herr mit der Glatze meinte: »Damit uns ein fixer Engländer um so
-leichter in den Grund rennt!«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger sah ihn an und dachte: Eine peinliche Erscheinung!
-
-Irgendwo hörte man ein Nebelhorn, ganz in der Ferne eine Sirene.
-
-Der Nebel wurde dichter; immer häufiger gab die Lombardia ihre Signale.
-
-»Brrr, diese Feuchtigkeit dringt in die Knochen«, bemerkte Herr Dr.
-Bürstenfeger. »Karl und Nikolaus, geht hinunter und holt eure Mäntel!«
-
-Carlos und Nicolás gingen in ihre Kabine. Gleich erschienen sie wieder
-in ihren Pelerinenmänteln, die Kapuzen über die Köpfe gezogen.
-
-»Man kann nicht mal mehr bis zur Spitze des Schiffes sehen«, sagte
-Nicolás.
-
-»Es wird immer schlimmer«, murmelte Herr Dr. Bürstenfeger zwischen den
-Zähnen.
-
-Wieder hörte man ein Nebelhorn.
-
-Grausiges Getute, dachte Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Karl und Nikolaus, marschieren wir etwas schneller, es ist sehr kalt!«
-
-Kurz darauf ging er mit ihnen ins Rauchzimmer.
-
-Vier Herren spielten Karten, der Schiffsarzt stand dabei und rauchte
-eine Toskanazigarre.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich leise an ihn: »Wird dieser
-schreckliche Nebel noch lange anhalten?«
-
-Der Schiffsarzt zuckte die Achseln: »Das ist sehr schwer vorauszusehen!«
-
-»Ist wohl ernstliche Gefahr vorhanden?« fragte Herr Dr. Bürstenfeger
-noch leiser.
-
-»O nein, kaum; unser Kapitän ist sehr vorsichtig.«
-
-Herr Dr. Bürstenfeger nahm ein Buch zur Hand und setzte sich.
-
-»Lassen Sie uns bitte wieder hinaus, Herr Dr. Bürstenfeger,« baten
-Carlos und Nicolás, »es ist schrecklich langweilig hier.«
-
-»Gut, aber ich komme mit euch«, antwortete der Lehrer.
-
-Sie traten hinaus.
-
-Nicht weit von ihnen ertönte eine Sirene; die Lombardia gab Antwort.
-
-Der Nebel war noch dichter geworden.
-
-An der Reling lehnte der fröhliche Priester.
-
-»Ich glaube, unser Dampfer steht still«, sagte er.
-
-Der Herr mit der Reisemütze tauchte auf.
-
-»Ein Dampfer kommt uns entgegen,« raunte er Herrn Dr. Bürstenfeger zu;
-»gehen wir nach vorn und stellen wir uns hinter die Kommandobrücke!«
-
-»Herr Dr. Bürstenfeger, gehen wir!« drängten die Knaben.
-
-»Aber ihr müßt euch dort ganz still verhalten, um die Offiziere nicht zu
-stören«, sagte der Herr mit der Reisemütze.
-
-Sie gingen nach Zwischendeck, stiegen dort eine schmale Treppe hinauf
-und standen hinter der Kommandobrücke neben dem Schornstein.
-
-Vorn, unter ihnen saßen und kauerten die Emigranten, fröstelnd in ihre
-Mantel und Decken gehüllt.
-
-Wie Chirurgen bei einer schweren Operation standen schweigend die
-Offiziere hinter ihren Instrumenten.
-
-Ihre Gegenwart erfüllte Herrn Dr. Bürstenfeger mit Beruhigung.
-
-Plötzlich machte er von eisigem Schrecken erfaßt einen Satz.
-
-Auch der Herr mit der Reisemütze und die Knaben fuhren zusammen. Denn
-gerade über ihnen ertönte markerschütternd der Schrei der Sirene.
-
-»Um Gottes willen!« rief Herr Dr. Bürstenfeger und preßte die Hände an
-die Ohren.
-
-Sofort kam die Antwort des Dampfers vor ihnen, und wieder heulte die
-Sirene der Lombardia.
-
-»Wenn wir nur endlich aus diesem schrecklichen Nebel heraus wären!« Die
-Hände fest an die Ohren gepreßt, starrte Herr Dr. Bürstenfeger in den
-dichten Nebel, er fühlte eine Beklemmung auf der Brust, Schweißtropfen
-standen ihm auf der Stirn.
-
-»Miserikordia!« ertönte es plötzlich aus dem Haufen der Emigranten;
-mitten unter ihnen stand der Herr mit der fahlen Glatze und verbreitete
-Panik. Man sah seine Hände im Nebel fuchteln.
-
-Jetzt stieg ein Offizier schnell die Treppe von der Kommandobrücke
-hinab.
-
-Carlos und Nicolás sahen, wie er energisch auf den Herrn mit der fahlen
-Glatze zuschritt und in der Richtung der ersten Klasse zeigte.
-
-Der Herr mit der fahlen Glatze duckte sich und verschwand.
-
-Nochmals heulte die Sirene über ihnen; ganz nahe erfolgte die Antwort.
-
-»Karl und Nikolaus, gehen wir nach dem Promenadendeck«, sagte Herr Dr.
-Bürstenfeger.
-
-Sie kehrten zurück.
-
-An der Reling lehnte ernst der fröhliche Priester, sein Brevier in der
-Hand.
-
-Beinahe alle Passagiere waren auf Deck.
-
-Fräulein von Pfnühl saß in ihrem Reisestuhl in ihren Schal gehüllt und
-weinte leise: »Wir werden untergehen; mein guter, lieber Bruder, du
-siehst mich nie wieder!«
-
-Bewegungslos stand die Lombardia, die Sirene heulte. Aus nächster Nähe
-erfolgte jetzt die Antwort des fremden Dampfers.
-
-Herrn Dr. Bürstenfegers Herz krampfte sich zusammen.
-
-Einige Sekunden vergingen; Lichter glitten im Nebel vorüber.
-
-»Gott sei Dank ... er ist an uns vorbei!« murmelte Herr Dr.
-Bürstenfeger.
-
-Bald setzte die Lombardia wieder zu langsamer Fahrt an.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger ging mit Carlos und Nicolás ins Rauchzimmer; die
-vier Herren waren noch immer in ihr Kartenspiel vertieft.
-
-In einer Ecke saß stumm und finster der Herr mit der fahlen Glatze und
-brütete vor sich hin ...
-
-Nicolás zeigte heimlich auf ihn und sagte zu Carlos: »Er ist noch wütend
-über den Anschnauzer, den er vom Offizier bekommen hat ...«
-
-Zwei Stunden war die Lombardia langsam weitergefahren. In kurzen,
-regelmäßigen Abständen gab sie ihre Warnungssignale.
-
-Plötzlich ertönten nahe vor dem Schiffe Schreie, zugleich laut ein
-Nebelhorn. Einige Barken huschten wie Schatten dicht an der Lombardia
-vorbei.
-
-Die Maschine des Dampfers arbeitete nach rückwärts. Das Schiff stand.
-
-Sämtliche Passagiere waren aufs Deck gestürzt. Von rechts und links kam
-schrilles Pfeifen; wieder ertönten Nebelhörner, dazwischen Schimpfen und
-Fluchen.
-
-»Wir sind in eine Fischerflottille geraten«, rief ein Steward.
-
-»Um Gottes willen, man hat doch keine Barke überfahren?!« rief Herr Dr.
-Bürstenfeger.
-
-»Es ist nichts passiert«, lachte der Steward ...
-
-Die Schreie und Rufe verklangen in der Ferne.
-
-Eine Möwe flog nahe an Carlos und Nicolás vorbei, beinahe die Reling
-streifend.
-
-Lange rührte sich die Lombardia nicht von der Stelle, unaufhörlich
-ertönten ihre Signale.
-
-Dann fuhr sie wieder langsam weiter ...
-
-Nach dem Nachtessen saß Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im
-Rauchzimmer.
-
-Auf dem Sofa saß die Dame aus Patagonien, neben ihr der Herr mit der
-Reisemütze.
-
-»Heute nacht gehe ich nicht zu Bett!« sagte sie.
-
-»Das Klügste wäre, wir blieben alle auf«, bemerkte er.
-
-Lange saß man schweigend.
-
-Plötzlich rief Carlos aus: »Es tutet ja schon lange nicht mehr!«
-
-In dem Augenblick kam der Herr aus Coruña hereingelaufen und rief laut
-und freudig: »Meine Herrschaften, der Nebel zerteilt sich!«
-
-Alles eilte auf Deck. Man sah weit hinaus ins Meer. Hell erleuchtete
-Schiffe fuhren vorüber.
-
-Gibraltar erstrahlte in tausend Lichtern.
-
-»Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie, Europa!« riefen Carlos und Nicolás.
-
-Bald leuchteten sämtliche Sterne am Himmel.
-
-Ein großer Dampfer fuhr mit Musik nahe an der Lombardia vorbei.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger stand noch eine Weile mit Carlos und Nicolás auf
-Deck, dann ging er hinunter in den Salon, und von Begeisterung erfüllt,
-setzte er sich ans Klavier und spielte Beethovens Eroika ...
-
-Zwei Tage später war man in Barcelona.
-
-Schon frühmorgens war ein großer Teil der Emigranten ausgeschifft
-worden.
-
-Etwas später stiegen die Passagiere der ersten Klasse aus.
-
-Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás standen auf Deck.
-
-»Schade, daß wir nicht an Land können, weil das Schiff so kurze Zeit
-hält«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Ist es denn in Deutschland nicht schöner als hier?!« bemerkte tief
-enttäuscht Carlos.
-
-»Barcelona ist eine schöne spanische Stadt, freilich ist dies hier von
-der Ferne aus schwer zu beurteilen«, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-»Aber Deutschland ist doch viel schöner?!«
-
-»Es wird euch dort schon gefallen«, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.
-
-Jetzt stieg die schöne Dame mit den Purpurlippen in Begleitung eines
-jungen Exdeputierten aus Buenos Aires als Letzte in die unten wartende
-Barkasse.
-
-Unzähliges Handgepäck folgte.
-
-Die Barkasse stieß ab.
-
-Die schöne Frau sah Carlos und Nicolás oben an der Reling stehen und
-warf ihnen zum Abschied Kußhände zu.
-
-Carlos und Nicolás winkten mit den Taschentüchern und schrieen aus
-Leibeskräften: »Adieu, adieu, auf Wiedersehen!«
-
-»Schon gut, schon gut, jetzt hört mal endlich auf!« sagte Herr Dr.
-Bürstenfeger ärgerlich und legte ihnen die Hand auf die Schulter ...
-
- * * * * *
-
-Zwei Tage später in der Frühe fuhr die Lombardia in den Hafen von Genua
-ein.
-
-Beinahe alle Passagiere waren auf Deck.
-
-An der Reling standen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás,
-neben ihnen das Handgepäck und die Kiste mit den Affen.
-
-Die Knaben dachten: Wie schön, bald sind wir in Mufflingen!
-
-Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: »Genua, Königin des Meeres, letzte große
-Station vor meiner Heimat!«
-
-Auf Zwischendeck standen zwischen Koffern, Ballen und zusammengerollten
-Matratzen die Emigranten zum Aussteigen bereit.
-
-Ganz vorn an der Spitze lehnte an der Reling ein alter Mann.
-
-Vierzig Jahre war er von seiner Vaterstadt fortgewesen. Arm wie er
-fortgezogen, kehrte er jetzt wieder zurück.
-
-Die Lippen aufeinandergepreßt, blickte er schon lange auf das sich
-nahende Genua.
-
-Plötzlich breitete er die Arme aus, und laut weinend rief er, daß es
-über das ganze Schiff ertönte: »_Genova mia Genova!_«
-
-Auf den Hafendocks spazierte Fräulein von Pfnühls guter Bruder. In Angst
-und Sorge wartete er auf seine Schwester. Er wußte, daß sie
-sich dem Trunk ergeben hatte, und stand bereits mit einer
-Alkoholentziehungsanstalt Mitteldeutschlands in Verbindung.
-
-
- -- Ende --
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Korrekturen (vorher/nachher):
-
- [S. 29]:
- ... trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren
- Umzäumungen ...
- ... trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren
- Umzäunungen ...
-
- [S. 44]:
- ... Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten ein
- Hütte, machten ...
- ... Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten eine
- Hütte, machten ...
-
- [S. 53]:
- ... auf dem ich sitze.« ...
- ... auf dem ich sitze?« ...
-
- [S. 103]:
- ... Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen
- Abständen schwere Schritt ...
- ... Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen
- Abständen schwere Schritte ...
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Carlos und Nicolás, by Rudolf Johannes Schmied
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARLOS UND NICOLÁS ***
-
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-
-
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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-volunteers and employees are scattered throughout numerous
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-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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- Dr. Gregory B. Newby
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-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Carlos und Nicolás, by Rudolf Johannes Schmied</title>
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-The Project Gutenberg EBook of Carlos und Nicolás, by Rudolf Johannes Schmied
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-Title: Carlos und Nicolás
- Kinderjahre in Argentinien / Auf dem Meere
-
-Author: Rudolf Johannes Schmied
-
-Illustrator: Georg Walter Rößner
-
-Release Date: July 17, 2017 [EBook #55130]
-
-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARLOS UND NICOLÁS ***
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
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-
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/cover-page.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="frontmatter">
-<h1 class="title">
-Carlos und Nicolás
-</h1>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">von</span><br />
-<span class="line2">Rudolf Johannes Schmied</span>
-</p>
-
-<p class="ill">
-<span class="line1">Mit vielen ganzseitigen Original-Steindrucken von</span><br />
-<span class="line2">Georg Walter Rößner</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Verlegt bei Erich Reiß, Berlin</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="cop">
-Copyright 1909 by Erich Reiß, Verlag
-</p>
-
-<p class="printer">
-Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="toc" id="part-1">
-Inhalt
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Carlos und Nicolás Kinderjahre in Argentinien</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Boleadoras</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-1">9</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Chinese</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-2">19</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Das Brüderchen</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-3">25</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Tigerjagd</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-4">29</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Herr Dr. Bürstenfeger</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-5">35</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-6">41</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Reise nach Mendoza</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-7">50</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Stadt Mendoza</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-8">54</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">In den Kordilleren</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-9">60</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Nach Paraguay</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-10">70</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Paraguay</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-11">77</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Revolution</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-2-12">84</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Carlos und Nicolás auf dem Meere</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Auf dem großen Meer</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-3-1">97</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">In der Bai von Rio</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-3-2">104</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Rio de Janeiro</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-3-3">108</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Nach der Alten Welt</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-3-4">121</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Europa</td>
- <td class="col_page"><a href="#chapter-3-5">145</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Carlos und Nicolás
-Kinderjahre in Argentinien
-</h2>
-
-<p class="ded">
-<span class="line1">Ines Wolff</span><br />
-<span class="line2">zugeeignet</span>
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-1">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Die Boleadoras
-</h3>
-
-<p class="first">
-Der breite Paraná mit seinen Inseln, eine Schafherde, über der ein hungriger
-Geier, nach Lämmern auslugend, kreist, kleine Trupps von Kühen und Pferden,
-das große, weiße Herrschaftsgebäude mit den Parkanlagen unterbrechen die Monotonie
-der Pampa.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás saßen in weißen Matrosenanzügen am Stromufer. Sie waren
-Brüder. Carlos war sieben Jahre, Nicolás sechs.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Ponys, dickbauchige Pampasponys mit kurzen Hälsen und großen Köpfen,
-standen einige Schritte von ihnen schweißbedeckt und keuchend an einer Weide angebunden.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben hatten hinter Straußen gejagt, ohne sie einholen zu können. Carlos
-hatte dabei seine Boleadoras verloren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schenke mir deine Boleadoras<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>, und ich tausche mein Pferd mit deinem&ldquo;, sagte
-Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Carlos&rsquo; Pferd war wertvoller. Wenn die Brüder um die Wette rannten, war es
-immer um zwei Nasenlängen voraus. Bei raschem Anhalten warf es nicht den Kopf
-zurück, daß er mit dem seines Herrn zusammenstieß. Es hatte nicht die böse Gewohnheit,
-nach dem Beine zu schnappen, wenn man aufsaß. Auch wußte es geschickt
-die gefährlichen, im Grase versteckten Löcher der Tucatús zu umgehen, die
-Nicolás schon manchmal zum Stürzen gebracht hatten.
-</p>
-
-<p>
-Aber trotzdem wollte Nicolás nicht tauschen. Er spielte mit seiner Waffe und gab
-keine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du kriegst meinen Sattel dazu&ldquo;, fuhr der Bruder fort.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-<a id="pagehdr-12" class="pagehdr" title="Carlos reitet hochaufgerichtet davon"></a>
-&bdquo;Was hat dir Onkel Paulus alles geschenkt?&ldquo; fragte Nicolás begierig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr viel&ldquo;, antwortete Carlos. &bdquo;Zu meinem Geburtstage schenkte er mir ein
-großes Landgut in Paraguay mit zwei Millionen Pferden und einer Million Kühen.
-Nächstes Jahr reise ich hin auf meinem Dampfer Pingo; ich werde hundert Soldaten
-mitnehmen, um mit den Indianern zu kämpfen, drei Tigerfelle bringe ich dir mit;
-ich denke vierzig Indianer zu töten. Mein Landgut heißt Isla-Verde und liegt
-links neben dem Fluß. Aber weil du mir die Boleadoras gegeben hast, schenke ich
-dir das Landgut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Darauf zeigte er nach der Schafherde, die in einiger Entfernung von ihnen graste:
-&bdquo;Die Schafe gehören mir.&ldquo; Er zeigte nach einem Baum, der sich einsam aus der
-Steppe erhob: &bdquo;Von jenem Ombú an gehört alles Land mir, hundert Meilen weit
-bis nach Chile. Ich schenke es dir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten machte er einen Schritt zurück, und ohne auf Dank zu warten,
-ging er mit leuchtenden Augen nach seinem Pferde, stieg auf und ritt hochaufgerichtet,
-die Kugeln über seinem Haupte schwingend, davon.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás blieb liegen und schaute ihm nach. Er dachte, wie edel sein Bruder sei,
-aber zugleich auch, was für ein Narr er sei, für ein paar armselige Boleadoras so viel
-Reichtum wegzugeben.
-</p>
-
-<p>
-Eine geraume Weile lag er unbeweglich: &bdquo;Du hast Landgüter, du hast Kühe und
-Pferde&ldquo;, sagte er sich. Er schloß die Augen und ließ im Geiste all diese Herrlichkeiten
-an sich vorüberziehen. &bdquo;Du hast einen Dampfer&ldquo;, sagte er, die Augen öffnend, und
-sah nach dem Fluß hin.
-</p>
-
-<p>
-Gleich würde der Dampfer hinter der Biegung des Stromes verschwinden. Ganz
-lautlos glitt er dahin. Man sah die Leute auf dem Verdeck nicht mehr.
-</p>
-
-<p>
-Dann blickte Nicolás zum Himmel, ob keine Wolken da seien, denn er wußte, daß
-Stürme den Schiffen gefährlich sein könnten. Er wünschte, daß es bald aus Paraguay
-zurückkehren möchte; er würde hier am Ufer stehen und mit dem Taschentuch winken.
-</p>
-
-<p>
-Damit erhob er sich. Es litt ihn nicht länger in der tödlichen Einsamkeit allein
-mit seinem unendlichen Glück.
-</p>
-
-<p>
-Er wollte zu Juanita, der Tochter des Schafhirten, und ihr erzählen, wie unermeßlich
-reich er sei.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-<a id="pagehdr-13" class="pagehdr" title="Wem gehören die Schafe?"></a>
-Nicolás stieg zu Pferd und ritt in kurzem Trabe davon, an dem Herrschaftsgebäude
-und dann an dem Galpon vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Unweit der Schafherde stand die Hütte von Juanitas Vater, und nicht weit davon
-saß sie im Grase und peitschte mit einer Gerte die Halme.
-</p>
-
-<p>
-Sobald Nicolás sie sah, ließ er sein Pferd kurbettieren; er schlug, die losen Zügel
-in der Hand, darauf ein und riß es dann gleich wieder zurück.
-</p>
-
-<p>
-Er liebte Juanita, und er wollte, daß sie ihn in Gefahr sehen solle.
-</p>
-
-<p>
-Sie aber blickte ihn mit leisem Lächeln an. Ihr älterer Bruder Isidor war Pferdebändiger
-auf dem Gute von Don Ignacio Rodriguez, und das erschien ihr weit
-gefährlicher.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás hatte sich ihr inzwischen bis auf wenige Schritte genähert und begann sein
-Pony zu beruhigen, indem er ihm freundliche Worte sagte und auf Hals und Kruppe
-tätschelte.
-</p>
-
-<p>
-Dann stieg er mit einem meisterhaften Sprung ab und stand dicht bei ihr.
-</p>
-
-<p>
-Er war sehr ernst, beinahe feierlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Juanita,&ldquo; begann er, &bdquo;vorhin ist der Tridente vorbeigefahren, du weißt, er ist
-der schnellste Dampfer von allen; ich habe ihn von Carlos bekommen mit dem Silbergeschirr,
-mit den Betten und Stühlen und mit der Maschine. Ich habe mir ein Landgut
-in Paraguay erworben mit Millionen von Kühen und Pferden.&ldquo; Er zeigte nach
-dem Baume: &bdquo;Von jenem Ombú an ist alles Land mein bis nach Chile.&ldquo; Er zeigte
-nach der Schafherde: &bdquo;Und auch die Schafe hier sind mein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Juanita hatte ihm zugehört, ohne daß eine Miene sich in ihrem Gesichte veränderte;
-bei seinen letzten Worten jedoch zuckte sie die Achseln, rümpfte die Nase und wiegte
-den Kopf langsam hin und her.
-</p>
-
-<p>
-Eine kleine Pause entstand.
-</p>
-
-<p>
-Endlich sagte sie: &bdquo;Ich weiß nicht, ob du lügst, wenn du sagst, daß der Tridente
-dein ist und alle Landgüter in Paraguay und alles Land hinter dem Ombú bis nach
-Chile. Aber du lügst, wenn du sagst, daß die Schafe dein sind; die Schafe gehören
-meinem Vater, und wenn mein Vater tot ist, gehören sie meiner Mutter, und wenn
-meine Mutter tot ist, gehören sie meinem Bruder und mir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nicolás war über diese Worte etwas betroffen, dann aber stieg der Ärger in ihm auf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-<a id="pagehdr-14" class="pagehdr" title="Juanita weiß nicht, was Wälder sind"></a>
-&bdquo;Was mein ist,&ldquo; antwortete er, &bdquo;hat zuerst Papa und Onkel Paulus gehört. Papa
-und Onkel Paulus haben das Recht, zu verschenken, was sie wollen. Onkel Paulus
-lügt meinen Bruder nicht an. Er hat ihm das Land und die Sachen gegeben, er
-darf es.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er kann dir alles Land und alle Schiffe verschenken, aber niemals die Schafe,
-die gehören meinem Vater.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meinetwegen,&ldquo; sagte Nicolás mit einer nachlässigen Gebärde, &bdquo;die Schafe sollen
-deinem Papa gehören, ich würde sie ihm ja sowieso geschenkt haben. Gefallen mir
-einmal alle Reichtümer nicht, gebe ich sie her oder verkaufe sie und gehe nach Europa
-und kaufe mir die großen Wälder. Weißt du, was Wälder sind, Juanita?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein&ldquo;, sagte sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Natürlich kannst du nicht wissen, was Wälder sind, weil es hier keine gibt. In
-Buenos Aires und Uruguay sind die großen Städte und die Pampas. Die Wälder
-sind in Europa, und das sind viele große Bäume, die beieinander sind. Man kann
-tagelang darin reisen, die Bäume ragen beinahe bis zum Himmel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Willst du wissen, wie es darin aussieht, beuge dich ins Gras herab und bleibe
-eine Weile ruhig. Aber schaue immer zwischen den Halmen hindurch. Gibst du dir
-Mühe und denkst du immer an einen Wald, wird es dir so vorkommen. Das hat
-mich Onkel Paulus gelehrt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Juanita verharrte eine Weile schweigend.
-</p>
-
-<p>
-Schließlich sagte sie: &bdquo;Beug&rsquo; du dich doch zuerst herab, und wenn du einen Wald
-siehst, so sage es mir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sogleich kniete Nicolás nieder.
-</p>
-
-<p>
-Juanita sah ihn eine ganze Weile ernst an, plötzlich aber mußte sie laut auflachen,
-denn Nicolás erschien ihr in seiner kauernden Stellung komisch.
-</p>
-
-<p>
-Er blieb trotzdem noch eine ganze halbe Minute unbeweglich, dann aber richtete
-er sich auf und sagte ärgerlich: &bdquo;Ich begann schon die Wälder zu sehen, aber durch
-dein Lachen hast du mir alles verdorben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach einigen Sekunden aber war sein Ärger wieder verraucht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Beug&rsquo; dich herab, Juanita,&ldquo; beharrte er, &bdquo;bleibe eine Weile ruhig, denke immer an
-die Wälder, und du wirst sie sehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-<a id="pagehdr-15" class="pagehdr" title="In Europa fließen Ströme durch die Straßen"></a>
-Sie war unschlüssig; es widerstrebte ihr, etwas zu tun, wozu ihr der richtige Glaube
-fehlte und was ihr außerdem etwas lächerlich erschien.
-</p>
-
-<p>
-Aber da sie schließlich doch ein bißchen neugierig war, stand sie auf, kniete nieder
-und blieb eine Zeitlang still.
-</p>
-
-<p>
-Doch es wollten sich ihr keine Wälder zeigen.
-</p>
-
-<p>
-Sie richtete sich auf, strich sich über das Kleidchen und sagte: &bdquo;Ich sehe nichts.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nicolás ließ resigniert den Kopf sinken.
-</p>
-
-<p>
-Nicht lange jedoch, und er hatte sich von seiner Enttäuschung erholt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In Europa&ldquo;, hub er an, &bdquo;ist es schöner als hier, durch die Straßen fließen Ströme.
-Schwarze Boote fahren darauf. Der Himmel ist golden und blau; an allen Häusern
-sind Balkone und viele Blumen, ich habe es auf einem Bilde gesehen. In Europa
-gibt es Könige und nicht Präsidenten, sie fahren auf goldenen Booten und sind die
-reichsten Leute der Welt. Wenn die Präsidenten sehr reich werden wollen, müssen
-sie stehlen, habe ich schon oft sagen hören, die Könige brauchen das nicht, denn sie
-bekommen alles von selbst. In Europa gibt es Prinzessinnen, die sind tausendmal
-schöner als alle Frauen von Buenos Aires und Uruguay, sie haben goldene Haare
-und reiten auf weißen Pferden, manchmal tragen sie große Adler, die man Falken
-nennt, auf dem Arme. Könige und Prinzessinnen wohnen zusammen in Palästen,
-die sind am Meere gebaut, denn in Europa ist das Meer, und das ist der größte Strom
-von allen. Auf dem Meere fahren die größten Schiffe, die es gibt, Kanonen sind
-darauf, um gegen die Walfische zu kämpfen. Ich bin ein mächtiger Mann, Juanita,
-der viel Geld und Güter hat, und wenn ich groß bin, will ich mich zum Präsidenten
-von Buenos Aires machen, und weißt du, Juanita, was ich dann tue? Ich werde
-mir ein Meerschiff bauen lassen und werde nach Europa reisen, und als mächtigen
-Präsidenten von Buenos Aires müssen mich die Könige auf ihren goldenen Booten
-empfangen, und die Prinzessinnen sitzen dabei und spielen auf goldenen Harfen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nicolás hielt inne, um zu hören, was sie dazu sagte.
-</p>
-
-<p>
-Aber sie schwieg, und von ihrem Antlitz war gar nichts abzulesen, weder Unglauben
-noch Erstaunen.
-</p>
-
-<p>
-Etwas gereizt fuhr er fort: &bdquo;Wenn ich will, kann ich die Töchter der Könige heiraten,
-und ich werde es tun, Juanita, bei allen Königen werde ich anfragen, nur
-beim König eines großen Landes, das Paris heißt, nicht. Gegen diesen werde ich
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-<a id="pagehdr-16" class="pagehdr" title="Der ehemalige König von England wäscht den Schecken"></a>
-Krieg machen, denn er ist der Mächtigste, und wenn ich ihn dann mit meinem Schwert
-erschlagen habe, kann ich, wenn ich will, mich zum Herrscher seines Landes machen.
-Sag&rsquo; mal, Juanita,&ldquo; sagte er, seine Stimme erhebend, &bdquo;möchtest du Königin von
-Paris werden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es entstand eine Pause.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ph,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ich möchte schon.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut,&ldquo; antwortete Nicolás &bdquo;du mußt mir aber versprechen, wenn du Königin
-bist, meine Frau zu werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bin ich einmal Königin, will ich deine Frau sein&ldquo;, sagte sie und zuckte die Achseln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du wirst es, aber da müssen wir uns zuerst verloben, und du mußt mir einen
-Kuß geben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann mich ja mit dir verloben und dir einen Kuß geben, aber alles, was du
-erzählst, ist ja Lüge&ldquo;, meinte sie, die Nase rümpfend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn du glaubst, daß ich lüge, gehen wir zu José und fragen wir ihn. José war
-König von England, früher, als es ihm noch gut ging und er nicht Knecht zu sein
-brauchte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meinetwegen, gehen wir zu ihm&ldquo;, sagte sie und lächelte ziemlich überlegen.
-</p>
-
-<p>
-José, ein geborener Neapolitaner, aber seit langem eingewandert, stand dicht
-beim Galpon und wusch den Schecken des Verwalters. Er goß Eimer auf Eimer
-über Bauch und Rücken des Pferdes, das bebend auswich; dazu fluchte er, denn
-jede Arbeit war ihm verhaßt. Unter den Pferden haßte er aber den Schecken, seiner
-heiklen Hautfarbe wegen, und weil er die schlechte Gewohnheit hatte, sobald er freigelassen
-war, sich auf der Erde zu wälzen.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás trat mit Juanita an ihn heran und sagte laut und in einem Tone, der
-keine Widerrede litt: &bdquo;Nicht wahr, José, du warst früher König von England?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zuerst erstaunte José, dann aber antwortete er mit wildhumoristischem Auflachen:
-&bdquo;Natürlich war ich König von England, <span class="antiqua">corpo di Dio</span>, war das eine fröhliche Zeit,
-damals, als ich noch König von England war!&ldquo; Bei diesen Worten gab er dem
-Schecken einen Fußtritt, als wollte er ihn den grausamen Umschwung der Dinge
-vergelten lassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Siehst du, Juanita&ldquo;, sagte Nicolás, &bdquo;José war König von England. Gehen wir
-jetzt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-<a id="pagehdr-17" class="pagehdr" title="Die Spuren eines weihevollen Kusses werden verwischt"></a>
-Als sie einige Schritte gegangen waren, sagte er: &bdquo;Jetzt müssen wir uns verloben&ldquo;
-und faßte sie bei der Hand; sie folgte ihm kichernd, und als sie an die Stelle gelangt
-waren, von wo sie gekommen waren, küßte er sie feierlich auf den Mund.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt bist du meine Braut und wirst Königin von Paris&ldquo;, sagte er. Er sah sie
-leuchtend an, tat einen Schritt zurück, wie vorhin sein Bruder, und stieg zu Pferd.
-</p>
-
-<p>
-Im Galopp, graziös den Oberkörper wiegend, ritt er davon.
-</p>
-
-<p>
-Juanita sah ihm nach, die Rechte schlaff am Leibe; mit der Linken wischte sie sich
-die feuchten Spuren ab, die Nicolás weihevoller Kuß zurückgelassen hatte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es war Nacht geworden, Carlos war nicht zum Abendessen zurückgekehrt, er war
-beim Puestero Eusebio; Gäste waren bei ihm und man hatte ein Lamm geschlachtet.
-Carlos hatte es abhäuten und ausweiden helfen.
-</p>
-
-<p>
-Ziemlich spät ritt er heim. Seine Stimmung war etwas gedrückt, außerdem
-langweilten ihn bereits die Boleadoras.
-</p>
-
-<p>
-Zu Hause war alles schlafen gegangen. Carlos sattelte sein Pferd ab und ließ
-es auf die Weide laufen. Dann ging er, die Boleadoras in der Hand, in sein und
-seines Bruders Schlafzimmer.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás lag im Bett, aber er schlief noch nicht; es brannte Licht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo warst du?&ldquo; fragte Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bei Eusebio.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freuen dich die Boleadoras?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos gab keine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was hast du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nichts&ldquo;, sagte Carlos und zog sich mürrisch aus.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás fragte nicht weiter. Carlos ging ins Bett und löschte das Licht aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicolás!&ldquo; rief er plötzlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bah!&ldquo; sagte Carlos und drehte sich im Bett um.
-</p>
-
-<p>
-Es herrschte Stille.
-</p>
-
-<p>
-Und nochmals: &bdquo;Nicolás!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was willst du denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-<a id="pagehdr-18" class="pagehdr" title="Ein fürchterlicher Schwur"></a>
-Sehr gepreßt kam es aus Carlos heraus: &bdquo;Ich meinte nur ...&ldquo; und dann: ...
-&bdquo;die Boleadoras sind wieder dein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben schwiegen.
-</p>
-
-<p>
-Carlos richtete sich im Bette auf und sagte schmerzlich: &bdquo;Die Boleadoras sind
-dein, denn den Tridente und das Gut in Paraguay und alles Land hinter dem Ombú
-bis nach Chile und die Schafe hat mir Onkel Paulus nicht geschenkt; daher durfte
-ich sie dir nicht schenken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wieder herrschte Pause.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also hast du mich angelogen&ldquo;, tönte es von Nicolás&rsquo; Bett tief enttäuscht zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ich habe dich angelogen&ldquo;, antwortete Carlos etwas erleichtert.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum hast du mich angelogen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil ich die Boleadoras haben wollte&ldquo;, kam es zerknirscht zurück.
-</p>
-
-<p>
-Nochmals Pause.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás raffte sich auf: &bdquo;Schwörst du mir, daß du mich angelogen hast?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich schwöre es.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Küß&rsquo; das Kreuz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos machte ein Kreuz mit beiden Zeigefingern und schwor: &bdquo;<span class="antiqua">Te juro, que
-Dios me castigue.</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hast du wirklich das Kreuz geküßt?&ldquo; fragte Nicolás mißtrauisch, denn er konnte
-es der Dunkelheit wegen nicht sehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja&ldquo;, sagte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schwörst du mir, daß dich sofort der Blitz treffen wird, wenn es nicht wahr ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich schwöre es&ldquo;, antwortete Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Daraufhin herrschte vollständiges Schweigen.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás lag da, erfüllt von einer nie gekannten, unsagbaren Trostlosigkeit: Keine
-Güter! Kein Schiff! Keine Schafe! Nie würde er die Wälder von Europa kaufen,
-niemals würde er den König von Paris bekriegen dürfen und Juanita würde niemals
-seine Frau.
-</p>
-
-<p>
-Er versank in tiefes Grübeln.
-</p>
-
-<p>
-Vom Bette seines Bruders aber vernahm man ruhige Atemzüge; er schlief schon
-lange.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-<a id="pagehdr-19" class="pagehdr" title="Ein junges Reh übernachtet im Salon"></a>
-Was würde Juanita zu allem sagen? Wie sollte er ihr morgen unter die Augen
-treten? Er hatte sie angelogen, nie würde sie ihm das verzeihen.
-</p>
-
-<p>
-Und weil er die quälenden Gedanken nicht los werden konnte, zündete er schließlich
-Licht an, stand auf, kroch unters Bett und zog eine kleine grüne Eisenbahn hervor:
-eine Lokomotive mit drei Waggons.
-</p>
-
-<p>
-Aus der Schublade des Nachttisches holte er einen starken Faden und band ihn
-an den Schornstein der Lokomotive.
-</p>
-
-<p>
-Lange stand Nicolás da, barfuß auf den Fliesen, und ließ die Eisenbahn im Kreise
-laufen.
-</p>
-
-<p>
-Und das war seine Erlösung.
-</p>
-
-<p>
-Langsam zog tiefer Trost und Friede in seine Seele ein.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-2">
-Der Chinese
-</h3>
-
-<p class="first">
-Hinter dem Hause im Hofe hielten Carlos und Nicolás Tiere, Haustiere und Tiere
-der Pampa. Oft machten sie Streifzüge und kehrten mit einem Fang zurück,
-einem jungen Strauß, einer Kropfeidechse, einem Gürteltier; sie stellten Fallen im Hof
-auf und fingen Beutelratten. Aber über die neuen Tiere vernachlässigten und vergaßen
-sie die alten. Einmal brachen die meisten aus. Ein junges Reh hatte oben im Salon
-übernachtet, eine Kropfeidechse war ins Bett einer Magd gekrochen. Da wurde
-Carlos und Nicolás gedroht, die Tiere müßten fort, wenn sie sich nicht besser um
-sie kümmerten.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Tag waren die Knaben, wie gewöhnlich, hinaus in die Pampa geritten.
-Nach einer Stunde scharfen Galopps wandten sie die Ponnys nach einem
-Ombú, um Rast zu halten; es war ein sehr heißer Tag, die Pferde ließen die Köpfe
-hängen und bewegten die Ohren müde nach den Seiten; die Sättel lagen beinahe
-auf ihren Hälsen. Als die Knaben sich dem Baum näherten, sahen sie dort einen
-seltsamen, kleinen, dicken Mann auf der Erde sitzen, den Kopf gegen den Stamm
-gelehnt. Statt eines Rockes oder Ponchos trug er einen ganz eigentümlichen Kittel,
-der ihm bis an die Kniee reichte; neben ihm lag ein breitrandiger Strohhut und ein
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-<a id="pagehdr-20" class="pagehdr" title="Ein zahmer Chinese sitzt unter dem Ombú"></a>
-rotes Bündel. Gleich nachher erkannten sie jedoch, daß es kein Mann war, sondern
-eine Frau in Männertracht; denn es trug einen langen, dünnen Zopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist komisch&ldquo;, sagte Carlos und lachte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr komisch&ldquo;, sagte Nicolás und lachte auch.
-</p>
-
-<p>
-Sie ritten ganz nah an den Baum heran: es war keine Frau.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Chinese!&ldquo; sagte Carlos und erbleichte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Chinese!&ldquo; sagte Nicolás und erbleichte auch.
-</p>
-
-<p>
-Der Kopf, der Kittel und der Hut waren ganz so, wie sie es bei Chinesen auf Bilderbogen
-gesehen hatten.
-</p>
-
-<p>
-Der Chinese, der geschlafen hatte, war erwacht und sah die Knaben ohne merkliches
-Erstaunen an.
-</p>
-
-<p>
-Sie wollten kehrtmachen und fliehen, denn sie hatten gehört, diese Menschen
-seien wild und blutdürstig wie die Indianer des Gran Chaco. Aber sie ermannten
-sich zugleich, denn keiner wollte vor dem anderen feig erscheinen; und dazu
-blinzelte und lächelte der Chinese so gemütlich und Vertrauen erweckend, daß
-Flucht den Knaben doppelte Feigheit erschien. Vielleicht ist es ein zahmer Chinese,
-dachten sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was schaut ihr mich so an, ihr Büblein?&ldquo; fragte er endlich. Seine Stimme klang
-sanft; sie hatte nichts von einem wilden Indianergeheul.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir schauen dich nicht an&ldquo;, sagte Carlos und starrte fortwährend auf ihn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seht mir diese Knaben!&ldquo; Der Chinese lachte und schlug sich auf die dicken Schenkel;
-das Gesicht, das er dabei machte, war so komisch, daß auch Carlos und Nicolás in
-Lachen ausbrachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was hast du in deinem Bündel?&ldquo; fragte Carlos nach einer Weile.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwei Hemden und eine Hose; ich bin auf Reisen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weite Reisen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich gehe von Gut zu Gut und suche mir eine Stelle als Koch. Meine Herrschaft
-hat ihr Gut verkauft und ist ausgezogen; da bin ich auch ausgezogen. Könnt ihr
-einen Koch bei euch brauchen, ihr Buben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein&ldquo;, sagte Carlos. Gleich darauf aber durchzuckte ihn ein Gedanke: &bdquo;Wir
-können dir aber eine andere Stelle verschaffen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So. Eine andere Stelle? Und die wäre?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-<a id="pagehdr-21" class="pagehdr" title="Das Wasserschwein bekommt einen Teich"></a>
-&bdquo;Du könntest unsere Tiere pflegen, denn sonst müssen sie fort. Ich will Mama
-sagen, daß man dir so viel bezahlt wie einem Koch. Kannst du Tiere pflegen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß; aber was für Tiere sind&rsquo;s, ihr lieben kleinen Knaben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verschiedene; wenn du mit uns nach Hause kommst, wirst du sie sehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Chinese war damit einverstanden; die Kinder hielten kurze Rast, rückten dann
-die Sättel zurecht, schnallten die Gurte fester und stiegen zu Pferd. Der Chinese
-saß bei Nicolás hinten auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie ist denn dein Name?&ldquo; fragte Carlos; &bdquo;denn wenn wir jetzt zu Mama gehen,
-um dir die Stelle zu verschaffen, müssen wir wissen, wie du heißt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Chinese nannte einen Namen, der sehr seltsam klang. Die Knaben brachten
-immer nur Bichuante heraus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nennt mich nur immerhin Bichuante!&ldquo; meinte der Chinese.
-</p>
-
-<p>
-Mit stark klopfendem Herzen ritten Carlos und Nicolás in das Gut ein. Von
-irgendwoher erschien José, der Knecht, und starrte diesem seltsamen Aufzug mit
-offenem Munde nach. Die Knaben ritten bis zur Mitteltür des Hauses. Carlos
-sprang ab und rannte hinauf zu seiner Mutter.
-</p>
-
-<p>
-Sie saß im Musikzimmer am Klavier. &bdquo;Mama,&ldquo; schrie er, &bdquo;wir haben einen Chinesen
-mitgebracht, aber einen zahmen Chinesen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was habt ihr mitgebracht?&ldquo; Sie unterbrach ihr Spiel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einen ganz zahmen Chinesen, Mama, der Bichuante heißt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was redest du da für Unsinn? Was soll denn der Mann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er soll unsere Tiere pflegen, Mama.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos faßte seine Mutter am Arm, zog sie ungestüm nach dem Fenster und zeigte
-nach unten: &bdquo;Dort ist er.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wahrhaftig: es war ein Chinese. &bdquo;Das ist schon euer verrücktester Einfall!&ldquo; sagte
-sie. Aber nachher ward ihnen gestattet, den Chinesen zu behalten.
-</p>
-
-<p>
-Er trat sofort seinen Dienst an. Ställe mußten ausgebessert und gründlich gereinigt
-werden. Er stieg in den Taubenschlag hinauf und wirtschaftete. Weiß gesprenkelt
-und mit Federn bedeckt, kam er wieder herunter. Er grub für das Wasserschwein
-einen regelrechten Teich; bisher hatte es sich mit einem Tümpel begnügen
-müssen, der nach einer halben Stunde immer wieder ausgetrocknet war. Vor allem
-war es eine Freude, zu sehen, wie sanft er mit den Tieren umging. Die Kaninchen
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-<a id="pagehdr-22" class="pagehdr" title="José findet, daß Tierpflege eine zu leichte Arbeit sei"></a>
-schnupperten ihm durch die Fenster ihrer Kisten entgegen, sobald er sich zeigte; nicht
-lange, und die Tauben setzten sich ihm auf die Schultern, das Reh lief ihm nach.
-Nicolás glaubte sogar zu sehen, wie das Gürteltier ihn freundlich anblinzelte. Die
-Knaben liebten den Chinesen, besonders Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Von den Dienstboten hielt sich der Bichuante möglichst fern, denn sie lachten über
-ihn und spielten ihm auch manchmal einen Schabernack. Namentlich aber fürchtete
-er José. Als er einmal an der Küche vorbeiging, hörte er, wie der Knecht dem Gärtner
-sagte, er wolle den Chinesen umbringen (José haßte ihn, weil er fand, daß die Tierpflege
-eine zu leichte Arbeit sei). Der Bichuante erbebte, ließ aber nie ein Wort
-darüber verlauten. Nur wenn er zu Bett ging (seine Kammer lag neben der Josés),
-verriegelte er die Tür, schlief aber trotzdem immer gleich ein.
-</p>
-
-<p>
-Er kümmerte sich aber gar nicht nur um die Tiere auf dem Hof. Er striegelte und
-sattelte die Ponnys, er putzte ihr Zaumzeug; einmal wusch er sogar den Schecken
-des Verwalters. Als José das sah, war er gleich darauf bedacht, ihm nach Kräften
-von seiner Arbeit aufzubürden, und seinem Beispiel folgten die anderen Dienstboten.
-Der Chinese verrichtete alles, still, ohne zu klagen.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal, wenn er sich freimachen konnte, saß er gegen Sonnenuntergang mit
-den Knaben auf der Weide im Grase. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen,
-er pflückte eine Blume, besah sie aufmerksam und murmelte leise etwas vor sich hin.
-Carlos und Nicolás rückten ganz nah an ihn heran, um zu hören, was er sage. Dann
-baten sie: &bdquo;Sprich jetzt mal ganz laut auf Chinesisch.&ldquo; Der Bichuante zog die dünnen
-Augenbrauen in die Höhe, bewegte den Kopf langsam hin und her und sagte einige
-Sätze, worüber die Kinder laut auflachen mußten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, jetzt sprich wieder die christliche Sprache&ldquo;, sagte Carlos; denn er wußte von
-den Gauchos: alles, was nicht spanisch ist, ist auch nicht christlich. Dann mußte der
-Bichuante Purzelbäume schlagen. Das konnte er wie kein anderer. Nicolás umarmte
-ihn und gab ihm lautschallende Küsse auf beide Backen. Aus Dankbarkeit, denn
-den ganzen Tag hatte er sich auf diese Purzelbäume gefreut. Und dann saßen sie
-wieder im Gras beieinander.
-</p>
-
-<p>
-Der Bichuante stand auf und schlich auf den Zehenspitzen einem Schmetterling
-nach; ohne eigentlichen Grund, aus unbegreiflicher Freude. Der Schmetterling
-setzte sich auf eine Blume, klappte die Flügel auf und zu; aber sobald der Bichuante
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-<a id="pagehdr-23" class="pagehdr" title="Der Bichuante erhält einen weißen Rock"></a>
-sich genähert hatte, flog er wieder auf und setzte sich auf eine andere Blume. Der
-Chinese blieb in behutsamer Entfernung von ihm stehen und ahmte mit Daumen
-und Zeigefinger den Flügelschlag nach, ganz erstaunt, als hätte er nie in seinem
-Leben einen Schmetterling auf einer Blume gesehen.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/022a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-&bdquo;Wie merkwürdig ist doch so ein Chinese!&ldquo; sagte Nicolás zu Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Einmal hatte Nicolás, ohne etwas Böses zu denken, den Bichuante am Zopf
-gezogen; da hatte ihn der Chinese sehr ernst und traurig angeschaut und gesagt: &bdquo;Tu&rsquo;
-das ja nie wieder, mein Liebling!&ldquo; Nicolás erschrak. Auch freute es den Chinesen
-nicht, wenn die Kinder den Ponnys Zöpfe flochten, wie es am Samstagabend geschah,
-damit die Pferde gewellte Mähnen hätten, wenn man am Sonntag zu den
-Wettrennen der Gauchos ritt. Merkwürdig, dachte Nicolás; er fand manches an dem
-guten Bichuante merkwürdig ...
-</p>
-
-<p>
-Die Eltern der Knaben waren auf einige Zeit nach Buenos Aires verreist. Die
-Kinder blieben unter der Obhut des Verwalters, eines sehr strengen Franzosen,
-der selbst einmal ein großes Gut gehabt hatte. Er kümmerte sich äußerst gewissenhaft
-um die Wirtschaft und alle fürchteten ihn. Der Bichuante hatte mehrmals in der
-Küche mithelfen müssen und da war sein Kochtalent in vollem Glanz sichtbar geworden.
-Der Franzose hielt auf gute Küche. Er entließ ohne weiteres den alten Koch und erhob
-den Chinesen auf diesen Posten. Der Bichuante erhielt einen weißen Rock, eine
-weiße Schürze und eine weiße Mütze und war mit einem Schlag eine Respektsperson
-unter den übrigen Dienstboten. Das war ein Triumph für Carlos und Nicolás,
-und ihre Dankbarkeit und Verehrung für den Verwalter kannte keine Grenzen.
-</p>
-
-<p>
-Sechs Wochen waren vergangen; es war an einem außergewöhnlich heißen Tage,
-der Chinese stand in der Küche und bereitete den Teig für die Nachtischpasteten.
-Carlos und Nicolás schauten ihm zu. Weil die Hitze geradezu unerträglich war und
-der Chinese, seit er seine neue Stelle bekleidete, viel dicker geworden war, beschloß
-er, um sich Luft zu machen, Rock und Hemd abzulegen. Carlos und Nicolás halfen
-ihm dabei unter Freudengeschrei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nie hätte ich geglaubt, daß du einen so dicken Bauch hast&ldquo;, sagte Carlos und
-klopfte ihm auf den Leib.
-</p>
-
-<p>
-Aber ein unendlicher Jubel brach aus, als der Bichuante, um sich ein Späßlein zu
-erlauben, zwei Hände voll Teig nahm und, sich ein wenig nach hinten beugend, ihn
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-<a id="pagehdr-24" class="pagehdr" title="Die Pasteten schmecken dem Verwalter ausgezeichnet"></a>
-auf seinem nackten Leib zu kneten begann. &bdquo;Bravo!&ldquo; riefen die Knaben, umtanzten
-ihn und schüttelten sich vor Lachen. Und der Chinese stand da, von Fliegen umsummt,
-grinste und knetete weiter. Dann wurde der Teig auf dem Tisch ausgerollt
-und die Pasteten geformt und gefüllt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist meine Pastete&ldquo;, sagte Carlos und machte in die größte ein Loch mit dem
-Zeigefinger. &bdquo;Und die ist meine&ldquo;, sagte Nicolás und machte ein Loch in die zweitgrößte.
-Dann wurden die Pasteten in den Ofen geschoben.
-</p>
-
-<p>
-Einige Stunden später saßen Carlos und Nicolás mit dem Verwalter bei Tisch.
-Die Suppe und der Puchero, die Carbonado und der Asado wurden gebracht; zum
-Schluß kamen die Pasteten ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach,&ldquo; sagte der Verwalter, &bdquo;die Pasteten sind heute wirklich ganz ausgezeichnet!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos würgte, denn er hatte den Mund voll und wollte antworten. &bdquo;Warum
-sind sie so gut?&ldquo; sagte er, mit vollen Backen kauend; &bdquo;weil der Bichuante den Teig
-auf seinem nackten Bauch geknetet hat. So macht man&rsquo;s in seiner Heimat und dann
-werden die Pasteten sehr gut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was hat er getan?&ldquo; fragte der Verwalter betroffen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er hat Rock und Hemd ausgezogen und hat den Teig auf seinem nackten Bauch
-gerieben&ldquo;, sagte Carlos arglos; und er sprang auf, beugte sich etwas rückwärts und
-ahmte den Chinesen nach. Der Verwalter gab keine Antwort ... Er schob seinen
-Teller weg und drückte auf den Knopf einer Klingel ...
-</p>
-
-<p>
-Eine Viertelstunde später hingen Carlos und Nicolás weinend am Hals des Chinesen;
-der Bichuante mußte fort. Die Knaben wußten: der Verwalter hat sein letztes
-Wort gesprochen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum hast du das von den Pasteten erzählt, Carlos?&ldquo; heulte Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wußte doch nicht ...!&ldquo; Carlos konnte nicht weiter. Er drückte sein Gesicht
-auf den Hals des Chinesen, der ganz naß von Tränen war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Bichuante muß jetzt fort ...!&ldquo; Nicolás&rsquo; Stimme schnappte über, er gluckste
-und hustete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geh&rsquo; nicht fort, Bichuante!&ldquo; heulte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weinet nicht, ihr Buben,&ldquo; sagte der Chinese, der seine Rührung niederzwang;
-&bdquo;weinet nicht, seid Männer!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-<a id="pagehdr-25" class="pagehdr" title="Der Säugling kann weder Arme noch Beine bewegen"></a>
-Carlos und Nicolás trockneten sich die Augen und schneuzten sich. Sie sahen einander
-an, ein Beben ging über ihre Züge und wieder brachen sie in Tränen aus.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Morgen war der Aufbruch.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás sattelten ihre Ponnys; der Chinese saß bei Nicolás hinten auf.
-Man ritt in der Richtung des Ombús; dort wollte man Abschied nehmen, denn dort
-hatte man sich einst gefunden. Auf des Chinesen Gesicht lag ein ruhiges, resigniertes
-Lächeln. Carlos und Nicolás weinten leise. Der Bichuante redete ihnen zu: &bdquo;Ruhig,
-ruhig, ihr Buben, seid Männer!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als sie vor dem Ombú angekommen waren, stieg der Chinese vom Pferd. Er
-umarmte Carlos und Nicolás; auch sie schlangen ihre Arme um seinen Hals und
-küßten ihn auf den Mund.
-</p>
-
-<p>
-Dann, wie auf Verabredung, wandten sie die Pferde (denn sie wollten als Helden
-scheiden) und ritten im Galopp, laut heulend, nach dem Gut zurück.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-3">
-Das Brüderchen
-</h3>
-
-<p class="first">
-Am Morgen waren Carlos und Nicolás mit ihren Eltern aus Buenos Aires zurückgekehrt,
-es war Nachmittag, sie ritten in der Pampa spazieren. Carlos hielt im
-Arm einen kleinen weißen Seidenpintscher, den er vor vierzehn Tagen geschenkt bekommen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Sie kamen bis vor die einsame Hütte des Puesteros Eusebio und sahen sein sechsjähriges
-Söhnchen Miguelito, das nahe bei der Schwelle stand und eine niedrige
-Holzwiege wiegte, in der ein Säugling lag. Er lag festeingewickelt, konnte weder
-Arme noch Beine bewegen und schrie.
-</p>
-
-<p>
-Der Pintscher spitzte die Ohren nach der Wiege und bellte feindselig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist das dein Brüderchen?&ldquo; fragte Carlos ganz erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja!&ldquo; sagte Miguelito und sah mit leuchtenden Augen nach dem Pintscher.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seit wann hast du dieses Brüderchen?&ldquo; fragten Carlos und Nicolás zugleich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weiß nicht&ldquo;, antwortete Miguelito. &bdquo;Vor einigen Wochen brachte mich abends
-der Vater zu Don Ignacio, und als ich am Morgen wieder hier war, war das Brüderchen
-da.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-<a id="pagehdr-26" class="pagehdr" title="Blancos Wolle fühlt sich wie Seide an"></a>
-Nicolás ritt ganz nahe an die Wiege heran, um sich das Kind genau zu betrachten.
-</p>
-
-<p>
-Miguelito blickte unverwandt den Pintscher an und fragte: &bdquo;Seit wann habt
-ihr dieses Hündchen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe es von Papa geschenkt bekommen&ldquo;, antwortete Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie heißt dein Brüderchen?&ldquo; fragte er nach einer Weile.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pepito.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was ist das für ein schönes Brüderchen! sagte sich Carlos, und es entstand ein
-Gedanke in ihm, den er aber kaum auszudenken wagte.
-</p>
-
-<p>
-Doch er ließ ihm keine Ruhe und zaghaft fragte er: &bdquo;Gefällt dir mein Hündchen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja!&ldquo; sagte Miguelito und war ganz verklärt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er heißt Blanco&ldquo;, antwortete Carlos, &bdquo;und wenn du seine Wolle berührst, ist sie
-wie Seide. Da, fühle doch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er beugte sich herab und hielt ihm das Hündchen hin: &bdquo;Ist das nicht schön?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr schön!&ldquo; erwiderte Miguelito.
-</p>
-
-<p>
-Carlos stieg behend vom Pferd und sagte: &bdquo;Jetzt werde ich dir was zeigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er bückte sich, streckte den Arm aus und rief: &bdquo;Hops!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Blanco sprang über seinen Arm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hops!&ldquo; rief Carlos, und Blanco sprang zurück.
-</p>
-
-<p>
-Miguelito klatschte selig in die Hände.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und jetzt, Blanco, aufwarten!&ldquo; befahl Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Blanco setzte sich auf die Hinterbeine, bewegte die Pfoten und Miguelito jubelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn du mir dein Brüderchen gibst, gebe ich dir mein Hündchen!&ldquo; sagte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Miguelito war einige Sekunden unschlüssig, dann aber siegte die Versuchung, er
-ging nach der Wiege und bat Carlos, ihm zu helfen, das Kind herauszuheben.
-</p>
-
-<p>
-Darauf bestieg Carlos sein Ponny, und Miguelito und Nicolás reichten ihm Pepito
-hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás aber machten, daß sie schnell fortkamen, denn sie fürchteten,
-den andern würde der Tausch bald reuen.
-</p>
-
-<p>
-Carlos hielt das Kind vor sich auf dem Sattel wie ein Bündel, sie ritten im Trab,
-mußten aber gleich halten, denn es wäre beinahe heruntergefallen.
-</p>
-
-<p>
-Sie ritten im Schritt weiter und nach einiger Zeit wollte Nicolás es tragen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-<a id="pagehdr-27" class="pagehdr" title="Manchmal sind die Kinder auch in Straußeneiern"></a>
-Wieder hielten sie an und Carlos reichte es ihm hinüber, was nicht ohne Lebensgefahr
-war für den kleinen Pepito.
-</p>
-
-<p>
-Nach zehn Minuten beschlossen sie abzusteigen, denn er war nicht leicht zu tragen,
-außerdem schrie er immerfort aus Leibeskräften.
-</p>
-
-<p>
-Carlos sprang vom Pferd, nahm seinem Bruder das Kind ab und legte es sacht
-auf die Erde.
-</p>
-
-<p>
-Darauf pflückten sie zusammen Gräser, machten daraus ein weiches Bett und
-legten es hinein. So würde es sich beruhigen.
-</p>
-
-<p>
-Und wirklich, es dauerte nicht lange und das Kind war eingeschlafen.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás kniete neben ihm und betrachtete es voller Andacht, er beugte sich ganz
-nahe herab, um seinen Atem zu hören.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kann man wohl die Stelle sehen, wo ihn der Storch gehalten hat?&ldquo; fragte er
-Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Niemals!&ldquo; antwortete Carlos, &bdquo;denn da müßte er ihm ja wehe getan haben!
-Außerdem ist es gar nicht gesagt, daß ihn der Storch gebracht hat. Zenobia hat ihr
-Baby in einem Eimer gefunden, als sie aus der Zisterne Wasser schöpfte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber da hat doch alles gelacht in der Küche, wie sie das erzählte&ldquo;, erwiderte
-Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht hat sie gelogen&ldquo;, meinte nachdenklich Carlos. &bdquo;Aber das weiß ich, man
-findet ganz sicher die Kinder in den Lagunen, und die bringen dann gewöhnlich
-die Störche. Auch sind sie manchmal in Straußeneiern, und man muß die Eier dann
-zerschlagen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben schwiegen, Nicolás kaute an einem Grashalm; schließlich fragte er:
-&bdquo;Sag mal, Carlos, glaubst du, daß wir vielleicht auch ein Brüderchen finden könnten,
-wenn wir in der Lagune suchten, oder wir zerschlügen Straußeneier; denn weißt
-du, Carlos, ich habe vorhin nachgedacht, so ganz ist doch nicht Pepito unser Brüderchen,
-wie ich dein Bruder bin, und du mein Bruder bist, Miguelito hat ihn doch
-für den Blanco vertauscht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos hatte darüber nicht nachgedacht, aber was ihm sein Bruder eben sagte,
-leuchtete ihm ein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du was&ldquo;, sagte er, &bdquo;reiten wir nach der Lagune und suchen wir &mdash; wenn
-wir nichts finden, suchen wir Straußeneier!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-<a id="pagehdr-28" class="pagehdr" title="Blanco hat Miguelito in den Finger gebissen"></a>
-Nicolás war einverstanden, sie stiegen auf ihre Ponnys und ließen den schlafenden
-Pepito so lange allein.
-</p>
-
-<p>
-Die Lagune war nicht weit; als sie angesprengt kamen, entstand eine Bewegung.
-Die Kibitze schrieen, die Enten erhoben sich schnatternd, ein paar Störche schlugen mit
-den Flügeln und klapperten zu den Knaben hinüber. Ein einsamer Reiher nur suchte
-unbekümmert weiter nach Fröschen.
-</p>
-
-<p>
-Carlos sagte zu seinem Bruder: &bdquo;Höre mal, Nicolás, ich werde in der Lagune
-suchen und du wirst Straußeneier suchen, so stört keiner den andern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie stiegen ab, Carlos zog Schuhe und Strümpfe aus und watete im Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Weile rief Nicolás hinüber: &bdquo;Hast du was gefunden, Carlos?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos antwortete nicht, er starrte krampfhaft nach dem Grunde, er glaubte, ein
-kleines Kind zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Lange suchten sie, aber sie fanden kein Brüderchen.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás stand vor zwei zerschlagenen Straußeneiern, von plötzlicher Melancholie
-befallen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben kein Glück&ldquo;, sagte Carlos sehr niedergeschlagen, und sie kehrten zu
-Pepito zurück.
-</p>
-
-<p>
-Er schlief nicht mehr, er lag da mit großen offenen Augen, den Blick ernst staunend
-zum Himmel gerichtet, und um ihn herum weideten Strauße, Hirsche, Rinder und
-Pferde.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás hoben ihn auf und ritten zum Puestero zurück.
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten beschlossen, es Miguelito wieder zurückzubringen, weil es doch sein
-Brüderchen war.
-</p>
-
-<p>
-Miguelito kauerte vor der Hütte, der Tausch hatte begonnen, ihn zu reuen, auch
-hatte ihn Blanco in den Finger gebissen.
-</p>
-
-<p>
-Er nahm Pepito in Empfang, Carlos hielt wieder seinen Hund im Arm ...
-</p>
-
-<p>
-Kurz nachher kehrten der Vater und die Mutter zurück ...
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne ging unter, die Herden trieben heim nach ihren Hürden, unter dem
-Ombú vor der Hütte saß der Gaucho Gonzales und sang laut ein melancholisches
-Steppenlied.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás schauten der Mutter zu, wie sie ihr Kind säugte.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/028a.jpg" alt="" /></div>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-4">
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-<a id="pagehdr-29" class="pagehdr" title="Eines Nachts vernimmt man das Brüllen eines Jaguars"></a>
-Die Tigerjagd
-</h3>
-
-<p class="first">
-Der Paraná war weit aus seinen Ufern getreten; die Überschwemmung nahm zu,
-bald war das Land bis dicht an die Parkanlagen unter Wasser. Wipfel von
-Weidenbäumen bezeichneten die Stelle, wo früher das Ufer gewesen war ...
-</p>
-
-<p>
-Im Norden von Argentinien hatten große Regengüsse stattgefunden, auf schwimmenden
-Inseln war Getier aller Art heruntergeschwemmt worden, und nun wimmelte
-es hier von einer unbekannten Fauna, von seltsamen Wat- und Schwimmvögeln,
-Amphibien und Säugetieren.
-</p>
-
-<p>
-Eines Nachts vernahm man, nicht sehr weit vom Hause, in der Richtung des
-Stromes, das Brüllen eines Jaguars. Durch die Herden ging eine Bewegung,
-trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren <a id="corr-1"></a>Umzäunungen
-erbebten; viele, die gelegen hatten, erhoben sich, machten mit vibrierenden Nüstern
-ein paar Schritte und blieben dann schnaufend und den Kopf emporgereckt stehen.
-</p>
-
-<p>
-Zenobia, die Mulattin, spazierte mit ihrem Liebsten, dem Stallknecht Ramon,
-in einiger Entfernung vom Hause. Auch sie blieben stehen und horchten entsetzt auf.
-</p>
-
-<p>
-In der Küche, wo noch ein Teil der Dienstboten versammelt war, reckte man die
-Hälse, der Papagei, der nicht schlafen konnte, weil es hell war, schrie &bdquo;Caramba!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auch Carlos und Nicolás hatten das Brüllen gehört. Sie befanden sich oben in
-ihrem Zimmer und waren eben zu Bett gegangen. Nie in ihrem Leben hatten sie
-einen Jaguar brüllen hören, aber sie wußten gleich, was es war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Tiger!&ldquo; rief Carlos und schnellte auf.
-</p>
-
-<p>
-Auch Nicolás hatte sich erhoben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagst du dazu, jetzt gibt&rsquo;s auch Tiger hier!&ldquo; sagte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás antwortete nichts vor lauter Ergriffenheit.
-</p>
-
-<p>
-Nun schwieg auch Carlos und beide lauschten, ob er nicht zum zweitenmal brüllen
-würde.
-</p>
-
-<p>
-Richtig, da brüllte er wieder.
-</p>
-
-<p>
-Sie standen auf, traten ans Fenster und spähten, ob sie ihn vielleicht irgendwo
-sehen könnten, denn der Mond schien; aber es war zwecklos, er lag auf einer der nahen
-Inseln im Schilfe verborgen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-<a id="pagehdr-30" class="pagehdr" title="Der Capataz gibt seine Flinte nicht her"></a>
-Carlos und Nicolás warteten, ob er sich nicht zum drittenmal hören ließe. Doch
-es blieb still.
-</p>
-
-<p>
-Schräg vor ihnen am Himmel fiel langsam, einen langen Lichtstreifen hinter sich
-ziehend, ein Meteor zur Erde.
-</p>
-
-<p>
-Carlos ergriff Nicolás Hand und die Knaben starrten in der Richtung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hast du dir was gewünscht?&ldquo; fragte Carlos mit unterdrückter Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daß wir den Tiger erlegen!&ldquo; antwortete der jüngere Bruder.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das gleiche habe ich mir von ganzer Seele gewünscht!&ldquo; antwortete der andere.
-Dann schwiegen sie wieder.
-</p>
-
-<p>
-Endlich sagte Carlos: &bdquo;Sieh, Nicolás, nun kann es nicht fehlen, wir werden den
-Tiger schießen. Morgen gehen wir zum Capataz und er muß uns seine Flinte leihen,
-und wenn ich acht Jahre alt bin, muß Papa mir eine kaufen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie blieben noch lange am Fenster, da sie viel zu aufgeregt waren, jetzt schon
-schlafen zu gehen. Dann aber lag Carlos noch lange wach im Bett auf dem Rücken,
-die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und dachte an den Tiger ...
-</p>
-
-<p>
-In der Frühe, wie sie aufstanden, war es bereits allgemein bekannt, daß sich in der
-Nähe ein Jaguar aufhielt.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben gingen sofort zum Capataz, und Carlos sagte mit einer Miene, als
-hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Tiger gejagt: &bdquo;Leihe uns deine
-Flinte, wir fahren nach den Inseln und wollen den Tiger töten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Capataz brach in Lachen aus: &bdquo;Ich werde euch Flinte geben!&ldquo; und machte
-eine Handbewegung durch die Luft.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen mit ihrem Gesuch zu anderen Leuten, die ein Gewehr hatten, wurden
-aber überall gleich höhnisch abgewiesen.
-</p>
-
-<p>
-Nachmittags hörten sie, der Capataz und viele andere seien nach den Inseln gefahren,
-um den Jaguar zu töten. Abends aber kehrten sie unverrichteter Sache zurück.
-</p>
-
-<p>
-Und es war ein Trost für die Knaben.
-</p>
-
-<p>
-Nachts hörte man wieder den Jaguar brüllen. Aber am Morgen ganz in der Frühe
-weckte Carlos seinen Bruder: &bdquo;Weißt du was, reiten wir zu Benito, er wird uns
-sicher sein Gewehr leihen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benito war Capataz auf dem Nachbargut und ein guter Freund von ihnen.
-</p>
-
-<p>
-Es waren jedoch sechs Meilen bis zu ihm und mittags wollten sie wieder zurück sein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-<a id="pagehdr-31" class="pagehdr" title="Der Jaguar brüllt wieder"></a>
-In gestrecktem Galopp, mit kurzen Unterbrechungen, ritten sie die Hälfte des Weges,
-ließen die Pferde ausschnaufen und machten dann gleich schnell die zweite Hälfte.
-</p>
-
-<p>
-Benito war mit einigen Knechten draußen bei den Herden, beschäftigt, neugekauften
-Rindern die Marke aufzudrücken.
-</p>
-
-<p>
-Auf Feuern, die in Abständen brannten, glühten die Eisen.
-</p>
-
-<p>
-Die Tiere wurden mit dem Lasso gefangen, zu Boden geworfen und dann brannte
-man ihnen die Namenszeichen des neuen Besitzers auf die Seite.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leih uns dein Gewehr!&ldquo; rief Carlos, im Galopp auf Benito zureitend, der neben
-einem niedergestreckten Stier stand.
-</p>
-
-<p>
-Carlos sprang vom Pferd und umarmte seinen Freund: &bdquo;Gib es uns, wir wollen
-einen Tiger schießen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tiger?&ldquo; lachte der Capataz, denn er wußte nicht, daß ein Jaguar heruntergeschwemmt
-worden war, &bdquo;die gibt es nur im Norden in Chaco!&ldquo; und war nicht zu
-bewegen, ihnen das Gewehr zu leihen.
-</p>
-
-<p>
-Nachts stand Carlos in seinem Zimmer im Hemd am Fenster und brütete: am
-Ende existiert der Tiger nicht mehr? Vielleicht hat man ihn heute geschossen?!
-</p>
-
-<p>
-Nicolás lag im Bett, hatte bereits begonnen, sich in das Unvermeidliche zu fügen
-und sprach zu seinem Bruder: &bdquo;Nimm es nicht so schwer; wenn wir groß sind, gehen
-wir nach dem Gran Chaco und töten viele Tiger.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das war aber kein Trost für Carlos. Nicolás war eingeschlafen; Carlos lag am
-Fenster und brütete.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich ergriff er seinen Bruder am Arm und rüttelte ihn:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hast du gehört?! Er lebt, da brüllt er wieder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Brüllen kam von ganz fern, das viele Schießen hatte den Jaguar vertrieben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da brüllt er wieder!&ldquo; murmelte Nicolás schlaftrunken und schlief wieder ein.
-</p>
-
-<p>
-Aber Carlos hielt es nicht länger im Zimmer aus. &bdquo;Ich kann nicht schlafen, ich reite
-aus&ldquo;, sagte er sich, die Tränen, die ihm in die Augen stiegen, hinunterwürgend, &bdquo;und
-wenn mich auch der Tiger verschlingt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er zog sich an, nahm den Sattel mit und ging nach der Umzäunung, wo die Pferde
-waren.
-</p>
-
-<p>
-Sein Ponny schlief stehend mit etwas gesenktem Kopfe; als Carlos sich näherte,
-erwachte es und machte eine Bewegung nach der Seite, Carlos ergriff es bei der
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-<a id="pagehdr-32" class="pagehdr" title="Ein großer unbekannter Fisch löst sich vom Grunde"></a>
-Mähne, das Tier erbebte, Carlos warf ihm die Zügel um den Hals und das Pferd
-ergab sich in sein Schicksal.
-</p>
-
-<p>
-Ein paar Minuten später sprengte er in die Pampa hinein, bis das Herrschaftsgebäude
-und die Parkanlagen in der Nacht verschwanden.
-</p>
-
-<p>
-Er warf sein Pferd nach rechts und sprengte in der Richtung des Paraná, an einer
-Straußenhenne, die mit ihren Kücken floh, vorbei und an zwei jungen schlafenden
-Stieren, die, sich aufrichtend, ihm feindselig nachstarrten.
-</p>
-
-<p>
-Am Flusse angekommen, stieg Carlos vom Pferde, koppelte dessen beide Vorderbeine
-fest und zog sich aus. Er wollte baden.
-</p>
-
-<p>
-Der Mond stand ziemlich hoch am Himmel, in der Ferne schwamm undeutlich ein
-langer, schwarzer Streifen, es waren die Parkanlagen ...
-</p>
-
-<p>
-Der Ritt, das laue Flußwasser hatten Carlos beruhigt.
-</p>
-
-<p>
-Er legte sich nahe am Ufer in den Schlamm, der sich wie eine weiche Decke an seine
-Glieder schmiegte, steckte Mund und Nase zum Wasser heraus und sagte sich, er läge
-zu Hause in seinem Bett.
-</p>
-
-<p>
-Dann spazierte er nach der Mitte des Stromes zu, eine gute Strecke weit, bis das
-Wasser sein Kinn berührte. Dann schwamm er. Einmal tauchte er nach dem Grund
-unter, öffnete plötzlich die Augen und es war ganz seltsam hell um ihn, weil der Mond
-hinein schien.
-</p>
-
-<p>
-Seine Glieder leuchteten, es ward ihm unheimlich. Vom nahen Grunde löste sich
-schnappend ein seltsames Ungetüm, irgend ein großer, unbekannter Fisch. Ein Grausen
-packte ihn, er schloß krampfhaft die Augen, arbeitete sich nach oben und schwamm
-zurück, mit einem Mal erfüllt von einem Gefühl furchtbarster Verlassenheit.
-</p>
-
-<p>
-Am Ufer angelangt, schlüpfte er, naß, wie er war, in seine Kleider und ritt in gestreckter
-Karriere zum Gut zurück ...
-</p>
-
-<p>
-Es war am Morgen. Carlos war soeben erwacht und sein erster Gedanke war der
-Tiger.
-</p>
-
-<p>
-Da hörte er vor seinem Fenster unten Stimmen. Der Franzose Dupont, der auf
-einem nahen Gut, das aber vom Fluß entfernt war, auf Besuch und ein Freund
-des hiesigen Verwalters war, sprach zum Gaucho Gonzales: &bdquo;Ich kann mich verlassen,
-die Kanoe ist gut?&ldquo; und sah auf den Eimer, den dieser in der Hand hielt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie ist gut&ldquo;, antwortete trocken Gonzales.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-<a id="pagehdr-33" class="pagehdr" title="Die Kanoe hat ein nicht unbeträchtliches Loch"></a>
-&bdquo;Also auf! wir werden ihn schon noch aufstöbern!&ldquo; rief Dupont.
-</p>
-
-<p>
-Mit zwei Sprüngen war Carlos am Fenster; er wußte, um was es sich handelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dupont!&ldquo; schrie er, &bdquo;nimm uns mit, ich bitte, nimm uns mit. Wir wollen ja nicht
-schießen; wir wollen nur dabei sein, wenn du den Tiger tötest!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dupont blickte etwas überrascht hinauf. Er stand auf sein Gewehr gestützt, in
-Poncho und Chiripá, wie ein Gaucho.
-</p>
-
-<p>
-Nicht ohne Feierlichkeit erwiderte er: &bdquo;Euch kleine Bengels, euch soll ich auf eine
-Jagd mitnehmen, auf der man sein Leben riskiert?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Pause.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ihr gefallt mir, ihr seid beherzt. Ich, Dupont, auf meine Verantwortung
-hin ... ich nehme euch mit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos stieß einen Freudenschrei aus, daß Nicolás erwachte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warte vier Minuten noch!&ldquo; rief er, &bdquo;wir ziehen uns an, ohne uns zu waschen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben stürzten in ihre Kleider und standen knappe vier Minuten später in
-ihren Matrosenanzügen und mit ungekämmten Köpfen bereit zur Tigerjagd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Mes braves garçons</span>,&ldquo; entschlüpfte es Dupont auf französisch, &bdquo;ihr dürft abwechselnd,
-bis wir zur Kanoe kommen, mein Gewehr tragen, weil ihr so tapfere Bengels
-seid.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Stolz umklammerte Carlos das &bdquo;Remington&ldquo;, doppelt stolz, weil er glaubte, es sei
-geladen, wie Dupont versicherte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist die Kanoe auch wirklich gut?&ldquo; fragte der Franzose mit einem mißtrauischen
-Blick auf den Eimer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut genug&ldquo;, sagte verächtlich der Gaucho.
-</p>
-
-<p>
-Als man am Flusse ankam, sah Dupont zu seinem nicht geringen Schrecken, daß
-die Kanoe bis beinahe zur Hälfte mit Wasser angefüllt war. Kröten schwammen
-darin herum, an den Wänden klebten Laubfrösche.
-</p>
-
-<p>
-Ohne eine Miene zu verziehen, begann Gonzales mit seinem Eimer das Wasser
-herauszuschöpfen, wobei es sich herausstellte, daß unten ein nicht unbeträchtliches
-Loch war.
-</p>
-
-<p>
-Dupont zögerte, in das Boot zu treten, Gonzales aber meinte, es mache nichts.
-</p>
-
-<p>
-Und so stieß man denn ab.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-<a id="pagehdr-34" class="pagehdr" title="Carlos sieht was Braunes und Gelbes"></a>
-Zuerst wurde das Ufer abgesucht. Der Franzose stand in der Mitte der Kanoe,
-das Gewehr im Anschlag und spähte umher. Die Kanoe füllte sich mit Wasser;
-Gonzales war fortwährend mit dem Eimer beschäftigt.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine emporgezogen. Ihre Gesichter
-glühten vor Erwartung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Endlich,&ldquo; sagte Carlos, &bdquo;endlich werden wir den Tiger erschießen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich schnellte er auf, daß der Kahn beinahe umgekippt wäre, klammerte sich
-bebend an Dupont und zeigte krampfhaft nach dem Ufer: &bdquo;Der Tiger ... schieß,
-Dupont!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dupont, in maßloser Aufregung, feuerte ab.
-</p>
-
-<p>
-Der Rauch verzog sich, es war kein Tiger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;... die Blätter ... das Gras, und ich sah was Braunes und Gelbes, wahrhaftig,
-ich glaubte ...&ldquo; stammelte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Dupont sagte nichts, er sah ihn an. Er schämte sich vor Gonzales, von dem er
-wußte, daß er ihn verachtete.
-</p>
-
-<p>
-Das Absuchen des Ufers blieb erfolglos; man fuhr nach den Inseln unter allgemeiner
-Besorgnis, das Boot würde nicht standhalten.
-</p>
-
-<p>
-Die erste Insel wurde nach allen Richtungen durchstreift, jedoch ohne Ergebnis.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich fürchte, wir schießen den Tiger nicht,&ldquo; sagte Carlos leise zu Nicolás, worauf
-Nicolás erwiderte: &bdquo;Sei ruhig, wir werden ihn schießen, erinnerst du dich nicht an
-den Meteor?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man landete auf der zweiten Insel. Vorn ging der Franzose, hinter ihm Carlos,
-dann Nicolás, und es folgte Gonzales, alle drei tief gebückt, wie es Dupont befohlen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Einmal rührte sich etwas im Schilf, Dupont schoß ab, und von der entgegengesetzten
-Seite, von der Mitte der Insel zu, erhoben sich schreiend Wildgänse und strichen gen
-Norden.
-</p>
-
-<p>
-Die Expedition auf der dritten Insel blieb gleichfalls erfolglos, und es war inzwischen
-Mittag geworden, und die Hitze war kaum zu ertragen.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem man auf Anraten von Gonzales die Kanoe ans Land gezogen hatte
-und das Loch im Boden, so gut es ging, mit Gras und Schilf verstopft hatte, fuhr
-man, um sich etwas auszuruhen und einen kleinen Imbiß zu nehmen, zum Italiener
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-<a id="pagehdr-35" class="pagehdr" title="Der Hammel wird in die Schwanzwurzel gekniffen"></a>
-Barruchi, der weiter oben auf dem Festlande, nicht weit vom Ufer, seine Hütte
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Als sie da ankamen, saß der Italiener auf einem Holzklotz und kaute Tabak; vor
-ihm auf der Erde lag der Jaguar, den er heute erlegt hatte ...
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás waren starr, Dupont entsetzt, der Italiener lächelte mit selbstverständlicher
-Miene, Gonzales lachte stumm in sich hinein ...
-</p>
-
-<p>
-Eine Stunde später aber trieb etwas, anzuschauen wie eine trübselige Jagdmaskerade,
-den Strom herab: die Kanoe mit dem Franzosen Dupont, Carlos und
-Nicolás und Gonzales.
-</p>
-
-<p>
-Mitten im Boot stand Dupont in seinem Gauchokostüm mit Poncho und Chiripá,
-auf seine Flinte gestützt, die Füße im Wasser. Um seine Lippen war ein melancholischer
-Zug. Das Boot war mit Reihern und Störchen und anderen Vögeln bis
-zum Rand gefüllt, die er aus Wut und Verzweiflung geschossen hatte. Auch ein
-Wasserhuhn war dabei, halb zerfleischt von der Remingtonkugel. Carlos und Nicolás
-saßen nebeneinander, die Beine eingezogen.
-</p>
-
-<p>
-Vor ihnen Gonzales, abwechselnd rudernd und Wasser schöpfend.
-</p>
-
-<p>
-Lange hörte man nicht mehr das Brüllen eines Jaguars in der Gegend.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-5">
-Herr Dr. Bürstenfeger
-</h3>
-
-<p class="first">
-Im Herbst war man in Buenos Aires.
-</p>
-
-<p>
-Es war Nachmittag, die Knaben befanden sich hinten im Stall und stifteten Unruhe
-und Verwirrung unter den Pferden, zur unverhohlenen Wut Josés, des Knechtes.
-</p>
-
-<p>
-Als sie dann genug hatten, zogen sie einen Hammel, den sie vom Landgut mitgebracht
-hatten, aus seinem Verschlage und banden ihn an einen Karren. Carlos
-stieg auf, sein Bruder stand daneben und kniff den Hammel in die Schwanzwurzel,
-damit er ziehen sollte. Das Tier drückte den Schwanz ein, machte einen jähen Satz,
-und der Wagen warf um.
-</p>
-
-<p>
-Darauf hielt ihm Nicolás ein Büschel Weinblätter dicht vors Maul, und nun lief
-der Hammel hinter ihm her; Carlos saß oben auf dem Karren und jauchzte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-<a id="pagehdr-36" class="pagehdr" title="Die Fingernägel wollen durchaus nicht weiß werden"></a>
-Da ertönte laut von der Terrasse die Stimme des Kindermädchens, der Mulattin
-Zenobia: &bdquo;Kommt den Lehrer abholen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Lehrer!&ldquo; murmelte Nicolás entsetzt und blieb stehen.
-</p>
-
-<p>
-Seit geraumer Zeit lag ihnen Herr Dr. Bürstenfeger, der künftige Hauslehrer,
-beständig im Sinn.
-</p>
-
-<p>
-Vor einem Monat hatte er sich in Bremen aufs Schiff gesetzt, und acht Tage darauf
-schon sagte der Papa: &bdquo;Heute ist Herr Dr. Bürstenfeger in Lissabon angekommen,
-ich habe es auf der Agentur erfahren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man saß gerade bei Tische, der Diener, der auftrug, ein frecher Galicier, grinste
-schadenfroh.
-</p>
-
-<p>
-Und wieder nach ungefähr acht Tagen sagte der Papa: &bdquo;Jetzt ist er in Teneriffa.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gestern aber war er in Montevideo angekommen, und heute lag das Schiff draußen
-auf der Rede von Buenos Aires, und alles grinste im Hause: Zenobia, die Mulattin,
-Mauricio, der Galicier, der Gärtner, ein strenger Sachse, der Kutscher und vor allem
-José, der Knecht ...
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben brachten schnell Hammel und Wagen in den Verschlag und liefen
-ins Haus, um sich anzuziehen.
-</p>
-
-<p>
-Sie stürmten die Treppe hinauf und erfüllten das Haus mit Stallgeruch, sie
-hatten ein warmes Bad zu nehmen unter Aufsicht der Zenobia, sie rauften im Bade
-und liefen dann nackt durch die Zimmer, Zenobia hinter ihnen her.
-</p>
-
-<p>
-Eine Stunde später aber standen sie mit leuchtend gewaschenen Gesichtern und
-vor Aufregung knallroten Backen vor ihrer Mutter. Von ihren Köpfen, die wie
-Schwarten glänzten, ging ein starker Duft von Eau de Quinin aus.
-</p>
-
-<p>
-Die Mama befahl, daß sie Handschuhe anziehen sollten, um ihre Nägel, die durchaus
-nicht weiß werden wollten, vor Herrn Dr. Bürstenfeger zu verbergen. Carlos
-tat es nur unter der Bedingung, daß sie ihm drei Knäuel Bindfaden für einen
-Drachen versprach und ihm erlaubte, auf dem Rebgang herumzuklettern, was den
-Trauben schadete, denn die Handschuhe machten ihn ganz wahnsinnig.
-</p>
-
-<p>
-Nun stand er da, die Arme ausgestreckt, die zehn Finger gespreizt und heulte.
-</p>
-
-<p>
-Dann fuhren sie mit Zenobia, die eine blendend weiße Schürze trug, zum Papa
-ins Bureau.
-</p>
-
-<p>
-Er schrieb gerade einen sehr wichtigen Brief.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-<a id="pagehdr-37" class="pagehdr" title="Auf der Landungsbrücke riecht es nach Pasteten"></a>
-Carlos und Nicolás hatten sich eine halbe Stunde lang mäuschenstill zu verhalten,
-sie taten es mit Schmerzen, aber dabei brummte der Papa die ganze Zeit, sie sollten
-noch stiller sein.
-</p>
-
-<p>
-Als der Brief fertig war, wandte er sich streng an Carlos, der noch Tränenspuren
-auf den Backen hatte: &bdquo;Du hast geweint, warum?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil mich die Handschuhe ganz verrückt machen&ldquo;, antwortete Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ziehe sie doch aus&ldquo;, meinte der Papa lächelnd.
-</p>
-
-<p>
-Carlos gehorchte und dachte: &bdquo;Du hast doch einen guten Papa.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zenobia kehrte nach Hause zurück, und der Papa fuhr mit den Knaben nach der
-Landungsbrücke.
-</p>
-
-<p>
-Es wimmelte da von Menschen; es roch nach Pasteten und Kuchen. Allerhand
-Erfrischungen wurden feilgeboten, Schwärme von Fliegen summten. Irgendwo
-spielte ein Orgelmann. Rechts und links dem Strand entlang flatterte Wäsche, und
-Männer und Frauen hockten am Ufer und wuschen.
-</p>
-
-<p>
-Weit dehnte sich der La Plata mit seinem gelb-trüben Wasser, es wimmelte von
-Segeln, Flußdampfer lagen weiter draußen vor Anker, und am Horizont sah man
-die Rauchsäulen der überseeischen &bdquo;Steamer&ldquo; aufsteigen.
-</p>
-
-<p>
-Es war gerade Wassertiefstand. Selbst am Ende der Landungsbrücke, die sich ein
-paar hundert Meter weit in den Fluß hinaus erstreckte, war das Wasser nicht höher
-als zwei Fuß. Es fuhren Karren darin herum, die Fuhrleute knallten mit ihren
-Peitschen nach Kundschaft, gerade wie Droschkenkutscher.
-</p>
-
-<p>
-Man stieg in einen Karren und wurde zu einer Barke befördert, die einen bis
-zum kleinen Dampfer der Agentur brachte.
-</p>
-
-<p>
-Nun folgte eine Fahrt von zwei Stunden, bald jedoch verschwanden die Ufer im
-Horizont.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás sahen heute zum erstenmal ein überseeisches Schiff, aber sie
-hatten sich ein solches viel größer vorgestellt und waren enttäuscht.
-</p>
-
-<p>
-Doch ihre Aufmerksamkeit wurde bald abgelenkt durch die Sorge, wie ihr Lehrer
-wohl aussehen möchte.
-</p>
-
-<p>
-Dort oben auf Deck stand am Geländer dichtgedrängt ein Haufen Menschen.
-Viele schrieen und gestikulierten nach dem Dampfer der Agentur hinunter, wo ebenfalls
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-<a id="pagehdr-38" class="pagehdr" title="Die grüne Reisetasche ist mit Veilchen und Rosen bestickt"></a>
-am Geländer sämtliche Passagiere standen, daß er sich bedenklich nach der Seite
-neigte, und schrieen und gestikulierten hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás blickten gespannt nach oben, ob sie nicht vielleicht den Lehrer
-erkannten, wie Zenobia ihn geschildert hatte: als einen Mann, stark und gewaltig,
-mit einem langwallenden Bart, zornfunkelnden Augen und einem furchtbaren Stock
-in der Hand; aber sie erkannten keinen solchen Mann, und Carlos sagte leise zu
-Nicolás: &bdquo;Ich sehe ihn nicht&ldquo;, und Nicolás erwiderte: &bdquo;Wo ist er wohl?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Oben wurde das Fallreep heruntergelassen. Carlos und Nicolás erstiegen mit
-ihrem Papa und einem großen Teil der Passagiere den Bauch des Kolosses.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Können Sie mir nicht vielleicht einen Herrn Dr. Bürstenfeger zeigen?&ldquo; fragte
-der Papa einen Herrn in blauer Uniform mit einer Pfeife im Mund, der auf einer
-Bank saß und der aufgeregten Gesellschaft teilnahmslos den Rücken zukehrte.
-</p>
-
-<p>
-Er verneinte und zeigte auf einen anderen Herrn in Uniform, dieser nickte, wies
-wieder auf einen anderen Herrn mit einem äußerst milden Gesicht, der einen Regenschirm
-in der Rechten hielt und in der Linken eine grüne Reisetasche, auf der Veilchen
-und Rosen gestickt waren, mit einem Nickelverschluß, der in der Sonne funkelte, und
-sagte laut: &bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás waren starr.
-</p>
-
-<p>
-So also sah Herr Dr. Bürstenfeger aus? Er war nicht fürchterlich, er trug keinen
-gewaltigen Stock in der Hand, er hatte keinen gewaltigen Bart.
-</p>
-
-<p>
-Das war der Lehrer?! Sie faßten es nicht.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem man sich gegenseitig vorgestellt hatte und einige Worte ausgetauscht,
-stieg man wieder das Fallreep zum kleinen Dampfer hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Während der Heimfahrt unterhielt sich der Lehrer meistens mit dem Papa.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás verbrachten die Zeit damit, Herrn Dr. Bürstenfeger aufmerksam
-zu betrachten.
-</p>
-
-<p>
-Sein Anzug war schwarz, die Krawatte war schwarz, der Kragen niedrig, die
-Manschetten mit den Knöpfen aus Elfenbein, auf welchen die Initialien RB standen,
-ragten ziemlich weit aus den Ärmeln heraus.
-</p>
-
-<p>
-Sein hoher steifer Hut war mit dem Gummiband an dem obersten Knopf der
-Weste befestigt, obgleich sich kaum ein Lüftchen regte.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/038a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-<a id="pagehdr-39" class="pagehdr" title="&bdquo;Der Bart wird ihm schon noch wachsen!&ldquo;"></a>
-Carlos beobachtete sein Gesicht und überlegte, ob es vielleicht doch ein sehr
-grimmiges Aussehen haben könnte, wenn er einen Bart trüge, wie ihn Zenobia
-geschildert hatte. Er schloß die Augen, um sich das zu vergegenwärtigen, aber es
-gelang ihm nicht, trotz aller Mühe.
-</p>
-
-<p>
-Es war eine Weile Stillschweigen, und Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich an die
-Knaben; er sprach mit mildem Ernste: &bdquo;Es wird euch nicht unbekannt sein, Karl
-und Nikolaus, daß hier der La Plata, an dem eure Heimatstadt erbaut ist, einer der
-imposantesten Ströme der Welt ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja&ldquo;, antworteten Carlos und Nicolás, wußten jedoch nicht, was sie weiter
-sagen sollten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was eure Heimatstadt anlangt,&ldquo; fuhr Herr Dr. Bürstenfeger fort, &bdquo;so werdet
-ihr wissen, daß ihr Umfang dem der französischen Hauptstadt Paris nahekommt,
-und daß diese Tatsache darauf zurückzuführen ist, daß eure Häuser, mit wenigen
-Ausnahmen, alle sehr niedrig sind.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Woher wissen Sie das, waren Sie schon in Buenos Aires?&ldquo; fragte Carlos begierig.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger lächelte: &bdquo;Gewiß nicht, ich kenne von Südamerika nur
-flüchtig einige wenige Häfen, die ich auf dieser Reise berührt habe, aber das ist Sache
-des Studiums, der Bildung, Karl ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So gelangte man wieder bis zur Barke zurück, worauf man nochmal auf die
-Karren stieg.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf über diese originelle Beförderungsart;
-er hatte darüber noch nichts gelesen.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Landungsbrücke nahm er mit Erlaubnis des Papas die Knaben bei der Hand,
-Carlos rechts, Nicolás links. Man ging bis zum Wagen und fuhr dann nach Hause.
-</p>
-
-<p>
-Dort begab sich Herr Dr. Bürstenfeger, von Nicolás begleitet, auf sein Zimmer,
-und Carlos lief aufgeregt zur Zenobia.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du verfluchte Schwarze,&ldquo; schrie er, &bdquo;warum hast du mich angelogen; er hat ja
-gar keinen langen Bart?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Worauf Zenobia mit höhnischem Lachen antwortete: &bdquo;Paß auf, der Bart wird
-ihm schon noch wachsen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine halbe Stunde später wurde der Lehrer mit der Mama bekannt gemacht,
-und dann war es Zeit zum Abendessen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-<a id="pagehdr-40" class="pagehdr" title="Deutschland verliert immer gegen Argentinien"></a>
-Carlos und Nicolás saßen zu beiden Seiten von Herrn Dr. Bürstenfeger. Die
-Unterhaltung war sehr lebhaft, an der sich aber die Knaben nicht beteiligten. Sie
-ihrerseits sprachen laut von Sachen, die mehr Interesse für sie hatten: von Pferden
-und Schafen und Ziegen, von Gänsen, Hühnern und Hahnenkämpfen, und Herr
-Dr. Bürstenfeger schaute manchmal mit leisem Erstaunen auf sie, aufs höchste aber
-erstaunte er darüber, daß, wenn ihnen ein Gericht nicht schmeckte, sie es einfach
-weitergehen ließen, ohne daß Papa und Mama etwas sagten ...
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Essen nahm der Lehrer Carlos und Nicolás bei der Hand und ging mit
-ihnen in den Garten.
-</p>
-
-<p>
-Er blieb plötzlich stehen und sagte sehr ernsthaft: &bdquo;Karl und Nikolaus, ein neuer
-Abschnitt geht in eurem Leben an. Eure braven Eltern werden euch hinlänglich
-unterrichtet haben, was mein Eintritt hier in diesen Kreis für euch bedeutet. Karl
-und Nikolaus, euch wie mir sind Pflichten auferlegt ... Ich bitte euch mit ganzer
-Seele, seid mir stets gehorsam, lügt niemals ... ja, lügt niemals, denn seht, nichts
-auf der ganzen Welt ist häßlicher, verabscheuungswürdiger. Bei den alten Germanen
-machte kein Laster den Mann verächtlicher, und Deutsche sind Germanen, merkt
-euch, Karl und Nikolaus. Euer Vater ist ein Deutscher, ihr seid Deutsche ... Sagt,
-wollt ihr euch bestreben, gute Deutsche zu sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier machte Herr Dr. Bürstenfeger eine Pause.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás, verwirrt über diese ungewohnte Rede, schwiegen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn auch manchmal der Papa mit ihnen deutsch sprach, waren sie doch Argentinier,
-dachten sie.
-</p>
-
-<p>
-Carlos erwiderte endlich: &bdquo;Aber Deutschland verliert doch immer gegen Argentinien?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wieso, Karl?!&ldquo; antwortete Herr Dr. Bürstenfeger überrascht.
-</p>
-
-<p>
-Carlos wußte nicht recht, wie er diese Behauptung begründen sollte. Es war ihm
-nur eingefallen, daß er neulich mit seinem Freunde Pedro Kestner Krieg gespielt
-hatte, Pedro hatte eine deutsche Fahne in der Hand gehalten und war Deutschland
-gewesen, und Carlos hatte eine argentinische Fahne gehalten und war Argentinien
-gewesen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und da ist Pedro auf dem Bauch gelegen,&ldquo; erzählte Carlos, &bdquo;und ich stand mit
-dem einen Fuß auf seinem Rücken und hatte gesiegt. Papa und Mama haben zugeschaut,
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-<a id="pagehdr-41" class="pagehdr" title="Die Macht der Gewohnheit im offenen Felde"></a>
-und Alberto Hanfstett war auch dabei und auch der Papa von Pedro. Der
-lachte auch, aber nicht so sehr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem leisen Lächeln, wollte dann etwas
-erwidern, ließ aber klug für heute das Thema fallen.
-</p>
-
-<p>
-Schweigend gingen sie weiter.
-</p>
-
-<p>
-Carlos, den die Stille drückte, sagte endlich: &bdquo;Ich will Argentinier sein, aber ich
-will mir Mühe geben, auch ein guter Deutscher zu sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Nicolás sagte: &bdquo;Ich will auch ein wenig ein guter Deutscher sein!&ldquo;
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-6">
-Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger
-</h3>
-
-<p class="first">
-Der Hauslehrer sagte zu Carlos und Nicolás: &bdquo;Ihr dürft wie zuvor allein ausreiten,
-nur um eines bitte ich euch inständig, reitet niemals mehr Karriere, ich
-bin für euer Wohl und Wehe verantwortlich und muß einstehen, wenn ihr Schaden
-nehmt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Ton, in dem Herr Dr. Bürstenfeger das sagte, zeugte von bestimmter Erwartung,
-war aber im übrigen milde.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben fühlten beide: &bdquo;So frei, wie wir früher waren, sind wir nun freilich
-nicht&ldquo;, aber sie waren erfüllt von dem guten Willen, sich ihm zu unterwerfen, da
-sie sich ihn ja weit schlimmer vorgestellt hatten und außerdem Zenobia bestimmt
-wußte, man würde einen anderen Lehrer anstellen, wenn sie diesem nicht gehorchten,
-und der wäre dann wirklich fürchterlich.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás antworteten: &bdquo;Wir werden nicht Karriere reiten&ldquo;, aber als
-sie knappe zehn Minuten fort waren, erreichten sie das offene Feld, und schon rein
-aus Macht der Gewohnheit ließen sie den Pferden die Zügel schießen und ritten
-Karriere.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger aber war mit seinem Operngucker auf das flache Dach
-des Hauses gestiegen und war Zeuge ihres Ungehorsams.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus,&ldquo; sagte er, als sie zurück waren, mit gedämpfter Traurigkeit
-in der Stimme, &bdquo;habt ihr Karriere geritten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-<a id="pagehdr-42" class="pagehdr" title="&bdquo;Er ist ein guter Mann, der Herr Dr. Bürstenfeger!&ldquo;"></a>
-Carlos und Nicolás senkten die Köpfe und antworteten nichts.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zeigt ihr euch so?! ...&ldquo; fuhr Herr Dr. Bürstenfeger mit wachsender Traurigkeit
-fort. &bdquo;Ich schäme mich für euch, Karl und Nikolaus; geht, wascht euch die Hände,
-es ist Zeit zum Abendessen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wie sie aber zu Bett gebracht worden waren, kam er wie jeden Abend noch, gab
-ihnen den Gutenachtkuß auf die Stirn, drückte ihnen leise die Hand und dachte:
-&bdquo;Auch ihr leidet um eures Ungehorsams willen, Karl und Nikolaus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Anfangs waren sie wirklich ein wenig beschämt gewesen, hatten sich aber schon lange
-wieder erholt und waren jetzt nur von dem einen Gefühl erfüllt: Er ist ein guter
-Mann, der Herr Dr. Bürstenfeger!
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger jedoch ging ins Musikzimmer, wie immer zu dieser Stunde,
-und phantasierte, bevor er auch schlafen ging.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás aber lauschten mit offenen Augen, und als er geendet hatte,
-sagte der Ältere: &bdquo;Wie seltsam, wenn Herr Dr. Bürstenfeger spielt, denke ich mir
-alles Schöne aus, was kommen wird, wenn ich groß bin, und ich mache weite Reisen
-in Ländern und auf Meeren, und wenn er aufgehört hat, versuche ich es weiter,
-aber es ist dann lange nicht mehr so schön.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seltsam,&ldquo; meinte Nicolás, &bdquo;wie du das nur so sagst; ganz das gleiche fühle ich
-auch! ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bald nachher waren sie beide eingeschlafen ...
-</p>
-
-<p>
-Über einen Monat schon war der Hauslehrer in Buenos Aires, vor etwa drei
-Wochen hatte der Unterricht begonnen.
-</p>
-
-<p>
-Jeden Morgen um halb sieben klopfte Herr Dr. Bürstenfeger dreimal vernehmlich
-an Carlos&rsquo; und Nicolás&rsquo; Türe, die Knaben sprangen aus den Betten und zogen
-sich an.
-</p>
-
-<p>
-Dann ging es hinunter zum Frühstück.
-</p>
-
-<p>
-Bisher waren die Knaben gewohnt, des Morgens Kaffee zu trinken, auf Herrn
-Dr. Bürstenfegers Veranlassung tranken sie jetzt Kakao.
-</p>
-
-<p>
-Früher war das Frühstück in zwei Minuten erledigt gewesen, jetzt saß man über
-eine Viertelstunde bei Tisch.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger, der an einem sehr schlechten Magen litt, pflegte äußerst
-langsam und umständlich zu kauen und stellte das gleiche Ansinnen an Carlos und
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-<a id="pagehdr-43" class="pagehdr" title="Carlos fehlt jeder Sinn für die Rechenkunst"></a>
-Nicolás, die großartige Magen hatten, und er war gezwungen, sie jeden Augenblick
-zu ermahnen, da sie immer wieder seine Vorschrift vergaßen.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Frühstück machten sie einen dreiviertelstündigen Spaziergang. Herr
-Dr. Bürstenfeger ging in der Mitte und hielt die Knaben an der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Dann folgte der Unterricht. Er fand in einem dafür hergerichteten Zimmer statt,
-in dem eine Schulbank stand und eine große schwarze Tafel mit einem Schwamm.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst kam das Rechnen, weil die Gehirne noch unverbraucht waren.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger stellte die Rechenmaschine vor sich auf den Tisch und fragte:
-&bdquo;Karl, wieviel ist 3 + 2?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Pause &mdash; Carlos schwieg.
-</p>
-
-<p>
-Carlos streckte unwillkürlich die Hand nach der Maschine aus.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger schlug ihn leise auf die Finger.
-</p>
-
-<p>
-Da mußte Nicolás antworten, und er wußte es.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl, wieviel ist 3 + 1?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos streckte die Hand nach der Maschine aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sei gehorsam, Karl!&ldquo; sagte Herr Dr. Bürstenfeger und richtete sich ein wenig
-auf, wobei er etwas rot wurde.
-</p>
-
-<p>
-Carlos schwieg ratlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;3 + 1&ldquo;, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, wandte sich halb ab, summte irgend etwas
-und tat, als interessiere ihn zugleich die Fensterscheibe.
-</p>
-
-<p>
-Nochmal griff Carlos nach der Maschine, er hatte den Kopf vollkommen verloren.
-Er berührte zitternd drei Kugeln und dann noch eine, und das waren vier. Es fehlte
-ihm nämlich jeder Sinn für die Rechenkunst.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger aber ging im Zimmer auf und ab und murmelte: &bdquo;Es kann
-nicht böser Wille sein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nachher kam das Lesen. Da war Carlos schon ganz anders.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger schrieb ein großes U an die Wandtafel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl, was für ein Buchstabe ist das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;U!&ldquo; rief Carlos, er erinnerte sich ganz deutlich, daneben auf der Fibel einen
-Uhu gesehen zu haben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Richtig! Und das?&ldquo; Er schrieb ein I hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;I!&ldquo; rief Carlos, ganz deutlich sah er einen Igel daneben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-<a id="pagehdr-44" class="pagehdr" title="Heute gibt es Hirn"></a>
-&bdquo;Bravo!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger und schrieb ein E hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;E!&ldquo; sagte Carlos. Ganz deutlich sah er einen Esel daneben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Merkwürdig, merkwürdig,&ldquo; murmelte Herr Dr. Bürstenfeger, &bdquo;wie seltsam bei
-ihm die Elemente auseinandergehen; individuelles Verfahren tut hier wohl not!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Lesen war größere Pause. Dann öffnete der Lehrer die Türe nach der
-Terrasse, und es kam Freiturnen: &bdquo;Beinstrecken&ldquo;, &bdquo;Kniebeugen&ldquo;, &bdquo;Fußwippen&ldquo;,
-&bdquo;Mähen&ldquo;, &bdquo;Holzhacken&ldquo; usw. Diese Übungen begleitete Herr Dr. Bürstenfeger mit
-seinem eigenen Beispiel.
-</p>
-
-<p>
-Daran schloß sich eine Art höheren Anschauungsunterrichtes im Garten an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist das für eine Blume?&ldquo; fragte der Lehrer und zeigte auf ein Beet.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nelke!&ldquo; riefen Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nelke&ldquo;, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen einige Minuten schweigend weiter: &bdquo;Was ist das für eine Frucht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Granatapfel!&ldquo; riefen sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Granatapfel&ldquo;, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ein Säugetier&ldquo;, sagte er plötzlich sehr bestimmt und zeigte auf einen Wurm.
-Er wollte sie irreführen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, kein Säugetier!&ldquo; riefen beide triumphierend aus. Das wußten sie doch
-zu genau.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Anschauungsunterricht hatten sie frei, und dann kam das Mittagessen.
-</p>
-
-<p>
-Heute gab es Hirn. Über fünf Wochen schon hatte es keines mehr gegeben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger, wir können kein Hirn essen!&ldquo; sagten sie kläglich.
-</p>
-
-<p>
-Der Lehrer blickte abwechselnd beide Knaben an und kaute zu Ende.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus, tut mir den Gefallen, mäkelt nicht!&ldquo; antwortete er nicht ohne
-Milde, aber bestimmt.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben blickten flehentlich nach der Mama.
-</p>
-
-<p>
-Die Mama zeigte mit den Augen auf Herrn Dr. Bürstenfeger, sie durfte sich nicht
-einmischen.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás sah seinen Bruder ermutigend an, und beide würgten das Hirn hinunter,
-daß ihnen die Tränen auf die Teller fielen.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten <a id="corr-3"></a>eine Hütte, machten
-Pfeile und Bogen, um Indianer zu spielen, oder fuhren auf ihren Karren herum.
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-<a id="pagehdr-45" class="pagehdr" title="Das Allerschönste vom ganzen Schultag"></a>
-Manchmal nahm Carlos ein Blatt Papier und einen Bleistift zur Hand und versuchte
-nach der Natur zu zeichnen, eine Baumgruppe oder sonst etwas. Das wollte er
-einrahmen lassen und der Mama zu ihrem Geburtstag für den Salon schenken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Komisch,&ldquo; sagte Nicolás, &bdquo;wenn man deine Bilder von ganz nah ansieht, erscheinen
-sie schlecht, stellt man sich aber weiter weg, so kommen sie einem besser vor.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos war nicht sehr erfreut über diese Kritik. Er hatte es nicht so gemeint.
-</p>
-
-<p>
-Von zwei bis vier war in der Regel Schule, heute aber nur bis drei, denn es fand
-der &bdquo;große Spaziergang&ldquo; statt.
-</p>
-
-<p>
-Es gab heute Schreiben, was die Knaben sehr liebten. Sie hatten dicke und dünne
-Striche zu ziehen, gerade und schiefe. Besonders die dicken Striche machten ihnen
-Freude, weil es ihnen angenehm war, auf den Bleistift zu drücken.
-</p>
-
-<p>
-Das dauerte aber nur eine halbe Stunde, und dann kam das Allerschönste vom
-ganzen Schultag.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger las ihnen eine Geschichte vor, die mußten sie dann wiedererzählen.
-</p>
-
-<p>
-Heute war es die Schilderung eines Turniers aus einem mit herrlichen Bildern
-geschmückten Sagenbuch.
-</p>
-
-<p>
-Die Folge dieser Vorlesung ahnte Herr Dr. Bürstenfeger nicht, Carlos und Nicolás
-waren ganz aufgelöst.
-</p>
-
-<p>
-Verschiedene Male war er nahe daran, das Buch zuzuklappen, so aufgeregt benahm
-sich Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du was,&ldquo; sagte dieser nach der Schule zu Nicolás, &bdquo;sobald wir vom großen
-Spaziergang zurück sind, veranstalten wir zusammen ein Turnier.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Nicolás war damit aufs höchste einverstanden.
-</p>
-
-<p>
-Die &bdquo;großen Spaziergänge&ldquo; aber dauerten mindestens bis um sechs. So hatte
-es Herr Dr. Bürstenfeger eingerichtet.
-</p>
-
-<p>
-Heute schlugen sie den Weg nach der Stadt ein. Da für Carlos und Nicolás Schuhe
-zu kaufen waren, wollte man die Gelegenheit benützen.
-</p>
-
-<p>
-Über eine Stunde gingen sie auf der großen breiten Straße. Herr Dr. Bürstenfeger
-marschierte, den Blick geradeaus gerichtet, in langsamem, aber regelmäßigem
-Tempo. Carlos und Nicolás gingen an seiner Hand mit gedämpfter Unzufriedenheit
-auf ihren Mienen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-<a id="pagehdr-46" class="pagehdr" title="&bdquo;Amerikanismus!&ldquo;"></a>
-Manchmal drehte sich ein Passant um und lächelte.
-</p>
-
-<p>
-Auch geschah es, daß irgendein Gassenjunge ihnen eine Hand voll trockenen Kotes
-nachwarf.
-</p>
-
-<p>
-Carlos vergaß sich und wollte auf ihn eindringen. Herr Dr. Bürstenfeger aber
-drückte strafend seine Hand und sagte: &bdquo;Karl, kümmere dich nicht darum!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So gelangte man bis zum Zentrum; hier waren die Straßen sehr eng, das Pflaster
-zum Teil sehr holperig, überall roch es nach Gas, weil an der Leitung gearbeitet
-wurde. Große, beladene Karren fuhren unter fürchterlichem Getöse langsam und
-schwerfällig aneinander vorüber, die Tramways fuhren im Schritt, von Zeit zu Zeit
-zu kurzem Trab einsetzend, mußten aber wieder jäh bremsen; die kleinen abgehetzten
-Pampaspferde streckten sich in ihrer ganzen Länge, um den Wagen nochmal in
-Bewegung zu bringen, eines stürzte und lag da mit vor Ermattung geschlossenen
-Augen.
-</p>
-
-<p>
-Aus den offenen Magazinen drang der Geruch von Teer, von getrocknetem
-Stockfisch. An einem Haustor stand ein Neger, einen Sack auf dem Kopf und keuchte.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger bahnte sich, Carlos und Nicolás an der Hand, einen Weg
-durchs Gedränge, schüttelte den Kopf und murmelte: &bdquo;Schon über 30 Advokatenschilder
-in einer halben Stunde gezählt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie kamen bis zur Calle Florida. Dies war die Straße des eleganten Publikums
-und der schönen Läden.
-</p>
-
-<p>
-Vor der Confiteria del Aguila stauten sich die Gecken. Elegante, schöne Frauen
-gingen vorüber. Equipagen fuhren langsam in langer Reihe.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger blieb plötzlich stehen und sah zu einem Haus empor. Auf
-dem Dache ragte eine Flasche, wohl über 8 Meter hoch. Die Flasche war aus Holz,
-und der Name eines bekannten Likörs stand schräg darauf in Riesenlettern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Amerikanismus!&ldquo; murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und stampfte leise mit dem
-Fuß auf.
-</p>
-
-<p>
-Ein paar Minuten später traten sie in den Schuhladen ein. Als sie wieder herauskamen,
-hatten Carlos und Nicolás strahlende Gesichter: jeder hielt einen eben geschenkten
-Luftballon in der Hand. Sie schauten abwechselnd zu ihnen hinauf und
-herab auf die neuen Schuhe, die sie trugen, und das erschwerte sehr das Gehen im
-Gedränge. In einem fort mußte Herr Dr. Bürstenfeger ermahnen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-<a id="pagehdr-47" class="pagehdr" title="Kritik der Trambahninsassen"></a>
-Sowie sie aus dem ärgsten Gewühl heraus waren, zog Herr Dr. Bürstenfeger
-seine Uhr und sagte: &bdquo;Jetzt steigen wir in eine Tram und machen unseren versprochenen
-Besuch bei der Familie Hanfstett.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der siebenjährige Alberto Hanfstett, ein bildschöner und verwöhnter Knabe, war
-ein Freund von Carlos und Nicolás. Auch seine Mutter hatten sie von Herzen gern,
-denn sie gab ihnen Kuchen und Bonbons, soviel sie nur wollten, und sie freuten sich
-jetzt darauf.
-</p>
-
-<p>
-Seit vierzehn Tagen hatten sie auch dort einen Hauslehrer, einen gewissen Herrn
-Klausroth, der mit der Absicht, sich dem kaufmännischen Beruf zu widmen, nach
-Amerika gekommen war. Seine Anlagen aber waren rein pädagogische, und so hatte
-er sich zum Kaufmann ungeeignet erwiesen.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger war nur einmal flüchtig mit ihm zusammengekommen, und
-er sehnte sich, in nähere Beziehungen zu ihm zu treten.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Trambahn verkürzten sich die Knaben die Zeit damit, daß sie die Insassen
-einer heiteren Kritik unterzogen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieht nicht unser Gegenüber so aus wie eine Ziege?&ldquo; fragte Carlos leise.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás quiekte: &bdquo;Großartig, ganz wie eine magere Ziege!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos fragte: &bdquo;Schau dir mal den dort drüben an, sieht er nicht so aus wie ein
-Huhn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nicolás betrachtete ihn eine Weile mit naiver Unverblümtheit und bestätigte es
-fröhlich.
-</p>
-
-<p>
-Carlos fand, daß ein kleiner dicker Herr, der seine Brille abgenommen hatte und
-jetzt matt und müde dreinblickte, einem abgezäumten Pony glich; auch damit war
-Nicolás sehr einverstanden.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger hatte einige spanische Worte, die er verstand, aufgefangen
-und legte sich ins Mittel, denn er fand solche Vergleiche sehr unpassend.
-</p>
-
-<p>
-Hanfstetts bewohnten eine prächtige Villa in einer schönen, breiten Straße.
-</p>
-
-<p>
-Der Diener, der ihnen öffnete, geleitete sie bis zur Türe des Schulzimmers: &bdquo;Der
-Unterricht müsse schon zu Ende sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie klopften, traten ein, aber es war noch Schule.
-</p>
-
-<p>
-Herr Klausroth stand vor der Schulbank, ein Buch in der Hand und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">La mesa</span> der Tisch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-<a id="pagehdr-48" class="pagehdr" title="Alberto verhöhnt die deutsche Sprache"></a>
-Unter der Bank aber hockte Alberto und sang trotzig zu einer selbst erfundenen
-Melodie: &bdquo;Ich will kein Deutsch lernen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">La mesa</span> der Tisch&ldquo;, wiederholte Herr Klausroth mit einem zynischen Lächeln.
-</p>
-
-<p>
-Er durfte ihn nicht hauen, die Mama erlaubte es nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Tschisch, tschisch</span>&ldquo;, sagte Alberto. Das bedeutete Tisch und war eine Verhöhnung
-der deutschen Sprache.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger, der anfangs nicht begriff, was da vorging, machte plötzlich
-einen Schritt zurück und breitete abwehrend die Hände nach Carlos und Nicolás aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">La mesa</span> der Tisch&ldquo;, sagte Herr Klausroth, lächelte, stampfte leise mit dem Fuß
-auf und spielte mit fünf Fingern Klavier auf der Bank.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt wollte Alberto sich vor Carlos und Nicolás zeigen.
-</p>
-
-<p>
-Er kroch unter der Bank heraus, verfügte sich auf allen vieren hinter eine lange
-Gardine und war unsichtbar.
-</p>
-
-<p>
-Herr Klausroth folgte ihm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">La mesa</span> der Tisch&ldquo;, wiederholte er mit wachsendem Zynismus.
-</p>
-
-<p>
-Er rieb sich die Hände: &bdquo;Ich darf ihn nicht hauen, ich haue ihn nicht! <span class="antiqua">La mesa</span>
-der Tisch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun erfolgte gar keine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-Herr Klausroth fuhr fort, sich die Hände zu reiben, und lachte laut; er schien ungemein
-aufgeräumt zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Alberto steckte den Kopf zur Gardine heraus und rief: &bdquo;<span class="antiqua">Tschisch, tschisch, tschisch!</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In dem Augenblick aber ging die Tür auf, und der Papa stand auf der Schwelle,
-eine Gerte in der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte geahnt, was vorging.
-</p>
-
-<p>
-Schnurstracks verfügte er sich zur Gardine, und was jetzt geschah, sahen weder
-Herr Dr. Bürstenfeger noch Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Bestürzt packte er sie bei den Händen und verließ mit ihnen das Haus.
-</p>
-
-<p>
-In ihrem Zimmer aber saß Albertos Mama und weinte, weil ihr Sohn Prügel
-bekommen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Sie war eine geborene Rodriguez, und auch sie haßte die deutsche Sprache ...
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger ging, Carlos und Nicolás an der Hand, die schöne breite Straße
-entlang mit beschleunigten Schritten, weil die Erregung noch mächtig in ihm war.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/048a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-<a id="pagehdr-49" class="pagehdr" title="Carlos bückt sich nach einem Ziegelstein"></a>
-Sie kamen an der herrlichen Villa der Familie Ilinares vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Gartenportale fuhr eine elegante Equipage heraus, in der das achtjährige
-Töchterchen Julietta mit ihrer Gouvernante saß.
-</p>
-
-<p>
-Man grüßte. Carlos sagte zu Herrn Dr. Bürstenfeger: &bdquo;Das hübsche Mädchen
-ist meine Braut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem Lächeln: &bdquo;Du kannst noch keine Braut
-haben, Karl.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil du noch zu jung bist&ldquo;, dabei drückte er kaum merklich seine Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bah!&ldquo; antwortete Carlos, &bdquo;Alfredo Lopez, mein Freund, ist ein Jahr jünger
-als ich, und hat acht Bräute.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger antwortete nichts, runzelte aber stark die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-In die schöne, breite Straße, auf der sie gingen, mündete eine andere, die stark
-vernachlässigt war.
-</p>
-
-<p>
-Es war kein Trottoir und kein Pflaster da, außerdem versank man ein wenig in
-den Kot.
-</p>
-
-<p>
-Irgendwo lag ein totes Pferd mit aufgedunsenem Bauch.
-</p>
-
-<p>
-Aasgeruch wehte herüber.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Brr!&ldquo; sagte Herr Dr. Bürstenfeger, ließ Carlos&rsquo; Hand los und hielt sich die Nase zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist noch gar nichts!&ldquo; rief Carlos und bückte sich nach einem Ziegelstein. &bdquo;Passen
-Sie auf, jetzt werfe ich, das Pferd platzt und dann stinkt es ganz fürchterlich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt ein!&ldquo; schrie Herr Dr. Bürstenfeger, ließ seine Nase los, packte Carlos&rsquo; Hand
-wieder und floh mit ihnen aus dem Bereich des Kadavers.
-</p>
-
-<p>
-Es waltete aber ein Unstern über dem heutigen Tage. Zu Hause angekommen,
-sagte Carlos zu seinem Bruder: &bdquo;Wir haben noch Zeit; jetzt führen wir unser Turnier
-auf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In einer halben Stunde hatten sie aus Brettern zwei Schilde gezimmert; aus
-Zeitungspapier machten sie primitive Helme, in die sie Hahnenfedern spießten.
-</p>
-
-<p>
-Zwei lange Stecken, an deren Spitzen ein Wedel war, womit man an den Decken
-der Zimmer nach Spinngeweben suchte, verwandelten sie in Lanzen.
-</p>
-
-<p>
-Die Wedel aber wurden zum Kopfschmuck ihrer Ponys verwandt, denen sie
-auch noch die Stalldecken umgelegt hatten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-<a id="pagehdr-50" class="pagehdr" title="&bdquo;Die Dicke&ldquo; flieht erschrocken mit der Kindertrompete"></a>
-Ihrem vierjährigen Schwesterchen, die sie &bdquo;die Dicke&ldquo; nannten, weil sie kugelrund
-war, drückten sie eine Kindertrompete in die Hand. Sie war der Herold und mußte
-zum Kampfe blasen.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás stiegen auf ihre Pferde; sie waren anzuschauen wie zwei
-prächtige Ritter. Die Backen des Schwesterchens blähten sich, Carlos und Nicolás
-stürmten aufeinander los, über die Beete.
-</p>
-
-<p>
-Wie sie ganz nahe beieinander waren, scheuten die Pferde und machten einen
-Sprung auf die Seite, so daß sie unverrichteter Sache ein Stück weitertraben mußten.
-</p>
-
-<p>
-Wieder stellten sie sich auf, wieder wollten sie aufeinander eindringen.
-</p>
-
-<p>
-Schon kündigte die Schwester den Kampf an, als mit fliegenden Schößen eine
-Gestalt daherkam: &bdquo;Wehe euch, Karl und Nikolaus, haltet ein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt ein!&ldquo; schrie Herr Dr. Bürstenfeger und war mit einigen Sprüngen am
-Zügel von Carlos&rsquo; Pferd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Dicke&ldquo; floh erschrocken mit der Kindertrompete.
-</p>
-
-<p>
-Carlos ließ die Lanze sinken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herunter!&ldquo; schrie Herr Dr. Bürstenfeger und machte mit beiden Zeigefingern
-eine gebieterische Bewegung nach der Erde.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben stiegen ab, und ohne Schild und Lanze &mdash; Carlos hatte auch noch
-seine Hahnenfeder verloren &mdash; folgten sie dem Lehrer in der Richtung des Hauses.
-</p>
-
-<p>
-Friedlich grasten die Ponys nebeneinander, während die Wedel auf ihren Köpfen
-leise zitterten.
-</p>
-
-<p>
-Wetternd tauchte von der einen Seite der Gärtner auf und höhnend von der anderen
-José, der Knecht ...
-</p>
-
-<p>
-Von nun an war Herr Dr. Bürstenfeger ungemein scharf in seinen Maßregeln.
-</p>
-
-<p>
-Wenn die Knaben ausritten, ging er neben ihnen zu Fuß auf dem Trottoir.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-7">
-Die Reise nach Mendoza
-</h3>
-
-<p class="first">
-Das war eine schwere Zeit gewesen, viele Wochen hatte die Mama sehr krank im
-Bette gelegen. Seit gestern erst durfte sie wieder ein wenig im Garten spazierengehen,
-und heute hatte der Arzt bestimmt, daß sie in die Kordilleren hinauf sollte,
-dort würde sie sich vollständig erholen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-<a id="pagehdr-51" class="pagehdr" title="Im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn"></a>
-Carlos und Nicolás mußten mit Herrn Dr. Bürstenfeger vorausreisen. Er hatte
-im Auftrage der Eltern einiges mit Don Pablo Romero zu besprechen, der sich in
-dieser Zeit in Mendoza aufhielt, ihnen aber sein Landgut oben am Fuße der Berge
-beinahe ganz zur Verfügung gestellt hatte. Die wichtigen Teile in dieser Angelegenheit
-wurden Herrn Dr. Bürstenfeger so oft und so nachdrücklich auseinandergesetzt,
-daß er anfing, sich etwas beleidigt zu fühlen. Man hatte ihn nämlich im Verdacht,
-ein wenig unpraktisch zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Viel Mühe hatte er nun, Carlos und Nicolás zu beruhigen, die die Abreise mit
-brennender Ungeduld erwarteten; wo sie auch waren, in der Schule, auf den Spaziergängen,
-bei Tische, weilten ihre Gedanken in den fernen Bergen, die sie zum erstenmal
-in ihrem Leben besuchen sollten, bei Maultieren, Pumas und Kondors.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger aber, der sich ein Bild von Land und Leuten machen wollte,
-kaufte sich eine Karte und spanische und deutsche Bücher; die spanischen las er mit
-Hilfe eines dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte. Die Karte
-breitete er auf dem Tisch aus und spießte Stecknadeln auf Flüsse und Berge, Städte
-und Dörfer, die ihn interessierten.
-</p>
-
-<p>
-Carlos brannte vor Neugier, zu wissen, was das zu bedeuten habe, wagte aber
-nicht zu fragen, weil die Erläuterungen des Hauslehrers immer fürchterlich lang
-waren ...
-</p>
-
-<p>
-Zehn Tage später saßen die drei im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn. Bald
-hatten sie Buenos Aires mit seinen Lichtern, Schornsteinen, Vororten und Anlagen
-hinter sich, und es umfing sie die weite Pampa.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás hatten schon lange keine Eisenbahnfahrt mehr gemacht, nach
-dem Landgut reisten sie immer zu Schiff. In einem Schlafwagen aber waren sie
-noch nie gefahren.
-</p>
-
-<p>
-Alles um sie her war neu und entzückte sie. Sie kletterten auf die Betten und
-tasteten nach der Decke hinauf, die sie nicht erreichen konnten, sie berochen die
-Wand, den Lederriemen an der Fensterscheibe, sogar die Reisetasche eines fremden
-Herrn, bis Herr Dr. Bürstenfeger, der mit dem Gepäck beschäftigt war, es sah und
-einschritt.
-</p>
-
-<p>
-Nach zehn Uhr ermahnte er sie, sich zum Schlafen niederzulegen.
-</p>
-
-<p>
-Das war eine neue Freude für die Knaben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-<a id="pagehdr-52" class="pagehdr" title="Der Zug hält an einer kleinen Pampastation"></a>
-Der Hauslehrer war schon eingeschlafen, als sie sich das Versprechen abnahmen,
-einander zu wecken, wenn einer von ihnen auch einschlafen sollte, was doch zu schade
-wäre. Und so sahen sie, auf ihren Arm gestützt, zum Fenster hinaus, und als ihnen
-das zu langweilig wurde, starrten sie zur Decke empor, wo über ihnen leise die
-Lampe zitterte. Ganz hinten im Wagen schnarchte jemand von Zeit zu Zeit. Jedesmal
-ließ dann ein anderer in seiner Nähe ein Wimmern oder ein Seufzen hören.
-Herr Dr. Bürstenfeger aber lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust gefaltet,
-und gab keinen Laut von sich.
-</p>
-
-<p>
-Endlich schliefen auch Carlos und Nicolás ein. Als sie erwachten, ging gerade die
-Sonne auf, und zu beiden Seiten des Geleises lag ein Feld von Gerippen, Knochen
-von Pferden und Rindern, die der letzte große Frost getötet hatte. In der Ferne
-galoppierte ein Reiter. Dann verschwanden Reiter und Gerippe, der Zug fuhr an
-einer Lagune vorbei, groß wie ein See, bevölkert mit Reihern und Störchen, Kibitzen
-und Enten. Weit entfernt stand ein Ombú, am Horizont eine große Baumgruppe,
-irgendein Landsitz. Und beide bewegten sich in ihrer Richtung.
-</p>
-
-<p>
-Herden von Straußen weideten nahe am Geleise, weiter hinten verbreitete sich
-als großer, hellgrauer Fleck eine Schafherde.
-</p>
-
-<p>
-Dann erschienen Rinder und Pferde. Sie trabten manchmal bis dicht ans Geleise
-heran und flohen wieder zurück, die Rinder mit erhobenen Schweifen, die Pferde
-mit steilen Mähnen.
-</p>
-
-<p>
-Der Zug hielt an einer kleinen Pampastation. Eine Dame stieg in den vorderen
-Wagen, eine Provinzlerin in bunten Farben, sie hatte sich für die Reise aufgeputzt.
-Eine fette alte Indianerin in einem geblümten Kattunkleid bot Fleischpasteten feil,
-verkaufte aber nichts, weil die Passagiere noch schliefen.
-</p>
-
-<p>
-Neben der Station stand ein Tilbury mit zwei abgetriebenen Gäulen. Sie schlugen
-mit den kotigen Schwänzen nach den ersten Fliegen, die ihnen der heiße Sommertag
-brachte. In einiger Entfernung sauste die Post heran, in eine Staubwolke gehüllt.
-Zwölf Pferde waren davorgespannt.
-</p>
-
-<p>
-Der Zug fuhr weiter.
-</p>
-
-<p>
-Man stand auf und trank den Kaffee im Restaurationswagen. Als Carlos und
-Nicolás zurückkehrten, hatte sich der Schlafwagen zu ihrem nicht geringen Erstaunen
-vollständig verändert, an der Stelle der Betten standen Stühle.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-<a id="pagehdr-53" class="pagehdr" title="Seltsame und tiefsinnige Gespräche"></a>
-Bis zum Abend ringsum das gleiche Bild: Rinder, Pferde, Schafe, Strauße und
-die weite Pampa.
-</p>
-
-<p>
-Aber Carlos und Nicolás langweilten sich nicht. Sie verstanden, sich die Zeit auf
-ihre Weise zu vertreiben. Sie zählten z. B. die gescheckten Rinder, die gescheckten
-Pferde und schwarzen Schafe, die sie sahen, und wer mehr gezählt hatte, hatte
-gewonnen.
-</p>
-
-<p>
-Oder sie führten seltsame Gespräche miteinander. Carlos fragte tiefsinnig: &bdquo;Was
-möchtest du lieber sein, wenn man dich wählen ließe, der Mann, der dort in der Ferne
-reitet, oder dieser Herr im Staubmantel auf dem Perron?&ldquo; Und Nicolás antwortete,
-nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: &bdquo;Lieber dieser Herr, denn er ist kein Gaucho
-und braucht niemandem zu dienen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos entgegnete: &bdquo;Aber der Gaucho kann reiten, so viel er will, vom Morgen
-bis zum Abend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Darauf wußte Nicolás nichts zu erwidern.
-</p>
-
-<p>
-Dann gaben sie diesem Frage- und Antwortspiel eine scherzhafte Wendung. Carlos
-fragte: &bdquo;Was möchtest du lieber sein, der Stuhl, auf dem du sitzest, oder der Stuhl,
-auf dem ich sitze<a id="corr-5"></a>?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da griff gewöhnlich Herr Dr. Bürstenfeger in diese Unterhaltung ein, weil er sie
-zu albern fand, und schlug etwas Nützlicheres vor. Er holte einen Band Fabeln oder
-ein Märchenbuch aus seiner Reisetasche und las den Knaben vor.
-</p>
-
-<p>
-Damit waren sie auch einverstanden, und mit pochenden Herzen und roten
-Gesichtern hörten sie zu, und ihre Blicke hingen an seinen Lippen.
-</p>
-
-<p>
-Bei besonders aufregenden Stellen, wie z. B. da, wo die böse Hexe sagt: Heda,
-Gretel, sei flink und trag Wasser, Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will
-ich ihn schlachten und kochen, fuhr Carlos von seinem Stuhl auf und zuckte mit der Nase.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger klappte das Buch über seinen Zeigefinger zusammen und
-sagte mißbilligend: &bdquo;Verhalte dich still, Karl, und mache keine Grimassen!&ldquo; Und um
-zu zeigen, wie häßlich das aussähe, fuhr er selbst von seinem Stuhl auf und zuckte
-ein paarmal mit der Nase, hielt sich aber dabei den Kneifer fest, damit er nicht herunterfalle.
-Dann las er in seiner Geschichte weiter ...
-</p>
-
-<p>
-Gegen Abend wurde verkündet, daß man in einer Stunde die ersten Ausläufer
-der Kordilleren sehen würde.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-<a id="pagehdr-54" class="pagehdr" title="Eine Erinnerung an das große Erdbeben"></a>
-Sofort knieten Carlos und Nicolás ans Fenster und ihr Blick war unverwandt
-nach dem Horizont gerichtet; sie rührten sich nicht von der Stelle, bis die Berge
-auftauchten, aber da waren sie enttäuscht, denn sie hatten sie sich viel, viel höher
-vorgestellt ...
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Morgen um sechs Uhr kamen sie in Mendoza an.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-8">
-Die Stadt Mendoza
-</h3>
-
-<p class="first">
-Herr Dr. Bürstenfeger trat, Carlos und Nicolás an der Hand, aus seinem Zimmer
-im Hotel, hinaus auf den ersten Hof. Ein Orangenbaum stand dort, an dem
-drei große Knochen hingen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sind das für Knochen?&ldquo; wandte sich Herr Dr. Bürstenfeger an einen Kellner.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Menschenknochen, eine Erinnerung an das große Erdbeben vor dreißig Jahren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Barbarisch!&ldquo; dachte der Hauslehrer, blieb eine Weile in Gedanken versunken
-vor dem Baum stehen, und dann erinnerte er sich plötzlich, daß er den Eltern einen
-Brief zu schreiben habe.
-</p>
-
-<p>
-Er überließ Carlos und Nicolás eine kleine Viertelstunde sich selbst und ging zurück
-in sein Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Er schrieb, daß sie heute gesund angekommen seien, Karl und Nikolaus seien ganz
-artig, er werde ein wenig Toilette machen und sich mit ihnen zu Don Pablo Romero
-begeben und dann auch der Familie Igarzabal Grüße bringen, wie er es am Tage
-der Abreise versprochen habe.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás gingen unterdessen nach dem zweiten Hof und sahen dort
-einen kleinen barfüßigen Indianer, der Ball spielte. Carlos fragte, ob sie mitspielen
-dürften, er sagte ja, und sie waren drei Parteien.
-</p>
-
-<p>
-Das erste Mal gewann der Indianer, das zweite Mal Nicolás, das dritte Mal
-wieder der Indianer.
-</p>
-
-<p>
-Darauf kauerten die drei sich an die Wand hin.
-</p>
-
-<p>
-Carlos fragte den Indianer, wie er heiße.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Julio!&ldquo; antwortete er. &bdquo;Ich bin von Julio Roca bei seinem letzten Ausfall im
-Azul erbeutet worden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-<a id="pagehdr-55" class="pagehdr" title="Ein seltsamer Geruch liegt in der Luft"></a>
-&bdquo;Also bist du ein wilder Indianer?&ldquo; fragte Carlos nicht ohne Respekt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin Indio Pampa!&ldquo; sagte Julio mit Würde, &bdquo;mein Vater wurde getötet,
-meine Mutter ist in Stellung in Entre-Rios.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Siehst du oft deine Mutter?&ldquo; fragte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe sie seit dem Tage, an dem ich gefangen wurde, nicht mehr gesehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warst du sehr traurig, als dein Vater getötet wurde?&ldquo; fragte Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Julio grinste.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger trat auf. Er nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und
-sie gingen zu Don Pablo Romero.
-</p>
-
-<p>
-Der Hauslehrer wußte, daß alle Häuser in Mendoza, die bekleideten und die
-unbekleideten, aus Lehm waren, seit dem letzten fürchterlichen Erdbeben.
-</p>
-
-<p>
-Aber man begann bereits das Unglück zu vergessen, und von Zeit zu Zeit wagte
-sich wieder ein Ziegelsteinbau empor.
-</p>
-
-<p>
-Es war heute ein trüber Tag, in der Luft lag ein seltsamer Geruch, den Herr
-Dr. Bürstenfeger sich nicht zu deuten wußte.
-</p>
-
-<p>
-Es war der Geruch von Kräutern auf den nahen kahlen Bergen, womit die
-Ziegenhirten ihr Feuer anzündeten.
-</p>
-
-<p>
-Den Knaben schien es, als ob die Menschen auf den ziemlich leeren Straßen
-unheimlich langsam gingen und als ob auch die Wagen und Karren unheimlich
-langsam fuhren.
-</p>
-
-<p>
-Vor dem Hause Don Pablo Romeros wartete ein Kabriolett.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger klopfte mit dem bronzenen Klopfer an die Tür.
-</p>
-
-<p>
-Eine alte, schmutzige Mulattin, gefolgt von einer Meute von Hunden, öffnete.
-</p>
-
-<p>
-Mitten im Hof stand ein verkrüppelter Orangenbaum, überall lungerten Dienstboten
-herum. Im Hintergrund lehnte ein Bursche an einer Mauer und spielte auf
-einer Mundharmonika.
-</p>
-
-<p>
-Ein großer zottiger Hund lag auf der Erde und wälzte sich nach den Sonnenstrahlen,
-die die Wolken durchbrachen, erschauerte aber, als zugleich ein feiner Sprühregen
-ihn bespritzte.
-</p>
-
-<p>
-Die Mulattin führte die Gäste ohne weiteres in den Salon. Auf den Möbeln
-waren die Bezüge, auf dem unebenen Fließboden lagen Zigarettenstummel. Es roch
-nach Weihrauch.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-<a id="pagehdr-56" class="pagehdr" title="Aus der Warze des Hundes wächst ein langes Haar"></a>
-Die Mulattin forderte sie auf, zu Don Pablo Romero einzutreten.
-</p>
-
-<p>
-Der lag in seinem Zimmer, das von Zigarettenqualm erfüllt war, im Bett. Seine
-Füße schauten unter einer wollenen Decke hervor. Sie ruhten auf einem schwarzen,
-vollständig unbehaarten, mit Warzen bedeckten Hunde.
-</p>
-
-<p>
-Der Hauslehrer erfuhr später, daß man solche Hunde dort als Bettwärmer
-gebrauchte.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Nachttisch schwammen in einer braunen Brühe unzählige Zigarettenstummel.
-</p>
-
-<p>
-Während sich Herr Dr. Bürstenfeger mit dem Hausherrn unterhielt, machten die
-Knaben ihre Beobachtungen; sie sahen, daß Don Pablo Romero kein Nachthemd
-trug, sondern ein Taghemd, sie sahen, daß aus der einen Warze des Hundes ein
-langes Haar wuchs. Sie beobachteten Herrn Dr. Bürstenfeger, wie er die Hände
-bewegte, während er sprach, denn weil er sich nur schwer auf spanisch verständlich
-machen konnte, mußte er stark durch Gestikulationen nachhelfen, und sie sahen, wie
-er bei seinen Erläuterungen Kreise zog, Dreiecke beschrieb, wie er die Hände auseinanderbreitete
-und sie beseligt wieder zusammenlegte, weil er das Wort gefunden
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Don Pablo Romero sagte endlich, sein Kabriolett warte draußen, er habe beabsichtigt,
-heute hinauf nach seinem Gute zu fahren, aber es werde wohl nichts daraus
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Er lud den Hauslehrer und die Knaben ein, mit ihm eine Fahrt in die Umgebungen
-der Stadt zu machen, etwa in einer Stunde, wenn es ihnen recht sei.
-</p>
-
-<p>
-Sie waren damit einverstanden, verabschiedeten sich und gingen ein paar Straßen
-weiter zur Familie Igarzabal. Herr Dr. Bürstenfeger klopfte. Nach einer langen
-Pause, in der sich nichts rührte, stellte sich Carlos auf eine Fußspitze, streckte den Arm
-aus und wollte noch einmal klopfen, aber Herr Dr. Bürstenfeger zog streng seinen
-Arm zurück. Schließlich mußte er sich selbst dazu entschließen. Jetzt hörte man eine
-Stimme, von der man nicht wußte, ob sie aus dem Munde einer Frau oder eines
-Mannes kam. &bdquo;Pancha, man hat geklopft!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und dann nach einer Weile aus dem Hintergrund links eine andere Stimme, und
-diesmal war es bestimmt die einer Frau: &bdquo;Es hat geklopft, Pancha!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Darauf näherten sich träge Schritte, und eine Magd mit einem Kropf öffnete.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/056a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-<a id="pagehdr-57" class="pagehdr" title="Herr Dr. Bürstenfeger tritt auf eine tote Ratte"></a>
-Herr Dr. Bürstenfeger machte ein schmerzliches Gesicht. Sie führte sie geradewegs
-in den Salon.
-</p>
-
-<p>
-Dort waren elf Frauen versammelt und unter ihnen ein kleiner fetter Herr mit
-einem blassen weichen Gesicht und einer hängenden Unterlippe.
-</p>
-
-<p>
-Es war die Familie Igarzabal. Wie Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás
-wußten, lauter Geschwister. Zwei hatten eine Häkelarbeit in der Hand. Zu ihrem
-großen Erstaunen sahen die Knaben, daß auch der Herr häkelte.
-</p>
-
-<p>
-Don José Igarzabal erhob sich und sprach; und es war jene Stimme, von der
-man nicht wußte, ob sie einer Frau oder einem Mann angehörte.
-</p>
-
-<p>
-Sie blieben nicht lange dort.
-</p>
-
-<p>
-Um die Stunde auszufüllen, nach deren Ablauf sie bei Don Pablo Romero sein
-sollten, gingen sie ein wenig auf den Straßen spazieren.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne hatte sich hinter den Wolken verkrochen, es regnete nicht mehr.
-</p>
-
-<p>
-Alle drei waren ziemlich wortkarg, es erfüllte sie eine unbestimmte Traurigkeit.
-Besonders der Hauslehrer war sehr niedergeschlagen ...
-</p>
-
-<p>
-Die Magd Don Pablo Romeros bat sie, sofort ins Schlafzimmer zu gehen.
-</p>
-
-<p>
-Sie klopfte, es blieb still; da hatte Carlos, bevor Herr Dr. Bürstenfeger ihn daran
-hindern konnte, geöffnet.
-</p>
-
-<p>
-Eingehüllt in Zigarettenqualm, schlief der Hausherr, der Hund knurrte. Der
-Lehrer nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie verließen das Haus.
-</p>
-
-<p>
-Sie kehrten ins Hotel zurück, Herr Dr. Bürstenfeger zuerst ungemein gekränkt
-über Don Pablo Romeros Empfang, dann aber gequält von einem Gefühl wachsender
-Traurigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Wieder schien die Sonne durch die Wolken, wieder rieselte ein feiner Regen herab.
-</p>
-
-<p>
-Über ihnen spielte jemand immer wieder eine Tonleiter ...
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich trat der Hauslehrer auf eine tote Ratte, machte einen Sprung und wischte
-sich dann den Schweiß von der Stirne ab.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen weiter. Da sah Herr Dr. Bürstenfeger ein Plakat, das er in Breslau
-bei seiner Abreise noch gesehen hatte. Seine Züge erhellten sich, aber bald umfing
-ihn wieder Traurigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Im Hotel bat er die Knaben, in den Hof zu gehen und Ball zu spielen, er wollte
-sich ein wenig ausruhen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-<a id="pagehdr-58" class="pagehdr" title="Die Menschen haben hier Kröpfe"></a>
-Kaum war er in seinem Zimmer, als Carlos auf einen Berg zeigte und Nicolás
-den Vorschlag machte, hinaufzusteigen, in einer Viertelstunde würden sie wieder
-zurück sein.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen und gingen, länger als eine Stunde, weit zur Stadt hinaus, an Weinbergen
-vorbei, die von niedrigen Lehmmauern umschlossen waren, aber der Berg
-entfernte sich immer mehr von ihnen.
-</p>
-
-<p>
-Da fragte Carlos einen Mann, der einen Kropf hatte, wie weit es wohl bis
-dahin sei.
-</p>
-
-<p>
-Der Mann antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: &bdquo;Etwa drei
-bis vier Stunden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás konnten das nicht begreifen, aber sie mußten sich entschließen,
-zurückzukehren, denn es war spät und Herr Dr. Bürstenfeger würde wohl sehr unruhig
-sein. Der Mann begleitete sie ins Hotel zurück. Nicolás schaute manchmal verstohlen
-nach seinem Kropf.
-</p>
-
-<p>
-Aber Herr Dr. Bürstenfeger hatte sonderbarerweise ihre lange Abwesenheit gar
-nicht beachtet. Er saß in seinem Bett und las in einem spanischen Buch mit Hilfe
-des dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte, über das letzte
-fürchterliche Erdbeben in Mendoza.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum haben die Menschen so viel Kröpfe hier?&ldquo; fragte Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das ist nicht schön!&ldquo; antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. &bdquo;Aber das macht
-das kalkige Wasser.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach Tische ging Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben spazieren.
-</p>
-
-<p>
-Ein Bettler bat um Geld. Er hatte beim letzten großen Erdbeben ein Bein eingebüßt;
-er war geschwätzig, und um sich interessant zu machen, erzählte er, daß er
-dabei seine Eltern und seine sämtlichen Geschwister verloren habe.
-</p>
-
-<p>
-Sie kamen durch den Teil der Stadt, von dem nur noch Ruinen erhalten waren,
-ein eingestürzter Kirchturm, eingestürzte Tore, geborstene, mit Gras bewachsene
-Mauern.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: &bdquo;In einer einzigen Nacht sind beinahe zwanzigtausend
-Menschen in dieser Stadt umgekommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der folgende Tag war stockfinster. Staub fegte durch die Straßen, aber es regnete
-nicht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-<a id="pagehdr-59" class="pagehdr" title="In Mendoza ist mit einem Mal eine furchtbare Bewegung"></a>
-Der Hauslehrer ging mit den Knaben in der Stadt spazieren, er ging später in
-seinem Zimmer auf und ab über eine Stunde lang, von einer Aufregung ergriffen,
-die immer mächtiger wurde ...
-</p>
-
-<p>
-Es war nach Mitternacht, als er sich zu Bett legte. Kaum war er im Bett, als er
-wieder aufstand und sich anzog; er drückte den Kopf an eine Fensterscheibe, würgte
-die Tränen hinab, die ihm gewaltsam in die Augen drangen, und ballte die Fäuste.
-</p>
-
-<p>
-So war Herr Dr. Bürstenfeger noch nie gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Er setzte sich aufs Kanapee und pfiff mit einer fürchterlichen Miene ein lustiges
-Liedchen.
-</p>
-
-<p>
-Dann zog er sich rasch aus und warf sich aufstöhnend ins Bett. Lange wälzte er
-sich herum, plötzlich begann er zu beten: &bdquo;Unser Vater, der du bist im Himmel ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unser Vater, der du bist im Himmel ...&ldquo; wiederholte er.
-</p>
-
-<p>
-Vier, fünfmal rekapitulierte er, aber er hatte in seiner maßlosen Aufregung die
-Fortsetzung vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Er saß in seinem Bett aufgerichtet und stierte ins Dunkle. Dann fiel er in wahnsinniger
-Erschöpfung zurück.
-</p>
-
-<p>
-Er schlief zwei Stunden traumlos und dann träumte er, daß er von Bremen reise,
-und es war Sturm auf der See.
-</p>
-
-<p>
-Er erwachte und hielt sich am Bettpfosten fest.
-</p>
-
-<p>
-Draußen aber schwankten die Kirchtürme, daß die Glocken erklangen, die Menschenknochen
-im Orangenbaum bewegten sich; dann war es ruhig.
-</p>
-
-<p>
-Die Leute im Hotel stürzten auf den Hof hinaus, die Einheimischen, die die Gefahr
-besser kannten, auf die Straßen.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger stürzte in Carlos&rsquo; und Nicolás&rsquo; Zimmer und dann mit ihnen
-ebenfalls auf den Hof hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Don Pablo Romero floh aus seinem Hause, in eine wollene Decke gehüllt, gefolgt
-von seinem schwarzen Hunde.
-</p>
-
-<p>
-Don José Igarzabal floh im Hemd mit seinen elf Schwestern.
-</p>
-
-<p>
-Aus allen Häusern stürzte man heraus; es war jetzt mit einem Mal eine furchtbare
-Bewegung in Mendoza.
-</p>
-
-<p>
-Der Hotelhof war angefüllt mit Menschen.
-</p>
-
-<p>
-In einem Zimmer aber saß eine schöne, blonde Frau und hielt einen kleinen
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-<a id="pagehdr-60" class="pagehdr" title="Der Geruch des Erdbebens"></a>
-Knaben und ein kleines Mädchen umfangen. Sie schämte sich, im Hemd zu
-fliehen.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger stand neben einer kaum bekleideten Engländerin.
-</p>
-
-<p>
-Sie starrte nach der Hofmauer vor sich, in der ein breiter Riß gähnte ...
-</p>
-
-<p>
-Eine halbe Stunde verging, es blieb ruhig.
-</p>
-
-<p>
-Da erinnerte sich plötzlich Herr Dr. Bürstenfeger, daß er im Hemd war, und
-schämte sich.
-</p>
-
-<p>
-Er ging in sein Zimmer, bekleidete sich schnell, holte zwei Decken und warf sie um
-Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Dann eilte er mit ihnen hinaus auf den Platz vor dem Hotel.
-</p>
-
-<p>
-Eine Menschenmenge war dort versammelt.
-</p>
-
-<p>
-Im Hintergrund kniete ein Priester und betete laut.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben blickten erstaunt auf einen Zwerg mit einem Wasserkopf, der, ein
-Bündel in der Hand, laut heulte.
-</p>
-
-<p>
-Über zwei Stunden stand dort Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás.
-Es blieb ruhig, die Sonne ging auf, die Luft war klar und schön.
-</p>
-
-<p>
-Auf den Bergen zündeten die Hirten ihre Feuer an. Der Duft der Kräuter erfüllte
-die Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Carlos sagte zu Nicolás: Das ist der Geruch des Erdbebens.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger aber kehrte mit ihnen ins Hotel zurück. Auf seinen Lippen
-ruhte ein Lächeln großer Befreiung; er legte sich zu Bett und schlief zwölf Stunden
-hintereinander. Manchmal träumte er von seiner Heimat.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-9">
-In den Kordilleren
-</h3>
-
-<p class="first">
-Die Ansiedelung Don Pablo Romeros war eine kleine Oase, die aus einigen
-Wiesen, einem Obstgarten und einer Pappelallee bestand. Hinten erhoben sich
-die grauen, kahlen, nur mit dichtem Gestrüpp und Kakteen bewachsenen Berge, und
-vorn senkte sich ebenfalls kahl und grau die Ebene in die Pampa hinab.
-</p>
-
-<p>
-Bloß zwei Zimmer seines Häuschens bewohnte Don Pablo, die übrigen hatte
-er Carlos&rsquo; und Nicolás&rsquo; Eltern überlassen, und weil trotzdem Raummangel war, waren
-noch drei Zelte aufgespannt worden. Das eine, etwas abseits gelegen, bewohnten
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-<a id="pagehdr-61" class="pagehdr" title="Fußgänger sind hier seltene Leute"></a>
-die weiblichen Dienstboten, das zweite war als eine Art kleiner Salon hergerichtet,
-und im dritten schliefen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Seine Sorge um die Knaben blieb immer gleich mustergültig. Morgens, wenn
-sie erwachten, stand er an ihrem Bett, beinahe den ganzen Tag ließ er sie nicht aus
-den Augen. Abends, wenn sie schlafen gingen, kam er noch und gab ihnen den
-Gutenachtkuß.
-</p>
-
-<p>
-Zum nicht geringen Verdruß der beiden hielt er aber immer fest am Prinzip der
-weiten Spaziergänge. Nur an Tagen, an denen er besonders zufrieden mit ihnen
-war, durften sie, während er zu Fuß ging, rechts und links von ihm auf ihren Maultieren
-reiten. Wünschten sie zu galoppieren, mußten sie fragen, und Herr Dr. Bürstenfeger
-antwortete: &bdquo;Ja, aber nur bis zu jenem Strauch oder jener Kuh!&ldquo; oder er
-verweigerte auch die Erlaubnis.
-</p>
-
-<p>
-In der Regel aber blieb es bei den gewöhnlichen Spaziergängen, und sie durchstreiften
-zusammen die Gegend nach allen Richtungen. Zu Hause banden sie sich,
-auf Wunsch von Herrn Dr. Bürstenfeger, Lappen um die Füße, um keine Blasen
-zu bekommen. Auch versahen sie sich mit einer kleinen Apotheke, mit Mitteln gegen
-den Sonnenstich, den Schlangenbiß, mit Pflastern und Pflästerchen gegen kleine
-Verletzungen, mit Pfeffermünzpastillen und Orangen und Zitronenessenzen gegen
-den Durst. Um die Schultern hingen sie sich zwei Feldflaschen mit Wasser und eine
-blecherne Büchse, auf der ein grasender Hirsch abgebildet war &mdash; gefüllt mit Brot,
-harten Eiern, Butter und &bdquo;Landjäger&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Und so zogen sie aus, zur Freude des gesamten Dienstpersonals; denn Fußgänger
-und dazu noch so ausgerüstete, waren hier seltene Leute.
-</p>
-
-<p>
-Zu Anfang hielt Herr Dr. Bürstenfeger seine Leidenschaft ein wenig im Zügel,
-weil er fürchtete, sich zu verirren, und aus Angst vor den wilden Tieren, besonders
-auf den Spaziergängen in der Richtung nach den Bergen. Bald aber waren sie mit
-der Umgegend so vertraut, daß sie die ersten Gipfel ersteigen konnten, von denen
-aus man eine herrliche Aussicht auf die dahinter liegenden, höheren hatte. Herr
-Dr. Bürstenfeger zog seine Karte aus der Tasche, um nachzusehen, wie die wohl
-heißen möchten, aber es stand kein Name da, und als er später daheim fragte, wußte
-es auch niemand. Darüber mußte er heimlich den Kopf schütteln; er fand aber
-zugleich auch diese Kulturlosigkeit interessant.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-<a id="pagehdr-62" class="pagehdr" title="Manuelito wird von seinen Schweinen überrannt"></a>
-Was seine Angst vor den wilden Tieren betraf, so brauchte er geraume Zeit, bis
-er sie überwunden hatte.
-</p>
-
-<p>
-Zu den wilden Tieren zählte er aber auch die Schlangen, obgleich er wußte, daß
-sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehörten. Ein abgebrochener Ast auf der Erde,
-der Schatten seines eigenen Stockes ... überall sah er welche.
-</p>
-
-<p>
-Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr. Bürstenfeger
-blieb stehen, erblaßte, sammelte sich aber und flüsterte: &bdquo;der Silberlöwe greift nicht
-den Menschen an, sondern flieht ihn.&ldquo; Ein andermal, als sie durch eine Schlucht
-gingen, kreiste in ziemlicher Höhe über ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer
-wußte, daß er ihnen nicht gefährlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die
-Knaben an sich und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ...
-</p>
-
-<p>
-Die Spaziergänge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab Herr
-Dr. Bürstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht erteilte er
-hinter dem Hause im Garten unter einem Nußbaum, wo ein Tisch und zwei Bänke
-standen.
-</p>
-
-<p>
-Jeden Morgen mußte sie José, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr. Bürstenfegers
-mit heißem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von den Vögeln beschmutzt
-worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden, die auch nicht ohne Zwischenfälle
-abliefen. Es trieb sich z. B. José mit einer der Mägde weiter hinten herum,
-oder es wurde Obst von den Bäumen geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten,
-oder gar die Säue.
-</p>
-
-<p>
-Diese zu hüten war ein kleiner, dreijähriger Indianer angestellt, der zusammen
-mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er hieß Manuelito
-und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die einem halbwüchsigen Knaben
-gehört hatten, umschlotterten seine Beine. Auf dem Kopfe trug er einen riesigen
-Filzhut, dessen Krempen auf seinen Schultern ruhten. So ausgerüstet, hatte er die
-Schweine auf die Weide zu treiben, die ihn aber gar nicht respektierten.
-</p>
-
-<p>
-Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten. Manuelito
-hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und geschrien: &bdquo;Kehrt
-um, kehrt um, ihr Schweinchen!&ldquo; Sie aber waren einfach über ihn hinweggetrampelt.
-</p>
-
-<p>
-Als Carlos und Nicolás das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und eilten
-Manuelito, der heulend auf dem Rücken lag, zu Hilfe.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/062a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-<a id="pagehdr-63" class="pagehdr" title="Ein abgestürztes Pferd stöhnt in einer Schlucht"></a>
-Herr Dr. Bürstenfeger stand im Hintergrund und kämpfte einen harten Kampf
-zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und Carlos und Nicolás
-hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich auf den Schulunterricht und
-Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser Zwischenfall aber änderte durchaus
-nichts am Programm des Schultages. Zum Schluß nahm der Hauslehrer das Lineal
-in die Hand, reichte den Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er
-mit ungemein kräftigem Baß, Carlos und Nicolás mit sehr falscher Stimme:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald,</p>
- <p class="verse">Lasset uns singen, tanzen und springen.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Tanzen und springen!&ldquo; brüllte Herr Dr. Bürstenfeger und schlug mit dem Lineal
-auf den Tisch, daß ein Huhn, das sich in der Nähe aufhielt, gackernd davonstelzte,
-denn Carlos hatte drei Noten daneben gesungen. Im Hintergrund aber, den Knaben
-zugekehrt, stand Zenobia, die Mulattin, wiegte den Kopf, fletschte die Zähne und
-ahmte Herrn Dr. Bürstenfeger mit einem Besenstiel nach ...
-</p>
-
-<p>
-Am gleichen Nachmittag noch machten sie einen Spaziergang in die Berge. In
-einer Schlucht sahen sie ein Pferd liegen, das abgestürzt war und die Vorderbeine
-gebrochen hatte. Als die drei herankamen, bewegte es mit einem unsäglich schmerzhaften
-Ausdruck der Augen den Kopf ein wenig in die Höhe und stöhnte.
-</p>
-
-<p>
-Der Hauslehrer erlaubte, daß sofort der Spaziergang unterbrochen wurde, und
-die Knaben gingen zu Don Pablo und baten ihn, das Tier töten zu lassen. Aber
-Don Pablo antwortete: &bdquo;Das Pferd ist in unser Gebiet eingedrungen, es gehört
-dem Nachbar, töte ich es, so muß ich es bezahlen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben ritten zu Don Andrés (so hieß der Nachbar) und stellten an ihn die
-gleiche Bitte. Don Andrés lächelte und erwiderte, er werde heute jemanden hinschicken.
-</p>
-
-<p>
-Abends aber lag das Pferd zu Carlos&rsquo; und Nicolás&rsquo; Entsetzen noch immer in der
-Schlucht und stöhnte.
-</p>
-
-<p>
-Es fiel ihnen ein, daß es zu seinen Schmerzen auch noch Hunger und Durst leiden
-müsse, sie kehrten daher zum Gut zurück, Nicolás nahm ein Bündel Gras und Carlos
-einen Eimer mit, den er in einer Quelle, die halbwegs von der Schlucht entfernt
-war, füllte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-<a id="pagehdr-64" class="pagehdr" title="Don Andrés hat das Pferd vergessen"></a>
-Das Pferd hob schnaubend den Kopf, sobald es das Wasser roch, wollte sich auf
-seinen beiden Vorderbeinen aufrichten und fiel mit einem Schmerzenslaut zurück.
-Carlos und Nicolás hoben seinen Kopf ein wenig in die Höhe, und so konnte es,
-ohne sich sonst zu bewegen, saufen.
-</p>
-
-<p>
-Am folgenden Abend hatte man das Pferd noch nicht getötet, Don Andrés hatte
-es scheint&rsquo;s ganz vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Der Gedanke an das Tier ließ Carlos und Nicolás in der Nacht nicht ruhen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich höre es ächzen!&ldquo; rief Carlos und richtete sich im Bett auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist nicht möglich, es ist zu weit&ldquo;, antwortete Nicolás; aber ihm tat das Tier
-nicht weniger leid.
-</p>
-
-<p>
-Pause.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du was, wir wollen es töten, jetzt sofort, dann leidet es nicht mehr&ldquo;, meinte
-Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás antwortete nicht gleich, dann aber sagte er ebenfalls entschlossen: &bdquo;Ja!&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-Sie standen auf, nahmen eine Axt aus der Küche, sattelten ihre Maultiere und
-ritten davon.
-</p>
-
-<p>
-Es war eine wunderbare, sternklare Nacht, die Sträucher mit ihren harten,
-öligen Blättern, die harten Kräuter, gespeist vom trockenen, vulkanischen Boden,
-dufteten.
-</p>
-
-<p>
-In der Schlucht lag das Pferd und stöhnte.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás sagte zu seinem Bruder: &bdquo;Carlos, du bist der Ältere, du wirst das Pferd
-töten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber kaum hatte er das ausgesprochen, als ihn Beschämung und Mitleid mit
-Carlos ergriff.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Losen wir!&ldquo; sagte er mit gepreßter Stimme, rupfte zwei Gräser aus, die aus
-einem Riß in einem Steine wuchsen, und hielt sie ihm hin.
-</p>
-
-<p>
-Carlos, das Beil in der Linken, zog zitternd einen Halm und hatte den kürzeren
-gezogen.
-</p>
-
-<p>
-Da ging sein Bruder zehn Schritte weg, kehrte sich ab und hielt sich die Ohren zu.
-</p>
-
-<p>
-Carlos ging entschlossen zum Pferd, streichelte es und hob dann das Beil in die
-Höhe, ließ es aber kraftlos sinken und weinte.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás hatte sich wieder umgewandt, stand da und sah ihn dumpf an.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-<a id="pagehdr-65" class="pagehdr" title="General Acevedo bringt zwei Schachteln mit Bleisoldaten"></a>
-Am folgenden Morgen ließen sie durch José, für eine kleine Geldsumme, die sie
-aus ihren Sparbüchsen nahmen, das Tier umbringen ...
-</p>
-
-<p>
-Drei Tage später kam der General Acevedo zu Besuch aufs Gut. Er war ein Mann
-von etwa fünfzig Jahren mit bereits ergrautem Haar, groß und breit und mit einem
-starken Ansatz von Embonpoint. Er kam auf einem großen, schwarzen Maultier
-geritten, trug einen Poncho um die Schultern und ein weißes flatterndes Tuch um
-den Hals.
-</p>
-
-<p>
-Das war ein Fest für die Knaben; er war immer sehr gut zu ihnen gewesen; stets
-brachte er ihnen Geschenke mit.
-</p>
-
-<p>
-Diesmal holte er aus seiner Reisetasche zwei große Schachteln mit Bleisoldaten
-heraus und dazu noch für jeden eine Kinderpistole mit roten Zündhütchen.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben schossen und stellten ihre Soldaten auf. Obgleich der General morgen
-schon wieder reisen mußte, fand er doch noch Zeit, ihnen einen großen Drachen zu
-machen.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Morgen vor dem Unterricht traten Carlos und Nicolás in sein
-Zimmer; das Fenster ging nach dem Garten.
-</p>
-
-<p>
-Der General schlief noch, er trug ein elegantes, seidenes Nachthemd mit einer
-Brusttasche, in der ein Batisttaschentuch steckte. Die linke Hand lag auf der Bettdecke,
-sie war weiß, aber kräftig und gut gepflegt, die Nägel rosig und schön gestutzt.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem primitiven Waschtisch sah man ein Schlachtgewühl von Flakons. Es roch
-im Zimmer nach allen möglichen Essenzen. Auf dem Nachttisch stand eine offene
-Pomadenbüchse, in die drei Fliegen ihre Rüssel getaucht hielten. Daneben lag ein
-Revolver mit elfenbeinernem Griff und kleinen silbernen Initialen.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Erde lag offen seine Reisetasche aus indischem Strohgeflecht, in der ein
-Durcheinander herrschte.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás schlichen auf den Fußzehen aus dem Zimmer, um den General
-nicht zu wecken; aber gleich nach der ersten Pause machten sie ihm wieder ihren
-Besuch. Er war eben erwacht, streckte seine Arme mit geschlossenen Fäusten in die
-Höhe und gähnte.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben krochen zu ihm ins Bett und rupften ihm am Schnurrbart.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Macht das eurem Schulmeister, verfluchte Bengels!&ldquo; rief der General. &bdquo;Wollen
-wir wetten, ihr habt ihm noch nie einen Streich gespielt?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-<a id="pagehdr-66" class="pagehdr" title="General Acevedo war ein anderer Kerl"></a>
-Herr Dr. Bürstenfeger saß unter dem Nußbaum und las Klopstock, er war ganz
-darin versunken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Habt ihr ihm denn noch keinen einzigen Streich gespielt?&ldquo; forschte der General.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás schwiegen und sahen ihn mit großen Augen an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihr seid Kerls, ihr wollt Argentinier sein und wagt euch nicht an diesen <span class="antiqua">gringo</span><a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>
-heran! In eurem Alter war ich doch ein anderer Kerl, da habe ich meinen Lehrern ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der General schwieg und schmunzelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was haben Sie ihnen getan?&ldquo; fragten Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe ihnen Honig auf die Bank geschmiert, Schwänze an die Röcke gehängt,
-einem habe ich ein Loch in seinen blechernen Nachttopf gebohrt, und da er die
-Gewohnheit hatte, nachts den Topf ins Bett zu nehmen, hat es ein großes Unglück
-gegeben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás mußten lachen.
-</p>
-
-<p>
-Der General höhnte: &bdquo;Ihr wollt Argentinier sein? Schämt euch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er strich Carlos über den Schopf und sagte: &bdquo;Was dich betrifft, so traue ich dir
-sowieso nicht viel zu, du bist viel zu blond!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos war gekränkt. Er schwieg eine Weile, dann sagte er, jedoch ziemlich zaghaft:
-&bdquo;So schlagen Sie doch was vor!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bravo!&ldquo; rief der General. Dann sann er nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um einen kleinen Anfang zu machen, nehmt eine Hand voll Zündhütchen, geht
-zu eurem Dr. Burstenfecherr und streut sie ihm in seiner Nähe auf den Boden. So
-wie ich ihn kenne, wird er Luftsprünge machen, wenn er darauf tritt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben machten einen harten Kampf durch, aber die höhnische Miene des
-Generals trieb sie zum Entschluß.
-</p>
-
-<p>
-Sie griffen in ihre Taschen, wo sie noch einen Haufen Zündhütchen hatten, traten
-aus dem Zimmer und schlichen auf den Hauslehrer zu.
-</p>
-
-<p>
-Wie sie ganz nahe bei ihm standen, blickte Herr Dr. Bürstenfeger von seinem Buch
-auf und fragte: &bdquo;Na, was wollt ihr, Karl und Nikolaus?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hinten aber saß der General aufgerichtet in seinem Bett, schwang den einen Arm
-in die Höhe und spornte die Knaben zum Kampf an.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-<a id="pagehdr-67" class="pagehdr" title="Die Pfirsiche sind noch nicht ganz reif"></a>
-Carlos antwortete: &bdquo;Wir wollten sehen, was Sie da lesen, Herr Dr. Bürstenfeger.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ich da lese?&ldquo; antwortete er nicht ohne leises Erstaunen, &bdquo;ist der Messias von
-Klopstock, aber es wird noch manches Jahr vergehen, bis ihr auch darin lesen könnt,
-Karl und Nikolaus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie fragten nicht mehr, sie schlichen weiter, mit blutroten Köpfen; sie schämten
-sich vor dem General und schämten sich, daß sie nie gute Argentinier werden könnten.
-</p>
-
-<p>
-Der General aber war ins Bett zurückgesunken und hielt sich den Bauch vor Lachen ...
-</p>
-
-<p>
-Am Nachmittag reiste er wieder fort ...
-</p>
-
-<p>
-Weiter oben, den Bergen näher, wuchs neben einer großen schattigen Weide bei
-einer Quelle ein Pfirsichbaum, der jedes Jahr um diese Zeit die schönsten Früchte trug.
-</p>
-
-<p>
-Niemand wußte, wie er dahingekommen war, kein Mensch hatte ihn gepflanzt,
-vielleicht hatte irgendein Vorübergehender bei der Quelle einen Kern fallen lassen.
-Auch Carlos und Nicolás kannten ihn, und eines Tages baten sie ihren Lehrer, einen
-Ausflug mit ihnen dorthin zu machen, denn Pfirsiche waren ihre Lieblingsfrucht.
-</p>
-
-<p>
-Da Herr Dr. Bürstenfeger heute sehr mit ihnen zufrieden gewesen war, so durften
-sie auf ihre Maultiere steigen, Herr Dr. Bürstenfeger stellte sich in die Mitte, und
-man brach auf.
-</p>
-
-<p>
-Am Ziel angelangt, blieben die Knaben, auf seinen Befehl hin, auf ihren Tieren
-sitzen, Herr Dr. Bürstenfeger schritt zum Baume, von dem sich eine bunte Schar von
-Singvögeln kreischend erhob, und rüttelte am Stamm.
-</p>
-
-<p>
-Eine ganze Anzahl Pfirsiche fiel herab, er hob einige auf, prüfte sie, bewegte
-unentschlossen den Kopf und sagte endlich: &bdquo;Karl und Nikolaus, wartet eine Woche
-noch, dann sind sie ganz reif.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und nach diesem Bescheid kehrte er mit ihnen, ohne daß sie einen einzigen Pfirsich
-gegessen hatten, zum Gut zurück.
-</p>
-
-<p>
-Als die Woche vorbei war, ließ er sie noch zwei Tage warten, dann sagte er: &bdquo;Ich
-werde euch nicht begleiten, reitet allein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er nahm Carlos&rsquo; Hand in seine Rechte und die des Bruders in die Linke und fügte
-mit nachdrücklichem Ernst hinzu: &bdquo;Karl und Nikolaus, ihr wißt, daß ich es gut mit
-euch meine, ihr seid bisher gehorsame Knaben gewesen, ich kann es ruhig sagen:
-bis auf gewisse Ausnahmen. Ich habe beschlossen, von nun an euch nicht mehr auf
-Schritt und Tritt zu folgen, ihr seid selbständig genug.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-<a id="pagehdr-68" class="pagehdr" title="Der verlängerte Genuß"></a>
-Pause! &mdash; Darauf feierlich: &bdquo;Karl und Nikolaus, ich nehme euch das Versprechen
-nicht ab, ihr seid frei, zu handeln, wie ihr wollt. Aber Karl und Nikolaus&ldquo; &mdash; und
-jetzt lag ein Ausdruck von wehmütiger Sorge auf seinem Gesicht: &bdquo;Ich bitte euch,
-als euer väterlicher Freund, eßt nicht mehr als vier Pfirsiche jeder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás, glücklich, überhaupt Pfirsiche essen zu dürfen, gelobten ihm
-das, Herr Dr. Bürstenfeger aber zog die Hände zurück zum Zeichen, daß sie sich nicht
-durch ein Versprechen binden sollten.
-</p>
-
-<p>
-So waren sie aus seiner Hut entlassen und ritten davon.
-</p>
-
-<p>
-Bei der Quelle banden sie ihre Maultiere an die Weide und stiegen auf den
-Pfirsichbaum hinauf. Singvögel stoben kreischend auseinander.
-</p>
-
-<p>
-Nun pflückte jeder von ihnen vier der schönsten Pfirsiche, und sie wollten schon
-wieder herabsteigen, als Carlos den Vorschlag machte, sie oben zu essen, weil es
-ihm schien, daß sie dann besser schmeckten; und so saßen sie sich denn gegenüber, jeder
-auf einem dicken Ast, lautlos und beobachteten sich gegenseitig aufmerksam, und
-wenn einer einen Biß tat, wartete der andere eine Weile und biß ein etwas kleineres
-Stück ab; denn jeder wollte, um einen längeren Genuß zu haben, der letzte sein.
-Bei diesem stummen Ringen verhielten sie sich so mäuschenstill, daß sämtliche verscheuchten
-Vögel sich wieder zurückwagten, und es war ganz still bis weithin. Unten
-nur hörte man die Quelle murmeln, und oben war ein Kauen und Picken.
-</p>
-
-<p>
-Als nun Carlos seine vier Pfirsiche verzehrt hatte, hatte Nicolás noch einen, den
-wollte er auf dem Heimweg essen. Sie kletterten wieder herab und stiegen auf ihre
-Maultiere, Nicolás in etwas gedrückter Stimmung, Carlos tief melancholisch.
-</p>
-
-<p>
-Stumm ritten sie nebeneinander her. Nicolás hielt seinen Pfirsich in der Hand,
-strich mit den Fingerspitzen darüber hin, manchmal roch er daran, einmal wollte er
-hineinbeißen, besann sich aber und steckte ihn wieder in die Tasche.
-</p>
-
-<p>
-Carlos schaute zu, seine Augen füllten sich mit Tränen, er wollte sich zur Resignation
-zwingen, aber der innere Kampf dauerte fort.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich hielt er sein Maultier an, stieß einen schweren Seufzer aus und sagte
-zu seinem Bruder: &bdquo;Ich reite zu Bernabé, dem Ziegenhirten, sage Herrn Dr. Bürstenfeger,
-ich werde in einer Stunde nachkommen.&ldquo; Dann wandte er sein Maultier,
-ritt zum Pfirsichbaum zurück und setzte sich auf den Ast, auf dem er vorhin gesessen
-war. Beschämt und zaghaft biß er in den ersten Pfirsich, dann aber wurde er kühner,
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-<a id="pagehdr-69" class="pagehdr" title="Der Mond steigt blutrot auf"></a>
-und bald dachte er an nichts weniger, als an Herrn Dr. Bürstenfeger und seine inständige
-Bitte.
-</p>
-
-<p>
-Als er endlich genug hatte, stieg er hinunter, setzte sich faul an den Baumstamm
-und war in kurzer Zeit, ohne daß er wußte wie, eingeschlafen.
-</p>
-
-<p>
-Als er erwachte, verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, langsam krochen
-die Schatten die Ebene hinab.
-</p>
-
-<p>
-Sein erster Gedanke war, daß er Herrn Dr. Bürstenfeger jämmerlich hintergangen
-hatte, und eine tiefe Traurigkeit erfüllte ihn. Er saß da, den Kopf an den Baum
-gelehnt, und weinte vor Reue.
-</p>
-
-<p>
-Aber es war schon spät, und er mußte an die Rückkehr denken.
-</p>
-
-<p>
-Im Schritt, die losen Zügel in der Hand, ritt er heimwärts; er war aber noch
-keine Viertelstunde geritten, als er sich mit Schrecken erinnerte, daß unter dem
-Baume die Kerne der vielen gegessenen Pfirsiche lagen, die würden ihn verraten,
-er kehrte daher um und vergrub sie nahe bei der Quelle. Schon wollte er wieder
-aufs Pferd steigen, als ihn plötzlich der Gedanke überfiel, aus den Kernen könnten
-Pfirsichbäume wachsen, und obgleich er wußte, daß es noch in weiter Ferne lag,
-ließ der Gedanke ihm doch keine Ruhe, er scharrte die Kerne wieder aus und steckte
-sie in seine Rocktasche.
-</p>
-
-<p>
-Als er im Gut ankam, war die Ebene schon ganz vom Abend beschattet. Aber fern
-am Horizont stieg blutrot der Mond auf.
-</p>
-
-<p>
-Vor ihm stand Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du warst beim Ziegenhüter Bernabé&ldquo;, sagte er, &bdquo;du hättest nicht so spät heimkommen
-sollen, Karl.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ganz harmlos, etwas vorwurfsvoll sagte er das, und doch war etwas wie leises
-Mißtrauen in seiner Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich war beim Ziegenhirten Bernabé&ldquo;, antwortete Carlos. Seine Stimme zitterte,
-er blickte Herrn Dr. Bürstenfeger nicht in die Augen. Trotz der ziemlichen
-Dunkelheit sah Herr Dr. Bürstenfeger, daß Carlos über und über rot war.
-</p>
-
-<p>
-Da wußte er, daß er ihn belogen hatte, und stumm wandte er sich ab, von Beschämung
-überwältigt.
-</p>
-
-<p>
-Carlos aber ging ins Zelt, legte sich zu Bett und schluchzte in die Kissen hinein.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-10">
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-<a id="pagehdr-70" class="pagehdr" title="Das schönste Mädchen auf der ganzen Welt"></a>
-Nach Paraguay
-</h3>
-
-<p class="first">
-Im Garten blühten die Veilchen, es duftete der Mimosenbaum; aber der Winter
-hatte schon lange begonnen.
-</p>
-
-<p>
-In der Frühe standen Carlos und Nicolás im Garten vor dem Springbrunnen.
-Der bronzene Reiher streckte den Kopf in die Höhe, und kalte Tropfen rieselten ihm
-über Hals und Brust in das Bassin herab, wo sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte.
-Die Knaben drückten den Finger darauf, daß sie brach, und sie dachten: Hundertmal
-so dick und tausendmal so weit, und es ist ein Fest in Europa, die roten Lampions
-leuchten, auf großen Tribünen spielt die Musik, und man schwebt wie auf weiten
-Flügeln über die Fläche.
-</p>
-
-<p>
-So hatte es Tia Lolita erzählt und ähnlich auch Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Tia Lolita war die jüngste Schwester ihrer Mutter; die Knaben nannten sie aber
-gewöhnlich nur Lolita.
-</p>
-
-<p>
-Sie war sechzehn Jahre alt, hatte langes, goldblondes Haar und trug ein blaues
-Kleid mit Matrosenkragen. Jedermann sagte, sie sei ein ungewöhnlich schönes Mädchen.
-Carlos und Nicolás meinten: vielleicht das schönste auf der ganzen Welt.
-</p>
-
-<p>
-Damals, als sie noch im Kloster erzogen wurde, sahen die Knaben sie nur manchmal
-des Sonntags. Dann aber spielte sie mit ihnen, erzählte ihnen schöne Geschichten
-und ritt mit ihnen aus. Jetzt, da sie von Europa zurück war, wo sie sich
-mit der Großmama zwei Jahre aufgehalten hatte, kam sie beinahe jeden Tag zu
-ihnen auf Besuch.
-</p>
-
-<p>
-In Herrn Dr. Bürstenfeger aber schien seitdem etwas Seltsames vorzugehen.
-</p>
-
-<p>
-Oft mitten im Unterricht, wenn Carlos und Nicolás über einem Rechenexempel
-saßen oder aus dem Gedächtnis ein Lesestück niederschrieben, erhob er sich plötzlich,
-stampfte auf, ballte die Fäuste, setzte sich ans Klavier und phantasierte mit flammenden
-Backen, und seine Hände rasten über die Tasten, wie losgelassene Pferde auf
-der Pampa; mit einem Schlage aber hielt er inne, seufzte tief auf, und es war ein
-sehr wehmütiges Spiel, das nun folgte.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal, wenn Carlos und Nicolás hinten im Garten waren, sahen sie ihn
-auf der Terrasse auf und ab gehen, den Blick zu Boden gerichtet, wie in tiefe, melancholische
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-<a id="pagehdr-71" class="pagehdr" title="&bdquo;Das Märchen von Amlet&ldquo;"></a>
-Gedanken versunken. Es war die Zeit, wo er sonst immer die Hefte
-korrigierte; die Knaben wußten nicht, was es zu bedeuten hatte.
-</p>
-
-<p>
-Eines Morgens, während der ersten Pause &mdash; Carlos und Nicolás schnitten Figuren
-aus einem Pappdeckel &mdash; klopfte es, und Tia Lolita stand im Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger machte einen Schritt zurück, über und über errötend, verbeugte
-sich und wischte sich die Finger, die voll Kreide waren, an den Rockschößen ab.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben sprangen auf, packten die Tante an beiden Armen und drehten sie
-im Kreise herum.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Carlos und Nicolás&ldquo;, sagte sie, die Hand an der Stirne, denn es war ihr schwindlig,
-&bdquo;wir reisen in einigen Tagen alle miteinander nach der Kolonie Trinidad. Mama
-hält es nicht mehr aus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben stürzten ins Zimmer ihrer Mutter: es war wahr, in einer Woche
-reiste man. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Es goß in Strömen an dem Tage der Abfahrt.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás knieten auf dem Sofa im Salon des Dampfers und schauten
-zum Fenster hinaus. Die Wolken hingen zerfetzt und niedrig. Aus dem Schornstein
-stieg schwarz der Rauch auf. Die Knaben folgten ihm mit den Blicken, und als
-er ganz hoch war, glaubten sie, er sei jetzt auch eine Wolke.
-</p>
-
-<p>
-Man hatte vor drei Stunden Campana verlassen; große beladene Barken strichen
-vorüber, langsam, mit eingezogenen Segeln, die dunkel vom Regen waren. Carlos
-und Nicolás schauten auf die trübe Fläche des Stromes, auf der fortwährend Blasen
-entstanden und platzten. Leise pochte die Maschine.
-</p>
-
-<p>
-Darauf setzten sie sich zu Tia Lolita, die melancholisch in einem großen roten Album
-blätterte, und verlangten, daß sie ihnen eine Geschichte erzählte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Märchen von Amlet!&ldquo; bat Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger, der in der Nähe saß und eine Idylle von Voß las, sah auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meinst du Hamlet? ... Aber das ist doch kein Märchen, sondern ein Trauerspiel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos begriff das nicht recht, es war doch keine wahre Geschichte, sondern ausgedacht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erzähle uns lieber das Märchen vom Swinegel und sine Fru, es ist viel schöner!&ldquo;
-rief Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-<a id="pagehdr-72" class="pagehdr" title="Carlos und Nicolás fangen Fische für das Abendessen"></a>
-Herr Dr. Bürstenfeger sah manchmal auf, die Parallele schmerzte ihn.
-</p>
-
-<p>
-Und Tia Lolita erzählte, um Carlos zu befriedigen, &bdquo;das Märchen von Amlet&ldquo;
-und dann das Märchen vom Swinegel und sine Fru, um Nicolás zu befriedigen.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger hatte zugehört und war entzückt, er sagte sich: Hamlet
-ist doch eigentlich nichts für Kinder, aber wie hat sie gewußt, es ihnen nahezubringen,
-mit welch feinem Eindringen in die kindliche Seele!
-</p>
-
-<p>
-Hundertmal schon hatte Tia Lolita ihnen das Märchen von Amlet erzählt, und
-hundertmal schon das Märchen vom Swinegel und sine Fru; aber es war immer
-wieder eine neue Geschichte für sie.
-</p>
-
-<p>
-Carlos sagte: &bdquo;Armer, armer Amlet, aber auch armer Polonius!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Über das Schicksal der Ophelia jedoch waren sie sehr erfreut, Tia Lolita hatte
-nämlich, um ihre Gemüter nicht zu sehr zu belasten, es von Grund aus umgestaltet
-und einen fröhlichen Ausgang erdacht.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás sagte: &bdquo;Beim Märchen vom Swinegel und sine Fru kann man auch traurig
-und lustig sein, die Swinegels sind komisch, aber der Hase tut mir leid.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tia Lolita bestätigte das, und Herr Dr. Bürstenfeger lächelte nachsichtig und milde.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde zu Tische geläutet, nachher ging Herr Dr. Bürstenfeger in seine Kabine,
-um ein Mittagsschläfchen zu halten.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás spielten mit Tia Lolita Fangen, und dann versteckten sie sich,
-und sie mußte sie suchen.
-</p>
-
-<p>
-Carlos war schlau; er wußte, daß sie schwerlich auf Deck gehen würde, weil es in
-Strömen regnete, ging hinauf und duckte sich in eine Taurolle.
-</p>
-
-<p>
-Nach seinem Mittagsschläfchen begab sich Herr Dr. Bürstenfeger in den Salon;
-er fand die Knaben nicht, suchte sie und sah sie schließlich oben auf Deck mit aufgespannten
-Regenschirmen bei Backbord sitzen, jeder eine lange Angelrute in der
-Hand. Die gehörten dem Schiffskommissär. Sie hatten sie vor seiner Kabine stehen
-sehen, und auf ihre Frage, ob er erlaube, daß sie damit Fische für das Abendessen
-fingen, war er überaus erfreut darüber gewesen; und nun saßen Carlos und Nicolás
-bereits dreiviertel Stunden lang da und fingen nichts.
-</p>
-
-<p>
-Der Lehrer legte ihnen die Hand auf die Schulter und belehrte sie, es sei bei der
-schnellen Fahrt nicht gut möglich, Fische zu fangen, und der Schiffskommissär, der
-weiter hinten unter Dach stand, lachte und meinte, die Fische müßten lange Beine
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-<a id="pagehdr-73" class="pagehdr" title="Die Witzautoren"></a>
-haben, und warnte sie vor dem Kapitän, der beleidigt sei, denn sein Schiff sei kein
-lahmer Klepper.
-</p>
-
-<p>
-Bei Tisch sahen Carlos und Nicolás nach der Spitze, wo der Kapitän saß, und waren
-nachher furchtbar froh, weil er nichts gesagt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Heute hatte man frei gehabt, aber morgen war Schule ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir werden gesattelt&ldquo;, sagte Carlos zu Nicolás, als Herr Dr. Bürstenfeger sie
-zum Unterricht abholte. Sie meinten, so müsse es auch ihren Ponys zumute sein,
-wenn die Knaben mit ihren Zäumen kamen.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens war es ungewiß, wer diesen Witz erdacht hatte, Carlos oder Nicolás.
-Der Witz war alt, jeder nahm ihn für sich in Anspruch, und sie hatten sich manchmal
-ernstlich darüber gestritten.
-</p>
-
-<p>
-Auf Carlos&rsquo; Vorschlag führten sie seit einiger Zeit ein Notizbuch in der Tasche,
-und machte einer von ihnen einen Witz, so wurde er sofort in beide Hefte eingetragen
-und darunter geschrieben:
-</p>
-
-<div class="block">
-<p class="noindent">
-Diesen Witz hat Carlos (oder Nicolás)
-am 5. November 18.. um 4 Uhr nachmittags
-auf einem Ritt nach Flores gemacht.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Es folgten dann beide Unterschriften.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch dies lief nicht immer ohne Streitigkeiten ab, denn oft war der andere
-geneigt, den Witz zu schlecht zu finden, als daß er notiert werden sollte, was ihn
-aber manchmal nicht daran hinderte, später, als er bereits längst vergessen schien,
-darauf zurückzukommen und für sich die Autorschaft zu beanspruchen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-In Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine lag alles fein säuberlich nebeneinander: das
-Rechenbuch, das Lesebuch, die französische Grammatik, zwei Hefte und zwei gespitzte
-Bleistifte.
-</p>
-
-<p>
-Sie setzten sich. Zuerst kam das Rechnen, dann folgte Französisch.
-</p>
-
-<p>
-Draußen vor der Tür aber war Geräusch zu hören, ganz sicher stand dort jemand
-und horchte.
-</p>
-
-<p>
-Carlos wurde unruhig. Herr Dr. Bürstenfeger aber tat, als höre er nichts. Er
-öffnete die Grammatik und las:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-<a id="pagehdr-74" class="pagehdr" title="&bdquo;Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen&ldquo;"></a>
-&bdquo;<span class="antiqua">Ma tangt a oublie song parablü</span>&ldquo;, und Carlos übersetzte: &bdquo;Meine Tante hat
-ihren Regenschirm vergessen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger las: &bdquo;<span class="antiqua">Hannibal frangschi les Alp.</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos starrte nach der Tür. Er hörte kichern, ganz deutlich sah er ein Auge durch
-das Schlüsselloch.
-</p>
-
-<p>
-Er würgte und übersetzte: &bdquo;Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger fuhr auf, er glaubte, Carlos erlaube sich einen Scherz.
-Dann aber erkannte er seine Verwirrung.
-</p>
-
-<p>
-Er stand auf, ging entrüstet nach der Tür und öffnete.
-</p>
-
-<p>
-Es war Tia Lolita gewesen, die schnell entschlüpft war, ohne daß Herr Dr. Bürstenfeger
-sie gesehen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Unterricht wurde fortgesetzt.
-</p>
-
-<p>
-Zum Schluß kam das Freiturnen, der Gesang wurde ausgelassen.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger öffnete die Luke, damit frische Luft herein käme, und es
-wurde mit der Kniebeuge begonnen, zuerst er und Carlos allein, weil zu wenig Raum
-in der Kabine war.
-</p>
-
-<p>
-Carlos dachte: Wir bewegen uns auf und ab wie die Kolben unten in der Maschine.
-Er empfand es aber nicht als einen Witz, weil er zu erbittert war ...
-</p>
-
-<p>
-In der Nacht schliefen Carlos und Nicolás lange nicht ein vor Aufregung; am
-Morgen würden sie ihr Landgut passieren, noch nie waren sie im Schiff daran vorbeigefahren.
-Außerdem hatten sie einige Tage vor ihrer Abfahrt einen Brief an
-den Verwalter geschrieben, unter welchen die Mama ihre Unterschrift gesetzt hatte.
-Darin stand, daß, wer Zeit hätte: der Capataz, Ramon der Stallknecht, Juanita die
-Tochter des Schafhirten, Juan der Sohn des Capataz, sich, sobald das Schiff in Sicht
-wäre, ans Ufer begeben sollte, weil Carlos und Nicolás mit dem Taschentuch winken
-wollten.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben baten den Kapitän, sich möglichst nahe an der Küste zu halten, und
-gaben ihm den Grund an.
-</p>
-
-<p>
-Der Kapitän, der ihnen scheinbar das Fischen gar nicht übelgenommen hatte,
-erklärte sich bereit, und wirklich fuhr er so nahe daran vorbei, als er konnte.
-</p>
-
-<p>
-Von allem Gesinde aber waren nur Ramon der Stallknecht und Miguel der
-Koch anwesend.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/074a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-<a id="pagehdr-75" class="pagehdr" title="Der Dampfer ist auf eine Sandbank aufgefahren"></a>
-Carlos und Nicolás waren ganz außer sich vor Freude, winkten und schrieen, man
-konnte aber nichts verstehen.
-</p>
-
-<p>
-In gestrecktem Galopp kam plötzlich Juan auf Carlos&rsquo; Pony, das er ihm für die
-Zeit seiner Abwesenheit geliehen hatte, dahergeritten.
-</p>
-
-<p>
-Um zu zeigen, daß er so schnell als das Schiff sei, ritt er in Karriere mit diesem
-parallel und hieb unbarmherzig auf das Pferd ein; mit seinem dicken Bauch und
-seinem kurzen Halse glich es einer dahinstürmenden Wildsau.
-</p>
-
-<p>
-Carlos hatte sich anfangs gefreut, dann aber begann er, sich über Juan zu ärgern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hau nicht so! Hau mein Pferd nicht so!&ldquo; schrie er, &bdquo;sonst hau ich dich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Juan aber kehrte sich nicht daran, erstens weil er nichts hörte, und zweitens, weil
-Carlos ihn doch nicht hauen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Die Passagiere aber lachten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Man hatte bereits San Nicolas, Rosario und Santa Fé hinter sich.
-</p>
-
-<p>
-Die warme Luft des Nordens begann sich schon bemerkbar zu machen. Heute
-war ein schöner, windstiller Tag.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Mittagessen lag man auf Deck unter dem aufgespannten Toldo auf
-langen Strohstühlen und trank schwarzen Kaffee und rauchte Zigaretten.
-</p>
-
-<p>
-Auch Herr Dr. Bürstenfeger war oben, lag aber nicht, sondern saß, auch rauchte
-er nicht Zigaretten, sondern eine leichte Bremer Zigarre, von denen er einen großen
-Vorrat aus Deutschland mitgebracht hatte, ohne sie dem Zoll vorzuenthalten.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Stunden später hielt plötzlich das Schiff mit starkem Erbeben an, die Schaufelräder
-bohrten sich in den Grund, ein Dutzend Gläser und sechs Flaschen zerbrachen,
-ein Buch fiel in Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine vom Netz. Es war Wassertiefstand,
-und man war auf eine Sandbank aufgefahren. Es war aber weiter kein Unglück
-geschehen.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Dämmerung kam ein großes Dampfschiff den Strom herab; mit Tauen
-versuchte es das andere frei zu machen, aber es war umsonst.
-</p>
-
-<p>
-Am Morgen jedoch, als Carlos und Nicolás erwachten, war man bereits wieder
-in voller Fahrt begriffen. Ein Sturm hatte in der Nacht das Schiff flott gemacht.
-</p>
-
-<p>
-Vor Ablauf einer Woche langte man in Formosa an. Man ging ans Land. Auf
-einem Balkon saß ein schönes kleines Mädchen, fächelte sich mit einem Papierfächer
-und kokettierte zu Carlos und Nicolás herab. Carlos und Nicolás blieben stehen
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-<a id="pagehdr-76" class="pagehdr" title="Im goldenen Berg von Orangen"></a>
-und lächelten hinauf, Herr Dr. Bürstenfeger drängte vorwärts; das schöne kleine
-Mädchen klappte den Papierfächer zu und lachte.
-</p>
-
-<p>
-Sieben Stunden war man bereits wieder unterwegs; ein Dampfer mit Militärbesatzung
-fuhr stromabwärts. Es galt, Formosa zu Hilfe zu kommen, das soeben
-von Horden von Tobasindianern angegriffen worden war.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás hörten die Nachricht und waren trostlos, daß ihr Schiff so
-früh abgefahren war, so daß sie sich nicht am Kampfe beteiligen konnten. Es fiel
-ihnen plötzlich ein, daß das kleine schöne Mädchen, das in Formosa auf dem Balkon
-gestanden hatte, in großer Lebensgefahr sein müsse. Niemals würden Carlos und
-Nicolás erfahren, ob sie tot sei, denn sie hatten die Straße, wo sie wohnte, vollständig
-vergessen, auch konnten sie sich ihres Gesichtes gar nicht mehr erinnern, so starken
-Eindruck es auch auf sie gemacht hatte. Und sie waren erfüllt von Traurigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Ganz in der Frühe hielt wieder der Dampfer an. Vom Lande wurde eine
-lange Brücke bis zum Schiff geschlagen, ein langer Zug von Indianern und
-Indianerinnen brachte Orangen an Bord in großen Körben, die sie auf den
-Köpfen trugen.
-</p>
-
-<p>
-Bis spät nachmittags dauerte das Verladen. Auf dem vorderen Teil des Schiffes
-ragte ein goldener Berg von Orangen, ein leiser Wind ging und brachte den Duft
-herüber.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás gruben sich ein Loch in den Berg, kauerten hinein und aßen
-Orangen.
-</p>
-
-<p>
-Der Kapitän sah es, auch die Verlader sahen es, sagten aber nichts.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben jedoch glaubten von niemandem beobachtet zu sein und fanden es
-romantisch und abenteuerlich.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Dunkelwerden fuhr man ab. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Am Morgen nach dem Frühstück &mdash; die Knaben saßen im Eßzimmer &mdash; erscholl
-plötzlich auf Deck Gewehrschießen. Sie sprangen auf und eilten hin, Herr Dr. Bürstenfeger
-sehr besorgt hinter ihnen her.
-</p>
-
-<p>
-Oben wurde auf Alligatoren geschossen, die sich auf dem nahen Ufer sonnten.
-</p>
-
-<p>
-Vor einer Stunde hatten sich die ersten gezeigt, bis jetzt zählte man bereits über
-zwanzig; zwei Passagiere hatten ihre &bdquo;Remingtons&ldquo; heraufgebracht, und andere
-eilten, es ihnen nachzutun.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-<a id="pagehdr-77" class="pagehdr" title="&bdquo;Après la bataille de Marathon ...&ldquo;"></a>
-&bdquo;Karl und Nikolaus,&ldquo; rief streng Herr Dr. Bürstenfeger, &bdquo;kommt zum Unterricht
-herab!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos begann zu weinen, Nicolás war sehr niedergedrückt. Aber es half nichts.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde die Grammatik aufgeschlagen, und Carlos las: &bdquo;<span class="antiqua">Après la bataille de
-Marathon</span> ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Oben auf Deck aber krachte ein Schuß nach dem andern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Après la bataille de Marathon</span> ...&ldquo; heulte Carlos. &bdquo;Oh, Herr Dr. Bürstenfeger,
-lassen Sie uns hinauf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber Herr Dr. Bürstenfeger wehrte streng ab.
-</p>
-
-<p>
-Er hätte wohl den Unterricht verschoben, wenn es sich um eine würdigere Sache
-gehandelt hätte, aber er wollte nicht, daß Carlos und Nicolás ihren Spaß daran
-hätten, daß Tiere getötet werden.
-</p>
-
-<p>
-Da ging die Türe auf, und Tia Lolita stand in der Kabine.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger,&ldquo; bat sie, &bdquo;lassen Sie die Knaben hinauf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger war blutrot. Er verbeugte sich und sagte flehend: &bdquo;Mein
-gnädiges Fräulein, ich bitte ... ich bitte Sie ... nein ... mein gnädiges Fräulein ...!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es war umsonst, Tia Lolita kehrte unverrichteter Sache zurück.
-</p>
-
-<p>
-Es waren aber nicht drei Minuten vergangen, da schlug er plötzlich sein Buch zu
-und rief, während seine Stimme vor Beschämung bebte: &bdquo;Geht hinauf, Karl und
-Nikolaus, geht hinauf!&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Am Abend war man in Asuncion.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-11">
-Paraguay
-</h3>
-
-<p class="first">
-&bdquo;Nach dieser langen Flußfahrt ist es nötig, daß wir uns endlich einmal gründlich
-Bewegung machen&ldquo;, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und nahm Carlos und Nicolás
-bei der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Und sie spazierten auf den Straßen von Asuncion, der Stadt mit den blendend
-weißen Häusern, den vorgebauten Holzgitterfenstern, den bedeckten Galerien, in
-denen Hängematten hingen, und den breiten, ungepflasterten Straßen mit der
-roten, weichen Erde. Der Duft der Orangenblüte erfüllte die Stadt. Frauen, eingehüllt
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-<a id="pagehdr-78" class="pagehdr" title="Die Affen fallen sich in die Arme"></a>
-in lange, weiße Tücher, wandelten langsam und sehr aufrecht, bunte Krüge
-auf den Köpfen. In ihren Gärtchen, unter Orangenbäumen, lagen die Männer,
-manchmal nur mit einem Hemd bekleidet, und schliefen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist dies ein paradiesisches Land,&ldquo; sagte der Lehrer, &bdquo;ohne Hast und Qual und
-ohne Arg verbringen die Menschen hier ihre Tage, brauchen, um zu leben, nur die
-Hand auszustrecken nach den herrlichen Früchten, die diese gütige Erde ihnen spendet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Weg führte sie am Markt vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás sahen zwei Affen je auf einem großen Kürbis kauern. Vier
-uralte, verschrumpfte Indianerinnen saßen um einen großen Kessel, kauten Mais
-und spuckten ihn hinein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Speichel bringt den Mais zum Gären, daraus wird Schnaps&ldquo;, sagte Herr
-Dr. Bürstenfeger und schüttelte sich.
-</p>
-
-<p>
-Aber die Aufmerksamkeit der Knaben war auf die beiden Affen gerichtet.
-</p>
-
-<p>
-Wenn man nach Paraguay käme, sollten sie einen haben, hatte die Mama gesagt.
-</p>
-
-<p>
-Eine der alten Indianerinnen erhob sich, setzte auf jede Hand einen Affen und
-hielt sie dem Hauslehrer hin.
-</p>
-
-<p>
-Sie wimmerten und kratzten sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger, kaufen Sie uns einen Affen!&ldquo; baten Carlos und Nicolás
-zugleich.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger machte eine erschrockene Bewegung; er erinnerte sich an
-das Versprechen, das ihnen die Mama gegeben hatte.
-</p>
-
-<p>
-Aber kein Tier war ihm so unsympathisch wie ein Affe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kaufen Sie uns einen Affen!&ldquo; wiederholten die Knaben.
-</p>
-
-<p>
-Nach einigem Zaudern begann er mit der Indianerin zu unterhandeln.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás waren sich nicht einig in der Wahl; schließlich einigten sie sich
-auf den, der auf der linken Hand saß, und der Lehrer gab seine Einwilligung.
-</p>
-
-<p>
-Als aber die Indianerin die Kiste, in die er hineingehörte, in die Höhe hob und
-ihn an der Schnur zog, an der er angebunden war, fielen sich beide Tiere in die Arme
-und begannen laut zu heulen.
-</p>
-
-<p>
-Sie wußten es von manchen Vorgängern, daß es galt, Abschied zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Arme Affen!&ldquo; sagten Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Auch Herr Dr. Bürstenfeger war voller Mitleid.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-<a id="pagehdr-79" class="pagehdr" title="In ganz Asuncion ist kein Wagen aufzutreiben"></a>
-Die Affen hielten sich umklammert, der Lehrer war ratlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kaufen Sie beide!&ldquo; baten die Knaben.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger rang mit sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es wäre eine Grausamkeit, die armen Tiere zu trennen!&ldquo; entschied er endlich.
-</p>
-
-<p>
-Er gab der Indianerin eine Weisung, die Knaben jubelten, und einige Minuten
-später zogen sie heim, Carlos und Nicolás rechts und links von Herrn Dr. Bürstenfeger,
-jeder mit seiner Kiste und seinem Affen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Zwei Tage später fand die Weiterreise nach Trinidad statt; es war ein Ritt von
-fünf Stunden.
-</p>
-
-<p>
-Zum erstenmal in seinem Leben mußte sich Herr Dr. Bürstenfeger entschließen,
-auf ein Pferd zu steigen. In ganz Asuncion war kein einziger Wagen aufzutreiben.
-Sie hätten kaum fortkommen können auf der weichen, lockeren Erde der Wege.
-</p>
-
-<p>
-Da der Tag zu heiß war, entschloß man sich, nachts zu reisen.
-</p>
-
-<p>
-Man brach um 11 Uhr auf, bei herrlichem Mondschein, um mit beginnender Dämmerung
-anzukommen.
-</p>
-
-<p>
-Die Pferde waren zahm und mager, und es war gesorgt worden, daß Herr Dr. Bürstenfeger
-das zahmste erhielt. Die Eltern, Tia Lolita und die übrigen ritten voraus.
-Carlos und Nicolás ritten neben ihrem Lehrer und waren beschäftigt, sein Tier anzutreiben,
-wenn sie traben wollten. Gewöhnlich aber ging es im Schritt, da der
-Weg zum größten Teil durch Urwälder führte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Kolonie Trinidad war von Urwäldern umgeben, nachts drang von dort das
-Geschrei der Brüllaffen herüber.
-</p>
-
-<p>
-Der größte Teil der Einwohnerschaft bestand aus deutschen Bauern und Handwerkern,
-die beinahe alle eine zweifelhafte Vergangenheit hatten.
-</p>
-
-<p>
-Sie waren zusammengewürfelt aus allen Teilen des Reiches, und man hörte sämtliche
-Dialekte nebeneinander.
-</p>
-
-<p>
-Es lebten aber auch dort Leute aus anderen Gesellschaftsklassen: verbummelte
-deutsche Studenten, durchgefallene Mediziner, die sich um die Praxis rauften, verlotterte
-Richter und Advokaten. Sie nannten sich &bdquo;alte Semester&ldquo; und berauschten
-sich nachts an billigem Schnaps; es wimmelte in Trinidad von Wirtshäusern. Des
-Tages aßen sie Orangen, Bananen und Mandioca, das kostete wenig.
-</p>
-
-<p>
-Alle Einwohner lebten in Haß und Hader miteinander.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-<a id="pagehdr-80" class="pagehdr" title="Die Knaben reiten in die Steppe"></a>
-Ging Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Dorfe spazieren, widerhallten
-seine Ohren von böswilligem Klatsche.
-</p>
-
-<p>
-Der Bäcker lauerte ihm auf und begeiferte den Schuster, der Schuster ging ihnen
-heimlich nach, und sobald Herr Dr. Bürstenfeger frei war, redete er schmählich über
-den Bäcker, der Tischler folgte und erzählte Ruchloses von der Frau des Bienenzüchters.
-</p>
-
-<p>
-Und ganz so war es auch mit den Ärzten, Richtern und Advokaten bestellt.
-</p>
-
-<p>
-Anfangs ließ Herr Dr. Bürstenfeger wortlos den Schwall über sich ergehen. Dann
-aber wehrte er mit den Händen ab und floh nach dem Urwald.
-</p>
-
-<p>
-Aber als er nach Hause zurückkehrte, umging er das Dorf. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Zweimal in der Woche war es Carlos und Nicolás erlaubt, allein auszureiten.
-Herr Dr. Bürstenfeger erlaubte es, weil die Gegend sicher war, von den friedlichen
-Guarangsindianern war keine Gefahr zu erwarten.
-</p>
-
-<p>
-Auf ihren mageren, struppigen Pferden schlugen die Knaben am liebsten die Richtung
-dahin ein, wo bald nach dem Urwald die Steppe begann.
-</p>
-
-<p>
-Da konnten sie lange Galopp reiten, und es erinnerte sie an die Pampas in Argentinien.
-Nur erhoben sich hier von Zeit zu Zeit kleine Palmenhaine. Die Palmen
-aber standen nicht dicht beieinander, sondern so, daß die Sonne breit hineinfluten
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Sie ritten, bis der Urwald ein schwarzer Streifen am Horizont war, stiegen von
-den Pferden und legten sich ins Gras, wie sie es oft auf ihrem Gute getan hatten,
-und lauschten in die Stille hinein; eine Heuschrecke klapperte, irgendwo sang ein
-Vogel. Diese Geräusche und die Hitze des Tages wiegte sie in Halbschlaf ein.
-</p>
-
-<p>
-Carlos träumte, er jage hinter Straußen, dann träumte er, daß er mit den wilden
-Tobasindianern kämpfe. Plötzlich erwachte er. Er rieb sich die Augen, und es war
-seltsam, was er eben geträumt hatte, sah er deutlich aber regungslos in die Wolken
-gezeichnet, die über dem Horizonte lagerten, und je länger er hinstarrte, um so lebendiger
-wurde das Bild. Er schloß die Augen und sah es langsam vergehen, er öffnete
-sie, und das Bild schwebte über dem Horizonte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages, als Carlos und Nicolás in den Urwald ausritten, begegneten sie
-einem kleinen Indianer. Er hielt eine große bunte Schlange, die er eben getötet
-hatte, auf einem Stocke.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/080a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-<a id="pagehdr-81" class="pagehdr" title="Die Schlangensammlung im Kleiderschrank"></a>
-Carlos fragte, ob er sie verkaufen oder gegen irgend etwas vertauschen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Da er nickte, sie aber kein Geld hatten, sprang er vom Pferd und gab ihm eine
-Satteldecke dafür.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Heimritt beschlossen sie, eine Schlangensammlung zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Sie verschafften sich Flaschen, denen sie die Köpfe abschlugen, und füllten sie mit
-Spiritus.
-</p>
-
-<p>
-Einen Teil ihrer Mußestunden aber verbrachten sie damit, Schlangen aufzustöbern,
-die sie töteten, in die Flaschen taten und sorgfältig in ihrem Kleiderschrank verschlossen,
-weil sie wußten, welchen Abscheu Herr Dr. Bürstenfeger vor diesen Reptilien hatte.
-</p>
-
-<p>
-Aber das Unglück wollte es, daß einmal der Schrank aufblieb und Herr Dr. Bürstenfeger
-hineinsah und mit einer Miene, als blicke er in Blaubarts Kammer.
-</p>
-
-<p>
-Er strafte sie aber nicht, er war nur sehr blaß und sagte: &bdquo;Karl und Nikolaus, ihr
-habt mich unendlich betrübt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás gelobten ihm unter Tränen, nie mehr eine Schlange zu fangen,
-flehten ihn aber an, diese behalten zu dürfen, da sie ja tot seien und dabei so wunderbar
-schöne Tiere.
-</p>
-
-<p>
-Diese letztere Bemerkung erregte in Herrn Dr. Bürstenfeger wieder ein Gefühl
-des Grausens. Mit großem Nachdruck erwiderte er: &bdquo;Daß ihr nie mehr welche fangen
-werdet, weiß ich &mdash; im übrigen habe ich euch nichts mehr zu sagen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Damit entfernte er sich.
-</p>
-
-<p>
-Seine Unterhaltung mit den Knaben beschränkte sich von nun an auf das Allernotwendigste;
-er hatte durch Zenobia in Erfahrung gebracht, daß die Schlangen
-noch immer im Schrank seien.
-</p>
-
-<p>
-In der Schule sagte er mit höchst betrübtem Tonfall: &bdquo;Jetzt gehen wir zum Kopfrechnen
-über&ldquo;, oder &bdquo;Karl, schlag deine Grammatik auf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und das trieb er so lange, bis Carlos und Nicolás es nicht mehr ertragen konnten
-und die Schlangen vergruben.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger zuckte mit keiner Miene, als er es erfuhr. Abends aber,
-als sie zu Bett gegangen waren, gab er ihnen mit ungleich mehr Herzlichkeit, als in
-den letzten Tagen, den Gutenachtkuß. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Eines Vormittags während der großen Pause saßen Carlos und Nicolás rechts
-und links von Tia Lolita unter dem Bananenbaum vor dem Hause.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-<a id="pagehdr-82" class="pagehdr" title="Herr Dr. Bürstenfeger setzt sich ans Klavier und phantasiert"></a>
-Carlos hatte ihr die Zöpfe aufgeflochten und das Haar auf die Schultern gelegt,
-daß auch ihr Gesicht umrahmt war. So fand er sie noch viel schöner als gewöhnlich
-und nannte sie Genovefa.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du siehst wie Sneewittchen aus,&ldquo; sagte Nicolás, &bdquo;das war die schönste Königstochter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tia Lolita lachte: &bdquo;Ich kann doch nicht Sneewittchen gleichen; ihr Haar war doch
-so schwarz wie Ebenholz, und ich bin blond!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber der Gänsemagd gleichst du&ldquo;, meinte er.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger kam vorbei. Er blieb stehen und starrte Tia Lolita an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit einer Gänsemagd vergleicht Nicolás mich, was meinen Sie dazu, Herr Dr.
-Bürstenfeger?&ldquo; sagte sie und stellte sich gekränkt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, oh!&ldquo; meinte Herr Dr. Bürstenfeger, fand aber keine Worte mehr, er schien
-verwirrt.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás war geärgert: &bdquo;Ich meine doch nicht eine gewöhnliche Gänsemagd, sondern
-die Gänsemagd, die in Wirklichkeit eine Königstochter war, ihr Haar war eitel Gold,
-und sie mußte mit Kurtchen die Gänse hüten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit dieser Erklärung war Tia Lolita zufrieden, sie gab Nicolás einen Kuß, und
-er schmiegte seinen Kopf an ihre Schulter.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger machte ganz unwillkürlich eine rasche Bewegung und
-ging weiter. Dann begab er sich hinauf in den Salon, setzte sich ans Klavier und
-phantasierte.
-</p>
-
-<p>
-Tia Lolita und Carlos und Nicolás lauschten, ohne ein Wort zu sprechen.
-</p>
-
-<p>
-Carlos sagte: &bdquo;Wie schön spielt doch Herr Dr. Bürstenfeger!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr schön spielt er&ldquo;, antwortete sie aufrichtig. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Einige Tage später hatten die Landbewohner Tanz weiter draußen unter einem
-uralten Baum.
-</p>
-
-<p>
-Ein alter Indianer spielte die Gitarre und sang leise dazu.
-</p>
-
-<p>
-Es war Mondnacht, und die jungen Indianerinnen tanzten. Sie hatten feine,
-schmale Gesichter und große, dunkle Augen. Die dicken Haarflechten fielen auf die
-braunen nackten Schultern. Sie trugen weiße Leinenhemden und weiße Sommerröcke,
-eine Korallenkette um den Hals und sämtliche Finger mit Ringen geschmückt.
-</p>
-
-<p>
-Der Duft der Orangenblüte wehte herüber.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-<a id="pagehdr-83" class="pagehdr" title="&bdquo;Armer Herr Dr. Bürstenfeger!&ldquo;"></a>
-Tia Lolita schwatzte mit Herrn Dr. Bürstenfeger. In einem Anfall von Laune
-lachte sie ihm zu und neckte ihn harmlos.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger starrte sie wortlos an mit klopfendem Herzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wollen wir auch einmal tanzen!&ldquo; sagte sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja ...!&ldquo; stammelte Herr Dr. Bürstenfeger; er wußte selbst nicht recht, was er sagte.
-</p>
-
-<p>
-Und sie tanzten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Als Carlos und Nicolás im Begriff waren, zu Bett zu gehen, ging Herr Dr. Bürstenfeger
-nebenan in seinem Zimmer langsam auf und ab und murmelte leise etwas
-vor sich hin.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich blieb er stehen, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte: &bdquo;Ich liebe
-dich, Lolita ... sei mein Weib, ich liebe dich mit meiner ganzen Seele!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás hörten das, und maßloses Erstaunen ergriff sie.
-</p>
-
-<p>
-Sie saßen sprachlos auf ihren Stühlen und konnten es lange nicht fassen.
-</p>
-
-<p>
-... Seine Frau sollte sie werden, Tia Lolita! Aber armer Herr Dr. Bürstenfeger!!
-</p>
-
-<p>
-Sie waren von tiefem Mitleid mit ihm erfüllt, waren aber weit entfernt, den
-Umfang seines Schmerzes zu ehren.
-</p>
-
-<p>
-Tia Lolita würde ja den Prinzen heiraten, mit ihm auf sein Schloß ziehen und
-die schönste Königin der Welt werden. Niemals würde sie Herrn Dr. Bürstenfeger
-heiraten! ...
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Tag während des Unterrichts war der Lehrer sehr seltsam, er hörte
-kaum auf die Antworten, die Carlos und Nicolás gaben.
-</p>
-
-<p>
-Ein dunkles Gefühl sagte ihnen, er wisse, daß sie den Prinzen heiraten werde,
-und darüber sei er so traurig.
-</p>
-
-<p>
-Abends bei anbrechender Dunkelheit saßen sie mit Tia Lolita in ihrem Zimmer
-am offenen Fenster.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wirst du den Prinzen heiraten?&ldquo; fragte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß&ldquo;, antwortete sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Armer Herr Dr. Bürstenfeger!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tia Lolita lachte.
-</p>
-
-<p>
-Was sich gestern ereignet hatte, hatten sie ihr arglos erzählt. Anfangs war sie
-betroffen gewesen und dann aufs höchste belustigt.
-</p>
-
-<p>
-Da, unten im Garten, kam Herr Dr. Bürstenfeger daher.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-<a id="pagehdr-84" class="pagehdr" title="Carlos begreift das Rätsel nicht"></a>
-Er ging, den Kopf zu Boden gerichtet, und bewegte die Hände, wie im Selbstgespräch.
-</p>
-
-<p>
-Er ging zur Bank und setzte sich.
-</p>
-
-<p>
-Ganz deutlich hörten sie, wie er leise sagte: &bdquo;Lolita!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos ahnte nicht, was in Herrn Dr. Bürstenfeger vorging; aber ein Mitleid
-ergriff ihn, unbestimmt, doch übergewaltig.
-</p>
-
-<p>
-Er lief die Treppe herab, zum Garten hinaus, Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen:
-&bdquo;Armer Herr Dr. Bürstenfeger!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aufs höchste betroffen, sah ihn der Lehrer an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Armer Herr Dr. Bürstenfeger, sie wird ja den Prinzen heiraten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Oben am Fenster war Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger sah hinauf und sah Tia Lolita dort sitzen.
-</p>
-
-<p>
-Da erkannte er, daß er belauscht worden war, und erhob sich jäh, während ihm
-das Blut ins Gesicht strömte.
-</p>
-
-<p>
-Dann aber fiel er zurück, ließ den Kopf sinken und begann zu schluchzen, aufgelöst
-in wahnsinnige Beschämung.
-</p>
-
-<p>
-Carlos stand da, sah ihn an und begriff das große Rätsel nicht.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich aber fiel er ihm um den Hals und brach ebenfalls in Schluchzen aus.
-</p>
-
-<p>
-Aus den Urwäldern aber ertönte laut das Konzert der Brüllaffen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-12">
-Die Revolution
-</h3>
-
-<p class="first">
-Ein paar Jahre waren vergangen.
-</p>
-
-<p>
-Man wohnte seit einigen Wochen in der Stadt, da die Villa restauriert wurde.
-</p>
-
-<p>
-In zehn Tagen aber sollten Carlos und Nicolás mit Herrn Dr. Bürstenfeger nach
-Europa reisen.
-</p>
-
-<p>
-Carlos wurde nächstens zehn Jahre. Sie waren in ihrem Unterricht so weit, daß
-sie in die erste Klasse des Gymnasiums eintreten konnten, und es war dafür eine
-kleine Stadt irgendwo in Deutschland bestimmt worden.
-</p>
-
-<p>
-Nach Europa! jauchzten Carlos und Nicolás, das war endlich einmal eine weite
-Reise. Übers Meer reiste man, wo die Wellen wie Berge waren. Man sah Walfische
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-<a id="pagehdr-85" class="pagehdr" title="Carlos wird übermorgen zehn Jahre älter"></a>
-und Haifische. Man erlebte vielleicht auch Schiffbruch, man strandete auf einer einsamen
-Insel und nährte sich von Gräsern und Kräutern, bis die Vorräte des Wracks
-ans Land geschafft waren. Dann kam ein Schiff vorbei, Carlos und Nicolás würden
-die Hemden ausziehen und damit winken, und dann würden sie endlich nach Europa
-kommen und eine herrliche Robinsongeschichte erlebt haben.
-</p>
-
-<p>
-In Europa aber versank man bis zum Hals in den Schnee, wenn man auf den
-Straßen ging. Das erschien ihnen lustig. Dann waren auch dort die großen Schlittenfahrten.
-Sechs Pferde waren vor die Schlitten gespannt, und in Karriere ging es
-über Berge und Täler und durch den Wald. Oft verfolgten sie Wölfe.
-</p>
-
-<p>
-In der Schule war es schön. Man ging mit einem Tornister auf dem Rücken dahin,
-und um zehn Uhr war Picknick, das mußte man sich von zu Hause mitnehmen.
-</p>
-
-<p>
-Die Schule fand in einem großen Saale statt, darin wimmelte es von Schülern.
-Der Lehrer sprach mit lauter Stimme, alle lauschten, und jeder wollte der Beste
-sein. Wenn man so allein zu zweit im Hause Schule hatte, war man lange nicht
-so ehrgeizig.
-</p>
-
-<p>
-So war es in Europa! Carlos und Nicolás wußten es, obgleich Herr Dr. Bürstenfeger
-es nur zum Teil so dargestellt hatte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Heute aber saßen sie noch in Buenos Aires im Spielzimmer und stellten eine
-Liste auf von den Knaben und Mädchen, die sie für übermorgen einladen wollten,
-zu Carlos&rsquo; Geburtstag.
-</p>
-
-<p>
-Carlos wollte, daß auch sein bester Freund dabei sein sollte, ein Junge in seinem
-Alter, der auf einem lahmen Schimmel ritt mit einem Schafspelz als Sattel, und
-dessen Vater Knecht bei den Schlächtereien in Barracas war.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger aber fand es durchaus nicht statthaft, und so verließen denn
-die drei das Haus, ohne daß Carlos&rsquo; Wunsch willfahrt worden wäre, um die Einladungen
-zu besorgen.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst gingen sie zu Aguieres, die nicht weit von ihnen wohnten.
-</p>
-
-<p>
-Sie wurden zum älteren Bruder des Freundes, der zwanzig Jahre alt war und
-einen Schnurrbart hatte, ins Zimmer gebeten.
-</p>
-
-<p>
-Er saß vor einem großen Schreibtisch, auf dem ein Haufen Papiere lagen, schien
-nachdenklich und besorgt und versprach zerstreut, daß sein kleinerer Bruder, der
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-<a id="pagehdr-86" class="pagehdr" title="Ein Julklapp"></a>
-augenblicklich noch in der Schule sei, zu Carlos&rsquo; Geburtstag kommen werde. Dann
-schrieb er sich das auf einen Zettel auf.
-</p>
-
-<p>
-Im Sagnan begegneten Herr Dr. Bürstenfeger und die Knaben der Mama, einer
-Dame aus den nördlichen Provinzen mit mattem Teint und großen, sanften Augen.
-Sie gab den Knaben einen Kuß und bestätigte die Erlaubnis.
-</p>
-
-<p>
-An Carlos&rsquo; Geburtstag erwachten die Knaben ganz in der Frühe. Im Dämmerlicht
-sahen sie die vor den Betten aufgestellten Geschenke.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás wurde ebenfalls zu Carlos&rsquo; Geburtstag beschenkt, weil der seine kurz nach
-Weihnachten fiel.
-</p>
-
-<p>
-Auf einer großen Kiste lag ein Zettel, darauf zu lesen stand: Von Herrn Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem sie von den übrigen Sachen fieberhaft Kenntnis genommen hatten,
-eilte Carlos im Hemd nach der Küche und holte ein Brecheisen, um die Kiste zu öffnen.
-</p>
-
-<p>
-Darin fanden sie eine Pappschachtel, die beinahe die ganze Kiste einnahm. Als
-sie diese öffneten, fanden sie wieder eine Schachtel darin, und in dieser ein Paket.
-Es war aber kein Paket, sondern zusammengeknülltes Zeitungspapier.
-</p>
-
-<p>
-Wie sie bereits verzagen wollten, stießen sie auf einen großen Zettel, auf dem zu
-lesen stand:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Diese Kiste mit allem, was darin ist,</p>
- <p class="verse">nennt man bei uns einen Julklapp.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Unzufrieden mit dieser Erklärung, suchten sie jetzt ohne alle Hoffnung weiter,
-fanden aber zuletzt, in braunes Papier eingewickelt, zwei schöne Bücher als Geschenk,
-in die Herr Dr. Bürstenfeger eine herzliche Widmung geschrieben hatte.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás zogen sich an und gingen ins Spielzimmer; es war noch ganz
-still im Hause.
-</p>
-
-<p>
-Auch draußen war es still, die Tramways fuhren noch nicht, nur ein Bäckergeselle
-ritt auf seinem Maultier pfeifend die Straße herab.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás hatten eine Menge Bleisoldaten erhalten, die wurden ihren
-Armeen einverleibt. Dann zogen sie einen Kreidestrich mitten über den großen
-Tisch, die Kanonen wurden mit Erbsen geladen, und die Schlacht begann.
-</p>
-
-<p>
-Unten auf der Straße aber ertönte gedämpfter Trommelschlag, die Knaben sprangen
-zum Balkon, ein Bataillon Infanterie zog vorüber.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-<a id="pagehdr-87" class="pagehdr" title="Mauricio muß alle Fenster schließen"></a>
-Inzwischen war es ganz hell geworden, die Dienstboten waren aufgestanden.
-</p>
-
-<p>
-An der Straßenecke stand ein Trupp Leute, ein Stück weiter wieder einer.
-</p>
-
-<p>
-Eine Schwadron Polizei mit Gewehren ritt im Trabe vorbei, von einigen Neugierigen
-gefolgt.
-</p>
-
-<p>
-Immer noch fuhren die Tramways nicht ...
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger war mittlerweile aufgestanden. Er beglückwünschte Carlos
-zu seinem Geburtstag, die Knaben dankten für das schöne Geschenk; darauf gingen
-sie ins Eßzimmer, um zu frühstücken.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Gang hörten sie die Köchin laut und aufgeregt sprechen.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger stand auf, um zu hören, was geschehen war.
-</p>
-
-<p>
-Ganz aufgelöst erzählte sie, man hätte sie nicht auf den Markt gelangen lassen,
-die Plaza sei mit Militär besetzt, Kanonen stünden dort, das Pflaster sei ausgehoben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Revolution!&ldquo; sagte Mauricio, der Diener aus Galicien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Waas ...!&ldquo; entgegnete Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist die Revolution!&ldquo; riefen Carlos und Nicolás und stürmten nach dem Balkon.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Plaza aber krachte eine Salve, daß die Fenster klirrten; das war der Beginn.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-Es dauerte eine geraume Weile, bis Herr Dr. Bürstenfeger sich von seinem ersten
-großen Schreck erholt hatte, sofort aber nahm er die Knaben unter seine Obhut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Revolution, die Revolution!&ldquo; schrieen Carlos und Nicolás und waren ganz
-außer sich.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger beschwor sie, zu schweigen, und faßte sie dann streng an beide
-Hände.
-</p>
-
-<p>
-Darauf befahl er Mauricio, alle Fenster, die auf sein sollten, zu schließen.
-</p>
-
-<p>
-Um nun kümmerlich sehen zu können, was auf der eigenen Straße geschah, mußte
-man auf Stühle steigen.
-</p>
-
-<p>
-Von Zeit zu Zeit ertönte von der nahen Plaza wieder eine Salve.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch in anderen Teilen der Stadt begann es lebendig zu werden; Bürger
-stiegen bewaffnet auf die flachen Dächer ihrer Häuser, aus Fenstern und Balkonen
-wurde geschossen.
-</p>
-
-<p>
-Mit anbrechender Dunkelheit aber wurde es allmählich überall still.
-</p>
-
-<p>
-Losgelöste Rotten durchzogen schreiend die Straßen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-<a id="pagehdr-88" class="pagehdr" title="&bdquo;Viva la revolucion!&ldquo;"></a>
-Man verriegelte die Häuser, um sich gegen Einbrecher zu schützen.
-</p>
-
-<p>
-Auch bei Carlos und Nicolás wurde das Tor sorgfältig geschlossen, und Herr Dr.
-Bürstenfeger ging hinunter, um sich davon zu überzeugen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Als die Knaben zu Bett gegangen waren, unterhielten sie sich noch lange über
-die Lage.
-</p>
-
-<p>
-Es waren Flugschriften von der Regierung und auch von der Revolutionspartei
-herausgegeben worden, die vom Gange der Ereignisse berichteten.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger und der Papa hatten heute bei Tische darüber gesprochen,
-und Carlos und Nicolás versuchten, sich davon ein Bild zu machen: sie waren sich
-klar, der Präsident hatte viel gestohlen, und wer ein guter Argentinier war, mußte
-Revolution machen.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß wollten Carlos und Nicolás sich Mühe geben, gute Deutsche zu sein, aber
-sie wollten auch gute Argentinier bleiben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du was!&ldquo; sagte Carlos. &bdquo;Sollte der Präsident daran sein, zu gewinnen,
-so ziehen wir beide auch in die Revolution, und alle unsere Freunde müssen mit.
-Auf unseren Ponys reiten wir einher und helfen den Präsidenten schlagen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesem Entschlusse schliefen sie beruhigt ein ...
-</p>
-
-<p>
-Bei anbrechendem Tage wurden sie durch lautes und ununterbrochenes Schießen
-geweckt. Auch auf nahen Straßen schoß man.
-</p>
-
-<p>
-Ein Bataillon Infanterie zog unten auf der Straße mit aufgepflanztem Bajonett
-nach der Plaza, ohne Trommelschlag.
-</p>
-
-<p>
-Gleich würden sie dort sein. Carlos und Nicolás erschauerten.
-</p>
-
-<p>
-Wenige Minuten, und eine neue, das allgemeine Krachen übertönende Salve erfolgte.
-</p>
-
-<p>
-Das war der Empfang.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Gott!&ldquo; sagte Herr Dr. Bürstenfeger und entfärbte sich.
-</p>
-
-<p>
-Wieder zog eine Rotte schreiender Menschen vorüber, mit Stößen von Flugblättern
-beladen.
-</p>
-
-<p>
-Sie türmten sie zu Bergen auf und verbrannten sie.
-</p>
-
-<p>
-Dabei brüllten sie: &bdquo;<span class="antiqua">Viva la revolucion!</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Viva la revolucion!</span>&ldquo; schrien Carlos und Nicolás, von Begeisterung ergriffen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schweigt, um Himmels willen,&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger; &bdquo;enthaltet euch
-jeder Meinungsäußerung!&ldquo;
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/088a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-<a id="pagehdr-89" class="pagehdr" title="Das Bombardement dauert fort"></a>
-Gegen Mittag erschien das Geschwader, das eine Tagreise südlich von Buenos
-Aires stationiert hatte. Es kam den Revolutionären zu Hilfe.
-</p>
-
-<p>
-Und jetzt begann von dorther ein Bombardement auf die Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Die weiblichen Dienstboten hatten sich schreiend in die Küche geflüchtet, denn
-schon eines der ersten Geschosse war nicht sehr weit vom Hause geplatzt.
-</p>
-
-<p>
-Die Eltern, Carlos und Nicolás und Herr Dr. Bürstenfeger saßen zusammen im
-Eßzimmer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Recht töricht,&ldquo; meinte der Papa, &bdquo;jetzt gilt ja Freund und Feind gleich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Büberei!&ldquo; hauchte Herr Dr. Bürstenfeger, er war kreidebleich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn wir aufs Dach stiegen, könnten wir alles sehen&ldquo;, sagte Carlos zu
-Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Niemand hatte es gehört. Die Mama stand bei der Tür, Herr Dr. Bürstenfeger
-war ganz aufgelöst, der Papa sprach über die Aussichten der Revolution.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben stiegen die Treppe zum flachen Dach hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Die fünf Panzer des Geschwaders standen etwa einen Kilometer entfernt in
-Schlachtlinie.
-</p>
-
-<p>
-Sie schossen abwechselnd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klingt es nicht wie eine Eisenbahn, die vorübersaust?&ldquo; sagte Carlos zu Nicolás,
-wenn eine Bombe vorbeiflog.
-</p>
-
-<p>
-... Plötzlich stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihnen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikol...!&ldquo; mehr brachte er nicht heraus. Aschfahl war er im Gesicht.
-Er packte jeden an einem Arm, und seine Hände waren wie Schraubstöcke.
-</p>
-
-<p>
-Ohne ein Wort zu sagen, stieg er mit ihnen die Treppe hinab und brachte sie zu
-Papa und Mama.
-</p>
-
-<p>
-Die ganze Zeit hielt jetzt Herr Dr. Bürstenfeger die Hände der Knaben erfaßt.
-</p>
-
-<p>
-Das Bombardement dauerte fort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger,&ldquo; flehten sie, &bdquo;lassen Sie unsere Hände los!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein&ldquo;, sagte er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir bitten Sie, Herr Dr. Bürstenfeger!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er ließ sie los.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir möchten ins Spielzimmer&ldquo;, sagten sie und standen auf.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger folgte ihnen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-<a id="pagehdr-90" class="pagehdr" title="Gefährliche Stunden"></a>
-Sie stellten ihre Bleisoldaten auf, schossen mit Erbsen und spielten Revolution.
-Jeder von ihnen war die Revolutionspartei. Sie vergaßen sich ganz und rückten
-einander auf den Leib.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haltet ein!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff sie bei den Armen. Dann
-legte er seine Hände auf ihre Schultern und sagte emphatisch: &bdquo;Karl und Nikolaus!&ldquo;
-und nun zeigte er mit einer raschen Bewegung nach draußen, &bdquo;euren braven Eltern
-und dann mir habt ihr es zu verdanken, daß ihr nicht werdet, wie jene bübischen ...
-dort ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen letzten Worten platzte nicht weit eine Bombe, daß die Scheiben barsten.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás aber, sinnlos vor Aufregung, sprangen zum Fenster, rissen es
-auf und sahen einige Häuser weiter eine große rote Wolke Ziegelstaubes aufsteigen &mdash;
-dort, wo die Bombe geplatzt war ...
-</p>
-
-<p>
-Was in den nächsten drei Stunden vorging, sahen Carlos und Nicolás nicht.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger hatte sie ins Schulzimmer eingesperrt, das hinten auf den
-Hof hinausging; er war ganz ratlos.
-</p>
-
-<p>
-Sie sahen nicht, wie der ältere Bruder ihres Freundes, der zwanzigjährige Augiere,
-der, so jung er auch war, zu den Häuptern der Revolution gehörte, von vier bewaffneten
-jungen Bürgern auf einer Bahre am Hause vorbeigetragen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Er war von einer Kugel unterhalb der Brust getroffen worden, und man brachte
-ihn, weil er es wünschte, zu seiner Mutter nach Hause. Er würde wohl heute noch
-sterben.
-</p>
-
-<p>
-Sie hörten nur das Sausen und Krachen der Bomben.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger aber saß, ohne daß die Knaben es wußten, draußen bei
-der Tür.
-</p>
-
-<p>
-Er wollte nahe bei ihnen sein in diesen gefährlichen Stunden, kein Vorwurf sollte
-ihn treffen ...
-</p>
-
-<p>
-Gegen Abend hörte das Bombardement auf, und auch auf Plätzen und Straßen
-wurde es ruhiger.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger entließ sie aus ihrer Haft.
-</p>
-
-<p>
-Als sie einige Augenblicke später im Eßzimmer auf den Stühlen standen und auf
-die Straße herabsahen, kam ein langer Zug Karren vorbeigefahren. Leichen von
-Soldaten, Polizisten und Bürgern lagen darauf gehäuft.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-<a id="pagehdr-91" class="pagehdr" title="Es klopft um Zwölf Uhr nachts laut an die Haustür"></a>
-Nicolás wandte sich ab, Carlos aber blickte wie festgebannt hin, und da sah er,
-wie in diesem Haufen sich Arme und Beine bewegten, es waren noch Verwundete
-darunter.
-</p>
-
-<p>
-Von Schauder und Angst ergriffen, floh er in sein Zimmer und vergrub sein Gesicht
-in die Kissen.
-</p>
-
-<p>
-Den Plan, der Revolution zu Hilfe zu kommen, falls der Präsident siegen sollte,
-hatten sie jetzt plötzlich ganz fallen gelassen ...
-</p>
-
-<p>
-Als sie nachts im Bett lagen &mdash; sie konnten lange vor Aufregung nicht einschlafen &mdash;,
-klopfte es mit einem Mal laut an die Haustür, es war gegen zwölf Uhr.
-</p>
-
-<p>
-Carlos fuhr auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Öffnen, öffnen, um Gottes willen, öffnen!&ldquo; rief jemand unten.
-</p>
-
-<p>
-Carlos sprang aus dem Bett und eilte in Herrn Dr. Bürstenfegers Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger, jemand klopft unten und verlangt herein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Hauslehrer saß aufrecht in seinem Bett, stierte ihn an und antwortete nicht.
-</p>
-
-<p>
-Carlos lief ins Zimmer seines Vaters:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;An der Haustür klopft jemand und bittet <span class="antiqua">por el amor de Dios</span>, daß man ihn
-hereinläßt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Papa stand auf und ging ans Fenster.
-</p>
-
-<p>
-Unten stand ein Polizist, über und über mit Kot bedeckt, ganz verstört.
-</p>
-
-<p>
-Der Papa schlüpfte in seine Beinkleider und zog den Rock an.
-</p>
-
-<p>
-Draußen war Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir müssen ihm öffnen!&ldquo; meinte der Lehrer düster.
-</p>
-
-<p>
-Beide gingen, von Carlos und Nicolás gefolgt, hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Der Polizist trat schnell in die geöffnete Tür, sein linker Arm blutete.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte einen Streifschuß bekommen.
-</p>
-
-<p>
-Man führte ihn in die Küche, weckte den Diener und verband seinen Arm.
-</p>
-
-<p>
-Armer Gallego! dachten Carlos und Nicolás, von Mitleid erfüllt.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein spanischer Galicier, einer der vielen eingewanderten armen Teufel,
-die sich mit der ersten besten Anstellung zufriedengeben mußten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man schießt auf uns, von den Dächern, zu dieser Zeit noch. Wie Fliegen tötet
-man uns, ich bin der letzte der Patrouille!&ldquo; sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Sein angstverstörtes Gesicht war auf Herrn Dr. Bürstenfeger gerichtet.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-<a id="pagehdr-92" class="pagehdr" title="Die Revolution ist zu Erde"></a>
-Er bat, man möchte ihm die glänzenden Knöpfe seiner Uniform abschneiden,
-damit er nicht auf den ersten Blick kenntlich sei.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás holten zwei Messer aus der Schublade und machten sich sofort
-daran.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Legen Sie auch Ihr Käppi ab,&ldquo; sagte Nicolás, &bdquo;und setzen Sie einen alten Hut
-von Papa auf, so glaubt jeder, Sie seien ein Zivilist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Polizist sah Nicolás einen Augenblick an, als leuchte ihm dieser Vorschlag ein.
-</p>
-
-<p>
-Dann aber meinte er kläglich: &bdquo;Nein, das geht doch nicht ... ich darf nicht ...
-die Knöpfe höchstens.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man hatte ihm Wein gebracht, er trank drei Gläser.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer halben Stunde aber sagte er, er müsse fort, er dürfe nicht länger
-bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Er konnte sich anfangs kaum auf den Beinen halten: die Wirkung des Weines,
-die durchwachten Nächte und die Angst.
-</p>
-
-<p>
-Der Diener begleitete ihn hinunter und öffnete ihm.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás sagte: &bdquo;Armer Polizist, ich habe so große Furcht, daß man ihn tötet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er aber huschte an den Häusern entlang, sah manchmal verstohlen in die Höhe,
-ob nicht jemand herunterziele, und verschwand dann um die Straßenecke ...
-</p>
-
-<p>
-Als Carlos und Nicolás am Morgen erwachten, hörten sie unten auf der Straße
-die Trambahn fahren, der Kutscher stieß in sein Horn, es waren die ausgelassensten
-Melodien; polternd fuhren die Karren. Auf ihren kleinen dickbäuchigen Pferden
-ritten die Milchmänner. Man hörte das Klatschen der Milch in ihren Blecheimern.
-</p>
-
-<p>
-Carlos öffnete das Fenster.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicolás,&ldquo; rief er seinem Bruder zu, der eben erwachte, &bdquo;die Revolution ist zu
-Ende, glaube ich!&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben Frieden&ldquo;, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, als die Knaben zum Frühstück
-erschienen. &bdquo;Gott sei Dank, Frieden ... Karl und Nikolaus, jetzt dürft ihr wieder
-ungehindert auf den Balkon!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In dem Augenblick zog unten eine Rotte Menschen vorbei. Sie schrien: &bdquo;Fort
-ist sie, fort ist die Canaille!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Damit war der Präsident gemeint, er war gestürzt; gestern war er fort nach Paris
-mit einigen Millionen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-<a id="pagehdr-93" class="pagehdr" title="Dem Papa lauft eine Träne über die Backe"></a>
-&bdquo;Fort ist sie, fort ist die Canaille!&ldquo; Der Jubel griff um sich, alles Volk stimmte
-mit ein.
-</p>
-
-<p>
-Acht Tage später reisten Carlos und Nicolás nach Europa ...
-</p>
-
-<p>
-Sie waren im Zimmer ihrer Mutter und sagten ihr Adieu.
-</p>
-
-<p>
-Sie wollte nicht mit aufs Schiff, um nicht die Qual des Abschieds zu verlängern.
-</p>
-
-<p>
-Der Papa aber würde die Knaben bis nach Montevideo begleiten.
-</p>
-
-<p>
-Sie weinte, Carlos und Nicolás weinten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht wahr, du besuchst uns bald!&ldquo; Nicolás hielt die Mama umarmt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In einem Jahr reise ich hinüber&ldquo;, schluchzte sie.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich begann Carlos laut zu heulen: &bdquo;Ich will nicht nach Europa, ich will bei
-dir bleiben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Nicolás heulte: &bdquo;Ich will auch nicht nach Europa, ich will bei dir bleiben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Draußen aber stand Herr Dr. Bürstenfeger mit seiner Reisetasche, auf der Veilchen
-und Rosen gestickt waren, die Uhr in der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Eine Viertelstunde später fuhren die drei an der Calle Horida vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Carlos wandte sich dreimal schnell nach der großen Holzflasche um und dachte
-schluchzend: Wann werde ich die wiedersehen?! ...
-</p>
-
-<p>
-Auf der Landungsbrücke wartete der Papa.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben fielen ihm um den Hals: &bdquo;Nicht wahr, bis nach Montevideo begleitest
-du uns ...?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, meine lieben Jungens&ldquo;, sagte er und wischte sich eine Träne ab, die ihm über
-die Backe lief.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-3">
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Carlos und Nicolás
-auf dem Meere
-</h2>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-1">
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-Auf dem großen Meer
-</h3>
-
-<p class="first">
-Die Lombardia hatte vor drei Stunden Montevideo verlassen. Carlos und Nicolás
-standen mit Herrn Dr. Bürstenfeger hinten auf Deck.
-</p>
-
-<p>
-Eine halbe Tagereise hinter ihnen lag Buenos Aires; nun endlich waren sie auf
-dem Meer. In den Abschiedsschmerz, der die Knaben erfüllte, mischte sich die freudige
-Erwartung noch nie gesehener, vielleicht unerhörter Dinge.
-</p>
-
-<p>
-Sie fragten einen Schiffsoffizier, der neben ihnen stand, ob Sturm im Anzuge sei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott sei Dank nein!&ldquo; antwortete lachend der Offizier, worauf sie sich auf morgen
-vertrösteten.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben hatten in ihrer Kabine um die Betten gelost. Nicolás war das obere
-zugefallen; von da aus konnte er durch die gegenüberliegende Luke gerade aufs
-Meer sehen.
-</p>
-
-<p>
-Sollte er, wenn er nachts erwachte, die Wolke am Horizont schauen, die unfehlbar
-Sturm verkündete, hatte er seinen Bruder zu wecken.
-</p>
-
-<p>
-Es reisten nicht viel Passagiere in der ersten Klasse. Mit einem dicken fröhlichen
-Priester aus Montevideo waren sie gleich Freunde geworden.
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten ihn abends bei Tische beobachtet, wie er vor jedem Gericht seine Reverenz
-machte.
-</p>
-
-<p>
-Nachher lag er oben auf Deck auf seinem Reisestuhl ausgestreckt und verdaute.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seid ihr noch nicht seekrank, Süßwasserratten!&ldquo; sprach er Carlos und Nicolás an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sind keine Süßwasserratten,&ldquo; antwortete Carlos und zeigte nach seiner
-Matrosenmütze, worauf der Name eines großen französischen Panzers stand, &bdquo;und
-vor dem Sturm fürchten wir uns auch nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bravo!&ldquo; rief der fröhliche Priester.
-</p>
-
-<p>
-Darauf erzählten sie ihm, daß sie mit ihrem Hauslehrer, Herrn Dr. Bürstenfeger,
-nach einem schönen Städtchen in Deutschland reisten, das Mufflingen hieße, um in
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-<a id="pagehdr-98" class="pagehdr" title="Die Schrecken eines Schiffsunterganges"></a>
-die Schule zu gehen. Dort wohnten auch ein Onkel und eine Tante von ihnen. Sie
-selbst zwar seien aus Buenos Aires und daher Argentinier, aber zugleich auch
-Deutsche, weil ihr Vater ein Deutscher sei.
-</p>
-
-<p>
-Der fröhliche Priester antwortete: &bdquo;Wenn ihr in Argentinien geboren seid, so
-seid ihr Argentinier, und vergeßt ihr das, seid ihr keine braven Kerle!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir bleiben gute Argentinier!&ldquo; antworteten ein wenig gereizt beide Knaben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist gut!&ldquo; meinte zufriedengestellt der Priester.
-</p>
-
-<p>
-Nicht weit von ihnen an der Reling stand ein Herr mit einem langen fahlen
-Gesicht und einer fahlen Glatze.
-</p>
-
-<p>
-Auch er war ihnen bei Tisch aufgefallen. Seltsam düster hatte er vor sich hingeschaut
-und manchmal ganz absonderlich gelächelt.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt machte er Carlos und Nicolás heimlich Winke, die sie aber nicht gleich verstanden.
-Schließlich begriffen sie, daß sie zu ihm hinüber sollten, und, wie es schien,
-in einer sehr dringlichen Angelegenheit.
-</p>
-
-<p>
-Als eine Pause in der Unterhaltung entstand, gehorchten sie möglichst unauffällig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ein schwarzer Pfaffe&ldquo;, sprach leise und finster der Herr mit der fahlen
-Glatze und zeigte auf den fröhlichen Priester, der mit geschlossenen Augen wieder
-seine Verdauung pflegte. &bdquo;Gebt euch nicht mit ihm ab, schwarze Pfaffen bringen
-Unglück. Ich würde wieder an Land gegangen sein, wenn nicht noch zwei Mönche
-mit weißen Kutten an Bord wären.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Darauf erzählte er anschaulich und grausig von den Schrecken eines Schiffunterganges,
-von Menschen, die verzweifelt mit den sturmgepeitschten Wellen ringen,
-sprach vom Nachlassen ihrer Kräfte, dem völligen Ermatten und der Drangsal des
-Ertrinkens, sprach vom Hai und beschrieb seine Gestalt und seinen Charakter. &bdquo;Wehe
-denen, die in seinen grausigen Rachen gerieten!&ldquo; Er ließ krachende Knochen
-hören und herzzerreißende Aufschreie und schloß seine Schilderung mit dem Bild
-eines oben am höchsten Mast angeklammerten Mannes im Lichte des zuckenden
-Blitzes.
-</p>
-
-<p>
-Und dabei rieb er sich die Hände und lachte unheimlich, als bereiteten ihm diese
-Vorstellungen ein unsägliches Vergnügen.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás aber überlief es eiskalt. Sie hatten keine Sehnsucht mehr
-nach dem Sturm.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-<a id="pagehdr-99" class="pagehdr" title="Der Priester taucht einen Zwieback in die Schokolade"></a>
-Und als sie nachher in ihren Betten lagen, schaute Nicolás voller Angst nach dem
-Horizont, ob sich nicht vielleicht die unheilverkündende Wolke zeige.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Morgen, als sie erwachten, schaukelte das Schiff beträchtlich. Ein
-wenig beunruhigte sie das, denn sie hatten die Erzählung des Herrn mit der Glatze
-noch nicht vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Durch die Luke sahen sie, daß das Meer nun blau statt grün, die Wellen aber nicht
-viel höher waren als gestern, und das enttäuschte sie wieder, denn sie mußten längst
-auf offenem Ozeane sein.
-</p>
-
-<p>
-Rasch zogen sie sich an und eilten auf Deck. Sie ließen die Blicke nach allen Richtungen
-schweifen, doch überall sahen sie nur Himmel und Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás schöpften einige Male tief Atem, und Carlos sagte: &bdquo;Es ist doch
-schön, das große Meer!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bald darauf fiel ihnen ein, daß sie eigentlich auch zu Herrn Dr. Bürstenfeger
-müßten; überdies klingelte es schon zum Frühstück.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen in seine Kabine; er lag noch im Bett und war ungemein bleich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mir ist nicht recht wohl, Karl und Nikolaus,&ldquo; sagte er, &bdquo;mein Magen ist wieder
-einmal nicht in Ordnung; aber geht nur jetzt zum Frühstück; ich werde gleich
-folgen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Eßzimmer saß bereits der fröhliche Priester vor einer Tasse Schokolade. Er
-war erstaunt, Carlos und Nicolás so früh munter und immer noch nicht seekrank zu
-sehen.
-</p>
-
-<p>
-Beide Knaben dachten zugleich an die gestrige Warnung des Herrn mit der Glatze.
-Aber wie sie jetzt wieder in des Priesters breites gutmütiges Gesicht sahen, verging
-ihnen sofort alle Angst. Sie begriffen nicht recht, daß er ihnen gefährlich sein könnte,
-nur darum, weil er ein schwarzes Gewand trug.
-</p>
-
-<p>
-Der fröhliche Priester tauchte einen Zwieback in seine Schokolade und sagte: &bdquo;Nun,
-Jungens, setzt euch neben mich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber sie hatten auf ihren Lehrer zu warten.
-</p>
-
-<p>
-Sie begannen miteinander zu plaudern. Der Priester machte ihnen den Vorschlag,
-nicht nach Deutschland zu reisen, sondern mit ihm nach Rom. Er werde sie dort
-dem Papst vorstellen, und in wenigen Jahren schon würde ganz sicher Nicolás ein
-Erzbischof und Carlos ein Kardinal werden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-<a id="pagehdr-100" class="pagehdr" title="Türkischer Salat"></a>
-Was ein Erzbischof sei, wußten ungefähr die Knaben; aber unter einem Kardinal
-verstanden sie nur einen grauen Vogel mit einer roten Haube. Davon hatten sie
-viele auf dem Gute in der Pampa mit Klebruten gefangen. Aber das zu sein bedankte
-sich Carlos lebhaft.
-</p>
-
-<p>
-Der Priester erklärte ihnen, ein Kardinal, wie er ihn meine, sei ein mächtiger
-Kirchenfürst, der übrigens auch eine rote Haube trage. Darauf behauptete er, in
-Deutschland liefen die Leute auf acht Beinen umher und der Großtürke sei dort
-Herrscher. Er schneide allen seinen Untertanen die Ohren ab und mache sich daraus
-einen türkischen Salat.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás merkten nun, daß der fröhliche Priester Witze machte, und
-lachten. Sie dachten wieder an den Herrn mit der fahlen Glatze; sehr wahrscheinlich
-hatte er gestern auch nur Witze gemacht.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen erschienen die übrigen Passagiere; auch der Herr mit der Glatze. Ganz
-zum Schluß kam Herr Dr. Bürstenfeger. Von den Damen war keine einzige da.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die werden jetzt schon seekrank sein&ldquo;, meinte der Priester.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr mit der Glatze nahm weit von ihnen Platz und warf düstere Blicke auf
-die Knaben.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás glaubten, er fahre mit seinen gestrigen Späßen fort, grüßten
-ihn und lachten.
-</p>
-
-<p>
-Aber die finster vorwurfsvolle Miene, die er daraufhin machte, verwirrte sie
-wieder ganz.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger setzte sich zwischen Carlos und Nicolás und schenkte sich
-und ihnen Schokolade ein, trank aber selbst beinahe nichts. Weder Kuchen noch
-Brot berührte er; dabei aber schien er in einemfort seltsam zu schlucken.
-</p>
-
-<p>
-Von Zeit zu Zeit ermahnte er sie, die Bissen nicht, wie es ihre Gewohnheit war,
-hinunterzuschlingen, sondern ordentlich zu kauen. Bei der schaukelnden Bewegung
-des Dampfers seien die Magen ohnehin nicht sehr aufnahmefähig.
-</p>
-
-<p>
-Der fröhliche Priester, der Herrn Dr. Bürstenfeger gegenübersaß, sah ihn einige
-Male verstohlen an und zwinkerte dann den Knaben zu.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás schauten ihren Lehrer an; er war noch bleicher als vorher;
-es war ihnen klar, er war seekrank. Sie hatten großes Mitleid mit ihm, aber zugleich
-dachten sie: Wenn das andauert, haben wir keine Schule!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-<a id="pagehdr-101" class="pagehdr" title="Herr Dr. Bürstenfeger wird aschfahl"></a>
-Sie hatten kaum fertig gegessen, als Herr Dr. Bürstenfeger aufstand und sagte:
-&bdquo;Gehen wir auf Deck, die Luft ist dort besser!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach diese Schiffsgerüche!&ldquo; seufzte er auf der Treppe und blieb eine Zeitlang
-stehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es riecht nur nach Teer&ldquo;, meinte Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Oben irgendwo stand ein Froschspiel. Carlos und Nicolás nahmen es sofort in
-Beschlag.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger marschierte mit langen Schritten auf Deck auf und ab.
-</p>
-
-<p>
-Nun stieg eine Dame aus einem Städtchen in Patagonien die Treppe hinauf.
-Den Kopf hatte sie in einen schwarzen Schal gewickelt, ihr Gesicht war gelbgrün.
-</p>
-
-<p>
-Schwankend ging sie auf ihren Reisestuhl zu, der sich in der Nähe von Carlos und
-Nicolás befand, blieb plötzlich stehen, blickte zu Boden, ächzte, ging dann einige
-Schritte nach der Seite und beugte sich über die Reling.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger sah sie, und Schweißtropfen perlten auf seiner bleichen
-Stirn. Er machte kehrt und verfügte sich schnell nach der anderen Seite des Decks.
-</p>
-
-<p>
-Wenige Minuten darauf erschien er wieder, aschfahl und mit einer Haarsträhne
-über der Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus,&ldquo; sagte er, seine Stimme klang mitleiderregend, &bdquo;ich gehe in
-meine Kabine, bleibt meinetwegen hier, aber treibt keinen Unfug und besucht mich bald!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Damit entfernte er sich.
-</p>
-
-<p>
-Gleich nachher sahen die Knaben weiter hinten den Herrn mit der Glatze in
-Gesellschaft eines kleinen hageren Herrn, der Pantoffeln trug und eine Reisemütze
-mit einem großen weißen Hornschirm.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr mit der Glatze hielt ihn am Rock fest und redete lebhaft auf ihn ein. Der
-Herr mit der Reisemütze wiegte den Kopf und zuckte die Achseln; schließlich gab er
-ihm einen Klaps auf die Schulter und machte sich lachend von ihm los. Er ging
-auf die seekranke Dame zu und streichelte ihr teilnehmend die Wange.
-</p>
-
-<p>
-Sie stöhnte leise und schloß die Augen.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch der Herr mit der Glatze war herangetreten.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás hörten, wie er eindringlich von einem schweren Kesselschaden
-auf einer früheren Reise sprach und sich dann in düstere Mutmaßungen über die
-Lombardia erging.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-<a id="pagehdr-102" class="pagehdr" title="Leute aus allen möglichen Nationen"></a>
-Die seekranke Dame öffnete langsam ihre großen leeren Augen, schloß sie wieder
-und hauchte: &bdquo;Mir ist jetzt alles gleich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Herr mit der Reisemütze jedoch rief: &bdquo;Um Himmels willen, wissen Sie denn
-immer nur von solch unheimlichen Dingen zu reden? Sie verderben einem ja die
-ganze Reisefreude!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Niemandem will ich die Reisefreude verderben, ich schweige!&ldquo; rief der Herr mit
-der Glatze aus, wobei er ein unheimliches Gelächter erschallen ließ.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Herr macht keine Späße&ldquo;, sagte Carlos leise und erschrocken zu seinem Bruder.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, er macht keine Späße&ldquo;, antwortete Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Beide sehnten sich jetzt nach dem fröhlichen Priester, weil er so lustig war, und
-sie gingen ihn suchen.
-</p>
-
-<p>
-Er lag weiter vorn auf seinem Reisestuhl und schlief.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben wollten ihn nicht wecken. Da das Froschspiel sie bereits langweilte,
-gingen sie nach Zwischendeck, um die Emigranten zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Viele hundert Menschen waren dort beisammen: Italiener, Spanier, Basken;
-Leute aus allen möglichen Nationen.
-</p>
-
-<p>
-Sie standen umher, saßen auf Kisten und Säcken oder lagen auf der Erde ausgestreckt
-mit einem Bündel als Kopfkissen. Manche waren seekrank; einige hatten
-sich übergeben, auf dem Platze, wo sie waren.
-</p>
-
-<p>
-Im großen und ganzen aber war Lustigkeit. Man schwatzte laut, man sang, es
-wurde Gitarre gespielt. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Kurz vor dem zweiten Frühstück gingen die Knaben zu ihrem Lehrer.
-</p>
-
-<p>
-Er lag im Bett und hatte Rock und Kragen abgetan. Neben ihm auf dem Boden
-stand ein Blechkübel.
-</p>
-
-<p>
-Sein Aussehen war bejammernswert.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus, ist euch wohl?&ldquo; fragte Herr Dr. Bürstenfeger mit matter
-Stimme, indem er sich langsam aufrichtete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja&ldquo;, antworteten Carlos und Nicolás zögernd, denn im Netze auf Armweite von
-ihm sahen sie einen Stoß Hefte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist gut,&ldquo; fuhr er fort, &bdquo;denn seht, mir ist sehr schlecht, und ich bin für heute
-nicht in der Lage, euch Unterricht zu geben.&ldquo; Er faßte sich an die Stirn und schwieg
-einige Sekunden. &bdquo;Damit ihr nun die Zeit nicht zwecklos verbringt, nehmt diese
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-<a id="pagehdr-103" class="pagehdr" title="Dreimal Torte zum zweiten Frühstück"></a>
-Hefte und seht sie durch, es sind alles Sachen, die wir noch zusammen an Bord
-behandeln werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten langte er mit einer schmerzlichen Miene nach dem Netz, ergriff
-die Hefte und streckte sie ihnen hin.
-</p>
-
-<p>
-Eine Weile saß er aufgerichtet und blickte stumm geradeaus. Dann beugte er
-sich rasch über sein Bett und übergab sich in den Kübel.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás verließen ihn höchst mißmutig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt ist er seekrank, und wir haben doch nicht frei!&ldquo; sagte draußen Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wären wir etwas länger in seiner Kabine geblieben, würden wir auch seekrank
-geworden sein, und wir hätten frei&ldquo;, antwortete Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Darauf hielten sie Rat, wann sie mit ihrer Tätigkeit beginnen wollten, und
-beschlossen, sie für einstweilen aufzuschieben.
-</p>
-
-<p>
-Bald nachher ertönte die Glocke zum zweiten Frühstück.
-</p>
-
-<p>
-Sehr selten hatten sie Gelegenheit gehabt, ohne ihren Lehrer zu Tisch zu gehen.
-Es war ihnen eine langentbehrte Freude, Schüsseln, die ihnen nicht schmeckten,
-weitergehen zu lassen, und sie machten jetzt ausgiebigen Gebrauch davon. Dafür
-aßen sie dreimal Torte und auch Bananen und Orangen nach Herzenslust.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger kam den ganzen Tag nicht aus seiner Kabine.
-</p>
-
-<p>
-Sie machten ihm einige pflichtschuldige Besuche. Auf seine Fragen, ob sie auch
-fleißig gewesen seien, gaben sie nur ausweichenden Bescheid.
-</p>
-
-<p>
-Am folgenden Morgen war das Wetter gut, die Bewegungen des Dampfers
-weit ruhiger und regelmäßiger.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger befand sich in leidlichem Zustand; er erschien auf Deck
-und erteilte den Knaben am Vormittag schon zwei Stunden in seiner Kabine. Von
-Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen Abständen schwere <a id="corr-8"></a>Schritte
-hörbar.
-</p>
-
-<p>
-Während Carlos mühselig und weinerlich die dritte lateinische Deklination hersagte,
-dachten beide Knaben: oben spaziert jemand, der keine Schule hat!
-</p>
-
-<p>
-Als der Unterricht zu Ende war, liefen sie auf Deck, neugierig zu erfahren, wer
-es sei.
-</p>
-
-<p>
-Es war der fröhliche Priester, der ein lustiges Lied trällernd seinen Vormittagsspaziergang
-machte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-<a id="pagehdr-104" class="pagehdr" title="&bdquo;Herrlicheres bietet die Natur nicht oft!&ldquo;"></a>
-&bdquo;Meinen Appetitsspaziergang für den Lunch&ldquo;, erklärte er. Darauf stellte er fest,
-daß er heute bereits drei Meilen gegangen sei.
-</p>
-
-<p>
-Nachmittags hatten Carlos und Nicolás nochmals Unterricht. Den Rest der Zeit
-verbrachten sie spielend auf Deck und in Gesellschaft des Priesters.
-</p>
-
-<p>
-Abends nach Tisch hörten Carlos und Nicolás den Schiffsarzt über den Herrn
-mit der fahlen Glatze reden. Er sei ein italienischer Handlungsreisender in Konserven,
-ein harmloser Herr, der seine phantastischen Grillen habe, niemand nehme ihn ernst.
-</p>
-
-<p>
-So vergingen die Tage, das Wetter war gut, der fröhliche Priester aß mit Appetit,
-der Herr mit der Glatze fuhr fort in seiner düsteren Freude an allem Ungemach, und
-Herr Dr. Bürstenfeger gab seinen Unterricht, aber jetzt auf Deck, weil die Hitze in
-der Kabine zu drückend wurde.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-2">
-In der Bai von Rio
-</h3>
-
-<p class="first">
-Am fünften Tage frühmorgens fuhr die Lombardia in die Bai von Rio ein.
-Der Himmel war heiter, die Luft schwül.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger stand mit Carlos und Nicolás auf Deck.
-</p>
-
-<p>
-Er rief begeistert aus: &bdquo;Unsäglich lang habe ich mich auf diesen Anblick gefreut,
-Karl und Nikolaus. Herrlicheres bietet die Natur nicht oft! &mdash; Bai von Rio de
-Janeiro, seit Entdeckung Amerikas gepriesen von den hehrsten Reisenden aller
-Nationen, sei mir gegrüßt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine Weile verharrte er stumm in Betrachtung der Ufer; dann bemerkte er: &bdquo;Schaut
-hin, Karl und Nikolaus, rechts von uns haben wir jetzt das Fort Santa Cruz und links
-den weltberühmten Zuckerhut &mdash; Pao d&rsquo;Azuka. Der Meerbusen &mdash; gerade fahren
-wir hinein &mdash; ist einer der inselreichsten der Welt und hat die erstaunliche Breite von
-mehr als zwanzig Kilometer! &mdash; Betrachtet diese Hügel, diese Berge! Noch sind
-wir ihnen freilich zu fern, als daß wir uns ein Bild machen könnten ihrer über alle
-Begriffe göttlichen Vegetation!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seht&ldquo;, rief er nach einer Weile, &bdquo;nun die Stadt selbst!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine Zeitlang genoß er schweigend ihren Anblick: &bdquo;Wahrhaftig, man sollte glauben,
-nur glücklich sei dieses Rio zu preisen, um solchen Kranzes lodernder Schönheit
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-<a id="pagehdr-105" class="pagehdr" title="&bdquo;Eine Schwefelbande&ldquo;"></a>
-willen; aber auf dieser Stadt ruht zugleich abgrundtief der Fluch des Schöpfers.
-Eine lautlose, gespenstische Schlacht wird hier zum großen Teil des Jahres geschlagen,
-ich meine das Wüten des fürchterlichen gelben Fiebers, das die Dünste dieser nur zu
-freigiebigen Erde nähren. Die günstige Jahreszeit, Karl und Nikolaus, bewahrt
-uns davor.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Neben ihnen tauchte jetzt der italienische Handlungsreisende auf, und erstaunt
-sahen die Knaben auf seiner fahlen Glatze eine seltsame gelbe Kruste.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich beschwöre Sie und jedermann im Interesse von uns allen,&ldquo; wandte er sich
-an Herrn Dr. Bürstenfeger, &bdquo;gehen Sie nicht an Land, laden Sie sich nicht das
-schreckliche Fieber auf, hören Sie vielmehr auf meinen inständigen Rat: Nehmen
-Sie um Himmels willen Schwefel ein oder bestreuen Sie sich damit.&ldquo; Er zeigte
-auf seine Glatze. &bdquo;Es ist das einzige halbwegs sichere Mittel gegen die Ansteckung.
-Was mich betrifft, ich schließe mich jetzt in meine Kabine ein, bis wir diesen verruchten
-Ort weit hinter uns haben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten machte er kehrt und verschwand.
-</p>
-
-<p>
-Kopfschüttelnd sah ihm Herr Dr. Bürstenfeger nach. Dann meinte er: &bdquo;Karl und
-Nikolaus, ich muß schlechterdings annehmen, daß dieser Herr sich mit seinem seltsamen
-Rat nur einen Scherz erlaubt hat, Schwefel als inneres Mittel wird freilich
-hie und da angewandt, aber schwerlich glaube ich,&ldquo; und nun lächelte Herr Dr. Bürstenfeger,
-&bdquo;daß durch bloßes Bestreichen des Kopfes bei Fieberanlässen irgendwelche
-Wirkung erzielt wird, obwohl, ich wiederhole es, jetzt gar keine Gefahr ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf und lächelte noch lange.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich rief Carlos erfreut: &bdquo;Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, wenn Sie, ich,
-Nicolás und alle Passagiere uns mit Schwefel bestreuten, dann wären wir ja alle
-miteinander eine Schwefelbande?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl,&ldquo; antwortete Herr Dr. Bürstenfeger, &bdquo;ich bitte dich, laß mich wenigstens
-aus dem Spiel bei deinen recht törichten, wirklich übel angebrachten Witzen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine Viertelstunde darauf warf die Lombardia Anker.
-</p>
-
-<p>
-Als der kleine Dampfer der Sanität das Schiff verlassen hatte, fuhren Barken und
-Boote heran, beladen mit Orangen, Bananen, Ananas, Kokosnüssen und Käfigen
-mit kreischenden bunten Vögeln.
-</p>
-
-<p>
-Auf einem Berg von Orangen stand eine Kiste, auf der zwei Affen hockten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-<a id="pagehdr-106" class="pagehdr" title="Eine Dame unbestimmten Alters tritt an die Schiffsbrüstung"></a>
-Sofort hatten Carlos und Nicolás sie gesehen. Die beiden Affen waren ganz so
-wie die, welche sie in Paraguay gekauft hatten.
-</p>
-
-<p>
-Weil sie ihnen mit der Zeit lästig geworden waren, hatten sie die Knaben in
-Buenos Aires einem Straßenjungen für einen Drachen vertauscht, aber seit einiger
-Zeit war wieder ihr größter Wunsch, zwei Affen zu besitzen. Die Eltern hatten die
-Erlaubnis gegeben, auf der Reise nach Europa ein Paar zu kaufen, wenn sich die
-Gelegenheit bieten sollte.
-</p>
-
-<p>
-Beinahe gleichzeitig mit den Knaben hatte auch Herr Dr. Bürstenfeger die beiden
-Affen bemerkt.
-</p>
-
-<p>
-Heftig erschrocken wollte er sich schnell mit Carlos und Nicolás nach der anderen
-Seite des Decks verfügen.
-</p>
-
-<p>
-Aber schon riefen sie: &bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie nicht dort die zwei Affen,
-kaufen Sie sie uns, Papa und Mama haben es erlaubt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Einen Augenblick schwieg Herr Dr. Bürstenfeger, dann erwiderte er: &bdquo;Es sei, ich
-weiß, es war dies der Wunsch eurer Eltern. Es wird mir aber schwer; ihr seid
-Zeugen, zu oft und über Gebühr haben mich die beiden unappetitlichen Vorgänger
-dieser häßlichen grimassierenden Tiere geärgert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás hatten jetzt für Herrn Dr. Bürstenfegers Mißmut keinen Sinn,
-sondern waren hocherfreut, weil er zu kaufen gesonnen war.
-</p>
-
-<p>
-Wenige Minuten nachher stand die Kiste vor ihnen auf Deck, und sie waren nun
-ausschließlich mit den Affen beschäftigt, die Welt um sich her vergessend. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Kurz darauf trat eine Dame unbestimmten Alters neben sie an die Schiffsbrüstung.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben hatten sie bisher nur ein einziges Mal flüchtig am Tage ihrer Abreise,
-unten bei Tische gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Sie war klein und hager, mit einem Gesicht voller Sommersprossen, trug ein
-altmodisches Kleid und Ringellocken auf der Stirn. Ihre Nase war stark gerötet;
-sie trug eine Brille.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Himmlisches Panorama!&ldquo; rief sie aus und ließ beide Arme auf die Brüstung
-sinken. &bdquo;Ach doppelt schön erscheint einem die Welt,&ldquo; und dabei schielte sie nach
-Herrn Dr. Bürstenfeger, &bdquo;wenn man fünf Tage krank in seiner Kabine lag!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich hatte sie auch die beiden Affen bemerkt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh mal an,&ldquo; rief sie aus, &bdquo;was sind das für zwei allerliebste, süße Geschöpfchen!&ldquo;
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/106a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-<a id="pagehdr-107" class="pagehdr" title="Herr Dr. Bürstenfeger ist betreten"></a>
-Sie trippelte heran und begann die Affen am Halse zu kraulen; dabei blickte sie
-ganz eigentümlich Herrn Dr. Bürstenfeger an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohl der Papa der beiden jungen Herren&ldquo;, nickte sie und zeigte auf Carlos und
-Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger rieb sich die Hände und schien etwas verlegen zu sein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin der Erzieher dieser beiden Knaben, mein Name ist Bürstenfeger&ldquo;, antwortete
-er, indem er sich verneigte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach das trifft sich ja reizend; ich war Erzieherin in Buenos Aires, mein Name
-ist Libussa v. Pfnühl.&ldquo; Sie brach in ein silberhelles Lachen aus. &bdquo;Miß Von nannten
-mich kurzweg meine argentinischen Schülerinnen. Was wissen diese indolenten
-Zierpüppchen von deutschem Adel! Aber das sage ich Ihnen, glücklich bin ich jetzt,
-nach Deutschland zurückzureisen, zu meinem guten, geliebten Bruder. Ach,&ldquo; sie
-schlug die Augen zum Himmel auf, &bdquo;er ist eine Perle!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seht erfreut, sehr erfreut&ldquo;, murmelte in einem fort Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Übrigens,&ldquo; sie neigte den Kopf auf die Seite und lächelte Herrn Dr. Bürstenfeger
-schelmisch an, &bdquo;ich wußte bereits, wer Sie sind, Herr Doktor, nichts bleibt ja
-hier an Bord verborgen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie senkte die Augen nieder und fuhr fort zu lächeln. Ihre Finger spielten mit
-einer dünnen silbernen Uhrkette, die sie um den Hals trug.
-</p>
-
-<p>
-Was will diese Dame! dachten Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger war betreten; er räusperte sich, rieb sich die Hände und
-machte kleine Verbeugungen, indem er fortwährend lächelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus,&ldquo; sagte er und sah die Knaben kläglich an, &bdquo;wollen wir uns
-nicht nach einer geeigneten Unterkunft für die beiden Affen umsehen? Gleich kommt
-die Barkasse, und wir müssen an Land!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er stammelte einige Entschuldigungen, verbeugte sich und entfernte sich mit den
-Knaben.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen nach Zwischendeck; ein Matrose nahm die Affen in seine Obhut.
-</p>
-
-<p>
-Darauf stiegen sie als erste in die Barkasse.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger trug einen rohseidenen Rock und einen breitrandigen
-Strohhut; Carlos und Nicolás hatten weiße Matrosenanzüge an.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-3">
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-<a id="pagehdr-108" class="pagehdr" title="Die Hitze auf den Straßen ist unerträglich"></a>
-Rio de Janeiro
-</h3>
-
-<p class="first">
-Erst nach längerer Zeit kam es zur Abfahrt; dann waren sie in zehn Minuten an
-Land, und bald nachher spazierten sie in den Straßen von Rio im Menschengewühl
-umher.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás fiel es auf, wieviel Neger es in dieser Stadt gab.
-</p>
-
-<p>
-Die Hitze auf den Straßen war unerträglich. Herr Dr. Bürstenfeger hielt in der
-Linken ein deutsch-portugiesisches Lexikon und in der Rechten sein Taschentuch,
-womit er sich von Zeit zu Zeit seufzend den Schweiß von der Stirne wischte.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen durch die schmale, elegante Hauptstraße Rua d&rsquo;Ouvidor, die nur für
-Fußgänger bestimmt war.
-</p>
-
-<p>
-Der Anblick gelber, ausgemergelter brasilianischer Herren in schwarzen Gehröcken
-und Zylindern steigerte in Herrn Dr. Bürstenfeger das Hitzegefühl.
-</p>
-
-<p>
-Sie blieben vor einem Schaufenster stehen, wo in Massen Fächer und phantastische
-Blumen ausgestellt waren, aus dem Gefieder brasilianischer Singvögel gefertigt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Barbarisches Verfahren!&ldquo; murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte den
-Kopf.
-</p>
-
-<p>
-Man sah in der Auslage auch Broschen, Ohrringe und Armbänder, hergestellt aus
-bunt schillernden Käfern.
-</p>
-
-<p>
-Schließlich trat Herr Dr. Bürstenfeger in den Laden und kaufte einen Kasten mit
-brasilianischen Schmetterlingen für seinen jüngeren Bruder in Deutschland, der
-Botanik und Zoologie studierte.
-</p>
-
-<p>
-Als sie wieder auf der Straße waren, blieb Herr Dr. Bürstenfeger stehen und
-ächzte: &bdquo;Flüchten wir uns jetzt um Gottes willen auf irgendeinen freien Platz, wo
-man atmen kann; dort wollen wir in Erwägung ziehen, was wir weiter machen
-wollen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bald darauf standen sie auf einer großen Plaza, die von grellem Sonnenlicht
-durchflutet war.
-</p>
-
-<p>
-Vor einem großen rosafarbigen Palaste ging eine Schildwache in scharlachroter
-Uniform auf und ab. Ein barfüßiger Neger, der Zuckerwaren verkaufte, kam an
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-<a id="pagehdr-109" class="pagehdr" title="Der Kapellmeister hat eine Nelke hinter dem Ohr"></a>
-Carlos und Nicolás vorbei. Er schwang eine Knarre in der Hand, hielt eine weiße
-Zuckerstange zwischen den wulstigen Lippen und nickte den Knaben einladend zu.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne brannte unerträglich.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás hatten die Krempen ihrer Strohhüte herabgezogen. Ihre
-Gesichter glühten.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger stöhnte: &bdquo;Hier ist es schon ganz und gar nicht mehr zum
-Ertragen &mdash; fahren wir aus der Stadt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen auf einen mit Maultieren bespannten Wagen zu, der unter dem
-Schatten eines Baumes hielt, und stiegen ein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Botafogo, Botafogo!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu.
-</p>
-
-<p>
-Bald waren sie aus dem Innern der Stadt heraus und fuhren dem Meere entlang,
-an vielen schönen Gärten und bunt aufgeputzten Villen vorbei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seltsam kindlich exotische Farbenfreudigkeit&ldquo;, murmelte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás wetteten, wer von ihnen die meisten Neger zählen könnte,
-bis zur nächsten Ecke. Carlos sah nach rechts, Nicolás nach links.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zehn&ldquo;, rief Carlos aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vierzehn&ldquo;, rief Nicolás, er hatte gewonnen: denn gerade in dem Augenblick
-kamen sechs Negerweiber um die Ecke.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was zählt ihr da?&ldquo; fragte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Neger&ldquo;, antworteten Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf. &bdquo;Ist das euer ganzes Interesse an
-dieser Stadt? Was seid ihr kindisch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine Trambahn, von Maultieren gezogen, kam ihnen entgegen. Eine Militärkapelle
-saß auf den Bänken. Der Kapellmeister schwang stehend den Taktstock: er
-hatte eine Nelke hinter dem Ohr; grell erklangen die Blechinstrumente, die Pauke
-dröhnte. Immer ohrenbetäubender wurde der Lärm.
-</p>
-
-<p>
-Ein mit Steinen beladener Karten kreuzte die Schienen und brachte die Trambahn
-zum Stehen.
-</p>
-
-<p>
-Der Droschkenkutscher hielt jetzt auch den Wagen an, damit seine Insassen die
-Musik länger genießen könnten. Er drehte sich um und rief Herrn Dr. Bürstenfeger
-triumphierend zu: &bdquo;<span class="antiqua">Imno brasileiro!</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vorwärts, vorwärts!&ldquo; schrie Herr Dr. Bürstenfeger auf Spanisch und hielt sich
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-<a id="pagehdr-110" class="pagehdr" title="Die Wehrkraft der brasilianischen Bevölkerung"></a>
-die Ohren zu. Ergrimmt schlug der Kutscher auf die Maultiere ein, die in raschem
-Galopp den Wagen mit sich fortzogen. Bald nachher trabten sie wieder träge in ihrem
-früheren Tempo.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus,&ldquo; bemerkte Herr Dr. Bürstenfeger nach einer Weile, &bdquo;ist es
-euch nicht aufgefallen, wie schwächlich und verkümmert diese brasilianische Bevölkerung
-ist; doppelt auffällig bei Betrachtung der Wehrkraft?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick fuhren sie an einem schattigen, mit Palmen bewachsenen
-Platze vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Ein halbwüchsiger sehniger brauner Bursche, nur mit Hemd und Zwillichhosen
-bekleidet, verteidigte sich mit Faustschlägen und Fußtritten gegen drei Polizisten.
-Ein Polizist lag schon auf der Erde, ein anderer stand keuchend daneben, der dritte
-hielt den Burschen fest umklammert. Dieser wand sich wie ein Aal, entriß sich ihm
-und floh davon mit fliegendem zerfetztem Hemd, das eine Hosenbein über dem Knie;
-die Polizisten hinter ihm drein.
-</p>
-
-<p>
-Eine fette alte Negerin unter einem Magnolienbaum hielt sich die Seiten vor Lachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dieser Junge war aber doch ein starker Brasilianer!&ldquo; rief Nicolás aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nikolaus,&ldquo; antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd, &bdquo;du weißt: keine Regel
-ohne Ausnahme.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bald fuhren sie nach der Stadt zurück. Sie begaben sich in ein Restaurant und
-speisten.
-</p>
-
-<p>
-Darauf sagte Herr Dr. Bürstenfeger: &bdquo;Jetzt gehen wir zur Zahnradbahn und
-fahren auf den Corcovadoberg. Dort wird uns die Natur die Wunder ihrer Vegetation
-in nächster Nähe offenbaren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als sie auf der Station anlangten, war die Bahn zur Abfahrt bereit. Es fuhren
-nur wenige Passagiere.
-</p>
-
-<p>
-Sie stiegen ein; mit starkem Rütteln fuhr die Zahnradbahn die Höhe hinauf. Bald
-hatten sie die Stadt unter sich, weit dehnte sich die Bai.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Luft wird immer leichter, welche Wohltat!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger aus.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Station Silvestre stieg ein brasilianisches Ehepaar mit einem Knaben
-und einem kleinen Mädchen ein und nahm ihnen gegenüber Platz.
-</p>
-
-<p>
-Man fuhr durch den Wald. Links sah man das Meer durch die Wipfel der Bäume
-schimmern.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-<a id="pagehdr-111" class="pagehdr" title="Auf der Spitze des Corcovado"></a>
-Carlos und Nicolás dachten: das ist ja viel schöner als in Paraguay!
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger erhob sich plötzlich von seinem Sitz und rief begeistert aus:
-&bdquo;Unsere Erwartungen sind nicht getäuscht worden: blickt in diesen Abhang, welche
-Pflanzenwelt! welch grandiose Verwirrung von Schönheit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die brasilianische Dame starrte Herrn Dr. Bürstenfeger mit ihren großen braunen
-Glotzaugen an; dann hielt sie sich das Taschentuch vor den Mund und kicherte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus,&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger und schnellte noch mal von
-seinem Sitz auf, &bdquo;seht mir jetzt mal dorthin, die baumhohen Farne, die mit Früchten
-beladenen Bananenbäume und die Orchideen dort! &mdash; Wirklich ein generöses Land,
-wo die Schmarotzer Orchideen heißen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die brasilianische Dame kicherte immer mehr. Auch der kleine Knabe und das
-kleine Mädchen lachten.
-</p>
-
-<p>
-Kurz danach beugte sich der Papa zum Wagen hinaus und schleuderte weit ausholend
-ein Bambusrohr in den Abgrund.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger fuhr zurück, die Hand vor den Augen, es schwindelte ihm.
-</p>
-
-<p>
-Die brasilianische Dame lachte laut auf. Der kleine Knabe und das kleine Mädchen
-lachten auch aus voller Kehle.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger sah die Dame aufs höchste verwundert an. Carlos und
-Nicolás, von ihrer Fröhlichkeit angesteckt, lachten mit, ohne zu wissen, um was es sich
-handelte.
-</p>
-
-<p>
-Nach dreiviertelstündiger Fahrt war man am Ziel. Man hatte noch fünf Minuten
-zu steigen; dann stand man oben auf der Spitze des Corcovado am Rande einer
-niedrigen Mauer.
-</p>
-
-<p>
-Man sah weit hinaus aufs offene Meer. In der Reede wimmelte es von Schiffen.
-Von allen Richtungen fuhren Schiffe in die Bai hinein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herrlich, herrlich!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie diese vielen schönen bunten Käfer auf der Mauer!&ldquo; riefen Carlos
-und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Genießt jetzt lieber den Anblick dieses unvergleichlichen Panoramas&ldquo;, antwortete
-der Lehrer. &bdquo;So Schönes wird euch nicht so leicht im Leben wieder geboten werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie standen noch einige Zeit oben, dann fuhr die Bahn wieder zurück.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Station Silvestre stiegen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-<a id="pagehdr-112" class="pagehdr" title="Aus dem Salon des Hotels ertönt ein Nocturno Chopins."></a>
-aus. Zu Fuß auf schattigen Wegen gingen sie nach dem schönen Hotel auf dem
-Berge Santa Teresa mit dem Ausblick auf die Bai.
-</p>
-
-<p>
-Hier wollten sie die Nacht verbringen.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger begab sich auf sein Zimmer, um Toilette zu machen, Carlos
-und Nicolás trieben sich im Garten umher.
-</p>
-
-<p>
-Der Himmel begann sich langsam zu trüben ...
-</p>
-
-<p>
-Es war nach dem Nachtessen. Jenseits der Bai über den Bergen von Petropolis
-ragte eine mächtige Wolkenbank; dahinter wanderte unsichtbar der Mond. Am
-ganzen Himmel hingen zerfetzte Wolken.
-</p>
-
-<p>
-Grell leuchteten unten am Strande bei Botafogo die Lichter der Landesproduktenausstellung.
-Die Bai war dunkel.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás saßen im Garten unter einem
-Mangobaum.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie schade,&ldquo; sagte Herr Dr. Bürstenfeger, &bdquo;daß die herrliche Mondnacht uns so
-verdorben worden ist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Salon des Hotels ertönte jetzt ein Nocturno Chopins.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Horcht,&ldquo; sagte Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff Carlos&rsquo; und Nicolás&rsquo; Hände ...
-&bdquo;so schön hörte ich noch nie Chopin spielen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Stumm lauschten sie, bis das Nocturno zu Ende war.
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf erschien am hellerleuchteten Salonfenster ein junger Mann. Er
-trug Smoking, sein Gesicht war blaß und von Pockennarben zerrissen.
-</p>
-
-<p>
-Lange starrte er nach der Wolkenbank.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich streckte er die geballten Fäuste nach ihr aus und schrie laut: &bdquo;Mond,
-Mond, Mond!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Einige Damen und Herren, die am Gartengeländer standen, und auch Herr
-Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás schauten erstaunt und erschrocken zu ihm
-hinauf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mond, Schmierenschauspieler,&ldquo; schrie er nochmals, &bdquo;was stehst du hinter deinem
-Vorhang, wartest du noch auf Publikum?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Vier deutsche Exporteure aus Buenos Aires, Herr Hurtwig, Herr Drumke, Herr
-Kitzian und Herr Krause, Inhaber starker Firmen, und Herr Schurtzenjager, ein
-deutscher Bankier aus London, die auf dem gleichen Schiff mit ihm die Reise gemacht
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-<a id="pagehdr-113" class="pagehdr" title="Die Damen und die Herren schütteln verwirrt die Köpfe"></a>
-hatten, traten nun aus der Hoteltüre heraus und stellten sich unter einer Gruppe
-von Königspalmen auf.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/112a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Eine Weile verging. Unter den Damen und Herren war Bewegung und Geflüster.
-</p>
-
-<p>
-Die Wolkenbank färbte sich am Rande silbern, der Mond erschien. Bald erstrahlte
-die Bai.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mond,&ldquo; jubelte der junge Mann in maßloser Verzückung, &bdquo;o du Genie, das du
-erweckst.&ldquo; Er wies mit ausgestreckten Armen nach unten: &bdquo;Sieh, wie die Bai leuchtet,
-wie der Gischt hüpft gegen den Pao d&rsquo;Azuka!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nanu!&ldquo; rief Herr Schurtzenjager aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der hat mal wieder einen gehörigen sitzen&ldquo;, meinte gelassen Herr Drumke.
-</p>
-
-<p>
-Nochmal war Stille. Der Mond verschwand hinter einer zweiten Wolke.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verruchter,&ldquo; jammerte laut der junge Mann, &bdquo;läßt du uns wieder ganz im
-Dunkeln?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mahlzeit!&ldquo; rief Herr Kitzian hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Doch jener hörte es nicht: &bdquo;Hahaha,&ldquo; lachte er laut, &bdquo;Licht der Landesproduktenausstellung,
-du leuchtest weiter in deinem proletarischen Glanze, grell und frech,
-aber du erweckst die Bai nicht; du führst keine Konversation mit ihr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit dem Ausdruck unendlicher Trauer ließ er den Kopf sinken und blickte hinab
-in den Garten und gerade auf Herrn Krause.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verehrtester,&ldquo; rief Herr Krause aus, dem endlich die Geduld riß, &bdquo;wir wünschen
-keine Konversation mit Ihnen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die übrigen Exporteure und der Bankier lachten laut über den Witz. Die Damen
-und die übrigen Herren schüttelten verwirrt lächelnd die Köpfe. Herr Dr. Bürstenfeger
-war wortlos, Carlos und Nicolás lachten. Aber der junge Mann hatte wieder
-nichts gehört.
-</p>
-
-<p>
-Und nochmals erschien der Mond, und nun leuchtete er lang, denn die Bahn war
-weit bis zur nächsten Wolke.
-</p>
-
-<p>
-Stark vorgebeugt und reglos stand jetzt der junge Mann und starrte nach der Bai,
-wie erfüllt von einer unendlichen Erwartung. Sein Atem ging schwer; er richtete
-sich auf. Die Augen waren ekstatisch geöffnet.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Venus,&ldquo; hauchte er, &bdquo;entsteigst du dem Meere?! ... Aphrodite, jetzt schau&rsquo; ich
-dich!&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-<a id="pagehdr-114" class="pagehdr" title="Der Gischt springt hoch gegen die Felsen"></a>
-Er verschwand vom Fenster, und gleich darauf ertönte ein kurzes, grell verworrenes
-Spiel in den Garten hinab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was waren das für schreckliche Disharmonien!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger aus
-und erhob sich jäh von seiner Bank.
-</p>
-
-<p>
-Die Damen und die Herren blickten sich gegenseitig an. Alle schwiegen bestürzt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ganz ausgefallene Type!&ldquo; rief ein junger deutscher Leutnant aus.
-</p>
-
-<p>
-Herr Hurtwig sagte: &bdquo;Ein ganz unmöglicher Kauz! Freund von Gratisvorstellungen
-war er immer, aber das zuletzt übertraf alles!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er wird noch ganz überschnappen!&ldquo; meinte Herr Kitzian.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist es wohl schon!&ldquo; antwortete Herr Krause.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger, der alles dies gehört hatte, schaute aufgeregt zum Fenster
-hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás drangen in ihn, zu erklären, wer dieser sehr seltsame Herr sei.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: &bdquo;Karl und Nikolaus, quält mich nicht, ich weiß
-es selbst nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er saß noch lange in Gedanken versunken unter dem Mangobaum. Dann stand
-er auf und spazierte mit den Knaben im Garten umher.
-</p>
-
-<p>
-Sie stiegen die breite steinerne Treppe zum Wege nach Silvestre hinab und standen
-am Rande des urwaldbewachsenen Abhanges.
-</p>
-
-<p>
-Ein Nachtvogel sang, der Mond schien in den Wald. Die Kronen zweier geknickter
-Wandrerpalmen ruhten schwer auf Lianen, die sich um Agaven schlangen.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger seufzte. Carlos und Nicolás dachten: ob es wohl in Deutschland
-auch so schön ist?
-</p>
-
-<p>
-Nun stiegen sie wieder zum Garten hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Nochmal saßen sie auf der Bank unter dem Mangobaum und blickten auf die Bai
-hinab.
-</p>
-
-<p>
-Ein starker Wind kam jäh von der Spitze des Corcovado und schwoll mächtig an.
-</p>
-
-<p>
-Schnell zogen die Wolken; rasch wurde es hell und rasch wieder dunkel. Es
-rauschten die Königspalmen. Alle die vielen seltsamen Bäume rauschten gewaltig.
-In der Bai sprang hoch der Gischt gegen die Felsen.
-</p>
-
-<p>
-Nun kommt ein Sturm, dachte Carlos; jetzt wird unser Schiff untergehen ...
-</p>
-
-<p>
-Mit verstörtem Gesicht und Verzweiflungsgeschrei stolperte gerade durch den
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-<a id="pagehdr-115" class="pagehdr" title="Dr. Bürstenfeger liebt die Schmetterlinge"></a>
-Urwald auf den Hängen von Silvestre der unmögliche Kauz: &bdquo;Ha es klopfte ein
-Herz im Mutterschoße, aber nun endlich hat die Entbindung stattgefunden ... in
-Buenos Aires war ich ein verachteter Mann; aber hier bin ich lebend geworden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er rannte wild mit den Fäusten gegen einen mächtigen Baumstamm, prallte
-zurück und brach in ein lautes, höhnisches Gelächter aus: &bdquo;Es darf nicht sein, daß
-vom Protoplasma bis zu den Menschen der Weg näher sei, als wie von ihnen bis
-zu Dante und Jesus Christus; wir müssen uns stark verbinden! Hohoho, mein Urgroßvater
-war ein toller Mann!!&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger unter dem Mangobaum hielt seinen Hut in der Hand,
-während der Sturm seine Haare zauste. Er sagte: &bdquo;Karl und Nikolaus, auch dieser
-Aufruhr in der Natur ist wunderbar!&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Allmählich begann sich der Wind zu legen. Die Bäume hörten auf zu rauschen;
-bald war überall Stille. Nur die Wipfel der Königspalmen bewegten sich noch leise
-wie lächelnd im seligen Einschlafen.
-</p>
-
-<p>
-Der Himmel war bis weit hinaus frei von Wolken ...
-</p>
-
-<p>
-Aus der Hoteltür trat jetzt ein bildschönes, schwarzäugiges kleines Mädchen in
-einem weißen Kleide.
-</p>
-
-<p>
-Auf den Zehenspitzen schlich sie näher und stand nun neben Herrn Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Da ist ja wieder das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás, denn
-sie hatten sie schon bei Tische bewundert, und ihre Herzen klopften.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Senhor,&ldquo; fragte sie Herrn Dr. Bürstenfeger und lächelte schalkhaft, &bdquo;lieben Sie
-die Schmetterlinge?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh&ldquo;, antwortete er begeistert, &bdquo;diese prächtigen brasilianischen Schmetterlinge ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier schenke ich Ihnen einen!&ldquo; Sie machte eine rasche Bewegung nach seiner
-Manschette und hüpfte lachend weg.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger saß zuerst etwas betroffen da, dann aber sprang er auf
-und schüttelte heftig seinen Arm; denn unter dem Hemdsärmel krabbelte ihm etwas
-hinauf und kitzelte ihn sehr.
-</p>
-
-<p>
-Ein kleiner schwarzer Falter fiel auf die Erde, flatterte aber gleich davon.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Racker, der Racker!&ldquo; murmelte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Wie unartig ist das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-<a id="pagehdr-116" class="pagehdr" title="Ernste Besprechung der nächtlichen Störung"></a>
-Spät in der Nacht war Tumult im Hotel: zwischen zerschlagenen Spiegeln, Tischen
-und Stühlen und herabgerissenen Bildern raste der unmögliche Kauz in seinem
-Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Der Hotelier, die Kellner und einzelne Gäste stürzten zu ihm.
-</p>
-
-<p>
-Mit blutenden Fäusten warf er sich auf sie.
-</p>
-
-<p>
-Man rang mit ihm. Er heulte und tobte. Am Genick, an der Brust, an Armen
-und Beinen wurde er gefaßt und gebändigt.
-</p>
-
-<p>
-Ein weißer Pfau, der draußen im Garten in einem Brotfruchtbaum geschlafen
-hatte, flog krächzend auf. Irgendwo schnatterte eine Ente.
-</p>
-
-<p>
-In den Gängen trieben sich flüsternd aufgeregte Gäste umher.
-</p>
-
-<p>
-Der Hotelier trat mit zerzauster Krawatte zu ihnen. Er war ganz bestürzt über
-die schreckliche nächtliche Störung und entschuldigte sich nach Kräften.
-</p>
-
-<p>
-Langsam beruhigte man sich und zog sich zurück.
-</p>
-
-<p>
-Die Exporteure und der Bankier aber standen noch lange in der Halle vor der
-Treppe und besprachen ernst den Fall.
-</p>
-
-<p>
-Herr Drumke drückte den Zeigefinger auf seine Stirn und sagte: &bdquo;Wenn es bei
-einem von jeher im obersten Stübchen nicht recht bestellt war, so kann die Konsequenz
-der Wahnsinn sein. Was war überhaupt Natur und was war Whisky bei diesem
-Menschen?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Hurtig meinte streng: &bdquo;Er hat zuviel gebummelt, er hat die Nacht zum Tag
-gemacht. Niemand weiß von seiner Arbeit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Krause sagte: &bdquo;Er hat manchmal bei uns verkehrt, aber um die Wahrheit
-zu sagen, nie wurde ich ganz aus ihm klug!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Kitzian bewegte den Zeigefinger hin und her und bemerkte: &bdquo;Ich sage nur
-oha!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der deutsche Bankier aus London sagte nichts. Er hatte die Hände in den Taschen,
-kniff sich in die Schenkel vor Wonne und dachte: ich trank und trinke noch viel mehr
-Whisky als er und werde nicht verrückt!
-</p>
-
-<p>
-Die Exporteure und der Bankier stiegen nun die Treppe hinauf, um zu Bett zu gehen.
-</p>
-
-<p>
-Draußen am Gartengeländer lehnte stumm Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Am Himmel bewegten sich zwei letzte dunkle Wolkenmassen langsam dem Horizonte
-zu, wie abziehende Bataillone.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-<a id="pagehdr-117" class="pagehdr" title="Die Qualen dieser Welt"></a>
-Auf seinem Bett lag geknebelt und an Händen und Füßen gebunden der unmögliche
-Kauz und stierte gegen die Decke. Ein Hausknecht und ein kräftiger Stallbursche
-waren bei ihm.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás schliefen schon einige Stunden tief und traumlos in einem der
-Gartenpavillong ...
-</p>
-
-<p>
-Kurz nach Sonnenaufgang, als die Uistiti-Äfflein in den Wäldern kreischten, brachten
-ein Herr mit einer Brille und zwei Männer den unmöglichen Kauz nach einem
-geschlossenen Wagen und fuhren mit ihm davon. Ein Rudel kleiner Straßenjungen
-lief im Staube jubelnd hinterdrein.
-</p>
-
-<p>
-Über den Felsen Ipanemas, wo unten stark die Brandung geht, erhob sich ein
-Adler und flog über die Bai, hinüber nach dem Orgelgebirge.
-</p>
-
-<p>
-Bald nachher stand Herr Dr. Bürstenfeger auf. Er stand vor dem Waschtisch in
-Gedanken versunken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie schön spielte er Klavier ... und nachher das Schreckliche!&ldquo; murmelte er.
-Er seufzte tief auf: &bdquo;Aber man darf sich nicht beladen mit allen Qualen dieser
-Welt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als er angezogen war, ging er zu Carlos und Nicolás und weckte sie.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Frühstück machten sie einen Spaziergang in der Richtung der Tijuca.
-</p>
-
-<p>
-In vielen Krümmungen führte der Weg durch Sonne und Urwaldschatten.
-</p>
-
-<p>
-Als sie in den Wald gelangten, sagten Carlos und Nicolás: &bdquo;Es riecht hier ganz
-so wie bei uns zu Hause im Invernaculo.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: &bdquo;Ich habe euch schon gesagt, es heißt auf deutsch
-Treibhaus und nicht Invernaculo!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-An einer Krümmung tauchte plötzlich am Wegrand in der Einsamkeit eine Strohhütte
-auf. Einige Neger und Negerinnen standen davor. Sie sprachen mit lebhaften
-Gebärden alle zugleich und stießen dabei ein grausig tierisches Gelächter aus. Die
-Frauen hatten gelbe Schals um die Schultern, eine trug einen roten Turban. Die
-Männer waren nackt bis zum Gürtel und schwangen lange blitzende Messer in der
-Hand, womit sie eben Rinde von den Bäumen geschält hatten. Einer biß mit seinen
-großen weißen Zähnen in ein Stück Kokosnuß, ein anderer schlug zum Zeitvertreib
-mit einem dicken Knüppel auf einen Strauch mit seltsamen roten Blumen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-<a id="pagehdr-118" class="pagehdr" title="Eigentümliche Gebräuche"></a>
-Carlos und Nicolás zerrten Herrn Dr. Bürstenfeger am Ärmel zurück und sagten
-ängstlich: &bdquo;Die Neger werden uns töten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger schaute unsicher nach der Gruppe, dann aber sagte er:
-&bdquo;Karl und Nikolaus, fürchtet euch nicht!&ldquo; Und mit beschleunigten Schritten gingen
-sie an der Gruppe vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Bei jeder neuen Krümmung des Weges hörten sie wieder ihr tierisch grausiges
-Lachen, bis es langsam verhallte.
-</p>
-
-<p>
-Auf einem Umweg kehrten sie zum Hotel zurück und nahmen dort ihren Lunch.
-Dann begaben sie sich hinunter in die Stadt. Dort setzten sie sich in einen Wagen
-und fuhren nach dem Botanischen Garten.
-</p>
-
-<p>
-Unterwegs sahen sie vor einem Gartentor ein paar Mulatinnen vergnügt
-schwatzend einen farbigen Sarg in einen Leichenwagen schieben. Und nicht lange
-drauf kam ihnen ein Mann entgegen, einen mit rosa Stoff überzogenen und mit
-Silberspitzen ausgeschmückten Kindersarg auf dem Kopf.
-</p>
-
-<p>
-Plötzliche Unruhe malte sich in Herrn Dr. Bürstenfegers Zügen, er dachte an das
-gelbe Fieber.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblicke setzte der Mann den Sarg nieder und öffnete den Deckel.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger lachte laut auf: &bdquo;Karl und Nikolaus, seht hin, es ist ja nur
-ein Kuchenkasten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eigentümliche Gebräuche&ldquo;, murmelte er vor sich hin.
-</p>
-
-<p>
-Bald waren sie im Botanischen Garten. Sie schritten durch das breite Portal
-und standen in einer endlos schnurgeraden Allee uralter Königspalmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Vegetation der ganzen Tropen ist hier in diesem Garten vereinigt&ldquo;, erklärte
-Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Sie spazierten umher. Nicolás blieb staunend vor einer Gruppe von Riesenbambussen
-stehen. Herr Dr. Bürstenfeger machte Carlos auf ein Beet mit zarten
-kleinen Pflänzlein aufmerksam.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Mimosa pudica sensitiva</span>&ldquo; stand auf einem kleinen Brettlein geschrieben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl, berühre leise ein Blatt dieser Pflänzchen&ldquo;, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Carlos beugte sich nieder und berührte sachte ein Blättchen. Das Blättchen schloß
-sich; darauf zog das Pflänzlein langsam seine sämtlichen Blätter ein und knickte zusammen;
-im Fallen streifte es eine Nachbarin &mdash; eine ganze Gruppe sank zusammen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-<a id="pagehdr-119" class="pagehdr" title="Der blaue Schmetterling fliegt in den Urwald"></a>
-&bdquo;Sie werden sich bald wieder aufgerichtet haben&ldquo;, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ob wohl die Pflanzen wie die Menschen fühlen?&ldquo; bemerkte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Betrachtung ist nicht übel, Karl&ldquo;, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen weiter, bis sie am Fuße eines Berges standen; hier verlor sich der
-Garten in den Urwald.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger zog seine Uhr.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás sahen plötzlich einen großen blauen prächtigen Schmetterling.
-</p>
-
-<p>
-Sie liefen ihm nach, um ihn zu fangen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lauft nicht weg, es ist viel später, als ich dachte,&ldquo; rief ihnen Herr Dr. Bürstenfeger
-nach, &bdquo;wir verlieren noch das Schiff!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nicolás blieb stehen, Carlos lief weiter.
-</p>
-
-<p>
-Der Schmetterling ließ sich auf einen blühenden Gardenienbusch nieder. Carlos
-wollte ihn fassen.
-</p>
-
-<p>
-Der Schmetterling erhob sich, setzte sich auf eine Fächerpalme, bewegte die Flügel
-und glich einer lebenden, prächtigen Blume.
-</p>
-
-<p>
-Beinahe hätte Carlos ihn gehascht, aber schon war er wieder fort, er flog hinein
-in den Wald, Carlos hinterher.
-</p>
-
-<p>
-Tief drinnen in einer Wildnis baumhoher Farne verschwand der Schmetterling,
-tauchte wieder auf, ließ sich wieder auf einen Busch nieder, stieg hoch in die Luft
-und verlor sich im blauen Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Carlos hörte in der Ferne Herrn Dr. Bürstenfegers Stimme, der ihn laut und
-zornig rief. Erschreckt lief er zurück, über Baumwurzeln stolpernd und sich in Lianen
-verwickelnd, vor Hitze und Wut heulend.
-</p>
-
-<p>
-Am Waldrand stand Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ungehorsamer Junge,&ldquo; schrie er, &bdquo;warum kamst du nicht, als ich dich rief!&ldquo; Carlos
-heulte: &bdquo;Der schöne Schmetterling ist fort, nie mehr werde ich ihn fangen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte ihn am Arm: &bdquo;Wegen dir werden wir noch das
-Schiff verlieren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos heulte immer lauter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kommt schnell zum Wagen,&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger, &bdquo;wenn wir uns beeilen,
-erreichen wir vielleicht noch die Barkasse!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Rasch gingen sie die Allee hinunter und stiegen draußen in den Wagen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-<a id="pagehdr-120" class="pagehdr" title="&bdquo;Schamlose Ausbeutung&ldquo;"></a>
-&bdquo;Zum Hafen, schnell!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu.
-</p>
-
-<p>
-Der Kutscher trieb die Pferde zur Eile an; in einer halben Stunde waren sie am Hafen.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Schornstein der Lombardia stieg schwarzer Rauch auf, sie gab langgezogene
-Signale.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger erkundigte sich aufgeregt nach der Barkasse.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dampfer weg, Dampfer weg!&ldquo; schrieen fröhlich einige schwarze Bootsmänner.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Siebzigtausend, sechzigtausend, fünfzigtausend Reis nach dem Bord Lombardia!&ldquo;
-riefen sie durcheinander.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vierzigtausend&ldquo;, rief einer und sprang in sein Boot, erfaßte die Ruder und winkte
-Herrn Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schamlose Ausbeutung!&ldquo; schrie Herr Dr. Bürstenfeger empört.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Senhor, zwanzigtausend Reis!&ldquo; rief ein anderer und zupfte Herrn Dr. Bürstenfeger
-am Rock.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unverschämt teuer, aber jetzt ist nichts zu machen. Das haben wir nur dir zu
-verdanken, Karl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie stiegen ein, gleich stieß der Bootsmann ab.
-</p>
-
-<p>
-Am Ufer erhob sich ein lautes Wutgeschrei.
-</p>
-
-<p>
-Ein baumstarker Neger schleuderte ihnen ein Ruder nach. Es platschte dicht neben
-Herrn Dr. Bürstenfeger ins Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Erschreckt fuhr er zur Seite und rief: &bdquo;Das sind hier die reinsten Wilden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Bootsmann legte sich mit doppelter Kraft in die Ruder; bald hatten sie das
-Ufer weit hinter sich.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás blickten zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dort waren wir noch vor einer Stunde&ldquo;, sagte Nicolás und zeigte in der Richtung
-von Botafogo.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man sieht noch den Wald&ldquo;, antwortete Carlos. &bdquo;Wie schade, der schöne blaue
-Schmetterling ist fort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denke doch nicht immer an den Schmetterling&ldquo;, meinte Nicolás. &bdquo;Wir haben
-ja die Affen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In einigen Minuten waren sie an Bord. Sie stiegen das Fallreep hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Der zweite Offizier rief Herrn Dr. Bürstenfeger lachend zu: &bdquo;Signore, bald wären
-wir ohne Sie abgefahren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-<a id="pagehdr-121" class="pagehdr" title="Die letzte Küste des Heimatkontinentes"></a>
-&bdquo;Ob wohl der Herr mit der Glatze noch immer in seiner Kabine ist?&ldquo; sagte Carlos
-zu seinem Bruder.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger ging in den Salon, Carlos und Nicolás begaben sich zu
-den Affen.
-</p>
-
-<p>
-Als sie zum Promenadendeck zurückkehrten, sahen sie eine große, sehr schöne Dame
-mit goldblondem Haar, roten Wangen und Purpurlippen, von Herren umringt,
-sich laut und lachend unterhalten.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás sahen sie verwundert an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ja eine neue Dame,&ldquo; sagte Nicolás, &bdquo;die muß hier eingestiegen sein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jetzt ertönte die Glocke zum Abendessen. Herr Dr. Bürstenfeger erschien auf Deck,
-trat mit den Knaben an die Reling und zeigte nach dem sich entfernenden Festlande:
-&bdquo;Karl und Nikolaus, seht noch einmal hin nach der letzten Küste eures Heimatkontinentes;
-es werden viele Jahre vergehen, bis ihr es wieder erblickt!&ldquo;
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-4">
-Nach der Alten Welt
-</h3>
-
-<p class="first">
-Fräulein von Pfnühl hatte zwei Tage seekrank in ihrer Kabine gelegen, am dritten
-erschien sie wieder.
-</p>
-
-<p>
-Beim Lunch bemerkten Carlos und Nicolás, daß sie sehr oft zu ihnen hinüberschaute
-und Herr Dr. Bürstenfeger dann krampfhaft auf seinen Teller blickte.
-</p>
-
-<p>
-Nachher hatte sich Carlos zu den Affen begeben.
-</p>
-
-<p>
-Auf Deck war Fräulein von Pfnühl eifrig bemüht, ihren Reisestuhl von einer
-Stelle zur anderen zu rücken. Dabei warf sie hilflose Blicke auf Herrn Dr. Bürstenfeger,
-der zufällig mit Nicolás in der Nähe stand.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás sprang hinzu, um ihr behilflich zu sein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß das,&ldquo; zischte sie ihn an, &bdquo;hast du denn nie Schularbeiten zu machen, du
-Dummbart?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Erschreckt wich Nicolás zurück.
-</p>
-
-<p>
-Gleich kam Herr Dr. Bürstenfeger nach. Er brachte den Stuhl nach der Stelle,
-die sie wünschte, und ordnete ihre Kissen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-<a id="pagehdr-122" class="pagehdr" title="&bdquo;Einsames Heischen nach Wahlverwandtschaft&ldquo;"></a>
-Sie dankte; er wollte sich mit einer Verbeugung zurückziehen. Aber sie redete ihn an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, Herr Doktor, gehen Sie noch nicht, es freut mich so, Sie wiederzusehen;
-nehmen Sie doch einen Augenblick Platz!&ldquo; Dabei ließ sie sich auf ihren Stuhl nieder
-und zeigte auf einen Rohrsessel neben sich.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: &bdquo;Sehr angenehm&ldquo; und setzte sich am Rande
-des Rohrsessels.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun,&ldquo; meinte sie, &bdquo;wie finden Sie unsere Mitreisenden?! &mdash; Ach, Herr Doktor,&ldquo;
-sie schlug die Augen, die sie einige Sekunden gesenkt hatte, zu ihm auf, &bdquo;ich lese
-in Ihrer Seele &mdash; wie können Sie an dieser zusammengewürfelten, zum Teil fragwürdigen
-Gesellschaft Gefallen finden &mdash; gerade Sie, Herr Doktor!&ldquo; Sie stieß einen
-Seufzer aus, schloß die Augen und sah ihn dann gleich wieder an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und überhaupt, wo findet man die Menschen, die einem ganz zusagen, mit
-denen man eins sein möchte in seinem tiefsten Innern?! ... Was folgt dem einsamen
-Heischen hochgestellter Seelen nach Wahlverwandtschaft?&ldquo; Wieder seufzte sie
-und schloß die Augen: &bdquo;Ach nur Resignation!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick war nicht weit von ihnen ein seltsam langgezogenes Gewinsel
-hörbar, dem gleich darauf ein markdurchdringendes erbostes Schreien und Quieken
-folgte.
-</p>
-
-<p>
-Gleich nachher tauchte Carlos auf, beide Affen, die sich grimmig balgten, an ihren
-Schnüren hinter sich herzerrend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl, was hast du wieder mit dem süßen Tierchen getan!&ldquo; schrie Fräulein von
-Pfnühl, indem sie sich aufrichtete.
-</p>
-
-<p>
-Carlos wandte sich weinerlich an Herrn Dr. Bürstenfeger: &bdquo;Ich brachte sie auf
-meinen Schultern vom Zwischendeck hierher, sie haben das Zanken bekommen und
-sich einander verwickelt, und als ich sie auf die Erde setzte, bekamen sie noch mehr
-das Zanken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Lehrer winkte dem Decksteward, und nicht ohne Mühe gelang es, die Affen
-wieder auseinander zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Worauf Carlos und Nicolás, von Herrn Dr. Bürstenfeger begleitet, sie in ihre
-Kiste zurückbrachten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus,&ldquo; sagte Herr Dr. Bürstenfeger, &bdquo;ich gehe jetzt einstweilen in
-meine Kabine, doch bitte ich euch ernstlich, treibt keinen Unsinn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-<a id="pagehdr-123" class="pagehdr" title="Man darf einer alten Dame nicht gleich alles übelnehmen"></a>
-&bdquo;Zu der verrückten Dame gehe ich nicht mehr!&ldquo; sagte Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nikolaus, was sind das für Ausdrücke!&ldquo; antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie hat mir ein Schimpfwort gesagt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Schimpfwort, wieso?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie hat mich einen Dummbart genannt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist kein Schimpfwort!&ldquo; Herr Dr. Bürstenfeger unterdrückte ein Lächeln.
-&bdquo;Aber wahrscheinlich hast du es auch verdient!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe es nicht verdient, ich habe ihr nur mit ihrem Stuhle helfen wollen!&ldquo;
-antwortete Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schon gut&ldquo;, meinte nach einer kleinen Weile Herr Dr. Bürstenfeger. &bdquo;Man darf
-einer alten Dame nicht gleich alles übelnehmen, sie wird es nicht so böse gemeint haben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Darauf ging er.
-</p>
-
-<p>
-Nun erzählte Nicolás seinem Bruder, was ihm geschehen war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mich hat sie vorhin auch angeschnauzt!&ldquo; sagte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Um sich zu rächen, beschlossen die Knaben die verrückte Dame auch nur Miß Von
-zu nennen.
-</p>
-
-<p>
-Sie kehrten nach Deck zurück und begegneten dort dem fröhlichen Priester, der
-trotz der großen Hitze wieder seinen Spaziergang machte.
-</p>
-
-<p>
-Sie schlossen sich ihm an, er erzählte ihnen Geschichten, die sie sehr lustig fanden,
-aber zugleich auch im höchsten Grade lügenhaft.
-</p>
-
-<p>
-Als ihm nichts mehr einfiel, verließen sie ihn und setzten sich auf eine Bank.
-</p>
-
-<p>
-Lange saßen sie schweigend da und baumelten mit den Beinen.
-</p>
-
-<p>
-Carlos sagte schließlich: &bdquo;Wie langweilig ist eine Seereise ... man sieht nichts ...
-nie ein brennendes Schiff und auch niemals einen Walfisch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist langweilig, aber bald sind wir im schönen Europa&ldquo;, tröstete ihn Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Darauf beschlossen sie wieder nach Zwischendeck zu ihren Affen zu gehen.
-</p>
-
-<p>
-Unterwegs blieben sie vor einem Windleiter stehen, der nach dem großen gemeinsamen
-Schlafraum der Emigranten führte.
-</p>
-
-<p>
-Carlos steckte den Kopf in die Öffnung, zog ihn aber rasch zurück und machte &bdquo;brr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sofort steckte nun Nicolás den Kopf hinein, schnellte aber auch gleich zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das stinkt!&ldquo; sagten beide.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-<a id="pagehdr-124" class="pagehdr" title="&bdquo;Ein unappetitlicher Kontrakt&ldquo;"></a>
-Sie wollten schon weitergehen, als Nicolás vorschlug: &bdquo;Wenn du mir zwanzig
-Centavos gibst, rieche ich zwanzig Sekunden hinein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut, wetten wir&ldquo;, antwortete Carlos und zog die Uhr.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás&rsquo; Kopf verschwand in der Öffnung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwanzig!&ldquo; rief Carlos, als die Zeit um war.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás aber, um seine Willenskraft zu zeigen, beschloß es zwanzig Sekunden
-länger auszuhalten. Hochrot tauchte dann sein Kopf aus der Öffnung.
-</p>
-
-<p>
-Er schüttelte sich, spuckte aus und schneuzte sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;War das ein Gestank!&ldquo; rief er aus. &bdquo;Jetzt gib mir die zwanzig Centavos!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Wette gilt nicht, du hast bis vierzig gerochen und nicht bis zwanzig!&ldquo; antwortete
-Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás sah seinen Bruder an, er traute seinen Ohren nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bezahle nichts!&ldquo; sagte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meinst du, daß ich umsonst den schrecklichen Gestank ausgehalten habe?!&ldquo; rief
-Nicolás zornig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es galt nur bis zwanzig; ich zahle nichts!&ldquo; beharrte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist betrügerisch und gemein!&ldquo; rief Nicolás und wollte auf ihn eindringen.
-Schon wurden sie handgemein; da erschien Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist hier los, Karl und Nikolaus?!&ldquo; fragte er streng.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás erzählte ihm aufgeregt den Fall.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger runzelte die Stirn, sann eine Weile und antwortete sehr
-ernst: &bdquo;Dein Vorschlag, Nikolaus, der reinen Geldgier entsprungen, zeugte von
-wenig Geschmack, Stolz und persönlicher Würde. Die Ausführung war außerdem
-im höchsten Grade gesundheitsschädlich. &mdash; Nicht weniger geschmacklos, Karl, war
-dein Eingehen in diesen unappetitlichen Kontrakt. Dein weiteres Betragen Nikolaus
-gegenüber sehr mutwillig und durchaus nicht brüderlich. Jetzt kommt mit, und
-macht Schularbeiten, die viele Freiheit, die ich euch der Hitze wegen gegeben habe,
-scheint euch nicht gut zu bekommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Damit erfaßte er sie bei den Händen. Sie folgten ihm aufs höchste verdutzt.
-</p>
-
-<p>
-Bald folgte ein Tag von unerträglicher Hitze, denn man hatte vollständige Windstille.
-Totenstill und bleifarben lag das Meer. Dunstschleier verbargen die Sonne;
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-<a id="pagehdr-125" class="pagehdr" title="Eine weibliche Stimme kreischt durchdringend um Hilfe"></a>
-von Zeit zu Zeit gingen Regenschauer nieder. Dann aber wurde die Temperatur
-noch drückender.
-</p>
-
-<p>
-Im Maschinenraum arbeiteten halbnackt die Heizer, Herr Dr. Bürstenfeger lag
-reglos unter dem aufgespannten Zeltdach auf Deck: unter der Dusche im Badezimmer
-aber stand der fröhliche Priester und dachte: Reiste ich jetzt nicht nach Rom, um den
-Heiligen Vater zu sehen, ich wollte, eine Seereise sollte immer dauern. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Manche Passagiere verbrachten die Nacht auf Deck. Carlos und Nicolás lagen in
-ihren Betten und wälzten sich hin und her.
-</p>
-
-<p>
-Kurz nach Mitternacht &mdash; Herr Dr. Bürstenfeger war eben in einen unruhigen
-Schlaf verfallen &mdash; wurde er plötzlich durch laute Schreie geweckt.
-</p>
-
-<p>
-Er richtete sich jäh auf und noch unsicher, ob er geträumt habe, saß er reglos
-aufrecht mit stark klopfendem Herzen und horchte gespannt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hilfe, Hilfe, ich sterbe!&ldquo; kreischte durchdringend eine weibliche Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Gott, mein Gott, ... was für ein Unglück ist da wieder geschehen!&ldquo; Herr
-Dr. Bürstenfeger rang nach Atem; dann war er mit einem Satz aus dem Bett.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hilfe, Hilfe!&ldquo; gellte es wieder.
-</p>
-
-<p>
-Wie von Sinnen drehte sich Herr Dr. Bürstenfeger im Kreise herum; er suchte
-etwas: seine Hosen. Jetzt hatte er sie; im Nu war er drin.
-</p>
-
-<p>
-Er stürzte in den Gang; draußen standen schon Leute.
-</p>
-
-<p>
-Von neuem ertönten durchdringende Schreie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schwarzer Pfaffe, Schiffsuntergang!&ldquo; rief der Herr mit der fahlen Glatze.
-</p>
-
-<p>
-Man eilte in der Richtung, woher die Schreie kamen, allen voran Bepino der
-Nachtsteward.
-</p>
-
-<p>
-Er riß die Tür einer Kabine auf.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Satz stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihm. Aber er prallte zurück.
-</p>
-
-<p>
-In ihrem Bett lag Fräulein von Pfnühl, und ein fliegender Fisch schnellte über ihr
-auf und nieder.
-</p>
-
-<p>
-Auch die übrigen Passagiere wichen zurück.
-</p>
-
-<p>
-Gleich erschien Bepino aus der Kabine, den Fisch, der heftig zappelte, in den Händen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durch die offene Luke hat er sich ins Bett der Dame verirrt!&ldquo; rief er vor Lachen
-platzend.
-</p>
-
-<p>
-Es erfolgt ein allgemeines Gelächter.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-<a id="pagehdr-126" class="pagehdr" title="Miß Von lernt das Gruseln"></a>
-Hinten vor ihrer Kabinentüre standen Carlos und Nicolás in ihren Nachthemden
-und lachten auch aus vollem Halse.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, jetzt hat Miß Von auch das Gruseln gelernt!&ldquo;
-rief Carlos aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihr müßt auch bei allem dabei sein; geht schlafen!&ldquo; antwortete Herr Dr. Bürstenfeger
-und schob sie in die Kabine hinein.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Am nächsten Morgen gingen Carlos und Nicolás nach Zwischendeck, um ihre Affen
-zu füttern. Gerade erhielten auch die Emigranten ihre erste Ration.
-</p>
-
-<p>
-Irgendwo kauerte ein altes verrunzeltes Mütterchen auf der Erde, den Rücken
-gegen eine Kiste gelehnt; sie war bisher noch nie auf Deck erschienen.
-</p>
-
-<p>
-So ein uraltes Mütterchen glaubten Carlos und Nicolás noch nie in ihrem Leben
-gesehen zu haben. Ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet; die Augen, die nie zuckten,
-schienen seltsam ins Weite zu blicken.
-</p>
-
-<p>
-Ein Bursche, der eine Baskenmütze trug, kniete mit einem Blechteller vor ihr
-und flößte ihr Suppe ein. Daneben stand eine Frau mit einem zerrissenen Schal
-gegen einen schwarzbärtigen Mann gelehnt, der leise und scheinbar zerstreut auf
-einer Ziehharmonika spielte, während sie an einem großen Stück Brot kauend sehr
-ernst auf die Alte herabblickte.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás erfuhren gleich darauf, daß die vier eine Familie waren und
-die Alte beinahe hundert Jahre alt und blind.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Als Carlos und Nicolás zum Promenadendeck zurückkehrten, spazierte die schöne
-Dame mit den Purpurlippen, in Gesellschaft eines brasilianischen Herrn, der im
-Gespräch lebhaft mit den Händen gestikulierte. Von seinen Fingern, die voller Ringe
-waren, ging ein Blitzen und Funkeln aus.
-</p>
-
-<p>
-Gerade als die Knaben an ihnen vorbeikamen, glitt ihr ein mit Perlen besetzter
-Kamm aus den Haaren und fiel auf den Boden.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben bückten sich rasch danach, Nicolás hatte ihn erfaßt, lief der Dame nach
-und überreichte ihn ihr.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich danke dir, mein lieber Junge&ldquo;, sagte die schöne Dame, streichelte ihn mit
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-<a id="pagehdr-127" class="pagehdr" title="&bdquo;Jungens haben immer schmutzige Taschentücher!&ldquo;"></a>
-der Hand über den Kopf und gab ihm einen Kuß. &bdquo;Ihr liebenswürdigen Kavaliere,
-ich muß euch doch endlich mal die längst versprochenen Bonbons geben, kommt mit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gleich bin ich wieder da&ldquo;, nickte sie dem Herrn zu und lief lachend die Treppe
-hinunter. Carlos und Nicolás hinter ihr drein, in ihre Kabine.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ja hier wie in einem Kleiderschrank&ldquo;, rief Carlos aus, denn ringsherum
-hingen Kleider, Spitzenblusen und seidene Röcke. Die Gardinen waren vollgesteckt
-mit Schleiern, Krawatten und Bändern. Handtaschen und Hutschachteln, Stiefel
-und Schuhe waren unter die Betten gezwängt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wie es wunderschön riecht!&ldquo; rief nochmals Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gefällt euch das Parfüm, meine Jungens?&ldquo; Sie griff nach einem kleinen silbernen
-Flakon, der auf dem Waschtisch stand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, gebt mir eure Taschentücher.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Rot und verlegen sahen sich Carlos und Nicolás an.
-</p>
-
-<p>
-Zögernd sagte Nicolás, indem er noch mehr errötete: &bdquo;Unsere Taschentücher sind
-sehr schmutzig!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das schadet nichts,&ldquo; lachte sie, &bdquo;gebt nur her; Jungens haben immer schmutzige
-Taschentücher!&ldquo; und damit entleerte sie die Hälfte ihres Fläschchens in die Taschentücher
-der Knaben.
-</p>
-
-<p>
-Darauf holte sie eine große Schachtel mit Pralinés aus ihrem Koffer und füllte
-davon Carlos&rsquo; und Nicolás&rsquo; Taschen.
-</p>
-
-<p>
-Dann gab sie jedem einen laut schallenden Kuß:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, jetzt aber muß ich rasch wieder hinauf!&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-Kurz nachher lag die schöne Dame oben auf Deck auf ihrem Reisestuhl; ihr Kopf
-lehnte gegen ein rotseidenes Kissen; der Herr mit den Ringen fächelte ihr Kühlung
-zu mit einem großen japanischen Fächer und redete leise und eindringlich auf sie ein.
-</p>
-
-<p>
-Sie lächelte nach einer Weile und nickte.
-</p>
-
-<p>
-Ganz in ihrer Nähe saßen Carlos und Nicolás stumm auf einer Bank und knabberten
-an ihren Bonbons.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du,&ldquo; sagte Carlos, &bdquo;hier habe ich einen mit Likör!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ganz weit hinten stand Herr Dr. Bürstenfeger vor einer schwarzen Tafel und
-konstatierte freudig: &bdquo;Drei Meilen mehr als gestern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-<a id="pagehdr-128" class="pagehdr" title="Das offene Tor"></a>
-Gegen Abend waren die Knaben wieder auf Zwischendeck.
-</p>
-
-<p>
-Das alte blinde Mütterchen hockte noch immer in ihrer alten Stellung, ihre
-zitterigen Hände hielt sie gefaltet, die Augen blickten ins Weite.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás schritten scheu an ihr vorbei; sie gingen bis ganz vorn nach der
-Spitze des Schiffes.
-</p>
-
-<p>
-Der Steuermann auf der Brücke drehte das Rad. Langsam wandte sich das Schiff
-nach Nordosten.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne neigte sich gegen den Horizont, blutrot und strahlenlos. Jetzt berührte
-sie ihn. Schon war sie unter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Sonne ist tot, ertrunken!&ldquo; sagte Carlos zu seinem Bruder.
-</p>
-
-<p>
-In verschleiertem Blau dämmerte der Himmel weiter.
-</p>
-
-<p>
-Zwei ungeheure Wolkenbänke standen gleich gigantischen Torflügeln rosenrot im
-Nordosten.
-</p>
-
-<p>
-Und mitten auf das offene Tor zu fuhr das Schiff.
-</p>
-
-<p>
-Ein junger Mann und eine junge Frau standen neben Carlos und Nicolás an der
-Reling. Ihre Gesichter waren verhärmt, ihre Kleider abgetragen.
-</p>
-
-<p>
-Der junge Mann zeigte in der Richtung des offenen Tores.
-</p>
-
-<p>
-Tränen glänzten in seinen Augen. Er sagte leise: &bdquo;Sieh, ist es nicht, als führen
-wir endlich unserem Ziele entgegen?&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sie stand da, stumm und sah nach den Wolken.
-</p>
-
-<p>
-Zwei italienische Emigranten sangen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza antiqua">
- <p class="verse">In guerra non voglio andare</p>
- <p class="verse">perquè si mangea male</p>
- <p class="verse">e si dorme in terra.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Carlos, horch&rsquo;, es ist das Lied, das José immer zu Hause sang!&ldquo; sagte Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Gleich fielen andere Stimmen ein, und bald brauste es aus mehr als hundert
-Kehlen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza antiqua">
- <p class="verse">In guerra non voglio andare</p>
- <p class="verse">perquè si mangea male ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ein gellender Schrei unterbrach den Gesang: &bdquo;Jesus, Maria, Mutter ist tot!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-<a id="pagehdr-129" class="pagehdr" title="Carlos und Nicolás erschauern"></a>
-Und gleich darauf erfolgte ein herzzerreißendes Weinen.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau mit dem Schal war auf die Knie gesunken, ihre Arme hielten das alte
-tote Mütterchen umfangen.
-</p>
-
-<p>
-Und neben ihr kniete der junge Baske, und der Mann mit der Ziehharmonika und
-sie bekreuzten sich schluchzend.
-</p>
-
-<p>
-Ein Haufen Männer und Frauen umdrängte die Gruppe. Viele Frauen waren
-niedergekniet, hielten die Hände vors Gesicht und jammerten laut; bald knieten alle
-Frauen. Das Jammern und Schreien griff um sich: der ganze große Haufe stimmte
-laut mit ein in die Totenklage.
-</p>
-
-<p>
-Bleich und wortlos standen Carlos und Nicolás auf ihren Plätzen.
-</p>
-
-<p>
-Erschreckt durch den Lärm spähte Herr Dr. Bürstenfeger vom Promenadendeck
-nach ihnen aus. Zugleich ertönte die Glocke zum Abendessen.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás gingen rasch nach der ersten Klasse, die Blicke vom Haufen,
-der die Alte umgab, abgewandt.
-</p>
-
-<p>
-Bei Tisch konnten sie keinen Bissen herunterbringen. Sie dachten an das alte
-Mütterchen; vor einer halben Stunde noch hatte sie lebend dagesessen mit gefalteten
-Händen, und nun war sie eine Tote.
-</p>
-
-<p>
-Nachher hörten sie, wie der Herr mit der fahlen Glatze der Dame aus Patagonien
-erzählte, heute noch werde man die Leiche auf ein Brett geschnallt und in ein Segeltuch
-gewickelt ins Meer senken.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás erschauerten.
-</p>
-
-<p>
-Gegen zehn Uhr brachte Herr Dr. Bürstenfeger die Knaben in ihre Kabine.
-</p>
-
-<p>
-Als er fort war, zündeten sie das Licht wieder an und lagen schweigend in den
-Betten, fortwährend an das tote Mütterchen denkend.
-</p>
-
-<p>
-Endlich meinte Carlos: &bdquo;Um ein Uhr wird sie ins Meer geworfen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um zwei Uhr hat man gesagt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Niemand weiß es genau.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wirst du heute nacht einschlafen können?&ldquo; fragte eine Weile darauf Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Brr, ich bleibe sicher die ganze Nacht wach.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sollten versuchen, an etwas Lustiges zu denken, vielleicht könnten wir dann
-doch einschlafen! &mdash; Weißt du noch, wie alle gelacht haben, als du einmal eines Abends,
-als wir noch klein waren, zu Mama ins Eßzimmer gelaufen kamst und sagtest, ein
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-<a id="pagehdr-130" class="pagehdr" title="&bdquo;Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?&ldquo;"></a>
-Wolf sei in ihrem Zimmer, und es war doch nur Papa, der auf dem Sofa fürchterlich
-schnarchte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Mama hatte mir an dem Tage die Geschichte von Rotkäppchen erzählt&ldquo;,
-antwortete Carlos.
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Arme Alte&ldquo;, sagte er nach einer Weile.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denke doch nicht immer daran!&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicolás, fährt das Schiff nicht langsamer?!&ldquo; Carlos richtete sich in seinem Bett
-auf. &bdquo;Jetzt &mdash; ich glaube, man wirft sie ins Meer!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nicolás horchte gespannt; auch ihm war recht gruselig zumute.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, das Schiff fährt gleichschnell!&ldquo; flüsterte er.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde elf. Der Steward trat in die Kabine und löschte die Lichter.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás hielten es jetzt nicht länger in ihren Betten aus.
-</p>
-
-<p>
-Sie standen auf, knieten auf dem Sofa und schauten durch die Luke. Draußen war
-stockfinstre Nacht, das Meer schwarz wie Tinte.
-</p>
-
-<p>
-Sie hörten, wie die Wellen rauschten und gegen das Schiff aufschlugen. Sonst
-war es totenstill.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie dunkel!&ldquo; flüsterte Carlos. &bdquo;Wenn man nur einen einzigen Stern sehen
-könnte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ob wohl die Fische die Alte gleich auffressen werden?&ldquo; meinte er nach einer Weile.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie werden sie wohl bald auffressen,&ldquo; antwortete Nicolás, &bdquo;aber vielleicht kommt
-sie auch heil bis zum Grunde!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht so tief, als der Acongaqua hoch ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos schloß die Augen, und erschauernd suchte er sich den Grund des Meeres
-vorzustellen.
-</p>
-
-<p>
-Sie schwiegen lange.
-</p>
-
-<p>
-Wieder fuhr Carlos zusammen. Er faßte seinen Bruder beim Arm: &bdquo;Hörst du
-nicht ... die Stricke?! Jetzt wird sie heruntergelassen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie hielten den Atem an und horchten.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás sagte: &bdquo;Es waren nur die Taue der Boote, die sich bewegten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun sprachen sie nicht mehr; sie horchten angestrengt weiter.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-<a id="pagehdr-131" class="pagehdr" title="Die Linie wird passiert"></a>
-Schließlich fielen Nicolás die Augen zu. Er ging ins Bett und war gleich eingeschlafen.
-Carlos blieb vor der Luke, bis der Morgen begann. Dann begab er sich
-auch ins Bett und verfiel sofort in einen schweren Schlaf. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Gegen acht Uhr trat Herr Dr. Bürstenfeger in die Kabine.
-</p>
-
-<p>
-Hell schien die Sonne durch die Luke.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Heraus, ihr Langschläfer&ldquo;, rief er. &bdquo;Es hat schon längst zum Frühstück geläutet!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás richteten sich auf und rieben sich schlaftrunken die Augen.
-</p>
-
-<p>
-Vom Zwischendeck ertönte Gesang und Gitarrespiel.
-</p>
-
-<p>
-Die gestrigen Ereignisse traten plötzlich wieder in ihre Erinnerung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da singen sie ja wieder, und heute nacht hat man doch das Mütterchen ins Wasser
-geworfen!&ldquo; rief Carlos aufs höchste verwundert aus.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger antwortete lächelnd: &bdquo;Bedenkt, Karl und Nikolaus, daß
-dies ein leichtlebiges Völklein ist, unter einem heiteren Himmel geboren. Freude
-und Leid wechseln schnell bei ihnen ab!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Eßzimmer fragten die Knaben sofort den Obersteward, wann man in der
-Nacht die Leiche ins Meer gesenkt hätte. &bdquo;Um zwei Uhr&ldquo;, antwortete der Obersteward.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben aber gar nichts gehört!&ldquo; sagte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dergleichen Sachen werden hier möglichst still abgetan&ldquo;, antwortete der Obersteward.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Zwei Tage später passierte man die Linie. Abends war Galadiner. Der Speisesalon
-war mit Fähnchen und Papiergirlanden ausgeschmückt, auf den Tischen standen
-große Aufsätze mit Kuchen und Knallbonbons.
-</p>
-
-<p>
-Die Damen hatten ihre schönsten Kleider angezogen; die Dame mit den Purpurlippen
-trug Brillanten im Haar und Perlen um den Hals; Herr Dr. Bürstenfeger
-erschien im Gehrock und weißer Krawatte, Carlos und Nicolás in ihren besten weißen
-Matrosenanzügen mit hellblauen seidenen Kragen.
-</p>
-
-<p>
-Man war in der festlichsten Stimmung. Es wurde viel Champagner getrunken;
-auch Carlos und Nicolás durften mittrinken; gegen Ende der Mahlzeit herrschte die
-ausgelassenste Fröhlichkeit ...
-</p>
-
-<p>
-Nach Tisch spazierte Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben auf Deck auf und ab.
-Er hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, heute bis elf Uhr aufzubleiben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-<a id="pagehdr-132" class="pagehdr" title="&bdquo;Schnäderängtäng, schnäderäng tängderängtängtäng&ldquo;"></a>
-Die Sonne war vor kurzem untergegangen; schnell kam die Nacht.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger war sehr aufgeräumt ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bis jetzt, Karl und Nikolaus,&ldquo; sagte er, &bdquo;können wir uns im großen und ganzen
-über die Seereise nicht beklagen; aber unendlich freue ich mich doch auf Deutschland;
-der Winter hält jetzt dort seinen Einzug, unser prächtiger deutscher Winter; ihr werdet
-Schlittschuhlaufen lernen und Schneemänner machen, hei, das wird ein Spaß!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger wurde immer aufgeräumter. Er erzählte ihnen weiter
-von den Freuden des Winters und dann viele lustige Geschichten aus seiner Kindheit
-und Studentenzeit.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás hörten begierig zu. So vergnügt hatten sie ihren Lehrer noch
-nie gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Durch die geöffneten Oberlichtfenster sahen Carlos und Nicolás ins Eßzimmer
-hinab. Alles war schon aufgestanden; nur Fräulein von Pfnühl saß noch auf ihrem
-Platze, vor sich ein Glas und eine halbgeleerte Flasche.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie,&ldquo; sagte Carlos, &bdquo;wieviel Puder sich Miß Von
-auf ihre Nase gepappst hat, und dabei ist sie doch noch rot!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Still, Karl, werde nur nicht übermütig,&ldquo; antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd,
-&bdquo;Fräulein von Pfnühl ist und bleibt eine gute, harmlose Dame!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er verfügte sich mit den Knaben nach Hinterdeck, blieb dort stehen und begann
-etwas vor sich hinzusummen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger, singen Sie doch lauter!&ldquo; baten Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger sang:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Als die Römer frech geworden, sim serim sim sim sim sim,</p>
- <p class="verse">sogen sie nach Deutschlands Norden, sim serim sim sim sim sim,</p>
- <p class="verse">Vorne mit Trompetenschall terätätätäterä</p>
- <p class="verse">Ritt der General-Feldmarschall terätätätäterä</p>
- <p class="verse">Herr Quintilius Varus wau wau wau wau wau wau,</p>
- <p class="verse">Herr Quintilius Varus, schnäderängtäng, schnäderängtäng, schnäderäng tängderängtängtäng.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Was ist das für ein komisches Lied?!&ldquo; unterbrachen ihn Carlos und Nicolás
-lachend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-<a id="pagehdr-133" class="pagehdr" title="Ein Geruch von Kognak schlägt Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen"></a>
-&bdquo;Ein wackeres deutsches Kneiplied, das ich gar oft gesungen habe in feuchtfröhlichem
-Zecherkreise.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger sang weiter:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;In dem Teutoburger Walde, sim serim sim sim sim sim,</p>
- <p class="verse">Huh! wie pfiff der Wind so kalte, sim serim sim sim sim sim,</p>
- <p class="verse">Raben flogen durch die Luft, trä ...&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Endlich gefunden!&ldquo; ertönte emphatisch eine Stimme.
-</p>
-
-<p>
-Vor Herrn Dr. Bürstenfeger stand Fräulein von Pfnühl.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie eine Stecknadel habe ich Sie gesucht, Herr Doktor; ich mußte Sie sehen,
-Sie sprechen, Sie mich einzig verstehende, mir wahlverwandte Seele!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Fräulein von Pfnühl machte einen Schritt näher. Ein Geruch nach Kognak, wie
-noch nie, schlug Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie guter, edler Mann,&ldquo; Fräulein von Pfnühl begann laut zu schluchzen, &bdquo;lassen
-Sie mich an Ihrem Busen meinen Lebensschmerz ausweinen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger wich entsetzt zurück.
-</p>
-
-<p>
-Sprachlos starrten Carlos und Nicolás Fräulein von Pfnühl an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe den Glauben an die Welt verloren&ldquo;, schluchzte sie wieder laut auf.
-</p>
-
-<p>
-Von neuem näherte sie sich ihm, ihr Kopf senkte sich gegen Herrn Dr. Bürstenfegers
-Brust.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus, zu Bett, zu Bett, es ist die höchste Zeit!&ldquo; Herr Dr. Bürstenfeger
-ergriff Carlos und Nicolás bei den Händen und zog sie mit sich fort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will noch nicht zu Bett!&ldquo; schrie Carlos und zerrte an seinem Arm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du hast zu gehorchen!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir dürfen bis elf Uhr aufbleiben, Sie haben es erlaubt!&ldquo; heulte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Marsch, marsch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sich widersetzend und laut heulend, folgte Carlos; Nicolás trabte resigniert mit.
-Herr Dr. Bürstenfeger eilte mit ihnen die Treppe hinunter, in seine Kabine, dort
-ließ er sie los.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alberner, törichter Junge!&ldquo; herrschte er Carlos an.
-</p>
-
-<p>
-Knirschend und schluchzend rieb sich Carlos sein Handgelenk. Plötzlich heulte er
-laut auf: &bdquo;Ich bekomme den Krebs!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-<a id="pagehdr-134" class="pagehdr" title="Herr Dr. Bürstenfeger macht kehrt und flieht"></a>
-&bdquo;Waas!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben mich fürchterlich am Arm gekniffen, eine alte Frau hat man auch
-am Arm gekniffen, und da hat sie den Krebs bekommen und ist gestorben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was schwatzt du da für Unsinn,&ldquo; schrie Herr Dr. Bürstenfeger, &bdquo;erstens bist du
-keine alte Frau, und zweitens bin ich noch viel zu glimpflich mit dir umgegangen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg, die Lippen fest aufeinandergepreßt. Nicolás sah, wie sein Kehlkopf
-sich über dem niederen Klappkragen auf und ab bewegte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe mich bedacht, ihr braucht noch nicht zu Bett,&ldquo; sagte Herr Dr. Bürstenfeger,
-&bdquo;geht einstweilen ins Eßzimmer und verhaltet euch still, ich komme bald nach!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos wollte schon die Türklinke ergreifen.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger hielt ihn zurück. Er sah ihn an. Über seiner Nasenwurzel
-hatten sich zwei Furchen gebildet.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rebellischer Knabe, rebellischer Knabe, pfui, schäme dich &mdash; so, jetzt geht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie gehorchten schweigend.
-</p>
-
-<p>
-Stumm blickte er noch eine Weile in der Richtung der geschlossenen Tür. Dann
-aber glätteten sich langsam seine Züge; er sagte vor sich hin: &bdquo;Ich hätte diesem aufgeregten
-Karl auch heute den Alkoholgenuß versagen sollen!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Am nächsten Morgen beim Frühstück wagte Herr Dr. Bürstenfeger nicht vom
-Teller wegzusehen, aus Angst, den Augen Fräulein von Pfnühls zu begegnen.
-</p>
-
-<p>
-Als er nachher mit Carlos und Nicolás auf Deck ging, ließ er die Knaben allein.
-</p>
-
-<p>
-Von Unruhe gequält, spazierte er umher und spähte in alle Winkel.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich erhellten sich seine Züge. Neben einer großmächtigen Taurolle hatte er
-ein Plätzchen gefunden, das wie geschaffen schien, ihn aufs prächtigste vor aller Welt
-Blicken zu verbergen.
-</p>
-
-<p>
-Schon wollte er seinen Reisestuhl holen. In diesem Augenblick erscholl zwanzig
-Schritte von ihm Fräulein von Pfnühls Stimme: &bdquo;Herr Doktor!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger sah sie starr an, machte dann kehrt und floh nach dem
-Treppenhaus.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Stewards mit Teebrettern voller Teller und Schüsseln kamen gerade die
-Treppe hinauf und versperrten ihm den Weg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Doktor!&ldquo; ertönte es noch mal kläglich bittend dicht hinter ihm.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-<a id="pagehdr-135" class="pagehdr" title="Vereinzelte Möwen künden die Nähe der Küste an"></a>
-Herr Dr. Bürstenfeger duckte sich, und mit zwei Sätzen war er unter den Teebrettern
-durch, die Treppe hinab, lief durchs Eßzimmer in seine Kabine und schloß
-sich ein.
-</p>
-
-<p>
-Schwer ließ er sich auf das Sofa nieder. Gleich aber hatte er sich wieder erhoben.
-Er reckte die Arme zur Decke empor und rief aus: &bdquo;Nichts Fürchterlicheres gibt es
-für einen Mann, als wenn eine Frau, die er nicht lieben kann, ihn immerzu mit
-ihrer Zärtlichkeit verfolgt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber von nun an haßte und verabscheute Fräulein von Pfnühl Herrn Dr. Bürstenfeger
-aus ganzer Seele.
-</p>
-
-<p>
-Auch sie begab sich gleich in ihre Kabine. Von Zorn und Bitterkeit erfüllt, schenkte
-sie sich ein Wasserglas Kognak ein und trank es mit einem Zuge aus.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Mehr als eine Woche war vergangen. Man war aus dem Bereich der Tropen.
-</p>
-
-<p>
-Seit St. Fernando d&rsquo;Oronho, der Verbrecherinsel, hatte man kein Land mehr
-gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Am zehnten Tage aber, gegen Mittag, kündeten vereinzelte Möwen die Nähe der
-Küste an, gegen Abend umkreisten sie in Scharen das Schiff. Am Horizont tauchten
-Dampfer und Segler auf.
-</p>
-
-<p>
-Bei Dunkelwerden fuhr die Lombardia ganz nahe an einem Feuerschiff vorbei.
-Carlos und Nicolás schwenkten jubelnd die Mützen.
-</p>
-
-<p>
-Am frühen Morgen erschien in der Ferne die schneebedeckte Spitze des Piks von
-Teneriffa; um Mittag aber sah man schon Palmen und schimmernde Häuser.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Land, Land!&ldquo; riefen Carlos und Nicolás beglückt aus ...
-</p>
-
-<p>
-Bald stieg der Lotse an Bord. Langsam führte er das Schiff in die Reede des
-felsenumstandenen Santa Cruz ...
-</p>
-
-<p>
-Die Lombardia sollte Kohlen laden.
-</p>
-
-<p>
-Sämtliche Passagiere begaben sich an Land. Man stieg zu Wagen und ließ sich
-im Städtchen umherfahren.
-</p>
-
-<p>
-Oberhalb der Stadt auf der Anhöhe speiste man im Hotel auf der Veranda mit
-dem Blick auf Felsen und Meer.
-</p>
-
-<p>
-Die Gesellschaft war in der heitersten Stimmung, denn endlich war man wieder
-an Land nach langer Seereise.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-<a id="pagehdr-136" class="pagehdr" title="Ein blinder Passagier"></a>
-Dann spazierte man auf den Berghängen umher, und als das erste Signal des
-Dampfers ertönte, kehrte man an Bord zurück ....
-</p>
-
-<p>
-Noch war die Lombardia lange nicht mit dem Laden fertig, die Krane lärmten,
-das ganze Schiff war schwarz vom Kohlenstaub.
-</p>
-
-<p>
-Aber die gute Laune der Passagiere dauerte unvermindert fort.
-</p>
-
-<p>
-Alle Welt war auf Deck; man wollte den Anblick der schönen Insel genießen, solange
-es noch hell war. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Der vorletzte Leichter hatte seine Arbeit beendet und sollte gerade abstoßen, als
-ein kleines schmächtiges Männchen in einem geflickten Zwillichanzug das Fallreep
-herunterstieg. Er war barhäuptig und trug ein kleines Bündel in der Hand; ein
-Matrose ging hinter ihm.
-</p>
-
-<p>
-Auf der letzten Stufe blieb er stehen und sah den Matrosen unschlüssig an. Aber
-dieser legte ihm die Hand auf die Schulter und zwang ihn in den Leichter zu steigen.
-</p>
-
-<p>
-Sein Bündel krampfhaft gefaßt, blickte der kleine Mann verzweifelt zum Deck der
-Lombardia hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Als der Leichter im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, streckte er die Arme
-in die Höhe und brach in lautes Weinen aus: &bdquo;Herr Kapitän, ich beschwöre Sie um
-Himmels willen, lassen Sie mich nicht auf dieser Insel zurück, nehmen Sie mich
-nach Barcelona mit, ich muß ja zu den Meinen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Kapitän, ein Mann mit einem dicken gutmütigen Gesicht, stand reglos an der
-Reling, mitten im Haufen der Passagiere, die neugierig herunterschauten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein blinder Passagier, der sich in Rio eingeschmuggelt hat und hier an Land
-gesetzt wird&ldquo;, erklärte der Kapitän einigen Umstehenden, die ihn mit Fragen bestürmten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um Himmels willen doch kein Anarchist!&ldquo; schrie Fräulein von Pfnühl auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum darf der arme Mann nicht mitfahren?!&ldquo; fragten Carlos und Nicolás
-voller Mitleid einen Herrn aus Coruña, der karierte Hosen trug.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil er sich eingeschmuggelt hat, wie ein Dieb, um umsonst zu fahren, versteht
-ihr, Jungens?!&ldquo; belehrte sie dieser.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Kapitän&ldquo;, schrie das Männchen hinauf und weinte herzbrechend, &bdquo;ich flehe
-Sie an, nehmen Sie mich mit; ich will ja wieder jede Arbeit tun; machen Sie mich
-doch nicht unglücklich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-<a id="pagehdr-137" class="pagehdr" title="Der Kapitän brummt etwas in den Bart"></a>
-&bdquo;Das fehlte noch,&ldquo; lachte der Herr aus Coruña, &bdquo;wir haben bei uns schon genug
-anarchistisches Gesindel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die meisten Passagiere schauten gleichmütig hinunter; einige bemitleideten das
-Männchen, andere lachten über sein Geschrei und seine komischen Armbewegungen.
-</p>
-
-<p>
-Der Kapitän zuckte die Achseln, brummte etwas in den Bart und trat von der
-Reling zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Kapitän, ist es erlaubt, dem armen Mann etwas Geld zu geben?!&ldquo; fragten
-aufgeregt Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erlaubt ist es schon, und brauchen wird er es wohl auch!&ldquo; lächelte der Kapitän.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás wollten sofort in die Kabine laufen, um ihre Sparbüchse zu
-holen.
-</p>
-
-<p>
-Aber Herr Dr. Bürstenfeger hielt sie zurück: &bdquo;Ihr habt keine Zeit, der Leichter
-fährt schon ab!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche und gab einem Matrosen ein Goldstück,
-der schnell das Fallreep hinunterlief und es dem noch immer laut weinenden Mann
-hinreichte.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick fuhr der Leichter weg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Gracias, gracias, Señores, que Dios se lo pague!</span>&ldquo; rief schluchzend der Mann
-und winkte mit dem Bündel zum Schiff hinauf ...
-</p>
-
-<p>
-Es war schon lange dunkel, als der letzte Kohlenleichter abstieß. Kurz darauf lichtete
-die Lombardia die Anker und verließ die Reede.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás standen noch lange auf Deck und sahen stumm nach den steilen
-Felsen der Insel, die allmählich in der Dunkelheit verschwanden.
-</p>
-
-<p>
-Es war ihnen traurig zumute.
-</p>
-
-<p>
-Nicolás sagte: &bdquo;Was wird wohl jetzt der arme Mann anfangen?&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Sechs Stunden vor der Lombardia hatte ein spanischer Dampfer, gleichfalls mit
-Bestimmung nach Barcelona, Teneriffa verlassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Den werden wir morgen vormittag schon eingeholt haben!&ldquo; sagte der Kapitän.
-</p>
-
-<p>
-Am Morgen spähten Carlos und Nicolás nach dem spanischen Dampfer aus, aber
-er war noch nicht sichtbar.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr aus Coruña mit den karierten Hosen stand, sein Fernglas in der Hand,
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-<a id="pagehdr-138" class="pagehdr" title="&bdquo;Der arme Anarchist ist wieder da!&ldquo;"></a>
-auf Deck, suchte den Horizont ab und sagte triumphierend: &bdquo;Den holen wir nie ein,
-der Kapitän hat wieder einmal den Mund zu voll genommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nicolás fragte verwundert: &bdquo;Freuen Sie sich denn, wenn jener dreckige Kasten
-gewinnt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein Landsmann bist du?&ldquo; fragte der Herr aus Coruña ein wenig herausfordernd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Argentiner!&ldquo; antwortete Nicolás stolz.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, und wenn jener dreckige Kasten ein Argentiner wäre, würdest du dich freuen,
-wenn unser Schiff gewönne?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; antwortete Nicolás &bdquo;denn wir sind ja selbst darauf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist mir ein trauriger Patriot,&ldquo; antwortete der Herr aus Coruña und klopfte
-ihm auf die Schulter, &bdquo;ich bin ein Spanier, und jener dreckige Kasten ist es auch, ich
-wünsche ihm von ganzen Herzen den Sieg!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Damit richtete er sein Fernglas wieder nach dem Horizont.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Als Carlos und Nicolás kurz darauf nach Zwischendeck gingen, waren sie aufs
-höchste überrascht: dort stand der blinde Passagier von gestern und putzte eifrig
-Blechteller.
-</p>
-
-<p>
-Er sah die Knaben, und sein Gesicht hellte sich auf. Rasch kam er auf sie zu, erfaßte
-ihre Hände und drückte sie lange und herzlich: &bdquo;Tausend Dank, meine kleinen Herren,
-Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen.&ldquo; Tränen standen in seinen Augen.
-&bdquo;Von einem Matrosen habe ich erfahren, daß Sie es waren, die mir das Geld
-schenkten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, aber wie sind Sie wieder aufs Schiff gekommen?!&ldquo; riefen Carlos und
-Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ... mit einem Boot!&ldquo; antwortete er und zwinkerte schlau mit den Augen.
-</p>
-
-<p>
-Jubelnd liefen Carlos und Nicolás zu Herrn Dr. Bürstenfeger: &bdquo;Der arme Anarchist
-ist wieder da!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gleichfalls überrascht hörte Herr Dr. Bürstenfeger die Nachricht. Schließlich
-meinte er nicht ohne Bedenklichkeit: &bdquo;Er wird sich doch nicht wieder eingeschmuggelt
-haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gleich begab er sich zum Schiffskommissar, um Näheres zu erfahren.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-<a id="pagehdr-139" class="pagehdr" title="Alle Ferngläser sind nach dem spanischen Dampfer gerichtet"></a>
-Der Schiffskommissar lachte: &bdquo;Das haben Sie auf dem Gewissen, mit Ihrem Geld
-hat er einen Bootsmann bestochen und sich als Kohlenträger in der Dunkelheit wieder
-eingeschlichen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Kommissar, dann wäre ich ja das indirekte Werkzeug dieser Tat!&ldquo; meinte
-Herr Dr. Bürstenfeger in peinlichster Verwirrung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Beruhigen Sie sich nur, in diesem Falle war es eine gute Tat; der arme Teufel
-wollte zu seiner schwerkranken Frau nach Barcelona und hatte kein Reisegeld, aber
-wir haben strenge Order, blinde Passagiere an Land zu setzen.&ldquo; Er lachte wieder.
-&bdquo;Da er nun aber wieder da ist, muß er mit nach Barcelona, ins Wasser kann man
-ihn nicht werfen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Beruhigt und erfreut antwortete Herr Dr. Bürstenfeger: &bdquo;Dann freilich war das
-die beste Wendung, Herr Kommissar!&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-Als Carlos und Nicolás am nächsten Morgen auf Deck erschienen, stand dort alle
-Welt, die Ferngläser und Operngucker nach dem spanischen Dampfer gerichtet, der
-einige Seemeilen vor ihnen herdampfte. Er entsandte eine dicke Rauchsäule; man
-konnte schon die Farben des Schornsteins erkennen.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr mit der Reisemütze lachte: &bdquo;Er will nicht schmählich überholt werden
-und arbeitet mit Volldampf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Franzose aus Teneriffa meinte: &bdquo;Auch die Lombardia spart nicht die Kohlen,
-sie sollte dem Spanier mehr Verachtung zeigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur zu, nur zu!&ldquo; meinte ein aufgeregter Herr aus Triest.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr aus Coruña stand abseits, zuckte die Achseln und versuchte hämisch und
-überlegen zu lächeln.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás aber glühten vor Stolz und Begeisterung für die Lombardia.
-</p>
-
-<p>
-Sie liefen zu ihrem Lehrer, der auf der anderen Seite des Decks stand: &bdquo;Herr
-Dr. Bürstenfeger, kommen Sie, wir überholen den Spanier, wir gewinnen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe keinen Sinn für diese alberne Wettfahrt,&ldquo; antwortete Herr Dr. Bürstenfeger,
-&bdquo;ich betrachte jetzt das Meer; so schön und so licht war es auf der ganzen
-Reise noch nicht, schaut doch: geradezu ins Unendliche scheint der Horizont gerückt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber Carlos und Nicolás waren bereits auf und davon und wieder zurück nach
-der anderen Deckseite.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-<a id="pagehdr-140" class="pagehdr" title="Vittorio Chiasaponte stellt seine Gattin vor"></a>
-Der Herr mit der fahlen Glatze, der neben ihnen stand, meinte kurz: &bdquo;Wenn dieser
-Spaß noch andauert, prophezeie ich beiden Schiffen eine Kesselexplosion!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es war am nächsten Tag; Carlos und Nicolás waren auf Zwischendeck. Unter
-den Passagieren, die in Teneriffa an Bord gekommen waren, sahen sie einen spindeldürren
-alten Mann mit einer Adlernase. Er trug einen verblichenen blauen Rock
-und Zwillichhosen. Über dem eingesunkenen Leib baumelte eine schwere silberne
-Uhrkette. Die magere Brust bedeckte eine Lavallièrekrawatte, reichlich bedeckt mit
-Speiseresten.
-</p>
-
-<p>
-Neben ihm auf einem Feldstuhl saß eine hagere, alte Frau in einem schmutzigen
-Waschkleide von sehr jugendlichem Schnitt, einen aufgespannten Sonnenschirm in
-der Hand. Das Gesicht war voller Falten, aber ihr schwarzes Haar, das seltsam aufgeklebt
-schien, zeigte keinen einzigen weißen Faden.
-</p>
-
-<p>
-Mit lauter Stimme, die manchmal überschnappte, und lebhaften Gebärden trug
-der Greis einem Haufen, der ihn umstand, ein Gesangstück vor.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás blieben in einiger Entfernung stehen und hörten zu.
-</p>
-
-<p>
-Als er geendet hatte, wurde laut bravo gerufen und geklatscht. Viele schrien
-begeistert: &bdquo;<span class="antiqua">Da capo, da capo!</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Alte dankte lächelnd herablassend und setzte sich neben die Frau auf einen
-Holzkoffer. Mit nachlässiger Gebärde holte er eine Zigarre aus seiner Tasche und
-steckte sie an.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás fragten sich; wer wohl diese beiden alten Leute sein möchten.
-</p>
-
-<p>
-Der Alte aber, der neulich Zeuge ihres Wiedersehens mit dem blinden Passagier
-gewesen war, hatte sie schon längst bemerkt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine jungen Herren,&ldquo; sagte er und verneigte sich leicht, &bdquo;ich weiß nicht, ob
-Sie meine Darbietung angehört haben; aber immerhin, wollen Sie uns nicht die
-Ehre erweisen, näher zu treten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er stand auf und machte eine großartige Verbeugung: &bdquo;Mein Name ist Vittorio
-Chiasaponte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Etwas verwirrt über eine so ungewöhnliche Ansprache, traten die Knaben heran.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier stelle ich Ihnen meine Gattin vor!&ldquo; Der Alte zeigte nach der Dame auf
-dem Feldstuhl, die sich mit einem huldreichen Lächeln verneigte. &bdquo;Santa Madonna,
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-<a id="pagehdr-141" class="pagehdr" title="&bdquo;Der Ratschluß der grausamen Nachwelt&ldquo;"></a>
-ohne mich brüsten zu wollen, aus dem Nichts zog ich sie einst empor, in Lumpen
-gehüllt; ich brachte sie zur Erkenntnis ihres schlichten Talentes, machte sie zur Sängerin,
-die sie wurde, machte sie zu meiner Gattin!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das tat er&ldquo;, nickte sie mit Überzeugung. Und emphatisch die Hand in die Höhe
-bewegend: &bdquo;Er, der große Vittorio! Ich habe ihm zu danken bis zu meinem letzten
-Atemzuge!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schon gut, schon gut, Elvira&ldquo;, winkte der Künstler gutmütig ab. Mit schmerzlichem
-Pathos fuhr er fort: &bdquo;Freilich, Signorini, die Zeit meines großen Wirkens
-liegt hinter mir, die Zeit, da mein Name in der Welt jenen Klang hatte, den heute
-noch die Annalen eines Teatro San Carlo und einer Scala verzeichnen, und der
-erlöschen muß, wenn es der Ratschluß der grausamen Nachwelt bestimmt, die Schauspielern,
-Sängern und Virtuosen niemals dankbar war!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vittorio, das wird nicht geschehen!&ldquo; rief die Gattin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie dem auch sei!&ldquo; Zwei Zornesfalten erschienen auf seiner Stirn. &bdquo;Der Schauplatz
-meines Wirkens hat sich verändert; Haß und Neid haben mich von den großen
-Bühnen vertrieben; einzig allein mir selbst angehörend, reise ich mit meiner treuen,
-geliebten Elvira als freier Künstler in der Welt umher!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bravo, bravissimo!&ldquo; sagte ein kleiner Mann, der ein rotes Halstuch trug. Ein
-Beifallsgemurmel ertönte umher.
-</p>
-
-<p>
-Chiasaponte trat einen Schritt zurück und machte vor Carlos und Nicolás nochmal
-eine Verbeugung: &bdquo;Signorini, meine Gattin und ich stehen mit unserem reichen
-Repertoire&ldquo;, er zeigte in der Richtung der ersten Klasse, &bdquo;einem hochdistingierten,
-hochkultivierten Publikum jederzeit zur Verfügung. Wenn Sie geneigt wären, in
-diesem Sinne ein Abkommen zu vermitteln, wäre an Chiasaponte die Reihe, Ihnen
-zu dienen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás standen ein wenig verlegen da, sie hatten den Inhalt seiner
-Rede nicht ganz verstanden.
-</p>
-
-<p>
-Der kleine Mann mit dem roten Halstuch trat vor: &bdquo;Il Signor Chiasaponte bittet
-euch, zu euren Leuten in die erste Klasse zu gehen und ihnen die Mitteilung zu
-machen, daß zwei große Künstler&ldquo;, er wies auf das Paar, &bdquo;oben eine Gesangsvorstellung
-zu veranstalten beabsichtigen &mdash; selbstverständlich&ldquo;, der kleine Mann
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-<a id="pagehdr-142" class="pagehdr" title="Eine improvisierte Bühne auf Deck"></a>
-neigte sein Gesicht zu Carlos und Nicolás herab und rieb den Daumen gegen den
-Zeigefinger &mdash; &bdquo;gegen entsprechende Bezahlung!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben hatten jetzt vollkommen begriffen. Hocherfreut über die Aussicht
-auf Theater, eilten sie nach der ersten Klasse.
-</p>
-
-<p>
-Der Vorschlag wurde von der Gesellschaft angenommen. Die Honorarbedingungen
-lauteten: Nach der Vorstellung wird eingesammelt.
-</p>
-
-<p>
-Chiasaponte war mit dem Anerbieten vollkommen einverstanden. In Sachen der
-Kunst, meinte er, sei die Geldfrage Nebensache.
-</p>
-
-<p>
-Die Vorstellung wurde für den nächsten Tag bestimmt. Carlos und Nicolás konnten
-die Zeit kaum erwarten.
-</p>
-
-<p>
-Am folgenden Abend nach dem Essen stand auf Deck eine improvisierte Bühne.
-Straff gespannte Segeltücher, mit Fahnen behängt, bildeten den Hintergrund und
-die Seiten, zwei große Fahnen den Vorhang.
-</p>
-
-<p>
-Das Publikum erschien vollzählig und pünktlich. Auch die Passagiere der zweiten
-Klasse waren eingeladen; die Versammlung bestand aus mehr als sechzig Personen.
-</p>
-
-<p>
-Bereits über zehn Minuten wartete man; das Publikum wurde ungeduldig,
-begann zu scharren und zu stampfen.
-</p>
-
-<p>
-Da sahen Carlos und Nicolás in der Dunkelheit zwei abenteuerlich gekleidete
-Gestalten die Treppe nach Deck hinaufsteigen und schnell hinter der Bühne verschwinden.
-</p>
-
-<p>
-Der Vorhang bewegte sich, man hörte dahinter leise und aufgeregt sprechen. Die
-Knaben unterschieden Chiasapontes Stimme. Dann wurde es still, und bald nachher
-öffnete sich der Vorhang. Rechts im Vordergrund der Bühne stand das Klavier vom
-Salon. Daran saß ein Herr aus der ersten Klasse, der sich lächelnd gegen das Publikum
-verneigte. Links weiter hinten stand ein kleiner runder Tisch.
-</p>
-
-<p>
-Hinter der Szene hörte man wieder Chiasapontes Stimme, eine Hand mit einem
-Glas Wasser kam zum Vorschein. Der Herr am Klavier stand auf, nahm das Glas
-und stellte es auf den Tisch.
-</p>
-
-<p>
-Kurz darauf erschienen beide Künstler. Durch den Zuschauerraum ging eine
-Bewegung. Carlos und Nicolás reckten die Hälse.
-</p>
-
-<p>
-Chiasaponte trug einen roten Samtrock mit einem Spitzenkragen, rote Pluderhosen
-und lange schwarze Strümpfe, die einige Löcher hatten, als Fußbekleidung
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-<a id="pagehdr-143" class="pagehdr" title="Ein Duett"></a>
-die Stiefel, welche er immer trug, auf dem Kopf eine weiße Perücke, an der Seite
-einen Degen. Sein Gesicht war sehr stark geschminkt, die hageren Waden ausgestopft;
-den eingesunkenen Leib bedeckte ein gestreiftes Kissen, das unter seiner
-schlecht schließenden Weste sichtbar war.
-</p>
-
-<p>
-Die Künstlerin hatte ein verblaßtes Atlaskleid an mit roten Papierblumen, trug
-eine hohe weiße Perücke und war sehr ausgeschnitten. Auf ihrem grotesk geschminkten
-Gesicht prangten Schönheitspflästerchen, die Augen leuchteten schwarz wie Kohlen.
-Weiße schmutzige Atlasschuhe mit abgetretenen Absätzen zierten ihre Füße.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt wandte sich die Künstlerin halb ihrem Partner zu, legte die Hand auf ihren
-Busen und begann in hohem Sopran zu singen.
-</p>
-
-<p>
-Schon bei den ersten Tönen preßte Herr Dr. Bürstenfeger seine Hände zusammen,
-verzog schmerzlich das Gesicht und murmelte: &bdquo;Ach schrecklich, arme Frau!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Chiasaponte griff nach der Hand der Künstlerin. Aber sie trippelte lächelnd zurück,
-mit schnell verneinenden Bewegungen des Kopfes. Er näherte sich ihr singend, die
-Hand auf der Brust.
-</p>
-
-<p>
-Nochmal verzog Herr Dr. Bürstenfeger schmerzlich sein Gesicht, denn auch sein
-Tenor erschien ihm ganz unerträglich.
-</p>
-
-<p>
-Wieder griff Chiasaponte nach ihrer Hand. Sie wich nicht mehr zurück, sondern
-lehnte ihren Kopf an seine Schulter und lächelte zu ihm hinauf. Sie sangen ein Duett.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich stieß er sie zurück. Seine Miene war mit einem Schlage verändert, die
-Augen schossen Blitze; sein Tenor erscholl drohend und racheheischend.
-</p>
-
-<p>
-Unter den Zuschauern hörte man unterdrücktes Kichern; irgendwo rief jemand
-laut: &bdquo;Bravo!&ldquo; Mit flammenden Backen verfolgten Carlos und Nicolás die Vorgänge.
-</p>
-
-<p>
-Flehend und beteuernd mischte sich Donna Elviras Gesang in den Chiasapontes.
-</p>
-
-<p>
-Er langte in eine Seitentasche und überreichte ihr wild triumphierend einen Brief,
-worauf er seinen Degen zog.
-</p>
-
-<p>
-Sie überflog die Zeilen, ihr Busen wogte heftig. Schmerzlich aufschreiend warf
-sie den Brief von sich und sang mit wild verzweifelten Gebärden eine leidenschaftliche
-Arie.
-</p>
-
-<p>
-Er warf seinen Degen auf die Erde und schlug sich mit den Fäusten gegen die
-Brust. Flehentlich näherte er sich ihr.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-<a id="pagehdr-144" class="pagehdr" title="Chiasaponte ist die rechte Wade heruntergerutscht"></a>
-Sie machte eine streng abwehrende Bewegung, ging nach dem Tisch und griff
-nach dem Glase.
-</p>
-
-<p>
-Er fiel auf die Knie und rang die Hände zu ihr empor.
-</p>
-
-<p>
-Die Heiterkeit beim Publikum wuchs.
-</p>
-
-<p>
-Chiasaponte trat an die Rampe, und gegen das Auditorium gewandt, gab er in
-einer langen Arie verzweifelt kund, sie werde nun doch das Gift nehmen, und
-niemand könne sie mehr erretten.
-</p>
-
-<p>
-Die rechte Wade war ihm heruntergerutscht, die Perücke saß ihm schief auf dem
-Kopf, seine Stimme schnappte wiederholt über.
-</p>
-
-<p>
-Das Lachen beim Publikum wurde immer haltloser. Der Herr mit der Reisemütze,
-der Carlos und Nicolás schräg gegenüber saß, hatte sein Taschentuch in den
-Mund gestopft und wand sich.
-</p>
-
-<p>
-Carlos zupfte Herrn Dr. Bürstenfeger am Rock und fragte: &bdquo;Ist das ernst oder
-komisch?&ldquo; Nicolás sagte leise: &bdquo;Ich glaube komisch.&ldquo; &bdquo;Eher wohl ernst&ldquo;, meinte kurz
-Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Mit wachsendem Feuereifer sang Chiasaponte. Hinten lag seine Gattin schon
-längst als Leiche auf der Erde.
-</p>
-
-<p>
-Nun war die Arie beendet. Laute Bravo-, <span class="antiqua">bis, da capo</span>-Rufe ertönten.
-</p>
-
-<p>
-Chiasaponte verbeugte sich verschiedene Male.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Bis, da capo!</span>&ldquo; ertönte es von neuem.
-</p>
-
-<p>
-Nochmal sang er die Arie. Darauf kehrte er sich nach seiner Gattin um.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Schrei taumelte er zurück; dann aber machte er einige Schritte vorwärts,
-und nach einem kurzen, ergreifenden Schlußgesang bückte er sich nach seinem
-Degen, stieß ihn sich in den Leib und fiel neben seine Gattin nieder.
-</p>
-
-<p>
-Ein grenzenloser Applaus erfolgte. Man stampfte, jubelte, der Beifall wollte
-nicht enden.
-</p>
-
-<p>
-Das Paar erhob sich; Chiasaponte nahm die Hand seiner Gattin, sie traten bis
-zur Rampe und verbeugten sich viele Male; worauf sie sich dann wieder zurückzogen.
-</p>
-
-<p>
-Kurz danach erschien Donna Elvira mit einem Teller unter den Zuschauern. Man
-war allgemein in der freigebigsten Stimmung. Gold und Banknoten flogen in den
-Teller. Die Künstlerin ging die Reihen auf und ab, der Teller zitterte in ihrer Hand.
-Beinahe taumelnd verschwand sie hinter der Szene.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-<a id="pagehdr-145" class="pagehdr" title="Ein Widerhall des Geistes"></a>
-Das Publikum begann sich von den Plätzen zu erheben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pst, stille!&ldquo; ertönte es plötzlich, denn in demselben Augenblick erschienen wieder
-beide Künstler auf der Bühne. Ihm wie ihr rannen dicke Tränen über die geschminkten
-Backen.
-</p>
-
-<p>
-Sie traten bis zur Rampe und verbeugten sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Damen und Herren ...&ldquo;, begann Chiasaponte. Seine Stimme bebte, er
-hielt inne und schluckte heftig. &bdquo;... Ich danke Ihnen ... Wohl weiß ich,&ldquo; zitternd
-berührte er seine Kehle, &bdquo;daß ich nicht meiner Stimme diesen Erfolg zu verdanken
-habe ... sie ist nicht mehr die frühere; ich bin ein Greis ... aber das, was höher
-steht als die Materie, der Geist, der zu den Gemütern spricht, er ist noch nicht ganz
-erloschen, er hat einen Widerhall bei Ihnen gefunden!&ldquo; &mdash; Wieder hielt er inne
-&bdquo;Meine Damen und Herren, nicht immer hat man Gelegenheit, vor ein solches
-Publikum zu treten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Künstler verneigten sich und zogen sich von der Szene zurück.
-</p>
-
-<p>
-Im Publikum war große Stille. Allmählich ging man auseinander.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum weinten sie, sie haben ja soviel Geld bekommen?&ldquo; fragte Carlos Herrn
-Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Arme, arme Menschen&ldquo;, flüsterte der Lehrer.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-5">
-Europa
-</h3>
-
-<p class="ded">
-<span class="line1">Ilona Ritscher</span><br />
-<span class="line2">gewidmet</span>
-</p>
-
-<p class="first">
-Ein paar Tage waren vergangen. Morgen in der Frühe würden Carlos und
-Nicolás zum ersten Male die Küste Europas erblicken.
-</p>
-
-<p>
-Vor freudiger Aufregung konnten sie die halbe Nacht nicht schlafen.
-</p>
-
-<p>
-Kurz nach Sonnenaufgang waren sie schon wach. Sie schauten durch die Luke,
-sahen aber nichts als Himmel und Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Schnell zogen sie sich an und eilten auf Deck; nirgends sah man noch Land.
-</p>
-
-<p>
-Vor acht Uhr würde noch nichts zu sehen sein, erklärte ein Matrose.
-</p>
-
-<p>
-Von Ungeduld erfüllt, gingen Carlos und Nicolás bis zur Spitze des Schiffes;
-dort waren sie der Küste näher.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-<a id="pagehdr-146" class="pagehdr" title="Ein langgezogenes dumpfes Signal ertönt"></a>
-Carlos sagte: &bdquo;Man sieht nur Schiffe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein kalter Wind wehte; sie froren und kehrten aufs Promenadendeck zurück.
-</p>
-
-<p>
-Dort standen einige Passagiere und schauten mit Ferngläsern nach dem Horizont.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieht man was?&ldquo; fragte Carlos gespannt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, noch nichts!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger erschien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus,&ldquo; sagte er, &bdquo;ihr seid heute frühzeitig auf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; antwortete Nicolás, &bdquo;wir sind ja bald in Europa.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, das wird noch eine kleine Weile dauern&ldquo;, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger
-lächelnd.
-</p>
-
-<p>
-Bald ertönte die Frühstücksglocke.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás gingen widerwillig hinunter und ärgerten sich, weil Herr
-Dr. Bürstenfeger so gemächlich kaute.
-</p>
-
-<p>
-Als sie wieder oben waren, sagte ein Offizier, man würde jetzt schon Land sehen,
-wenn die Luft klarer wäre.
-</p>
-
-<p>
-Eine Stunde verging; es wurde immer dunstiger. Noch immer sah man kein Land.
-</p>
-
-<p>
-Geärgert und gelangweilt gingen Carlos und Nicolás in den Salon und spielten
-Mühle.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal blickten sie zum Fenster hinaus; ein Dampfer und zwei Segler fuhren
-an ihnen vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Als die Knaben auf Deck zurückkehrten, erfuhren sie, daß man bereits am Eingang
-der Meerenge sei.
-</p>
-
-<p>
-Aber Land sah man nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie schade, nicht einmal Afrika&ldquo;, sagte Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir bekommen Nebel,&ldquo; sagte der Herr mit der Reisemütze, &bdquo;das wird eine schöne
-Durchfahrt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Einige Seemeilen von ihnen fuhr ein Schiff in leichte Dunstschleier gehüllt.
-</p>
-
-<p>
-Etwas später saß man beim Lunch. Der Kapitän war nicht zu Tisch erschienen.
-</p>
-
-<p>
-Kaum waren die Passagiere mit dem Essen fertig, als über ihren Köpfen ein langgezogenes
-dumpfes Signal ertönte.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr mit der fahlen Glatze rief aus: &bdquo;Die Sirene, da haben wir die Bescherung!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-<a id="pagehdr-147" class="pagehdr" title="Eine peinliche Erscheinung"></a>
-Alles ging schnell auf Deck. Es war bereits starker Nebel, man sah kaum zweihundert
-Meter weit.
-</p>
-
-<p>
-Wieder ertönte laut und dumpf die Sirene.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unverantwortlich vom Kapitän, sich bei solchem Nebel in die Meerenge zu wagen;
-ich mache mich auf alles gefaßt!&ldquo; rief der Herr mit der fahlen Glatze aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir fahren jetzt nur mit halber Kraft&ldquo;, bemerkte der Herr mit der Reisemütze.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr mit der Glatze meinte: &bdquo;Damit uns ein fixer Engländer um so leichter
-in den Grund rennt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger sah ihn an und dachte: Eine peinliche Erscheinung!
-</p>
-
-<p>
-Irgendwo hörte man ein Nebelhorn, ganz in der Ferne eine Sirene.
-</p>
-
-<p>
-Der Nebel wurde dichter; immer häufiger gab die Lombardia ihre Signale.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Brrr, diese Feuchtigkeit dringt in die Knochen&ldquo;, bemerkte Herr Dr. Bürstenfeger.
-&bdquo;Karl und Nikolaus, geht hinunter und holt eure Mäntel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás gingen in ihre Kabine. Gleich erschienen sie wieder in ihren
-Pelerinenmänteln, die Kapuzen über die Köpfe gezogen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man kann nicht mal mehr bis zur Spitze des Schiffes sehen&ldquo;, sagte Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es wird immer schlimmer&ldquo;, murmelte Herr Dr. Bürstenfeger zwischen den Zähnen.
-</p>
-
-<p>
-Wieder hörte man ein Nebelhorn.
-</p>
-
-<p>
-Grausiges Getute, dachte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus, marschieren wir etwas schneller, es ist sehr kalt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kurz darauf ging er mit ihnen ins Rauchzimmer.
-</p>
-
-<p>
-Vier Herren spielten Karten, der Schiffsarzt stand dabei und rauchte eine Toskanazigarre.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich leise an ihn: &bdquo;Wird dieser schreckliche Nebel
-noch lange anhalten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schiffsarzt zuckte die Achseln: &bdquo;Das ist sehr schwer vorauszusehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist wohl ernstliche Gefahr vorhanden?&ldquo; fragte Herr Dr. Bürstenfeger noch leiser.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O nein, kaum; unser Kapitän ist sehr vorsichtig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger nahm ein Buch zur Hand und setzte sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lassen Sie uns bitte wieder hinaus, Herr Dr. Bürstenfeger,&ldquo; baten Carlos und
-Nicolás, &bdquo;es ist schrecklich langweilig hier.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut, aber ich komme mit euch&ldquo;, antwortete der Lehrer.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-<a id="pagehdr-148" class="pagehdr" title="Hinter der Kommandobrücke neben dem Schornstein"></a>
-Sie traten hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Nicht weit von ihnen ertönte eine Sirene; die Lombardia gab Antwort.
-</p>
-
-<p>
-Der Nebel war noch dichter geworden.
-</p>
-
-<p>
-An der Reling lehnte der fröhliche Priester.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube, unser Dampfer steht still&ldquo;, sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr mit der Reisemütze tauchte auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Dampfer kommt uns entgegen,&ldquo; raunte er Herrn Dr. Bürstenfeger zu;
-&bdquo;gehen wir nach vorn und stellen wir uns hinter die Kommandobrücke!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger, gehen wir!&ldquo; drängten die Knaben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ihr müßt euch dort ganz still verhalten, um die Offiziere nicht zu stören&ldquo;,
-sagte der Herr mit der Reisemütze.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen nach Zwischendeck, stiegen dort eine schmale Treppe hinauf und standen
-hinter der Kommandobrücke neben dem Schornstein.
-</p>
-
-<p>
-Vorn, unter ihnen saßen und kauerten die Emigranten, fröstelnd in ihre Mantel
-und Decken gehüllt.
-</p>
-
-<p>
-Wie Chirurgen bei einer schweren Operation standen schweigend die Offiziere
-hinter ihren Instrumenten.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Gegenwart erfüllte Herrn Dr. Bürstenfeger mit Beruhigung.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich machte er von eisigem Schrecken erfaßt einen Satz.
-</p>
-
-<p>
-Auch der Herr mit der Reisemütze und die Knaben fuhren zusammen. Denn gerade
-über ihnen ertönte markerschütternd der Schrei der Sirene.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um Gottes willen!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger und preßte die Hände an die
-Ohren.
-</p>
-
-<p>
-Sofort kam die Antwort des Dampfers vor ihnen, und wieder heulte die Sirene
-der Lombardia.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn wir nur endlich aus diesem schrecklichen Nebel heraus wären!&ldquo; Die Hände
-fest an die Ohren gepreßt, starrte Herr Dr. Bürstenfeger in den dichten Nebel, er
-fühlte eine Beklemmung auf der Brust, Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Miserikordia!&ldquo; ertönte es plötzlich aus dem Haufen der Emigranten; mitten unter
-ihnen stand der Herr mit der fahlen Glatze und verbreitete Panik. Man sah seine
-Hände im Nebel fuchteln.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt stieg ein Offizier schnell die Treppe von der Kommandobrücke hinab.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/148a.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-<a id="pagehdr-149" class="pagehdr" title="Lichter gleiten im Nebel vorüber"></a>
-Carlos und Nicolás sahen, wie er energisch auf den Herrn mit der fahlen Glatze
-zuschritt und in der Richtung der ersten Klasse zeigte.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr mit der fahlen Glatze duckte sich und verschwand.
-</p>
-
-<p>
-Nochmals heulte die Sirene über ihnen; ganz nahe erfolgte die Antwort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Karl und Nikolaus, gehen wir nach dem Promenadendeck&ldquo;, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Sie kehrten zurück.
-</p>
-
-<p>
-An der Reling lehnte ernst der fröhliche Priester, sein Brevier in der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Beinahe alle Passagiere waren auf Deck.
-</p>
-
-<p>
-Fräulein von Pfnühl saß in ihrem Reisestuhl in ihren Schal gehüllt und weinte
-leise: &bdquo;Wir werden untergehen; mein guter, lieber Bruder, du siehst mich nie
-wieder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bewegungslos stand die Lombardia, die Sirene heulte. Aus nächster Nähe erfolgte
-jetzt die Antwort des fremden Dampfers.
-</p>
-
-<p>
-Herrn Dr. Bürstenfegers Herz krampfte sich zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Einige Sekunden vergingen; Lichter glitten im Nebel vorüber.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott sei Dank ... er ist an uns vorbei!&ldquo; murmelte Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Bald setzte die Lombardia wieder zu langsamer Fahrt an.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger ging mit Carlos und Nicolás ins Rauchzimmer; die vier
-Herren waren noch immer in ihr Kartenspiel vertieft.
-</p>
-
-<p>
-In einer Ecke saß stumm und finster der Herr mit der fahlen Glatze und brütete
-vor sich hin ...
-</p>
-
-<p>
-Nicolás zeigte heimlich auf ihn und sagte zu Carlos: &bdquo;Er ist noch wütend über
-den Anschnauzer, den er vom Offizier bekommen hat ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zwei Stunden war die Lombardia langsam weitergefahren. In kurzen, regelmäßigen
-Abständen gab sie ihre Warnungssignale.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich ertönten nahe vor dem Schiffe Schreie, zugleich laut ein Nebelhorn.
-Einige Barken huschten wie Schatten dicht an der Lombardia vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Die Maschine des Dampfers arbeitete nach rückwärts. Das Schiff stand.
-</p>
-
-<p>
-Sämtliche Passagiere waren aufs Deck gestürzt. Von rechts und links kam schrilles
-Pfeifen; wieder ertönten Nebelhörner, dazwischen Schimpfen und Fluchen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sind in eine Fischerflottille geraten&ldquo;, rief ein Steward.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-<a id="pagehdr-150" class="pagehdr" title="Gibraltar erstrahlt in tausend Lichtern"></a>
-&bdquo;Um Gottes willen, man hat doch keine Barke überfahren?!&ldquo; rief Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist nichts passiert&ldquo;, lachte der Steward ...
-</p>
-
-<p>
-Die Schreie und Rufe verklangen in der Ferne.
-</p>
-
-<p>
-Eine Möwe flog nahe an Carlos und Nicolás vorbei, beinahe die Reling
-streifend.
-</p>
-
-<p>
-Lange rührte sich die Lombardia nicht von der Stelle, unaufhörlich ertönten ihre
-Signale.
-</p>
-
-<p>
-Dann fuhr sie wieder langsam weiter ...
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Nachtessen saß Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Rauchzimmer.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Sofa saß die Dame aus Patagonien, neben ihr der Herr mit der Reisemütze.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Heute nacht gehe ich nicht zu Bett!&ldquo; sagte sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Klügste wäre, wir blieben alle auf&ldquo;, bemerkte er.
-</p>
-
-<p>
-Lange saß man schweigend.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich rief Carlos aus: &bdquo;Es tutet ja schon lange nicht mehr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In dem Augenblick kam der Herr aus Coruña hereingelaufen und rief laut und
-freudig: &bdquo;Meine Herrschaften, der Nebel zerteilt sich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alles eilte auf Deck. Man sah weit hinaus ins Meer. Hell erleuchtete Schiffe
-fuhren vorüber.
-</p>
-
-<p>
-Gibraltar erstrahlte in tausend Lichtern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie, Europa!&ldquo; riefen Carlos und Nicolás.
-</p>
-
-<p>
-Bald leuchteten sämtliche Sterne am Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Ein großer Dampfer fuhr mit Musik nahe an der Lombardia vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger stand noch eine Weile mit Carlos und Nicolás auf Deck,
-dann ging er hinunter in den Salon, und von Begeisterung erfüllt, setzte er sich ans
-Klavier und spielte Beethovens Eroika ...
-</p>
-
-<p>
-Zwei Tage später war man in Barcelona.
-</p>
-
-<p>
-Schon frühmorgens war ein großer Teil der Emigranten ausgeschifft worden.
-</p>
-
-<p>
-Etwas später stiegen die Passagiere der ersten Klasse aus.
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás standen auf Deck.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-<a id="pagehdr-151" class="pagehdr" title="Letzte große Station vor Mufflingen"></a>
-&bdquo;Schade, daß wir nicht an Land können, weil das Schiff so kurze Zeit hält&ldquo;, sagte
-Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist es denn in Deutschland nicht schöner als hier?!&ldquo; bemerkte tief enttäuscht
-Carlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Barcelona ist eine schöne spanische Stadt, freilich ist dies hier von der Ferne aus
-schwer zu beurteilen&ldquo;, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber Deutschland ist doch viel schöner?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es wird euch dort schon gefallen&ldquo;, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt stieg die schöne Dame mit den Purpurlippen in Begleitung eines jungen
-Exdeputierten aus Buenos Aires als Letzte in die unten wartende Barkasse.
-</p>
-
-<p>
-Unzähliges Handgepäck folgte.
-</p>
-
-<p>
-Die Barkasse stieß ab.
-</p>
-
-<p>
-Die schöne Frau sah Carlos und Nicolás oben an der Reling stehen und warf ihnen
-zum Abschied Kußhände zu.
-</p>
-
-<p>
-Carlos und Nicolás winkten mit den Taschentüchern und schrieen aus Leibeskräften:
-&bdquo;Adieu, adieu, auf Wiedersehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schon gut, schon gut, jetzt hört mal endlich auf!&ldquo; sagte Herr Dr. Bürstenfeger
-ärgerlich und legte ihnen die Hand auf die Schulter ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Zwei Tage später in der Frühe fuhr die Lombardia in den Hafen von Genua ein.
-</p>
-
-<p>
-Beinahe alle Passagiere waren auf Deck.
-</p>
-
-<p>
-An der Reling standen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás, neben
-ihnen das Handgepäck und die Kiste mit den Affen.
-</p>
-
-<p>
-Die Knaben dachten: Wie schön, bald sind wir in Mufflingen!
-</p>
-
-<p>
-Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: &bdquo;Genua, Königin des Meeres, letzte große
-Station vor meiner Heimat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auf Zwischendeck standen zwischen Koffern, Ballen und zusammengerollten Matratzen
-die Emigranten zum Aussteigen bereit.
-</p>
-
-<p>
-Ganz vorn an der Spitze lehnte an der Reling ein alter Mann.
-</p>
-
-<p>
-Vierzig Jahre war er von seiner Vaterstadt fortgewesen. Arm wie er fortgezogen,
-kehrte er jetzt wieder zurück.
-</p>
-
-<p>
-Die Lippen aufeinandergepreßt, blickte er schon lange auf das sich nahende Genua.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-<a id="pagehdr-152" class="pagehdr" title="&bdquo;Genova mia Genova&ldquo;"></a>
-Plötzlich breitete er die Arme aus, und laut weinend rief er, daß es über das ganze
-Schiff ertönte: &bdquo;<span class="antiqua">Genova mia Genova!</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auf den Hafendocks spazierte Fräulein von Pfnühls guter Bruder. In Angst und
-Sorge wartete er auf seine Schwester. Er wußte, daß sie sich dem Trunk ergeben
-hatte, und stand bereits mit einer Alkoholentziehungsanstalt Mitteldeutschlands in
-Verbindung.
-</p>
-
-<p class="end">
-&mdash; Ende &mdash;
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/backcover.jpg" alt="" /></div>
-
-
-<h2 class="footnotes">Fußnoten</h2>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Ein aus Lederriemen gedrehtes Seil, an dessen Enden Eisenkugeln hängen; zum Einfangen
-von Tieren.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Verächtliche Bezeichnung für Fremder.
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Korrekturen (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren <span class="underline">Umzäumungen</span> ...<br />
-... trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren <a href="#corr-1"><span class="underline">Umzäunungen</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten <span class="underline">ein</span> Hütte, machten ...<br />
-... Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten <a href="#corr-3"><span class="underline">eine</span></a> Hütte, machten ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... auf dem ich sitze<span class="underline">.</span>&ldquo; ...<br />
-... auf dem ich sitze<a href="#corr-5"><span class="underline">?</span></a>&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen Abständen schwere <span class="underline">Schritt</span> ...<br />
-... Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen Abständen schwere <a href="#corr-8"><span class="underline">Schritte</span></a> ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Carlos und Nicolás, by Rudolf Johannes Schmied
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARLOS UND NICOLÁS ***
-
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