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-The Project Gutenberg EBook of Die Einsamkeit, by Christoph August Tiedge
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Einsamkeit
-
-Author: Christoph August Tiedge
-
-Release Date: February 15, 2017 [EBook #54170]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMKEIT ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Im Original kursiver Text ist _so dargestellt_.
-
- Die Originalschreibweise wurde beibehalten.
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-
- _Die Einsamkeit_
-
- _von_
-
- _August Tiedge._
-
- _Leipzig
- in der Sommerschen Buchhandlung._
-
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-
-DIE EINSAMKEIT.
-
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-
-_Vorbericht._
-
-
-_Ueber die nachstehende Epistel hätte ich dem Publikum eigentlich
-nichts zu sagen, wenn mir nicht die Ursache ihrer Erscheinung ein paar
-Worte abnöthigte, die mich sehr die Verlegenheit fühlen lassen, von
-mir selbst reden zu müssen. Ich gehe damit um, meine zum Theil noch
-ungedrukten, zum Theil aber seit 1783 zerstreut erschienenen Episteln,
-nach einer strengen Auswahl und Durchsicht, in einer Samlung den Händen
-des Publikums zu übergeben, wovon nun schon eine nähere Ankündigung
-erschienen ist. Mancherlei Ursachen bestimmen mich, den freilich oft
-gemisbrauchten Weg der Pränumeration einzuschlagen. Sehr viele meiner
-Freunde haben sich indessen für mein Unternehmen interessirt. Und
-wenn mich die Aussicht eines entsprechenden Erfolgs bei den ersten
-Schritten nicht durchaus verläst: so wird die ganze Samlung meiner
-epistolarischen Gedichte Michaelis dieses Jahres ohnfehlbar erscheinen,
-unter Bedingungen, welche die bereits ausgegebene Anzeige darlegt.
-Die gegenwärtige Epistel über die Einsamkeit soll eine Vorläuferin
-der ganzen Samlung seyn, um dem Publikum, dem ich nur aus früheren
-Ausstellungen bekannt bin, den Erwartungspunkt an die Hand zu geben.
-Ich glaube dies unsern Zeiten schuldig zu seyn, die mit einem sehr
-begreiflichen Widerspruche zu sehr und zu wenig poetisch sind._
-
- _Halberstadt, im Januar 1792._
-
-
-
-
-_An_
-
-_Lina._
-
-
-
-
- Es giebt auf Gottes schöner Welt
- Gewis noch manche schöne Stelle,
- Wo ich mir wol ein Hirtenzelt
- Hinbaut', an einer kleinen Quelle,
- Verstekt in einem Schweizerthal,
- Wo, wenn die Wind' aus Norden stürmten,
- Vertraute Pappeln mich beschirmten,
- Und wo ein Wäldchen, wenn der Stral
- Aus Südens Feuerschoos die Schwinge
- Dem West versengte, mich empfinge:
- Wo ich, vom Drang und Schein der Dinge,
- Von Lug und Trug der Menschen fern,
- Mich vest an meine Stille schmiegte;
- Wo ich den lezten Hang zum Spott,
- Den ein bethörter Donquixott
- Sonst leicht in Flammen blies, besiegte.
- Ja solch ein Pläzchen liegt noch hier
- Und da verstekt; allein vor allen
- Hat Dein geliebter Hügel mir
- Im Schlehenkranze wohlgefallen,
- Wo friedlicher die Lüfte wehn;
- Wo durch das Thal der Nachtigallen
- Sich lieblicher die Bäche drehn;
- Wo silberner die Blüten wallen,
- Die von des Frülings Schoose fallen.
-
- Wie einsam steht er da! wie schön!
- Im frischgewebten Feierkleide,
- Als hätt' er sich zum Tanz geschmükt;
- So schön, wie in der grünen Seide
- Kaum Minnas weisser Finger stikt,
- Und welche Aussicht in die Auen,
- Die er beherrscht! — O Freundin, hier,
- Hier möcht' ich mir die Hütte bauen,
- Wo Turteltauben über mir
- In schönen Zweigen traulich girrten,
- Und zu der Hand des stillen Hirten
- Herunter flatterten, und sich
- Vertrügen unter meinem Zelte,
- Und mich umschmeichelten, wenn ich
- Zur Botin eines Briefs an Dich
- Die kleine Tejerin bestellte.
-
- Da legt' ich mir ein Gärtchen an,
- Und flüsternd sollten, wie Gedanken
- Der Liebe Deine Seel' umranken,
- Die Spröslinge der Rebe dann
- Mein kleines Ohnesorg' umschwanken.
- Da wär' ich erst ein freier Mann,
- So frei, wie meine Nachtigallen;
- Da lüd' ich aus dem nahen Hain
- Die Sänger in die grünen Hallen,
- Zu süssen Wettgesängen, ein.
- Wir sängen, bis am dunkeln Hain
- Uns Cynthia von fern begrüste:
- Nun führe selbst die Königin
- Der Sterne durch die graue Wüste
- Des Aethers, minder eilend, hin.
-
- Gern würde mich der Wald verstekken;
- Da könnte mir den heitern Sinn
- Kein Hasser aus dem Herzen nekken;
- Da sollte wol die Schwäzzerin,
- Die Neugier selbst, mich nicht entdekken;
- Mich würd' ein immer froher Muth
- Zu lauter Freudenliedern stimmen;
- Entfernt von jeder Lasterbrut,
- Würd' ich zum Zorne nie entglimmen;
- Nie würde mir in seinem Blut
- Ein guter Nam' entgegen schwimmen.
- Auf einer stillern Lebensfluth,
- An deren Ufern, überhangen
- Mit Rosen, unbelauscht von Schlangen,
- Ein reines Herz so selig ruht,
- Würd' ein entwölkter Himmel spiegeln;
- Und leise würde hinter mir
- Ein Genius der Ruh die Thür
- Zum Tempel der Natur verriegeln;
- Damit in meiner Einsamkeit
- Mich nicht die tausend Dinge störten,
- Die einst an Blüten meiner Zeit,
- Gleich gierigen Insekten, zehrten,
- Bis sie zur Abgeschiedenheit,
- Zum Selbstgenus, mein Herz bekehrten,
- Und mich durch ihren Unbestand,
- Den meine Ruh so oft empfand,
- Die Kunst, sie zu verachten, lehrten.
- Von jedem Weltgetös' entfernt,
- Und fern vom Pöbel niedrer Freuden,
- Der täuschend gute Seelen körnt,
- Würd' ich mich an der Einfalt weiden,
- Die selbst vom Hänfling Weisheit lernt.
- O welche Wollust, auszuruhen
- Vom Wirbeltanz der Unnatur!
- Dann würden Thal, und Hain, und Flur,
- Beredter als die Bourdalouen,
- Die goldnen Sprüche der Natur
- Mir in die stille Seele flüstern;
- Nie würd' ich nach der Täuschung lüstern,
- Die alles, nur nicht glüklich, macht.
-
- Nein, ich beneide nicht die Pracht,
- Die manches Elend überschimmert,
- Und, wie der stolze Blik auch lacht,
- Die Ruh im Herzen niedertrümmert!
- O der betrügerischen Pracht!
- Ein frohes Herz, frei von Verschuldung,
- Ist warlich mehr, als die Verguldung,
- Die keinen Gek zum Weisen macht.
- Schau hin auf jene Vorgemächer,
- Wo man einander quälend ehrt!
- Die liebe Langeweile leert
- Auf diese Gruppen einen Köcher,
- Der nie mit seines Pfeiles Gift
- Das Leben Deiner Stunden trift.
- Tritt näher, Freundin, den Geräuschen,
- Nach welchen man sein Daseyn misst,
- Das, klein und kriechend, wie die List
- Durch die es Nichts, und Alles, ist,
- Sich martert, um sich selbst zu täuschen.
-
- O wie verliert sich das Gefühl
- Der Wahrheit auf dem Welttheater,
- In Nachahmung und leeres Spiel!
- Vergönnt mir nur der gute Vater
- Des Lebens, die Zufriedenheit,
- Mein Herz mit jener Heiterkeit
- Und Wahrheit der Natur zu nähren:
- So weilt im Schatten meiner Zeit
- Das stille Glük, das selbst der Neid
- Nicht würdig achten wird zu stören.
-
- Dich, Vater, find' ich überall
- In der Natur! Der Wasserfall,
- Das Lüftchen, das mit seinem Flügel
- Die Blüt' umarmt am Schlehenhügel,
- Das hohe Lied der Nachtigall,
- Selbst das Gekreische froher Raben,
- Ja Alles spricht so gut von dir,
- Und nichts verläumdet dich, als — wir!
- Wir Menschen, voll von deinen Gaben,
- Und dennoch von dir selbst so leer!
- Was Menschen erst entgöttert haben,
- Nur darin find' ich dich nicht mehr!
-
- Ja, Freundin, es ist warlich schwer,
- Zur Unnatur sich zu gewöhnen,
- Und durch die trügerischen Szenen
- Der Klugheit, die so freundlich hasst,
- So höflich mordet, froh die Last
- Des Lebens vor sich herzuwälzen.
- Im Schuz der Einfalt einer Flur,
- Und zwischen friedlichen Gehölzen,
- Verstatte mir nur die Natur,
- An ihrem Tisch mich zu vergnügen!
- Bei ihr ist Wahrheit! Ihre Flur
- Straft jeden Fürstenteppich Lügen;
- Bei solchem Freudenmale nur,
- Trank ihr geliebter Epikur,
- Ihr Priester, einst, in langen Zügen,
- Die unvermischte Wollust ein.
- O er verstand's, im grünen Hain,
- An ihrem Busen sich zu wiegen!
- Und das wär' ihm nicht zu verzeihn?
- Nicht zu verzeihn, daß er die Schale
- Des Lebens aufschloss, und den Kern,
- Von allem Weltgetöse fern,
- In einem kleinen Rosenthale,
- Das seine Hand erzog, genoss?
- Nicht zu verzeihn, daß auf der Stelle
- Der Veilchen seine Weisheit spross?
- Daß ihm in grün umwebter Quelle
- Die Lehre seiner Tugend floss?
- Verzieh doch er dem grossen Tross
- Der Thoren, die an Schalen käuten,
- Die Armuth ihrer Schwelgerei!
- Las sich die Streitsucht müde streiten,
- Die ewig fragt: was Freiheit sey?
- Mein Epikur war weis' und frei!
- Und war er's nicht: wo würd' ein Leben,
- Und wär's an Götterfülle reich,
- Im Himmel und auf Erden, euch
- Bericht auf eure Frage geben?
-
- Oft hört' ich auch: ein weiser Mann
- Ist immer frei! wie leicht gesprochen,
- Nur nicht so leicht gethan! Wie kann
- Auch selbst ein Weiser sich entjochen
- Von manchem Niederdruk, woran
- Die Sorg' ihn knüpft, mit allen Härten
- Des Misgeschiks, und wenn er dann
- Zur Einsamkeit in seine Gärten,
- Wie Epikur, nicht flüchten kann,
- Wo ihm der Freiheit Mirten blühen?
- Was bleibt ihm nun? Etwa der Welt,
- Worin ihm manches nicht gefällt,
- Wie Jakob Rousseau, zu entfliehen,
- Und von den Possenspielen fern,
- Worin sie wirbelt, aus dem Kern
- Sich eine bessre Welt zu ziehen?
- Wo Hass und Unruh nie das Fest
- Der Unschuld und der Freude stören?
- Ich rathe nicht dazu! Es läst
- Sich immer noch die Frage hören:
- Ob wir bei einem ew'gen Fest
- Der Freude wol beglükter wären,
- Als diese Welt uns werden läst,
- Die freilich uns noch manche Zären
- Und Seufzer aus dem Herzen prest,
- Dem schöne Pflanzungen verwildern,
- Die schönste Hofnung Täuschung giebt.
- Was hilfts, nach rosenfarbnen Bildern
- Zu haschen, die ein Hauch zerstiebt?
- Man schafft, empört von dem Tumulte,
- Der um uns her sein Wesen treibt,
- Sich eine Welt, bei seinem Pulte,
- Die glüklicher im Pulte bleibt.
-
- So hab' auch ich, in schönen Träumen,
- Mir manches Paradies geträumt,
- Und seinen Horizont mit Säumen
- Des schönen Morgenroths besäumt,
- Aus dem, mit Lichtgeström umschäumt,
- Im Schimmer seines Glanzgeschmeides,
- Der Tag den Elisäern keimt,
- Und das Phantom des Weltgebäudes,
- Das ich für meine Ruhe schuf,
- War lieblich anzusehn! Des süssen,
- Des reinen Daseyns zu geniessen,
- War hier der einzige Beruf
- Der Göttermenschen, die ich schuf.
- Sie waren alle Virtuosen
- Der Tugend, und die Unschuld lag
- Auf Blättern hingewehter Rosen,
- So ruhig, wie der Feiertag,
- Der ewig meinen Fluren glänzte,
- Vollauf von der Natur beschenkt,
- An deren Busen, ungekränkt,
- Der Friede sich mit Epheu kränzte,
- Mit keiner Fessel mehr bekannt,
- Auf welche Trug und Bosheit pochten,
- Als nur mit der, die, von der Hand
- Der Treu im Mirtenhain geflochten,
- Sie nur im Schoos der Liebe fand.
- Kurz meine Welt, das Vaterland
- Der Ruh, war eine schöne Welle,
- Die in den Strom der Welten rann;
- Da lächelte aus jeder Quelle
- Ein Engel einen Engel an.
-
- Der Freundschaft süsse Rosen glühten
- So unverwelklich durch den Hain
- Des Lebens, so von Giftthau rein,
- Wie sie nur auf der Insel blühten,
- Die, ohne Stolbergs Phantasie,
- Im grossen, unbegrenzten Meere
- Der weiten Idealogie,
- Wol unentdekt geblieben wäre.
- Man lebt' in süsser Harmonie.
- Sanft athmete, durch alle Triebe
- Des Strebens, nur der Geist der Liebe,
- Der Geist der holden Sympathie,
- Der meinem Volke, fern vom stolzen
- Aufstrebungsgeist, den Sinn verlieh,
- Mit welchem, Herz in Herz verschmolzen,
- Die allerreinste Melodie,
- Der Wohllaut eingestimmter Saiten,
- Den Plato selber nur vom weiten
- Im Traum empfunden haben soll,
- Ins grosse Chor der Wesenheiten
- So zauberisch hinüber quoll.
-
- Bei diesem ungestörten Liede
- Der Seelenharmonien, lag
- In seinem Palmenhain der Friede,
- Und feierte, der Flucht nun müde,
- Den feierlichsten Ruhetag,
- Der jemals auf dem Augenliede
- Der jungen Morgenröthe lag.
- Und ausgesöhnt war Erd' und Himmel,
- Ein nie umwölkter Sonnenschein
- Beschien das frölichste Getümmel,
- Beschien den ewig grünen Hain.
-
- Die von der Weisheit selbst verehrte,
- Nicht leichte Kunst, sich stets zu freun,
- Die sonst kaum Weisen glükte, hörte
- Ganz auf, die schwere Kunst zu seyn,
- Die Vater Utz im Mirtenhain
- Der Unschuld und der Liebe lehrte,
- Und Gleim, den jede Rosenflur
- Der Musen liebt, und immer liebte,
- Durch vierzehn schöne Lustren übte:
- Sie war blos Gabe der Natur.
-
- Das Heiligthum der Gabriele
- Gab meinem Volke jeden Zug,
- So wahr, daß er das Bild der Seele,
- Aus welcher er gequollen, trug;
- Und Sanftheit sprach aus jedem Zug.
-
- Kein Wild durchächzte die Gebüsche,
- Vor wildern Menschen auf der Flucht;
- Man war noch menschlich; kein Gemische
- Vergossnen Bluts und grüner Frucht
- Lies man zu seinem Mahle tragen —
- Der Mensch, aus unschuldvollern Tagen,
- Der fiel gewis das Thier erst an,
- Eh er es über sich gewann,
- Sein eignes Wesen zu erschlagen. —
- Noch lebten meine Lotophagen
- Mild, wie der Hain, sanft, wie die Flur,
- In süsser, unschuldvoller Frohheit,
- Weit zwar entfernt von wilder Rohheit,
- Doch dicht am Busen der Natur,
- Umwebt mit friedlichen Oliven;
- Den Segen der Zufriedenheit
- Lies ich von allen Zweigen triefen,
- In deren Schatten, überstreut
- Mit Blumen jener goldnen Zeit,
- Die Unschuld und die Liebe schliefen.
-
- Vielleicht, wenn mein Vielleicht nicht irrt,
- Erwartest du, wie hell die Wahrheit,
- Im ganzen Aufwand ihrer Klarheit,
- Durch meine Schöpfung leuchten wird?
- Sie kam von selbst, auf allen Wegen,
- Die sich durch mein Elisium
- Hinschlangen, meinem Volk entgegen,
- Man irrte nie um sie herum;
- Man pflükte nicht aus Dorngehegen,
- Nicht mühsam ihren Rosenkranz;
- Sie warf ihn jedem Wunsch entgegen;
- Sie mischte sich in Spiel und Tanz:
- Da ward sie, troz dem ofnen Segen,
- Den sie durch meine Götterwelt
- Hinströmen lies, in leichten Spielen
- Verstekt, zum Wettkampf aufgestellt. —
- Wie doch die Wahrheit den Gefühlen
- Des Herzens, nur verhüllt, gefällt!
- Mit Mühe wollen wir sie haschen!
- Die Freude, sie zu überraschen,
- Ist das, was ihren Reiz erhält.
-
- Und streng und freundlich wog die Waage
- Der offensten Gerechtigkeit,
- Von keiner Frevelhand entweiht,
- Das Recht der Wahrheit zu, und Tage
- Voll Einfalt, Still' und Heiterkeit.
-
- Die reizende Bescheidenheit,
- Der reinen Wahrheit treu, verhüllte
- So tief sich in sich selbst hinein,
- Daß meine Welt der Wiederschein
- Von ihren Thaten nur erfüllte.
-
- Die Duldung — himmlisch hold erschien
- Sie im erhabnen Schmuk der Demuth,
- Und um ihr Lächeln lies die Wehmuth
- Ein sanft verhüllend Wölkchen ziehn.
- So führte sie in jede Hütte
- Die stille Sanftmuth selbst hinein,
- Die schloss den Druk, durch den sie litte,
- Geheim in ihrem Busen ein.
- Den Druk? — Woher denn Druk und Pein
- In einer Welt, der die Verschuldung
- Nichts zu verzeihn, zu dulden gab?
- Wie kam denn Sanftmuth, wie kam Duldung,
- Wie kam Zufriedenheit herab
- Auf eine Welt, die, von Verguldung
- Der Thorheit weit entfernt, sich froh
- Im Sonnenschein des Friedens sonnte,
- Vor welchem jedes Laster floh;
- Wo man durchaus nicht anders konnte,
- Als nur zufrieden seyn und froh?
- Bedurften jene stillen Tage
- Der Unschuld, die kein Unrecht kennt,
- Der Tugend jener gleichen Waage?
- Der Hand, die Recht und Unrecht trennt?
- Man lebt' in einer süssen Jugend
- Der Kindheit noch, zu kindlich rein,
- Zu fromm, um tugendhaft zu seyn;
- Du siehst denn, Freundin, manche Tugend
- Kann unter Lastern nur gedeihn!
- Der Sturmwind, der den Feldern wütend
- Die tiefsten Narben hinterläst,
- Errettet, tausendfach vergütend,
- Das Land vielleicht von einer Pest.
- Nimm zwanzig Laster weg, so schwinden
- Vielleicht zehn Tugenden dahin!
- So las uns denn, für den Gewinn,
- Auch immer den Verlust verwinden,
- Und stets der Tugend Blumen streun!
- Der Kranz, den wir der Tugend winden,
- Wird einst ein schönes Erbtheil seyn,
- Das wir in ihrem Schoose finden,
- In irgend einem Friedenshain,
- Wo sich die Knoten von den Dingen
- Vielleicht ein wenig anders schlingen,
- Als in dem Erdenlabyrinth,
- Das uns, wie weit wir immer dringen,
- Mit seiner Schattennacht umspinnt.
-
- Verzeihe denn, du gutes Kind
- Der Unschuldwelt, daß an den Frieden
- Der bessern Zukunft, die hienieden
- Gehofft wird, ich nicht glauben kann!
- Vom Schauplatz, wo an wilden Dolchen
- Manch edles Leben blutig rann,
- Schwing' ich zur Gottheit mich hinan,
- Die dies Gewebe nur aus solchen,
- Und nicht aus andern Fäden spann,
- Wie sie vielleicht der Mensch ersann,
- Der weise Thor, der, in der Mitte
- Der Schöpfung da zu stehn, sich deucht;
- Und mit der Schöpfung seine Hütte,
- Sich mit der Gottheit selbst vergleicht,
- Die er noch, Wunder! glaubt zu ehren,
- Wenn er so gütig für sie sorgt,
- Und, zu der Haushaltung der Sphären,
- Ihr seine Hüttenweisheit borgt.
- Nach tausend aufgeklärten Jahren,
- Wird noch die Sonne Menschen sehn,
- Wie, unter längst verschwundnen Schaaren,
- Die Borgia's und Alba's waren,
- Und Titusseelen, gross und schön,
- Die unverlezlich die Gefahren
- Der Zeitenpestilenz bestehn.
-
- Die Welt rollt stets in Einem Gleise:
- So schleicht auch Menschenleben fort,
- Sich immer gleich, von Ort zu Ort,
- Als dreht' es sich in einem Kreise.
- Wir hoffen, hoffen! und das Dort
- Wird endlich hier, dieselbe Reise,
- Derselbe Weg, dieselben Gleise,
- Bald Wiesenplan, bald eingeengt;
- Nun einsam, izt vom Tross gegängelt;
- Hier blumig, dort vom Stral versengt,
- Der über unserm Haupte hängt;
- Und die Gefärten, nie verengelt,
- Ein Haufe, der sich immer drängt,
- Bis sich der Weg ins Dunkle schlängelt,
- Und uns das öde Thal empfängt,
- An dessen stille, dumpfe Schatten
- Die lichte Heimathflur sich schmiegt,
- Die den Ermüdeten, den Matten
- Im mütterlichen Schoose wiegt.
-
- Doch, wie die Ruhe nun erlangen,
- In einer Welt, wo Laster sind,
- Auch wol seyn müssen; die durch Schlangen
- So viel Vollkommenheit gewinnt,
- Als durch die sanfte Ringeltaube,
- Die, aus den Zweigen deiner Laube,
- Durch holdes Girren mit dir spricht?
- Wie läst sich da die Ruh erringen,
- Die unserm Herzen doch gebricht? —
- O! dazu führt, vor allen Dingen,
- Die schöne, menschlichschöne Pflicht:
- Alliebend, wie das Sonnenlicht,
- Ein jedes Wesen zu umschlingen,
- Das sich in unser Daseyn flicht;
- Die bessern Seiten aufzuspüren,
- Die jedes Wesen trägt, und schön
- Den Sphärenraum damit zu zieren,
- In dem sich unsre Tage drehn;
- Zu sorgen, daß kein Tag vergebens
- Für uns die Schwalbenflügel regt,
- Weil jeder einen Theil des Lebens
- Von uns auf seinen Schwingen trägt;
- Frisch fort zu gehn, was unsern Tritten
- Auch in den Weg sich wirft, und dann —
- Die Gottheit selbst um nichts zu bitten,
- Was man sich selber geben kann.
- Ein reines Herz, ein Herz voll Ruhe,
- Kann uns die Gottheit nicht verleihn,
- Was ihre Huld auch für uns thue!
- Der Mensch soll selbst, er soll allein
- Der Schöpfer seiner Seelenruhe,
- Der Gott in seinem Himmel seyn!
-
- Doch wird uns oft die Ruh' entrissen;
- Die Ebb' und Fluth, die uns umringt,
- Läst nur zu oft sie uns vermissen:
- Doch, Lina, desto süsser schlingt
- Der Friede, von der Lind' umdüftet,
- Und fern von allem eitlen Schmuk,
- Um uns den Engelarm, und lüftet
- Dem müden Pilger jeden Druk,
- Wann endlich von verbrannten Haiden,
- Durch welche seine Bahn sich krümmt,
- Der blaue Wald, voll Lebensfreuden,
- In seine kühle Ruh ihn nimmt.
-
- Nun seyd gegrüst, geweihte Schatten
- Der Einsamkeit! Nun sey gegrüst,
- Du frische Quelle, die dem matten
- Verschmachteten entgegen fliest,
- Die, unter grün umflohrten Schatten,
- Die weitre Wallfarth ihm versüst.
- Die kleinen lieblichen Sirenen
- Der Waldgesänge laden nun
- Den Pilger ein, bei ihren Tönen,
- Am Bachgeriesel, auszuruhn.
- Und endlich giebt er seinen Segen
- Dem Rasen, wo er ausgeruht,
- Und eilt mit hofnungsvollerm Muth
- Dem vorgestekten Ziel entgegen.
- Denn diese Ruhe, diese Kühle,
- Die seine Flammen löschte, macht
- Der Pilger nicht zu seinem Ziele;
- Gestärkter eilt er nur, gelehnt
- Auf seinen Stab, durch die Gefilde.
- Sprich! kennst du nicht in diesem Bilde
- Das Herz, das sich nach Stille sehnt?
- Das, oft verkannt, sich selbst nur kenntlich
- Durch manche Hofnung hingeharrt,
- Durch manche Täuschung, bis es endlich
- Sein eigner Gott, sein Schuzgott ward!
-
- O Ruhe! wenn im Abendgolde
- Zu Dir des Haines Athem stieg,
- Und feiernd die Natur, du Holde,
- Vor deinem Altar stand und schwieg:
- Wie strebte dann aus dem Getümmel
- Mein Herz hinaus, um hinzufliehn
- Zu dir, und deinen ganzen Himmel
- Dicht um mein Wesen herzuziehn!
- Wo an vergötternden Gedanken
- Die edlern Lebensfrüchte schwanken,
- Die nur in deinem Schoose blühn,
- Wo rein, und unberührt vom Neide,
- Durchs Haar der unentweihten Freude
- Die königlichen Rosen glühn:
- In diesem stilleren Geschmeide
- Flieht sie den Stolz und wandelt nur,
- Mit jenem Sinn der Unschuld freier,
- Und seliger, durch Hain und Flur;
- Da wischt sie jede dunkle Spur
- Des Grams, mit ihrem reinen Schleier
- Hinweg vom Antliz der Natur.
-
- Die Einsamkeit, die hohe Stille
- Vergöttert und erhebt den Geist,
- Daß er sich kühn, aus dieser Hülle
- Der engen Sinnlichkeit, zur Fülle
- Der Feier seines Himmels reisst.
- Hier blühn ihm ewige Naturen
- Aus der Unendlichkeit hervor;
- Hier tönt der Welten grosses Chor,
- Hier spriest auf reinen Aetherfluren
- Ein junges Sonnenheer empor;
- Hier blizzen heller ihm die Spuren
- Der Gottheit auf. Ein stilles Licht,
- Unsichtbar dem profanen Volke,
- Versilbert jede Schattenwolke,
- Die sich um seine Ruhe flicht,
- Und ihm die Aussicht in den Spiegel
- Der schönen Zukunft unterbricht,
- Die auf dem weichen Taubenflügel
- Der Ahndung um den Rasenhügel
- Geliebter Urnenreste schwebt,
- Und nun, entfesselt von dem Zügel
- Des Erdensinnes, sich zum Spiegel
- Der reinern Fluth der Wahrheit hebt.
- Er hüllt sich tiefer ein ins Grauen
- Der Mitternacht, dem Ernst geweiht,
- Und auf die Blumen seiner Zeit,
- Auf seine schönsten Stunden thauen
- Die Tropfen der Unsterblichkeit.
- Er sieht am Ufer, wo die Zeit
- Ihr Laub noch fallen läst, mit Schweigen
- Das Wogenfluthen, und das Steigen
- Und Sinken der Vergänglichkeit.
- Der Vorwelt graue Schatten zeigen
- Von fern ihm jedes grosse Ziel,
- Von welchem jede Krone fiel,
- In der sie noch den Strom umschimmern,
- Der über Piramiden siegt,
- Sie wegspült, und mit ihren Trümmern
- Vorbei an seinem Ufer fliegt.
- Zum Lispelton der Laubenrosen,
- Die um den stillen Denker blühn,
- Tönt lieblich das entfernte Tosen
- Der Wellen, die vorüber fliehn.
- Er nimmt zur Stille seiner Rosen
- Die Welt- und Menschenkunde mit,
- Die er aus jener Fluth erstritt;
- Die leitet dann zu dem Gebiete
- Der Wahrheit, wo die stille Blüte
- Der Ruhe duftet, seinen Schritt.
- Gerettet von den Truggestalten,
- An die der Wahn der Thorheit glaubt,
- Uebt er die Kunst, sich vest zu halten,
- Daß ihn kein Trug ihm selber raubt.
-
- Komm! las mich jedes Harms vergessen,
- Der mit der Welt mich oft entzwei't,
- Und folge mir zu den Zypressen,
- Zur Stille meiner Einsamkeit!
- Ein Pläzchen sey mir zugemessen,
- Wo nie ein Stolz den andern drängt;
- Wo still, wie eine Sabbathfeier,
- Und heilig, wie ein Altarschleier,
- Der Schatten der Zypressen hängt.
- Geheiligt sey die Feierstille,
- Die Ruh, die von den Zweigen tröpft,
- Aus der das Daseyn erst die Fülle
- Des wahren, reinen Lebens schöpft,
- Dem nie die stillen Freuden fehlen,
- Die Gott in unser Daseyn warf!
- Das Leben, nicht das Daseyn, darf,
- Nach Tagen, seine Summe zälen.
-
- Die Luft der Welt ist rauh und scharf;
- In ihrem Sturm wird manche Blume,
- Voll Frucht des Geistes, abgestreift,
- Wenn ihre Pflanz' im Heiligthume
- Der Stille nicht zur Dauer reift.
- Befruchtung, die der Still' entträuft,
- Die kann den Sonnenschein vergüten,
- Den Thau, der sich auf Nesseln senkt,
- Und seltner die bescheidnen Blüten
- Des Geistes und des Herzens tränkt.
-
- Sie ist das Land der Geistessaaten,
- Der Herzensblüten! Reiften nicht
- In ihrem Schatten jene Thaten,
- Die leuchtend, wie ein flammend Licht,
- Hinstralen durch so manch Jahrhundert,
- Von einer Ewigkeit bewundert,
- Die dankbar ihre Frucht noch bricht?
- Sie trug von jeder schönen Pflanze
- Die schönste Blume zu dem Kranze,
- Der sich um Friedrichs Namen flicht.
- Ihm galten Kron' und Zepter wenig;
- Mit tausend Sorgen überstreut,
- Fühlt' er in ihrem Prunk den König,
- Sich fühlt' er — in der Einsamkeit!
- Mit eignen Stralen sich bekränzend,
- Gieng still sein Geist, so still und glänzend
- Wie sein Gestirn, aus ihr hervor,
- Aus ihrem Hain, den zum Asyle
- Für ihre seligern Gefühle
- Sich seine Königssorg' erkor.
-
- Das Laster brütet nur Verderben
- In ihrem Schoos, tränkt hier mit Gift
- Den Mörderpfeil, der noch den Erben
- Des kommenden Jahrhunderts trift.
- Doch wird sie die Entweihung rächen;
- Sie hält das fliehende Verbrechen,
- Das ihrer Rache lang' entrann,
- Noch an des Lebens Gränzen an;
- Und macht die lezte Lagerstelle,
- Wenn's nun umsonst nach einer Quelle
- Des Trostes und der Ruhe lechzt,
- Zu einer fürchterlichen Hölle,
- Vom Wehgewinsel laut umächzt;
- Und stösst es endlich von der Schwelle
- Des Lebens wütend in die Gruft!
-
- Du, Unschuld, komm zu ihrem Schatten!
- Komm, athme diesen Lilienduft,
- Worin sich Fried' und Tugend gatten!
- Wie heilig! selig! ist die Luft,
- In der ein Tugendtrieb erwachte!
- Empfind' es, von ihr wach geküsst:
- Daß nirgendwo ein Himmel ist,
- Den Unschuld nicht zum Himmel machte.
-
- Dein Tasso athmete so rein,
- In hoher Unschuld, aus dem Hain
- Der Einsamkeit, die grossen Triebe
- Geweihter grosser Seelen ein:
- Und dennoch blühte seiner Liebe
- Kein Zweig in ihrem Mirtenhain,
- Um seinen Lorbeer sich zu winden,
- Zu überduften seine Ruh.
- Er sang, er glühete den Gründen
- Und Hügeln Phyllis Namen zu.
- Ach! ihn umstrikten die Geflechte
- Der Tyrannei; und Bosheit rächte
- An seinem Herzen, was der Kranz
- Verschuldet hatte, der den Glanz
- Der Sklaven eines Fürsten schwächte.
- Verstossen floh er zu dem Glük
- Der Einsamkeit — von den Medusen
- Des Neides weit entfernt — zurük,
- Und sie empfieng, mit seinen Musen
- Gern ihren Liebling, ihren Sohn;
- Und er entschlief an ihrem Busen,
- Getränkt mit ihrem süssten Mohn.
-
- Ihr ruhevoller Athem näret
- Den Funken Geist, der in uns glüht,
- Den Frieden, welcher, oft gestöret,
- Am zarten Halm des Lebens blüht;
- Nur wilde Leidenschaft verheeret
- Ihr stilles, seliges Gebiet.
- In dieser ungestörten Stille
- Rafft sich mit ihrer ganzen Fülle
- Die Leidenschaft empor, und reisst
- In ihre Flammen Herz und Geist.
- Und flieht ein Thor zu ihrer Stille,
- Weil er den Weg zum Glük verlor:
- So kommt aus ihrem Hain der Thor,
- Mit jedem Wahn, mit jeder Grille,
- Die ihn hinein trieb, auch hervor.
-
- Die Weisheit nur streut edlen Saamen
- In dies, oft zwar entweihte, Feld;
- Ihr wuchsen da die grossen Namen,
- Die, über Welt und Enkelwelt,
- Herab von lichten Sternenhöhen,
- Mit ihren Lorbeerkronen wehen,
- In deren Schatten, angeglüht
- Vom Feuergeiste jener Weisen,
- Die junge Kunst bescheiden blüht.
- Fern, von des Lebens Wirbelkreisen,
- Mit Wettlaufstaube schwarz bestreut,
- Tief in den Hain der Einsamkeit
- Hinein zu flüchten, ziemt dem Weisen,
- Der gern mit seinem Herzen spricht:
- Nur sich, und Schäzze seiner Gaben,
- In ihrem Schoose zu begraben,
- Wie Diogen, das ziemt ihm nicht.
- Sie stärk' ihn nur zur edlen Pflicht,
- Für's Wohl der Menschheit aufzustreben;
- Die Ruhe sey's, die hier sein Leben
- Zur Reife schöner Thaten nährt,
- Um es der Welt zurük zu geben,
- Der auch ein Theil von ihm gehört.
-
- Die Kraft, die sich, für die Pachome[1],
- So mild, und doch umsonst, ergoss,
- Die wars, die, gleich dem Tiberstrome,
- Von jenes Römers Lippen floss,
- Und einen silberhellen Spiegel
- In stille Blumenthäler goss;
- Dann aber, aufgestürmt vom Flügel
- Der Leidenschaft, die sieben Hügel
- Errettend in die Arme schloss.
- Als Katilina schon die Ketten
- In ihre freien Thäler trug;
- Da konnt' ein Tullius nur retten,
- Der mächtig das Gespinst zerschlug;
- Der Weise, welcher in den Fluren
- Des stillen Tuskulums die Spuren
- Der Wahrheit fand, an deren Quell,
- Der durch die Wiesenblumen schäumte,
- Sein Geist, in stiller Laube, hell
- Den grossen Traum der Zukunft träumte;
- Der Weise, der uns jede Pflicht
- Der ungeschminkten Tugend malte,
- Die er mit seines Geistes Licht
- Warm, wie mit Lebensglut, umstralte;
- Die, nur in eignem Daseyn froh,
- Aus dem zu rauschenden Getümmel,
- Mit ihrem Kato zu dem Himmel
- Der süssen Lebensstille floh.
-
- [1] Einer der ersten Anachoreten.
-
- Hier brach Lukrez auch manche Blume
- Der keuschverhüllten Wahrheit ab,
- Die dann aus ihrem Heiligthume,
- Troz ihm, Unsterblichkeit ihm gab.
- Hier sah er manches Glied der Kette
- Der grossen Unermessenheit,
- Werth, daß er auch Unsterblichkeit
- Geglaubt, gefühlt, gesungen hätte!
-
- Und du, mein Maro, holtest du
- Nicht deinen Lorbeer aus dem grünen,
- Vertrauten Grottenhain der Ruh,
- Wo jene Bilder dir erschienen,
- Womit du, wahr, wie die Natur,
- Die Lieder deiner Hirten schmüktest,
- Und, wie die Schäfer deiner Flur,
- Den üppigen Mäzen entzüktest,
- Den längst die Grazien verwöhnt,
- Und nun zu ihrem Richter hatten?
- In deinem süssen Mirtenschatten,
- Von deiner hohen Laut' umtönt,
- Schwelgt' er in deines Geistes Fülle.
-
- Wer aber schöpft' aus deiner Stille,
- Geliebte Einsamkeit, so tief
- Die feine Kunst, des Narrn zu spotten,
- Der sich auf Ahnenschaft berief,
- Und träg auf fremdem Lorbeer schlief?
- Wer war's, der aus den Venusgrotten
- Der Griechenflur die Scherze rief,
- Die nun auf Tiburs Hügeln tanzten,
- Und in die todten Wüstenei'n
- Den Liedervollen Opferhain
- Der schönen Grazien verpflanzten?
- Dein Flakkus! der, am Lenzgesträuch
- Froh hingegossen, süss und weich,
- Wie das Geseufz' im Hain des Taubers,
- Für Lalage die Flöte blies;
- Und nun, mit allem Pomp des Zaubers,
- Den hohen Hymnus rauschen lies;
- Und nun auf einer Rasenstelle,
- Beim leisen Flüstern seiner Quelle,
- Den Himmel reiner Seelen pries!
- Dein Flakkus fand erst in der Stille,
- Von Roms Tumulten ungestört,
- Die Ruhe, welcher keine Grille,
- Die sich in falscher Hoheit ehrt,
- Das Rieseln ihrer Tag' empört.
- Er schöpft' aus ihr die ganze Fülle
- Der Lebensweisheit, die uns lehrt,
- Den Werth der Dinge, nach Gesezzen
- Der richtenden Vernunft, zu schäzzen,
- Die, was ihr minder angehört,
- Als fremde Güter, leicht entbehrt.
- So schlich er, nur mit Stunden geizend,
- Die frohe Leier in der Hand,
- Durch seinen Wald, den er so reizend,
- Vor allem Erdgepränge, fand;
- Zufrieden, wenn ihm nur die Mirthe,
- Durch welche sanft die Sympathie
- Verliebter Turteltauben girrte,
- Zum Abendschmaus den Kranz verlieh.
-
- Katull — auf Nachtigallenflügeln
- Flog seine Phantasie empor,
- Wenn sich auf stillen Schattenhügeln,
- Mit Lesbia, sein Geist verlor.
- Fern von dem Taumel, der, halb thierisch,
- Den gröbern Sinn für sich erkor,
- Sang er den Lüften, welche lyrisch
- Um seine Leier schwärmten, vor.
- Noch blühn die Rosen, die den Sizzen
- Der Freundschaft ihren Purpur streu'n;
- Noch grünt der schöne Mirtenhain,
- Worin, auf zarten Blumenspizzen,
- Sein Lied, das keine Zeit begräbt,
- Weil es die Grazien beschüzzen,
- Leicht, wie ein Zephyr, hingeschwebt;
- Und lieblich, wie die Blüt' im Thale,
- Das nie Petrarka's Lied vergisst,
- Wo, wie bei einem Liebesmahle,
- Ein Veilchen sanft das andre küsst;
- Wo das Vermälungsfest der Düfte
- Ein süsser Seelenwechsel ist,
- Und selbst der Athemzug der Lüfte,
- Von jenem Zauber noch berauscht,
- Melodisch in den Zweigen schmachtet,
- Von deren Schatten grün umnachtet,
- Und von der Stille nur belauscht,
- Der Sänger jenen Blütenregen
- Besang, der sich auf Laura goss,
- Daß, unter seinen Harfenschlägen,
- Der stille Bach noch stiller floss.
-
- Und Thomson — welche Hymnustöne
- Entquillen seiner Einsamkeit!
- Die über jede Frülingsszene
- Die Jugend eines Lebens streut,
- Das, angehaucht von einem Gotte,
- Die Welt, wie eine Braut umschlingt,
- Die Haine stimmt und bis zur Grotte,
- Worin ein Wesen schlummert, dringt.
- Durch alles weht der Geist der Liebe,
- Die aus den Nachtigallen singt,
- Und sich mit ihrem Schmeicheltriebe
- Selbst um die grauen Eichen schlingt.
- Wie rauschen jene Wasserfälle,
- Gleich dem Gewühl der wilden Lust!
- Wie schmiegt sich um die Silberbrust
- Der Nymphe sanft die Rasenstelle,
- Um die der Ahornschatten hängt!
- Wie sich der Nymphentanz der Quelle
- In krausen Reihen, Well' an Welle,
- Von Veilchen angelächelt, drängt!
- Nun blüht die Ros', und Sommerlüfte
- Wehn um die heitre Königin,
- Und bringen ihre frischen Düfte
- Zum Opfer einer Schäferin,
- Die, von der Mittaghizze glühend,
- Zu einem Ulmenwäldchen irrt,
- Wo Liebe flüstert; wo ein Hirt,
- In vollen Jugendlokken blühend,
- Sie freundlich überraschen wird.
- Gern flieht der Dichter das, mit Schiefer
- Und mit Statü'n beschwerte, Dach;
- Er schleicht Gedankenfreuden nach,
- Zur Hainesstill', und dringet tiefer
- Zum Sizze der Begeisterung:
- Er sieht durch grüne Dunkelheiten
- Tief in des Waldes Heiligung
- Die feierlichen Geister schreiten[2],
- Die, nah mit unserm Geist verwandt,
- Ins Land der Ruh hinein geflüchtet,
- Wo keine Zeit, und keine Hand
- Des Frevels mehr den Kranz vernichtet,
- Den sich die stille Tugend wand.
-
- [2] Siehe Thomsons Sommer.
-
- Nun tritt sein Herbst auf, im Gesange
- Der lezten Stimme jeder Flur;
- Und an der Waldung blühet nur
- Das Schwindsuchtroth noch auf der Wange
- Der ruhig sterbenden Natur!
- Nun schleicht zur röthlichgelben Laube,
- Zur dichterischen Einsamkeit
- Des Denkers Abgeschiedenheit.
- Willkommen, Ruhe! wo die Traube
- Den Lippen ihren Nektar beut.
- Schon ziehn die Vögel, und begleiten
- Den längern Tag zur wärmern Welt;
- Und grosse Wolkenschatten schreiten
- Nun Riesenmässig übers Feld;
- Und ihnen folgt dann öd' und traurig
- Die Todesfeier der Natur.
- Horch! ihre Manen ächzen schaurig
- Um den gestorbnen Halm der Flur!
- Der Hain verschied; den grünen Schleier
- Des Lebens warf er seufzend ab!
- Dort sinkt der Jubel seiner Feier
- Zu den Verwesungen hinab!
- Sag! welcher Spiegel zeigt wol treuer
- Dem Menschen sein gewisses Grab?
- Doch wird er leben, wieder leben!
- Der Wald wird wieder auferstehn!
- Dann wird ein geistigleises Wehn
- Sein wallendes Gewand umschweben;
- Begeistert werden Thal und Höh'n
- Den Auferstehungspsalm erheben,
- Und ihr Verklärungsfest begehn!
-
- Nun folge mir zu jenen Nächten,
- Wo neben Young der Tiefsinn wacht,
- Der, troz der schwarzen Mitternacht,
- Aus labyrinthischen Geflechten
- In eine heitre Sphäre blikt,
- Und unter Ahndungsvollen Lüften,
- In heiligen Zypressendüften,
- Von Gräbern Himmelsfreuden pflükt.
- Hier sah' er leuchtender den Stempel
- Der Gottheit, Welten aufgedrükt;
- Und Welten waren nun sein Tempel,
- Die Wahrheit seine Priesterin.
- Mit welchem feierlichen Sinn
- Trat er an ihren Altar hin!
- Wie himmelvoll! wenn nun das kühnste
- Der Lieder diese Szene sang,
- Und zu dem grossen Gottesdienste
- Der feiernden Natur sich schwang!
- Das Grab, das seinen Tag verschlang,
- Sah er im Schatten ruhig modern;
- Sie, die sein süsses Leben war,
- Sie sah er stehn am Glanzaltar,
- Auf welchem glorreich Sonnen lodern.
- Ein Himmel der Unsterblichkeit,
- Die zu den eingesunknen Trümmern
- Verblühter Tag' ein leises Schimmern,
- Durch Mondgewölk, hernieder streut,
- Entstieg dem theuren Aschenkruge,
- Auf den des Sehers Thräne fiel.
- Die Einsamkeit gab seinem Fluge
- Den hohen Schwung zum Palmenziel.
-
- Sie führte Popen durchs Gewühl
- Der Erdenszenen, bis zum Throne,
- Wo er, in einer sichern Hand,
- Das erste Glied der Ordnung fand.
- Die Stille wars, die diesem Sohne
- Der Weisheit, mit geweihter Hand,
- Die grosse Epheulorbeerkrone
- Des hohen Mäoniden wand.
- Die Stille wars, die keinen Störer
- In seine werthe Grotte lies,
- Wo sie den Denker an den Lehrer,
- Den grossen Lehrer, Tod! verwies;
- Der, unter Palmendämmerungen,
- Von Knoten, die ein Gott geschlungen,
- Ihm die Entwikkelung verhies.
-
- So flog, in den Begeisterungen
- Der hohen Abgeschiedenheit,
- Dein Kronegk zu der Seligkeit,
- Zu den erhabnen Huldigungen
- Der reinen Geisterwelt empor,
- Wo er der Erde Dämmerungen
- Aus dem entzükten Blik verlor.
- Hell trat aus einem Götterchor,
- Mit ihrem Stralenkranz umschlungen,
- Serena's lichte Seel' hervor.
- Er fühlte kaum noch vom Getümmel
- Des Lebens eine leichte Spur;
- Serena's Gottheit fühlt' er nur.
-
- Und er, mein Opitz, welchen Himmel
- Fand er auf Zlatnas goldner Flur!
- Im Stolz am Arme der Natur
- Der höhern Freude nachzuschleichen,
- An der ein Stral von Seele blizt,
- Verachtet' er den Stolz des Reichen,
- Der arm ist, und nur Gold besizt.
- Hier war der weise Sänger freier,
- Und liederreich, wie Zlatnas Hain.
- Die Stille hauchte seiner Leier
- Die hohe Lebensweisheit ein.
- Ihm hat der Genius den reinen
- Einweihungskuss zuerst geküsst:
- Begeistert sang er nun den Hainen
- Germaniens, das ihn — vergisst.
-
- Noch stolzer gieng, wie eine Blüte
- Des Aethers, den sie früh erhellt,
- Die Sonne Leibnitz auf, und glühte
- Den jungen Stral durch ihre Welt.
- Da flohe vor des Denkers Strale
- Die dumpfe kalte Dunkelheit!
- Ihn lud ein Wink der Einsamkeit
- Zum hohen Geistesbakchanale,
- Dem aus dem schönsten Quellenthale
- Die Wahrheit ihre Blumen streut.
- Im Innersten des Heiligthumes
- Der Nacht, erzog die Einsamkeit
- Die schönen Kränze seines Ruhmes.
-
- Wenn wir uns in des Lebens Hain
- Weit von uns selbst verloren hatten:
- Sie samlet uns in ihrem Schatten,
- Und führt uns in uns selbst hinein.
- Weh aber! weh dem Wahn des Thoren,
- Der da in eine Wüste tritt!
- Wie fremd ist's rund um seinen Schritt!
- Er fühlt sich nur noch mehr verloren.
- Nun flüchtet er voll Ungeduld
- Aus sich hinaus, hin zum Getöse,
- Daß ihn der rauschende Tumult
- Wohlthätig von ihm selbst erlöse;
- Erlöse vom Gefühl der Pein,
- Sein eigener Gefährt zu seyn,
- Durch irgend eine Flur des Lebens.
- Und wenn nun ihn der Rausch verläst:
- Ganz einsam sucht er dann vergebens
- In sich ein stilles Friedensfest!
-
- Wo blüht ihr feierlichen Rosen,
- Dem Denkerbakchanal geweiht?
- Empfangt mich von dem wilden Tosen
- Der Flut in eure Einsamkeit!
- Nimm mich, gedankenvolle Ruhe,
- In deine Abgeschiedenheit,
- Die dann auf alles, was ich thue,
- Die Blumen ihrer Stille streut!
- Geliebte, süsse Einsamkeit,
- Auf alles drükst nur du den Stempel
- Der dauernden Vollkommenheit!
- Von nun an sey ein Göttertempel
- Von meinem Herzen dir geweiht!
-
- Wie leicht wird jede Wunde heilen,
- Die irgend eine Hand mir schlägt:
- Wenn mich der Wellenstrom, zuweilen
- Nur, an ein stilles Ufer trägt,
- Wo jene tausend Stimmen schweigen,
- Von welchen, wie's der Zufall schikt,
- Die Eine gleich die Andr' erstikt;
- Wo unter leis' umhauchten Zweigen
- Die Ruhe mir entgegen nikt;
- Wo keine Blüte meiner Jahre
- Die Flut des Weltgewühls verschlingt,
- Von dem ich dann nichts mehr erfahre,
- Als was ein Schiffbruch zu mir bringt,
- Der sich, von Sturm und Tod umringt,
- Ans Ufer meiner Stille rettet,
- Wo, jedem Herzenszwang' entkettet,
- Das Leben dem Gewässer gleicht,
- Das, nie von einem Sturm erreicht,
- In Veilchenufer hingebettet,
- Durch singende Gebüsche schleicht;
- In deren Schatten das Vergessen
- Des Harms auf seidnem Rasen liegt.
-
- Wo grünt ihr dämmernden Zypressen,
- Um die kein Wunsch der Thorheit fliegt;
- Die ihr, zu still dem wilden Schwarme,
- Im Liebgekose grüner Arme
- Mein Eremitenhüttchen wiegt.
- Da tritt, mit manchem Kranz umschlungen,
- Entflohne Zeit, da tritt hervor!
- Hervor mit den Beseligungen
- Des Thals, in dessen Dämmerungen
- Mein Leben sich schon halb verlor.
- Bring alle deine Jugendtänze;
- Bring alles, was ich that und litt,
- Die Rosen und Zypressenkränze,
- Selbst meine Thorheit bring mir mit,
- Samt ihren Träumen, ihren Spielen,
- Und alles, was mein Herz bereut:
- Denn auch auf Stellen, wo wir fielen,
- Zurük zu schaun, ist Seligkeit.
- Die Hoffnung hat mir oft gelogen;
- Je glühender mein Herz gehofft,
- Je kälter hat sie mich betrogen;
- Die Gegenwart selbst täuscht uns oft;
- Wir stehn uns dann noch viel zu nahe,
- Um uns, so wie wir sind, zu sehn;
- Wer hat wol — las es uns gestehn! —
- So gut er in der Fern' auch sahe,
- Nie seine Nähe falsch gesehn?
- Erinnrung ist der treue Spiegel,
- Der uns, so wie wir sind, uns zeigt,
- Wenn viel zu hoch mit uns der Flügel
- Der allzuraschen Hoffnung fleugt.
- Sie führe mich zum stillsten Hügel
- Der Ruhe, den ihr Geist umweht,
- Wo, Schritt vor Schritt, das Herz am Zügel
- Den ihre Warnung führet, geht;
- Das Herz, das nur zu gern am Riegel
- Der dunkeln Zukunft horchend steht.
- Auch mein Herz stand mit Wunsch und Klage
- Vor der, mit Recht verschlossnen, Thür,
- Nicht achtend, daß es traurig hier
- Den Tag der Gegenwart verschlage.
- Die nächste Zukunft meiner Tage
- Gehört der Zukunft und nicht mir!
- Und doch, wenn je zum Reiz der Ferne
- Mein Geist hinaus zu fliegen strebt,
- So sey's ein Blik zum Abendsterne,
- Wo meine Seelenfeier schwebt;
- Wo unter seligen Gesträuchen
- Der Liebe sich mein Geist verlor,
- Wenn sich den Schatten dunkler Eichen
- Zum Tempel meine Seel' erkor.
-
- Ihr seelevollen Schwärmereien!
- Ihr Geister meiner schönsten Zeit!
- Verlast nie meine Einsamkeit,
- Um sie zum Tempel mir zu weihen,
- Um den, im Lispel junger Maien,
- Der Ulmbaum seine Arme schlägt!
- Die Priesterin in diesem Tempel
- Sey nur die Freude, die den Stempel
- Des hohen Götterfunkens trägt.
- Las michs — in seiner höchsten Fülle
- Mit Zittern fühlen, süsse Stille,
- Die unter meinen Ulmen thront,
- Daß tief in meiner Blütenhülle
- Die Gottheit einer Seele wohnt!
-
-
-
-
- Gedrukt bei W. G. SOMMER in LEIPZIG.
-
-
-
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Einsamkeit, by Christoph August Tiedge
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-Title: Die Einsamkeit
-
-Author: Christoph August Tiedge
-
-Release Date: February 15, 2017 [EBook #54170]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMKEIT ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Die Originalschreibweise wurde beibehalten.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1><i>Die Einsamkeit</i></h1>
-<p class="center">
-<i>von</i></p>
-<p class="h2"><i>August Tiedge.</i></p>
-<p class="center p2">
-<i>Leipzig<br />
-<span class="smaller">in der Sommerschen Buchhandlung.</span></i><br />
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">DIE EINSAMKEIT.</p>
-</div>
-
-<h2>Vorbericht.</h2>
-
-<p class="drop"><i>Ueber die nachstehende Epistel hätte ich dem
-Publikum eigentlich nichts zu sagen, wenn
-mir nicht die Ursache ihrer Erscheinung ein
-paar Worte abnöthigte, die mich sehr die
-Verlegenheit fühlen lassen, von mir selbst
-reden zu müssen. Ich gehe damit um, meine
-zum Theil noch ungedrukten, zum Theil aber
-seit 1783 zerstreut erschienenen Episteln, nach
-einer strengen Auswahl und Durchsicht, in
-einer Samlung den Händen des Publikums
-zu übergeben, wovon nun schon eine nähere
-Ankündigung erschienen ist. Mancherlei Ursachen
-bestimmen mich, den freilich oft gemisbrauchten
-Weg der Pränumeration einzuschlagen.
-Sehr viele meiner Freunde haben
-sich indessen für mein Unternehmen interessirt.
-Und wenn mich die Aussicht eines entsprechenden
-Erfolgs bei den ersten Schritten
-nicht durchaus verläst: so wird die ganze
-Samlung meiner epistolarischen Gedichte Michaelis
-dieses Jahres ohnfehlbar erscheinen,
-unter Bedingungen, welche die bereits ausgegebene
-Anzeige darlegt. Die gegenwärtige
-Epistel über die Einsamkeit soll eine Vorläuferin
-der ganzen Samlung seyn, um dem
-Publikum, dem ich nur aus früheren Ausstellungen
-bekannt bin, den Erwartungspunkt
-an die Hand zu geben. Ich glaube dies unsern
-Zeiten schuldig zu seyn, die mit einem
-sehr begreiflichen Widerspruche zu sehr und
-zu wenig poetisch sind.</i></p>
-
-<p>
-<i>Halberstadt, im Januar 1792.</i>
-</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center"><i>An</i></p>
-
-<p class="center larger"><i>Lina.</i></p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0 drop">Es giebt auf Gottes schöner Welt<br /></span>
-<span class="i0">Gewis noch manche schöne Stelle,<br /></span>
-<span class="i0">Wo ich mir wol ein Hirtenzelt<br /></span>
-<span class="i0">Hinbaut', an einer kleinen Quelle,<br /></span>
-<span class="i0">Verstekt in einem Schweizerthal,<br /></span>
-<span class="i0">Wo, wenn die Wind' aus Norden stürmten,<br /></span>
-<span class="i0">Vertraute Pappeln mich beschirmten,<br /></span>
-<span class="i0">Und wo ein Wäldchen, wenn der Stral<br /></span>
-<span class="i0">Aus Südens Feuerschoos die Schwinge<br /></span>
-<span class="i0">Dem West versengte, mich empfinge:<br /></span>
-<span class="i0">Wo ich, vom Drang und Schein der Dinge,<br /></span>
-<span class="i0">Von Lug und Trug der Menschen fern,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-<span class="i0">Mich vest an meine Stille schmiegte;<br /></span>
-<span class="i0">Wo ich den lezten Hang zum Spott,<br /></span>
-<span class="i0">Den ein bethörter Donquixott<br /></span>
-<span class="i0">Sonst leicht in Flammen blies, besiegte.<br /></span>
-<span class="i0">Ja solch ein Pläzchen liegt noch hier<br /></span>
-<span class="i0">Und da verstekt; allein vor allen<br /></span>
-<span class="i0">Hat Dein geliebter Hügel mir<br /></span>
-<span class="i0">Im Schlehenkranze wohlgefallen,<br /></span>
-<span class="i0">Wo friedlicher die Lüfte wehn;<br /></span>
-<span class="i0">Wo durch das Thal der Nachtigallen<br /></span>
-<span class="i0">Sich lieblicher die Bäche drehn;<br /></span>
-<span class="i0">Wo silberner die Blüten wallen,<br /></span>
-<span class="i0">Die von des Frülings Schoose fallen.<br /></span>
-</div></div>
-
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Wie einsam steht er da! wie schön!<br /></span>
-<span class="i0">Im frischgewebten Feierkleide,<br /></span>
-<span class="i0">Als hätt' er sich zum Tanz geschmükt;<br /></span>
-<span class="i0">So schön, wie in der grünen Seide<br /></span>
-<span class="i0">Kaum Minnas weisser Finger stikt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-<span class="i0">Und welche Aussicht in die Auen,<br /></span>
-<span class="i0">Die er beherrscht! – O Freundin, hier,<br /></span>
-<span class="i0">Hier möcht' ich mir die Hütte bauen,<br /></span>
-<span class="i0">Wo Turteltauben über mir<br /></span>
-<span class="i0">In schönen Zweigen traulich girrten,<br /></span>
-<span class="i0">Und zu der Hand des stillen Hirten<br /></span>
-<span class="i0">Herunter flatterten, und sich<br /></span>
-<span class="i0">Vertrügen unter meinem Zelte,<br /></span>
-<span class="i0">Und mich umschmeichelten, wenn ich<br /></span>
-<span class="i0">Zur Botin eines Briefs an Dich<br /></span>
-<span class="i0">Die kleine Tejerin bestellte.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Da legt' ich mir ein Gärtchen an,<br /></span>
-<span class="i0">Und flüsternd sollten, wie Gedanken<br /></span>
-<span class="i0">Der Liebe Deine Seel' umranken,<br /></span>
-<span class="i0">Die Spröslinge der Rebe dann<br /></span>
-<span class="i0">Mein kleines Ohnesorg' umschwanken.<br /></span>
-<span class="i0">Da wär' ich erst ein freier Mann,<br /></span>
-<span class="i0">So frei, wie meine Nachtigallen;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-<span class="i0">Da lüd' ich aus dem nahen Hain<br /></span>
-<span class="i0">Die Sänger in die grünen Hallen,<br /></span>
-<span class="i0">Zu süssen Wettgesängen, ein.<br /></span>
-<span class="i0">Wir sängen, bis am dunkeln Hain<br /></span>
-<span class="i0">Uns Cynthia von fern begrüste:<br /></span>
-<span class="i0">Nun führe selbst die Königin<br /></span>
-<span class="i0">Der Sterne durch die graue Wüste<br /></span>
-<span class="i0">Des Aethers, minder eilend, hin.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Gern würde mich der Wald verstekken;<br /></span>
-<span class="i0">Da könnte mir den heitern Sinn<br /></span>
-<span class="i0">Kein Hasser aus dem Herzen nekken;<br /></span>
-<span class="i0">Da sollte wol die Schwäzzerin,<br /></span>
-<span class="i0">Die Neugier selbst, mich nicht entdekken;<br /></span>
-<span class="i0">Mich würd' ein immer froher Muth<br /></span>
-<span class="i0">Zu lauter Freudenliedern stimmen;<br /></span>
-<span class="i0">Entfernt von jeder Lasterbrut,<br /></span>
-<span class="i0">Würd' ich zum Zorne nie entglimmen;<br /></span>
-<span class="i0">Nie würde mir in seinem Blut<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-<span class="i0">Ein guter Nam' entgegen schwimmen.<br /></span>
-<span class="i0">Auf einer stillern Lebensfluth,<br /></span>
-<span class="i0">An deren Ufern, überhangen<br /></span>
-<span class="i0">Mit Rosen, unbelauscht von Schlangen,<br /></span>
-<span class="i0">Ein reines Herz so selig ruht,<br /></span>
-<span class="i0">Würd' ein entwölkter Himmel spiegeln;<br /></span>
-<span class="i0">Und leise würde hinter mir<br /></span>
-<span class="i0">Ein Genius der Ruh die Thür<br /></span>
-<span class="i0">Zum Tempel der Natur verriegeln;<br /></span>
-<span class="i0">Damit in meiner Einsamkeit<br /></span>
-<span class="i0">Mich nicht die tausend Dinge störten,<br /></span>
-<span class="i0">Die einst an Blüten meiner Zeit,<br /></span>
-<span class="i0">Gleich gierigen Insekten, zehrten,<br /></span>
-<span class="i0">Bis sie zur Abgeschiedenheit,<br /></span>
-<span class="i0">Zum Selbstgenus, mein Herz bekehrten,<br /></span>
-<span class="i0">Und mich durch ihren Unbestand,<br /></span>
-<span class="i0">Den meine Ruh so oft empfand,<br /></span>
-<span class="i0">Die Kunst, sie zu verachten, lehrten.<br /></span>
-<span class="i0">Von jedem Weltgetös' entfernt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-<span class="i0">Und fern vom Pöbel niedrer Freuden,<br /></span>
-<span class="i0">Der täuschend gute Seelen körnt,<br /></span>
-<span class="i0">Würd' ich mich an der Einfalt weiden,<br /></span>
-<span class="i0">Die selbst vom Hänfling Weisheit lernt.<br /></span>
-<span class="i0">O welche Wollust, auszuruhen<br /></span>
-<span class="i0">Vom Wirbeltanz der Unnatur!<br /></span>
-<span class="i0">Dann würden Thal, und Hain, und Flur,<br /></span>
-<span class="i0">Beredter als die Bourdalouen,<br /></span>
-<span class="i0">Die goldnen Sprüche der Natur<br /></span>
-<span class="i0">Mir in die stille Seele flüstern;<br /></span>
-<span class="i0">Nie würd' ich nach der Täuschung lüstern,<br /></span>
-<span class="i0">Die alles, nur nicht glüklich, macht.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Nein, ich beneide nicht die Pracht,<br /></span>
-<span class="i0">Die manches Elend überschimmert,<br /></span>
-<span class="i0">Und, wie der stolze Blik auch lacht,<br /></span>
-<span class="i0">Die Ruh im Herzen niedertrümmert!<br /></span>
-<span class="i0">O der betrügerischen Pracht!<br /></span>
-<span class="i0">Ein frohes Herz, frei von Verschuldung,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-<span class="i0">Ist warlich mehr, als die Verguldung,<br /></span>
-<span class="i0">Die keinen Gek zum Weisen macht.<br /></span>
-<span class="i0">Schau hin auf jene Vorgemächer,<br /></span>
-<span class="i0">Wo man einander quälend ehrt!<br /></span>
-<span class="i0">Die liebe Langeweile leert<br /></span>
-<span class="i0">Auf diese Gruppen einen Köcher,<br /></span>
-<span class="i0">Der nie mit seines Pfeiles Gift<br /></span>
-<span class="i0">Das Leben Deiner Stunden trift.<br /></span>
-<span class="i0">Tritt näher, Freundin, den Geräuschen,<br /></span>
-<span class="i0">Nach welchen man sein Daseyn misst,<br /></span>
-<span class="i0">Das, klein und kriechend, wie die List<br /></span>
-<span class="i0">Durch die es Nichts, und Alles, ist,<br /></span>
-<span class="i0">Sich martert, um sich selbst zu täuschen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">O wie verliert sich das Gefühl<br /></span>
-<span class="i0">Der Wahrheit auf dem Welttheater,<br /></span>
-<span class="i0">In Nachahmung und leeres Spiel!<br /></span>
-<span class="i0">Vergönnt mir nur der gute Vater<br /></span>
-<span class="i0">Des Lebens, die Zufriedenheit,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-<span class="i0">Mein Herz mit jener Heiterkeit<br /></span>
-<span class="i0">Und Wahrheit der Natur zu nähren:<br /></span>
-<span class="i0">So weilt im Schatten meiner Zeit<br /></span>
-<span class="i0">Das stille Glük, das selbst der Neid<br /></span>
-<span class="i0">Nicht würdig achten wird zu stören.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Dich, Vater, find' ich überall<br /></span>
-<span class="i0">In der Natur! Der Wasserfall,<br /></span>
-<span class="i0">Das Lüftchen, das mit seinem Flügel<br /></span>
-<span class="i0">Die Blüt' umarmt am Schlehenhügel,<br /></span>
-<span class="i0">Das hohe Lied der Nachtigall,<br /></span>
-<span class="i0">Selbst das Gekreische froher Raben,<br /></span>
-<span class="i0">Ja Alles spricht so gut von dir,<br /></span>
-<span class="i0">Und nichts verläumdet dich, als – wir!<br /></span>
-<span class="i0">Wir Menschen, voll von deinen Gaben,<br /></span>
-<span class="i0">Und dennoch von dir selbst so leer!<br /></span>
-<span class="i0">Was Menschen erst entgöttert haben,<br /></span>
-<span class="i0">Nur darin find' ich dich nicht mehr!<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p>
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Ja, Freundin, es ist warlich schwer,<br /></span>
-<span class="i0">Zur Unnatur sich zu gewöhnen,<br /></span>
-<span class="i0">Und durch die trügerischen Szenen<br /></span>
-<span class="i0">Der Klugheit, die so freundlich hasst,<br /></span>
-<span class="i0">So höflich mordet, froh die Last<br /></span>
-<span class="i0">Des Lebens vor sich herzuwälzen.<br /></span>
-<span class="i0">Im Schuz der Einfalt einer Flur,<br /></span>
-<span class="i0">Und zwischen friedlichen Gehölzen,<br /></span>
-<span class="i0">Verstatte mir nur die Natur,<br /></span>
-<span class="i0">An ihrem Tisch mich zu vergnügen!<br /></span>
-<span class="i0">Bei ihr ist Wahrheit! Ihre Flur<br /></span>
-<span class="i0">Straft jeden Fürstenteppich Lügen;<br /></span>
-<span class="i0">Bei solchem Freudenmale nur,<br /></span>
-<span class="i0">Trank ihr geliebter Epikur,<br /></span>
-<span class="i0">Ihr Priester, einst, in langen Zügen,<br /></span>
-<span class="i0">Die unvermischte Wollust ein.<br /></span>
-<span class="i0">O er verstand's, im grünen Hain,<br /></span>
-<span class="i0">An ihrem Busen sich zu wiegen!<br /></span>
-<span class="i0">Und das wär' ihm nicht zu verzeihn?<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-<span class="i0">Nicht zu verzeihn, daß er die Schale<br /></span>
-<span class="i0">Des Lebens aufschloss, und den Kern,<br /></span>
-<span class="i0">Von allem Weltgetöse fern,<br /></span>
-<span class="i0">In einem kleinen Rosenthale,<br /></span>
-<span class="i0">Das seine Hand erzog, genoss?<br /></span>
-<span class="i0">Nicht zu verzeihn, daß auf der Stelle<br /></span>
-<span class="i0">Der Veilchen seine Weisheit spross?<br /></span>
-<span class="i0">Daß ihm in grün umwebter Quelle<br /></span>
-<span class="i0">Die Lehre seiner Tugend floss?<br /></span>
-<span class="i0">Verzieh doch er dem grossen Tross<br /></span>
-<span class="i0">Der Thoren, die an Schalen käuten,<br /></span>
-<span class="i0">Die Armuth ihrer Schwelgerei!<br /></span>
-<span class="i0">Las sich die Streitsucht müde streiten,<br /></span>
-<span class="i0">Die ewig fragt: was Freiheit sey?<br /></span>
-<span class="i0">Mein Epikur war weis' und frei!<br /></span>
-<span class="i0">Und war er's nicht: wo würd' ein Leben,<br /></span>
-<span class="i0">Und wär's an Götterfülle reich,<br /></span>
-<span class="i0">Im Himmel und auf Erden, euch<br /></span>
-<span class="i0">Bericht auf eure Frage geben?<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Oft hört' ich auch: ein weiser Mann<br /></span>
-<span class="i0">Ist immer frei! wie leicht gesprochen,<br /></span>
-<span class="i0">Nur nicht so leicht gethan! Wie kann<br /></span>
-<span class="i0">Auch selbst ein Weiser sich entjochen<br /></span>
-<span class="i0">Von manchem Niederdruk, woran<br /></span>
-<span class="i0">Die Sorg' ihn knüpft, mit allen Härten<br /></span>
-<span class="i0">Des Misgeschiks, und wenn er dann<br /></span>
-<span class="i0">Zur Einsamkeit in seine Gärten,<br /></span>
-<span class="i0">Wie Epikur, nicht flüchten kann,<br /></span>
-<span class="i0">Wo ihm der Freiheit Mirten blühen?<br /></span>
-<span class="i0">Was bleibt ihm nun? Etwa der Welt,<br /></span>
-<span class="i0">Worin ihm manches nicht gefällt,<br /></span>
-<span class="i0">Wie Jakob Rousseau, zu entfliehen,<br /></span>
-<span class="i0">Und von den Possenspielen fern,<br /></span>
-<span class="i0">Worin sie wirbelt, aus dem Kern<br /></span>
-<span class="i0">Sich eine bessre Welt zu ziehen?<br /></span>
-<span class="i0">Wo Hass und Unruh nie das Fest<br /></span>
-<span class="i0">Der Unschuld und der Freude stören?<br /></span>
-<span class="i0">Ich rathe nicht dazu! Es läst<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-<span class="i0">Sich immer noch die Frage hören:<br /></span>
-<span class="i0">Ob wir bei einem ew'gen Fest<br /></span>
-<span class="i0">Der Freude wol beglükter wären,<br /></span>
-<span class="i0">Als diese Welt uns werden läst,<br /></span>
-<span class="i0">Die freilich uns noch manche Zären<br /></span>
-<span class="i0">Und Seufzer aus dem Herzen prest,<br /></span>
-<span class="i0">Dem schöne Pflanzungen verwildern,<br /></span>
-<span class="i0">Die schönste Hofnung Täuschung giebt.<br /></span>
-<span class="i0">Was hilfts, nach rosenfarbnen Bildern<br /></span>
-<span class="i0">Zu haschen, die ein Hauch zerstiebt?<br /></span>
-<span class="i0">Man schafft, empört von dem Tumulte,<br /></span>
-<span class="i0">Der um uns her sein Wesen treibt,<br /></span>
-<span class="i0">Sich eine Welt, bei seinem Pulte,<br /></span>
-<span class="i0">Die glüklicher im Pulte bleibt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">So hab' auch ich, in schönen Träumen,<br /></span>
-<span class="i0">Mir manches Paradies geträumt,<br /></span>
-<span class="i0">Und seinen Horizont mit Säumen<br /></span>
-<span class="i0">Des schönen Morgenroths besäumt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-<span class="i0">Aus dem, mit Lichtgeström umschäumt,<br /></span>
-<span class="i0">Im Schimmer seines Glanzgeschmeides,<br /></span>
-<span class="i0">Der Tag den Elisäern keimt,<br /></span>
-<span class="i0">Und das Phantom des Weltgebäudes,<br /></span>
-<span class="i0">Das ich für meine Ruhe schuf,<br /></span>
-<span class="i0">War lieblich anzusehn! Des süssen,<br /></span>
-<span class="i0">Des reinen Daseyns zu geniessen,<br /></span>
-<span class="i0">War hier der einzige Beruf<br /></span>
-<span class="i0">Der Göttermenschen, die ich schuf.<br /></span>
-<span class="i0">Sie waren alle Virtuosen<br /></span>
-<span class="i0">Der Tugend, und die Unschuld lag<br /></span>
-<span class="i0">Auf Blättern hingewehter Rosen,<br /></span>
-<span class="i0">So ruhig, wie der Feiertag,<br /></span>
-<span class="i0">Der ewig meinen Fluren glänzte,<br /></span>
-<span class="i0">Vollauf von der Natur beschenkt,<br /></span>
-<span class="i0">An deren Busen, ungekränkt,<br /></span>
-<span class="i0">Der Friede sich mit Epheu kränzte,<br /></span>
-<span class="i0">Mit keiner Fessel mehr bekannt,<br /></span>
-<span class="i0">Auf welche Trug und Bosheit pochten,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-<span class="i0">Als nur mit der, die, von der Hand<br /></span>
-<span class="i0">Der Treu im Mirtenhain geflochten,<br /></span>
-<span class="i0">Sie nur im Schoos der Liebe fand.<br /></span>
-<span class="i0">Kurz meine Welt, das Vaterland<br /></span>
-<span class="i0">Der Ruh, war eine schöne Welle,<br /></span>
-<span class="i0">Die in den Strom der Welten rann;<br /></span>
-<span class="i0">Da lächelte aus jeder Quelle<br /></span>
-<span class="i0">Ein Engel einen Engel an.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Der Freundschaft süsse Rosen glühten<br /></span>
-<span class="i0">So unverwelklich durch den Hain<br /></span>
-<span class="i0">Des Lebens, so von Giftthau rein,<br /></span>
-<span class="i0">Wie sie nur auf der Insel blühten,<br /></span>
-<span class="i0">Die, ohne Stolbergs Phantasie,<br /></span>
-<span class="i0">Im grossen, unbegrenzten Meere<br /></span>
-<span class="i0">Der weiten Idealogie,<br /></span>
-<span class="i0">Wol unentdekt geblieben wäre.<br /></span>
-<span class="i0">Man lebt' in süsser Harmonie.<br /></span>
-<span class="i0">Sanft athmete, durch alle Triebe<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-<span class="i0">Des Strebens, nur der Geist der Liebe,<br /></span>
-<span class="i0">Der Geist der holden Sympathie,<br /></span>
-<span class="i0">Der meinem Volke, fern vom stolzen<br /></span>
-<span class="i0">Aufstrebungsgeist, den Sinn verlieh,<br /></span>
-<span class="i0">Mit welchem, Herz in Herz verschmolzen,<br /></span>
-<span class="i0">Die allerreinste Melodie,<br /></span>
-<span class="i0">Der Wohllaut eingestimmter Saiten,<br /></span>
-<span class="i0">Den Plato selber nur vom weiten<br /></span>
-<span class="i0">Im Traum empfunden haben soll,<br /></span>
-<span class="i0">Ins grosse Chor der Wesenheiten<br /></span>
-<span class="i0">So zauberisch hinüber quoll.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Bei diesem ungestörten Liede<br /></span>
-<span class="i0">Der Seelenharmonien, lag<br /></span>
-<span class="i0">In seinem Palmenhain der Friede,<br /></span>
-<span class="i0">Und feierte, der Flucht nun müde,<br /></span>
-<span class="i0">Den feierlichsten Ruhetag,<br /></span>
-<span class="i0">Der jemals auf dem Augenliede<br /></span>
-<span class="i0">Der jungen Morgenröthe lag.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-<span class="i0">Und ausgesöhnt war Erd' und Himmel,<br /></span>
-<span class="i0">Ein nie umwölkter Sonnenschein<br /></span>
-<span class="i0">Beschien das frölichste Getümmel,<br /></span>
-<span class="i0">Beschien den ewig grünen Hain.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Die von der Weisheit selbst verehrte,<br /></span>
-<span class="i0">Nicht leichte Kunst, sich stets zu freun,<br /></span>
-<span class="i0">Die sonst kaum Weisen glükte, hörte<br /></span>
-<span class="i0">Ganz auf, die schwere Kunst zu seyn,<br /></span>
-<span class="i0">Die Vater Utz im Mirtenhain<br /></span>
-<span class="i0">Der Unschuld und der Liebe lehrte,<br /></span>
-<span class="i0">Und Gleim, den jede Rosenflur<br /></span>
-<span class="i0">Der Musen liebt, und immer liebte,<br /></span>
-<span class="i0">Durch vierzehn schöne Lustren übte:<br /></span>
-<span class="i0">Sie war blos Gabe der Natur.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Das Heiligthum der Gabriele<br /></span>
-<span class="i0">Gab meinem Volke jeden Zug,<br /></span>
-<span class="i0">So wahr, daß er das Bild der Seele,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-<span class="i0">Aus welcher er gequollen, trug;<br /></span>
-<span class="i0">Und Sanftheit sprach aus jedem Zug.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Kein Wild durchächzte die Gebüsche,<br /></span>
-<span class="i0">Vor wildern Menschen auf der Flucht;<br /></span>
-<span class="i0">Man war noch menschlich; kein Gemische<br /></span>
-<span class="i0">Vergossnen Bluts und grüner Frucht<br /></span>
-<span class="i0">Lies man zu seinem Mahle tragen&nbsp;–<br /></span>
-<span class="i0">Der Mensch, aus unschuldvollern Tagen,<br /></span>
-<span class="i0">Der fiel gewis das Thier erst an,<br /></span>
-<span class="i0">Eh er es über sich gewann,<br /></span>
-<span class="i0">Sein eignes Wesen zu erschlagen.&nbsp;–<br /></span>
-<span class="i0">Noch lebten meine Lotophagen<br /></span>
-<span class="i0">Mild, wie der Hain, sanft, wie die Flur,<br /></span>
-<span class="i0">In süsser, unschuldvoller Frohheit,<br /></span>
-<span class="i0">Weit zwar entfernt von wilder Rohheit,<br /></span>
-<span class="i0">Doch dicht am Busen der Natur,<br /></span>
-<span class="i0">Umwebt mit friedlichen Oliven;<br /></span>
-<span class="i0">Den Segen der Zufriedenheit<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-<span class="i0">Lies ich von allen Zweigen triefen,<br /></span>
-<span class="i0">In deren Schatten, überstreut<br /></span>
-<span class="i0">Mit Blumen jener goldnen Zeit,<br /></span>
-<span class="i0">Die Unschuld und die Liebe schliefen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Vielleicht, wenn mein Vielleicht nicht irrt,<br /></span>
-<span class="i0">Erwartest du, wie hell die Wahrheit,<br /></span>
-<span class="i0">Im ganzen Aufwand ihrer Klarheit,<br /></span>
-<span class="i0">Durch meine Schöpfung leuchten wird?<br /></span>
-<span class="i0">Sie kam von selbst, auf allen Wegen,<br /></span>
-<span class="i0">Die sich durch mein Elisium<br /></span>
-<span class="i0">Hinschlangen, meinem Volk entgegen,<br /></span>
-<span class="i0">Man irrte nie um sie herum;<br /></span>
-<span class="i0">Man pflükte nicht aus Dorngehegen,<br /></span>
-<span class="i0">Nicht mühsam ihren Rosenkranz;<br /></span>
-<span class="i0">Sie warf ihn jedem Wunsch entgegen;<br /></span>
-<span class="i0">Sie mischte sich in Spiel und Tanz:<br /></span>
-<span class="i0">Da ward sie, troz dem ofnen Segen,<br /></span>
-<span class="i0">Den sie durch meine Götterwelt<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-<span class="i0">Hinströmen lies, in leichten Spielen<br /></span>
-<span class="i0">Verstekt, zum Wettkampf aufgestellt.&nbsp;–<br /></span>
-<span class="i0">Wie doch die Wahrheit den Gefühlen<br /></span>
-<span class="i0">Des Herzens, nur verhüllt, gefällt!<br /></span>
-<span class="i0">Mit Mühe wollen wir sie haschen!<br /></span>
-<span class="i0">Die Freude, sie zu überraschen,<br /></span>
-<span class="i0">Ist das, was ihren Reiz erhält.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Und streng und freundlich wog die Waage<br /></span>
-<span class="i0">Der offensten Gerechtigkeit,<br /></span>
-<span class="i0">Von keiner Frevelhand entweiht,<br /></span>
-<span class="i0">Das Recht der Wahrheit zu, und Tage<br /></span>
-<span class="i0">Voll Einfalt, Still' und Heiterkeit.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Die reizende Bescheidenheit,<br /></span>
-<span class="i0">Der reinen Wahrheit treu, verhüllte<br /></span>
-<span class="i0">So tief sich in sich selbst hinein,<br /></span>
-<span class="i0">Daß meine Welt der Wiederschein<br /></span>
-<span class="i0">Von ihren Thaten nur erfüllte.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Die Duldung – himmlisch hold erschien<br /></span>
-<span class="i0">Sie im erhabnen Schmuk der Demuth,<br /></span>
-<span class="i0">Und um ihr Lächeln lies die Wehmuth<br /></span>
-<span class="i0">Ein sanft verhüllend Wölkchen ziehn.<br /></span>
-<span class="i0">So führte sie in jede Hütte<br /></span>
-<span class="i0">Die stille Sanftmuth selbst hinein,<br /></span>
-<span class="i0">Die schloss den Druk, durch den sie litte,<br /></span>
-<span class="i0">Geheim in ihrem Busen ein.<br /></span>
-<span class="i0">Den Druk? – Woher denn Druk und Pein<br /></span>
-<span class="i0">In einer Welt, der die Verschuldung<br /></span>
-<span class="i0">Nichts zu verzeihn, zu dulden gab?<br /></span>
-<span class="i0">Wie kam denn Sanftmuth, wie kam Duldung,<br /></span>
-<span class="i0">Wie kam Zufriedenheit herab<br /></span>
-<span class="i0">Auf eine Welt, die, von Verguldung<br /></span>
-<span class="i0">Der Thorheit weit entfernt, sich froh<br /></span>
-<span class="i0">Im Sonnenschein des Friedens sonnte,<br /></span>
-<span class="i0">Vor welchem jedes Laster floh;<br /></span>
-<span class="i0">Wo man durchaus nicht anders konnte,<br /></span>
-<span class="i0">Als nur zufrieden seyn und froh?<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-<span class="i0">Bedurften jene stillen Tage<br /></span>
-<span class="i0">Der Unschuld, die kein Unrecht kennt,<br /></span>
-<span class="i0">Der Tugend jener gleichen Waage?<br /></span>
-<span class="i0">Der Hand, die Recht und Unrecht trennt?<br /></span>
-<span class="i0">Man lebt' in einer süssen Jugend<br /></span>
-<span class="i0">Der Kindheit noch, zu kindlich rein,<br /></span>
-<span class="i0">Zu fromm, um tugendhaft zu seyn;<br /></span>
-<span class="i0">Du siehst denn, Freundin, manche Tugend<br /></span>
-<span class="i0">Kann unter Lastern nur gedeihn!<br /></span>
-<span class="i0">Der Sturmwind, der den Feldern wütend<br /></span>
-<span class="i0">Die tiefsten Narben hinterläst,<br /></span>
-<span class="i0">Errettet, tausendfach vergütend,<br /></span>
-<span class="i0">Das Land vielleicht von einer Pest.<br /></span>
-<span class="i0">Nimm zwanzig Laster weg, so schwinden<br /></span>
-<span class="i0">Vielleicht zehn Tugenden dahin!<br /></span>
-<span class="i0">So las uns denn, für den Gewinn,<br /></span>
-<span class="i0">Auch immer den Verlust verwinden,<br /></span>
-<span class="i0">Und stets der Tugend Blumen streun!<br /></span>
-<span class="i0">Der Kranz, den wir der Tugend winden,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-<span class="i0">Wird einst ein schönes Erbtheil seyn,<br /></span>
-<span class="i0">Das wir in ihrem Schoose finden,<br /></span>
-<span class="i0">In irgend einem Friedenshain,<br /></span>
-<span class="i0">Wo sich die Knoten von den Dingen<br /></span>
-<span class="i0">Vielleicht ein wenig anders schlingen,<br /></span>
-<span class="i0">Als in dem Erdenlabyrinth,<br /></span>
-<span class="i0">Das uns, wie weit wir immer dringen,<br /></span>
-<span class="i0">Mit seiner Schattennacht umspinnt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Verzeihe denn, du gutes Kind<br /></span>
-<span class="i0">Der Unschuldwelt, daß an den Frieden<br /></span>
-<span class="i0">Der bessern Zukunft, die hienieden<br /></span>
-<span class="i0">Gehofft wird, ich nicht glauben kann!<br /></span>
-<span class="i0">Vom Schauplatz, wo an wilden Dolchen<br /></span>
-<span class="i0">Manch edles Leben blutig rann,<br /></span>
-<span class="i0">Schwing' ich zur Gottheit mich hinan,<br /></span>
-<span class="i0">Die dies Gewebe nur aus solchen,<br /></span>
-<span class="i0">Und nicht aus andern Fäden spann,<br /></span>
-<span class="i0">Wie sie vielleicht der Mensch ersann,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-<span class="i0">Der weise Thor, der, in der Mitte<br /></span>
-<span class="i0">Der Schöpfung da zu stehn, sich deucht;<br /></span>
-<span class="i0">Und mit der Schöpfung seine Hütte,<br /></span>
-<span class="i0">Sich mit der Gottheit selbst vergleicht,<br /></span>
-<span class="i0">Die er noch, Wunder! glaubt zu ehren,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn er so gütig für sie sorgt,<br /></span>
-<span class="i0">Und, zu der Haushaltung der Sphären,<br /></span>
-<span class="i0">Ihr seine Hüttenweisheit borgt.<br /></span>
-<span class="i0">Nach tausend aufgeklärten Jahren,<br /></span>
-<span class="i0">Wird noch die Sonne Menschen sehn,<br /></span>
-<span class="i0">Wie, unter längst verschwundnen Schaaren,<br /></span>
-<span class="i0">Die Borgia's und Alba's waren,<br /></span>
-<span class="i0">Und Titusseelen, gross und schön,<br /></span>
-<span class="i0">Die unverlezlich die Gefahren<br /></span>
-<span class="i0">Der Zeitenpestilenz bestehn.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Die Welt rollt stets in Einem Gleise:<br /></span>
-<span class="i0">So schleicht auch Menschenleben fort,<br /></span>
-<span class="i0">Sich immer gleich, von Ort zu Ort,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-<span class="i0">Als dreht' es sich in einem Kreise.<br /></span>
-<span class="i0">Wir hoffen, hoffen! und das Dort<br /></span>
-<span class="i0">Wird endlich hier, dieselbe Reise,<br /></span>
-<span class="i0">Derselbe Weg, dieselben Gleise,<br /></span>
-<span class="i0">Bald Wiesenplan, bald eingeengt;<br /></span>
-<span class="i0">Nun einsam, izt vom Tross gegängelt;<br /></span>
-<span class="i0">Hier blumig, dort vom Stral versengt,<br /></span>
-<span class="i0">Der über unserm Haupte hängt;<br /></span>
-<span class="i0">Und die Gefärten, nie verengelt,<br /></span>
-<span class="i0">Ein Haufe, der sich immer drängt,<br /></span>
-<span class="i0">Bis sich der Weg ins Dunkle schlängelt,<br /></span>
-<span class="i0">Und uns das öde Thal empfängt,<br /></span>
-<span class="i0">An dessen stille, dumpfe Schatten<br /></span>
-<span class="i0">Die lichte Heimathflur sich schmiegt,<br /></span>
-<span class="i0">Die den Ermüdeten, den Matten<br /></span>
-<span class="i0">Im mütterlichen Schoose wiegt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Doch, wie die Ruhe nun erlangen,<br /></span>
-<span class="i0">In einer Welt, wo Laster sind,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-<span class="i0">Auch wol seyn müssen; die durch Schlangen<br /></span>
-<span class="i0">So viel Vollkommenheit gewinnt,<br /></span>
-<span class="i0">Als durch die sanfte Ringeltaube,<br /></span>
-<span class="i0">Die, aus den Zweigen deiner Laube,<br /></span>
-<span class="i0">Durch holdes Girren mit dir spricht?<br /></span>
-<span class="i0">Wie läst sich da die Ruh erringen,<br /></span>
-<span class="i0">Die unserm Herzen doch gebricht?&nbsp;–<br /></span>
-<span class="i0">O! dazu führt, vor allen Dingen,<br /></span>
-<span class="i0">Die schöne, menschlichschöne Pflicht:<br /></span>
-<span class="i0">Alliebend, wie das Sonnenlicht,<br /></span>
-<span class="i0">Ein jedes Wesen zu umschlingen,<br /></span>
-<span class="i0">Das sich in unser Daseyn flicht;<br /></span>
-<span class="i0">Die bessern Seiten aufzuspüren,<br /></span>
-<span class="i0">Die jedes Wesen trägt, und schön<br /></span>
-<span class="i0">Den Sphärenraum damit zu zieren,<br /></span>
-<span class="i0">In dem sich unsre Tage drehn;<br /></span>
-<span class="i0">Zu sorgen, daß kein Tag vergebens<br /></span>
-<span class="i0">Für uns die Schwalbenflügel regt,<br /></span>
-<span class="i0">Weil jeder einen Theil des Lebens<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-<span class="i0">Von uns auf seinen Schwingen trägt;<br /></span>
-<span class="i0">Frisch fort zu gehn, was unsern Tritten<br /></span>
-<span class="i0">Auch in den Weg sich wirft, und dann&nbsp;–<br /></span>
-<span class="i0">Die Gottheit selbst um nichts zu bitten,<br /></span>
-<span class="i0">Was man sich selber geben kann.<br /></span>
-<span class="i0">Ein reines Herz, ein Herz voll Ruhe,<br /></span>
-<span class="i0">Kann uns die Gottheit nicht verleihn,<br /></span>
-<span class="i0">Was ihre Huld auch für uns thue!<br /></span>
-<span class="i0">Der Mensch soll selbst, er soll allein<br /></span>
-<span class="i0">Der Schöpfer seiner Seelenruhe,<br /></span>
-<span class="i0">Der Gott in seinem Himmel seyn!<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Doch wird uns oft die Ruh' entrissen;<br /></span>
-<span class="i0">Die Ebb' und Fluth, die uns umringt,<br /></span>
-<span class="i0">Läst nur zu oft sie uns vermissen:<br /></span>
-<span class="i0">Doch, Lina, desto süsser schlingt<br /></span>
-<span class="i0">Der Friede, von der Lind' umdüftet,<br /></span>
-<span class="i0">Und fern von allem eitlen Schmuk,<br /></span>
-<span class="i0">Um uns den Engelarm, und lüftet<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-<span class="i0">Dem müden Pilger jeden Druk,<br /></span>
-<span class="i0">Wann endlich von verbrannten Haiden,<br /></span>
-<span class="i0">Durch welche seine Bahn sich krümmt,<br /></span>
-<span class="i0">Der blaue Wald, voll Lebensfreuden,<br /></span>
-<span class="i0">In seine kühle Ruh ihn nimmt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Nun seyd gegrüst, geweihte Schatten<br /></span>
-<span class="i0">Der Einsamkeit! Nun sey gegrüst,<br /></span>
-<span class="i0">Du frische Quelle, die dem matten<br /></span>
-<span class="i0">Verschmachteten entgegen fliest,<br /></span>
-<span class="i0">Die, unter grün umflohrten Schatten,<br /></span>
-<span class="i0">Die weitre Wallfarth ihm versüst.<br /></span>
-<span class="i0">Die kleinen lieblichen Sirenen<br /></span>
-<span class="i0">Der Waldgesänge laden nun<br /></span>
-<span class="i0">Den Pilger ein, bei ihren Tönen,<br /></span>
-<span class="i0">Am Bachgeriesel, auszuruhn.<br /></span>
-<span class="i0">Und endlich giebt er seinen Segen<br /></span>
-<span class="i0">Dem Rasen, wo er ausgeruht,<br /></span>
-<span class="i0">Und eilt mit hofnungsvollerm Muth<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-<span class="i0">Dem vorgestekten Ziel entgegen.<br /></span>
-<span class="i0">Denn diese Ruhe, diese Kühle,<br /></span>
-<span class="i0">Die seine Flammen löschte, macht<br /></span>
-<span class="i0">Der Pilger nicht zu seinem Ziele;<br /></span>
-<span class="i0">Gestärkter eilt er nur, gelehnt<br /></span>
-<span class="i0">Auf seinen Stab, durch die Gefilde.<br /></span>
-<span class="i0">Sprich! kennst du nicht in diesem Bilde<br /></span>
-<span class="i0">Das Herz, das sich nach Stille sehnt?<br /></span>
-<span class="i0">Das, oft verkannt, sich selbst nur kenntlich<br /></span>
-<span class="i0">Durch manche Hofnung hingeharrt,<br /></span>
-<span class="i0">Durch manche Täuschung, bis es endlich<br /></span>
-<span class="i0">Sein eigner Gott, sein Schuzgott ward!<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">O Ruhe! wenn im Abendgolde<br /></span>
-<span class="i0">Zu Dir des Haines Athem stieg,<br /></span>
-<span class="i0">Und feiernd die Natur, du Holde,<br /></span>
-<span class="i0">Vor deinem Altar stand und schwieg:<br /></span>
-<span class="i0">Wie strebte dann aus dem Getümmel<br /></span>
-<span class="i0">Mein Herz hinaus, um hinzufliehn<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-<span class="i0">Zu dir, und deinen ganzen Himmel<br /></span>
-<span class="i0">Dicht um mein Wesen herzuziehn!<br /></span>
-<span class="i0">Wo an vergötternden Gedanken<br /></span>
-<span class="i0">Die edlern Lebensfrüchte schwanken,<br /></span>
-<span class="i0">Die nur in deinem Schoose blühn,<br /></span>
-<span class="i0">Wo rein, und unberührt vom Neide,<br /></span>
-<span class="i0">Durchs Haar der unentweihten Freude<br /></span>
-<span class="i0">Die königlichen Rosen glühn:<br /></span>
-<span class="i0">In diesem stilleren Geschmeide<br /></span>
-<span class="i0">Flieht sie den Stolz und wandelt nur,<br /></span>
-<span class="i0">Mit jenem Sinn der Unschuld freier,<br /></span>
-<span class="i0">Und seliger, durch Hain und Flur;<br /></span>
-<span class="i0">Da wischt sie jede dunkle Spur<br /></span>
-<span class="i0">Des Grams, mit ihrem reinen Schleier<br /></span>
-<span class="i0">Hinweg vom Antliz der Natur.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Die Einsamkeit, die hohe Stille<br /></span>
-<span class="i0">Vergöttert und erhebt den Geist,<br /></span>
-<span class="i0">Daß er sich kühn, aus dieser Hülle<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-<span class="i0">Der engen Sinnlichkeit, zur Fülle<br /></span>
-<span class="i0">Der Feier seines Himmels reisst.<br /></span>
-<span class="i0">Hier blühn ihm ewige Naturen<br /></span>
-<span class="i0">Aus der Unendlichkeit hervor;<br /></span>
-<span class="i0">Hier tönt der Welten grosses Chor,<br /></span>
-<span class="i0">Hier spriest auf reinen Aetherfluren<br /></span>
-<span class="i0">Ein junges Sonnenheer empor;<br /></span>
-<span class="i0">Hier blizzen heller ihm die Spuren<br /></span>
-<span class="i0">Der Gottheit auf. Ein stilles Licht,<br /></span>
-<span class="i0">Unsichtbar dem profanen Volke,<br /></span>
-<span class="i0">Versilbert jede Schattenwolke,<br /></span>
-<span class="i0">Die sich um seine Ruhe flicht,<br /></span>
-<span class="i0">Und ihm die Aussicht in den Spiegel<br /></span>
-<span class="i0">Der schönen Zukunft unterbricht,<br /></span>
-<span class="i0">Die auf dem weichen Taubenflügel<br /></span>
-<span class="i0">Der Ahndung um den Rasenhügel<br /></span>
-<span class="i0">Geliebter Urnenreste schwebt,<br /></span>
-<span class="i0">Und nun, entfesselt von dem Zügel<br /></span>
-<span class="i0">Des Erdensinnes, sich zum Spiegel<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-<span class="i0">Der reinern Fluth der Wahrheit hebt.<br /></span>
-<span class="i0">Er hüllt sich tiefer ein ins Grauen<br /></span>
-<span class="i0">Der Mitternacht, dem Ernst geweiht,<br /></span>
-<span class="i0">Und auf die Blumen seiner Zeit,<br /></span>
-<span class="i0">Auf seine schönsten Stunden thauen<br /></span>
-<span class="i0">Die Tropfen der Unsterblichkeit.<br /></span>
-<span class="i0">Er sieht am Ufer, wo die Zeit<br /></span>
-<span class="i0">Ihr Laub noch fallen läst, mit Schweigen<br /></span>
-<span class="i0">Das Wogenfluthen, und das Steigen<br /></span>
-<span class="i0">Und Sinken der Vergänglichkeit.<br /></span>
-<span class="i0">Der Vorwelt graue Schatten zeigen<br /></span>
-<span class="i0">Von fern ihm jedes grosse Ziel,<br /></span>
-<span class="i0">Von welchem jede Krone fiel,<br /></span>
-<span class="i0">In der sie noch den Strom umschimmern,<br /></span>
-<span class="i0">Der über Piramiden siegt,<br /></span>
-<span class="i0">Sie wegspült, und mit ihren Trümmern<br /></span>
-<span class="i0">Vorbei an seinem Ufer fliegt.<br /></span>
-<span class="i0">Zum Lispelton der Laubenrosen,<br /></span>
-<span class="i0">Die um den stillen Denker blühn,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-<span class="i0">Tönt lieblich das entfernte Tosen<br /></span>
-<span class="i0">Der Wellen, die vorüber fliehn.<br /></span>
-<span class="i0">Er nimmt zur Stille seiner Rosen<br /></span>
-<span class="i0">Die Welt- und Menschenkunde mit,<br /></span>
-<span class="i0">Die er aus jener Fluth erstritt;<br /></span>
-<span class="i0">Die leitet dann zu dem Gebiete<br /></span>
-<span class="i0">Der Wahrheit, wo die stille Blüte<br /></span>
-<span class="i0">Der Ruhe duftet, seinen Schritt.<br /></span>
-<span class="i0">Gerettet von den Truggestalten,<br /></span>
-<span class="i0">An die der Wahn der Thorheit glaubt,<br /></span>
-<span class="i0">Uebt er die Kunst, sich vest zu halten,<br /></span>
-<span class="i0">Daß ihn kein Trug ihm selber raubt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Komm! las mich jedes Harms vergessen,<br /></span>
-<span class="i0">Der mit der Welt mich oft entzwei't,<br /></span>
-<span class="i0">Und folge mir zu den Zypressen,<br /></span>
-<span class="i0">Zur Stille meiner Einsamkeit!<br /></span>
-<span class="i0">Ein Pläzchen sey mir zugemessen,<br /></span>
-<span class="i0">Wo nie ein Stolz den andern drängt;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-<span class="i0">Wo still, wie eine Sabbathfeier,<br /></span>
-<span class="i0">Und heilig, wie ein Altarschleier,<br /></span>
-<span class="i0">Der Schatten der Zypressen hängt.<br /></span>
-<span class="i0">Geheiligt sey die Feierstille,<br /></span>
-<span class="i0">Die Ruh, die von den Zweigen tröpft,<br /></span>
-<span class="i0">Aus der das Daseyn erst die Fülle<br /></span>
-<span class="i0">Des wahren, reinen Lebens schöpft,<br /></span>
-<span class="i0">Dem nie die stillen Freuden fehlen,<br /></span>
-<span class="i0">Die Gott in unser Daseyn warf!<br /></span>
-<span class="i0">Das Leben, nicht das Daseyn, darf,<br /></span>
-<span class="i0">Nach Tagen, seine Summe zälen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Die Luft der Welt ist rauh und scharf;<br /></span>
-<span class="i0">In ihrem Sturm wird manche Blume,<br /></span>
-<span class="i0">Voll Frucht des Geistes, abgestreift,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn ihre Pflanz' im Heiligthume<br /></span>
-<span class="i0">Der Stille nicht zur Dauer reift.<br /></span>
-<span class="i0">Befruchtung, die der Still' entträuft,<br /></span>
-<span class="i0">Die kann den Sonnenschein vergüten,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-<span class="i0">Den Thau, der sich auf Nesseln senkt,<br /></span>
-<span class="i0">Und seltner die bescheidnen Blüten<br /></span>
-<span class="i0">Des Geistes und des Herzens tränkt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Sie ist das Land der Geistessaaten,<br /></span>
-<span class="i0">Der Herzensblüten! Reiften nicht<br /></span>
-<span class="i0">In ihrem Schatten jene Thaten,<br /></span>
-<span class="i0">Die leuchtend, wie ein flammend Licht,<br /></span>
-<span class="i0">Hinstralen durch so manch Jahrhundert,<br /></span>
-<span class="i0">Von einer Ewigkeit bewundert,<br /></span>
-<span class="i0">Die dankbar ihre Frucht noch bricht?<br /></span>
-<span class="i0">Sie trug von jeder schönen Pflanze<br /></span>
-<span class="i0">Die schönste Blume zu dem Kranze,<br /></span>
-<span class="i0">Der sich um Friedrichs Namen flicht.<br /></span>
-<span class="i0">Ihm galten Kron' und Zepter wenig;<br /></span>
-<span class="i0">Mit tausend Sorgen überstreut,<br /></span>
-<span class="i0">Fühlt' er in ihrem Prunk den König,<br /></span>
-<span class="i0">Sich fühlt' er – in der Einsamkeit!<br /></span>
-<span class="i0">Mit eignen Stralen sich bekränzend,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-<span class="i0">Gieng still sein Geist, so still und glänzend<br /></span>
-<span class="i0">Wie sein Gestirn, aus ihr hervor,<br /></span>
-<span class="i0">Aus ihrem Hain, den zum Asyle<br /></span>
-<span class="i0">Für ihre seligern Gefühle<br /></span>
-<span class="i0">Sich seine Königssorg' erkor.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Das Laster brütet nur Verderben<br /></span>
-<span class="i0">In ihrem Schoos, tränkt hier mit Gift<br /></span>
-<span class="i0">Den Mörderpfeil, der noch den Erben<br /></span>
-<span class="i0">Des kommenden Jahrhunderts trift.<br /></span>
-<span class="i0">Doch wird sie die Entweihung rächen;<br /></span>
-<span class="i0">Sie hält das fliehende Verbrechen,<br /></span>
-<span class="i0">Das ihrer Rache lang' entrann,<br /></span>
-<span class="i0">Noch an des Lebens Gränzen an;<br /></span>
-<span class="i0">Und macht die lezte Lagerstelle,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn's nun umsonst nach einer Quelle<br /></span>
-<span class="i0">Des Trostes und der Ruhe lechzt,<br /></span>
-<span class="i0">Zu einer fürchterlichen Hölle,<br /></span>
-<span class="i0">Vom Wehgewinsel laut umächzt;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-<span class="i0">Und stösst es endlich von der Schwelle<br /></span>
-<span class="i0">Des Lebens wütend in die Gruft!<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Du, Unschuld, komm zu ihrem Schatten!<br /></span>
-<span class="i0">Komm, athme diesen Lilienduft,<br /></span>
-<span class="i0">Worin sich Fried' und Tugend gatten!<br /></span>
-<span class="i0">Wie heilig! selig! ist die Luft,<br /></span>
-<span class="i0">In der ein Tugendtrieb erwachte!<br /></span>
-<span class="i0">Empfind' es, von ihr wach geküsst:<br /></span>
-<span class="i0">Daß nirgendwo ein Himmel ist,<br /></span>
-<span class="i0">Den Unschuld nicht zum Himmel machte.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Dein Tasso athmete so rein,<br /></span>
-<span class="i0">In hoher Unschuld, aus dem Hain<br /></span>
-<span class="i0">Der Einsamkeit, die grossen Triebe<br /></span>
-<span class="i0">Geweihter grosser Seelen ein:<br /></span>
-<span class="i0">Und dennoch blühte seiner Liebe<br /></span>
-<span class="i0">Kein Zweig in ihrem Mirtenhain,<br /></span>
-<span class="i0">Um seinen Lorbeer sich zu winden,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-<span class="i0">Zu überduften seine Ruh.<br /></span>
-<span class="i0">Er sang, er glühete den Gründen<br /></span>
-<span class="i0">Und Hügeln Phyllis Namen zu.<br /></span>
-<span class="i0">Ach! ihn umstrikten die Geflechte<br /></span>
-<span class="i0">Der Tyrannei; und Bosheit rächte<br /></span>
-<span class="i0">An seinem Herzen, was der Kranz<br /></span>
-<span class="i0">Verschuldet hatte, der den Glanz<br /></span>
-<span class="i0">Der Sklaven eines Fürsten schwächte.<br /></span>
-<span class="i0">Verstossen floh er zu dem Glük<br /></span>
-<span class="i0">Der Einsamkeit – von den Medusen<br /></span>
-<span class="i0">Des Neides weit entfernt – zurük,<br /></span>
-<span class="i0">Und sie empfieng, mit seinen Musen<br /></span>
-<span class="i0">Gern ihren Liebling, ihren Sohn;<br /></span>
-<span class="i0">Und er entschlief an ihrem Busen,<br /></span>
-<span class="i0">Getränkt mit ihrem süssten Mohn.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Ihr ruhevoller Athem näret<br /></span>
-<span class="i0">Den Funken Geist, der in uns glüht,<br /></span>
-<span class="i0">Den Frieden, welcher, oft gestöret,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-<span class="i0">Am zarten Halm des Lebens blüht;<br /></span>
-<span class="i0">Nur wilde Leidenschaft verheeret<br /></span>
-<span class="i0">Ihr stilles, seliges Gebiet.<br /></span>
-<span class="i0">In dieser ungestörten Stille<br /></span>
-<span class="i0">Rafft sich mit ihrer ganzen Fülle<br /></span>
-<span class="i0">Die Leidenschaft empor, und reisst<br /></span>
-<span class="i0">In ihre Flammen Herz und Geist.<br /></span>
-<span class="i0">Und flieht ein Thor zu ihrer Stille,<br /></span>
-<span class="i0">Weil er den Weg zum Glük verlor:<br /></span>
-<span class="i0">So kommt aus ihrem Hain der Thor,<br /></span>
-<span class="i0">Mit jedem Wahn, mit jeder Grille,<br /></span>
-<span class="i0">Die ihn hinein trieb, auch hervor.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Die Weisheit nur streut edlen Saamen<br /></span>
-<span class="i0">In dies, oft zwar entweihte, Feld;<br /></span>
-<span class="i0">Ihr wuchsen da die grossen Namen,<br /></span>
-<span class="i0">Die, über Welt und Enkelwelt,<br /></span>
-<span class="i0">Herab von lichten Sternenhöhen,<br /></span>
-<span class="i0">Mit ihren Lorbeerkronen wehen,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-<span class="i0">In deren Schatten, angeglüht<br /></span>
-<span class="i0">Vom Feuergeiste jener Weisen,<br /></span>
-<span class="i0">Die junge Kunst bescheiden blüht.<br /></span>
-<span class="i0">Fern, von des Lebens Wirbelkreisen,<br /></span>
-<span class="i0">Mit Wettlaufstaube schwarz bestreut,<br /></span>
-<span class="i0">Tief in den Hain der Einsamkeit<br /></span>
-<span class="i0">Hinein zu flüchten, ziemt dem Weisen,<br /></span>
-<span class="i0">Der gern mit seinem Herzen spricht:<br /></span>
-<span class="i0">Nur sich, und Schäzze seiner Gaben,<br /></span>
-<span class="i0">In ihrem Schoose zu begraben,<br /></span>
-<span class="i0">Wie Diogen, das ziemt ihm nicht.<br /></span>
-<span class="i0">Sie stärk' ihn nur zur edlen Pflicht,<br /></span>
-<span class="i0">Für's Wohl der Menschheit aufzustreben;<br /></span>
-<span class="i0">Die Ruhe sey's, die hier sein Leben<br /></span>
-<span class="i0">Zur Reife schöner Thaten nährt,<br /></span>
-<span class="i0">Um es der Welt zurük zu geben,<br /></span>
-<span class="i0">Der auch ein Theil von ihm gehört.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Die Kraft, die sich, für die Pachome<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>,<br /></span>
-<span class="i0">So mild, und doch umsonst, ergoss,<br /></span>
-<span class="i0">Die wars, die, gleich dem Tiberstrome,<br /></span>
-<span class="i0">Von jenes Römers Lippen floss,<br /></span>
-<span class="i0">Und einen silberhellen Spiegel<br /></span>
-<span class="i0">In stille Blumenthäler goss;<br /></span>
-<span class="i0">Dann aber, aufgestürmt vom Flügel<br /></span>
-<span class="i0">Der Leidenschaft, die sieben Hügel<br /></span>
-<span class="i0">Errettend in die Arme schloss.<br /></span>
-<span class="i0">Als Katilina schon die Ketten<br /></span>
-<span class="i0">In ihre freien Thäler trug;<br /></span>
-<span class="i0">Da konnt' ein Tullius nur retten,<br /></span>
-<span class="i0">Der mächtig das Gespinst zerschlug;<br /></span>
-<span class="i0">Der Weise, welcher in den Fluren<br /></span>
-<span class="i0">Des stillen Tuskulums die Spuren<br /></span>
-<span class="i0">Der Wahrheit fand, an deren Quell,<br /></span>
-<span class="i0">Der durch die Wiesenblumen schäumte,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-<span class="i0">Sein Geist, in stiller Laube, hell<br /></span>
-<span class="i0">Den grossen Traum der Zukunft träumte;<br /></span>
-<span class="i0">Der Weise, der uns jede Pflicht<br /></span>
-<span class="i0">Der ungeschminkten Tugend malte,<br /></span>
-<span class="i0">Die er mit seines Geistes Licht<br /></span>
-<span class="i0">Warm, wie mit Lebensglut, umstralte;<br /></span>
-<span class="i0">Die, nur in eignem Daseyn froh,<br /></span>
-<span class="i0">Aus dem zu rauschenden Getümmel,<br /></span>
-<span class="i0">Mit ihrem Kato zu dem Himmel<br /></span>
-<span class="i0">Der süssen Lebensstille floh.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Einer der ersten Anachoreten.</p></div>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Hier brach Lukrez auch manche Blume<br /></span>
-<span class="i0">Der keuschverhüllten Wahrheit ab,<br /></span>
-<span class="i0">Die dann aus ihrem Heiligthume,<br /></span>
-<span class="i0">Troz ihm, Unsterblichkeit ihm gab.<br /></span>
-<span class="i0">Hier sah er manches Glied der Kette<br /></span>
-<span class="i0">Der grossen Unermessenheit,<br /></span>
-<span class="i0">Werth, daß er auch Unsterblichkeit<br /></span>
-<span class="i0">Geglaubt, gefühlt, gesungen hätte!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Und du, mein Maro, holtest du<br /></span>
-<span class="i0">Nicht deinen Lorbeer aus dem grünen,<br /></span>
-<span class="i0">Vertrauten Grottenhain der Ruh,<br /></span>
-<span class="i0">Wo jene Bilder dir erschienen,<br /></span>
-<span class="i0">Womit du, wahr, wie die Natur,<br /></span>
-<span class="i0">Die Lieder deiner Hirten schmüktest,<br /></span>
-<span class="i0">Und, wie die Schäfer deiner Flur,<br /></span>
-<span class="i0">Den üppigen Mäzen entzüktest,<br /></span>
-<span class="i0">Den längst die Grazien verwöhnt,<br /></span>
-<span class="i0">Und nun zu ihrem Richter hatten?<br /></span>
-<span class="i0">In deinem süssen Mirtenschatten,<br /></span>
-<span class="i0">Von deiner hohen Laut' umtönt,<br /></span>
-<span class="i0">Schwelgt' er in deines Geistes Fülle.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Wer aber schöpft' aus deiner Stille,<br /></span>
-<span class="i0">Geliebte Einsamkeit, so tief<br /></span>
-<span class="i0">Die feine Kunst, des Narrn zu spotten,<br /></span>
-<span class="i0">Der sich auf Ahnenschaft berief,<br /></span>
-<span class="i0">Und träg auf fremdem Lorbeer schlief?<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-<span class="i0">Wer war's, der aus den Venusgrotten<br /></span>
-<span class="i0">Der Griechenflur die Scherze rief,<br /></span>
-<span class="i0">Die nun auf Tiburs Hügeln tanzten,<br /></span>
-<span class="i0">Und in die todten Wüstenei'n<br /></span>
-<span class="i0">Den Liedervollen Opferhain<br /></span>
-<span class="i0">Der schönen Grazien verpflanzten?<br /></span>
-<span class="i0">Dein Flakkus! der, am Lenzgesträuch<br /></span>
-<span class="i0">Froh hingegossen, süss und weich,<br /></span>
-<span class="i0">Wie das Geseufz' im Hain des Taubers,<br /></span>
-<span class="i0">Für Lalage die Flöte blies;<br /></span>
-<span class="i0">Und nun, mit allem Pomp des Zaubers,<br /></span>
-<span class="i0">Den hohen Hymnus rauschen lies;<br /></span>
-<span class="i0">Und nun auf einer Rasenstelle,<br /></span>
-<span class="i0">Beim leisen Flüstern seiner Quelle,<br /></span>
-<span class="i0">Den Himmel reiner Seelen pries!<br /></span>
-<span class="i0">Dein Flakkus fand erst in der Stille,<br /></span>
-<span class="i0">Von Roms Tumulten ungestört,<br /></span>
-<span class="i0">Die Ruhe, welcher keine Grille,<br /></span>
-<span class="i0">Die sich in falscher Hoheit ehrt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-<span class="i0">Das Rieseln ihrer Tag' empört.<br /></span>
-<span class="i0">Er schöpft' aus ihr die ganze Fülle<br /></span>
-<span class="i0">Der Lebensweisheit, die uns lehrt,<br /></span>
-<span class="i0">Den Werth der Dinge, nach Gesezzen<br /></span>
-<span class="i0">Der richtenden Vernunft, zu schäzzen,<br /></span>
-<span class="i0">Die, was ihr minder angehört,<br /></span>
-<span class="i0">Als fremde Güter, leicht entbehrt.<br /></span>
-<span class="i0">So schlich er, nur mit Stunden geizend,<br /></span>
-<span class="i0">Die frohe Leier in der Hand,<br /></span>
-<span class="i0">Durch seinen Wald, den er so reizend,<br /></span>
-<span class="i0">Vor allem Erdgepränge, fand;<br /></span>
-<span class="i0">Zufrieden, wenn ihm nur die Mirthe,<br /></span>
-<span class="i0">Durch welche sanft die Sympathie<br /></span>
-<span class="i0">Verliebter Turteltauben girrte,<br /></span>
-<span class="i0">Zum Abendschmaus den Kranz verlieh.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Katull – auf Nachtigallenflügeln<br /></span>
-<span class="i0">Flog seine Phantasie empor,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn sich auf stillen Schattenhügeln,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-<span class="i0">Mit Lesbia, sein Geist verlor.<br /></span>
-<span class="i0">Fern von dem Taumel, der, halb thierisch,<br /></span>
-<span class="i0">Den gröbern Sinn für sich erkor,<br /></span>
-<span class="i0">Sang er den Lüften, welche lyrisch<br /></span>
-<span class="i0">Um seine Leier schwärmten, vor.<br /></span>
-<span class="i0">Noch blühn die Rosen, die den Sizzen<br /></span>
-<span class="i0">Der Freundschaft ihren Purpur streu'n;<br /></span>
-<span class="i0">Noch grünt der schöne Mirtenhain,<br /></span>
-<span class="i0">Worin, auf zarten Blumenspizzen,<br /></span>
-<span class="i0">Sein Lied, das keine Zeit begräbt,<br /></span>
-<span class="i0">Weil es die Grazien beschüzzen,<br /></span>
-<span class="i0">Leicht, wie ein Zephyr, hingeschwebt;<br /></span>
-<span class="i0">Und lieblich, wie die Blüt' im Thale,<br /></span>
-<span class="i0">Das nie Petrarka's Lied vergisst,<br /></span>
-<span class="i0">Wo, wie bei einem Liebesmahle,<br /></span>
-<span class="i0">Ein Veilchen sanft das andre küsst;<br /></span>
-<span class="i0">Wo das Vermälungsfest der Düfte<br /></span>
-<span class="i0">Ein süsser Seelenwechsel ist,<br /></span>
-<span class="i0">Und selbst der Athemzug der Lüfte,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-<span class="i0">Von jenem Zauber noch berauscht,<br /></span>
-<span class="i0">Melodisch in den Zweigen schmachtet,<br /></span>
-<span class="i0">Von deren Schatten grün umnachtet,<br /></span>
-<span class="i0">Und von der Stille nur belauscht,<br /></span>
-<span class="i0">Der Sänger jenen Blütenregen<br /></span>
-<span class="i0">Besang, der sich auf Laura goss,<br /></span>
-<span class="i0">Daß, unter seinen Harfenschlägen,<br /></span>
-<span class="i0">Der stille Bach noch stiller floss.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Und Thomson – welche Hymnustöne<br /></span>
-<span class="i0">Entquillen seiner Einsamkeit!<br /></span>
-<span class="i0">Die über jede Frülingsszene<br /></span>
-<span class="i0">Die Jugend eines Lebens streut,<br /></span>
-<span class="i0">Das, angehaucht von einem Gotte,<br /></span>
-<span class="i0">Die Welt, wie eine Braut umschlingt,<br /></span>
-<span class="i0">Die Haine stimmt und bis zur Grotte,<br /></span>
-<span class="i0">Worin ein Wesen schlummert, dringt.<br /></span>
-<span class="i0">Durch alles weht der Geist der Liebe,<br /></span>
-<span class="i0">Die aus den Nachtigallen singt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-<span class="i0">Und sich mit ihrem Schmeicheltriebe<br /></span>
-<span class="i0">Selbst um die grauen Eichen schlingt.<br /></span>
-<span class="i0">Wie rauschen jene Wasserfälle,<br /></span>
-<span class="i0">Gleich dem Gewühl der wilden Lust!<br /></span>
-<span class="i0">Wie schmiegt sich um die Silberbrust<br /></span>
-<span class="i0">Der Nymphe sanft die Rasenstelle,<br /></span>
-<span class="i0">Um die der Ahornschatten hängt!<br /></span>
-<span class="i0">Wie sich der Nymphentanz der Quelle<br /></span>
-<span class="i0">In krausen Reihen, Well' an Welle,<br /></span>
-<span class="i0">Von Veilchen angelächelt, drängt!<br /></span>
-<span class="i0">Nun blüht die Ros', und Sommerlüfte<br /></span>
-<span class="i0">Wehn um die heitre Königin,<br /></span>
-<span class="i0">Und bringen ihre frischen Düfte<br /></span>
-<span class="i0">Zum Opfer einer Schäferin,<br /></span>
-<span class="i0">Die, von der Mittaghizze glühend,<br /></span>
-<span class="i0">Zu einem Ulmenwäldchen irrt,<br /></span>
-<span class="i0">Wo Liebe flüstert; wo ein Hirt,<br /></span>
-<span class="i0">In vollen Jugendlokken blühend,<br /></span>
-<span class="i0">Sie freundlich überraschen wird.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-<span class="i0">Gern flieht der Dichter das, mit Schiefer<br /></span>
-<span class="i0">Und mit Statü'n beschwerte, Dach;<br /></span>
-<span class="i0">Er schleicht Gedankenfreuden nach,<br /></span>
-<span class="i0">Zur Hainesstill', und dringet tiefer<br /></span>
-<span class="i0">Zum Sizze der Begeisterung:<br /></span>
-<span class="i0">Er sieht durch grüne Dunkelheiten<br /></span>
-<span class="i0">Tief in des Waldes Heiligung<br /></span>
-<span class="i0">Die feierlichen Geister schreiten<a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>,<br /></span>
-<span class="i0">Die, nah mit unserm Geist verwandt,<br /></span>
-<span class="i0">Ins Land der Ruh hinein geflüchtet,<br /></span>
-<span class="i0">Wo keine Zeit, und keine Hand<br /></span>
-<span class="i0">Des Frevels mehr den Kranz vernichtet,<br /></span>
-<span class="i0">Den sich die stille Tugend wand.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Siehe Thomsons Sommer.</p></div>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Nun tritt sein Herbst auf, im Gesange<br /></span>
-<span class="i0">Der lezten Stimme jeder Flur;<br /></span>
-<span class="i0">Und an der Waldung blühet nur<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-<span class="i0">Das Schwindsuchtroth noch auf der Wange<br /></span>
-<span class="i0">Der ruhig sterbenden Natur!<br /></span>
-<span class="i0">Nun schleicht zur röthlichgelben Laube,<br /></span>
-<span class="i0">Zur dichterischen Einsamkeit<br /></span>
-<span class="i0">Des Denkers Abgeschiedenheit.<br /></span>
-<span class="i0">Willkommen, Ruhe! wo die Traube<br /></span>
-<span class="i0">Den Lippen ihren Nektar beut.<br /></span>
-<span class="i0">Schon ziehn die Vögel, und begleiten<br /></span>
-<span class="i0">Den längern Tag zur wärmern Welt;<br /></span>
-<span class="i0">Und grosse Wolkenschatten schreiten<br /></span>
-<span class="i0">Nun Riesenmässig übers Feld;<br /></span>
-<span class="i0">Und ihnen folgt dann öd' und traurig<br /></span>
-<span class="i0">Die Todesfeier der Natur.<br /></span>
-<span class="i0">Horch! ihre Manen ächzen schaurig<br /></span>
-<span class="i0">Um den gestorbnen Halm der Flur!<br /></span>
-<span class="i0">Der Hain verschied; den grünen Schleier<br /></span>
-<span class="i0">Des Lebens warf er seufzend ab!<br /></span>
-<span class="i0">Dort sinkt der Jubel seiner Feier<br /></span>
-<span class="i0">Zu den Verwesungen hinab!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-<span class="i0">Sag! welcher Spiegel zeigt wol treuer<br /></span>
-<span class="i0">Dem Menschen sein gewisses Grab?<br /></span>
-<span class="i0">Doch wird er leben, wieder leben!<br /></span>
-<span class="i0">Der Wald wird wieder auferstehn!<br /></span>
-<span class="i0">Dann wird ein geistigleises Wehn<br /></span>
-<span class="i0">Sein wallendes Gewand umschweben;<br /></span>
-<span class="i0">Begeistert werden Thal und Höh'n<br /></span>
-<span class="i0">Den Auferstehungspsalm erheben,<br /></span>
-<span class="i0">Und ihr Verklärungsfest begehn!<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Nun folge mir zu jenen Nächten,<br /></span>
-<span class="i0">Wo neben Young der Tiefsinn wacht,<br /></span>
-<span class="i0">Der, troz der schwarzen Mitternacht,<br /></span>
-<span class="i0">Aus labyrinthischen Geflechten<br /></span>
-<span class="i0">In eine heitre Sphäre blikt,<br /></span>
-<span class="i0">Und unter Ahndungsvollen Lüften,<br /></span>
-<span class="i0">In heiligen Zypressendüften,<br /></span>
-<span class="i0">Von Gräbern Himmelsfreuden pflükt.<br /></span>
-<span class="i0">Hier sah' er leuchtender den Stempel<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-<span class="i0">Der Gottheit, Welten aufgedrükt;<br /></span>
-<span class="i0">Und Welten waren nun sein Tempel,<br /></span>
-<span class="i0">Die Wahrheit seine Priesterin.<br /></span>
-<span class="i0">Mit welchem feierlichen Sinn<br /></span>
-<span class="i0">Trat er an ihren Altar hin!<br /></span>
-<span class="i0">Wie himmelvoll! wenn nun das kühnste<br /></span>
-<span class="i0">Der Lieder diese Szene sang,<br /></span>
-<span class="i0">Und zu dem grossen Gottesdienste<br /></span>
-<span class="i0">Der feiernden Natur sich schwang!<br /></span>
-<span class="i0">Das Grab, das seinen Tag verschlang,<br /></span>
-<span class="i0">Sah er im Schatten ruhig modern;<br /></span>
-<span class="i0">Sie, die sein süsses Leben war,<br /></span>
-<span class="i0">Sie sah er stehn am Glanzaltar,<br /></span>
-<span class="i0">Auf welchem glorreich Sonnen lodern.<br /></span>
-<span class="i0">Ein Himmel der Unsterblichkeit,<br /></span>
-<span class="i0">Die zu den eingesunknen Trümmern<br /></span>
-<span class="i0">Verblühter Tag' ein leises Schimmern,<br /></span>
-<span class="i0">Durch Mondgewölk, hernieder streut,<br /></span>
-<span class="i0">Entstieg dem theuren Aschenkruge,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-<span class="i0">Auf den des Sehers Thräne fiel.<br /></span>
-<span class="i0">Die Einsamkeit gab seinem Fluge<br /></span>
-<span class="i0">Den hohen Schwung zum Palmenziel.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Sie führte Popen durchs Gewühl<br /></span>
-<span class="i0">Der Erdenszenen, bis zum Throne,<br /></span>
-<span class="i0">Wo er, in einer sichern Hand,<br /></span>
-<span class="i0">Das erste Glied der Ordnung fand.<br /></span>
-<span class="i0">Die Stille wars, die diesem Sohne<br /></span>
-<span class="i0">Der Weisheit, mit geweihter Hand,<br /></span>
-<span class="i0">Die grosse Epheulorbeerkrone<br /></span>
-<span class="i0">Des hohen Mäoniden wand.<br /></span>
-<span class="i0">Die Stille wars, die keinen Störer<br /></span>
-<span class="i0">In seine werthe Grotte lies,<br /></span>
-<span class="i0">Wo sie den Denker an den Lehrer,<br /></span>
-<span class="i0">Den grossen Lehrer, Tod! verwies;<br /></span>
-<span class="i0">Der, unter Palmendämmerungen,<br /></span>
-<span class="i0">Von Knoten, die ein Gott geschlungen,<br /></span>
-<span class="i0">Ihm die Entwikkelung verhies.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">So flog, in den Begeisterungen<br /></span>
-<span class="i0">Der hohen Abgeschiedenheit,<br /></span>
-<span class="i0">Dein Kronegk zu der Seligkeit,<br /></span>
-<span class="i0">Zu den erhabnen Huldigungen<br /></span>
-<span class="i0">Der reinen Geisterwelt empor,<br /></span>
-<span class="i0">Wo er der Erde Dämmerungen<br /></span>
-<span class="i0">Aus dem entzükten Blik verlor.<br /></span>
-<span class="i0">Hell trat aus einem Götterchor,<br /></span>
-<span class="i0">Mit ihrem Stralenkranz umschlungen,<br /></span>
-<span class="i0">Serena's lichte Seel' hervor.<br /></span>
-<span class="i0">Er fühlte kaum noch vom Getümmel<br /></span>
-<span class="i0">Des Lebens eine leichte Spur;<br /></span>
-<span class="i0">Serena's Gottheit fühlt' er nur.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Und er, mein Opitz, welchen Himmel<br /></span>
-<span class="i0">Fand er auf Zlatnas goldner Flur!<br /></span>
-<span class="i0">Im Stolz am Arme der Natur<br /></span>
-<span class="i0">Der höhern Freude nachzuschleichen,<br /></span>
-<span class="i0">An der ein Stral von Seele blizt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-<span class="i0">Verachtet' er den Stolz des Reichen,<br /></span>
-<span class="i0">Der arm ist, und nur Gold besizt.<br /></span>
-<span class="i0">Hier war der weise Sänger freier,<br /></span>
-<span class="i0">Und liederreich, wie Zlatnas Hain.<br /></span>
-<span class="i0">Die Stille hauchte seiner Leier<br /></span>
-<span class="i0">Die hohe Lebensweisheit ein.<br /></span>
-<span class="i0">Ihm hat der Genius den reinen<br /></span>
-<span class="i0">Einweihungskuss zuerst geküsst:<br /></span>
-<span class="i0">Begeistert sang er nun den Hainen<br /></span>
-<span class="i0">Germaniens, das ihn – vergisst.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Noch stolzer gieng, wie eine Blüte<br /></span>
-<span class="i0">Des Aethers, den sie früh erhellt,<br /></span>
-<span class="i0">Die Sonne Leibnitz auf, und glühte<br /></span>
-<span class="i0">Den jungen Stral durch ihre Welt.<br /></span>
-<span class="i0">Da flohe vor des Denkers Strale<br /></span>
-<span class="i0">Die dumpfe kalte Dunkelheit!<br /></span>
-<span class="i0">Ihn lud ein Wink der Einsamkeit<br /></span>
-<span class="i0">Zum hohen Geistesbakchanale,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-<span class="i0">Dem aus dem schönsten Quellenthale<br /></span>
-<span class="i0">Die Wahrheit ihre Blumen streut.<br /></span>
-<span class="i0">Im Innersten des Heiligthumes<br /></span>
-<span class="i0">Der Nacht, erzog die Einsamkeit<br /></span>
-<span class="i0">Die schönen Kränze seines Ruhmes.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Wenn wir uns in des Lebens Hain<br /></span>
-<span class="i0">Weit von uns selbst verloren hatten:<br /></span>
-<span class="i0">Sie samlet uns in ihrem Schatten,<br /></span>
-<span class="i0">Und führt uns in uns selbst hinein.<br /></span>
-<span class="i0">Weh aber! weh dem Wahn des Thoren,<br /></span>
-<span class="i0">Der da in eine Wüste tritt!<br /></span>
-<span class="i0">Wie fremd ist's rund um seinen Schritt!<br /></span>
-<span class="i0">Er fühlt sich nur noch mehr verloren.<br /></span>
-<span class="i0">Nun flüchtet er voll Ungeduld<br /></span>
-<span class="i0">Aus sich hinaus, hin zum Getöse,<br /></span>
-<span class="i0">Daß ihn der rauschende Tumult<br /></span>
-<span class="i0">Wohlthätig von ihm selbst erlöse;<br /></span>
-<span class="i0">Erlöse vom Gefühl der Pein,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-<span class="i0">Sein eigener Gefährt zu seyn,<br /></span>
-<span class="i0">Durch irgend eine Flur des Lebens.<br /></span>
-<span class="i0">Und wenn nun ihn der Rausch verläst:<br /></span>
-<span class="i0">Ganz einsam sucht er dann vergebens<br /></span>
-<span class="i0">In sich ein stilles Friedensfest!<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Wo blüht ihr feierlichen Rosen,<br /></span>
-<span class="i0">Dem Denkerbakchanal geweiht?<br /></span>
-<span class="i0">Empfangt mich von dem wilden Tosen<br /></span>
-<span class="i0">Der Flut in eure Einsamkeit!<br /></span>
-<span class="i0">Nimm mich, gedankenvolle Ruhe,<br /></span>
-<span class="i0">In deine Abgeschiedenheit,<br /></span>
-<span class="i0">Die dann auf alles, was ich thue,<br /></span>
-<span class="i0">Die Blumen ihrer Stille streut!<br /></span>
-<span class="i0">Geliebte, süsse Einsamkeit,<br /></span>
-<span class="i0">Auf alles drükst nur du den Stempel<br /></span>
-<span class="i0">Der dauernden Vollkommenheit!<br /></span>
-<span class="i0">Von nun an sey ein Göttertempel<br /></span>
-<span class="i0">Von meinem Herzen dir geweiht!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Wie leicht wird jede Wunde heilen,<br /></span>
-<span class="i0">Die irgend eine Hand mir schlägt:<br /></span>
-<span class="i0">Wenn mich der Wellenstrom, zuweilen<br /></span>
-<span class="i0">Nur, an ein stilles Ufer trägt,<br /></span>
-<span class="i0">Wo jene tausend Stimmen schweigen,<br /></span>
-<span class="i0">Von welchen, wie's der Zufall schikt,<br /></span>
-<span class="i0">Die Eine gleich die Andr' erstikt;<br /></span>
-<span class="i0">Wo unter leis' umhauchten Zweigen<br /></span>
-<span class="i0">Die Ruhe mir entgegen nikt;<br /></span>
-<span class="i0">Wo keine Blüte meiner Jahre<br /></span>
-<span class="i0">Die Flut des Weltgewühls verschlingt,<br /></span>
-<span class="i0">Von dem ich dann nichts mehr erfahre,<br /></span>
-<span class="i0">Als was ein Schiffbruch zu mir bringt,<br /></span>
-<span class="i0">Der sich, von Sturm und Tod umringt,<br /></span>
-<span class="i0">Ans Ufer meiner Stille rettet,<br /></span>
-<span class="i0">Wo, jedem Herzenszwang' entkettet,<br /></span>
-<span class="i0">Das Leben dem Gewässer gleicht,<br /></span>
-<span class="i0">Das, nie von einem Sturm erreicht,<br /></span>
-<span class="i0">In Veilchenufer hingebettet,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-<span class="i0">Durch singende Gebüsche schleicht;<br /></span>
-<span class="i0">In deren Schatten das Vergessen<br /></span>
-<span class="i0">Des Harms auf seidnem Rasen liegt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Wo grünt ihr dämmernden Zypressen,<br /></span>
-<span class="i0">Um die kein Wunsch der Thorheit fliegt;<br /></span>
-<span class="i0">Die ihr, zu still dem wilden Schwarme,<br /></span>
-<span class="i0">Im Liebgekose grüner Arme<br /></span>
-<span class="i0">Mein Eremitenhüttchen wiegt.<br /></span>
-<span class="i0">Da tritt, mit manchem Kranz umschlungen,<br /></span>
-<span class="i0">Entflohne Zeit, da tritt hervor!<br /></span>
-<span class="i0">Hervor mit den Beseligungen<br /></span>
-<span class="i0">Des Thals, in dessen Dämmerungen<br /></span>
-<span class="i0">Mein Leben sich schon halb verlor.<br /></span>
-<span class="i0">Bring alle deine Jugendtänze;<br /></span>
-<span class="i0">Bring alles, was ich that und litt,<br /></span>
-<span class="i0">Die Rosen und Zypressenkränze,<br /></span>
-<span class="i0">Selbst meine Thorheit bring mir mit,<br /></span>
-<span class="i0">Samt ihren Träumen, ihren Spielen,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-<span class="i0">Und alles, was mein Herz bereut:<br /></span>
-<span class="i0">Denn auch auf Stellen, wo wir fielen,<br /></span>
-<span class="i0">Zurük zu schaun, ist Seligkeit.<br /></span>
-<span class="i0">Die Hoffnung hat mir oft gelogen;<br /></span>
-<span class="i0">Je glühender mein Herz gehofft,<br /></span>
-<span class="i0">Je kälter hat sie mich betrogen;<br /></span>
-<span class="i0">Die Gegenwart selbst täuscht uns oft;<br /></span>
-<span class="i0">Wir stehn uns dann noch viel zu nahe,<br /></span>
-<span class="i0">Um uns, so wie wir sind, zu sehn;<br /></span>
-<span class="i0">Wer hat wol – las es uns gestehn!&nbsp;–<br /></span>
-<span class="i0">So gut er in der Fern' auch sahe,<br /></span>
-<span class="i0">Nie seine Nähe falsch gesehn?<br /></span>
-<span class="i0">Erinnrung ist der treue Spiegel,<br /></span>
-<span class="i0">Der uns, so wie wir sind, uns zeigt,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn viel zu hoch mit uns der Flügel<br /></span>
-<span class="i0">Der allzuraschen Hoffnung fleugt.<br /></span>
-<span class="i0">Sie führe mich zum stillsten Hügel<br /></span>
-<span class="i0">Der Ruhe, den ihr Geist umweht,<br /></span>
-<span class="i0">Wo, Schritt vor Schritt, das Herz am Zügel<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-<span class="i0">Den ihre Warnung führet, geht;<br /></span>
-<span class="i0">Das Herz, das nur zu gern am Riegel<br /></span>
-<span class="i0">Der dunkeln Zukunft horchend steht.<br /></span>
-<span class="i0">Auch mein Herz stand mit Wunsch und Klage<br /></span>
-<span class="i0">Vor der, mit Recht verschlossnen, Thür,<br /></span>
-<span class="i0">Nicht achtend, daß es traurig hier<br /></span>
-<span class="i0">Den Tag der Gegenwart verschlage.<br /></span>
-<span class="i0">Die nächste Zukunft meiner Tage<br /></span>
-<span class="i0">Gehört der Zukunft und nicht mir!<br /></span>
-<span class="i0">Und doch, wenn je zum Reiz der Ferne<br /></span>
-<span class="i0">Mein Geist hinaus zu fliegen strebt,<br /></span>
-<span class="i0">So sey's ein Blik zum Abendsterne,<br /></span>
-<span class="i0">Wo meine Seelenfeier schwebt;<br /></span>
-<span class="i0">Wo unter seligen Gesträuchen<br /></span>
-<span class="i0">Der Liebe sich mein Geist verlor,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn sich den Schatten dunkler Eichen<br /></span>
-<span class="i0">Zum Tempel meine Seel' erkor.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-</div></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i4">Ihr seelevollen Schwärmereien!<br /></span>
-<span class="i0">Ihr Geister meiner schönsten Zeit!<br /></span>
-<span class="i0">Verlast nie meine Einsamkeit,<br /></span>
-<span class="i0">Um sie zum Tempel mir zu weihen,<br /></span>
-<span class="i0">Um den, im Lispel junger Maien,<br /></span>
-<span class="i0">Der Ulmbaum seine Arme schlägt!<br /></span>
-<span class="i0">Die Priesterin in diesem Tempel<br /></span>
-<span class="i0">Sey nur die Freude, die den Stempel<br /></span>
-<span class="i0">Des hohen Götterfunkens trägt.<br /></span>
-<span class="i0">Las michs – in seiner höchsten Fülle<br /></span>
-<span class="i0">Mit Zittern fühlen, süsse Stille,<br /></span>
-<span class="i0">Die unter meinen Ulmen thront,<br /></span>
-<span class="i0">Daß tief in meiner Blütenhülle<br /></span>
-<span class="i0">Die Gottheit einer Seele wohnt!<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p>
-
-<p class="center">Gedrukt bei W. G. SOMMER in LEIPZIG.</p>
-</div>
-
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-
-<pre>
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-
-End of Project Gutenberg's Die Einsamkeit, by Christoph August Tiedge
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMKEIT ***
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