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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Einsamkeit - -Author: Christoph August Tiedge - -Release Date: February 15, 2017 [EBook #54170] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMKEIT *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - Im Original kursiver Text ist _so dargestellt_. - - Die Originalschreibweise wurde beibehalten. - - - - - _Die Einsamkeit_ - - _von_ - - _August Tiedge._ - - _Leipzig - in der Sommerschen Buchhandlung._ - - - - -DIE EINSAMKEIT. - - - - -_Vorbericht._ - - -_Ueber die nachstehende Epistel hätte ich dem Publikum eigentlich -nichts zu sagen, wenn mir nicht die Ursache ihrer Erscheinung ein paar -Worte abnöthigte, die mich sehr die Verlegenheit fühlen lassen, von -mir selbst reden zu müssen. Ich gehe damit um, meine zum Theil noch -ungedrukten, zum Theil aber seit 1783 zerstreut erschienenen Episteln, -nach einer strengen Auswahl und Durchsicht, in einer Samlung den Händen -des Publikums zu übergeben, wovon nun schon eine nähere Ankündigung -erschienen ist. Mancherlei Ursachen bestimmen mich, den freilich oft -gemisbrauchten Weg der Pränumeration einzuschlagen. Sehr viele meiner -Freunde haben sich indessen für mein Unternehmen interessirt. Und -wenn mich die Aussicht eines entsprechenden Erfolgs bei den ersten -Schritten nicht durchaus verläst: so wird die ganze Samlung meiner -epistolarischen Gedichte Michaelis dieses Jahres ohnfehlbar erscheinen, -unter Bedingungen, welche die bereits ausgegebene Anzeige darlegt. -Die gegenwärtige Epistel über die Einsamkeit soll eine Vorläuferin -der ganzen Samlung seyn, um dem Publikum, dem ich nur aus früheren -Ausstellungen bekannt bin, den Erwartungspunkt an die Hand zu geben. -Ich glaube dies unsern Zeiten schuldig zu seyn, die mit einem sehr -begreiflichen Widerspruche zu sehr und zu wenig poetisch sind._ - - _Halberstadt, im Januar 1792._ - - - - -_An_ - -_Lina._ - - - - - Es giebt auf Gottes schöner Welt - Gewis noch manche schöne Stelle, - Wo ich mir wol ein Hirtenzelt - Hinbaut', an einer kleinen Quelle, - Verstekt in einem Schweizerthal, - Wo, wenn die Wind' aus Norden stürmten, - Vertraute Pappeln mich beschirmten, - Und wo ein Wäldchen, wenn der Stral - Aus Südens Feuerschoos die Schwinge - Dem West versengte, mich empfinge: - Wo ich, vom Drang und Schein der Dinge, - Von Lug und Trug der Menschen fern, - Mich vest an meine Stille schmiegte; - Wo ich den lezten Hang zum Spott, - Den ein bethörter Donquixott - Sonst leicht in Flammen blies, besiegte. - Ja solch ein Pläzchen liegt noch hier - Und da verstekt; allein vor allen - Hat Dein geliebter Hügel mir - Im Schlehenkranze wohlgefallen, - Wo friedlicher die Lüfte wehn; - Wo durch das Thal der Nachtigallen - Sich lieblicher die Bäche drehn; - Wo silberner die Blüten wallen, - Die von des Frülings Schoose fallen. - - Wie einsam steht er da! wie schön! - Im frischgewebten Feierkleide, - Als hätt' er sich zum Tanz geschmükt; - So schön, wie in der grünen Seide - Kaum Minnas weisser Finger stikt, - Und welche Aussicht in die Auen, - Die er beherrscht! — O Freundin, hier, - Hier möcht' ich mir die Hütte bauen, - Wo Turteltauben über mir - In schönen Zweigen traulich girrten, - Und zu der Hand des stillen Hirten - Herunter flatterten, und sich - Vertrügen unter meinem Zelte, - Und mich umschmeichelten, wenn ich - Zur Botin eines Briefs an Dich - Die kleine Tejerin bestellte. - - Da legt' ich mir ein Gärtchen an, - Und flüsternd sollten, wie Gedanken - Der Liebe Deine Seel' umranken, - Die Spröslinge der Rebe dann - Mein kleines Ohnesorg' umschwanken. - Da wär' ich erst ein freier Mann, - So frei, wie meine Nachtigallen; - Da lüd' ich aus dem nahen Hain - Die Sänger in die grünen Hallen, - Zu süssen Wettgesängen, ein. - Wir sängen, bis am dunkeln Hain - Uns Cynthia von fern begrüste: - Nun führe selbst die Königin - Der Sterne durch die graue Wüste - Des Aethers, minder eilend, hin. - - Gern würde mich der Wald verstekken; - Da könnte mir den heitern Sinn - Kein Hasser aus dem Herzen nekken; - Da sollte wol die Schwäzzerin, - Die Neugier selbst, mich nicht entdekken; - Mich würd' ein immer froher Muth - Zu lauter Freudenliedern stimmen; - Entfernt von jeder Lasterbrut, - Würd' ich zum Zorne nie entglimmen; - Nie würde mir in seinem Blut - Ein guter Nam' entgegen schwimmen. - Auf einer stillern Lebensfluth, - An deren Ufern, überhangen - Mit Rosen, unbelauscht von Schlangen, - Ein reines Herz so selig ruht, - Würd' ein entwölkter Himmel spiegeln; - Und leise würde hinter mir - Ein Genius der Ruh die Thür - Zum Tempel der Natur verriegeln; - Damit in meiner Einsamkeit - Mich nicht die tausend Dinge störten, - Die einst an Blüten meiner Zeit, - Gleich gierigen Insekten, zehrten, - Bis sie zur Abgeschiedenheit, - Zum Selbstgenus, mein Herz bekehrten, - Und mich durch ihren Unbestand, - Den meine Ruh so oft empfand, - Die Kunst, sie zu verachten, lehrten. - Von jedem Weltgetös' entfernt, - Und fern vom Pöbel niedrer Freuden, - Der täuschend gute Seelen körnt, - Würd' ich mich an der Einfalt weiden, - Die selbst vom Hänfling Weisheit lernt. - O welche Wollust, auszuruhen - Vom Wirbeltanz der Unnatur! - Dann würden Thal, und Hain, und Flur, - Beredter als die Bourdalouen, - Die goldnen Sprüche der Natur - Mir in die stille Seele flüstern; - Nie würd' ich nach der Täuschung lüstern, - Die alles, nur nicht glüklich, macht. - - Nein, ich beneide nicht die Pracht, - Die manches Elend überschimmert, - Und, wie der stolze Blik auch lacht, - Die Ruh im Herzen niedertrümmert! - O der betrügerischen Pracht! - Ein frohes Herz, frei von Verschuldung, - Ist warlich mehr, als die Verguldung, - Die keinen Gek zum Weisen macht. - Schau hin auf jene Vorgemächer, - Wo man einander quälend ehrt! - Die liebe Langeweile leert - Auf diese Gruppen einen Köcher, - Der nie mit seines Pfeiles Gift - Das Leben Deiner Stunden trift. - Tritt näher, Freundin, den Geräuschen, - Nach welchen man sein Daseyn misst, - Das, klein und kriechend, wie die List - Durch die es Nichts, und Alles, ist, - Sich martert, um sich selbst zu täuschen. - - O wie verliert sich das Gefühl - Der Wahrheit auf dem Welttheater, - In Nachahmung und leeres Spiel! - Vergönnt mir nur der gute Vater - Des Lebens, die Zufriedenheit, - Mein Herz mit jener Heiterkeit - Und Wahrheit der Natur zu nähren: - So weilt im Schatten meiner Zeit - Das stille Glük, das selbst der Neid - Nicht würdig achten wird zu stören. - - Dich, Vater, find' ich überall - In der Natur! Der Wasserfall, - Das Lüftchen, das mit seinem Flügel - Die Blüt' umarmt am Schlehenhügel, - Das hohe Lied der Nachtigall, - Selbst das Gekreische froher Raben, - Ja Alles spricht so gut von dir, - Und nichts verläumdet dich, als — wir! - Wir Menschen, voll von deinen Gaben, - Und dennoch von dir selbst so leer! - Was Menschen erst entgöttert haben, - Nur darin find' ich dich nicht mehr! - - Ja, Freundin, es ist warlich schwer, - Zur Unnatur sich zu gewöhnen, - Und durch die trügerischen Szenen - Der Klugheit, die so freundlich hasst, - So höflich mordet, froh die Last - Des Lebens vor sich herzuwälzen. - Im Schuz der Einfalt einer Flur, - Und zwischen friedlichen Gehölzen, - Verstatte mir nur die Natur, - An ihrem Tisch mich zu vergnügen! - Bei ihr ist Wahrheit! Ihre Flur - Straft jeden Fürstenteppich Lügen; - Bei solchem Freudenmale nur, - Trank ihr geliebter Epikur, - Ihr Priester, einst, in langen Zügen, - Die unvermischte Wollust ein. - O er verstand's, im grünen Hain, - An ihrem Busen sich zu wiegen! - Und das wär' ihm nicht zu verzeihn? - Nicht zu verzeihn, daß er die Schale - Des Lebens aufschloss, und den Kern, - Von allem Weltgetöse fern, - In einem kleinen Rosenthale, - Das seine Hand erzog, genoss? - Nicht zu verzeihn, daß auf der Stelle - Der Veilchen seine Weisheit spross? - Daß ihm in grün umwebter Quelle - Die Lehre seiner Tugend floss? - Verzieh doch er dem grossen Tross - Der Thoren, die an Schalen käuten, - Die Armuth ihrer Schwelgerei! - Las sich die Streitsucht müde streiten, - Die ewig fragt: was Freiheit sey? - Mein Epikur war weis' und frei! - Und war er's nicht: wo würd' ein Leben, - Und wär's an Götterfülle reich, - Im Himmel und auf Erden, euch - Bericht auf eure Frage geben? - - Oft hört' ich auch: ein weiser Mann - Ist immer frei! wie leicht gesprochen, - Nur nicht so leicht gethan! Wie kann - Auch selbst ein Weiser sich entjochen - Von manchem Niederdruk, woran - Die Sorg' ihn knüpft, mit allen Härten - Des Misgeschiks, und wenn er dann - Zur Einsamkeit in seine Gärten, - Wie Epikur, nicht flüchten kann, - Wo ihm der Freiheit Mirten blühen? - Was bleibt ihm nun? Etwa der Welt, - Worin ihm manches nicht gefällt, - Wie Jakob Rousseau, zu entfliehen, - Und von den Possenspielen fern, - Worin sie wirbelt, aus dem Kern - Sich eine bessre Welt zu ziehen? - Wo Hass und Unruh nie das Fest - Der Unschuld und der Freude stören? - Ich rathe nicht dazu! Es läst - Sich immer noch die Frage hören: - Ob wir bei einem ew'gen Fest - Der Freude wol beglükter wären, - Als diese Welt uns werden läst, - Die freilich uns noch manche Zären - Und Seufzer aus dem Herzen prest, - Dem schöne Pflanzungen verwildern, - Die schönste Hofnung Täuschung giebt. - Was hilfts, nach rosenfarbnen Bildern - Zu haschen, die ein Hauch zerstiebt? - Man schafft, empört von dem Tumulte, - Der um uns her sein Wesen treibt, - Sich eine Welt, bei seinem Pulte, - Die glüklicher im Pulte bleibt. - - So hab' auch ich, in schönen Träumen, - Mir manches Paradies geträumt, - Und seinen Horizont mit Säumen - Des schönen Morgenroths besäumt, - Aus dem, mit Lichtgeström umschäumt, - Im Schimmer seines Glanzgeschmeides, - Der Tag den Elisäern keimt, - Und das Phantom des Weltgebäudes, - Das ich für meine Ruhe schuf, - War lieblich anzusehn! Des süssen, - Des reinen Daseyns zu geniessen, - War hier der einzige Beruf - Der Göttermenschen, die ich schuf. - Sie waren alle Virtuosen - Der Tugend, und die Unschuld lag - Auf Blättern hingewehter Rosen, - So ruhig, wie der Feiertag, - Der ewig meinen Fluren glänzte, - Vollauf von der Natur beschenkt, - An deren Busen, ungekränkt, - Der Friede sich mit Epheu kränzte, - Mit keiner Fessel mehr bekannt, - Auf welche Trug und Bosheit pochten, - Als nur mit der, die, von der Hand - Der Treu im Mirtenhain geflochten, - Sie nur im Schoos der Liebe fand. - Kurz meine Welt, das Vaterland - Der Ruh, war eine schöne Welle, - Die in den Strom der Welten rann; - Da lächelte aus jeder Quelle - Ein Engel einen Engel an. - - Der Freundschaft süsse Rosen glühten - So unverwelklich durch den Hain - Des Lebens, so von Giftthau rein, - Wie sie nur auf der Insel blühten, - Die, ohne Stolbergs Phantasie, - Im grossen, unbegrenzten Meere - Der weiten Idealogie, - Wol unentdekt geblieben wäre. - Man lebt' in süsser Harmonie. - Sanft athmete, durch alle Triebe - Des Strebens, nur der Geist der Liebe, - Der Geist der holden Sympathie, - Der meinem Volke, fern vom stolzen - Aufstrebungsgeist, den Sinn verlieh, - Mit welchem, Herz in Herz verschmolzen, - Die allerreinste Melodie, - Der Wohllaut eingestimmter Saiten, - Den Plato selber nur vom weiten - Im Traum empfunden haben soll, - Ins grosse Chor der Wesenheiten - So zauberisch hinüber quoll. - - Bei diesem ungestörten Liede - Der Seelenharmonien, lag - In seinem Palmenhain der Friede, - Und feierte, der Flucht nun müde, - Den feierlichsten Ruhetag, - Der jemals auf dem Augenliede - Der jungen Morgenröthe lag. - Und ausgesöhnt war Erd' und Himmel, - Ein nie umwölkter Sonnenschein - Beschien das frölichste Getümmel, - Beschien den ewig grünen Hain. - - Die von der Weisheit selbst verehrte, - Nicht leichte Kunst, sich stets zu freun, - Die sonst kaum Weisen glükte, hörte - Ganz auf, die schwere Kunst zu seyn, - Die Vater Utz im Mirtenhain - Der Unschuld und der Liebe lehrte, - Und Gleim, den jede Rosenflur - Der Musen liebt, und immer liebte, - Durch vierzehn schöne Lustren übte: - Sie war blos Gabe der Natur. - - Das Heiligthum der Gabriele - Gab meinem Volke jeden Zug, - So wahr, daß er das Bild der Seele, - Aus welcher er gequollen, trug; - Und Sanftheit sprach aus jedem Zug. - - Kein Wild durchächzte die Gebüsche, - Vor wildern Menschen auf der Flucht; - Man war noch menschlich; kein Gemische - Vergossnen Bluts und grüner Frucht - Lies man zu seinem Mahle tragen — - Der Mensch, aus unschuldvollern Tagen, - Der fiel gewis das Thier erst an, - Eh er es über sich gewann, - Sein eignes Wesen zu erschlagen. — - Noch lebten meine Lotophagen - Mild, wie der Hain, sanft, wie die Flur, - In süsser, unschuldvoller Frohheit, - Weit zwar entfernt von wilder Rohheit, - Doch dicht am Busen der Natur, - Umwebt mit friedlichen Oliven; - Den Segen der Zufriedenheit - Lies ich von allen Zweigen triefen, - In deren Schatten, überstreut - Mit Blumen jener goldnen Zeit, - Die Unschuld und die Liebe schliefen. - - Vielleicht, wenn mein Vielleicht nicht irrt, - Erwartest du, wie hell die Wahrheit, - Im ganzen Aufwand ihrer Klarheit, - Durch meine Schöpfung leuchten wird? - Sie kam von selbst, auf allen Wegen, - Die sich durch mein Elisium - Hinschlangen, meinem Volk entgegen, - Man irrte nie um sie herum; - Man pflükte nicht aus Dorngehegen, - Nicht mühsam ihren Rosenkranz; - Sie warf ihn jedem Wunsch entgegen; - Sie mischte sich in Spiel und Tanz: - Da ward sie, troz dem ofnen Segen, - Den sie durch meine Götterwelt - Hinströmen lies, in leichten Spielen - Verstekt, zum Wettkampf aufgestellt. — - Wie doch die Wahrheit den Gefühlen - Des Herzens, nur verhüllt, gefällt! - Mit Mühe wollen wir sie haschen! - Die Freude, sie zu überraschen, - Ist das, was ihren Reiz erhält. - - Und streng und freundlich wog die Waage - Der offensten Gerechtigkeit, - Von keiner Frevelhand entweiht, - Das Recht der Wahrheit zu, und Tage - Voll Einfalt, Still' und Heiterkeit. - - Die reizende Bescheidenheit, - Der reinen Wahrheit treu, verhüllte - So tief sich in sich selbst hinein, - Daß meine Welt der Wiederschein - Von ihren Thaten nur erfüllte. - - Die Duldung — himmlisch hold erschien - Sie im erhabnen Schmuk der Demuth, - Und um ihr Lächeln lies die Wehmuth - Ein sanft verhüllend Wölkchen ziehn. - So führte sie in jede Hütte - Die stille Sanftmuth selbst hinein, - Die schloss den Druk, durch den sie litte, - Geheim in ihrem Busen ein. - Den Druk? — Woher denn Druk und Pein - In einer Welt, der die Verschuldung - Nichts zu verzeihn, zu dulden gab? - Wie kam denn Sanftmuth, wie kam Duldung, - Wie kam Zufriedenheit herab - Auf eine Welt, die, von Verguldung - Der Thorheit weit entfernt, sich froh - Im Sonnenschein des Friedens sonnte, - Vor welchem jedes Laster floh; - Wo man durchaus nicht anders konnte, - Als nur zufrieden seyn und froh? - Bedurften jene stillen Tage - Der Unschuld, die kein Unrecht kennt, - Der Tugend jener gleichen Waage? - Der Hand, die Recht und Unrecht trennt? - Man lebt' in einer süssen Jugend - Der Kindheit noch, zu kindlich rein, - Zu fromm, um tugendhaft zu seyn; - Du siehst denn, Freundin, manche Tugend - Kann unter Lastern nur gedeihn! - Der Sturmwind, der den Feldern wütend - Die tiefsten Narben hinterläst, - Errettet, tausendfach vergütend, - Das Land vielleicht von einer Pest. - Nimm zwanzig Laster weg, so schwinden - Vielleicht zehn Tugenden dahin! - So las uns denn, für den Gewinn, - Auch immer den Verlust verwinden, - Und stets der Tugend Blumen streun! - Der Kranz, den wir der Tugend winden, - Wird einst ein schönes Erbtheil seyn, - Das wir in ihrem Schoose finden, - In irgend einem Friedenshain, - Wo sich die Knoten von den Dingen - Vielleicht ein wenig anders schlingen, - Als in dem Erdenlabyrinth, - Das uns, wie weit wir immer dringen, - Mit seiner Schattennacht umspinnt. - - Verzeihe denn, du gutes Kind - Der Unschuldwelt, daß an den Frieden - Der bessern Zukunft, die hienieden - Gehofft wird, ich nicht glauben kann! - Vom Schauplatz, wo an wilden Dolchen - Manch edles Leben blutig rann, - Schwing' ich zur Gottheit mich hinan, - Die dies Gewebe nur aus solchen, - Und nicht aus andern Fäden spann, - Wie sie vielleicht der Mensch ersann, - Der weise Thor, der, in der Mitte - Der Schöpfung da zu stehn, sich deucht; - Und mit der Schöpfung seine Hütte, - Sich mit der Gottheit selbst vergleicht, - Die er noch, Wunder! glaubt zu ehren, - Wenn er so gütig für sie sorgt, - Und, zu der Haushaltung der Sphären, - Ihr seine Hüttenweisheit borgt. - Nach tausend aufgeklärten Jahren, - Wird noch die Sonne Menschen sehn, - Wie, unter längst verschwundnen Schaaren, - Die Borgia's und Alba's waren, - Und Titusseelen, gross und schön, - Die unverlezlich die Gefahren - Der Zeitenpestilenz bestehn. - - Die Welt rollt stets in Einem Gleise: - So schleicht auch Menschenleben fort, - Sich immer gleich, von Ort zu Ort, - Als dreht' es sich in einem Kreise. - Wir hoffen, hoffen! und das Dort - Wird endlich hier, dieselbe Reise, - Derselbe Weg, dieselben Gleise, - Bald Wiesenplan, bald eingeengt; - Nun einsam, izt vom Tross gegängelt; - Hier blumig, dort vom Stral versengt, - Der über unserm Haupte hängt; - Und die Gefärten, nie verengelt, - Ein Haufe, der sich immer drängt, - Bis sich der Weg ins Dunkle schlängelt, - Und uns das öde Thal empfängt, - An dessen stille, dumpfe Schatten - Die lichte Heimathflur sich schmiegt, - Die den Ermüdeten, den Matten - Im mütterlichen Schoose wiegt. - - Doch, wie die Ruhe nun erlangen, - In einer Welt, wo Laster sind, - Auch wol seyn müssen; die durch Schlangen - So viel Vollkommenheit gewinnt, - Als durch die sanfte Ringeltaube, - Die, aus den Zweigen deiner Laube, - Durch holdes Girren mit dir spricht? - Wie läst sich da die Ruh erringen, - Die unserm Herzen doch gebricht? — - O! dazu führt, vor allen Dingen, - Die schöne, menschlichschöne Pflicht: - Alliebend, wie das Sonnenlicht, - Ein jedes Wesen zu umschlingen, - Das sich in unser Daseyn flicht; - Die bessern Seiten aufzuspüren, - Die jedes Wesen trägt, und schön - Den Sphärenraum damit zu zieren, - In dem sich unsre Tage drehn; - Zu sorgen, daß kein Tag vergebens - Für uns die Schwalbenflügel regt, - Weil jeder einen Theil des Lebens - Von uns auf seinen Schwingen trägt; - Frisch fort zu gehn, was unsern Tritten - Auch in den Weg sich wirft, und dann — - Die Gottheit selbst um nichts zu bitten, - Was man sich selber geben kann. - Ein reines Herz, ein Herz voll Ruhe, - Kann uns die Gottheit nicht verleihn, - Was ihre Huld auch für uns thue! - Der Mensch soll selbst, er soll allein - Der Schöpfer seiner Seelenruhe, - Der Gott in seinem Himmel seyn! - - Doch wird uns oft die Ruh' entrissen; - Die Ebb' und Fluth, die uns umringt, - Läst nur zu oft sie uns vermissen: - Doch, Lina, desto süsser schlingt - Der Friede, von der Lind' umdüftet, - Und fern von allem eitlen Schmuk, - Um uns den Engelarm, und lüftet - Dem müden Pilger jeden Druk, - Wann endlich von verbrannten Haiden, - Durch welche seine Bahn sich krümmt, - Der blaue Wald, voll Lebensfreuden, - In seine kühle Ruh ihn nimmt. - - Nun seyd gegrüst, geweihte Schatten - Der Einsamkeit! Nun sey gegrüst, - Du frische Quelle, die dem matten - Verschmachteten entgegen fliest, - Die, unter grün umflohrten Schatten, - Die weitre Wallfarth ihm versüst. - Die kleinen lieblichen Sirenen - Der Waldgesänge laden nun - Den Pilger ein, bei ihren Tönen, - Am Bachgeriesel, auszuruhn. - Und endlich giebt er seinen Segen - Dem Rasen, wo er ausgeruht, - Und eilt mit hofnungsvollerm Muth - Dem vorgestekten Ziel entgegen. - Denn diese Ruhe, diese Kühle, - Die seine Flammen löschte, macht - Der Pilger nicht zu seinem Ziele; - Gestärkter eilt er nur, gelehnt - Auf seinen Stab, durch die Gefilde. - Sprich! kennst du nicht in diesem Bilde - Das Herz, das sich nach Stille sehnt? - Das, oft verkannt, sich selbst nur kenntlich - Durch manche Hofnung hingeharrt, - Durch manche Täuschung, bis es endlich - Sein eigner Gott, sein Schuzgott ward! - - O Ruhe! wenn im Abendgolde - Zu Dir des Haines Athem stieg, - Und feiernd die Natur, du Holde, - Vor deinem Altar stand und schwieg: - Wie strebte dann aus dem Getümmel - Mein Herz hinaus, um hinzufliehn - Zu dir, und deinen ganzen Himmel - Dicht um mein Wesen herzuziehn! - Wo an vergötternden Gedanken - Die edlern Lebensfrüchte schwanken, - Die nur in deinem Schoose blühn, - Wo rein, und unberührt vom Neide, - Durchs Haar der unentweihten Freude - Die königlichen Rosen glühn: - In diesem stilleren Geschmeide - Flieht sie den Stolz und wandelt nur, - Mit jenem Sinn der Unschuld freier, - Und seliger, durch Hain und Flur; - Da wischt sie jede dunkle Spur - Des Grams, mit ihrem reinen Schleier - Hinweg vom Antliz der Natur. - - Die Einsamkeit, die hohe Stille - Vergöttert und erhebt den Geist, - Daß er sich kühn, aus dieser Hülle - Der engen Sinnlichkeit, zur Fülle - Der Feier seines Himmels reisst. - Hier blühn ihm ewige Naturen - Aus der Unendlichkeit hervor; - Hier tönt der Welten grosses Chor, - Hier spriest auf reinen Aetherfluren - Ein junges Sonnenheer empor; - Hier blizzen heller ihm die Spuren - Der Gottheit auf. Ein stilles Licht, - Unsichtbar dem profanen Volke, - Versilbert jede Schattenwolke, - Die sich um seine Ruhe flicht, - Und ihm die Aussicht in den Spiegel - Der schönen Zukunft unterbricht, - Die auf dem weichen Taubenflügel - Der Ahndung um den Rasenhügel - Geliebter Urnenreste schwebt, - Und nun, entfesselt von dem Zügel - Des Erdensinnes, sich zum Spiegel - Der reinern Fluth der Wahrheit hebt. - Er hüllt sich tiefer ein ins Grauen - Der Mitternacht, dem Ernst geweiht, - Und auf die Blumen seiner Zeit, - Auf seine schönsten Stunden thauen - Die Tropfen der Unsterblichkeit. - Er sieht am Ufer, wo die Zeit - Ihr Laub noch fallen läst, mit Schweigen - Das Wogenfluthen, und das Steigen - Und Sinken der Vergänglichkeit. - Der Vorwelt graue Schatten zeigen - Von fern ihm jedes grosse Ziel, - Von welchem jede Krone fiel, - In der sie noch den Strom umschimmern, - Der über Piramiden siegt, - Sie wegspült, und mit ihren Trümmern - Vorbei an seinem Ufer fliegt. - Zum Lispelton der Laubenrosen, - Die um den stillen Denker blühn, - Tönt lieblich das entfernte Tosen - Der Wellen, die vorüber fliehn. - Er nimmt zur Stille seiner Rosen - Die Welt- und Menschenkunde mit, - Die er aus jener Fluth erstritt; - Die leitet dann zu dem Gebiete - Der Wahrheit, wo die stille Blüte - Der Ruhe duftet, seinen Schritt. - Gerettet von den Truggestalten, - An die der Wahn der Thorheit glaubt, - Uebt er die Kunst, sich vest zu halten, - Daß ihn kein Trug ihm selber raubt. - - Komm! las mich jedes Harms vergessen, - Der mit der Welt mich oft entzwei't, - Und folge mir zu den Zypressen, - Zur Stille meiner Einsamkeit! - Ein Pläzchen sey mir zugemessen, - Wo nie ein Stolz den andern drängt; - Wo still, wie eine Sabbathfeier, - Und heilig, wie ein Altarschleier, - Der Schatten der Zypressen hängt. - Geheiligt sey die Feierstille, - Die Ruh, die von den Zweigen tröpft, - Aus der das Daseyn erst die Fülle - Des wahren, reinen Lebens schöpft, - Dem nie die stillen Freuden fehlen, - Die Gott in unser Daseyn warf! - Das Leben, nicht das Daseyn, darf, - Nach Tagen, seine Summe zälen. - - Die Luft der Welt ist rauh und scharf; - In ihrem Sturm wird manche Blume, - Voll Frucht des Geistes, abgestreift, - Wenn ihre Pflanz' im Heiligthume - Der Stille nicht zur Dauer reift. - Befruchtung, die der Still' entträuft, - Die kann den Sonnenschein vergüten, - Den Thau, der sich auf Nesseln senkt, - Und seltner die bescheidnen Blüten - Des Geistes und des Herzens tränkt. - - Sie ist das Land der Geistessaaten, - Der Herzensblüten! Reiften nicht - In ihrem Schatten jene Thaten, - Die leuchtend, wie ein flammend Licht, - Hinstralen durch so manch Jahrhundert, - Von einer Ewigkeit bewundert, - Die dankbar ihre Frucht noch bricht? - Sie trug von jeder schönen Pflanze - Die schönste Blume zu dem Kranze, - Der sich um Friedrichs Namen flicht. - Ihm galten Kron' und Zepter wenig; - Mit tausend Sorgen überstreut, - Fühlt' er in ihrem Prunk den König, - Sich fühlt' er — in der Einsamkeit! - Mit eignen Stralen sich bekränzend, - Gieng still sein Geist, so still und glänzend - Wie sein Gestirn, aus ihr hervor, - Aus ihrem Hain, den zum Asyle - Für ihre seligern Gefühle - Sich seine Königssorg' erkor. - - Das Laster brütet nur Verderben - In ihrem Schoos, tränkt hier mit Gift - Den Mörderpfeil, der noch den Erben - Des kommenden Jahrhunderts trift. - Doch wird sie die Entweihung rächen; - Sie hält das fliehende Verbrechen, - Das ihrer Rache lang' entrann, - Noch an des Lebens Gränzen an; - Und macht die lezte Lagerstelle, - Wenn's nun umsonst nach einer Quelle - Des Trostes und der Ruhe lechzt, - Zu einer fürchterlichen Hölle, - Vom Wehgewinsel laut umächzt; - Und stösst es endlich von der Schwelle - Des Lebens wütend in die Gruft! - - Du, Unschuld, komm zu ihrem Schatten! - Komm, athme diesen Lilienduft, - Worin sich Fried' und Tugend gatten! - Wie heilig! selig! ist die Luft, - In der ein Tugendtrieb erwachte! - Empfind' es, von ihr wach geküsst: - Daß nirgendwo ein Himmel ist, - Den Unschuld nicht zum Himmel machte. - - Dein Tasso athmete so rein, - In hoher Unschuld, aus dem Hain - Der Einsamkeit, die grossen Triebe - Geweihter grosser Seelen ein: - Und dennoch blühte seiner Liebe - Kein Zweig in ihrem Mirtenhain, - Um seinen Lorbeer sich zu winden, - Zu überduften seine Ruh. - Er sang, er glühete den Gründen - Und Hügeln Phyllis Namen zu. - Ach! ihn umstrikten die Geflechte - Der Tyrannei; und Bosheit rächte - An seinem Herzen, was der Kranz - Verschuldet hatte, der den Glanz - Der Sklaven eines Fürsten schwächte. - Verstossen floh er zu dem Glük - Der Einsamkeit — von den Medusen - Des Neides weit entfernt — zurük, - Und sie empfieng, mit seinen Musen - Gern ihren Liebling, ihren Sohn; - Und er entschlief an ihrem Busen, - Getränkt mit ihrem süssten Mohn. - - Ihr ruhevoller Athem näret - Den Funken Geist, der in uns glüht, - Den Frieden, welcher, oft gestöret, - Am zarten Halm des Lebens blüht; - Nur wilde Leidenschaft verheeret - Ihr stilles, seliges Gebiet. - In dieser ungestörten Stille - Rafft sich mit ihrer ganzen Fülle - Die Leidenschaft empor, und reisst - In ihre Flammen Herz und Geist. - Und flieht ein Thor zu ihrer Stille, - Weil er den Weg zum Glük verlor: - So kommt aus ihrem Hain der Thor, - Mit jedem Wahn, mit jeder Grille, - Die ihn hinein trieb, auch hervor. - - Die Weisheit nur streut edlen Saamen - In dies, oft zwar entweihte, Feld; - Ihr wuchsen da die grossen Namen, - Die, über Welt und Enkelwelt, - Herab von lichten Sternenhöhen, - Mit ihren Lorbeerkronen wehen, - In deren Schatten, angeglüht - Vom Feuergeiste jener Weisen, - Die junge Kunst bescheiden blüht. - Fern, von des Lebens Wirbelkreisen, - Mit Wettlaufstaube schwarz bestreut, - Tief in den Hain der Einsamkeit - Hinein zu flüchten, ziemt dem Weisen, - Der gern mit seinem Herzen spricht: - Nur sich, und Schäzze seiner Gaben, - In ihrem Schoose zu begraben, - Wie Diogen, das ziemt ihm nicht. - Sie stärk' ihn nur zur edlen Pflicht, - Für's Wohl der Menschheit aufzustreben; - Die Ruhe sey's, die hier sein Leben - Zur Reife schöner Thaten nährt, - Um es der Welt zurük zu geben, - Der auch ein Theil von ihm gehört. - - Die Kraft, die sich, für die Pachome[1], - So mild, und doch umsonst, ergoss, - Die wars, die, gleich dem Tiberstrome, - Von jenes Römers Lippen floss, - Und einen silberhellen Spiegel - In stille Blumenthäler goss; - Dann aber, aufgestürmt vom Flügel - Der Leidenschaft, die sieben Hügel - Errettend in die Arme schloss. - Als Katilina schon die Ketten - In ihre freien Thäler trug; - Da konnt' ein Tullius nur retten, - Der mächtig das Gespinst zerschlug; - Der Weise, welcher in den Fluren - Des stillen Tuskulums die Spuren - Der Wahrheit fand, an deren Quell, - Der durch die Wiesenblumen schäumte, - Sein Geist, in stiller Laube, hell - Den grossen Traum der Zukunft träumte; - Der Weise, der uns jede Pflicht - Der ungeschminkten Tugend malte, - Die er mit seines Geistes Licht - Warm, wie mit Lebensglut, umstralte; - Die, nur in eignem Daseyn froh, - Aus dem zu rauschenden Getümmel, - Mit ihrem Kato zu dem Himmel - Der süssen Lebensstille floh. - - [1] Einer der ersten Anachoreten. - - Hier brach Lukrez auch manche Blume - Der keuschverhüllten Wahrheit ab, - Die dann aus ihrem Heiligthume, - Troz ihm, Unsterblichkeit ihm gab. - Hier sah er manches Glied der Kette - Der grossen Unermessenheit, - Werth, daß er auch Unsterblichkeit - Geglaubt, gefühlt, gesungen hätte! - - Und du, mein Maro, holtest du - Nicht deinen Lorbeer aus dem grünen, - Vertrauten Grottenhain der Ruh, - Wo jene Bilder dir erschienen, - Womit du, wahr, wie die Natur, - Die Lieder deiner Hirten schmüktest, - Und, wie die Schäfer deiner Flur, - Den üppigen Mäzen entzüktest, - Den längst die Grazien verwöhnt, - Und nun zu ihrem Richter hatten? - In deinem süssen Mirtenschatten, - Von deiner hohen Laut' umtönt, - Schwelgt' er in deines Geistes Fülle. - - Wer aber schöpft' aus deiner Stille, - Geliebte Einsamkeit, so tief - Die feine Kunst, des Narrn zu spotten, - Der sich auf Ahnenschaft berief, - Und träg auf fremdem Lorbeer schlief? - Wer war's, der aus den Venusgrotten - Der Griechenflur die Scherze rief, - Die nun auf Tiburs Hügeln tanzten, - Und in die todten Wüstenei'n - Den Liedervollen Opferhain - Der schönen Grazien verpflanzten? - Dein Flakkus! der, am Lenzgesträuch - Froh hingegossen, süss und weich, - Wie das Geseufz' im Hain des Taubers, - Für Lalage die Flöte blies; - Und nun, mit allem Pomp des Zaubers, - Den hohen Hymnus rauschen lies; - Und nun auf einer Rasenstelle, - Beim leisen Flüstern seiner Quelle, - Den Himmel reiner Seelen pries! - Dein Flakkus fand erst in der Stille, - Von Roms Tumulten ungestört, - Die Ruhe, welcher keine Grille, - Die sich in falscher Hoheit ehrt, - Das Rieseln ihrer Tag' empört. - Er schöpft' aus ihr die ganze Fülle - Der Lebensweisheit, die uns lehrt, - Den Werth der Dinge, nach Gesezzen - Der richtenden Vernunft, zu schäzzen, - Die, was ihr minder angehört, - Als fremde Güter, leicht entbehrt. - So schlich er, nur mit Stunden geizend, - Die frohe Leier in der Hand, - Durch seinen Wald, den er so reizend, - Vor allem Erdgepränge, fand; - Zufrieden, wenn ihm nur die Mirthe, - Durch welche sanft die Sympathie - Verliebter Turteltauben girrte, - Zum Abendschmaus den Kranz verlieh. - - Katull — auf Nachtigallenflügeln - Flog seine Phantasie empor, - Wenn sich auf stillen Schattenhügeln, - Mit Lesbia, sein Geist verlor. - Fern von dem Taumel, der, halb thierisch, - Den gröbern Sinn für sich erkor, - Sang er den Lüften, welche lyrisch - Um seine Leier schwärmten, vor. - Noch blühn die Rosen, die den Sizzen - Der Freundschaft ihren Purpur streu'n; - Noch grünt der schöne Mirtenhain, - Worin, auf zarten Blumenspizzen, - Sein Lied, das keine Zeit begräbt, - Weil es die Grazien beschüzzen, - Leicht, wie ein Zephyr, hingeschwebt; - Und lieblich, wie die Blüt' im Thale, - Das nie Petrarka's Lied vergisst, - Wo, wie bei einem Liebesmahle, - Ein Veilchen sanft das andre küsst; - Wo das Vermälungsfest der Düfte - Ein süsser Seelenwechsel ist, - Und selbst der Athemzug der Lüfte, - Von jenem Zauber noch berauscht, - Melodisch in den Zweigen schmachtet, - Von deren Schatten grün umnachtet, - Und von der Stille nur belauscht, - Der Sänger jenen Blütenregen - Besang, der sich auf Laura goss, - Daß, unter seinen Harfenschlägen, - Der stille Bach noch stiller floss. - - Und Thomson — welche Hymnustöne - Entquillen seiner Einsamkeit! - Die über jede Frülingsszene - Die Jugend eines Lebens streut, - Das, angehaucht von einem Gotte, - Die Welt, wie eine Braut umschlingt, - Die Haine stimmt und bis zur Grotte, - Worin ein Wesen schlummert, dringt. - Durch alles weht der Geist der Liebe, - Die aus den Nachtigallen singt, - Und sich mit ihrem Schmeicheltriebe - Selbst um die grauen Eichen schlingt. - Wie rauschen jene Wasserfälle, - Gleich dem Gewühl der wilden Lust! - Wie schmiegt sich um die Silberbrust - Der Nymphe sanft die Rasenstelle, - Um die der Ahornschatten hängt! - Wie sich der Nymphentanz der Quelle - In krausen Reihen, Well' an Welle, - Von Veilchen angelächelt, drängt! - Nun blüht die Ros', und Sommerlüfte - Wehn um die heitre Königin, - Und bringen ihre frischen Düfte - Zum Opfer einer Schäferin, - Die, von der Mittaghizze glühend, - Zu einem Ulmenwäldchen irrt, - Wo Liebe flüstert; wo ein Hirt, - In vollen Jugendlokken blühend, - Sie freundlich überraschen wird. - Gern flieht der Dichter das, mit Schiefer - Und mit Statü'n beschwerte, Dach; - Er schleicht Gedankenfreuden nach, - Zur Hainesstill', und dringet tiefer - Zum Sizze der Begeisterung: - Er sieht durch grüne Dunkelheiten - Tief in des Waldes Heiligung - Die feierlichen Geister schreiten[2], - Die, nah mit unserm Geist verwandt, - Ins Land der Ruh hinein geflüchtet, - Wo keine Zeit, und keine Hand - Des Frevels mehr den Kranz vernichtet, - Den sich die stille Tugend wand. - - [2] Siehe Thomsons Sommer. - - Nun tritt sein Herbst auf, im Gesange - Der lezten Stimme jeder Flur; - Und an der Waldung blühet nur - Das Schwindsuchtroth noch auf der Wange - Der ruhig sterbenden Natur! - Nun schleicht zur röthlichgelben Laube, - Zur dichterischen Einsamkeit - Des Denkers Abgeschiedenheit. - Willkommen, Ruhe! wo die Traube - Den Lippen ihren Nektar beut. - Schon ziehn die Vögel, und begleiten - Den längern Tag zur wärmern Welt; - Und grosse Wolkenschatten schreiten - Nun Riesenmässig übers Feld; - Und ihnen folgt dann öd' und traurig - Die Todesfeier der Natur. - Horch! ihre Manen ächzen schaurig - Um den gestorbnen Halm der Flur! - Der Hain verschied; den grünen Schleier - Des Lebens warf er seufzend ab! - Dort sinkt der Jubel seiner Feier - Zu den Verwesungen hinab! - Sag! welcher Spiegel zeigt wol treuer - Dem Menschen sein gewisses Grab? - Doch wird er leben, wieder leben! - Der Wald wird wieder auferstehn! - Dann wird ein geistigleises Wehn - Sein wallendes Gewand umschweben; - Begeistert werden Thal und Höh'n - Den Auferstehungspsalm erheben, - Und ihr Verklärungsfest begehn! - - Nun folge mir zu jenen Nächten, - Wo neben Young der Tiefsinn wacht, - Der, troz der schwarzen Mitternacht, - Aus labyrinthischen Geflechten - In eine heitre Sphäre blikt, - Und unter Ahndungsvollen Lüften, - In heiligen Zypressendüften, - Von Gräbern Himmelsfreuden pflükt. - Hier sah' er leuchtender den Stempel - Der Gottheit, Welten aufgedrükt; - Und Welten waren nun sein Tempel, - Die Wahrheit seine Priesterin. - Mit welchem feierlichen Sinn - Trat er an ihren Altar hin! - Wie himmelvoll! wenn nun das kühnste - Der Lieder diese Szene sang, - Und zu dem grossen Gottesdienste - Der feiernden Natur sich schwang! - Das Grab, das seinen Tag verschlang, - Sah er im Schatten ruhig modern; - Sie, die sein süsses Leben war, - Sie sah er stehn am Glanzaltar, - Auf welchem glorreich Sonnen lodern. - Ein Himmel der Unsterblichkeit, - Die zu den eingesunknen Trümmern - Verblühter Tag' ein leises Schimmern, - Durch Mondgewölk, hernieder streut, - Entstieg dem theuren Aschenkruge, - Auf den des Sehers Thräne fiel. - Die Einsamkeit gab seinem Fluge - Den hohen Schwung zum Palmenziel. - - Sie führte Popen durchs Gewühl - Der Erdenszenen, bis zum Throne, - Wo er, in einer sichern Hand, - Das erste Glied der Ordnung fand. - Die Stille wars, die diesem Sohne - Der Weisheit, mit geweihter Hand, - Die grosse Epheulorbeerkrone - Des hohen Mäoniden wand. - Die Stille wars, die keinen Störer - In seine werthe Grotte lies, - Wo sie den Denker an den Lehrer, - Den grossen Lehrer, Tod! verwies; - Der, unter Palmendämmerungen, - Von Knoten, die ein Gott geschlungen, - Ihm die Entwikkelung verhies. - - So flog, in den Begeisterungen - Der hohen Abgeschiedenheit, - Dein Kronegk zu der Seligkeit, - Zu den erhabnen Huldigungen - Der reinen Geisterwelt empor, - Wo er der Erde Dämmerungen - Aus dem entzükten Blik verlor. - Hell trat aus einem Götterchor, - Mit ihrem Stralenkranz umschlungen, - Serena's lichte Seel' hervor. - Er fühlte kaum noch vom Getümmel - Des Lebens eine leichte Spur; - Serena's Gottheit fühlt' er nur. - - Und er, mein Opitz, welchen Himmel - Fand er auf Zlatnas goldner Flur! - Im Stolz am Arme der Natur - Der höhern Freude nachzuschleichen, - An der ein Stral von Seele blizt, - Verachtet' er den Stolz des Reichen, - Der arm ist, und nur Gold besizt. - Hier war der weise Sänger freier, - Und liederreich, wie Zlatnas Hain. - Die Stille hauchte seiner Leier - Die hohe Lebensweisheit ein. - Ihm hat der Genius den reinen - Einweihungskuss zuerst geküsst: - Begeistert sang er nun den Hainen - Germaniens, das ihn — vergisst. - - Noch stolzer gieng, wie eine Blüte - Des Aethers, den sie früh erhellt, - Die Sonne Leibnitz auf, und glühte - Den jungen Stral durch ihre Welt. - Da flohe vor des Denkers Strale - Die dumpfe kalte Dunkelheit! - Ihn lud ein Wink der Einsamkeit - Zum hohen Geistesbakchanale, - Dem aus dem schönsten Quellenthale - Die Wahrheit ihre Blumen streut. - Im Innersten des Heiligthumes - Der Nacht, erzog die Einsamkeit - Die schönen Kränze seines Ruhmes. - - Wenn wir uns in des Lebens Hain - Weit von uns selbst verloren hatten: - Sie samlet uns in ihrem Schatten, - Und führt uns in uns selbst hinein. - Weh aber! weh dem Wahn des Thoren, - Der da in eine Wüste tritt! - Wie fremd ist's rund um seinen Schritt! - Er fühlt sich nur noch mehr verloren. - Nun flüchtet er voll Ungeduld - Aus sich hinaus, hin zum Getöse, - Daß ihn der rauschende Tumult - Wohlthätig von ihm selbst erlöse; - Erlöse vom Gefühl der Pein, - Sein eigener Gefährt zu seyn, - Durch irgend eine Flur des Lebens. - Und wenn nun ihn der Rausch verläst: - Ganz einsam sucht er dann vergebens - In sich ein stilles Friedensfest! - - Wo blüht ihr feierlichen Rosen, - Dem Denkerbakchanal geweiht? - Empfangt mich von dem wilden Tosen - Der Flut in eure Einsamkeit! - Nimm mich, gedankenvolle Ruhe, - In deine Abgeschiedenheit, - Die dann auf alles, was ich thue, - Die Blumen ihrer Stille streut! - Geliebte, süsse Einsamkeit, - Auf alles drükst nur du den Stempel - Der dauernden Vollkommenheit! - Von nun an sey ein Göttertempel - Von meinem Herzen dir geweiht! - - Wie leicht wird jede Wunde heilen, - Die irgend eine Hand mir schlägt: - Wenn mich der Wellenstrom, zuweilen - Nur, an ein stilles Ufer trägt, - Wo jene tausend Stimmen schweigen, - Von welchen, wie's der Zufall schikt, - Die Eine gleich die Andr' erstikt; - Wo unter leis' umhauchten Zweigen - Die Ruhe mir entgegen nikt; - Wo keine Blüte meiner Jahre - Die Flut des Weltgewühls verschlingt, - Von dem ich dann nichts mehr erfahre, - Als was ein Schiffbruch zu mir bringt, - Der sich, von Sturm und Tod umringt, - Ans Ufer meiner Stille rettet, - Wo, jedem Herzenszwang' entkettet, - Das Leben dem Gewässer gleicht, - Das, nie von einem Sturm erreicht, - In Veilchenufer hingebettet, - Durch singende Gebüsche schleicht; - In deren Schatten das Vergessen - Des Harms auf seidnem Rasen liegt. - - Wo grünt ihr dämmernden Zypressen, - Um die kein Wunsch der Thorheit fliegt; - Die ihr, zu still dem wilden Schwarme, - Im Liebgekose grüner Arme - Mein Eremitenhüttchen wiegt. - Da tritt, mit manchem Kranz umschlungen, - Entflohne Zeit, da tritt hervor! - Hervor mit den Beseligungen - Des Thals, in dessen Dämmerungen - Mein Leben sich schon halb verlor. - Bring alle deine Jugendtänze; - Bring alles, was ich that und litt, - Die Rosen und Zypressenkränze, - Selbst meine Thorheit bring mir mit, - Samt ihren Träumen, ihren Spielen, - Und alles, was mein Herz bereut: - Denn auch auf Stellen, wo wir fielen, - Zurük zu schaun, ist Seligkeit. - Die Hoffnung hat mir oft gelogen; - Je glühender mein Herz gehofft, - Je kälter hat sie mich betrogen; - Die Gegenwart selbst täuscht uns oft; - Wir stehn uns dann noch viel zu nahe, - Um uns, so wie wir sind, zu sehn; - Wer hat wol — las es uns gestehn! — - So gut er in der Fern' auch sahe, - Nie seine Nähe falsch gesehn? - Erinnrung ist der treue Spiegel, - Der uns, so wie wir sind, uns zeigt, - Wenn viel zu hoch mit uns der Flügel - Der allzuraschen Hoffnung fleugt. - Sie führe mich zum stillsten Hügel - Der Ruhe, den ihr Geist umweht, - Wo, Schritt vor Schritt, das Herz am Zügel - Den ihre Warnung führet, geht; - Das Herz, das nur zu gern am Riegel - Der dunkeln Zukunft horchend steht. - Auch mein Herz stand mit Wunsch und Klage - Vor der, mit Recht verschlossnen, Thür, - Nicht achtend, daß es traurig hier - Den Tag der Gegenwart verschlage. - Die nächste Zukunft meiner Tage - Gehört der Zukunft und nicht mir! - Und doch, wenn je zum Reiz der Ferne - Mein Geist hinaus zu fliegen strebt, - So sey's ein Blik zum Abendsterne, - Wo meine Seelenfeier schwebt; - Wo unter seligen Gesträuchen - Der Liebe sich mein Geist verlor, - Wenn sich den Schatten dunkler Eichen - Zum Tempel meine Seel' erkor. - - Ihr seelevollen Schwärmereien! - Ihr Geister meiner schönsten Zeit! - Verlast nie meine Einsamkeit, - Um sie zum Tempel mir zu weihen, - Um den, im Lispel junger Maien, - Der Ulmbaum seine Arme schlägt! - Die Priesterin in diesem Tempel - Sey nur die Freude, die den Stempel - Des hohen Götterfunkens trägt. - Las michs — in seiner höchsten Fülle - Mit Zittern fühlen, süsse Stille, - Die unter meinen Ulmen thront, - Daß tief in meiner Blütenhülle - Die Gottheit einer Seele wohnt! - - - - - Gedrukt bei W. G. SOMMER in LEIPZIG. - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Einsamkeit, by Christoph August Tiedge - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMKEIT *** - -***** This file should be named 54170-0.txt or 54170-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/1/7/54170/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Einsamkeit - -Author: Christoph August Tiedge - -Release Date: February 15, 2017 [EBook #54170] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMKEIT *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Die Originalschreibweise wurde beibehalten.</p> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1><i>Die Einsamkeit</i></h1> -<p class="center"> -<i>von</i></p> -<p class="h2"><i>August Tiedge.</i></p> -<p class="center p2"> -<i>Leipzig<br /> -<span class="smaller">in der Sommerschen Buchhandlung.</span></i><br /> -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">DIE EINSAMKEIT.</p> -</div> - -<h2>Vorbericht.</h2> - -<p class="drop"><i>Ueber die nachstehende Epistel hätte ich dem -Publikum eigentlich nichts zu sagen, wenn -mir nicht die Ursache ihrer Erscheinung ein -paar Worte abnöthigte, die mich sehr die -Verlegenheit fühlen lassen, von mir selbst -reden zu müssen. Ich gehe damit um, meine -zum Theil noch ungedrukten, zum Theil aber -seit 1783 zerstreut erschienenen Episteln, nach -einer strengen Auswahl und Durchsicht, in -einer Samlung den Händen des Publikums -zu übergeben, wovon nun schon eine nähere -Ankündigung erschienen ist. Mancherlei Ursachen -bestimmen mich, den freilich oft gemisbrauchten -Weg der Pränumeration einzuschlagen. -Sehr viele meiner Freunde haben -sich indessen für mein Unternehmen interessirt. -Und wenn mich die Aussicht eines entsprechenden -Erfolgs bei den ersten Schritten -nicht durchaus verläst: so wird die ganze -Samlung meiner epistolarischen Gedichte Michaelis -dieses Jahres ohnfehlbar erscheinen, -unter Bedingungen, welche die bereits ausgegebene -Anzeige darlegt. Die gegenwärtige -Epistel über die Einsamkeit soll eine Vorläuferin -der ganzen Samlung seyn, um dem -Publikum, dem ich nur aus früheren Ausstellungen -bekannt bin, den Erwartungspunkt -an die Hand zu geben. Ich glaube dies unsern -Zeiten schuldig zu seyn, die mit einem -sehr begreiflichen Widerspruche zu sehr und -zu wenig poetisch sind.</i></p> - -<p> -<i>Halberstadt, im Januar 1792.</i> -</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center"><i>An</i></p> - -<p class="center larger"><i>Lina.</i></p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0 drop">Es giebt auf Gottes schöner Welt<br /></span> -<span class="i0">Gewis noch manche schöne Stelle,<br /></span> -<span class="i0">Wo ich mir wol ein Hirtenzelt<br /></span> -<span class="i0">Hinbaut', an einer kleinen Quelle,<br /></span> -<span class="i0">Verstekt in einem Schweizerthal,<br /></span> -<span class="i0">Wo, wenn die Wind' aus Norden stürmten,<br /></span> -<span class="i0">Vertraute Pappeln mich beschirmten,<br /></span> -<span class="i0">Und wo ein Wäldchen, wenn der Stral<br /></span> -<span class="i0">Aus Südens Feuerschoos die Schwinge<br /></span> -<span class="i0">Dem West versengte, mich empfinge:<br /></span> -<span class="i0">Wo ich, vom Drang und Schein der Dinge,<br /></span> -<span class="i0">Von Lug und Trug der Menschen fern,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span> -<span class="i0">Mich vest an meine Stille schmiegte;<br /></span> -<span class="i0">Wo ich den lezten Hang zum Spott,<br /></span> -<span class="i0">Den ein bethörter Donquixott<br /></span> -<span class="i0">Sonst leicht in Flammen blies, besiegte.<br /></span> -<span class="i0">Ja solch ein Pläzchen liegt noch hier<br /></span> -<span class="i0">Und da verstekt; allein vor allen<br /></span> -<span class="i0">Hat Dein geliebter Hügel mir<br /></span> -<span class="i0">Im Schlehenkranze wohlgefallen,<br /></span> -<span class="i0">Wo friedlicher die Lüfte wehn;<br /></span> -<span class="i0">Wo durch das Thal der Nachtigallen<br /></span> -<span class="i0">Sich lieblicher die Bäche drehn;<br /></span> -<span class="i0">Wo silberner die Blüten wallen,<br /></span> -<span class="i0">Die von des Frülings Schoose fallen.<br /></span> -</div></div> - -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Wie einsam steht er da! wie schön!<br /></span> -<span class="i0">Im frischgewebten Feierkleide,<br /></span> -<span class="i0">Als hätt' er sich zum Tanz geschmükt;<br /></span> -<span class="i0">So schön, wie in der grünen Seide<br /></span> -<span class="i0">Kaum Minnas weisser Finger stikt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span> -<span class="i0">Und welche Aussicht in die Auen,<br /></span> -<span class="i0">Die er beherrscht! – O Freundin, hier,<br /></span> -<span class="i0">Hier möcht' ich mir die Hütte bauen,<br /></span> -<span class="i0">Wo Turteltauben über mir<br /></span> -<span class="i0">In schönen Zweigen traulich girrten,<br /></span> -<span class="i0">Und zu der Hand des stillen Hirten<br /></span> -<span class="i0">Herunter flatterten, und sich<br /></span> -<span class="i0">Vertrügen unter meinem Zelte,<br /></span> -<span class="i0">Und mich umschmeichelten, wenn ich<br /></span> -<span class="i0">Zur Botin eines Briefs an Dich<br /></span> -<span class="i0">Die kleine Tejerin bestellte.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Da legt' ich mir ein Gärtchen an,<br /></span> -<span class="i0">Und flüsternd sollten, wie Gedanken<br /></span> -<span class="i0">Der Liebe Deine Seel' umranken,<br /></span> -<span class="i0">Die Spröslinge der Rebe dann<br /></span> -<span class="i0">Mein kleines Ohnesorg' umschwanken.<br /></span> -<span class="i0">Da wär' ich erst ein freier Mann,<br /></span> -<span class="i0">So frei, wie meine Nachtigallen;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -<span class="i0">Da lüd' ich aus dem nahen Hain<br /></span> -<span class="i0">Die Sänger in die grünen Hallen,<br /></span> -<span class="i0">Zu süssen Wettgesängen, ein.<br /></span> -<span class="i0">Wir sängen, bis am dunkeln Hain<br /></span> -<span class="i0">Uns Cynthia von fern begrüste:<br /></span> -<span class="i0">Nun führe selbst die Königin<br /></span> -<span class="i0">Der Sterne durch die graue Wüste<br /></span> -<span class="i0">Des Aethers, minder eilend, hin.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Gern würde mich der Wald verstekken;<br /></span> -<span class="i0">Da könnte mir den heitern Sinn<br /></span> -<span class="i0">Kein Hasser aus dem Herzen nekken;<br /></span> -<span class="i0">Da sollte wol die Schwäzzerin,<br /></span> -<span class="i0">Die Neugier selbst, mich nicht entdekken;<br /></span> -<span class="i0">Mich würd' ein immer froher Muth<br /></span> -<span class="i0">Zu lauter Freudenliedern stimmen;<br /></span> -<span class="i0">Entfernt von jeder Lasterbrut,<br /></span> -<span class="i0">Würd' ich zum Zorne nie entglimmen;<br /></span> -<span class="i0">Nie würde mir in seinem Blut<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span> -<span class="i0">Ein guter Nam' entgegen schwimmen.<br /></span> -<span class="i0">Auf einer stillern Lebensfluth,<br /></span> -<span class="i0">An deren Ufern, überhangen<br /></span> -<span class="i0">Mit Rosen, unbelauscht von Schlangen,<br /></span> -<span class="i0">Ein reines Herz so selig ruht,<br /></span> -<span class="i0">Würd' ein entwölkter Himmel spiegeln;<br /></span> -<span class="i0">Und leise würde hinter mir<br /></span> -<span class="i0">Ein Genius der Ruh die Thür<br /></span> -<span class="i0">Zum Tempel der Natur verriegeln;<br /></span> -<span class="i0">Damit in meiner Einsamkeit<br /></span> -<span class="i0">Mich nicht die tausend Dinge störten,<br /></span> -<span class="i0">Die einst an Blüten meiner Zeit,<br /></span> -<span class="i0">Gleich gierigen Insekten, zehrten,<br /></span> -<span class="i0">Bis sie zur Abgeschiedenheit,<br /></span> -<span class="i0">Zum Selbstgenus, mein Herz bekehrten,<br /></span> -<span class="i0">Und mich durch ihren Unbestand,<br /></span> -<span class="i0">Den meine Ruh so oft empfand,<br /></span> -<span class="i0">Die Kunst, sie zu verachten, lehrten.<br /></span> -<span class="i0">Von jedem Weltgetös' entfernt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -<span class="i0">Und fern vom Pöbel niedrer Freuden,<br /></span> -<span class="i0">Der täuschend gute Seelen körnt,<br /></span> -<span class="i0">Würd' ich mich an der Einfalt weiden,<br /></span> -<span class="i0">Die selbst vom Hänfling Weisheit lernt.<br /></span> -<span class="i0">O welche Wollust, auszuruhen<br /></span> -<span class="i0">Vom Wirbeltanz der Unnatur!<br /></span> -<span class="i0">Dann würden Thal, und Hain, und Flur,<br /></span> -<span class="i0">Beredter als die Bourdalouen,<br /></span> -<span class="i0">Die goldnen Sprüche der Natur<br /></span> -<span class="i0">Mir in die stille Seele flüstern;<br /></span> -<span class="i0">Nie würd' ich nach der Täuschung lüstern,<br /></span> -<span class="i0">Die alles, nur nicht glüklich, macht.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Nein, ich beneide nicht die Pracht,<br /></span> -<span class="i0">Die manches Elend überschimmert,<br /></span> -<span class="i0">Und, wie der stolze Blik auch lacht,<br /></span> -<span class="i0">Die Ruh im Herzen niedertrümmert!<br /></span> -<span class="i0">O der betrügerischen Pracht!<br /></span> -<span class="i0">Ein frohes Herz, frei von Verschuldung,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -<span class="i0">Ist warlich mehr, als die Verguldung,<br /></span> -<span class="i0">Die keinen Gek zum Weisen macht.<br /></span> -<span class="i0">Schau hin auf jene Vorgemächer,<br /></span> -<span class="i0">Wo man einander quälend ehrt!<br /></span> -<span class="i0">Die liebe Langeweile leert<br /></span> -<span class="i0">Auf diese Gruppen einen Köcher,<br /></span> -<span class="i0">Der nie mit seines Pfeiles Gift<br /></span> -<span class="i0">Das Leben Deiner Stunden trift.<br /></span> -<span class="i0">Tritt näher, Freundin, den Geräuschen,<br /></span> -<span class="i0">Nach welchen man sein Daseyn misst,<br /></span> -<span class="i0">Das, klein und kriechend, wie die List<br /></span> -<span class="i0">Durch die es Nichts, und Alles, ist,<br /></span> -<span class="i0">Sich martert, um sich selbst zu täuschen.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">O wie verliert sich das Gefühl<br /></span> -<span class="i0">Der Wahrheit auf dem Welttheater,<br /></span> -<span class="i0">In Nachahmung und leeres Spiel!<br /></span> -<span class="i0">Vergönnt mir nur der gute Vater<br /></span> -<span class="i0">Des Lebens, die Zufriedenheit,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -<span class="i0">Mein Herz mit jener Heiterkeit<br /></span> -<span class="i0">Und Wahrheit der Natur zu nähren:<br /></span> -<span class="i0">So weilt im Schatten meiner Zeit<br /></span> -<span class="i0">Das stille Glük, das selbst der Neid<br /></span> -<span class="i0">Nicht würdig achten wird zu stören.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Dich, Vater, find' ich überall<br /></span> -<span class="i0">In der Natur! Der Wasserfall,<br /></span> -<span class="i0">Das Lüftchen, das mit seinem Flügel<br /></span> -<span class="i0">Die Blüt' umarmt am Schlehenhügel,<br /></span> -<span class="i0">Das hohe Lied der Nachtigall,<br /></span> -<span class="i0">Selbst das Gekreische froher Raben,<br /></span> -<span class="i0">Ja Alles spricht so gut von dir,<br /></span> -<span class="i0">Und nichts verläumdet dich, als – wir!<br /></span> -<span class="i0">Wir Menschen, voll von deinen Gaben,<br /></span> -<span class="i0">Und dennoch von dir selbst so leer!<br /></span> -<span class="i0">Was Menschen erst entgöttert haben,<br /></span> -<span class="i0">Nur darin find' ich dich nicht mehr!<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Ja, Freundin, es ist warlich schwer,<br /></span> -<span class="i0">Zur Unnatur sich zu gewöhnen,<br /></span> -<span class="i0">Und durch die trügerischen Szenen<br /></span> -<span class="i0">Der Klugheit, die so freundlich hasst,<br /></span> -<span class="i0">So höflich mordet, froh die Last<br /></span> -<span class="i0">Des Lebens vor sich herzuwälzen.<br /></span> -<span class="i0">Im Schuz der Einfalt einer Flur,<br /></span> -<span class="i0">Und zwischen friedlichen Gehölzen,<br /></span> -<span class="i0">Verstatte mir nur die Natur,<br /></span> -<span class="i0">An ihrem Tisch mich zu vergnügen!<br /></span> -<span class="i0">Bei ihr ist Wahrheit! Ihre Flur<br /></span> -<span class="i0">Straft jeden Fürstenteppich Lügen;<br /></span> -<span class="i0">Bei solchem Freudenmale nur,<br /></span> -<span class="i0">Trank ihr geliebter Epikur,<br /></span> -<span class="i0">Ihr Priester, einst, in langen Zügen,<br /></span> -<span class="i0">Die unvermischte Wollust ein.<br /></span> -<span class="i0">O er verstand's, im grünen Hain,<br /></span> -<span class="i0">An ihrem Busen sich zu wiegen!<br /></span> -<span class="i0">Und das wär' ihm nicht zu verzeihn?<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -<span class="i0">Nicht zu verzeihn, daß er die Schale<br /></span> -<span class="i0">Des Lebens aufschloss, und den Kern,<br /></span> -<span class="i0">Von allem Weltgetöse fern,<br /></span> -<span class="i0">In einem kleinen Rosenthale,<br /></span> -<span class="i0">Das seine Hand erzog, genoss?<br /></span> -<span class="i0">Nicht zu verzeihn, daß auf der Stelle<br /></span> -<span class="i0">Der Veilchen seine Weisheit spross?<br /></span> -<span class="i0">Daß ihm in grün umwebter Quelle<br /></span> -<span class="i0">Die Lehre seiner Tugend floss?<br /></span> -<span class="i0">Verzieh doch er dem grossen Tross<br /></span> -<span class="i0">Der Thoren, die an Schalen käuten,<br /></span> -<span class="i0">Die Armuth ihrer Schwelgerei!<br /></span> -<span class="i0">Las sich die Streitsucht müde streiten,<br /></span> -<span class="i0">Die ewig fragt: was Freiheit sey?<br /></span> -<span class="i0">Mein Epikur war weis' und frei!<br /></span> -<span class="i0">Und war er's nicht: wo würd' ein Leben,<br /></span> -<span class="i0">Und wär's an Götterfülle reich,<br /></span> -<span class="i0">Im Himmel und auf Erden, euch<br /></span> -<span class="i0">Bericht auf eure Frage geben?<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Oft hört' ich auch: ein weiser Mann<br /></span> -<span class="i0">Ist immer frei! wie leicht gesprochen,<br /></span> -<span class="i0">Nur nicht so leicht gethan! Wie kann<br /></span> -<span class="i0">Auch selbst ein Weiser sich entjochen<br /></span> -<span class="i0">Von manchem Niederdruk, woran<br /></span> -<span class="i0">Die Sorg' ihn knüpft, mit allen Härten<br /></span> -<span class="i0">Des Misgeschiks, und wenn er dann<br /></span> -<span class="i0">Zur Einsamkeit in seine Gärten,<br /></span> -<span class="i0">Wie Epikur, nicht flüchten kann,<br /></span> -<span class="i0">Wo ihm der Freiheit Mirten blühen?<br /></span> -<span class="i0">Was bleibt ihm nun? Etwa der Welt,<br /></span> -<span class="i0">Worin ihm manches nicht gefällt,<br /></span> -<span class="i0">Wie Jakob Rousseau, zu entfliehen,<br /></span> -<span class="i0">Und von den Possenspielen fern,<br /></span> -<span class="i0">Worin sie wirbelt, aus dem Kern<br /></span> -<span class="i0">Sich eine bessre Welt zu ziehen?<br /></span> -<span class="i0">Wo Hass und Unruh nie das Fest<br /></span> -<span class="i0">Der Unschuld und der Freude stören?<br /></span> -<span class="i0">Ich rathe nicht dazu! Es läst<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -<span class="i0">Sich immer noch die Frage hören:<br /></span> -<span class="i0">Ob wir bei einem ew'gen Fest<br /></span> -<span class="i0">Der Freude wol beglükter wären,<br /></span> -<span class="i0">Als diese Welt uns werden läst,<br /></span> -<span class="i0">Die freilich uns noch manche Zären<br /></span> -<span class="i0">Und Seufzer aus dem Herzen prest,<br /></span> -<span class="i0">Dem schöne Pflanzungen verwildern,<br /></span> -<span class="i0">Die schönste Hofnung Täuschung giebt.<br /></span> -<span class="i0">Was hilfts, nach rosenfarbnen Bildern<br /></span> -<span class="i0">Zu haschen, die ein Hauch zerstiebt?<br /></span> -<span class="i0">Man schafft, empört von dem Tumulte,<br /></span> -<span class="i0">Der um uns her sein Wesen treibt,<br /></span> -<span class="i0">Sich eine Welt, bei seinem Pulte,<br /></span> -<span class="i0">Die glüklicher im Pulte bleibt.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">So hab' auch ich, in schönen Träumen,<br /></span> -<span class="i0">Mir manches Paradies geträumt,<br /></span> -<span class="i0">Und seinen Horizont mit Säumen<br /></span> -<span class="i0">Des schönen Morgenroths besäumt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -<span class="i0">Aus dem, mit Lichtgeström umschäumt,<br /></span> -<span class="i0">Im Schimmer seines Glanzgeschmeides,<br /></span> -<span class="i0">Der Tag den Elisäern keimt,<br /></span> -<span class="i0">Und das Phantom des Weltgebäudes,<br /></span> -<span class="i0">Das ich für meine Ruhe schuf,<br /></span> -<span class="i0">War lieblich anzusehn! Des süssen,<br /></span> -<span class="i0">Des reinen Daseyns zu geniessen,<br /></span> -<span class="i0">War hier der einzige Beruf<br /></span> -<span class="i0">Der Göttermenschen, die ich schuf.<br /></span> -<span class="i0">Sie waren alle Virtuosen<br /></span> -<span class="i0">Der Tugend, und die Unschuld lag<br /></span> -<span class="i0">Auf Blättern hingewehter Rosen,<br /></span> -<span class="i0">So ruhig, wie der Feiertag,<br /></span> -<span class="i0">Der ewig meinen Fluren glänzte,<br /></span> -<span class="i0">Vollauf von der Natur beschenkt,<br /></span> -<span class="i0">An deren Busen, ungekränkt,<br /></span> -<span class="i0">Der Friede sich mit Epheu kränzte,<br /></span> -<span class="i0">Mit keiner Fessel mehr bekannt,<br /></span> -<span class="i0">Auf welche Trug und Bosheit pochten,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -<span class="i0">Als nur mit der, die, von der Hand<br /></span> -<span class="i0">Der Treu im Mirtenhain geflochten,<br /></span> -<span class="i0">Sie nur im Schoos der Liebe fand.<br /></span> -<span class="i0">Kurz meine Welt, das Vaterland<br /></span> -<span class="i0">Der Ruh, war eine schöne Welle,<br /></span> -<span class="i0">Die in den Strom der Welten rann;<br /></span> -<span class="i0">Da lächelte aus jeder Quelle<br /></span> -<span class="i0">Ein Engel einen Engel an.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Der Freundschaft süsse Rosen glühten<br /></span> -<span class="i0">So unverwelklich durch den Hain<br /></span> -<span class="i0">Des Lebens, so von Giftthau rein,<br /></span> -<span class="i0">Wie sie nur auf der Insel blühten,<br /></span> -<span class="i0">Die, ohne Stolbergs Phantasie,<br /></span> -<span class="i0">Im grossen, unbegrenzten Meere<br /></span> -<span class="i0">Der weiten Idealogie,<br /></span> -<span class="i0">Wol unentdekt geblieben wäre.<br /></span> -<span class="i0">Man lebt' in süsser Harmonie.<br /></span> -<span class="i0">Sanft athmete, durch alle Triebe<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -<span class="i0">Des Strebens, nur der Geist der Liebe,<br /></span> -<span class="i0">Der Geist der holden Sympathie,<br /></span> -<span class="i0">Der meinem Volke, fern vom stolzen<br /></span> -<span class="i0">Aufstrebungsgeist, den Sinn verlieh,<br /></span> -<span class="i0">Mit welchem, Herz in Herz verschmolzen,<br /></span> -<span class="i0">Die allerreinste Melodie,<br /></span> -<span class="i0">Der Wohllaut eingestimmter Saiten,<br /></span> -<span class="i0">Den Plato selber nur vom weiten<br /></span> -<span class="i0">Im Traum empfunden haben soll,<br /></span> -<span class="i0">Ins grosse Chor der Wesenheiten<br /></span> -<span class="i0">So zauberisch hinüber quoll.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Bei diesem ungestörten Liede<br /></span> -<span class="i0">Der Seelenharmonien, lag<br /></span> -<span class="i0">In seinem Palmenhain der Friede,<br /></span> -<span class="i0">Und feierte, der Flucht nun müde,<br /></span> -<span class="i0">Den feierlichsten Ruhetag,<br /></span> -<span class="i0">Der jemals auf dem Augenliede<br /></span> -<span class="i0">Der jungen Morgenröthe lag.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -<span class="i0">Und ausgesöhnt war Erd' und Himmel,<br /></span> -<span class="i0">Ein nie umwölkter Sonnenschein<br /></span> -<span class="i0">Beschien das frölichste Getümmel,<br /></span> -<span class="i0">Beschien den ewig grünen Hain.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Die von der Weisheit selbst verehrte,<br /></span> -<span class="i0">Nicht leichte Kunst, sich stets zu freun,<br /></span> -<span class="i0">Die sonst kaum Weisen glükte, hörte<br /></span> -<span class="i0">Ganz auf, die schwere Kunst zu seyn,<br /></span> -<span class="i0">Die Vater Utz im Mirtenhain<br /></span> -<span class="i0">Der Unschuld und der Liebe lehrte,<br /></span> -<span class="i0">Und Gleim, den jede Rosenflur<br /></span> -<span class="i0">Der Musen liebt, und immer liebte,<br /></span> -<span class="i0">Durch vierzehn schöne Lustren übte:<br /></span> -<span class="i0">Sie war blos Gabe der Natur.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Das Heiligthum der Gabriele<br /></span> -<span class="i0">Gab meinem Volke jeden Zug,<br /></span> -<span class="i0">So wahr, daß er das Bild der Seele,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -<span class="i0">Aus welcher er gequollen, trug;<br /></span> -<span class="i0">Und Sanftheit sprach aus jedem Zug.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Kein Wild durchächzte die Gebüsche,<br /></span> -<span class="i0">Vor wildern Menschen auf der Flucht;<br /></span> -<span class="i0">Man war noch menschlich; kein Gemische<br /></span> -<span class="i0">Vergossnen Bluts und grüner Frucht<br /></span> -<span class="i0">Lies man zu seinem Mahle tragen –<br /></span> -<span class="i0">Der Mensch, aus unschuldvollern Tagen,<br /></span> -<span class="i0">Der fiel gewis das Thier erst an,<br /></span> -<span class="i0">Eh er es über sich gewann,<br /></span> -<span class="i0">Sein eignes Wesen zu erschlagen. –<br /></span> -<span class="i0">Noch lebten meine Lotophagen<br /></span> -<span class="i0">Mild, wie der Hain, sanft, wie die Flur,<br /></span> -<span class="i0">In süsser, unschuldvoller Frohheit,<br /></span> -<span class="i0">Weit zwar entfernt von wilder Rohheit,<br /></span> -<span class="i0">Doch dicht am Busen der Natur,<br /></span> -<span class="i0">Umwebt mit friedlichen Oliven;<br /></span> -<span class="i0">Den Segen der Zufriedenheit<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -<span class="i0">Lies ich von allen Zweigen triefen,<br /></span> -<span class="i0">In deren Schatten, überstreut<br /></span> -<span class="i0">Mit Blumen jener goldnen Zeit,<br /></span> -<span class="i0">Die Unschuld und die Liebe schliefen.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Vielleicht, wenn mein Vielleicht nicht irrt,<br /></span> -<span class="i0">Erwartest du, wie hell die Wahrheit,<br /></span> -<span class="i0">Im ganzen Aufwand ihrer Klarheit,<br /></span> -<span class="i0">Durch meine Schöpfung leuchten wird?<br /></span> -<span class="i0">Sie kam von selbst, auf allen Wegen,<br /></span> -<span class="i0">Die sich durch mein Elisium<br /></span> -<span class="i0">Hinschlangen, meinem Volk entgegen,<br /></span> -<span class="i0">Man irrte nie um sie herum;<br /></span> -<span class="i0">Man pflükte nicht aus Dorngehegen,<br /></span> -<span class="i0">Nicht mühsam ihren Rosenkranz;<br /></span> -<span class="i0">Sie warf ihn jedem Wunsch entgegen;<br /></span> -<span class="i0">Sie mischte sich in Spiel und Tanz:<br /></span> -<span class="i0">Da ward sie, troz dem ofnen Segen,<br /></span> -<span class="i0">Den sie durch meine Götterwelt<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -<span class="i0">Hinströmen lies, in leichten Spielen<br /></span> -<span class="i0">Verstekt, zum Wettkampf aufgestellt. –<br /></span> -<span class="i0">Wie doch die Wahrheit den Gefühlen<br /></span> -<span class="i0">Des Herzens, nur verhüllt, gefällt!<br /></span> -<span class="i0">Mit Mühe wollen wir sie haschen!<br /></span> -<span class="i0">Die Freude, sie zu überraschen,<br /></span> -<span class="i0">Ist das, was ihren Reiz erhält.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Und streng und freundlich wog die Waage<br /></span> -<span class="i0">Der offensten Gerechtigkeit,<br /></span> -<span class="i0">Von keiner Frevelhand entweiht,<br /></span> -<span class="i0">Das Recht der Wahrheit zu, und Tage<br /></span> -<span class="i0">Voll Einfalt, Still' und Heiterkeit.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Die reizende Bescheidenheit,<br /></span> -<span class="i0">Der reinen Wahrheit treu, verhüllte<br /></span> -<span class="i0">So tief sich in sich selbst hinein,<br /></span> -<span class="i0">Daß meine Welt der Wiederschein<br /></span> -<span class="i0">Von ihren Thaten nur erfüllte.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Die Duldung – himmlisch hold erschien<br /></span> -<span class="i0">Sie im erhabnen Schmuk der Demuth,<br /></span> -<span class="i0">Und um ihr Lächeln lies die Wehmuth<br /></span> -<span class="i0">Ein sanft verhüllend Wölkchen ziehn.<br /></span> -<span class="i0">So führte sie in jede Hütte<br /></span> -<span class="i0">Die stille Sanftmuth selbst hinein,<br /></span> -<span class="i0">Die schloss den Druk, durch den sie litte,<br /></span> -<span class="i0">Geheim in ihrem Busen ein.<br /></span> -<span class="i0">Den Druk? – Woher denn Druk und Pein<br /></span> -<span class="i0">In einer Welt, der die Verschuldung<br /></span> -<span class="i0">Nichts zu verzeihn, zu dulden gab?<br /></span> -<span class="i0">Wie kam denn Sanftmuth, wie kam Duldung,<br /></span> -<span class="i0">Wie kam Zufriedenheit herab<br /></span> -<span class="i0">Auf eine Welt, die, von Verguldung<br /></span> -<span class="i0">Der Thorheit weit entfernt, sich froh<br /></span> -<span class="i0">Im Sonnenschein des Friedens sonnte,<br /></span> -<span class="i0">Vor welchem jedes Laster floh;<br /></span> -<span class="i0">Wo man durchaus nicht anders konnte,<br /></span> -<span class="i0">Als nur zufrieden seyn und froh?<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -<span class="i0">Bedurften jene stillen Tage<br /></span> -<span class="i0">Der Unschuld, die kein Unrecht kennt,<br /></span> -<span class="i0">Der Tugend jener gleichen Waage?<br /></span> -<span class="i0">Der Hand, die Recht und Unrecht trennt?<br /></span> -<span class="i0">Man lebt' in einer süssen Jugend<br /></span> -<span class="i0">Der Kindheit noch, zu kindlich rein,<br /></span> -<span class="i0">Zu fromm, um tugendhaft zu seyn;<br /></span> -<span class="i0">Du siehst denn, Freundin, manche Tugend<br /></span> -<span class="i0">Kann unter Lastern nur gedeihn!<br /></span> -<span class="i0">Der Sturmwind, der den Feldern wütend<br /></span> -<span class="i0">Die tiefsten Narben hinterläst,<br /></span> -<span class="i0">Errettet, tausendfach vergütend,<br /></span> -<span class="i0">Das Land vielleicht von einer Pest.<br /></span> -<span class="i0">Nimm zwanzig Laster weg, so schwinden<br /></span> -<span class="i0">Vielleicht zehn Tugenden dahin!<br /></span> -<span class="i0">So las uns denn, für den Gewinn,<br /></span> -<span class="i0">Auch immer den Verlust verwinden,<br /></span> -<span class="i0">Und stets der Tugend Blumen streun!<br /></span> -<span class="i0">Der Kranz, den wir der Tugend winden,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -<span class="i0">Wird einst ein schönes Erbtheil seyn,<br /></span> -<span class="i0">Das wir in ihrem Schoose finden,<br /></span> -<span class="i0">In irgend einem Friedenshain,<br /></span> -<span class="i0">Wo sich die Knoten von den Dingen<br /></span> -<span class="i0">Vielleicht ein wenig anders schlingen,<br /></span> -<span class="i0">Als in dem Erdenlabyrinth,<br /></span> -<span class="i0">Das uns, wie weit wir immer dringen,<br /></span> -<span class="i0">Mit seiner Schattennacht umspinnt.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Verzeihe denn, du gutes Kind<br /></span> -<span class="i0">Der Unschuldwelt, daß an den Frieden<br /></span> -<span class="i0">Der bessern Zukunft, die hienieden<br /></span> -<span class="i0">Gehofft wird, ich nicht glauben kann!<br /></span> -<span class="i0">Vom Schauplatz, wo an wilden Dolchen<br /></span> -<span class="i0">Manch edles Leben blutig rann,<br /></span> -<span class="i0">Schwing' ich zur Gottheit mich hinan,<br /></span> -<span class="i0">Die dies Gewebe nur aus solchen,<br /></span> -<span class="i0">Und nicht aus andern Fäden spann,<br /></span> -<span class="i0">Wie sie vielleicht der Mensch ersann,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -<span class="i0">Der weise Thor, der, in der Mitte<br /></span> -<span class="i0">Der Schöpfung da zu stehn, sich deucht;<br /></span> -<span class="i0">Und mit der Schöpfung seine Hütte,<br /></span> -<span class="i0">Sich mit der Gottheit selbst vergleicht,<br /></span> -<span class="i0">Die er noch, Wunder! glaubt zu ehren,<br /></span> -<span class="i0">Wenn er so gütig für sie sorgt,<br /></span> -<span class="i0">Und, zu der Haushaltung der Sphären,<br /></span> -<span class="i0">Ihr seine Hüttenweisheit borgt.<br /></span> -<span class="i0">Nach tausend aufgeklärten Jahren,<br /></span> -<span class="i0">Wird noch die Sonne Menschen sehn,<br /></span> -<span class="i0">Wie, unter längst verschwundnen Schaaren,<br /></span> -<span class="i0">Die Borgia's und Alba's waren,<br /></span> -<span class="i0">Und Titusseelen, gross und schön,<br /></span> -<span class="i0">Die unverlezlich die Gefahren<br /></span> -<span class="i0">Der Zeitenpestilenz bestehn.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Die Welt rollt stets in Einem Gleise:<br /></span> -<span class="i0">So schleicht auch Menschenleben fort,<br /></span> -<span class="i0">Sich immer gleich, von Ort zu Ort,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -<span class="i0">Als dreht' es sich in einem Kreise.<br /></span> -<span class="i0">Wir hoffen, hoffen! und das Dort<br /></span> -<span class="i0">Wird endlich hier, dieselbe Reise,<br /></span> -<span class="i0">Derselbe Weg, dieselben Gleise,<br /></span> -<span class="i0">Bald Wiesenplan, bald eingeengt;<br /></span> -<span class="i0">Nun einsam, izt vom Tross gegängelt;<br /></span> -<span class="i0">Hier blumig, dort vom Stral versengt,<br /></span> -<span class="i0">Der über unserm Haupte hängt;<br /></span> -<span class="i0">Und die Gefärten, nie verengelt,<br /></span> -<span class="i0">Ein Haufe, der sich immer drängt,<br /></span> -<span class="i0">Bis sich der Weg ins Dunkle schlängelt,<br /></span> -<span class="i0">Und uns das öde Thal empfängt,<br /></span> -<span class="i0">An dessen stille, dumpfe Schatten<br /></span> -<span class="i0">Die lichte Heimathflur sich schmiegt,<br /></span> -<span class="i0">Die den Ermüdeten, den Matten<br /></span> -<span class="i0">Im mütterlichen Schoose wiegt.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Doch, wie die Ruhe nun erlangen,<br /></span> -<span class="i0">In einer Welt, wo Laster sind,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -<span class="i0">Auch wol seyn müssen; die durch Schlangen<br /></span> -<span class="i0">So viel Vollkommenheit gewinnt,<br /></span> -<span class="i0">Als durch die sanfte Ringeltaube,<br /></span> -<span class="i0">Die, aus den Zweigen deiner Laube,<br /></span> -<span class="i0">Durch holdes Girren mit dir spricht?<br /></span> -<span class="i0">Wie läst sich da die Ruh erringen,<br /></span> -<span class="i0">Die unserm Herzen doch gebricht? –<br /></span> -<span class="i0">O! dazu führt, vor allen Dingen,<br /></span> -<span class="i0">Die schöne, menschlichschöne Pflicht:<br /></span> -<span class="i0">Alliebend, wie das Sonnenlicht,<br /></span> -<span class="i0">Ein jedes Wesen zu umschlingen,<br /></span> -<span class="i0">Das sich in unser Daseyn flicht;<br /></span> -<span class="i0">Die bessern Seiten aufzuspüren,<br /></span> -<span class="i0">Die jedes Wesen trägt, und schön<br /></span> -<span class="i0">Den Sphärenraum damit zu zieren,<br /></span> -<span class="i0">In dem sich unsre Tage drehn;<br /></span> -<span class="i0">Zu sorgen, daß kein Tag vergebens<br /></span> -<span class="i0">Für uns die Schwalbenflügel regt,<br /></span> -<span class="i0">Weil jeder einen Theil des Lebens<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -<span class="i0">Von uns auf seinen Schwingen trägt;<br /></span> -<span class="i0">Frisch fort zu gehn, was unsern Tritten<br /></span> -<span class="i0">Auch in den Weg sich wirft, und dann –<br /></span> -<span class="i0">Die Gottheit selbst um nichts zu bitten,<br /></span> -<span class="i0">Was man sich selber geben kann.<br /></span> -<span class="i0">Ein reines Herz, ein Herz voll Ruhe,<br /></span> -<span class="i0">Kann uns die Gottheit nicht verleihn,<br /></span> -<span class="i0">Was ihre Huld auch für uns thue!<br /></span> -<span class="i0">Der Mensch soll selbst, er soll allein<br /></span> -<span class="i0">Der Schöpfer seiner Seelenruhe,<br /></span> -<span class="i0">Der Gott in seinem Himmel seyn!<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Doch wird uns oft die Ruh' entrissen;<br /></span> -<span class="i0">Die Ebb' und Fluth, die uns umringt,<br /></span> -<span class="i0">Läst nur zu oft sie uns vermissen:<br /></span> -<span class="i0">Doch, Lina, desto süsser schlingt<br /></span> -<span class="i0">Der Friede, von der Lind' umdüftet,<br /></span> -<span class="i0">Und fern von allem eitlen Schmuk,<br /></span> -<span class="i0">Um uns den Engelarm, und lüftet<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -<span class="i0">Dem müden Pilger jeden Druk,<br /></span> -<span class="i0">Wann endlich von verbrannten Haiden,<br /></span> -<span class="i0">Durch welche seine Bahn sich krümmt,<br /></span> -<span class="i0">Der blaue Wald, voll Lebensfreuden,<br /></span> -<span class="i0">In seine kühle Ruh ihn nimmt.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Nun seyd gegrüst, geweihte Schatten<br /></span> -<span class="i0">Der Einsamkeit! Nun sey gegrüst,<br /></span> -<span class="i0">Du frische Quelle, die dem matten<br /></span> -<span class="i0">Verschmachteten entgegen fliest,<br /></span> -<span class="i0">Die, unter grün umflohrten Schatten,<br /></span> -<span class="i0">Die weitre Wallfarth ihm versüst.<br /></span> -<span class="i0">Die kleinen lieblichen Sirenen<br /></span> -<span class="i0">Der Waldgesänge laden nun<br /></span> -<span class="i0">Den Pilger ein, bei ihren Tönen,<br /></span> -<span class="i0">Am Bachgeriesel, auszuruhn.<br /></span> -<span class="i0">Und endlich giebt er seinen Segen<br /></span> -<span class="i0">Dem Rasen, wo er ausgeruht,<br /></span> -<span class="i0">Und eilt mit hofnungsvollerm Muth<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -<span class="i0">Dem vorgestekten Ziel entgegen.<br /></span> -<span class="i0">Denn diese Ruhe, diese Kühle,<br /></span> -<span class="i0">Die seine Flammen löschte, macht<br /></span> -<span class="i0">Der Pilger nicht zu seinem Ziele;<br /></span> -<span class="i0">Gestärkter eilt er nur, gelehnt<br /></span> -<span class="i0">Auf seinen Stab, durch die Gefilde.<br /></span> -<span class="i0">Sprich! kennst du nicht in diesem Bilde<br /></span> -<span class="i0">Das Herz, das sich nach Stille sehnt?<br /></span> -<span class="i0">Das, oft verkannt, sich selbst nur kenntlich<br /></span> -<span class="i0">Durch manche Hofnung hingeharrt,<br /></span> -<span class="i0">Durch manche Täuschung, bis es endlich<br /></span> -<span class="i0">Sein eigner Gott, sein Schuzgott ward!<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">O Ruhe! wenn im Abendgolde<br /></span> -<span class="i0">Zu Dir des Haines Athem stieg,<br /></span> -<span class="i0">Und feiernd die Natur, du Holde,<br /></span> -<span class="i0">Vor deinem Altar stand und schwieg:<br /></span> -<span class="i0">Wie strebte dann aus dem Getümmel<br /></span> -<span class="i0">Mein Herz hinaus, um hinzufliehn<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -<span class="i0">Zu dir, und deinen ganzen Himmel<br /></span> -<span class="i0">Dicht um mein Wesen herzuziehn!<br /></span> -<span class="i0">Wo an vergötternden Gedanken<br /></span> -<span class="i0">Die edlern Lebensfrüchte schwanken,<br /></span> -<span class="i0">Die nur in deinem Schoose blühn,<br /></span> -<span class="i0">Wo rein, und unberührt vom Neide,<br /></span> -<span class="i0">Durchs Haar der unentweihten Freude<br /></span> -<span class="i0">Die königlichen Rosen glühn:<br /></span> -<span class="i0">In diesem stilleren Geschmeide<br /></span> -<span class="i0">Flieht sie den Stolz und wandelt nur,<br /></span> -<span class="i0">Mit jenem Sinn der Unschuld freier,<br /></span> -<span class="i0">Und seliger, durch Hain und Flur;<br /></span> -<span class="i0">Da wischt sie jede dunkle Spur<br /></span> -<span class="i0">Des Grams, mit ihrem reinen Schleier<br /></span> -<span class="i0">Hinweg vom Antliz der Natur.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Die Einsamkeit, die hohe Stille<br /></span> -<span class="i0">Vergöttert und erhebt den Geist,<br /></span> -<span class="i0">Daß er sich kühn, aus dieser Hülle<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -<span class="i0">Der engen Sinnlichkeit, zur Fülle<br /></span> -<span class="i0">Der Feier seines Himmels reisst.<br /></span> -<span class="i0">Hier blühn ihm ewige Naturen<br /></span> -<span class="i0">Aus der Unendlichkeit hervor;<br /></span> -<span class="i0">Hier tönt der Welten grosses Chor,<br /></span> -<span class="i0">Hier spriest auf reinen Aetherfluren<br /></span> -<span class="i0">Ein junges Sonnenheer empor;<br /></span> -<span class="i0">Hier blizzen heller ihm die Spuren<br /></span> -<span class="i0">Der Gottheit auf. Ein stilles Licht,<br /></span> -<span class="i0">Unsichtbar dem profanen Volke,<br /></span> -<span class="i0">Versilbert jede Schattenwolke,<br /></span> -<span class="i0">Die sich um seine Ruhe flicht,<br /></span> -<span class="i0">Und ihm die Aussicht in den Spiegel<br /></span> -<span class="i0">Der schönen Zukunft unterbricht,<br /></span> -<span class="i0">Die auf dem weichen Taubenflügel<br /></span> -<span class="i0">Der Ahndung um den Rasenhügel<br /></span> -<span class="i0">Geliebter Urnenreste schwebt,<br /></span> -<span class="i0">Und nun, entfesselt von dem Zügel<br /></span> -<span class="i0">Des Erdensinnes, sich zum Spiegel<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -<span class="i0">Der reinern Fluth der Wahrheit hebt.<br /></span> -<span class="i0">Er hüllt sich tiefer ein ins Grauen<br /></span> -<span class="i0">Der Mitternacht, dem Ernst geweiht,<br /></span> -<span class="i0">Und auf die Blumen seiner Zeit,<br /></span> -<span class="i0">Auf seine schönsten Stunden thauen<br /></span> -<span class="i0">Die Tropfen der Unsterblichkeit.<br /></span> -<span class="i0">Er sieht am Ufer, wo die Zeit<br /></span> -<span class="i0">Ihr Laub noch fallen läst, mit Schweigen<br /></span> -<span class="i0">Das Wogenfluthen, und das Steigen<br /></span> -<span class="i0">Und Sinken der Vergänglichkeit.<br /></span> -<span class="i0">Der Vorwelt graue Schatten zeigen<br /></span> -<span class="i0">Von fern ihm jedes grosse Ziel,<br /></span> -<span class="i0">Von welchem jede Krone fiel,<br /></span> -<span class="i0">In der sie noch den Strom umschimmern,<br /></span> -<span class="i0">Der über Piramiden siegt,<br /></span> -<span class="i0">Sie wegspült, und mit ihren Trümmern<br /></span> -<span class="i0">Vorbei an seinem Ufer fliegt.<br /></span> -<span class="i0">Zum Lispelton der Laubenrosen,<br /></span> -<span class="i0">Die um den stillen Denker blühn,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -<span class="i0">Tönt lieblich das entfernte Tosen<br /></span> -<span class="i0">Der Wellen, die vorüber fliehn.<br /></span> -<span class="i0">Er nimmt zur Stille seiner Rosen<br /></span> -<span class="i0">Die Welt- und Menschenkunde mit,<br /></span> -<span class="i0">Die er aus jener Fluth erstritt;<br /></span> -<span class="i0">Die leitet dann zu dem Gebiete<br /></span> -<span class="i0">Der Wahrheit, wo die stille Blüte<br /></span> -<span class="i0">Der Ruhe duftet, seinen Schritt.<br /></span> -<span class="i0">Gerettet von den Truggestalten,<br /></span> -<span class="i0">An die der Wahn der Thorheit glaubt,<br /></span> -<span class="i0">Uebt er die Kunst, sich vest zu halten,<br /></span> -<span class="i0">Daß ihn kein Trug ihm selber raubt.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Komm! las mich jedes Harms vergessen,<br /></span> -<span class="i0">Der mit der Welt mich oft entzwei't,<br /></span> -<span class="i0">Und folge mir zu den Zypressen,<br /></span> -<span class="i0">Zur Stille meiner Einsamkeit!<br /></span> -<span class="i0">Ein Pläzchen sey mir zugemessen,<br /></span> -<span class="i0">Wo nie ein Stolz den andern drängt;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -<span class="i0">Wo still, wie eine Sabbathfeier,<br /></span> -<span class="i0">Und heilig, wie ein Altarschleier,<br /></span> -<span class="i0">Der Schatten der Zypressen hängt.<br /></span> -<span class="i0">Geheiligt sey die Feierstille,<br /></span> -<span class="i0">Die Ruh, die von den Zweigen tröpft,<br /></span> -<span class="i0">Aus der das Daseyn erst die Fülle<br /></span> -<span class="i0">Des wahren, reinen Lebens schöpft,<br /></span> -<span class="i0">Dem nie die stillen Freuden fehlen,<br /></span> -<span class="i0">Die Gott in unser Daseyn warf!<br /></span> -<span class="i0">Das Leben, nicht das Daseyn, darf,<br /></span> -<span class="i0">Nach Tagen, seine Summe zälen.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Die Luft der Welt ist rauh und scharf;<br /></span> -<span class="i0">In ihrem Sturm wird manche Blume,<br /></span> -<span class="i0">Voll Frucht des Geistes, abgestreift,<br /></span> -<span class="i0">Wenn ihre Pflanz' im Heiligthume<br /></span> -<span class="i0">Der Stille nicht zur Dauer reift.<br /></span> -<span class="i0">Befruchtung, die der Still' entträuft,<br /></span> -<span class="i0">Die kann den Sonnenschein vergüten,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -<span class="i0">Den Thau, der sich auf Nesseln senkt,<br /></span> -<span class="i0">Und seltner die bescheidnen Blüten<br /></span> -<span class="i0">Des Geistes und des Herzens tränkt.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Sie ist das Land der Geistessaaten,<br /></span> -<span class="i0">Der Herzensblüten! Reiften nicht<br /></span> -<span class="i0">In ihrem Schatten jene Thaten,<br /></span> -<span class="i0">Die leuchtend, wie ein flammend Licht,<br /></span> -<span class="i0">Hinstralen durch so manch Jahrhundert,<br /></span> -<span class="i0">Von einer Ewigkeit bewundert,<br /></span> -<span class="i0">Die dankbar ihre Frucht noch bricht?<br /></span> -<span class="i0">Sie trug von jeder schönen Pflanze<br /></span> -<span class="i0">Die schönste Blume zu dem Kranze,<br /></span> -<span class="i0">Der sich um Friedrichs Namen flicht.<br /></span> -<span class="i0">Ihm galten Kron' und Zepter wenig;<br /></span> -<span class="i0">Mit tausend Sorgen überstreut,<br /></span> -<span class="i0">Fühlt' er in ihrem Prunk den König,<br /></span> -<span class="i0">Sich fühlt' er – in der Einsamkeit!<br /></span> -<span class="i0">Mit eignen Stralen sich bekränzend,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -<span class="i0">Gieng still sein Geist, so still und glänzend<br /></span> -<span class="i0">Wie sein Gestirn, aus ihr hervor,<br /></span> -<span class="i0">Aus ihrem Hain, den zum Asyle<br /></span> -<span class="i0">Für ihre seligern Gefühle<br /></span> -<span class="i0">Sich seine Königssorg' erkor.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Das Laster brütet nur Verderben<br /></span> -<span class="i0">In ihrem Schoos, tränkt hier mit Gift<br /></span> -<span class="i0">Den Mörderpfeil, der noch den Erben<br /></span> -<span class="i0">Des kommenden Jahrhunderts trift.<br /></span> -<span class="i0">Doch wird sie die Entweihung rächen;<br /></span> -<span class="i0">Sie hält das fliehende Verbrechen,<br /></span> -<span class="i0">Das ihrer Rache lang' entrann,<br /></span> -<span class="i0">Noch an des Lebens Gränzen an;<br /></span> -<span class="i0">Und macht die lezte Lagerstelle,<br /></span> -<span class="i0">Wenn's nun umsonst nach einer Quelle<br /></span> -<span class="i0">Des Trostes und der Ruhe lechzt,<br /></span> -<span class="i0">Zu einer fürchterlichen Hölle,<br /></span> -<span class="i0">Vom Wehgewinsel laut umächzt;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -<span class="i0">Und stösst es endlich von der Schwelle<br /></span> -<span class="i0">Des Lebens wütend in die Gruft!<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Du, Unschuld, komm zu ihrem Schatten!<br /></span> -<span class="i0">Komm, athme diesen Lilienduft,<br /></span> -<span class="i0">Worin sich Fried' und Tugend gatten!<br /></span> -<span class="i0">Wie heilig! selig! ist die Luft,<br /></span> -<span class="i0">In der ein Tugendtrieb erwachte!<br /></span> -<span class="i0">Empfind' es, von ihr wach geküsst:<br /></span> -<span class="i0">Daß nirgendwo ein Himmel ist,<br /></span> -<span class="i0">Den Unschuld nicht zum Himmel machte.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Dein Tasso athmete so rein,<br /></span> -<span class="i0">In hoher Unschuld, aus dem Hain<br /></span> -<span class="i0">Der Einsamkeit, die grossen Triebe<br /></span> -<span class="i0">Geweihter grosser Seelen ein:<br /></span> -<span class="i0">Und dennoch blühte seiner Liebe<br /></span> -<span class="i0">Kein Zweig in ihrem Mirtenhain,<br /></span> -<span class="i0">Um seinen Lorbeer sich zu winden,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -<span class="i0">Zu überduften seine Ruh.<br /></span> -<span class="i0">Er sang, er glühete den Gründen<br /></span> -<span class="i0">Und Hügeln Phyllis Namen zu.<br /></span> -<span class="i0">Ach! ihn umstrikten die Geflechte<br /></span> -<span class="i0">Der Tyrannei; und Bosheit rächte<br /></span> -<span class="i0">An seinem Herzen, was der Kranz<br /></span> -<span class="i0">Verschuldet hatte, der den Glanz<br /></span> -<span class="i0">Der Sklaven eines Fürsten schwächte.<br /></span> -<span class="i0">Verstossen floh er zu dem Glük<br /></span> -<span class="i0">Der Einsamkeit – von den Medusen<br /></span> -<span class="i0">Des Neides weit entfernt – zurük,<br /></span> -<span class="i0">Und sie empfieng, mit seinen Musen<br /></span> -<span class="i0">Gern ihren Liebling, ihren Sohn;<br /></span> -<span class="i0">Und er entschlief an ihrem Busen,<br /></span> -<span class="i0">Getränkt mit ihrem süssten Mohn.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Ihr ruhevoller Athem näret<br /></span> -<span class="i0">Den Funken Geist, der in uns glüht,<br /></span> -<span class="i0">Den Frieden, welcher, oft gestöret,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -<span class="i0">Am zarten Halm des Lebens blüht;<br /></span> -<span class="i0">Nur wilde Leidenschaft verheeret<br /></span> -<span class="i0">Ihr stilles, seliges Gebiet.<br /></span> -<span class="i0">In dieser ungestörten Stille<br /></span> -<span class="i0">Rafft sich mit ihrer ganzen Fülle<br /></span> -<span class="i0">Die Leidenschaft empor, und reisst<br /></span> -<span class="i0">In ihre Flammen Herz und Geist.<br /></span> -<span class="i0">Und flieht ein Thor zu ihrer Stille,<br /></span> -<span class="i0">Weil er den Weg zum Glük verlor:<br /></span> -<span class="i0">So kommt aus ihrem Hain der Thor,<br /></span> -<span class="i0">Mit jedem Wahn, mit jeder Grille,<br /></span> -<span class="i0">Die ihn hinein trieb, auch hervor.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Die Weisheit nur streut edlen Saamen<br /></span> -<span class="i0">In dies, oft zwar entweihte, Feld;<br /></span> -<span class="i0">Ihr wuchsen da die grossen Namen,<br /></span> -<span class="i0">Die, über Welt und Enkelwelt,<br /></span> -<span class="i0">Herab von lichten Sternenhöhen,<br /></span> -<span class="i0">Mit ihren Lorbeerkronen wehen,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -<span class="i0">In deren Schatten, angeglüht<br /></span> -<span class="i0">Vom Feuergeiste jener Weisen,<br /></span> -<span class="i0">Die junge Kunst bescheiden blüht.<br /></span> -<span class="i0">Fern, von des Lebens Wirbelkreisen,<br /></span> -<span class="i0">Mit Wettlaufstaube schwarz bestreut,<br /></span> -<span class="i0">Tief in den Hain der Einsamkeit<br /></span> -<span class="i0">Hinein zu flüchten, ziemt dem Weisen,<br /></span> -<span class="i0">Der gern mit seinem Herzen spricht:<br /></span> -<span class="i0">Nur sich, und Schäzze seiner Gaben,<br /></span> -<span class="i0">In ihrem Schoose zu begraben,<br /></span> -<span class="i0">Wie Diogen, das ziemt ihm nicht.<br /></span> -<span class="i0">Sie stärk' ihn nur zur edlen Pflicht,<br /></span> -<span class="i0">Für's Wohl der Menschheit aufzustreben;<br /></span> -<span class="i0">Die Ruhe sey's, die hier sein Leben<br /></span> -<span class="i0">Zur Reife schöner Thaten nährt,<br /></span> -<span class="i0">Um es der Welt zurük zu geben,<br /></span> -<span class="i0">Der auch ein Theil von ihm gehört.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Die Kraft, die sich, für die Pachome<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>,<br /></span> -<span class="i0">So mild, und doch umsonst, ergoss,<br /></span> -<span class="i0">Die wars, die, gleich dem Tiberstrome,<br /></span> -<span class="i0">Von jenes Römers Lippen floss,<br /></span> -<span class="i0">Und einen silberhellen Spiegel<br /></span> -<span class="i0">In stille Blumenthäler goss;<br /></span> -<span class="i0">Dann aber, aufgestürmt vom Flügel<br /></span> -<span class="i0">Der Leidenschaft, die sieben Hügel<br /></span> -<span class="i0">Errettend in die Arme schloss.<br /></span> -<span class="i0">Als Katilina schon die Ketten<br /></span> -<span class="i0">In ihre freien Thäler trug;<br /></span> -<span class="i0">Da konnt' ein Tullius nur retten,<br /></span> -<span class="i0">Der mächtig das Gespinst zerschlug;<br /></span> -<span class="i0">Der Weise, welcher in den Fluren<br /></span> -<span class="i0">Des stillen Tuskulums die Spuren<br /></span> -<span class="i0">Der Wahrheit fand, an deren Quell,<br /></span> -<span class="i0">Der durch die Wiesenblumen schäumte,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -<span class="i0">Sein Geist, in stiller Laube, hell<br /></span> -<span class="i0">Den grossen Traum der Zukunft träumte;<br /></span> -<span class="i0">Der Weise, der uns jede Pflicht<br /></span> -<span class="i0">Der ungeschminkten Tugend malte,<br /></span> -<span class="i0">Die er mit seines Geistes Licht<br /></span> -<span class="i0">Warm, wie mit Lebensglut, umstralte;<br /></span> -<span class="i0">Die, nur in eignem Daseyn froh,<br /></span> -<span class="i0">Aus dem zu rauschenden Getümmel,<br /></span> -<span class="i0">Mit ihrem Kato zu dem Himmel<br /></span> -<span class="i0">Der süssen Lebensstille floh.<br /></span> -</div></div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Einer der ersten Anachoreten.</p></div> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Hier brach Lukrez auch manche Blume<br /></span> -<span class="i0">Der keuschverhüllten Wahrheit ab,<br /></span> -<span class="i0">Die dann aus ihrem Heiligthume,<br /></span> -<span class="i0">Troz ihm, Unsterblichkeit ihm gab.<br /></span> -<span class="i0">Hier sah er manches Glied der Kette<br /></span> -<span class="i0">Der grossen Unermessenheit,<br /></span> -<span class="i0">Werth, daß er auch Unsterblichkeit<br /></span> -<span class="i0">Geglaubt, gefühlt, gesungen hätte!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Und du, mein Maro, holtest du<br /></span> -<span class="i0">Nicht deinen Lorbeer aus dem grünen,<br /></span> -<span class="i0">Vertrauten Grottenhain der Ruh,<br /></span> -<span class="i0">Wo jene Bilder dir erschienen,<br /></span> -<span class="i0">Womit du, wahr, wie die Natur,<br /></span> -<span class="i0">Die Lieder deiner Hirten schmüktest,<br /></span> -<span class="i0">Und, wie die Schäfer deiner Flur,<br /></span> -<span class="i0">Den üppigen Mäzen entzüktest,<br /></span> -<span class="i0">Den längst die Grazien verwöhnt,<br /></span> -<span class="i0">Und nun zu ihrem Richter hatten?<br /></span> -<span class="i0">In deinem süssen Mirtenschatten,<br /></span> -<span class="i0">Von deiner hohen Laut' umtönt,<br /></span> -<span class="i0">Schwelgt' er in deines Geistes Fülle.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Wer aber schöpft' aus deiner Stille,<br /></span> -<span class="i0">Geliebte Einsamkeit, so tief<br /></span> -<span class="i0">Die feine Kunst, des Narrn zu spotten,<br /></span> -<span class="i0">Der sich auf Ahnenschaft berief,<br /></span> -<span class="i0">Und träg auf fremdem Lorbeer schlief?<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -<span class="i0">Wer war's, der aus den Venusgrotten<br /></span> -<span class="i0">Der Griechenflur die Scherze rief,<br /></span> -<span class="i0">Die nun auf Tiburs Hügeln tanzten,<br /></span> -<span class="i0">Und in die todten Wüstenei'n<br /></span> -<span class="i0">Den Liedervollen Opferhain<br /></span> -<span class="i0">Der schönen Grazien verpflanzten?<br /></span> -<span class="i0">Dein Flakkus! der, am Lenzgesträuch<br /></span> -<span class="i0">Froh hingegossen, süss und weich,<br /></span> -<span class="i0">Wie das Geseufz' im Hain des Taubers,<br /></span> -<span class="i0">Für Lalage die Flöte blies;<br /></span> -<span class="i0">Und nun, mit allem Pomp des Zaubers,<br /></span> -<span class="i0">Den hohen Hymnus rauschen lies;<br /></span> -<span class="i0">Und nun auf einer Rasenstelle,<br /></span> -<span class="i0">Beim leisen Flüstern seiner Quelle,<br /></span> -<span class="i0">Den Himmel reiner Seelen pries!<br /></span> -<span class="i0">Dein Flakkus fand erst in der Stille,<br /></span> -<span class="i0">Von Roms Tumulten ungestört,<br /></span> -<span class="i0">Die Ruhe, welcher keine Grille,<br /></span> -<span class="i0">Die sich in falscher Hoheit ehrt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -<span class="i0">Das Rieseln ihrer Tag' empört.<br /></span> -<span class="i0">Er schöpft' aus ihr die ganze Fülle<br /></span> -<span class="i0">Der Lebensweisheit, die uns lehrt,<br /></span> -<span class="i0">Den Werth der Dinge, nach Gesezzen<br /></span> -<span class="i0">Der richtenden Vernunft, zu schäzzen,<br /></span> -<span class="i0">Die, was ihr minder angehört,<br /></span> -<span class="i0">Als fremde Güter, leicht entbehrt.<br /></span> -<span class="i0">So schlich er, nur mit Stunden geizend,<br /></span> -<span class="i0">Die frohe Leier in der Hand,<br /></span> -<span class="i0">Durch seinen Wald, den er so reizend,<br /></span> -<span class="i0">Vor allem Erdgepränge, fand;<br /></span> -<span class="i0">Zufrieden, wenn ihm nur die Mirthe,<br /></span> -<span class="i0">Durch welche sanft die Sympathie<br /></span> -<span class="i0">Verliebter Turteltauben girrte,<br /></span> -<span class="i0">Zum Abendschmaus den Kranz verlieh.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Katull – auf Nachtigallenflügeln<br /></span> -<span class="i0">Flog seine Phantasie empor,<br /></span> -<span class="i0">Wenn sich auf stillen Schattenhügeln,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -<span class="i0">Mit Lesbia, sein Geist verlor.<br /></span> -<span class="i0">Fern von dem Taumel, der, halb thierisch,<br /></span> -<span class="i0">Den gröbern Sinn für sich erkor,<br /></span> -<span class="i0">Sang er den Lüften, welche lyrisch<br /></span> -<span class="i0">Um seine Leier schwärmten, vor.<br /></span> -<span class="i0">Noch blühn die Rosen, die den Sizzen<br /></span> -<span class="i0">Der Freundschaft ihren Purpur streu'n;<br /></span> -<span class="i0">Noch grünt der schöne Mirtenhain,<br /></span> -<span class="i0">Worin, auf zarten Blumenspizzen,<br /></span> -<span class="i0">Sein Lied, das keine Zeit begräbt,<br /></span> -<span class="i0">Weil es die Grazien beschüzzen,<br /></span> -<span class="i0">Leicht, wie ein Zephyr, hingeschwebt;<br /></span> -<span class="i0">Und lieblich, wie die Blüt' im Thale,<br /></span> -<span class="i0">Das nie Petrarka's Lied vergisst,<br /></span> -<span class="i0">Wo, wie bei einem Liebesmahle,<br /></span> -<span class="i0">Ein Veilchen sanft das andre küsst;<br /></span> -<span class="i0">Wo das Vermälungsfest der Düfte<br /></span> -<span class="i0">Ein süsser Seelenwechsel ist,<br /></span> -<span class="i0">Und selbst der Athemzug der Lüfte,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -<span class="i0">Von jenem Zauber noch berauscht,<br /></span> -<span class="i0">Melodisch in den Zweigen schmachtet,<br /></span> -<span class="i0">Von deren Schatten grün umnachtet,<br /></span> -<span class="i0">Und von der Stille nur belauscht,<br /></span> -<span class="i0">Der Sänger jenen Blütenregen<br /></span> -<span class="i0">Besang, der sich auf Laura goss,<br /></span> -<span class="i0">Daß, unter seinen Harfenschlägen,<br /></span> -<span class="i0">Der stille Bach noch stiller floss.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Und Thomson – welche Hymnustöne<br /></span> -<span class="i0">Entquillen seiner Einsamkeit!<br /></span> -<span class="i0">Die über jede Frülingsszene<br /></span> -<span class="i0">Die Jugend eines Lebens streut,<br /></span> -<span class="i0">Das, angehaucht von einem Gotte,<br /></span> -<span class="i0">Die Welt, wie eine Braut umschlingt,<br /></span> -<span class="i0">Die Haine stimmt und bis zur Grotte,<br /></span> -<span class="i0">Worin ein Wesen schlummert, dringt.<br /></span> -<span class="i0">Durch alles weht der Geist der Liebe,<br /></span> -<span class="i0">Die aus den Nachtigallen singt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -<span class="i0">Und sich mit ihrem Schmeicheltriebe<br /></span> -<span class="i0">Selbst um die grauen Eichen schlingt.<br /></span> -<span class="i0">Wie rauschen jene Wasserfälle,<br /></span> -<span class="i0">Gleich dem Gewühl der wilden Lust!<br /></span> -<span class="i0">Wie schmiegt sich um die Silberbrust<br /></span> -<span class="i0">Der Nymphe sanft die Rasenstelle,<br /></span> -<span class="i0">Um die der Ahornschatten hängt!<br /></span> -<span class="i0">Wie sich der Nymphentanz der Quelle<br /></span> -<span class="i0">In krausen Reihen, Well' an Welle,<br /></span> -<span class="i0">Von Veilchen angelächelt, drängt!<br /></span> -<span class="i0">Nun blüht die Ros', und Sommerlüfte<br /></span> -<span class="i0">Wehn um die heitre Königin,<br /></span> -<span class="i0">Und bringen ihre frischen Düfte<br /></span> -<span class="i0">Zum Opfer einer Schäferin,<br /></span> -<span class="i0">Die, von der Mittaghizze glühend,<br /></span> -<span class="i0">Zu einem Ulmenwäldchen irrt,<br /></span> -<span class="i0">Wo Liebe flüstert; wo ein Hirt,<br /></span> -<span class="i0">In vollen Jugendlokken blühend,<br /></span> -<span class="i0">Sie freundlich überraschen wird.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -<span class="i0">Gern flieht der Dichter das, mit Schiefer<br /></span> -<span class="i0">Und mit Statü'n beschwerte, Dach;<br /></span> -<span class="i0">Er schleicht Gedankenfreuden nach,<br /></span> -<span class="i0">Zur Hainesstill', und dringet tiefer<br /></span> -<span class="i0">Zum Sizze der Begeisterung:<br /></span> -<span class="i0">Er sieht durch grüne Dunkelheiten<br /></span> -<span class="i0">Tief in des Waldes Heiligung<br /></span> -<span class="i0">Die feierlichen Geister schreiten<a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>,<br /></span> -<span class="i0">Die, nah mit unserm Geist verwandt,<br /></span> -<span class="i0">Ins Land der Ruh hinein geflüchtet,<br /></span> -<span class="i0">Wo keine Zeit, und keine Hand<br /></span> -<span class="i0">Des Frevels mehr den Kranz vernichtet,<br /></span> -<span class="i0">Den sich die stille Tugend wand.<br /></span> -</div></div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Siehe Thomsons Sommer.</p></div> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Nun tritt sein Herbst auf, im Gesange<br /></span> -<span class="i0">Der lezten Stimme jeder Flur;<br /></span> -<span class="i0">Und an der Waldung blühet nur<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -<span class="i0">Das Schwindsuchtroth noch auf der Wange<br /></span> -<span class="i0">Der ruhig sterbenden Natur!<br /></span> -<span class="i0">Nun schleicht zur röthlichgelben Laube,<br /></span> -<span class="i0">Zur dichterischen Einsamkeit<br /></span> -<span class="i0">Des Denkers Abgeschiedenheit.<br /></span> -<span class="i0">Willkommen, Ruhe! wo die Traube<br /></span> -<span class="i0">Den Lippen ihren Nektar beut.<br /></span> -<span class="i0">Schon ziehn die Vögel, und begleiten<br /></span> -<span class="i0">Den längern Tag zur wärmern Welt;<br /></span> -<span class="i0">Und grosse Wolkenschatten schreiten<br /></span> -<span class="i0">Nun Riesenmässig übers Feld;<br /></span> -<span class="i0">Und ihnen folgt dann öd' und traurig<br /></span> -<span class="i0">Die Todesfeier der Natur.<br /></span> -<span class="i0">Horch! ihre Manen ächzen schaurig<br /></span> -<span class="i0">Um den gestorbnen Halm der Flur!<br /></span> -<span class="i0">Der Hain verschied; den grünen Schleier<br /></span> -<span class="i0">Des Lebens warf er seufzend ab!<br /></span> -<span class="i0">Dort sinkt der Jubel seiner Feier<br /></span> -<span class="i0">Zu den Verwesungen hinab!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -<span class="i0">Sag! welcher Spiegel zeigt wol treuer<br /></span> -<span class="i0">Dem Menschen sein gewisses Grab?<br /></span> -<span class="i0">Doch wird er leben, wieder leben!<br /></span> -<span class="i0">Der Wald wird wieder auferstehn!<br /></span> -<span class="i0">Dann wird ein geistigleises Wehn<br /></span> -<span class="i0">Sein wallendes Gewand umschweben;<br /></span> -<span class="i0">Begeistert werden Thal und Höh'n<br /></span> -<span class="i0">Den Auferstehungspsalm erheben,<br /></span> -<span class="i0">Und ihr Verklärungsfest begehn!<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Nun folge mir zu jenen Nächten,<br /></span> -<span class="i0">Wo neben Young der Tiefsinn wacht,<br /></span> -<span class="i0">Der, troz der schwarzen Mitternacht,<br /></span> -<span class="i0">Aus labyrinthischen Geflechten<br /></span> -<span class="i0">In eine heitre Sphäre blikt,<br /></span> -<span class="i0">Und unter Ahndungsvollen Lüften,<br /></span> -<span class="i0">In heiligen Zypressendüften,<br /></span> -<span class="i0">Von Gräbern Himmelsfreuden pflükt.<br /></span> -<span class="i0">Hier sah' er leuchtender den Stempel<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -<span class="i0">Der Gottheit, Welten aufgedrükt;<br /></span> -<span class="i0">Und Welten waren nun sein Tempel,<br /></span> -<span class="i0">Die Wahrheit seine Priesterin.<br /></span> -<span class="i0">Mit welchem feierlichen Sinn<br /></span> -<span class="i0">Trat er an ihren Altar hin!<br /></span> -<span class="i0">Wie himmelvoll! wenn nun das kühnste<br /></span> -<span class="i0">Der Lieder diese Szene sang,<br /></span> -<span class="i0">Und zu dem grossen Gottesdienste<br /></span> -<span class="i0">Der feiernden Natur sich schwang!<br /></span> -<span class="i0">Das Grab, das seinen Tag verschlang,<br /></span> -<span class="i0">Sah er im Schatten ruhig modern;<br /></span> -<span class="i0">Sie, die sein süsses Leben war,<br /></span> -<span class="i0">Sie sah er stehn am Glanzaltar,<br /></span> -<span class="i0">Auf welchem glorreich Sonnen lodern.<br /></span> -<span class="i0">Ein Himmel der Unsterblichkeit,<br /></span> -<span class="i0">Die zu den eingesunknen Trümmern<br /></span> -<span class="i0">Verblühter Tag' ein leises Schimmern,<br /></span> -<span class="i0">Durch Mondgewölk, hernieder streut,<br /></span> -<span class="i0">Entstieg dem theuren Aschenkruge,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -<span class="i0">Auf den des Sehers Thräne fiel.<br /></span> -<span class="i0">Die Einsamkeit gab seinem Fluge<br /></span> -<span class="i0">Den hohen Schwung zum Palmenziel.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Sie führte Popen durchs Gewühl<br /></span> -<span class="i0">Der Erdenszenen, bis zum Throne,<br /></span> -<span class="i0">Wo er, in einer sichern Hand,<br /></span> -<span class="i0">Das erste Glied der Ordnung fand.<br /></span> -<span class="i0">Die Stille wars, die diesem Sohne<br /></span> -<span class="i0">Der Weisheit, mit geweihter Hand,<br /></span> -<span class="i0">Die grosse Epheulorbeerkrone<br /></span> -<span class="i0">Des hohen Mäoniden wand.<br /></span> -<span class="i0">Die Stille wars, die keinen Störer<br /></span> -<span class="i0">In seine werthe Grotte lies,<br /></span> -<span class="i0">Wo sie den Denker an den Lehrer,<br /></span> -<span class="i0">Den grossen Lehrer, Tod! verwies;<br /></span> -<span class="i0">Der, unter Palmendämmerungen,<br /></span> -<span class="i0">Von Knoten, die ein Gott geschlungen,<br /></span> -<span class="i0">Ihm die Entwikkelung verhies.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">So flog, in den Begeisterungen<br /></span> -<span class="i0">Der hohen Abgeschiedenheit,<br /></span> -<span class="i0">Dein Kronegk zu der Seligkeit,<br /></span> -<span class="i0">Zu den erhabnen Huldigungen<br /></span> -<span class="i0">Der reinen Geisterwelt empor,<br /></span> -<span class="i0">Wo er der Erde Dämmerungen<br /></span> -<span class="i0">Aus dem entzükten Blik verlor.<br /></span> -<span class="i0">Hell trat aus einem Götterchor,<br /></span> -<span class="i0">Mit ihrem Stralenkranz umschlungen,<br /></span> -<span class="i0">Serena's lichte Seel' hervor.<br /></span> -<span class="i0">Er fühlte kaum noch vom Getümmel<br /></span> -<span class="i0">Des Lebens eine leichte Spur;<br /></span> -<span class="i0">Serena's Gottheit fühlt' er nur.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Und er, mein Opitz, welchen Himmel<br /></span> -<span class="i0">Fand er auf Zlatnas goldner Flur!<br /></span> -<span class="i0">Im Stolz am Arme der Natur<br /></span> -<span class="i0">Der höhern Freude nachzuschleichen,<br /></span> -<span class="i0">An der ein Stral von Seele blizt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -<span class="i0">Verachtet' er den Stolz des Reichen,<br /></span> -<span class="i0">Der arm ist, und nur Gold besizt.<br /></span> -<span class="i0">Hier war der weise Sänger freier,<br /></span> -<span class="i0">Und liederreich, wie Zlatnas Hain.<br /></span> -<span class="i0">Die Stille hauchte seiner Leier<br /></span> -<span class="i0">Die hohe Lebensweisheit ein.<br /></span> -<span class="i0">Ihm hat der Genius den reinen<br /></span> -<span class="i0">Einweihungskuss zuerst geküsst:<br /></span> -<span class="i0">Begeistert sang er nun den Hainen<br /></span> -<span class="i0">Germaniens, das ihn – vergisst.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Noch stolzer gieng, wie eine Blüte<br /></span> -<span class="i0">Des Aethers, den sie früh erhellt,<br /></span> -<span class="i0">Die Sonne Leibnitz auf, und glühte<br /></span> -<span class="i0">Den jungen Stral durch ihre Welt.<br /></span> -<span class="i0">Da flohe vor des Denkers Strale<br /></span> -<span class="i0">Die dumpfe kalte Dunkelheit!<br /></span> -<span class="i0">Ihn lud ein Wink der Einsamkeit<br /></span> -<span class="i0">Zum hohen Geistesbakchanale,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -<span class="i0">Dem aus dem schönsten Quellenthale<br /></span> -<span class="i0">Die Wahrheit ihre Blumen streut.<br /></span> -<span class="i0">Im Innersten des Heiligthumes<br /></span> -<span class="i0">Der Nacht, erzog die Einsamkeit<br /></span> -<span class="i0">Die schönen Kränze seines Ruhmes.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Wenn wir uns in des Lebens Hain<br /></span> -<span class="i0">Weit von uns selbst verloren hatten:<br /></span> -<span class="i0">Sie samlet uns in ihrem Schatten,<br /></span> -<span class="i0">Und führt uns in uns selbst hinein.<br /></span> -<span class="i0">Weh aber! weh dem Wahn des Thoren,<br /></span> -<span class="i0">Der da in eine Wüste tritt!<br /></span> -<span class="i0">Wie fremd ist's rund um seinen Schritt!<br /></span> -<span class="i0">Er fühlt sich nur noch mehr verloren.<br /></span> -<span class="i0">Nun flüchtet er voll Ungeduld<br /></span> -<span class="i0">Aus sich hinaus, hin zum Getöse,<br /></span> -<span class="i0">Daß ihn der rauschende Tumult<br /></span> -<span class="i0">Wohlthätig von ihm selbst erlöse;<br /></span> -<span class="i0">Erlöse vom Gefühl der Pein,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -<span class="i0">Sein eigener Gefährt zu seyn,<br /></span> -<span class="i0">Durch irgend eine Flur des Lebens.<br /></span> -<span class="i0">Und wenn nun ihn der Rausch verläst:<br /></span> -<span class="i0">Ganz einsam sucht er dann vergebens<br /></span> -<span class="i0">In sich ein stilles Friedensfest!<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Wo blüht ihr feierlichen Rosen,<br /></span> -<span class="i0">Dem Denkerbakchanal geweiht?<br /></span> -<span class="i0">Empfangt mich von dem wilden Tosen<br /></span> -<span class="i0">Der Flut in eure Einsamkeit!<br /></span> -<span class="i0">Nimm mich, gedankenvolle Ruhe,<br /></span> -<span class="i0">In deine Abgeschiedenheit,<br /></span> -<span class="i0">Die dann auf alles, was ich thue,<br /></span> -<span class="i0">Die Blumen ihrer Stille streut!<br /></span> -<span class="i0">Geliebte, süsse Einsamkeit,<br /></span> -<span class="i0">Auf alles drükst nur du den Stempel<br /></span> -<span class="i0">Der dauernden Vollkommenheit!<br /></span> -<span class="i0">Von nun an sey ein Göttertempel<br /></span> -<span class="i0">Von meinem Herzen dir geweiht!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Wie leicht wird jede Wunde heilen,<br /></span> -<span class="i0">Die irgend eine Hand mir schlägt:<br /></span> -<span class="i0">Wenn mich der Wellenstrom, zuweilen<br /></span> -<span class="i0">Nur, an ein stilles Ufer trägt,<br /></span> -<span class="i0">Wo jene tausend Stimmen schweigen,<br /></span> -<span class="i0">Von welchen, wie's der Zufall schikt,<br /></span> -<span class="i0">Die Eine gleich die Andr' erstikt;<br /></span> -<span class="i0">Wo unter leis' umhauchten Zweigen<br /></span> -<span class="i0">Die Ruhe mir entgegen nikt;<br /></span> -<span class="i0">Wo keine Blüte meiner Jahre<br /></span> -<span class="i0">Die Flut des Weltgewühls verschlingt,<br /></span> -<span class="i0">Von dem ich dann nichts mehr erfahre,<br /></span> -<span class="i0">Als was ein Schiffbruch zu mir bringt,<br /></span> -<span class="i0">Der sich, von Sturm und Tod umringt,<br /></span> -<span class="i0">Ans Ufer meiner Stille rettet,<br /></span> -<span class="i0">Wo, jedem Herzenszwang' entkettet,<br /></span> -<span class="i0">Das Leben dem Gewässer gleicht,<br /></span> -<span class="i0">Das, nie von einem Sturm erreicht,<br /></span> -<span class="i0">In Veilchenufer hingebettet,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -<span class="i0">Durch singende Gebüsche schleicht;<br /></span> -<span class="i0">In deren Schatten das Vergessen<br /></span> -<span class="i0">Des Harms auf seidnem Rasen liegt.<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Wo grünt ihr dämmernden Zypressen,<br /></span> -<span class="i0">Um die kein Wunsch der Thorheit fliegt;<br /></span> -<span class="i0">Die ihr, zu still dem wilden Schwarme,<br /></span> -<span class="i0">Im Liebgekose grüner Arme<br /></span> -<span class="i0">Mein Eremitenhüttchen wiegt.<br /></span> -<span class="i0">Da tritt, mit manchem Kranz umschlungen,<br /></span> -<span class="i0">Entflohne Zeit, da tritt hervor!<br /></span> -<span class="i0">Hervor mit den Beseligungen<br /></span> -<span class="i0">Des Thals, in dessen Dämmerungen<br /></span> -<span class="i0">Mein Leben sich schon halb verlor.<br /></span> -<span class="i0">Bring alle deine Jugendtänze;<br /></span> -<span class="i0">Bring alles, was ich that und litt,<br /></span> -<span class="i0">Die Rosen und Zypressenkränze,<br /></span> -<span class="i0">Selbst meine Thorheit bring mir mit,<br /></span> -<span class="i0">Samt ihren Träumen, ihren Spielen,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -<span class="i0">Und alles, was mein Herz bereut:<br /></span> -<span class="i0">Denn auch auf Stellen, wo wir fielen,<br /></span> -<span class="i0">Zurük zu schaun, ist Seligkeit.<br /></span> -<span class="i0">Die Hoffnung hat mir oft gelogen;<br /></span> -<span class="i0">Je glühender mein Herz gehofft,<br /></span> -<span class="i0">Je kälter hat sie mich betrogen;<br /></span> -<span class="i0">Die Gegenwart selbst täuscht uns oft;<br /></span> -<span class="i0">Wir stehn uns dann noch viel zu nahe,<br /></span> -<span class="i0">Um uns, so wie wir sind, zu sehn;<br /></span> -<span class="i0">Wer hat wol – las es uns gestehn! –<br /></span> -<span class="i0">So gut er in der Fern' auch sahe,<br /></span> -<span class="i0">Nie seine Nähe falsch gesehn?<br /></span> -<span class="i0">Erinnrung ist der treue Spiegel,<br /></span> -<span class="i0">Der uns, so wie wir sind, uns zeigt,<br /></span> -<span class="i0">Wenn viel zu hoch mit uns der Flügel<br /></span> -<span class="i0">Der allzuraschen Hoffnung fleugt.<br /></span> -<span class="i0">Sie führe mich zum stillsten Hügel<br /></span> -<span class="i0">Der Ruhe, den ihr Geist umweht,<br /></span> -<span class="i0">Wo, Schritt vor Schritt, das Herz am Zügel<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -<span class="i0">Den ihre Warnung führet, geht;<br /></span> -<span class="i0">Das Herz, das nur zu gern am Riegel<br /></span> -<span class="i0">Der dunkeln Zukunft horchend steht.<br /></span> -<span class="i0">Auch mein Herz stand mit Wunsch und Klage<br /></span> -<span class="i0">Vor der, mit Recht verschlossnen, Thür,<br /></span> -<span class="i0">Nicht achtend, daß es traurig hier<br /></span> -<span class="i0">Den Tag der Gegenwart verschlage.<br /></span> -<span class="i0">Die nächste Zukunft meiner Tage<br /></span> -<span class="i0">Gehört der Zukunft und nicht mir!<br /></span> -<span class="i0">Und doch, wenn je zum Reiz der Ferne<br /></span> -<span class="i0">Mein Geist hinaus zu fliegen strebt,<br /></span> -<span class="i0">So sey's ein Blik zum Abendsterne,<br /></span> -<span class="i0">Wo meine Seelenfeier schwebt;<br /></span> -<span class="i0">Wo unter seligen Gesträuchen<br /></span> -<span class="i0">Der Liebe sich mein Geist verlor,<br /></span> -<span class="i0">Wenn sich den Schatten dunkler Eichen<br /></span> -<span class="i0">Zum Tempel meine Seel' erkor.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -</div></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i4">Ihr seelevollen Schwärmereien!<br /></span> -<span class="i0">Ihr Geister meiner schönsten Zeit!<br /></span> -<span class="i0">Verlast nie meine Einsamkeit,<br /></span> -<span class="i0">Um sie zum Tempel mir zu weihen,<br /></span> -<span class="i0">Um den, im Lispel junger Maien,<br /></span> -<span class="i0">Der Ulmbaum seine Arme schlägt!<br /></span> -<span class="i0">Die Priesterin in diesem Tempel<br /></span> -<span class="i0">Sey nur die Freude, die den Stempel<br /></span> -<span class="i0">Des hohen Götterfunkens trägt.<br /></span> -<span class="i0">Las michs – in seiner höchsten Fülle<br /></span> -<span class="i0">Mit Zittern fühlen, süsse Stille,<br /></span> -<span class="i0">Die unter meinen Ulmen thront,<br /></span> -<span class="i0">Daß tief in meiner Blütenhülle<br /></span> -<span class="i0">Die Gottheit einer Seele wohnt!<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p class="center">Gedrukt bei W. G. SOMMER in LEIPZIG.</p> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Einsamkeit, by Christoph August Tiedge - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMKEIT *** - -***** This file should be named 54170-h.htm or 54170-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/1/7/54170/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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